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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

 

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

 

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

 

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

 

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

 

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Aktuelle Rosa-Luxemburg-Forschung in Russland und China

JHK 2006 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 237-244 | Aufbau Verlag

Autor/in: Narihiko Ito

Das Wort »Sozialismus« hat heutzutage einen altmodischen Klang. Es ist nur noch selten zu lesen oder zu hören. Doch zumindest das Forschungsinteresse an Sozialisten und ihren Ideen ist weiterhin vorhanden, das gilt gerade für die Person und das Werk Rosa Luxemburgs (1870 bis 1919). Ich möchte im Folgenden von zwei internationalen Tagungen zu Rosa Luxemburg berichten, die in Russland und China stattfanden, also in Ländern, in denen die Schriften der Revolutionärin Jahrzehnte zuvor teilweise verboten bzw. kaum bekannt waren. Es handelt sich um die Internationale Konferenz zu Rosa Luxemburg in Moskau am 12. Februar 2004 und die Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz in Guangzhou in Südchina am 21./22. November
2004.[1]

Unterdrückung der Luxemburg-Forschung in der Sowjetunion

Die Konferenz in Moskau war die erste internationale Konferenz über Rosa Luxemburg in Russland seit der Russischen Revolution 1917. In der Zeit des Bestehens der Sowjetunion und im ersten Jahrzehnt des postsowjetischen Russlands fand keine solche Zusammenkunft statt. Die Konferenz wurde vom Institut für Weltgeschichte an der Russischen Akademie der Wissenschaften und der RosaLuxemburg-Stiftung (Berlin) veranstaltet. Etwa zwanzig russische Wissenschaftler, die deutsche Kollegin Evelin Wittich von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die beiden Deutschen Ottokar Luban von der Internationalen Rosa-LuxemburgGesellschaft und Gerhard Kaiser sowie ich nahmen daran teil. Wir, die ausländischen Gäste, hielten auf der Tagung je ein wissenschaftliches Referat, während unsere russischen Kollegen berichteten, wie heftig sie in sowjetischer Zeit wegen ihres Interesses an Rosa Luxemburg politisch, ideologisch und gesellschaftlich verfolgt wurden. Als ich 1974 das Buch Roza Ljuksemburg (dt.: Rosa Luxemburg) von den mir damals unbekannten russischen Autoren Robert Evzerov und Inessa Jazborovskaja erhielt, war mir nicht klar, mit welchen Schwierigkeiten die Autoren zu kämpfen hatten. Als ich damals das im Moskauer Verlag Mysl’ erschienene und 321 Seiten umfassende Buch in der Hand hielt, dachte ich nur: »Ah ja, auch in Russland wird ein solches Buch herausgegeben!«

22 Jahre später, auf der 8. Internationalen Rosa-Luxemburg-Tagung der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Warschau, traf ich dann zum ersten Mal den Autor des Buches, Robert Evzerov. Ich begrüßte ihn: »Ach, Sie sind Herr Evzerov, der Autor des Buches, das man mir vor 22 Jahre geschickt hatte. Vielen Dank dafür!« Er antwortete darauf, dass er mich schon lange kenne und seit kurzem auch die Tätigkeit der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft. Darum sei er nun in Warschau bei der Rosa-Luxemburg-Tagung. Wir freuten uns beide sehr über unser erstes Treffen. Seither nahm er an fast allen RosaLuxemburg-Tagungen – in Tampere (Finnland) 1998, in Berlin 1999, in Zürich 2000 und in Bochum 2002 – teil und hielt jedes Mal ein Referat. Aber niemals berichtete er etwas über seine Erlebnisse in der Vergangenheit. Erst im Februar 2004, in Moskau, erzählte er, welch schweres Schicksal er nach der Herausgabe seines Rosa-Luxemburg-Buches 1974 zu tragen hatte.

Nicht nur Evzerov traf ein solches Schicksal. So wurde Malren Korallov in den 1970er Jahren verhaftet, nachdem er sein Buch K. Libknecht, R. Ljuksemburg (dt.: K. Liebknecht, R. Luxemburg) herausgegeben hatte. Das Buch wurde bis auf fünf Exemplare beschlagnahmt und vernichtet. Korallov verlor seine berufliche Position. Erst 1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, konnte sein Buch wieder herausgegeben werden, und er schenkte mir ein Exemplar.

Prof. Jakov Drabkin vom Institut für Weltgeschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften leitete die Moskauer Konferenz als Vorsitzender. Ich kenne ihn seit den 1980er Jahren von einer Tagung in Linz. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion übergab er mir die von ihm herausgegebene Luxemburg-Ausgabe O socializme i russkoj revolucii (dt.: Über den Sozialismus und die Russische Revolution) und fügte hinzu: »Ich habe hier zum ersten Mal meine Übersetzung des Manuskripts von Rosa Luxemburg über die Russische Revolution abgedruckt.« Ich wusste schon lange, dass das Manuskript Rosa Luxemburgs in der Sowjetunion ein »verbotenes Buch« war. Ich wusste aber bis zur Moskauer Konferenz nicht, dass die gesamte Forschung über Rosa Luxemburg in der Sowjetunion so unbarmherzig unterdrückt wurde.

Die Anfänge des chinesischen Interesses an Luxemburg 

Die zweite Konferenz wurde von der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, dem Institut für Weltsozialismus des Büros zur Herausgabe und Übersetzung des ZK der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) und der Rosa-LuxemburgStiftung (Berlin) mit Unterstützung der Landwirtschaftlichen Universität Südchinas und der Pädagogischen Universität Südchinas am 21. und 22. November 2004 im Saal der Landwirtschaftlichen Universität Südchinas in Guangzhou veranstaltet. Die Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft hatte schon im November 1994 gemeinsam mit dem Institut für Weltsozialismus eine Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz in Peking veranstaltet.

Der Beginn der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit China in der RosaLuxemburg-Forschung geht auf das Jahr 1980 zurück. Damals wurde ich von der Chinesischen Akademie erstmals nach Peking eingeladen, um einen Vortrag über die Internationale Rosa-Luxemburg-Forschung zu halten. Im Frühling 1981 versammelten sich chinesische Wissenschaftler in Dalian zu einer Diskussion über die Ideen Rosa Luxemburgs. Im Herbst 1982 kamen dann vier chinesische Wissenschaftler aus dem Büro zur Herausgabe und Übersetzung des ZK der KPC nach Japan zu einer gemeinsamen Rosa-Luxemburg-Forschung. 1984 wurde der erste Band der chinesischen Übersetzung der Werke Rosa Luxemburgs herausgegeben, und im April 1985 veranstalteten chinesische und japanische Wissenschaftler gemeinsam anlässlich der Herausgabe der chinesischen Übersetzung eine wissenschaftliche Tagung in Shanghai und Nanjing. 

Im November 1991 war dann Frau Zhou, die Übersetzerin und Herausgeberin der chinesischen Ausgabe der ausgewählten Werke Rosa Luxemburgs zur Internationalen Rosa-Luxemburg-Tagung nach Tokio eingeladen. Ihre Übersetzung gab den Anlass, die erste Internationale Rosa-Luxemburg-Tagung 1994 in Peking stattfinden zu lassen. Über 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus China, Japan, Südkorea, Russland, Polen, Ungarn, Österreich, Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und den USA nahmen damals daran teil. Sie diskutierten sehr offen und frei, was zeigte, dass die »neue Politik der Reform und Öffnung« im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich Wirkung zeigte. Genau zehn Jahre danach haben wir im Süden Chinas erneut erlebt, wie fruchtbringend diese Politik ist und welche neuen Probleme sich wiederum daraus ergeben.

An der Guangzhou-Tagung nahmen 55 Wissenschaftler aus zehn Ländern teil, davon zwei aus Russland, einer aus Norwegen, einer aus Frankreich, einer aus der Schweiz, dreizehn aus Deutschland, einer aus Österreich, zwei aus Indien, einer aus den USA, zehn aus Japan und 23 aus China. Es gab 21 Referate von 25 Referenten, da vier chinesische Referate von jeweils zwei Referenten vorgetragen wurden.

Klassifiziert man die Referate nach Themen, behandelten zehn davon das Demokratieverständnis von Rosa Luxemburg (sieben Referate aus China, zwei aus Deutschland und eins aus Indien). Das Thema »Nation und Sozialismus« wurde sechs Mal gewählt (zwei Referate aus China, eins aus Deutschland, eins aus Indien, eins aus Österreich und eins aus Russland). Fünf Mal wurden andere Themen von jeweils einem Wissenschaftler aus Russland, den USA, Norwegen, Deutschland bzw. Japan behandelt. 

Wie hier deutlich wird, konzentrierten sich die chinesischen Referate klar auf das Thema »Demokratie«. Bevor ich genauer auf den Inhalt der chinesischen Referate eingehe, führe ich deren Titel an. 

Zum Demokratieverständnis: 

   Zhou Sui-ming: »Die Analyse der Demokratieauffassungen Luxemburgs und die Vorläufer des Neuen Marxismus im Westen«

   Pan Li-hong und Zhao Yan-zhi: »Vergleich der Demokratie-Auffassungen Lu-xemburgs und Mao Ze-dongs «

   Tang Ming und Yang Zheng-xi: »Eine kurze Analyse der sozialdemokratischen Gedanken von Rosa Luxemburg«

   Zhou Shang-wen und Jiang Nai-bing: »Eine Beurteilung Rosa Luxemburgs in-nerparteilicher Demokratie«

   Wang Xue-dong: »Rosa Luxemburgs Auffassungen von der innerparteilichen Demokratie und deren aktuelle Bedeutung«

   Dai Hai-dong: »Über die Demokratieauffassungen von Rosa Luxemburg und deren Anregung zur Stärkung der Regierungsfähigkeit der Partei«

   Zhan Zhen-rong: »Über den Gedanken der innerparteilichen Demokratie von Rosa Luxemburg«

Zu Nation und Sozialismus: 

   Zhang Guange-ming: »Rosa Luxemburg und die Tradition des autonomen So-zialismus« 

   Zhang Wen-fang und Xu Da-bing: »Untersuchung der Auffassungen von Rosa Luxemburg über die Volksmassen«

Von den neun chinesischen Beiträgen beschäftigten sich vier Referate mit dem Thema der »innerparteilichen Demokratie«. Daraus ist erkennbar, aus welchem Blickwinkel Rosa Luxemburg heute in China betrachtet wird. 

Rosa Luxemburgs Bedeutung in der chinesischen Diskussion  um die Demokratisierung von Partei und Gesellschaft

Da es der Rahmen dieses Aufsatzes nicht zulässt, alle Referate vorzustellen, gehe ich im Folgenden nur auf den Inhalt von sechs chinesischen Referaten ein.

1. Das Referat von Pan Li-hong und Zhao Yan-zhi (Landwirtschaftliche Universität Südchinas) unternahm einen Vergleich des Demokratieverständnisses bei Rosa Luxemburg und Mao Ze-dongs. Nach Aussage der Referenten seien die Positionen Luxemburgs und Ze-dongs vor allem in der Frage der Zielsetzung der Revolution, die sie in der Beseitigung von Unterdrückung und Ausbeutung durch die Bourgeoisie sahen sowie in der Verwirklichung einer umfassenden Autonomie der Volksmassen, gleich. Wesentliche Unterschiede sehen die Referenten vor allem in folgenden Punkten:

a)        Die demokratische Leistungsfähigkeit der Masse: Luxemburg zufolge sollte die

Masse auf keinen Fall Knecht und Werkzeug der politischen Machtorgane werden. Die Regierung dürfe in keiner Form und unter keinem Vorwand der Masse das demokratische (Mitbestimmungs-)Recht entziehen. Mao Ze-dong vertrat die Ansicht, die Masse sei zur Demokratie nur bedingt fähig. Er legte sehr viel mehr Wert auf die Bildungsfunktion der Partei und betonte die Wichtigkeit von Bildungsmöglichkeiten, die von der Regierung organisiert werden müssten, um die politische und kulturelle Leistungsfähigkeit der Masse möglichst rasch zu erhöhen.

b)        Der demokratische Zustand: Nach Rosa Luxemburgs Demokratieverständnis

ist Demokratie nicht nur ein hohes und weites Ideal der menschlichen Gesellschaft, sondern vielmehr ein grundlegender Zustand des Sozialismus in der Gegenwart. Das Hauptziel der Arbeiterbewegung und der proletarischen Revolution liegt für sie darin, Freiheit und Demokratie der Volksmassen zu verwirklichen, deshalb soll sich die Demokratie in jeder Epoche des Sozialismus verkörpern und darf nicht durch ungenügende geschichtliche Bedingungen beschränkt werden. Für Mao Ze-dong hingegen gibt es keine uneingeschränkte Demokratie. Vielmehr bilden Demokratie und Zentralisierung eine widersprüchliche Einheit, in der jedoch keine von beiden Seiten überbetont werden darf.

c)         Die Organisation der Demokratie: Mit dem Begriff des »Selbstzentralismus« betonte Rosa Luxemburg die Bedeutung der Selbständigkeit und der Initiative des Proletariats sowie den engen Zusammenhang zwischen der Partei und den Volksmassen. Sie kritisierte den »radikalen Zentralismus« Lenins, weil dieser die gesellschaftliche Beteiligung der Masse beschränken und die Isolierung der Regierung von der Masse verursachen würde. Mao Ze-dong hielt dagegen am Modell der »demokratischen Zentralisierung« fest. Sein Kerninhalt ist die Betonung der dialektischen Vereinigung von Demokratie und Zentralisierung. Einerseits müsse die Regierung die Meinungen der Massen repräsentieren, andererseits müsse die exekutive Macht zentralisiert werden. 

Nach dem Vergleich der Positionen Luxemburgs und Mao Ze-dungs kamen die Referenten zu folgendem Schluss: »Eine ›Grosse Regierung mit einer kleinen Gesellschaft‹ ist wie der Missstand der Demokratie in China, der unsere Entwicklung in der Gegenwart so behindert. Mao Ze-dong betonte zwar stets die dialektische Vereinigung von Demokratie und Zentralisierung, behandelte er aber reale Probleme, dann überwog bei ihm oft, vielleicht auch unbewusst, die Zentralisierung. Und das ist ein zu berücksichtigendes Problem auf dem langen und steinigen Weg der Demokratisierung Chinas.«

2.        Das Referat von Zhou Shang-wen und Jiang Nai-bing (Pädagogische Universität Ostchinas) erörterte ebenfalls den Begriff des »Selbstzentralismus« Rosa

Luxemburgs. Ganz anders als im Referat von Pan Li-hong und Zhao Yan-zhi wurde Luxemburg hier kritisiert, dass sie die Rolle der Partei unterschätzt und die Spontaneität der Masse blind verehrt habe. Die Referenten stimmten einerseits zu, dass Demokratie der Schlüssel für eine gesunde Entwicklung der Partei sei, andererseits kritisierten sie Luxemburg vom Standpunkt des »Realismus« und warfen ihr vor, als Idealistin Begriffe wie Konzession und Kompromiss gar nicht zu kennen. Zu einer Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern der Theorie Luxemburgs und deren Gegnern kam es auch in der Diskussion, was deutlich machte, dass ihre Theorie in der heutigen Politik Chinas eine enorme Aktualität besitzt. 

3.        Das Referat von Wang Xue-dong (Direktor des Instituts für Weltsozialismus des Büros zur Herausgabe und Übersetzung des ZK der KPC) über »Rosa Luxemburgs Auffassungen von der innerparteilichen Demokratie und deren aktuelle Bedeutung« erklärte, warum Rosa Luxemburgs Theorie für die heutige Politik eine solche Aktualität besitzt. So behauptete Wang Xue-dong zu Beginn seines Referats: »Rosa Luxemburg hat in einer Reihe von Schriften, wie ›Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie‹ (1904) und ›Wieder Masse und Führer‹ (1911) viele wertvolle und wichtige Gedanken über die innerparteiliche Demokratie vorgelegt, worunter uns viele klare Aussagen noch bis heute Anregung geben und von wichtiger, aktueller Bedeutung sind, um den Aufbau der Partei zu stärken.« Ferner erklärte der Referent, dass »der Kern der Auffassungen über die innerparteiliche Demokratie von Rosa Luxemburg […] darin [liegt], die Initiative der Masse zu würdigen und die Bedeutung der Volksmassen als eigentlicher Antrieb des geschichtlichen Fortschritts, als Basis der Parteiaktivität und der Lebenskraft der Partei zu betonen.«

Wang Xue-dong betonte zum Schluss: »Heutzutage ist die Kommunistische Partei Chinas bestrebt, den Aufbau der Regierungsfähigkeit allseitig zu stärken, wofür die Entfaltung der innenparteilichen Demokratie die Voraussetzung ist. Deshalb sind Luxemburgs Gedanken über die innenparteiliche Demokratie, besonders aber über die Bedeutung der Initiative der Masse, über das richtige Verstehen und die richtige Behandlung des gegenseitigen Verhältnisses zwischen Klasse und Individuum unter der Führung der Partei, über den ›Selbstzentralismus‹ der proletarischen Avantgarde, und über die Verhinderung der bürokratischen Degeneration durch die öffentlich-demokratische Kontrolle für uns bis heute noch von größter Bedeutung.«

4.        Dai Hai-dongs Referat »Über die Demokratieauffassungen von Rosa Luxemburg und deren Anregung zur Stärkung der Regierungsfähigkeit der Partei« vertritt, wie der Titel selbst klar zeigt, denselben Standpunkt wie das von Wang Xue-dong.

5.        In Zhan Zhen-rongs Referat »Über den Gedanken der innerparteilichen Demokratie von Rosa Luxemburg« zitierte der Autor den Begriff des »Selbstzentralismus« von Rosa Luxemburg und behauptete, dass »die Beziehung zwischen der Demokratie und der Zentralisierung […] ein wichtiges Problem in der Theorie und Praxis [ist], das in der internationalen sozialistischen Bewegung im

20. Jahrhundert nicht gut gelöst wurde«. Darum wollte er einen Hinweis aus der Theorie Luxemburgs für die Lösung des schwierigen Problems erhalten.

6. Im Vergleich zu den anderen chinesischen Referaten betrachtete Zhang Guang-ming (Institut für Weltsozialismus des Büros zur Herausgabe und Übersetzung des ZK der KPC) in seinem Referat »Rosa Luxemburg und die Tradition des autonomen Sozialismus« Luxemburgs Theorie aus einem ganz anderen Blickwinkel. Sein Referat war für mich sehr überzeugend, weil er Luxemburg als Vertreterin der Tradition des autonomen Sozialismus ansieht. Er behauptet: »Bisher haben viele Kritiker von uns Luxemburg im geistigen Korsett des Leninismus studiert. Meines Erachtens hat diese Studie kein echtes Verständnis für Luxemburg bewirkt.«

Zhan Guang-ming zufolge existierten innerhalb des internationalen Sozialismus im 20. Jahrhundert drei Typen von Sozialismus: Der erste Typ ist der reformistische Sozialismus, der »in der Entwicklung Schritt für Schritt auf den Grundsatz, den Kapitalismus umzubauen, verzichtet hat und allmählich mit dem Liberalismus verschmolzen ist.« Der zweite Typ hatte »in einer Reihe von orientalischen Ländern die Macht ergriffen, aber keine Gesellschaft gegründet, d. h. keine demokratische Gesellschaft, die von der Volksmasse selbst getragen wird, wie Marx sie postulierte, sondern eine neue Bürokratiegesellschaft.« Der dritte Typ des Sozialismus hat »durch politische Aktivitäten keine großen Ziele erreicht, er ist jedoch zu einer wichtigen geistigen Errungenschaft geworden.« Und er fügte seiner Differenzierung hinzu: »Rosa Luxemburg ist eine Hauptdenkerin eines solchen Sozialismus in der frühen Periode.«

Ich denke, dass dieses Referat interessante Hinweise zur neueren Forschung über Rosa Luxemburg gab, denn es hatte eine auf Polnisch geschriebene Schrift »Nationale Frage und Autonomie« (1908/09) zum Gegenstand. Sie scheint mir Luxemburgs wichtigstes Werk zur Nation und zum Staat zu sein, dessen Bedeutung noch nicht genug untersucht worden ist. 

Ich habe hier ausschließlich die chinesischen Referate vorgestellt, weil die Konferenz in China stattfand und man durch diese Referate einen Einblick in die Probleme des heutigen Chinas erhält. Die anderen Referate zu erwähnen, muss ich eine nächste Gelegenheit finden. Es folgen hier nur ihre Namen und Titel.  

   Subho Ranjian Dasgupta (Indien): »The Dialectical Core in Rosa Luxemburg’s Vision of Democracy«. 

   Sobhanial Datta Gupta (Indien): »Rosa Luxemburg’s Vision of Socialism and Its Meaning for Marxism in the 21st Century«.

   Ottokar Luban (Deutschland): »Rosa Luxemburgs Demokratiekonzept«

   Theodor Bergmann (Deutschland): »The Luxemburg-Tradition in German Communism«.

   Gerhard Kaiser (Deutschland): »Über ›nationale Selbstbestimmung‹, Demokra-tie und ›nationale Operationen‹«.

- Evelin Wittich (Deutschland): »Die Diskussion um ein Denkmal und der Kampf um die Deutung von Geschichte – Das Beispiel Rosa Luxemburg« 

   Fritz Weber (Österreich): »China auf dem Weg von einer sozialistischen zu ei-ner ›sozialen‹ Marktwirtschaft?« 

   Peter Hudis (USA): »New Perspectives on Rosa Luxemburg’s Writings on the Non-Western World«

   Robert Evzerov (Russland): »R. Luxemburg – Parlamentarismus – Russland heute«.

   Alexander Vatlin (Russland): »Lieblinge der Partei und Märtyrer der Epoche: Rosa Luxemburg und Nikolaj Bucharin«. 

   Tanja Storiokken (Norwegen): »Women in Dark Time – Rosa Luxemburg and Hannah Arendt«

   Narihiko Ito (Japan): »Über das Dokument ›Sklaverei im Altertum‹ aus  Rosa Luxemburgs Vortrag in der Parteischule«

Auch diese Beiträge zeigen, dass das Werk Rosa Luxemburgs auch im 21. Jahrhundert ein Impulsgeber für weiterführende historische Analysen und theoretische Ansätze sein kann. 

 


[1]  Im Jahr 2004 fanden zwei weitere internationale Zusammenkünfte zum Thema statt: das Internationale Kolloquium anlässlich des 70. Geburtstages von Prof. Dr. Annelies Laschitza in Berlin am 21. Februar 2004 sowie The International Conference: Like a Candle Burning at Both Ends. Rosa Luxemburg and the Critic of Political Economy an der Universität Bergamo (Italien) vom 16. bis 18. Dezember 2004.  

Inhalt – JHK 2006

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