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BioLex

In der Kategorie BioLex finden Sie drei biografische Lexika mit über 5500 Personeneinträgen.

 

Das Handbuch "Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945" wird von Andreas Herbst und Hermann Weber in der 8. aktualisierten Ausgabe herausgegeben. Auf breiter Quellenbasis werden die Schicksale deutscher Kommunisten knapp geschildert, von denen etwa ein Drittel während der NS-Diktatur und durch den Stalinistischen Terror gewaltsam ums Leben kam. Kurzbiografien zu Personen des poltischen Lebens in der DDR stellt das von Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs, Dieter Hoffmann, Andreas Herbst, Ingrid Kirschey-Feix herausgegebene Lexikon ostdeutscher Biographien „Wer war wer in der DDR?“ Ch. Links Verlag, 5. Aufl. 2010 vor. Zudem ist das Onlinlexikon www.dissidenten.eu komplett in dieser  Rubrik recherchierbar. Die über 700 Biografien mit umfangreichen Inforamtionen zu Oppositionellen, Bürgerrechtlern und  Dissidenten aus vielen Ländern Ost- und Mitteleuropas werden laufend erweitert.

 

Handbuch Deutsche Kommunisten

Jendretzky, Hans

* 20.7.1897 – ✝ 2.7.1992

Geboren am 20.Juli 1897 in Berlin, Sohn eines Buchdruckers; lernte Schlosser. 1912 Mitglied der Metallarbeiterjugend, 1916 des DMV und 1923 des Deutschen Verkehrsbundes. 1919 USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Bis 1926 Schlosser, dann hauptamtlicher Funktionär und Leiter des RFB Berlin-Brandenburg. Im Dezember 1927 durch Karl Olbrysch abgelöst, da er »versagt« hatte (vor allem, weil er gegenüber der Opposition nicht genügend »durchgriff«). Anfang 1928 übernahm Jendretzky erneut die Leitung des Berliner RFB und zog im selben Jahr auch in den Preußischen Landtag ein (1932 nicht mehr als Kandidat aufgestellt). 1930 aus der RFB-Arbeit entfernt, weil er zusammen mit Olbrysch eine Untersuchung gegen den RFB-Führer Willy Leow und dessen finanzielle Manipulationen gefordert hatte. 1929 bis 1932 UB-Sekretär der KPD in Frankfurt/Oder und bis 1933 Mitglied der BL Berlin-Brandenburg und hier 1932/33 Leiter der Erwerbslosenbewegung. Nach 1933 illegale Arbeit, im Frühjahr 1934 verhaftet, im September 1934 vom Kammergericht Berlin zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, die er bis 1937 im Zuchthaus Luckau verbüßte. 1937/38 »Schutzhaft« im KZ Sachsenhausen. Freigekommen, arbeitete er von 1938 bis 1944 als Schlosser in einer Berliner Heizungsfirma. Jendretzky nahm im Frühjahr 1944 Verbindung zu Anton Saefkow auf, wurde am 2.August 1944 erneut festgenommen und am 10. Oktober 1944 vom VGH zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er kam in das Zuchthaus Brandenburg-Görden und anschließend in das Nürnberger Gefängnis, aus dem er am 17. April 1945 fliehen konnte. Zurückgekehrt nach Berlin, wurde er im Mai 1945 Stadtrat für Arbeit des Magistrats von Groß-Berlin. Er war Mitunterzeichner des »Aufrufs der KPD« vom 11. Juni 1945 und wurde durch Kooptierung Mitglied des ZK der KPD. Er gehörte auch zu den Mitunterzeichnern des Gründungsaufrufes des vorbereitenden Gewerkschaftsausschusses für Groß-Berlin und war provisorischer 1. Vorsitzender des Berliner FDGB. Von Februar 1946 bis Oktober 1948 1. Vorsitzender des FDGB-Bundesvorstandes der SBZ und von 1946 bis 1954 Mitglied des SED-PV. Ab November 1948 1. Vorsitzender der SED-Landesorganisation Groß-Berlin, 1950 Kandidat des Politbüro. Zusammen mit Wilhelm Zaisser, Rudolf Herrnstadt u. a. am 26. Juli 1953 aus dem Politbüro ausgeschlossen und seiner Funktion in Berlin enthoben. Jendretzky wurde im Januar 1954 mit einer »Parteirüge« bestraft und auf dem IV. Parteitag im April 1954 nicht mehr ins ZK gewählt. Am 29. Juli 1956 »rehabilitiert« und wieder ins ZK kooptiert. 1950 bis 1954 und von 1958 bis März 1990 Abgeordneter, von 1965 bis 1990 Vorsitzender der FDGB-Fraktion und im Dezember 1989 Alterspräsident der Volkskammer. 1957 bis 1960 Stellvertreter des Ministers des Innern und von 1960 bis 1962 Minister und Leiter der Zentralen Kommission für Staatliche Kontrolle. Auf den SED-Parteitagen von 1963 bis 1986 wieder ins ZK gewählt, er erhielt 1962 den Karl-Marx-Orden. 1990 Mitglied der PDS. Hans Jendretzky starb am 2.Juli 1992 in Berlin.Bernd-Rainer Barth / Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Jentsch, Karl-Heinz

* 6.12.1921 – ✝ 16.6.2004

Geb. in Lauterbach (Erzgeb.); Vater Holzhändler; Realgymnasium u. Wirtschafts-OS in Leipzig, Abitur; 1940 NSDAP; Kriegsteiln. u. schwere Verwundung; 1942 – 44 Studium der Wirtschaftswiss. an der Univ. Leipzig. 1946 LDPD; 1947 Forts. des Studiums u. Abschl. als Dipl.-Betriebswirt, Dr. rer. pol.; 1947/48 Mitarb. der Chefdirektion der Landeseigenen Betriebe Sachsen-Anh.; 1948/49 Mitgl. der Revisions- u. Treuhandges. der VEB; ab 1950 in Mansfeld; bis 1951 Ltr. der Finanzabt., 1951 – 55 kfm. Dir., 1955 – 57 Hauptbuchhalter, 1957 – 67 Werkdir., 1967 – 88 Dir. des Stammbetriebs u. GD des VEB Mansfeld Kombinat »Wilhelm Pieck« Eisleben, dem buntmetallurg. Zentrum der DDR, das 1989 in zwölf Betrieben, Gruben u. Hüttenwerken zur Förderung u. Verhüttung von Kupfererz sowie zur Herstellung von Halbzeugen u. Zwischenprodukten ca. 48.000 Mitarb. beschäftigte; 1958 – 90 Mitgl. des Zentralvorst. der DSF, 1958 – 62 DSF-Krs.-Vors. in Eisleben, 1963 – 90 DSF-Bez.-Vors. in Halle; seit 1963 Lehrtätigkeit; 1967 Habil.; 1968 Prof. an der Bergakad. Freiberg; 1963 – 67 Abg. der Volkskammer; 1977 VVO; 1979 Stern der Völkerfreundschaft; 1988 Ruhestand.Hagen Schwärzel

Wer war wer in DDR

Jeschke, Hans-Joachim

* 23.4.1935

Geb. in Forst; Vater Weber; Grund- u. Oberschule, 1950 FDJ; 1953 Abitur; 1953 / 54 Praktikant im VEB Zuckerfabrik Reitzsch; 1954 Prüfer beim Konsum Forst; 1954 – 59 Studium an der TH für Chemie Leuna-Merseburg, Dipl.-Chemiker; 1960 – 65 Ass. / Technologe, Stellv. u. 1966 – 76 Abt.-Ltr. im VEB Synthesewerk Schwarzheide; 1967 SED; 1976 – 78 Dir. Polyurethane im Synthesewerk Schwarzheide; 1970 Prom. zum Dr. rer. nat.; 1979 – 85 1. Stellv. des GD u. Dir. für Prod. bzw. Plandurchführung, 1985 – 90 GD des VEB Synthesewerk Schwarzheide (Nachf. von Albert Meyer); 1979 VVO.Andreas Herbst

Wer war wer in DDR

Jetzschmann, Frieda

* 2.10.1937

Geb. in Brandenburg; Vater Arbeiter; Grund- u. OS; Lehre als Postbetriebsfacharbeiterin mit Abitur; 1954 – 57 ABF Potsdam; 1957 Praktikantin bei der Ztg. »Freie Erde« in Neubrandenburg; 1958 – 60 Journalistikstudium an der KMU Leipzig (Abbruch); 1960 / 61 Arbeit bei der »Berliner Zeitung«, 1961 – 62 Fortsetzung des Studiums als Fernstudium; ab 1962 Mitarb. u. Red. bei der illustrierten Wochenztg. »Für Dich«; 1964 SED; 1965 – 71 stellv. Abt.-Ltr., 1971 – 74 Abt.-Ltr. (Wirtschaft) bei der »Für Dich«; 1974 – 78 Aspirantin an der AfG, Prom. zum Dr. phil.; 1978 – 86 Chefreporterin, 1986 stellv. Chefred., 1988 – 91 Chefred. der »Für Dich« (Nachf. von  Marie-Luise Allendorf); lebt in Brandenburg (Havel).Kirsten Nies

Wer war wer in DDR

John, Erich

* 6.2.1932

Geb. in Kartitz (Krs. Tetschen, ČSR/Choratice, Tschechien); 1947 – 50 Lehre als Bauschlosser; 1950 – 53 Studium an der FS für angewandte Kunst Heiligendamm, 1953 – 58 an der HS für bildende u. angewandte Kunst Berlin-Weißensee; 1958 – 60 künstler. Mitarb. am Inst. für angewandte Kunst Berlin; 1960/61 Aufbau u. Ltg. des ersten Industrieateliers der VVB Eisen-Blech-Metallwaren Karl-Marx-Stadt; 1961 – 66 künstler.-wiss. Mitarb. am Inst. für angewandte Kunst Berlin bzw. am ZI für Formgestaltung; seit 1966 Doz.; seit 1972 Fachgebietsltr. Formgestaltung an der Kunst-HS Berlin; 1973 Prof.; 1970 – 74 Vizepräs. des VBK; 1978 – 82 dort Vors. der Zentr. Sektionsltg. Formgestaltung/Kunsthandwerk u. Mitgl. des Präs.; 1982 Gastprof. an der Ohio University (USA). Gestaltungen: 1955 Rundfunkempfänger Undine II, 1958 ein Ultraschallgerät, 1961 – 63 Mikroskope, 1962 Anschliffmaschine minosupan, 1962 Elektrowerkzeug, 1963 Variationsschleifgerät metapolan, Bodenstaubsauger Omega, 1964 Theaterglaskombination Unistar, 1965 eine Baureihe von Dampfglas u. Heißluftmaschinen, 1969 Urania-Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz in Berlin; 1974 Schachfiguren für Freiraumschachspiel, 1975 Edelstahl- u. kombiniertes Edelstahl-Holz-Besteck u. Elektrorasierapparat »Bebosher Favorit«, 1986 Ausstellungssystem, 1989 Mikroskope für Askania Rathenow; Mitgestalter der Brandenburg. Landesgartenschau 2006 in Rathenow.Gerd Dietrich

Wer war wer in DDR

Johne, Friedrich (Fritz)

* 14.6.1911 – ✝ 14.9.1989

Geb. in Ketten (Krs. Reichenberg, Nordböhmen / Chetyn, Tschechien); Vater Arbeiter; Volks- u. Bürgerschule; 1926 – 29 Ausbildung zum Kfm.; 1935/36 Angest. der Konsumgenossensch. in Katzau (Reichenberg); 1926 Mitgl., dann Funktionär des KJV der ČSR; 1930 Haft wegen antimilitar. Prop.; 1931 – 33 arbeitslos; 1933 – 35 Wehrdienst; 1936 KPČ; 1937 – 39 in Spanien, zunächst Sergeant, dann Politkommissar eines Bat. der Internat. Brigaden; 1939 – 41 Internierung in Frankreich, Auslieferung nach Dtl.; 1941 – 45 Haft in Polizeigefängnissen u. im KZ Sachsenhausen. 1945 Rückkehr in die ČSR; 1945/46 Funktionär der KPČ-KL in Reichenbach u. des Antifa-Aussch. in Prag; 1946 Umsiedl. nach Dtl.; 1947 Jugendsekr. des SED-Landesvorst. Sachsen-Anh.; 1947 SED; 1948 Pol.-Kultur-Ltr. der VP-Landesbehörde in Halle; VP-Inspekteur; 1949/50 Militärsonderlehrgang in Privolsk (UdSSR); 1950 – 54 Ltr. der Abt. Ausbildung im Stab der HV für Ausbildung bzw. Chef der Verw. Lehranstalten in der KVP, 1953 Gen.-Major; 1954 – 56 Chef der Territorialverw. der KVP bzw. des Militärbez. Leipzig; 1957 – 59 Gen.-Stabsakad. der UdSSR, Dipl. rer. mil.; 1959 – 63 Kdr. der Militärakad. »Friedrich Engels« in Dresden (Nachf. von  Heinrich Dollwetzel); 1971 Ruhestand; 1963 Ausscheiden aus dem aktiven Dienst; 1963 – 67 Botschafter in der Rep. Kuba (Nachf. von Karl Lösch); danach Mitgl. der ZL des Komitees der Antifa. Widerstandskämpfer u. 1974 – 89 Vors. des Bez.-Komitees Dresden.Kurswechsel. Berlin 1973 (zus. mit I. H. de Cisneros).Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Joos, Anton

* 8.3.1900 – ✝ 30.3.1999

Geb. in Gutach (Schwarzw.); Vater Schlosser, Mutter Landarb.; Volksschule; 1919 Mitgl. der KPD Waldshut (Baden); 1919/20 u. ab 1921 Bergarb. in Bottrop; 1931/32 Betriebsratsvors.; 1919 – 31 Mitgl. im Bergarbeiterverb.; 1920 Angeh. der Roten-Ruhr-Armee, verhaftet u. kurzz. in Köln interniert; 1920/21 Betriebsrat in Titisee-Feldberg (Baden); 1922/23 Ltr. der Proletar. Hundertschaft; 1923/23 Haft; Pol.-Ltr. des KPD-UB Hamborn, 1924 des RFB in Oberhausen-Osterfeld; 1928/29 Besuch der Arbeiter-HS; 1930 – 33 Pol.-Ltr. KPD-UB Oberhausen; 1932/33 Mitgl. im Stadtrat in Oberhausen; 1932/33 illeg. Arbeit für den KPD-Abwehrapparat in Oberhausen (»Tony«); 1933 – 37 Emigr. in die Niederlande (Amsterdam); Kassierer u. Kursltr. der KPD in Amsterdam, Instrukteur der Emigr.-Ltg.; seit Mitte der 1930er Jahre für einen sowj. Nachrichtendienst tätig; 1935/ 36 Pol. Ltr. der KPD für Süd-Niederlande in Rotterdam; danach Mitarb. des KPD-Nachrichtendienstes in Amsterdam u. Mitgl. der KPD-LL; ab Juli 1937 Mitarb. des KPD-Abwehrapparats in Paris (»Julius«, »Richard«), dort 1937 – 39 Sekr. von  Paul Bertz; Aug. 1939 verhaftet u. in versch. Lagern interniert, April 1941 Flucht; ab 1942 im frz. Widerstand; bis März 1943 Verbindung zur KPD-Ltg. in Toulouse; März 1945 Mitgl. der BFD in Toulouse, Propaganda-Arbeit in Kriegsgefangenenlagern; zeitw. Parteiname »Julius«. Juli 1945 nach Düsseldorf; dort Ltr. der PPA in der KPD-LL NRW u. 1946 Mitgl. der KPD-BL Ruhrgeb.-Westf.; Mai 1947 Ref. in der Personalpol. Abt. der SED; ab Aug. 1950 Ltr. des Sektors Allg. Angelegenh. der Abt. Kader des ZK der SED; 1949/50 Mitgl. der ZPKK der SED, u. a. mit der Angelegenh. Noel H. Field befaßt; bis Aug. 1950 maßgebl. an der Vorber. der ersten großen Parteisäuberung beteiligt; Jan. 1953 – Apr. 1956 Mitarb. der Zentr. Kaderregistr. des ZK der SED; galt als Vertrauter von  Walter Ulbricht u. »graue Eminenz der Kaderabt.« u. war dort vornehml. für sicherheitsrelevante Angelegenh. zuständig; nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 von Ulbricht in den polit. Apparat des MfNV versetzt; 1962 – 66 stellv. Ltr. der DDR-Handelsvertr. in Stockholm; 1966 Rentner; gest. in Frankfurt (Oder).Bernd-Rainer Barth

dissidenten.eu

Joseph, Hermann

* 1932 – ✝ 1980

Das am 10. Januar 1951 in Olbernhau von der 22. Strafkammer des Landgerichts Dresden gegen Hermann Joseph Flade verkündete Todesurteil galt einem 18-jährigen Oberschüler, der allein, ohne Mitstreiter, mit handgedruckten Flugzetteln gegen die Volkskammer-Scheinwahlen vom Oktober 1950 protestiert hatte und sich der Festnahme mit einem Taschenmesser zu erwehren suchte. Der Richterspruch entfachte einen solchen Sturm der Entrüstung gegen die SED-Diktatur, dass sich die Herrschenden zu einer Revision des Terrorurteils genötigt sahen. Zudem motivierte das Urteil andere Oberschüler, wie beispielsweise Achim Beyer und seine Mitschüler aus Werdau, ihren Widerstand zu verstärken.Um das Urteil zu begreifen, muss ein historisches Datum in der Geschichte der SED-Diktatur ins Bewusstsein gerückt werden: der 15. Oktober 1950. Dies war der Tag, an dem erstmals in der DDR Wahlen zur Volkskammer sowie zu den Landtagen und Kommunalvertretungen nach dem Grundsatz einer Einheitsliste der Kandidaten der Nationalen Front durchgeführt wurden. Sie beließen dem Wahlvolk keine alternative Entscheidung. Sämtliche Abgeordneten-Mandate waren lange vor dem Wahltag auf die SED und die unter ihrer Hegemonie geduldeten Blockparteien und Massenorganisationen aufgeschlüsselt, und zwar dergestalt, dass Kommunisten in allen Vertretungskörperschaften über die absolute Mehrheit verfügten. Der Wahlakt selbst war zur bloßen Abgabe der Stimmzettel verkommen. Zugleich waren mit der Scheinwahl vom 15. Oktober 1950 alle folgenden Wahlen präjudiziert. Freie Wahlen wurden in der DDR erstmals möglich, als ihre Endzeit schon begonnen hatte: am 18. März 1990. Vor diesem historischen Hintergrund erklärt sich Flades Handeln. Hermann Joseph Flade – sein Rufname war Hermann – kam am 22. Mai 1932 als uneheliches Kind in Würzburg zur Welt. 1936 heiratete seine Mutter den Expedienten Erich Flade. Die Familie wurde in Olbernhau im Erzgebirge ansässig. 1938 wurde Hermann Flade, der im katholischen Glauben erzogen wurde, in die Grundschule aufgenommen. Nachdem die Familie 1942 nach Dresden übergesiedelt war, besuchte er hier die Oberschule. Nach dem verheerenden Luftangriff anglo-amerikanischer Bomber auf Dresden in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945, den Mutter und Sohn unverletzt überstanden, kehrten beide nach Olbernhau zurück, wo Flade den Besuch der Oberschule fortsetzte. Der Vater musste inzwischen Kriegsdienst leisten und kam in Gefangenschaft. Als die Familie in finanzielle Not geriet, ließ sich Flade im Oktober 1949 für ein Jahr vom Schulbesuch beurlauben, um als Hauer im Uranerzbergbau der sowjeteigenen Wismut-AG in Marienberg im Erzgebirge zu arbeiten. Das war Knochenarbeit unter Tage, aber sie wurde gut bezahlt. Erst als er im April 1950 einen Arbeitsunfall erlitt, gab Flade die Arbeit im Uranschacht auf und suchte sich eine Beschäftigung als Ziegeleiarbeiter. Ab Oktober 1950 wollte er wieder das Gymnasium in Olbernhau besuchen. In dieser Situation erlebte der politisch frühzeitig interessierte Oberschüler die Wahlkampagne zum 15. Oktober 1950. Sie empörte ihn. Der Entschluss zum Widerstand reifte spontan. Allein, ohne Austausch mit anderen Menschen, entwarf er Texte für handgedruckte Flugzettel, auf denen er sein Nein gegen die Scheinwahlen artikulierte. Er verfertigte sie mit Hilfe eines Schüler-Druckkastens und verteilte annähernd 200 Exemplare bei Dunkelheit in seiner Heimatstadt. Während er bei seiner ersten Flugblauaktion noch unbemerkt blieb, wurde er bei der zweiten am späten Abend des 14. Oktober – am Vorabend der Wahl – von einer Doppelstreife der Volkspolizei „auf frischer Tat“ ertappt. Nach einem Handgemenge, bei dem er ein Messer zog und einem der beiden Volkspolizisten mehrere, allerdings nicht lebensgefährliche Stiche am linken Oberarm und im Rücken beibrachte, konnte er sich seiner Festnahme zwar noch entziehen, wurde aber zwei Tage später festgenommen. Es folgten Verhöre beim Staatssicherheitsdienst. Flade legte schon am 19. Oktober 1950 laut Vernehmungsprotokoll ein Geständnis ab. Offen bekannte er sich zu seiner politischen Einstellung. „Die Flugblattverteilung geschah von mir aufgrund der politischen Erkenntnis, dass man die DDR und ihre Organe passiv und aktiv bekämpfen muss.“ Ein solches Bekenntnis zur eigenen Tat forderte die Herrschenden offen heraus. Ein abschreckendes Urteil musste her. Zuständig waren die Staatsanwaltschaft und das Landgericht in Dresden, aber das Strafgericht erster Instanz tagte in Olbernhau, die Hauptverhandlung fand im größten Saal des Ortes statt, in der Gaststätte „Tivoli“. Etwa 1.200 Zuschauer, Arbeiter, Bergleute, Oberschüler und Parteigänger der SED, meist „delegiert“, waren zugegen. Zum Verdruss des Gerichts zeigte sich der Angeklagte ungebeugt. „Ich sagte mir, bei einer Wahl müsste auch eine andere Stimme gehört werden, da ich das nicht offen machen konnte, weil ich sonst von der Schule fliegen würde, musste ich das nachts im Geheimen tun“, zitiert ihn das offizielle Protokoll der Gerichtsverhandlung. „Ich habe hundertprozentig auf die Gerechtigkeit meiner Sache vertraut.“ Am 10. Januar 1951 gegen 16.30 Uhr verkündete der Vorsitzende Richter folgendes Urteil: „Im Namen des Volkes! Der Angeklagte Flade wird für schuldig befunden der Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen und in Tateinheit damit des Betreibens militaristischer Propaganda, des versuchten Mordes und des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und wird zur Strafe des Todes kostenpflichtig verurteilt.“ In der DDR wie in West-Berlin und Westdeutschland löste das Urteil bis dahin nicht erlebte öffentliche Proteste aus. Unter deren Eindruck sah sich das Gericht zweiter Instanz am 19. Januar 1951 zur Revision des Todesurteils genötigt und wandelte die Todesstrafe in eine Zuchthausstrafe von 15 Jahren um. Als er zwei Drittel seiner 15-jährigen Zuchthausstrafe hinter den Mauern von Bautzen, Torgau und Waldheim verbüßt hatte, wurde Flade „amnestiert.“ Natürlich verließ er danach die DDR. Trotz zehnjähriger Haft ungebrochen, studierte er an den Universitäten München und Mainz, promovierte 1967 mit dem Thema „Politische Theorie in der abendländischen Kultur“ und schrieb sein Erlebnisbuch „Deutsche gegen Deutsche“. Zuletzt arbeitete er im Gesamtdeutschen Institut in Bonn. In der Nacht vom 15. auf den 16. Mai 1980 erlag Hermann Flade den gesundheitlichen Spätfolgen seiner Haft wenige Tage vor seinem 48. Geburtstag.Karl Wilhelm Fricke Letzte Aktualisierung: 08/16

Wer war wer in DDR

Jüchser, Hans

* 14.7.1894 – ✝ 13.8.1977

Geb. in Chemnitz; Vater Lehrer; 1915 – 18 Soldat; 1919 – 23 Studium der Kunsterziehung u. Grafik bei Arno Drescher u. G. Erler an der Dresdner Kunstgewerbeschule, 1923 – 28 Mstr.-Schüler bei O. Hettner u. L. von Hoffmann an der Dresdner Kunstakad.; 1928 – 39 freischaff. in Dresden; 1929 KPD; 1930 – 32 Mitgl. der ASSO in Dresden, 1932 – 34 der Neuen Dresdner Sezession u. der Künstlervereinigung Dresden; 1935 erste Personalausstellung in der Städt. Kunstsammlung Duisburg; Reisen nach Italien u. Schweden; während des Nationalsoz. als »entarteter Künstler« diffamiert u. isoliert; 1940 – 49 Kriegsdienst u. Gefangenschaft. Nach der Rückkehr wieder freischaff. in Dresden; zahlr. Personalausstellungen, u. a. 1960 in Karl-Marx-Stadt u. 1977 in Weimar; 1960 Grafikpreis der CDU; nach Einflüssen des Verismus in seinem Frühwerk nun Hinwendung zu einer in der Nachf. Cézannes u. der kolorist. Malweise der ersten Hälfte des 20. Jh. stehenden Gestaltung; gest. in Dresden. Werke: In der Mansarde, 1923; Mutter mit krankem Kind, 1932; Bildnis Kolbe, 1955; Auferstehung. Glasfenster für die Friedenskirche in Radebeul, 1952; Luft u. Wasser. Glasfenster für das Inst. für Luftfahrt Dresden, 1957; Joseph u. Potiphars Weib, 1959.Löffler, F.: H. J. Berlin 1964; Kat. H. J. Kunstsammlungen Weimar 1977; Kühnel, A.: H. J. In: Kat. Rev. u. Realismus. Staatl. Museen zu Berlin 1978; Kat. H. J. Malerei u. Grafik. Chemnitz 2005.Anke Scharnhorst

Wer war wer in DDR

Jung, Friedrich

* 21.4.1915 – ✝ 5.8.1997

Geb. in Friedrichshafen (Bodensee); Vater Studienrat; Schulbesuch in Ellwangen u. Stuttgart; 1934 – 39 Med.-Studium in Tübingen, Königsberg u. Berlin, hier 1939 Approbation; wiss. Assistent am Pharmakolog. Inst.; 1940 Prom.; 1940/41 Kriegsdienst als Unterarzt in einer Sanitätseinheit; 1941/42 Unterarzt in einer Forschungsgr. an der Militärärztl. Akad. Berlin; 1942 – 44 Sanitätsoffz. (Truppenarzt); 1944 Habil. u. Doz. an der Univ. Berlin; 1945 beratender Pharmakologe in der Heeresgr. West; Parlamentär bei Übergabe eines Depots chem. Kampfstoffe. 1945 Doz.; 1946 – 49 Ltr. des Pharmakolog. Inst. der Univ. Würzburg; 1949 – 72 Prof. für Pharmakol. u. Toxikol. sowie Dir. des Pharmakolog. Inst. der HU Berlin; seit 1956 zugl. Dir. des Arbeitsber. (1961 Inst.) für Pharmakol. der Inst. für Med. u. Biol. der DAW in Berlin-Buch; 1961 Korr., 1964 Ord. Mitgl. der DAW; Mitgl. der Leopoldina; 1964 SED; 1972 – 81 Dir. des ZI für Molekularbiol. der AdW; NP 1957, 1965 (im Koll.) u. 1987 (im Koll.); 1980 em.; gest. in Berlin. Arbeitsgebiete: Physiol., Pathophysiol. u. Biochemie des roten Blutfarbstoffs u. der roten Blutzelle; ab 1941 erste elektronenopt. Studien an Erythrozyten; Arbeiten über Netzmittel, entzündungshemmende Wirkstoffe u. physiolog. aktive Peptide; systemat. Bearbeitung der Toxikol. aromat. Nitro- u. Aminoverbindungen u. a. Blutgifte, Toxikol. von Petroprotein; Mitw. am Arzneibuch der DDR u. im Zentr. Gutachteraussch. für den Arzneimittelverkehr; Mithrsg. der »Acta biologica et medica germanica«, der Ztschr. »Dt. Gesundheitswesen«, der »Ztschr. für ärztl. Fortbildung« u. a.; Mitautor mehrerer HS-Lehrbücher zu Pharmakol. u. Innerer Medizin.Zur physikal. Chemie des Hämoglobins. Berlin 1955; Arzneimittel u. Ges. Berlin 1971 (zus. mit P. Oehme u. H. Rein); VI. Internat. Symposium über Struktur u. Funktion der Erythrozyten. Berlin 1972 (zus. mit M. Rapoport). Oehme, P., Scheler, W.: (Hrsg.): Zwischen Arznei u. Gesell. Zum Leben u. Wirken des F. J. Berlin 2002; F. J. In: Pasternak, L. (Hrsg.): Wissenschaftler im biomedizin. Forschungszentrum: Berlin-Buch 1930 – 2004. Frankfurt (Main) 2004.Jochen Richter

Handbuch Deutsche Kommunisten

Jungclas, Georg

* 22.2.1902 – ✝ 11.9.1975

Geboren am 22. Februar 1902 in Halberstadt, aufgewachsen in einer sozialdemokratischen Familie, die 1904 nach Hamburg übersiedelte. Er lernte Buchhändler, trat 1915 noch als Schüler der Freidenker-Jugend bei, wurde 1919 Mitglied der KPD. Bei der Spaltung 1920 blieb er mit einer Minderheit in der Partei, während die übergroße Mehrheit der Hamburger Kommunisten zur KAPD wechselte. Als Arbeiter bei Blohm und Voß 1921 an der März-Aktion der KPD beteiligt, die rasch zusammenbrach. Jungclas war bis 1922 Wanderlehrer der KPD in Thüringen und hielt Kurse zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Danach war er in Worpswede beim Ausbau von Heinrich Vogelers Kinderheim für die Rote Hilfe tätig. 1923 Mitglied des Militärapparates der KPD, im Hamburger Aufstand aktiv. Bis 1926 Angestellter der kommunistischen Buchhandlung Carl Hoym, dann bei anderen Buchhandlungen beschäftigt. Jungclas schloß sich 1926 der linken Opposition an, unterschrieb im September 1926 den »Brief der 700« und gehörte seit Gründung 1928 zum Leninbund. In Hamburg bildeten er und Karl Jahnke einen trotzkistischen »Stützpunkt«. Er hatte gute Verbindungen auch zu rechten Kommunisten und konnte denen brisantes Material zur Unterschlagungsaffäre in der Hamburger KPD übergeben, die er von Parteifunktionären heimlich erhalten hatte. Dadurch half er, die Wittorf-Affäre im September 1928 bekannt zu machen, die zur vorübergehenden Absetzung Ernst Thälmanns führte. Bei Spaltung des Leninbundes 1930 ging er zur Opposition, die sich im März 1930 mit Teilen der Weddinger Opposition zur trotzkistischen linken Opposition (LO) zusammenschloß. Er zählte nun zu den führenden deutschen Trotzkisten, mit der Hamburger Gruppe gelang es ihm, trotzkistisches Material auf Schiffen illegal in die Sowjetunion einzuschleusen. Jungclas stand in enger Verbindung zu Trotzkis Sohn Leo Sedow und im regen Briefwechsel mit Trotzki, den er im November 1932 in Kopenhagen traf. Kurze Zeit später flüchtete Jungclas aus Hitler-Deutschland nach Dänemark, wo er mit den dänischen Trotzkisten zusammenarbeitete. Nach der deutschen Besetzung 1940 gehörte er zur illegalen Widerstandsgruppe, wurde im Mai 1944 von der Gestapo verhaftet, nach Hamburg, Anfang 1945 nach Berlin transportiert. Vor Kriegsende noch ins Zuchthaus Bayreuth eingeliefert. Im April 1945 von den US-Truppen befreit, konnte Jungclas über seinen Mithäftling Eugen Gerstenmaier (den späteren Bundestagspräsidenten) Kontakt zur Zentrale der IV. Internationale in Paris aufnehmen. Ab 1946 hauptamtlicher Sekretär der IV. Internationale in Deutschland, er baute die trotzkistische Organisation der Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) auf. Im Frühjahr 1951 Mitinitiator der Unabhängigen Arbeiterpartei Deutschlands, dann Mitglied ihres Sekretariats, wurden er und die Trotzkisten bereits im August 1951 aus der kurzlebigen UAPD ausgeschlossen. Jungclas arbeitete in verschiedenen Organen mit, etwa der »Sozialistischen Politik«. Von den Stalinisten als »Agent« verleumdet und bekämpft, blieb er bis 1967 Sekretär der deutschen Trotzkisten und Mitglied des Internationalen Sekretariats der IV. Internationale. Georg Jungclas starb am 11. September 1975 in Köln.

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Junghanns, Ulrich

* 25.5.1956

Geb. in Gera; POS; 1972 – 74 Ausb. zum Pferdewirt im Hengstdepot Moritzburg; 1974 – 90 Mitgl. des DBD; Nov. 1974 – Apr. 1976 NVA; 1976 – 79 Studium der öffentl. Verw. an der FS für Staatswissenschaft »Edwin Hoernle« in Weimar, Staatswiss.; 1979 – 81 Ang. beim Rat des Krs. Greiz; 1981 – 86 Fernstudium an der DASR in Potsdam-Babelsberg, Dipl.-Staatswiss.; 1981 – 90 Mitarb. der DBD, 1. Sekr. der DBD Greiz; 1983 pol. Mitarb. des DBD-Parteivorst.; Bez.-Vors. des DBD Berlin; 1988 Verdienstmedaille der DDR; Febr. – Sept. 1990 1. stellv. Vors. des DBD; Ende Juni – Sept. 1990 (kommissar.) Vors. der DBD (Nachf. von  Günther Maleuda); seit Sept. 1990 Mitgl. der CDU. Seit Nov. 1990 Mitgl. des CDU-LV Brandenburg; 1990 – 98 Mitgl. des Dt. Bundestages; Okt. 1990 – 92 Mitgl. des CDU-Bundesvorst.; 1991 – 98 Mitgl. der Parlamentar. Versammlung des Europarats u. der Westeurop. Union; 1993 Kand. als Oberbürgermstr. der Stadt Frankfurt (Oder); 1994 – Nov. 2002 Stadtverordn. u. Vors. der CDU-Fraktion in Frankfurt (Oder); Okt. 1998 – Nov. 2002 Geschäftsf. der Firma GreenWay Systeme GmbH in Frankfurt (Oder); Jan. 1999 – Jan. 2007 stellv. CDU-Landesvors.; Nov. 2002-Nov. 2009 Wirtschaftmin. des Landes Brandenburg; Okt. 2004 – Sept. 2009 Mitgl. des Landtags Brandenburg; 20.2.2007 – 20.10.2008 stellv. Min.-Präs. des Landes Brandenburg u. zugl. Vors. der CDU Brandenburg (Nachf. von Jörg Schönbohm).Helmut Müller-Enbergs

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Jendrosch, Friedrich

* 22.5.1890 – ✝ 24.7.1944

Geboren am 22. Mai 1890 in Lomnitz/Krs. Rosenberg/Oberschlesien. Besuchte die Fortbildungsschule in Rosenberg und begann nach einer abgebrochenen Bäckerlehre 1908 eine Lehre als Schlosser und arbeitete anschließend bei der Eisenbahn in Hindenburg. Vor dem Weltkrieg Mitglied der SPD, 1919 Übertritt zur KPD. 1920 Stadtverordneter in Hindenburg/ Oberschlesien und Abgeordneter des Provinziallandtages Schlesien. Im Mai 1924 im Wahlkreis Oppeln in den Reichstag gewählt, aus dem er aber Ende Juni 1924 wegen Neuwahl in seinem Wahlkreis ausschied. Im Dezember 1924 zog Jendrosch für den Wahlkreis Oppeln in den Preußischen Landtag ein, dem er bis 1932 angehörte. Von 1925 bis 1929 Polleiter des KPD-Bezirks Oberschlesien, anschließend übte er nur kleine Funktionen aus. 1932 nicht mehr als Landtagskandidat aufgestellt, er übersiedelte nach Berlin. Nach 1933 arbeitete er als Markthändler und betätigte sich für die illegale KPD. Im Zuge der Gestapo-Aktion »Gewitter« nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 24. Juli 1944 verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Seiner Frau Hedwig Jendrosch, geborene Kroll (* 6. 10. 1894 – † 12. 7. 1991), wurde Ende 1944 mitgeteilt, ihr Mann sei am 28. November 1944 an einer eitrigen Hirnhautentzündung verstorben, er wurde vermutlich ermordet. Frank Wollin veröffentlichte 2005 eine biographische Skizze über Friedrich Jendrosch.

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Jentsch, Otto

* 16.5.1898 – ✝ 24.10.1978

Geb. in Seifhennersdorf; Vater Angest.; 1904 –10 Volksschule, danach Oberrealschule Warnsdorf, dort 1917 Abitur; 1917 / 18 Studium der Math. u. Physik an der Univ. München; 1918 / 19 Kriegsdienst als Flieger; 1919 / 20 Schlosserlehre in Neugersdorf; 1920 – 24 Maschinenbaustudium an der TH Dresden, Dipl.-Ing.; 1924 – 27 wiss. Ass. an der TH Braunschweig; ab 1927 Ing. bei der Wasser-, Gas- u. Elektrizitätswerke AG in Dresden; 1933 an der TH Braunschweig externe Prom. bei Carl Pfleiderer mit einer Studie über Rohrbruchsicherungsanlagen in Wasserrohrnetzen; 1937 NSDAP. 1945 Werksltr. der Wasserwerke u. Entwässerungsbetriebe in Dresden; 1946 SED; 1952 Prof. für Maschinenelemente (später auch Strömungsmaschinen) der HS für Verkehrswesen Dresden, dort 1952 – 56 Gründungsrektor, 1956 – 60 Dekan der Fak. für Verkehrstechnik, 1964 – 78 Ehrensenator; 1964 em.; 1968 VVO; gest. in Radebeul. J. Forschungs- u. Lehrgebiet Maschinenelemente u. Strömungsmaschinen betraf vor allem deren wasserbautechn. (Pumpen) u. verkehrstyp. Einsatzgebiete (Strömungskupplungen, -wandler u. -getriebe). Darüber hinaus beschäftigte er sich mit Problemen der Wasserversorgung u. -entwässerung, insb. im Straßenbau.Aufbereitung des Trinkwassers. Berlin 1956.Roland Schmidt / Dieter Hoffmann

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Jesse, Siegfried

* 1.11.1937

Geb. in Weimar; Vater Tischler; 1954 SED; 1955 Abitur; 1955 Einstellung beim MfS, Abt. KuSch der BV Suhl; 1955 – 57 Zweijahreslehrgang an der JHS Potsdam-Eiche; 1957 AG Suhl der BV Suhl; 1958 Abt. II (Spionageabwehr); 1965 – 71 Fernstudium an der HU Berlin, Dipl.-Jur.; 1967 stellv. Ltr. der Abt. II; 1973 Offz. für Sonderaufg. bei der HVA-Abt. III (legal abgedeckte Residenturen), MfS Berlin; 1974 bei der HVA-Abt. IX (Gegenspionage), 1980 dort Ref.-Ltr.; 1981 stellv. Ltr., 1983 Ltr. der HVA-Abt. XIII (Atom- u. Kosmosspionage), 1985 Oberst; 1989/90 Entlassung.Jens Gieseke

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Jezierska, Fanny

* 7.10.1887 – ✝ 22.11.1945

Geboren am 7. Oktober 1887 in Grajewo/Russisch-Polen, Tochter eines jüdischen Kaufmanns. Von 1905 bis 1909 in der Sozialrevolutionären Partei Rußlands aktiv, kam dann nach Deutschland und wurde Mitglied der SPD. Nach dem Studium an einem polytechnischen Institut wurde sie – damals für eine Frau ganz außergewöhnlich – Ingenieur der Elektrotechnik. Im Weltkrieg war sie mit der Gruppe Internationale und insbesondere mit Rosa Luxemburg politisch und persönlich verbunden, ebenso mit Käte und Hermann Duncker. Sie betätigte sich illegal, schmuggelte z. B. Arbeiten von Karl Liebknecht aus dem Zuchthaus. Seit Frühjahr 1918 arbeitete sie in Berlin in der russischen Botschaft und hatte dort ein eigenes Büro. Nach der Novemberrevolution war sie Sekretärin Rosa Luxemburgs an der »Roten Fahne«, dann geheime Mitarbeiterin der Komintern sowie für Paul Levi und schließlich Jakob Reich (Thomas) tätig. Von 1921 bis 1924 im Einsatz für die Komintern und wohl auch für die russische Spionage in Italien, offenbar auch Mitglied des ZK der KP Italiens, Ende 1924 dort ausgewiesen. Fanny Jezierska blieb dann bis 1928 bei der Komintern in Moskau tätig, vor allem in der Informationsabteilung eingesetzt. In einigen Bänden der Lenin-Werke ist sie als Übersetzerin genannt. Ende 1928 nach Deutschland zurückgekehrt, schloß sie sich mit ihren alten Freunden, etwa Rosi Wolfstein und Paul Frölich, der KPO an. Sie behielt außerdem engen Kontakt zu Clara Zetkin. Bei der Spaltung der KPO 1932 trennte sie sich von der Gruppe, blieb aber weiterhin den internationalen Rechtskommunisten verbunden. 1933 emigrierte sie nach Frankreich, wo es ihr sehr schlecht ging. Sie konnte aber 1940 noch aus Paris fliehen und gelangte zu Verwandten nach Kalifornien. Hier fand sie Arbeit in einem Krankenhaus, später in einer Wohlfahrtsorganisation. Mit ihren ehemaligen kommunistischen Genossen hielt sie Briefkontakt. Fanny Jezierska starb am 22. November 1945 in den USA. Eine ausführliche Skizze über Jezierska hat Ottokar Luban 2003 im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung veröffentlicht.

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John, Horst

* 2.6.1922

Geb. in Chemnitz; Volksschule; 1936 – 41 Lehre u. Arbeit als kfm. Angest.; 1941 – 43 RAD; 1943 – 45 Wehrmacht; 1945 sowj. Gefangenschaft, Antifa-Schüler. 1949 kfm. Angest., Planungsltr. in der HO; 1950 SED; 1952 Einstellung beim MfS, Krs.-Dienststelle Schwarzenberg; 1953 Versetzung zur Abt. VI (Staatsapparat, Parteien) der BV Chemnitz; 1953 Bez.-Parteischule; 1954 HA V (Staatsapparat, Untergrund), MfS Berlin; 1956 Ltr. des Sekr. der HA V; 1960 – 65 Fernstudium an der KMU Leipzig, Dipl.-Journalist; 1962 Ltr. der AG Information der HA V; 1964 – 71 Ltr. der AG beim Stellv. des Min.  Bruno Beater; 1971 MfS-OibE; Ltr. der AG zur Sicherung des Leistungssports (HA XX/3); pol. Mitarb. im Büro zur Förderung des Sports beim Staatssekr. für Körperkultur; 1977 Oberst-Ltn.; 1987 Entlassung, Rentner.Jens Gieseke

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Johnson, Uwe

* 20.7.1934 – ✝ 23.2.1984

Geb. in Cammin (Hinterpommern / Camień Pomorski, Polen); Vater Landwirt u. Ministerialbeamter; aufgew. in Anklam; 1944/45 Schüler einer nationalsoz. »Dt. Heimschule« in Köslin. 1946 Tod des Vaters in einem sowj. Internierungslager in Kowel (Ukraine); 1946 – 51 OS in Güstrow; ab 1952 Studium der Germanistik zunächst in Rostock, 1953 exmatrikuliert wegen Kritik an der Diffamierung der Jungen Gemeinde, Austritt aus der FDJ; Wiederzulassung zum Studium im Zuge der Schadensbegrenzung nach dem 17.6.1953; 1953 – 56 Studium in Leipzig, u. a. bei  Hans Mayer; der 1956 vollendete erste Roman »Ingrid Babendererde« bleibt in beiden dt. Staaten lange ungedruckt (posthum 1985 veröff.); 1956 – 59 schriftsteller. Gelegenheitsarbeiten (u. a. Übersetzung des Nibelungenlieds ins Hochdt.) u. Arbeit an »Mutmaßungen über Jakob«; 10.7.1959 während der Drucklegung dieses Romans in der Bundesrep. Dtl. Übersiedl. nach Berlin (West); 1960 Theodor-Fontane-Preis (Berlin (West)); 1961 pol. Angriffe wegen angebl. Rechtfertigung des Mauerbaus in Berlin, die U. J. später widerlegen kann; 1962 Stipendiat der Villa Massimo in Rom (gegen Proteste des bundesdt. Außenmin.); Prix International de la Littérature; 1964 Rezensionen zu Sendungen des DFF im Berliner »Tagesspiegel« (Buchveröff.: »Der fünfte Kanal« 1987); 1966 – 68 in den USA (New York); Schulbuchlektor; 1967 Ernennung zum »Knight of Mark Twain« u. Stipendiat der »Rockefeller-Foundation«; 1969 Mitgl. des PEN-Zentrums Bundesrep. Dtl. u. der AdK Berlin (West); 1971 Georg-Büchner-Preis; 1972 Vizepräs. der AdK Berlin (West); 1973 Vortragsreisen durch Italien, England u. Frankreich; 1974 Umzug nach Sheerness on Sea (England); hier mutmaßl. am 23. oder 24.2.1984 gest.; 1975 Wilhelm-Raabe-Preis (Braunschweig); 1977 Mitgl. der Darmstädter Akad. für Sprache u. Dichtung (Austritt 1979); 1979 Poetikdoz. an der Univ. Frankfurt (Main) (Veröff. 1980 »Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen«); Thomas-Mann-Preis (Lübeck); 1983 Austritt aus dem Verb. dt. Schriftst. wegen der Auseinandersetzungen um den Schriftst. Franz Xaver Kroetz; Kölner Lit.-Preis; bis zu seinem Tod vom MfS operativ bearbeitet. U. J. gilt als »Dichter der beiden Dtl.«; der vierbändige Roman »Jahrestage« (entstanden 1968 – 83, veröff. ab 1970) erörtert am Schicksal u. an den Erinnerungen seiner Heldin Gesine die Problematik dt. Geschichte von den frühen 30er Jahren in Mecklenb. bis zum Vietnamkrieg u. dem Prager Frühling.Das dritte Buch über Achim. Frankfurt (Main) 1961; Karsch u. andere Prosa. Erzählungen. Frankfurt (Main) 1964; Berliner Sachen. Frankfurt (Main) 1975; Skizze eines Verunglückten. Autobiogr. Erzählungen. Frankfurt (Main) 1982; Eine Reise wegwohin u. andere kurze Prosa. Berlin (DDR) 1989; Heute Neunzig Jahr. Aus dem Nachlaß. Frankfurt (Main) 1996 (Hrsg. Norbert Mecklenburg). U. J. Es ist eines Welt gegen die Welt zu halten. Texte u. Bilder einer Ausstellung. Frankfurt (Main) 1991; Berbig, R. (Hrsg.): U. J. Materialien. Frankfurt (Main) 1993; Berbig, R., Wizisla, E. (Hrsg.): »Wo ich her bin ...« U. J. in der DDR. Berlin 1993; Schriften des U.-J.-Archivs 1991 ff., 4 Bde.; Neumann, B.: U. J. Frankfurt (Main) 1994; Riedel, N.: U. J. Bibliogr. 1959 – 1999. Stuttgart 1999; Fried, U. u. a.: U. J. München 2001; Berbig, R.: U. J. Befreundungen. Berlin 2002.Bernd-Rainer Barth / Andreas Kölling

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Jordan, Carlo

* 5.2.1951

Geb. in Berlin; Vater Bäcker, Mutter Verkäuferin; POS; 1965 – 68 Zimmererlehre; 1969 – 72 Bauing.-Studium in Berlin; 1972 Rücktritt aus der FDJ-Ltg. des Kombinats Ingenieurhochbau aus Protest gegen das neue Absolventengesetz; 1970 – 81 Teiln. an konspirativen Zirkeln; 1971 Mitorg. kulturopp. Veranstaltungen im Berliner Arbeiter- u. Studentenklub (Schließung 1974); anschl. Veranstaltungen u. a. zur Arbeiterselbstverw. in Jugosl. im Berliner Klub »Box« (Verbot 1975), im »Kramladen« (Verbot 1976); ab 1973 alternative Landhausprojekte in der Uckermark (1984 Zwangsräumung durch das MfS); 1972 – 79 Baultr. bei versch. Berliner Betrieben; 1976 Festnahme wegen einer Eingabe betr. den Suizid des Pfarrers  Oskar Brüsewitz; 1978 Fernstudium der Philos. u. Geschichte an der HU Berlin, Relegierung 1982 wegen »ungenügender gesellschaftl. Einbindung«; 1978 – 83 UdSSR-Reisen, insbes. ins Baltikum; 1980 – 89 künstler. u. kirchl. Bauprojekte; 1985 – 89 Doz. für Philos. u. Lit. an Bildungsstätten der Ev. Kirche Potsdam; 1982 – 86 Mitarb. in versch. Öko-Krs. (ESG, Berlin-Friedrichsfelde, Vipperow); Mitorg. der Berliner Ökoseminare; 1986 Mitbegr. der Berliner Umweltbibliothek u. Mitarb. der »Umweltblätter«; 1987 – 90 DDR-Koordinator im Osteurop. Netzwerk Greenway; 1988 Mitbegr. des Grünen Netzwerks Arche u. dessen Samizdat-Ztschr. »Arche Nova«; Nov. 1989 Mitbegr. der GP, Dez. 1989 – März 1990 GP-Sprecher am Zentr. Runden Tisch; Jan. 1990 Mitinitiator der Gedenk- u. Forschungsstätte für die Opfer des Stalinismus ASTAK Berlin-Normannenstr.; Mai – Dez. 1990 Abg. der GP in der Berliner Stadtverordnetenvers. 1994 – 95 MdA Berlin, Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen (AL); danach Beginn eines Forschungsprojekts zur Nachkriegsgesch. der HU an der FU Berlin, 2000 Prom.; seit 2000 stellv. Vors. der Forschungs- u. Gedenkstätte Berlin-Normannenstr.ARCHE NOVA – Opp. in der DDR. Berlin 1995; Kaderschmiede HU zu Berlin. 1945 – 1989. Berlin 2001.Silvia Müller

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Józef, Jan

* 1926 – ✝ 1991

Historiker und Literaturwissenschaftler; einer der aktivsten Mitstreiter des *Klubs des Krummen Kreises; ab 1976 Mitglied des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (*KOR) und dann des Komitees für Gesellschaftliche Selbstverteidigung „KOR“ (*KSS „KOR“); engagierte sich ab 1978 in der *Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse; ab 1981 im Vorstand der *Solidarność der Region Masowien; 1987–91 Vorsitzender des Parteivorstandes der reaktivierten Polnischen Sozialistischen Partei; ab 1988 im *Bürgerkomitee beim Vorsitzenden der *Solidarność; Pseudonyme: „Chl“, „J. J. L.“, „jjl“, „(jjl)“.Jan Józef Lipski wurde 1926 in Warschau geboren. 1942/43 gehörte er zu den konspirativen Pfadfindereinheiten „Graue Reihen“ (Szare Szeregi), die mit der *Heimatarmee (Armia Krajowa; AK) zusammenarbeiteten. Ab 1943 kämpfte er in der *Heimatarmee im Regiment „Baszta“ und nahm am Warschauer Aufstand teil. 1948 war Lipski einer der Gründer eines Selbstlernzirkels für Gymnasiasten, dann eines informellen Diskussionskreises, dem vor allem Studierende der Polonistik an der Universität Warschau angehörten. Der Klub nannte sich „Klub der Neopickwicker“. 1951–53 beteiligte er sich an einem halbkonspirativen Diskussionsklub, der jedoch nach der Verhaftung eines der Mitglieder (Czesław Czapów) durch den Staatssicherheitsdienst seine Tätigkeit einstellen musste. Die Weltanschauung Lipskis wurde durch neopositivistische Einflüsse geprägt. 1952–59 arbeitete er im Staatlichen Verlagsinstitut (Państwowy Instytut Wydawniczy), wo er nach seinem Studienabschluss in Polonistik einige Jahre lang (1955–59) Leiter der Redaktion für Klassische Polnische Literatur war. Im Herbst 1956 übernahm Lipski das Kulturressort der Wochenzeitschrift „Po prostu“ (Geradeheraus), die die Veränderungen des *Oktobers 1956 unterstützte. Dort veröffentlichte er auch einige politische Beiträge. Anfang 1956 trat er in den *Klub des Krummen Kreises (Klub Krzywego Koła; KKK) ein, dessen Vorsitzender er von Februar 1957 bis Februar 1958 war. 1958–62 war er Sekretär und Vizevorsitzender des KKK und eine von dessen prägendsten Persönlichkeiten. Zu seinen Mitstreitern im Klub gehörten unter anderen Aleksander Małachowski, Witold Jedlicki, Czesław Czapów, Jan Olszewski und Anna Rudzińska. Lipski pflegte 1957/58 intensive Kontakte zu Jerzy Giedroyc, dem Redakteur der in Paris erscheinenden Exilzeitschrift *„Kultura“, der Lipski und dessen Umfeld als ihren wichtigsten Partner innerhalb Polens ansah. Lipski stellte die Tätigkeit des KKK auf eine breite Basis. Dazu gehörte die Zusammenarbeit mit Arbeiterräten, die Förderung von Kultur, die Etablierung eines Verlags. Als der politische Wind 1958 wieder rauer wurde (das Regime hatte unter anderen die KKK-Mitstreiterin Anna Szarzyńka-Rewska verhaftet und ihr wegen der Zusammenarbeit mit Giedroyc den Prozess gemacht), wurden alle diese Projekte auf Eis gelegt. 1959 hielt Lipski ein Referat über die totalitären Züge des National-Radikalen Lagers „Falanga“ in den 30er Jahren und dessen Vorsitzenden Bolesław Piasecki. Als Reaktion darauf verlor er seine Arbeit im Staatlichen Verlagsinstitut. Er bemühte sich, die Kontakte zu den Mitgliedern des 1962 vom Staat aufgelösten KKK aufrechtzuerhalten und wurde schon allein dadurch zum Bestandteil eines Kreises von Intellektuellen, die der Staatsmacht gegenüber kritisch eingestellt waren. Lipski pflegte enge Kontakte zu Vertretern der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) aus der Vorkriegszeit, zu Genossenschaftlern, ehemaligen Kameraden aus der *Heimatarmee, zu jungen Katholiken aus dem Umfeld der Zeitschrift „Więź“ und der *Klubs der Katholischen Intelligenz (Kluby Inteligencji Katolickiej; KIK) wie auch zu Polonisten, Literaten, Soziologen und Verlagsredakteuren. Gemeinsame Grundlage dieses Kreises aus Persönlichkeiten ganz verschiedener Milieus war die ablehnende Haltung gegen die Beschneidung des Rechts und der Freiheit, aber auch gegen nationalistische Tendenzen. Anlässe für Treffen waren unter anderem die Namenstagsfeiern Lipskis.1960 trat Lipski dem Bund Polnischer Literaten bei, leitete 1960/61 die Kulturabteilung der Zeitschrift „Gromada – Rolnik Polski“ und arbeitete 1961–82 im Institut für Literarischen Forschungen (Instytut Badań Literackich) der Polnischen Akademie der Wissenschaften. 1962–81 und 1986–88 war er Vorsitzender der geheimen Freimaurerloge „Kopernikus“. Lipski war – neben dem Dichter Antoni Słonimski – einer der Initiatoren des *Briefes der 34 an Premierminister Cyrankiewicz, mit dem Schriftsteller und Wissenschaftler im März 1964 gegen die Verschärfung der Zensurbestimmungen und gegen die weitere Limitierung der Papierzuteilung für Bücher protestierten. Obwohl er den Brief selbst nicht unterzeichnete (er erachtete sich selbst als zu wenig bedeutend), sammelte er Unterschriften, woraufhin er am 23. März 1964 nach einer Wohnungsdurchsuchung für 48 Stunden in Polizeigewahrsam genommen wurde. Anschließend wurde gegen ihn ein Publikationsverbot verhängt. 1965 sorgte Lipski nach der Verhaftung von Jacek Kuroń und Karol Modzelewski dafür, dass der Wortlaut von deren „Offenem Brief an die Mitglieder der Partei“ an Jerzy Giedroyc in Paris übermittelt wurde, der den Text abdruckte. Lipski sammelte unter Kulturschaffenden auch Spenden zur Unterstützung der Familien der Inhaftierten. Auch für weitere Verhaftete organisierte er materielle Hilfe, so unter anderem für Janusz Szpotański, der im Gefängnis landete, weil er im Rahmen privater Feiern die satirische Oper „Cisi i gęgacze czyli bal u Prezydenta“ (Die Stillen und die Gänse oder Ball beim Präsidenten) zur Aufführung gebracht hatte (mit der Bezeichnung „Präsident“ war Lipski gemeint). In den folgenden Jahren erhielten noch weitere Gefangene aus verschiedenen oppositionellen Gruppen finanzielle Hilfe und Unterstützung. Lipskis Einsatz ist es auch zu verdanken, dass die Finanzhilfe für Oppositionelle ab 1968 von der Barmherzigkeitsseelsorge unterstützt wurde. 1974 stellte der Schriftsteller Melchior Wańkowicz die beträchtliche Summe von 8.000 Dollar für diese Zwecke zur Verfügung. Lipski hat wesentlich zur Entwicklung verschiedener Widerstandsformen der demokratischen Opposition beigetragen. Dazu gehörte unter anderem die Anwesenheit allgemein anerkannter und geschätzter Persönlichkeiten, beispielsweise von Professoren und Dichtern bei politischen Prozessen (zum ersten Mal im Prozess gegen Szarzyńska-Rewska), was Staatsanwälte und Richter einer gewissen Peinlichkeit aussetzte. Eine weitere Widerstandsform waren Petitionen zur Durchsetzung von bürgerlichen Freiheiten und Rechtsstaatlichkeit (das erste Schreiben dieser Art war der *Brief der 34). Wichtig war auch die konspirative Sammlung von Geldspenden zur Unterstützung der von Repressionen Betroffenen: Dieses Geld wurde für den rechtlichen Beistand der Betroffenen benötigt, für die finanzielle Unterstützung der Gefangenen während der Haft, für Päckchen und ggf. auch für die finanzielle Unterstützung der Angehörigen der Häftlinge. Als Adam Michnik 1967 vor der Disziplinarkommission der Universität Warschau stand und seine Exmatrikulation drohte, entwarf Lipski eine Petition und sammelte Unterschriften von Wissenschaftlern. Am 16. Februar wurde er vom Staatssicherheitsdienst verhaftet, der Text der Petition samt Unterschriften beschlagnahmt, dazu noch ein Teil seines Tagebuches, seine Wohnung gründlich durchsucht. Anfang 1968 unterschrieb er gemeinsam mit sieben anderen Schriftstellern eine an den Rektor der Universität Warschau gerichtete Erklärung, in der die Studierenden in Schutz genommen wurden, denen nach einer Demonstration gegen die Absetzung der Inszenierung des Mickiewicz-Stücks „Totenfeier“ (Dziady) am Warschauer Nationaltheater Konsequenzen drohten. Er organisierte materielle Hilfe für die Inhaftierten und arbeitete eng mit dem Rechtsanwalt Jan Olszewski zusammen.Anfang der 70er Jahre verband Lipski eine enge Zusammenarbeit mit Edward Lipiński, der seinerseits mehrmals mit Parteichef Edward Gierek zusammengetroffen war, um diesen in ökonomischen Fragen zu beraten. Diese Kontakte erwiesen sich als hilfreich bei den Bemühungen um die Rücknahme von Repressionen nach den Ereignissen im *März 1968 und um die Freilassung politischer Gefangener, unter anderen der Mitglieder der antikommunistischen Organisation *Ruch. Lipski war damals sehr an einer Integration verschiedener Oppositionskreise gelegen. Er knüpfte immer engere Kontakte zum Umfeld der Zeitschrift „Więź“ und zu den jungen Menschen der Kultursektion des Warschauer *Klubs der Katholischen Intelligenz (wo sein Sohn Jan Tomasz aktiv war). In seiner Wohnung veranstaltete er Selbstlernzirkel, bei denen von der Zensur verzerrt dargestellte Themen aus der jüngsten Geschichte Polens erörtert wurden. Im Herbst 1975 war Lipski einer der Initiatoren des *Briefes der 59 gegen die geplanten Änderungen in der Verfassung der Volksrepublik Polen und auch des *Briefes der 14 vom 14. Januar 1976, der sich gegen die Festschreibung des unverbrüchlichen Bündnisses mit der UdSSR in der Verfassung richtete. Nach den Ereignissen im *Juni 1976 ergriff Lipski die Initiative zur Unterstützung der von Repressionen betroffenen Arbeiter – die ersten für dieses Ziel verwendeten Geldmittel stammten aus der von ihm gesammelten Hilfsgelder für Oppositionelle. Lipski war eines der wichtigsten Gründungsmitglieder und dann einer der engagiertesten Aktivisten des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników; *KOR). Er war Schatzmeister des *KOR, fuhr zu den Gerichtsverhandlungen gegen die Arbeiter nach Radom und redigierte das „Komunikat“ (Kommuniqué) des *KOR. Neben der ständig geleisteten Hilfe vonseiten der Barmherzigkeitsseelsorge bemühte sich Lipski darum, auch andere kirchliche Stellen zur Beteiligung an der Unterstützung für die Betroffenen zu bewegen – leider ohne sichtbare Resultate. Im November 1976 nahm er jedoch an einem Treffen von vier *KOR-Vertretern mit dem Krakauer Kardinal Karol Wojtyła teil, was das polnische Episkopat dazu veranlasste, sich öffentlich für die Verfolgten einzusetzen. Das *KOR legte in seiner Arbeit Wert auf die moralische Seite des Kampfes: gegen das Unrecht, im Namen der Solidarität mit den Verfolgten, für die Verteidigung der Menschenrechte. Im Winter 1976/77 führte Lipski als Hauptvertreter des *KOR Gespräche mit Leszek Moczulski und einer Gruppe ehemaliger *Ruch-Aktivisten über die Gründung einer gemeinsamen Menschenrechtsorganisation. Im März 1977 gründeten Leszek Moczulski und Andrzej Czuma jedoch eine separate Organisation: die Bewegung zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte (Ruch Obrony Praw Człowieka i Obywatela; *ROPCiO). Vom Staatssicherheitsdienst wurde Lipski als einer der führenden Köpfe des *KOR eingestuft, woraufhin die Leitung des Innenministeriums im Oktober 1976 vorschlug, ihn zu verhaften. Diese Vorgehensweise wurde hingegen von der Parteiführung nicht gutgeheißen; der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei war nicht an Prozessen gegen die *KOR-Aktivisten gelegen, sie befürwortete indes zermürbende Aktivitäten gegen bestimmte Personen. Lipski war eine dieser Personen, die pausenlos schikaniert wurden: durch Abhören, Überwachung, Bespitzelung, Wohnungsdurchsuchungen und kurzfristige Festnahmen durch die Miliz. Von 1975 bis zum Herbst 1980 hatte er absolutes Publikationsverbot (das auch für wissenschaftliche Arbeiten galt), außerdem wurde es ihm unmöglich gemacht, sich öffentlich zu äußern (nicht einmal auf wissenschaftlichen Tagungen). 1975 habilitierte er sich, die Habilitation wurde vom Staat jedoch erst nach sechs Jahren bestätigt.Im April 1977 wurde Lipski gemeinsam mit Jacek Kuroń und Adam Michnik von der Staatsanwaltschaft angeklagt, im Einverständnis mit feindlichen Organisationen zum Schaden der Volksrepublik Polen zu handeln. Nach Protestkundgebungen der Opposition wegen der Ermordung von Stanisław Pyjas, einem Krakauer *KOR-Mitglied, wurden Lipski wie auch weitere *KOR-Aktivisten festgenommen. In der Zeit vom 19. Mai bis 8. Juni 1977 saß er im Gefängnis, aus dem man ihn aus gesundheitlichen Gründen erst freiließ, nachdem verschiedene Bischöfe und auch der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, Jarosław Iwaszkiewicz, sich für ihn eingesetzt hatten. Lipski ließ jedoch nicht davon ab, weiter seine Solidarität mit den inhaftierten *KOR-Mitgliedern zu zeigen. Schon im Juli schrieb er beispielsweise einen Brief an UN-Generalsekretär Kurt Waldheim, der sich gerade zu einem Besuch in Warschau aufhielt. Nach der Umwandlung des *KOR in das Komitee für Gesellschaftliche Selbstverteidigung „KOR“ (Komitet Samoobrony Społecznej; *KSS „KOR“) gehörte er auch der neuen Formation und deren Sozialfonds an. Er war faktisch der Schatzmeister des *KSS „KOR“ und auch Mitglied des Redaktionsausschusses, dessen Aufgabe es war, Entwürfe von Erklärungen vorzubereiten und sich in dringenden Fällen im Namen des gesamten Gremiums zu äußern. Im Herbst 1977 wurde er Mitglied des Redaktionskollegiums der Monatszeitschrift „Głos“ (Stimme), im Frühjahr des folgenden Jahres hatte er jedoch nur noch den Status einer Person, die regelmäßig Zuarbeit leistete. In diesen Veränderungen zeichneten sich bereits Unterschiede in den programmatischen Vorstellungen ab. Als eine der größten Autoritäten der Opposition bemühte sich Lipski darum, gewisse Spannungen politischer und personeller Art im *KSS „KOR“ abzubauen und in dem sich verschärfenden Streit zwischen dem Umfeld der Zeitschrift „Głos“ (Antoni Macierewicz) und der Gruppe um Jacek Kuroń und Adam Michnik (die das *„Biuletyn Informacyjny“ und die *„Krytyka“ herausgaben) zu vermitteln. Ende 1979 befand sich dann auch Lipski im Konflikt mit der Gruppe um Antoni Macierewicz. Lipski definierte sich damals ausdrücklich nicht als Anhänger der Linken und unterstrich, wie wichtig es sei, sich jeglichen Totalitätsansprüchen entgegenzustellen, in welcher ideologischen Farbe sie auch immer auftreten sollten. Der Mensch, so schrieb er, sei moralisch zum Kampf gegen das Böse verpflichtet, auch im gemeinschaftlichen Zusammenleben. Politische Systeme, in denen die Menschen ihrer Selbstbestimmtheit beraubt sind, seien ethisch böse. Moralisch verwerflich sei es ebenso, sich nicht für Menschen einzusetzen, die ihrer Freiheit beraubt seien. Auf dieser Grundlage strebte er nach Annäherung und gemeinsamem Handeln mit katholischen Kreisen. 1981 gab er die Broschüre „Dwie ojczyzny – dwa patriotyzmy“ (Zwei Vaterländer – zwei Patriotismen) im Unabhängigen Verlagshaus *NOWA (Niezależna Oficyna Wydawnicza NOWA) heraus. Darin kritisierte er einen polnischen nationalen Größenwahn sowie eine national-religiöse Entrückung und Fremdenfeindlichkeit und bezeichnete diese als Gefahren für das polnische Volk, die das gemeinsame Handeln mit anderen vom Sowjetsystem unterdrückten Völkern erschwerten und gegen die Demokratie gerichtet seien. Als sehr wichtig erachtete Lipski die Kontakte zur tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung *Charta 77. Nach der Festnahme zehn führender Vertreter der *Charta 77 im Mai 1979 stellte das *KSS „KOR“ auf sein Betreiben 30.000 Złoty für die Inhaftierten in der Tschechoslowakei zur Verfügung. Lipski war gemeinsam mit Jan Kielanowski Sprecher während eines Hungerstreiks vom 3. bis 10. Oktober 1979 in der Warschauer Heilig-Kreuz-Kirche, mit dem ebenfalls gegen die Verhaftungen protestiert wurde.Im Januar 1978 war Lipski einer der Gründer der *Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse (Towarzystwo Kursów Naukowych; TKN), für deren Veranstaltungen er auch seine Wohnung zur Verfügung stellte. 1979 war er eines von fünf Mitgliedern des Rates für Forschungsförderung (Rada Kasy Pomocy Naukowej) der TKN, der Nachwuchswissenschaftler unterstützte, die aus politischen Gründen keine Forschungsmöglichkeiten erhielten. Im Januar 1978 begab sich Lipski wegen einer schweren kardiologischen Erkrankung nach London, um sich dort einer Operation zu unterziehen. Dort knüpfte er Kontakte zu führenden Vertretern des politischen Exils. Diese Kontakte pflegte er – unter Beachtung der Regeln der Konspiration – auch nach seiner Rückkehr nach Polen weiter. Er bemühte sich bei der polnischen Exilregierung um eine Erhöhung der materiellen Unterstützung für die Opposition, insbesondere für das *KSS „KOR“, die Studentischen Solidaritätskomitees und die TKN. Im Frühjahr 1980 erhielt er vom polnischen Exil-Präsidenten Edward Raczyński das Angebot, selbst dieses Amt zu übernehmen, was er jedoch ablehnte. Ab 1980 engagierte sich Lipski auch in der *Solidarność. Während der Monate der Freiheit 1980/81 wurde er im Juni 1981 in den Vorstand *Solidarność Masowien gewählt und leitete als Experte für die *Solidarność in Parlamentsausschüssen die Verhandlungen zu einem Gesetzentwurf über die Zensur. Er war federführend an den Bereichen Kultur und Wissenschaft des Programms der *Solidarność beteiligt. Lipski war einer der Delegierten des Ersten Landeskongresses der *Solidarność. Während des Kongresses erlitt er am 29. September 1981 im Plenarsaal einen Schwächeanfall und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Er hatte offenbar die Spannungen nicht ausgehalten, die durch den Widerstand einiger Delegierten gegen einen Beschluss entstanden waren, mit welchem dem gerade aufgelösten *KSS „KOR“ Dankbarkeit bekundet werden sollte. Ende November 1981 gründete Lipski unter anderem gemeinsam mit Zbigniew Bujak, Jacek Kuroń und Adam Michnik die sogenannten Klubs der Selbstverwalteten Republik „Freiheit – Gerechtigkeit – Unabhängigkeit“ (Kluby Rzeczpospolitej Samorządnej „Wolność – Sprawiedliwość – Niepodległość), die als Sammelbecken des linken *Solidarność-Flügels gedacht waren. Als nach der Ausrufung des *Kriegsrechts im Warschauer Traktorenwerk „Ursus“ ein Streik ausbrach, begab sich Lipski in die von der Miliz belagerte Fabrik, um seine Solidarität mit den Arbeitern zu bekunden. Nach der Neiderschlagung des Streiks wurde er am 14. Dezember 1981 verhaftet und angeklagt, den Streik angeführt zu haben. Nach vier Tagen musste er wegen seiner Herzprobleme ins Krankenhaus eingeliefert werden. Am 5. Januar 1982 wurde er direkt aus dem Haftkrankenhaus in den Gerichtssaal gebracht, wo der Prozess gegen die Streikteilnehmer stattfand. Nachdem der Arzt eine unmittelbare Gefahr für das Leben des Angeklagten festgestellt hatte, wurde Lipski am 15. Januar aus dem Prozess ausgeschlossen und in eine Klinik in Anin am Stadtrand von Warschau gebracht, wo er unter der Aufsicht des Staatssicherheitsdienstes stand. Im März erhielt er die Kündigung und verlor so seine Arbeit. Im Juni 1982 genehmigten ihm die Behörden, sich zur ärztlichen Behandlung nach London zu begeben. Während seiner Rekonvaleszenz in London verfasste Lipski eine Monografie über das *KOR, die 1983 im Verlag Aneks und dann bei *NOWA erschien. Auf die Nachricht hin, dass gegen vier internierte ehemalige *KSS „KOR“-Aktivisten Anklage erhoben werde und dass die Ermittlungen gegen den sich im Ausland befindlichen Lipski in Abwesenheit geführt werden sollten, kehrte Lipski am 15. September 1982 nach Warschau zurück, um das Schicksal seiner Freunde zu teilen. Bereits am nächsten Tag wurde er verhaftet und verbrachte die Zeit im Haftkrankenhaus bzw. – unter Aufsicht des Staatssicherheitsdienstes – in der Klinik Anin, ehe er im Dezember 1982 wieder entlassen wurde. Seine Anklage wurde aus dem Gesamtprozess gegen das *KSS „KOR“ ausgegliedert. Im April und Mai 1984 nahm er auf Bitten des Episkopats, das mit der Staatsführung über die Freilassung führender Vertreter von *Solidarność“ und *KSS „KOR“ verhandelte, an Gesprächen mit den Inhaftierten teil, dies zugleich in seiner Eigenschaft als Vertrauensperson der konspirativen Gewerkschaftsführung (des *Provisorischen Koordinierungsausschusses TKK), mit der er in ständigem Kontakt stand. Obwohl die Gespräche in einem Fiasko endeten, wurden die elf Inhaftierten, um die es ging, im Juli 1984 im Rahmen einer Amnestie aus der Haft entlassen. Mit der Amnestie wurde auch die Anklage Lipskis hinfällig.Nach der Ermordung des katholischen Priesters Jerzy Popiełuszko im Oktober 1984 unterstützte Lipski die Schaffung öffentlich agierender Bürgerkomitees gegen Gewalt und gehörte in Warschau selbst zu den Gründern eines solchen Komitees. Aus dieser Initiative entwickelte sich jedoch keine breitere Oppositionsbewegung. Er kooperierte weiter mit der sich mittlerweile im Untergrund befindlichen *Solidarność in Masowien und mit dem Radiosender „Jutrzenka“ in Otwock und war Mitglied in dem ebenfalls geheim agierenden Polnischen Fonds für Rechtsstaatlichkeit (Polski Fundusz Praworządności), der seit 1985 existierte. Den Vorsitz dieses Fonds führte Zbigniew Romaszewski, dessen Anliegen die finanzielle Unterstützung politisch Verfolgter war. Lipski publizierte in einer Reihe von Untergrundzeitschriften, vor allem im „KOS“ und auch in der Pariser *„Kultura“. Auf dem illegalen Buchmarkt kursierten viele Schriften Lipskis, darunter zahlreiche Neuauflagen und Nachdrucke seines Essays „Zwei Vaterländer – zwei Patriotismen“, polnische Ausgaben seiner Monografie über das *KOR und Auszüge aus seinem Buch über die national-radikale Bewegung ONR „Falanga“ aus der Vorkriegszeit. In diesen Jahren erhielt die linke Identität Lipskis neuen Auftrieb angesichts von Tendenzen, die er als nationalistisch bezeichnete und ablehnte sowie von liberalen Wirtschaftskonzepten, die ihn zu den Ideen der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) und des demokratischen Sozialismus führten. Im November 1987 war Lipski einer der Initiatoren der Reaktivierung der PPS und wurde Vorsitzender des Parteivorstandes. In ihrer politischen Deklaration berief sich die PPS eher auf die Soziallehre von Papst Johannes Paul II. denn auf irgendeine Ausprägung des Marxismus. Lipski gelang es jedoch nicht, seine Mitarbeiter aus dem *KOR zu einem gemeinsamen Engagement für die PPS zu bewegen. In der Partei selbst kam es schon bald zur Spaltung. Lipski führte dabei eine gemäßigte Gruppe an, die sich gegen die radikale Parteijugend um Piotr Ikonowicz wandte. Ab 1987 nahm Lipski an den Zusammenkünften von *Solidarność-Beratern teil, die dann am 18. Dezember 1988 in die Gründung des *Bürgerkomitees beim Vorsitzenden der *Solidarność (Komitet Obywatelski przy Przewodniczącym NSZZ „Solidarność“) mündeten. Er war Mitglied dieses *Bürgerkomitees, nahm aber an den Beratungen am *Runden Tisch nicht teil, um die PPS dort herauszuhalten. Bei den halbfreien Parlamentswahlen im Juni 1989 bewarb er sich dann als Kandidat der Radomer Liste des Bürgerkomitees der Solidarność um einen Sitz im Senat, der zweiten Kammer des polnischen Parlaments. Lipski musste gegen den Widerstand des Radomer Bischofs und lokale national-katholisch orientierte Kreise kämpfen, die einen eigenen Kandidaten aufgestellt hatten und diesen unterstützten. Nach einem schwierigen Wahlkampf gelang es Lipski schließlich im zweiten Wahlgang, zum Senator gewählt zu werden. Jan Józef Lipski starb am 10. September 1991 in Krakau.Andrzej Friszke Aus dem Polnischen von Gero Lietz Letzte Aktualisierung: 07/16

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Judin, Pawel Fjodorowitsch

* 5.9.1899 – ✝ 11.4.1968

Geb. in Gorki; Philosoph; seit den 30er Jahren Ltr. der KPdSU-Org. am Inst. der Roten Professur in Moskau; Mitarb. der Ztg. »Prawda«; ab 1939 Kand. des ZK der KPdSU u. Dir. des Inst. für Philos. der AdW der UdSSR; 1947 – 50 Chefred. der Kominform-Ztschr. »Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie!« Ab April 1953 Pol. Berater des Vors. der SKK (Nachf. von  Wladimir S. Semjonow); kurzz. Hoher Kommissar der UdSSR in Dtl.; 1953 Mitgl. der AdW der UdSSR; 1953 – 59 Botschafter in der VR China; danach Prof. für Marx.-Lenin.; gest. in Moskau.Marksism-leninism o kulture i kulturnoi revoluzii. Moskwa 1933; G. W. Plechanow. Moskwa 1943; Ot sozialisma k kommunismu. Moskwa 1962. Scherstjanoi, E.: Das SKK-Statut. Zur Geschichte der Sowj. Kontrollkommission in Dtl. 1949 – 1953. München 1998.Jan Foitzik

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Jung, Paul

* 16.4.1939 – ✝ 8.4.2006

Geb. in Oesterbehringen (Thür.); 1950 – 53 Berufsausbild. an der Gewerbeschule Gotha, Facharbeiterabschluß als Schmied; 1953 – 56 Stud. an den FS für angewandte Kunst Erfurt u. Heiligendamm, Metallgestaltung, FS-Abschluß; 1956 – 61 Stud. an der HS für bildende u. angewandte Kunst Berlin-Weißensee; Dipl.-Designer; 1961 – 64 Industriedesigner in der zentralen Entwicklungsstelle f. Haushaltsgeräte u. -technik in Karl-Marx-Stadt; 1964 – 68 Industriedesigner im Kombinat Robotron, Systementw. f. Schreib-, Druck- u. Rechentechnik; 1965 – 68 Ltr. des Designateliers f. Gerätetechnik im VVB Datenverarbeitung; 1964 – 68 Lehrauftrag an der TH Karl-Marx-Stadt, 1966 – 68 an der HS f. industrielle Formgestaltung Halle, Burg Giebichenstein, 1968 / 69 künstl. Mitarb., Doz. f. Arbeitsmittel u. Arbeitsumweltgestaltung in den Werkstätten der Burg G., 1969 – 71 Sektionsdir. f. Design, 1970 Prof. f. Arbeitsmittel u. Arbeitsumweltgestaltung, 1973 Ord. Prof. f. Industrieformgestaltung; 1971 – 87 u. 1980 – 92 Rektor d. HS für industrielle Formgestaltung Halle, Burg G. (ab 2000 Burg Giebichenstein – HS f. Kunst u. Design); 1983 – 89 Chefgestalter des Kombinats Robotron u. Fachberater des Kombinats Elektrogeräte-Werk Suhl. 2001 em., danach freiberufl. Designberater in Halle; gest. in Halle.Kunstdokumentation SBZ / DDR 1945 – 1990, Köln 1996.Astrid Volpert, Jg. 1952; 1971 – 78 Studium der Kultur- und Kunstwissenschaften sowie Journalistik an der KMU Leipzig; bis 1991 Redakteurin für Kultur, Literatur und bildende Kunst in Berliner Verlagen (Junge Welt, Neues Leben, Henschelverlag); 2001 – 04 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Mitherausgeberin der Kopelew-Studien »Russen und Deutsche im 20. Jahrhundert« am Lotman-Institut der Ruhr-Universität Bochum; seit 2004 freiberufliche Lektorin, Kuratorin und Kunstkritikerin in Berlin bzw. Russland.

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Junge, Barbara

* 14.11.1943

Geb. in Neunhofen (Thüringen); Vater Kfz-Meister, Mutter Näherin; 1958 – 62 OS; 1962/ 63 Lehre als Schriftsetzerin an der BBS »Heinz Kapelle« Pößneck; 1963 – 67 Studium am Dolmetscher-Inst. der KMU Leipzig, Dipl.-Dolmetscherin u. Übersetzerin für Engl. u. Russ.; 1969 – 82 Synchron-Regie im VEB DEFA-Studio für Dok.-Filme, Gruppe »Camera DDR« /Auslandsinformation; seit 1978 Erfassung der Archivmaterialien für »Die Kinder von Golzow« (R:  Winfried J.), seit 1983 Schnitt aller Filme dieser Langzeitdok. bis zum Abschluß des Projekts 2008 u. fünf anderer Filme; seit 1992 auch Co-Regie. Mitgl. der AdK Berlin-Brandenburg; 1995 2. Preis u. Publikumspreis für das Drehbuch: »Die Zeiten« beim Festival in Yamagata; 2007 Preis der DEFA-Stiftung für Verdienste um den dt. Film; 2008 Roter Adler Orden für Verdienste um das Land Brandenb. (zus. mit Winfried Junge); 2009 Ehrenpreis des Verb. der dt. Kritiker für ihr Lebenswerk.Lebensläufe – Die Kinder von Golzow. Marburg 2004 (mit W. Junge; hrsg. von D. Wolf).Günter Agde

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Jungmann, Erich

* 31.7.1907 – ✝ 29.3.1986

Geb. in Reichenberg (Sachsen); Vater Fabrikarb., Mutter Gartenarb.; 1914 – 22 Volksschule; 1922 – 25 kfm. Ausbildung in Radebeul (Sachsen), 1925 – 27 im Beruf tätig; 1922 Mitgl. des ZdA; 1927/28 Expedient in Dresden; 1928 KJVD; 1929 Angest. der sächs. Landesversicherungsanstalt in Dresden; 1929/ 30 erwerbslos; 1929 KPD; 1930/31 zunächst Mitarb., dann Sekr. der Reichspionierltg. beim ZK des KJVD in Berlin; 1931/32 Jugendsekr. (1. Sekr.) u. ab 1932 Org.-Ltr. der KJVD-BL Niederrh., Düsseldorf; 1932/33 Org.-Ltr. des ZK des KJVD; Nov. 1932 – März 1933 Reichstagsabg. für die KPD; 1933/34 Mitgl. der illeg. Ltg. des KJVD in Berlin, kurzz. KJVD-Inlandsltr.; Herbst 1934 zur Vorber. der sog. Berliner Reichskonferenz des KJVD nach Moskau; Dez. 1934 – Ende 1935 Mitarb. im Westeurop. Ländersekr. der KJI in Moskau; 1935 Teiln. am 7. Weltkongreß der KI u. der Brüsseler Parteikonferenz; 1935 – 37 Mitarb. der Abschnittsltg. West der KPD in Amsterdam; Grenzarbeit für den KJVD in den Niederlanden (»Felix«), verantw. für Jugendarbeit an Rhein u. Ruhr; 1937 – 39 Mitarb. für Jugendfragen (»Kommission für Jugendarbeit«) der KPD-Auslandsltg. in Paris; Aug. – Nov. 1938 als dt. Delegierter Teiln. am Weltkongreß der Jugend für den Frieden in den USA; Jan. 1939 Teiln. an der Berner Konferenz der KPD als Jugendvertreter; Sept. 1939 Verhaftung in Paris, 1939 – 42 Haft in Paris u. versch. Internierungslagern; im Lager Le Vernet Sekr. von  Franz Dahlem; 1942 – 46 Emigr. nach Mexiko; dort Sekr. der BFD u. Mitgl. des Lateinamerik. Komitees der Freien Dt.; Mithrsg. der Ztschr. »Freies Dtl.« (mit  Paul Merker u.  Alexander Abusch) u. der »Demokrat. Post«; neben Paul Merker u. Alexander Abusch zentr. Figur der KPD-Gruppe in Mexiko. Juli 1946 Rückkehr nach Dtl. über Hawaii u. die UdSSR; bis Dez. 1946 im Auftrag des PV der SED verantw. Ltr. der Rückführung von Heimkehrern u. Kriegsgefangenen aus der UdSSR in Cronenfelde (b. Frankfurt (Oder)); VVN; 1947 2., dann 1. Sekr. der KPD-Landesltg. Niedersachsen in Hannover; 1949/50 Mitgl. des Sekr. des PV der KPD in Frankfurt (Main) u. 1950/51 in Düsseldorf, Sekr. für Massenorg.; Jan. 1951 Entführung in die DDR u. Verhaftung durch das MfS, Jan. – Apr. 1951 ohne Haftbefehl in einem MfS-Objekt bei Berlin, verschärfte Verhöre, Entlassung erst nach Bereitschaft, als GI »Felix« auf der Linie »Mexiko-Emigranten« zu arbeiten; im März 1951 »zur Sicherheit seiner Person u. der Partei« Entfernung aus dem Sekr. des PV der KPD u. Abberufung in die DDR (Hintergrund war die Verbindung zu Noel H. Field u. Paul Merker); 1951/52 Red. bzw. stellv. Chefred. der Ztg. »Märk. Volksstimme« (Potsdam); Aug. 1952 Chefred. der SED-Ztg. »Volkswacht« (Gera); Jan. 1953 im Kontext des Schauprozesses gegen Rudolf Slánský in Prag Absetzung u. erneute Parteiüberprüfung u. a. wegen angebl. prozionist. Haltung in der Emigr.; ab Sept. 1953 »Bewährung« als Kontrolleur bei der HO in Karl-Marx-Stadt; 1954 Instrukteur, dann Ltr. der Abt. Arbeit der HO in Berlin; 1955 vom BGH in Abwesenheit zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt; 1955/56 Oberref. im Amt für Lit. u. Verlagswesen; ab 1955 Journalistik-Fernstudium an der KMU Leipzig; 1956 interne Rehabil. durch die ZPKK; 1956 – 59 stellv. Chefred. der »Berliner Ztg.«; auf Veranlassung von  Hermann Matern 1959 – 71 Kand. des PB u. Mitgl. des Sekr. des ZK der (illeg.) KPD (»Uwe«) mit Sitz in Berlin (Ost); 1971 formelle Übernahme der Parteimitgliedschaft durch die SED; Dez. 1971 – Juli 1976 Intendant von Radio Berlin Internal (RBI) (Nachf. von  Christof Kirschnek) u. Mitgl. des Staatl. Komitees für Rundfunk; 1976 Rentner; 1959 u. 1972 VVO; 1977 KMO; 1982 Stern der Völkerfreundschaft; gest. in Berlin.Welchen Beitrag muß die dt. Jugend zur Erhaltung des Weltfriedens leisten? Tarnschrift 1938; Willkommen in der Heimat. Ein Blick ins neue Dtl. Berlin 1946.Bernd-Rainer Barth

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Jennrich, Ernst

* 15.11.1911 – ✝ 20.3.1954

Geb. in Wedringen (b. Haldensleben); Vater Töpfer, acht Geschwister; Volksschule; anschl. Gärtnerlehre, ab 1940 dienstverpflichtet in den Junkerswerken; 1942 Wehrmacht, durch mehrere Granatsplitter schwer versehrt, 1945 Desertion, amerikan. Kriegsgefangenschaft. 1945/46 SPD/SED, 1947 Austritt; ab 1952 Gärtner in einer LPG in Magdeburg; erfährt am 17.6.1953 auf dem Weg zur LPG-Verwaltung von Demonstrationen, zieht danach mit seinem Sohn durch die Stadt bis zur Haftanstalt Sudenburg, nimmt dort einem Jugendl. einen Karabiner ab, schießt in die Luft u. zerstört anschl. das Gewehr; in der Nacht zum 20.6.1953 verhaftet, Verhör durch sowj. Vernehmer, dann Übergabe an DDR-Behörden; obwohl eine Mordabsicht nicht nachzuweisen ist, am 25.8. Verurteilung zu lebenslängl. Zuchthausstrafe, nach Protest des Staatsanwalts am 8.9. Aufhebung des Urteils durch das OG, am 6.10.1953 in einem 15-minütigen Prozeß ohne neue Beweisaufnahme durch das BG Magdeburg in zweiter Instanz zum Tode verurteilt; der Schöffe Fritz Ringenberg legt aus Gewissensgründen sein Amt nieder; nach Ablehnung der Berufung u. eines Gnadengesuchs am 20.3.1954 Hinrichtung durch Enthauptung in Dresden. Aug. 1991 vollständige posthume Rehabilitierung durch das BG Magdeburg.Fricke, K. W.: Todesstrafe für Magdeburger »Provokateur«. In: Deutschland Archiv (1993) 5.Ilko-Sascha Kowalczuk

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Jentsch, Willy

* 22.4.1892 – ✝ 26.5.1966

Geb. in Barschdorf (Krs. Liegnitz, Schles. / Bartoszov, Polen); Vater Maurer; Volksschule; Lehre u. Arbeit als Fleischer; Wanderschaft; 1911 Mitgl. des Zentralverb. der Fleischer; 1912 SPD; 1914 – 18 Militärdienst; ab 1919 Arbeiter im RAW Berlin; Betriebsrat u. Mitgl. der ADGB-Ortsverwaltung Groß-Berlin; 1923 Bezirkssekr. des Dt. Eisenbahnerverb. für den Osten; Umzug nach Frankfurt (Oder); 1924 – 33 Sekr. des SPD-Unterbez. Frankfurt-Lebus, Ost- u. Weststernberg; 1926 – 33 Stadtverordn. in Frankfurt (Oder); Abg. des Provinziallandtags Brandenburg; April – Juli 1933 stellv. Mitgl. des Preuß. Staatsrats; 1926 Mitbegr. der gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft »Gewoba«; am 21.5.1933 im Gewerkschaftshaus Frankfurt (Oder) verhaftet, »Schutzhaft« bis Sept. 1933 im KZ Sonnenburg, nach der Entlassung antifasch. Arbeit in der Widerstandsgr. »Max«; 1935 erneut inhaftiert, 1936 Verurteilung durch das Kammergericht Berlin zu zweieinhalb Jahren Haft, 1938 – 45 Haft in den Zuchthäusern Frankfurt (Oder), Moabit, Luckau u. Zwickau sowie im KZ Buchenwald. Juni 1945 Organisierung der Entlassung der ehem. Häftlinge aus dem KZ Buchenwald; anschl. Org.-Ltr. der KPD des Stadtkrs. Frankfurt (Oder), 1946 SED, 1946 – 50 Mitgl. des SED-KV Frankfurt (Oder); 1946 – 48 Vors. des VdgB-KV Frankfurt (Oder); ab Okt. 1946 Bürgermstr. u. Stellv. des OB, 1948 – 50 OB von Frankfurt (Oder) (Nachf. von  Oskar Wegener); anschl. Abt.-Ltr. im LV Brandenburg der landw. Genossenschaften in Potsdam; 1952 / 53 Landessekr. der VVN Brandenburg bzw. des Bez. Potsdam; 1953 – 56 Ltr. der Abt. Arbeit u. Berufsausbildung beim Rat des Bez. Potsdam.Targiel, R.-R.: Die Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder) vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zur Wiedererlangung der kommunalen Selbstverwaltung im Jahr 1990. Frankfurt (Oder) 2000.Andreas Herbst

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Jesse, Willi

* 14.12.1897 – ✝ 17.8.1971

Geb. in Rostock; Vater Arbeiter; Volksschule; Ausbildung zum Maschinenbauer; Wanderschaft; 1912 SAJ, 1915 SPD; 1915 – 18 Militärdienst; 1920 Schriftltr. des Mitteilungsblatts der SAJ Mecklenb.; ab 1927 hauptamtl. SPD-Funktionär; ab 1931 Sekr. des SPD-Bez. Mecklenb.-Lübeck in Rostock; Mitgl. des Zentr. Parteiaussch. der SPD; 1927 – 33 Mitgl. der Stadtverordnetenvers. in Rostock; 1932/33 Abg. des Landtags Mecklenb.-Schwerin; 1933 mehrere Wochen »Schutzhaft«; Lebensmittelhändler; Kontakte zu Wilhelm Leuschner u. Julius Leber; 1939 Wehrmacht, aus Altersgründen von der Front zurückgestellt; 1944 Flucht nach Schweden. Sept. 1945 Rückkehr nach Rostock; Landessekr. u. stellv. Vors. der SPD Mecklenb., dann parität. Landessekr. der SED Mecklenb.; Juli 1946 vom NKWD verhaftet u. bis 1950 in der zentralen U-Haftanstalt des MFS in Berlin-Hohenschönhausen ohne Anklage u. Urteil in Haft; 1950 per Fernurteil in der UdSSR zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt u. bei absoluter Kontaktsperre in das Strafgefangenenlager Taischet (Baikalsee) deportiert; 1953 amnestiert u. in die Bundesrep. Dtl. entlassen; bis 1964 Ltr. der Abt. Betriebsgr.-Arbeit beim SPD-PV in Bonn u. Red. der Ztschr. »Arbeit u. Freiheit«; Suizid. Das Schicksal von W. J. blieb über mehrere Jahre ungeklärt; er war der erste prominente SED-Funktionär, der auf diese Weise »verschwand«;  Wilhelm Pieck rechtfertigte seine Verhaftung später mit dem Vorwurf angebl. Spionage für einen brit. Geheimdienst.Bouvier, B.: Ausgeschaltet! Sozialdemokraten in der SBZ u. in der DDR 1945 – 1953. Bonn 1996.Beatrix Bouvier

Handbuch Deutsche Kommunisten

Jogiches, Leo

* 17.7.1867 – ✝ 15.1.1919

Geboren am 17. Juli 1867 in Wilna, stammte aus einer sehr reichen jüdischen Familie. Er war knapp drei Jahre älter als Lenin, begann aber sechs Jahre vor diesem 1885 seine revolutionäre Tätigkeit in der russischen Arbeiterbewegung. In verschiedenen russisch-polnisch-jüdischen Arbeiterorganisationen aktiv, blieb Jogiches zeitlebens für sein konspiratives Geschick bekannt. Er gehörte der Volkstümler-Gruppe an, die 1887 ein Attentat auf den Zaren plante (weswegen Lenins Bruder Alexander hingerichtet wurde). Jogiches selbst war innerhalb der Arbeiterbewegung stets ein Gegner Lenins, er lehnte vor allem dessen Zentralismus-Theorie ab, ebenso die Agrarkonzeption und die Ansichten zur nationalen Frage. In Wilna war Jogiches in der ersten marxistischen Gruppe der russischen Arbeiterbewegung, wurde 1889 verhaftet und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, danach floh er im Juni 1890 in die Schweiz. Dort trat er in Verbindung zu Georgi Plechanow, dem Nestor des russischen Marxismus. Um (gemeinsam mit Alexander Parvus-Helphand und David Rjasanow) die »Sozialdemokratische Bibliothek« herauszugeben, brachte er bedeutende Finanzmittel in einen Verlag ein. In Zürich lernte Jogiches Rosa Luxemburg kennen, mit der ihn bald ein Liebesverhältnis verband. Von Zürich aus gehörte Jogiches 1894 (er hatte die verschiedensten Pseudonyme, das bekannteste war Tyszka) zu den Gründern und Führern der Sozialdemokratie des Königreichs Polen. Seit 1899 Schweizer Staatsbürger, übersiedelte er auf Wunsch Rosa Luxemburgs, die seit 1898 in Deutschland lebte und ihn dazu gedrängt hatte, 1900 nach Berlin. Beide wirkten nun aktiv in der polnisch-russischen Sozialdemokratie, Rosa Luxemburg aber besonders in der SPD. Nach Ausbruch der russischen Revolution 1905 ging Jogiches zusammen mit Rosa Luxemburg nach Warschau, um dort die Revolution gegen den Zarismus zu unterstützen. Beide wurden am 6. März 1906 inhaftiert, aber während Luxemburg im Sommer entkommen konnte, wurde Tyszka im Dezember 1906 zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Ihm gelang dann im April 1907 die Flucht und Rückkehr nach Deutschland. Im Jahr 1907 war die Lebensgemeinschaft zwischen Jogiches und Luxemburg beendet, sie lösten zwar ihre Liebesbeziehungen, aber keineswegs ihre engen politischen Bindungen. Über das schwierige persönliche Verhältnis geben vor allem ihre Briefe Auskunft. Beider Wohnung in Berlin-Friedenau mit Bibliothek, Archiv und Arbeitsplatz blieb zunächst gemeinsames Zuhause, bis Rosa Luxemburg 1911 nach Berlin-Südende umzog. Im Mai 1907 nahm Jogiches am Parteitag der russischen Sozialdemokratie in London teil und wurde dort in das ZK der SDAPR gewählt. Von Berlin aus leitete er die inzwischen Sozialdemokratische Partei des Königreichs Polen und Litauens genannte Partei (SDKPiL) und ihre illegalen Zeitungen, er wurde aber wegen seines autokratischen Führungsstils in der illegalen Organisation isoliert, die Auseinandersetzungen mit Lenin und dessen Anhängern verschärften sich. In Berlin lebte Jogiches zurückgezogen. Bei Ausbruch des Weltkrieges zählte er als Internationalist sofort zu den linken Kriegsgegnern in der SPD. Er wurde zum eigentlichen Organisator und nach der Inhaftierung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts 1915/16 Führer der Gruppe Internationale bzw. der Spartakusgruppe. Jogiches’ große Organisationsfähigkeit und die Kenntnisse in der konspirativen Tätigkeit ermöglichten es ihm, die kleine illegale Gruppe zu leiten sowie den Druck und Vertrieb ihrer Schriften – vor allem der »Spartakusbriefe« – zu organisieren. Im »Neudruck« der »Spartakusbriefe«, 1920 von der KPD herausgegeben, hieß es: »Genosse Leo Jogiches hatte die redaktionelle und technische Zusammenstellung bis zu seiner Verhaftung im Frühjahr 1918 in Händen«, er habe sein »außergewöhnliches Talent als Organisator und Redakteur« bewiesen. Unter den Pseudonymen Krumbiegel und Kraft war er der Motor der Spartakusgruppe, unterstützt von Mathilde Jacob und anderen. Er führte die Spartakusgruppe zentralistisch, um sie auf feste, internationalistische Positionen zu bringen. Dabei verfolgte er rabiat seine eigenen politischen Überzeugungen und änderte als Redakteur der »Spartakusbriefe« sogar Artikel von Genossen in seinem Sinne. Er setzte sich auch mit seiner Vorstellung durch, nicht Spaltung der SPD sei die »Parole«, sondern »Zurückerobern der Partei von unten«. Da er gegen die Spaltung der Arbeiterbewegung auftrat, ging die Spartakusgruppe 1917 auch in die USPD und lehnte das Streben der Bremer Linksradikalen ab, eine eigene Partei zu bilden. Während des Berliner Munitionsarbeiterstreiks im März 1918 konnte die Polizei Jogiches, den sie schon lange fieberhaft suchte, in Berlin verhaften, er saß bis zur Novemberrevolution im Gefängnis. Sofort nach der Revolution wurde Jogiches zum Organisator des Spartakusbundes, als Mitglied der Zentrale hatte er maßgeblichen Anteil sowohl an den programmatischen Aussagen als auch am organisatorischen Zusammenhalt und Ausbau der Gruppe. Jogiches’ überragende Rolle im Spartakusbund umschrieb sein innerparteilicher Gegner Karl Radek so: »Durch sein Zimmer im Büro des Spartakusbundes marschierte tagtäglich die ganze Partei durch. Jeder Delegierte von der Provinz wurde in diese Retorte gebracht und kam mit der Meinung je nach seinem Temperament heraus, daß entweder die Parteiorganisation sich in ausgezeichneten Händen befinde oder daß sie unter einer Diktatur ächze.« Freilich waren inzwischen im Gegensatz zu Jogiches viele Spartakusführer und vor allem -anhänger von der Politik Lenins und der Bolschewiki überzeugt und drängten auf die Bildung einer selbständigen Partei. Jogiches war sich mit Rosa Luxemburg nicht nur in der Kritik an der Russischen Revolution sowie der Strategie von Lenin und Trotzki einig, sondern wandte sich auch gegen den Austritt des Spartakusbundes aus der USPD. Mit seinen Organisationsvorstellungen scheiterte er jedoch auf der Vorkonferenz des Bundes am 29. Dezember 1918 in Berlin. Dort wurde gegen drei Stimmen (Leo Jogiches, Karl Minster und Werner Hirsch) die sofortige Bildung einer eigenen Partei beschlossen. Auch bei der Namensgebung auf ihrem Gründungsparteitag konnte sich Jogiches nicht durchsetzen. Gemeinsam mit Rosa Luxemburg hatte er in der Sitzung der Zentrale des Spartakusbundes vorgeschlagen, sie »Sozialistische Partei« zu nennen, um damit die Verbindung zu den Massen wie auch die Abgrenzung von Lenin zu demonstrieren. Für »Sozialistische Partei« votierten nur drei Spartakusführer, aber vier waren für »Kommunistische Partei« ( Paul Levi enthielt sich der Stimme mit der Begründung, ihm sei es gleichgültig, wie die Partei sich nenne). Der Gründungsparteitag der KPD wählte Jogiches zwar in die Zentrale, doch der Kongreß war für ihn eine Niederlage und intern kritisierte er dessen Ergebnisse heftig. Aber nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 trat er sofort wieder an, um die KPD zu leiten. Bereits am 10. März 1919 wurde auch Leo Jogiches verhaftet und am gleichen Tag in einer Zelle im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit ermordet.

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John, Joachim

* 20.1.1933

Geb. in Tetschen (ČSR/Děčín, Tschechien); 1945 Ausweisung u. Umsiedl. der Fam. nach Zerbst; 1952 Abitur in Köthen, anschl. Lehre als Chemiewerker in Rodleben; 1954 Bühnenhandwerker am Staatl. Operettentheater Dresden; 1955 – 59 Studium an der EMAU Greifswald, Inst. für Kunsterziehung, Schüler von  Otto Niemeyer-Holstein; 1963 – 65 Mstr.-Schüler in der DAK bei  Hans Theo Richter, wichtige Anregungen auch durch  Fritz Cremer; anschl. freischaff. in Berlin; ab 1977 in Neu-Frauenmark (Mecklenb.); 1985 Käthe-Kollwitz-Preis der AdK; 1986 Mitgl. der AdK; Studienreisen u. a. nach Kolumbien u. in die UdSSR. 1990 Gastprof. an der Univ. Kassel; 1991 – 93 Sekr. der Sektion Bildende Kunst der AdK Berlin (Ost), Mitgl. des »Zwanziger-Gremiums« zur Vorbereitung der Vereinigung der beiden Berliner AdK; 1993 Ehrengast in der Villa Massimo in Rom; 1995 Mitgl. der AdK Berlin; 1996 Helen-Abbott-Förderpreis (USA), 1998 Kulturpreis des Landes Mecklenb.-Vorpomm.; 2003 Ausstellung »Der Freiheit Licht u. Schatten« der Staatl. Kunstsamml. Schwerin anläßl. seines 70. Geburtstags; zahlr. Ausstellungen im In- u. Ausland. Werke: Radierungen: Glanz der Wunden, 1976; Auferstehung u. Exekution des Friedens, 1978; Winterschlacht (zu  Johannes R. Becher), 1980; Zuschauer, 1980; Armes Andalusien, 1981; Los Desaparecidos (Die Vermißten), 1985; Die Invasion, 1986.Der Stubenreiter. Neubrandenburg 2000; Bube John. Berlin 2009. Kat. J. J. Galerie Arkade. Berlin 1976; Zeichnungen/Druckgrafik. Galerie am Boulevard. Rostock 1981; J. J. sieht die Frz. Rev. Staatl. Museum Schloß Burgk 1989; J. J. Zeichnungen u. Radierungen. Oldenburg 1998; Kat. J. J. Zeichnungen u. Druckgrafik. Halle 2004.Anke Scharnhorst

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Joho, Wolfgang

* 6.3.1908 – ✝ 13.2.1991

Geb. in Karlsruhe; Vater Red.; Gymnasium, Abitur; 1926 – 31 Studium der Med., Geschichte u. Staatswiss. in Freiburg i. Br., Heidelberg u. Berlin, Prom. zum Dr. phil.; 1928 – 37 Mitgl. des Roten Studentenbunds in Heidelberg u. Berlin; 1929 – 37 KPD; 1931/32 Volontär bei der »Württemberg. Ztg.«; 1933 – 35 Feuilleton-Red. im »Zentralbüro für die dt. Presse«; ständ. Mitarb. der »Frankfurter Ztg.« u. der »Kölln. Ztg.«; Juni 1937 wegen illeg. Tätigkeit von der Gestapo verhaftet u. zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, Haft im Zuchthaus Lukkau, in versch. Moorlagern (Emsland-Moor); anschl. Berufsverbot; 1940 – 42 kfm. Angest.; 1943 – 45 Bewährungsdienst im Strafbat. 999; 1945/46 engl. Gefangenschaft in Ägypten u. England. 1947 – 54 Red. der Ztg. »Sonntag« in Ber- lin; 1952 SED; ab 1956 Mitgl. des Vorst. des DSV, zeitw. Vors. des Berliner Verb.; 1960 – 66 Chefred. der Ztschr. »Neue Dt. Lit.«, 1965 abgelöst nach dem 11. Plenum wegen des Vorabdrucks aus  Werner Bräunigs »Rummelplatz«; seitdem freier Schriftst.; 1962 NP; 1969 Heinrich-Mann-Preis; 1977 VVO; 1978 Mitgl. des PEN-Zentrums der DDR; ab 1987 Ehrenmitgl. des Vorst. des SV; gest. in Kleinmachnow (b. Berlin).Jeanne Peyrouton. Berlin 1949; Das Klassentreffen. Berlin 1968; Die Kastanie. Berlin 1972.Carsten Wurm

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Jordan, Carlo

* 1951

Einer der herausragenden Köpfe der DDR-Opposition in den 80er Jahren. Insbesondere sein Engagement zur Aufklärung ökologischer Krisengebiete in der DDR und die Initiierung sozialen Aufbegehrens unterhöhlte die Selbstdarstellung und die Selbstlegitimation der SED-Diktatur.Carlo Jordan wurde am 5. Februar 1951 als Sohn einer selbstständigen Bäckersfamilie in Berlin-Friedrichshain geboren. Sein Vater war 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft mit dem Credo heimgekehrt, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. Diese pazifistische Einstellung vermittelte er auch seinem Sohn. Sonst spielte Politik im Elternhaus allerdings keine besondere Rolle. Bis zum Mauerbau 1961 hielt sich Jordan häufig in West-Berlin auf. Er ging zudem in einen nichtstaatlichen evangelischen Kindergarten. Seine Eltern verboten ihm, in die Pionierorganisation einzutreten. Jordan legte auch keine Jugendweihe ab. Die Schule war für ihn insofern prägend, als er wegen westlicher Kleidung oder längerer Haare von Lehrern drangsaliert worden ist. Da er auf dem Bau arbeiten wollte, ging er nach der 8. Klasse von der Polytechnischen Schule ab und absolvierte 1965–68 die restlichen Schuljahre in Kombination mit einer Zimmermannslehre. Anschließend arbeitete er als Zimmermann, ehe er 1969–72 ein Bauingenieurstudium erfolgreich belegte. Beeinflusst durch die antiautoritäre Studentenbewegung im Westen und den Prager Reformkommunismus schloss sich Jordan der Ost-Berliner Kulturopposition an, die sich Ende der 60er Jahre im Umkreis einschlägiger Cafés und Klubs traf und zunächst ein selbstbestimmtes, nonkonformistisches Leben unabhängig vom totalitären Staatsgebilde zu führen versuchte. Jordan, der noch während seiner Oberschulzeit in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) eingetreten war, trat 1972 aus Protest gegen das neue Absolventenlenkungsgesetz wieder aus. Dieses Gesetz verfügte, dass alle Hoch- und Fachschulabsolventen drei Jahre an eine bestimmte Arbeitsstelle zwangsverpflichtet werden. Von diesem Zeitpunkt an war für Jordan klar, dass er nicht in die offiziellen Strukturen hineingehen konnte. Bis 1979 war er noch bei staatlichen Baubetrieben angestellt, ehe er dann ab 1980 in kirchlichen Einrichtungen als Bauleiter bzw. Dozent für Philosophie und Literatur tätig war. Ab Anfang der 70er Jahre organisierte Jordan kulturoppositionelle Veranstaltungen in Berlin mit. Dies geschah in staatlichen Jugendklubs, die zum einen genutzt wurden, um eigene Aktivitäten zu legalisieren, und die zum anderen als Ausgangspunkte dienten, um konspirative Lese- und Studienzirkel zu organisieren. Dazu gehörten der „Arbeiter-und Studenten-Klub“, die „Box“ und der „Kramladen“. Die Staatssicherheit beobachtete und verfolgte Carlo Jordan seit dieser Zeit kontinuierlich in verschiedenen Operativen Vorgängen (OV). Er war erfasst in den OV „Setzer“, „Kalender“, „Radler“, „Bibliothek“, „Arche“, „Fluß“ und „Bauknecht“. Als sich 1976 Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Protest gegen das SED-Regime selbst verbrannte, unterzeichnete Jordan eine Protesteingabe an Erich Honecker; deswegen wurde er nach einer Hausdurchsuchung verhaftet, aber nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Es ist zwar kein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, er verlor jedoch seine Arbeit als Bauleiter auf der Großbaustelle der Berliner Charité, da er wegen der unmittelbaren Nähe der Baustelle zur Mauer nun als vermeintliches „Sicherheitsrisiko“ galt. Im November 1976 forderte er in einer Eingabe zusammen mit Aljoscha Rompe, dass die DDR die Ausbürgerung Wolf Biermanns rückgängig machen und diesen in die DDR zurücklassen solle. 1978 begann Jordan ein Fernstudium der Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin, wobei er dieses Studium nicht aus Karrieregründen oder gar aus erkenntnistheoretischen Erwägungen heraus aufnahm, sondern eher aus einem „ethnologischen Interesse“. Ihn interessierte, wie parteinahe Kräfte dachten und wie deren Strukturen funktionierten. Vier Jahre später ist er allerdings mit der Begründung exmatrikuliert worden, er sei gesellschaftlich ungenügend eingebunden. Tatsächlich aber hatte er es abgelehnt, sich gegen die polnische Gewerkschaft *Solidarność auszusprechen. Nachdem sich Carlo Jordan ab 1978 zunehmend für die Entwicklungen im Ostblock, insbesondere im Baltikum, Mittelasien, den Kaukasusrepubliken und in Russland interessierte und mehrere Reisen dorthin unternommen hatte, begann er sich ab Anfang der 80er Jahre zunehmend in „Friedenskreisen“ zu engagieren. Innerhalb des Friedenskreises der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) der Humboldt-Universität, der seit 1977 bestand und zu dessen Protagonisten Reinhard Schult zählte, arbeitete Jordan insbesondere in der Arbeitsgruppe (AG) Ökologie mit. Für ihn wurde zu dieser Zeit der ökologische Gedanke zur zentralen Angelegenheit. Die AG Ökologie geriet in Widerspruch zum Friedenskreis, weil sie immer eigenständiger und aktionsbetonter mit Raddemonstrationen, unabhängigen Ausstellungen und Ökologieseminaren in der gesamten DDR agierte. Ab 1983 ging sie eigene Wege. Gleichzeitig wurde der Friedenskreis der ESG von der Universität ausgeschlossen und fand ein neues Heim in einer Kirchengemeinde in Berlin-Friedrichsfelde. 1986 zählte Jordan gemeinsam mit Wolfgang Rüddenklau und Christian Halbrock zu den Mitbegründern der Berliner Umwelt-Bibliothek. Obwohl Jordan innere Differenzen zu den innerkirchlichen Oppositionsgruppen hatte, war auch diese Initiative an eine Ost-Berliner Kirche (Zionsgemeinde) angebunden, wofür pragmatische Gründe ausschlaggebend waren. Die Idee einer unabhängigen Bibliothek verfolgte Jordan etwa seit 1980, als er mit mexikanischen Freunden in der DDR Bücher für deren freie Bibliotheken sammelte und zugleich von den „fliegenden Universitäten und Bibliotheken“ aus Polen erfuhr. Obwohl es auch aus der Opposition heraus Kritik am Projekt Umwelt-Bibliothek gab – es hieß, sie seien unprofessionell und für die Westmedien uninteressant –, wurde die Gründung zu einem der erfolgreichsten Projekte und zu einem Zentrum der Opposition in der DDR. Hier wurde verbotene Literatur gesammelt, unabhängige Veranstaltungen und Diskussionsforen fanden statt und nicht zuletzt erschienen die regelmäßig im Samisdat herausgegebenen „Umweltblätter“. Jordan war zudem auch Autor in weiteren Untergrundzeitschriften und schrieb zahlreiche Bücher und Zeitungsbeiträge, die bis 1989 in West-Berlin erschienen sind; er betreute auch die Dokumentationen über die oppositionellen Berliner Ökoseminare. Er hatte im Gegensatz zu einigen anderen Oppositionellen ein unverkrampftes, wenn auch kritisches Verhältnis zu Westmedien sowie zu Ausreisewilligen. Deren Ansinnen sah er als legitim an. Jordan selbst konnte1986 und 1989 West-Berlin privat besuchen. Dort nahm er Kontakte zu Personen und Einrichtungen auf, die die DDR-Opposition unterstützten. Seine Reisen erfolgten zu einer Zeit, als er paradoxerweise nicht in den Ostblock reisen durfte (1986–89). Innerhalb der Umwelt-Bibliothek kam es zu Auseinandersetzungen darüber, inwiefern diese die oppositionelle Ökologiebewegung in der DDR vernetzen könne. Da sich darüber keine Einigung erzielen ließ, gründete Jordan gemeinsam mit anderen Aktivisten der Ökologiebewegung in seiner Wohnung (Fehrbelliner Straße 7, Berlin-Prenzlauer Berg, die er 1982 besetzt hatte) im Januar 1988 das „Grün-ökologische Netzwerk Arche“ und die Samisdat-Zeitschrift „Arche Nova“. Infolge dieser Gründung kam es de facto zur Spaltung der Umwelt-Bibliothek. Die „Arche“ dokumentierte auch die Umweltsituation und den Städtezerfall in der DDR. Einige ihrer Videos wurden in westlichen Fernsehsendern gezeigt, so die Sendung „Bitteres aus Bitterfeld“, in der erstmals die Umweltverseuchung einer ganzen Region in der DDR dargestellt wurde. Jordan, der seit 1987 DDR-Koordinator im osteuropäischen Netzwerk Greenway war, zählte während der Revolution 1989 zu jenen Personen, die auf die ökologische Krisensituation in der DDR hinwiesen und zugleich davor warnten, die DDR in einem zu schnellen Prozess mit der Bundesrepublik zu vereinigen. Er befürwortete die deutsche Einheit auf dem Wege der Einberufung einer deutschen Nationalversammlung, die eine neue Verfassung für Gesamtdeutschland ausarbeiten sollte (nach Grundgesetz-Artikel 146). Gleichwohl war er kein Vereinigungsgegner. Im November 1989 gehörte er zu den Mitbegründern der Grünen Partei in der DDR. Am Zentralen Runden Tisch, der vom Dezember 1989 bis März 1990 tagte, trat er als Sprecher der Grünen auf. Bis zur Vereinigung der Berliner Parlamente war er auch Mitglied der im Mai 1990 gewählten Ostberliner Stadtverordnetenversammlung. 1994/95 war er schließlich Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Schon in der DDR hatte Jordan sich bemüht, dem offiziell verordneten Geschichtsbild mit eigenen Veranstaltungen und Vorträgen entgegenzutreten. Diese Aktivität intensivierte sich nach der Revolution: Er war im Januar 1990 der Initiator der Gedenk- und Forschungsstätte Normannenstraße, die in der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg errichtet wurde. Außerdem publizierte er zur Geschichte der DDR-Opposition. 2000 reichte er an der Freien Universität Berlin eine Dissertation zur Geschichte der Militarisierung der Humboldt-Universität Berlin erfolgreich ein. Carlo Jordan will auch in Zukunft forschen und publizieren. Dass er seinen Idealen und seinem Lebensstil treu blieb, zeigt nicht zuletzt der Umstand, dass er zu jenen Oppositionellen aus der DDR gehört, die heute in ungesicherten sozialen Verhältnissen leben müssen, doch darüber klagt er nicht. Auch stellt er sein einstiges Tun nachträglich nicht infrage.Ilko-Sascha Kowalczuk Letzte Aktualisierung: 06/16

Wer war wer in DDR

Juch, Heinz

* 3.4.1920 – ✝ 15.8.2013

Geb. in Weißenfels (Prov. Sachsen); Vater Arbeiter; Volksschule; Ausbildung u. Arbeit als Maschinenschlosser; 1942 – 44 Kriegsdienst, 1944 – 47 sowj. Kriegsgefangenschaft, Besuch einer Antifa-Schule. Aug. 1947 Rückkehr nach Dtl.; SED; Sept. 1947 – Febr. 1949 Jugend- u. Org.-Sekr. des FDGB-Krs.-Vorst. Weißenfels; 1949/50 Schüler u. Lehrer an der FDGB-Bundesschule in Bernau; 1950 Studium an der PHS; 1951 – 57 persönl. Referent des PB-Mitgl. u. ZPKK-Vors.  Hermann Matern; 1957 – 60 Studium an der PHS der KPdSU in Moskau, Dipl.-Ges.-Wiss.; 1960/61 pol. Mitarb. der ZPKK, 1961 – 86 Mitgl. der ZPKK beim ZK der SED, seit 1971 deren stellv. Vors.; 1963 – 86 Mitgl. des ZK; 1986 – 89 Mitgl. der ZRK der SED; 1964 u. 1973 VVO.Andreas Herbst / Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Jung, Cläre (Clara)

* 23.02.1892 – ✝ 25.3.1981

Geb. in Berlin; Vater Fouragekfm.; Realschule, 1906 – 08 Höhere Töchterschule; 1911 Mitarb. an »Aktion. Ztschr. für freiheitl. Pol. u. Lit.«; danach journalist. tätig; 1915/16 wiss. Hilfsarb. im Krankenhaus Berlin-Moabit; 1916 – 21 Sekr. im Pressedienst für Ztg. in Berlin; Beiträge für die »Russ. Korrespondenz«; Sekr. im Zentralbüro der KAPD; Aug. 1921 Übersiedl. nach Sowjetrußland (mit Ehemann Franz Jung); 1921/22 Sekr. im EKKI in Moskau; 1922/23 Mitarb. der IAH in Perm u. Jekaterinenburg; bis Nov. 1923 Tätigkeit in der Maschinenfabrik »Ressora« in Petrograd; 1924 – 27 Mitarb. im Verlag für Lit. u. Pol. in Berlin; 1927 – 44 (zunächst mit Franz Jung) Hrsg. des Dt. Feuilleton-Dienstes in Berlin; ab 1933 illeg. Tätigkeit; Zusammenarbeit mit der Org. »Schulze-Boysen«, Hilfe für jüd. u. pol. Verfolgte, Presseinformationen für illeg. Nachrichtendienste (»Grüne Berichte«). 1945 – 52 Red. des Berliner Rundfunks in Berlin-Charlottenburg (Lit., Kulturpol., Volksbildung); Beiträge für versch. Ztgn.; 1945 KPD; 1946 SED; 1952 – 55 BGL-Vors., Parteisekr., Pädagogin u. Internatsltr. an der Staatl. Ballettschule in Berlin; ab 1955 freischaff. Schriftst., u. a. Erzählungen, dramat. Szenen u. Liedtexte; Mitgl. der BL Berlin des KB; Mitgl. der Veteranenkommission des VDJ; 1979 VVO; Goldene Feder des VDJ; Ehrennadel der DSF.Aus der Tiefe rufe ich. 1946 (2004); Unvollendete Liebe. Szenenfolge (Uraufführung 1965); Paradiesvögel. Erinnerungen 1911 – 1945. Hamburg 1987.Peter Erler

Handbuch Deutsche Kommunisten

Jung, Franz

* 26.11.1888 – ✝ 21.1.1963

Geboren am 26. November 1888 in Neiße/ Schlesien, Sohn eines Uhrmachers. Jung führte ein abenteuerliches Leben, er war Börsenjournalist, Bohémien, Wirtschaftsanalytiker und revolutionärer Aktivist. Er studierte von 1907 bis 1911 Jura und Nationalökonomie in Breslau und Berlin, war dann freischaffender Schriftsteller, auch Herausgeber von Zeitschriften (»Die freie Straße«). Von 1912 bis 1921 Mitarbeiter der »Aktion« von Franz Pfemfert und später des Malik-Verlags. Autor von expressionistischen und sozialkritischen Romanen und Erzählungen, verfaßte auch Theaterstücke u. a. für Piscator und war Mitinitiator der Dada-Bewegung. Zuerst Freiwilliger, als Soldat dann Deserteur im Weltkrieg. Am 9. November 1918 besetzte er an der Spitze bewaffneter Arbeiter in Berlin das Wolffsche Telegraphenbüro, wurde Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates und 1919 der KPD, 1920 Gründungsmitglied der KAPD. Jung organisierte die Entführung des Schiffes »Senator Schröder« nach Murmansk, nahm 1921 an den März-Kämpfen in Mitteldeutschland teil und kam mehrere Monate ins Gefängnis. Nach einer Reise in die Sowjetunion war er Mitorganisator der Hungerhilfe, der IAH. Ab 1923 im kommunistischen Verlag für Literatur und Politik tätig, erhielt Jung nach 1933 Schreibverbot und wurde 1936 von den Nazis verhaftet. Danach aktiv bei den »Roten Kämpfern«, 1938 Emigration über Wien nach Budapest. Dort 1945 zum Tode verurteilt, er konnte flüchten, wurde aber erneut festgenommen und kam ins KZ Bozen. Nach der Befreiung blieb Jung zunächst in Italien. 1947 Emigration in die USA, arbeitete in New York und San Francisco als Wirtschaftsjournalist. 1960 Rückkehr nach Europa, hier erschien 1961 erstmals seine Autobiographie »Der Weg nach unten«. Franz Jung starb am 21. Januar 1963 in Stuttgart. Jungs zweite Frau Clara Maria Henriette, geb. Otto (* 23. 2. 1892 – † 25. 3. 1981), kam schon als Neunzehnjährige mit dem Kreis um die »Aktion« in Verbindung. Hier lernte sie Franz Jung kennen und heiratete ihn, folgte ihm 1921 in die Sowjetunion und arbeitete für die Komintern und die IAH. Anschließend Pressearbeit in Berlin, gründete 1927 mit Franz Jung den Deutschen Feuilleton Dienst, den sie bis 1944 leitete. Nach 1933 hatte sie Kontakte zur Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen. 1945 Mitglied der KPD, 1946 der SED, bis 1952 beim »Berliner Rundfunk«, ab 1955 freischaffende Schriftstellerin. Ihre Lebenserinnerungen erschienen erst Anfang der achtziger Jahre im Hamburger Nautilus-Verlag.

Wer war wer in DDR

Junge, Winfried

* 19.7.1935

Geb. in Berlin; Vater kfm. Angest.; 1941 Volksschule in Dahlwitz-Hoppegarten, Łódz u. Berlin-Friedrichshagen, ab 1947 Gerhart-Hauptmann-OS in Berlin, 1953 Abitur; 1953 Studium der Germanistik an der HU Berlin, 1954 – 58 Studium der Filmdramaturgie an der Dt. HS für Filmkunst Potsdam-Babelsberg, Dipl. als Filmdramaturg; 1955 – 61 Filmkritiken in der Ztg. »Forum«; 1961 – 91 Regisseur im DEFA-Studio für Dok.-Filme; 1961 Beginn einer Dok.-Filmreihe über eine Schulkl. in Golzow (Krs. Seelow), der längsten Filmdokumentation (Langzeitbeobachtung) der Filmgeschichte: »Wenn ich erst zur Schule ge ...«; weitere Kurzfilme dieser Reihe: 1962 »Nach einem Jahr«, 1966 »Elf Jahre alt«, 1969 »Wenn man vierzehn ist«, 1971 »Die Prüfung«, 1975 »Ich sprach mit einem Mädchen«; ab 1979 lange Filme der Golzow-Reihe unter Verwendung vorhandenen u. neuen Materials: »Anmut sparet nicht noch Mühe«; 1981 NP; 1981 »Lebensläufe«; 1982 Kunstpreis des FDGB; 1984 »Diese Golzower«; weitere Filme u. a.: 1965 »Studentinnen«, 1968 »Mit beiden Beinen im Himmel – Begegnungen mit einem Flugkapitän«, 1971 »Syrien auf den zweiten Blick«, 1974 »Keine Pause für Löffler«; 1985 – 87 Präs. des Nat. Festivals Dok.- u. Kurzfilm der DDR für Kino u. Fernsehen in Neubrandenb.; 1988 »Diese Briten – diese Dt.«; drei Filme über den Bau des Pumpspeicherwerks Markersbach; drei Filme über Somalia; 1967 einziger DEFA-Spielfilm »Der tapfere Schulschwänzer«; zahlr. Preise auf internat. Filmfestivals. Nach 1991 freischaff.; Forts. der Golzow-Reihe (mit Ehefrau  Barbara J.); 1993 »Drehbuch: Die Zeiten«, 1994 »Das Leben des Jürgen von Golzow«; 1995 – 97 »Was geht euch mein Leben an. Elke – Kind von Golzow«; 1995 – 97 Da habt ihr mein Leben. Marieluise – Kind von Golzow«; 1998 – 2000 »Ein Mensch wie Dieter – Golzower«; 1998 – 2002 »Jochen – ein Golzower aus Philadelphia« (jeweils Regie u. Drehbuch); 2002/03 »Eigentlich wollte ich Förster werden – Bernd aus Golzow« (jeweils Regie); 2005/06 »Und wenn sie nicht gestorben sind ? die Kinder von Golzow« (Regie, Drehbuch); 2008 Abschluß der Dokumentation; Mitgl. der AdK Berlin-Brandenburg; zus. mit B. Junge 1995 2. Preis u. Publikumspreis für das Drehbuch: »Die Zeiten« beim Festival in Yamagata; 2007 Preis der DEFA-Stiftung für Verdienste um den dt. Film; 2008 Peter-Adler-Orden für Verdienste um das Land Brandenburg; 2009 Ehrenpreis des Verb. der dt. Kritiker für sein Lebenswerk.Lebensläufe – die Kinder von Golzow. Marburg 2004 (mit B. Junge, hrsg. von D. Wolf).Ralf Schenk / Helmut Müller-Enbergs

Handbuch Deutsche Kommunisten

Jungmann, Erich

* 31.7.1907 – ✝ 29.3.1986

Geboren am 31. Juli 1907 in Reichenberg/Sachsen, Sohn eines Fabrikarbeiters; kaufmännische Lehre, dann Angestellter in Radebeul und Dresden. 1928 trat er dem KJVD, 1929 der KPD bei. 1930 reiste er in die Sowjetunion und wurde nach seiner Rückkehr Sekretär der Pionierleitung beim ZK des KJVD und Mitglied des ZK des KJVD. Anfang 1932 Jugendsekretär der KJVD-BL Niederrhein. Nach der Ausschaltung der Neumann-Remmele Anhänger um Kurt Müller und Alfred Hiller im August 1932 Orgleiter des ZK des KJVD. Im November 1932 auf dem Reichswahlvorschlag der KPD als Abgeordneter in den Reichstag gewählt. Er gehörte 1933/34 der illegalen KJVD-Leitung in Deutschland an. Im Juni 1934 emigrierte er in die Sowjetunion und wurde Referent im westeuropäischen Ländersekretariat der KJI, dann von 1935 bis 1937 Jugendleiter der KPD-AL West in Amsterdam, 1935 Teilnahme am VII. Weltkongreß der Komintern, am VI. Weltkongreß der KJI sowie der »Brüsseler« (1935) und »Berner« (1939) Konferenz der KPD. Jungmann war Mitvorsitzender des KJVD und Mitglied des KJVD-Sekretariats in Paris. Bei Kriegsausbruch im September 1939 verhaftet und interniert. Im März 1942 konnte er nach Mexiko ausreisen, seine Entlassung aus dem Internierungslager und seine Ausreise verdankte er einer Intervention von Eleanor Roosevelt, die er als KJVD-Vertreter auf der Weltjugendkonferenz 1938 für den Frieden in New York kennengelernt hatte. In Mexiko war Jungmann Mitglied und Sekretär der KPD-Landesgruppe sowie Sekretär der Bewegung Freies Deutschland. Er gehörte neben Paul Merker und Alexander Abusch zu den wichtigsten Funktionären der deutschen kommunistischen Emigration in Mexiko. Im Juli 1946 nach Berlin zurückgekehrt, übersiedelte er im Dezember 1946 in die Westzonen und wurde zunächst 2., dann 1. Sekretär der KPD-Landesleitung Niedersachsen. Von 1949 bis 1951 im Sekretariat des KPD-PV für das Ressort Massenorganisationen verantwortlich. Wegen seiner Westemigration mußte Jungmann in die DDR zurückkehren. Er wurde stellvertretender Chefredakteur der »Märkischen Volksstimme«, dann 1952/53 Chefredakteur der »Volkswacht« in Gera. Im Zusammenhang mit dem Slánsky-Prozeß in Prag wurde er im Dezember 1952 »zionistischer Abweichungen im mexikanischen Exil« beschuldigt und Anfang 1953 von allen Parteifunktionen entbunden. Er kam zur »Bewährung« in die Produktion«, zuletzt Leiter der Abteilung Arbeit in der Ostberliner HO-Verwaltung. 1956 nichtöffentliche »Rehabilitierung« durch die SED und von 1956 bis 1959 stellvertretender Chefredakteur der »Berliner Zeitung«, wechselte Jungmann ab September 1959 wieder in die Westarbeit der SED. Er wurde Mitglied des ZK, Kandidat des Politbüros und Sekretär des ZK der von der DDR aus agierenden illegalen bundesdeutschen KPD. Mit der Konstituierung der DKP 1968 endete diese Arbeit. Im November 1971 wieder in die SED übernommen, wurde er Leiter des Auslandsenders Radio Berlin International und blieb bis 1976 Intendant des Senders. Er erhielt 1977 den Karl-Marx-Orden. Erich Jungmann starb am 29. März 1986 in Ost-Berlin. Jungmanns Frau Rosel, geborene Liner (*19.12. 1905 – † 21. 5. 1974), Tochter eines jüdischen Kleingewerbetreibenden, war Schneiderin. Sie flüchtete nach der Annexion Österreichs nach Frankreich, später nach Mexiko. Dort trat sie in die KPD ein, kehrte 1946 nach Deutschland zurück, ab Ende der fünfziger Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin am IML in Ost-Berlin.Bernd-Rainer Barth

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Jensen, Hermann

* 22.10.1898 – ✝ 6.11.1974

Geboren am 22. Oktober 1898 in Hamburg; Vulkaniseur. Seit 1913 Mitglied der Arbeiterjugend, trat 1919 in die USPD und 1923 in die KPD ein. Wegen Teilnahme am Hamburger Aufstand Verhaftung und Verurteilung zu vier Jahren Festung. Nach zwei Jahren freigelassen (Hindenburg-Amnestie), besuchte er von Oktober 1930 bis April 1931 unter dem Schuldecknamen Max die M-Schule der Komintern in Moskau. Nach Rückkehr Mitarbeiter im zentralen AM-Apparat, ab 1932 Kurieraufträge in die âSR, nach Rumänien, Griechenland und Frankreich. Ab Mai 1933 in Moskau, kam er später als Kurier des ZK nach Deutschland. Am 7. Februar 1934 in Nürnberg festgenommen, vom OLG München im Juni 1934 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, zuletzt noch zehn Tage im Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin. Nach Freilassung im Juni 1938 Mitarbeiter einer Vulkanisierwerkstatt in Berlin-Charlottenburg. 1945 trat er in Berlin zunächst wieder in die KPD ein, war seit Anfang der fünfziger Jahre parteilos. Angestellter in einem Lichtenberger Baubetrieb, zog 1967 nach Rostock. Dort starb Hermann Jensen am 6.November 1974.

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Jentzsch, Bernd

* 27.1.1940

Geb. in Plauen (Vogtl.), aufgew. in Chemnitz; Abitur in Chemnitz; NVA; 1960 – 65 Studium der Germanistik u. Kunstgeschichte in Leipzig u. Jena; 1961 erster Lyrikband (»Alphabet des Morgens«); 1962 Aufn. in den DSV; 1965 – 74 Lektor im Verlag Neues Leben; Gründer der Lyrikreihe »Poesiealbum«; Initiator gesamtdt. Schriftst.-Treffen; 1968 Bobrowski-Medaille; 1976 Dienstreise als freier Verlagsmitarb. in die Schweiz, von dort Protest gegen die Ausbürgerung  Wolf Biermanns u. den Ausschl.  Reiner Kunzes aus dem DSV (offener Brief an  Erich Honecker); blieb wegen Strafandrohung im Westen; Schikanen des MfS gegen B. J.s Familie. 1977 – 84 Lektor im Walter-Verlag, Olten; 1978 Werkpreise der Kantone Zürich; 1979 zweiter Offener Brief an Erich Honecker; 1982 Gastprof. in den USA; Förderpreis der dt. Industrie; 1985 Solothurn; 1987 – 89 freier Verlagsmitarb. u. Hrsg. der Reihe »Rowohlt Jahrhundert«; 1987 Stipendium der Märk. Kulturkonferenz; ab 1988 wiss. Mitarb. der Konrad-Adenauer-Stiftung; 1991 Vizepräs. des PEN-Zentrums (West); 1992 Gründungsdir. (Prof.) u. bis 1999 Ltr. des Inst. für Lit. in Leipzig; seitdem wieder freischaff.; 1994 Eichendorff-Literaturpreis; Mitgl. der Sächs. AdK; lebt in Euskirchen.Quartiermachen. München 1978; Prosa. Berlin 1978; Irrwisch. Ein Gedicht. Pfaffenweiler 1980; Von der visuellen Wohlhabenheit. Tübingen 1991; Die alte Lust, sich aufzubäumen. Leipzig 1992; Flöze. Schriften u. Archive 1954 – 1992. Leipzig 1993.Siegmar Faust / Bernd-Rainer Barth

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Jessenin-Wolpin, Alexander

* 1924 – ✝ 2016

Mathematiker, Philosoph und Dichter. Mitbegründer der Menschenrechtsbewegung in der UdSSR.Alexander Jessenin-Wolpin wurde 1924 in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg als Sohn des Dichters Sergei Jessenin und der Dichterin und Übersetzerin Nadeschda Wolpin geboren. Seit seiner Kindheit begeisterte er sich für Mathematik und Poesie. 1933 zog er zusammen mit seiner Mutter nach Moskau. 1941 begann er ein Studium an der Fakultät für Mechanik und Mathematik der Moskauer Universität, das er 1946 abschloss. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er nicht zum Militär eingezogen, weil er für psychisch krank erklärt worden war. Diese Stigmatisierung begleitete ihn während seines ganzen Lebens in der Sowjetunion. Schon während der Studienjahre offenbarte sich sein dichterisches Talent. Jessenin-Wolpin las seine Gedichte häufig in der Öffentlichkeit, woran sich der Mathematiker Wladimir Uspenski wie folgt erinnerte: „Alik las seine Gedichte. […] Ein junger, schöner Mensch; fein gelockte Haare und eine melodische Stimme; Sohn des halb verbotenen Jessenins. Die Gedichte waren absolut außergewöhnlich. Niemand hat damals so geschrieben.“. Nach seiner Promotion am Mathematischen Forschungsinstitut der Moskauer Universität trat Jessenin-Wolpin eine Arbeitsstelle im ukrainischen Czernowitz an. Dort wurde er am 24. Juli 1949 von den Sicherheitsorganen verhaftet, weil er im Kreis enger Freunde eigene Gedichte vorgelesen hatte. Jessenin-Wolpin wurde nach Moskau gebracht, am *Serbski-Institut für unzurechnungsfähig erklärt und von einer Sonderkommission der Staatssicherheit am 1. Oktober 1949 zur Zwangsbehandlung in ein psychiatrisches Gefängniskrankenhaus in Leningrad eingewiesen. Dessen ungeachtet verurteilte ihn die Sonderkommission am 9. September 1950 in einem neuen Beschluss als vermeintlich „sozial gefährliches Element“ noch zu fünf Jahren Verbannung im Gebiet Karaganda in Kasachstan. Dort freundete sich Jessenin-Wolpin mit den ebenfalls in Verbannung lebenden jungen Dichtern Naum Korschawin und Juri Aichenwald an, die er in Moskau noch vor seiner Verhaftung kennen gelernt hatte. Im April 1953 kam Jessenin-Wolpin im Rahmen einer Amnestie frei und kehrte nach Moskau zurück. Unter Mathematikern wurde er nun überall als herausragender Spezialist auf dem Gebiet der mathematischen Logik und als Begründer der neuen philosophisch-mathematischen Fachrichtung des Ultraintuitionismus (einer auf die Konstruktion von mathematischen Objekten ausgerichtete Form der philosophischen Mathematik) bekannt. Er schrieb weiterhin Gedichte und knüpfte öffentlich Kontakte zu Ausländern. Im Juli 1959 zeichnete er auf Bitten eines ausländischen Kollegen seine philosophischen Grundüberzeugungen auf. Kurz danach wurde er erneut zwangsweise in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen, wo er etwa zwei Jahre bleiben musste. Während dieser Zeit konnte sein Essay „Freies philosophisches Traktat“ (Svobodnyj filosofskij traktat) seinem Wunsch gemäß in den Westen gebracht und dort 1961 zusammen mit dem Gedichtband „Frühlingsblatt“ (Vesennij list) veröffentlicht werden. Nach Boris Pasternak war dies das zweite Mal, dass es ein Bürger der UdSSR gewagt hatte, ohne Erlaubnis der Behörden im Ausland unter eigenem Namen zu veröffentlichen. Auf Parteiveranstaltungen wurde Jessenin-Wolpin als „ideologischer Abweichler“ gebrandmarkt, hohe Parteifunktionäre bezeichneten ihn als „Schädling“. Seine im Samisdat zirkulierenden Gedichte waren der Form nach traditionell, inhaltlich jedoch eine Herausforderung der herrschenden Ideologie: „Mitbürger, ach, Kühe und Böcke! Was haben die Bolschewiken nur mit euch gemacht …“ Nachdem er 1961 aus seiner Arbeit entlassen worden war, wurde Jessenin-Wolpin freier Mitarbeiter am Allunionsinstitut für wissenschaftliche und technische Informationen und arbeitete dort bis zu seiner Ausreise aus der UdSSR. Er schrieb Rezensionen, übersetzte ausländische mathematische Literatur und schrieb Einträge für die fünfbändige Philosophische Enzyklopädie (Filosofskaja Ėnciklopedija). Den Kern der mathematischen und philosophischen Ideen Jessenin-Wolpins bildete sein extremer Skeptizismus – die Ablehnung jeglicher auf Glauben beruhender abstrakter Begriffe wie Gott und Unendlichkeit. Daraus leitete er die Notwendigkeit der strengen Einhaltung formal-logischer Kriterien ab. Diese philosophische Perspektive begann Jessenin-Wolpin Anfang der 60er Jahre auch auf den Bereich des Rechts anzuwenden. Er entwickelte und verbreitete Grundprinzipien, die für das Wirken der Menschenrechtsaktivisten grundlegend wurden: die öffentliche Transparenz ihres Engagements und die Bereitschaft, die Einhaltung des Rechts einzufordern. Wladimir Bukowski schrieb hierzu in seinen Erinnerungen: „Alik war der erste Mensch in unserer Umgebung, der ernsthaft über sowjetisches Recht sprach.“ Jessenin-Wolpin propagierte die Idee, sich auf das Recht zu beziehen, nicht nur unter seinen Bekannten, sondern unternahm auch praktische Schritte, um im Rahmen eines legalistischen Ansatzes zwischenmenschliche Konflikte zu lösen. 1963 reichte er Klage gegen einen Journalisten ein, der in einem Artikel beleidigende Aussagen von ZK-Sekretär Leonid Ilitschow wiederholt hatte. Dieser Schritt war zur damaligen Zeit derart ungewöhnlich, dass das Gericht die Klage zwar annahm, dann aber nicht zugunsten des Klägers entschied. Nach der Verhaftung der Schriftsteller Juli Daniel und Andrei Sinjawski im September 1965 gab Jessenin-Wolpin den Anstoß zu einem Bürgerappell (Graždanskoe obraščenie) in Flugblattform, den er gemeinsam mit Jelena Strojewa und Waleri Nikoski verfasste und auf dem sie für den 5. Dezember 1965 zur *Glasnost-Kundgebung auf dem Moskauer Puschkin-Platz aufriefen. Bei der Vorbereitung der Kundgebung halfen ihm junge Dichter und Mitglieder der unabhängigen Poetengruppe *SMOG. Diese Demonstration, an der Jessenin-Wolpin selbst nicht teilnahm, wird als Beginn der sowjetischen Menschenrechtsbewegung angesehen. Zur Jahreswende 1967/68 gehörte Jessenin-Wolpin zu den Initiatoren einer Petitionskampagne, die den *Prozess der Vier begleitete. Er setzte sich konsequent gegen Rechtsverletzungen bei der strafrechtlichen und psychiatrischen Verfolgung Andersdenkender ein und unterzeichnete Dutzende Dokumente zur Verteidigung der Menschenrechte. Der von ihm 1968 verfasste Text „Ratgeber für diejenigen, denen ein Verhör droht“ (Pamjatka dla tech, komu predstojat doprosy) diente Dissidenten als unersetzbare Hilfe, um sich dem sowjetischen Strafrechtssystem mit rechtlichen Mitteln entgegenzustellen. Kernthese des Ratgebers war die Behauptung, dass die Normen des sowjetischen Prozessrechtes vollständig ausreichend seien, um in Übereinstimmung mit dem Gesetz die Beteiligung an der Verfolgung Andersdenkender abzulehnen, ohne sich in Lügen oder Leugnung von Tatsachen flüchten zu müssen. Der nächste Zwangsaufenthalt Jessenin-Wolpins in einem psychiatrischen Krankenhaus im Februar 1968 löste eine Protestkampagne von sowjetischen und ausländischen Mathematikern aus. Im Februar 1970 wurde Jessenin-Wolpin Experte des *Komitees für Menschenrechte in der UdSSR und nahm eineinhalb Jahre lang engagiert an dessen Aktivitäten teil, indem er mehrere Berichte über das Recht auf anwaltliche Verteidigung, über die Rechte von psychisch Kranken und über internationale Menschenrechtsabkommen verfasste. Im März 1972 gaben die Behörden Jessenin-Wolpin zu verstehen, dass seine Ausreise ins Ausland sehr erwünscht sei. Im Mai desselben Jahres emigrierte er in die USA. Jessenin-Wolpin arbeitete an den Universitäten in Buffalo und später in Boston. Er beschäftigte sich weiterhin mit Mathematik und dem Schutz der Menschenrechte. Nach 1989 besuchte er mehrfach die Sowjetunion bzw. Russland. Alexander Jessenin-Wolpin starb 2016 in Boston.Sergei Lukaschewski Aus dem Polnischen von Tim Bohse Letzte Aktualisierung: 03/16

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Johansen, Henry (Salter

* 8.5.1905 – ✝ 5.12.1967

(* 1905 – † 1967) Geboren am 8. Mai 1905 in Waren/Mecklenburg, Sohn einer Arbeiterfamilie; lernte Kaufmann. Johansen trat 1921 als Sechzehnjähri- ger in die KPD ein, ging als Bürogehilfe zur BL Mecklenburg und war dort Bezirksleiter der KJD. Ende 1922 übersiedelte er nach Berlin und wurde Mitarbeiter der KPD-Zentrale (Abteilung Kasse). Im Frühjahr 1923 nach Nürnberg geschickt, in der BL Nordbayern war er für die Jugendarbeit verantwortlich. Der vorzügliche und radikale Redner war bald bekannt. Von November 1923 bis 30. April 1924 kam Johansen in »Schutzhaft«. Von der Polizei als »besonders radikal« eingestuft, sind 1924 alle Veranstaltungen verboten worden, auf denen er sprechen sollte. Da er als »geistiges Haupt der kommunistischen Jugend in Nordbayern« galt, wurde er aus Bayern ausgewiesen. Nach der Übernahme der KPD-Führung durch die Linken stieg der noch nicht zwanzigjährige Johansen in der Zentrale 1924 als junger Theoretiker rasch auf, er wurde im AM-Apparat eingesetzt. 1925 schloß er sich den Ultralinken an und war bald einer der Wortführer der Opposition von Karl Korsch. Johansen ging nach Mecklenburg, wo die Ultralinken unter seiner und Hans Ambs Führung Einfluß besaßen. 1926 aus der KPD ausgeschlossen, blieb er bei der Spaltung der »Entschiedenen Linken« auf ihrer Reichskonferenz im September 1926 bei der Korsch-Gruppe und bekämpfte die Anhänger von Ernst Schwarz. Er begann ein Studium und war noch einige Zeit in kleinen linken Gruppen aktiv. 1928 Sekretär des Verbandes der ausgeschlossenen Bauarbeiter in Mönchen-Gladbach, von 1929 bis 1933 freier Schriftsteller, ständiger Mitarbeiter beim »Aufwärts«, Organ des ADGB u. a. Gewerkschaftsblätter. Nach 1933 arbeitslos, lebte er zeitweise illegal, emigrierte in die âSR, kehrte 1934 zunächst nach Mecklenburg und anschließend nach Berlin zurück, wo er zuletzt Schreiber beim Hauptversorgungsamt war. 1943 zu Wehrmacht eingezogen, geriet er im Mai 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft und leitete das Antifa-Aktiv in Brünn, später in Kischinjow. Im August 1946 in Berlin SED-Mitglied, trat aber wieder aus, schloß sich der SPD an und wurde durch Vermittlung von Ernst Reuter 1948 Leiter der Ost-Redaktion der amerikanischen »Neuen Zeitung«. Unter dem Pseudonym Ernest J. Salter trat er als Kritiker der Sowjetunion und des Stalinismus in Erscheinung. Seine zahlreichen Publikationen und Artikel (u. a. im »Monat«) machten ihn in den fünfziger und sechziger Jahren als Sowjetologen bekannt, er analysierte vor allem die sowjetische Außen- und Deutschlandpolitik. Eine öffentliche Polemik zwischen ihm und dem Sowjetideologen Eugen Varga fand 1956 das Interesse der Medien. Er gehörte dem »Deutsch-Russischen Freiheitsbund« an. 1959 wegen Mitgliedschaft im regierungsnahen Komitee »Rettet die Freiheit« aus der SPD ausgeschlossen, arbeitete Salter für den »Deutschlandfunk« und für die »Deutsche Welle«. Henry Johansen-Salter starb am 5.Dezember 1967 in West-Berlin.

Wer war wer in DDR

John, Wilhelm

* 29.7.1885 – ✝ 24.8.1953

Geb. in Berlin; Studium der Volkswirtschaft u. Sozialpolitik; seit 1909 journalist. Tätigkeit im Ullstein-Verlag, im Scherl-Haus, beim »Börsen-Courier« u. bei der »Charlottenburger Ztg.«; 1910 Eintritt in die Demokrat. Vereinigung, ehrenamtl. Funktionär im Berliner Norden u. später 2. Vors. des LV Berlin-Brandenburg; 1914 – 18 Soldat; 1918 – 33 Mitgl. der DDP; 1920 – 1.2.1923 Chef vom Dienst beim »Berliner Lokalanzeiger«; 1.2.1923 – 1.11. 1924 Chef v. Dienst beim »Berliner Börsen-Courier«, anschl. bis 1.4.1936 erneut beim »Berliner Lokalanzeiger«; 1936 Mitgliedschaft in der NSDAP verweigert; aus der Red. entlassen; Nov. 1938 – 1.6.1939 Chefred. der »Charlottenburger Ztg.«. 1945 LDPD, 1945 – 51 erster Chefred. des LDPD-Zentralorgans »Der Morgen«; 1950 – 53 Vors. des LV des Verbandes der Dt. Presse Groß-Berlin.Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Jonas, Horst

* 24.6.1914 – ✝ 22.6.1967

Geb. in Bremerhaven; Vater Angest.; Volksschule u. Realgymn.; Ausbildung zum Maschinenstricker; 1929 SAJ u. SPD; ab 1933 antifasch. Arbeit; 1934 KJVD, Org.-Ltr. des illegal. KJVD in Leipzig; Mai 1935 Verhaftung, 1936 durch das OLG Dresden wg. »Vorbereitung zum Hochverrat« zu vier Jahren u. drei Monaten Zuchthaus verurteilt, Haft im Zuchthaus Zwickau, Elbregulierungslager Dessau / Rosslau, KZ Sachsenhausen, Auschwitz u. ab Nov. 1944 Buchenwald. 1945 Org.-Sekr. der KPD-KL Erfurt, 1946 SED u. Eintritt in die DVP; 1946 Inspekteur der Polizei Ost-Thüringen, stellv. Chef der Landespolizeibehörde Thüringens; zeitw. Mitgl. der SED-KL Gera, 1947 / 48 Mitgl. der SED-LL Thüringen; 1947 – 49 Chef der Landespolizeibehörde Mecklenburg; 1949 Berufung zum Ltr. der HA Schulung der DWK; 1950 – 53 Kulturdir. an der MLU Halle-Wittenberg bzw. der VEB Leuna Werke in Bitterfeld; 1952 / 53 Mitgl. der SED-KL Leuna; im Zusammenhang mit den Ereignissen um den 17.6.1953 Parteistrafe (Rüge) wg. »Kapitulantentums«, anschl. »Bewährungseinsatz« in der Produktion bzw. Redakteur in der Kreisred. der »Freiheit« in Halle; 1956 – 61 Chefred. des SED-Bezirksorgans »Freie Erde« Neubrandenburg (Nachf. von  Karl-Heinz Karge) u. Mitgl. der SED-BL Neubrandenburg; Ende 1961 als Chefred. abberufen; 1961 – 63 Arbeitsdir. bei der Bau-Union Neubrandenburg; 1963 – 67 OB von Neubrandenburg; gest. in Neubrandenburg.Andreas Herbst

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Joseph, Hans-Jürgen

* 28.10.1950

Geb. in Riesa; Vater Arbeiter; 1965 – 69 Ausbildung zum Maschinenbauer mit Abitur; 1969 – 72 DVP; 1970 SED; 1972 – 76 Studium der Staats- u. Rechtswiss. an der FSU Jena; dort bis 1981 wiss. Assistent; 1982 Dr. jur.; 1981 – 85 Staatsanwalt im Bez. Cottbus; 1985 – 89 Staatsanwalt beim Gen.-Staatsanwalt der DDR, Abt. Internat. Verbindungen auf dem Gebiet des Rechtshilfeverkehrs; Jan. – Juni 1990 Gen.-Staatsanwalt der DDR (Nachf. von  Günter Wendland); leitete Ermittlungsverfahren gegen  Erich Honecker,  Erich Mielke,  Günter Mittag u. a. ein, abberufen; bis Okt. Mitarb. in der Rechtsabt. des Mdl. Okt. – Dez. 1990 Mitarb. in der Rechtsabt. des Bundesinnenmin.; 1994 Zulassung als Rechtsanwalt; seit Jan. 1995 Sozius in einer Rechtsanwaltskanzlei in Erkner.Einheitlichkeit u. Differenzierung des Strafprozesses. Jena 1982.Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Jüchen, Aurel von

* 20.5.1902 – ✝ 11.1.1991

Geb. in Gelsenkirchen; Vater Ltr. einer Handelsschule; Gymnasium, 1922 Abitur; Studium (Werkstudent) der Germanistik u. Theol. an den Univ. Münster, Tübingen u. Jena; 1926 1. theolog. Examen, Lehrvikar in Meuselwitz; als Vikar 1928 Eintritt in die SPD u. in den »Bund der Religiösen Sozialisten Deutschlands« (BRSD); 2. theologisches Examen; 1929 – 32 Pfarrstelle in Mohrenbach (b. Arnstadt) (Thür.); 1932 Amtsenthebung durch die thür. Landeskirche wg. aktiven Engagements für die SPD; 1932 Mitgl. des Reichsvorstands des BRSD u. Aufbau des BRSD-Landesverb. in Westfalen; 1935 Pfarrstelle in Mecklenburg, Mitgl. des Bundes der national-sozialist. Pastoren Mecklenburgs; 1938 Anschluß an die Bekennende Kirche; Pfarrer in Rossow bei Netzeband; Hilfe für verfolgte Juden; 1939 – 45 Wehrmacht. 1945 Landesjugendpfarrer in Mecklenburg, Vertreter der ev. Jugend im FDJ-LV Mecklenburg; 1945 / 46 SPD / SED; Vors. des KB in Schwerin; vertrat ausdrücklich sozialdemokrat. Positionen u. geriet zunehmend in die Kritik der SED u. der sowj. Besatzungsbehörden; Dez. 1949 Ausschluß aus der SED; März 1950 Festnahme durch das NKWD in Schwerin, von einem sowj. Militärtribunal wg. »Spionage« zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, 1950 – 55 Haft im Lager Workuta, erkrankte schwer u. erlitt an den Stimmbändern irreparable Schäden; Ende 1955 Entlassung, Rückkehr nach Dtl.; lebte in West-Berlin; bis 1972 Tätigkeit als Strafanstaltspfarrer in Berlin-Plötzensee und am West-Berliner Frauengefängnis; gest. in Berlin.Wie die Hunde heulen. Die sowj. Wirklichkeit von unten betrachtet. Stuttgart 1958. Peter, U.: Möhrenbach – Schwerin – Workuta – Berlin: A. v. J. (1902 – 1991). Ein Pfarrerleben im Jahrhundert der Diktaturen. Schwerin 2008.Andreas Herbst

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Jung, Ferdinand

* 24.1.1905 – ✝ 2.12.1973

Geb. in Waltershausen (Krs. Gotha); Vater Arbeiter; 1911 – 19 Volksschule; 1919 – 22 Puppen- u. Gummiarb.; 1920 – 29 KJVD; 1922 – 24 arbeitslos; 1924 KPD; RFB; 1924 – 27 erneut Gummiarb.; 1924 – 29 polit. Ltr. im KJVD; 1927 – 29 Kali-, Bahn- u. Gummiarb.; 1929 – 33 arbeitslos; 1930 / 31 Ltr. der KPD-Ortsgr. in Waltershausen; 1931 – 33 Ltr. des KPD-Unterbez. Waltershausen; polit. Ltr. des Kampfbundes gegen den Fasch.; 1933 Mitgl. der illeg. KPD-BL Erfurt u. antifasch. Tätigkeit; im Jan. 1934 verhaftet, im Juni 1934 in Jena wg. »Hochverrats« zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt; 1934 – 39 Haft im Zuchthaus Untermaßfeld sowie in den KZ Sulza, Lichtenburg u. Buchenwald; 1939 – 45 Bau- u. Ziegelarb., Eisenflechter, Beifahrer u. Kraftfahrer. 1945 Mitgl. der KPD-BL Erfurt; 1945 Dienststellenltr. im Arbeitsamt Waltershausen; 1945 / 46 stellv. Landrat in Gotha; 1946 – 48 1. Sekr. der Volkssolidarität Weimar-Erfurt; 1946 SED; Mitgl. der SED-LL Weimar-Erfurt; 1948 – 52 Ltr. der Geschäftsabt. der SED-LL Thür.; 1952 / 53 1. Sekr. der SED-KL Meiningen; 1953 Lehrgang an der SED-PHS; 1954 / 55 Instrukteur im ZK der SED; 1955 – 64 2. Sekr. der SED-BL Suhl; 1964 – 69 Ltr. der »Kommission zur Erforschung der Gesch. der örtl. Arbeiterbew.« der SED-BL Suhl; 1965 VVO; 1966 – 71 Ltr. der Abt. Wirtschaftspolitik der SED-BL Suhl; Mitarb. u. Ltr. des Bezirksparteiarchivs Suhl.Mario Niemann

Handbuch Deutsche Kommunisten

Jungbluth, Karl

* 18.3.1901 – ✝ 1987

Geboren am 18. März 1901 in Schwerin; lernte Schriftsetzer und ging dann auf Wanderschaft. 1919/20 war er Bezirksleiter der Kommunistischen Jugend in Bremen, kehrte 1920 nach Mecklenburg zurück und war dort bis 1922 Polleiter der KJD für den Bezirk Mecklenburg. Jungbluth leitete von 1923 bis 1925 die KPD in Schwerin und war Mitglied der BL. Im Februar 1924 wurde er als Abgeordneter der KPD in den Landtag von Mecklenburg-Schwerin gewählt, trat aber im Januar 1925 aus der KPD aus und blieb bis Juni 1925 fraktionslos im Landtag. Er ging dann zur SPD-Fraktion und war dort bis Ende der Landtagsperiode Mitte 1926. Noch kurze Zeit in der SPD aktiv, zog er sich dann ganz aus der Politik zurück und arbeitete wieder als Schriftsetzer. Karl Jungbluth starb 1987.

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Junghähnel, Gerhard

* 15.3.1926 – ✝ 2.6.2004

Geb. in Wünschendorf; Vater Eisenbahnarb.; Volksschule; Arbeiter bei der Reichsbahn; 1946 SED; Besuch der Pädagog. FS Gera, anschl. Vorstudienanstalt (ABF) Jena, 1947 Abitur; 1947 – 53 Physikstudium an der FSU Jena, 1953 Dipl., 1955 Prom.; ab 1956 Wahrnehmung einer Prof. für Experimentalphysik an der HS für Maschinenbau in Karl-Marx-Stadt; 1957 – 60 Prorektor für Studienangelegenh., 1959 – 61 amt. Rektor (Nachf. von Edgar Pietsch); 1959 – 65 Vors. des Bez.-Vorst. der Gewerkschaft Wiss. Karl-Marx-Stadt; 1964 Prof. für Experimentalphysik an der PH Potsdam, 1965 – 73 deren Rektor (Nachf. von Günter Scheele); 1969 – 88 Dir. der Sekt. Mathematik / Physik; 1968 – 72 Vors. des Zentralvorst. der Gewerkschaft Wiss. 1991 em.; 1991 – 93 Präs. des Landessportbunds Brandenb., Rücktritt nach öffentl. Vorwürfen früherer MfS-Zusammenarbeit; gest. in Potsdam. Hauptarbeitsgebiete: Spektroskopie u. Synergetik (nichtlineare Systeme).Horst Kant

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Junker, Wolfgang

* 23.2.1929 – ✝ 9.4.1990

Geb. in Quedlinburg; Vater Kraftfahrer; 1935 – 45 Volks- u. Mittelschule in Weddersleben u. Thale; 1939 – 45 Dt. Jugend, HJ, Jungzugführer; 1945 Ausbildung zum Maurer in Westerhausen. 1948/49 Maurer in Quedlinburg; 1948 FDGB; 1949 SED; 1949 – 52 Studium an der Ingenieurschule für Bauwirtschaft in Osterwiek (b. Blankenburg); 1952/53 Baultr. im Baustab Stalinallee in Berlin; 1953/54 Baultr. der Bau-Union Nord in Glowe (Rügen); 1954/55 stellv. Ltr. der KJ Gruppe Strausberg NVA; 1955 – 57 Betriebsdir. der VEB Bagger- u. Förderarbeiten in Berlin; 1958 – 61 Betriebsdir. der VEB Industriebau in Brandenb.; 1961 – 63 Stellv. bzw. 1. Stellv. des Min. u. 1963 – 89 Min. für Bauwesen (Nachf. von  Ernst Scholz); 1967 Kand., 1971 – 89 Mitgl. des ZK der SED; 1968 Mitgl. der DBA; 1972 – 89 Ltr. der DDR-Delegation u. ab 1973 Vors. der Ständ. Kommission des RGW für Zusammenarbeit im Bauwesen; 1976 – 89 Abg. der Volkskammer; 1969 VVO; 1976 KMO; Okt. 1979 erstes Reg.-Mitgl., das in der Bundesrep. Dtl. zu offiz. Gesprächen mit Bundesbaumin. Dieter Haack u. Staatsmin. Hans-Jürgen Wischnewski zusammentraf; 1984 Stern der Völkerfreundschaft; 7.11.1989 Rücktritt als Min. mit der Reg.  Willi Stoph; Jan./Febr. 1990 U-Haft im Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen wegen des Verdachts auf »Amtsmißbrauch«; Suizid in Berlin.Neues ökon. System im Bauwesen u. Durchführung der Investitionspol. Berlin 1965; Das Wohnungsbauprogramm der DDR für die Jahre 1976 – 90. Berlin 1973; Aktuelle Entwicklungsprobleme des Bauwesens in der DDR. Berlin 1976.Helmut Müller-Enbergs