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BioLex

In der Kategorie BioLex finden Sie drei biografische Lexika mit über 5500 Personeneinträgen.

 

Das Handbuch "Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945" wird von Andreas Herbst und Hermann Weber in der 8. aktualisierten Ausgabe herausgegeben. Auf breiter Quellenbasis werden die Schicksale deutscher Kommunisten knapp geschildert, von denen etwa ein Drittel während der NS-Diktatur und durch den Stalinistischen Terror gewaltsam ums Leben kam. Kurzbiografien zu Personen des poltischen Lebens in der DDR stellt das von Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs, Dieter Hoffmann, Andreas Herbst, Ingrid Kirschey-Feix herausgegebene Lexikon ostdeutscher Biographien „Wer war wer in der DDR?“ Ch. Links Verlag, 5. Aufl. 2010 vor. Zudem ist das Onlinlexikon www.dissidenten.eu komplett in dieser  Rubrik recherchierbar. Die über 700 Biografien mit umfangreichen Inforamtionen zu Oppositionellen, Bürgerrechtlern und  Dissidenten aus vielen Ländern Ost- und Mitteleuropas werden laufend erweitert.

 

Handbuch Deutsche Kommunisten

Jürgensen, Reinhold

* 18.3.1898 – ✝ 19.12.1934

Geboren am 18. März 1898 in Elmshorn; Lehre und Arbeit als Elektriker, Mitglied der KPD und Funktionär der BL Wasserkante. Im November 1932 im Wahlkreis Schleswig-Holstein als Abgeordneter in den Reichstag gewählt. Jürgensen wurde im April 1933 verhaftet und kam für fünf Monate in »Schutzhaft«. Er wurde in den KZs Fuhlsbüttel, Glückstadt und Kuhlen gefoltert. Im September 1934 freigelassen, baute er mit Dutzenden Kommunisten in Elmshorn eine illegale Gruppe auf und soll auch ein Waffenlager angelegt haben. Am 19. Dezember 1934 erneut verhaftet, wurde Reinhold Jürgensen am 20.Dezember 1934 im KZ Fuhlsbüttel ermordet.

dissidenten.eu

Juskevitš, Artem

* 1931 – ✝ 1982

Ingenieur, Mitgründer der Untergrundgruppen „Estnische Nationalfront“ und „Estnische Demokratische Bewegung“; Autor, Redakteur und Verbreiter des Samisdat, politischer Häftling.Juskevitš wurde 1931 in Wolhynien (heute Ukraine) geboren. 1945 zog er mit seiner Familie nach Kasan (Russland). Nach dem Abschluss der Höheren Schule besuchte er in Tallinn das Polytechnikum, ohne sein Studium abzuschließen. Seit 1953 war er in verschiedenen Betrieben als Techniker beschäftigt. Als Autodidakt lernte er neun Sprachen und arbeitete als Übersetzer. 1958–64 studierte er an der Technischen Hochschule für Bauwesen und Mechanik in Tallinn und spezialisierte sich auf Kraftfahrzeugtransport. Er war außerdem Korrespondent russischsprachiger Zeitungen in Tallinn. 1964 trat er in die KPdSU ein. Seit Ende der 60er Jahren beteiligte er sich im Diskussionskreis um Sergei Soldatow, der sich später zu einer Untergrundgruppe entwickelte. Im September 1968 schrieb Juskevitš gemeinsam mit Soldatow den Artikel *„Hoffen oder handeln?“ (Nadejat'sja ili dejstvovat'?) als kritische Erwiderung auf Andrei Sacharows Text „Memorandum. Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“. In den Jahren 1969 bis 1970 formulierten er und Soldatow gemeinsam programmatische Texte der „Demokratischen Bewegung in der Sowjetunion“: im Oktober 1969 das Programm der Bewegung, das sie mit „Demokraten Russlands, der Ukraine und der baltischen Länder“ unterzeichneten, und 1970 „Taktische Grundsätze der Demokratischen Bewegung der Sowjetunion“ (Taktičeskie osnovy DDSS). 1971–72 beteiligte er sich an der Gründung zweier Untergrundorganisationen, die aus der Demokratischen Bewegung der Sowjetunion hervorgingen, der *Estnischen Volksfront und der „Estnischen Demokratischen Bewegung“. In den folgenden beiden Jahren entstanden auf Initiative von Juskevitš und unter seiner Leitung Dokumente der Estnischen Demokratischen Bewegung, in denen die Taktik der Organisation entwickelt und ihr Vorgehen im Kampf gegen das Sowjetsystem festgelegt wurden. Er verfasste auf Russisch den Ratgeber *„Strategie und Taktik der Estnischen Demokratischen Bewegung“ (Strategia i taktika Demokratičeskogo Dviženia Estonii).Außerdem war er Redakteur der russischsprachigen Samisdat-Schrift „Demokrat“, von der 1969–72 sieben Nummern erschienen, und Mitherausgeber des „Estnischen Demokraten“ (Eesti Demokraat), der Zeitschrift der Estnischen Demokratischen Bewegung. Unter dem russischen Pseudonym „Jurij Mazepa-Bakajiwskij“ veröffentlichte er sein auf Russisch verfasstes Buch „Der russische Kolonialismus und das nationale Problem“ (Rossijskij kolonializm i nacional’naja problema), das ins Estnische übersetzt wurde. Im Herbst 1972 gehörte er zu den Verfassern des *Memorandums der Estnischen Demokratischen Bewegung und der Estnischen Volksfront. Am 13. Dezember 1974 wurde Juskevitš verhaftet. Der Prozess gegen ihn, Sergei Soldatow, Mati Kiirend, Kalju Mätik und Arved Varat fand vom 21. bis 31. Oktober 1975 statt. Juskevitš bekannte sich nicht schuldig. Das Oberste Gericht der Estnischen SSR verurteilte ihn nach Artikel 68, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der ESSR (siehe *Artikel 70 Strafgesetzbuch der RSFSR) zu fünf Jahren Freiheitsentzug. Seine Strafe verbüßte er in den *mordwinischen Lagern und in den *Permer Lagern, wo er sich an Protestaktionen der politischen Häftlinge beteiligte, wofür er regelmäßig bestraft wurde. Nach seiner Freilassung lebte er in Tallinn und war als Ingenieur im Konstruktionsbüro „Dezintegrator“ tätig. Ein Jahr lang stand er noch unter Aufsicht. Artem Juskevitš starb 1982 in Tallinn an einem Gehirnschlag.Viktor Niitsoo Aus dem Polnischen von Beata Kosmala Letzte Aktualisierung: 07/15

Handbuch Deutsche Kommunisten

Kaasch, Wienand

* 30.1.1890 – ✝ 19.1.1945

Am 30. Januar 1890 in Stolp/Pommern geboren; organisierte sich nach der Schlosserlehre in der Gewerkschaft, 1912 Mitglied der SPD. Über die USPD kam er 1920 zur KPD, für die er in Berlin verschiedene Funktionen ausübte. 1923 von der Zentrale in die KPD-BL Ruhr entsandt, 1924 Mitarbeiter der Orgabteilung der Zentrale. Im Oktober 1924 kurze Zeit inhaftiert; festgenommen, als er (im Auftrag der Zentrale) die Organisation des Ruhrgebiets inspizierte. Anfang 1925 berief ihn das ZK zum Polleiter der neugebildeten KPD-BL Saar. In den folgenden Jahren arbeitete Kaasch in der Orgabteilung des ZK und war zeitweilig Abteilungsleiter. Hier war er mitverantwortlich für die sogenannten Reichskontrollen, d.h. statistischen Erhebungen in der Partei 1927 und 1929 über ihre Struktur und Zusammensetzung. 1928 Abgeordneter des Preußischen Landtags, dem er bis 1932 angehörte. 1931 wurde er aus der Arbeit in Deutschland abgezogen, dann als Instrukteur für die Komintern tätig. Im März 1933 emigrierte er in die Sowjetunion und war dort Mitarbeiter am Internationalen Agrarinstitut in Moskau. Anfang 1935 stand er wieder für die illegale Arbeit in Deutschland zur Verfügung, gemeinsam mit Erich Glückauf reiste er im Mai 1935 illegal nach Deutschland. Hier schon nach wenigen Wochen, am 7. August, verhaftet und im Mai 1936 zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 19. Januar 1945 starb Wienand Kaasch im Zuchthaus Luckau. Er war von 1922 bis 1928 mit Herta Geffke verheiratet gewesen.

Wer war wer in DDR

Kähler, Christoph

* 10.5.1944

Geb. in Freiberg; Vater Theol.-Prof., Eltern Mitgl. der »Bekennenden Kirche«; 1952 Abitur; anschl. Berufsausbild. zum Elektromonteur; 1964 – 69 Studium der Theol. an der FSU Jena u. der EMAU Greifswald; Mitarb. in den ESG; 1968 Teiln. u. Ltg. von Diskussionskrs. zur Studienreform u. zur Verfassung; 1969 – 73 Forschungsstudium an der Theolog. Fak. der FSU; 1970 Stipendium »providentiae memor« Zürich, Wahrnehmung durch staatl. Organe verhindert; 1973 – 77 Assistent an der Theolog. Fak. der FSU, 1974 Prom. mit »Studien zur Form- u. Traditionsgeschichte der bibl. Makarismen«; 1977 Pfarrer in Leipzig u. gleichz. Lehrbeauftr. für Neues Testament am Theolog. Seminar (Kirchl. HS) Leipzig; ab 1981 dort Doz. für Neues Testament u. 1986 – 88 Rektor; 1984 – 89 berufenes Mitgl. der Synode der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsen; 1988/89 Prediger bei Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche; Mai 1989 Gastdoz. in Bern; Okt. 1989 bis Jan. 1990 Mitgl. des DA u. Mitautor des Parteiprogramms; Mitgl. der Arbeitsgr. Wahlen des Runden Tisches Leipzig; 1990/91 Mitgl. der letzten Synode des Bunds der Ev. Kirchen der DDR. 1991 – 93 Mitgl. der Sächs. HS-Kommission; 1992 Habil. an der FSU Jena mit der Arbeit »Gleichnisse als Poesie u. Therapie« (Veröff. Tübingen 1994); im Zuge der Zusammenführung der Kirchl. HS mit der Theolog. Fak. 1992 – 2001 Prof. der Univ. Leipzig, 1994 Dekan der Theolog. Fak., 1997 – 2000 Prorektor; seit 1993 Mitgl. im Vorermittlungsaussch. der EKD; 2001 – 08 Landesbischof der Ev.-Luth. Kirche in Thüringen; Jan. – Mai 2009 nach deren Fusion mit der Ev. Kirche der Kirchenprovinz Sachsen Bischof der neuen Ev. Kirche in Mitteldtl. (neben  Axel Noak); stellv. Vors. des Rats der EKD; seit 2008 Mitgl. des Dt. Ethikrats; lebt in Eisenach. Autor zahlr. Aufsätze v. a. zur kirchl. Jugendarbeit, zur kommunikationstheoret. Interpretation der Gleichnisse Jesu sowie zu Themen des pol. Umbruchs in der DDR; Beiträge zur Umsetzung sozialeth. Theorie in die theolog. Praxis.Ehrhart Neubert

Wer war wer in DDR

Kaiser, Bruno

* 5.2.1911 – ✝ 27.1.1982

Geb. in Berlin; Vater Lehrer; Gymnasium, Abitur; ab 1929 Studium der Germanistik u. Kunstgeschichte an der Univ. Berlin; zugl. Volontär, dann Red. bei der »Vossischen Ztg.«; Abbruch des Studiums; 1938 Emigr. nach Belgien, Frankreich u. in die Schweiz; im Krieg zeitw. Zivilinternierung; wiss. u. pol. tätig; Entdecker des Nachlasses von Georg Herwegh; ab 1943 Mitgl. der BFD in der Schweiz; 1943 – 46 Bibliothekar in Liestal; hier Aufbau des Georg-Herwegh-Museums. 1946/47 wiss. Arbeit in Belgien; 1947 Rückkehr nach Dtl.; 1947 – 49 Abt.-Dir. an der Dt. Staatsbibliothek Berlin; Prom. zum Dr. phil.; 1948 SED; ab 1949 Ltr. der Bibliothek des IML; 1956 Mitbegr. u. Vors. der Pirckheimer-Ges. im KB; 1958 Heinrich-Heine-Preis; 1961 Prof.; bedeutender Büchersammler u. Marx-Engels-Forscher; Hrsg. von Werken von Georg Herwegh sowie Georg Weerths »Sämtl. Werke in fünf Bänden« (1956/57); Mitbegr. der Marx-Engels-Gesamtausgabe; 1969 Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig; ab 1967 Erwerb der Privatbibliothek mit ca. 40.000 Drucken durch die Dt. Staatsbibliothek Berlin; 1971 NP; gest. in Berlin.Das Wort der Verfolgten. Berlin 1948; Die Pariser Kommune im dt. Gedicht. Berlin 1958; Ex libris. Berlin 1967; Vom glückl. Finden. Berlin 1985. Fs. für B. K. Berlin 1981 (mit Bibl.); Die Bibliothek B. K. Berlin 1988.Bernd-Rainer Barth / Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Kaiser, Josef

* 1.5.1910 – ✝ 5.10.1991

Geb. in Celje (Slowenien); 1929 – 35 Studium an der Dt. TH Prag, Dipl.-Ing.; 1935 – 40 in Architektenbüros Ernst Flemming u. Otto Kohtz in Weimar u. Berlin u. im Projektierungsbüro der DAF bei Schulte-Frohlinde tätig; 1941 – 45 Ltr. der Grundrißtypenplanung der Dt. Akad. für Wohnungswesen in Berlin. 1945 Erkrankung; 1946 Gesangsstudium an der Musik-HS Dresden; 1948 Tenor am Theater am Nollendorfplatz in Berlin; 1950 – 55 Mitarb. der DBA in der Mstr.-Werkstatt II von  Hanns Hopp, hier Bearbeitung von Entwürfen für das Kulturhaus der Maxhütte Unterwellenborn u. Kinos an der Stalinallee in Berlin, Wettbewerbsentwurf Stalinallee u. Zentrum Stalinstadt (Eisenhüttenstadt); Chefarchitekt für den Aufbau von Stalinstadt, Projekt für den zweiten Wohnkomplex; Typenvorschläge für Gesellschaftsbauten, u. a. Filmtheater »Kosmos« (Ideenentwurf 1956, gebaut 1962); 1956 – 58 Wohnbauten in Mannheim, Berlin (West) u. Essen; ab 1958 Tätigkeit im VEB Berlin-Projekt; Bemühung um Klärung ästhet. Verhältnisse beim industriellen Bauen, Anwendung versch. Proportionslehren in mod. Rasterarchitektur; 1962 NP; 1962 Ltr. des Entwurfskoll. für das Ensemble zw. Strausberger Platz u. Alexanderplatz der Karl-Marx-Allee in Berlin, 1963 Hotel »Berolina« u. Filmtheater »International«, 1964 Restaurant »Moskau«, 1967 Projekt für das Gebäude des MfAA, 1970 Centrum-Warenhaus, 1971 Wohnhochhäuser in 5-Mp-Plattenbauweise als Erstentwicklung; 1969 Prof. für Allg. Hochbau an der HAB Weimar; 1973 em.; seit 1973 Chefarchitekt u. persönl. Berater beim Dir. der Aufbaultg. für Sondervorhaben Berlin; gest. in Altenberg. J. K. war neben Rolf Göpfert einer der profiliertesten Entwerfer, der im Hintergrund der namhaften Mstr.-Architekten arbeitete; er prägte architekton. maßgebl. das Berlin (Ost) der 60er Jahre.Die Forts. der Stalinallee vom Strausberger Platz bis zum Alexanderplatz. In: Verner, P.: Großbaustelle Zentrum Berlin. Berlin 1960.Simone Hain

Wer war wer in DDR

Kalb, Hermann

* 20.10.1924

Geb. in Jena; Vater Angest.; Volks- u. Oberrealschule in Jena u. Frankfurt (Main), Abitur; 1941 – 45 Wehrdienst, Ltn. 1946 Jurastudium an der FSU Jena; 1946 CDU; 1947 – 50 Sekr. u. Vors. des CDU-Krs.-Vorst. Meiningen; 1948 – 50 tätig in der staatl. Verw.; stellv. Landrat im Krs. Meiningen; 1950 – 52 CDU-Landessekr. in Thür. u. Abg. des Landtags; 1950 – März 1990 Abg. der Volkskammer; 1950 – 54 Mitgl. des Justizaussch.; 1950 – 57 u. ab 1960 als IM »Hugo«, »Hermann« bzw. »Schütz« des MfS erf.; 1954 – 63 Mitgl. des Ständ. Aussch. für Allg. Angelegenh.; 1963 – 67 Schriftführer des Aussch. für Kultur; 1966 – 69 Mitgl. des Präs. der Volkskammer; 1969 – 86 Vors. des Aussch. für Eingaben der Bürger; 1952 – 61 Vors. des CDU-Bez.-Verb. Erfurt; 1960 – 89 Mitgl. des Präs. des CDU-Hauptvorst.; 1961 – 71 Chefred. des CDU-Zentralorgans »Neue Zeit«; 1961 – 70 Mitgl. des Präs. des VDJ; seit 1963 Mitgl. der UNESCO-Kommission der DDR; 1971 – Okt. 1982 Sekr. des CDU-Hauptvorst.; seit 1972 Mitgl. des NR der NF; 1977 VVO; 1977 – 89 Stellv. des Staatssekr. für Kirchenfragen (Nachf. von  Fritz Flint); 1.1. – 30.9. 1990 Staatssekr. u. Ltr. des Amts für Kirchenfragen.Weg u. Ziel der Adenauer-CDU. Burgscheidungen 1961 (zus. mit A. Wiggemeier u. K.-H. Puff). Vollnhals, C. (Hrsg.): Die Kirchenpol. von SED u. Staatssicherheit. Berlin 1996; Nassner, W. (Bearb.): Staatssekretär für Kirchenfragen. Bremerhaven 2007.Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Kamilli, Karl-August

* 5.1.1945

Geb. in Hagenow (Mecklenb.); Vater Kfm.; Grundschule u. 1959 – 63 EOS in Hagenow; 1963 – 65 Ausbildung zum Facharb. für Tiefbohrungen in Gommern, anschl. im Beruf tätig; 1965 – 70 Studium der Geophysik an der KMU Leipzig, Dipl.-Geophysiker; 1970 – 90 Mitarb. im VEB Kombinat Geophysik Leipzig; 1970 – 72 NVA, Bausoldat; Engagement in kirchl. Friedens- u. Umweltgr., durch das MfS überwacht; Okt. 1989 Mitbegr. der SDP in Leipzig; Vors. des prov. Krs.- bzw. Bez.-Vorst., Febr. 1990 stellv. Vors. der SPD; März – Okt. Abg. der Volkskammer, Vors. des Abrüstungs- u. Verteidigungsaussch. u. der Arbeitsgr. Sicherheitspolizei. Seit 1990 Vors. des Bez.-Verb. der Arbeiterwohlfahrt Sachsen/West e. V. u. Vors. der Landesarbeitsgemeinschaft; Sept. 1990 – 93 Mitgl. des PV der SPD; Okt. – Dez. 1990 Abg. des Dt. Bundestags; anschl. bis Sept. 1992 Landesbeauftr. für Aufenthalt u. Abzug der GUS-Streitkräfte; zugl. Ref.-Ltr. in der Staatskanzlei Sachsen für Streitkräfteangelegenh. / Konversion; seitdem beim Sächs. Rechnungshof tätig; 1994 Austritt aus der SPD u. unabh. Kand. für die Wahl zum Bundestag; Bürgerbeauftr. der Sächs. Staatskanzlei in Dresden; Mitgl. der Rechtsstaatl. Offensive (Schill-Partei) in Sachsen; Veröff. u. a. zu zukünftigen Strategien u. Strukturen der Landesverteidigung.Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Kämpf, Siegfried

* 9.12.1929 – ✝ 12.1.2005

Geb. in Lugau (Sachsen); Vater Fabrikarb.; Grundschule, 1944/45 Lehrerbildungsanstalt Frankenberg; 1945 Landarb., 1946 – 48 OS Chemnitz, Abitur; 1948 – 52 Studium der Geschichte, Germanistik u. des Sports an den Univ. Leipzig u. Halle, Oberstufenlehrer; 1950 SED; 1952 – 60 Mitarb. im Staatl. Komitee für Körperkultur u. Sport, Referent, Hauptreferent, ab 1954 zeitw. pers. Referent des Vors.; 1956 – 60 Fernstudium der Außenpolitik an der DASR Potsdam, ab März 1960 Mitarb. des MfAA, Hauptreferent, Sektionsltr., ab Nov. 1961 Mitarb. des Min. für Außen- u. Innerdt. Handel, 1962 – 64 amt. Ltr. der DDR-Handelsvertretung in Marokko, 1964 – 66 Ltr. der DDR-Handelsvertretung in Guinea (Nachf. von Helmut Gürke), 1966 – 70 Ltr. der Abt. Arab. Staaten im MfAA (Nachf. von  Martin Bierbach), 1970 – 74 Botschafter der DDR in Algerien (Nachf. von Bruno Sedlaczek), anschl. stellv. Ltr. der Abt. Westeuropa im MfAA, 1979 – 81 Ständiger Deleg. der DDR bei der UNESCO in Paris, 1982 – 86 Botschafter der DDR in Portugal (Nachf. von Erich Butzke).Andreas Herbst

Wer war wer in DDR

Kant, Hermann

* 14.6.1926 – ✝ 14.8.2016

Geb. in Hamburg; Vater Gärtner, Mutter Fabrikarbeiterin; Mittelschule; Elektrikerlehre in Parchim; gegen Ende des 2. Weltkriegs Soldat, 1945 – 49 zuerst sowj., dann poln. Gefangenschaft, Mitbegr. des Antifa-Komitees im Arbeitslager Warschau, Antifa-Zentralschule. 1949 Rückkehr; kurzz. Elektriker u. Angest. beim Rat des Krs. Parchim; SED; 1949 – 52 Student u. Doz. an der ABF Greifswald, Abitur; 1952 – 56 Studium der Germanistik u. Philos. an der HU Berlin; Mitgl. der SED-Parteiltg. der HU; Prom. mit der Diss. »Die Darstellung der ideolog.-pol. Struktur des faschistisch dt. Heeres in Plieviers Roman ?Stalingrad?«; 1956 – 57 wiss. Assistent am germanist. Inst. der HU Berlin bei  Alfred Kantorowicz, von dem sich H. K. nach dessen Flucht 1957 öffentl. distanziert; 1957 – 59 Chefred. der Studentenztg. »tua res«, die der SED-BL Mitte untersteht u. sich an Studenten West-Berliner Univ. richtet; 5.3.1963 – 9.4.1976 als IM »Martin« vom MfS erf.; beteiligt an der Verhinderung der Autorenanthologie »Berliner Geschichten« (1974/76 von  Ulrich Plenzdorf,  Klaus Schlesinger u.  Martin Stade geplant); 1959 Verpflichtung an die DEFA, um dort an einem »wichtigen Auftrag des ZK zu arbeiten«; seit 1959 freischaff. Schriftst.; DSV; 1959 – 62 zugl. Mitarb. der Ztschr. »Neue Dt. Lit.«; ab 1960 zeitw. freiberufl. Mitarb. des DSV; 1962 Debüt mit dem Erzählungsband »Ein bißchen Südsee«; 1963 Heinrich-Heine-Preis; Lit.-Preis des FDGB; 1964 Mitgl. des PEN-Zentrums Ost u. West; 1965 erfolgr. Romanerstling »Die Aula« mit einer krit.-humorist. Bilanz der ABF-Zeit im Kontext der DDR-Geschichte, das Buch wurde zur Schullektüre in der DDR u. einigen bundesdt. Ländern; 1967 Heinrich-Mann-Preis; 1967 – 82 Mitgl. des Präs. des PEN-Zentrums DDR; 1969 Mitgl. der AdK, 1969 – 78 deren Vizepräs.; 1972 Roman »Das Impressum«, parteiinterne Auseinandersetzungen wegen der in Ansätzen krit. Darstellung einer DDR-Karriere vom Boten zum Min.; 1974 – 79 Mitgl. der SED-BL Berlin; 1976 wichtigster Roman »Der Aufenthalt«, der am Bsp. eines jungen, irrtüml. als Kriegsverbrecher behandelten Dt. das Spannungsfeld koll. Schuld u. individueller Unschuld thematisiert; 1978 – März 1990 Präs. des SV (Nachf. von  Anna Seghers); Juni 1979 wesentl. Mitw. am Ausschl. von neun Autoren aus dem SV im Kontext der Verurteilung  Stefan Heyms wegen »Devisenvergehens« u. anschl. Protesten gegen die Kulturpol. u. die Unterdrückung krit. DDR-Autoren; 1980 Dr. h. c. der Univ. Greifswald; 1981 – 90 Abg. der Volkskammer; wg. parteiinterner Kritik an H. K.s Amtsführung durch dogmat. Schriftst. (u. a.  Gerhard Holtz-Baumert,  Günter Görlich) in den 80er Jahren wiederholte Angebote, als SV-Präs. zurückzutreten, die jedoch von d. SED-Führung abgelehnt werden; 1986 – 89 Mitgl. des ZK der SED; 1973 u. 1983 NP; 1976 u. 1986 VVO; 1986 Orden der Völkerfreundschaft (UdSSR); 1987 Goethe-Preis. 1991 nach öffentl. Druck aus dem Dt. PEN-Zentrum (Ost) ausgeschieden; 1992 nach öffentl. Druck Aufgabe der Mitgliedschaft in der AdK Berlin; lebte in Prälank (b. Neustrelitz); gest. in Neustrelitz. H. K.s Rolle als SV-Funktionär u. Vermittler zw. SED-Führung u. Autoren ist umstritten; einerseits unterstützte er im Einzelfall krit. Mitgl. des SV, andererseits exekutierte er in scharfen Konfliktsituationen die kulturpol. Repressionen der SED-Führung.Eine Übertretung. Erzählungen. Berlin 1975; Zu den Unterlagen. Publizistik 1957 – 80. Berlin, Weimar 1981; Der dritte Nagel. Berlin 1981; Bronzezeit. Geschichten aus dem Leben des Buchhalters Farßmann. Berlin 1986; Die Summe. Berlin 1987; Abspann. Autobiogr. Berlin 1991; Kormoran. Berlin 1994; Escape. Ein WORD-Spiel. Berlin 1995; Okarina. Berlin 2003; Kino. Berlin 2005. Krenzlin, L.: H. K. Leben u. Werk. 3., erw. Aufl. Berlin 1988; Corino, K. (Hrsg.): Die Akte K. IM »Martin«, die Stasi u. die Lit. in Ost u. West. Hamburg 1995; Walther, J.: Sicherungsber. Lit. Schriftst. u. Staatssicherheit in der DDR. Berlin 1996 L. Brandt: Der Schriftst. H. K. Dok.-Film, MDR 2001; Gutschke, K.: H. K. – Die Sache u. die Sachen. Berlin 2007.Andreas Kölling

Wer war wer in DDR

Kapr, Albert

* 20.6.1918 – ✝ 13.3.1995

Geb. in Hedelfingen (b. Stuttgart); Vater Arbeiter; Volksschule; 1933 – 37 Lehre als Schriftsetzer in der Dt. Verlagsanstalt Stuttgart; ein Jahr Haft als Mitgl. einer Widerstandsgr. des KJVD; seit 1937 Studium an der Akad. für bildende Künste Stuttgart b. Ernst Scheidler; 1939 – 45 Kriegsdienst. 1945 – 47 Forts. des Studiums; 1947 Assistent an der TH Stuttgart u. Ltr. einer Kl. für Gebrauchsgrafik an einer Kunstschule; 1948 – 51 Doz. an der HS für Architektur u. bildende Kunst Weimar; 1951 – 82 Prof. an der HS für Grafik u. Buchkunst in Leipzig; 1955 Begründer u. bis 1978 Ltr. des Inst. für Buchgestaltung; 1959 – 61 (Nachf. von  Kurt Massloff) u. 1965 – 73 Rektor der HS für Grafik u. Buchkunst Leipzig (Nachf. von  Gerhard Kurt Müller); 1963 – 74 Künstler. Ltr. der Schriftgießerei Typoart Dresden; entwirft hier die »Faust Antiqua« (erstmals 1961 u. 1963 verwendet) u. die »Leipziger Antiqua« für Hand- u. Lichtsatz, modernisiert die »Clarendon Neutra« u. die »Prillwitz-Antiqua«; 1975 Prom. zum Dr. phil.; 1983 em.; 1961 NP; 1980 VVO. A. K.s Werk umfaßt die Gestaltung von mehr als 200 Büchern, u. a. Wilhelm Fraenger: Jörg Ratgeb (1972), Pablo Neruda: Aufenthalt auf Erden (1973), Zerbster Prunkbibel »Cranachbibel« (1973), Marx-Engels-Gesamtausgabe (1975), sowie graf. Arbeiten u. Plakate.Dt. Schriftkunst. Dresden 1955; Buchgestaltung. Dresden 1963; Schriftkunst. Dresden 1971; Schrift- u. Buchkunst. Leipzig 1982; Fraktur, Form u. Geschichte der gebrochenen Schrift. Mainz 1993. Bunke, H.: A. K. Schrift- u. Buchkünstler. Leipzig 1989.Gerd Dietrich

Wer war wer in DDR

Karge, Manfred

* 1.3.1938

Geb. in Brandenburg (Havel); Vater Putzmacher, Mutter starb im Wochenbett, mit sieben Jahren Vollwaise; Volontariat bei versch. Provinzztg.; 1958 – 61 Studium an der Staatl. Schauspielschule Berlin-Schöneweide; 1961 von  Helene Weigel am Berliner Ensemble engagiert; 1963 Beginn der Regiearb. mit Brecht-Texten (»Messingkauf« u. »Der Brotladen«) zus. mit  Matthias Langhoff, mit dem K. viele Jahre lang ein Regieduo bildete; 1968 Theatereklat um die gemeinsame Bearb. von Aischylos »Sieben gegen Theben«, die als Kritik am Einmarsch sowj. Panzer in Prag gedacht war; danach zus. mit Langhoff Beendigung der Arbeit am Berliner Ensemble; 1969 – 78 an der von  Benno Besson geleiteten Berliner Volksbühne, furioser Einstand als Karl Moor in Schillers »Räuber« (1969); Beginn einer langj. Zusammenarb. mit  Heiner Müller, 1975 Uraufführung von »Die Schlacht/Traktor«; spielte u. a. den Hamlet u. Othello; 1975 Kunstpreis der DDR (zus. mit Langhoff); neben der Theaterarb. Filmrollen bei DFF u. DEFA, u. a. 1964 als Hitlerjunge Wolzow in »Die Abenteuer des Werner Holt« u. 1971 als Hans Coppi in »KLK an PTX – Die Rote Kapelle«; 1976 im Kontext der Ausbürgerung von  Wolf Biermann Ausreise in die Bundesrep. Dtl. Inszenierungen in Paris, Zürich, Wien, am Kölner Schauspielhaus u. insb. am Schauspielhaus Bochum, dort zus. mit Langhoff Oberspielltr. sowie Autor der Stücke »Jacke wie Hose« (Uraufführung 1982); »Claire« (Musical 1985); »Die Eroberung des Südpols« (1986 auf drei Kontinenten nachgespielt u. 1990 als Spielfilm in Edinburgh präsentiert), »Lieber Nimbsch« (1989); 1986 – 93 als Autor, Regisseur u. Schauspieler hauptsächl. am Wiener Burgtheater, neben Dramen von Horváth u. Brecht Uraufführung von  Franz Fühmanns »Der Sturz des Engels« u. Elfriede Jelineks »Totenauberg«; 1993 – 2005 Prof. am Regie-Inst. der Berliner HS für Schauspielkunst »Ernst Busch«; in den letzten Jahren wieder verstärkt Arbeit als Schauspieler am Maxim-Gorki-Theater u. am Berliner Ensemble unter den Regisseuren Peymann u. Tabori.»Die Eroberung des Südpols«. Sieben Stücke u. ein Gespräch mit M. K. Berlin 1996.Matthias Braun / Christian Krause

Wer war wer in DDR

Jurk, Thomas

* 19.6.1962

Geb. in Görlitz; 1969 – 79 POS in Weißkeißel u. Sagar (b. Krauschwitz); 1979 – 82 Ausbildung zum Funkmechaniker in Weißwasser; seit 1979 Mitgl. der Handwerkskammer; 1982 – 90 Funkmechaniker bzw. Trafowickler bei der PGH Elektro-Rundfunk-Fernsehen Weißwasser; 1986 – 88 NVA; Dez. 1989 SDP. Seit Febr. 1990 Mitgl. des SPD-KV Weißwasser; seit Okt. 1990 Mitgl. des Sächs. Landtags; 1991 – 95 stellv. Vors. des SPD-Unterbez. Lausitz; seit 1994 Gemeinderat in Weißkeißel; 1994 – 99 stellv. Vors. der SPD-Landtagsfraktion, Sprecher für Landwirtschaftspolitik; 1995 – 2003 stellv. Vors. u. 2003 – 05 Vors. des SPD-Unterbez. Neiße; seit 1998 Mitgl. des SPD-LV Sachsen; 1999 – 2004 Vors. der SPD-Fraktion u. Mitgl. des Präs. des Sächs. Landtags (Nachf. von Martin Gillo); 2004 – 09 Staatsmin. für Wirtsch. u. Arbeit u. stellv. Ministerpräs. des Freistaats Sachsen; 2004 – 31.8.2009 Vors. der SPD Sachsen (Nachf. von Constanze Krehl); am 6.1.2009 Aufhebung der parlamentar. Immunität.Helmut Müller-Enbergs

Wer war wer in DDR

Just, Gustav

* 16.6.1921 – ✝ 23.2.2011

Geb. in Reinowitz (Krs. Gablonz, ČSR/Rynovice, Tschechien); Vater Schlosser; 1927 – 32 Volksschule, 1932 – 40 Gymnasium in Gablonz; 1938 – 40 HJ; 1940 RAD; 1940 – 45 Wehrmacht, Freiw., zul. Ltn, EK. Mai 1945 – Mai 1946 Steinschleifer in Jablonec; Mai 1946 Aussiedl. nach Dtl.; Steinschleifer in Bad Schmiedeberg; Juni 1946 SED; 1946 Neulehrerkurs in Quedlinburg; 1947 Lehrer an der Volksschule in Westerhausen (Krs. Quedlinburg); 1948 wegen Tbc aus dem Dienst geschieden; 1948/49 Sekr. für Werbung u. Schulung bei u. Mitgl. der SED-KL Quedlinburg; 1950 Ltr. der Abt. Kultur u. Erziehung der SED-LL Halle; 1951 LPS Ballenstedt; 1952 – Febr. 1954 Sektorenltr. für Kunst u. Lit. im ZK der SED; März 1954 – Jan. 1955 1. Sekr. des Vorst. des DSV (Nachf. von  Kurt Barthel); Jan. 1955 Parteirüge, nachdem G. J. im Dez. 1954 offenbart hatte, daß er in der Wehrmacht nicht Uffz., sondern zul. Ltn. gewesen war; März 1955 – 20.1.1957 stellv. Chefred. des »Sonntags«, dann beurlaubt u. aus der Red. entlassen; März – Aug. 1957 in der zentralen U-Haftanstalt des MfS in Berlin-Hohenschönhausen; am 8.3.1957, dem zweiten Tag der Hauptverhandlung im Prozeß gegen  Wolfgang Harich, nach seiner Zeugenaussage im Gerichtssaal verhaftet; am 26.7. 1957 zus. mit  Walter Janka,  Heinz Zöger u. Richard Wolf Verurteilung zu vier Jahren Zuchthaus wegen »Verbrechens gemäß Art. 6 der Verfassung der DDR« (Boykotthetze); verbüßt von der Gesamthaftzeit zwei Jahre in Einzelhaft (Zuchthaus Bautzen II); 1960 – 86 freischaff. liter. Übersetzer (aus dem Tschech. u. Slowak.); 1986 Rentner; im Herbst 1989 wurden Lesungen aus den Memoiren »Zeuge in eigener Sache« zu einem wichtigen Impuls für die Demokratiebew.; 1989 SDP/SPD. 1990 – 92 Alterspräs. des Brandenb. Landtags u. Vors. der Verfassungskommission; zum Rücktritt genötigt durch eine öffentl. Kampagne, die sich auf die seit 1957 bekannte Beteiligung G. J.s an einem Erschießungskdo. in einem ukrain. Dorf im Jahr 1941 bezog; gest. in Prenden (Landkrs. Barnim).Zeuge in eigener Sache. Die 50er Jahre in der DDR. Berlin 1990; Deutsch, Jahrgang 1921. Ein Lebensbericht. Potsdam 2001. Interview mit G. J. In: Gaus, G.: Porträts 4. Berlin 1993; Prokop, S.: 1956 – DDR am Scheideweg. Berlin 2006; Herzberg, G.: Anpassung u. Aufbegehren. Berlin 2006.Carsten Wurm

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Kaczmierczak, Michael

* 18.9.1898 – ✝ 18.11.1933

(* 1898 – † 1933) Geboren am 18. September 1898 in Sukolowo/ Posen; ungelernter Arbeiter. Bereits 1924 wegen Sprengstoffvergehens verhaftet, trat Kaczmierczak 1928 in die KPD ein und wurde 1931 Mitarbeiter des Waffenressorts der KPD. Er besuchte 1932/33 unter dem Decknamen Rudolf den V. Kurs der M-Schule in Moskau. Danach leitete er unter dem Decknamen Vox den illegalen Kurierapparat und war neben Wilhelm Reimers Reichstechniker. Kaczmierczak wurde am 18. November 1933 in Berlin verhaftet. Bei seiner Festnahme gab er sich zunächst als Edmund Weiler aus, da er eine auf diesem Namen ausgefertigte Geburtsurkunde besaß. Die Gestapo fand bei ihm sowohl einen auf den Namen Arnold Niegisch ausgestellten deutschen Reisepaß, der aber für den KPD-Funktionär Erich Glückauf vorgesehen war, und einen tschechischen Paß sowie einen Lichtbildausweis auf den Namen Norbert Toller, der mit dem Paßbild des KPD-Funktionärs Albert Hotopp gefälscht war. Michael Kaczmierczak wurde in das berüchtigte KZ Columbiahaus in Berlin eingeliefert und am Morgen des 20.November 1933 »in seiner Zelle tot aufgefunden«.

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Kahmann, Fritz

* 13.3.1896 – ✝ 17.5.1978

Geboren am 13. März 1896 in Girschunen/Krs. Tilsit (Ostpreußen), Sohn eines Eisenbahners und späteren Kleinbauern; Maurer. Er war von 1910 bis 1912 mithelfendes Familienmitglied in der fünf Hektar großen Landwirtschaft des Vaters und ging bei Kriegsausbruch 1914 freiwillig zur Kriegsmarine. Von 1919 bis 1933 selbständiger Landwirt in Girschunen, er trat 1923 der KPD bei. 1924 Abgeordneter des Kreistages Tilsit-Ragnit, 1925 des Provinziallandtages Ostpreußen, übte in den folgenden Jahren als »Landwirtschaftsspezialist« verschiedene Funktionen aus. Er war 1927 Teilnehmer der »2. Deutschen Bauerndelegation«, die in die Sowjetunion reiste. 1927 Mitglied der KPD-BL Ostpreußen, im September 1928 anstelle des zurückgetretenen Abgeordneten Franz Moericke auch Abgeordneter des Preußischen Landtags. Von 1929 an im kommunistischen Bauernbund führend tätig. Bis 1932 Landtagsabgeordneter, dann im November 1932 auf dem Reichswahlvorschlag in den Reichstag gewählt. Ab Februar 1933 mit Haftbefehl gesucht, lebte Kahmann bis Oktober 1933 illegal und reiste auf Vorschlag des sowjetischen Konsuls über Riga im November 1933 in die Sowjetunion. Dort von März 1934 bis Februar 1937 Angestellter in Halbstadt/Westsibirien. Ab Mai 1937 kämpfte Kahmann unter dem Namen Willi Berger auf seiten der Spanischen Republik, war zeitweise Politkommissar der XI. Internationalen Brigade und zuletzt Zugführer einer Maschinengewehrabteilung. Im Februar 1939 in Frankreich interniert, kam er nach Djelfa/Nordafrika, dort von April bis Oktober 1943 Zivilangehöriger eines britischen Pionierbataillons. Er konnte im November 1943 in die Sowjetunion ausreisen und wurde ab Mai 1944 Lehrer an der Antifaschule im Lager 965 in Gorki. Mit Edwin Hoernle arbeitete er am Agrarprogramm der KPD. Am 6. Mai 1945 kam Kahmann mit der Gruppe Sobottka nach Deutschland, die in Stettin und Mecklenburg mit der gleichen Aufgabenstellung arbeitete wie die Gruppe Ulbricht in Berlin. Er übte in Mecklenburg verschiedene kleinere Funktionen aus. Ab 1952 Hauptabteilungsleiter beim Rat des Bezirkes Schwerin, 1968 Personalreferent des 1. Stellvertreters des Vorsitzenden des Rates im Bezirk Schwerin. Er erhielt 1971 den Karl-Marx-Orden. Fritz Kahmann starb am 17. Mai 1978.

Wer war wer in DDR

Kaiser, Ewald

* 25.9.1905 – ✝ 10.12.1992

Geb. in Dessau; Vater Buchbinder; Volks- u. Mittelschule in Dessau; ab 1919 Ausbildung zum Schriftsetzer; 1919 – 22 Mitgl. im Dt. Buchdruckerverb.; 1920 Mitgl. der SAJ; dann des KJV Dessau; ab 1921 Hilfsarb.; 1922 acht Mon. Haft wg. krimineller Vergehen in der Strafanstalt Coswig (Sachsen); 1923 Mitgl. im ZdA; Okt. 1924 Mitgl. der KPD in Dessau; ab 1924 Mitgl. der UB-Ltg. Dessau; 1925/26 Mitgl. der KJVD-BL Magdeburg-Anh., 1927 der BL Bochum, 1929 BL Ruhr; 1926 – 33 Müllfahrer in Herne; 1929 Mitgl. der erw. KPD-BL Ruhr; 1930 – 32 Betriebsrat in Herne; 1932 KPD-UB-Sekr. in Rheine; ab 1932 Abg. des Preuß. Landtags; ab Aug. 1932 Sekr. der KJVD-BL Ruhr u. Mitgl. des ZK des KJVD; ab Mai 1933 Sekr. im ZK des illeg. KJVD; Febr. 1934 verhaftet, U-Haft in Berliner Gefängnissen, gefoltert; 1935 vom VGH zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wegen »Vorber. zum Hochverrat« u. schwerer Urkundenfälschung; 1935 – 44 Haft in Berlin, Münster u. Gelsenkirchen, 1940 Strafgefangenenlager Oberems, 1944/45 KZ Sachsenhausen, auf dem Todesmarsch nach Schwerin von US-Truppen befreit. 1945/46 KPD-Org.-Sekr. der KPD-BL Ruhrgeb. in Herne; 1946 – 49 im KPD-LV NRW in Düsseldorf, dort 1949 – 51 Sekr. für Prop.; Juni 1951 Verhaftung durch das MfS in Berlin, U-Haft in Berlin-Hohenschönhausen; Aug. 1952 vom LG wegen »Verbrechens u. Vergehens gegen das Kontrollratsgesetz 10« zu fünf Jahren Haft verurteilt, 1954 vorzeitig entlassen; Arbeiter im VEB Textil in Burg (b. Magdeburg) u. ab 1955 Materialverbrauchsnormer im VEB Damenbekleidungswerk Leipzig; 1956 SED; 1958 Mitarb. des Dtl.-Senders; 1963 VVO; Sommer 1968 Mitarb. des in Dresden stationierten Propaganda-Senders »Moldau«, der vor allem in die Tschechoslowakei sendete; später Rentner; gest. in Berlin.Leo, A.; Reif-Spirek, P.: Helden, Täter u. Verräter. Berlin 1999.Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Kaiser, Wolf

* 26.10.1916 – ✝ 22.10.1992

Geb. in Frankfurt (Main); Vater Gießer u. Galvaniseur; aufgew. in der Schweiz; Hilfsarb.; Studium der Physiologie; nebenbei Kellner; 1937 nach Dtl. zurückgeholt; RAD u. Wehrdienst, 1939 nach einem Sportunfall entlassen, vom Wehrdienst befreit; Schauspielunterricht; 1941 Debüt in Iglau; 1942 – 45 Schauspieler an der Berliner Volksbühne. Nach 1945 Engagements in Bayreuth, München u. Leipzig; seit 1950 am Dt. Theater, Berliner Ensemble (BE) u. an der Volksbühne in Berlin; ab 1960 im BE Bühnenrollen in  Bertolt Brechts »Dreigroschenoper« (R:  Erich Engel), »Die Tage der Commune« (R:  Manfred Wekwerth, Jochen Tenschert), »Coriolan« u. a.; ab 1969 Mitgl. des Schauspielensembles des DFF; Film- u. Fernsehrollen in »Kabale u. Liebe«, »Thomas Müntzer«, »Die Geduld der Kühnen« (TV-Serie von  Benito Wogatzki, R:  Lothar Bellag, 1969), »Ich – Axel Caesar Springer« (R: Helmut Krätzig, TV), »Casanova auf Schloß Dux« (TV) u. a.; 1984 Gastspiele in Schwäbisch-Hall, Chur u. Bad Hersfeld; 1965 NP, 1967 u. 1968 NP (im Koll.); 1977 u. 1981 VVO; über 25 Jahre Präs. des Klubs der Gewerkschaft Kunst »Die Möwe« in Berlin; Suizid in Berlin.Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Kalex, Johanna

* 8.7.1964

Geb. in Dresden; Mutter Chemielaborantin, Vater Lehrer; POS in Dresden; Besuch der Jungen Gemeinde der Erlöser-Andreas-Kirche in Dresden-Striessen; 1981 nach polit. Konflikten Abbruch der Ausbildung zur Unterstufenlehrerin; 1981 / 82 Hilfspflegerin u. anschl. Ausbildung zur Krankenschwester im Friedrichstädter Krankenhaus Dresden, 1982 Exmatrikulation nach Protest gegen die vormilitär. Ausbildung; zählte zunächst zur Dresdner Hippieszene, rief in einem Flugblatt unter dem Eindruck der Ereignisse in Polen zum 13.2. 1982, dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens, dazu auf, sich mit Kerzen vor der Ruine der Frauenkirche zu versammeln u. gegen die Militarisierung der DDR-Gesell. zu protestieren, vom MfS festgenommen u. verhört; Engagement in der Friedensarbeit in versch. Dresdner Kirchgemeinden, 1982 Mitbegr. eines Friedenskreises, der u. a. Friedenswerkstätten in der Weinbergs-, Petri- u. der Matthäusgemeinde veranstaltete; Mitarbeit an Wanderausstellungen über die Militarisierung des Bildungswesens in der DDR, an einem Hörspiel u. Vorträgen zur Militarisierung sowie zur Neonaziszene in Dresden; ab 1985 orientierte sich die Gruppe zunehmend anarchistisch, erklärte ihre Unabhängigkeit von der Kirche u. organisierte sich unter dem Namen »Wolfspelz« (in Anlehnung an die Äußerung von Bischof  Johannes Hempel, sie seien Wölfe im Schafspelz) in die Untergruppen Anti-Nazi-Liga, Menschenrechte u. Ökologie, die sich hauptsächl. in K.s Wohnung trafen; 1985 Protestbrief gegen den undemokrat. Charakter der Volkskammerwahl, Verteilung von Flugblättern am Rande des Olof-Palme-Marsches in Dresden, 1988 / 89 Proteste gegen den Bau des Reinsiliziumwerks Gittersee bei Dresden u. 1989 gegen das Massaker in Peking; Hrsg. der Samizdat-Ztschr. »Die Ahnungslosen«; 5.12. 1989 Beteiligung an der Besetzung der MfS-BV Dresden; 19.12.1989 Flugblätter u. Graffitis gegen den Besuch von Helmut Kohl in Dresden. Nach 1990 Betreiberin der Szene-Kneipe »Trotzdem« in Dresden-Neustadt; Engagement in der Initiative »Mensch braucht Toleranz«; lebt in Dresden.Kowalczuk, I.-S., Sello, T. (Hrsg.): Für eine freies Land mit freien Menschen. Opposition u. Widerstand in Biographien u. Fotos. Berlin 2006.Christian Halbrock; Jg. 1963; ab 1993 Studium der Neueren/Neuesten Geschichte, Mittelalterlichen Geschichte und Europäischen Ethnologie an der HU Berlin, 2003 Promotion; seitdem wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Forschung bei der BStU in Berlin.

Wer war wer in DDR

Kaminsky, Horst

* 20.3.1927

Geb. in Markranstädt (b. Leipzig); Volksschule; Wehrmacht; 1944 NSDAP. Nach 1945 Ausbildung zum Industriekfm.; Studium der Wirtschaft u. Rechtswiss. an der HU Berlin, Dipl.-Wirtsch.; Hauptbuchhalter in verschiedenen VEB; 1953/54 Ltr. des VEB Askania in Teterow; Mitarb. einer VVB; Ltr. der HA Buchhaltung u. Revision im Min. für Allg. Maschinenbau; Mitarb. der SPK u. im VWR; 1964 – 74 Staatssekr. u. 1. stellv. Min. für Finanzen; 1974 – 90 Präs. der Staatsbank (Nachf. von  Margarete Wittkowski); Abg. der Volkskammer; ab 19.12.1974 von Gesetzes wegen Mitgl. des Min.-Rats u. Vors. des Vorst. der SDAG Wismut; 1977 VVO.Preise u. Finanzen im neuen ökon. System. Berlin 1965; Das Finanzwesen im ökon. System u. Grundprobleme seiner weiteren Entw. Berlin 1968. Karlsch, R.: Uran für Moskau. Berlin 2007.Helmut Müller-Enbergs

Handbuch Deutsche Kommunisten

Kanehl, Oskar

* 5.10.1888 – ✝ 28.5.1929

Geboren am 5. Oktober 1888 in Berlin. Der Sohn eines Lehrers studierte in Berlin und Greifswald Sprachen und Philosophie, promovierte über Goethe im Urteil des Jungen Deutschland. Er gab 1912/13 den »Wiecker Boten« heraus, eine wichtige frühexpressionistische Zeitschrift. Als scharfer Kriegsgegner wurde er in der Weimarer Republik ein bekannter linksradikaler Dichter und Politiker (war u. a. in der AAU-E und dann im »Spartakusbund II« aktiv). Schon ab 1913 veröffentlichte er in der »Aktion« von Franz Pfemfert. Nachgedruckt wurden seine Antikriegsdichtungen 1922 unter dem Titel »Die Schande«, den Umschlag zeichnete George Grosz. Kanehls aufrührerischer Gedichtband »Die Straße frei« wurde 1924 verboten. Seine radikalen, oft zur Gewalt aufrufenden revolutionären Arbeiten wurden (ebenso wie seine politischen Artikel, etwa gegen Otto Rühle) immer wieder in Pfemferts »Aktion« publiziert. Bemerkenswert z. B., daß dort im November 1919 expressionistische Verse von ihm endeten: »Wacher, wilder, roter Freudenrausch. Revolution.« Im gleichen Heft beendete hingegen Johannes R. Becher, der damals ebenfalls noch für die »Aktion« schrieb, sein Gedicht »Weltrevolution« mit: »Taifun und Lawa – Christus – und winkt! und winkt!!« Oskar Kanehl starb am 28. Mai 1929 nach dem Sturz aus seinem Wohnungsfenster. Grabreden für ihren Freund hielten Erich Mühsam und Franz Pfemfert, der betonte: »Ja, er hat nie mit dem Feinde parliert, sondern ihm im Namen des Proletariats offen zugerufen: Wer nicht für uns ist, ist uns zuwider... Tritt ab und stirb, verkrachte Bourgeoisie.«

Handbuch Deutsche Kommunisten

Kant, Fritz

* 12.5.1896 – ✝ 30.12.1970

Geboren am 12. Mai 1896 in Berlin, Sohn eines Gastwirts; Lehre und Arbeit als Dreher und Uhrmacher. Von 1915 bis 1918 Soldat im Weltkrieg, schloß sich dem Spartakusbund an, seit Gründung KPD-Mitglied, war von 1919 bis 1922 Polleiter des UB Berlin-Spandau. Im März 1921 Mitarbeiter im Sekretariat des ZA der KPD, vornehmlich mit illegalen Aufgaben betraut. Ab August 1921 Bezirkssekretär in der BL Hessen-Frankfurt und im Januar 1922 der BL Thüringen. Im Mai 1923 wurde er Orgleiter im Bezirk Halle-Merseburg, von Oktober 1923 bis März 1925 Mitarbeiter im Apparat der Zentrale in Berlin, 1925/26 Leiter der Orgabteilung des RFB. Anschließend war Kant Sekretär für verschiedene UB in der Provinz Brandenburg. Ab März 1930 Bezirkssekretär der Roten Hilfe im Ruhrgebiet, danach Leiter der RHD im Bezirk Mitteldeutschland. Im Juni 1933 in Nordhausen verhaftet, saß er bis 1934 im KZ Lichtenburg. Nach der Freilassung bekam er (durch Vermittlung von Wilhelm Leuschner) Arbeit als Tankwart in einer Großgarage in Berlin-Halensee, dann war er Chauffeur und Geschäftsführer eines Restaurants. Er mußte von August bis Dezember 1939 zur Wehrmacht, wurde ab 1941 Einkäufer bei einer Luftfahrtgesellschaft und hielt Kontakt zur Widerstandsgruppe von Wilhelm Leuschner. Kant wurde 1945 Leiter der Antifa in Siemensstadt, 1946 Sekretär der KPD Berlin-Spandau, dort Bezirksvorsteher im Bezirksamt. Bis zu seiner Suspendierung im Oktober 1948 (Spaltung des Magistrats) war er Bezirksrat für Arbeit und Leiter des Arbeitsamtes Spandau und gehörte bis 1950 der SED-KL an, später Landessekretär des Kulturbundes Berlin und Verwaltungsdirektor der Volksbühne Ost-Berlin. Von 1955 bis 1957 leitete er den VEB Berliner Filmtheater und von 1957 bis 1960 war er Abteilungsleiter beim Staatlichen Komitee für Rundfunk der DDR. Er erhielt 1959 den VVO in Bronze. Fritz Kant starb am 30. Dezember 1970 in Ost-Berlin.

Wer war wer in DDR

Karau, Gisela

* 28.3.1932 – ✝ 9.4.2010

Geb. in einer Berliner Arbeiterfamilie; 1938 – 50 OS, Abitur am Pestalozzi-Lyzeum in Berlin; 1950 – 54 Redakteurausb. bei der »BZ am Abend«; seit 1954 freiberufl. Journalistin u. Schriftst. (Kinderbücher, Drehbücher); 1952 – 90 VdJ; 1963 – 89 SED; 1975 – 90 Mitgl. des SV; 1980 – 90 stellv. Vors. im Bez.-Verb. Berlin des SV; 1979 VVO; 1980 Kunstpreis des FDGB; 1980 – 84 Mitgl. der Stadtverordnetenvers. Berlin; bis März 1990 Kolumnistin der »BZ am Abend«. 1994 Autorenstipendium der Stiftung Preuß. Seehandlung; weiterhin Veröff. von Romanen (u. a. »Buschzulage« 1996; »Go West. Go Ost« 1998), Kinderbüchern (u. a. »Bolle, der freundliche Hund« 1994) u. zeitgeschichtl. Abhandlungen (u. a. »Gauck-Opfer« 1995); gest. in Berlin.Der gute Stern des Janusz K. Berlin 1972; Dann werde ich ein Kranich sein. Berlin 1975; Darf ich Wilhelm zu Dir sagen. Berlin 1979; Stasi-Protokolle. Gespräche mit ehem. Mitarb. des MfS. Frankfurt (Main) 1992; Grenzerprotokolle. Gespräche mit ehem. DDR-Offz. Frankfurt (Main) 1992; Die »Affäre« Heinrich Fink. Berlin 1992; Der Kugelfisch oder wie man einen Vater erzieht. Hamburg 2004; Franzi, ganz cool. Eine Liebesgeschichte. Hamburg 2005.Bernd-Rainer Barth / Andreas Kölling

Handbuch Deutsche Kommunisten

Karl, Georg

* 21.7.1882 – ✝ 16.1.1964

Geboren am 21. Juli 1882 in München; lernte Mechaniker, trat vor dem Weltkrieg der SPD bei. Im Juli 1918 Übersiedlung nach Nürnberg. Dort Mitglied der USPD, Delegierter auf dem Vereinigungsparteitag mit der KPD 1920. 1923 Parteisekretär der nordbayerischen KPD. Im Oktober 1923 in »Schutzhaft« genommen; im Mai 1924 wieder freigelassen, übernahm Karl die Orgleitung der KPD in Nordbayern, wurde aber schon 1925 wieder für einige Zeit inhaftiert. Im Mai 1927 rückte er für Joseph Götz in den Bayerischen Landtag nach, dem er bis 1928 angehörte. Nachdem er in verschiedenen Funktionen tätig war, wurde Georg Karl Anfang 1928 nochmals vorübergehend Orgleiter in Bayern. Danach schied er aus dem hauptamtlichen Funktionärskorps aus und trat politisch wenig hervor. Nach 1933 saß Karl längere Zeit im KZ Dachau. 1945 schloß er sich wieder der KPD an, übte aber keine Funktionen mehr aus und trennte sich 1949 von der Partei. In Nürnberg hatte er sich eine Existenz als Kartoffel- und Lebensmittelgroßhändler geschaffen. Georg Karl starb am 16.Januar 1964 in Nürnberg.

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Jurr, Werner

* 20.9.1906 – ✝ 14.4.1947

Geboren am 20. September 1906 in Berlin, Sohn eines Schneidermeisters, hatte neun Geschwister. Klempnerlehre, 1922 Mitglied der Sozialistischen Proletarierjugend, 1923 der Kommunistischen Jugend (der auch mehrere Brüder und seine Schwester angehörten) und 1924 der KPD. Auf dem 9. Reichskongreß im Herbst 1925 in Halle ins ZK des KJVD gewählt, wurde Jurr Ende 1925 Gauführer der Roten Jungfront Berlin-Brandenburg und Mitte 1927 Vorsitzender der Roten Jungfront für das ganze Reich, hauptamtlicher Sekretär. 1928 Kursant eines Lehrgangs in der Sowjetunion. Anfang 1929 wandte er sich öffentlich gegen die Korruptionsmethoden im RFB und wurde wegen dieser Kritik am 15. März 1929 aus der KPD sowie aus dem RFB und der Kommunistischen Jugend ausgeschlossen. Übertritt zur KPO und Führer der Kommunistischen Jugend-Opposition. Im Januar 1930 aufgrund eines Artikels, den er noch in seiner KPD-Zeit geschrieben hatte, zu einem Jahr Festung verurteilt. Die KPD und die Rote Hilfe verschwiegen diese Tatsache und unterstützten ihn nicht. Während der Haft in Gollnow bekam er Verbindung zu Richard Scheringer. Nach der Entlassung näherte sich Jurr mit Albert Schreiner wieder der KPD an und trat Ende 1932 erneut in die Partei ein. Er wurde hauptamtlicher RHD-Funktionär und arbeitete als Instrukteur der Zentralleitung bzw. als Orgleiter der RHD Berlin-Brandenburg. Von November 1933 bis Februar 1934 illegale Arbeit als RHD-Instrukteur in Stuttgart, dort am 2.Februar 1934 verhaftet und im September 1934 vom VGH zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Zuchthaus Brandenburg, anschließend bis April 1939 im KZ inhaftiert. Nach Kriegsausbruch wurde Jurr erneut festgenommen und bis 1940 in das KZ Sachsenhausen gebracht. Danach arbeitete er als technischer Angestellter und gehörte zur Widerstandsgruppe um Anton Saefkow. Im Juni 1943 zum Strafbataillon 999 eingezogen und nach Griechenland verschickt, dort nach dem 20. Juli 1944 wieder verhaftet. Vom VGH zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. 1945 schwerkrank aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit, schloß er sich wieder der KPD bzw. SED an. Zunächst stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Berlin-Schöneberg, dann ab Sommer Leiter der Personalabteilung der Zentralverwaltung für Inneres. Jurr, der wegen seiner schweren Krebserkrankung im Frühjahr 1947 zu einem Kuraufenthalt im Schwarzwald weilte, hatte die Absicht, in die Schweiz zu reisen. Er wurde aber am 14. April 1947 in der Nähe Stuttgarts von der amerikanischen Geheimpolizei CIC wegen eines angeblich nicht mehr gültigen Visums verhaftet, nach 14 Tagen jedoch wieder freigelassen. Jurr wurde vorgeworfen, er sei ein internationaler Agent des Kommunismus, der mit Sonderaufträgen in die Schweiz gehen wollte. Werner Jurr starb am 6.Dezember 1947 in Berlin an Magenkrebs. Seine ehemalige Frau, Herta Jurr-Tempi, geb. Sommerfeld, (* 1907), wurde wegen der Verbindung zu Field mehrfach angegriffen. Sie lebte in Frankreich und wurde aus der KP Frankreich ausgeschlossen. Sein Bruder Gerhard Jurr (* 1. 7. 1905 – †29.11. 1971) war ab 1931 Branchenleiter der Post- und Telegraphenarbeiter in der RGO Berlin bzw. 1932 RGO-Reichsleiter für diese Branche. 1934/35 Kursant an der Internationalen Leninschule in Moskau. Gerhard Jurr wurde am 11.Mai 1936 verhaftet und Ende Dezember 1936 vom VGH zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1945/46 Sekretär der KPD bzw. SED Berlin-Schöneberg. Am 25. Februar 1946 von US-Militärbehörden verhaftet, mit fünf Jahren Gefängnis bestraft, aber bereits am 1. Juni 1946 durch General Clay entlassen. Später Personalleiter bzw. Kaderleiter verschiedener Institutionen in der SBZ/DDR. Er erhielt am 7. Mai 1955 vom Ostberliner Magistrat die Ehrenbürgerschaft und 1970 den VVO in Gold.

Wer war wer in DDR

Just, Helmut

* 2.7.1933 – ✝ 30.12.1952

Geb. in Berlin als Sohn eines Arbeiters; 1940 – 49 Volksschule; 1949 – 52 Lehre als Maler im VEB Ausbau Berlin-Pankow; Sommer 1952 VP-Angeh. in Berlin; FDJ; am 30.12.1952 während des Grenzdienstes an der Behm-Brücke in Berlin-Prenzlauer Berg von zwei West-Berlinern aus nächster Nähe erschossen; posthum Ehrung durch Namensgebung für Straßen, Stadien, Klubhäuser, Schulen u. Produktionsgenossenschaften in der DDR. Nach 1990 wurde das Denkmal für ihn in Berlin abgebaut, die Ehrennamen sind teilweise erhalten geblieben.Christoph Links

Wer war wer in DDR

Kahane, Max Leon

* 31.1.1910 – ✝ 21.8.2004

Geb. in Hannover in einer jüd. Familie aus der Gegend von Lemberg; Vater Kfm.; ab 1911 in Berlin aufgew.; Volksschule; 1925 KJVD; Lehre als Goldschmied; Abitur am Karl-Marx-Gym.; 1931 Studium der Rechtswiss. an der Berliner Univ.; 1932 KPD; illeg. polit. Arbeit; Juli 1933 Ausschluß vom Studium; 1933 Emigr. in die ČSR (Prag); Jan. 1938 – Febr. 1939 auf Seiten der Interbrigaden Teiln. am span. Bürgerkrieg, Soldat der 14. D.C.A.; interniert in versch. Lagern in Frankreich (u. a. Gurs, le Vernet), 1942 Flucht aus dem Deportationslager Valery August, erneut Lager u. Flucht aus Uriage; illeg. Arbeit in Marseille; 1944 als commissaire aux effectifs der Region Bouche du Rhône im Grade eines Capitaines bei der MOI, später FFI; 1944/45 Beauftr. des NKFD für den Westen (CALPO) in dt. Kriegsgefangenenlagern. Juni 1945 Rückkehr nach Berlin; Tätigkeit als Journalist; Mitarb. des SNB in Berlin-Weißensee; als Berichterstatter beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß; ab 1946 Mitbegr. u. Chefred. des ADN; 1948 kurzz. ADN-Korresp. in Prag; 1950 stellv. Dir. von ADN; 1952 im Kontext des Slánsky-Prozesses wg. Kontakten zu Otto Katz denunziert u. abgelöst; 1952/53 PHS; 1953 – 55 Mitgl. des VDP-Vorst.; 1955 – 57 stellv. Chefred. »Berliner Ztg.«; 1957 – 64 Korrespondent des »Neuen Dtl.« in Indien u. Brasilien; 1965 – 68 Chefkommentator des »Neuen Dtl.«; 1968 – 80 Chefkommentator der außenpol. Wochenztg. »horizont«; 1970 VVO; 1987 Rentner, gest. in Berlin.M. K. wird Chef des ADN. In: Zeitungs-Verlag (1950) 17/18; Minholz, M.; Stirnberg, U.: Der Allgem. Dt. Nachrichtendienst (ADN). München 1995.Anette Leo / Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Kahn, Siegbert (Sieke)

* 23.9.1909 – ✝ 15.10.1976

Geb. in Berlin in einer jüd. Familie; Vater Angest.; Volksschule, OS in Berlin; 1925 – 29 Ausbildung zum Goldschmied in Berlin; 1926 KJVD; 1928 KPD; ab 1929 Mitarb. im M-Apparat der KPD; 1929 Funktionär der Roten Jungfront des Bez. Berlin; 1929 – 31 Schlosser u. Transportarb. in Berlin; 1930 – 32 Funktionär des KJVD Berlin, 1932 Mitgl. der BL, zuständig für Polizeizersetzung (Ref. 63); 1931/32 Arbeiter bei einem Anzeigen-Verlag in Berlin; 1932/33 Bote der sowj. Derop AG; ab 1933 illeg. Arbeit für den techn. KPD-Reichsapparat; 1933 mehrmals verhaftet, Nov. 1933 wegen »Vorber. zum Hochverrat« zu 31 Mon. Haftstrafe verurteilt, 1934 – 36 Zuchthaus Brandenb.-Görden; 1936 – 38 Vervielfältiger bei der Jüd. Gemeinde bzw. der Jüd. Winterhilfe Berlin; Kontakte zur Bildung einer illeg. Widerstandsgr. (mit  Hans Fruck); 1938 Emigr. in die ČSR (Prag); Mitarb. beim Jüd. Flüchtlingskomitee; KPD-Kaderschule in Prag; Mitbegr. der FDJ in der ČSR, dann deren 2. Vors.; 1939 über Schweden Emigr. nach England; dort KPD-Org.-Ltr. in London; Mithrsg. der Zeitschrift »Inside Nazi Germany«; 1939 – 46 Mitgl. der Gesamtltg. der KPD-Auslandsorg. in Großbritannien; 1943 – 45 Mitgl. der BFD; 1940/41 auf der Isle of Man interniert; 1942 – 44 Pol.-Sekr. der KPD in Großbritannien. Aug. 1946 Rückkehr nach Dtl.; KPD/SED; persönl. Ref. des Präs. der Dt. ZV der Brennstoffindustrie,  Gustav Sobottka; 1947/48 Hauptref. der Abt. Wirtschaft des ZS der SED; 1949 Ltr. der Presseabt. der DWK; ab Mai 1949 Aufbau des Dt. Wirtschaftsinst. (mit  Jürgen Kuczynski); 1949 – 65 Dir. des Dt. Wirtschaftsinst.; 1952 Prof. für Pol. Ökon.; ab 1963 Mitgl. der Westkommission beim PB des ZK der SED; 1965 Rentner; freiberufl. Publizist für die »Weltbühne«; 1951 NP; 1969 VVO; gest. in Berlin. Verf. von Untersuchungen über den amerik. u. engl. Imp., zur wirtschaftl. Entw. der Bundesrep. Dtl. u. zahlr. interner Gutachten über die Bundesrep. Dtl.Antisemitismus u. Rassenhetze. Berlin 1948; Struktur u. Entw. der Wirtschaft in Westdtl. seit dem Zweiten Weltkrieg. Berlin 1956. Hartewig, K.: Zurückgekehrt. Köln, Weimar 2000.Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Kaiser, Hans

* 19.2.1919 – ✝ 25.7.1998

Geb. in Magdeburg; Vater Arbeiter; Volksschule; Lehre u. Arbeit als Mechaniker; 1937 RAD, 1938 – 45 Wehrmacht. 1945 – 47 Mechaniker; 1946 SED; 1947/48 ABF an der TH Dresden; 1948 – 51 Studium der Berufspädagogik, Fachrichtung Maschinenbau; 1951 – 59 wiss. Assistent an der TH Dresden, 1954 Prom. zum Dr. paed.; 1958 Habil., Dr. paed. habil.; 1955 – 59 Doz. für Berufspädagogik an der TH Dresden, 1959 Prof.; 1959 – 61 Dir. des DPZI; 1961 – 70 stellv. Min. für Volksbildung; 1969 VVO; 1970 – 85 Vizepräs. der APW.Andreas Herbst

Handbuch Deutsche Kommunisten

Kaiser, Ewald

* 23.5.1905 – ✝ 10.12.1992

Geboren am 23. Mai 1905 in Dessau, Sohn eines Buchbinders; nach der Mittelschule Schriftsetzerlehre, Bote und Bürohilfe, Wanderschaft durch halb Europa, 1926 kam er ins Ruhrgebiet, dort Bergmann, ab 1928 Müllfahrer in Herne. 1920 Mitglied der Kommunistischen Jugend, 1923 der KPD. Leiter des KJVD in Bochum, Mitglied der KJVD- und der KPD-BL Ruhrgebiet, 1932 UB-Sekretär der KPD in Rheine. Im April 1932 in den Preußischen Landtag gewählt, im August 1932 Sekretär des KJVD Ruhrgebiet. Kaiser wurde im April 1933 Leiter der KJVD-Inlandsleitung, am 17. Februar 1934 in Berlin verhaftet. Da er bei seiner Festnahme geheimes Material bei sich hatte, wurde er von der Gestapo massiv unter Druck gesetzt. Er mußte Karl Schirdewan (Mitglied des sogenannten Dreierkopfes der KJVD-Inlandsleitung) zu einem Treffen zum Hamburger Hauptbahnhof bestellen, wo dieser von der Gestapo festgenommen wurde. Am 10.Mai 1935 wurde Kaiser vom VGH zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, danach im KZ Sachsenhausen. Nach der Befreiung wurde Kaiser einer internen Untersuchung durch das ZK unterzogen. Ins Ruhrgebiet geschickt, übernahm er die Kaderarbeit der KPD-BL Ruhr, ab 1946 Orgsekretär bzw. Propagandasekretär der Landesleitung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Von 1946 bis 1951 war Kaiser MdL von Nordrhein-Westfalen, 1947/48 Landtags-Vizepräsident. Ende der vierziger Jahre geriet er in die Mühlen der stalinistischen Säuberungen. In der Parteipresse wurde er des Titoismus bezichtigt, da er die Verurteilung der KP Jugoslawiens durch die Sowjetunion kritisierte. Angeblich soll er enge Kontakte zu Vertretern der jugoslawischen Militärmission in Düsseldorf gehabt haben. Im Mai 1951 in die DDR beordert, dort am 6. Juni 1951 festgenommen, er kam in Untersuchungshaft. Im August 1952 wurde Ewald Kaiser vom Landgericht Greifswald wegen »Verstoßes gegen das Kontrollratsgesetz 10, Direktive 38« zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, bis September 1954 im Zuchthaus Brandenburg, danach Arbeiter im VEB Textil in Burg, später Haupttechnologe im VEB Damenbekleidungswerk Leipzig. Kaisers Antrag auf Wiederaufnahme in die SED wurde von der ZPKK im Juni 1956 stattgegeben, außerdem seine Strafe aus dem Register getilgt. Ab November 1958 Redakteur am Deutschlandsender und später in der Agitations- und Westarbeit des ZK tätig, 1968/69 war er zum Prager Rundfunk delegiert, um von dort aus die deutschsprachigen Sendungen in die Bundesrepublik zu leiten. Ewald Kaiser starb am 10.Dezember 1992. Annette Leo veröffentlichte 1999 eine biographische Skizze über ihn.

dissidenten.eu

Kalniņš, Viktors

* 1938 – ✝ 2001

Journalist, Mitglied der Baltischen Föderation, politischer Häftling.Viktors Kalniņš stammt aus einer Familie lettischer Kommunisten, die in der Zwischenkriegszeit in die Sowjetunion emigriert war. Er wurde 1938 in Istanbul geboren, wo seine Mutter in der sowjetischen Botschaft arbeitete. Nach der Rückkehr in die UdSSR wohnte die Familie in Moskau. 1960 schloss Kalniņš sein Studium der Geschichte und Philosophie am Moskauer Pädagogischen Institut ab. Bereits an der Universität hatte er sich 1956–58 in einem Zirkel junger Marxisten engagiert und Kontakte zu unabhängig denkenden Studierenden aus den baltischen Republiken geknüpft. Nach dem Studium zog er nach Riga, wo er als Journalist arbeitete. Dort fand er Anschluss an die Baltische Föderation, deren Anliegen es war, den Bürgerrechtlern aus Estland, Lettland und Litauen ein gemeinsames Forum zu bieten. Die Mitglieder dieser Organisation wollten einen gemeinsamen Handlungsplan erarbeiten, der sich gegen die sowjetische Okkupation richtete und einen Austritt der baltischen Länder aus der Sowjetunion zum Ziel hatte. Da Estland, Lettland und Litauen ein gemeinsames Schicksal teilten, müsse man die Grundlagen für eine künftige Zusammenarbeit legen, so lautete deren Credo. Am 18. April 1962 wurde Kalniņš verhaftet. Im Frühjahr desselben Jahres kamen sieben weitere Aktivisten der Baltische Föderation ins Gefängnis. Kalniņšs Prozess dauerte vom 30. November bis zum 28. Dezember 1962, die Anklage wurde nach den Artikeln 59, 65 (Paragraf 1) und 67 Strafgesetzbuch der Lettischen SSR (siehe *Artikel 70 Strafgesetzbuch der RSFSR und *Artikel 72 Strafgesetzbuch der RSFSR) erhoben. Das Oberste Gericht der Lettischen SSR verurteilte ihn zu zehn Jahren Freiheitsentzug. Seine Strafe verbüßte er in den *mordwinischen Lagern, wo er sich gemeinsam mit Juli Daniel, Alexander Ginsburg und Juri Galanskow aktiv an Protestaktionen gegen die Willkür der Lagerleitung beteiligte. Kalniņš gab im Lager Englischstunden und hielt für die politischen Gefangenen aus den baltischen Ländern Vorlesungen über lettische Geschichte. Nach seiner Entlassung kehrte Kalniņš nach Lettland zurück, wo er zunächst ein Jahr lang unter behördlicher Aufsicht in dem Dorf Kaive wohnte. 1973 zog er nach Riga, wo er in ständigem Kontakt mit anderen ehemaligen politischen Häftlingen aus Estland, Lettland, Litauen und Russland stand. Der KGB observierte ihn unablässig, durchsuchte mehrfach seine Wohnung, verhörte ihn. 1977/78 wurde auch Kalniņš im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Viktoras Petkus und Alexander Ginsburg verhört und seine Aussagen in den Prozessen gegen die beiden Dissidenten verwendet. Ende 1977 erhielt Kalniņš die Ausreiseerlaubnis aus der Sowjetunion. Laut der *„Chronik der laufenden Ereignisse“ zog er im April 1978 seine zuvor gemachten Aussagen zurück – zumindest die, die sich auf Alexander Ginsburg bezogen hatten. Im Juni 1978 verließ Kalniņš Lettland und ließ sich in den USA nieder. Er arbeitete fortan in der lettischen Redaktion des Senders *Radio Freies Europa und schrieb für verschiedene Zeitschriften, darunter sowohl amerikanische als auch lettische und russische Emigrantenzeitschriften. Aus seiner Feder stammten mehr als 1.500 politische Beiträge: Unter anderem war er Autor der auf Russisch verfassten Broschüre „Pakt Molotowa-Ribbentropa i jego posledstvija“ (Der *Hitler-Stalin-Pakt und dessen Folgen). In den USA, in Kanada, Australien und Europa hielt er Vorträge über die Situation in den baltischen Ländern und informierte die Öffentlichkeit über das sowjetische Repressionssystem. Nach dem Ende der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Lettlands kehrte Kalniņš 1994 mit seiner Frau in seine Heimat zurück. Viktors Kalniņš starb 2001 in Riga.Biruta Eglite Aus dem Polnischen von Gero Lietz Letzte Aktualisierung 08/17

Wer war wer in DDR

Kämmerer, Wilhelm

* 23.7.1905 – ✝ 15.8.1994

Geb. in Büdingen (Oberhessen); 1923 – 27 Studium der Mathematik u. Physik an den Univ. Gießen u. Göttingen; 1927 wiss. St.-Ex. u. Prom. mit einer Arbeit aus der Algebra in Gießen; 1929 pädagog. St.-Ex.; ab 1930 im höheren Schuldienst in Naumburg (Saale) tätig; 1943 Zeiss-Werke Jena. 1945 zu Reparationsarbeiten herangezogen; 1946 – 53 in der UdSSR; 1954 – 62 wiederum bei Zeiss, Entwicklungsgr. für Datenverarbeitungsanlagen; 1955 NP; 1958 Habil. an der FSU Jena; 1960 Prof. für Kybernetik; 1962 – 70 am ZI für Kybernetik u. Informationsprozesse der DAW, Emeritierung; 1991 Konrad-Zuse-Medaille. W. K. war wesentl. beteiligt an der Entw. des ersten programmgesteuerten Rechenautomaten OPREMA (OPtik REchenMAschine) der DDR im VEB Carl Zeiss Jena (ab Dez. 1954 Probebetrieb, Aug. 1955 Anlage in Betrieb), desgleichen an der Entw. des Digitalrechners ZRA 1 (»Zeiss RechenAutomat«) 1956 – 61, des ersten bei Zeiss in Serie hergestellten Rechenautomaten, einzuordnen zw. den Rechnern der 1. u. 2. Generation; weitere Entwicklungsarbeiten in Jena abgebrochen; Verf. mehrerer Bücher über Rechenautomaten u. mathemat. Methoden der Kybernetik.Die trilineare alternierende homogene Form in acht Veränderungen. Gießen 1927; Einführung in mathematische Methoden der Kybernetik. Berlin 1971; Digitale Automaten. Berlin 1973.Annette Vogt

Wer war wer in DDR

Kania, Karin

* 20.6.1961

Geb. in Dresden; Mutter Lehrerin, Vater Ing.; ab 1965 zunächst Eiskunstläuferin, 1977 Teiln. an den Europameisterschaften; KJS in Dresden; Febr. 1978 Wechsel zum Eisschnellauf beim SC Einheit Dresden (Trainer:  Rainer Mundt); 1980 Sprint-WM; 1980 Olymp. Spiele: Siegerin (500 m); 1981 Sprint-WM, 2. Platz (Mehrkampf); 1982 WM (Mehrkampf), Vize-WM (Sprint); 1983 Sprint-WM u. Vize-WM (Mehrkampf); 1984 Olymp. Spiele: Siegerin (1.000 m u. 1.500 m), 2. Platz (500 m u. 3.000 m); 1986 u. 1987 jeweils Sprint- und Mehrkampf-WM; 1988 Olymp. Spiele: 2. Platz (1.000 m u. 1.500 m), 3. Platz (500 m); bis 1985 Studium der Kunstgeschichte an der KMU Leipzig, abgebrochen; 1985 – 88 Erwachsenenqualifizierung zur Kosmetikerin; 1998 beendete sie ihre sportl. Laufbahn. 1991 Jacques-Favart-Trophäe der ISU (als erste Eisläuferin); verh. mit dem Fußballspieler Rudi Kania; lebt in Liegau-Augustusbad.Volker Kluge / Olaf W. Reimann

Wer war wer in DDR

Kantorowicz, Alfred

* 12.8.1899 – ✝ 27.3.1979

Geb. in Berlin in einer jüd. Fam.; Vater Kfm.; Volksschule, ab 1910 Hauslehrerschule, später Oberrealschule in Berlin; 1917/18 Militärdienst als Freiwilliger, Einsatz an der Westfront; 1919 Mitgl. einer Bürgerwehr in Berlin; 1919 Abitur; 1920 – 23 Jura- u. Germanistik-Studium in Berlin, Freiburg i. Br. u. Erlangen; 1924 in Erlangen Prom. zum Dr. jur. mit einer Diss. über die »Völkerrechtl. Grundlagen des nationaljüd. Heims in Palästina«; 1924 – 33 Kulturred. bzw. Feuilletonchef der »Westfälischen Neuesten Nachrichten« in Bielefeld (Ps. Dr. Alfred Kant); 1928/29 Korrespondent der »Vossischen Ztg.« in Paris; Lit.- u. Theaterkritiker für versch. Ztgn.; Veröff. in »Liter. Welt« u. »Die Tat«; Herbst 1931 Mitgl. der KPD, bereits zuvor für den illeg. Nachrichtenapparat der KPD tätig; Freundschaft mit  Ernst Bloch u.  Bertolt Brecht; März 1933 Emigr. nach Paris; Mitbegr. u. Gen.-Sekr. des SDS im Exil; Initiator u. Ltr. der Dt. Freiheitsbibliothek in Paris; Veröff. in »die aktion«, »Unsere Zeit«; 1934 u. 1936 Reisen nach Moskau; Dez. 1936 – April 1938 Teiln. am span. Bürgerkrieg als Offz.; Jan. – April 1937 Informationsoffz., Red. bzw. Ltr. der Interbrigadenztg. »Le Volontaire de la Liberté« (dt. Ausg.); Hrsg. der Dokumentation »Tschapajew, das Bat. der 21 Nationen« (Madrid 1938/Rudolstadt 1948); Apr. 1938 Rückkehr nach Paris; 1939 Arbeit am »Span. Tagebuch« (Berlin 1948; erw. als »Span. Kriegstagebuch«, Köln 1979); Sept. 1939 Internierung in Süd-Frankreich, u. a. in Les Milles; Juni 1940 Flucht nach Marseille, Illegalität; 1941 in die USA; Red. der Abt. Auslandsnachrichten beim Rundfunkkonzern CBS in New York; Arbeit für versch. Exilblätter u. amerikan. Ztschr. Dez. 1946 Rückkehr nach Dtl.; 1947 – 49 Hrsg. der von drei Besatzungsmächten lizensierten Ztschr. »Ost u. West«; mit Richard Drews Veröff. eines ersten Überblicks über die Lit. des Widerstands (»Verboten u. verbrannt. Dt. Lit. 12 Jahre unterdrückt. München 1947); 1949 Thematisierung der Erfahrungen von Emigranten im Sammelband »Vom moral. Gewinn der Niederlage« (Berlin); 1949 Mitgl. des PEN-Zentrums Dtl.; 1950 SED; ab Winter 1949 Prof. für neueste dt. Lit. an der HU Berlin; 1955 Dir. des Germanist. Inst.; 1950 – 57 Ltr. des Heinrich-Mann-Archivs der DAK u. Hrsg. der Ausgew. Werke Heinrich Manns (1951 – 56); Ltr. des Thomas-Mann-Archivs der DAW; 1956 Verweigerung der Unterschrift unter die Ungarn-Resolution des DSV; Aug. 1957 Flucht vor drohender Verhaftung nach Berlin (West); 1957 – 61 in München u. ab 1962 in Hamburg als Publizist tätig; trotz seiner antikommunist. Haltung wird A. K. auch in der Bundesrep. wiederholt öffentl. angegriffen; 1965 Mitgl. der Freien AdK Hamburg; 1969 Thomas-Dehler-Preis; gest. in Hamburg. Zahlr. Veröff. zum Werk der Gebrüder Mann, zur dt. Exillit. u. zum geistigen Widerstand in der DDR; die Bände »Dt. Tagebuch« (1959 u. 1961) legen subjektives Zeugnis vom Lebensgefühl in der DDR der 50er Jahre ab.Dt. Schicksale. Neue Porträts. Berlin 1949; Dt. Schicksale. Intellektuelle unter Hitler u. Stalin. Wien u. a. 1964; Exil in Frankreich. Merkwürdigkeiten u. Denkwürdigkeiten. Bremen 1971; Pol. u. Lit. im Exil. Hamburg 1978; Nachtbücher: Aufzeichnungen im frz. Exil 1935 bis 1939. Hamburg 1995. Heydorn, H. J. (Hrsg.): Wache im Niemandsland. A. K. zum 70. Geburtstag. Köln 1969; Mytze, A. W. (Hrsg.): In memoriam A. K. In Europ. Ideen (1979) 44; A. K. 100 Texte, Zeugnisse, Dokumente, Briefe, Gedichte. In: Europ. Ideen (1999) 1; McLellan, J.: The Politics of Communist Biography: A. K. and the Spanish Civil War. In: German History (2004) 4; Gruner, W.: »Ein Schicksal, das ich mit sehr vielen anderen geteilt habe«. A. K. – sein Leben u. seine Zeit von 1899 bis 1935. Kassel 2006.Bernd-Rainer Barth

Handbuch Deutsche Kommunisten

Karg, Carola Berta

* 16.10.1910 – ✝ 12.8.1985

Geboren am 16. Oktober 1910 in Wolfratshausen als neuntes Kind eines Kutschers; lernte Verkäuferin. 1926 Mitglied des KJVD und 1928 der KPD. Ab 1929 Stenotypistin in der BL Halle-Merseburg, 1931 Kursantin eines Jugendlehrgangs an der Leninschule in Moskau. Im Sommer 1932 zunächst Mitarbeiterin, im Herbst in das ZK des KJVD kooptiert. 1933 leitete sie unter dem Decknamen Klara Mathies den KJVD in Thüringen, ab Mitte Juli 1933 den illegalen KJVD in den Bezirken Baden-Pfalz und Niederrhein. Dort arbeitete sie eng mit der katholischen Widerstandsgruppe um Kaplan Joseph Rossaint zusammen. Berta Karg wurde am 31. Januar 1934 in Düsseldorf verhaftet und schwer gefoltert. Nach sechs Wochen ununterbrochener Gestapoverhöre, am ganzen Körper zerschlagen, nur noch 43 Kilo wiegend, kam sie in Untersuchungshaft. Am 25. Juni 1935 vom VGH zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Von Jauer in Schlesien nach fünfeinhalb Jahren strenger Isolierhaft in einer halbdunklen, modrigen Zelle nach Waldheim überstellt. In dieser Zeit bekannte sie sich selbst zum Katholizismus. Am 6. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit, wurde Berta Karg zunächst KPD-Funktionärin in Chemnitz und Dresden, kehrte Anfang 1946 nach Bayern zurück, hier Sekretärin für Frauenarbeit der KPD-Landesleitung. Nach parteiinternen Auseinandersetzungen über »ungeklärte Fragen« während ihrer Haftzeit schied sie 1947 aus der hauptamtlichen Parteiarbeit aus, wurde Geschäftsführerin des »Bundes christlicher Sozialisten« und dann von 1950 bis 1952 Landessekretärin der VVN Bayern. 1952 hat die KPD Berta Karg wegen angeblichen Verrats während der Haft in der NS-Zeit aus der Partei ausgeschlossen. Sie arbeitete bis 1970 als Angestellte in der Münchner Stadtverwaltung, sie war 1969 der DKP beigetreten. Berta Carola Karg erlag während eines Urlaubsaufenthaltes in der DDR am 12. August 1985 einem Herzinfarkt.

dissidenten.eu

Karpiński, Jakub

* 1940 – ✝ 2003

Soziologe, Philosoph, Historiker; verurteilt im sogenannten „Bergsteiger-Prozess“; Mitglied der Redaktion der unabhängigen Zeitschrift „Głos; Mitbegründer des Committee in Support of Solidarity und des Institute for Democracy in Eastern Europe; Pseudonyme: „Marek Tarniewski“, „Jan Nowicki“.Jakub Karpiński wurde 1940 in Warschau geboren. 1958–64 studierte er an der Warschauer Universität Philosophie und Soziologie und war Vorsitzender des Wissenschaftskreises der Soziologiestudenten. Zur gleichen Zeit nahm er an Treffen bei Maria und Stanisław Ossowski teil, bei denen Ideen von unabhängigem Denken und gesellschaftlicher Selbstverwaltung diskutiert wurden, und besuchte Veranstaltungen des *Klubs des Krummen Kreises (Klub Krzywego Koła; KKK). 1964 wurde er Assistent an der Philosophischen Fakultät der Warschauer Universität. In der zweiten Hälfte der 60er Jahre nahm er an Treffen von wissenschaftlichen Assistenten verschiedener Warschauer Hochschulen teil, die dem kommunistischen System kritisch gegenüberstanden (dabei waren unter anderen Tomasz Burek, Jan Kofman, Marcin Król, Waldemar Kuczyński, Andrzej Mencwel, Aleksander Smolar, Jadwiga Staniszkis). Auf einer Studentenversammlung 1967 bezog er kritisch Stellung zum „Offenen Brief an die Mitglieder der Partei“ (List otwarty do członków PZPR) von Jacek Kuroń und Karol Modzelewski, dem er einen trotzkistischen Ansatz unterstellte. Als während der Studentenproteste im Februar 1968 an der Warschauer Universität geradezu ein „Flugblattkrieg“ tobte, reagierte Karpiński auf Verunglimpfungen der Studenten mit dem Flugblatt „Seltsame Poeten“ (Dziwni poeci). Am 4. März fiel in seiner Wohnung die Entscheidung, am 8. März auf dem Universitätscampus eine Solidaritätskundgebung für die verfolgten und relegierten Studenten Adam Michnik und Henryk Szlajfer zu organisieren. Bis Ende *März 1968 war Karpiński Koautor von Resolutionen, die auf studentischen Protestkundgebungen verabschiedet wurden, darunter die am 11. März beschlossene Verurteilung der Milizübergriffe auf Studenten. Gemeinsam mit Andrzej Mencwel und Jadwiga Staniszkis verfasste er die „Deklaration der Studentenbewegung“ (Deklaracja ruchu studenckiego), die am 28. März auf der letzten Kundgebung in der Universität beschlossen wurde. Am 9. Mai 1968 wurde Karpiński unter dem Vorwurf, illegale Veranstaltungen an den Warschauer Hochschulen organisiert zu haben, verhaftet. Als er im Gefängnis in der Rakowiecka-Straße verhört wurde, verweigerte er jede Aussage. Nach seiner Freilassung im September 1968, wurden ihm die Rechte eines Universitätsmitarbeiters entzogen. In den folgenden Monaten beteiligte sich Karpiński daran, Informationen über den *März 1968 in den Westen zu bringen. Dort wurden sie vom Literarischen Institut (Instytut Literacki) in Paris in den Bänden „Die Märzereignisse“ (Wydarzenia marcowe) und „Polnischer Vorfrühling“ (Polskie przedwiośnie) herausgegeben. In der Pariser *„Kultura“ veröffentlichte er anonym eine Analyse der März-Ereignisse unter dem Titel „Es ging nicht um Egalitarismus“ (Nie o egalitaryzm chodziło). Außerdem schrieb er über das politische System der Volksrepublik Polen, was Grundlage des Buches „Evolution oder Revolution“ (Ewolucja czy rewolucja) wurde. Am 31. Mai 1969 wurde Karpiński erneut verhaftet und im Dezember angeklagt, in Kontakt mit Personen des von Jerzy Giedroyc geleiteten Literarischen Instituts in Paris zu stehen. Diese Einrichtung würde, so die Anklage, durch Herabwürdigung des politischen Systems und der führenden Organe der Volksrepublik die Interessen des polnischen Staates gefährden. Im sogenannten „Bergsteiger-Prozess“ stand er gemeinsam mit Maciej Kozłowski, Małgorzata Szpakowska, Krzysztof Szymborski und Maria Tworkowska vor Gericht und wurde am 24. Februar 1970 zu vier Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Durch eine Amnestie verringerte sich das Urteil auf zwei Jahre und acht Monate. Während seiner Haftzeit im oberschlesischen Strzelec Opolski arbeitete Karpiński im gefängniseigenen Betrieb für Pelzwaren. Am 19. Juni 1971 wurde er auf Bewährung entlassen.Nach seiner Haftentlassung konnte er weder an der Warschauer Universität noch an der Polnischen Akademie der Wissenschaften arbeiten. 1971–74 war er Redaktionssekretär der Vierteljahresschrift „The Polish Sociological Bulletin“ der Polnischen Soziologischen Gesellschaft. Später wirkte er an Forschungsarbeiten für das Institut für Soziologie der Universität Warschau und für die Polnische Soziologische Gesellschaft mit. Karpiński beteiligte sich an der Erstellung des Bandes „Das Gericht hat verkündet ...“ (Sąd orzekł…), das im Literarischen Institut Paris 1972 veröffentlicht wurde. Er nahm an Diskussionsveranstaltungen teil, unter anderem bei Alexander Małachowski, wo seit Frühjahr 1973 historische Vorlesungen stattfanden, sowie bei Jan Józef Lipski. Zusammen mit Jacek Kuroń und Jan Olszewski verfasste er einen Brief an den Sejm, in dem sie gegen geplante Verfassungsänderungen protestierten und die Ziele der Opposition darlegten. Das Dokument wurde als „Brief der 59“ vom Dezember 1975 bekannt. Die Verfasser und Mitunterzeichner forderten freie und demokratische Wahlen zum Sejm, das Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit, die Garantie des Streikrechts und unabhängiger Gewerkschaften, die Freiheit der Wissenschaft und die Aufhebung der Zensur. Im Juni 1976 unterschrieb Karpiński zudem eine Erklärung von 14 Intellektuellen, die sich mit den protestierenden Arbeitern solidarisierten. Karpiński war der Auffassung, dass zu den Bedingungen für wirksame Aktivitäten gegen die Diktatur gehörte, über ausführliche Kenntnisse zur politischen Wirklichkeit und den Charakter des volksdemokratischen Systems zu verfügen. Seine Analysen der kommunistischen Propaganda („Ansprache an das Volk“/Mowa do ludu, 1984) und die soziologische Beschreibung des kommunistischen Systems und seiner Veränderungen („Evolution oder Revolution“/Ewolucja czy rewolucja, 1975) dienten genau der Vertiefung dieses Wissens. Ab der Mitte der 70er Jahre erschienen Karpińskis Untersuchungen der gesellschaftlichen Konflikte in Volkspolen beim Literarischen Institut in Paris: „Kurzer Streit“ (Krótkie spięcie) über den *März 1968, „Eine Portion Freiheit“ (Porcja wolności) über den *Oktober 1956, „Das Komitee brennt“ (Płonie komitet) über die Ereignisse vom *Dezember 1970 und vom *Juni 1976 sowie „Eigenartiger Krieg“ (Dziwna wojna) über das *Kriegsrecht. Als wichtigstes Moment, um das diktatorische System zu schwächen, sah Karpiński die Selbstorganisation der Gesellschaft und das Aufrechterhalten von Forderungen nach Freiheit und Unabhängigkeit an, auch wenn diese zeitweilig als unrealistisch erscheinen mussten. Gleichzeitig unterstrich er die Notwendigkeit, den Druck auf die kommunistischen Machthaber mittels organisierter Strukturen auszuüben (wie zum Beispiel durch das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter/*KOR), um so die Einhaltung des Rechts und die Demokratisierung zu erzwingen. Karpiński gehörte der Redaktion der unabhängigen Monatsschrift „Głos“ (Stimme) seit ihrer Gründung im Oktober 1977 an. Unter dem Pseudonym „Marek Tarniewski“ veröffentlichte er dort zahlreiche programmatische Artikel, zum Beispiel „Unabhängigkeit, Solidarität, Verständigung der Bürger“ (Niezależność, solidarność, porozumienia obywateli; in Nr. 1/1977). Die Redaktionssitzungen fanden in seiner Wohnung statt. Er arbeitete auch mit der ab Januar 1977 erscheinenden unabhängigen Literatur-Vierteljahresschrift *„Zapis“ (Aufzeichnung) zusammen sowie mit der Vierteljahresschrift „Postęp“ (Fortschritt), die ab Juli 1977 herausgegeben wurde. Karpiński unterzeichnete die Gründungserklärung der *Gesellschaft für Wissenschaftliche Kurse (Towarzystwo Kursów Naukowych; TKN) vom 22. Januar 1978. Im gleichen Jahr verteidigte er seine soziologische Dissertation. Im Juni 1978 konnte er mit einer privaten Einladung aus Polen ausreisen, ging aber tatsächlich mit einem wissenschaftlichen Stipendium an die London School of Economics.1982 gründete Karpiński nicht nur das Comittee in Support of Solidarity in New York mit, das Hilfen für die polnische Opposition organisierte und Bücher über das kommunistische System herausgab, sondern auch das Institut für Demokratie in Osteuropa (Institute for Democracy in Eastern Europe; IDEE). Zudem war er Mitherausgeber der IDEE-Zeitschrift „Uncaptive Minds“. In der Emigration im Westen beschäftigte sich Karpiński wissenschaftlich mit dem kommunistischen System und der Demokratietheorie. Er gab unter anderem heraus: „Polen, Kommunismus, Opposition“ (Polska, komunizm, opozycja), „Unabhängigkeit von innen“ (Niepodległość od wewnątrz), „Jahresportraits“ (Portety lat; 1989 erschienene Nachkriegsgeschichte Polens), „Bergsteigen im Flachland“ (Taternictwo nizinne; 1988 erschienene polnische Nachkriegsgeschichte aus persönlicher Perspektive). Seine Bücher erschienen mehrfach im polnischen Samisdat. Karpiński hielt Vorlesungen an der New Yorker State University, der Columbia University und an Universitäten in Paris. Seit 1990 gehörte er dem P.E.N.-Club und dem polnischen Schriftstellerverband an. 1992 wurde er Direktor des Politischen Instituts in Warschau und Redakteur des „Biuletyn Polityczny“ (Politischen Bulletin). 1995–97 war er im Open Media Research Institute in Prag tätig und von 1997 bis zu seinem Lebensende am Institut für Soziologie der Warschauer Universität. Jakub Karpiński starb 2003 in Warschau.Błażej Brzostek Aus dem Polnischen von Markus Pieper und Wolfgang Templin Letzte Aktualisierung: 11/15

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Jürschik, Rudolf

* 15.11.1935

Geb. in Böhmisch Leipa (ČSR/Česká Lípa, Tschechien) in einer Arbeiterfamilie; 1946 Umsiedl. nach Eilsleben (Börde); Volksschule bis 1950, OS Haldensleben, 1954 Abitur; 1953 SED; 1954/55 Studium an der Univ. Rostock, Schiffbautechn. Fak.; 1955/56 Bühnenarbeiter u. Aufnahmeltr.-Assistent im VEB DEFA-Studio für Spielfilme Potsdam-Babelsberg; 1956 – 60 Studium an der Dt. HS für Filmkunst Potsdam-Babelsberg, Fachrichtung Filmprod., 1960 Dipl.; 1960 – 63 dort Assistent/Oberassistent, Lehrgebiet Ästhetik/Filmwiss.; 1963 – 66 Studium der Ges.-Wiss. an der PHS, 1966 Dipl.; 1966 – 69 Aspirantur an der PHS, Prom. zum Dr. phil. mit einer Diss. zur Spezifik der Filmkunst unter dem philosoph. Aspekt der Subjekt-Objekt-Dialektik; 1969 Berufung zum HS-Doz. für das Fachgeb. Kulturtheorie, Ästhetik u. Filmtheorie; 1974 Prof.; stellv. Lehrstuhlltr. für Kulturpol. an der PHS; Mai 1977 Berufung zum Chefdramaturgen des DEFA-Studios für Spielfilme (Nachf. von Günter Schröder); Herbst 1989 – März 1991 künstler. Ltr. Seit der Abwicklung des gesamten künstler. Bereichs des DEFA-Studios arbeitslos bzw. befristet in ABM-Projekten tätig; zahlr. Veröff. in Fachztschr. zu ästhet. u. filmwiss. Fragen.Wirklichkeit u. Filmkunst. Diss. Berlin 1970; Ästhetische Beziehungen. Berlin 1976.Peter Hoff

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Justi, Ludwig

* 14.3.1876 – ✝ 19.10.1957

Geb. in Marburg in der Familie eines Prof.; nach dem Abitur Studium der Kunstgeschichte an den Univ. Bonn u. Berlin, hier 1898 Prom.; 1900 Hilfsarb. in den Staatl. Museen in Berlin; 1901 Privatdoz. u. 1902 Habil. an der Univ. Berlin; 1903 Prof. für Kunstgeschichte an der Univ. Halle; 1904 Dir. des Städelschen Kunstinst. in Frankfurt (Main); 1905 – 09 Erster ständ. Sekr. der Preuß. AdK zu Berlin; 1909 Dir. der Nationalgalerie in Berlin, 1933 aus pol. Gründen beurlaubt u. an die Bibliothek der Staatl. Museen strafversetzt; 1933 – 45 schriftsteller. Tätigkeit. 1946 – 57 GD der Staatl. Museen Berlin; 1949 Ord. Mitgl. der DAW; 1950 Dr. h. c. der HU; NP; 1957 Ehrenmitgl. der Ernst-Barlach-Ges. in Hamburg. L. J. gilt als Mitbegr. der mod. Kunstgeschichtsschreibung; zahlr. Veröff., u. a. Kunstführer u. Museumskataloge.Die Nationalgalerie u. die mod. Kunst. 1919; Dt. Malkunst im 19. Jh. Berlin 1920; Meisterwerke der Dresdner Galerie. Berlin 1955; Leben, Wirken, Wissen. Lebenserinnerungen aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. von Th. W. Gaehtgens u. K. Winkler. Berlin 2000. Winkler, K.: L. J. – Der konservative Revolutionär. In: Junge, H. (Hrsg.): Avantgarde u. Publikum. Köln u. a. 1992; Ders.: L. J.s Konzept des Gegenwartsmuseums zwischen Avantgarde u. nat. Repräsentation. In: Rückert, C., Kuhrau, S. (Hrsg.): Die deutsche Kunst? Amsterdam 1998. JaW

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Kahlau, Heinz

* 6.2.1931 – ✝ 6.4.2012

Geb. in Drewitz (b. Potsdam); Vater Arbeiter; 1937 – 45 Volksschule; 1945 – 48 ungelernter Arbeiter (u. a. Elektriker, Holzdrechsler); 1948 Traktorist u. FDJ-Funktionär; 1948 – 50 SED, Ausschl.; ab 1950 Veröff. von Gedichten, Agit.-Prop.-Liedern u. Songs; 1953 – 56 Mstr.-Schüler  Bertolt Brechts an der DAK; 1954 erster Gedichtband »Hoffnung lebt in den Zweigen der Caiba«; ab 1956 freischaff. Schriftst. (Lyrik, Nachdichtungen, Dramatik, Funk- u. Filmautor, Prosa); H. K.s Rede gegen Dogmatismus löste im Juni 1956 auf dem 2. Kongreß Junger Künstler in Karl-Marx-Stadt heftige Kontroversen aus; im Herbst 1956 aktiv im sog. Donnerstags-Krs. (lt. MfS der »Dt. Petöfi-Club«); 1957 – 64 vom MfS als GI »Hochschulz« erf. (1990 freiw. Offenlegung); 1962 Heinrich-Greif-Preis; 1963 Heinrich-Heine-Preis; zeitw. Szenarist bei der DEFA; 1964 Kunstpreis der FDJ; 1965 Mitgl. des Dt. PEN-Zentrums Ost u. West, dann PEN-Zentrum DDR u. Dt. PEN-Zentrum (Ost); 1972 Lessing-Preis; Wiedereintritt in die SED; 1979 Verdienstorden der Arbeit des Präsidialrats der Ungar. VR; 1979 – 87 Mitgl. im Bez.-Vorst. Berlin des SV; 1981 Johannes-R.-Becher-Preis; 1984 u. 1985 NP; 1984 u. 1987 Hörspielpreis; 1987 – 90 Mitgl. im Zentralvorst. des SV; 1989 VVO. 1990 – 92 Bez.-Verordn. der PDS in Berlin-Pankow; 1991 – 93 Vorstandsmitgl. im Berliner Verband Dt. Schriftsteller; lebte seit 2006 auf der Insel Usedom; gest. in Greifswald. H. K. gehörte – auch wegen seiner staatl. geförderten Präsenz – zu den meistgelesenen Lyrikern der DDR; anfängl. v. a. pol. Gebrauchslyriker, fand er seit Mitte der 60er Jahre zu einem lakon., subjektiv-privaten (Liebeslyrik) u. subjektiv-pol. Ton; erfolgr. Kindertheaterautor u. Nachdichter.Der Fluß der Dinge. Ausgew. Gedichte. Berlin, Weimar 1964; Du. Berlin, Weimar 1970; Galoschenoper. Berlin 1978; Bögen. Ausgew. Gedichte. Berlin 1981; Kaspers Waage. Ausgew. Gedichte. Berlin 1992; Zweisam. Berlin 1999; Sämtl. Gedichte u. andere Werke (1950 – 2005). Hrsg. von L. Gömer. Berlin 2005. Matthies, F.-W.: Porträt H. K. In: Frankfurter Rundschau 2.12.1989.Andreas Kölling

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Kain, Hans

* 30.6.1887 – ✝ 1926

Geboren am 30. Juni 1887 in München; Schriftsetzer, vor dem Krieg in der Gewerkschaft tätig und Mitglied der SPD. Aktiver Kriegsgegner in München, hatte im Weltkrieg Verbindung zu den Bremer Linksradikalen. Im Dezember 1918 war Kain Gründungsmitglied des Spartakusbundes in München, Vertreter Bayerns auf dem Gründungsparteitag der KPD in Berlin Ende 1918. 1919 Sekretär und Redakteur der KPD in Bayern. Wegen seiner Beteiligung an der Münchner Räterepublik wurde er zu sechs Jahren Festungshaft verurteilt. Nach der Freilassung lebte er im Ruhrgebiet, trat politisch kaum noch hervor. Hans Kain starb 1926.

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Kaiser, Jakob

* 8.2.1888 – ✝ 7.5.1961

Geb. in Hammelburg (Unterfr.); Vater Buchbindermstr. u. Papierwarenhändler; Volksschule; Ausbildung u. Arbeit als Buchbinder; 1912 Zentrum; 1912 – 21 Kartellsekr. (Geschäftsf.) der Christl. Gewerkschaften Dtl. (CGD) in Köln; 1914 – 17 Kriegsdienst, Uffz.; 1921 – 24 hauptamtl. CGD-Arbeit in Berlin; 1924 – 33 Landesgeschäftsf. für Westdtl. im Gesamtverb. der CGD; 1928 – 33 Mitgl. des Zentrum-Reichsvorst.; 1932/33 Abg. des Reichstags; ab 1933 illeg. Widerstand, 1936 acht Mon. Haft, 1938 wieder verhaftet; lebte nach dem 20. Juli 1944 rund zehn Mon. illeg. in Potsdam-Babelsberg. 1945 Mitbegr. der CDU für Berlin u. die SBZ; Juli – Aug. im PV, dann bis Dez. 3. Vors., ab Ende 1945 1. Vors. (Nachf. von  Andreas Hermes); 1945 Mitgl. des Vorbereitenden Gewerkschaftsaussch. Groß-Berlin; 1946/47 Mitgl. des FDGB-Bundesvorst. u. des Landesvorst. Groß-Berlin; 1946 – 49 Stadtverordn.; Dez. 1947 von der SMAD abgesetzt (u. a. nach Ablehnung der Teiln. am 1. Dt. Volkskongreß vom CDU-Hauptvorst.); ab Jan. in Berlin (West); 1948/49 (West-)Berliner Vertreter im Parlamentar. Rat in Bonn; 1949 – 57 Abg. des Dt. Bundestags; Bundesmin. für Ge- samtdt. Fragen; 1950 – 61 Vors. der Exil-CDU; 1950 – 58 stellv. CDU-Vors. in der Bundesrep. Dtl., 1958 – 61 Ehrenvors; gest. in Berlin.J. K. – Gewerkschafter u. Patriot. Eine Werkauswahl. Köln 1988 (Hrsg. T. Mayer). Conze, W., Kosthorst, E., Nebgen, E.: J. K. 4 Bde. Stuttgart u. a. 1967 – 72; J. K. 1888 – 1961. St. Augustin 1991; Marschall-Reiser, H., Loenartz, M.: Nachlaß J. K. Bestand N 1018. Koblenz 1993.Helmut Müller-Enbergs

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Kaiser, Paul

* 1884 – ✝ 12.4.1950

Geboren 1884; Maurer. 1903 Mitglied der Gewerkschaft und der SPD. 1917 in Berlin Übertritt zur USPD. Mit der linken USPD kam Kaiser 1920 zur KPD, Anhänger des linken Flügels der Partei. Von 1923 an Vorsitzender des kommunistischen Industrieverbandes für das Baugewerbe. Zusammen mit Wilhelm Schumacher und Paul Weyer wandte sich Kaiser 1924 als Ultralinker gegen die Gewerkschaftspolitik der KPD und weigerte sich, den Industrieverband für das Baugewerbe mit den Freien Gewerkschaften zu fusionieren. Ebenso wie Schumacher und Weyer wurde Kaiser im September 1924 aus der KPD ausgeschlossen. Er führte auch in den folgenden Jahren den Industrieverband. 1926/27 war er eng mit der Korsch-Gruppe verbunden. Im Herbst 1931 spaltete sich der Industrieverband. Die Mehrheit schloß Kaiser aus, da er sich gegen den »Roten Volksentscheid« ausgesprochen hatte und mit Hugo Urbahns zusammenarbeitete; doch er konnte die Minderheit des Verbandes weiterführen. Während der NS-Zeit wieder Maurer, wurde Kaiser wegen seiner politischen Einstellung mehrmals verfolgt. Nach 1945 trat er der KPD bzw. der SED bei, übte jedoch keine Funktion mehr aus und geriet bald in Opposition zur Parteilinie. Paul Kaiser starb am 12. April 1950 in Berlin.

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Kalweit, Werner

* 27.7.1926

Geb. in Madrid; Vater Arbeiter; Abitur; 1946 SED; 1946 – 49 Praktikum u. Teilstudium; 1950 – 52 Studium mit der Spezialisierung Finanzw. an der DVA, Dipl.-Wirtsch.; 1952/53 wiss. Mitarb. u. Lehrer an der DVA bzw. an der 1953 daraus hervorgegangenen DASR Potsdam; 1953/54 Doz. für Finanzw. u. kommissar. Rektor an der HS für Finanzw. in Potsdam; nach deren Fusion mit der HS für Planökon. 1955 – 62 Dekan der Finanzökon. Fak. u. Prorektor der HfÖ Berlin; 1956 Prom. zum Dr. rer. oec. mit einer Diss. zur Monopolpreistheorie; 1962 Habil. mit einer Arbeit zur Entw. des Finanzsystems in der DDR; Berufung zum Prof. u. Lehrstuhlltr. für pol. Ökon. des Soz.; Mitgl. des Beirats für ökon. Forschung der SPK u. des Red.-Kolleg. der Ztschr. »Wirtschaftswiss.«; 1967 – 71 stellv. Dir. des IfG; ab 1967 – 90 Abg. der Volkskammer u. bis 1986 Mitgl. des Aussch. für Haushalt u. Finanzen; 1970 NP; ab 1970 Mitgl. der APW; 1971 – 90 Ltr. des Forschungsber. Ges.-Wiss. der AdW, verantw. für Koord., interdisz. Kooperation sowie wiss.-pol. Kontrolle der ges.-wiss. Forschung; ab 1972 Vizepräs. u. Mitgl. des Präs. der AdW; 1973 Ord. Mitgl. der AdW; auswärtiges Mitgl. der tschechoslowak. AdW; ab 1974 Mitgl. des Präs. der UNESCO-Kommission der DDR; Mitgl. der Leibniz-Sozietät; lebt in Königs Wusterhausen (b. Berlin). Arbeitsthemen: Wert- u. Finanztheorie; Charakter u. Wirkungsweise ökon. Gesetze im Soz.Über die Ursachen der Preissteigerungen im mod. Kap. Berlin 1958; Das Finanzsystem der DDR. Berlin 1962; Marx u. die Technik heute. Berlin 1973; Gesetzmäßigkeiten des entwickelten Soz. Berlin 1986.Hagen Schwärzel

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Kamnitzer, Heinz

* 10.5.1917 – ✝ 21.5.2001

Geb. in Berlin in einer jüd. Fam.; Vater Drogist; 1927 – 33 Askan. Gymnasium; 1931 Soz. Schülerbund; Herbst 1933 wegen illeg. pol. Tätigkeit verhaftet, anschl. Flucht nach England; 1933 – 35 Polytechnikum in London; 1935/36 Hilfsarb. u. Tischlerlehrling in Palästina; 1936 Rückkehr nach London; Gasthörer an der London School of Economics u journalist. Tätigkeit; 1938 KPD; 1939 Geschäftsf. des Verlags I.N.G. in London; wg. Belastung von KPD-Mitgliedern bei einer Überprüfung des Verlags durch Scotland Yard 1940 aus der KPD ausgeschl., 1945 wieder aufgenommen; 1939/40 Chefred. von »Inside Nazi Germany«; 1940/41 Internierung in Kanada; 1942 – 46 in London Red. der Wirtschaftsztg. »Petroleum Press Service«; Mitgl. der Ltg. des Freien Dt. KB; Mitarb. im Jüd. Hilfskomitee für die UdSSR. 1946 Rückkehr nach Dtl.; SED; Studium der Philos. an der HU Berlin; 1947 dort Lehrauftrag; 1949/50 Prof. an der Landes-HS Brandenb. in Potsdam; 1950 Prom. zum Dr. phil. an der HU Berlin mit einer Diss. über die Rev. von 1848; 1950 – 54 Prof. für Geschichte; Heirat mit der Schauspielerin Irene Eisermann 1952 – 54 Dir. des Inst. für Geschichte des dt. Volkes u. Dekan an der HU; 1953 – 55 mit  Alfred Meusel u.  Leo Stern Hrsg. der »Ztschr. für Geschichtswiss.«; seit 1955 freischaff. Schriftst.; Arbeiten insbes. zur Beziehung zw. Lit. u. Ges. u. über  Arnold Zweig, Hrsg. der Zweig-Werkausg., auch TV-Bearbeitungen von dessen Werken (»Der Streit um den Sergeanten Grischa«, 1968); ab 1958 Mitgl. des Dt. PEN-Zentrums Ost u. West; 1965 Carl-von-Ossietzky-Medaille; ab 1967 Vizepräs. u. 1970 Präs. des PEN-Zentrums DDR (Nachf. von  Arnold Zweig); 1971 Lessing-Preis; 1977 VVO; 1978 – 89 als IM »Georg« vom MfS erf.; rechtfertigte 1988 staatl. Repressionen gegen Bürgerrechtler während der Karl-Liebknecht-u.-Rosa-Luxemburg-Demonstration; Okt. 1989 Rücktritt als Präs. des PEN-Zentrums DDR; 1995 Austritt aus dem PEN-Zentrum (Ost); gest. in Berlin.Öl u. Außenpolitik. London 1947; Zur Vorgeschichte des Dt. Bauernkrieges. Berlin 1953; Wider die Fremdherrschaft. Berlin 1956; Das Testament des letzten Bürgers. Essays u. Aufsätze. Leipzig 1973; Der Tod des Dichters. Berlin 1974; Heimsuchung u. Testament. Leipzig 1981; Abgesang mit Herzschmerzen. Berlin 1993; Die Rückwende: neue Geschichte – neue Gedichte. Berlin 1994; Der Preis der Wende: Ein Poesiealbum. Schkeuditz 1995. Keßler, M.: Die SED u. die Juden – zwischen Repression u. Toleranz. Berlin 1995.Bernd-Rainer Barth

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Kann,  Charlotte

* 23.7.1909 – ✝ 4.1.1974

Geb. in Erfurt; Vater Kfm.; 1915 – 25 Lyzeum in Erfurt; 1925 – 28 Ausbildung zur Kontoristin; 1926 Gewerkschaft der Angest.; 1928 – 33 im Beruf u. als Direktionsassistentin in Apolda u. Erfurt tätig; 1930/31 Mitgl. des Bundes der Freunde der Sowjetunion u. ab 1932 der KPD; Mai 1933 Emigr. nach England u. Dänemark; 1933 – 35 Mitarb. im ISA-Büro in Kopenhagen; 1935 dän. Staatsbürgerschaft; 1935 – 37 Stenotypistin des ZK der KPD in Prag u. Paris; 1937 – 39 Sekr. beim Dt. Freiheitssender 29.8 in Spanien, (Ps. »Erika«); ab Mai 1940 Hausangest.; illeg. Arbeit; Mai 1941 Verhaftung in Kopenhagen, U-Haft, 1941 – 43 KZ Horserod-Nordseeland (Dänemark), 1943 – 45 KZ Stutthof (b. Danzig); Mai – Dez. 1945 Mitarb. der KPD in Dänemark. Dez. 1945 Rückkehr nach Dtl.; 1946 Sekr. bei der KPD-LL Mecklenb.; 1946 LPS Mecklenb.; Spionageaufträge für den sowj. Nachrichtendienst GRU in Dänemark; 1946/47 Sekr. beim ZS der SED; 1947/48 PHS; 1948/49 Ref. in der Abt. Werbung-Presse-Rundfunk des ZS der SED; 1949 Heirat mit  Max Spangenberg; 1949 – 56 Pol.-Sekr., ab 1950 Ref. der Abt. Westkommission des ZK der SED; 1951 – 56 Instrukt. im »Arbeitsbüro der KPD« des ZK der SED; ab 1956 Mitarb. des Min. für Außen- u. Innerdt. Handel; gehörte zu den wichtigsten Beratern  Walter Ulbrichts in Nordeuropa-Angelegenh.; gest. in Berlin.von Flocken, J., Scholz, M. F.: Ernst Wollweber: Saboteur, Minister, Unperson. Berlin 1994; Scholz, M. F.: Skandinav. Erfahrungen erwünscht? Nachexil u. Remigration. Stuttgart 2000.Bernd-Rainer Barth

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Kantorowicz, Alfred

* 12.8.1899 – ✝ 27.3.1979

(* 1899 – † 1979) Geboren am 12. August 1899 in Berlin, Sohn eines Kaufmanns. 1917 Militärdienst als Freiwilliger, 1918 Abitur und von 1919 bis 1923 Studium (Jura und Germanistik) in Berlin und Freiburg i. Br. In Erlangen 1923 Promotion zum Dr. jur., ab 1924 Kulturredakteur in Mannheim, dazwischen 1928/29 als Korrespondent in Paris, später Redakteur der »Vossischen Zeitung« in Berlin. Kantorowicz machte sich einen Namen als Theaterkritiker, er war u. a. mit Ernst Bloch und Bertolt Brecht befreundet und trat 1931 offiziell in die KPD ein. Tatsächlich arbeitete er bereits vorher für die Partei, kurze Zeit auch für den Nachrichtendienst der Berliner Zentrale. Im März 1933 emigrierte er nach Paris, wurde dort Generalsekretär des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller (SDS) im Exil, Leiter der deutschen Freiheitsbibliothek und war für die KPD-Leitung aktiv. Kantorowicz arbeitete mit am »Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror« von Willi Münzenberg. Von Dezember 1936 bis April 1938 war er Offizier der Interbrigaden im Spanischen Bürgerkrieg, verwundet; berühmt wurden seine Dokumentation »Tschapajew« (1938) und später sein »Spanisches Tagebuch«. Im September 1939 interniert, floh er im Juni 1940 nach Marseille und konnte 1941 mit Hilfe von Verwandten, reichen jüdischen Tuchhändlern, in die USA entkommen, dort Nachrichtenredakteur. Ende 1946 kehrte Kantorowicz nach Deutschland zurück, wurde Herausgeber der von den Alliierten in Berlin bis 1949 lizenzierten Zeitschrift »Ost und West« und veröffentlichte zahlreiche Broschüren, darunter 1947 »Verboten und verbrannt«. 1947 Mitglied der SED und 1950 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Leiter des Heinrich-Mann-Archivs (mit Mann stand er in enger Verbindung). Kantorowicz weigerte sich 1956, eine Resolution gegen den ungarischen Aufstand zu unterschreiben und flüchtete 1957 vor drohender Verhaftung in die Bundesrepublik. Er lebte bis 1962 in München, dann in Hamburg, publizierte zahlreiche Werke, darunter sein »Deutsches Tagebuch« (1959 und 1961). In der Bundesrepublik wurde er öfter wegen seiner SED-Zugehörigkeit angegriffen, von der DDR als Renegat und Verräter beschimpft. Er fühlte sich als Kämpfer zwischen den Fronten. 1969 erhielt er den Thomas-Dehler-Preis. Alfred Kantorowicz starb am 27. März 1979 in Hamburg. Kantorowicz erste Frau Frieda, geborene Ebenhoech (* 18. 6. 1905 – †20.8. 1969), war Schauspielerin, bis 1932 Engagements an verschiedenen Bühnen in Deutschland. Ende März 1933 emigrierte sie nach Frankreich, war an der »Deutschen Freiheitsbibliothek« und 1937/38 in Spanien Mitarbeiterin an der deutschen Sendung von Radio Madrid und Übersetzerin im Generalkommissariat der Internationalen Brigaden. Im März 1941 folgte sie ihrem Mann in die USA, im Januar 1947 Rückkehr nach Deutschland, Mitglied der SED, von August 1947 bis Oktober 1949 Redakteurin an der Zeitschrift »Ost und West«, ab Oktober 1949 beim Amt für Information, später beim ADN tätig. Sie erhielt 1965 den VVO in Silber.Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Karge, Karl-Heinz

* 26.2.1927

Geb. in Berlin-Wilmersdorf; Vater Angest.; Grundschule; kaufm. Lehre u. Arbeit; Wehrmacht; 1945 amerik. Kriegsgef. 1945 SPD, 1946 SED; 1946 / 47 Studium an der SED-LPS Brandenburg in Schmerwitz, 1948 / 49 an der PHS der SED; Fernstud. an der Fak. für Journalistik der Univ. Leipzig, Dipl.-Journalist; 1952 – 56 erster Chefred. des SED-Bezirksorgans »Freie Erde« Neubrandenburg; 1957 – 77 stellv. Chefred. der SED-Bezirksztg. »Märkische Volksstimme« Potsdam; 1959 – 61 Vors. des VDJ-BV Potsdam, Mitgl. des VDJ-ZV; später Verlagsdir. der »Märkischen Volksstimme« Potsdam.Andreas Herbst

Wer war wer in DDR

Karsch, Willi

* 14.4.1904 – ✝ 26.11.1963

Geb. in Dresden; Vater Angest.; aufgewachsen in Berlin; Volks- u. Realschule, 1920 Reifezeugnis für Obersekunda; kaufm. Lehre u. Arbeit bei der Polyhonwerke AG Berlin; 1929 Arbeiter-Abiturientenkurs an der Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln; Aufbau einer Wanderpuppenbühne u. aktive Mitarbeit im Arbeiter-Theater-Bund; 1929 KPD; freier Journalist für den Neuen Dt. Verlag (für die Ztschr. »Weg der Frau« u. »Roter Pfeffer«); 1931 – 33 Volontär bzw. Red. bei der AIZ; 1933 entlassen, Haussuchungen, Beschlagnahme von Lit.; 1935 – 37 Arbeiter bzw. Angest. bei der Fa. Cramm-Mühlen GmbH; anschl. bis 1943 freier Journalist, Tätigkeit für versch. kleine Filmfirmen bzw. 1939 / 40 Werbefachmann u. Korresp. in der Lackfabrik A. Beseler & Co Berlin; 1941 / 42 Mitarb. der Ztschr. »Die junge Dame« im Verlag »Hans Jahr«; 1943 – 45 Wehrmacht u. Kriegsgef., Okt. 1945 Entlassung. 1945 KPD, 1946 SED; 1946 – 50 Chefred. der Ztschr. »Für Dich« in Berlin, anschl. Red. der Ztschr. »Deutschlands Stimme«, dann Red. bzw. stellv. Chefred. der »NBI« (Neue Berliner Illustrierte); später Red. bzw. stellv. Chefred. der Ztschr. »Magazin« (Ps. Peter Purzel u. ika); gest. in Rüdersdorf (b. Berlin).Andreas Herbst