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"Hoch die Internationale…?" – Praktiken und Ideen der Solidarität

Berichte | Tagungsbericht | vom 17.10.2019 | bis zum 18.10.2019 | Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung
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Am 17. Und 18. Oktober 2019 fand in Bonn die Tagung „‚Hoch die Internationale…?‘ – Praktiken und Ideen der Solidarität“ statt. Der Solidaritätsbegriff nimmt in der Soziologie, aber auch in der Philosophie eine wichtige Rolle in der wissenschaftlichen Debatte ein. Das ist jedoch in der Geschichtswissenschaft kaum der Fall. Dort stellt man sich die Frage, ob der Begriff überhaupt als eine analytische Kategorie zur Beschreibung sozialer Handlungsformen dienen kann. Deshalb möchte der Autorenworkshop das analytische Potential des Begriffs versuchen zu ergründen sowie sich damit befassen, wie ein analytischer Solidaritätsbegriff den Zugriff auf Geschichte verändern kann. Beispielsweise sollen Praktiken der Solidarität im Sozialstaat, der Zusammenhang zwischen Solidarität und Dekolonisation oder der zwischen Solidarität und Transnationalität näher betrachtet werden.

Solidarität hat Konjunktur. Heinz Bude nennt sie eine „große Idee“, eine Idee, die die Zukunft unserer Gesellschaft maßgeblich mitbestimmen könnte. Frank Bösch sieht in ihr einen „Leitbegriff der neuesten Geschichte“ und Rahel Jaeggi entdeckt in ihrem Windschatten „Prozesse der Ermächtigung“, die unsere kollektive Handlungsfähigkeit erweiterten. Solidarität stand im Zentrum der Arbeiterbewegung, des Katholizismus, der Neuen Sozialen Bewegungen und am Ausgangspunkt vieler Analysen der modernen Soziologie. In der Geschichtswissenschaft wird der Begriff, trotz Keller voller Bücher zur Geschichte der Arbeiterbewegung, bislang allerdings selten reflektiert. Das mag nicht zuletzt auch daran liegen, dass „Solidarität“ stets in einem Spannungsverhältnis zwischen dem Quellenbegriff und der analytischen Kategorie steht – ein Spannungsverhältnis, das kaum aufzulösen sei. Das jedenfalls hoben PHILIPP KUFFERATH (Bonn) und DIETMAR SÜß (Augsburg) in ihrer Einführung der Autorentagung des Archivs für Sozialgeschichte hervor. Unter dem Titel „‚Hoch die Internationale…‘? Praktiken und Ideen der Solidarität“ spürte die Tagung diesen Ambivalenzen nach. Drei Themenfelder standen im Mittelpunkt: die Begriffsgeschichte, verschiedene Aneignungen und Praktiken sowie der Umgang mit Solidarität als einer analytischen Kategorie. Das Problem der Überlagerung von Solidarität als analytisches Konzept durch zeitgenössische Debatten stand im Zentrum des ersten Panels, das HERMANN JOSEF GROßE KRACHT (Darmstadt) eröffnete. Große Kracht betonte, dass der Solidaritätsbegriff gerade mit Blick auf seine Ursprünge in den Sozialwissenschaften nicht auf einen rein moralischen Grundwert verkürzt werden dürfe.

Den ganzen Tagungsbericht von Bastian Högg und Kornelia Rung für H-Soz-Kult können Sie hier nachlesen.

Konferenzübersicht:

Einführung: Philipp Kufferath (Bonn), Dietmar Süß (Augsburg)

1. Panel
Moderation: Kirsten Heinsohn (Hamburg)
Hermann Josef Große Kracht (Darmstadt): Ein fait social moderner Gesellschaften – oder: warum Solidarität kein ‚Grundwert‘ ist
Marc Drobot (Dresden): Genese und Gegenwart der Kontingenzformel „Solidarität“

2. Panel
Moderation: Thomas Kroll (Jena)
Agnieszka Zagańczyk-Neufeld (Bochum): Vorteile und Nachteile gelebter Solidarität. Russische Sekten der Molokane am Anfang des 19. Jahrhunderts
Marija Podzorova (Paris): „Künstlerhilfe“ as an Example of the Alternative Way of the International Solidarity
Dominik Rigoll (Potsdam): Solidarischer Stalinismus? Pierre Kaldor und die internationalen Solidaritätskampagnen der Kommunistischen Partei Frankreichs, 1933-1995

3. Panel
Moderation: Ute Planert (Köln)
Sophia Dafinger (Augsburg): Welches Geschlecht hat Solidarität? Der „Oeuvre de Secours aux Enfants“ und die Hilfe für Minderjährige auf der Flucht vor dem NS
Christoph Plath (Berlin): Über die Verrechtlichung von Solidarität. Die NIEO und die Entstehung einer neuen Menschenrechtsgeneration
Christopher Seiberlich (Tübingen): „Ausgleich zuhause und draußen.“ Die Solidaritätsrhetorik in der bundesdeutschen und schwedischen Außenpolitik der 1970er Jahre
Abendvortrag
Moderation: Dietmar Süß (Augsburg)
Daniel Maul (Oslo): Globale Solidarität? Eine Geschichte der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)

4. Panel
Moderation: Meik Woyke (Hamburg)
Stefanie Börner (Magdeburg): Dynamische Solidarität. Praktiken der Solidarität in der Gesetzlichen Krankenversicherung und ihren Vorläuferorganisationen
Benedikt Brunner (Mainz)/Gabriel Rolfes (Chemnitz): Von Jesus zu Marx und zurück. Solidarität im Denken und gesellschaftlichen Wirken von Helmut Gollwitzer und Walter Dirks

5. Panel
Moderation: Friedrich Lenger (Gießen)
Cyril Cordoba (Fribourg): Solidarity across the Bamboo Curtain: The Networks of „Friendship with China“ during the Cold War
Paul Sprute (Berlin): The Afterlives of Solidarity: The „Solidaritätsdienst International“ and its Re-Interpretation of the German Democratic Republic’s Programs of Global Development in Re-Unified Germany
Sebastian Garbe (Gießen): Internationale Solidarität und dekolonialer Widerstand im 21. Jahrhundert

6. Panel
Moderation: Anja Kruke (Bonn)
Stefan Weispfennig (Trier): Wandel der Solidarität. Semantiken von Solidarität beim politischen Konsum seit den späten 1980er-Jahren
Andreas Busen (Hamburg): ‚Externe‘ Solidarität als kritische Praxis
Joachim C. Häberlen (Warwick): Pitfalls of Solidarity: A Critical Perspective on the Refugee Support Movement

Abschlussdiskussion