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Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution 2017 finden Sie auf der neuen Website der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zahlreiche Informationen und Hinweise rund um das Thema Kommunismusgeschichte.

 

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Die Tragödie im Arbeits- und Besserungshaus in der Stadt Vjatka 1918/19. Zur Kulturgeschichte der Revolution

JHK 2017 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 105-116 | Metropol Verlag

Autor/in: Erik Kulavig

Die Geschichte der Sowjetunion und des Kommunismus ist Gegenstand von zwei konkurrierenden Paradigmen, die ihren Ursprung in einer politisch-historischen beziehungsweise einer sozialgeschichtlichen Tradition haben. Für Historiker, die sich innerhalb des ersten Paradigmas bewegen, war die Oktoberrevolution ein bolschewistischer Putsch, der von Lenin und Trotzki angeführt wurde. Die Anhänger der sozialgeschichtlichen Tradition sind im Unterschied dazu der Auffassung, dass es soziale Kräfte in den unteren Schichten der Gesellschaft gewesen sind, die, wenn sie die Bolschewiken auch nicht aktiv unterstützt haben, sich im eigenen Interesse aber auch nicht gegen sie stellten. Oder, wie es Trotzki formulierte: »Die große Mehrheit der Bauern und Arbeiter war auf der Seite der Bolschewiken, ohne sich dessen selbst bewusst zu sein. Die Bauern wollten Boden und die Arbeiter wollten Arbeit, und die einzigen, die den Willen hatten, ihre Forderungen durchzusetzen, waren die Bolschewiken.«[1] Wo die Vertreter der politisch-historischen Tradition das Verhältnis zwischen regierender Partei und Gesellschaft mit jenem zwischen Besatzungsmacht und besetzter Macht gleichsetzten, in dem die Bürger nur unter Kontrolle und Aufsicht und nur notgedrungen arbeiteten, waren die Anhänger der sozialgeschichtlichen Tradition der Meinung, dass es um das Zusammenspiel zwischen Staat und Bürgern ging.

Kulturhistoriker sind die Vertreter einer dritten Interpretation. Sie befassen sich mit der Rekonstruktion der Kultur, die die geschichtlichen Akteure damals umgab. Dabei geht es nicht darum, Schurken und Helden zu benennen, sondern darum, eine Wirklichkeit, nicht zuletzt eine Sprache und eine Kultur zu begreifen, die mit der heutigen nicht vergleichbar sind, die auch für die Ideologen und Politiker jener Zeit kaum fassbar waren. Der Alltag, Handlungsmöglichkeiten, Strategien, die Sprache, die entwickelt wurde, stehen im Mittelpunkt dieser Interpretation. Die Handlungen der Akteure entsprangen nicht nur Ideologie, Religion und Geschichte, sondern waren auch und vielleicht in noch höherem Maße von der jeweiligen Situation abhängig. Umso mehr in Zeiten gesellschaftlicher Umwälzung, in denen nicht nur die politische Führung, sondern auch Künstler, Schriftsteller und Dichter sagten: Lasst uns neu beginnen!

Es gibt eine umfangreiche Literatur über die Russische Revolution, jedoch weniger über die Jahre zwischen 1918 und 1924. Meistens werden hier politische Aspekte oder die Geschichte der militärischen Operationen in den Mittelpunkt gestellt. Ab Mitte der 1980er-Jahre widmeten sich einige Publikationen auch sozialgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Aspekten. Ein gutes Beispiel ist die Arbeit von Orlando Figes, Peasant Russia, Civil War. The Volga Countryside in Russia. 1917–1921 (1989). Noch bevor sich »die kulturelle Wende« spürbar in der russischen Historiografie abzeichnete, erschien 2001 Igor Narskijs Buch Zjizn v katastrofe, Budni naselenja Urala 1917–22 gg (Moskau 2001) über das Alltagsleben im Ural zwischen 1917 und 1922. Darin beschreibt der Verfasser auf der Basis sehr unterschiedlich gearteter Quellen ein System von Werten und Verhaltensweisen, das für die sowjetische Kultur prägend war und die weitere geschichtliche Entwicklung entscheidend beeinflussen sollte. Donald J. Raleigh befasst sich mit einer ähnlichen Themenstellung in seinem großen Werk Experiencing Russia’s Civil War: Politics, Society, and Revolutionary Culture in Saratov, 1917–22 (2002). Alltagskultur und -mentalität werden im Vergleich zu Narskij jedoch nicht in gleichem Maße behandelt; anders bei Aaron B. Retish in seinem Buch Russia’s Peasants in Revolution and Civil War. Citizenship, Identity and the Creation of the Soviet State 1914–1922 (2008).

Im Folgenden soll aus kulturhistorischer Perspektive untersucht werden, welchen Einfluss die Bolschewiki auf das Alltagsleben nahmen. Als Quellenmaterial dienen gerichtliche Schriftstücke in Form von Untersuchungen, Vernehmungen und Berichten von Agenten an ihre Behörden, Dokumente aus anderen Bereichen des Staatsapparates sowie Parteidokumente. Sie offenbaren die Bestrebungen, die alte Kultur zurückzulassen und durch die neue, sozialistische zu ersetzen. Beispielhaft dafür werden die dramatischen Ereignisse, die sich in der Stadt Vjatka (heute Kirow) im Winter 1918/19 abspielten, untersucht. Fünf Fallbeispiele, dokumentiert anhand der in den Quellen verzeichneten Berichte über das Alltagsleben, über die Gewohnheiten und Handlungen der Bürger, spiegeln darüber hinaus die besondere Kultur wider, die zwischen 1918 und 1920 im revolutionären Russland entstand. Korruption und Gewalt wurden zum festen Bestandteil des Alltags. Was konnte es bedeuten, wenn man in das Visier der Tscheka geriet? Was, wenn allein der Beruf Grund für eine Hinrichtung bot?

 

Die Tragödie von Vjatka 1918/19

Anfang Februar 1919 erhielt das Oberste Revolutionstribunal in Moskau eine Anklageschrift gegen elf leitende Mitarbeiter der politischen Polizei von Vjatka.[2] Als Reaktion wurde am 17. Februar die gesamte Leitungsebene der Polizei verhaftet und am folgenden Tag in das Taganka-Gefängnis in Moskau überführt.[3]

Die ursprünglich im Kommissariat für Justizwesen eingegangene Schrift enthielt zwölf schwerwiegende Anklagepunkte. Sie lauteten auf Machtmissbrauch und andere kriminelle Handlungen: Erstens sollten leitende Mitarbeiter der politischen Polizei, also der Tscheka, die Initiative zu einer Aktion gegen das örtliche Gefängnis, das sogenannte Arbeits- und Besserungshaus in Vjatka, ergriffen haben. In diesem Zusammenhang sollten sie eine Reihe von Gefängniswärtern und Häftlingen gepeitscht und zusammengeschlagen haben, angeblich mit dem Ziel, Geständnisse und Zeugenaussagen über den Schwarzhandel vor allem mit Tabak und Alkohol zu erhalten. Zumindest im Fall von zwei der Misshandelten, des 59-jährigen Gefängnisarztes Tjapurskij und des 69-jährigen Gefängnispfarrers Popov dürfte aber auch persönliche Rache ein Motiv gewesen sein. Vor der Revolution hatten die beiden im Gefängnis gedient und es gab starke Kräfte, die sie jetzt zur Rechenschaft dafür ziehen wollten.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1918 erreichten die Ereignisse schließlich ihren grausamen Höhepunkt: Die Tscheka erschoss mehrere Mitarbeiter des Gefängnisses auf dem Hof des Arbeits- und Besserungshauses.

 

Partei gegen Polizei

Am 10. Dezember 1918 diskutierte die Lokalverwaltung (Ispolkom) von Vjatka im Rahmen von zwei Sitzungen die Aktion der Tscheka gegen das Gefängnis. Am Tag zuvor hatte der Vorsitzende einen Brief an die Tscheka geschickt, in dem er eine Auslieferung der gefolterten Gefängniswärter gefordert hatte, damit diese eine ärztliche Behandlung erhalten konnten. Der Vorsitzende der Tschekisten hatte dies jedoch mit der Begründung abgelehnt, es würde die Aufklärungsarbeit stören. Er fügte hinzu, dass er im Übrigen der Meinung sei, dass die Politiker nur grundsätzliche Fragen aufzugreifen und sich nicht in ihre tägliche Arbeit einzumischen hätten. Die Verärgerung unter den Mitgliedern der lokalen Verwaltung war groß, vor allem darüber, dass die politische Führung der Polizei ihre politischen Vorgesetzten erstens nicht vorab unterrichtet hatte und sich zweitens danach weigerte, dem Auslieferungsersuchen der Gefangenen nachzukommen. Die Politiker entschieden deshalb, dass die Mitglieder der Führung der Tscheka ausgetauscht und wegen ihrer Untaten angeklagt werden sollten.[4]

Zu gleicher Zeit, aber an einem anderen Ort in der Stadt, wurde unter der Leitung der Tscheka ein Prozess gegen elf der nach der Aktion im Gefängnis Verhafteten durchgeführt. Einige wurden verurteilt, weil sie zu Zeiten des Zaren politische Gefangene im Gefängnis gefoltert hätten, andere, weil sie bezichtigt wurden, im sowjetischen Gefängnis Schwarzhandel und Glücksspiel betrieben zu haben.[5]

Am 13. Januar 1919 schritt das Kommissariat für Justizwesen ein und forderte die Festnahme der Tschekisten, die hinter der Aktion gegen das Gefängnis und den späteren Hinrichtungen standen. So sollte verhindert werden, dass sie fliehen und sich auf diese Weise der Strafe entziehen konnten. Man wollte sie in demselben Gefängnis unterbringen, das sie kurz zuvor heimgesucht hatten. Es bedarf keiner großen Fantasie, sich vorzustellen, dass es dort jemanden gab, der mit den Tschekisten noch eine Rechnung offen hatte. Vielleicht mischte sich die Führung der Parteiorganisation des Gouvernements auch deshalb ein, um die Verhaftung zu verhindern.[6] Dort konnte man sich nicht vorstellen, dass Parteimitglieder vor ihrer Verantwortung fliehen würden. Der Bescheid des Kommissariats für Justizwesen erreichte die Politiker jedoch nicht rechtzeitig. Schneller war ein Zug Soldaten, ausgeschickt, um die Tschekisten festzunehmen. Ein gewisser Kipst fungierte als Sprecher der Lokalverwaltung. Er wurde in das Gebäude gebeten, während die Soldaten draußen in der Kälte warten mussten. Es verging einige Zeit mit komplizierten Verhandlungen. Drohungen gegen Kipst waren zu hören. Der ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sondern bestand darauf, dass er den Befehl zur Festnahme der führenden Tschekisten habe, und forderte sie auf, ihre Waffen abzugeben. Zwar waren Proteste zu hören, aber niemand versuchte sich Kipst wirklich zu widersetzen. Vermutlich war den Tschekisten klar, dass Unterstützer auf dem Weg waren. Noch bevor ein Großteil der Waffen eingesammelt war, trafen einige prominente Parteikader ein. Sie forderten, dass die Verhafteten die Erlaubnis erhielten zu gehen und ihre Waffen zurückbekämen. Schließlich könne es kein Verfahren geben, solange keine Untersuchung eingeleitet worden sei. Kipst protestierte energisch und verwies auf Mappen voll mit belastenden Dokumenten gegen die elf Mitglieder der Tscheka. Doch es half nichts. Die Tschekisten blieben letztlich frei und verließen das Gebäude, während die Soldaten, die seit Stunden draußen gewartet hatten, hereinströmten, um sich aufzuwärmen.[7]

Die Lokalverwaltung schien zunächst als Verlierer dazustehen. Es wurde ein genauer Bericht des Vorfalls verfasst und an die zentralen Behörden in Moskau geschickt. Darin wurde erklärt, wie es um die politische Polizei in der Region stand. Die Übergriffe und Hinrichtungen im Gefängnis vom Dezember 1918, schrieb man, seien nur »eine Episode vor einem rabenschwarzen Hintergrund ähnlicher Ereignisse« gewesen. Eine gründliche Untersuchung sei zu zeitraubend, man sei aber ohnehin der Auffassung, das bereits ausreichend belastendes Material existiere, sodass ein Prozess eröffnet werden könne. Die Tscheka erfülle in keinster Weise ihren Zweck, die Sowjetmacht in der Region zu stärken, sondern sorge im Gegenteil dafür, dass diese in den Augen der Bevölkerung an Ansehen verlor. Sie habe nicht nur ein System wiederhergestellt, das dem des Zaren zum Verwechseln ähnele, sondern habe dieses noch übertroffen, was das Ausmaß an Willkür, Folter und Hinrichtungen betreffe.[8]

Es bestand also ein großer Unterschied zwischen der Sowjetmacht, in diesem Fall der Lokalverwaltung, auf der einen Seite und der revolutionären Polizei, der Tscheka, auf der anderen Seite. Die lokale Führung der Kommunistischen Partei versuchte gleichwohl allen gerecht zu werden. Sie konnte auch gar nicht anders, da sowohl der Führung der Lokalverwaltung als auch der Tscheka Parteimitglieder angehörten. Trotz alledem war auf einer Sitzung der Führungen von Partei und lokaler Verwaltung am 24. Dezember 1918 Einigkeit darüber erzielt worden, dass Anklage gegen die elf Tschekisten erhoben werden sollte. Die Parteileitung hatte jedoch gefordert, dass man sich mit der Suspendierung der Mitglieder des Komitees zufriedengeben und auf eine Gefängnisstrafe verzichten solle. Ende Januar 1919 erging dennoch ein Haftbefehl. Dieser war gleichbedeutend mit einem Sieg über die revolutionäre Polizei, die, wie von vielen befürchtet, auf bestem Weg war, sich zu einem Staat im Staate zu entwickeln.

Zwei der wichtigsten Organisationen befanden sich also in einem Konflikt miteinander. Die Tscheka stand für die »revolutionäre Ordnung«, was bedeutete, dass das eigene Handeln ohne große Rücksicht auf die Folgen für die Menschen erfolgte, während die Sowjetmacht sich auf Recht und Ordnung konzentrierte, wohl wissend, dass man mit der Bevölkerung zusammenarbeiten musste. Für die Partei wiederum galt ein Sowohl-als-auch. Das bedeutete, es kam das Schwert zum Einsatz, aber in hohem Maße auch ein System, das nicht nur durch Furcht und Unterdrückung funktionierte. Dies wurde umso klarer, je näher das Ende des Bürgerkrieges rückte. Die erste Generation eiserner Revolutionäre, die ihre Sporen durch das rücksichtslose Niederschlagen von Klassenfeinden und Konterrevolutionären verdient hatten, hatte es immer schwerer.

 

Ivan wusste es nicht besser

Im Prozess gegen die Tschekisten bezog das Untersuchungskomitee auch ein Ereignis vom Oktober 1918 mit ein. Es ging um den 53-jährigen Ivan Petrovitj Kortjurov. Er war verheiratet, hatte zwei Kinder und 25 Jahre in einer untergeordneten Stellung im Strafvollzugssystem in Vjatka seinen Dienst versehen – zuerst unter dem Regime des Zaren und später unter dem der Bolschewiki. Im Laufe des Jahres 1918 war er wegen seiner Tätigkeit in der Zarenzeit in das Visier der Tscheka geraten – eine genauere Untersuchung seiner Vergangenheit wurde eingeleitet. Einige Agenten wurden in das Dorf geschickt, aus dem Kortjurov stammte und in dem er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte. Sie erfuhren, dass sich sein Gesundheitszustand nach dem Militärdienst so verschlechtert hatte, dass er nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten konnte. Deshalb war er nach Vjatka gezogen und hatte dort Arbeit bei der Ordnungspolizei gefunden. Alle Mitglieder der Führung des Dorfes unterschrieben eine Erklärung, dass Ivan Petrovitj Kortjurov ein guter Mann sei, der nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. Die Agenten nahmen auch Aussagen einfacher Dorfbewohner auf. Es gab niemanden, der etwas Schlechtes über ihn zu sagen hatte. Als er im Januar 1918 die Stellung im Strafvollzug antrat, übersandte er die folgende feierliche Erklärung: »Da ich selbst Proletarier bin, will ich Hand in Hand mit dem Proletariat des sozialistischen Russland marschieren und mein Möglichstes tun, um ihm von Nutzen zu sein, bis mich das Grab ruft.« Auf Veranlassung von Kortjurovs Ehefrau übermittelte der Leiter der Abteilung der Lokalverwaltung, dem das Gefängnis unterstand, ein Schreiben an die Tscheka, in dem er sich besonders positiv über seinen Charakter und seinen Dienst äußerte. Das Schreiben trug auch die Unterschrift des Vorsitzenden der Lokalverwaltung.[9]

Die Archive sowjetischer Behörden enthalten eine Vielzahl ähnlicher Charakterisierungen von Einzelpersonen, die als Teil der einen oder anderen Untersuchung eingeholt oder unaufgefordert von Familienmitgliedern, Kollegen, Freunden oder Bekannten eingereicht worden waren, die gern helfen wollten. Kein einfaches Unterfangen – geriet man durch ein solches Ersuchen doch oft selbst in das Visier der Behörden. Kortjurovs eigene Erklärung war ebenfalls typisch für die Zeit und nach und nach auch für das System. Der formelle Stil könnte darauf hindeuten, dass er sie von einem der vielen vorgedruckten Formulare abgeschrieben hatte, die in Umlauf waren und die man bei der Besetzung jeder Position im öffentlichen Bereich unterschreiben musste. Die Formblätter glichen einer Art Vertrag, mit dessen Unterzeichnung man versprach, die neuen Regeln einzuhalten. Auf dieser  Grundlage konnte der Staat bei Verstößen Sanktionen verhängen. Im Falle Kortjurovs beschränkte es sich auf das Versprechen, dem Proletariat zu dienen, was aber nicht so unverbindlich war, wie es vielleicht klingt. Viel hing von der örtlichen Führung und den Aufgaben ab, für die man eingesetzt wurde. Im schlimmsten Fall hätte Kortjurov im Namen des Proletariats und der Revolution dafür herangezogen werden können, seinen Bruder oder seine Schwester zu verhaften, sie ins Gefängnis und danach zum Hinrichtungsort zu bringen. In einer solchen Situation wäre selbst das geringste Zögern als ein Zeichen kleinbürgerlicher Sentimentalität und vielleicht sogar als konterrevolutionär aufgefasst worden.

Ein letzte Möglichkeit wurde durch ein prominentes Mitglied der Parteileitung des Gouvernements namens Alexander Orlov genutzt. Orlov forderte die sofortige Freilassung von Kortjurov durch die Tscheka mit der Begründung, dass dieser nur aufgrund seiner Aktivitäten unter der alten Führung festgenommen worden sei und dort, so unterstrich Orlov, nur gemacht habe, was ihm gesagt worden war. Er sei grundsätzlich ein einfacher und etwas einfältiger Mann ohne formale Ausbildung. An ihm könne nichts Konterrevolutionäres sein, da er sich ausschließlich dafür interessiere, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Orlov schloss seinen Brief mit dem Versprechen, dass er für Kortjurov bürgen würde, bis ein Prozess durchgeführt würde.[10]

Einfältigkeit wurde oft als Begründung herangezogen und war für die Behörden meistens nur schwer zu übertrumpfen. Damit war Kortjurov nicht nur dem Reden nach ein Proletarier, sondern auch in sozialer Hinsicht und gehörte somit automatisch zur neuen Gesellschaft. Halfen proletarische Gesinnung und Instinkt nicht, musste man eine andere Begründung finden, und die bestand oft in fehlender Ausbildung und politischer Schulung. Bei der Bestrafung von Angehörigen der untersten Schichten zeigten sich die Behörden zurückhaltend. Man war sich im Klaren darüber, dass dies der Legitimität des Regimes schaden würde. Folglich wurden ersatzweise oft Pfarrer, bürgerliche Elemente oder Kulaken und andere beschuldigt, die »unwissenden Massen« in ihrem Bestreben, das revolutionäre Regime zu stürzen, zynisch vor sich herzuschieben.

Im Fall von Kortjurov waren alle Versuche vergeblich. Wenige Tage nachdem er verhaftet und angeklagt worden war, wurde er durch Erschießen auf dem Gefängnishof hingerichtet. Zum Verhängnis wurde ihm wohl auch, dass er als Mitarbeiter des Strafvollzugs 1918 bei der Hinrichtung eines Revolutionärs anwesend gewesen war und ein enger Freund des Opfers nun zu den Tschekisten gehörte, die seinen Fall beurteilten – vielleicht wäre er unter anderen Umständen freigesprochen worden. Letztlich gaben sein Tod und der der anderen nun den Anlass für das Verfahren gegen die Tschekisten.

 

Kurzer Prozess für Pfarrer Popov

Aleksej Popov hatte ebenfalls zur Zeit des Zaren im Gefängnis gedient, seine Arbeit aber mit der Trennung von Staat und Kirche 1918 verloren. Er war 69 Jahre alt, verheiratet und hatte einen Sohn. Die Familie bewohnte ein eigenes Haus. Bis zu seiner Absetzung bekam Popov einen festen Monatslohn. So weit das Vernehmungsprotokoll, von dem man auf seine politische Einstellung schloss. In der sehr kurzen Vernehmung, der Popov im Gefängnis am 9. Dezember 1918 unterzogen wurde, hielt er fest, dass es nur einmal vorgekommen war, dass er zur Arbeit gerufen wurde, um einen zum Tode Verurteilten zu treffen, der angeblich Zeugnis ablegen wollte. Der Verurteilte wollte jedoch nicht mit dem Pfarrer sprechen, weshalb er wieder nach Hause gegangen war. Ermittler Karpov, Mitglied des Kollegiums der Tscheka, konnte diesen Vorfall als einziger bezeugen. Er war 1908 im selben Gefängnis inhaftiert gewesen. Karpov behauptete, Popov habe versucht, die politischen Gefangenen und die gewöhnlichen Kriminellen dazu zu überreden, die Revolutionäre zu denunzieren. Als er verstanden habe, dass er Karpov nicht beeinflussen könne, habe er ihn verhöhnt und gedemütigt.

Am 10. Dezember fällte die Tscheka das Urteil im Prozess gegen Popov: »Der Prozess gegen Bürger Aleksej Popov (Gefängnispfarrer) wurde geführt. Er ist angeklagt wegen groben Umgangs mit politischen Gefangenen und wegen der Teilnahme an der Hinrichtung des Genossen Lvov (revolutionärer Terrorist). Urteil: A. Popov ist als Feind des arbeitenden Volkes zu erschießen.« [11]

Der Prozess, der am 9. Dezember begonnen hatte, endete zwei Tage später mit der Hinrichtung des Pfarrers. Die einzige Zeugenaussage war nicht im Rahmen des Prozesses, sondern während einer Sitzung des Tscheka-Kollegiums erfolgt. Vieles spricht somit dafür, dass der Prozess im Voraus entschieden wurde und der Pfarrer allein aufgrund seines Berufes und seiner sozialen Stellung verurteilt wurde.

 

Wein und Frauen

Der Leiter der Tscheka in einer Stadt unweit von Vjatka [Slavodsk?], Ivan Muravkin, war seit 1914 Mitglied des bolschewistischen Flügels der Sozialdemokratie und hatte als Schmied in einer Rohrfabrik in Petrograd gearbeitet. Im Oktober 1917 fand er Arbeit im Kommissariat für Ernährung. Bereits im Juli 1918 wurde er Ermittler der Tscheka im Stadtteil Vasilievskij von Petrograd. Danach meldete er sich im August 1918 freiwillig für »die tschechoslowakische Front« und war anschließend für die Tscheka in Vjatka im Einsatz. Von dort wurde er in die Stadt Slobodska entsandt, wo er die bolschewistische Partei organisierte und später mit dem Posten des Vorsitzenden der politischen Polizei in der Stadt belohnt wurde. Insofern handelte es sich bei ihm um einen erfahrenen Revolutionär, der sich Ende des Jahres an die Untersuchungskommission wandte, um über die Missetaten der Führung des Gouvernements zu berichten.[12]

Am 15. September 1918 hatte die Tscheka des Gouvernements auf Verlangen von Muravkin Verstärkung nach Slobodska entsandt, zwei Männer namens Vaskov und Rukovskij. Ursprünglich sollten sie als Geheimagenten fungieren, wurden dafür aber letztlich als nicht geeignet betrachtet. Stattdessen wurden sie als Untersuchungsbeamte eingesetzt. Die örtlichen Tschekisten hatten von Anfang an kein Vertrauen zu den beiden. Sie sollten recht behalten. Schnell war allgemein bekannt, dass Vaskov regelmäßiger Gast in den Kneipen der Stadt war, meistens in Begleitung »leichtlebiger Damen«. Er war oft betrunken und prahlte dann damit, dass er als Angestellter in der Tscheka 1200 Rubel im Monat verdiene. Bei einer Dienstreise verlor er auf dem Weg in ein Dorf sein Pferd samt Sattel und Zügeln und blieb mehrere Tage verschwunden. Erst als ihm zu Ohren kam, dass es Beschwerden über ihn bei der Leitung in Vjatka gab, tauchte er wieder auf und tat Buße. Es hieß, er würde sich Schmuck und Geld in die eigene Tasche stecken, wenn er von Amts wegen Hausdurchsuchungen und Konfiszierungen bei Wohlhabenden in der Gegend durchführte. Seine Vorgesetzten hatten daraufhin zweimal Hausdurchsuchungen bei ihm durchführen lassen, und jedes Mal wurde gestohlener Schmuck gefunden. Zwar behauptete er, dieser gehöre seiner Frau, Zeugen sagten aber etwas anderes. Einmal hatte sich Vaskov an den Vorsitzenden der Tscheka gewandt und um Genehmigung gebeten, eine goldene Uhr von einem Bürger in der Stadt zu kaufen. Dies war ihm unter der Bedingung erlaubt worden, dass er eine schriftliche Erklärung erhalte, dass der Verkauf freiwillig stattgefunden habe. Stattdessen war er an einem Tag, an dem der Besitzer der Uhr nicht zu Hause war, zu dessen Wohnung gegangen und traf dort die minderjährige Tochter an. Ihr übergab er einen geringeren Betrag und verschwand mit der Uhr. Vaskov wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Doch das Urteil wurde von der Tscheka in Vjatka mit der Begründung aufgehoben, die örtliche Abteilung hätte ihre Kompetenzen überschritten.

Meldungen über Saufereien, Unzucht und persönliche Bereicherung nehmen einen breiten Raum in unterschiedlichen Berichten und Gerichtsprozessen ein. Wie das Beispiel Vaskov zeigt, konnte Amtsmissbrauch zur persönlichen Bereicherung zur Hinrichtung führen, was bei Sauferei und Unzucht selten der Fall war. Wohl aber wurde in diesen Fällen auch dafür gesorgt, dass der Sünder die Gegend verließ, damit er nicht länger die Sowjetmacht diskreditieren konnte. Manchmal kam es auch zu Degradierungen. Zeigte sich dann, dass trotz gelobter Besserung keine Änderung eintrat, konnte das zum Ausschluss aus der Partei führen.

 

Wir nehmen von den Reichen ...

Der Bauer Leonitj Stepanov Naumov war 32 Jahre alt, als er verhaftet und in das Arbeits- und Besserungshaus in Vjatka gebracht wurde, ohne selbst zu wissen, warum. Während seiner Zeit im Gefängnis, wo er monatelang einsaß, ohne dass ihm eine Anklage vorgelegt wurde, machte er eine Reihe von Beobachtungen, über die er später der Untersuchungskommission berichtete. Er schilderte detailliert den lebhaften Handel mit den unterschiedlichsten Dingen im Gefängnis. Die Gefangenen tauschten und handelten untereinander und mit den Gefängniswärtern. Brot, Tabak und Schnaps waren besonders gefragte Waren. Der Preis war deshalb um ein Vielfaches höher als außerhalb des Gefängnisses. Naumov erzählte auch, dass die Gefängniswärter und Angestellten der Tscheka die Möglichkeit hatten, Waren aus dem Lager zu kaufen. Er wusste auch, wo die Dinge aufbewahrt wurden, die die Tschekisten in Namen der Revolution bei den Reichen und den Spekulanten beschlagnahmt hatten. Die Preise dafür waren im Gegenzug verhältnismäßig niedrig. Ein führender Tschekist hatte z.B. einen feinen Pelz für seine Frau für nur 80 Rubel gekauft. Naumov berichtete, dass die Wärter und Angestellten der Tscheka sich gegenseitig mit ihrem Wissen über die Verwicklung der jeweils anderen in Schach hielten. Er habe von einer »Bürgerdame« gehört, die so den Weg in eine Anstellung bei der Tscheka gefunden habe. Sie habe dem Vorsitzenden und einigen seiner nächsten Mitarbeiter zugerufen: »Ich kenne all eure Nummern!«

Der Bauer Fjodor Sedelnikov hatte ein halbes Schwein und einige Hühner in die Stadt gebracht, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Dabei wurde er von einigen Tschekisten festgenommen. Sie beschlagnahmten seine Waren und verteilten sie unter den Mitgliedern des Kollegiums. Der Bauer landete im Gefängnis und die Agenten fuhren in sein Dorf, wo sie außerdem noch seine Kuh und seine zwei Schweine schlachteten und das Fleisch mit zurück in ihre Büros nahmen.

 

Die Gewalt

Der Zeuge Konstantin Stepanov sagte aus, wie er und andere Beschäftigte am 7. Dezember 1918 im Arbeits- und Besserungshaus von Soldaten der Tscheka festgehalten und verhört worden waren. Zuerst war sein Kollege Dudin in den Verhörraum geführt worden, als kurz darauf Peitschenschläge, Schreie und Bitten um Gnade zu hören waren. Danach war der Kollege Gratjevskij an der Reihe. Er wurde mit den Worten begrüßt: »Er war der, der früher gern die Peitsche auf den Rücken der Gefangenen tanzen sah.« Nach einigen Minuten waren Peitschenschläge und Schreie zu hören. Gratjevskij rief unter anderem: »Vergebt mir, ich weiß nichts.« Ein anderer Zeuge wusste außerdem zu berichten: »Sie nahmen ihm den Säbel ab und führten ihn in die Strafzelle. Bald war lautes Schreien zu hören: ›Oh, heilige Mutter Gottes!‹ Es waren auch Rufe der Soldaten zu hören, dass alle erschossen werden sollten.« Dann war der Gefängniswärter Marenin an der Reihe. Er bekam Schläge mit der flachen Seite eines Säbels, das Durchladen eines Gewehres war zu hören, ebenso das tiefe Stöhnen des Gefangenen.[13]

Die Kommission arbeitete gründlich. Die Gefangenen wurden allesamt Opfer schonungsloser Gewalt und Drohungen. Bei allen Vernehmungen waren neben Soldaten auch mehrere Mitglieder des Kollegiums der Tscheka anwesend, von denen Letztere abwechselnd die Peitsche oder die Fäuste einsetzten.

 

Die Eskalation

Mikhail Nikolajev Antipov, 21 Jahre alt und Sohn eines Bauern aus dem Gouvernement, bekam am Abend des 10. Dezember 1918 den Befehl, zusammen mit zehn anderen Soldaten das Quartier zu bewachen, in dem sich das Gebäude der Tscheka befand. Man wollte verhindern, dass es in Verbindung mit der geplanten Hinrichtung der elf Inhaftierten aus dem Arbeits- und Besserungshaus zu Menschenansammlungen kam. Gegen Mitternacht waren die Soldaten auf ihren Posten und eine Stunde später schon wieder zu Hause. Zwölf junge Kavalleristen hatten die Erschießungen durchgeführt und waren gleich danach in die Stadt Perm weitergeschickt worden. Zehn führende Mitglieder der Tscheka hatten den Hinrichtungen als Zuschauer beigewohnt.

»Feuer!«, rief der wachhabende Offizier in die kalte Nachtluft, bevor eine Salve abgegeben wurde – bis auf zwei fielen alle Verurteilten zu Boden. Die Verletzten flehten um Gnade. Einer der anwesenden Tschekisten erhielt die Erlaubnis, sie mit seinem Revolver zu erschießen, und gab jeweils zwei Schüsse in den Kopf auf seine Opfer ab. Auch danach gab es bei einigen noch Zeichen von Leben, woraufhin die Kavalleristen mit ihren Gewehrkolben auf sie einschlugen. Ein Beobachter schrieb: »Sie schlugen mit Feuereifer auf sie ein. Es waren Schreie und tiefes Stöhnen zu hören.« Etwa eine Viertelstunde nachdem die Schüsse gefallen waren, hieß es von einem der Anwesenden: »Einer von ihnen lebt immer noch.« Einer der Kavalleristen schlug ihm den Säbel in den unteren Teil des Gesichts. Noch immer bewegte sich der Mann. Also steckte der Kavallerist seinen Säbel unter sein Hemd, das aus grobem Leinen war, und stach erneut zu.

Anschließend durchsuchten einige Kavalleristen die Leichen, nahmen die Sachen und die Stiefel, die etwas wert waren, und leerten auch die Taschen aus – alles im Schein von ein paar Streichhölzern und einer Taschenlampe. Der Besitzer der Lampe entdeckte einen Ring an einer der Leichen. Ein Zeuge sah, wie er den Arm und den Ringfinger der Leiche streckte und danach seinen Säbel zog. Am nächsten Morgen fand ein Soldat, Potemkin, den Finger eines erwachsenen Mannes am Hinrichtungsort und brachte diesen zu seinem Vorgesetzten, der ihn anwies, den Finger, vermutlich als Beweis, an einem kühlen Ort aufzubewahren.

Einer der anwesenden Wachsoldaten, Timofej Krassin, ging nach dem Ende der Hinrichtung zum Platz und bat um Erlaubnis, die Leichen sehen zu dürfen: »Ich sah einige entkleidete Leichen im Schnee. Dort lagen auch einige Stiefel und ich fragte, ob ich sie mir nehmen dürfe. Eine Person, die ich nicht kannte, sagte: ›Nimm sie, wenn du sie brauchen kannst. Wenn sie nichts wert sind, dann wirf sie weg.‹ Ich half danach den Soldaten, die Leichen auf einen Wagen zu laden. Dabei sah ich, dass mehrere völlig nackt waren. Einer von ihnen war sehr jung. Er hatte einen leichten Bart und trug Bastschuhe.« Nachdem der Wagen beladen war, fuhren einige der Soldaten damit hinunter zum Fluss und warfen die Leichen ins Wasser.

Es passierte nicht oft, dass die Zeugen über ihre Gefühle sprachen, als sie hörten, wie die Opfer gequält wurden. Einer von ihnen war Konstantin Stepanov, der erzählte, dass er von der Tür des Verhörraums weggegangen war, weil er es nicht mehr ausgehalten habe. Er erwähnte auch, dass einer der Soldaten der Tscheka den Verhörraum verlassen hatte und mit den Worten in den Hof gegangen war: »Ich halte das nicht mehr aus!« Ivan Vedernikov gab zu: »Die Schreie gingen durch Mark und Bein. Wir hatten alle Angst.« Des Weiteren sagte der 28-jährige Soldat Aleksej Sjutov vor der Untersuchungskommission aus: »Ich sah, wie sie sie erschossen. Nachdem sie gefallen waren, stöhnten und schrien sie. Plötzlich hatte ich genug. Ich konnte es nicht mehr aushalten und ging weg.« Alexander Rjabov, ebenfalls junger Soldat, 23, schließt eine besonders dramatische Schilderung mit den Worten ab: »Es war unheimlich, all das zu sehen. Die Mitglieder der Tscheka sahen jedoch ruhig dabei zu, wie sich die Kavalleristen benahmen.«

Eine Erklärung dafür, warum die Zeugen für gewöhnlich zurückhaltend mit Schilderungen ihrer Gefühle waren, könnte darin bestehen, dass die Betreffenden früher selbst an Vernehmungen teilgenommen oder im Gefängnis gesessen hatten, wo Gewalt und Brutalität an der Tagesordnung waren. Sie waren deshalb nicht einzuschüchtern oder auch nur im Geringsten geneigt, es zu zeigen.

 

Schlussfolgerung

Die Erzählungen über die Begebenheiten in Vjatka deuten an, wie sich die Kultur neu formierte. Es herrschte ein Machtkampf zwischen dem Sowjet, der politischen Polizei und der Partei, der auch die Stimmung innerhalb der Bevölkerung veränderte. Für einige ergaben sich ganz neue Möglichkeiten, die es zu nutzen galt. Menschen, die zur Zeit des Zaren ihren Dienst im Gefängnis versehen hatten, konnten sich der Rache früherer Unruhestifter nicht mehr sicher sein. Es entwickelten sich bestimmte Verhaltensstrategien. Eine bestand darin, den Unwissenden oder Ungebildeten zu spielen, um so Sanktionen zu entgehen. Eine andere war die Untertänigkeit, die in allerlei Empfehlungen oder Bittschreiben zum Ausdruck gebracht werden konnte. Schließlich war es die allgegenwärtige Gewalt, die einige in Angst und Schrecken versetzte, aber von den meisten offensichtlich mehr oder weniger als Teil des Alltags akzeptiert wurde.

Aufgrund der extremen Mangelsituation war der Alltag auch außerhalb des Gefängnisses von Schwarzhandel geprägt. Davon konnte sich auch die Tscheka nicht freisprechen, einst selbst eingesetzt, um diesen zu bekämpfen. Auch wenn alle Bevölkerungsteile davon betroffen waren, waren gleichzeitig viele bereit, diesem ein Ende zu bereiten und die Täter hart zu bestrafen. Auch dieser Gegensatz war ein Baustein der revolutionären Alltagskultur. Die Revolution im Alltag war ein weitaus komplexeres Phänomen als der Kampf zwischen den Roten und den Weißen oder zwischen Staat und Gesellschaft. Für die meisten stand der Kampf um das tägliche Brot an erster Stelle, für andere die Schaffung einer gewissen Form von Ordnung inmitten von Chaos und Gesetzlosigkeit.

 

Aus dem Dänischen übersetzt durch das Bundessprachenamt

 


[1] Leon Trotsky: The History of the Russian Revolution, Vol. 1: The Overthrow of Tzarism, Chap. 21: Shifts in the Masses, www.marxists.org/archive/trotsky/1930/hrr/ch21.htm, ges. am 26. Oktober 2016.

[2] Die gesamten Prozessakten finden sich in: Delo o nezakonnykh dejstvijakh vjatk.gub.TjK [Zum Fall illegaler Handlungen der Tscheka im Gouvernement Vjatka], Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF), f. R-1005, op. 1A, d. 116 und d. 883. Die Anklageschrift wurde vom Volkskommissariat für Justizwesen (Narodnyj Kommissariat Justitsii) an das Oberste Revolutionstribunal (Verkovnyj Revoljutsionnyj Tribunal) geschickt, GARF, f. R-1005, op. 1A, d. 116, S. 12.

[3] Siehe Vjatka Sledkommissija Revoljutsionnogo Tribunala [Untersuchungskomitee des Vjatkatribunals], 17. Februar 1919, ebd., S. 2.

[4] Siehe Vypiska iz protokola N. 34 zasedanija prezidiuma Vjatskogo Gubernskogo Ispolkoma ot 10. dekabrja 1918 [Auszug aus dem Protokoll Nr. 34 der Präsidiumssitzung der Lokalverwaltung von Vjatka vom 10. Dezember 1918], ebd., S. 25.

[5] Siehe Vypiska iz protokola zasedanija N. 19 ot 10 dekabrja 1918 g. [Auszug aus Protokoll Nr. 19 vom 10. Dezember 1918], ebd., S. 33.

[6] Siehe Kommissija po rassledovaniju zloupotreblenij Vjatskoj TjK 13. janvarja 1919 [Kommission zur Prüfung der Tscheka in Vjatka wegen Machtmissbrauchs, 13. Januar 1919], ebd., S. 39.

[7] Siehe Protokoll 1919 g. janvarja 13, Vjatka [Protokoll vom 13. Januar 1919, Vjatka], ebd., S. 45.

[8] Doklad 18 janvarja 1919 [Bericht vom 18. Januar 1919], ebd., S. 38.

[9] Siehe Uralskaja oblastnaja tjrez. Kom. Po borbe s k.r. i spek., Ivan Petrovitj byvsjij politsejskij oktjabr 1918 [Außerordentliche uraler Gebietskommission zum Kampf gegen Konterrevolution und Spekulation, Ivan Petrovitj, ehemaliger Polizist, Oktober 1918], GARF, f. R-1005, op. 1A, d. 883.

[10] Pismo Orlova [Brief von Orlov], ebd., S. 39.

[11] Delo No 682 Popova, L. tjuremnogo svesjtjenika [Fall Nummer 682, L. Popov, ein Gefängnispfarrer], GARF, f. R-1005, op. 1A, d. 116, S. 74.

[12] Siehe Protokol doprosa svidetelej dekabrja 1918 [Protokoll der Zeugenvernehmung, Dezember 1918], ebd., S. 126.

[13] Ebd., S. 126 ff.

Inhalt – JHK 2017

Kurzbiografie

Abstract

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