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»Pest in Rußland« – Alfred Rosenberg und die Russische Revolution

JHK 2017 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 201-215 | Metropol Verlag

Autor/in: Ernst Piper

Der Deutschbalte Alfred Rosenberg kam 1919 nach München und schloss sich noch im selben Jahr der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) an, die damals noch Deutsche Arbeiterpartei (DAP) hieß und kaum mehr als hundert Mitglieder hatte. Rosenberg stammte aus Reval, dem heutigen Tallinn, damals die Hauptstadt des russischen Gouvernements Estland, der nördlichsten der baltischen Provinzen des russischen Reiches. Nach dem Realschulabschluss schrieb er sich in Riga am Polytechnikum als Student der Architektur ein. Dort blieb er bis Mai 1915. Angesichts der näher kommenden deutschen Truppen wurde das Polytechnikum mit sämtlichen Professoren im Sommer 1915 nach Moskau evakuiert, sodass das Wintersemester 1915/16 das erste von vier Semestern war, die Rosenberg in Moskau zubrachte. Er schloss sein Studium mit dem Sommersemester 1917 ab und kehrte nach Reval zurück. In der Heimat arbeitete er an seiner Diplomarbeit über den Bau eines für die Verhältnisse Russlands geeigneten Krematoriums und kehrte Anfang 1918 noch einmal nach Moskau zurück. Dort legte er mit gutem Erfolg seine Abschlussprüfung ab.

Inzwischen hatte die Oktoberrevolution das Land dramatisch verändert, sodass Rosenberg bei seinem erneuten Aufenthalt einen persönlichen Eindruck vom revolutionären Russland gewinnen konnte. Das, was er darüber schreibt, lässt allerdings nicht wirklich auf eine innere Anteilnahme oder differenzierte Wahrnehmung schließen. Während Rosenberg in seinem Buch Pest in Rußland der Februarrevolution immerhin einen Absatz widmet, ist die Oktoberrevolution, die er allerdings auch nicht direkt miterlebt hatte, vor allem Anlass für ein in schreienden Farben gemaltes Schreckensbild, das stark von seiner ideologisch geprägten Perzeption des Geschehens beeinflusst ist. Dennoch war Rosenbergs auf physischer Präsenz sich gründende Zeitzeugenschaft entscheidend für seine Autorität in Fragen, die die Russische Revolution betrafen. Sie stand in der NSDAP nie infrage. Wer ihm übel wollte, beteiligte sich eher an der Verbreitung von Gerüchten, dass er zwar Russisch könne, aber des Deutschen nicht so recht mächtig sei. Als Adolf Hitler ihn 1941 zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete ernannte, tat er dies nicht, um einen treuen alten Mitkämpfer endlich mit einer herausgehobenen Position zu belohnen, sondern weil er der Überzeugung war, dass Rosenberg der beste Mann für dieses Amt war. Nach den Forschungen der letzten Jahre dürfte daran wohl kein Zweifel mehr bestehen.[1]

Alfred Rosenberg hat entscheidend dazu beigetragen, Adolf Hitler das Bild vom jüdischen Charakter der Russischen Revolution zu vermitteln. Die beiden trafen sich in ihrem fanatischen Antisemitismus. Als Inkarnation der Judenherrschaft galt das »jüdisch-bolschewistische« Sowjetrussland, »die Weltgefahr [...], die aus dem Osten heraufgezogen ist«.[2] Dieser Gedanke fand sich später bei Hitler wieder, der in Mein Kampf schrieb: »Im russischen Bolschewismus haben wir den im zwanzigsten Jahrhundert unternommenen Versuch des Judentums zu erblicken, sich die Weltherrschaft anzueignen [...]«[3] Auffallend ist, dass für Rosenberg, der später als Ostminister keine Probleme damit hatte, im Zuge des Generalplans Ost die »Verschrottung«[4] von 31 Millionen Russen zu planen, damals das »Russentum« eine ausgesprochen positive Bezugsgröße war. Dieses Russentum habe in der Oktoberrevolution eine furchtbare Niederlage gegen land- und volksfremde Kräfte erlitten. Rosenberg bemühte in seiner Schrift Pest in Rußland Ideologeme, die denjenigen der jüngsten Spielart rechtsextremen Denkens, der sogenannten identitären Bewegung, verblüffend ähnlich sind.

Nachdem Alfred Rosenberg im Frühjahr 1918 seine Diplomprüfung abgelegt hatte, war er nach Reval zurückgekehrt, um dort als Zeichenlehrer an der Schule zu arbeiten. Doch schon bald holte ihn die Politik wieder ein. In den unabhängigen baltischen Republiken, die infolge des Friedensvertrags von Brest-Litowsk entstanden waren, tobte der Bürgerkrieg und etwa die Hälfte der deutschbaltischen Minderheit emigrierte nach Deutschland. Am 30. November 1918 hielt Rosenberg zum ersten – und letzten – Mal einen öffentlichen Vortrag in seiner Heimatstadt. Das Thema lag ganz auf der Linie seiner lebenslangen Obsession: »Marxismus und Judentum«. Unmittelbar danach verließ Rosenberg Reval und ließ sich, nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin, in München nieder: »Ich ließ meine Heimat hinter mir, um mir ein Vaterland zu erwerben.«[5] Als Angehöriger der deutschen Minderheit im Zarenreich und Gegner der Russischen Revolution war er in gewisser Weise doppelt heimatlos gewesen und suchte nun nach Orientierung. Es gelang ihm rasch, Anschluss an weißrussische Emigrantenkreise zu gewinnen, deren Zentrum in München lag. Ein baltisches Flüchtlingskomitee nahm sich ebenfalls seiner an. Bald lernte er auch Dietrich Eckart kennen und schrieb eine Reihe von Beiträgen für dessen Zeitschrift Auf gut deutsch. Der erste Beitrag trug bezeichnenderweise die Überschrift »Die russisch-jüdische Revolution«. Da er die deutsche Staatsangehörigkeit erst 1923 erwarb, zeichnete er seine Beiträge mit »Alfred Rosenberg (Reval)«.

1921 erschien Dietrich Eckarts Broschüre Totengräber Rußlands, die binnen Kurzem eine Auflage von 100 000 Exemplaren erreichte.[6] Außerdem erschienen auch englische und russische Übersetzungen. Rosenberg steuerte dazu ein längeres Vorwort mit dem nicht überraschenden Titel »Der jüdische Bolschewismus« bei. Dieses Vorwort ist der einzige substanzielle Text, ansonsten besteht die Broschüre aus seitengroßen Karikaturen von Sowjetführern, unter denen kurze Gedichte Eckarts stehen. Die Karikaturen stammen allesamt von dem Deutschbalten Otto von Kursell. In St. Petersburg geboren, hatte er wie Rosenberg die Petri-Realschule in Reval besucht, dann in Riga und Dresden studiert und war bereits 1907 nach München übersiedelt. Kursells Spezialgebiet war die Darstellung jüdischer und bolschewistischer »Untermenschen«, auch die bekannten Karikaturen der Führer der Münchner Räterepublik stammen von ihm. Nach 1933 machte er eine angemessene Karriere und wurde Direktor der Hochschule für Bildende Künste in Berlin.

Auf dem Umschlag von Totengräber Rußlands war »Sinowjew-Apfelbaum« abgebildet, darunter ein Gedicht von Eckart, das eine kurze Zusammenfassung der Russischen Revolution präsentierte:

            »Rund zweieinhalb Millionen Menschen barg

            Die Hauptstadt vor dem grauenhaften Morden

            Durch Judasʼ Blutgier ist ein Riesenberg

            Mit zwei Millionen Toten draus geworden.«

Auf der ersten Innenseite folgt »Leiba Trotzky-Braunstein«, der »eigentliche Diktator Rußlands«.[7] Dann kommt Rosenbergs Vorwort und danach geht es weiter mit der revolutionären Heldengalerie, die angeführt wird von »Lenin-Uljanow«, von dem mitgeteilt wird, er sei »halbkalmückischer Herkunft. Seine Frau ist Jüdin, in der Familie wird jiddisch gesprochen, und sein Gesicht?! – trotzdem soll er kein Jude sein.«[8] In dieser Galerie darf auch der russischstämmige deutsche Sozialdemokrat Alexander Parvus, »Parvus-Helphant«, nicht fehlen, der 1917 dabei mitwirkte, Lenins Reise aus der Schweiz nach Russland zu organisieren. Bei Eckart liest sich das so: »Der eigentliche Macher des russischen Bolschewismus, nunmehr in Berlin zu demselben Zwecke tätig.« Es folgt auch hier ein Gedicht, das mit den Zeilen beginnt:

            »Der Jude Bethmann gab ihm Millionen,

            Des Zaren letzte Kraft zu unterwühlen.«[9]

Auffällig ist der implizit positive Bezug auf den Zaren, der Männern wie Rosenberg und Eckart schon deshalb sympathisch war, weil er sich bis zuletzt gegen die Emanzipation der Juden gewehrt hatte. Rosenberg schreibt in seinem Vorwort auch, der amerikanische »Weltbankier« Jakob Schiff habe 1904 den japanischen Krieg »gegen das antisemitische Rußland« finanziert und dabei auch die russischen Kriegsgefangenen mit revolutionärer Propaganda versorgt. Tatsächlich erfolgte die Emanzipation der Juden in Russland erst fünf Tage nach Abdankung von Zar Nikolaus II. am 20. März 1917 durch die provisorische Regierung von Alexander Kerenskij, woraufhin Nationalisten Gerüchte streuten, Kerenskij habe jüdische Vorfahren.

Alfred Rosenberg gibt in seinem Vorwort zu Eckarts Flugschrift eine gedrängte Zusammenfassung seiner Interpretation der Russischen Revolution.[10] Durch die Revolution sei ein »systematisches Ausrottungssystem« geschaffen worden. (Eine solche semantische Repetition ist für Rosenbergs Stil nicht untypisch.) »Aus allen Ecken der Welt« seien die Kinder Israels ins »neue gelobte Land« gefahren, Trotzki und Sinowjew »mit zweihundert anderen Brüdern« aus New York, Lenin aus der Schweiz, Demagogen von der »Bolschewistenschule […] unter dem Juden Rappoport« aus Capri. Im Juli 1917 erfolgte der erste Schlag, weil der »Jude Roschal« die Matrosen in Kronstadt aufgestachelt habe. Auch über die Finanzierung der Revolution ist Rosenberg informiert: »Die Wahrheit ist, daß die Bolschewiki die Abgesandten der Börsenjuden aus allen Ländern waren und sind, daß es jüdisches Geld ist, das die Zersetzungsmaschine bezahlte.« Parvus habe beim Auswärtigen Amt durchgesetzt, dass »Lenin mit mehreren hundert Juden« aus der Schweiz nach Russland reisen konnte.

Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, so Rosenberg weiter, war von Juden regelrecht umzingelt. Neben dem schon erwähnten Jakob Schiff nennt er Louis Brandeis, Richter am Obersten Gerichtshof, den »Börsenjobber Simon Wolff«, angeblich Wilsons rechte Hand, und schließlich Bernard Baruch, angeblich Wilsons bester Freund, der »an der Spitze von 117 Juden« zur Friedenskonferenz nach Versailles gereist sei. Dies alles ist sehr typisch für Rosenbergs Verfahrensweise. Die genannten Personen existierten tatsächlich, aber Rosenberg entwickelt eine blühende Fantasie, wenn er ihren Einfluss und ihre Rolle beschreibt und sie zu einem frei erfundenen Netzwerk jüdischer Intrigenwirtschaft vermengt. So ist Lenin nicht mit Hunderten von Juden, sondern ganz wenigen Begleitern nach Zürich gereist. Jakob Schiff, der aus Frankfurt stammte, hatte tatsächlich keine Sympathie für den brutalen Antisemitismus des Zarenregimes, was man ihm als Jude kaum verdenken kann, und unterstützte Japan im japanisch-russischen Krieg. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, setzte er sich aber für ein rasches Kriegsende ein und beteiligte sich ausdrücklich nicht an der Finanzierung der amerikanischen Kriegsanstrengungen, während Baruch Vorsitzender des War Industries Board wurde. Baruch nahm tatsächlich an den Verhandlungen in Versailles teil, aber er war weit davon entfernt, die amerikanische Delegation zu leiten, die selbstverständlich auch nur zum kleinen Teil aus Juden bestand.

In Russland siege, so schreibt Rosenberg weiter, der »Judenbolschewismus«. In dem Land, in dem es bisher keine jüdische Hochfinanz gegeben habe, gerate nun das gesamte Nationalvermögen in jüdische Hände. Damit diese Enteignung dem russischen Volk nicht zu Bewusstsein kommen könne, gehe zugleich »die systematische Ausrottung, resp. Entsittlichung und Versklavung der nationalrussischen Intelligenz« vor sich. Dabei war es Trotzki, der »den Blutrausch für ganz Rußland in ein System« brachte. Die Rote Garde war ein »verläßlicher Kern der jüdischen Gewaltherrschaft«. Ergänzt wurde sie durch Abenteurer aus aller Herren Länder, die die »Zwingbataillone über das belogene russische Volk« bildeten. Die Reste der russischen Intelligenz wurden mithilfe eines »Geiselsystems« in die Knie gezwungen.

Rosenberg unterzog sich auch der Mühe einer prosopografischen Untersuchung, wenn man es so nennen kann, mit der er beweisen wollte, dass der Bolschewismus vom ersten Tag an »ein rein jüdisches Unternehmen« war. Der Rat der Volkskommissare bestehe aus drei Russen, zwei Armeniern und 27 Juden. Von 42 »Pressediktatoren« seien 41 Juden, nur der »jämmerliche Maxim Gorki« nicht. Die Exekutive bestehe aus dem Russo-Tartaren oder kalmückischen Juden Lenin sowie 23 Juden. Insgesamt umfasse die Sowjetregierung 34 Letten, 30 Russen, einige Polen, Tschechen und Armenier sowie 447 Juden. Schließlich sei, zur Errichtung einer Finanzdiktatur, eine russische Reichsbank gegründet worden, in deren Aufsichtsrat »99 % Hebräer« säßen. Denn der Bolschewismus sei nur Mittel, nicht Ziel jüdischer Politik. Ziel sei die »Ausrottung alles Wurzelstarken«, die Vernichtung der nationalen Wirtschaft.

Doch Rosenberg sah auch schon das Rettende nahen. Er war überzeugt, dass die »hebräischen Meuchelmörder« dem Strafgericht des russischen Volkes nicht entgehen würden. Deshalb sei gerade für die Deutschen besondere Wachsamkeit geboten: »In dem Augenblick, da diese Zeilen geschrieben werden, da geht ein verzweifeltes Bemühen der Juden durch die Länder, den Judenbolschewismus durch Deutschlands Zerstörung wieder zu stärken.« Millionen von Reichsmark rollten durch die Lande, »Judenapostel« tauchten überall auf und die »die ›deutsche‹ Politik leitenden Hebräer« verhandelten mit ihren Brüdern im Osten. Rosenbergs Vorwort schließt mit einem Aufruf: »Raffe Dich auf, Deutsches Volk und mache Dich frei von den jüdischen Pestträgern. Nie wirst Du Dein Leben ruhig ausbauen können, wenn die zerstörenden Bazillen in Deinem Blute kreisen. Erblicke den Abgrund, dem man dich zuführen wird und – rette Dich!«[11]

Alfred Rosenberg legte in den Jahren vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch eine ganze Reihe von Schriften vor: Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten (1920), Unmoral im Talmud (1920), Das Verbrechen der Freimaurerei (1921), Der staatsfeindliche Zionismus (1922), Wesen, Grundsätze und Ziele der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (1922), Pest in Rußland (1922), Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik (1923). Alle diese Schriften dokumentieren den monomanischen Antisemitismus ihres Verfassers. In Rosenbergs Schriften und Reden aus den Jahren 1917 bis 1921 trägt die längste seiner »Ersten Aufzeichnungen« den schlichten Titel »Der Jude«. Schon hier entwickelte er Grundgedanken zur »Geschichte des jüdischen Geistes«,[12] die uns später immer wieder begegnen, von den Hebräern, die das ursprüngliche Volk Israel überwältigten, bis zu den jüdischen Studenten, die den russischen Matrosen in Kronstadt die Sinne verwirrten, vom »alten syrischen Willen als jüdisches Wesen im Katholizismus« bis hin zur eingeborenen Gegnerschaft des Judentums gegen jeden Nationalismus.[13]

Viele der antisemitischen Stereotype, die charakteristisch für Rosenbergs Werk sind, finden sich bereits in diesen ersten Aufzeichnungen. Auffallend ist aber vor allem ein an Verfolgungswahn grenzender Glaube an die jüdische Allgegenwärtigkeit. Dabei geht es nicht nur um Trotzki-Braunstein, Molodarsky-Cohen, Petrow-Waisbrot, Kassenew-Rosenfeld und all die anderen, die Eckart in seinem Pamphlet von 1921 bedichtet hat, sondern auch um die jüdischen Bankiers, die den amerikanischen Präsidenten Wilson angeblich steuern, um die Börsen von Paris, New York und London, wo der »eigentliche Weltkapitalismus« seinen Sitz hat, und um Freimaurerlogen, die als jüdische Konspirationszentren dienen.[14] Die antisemitische Judenphobie wird etwas begreiflicher, wenn man in jedem Juden einen Repräsentanten des Weltjudentums sieht und glaubt, der jüdische Kramladenbesitzer in Krefeld und der jüdische Hausierer in Lemberg seien durch geheimnisvolle internationale Schaltzentralen, etwa den Orden B’nai Bʼrith, miteinander verbunden. In dieser wahnhaften Vorstellung »alljüdischer Einigkeit« sind dann auch die Zionisten und ihre assimilatorischen Gegner nur aus taktischen Gründen »getrennt marschierende Heerscharen Israels«.[15]

Rosenbergs Erläuterungen des Parteiprogramms gaben gewissermaßen eine Antwort auf diese allgegenwärtige Bedrohung durch jüdisches Weltmachtstreben. Nach längeren Ausführungen über den Ersten Weltkrieg kam er auf das Kriegsende und die Gründung der NSDAP zu sprechen. Nachdem im August 1914 die völkische Revolution gegen den krankhaften Zustand zu Felde gezogen war, war das deutsche Volk durch die Kriegsniederlage in großes Ungemach geraten. Die lebendigen seelischen Kräfte waren Voraussetzung für seine Wiedergeburt. Gegen alle »materialistischen, händlerischen und mammonistischen Gedanken« setzten die Nationalsozialisten auf den Glauben an den Idealismus.[16] Standesdünkel und Klassenkampf wurden gleichermaßen abgelehnt; den Begriffen »national« und »sozial« sollte wieder ihre ursprüngliche Bedeutung zukommen. Der Marxismus lehre einerseits die Gleichheit der Völker, predige aber andererseits den Kampf der verschiedenen Schichten des eigenen Volkes gegeneinander. »Der Marxismus« gebe vor, den »Weltkapitalismus« zu bekämpfen, sei aber in Wirklichkeit mit Großbanken und Börsen verbündet: »Der 9. November 1918 war die mit antikapitalistischen, ausgeplünderten und verhetzten Arbeitern durchgeführte Börsenrevolution mit dem seit langem verfolgten Zweck, die noch nicht ganz von den Weltbanken in Besitz gebrachte nationale Industrie und Landwirtschaft Deutschlands in die Hände des überstaatlichen Leihkapitals zu spielen.«[17] Wie in Berlin 1918 hatte in Moskau schon 1917 die antikapitalistische Weltrevolution, geführt vom Weltkapital, triumphiert.

Hier haben wir ein ganz zentrales Ideologem nationalsozialistischer Welterklärung vor uns. Die scheinbar größten Gegensätze, Marxismus und Kapitalismus, fielen in eins, denn beider Führung befand sich »in der Hand der Vertreter ein und desselben Volkes [...]: in der Hand der Juden«.[18] Der Marxismus wollte in Wirklichkeit keinen wirtschaftlichen Kampf, sondern war »ein angesagter Macht- und Kulturkampf an alle Völker Europas«,[19] wollte letztendlich den Rassenkampf. So wird auch verständlich, warum die Nationalsozialisten sich keineswegs als Rechtsextremisten, sondern vielmehr als Partei der Mitte sahen, die die jeweilige Einseitigkeit der Sozialisten und der Nationalisten zu überwinden trachteten und das Nationale und das Soziale zu einem Ausgleich bringen wollten in einer sozial gegliederten Volksgemeinschaft auf rassistischer Grundlage, deren gesellschaftliche Verfassung ein friderizianisch-autoritärer Sozialismus im Sinne Oswald Spenglers war. Für »Börsenjuden« und ihre »unbeschnittenen Geistesbrüder« sollte dort ebenso wenig Platz sein wie für den »demokratisch-marxistisch-plutokratischen Götzen«[20].

1922 erschien auch Rosenbergs Kampfschrift Pest in Rußland. Der Bolschewismus, seine Häupter, Handlanger und Opfer. Wie Eckarts Totengräber Rußlands kam sie im Deutschen Volksverlag des Antisemiten Ernst Boepple heraus. Den Umschlag gestaltete wieder Otto von Kursell. Zentrales Motiv ist ein Bolschewist mit einem Davidstern auf seiner Mütze. Die beiden Publikationen ergänzen sich perfekt, wobei Rosenbergs Arbeit erst 1924 eine zweite Auflage erlebte und dann nach 1933 mehrfach nachgedruckt wurde. Während Eckarts Pamphlet nur 32 Seiten enthielt, die mit antisemitischen Karikaturen und Spottversen unterhaltsam und leicht konsumierbar waren, hatte Pest in Rußland 144 Seiten, was die Publikation entsprechend teurer machte. Außerdem war es ein mit ungeheuer vielen Fakten übersättigter Text über ein fernes Land, also eine eher anstrengende Lektüre. Aber beide Schriften trugen zweifellos das Ihre dazu bei, das Schreckbild von der Russischen Revolution mit ihren entfesselten bolschewistischen Mordbestien in die Gehirne der Deutschen zu transportieren und gleichzeitig mit einem radikalen und brutalen antisemitischen Weltbild zu verbinden. Das Pendant zum jüdischen Bolschewismus, der Russischen Revolution als Werk des Weltjudentums, war das – deutsche – Judentum als Handlanger des in der Sowjetunion siegreichen Bolschewismus. Diese Verbindung zwischen Judentum und Bolschewismus half, dem eliminatorischen Antisemitismus der Nationalsozialisten den Weg zu bereiten, der dann im rassenideologischen Vernichtungskrieg im Osten seine Erfüllung fand.

In Pest in Rußland finden sich alle Stichworte wieder, die dem Leser in Rosenbergs Vorwort zu Eckarts Totengräber Rußlands begegnet sind: Der Tataro-Kalmücke Lenin, der sich mithilfe von Abenteurern und dem »Abschaum des Russentums« an die Spitze der Regierung schwingt;[21] Trotzki, der der eigentliche Tyrann Russlands ist, hat seit 25 Jahren an der Zerstörung Russlands gearbeitet. Mit Trotzki war Sinowjew aus New York nach Moskau gekommen: »Dieser wollhaarige feiste Jude ist vielleicht die widerwärtigste Persönlichkeit der ganzen Sowjetregierung.«[22] Die Rote Armee bewies die »Identität der Sowjetregierung und der Judenherrschaft«. Die internationale Hilfe, die verschiedene westliche Staaten der Hunger leidenden russischen Bevölkerung angedeihen ließen, wiederum offenbarte »die Zusammenarbeit des jüdischen Bolschewismus mit der die Geschicke der Staaten heute zu 9/10 bestimmenden jüdischen Hochfinanz«.[23]

Rosenberg wollte zum einen, wie schon in seinem Vorwort, den jüdischen Einfluss auf das revolutionäre Geschehen herausstellen. Zum anderen sollte die Brutalität und Grausamkeit dieser jüdisch-bolschewistischen Revolution den Zeitgenossen vor Augen geführt werden. Dazu dienten »75 Originallichtbilder aus Sowjetrußland«. Mehr als die Hälfte dieser Bilder zeigten sowjetische Funktionäre, wobei stets der hohe Anteil der Juden herausgestellt wurde. Dies geschah entweder durch den Zusatz »(Jude)« oder, bei den Nationalsozialisten sehr beliebt, durch die Anhängung des »eigentlichen« jüdischen Namens, z.B. Sinowjew-Apfelbaum oder Lunatscharsky-Mondschein. Manchmal wurden auch beide Verfahren kombiniert. Auf einem großen Teil der übrigen Bilder waren Massengräber, Hingerichtete, Opfer der Tscheka, Verstümmelte und zu Tode Gefolterte zu sehen. Diese Form der Gräuelpropaganda war damals sehr verbreitet. Man versuchte, den Gegner moralisch durch Zurschaustellung seiner Grausamkeit zu diskreditieren. Die Bilderfolge endet mit »Opfern des Bolschewismus in Riga«, jener Stadt, in der Rosenberg wenige Jahre zuvor studiert hatte.

Das letzte Kapitel der schmalen Schrift war dem »jüdischen Weltbetrug« gewidmet. Ihm schlossen sich »Schlußfolgerungen und Ausblicke« an. Nachdem Rosenberg den Leser ein weiteres Mal daran erinnert hat, »daß die Häupter des Marxismus von jeher Juden waren«,[24] kommt er zum Kern der Sache: »Schürfen wir nun etwas tiefer und vergegenwärtigen uns, was der heutige Kampf welthistorisch bedeutet, so werden wir ihn als einen neuen Aufmarsch des vorderasiatischen Geistes gegen Europa erkennen.«[25] Rosenberg sah die jüdisch-bolschewistische Revolution in der Traditionslinie der Mongolenvorstöße, der vorderasiatischen Hilfstruppen der Römer, des islamischen Vormarschs in Südeuropa und schließlich der Türkenkriege. Alle diese Angriffe seien abgewehrt worden, ihre Folge sei aber eine »tiefgehende Blutmischung«, sodass »im russischen Volke europäischer und asiatischer Charakter einen ständigen Kampf [kämpfen], dessen Ausgang niemand prophezeien kann.«[26]

Schließlich kommt Rosenberg auf den Wesenskern dieser weder europäischen noch russischen Bewegung zu sprechen: »Als eigentlicher Führer aber dieses asiatisch-nomadischen Wüstengeistes tritt naturgemäß dasjenige Element hervor, welches den syrischen Geist am zähesten erhalten hat: Das Judentum.«[27] Die Juden sind die Pest in Rußland. Sie stehen als geschlossener Block gegen Europa und wirken zugleich in seinem Inneren als »asiatische Horde auf märkischem Sande«.[28] Die Frontstellung war klar. Auf der einen Seite das alte Europa, geführt von deutschen Männern, auf der anderen Seite der »totfeindliche asiatisch-mittelmeerländische Geist« unter Führung des internationalen Judentums.[29] Diese manichäische Antithese, deren Auflösung nur durch Sieg oder Untergang möglich war, beherrschte Rosenbergs Denken von seinen frühesten Jahren bis zu seinem Ende.

Die drei 1922 erschienenen Schriften haben, trotz ihrer scheinbar so unterschiedlichen Gegenstände – Zionismus, Parteiprogramm, Russische Revolution –, alle dasselbe Thema. Der Autor folgte mit geradezu paranoider Intensität der Wahnvorstellung eines gewissermaßen jüdischen Weltgeistes, dessen zerstörerisches Wirken den ehrsamen Teil der Menschheit, namentlich die Deutschen, immer und überall bedrohte. Im Jahr 1923 brachte Rosenberg nur ein Buch heraus. Es war wiederum demselben Thema gewidmet und beschäftigte sich mit dem bis heute populärsten und folgenreichsten aller antisemitischen Propagandastücke, den »Protokollen der Weisen von Zion«.[30]

Die Herkunft der Protokolle ist bis heute nicht wirklich geklärt, auch wenn vieles dafür spricht, dass Agenten der zaristischen Geheimpolizei Ochrana daran mitgewirkt haben. Die »Protokolle«, Ende des 19. Jahrhunderts in Paris fabriziert, erschienen 1903 erstmals auf Russisch. Der Antisemit P. A. Kruschewan publizierte sie in der St. Petersburger Zeitschrift Snamja [Das Banner] unter dem Titel »Programm für die Welteroberung durch die Juden«. Populär wurden die »Protokolle« aber erst durch Sergej Nilius, einen am Zarenhof höchst einflussreichen mystischen Schriftsteller, der den Text in einer ganz neuen Version 1905 in eines seiner Bücher aufnahm.[31] 1917 brachte Nilius die »Protokolle« in einer durchgesehenen, erweiterten Fassung heraus. Bei der ermordeten Zarin fand man ein Exemplar des Buches, was manchen als Beweis für die jüdische Anstiftung der bolschewistischen Revolution galt. 1919 erschien erstmals eine deutsche Übersetzung, die den Titel Die Geheimnisse der Weisen von Zion trug. Der rechtsradikale Publizist Ludwig Müller veröffentlichte die Ausgabe unter dem Pseudonym Gottfried zur Beek für den »Verband gegen Überhebung des Judentums«.

Während Müller nach einer längeren Einleitung die »Verhandlungs-Berichte der ›Weisen von Zion‹ auf dem 1. Zionisten-Kongress, der 1897 in Basel abgehalten wurde« folgen ließ, publizierte Rosenberg nicht den Text, sondern seine eigene Theorie über die jüdische Weltpolitik und streute lediglich kurze Zitate aus den »Protokollen« als Beweise für das Gesagte in den Text ein. Es ging ihm nicht um die weitere Verbreitung der Protokolle, er benutzte das populäre Pamphlet vielmehr als Ausgangspunkt für einen neuerlichen Anlauf zu einer verschwörungstheoretischen Welterklärung. Sein Buch schloss mit einem Aufruf zur Befreiung der Menschheit von der »Weltverjudung«.[32] Auch wenn Alfred Rosenberg die »Protokolle« vor allem als Vehikel zur Verbreitung eigener Anschauungen nutzte, gilt er dennoch als ihr »führender Propagandist« in Deutschland,[33] was darauf zurückzuführen ist, dass er immer wieder an führender Stelle in dem publizistischen Kampf um ihre Echtheit mitwirkte.

Ob Rosenberg, wie manche Autoren vermuten wollen, Adolf Hitler mit den »Protokollen« bekannt gemacht hat, kann dahingestellt bleiben. In jedem Fall kann man angesichts ihrer weiten Verbreitung davon ausgehen, dass Hitler sie gekannt hat. Seine frühen Reden zeugen von der Vorstellung einer zionistisch inspirierten, internationalen jüdischen Verschwörung. Nicht nur von der geheimnisvollen Macht, dem »internationale[n] Börsen- und Leihkapital«, sondern von einem »unsichtbaren Staat [...] als oberste Spitzentyrannei über die ganze Welt« war da die Rede.[34] Dabei fällt auf, dass bis 1920 Hitler das »Judenproblem« und seine »Lösung« eher im nationalen Rahmen sah, während er danach die Juden vor allem als eine internationale Bewegung attackierte, wobei Marxismus und Hochfinanz nur zwei Gesichter derselben Verschwörung waren. Hier wirkte der Einfluss Alfred Rosenbergs, der ein ums andere Mal den jüdischen Charakter der Russischen Revolution beschwor und zugleich unermüdlich die jüdische Beherrschung der Finanzwelt anprangerte. Zugleich folgte aus seiner manichäischen Weltsicht, dass es dem Judentum nicht möglich sei, von seinem Weltherrschaftsstreben abzulassen und sich friedlicheren Zielen zuzuwenden: »Daß aber das Ziel der physischen Verrottung, rassischen Verseuchung und seelischen Versumpfung unseres Volkes nie und nimmer aufgegeben werden wird, ist jedem klar, der erkannt hat, daß die jüdische Hochfinanz und der Bolschewismus als die beiden Methoden zur Erkämpfung einer hebräischen Weltherrschaft nicht mehr zurück können.«[35]

Die Juden folgten »unabänderlichen und uralten Instinkten«.[36] Deshalb war ein Kompromiss mit ihnen nicht möglich, zu ihrer Vernichtung gab es keine Alternative. Das galt naturgemäß auch für den jüdischen Bolschewismus. Aus diesem Grund wurde Rosenberg wohlweislich vom Geschehen ferngehalten, als es um die Vorbereitung des Hitler-Stalin-Pakts ging. Nicht ihn, sondern Joachim von Ribbentrop hatte Hitler 1938 zum Außenminister berufen, einen Mann, der nicht im Verdacht stand, sich allzu sehr mit ideologischen Grundsatzfragen zu beschäftigen.

Alfred Rosenberg war in der »Kampfzeit«, als es noch um politische Positionen, aber nicht um praktische Politik ging, unbestritten der führende Außenpolitiker der NSDAP. 1927 erschien sein Buch Der Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik. In dieser programmatischen Schrift, der einzigen maßgeblichen nationalsozialistischen Publikation zu Fragen der Außenpolitik, setzte er sich mit den vier ehemaligen Kriegsgegnern Frankreich, Italien, England und  Russland auseinander, wobei die aus der Revolution von 1917 hervorgegangene Sowjetunion zu einem Machtfaktor neuer Art geworden war. Das »Rassenchaos« hatte sich geklärt, allerdings zum Negativen hin. Die Juden, die schon beim Niedergang des römischen Weltreichs eine entscheidende Rolle gespielt hatten, hatten auch im bolschewistischen Russland die Oberhand gewonnen: »Das Wesen der Revolution in Rußland besteht nun, rassengeschichtlich betrachtet, in der Tatsache, daß die unbewußten mongoloiden Mächte im russischen Volkskörper über die nordischen siegten und zur Ausrottung dieses ihnen feindlich erscheinenden Wesens schritten.«[37] Das lag ganz auf der Linie dessen, was er auch schon in den frühen 1920er-Jahren geschrieben hatte.

Inzwischen war aus einem dreijährigen blutigen Bürgerkrieg die Sowjetunion als Siegerin hervorgegangen. Es wurde immer klarer, dass die große Gemeinde der russischen Emigranten, mit der es zunächst lebhafte Kontakte gegeben hatte, von der Restitution eines Systems träumte, das nicht wiederkehren würde. Das machte sie als Bundesgenossen nicht attraktiver und trug auch dazu bei, alte Träume von einer deutsch-russischen Verständigung verblassen zu lassen. Dass die Nationalsozialisten den Vertrag von Rapallo entschieden ablehnten, war vor diesem Hintergrund nicht überraschend. Alfred Rosenberg schrieb im Völkischen Beobachter: »Wir betrachten den Vertrag von Rapallo als eine der Vorstufen, die die Börsen- und Sowjetjuden gebaut haben, um das noch nicht am Boden liegende deutsche Volk zum letzten Gang zu führen.«[38] Auch Hitler hielt den Glauben an eine Verständigung für »phantastisch, solange in Rußland ein Regime herrscht, das von dem einzigen Bestreben erfüllt ist, die bolschewistische Vergiftung auf Deutschland zu übertragen«.[39]

Hitler und Rosenberg sahen in den 1920er-Jahren mit wachsendem Missfallen die Faszination, die die Vorstellung einer deutsch-russischen Verständigung auf die Linke in der NSDAP ausübte, z.B. bei den Brüdern Strasser, Reventlow oder Goebbels.[40] Die Auffassungsunterschiede kristallisierten sich deutlich am Verhältnis zur Sowjetunion heraus. Die Brüder Strasser und Goebbels sahen hier vor allem ein Land, in dem die Arbeiterklasse zur Macht gekommen war. Ihre Bewunderung ging nicht so weit wie die der Nationalbolschewisten, aber einem Mann wie Goebbels war klar, dass man die Arbeiter erreichen musste, wenn man die Macht im Staat erringen wollte. Als Berliner Gauleiter gab er das »Kampfblatt« Angriff heraus, das mit dem Motto »Für die Unterdrückten! Gegen die Ausbeuter!« erschien.[41] Wenn Goebbels bei Versammlungen sprach, in schwarzer Lederjacke, mit geballter Faust und radikale sozialistische Parolen schreiend, war er, von der äußeren Statur abgesehen, eine perfekte Kopie des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann.

Zu der berühmten Versammlung in den Pharussälen am 11. Februar 1927 hatte Goebbels die »Arbeiter der Stirn und der Faust« gerufen. Seine Ansprache stand unter dem Motto: »Der Zusammenbruch des bürgerlichen Klassenstaates!«.[42] Bei einer anderen Kundgebung lautete sein Thema »Lenin oder Hitler?«. Im Einladungsplakat hieß es: »Willst Du einen deutschen Sozialismus oder international-jüdischen Kommunismus? Soll Trotzki-Braunstein, Sinowjew-Apfelbaum, Radek-Sobelson oder Adolf Hitler der Befreier der Arbeiter sein?« All das war Rosenberg ein Gräuel. Er wollte keinen deutschen Sozialismus, auch keinen nationalen Sozialismus, sondern den Nationalsozialismus: »Das Wort Nationalsozialismus stellt als Hauptwort eine neue Synthese dar, die die Untrennbarkeit zweier Begriffe betont, während die Bezeichnung nationaler Sozialismus in Wirklichkeit nationaler Marxismus bedeutet oder bedeuten könnte.«[43]

Spätestens seit der Niederlage der Linken in der NSDAP auf der Bamberger Führertagung im Februar 1926 war klar, dass es zur außenpolitischen Linie von Hitler- und Rosenberg in der NSDAP keine Alternative gab. 1927 hatte sich längst eine klare Orientierung herausgebildet. Das Gegenstück zum Ausgleich mit England, den man suchte, war die grundsätzliche Gegnerschaft zu Russland. Deutschland würde Russland in Schach halten und so einen wichtigen Beitrag zur Wahrung der englischen Interessen in Indien leisten, während im Gegenzug die Engländer die Franzosen daran hindern würden, den Rhein nach Osten zu überschreiten. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen plädierten Hitler und Rosenberg für den Verzicht auf koloniale Ambitionen und die Eroberung fehlenden deutschen Lebensraums im Osten Europas. Die Hoffnung auf einen Ausgleich mit England und die zentrale Frontstellung gegen Sowjetrussland waren beides zentrale Elemente ihres außenpolitischen Konzepts.

Im September 1933 fand in Nürnberg der »Parteitag des Sieges« statt. Alfred Rosenberg hielt dort eine große Rede über – wer wollte überrascht sein? – den »Bolschewismus als Aktion einer fremden Rasse«. Es war die bekannte Suada, angereichert um Elemente eines biologistisch argumentierenden Rassismus. So begann er mit längeren Ausführungen über das Parasitentum: »Um die weltgeschichtliche Erscheinung des Bolschewismus zu begreifen, muß man einsehen, daß es nicht nur im Pflanzen- und Tierleben Parasiten gibt, sondern, ganz nüchtern wissenschaftlich gesprochen, auch im Menschendasein.«[44]

Von dieser Feststellung war der Weg nicht mehr weit zum Untermenschen. Rosenberg hat diesen Begriff zwar nicht erfunden, aber er hat ihn für den Nationalsozialismus popularisiert. Dabei bezog er sich auf den amerikanischen Historiker und Rassentheoretiker Lothrop Stoddard, der festgestellt hatte: »Diese Weltanschauung des Untermenschen nennt man heute Bolschewismus.«[45] Rosenberg griff das im Mythus des 20. Jahrhunderts auf und bezog es direkt auf die Russische Revolution: »Im Jahre 1917 wurde der ›russische Mensch‹ endlich erlöst. Er zerfiel in zwei Teile. Das nordisch-russische Blut gab den Kampf auf, das ostisch-mongolische schlug mächtig empor, berief Chinesen und Wüstenvölker; Juden, Armenier drängten sich an die Führung, und der Kalmücko-Tartare Lenin wurde Herr. Die Dämonie dieses Blutes richtete sich instinktiv gegen alles, was noch äußerlich als aufrecht wirkte, männlich nordisch aussah, gleichsam lebendiger Vorwurf war gegen einen Menschen, den Lothrop Stoddard richtig als ›Untermenschen‹ bezeichnete.«[46]

Hier wurden die ideologischen Grundlagen gelegt für das Feindbild, mit dem die deutschen Soldaten dann 1941 in den Krieg gegen die Sowjetunion ziehen sollten. Auch im Kontext des Holocaust war Rosenbergs Aufgabe vor allem die Implementierung des antisemitischen Feindbildes und erst in zweiter Linie die Mitwirkung bei der Durchführung der Vernichtungsmaßnahmen.

In der schon einmal zitierten Parteitagsrede führte er weiter aus: »Zionismus und Weltbolschewismus […] sind zwei Druckmittel in der Hand einer alljüdisch geleiteten Weltpolitik, um die jüdischen Ziele durch kapitalistische Methoden im demokratischen Westen, durch bolschewistischen Terror im Osten […] zu verwirklichen.«[47] Das antisemitische Feindbild und das antibolschewistische Feindbild waren zwei Seiten derselben Medaille. Das war Rosenbergs Mantra, das er bis zum Ende gebetsmühlenhaft wiederholte. Auch in den Parteitagsreden der folgenden Jahre sprach er von nichts anderem. 1934 sagte er: »Im Wesen ist der Bolschewismus die Form der jüdischen Weltrevolution.«[48] Wer den sowjetischen Untermenschen überwand, besiegte zugleich auch den jüdischen Weltfeind. In dieser Überzeugung fanden sich Adolf Hitler und Alfred Rosenberg. Sie führte in den Vernichtungskrieg im Osten.

Am 30. Januar 1939 trat erstmals der nach dem »Anschluss« Österreichs neu gewählte »Großdeutsche Reichstag« zu einer Sitzung zusammen. Hitler gab eine Regierungserklärung ab, in der er bald auf sein Kernthema zu sprechen kam, den »jüdischen Weltfeind«. Deutschland sei friedliebend, aber die jüdische Frage müsse gelöst werden, denn diese »wurzellose internationale Rasse« stehe hinter den Kriegshetzern, die er z.B. in Großbritannien am Werk sah, da sie am Krieg verdiene. Der folgende Satz sollte der berühmteste dieser Rede werden: »Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker Europas noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.«[49] Diese Prophezeiung ist sehr bekannt, Hitler wiederholte sie später noch mehrfach. Interessant ist die implizite These, dass der Sieg des Judentums, den es zu verhindern gelte, zu einer Bolschewisierung der Erde führen würde. Dies ist ein schlagender Beweis dafür, dass auch für Hitler ein unauflöslicher Zusammenhang zwischen Judentum und Bolschewismus bestand. Der von Hitler prophezeite Krieg begann noch im selben Jahr 1939, der Feldzug gegen den jüdischen Bolschewismus erst zwei Jahre später. Alfred Rosenberg war einer der Wegbereiter für diesen Vernichtungsfeldzug.

 


[1] Siehe beispielhaft Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005; Andreas Zellhuber: Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Anatomie einer deutschen Behörde, Augsburg 2005; Jürgen Matthäus/Frank Bajohr (Hg.): Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944, Frankfurt a.M. 2015.

[2] Alfred Rosenberg: Pest in Rußland. Seine Häupter, seine Handlanger und seine Opfer, mit 75 Lichtbildern aus Sowjetrußland, München 1922, S. 6.

[3] Adolf Hitler, Mein Kampf, 181. Auflage München 1936, S. 751.

[4] Erhard Wetzel regte an, dass »die rassisch unerwünschten Teile der Bevölkerung verschrottet werden könnten“. Erhard Wetzel: Bericht über die Sitzung am 4.2.1942 bei Dr. Kleist über die Fragen der Eindeutschung, insbesondere in den baltischen Ländern vom 7.2.1942, zit. nach Helmut Heiber: Der »Generalplan Ost«, Viertelsjahrshefte für Zeitgeschichte, 1958, H. 6, S. 281–325, hier S. 295.

[5] Zit. nach Serge Lang/Ernst von Schenck: Porträt eines Menschheitsverbrechers nach den hinterlassenen Memoiren des ehemaligen Reichsministers Alfred Rosenberg, St. Gallen 1947, S. 41.

[6] Dietrich Eckart: Totengräber Rußlands, 7. Aufl. München 1921.

[7] Ebd., S. 2.

[8] Ebd., S. 6.

[9] Ebd., S. 16.

[10] Alle folgenden Zitate ebd., S. 3–5.

[11] Ebd., S. 5.

[12] Alfred Rosenberg: Schriften und Reden I. Schriften aus den Jahren 1917–1921. Mit einer Einleitung von Alfred Baeumler, München 1943, S. 91.

[13] Ebd., S. 109.

[14] Rosenberg: Pest in Rußland (Anm. 2), S. 11.

[15] Alfred Rosenberg, Schriften und Reden II. Schriften aus den Jahren 1921–1923. Mit einer Einleitung von Alfred Baeumler, München 1943, S. 101.

[16] Ebd., S. 122.

[17] Ebd., S. 124.

[18] Ebd., S. 125.

[19] Ebd.

[20] Ebd., S. 126, 128.

[21] Rosenberg: Pest in Rußland (Anm. 2), S. 9.

[22] Ebd., S. 23.

[23] Ebd., S. 68.

[24] Ebd., S. 94.

[25] Ebd.

[26] Ebd., S. 94 f.

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] Ebd., S. 96.

[30] Zur Vorgeschichte Armin Pfahl-Traughber: Der antisemitische-antifreimaurerische Verschwörungsmythos in der Weimarer Republik und im NS-Staat, Wien 1993, S. 39 ff.; Ernst Piper: »Die jüdische Weltverschwörung«, in: Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hg.): Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, München 1995, S. 127–135; Michael Hagemeister: Sergej Nilus und die »Protokolle der Weisen von Zion«. Überlegungen zur Forschungsfrage, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung (1996), H. 5, Frankfurt a.M./New York 1996, S. 127–147.

[31] Siehe Walter Laqueur: Russia and Germany. A Century of Conflict, London 1965, S. 101.

[32] Alfred Rosenberg: Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitk, München 1923, S. 132.

[33] Norman Cohn: Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung, Köln 1969, S. 247.

[34] Zit. nach Günter Schubert: Die Anfänge der nationalsozialistischen Außenpolitik, Berlin 1961, S. 33 f.

[35] Alfred Rosenberg: Das Wesen des Bolschewismus, Völkischer Beobachter vom 17. August 1913.

[36] Ebd.

[37] Alfred Rosenberg: Der Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik, München 1927, S. 88.

[38] Alfred Rosenberg: Frankreich in Genua, Völkischer Beobachter vom 3. Mai 1922.

[39] Institut für Zeitgeschichte (Hg.): Adolf Hitler. Reden Schriften Anordnungen, Bd. II A, München 1995, S. 112.

[40] Siehe z.B. Joseph Goebbels: Nationalsozialismus und Bolschewismus. Rede und Gegenrede über das »russische Problem«, München 1925, und ders.: Lenin oder Hitler, Zwickau 1926. Siehe Laqueur: Russia and Germany (Anm. 31), S. 147.

[41] Siehe z.B. die Eigenanzeige in Joseph Goebbels: Der Nazi-Sozi. Fragen und Antworten für den Nationalsozialisten, München 1929, vor S. 1.

[42] Joseph Goebbels: Kampf um Berlin. Der Anfang, München 1941, S. 67.

[43] Völkischer Beobachter vom 1. September 1923, zit. nach Alfred Rosenberg: Kampf um die Macht, München 1937, S. 253.

[44] Alfred Rosenberg: Europa und sein Todfeind. Vier Reden über das bolschewistische Problem, München 1938, S. 10.

[45] Lothrop Stoddard: The revolt against the civilization. The menace of the underman, New York 1925, S. 127.

[46] Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, 57. Aufl. München 1935, S. 213 f.

[47] Rosenberg: Europa und sein Todfeind (Anm. 44), S. 15.

[48] Ebd., S. 30.

[49] Max Domarus (Hg.): Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, Bd. 3, Wiesbaden 1973, S. 1058.

Kurzbiografie

Abstract

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