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Verschwörungsdenken in der politischen Führung Polens im Kalten Krieg. Bierut, Berman, Werfel und der »Prozess der Generäle«

JHK 2016 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 181–194 | Metropol Verlag

Autor/in: Ute Caumanns

»Man setzte alte, verdiente Kommunisten auf die Anklagebank und unterstellte ihnen, sie seien japanische, türkische und der Teufel weiß was noch für Spione. [...] Man mußte damals schon viel Kraft und Ergebenheit für die Sache aufbringen, um die Sowjetunion trotz aller Entstellungen, Ungerechtigkeiten und Abscheulichkeiten zu lieben.«[1]

Jakub Berman hegte, wie es scheint, keine Illusionen. Dennoch übernahm er die ihm übertragene Aufgabe, auf Parteiversammlungen die Moskauer Schauprozesse zu rechtfertigen. Wie er rückblickend einräumte, habe er versucht, die Zusammenhänge »nach bestem Wissen zu erklären«, die Zwangslage mit ihren zahllosen inneren Widersprüchen darzulegen, in der sich Stalin vermutlich befand, wenn er »die Fehler der Opposition aufbauschte«.[2]

Als Berman nach dem Krieg im kommunistischen Polen zum zweiten Mann hinter Bolesław Bierut aufstieg, vertrat er nicht mehr nur die »Widersprüche« der sowjetischen Partei, sondern verantwortete eigene Schauprozesse. Warum tat er das? War es nur ein taktisches Verhalten – zur Herrschaftssicherung nach Stalins Vorbild? Oder glaubte er an die verschwörungstheoretischen Meistererzählungen, die auf der Bühne des Gerichtssaals inszeniert wurden? Welche Traditionen und Haltungen, welche Erfahrungen gingen in die Entscheidungen der politischen Führung Polens ein? Was veranlasste sie, Verschwörungstheorien zu propagieren und Schauprozesse zu inszenieren? Mit Bierut, Berman und Werfel stehen dabei drei führende Vertreter des stalinistischen Regimes im Fokus.

 

Kalter Krieg und Schauprozesse

Schauprozesse sind keine juristischen Verfahren, sondern mediale Ereignisse.[3] Als solche prägten sie nicht nur die Sowjetunion der Vorkriegszeit, sondern in der stalinistischen Phase des Kalten Krieges (1948–1956) auch den sowjetischen Machtbereich Osteuropas. Ihnen zugrunde liegt ein instrumentelles Rechtsverständnis, demzufolge die Herrschaftssicherung zur ersten Pflicht der Justiz wurde.

Schauprozesse sind zugleich Höhepunkt und Kennzeichen einer mittlerweile abgeschlossenen, historisierbaren Epoche. Sie antworteten in der ihnen möglichen Weise auf Krisen und erzeugten damit neue. Was in ihnen dominiert, aber keineswegs nur hier wirksam wird, ist der Versuch, die Welt mithilfe von Verschwörungsszenarien zu deuten. Dabei sind die Vorbilder unverkennbar. Dass die Nachkriegsprozesse von Moskau geplant und kontrolliert wurden, scheint unbestritten, doch waren sie keine bloßen Kopien der Moskauer Prozesse der 1930er Jahre.[4] Die im Zuge der stalinistischen Säuberungen erprobte Dramaturgie gelangte nach dem Krieg »ready-to-wear«, doch mit anderer Zielsetzung, nach Polen.[5] Sie entfaltete sich in einer zentralen Konfliktzone des Kalten Krieges, in der unterwürfige Satelliten erst noch geschaffen werden mussten und die Sowjetunion sich vor die Daueraufgabe gestellt sah, den ideologischen Einfluss des Westens einzudämmen.

Die kommunistische Führung in Polen war fragil. Ihre Partei besaß – anders als die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei – nur wenig Rückhalt in der Bevölkerung. Ihr Trumpf lag in der Westverschiebung und neuen Gestalt Polens, welche die Sowjetunion zum einzigen Grenzgaranten machte. Die neuen Führungskräfte – Bierut, Berman und Hilary Minc – waren aus der Sowjetunion nach Polen zurückgekehrt. Sie genossen das Vertrauen Stalins, soweit dies möglich war. Aus dem Exil brachten sie ihre Erfahrungen und vor allem die Bereitschaft mit, Stalin in seiner Politik der Stärke zu folgen, hatte dieser doch gezeigt, dass unter Aufbietung aller Kräfte selbst Hitlerdeutschland besiegt werden konnte.

 

Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien bieten sich in Krisenzeiten als Problemlösung an, weil sie eine klare Botschaft vertreten. Sie versuchen, komplexe, als Missstand wahrgenommene Zusammenhänge monokausal als Machenschaften einer Gruppe von Verschwörern zu erklären. Dabei kennzeichnet sie keineswegs, wie es etwa Daniel Pipes vertritt, »eine total andere Denkweise«.[6] Es reicht nicht aus, die Vertreter solcher Theorien schlichtweg als Paranoiker zu bezeichnen, denn ihr Vorgehen ist, so Dieter Groh, mit einer »eigensinnigen hochrationalen«[7] Logik verknüpft und auf Vermittlung angelegt.[8]

Ebenso falsch wäre es, Verschwörungstheorien vorschnell in den Bereich der Fiktion zu verbannen. Bei näherer Untersuchung der Narrative zeigt sich nämlich, dass sehr wohl mit lebensweltlich erfahrbar- und verifizierbarem »Wissen« gearbeitet wird. Verschwörungstheoretiker operieren in einer Grauzone zwischen Fakten und Fiktionen.[9] Sie oszillieren geradezu zwischen beiden.[10]

Die in den Schauprozessen verwendeten Vorwürfe lagen für die Zeitgenossen im Bereich des Möglichen und entbehrten vor der sich abzeichnenden Systemkonfrontation zwischen Ost und West nicht einer gewissen Plausibilität. In der Tat lässt sich für die Hochphase des Kalten Krieges auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs eine kollektive Atmosphäre gegenseitiger Verdächtigungen ausmachen. Dem Einzelnen war es in dieser Situation kaum möglich, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Realität und Konstrukt zu unterscheiden.

 

Polen: »Prozess der Generäle«

Anders als in Ungarn und der Tschechoslowakei kam es in Polen nicht zu einem Schauprozess gegen Führungskader der Partei. Dafür standen andere im Scheinwerferlicht. Die Opfer, die sich dramaturgisch für eine Rolle als Täter anboten, kamen aus höchst unterschiedlichen Milieus. Sie bekleideten Schlüsselstellungen in Staat und Wirtschaft, gehörten Vereinigungen der antikommunistischen Opposition sowie der katholischen Kirche an oder waren für ausländische Einrichtungen tätig.

Der Umstand, dass es im stalinistischen Polen keine dem Rajk- oder Slánský-Prozess in Ungarn bzw. der Tschechoslowakei vergleichbare Inszenierung gegen Führungskader der Partei gab, hat sich auf die Forschung ausgewirkt, die Polen eher kursorisch abhandelt.[11] Dadurch geraten die anderen Schauprozesse aus dem Blick. Dass es solche reichlich gab, hat schon der Bericht der 1956 zur Untersuchung von Rechtsverstößen eingesetzten Mazur-Kommission festgestellt. »Verschwörung« als Straftatbestand zieht sich wie ein roter Faden durch das von ihr ausgewertete Material. Dabei wurden die meisten Urteile in »präparierten Prozessen« zwischen März 1952 und dem zweiten Quartal 1953 gefällt.[12] Stalins Tod wäre immerhin aus dieser Perspektive als Einschnitt anzusehen.

Dass Angehörige der Streitkräfte im Fokus des größten polnischen Schauprozesses standen, überrascht kaum, wenn man bedenkt, dass die Armee eine der Schwachstellen der neuen Volksrepublik darstellte – bestand doch der latente und nicht unbegründete Verdacht, dass hier im Geheimen die antikommunistischen Traditionen der Armia Krajowa [AK, Heimatarmee] weitergeführt wurden. Der Plot des Drehbuches lässt sich, etwas vereinfacht, so zusammenfassen: Stanisław Tatar, seit 1944 in London als Verbindungsoffizier der AK zur Exilregierung tätig und mit der Verwaltung polnischen Vorkriegsvermögens befasst, wird vorgeworfen, er sei aus einem bestimmten Grund nach Polen zurückgekehrt und mit Armeeangehörigen in Kontakt getreten. Er habe das ihm anvertraute Vermögen der neuen kommunistischen Führung nur deshalb angeboten, um ihr Vertrauen zu gewinnen.[13] Das in diesem Zusammenhang lancierte Bild vom »Trojanischen Pferd« diente als verschwörungstheoretisches Erklärungsmodell und lieferte die Begründung für die zahlreichen Verhaftungen.[14]

Der Schauprozess vor dem Obersten Militärgericht, der am 31. Juli 1951 – also am Vorabend des Jahrestages der Auslösung des Warschauer Aufstands – begann, geriet zur zentralen Inszenierung im stalinistischen Polen. Dabei ging es nicht nur um eine »Verschwörung innerhalb der Streitkräfte«, sondern – wie in den anderen Staaten des sowjetischen Machtbereichs – auch um die Partei. Mit dem Auftritt des stellvertretenden Verteidigungsministers Marian Spychalski als – sich selbst belastenden – Zeugen wurde die Veranstaltung zur Auftaktinszenierung für die Ausschaltung der »rechtsnationalistischen Abweichler« um Ex-Parteichef Gomułka.[15] Der »Prozess der Generäle«, dem eine zentral gesteuerte Dramaturgie zugrunde lag, wurde zum Medienereignis. Beobachter aus Betrieben und Militäreinheiten sowie Vertreter der Massenmedien wurden dazugeladen: Radio, überregionale Presse und Wochenschau und ganz bewusst auch ausländische Korrespondenten.

Für die politische Führung hatte der Schauprozess eine didaktische Funktion, die weit über die eines normalen juristischen Verfahrens hinausging. In einer Anweisung für die Parteiarbeit hieß es deshalb ausdrücklich: »Der Prozess hat eine große politische und erzieherische Bedeutung; er erhöht die Wachsamkeit gegenüber dem Klassenfeind und seinen Arbeitsmethoden.«[16] Damit folgte die Partei einer älteren Tradition, denn die didaktische Bedeutung des Gerichtssaals wurde schon von Lenin erkannt und von Stalin weiterentwickelt. Dessen Chefankläger, Andrej J. Vyšinskij, hatte 1937 formuliert: »Der öffentliche Prozeß lehrt aufmerksam zu werden, veranlaßt ehrliche Menschen, in ihrem Gedächtnis und in ihrer Umgebung zu suchen, ob nicht etwas Verdächtiges zu finden ist, etwas, das vielleicht dieselben verbrecherischen Wege gegangen ist.«[17]

Vyšinskij hatte großen Einfluss auf die Satellitenstaaten.[18] Sein Verständnis von der gesellschaftlichen Dimension der Schauprozesse ist auch in Polen erkennbar: am (geladenen) Publikum im Gerichtssaal, an den vermeintlich spontanen Protestkundgebungen außerhalb, an der Prozessbegleitung durch Leitmedien wie Trybuna Ludu.[19] Sie alle folgen dem Narrativ der »verbrecherischen Verschwörung faschistischer Sanacja-Offiziere« als »Agenten des anglo-amerikanischen Nachrichtendienstes« und deuten insofern jedwede Abweichung als kriminellen Akt. Welche Rolle kommt in diesem Umdeutungsprozess der politischen Führung Polens zu? Welchen Anteil hat sie an der Ingangsetzung und Inszenierung des Schauprozesses?

 

Bierut

Bolesław Bierut (1892–1956) gehörte zu jener Generation führender polnischer Kommunisten, die noch in Russisch-Polen geboren wurde und damit gleich drei Ausrichtungen der Konspiration erlebte: zuerst antizaristisch, dann antipolnisch und schließlich antideutsch.

Aufgewachsen in einem dörflichen, römisch-katholischen Milieu, radikalisierte er sich im Umfeld der Revolution von 1905, musste die Schule vorzeitig verlassen und sammelte erste politische Erfahrungen in einem konspirativen, antizaristischen Jugendzirkel. Als Mitglied der Polnischen Kommunistischen Partei (KPP) wurde er 1923 zum ersten Mal verhaftet. Erfahrung mit Illegalität und konspirativer Arbeit erwarb der spätere Generalsekretär auch durch eine enge Zusammenarbeit mit sowjetischen Nachrichtendiensten. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte er zunächst in Minsk, ab Juli 1943 übernahm er operative Aufgaben im besetzten Polen.

Bierut war Autodidakt, was seinen Parteigenossen Berman zu der Einschätzung veranlasste, dass ihn wohl bei all seinen umfangreichen Interessen Komplexe gequält hätten, die er nicht habe überwinden können. Die »zwanghafte Loyalität gegenüber der Sowjetunion und der fanatische Glaube an Dogmen« hätten seine Entscheidungen beeinflusst.[20] Bei aller Kritik sah sich Berman mit ihm aber in enger Freundschaft und gegenseitiger Sympathie verbunden. Stalin habe Bierut geschätzt und recht gehabt, ihn zur führenden Persönlichkeit Polens zu bestimmen.[21] Mit der Entmachtung Gomułkas 1948 wurde Bierut zum wichtigsten Entscheidungsträger innerhalb des Trios, das er mit Berman und Minc bildete.

Bierut hatte seinen großen Auftritt im November 1949 auf dem Plenum des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), das ganz im Zeichen des »verschärften Klassenkampfes« stand. Hier hielt der neue Generalsekretär das Grundsatzreferat,[22] in dem er die Forderung nach erhöhter »Wachsamkeit« ganz oben auf die Agenda setzte. »Die Partei erfüllt ihre Aufgaben unter den Bedingungen des sich verschärfenden Kampfes [...]. Dieser Kampf durchdringt heute mit besonderer Intensität sowohl die internationalen Beziehungen als auch unser ganzes innenpolitisches Leben. Er fordert von der Partei als Ganzes, von jeder ihrer Organisationszellen und von jedem Mitglied besonderen Scharfblick und besondere Wachsamkeit.«[23] Bierut entwarf ein zugespitztes Bild der internationalen Lage: Der Sowjetunion, deren wirtschaftliche und politische Kraft von »imponierender Dynamik« sei, stünden krisengeschüttelte USA gegenüber, die eine »hysterische, abenteuerliche Politik« betrieben.[24] In dieses bipolare Weltbild ordnete er die aktuellen Krisen ein, vor allem den Konflikt mit Tito-Jugoslawien: »Die vergangenen Monate haben die vollständige Demaskierung der verbrecherischen nationalistisch-faschistischen Tito-Clique mit sich gebracht und den schändlichen Zusammenbruch ihrer Verschwörungspläne, geschmiedet auf Empfehlung der amerikanischen Kriegstreiber. Die Antwort darauf war die fortschreitende politische und wirtschaftliche Konsolidierung der Länder der Volksdemokratie [...][25]

Es ist dieses hochideologische Deutungsmuster, das Bierut auf der Grundlage der Theorie des »verschärften Klassenkampfes« präsentierte. Geschichte dient dabei als Argument: »Die Methode der Sprengung [rozsadzania] revolutionärer Organisationen von außen mithilfe [...] von Provokateuren ist in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung gut bekannt.«[26]

Gerade hier zeigt sich, dass es von besonderer Bedeutung ist, Verschwörungstheorien nicht als Hirngespinste paranoider Politiker abzutun. Denn angeboten wird ein Deutungsmuster, das fiktionale Elemente mit einem verifizierbaren Wissen um die Politik des Systemgegners sowie Erfahrungen aus der eigenen konspirativen Tätigkeit zusammenbringt. Wann tatsächliche Agententätigkeit im Kalten Krieg vorlag und wann imaginierte Infiltration, war weder für den erfahrenen Parteigenossen im Auditorium noch für den Rest der Bevölkerung ersichtlich. Hier musste man sich auf die Arbeit der Sicherheitsorgane verlassen. Doch konnte, ja musste auch der einfache Parteigenosse etwas tun. Denn, so Bierut, die Geschichte der revolutionären Bewegung habe gezeigt, dass innerparteiliche Fraktionsbildung eine »besonders günstige Atmosphäre« biete: »Der trotzkistisch-zinowjewistisch-bucharinsche Block, der seine Arbeit unter der Flagge der politischen und ideologischen Opposition begann, [...] formte sich [...] zu einem konspirativen Netz politischer Diversion, kontrolliert durch imperialistische Spionagezentren.«[27] Von den Moskauer Prozessen der Vorkriegszeit gelangte Bierut dann auf direktem Wege zur aktuellen Lage: »Der Rajk-Prozess hat die finsteren Kulissen dieser Aktion enthüllt. [...] Aber aufgrund der Fakten, die der Rajk-Prozess ans Licht brachte, sowie angesichts der fortschreitenden politischen Konsolidierung in den Ländern der Volksdemokratie wird es der Tito-Agentur nicht gelingen, diese Rolle zu spielen.«[28]

Bierut war von der erzieherischen Funktion der Gerichtsbarkeit überzeugt.[29] Ginge es nur um die Aburteilung und Ausschaltung eines parteipolitischen Gegners, hätte es nicht des enormen Aufwands bedurft, ein juristisches Verfahren zu inszenieren. Doch wichtig war für ihn vor allem der Akt der Enthüllung: Die Bühne des Rajk-Prozesses war für Bierut der Ort, die »finsteren Kulissen« hochzuziehen. Hier ließ sich eine Geschichte in all ihren spannenden Facetten aufführen.

Der Parteichef übertrug die in Ungarn gewonnenen Erkenntnisse auf Polen. Auch hier seien Provokateure am Werk, die sich unter anderem aus der Vorkriegsarmee rekrutierten. Unter diesen Umständen war die Forderung der sowjetischen Bruderpartei auch in Polen aktuell, wonach jeder Bolschewik in der Lage sein sollte, den »Feind der Partei zu erkennen, unabhängig davon, wie gut dieser sich maskiert« habe.[30] »Wachsamkeit« und »Scharfblick« stellten für Bierut positive Komplementärbegriffe zu »Verschwörung« dar – in einer Weltdeutung, die historische wie aktuelle Krisen plausibel und mit »hochoperationaler Logik«[31] zu erklären versucht, indem innerparteiliche Kritiker, politische Oppositionelle und außenpolitische Gegner in einen Aktionszusammenhang gezwungen werden.

Die Historikerin Maria Turlejska kommt nach Sichtung des Bierut-Archivs zu der Auffassung, dass die Eigeninitiative der polnischen Führung und insbesondere des Generalsekretärs in der Vorbereitung der polnischen Schauprozesse als sehr hoch einzuschätzen ist. Anders könnten, so Turlejska, die Vorbereitungen der Verfahren gegen Spychalski und Gomułka nicht erklärt werden. Denn bis 1956 sei weiter am Drehbuch gearbeitet, seien Zeugen vernommen und Geständnisse erpresst worden. Bierut habe bis zu seinem Tod einen äußerst aktiven Part dabei gespielt. Er ließ sich, wie die Archivalien zeigen, täglich informieren.[32]

Bei der Prozessvorbereitung arbeitete Bierut offenbar besonders eng mit Jakub Berman zusammen. So wurde er, als er sich im Oktober 1952 in Moskau aufhielt, persönlich per Brief von Berman über den Stand der Prozessvorbereitung informiert. Der Fortgang der Vernehmungen des als Zeugen vorgesehenen Józef Kuropieska scheint so wichtig gewesen zu sein, dass Berman sie in diesem kaum zweiseitigen Brief erwähnte.[33]

 

Berman

Jakub Berman (1901–1984) wurde vor dem Ersten Weltkrieg in Warschau in eine traditionelle, jedoch nicht orthodoxe jüdische Familie geboren. Dies sozialisierte ihn sprachlich-kulturell zwischen dem Russischen, Jiddischen und Polnischen. Der studierte Jurist Berman gehörte seit den 1920er Jahren der KPP an, er lebte während des Zweiten Weltkriegs in Moskau und organisierte von dort aus den kommunistischen Neuaufbau Polens. Im Führungstrio mit Bierut und Minc war er seit 1949 für die Kontrolle des Sicherheitsapparates zuständig.

Die Wahrnehmungen und Haltungen Bermans gestalten sich komplexer als die von Bierut. Es scheint, dass die Deutung der Welt – hier des Kalten Krieges – in verschwörungstheoretischen Kategorien in seinem Fall möglicherweise taktisch begründet war. Damit wäre er nur mehr Getriebener der Umstände, kein Überzeugungstäter. Dazu lässt sich zunächst feststellen, dass Berman durchaus selbstkritisch eingestanden hat, vom »eisigen Klima des Kalten Krieges und der allgemeinen Verdächtigungen« beeinflusst gewesen zu sein. »Allgemein kann man sagen, daß es die internationale Lage war [...], die eine Kriegspsychose, eine Psychose des Mißtrauens, ein Gefühl des Eingekreistseins auslöste. [...] Es ist auf diese Stimmung zurückzuführen, daß jeder Mißerfolg in einer Fabrik mit Sabotage erklärt wurde. Das war natürlich schrecklich, aber es wurde von denen drüben [gemeint ist der sowjetische Apparat, U. C.] inspiriert.«[34]

Berman war bemüht, sein Verhalten nachträglich in ein günstigeres Licht zu rücken, indem er versucht haben will, den Einfluss der sowjetischen Berater zurückzudrängen und Todesurteile sowie Prozesse gegen führende Kommunisten zu verhindern. Er suggerierte sogar eine gewisse Distanz zum »Wachsamkeits«-Plenum, auf dem er das Wort nicht ergriffen habe, weil ihm die »damalige Atmosphäre« nicht behagte.[35]

Bermans Biografin Anna Sobór-Świderska hat im Dokumentenanhang zu ihrer Studie eine Quelle abgedruckt, die in zeitlicher wie sachlicher Nähe zum Novemberplenum steht. Es handelt sich um ein Grundsatzreferat (Über die Beschlüsse des III. Plenums des ZK der PVAP) anlässlich von Beratungen im Ministerium für Öffentliche Sicherheit, das Berman in einem anderen Licht erscheinen lässt. Er sprach damals vor den versammelten Abteilungsleitern als denjenigen, die »die Funktion einer scharfen Waffe im Klassenkampf« erfüllten. Seine Ausführungen sind aufschlussreich, weil sie sich aus der institutionellen Innenansicht auf Bieruts Rede beziehen. Entworfen wird hier nämlich ein Verschwörungsszenario, das weder von den Wachsamkeitsparolen noch von den Einkreisungs- und Infiltrationsvorstellungen des Plenums abweicht. Tito und Rajk übernehmen auch hier wichtige Rollen. Berman zeichnete das Bild einer Krise des imperialistischen Lagers, welche die dort Verantwortlichen zu letzten Mitteln greifen lasse: »[] eine Handvoll imperialistischer Magnaten, degenerierte und verderbte Ausbeuter – sie [...] bemühen alle Reserven, und darum ist es kein Zufall, dass die Waffe der Diversion, die Waffe der Spionage, die Waffe der Provokation zur geliebten, sorgfältig gepflegten Waffe der Kriegstreiber geworden ist. [] in Bewegung versetzt wurden giftige Tito-Gase [titowskie gazy trujące], die das Lager des Friedens penetrieren sollten.«[36]

Den Rajk-Prozess sah Berman als Sieg der »revolutionären Wachsamkeit« in den Staaten des »Friedenslagers«, einer Wachsamkeit, die nicht aufhören dürfe, die Grundlage der Parteiarbeit zu sein. Der Feind, so Berman, beute die Parteifraktionen aus, deshalb sei jegliche Abweichung eine große Gefahr für die Partei.[37] Kritisches, ja abweichendes Verhalten ist nicht vorgesehen und wird in diesem Szenario sofort systemrelevant. Berman legt zudem ein Deutungsmodell vor, das die aktuelle politische Situation als zwangsläufige Entwicklung erklärt. So lautet seine Ausgangsfrage: »Wie konnte es kommen, dass gerade die polnische Arbeiterbewegung so sehr bedroht wurde durch diese Diversion, durch feindliche Penetration und durch Provokation?«[38] Dies sei kein Zufall, so der Einstieg in eine Geschichtsdeutung, die verschwörungstheoretischen Kategorien folgt, in der die Protagonisten stets planvoll handeln und Kontingenz nicht vorgesehen ist.

Die Etappen seit der Revolution von 1905 machten nicht nur den großen, internationalistischen Kampf der polnischen Arbeiterbewegung deutlich, sondern auch die Gefahr der Diversion. Diese zeigt sich als »vielköpfige Hydra«: sei es als Provokation aus dem Piłsudski-Lager oder aktuell als »rechtsnationalistische Abweichung« durch Gomułka oder Spychalski. Denn, so Berman: »Der Feind handelt, [] der Feind strebt danach, eine neue, eine frische [Agentur], seine Agentur auszubauen. Der Feind strebt danach, in die wichtigsten Zellen unseres Staatsapparates vorzudringen, und der Feind wird unzweifelhaft auch in Zukunft seine Anstrengungen nicht verringern, in unsere Partei [...] einzudringen, und das dürfen wir niemals vergessen.«[39] Diese geradezu einhämmernde Wiederholung des Singulars zeigt auch sprachlich die Allgegenwart »des Feindes«.

Die Entscheidung, Tatar und andere zu verhaften, fiel offenbar auf höchster Ebene. In den 1959 durchgeführten Vernehmungen zur Aufarbeitung des Prozesses nannte der seinerzeit zuständige Geheimdienstmitarbeiter Józef Różański in diesem Zusammenhang Berman und Minc, konnte sich allerdings nicht erinnern, ob Bierut, weil häufig krank, auf der betreffenden Sitzung ebenfalls zugegen gewesen war.[40]

Bermans Rolle hatte eine operative und eine ideologische Seite. Der Chefstratege versuchte, eine Erklärung für Tatars Verhalten zu finden, die sich plausibel in das manichäische Weltbild einfügte. Bei Poksiński findet sich dazu eine aufschlussreiche Formulierung aus Bermans fragmentarischen, nicht publizierten Erinnerungen: »Tatar kehrte aus der Emigration zurück und führte Gold mit sich, das vor dem Krieg der polnischen Regierung gehörte. Es drängte sich der Verdacht auf, dass das Gold benutzt wurde, um Vertrauen zu gewinnen, um sich in die feindliche Arbeit hineinschleichen zu können.«[41]

Diese Deutung hat Berman später relativiert. Als politisch Verantwortlichem für den Sicherheitsdienst sei ihm die Anklageschrift vor Prozessbeginn zugestellt worden. Er habe diese zusammen mit Minc studiert und einige Korrekturen vorgenommen. Die Aussagen seien zwar nicht sehr überzeugend gewesen, hätten aber »doch irgendwie ein belastendes Bild« ergeben. Dass die Angeklagten »eine Verschwörung zum Umsturz des Systems Volkspolens ausgeheckt hatten«, sei aus den ihm zur Verfügung gestellten Unterlagen hervorgegangen.[42] Wie es scheint, wollte Berman an diese Version glauben, passte sie doch nur allzu gut in sein Wahrnehmungsmuster: »Es gab dort Geständnisse von Angeklagten, die sich zu allem bekannten, Zeugenaussagen, kurz, alles, was für eine Verurteilung nötig war. Und alles war so logisch miteinander verknüpft, daß es keinen Ansatzpunkt für eine Kritik gab.«[43] Nur das Gold der polnischen Vorkriegsregierung habe in ihm gewisse Zweifel geweckt, so die retrospektive Darstellung Bermans. Er sei nicht überzeugt gewesen, dass Tatar dies nur in der skrupellosen Absicht gemacht habe, sich freizukaufen und »uns an die Angel zu nehmen«, wie die Untersuchungsbehörde behauptete. Hier habe er eingehakt und in die Schlussfolgerungen seiner Beurteilung der Anklageschrift geschrieben, Tatar und die übrigen Angeklagten dürften unter keinen Umständen zum Tode verurteilt werden. Ihm sei es gelungen, Bierut davon zu überzeugen – zur Überraschung der sowjetischen Berater, die diesen Prozess »mit großer Mühe eingefädelt« und Todesstrafen erwartet hätten.[44]

Ein gewisser Stolz über die erfolgreiche Einflussnahme auf das Verfahren ist bei Berman nicht zu übersehen und gibt ungewollt Aufschluss über sein instrumentelles Rechtsverständnis. Die Schauprozesse waren ganz offensichtlich keine juristischen Verfahren, die der Wahrheitsfindung und Ermittlung individueller Schuld dienten. Sie waren, auch aus der Perspektive der Verantwortlichen, politisch motiviert. Die Rolle der Richter entsprach diesem Rechtsverständnis: denn sie wollten, so Berman, ihren Parteipflichten ehrlich nachkommen, »die sich nach den Bedürfnissen des Staates richteten«.[45]

Doch auch wenn man eine in diesem Rechtssystem mögliche, mildernde Einflussnahme voraussetzt: Die These, wonach die Verantwortung für die Ausmaße der Verfolgung wie für die Drehbücher der Schauprozesse bei den sowjetischen Beratern gelegen habe, diese also gewissermaßen von außen inspiriert gewesen seien – wie gegenüber Torańska suggeriert –,[46] lässt sich nach Archivlage auch im Falle Berman nicht aufrechterhalten.[47]

 

Werfel

Roman Werfel (1906–2003) gehörte zwar nicht zur Führungstroika, spielte aber als Parteiideologe und Redakteur im Kontext der Schauprozesse eine nicht unerhebliche Rolle.

Werfel, aus jüdisch-assimiliertem bürgerlichen Hause, verlebte seine Kindheit in Lemberg. Schon als Schüler schloss er sich der kommunistischen Bewegung an. Er verbrachte – wie viele Kommunisten in der Zweiten Polnischen Republik – mehrere Jahre im Gefängnis. Nach Kriegsbeginn ging er nach Moskau und arbeitete dort als Redakteur, bis er 1944 nach Polen zurückkehrte, um einer der wichtigsten Ideologen der Partei zu werden. Als Chefredakteur des ZK-Organs Nowe Drogi und als Direktor des Staatsverlags Ksiązka i Wiedza hatte er erheblichen Anteil am öffentlichen Bild der Partei.

Werfel übte seinen Einfluss auch in der Vermittlung des Rajk-Prozesses aus. Angesichts sowjetischer Forderungen an die Prager und Warschauer Genossen, einen »tschechoslowakischen« bzw. »polnischen Rajk« zu suchen, wurde der Prozess von Sicherheitsexperten wie von der politischen Führung genauestens beobachtet. Der Umstand, dass während des Prozesses Bezüge zu Gomułka hergestellt wurden, versetzte Warschau in Zugzwang. Möglicherweise hat dies die Vorbereitung anderer Prozesse vorangetrieben. Zugleich musste eine Entscheidung getroffen werden, wie gegenüber der polnischen Öffentlichkeit verfahren werden sollte.

Offenbar obsiegte ein defensiver Umgang mit der Personalie Gomułka: Die Protokolle des Rajk-Prozesses wurden zwar ins Polnische übersetzt und gedruckt, allerdings unter Auslassung jener Stellen, die den ehemaligen Generalsekretär belasteten.[48] Im Interview hat Werfel später behauptet, dies sei auf seine Intervention bei Berman hin geschehen: »Ich sah nur den Namen Gomułka, da rief ich sofort Berman an und sagte: Genosse Jakub, in diesen Protokollen finde ich Unstimmigkeiten, wir schreiben doch nicht auf diese Art über Gomułka. Und er: streicht es. Also habe ich es gestrichen. [...] Sollte ich dem polnischen Leser die Anschuldigungen gegen Gomułka vorsetzen, die wir nicht aufrechterhielten? Das hätte den Leuten doch nur die Sinne verwirrt.«[49]

Im Umgang mit dem Rajk-Prozess ging die polnische Führung ein nicht unerhebliches Risiko ein, denn sie musste nicht nur Stalin, sondern auch die polnische Bevölkerung im Blick haben. Es wäre allerdings eine Fehlinterpretation, wollte man Werfels Einstellung allein aufgrund dieses Vorfalls bewerten. Keineswegs lässt sich aus ihm der Verzicht auf Verschwörungsszenarien ableiten. Dies zeigt die 160-seitige Broschüre, die unter dem Titel Die drei Schlappen der polnischen Reaktion. Anlässlich des Prozesses gegen die Spionagegruppe Tatar, Kirchmayer u.a. 1951 im Staatsverlag erschien.[50] Der Autor Werfel verbindet hier sehr wohl die internationale Lage und die Tito-Affäre mit der Kontroverse um Gomułka und Spychalski, wenn er schreibt: »Die Prozesse gegen Rajk in Ungarn, Kostov in Bulgarien [...] zeigen unwiderlegbar, dass alle parteifeindlichen [...] Gruppierungen, alle Agenturen und ›Spitzel‹ des Weltimperialismus in den kommunistischen Parteien der volksdemokratischen Staaten von der Tito-Clique angezogen werden – genauer gesagt, sie erhalten von ihren imperialistischen ›Herren‹ die Empfehlung, Kontakte mit der Tito-Clique aufzunehmen und ihr schmutziges Geschäft in engem Kontakt mit dieser zu betreiben. [] Gomułka trat für die faktische Verteidigung der Tito-Clique ein, strebte danach, den Kampf gegen die titoistischen Agenten des Imperialismus zu paralysieren.«[51]

Gomułka und Spychalski werden als »rechtsnationalistische Abweichler« direkt mit dem Tatar-Prozess verbunden: »Die antisowjetische Haltung und Politik der Vertreter der rechtsnationalistischen Abweichung halfen der Spionagegruppe um Tatar und Kirchmayer, in den Staatsapparat einzudringen.«[52]

Rückblickend hat Roman Werfel die Broschüre als Fehler bewertet, dessen er sich schäme und die er so nicht wieder verfassen würde.[53] Dies zeigt seine durchaus kritische Selbstsicht. Zugleich – und hier ist die Formulierung aufschlussreich – beschreibt er die Motivation seines Handelns: »Aber ich habe sie nicht unter Zwang geschrieben. Ich befand mich nie in der Situation, daß ich etwas unter der Drohung von Verhaftung oder Hinrichtung hätte machen müssen, was nicht heißt, daß ich alles auf eigene Initiative unternahm. Ich war und bin Berufsrevolutionär [...] und das bedeutet, daß man mir die Ausführung einer bestimmten Aufgabe übertragen konnte, die auf der Linie des gemeinsamen Zieles lag. [...] Ich betone: Ich war der Meinung, daß das, was ich in der Broschüre schrieb (und was übrigens auch mit den Geständnissen der Angeklagten beim Prozeß in Einklang stand), der Wahrheit entsprach.«[54]

Hieraus erschließt sich zweierlei: zum einen die Mentalität des Berufsrevolutionärs, mögliche persönliche Vorbehalte zurückzustellen, wenn es die Parteidisziplin erfordert, was in der spezifischen Bedrohungskulisse der frühen 1950er Jahre Verformungen wie die oben skizzierten hervorbrachte. Zum anderen macht das späte Eingeständnis, im Schauprozess ausgebreitete Verschwörungsszenarien für wahr gehalten zu haben, deutlich, dass für die zeitgenössischen kommunistischen Eliten nicht nur ein taktisch-strategischer Einsatz von Verschwörungsszenarien anzunehmen ist. Offenbar reicht es nicht aus, ihr Denken und Handeln allein als Reaktion auf sowjetische Einflüsterungen zu erklären.

 

Fazit

Die Neigung, Verschwörungstheorien anzuhängen, mündet bei allen drei Protagonisten in der Frühphase des Kalten Krieges in einen plausiblen Erklärungsansatz, der in den Schauprozessen inszeniert wurde. Ihr Verschwörungsdenken speist sich dabei aus unterschiedlichen Quellen:

- persönlichen Erfahrungen der Illegalität, des eigenen konspirativen Handelns – im Zarenreich, in der Zweiten Polnischen Republik und im Zweiten Weltkrieg;

- persönlichen oder vermittelten Erfahrungen der Infiltration kommunistischer Parteien;

- der Parteidisziplin, die eine Übernahme von Deutungsmustern der KPdSU und der Komintern impliziert;

- konkreten politischen Erfahrungen, die sich aus der internationalen Situation im Kalten Krieg mit zum Teil durchaus verifizierbaren Bedrohungsszenarien ergaben;

- aus der Fragilität der kommunistischen Führung.

Es mussten Mittel und Wege gefunden werden, die latente Legitimationskrise zu überwinden, die eigene Bevölkerung zur Akzeptanz oder doch wenigstens Duldung des Systems zu bewegen. Die territoriale Integrität, die auf den sowjetischen Grenzgarantien beruhte, war ein Argument, das diesen Zugang zur Bevölkerung herstellen konnte. Das Narrativ der Verschwörung, der feindlichen Infiltration, unterfütterte dieses Argument. Indem er diese Verschwörungsgeschichte detailreich und mit konkreten Akteuren besetzt »erzählte«, erfüllte der »Prozess der Generäle« seine didaktische Funktion. Er übersetzte den Kalten Krieg in konkrete, scheinbar plausible Bedrohungsszenarien, auf die es nur eine Antwort geben konnte: erhöhte Wachsamkeit. War dieses Narrativ operationalisierbar und der Öffentlichkeit gegenüber vermittelbar, so konnte die politische Führung auf eine gesellschaftliche Integration hoffen. Das würde einen rein taktisch-strategischen Einsatz implizieren – denkbar, dass auch solche Überlegungen eine Rolle spielten.

Es würde aber der Komplexität des Phänomens widersprechen, die Protagonisten zu bloßen Taktikern zu erklären. Der Glaube an die kommunistische Ideologie steht bei keinem von ihnen infrage, dies zeigen die Äußerungen im Kalten Krieg wie auch die späteren Interviews. Mit diesem Glauben verband sich aber auch ein manichäisches Weltbild, die Überzeugung vom Deutungsmonopol der KPdSU und der Komintern. Die polnischen Kommunisten entwickelten Einkreisungs- und Infiltrationsszenarien, die in nicht unerheblichem Maße mit persönlichen Erfahrungen korrespondierten. Dies spricht gegen das Konzept einer politischen Paranoia, die nichts anderes als die Übertragung eines individuellen Krankheitsbildes auf eine ganze Gesellschaft oder eine gesellschaftliche Gruppe wäre. Glaube und Erfahrung brachten wohl eher eine »verschwörungstheoretische Disposition« (Groh) hervor, die in Krisensituationen wie im Kalten Krieg virulent wurde.

Die Schauprozesse stellten den Lernort zur Verfügung. Voraussetzung war ein von der Sowjetunion übernommenes instrumentelles Rechtsverständnis, das sich im »Kampf um die Justiz« manifestierte und spätestens zum Zeitpunkt des Tatar-Prozesses implementiert war. Die Rahmenbedingungen waren damit geschaffen, um alle Feinde und Missstände zu einer Meistererzählung zusammenzufügen.

Die kommunistische Führung folgte keineswegs widerwillig den Vorgaben aus Moskau. Sie hoffte mit der Inszenierung von Schauprozessen wohl auch, die latente Legitimationskrise zu lösen. Allerdings wird hier die spezifische Dysfunktionalität von Verschwörungstheorien wirksam, denn die Schauprozesse antworteten nicht nur auf Krisen, sie schufen auch welche: Sie versprachen der Bevölkerung Sicherheit durch »Wachsamkeit« und verunsicherten sie gleichzeitig durch Einschüchterung.

 


[1] Interview mit Teresa Torańska: Oni [Die da], Warszawa 1990 (die erste Auflage erschien in der Exilzeitschrift Aneks in London 1985); hier und im Weiteren zitiert nach der dt. Ausgabe: Die da oben. Polnische Stalinisten zum Sprechen gebracht, Köln 1987, S. 172 f.

[2] Berman zit. nach ebd., S. 173.

[3] Siehe Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008, S. 113.

[4] Siehe Georg H. Hodos: Säuberungen in Osteuropa 1948–1954, Frankfurt a.M. u.a. 1988, S. 14.

[5] Anthony Kemp-Welch (Hg.): Stalinism in Poland, 1944–1956, Basingstoke 1999, S. 3; zur Zielsetzung Hodos: Säuberungen (Anm. 4), S. 14.

[6] Daniel Pipes: Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen, München 1998, S. 47.

[7] Dieter Groh: Die verschwörungstheoretische Versuchung oder: Why do bad things happen to good people?, in: ders.: Anthropologische Dimensionen der Geschichte, Frankfurt a.M. 1992, S. 267–304, hier S. 272.

[8] Siehe Rudolf Jaworski: Verschwörungstheorien aus psychologischer und historischer Sicht, in: Ute Caumanns/Mathias Niendorf (Hg.): Verschwörungstheorien: Anthropologische Konstanten – historische Varianten, Osnabrück 2001, S. 11–30, hier S. 19, 24.

[9] Siehe Andreas Anton: Unwirkliche Wirklichkeiten. Zur Wissenssoziologie von Verschwörungstheorien, Berlin 2011, S. 14.

[10] Siehe Arno Meteling: The Parallax View. Verschwörungstheorie zur Einführung, in: Transkriptionen, Schwerpunkt »Parallax View«. Newsletter des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs »Medien und kulturelle Kommunikation« (März 2008), Nr. 9, S. 15–18, hier S. 15.

[11] Siehe u.a. Hans Maderthaner/Hans Schafranek/Berthold Unfried (Hg.): »Ich habe den Tod verdient«. Schauprozesse und politische Verfolgung in Mittel- und Osteuropa 1945–1956, Wien 1991; Hermann Weber/Dietrich Staritz (Hg.): Kommunisten verfolgen Kommunisten. Stalinistischer Terror und »Säuberungen« in den kommunistischen Parteien Europas seit den dreißiger Jahren, Berlin 1993.

[12] Die Mazur-Kommission arbeitete seit 1956 auf Beschluss von Verteidigungs- und Justizministerium sowie Generalstaatsanwaltschaft auf der Grundlage von Materialien der ehemaligen Ermittlungsorgane und Zeugenaussagen. Der Untersuchungsbericht, den die fünfköpfige Kommission 1957 fertigstellte, wurde erst 40 Jahre später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Siehe Raport komisji Mazura [Bericht der Mazur-Kommission], in: Archiwum Gazety Wyborczej vom 22. Januar 1999, www.archiwum.wyborcza.pl/Archiwum/1,0,645419,19990122RP-DGW,Raport_komisji_Mazura,.html, ges. am 21. September 2015.

[13] Ausführlicher Jerzy Poksiński: »TUN«. Tatar-Utnik-Nowicki. Represje wobec oficerów wojska Polskiego w latach 1949–1956 [TUN. Tatar-Utnik-Nowicki. Repressionen gegen Offiziere der Polnischen Armee in den Jahren 1949–1956], Warszawa 1992; zuletzt Robert Spałek: Komuniści przeciwko Komunistom. Poszukiwanie wroga wewnętrznego w kierownictwie partii komunistycznej w Polsce w latach 1948–1956 [Kommunisten gegen Kommunisten. Die Suche nach dem inneren Feind in der Führung der Kommunistischen Partei Polens in den Jahren 1948–1956], Warszawa 2014, S. 926.

[14] Poksiński: »TUN« (Anm. 13), S. 13.

[15] Spałek: Komuniści (Anm. 13), S. 490, verweist zu Recht darauf, dass Spychalskis Auftritt seine Verhaftung gegenüber der Öffentlichkeit erst plausibel gemacht habe.

[16] Schreiben des Organisationsbüros des ZK an die Parteikomitees vom 6. August 1951, zit. nach Poksiński: »TUN« (Anm. 13), S. 128.

[17] Andrej J. Vyšinskij: S roli processualnogo zakona v socialističeskom gosudarstve rabočich i krest’jan (1937) [Über die Bedeutung des Prozessgesetzes im sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern], in: Socialističeskaja zakonnost’ 1937, Nr. 3/4, zit. nach M. A. Tschelzow: Der sowjetische Strafprozess, Berlin 1958, S. 107.

[18] Siehe für Polen Andrzej Wyszyński: Teoria dowodów sądowych w prawie radzieckim [Die Theorie der gerichtlichen Beweise im sowjetischen Recht], Warszawa 1949.

[19] Siehe Trybuna Ludu vom 31. Juli 1951.

[20] Torańska: Die da oben (Anm. 1), S. 314.

[21] Ebd.

[22] Siehe Bolesław Bierut: Zadania Partii w walce o czujność rewolucyjną na tle sytuacji obecnej. Referat wygłoszony na III Plenum KC PZPR dnia 11-go listopada 1949 roku [Die Aufgaben der Partei im Kampf um die revolutionäre Wachsamkeit vor dem Hintergrund der aktuellen Situation], Warszawa 1949; hier zit. nach Nowe Drogi 10 (1949), H. 10, S. 6–58.

[23] Ebd., S. 6.

[24] Ebd., S. 7.

[25] Ebd., S. 9.

[26] Ebd., S. 12.

[27] Ebd., S. 13.

[28] Ebd., S. 13, 15.

[29] Siehe Jerzy Poksiński: »My sędziowie nie od Boga.« Z dziejów Sądownictwa Wojskowego PRL 1944–1956. Materiały i dokumenty [»Wir Richter nicht von Gottes Gnaden.« Zur Geschichte der Militärgerichtsbarkeit in der Volksrepublik Polen 1944–1956. Materialien und Dokumente], Warszawa 1996, S. 38.

[30] Bierut: Zadania Partii (Anm. 22), S. 26.

[31] Groh: Versuchung (Anm. 7), S. 272.

[32] Siehe Maria Turlejska: Te pokolenia żałobami czarne ... Skazani na śmierć i ich sędziowie 1944–1954 [Diese Generation schwarz in Trauerkleidung ... Die zum Tode Verurteilten und ihre Richter, 1944–1954], Warszawa 1990, S. 390.

[33] Schreiben Bermans an Bierut vom 7. Oktober 1952, zit. nach Andrzej Garlicki: Z tajnych archiwów [Aus Geheimarchiven], Warszawa 1993, S. 195–197, hier S. 197.

[34] Torańska: Die da oben (Anm. 1), S. 315 f.

[35] Ebd., S. 196, 298.

[36] Jakub Berman: O uchwałach III-go Plenum KC PZPR, wygłoszony na Krajowej Odprawie Szefów jednostek Służby Bezpieczeństwa Publicznego w dniu 28 listopada 1949r. [Über die Beschlüsse des III. Plenums des ZK der PVAP, vorgetragen vor der Versammlung der Landesabteilungsleiter des Sicherheitsdienstes am 28. November 1949], Archiwum Akt Nowych/Archiv Neuer Akten (im Folgenden: AAN), 325/23, Bl. 187–196, zit. nach Anna Sobór-Świderska: Jakub Berman. Biografia Komunisty [Jakub Berman. Biografie eines Kommunisten], Warszawa 2009, Dokument Nr. 16, S. 542–551, hier 545.

[37] Ebd., S. 547, 550.

[38] Ebd., S. 548.

[39] Ebd., S. 549.

[40] Poksiński: »TUN« (Anm. 13), S. 106.

[41] AAN, Oddział VI, Kolekcja Jakuba Bermana [Abt. VI, Sammlung Jakub Berman], Bd. 33, Bl. 109, zit. nach Poksiński: »TUN« (Anm. 13), S. 106 f.

[42] Torańska: Die da oben (Anm. 1), S. 343.

[43] Ebd.

[44] Ebd., S. 343 f.

[45] Ebd., S. 346.

[46] Berman benutzt interessanterweise auch in Bezug auf die Sowjetunion die Formulierung »oni«. Für Krystyna Kersten charakterisiert gerade diese Interpretation der populären Auffassung von »My a oni« (wir vs. die da) die Widersprüche, in denen sich die polnischen Stalinisten befanden. Krystyna Kersten: Kłopoty ze świadkami historii [Schwierigkeiten mit den Zeitzeugen], Vorwort zur polnischen Ausgabe, in: Torańska: Oni (Anm. 1), S. 5–13, hier S. 11.

[47] Zu Bermans Rolle siehe Poksiński: »TUN« (Anm. 13), S. 130.

[48] Siehe László Rajk i jego wspólnicy przed Trybunałem Ludowym [László Rajk und seine Komplizen vor dem Tribunal des Volkes], Warszawa 1949.

[49] Torańska: Die da oben (Anm. 1), S. 133.

[50] Siehe Roman Werfel: Trzy klęski reakcji polskiej: na marginesie procesu grupy szpiegowsko-dywersyjnej Tatara, Kirchmayera i innych [Die drei Schlappen der polnischen Reaktion. Anlässlich des Prozesses gegen die Spionagegruppe Tatar, Kirchmayer u.a.], Warszawa 1951.

[51] Ebd., S. 89, 111.

[52] Ebd., S. 6–8.

[53] Torańska: Die da oben (Anm. 1), S. 132.

[54] Ebd., S. 134 f.

Inhalt – JHK 2016

Kurzbiografie

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