...

 

BioLex

In der Kategorie BioLex finden Sie drei biografische Lexika mit über 5500 Personeneinträgen.

 

Das Handbuch "Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945" wird von Andreas Herbst und Hermann Weber in der 8. aktualisierten Ausgabe herausgegeben. Auf breiter Quellenbasis werden die Schicksale deutscher Kommunisten knapp geschildert, von denen etwa ein Drittel während der NS-Diktatur und durch den Stalinistischen Terror gewaltsam ums Leben kam. Kurzbiografien zu Personen des poltischen Lebens in der DDR stellt das von Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs, Dieter Hoffmann, Andreas Herbst, Ingrid Kirschey-Feix herausgegebene Lexikon ostdeutscher Biographien „Wer war wer in der DDR?“ Ch. Links Verlag, 5. Aufl. 2010 vor. Zudem ist das Onlinlexikon www.dissidenten.eu komplett in dieser  Rubrik recherchierbar. Die über 700 Biografien mit umfangreichen Inforamtionen zu Oppositionellen, Bürgerrechtlern und  Dissidenten aus vielen Ländern Ost- und Mitteleuropas werden laufend erweitert.

 

Wer war wer in DDR

Siewert, Robert

* 30.12.1887 – ✝ 2.11.1973

Geb. in Schwersenz (b. Posen / Swarzędz, Polen); Vater Zimmermann; Volksschule; 1902 – 05 Ausbildung zum Maurer; 1905 Lokalverb. der Maurer Berlins; 1906 SPD; 1906 – 09 Wanderschaft; 1908 – 15 Maurer in der Schweiz, Vorst.-Mitgl. des Internat. Arbeitervereins »Eintracht« in Zürich; 1913/14 Sekr. des schweizer. Bauarbeiterverb.; 1915 – 18 Kriegsdienst, Ostfront; 1918/19 Spartakusbund; KPD; Mitgl. des Soldatenrats der X. Armee; 1919 Sekr. im KPD-Bez. Erzgeb.-Vogtl.; 1920 – 24 Mitgl. des ZA der KPD; 1920 – 29 Abg. des Sächs. Landtags; 1922 Teiln. am IV. Weltkongreß der KI in Moskau; 1923/24 Pol.-Ltr. des o. g. KPD-Bez.; 1924 Instrukteur des ZK der KPD in Kassel u. Essen; 1925 Ltr. der Vereinigung der Internat. Verlagsanstalt (Viva) in Berlin, 1926 des daraus hervorgegangenen Verlags Einheit; organisierte 1926 mit Hans Beck die erste Arbeiterdelegation in die UdSSR; Febr. 1929 wegen Zugehörigkeit zur Opp. um Heinrich Brandler u. August Thalheimer aus der KPD ausgeschl.; fortan Funktionär der KPD-Opp. (KPDO); zunächst Mitgl. ihrer BL Westsachsen; 1931 – 35 Arbeit als Maurer u. Fliesenleger in Berlin; 1931 – 33 zusätzl. Verlagsltr. der Tagesztg. »Arbeiterpol.« in Leipzig bzw. Berlin; 1933 – 35 Org.-Ltr. in der ersten illeg. Reichsltg. der KPDO; Febr. 1933 kurzz. verhaftet; 8.4.1935 verhaftet u. im Dez. 1935 wegen »Vorber. zum Hochverrat« zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, verbüßt in Luckau, ab 1938 KZ Buchenwald; dort ltd. in der illeg. Org. von Kommunisten. u. Sozialisten, Kapo eines Baukdo., später Mitgl. des internat. Lagerkomitees. 1945 Bez.-Vors. der KPD Sachsen-Anh.; 1945/46 KPD-BL Sachsen-Anh.; ab 1946 des SED-Landesvorst. Sachsen-Anh., Sekr.; 1945 1. Vizepräs. der Provinzialverw. bzw. ab 3.12. 1946 – 31.3.1950 Innenmin. u. stellv. Min.-Präs. des Landes Sachsen-Anh.; Mitgl. des Landtags; der ZL des Komitees der Antifa. Widerstandskämpfer sowie des Buchenwaldkomitees der DDR; Mitgl. des Präs. der FIR; 1950 wegen seiner früheren KPDO-Zugehörigkeit seiner Funktionen enthoben (später rehabil.), 25.1.1951 »selbstkrit.« Artikel im »Neuen Dtl.«: »Der Weg der KPO – von einer parteifeindl. Grupp. zum Verrat an der Arbeiterkl.«; ab 4.4.1950 – 1967 Abt.-Ltr. im Min. für Aufbau bzw. Ltr. des Sekr. für örtl. Wirtschaft im Min. für Bauwesen; 1955 u. 1963 VVO; 1957 Banner der Arbeit; 1965 KMO; 1967 Ehrenspange zum VVO; 1972 Held der Arbeit; gest. in Berlin.Wendt, C., Jakob, O.: R. S. Zur Geschichte der Arbeiterbew. im Bez. Halle. Halle 1985; Karau, G.: Der gute Stern des Janusz K. – Eine Jugend in Buchenwald. Berlin 1983; Jacob, O. (Hrsg.): R. S. Auswahlbibliogr. Halle 1987; Bergmann, T.: Gegen den Strom. Hamburg 2001.Helmut Müller-Enbergs / Andreas Herbst

dissidenten.eu

Šimečka, Milan

* 1930 – ✝ 1990

Philosoph, Publizist und Politikwissenschaftler. Autor des Buches „Die Wiederherstellung der Ordnung“ und anderer Arbeiten, die sich kritisch mit der Utopie und dem realexistierenden Sozialismus auseinandersetzen. Milan Šimečka wurde 1930 in Nový Bohumín in der Nähe von Ostrava (Ostrau) geboren. Von 1943 bis 1953 studierte er russische und tschechische Literaturwissenschaft an der Masaryk-Universität in Brünn (Brno). 1953–54 lehrte er am Gymnasium im tschechischen Kroměřiž. Ab 1954 lebte er in Bratislava, wo er als Dozent für marxistische Philosophie zunächst an der Medizinischen und Pharmazeutischen Fakultät der Comenius-Universität unterrichtete und anschließend an der Musikhochschule. Dort habilitierte er sich 1968. Mit der Slowakei blieb er bis zu seinem Lebensende verbunden. Er schrieb sowohl auf Tschechisch als auch auf Slowakisch und war der meistübersetzte slowakische Autor und Publizist des Samisdat. In den 60er Jahren beschäftigte sich Šimečka in seiner Forschung hauptsächlich mit gesellschaftlichen Utopien. Zu diesem Thema schrieb er 1963 sein erstes Buch: „Gesellschaftliche Utopien und die Utopisten“ (Sociálne utópie a utopisti). Seine Fortsetzung fand Šimečkas wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema 1967 in „Die Krise der Utopie“ (Kríza utopizmu), einer Analyse der Wurzeln und des intellektuellen Diskurses der Idee der Utopie. Demnach „sind alle Utopien nach demselben geistigen Schema entstanden […] Sie entspringen aus einer einheitlichen, spezifisch utopischen Beziehung zur Wirklichkeit.“ Die charakteristischen Merkmale von Utopien sind laut Šimečka unter anderem eine besondere, rückwärtsgewandte Auffassung von Geschichte, eine irrtümliche Erkenntniskonzeption, die Fetischisierung des Verstandes, die Idealisierung von Armut und Gleichheit, moralischer Determinismus sowie religiöse Exaltiertheit. Bei seiner Analyse des Wesen des utopischen Denkens stieß er auf entsprechende Elemente auch in der Praxis des real existierenden Kommunismus. Er beobachtete eine ausgesprochene Aktualität einiger Vorstellungen und utopischer Traditionen, besonders im Bewusstsein der Menschen. Hieraus entsprang seine unmittelbare Motivation zu den Büchern. Durch seine Forschungen zur Utopie fand er auch „in der gegenwärtigen Gestalt des Sozialismus, die sich überwiegend nicht mit den sehr weit gefassten theoretischen Grundlagen deckt, den Einfluss älterer und gefestigter Utopievorstellungen.“ Für utopisch hielt er ebenso Versuche, „ein einziges, unangreifbares Muster für den Sozialismus und Kommunismus zu schaffen“, das als Idealzustand verstanden wird, zu dem die Welt hinstrebt. Den Erfolg einer sozialistischen Zukunft sah er an die Rückkehr zu humanistischen Werten geknüpft und daran, „dass man sich von den naiven Vorstellungen des letzten Jahrhunderts trennt.“ Šimečkas Haltung kollidierte nicht nur mit der leninistischen Auffassung vom Sozialismus, sondern auch mit dem historischen Determinismus in der Tradition von Marx. Damit ordnete er sich in die revisionistische Strömung ein, der marxistische Intellektuelle auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in den 60er Jahren angehörten, wie beispielsweise #Miroslav Kusý, Roger Garaudy, Leszek Kołakowski und Ivan Sviták. In dieser Zeit publizierte er unter anderem in den Zeitschriften *„Kultúrny život“ (Kulturelles Leben), *„Literární noviny“ (Literaturzeitung), „Reportér“, „Literární listy“ (Literaturblätter), „Doba“ (Epoche) und „Listy“ (Blätter). Šimečka war auch für das Radio und Fernsehen tätig. 1967/68 hatte er einen halbjährigen Forschungsaufenthalt am Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Sein Interesse galt vorwiegend dem Denken der „Frankfurter Schule“ um Jürgen Habermas und der „neuen Linken“ um Herbert Marcuse. Nach dem *Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei 1968 wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und ihm wurden weitere Forschungen untersagt. Šimečka nahm daraufhin eine Arbeit im Bauwesen an. Seine Frau Eva wurde aus ihrer Stelle an der Comenius-Universität in Bratislava entlassen und seinem jüngeren Sohn #Martin Milan Šimečka wurde das Studieren verboten. In den 70er Jahren veröffentlichte er im Samisdat hauptsächlich Essays und feuilletonistische Artikel. Seine Texte erschienen auch in den Exilzeitschriften *„Listy“ (Blätter), *„Svědectví“ (Zeugnis) sowie „Obrys“ (Umriss) und wurden in andere Sprachen übersetzt. Aufsehen erregte seine 1977 geschriebene und zwei Jahre später erschienene Publikation „Die Wiederherstellung der Ordnung. Ein Beitrag zur Typologie des Realsozialismus“ (Obnovení pořádku. Příspěvek k typologii reálného socialismu). Darin untersuchte er den Prozess der sogenannten *„Normalisierung“ nach 1969 und befasste sich mit der Frage, welche Rolle Propagandabegriffe wie etwa „Kommunismus“ oder „Sozialismus“ in einer stufenweise lahm gelegten Gesellschaft spielen. Jeglichen ideologischen Konstruktionen gegenüber äußerte er sich skeptisch: „Ideologie diente ihrer Natur nach immer dazu, Verbrechen ein übermenschliches Antlitz zu verleihen, sodass diese Verbrechen den Eindruck erwecken, dass sie nicht von Menschen verursacht wurden, sondern von einer unbegreiflichen, mächtigen Hand der Geschichte.“ „Die Wiederherstellung der Ordnung“ beendete er während der staatlichen Kampagne gegen die *Charta 77. Unter dem Druck der Machthaber sowie der Warnung, seinen ältesten Sohn von der Hochschule zu werfen, entschied er sich, die Petition der Charta nicht zu unterschreiben. Diese Erfahrung beschrieb er am 15. Januar 1977 im Text „Für Ludvík Vaculík anstelle des Feuilletons“ (Ludvíkovi Vaculíkovi namiesto fejtónu). 1981 wurde er festgenommen und verbrachte mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft in Bratislava und in Prag-Ruzyně. Im Zusammenhang mit dem *Vorfall mit einem französischen Lastwagen wurde er gemeinsam mit anderen tschechischen und slowakischen Bürgerrechtlern für angebliches umstürzlerisches Verhalten angeklagt. Von der Gruppe der ursprünglich inhaftierten Dissidenten mussten im März 1982 nur Jiří Ruml, Ján Mlynárik und Milan Šimečka im Gefängnis bleiben. Ende Mai 1982 jedoch wurden auch sie aufgrund des Druckes der internationalen Öffentlichkeit aus der Haft entlassen. Šimečka verließ das Gefängnis in schlechtem Gesundheitszustand. In den Folgejahren bis 1989 lebte er von dem, was ihm seine Veröffentlichungen im Ausland einbrachten. Eine Auswahl der Korrespondenz mit der Familie veröffentlichte sein Sohn Martin 1984 im Samisdatverlag *Edice Petlice unter dem Titel „Signalzeichen“ (Světelné znamení). Nach seiner Haftentlassung schrieb er die „Briefe über die Beschaffenheit der Wirklichkeit“ (Dopisy o povaze skutečnosti; erschienen 1992) als einzige strikt philosophische Arbeit, die er in Form von an seine Söhne adressierte Briefe verfasste. Darin brachte er zum Ausdruck, dass für ihn nur die eigene individuelle Erfahrung unmittelbar erfahrbar ist. Auf sie solle sich der Mensch bei seiner Erkenntnisanstrengung konzentrieren. Das Übrige könne man sich nur durch Vermutungen erschließen, wobei Schlussfolgerungen höhere oder geringere Wahrscheinlichkeiten zukämen. 1984 fand Šimečka weltweit Beachtung mit seinem Essay „Unser Kamerad Winston Smith“ (Náš súdruh Winston Smith), der George Orwells „1984“ zum Gegenstand hat. Šimečka konfrontierte in seinem Text die Welt der dystopischen Erzählung mit der Wirklichkeit des Realsozialismus. Zusammen mit Miroslav Kusý verfasste er im gleichen Jahr das Buch „Europäische Erfahrungen mit dem Realsozialismus“ (Európska skúšenosť s reálnym socializmom). Sein Beitrag „Verlust der Wirklichkeit“ (Ztrata skutečnosti) umfasste eine Auswahl an Überlegungen und politischen Essays, in denen er seine Kritik an jeglichen utopischen Konzepten aus den 60er Jahren weiterentwickelte und eine Analyse des utopischen Denkens anfügte, die ihn allen gesellschaftlichen Doktrinen gegenüber skeptisch sein ließ. In anderen Essays verfolgte Šimečka die Entwicklung der marxistischen Theorie und ihre Umsetzung in der politischen Wirklichkeit. In seinen Arbeiten „Vom Westen in den Osten“ (Ze zádpadu na východ) und „Russische Ideologie“ (Ruská ideologie) analysierte er am russischen Beispiel die Weiterentwicklung des Marxismus. In „Marktplatz der Diktaturen“ (Tržiště diktatur) beschäftigte er sich mit der Entstehung von totalitären Regimen in Europa. Diese Entwicklung sah er als eine Folge der Haltung der Gesellschaft und der Intellektuellen, die den demokratischen Institutionen vorgeworfen hatten, nicht effektiv genug zu sein und daher bereit gewesen waren, den Diktaturen den Vorrang zu geben, um dem Prinzip Gleichheit auf sozialem Gebiet Geltung zu verschaffen. In weiteren Aufsätzen analysierte er den Kommunismus selbst und stellte fest, „dass das durch Stalin geschaffene gesellschaftlich-ökonomische System zur dauerhaften Grundlage des real existierenden Sozialismus wurde.“ Er ging ähnlich wie die Mehrheit der ostmitteleuropäischen Historiker und Politologen von einer Kontinuität der einzelnen Epochen in der Geschichte der kommunistischen Regime aus. Sein Essay „Konfrontation“ (Konfrontace) stellte die Politik des Kalten Krieges in Frage. Šimečka sah in der Auseinandersetzung ein Beispiel für die Niederlage des gesunden Menschenverstandes, die dazu führe, dass Kräfte und Produktionsmittel verschwendet würden. Seiner Meinung nach verhielte sich die Sowjetunion in diesem Konflikt defensiv. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei oder in Afghanistan sei in der Angst begründet gewesen, dass die Sowjetunion vom inneren Zerfall, wirtschaftlichen Zusammenbruch, von gesellschaftlicher Unzufriedenheit oder einer Niederlage im Systemwettbewerb mit dem Westen bedroht sei. Im Samisdat gab er 1985 „Rundumverteidigung“ (Kruhová obrana), eine Sammlung feuilletonistischer Artikel, heraus. In ihnen analysierte er das individuelle Schicksal von Menschen, deren Leben durch ideologisch gerechtfertigte Eingriffe zerstört wurden, was in der Konsequenz zum Verlust ihrer Identität und Individualität führte. Wie eine Mehrheit der damaligen Politikwissenschaftler ging er davon aus, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung am politischen Leben teilnehme. Demokratien und Diktaturen verdankten ihre Existenz einer schweigenden Mehrheit. Indem er die Regime beschrieb, die eine totale Kontrolle über den einzelnen Menschen anstrebten, analysierte er eine weitere Seite des Realsozialismus, die er als „das Streben dieser Systeme des östlichen Europas, die Geschichte anzuhalten“ und die Bürger dazu zu bringen zu glauben, dass sie nur in einem Reich der „kleinen Geschichte“ lebten, charakterisierte. Nicht zuletzt analysierte Šimečka auch den Prozess, der Manipulation historischer Erinnerungen durch die kommunistischen Regime: Die Regime entpersonalisierten die Geschichte, sodass die Vergangenheit zu einem abstrakten Prozess reduziert werde, ähnlich einer „Pyramide, die von anonymen Baumeistern erbaut wurde […], was im Vorhinein die Frage ausschließt, ob die Steine nicht in einer anderen Reihenfolge hätten gelegt werden können, und vor allem, ob das ganze Unterfangen Sinn macht.“ Auf der Suche nach den Gründen für die Stabilität des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei stieß er auf die schweigende Mehrheit, das fehlende gesellschaftliche Engagement in der Politik und den allgegenwärtigen Stillstand.Die Perestroika in Russland und die zunehmende Aktivität in der tschechoslowakischen Gesellschaft beschäftigten Šimečka im Jahr 1988 sehr. Seine Überlegungen hierzu veröffentlichte er 1989 in „Das Ende der Bewegungslosigkeit“ (Konec nehybnosti). Nach der *Samtenen Revolution 1989 publizierte er in Zeitschriften politikwissenschaftliche Texte. 1990 war er für mehrere Monate Abgeordneter im Slowakischen Nationalrat und im Frühjahr 1990 außenpolitischer Berater im Stab von Präsident Václav Havel. Milan Šimečka starb 1990 in Prag an einem Herzinfarkt.Juraj Marušiak Aus dem Polnischen von Jonas Grygier Letzte Aktualisierung: 08/15

Wer war wer in DDR

Simon, Rainer

* 11.1.1941

Geb. in Hainichen (Sachsen); Mutter Sekr.; Grundschule in Hainichen, 1959 Abitur an der EOS Frankenberg; 1959 – 61 NVA; 1961 – 65 Studium an der Dt. HS für Filmkunst Potsdam-Babelsberg, Fachrichtung Regie; 1965 Regieassistent beim DEFA-Studio für Spielfilme, Arbeit mit Ralf Kirsten u.  Konrad Wolf; 1968 – 90 dort Regisseur; SED; galt für das MfS ebenso wie Siegfried Kühn als eine der »kompliziertesten Künstlerpersönlichkeiten des Studios«, die »die skeptischste Position zum Soz. vertritt«; zahlr. nat. u. internat. Preise, 1989 NP. Seit 1990 freier Regisseur u. Mitgl. des Vorst. des Filmverb. Brandenb.; nach 1991 Dokumentarfilme, so in Equador über naive Kunst »Die Farben von Tigua« (1994); die Zápara-Indianer »Mit Fischen u. Vöglen reden« (1998/ 99) u. Der »Ruf des Fayu Ujmu«; 1993 – 96 Prof. an der HFF Potsdam-Babelsberg; 1997 Insz. »Soliman« am Hans-Otto-Theater Potsdam; lebt in Potsdam. Werke: Episode »Gewöhnliche Leute«. In: Aus unserer Zeit (R. auch: H. Nitzschke, J. Kunert,  K. Maetzig); R. S.s Filme (häufig in Zusammenarbeit mit den Kameraleuten Claus Neumann,  Roland Dressel) zeugen vom Willen zu opt. Verdichtung, kreisen themat. um Fragen von Macht, Selbstbestimmung, Schuld, Verstrickung; Gegenwartsfilme: »Jadup u. Boel« (1981, 1988); »Wie heiratet man einen König« (1968, Märchen); »Till Eulenspiegel« (1977/74); »Das Luftschiff« (1982); »Die Frau u. der Fremde« (1984); »Wengler & Söhne« (1986); »Die Besteigung des Chimborazo« (1989); »Der Fall Ö.« (1991).Bedrohungen. Potsdam 1997; Fernes Land. Die DDR, die DEFA u. der Ruf des Chimborazo. Berlin 2005 (Autorbiogr.); Regenbogenboa. Roman. Berlin 2005. DEFA-Spielfilm-Regisseure u. ihre Kritiker. Berlin 1981 (hrsg. von R. Richter);Elke Schieber / Ingrid Kirschey-Feix

Handbuch Deutsche Kommunisten

Sindermann, Kurt Alfred

* 13.4.1904 – ✝ 3.11.1945

(* 1904 – † 1945) Geboren am 13. April 1904 in Dresden, Sohn des Buchdruckers und (seit 1892) sozialdemokratischen Funktionärs Karl Sindermann (* 1869 – † 1922), der von 1899 bis 1904 an der Spitze der Landesorganisation Sachsen stand, von 1903 bis 1907 SPD-Reichstagsabgeordneter und von 1909 bis 1922 sächsischer Landtagsabgeordneter war. Kurt Sindermann lernte Eisenschiffbauer, arbeitete dann als Schlosser und Elbschiffssteuermann. Er schloß sich 1920 zunächst der SAJ und später der SPD an. 1923 Mitglied der KJD und der KPD, 1925 wurde er Leiter des KJVD Ostsachsens, Anfang 1927 dort Leiter des RFB. Von November 1927 bis März 1929 Kursant der Internationalen Leninschule in Moskau. Im Mai 1929 als Abgeordneter in den Sächsischen Landtag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. Im August 1929 Polleiter des Bezirks Ostsachsen. Nach der Zusammenlegung der sächsischen Bezirke von 1930 bis 1933 UB-Leiter in Chemnitz und hier wesentlich an der Ausschaltung der KPO-Gruppe beteiligt. Sindermann leitete ab März 1933 die illegale KPD in Dresden, dann im Bezirk Niederrhein. Bereits am 23. Juni 1933 in Wuppertal festgenommen, am 31. Oktober 1934 vom VGH zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, dann im KZ Sachsenhausen, zuletzt in Buchenwald eingesperrt. Anläßlich der Amnestie zu Hitlers 50. Geburtstag am 20. April 1939 freigelassen, aber am 1. September 1939 wieder verhaftet und erneut nach Buchenwald überführt. Dort am 16. Januar 1940 entlassen, aber in Dresden wiederholt festgenommen und verhört. Über das weitere Schicksal Kurt Sindermanns liegen widersprüchliche Informationen vor. Im März 1964 berichtete beispielsweise Wilhelm Grothaus (* 1893 – †1966), Mitglied der Widerstandsgruppe von Georg Schumann für Dresden: »Infolge Verrates durch den früheren Kommunisten Brüderlein in Leipzig und den Kommunisten Kurt Sindermann in Dresden wurde die aktive Leitung der Widerstandsgruppe Schumann, der ich selbst angehört habe, und auch viele andere Mitglieder dieser Widerstandsgruppe Mitte des Jahres 1944 verhaftet ... Etwa Anfang des Jahres 1943 sprach in meiner Wohnung in Dresden ein Mann vor, der sich als Kurt Sindermann vorstellte und vorgab, sich im Auftrag von Schumann-Leipzig bei mir zu melden, um für illegale Arbeit im Bezirk Dresden eingesetzt zu werden. Ich kannte Sindermann nicht ... Ich bin am folgenden Tag nach Leipzig gefahren, um festzustellen, ob Schumann über diesen angeblichen Sindermann unterrichtet war. Schumann erklärte mir folgendes: Es handele sich tatsächlich um Kurt Sindermann. In der Annahme, daß Sindermann mir bekannt sei, habe er ihm das vereinbarte Erkennungszeichen nicht ausgehändigt. Sindermann sei aus einer seit langem sozialistischen Familie hervorgegangen und auf der Leninschule in Moskau ausgebildet. Er sei auch Abgeordneter des Sächsischen Landtags gewesen ... Auf meine Frage, aus welchen Gründen Sindermann als Kommunist aus dem Konzentrationslager entlassen worden sei ... erklärte Schumann: Seine Frau habe ein Entlassungsgesuch eingereicht und sich dafür verbürgt, daß er sich in Zukunft nicht mehr in staatsfeindlicher Weise betätigen würde. Restlos überzeugt war ich zwar nicht, aber auf Anweisung Schumanns habe ich Sindermann für die illegale Arbeit in Dresden eingesetzt. In der Folgezeit kam es zu einzelnen Verhaftungen von Kommunisten in den Bezirken Dresden, Leipzig und Chemnitz. Auf meine Rückfrage bei Schumann erklärte dieser, daß es ausgeschlossen sei, daß Sindermann mit diesen Verhaftungen in Verbindung gebracht werden könne ... Kurz darauf setzte die Verhaftungswelle gegen die Widerstandsgruppe Schumann ein. Daß Sindermann aber der Verräter und Agent der Gestapo war, stellte ich selbst im Polizeigefängnis in Dresden-Schießgasse fest, wo Sindermann, der zum Schein auch verhaftet worden war, seine Spitzelarbeit unter den politischen Gefangenen fortsetzte ... Sindermann tauchte in den Tagen des Zusammenbruches in einem Flüchtlingslager in Radebeul unter. Er wurde erkannt und hat vor seinem Tode folgendes erklärt: Die Leitung des Konzentrationslagers Dachau sei an ihn herangetreten und habe ihm unter der Zusage sofortiger Entlassung und der Zusicherung materieller Vorteile angetragen, Spitzeldienste für die Gestapo zu leisten. Er habe das zunächst abgelehnt, sei aber dann doch auf das Angebot eingegangen, in der Annahme, daß er die Gestapo hinhalten und hinters Licht führen könne ... Er [habe] zunächst einzelne kleinere Fälle verraten, sei dann aber immer tiefer in die Netze der Gestapo verstrickt worden ... Sindermann wurde im Flüchtlingslager Radeberg erschlagen.« Grothaus verwies darauf, daß Kurts jüngerer Bruder Horst Sindermann (* 1915 – †1990) einer der Führer der SED war. Im Zusammenhang mit der nach der Befreiung einsetzenden Untersuchung gegen Kurt Sindermann liegt eine ganz andere Mitteilung der KPD-Kreisleitung Großenhain vom 3. November 1945 an die Abteilung Kader der KPD-BL Sachsen über den Tod von Kurt Sindermann vor. In ihr heißt es: »Der ehemalige Landtagsabgeordnete Kurt Sindermann war in Radeberg im KZ. Er wurde dort am 17. März 1945 von seinem Arbeitsplatz von 2 Gestapoleuten abgeholt. Er wurde auf der Chaussee abtransportiert und ungefähr 500 m weit vom Lager von der Gestapo erschossen.« Kurt Sindermanns Frau Anni Sindermann, geborene Nietsche (* 17. Februar 1912 – † 4. 2. 1990), Textilarbeiterin, war seit 1925 im KJVD und 1929 in der KPD. Am 14. März 1933 wurde sie als Geisel für ihren Lebensgefährten, den sie dann 1934 heiratete, verhaftet und neun Monate in »Schutzhaft« festgehalten. Am 27.April 1935 erneut festgenommen und am 6.August 1936 vom OLG Dresden zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Von 1939 bis 1943 Kartonagenarbeiterin. Am 26. Juni 1944 mit ihrem Mann verhaftet, saß sie bis 1945 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Sehr um die Aufklärung des Schicksals ihres Mannes bemüht, mußte Anni Sindermann im Sommer 1945 der KPD-Untersuchungskommission unter Max Opitz Auskunft geben. Sie widersprach der Behauptung, daß Kurt Sindermann ein Verräter gewesen sei, bestätigte aber, daß er dem Druck der Gestapo nicht gewachsen war. 1956 teilte Anni Sindermann dann schriftlich mit: »Im Frühjahr 1944 kam nach Dresden der Genosse Saefkow, um auch Dresden mit in die zentrale Arbeit der Partei einzubeziehen. Bei dieser Zusammenkunft hat mein Mann dem Genossen Saefkow alles berichtet, in welcher mißlichen Lage mein Mann gegenüber der Gestapo war. Der Genosse Saefkow hatte aber Vertrauen zu meinem Mann und hat ihn mit in die illegale Arbeit der zentralen Leitung einbezogen. Die Gestapo konnte hier meinem Mann viel Konkretes nachweisen, weil auch hier mein Mann mit einem Genossen zusammengearbeitet hat, der zum Spitzel geworden war. Es handelt sich hier um einen jungen Genossen aus Leipzig, der mit meinem Mann in Buchenwald war. Der Name ist mir leider entfallen. Zu einem Prozeß ist es nicht gekommen, aber am letzten Freitag im März 1945 hat die Gestapo meinen Mann in Radeberg bei Dresden erschossen. Ich möchte hier sagen, daß das Verhalten meines Mannes vor der Gestapo vielleicht nicht immer eines Genossen würdig war. Wichtig ist aber, er ist nicht zum Verräter geworden.« In einem überlieferten Bericht der Gestapoleitstelle Dresden vom Sommer 1944 ist schließlich vermerkt: »Die Stapoleitstelle Dresden nahm den ehemaligen kommunistischen Landtagsabgeordneten Kurt Alfred Sindermann (geb. am 13. 3. 04 zu Dresden) und dessen Ehefrau fest. Sindermann war für das Referat IV H tätig gewesen. Er hatte über diese Tätigkeit mit anlaufenden KPD-Funktionären gesprochen, seiner auftraggebenden Dienststelle diese Funktionäre jedoch verheimlicht.« Anni Sindermann wurde im August 1946 Sekretärin des Landesvorstandes der IG Druck und Papier Sachsens, 1949 Leiterin der Abteilung Kader und bis 1961 Sekretariatsmitglied bzw. bis 1972 des Präsidiums des Zentralvorstandes der IG Druck und Papier. Ab 1962 politische Mitarbeiterin für internationale Arbeit im ZV der IG Druck und Papier. Sie erhielt 1987 den Karl-Marx-Orden.

dissidenten.eu

Sinjawski, Andrei

* 1925 – ✝ 1997

Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und -kritiker, der im Westen veröffentlichte. Der Strafprozess, in dem Sinjawski gemeinsam mit Juli Daniel angeklagt wurde, löste die erste öffentliche Protestwelle in der UdSSR aus. Er schrieb unter dem Pseudonym „Abram Terz“.Andrei Sinjawski wurde 1925 in Moskau geboren. Sein Vater war Berufsrevolutionär, der vor 1918 den Sozialrevolutionären angehört hatte. 1943–45 diente Sinjawski in der Armee. Nach seiner Entlassung studierte und promovierte er an der Philologischen Fakultät der Moskauer Universität. Zwischen Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre versuchte das Ministerium für Staatssicherheit, ihn als „Agent Provocateur“ gegen die Französin Hélène Pelletier, eine Kommilitonin aus seinem Studienjahr, einzusetzen. Nachdem er sie über die Absichten des Geheimdienstes in Kenntnis gesetzt hatte, gelang es ihnen gemeinsam, die Pläne der Staatssicherheit durch ein Ablenkungsmanöver zu vereiteln. Einige Jahre später half Hélène Pelletier Andrei Sinjawski dabei, seine in der UdSSR verbotenen Werke in den Westen zu schmuggeln. Diese Begebenheit bildet die Grundlage eines Kapitels seines Romans „Gute Nacht“ (Spokojnoj noči) von 1984. 1952 verteidigte Sinjawski seine Doktorarbeit und arbeitete ab 1953 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Gorki-Institut für Literatur der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Er veröffentlichte Arbeiten über Wladimir Majakowski, Maxim Gorki, Eduard Bagrizki sowie über die sowjetische Literatur in der Zeit des Bürgerkrieges und des Zweiten Weltkriegs. 1957/58 hielt er an der Philologischen Fakultät der Moskauer Universität ein Seminar über die russische Poesie zu Anfang des 20. Jahrhunderts. 1958–65 unterrichtete er russische Literatur an der Bildungseinrichtung des Moskauer Kunsttheaters (MChAT). 1960 gab er gemeinsam mit Igor Golomstock das Buch „Picasso“ heraus, die erste sowjetische Monografie über diesen in der UdSSR offiziell nicht anerkannten Maler. Im Dezember 1960 wurde Sinjawski Mitglied des Schriftstellerverbands der UdSSR und auch als Kritiker der literarischen Monatszeitschrift „Novyj Mir“ bekannt. 1965 erschien erstmals ein Band mit Gedichten von Boris Pasternak in der Serie „Bibliothek des Poeten“, der von Sinjawski mit einem ausführlichen Vorwort versehen wurde. Nach seiner Verhaftung wurde Sinjawskis Vorwort aus den Neuauflagen des Buches entfernt. 1954 begann Sinjawski, sich dem literarischen Schreiben zu widmen. Da seine Geschichten, Erzählungen und Essays aufgrund ihres Inhalts und Stils nicht in der UdSSR erscheinen konnten, veröffentlichte er sie ab 1956 im Ausland. In seinem programmatischen Aufsatz über Philosophie und Ästhetik mit dem Titel „Was ist sozialistischer Realismus?“ (Čto takoe socjalističeskij realizm?), der 1959 anonym in Paris erschienen war, analysierte Sinjawski den tragischen Widerspruch zwischen den hohen Idealen der kommunistischen Theorie und den Mitteln, die zu ihrer Verwirklichung eingesetzt wurden: „Damit die Gefängnisse für immer verschwinden, haben wir neue Gefängnisse gebaut. Damit die Grenzen zwischen den Staaten aufgehoben werden, haben wir uns mit einer chinesischen Mauer umgeben. Damit Arbeit zukünftig Erholung und Freude bedeutet, haben wir die Zwangsarbeit eingeführt. Damit kein weiterer Tropfen Blut vergossen wird, haben wir gemordet, gemordet und gemordet. […] Die erreichten Ziele sind niemals mit den anfänglich gesetzten Zielen identisch. Die Mittel, die man einsetzt, um ein Ziel zu erreichen, verändern dessen Wesen so stark, dass man es oft kaum noch erkennt. Die Scheiterhaufen der Inquisitionen haben geholfen, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden, aber was ist anschließend von dieser Botschaft noch übrig geblieben?“ Den sozialistischen Realismus, der ab 1934 in der Sowjetunion die einzig gültige Kunstrichtung war, interpretierte Sinjawski als „teleologische Kunst“ und als „neuen Klassizismus“. Er erkannte dessen ästhetischen Wert in seiner reinen Form zwar an, betonte jedoch gleichzeitig dessen unauflösbare Verbindung mit der sozialen und kulturellen Realität im Totalitarismus. Sinjawski kritisierte scharf, dass viele sowjetische Schriftsteller den sozialistischen Realismus mit Stilelementen des kritischen russischen Realismus des 19. Jahrhunderts vermischten. Als Alternative stellte er diesem Eklektizismus den von ihm selbst entwickelten „fantastischen Realismus“ entgegen, der auf adäquate Weise im Stande sei, das Absurde der totalitären Wirklichkeit abzubilden. Für die Realisierung dieses künstlerischen Programmes schuf er die Figur „Abram Terz“, dessen Namen er später nicht nur als Pseudonym verwendete, sondern der auch zu seinem literarischen Alter Ego wurde. Die fantastischen Geschichten und Erzählungen von Abram Terz erschienen ab 1959 im Ausland und waren lange vor dem Bekanntwerden und der Verhaftung von Sinjawski ein großer Erfolg. Sie wurden in die wichtigsten europäischen und asiatischen Sprachen übersetzt. Viele Jahre suchte der KGB angestrengt den Autor dieser Erzählungen und setzte für die Suche auch seinen Auslandsgeheimdienst ein. Am 8. September 1965 wurde Andrei Sinjawski verhaftet. Am 5. Januar 1966 entschied das Sekretariat des ZK des KPdSU auf Antrag des KGB und nach Abstimmung mit der Leitung des Schriftstellerverbandes, Sinjawski zusammen mit seinem Freund Juli Daniel vor Gericht zu stellen. Daniel war zeitgleich wegen ähnlicher „Verbrechen“ verhaftetet worden, nachdem er unter dem Pseudonym „Nikolai Arschak“ veröffentlicht hatte. Bereits im Vorfeld wurde festgelegt, dass am Ende des *Prozesses gegen Andrei Sinjawski und Juli Daniel eine Haftstrafe stehen sollte. Die sowjetische Presse startete eine Hetzkampagne gegen die beiden „Abtrünnigen“ und „literarischen Umstürzler“, die ihren Höhepunkt während des Gerichtsprozesses erreichte und noch einige Wochen darüber hinaus andauerte. Sinjawskis und Daniels Fall wurde vor dem Obersten Gericht der RSFSR vom 10. bis 14. Februar 1966 verhandelt. Während des ganzen Prozesses und auch in seinem Abschlussplädoyer verweigerte Sinjawski ein Schuldeingeständnis und berief sich als Schriftsteller auf sein Recht auf künstlerische Freiheit. Das Gericht befand, dass in den beiden Erzählungen „Das Verfahren läuft“ (Sud idët) und „Ljubimov“ sowie in Teilen des Aufsatzes „Was ist sozialistischer Realismus?“ eine Straftat laut Paragraf 1 des *Artikels 70 Strafgesetzbuch der RSFSR vorliege, und verurteilte Sinjawski zu sieben Jahren Haft. Der *Prozess gegen Andrei Sinjawski und Juli Daniel war 1965/66 ein aufsehenerregendes Ereignis, das in der Weltöffentlichkeit und auch unter prokommunistisch eingestellten westlichen Intellektuellen starke Beachtung fand. In der UdSSR löste er eine präzedenzlose Welle individueller und kollektiver Proteste aus, darunter die *Glasnost-Kundgebung am 5. Dezember 1965 auf dem Puschkin-Platz in Moskau, die viele Historiker als erste öffentliche Kundgebung für die Menschenrechte in der Sowjetunion und als Beginn der Menschenrechtsbewegung bezeichnen.Im Unterschied zu vergleichbaren Protesten, die ein Jahr früher durch den Prozess gegen Joseph Brodsky ausgelöst worden waren, zeichneten sich die Proteste von 1965/66 durch ihre Intensität und ihre öffentliche Wahrnehmbarkeit aus: Briefe und Reden, in denen Sinjawski und Daniel verteidigt und die von ihren Verfassern oft ausdrücklich als „öffentlich“ bezeichnet wurden, zirkulierten im Samisdat. Auch die Aussagen der beiden Angeklagten vor Gericht wurden im Samisdat verbreitet. Notizen aus dem Gerichtssaal, die von den Ehefrauen der beiden Angeklagten angefertigt worden waren, Reaktionen der sowjetischen und der Weltpresse, Protestbriefe und andere Veröffentlichungen, die mit dem Prozess in Zusammenhang standen, dienten als Material für ein 1966 von Alexander Ginsburg herausgegebenes „Weißbuch“, das den Beginn einer Serie ähnlicher Publikationen über politische Prozesse markierte. Die darauf folgenden staatlichen Repressionen lösten eine erneute Protestwelle aus. Seine Strafe verbüßte Andrei Sinjawski in den *mordwinischen Lagern. Dort schrieb er die beiden Bände „Promenaden mit Puschkin“ (Progulki s Puškinem) und „Eine Stimme im Chor“ (Golos iz chora) und begann ein drittes Buch mit dem Titel „Im Schatten Gogols“ (V čene Gogolja). Diese Bücher, für die Sinjawski wieder die literarische Maske des Abram Terz verwendete, sind keine belletristischen Werke, sondern Essays beziehungsweise literaturwissenschaftliche Aufsätze. Am Ende des sechsten Haftjahres zeigten die Bemühungen seiner Frau Maria Rosanowa und des bereits zuvor entlassenen Juli Daniels, die sich für die Begnadigung von Sinjawski bei den Staatsbehörden eingesetzt hatten, Wirkung. Per Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 20. Mai 1971 wurde Sinjawski von der weiteren Strafverbüßung befreit und am 8. Juli 1971, 15 Monate vor Ablauf der Haftstrafe, aus dem Lager entlassen. Die nächsten zwei Jahre lebte Sinjawski in Moskau und setzte das Schreiben fort. Da er weder legal noch wie früher illegal veröffentlichen konnte, entschied er sich zur Emigration. Am 10. September 1973 reiste Sinjawski für immer nach Frankreich aus. Dort lehrte er russische Literatur an der Pariser Sorbonne. 1974/75 war er Redaktionsmitglied der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift *„Kontinent“, die er später aufgrund eines schweren politisch-ideologischen Konflikts mit dem Chefredakteur Wladimir Maximow verließ. Unterdessen veröffentlichte er unter den Namen Sinjawski und Terz in der Zeitschrift *„Sintaksis“ (Syntax), die von Maria Rosanowa gegründet und herausgegeben wurde. Er führte eine lange polemische Auseinandersetzung mit den Vertretern der nationalpatriotischen Strömung der russischen Emigration, vor allem mit Alexander Solschenizyn: „Unter den Umständen des sowjetischen Despotismus gehört es sich für einen russischen Intellektuellen, ein Liberaler und Demokrat zu sein und nicht irgendeine andere Form eines neuen Despotismus vorzuschlagen. […] Unsere Berufung ist, auf der Seite der Freiheit zu stehen.“ In der Emigration gab Sinjawski eine Reihe neuer Bücher heraus, unter denen der autobiografische Roman „Gute Nacht“ von 1984 die größte Aufmerksamkeit erlangte. Darin beschrieb Sinjawski die Entstehung seines literarischen Alter Egos Abram Terz. In der UdSSR wurden seine Werke erstmals während der Perestroika 1989 in der Anthologie „Der Preis der Metapher oder Verbrechen und Strafe von Sinjawski und Daniel“ (Cena metafory ili prestuplenie i nakazanie Sinjawskogo i Daniela) veröffentlicht. Darin enthalten waren auch Texte, die zwischen 1959 und 1966 im Westen erschienen waren, sowie Sinjawskis Schlussplädoyer in seinem Strafprozess. Sinjawski war der Meinung, dass ein Schriftsteller in der Gesellschaft die Rolle eines „Abtrünnigen“, eines „Verbrechers“ – das Pseudonym Abram Terz war aus einer Räuberlegende entliehen – und eines „Dissidenten“ übernehmen müsse. In diesem Sinne betrachtete er sich als Dissident, nicht nur gegenüber dem sowjetischen Regime, sondern auch gegenüber dem Milieu der Emigranten und den dort verbreiteten ideologischen und weltanschaulichen Tabus. Fast jedes neue Buch von Sinjawski rief einen entsprechenden Entrüstungssturm hervor, zunächst in der Emigration und ab 1989 auch in der Sowjetunion, die er mehrfach bereiste. Nach der Verfassungskrise im Herbst 1993 zählte er zu den erbittertsten Kritikern von Russland unter Präsident Boris Jelzin. Andrei Sinjawski starb 1997 in Fontenay-aux-Roses bei Paris.Dmitri Subarew Aus dem Polnischen von Tim Bohse Letzte Aktualisierung: 03/16

Wer war wer in DDR

Skerra, Horst

* 1.9.1930

Geb. in Kulsen (Krs. Angerburg, Ostpr. / Kulsze, Polen); Vater Landarbeiter; Volksschule, Landarbeiter; 1945 Flakhelfer, anschl. Landarbeiter u. Traktorist. 1946 Umsiedl. in die SBZ, Arbeiter im Braunkohlentagebau Geiseltal bei Bitterfeld; FDJ, Besuch der FDJ-Schule; 1949 Eintritt in die DVP, 1949 / 50 Kursant bzw. Gruppenführer an der VP-Schule in Naumburg; 1950 VP-Kommissar, 1950 / 51 Zugführer, Ausbildungs-Ltr. an der VP-Dienststelle Kochstedt; 1951 SED; 1951 / 52 Offiziershörer an der VP-Schule Kochstedt; 1952 Ltr. Unterabt. Operativ VP-Dienststelle Kochstedt; 1952 – 56 Studium an der Frunse-Militärakad. in der UdSSR; 1956 –60 Ober-Offizier u. Ltr. Unterabt. Verw. Operativ des MfNV; 1961 – 64 Stellv. Chef des Hauptstabes u. Chef Verw. Operativ des Hauptstabes MfNV; 1964 – 66 Studium an der sowj. Generalstabsakad.; 1966 – 69 Kdr. der 1. MSD Potsdam; 1.3.1967 Generalmajor; 1969 –73 Stellv. Chef des Militärbez. u. Chef des Stabes des Militärbez. Leipzig; 1973 / 74 Stellv. für operatives Zusammenwirken beim Stellv. des Chefs des Hauptstabes für operative Fragen u. Chef der Verw. Operativ des MfNV; 1976 – 83 Chef des Militärbez. Leipzig (Nachf. von  Heinz Handke); Okt. 1977 Generalltn.; 1976 – 31.12.1989 Stellv. des Chefs der Landstreitkräfte, 1.1. – 14.9.1990 Chef der Landstreitkräfte (Nachf. von  Horst Stechbarth); 30.9.1990 Ruhestand.Andreas Herbst

Wer war wer in DDR

Skoda, Rudolf

* 26.9.1931 – ✝ 2.4.2015

Geb. in Leipzig; Vater Maler u. Grafiker; 1938 – 42 Volksschule, 1950 Abitur; 1950 FDGB; 1950 – 52 Maurer; 1952 techn. Hilfskraft; 1952 DSF; 1952 – 57 Studium an der HS für Baukunst u. Bildende Kunst Weimar, Dipl.-Ing.; anschl. wiss. Mitarb. an der HS für Architektur u. Bauwesen Weimar, 1958 – 60 wiss. Ass. an der HS für Bauwesen Cottbus; 1961 Mitgl. des BDA / DDR; seit 1964 versch. Studienaufenthalte in West-Berlin; 1964/65 Projekt Leipziger Messeamt am Markt (m. Rudolf Rohrer); 1964 – 75 Architekt u. Abt.-Ltr., dann Bereichsltr. im VEB Chemieanlagen Halle; 1965 Rechenzentrum Mühlenstraße, 1967 – 71 Betriebsgebäude Robotron; 1968 Prom.; 1970 – 81 Projektierung u. Ltg. des Neubaus der KMU Leipzig; 1968 – 81 Neues Gewandhaus Leipzig: 1968 – 76 Ltr. der Vorprojektierung, 1976 Ltr. des Aufbaustabs des Rats des Bez. Leipzig zur Bauvorbereitung, ab 1978 Chefarchitekt im Bereich Projektierung des Rats des Bez. Leipzig, 1981 Eröffn. des Neuen Gewandhauses Leipzig, des repräsentativsten Theatergebäudes der DDR-Baugeschichte; 1971 Schinkelmed., 1971 Kunstpreis der Stadt Leipzig; 1972 – 90 SED; 1973 BDA Bezirksvorst.; 1973/74 Betriebsschule für Marxismus-Leninismus; 1974 Studienreise nach Belgien u. in die Niederlande; 1977 Studienreisen nach Großbrit.; 1978 Verdienter Aktivist; 1979 Honorardoz. für Gebäudelehre, 1981 ord. Prof. für Wohn- u. Gesellschaftsbau an der TH Leipzig; 1981 NP. 1992 Gründung eines eigenen Architekturbüros. Geb. in Demmin; 1970 Beginn mit dem Training der Leichtathletik; ab 1971 bei Dynamo Potsdam (Trainer: Willi Kühl); Spezialdisziplin: Kugelstoßen; 1972 Spartakiadesiegerin; 1976 – 86 Abg. der Volkskammer, Mitgl. der FDJ-Fraktion; 1976 – 90 SED; 1977 nach Europapokalsieg in Helsinki positive Dopingprobe u. erster offizieller Dopingfall der DDR; danach ein Jahr Wettkampfsperre durch die European Athletic Association (EAA); 1978 EM; 1980 Olympiasiegerin u. WR (22,45 m); 1981 Europacup- u. Weltcup-Siegerin; 1984 Ende der sportl. Laufbahn, Heirat mit dem ehem. Kugelstoßer Hartmut Briesenick (EM 1971); Sachbearb. beim SC Dynamo Berlin; Versuch eines Comebacks in Vorber. auf die Olymp. Spiele 1988 ohne Erfolg. Umschulung zur Euromesseverkehrsfachkraft; lebte zuletzt in Udine (Italien).Neues Gewandhaus in Leipzig. In: Architektur der DDR (1977) 2; Die Rosenthaler Vorstadt. Wohnverhältnisse der Stadtarmut 1750 – 1850. Berlin 1985; Die Leipziger Gewandhausbauten. Berlin 2001. Sieg, V.: Neues Gewandhaus Leipzig. In: Architektur der DDR (1982) 2; Topfstedt, T., Barth, H.: Vom Baukünstler zum Komplexprojektanten. Architekten in der DDR. Berlin 2000. VoWKlaus Gallinat / Olaf W. Reimann

Wer war wer in DDR

Smietana, Heinz

* 4.12.1924

Geb. in Breslau (Wrocław, Polen); Vater Angest.; Volks- u. Mittelschule, Abendingenieurschule; Lehre u. Arbeit als Schlosser, Dreher u. Schweißer beim RAW Gleiwitz; 1942 – 45 Wehrmacht. 1945/46 KPD/SED; Landarb. bzw. Angest. beim Landratsamt Oschatz, 1946 – 49 Angest. der Konsumgenossenschaft (KG) Oschatz, 1949/50 Sachbearb. bzw. Abt.-Ltr. im KG Verband Sachsen; 1950 – 52 Fernstudium u. wiss. Ass. an der DASR Potsdam, Dipl.-Wirtschaftler; 1953 – 57 Doz. für genossenschaftl. Handel an der HS für Binnenhandel Leipzig; 1957/58 Dir. im Versorgungskontor für Handelstechnik Halle; 1958 – 61 wiss. Mitarb. in der SPK; 1961 – 67 wiss. Mitarb. u. Sekr. der Versorgungskommission beim Präs. des Ministerrats; 1967 – 75 Dir. für Grundsätze, Forschung u. Entw. der Staatsbank der DDR, daneben ab 1967 Aspirantur an der DASR Potsdam, 1973 Prom. zum Dr. oec.; 1975 – 90 GD der GENEX Geschenkdienst GmbH, Mitgl. des Genossenschaftsrats des VdK.Andreas Herbst

Wer war wer in DDR

Sobetzko, Werner

* 11.2.1939

Geb. in Hindenburg (Oberschles. / Zabrze, Polen); 1946 – 58 Grundschule in Rieder (Harz) u. Abitur in Quedlinburg; 1958 – 60 Ausbildung zum Chemielaboranten in den Leuna-Werken; 1960 – 65 Studium der Chemie an der TH für Chemie Leuna-Merseburg, 1965 Dipl.; 1966 / 67 tätig in der Feuerlöschmittelanalytik Neuruppin (Bez. Potsdam); 1967 – 90 Forsch. u. Entwicklung Orbitaplast Weißandt-Gölzau (Krs. Köthen); 1968 CDU, 1969 – 90 Vors. der Ortsgr. Weißandt-Gölzau; 1978 Prom.; 1990 / 91 Vors. des CDU-Kreisverb. Köthen; Mai-Okt. 1990 Mitgl. der Volkskammer, Vors. des Aussch. für Forsch. u. Technol.; 1990 / 91 Mitgl. des CDU-Landesvorst. Sachsen-Anh. Okt. 1990 – 2006 MdL Sachsen-Anh., Vors. der Ausschüsse für chem. Ind. sowie für Bundes- u. Europaangelegenh.; Nov. 1990 – Juli 1991 Minister für Bildung, Wiss. u. Kultur; Juli 1991 – Dez. 1993 Minister für Schule, Erwachsenenbildung u. Kultur des Landes Sachsen-Anh.; seit 1999 Mitgl. im Stadtrat von Köthen u. dessen Vors.; dann Mitgl. im Sozial- u. Kulturausschuß. HME Soboljow, Arkadi Alexandrowitsch 1903 – 2.12.1964 Politischer Berater des Obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration Geb. in St. Petersburg; bis 1930 Studium der Elektronik; in der Forschung tätig; KPdSU; ab 1939 im diplomat. Dienst; Gen.-Sekr. des Volkskommissariats für Ausw. Angelegenh. der UdSSR; 1940 Sonderbotschafter in Bulgarien u. Jugosl.; begleitete 1942 den Volkskommissar für Auswärtiges Wjatscheslaw Molotow auf seinen Reisen nach Washington u. London; Ende 1942 als Min. an der sowj. Botschaft in London; war maßgeblich an Verhandlungen zur Bildung der UNO beteiligt. 1945 Teiln. an der Potsdamer Konferenz; Aug. 1945 – Mai 1946 Pol. Berater des Obersten Chefs der SMAD; sowj. Dir. der Abt. Pol. des Alliierten Kontrollrats in Dtl., Gesandter 1. Kl.; 1946 – 49 stellv. Gen.-Sekr. der UNO u. Ltr. des Pol. Departments des Sicherheitsrats; 1949 – 51 Berater im Außenmin. der UdSSR; 1951 – 53 Botschafter in Warschau; 1953 – 54 Ltr. der Amerika-Abt. des Außenmin. der UdSSR; 1954 stellv. u. 1955 – 60 Chefdelegierter der UdSSR bei der UNO; 1960 – 64 stellv. Außenmin. der UdSSR; gest. in Moskau.Jan Foitzik

Wer war wer in DDR

Sokolowski, Wassili Danilowitsch (auch: Dawidowitsch)

* 9.7.1897 – ✝ 10.5.1968

Geb. in Kosliki (b. Białystok, heute Polen); ab 1918 Berufssoldat; 1918 – 20 Brigadekdr.; 1920/21 Studium an der Militärakad. Frunse; 1922 – 29 versch. Truppenkdo.; 1930 Gen.-Stabslehrgang; 1931 KPdSU; 1934 – 41 führende Stabsstellungen; Febr. 1941 stellv. Gen.-Stabschef, 1941 – 43 Stabschef u. 1943 Oberbefehlshaber der Westfront; 1944 Oberbefehlshaber der 1. Ukrain. Front; 1945 kurzz. stellv. Oberbefehlshaber der 1. Weißruss. Front, wegen Meinungsverschiedenheiten mit Marschall  Georgi Konstantinowitsch Shukow versetzt. 1945 Erster Stellv. u. März 1946 – März 1949 Oberbefehlshaber der Gruppe der sowj. Besatzungstruppen in Dtl. u. Oberster Chef der SMAD (Nachf. von Georgi Shukow); 1945 Held der Sowjetunion; 1945/ 46 Mitgl. des Koordinierungskomitees u. 1946 – 48 des Alliierten Kontrollrats in Dtl.; 1946 Marschall der Sowjetunion; ab März 1949 Erster stellv. Verteidigungs- bzw. ab Febr. 1950 Erster stellv. Kriegsmin. der UdSSR; 1952 – 60 Gen.-Stabschef u. Erster stellv. Kriegsmin. (ab 1953 wieder Verteidigungsmin.) der UdSSR; 1952 – 68 Kand. des ZK der KPdSU; gest. in Moskau.Wojennaja strategija. Moskwa 1968 (3. Aufl.); Rasgrom nemezko-faschistskich wojsk pod Moskwoi. Moskwa 1964.Jan Foitzik

Handbuch Deutsche Kommunisten

Söllner, Leopold

* 10.4.1905

Geboren am 10. April 1905 in Dietldorf/Bayern, Sohn eines Schneiders; lernte selbst Schneider und war später bei der Eisenbahn in München. 1920 Mitglied des KJVD, 1926 der KPD. Zunächst übte Söllner ehrenamtliche Funktionen aus, war 1924 Leiter des UB Heilbronn, danach Vorsitzender des KJVD Südbayern und 1928 auch Gauführer der Roten Jungfront Südbayerns. Ende 1928 begann er im RAW München zu arbeiten, war dort Leiter der KPD-Betriebszelle und bis zur Maßregelung im November 1931 Betriebsratsvorsitzender. Söllner gehörte der KPD-BL Südbayern an und war bis 1933 Orgleiter des RGO-Bezirkskomitees. Im Juli 1932 in den Bayerischen Landtag gewählt, setzte er ab April 1933 als Agitpropfunktionär im illegalen Bezirkskomitee seine Arbeit fort. Er emigrierte im Juli 1933 in die Tschechoslowakei, war bis Mitte Dezember Orgleiter der Politemigrantengruppen. Seit Ende 1933 in der Sowjetunion, dort unter dem Parteinamen Max Otto Kursant an der Internationalen Leninschule, anschließend im Auftrag des ZK illegale Einsätze im Ausland. Noch im September 1937 schrieb der Kaderreferent Georg Brückmann eine Einschätzung Söllners und wies auf eine Rüge hin, die dieser wegen »liberalen Verhaltens« im Zusammenhang mit »fehlerhaftem Auftreten« von Franz Huber und Erich Schneider an der Leninschule bekommen hatte. Im September 1938 wurde Söllner von den NS-Behörden ausgebürgert und vermutlich zur gleichen Zeit vom NKWD verhaftet. Sein weiteres Schicksal ist ungewiß, alles deutet darauf hin, daß Leopold Söllner Opfer der Stalinschen Säuberungen wurde.

Wer war wer in DDR

Solter, Friedo

* 24.7.1932

Geb. in Reppen (Neumark/Rzepin, Polen); Vater kfm. Angest.; 1952 – 55 Ausbildung an der Staatl. Schauspielschule Berlin; Hospitationen im Berliner Ensemble bei Proben von  Bertolt Brecht; 1955/56 Schauspieler am Bergarbeitertheater Senftenberg; 1956 – 59 Schauspieler u. Regisseur in Meiningen; erste Inszenierung 1957 »Moral«; 1959 – 2001 mit kurzer Unterbrechung Schauspieler u. Regisseur am Dt. Theater (DT) in Berlin; 1960 – 72 Doz. an der Staatl. Schauspielschule Berlin; Gründungsmitgl. des Regieinst. am Inst. für Schauspielregie »Ernst Busch« Berlin; dort 1974 – 91 Doz. für Regie; Inszenierungen mit Schauspielstudenten »Die Zoogeschichte«, Szenen aus »Marski« von Hartmut Lange (Stück in der DDR nicht gedruckt); 1968 NP; 1969 – 90 Mitgl. der AdK, 1990 Austritt; 1971/72 Regisseur u. Schauspieler beim DFF; seit 1972 erneut am DT; dort 1984 – 91 Künstler. Ltr., Regisseur u. Schauspieler; 1989 NP für seine Klassikerinszenierungen; seit 2001 freier Regisseur, zahlr. Gastinsz. sowie Veranstalt. mit der Malerin Eva-Maria Viebeg; lebt in Berlin. Inszenierungen u. a.: 1964 »Unterwegs«, 1966 »Der Stellvertreter« (beide mit Dieter Mewes), 1966, 1987 »Nathan der Weise« (Bühnenbild: Hans Nikulka), 1967 »Baran«, 1968 »Testament des Hundes«, 1969 »Der Nachbar des Herrn Pansa«, 1972 »Amphitryon«, 1974 »Sturm« (Bühnenbild: Eva-Maria Viebeg / EMV), 1976 »König Lear«, »Zwei Krawatten«, 1977 »Schwitzbad«, 1978 »Galoschenoper«, 1979 »Wallenstein«-Trilogie, 1980 »Jutta oder die Kinder von Damutz«, »Kirschgarten«, 1982 »Faust II«, während der Endprobe nach Absprache mit der Kulturabt. des ZK der SED von der Intendanz abgesetzt; 1985 »Leben ist Traum«, »Egmont«, 1986 »Vor dem Ruhestand«, 1987 »Die Fliegen«, »Philotas«, 1988 »Transit Europa« von  Volker Braun (UA), »Diktatur des Gewissens«, 1990 »Berlin, Berlin« von Sewan Latchinian (UA), »Nachtasyl«, 1991 »Peer Gynt« (Bühnenbild: EMV), 1992 »Fiesco«, Kammerspiele, »Molly Bloom«, 1993 »Gespenster Sonate«, 1994 »Der Kyklop«, 1998 »Brecht-Frauen – Ruth Berlau« (Musik: Leo Solter). Gastinszenierungen u. a.: 1976 Stockholm (»Die Schlacht bei Lobositz«), 1978 Bonn (»Besuch der alten Dame«), 1980 Bonn u. Berlin, Plenarsaal der AdK (»Elektra«) BÜ:  Werner Stötzer, Bonn u. Madrid (»Mann ist Mann«, 1980/1981), 1982 Erfurt (»Baal«), 1985 Darmstadt (»Die Schlacht«, Bühnenbild: EMV), 1989 Gelsenkirchen (»Alcina«), Salzburg (»Lumpacivagabundus«), 1990 Alma-Ata (»Fiesco«, Bühnenbild: EMV), Salzburg (»Die Glasmenagerie«), 1992 Hamburg u. Bern (»Diese Geschichte von Ihnen«, »Fiesco«, Bühnenbild: EMV), 1995 Ingolstadt (»Der gute Mensch von Sezuan«, Bühnenbild: EMV), 1996 Erfurt (»Leonce u. Lena«, Bühnenbild: EMV), 1997 Erfurt (»Elektra« v. Sophokles, Bühnenbild: EMV), 1999 Göttingen (»Stella«, BB: EMV), 2005 Neubrandenb. (»Komödie der Irrungen«); 2008 Meiningen (»Othello«). Theater-Rollen u. a.: 1960 Just (»Der zerbrochene Krug«), 1962 Tell, 1964 Claudius (»Hamlet«), 1969 Menelaos (»Die Troerinnen«), 1974 Bernadino (»Sommerfrische«), 1984 Er (»Zwei auf einer Bank«), 1988 Gierhahn (»Die echten Sedemuns«); Darsteller in Fernsehinszenierungen u. a. »Der Streit um den Sergeanten Grischa«, TR; »Nachtasyl«, R: Fritz Bornemann, Rolle: Luca; »Dantons Tod«, TR in 1977) u. zahlr. DEFA-Filmen.Porträt F. S. Theater heute (1980) 5; Renk, A.: Theaterbilder zu Inszenierungen von F. S. Ausstellungspubl. Berlin 1993.Aune Renk / Ingrid Kirschey-Feix

Handbuch Deutsche Kommunisten

Siewert, Robert

* 30.12.1887 – ✝ 2.11.1973

Geboren am 30. Dezember 1887 in Schwersenz/ Posen, Sohn eines Zimmermanns; lernte Maurer und ging dann auf Wanderschaft, 1906 in Berlin Mitglied der SPD. Von 1908 bis 1915 Maurer in der Schweiz, lernte dort auch Lenin kennen und arbeitete mit Heinrich Brandler und Fritz Heckert zusammen, war hier zugleich Mitglied des Internationalen Arbeitervereins »Eintracht« und 1913/14 Sekretär des schweizerischen Bauarbeiterverbandes in Genf. Im April 1915 verhaftet, nach Deutschland ausgewiesen, mußte er im Weltkrieg als Soldat an die Ostfront. Illegal für die Spartakusgruppe tätig, wurde Siewert 1918 in den Soldatenrat der X. Armee gewählt, dann bis Januar 1919 beim Soldatenrat in Minsk und in Wilna aktiv. Zurück in Deutschland, Mitglied der KPD, 1919 Polleiter des Bezirks Erzgebirge und Delegierter der Parteitage 1919 und 1920. Auf dem Vereinigungsparteitag mit der USPD 1920 Schriftführer, dann auf dem VII. Jenaer Parteitag 1921 ebenso wie auf dem VIII. Leipziger Parteitag 1923 in den ZA der KPD berufen. 1921 als Abgeordneter in den Sächsischen Landtag gewählt, dem er bis 1929 angehörte. Delegierter des IV. Weltkongresses der Komintern 1922 und Leiter der Parteiverlage der KPD in Berlin. Siewert kam 1923 wieder als Polleiter nach Chemnitz, war Anhänger von Brandler und wechselte dann zur Mittelgruppe. Unter seiner Leitung trat der Bezirk Erzgebirge auf dem IX. Parteitag 1924 noch für die Mittelgruppe ein, deshalb wurde er im Mai 1924 von der linken Zentrale abgelöst. Als Instrukteur nach Kassel und Essen versetzt, wurde er 1924/25 Leiter der Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten (VIVA). Er organisierte 1926 die Arbeiterdelegationen in die Sowjetunion, kam als Redakteur zur Zeitschrift »Einheit«, die sich vor allem an SPD-Arbeiter richtete. Dort vertrat er zusammen mit Jacob Walcher und Hans Beck 1928 eine gegen die ultralinke Parteilinie gerichtete Politik. Als aktiver Anhänger der Rechten Ende 1928 seiner Funktion enthoben und am 14. Januar 1929 aus der KPD ausgeschlossen. Siewert ging zur KPO, war als Mitglied der KPO-BL Westsachsen führender Funktionär dieser Organisation, die er bis 1929 auch im Landtag vertrat. 1929/30 Maurer und Fliesenleger, 1931 Geschäftsführer des Leipziger Verlages Arbeiterpolitik, anschließend wieder in seinem Beruf in Berlin tätig. Aktiv in der illegalen Reichsleitung der KPO nach 1933, wurde er am 8. April 1935 verhaftet und im Dezember 1935 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, anschließend ab September 1938 im KZ Buchenwald. In der Haft näherte er sich wieder der KPD und gehörte in Buchenwald zur illegalen KPD-Gruppe. Dort wurde er kurz vor der beabsichtigten Erschießung 1945 von den Amerikanern befreit. Siewert trat wieder der KPD bei, wurde 1. Vizepräsident der Provinzialverwaltung Sachsen-Anhalt, dann Innenminister des Landes Sachsen-Anhalt. Er war Mitglied der KPD-BL bzw. des SED-Landesvorstands und ab 1949 im sogenannten Kleinen Sekretariat der Landesleitung Sachsen-Anhalt. Wegen seiner früheren KPO-Zugehörigkeit wurde er im April 1950 degradiert, nur noch Leiter des Sekretariats für örtliche Wirtschaft im Ministerium für Aufbau (Bauwesen). Sein selbstkritischer Artikel über die »parteifeindliche Rolle« der KPO, den »Neues Deutschland« am 25. Januar 1951 druckte, wurde jedoch am 15. März 1951 als unbefriedigend angegriffen. Nun verlor er in der SED jeden politischen Einfluß, wurde erst im Rahmen der »Entstalinisierung« wieder genannt, blieb bis 1967 im Ministerium für Bauwesen und erhielt 1965 den Karl-Marx-Orden. Robert Siewert starb am 2. November 1973 in Ost-Berlin.Helmut Müller-Enbergs / Andreas Herbst

Wer war wer in DDR

Simkowski, Heinz

* 13.3.1931 – ✝ 2.7.2008

Geb. in Stettin (Szczecin, Polen); Vater Arbeiter, Mutter Hausfrau; Volksschule in Stettin-Bredow; Anfang 1945 Evakuierung nach Ueckermünde. 1945 / 46 Bote beim SPD-Kreisvorst. Ueckermünde; 1946 – 48 Telefonist in der SED-KL Ueckermünde; 1948 – 50 Lehre als Gärtner im Kinderheim Vogelsang, 1950 / 51 dort als Gärtnergehilfe tätig; 1952 SED; Besuch der KPS, anschl. bis 1953 Ass. an der KPS Ueckermünde; 1953 / 54 Parteierzieher an der KPS Mirow; 1954 – 56 Schulltr. an der KPS Waren; 1956 – 58 Ltr. der Abt. Agit. u. Prop., 1958 – 60 Sekr. im MTS-Bereich Krümmel (Krs. Neustrelitz); 1960 – 68 Sekr. für Agit. und Prop. der SED-KL Neustrelitz; Fernstud. an der FS für Landw. Tollenseheim, 1968 staatl. geprüfter Landwirt; 1968 – 71 Stud. an der PHS beim ZK der KPdSU in Moskau, Dipl.-Gesellschaftswiss.; 1971 – 77 1. Sekr. der SED-KL Altentreptow; 1976 – 89 Abg. des Bezirkstags Neubrandenb.; 1977 – 89 Vors. des Rats des Bez. Neubrandenb. (Nachf. von Gottfried Sperling), Vorruhestand. Seit 1994 Rentner; parteilos; gest. in Satrup (Schleswig-Holstein).Andreas Herbst

Wer war wer in DDR

Simon, Günter

* 6.5.1933

Geb. in Groß Baudiß (Krs. Liegnitz, Schles. / Budziszów Wielki, Polen); Vater Landarbeiter; Volks-, Haupt- u. Oberschule, Abitur; 1950 SED; 1952 – 55 Journalistikstudium an der Univ. bzw. KMU Leipzig, Dipl.-Journalist; 1954 / 55 Praktikum bei der Ztg. »Neuer Tag« Frankfurt (Oder); 1956 – 62 Red., Abt.-Ltr. u. 1962 – 67 Mitgl. des Red.-Koll. der FDGB-Ztg. »Tribüne«, ab 1967 stellv. Chefred., 1967 / 68 amt. Chefred., bis 1975 stellv. Chefred; anschl. zeitw. Korresp. der »Tribüne« in der Bundesrep. Dtl.; anschl. erneut stellv. Chefred., 1981 – 89 Chefred. der »Tribüne« (Nachf. von  Claus Friedrich); 1981 – 89 Mitgl. des FDGB-Bundesvorst. u. seines Präs.; 1967 Fritz-Heckert-Med.Tisch-Zeiten. Aus den Notizen eines Chefredakteurs 1981 – 1989. Berlin 1990.Kirsten Nies

Wer war wer in DDR

Singer, Rudolf

* 10.7.1915 – ✝ 1.11.1980

Geb. in Hamburg in einer jüd. Fam.; Vater Exportkfm. (1942 in Auschwitz ermordet); Realgymnasium; 1931 – 33 staatl. Handelsschule Hamburg, Ausbildung zum Exportkfm.; 1932 KJVD; Jan. 1933 KPD; 1934 Haft im KZ Fuhlsbüttel; 1935/36 Einkäufer u. Abt.-Ltr. der Fa. Keyaniyan & Co. GmbH Hamburg; Juni 1936 – April 1938 verhaftet, Mai 1937 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, Zuchthaus Fuhlsbüttel; ausgewiesen u. emigriert; April – Aug. 1938 Italien (Genua), 1938/ 39 in die Schweiz (Zürich); März 1939 zivilinterniert (Girenbad); Juni 1940 Arbeitslager (Oberglatt); 1941 Internierungslager Thalheim; 1942 Haft wegen Wiederaufbau der verbotenen KPD, Verurteilung in Aarau zu zehn Mon., interniert in versch. Lagern; Okt. 1944 – Sept. 1945 Sekr. der BFD in der Schweiz, Zusammenarbeit mit  Wolfgang Langhoff. Sept. 1945 Rückkehr nach Dtl.; 1945 – 49 2. Sekr. der KPD-BL u. Sekr. des Bez. Nordbayern, 1946 LL Bayern; 1949/50 Chefred. »Nordbayr. Volksztg.« in Nürnberg; 1950/51 Chefred. des KPD-Ztg. »Freies Volk« (Düsseldorf); 1950/51 Mitgl. des Sekr. u. PV der KPD; März 1951 nach »Enttarnung« des angebl. engl. Agenten  Fritz Sperling auf Beschluß des ZK der SED »aus Sicherheitsgründen« Übersiedl. in die DDR; 1952 VdN; 1951 – 55 stellv. Chefred., ab Juni 1955/56 u. 1958 – 63 Chefred. der »Freiheit« (Halle); 1956/57 Chefred. des »Freiheitssender 904«; 1957 Mitarb. des NR der NF; Nov. 1957/58 stellv. Chefred. »Volkswacht«, Gera; 1956 – 63 Mitgl. der SED-BL Halle bzw. dessen Büro; 1956 – 61 Fernstudium an der PHS, Dipl.-Ges.-Wiss.; 1963 – 66 Ltr. der Abt. Agit. des ZK der SED (Nachf. von  Horst Sindermann) u. stellv. Vors. der Agit.-Kommission beim PB; danach Mitgl. der Kommission; 1964 VVO; 1966 – 71 Chefred. des »Neuen Dtl.« (Nachf. von  Hermann Axen); seit 1967 Mitgl. des ZK der SED u. des ZV des VDJ; 1969 VVO; 1970 vom MfS Verdienstmedaille der NVA; seit Juli 1971 Vors. des Staatl. Komitees für Rundfunk (Nachf. von  Reginald Grimmer) u. stellv. Vors. der OIRT (Organisation Internationale de Radiodiffusion et Télévision); seit Nov. 1971 Abg. der Volkskammer; 1974 Verdienstmedaille des MdI; 1975 Verdienstmedaille des MfS; Verdienstmedaille der NVA; Ehrenspange zum VVO; Orden des jugosl. Banners mit goldenem Kranz; 1976 Vors. der Parl. Freundschaftsgr. DDR – Indien; Mitgl. im Aussch. für Ausw. Angelegenh.; 1978 Grand Prix der Internat. Org. der Journalisten; 1980 KMO, Mitgl. der ZL des Komitees der Antifa. Widerstandskämpfer; gest. in Berlin.Acker, P.: R. S. In: Neue Dt. Presse (1965) 7; Teubner, H.: Exilland Schweiz. Berlin 1975; Müller-Enbergs, H.: Meinungsoffiziere der Parteiführung. In: JHK. Berlin 1997.Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Sitte, Petra

* 1.12.1960

Geb. in Dresden; POS; 1977 – 79 EOS, Abitur; 1979 – 83 Studium der Wirtschaftswiss. an der MLU Halle, Dipl.-Volksw.; 1981 SED; 1983 – 85 Forschungsstudium u. 1985 – 88 Assistentin an der MLU, 1987 Prom. zum Dr. oec mit einer Arbeit über die Führung der SED Halle bei der Weiterentw. der sozialist. Produktionsverhältnisse; 1988/89 2. Sekr. der FDJ-KL der MLU; Mai – Dez. 1990 Abg. der Stadtverordnetenvers. Halle u. Vors. der PDS-Frakt. im Stadtrat Halle (Saale). Okt. 1990 – 2005 Mitgl. des Landtags Sachsen-Anh., 1990 – 2004 Vors. der PDS-Fraktion, seit 1994 Mitgl. des Ältestenrats; 1997 – 2002 Mitgl. des PDS-Bundesvorst.; seit 2004 Mitgl. des Stadtrats Halle (Saale); seit 2005 MdB, stellv. Fraktionsvors. der PDS bzw. Linkspartei u. Sprecherin für Forschungs- u. Technologiepol.Politikwechsel in der Wissenschaftspolitik? Berlin 2001.Helmut Müller-Enbergs

Handbuch Deutsche Kommunisten

Skjellerup, Johann

* 20.9.1877 – ✝ 1937

Geboren am 20. September 1877 in Hadersleben/Nordschleswig (heute Dänemark); lernte Gärtner. Er ließ sich später in Bramfeld bei Hamburg nieder und war selbständiger Gärtnereibesitzer. 1896 Mitglied der SPD, während des Krieges Übertritt zur USPD, aktiv auf dem linken Flügel dieser Partei. Er war 1920 Delegierter des USPD Spaltungs- und des Vereinigungsparteitags mit der KPD, in den Zentralausschuß der VKPD gewählt und auch vom VII. Jenaer Parteitag 1921 als Kandidat wieder in den ZA entsandt. Skjellerup zog 1921 für die KPD im Wahlkreis Schleswig-Holstein in den Preußischen Landtag ein. 1923 aktiver Anhänger der Linken, nach deren Sieg 1924 wurde er erneut in den Landtag gewählt und auch Mitglied der KPD-BL Wasserkante. Nach dem »Offenen Brief« 1925 schloß er sich der linken Opposition unter Ruth Fischer an, unterschrieb im September 1926 den »Brief der 700« und arbeitete eng mit Hugo Urbahns zusammen. Nachdem es Ernst Thälmann gelang, Skjellerup von Urbahns zu lösen, kam er auch 1928 wieder für die KPD in den Preußischen Landtag. Politisch trat er aber nur noch wenig hervor und wurde 1932 nicht mehr als Kandidat zur Landtagswahl aufgestellt. Ende 1932 soll er in die Sowjetunion übergesiedelt sein. Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß Johann Skjellerup dort während der Stalinschen Säuberungen 1937 verhaftet wurde und umgekommen ist, genaueres konnte jedoch nicht ermittelt werden.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Skorzisko, Theodor

* 9.11.1899 – ✝ 31.12.1941

Geboren am 9. November 1899 in Raschlowitz/ Oberschlesien; besuchte eine landwirtschaftliche Fachschule, war aber später Elektromonteur. Wann Skorzisko Mitglied der KPD wurde, ist unklar, politisch hervorgetreten ist er erst mit der Wahl in die Hamburger Bürgerschaft im September 1931, der er bis zu den Neuwahlen im April 1932 angehörte. Seit Anfang 1933 Leiter der illegalen KPD in Hamburg-Eppendorf, wurde im Herbst 1933 festgenommen und nach längerer Untersuchungshaft 1935 zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung ging Skorzisko zunächst nach Gleiwitz, emigrierte dann über Polen in die ?CSR und floh vermutlich unmittelbar vor der deutschen Besetzung Prags im März 1939 nach Frankreich. Hier ebenfalls in deutschen Emigrantenzirkeln politisch aktiv, Anfang 1940 mußte er mit einer schweren Lungenentzündung in ein Pariser Krankenhaus. Noch kurz vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris evakuiert, soll Theodor Skorzisko in einem Internierungslager umgekommen sein. Nach dem Krieg für tot erklärt, setzte das Gericht als Todesdatum den 31.Dezember 1941 fest.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Smolka, Joseph

* 8.8.1897

Geboren am 8. August 1897 in Sersno/Gleiwitz; lernte Glasbläser. 1916 Soldat, wurde während des Krieges Mitglied der Spartakusgruppe, trat bei Gründung der KPD bei, für die er ab 1919 als Sekretär in Oberschlesien wirkte. Von 1921 bis 1923 Sekretär für Gewerkschaftsfragen in der BL Oberschlesien bzw. Schlesien. Auf dem VII. Jenaer Parteitag 1921 als Kandidat in den ZA gewählt, war er auch Delegierter des VIII. Leipziger Parteitags 1923. 1924 kam Smolka nach Jena, dort bis 1928 in der BL Thüringen Sekretär für Gewerkschaftsfragen. Er gehörte zum rechten Parteiflügel, war Anhänger Hans Tittels und wurde Ende 1928 wieder nach Oberschlesien zurückgeschickt. Im Februar 1929 aus der KPD ausgeschlossen, ging Smolka zur KPO und war für sie in Thüringen aktiv. Später arbeitete er in der Gemeindeverwaltung von Ruhla, einem starken KPO-Stützpunkt. Nach 1933 mehrfach verhaftet, übersiedelte Smolka 1943 von Thüringen nach Breslau, wohnte bei der Liberalen Wilhelmine Schirmer-Pröscher und schloß sich einer antifaschistischen Gruppe an. Über Kontakte zu Otto Engert, mit dem er sich im April 1944 in Leipzig traf, kam er auch in Gespräche mit Georg Schumann, Theodor Neubauer und 4 Anton Saefkow. Letztem übergab er einen größeren Geldbetrag und sie begegneten sich noch einmal im Mai 1944 in Berlin. Smolka entging der Verhaftungswelle und lebte bis Kriegsende unbehelligt in Breslau. 1945 trat er wieder der KPD, 1946 der SED bei, übernahm wichtige Verwaltungsfunktionen im Land Brandenburg, wurde Geschäftsführer der Zentralen Kommission für Sequestrierung und Beschlagnahme, anschließend 1946/47 kaufmännischer Direktor der Hauptverwaltung der landeseigenen Betriebe in Brandenburg. Bereits im Sommer 1949 in den Westen geflüchtet, nannte Smolka Anfang August 1949, bei einer Pressekonferenz in Hamburg, schwere politische Differenzen mit Heinrich Rau und Walter Ulbricht als Grund seiner Flucht. In West-Berlin gehörte er 1949 zu einer Gruppe »Unabhängige KPD«. Über Joseph Smolkas weiteres Schicksal konnte nichts in Erfahrung gebracht werden.

Wer war wer in DDR

Sobottka, Gustav

* 12.7.1886 – ✝ 6.3.1953

Geb. in Turowen (Ostpr. / Turowo, Polen); Vater Dachdecker, Tagelöhner; 1895 Übersiedl. ins Ruhrgeb.; Volksschule in Röhlingshausen; ab 1901 Bergmann in Wanne-Eickel; 1905 – Herbst 1908 Militärdienst in Düsseldorf, Artillerist; 1909 Mitgl. im freien Bergarbeiterverb.; Heirat mit Henriette Schantowski; Jan. 1910 SPD; 1912 – 14 Gewerkschaftsvertrauensmann; 1913 Ortsltr. Eickel der SPD; Aug. 1914 – Nov. 1918 Teiln. am 1. Weltkrieg; 1918 USPD; Mitgl. eines Arbeiter- u. Soldatenrats, 1920 KPD; 1920 wegen opp. pol. Tätigkeit Ausschl. aus der Gewerkschaft; Ende 1921 – 30 Ltr. der Industriegr. Bergbau in der Gewerkschaftsabt. der Zentr. bzw. des ZK der KPD; 1921 – 32 MdL in Preußen; als solcher Mitgl. der Grubensicherheitskommission für den Oberbergamtsbez. Dortmund; Delegierter des III, IV. u. V. Weltkongresses der KI; 1924/1925 Mitgl. der BL Ruhr der KPD; bis 1925 Ltr. der Gruppe Bergbau in der kommunist. »Union der Hand- u. Kopfarb.«; 1924 – 29 Lehrer für Gewerkschaftsfragen an der MASCH in Berlin; 1925 – Mai 1928 erneut Gewerkschaftsmitgl.; 1929 Mitbegr. u. Mitgl. der Reichsltg. der RGO; Okt. 1928 – 35 Gen.-Sekr. des Internat. Komitees der Bergarb. bei der RGI in Moskau, Berlin, Saarbrücken u. Paris, u. a. Streikorganisator in Großbritannien u. in Belgien; 1928 – 32 Mitarb. des Westeurop. Büros der KI; Juli – Sept. 1932 Haft in Belgien; 1932 Funktionär der RHD; 1933 zur Fahndung ausgeschrieben; April 1933 Emigr. ins Saargeb.; April 1934 Organisator u. Vors. der Internat. Konferenz der Bergarb. in Saarbrücken; 1935 Paris; Nov. 1935 in Moskau; Dez. 1935 – Sommer 1936 Stellv. des Gen.-Sekr. des Internat. Komitees der Bergarb.; Ltr. des Sekr. für internat. Verbindung; dann im ZR der sowj. Gewerkschaften tätig; April 1937 Aberkennung der dt. Staatsbürgerschaft; Febr. 1938 Verhaftung des Sohnes Gustav S. durch das NKWD (gest. Sept. 1940 in einem Moskauer Gefängnis); Anf. März 1938 aus dem ZR der Gewerkschaften entlassen; Parteiüberprüfung im Zusammenhang mit der Verhaftung des Sohnes; Juli 1938 – Frühjahr 1939 stellv. Ltr. der ökon. Abt. in der Red. der »Dt. Zentral-Ztg.«; verlor im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt Sommer 1939 seinen Honorarvertrag bei der dt. Red. des Moskauer Rundfunks; ab Aug. 1939 Personalrentner; ab Juni 1941 Mitarb. in der dt. Red. des Moskauer Rundfunks; am 26.10. 1941 Evakuierung aus Moskau, bis Ende März 1942 in Kuibyschew; Einsätze in Kriegsgefangenenlagern; Anf. 1943 Mitgl. der vom ZK der KPD initiierten Arbeitsgr. über Gewerkschaftsfragen u. zur »Bearbeitung der Fragen wichtiger Bezirke«; Juli 1943 Mitgl. des NKFD; vom RKG wegen »Hochverrats« in Abwesenheit zum Tode verurteilt; Feb. – Aug. 1944 Mitarb. in einer Arbeitskommission zur Ausarbeitung des Nachkriegsprogramms der KPD; Mitgl. der Unterkommission zur »Rolle der Gewerkschaft«. Ab 6.5.1945 Ltr. einer Gruppe dt. Kommunisten im Bereich der 2. Beloruss. Front in Mecklenb.-Vorpom.; Unterz. des Aufrufs der KPD vom 11.6.1945; Mitgl. des prov. ZK der KPD; bis Nov. 1945 Vors. der LL Mecklenb. der KPD; 20.12.1945 – 47 Vizepräs. u. 4.8. 1947 – 48 Präs. der ZV für Brennstoffindustrie; 15.4.1948/49 Ltr. der HV Kohle bei der DWK; 7.10.1949 – 51 Ltr. der HA Kohle im Min. für Industrie/Schwerindustrie; April 1951 Pensionierung; Ehrenpension; Verdienter Bergmann der DDR; danach Lehrauftrag auf dem Gebiet der Bergbauwirtschaft; gest. in Berlin.Leben u. Wohlstand der Bergarb. in der Sowjetunion. Strasbourg 1937.Peter Erler / Helmut Müller-Enbergs

dissidenten.eu

Soldatow, Sergei

* 1933 – ✝ 2003

Ingenieur, Journalist, Publizist. Mitarbeiter der *Estnischen Volksfront und der „Estnischen Demokratischen Bewegung“; Autor, Redakteur und Verbreiter des Samisdat, politischer Häftling.Sergei Soldatow wurde 1933 im estnischen Narva (Narwa) in einer russischen Familie geboren. Nach dem Abschluss der Höheren Schule in Jõgeva 1952 arbeitete er zunächst in den Gaswerken in Kohtla-Järve. Zwei Jahre später begann er an der Technischen Hochschule in Leningrad ein Maschinenbaustudium. 1956 richtete er ein Schreiben an das ZK der KPdSU mit der Forderung nach demokratischen Reformen, woraufhin er aus dem Komsomol ausgeschlossen wurde. Nach Abschluss seines Studiums, das er mit Auszeichnung bestand, kehrte er 1960 nach Estland zurück. Er arbeitete in den Fabriken „Volta“ und „Kalev“ und war Dozent und Übersetzer an Hochschulen in Tallinn (Reval). Mitte der 60er Jahre umgab er sich mit Vertretern der Tallinner Intelligenz. Es entstand ein Diskussionsklub, den Soldatow in Tagebüchern als „Demokratische Gruppe“ bezeichnete. Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine Untergrundorganisation. Den entscheidenden Anstoß dafür hatte die Aufdeckung und Liquidierung des *Allrussischen Sozial-Christlichen Verbandes zur Befreiung des Volkes (Vserossijskij social-christianskij sojuz osvoboždenija naroda; WSChSON) gegeben. Nachdem man sich für konspiratives Vorgehen entschlossen hatte, stand die Sicherheit der Mitglieder der Gruppe im Vordergrund der Arbeit. Als Anfang 1968 ein westlicher Rundfunksender die Adresse des russischen Historikers Piotr Jakir verbreitete, fuhr Soldatow nach Moskau, um die dortigen Dissidenten kennenzulernen. Er überredete sie dazu, den offenen Kampf um die Demokratisierung aufzugeben und konspirativ zu arbeiten, auch initiierte er den Austausch von Untergrund-Publikationen zwischen Tallinn und Moskau. Die Broschüre „Memorandum. Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ von Andrei Sacharow ließ er ins Estnische übersetzen und in Estland verbreiten. Im September 1968 verfasste er zusammen mit Artem Juskevitš den Artikel *„Hoffen oder handeln?“ (Nadejat‘sja ili dejstvovat‘?), eine kritische Erwiderung auf Sacharows Memorandum. Nach der Verhaftung der führenden Köpfe der oppositionellen Organisation „Verband der Kämpfer für politische Rechte“ durch den KGB wurde auch Soldatows Wohnung durchsucht. Er wurde mehrmals verhört und mithilfe eines psychiatrischen Gutachtens für psychisch krank erklärt. 1969–70 formulierte er zusammen mit Artem Juskevitš zwei Grundsatzdokumente: im Oktober 1969 das Programm der *Demokratischen Bewegung der Sowjetunion (Demokratičeskie Dviženie Sovetskogo Sojuza), unterzeichnet mit „Demokraten Russlands, der Ukraine und der baltischen Länder“, und 1970 die Schrift „Taktische Grundsätze der Demokratischen Bewegung der Sowjetunion“ (Taktičeskie osnowy DDSS). In beiden Dokumenten wurde das Prinzip, unabhängige Ansichten offen zum Ausdruck zu bringen, kritisiert. Stattdessen sprach man sich für ein konspiratives Vorgehen aus. Die Texte riefen im russischen und ukrainischen Samisdat eine lebhafte Diskussion hervor. 1969 gründete Soldatow die Untergrundzeitschrift „Demokrat“, von der bis 1972 sieben Nummern erschienen. Dort veröffentlichte er hauptsächlich eigene Texte unter verschiedenen Pseudonymen (Dimitrij Donskoj, Wolnij, W. Siewieryj, Pieczalnik und andere), so auch Teile der Abhandlung „Welt, Mensch, Zeit“ (Мir, čelovek, vrem‘ja). Soldatows Taktik schloss sich unter anderen die Moskauer Gruppe von Aleksander Bolonkin an, die Dokumente und Schriften der Demokratischen Bewegung der Sowjetunion verbreiteten. Ab August 1970 arbeitete er mit der *Estnischen Volksfront zusammen und schrieb Artikel in estnischer Sprache für ihr Organ „Eesti Rahvuslik Hääl“ (Estnische Nationale Stimme). 1972 beteiligte er sich an der Ausarbeitung des Programms der „Estnischen Demokratischen Bewegung“, die sich von der *Demokratischen Bewegung der Sowjetunion unterschied, und gründete zusammen mit anderen deren Zeitschrift „Eesti Demokrat“ (Estnischer Demokrat). Im Herbst 1972 war er an der Ausarbeitung des *Memorandums der Estnischen Demokratischen Bewegung und der Estnischen Volksfront beteiligt. Er hielt Philosophie- und Ethikseminare und versuchte, mit der „Moralisch-Politischen Wiedergeburt“ einen neuen Verband zu gründen, der die geistige Strömung innerhalb der Demokratischen Bewegung der Sowjetunion repräsentieren sollte. 1971 folgte die Gründung der Untergrundzeitschrift „Strahl der Freiheit“ (Луч свободы), die – wie er in seinen Erinnerungen schreibt – das Organ dieser Gruppe war. Bis 1974 erschienen acht Nummern.Nach den Verhaftungen von Artem Juskevitš, Mati Kiirend, Kalju Mätik und Arv Varat im Dezember 1974, hielt er sich fast einen Monat lang verborgen. Als er in seine Wohnung zurückkehrte, wurde er am 4. Januar 1975 verhaftet. Während der Ermittlungen verweigerte er die Aussage, im Prozess verzichtete er auf einen Anwalt und forderte den Austausch der Richter wegen ihrer Zugehörigkeit zur KPdSU. In seiner Verteidigungsrede wies er den Vorwurf des verbrecherischen Charakters seines Handelns zurück. Der Prozess gegen Soldatow und seine Anhänger fand vom 21. bis 31. Oktober 1975 statt. Das Oberste Gericht der Estnischen SSR verurteilte ihn nach Artikel 68, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der ESSR (siehe *Artikel 70 Strafgesetzbuch der RSFSR) zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Die Strafe musste er in den *mordwinischen Lagern verbüßen. Er beteiligte sich dort an Aktionen der politischen Häftlinge und unterzeichnete Protestbriefe. 1978 erschien in der Pariser Wochenschrift *„Russkaja Mysl“ (Russisches Denken) ein Artikel von ihm über das Recht der Unionsrepubliken, aus der Sowjetunion auszutreten und selbstständig zu werden. Diese Idee wurde im In- und Ausland ambivalent aufgenommen, was in einer lang andauernden Polemik in der Presse seinen Ausdruck fand. 1979/80 bereitete er zwei Sammelbände mit eigenen Artikeln vor, „Zehn Jahre Demokratische Bewegung“ (Десять лет Демократического Движения) und „Gedanke im Feuer“ (Мысль в огне). Er übermittelte sie in den Westen, wo sie jedoch nicht veröffentlicht wurden. Nach seiner Freilassung wohnte er wieder in Tallinn. Im Mai 1981 emigrierte er unter dem Druck der Behörden in die Bundesrepublik Deutschland. 1983–93 arbeitete er in der estnischen Sektion von *Radio Freies Europa. Ab 1989 publizierte er überwiegend in der national-patriotisch orientierten russischen Presse. Ab 1993 arbeitete er als freier Journalist. 2000 kehrte Sergei Soldatow nach Tallinn zurück, wo er 2003 starb.Viktor Niitsoo Aus dem Polnischen von Beata Kosmala Letzte Aktualisierung 07/15

dissidenten.eu

Solschenizyn, Alexander

* 1918 – ✝ 2008

Schriftsteller, Publizist und Vordenker der christlich-nationalen Bewegung. Autor von *„Archipel Gulag“ und Mitverfasser des Essaybandes *„Stimmen aus dem Untergrund“. Gründer des *Hilfsfonds für politische Häftlinge und ihre Familien.Alexander Solschenizyn kam 1918 im nordkaukasischen Kislowodsk als Kind studierter Eltern zur Welt, deren Vorfahren noch Bauern gewesen waren. Sein Vater starb bei einem Jagdunfall ein halbes Jahr vor der Geburt seines Sohnes. Seine Mutter zog 1924 mit ihm nach Rostow am Don, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. 1941 beendete Solschenizyn sein Studium der Mathematik und Physik an der Universität in Rostow. Parallel dazu hatte er am Moskauer Institut für Geschichte, Philosophie und Literatur noch ein Fernstudium absolviert. Zu dieser Zeit war er bekennender Kommunist, unternahm erste literarische Versuche und beschäftigte sich mit Entwürfen für ein Romanepos über den Ersten Weltkrieg und die Oktoberrevolution. Im Oktober 1941 wurde Alexander Solschenizyn zur Roten Armee eingezogen. Im Zweiten Weltkrieg war er ab Dezember 1942 im Fronteinsatz, führte eine Artillerieeinheit und wurde 1944 zum Hauptmann befördert. Er war unter anderem am Kursker Bogen und in Ostpreußen im Einsatz, wofür er mit dem Orden des Vaterländischen Krieges zweiten Grades, mit dem Orden des Roten Sterns und mit zwei weiteren Ehrungen ausgezeichnet wurde. Am 9. Februar 1941 wurde Solschenizyn aufgrund eines Briefwechsels mit seinem Schulfreund, dem Offizier Nikolai Witkewitsch, verhaftet. In den Briefen hatten sie Stalin kritisiert und darüber diskutiert, nach dem Krieg eine Organisation für die Erneuerung des Leninismus zu gründen. Am 7. Juli 1945 wurde Solschenizyn nach *Artikel 58, Paragraf 10 Strafgesetzbuch der RSFSR sowie nach Paragraf 11 desselben Artikels (siehe *Artikel 72 Strafgesetzbuch der RSFSR) zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Seine Strafe verbüßte er in Straflagern in der Nähe von Moskau und später in einem Spezialgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit. Dieses Lager war zugleich ein Konstruktionsbüro, in dem inhaftierte Wissenschaftler und Ingenieure staatliche Aufträge erfüllen mussten. Die letzten drei Jahre seiner Haft verbrachte Solschenizyn im Lagerkomplex „Steplag“ in Kasachstan. Nach seiner Entlassung im März 1953 wurde Solschenizyn lebenslänglich in das Dorf Birlik im Gebiet Schambyl in der Kasachischen Sowjetrepublik verbannt. Dort war er Schullehrer für Mathematik und Physik. Sowohl seine in Gefängnissen, Lagern und Verbannung verbrachten Jahre als auch Hunderte Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Anschauungen und Lebensschicksale trugen dazu bei, dass sich Solschenizyn von seinen früheren Ansichten entfernte. Er gab den Leninismus auf, wurde überzeugter Antikommunist und gelangte zu der Überzeugung, dass die Oktoberrevolution die größte Tragödie der russischen Geschichte gewesen sei. Heimlich setzte er seine intensive literarische Arbeit fort, die er bereits während seiner Inhaftierung wiederaufgenommen hatte. Nach der Entlassung aus der Verbannung im Sommer 1956 zog Solschenizyn nach Zentralrussland. Im Februar 1957 wurde er rehabilitiert. Fast ein Jahr lang arbeitete er als Lehrer im Kreis Kurlowo im Gebiet Wladimir östlich von Moskau, ab Juni 1957 lebte er dann in Rjasan und unterrichtete Astronomie an einer Schule. Seine heimlich verfassten Texte zeigte er nur den engsten Freunden. Auf Zureden des Schriftstellers Lew Kopelew, seinem ehemaligen Mithäftling im Staatssicherheits-Gefängnis, schickte er im Oktober 1961 seine 1959 entstandene Erzählung „ŠČ-854“ an die Zeitschrift „Novyj Mir“. Im Oktober 1962 wurde sie als erstes bedeutendes Werk der sowjetischen Literatur über die sowjetischen Straflager unter dem Titel „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ (Odin den‘ Ivana Denisoviča) veröffentlicht. Solschenizyn wurde damit umgehend im In- und Ausland bekannt. Bereits im Dezember 1962 wurde er in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen. Auf einem Treffen der Parteiführung mit Schriftstellern bezeichnete Parteichef Nikita Chruschtschow das Buch als „Vorbild parteilicher Wahrheit“. Chruschtschow hatte persönlich veranlasst, die Erzählung von der Zensur auszunehmen. „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ wurde für den Leninpreis vorgeschlagen. Solschenizyns Werke wurden als Zeichen für die Erneuerung der russischen Literatur gewertet. Die Veröffentlichung seiner Erzählungen „Matrjonas Hof“ (Matrënin dvor) und „Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka“ (Slučaj na stancii Krečetovka) in der Zeitschrift „Novyj Mir“ bekräftigte seine Stellung als moderner Klassiker, den einige sogar als Nachfolger von Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski ansahen. Zeitgleich begannen Reformgegner im Partei- und Staatsapparat Hand in Hand mit linientreuen Schriftstellern Solschenizyn anzugreifen. Auf geschlossenen Parteiversammlungen wurden Gerüchte in Umlauf gebracht, Solschenizyn sei wegen Hochverrates verurteilt und nur durch einen Irrtum rehabilitiert worden. Außerdem gelang es seinen Gegnern zu verhindern, dass er den Leninorden erhielt. Solschenizyns Werke, die 1963 und 1964 zur Veröffentlichung vorgeschlagen worden waren, lehnte die Zensur nun ab. Nach dem Sturz Chruschtschows verstärkte sich die Hetzkampagne gegen Solschenizyn immer mehr; der KGB begann, ihn zu überwachen. Ein Wendepunkt in Solschenizyns Leben wurde der 11. September 1965, als der KGB jenen Teil seiner geheimen Manuskriptsammlung beschlagnahmte, der bei Wenjamin Teusch aufbewahrt worden war. Darunter waren dramatische Werke und Gedichte aus der Zeit der Gefangenschaft, die bisher nicht für den Druck vorgesehen gewesen waren. Von dem Stück „Das Bankett der Sieger“ (Pir pobeditelej), in dem es um die letzten zwei Monate des Zweiten Weltkrieges ging, setzte der KGB die Präsidiumsmitglieder des Zentralkomitees in Kenntnis. Später wurde dieser Text immer wieder benutzt, um Solschenizyn zu verleumden. Nahezu die gesamte Staats- und Parteiführung sah sich nun in der Überzeugung bestätigt, dass es sich bei Solschenizyn um einen heimlichen und kompromisslosen Feind der sowjetischen Ordnung handele. Die Veröffentlichung seiner Werke wurde verboten, als Letztes konnte 1966 offiziell die Erzählung „Sachar-Kalita“ in der Zeitschrift „Novyj Mir“ erscheinen. Damit war Solschenizyns Schriftstellerkarriere beendet. Im Verlauf der kommenden zwei bis drei Jahre wurde er zum oppositionellen Dissidenten. Es begann eine präzedenzlose, bis 1974 andauernde offene Konfrontation zwischen Solschenizyn und den Machthabern, die er in dem autobiografischen Buch „Die Eiche und das Kalb“ (Bodalsja telënok z dubom) beschrieben hat. Bereits 1963 und 1964 zirkulierten im Samisdat kleinere Arbeiten Solschenizyns, die in den 50er Jahren entstanden waren. Diese waren „Nemow und das Flittchen“ (Olen‘ i šalašovka), ein Stück über das Häftlingsleben, das am Moskauer Sovremennik-Theater einstudiert, dann aber von der Zensur gestoppt wurde, das Drehbuch zu „Die Panzer kennen die Wahrheit“ (Znajut istinu tanki) über den Lageraufstand 1954 im kasachischen Schesqasghan und die ebenfalls von der Zensur verbotenen Prosaminiaturen „Minigeschichten“ (Krochotnye rasskazy). Letztere waren seine ersten in der UdSSR verbotenen Texte, die im Westen erschienen (in *„Grani“ Nr. 56/1964). 1967 lagen zwei umfangreiche Romane Solschenizyns druckfertig vor: „Im ersten Kreis“ (V kruge pervom) ist ein breites Panorama des sowjetischen Lebens der späten 40er Jahre. Es spannt den Bogen von einem Lager für Wissenschaftler, das mit dem vergleichbar ist, in dem Solschenizyn von 1947 bis 1950 inhaftiert war, bis hin zur Vorstadtresidenz Stalins. Die Arbeit an dem Roman, der anfangs den Titel „Scharaschka“ trug, begann Solschenizyn noch in der Verbannung in Kasachstan und führte sie später in Rjasan fort. Nach eigener Auskunft hatte er Kapitel und Handlungsstränge, die Einwände der Zensurbehörde hätten wecken können, bei der Vorbereitung des Manuskripts für den Druck entfernt oder angepasst. Ungeachtet dessen erhielt der Roman keine Druckzulassung. Der zweite Roman mit dem Titel „Krebsstation“ (Rakovyj Korpus), in dem Solschenizyn ebenfalls persönliche Erfahrungen verarbeitet hatte, stellte den Versuch dar, die in der russischen Literatur oftmals aufgegriffenen „ewigen Fragen“ über den Sinn des Lebens, den Tod und das Wesen der menschlichen Existenz durch die Darstellung von Patienten und Ärzten einer onkologischen Abteilung in einem Provinzkrankenhaus neu zu stellen. Gleichzeitig war die Romanhandlung eine komplexe Metapher für ein Land, das die Epoche des Massenterrors hinter sich gelassen hatte, aber noch von Gewalt, Heuchelei und Lüge gezeichnet war. „Krebsstation“ entstand im Auftrag der Zeitschrift „Novyj Mir“, in der sein Erscheinen angekündigt wurde. Doch trotz beharrlicher Bemühungen der Redaktion scheiterte die Veröffentlichung an der Zensur.1966 las Solschenizyn in Moskau mehrmals öffentlich Auszüge aus seinen Werken und sprach über die Verfolgung, der er ausgesetzt war. Im Mai 1967 verfasste er einen offenen Brief an den IV. Schriftstellerkongress der UdSSR, der als *Brief Alexander Solschenizyns zur Zensur bekannt wurde. Darin rief er zu einer ehrlichen Diskussion über die Willkür der Zensur auf und warf der Leitung des Schriftstellerverbandes vor, dass sie sich, statt Mitglieder vor politischer Verfolgung zu schützen, an Verleumdungskampagnen beteiligen würde. Der Brief fand im Samisdat Verbreitung und wurde im Ausland veröffentlicht. 80 Schriftsteller unterstützten Solschenizyn mit einem gemeinsamen Brief, viele solidarisierten sich mit ihm in privaten Schreiben und Telegrammen wie etwa Georgi Wladimow, Wenjamin Kawerin, Wladimir Kornilow, Wladimir Wojnowitsch, Feliks Swetow, Aleksei Kosterin und Wiktor Konezki. Mit der Verbreitung seines Briefes über die Zensur wurde der Name Solschenizyn zum Symbol des offenen gesellschaftlichen Widerstandes gegen das Regime. Zur gleichen Zeit erschienen „Krebsstation“ und „Der erste Kreis“ im Samisdat. Trotz des großen Umfangs der Romane, der die Vervielfältigung erschwerte, erlangten sie eine außergewöhnliche Popularität. Um an die mit Schreibmaschinen angefertigten Kopien beider Bücher zu gelangen, musste man lange warten. In intellektuellen Kreisen borgte man sich die Bücher gegenseitig, um sie in einem Zuge über Nacht durchzulesen. Einander fast fremde Menschen schlossen sich zu Gruppen zusammen, um die Bücher gemeinsam zu lesen, indem die gelesenen Blätter von Hand zu Hand weitergereicht wurden. Im Sommer 1968 wurde Solschenizyn mit einem Artikel vom 26. Juli 1968 in der „Literaturnaja Gazeta“ erstmals in der sowjetischen Presse angegriffen. Er wurde vor allem für seinen Brief an den Schriftstellerkongress kritisiert und dazu aufgefordert, sich von dem „Aufruhr“ zu distanzieren, den „antisowjetische Kreise“ im Westen in seinem Namen anzettelten. Als Reaktion darauf erschien im Samisdat der Artikel „Die Verantwortlichkeit des Schriftstellers und die Unverantwortlichkeit der ‚Literaturnaja Gazeta‘“ (Otvetstvennost‘ pisatelja i bezotvetstvennost‘ Literaturnoj gazety) von Lidija Tschukowskaja. In der „Literaturnaja Gazeta“ erschien daraufhin eine Erklärung Solschenizyns gegen die unautorisierte Veröffentlichung seiner Werke im Ausland. Dies war das letzte Zugeständnis, das der Staat ihm noch abringen konnte. Als Reaktion auf die endgültige Absage, „Krebsstation“ zu veröffentlichen, erteilte Solschenizyn noch im selben Jahr die Genehmigung, beide Romane im Ausland herauszugeben. Im November 1969 schloss man Alexander Solschenizyn aus dem Schriftstellerverband aus. Er reagierte darauf mit einem offenen Brief an das Sekretariat des Schriftstellerverbandes der UdSSR, in dem er die Adressaten als „Blindenführer ohne Sehvermögen“ ansprach, die den Kontakt zur Wirklichkeit vollständig verloren hätten. Er erinnerte an frühere Verleumdungskampagnen gegen Anna Achmatowa und Boris Pasternak sowie an aktuelle gegen Lew Kopelew und Lidija Tschukowskaja und warf den Literaturfunktionären vor, überall nur Feinde zu sehen. Solschenizyn führte weiter aus, dass die sowjetische Gesellschaft „schwer krank“ sei und nur eine „ehrliche und umfassende Transparenz“ zu ihrer Gesundung beitragen könne. Am 8. Oktober 1970 erhielt Alexander Solschenizyn den Literaturnobelpreis. Er wurde mit der Auszeichnung für die „moralische Kraft“ gewürdigt, „mit der er die lebendige Tradition der russischen Literatur fortführt“. Die Preisverleihung rief eine Verleumdungskampagne gegen ihn in der sowjetischen Presse hervor. Solschenizyn reiste nicht zur Verleihungszeremonie nach Stockholm und begründete diese Entscheidung mit seiner Befürchtung, dass er während des Auslandsaufenthaltes seine Staatsbürgerschaft verlieren und nicht mehr in die Heimat zurückkehren könne. In einem zu den Feierlichkeiten der Preisverleihung gesandten Telegramm machte er auf die politischen Häftlinge in der Sowjetunion aufmerksam, die zur Verteidigung ihrer Freiheiten in den Hungerstreik getreten waren. Eineinhalb Jahre lang bemühte sich Solschenizyn darum, den Preis in Moskau entgegenzunehmen, aber die Behörden durchkreuzten im April 1972 endgültig diesen Plan, indem sie dem Vertreter der Schwedischen Akademie der Wissenschaften die Einreise in die UdSSR verweigerten. Im Sommer 1971 veröffentlichte der Pariser Verlag YMCA-Press Solschenizyns neues Buch „August 1914“ (Avgust četyrnadcatogo), den ersten Band des Romanzyklus „Das rote Rad“ über den Krieg und die russische Revolution. Fortan widmete sich Solschenizyn hauptsächlich der Arbeit an diesem Epos, das er als seine Lebensaufgabe betrachtete. Dieses Werk und der Einsatz Solschenizyns in der Öffentlichkeit spielten eine wichtige Rolle für die Entstehung der sowjetischen Dissidentenbewegung, obwohl sich Solschenizyn selbst fast nie an Gruppen und oppositionellen Vereinigungen beteiligte und es bevorzugte, allein zu agieren. Eine Ausnahme war seine Mitgliedschaft im *Komitee für Menschenrechte in der UdSSR (Komitet prav čeloveka w SSSR) ab Dezember 1970, über die er später jedoch öffentlich sein Bedauern äußerte. Ungeachtet dessen pflegte er Kontakte zu bekannten Dissidenten. Mitte der 60er Jahre lernte er die Brüder Schores und Roi Medwedew kennen. Solschenizyn teilte deren Antistalinismus und unterschrieb im Juni 1970 einen offenen Protestbrief für Schores Medwedew, der in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen worden war. Mitte der 70er Jahre führten Meinungsunterschiede mit den Medwedew-Brüdern, die oppositionelle Kommunisten waren, zu einer deutlichen Abkühlung der Beziehung und zu scharfen polemischen Auseinandersetzungen mit ihnen. Solschenizyn traf sich auch mit Pjotr Grigorenko, hatte jedoch zu dessen Engagement für die Menschenrechte ein ambivalentes Verhältnis. An Andrei Sacharow schrieb er einen Brief, in dem er auf dessen politischen Essay „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ (Razmyšlenia o progresse, mirnom sosuščestvovanii i intelekualnoj svobode) Bezug nahm. Er schätzte diese freie, öffentliche Stellungnahme sehr, kritisierte Sacharow aber dafür, dass er nicht entschieden genug mit der sozialistischen Ideologie gebrochen habe. Die im Memorandum entwickelte Idee einer Konvergenz von Kommunismus und Kapitalismus bezeichnete Solschenizyn als utopisch. Der Appell von Roi Medwedew, Andrei Sacharow und Walentin Turtschin „An die Führer von Partei und Regierung“ (K rukovoditeljam partii i pravitel‘stva), in dem diese für gemäßigte liberal-demokratische Reformen von oben plädierten, rief noch stärkeren Widerspruch Solschenizyns hervor. Sein Essayband *„Stimmen aus dem Untergrund“ (Iz-pod glyb) war eine polemische Entgegnung auf Andrei Sacharows Memorandum „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“. In seinem Buch „Die Eiche und das Kalb“ schrieb Solschenizyn außerdem, Sacharow seien einige seiner Äußerungen und Aktivitäten von Liberalen innerhalb der Menschenrechtsbewegung aufgezwungen worden, allen voran von Waleri Tschalidse. Es kann davon ausgegangen werden, dass Solschenizyns „Brief an die sowjetische Führung“ (Pismo voždjam Sovetskogo Sojuza), in dem er seine politischen Vorstellungen darlegte, eine Alternative zum Appell von Roi Medwedew, Andrei Sacharow und Walentin Turtschin sein sollte. Später kam es zwischen Solschenizyn und Andrei Sacharow zu einem heftigen Streit. Solschenizyn kritisierte Andrei Sacharow dafür, dass er dem Recht auf Auswanderung unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit schenke, obwohl es seiner Meinung nach eine zweitrangige Bedeutung für die Zukunft Russlands besitze. Bis Mitte der 70er Jahre hielt sich Solschenizyn jedoch mit direkter öffentlicher Kritik an Andrei Sacharow und anderen Publizisten der liberal-demokratischen Strömung und der Menschenrechtsbewegung zurück. Über einige Initiativen der Menschenrechtsbewegung, vor allem über die *„Chronik der laufenden Ereignisse“, äußerte er sich sogar anerkennend. Im August 1973 begann in der sowjetischen Presse eine neue Hetzkampagne gegen Solschenizyn und Andrei Sacharow. Im Artikel „Die Welt und die Gewalt“ (Mir i nasilie), der eine Ergänzung seines Nobelpreisvortrages war, schlug er Andrei Sacharow für den Friedensnobelpreis vor, mit dem dieser im Oktober 1975 tatsächlich ausgezeichnet wurde. Am 4. August 1973 wurde die Sekretärin Jelisaweta Woronjanskaja vom Leningrader KGB zur Vernehmung abgeführt. Solschenizyn hatte ihr über einen Bekannten, den Literaturwissenschaftler Efim Etkin, einige Manuskripte zum Abschreiben gegeben. Nach fünf Tagen intensiver Verhöre gab die 67-Jährige schließlich die Adresse des Hauses preis, in dem die Kopien der Manuskripte aufbewahrt wurden. Trotz Solschenizyns Warnung hatte sie auch jeweils ein Exemplar für sich selbst behalten. Am 23. August beging Jelisaweta Woronjanskaja Selbstmord. In der angegebenen Wohnung wurde eine Hausdurchsuchung vorgenommen und das am besten versteckte Buchmanuskript Solschenizyns fiel in die Hände der Sicherheitsorgane: der *„Archipel Gulag“.Die Idee für *„Archipel Gulag“, den Solschenizyn als „Versuch einer literarischen Aufarbeitung“ bezeichnete, entstand noch während seiner Lagerhaft. Ab 1964 arbeitete er an seinem immensen Werk über das sowjetische Gefängnis- und Lagersystem, über die Geschichte des staatlichen Verfolgungsapparates und über den Terror, der von 1917 bis 1956 vom sowjetischen Regime ausgeübt worden war. Tausende Briefe, Erinnerungen und Dokumente, die er von ehemaligen Häftlingen der stalinistischen Lager und ihren Verwandten nach Veröffentlichung von „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ zwischen 1962 und 1964 erhalten hatte, bildeten einen weiteren Impuls für die Wahl des Themas. Bei der Verwirklichung halfen ihm Dutzende anonyme Freiwillige, die Materialien in Archiven und Bibliotheken sammelten, handschriftliche Briefe, Tagebücher und Erinnerungen übertrugen, zusammengetragene Informationen präzisierten und überprüften sowie Manuskriptseiten vervielfältigten und vor der Geheimpolizei versteckten. Trotz der großen Zahl an Mitarbeitern gelang es, das Vorhaben vor dem KGB geheim zu halten. 1967 war die Hauptarbeit abgeschlossen. Die drei Bände des *„Archipel Gulag“, die zusammen etwa 2.000 Seiten umfassten, waren in Reinform niedergeschrieben. Ein Exemplar wurde in den Westen mit der Maßgabe gebracht, es nicht zu Lebzeiten des Verfassers ohne seine ausdrückliche Genehmigung zu veröffentlichen, die anderen Exemplare wurden im Land versteckt. Nach der Konfiszierung des Exemplares, das Jelisaweta Woronjanskaja aufbewahrt hatte, gab Solschenizyn die Anweisung zum Druck des Buches, die er mit folgendem kurzen Kommentar versah: „Schweren Herzens hielt ich die Veröffentlichung des bereits fertigen Textes zurück. Die Verpflichtung gegenüber den Lebenden war wichtiger als die Verpflichtungen gegenüber jenen, die gestorben sind. Aber jetzt, wo die Sicherheitsorgane das Buch ohnehin an sich gerissen haben, bleibt mir nichts anderes, als es umgehend zu veröffentlichen.“ Im Dezember 1973 erschien der erste Band von *„Archipel Gulag“ im Pariser Verlag YMCA-Press. Dank der Sendungen westlicher Rundfunkanstalten wurde das Buch auch in der Sowjetunion für Hörer zugänglich, wo es einen überwältigenden Eindruck hinterließ und auch jene erschütterte, die selbst Verfolgungen ausgesetzt gewesen waren. *„Archipel Gulag“ war der wichtigste Versuch, die Grundlage für ein neues nationales Geschichtsbewusstsein zu legen und dem offiziellen Geschichtsbild, das auf Verschweigen und Unwahrheit beruhte, eine Alternative entgegenzusetzen. Diese neue Geschichtsschreibung entstand aus der Verbindung zweier voneinander getrennter Strömungen der Erinnerung an den Terror: aus der unmittelbaren persönlichen Erfahrung der Zeugen und Opfer sowie aus der kritischen Interpretation bisher verschwiegener historischer Tatsachen, die Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre in zahlreichen Texten des Samisdat stattgefunden hatte. Beide Aspekte verband Solschenizyn mit Hilfe von emotionalen und gleichzeitig sorgfältig durchdachten literarischen Kommentaren. Den umfassenden Einblick in die jüngste Geschichte, den die Leser unabhängig von ihrer Meinung zu den ideologischen Überzeugungen oder geschichtsphilosophischen Ansichten Solschenizyns gewannen, war entscheidend für den tiefen Eindruck, den *„Archipel Gulag“ in der Sowjetunion hinterließ. Die Tatsache, dass Mitte der 70er Jahre der Mythos von der heroischen Vergangenheit die abgenutzte marxistische Ideologie verdrängt hatte und praktisch zur einzigen Legitimationsquelle des Regimes geworden war, verstärkte diesen Eindruck noch. Bis in die letzten Jahre der Perestroika hinein war *„Archipel Gulag“ einer der begehrtesten Texte des Samisdat, dessen Besitz auch am strengsten bestraft wurde. Wurde das Buch bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt, drohte für die Lektüre oder Aufbewahrung der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Relegation von der Hochschule und für dessen Verbreitung oder Vervielfältigung sogar Verhaftung und ein Gerichtsprozess. Ungeachtet dessen wurden Exemplare ausländischer Auflagen in die UdSSR eingeschmuggelt und vor Ort hundertfach fotografisch vervielfältigt oder auf Schreibmaschinen abgetippt. 1974 und 1975 ließ Swiad Gamsachurdia in Georgien den *„Archipel Gulag“ illegal drucken, was in der Geschichte des Samisdat einmalig war. *„Archipel Gulag“ wurde in viele Sprachen übersetzt und war damit ein Buch mit den höchsten Auflagenzahlen. In der westlichen Welt, wo der Kommunismus als Weltanschauung in seiner ursprünglichen Form weiterhin lebendig war, hinterließ das Buch als glaubwürdiges Zeugnis und unbestreitbarer Beweis für den Preis und die Folgen des kommunistischen Experiments einen schockierenden Eindruck. Die russische Abkürzung „Gulag“ für „Hauptverwaltung der Lager“ (Glavnoe upravlenie lagerej) wurde zum feststehenden Begriff und ging neben Bezeichnungen wie „Auschwitz“ oder „Hiroshima“ in den internationalen Wortschatz als ein Synonym für politisch verursachte humanitäre Katastrophen ein. Kurz nach Veröffentlichung des ersten Bandes begann im Januar 1974 eine erneute Pressekampagne gegen Solschenizyn. Er wurde als Verräter, Judas und sogar als „Wlassow-Soldat der Literatur“ beschimpft; die Zeitungen druckten „Briefe von Arbeitern“ ab, in denen die Bestrafung des Verräters verlangt wurde. Am 7. Februar 1974 fiel auf der Sitzung des Politbüros der KPdSU die Entscheidung über das weitere Schicksal Solschenizyns. Das offizielle Protokoll vermerkte zunächst noch, er solle „nur“ strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Fünf Tage später holte man Solschenizyn dann tatsächlich gewaltsam aus seiner Moskauer Wohnung, sperrte ihn ins Lefortowo-Gefängnis und klagte ihn nach *Artikel 58, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der RSFSR wegen Vaterlandsverrats an. Auf Beschluss des Präsidiums des Obersten Sowjets wurde Solschenizyn dann jedoch die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen und er wurde des Landes verwiesen. Am 13. Februar 1974 schob man ihn im Flugzeug nach Westdeutschland ab. Ende März reiste auch seine Frau zusammen mit den gemeinsamen Kindern aus. Ihr gelang es, einen Großteil der literarischen Materialsammlung ihres Mannes mitzunehmen. Die sowjetische Zensur wies nicht nur an, alle Bücher Solschenizyns aus den Bibliotheken zu entfernen, sondern auch diejenigen Ausgaben von Zeitschriften, in denen seine Werke veröffentlicht worden waren. Für den Fall seiner Verhaftung oder Abschiebung hatte Solschenizyn bereits zuvor mehrere Erklärungen vorbereitet. Am Tag seiner Verhaftung gab er bekannt, dass er jedes Gerichtsurteil über Literatur für illegitim erachte und eine Bestrafung nicht akzeptiere. Ein zweiter Text enthielt seine berühmte Losung „Leben ohne Lüge!“ (Žyt‘ nie po lžy!), die eine immense Bedeutung für die Bewusstseinsbildung der sowjetischen Intelligenz hatte. Solschenizyn entwickelte darin eine besondere Strategie des zivilen Ungehorsams, die sowohl den Boykott der verlogenen Zwangsrituale auf Versammlungen, Kundgebungen und Demonstrationen als auch eine Ermutigung zur Verfassung unzensierter Bücher und Artikel enthielt. Diese dem Anschein nach moderaten Forderungen liefen im Wesentlichen darauf hinaus, die Gesellschaft zu ermutigen, sich zahlreichen Regeln des Regimes zu widersetzen. Als Beweis dafür, dass ein Leben ohne Lüge möglich ist, zählte Solschenizyn Beispiele widerständigen Verhaltens sowjetischer Dissidenten und die Entwicklung in der tschechoslowakischen Gesellschaft auf. Solschenizyns Losung von einem Leben ohne Lüge blieb für viele Jahre in der liberalen sowjetischen Intelligenz populär. Auch wenn sie nicht als Anleitung zum konkreten Handeln taugte, diente sie doch zumindest als Erklärung für das Phänomen der Dissidentenbewegung. Unter den Oppositionellen wurde Solschenizyns Losung aber auch zurückhaltend aufgenommen, da es ihnen fremd war, andere zu etwas aufzurufen. Einige Dissidenten, die Solschenizyn nahe standen, unterstützen jedoch seinen Appell und entwickelten dessen Programmatik weiter. Igor Schafarewitsch beispielsweise versuchte, die Idee eines Lebens ohne Lüge in dem Artikel „Hat Russland eine Zukunft?“ (Jest li u Rossii buduščee?) weiterzuentwickeln und gab im Samisdat unter dem Titel „Leben ohne Lüge“ eine Textsammlung mit Protesterklärungen gegen die Ausweisung Solschenizyns heraus. Ein dritter Text Solschenizyns jener Zeit war der bereits erwähnte Brief an die Führung der Sowjetunion, der auch ein Programm für politische und soziale Reformen enthielt. Das Dokument war im September 1973 an die Staatsführung versandt und vorerst nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Solschenizyn rief darin die politische Führung der UdSSR auf, ihr Monopol über die kommunistische Staatsideologie aufzugeben, zuzustimmen, dass sich die Mehrzahl der „peripheren Völker“ von der UdSSR löse und die Umwandlung Russlands in einen Nationalstaat voranzutreiben. Außerdem forderte er, auf die umfassenden Industrialisierungspläne und den Ausbau der großen Städte zugunsten der „Erneuerung des Volkes“ durch freie Landarbeit zu verzichten. Die Entwicklung des Nordostens und die Erschließung von schwach entwickelten Gebieten Sibiriens stellte Solschenizyn als ein besonderes nationales Projekt für Russland heraus. Im Austausch für die Garantie bürgerlicher Freiheiten schlug er vor, dass die politische Macht auf unbegrenzte Zeit in den Händen der „Sowjetführung“ verbleiben solle. Da Russland seiner Meinung nach für eine Demokratie nicht bereit sei, solle die kommunistische Diktatur durch einen gemäßigten Autoritarismus ersetzt werden. Dieses letzte Argument führte zu großen Kontroversen in der Opposition. Die national eingestellten Dissidenten überzeugte weniger die Taktik der Argumentation als vielmehr die Tatsache, dass ihr Misstrauen und ihre Skepsis gegenüber dem westlichen Demokratiemodell indirekt zum Ausdruck gebracht wurde. Prowestlich orientierte Oppositionelle waren hingegen von Solschenizyn enttäuscht.Solschenizyns Brief an die Führung wurde durchgehend als Manifest des „aufgeklärten Nationalismus“ verstanden, der früher nur einen Randbereich der dissidentischen Vorstellungswelt ausgemacht hatte und nun unerwartet einen hochgeachteten Dissidenten als Führungsfigur erhielt. Ludmila Aleksejewa: „Der Brief zog eine deutliche Grenze zwischen den Anhängern der russischen Nationalbewegung und den Verteidigern der Menschenrechte, denen mehrheitlich die Idee des demokratischen Rechtsstaats vorschwebt.“ Trotz gegenteiliger politischer Meinung verurteilten zahlreiche Dissidenten einhellig die Verhaftung und Abschiebung Solschenizyns. Schon am 13. Februar 1974 wurde ein Dokument veröffentlicht, das später als *Moskauer Appell (Moskovskoe obraščenie) bekannt wurde. Neben selbstverständlichen, sich aus der Situation ergebenden Forderungen wie der Rückkehr Solschenizyns in die Sowjetunion, dem Ende der Repressionsmaßnahmen und der offiziellen Veröffentlichung von *„Archipel Gulag“ forderten die Verfasser auch die Offenlegung von Akten, die eine vollständige Bewertung des sowjetischen Terrorapparates erlauben würden, sowie die Gründung eines internationalen Tribunals zur Erforschung der Verbrechen des Regimes. Dieser Appell war der erste Text von Dissidenten, in dem in Anlehnung an Solschenizyn offen erklärt wurde, dass Bürgerinitiativen notwendig seien, um die jüngste Geschichte aus dem Geflecht der Propagandalügen zu befreien und sie aufzuarbeiten. Derartigen Forderungen sollte einige Jahre später während der Perestroika eine grundlegende Rolle zukommen. Außer den genannten Texten sind zwei weitere Initiativen Solschenizyns zu nennen, die vor dessen Abschiebung vorbereitet und erst nach seiner Emigration verwirklicht wurden: 1972/73 bereiteten Solschenizyn und einige Mitstreiter – der Mathematiker Igor Schafarewitsch, der Literaturkritiker Felix Swetow, der Kunsthistoriker Wadim Borisow und Jewgeni Barabanow – einen Essayband zu religiös-philosophischen und historisch-politischen Themen vor. Der Band mit dem Titel *„Stimmen aus dem Untergrund“ stellte sich in die Tradition des Sammelbandes „Wegzeichen“ (Vechi) von 1909 und sollte zur geistigen Erneuerung der russischen Intelligenz beitragen. Er erschien 1974 in Paris und wurde zu einem wichtigen Manifest des christlich-orthodoxen nationalen Flügels der Dissidenten. Die Anthologie enthielt drei Texte von Solschenizyn: Den Artikel von 1969 mit dem Titel „Wenn Atmung und Bewusstsein zurückkehren“ (Na vozvratie dychanija i soznanija), den historisch-philosophischen Essay „Reue und Selbstbeschränkung als Kategorien des nationalen Lebens“ (Raskajanie i samoograničenie kak kategorii nacionalnoj žyzni) vom November 1973, in dem er vorschlug, die geschichtlichen Ereignisse einzelner Völker nach moralischen Kategorien zu beurteilen, sowie den Artikel „Gebildetenpack“ (Obrazovanščina) vom Januar 1974 über die russische Intelligenz, ihre Entartung und Verwandlung in eine seelenlose, feige und berechnende Masse. Dieser letzte Artikel stand am deutlichsten in der Tradition der „Wegzeichen“ und stellte eine scharfe Kritik an den prowestlich orientierten Publizisten des Samisdat dar, vor allem an Grigori Pomeranz, Boris Schragin, Wladimir Kromer und Gerzen Kopylow, die ihre ganze Hoffnung auf die Intelligenz setzten. Solschenizyn zufolge würden sie lediglich für wirkungslose und risikofreie Formen des Widerstandes werben. Ihrer pädagogischen Mission fehle es an religiöser Fundierung. Selbst wenn sie sich auf die Religion bezögen, würden sie doch die Volksfrömmigkeit verachten und – wie alle Liberalen – das Volk von oben herab und mit Geringschätzung behandeln. Die zweite Initiative Solschenizyns war die Einrichtung des *Hilfsfonds für politische Häftlinge und ihre Familien und die Spende eines Teils der Honorare, die er für die Publikation des *„Archipel Gulag“ im Ausland erhalten hatte. Im Winter 1973/74 traf sich Solschenizyn mit Alexander Ginsburg und bot ihm an, die Leitung des Fonds zu übernehmen, dessen Gründung im Frühjahr 1974 öffentlich bekannt gegeben wurde. Später beschränkte sich die persönliche Beteiligung Solschenizyns darauf, dass er die Einkünfte aus den Nachauflagen des *„Archipel Gulag“ spendete. Der *Hilfsfonds für politische Häftlinge und ihre Familien wurde zu einer der wirkungsvollsten dissidentischen Organisationen, für die Dutzende Personen tätig waren. Für viele Menschen in der Sowjetunion der 70er und 80er Jahre stand er nicht nur für konkrete materielle Hilfe, sondern auch für die Solidarität mit den Verfolgten. Hunderte Familien, die von politischen Repressionen betroffen waren, konnten seine Mittel in Anspruch nehmen. Im Exil ließ sich Solschenizyn zunächst in der Schweiz nieder und ab 1976 dann im US-Bundesstaat Vermont. 1974–76 erschien der zweite und dritte Band von *„Archipel Gulag“, eine Auswahl von Fragmenten aus „Das rote Rad“ unter dem Titel „Lenin in Zürich“ sowie die bereits vor seiner Abschiebung entstandenen, seine literarische Karriere beschreibenden Erinnerungen „Die Eiche und das Kalb“. Solschenizyn setzte auch in den USA seine schriftstellerische Arbeit fort, beteiligte sich an den politischen und kulturellen Debatten in Exilzeitschriften, wobei er sich als Vertreter eines gemäßigten Nationalismus und als entschiedener Kritiker prowestlicher, liberaler Projekte der russischen Intelligenz profilierte, der die Rückkehr zu den vom Christentum definierten ewigen Wahrheiten befürwortete. Besonders entschieden kamen seine Ansichten in einer öffentlichen Debatte mit dem Philosophen und liberalen Dissidenten Grigori Pomeranz und dem Schriftsteller Andrei Sinjawski zum Ausdruck, als er unter anderem den programmatischen Artikel „Unsere Pluralisten“ (Naši pluralisty) verfasste. In seinen später herausgegebenen Erinnerungen „Zwischen zwei Mühlsteinen“ (Ugodilo sernyško promeš dvuch šernovov) widmete Solschenizyn dieser Diskussion viel Raum. Während der Perestroika wurde begonnen, Solschenizyn auch in Russland zu verlegen. Im August 1990 bekam er die sowjetische Staatsbürgerschaft zurück und im September 1991 informierte ihn die Staatsanwaltschaft, dass das 1974 gegen ihn eröffnete Strafverfahren wegen Vaterlandsverrates eingestellt werde. Im Mai 1994 kehrte Alexander Solschenizyn nach Russland zurück. Er flog nach Magadan und unternahm eine zweimonatige Zugreise von Wladiwostok nach Moskau, die er in den größeren Städten unterbrach, um sich mit den Menschen zu treffen. Die wichtigste politische Stellungnahme Solschenizyns in den 90er Jahren war der Artikel „Wie soll Russland wiederaufgebaut werden?“ (Kak nam obustroit Rossiju?) von 1990, der jedoch kaum Reaktionen hervorrief. Später trat Solschenizyn nicht mehr mit politischen Stellungnahmen in Erscheinung, traf sich jedoch mehrmals privat mit den russischen Präsidenten Boris Jelzin und Wladimir Putin. Die Realität des postkommunistischen Russland bewertete Solschenizyn entschieden negativ. Seinen Standpunkt legte er 1998 in dem Buch „Russland am Abgrund“ (Rossija w obvale) dar. Im Dezember 1998 verweigerte er die Annahme der wichtigsten Auszeichnung Russlands, des Ordens des Heiligen Andrei, mit dem ihn der russische Präsident zu seinem 80. Geburtstag ehren wollte. Seine Entscheidung begründete er mit der katastrophalen Situation des Landes, für die er die politische Führung verantwortlich machte. Ab Mitte der 90er Jahre widmete Solschenizyn politischen Angelegenheiten immer weniger Aufmerksamkeit und konzentrierte sich auf sein literarisches Schaffen. 1997 wurde Solschenizyn Vollmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in der Sektion Literatur und Sprache. 2000/01 gab er mit „Zweihundert Jahre zusammen 1795–1995“ (Dvesti lat vmeste 1795–1995) ein Buch über die Geschichte der russisch-jüdischen Beziehungen heraus. Alexander Solschenizyn starb 2008 in Moskau.Alexander Daniel, Dmitrij Subarew, Nikolai Mitrochin Aus dem Polnischen von Tim Bohse Letzte Aktualisierung: 03/16

dissidenten.eu

Șoltoianu, Alexandru

* 1934

Historiker, Orientalist, Journalist, Autor des Samisdat, politischer Häftling.Alexandru Șoltoianu wurde 1934 in dem Dorf Inești im damals noch rumänischen Bessarabien in eine bäuerlichen Familie geboren. 1959 nahm er – Bessarabien war inzwischen Teil der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik – am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen ein Studium auf, das er 1965 abschloss. Anschließend kehrte er nach Moldau zurück und lehrte zwei Jahre lang afrikanische und asiatische Geschichte an der Universität Chișinău. Nebenher verfasste er außenpolitische Kommentare für den moldauischen Rundfunk und das Fernsehen. 1967 zog er zurück nach Moskau, wo er als Redakteur im sowjetischen Rundfunk arbeitete und 1969 in die Programmabteilung für die Länder des Nahen und Mittleren Ostens übernommen wurde. Anschließend arbeitete er als Ökonom im Wissenschaftlichen Forschungsinstitut des Staatlichen Komitees für Arbeit und Löhne beim Ministerrat. Șoltoianu gründete Anfang der 60er Jahre in Moskau eine illegale Gruppe als Vertretung der moldauischen Landsmannschaft und entschied sich später dazu, eine Organisation mit dem Namen „Nationale Wiedergeburt Moldaus“ zu schaffen. Diese Idee diskutierte er mit seinen engsten Gefährten, entwickelte eine Organisationsstruktur für diese künftige Bewegung und formulierte ihr Programm, das unter anderem die Einführung des lateinischen Alphabets vorsah. Wichtige weitere Ziele waren eine Wende in der Bevölkerungspolitik, um die Abwanderung der indigenen Moldauer zu beenden, die Vereinigung Moldaus mit Rumänien und die Rückgabe jener Gebiete an Rumänien, die mit dem *Hitler-Stalin-Pakt an die Sowjetunion gefallen waren. 1971 durchsuchte der KGB Șoltoianus Wohnung und beschlagnahmte seine handschriftlichen Manuskripte. Șoltoianu hatte zuvor viele Jahre an einem Buch gearbeitet, in dem er die Innen- und Außenpolitik der Sowjetunion kritisierte. Er wurde als Zeuge im Prozess gegen Gheorghe Ghimpu, Valeriu Graura und Alexandru Usatiuc nach Chișinău verbracht, am 13. Januar 1972 selbst verhaftet und nach Artikel 67, Paragraf 1 und Artikel 69 Strafgesetzbuch der Moldauischen Sowjetrepublik angeklagt (siehe *Artikel 70 Strafgesetzbuch der RSFSR und *Artikel 72 Strafgesetzbuch der RSFSR). Am 4. Januar 1972 verurteilte ihn das Oberste Moldauische Gericht zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren sowie zu fünf Jahren Verbannung. Seine Strafe verbüßte Șoltoianu in den *mordwinischen Lagern und in den *Permer Lagern. Anschließend wurde er nach Kasachstan in das Gebiet Qysylorda verbannt. Nach seiner Rückkehr aus Lagerhaft und Verbannung im Januar 1983 lebte Șoltoianu in der zweitgrößten moldauischen Stadt Tiraspol. 1988 zog er nach Moskau um. Als er dort 1990 als Volksdeputierter der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik kandidieren wollte, lehnte die zentrale Wahlkommission seine Registrierung jedoch ab. Daraufhin kehrte er nach Moldau zurück und wurde noch im selben Jahr Berater im Ministerium für Nationale Sicherheit. Nachdem 1994 linke Kräfte an die Regierung gekommen waren – die Republik Moldau war seit 1991 ein unabhängiger Staat –, entfernte man ihn aus seinem Amt. 1998–2000 war Șoltoianu stellvertretender Vorsitzender des Exekutionskomitees des Verbands der Opfer der kommunistischen Okkupation und der Kriegsveteranen der rumänischen Armee. Heute lebt er als Rentner in Moskau.Ion Șișcanu Aus dem Polnischen von Beata Kosmala Letzte Aktualisierung: 06/17

Handbuch Deutsche Kommunisten

Silbermann, Max

* 18.1.1896 – ✝ 5.2.1968

Geboren am 18. Januar 1896 in Ehrenberg/ Sachsen, Sohn eines Brauers. Lehre und Arbeit als Gärtner und Kürschner. Von 1914 bis 1918 Soldat im Weltkrieg, schloß er sich 1919 der USPD und 1921 der KPD an. Er war von 1924 bis 1930 Betriebsratsvorsitzender und stand 1926 an der Spitze des Fabrikarbeiterverbandes in Waldheim. Mitglied der BL Erzgebirge-Vogtland, ab 1929 Sekretär des UB Döbeln-Riesa. Silbermann wurde 1931 als Abgeordneter in den Sächsischen Landtag gewählt. Bereits am 9. März 1933 verhaftet, bis Anfang September 1935 in KZs in »Schutzhaft« festgehalten. Nach der Entlassung unter Polizeiaufsicht, übersiedelte Silbermann 1936 nach Süddeutschland, leistete illegale Arbeit gegen das NS-Regime. 1942 erneut kurzzeitig inhaftiert, bekam er 1944 im Elsaß Kontakt zur Résistance. Silbermann war 1945/46 zunächst KPD-Funktionär in Baden, kehrte 1947 nach Sachsen zurück, war einige Zeit Sekretär des VdgB-Kreisvorstandes Döbeln und wohnte zuletzt in Ehrenberg/Waldheim. Dort starb Max Silbermann am 5. Februar 1968.

Wer war wer in DDR

Simon, Hans-Heinrich

* 27.3.1931 – ✝ 6.2.2010

Geb. in Quedlinburg; Vater Handwerker; OS; 1945 – 48 Ausbildung zum Tischler; 1948 – 58 im Beruf tätig; 1949 FDGB; 1951/52 Besuch der FS für angewandte Kunst u. der Mstr.-Schule Magdeburg, Werkmstr.; 1955 – 59 Fernstudium an der Ing.-Schule für Bauwesen Magdeburg, Bauing.; 1958 – 63 Abt.-Ltr., techn. Ltr. u. 1963 – 72 Vors. der PGH Holzverarbeitung Quedlinburg; 1972 – 79 Dir. des VEB Möbelwerk Quedlinburg; seit 1979 Stellv. des GD u. Dir. für Absatz im VEB Möbelkombinat Dessau; 1951 NDPD; 1959 – 61 Mitgl. des Ortsvorst., 1961 – 63 des Krs.-Vorst. Quedlinburg; 1963 – 67 u. 1974 – 77 Mitgl. des Bez.-Vorst. u. des Bez.-Aussch. Halle; seit 1967 Mitgl. der Hauptaussch. der NDPD; 1960 – 72 Mitgl. des Krs.-Vorst. der Handwerkskammer; 1961 – 63 Abg. des Krs.-Tags Quedlinburg; 1963 – 67 Abg. des Bez.-Tags Halle u. Vors. der Ständ. Kommission Örtl. Versorgungswirtschaft; 1967 – 86 Abg. der Volkskammer; 1967 – 71 Mitgl. des Staats- rates (Nachf. von  Christian Steinmüller); 1976 – 86 stellv. Vors. des Aussch. für Handel u. Versorgung; 1986 Rentner; lebt in Quedlinburg.Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Simon, Günther

* 11.5.1925 – ✝ 25.6.1972

Geb. in Berlin; Vater Bankkfm.; Volksschule u. Gymnasium in Berlin; 1933 erster Bühnenauftritt als Kinderdarsteller; 1942 priv. Schauspielunterricht; RAD, Wehrmacht (Fallschirmjäger); Kriegsgefangenschaft in USA u. Großbritannien; dort Auftritte in Lagertheatern. Nach Rückkehr 1947 Abschl. an der Schaupielschule des Hebbel-Theaters Berlin; Engagements in Köthen, Schwerin, Leipzig u. 1950 Berlin; zunächst Bühnengastspiele, dann, gefördert von  Martin Hellberg (Film »Das verurteilte Dorf«, 1952, R: Martin Hellberg), vornehml. bei der DEFA tätig (rund 50 Filme); 1954 SED; NP; Rollen u. a.: 1954 u. 1955 TR in »Ernst Thälmann – Sohn seiner Kl.« u. »Ernst Thälmann – Führer seiner Kl.« (beide R:  Kurt Maetzig); 1955 Heinrich-Greif-Preis; 1956 Preis als bester Schauspieler auf den Filmfestspielen in Karlovy Vary; 1957 »Tinko« (nach  Erwin Strittmatter), »Der Lotterieschwede« (nach Martin Andersen Nexö); 1958 »Das Lied der Matrosen« (R: Kurt Maetzig), »Sonnensucher« (R:  Konrad Wolf); 1969 »Krupp u. Krause« (TV, R:  Horst E. Brandt); 1969 NP; 1971 »KLK an PTX – Die Rote Kapelle« (R: Horst E. Brandt).Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Singhuber, Kurt

* 20.4.1932 – ✝ 15.10.2005

Geb. in Wien; Vater Arbeiter; bis 1950 OS, Abitur; 1945 Mitgl. eines Antifa-Jugendaussch.; 1946 – 60 FDJ; 1949 – 51 Vors. der Ortsgr. Wildau; 1950/51 Praktikant im VEB ABUS Wildau, Facharbeiterabschl. als Maschinenschlosser; 1951 SED; 1951/52 Studium an der TH Dresden u. 1952 – 57 am Metallurg. Inst. in Dnepropetrowsk (UdSSR), Dipl.-Ing.; 1957/58 Konstrukteur; 1958/59 Ltr. des Konstruktionsbüros; 1957 – 61 Techn. Dir. im VEB Schwermaschinenbau »Heinrich Rau« Wildau; ab 1958 Mitgl. des Zentr. Arbeitskrs. für Forschung u. Technik »Walzwerkausrüstungen« u. ab 1963 des Zentr. Arbeitskrs. »Eisen« des Forschungsrats der DDR; bis 1961 Fernstudium an der HfÖ Berlin, Dipl.-Wirtsch.; 1961 – 64 außerplanm. Aspirant u. Lehrbeauftr. an der TH »Otto von Guericke« Magdeburg; 1961 – 65 Techn. Dir. bzw. Werkdir. des VEB Schwarzmetallurgieprojektierung Berlin; 1966/ 67 stellv. Minister für Erzbergbau, Metallurgie u. Kali; ab 1966 a. o. Mitgl. des Forschungsrats u. Ltr. der DDR-Delegation in der Ständ. Kommission für Schwarzmetallurgie im RGW; Juli 1967 – Nov. 1989 Minister für Erzbergbau, Metallurgie u. Kali (Nachf. von  Kurt Fichtner); 1967 Prom. zum Dr.-Ing. an der TH Magdeburg, 1968 – 73 Fernstudium an der PHS, Dipl.-Ges.-Wiss.; 1974 VVO; Nov. 1989 – März 1990 Minister für Schwerindustrie; gest. in Berlin.Beitrag zur Frage der Leistungssteigerung von Kaltpilgermaschinen. Magdeburg 1967.Hagen Schwärzel / Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Sitte, Willi

* 28.2.1921 – ✝ 8.6.2013

Geb. in Kratzau (Krs. Reichenberg, ČSR/Chrastava, Tschechien); Vater Bauzimmermann u. Landarb., Mutter Bäuerin; 1927 – 35 Volks- u. Bürgerschule Kratzau; 1935 – 40 Kunstschule des nordböhm. Gewerbemuseums Reichenberg; anschl. bis 1940/41 Mstr.-Schule für monument. Malerei »Hermann Göring« in Kronenburg (Eifel), Lehrer Werner Peiner; 1941 –44 Wehrmacht, OGfr.; 1944/45 bei italien. Partisanen in Montecchio Maggiore; 1945/46 in Mailand freischaff. Maler; Gaststud. der Brera-Akad. Mailand, erste Ausstellung. 1946 Rückkehr in die ČSR (Kratzau); dort Mitarb im Antifa-Aussch.; Aussiedl. in die SBZ; 1946 – 49 freischaff. Maler in Heiligenstadt u. Halle; Jan. 1947 SED; 1949 – 52 freischaff. Maler u. Lehrbeauftragter am Inst. für künstler. Werkgestaltung Halle; 1951/52 Sekr. der SED; 1952 – 59 Doz. an der HS für Industr. Formgestaltung Burg Giebichenstein (Halle); hier 1959 – 64 Wahrnehmungsprof.; 1964 – 72 Prof. mit Lehrauftrag; 1965 VVO; ab 1965 Mitgl. des ZV des VBK; 1966 Burda Preis (Bundesrep. Dtl.); 1968 Käthe-Kollwitz-Preis; 1969 Mitgl. der DAK; NP; 1969 – 71 Dir. der Forschungs- u. Entwicklungsstelle für künstler. Baugestaltung; 1970 – 74 Vizepräs., 1974 – 88 Präs. des VBK (Nachf. von  Gerhard Bondzin), ab Okt. 1988 Ehrenpräs.; 1972 Goldmedaille der III. Internat. Grafik-Biennale Florenz; 1972/73 Prof. mit künstler. Tätigkeit; ab 1973 ord. Prof.; 1973 – 86 Dir. der Sekt. Bildende u. Angewandte Kunst an der HS für Industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein (Halle); 1974 – 88 Ltr. einer Mstr.-Kl. an der HS für bildende Künste Dresden; 1974 KMO; 1976 Banner der Arbeit (im Koll.); 1976 – März 1990 Abg. der Volkskammer; ab 1976 Mitgl. der Kulturkommission beim PB des ZK; 1979 NP; 1981 VVO; 1984 Mitgl. des Weltfriedensrats; 1985 Held der Arbeit; Ehrenmitgl. der Ges. Bildender Künstler Österreichs; 1986 – 89 Mitgl. des ZK der SED. 2001 Korr. Mitgl. der European Academy of Humanities in Paris; 2006 Eröffn. der W.-S.-Galerie als Stiftung in Merseburg; 2008 Kunstpreis der Stadt Halle u. Ehrenbürger der ital. Stadt Montecchio Maggiore; gest. in Halle. Werke u. a.: Aufmarsch der Lanzenmänner (1952), Hochwasserkatastrophe am Po (1952, 1954), Elternbildnisse (1962, 1963, 1966/67), Die Überlebenden (1963), Rufer II (1964), Liebespaar (1967), Leuna 1921 (1968), Mensch, Ritter, Tod u. Teufel (1969/70), Im Leichtmetallwerk (1977), Mein Atelier – Courbet gewidmet (1977), Gefahr der manipulierten Vergeßlichkeit (1982), Landsauna (1986/87). Werk-Kataloge: Kunsthalle Rostock 1971; Kunstverein Hamburg 1975; Staatl. Galerie Moritzburg Halle 1981; Staatl. Kunsthalle Berlin (West) 1982; W. S. Epochenbilder, Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik. Staatl. Museen zu Berlin, Nationalgalerie Berlin 1986.Farben u. Folgen. Leipzig 2003 (Autobiogr., Mitarb. G. Schirmer) Hütt, W.: W. S. Dresden 1972; Hütt, W.: W. S. Maler u. Werk. Dresden 1976; Kolodziej, H. (Hrsg.): Das Sitte-Verbot. Texte, Bilder, Dokumente. Schkeuditz 2001.Anke Scharnhorst / Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Sklenar, Volker

* 6.11.1944

Geb. in Mittweida; 1961 – 64 landw. Ausbildung als Feldwirt u. Abitur; 1964 / 65 Betriebspraktikant als Pferdezüchter in Neustadt /Dosse (Krs. Kyritz); 1965 – 70 Studium in Jena, Dipl.-Landw.; 1969 – 90 DBD; 1969 – 72 Forschungsstudent in Leipzig, 1973 Dr. agr.; 1972 – 84 Abt.-Ltr. in der LPG Tierproduktion Großobringen (Krs. Weimar); 1984 – 89 Abt.-Ltr. für Tierprod. in der Agrarindustrievereinigung Berlstedt (Krs. Weimar); Nov. 1989 / 90 Dir. des Schweinemastgutes Neumark (Krs. Weimar); 1990 CDU u. seitdem Mitgl. des CDU-Landesvorst. Thüringen. Okt. 1990 – Sept. 2009 Mitgl. des Thür. Landtags; 1990 – 94 Minister für Landw. u. Forsten; 1994 – 2009 Minister für Landw., Naturschutz u. Umwelt des Freistaats Thüringen; Sept. – Nov. 2009 kommissar. Stellv. Ministerpräs.; Mitgl. der Gemeindevertretung Großobringen; Abg. des Kreistags Weimar; seit 29.9.2009 kommissar. stelllv. Min.-Präs.Helmut Müller-Enbergs

Handbuch Deutsche Kommunisten

Skrentny, Konrad

* 23.4.1894 – ✝ 20.4.1955

Geboren am 23. April 1894 in Usch/Westpreußen, Sohn eines Zimmermanns; lebte bis 1905 in Danzig, dann in Düsseldorf-Gerresheim, lernte dort Glasmacher. Er trat 1913 der SPD und dem DMV bei. Im Weltkrieg Soldat, Unteroffizier, nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft bis 1930 Walzer und Betriebsrat im Stahlwerk Düsseldorf. 1918 Mitglied der USPD, 1920 Übertritt zur KPD. Ab 1927 ehrenamtliches Mitglied der BL Niederrhein, 1929 wurde er dort Sekretär für Gewerkschaftsfragen, dann im gleichen Bezirk führend in der RGO. Im September 1930 als Abgeordneter im Wahlkreis Düsseldorf-Ost in den Reichstag gewählt, dem er bis März 1933 angehörte. Skrentny war 1931/32 Orgleiter im Reichskomitee der RGO in Berlin. Ab Februar 1933 für die illegale RGO tätig, am 9. Juni 1933 wurde er verhaftet, nach längerer »Schutzhaft« in Düsseldorf und im KZ Börgermoor am 3. Februar 1934 vom OLG Hamm zu einem Jahr und zehn Monaten Gefängnis verurteilt, die er in Wuppertal und im Strafgefangenenlager III Brual-Rhede-Ems verbüßte. Nach der Freilassung am 5. August 1935 als Arbeiter beschäftigt, wurde er noch öfter für mehrere Monate inhaftiert, u.a. von April bis September 1937 im KZ Sachsenhausen. Von 1939 bis 1943 Schweißer, 1944 Soldat, dann bis 1945 dienstverpflichtet als Fabrikarbeiter. Ab 1945 betätigte sich Skrentny wieder als Funktionär in der KPD, Mitglied der Landesleitung Nordrhein-Westfalen. Er gehörte vom 2. Juni 1946 bis 19. April 1947 dem ernannten Landtag von Nordrhein-Westfalen an, war dort zeitweise 2. Vizepräsident. Am 29. Februar 1948 trennte er sich von der KPD, da er mit der Parteilinie nicht einverstanden war, Übertritt zur SPD. Zeitweise in der Gewerkschaft aktiv, enger Mitarbeiter von Hans Böckler, ab 1947 war er Arbeitsdirektor in Duisburg. Konrad Skrentny starb am 20. April 1955 in Düsseldorf. In Duisburg-Ruhrort wurde eine Straße nach ihm benannt. Peter Rütters veröffentlichte 2005 eine biographische Skizze über Konrad Skrentny.

dissidenten.eu

Sobadschijew, Ljubomir

* 1944 – ✝ 2002

Bürgerrechtler, aufgrund seines zivilgesellschaftlichen Engagements mehrfach in politischer Haft.Ljubomir Sobadschijew wurde 1944 in der Stadt Russe geboren. Nach seinem Abitur in Russe diente er drei Jahre lang in der Kriegsmarine. Schon in jungen Jahren hatte er eine kritische Haltung zum Totalitarismus und dessen Unterdrückungssystem. So lehnte er es 1962 ab, in einem Prozess gegen einen von der Geheimpolizei verfolgten Offizier der bulgarischen Armee als Zeuge auszusagen. 1969 gründete Sobadschijew gemeinsam mit Stefan Nefedow, Scherminal Tschiwikow, Christo Jordanow und anderen eine konspirative Gruppe, die getarnt als Mitglieder der offiziellen Jugendorganisation der Kommunistischen Partei in den Ortschaften zwischen Russe und Warna Flugblätter verbreiteten. Darauf stellten sie das totalitäre Regime und die Einschränkung der Bürgerrechte an den Pranger: „Wir erklären, dass es in unserem Land keine persönliche Freiheit und keine Meinungs- oder Pressefreiheit gibt. […] Wir verurteilen die Politik und die Herrschaft der Bulgarischen Kommunistischen Partei und fordern, das von ihr dem Land aufgezwungene Einparteiensystem durch ein Mehrparteiensystem zu ersetzen.“ Die Mitglieder der Gruppe wurden gefasst und verurteilt. Sobadschijew selbst erhielt eine fünfjährige Haftstrafe. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis nahm Sobadschijew seine gegen das System gerichtete Tätigkeit wieder auf. Zusammen mit einigen anderen Mitstreitern verbreitete er das gesamte Jahr 1975 hindurch Flugblätter, auf denen die Preis- und Versorgungspolitik der Regierung kritisiert wurde. Er versuchte auch, eine illegale Zeitschrift herauszugeben, allerdings erfolglos. Die Behörden verurteilten ihn schließlich wegen „terroristischer Aktivitäten und Widerstandes gegen die Staatsgewalt“ zu viereinhalb Jahren Gefängnis. Allein im Zeitraum 1969–78 hatten sie gegen ihn unter verschiedenen Vorwänden vier Ermittlungsverfahren geführt. Dreimal wurde Sobadschijew verurteilt, wodurch er fast sieben Jahre im Gefängnis verbrachte. Ab 1976 war Sobadschijew Kurier, Korrespondent und Vertreter von *Amnesty International in Bulgarien. Die internationale Menschenrechtsorganisation nahm ihn ab 1978 unter ihre besondere Obhut und erklärte ihn 1980 zum „Häftling des Jahres“. Nach seiner erneuten Haftentlassung 1981 ließ Sobadschijew größere Vorsicht walten, kooperierte jedoch weiter mit *Amnesty International. Er traf sich mit deren Vertretern, begleitete sie auf ihren Reisen durch Bulgarien und organisierte Begegnungen mit anderen ehemaligen politischen Gefangenen. Regelmäßig versorgte er ausländische Stellen mit Informationen zur Situation in Bulgarien. 1988 war er einer jener Bürgerrechtler, die in der Ortschaft Oborischte im Balkangebirge eine oppositionelle Zusammenkunft planten. In dieser Zeit nahm ihn der Staatssicherheitsdienst mehrfach fest und drohte ihm mit einem Gerichtsprozess und Gefängnis. Am 25. Dezember 1988 initiierte Sobadschijew in Russe die Gründung des Verbandes der Bürgerlichen Initiative, zu dessen Vorsitzenden er gewählt wurde. Leitspruch dieser Initiative war: „Gesellschaftlicher Umbau und Demokratisierung müssen von der Basis kommen, aus der Initiative der Bürger erwachsen.“ Bereits kurz darauf wurden die Mitstreiter der Initiative verhaftet. Gemeinsam mit Sabri Chamdejew, einem anderen Bürgerrechtler, hielt die Geheimpolizei Sobadschijew über einen Monat lang in ihrer Untersuchungshaftanstalt in Sofia fest. Während dieser Zeit wiesen die Behörden die aktivsten Mitglieder der *Unabhängigen Gesellschaft zum Schutz der Menschenrechte, der auch Sobadschijew angehörte, aus Bulgarien aus. Im Frühjahr 1989 musste auch er das Land verlassen und lebte ab April 1989 hauptsächlich in der Bundesrepublik, aber auch kurz in den Niederlanden und Belgien. Auch im aufgezwungenen Exil blieb Sobadschijew aktiv. Er sprach in Radiosendungen von *Radio Freies Europa und der Deutschen Welle, schrieb für die Presse, wobei er nicht nur detaillierte Informationen zum kommunistischen Regime in Bulgarien lieferte, sondern auch zum organisierten Widerstand der Bürger gegen die Herrschenden aufrief. Im Juli 1989 kehrte er nach Bulgarien zurück und gründete das „Komitee 273“. Dieses war nach dem Strafrechtsparagrafen benannt, den das Regime heranzog, wenn es Oppositionelle verurteilen wollte, die sich auf Flugblättern, Graffitis oder politischen Witzen kritisch geäußert hatten. Das Komitee 273 informierte auch im Westen regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen, staatliche Verfolgungsmaßnahmen, über den sogenannten *Prozess der Wiedergeburt in Bulgarien sowie über die Vertreibung der bulgarischen Türken. Angesichts dieser Informationen schufen einige westliche Radiosender spezielle Ressorts, die Bulgarien gewidmet waren. Sobadschijew war an der Gründung der *Union Demokratischer Kräfte beteiligt und arbeitete eng mit deren Vorsitzenden #Schelju Schelew zusammen. Nach dem politischen Umbruch am 10. November 1989 kandidierte er für die verfassungsgebende Große Nationalversammlung Bulgariens und blieb als Vorsitzender der Bewegung der Bürgerlichen Initiative gesellschaftspolitisch engagiert. Obwohl Sobadschijew ab Ende der 80er Jahre an einer unheilbaren Krankheit litt, setzte er auch im demokratischen Bulgarien seine publizistische Tätigkeit fort und engagierte sich weiter für die Stärkung der Zivilgesellschaft. Ljubomir Sobadschijew starb 2002 in Sofia.Gantscho Sawow Aus dem Polnischen von Gero Lietz Letzte Aktualisierung: 06/17

Handbuch Deutsche Kommunisten

Sobottka, Gustav

* 12.7.1886 – ✝ 6.3.1953

Geboren am 12. Juli 1886 in Turowen/Ostpreußen, Sohn eines Dachdeckers und späteren Bergmanns. Seine Eltern gehörten zur religiösen Sekte der Mucker und übersiedelten 1895 ins Ruhrgebiet. Ab 1901 arbeitete Gustav Sobottka auf der Grube in Wanne-Eickel und leistete von 1905 bis 1908 seinen Militärdienst in Düsseldorf. Im Oktober 1909 trat er in den Bergarbeiterverband ein und heiratete Henriette Schantowski (* 9. 3. 1888 – † 15. 9. 1971). Seit Januar 1910 Mitglied der SPD und 1913 Leiter der Partei in Eickel. Im August 1914 zum Militär eingezogen und als Artillerist bis November 1918 im Weltkrieg. Dann Mitglied der USPD, deren Leiter im Kreis Bochum-Gelsenkirchen, er war Delegierter des Vereinigungsparteitags mit der KPD im Dezember 1920. Sobottka gehörte zu den Mitbegründern der linksradikalen Union der Hand- und Kopfarbeiter, die einen großen Teil der gewerkschaftlich organisierten Bergleute in ihren Reihen vereinigte. Im Februar 1921 wurde er in den Preußischen Landtag gewählt, dem er ununterbrochen bis 1932 angehörte, und war bis 1925 Vorsitzender der Gruppe Bergbau der Union der Hand- und Kopfarbeiter. Als die KPD 1924/25 die Auflösung dieser Sondergewerkschaft und ihre Überführung in den Bergarbeiterverband beschloß, sträubte sich Sobottka zunächst dagegen und ging zu den Ultralinken. Er blieb aber in der KPD und beugte sich Ende 1925 der Parteilinie. Schließlich liquidierte er im Auftrag der Zentrale und der Komintern die ultralinke Bergarbeiter-Union, war Delegierter des X. KPD-Parteitags 1925 und des XI. 1927, Mitglied der erweiterten BL Ruhr. Im April 1928 aus dem Bergarbeiterverband ausgeschlossen, wurde er einer der Mitbegründer der RGO und Mitglied deren Reichsleitung. Im Oktober 1928 übernahm Sobottka die Funktion des Generalsekretärs des Internationalen Komitees der Bergarbeiter bei der RGI und war zugleich enger Mitarbeiter Georgi Dimitroffs im Mitteleuropäischen Büro der Komintern. Ende 1932 in den Apparat der RHD abgeschoben, nicht mehr als Kandidat für den Preußischen Landtag nominiert, emigrierte er im April 1933 zunächst nach Saarbrücken, war Vorsitzender der Internationalen Konferenz der Bergarbeiter und ging 1935 nach Paris. Im November 1935 kam Sobottka nach Moskau, bis Sommer 1936 Stellvertretender Generalsekretär des Internationalen Komitees der Bergarbeiter, anschließend Referent im Zentralrat der sowjetischen Gewerkschaften. Im April 1937 wurden er, seine Frau Henriette und seine beiden Söhne Bernhard (* 30. 6. 1911) und Gustav (* 10. 4. 1915) von den Nazi-Behörden ausgebürgert. Bernhard Sobottka arbeitete nach 1933 illegal für die KPD, saß von August bis Dezember 1933 im KZ. Am 30. März 1943 erneut verhaftet und vom VGH zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Von britischen Truppen aus dem Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel befreit, sofort in ein Lazarett gebracht, starb Bernhard Sobottka am 20. Juli 1945 in Hamburg. Gustav Sobottka jun., der in Deutschland das Gymnasium besucht hatte, 1929 in den KJVD eintrat, arbeitete nach dem Reichstagsbrand illegal. Am 11. August 1933 festgenommen, saß er bis Ende 1933 in den KZs Oranienburg und Sonnenburg. Dann zu seinem Vater nach Paris emigriert, ging er mit den Eltern 1935 in die Sowjetunion und arbeitete als Schlosser. In der Nacht vom 4. zum 5. Februar 1938 wurde er vom NKWD als Mitglied einer angeblichen Hitler-Jugend verhaftet. Die Eltern wandten sich verzweifelt um Hilfe an Dimitroff und Wyschinski. Doch der Sohn blieb in Haft und kam im September 1940 in einem Moskauer Gefängnis als Opfer der Stalinschen Säuberungen ums Leben. Henriette Sobottka wurde wegen des Schicksals ihres Sohnes krank und schwermütig. Gustav Sobottka selbst mußte aus dem Zentralrat der Gewerkschaften ausscheiden und wurde einer Parteiüberprüfung unterzogen. 1938/39 Mitarbeiter und Redakteur der »Deutschen Zentral-Zeitung« und von Radio Moskau, Oktober 1941 nach Kuibyschew evakuiert, später als Instrukteur in Kriegsgefangenenlagern eingesetzt und ab Juli 1943 Mitglied des NKFD. Am 6. Mai 1945 kehrte Sobottka als Leiter der 3.»Initiativ-Gruppe« (neben der Gruppe Ulbricht in Berlin und der Gruppe Ackermann in Dresden) nach Deutschland zurück. In Stettin stationiert, war er Mitunterzeichner des Aufrufs des ZK der KPD vom 11. Juni 1945, kam Ende November 1945 nach Berlin, wurde in der SBZ zunächst Vizepräsident und im August 1947 Präsident der Deutschen Zentralverwaltung für Brennstoffindustrie. Mit Bildung der DWK 1948 Leiter der Hauptverwaltung Energie und Brennstoffversorgung. Anschließend bis 1951 Leiter der Hauptverwaltung Kohle im DDR-Ministerium für Schwerindustrie, dann nur noch in untergeordneten Funktionen, z. B. für die Schulung im Bergbau verantwortlich. Gustav Sobottka starb am 6. März 1953. Bedrückt wegen der Ermordung seines Sohnes Gustav in der Sowjetunion und auch der folgenden Krankheit seiner Frau soll er Stalin insgeheim so sehr gehaßt haben, daß er über dessen Tod am 5.März 1953 noch jubelte, aber vor Aufregung einen Tag später selbst starb.Peter Erler / Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Solisch, Willi

* 6.5.1910 – ✝ 7.12.1988

Geb. in Stettin (Szczecin, Polen); Vater Arbeiter; Volkschule; Lehre u. Arbeit als Kellner; fuhr zur See; Wehrmacht; sowj. Kriegsgef. Rückkehr nach Dtl.; SED; Mitarb. der SED-LL Mecklenb., später 2. bzw. 1. Sekr. der SED-KL Wismar; 1956 – 60 OB von Rostock (Nachf. von Bruno Schmidt); anschl. Sekr. der Bezirkshandwerkskammer Rostock; 1960 VVO.Andreas Herbst

dissidenten.eu

Solt, Ottilia

* 1944 – ✝ 1997

Soziologin, Redakteurin, eine der Gründerinnen des *Armenhilfefonds.Ottilia Solt wurde 1944 in Budapest in eine Intellektuellenfamilie geboren. Der Vater war Arzt, die Mutter Lehrerin. Ihr Hochschulstudium (ungarische Philologie und Philosophie) an der Loránd-Eötvös-Universität Budapest schloss sie im Jahre 1967 mit Diplom ab. Anschließend arbeitete sie als Soziologin am Institut für Wirtschaftsforschung. Sie beteiligte sich an den wissenschaftlichen Untersuchungen von István Kemény zu den Lebensbedingungen der ärmsten Schichten der ungarischen Gesellschaft. Außerdem initiierte und organisierte sie Seminare zu soziologischen, sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Fragen, die anfangs am Institut für Soziologie der Universität stattfanden, später dann im privaten Rahmen in Keménys Wohnung. Im Jahre 1972 wechselte Ottilia Solt vom Institut für Wirtschaftsforschung an das Hauptstädtische Pädagogische Institut und setzte dort ihre Forschungsarbeiten fort, an denen unter falschem Namen auch Kemény, der seine Arbeit verloren und Publikationsverbot hatte, teilnahm. Diese Aktivitäten waren prägend für die spätere Rolle Solts in der ungarischen Opposition. Im Sommer 1977 besuchte sie den damals bereits emigrierten Kemény in Paris. Auf die Reise nahm sie das Manuskript einer kurz zuvor abgeschlossenen Forschungsarbeit über die Maschinen- und Waggonfabrik in Győr mit. Bei der Wiedereinreise nach Ungarn wurden ihr vom Zoll in Ungarn verbotene Bücher und Zeitungen sowie das Manuskript weggenommen. Es kam zum Prozess, die Angelegenheit endete mit einer *Polizeilichen Verwarnung und einer Abmahnung in ihrem Betrieb. Nach ihrer Teilnahme an einer Solidaritätsaktion für die Unterzeichner der *Charta 77 in der Tschechoslowakei waren es nur die Unterstützung ihres unmittelbaren Vorgesetzten sowie ihre schwierigen Lebensbedingungen, die sie vor einer fristlosen Kündigung aus disziplinarischen Gründen bewahrten. Gleichwohl wurde sie aus dem Institut für Pädagogik an eine Grundschule versetzt, wo sie ein Jahr lang als Lehrerin arbeitete. Anschließend war sie Sozialarbeiterin und schließlich Bibliothekarin. 1979 gründete sie gemeinsam mit Freunden, mit Mitgliedern des Kemény-Kreises und mit Unterzeichnern der *Charta 77 den *Armenhilfefonds (Szegényeket Támogató Alap; SZETA). Ihre Arbeit verlor sie endgültig 1981, was nicht nur eine schwierige finanzielle Situation, sondern auch diverse Schikanen der Staatsmacht nach sich zog. Solt engagierte sich auch in der Redaktionsarbeit von *„Beszélő“ (Sprecher), der illegalen Zeitschrift der demokratischen Opposition. Sie verfasste Beiträge und war Autorin der wichtigsten programmatischen Schriften der demokratischen Opposition, so unter anderem vom vierten Kapitel des *Gesellschaftsvertrages (Társadalmi Szerződés) zu Fragen der sozialen Sicherheit und der Sozialpolitik. Stets war ihre Unterschrift unter Protestschreiben gegen die Verletzung der Menschenrechte und gegen die Missachtung der Umwelt zu finden. Sie nahm an den wichtigsten oppositionellen Aktionen teil, an den Freiheitsmanifestationen, die regelmäßig am Jahrestag der *Ungarischen Revolution von 1956 sowie am 15. März, dem wichtigsten ungarischen Nationalfeiertag, stattfanden. Auch beim *Treffen in Monor war sie dabei. Ottilia Solt wurde rund um die Uhr von der Polizei überwacht, ihre Telefongespräche wurden abgehört, ihre Wohnung mehrfach durchsucht. Am 15. März 1988 wurde sie einen Tag lang von der Polizei festgehalten und verhört. Ebenfalls 1988 spielte Solt eine wichtige Rolle bei der Gründung des Netzes Freier Initiativen und dessen Umgestaltung in die politische Partei *Bund Freier Demokraten (Szabad Demokraták Szövetsége; SZDSZ). Sie war eine der Autorinnen der Programmerklärung des Bundes mit dem Titel „Es gibt einen Ausweg“, die 1987 in *„Beszélő“ erschien. Im ersten Jahr des *Bundes Freier Demokraten war sie Mitglied des Parteivorstandes und dann Mitglied des Landesrates. Ab 1989 war Solt wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Loránd-Eötvös-Universität Budapest. In Budapest begleitete sie auch aktiv die Umgestaltung der Untergrundzeitschrift *„Beszélő“ in eine legale Wochenzeitschrift, zu dessen Redaktionsteam sie bis 1995 gehörte. 1990 wurde sie ins Parlament gewählt, wo sie im Sozialausschuss arbeitete, dessen stellvertretenden Vorsitz sie ab 1991 innehatte. 1994 verzichtete sie auf ein erneutes Mandat. Ottilia Solt starb 1997 in Budapest.Fanny Havas Aus dem Polnischen von Gero Lietz Letzte Aktualisierung: 05/15

Wer war wer in DDR

Sommer, Günter (»Baby«)

* 25.8.1943

Geb. in Dresden; Abitur; Studium an der HS für Musik »Carl M. v. Weber« Dresden (Abt. Tanzmusik, Schlagzeug); 1963 – 68, 1969/70  Klaus-Lenz-Band; 1967 – 74 Schlagzeuger im  Friedhelm-Schönfeld-Trio; 1968/69 Manfred-Ludwig-Sextett; 1969 Tournee in Schweden; 1970 Jazzfestival Prag; 1971 – 73 SOK; 1973 – 75 Synopsis; 1973 Jazz Jamboree Warschau (auch 1977); Beginn der Duo-Arbeit mit  Ulrich Gumpert; 1974 u. 1975 Jazz-Tage Nagykanizsa (Ungarn); ab 1974 Zusammenarbeit mit  Ernst-Ludwig Petrowsky; 1975 u. 1977 Warschauer Herbst; ab 1975 Zusammenarbeit mit Hans-Karsten Raecke; ab 1976 mit Domorganist Hans-Günther Wauer (LP »Dedication«, 1981; »Verschränkte Konstruktion«, 1986); 1977 Jazzbühne Berlin; »Jazz in der Kammer Nr. 100« in Berlin; ab 1977 Solokonzert mit »Hörmusik« (LP, 1979 Berliner Jazztage; LP »Hörmusik Zwei«, 1983; CD »Hörmusik III: Sächs. Schatulle«, 1988 u. 1992); ab 1979 Trio mit Leo Smith u. Peter Kowald; 1980 Wuppertaler Free Jazz Workshop; 1982 Tournee in Japan, Quartett MLDD4; 1984 Taktlos Festival Zürich (auch 1988); ab 1984 Zentral-Quartett (LP, 1990 JazzFest Berlin); 1986 New Jazz Festival Moers; 1987/88 Mitgl., 1989/90 Ltr. des Jazzorchesters der DDR (1990 JazzFest Berlin); 1988 »Jazz in der Kammer« in Berlin mit Cecil Taylor; Aufn. u. Auftritte mit Peter Brötzmann, Albert Mangelsdorff, Hans Rempel, Irène Schweizer, Barre Philips u. a.; in den 80er Jahren liter.-musikal. Programme, u. a. mit Günter Grass. 1994 CD »Zentralquartett: Plie«; Sept. 2001 Uraufführung seines 13teiligen Sonettzyklus »Novemberland« nach Texten von Günter Grass in der Mainzer Phönix-Halle; 2002 Mitwirkung an der CD »Vor der Flut«, deren Erlös der HS für Musik »Carl M. v. Weber« Dresden zugutekam; 11.1.2003 Mitwirkung am Peter-Kowald-Gedenkkonzert »a night of joy and music« in der Oper Frankfurt (Main); insg. mehr als 90 Tonträger, letzte CD: »Live in Jerusalem« (2008); 2009 Tournee »Heinrich Heine – wie neu« (mit Th. Brückner, K. Hilpert u. U. Kropinski); seit 1995 Prof. an der HS für Musik »Carl M. v. Weber« Dresden; lebt in Radebeul.Rainer Bratfisch

Wer war wer in DDR

Sillge, Ursula

* 7.1.1946

Geb. in Untermaßfeld (Thür.), Vater Angest., Mutter Sekr.; 1963 Facharb. für Rinderzucht; 1966 staatl. gepr. Landwirtin; 1967 Lehrausbilderin; 1968 Red.; 1967 – 81 DBD; 1968 – 72 Studium der Tierprod. an der HU Berlin; 1972 Dipl.-Agrar-Ing.; 1972 – 77 wiss. Mitarb. an der HU Berlin; ab 1978 Wohnungswirtschaftlerin; Org. der ersten DDR-weiten Lesbentreffen; 1979/80 Protokollantin am Gericht; 1980 – 83 schriftst. u. publ. Tätigkeit; Engagement für Lesben u. Schwule, psychosoziale Beratung; 1983/84 Fernstudium Soziologie an der KMU Leipzig; 1986 Initiatorin u. bis 1991 Ltr. des Berliner »Sonntags-Clubs«. 1991 Gründung u. seitdem Geschäftsführung des Lila Archivs e. V.; 1992 Dr. phil. im Bereich Kulturgeschichte der HU Berlin; 1993 Vors. des Frauenbeirats in Berlin-Prenzlauer Berg; 1994 Einzelkand. für den Bundestag im Berliner Wahlkrs. Mitte / Prenzlauer Berg.Empfehlende Bibl. Homosexualität (kirchenintern). Leipzig 1985; Un-Sichtbare Frauen. Lesben u. ihre Emanzipation in der DDR. Berlin 1991; Damals war’s! (Tagungsdokumentation, Mitautorin). Magdeburg 2005; Namhafte Brandenburgerinnen (Mitautorin). Berlin u. Brandenburg (Havel) 2007.Christoph Links

Wer war wer in DDR

Simon, Horst

* 24.7.1930

Geb. in Halle (Saale); 1946 – 56 FDJ; 1950 DSF; KB; 1953 FDGB; 1954 SED; 1953 – 62 Abitur an der ABF u. Stud. der Germanistik an der TU Dresden; 1962 – 64 wiss. Mitarb. u. Abt.-Ltr. für Information u. Dokumentation des VEB Mineralölwerks Lutzkendorf; 1964 – 74 FSU Jena, 1971 Prom. mit der Arbeit »Zeitgeschichtsdarstellung im Roman um 1930«; 1974 – 76 Literaturred. des SED-Zentralorgans »Neues Deutschland«; 1976 – 90 Cheflektor des Rostocker Hinstorff Verlags (Nachf. von  Kurt Batt); 1976 – 89 vom MfS als IM »Schönberg« erf., umfangr. Berichtstätigkeit über Autoren des Verlags wie  Jurek Becker,  Franz Fühmann,  Klaus Schlesinger; seit 1979 Mitgl. des SV; 1984 Verdienstmed. der NVA.Zwischen Erzählen u. Schweigen. Ein Buch des Erinnerns u. Gedenkens. Franz Fühmann zum 65. Rostock 1987 (Hrsg.). Walther, J.: Sicherungsber. Lit. Schriftst. u. Staatssicherheit in der DDR. Berlin 1996; Müller, B.: Stasi – Zensur – Machtdiskurse. Publikationsgeschichten u. Materialien zu Jurek Beckers Werk. Tübingen 2006.Christian Krause

Wer war wer in DDR

Sindermann, Horst

* 5.9.1915 – ✝ 20.4.1990

Geb. in Dresden; Vater Buchdrucker, MdR; 1921 – 33 Volksschule u. Realgymnasium; 1929 KJVD; 1932/33 UB-Ltr. in Dresden; 1932-März 1933 Angest. der Dt. Vertriebsgesell. für russ. Ölprodukte (DEROP), Niederlassung Dresden; Juni 1933 Verhaftung wegen illeg. Tätigkeit, acht Mon. Haft; ab Sept. 1934 Pol.-Ltr. des KJVD in Dresden; März 1935 erneute Verhaftung (schwere Folterungen), verurteilt zu sechs Jahren Gefängnis, 1935 – 41 Zuchthaus Waldheim (Einzelhaft), ab 1941 »Schutzhaft« im KZ Sachsenhausen; Arbeit im Lebensmittelmagazin der SS, illeg. Versorgung der Häftlinge; ab Okt. 1944 KZ Mauthausen, dann bis Mai 1945 KZ Ebensee. Juni 1945 mit sowj. Hilfe über Wien nach Dresden; 1945/46 KPD/SED; 1945 – 47 Chefred. der »Sächs. Volksztg.« in Dresden u. der »Volksstimme« in Chemnitz; 1947 – 49 1. SED-Krs.-Sekr. in Chemnitz bzw. Dez. 1948 - Okt. 1949 in Leipzig; Okt. 1949 - Juli 1950 Mitgl. des Kleinen Sekretariats beim PB der SED, Stellv. des Vors. des Sekretariats Walter Ulbricht, verantw. für Org. u. Kaderfragen; Juni 1950 Überprüfung durch die ZPKK, vom PB des ZK der SED zur Red. der »Freiheit« nach Halle versetzt, dort 1950 – 55 Chefred. (Nachf. von  Erich Behnke); 1955 – 63 Ltr. der Abt. Agit. u. Prop. im ZK der SED (Nachf. von  Peter Pries); 1958 – 63 Kand., 1963 – 89 Mitgl. des ZK der SED; 1967 – 8.11.1989 Mitgl. seines PB; 1963 – 89 Abg. der Volkskammer, 1976 – 13.11.1989 Präs. (Nachf. von  Gerald Götting); 1963 – 71 1. Sekr. der SED-BL Halle (Nachf. von  Bernard Koenen); 1965 VVO; Ehrenspange zum VVO; 1971 – 73 1. stellv. Vors. u. 1973 – 76 Vors. des Min.-Rats (Nachf. von  Willi Stoph); 1975 KMO; 1976 – 13.11. 1989 stellv. Vors. des Staatsrats; 3.12.1989 SED-Ausschl.; Jan./Febr. 1990 U-Haft, Haftentlassung aus gesundheitl. Gründen; gest. in Berlin.Frieden u. Soz. – Staatsdoktrin der DDR. Ausgew. Reden u. Aufsätze. Berlin 1980; Alles für das Volk – Alles mit dem Volk. Ausgew. Reden u. Aufsätze. Berlin 1985.Helmut Müller-Enbergs / Bernd-Rainer Barth

Handbuch Deutsche Kommunisten

Singvogel, Karl

* 1888 – ✝ 1938

Geboren 1888 in Tannenhausen/Provinz Hannover; lernte Dreher. Ab 1901 in Berlin Mitglied und Funktionär der SPD, 1918 in der Spartakusgruppe, seit Gründung 1919 in der KPD aktiv. Singvogel kam 1922 als technischer Mitarbeiter in den Apparat der Zentrale und war dann im ZK zeitweise im AM-Apparat eingesetzt, später in der Roten Hilfe. 1933 zunächst illegal für die RHD tätig, emigrierte er im November 1933 in die Sowjetunion, dort Mitarbeiter bei der MOPR (Pseudonym Karl Hellwig), später als Dreher beschäftigt. Karl Singvogel wurde am 23.März 1937 vom NKWD verhaftet, er soll 1938 im Gulag ums Leben gekommen sein. Seine Frau Anna (* 9. 9. 1890) wurde (wie ihre Schwiegertochter) im September 1937 in Moskau festgenommen und im Dezember 1939 an NS-Deutschland ausgeliefert. Der Sohn Kurt Singvogel (*8. 12. 1912 in Berlin), Werkzeugmacher, dann Kraftfahrer, 1929 im KJVD und ab 1930 in der KPD, war 1932 einer der Chauffeure des ZK der KPD. 1933 einige Monate in Berlin inhaftiert, flüchtete er im Dezember 1933 mit seiner Familie nach Moskau. Dort wurde er am gleichen Tag wie sein Vater, am 23. März 1937, wegen »antisowjetischer Propaganda« vom NKWD verhaftet. Kurt Singvogel ist ebenfalls im Gulag umgekommen, seine Familie gilt als verschollen.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Skamira, Willi

* 7.3.1897 – ✝ 22.1.1945

Geboren am 7. März 1897 in Landsberg/Warthe, Sohn eines Holzarbeiters; lernte Zimmermann, ab 1913 im Deutschen Holzarbeiterverband. Von 1914 bis 1918 Soldat an der Westfront, mehrmals schwer verwundet. Der Kriegsbeschädigte Skamira wirkte politisch unter den Landarbeitern und Bauern, ab 1928 in der KPD. Im Juli 1932 im Wahlkreis Potsdam II als Abgeordneter in den Reichstag gewählt, dem er bis November angehörte. Skamira wurde im März 1933 verhaftet, saß bis Sommer 1934 im KZ Sonnenburg. Dannach Lagerarbeiter in der Landsberger Jutefabrik; er setzte die illegale Tätigkeit gegen das NS-Regime fort und bekam ab 1944 auch Verbindungen zu Bernhard Bästlein und Franz Jacob. Von Jacob erhielt er am 1. Juli 1944 illegale Druckschriften. Skamira bemühte sich, in Landsberg eine illegale Gruppe aus KPD und SPD-Mitgliedern aufzubauen, verfaßte ein 15-Punkte-Programm für die Bauernschaft mit Forderungen für die Zeit nach Hitler. Er wurde im Zusammenhang mit der Gestapoaktion »Gewitter« am 2.August 1944 erneut verhaftet, am 15. Dezember desselben Jahres vom 2.Senat des VGH wegen »Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung« zum Tode verurteilt. Willi Skamira wurde am 22. Januar 1945 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Seine Ehefrau Frieda Skamira, geborene Schippschak (* 29. 11. 1899 – †7. 10. 1983), war damals ebenfalls inhaftiert.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Skoblewski (Rose), Peter

* 16.6.1890 – ✝ 1939

(* 1890 – † 1939) Geboren am 16. Juni 1890 in Tambow/Ruß- land, in einer Arbeiterfamilie als Woldemar Rudolfowitsch Rose. Als Fähnrich diente er im Weltkrieg in der zaristischen Armee, gehörte seit Oktober 1917 der Roten Armee an, wo er verschiedene Kommandeursposten innehatte, z. B. war er 1919 Divisionskommandeur und erhielt für seine Tapferkeit den Rotbanner-Orden. Ab 1918 Mitglied der Partei der Bolschewiki. Er absolvierte die Generalstabsakademie, war im März 1921 Anführer einer Sturmkolonne bei der Liquidierung des Aufstandes der Kronstädter Matrosen. Ab Dezember 1922 hielt er sich – nun unter dem Pseudonym Skoblewski – als Beauftragter der Komintern zur Anleitung der illegalen Arbeit in Deutschland auf und wurde im August oder September 1923 als Nachfolger von Karl Retzlaw (Gröhl) Leiter der AM-Abteilung in der KPD. Hier war er unter dem Decknamen Hellmuth Verfasser der Mobilisierungs- und Bewaffnungspläne für die Vorbereitung des »deutschen Oktober« und maßgeblich an der Gründung und Anleitung der Tscheka-Gruppe von Felix Neumann beteiligt. Er wurde im März 1924 in Berlin verhaftet und im berüchtigten »Tscheka-Prozeß« 1925 als Peter Skoblewski (und gleichzeitig Goreff) wegen »Anstiftung zum Mord und Hochverrats« angeklagt und zum Tode verurteilt, wurde dann aber 1927 gegen drei in die Sowjetunion gelockte und verhaftetete Deutsche ausgetauscht. Nach seiner Rückkehr erhielt er in Moskau den zweiten Rotbanner-Orden und übernahm wieder hohe Kommandeursstellungen in der Roten Armee. Peter Skoblewski-Rose wurde 1938 vom NKWD verhaftet und 1939 erschossen, später »posthum rehabilitiert«.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Smektala, Josef

* 11.2.1903 – ✝ 17.2.1982

Geboren am 11. Februar 1903 in Dortmund; Dreher, u. a. bei der Dortmunder Union. 1919 Mitglied des Christlichen Metallarbeiterverbandes, ab 1920 des DMV. Seit 1920 Mitglied der KPD, von 1924 bis 1927 Redakteur, anschließend bis 1933 Mitarbeiter verschiedener linker Zeitungen. 1925/26 hatte er Kontakte zur Gruppe um Ernst Niekisch, wurde 1928 wegen Rechtsabweichung aus der KPD ausgeschlossen. Er trat der KPO bei, leitete deren Dortmunder Gruppe. 1932 kehrte er in die KPD zurück, wurde für diese nach 1933 illegal aktiv, vom 26.März bis Juni 1933 in »Schutzhaft« in Dortmund, Hamborn und Brauweiler. Von 1935 bis 1939 war er Dreher, später technischer Leiter eines Kleinbetriebes. Am 20. November 1937 erneut festgenommen und auf der Dortmunder Steinwache mißhandelt. Im Juli 1938 freigelassen, war er dann nicht mehr für die KPD, sondern nur für den Niekisch-Kreis aktiv. 1945 erneut der KPD beigetreten, verließ er sie schon 1950 und wurde SPD-Mitglied. Er bekleidete zahlreiche Funktionen, war von 1945 bis 1954 Mitglied im Stadtrat von Dortmund, von 1952 bis 1968 dort Kreisvorsitzender des DGB, von Juli 1954 bis Juli 1970 Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, von März 1956 bis Juli 1958 stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion. Ab August 1960 war er Vorsitzender der Landesversicherungsanstalt Westfalen, seit 1968 Mitglied des DGB-Landesbezirksvorstandes. Josef Smektala starb am 17.Februar 1982 in Dortmund.

Wer war wer in DDR

Sobeck, Josef

* 27.2.1926 – ✝ 14.11.1999

Geb. in Riemertsheide (Krs. Neiße, Oberschles./Drogoszów, Polen); Vater Schlosser; Volksschule, 1940 – 43 Handelsschule; 1943/ 44 Arbeit als kfm. Angest.; 1944 Wehrmacht (Marine); 1945 – 49 sowj. Gefangenschaft, Antifa-Schüler. 1949 SED; Angest. der VVEAB Gadebusch; dann Instrukteur bei der SED-KL Schwerin; 1950 Besuch der PHS; 1951 Einstellung beim MfS, Abt. VI (Staatsapparat, Parteien); 1952 Abt. Personal; 1953 Sekr. der SED-PO der BV Gera; 1954 – 62 Fernstudium an der PHS, Dipl.-Ges.-Wiss.; 1957 Ltr. der Krs.-Dienststelle Jena; 1960 stellv. Operativ des Ltr., 1963 Ltr. der BV Gera (Nachf. von  Julius Michelberger) u. Mitgl. der SED-BL Gera; 1964 Oberst; 1968 Externprüfung an der JHS Potsdam-Eiche, Dipl.-Jur.; 1970 aus gesundheitl. Gründen abgelöst; AG-Ltr. in der HV B (ab 1974 Verw. Rückw. Dienste (VRD)), MfS Berlin; 1974 Operativer Diensthabender im Zentr. Operativstab; April 1989 Entlassung, Rentner; gest. in Berlin.Jens Gieseke

Wer war wer in DDR

Sodann, Peter

* 1.6.1936

Geb. in Meißen; Grundschule Weinböhla (b. Dresden); Lehre als Werkzeugmacher; 1954 –57 ABF; 1957 – 59 Studium der Rechtswiss. an der Univ. Leipzig, 1959 Wechsel zur Theater-HS Leipzig, Ltr. des Studentenkabaretts »Rat der Spötter« an der KMU Leipzig; 1961 Verhaftung, Verbot des anläßl. der Herbstmesse vorbereiteten Kabarettprogramms, Auflösung des Kabaretts, Relegierung, Ausschluß aus der SED, 1961/62 U-Haft in Leipzig, Bewährungsstrafe wegen »staatsgefährdender Hetze«; 1962/63 Arbeit als Spitzendreher; 1963/64 Abschluß des Studiums an der Theater-HS Leipzig; 1964 – 66 Engagement am Berliner Ensemble bei  Helene Weigel, erste eigene Regiearbeit; 1966 – 71 Städt. Bühnen Erfurt, 1971 – 75 Städt. Theater Karl-Marx-Stadt, 1975 – 80 Schauspieldir. der Bühnen der Stadt Magdeburg; 1980 – 81 Schauspieldir. am Theater des Friedens Halle; 1981 – 2005 Intendant des »neuen theaters« Halle, Aufbau des Theaters aus den früheren »Kaisersälen«; 1986 NP. Nach 1990 sukzessive Erweiterung des Theaters zu einer »Kulturinsel« mit mehreren Spielstätten u. weiteren Einrichtungen, darunter einer Bibliothek mit über 30.000 Bänden vor der Entsorgung geretteter Lit. aus der DDR; 1999 Preis des Verbands der dt. Kritiker für die »Kulturinsel«; 2001 Bundesverdienstkreuz; 2005 Beendigung der Intendanz in Halle gegen seinen Willen; Ehrenbürger von Halle; Juli 2005 Ankündigung seiner Kandidatur für die PDS zur Bundestagswahl (kurzfristig zurückgezogen); 2007 Kabarettprogramm »Ost-West-Vis-à-Vis« (zus. mit dem ehem. Bundesminister Norbert Blühm); soziales Engagement für todkranke Kinder; Mai 2009 Kandidatur für die Linke für das Amt des Bundespräsidenten. Mitwirkung an zahlr. Filmen, darunter »Ernst Thälmann« (1985/86), »Erscheinen Pflicht« (1987), »Sansibar oder Der letzte Grund« (1987), »Froschkönig« (1989), »Der Tangospieler« (1991), »Nikolaikirche« (1995), »Deutschlandspiel« (2000), »Atlantis« (2003); 1991 – 2007 als »Tatort«-Kommissar Ehrlicher in vielen ARD-Prod.Mai-Reden u. andere Provokationen. Ein Theatermann mischt sich ein. Stuttgart, Leipzig 2003; Keine halben Sachen. Erinnerungen. Berlin 2008. Röhl, E.: Rat der Spötter. Das Kabarett des P. S. Leipzig 2002.Hubert Laitko / Ingrid Kirschey-Feix

Wer war wer in DDR

Sölle, Horst

* 3.6.1924 – ✝ 6.10.2016

Geb. in Leipzig; Vater Stellmacher; 1930 – 40 Grund- u. Mittelschule; 1936 – 42 HJ; 1940 – 42 DAF; 1940 – 42 Ausbildung zum Industriekfm. in Leipzig; Okt. 1942 – 44 Wehrmacht, Uffz., ab 1943 an der Ostfront, zuletzt in Rumänien; Aug. 1944 – Aug. 1945 sowj. Kriegsgefangenschaft in Bessarabien u. im Nordkaukasus. 1945 Rückkehr nach Dtl.; Gepäckarb. bei der DR (Hbf. Leipzig); 1945/46 SPD/SED; 1946/ 47 Vorbereitungslehrgang, 1947 – 50 Studium der Wirtschaftswiss. an der Univ. Leipzig, Dipl.-Wirtsch.; 1948 FDJ; 1948 KPS; 1950 –52 Org.-Instrukteur im Min. für Verkehr, HA Finanzen u. Betriebswirtsch.; 1952/53 Instrukteur, 1953 – 58 Sektorenltr. Außenhandel u. 1958 – 62 stellv. Ltr. der Abt. Handel, Versorgung u. Außenhandel des ZK der SED; 1963 – 65 Staatssekr. u. 1. Stellv., 1965 – 86 Minister für Außenhandel u. Innerdt. Handel (Nachf. von  Julius Balkow), Mitgl. des Ministerrats; ab 1967 Studium am ZI für soz. Wirtschaftsführung beim ZK der SED in Berlin-Rahnsdorf; 1963 – 76 Kand., 1976 – 89 Mitgl. des ZK der SED u. dessen AG Zahlungsbilanz; 1969 Banner der Arbeit; 1970 MfS-Med. der Waffenbrüderschaft; 1971 Mitgl. der Außenpolit. Kommission beim PB des ZK der SED; 1974 VVO; 1984 Ehrenspange zum VVO; 1986 – 89 stellv. Vors. des Min.-Rats; 1988/89 Ständ. Vertreter der DDR im RGW (Nachf. von  Günther Kleiber); 1989 KMO; Nov./Dez. 1989 Rücktritt mit der Reg.  Willi Stoph u. dem ZK der SED. 1990 Rentner; lebte zuletzt in Zeuthen (b. Berlin).Die Aufgaben der Außenwirtschaft. Berlin 1968.Bernd-Rainer Barth / Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Šolta, Jan

* 30.5.1921 – ✝ 31.8.2004

Geb. in Parchwitz (Krs. Liegnitz, Schles./Prodowice, Polen), aufgew. bei Verwandten in Höflein (Krs. Kamenz), Vater Landwirt; 1935 – 37 poln. Privatgymnasium in Beuthen (Oberschles.), 1937 – 40 Gymnasium in Bautzen; Kriegsdienst. 1945/46 Studium der Med. in Prag; 1946/47 hauptamtl. Funktionär der nat. Org. der Sorben Domowina; SED; 1947 – 51 Studium der Rechtswiss. (Wrocław), Wirtschaftswiss. (Poznań) u. Geschichte (Leipzig), Abschl. als Dipl.-Wirtsch.; 1950 – 69 Mitgl., 1950 – 53 so-wie 1956 – 58 1. Sekr. des Bez.-Vorst. der Domowina; seit 1954 Mitarb. im Akad. Inst. für sorb. Volksforschung (IfsV) Bautzen (heute Sorb. Inst. e. V.); 1956 Prom. an der Wirtschaftswiss. Fak. der HU Berlin mit einer Arbeit über die Ertragsentw. in der Landw. des Klosters Marienstern; 1967 Habil. an der Philosoph. Fak. der WPU Rostock mit einer Studie über die Bauern der Lausitz; 1954/55 u. 1958 – 76 stellv. Dir. u. zeitw. Parteisekr.; zugl. bis 1986 Ltr. der Abt. Geschichte; anschl. bis 1988 wiss. Mitarb. des IfsV; 1960 – 70 Red. der Reihe B »Geschichte« des Lětopis des IfsV; 1962 – 68 u. 1972 – 88 Mitgl. des Präs. der Hist.-Ges. der DDR sowie 1975 – 88 des Nationalkomitees der Hist.; Mitgl. der Internat. Kommission für slaw. Studien (CIES) beim Internat. Komitee der Geschichtswiss. (CISH); 1970 – 80 u. 1985 – 88 dessen Vizepräs., zwischenzeitl. Präs.-Mitgl.; 1989 Ruhestand, gest. in Dresden. In seinen Arbeiten formulierte J. Š. ausgehend vom marxist.-leninist. Geschichtsverständnis Thesen zur kleinbürgerl.-nat. Begrenztheit der sorb. Bew. u. Kulturentw. im 19. u. 20. Jh.; er publizierte eine Reihe konzeptioneller Aufsätze über den Platz der sorb. Geschichte im Geschichtsbild der dt. Arbeiterkl. u. ist Autor des »Abrisses der sorb. Geschichte« (Bautzen 1976); wiss. Hauptwerk ist eine vierbändige Gesamtdarstellung der Geschichte der Sorben (Bautzen 1974 – 79) (Red. u. Autor des Halbbd. 2/I – Sorb. Geschichte von 1789 bis 1871).Wirtschaft, Kultur u. Nationalität. Bautzen 1990 (mit Bibl.).Timo Meskank

Wer war wer in DDR

Sommer, Manfred

* 10.8.1932

Geb. in Dresden; Vater Kfm., Mutter Verkäuferin; Volksschule; 1947 Lehre; danach Arbeit als Buchdrucker; 1952 SED; Einstellung beim MfS, Krs.-Dienststelle Großenhain; 1953/54 Einjahreslehrgang an der JHS Potsdam-Eiche; 1954 Versetzung zur HA V (Staatsapparat, Kultur, Kirchen, Untergrund) des MfS Berlin; 1960/61 BPS Cottbus; 1970 Versetzung zum Zentr. Operativstab (ZOS); 1980 dort Stellv. des Ltr.; Oberst; 1985 Ltr. des ZOS; Jan. 1990 Entlassung.Jens Gieseke