...

 

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

 

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

 

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

 

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

 

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

 

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Die Erinnerungsreflexion des Großen Vaterländischen Krieges in Russland zum fünfzigsten und zum sechzigsten Jahrestag des Sieges (1995 und 2005)

JHK 2005 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 68-80 | Aufbau Verlag

Autor/in: Andreas Langenohl

Erinnerung und Erinnerungsreflexion in Transformationsgesellschaften

Dass Erinnerung in der spät- und postsowjetischen Systemtransformation eine maßgebliche Rolle gespielt hat, ist eine unbestrittene Tatsache. Die »Umwertung der sowjetischen Geschichte«[1] seit den späten 1980er Jahren ist zu einem bevorzugten Gegenstand sozialwissenschaftlicher und historischer Forschung avanciert. Dies hängt mit politischen Entwicklungen ebenso zusammen wie mit ideengeschichtlichen Tendenzen. Zum einen sind die historischen Umwälzungen in den ehemals sozialistischen Gesellschaften kaum zu erfassen, ohne die Dimension des Umgangs mit der unter den Parteistaaten instrumentalisierten Geschichte in den Blick zu nehmen, da diese Instrumentalisierung in besonders krasser Weise den Herrschaftsanspruch der Kommunistischen Parteien nicht nur auf politischem, ökonomischem und sozialem, sondern auch auf kulturellem Gebiet zum Ausdruck brachte. Zum anderen hat im Zuge des cultural turn eine Disziplinen übergreifende Schwerpunktverlagerung wissenschaftlicher Orientierung stattgefunden, die Geschichte nicht mehr einfach als ein Ablaufmuster, sondern als eine spezifische, kulturelle Repräsentationsform erscheinen lässt.[2] In den ehemals staatssozialistischen Gesellschaften flossen diese beiden Tendenzen ineinander, indem Sozial- und Geschichtswissenschaften, wo sie sich Geschichte als repräsentierter annahmen, zur Entmystifizierung kommunistischer Herrschaft beitrugen und so die gesellschaftlichen Transformationsprozesse mitprägten.

Jene »Umwertung« ist kein bloß kognitiver Akt des kollektiven Gedächtnisses, sondern vollzieht sich in moralreflexiven Akten kollektiver Erinnerungspraktiken. Die Umwertung von Erinnerung impliziert, dass es eine Vorstellung davon gibt, wie erinnert werden sollte – welcher »Wert« einer Erinnerung beizumessen ist. Das bloße »Wiederfinden« von Erinnerung,[3] das Bergen politisch verschütteter historischer Tatsachen ist die primäre Aufgabe historisch-kritischer Forschung.

Zu einer öffentlichen Angelegenheit wird es jedoch erst dadurch, dass Verknüpfungen mit normativen Vorstellungen einer richtigen und angemessenen Erinnerung hergestellt werden. Umwertungen der Geschichte sind insofern immer Wechselwirkungen zwischen Erinnerung und Erinnerungsreflexion, d. h. zwischen einer Repräsentation der Vergangenheit und einer Repräsentation dieser Repräsentation aus einer moralischen Perspektive. Eine solche Reflexivität ist dem Erinnern stets inhärent, da es mit der Genese individueller bzw. Konstruktion kollektiver Identität und ihrer moralischen Implikationen in einem konstituierenden Zusammenhang steht;[4] aber die moralische Reflexivierung der Erinnerung weist gleichzeitig über den Identitätsaspekt hinaus, da die Frage, was eine angemessene Erinnerung wäre, eine grundsätzliche Kritisierbarkeit von Geltungsansprüchen impliziert, die nicht auf eine Facette partikularer Identität reduzierbar ist. Nirgends zeigt sich dies deutlicher als in den hitzigen Debatten um jene »Umwertung« der sozialistischen Gesellschaftsgeschichten, die die moralischen Implikationen von Erinnerung als politische Frage prozessierten.

Deswegen ist es eine Sache, die kollektiven Gedächtnisbestände einer Gruppe oder einer Gesellschaft in ihrem Wandel und ihre politischen Implikationen und Bedingtheiten zu eruieren, und eine andere, die sich in Erinnerungspraktiken äußernden Wechselbeziehungen zwischen Erinnerungen als kollektiven Repräsentationen der Vergangenheit und den Auseinandersetzungen über ihre normative Bedeutung aufzuzeigen. Hier möchte ich mich mit kollektiven Erinnerungspraktiken des Großen Vaterländischen Krieges im Kontext ihrer öffentlichen Reflexion befassen. Es geht dabei darum, die Bezugspunkte zu identifizieren, in deren Licht die Kriegserinnerung moralisch-konflikthaft im öffentlichen Raum verhandelt wurde und wird.

Die Erinnerung des Großen Vaterländischen Krieges hat sich nach 1989 nicht nur radikal pluralisiert, sondern ist auch in eine Reflexion auf sich selbst hinein gezwungen worden, welche die Erinnerungskonflikte der 1990er Jahre maßgeblich prägte. Diese Konflikte sind somit nicht primär als ein »Erbe« der sowjetischen Erinnerungspraktiken zu verstehen, das schlicht fortgeschrieben wurde, sondern als Folgen einer Reflexivierung von Erinnerung in der pluralisierten Öffentlichkeit, in der Fragen der normativen Geltung von Erinnerungen politisch verhandelbar und kontestierbar wurden. Ich werde argumentieren, dass in den 1990er Jahren ein Bezug auf Stalins Anteil am Krieg die öffentlichen konflikthaften Reflexionen über Erinnerung maßgeblich prägte.

Zehn Jahre später stellt sich das Verhältnis zwischen der Erinnerung des Krieges und ihrer öffentlichen Reflexion grundlegend verschieden dar. Meine These ist, dass der maßgebliche reflexive Bezugspunkt der Erinnerung des Großen Vaterländischen Krieges heute nicht mehr die Erinnerung der stalinistischen Makroverbrechen, sondern eine Kontextualisierung durch in Russland ebenso reflexiv gewordene, internationale Gedenkpraktiken des Zweiten Weltkriegs ist. Dies war in den 1990er Jahren allenfalls als schwache Tendenz absehbar. Methodisch werde ich mich auf eine qualitative Argumentationsanalyse stützen, die in der explorativen Untersuchung konfliktiv verlaufender Argumentationen die als gemeinsam unterstellten Geltungsstrukturen, die den Konflikt erst ermöglichen, zur Anschauung bringt.[5] Da hier insbesondere die Beziehung zwischen kollektiven Erinnerungspraktiken und öffentlicher Reflexion dieser Praktiken interessiert, macht eine solche Analyse die moralischen Kernbestände dieser argumentativen Positionen und die resultierenden Konfliktlinien sichtbar.

 

Stalin und der Große Vaterländische Krieg in einer agonalen Öffentlichkeit im Jahr 1995

Zu Beginn der 1990er Jahre, nach dem Triumph Boris El’cins über Michail Gorbačev und der Einsetzung einer liberaldemokratisch-prowestlich orientierten Regierung, schien es zunächst, als habe die antisowjetische Geschichtsdeutung der Sowjetunion sich bereits etabliert. In der Geschichtswissenschaft wurde eine antisowjetische Grundhaltung (für, wie sich herausstellte, kurze Zeit) zur neuen Orthodoxie.[6] Es erschienen zahlreiche Studien, die die Triumphe der sowjetischen Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg in Zweifel zogen und die »Fehler und Irrtümer« des Oberkommandos herausstellten. Gleichzeitig wurde die Kommunistische Partei juristisch unter Stress gesetzt, indem durch El’cin ein Prozess gegen sie als legitime politische Körperschaft angestrengt wurde.[7] Der Eindruck lag nahe, dass das politische Russland nun beginne, seine Vergangenheit »aufzuarbeiten«.

Im geschichtspolitischen Umgang mit dem Großen Vaterländischen Krieg erwies sich das politische Zentrum indes als eher unsicher. In den Jahren 1990 bis 1994 fanden am 9. Mai keine mit den früheren Gedenkfeierlichkeiten vergleichbaren Veranstaltungen statt. Vielmehr wurde eine Art nachdenkliche Minimalcodierung gepflegt, die die Tragik der Kriegsopfer in den Vordergrund stellte und politische Implikationen sorgfältig vermied. Zu diesen Gelegenheiten ließ sich allerdings auch das Erstarken der kommunistischen und nationalistischen Opposition beobachten, die die vom politischen Zentrum gelassene symbolische Leerstelle aneignete und Gegenveranstaltungen inszenierte, die stark an ihre sowjetischen Vorbilder erinnerten: öffentliche Paraden, Auftritte von Zeitzeugen (v. a. von Veteranen), aufwändige Kranzniederlegungszeremonien etc. Sie waren verbunden mit Protesten gegen die Regierungspolitik und die prowestliche Orientierung des Landes, die als Ausverkauf des Großen Sieges dargestellt wurden.[8]

Dieser Widerstreit zwischen der regierungsoffiziellen Geschichtspolitik, die zu den Jahrestagen des Großen Sieges wenig überzeugend ausfiel, und der kommunistischen bzw. nationalistischen Position, die zu solchen Gelegenheiten zu ihrer geschichtspolitischen Höchstform auflief, spiegelte sich auch in öffentlichen Debatten über die angemessene Erinnerung des Großen Vaterländischen Krieges. Dass der Krieg erinnert werden müsse, bildete den Minimalkonsens der Streitenden – die Frage war bloß, wie. Sie verband sich auf systematische Weise mit der Auseinandersetzung um die Rolle Stalins im Krieg, wofür die Diskussionen um einige Kriegsromane, die in der ersten Hälfte der 1990er Jahre in literarischen Zeitschriften erschienen, ein anschauliches, aber nicht das einzige Beispiel liefern.[9] 

Vereinfacht ausgedrückt ging es in der Auseinandersetzung um die Romane Proklaty i ubity (»Verflucht und erschlagen«, 1992) von Viktor Astaf’ev und General i ego armija (»Der General und seine Armee«, 1994) von Georgij Vladimov um die Frage, ob der Sieg »mit Stalin« oder »ihm zum Trotz« errungen worden wäre bzw. welches Erinnerungsbild das richtigere sei. Die Tatsache, dass jene Romane ein vernichtendes Bild der sowjetischen Generalität zeichneten, wurde von einem Teil der Kritikerinnen und Kritiker als Verrat an der Größe des Sieges und mithin an Russland gewertet. Dieser Verratsvorwurf wurde damit begründet, dass der Sieg durch eine einzigartige Symphonie von Staatsmacht und Bevölkerung erzielt worden sei. Die Angriffe der Romanschreiber auf die Generalität sah man daher als gegen die Schnittstelle zwischen Staat und Bevölkerung – zwischen Oberkommando und den einfachen Soldaten – gerichtet. Genau diese Ansicht vertraten in der Tat die Verteidiger der Romane und generell die Anhängerinnen und Anhänger des antisowjetischen Geschichtsbildes. Die Verurteilung der Stalinschen, »stümperhaften« Kriegsführung leitete über zu einer allgemeinen Kritik an dem Verhältnis zwischen sowjetischer Staatsmacht und der Bevölkerung, die jener zum Opfer gefallen sei – durch Fehleinschätzungen Hitlers Absichten, durch Sperrbataillone, die den Rückzug aus aussichtslosen Gefechten verhinderten, schließlich durch Drangsalierungen von Kriegsheimkehrern.

Die Kritik an den Kriegsromanen von »national-patriotischer« Seite ging oftmals mit verschwörungstheoretischen Unterstellungen einher, die hinter ihnen ein Interesse an einer Schwächung des Großmachtstatus Russlands ausmachten und dieses Interesse im Westen verorteten. Die Aberkennung der Größe des Sieges nütze letztlich westlichen Interessen an einer internationalen Schwächung Russlands. Ein solcher Bezug auf einen internationalen Kontext fehlte bei den Verteidigern der Romanwerke; stattdessen fassten sie die Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit, die sie von den Romanen beispielhaft vorangetrieben sahen, als eine Aufgabe auf, vor die Russland als politische Kollektivität gestellt sei. In der Zurückweisung der Kritik der Apologetinnen und Apologeten der sowjetischen Deutung des Großen Sieges stellten sie diese in eine Reihe mit Stalin und den Stalinisten. 

In der postsowjetischen, pluralisierten Öffentlichkeit wurde der Krieg durch das Vehikel selbstreflexiver Erinnerung repräsentiert, was sich als Konflikt über das angemessene Erinnern des Großen Vaterländischen Krieges manifestierte. Indes setzte sie sich in der öffentlichen Debatte Mitte der 1990er nur bedingt in reflexive Erinnerungspraktiken um, also in solche, die ihre eigene Konstruiertheit und Historizität miterwägen, damit der Untrennbarkeit von kollektiver Erinnerung und ihrer moralischen Reflexion Rechnung tragen und die kulturelle Disposition der Pluralität von Erinnerungspraktiken performativ einholen und kooperativ bearbeitbar machen.[10] Der Bezug auf einen internationalen Kontext spielte in dieser Debatte maßgeblich die Rolle einer Projektionsfläche für Verratsvorwürfe seitens der Verteidigerinnen und Verteidiger der sowjetischen Kriegsdeutung. Deren Position wurde umgekehrt mit dem Hinweis auf die Schwächen, Fehler und Verbrechen Stalins zurückgewiesen. Der Verlauf der öffentlichen Debatte kann daher insgesamt als agonal bezeichnet werden, da die verschiedenen Positionen sich weniger in einer inhaltlichen Abarbeitung an der jeweils anderen Position, sondern eher durch eine wechselseitige symbolische Exklusion aus dem Kreis der berechtigt Debattierenden konstituierten. Als diskursiver Effekt trat in der öffentlichen Debatte das Thema »Stalinismus« hinter die Person Stalins zurück, weil nicht die kollektive Dimension der Verbrechen im Vordergrund stand, sondern die historische Bedeutung Stalins.

Der Bezug auf Stalin stellte also den maßgeblichen moralischen Bezugspunkt der Reflexion der Kriegserinnerung dar. Auf einen internationalen Kontext wurde zwar angespielt, doch geschah dies entweder in der Form verschwörungstheoretischer, »national-patriotischer« Argumentationen oder dann, wenn es darum ging, die Geschichtspolitik der Regierung aus liberaldemokratischer Perspektive zu kritisieren. Als Reaktion auf die Aneignungen des Tags des Sieges durch die kommunistische und nationalistische Opposition wurden im Jahre 1995 zum ersten Mal seit 1989 wieder offizielle Gedenkveranstaltungen ausgerichtet, die in ihrer Aufwändigkeit an die sowjetischen Gedenkpraktiken erinnerten. Das Ziel dieser Veranstaltungen war es, die symbolische Deutungsinitiative im Jahr der 50. Jährung des Großen Sieges von dieser Opposition zurückzuerobern. Die offiziellen Höhepunkte der Feiern waren eine Militärparade, an der auch 20 000 Kriegsveteranen teilnahmen, die Einweihung der Gedenkstätte »Poklonnaja gora«, deren Symbolhaushalt als synkretistisch-monumental bezeichnet werden könnte, sowie die Enthüllung eines General Georgij Žukov gewidmeten Denkmals nahe dem Roten Platz.[11] Gleichzeitig hatten die Feiern eine internationale Rahmung: Die Einladung zahlreicher ausländischer Staats- und Regierungschefs sollte signalisieren, dass der Sieg über den Nationalsozialismus die Grundlage einer postmilitärischen Verbindung zwischen den ehemals verfeindeten Supermächten und Europas sein könne.

Genau an dieser Stelle setzte die liberale Kritik an den Feierlichkeiten ein. Ihr zufolge misslang der Spagat, den die El’cin-Administration zwischen einer Reappropriierung der öffentlichen Deutungsinitiative mit Hilfe pompöser Festivitäten einerseits und einem Einreihen in internationale politische Ziele andererseits versuchte. Das Korrelat zur zivilreligiösen Feier des Sieges, nämlich pompöse Militärparaden, überzeugte die prowestlichen Kräfte im postsowjetischen Russland deswegen nicht mehr, weil es zu stark an die Sowjetunion gemahnte und in erster Linie als theatralische Inszenierung für das Ausland gesehen wurde. In diesem Zusammenhang wurde insbesondere die Kriegsführung Russlands in Tschetschenien kritisiert und dem politischen Zentrum um El’cin die moralische Berechtigung zur Begehung der Erinnerung des Großen Vaterländischen Krieges abgesprochen.

Im Fazit ist festzuhalten, dass die Kriegserinnerung im Russland der 1990er Jahre mehrfach zum Spielball politischer Interessen wurde. Die Opposition und Intellektuelle, die an der  Deutungstradition der Sowjetunion festhalten wollten (der »Große Sieg« als Erweis der Überlegenheit der eigenen Gesellschaftsordnung), bedienten sich sowjetischer Rhetoriken und Inszenierungspraktiken zum Zwecke politischer Mobilisierung gegen das liberaldemokratische Zentrum. Aufgrund der Geschichte der Verknüpfung der Kriegserinnerung mit politischer Funktionalisierung seit Stalin waren sie praktisch gezwungen, dessen Verbrechen zu verharmlosen. Auf der unbedingten Größe des Sieges und der des Opfers der Bevölkerung ließ sich nur dann bestehen, wenn man erinnerungsreflexiv eine Identität von Staatsmacht und Volk unterstellte – und in diese Identität musste auch der selbsternannte »Generalissimus« mitaufgenommen werden. 

Gegen dieses Festhalten an der sowjetischen Zivilreligion des Großen Vaterländischen Krieges hatte sich seit den späten 1980er Jahren eine Deutungstradition ausgebildet, die zwar die Größe des Opfers der sowjetischen Bevölkerung im Großen Vaterländischen Krieg anerkannte, »Opfer« aber im Sinne von victim deutete und damit die Parteiführung (und natürlich insbesondere Stalin) nachträglich mit Kritik konfrontierte. Auf diese Weise wurden Repräsentationen einer ruhmreichen und einer verbrecherischen Vergangenheit in den 1990er Jahren gegeneinander ins Feld geführt und damit in eine Art deadlock gebracht, welcher eine fragmentierte politische Deutungskultur erzeugte: einerseits eine kryptosowjetische, immer noch zivilreligiöse Deutung des Krieges als unbedingtem Sieg, die nur durch symbolische Exklusionen in Form von Verschwörungstheorien durchgehalten werden konnte; andererseits eine antisowjetische Deutungstradition, die in ihrem Beharren auf dem verbrecherischen Charakter der sowjetischen Staats- und Gesellschaftsordnung stetig gegen die heroische Codierung des Sieges ankämpfen musste. Deswegen tendiert sie zu der Einschätzung, dass der Sieg »die Russen bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte nur ›gestört‹«[12] habe.

Das politische Zentrum griff anfangs die erste Hälfte der antisowjetischen Tradition auf, indem die offiziellen Gedenkfeiern 1990 bis 1994 in erster Linie die Tragik der Opfer in den Mittelpunkt rückten, sah sich aber dann gezwungen, zu traditionellen Repräsentationsformen zurückzukehren, um der Opposition die Deutunginitiative im öffentlichen Raum abzujagen. Dass diese dann von den politisch mit El’cin verbündeten liberaldemokratischen Kräften in der Öffentlichkeit als »sowjetisch« kritisiert wurden und angesichts des Krieges in Tschetschenien El’cin gar mit Stalin verglichen wurde, zeigte allerdings, dass unabhängig von allen politischen Inhalten die sowjetische symbolisch-politische Repräsentationsform nicht mehr konsensfähig war. Die internationale Kontextualisierung der Kriegserinnerung erschien zu diesem Zeitpunkt doppelt problematisch, weil sie sowohl bei den Apologetinnen und Apologeten der sowjetischen Tradition als auch bei ihren Kritikerinnen und Kritiker ausschließlich im Lichte strategischer Erwägungen Erwähnung fand: entweder verschwörungstheoretisch aufbereitet oder als Kritik einer an das westliche Ausland gerichteten, aber im Kern sowjetischen Dramaturgie. Genau deswegen konnte sie auch nicht als moralreflexiver Bezugspunkt der Kriegserinnerung dienen.

 

Internationalisierung der Kriegserinnerung und ihre Grenzen im Jahr 2005

Die Gedenkpraktiken im Jahre 2005 sind deutlicher international geprägt als die zehn Jahre zuvor. Bereits im Laufe des Jahres 2004 ergingen Einladungen an ausländische Staatsoberhäupter und Regierungschefs. Darunter befanden sich als Vertreter der Alliierten Jacques Chirac, George W. Bush, Tony Blair, aber darüber hinaus auch Gerhard Schröder. Diese Einladungen standen im Kontext der Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie, zu der Vladimir Putin von Jacques Chirac während eines Besuchs in Moskau am 2. April 2004 eingeladen worden war. Die internationale Rahmung der Erinnerung wurde auch durch eine internationale parlamentarische Konferenz in St. Petersburg deutlich, die Mitte April 2005 von der Interparlamentarischen Versammlung der GUS-Mitgliedsländer, der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, des Nordischen Rates und anderer internationaler Parlamentsorganisationen veranstaltet wurde und die eine Deklaration gegen Rassismus, Faschismus, Extremismus und nazistische Symbolik annahm. Der russische Außenminister Sergej Lavrov würdigte den UNO-Beschluss, den 8. und 9. Mai zu Tagen des Andenkens und der Aussöhnung zu erklären – was die UNO auf Betreiben Russlands vollzogen hatte – und fügte hinzu: »Es ist wichtig, dass der bevorstehende Feiertag zu einer Vereinigung aller Länder und Völker beiträgt. In diesem Geiste wollen wir die Feierlichkeiten am 9. Mai in Moskau durchführen, in deren Rahmen sich rund 60 Staats- und Regierungschefs treffen werden.«[13] Die Feierstätten in der Normandie im Juni 2004 und die in Moskau im Mai 2005 waren internationale Erinnerungsorte einer internationalen Anstrengung zur Zerschlagung des Nationalsozialismus, aus welcher internationale politische Konsequenzen abgeleitet wurden.

Dies zeigte sich in Einzelheiten der Inszenierung der Gedenkveranstaltungen in Moskau vom 7. bis 9. Mai 2005. Ihr Motto etwa – »Für alle – ein einziger Sieg!« – war auf orangenen Spruchbändern in russischer und englischer Sprache zu lesen. Bereits zur 60. Jährung des Treffens sowjetischer und amerikanischer Verbände an der Elbe am 25. April 2005 gaben Putin und Präsident Bush eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie die Einigkeit der alliierten Streitkräfte betonten und der Hoffnung auf eine weitere internationale Zusammenarbeit Ausdruck verliehen. In dem die Gedenkstätte »Poklonnaja gora« (die im 50. Gedenkjahr 1995 von El’cin eingeweiht wurde) umgebenden Park wurde ein Denkmal enthüllt, das an die Zusammenarbeit der Anti-Hitler-Koalition im Kampf gegen den deutschen Faschismus erinnert und aus vier Skulpturen besteht – je einem sowjetischen, französischen, amerikanischen und britischen Soldaten. 

Andererseits wurde von Putin am 2. Juli 2004 vor dem Staatsrat der Russischen Föderation eine »Informationskampagne« angekündigt, die sowohl an das russische als auch an ein internationales Publikum gerichtet war und u. a. zum Ziel hatte, »sich Versuchen entgegenzustellen, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu entstellen, zu revidieren, den Beitrag unseres Landes in der Zerschlagung des Nazismus zu verkleinern.«[14] Dies zeigt, dass bestimmte Deutungen der Kriegserinnerung auch von höchsten Stellen als gefährdet wahrgenommen wurden. Das internationale Gedenken ist also ambivalent: Einerseits ist die internationale Öffentlichkeit unverzichtbarer Teil der Gedenkveranstaltungen, andererseits fordert sie latent die moralisch richtige Deutung heraus.

Daher wurden die Zurückweisungen der Einladung seitens einiger weniger politischer Staatsoberhäupter und Regierungschefs in der russischen Öffentlichkeit aufmerksam registriert, vor allem die der Präsidenten Estlands und Litauens, Arnold Rüütel und Valdas Adamkus, die am 7. März 2005 aus Protest gegen die fortgesetzte Ignoranz Moskaus gegenüber der sowjetischen Okkupation der baltischen Staaten bekannt gegeben worden war (die Duma hatte am 23. November 2004 eine Resolution verabschiedet, die den 60. Jahrestag der Befreiung des Baltikums vom Faschismus würdigte). Ferner gab es einige Zeit lang Unsicherheit darüber, ob Japans Premier Junichiro Koizumi zu den Feierlichkeiten reisen würde.[15] Der Grund für das Verhalten des Letzteren, der dann schließlich doch  noch zusagte, wurde in der russischen Öffentlichkeit mit der immer noch offenen Kurilen-Frage in Zusammenhang gebracht und nur sehr indirekt mit moralischen Fragen der Erinnerung des Krieges. Immerhin ließen einige Dumaabgeordnete vernehmen, dass man sich von solchen Absagen nicht das Fest verderben lassen werde und die Geschichte nicht umgeschrieben werden könne.[16] Die Frage nach einer angemessenen Erinnerung war im Falle der Absagen der Staatsoberhäupter zweier baltischer Ländern eigentlich viel dringlicher, weil die historischen Hinterlassenschaften der Okkupationen erst durch die Sowjetunion, dann durch Nazideutschland und dann erneut durch die Sowjetunion ein ziemlich ambivalentes Bild zurück gelassen hatten. Im Hinblick auf die Erinnerung an den Krieg gaben allerdings eher öffentliche Ehrungen von ehemaligen SS-Angehörigen in den baltischen Staaten Anlass zu symbolisch-politischer Bestürzung in Russland als die Absagen der Staatsoberhäupter.[17] Diese wurden eher als außenpolitisch relevante Ereignisse prozessiert, wie die Reaktion verschiedener Duma-Abgeordneter und des Politikwissenschaftlers Piontkovskijs in der Zeitung Moskovskij Komsomolec zeigten.[18]

In welcher öffentlichen Diskurslandschaft sich diese uneindeutigen Signale im Umfeld der offiziellen Gedenkfeiern bewegten, zeigt ein Rückblick auf das Jahr 2004, der deutlich macht, was aus dem agonalen Verhältnis von sowjetischkontinuierter und antisowjetischer Deutung des Krieges geworden ist. Es lässt sich sagen, dass in der öffentlichen Debatte eine Integration der beiden einander entgegen gesetzten Deutungen erzielt worden ist, dabei aber die politischen Implikationen für die postsowjetische Gegenwart abgeschwächt worden sind. Ebenso wie stalinkritische Ansichten nicht mehr automatisch mit einer Zurückweisung der Bedeutung des »Großen Sieges« verknüpft sind, transportiert ein Insistieren auf dieser Bedeutung nicht mehr notwendigerweise Stalin-apologetische Ansichten. Dies zeigt ein Blick in die Wochenzeitung Literaturnaja gazeta (12. bis 18. Mai 2004). Die Titelseite trägt eine Schlagzeile, die ein Jahr später zum Motto der Jubiläumsfeiern 2005 erhoben wurde: »Für alle – ein einziger Sieg!« Das implizierte Publikum ist hier noch kein internationales, sondern ein russisches. Die Schlagzeile liest sich wie eine Beschwörung der unbedingten und für alle geltenden Bedeutung des Sieges. Dieses Motiv wird in derselben Ausgabe in einem Artikel über und einem Interview mit Larisa Vasil’eva fortgesetzt. Die bekannte Dichterin und Tochter eines der Konstrukteure des berühmten Panzers T-34 hat in ihrem Elternhaus bei Moskau ein Panzermuseum eingerichtet und berichtet in dem Interview darüber. Weder sie noch der Begleitartikel scheuen vor kritischen Bezugnahmen auf »Stalinsche Falken« zurück, die lange Zeit Informationen über ihren Vater und sein Werk vorenthalten hätten. Die Bedeutung des Großen Sieges sowohl für die Dichterin als auch für das kollektive Gedächtnis wird in dem Interview und dem Begleitartikel mit der Beziehung der Tochter zu ihrem Vater in Verbindung gebracht: »Wie tatkräftig eine Tochter ihren Vater lieben kann, ergreift nicht weniger als die technischen Möglichkeiten des T-34 und seine Siege, über die die Ausstellung berichtet. Wer weiß, vielleicht stünde die Geschichte des vielleicht weltbesten Panzers an letzter Stelle, hätte es nicht eine Familiengeschichte gegeben, über die Sie Genaueres aus dem Interview mit Larisa Vasil’eva erfahren.«[19]

Die volle Wahrheit über den Krieg hängt ab von und enthüllt sich in einer Beziehung zwischen Angehörigen, aber auch zwischen den Generationen. Die flüchtigen, wenn auch kritischen Bezugnahmen auf Stalin zeigen, dass eine »Historisierung« der Repressionen im Sinne einer historischen Narratio zwar stattfindet, aber die Bedeutung des Sieges nicht mehr in Zweifel ziehen kann, weil sie als soziokulturell im Gedächtnis der Nachkommen verankert repräsentiert wird.

Allerdings sind nicht nur die Stalin-kritischen, sondern auch die verschwörungstheoretischen Argumentationslinien in einen öffentlichen Diskurs über den Großen Vaterländischen integriert worden und nun dabei behilflich, den Deutungsherausforderungen eines internationalisierten Gedenkens zu begegnen. Die semantische Strategie dieser Einhegung von Erinnerungspluralität durch Festschreibung  einer kanonischen Deutung wird beispielhaft deutlich in einem Artikel des Direktors des Instituts für Nordamerikastudien an der Russischen Akademie der Wissenschaften, Anatolij Utkin, der auf eine Initiative einiger Abgeordneter aus den baltischen Staaten reagiert, Staatschefs von EUMitgliedsländern zum Boykott der Gedenkfeiern am 9. Mai zu bewegen. Diese Initiative war bereits am 23. November in der Erklärung der Staatsduma zur Befreiung des Baltikums durch die Rote Armee heftig kritisiert worden.[21] Sie stellte so etwas wie einen Vorläufer der Absagen Rüütels und Adamkus’ dar, an den 60Jahr-Kommemorationen teilzunehmen. Utkins Artikel antwortet somit auf dieselbe Problematik der nicht erfolgenden symbolischen Anerkennung der russischen Gedenkveranstaltungen als dem zentralen Ereignis der Kriegserinnerung, und sie tut es in einer Weise, die deutlich macht, dass Russland auf einer bestimmten Deutung des Sieges bestehen darf und muss: »Der heutige Wunsch des Westens, in eine historische Amnesie zu fallen, der Versuch, die Tage unseres Triumphes zu vergessen, sind nicht neu. Sie haben letztlich auch den kalten Krieg hervorgebracht. Der Wunsch, den Beitrag Russlands zu begrenzen, die Bedeutung der russischen Macht, der Opfer unseres Landes zu schwächen, sind für jeden ernsthaften heutigen Historiker greifbar. Und doch hat gerade die Sowjetunion auf sich selbst gestellt drei Jahre lang den Ansturm Hitlerdeutschlands ausgehalten und den entscheidenden Beitrag bei der Zerschlagung des Aggressors geleistet.«[22]

Die Internationalisierung des Gedenkens wird somit nicht als Möglichkeit der Öffnung der Semantik wahrgenommen, sondern in erster Linie als Erweiterung des Publikums, dem eine bestimmte Deutung des Zweiten Weltkriegs zu vermitteln ist. Deswegen wird die Einladung Putins an ausländische Staatsoberhäupter und Regierungschefs weniger als ein Angebot an das Ausland, sondern eher als eine Verpflichtung interpretiert. In Utkins Artikel werden die moralischen Implikationen der internationalen Rahmung aus russischer Sicht deutlich. Die Internationalisierung der Kriegserinnerung wird zum moralisch-reflexiven Bezugspunkt der »richtigen« Kriegserinnerung erhoben. Diese Internationalisierung – das heißt, die Nationen übergreifende Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg – wird als eine Herausforderung begriffen, die den Kernbestand der russischen Erinnerung des Großen Vaterländischen Krieges latent bestreitet und deswegen in ihre Schranken verwiesen werden muss. Indem Putin und die Duma in ihrer Unterstützung der internationalen »Informationskampagne« zur Erinnerung des Zweiten Weltkriegs vor Geschichtsklitterungen warnen, die den sowjetischen/russischen Anteil an der Erringung des Sieges über Nazideutschland herabsetzen möchten, verlassen sie sich auf eine unantastbare – in Utkins Artikel beispielhaft ausbuchstabierte – Deutung des Großen Vaterländischen Krieges als heldenhaften und allein errungenen Sieg. 

 

Die Steuerung der Kriegserinnerung unter den Bedingungen  ihrer Internationalisierung 

In der Beschreibung der Internationalisierung der Rahmung wie der Durchführung der Gedenkveranstaltungen im Mai 2005 kommt man zu einem ambivalenten Ergebnis. Auf der einen Seite sind die Bestrebungen, das Gedenken im Verein nicht nur mit den ehemaligen Alliierten, sondern auch mit weiteren wichtigen politischen Repräsentanten und selbst dem Regierungschef des Landes, das in der Rechtsnachfolgerschaft Nazi-Deutschlands steht, zu gestalten und durchzuführen, unübersehbar. Davon zeugen, beispielsweise, im Internet präsente »Erinnerungsorte«, beispielsweise die Online-Sammlung sowjetischer und deutscher Propagandaplakate des Zweiten Weltkriegs[23] oder eine von einigen russischen Nachrichtendiensten unterhaltene Website, auf der persönliche Erinnerung an diesen Krieg aus deutscher und russischer Sicht veröffentlicht werden können.23 Auf der anderen Seite ist deutlich erkennbar, dass diese Internationalisierung auch als eine Bedrohung gesehen wird: Sie erzeugt offenbar einen Rechtfertigungsdruck der aus der Sowjetunion überkommenen Deutung des Krieges als unbedingter und eigenerrungener Sieg der Sowjetunion bzw. Russlands über Nazideutschland, ähnlich wie in den 1990er Jahren die Thematisierung der Stalinschen Repressionen und militärischen Fehler einen Rechtfertigungsdruck erzeugte. Dabei ähneln sich die rhetorischen Mittel der Abwehr dieses Drucks in verblüffender Weise: Der drohenden Relativierung des Sieges erwehrt man sich durch die Rückführung abweichender Geschichtsdeutungen auf bestimmte Interessen des Westens. 

Ich neige nicht dazu, denjenigen zuzustimmen, die, wie der Historiker Aleksandr Archangel’skij, hinter den Sicherheitsmaßnahmen aus Anlass der dreitägigen feierlichen Gedenkveranstaltungen in Moskau den »grauen Schatten Stalins« heraufziehen sehen;[24] auch wenn Michail Gorbačev Putin kurz vor dessen Treffen mit Präsident Bush in Bratislava im Februar 2005 vor einer Rückkehr zu einem neostalinistischen Kontrollstaat gewarnt hat[25] oder im Moskauer Stadtparlament die Idee diskutiert (dann aber wieder verworfen) wurde, im »Park des Sieges« Statuen von Stalin, Roosevelt und Churchill aufzustellen.[26] Auf die Frage, was aus der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus im postsowjetischen Russland geworden ist, die gerade von westlichen Forschern so häufig gestellt wird, lautet die Antwort nicht, dass Russland zum Stalinismus zurückkehre, weil es ihn nicht »aufgearbeitet« habe. Meine Diagnose geht eher dahin, dass in den 1990er Jahren sich in der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Stalinismus, die eine moralische Reflexionsinstanz für die Erinnerung des Großen Vaterländischen Krieges bildete, rhetorische Strategien herausgebildet (oder gefestigt) haben, die es erlauben, einer Pluralisierung der Kriegserinnerung auch unter Bedingungen ihrer Internationalisierung zu steuern. Bedenkliche Tendenzen der gegenwärtigen politischen Kultur des Landes wären deswegen nicht nur in sensationsheischenden Bekenntnissen politischer Akteure in Russland zu Stalin zu suchen, sondern auch in einer bestimmten öffentlichen Argumentationsweise, die sich gerade in der »Auseinandersetzung« mit dem Stalinismus Mitte der 1990er so bewährt zu haben scheint, dass sie auch heute noch produktiv ist: der Ausschluss alternativer Geschichtsdeutungen unter Berufung auf eine moralische Pflicht der Erinnerung, deren Nichtbefolgung nur Ausdruck einer internationalen Verschwörung sein kann. 

Solche Argumentationsweisen sind indes nicht unmittelbarer Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses oder gar einer kollektiven Identität, sondern enthüllen ihre politisch-kulturelle Bedeutung erst dann, wenn man sie konzeptionell auf der Ebene der öffentlich-moralischen Reflexion von Erinnerungspraktiken ansiedelt und damit ihre politikgestalterischen Aspekte hervorhebt. Erinnerung, für sich genommen, hat als Teil der conditio humana keine politischen Implikationen, wohl aber der moralreflexive Umgang mit ihr.

 


[1]  Geyer, Dietrich (Hrsg.): Die Umwertung der sowjetischen Geschichte, Göttingen 1991.

[2]  Siehe Bonnell, Victoria E./Hunt, Lynn: Introduction, in: Dies. (Hrsg.): Beyond the Cultural Turn:

New Directions in the Study of Society and Culture, Berkeley u. a. 1999, S. 1–32.

[3]  Der Gedanke des Wiederfindens einer verloren geglaubten Erinnerung ist in einflussreicher Weise durch Alain Brossat in die Debatte um kollektive Erinnerung in postautoritären Gesellschaften eingespeist worden. Brossat Alain u. a. (Hrsg.): A l’Est, la mémoire retrouvée, Paris 1990.

[4]  Siehe Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und Identität in frühen Hochkulturen, München 1999, S. 48–59 u. 130–138; Welzer, Harald: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2002, S. 46–110.

[5]  Siehe hierzu Langenohl, Andreas: Erinnerung und Modernisierung. Die öffentliche Rekonstruktion politischer Kollektivität am Beispiel des neuen Rußland, Göttingen 2000, S. 146–148.

[6]  Davies, Robert W.: Soviet History in the Yeltsin Era, London 1997, S. 41.

[7]  Siehe Fein, Elke: Rußlands langsamer Abschied von der Vergangenheit. Der KPdSU-Prozeß vor dem Verfassungsgericht als geschichtspolitische Weichenstellung, in: Osteuropa  52 (2002), H. 12, S. 1608–1627.

[8]  Smith, Kathleen E.: Mythmaking in the New Russia: Politics and Memory during the Yeltsin Era, Ithaca/London 2002, S. 57–77.

[9]  Siehe für den folgenden Abschnitt Langenohl, Andreas: Patrioten, Verräter, genetisches Gedächtnis. Der Große Vaterländische Krieg in der politischen Deutungskultur Russlands, in: Martina Ritter/Barbara Wattendorf (Hrsg.): Sprünge, Brüche, Brücken. Debatten zur politischen Kultur in Russland aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft, Kultursoziologie und Politikwissenschaft, Berlin 2002, S. 121–138; Ders.: Political Culture in Contemporary Russia: Trapped between Glory and Guilt, in: Lovell, David W.  (Hrsg.): The Transition: Evaluating the Postcommunist Experience, Aldershot 2002, S. 96–112, Ders.: Erinnerungskonflikte und Chancen ihrer »Hegung«, in: Soziale Welt 52 (2001), H. 1, S. 71–91.

[10]  Siehe Langenohl: Erinnerung und Modernisierung (Anm. 5), S. 108–112.

[11]  Scherrer, Jutta: Siegesmythos versus Vergangenheitsaufarbeitung, in: Flache, Monika (Hrsg.),

Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, Mainz 2004, Bd. 2, S. 619–657, hier

S. 649 f.

[12]  So der Schriftsteller Daniil Granin, zitiert nach Scherrer: Siegesmythos versus Vergangenheitsaufarbeitung (Anm. 11), S. 654; siehe auch Langenohl, Political Culture in Contemporary Russia (Anm. 9), S. 105–107.

[13]  <http://russlandonline.ru/rupol0100/morenews.php?iditem=5097> am 29. April 2005.

[14]  <http://news.pobeda.ru:8080/indes.jsp?idtop=1218> am 25. April 2005.

[15]  <http://russlandonline.ru/rupol0010/archiv.php?ar_date=2005> am 29. April 2005.

[16]  <http://russlandonline.ru/rupol0010/morenews.php?iditem=5010> am 29. April 2005.

[17]  Erklärung der Staatsduma im Zusammenhang mit dem 60. Jahrestag der Befreiung des Baltikums von faschistischen deutschen Truppen, in: <http://www.russlandonline.ru/rupol 0010/morenews.php?lang=de&iditem=2960> am 29. April  2005.

[18]  <http://russlandonline.ru/rupol0010/morenews.php?iditem=4936> am 29. April 2005.

[19]  Na vsech – odna Pobeda [Für alle – ein Sieg], in: Literaturnaja gazeta Nr. 18 vom 12. bis

[20] . Mai 2004, S. 1.

[21]  Erklärung der Staatsduma (Anm. 17).

[22]  Utkin, Anatolij: Našu Pobedu – nam zaščiščat’! [Unseren Sieg müssen wir verteidigen], in: Literaturnaja gazeta Nr. 48 vom 2004, S. 2.

[23]  <http://russland.ru/kapitulation/morenews.php?iditem=2> am 29. April 2005. 23  <http://kriegsende.aktuell.ru> am 29. April 2005.

[24]  Am 9. Mai wird Moskau zur geschlossenen Stadt«, in: <http://www.aktuell.ru/moskau/ stadtnews/am_9_mai_wird_moskau_zur_geschlossenen_stadt_896.html> am 29. April 2005.

[25]  Gorbatschow warnt Putin vor Neostalinismus, in: <http://www.russland-online.ru/russland/ politik/gorbatschow_warnt_putin_vor_neostalinismus_2660.html> am 29. April  2005.

[26]  Die Idee ist nun vom Stadtparlament der Stadt Livadija auf der Krim aufgegriffen und beschlossen worden. Siehe Jalta – Stalin-Denkmal zum Siegesjubiläum, in: <http://www. russlandonline.ru/rupol0010/morenews.php?lang=de&iditem=5425> am 29. April 2005.

Inhalt – JHK 2005

Copyright:

Eventuell enthaltenes Bildmaterial kann aus urheberrechtlichen Gründen in der Online-Ausgabe des JHK nicht angezeigt werden. Ob dieser Beitrag Bilder enthält, entnehmen Sie bitte dem PDF-Dokument.