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BioLex

In der Kategorie BioLex finden Sie drei biografische Lexika mit über 5500 Personeneinträgen.

 

Das Handbuch "Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945" wird von Andreas Herbst und Hermann Weber in der 8. aktualisierten Ausgabe herausgegeben. Auf breiter Quellenbasis werden die Schicksale deutscher Kommunisten knapp geschildert, von denen etwa ein Drittel während der NS-Diktatur und durch den Stalinistischen Terror gewaltsam ums Leben kam. Kurzbiografien zu Personen des poltischen Lebens in der DDR stellt das von Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs, Dieter Hoffmann, Andreas Herbst, Ingrid Kirschey-Feix herausgegebene Lexikon ostdeutscher Biographien „Wer war wer in der DDR?“ Ch. Links Verlag, 5. Aufl. 2010 vor. Zudem ist das Onlinlexikon www.dissidenten.eu komplett in dieser  Rubrik recherchierbar. Die über 700 Biografien mit umfangreichen Inforamtionen zu Oppositionellen, Bürgerrechtlern und  Dissidenten aus vielen Ländern Ost- und Mitteleuropas werden laufend erweitert.

 

Wer war wer in DDR

Ruben, Peter

* 1.12.1933

Geb. in Berlin; Vater Maschinenschlosser; 1952 Abitur; anschl. bis 1955 Dienst bei der KVP; 1955 SED; ab 1955 Studium der Philos. mit den Nebenfächern Mathematik u. Physik an der HU Berlin; 1958 im Kontext der Kampagne gegen  Wolfgang Harich,  Walter Janka u. a. Ausschl. aus der SED u. Exmatrikulation von der HU Berlin; anschl. als Bauhilfsarb. »Bewährung in der soz. Prod.«, u. a. beim Bau des Flughafens Berlin-Schönefeld; 1961 – 63 Forts. des Studiums an der HU; 1964 Wiederaufn. in die SED; 1964/65 Assistent bei  Hermann Ley am Inst. für Philos. der HU Berlin; 1965 – 68 Aspirant am Lehrstuhl Philosoph. Probleme der Naturwiss.; 1968 – 71 Oberassistent im Bereich Dial. Materialismus; 1969 Prom. mit der Arbeit »Mechanik u. Dialektik. Eine wissenschaftstheoret.-philosoph. Studie zum physikal. Verhalten«; 1971 – 75 Oberassistent am o. g. Lehrstuhl; 1973/74 Zusatzstudium an der Shdanow-Univ. Leningrad; 1975 Habil. zum Thema »Widerspruch u. Naturdialektik« (veröff. 1995) an der HU; Wechsel an das ZI für Philos. der AdW; dort bis zur Ablösung der Bereichsltr. Camilla Warnke 1979 stellv. Bereichsltr. »Dial. Materialismus«; 1975/76 Gastprof. an der Univ. Aarhus (Dänemark); seitdem verstärkte Publ. u. Rezeption der Auffassungen P. R.s zur »Dialektik der Arbeit«, »Wiss. als allg. Arbeit« u. zur Arbeitswerttheorie im In- u. Ausland; 1977 mit Hans Wagner u. a. Mitbegr. der interdisz. Forschungsgr. »Philosoph. u. methodolog. Probleme der pol. Ökon.«, die Wissenschaftler versch. Sekt. u. Inst. der HU, der AdW u. a. Einrichtungen zusammenführte u. in der P. R. in den folgenden Jahren insbes. methodolog. Ansätze zu einer Theorie der soz. Wertform vorstellte, die in der Konsequenz die Prinzipien der Preisbildung in der DDR-Wirtsch. in Frage stellten; 1980/81 Einsetzung einer »Kommission zu pol.-ideolog. u. wiss. Einschätzungen von Publ. von Dr. P. R.«, die auf maßgebl. Betreiben von  Manfred Buhr u.  Herbert Hörz dessen wichtigste Arbeiten als »revisionistisch« einstufte; 1981 Ausschl. aus der SED (zus. mit fünf weiteren Mitarb. des Inst.); aufgrund von Protesten v. a. aus der Bundesrep. Dtl. Weiterbeschäftigung am Inst.; Verbot jeglicher Lehrtätigkeit sowie der weiteren Mitarbeit in der o. g. Forschungsgr., weitgehende Einschränkung von Publikationsmöglichkeiten; 1990 Beschluß des Rats des ZI für Philos. zur Veröff. der die Maßregelungen von 1981 betreffenden Materialien u. Dokumente, Rehabil. durch die PDS; Teiln. am Runden Tisch der AdW; Wahl zum Dir. des ZI für Philos.; Ernennung zum Prof. für Philos. an der AdW. Seit 1990 Präs. des Vereins Berliner Debatte INITIAL u. Mitbegr. der gleichnamigen Ztschr.; 1994 – 96 wiss. Mitarb. am Lehrstuhl für Politikwiss. der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder); seit 1998 Rentner in Berlin.Dialektik u. Arbeit der Philos. Köln 1978; Philos. u. Mathematik. Leipzig 1979; Philosoph. Schriften I. Aarhus, Paris, Florenz 1991 (mit C. Warnke); Was bleibt von Marx’ ökon. Theorie? In: Warnke, C.; Huber G. (Hrsg.): Die ökon. Theorie von Marx – was bleibt? Marburg 1998; Denkversuche. DDR-Philosophie in den 60er Jahren. Berlin 2005 (Mithrsg.). Rauh, H.-C. (Hrsg.): Gefesselter Widerspruch. Die Affäre um P. R. Berlin 1991 (mit Auswahlbibl.).Jan Wielgohs

Wer war wer in DDR

Rübensam, Erich

* 18.5.1922 – ✝ 2.12.2016

Geb. in Jaasde (Krs. Kolberg, Hinterpomm./ Jazy, Polen); Vater Landwirt; Volksschule, 1936 – 41 landw. Ausbildung u. Landw.-Schule in Kolberg; 1940 als NSDAP-Mitgl. erf.; 1941 – 45 Wehrmacht, Uffz., 1944 verwundet; sowj. Kriegsgefangenschaft, Lager Petrosawodsk. Dez. 1945 nach Mecklenb. entlassen; 1946 Landarb. in Mönchhagen; nach Begabtenprüfung 1946 – 49 Landw.-Studium an der Univ. Rostock, Dipl.-Landwirt; 1950 Prom. bei  Asmus Petersen mit einer Diss. über das Besanden von Niedermoorwiesen; Juni 1949 SED; 1951 Lehrauftrag für Agrarplanung an der Univ. Rostock; 1951 – 67 Dir. des Inst. für Acker- u. Pflanzenbau Müncheberg der DAL, Profilierung des Inst. zum Zentrum der Bodenfruchtbarkeitsforschung; Berufung zum Prof.; Habil. an der Univ. Rostock zur landw. Produktionsplanung auf der Grundlage einer Rohertragsbonitierung; 1951 Kand., 1963 – 89 Mitgl. des ZK der SED; 1.1.1955 – 59 stellv. Min. für Land- u. Forstw.; 1959 – 62 Prof. mit Lehrauftrag u. Dir. des Inst. für Acker- u. Pflanzenbau der HU Berlin; 1960 Mitgl. des Präs. der Dt. Agrarwiss. Ges.; 1960 – 65 stellv. Ltr. der Abt. Landw. des ZK der SED; 1962 Ord. Mitgl. der DAL; 1963 NP (im Koll.); 1963 – 68 Vizepräs. bzw. ab 1965 1. Vizepräs., 31.5.1968 – 9.10.1987 Präs. der DAL bzw. AdL (Nachf. von  Hans Stubbe), anschl. bis zur Em. am 1.7.1990 Ehrenpräs.; 1963 Mitgl. des Landw.-Rats bzw. des Rats für landw. Prod. u. Nahrungsgüterwirtschaft sowie 1976 des Kolleg. des Min. für Land-, Forst- u. Nahrungsgüterwirtschaft; 1966 Mitgl. des Vorst. des Forschungsrats; 1967 Korr. Mitgl. der Allunions-Lenin-Akad. für Landw.-Wiss. der UdSSR; 1972 Mitgl. des HFS-Rats beim Min. für HFS-Wesen; 1974 Präs. der Freundschaftsges. DDR – Algerien; 1975 stellv. Vors. des Interministeriellen Rats für Fragen des wiss.-techn. Fortschritts in der Land- u. Nahrungsgüterwirtschaft; 1975 VVO; 1982 Ehrenspange zum VVO; 1983 Ehrenprom. an der MLU Halle; 1984 Auswärt. Mitgl. der Ung. AdW; 1987 KMO.Das Trawapolnaja-System von Wiljams. Seine Bedeutung für die dt. Landw. Berlin 1954; Die Standortverteilung der landw. Prod. Berlin 1960; Ackerbau. Berlin 1968 (mit K. Rauhe); 70 Jahre Forschung Müncheberg (Mark). Vom Kaiser-Wilhelm-Inst. für Züchtungsforschung zum Inst. für Acker- und Pflanzenbau 1928 – 68. Frankfurt (Oder) 1998; Vom Landarbeiter zum Akademiepräs.: Erinnerungen an Erlebnisse in acht Jahrzehnten. Berlin 2005. E. R. – 65 Jahre. Wissenschaftl. Symposium der AdL. Berlin 1987; Vom Landarb. zum Akademiepräsidenten. Erinnerungen u. Erlebnisse in acht Jahrzehnten. Berlin 2005.Siegfried Kuntsche / Elke Reuter

Wer war wer in DDR

Rücker, Günther

* 2.2.1924 – ✝ 24.2.2008

Geb. in Reichenberg (Böhmen / Liberec, Tschechien); Vater Tischler; 1942 Soldat u. Gefangenschaft. 1945 Aussiedl. in die SBZ; Neulehrer in Leipzig; 1947 – 49 Studium an der Theater-HS Leipzig; 1949 – 51 Rundfunkregisseur in Leipzig; lebt seit 1951 in Berlin; seither DEFA-Mitarb. u. freischaff. Schriftst.; 1954 DSV, AdK 1972 (1991 erneut gewählt); Verf. von Hörspielen, Film-Drehbüchern u. Erzählungen; verschiedene Preise (u. a. 1956, 1971 u. 1980 NP); ab 1973 als IM »Günther« vom MfS erf.; seit 1978 Mitgl. des Zentralvorst. des SV; 1974 – 82 Sekretar der Sekt. Lit. u. Sprachpflege d. AdK; zeitw. verh. mit  Vera Oelschlegel; gest. in Meiningen.Kleines Hörspielbuch. 1970; Porträt einer dicken Frau. 1971; Bis daß der Tod euch scheidet. 1979; Geschichte begreifen. 1980; Herr von Oe. Hilde, das Dienstmädchen. 1984; Anton Popper u. andere Erzählungen. Berlin 1985; Erzählung eines Stiefsohnes. 1988; Die Verlobte. 1988; Woher die Geschichten kommen. Berlin 1990; Otto Blomow. Berlin 1991; Aus dem Leben eines Witwers. Berlin 1995; Erste Liebe u. anderes. Berlin 2007. Walther, J.: Sicherungsber. Lit. Berlin 1996; Poss. I., Warnecke, P.: Spur der Filme. Zeitzeugen über die DEFA. Berlin 2006.Herbert Mayer

Handbuch Deutsche Kommunisten

Rudolph, Fritz

* 25.7.1909 – ✝ 1941

Geboren am 25. Juli 1909 in Chemnitz, Sohn eines Handschuhmachers; wurde Metallarbeiter. 1928 trat er in den KJVD ein, war 1929 Orgleiter des UB Limbach. Rudolph wurde 1931 Mitglied der KPD und im April 1931 Leiter des RGO in Chemnitz, gehörte zur engeren Leitung der KJVD-BL und der KPD-BL Sachsen. Zwischen 1930 und 1932 mehrmals inhaftiert, zählte er während der parteiinternen Auseinandersetzungen im Sommer und Herbst 1932 zu den Anhängern von Heinz Neumann und Hermann Remmele. Ende 1932 als Praktikant der KJI nach Moskau entsandt, kehrte Rudolph Anfang 1934 zur illegalen Arbeit nach Deutschland zurück. Zunächst Instrukteur des ZK in Leipzig, anschließend in Mitteldeutschland, wurde im Juni 1934 wegen »Verletzung der Konspiration« aus diesem Gebiet abgezogen und als Instrukteur im Bezirk Hessen-Frankfurt eingesetzt. Von August bis November 1934 im Bezirk Süd-West tätig, reiste Rudolph Ende 1934 nach Moskau und war unter dem Decknamen Fritz Teilnehmer der illegalen Reichskonferenz des KJVD. Zum Kandidaten des ZK des KJVD gewählt, im Februar 1935 zur illegalen Arbeit nach Deutschland geschickt. Als Rudolph, wie er später der Partei berichtete, in Hamburg keine Verbindung bekam, ging er in den Bezirk Süd-West und kam über Prag wieder nach Moskau. Am 16. August 1935 hielt er auf dem VII. Weltkongreß einen Diskussionsbeitrag und war im Oktober unter dem Decknamen Emil Baldur auch Delegierter der »Brüsseler Konferenz« der KPD. Er wurde Ende 1935 nach einem Parteiverfahren wegen angeblicher Betrügereien aus der KPD und dem KJVD ausgeschlossen und zur »Bewährung« nach Sibirien verbannt, wo Fritz Rudolph wahrscheinlich 1941 Opfer der stalinistischen Säuberungen wurde. In seinem Buch »Spuren eines Lebens« berichtete Walter Janka über Begegnungen mit Fritz Rudolph in Prag noch 1935.

Wer war wer in DDR

Ruh, Anton

* 22.2.1912 – ✝ 3.11.1964

Geb. in Berlin in einer aus Österr. stammenden Fam.; Vater Arbeiter u. Angest. (1917 gefallen), Mutter Straußfedernarb.; 1918 – 26 Volksschule in Berlin; 1926 – 30 Ausbildung zum Steindrucker; 1926 Mitgl. des Verb. der Steindrucker u. Lithographen; 1931 – 33 Elektroschweißer; 1927 KJVD in Berlin; 1928 RH; 1929 RFB; 1931 Kommunist. Jungfront; 1931 zu sechs Mon. Haft verurteilt, Haft im Gefängnis Berlin-Lehrter Str.; wegen seiner österr. Staatsbürgerschaft nach Österreich ausgewiesen; 1933 Mitarb. des KPD-Nachrichtendienstes (»Robert«); in Berlin mehrf. verhaftet; 1933 – 37 Mitgl. der KPÖ u. des »Schutzbundes« in Wien; dort Teiln. an den »Febr.-Kämpfen«; 1934 – 39 Emigr. in die ČSR; 1939/40 u. 1942 – 45 in Großbritannien; dort interniert u. 1940/41 nach Australien deportiert; 1942 Schweißer in London; 1942 – 44 Mitgl. der KPD-ZL in London; 1944 nachrichtendienstl. Ausbildung durch OSS (im Auftrag des sowj. Nachrichtendienstes GRU); März 1945 illeg. OSS-Einsatz in Berlin (»Operation Hammer«); April 1945 von der sowj. Spionageabwehr Smersch an US-Armee übergeben; 1945 – 47 in London, da Ausreise von den engl. Behörden verweigert wurde. März 1947 Rückkehr nach Dtl.; 1947 SED u. VVN; 1947 Ref. der Abt. Kultur u. Erziehung im SED-LV Berlin; 1947/48 Mitarb. in der Zentr. Komission für Sequestrierung u. Beschlagnahme; 1948 – 50 Mitgl. der ZKK, beteiligt an Enteignungen; 1950 – 54 Ltr. des Amts für (Zoll- u.) Kontrolle des Warenverkehrs im Min. für Außenhandel u. Innerdt. Handel; 1957 VVO; 1961/62 PHS des ZK der KPdSU in Moskau; 1962/63 pol. Mitarb. des MfAA; 1963/64 Botschafter in Rumänien (Nachf. von  Wilhelm Bick); gest. in Bukarest.Bungert, H.: The OSS and its cooperation with the Free Germany Committees, 1944 – 45. In: Intelligence and National Security (1997) 3; Bungert, H.: Das Nationalkomitee und der Westen. Stuttgart 1997; Mauch, C.: Schattenkrieg gegen Hitler. Das Dritte Reich im Visier der amerik. Geheimdienste 1941 – 1945. Stuttgart 1999; Gould, J. S.: Strange Bedfellows. The OSS and the London »Free Germans«. In: Studies in Intelligence (2002) 1.Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Rümmler, Erich

* 17.4.1930 – ✝ 30.5.2006

Geb. in Pockau (Krs. Marienberg); Vater Glaser, Mutter Hausgehilfin; Volksschule; 1944 – 48 Lehre u. Arbeit als Holzmaschinenwerker. 1947 SED; 1948 Mitarb. der VP; 1951 Einstellung beim MfS, HA I (Abwehr in den VP-Bereitschaften); 1961 Vorstudienfak. Naumburg (Saale); 1962 – 64 Kursant der Militärakad. »Friedrich Engels«, Dipl.-Militärwiss.; 1964/65 Praktikant als stellv. Stabschef im Mot.-Schützen-Reg. 7 der NVA; 1965 stellv. Abt.-Ltr., 1966 Abt.-Ltr. in der HA I (Abwehr in der NVA); 1968 Abt.-Ltr. in der Arbeitsgr. des Ministers (AG M); 1980 stellv. Ltr. der AG M; 1983 Gen.-Major; 1983 1. Stellv. des Ltr., 1987 Ltr. der AG M; Dez. 1989 von seiner Funktion entbunden; Jan. 1990 Entlassung, Rentner; gest. in Berlin.Jens Gieseke

Handbuch Deutsche Kommunisten

Rumpf, Hermann

* 27.7.1884 – ✝ 24.4.1950

Geboren am 27. Juli 1884 (vermutlich) in Bremen; besuchte das Lehrerseminar und wurde Volksschullehrer in Bremen. Funktionär in der SPD, sandte mit mehreren anderen Lehrern 1910 ein Glückwunschtelegramm zum Geburtstag an August Bebel und wurde deswegen aus dem Schuldienst entlassen. Er unternahm 1912 eine Reise nach Lappland und hat darüber und über andere Themen bereits vor 1914 in Versammlungen der Arbeiterjugend Vorträge gehalten. Während des Weltkriegs war Rumpf aktiv bei den Bremer Linksradikalen, der späteren IKD. Ab 1919 Mitglied der KPD, wurde er 1923 in die Bremer Bürgerschaft gewählt, der er bis 1930 angehörte. Er trat 1930 aus der KPD aus, ging zur SPD, wurde wieder Lehrer, aber 1933 von den Nazis von der Schule entfernt und mehrfach kurz inhaftiert. Nach 1945 erneut für die SPD aktiv, arbeitete er in Bremen als Schulleiter. Hermann Rumpf starb am 24. April 1950.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Rusch, Oskar

* 1.7.1884 – ✝ 11.5.1935

Geboren am 1. Juli 1884 in Lichterfelde/Krs. Teltow, heute Berlin. Er lernte Metalldrücker und war bis 1914 in Berlin in diesem Beruf tätig. In der Gewerkschaft und SPD aktiv, wurde er 1917 Mitglied der USPD. Von 1918 bis 1920 Leiter des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Berlin, gehörte im November 1918 dem Berliner Arbeiterrat an und war von Dezember 1918 bis August 1919 Mitglied des Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte Berlins. Mit der linken USPD kam Rusch Ende 1920 zur KPD. Im Februar 1921 wurde er für die KPD als Abgeordneter in den Preußischen Landtag gewählt (Wahlkreis Düsseldorf-West). Rusch stellte sich in der Krise nach der März-Aktion hinter Paul Levi und trat aus der KPD aus, war dann von Oktober 1921 bis Mai 1922 in der KAG, danach in der USPD bzw. der SPD. Mit Beendigung seines Landtagsmandats war er ab 1925 als Reisender in Berlin tätig. Oskar Rusch starb am 11.Mai 1935 in Berlin-Friedrichsfelde.

Wer war wer in DDR

Rutschke, Herbert

* 4.10.1905 – ✝ 14.5.1978

Geb. in Bromberg (Provinz Posen / Bydgoszcz, Polen); Vater Lithograph; 1913 – 21 Volks- u. Mittelschule; 1922 – 24 kaufm. Lehre; 1924 KJVD, 1925 KPD; 1924 – 26 arbeitslos; 1926 – 32 Stenograph in der KPD-BL Oberschles. bzw. Thür.; 1932 / 33 Volontär u. Red. beim »Thür. Volksblatt« in Erfurt; 1933 illeg. antifasch. Tätigkeit, verhaftet u. wg. »Vorbereitung zum Hochverrat« zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt; 1933 – 36 Haft in Erfurt u. Hameln sowie in den KZ Esterwegen u. Sachsenhausen; 1936 / 37 arbeitslos; 1937 Bauhilfsarb.; 1938 – 43 Buchhalter; 1943 – 45 Soldat im Strafbat. 999; 1945 / 46 amerikan. u. franz. Kriegsgef. in Frankreich. 1946 Rückkehr nach Dtl.; KPD / SED; 1946 / 47 Abt.-Ltr., 1947 – 49 Sekr. für Wirtschaft, 1949 / 50 2. Vors. des FDGB-LV Thür.; 1951 Lehrgang an der SED-LPS in Erfurt; 1952 Ltr. der Abt. Wirtschaftspolitik in der SED-LL Thür.; 1952 – 55 2. Sekr. der SED-BL Suhl, 1954 amtierender 1. Sekr. der SED-BL Suhl; 1955 / 56 Studium an der PHS der KPdSU in Moskau, Dipl.-Gesellschaftswiss.; 1956 / 57 polit. Mitarb. im ZK der SED; 1957 – 60 Vors. des Rats des Bez. Potsdam; 1960 – 63 Prorektor der DASR in Potsdam-Babelsberg; 1963 invalidisiert; gest. in Potsdam-Babelsberg. MaN S

dissidenten.eu

Šabatová, Anna

* 1951

Philologin und Mitbegründerin des *Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten, der *Tschechoslowakisch-polnischen Solidarität und der *Osteuropäischen Informationsagentur.Anna Šabatová wurde 1951 als Tochter von Jaroslav Šabata in Brünn (Brno) geboren. Nach dem Abitur 1969 studierte sie Philologie und Geschichte am Philologischen Institut der Brünner Universität. Vor den Parlamentswahlen im Herbst 1971 wurde sie, wie schon ihr Vater und ihre beiden Brüder, für die Verbreitung von Flugblättern verhaftet, auf denen sie geschrieben hatte, dass Wahlen keine Pflicht, sondern ein Recht seien. Anschließend wurde sie wegen „umstürzlerischen Verhaltens“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Sie kam im Dezember 1973 auf Bewährung wieder frei, durfte danach aber ihr Studium nicht fortsetzen. Nach ihrer Hochzeit 1974 mit Petr Uhl zog sie nach Prag. 1974–77 arbeitete sie mit kritischen Linken aus West-Berlin zusammen und war daran beteiligt, tschechoslowakische Samisdatliteratur in den Westen und westliche Literatur in die Tschechoslowakei zu schmuggeln und dort zu verbreiten. Ende 1976 unterschrieb sie die Erklärung der *Charta 77 und engagierte sich von Anfang an in der Bürgerrechtsbewegung. 1978 war sie Mitgründerin des *Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten (Výbor na obranu nespravedlivě stíhaných; VONS). Ende Mai 1979 übernahm sie nach der Verhaftung ihres Mannes Petr Uhl bis zu seiner Entlassung im Mai 1984 die Herausgeberschaft der *„Informationen über die Charta 77“ (Informace o Chartě 77; INFOCH), die die wichtigste Informationsquelle über die Arbeit der *Charta 77 darstellten. Die Wohnung Šabatovás war zu jener Zeit Treffpunkt für Menschen- und Bürgerrechtler aus der ganzen Tschechoslowakei, weshalb sie auch häufig von Staatssicherheit und Polizei durchsucht wurde. Beruflich war sie nach einer fast zehnjährigen Zeit im Mutterschutz ab 1984 Heizerin in einem Hotel, danach Spülkraft für Laborgläser. 1986 wurde sie zusammen mit Martin Palouš (dem Sohn von Radim Palouš) und Jan Štern zur Sprecherin der *Charta 77 gewählt. Dieses Amt übte sie bis Anfang 1987 aus, als sie dem Gründerkreis der *Tschechoslowakisch-polnischen Solidarität (Československo-polská solidarita) beitrat. Ein Jahr später wurde sie zusammen mit Petr Pospíchal und Ján Čarnogurský zu deren Sprecherin gewählt. 1988 gründete sie gemeinsam mit Petr Pospíchal, Petr Uhl und Jan Urban die *Osteuropäische Informationsagentur (Východoevropská informační agentura; VIA), deren Aufgabe es war, den Kontakt zu den anderen Oppositionsgruppen Ostmitteleuropas herzustellen und einen Pressedienst für tschechoslowakische und westliche Medien zu liefern. Im selben Jahr begann sie ein Studium an einer der Untergrunduniversitäten. 1990 nahm sie ein Philosophiestudium an der Prager Karls-Universität auf und verteidigte 1996 ihre Diplomarbeit in tschechischer Philologie. Aufgrund ihrer Aktivitäten in der Bürgerrechtsbewegung *Charta 77 und im *Komitee zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten wurde sie zu einer der meist geschätzten tschechoslowakischen Bürgerrechtlerinnen. Als Mitglied des *Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten beobachtete sie Prozesse gegen Dissidenten und wurde selbst mehrfach verhaftet und verhört. Im November 1989 setzte sie sich dafür ein, Medien und Gesellschaft über die *Samtenen Revolution zu informieren. In ihrer Wohnung befand sich auch das Büro der *Osteuropäischen Informationsagentur. Nach der *Samtenen Revolution wurde sie 1990 beim Ministerium für Arbeit und Soziales Beraterin für den Kontakt zu Nicht-Regierungsorganisationen. 1992–97 arbeitete sie als Redakteurin, ab 1998 im Städtischen Amt für soziale und Präventionsdienste des Prager Magistrats. 1999/2000 war sie freie Beraterin des Ministeriums für Arbeit und Soziales. Mit Menschenrechtsfragen beschäftigte sich Šabatová auch unter demokratischen Verhältnissen: Ab 1994 engagierte sie sich in der Bewegung für bürgerliche Solidarität und Toleranz (Hnutí občanské solidarity a tolerance), ab 1996 im *Tschechoslowakischen Helsinki-Komitee (Československý helsinský výbor), dessen stellvertretende Vorsitzende sie ab 1998 war. Aufgrund der NATO-Luftangriffe auf Jugoslawien trat sie 1999 aus dem Komitee aus. Für ihren jahrelangen Einsatz für die Menschenrechte erhielt sie 1998 zum 50. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen deren Menschenrechtspreis. 2001–07 war sie stellvertretende Ombudsfrau und seit 2014 ist sie Ombudsfrau für die Verteidigung der Rechte der Bürger der Tschechischen Republik (http://www.ochrance.cz/).Petr Pospíchal Aus dem Polnischen von Jonas Grygier Letzte Aktualisierung: 05/15

Handbuch Deutsche Kommunisten

Sachs, Rudolf

* 26.5.1891 – ✝ 11.8.1947

Geboren am 26. Mai 1891 in Braunschweig, Sohn eines Arbeiters; Metallarbeiter. Aktiv in der sozialistischen Jugend Braunschweigs, trat 1909 in die SPD ein. Während des Krieges Anschluß an die Spartakusgruppe und führend im Braunschweiger Jugendausschuß. Sachs war Ende 1918 Delegierter auf dem Gründungsparteitag der KPD. Ab 1919 Parteisekretär der KPD, zunächst in Braunschweig, dann im Bezirk Halle-Merseburg. 1922 wurde er Sekretär für Gewerkschaft der BL Halle-Merseburg, im Februar 1927 in dieser Funktion bestätigt, gehörte er der engeren BL an. Im März 1933 verhaftet, von Mai bis November 1933 im KZ Lichtenburg. Sachs hatte später über Ernst Graul und Georg König Kontakt zur Widerstandsgruppe um Georg Schumann. 1945 wieder Mitglied der KPD und ab 1946 örtlicher SED-Geschäftsführer. Rudolf Sachs starb am 11. August 1947 in Halle.

Wer war wer in DDR

Sackmann, Horst

* 3.2.1921 – ✝ 2.11.1993

Geb. in Freiburg i. Br.; Vater Revisor; Oberrealschule in Offenburg (Baden); 1939 – 45 Chemiestudium an den Univ. Halle u. Freiburg i. Br., unterbrochen durch Wehr- bzw. Kriegsdienst. 1945 Dipl.-Examen an der MLU Halle; 1946 hier wiss. Assistent am Inst. für Physikal. Chemie; 1950 Prom.; 1954 Habil.; Doz.; 1958 Prof. mit Lehrauftrag, 1959 Prof. mit vollem Lehrauftrag, 1963 – 86 ord. Prof. für Physikal. Chemie u. 1963 – 69 Dir. des Inst. für Physikal. Chemie der MLU; 1986 em.; 1965 Mitgl., 1971 Mitgl. des Präs., 1973 – 87 Vizepräs. der Leopoldina; 1972 NP; 1974 Korr. Mitgl. der Österr. AdW; 1985 Dr. h. c. Univ. Jena; 1989 Korr. Mitgl. der AdW zu Göttingen. 1991 – 93 Vors. der Personalkommission für Naturwiss. / Landw. der MLU Halle; gest. in Halle. Arbeitsgebiete: flüssige Mischphasen, insbes. Polymorphie u. Struktur, Phasenverhalten u. Eigenschaften flüssiger Kristalle; Einfluß grenzflächenaktiver Stoffe auf Flüssigkeitsoberflächen; Mithrsg. der »Ztschr. für Chemie« u. der Ztschr. »Molecular Crystals and Liquid Crystals«.Michael Kaasch

Wer war wer in DDR

Ruben, Walter

* 26.12.1899 – ✝ 7.11.1982

Geb. in Hamburg in einer dt.-jüd. Familie; Vater Kfm., Teilhaber einer Kohleimport-Firma u. Reederei, Mitbegr. der Literar. Vereinigung in Hamburg; Mutter Emmi R., Kunstsammlerin u. Mäzenin; Wilhelm-Gymnasium in Hamburg; seit 1915 privater Sanskrit-Unterricht bei Sten Konow, 1917 Notabitur; 1917/18 Militärdienst; 1919 – 24 Studium der Indol., der griech. u. latein. Sprache sowie Philos. an den Univ. Bonn (bei Hermann Georg Jacobi) u. Berlin (bei Heinrich Lüders); 1924 Prom. zum Dr. phil. (mit einer Arbeit über ind. Logik) u. 1927 Habil. für das Fach Indol. an der Univ. Bonn; bewirtschaftete seit den 1920er Jahren ein eigenes Gut in Nieder-Mumbach; 1931 – 35 Privatdoz. an der Univ. Frankfurt (Main), gehörte hier zum Kreis um den Ethnologen Leo Frobenius, der ihn förderte; 1935 Emigr. wegen rass. Repressionen in die Türkei, bis 1948 Prof. für Indol. an der Univ. Ankara; 1935/36 Forschungsreise nach Indien; Aug. 1944 – Jan. 1946 in der anatol. Provinzstadt Kirshehir konfiniert. März/Apr. 1948 in Hamburg, Verweigerung der Einreise in die SBZ durch sowj. Behörden; 1948/49 Prof. an der Univ. Santiago de Chile, Inh. des Lehrstuhls für Ethnologie. 1950 – 65 Prof. mit Lehrstuhl für Indol. u. Dir. des Inst. für Indienkunde an der HU Berlin; 1955 Ord. Mitgl. der DAW; 1955 zugl. Stellv. u. 1962 Dir. des Inst. für Orientforschung der DAW (Nachf. von  Hermann Grapow); 1958 SED; 1959 NP; 1960 – 68 Sekretar der Kl. für Sprachen, Lit. u. Kunst der DAW; 1961 Vizepräs. der dt.-ostasiat. Ges.; 1965 em.; gest. in Berlin. Zahlr. Werke über ind. Lit., Philos. u. Religionsgeschichte; Umgestaltung der Indol. zu einer komplexen Länderwiss.; Hrsg. von »Ind. Romane« (1964 – 67).Einführung in die Indienkunde. Berlin 1954; Geschichte der ind. Philos. Berlin 1954; Kulturgeschichte Indiens. Berlin 1978. Neue Indienkunde. Berlin 1970 (Fs., Bibl.); Scheel, H. (Hrsg.): Indiens Rolle in der Kulturgeschichte. Dem Wirken W. R.s gewidmet. Berlin 1982; Stache-Rosen, V.: German Indologists. New Delhi 1990; Schetelich, M.: W. R. Leben u. Werk. In: Abhandl. u. Berichte des Staatl. Museums für Völkerkunde Dresden. Bd. 47. Berlin 1992; Verein Aktives Museum (Hrsg.): Haymatloz. Exil in der Türkei 1933 – 1945. Berlin 2000; Heidrich, J. u. a. (Hrsg.): Indian Culture. Continuity and Discontinuity. In Memory of W. R. (1899 – 1982). Berlin 2002.Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Rubiner, Frida

* 28.4.1879 – ✝ 21.1.1952

Geb. in Mariampol (Rußland / Litauen) in einer jüd. Fam.; Vater Angest.; Volksschule; Schneiderin, Autodidaktin; Mädchengymn. in Kowno (Kaunas); 1899 – 03 Studium der Physik in Berlin u. Zürich, finanziert durch Schneiderarbeiten; 1903 Prom. mit der Arbeit »Über die Ausnahmestellung der Wärme unter den Energieformen«; 1906 Übersiedl. nach Frankfurt (Main), SPD; ab 1908 in Berlin, dort Mathematiklehrerin; 1911 Heirat mit dem Schriftsteller u. Anarchokommunisten Ludwig Rubiner; 1913 – 18 mit ihrem Mann Emigr. in die Schweiz; gehörte ab 1915 zur »Zimmerwalder Linken«; übersetzte mehrere Arbeiten Wladimir I. Lenins (u. a. »Staat u. Rev.«, 1918) u. Leo Trotzkis; Dez. 1918 Ausweisung aus der Schweiz; Febr. 1919 Rückkehr nach Dtl.; Mitbegr. der KPD; in deren Auftrag Teiln. am Gründungskongreß der KI in Moskau; Frühjahr 1919 nach München, Mitgl. im Propagandaausschuß der Münchner Räterep.; Nov. 1919 zu 21 Mon. Festungshaft verurteilt, vorz. entlassen; 1920 – 22 Red. der »Roten Fahne« in Wien, 1921/22 KPÖ; 1922 – 24 Korrespondentin der »Inprekor« in Moskau; 1924 – 30 in Berlin Propagandistin der KPD; 1924 – 27 Red. »Die Rote Fahne« in Berlin; Anhängerin der »ultralinken« KPD-Strömung um Ruth Fischer u. Arkadi Maslow; ab 1927 Lehrerin an KPD-Parteischulen; Nov. 1929 nach Moskau; bis Nov. 1931 wiss. Mitarb. am Marx-Engels-Inst. Moskau, erste Übersetzerin der Werke Lenins ins Deutsche; 1931/32 propagandist. Arbeit unter den in der UdSSR beschäftigten dt. Arbeitern; Dez. 1932 – Aug. 1933 Sekr. des EK der IRH/MOPR in Moskau; 1933 – 35 Mitarb. der Presseabt. des EKKI, Ltr. der roman. Verlagsgruppe; 1936 sowj. Staatsbürgerschaft; 1935 – 38 Ltr. der Presseabt. der sowj. Literaturagentur; Mai 1938 vom NKWD in Moskau verhaftet, nach Anwerbung als geheime Mitarb. wieder entlassen; Dez. 1938 – Juni 1941 Red. im Verlag für fremdspr. Lit. in Moskau; ab Juni 1941 leitende Funktionen in der pol. HV der Roten Armee (GlavPURKKA), Ltr. des »Umschulungsprogramms« für dt. Kriegsgefangene in der UdSSR, 1941 – 45 dt. Red. im INO-Radio; kontrollierte die NKFD-Prop.; Juli 1945 – Jan. 1946 verantw. Sekr. des NKFD; 1945/46 Lehrerin an einer KPD-Schule b. Moskau. Juni 1946 Rückkehr nach Dtl. (SBZ); Dekan für Grundlagen des Marxismus an der PHS in Liebenwalde, später Kleinmachnow; Übersetzerin, umfgr. publizist., kulturpol. u. liter. Arbeit; 1949 Dr. h. c. der Univ. Leipzig; F. R. hat als ML-Lehrerin in Moskau u. Berlin zahlr. SED-Spitzenkader ideolog. geprägt; gest. in Kleinmachnow (b. Berlin).Sowjetrußland von heute. Berlin 1925; Die Grundlagen des Sowjetstaates. Berlin 1927; Der Grosse Stern. Eine unromant. Wolgafahrt. Wien 1930; Eine Wende in der Menschheitsgesch. Zum 30. Jahrestag der Oktoberrev. Berlin 1948; Einst unglaubliche Berichte. Berlin 1987 (mit Bibl. der Publizistik u. Buchausgaben, hrsg. H. W. Schwarz). Götze, D.: »Meine Mission ist, die Vermittlerin der UdSSR in Dtl. zu sein ?« F. R. In: BzG (1977) 9; Schwarz, H. W.: F. R. In: Schwarz: Internationalistinnen. Sechs Lebensbilder. Berlin 1989; Heeke, M.: Reisen zu den Sowjets. Münster 2003.Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Rüddenklau, Wolfgang

* 1.5.1953

Geb. in Erfurt in einer Pfarrersfamilie, aufgew. in Fambach (Thür.); 1971 Abitur in Eisenach; 1972 ein Semester Theol.-Studium am Sprachenkonvikt in Berlin; anschl. Bühnenarb. am Dt. Theater; 1973 Ausbildung zum Kinder- u. Jugendarb. im gemeindekirchl. Dienst, nach der Probezeit wegen »mangelnder Anpassungsfähigkeit« nicht übernommen; anschl. Pförtner, Nachtwächter, Hausmstr., Friedhofsarb.; dabei Selbststudium der Geschichte, insbes. der russ. u. dt. Rev.-Geschichte, Vorarbeiten zu einer Gustav-Landauer-Biogr.; 1983 Mitbegr. des »Friedens- u. Umweltkrs. Glaubenskirche« in Berlin-Lichtenberg; 1984/85 ein Jahr Gefängnishaft in Berlin u. Rüdersdorf unter dem Vorwand krimineller Delikte; 1986 Mitbegr. der Umweltbibliothek (UB) bei der Berliner Zionsgemeinde u. Red. der Samizdat-Ztschr. »Umweltblätter«, Org. des DDR-weiten Informationsaustauschs opp. Gruppen, Mitorganisator von Öko-Seminaren u. a. Aktivitäten der Berliner Friedensgr.; Nov. 1987 nach der MfS-Aktion gegen die UB Verhaftung u. Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen »staatsfeindl. Gruppenbildung«, Haftentlassung nach massiven öffentl. Protesten; 1989 – 96 Red. des »telegraph« (Nachfolge-Ztschr. der »Umweltblätter«); anschl. Mitarb. der UB bis zu deren Auflösung nach Einstellung der öffentl. Förderung 1998, anschl. arbeitslos, seit 2003 freiberufl. Webdesigner, gelegentl. Vortragstätigkeit; lebt in Berlin.Störenfried – DDR-Opp. 1986 – 89. Berlin 1992; »... das war doch nicht unsere Alternative«. DDR-Oppositionelle zehn Jahre nach der Wende. Münster 1999 (hrsg. mit B. Gehrke).Silvia Müller

Wer war wer in DDR

Ruge, Ernst

* 12.4.1878 – ✝ 3.9.1953

Geb. in Gröditz (Sachsen); Vater Anbrecht R. Beamter, Dir. der Frankfurter Reichsbankstelle; Gymnasium; Stud. der Med., Prom.; 1910 – 37 Chefarzt der chirurg.-gynäkolog. Abt. des städt. Krankenhauses Frankfurt (Oder); wg. jüd. Ehefrau 1933 Verlust aller Ehrenämter (stellv. Vors. der brandenburgischen Ärztekammer), 31.12.1937 als Chefarzt entlassen; ab Mai 1938 private Praxis in Frankfurt (Oder). Ende April 1945 durch den sowj. Kommandanten als OB von Frankfurt (Oder) eingesetzt (Nachf. von Viktor v. Podbielski); 1945 SPD, 1946 SED; Ende Sept. 1946 Abberufung als OB; bis 1952 prakt. Arzt in Frankfurt (Oder); 1952 Übersiedl. in die Bundesrep. Dtl., Rentner in Baden, dort gest.Targiel, R.-R.: Die Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder) vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zur Wiedererlangung der kommunalen Selbstverwaltung im Jahr 1990. Frankfurt (Oder) 2000.Andreas Herbst

Handbuch Deutsche Kommunisten

Rühl, Walter

* 15.5.1881 – ✝ 7.7.1942

Geboren am 15. Mai 1881 in Berlin, kam als Kind nach Hamburg (Zögling im Waisenhaus). Er lernte und arbeitete als Schmied und Schiffsheizer. Im Weltkrieg Soldat, wurde 1918 Mitglied der USPD, 1919 deren Kassierer in Hamburg und dort in die Bürgerschaft gewählt. Mit der linken USPD kam Rühl 1920 zur KPD und blieb bis 1925 für sie Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft. Von 1921 bis 1925 war er Schriftführer und hauptamtlicher Sekretär der BL Wasserkante. Walter Rühl war dann zusammen mit Hugo Urbahns im Prozeß gegen die Führung des Aufstandes 1923 in Hamburg angeklagt. 1925 gehörte er den Ultralinken an und wurde wegen Verstoßes gegen »Parteibeschlüsse« aus der KPD ausgeschlossen, blieb aber weiter in linken Kreisen aktiv. Er emigrierte 1933 nach Frankreich. Dort 1939 interniert, konnte Walter Rühl zwar fliehen, gilt jedoch seit dem 7. Juli 1942 als vermißt.

Wer war wer in DDR

Rümmler, Kurt

* 19.11.1911 – ✝ 31.12.1958

Geb. in Taura; Vater Bäcker; Volksschu- le; 1926 – 30 Lehre als Maschinenschlosser; 1930 – 33 erwerbslos; 1931 KPD; 1933 RAD; 1934 Bauarb.; 1935/36 neun Mon. Haft wegen »Vorber. zum Hochverrat«; dann erwerbslos; 1937 Arbeit als Bohrer; 1943 – 45 Wehrmacht; 1945 – 47 sowj. Kriegsgefangenschaft. 1947 Einstellung bei der Polizei, Personalltr. im Krs.-Amt Rochlitz; 1949 Personalltr. im VVEAB Rochlitz; 1950 Einstellung beim MfS, Ltr. der Krs.-Dienststelle Rochlitz (Sachsen); 1951 der Krs.-Dienststelle Oelsnitz; 1952 der Krs.-Dienststelle Leipzig, dann Ltr. der BV Leipzig; 1953 Oberst.Jens Gieseke

Handbuch Deutsche Kommunisten

Rund, Alice

* 28.8.1882 – ✝ 1939

Geboren am 28. August 1882 in Berlin, Tochter einer Handwerkerfamilie. Nach dem Abitur Studium in Berlin, dort anschließend Studienrätin an Gymnasien. Vor dem Weltkrieg in der SPD, schloß sie sich dem Spartakusbund an, wurde aber zunächst nicht Mitglied der KPD, um ungehindert im Schuldienst bleiben zu können. Offiziell 1928 in die KPD eingetreten, wurde sie sofort Mitglied der Reichsleitung kommunistischer Lehrer und leitete diese Gruppe kurzzeitig. 1933 aus dem Schuldienst entlassen, emigrierte Alice Rund nach Frankreich und 1935 in die Sowjetunion. Dort soll sie in der VAA beschäftigt gewesen sein. Im April 1938 in Moskau vom NKWD verhaftet, kam Alice Rund 1939 (nach anderen Angaben 1940) im Gulag ums Leben.

Wer war wer in DDR

Rüscher, Hans-Joachim

* 1.7.1928 – ✝ 16.1.2015

Geb. in Halle; Vater Chemiearb.; Volksschule; kfm. Lehre bei der Firma Krause in Halle; 1944/45 Wehrmacht; Mai – Okt. sowj. Kriegsgefangenschaft in Brandenb. 1945 Beendigung der Lehre in Halle; 1946 – 48 kfm. Angest. beim Konsum in Halle; 1947 FDJ; 1948/49 Dreher-Umschüler bei der Firma Thieme und Töwe in Halle; 1949 – 54 Dreher beim VEB Kühler- und Gerätebau Halle; 1951 SED; 1954/55 Instrukteur, 1955 – 57 Abt.-Ltr. der SED-Stadtltg. Halle; 1957/58 Studium an der BPS Ballenstedt; 1958 – 60 Instrukteur der SED-BL Halle; 1960 – 64 Instrukteur der Abt. Parteiorgane des ZK der SED; 1961 – 68 Fernstudium an der PHS, Dipl.-Ges.-Wiss.; 1964 Ltr. der Abt. Parteiorgane beim Büro für Industrie- und Bauwesen beim PB; 1965/66 Ltr. der Arbeitsgr. Bez.-Wirtschaftsräte beim Büro für Industrie und Bauwesen beim PB; 1966 – 72 stellv. Ltr. der Abt. Leicht-, Lebensmittel- und Bezirksgeleitete Industrie; 1971 VVO; ab Nov. 1972 – 86 Ltr. der Abt. für Leicht-, Lebensmittel- u. Bezirksgeleitete Industrie des ZK der SED (Nachf. von  Gerhard Briksa); 1984 VVO; 1988 Ehrenspange zum VVO.Andreas Herbst

Handbuch Deutsche Kommunisten

Rytlewski, Hans

* 4.6.1899 – ✝ 9.4.1972

Geboren am 4. Juni 1899 in Hamburg, Sohn eines Seemanns; wurde Tischler. Soldat im Weltkrieg, gehörte 1919 dem Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat an. 1919 trat er in die USPD ein, 1921 in die KPD. Bergmann im Ruhrgebiet, ab 1923 Tischler in Hamburg; er nahm 1923 am Hamburger Aufstand teil und gehörte als Funktionär des RFB in Hamburg der BL Wasserkante an, führender Mitarbeiter im Abwehrapparat der BL Wasserkante. Er emigrierte im August 1933 nach Dänemark, zunächst Instrukteur in Aarhus, organisierte dann von Kopenhagen aus unter dem Decknamen »Schwarzer Hans« die Grenz- und Seeleutearbeit. Im November 1936 ging Rytlewski nach Spanien, kämpfte als MG-Schütze in der XIV. Internationalen Brigade und besuchte von Oktober 1937 bis Januar 1938 die von Erich Mielke geleitete Kommissarschule in Pozo Rubio. Ab Mai 1938 nach einer Verwundung in Frankreich, von dort im Juli 1939 in die Sowjetunion, Erzieher bzw. Ausbilder in einem Kinderheim für spanische Waisenkinder. 1941 wurde Rytlewski mit den Wolgadeutschen in die Region Nowosibirsk verbannt; Buchhalter, ab 1943 Instrukteur in Kriegsgefangenenlagern und an der Front als Dolmetscher für das NKWD. Im Dezember 1946 kehrte er nach Deutschland zurück, war ab Januar 1947 Leiter der Wasserschutzpolizei in Schwerin, 1949 Leiter der Verschlußsachenabteilung im mecklenburgischen Innenministerium. Ab März 1950 Erzieher in der Strafanstalt Dreibergen-Bützow, übernahm später die Leitung der Jugendstrafanstalt Neustrelitz-Strelitz, aber abgelöst wegen »Nichteinhaltung von Sicherheitsbestimmungen und der Einführung von Selbstverwaltungsstrukturen nach dem Vorbild Makarenkos«. Zuletzt Kaderinstrukteur der SED Schwerin, ab 1955 Invalide. Hans Rytlewski starb am 9. April 1972 in Schwerin.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Sach, Emil (* ? – † ?)

* 19 zur – ✝ 19 zur

Die Frühzeit des Berliner Arbeiters Sach ist unbekannt, er war bis 1918 in der SPD, kam 1919 zur KPD und gehörte dort mit der übergroßen Mehrheit der Berliner Mitglieder und Funktionäre zur linken Opposition. Unter dem Pseudonym Erdmann wurde er einer der Führer der KAPD, Organisationsleiter und Kassierer. Er begrüßte z. B. als Mitglied des Hauptausschusses der KAPD deren außerordentlichen Parteitag im September 1921 in Berlin. Sach wurde zusammen mit Karl Schröder aus der KAPD ausgeschlossen. Danach zählte er kurze Zeit zur »Essener Richtung« der Partei. Doch 1923 zog Sach sich aus der Politik zurück und lebte in Westdeutschland, sein weiteres Schicksal war nicht zu ermitteln.

Sachse, Helmut »Joe«

* 28.10.1948

Geb. in Mittweida; 1973 – 78 Studium an der Musik-HS Weimar; Mitgl. versch. Gruppen von  Manfred Schulze (Praxis II, Schulze-Formation); 1976 eigenes Quartett mit  [linkintern=?ID=1365]Manfred Hering[/linkintern], Bassist Christoph Winckel u. Schlagzeuger Wolfram Dix, 1977 durch Pianist Hannes Zerbe zum Quintett Osiris erweitert (auf Tournee mit Gastsolisten wie Charlie Mariano, Leo Wright, Carmell Jones, Toto Blanke, Rudolf Dašek u.  [linkintern=?ID=1920]Uwe Kropinski[/linkintern]); 1978/79 Gitarrenduos mit Blanke, Dašek u. Kropinski; seit Anfang der 1980er Jahre internat. erfolgr. Duo mit Hering u. eigenes Quartett (mit Hering u. – wechselnd – Helmut Forsthoff u.  Ernst-Ludwig Petrowsky oder Heiner Reinhardt u. W. Dix), daneben Mitarb. im Petrowsky-Quartett; 1981 Amiga-LP »H. S. – Hannes Zerbe« (darauf S. im Duo mit Hering u. eigenem Sextett); 1982 Amiga-LP »Round About Mittweida« im  Konrad Bauer Quintett; 1982 FMP-LP »Pan – Vielleicht Tau« (in der Heinz Becker Group); 1983 im Trio mit Petrowsky und Koch beim Ungar. Jazzfestival Debrecen (CD »Drei Propheten«, 2004 bei Tribar Music); 1983 Amiga-LP »Die Po(e)saunenstunde« mit Günter Saalmann; 1984 CD »H. S. – solo« (FMP); 1984 Opus-LP »Bratislava Jazz Days« (im Duo mit Hering); Mitarbeit in der Gr. »Doppelmoppel« (mit Kropinski u. den Posaunen-Brüdern Bauer): 1985 Amiga-LP »1. Jazztage der DDR« u. FMP-LP »Replections«; 1985 LP Moers Music »Vario« im Günter Christmann Ensemble; seit Mitte der 1980er Jahre gelegentl. Zusammenarb. mit dem Posaunisten George Lewis u. dem Schlagzeuger u. Sänger David Moss (CD »Berlin Tango«, ITM); 1988 Amiga-LP »H. J. S. – solo« (»Goldene Amiga« 1990); 1988 in einer Werkstattbesetzung (Amiga-LP »Jazzorchester der DDR«); 1990 Solo-CD »European House«. Seit 1990 weitere zahlr. Aufnahmen, u. a. 1992 CD »Links« bei Schlozzton (Fusions-All-Star-Treffen mit Wolfgang Mirbach, Jörg Drewing, Jack Bruce, Mark Charig, Dick Heckstall-Smith, John Marshall), 1994 amf-CD »Jimi Hendrix – If 69 was 96« (Duo mit Moschner); 1999 Victor-CD »Aventure Québécoise«; 1999 Solo-CD »Ballade für Jimi Metag«; 2004 CD »Drifting – S. plays Jimi Hendrix« bei Tribar Music; 2006 CDs »Riff« u. »Wodka mit Salz – Geschichten zum Verzweifeln«. S. gilt neben Kropinski, den Brüdern Bauer u.  Günter Sommer als internat. meistbeachteter ostdt. Jazzmusiker.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Saefkow, Anton

* 22.7.1903 – ✝ 22.6.1944

Geboren am 22. Juli 1903 in Berlin, entstammte einer sozialistischen Arbeiterfamilie. Als Schlosserlehrling trat er 1920 der KJD bei und war seit 1923 Mitglied in deren ZK. Ab 1924 in der KPD; im August 1924 in Bayern mit falschen Papieren verhaftet (Ferdinand Merker) und im November zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. 1927 Parteisekretär, zunächst in Berlin, dann Sekretär für Gewerkschaftsfragen in Ostsachsen, ab April 1929 in der BL Ruhr in Essen. Nach Gründung der RGO von 1929 bis Mitte 1932 Leiter dieser Organisation im Ruhrgebiet, danach Polleiter des KPD-Bezirks Wasserkante in Hamburg. Am 16. April 1933 wurde Saefkow mit seiner Frau Thea, geborene Brey, verhaftet, sie wurde freigelassen, emigrierte später nach Frankreich, ihre Ehe wurde 1938 geschieden. Anton Saefkow war bis April 1934 im KZ Fuhlsbüttel eingesperrt, wurde dann zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und nach Strafverbüßung 1936 ins KZ Dachau eingeliefert. Dort zu weiteren zwei Jahren Haft wegen »kommunistischer Zellenbildung« bestraft, weil er im KZ eine Gedächtnisfeier für Edgar André veranstaltet hatte. Im Juni 1939 freigelassen, arbeitete er bei einer Autovermietung in Potsdam, heiratete 1941 Änne Thiebes. Saefkow wirkte wieder illegal und baute während des Krieges in Berlin die neben der Schumann-Gruppe größte und bedeutendste illegale Widerstandsorganisation der KPD auf. Er hatte auch Verbindung zu den Kreisen des 20. Juli, kam gemeinsam mit Franz Jacob am 22. Juni 1944 in Berlin mit Julius Leber und Adolf Reichwein zusammen. Die Gestapo, über einen Spitzel informiert, verhaftete Saefkow am 4. Juli 1944. Mit Jacob und Bernhard Bästlein am 5. September 1944 vom VGH zum Tode verurteilt, wurde Anton Saefkow am 18. September 1944 in Brandenburg hingerichtet. Seine zweite Frau Änne Saefkow, geb. Thiebes (* 12. 2. 1902), seit 1922 Mitglied der KPD, war u. a. Stenosekretärin im ZK der KPD und beim RGO-Reichskomitee, bis Ende 1933 im illegalen Apparat des ZK Mitarbeiterin von Theodor Neubauer. Nach dessen Verhaftung bis 1944 Stenotypistin und Korrespondentin bei verschiedenen Firmen, am 5. Juli 1944 verhaftet, beim Evakuierungsmarsch aus dem KZ Ravensbrück am 1. Mai 1945 von der Roten Armee befreit. Bis 1952 stellvertretende Vorsitzende der Kommission für Staatliche Kontrolle von Ost-Berlin, von 1950 bis zur Auflösung der VVN (Februar 1953) Vorsitzende des Landesverbandes Groß-Berlin und Abgeordnete der Volkskammer. Änne Saefkow starb am 4. August 1962 in Ost-Berlin.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Ruben-Wolf, Lothar

* 17.6.1882 – ✝ 15.1.1938

(* 1882 – † 1938) Geboren am 17. Juni 1882 in Wiesbaden, Lothar Wolf stammte aus einer bürgerlich-jüdischen Familie. Nach dem Medizinstudium und der Promotion übersiedelte er nach Berlin, ließ sich dort als Arzt nieder. Hier 1921 Mitglied der KPD, er wurde ein bekannter Kommunist. Führend in der Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen (ARSO), der 1927 gegründeten Dachorganisation der sozialpolitischen Organisationen der KPD (IAH, RH, IB usw.). Zusammen mit seinem Kollegen und Freund, Dr. Richard Schmincke sowie seiner Ehefrau Martha Ruben-Wolf war er in der kommunistischen Ärztegruppe und im Klub der Geistesarbeiter der KPD aktiv. Die beiden Ruben-Wolfs unternahmen ab 1925 gemeinsam mehrere Reisen in die Sowjetunion, und ihre begeisterten Berichte darüber wurden in Büchern durch KPD-Verlage verbreitet: Martha Ruben-Wolf und Lothar Wolf: »Im freien Asien, Reiseskizzen zweier Ärzte« (1926); dies: »Russische Skizzen.« (1927). Lothar Ruben-Wolf emigrierte 1933 mit seiner Familie nach Paris, von dort im Februar 1934 in die UdSSR und war in Moskau nun im Volkskommissariat für Gesundheitswesen angestellt. Er wurde am 28. November 1937 (nach anderen Angaben am 15. Januar 1938) vom NKWD verhaftet und am 4. Oktober 1938 zum Tode verurteilt. Lothar Ruben-Wolf ist noch am gleichen Tag in Butowo erschossen, im Juni 1956 rehabilitiert worden.

Handbuch Deutsche Kommunisten

Rubiner, Frida

* 28.4.1879 – ✝ 21.1.1952

(* 1879 – † 1952) Frida Ichak wurde am 28. April 1879 in Mariampol/Litauen geboren, ältestes von neun Kindern einer ärmlichen jüdischen Kleinbürgerfamilie. Sie lernte Schneiderin und mußte viele Jahre die ganze Familie ernähren. Um die Jahrhundertwende kam sie nach Zürich, wo sie sich als Schneiderin das Studium verdiente und unter großen Schwierigkeiten Philosophie studierte und promovierte. In der Schweiz heiratete sie den deutschen Schriftsteller, Anarchokommunisten und Pazifisten Ludwig Rubiner (* 12. 7. 1882 – † 26. 2. 1920). 1906 Übersiedlung nach Frankfurt/M., wo sie sich der SPD anschloß, 1908 zog sie nach Berlin. Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges ging sie wieder in die Schweiz, gehörte zur Gruppe der »Zimmerwalder Linken« unter Führung Lenins. Diesen hatte sie persönlich kennengelernt und wurde zur Übersetzerin der ersten deutschen Ausgabe von Lenins »Staat und Revolution«. Ende 1918 aus der Schweiz ausgewiesen, kam Frida Rubiner im Februar 1919 nach Deutschland, hier Mitglied der KPD; sie soll am Gründungskongreß der Komintern in Moskau teilgenommen haben, jedoch ohne Mandat. Im Frühjahr 1919 ging sie nach München, wo sie sich aktiv an der Münchner Räterepublik beteiligte, dort gehörte sie unter dem Pseudonym Friedjung dem Propagandaausschuß der Räteregierung an, der im Wittelsbacher Palais tagte, außerdem der Verkehrskommission. Im November 1919 von einem Gericht in München zu einem Jahr neun Monaten Festung verurteilt, nach Strafverbüßung Redakteurin an der Wiener »Roten Fahne« und 1920 als Korrespondentin der »Inprekorr« in Moskau. 1923 sympathisierte sie mit der linken Opposition und stand seit Anfang 1924 in freundschaftlichem Briefwechsel mit Ruth Fischer und Arkadi Maslow. Nachdem die Linken 1924 die KPD-Führung übernahmen, kam Frida Rubiner nach Deutschland zurück und übte in der KPD verschiedene Funktionen aus. Bis 1927 war sie politische Redakteurin der »Roten Fahne«, zugleich vom ZK als Referentin und Instrukteurin eingesetzt, war sie u. a. längere Zeit nach Thüringen entsandt, um gegen Guido Heyms Leninbund zu agitieren, 1928 Lehrerin und Leiterin der KPD-Parteischule auf dem »Weißen Hirsch« in Dresden. Sie verfaßte Broschüren für die KPD und übersetzte wichtige politische Werke aus dem Russischen ins Deutsche (z. B. Sinowjew-Lenin: »Gegen den Strom«; Bucharin: »Ökonomik der Transformationsperiode«; Lenin: »Materialismus und Empiriokritizismus«. Trotzki: »Literatur und Revolution«). Im Zusammenhang mit der Wittorf-Affäre stand Frida Rubiner zunächst auf der Seite der Versöhnler gegen Ernst Thälmann. Am 8. Oktober 1928 unterschrieb sie eine Erklärung der Parteiarbeiterkonferenz des Berliner Bezirks Friedrichshain, der die strikte Einhaltung des ZK-Beschlusses vom 28.September 1928 forderte, nämlich, daß Thälmann nicht weiter im Amt bleiben dürfe. Danach übte sie Selbstkritik und wurde 1930 nach Moskau zur Arbeit im Marx-Engels-Institut geschickt. In einem späteren Lebenslauf betonte sie ihre Linientreue: »Das Institut wurde damals von Rjasanow und einer menschewistisch-trotzkistischen Clique geleitet, gegen die ich einen aktiven Kampf aufnahm. Ein Jahr später wurde ich vom ZK der KPdSU in den Apparat des ZK übernommen. 1932 wurde ich auf dem Ersten Internationalen Kongreß der Internationalen Roten Hilfe zum Sekretär der IRH gewählt. Später kam ich in den Apparat des EKKI, wo ich ein Ressort in der Presse-Abteilung leitete. Nach der Ermordung des Genossen Kirow, als die Generalreinigung des Apparates des EKKI einsetzte, bekam ich zuerst eine Rüge von der Zelle des EKKI wegen ?mangelnder Wachsamkeit? infolge meiner Bekanntschaft mit Feinden des Volkes, die im Apparat des EKKI gearbeitet hatten. Die Rüge wurde von der Kontrollkommission des Moskauer Komitees bald annulliert.« Sie konnte nicht wissen, daß sie weiterhin als Versöhnlerin galt und vom NKWD überwacht wurde. Von 1936 bis 1939 war sie als Leiterin der Presseabteilung in Moskau mit der Aufgabe betraut, die »bürgerliche Presse« des Auslandes mit Material über die Sowjetunion zu versorgen. Von 1939 bis 1941 arbeitete sie in der VAA, »als deutscher Redakteur 1. Kategorie für die Klassiker des Marxismus (Lenin/Stalin)«, wie sie später berichtete. 1941 zur PUR abkommandiert, um Propaganda der Roten Armee unter den deutschen Soldaten zu betreiben. Im Juni 1946 kehrte Frida Rubiner nach Deutschland zurück, als Mitglied der SED begann sie zunächst als Lehrerin und Leiterin der Lehrmittelabteilung der Parteihochschule »Karl Marx« und wurde dort im Oktober 1947 Dekan der Fakultät Grundfragen des Marxismus. Wegen einer schweren Erkrankung verbrachte sie einen Teil des Jahres 1948 in Krankenhäusern der Sowjetunion. Mitte Februar 1949 zurück, wurde ihr zum 70. Geburtstag von der Universität Leipzig der Dr. h.c. der Sozialwissenschaften verliehen. Frida Rubiner starb am 21. Januar 1952 in Ost-Berlin; ihre Urne wurde am 27.Januar 1952 in einem Ehrengrab beigesetzt. Zeitlebens war Frida Rubiner bemüht, nicht von der Parteilinie abzuweichen. In der Stalin-Ära befürchtete sie das Schlimmste, denn die Hintergründe der Stalinschen Säuberung waren ihr vertraut. Sie hatte ja einst nicht nur die Werke fast aller »Parteifeinde« wie Trotzki, Sinowjew und Bucharin ins Deutsche übersetzt, sondern war lange mit den meisten auch persönlich gut bekannt – gerade zur Zeit der Schauprozesse eine tödliche Gefahr.Bernd-Rainer Barth

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Ruddigkeit, Frank

* 19.8.1939

Geb. in Grenzberg (Ostpr.); Vater Maurer; bis 1948 mit der Familie in einem Internierungslager; 1948 Umsiedl. nach Engelsdorf (b. Leipzig), bis 1957 Schulbesuch (Abschl. 10. Kl.), 1957 – 62 Studium an der HS für Grafik u. Buchkunst in Leipzig bei Heinz Wagner u. Hans Mayer-Foreyt; 1962 – 63 Lehrauftrag am Inst. für Kunsterziehung der KMU Leipzig; 1963 – 66 Aspirantur an der HS für Grafik u. Buchkunst Leipzig bei Heinz Wagner; 1965 – 89 SED; 1965 – 90 VBK; 1973 AIAP; ab 1974 Lehrtätigkeit an der HS für indust. Formgestalt. Burg Giebichenstein, Halle; 1974 – 78 Vors. d. VBK Leipzig; 1977 Doz. f. Malerei u. Grafik; 1981 Prof.; versch. Funkt. an der HS. 1992 als Prof. nicht bestätigt; 1993 Aufforderung zur Neubewerb. um die Prof., Abbruch d. Verfahrens auf eigene Entscheidung; weiterhin angestellt als Doz. bis 2004; lebt in Leipzig. Zahlr. Ausstellungen u. Ausstellungsbeteiligungen im In- u. Ausland; zahlr. Kunstpreise, u. a.: 1971 Auszeichnung bei der »Intergrafik«; 1972 Kunstpreis des FDGB; 1974 Kunstpreis der Stadt Leipzig u. »Große Medaille für Handzeichnungen« auf der Triennale in Wrocław; 1978 Kunstpreis der DDR; 1983 Erft-Preis der Grafik-Biennale Frechen; 1986 Preis d. Christl. Sozialvereinigung bei d. 1. Internat. Triennale der Handzeichn. in Kalisz / Polen. Werke: (mit K. Schwabe u. R. Kuhrt) Bronzerelief für das Portal am Hauptgebäude der KMU Leipzig, 1970 – 74; Musik u. Zeit. Vierteiliges Wandbild im Gewandhaus Leipzig, 1981; Gestern, heute, morgen. Emailwand in Böhlen, 1977, 1999 Demontage dieser Wand u. Umwandlung in eine Installation.Hartleb, R.: Künstler in Leipzig. Leipzig 1976; Meißner, G.: Leipziger Künstler der Gegenwart. Leipzig 1977; Hütt, W.: Grafik in der DDR. Dresden 1979; Guth, P. (Hrsg.): F. R. Unterm Strich. Das zeichner. Werk. Leipzig 1999.Anke Scharnhorst

Wer war wer in DDR

Ruge, Manfred

* 7.10.1945

Geb. in Erfurt; Grund- u. Oberschule, Abitur; Stud. der Theoret. Elektrotechnik an der TH Ilmenau, 1970 Dipl.-Elektroing.; bis 1988 Ltr. mehrerer Entwicklungs- u. Produktionsabt. im VEB Optima Büromaschinenwerke Erfurt; anschl. Techn. Ltr. der Erfurter Ölmühle; CDU. Mai 1990 – 2006 OB von Erfurt (Nachf. von Siegfried Hirschfeld); zeitw. stellv. Vors. des CDU-LV Thüringen; ab 2006 3. Geschäftsf. der Erfurter Stadtwerke bzw. Chef von vier Tochtergesell., u. a. Geschäftsf. der TFB Thüringer Freizeit u. Bäder GmbH.; zeitw. Mitglied im Präs. des Dt. Städtetags.Andreas Herbst

Handbuch Deutsche Kommunisten

Rühle, Otto

* 23.10.1874 – ✝ 24.6.1943

Geboren am 23. Oktober 1874 in Groß-Voigtsberg bei Freiberg/Sachsen, Sohn eines Eisenbahnbeamten. Ab 1889 studierte er am Lehrerseminar in Oschatz. Noch während des Studiums Funktionär der Freidenkerbewegung. Er war 1895/96 Hauslehrer bei einer Gräfin von Bühren bzw. Lehrer in Öderan bei Chemnitz. 1896 trat er in die SPD ein und begründete eine sozialistische Sonntagsschule. Nach der Entlassung als Volksschullehrer ab 1902 Schriftsteller und Redakteur sozialdemokratischer Zeitungen u. a. in Hamburg, dann in Breslau, Chemnitz, Pirna und Zwickau. Rühle war früh gegen überholte Schulmethoden eingetreten und leitete um die Jahrhundertwende die sozialdemokratische Bildungsgesellschaft in Hamburg und Umgebung. 1907 wurde er Wanderlehrer des PV der SPD und dadurch in der Partei bekannt, ebenso durch seine sozialkritischen pädagogischen Schriften (u.a. »Arbeit und Erziehung«, 1904, »Die Aufklärung der Kinder über geschlechtliche Dinge«, 1907), machte sich vor allem aber 1911 mit der Monographie »Das proletarische Kind« weithin einen Namen. 1912 wurde Rühle im Wahlkreis Pirna-Sebnitz als Abgeordneter in den Reichstag gewählt, dem er bis 1918 angehörte. Er stand auf dem äußersten linken Flügel der SPD. Zusammen mit Karl Liebknecht stimmte er ab März 1915 gegen die Kriegskredite. Aus Solidarität mit Liebknecht trat er 1916 aus der SPD-Fraktion aus, wurde Mitbegründer der Spartakusgruppe und war Teilnehmer der Konferenz am 1. Januar 1916. Als er sich am 12. Januar 1916 in einem Brief an den »Vorwärts« für die Parteispaltung einsetzte, geriet er in Gegensatz zu Rosa Luxemburg. 1917 ging er nicht zur USPD, sondern wurde in Dresden und Pirna Führer der Linksradikalen, später der IKD. Am 9. November 1918 übernahm Rühle den Vorsitz des Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrates und war einen Tag später Mitvorsitzender des Vereinigten Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrates von Groß-Dresden. Schon am 16.November 1918 legte er mit den anderen IKD-Mitgliedern seine Funktion nieder, da er eine Zusammenarbeit mit SPD und USPD ablehnte. Ende Dezember 1918 sprach sich Rühle als Delegierter der IKD auf dem Gründungsparteitag der KPD scharf gegen die Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung aus, er war einer der Oppositionsführer der neuen Partei. Anfang 1919 noch mit dem Aufbau der KPD in Sachsen beauftragt, trat er im Laufe des Jahres mit Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim an die Spitze der linken Opposition. Auf dem II. Parteitag der KPD im Oktober 1919 in Mannheim mußten Rühle und andere ultralinke Delegierte die Tagung verlassen, weil sie gegen die »Leitsätze über kommunistische Grundsätze und Taktik« gestimmt hatten. Der III. Parteitag im Februar 1920 in Karlsruhe schloß Rühle aus der KPD aus. Er wurde im April 1920 Mitbegründer der KAPD. Noch im Juni 1920 nahm er als Delegierter der KAPD am III. Weltkongreß der Komintern in Moskau teil. Nach der Rückkehr widersetzte er sich öffentlich nicht nur dem Führungsanspruch Moskaus, sondern war auch gegen jede Zusammenarbeit. Deshalb wurde er im Dezember 1920 aus der KAPD ausgeschlossen. Nun führender Theoretiker eines Rätekommunismus und der »Einheitsorganisation« anstelle von Partei und Gewerkschaft. Zusammen mit Franz Pfemfert wirkte Rühle in der AAU, von der er sich wieder trennte, blieb aber bis 1923 Mitarbeiter der Zeitschrift »Die Aktion«. Als Herausgeber pädagogischer Zeitschriften wie: »Am anderen Ufer«, »Grundfragen der proletarischen Erziehung« war er danach vor allem als Schriftsteller und Kursuslehrer aktiv. Durch seine Frau war er mit der Individualpsychologie Alfred Adlers bekannt geworden und versuchte, deren Kategorien auf Marx anzuwenden. Seine 1927 publizierte Biographie von Karl Marx war stark umstritten, das dreibändige Werk »Die Revolutionen Europas« (1927) und die »Illustrierte Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats« (1930) fanden hingegen weitgehende Anerkennung. Ab 1931 bemühte er sich, unter dem Pseudonym Karl Steuermann wieder Einfluß auf die Politik zu nehmen (u. a. »Weltkrise-Weltwende. Kurs auf den Staatskapitalismus«). Nachdem SA-Horden 1933 sein Haus verwüsteten, emigrierte er nach Prag, zusammen mit seiner Frau (seit 1921) Alice Rühle-Gerstel (* 1894 – † 1943), einer bekannten, berühmten Psychologin und Publizistin. Durch Vermittlung seines Schwiegersohnes Fritz (Frederico) Bach wurde er von der mexikanischen Regierung als Erziehungsberater berufen und übersiedelte 1936 nach Mexiko. Dort mit Leo Trotzki verbunden, war er 1937 Beisitzer im Tribunal, dem Untersuchungsausschuß unter dem amerikanischen Philosophen John Dewey, der die Lügen in Stalins Schauprozeß enthüllen sollte. Deshalb verlor er auf Betreiben der mexikanischen Stalinisten seine Beraterfunktion und lebte als Maler (Carlos Timonero). Otto Rühle starb am 24. Juni 1943 in Mexiko, seine Frau beging noch am gleichen Tag Selbstmord. An den Gräbern von Alice und Otto Rühle sprachen u. a. Franz Pfemfert und Fritz Fränkel. Otte Rühle, lange in Vergessenheit geraten, wurde dann durch die antiautoritäre Studentenrebellion nach 1968 als Rätekommunist wiederentdeckt und populär, zahlreiche seiner Werke wurden (z. T. als »Raubdrucke«) verbreitet. 1971 erschienen seine Schriften mit vorher unveröffentlichten Texten, etwa »Brauner und Roter Faschismus« von 1939 mit der These, Privatkapitalismus wie Staatskapitalismus (Faschismus und Bolschewismus) seien bankrott.

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Rumpelt, Paul

* 5.10.1909 – ✝ 10.1.1961

Geb. in Riesa; Volksschule; 1924 – 28 Lehre als Elektriker; 1928 – 30 Arbeiter; 1933 KPD; 1930 – 35 arbeitslos; März – Dez. 1933 »Schutzhaft«, KZ Riesa u. Hohenstein; Dez. 1933 – April 1934 Gefängnis wegen unerlaubten Waffenbesitzes; 1935 – 45 Schlosser. 1945/46 KPD/SED; 1945 Einstellung bei der Polizei Großenhain; später Revierltr., dann Ltr. der Schutzpolizei Riesa; 1948 Landespolizeibehörde Sachsen, Ltr. der Kommandantur Wurzbach der Grenzpolizei; 1949 kommissar. Ltr. der VP Dippoldiswalde, dann Ltr. der Schutzpolizei; Juli 1949 Ltr. der VP Marienberg; Okt. 1949 – Okt. 1950 Lehrgang in der UdSSR; Dez. 1950 Einstellung beim MfS, Ltr. der Abt. IV (Spionageabwehr); 1952 Ltr. der Abt. XIV (U-Haft/Strafvollzug); 1953 Oberst-Ltn.; 1958 zum Büro der Ltg. versetzt; 1960 Ltr. der Abt. XVI (Sicherung Haftanstalten).Jens Gieseke

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Rundnagel, Kurt

* 23.11.1930

Geb. in Westenfeld (Krs. Meiningen); Vater Kraftfahrer; Grund-, Mittel- u. OS, Abitur; 1946 FDJ, 1948 SED; 1949 / 50 2. Sekr., 1950 – 52 1. Sekr. der FDJ-KL Meiningen; 1952 / 53 1. Sekr. der FDJ-KL Jena-Land, 1953 – 58 1. Sekr. der FDJ-KL Saalfeld; 1956 / 57 Lehrgang an der SED-BPS; 1958 – 61 Sekr. für Studenten bzw. Agit. u. Prop., 1961 – 64 2. Sekr., 1964 / 65 1. Sekr. der FDJ-BL Gera; 1961 – 66 Fernstudium der Philos. an der FSU Jena, Dipl.-Philosoph; 1966 polit. Mitarb. der SED-BL Gera, 1966 – 68 2. Sekr. der SED-KL Rudolstadt; 1969 – 81 polit. Mitarb. in der Abt. Parteiorgane des ZK der SED; 1981 – 88 2. Sekr. der SED-BL Erfurt; VVO.Mario Niemann

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Ruschin, Günter

* 16.6.1904 – ✝ 10.8.1963

Geb. in Pasewalk (Vorpommern); 1911 – 20 Volksschule, Gymn. in Pasewalk; 1923 – 25 Schauspielunterricht in Berlin; 1925 – 31 Schauspieler an der Volksbühne u. anderen Bühnen Berlins; 1930 KPD; 1931 – 33 Mitgl. in der polit. Theater-Gruppe von  Gustav v. Wangenheims »Truppe 1931« (gemeinsam mit seiner Frau, der Schauspielerin  Steffie Spira, Heirat 1931); März 1933 in Berlin verhaftet, bis Apr. 1933 Haft in Berlin-Moabit, danach Flucht in die Schweiz; Juli 1933 nach Frankreich; 22.6.1938 Aberkennung der dt. Staatsbürgerschaft; Aug. 1939 Verhaftung in Paris, bis 1941 Lager Le Vernet u. Les Milles; Dez. 1941 nach Mexiko; dort Darsteller in zahlr. Aufführungen im Rahmen der Kulturarbeit der BFD, spielte u. a. Nazi-Rollen in mexikan. Filmen. Mai / Juni 1947 Rückkehr nach Dtl.; SED; 1948 – 50 Gründer u. Dir. des Kabaretts »Frischer Wind« in Berlin; 1950 – 59 Dramaturg bei  Fritz Wisten am Theater am Schiffbauerdamm u. an der Volksbühne; 1960 – 63 Mitarb. des Min. für Kultur, außerdem Schauspieler u. Regisseur am Dt. Theater Berlin; gest. in Berlin.Spira-Ruschin, St.: Trab der Schaukelpferde. Berlin 1984.Bernd-Rainer Barth

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Saar, Heinrich

* 30.7.1920 – ✝ 28.5.1995

Geb. in Leipzig in einer linkssozialist. Fam.; floh mit seinen Eltern vor dem Nationalsozialismus in die ČSR, Annahme der tschechoslowak. Staatsbürgerschaft; 1938 Emigr. nach Frankreich, 1939 Internierung; Eintritt in die Exilarmee der ČSR; Flucht nach Großbritannien; Oktober 1945 demobilisiert. 1946 Rückkehr in die SBZ; SED; 1948 Studium der Gesellschaftswiss. an der Univ. Leipzig, nach zwei Semestern Hilfsass.; 1952 Doz. für Marxismus-Leninismus an der HU Berlin, 1953 – 58 dort Dir. des Inst. für Gesellschaftswiss.; 1956 beteiligt an krit. Diskussionen im Kontext des 20. KPdSU-Parteitags; 1958 Verhaftung durch das MfS; mit  Herbert Crüger u. Klaus Sternberg angeklagt u. wg. »schweren Staatsverrats« zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt; 1961 vorzeitige Entlassung auf Bewährung, zugl. als IM des MfS verpflichtet; Tätigkeit als Lektor; 1969 Abbruch der Kontakte zum MfS, in den 1960er Jahren wiederholt Organisation illegaler, partiell trotzkistisch orientierter Oppositionsgruppen in Leipzig; vom MfS bearbeitet im OV »Memel«; bringt mit Freunden im Spätsommer 1978 am Völkerschlachtdenkmal die Losung »Freiheit für Bahro« an; 31.8.1979 Festnahme durch das MfS, 9.10.1980 Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren wg. »staatsfeindlicher Hetze«, Haft im Zuchthaus Cottbus, nach Freikauf durch die Bundesreg. am 4.8.1982 entlassen; Übersiedl. nach West-Berlin; 1982 Auftritte auf Solidaritätsveranstaltungen für Lech Wałęsa, Jacek Kuroń u. a. sowie die Wiederzulassung der poln. Gewerkschaft Solidarność in West-Berlin und Paris.Josef Dietzgen: Ausgewählte Schriften. Berlin 1954 (Hrsg.). Franke, U.: Sand im Getriebe. Die Geschichte der Leipziger Oppositionsgruppe um H. S. Leipzig 2008; Herzberg, G.: H. S. In: H.-J. Veen u. a. (Hrsg.): Lexikon Opposition u. Widerstand in der SED-Diktatur. Berlin 2000.Bernd Florath

dissidenten.eu

Sacharow, Andrei

* 1921 – ✝ 1989

Physiker und Konstrukteur der Wasserstoffbombe. Verteidiger der Menschenrechte, Autor des Memorandums „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ und anderer politischer Manifeste. Vordenker der sowjetischen Dissidentenbewegung und während der Perestroika führende Persönlichkeit der demokratischen Opposition.Andrei Sacharow kam 1921 in einer Familie der Moskauer Intelligenz zur Welt. Sein Vater war Pädagoge und Verfasser von Lehr- und populärwissenschaftlichen Büchern zur Physik. 1942 beendete Andrei Sacharow sein Physikstudium an der Moskauer Universität. 1942–47 arbeitete er als Ingenieur in einer Militärfabrik in Uljanowsk und machte mehrere Erfindungen auf dem Gebiet der Kontroll- und Messtechnik. 1945–47 absolvierte er ein Doktorandenstudium am Institut für Physik der Akademie der Wissenschaften, wo er sich auch an der wissenschaftlichen Arbeit des Seminars der Theoretischen Abteilung beteiligte, die von Igor Tamm geleitet wurde. Dort begann Sacharow, sich mit Kern- und Elementarteilchenphysik zu beschäftigen. Im November 1947 verteidigte er seine Doktorarbeit und blieb bis zum Ende seines Lebens Mitarbeiter der Theoretischen Abteilung. Im Sommer 1948 wurde Andrei Sacharow Mitglied einer Arbeitsgruppe, die unter der Leitung von Igor Tamm mit der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe beschäftigt war. Ab Anfang 1949 widmete er sich auf Empfehlung der Regierung vollständig der Militärforschung. Im März 1950 zog er von Moskau in die geschlossene Stadt „Arsamas 16“. Die im Gorki-Gebiet gelegene und zum Ministerium für Maschinenbau gehörende Spezialsiedlung war das Zentrum des sowjetischen Atombombenbaus und trägt heute den Namen Sarow. Sacharow war dort einer der wissenschaftlichen Leiter des Programmes für den Wasserstoffbombenbau, womit er fortan zur wissenschaftlich-technischen Elite der UdSSR gehörte und Zugang zu den höchsten Kreisen der herrschenden Partei- und Staatselite erhielt. Er konnte direkt mit den Partei- und Regierungschefs verkehren und wurde zu den Sitzungen des Präsidiums des ZK der KPdSU eingeladen, wenn es um den Atombombenbau ging. Auch wissenschaftlich machte Sacharow eine rasante Karriere. Im Juni 1953 habilitierte er sich auf dem Gebiet der Physik und Mathematik und wurde im Oktober jüngstes Vollmitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Drei Mal wurde Andrei Sacharow mit dem Titel „Held der Sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet. 1953 erhielt er den Stalin- und 1956 den Leninpreis. In den 50er Jahren befasste sich Sacharow mit der kontrollierten Kernfusion, in der er den Schlüssel zur Bewältigung ungelöster Menschheitsprobleme sah. Gemeinsam mit Igor Tamm entwickelte er die Konzeption für eine kontrollierte thermonukleare Reaktion: die sogenannte Tokamak-Anordnung. Nachdem er wegen angeblicher „Illoyalität“ von dieser unter Geheimhaltung stehenden Tätigkeit entbunden wurde, kehrte Sacharow im Sommer 1968 nach Moskau zurück und setzte seine Arbeit am Institut für Physik der Akademie der Wissenschaften fort. Er befasste sich mit Grundproblemen der theoretischen Physik und legte 1969 eine Erklärung für die Baryonenasymmetrie, ein Schlüsselphänomen der Kosmologie, vor. Er entwickelte ein neues „mehrdimensionales Modell“ des Weltraums (1970), eine neue Theorie der Gravitation (1975), eine Hypothese zur Zeitumkehr (1980) sowie eine wichtige Ergänzung zur String-Theorie (1984). Anfänglich stand das Interesse Sacharows an gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Problemen im Zusammenhang mit seinem Beruf. Um 1950 beteiligte er sich am Protest gegen eine Kampagne, die sich gegen die vermeintlich „idealistische Physik“ Albert Einsteins richtete. In der Presse waren Artikel erschienen, in denen die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik auf der Grundlage des dialektischen Materialismus angeblich widerlegt worden waren. Akademiemitglied Wladimir Fok schrieb daraufhin einen Artikel zur Verteidigung der modernen Physik, dessen Erscheinen jedoch verhindert wurde. Am 24. Juni 1953 richteten elf führende Physiker des sowjetischen Nuklearprogramms – darunter Sacharow – ein Schreiben an Lawrenti Berija, der das Programm beaufsichtigte. Die Intervention war erfolgreich, Foks Artikel konnte in der Zeitschrift „Voprosy Filosofii“ (Fragen der Philosophie; Nr. 1/1953) veröffentlicht werden, und die Presseattacken gegen Relativitätstheorie und Quantenmechanik brachen ab. Sacharow sah seine Mitarbeit an der Wasserstoffbombe nicht nur als patriotische Pflicht, sondern auch als Dienst für die Menschheit und als Beitrag zur Verhinderung eines Dritten Weltkrieges. Jahre später schrieb er in seinen Erinnerungen: „Natürlich war ich mir darüber im Klaren, mit welchen schrecklichen, unmenschlichen Sachen wir uns beschäftigten. Doch der Krieg war noch nicht lange vorbei, und er war ebenfalls unmenschlich gewesen! In jenem Krieg war ich kein Soldat, aber nun fühlte ich mich als Soldat des wissenschaftlich-technischen Krieges. […] Mit der Zeit hörten wir von Begriffen wie strategisches Gleichgewicht, gegenseitige thermonukleare Abschreckung usw. oder kamen selbst auf diese. Auch jetzt noch denke ich, dass in diesen Ideen tatsächlich eine – wenn auch nicht vollständig überzeugende – intellektuelle Rechtfertigung für den Bau der Wasserstoffbombe und unserer Beteiligung liegt.“ Mitte der 50er Jahre wurde Sacharow und anderen Kernphysikern immer stärker bewusst, dass der Preis, den die Menschheit für die Sicherheit des nuklearen Gleichgewichts bezahlt, die globale Verseuchung durch radioaktive Zerfallsprodukte ist, die nach jeder Atomexplosion in der Atmosphäre oder unter Wasser zurückbleiben. Besonders beunruhigten ihn die biologischen Folgen der Verstrahlung. Sacharows Berechnungen zufolge konnten Atomtests in der Atmosphäre hunderttausende vorzeitige Todesfälle oder schwere Erkrankungen verursachen, von denen nicht nur gegenwärtige sondern auch zukünftige Generationen bedroht waren. Deshalb veröffentlichte er 1958 und 1959 im Zusammenhang mit Chruschtschows Initiative zur Begrenzung der Kernwaffentests zwei Artikel zu diesem Thema. 1961 protestierte Sacharow gegen die Verletzung des Kernwaffenteststoppabkommens durch die UdSSR und ließ sich dabei auf einen Streit direkt mit Chruschtschow ein, der ihn daraufhin öffentlich für „Einmischung in die Politik“ rügte. Im Herbst 1962 protestierte Sacharow scharf gegen Pläne, zwei große Nukleartests in der Atmosphäre durchzuführen, die weder durch technische noch durch politische Erfordernisse gerechtfertigt wären. Er verlangte die Beschränkung auf nur eine Zündung, aber Chruschtschow ignorierte seine Proteste. Am 26. September explodierte über der Nordpolarinsel Nowaja Semlja die zweite, ausgerechnet unter Sacharows Leitung gebaute Atombombe. In seinen Erinnerungen schrieb er dazu: „Dieses furchtbare Verbrechen wurde verübt und ich konnte es nicht verhindern. Mich überwältigte ein Gefühl von Machtlosigkeit, Verbitterung, Scham und Erniedrigung. Ich stürzte mit dem Gesicht auf den Tisch und weinte. Das war sicher die schlimmste Lektion, die ich in meinem Leben erhalten habe: Man kann auf zwei Stühlen nicht sitzen. Ich entschied mich, von nun an meine Anstrengungen vor allem darauf zu konzentrieren, dass die Pläne für einen Atomteststopp in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser verwirklicht werden […].“ Seine Idee präsentierte Sacharow der Regierung als Ausweg aus der Sackgasse, in der sich die Genfer Atomteststopp-Verhandlungen befanden. Er schlug vor, sich auf das Verbot von Versuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser zu beschränken, da diese für das Leben und die Gesundheit am gefährlichsten seien. Die vergleichsweise unschädlichen unterirdischen Tests sollten zugelassen werden, wenn kein vollständiger Verzicht erreicht werden könne. Dieser Kompromissvorschlag erwies sich als erfolgreich. 1963 unterzeichneten die UdSSR, Großbritannien und die USA den Moskauer Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. Später trat die Mehrzahl der Staaten diesem Abkommen bei. Die Öffentlichkeit wusste damals nichts von der Rolle, die Sacharow bei dem Zustandekommen des Abkommens gespielt hatte. Selbst der Name des unter Geheimhaltung arbeitenden Nuklearphysikers war weder in der UdSSR noch im Ausland bekannt. Registriert wurde hingegen sein Engagement im Juni 1964, als er sich am Protest gegen den Gegner der modernen Genetik Nikolai Nuschdin beteiligte, der als Vollmitglied in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen werden sollte. Nuschdin war Mitarbeiter des von Stalin protegierten und von Chruschtschow gestützten Trofim Lyssenko. Diese Episode mit Nuschdin brachte Sacharow einen gewissen Bekanntheitsgrad ein. Sein Name wurde nun im Zusammenhang mit anderen großen Physikern genannt, die kritische Geister in dringenden Angelegenheiten um Unterstützung bitten konnten. Seit Anfang der 60er Jahre verbrachte Sacharow immer mehr Zeit in Moskau. Der Kreis seiner Bekannten erweiterte sich und Moskauer Intellektuelle stießen dazu, die mit der entstehenden Dissidentenbewegung verbunden waren. Darunter befanden sich der bekannte Publizist Ernst Henry alias Leonid Chentow (Autor eines offenen Briefes an den Schriftsteller Ilja Ehrenburg, der einer der bekanntesten antistalinistischen Samisdat-Texte war), der Biologe Schores Medwedew (Autor des im Samisdat zirkulierenden Textes „Über die Lage in der biologischen Wissenschaft“/O položenii w biologičeskoj nauke, der eine wichtige Rolle in der Kampagne gegen die ideologisch begründete Pseudowissenschaft des „Lyssenkoismus“ spielte) sowie sein Bruder, der Historiker Roi Medwedew, der Physiker Jurij Schywluk und andere.Anfang 1967 unterschrieb Sacharow einen Appell von 25 Vertretern aus Wissenschaft, Literatur und Kunst an den XIII. Parteitag der KPdSU, in dem vor den Folgen einer möglichen politischen Rehabilitation Stalins gewarnt wurde. Dies war die erste öffentliche Stellungnahme Sacharows, die weder mit seiner beruflichen Tätigkeit noch mit der Wissenschaft verbunden war. Im Herbst 1967 unterschrieb Sacharow eine weitere Gemeinschaftspetition – einen Appell an den Obersten Sowjet der RFSFR gegen die Aufnahme von *Artikel 190, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der RSFSR („Verleumdung der sowjetischen Ordnung“) und Paragraf 3 („Störung der öffentlichen Ordnung“. In dem Appell wurde davor gewarnt, dass diese Paragrafen „im Widerspruch zu den leninistischen Prinzipien der sozialistischen Demokratie stünden und im Fall ihrer Bestätigung durch den Obersten Sowjet der RFSFR die Wahrnehmung von Freiheiten behinderten, die die Verfassung der UdSSR garantiert“. Diese Petition war die erste von Sacharow unterzeichnete öffentliche Erklärung, in der es um die Verteidigung der Menschenrechte ging. Außerdem sandte Sacharow in dieser Angelegenheit ein privates Telegramm an den Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets der RFSFR. Diese Verbindung von öffentlichen Aktionen mit privaten Initiativen war für das gesellschaftliche Engagement von Sacharow charakteristisch.Nachdem Sacharow von der *Glasnost-Kundgebung auf dem Moskauer Puschkin-Platz erfahren hatte, die am 5. Dezember 1966 zum zweiten Mal stattfand, nahm er daran teil, um sich öffentlich mit den Demonstranten zu solidarisieren. Dort rezitierte er die im Denkmalsockel eingravierten Verse von Puschkin. Dieser Schritt ging deutlich über die Grenzen hinaus, die damals für die Proteste berühmter Wissenschaftler im Rahmen von Petitionskampagnen üblich waren. Bemerkenswerterweise hatte Sacharow von der Kundgebung durch ein Flugblatt erfahren, das in seinen Briefkasten geworfen worden war. Das deutet darauf hin, dass er von den jugendlichen Organisatoren der Kundgebung als Sympathisant oder sogar als Oppositioneller gesehen wurde. Im Januar 1967 schrieb Sacharow aus Anlass der Verhaftung von Alexander Ginsburg und Juri Galanskow einen privaten Brief an Breschnew. Nach der Lektüre des im Samisdat herausgegeben Essays von Larissa Bogoras-Bruchman im Sommer 1967 über die Situation ihres Mannes Juli Daniel, der eine Haftstrafe in den *mordwinischen Lagern absaß, rief er KGB-Chef Juri Andropow an und bat ihn, etwas zur Verbesserung der Situation zu unternehmen. Im gleichen Jahr unterzeichnete Sacharow gemeinsam mit 167 Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur einen Brief an das Präsidium des Obersten Sowjets, in dem dazu aufgerufen wurde, ein Gesetz über Informationsfreiheit zu verabschieden. Eine wichtige Etappe in seiner Entwicklung zum Dissidenten war die Abfassung des Essays „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ (Razmyšlenia o progresse, mirnom sosuščestvovanii i intelektualnoj svobode). Darin werden der wissenschaftlich-technische Fortschritt, seine Folgen sowie politische und ideologische Probleme thematisiert und von Sacharow außerordentlich unkonventionell analysiert: Er betrachtete die „friedliche Koexistenz“ nicht nur als Verzicht auf militärische Konfrontation, sondern auch als Annäherung der zwei rivalisierenden politischen Systeme Sozialismus und Kapitalismus. Tatsächlich trat Sacharow damit als Anhänger der Konvergenztheorie von John Galbraith und anderen linken westlichen Soziologen auf, wenn auch nicht bekannt ist, ob er deren Werke kannte. Aus Sicht der sowjetischen Staatsideologie war das ein unverzeihlicher Verrat, jedoch lag das Innovative an den Ideen Sacharows in etwas anderem: Nach einer Analyse der globalen Herausforderungen der Menschheit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der die Menschheit bedrohenden ökonomischen Ungleichheit kam Sacharow zu dem Schluss, dass der Schlüssel zur Lösung dieser Probleme in der Ausweitung der geistigen Freiheit, in der informationellen Selbstbestimmung der Gesellschaft und in der Achtung der Menschenrechte im globalen Maßstab liege. Aus diesem Blickwinkel heraus sei die in der UdSSR entstehende Menschenrechtsbewegung, die bisher pragmatisch, konkret und aus moralischen Beweggründen heraus gehandelt habe, die Verkörperung einer neuen sozialen und politischen Philosophie. Der Essay von Sacharow endete mit einer Zusammenstellung der ihm bekannten Fälle von politischer Verfolgung in der UdSSR und Gerichtsverfahren gegen Dissidenten sowie mit einem Aufruf zur unverzüglichen Verbesserung der Situation. Der Essay „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ wurde im April 1968 während des Höhepunktes des *Prager Frühlings fertig gestellt. Sacharow selbst unterstrich den Einfluss der tschechoslowakischen Ereignisse auf seinen Text. Durch Vermittlung von Roi Medwedew gelangte dieser in den Samisdat und von dort ins Ausland. Andrei Amalrik und Pawel Litwinow übergaben das abgeschriebene Manuskript an den Korrespondenten einer niederländischen Zeitung. Am 22. Juli 1968 veröffentlichte die „New York Times“ die englische Übersetzung. Später wurde der Essay in vielen anderen Ländern publiziert, unter anderem in Jugoslawien und nach dem *Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei halblegal auch dort. Der Text wurde im Samisdat zum Publikumserfolg und machte seinen Verfasser weltbekannt. Sacharow wurde sofort aus dem sowjetischen Establishment ausgeschlossen. Schon im August entband man ihn von der unter Geheimhaltung stehenden Arbeit im „Spezialobjekt Arsamas 16“, woraufhin er anfing, sich der theoretischen Physik und seinen gesellschaftlichen Anliegen zu widmen. Sein öffentliches Engagement unterbrach Sacharow 1969 wegen des Todes seiner Frau, bis er im Frühjahr 1970 gemeinsam mit Walentin Turtschin wieder einen „Appell an die Partei- und Staatsführung“ (K rukovoditeljam partii i pravitel‘stva) richtete, in dem er zur Demokratisierung des Landes aufrief und ein konkretes Reformprogramm unterbreitete. Der Appell, der auf Bitten Sacharows auch von Roi Medwedew unterzeichnet worden war und in den Samisdat gelangte, ist das erste politische Manifest liberaler und sozialistischer Intellektueller in der Sowjetunion. Alle späteren Aufrufe in ähnlicher Form wie der *Brief Alexander Solschenizyns zur Zensur vom Mai 1967 stellten eine direkte oder indirekte Auseinandersetzung mit diesem Appell dar. Hingegen gab es 1970 keinerlei Reaktionen auf den Brief. Ein Jahr später wiederholte Sacharow die Hauptthesen des Briefes in geraffter Form in einem Memorandum an Leonid Breschnew. Im Frühjahr 1970 unterzeichnete Sacharow zudem mehrere Petitionen zur Unterstützung von politisch Verfolgten. Am bekanntesten wurde sein Engagement im Fall von Schores Medwedew, der im Mai und Juni 1970 gewaltsam in der geschlossenen Psychiatrie festgehalten wurde. Unterschriften für einen Appell zu seiner Freilassung sammelte Sacharow unter seinen Bekannten und auf öffentlichen Veranstaltungen. Man lud Sacharow sogar zu einer Beratung mit dem Gesundheitsminister über den „Fall Medwedew“ ein. Kurz nach diesem Gespräch wurde Medwedew freigelassen, was nicht nur Sacharows Verdienst war, sondern auch anderen Vertretern der akademischen Elite wie Professor Pjotr Kapica zu verdanken war, die sich für die Freilassung ihres Kollegen engagiert hatten. Im Oktober 1970 nahm Sacharow erstmals an einem politischen Gerichtsprozess teil. Er war einer der wenigen zugelassenen Gäste im Saal des Gebietsgerichtes von Kaluga, wo der Prozess gegen Rewolt Pimenow und Boris Wail stattfand, die wegen des Besitzes und der Verbreitung von Samisdat-Schriften angeklagt waren. Für Sacharow war der Prozess auch aus persönlichen Gründen von Bedeutung, denn hier lernte er Jelena Bonner kennen, die bald seine Frau wurde. Bei seinem Engagement für die Menschenrechte zog es Sacharow vor, auf sich selbst gestellt zu handeln, sich keine formellen Verpflichtungen aufzuerlegen und keinen Organisationen beizutreten. Eine Ausnahme bildete das *Komitee für Menschenrechte in der UdSSR, das auf Initiative von Waleri Tschalidse gegründet worden war. Sacharow wurde Mitglied und setzte die Arbeit in diesem Komitee auch nach der Ausreise von Waleri Tschalidse in die USA fort. Über die Mitglieder des Komitees und vor allem über Sacharow ergoss sich eine Lawine von Briefen und Besuchern vor allem aus der Provinz. Sacharow sah keinen Grund, den Menschen Hilfe zu verweigern und sich hinter dem Statut des Komitees zu verbergen. Es ist möglich, dass von Andrei Sacharow vor allem damals in der Bevölkerung das Bild des großen Mannes entstanden ist, der bereit ist, den Kampf gegen jede Ungerechtigkeit der Staatsmacht aufzunehmen. Anfang der 70er Jahre engagierte sich Sacharow für politische Häftlinge und Personen, die aus unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden und unterstützte diese sowohl in ihren öffentlichen als auch persönlichen Angelegenheiten. Er fuhr zu Gerichtsprozessen, obwohl ihm seit 1971 der Zutritt zu Gerichtssälen verwehrt war, protestierte gegen die Verletzung von Menschenrechten in der UdSSR und in anderen Ländern, erteilte Interviews und organisierte Pressekonferenzen für ausländische Journalisten. Eine von Ljudmila Alexejewa auf Grundlage des Samisdat-Archivs von *Radio Liberty angefertigte Übersicht über Protestbriefe und Petitionen, die Sacharow bei seinem Engagement für andere unterschrieben hatte, enthält über 150 Texte. In seinen Artikeln und Interviews wie auch in seiner Nobelpreis-Rede setzte Sacharow die Praxis fort, die er mit dem Essay „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ begonnen hatte. Er beendete seine Äußerungen mit einer namentlichen Aufzählung politischer Häftlinge und anderweitig Verfolgter, um deren Schicksal mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft zu erleichtern.Am 16. August 1973 wurde Sacharow zu einem Gespräch mit dem stellvertretenden Generalstaatsanwalt der UdSSR, Michail Malarow, einbestellt. Man warf ihm vor, dass er „antisowjetische Tätigkeit und Zersetzung“ betreibe und warnte ihn, dass seine Treffen mit Ausländern dazu beitragen könnten, dass sensible Informationen ausländischen Geheimdiensten preisgegeben werden würden. Sacharow achtete jedoch immer genau auf die Einhaltung der Geheimhaltungspflicht, die sich aus seiner früheren Arbeit ergab. Wahrscheinlich ging Malarow davon aus, dass allein das Stattfinden informeller Treffen mit Ausländern die ungeschriebene Regel verletze, solche Treffen vorab abzustimmen. Am 21. August 1973 veranstaltete Andrei Sacharow eine Pressekonferenz in seiner Wohnung, auf der er über die Verwarnung berichtete und auf zahlreiche Fragen antwortete.Im Februar 1974 unterzeichnete Sacharow den *Moskauer Appell zur Verteidigung von Alexander Solschenizyn. Zwei Monate später schrieb er einen kritischen Artikel über Alexander Solschenizyns „Brief an die Führer der Sowjetunion“ (Pis‘mo voždjam sovetskogo Sojuza). Darin erklärte er sein Unverständnis für Solschenizyns Behauptung, dass die Sowjetunion nicht reif für die Demokratie sei, und bezeichnete dessen Aufruf zu Isolationismus und Drosselung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung als utopisch und gefährlich. Vom 28. Juni bis 4. Juli 1974 trat Sacharow erstmals in den Hungerstreik, um während des Besuches von US-Präsident Richard Nixon in der UdSSR auf die Situation der politischen Gefangenen im Land aufmerksam zu machen. Am 30. Oktober 1974 wurde auf einer Pressekonferenz in seiner Wohnung verkündet, dass die Gefangenen der *mordwinischen Lager, der *Permer Lager und des *Wladimir-Gefängnisses den *Tag des politischen Häftlings in der UdSSR begehen würden. Im Dezember 1974 verlas Sacharow gemeinsam mit Sergei Kowaljow einen Appell für die Entlassung von gewaltlosen politischen Gefangen auf der ganzen Welt. Mitte des Jahres 1975 stellte Sacharow die Schrift „Über mein Land und die Welt“ (O strane i mire) fertig, seine umfangreichste Veröffentlichung neben dem Essay „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“. Darin griff er den aktuellen Zustand der sowjetischen Gesellschaft, die Abrüstung und die Minimierung der Gefahr eines Atomkrieges sowie die linksliberalen und sozialistischen Positionen vieler westlicher Intellektueller auf. Seine Beurteilung der sowjetischen Gesellschaft war pessimistischer als früher und er betonte, dass Unfreiheit, Ungleichheit, niedriger Lebensstandard und technologische Rückständigkeit ihre charakteristischen Eigenschaften seien. Wie immer schrieb Sacharow detailliert über aktuelle Fälle politischer Unterdrückung. Weiter kritisierte er die Ergebnisse der Abrüstungsverhandlungen zwischen der UdSSR und den USA. Seiner Ansicht nach war die Frage der Kontrolle der getroffenen Vereinbarungen nicht geklärt und darüber hinaus sogar ein Grundpfeiler des atomaren Gleichgewichts geschwächt, da sich das Ausmaß der Verluste bei Vergeltungsschlägen nun für einen Angreifer als hinnehmbar erweisen könnte. Sacharow warnte westliche Intellektuelle davor, „gedankenlos und leichtsinnig linksliberale Überzeugungen“ zu übernehmen, räumte aber gleichzeitig ein, dass der Linksliberalismus eng mit einer altruistischen Haltung verbunden sei und dass das Streben nach Gerechtigkeit, allgemeinem Wohlstand und die begründete Umsetzung linker Ideale mehr Gerechtigkeit, Glück und Wohlstand fördern könne. Zwei Kapitel widmete er wichtigen Einzelthemen: dem Recht auf freie Wahl des Wohnorts im Sinne eines Rechtes auf Emigration sowie der Situation in Indochina nach dem Sieg der Kommunisten in Vietnam, der Roten Khmer in Kambodscha und der Situation im Nahen Osten vor dem Hintergrund des arabisch-israelischen und des kurdischen Konfliktes. Zum Abschluss zählte Sacharow Maßnahmen auf, die für eine innere Reform der Sowjetunion unverzichtbar wären und benannte dringende Schritte zur Verbesserung der internationalen Beziehungen. Am 9. Oktober 1975 erhielt Andrei Sacharow den Friedensnobelpreis. Dieses Ereignis war nicht nur für den Preisträger, sondern für die ganze Dissidentenbewegung außerordentlich wichtig, da Andrei Sacharow sowohl für den Westen als auch für einen erheblichen Teil der sowjetischen Bevölkerung diese Bewegung verkörperte. In einer ersten kurzen Erklärung teilte Sacharow mit, dass er seine Auszeichnung mit allen gewaltfreien politischen Gefangenen teile und auf eine „globale politische Amnestie“ hoffe. In der UdSSR wurde in der Presse eine neue Hetzkampagne gegen Sacharow lanciert. Er erhielt keine Erlaubnis für die Reise nach Norwegen zur Verleihungszeremonie mit der Begründung, dass er Geheimnisträger sei. Am 10. Dezember 1975 vertrat ihn deshalb seine Frau Jelena Bonner in Oslo, die sich in dieser Zeit bereits im Ausland aufgehalten hatte. Sie verlas die von Sacharow verfasste Nobelpreis-Rede, die er mit dem Titel „Frieden, Fortschritt und Menschenrechte“ (Mir, progress, prava čeloveka) versehen hatte. Darin begründete Sacharow den unauflösbaren Zusammenhang dieser drei Begriffe, die für die Entwicklung der modernen Welt zentral wären. Er lokalisierte die Gefahren, vor denen die Menschheit in der kritischen Phase der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand und hob besonders das Problem der Spaltung der Erde in eine Erste, Zweite und Dritte Welt hervor. Sacharow stellte die Ansicht in Frage, dass zum Wohl der Menschheit der wissenschaftlich-technische Fortschritt gebremst werden solle, rief aber auch zu dessen vernünftiger Kontrolle auf. Er wiederholte seine Einschätzung, dass die geistige Freiheit eine Schlüsselbedeutung für die Lösung der Probleme einnehme und nannte notwendige Voraussetzungen für ein allgemeines Abrüstungsabkommen. Der letzte Teil seiner Rede war den Menschenrechten, ihrer internationalen Bedeutung und den politisch Verfolgten in der UdSSR gewidmet. Er zählte die Namen einiger Dutzend politischer Häftlinge auf und hob hervor, dass man an erster Stelle „die Opfer der Regime, die in unterschiedlichen Ländern bestehen, unterstützen sollte, ohne zum Sturz und vollständiger Verurteilung dieser Regime aufzurufen. Notwendig sind Reformen und keine Revolutionen.“ Sacharow war am Tag der Verleihungszeremonie in der litauischen Hauptstadt Wilna (Vilnius), wo ein Gerichtsprozess gegen seinen Freund Sergei Kowaljow stattfand. Trotz hartnäckiger Versuche wurde er nicht in den Gerichtssaal vorgelassen. Am 12. Januar 1977 äußerte sich Sacharow öffentlich zu den *Bombenanschlägen in der Moskauer Metro. Er protestierte gegen die in der Presse geäußerten Unterstellungen, dass an den Terroranschlägen sowjetische Dissidenten beteiligt gewesen wären. Seiner Meinung nach hätte der Terrorakt auch eine Provokation der Sicherheitsorgane gewesen sein können: „Ich wünsche mir, dass sich dieser Verdacht als unbegründet erweist.“ Am 25. Dezember 1977 bezeichnete der stellvertretende Generalstaatsanwalt der UdSSR die Erklärung Sacharows als ungeheure Verleumdung, versuchte ihn zu einer öffentlichen Richtigstellung zu bewegen und warnte vor strafrechtlichen Konsequenzen auf der Grundlage des *Dekrets des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 25. Dezember 1972. Sacharow weigerte sich, das Protokoll über den Erhalt der Verwarnung zu unterschreiben. In dem Artikel „Furcht und Hoffnung“ (Trevoga i nadežda) vom Mai 1977 thematisierte Sacharow die Gefahren, die der fehlende freie Austausch von Informationen in der Gesellschaft des totalitären Sozialismus verursachen könne. Dabei ging er auch auf die Bedeutung ein, die der Kampf für die Menschenrechte für die internationalen Beziehungen habe.Anfang 1979 traf er sich mit Zbigniew Romaszewski, der als Vertreter des polnischen „Komitees für Gesellschaftliche Selbstverteidigung ‚KOR‘“ (Komitet Samoobrony Społecznej, *KSS „KOR“) nach Moskau gekommen war. Am 31. Januar 1979 bat Sacharow in einem Brief an Breschnew, die Vollstreckung der Todesstrafe gegen Stepan Satikjan, Hakop Stepanjan und Sawen Bagdasarjan, die wegen der *Bombenanschläge in der Moskauer Metro verurteilt worden waren, auszusetzen und einen neuen, öffentlichen Gerichtsprozess durchzuführen. Die Verurteilten waren nach offiziellen Angaben bereits einen Tag zuvor erschossen worden, wovon Sacharow jedoch nichts wusste. Am 8. Februar veröffentlichte die Zeitung „Izvestija“ unter dem Titel „Schande über die Verteidiger der Mörder“ (Pozor zaščitnikam ubijc) einen Brief von Dmitri Tjuschyn. Tjuschyn war bei dem Anschlag zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter verletzt worden, sein Bruder war ums Leben gekommen. Kurze Zeit später erschienen bei Sacharow zwei Männer, die sich als Verwandte von getöteten Opfern des Anschlages ausgaben und ihn bedrohten. Am 3. und 4. Januar 1980 gab Sacharow der „Welt“ und der „New York Times“ Interviews zur sowjetischen Intervention in Afghanistan. Falls die UdSSR ihre Truppen nicht aus dem Land abziehe, so erklärte er, solle das Internationale Olympische Komitee es ablehnen, die Olympiade in Moskau zu veranstalten. Die Staats- und Parteiführung spielte lange vor 1980 mit dem Gedanken, Sacharow aus Moskau zu verbannen. Bereits im September 1973 schlug Breschnew auf einer Sitzung des Politbüros vor, Sacharow in eine sibirische Außenstelle der Akademie der Wissenschaften zu versetzen. Auch Andropow stellte damals in einer Notiz an das ZK einen Plan vor: Michail Suslow sollte sich mit Sacharow treffen und von ihm unter Androhung des Entzuges aller Titel und Orden die „Unterlassung der feindlichen Tätigkeit“ fordern. Außerdem sollte er ihm vorschlagen, seinen Arbeitsplatz in eine geschlossene Stadt zu verlegen, „damit er sich von der feindlichen Umgebung ablösen könne“.In einer ausführlichen Notiz, die im Januar 1977 an das ZK gesandt wurde und die einen detaillierten Plan zur Zerschlagung oppositioneller Organisationen enthielt – an erster Stelle wurden die Helsinki-Gruppen genannt –, kehrte Andropow zu dieser Idee zurück. Dieses Mal schlug er vor, Sacharow keine Wahl zu lassen und ihn zwangsweise aus Moskau zu verbannen. Dieser Plan wurde erst Anfang 1980 in die Tat umgesetzt. Am 8. Januar 1980 erließ das Präsidium des Obersten Sowjets ein Dekret mit der Anordnung, Sacharow alle staatlichen Auszeichnungen abzuerkennen und ein zweites Dekret über seine Ausweisung aus Moskau. Das erste Dekret wurde in den „Nachrichten des Obersten Sowjets der UdSSR“ veröffentlicht, das zweite blieb bis 1996 geheim. Am 22. Januar 1980 informierte der stellvertretende Generalstaatsanwalt Sacharow, dass die Entscheidung gefallen sei, ihn in die Stadt Gorki (heute wieder Nischni Nowgorod) umzusiedeln, um seine Kontakte mit ausländischen Staatsbürgern zu unterbinden. Gleichzeitig wurde die Erlaubnis erteilt, dass ihn seine Frau begleiten könne. Am nächsten Tag gab die sowjetische Presse die Nachricht über die Ausweisung Sacharows aus Moskau und die Aberkennung seiner staatlichen Auszeichnungen bekannt. In Gorki lebte Sacharow de facto in Verbannung: Er wurde überwacht, durfte die Stadt nicht verlassen und weder mit sogenannten „kriminellen Elementen“ noch mit ausländischen Staatsbürgern Kontakt pflegen, die jedoch in einer geschlossenen Stadt wie Gorki ohnehin nicht anzutreffen waren. Sacharow bekam eine kleine Wohnung in einem Haus am Stadtrand zugewiesen, in dessen Treppenaufgang ein Polizeiposten aufgestellt wurde. Der Zutritt zur Wohnung wurde nur mit Erlaubnis des KGB gestattet. Von Sacharows Bekannten vor Ort wurden nur drei zu ihm vorgelassen. Von Zeit zu Zeit kamen dagegen Personen zu Besuch, die Sacharow ihre „Entrüstung“ über seine „antisowjetischen Tätigkeiten“ zum Ausdruck bringen sollten. Aus Moskau konnten Sacharows Kollegen aus der Theoretischen Abteilung des Institutes für Physik der Akademie der Wissenschaften anreisen, aber jede dieser Delegationen musste mit dem KGB abgestimmt werden. Besuche anderer Gäste aus Moskau wurden nur in Ausnahmefällen zugelassen. Die einzige Person, durch die Sacharow noch mit Moskau in Verbindung stand, war seine Frau Jelena Bonner. Sie wurde jedoch im Mai 1984 wegen „Herabwürdigung der sowjetischen Ordnung“ nach *Artikel 190, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der RSFSR angeklagt und zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Als Verbannungsort wurde ebenfalls Gorki festgelegt. Dadurch blieben die Sacharows bis Ende 1985 praktisch von der Welt abgeschnitten. Zum Schweigen konnte die Verbannung Sacharow jedoch nicht bringen. Die Jahre zwischen 1980 und 1986 waren vor allem von intensiver Arbeit auf dem Feld der theoretischen Physik, aber auch vom Kampf um die Rechte seiner Angehörigen und seiner eigenen Person, vom Einsatz für weltpolitische Anliegen und vom Engagement für Verfolgte geprägt. Sacharow versuchte, die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu überzeugen, sich für seine Verteidigung einzusetzen. Das Schweigen seiner Kollegen belastete ihn als Symbol für fehlendes gesellschaftliches Verantwortungsgefühl der Menschen. Erst später zeigte sich, dass seine Bemühungen trotz allem erfolgreich waren. Einige Physiker hatten sich für ihn eingesetzt oder zumindest auf seine Situation aufmerksam gemacht. Allerdings taten sie das privat, ohne ihre Aktivitäten in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. So wandte sich Professor Pjotr Kapiza 1980 und 1981 schriftlich an die Staatsführung mit der Forderung, Sacharows Situation zu erleichtern. Auch der Leiter des Theoretischen Physikinstituts, Witali Ginsburg, und andere Mitarbeiter setzten sich für Sacharow ein. Dramatische Formen hatte mittlerweile auch die Lage von Sacharows Angehörigen angenommen. Schon zu Beginn von Sacharows öffentlichem Engagement versuchte man ihn zu erpressen, indem man die Kinder von Jelena Bonner aus erster Ehe, Alexei Semonow und Tatjana Semonowa-Jankelewitschs, den Mann von Tatjana Semonowa-Jankelewitsch, Jefrem Jankelewitsch, sowie die Kinder aus dieser Ehe bedrohte. Sie wurden mit ständigen anonymen Drohungen und behördlichen Zwangsmaßnahmen unter Druck gesetzt, von Hochschulen relegiert und mit fingierten Strafverfahren bedroht. Schließlich waren die Familie Jankelewitsch 1977 und Alexei Semjonow 1978 zur Emigration gezwungen. Die Lage von Elisaweta Alexejewna, der Verlobten von Alexei Semjonow, die keine Erlaubnis zur Ausreise erhielt, bereitete Sacharow in den ersten Jahren seiner Verbannung die größten Sorgen. Eineinhalb Jahre lang bemühte sich Sacharow um die Genehmigung ihrer Ausreise. Nachdem diese Versuche zu nichts geführt hatten, trat Sacharow vom 22. November bis 8. Dezember 1981 in den Hungerstreik. Dieser Schritt zeigte Wirkung und Elisaweta Alexejewna erhielt die Erlaubnis, die UdSSR zu verlassen. Die drei folgenden Hungerstreiks vom 2. bis 27. Mai 1984, vom 16. April bis 11. Juli 1985 und vom 25. Juli bis 22. Oktober 1985 trat Sacharow an, um für seine Frau, die im Frühjahr 1984 einen Herzinfarkt erlitten hatte, eine Genehmigung zur Ausreise ins Ausland für eine ärztlichen Behandlung zu erzwingen. Die Hungerstreiks endeten mit einem Erfolg. Jelena Bonner verbrachte sechs Monate in den USA, wo sie sich einer Operation unterzog. Ihre Verbannung wurde für diese Frist ausgesetzt. Nur durch diese dramatische Vorgehensweise gelang es Sacharow, die Gesundheit und vielleicht sogar das Leben seiner Ehefrau zu retten und gleichzeitig die Informationsblockade zu durchbrechen. Sacharow verfasste in Gorki mehrere Texte über gesellschaftspolitische Themen. Zu den wichtigsten zählte ein an den UN-Generalsekretär und die Mitglieder des Sicherheitsrates gerichteter Plan für die friedliche Beilegung des Afghanistan-Konfliktes vom Juli 1980 und der Artikel „Die Gefahr eines thermonuklearen Kriegs“ (Opasnost‘ termojadernoj vojny“). Mit diesem Artikel vom Februar 1983 ging Sacharow ausführlich auf die Rede des amerikanischen Physikers Sidney Drell über die katastrophalen Konsequenzen eines thermonuklearen Krieges ein. Sacharow stimmte Drell in der Bewertung der zerstörerischen Folgen eines Atombombeneinsatzes zu und hielt die Wiederherstellung des strategischen Gleichgewichtes von Ost und West mit konventionellen Waffen ebenfalls für eine Grundvoraussetzung für die beidseitige Reduktion des Atomwaffenarsenals. Dagegen lehnte er die Reihenfolge der Prioritäten ab, welche die sowjetische Seite ihren Partnern bei den Verhandlungen aufzwingen wollte. Sacharow orientierte sich in seiner Argumentation faktisch an der gleichen Idee, die ihn 1948 zur Arbeit an der Wasserstoffbombe motivierte hatte: die Idee des Gleichgewichts der Kräfte als Schlüsselfaktor für die Verhinderung einer globalen Katastrophe. Darüber hinaus betonte er, dass man es nicht zu einer „moralischen Abrüstung“ des Westens und einseitigen Zugeständnissen unter sowjetischem Druck kommen lassen dürfe, weil dies die Gefahr eines Krieges vergrößere. Schließlich wies er noch darauf hin, dass expansionistische Tendenzen der sowjetischen Politik, der Mangel an Freiheit und freiem Informationsaustausch in der Gesellschaft wesentliche Gefahrenquellen darstellten. In der sowjetischen Presse wurde Sacharow anschließend sofort als Kriegshetzer und Agent des Weltimperialismus hingestellt. Auch an dieser Kampagne nahmen – ähnlich wie 1973 – Kollegen Sacharows von der Akademie der Wissenschaften teil. Zeitgleich erreichte eine Pressekampagne gegen Jelena Bonner ihren Höhepunkt. Man stellte sie als „dämonische Frau“ mit verhängnisvollem Einfluss auf das „Akademiemitglied Sacharow“ sowie als „zionistische Agentin“ dar, die angeblich auf Sacharow angesetzt worden wäre, um ihn zu manipulieren. Auch in Gorki setzte sich Sacharow mehrfach für Personen ein, die für ihre politischen Ansichten verfolgt wurden. Am 20. Februar 1986 wandte er sich brieflich an Michail Gorbatschow und rief den sowjetischen Staats- und Parteichef dazu auf, „die Freilassung aller nach *Artikel 190, Paragraf 1 Strafgesetzbuch der RSFSR, nach *Artikel 70 Strafgesetzbuch der RSFSR und nach Artikel 142 Strafgesetzbuch der RSFSR verurteilten politischen Häftlinge“ zu ermöglichen. Gleiches sollte für Personen gelten, die nach den entsprechenden Artikeln anderer Sowjetrepubliken verurteilt worden waren. Außerdem sollten diejenigen freigelassen werden, die wegen ihrer Überzeugungen in psychiatrische Krankenhäuser zwangseingewiesen oder aufgrund gefälschter Anklagen verurteilt worden waren. Sacharow listete die Namen von mehreren Dutzend Gefangenen auf. Während der Verbannung setzte Sacharow die bereits in Moskau begonnene Arbeit an seinen Lebenserinnerungen fort. Das Manuskript der „Erinnerungen“ (Vospominanija) war zwei Mal – am 13. März 1981 und am 11. Oktober 1982 – gestohlen worden. Längere Textteile wurden am 7. Dezember 1982 bei Jelena Bonner konfisziert, als sie bei einer ihrer Fahrten nach Moskau festgenommen und durchsucht wurde. Trotz des vierfachen Verlustes des Manuskripts – die früheste Fassung war schon im November 1978 bei einer heimlichen Durchsuchung der Wohnung Sacharows verloren gegangen – konnte Sacharow seine „Erinnerungen“, die den Zeitraum bis November 1983 umfassten, abschließen. Nach der Rückkehr aus der Verbannung verfasste Sacharow unter dem Titel „Moskau, Gorki und dann überall“ (Moskwa–Gorki, dalee wezde) ein weiteres Buch mit Erinnerungen an die Zeit von Juli 1985 bis August 1989, das zusammen mit Jelena Bonners Erinnerungsband „Postskriptum an die Ereignisse zwischen Februar 1983 und April 1986“ eine Art Einheit bildete.Während der Bemühungen um die Ausreiseerlaubnis für seine Frau schrieb Sacharow im Sommer 1985 an Gorbatschow und den Außenminister Andrei Gromyko und erklärte, dass er beabsichtige, sich künftig nicht mehr in öffentlichen Angelegenheiten zu engagieren, wobei er sich „Ausnahmen“ von dieser Selbstverpflichtung vorbehielt. Im Oktober 1986 wandte sich Sacharow wieder brieflich an Gorbatschow und bezeichnete seine Verbannung als unrechtmäßig und die Verurteilung seiner Frau als ungerecht. Er erklärte erneut seine Bereitschaft, sich bis auf Ausnahmesituationen nicht mehr mit öffentlichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Sacharow brachte darüber hinaus die Hoffnung zum Ausdruck, dass die beiden oben genannten Entscheidungen aufgehoben werden würden und teilte mit, dass er sich auf die Themen thermonukleare Energie und die internationale Zusammenarbeit auf diesem Gebiet konzentrieren wolle. Am 1. Dezember 1986 verlas Michail Gorbatschow auf einer Politbürositzung Sacharows Brief und stellte den Antrag, Sacharow freizulassen und seiner Frau eine Amnestie zu gewähren. Der Antrag wurde angenommen. Einen Tag vor Bestätigung dieser Entscheidung durch das Präsidium des Obersten Sowjets rief Gorbatschow persönlich am 16. Dezember 1986 bei Sacharow in Gorki an – am Vortag war völlig unerwartet ein Telefonanschluss gelegt worden – und informierte ihn darüber, dass das Dekret vom 8. Januar 1980 seine Geltung verliere und er nach Moskau zurückkehren könne, um sich „für sein Vaterland einzusetzen“. Er fügte hinzu, dass auch seine Frau zurückkehren könne. Dieser berühmt gewordene Telefonanruf Gorbatschows bedeutete nicht nur das Ende der Verbannung, er war auch ein klares Zeichen an das ganze Land und markierte den Beginn der Perestroika. Sacharow thematisierte während des Telefongespräches mit Gorbatschow erneut die Freilassung aller politischen Häftlinge. Er erinnerte Gorbatschow daran, dass einige Tage zuvor Anatoli Martschenko im Gefängnis von Tschystopol verstorben sei. Das Thema Amnestie griff Sacharow auch nach seiner triumphalen Rückkehr nach Moskau am 23. Dezember auf. Als Ende Januar 1987 die Entlassungswelle für politische Häftlinge begann, wandte er sich mehrfach wegen verschiedener Einzelpersonen an Gorbatschow. Sacharow war es unmöglich, sein öffentliches Engagement aufzugeben. Während der Perestroika verlangten nicht nur die Gesellschaft, sondern auch diejenigen, die noch vor Kurzem von ihm gefordert hatten, sich nicht mehr zu öffentlichen Fragen zu äußern, nunmehr genau das Gegenteil. Die drei Jahre zwischen der Rückkehr Sacharows aus der Verbannung und seinem plötzlichen Tod 1989 waren noch von intensiver politischer Tätigkeit geprägt. Im August 1988 wurde Sacharow zum Vorsitzenden des Vorstandes der Menschenrechtsorganisation *Memorial gewählt. Bis zum Ende seines Lebens widmete er dieser Bewegung viel Kraft und Zeit. Im Oktober 1988 beteiligte er sich an der Vorbereitungskonferenz und im Januar 1989 am Gründungskongress von *Memorial. Am 30. Oktober 1988 wurde Sacharow in das Präsidium der Akademie der Wissenschaften der UdSSR gewählt. Ende 1988 gründete er den Diskussionsklub „Moskauer Tribüne“. Zwischen Januar und März 1989 unterstützten etwa 60 wissenschaftliche Institute seine Kandidatur für den Kongress der Volksdeputierten, das höchste gesetzgebende Organ der Sowjetunion. Am 13. April 1989 gewann er ein Abgeordnetenmandat für den Volksdeputiertenkongress und wurde Vorsitzender der „Interregionalen Abgeordnetengruppe“, dem Vorläufer der demokratischen parlamentarischen Opposition. Sacharow entwarf eine Verfassung für eine Staatsform, die seiner Meinung nach aus der UdSSR hervorgehen sollte: die „Föderation der freien Republiken Europas und Asiens“. Im Herbst 1989 war er Mitinitiator einer Kampagne für die Aufhebung der sechs Artikel der Verfassung der UdSSR, in denen die führende Rolle der Kommunistischen Partei festgeschrieben war. Anfang Dezember 1989 appellierte er auf den Sitzungen der „Interregionalen Abgeordnetengruppe“ dafür, einen Generalstreik zur Durchsetzung dieser Forderung auszurufen. Am 14. Dezember 1989 erlag Andrei Sacharow unerwartet in seiner Moskauer Wohnung einem Herzinfarkt. Seine Beisetzung auf dem Moskauer Wostriakowski-Friedhof war ein gesellschaftliches Ereignis, an dem zehntausende Menschen teilnahmen.Alexander Daniel Aus dem Polnischen von Tim Bohse Letzte Aktualisierung: 02/16

Sachse, Helmut »Joe«

* 28.10.1948

Geb. in Mittweida; 1973 – 78 Studium an der Musik-HS Weimar; Mitgl. versch. Gruppen von  Manfred Schulze (Praxis II, Schulze-Formation); 1976 eigenes Quartett mit  [linkintern=?ID=1365]Manfred Hering[/linkintern], Bassist Christoph Winckel u. Schlagzeuger Wolfram Dix, 1977 durch Pianist Hannes Zerbe zum Quintett Osiris erweitert (auf Tournee mit Gastsolisten wie Charlie Mariano, Leo Wright, Carmell Jones, Toto Blanke, Rudolf Dašek u.  [linkintern=?ID=1920]Uwe Kropinski[/linkintern]); 1978/79 Gitarrenduos mit Blanke, Dašek u. Kropinski; seit Anfang der 1980er Jahre internat. erfolgr. Duo mit Hering u. eigenes Quartett (mit Hering u. – wechselnd – Helmut Forsthoff u.  Ernst-Ludwig Petrowsky oder Heiner Reinhardt u. W. Dix), daneben Mitarb. im Petrowsky-Quartett; 1981 Amiga-LP »H. S. – Hannes Zerbe« (darauf S. im Duo mit Hering u. eigenem Sextett); 1982 Amiga-LP »Round About Mittweida« im  Konrad Bauer Quintett; 1982 FMP-LP »Pan – Vielleicht Tau« (in der Heinz Becker Group); 1983 im Trio mit Petrowsky und Koch beim Ungar. Jazzfestival Debrecen (CD »Drei Propheten«, 2004 bei Tribar Music); 1983 Amiga-LP »Die Po(e)saunenstunde« mit Günter Saalmann; 1984 CD »H. S. – solo« (FMP); 1984 Opus-LP »Bratislava Jazz Days« (im Duo mit Hering); Mitarbeit in der Gr. »Doppelmoppel« (mit Kropinski u. den Posaunen-Brüdern Bauer): 1985 Amiga-LP »1. Jazztage der DDR« u. FMP-LP »Replections«; 1985 LP Moers Music »Vario« im Günter Christmann Ensemble; seit Mitte der 1980er Jahre gelegentl. Zusammenarb. mit dem Posaunisten George Lewis u. dem Schlagzeuger u. Sänger David Moss (CD »Berlin Tango«, ITM); 1988 Amiga-LP »H. J. S. – solo« (»Goldene Amiga« 1990); 1988 in einer Werkstattbesetzung (Amiga-LP »Jazzorchester der DDR«); 1990 Solo-CD »European House«. Seit 1990 weitere zahlr. Aufnahmen, u. a. 1992 CD »Links« bei Schlozzton (Fusions-All-Star-Treffen mit Wolfgang Mirbach, Jörg Drewing, Jack Bruce, Mark Charig, Dick Heckstall-Smith, John Marshall), 1994 amf-CD »Jimi Hendrix – If 69 was 96« (Duo mit Moschner); 1999 Victor-CD »Aventure Québécoise«; 1999 Solo-CD »Ballade für Jimi Metag«; 2004 CD »Drifting – S. plays Jimi Hendrix« bei Tribar Music; 2006 CDs »Riff« u. »Wodka mit Salz – Geschichten zum Verzweifeln«. S. gilt neben Kropinski, den Brüdern Bauer u.  Günter Sommer als internat. meistbeachteter ostdt. Jazzmusiker.

Wer war wer in DDR

Saeger, Uwe

* 3.1.1948

Geb. in Ueckermünde (Mecklenb.); Vater Fischer; 1966 Abitur; 1966 – 70 Studium der Pädagogik an der EMAU Greifswald; 1970 – 76 Lehrer in Ueckermünde; 1972 – 73 Armeedienst; seit 1976 freischaff. Schriftst. (Dramatik, Prosa, Essays, Hörspiele, Filmszenarien); erster Prosaband »Grüner Fisch mit gelben Augen«; 1983 UA des erfolgr. Theaterstücks »Flugversuch« in Leipzig (1986 in Osnabrück); 1987 Ingeborg-Bachmann-Preis für »Aus einem Herbst jagdbaren Wildes«, Glasnost-Geschichte über einen »armseligen« Funktionär; problemorientierte, alltagsbezogene, illusionsarme, detailreich-realist. Texte von moralischem Versagen, Aggressionen, Ausgrenzungen u. Aufbegehren. 1993 Adolf-Grimme-Preis für das Drehbuch zu »Landschaft mit Dornen«; 1995 UA des Theaterstücks »EndeAnfangEnde« in Stendal; 1996 Kulturpreis des Landes Mecklenb.-Vorpom.Nöhr. Rostock 1980; Warten auf Schnee. Rostock 1981; Sinon oder die gefällige Lüge. Berlin 1983; Einer hat getötet. Berlin 1984; Die Nacht danach u. der Morgen. München 1991; Verkleidungen. Gifkendorf 1998; Laokoons Traum. Gifkendorf 2002; Das Unerwartete. Rostock 2003.Andreas Kölling

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Ruben-Wolf, Martha

* 17.6.1887 – ✝ 16.8.1939

(* 1887 – † 1939) Geboren am 17. Juni 1887 in Löhne, Tochter des jüdischen Kleinunternehmers Moritz Ruben. Bis 1914 studierte sie in Berlin und promovierte 1915. Während des Weltkriegs Arbeit in einem Lazarett, eröffnete sie dann eine gynäkologische Praxis in Niederschöneweide bei Berlin. Als progressive Ärztin und Frauenrechtlerin galt ihr Einsatz vor allem Arbeiterfrauen. 1921 wurde sie gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann Lothar (Ruben-)Wolf Mitglied der KPD und gehörte in Berlin bald zu den bekannten kommunistischen Persönlichkeiten. Sie war u. a. Kandidatin zur Preußischen Landtagswahl 1928 und zu den Reichstagswahlen von 1930 bis 1933. Mitbegründerin des kommunistischen RFMB und Referentin auf deren 1. Reichskongreß 1926. Ihre Aufklärungsschrift »Abtreibung oder Verhütung« (mit einem Vorwort von Friedrich Wolf) erschien in riesiger Auflage. Die Broschüre wurde 1929 durch das Amtsgericht Düsseldorf vorübergehend beschlagnahmt. Martha Ruben-Wolf, als unbequeme, kämpferische Zeitgenossin geschildert, war zunächst im Verband Sozialistischer Ärzte organisiert, der der SPD nahestand. Dort provozierte sie (im Zuge der ultralinken Politik der KPD nach 1929) ihren Ausschluß und war nun ganz für die KPD aktiv. 1933 mit ihrem Ehemann und zwei Kindern nach Paris emigriert und dann im Februar 1934 weiter in die Sowjetunion. Hier arbeitete sie in einem Moskauer Ambulatorium, sah bald die Realität in der von ihr bis dahin bewunderten Sowjetunion immer kritischer. Während ihr Mann noch krampfhaft versuchte, an den Utopien festzuhalten, resignierte sie während der Säuberungen, bei der fast alle ihre Freunde verhaftet wurden. Nach der Festnahme von Lothar Ruben-Wolf verlor sie ihren Arbeitsplatz im Ambulatorium, später in einer Frauenberatungsstelle beschäftigt. Da sie über Verbleib und Schicksal ihres Mannes – wie üblich – nichts erfuhr, nahm sich Martha Ruben-Wolf voller Verzweiflung mit einer Überdosis Schlaftabletten am 16. August 1939 das Leben und wurde so ebenfalls ein Opfer der stalinistischen Säuberungen. Die Tochter Sonja (* 1923), in Karaganda zwangsangesiedelt, durfte erst 1958 mit ihrem Ehemann, einem jüdischen Ingenieur, über Ost-Berlin nach Israel auswandern. Der Sohn Walter (* 1925), 1943 zur Roten Armee eingezogen, ist noch im gleichen Jahr an der Front gefallen. Anja Schindler veröffentlichte 1997 eine biographische Skizze üner Martha Ruben-Wolf.

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Rück, Fritz

* 1.4.1895 – ✝ 18.11.1959

Geboren am 1. April 1895 in Stuttgart, Sohn eines Schreiners; lernte von 1909 bis 1913 Schriftsetzer. Schon als Lehrling Funktionär der sozialistischen Jugendbewegung, 1913 wurde er Mitglied der SPD, ging auf Wanderschaft und mußte 1915 zum Militär. 1916 wegen Dienstverletzung aus dem Heeresdienst entlassen. Er begann 1917 als Journalist bei der von der USPD herausgegebenen Stuttgarter Zeitung »Sozialdemokrat«. Rück war Mitglied der Spartakusgruppe, auf dem Gründungsparteitag der USPD 1917 vertrat er die Spartakusgruppe und hielt ein Korreferat. Während der Novemberrevolution 1918 in Stuttgart einer der Führer der Revolution. In der Frühzeit der KPD spielte er eine große Rolle, war auf fast allen Parteitagen der ersten Jahre als Delegierter und Redner. Im Januar 1920 übersiedelte er nach Leipzig, dort bis April 1920 Redakteur. Nach mehrmonatiger Mitarbeit an der »Roten Fahne« in Berlin kehrte er nach Württemberg zurück und war als Wanderredner für die KPD aktiv. 1921 politischer Redakteur der »Roten Fahne« in Berlin und Delegierter auf dem III. Weltkongreß der Komintern in Moskau, danach in Berlin einige Monate inhaftiert. Ab Sommer 1922 politischer Redakteur der kommunistischen Zeitung in Augsburg, nach deren Verbot 1922 politischer Redakteur der Jenaer »Neuen Zeitung«, dann der Chemnitzer Zeitung »Kämpfer«. Rück zählte zum rechten Parteiflügel, trat daher 1924/25 etwas zurück und war beim Führer-Verlag beschäftigt (ein kommunistischer Gewerkschaftsverlag). 1925 war er wieder Wanderredner der KPD, 1926 im Ausschuß für Fürstenenteignung tätig, kam 1927 in die Agitpropabteilung des ZK und arbeitete dann für die »Inprekorr«. Rück war nicht nur ein begabter Schriftsteller, sondern hatte sich auch als Dichter versucht. Im November 1927 gründete er gemeinsam mit Johannes R. Becher und Kurt Kläber die »Proletarische Feuilleton-Korrespondenz«. In den folgenden Jahren veröffentlichte er vor allem Erzählungen und Gedichte in der KP-Presse. Obwohl auf dem rechten Parteiflügel stehend, hat er die Partei mit den Rechten 1928/29 nicht verlassen, sondern ist erst 1930 aus der KPD ausgetreten. 1932 ging er zur SAP, war nun als freier Schriftsteller und Wanderredner für die SAP aktiv. In dieser Partei gehörte Rück zum äußersten linken Flügel, der mit der KPD sympathisierte. 1933 Emigration in die Schweiz, er verdiente seinen Lebensunterhalt als Mitarbeiter verschiedener Gewerkschaftszeitungen und linker sozialdemokratischer Blätter. Im Auftrag schweizerischer Arbeiterzeitungen ging Rück 1937 nach Schweden, dort Korrespondent und später Mitarbeiter mehrerer Zeitungen. Da er die schwedische Sprache rasch beherrschte, schrieb er nicht nur Artikel, sondern auch Bücher in Schwedisch, übersetzte schwedische Gedichte ins Deutsche und verfaßte ein Familienbuch von den ersten Lebensjahren seiner Kinder: »Die Republik der Drillinge«. Rücks Werk »Friede ohne Sicherheit« erschien später auch in Deutschland. 1946 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde Redakteur des Organs der Industriegewerkschaft Druck und Papier, »Druck und Papier«, Mitglied des Bundesausschusses dieser Gewerkschaft und Vorsitzender der Touristenorganisation »Die Naturfreunde« in der Bundesrepublik. In der SPD organisiert, war Rück einer der bekanntesten Gewerkschaftsredakteure, oft umstritten, aber eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Im Frühjahr 1955 erschien sein Gedichtband »Der Mensch ist frei«. Auch sein Rußlandbuch »Koloß auf stählernen Füßen« fand Beachtung, er widmete sich außerdem der Malerei. Fritz Rück starb nach längerer Krankheit am 18. November 1959 in Stuttgart.

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Rudolph, Wilhelm

* 22.2.1889 – ✝ 30.9.1982

Geb. in Chemnitz; 1908 – 14 Studium an der Akad. der bildenden Künste in Dresden b. Robert Sterl u. Carl Bantzer; 1914 – 18 Soldat; 1920 – 31 freischaff.; 1932 – 38 Prof. an der Akad. der bild. Künste in Dresden; 1938 Entlassung aus dem Lehramt u. Ausstellungsverbot. 1946 – 49 Lehrtätigkeit an der HS für Bildende Künste Dresden; anschl. freischaff.; Vertreter der Dresdener Malschule; 1961 u. 1980 NP; gest. in Dresden. Werke: Blattfolge: Das zerstörte Dresden (1945/46), Ikala (Bildnis eines Negers 1949), Das zerstörte Dresden (1954); Porträts: Martin Andersen Nexö (1952), Heinz Bongartz (1966), Porträt einer jungen Frau (1967), Porträt eines Jungen, Till (1981).Das zerstörte Dresden. Leipzig 1988. Uhlitzsch, J.: W. R. Leipzig 1968; Kat. W. R. Dresden 1945. HS für Bildende Künste Dresden 1974; W. R. Städt. Kunsthalle Düsseldorf 1975; W. R. Städt. Galerie Albstadt 1992.Anke Scharnhorst

Wer war wer in DDR

Ruge, Wolfgang

* 1.11.1917 – ✝ 26.12.2006

Geb. in Berlin; kommunist. Elternhaus, Vater Studienrat, Mutter Übersetzerin, KI-Funktionärin, Journalistin; 1924 – 30 Rütli-Schule, ab 1930 Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln; Kommunist. Kindergr., Jung-Spartakus, ab 1930 SSB u. KJVD; ab Jan. 1933 illeg. Flugblattaktionen für den SSB in Berlin; Aug. 1933 mit dem Bruder nach Moskau, dort bis 1936 Kartenzeichner in der KUNMZ; 1935 Mitgl. der sowj. Gewerkschaft; 1936 sowj. Staatsbürgerschaft; nach Auflösung der KUNMZ ab Sommer 1936 Arbeit als Kartenzeichner an der histor. Fak. der Moskauer Staatl. Univ., dort 1938 Kündigung wg. dt. Herkunft; 1938 – 41 Kartenzeichner u. Red. am Tschernyschewski-Inst. für Gesch., Lit. u. Philos. in Moskau, daneben kartograph. Arbeiten für die PHS des ZK der KPdSU; 1940 10. Klasse an einer Moskauer Abendschule, Abitur; ab 1940 Fernstud. der Gesch. am Tschernyschewski-Inst.; Sept. 1941 vom NKWD als »verdächtiger Deutscher« nach Kasachstan verbannt (der Vater war 1938 an Nazi-Dtl. ausgeliefert, der Bruder 1941 zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt worden); 1941 / 42 Arbeit in einem Kolchos im Rayon Ossakarowka; 1942 Zwangsverpflichtung in die Arbeitsarmee, Holzfäller im Ural; ab Nov. 1945 Zeichner im Baukontor eines Holzbetriebs in Sosswa, Gebiet Swerdlowsk, dort auch Teiln. an geolog. Expeditionen; 1945 – 48 illeg. Fernstud. der Gesch. an der Univ. Swerdlowsk, 1948 Staatsexamen; 1946 – 49 Fernstud. als Englisch-Dometscher in Moskau, Dipl. als Übersetzer; 1947 Ernennung zum Ing.; 1951 – 56 Oberingenieur in o. g. Baukontor; 1955 Aufhebung der Verbannung. 1956 Ausreise in die DDR, nach Potsdam; DDR-Staatsbürgerschaft; ab Mai 1956 Mitarb. am Inst. für Gesch. der DAW; SED; ab 1959 Ltr. der Arbeitsgr. »Geschichte der Weimarer Rep.«; Mitarb. am Bd. III u. IV der »Geschichte der dt. Arbeiterbew.«; Mitgl. der Historiker-Kommission DDR–UdSSR; 1968 VVO; 1975 NP; 1983 em.; 1988 Dr. h. c. der FSU Jena; Autor mehrerer Bücher zur Geschichte der Weimarer Republik, von Biogr. über Erzberger, Stresemann, Hindenburg, einer Teilbiogr. über Hitler sowie biograph. Essays über Zetkin, Noske, Rathenau, Ossietzky, Hugenberg u. a.; 1989 / 90 SED / PDS; gest. in Potsdam.Stresemann. Ein Lebensbild. Berlin 1966; Weimar – Republik auf Zeit. Berlin 1969; Hindenburg. Porträt eines Militaristen. Berlin 1974; Das Ende von Weimar. Monopolkapital u. Hitler. Berlin 1983; Stalinismus. Eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte. Berlin 1991; Berlin – Moskau – Sosswa. Stationen einer Emigration. Bonn 2003; Beharren, kapitulieren oder umdenken. Gesammelte Schriften 1989 – 1999. Berlin 2007; Filmporträt »Über die Schwelle« über den Bruder Walter R. (R.: S. Mehlhorn), 2006. Lenins Testament u. die Folgen. Kolloquium anläßl. des 80. Geburtstages von Prof. Dr. W. R. Hrsg. von Helle Panke e. V. Berlin 1998; Keßler, M.: Exilerfahrung in Wiss. u. Politik. Köln 2001; Engelberg, A.: Wer verloren hat, kämpfe. Berlin 2007.Bernd-Rainer Barth

Handbuch Deutsche Kommunisten

Rummel, Ernst

* 18.11.1890 – ✝ 5.12.1974

Geboren am 18. November 1890 in Kürtow/ Krs. Arnswalde, Sohn eines Landwirts; zunächst Landarbeiter, dann Schlosser in Stettin. Von 1914 bis 1917 Soldat im Weltkrieg. 1918 Mitglied der USPD, im März 1919 der KPD. Zeitweise Polleiter der BL Pommern, besuchte 1922 die Reichsparteischule in Berlin und saß 1923 sowie 1924/25 vier bzw. neun Monate in Haft. Ab Mitte der zwanziger Jahre Funktionär der KPD in Stettin, dort von 1929 bis März 1933 Stadtverordneter. Im März 1933 verhaftet und in das KZ Sonnenburg gebracht, im Dezember 1933 entlassen. Von 1936 bis 1945 arbeitete Rummel bei der Reederei »Glückauf« in Stettin. 1945 Umsiedlung in die sowjetische Besatzungszone, dort als SED-Mitglied Treuhänder für landwirtschaftliche Betriebe. 1948 erhielt Rummel von der SED den Auftrag, in die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD) einzutreten, er wurde 1.Vorsitzender dieser Partei im Kreis Grimmen und deren Abgeordneter im Kreistag, war auch einige Jahre Mitglied des DBD-Parteivorstandes. Ernst Rummel starb am 5. Dezember 1974.

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Rumpf, Willy

* 4.4.1903 – ✝ 8.2.1982

Geb. in Berlin; Vater Angest.; 1917 – 20 Ausbildung zum Versicherungsangestellten; 1920 KJVD; 1921 – 32 Buchhalter, Kassierer, Korrespondent im Außenhandel, Verlagsltr.; 1925 KPD; Mitgl. der Ltg. des KPD-UB Berlin-Weißensee; 1933 – 38 Zuchthaus, KZ Sachsenhausen; danach Angest.; 1940 – 42 Mitgl. der Widerstandsgr. von Robert Uhrig; 1944/45 erneut inhaftiert. 1945 – 47 stellv. Ltr. der Finanzabt. des Magistrats von Groß-Berlin; 1946 SED; 1947/48 Ltr. der Treuhandverw. Berlin; 1948/49 Ltr. d. HV Finanzen der DWK; 1949 – 67 Abg. der (Prov.) Volkskammer; 1949 – 55 Staatssekr. im Min. für Finanzen; ab 1950 Kand., 1963 – 82 Mitgl. des ZK der SED; 1955 – 66 Finanzminister (Nachf. von  Hans Loch); Mitgl. des Min.-Rats u. ab 1963 seines Präs.; 1958 VVO; 1963 KMO; 1966 aus gesundheitl. Gründen ausgeschieden; Mitarb. des IML; 1968 Ehrenspange zum VVO; 1978 Stern der Völkerfreundschaft; gest. in Berlin.Helmut Müller-Enbergs / Bernd-Rainer Barth

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Runge, Irene

* 3.11.1942

Geb. in New York; Vater Kunsthändler u. Publizist  Georg Friedrich Alexan; Sommer 1949 Übersiedl. nach Dtl. zus. mit  Gerhart Eisler auf dem poln. Schiff »Batory«; zunächst POS in Leipzig, später Wilhelm-Pieck-Schule u. Ossietzky-OS Berlin, 1959 relegiert; danach Hilfsarbeiten bei ADN u. beim Rundfunk; 1963 – 66 u. 1971 – 85 vom MfS als IM »Stefan« erf.; 1968 – 70 Abitur in der Abendschule; 1970 – 75 Studium der Ökonomie u. Soziol. an der HU Berlin; 1976 beim DFF; 1976 – 79 dort Prom. zum Dr. oec. über ein sozialgerontolog. Thema; 1979 – 84 Forschungsarbeit an der HU, Bereich Med., Projektltr. Soziale Gerontologie (1982 Publ. »Älterwerden – Altsein«); 1983 –89 aktives Mitgl. u. Nachfolgekand. für den Vorst. der Jüd. Gemeinde Berlin (Ost); 1985/ 86 Mitbegr. der Gruppe »Wir für uns« zur Förderung der Rückkehr säkularer Juden zum traditionellen Judentum; ab 1984 wiss. Oberassistentin im Bereich Volkskunde an der Sekt. Geschichte der HU Berlin; 1988 SV; 1989/90 Gründungsmitgl., später Vors. des Jüd. Kulturvereins Berlin e. V., bis 2006 Hrsg. der Monatsschrift »Jüd. Korrespondenz«; 1990 freiw. Offenlegung der inoffiz. Tätigkeit für das MfS. Ab. 1991 Mithrsg. der »Blätter für dt. u. internat. Politik«; 1992 Entlassung aus der HU Berlin; ABM-Stelle; 1994 arbeitslos; 1995 Mitarb. der PDS-nahen Stiftung Gesellschaftsanalyse u. Pol. Bildung e. V.; bis 2008 Mitgl. des Kuratoriums der Rosa-Luxemburg-Stiftung; 2005 nach Langzeitarbeitslosigkeit Frühberentung; publiziert zu Migrationsfragen, engagiert im jüd.-islam. Dialog; lebt in Berlin.Meine Himmelhölle Manhattan. Berlin 1986; Du sollst nicht immer Holland sagen. Berlin 1988; Pogromnacht 1938. Berlin 1988 (mit K. Pätzold); Markus Wolf: »Ich bin kein Spion«. Berlin 1990 (mit U. Stellbrink); Gregor Gysi: »Ich bin Opposition«. Berlin 1990; »Ich bin kein Russe« – jüdische Zuwanderung zwischen 1989 u. 1994. Berlin 1995; Was ich von u. in Dtl. wissen sollte: kleine Integrationshilfe für russ.-spr. jüdische Zuwanderer. Berlin 1995; Wir. Der Jüd. Kulturverein Berlin e.V. 1989 – 2009. Mannheim 2009 (Hrsg. mit R. Bachmann). Gespräch mit I. R. In: Wroblewski, C. (Hrsg.): »Da wachste eines Morgens uff ...« Wie DDR-Bürger über ihre Zukunft denken. Hamburg 1990.; Wolffsohn, M.: Die Dtl.-Akte: Juden u. Deutsche in Ost u. West. Tatsachen u. Legenden. München 1995; Offenberg, U.: »Seid vorsichtig gegen die Machthaber«. Die jüd. Gemeinden in der SBZ u. der DDR 1945 bis 1990. Berlin 1998.Bernd-Rainer Barth

Wer war wer in DDR

Rüthnick, Rudolf

* 6.5.1928

Geb. in Köslin (Hinterpomm. / Koszalin, Polen); Vater Versicherungsinspektor; Volks- u. Mittelschule; 1944/45 Wehrmacht, Marinehelfer; amerik. Kriegsgefangenschaft. 1945 – 47 Forstlehrling; 1946 SPD/SED; 1947/ 48 FS für Forstw. in Eberswalde, Försterexamen; 1950 Revierförsterprüfung; 1949 Sachbearb., 1952 HA-Ltr. Forstw. in der Landesreg. Brandenb.; 1952 – 55 Ltr. der Verw. Staatl. Forstw.-Betriebe des Bez. Potsdam; 1956 – 60 Ltr. der Unterabt. Forstw. des Rats des Bez. Potsdam; 1960 – 63 Vors. des Rats des Krs. Nauen; 1961 Abschl. des Fernstudiums an der PHS, Dipl.-Ges.-Wiss.; 1964 – 72 GD der VVB Forstw. Potsdam; 1972 VVO; 1972 – 75 stellv. Vors. des Staatl. Komitees für Forstw.; ab 1972 Mitgl. des Beirats für Umweltschutz beim Min.-Rat; 1975 – Mai 1990 Ltr. der HA Forstw. im Min. für Land-, Forst- u. Nahrungsgüterwirtschaft; Gen.-Forstmstr. u. stellv. Ltr. der Obersten Jagdbehörde; stellv. Minister (Nachf. von  Horst Heidrich); 1978 – 90 Mitgl. des Präsidialrats des KB; 1980 – 90 stellv. Vors. der Ges. für Natur u. Umwelt im KB; Rentner, lebt in Zeuthen.Siegfried Kuntsche / Helmut Müller-Enbergs

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Šabata, Jaroslav

* 1927 – ✝ 2012

Politiker, Politikwissenschaftler und eine der führenden Persönlichkeiten der *Samtenen Revolution in Brünn. Aktivist des *Prager Frühlings und Verfasser des „Kleinen Aktionsprogramms“, das die Ziele von Teilen der linken Opposition umriss. Sprecher und Autor zahlreicher politischer Grundsatzdokumente der Bürgerrechtsbewegung *Charta 77.Jaroslav Šabata wurde 1927 im südmährischen Tullnitz (Dolenice) geboren und entstammte einer katholischen Bauernfamilie. Er wuchs in einem deutsch-tschechischen Umfeld auf, seine Mutter war Deutsche. Šabata ging in Brünn (Brno) aufs Gymnasium, musste das letzte Jahr des Zweiten Weltkrieges jedoch Zwangsarbeit leisten. Nach Kriegsende 1945 und Abitur 1946 studierte er Philosophie, Geschichte und Psychologie an der Brünner Masaryk-Universität, wo er 1953–1964 als Dozent am Lehrstuhl für Marxismus-Leninismus tätig war und anschließend fünf Jahre lang die Leitung des Lehrstuhls für Psychologie innehatte. Gleich nach dem Krieg trat er in die Kommunistische Partei ein. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre und in den 60er Jahren engagierte er sich in der Reformbewegung des Landes und gehörte zu den Anhängern einer Reform der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPČ). 1968 wurde er Parteisekretär im südmährischen Regionalkomitee der KPČ in Brünn. Šabata war die führende Kraft der Plattform „Neue Initiative jetzt!“, in der sich die einflussreichsten Parteiintellektuellen zusammenfanden. Deren Ziel war es, Druck auf die Parteiführung auszuüben, damit sie nicht vom demokratischen Erneuerungsprogramm abrücke. Im August 1968 nahm Šabata am außerordentlichen Parteikongress teil, der gegen den *Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei protestierte. Im Mai 1969 wurde er aller seiner Parteiämter enthoben und verlor Ende des Jahres auch seine Anstellung als Universitätsdozent, woraufhin er als Bauarbeiter arbeitete. In den kommenden zwei Jahren engagierte sich Jaroslav Šabata für den Aufbau von regimeunabhängigen Strukturen. Er schrieb das „Kleine Aktionsprogramm“, das an die Reformversuche des *Prager Frühlings anknüpfte und in dem Teile der linken Opposition Ziele wie den Aufbau eines Sozialismus als politisches System, das sich auf die Selbstverwaltung in Politik und Wirtschaft sowie auf die Achtung der Menschen- und Bürgerrechte stützt, umriss.Šabata organisierte die erste große Verteilaktion von Flugblättern, in denen er zum Boykott der Wahlen 1971 aufrief. Noch vor Ende dieser Aktion wurde er für kurze Zeit verhaftet und im Sommer 1972 dann zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. In einem ähnlichen Prozess wurden auch seine beiden Söhne sowie seine Tochter Anna Šabatová abgeurteilt. Wenige Tage, nachdem er im Dezember 1976 auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wurde, unterschrieb er die Petition der *Charta 77 und beteiligte sich an der Ausarbeitung von Grundsätzen der Arbeit der *Charta 77. Der Text „Was ist mit der Charta?“ (Co s Chartou?) löste eine Diskussion über die Bürgerrechtsbewegung *Charta 77 aus, als diese sich in einer schweren Krise befand. Im Frühjahr 1978 wurde Šabata einer der Sprecher der *Charta 77. Er wurde im Oktober 1978 erneut verhaftet, als er sich auf dem Weg zu einem Treffen mit polnischen Oppositionellen in der Nähe der tschechoslowakisch-polnischen Grenze aufhielt. Anschließend wurde er zu neun Monaten Haft wegen eines vermeintlichen „Angriffes auf einen Staatsbeamten“ verurteilt. Die noch nicht verbüßte Restzeit seiner Bewährungsstrafe von 18 Monaten wurde diesem Urteil hinzugerechnet, sodass er bis Dezember 1980 in Haft saß. Nach seiner Freilassung übte er weiterhin die Funktion eines Sprechers der *Charta 77 aus. Er initiierte den Dialog zwischen osteuropäischen Menschenrechtsaktivisten und westeuropäischen Organisationen, der nach seiner Überzeugung zur Überwindung des sowjetischen Machteinflusses beitragen sollte. Die Idee universaler Menschenrechte stellte für ihn das Fundament eines zukünftigen vereinten Europas dar. Große Bedeutung kam seiner Beteiligung an der Entstehung des wichtigsten politischen Textes der *Charta 77 zu, dem *Prager Aufruf (Pražská výzva). Dieser wurde zum Zeitpunkt von Michail Gorbatschows Regierungsantritt veröffentlicht und formulierte erstmals die Notwendigkeit der demokratischen Wiedervereinigung Deutschlands als Bedingung für ein vereintes demokratisches Europa: „Wenn man in der Perspektive der europäischen Einigung niemandem das Recht auf Selbstverwirklichung streitig machen kann, dann gilt das auch für die Deutschen. Wie alle übrigen, so kann auch dieses Recht nicht auf Kosten anderer zur Geltung gebracht werden, auch nicht, indem man ihre Befürchtungen übersieht. Erklären wir also eindeutig, dass der Ausweg nicht in einer nochmaligen Revision der europäischen Grenzen gesucht werden kann. Grenzen sollten im Rahmen der europäischen Annäherung immer weniger bedeutsam werden, doch auch das kann nicht als Gelegenheit zu nationalistischen Rückfällen ausgelegt werden. Erkennen wir aber offen den Deutschen das Recht zu, sich frei zu entscheiden, ob und in welcher Form sie die Verbindung ihrer zwei Staaten in ihren heutigen Grenzen wollen. Nach den Ostverträgen Bonns und nach Helsinki könnte der Abschluss eines Friedensvertrags mit Deutschland eines der bedeutenden Instrumente eines positiven Wandels in Europa werden.“ (Aus: Opposition in der DDR von den 70er Jahren bis zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft, Wiesbaden 1999). Das Manifest „Demokratie für alle“ (Demokracie po všechny) aus dem Jahr 1988, aus dem die *Bewegung für Bürgerfreiheit (Hnutí za občanskou svobodu; HOS) hervorging, markierte die Wende in der Oppositionsaktivität: den Übergang vom Kampf mit den Machthabern hin zum direkten Dialog mit den Bürgern.Der November 1989 machte Šabata zur führenden Figur der *Samtenen Revolution in Brünn. Am 22. November wurde er zum Vorsitzenden des dortigen *Bürgerforums (Občanské fórum; OF) gewählt und zog einen Monat später als nachrückender (kooptierter) Abgeordneter in die Föderalversammlung, das tschechoslowakische Parlament, ein. Dort übernahm er einen Posten im Parlamentspräsidium und war Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. 1990–92 war er Minister ohne Geschäftsbereich und von Juli bis Dezember 1992 Berater des Parlamentspräsidenten und späteren slowakischen Präsidenten Michal Kováč. In den Jahren nach der *Samtenen Revolution engagierte sich Šabata für die Stärkung zivilgesellschaftlicher Belange in der Politik. So war er einer der Initiatoren des deutsch-tschechischen und des tschechisch-slowakischen Dialogs und Mitglied der Bürgerbewegung (Občanské hnutí; OH). In den 90er Jahren arbeitete er unter anderem als Publizist, trat in die Tschechische Sozialdemokratische Partei ein und leitete sieben Jahre lang die im deutsch-tschechischen und europäischen Dialog engagierte Bernard-Bolzano-Stiftung. Jaroslav Šabata starb am 14. Juni 2012 in Brünn. Petr Pospíchal Aus dem Polnischen von Jonas Grygier Letzte Aktualisierung: 05/15

Wer war wer in DDR

Sachs, Horst

* 27.3.1927

Geb. in Magdeburg; dort 1933 – 37 Grundschule, 1937 – 44 OS; 1943/44 Luftwaffenhelfer, danach Arbeitsdienst, ab Nov. 1944 Kriegsdienst bei der Infanterie; bis Juli 1947 Kriegsgefangenschaft. 1948 Abitur in Magdeburg; 1948 – 53 Studium der Mathematik u. Physik an der MLU Halle, Schüler von Herbert Camillo Grötzsch, Diplomarbeit zu einem Problem der algebraischen Zahlentheorie; 1953 – 63 Assistent an der MLU; 1958 Prom. mit einer Diss. über isoperimetr. Ungleichungen in der Math. Physik, 1963 Habil. mit einer Arbeit zur Graphentheorie; 1963 ord. Prof. an der TH Ilmenau, dort Dir. des Inst. für Mathematik, ab 1969 Dir. der Sektion Mathematik, Rechentechnik u. Ökonom. Kybernetik; 1970 – 74 Vors. der Math. Ges. der DDR (Nachf. von  Kurt Schröder); Mitgl. der International Academy of Mathematical Chemistry (seit 2005 Ehrenmitgl.), Gründungsmitgl. des Institute of Combinatorics and its Applications, Winnipeg; Mithrsg. der Ztschr. »Journal of Combinatorical Theory«, »Discrete Mathematics«, »European Journal of Combinatorics«, »Combinatorica«, »Mathematics and Chemistry« (MATCH). 1992 Em.; lebt in Ilmenau. Forschungsgebiete: diskrete Mathematik u. Graphentheorie. S. war Begr. der »Ilmenauer Schule für Graphentheorie«, er organisierte 1960 in Halle die erste Konferenz zur Graphentheorie in Dtl., die als internat. Tagungsreihe »Graphentheorie u. Anwendungen« bis in die Gegenwart fortgesetzt wird.Beiträge zur Graphentheorie. Leipzig 1968 (Mithrsg.); Einführung in die Theorie der endl. Graphen. Bd. I u. II. Leipzig 1970/1972; Entw. der Mathematik in der DDR. Berlin 1974 (Hrsg.). J. Harant, M. Stiebitz: Preface (dedicated to H. S. 70th birthday). Discrete Mathematics 212, 2000; P. W. Fowler, P. E. John (eds.): MATCH, Vol. 48, 2003, dedicated to Professor H.S. on the occasion of his 75th birthday.Annette Vogt

Handbuch Deutsche Kommunisten

Sachse, Willy

* 7.1.1896 – ✝ 7.6.1944

Geboren am 7. Januar 1896 in Leipzig, Sohn eines Böttchers und späteren Gastwirts; besuchte ein Technikum. Im Oktober 1914 zur Marine eingezogen, Oberheizer auf dem Linienschiff »Friedrich der Große«. Anhänger der USPD, er spielte bei der Flottenmeuterei 1917 eine beachtliche Rolle. Zusammen mit Max Reichpietsch, Albin Köbis, Hans Beckers und Willy Weber wurde Sachse am 26. August 1917 zum Tode verurteilt, Reichpietsch und Köbis wurden erschossen, die Strafen der anderen Verurteilten in Zuchthausstrafen umgewandelt, Sachse erhielt 15 Jahre Zuchthaus. Durch die Revolution 1918 befreit, schloß er sich der USPD an und war zunächst Mitglied des Zentralrats der revolutionären Matrosen, dann des Arbeiter- und Soldatenrates in Leipzig. Er kam mit der linken USPD 1920 zur KPD, war führend an der März-Aktion 1921 in Mitteldeutschland beteiligt und ab 1922 hauptamtlicher Sekretär im UB Bitterfeld. Der VII. Jenaer Parteitag 1921 und der VIII. Leipziger Parteitag 1923 wählten ihn in den ZA der KPD. Im Februar 1923 als Nachfolger von Georg Schumann Polleiter des Bezirks Halle-Merseburg, 1924 von der linken Führung als Polleiter in den Bezirk Hessen (Frankfurt) gesandt, dort wirkte er unter dem Pseudonym Schuhmann. Ab 1925 in Hamburg (Pseudonym Willy Halle), von Oktober 1925 bis Januar 1926 Polleiter des Bezirks Wasserkante, anschließend Orgleiter. Das SPD-Organ »Hamburger Echo« brachte am 6. März 1926 Auszüge aus einem unterwürfigen Gnadengesuch, das Sachse 1917 angeblich an den Kaiser geschrieben haben soll. Obwohl er versicherte, daß die Gnadengesuche gar nicht von den Verurteilten stammten, wurde Sachse vom ZK abgelöst, da er in Hamburg ohnehin einen schweren Stand hatte. Nach Aufenthalt in Moskau Mitarbeiter an verschiedenen KP-Zeitungen. Die 1925 von Sachse (Pseudonym Anti-Nautikus) verfaßte und mit einem Vorwort von Ernst Thälmann veröffentlichte Broschüre »Deutschlands revolutionäre Matrosen« wurde im Januar 1926 beschlagnahmt. Ein Prozeß gegen ihn endete im April 1928 mit einem Freispruch. Seit Mai 1926 war er unter Paul Böttcher Kultur- und Feuilletonredakteur an der Leipziger KP-Zeitung »Sächsische Arbeiterstimme«. Sachse wurde Ende 1928 wegen Rechtsabweichung aus der KPD ausgeschlossen, wieder Techniker. Er trat in Leipzig der KPO bei, von der er sich aber 1932 wieder entfernte, war kurze Zeit Angestellter beim »Münzenberg-Konzern«. Während der Nazizeit publizierte Sachse Reise- und Abenteuerromane, die auch ins Französische übertragen wurden. Die Reichsschrifttumskammer schloß ihn aus, weil er es ablehnte, ein Buch über die Seefahrt im nationalsozialistischen Sinne zu schreiben. Ab 1939 Techniker in einer chemischen Fabrik, lernte er über Alexander Graf Stenbock-Fermor Josef (Beppo) Römer kennen und übernahm die Gruppe Nord, einer von Römer gegründeten illegalen Widerstandsgruppe. Am 2. Februar 1942 verhaftete die Gestapo Sachse, dessen Sohn zu dieser Zeit als Soldat fiel. Nach zweijähriger Untersuchungshaft im Polizeigefängnis und KZ am 7.Juni 1944 vom VGH zum Tode verurteilt, wurde Willy Sachse am 21.August 1944 in Brandenburg als Opfer der NS-Diktatur hingerichtet.

Wer war wer in DDR

Sägebrecht, Willy

* 21.2.1904 – ✝ 8.4.1981

Geb. in Groß Schönebeck (Krs. Niederbarnim); Vater Ziegelbrenner; 1910 – 18 Volksschule in Groß Schönebeck u. Liebenwalde; anschließend Land- u. Industriearb.; 1920 Dt. Holzarbeiterverb. u. SAJ; 1923 KJVD; Aug. 1925 KPD; 1928 – 32 Stadtverordn. in Liebenwalde u. Abg. des Krs.-Tags Niederbarnim; 1929 – 31 Ltr. des UB Nord der KPD-BL Berlin-Brandenb.; 1930/31 Teiln. am Kurs der M-Schule in Moskau; 1931 – 33 Instrukteur der KPD-BL Berlin-Brandenb.; 1932/33 Abg. des Preuß. Landtags; 1933 – 45 wegen illeg. politischer Tätigkeit in versch. Gefängnissen, 1936 wegen »intellektueller Willenstäterschaft« zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, 1941 – 45 KZ Sachsenhausen; April 1945 während des Todesmarsches nach Schwerin bei Below geflohen. 1945 Mitgl. der KPD-Initiativgr. für Berlin (Ltr.  Walter Ulbricht); Mitarb. in der Abt. Sozialwesen beim Magistrat von Groß-Ber- lin; 1945/46 Sekr. der KPD-BL Brandenb.; 1946 – 49 zus. mit  Friedrich Ebert Vors. des SED-LV Brandenb.; 1946 – 50 Abg. des Landtags Brandenb.; 1946 – 63 Mitgl. des PV bzw. ZK der SED; 1949 – 52 Vors. bzw. 1. Sekr. der SED-LL Brandenb.; 1948/49 Mitgl. des Dt. Volksrats, 1949 – 58 Abg. der (Prov.) Volkskammer; 1952 – 54 Staatssekr. u. 1. Stellv. des Vors. der SPK; ab 1954 Oberst der KVP; ab 1956 Oberst der NVA; ab Sept. 1957 Ltr. der »Verw. für Koordination«, des militär. Nachrichtendienstes der DDR (Nachf. von  Karl Linke); Aug. 1959 offiz. aus gesundheitl. Gründen ausgeschieden; Ruhestand; 1979 VVO; gest. in Berlin.Nicht Amboß, sondern Hammer sein. Erinnerungen. Berlin 1968. Wegmann, B.: Biogr. Portrait W. S. In: Ders.: Die Militäraufklärung der NVA. Berlin 2006.Bernd-Rainer Barth / Helmut Müller-Enbergs