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Gute Erinnerungen an böse Zeiten – Nostalgie in „posttotalitären“ Erinnerungsdiskursen nach 1945 und 1989

Berichte | Tagungsbericht | vom 18.04.2018 | bis zum 20.04.2018 | Prof. Dr. Monica Rüthers (Stipendiaten des Instituts für Zeitgeschichte beim Historischen Kolleg)
Screenshot der Webite des Historischen Kollegs
Screenshot der Webite des Historischen Kollegs

Vom 18. bis 20. April fand am Historischen Kolleg in München das wissenschaftliche Kolloquium „Gute Erinnerungen an böse Zeiten – Nostalgie in „posttotalitären“ Erinnerungsdiskursen nach 1945 und 1989“ statt. Im Zentrum der Konferenz stand die Beziehung zwischen kollektiver und individueller Erinnerung an die Zeiten totalitärer Regime. Zu Grunde lag die Annahme, dass das, was als "kollektive Erinnerung“ einer Gesellschaft, und damit als „richtig“ wahrgenommen wird, von normativen Erinnerungsdiskursen geprägt ist. Der Erforschung anderer Formen der Erinnerung widmen sich seit den 1980er-Jahren Ansätze wie z.B. Oral History und Alltagsgeschichte. Diese lassen individuelle Erinnerungen zu Wort kommen, welche nicht deckungsgleich mit den „richtigen“ Erinnerungen sind, die dem normativen Diskurs entsprechen. Im Zuge einer umfassenden Analyse der Erinnerungskultur kann eine Berücksichtung persönlicher Erinnerungen, die dem dominanten Erinnerungsdiskurs nicht entsprechen, nicht ignoriert werden. Im Zuge der Veranstaltung wurde vor allem die Frage des positiven Erinnerns an die Zeit des  Nationalsozialismus und Staatssozialismus thematisiert, wie zum Beispiel die positiven Erfahrungen von Gemeinschaft unter Jugendlichen während des Dritten Reiches. Darüber hinaus wurde die Schwierigkeiten verschiedener Ansätze im wissenschaftlichen Umgang mit Erinnerungen diskutiert.

Die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit im politischen Diskurs erlebt jüngst national wie international eine Renaissance. Stabil geglaubte Leitlinien der Vergangenheitspolitik werden neu herausgefordert. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und einer damit einhergehenden Verunsicherung trägt das Greifen nach der Geschichte in sich ein Heilsversprechen: Eine stabilisierende Selbstverortung in unübersichtlichen Zeiten. In individuellen Biographien wie im politischen Diskurs beruft man sich immer dann auf die Erinnerung an die Geschichte, wenn es in der Gegenwart etwas zu konsolidieren oder neu auszuloten gilt. Zeit, sich auch innerhalb der Historikerzunft, die – gegen ihren Willen – mitunter zu Wächtern der Erinnerung stilisiert wird, mit erinnerungstheoretischen Paradigmen auseinanderzusetzen. Lesen Sie den kompletten Tagungsbericht von Stella Maria Frei für H-Soz-Kult hier nach. 

Konferenzübersicht:

 

Andreas Wirsching (München): Begrüßung

Monica Rüthers (Hamburg / München): Schön war’s! Nostalgie nach Diktaturen

 

1. Sektion: Gesellschaftliche Diskurse über positives Erinnern nach 1945/1989

 

Tanja Zimmermann (Leipzig): Appropriation totalitärer Ästhetik nach 1945 und 1989

 

Ekaterina Makhotina (Bonn): Stalin als Nostalgie: Gesellschaftliches Erinnern und Geschichtspolitik im post-sowjetischen Russland

 

Jonathan Bach (New York): Ostalgie – eine Rezeptionsgeschichte

 

Diskussion

Moderation: Jürgen Zarusky (München)

 

Abendvortrag

Dorothee Wierling (Hamburg): Das Gute erzählen, um das Schlimme nicht zu erinnern (DDR)

 

Impulse und Podiumsdiskussion

Moderation: Monica Rüthers (Hamburg / München)

 

Jonathan Bach (New York)

 

Gudrun Brockhaus (München): „immer ganz unpolitisch ...“ – Camouflage-Techniken in positiven Erinnerungen an die NS-Zeit

 

Alexander von Plato (Hagen): Ambivalente Erinnerungen an den Nationalsozialismus aus der Arbeiterklasse

 

2. Sektion: Themen guten Erinnerns: Geborgenheit und glückliche Kindheit

 

Ekaterina Emeliantseva Koller (Zürich): „Wir leben heute besser als unsere Eltern, aber so fröhlich feiern, das können wir nicht!“ Spätsowjetische Festkultur und Gemeinschaft in den post-sowjetischen Erinnerungen

 

Anja Tippner (Hamburg): „Der Sozialismus ist zu Ende, aber wir sind geblieben.“ Positive Erinnerungen an die Sowjetunion in Svetlana Aleksievičs Vremja sekond chėnd

 

Martina Winkler (Kiel): Kindheitserinnerungen: Tschechische Populärkultur nach 1989

 

_Diskussion_Moderation: Monica Rüthers (Hamburg / München)

 

3. Sektion: Wendebiografien: Leben in Systemwechseln

 

Nina Leonhard (Potsdam): NVA-Offiziere im vereinigten Deutschland: Herausforderungen der (berufs-)biografischen Vergangenheitsverarbeitung im Kontext eines Systemwechsels

 

Julia Richers (Bern): Das Böse kam von außen. Jüdische Kindheit in der Karpato-Ukraine

 

Claudia Fröhlich (Berlin): (K)eine neue Meistererzählung! Kritische Überlegungen zur positiven Erinnerung an personelle Kontinuitäten vom NS-Staat in die Bundesrepublik

 

Diskussion

Moderation: Johannes Hürter (München)

 

4. Sektion: Arenen positiven Erinnerns. Familien und soziale Netzwerke

 

Oksana Sarkisova (Budapest): Mining Family Albums: Domestic Photography and Nostalgia Revisited

 

Sabine Moller (Berlin): Nostalgie als Systemkritik. Familienerinnerungen an die NS-Zeit in Ostdeutschland

 

Marketa Spiritova (München): „Es war nicht alles schlecht“: Erinnerungen an den sozialistischen Alltag in der ČSSR

 

Diskussion

Moderation: Carmen Scheide (Bern)

 

Schlussrunde

Wie lassen sich die Forschungsdebatten um postsozialistische Nostalgie und positive Erinnerungen an den Nationalsozialismus sinnvoll aufeinander beziehen?