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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

 

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

 

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

 

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

 

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

 

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Die Philosophie des Imperialismus macht Revolution. Zur Deutung des Stalin-Phänomens

JHK 2010 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 295-308 | Aufbau Verlag

Autor/in: Endre Kiss

Aus einer zunehmend postmodernen und sich mit Problemen der posthistoire auseinandersetzenden Welt auf die Phänomene Stalin und Stalinismus zurückzublicken ist eine große Herausforderung, aber auch eine Verpflichtung, die mit großer Verantwortung verbunden ist. Einer moralischen Verantwortung sondergleichen ohnehin – aber auch einer intellektuellen Aufmerksamkeit, denn eine Analyse aus der Perspektive unseres Jahrzehnts ist gehalten, auch mögliche Chancen der eigenen historischen Perspektive wahrzunehmen.

Verschiedene Perspektiven der Stalinismus-Interpretation

Der Stalinismus kann aus verschiedenen Perspektiven bestimmt werden, ohne dass damit notwendigerweise eine Neubewertung im eigentlichen Sinne geschieht. So lassen sich unter anderen die Perspektiven »von oben« und »von unten« unterscheiden.

Der Stalinismus »von oben« ist eine bereits ausgiebig analysierte reife Machtstruktur eines Lenin’schen »demokratischen Zentralismus«: Die einst kollektiv gedachte und von Lenin selbst eher im Medium einer umgreifenden politischen Kommunikation praktizierte Machtausübung ging in die Hände einer einzigen Person über; diese schwang sich auf dem langen und komplizierten Umweg über eine sozialdemokratische und leninistische Machtinterpretation hinaus zu einer Diktatorenrolle auf, die sich in vielem kaum von der direkt und bewusst aufgebauten politischen Position anderer Diktatoren des 20. Jahrhunderts unterschied. Über die Gründe dieser Transformation lässt sich lange nachdenken, es kann jedoch kein Zweifel bestehen, dass das Phänomen Stalinismus größtenteils in dieser Verschiebung der Machtausübung besteht. Was sich aber von anderen Diktatoren und Diktaturen unterschied, war der Anteil der sich stets progressiv reproduzierenden Parteibürokratie oder Nomenklatura im Umfeld von Stalins persönlicher Machtposition. So entstand jene spezifische Machtstruktur, die sich (wie wir am Beispiel von Tibor Hanák noch veranschaulichen werden) nach und nach zunächst zu einem hermeneutischen und dann zu einem philosophischen und ethischen Problem für die Intellektuellen späterer Jahrzehnte entwickeln sollte und die als Gegenstand zahlreicher Anti-Utopien das Bild des Kommunismus bis heute in erster Linie bestimmt.

Der Stalinismus »von unten« erscheint als eine gewaltige »totale« Organisation von politischer Macht, industrieller Produktion und sinnformulierenden Befehlen. So kommt der reife Stalinismus »von unten« den gängigen intellektuellen und politischen Konzeptualisierungen »totalitärer« Systeme neben Hitlers Deutschland am nächsten. Spezifische Züge des Stalinismus sind dabei der extrem minimalisierte Wert des menschlichen Lebens und das ebenso extrem hyperbolisierte Misstrauen hinsichtlich systemfeindlicher Aktivitäten und Ideen. So ergibt diese Perspektive ein kohärentes Bild eines spezifischen Konzepts der Machtausübung und einer spezifischen Gesellschaft, deren grundlegende Strukturen deutlich von diesem Machtkonzept geprägt sind.

Die Perspektiven »von oben« und »von unten« sind damit aber noch nicht ganz erschöpft. Sie eröffnen jeweils die Möglichkeit einer weiteren Struktur. Der Stalinismus »von oben« erscheint so als Erfolgsgeschichte einer wenn auch forcierten Industrialisierung und des Aufbaus eines neuen Imperiums, das sich in einer historisch schicksalhaften Stunde sogar als Retter der größten zivilisatorischen Werte profilieren konnte. »Von unten« betrachtet, ergibt die zweite Struktur eine vollkommen neu zusammengesetzte Gesellschaft, in der durch die Eliminierung der arrivierten Klassen neue, aufsteigende Klassen entstanden, aus denen sich erstaunlich konsolidierungsfähig eine neue Mittelschicht und ein neues, sozialistisches Kleinbürgertum in Form des homo sovieticus entwickelten.

Halten wir die Gegensätze noch einmal fest: Der neuartigen Machtausübung einer linksbolschewistischen Diktatur steht eine brutale, aber erfolgreiche Modernisierung des Landes entgegen; wertlosen Menschenleben und permanentem politischen Verdacht eine Gesellschaft von neuen Schichten und sozialen Aufsteigern.

Bevor wir den Versuch unternehmen, diese Gegensätze überhaupt miteinander zu verknüpfen (zum Teil möglicherweise auch aufzulösen), soll noch ein zweites Perspektivenpaar erläutert werden. In Bezug auf die zeitliche Dimension lässt sich differenzieren zwischen der gleichzeitigen Sicht auf Stalin und den Stalinismus während des historischen Prozesses selbst und derjenigen Perspektive, die erst nach dem Ende des Stalinismus eingenommen werden kann. Hier beobachten wir wieder eine merkwürdige Spannung zwischen den Ergebnissen der beiden Perspektiven. Während der Stalinismus aus dem historischen Prozess heraus gesehen als eine mehr oder weniger konsequente (wenn auch nicht alternativlose) Weiterentwicklung der sowjetrussischen politischen Entwicklung der Zwanzigerjahre erscheint, bietet er im Rückblick ein Bild der Inkonsequenz, der apokalyptischen Irrationalität und eines historisch-philosophischen Ausnahmezustands. Diese gewaltige Spannung verschwindet aber in dem Augenblick, wo wir zur anderen Alternative des »von oben – von unten« hinüberwechseln. Denn hier erscheint eine spezifische »Finalität« dieser inkonsequenten und irrationalen Entwicklung, die eine neue Gesellschaft produziert. Diese kann man ebenfalls unterschiedlich interpretieren, ihre welthistorische Rolle lässt sich jedoch nicht leugnen.

Es stehen sich jeweils zwei einander widersprechende Interpretationen der Perspektive des »von oben« und des »von unten« gegenüber, die jede für sich in beiden Zeitperspektiven manifest werden (je nachdem, welche Version man annimmt, erscheint sowohl die gleichzeitige als auch die zurückschauende Perspektive anders).

Auflösung der kognitiven Differenzen mithilfe des Imperialismus-Konzepts

Das geschilderte System kognitiver Differenzen kann hier nicht vollständig aufgelöst werden. Man sollte übrigens auch davon ausgehen, dass es generell nicht restlos aufgeklärt werden kann, denn dazu sind die theoretischen, ideologischen, pragmatischen und psychologischen Momente und Perspektiven der realen Geschichte in sich allzu disparat.

Unsere Untersuchung nimmt den Lenin’schen Begriff des Imperialismus zum Ausgangspunkt. Unsere These ist, dass in Lenins Philosophie der Begriff und die Problematik des Imperialismus zum zentralen Moment wurden, dem im Prinzip das gesamte marxistische Korpus untergeordnet wurde (was nicht heißt, dass Lenin und Stalin nicht mit Vorliebe Elemente daraus benutzt hätten). Diese Einsicht ist nicht vollkommen neu. Man hat bei der Interpretation des Imperialismus als höchster Stufe des Kapitalismus jedoch bisher nicht wahrgenommen, dass Lenin dadurch den Schwerpunkt des Marxismus irreversibel auf diesen Punkt gelegt hat.

Stalin entwarf das neue Konzept des Imperialismus (»Die Grundlagen des Leninismus«) bereits 1924, zur Zeit von Lenins Tod. Das Konzept ist nicht nur logisch, sondern auch sprachlich kohärent. Immer wieder erwies sich Stalin als kaum zu überbietener Meis­ter eines Sprachgebrauchs, der den Eindruck von Dynamik und zugleich von Geschlossenheit und Homogenität erzeugt, während Lücken, Fehler und Widersprüche erst nach intensiver analytischer Arbeit offenbar werden.

Stalin arbeitete auch in diesem Kontext sehr konsequent und zudem tatsächlich strategisch langfristig. Er unterschied beispielsweise zwischen Lenins »Weltanschauung« und den »Grundlagen des Leninismus«. Das heißt nicht, dass er Lenin und dessen Gedanken gegenüber nicht loyal gewesen wäre – im Gegenteil: Lenin war wahrscheinlich die einzige Person, die er in jedem Kontext respektierte und sich auch in seiner eigenen, lange andauernden Machtfülle noch als »Meister« und »Führer« in Erinnerung rief. Mit der Unterscheidung zwischen Lenins »Weltanschauung« und den »Grundlagen des Leninismus« unternahm Stalin jedoch eine entscheidende Differenzierung. Was seine »Weltanschauung« betrifft, war Lenin demnach selbstverständlich Marxist, die Grundlagen des Leninismus werden hingegen von besonderen Inhalten ausgemacht, die Lenin dem Korpus des Marxismus hinzufügte.

Stalin entschied sich also in einem ersten Schritt, den Leninismus vom Marxismus zu trennen und ihn als eine, wenn auch nicht ganz unabhängige, so doch selbstständige Phase des Marxismus zu interpretieren, die nicht mit der gängigen Auffassung des Leninismus (»Adaptation des Marxismus auf russische Verhältnisse«) vergleichbar gewesen sein dürfte. Offensichtlich wurde der Imperialismus zu jenem Aspekt, der dem Leninismus, wie ihn Stalin konzipiert hatte, eine neue Universalität und Internationalität ermöglichte. Da es uns hier nicht so sehr um die Gründe, sondern vielmehr um die Konsequenzen dieses Schritts für das Gesamtphänomen »Stalin und der Stalinismus« geht, lassen wir die Motive dafür weitgehend unbeleuchtet.

Als Folge einer weiteren Differenzierung grenzte Stalin den Leninismus auch von jener Interpretationsmöglichkeit ab, dass Lenin im Gegensatz zu gemäßigten Interpretationen »nur« die revolutionäre Seite des Marxismus herausgearbeitet und zu neuem Leben erweckt habe. Historisch und textgeschichtlich relevant ist daran, dass Stalin dadurch Lenins Staat und Revolution beiseiteschiebt und den Leninismus nicht als einen die russische Revolution unmittelbar vorbereitenden Marxismus betrachten will.

Es wirkt zunächst etwas irritierend, wenn wir hier im Weiteren lesen, der Leninismus sei die Theorie und die Taktik der proletarischen Revolution. Die These erschöpft sich jedoch keineswegs in einem weiteren Adaptationsversuch des Marxismus an die russischen Verhältnisse durch Lenin, denn die proletarische Revolution involviert bei Stalin natürlich auch den Imperialismus. Er argumentiert so: Marx und Engels seien vorrevolutionäre Denker (bezogen auf die russische Revolution). »Vorrevolutionär« heißt bei Stalin aber auch »vorimperialistisch« (noch kein »entwickelter« Imperialismus vorhanden). Dies sei der Grund, warum zwischen Marx und Lenin echte Kontinuität bestehe.

Stalin baute eine eigene Philosophie und Ideologie auf, die sich in der Stalin’schen Sowjetunion materialisierte und die die anfangs angeführten kognitiven Differenzen erklären kann. Der Leninismus wird auf diese Weise zum Marxismus des Stalinismus. Der zur Grundlage dieses Konzepts gemachte Imperialismus wird die größte Herausforderung jener Zeit, der alles untergeordnet wird. Zwar stellt sich Stalin die proletarische Revolution so vor, dass sie beim schwächsten Glied des Imperialismus ausbricht und dann zu einer Weltrevolution führt, aber dabei bereitet es dem Stalinismus trotzdem kein Problem, dass die Idee zum Aufbau des Kommunismus in einem bestimmten Land aufkommt. Gerade die ursprüngliche Thematisierung des Imperialismus im Marxismus durch Lenin dürfte es gewesen sein, die diese Wende zum Aufbau des Kommunismus in einem Land nicht nur ermöglichte, sondern sie geradezu vorschrieb.

Gemäß diesem Konzept kollidiert die proletarische Revolution nicht mehr mit dem »Kapitalismus«, sondern mit dem Imperialismus. Dadurch schafft der Stalinismus auch einen neuen umfassenden und strukturierenden Widerspruch. Die proletarische Revolution kämpft gegen den Imperialismus, deshalb muss sie eine konkrete Entwicklung durchlaufen. Als alles bestimmender zentraler Widerspruch generiert diese Entscheidung aber auch eine schwierige wissenschaftstheoretische und methodologische Problematik. Wenn etwa bei Schopenhauer der »Wille« einmal als Seinsgesetz aufgefasst wird, muss dieser hinter der ganzen Welt der Phänomene und allen Prozessen der real wirkende Beweggrund sein. Nun liegt es aber in der Natur der Wirklichkeit, dass sich die Wahrheit, und damit die Geltung einer solchen These (einer solchen quasi-metaphysischen These oder eines solchen allerzentralsten Widerspruchs, der ja von Marx’ Denken meilenweit entfernt gewesen wäre) manchmal bestätigt, manchmal nicht. Kehren wir zu Stalin zurück: Manchmal bewahrheitet sich dieser zentrale Widerspruch gemäß seinem zentralen Charakter (d. h. er beschreibt die realen aktuellen Verhältnisse optimal), manchmal aber auch nicht (d. h. er beschreibt die realen Verhältnisse nicht optimal). Stalin hatte die reale Macht, seine Interpretation der wichtigsten Gegenüberstellung mit allen Mitteln durchzusetzen. Das heißt aber nicht, dass es keine einzige historische Situation gegeben hätte, in der diese Gegenüberstellung (wenn auch in einer etwas modifizierten Form: das Imperium des stalinistischen Kommunismus gegenüber dem Imperium des Hitler’schen Nationalsozialismus) adäquat gewesen wäre, aber auch nicht, dass es keine einzige historische Situation gegeben hätte, in der diese Gegenüberstellung nicht adäquat gewesen wäre.

Die Problematik, dass ein so umfassender Grundwiderspruch als Quasi-Metaphysik sich bald bewahrheitet und bald wieder nicht, ist nur die eine Seite des Stalinismus-Phänomens. Bis jetzt sahen wir nur seine Positivität (mal wahr, mal falsch). Betrachtet man ihn aber auch in seiner strukturell und methodologisch fundierten Destruktivität, so gewinnt man langsam eine Vorstellung vom Ausmaß der Wirkung des Stalin’schen Konzepts. Denn die genannte These wird im Stalinismus derart in den Mittelpunkt gestellt, dass sie immer und in jedem Kontext bestätigt werden muss. Im Klartext bedeutet es die Eliminierung jeder anderen Interpretation und jeder anderen Fragestellung. Jeder abweichende Akzent und jede andere Ansicht bedeutet einen Affront gegen die herrschende Macht. Eine solche These verdrängt bzw. disqualifiziert zunächst jede alternative Meinung, später verhindert sie dann bereits Analysen und Forschungen, die zu, in ihren Augen, falschen Ergebnissen kommen könnten. Auf dieser Struktur basiert die unter Stalin öffentlich gebrauchte Devise, der »Faktizismus«, d. h. eine gewisse Achtung der Tatsachen, sei ein feindliches, wenn nicht gar imperialistisches Verfahren. An die Stelle der verfemten Wissenschaften treten neue, die von vornherein eine direkte Verlängerung der richtigen »Grundthese« darstellen. Die vollkommene Neubeschreibung der Welt auf der Grundlage der Imperialismus-Konzeption ist hier mit der Produktivität der Ideologie identisch, und zwar unabhängig vom Wahrheitsgehalt (wir würden am liebsten sagen: vom gelegentlichen Wahrheitsgehalt) der Grundthesen. Dadurch entsteht ein merkwürdiger Koloss in Form einer These, deren Wahrheit stets und überall bestätigt werden muss.

Positiv betrachtet liegt der Grundwiderspruch im Bereich der normalen, intersubjek­tiven Diskutierbarkeit (»die proletarische Revolution ist antiimperial«), in seiner Stalin’schen Verabsolutierung wird dieselbe These zur Negativität, zur intellektuellen Destruktion. Es bewahrheitet sich auch hier, dass nicht der Inhalt einer These die ganze Wahrheitsfunktion bestimmt, sondern ihre strukturelle Position für ihre eventuelle Instrumentalisierbarkeit und Verabsolutierung verantwortlich ist.

Gestaltpoetische Darstellung des Stalinismus

Nach den verschiedenen analytischen Perspektiven, die die wissenschaftstheoretischen Singularitäten des Stalinismus jeweils auf ihre Weise beleuchten, sollten wir unbedingt auch auf Ansätze hinweisen, die der fast übermenschlichen Aufgabe gerecht zu werden versuchen, den reifen Stalinismus (d. h. nicht den Übergang zu ihm) als einmaliges Phänomen in einer Art Wesensschau darzustellen. Eine personifizierte1 und gleichzeitig symbolische Verdichtung des Stalinismus, die ja für folgende Generationen nach und nach als dessen Realität erscheinen kann,2 muss sich mit dem Problem der extremen Diskrepanz zwischen Komplexität und Transparenz auseinandersetzen. Diese Schwierigkeiten ändern aber nichts an dem von Zeit zu Zeit immer wieder aufkommenden Phänomen, dass der Stalinismus auch in seiner symbolischen oder sogar mythologischen Dimension erlebt wird. Diese Versinnbildlichungen des ganzen Systems können ohne Stalins Gestalt als lebendiges Symbol selbstverständlich nicht auskommen, ganz dezidiert geht es aber in ihrem Fall nicht um eine symbolische Verdichtung von Stalins eigener Person, sondern um die des »Systems als Lebewesen«, als eine Art lebendig werdendem Golem.

Czesław Miłosz, George Orwell, Zamjatin, Tibor Déry, André Gide, aber auch viele andere Autoren haben versucht, diese gestaltpoetische Version des Stalinismus zu entwerfen. In die Reihe dieser poetischen oder philosophischen Verdichtungen und Versinnbildlichungen gehört auch Tibor Hanáks umfassender Begriff des weltanschaulichen Vollständigkeitsanspruchs.3 Wir greifen Hanáks Initiative auf und formen aus ihr eine Gestalt, einen holistischen Komplex mit dem Namen WAVA (WeltAnschaulicher VollständigkeitsAnspruch). Mit dessen Hilfe versuchen wir dann, eine einheitliche Gestalt des Stalinismus zu entwerfen.

Tibor Hanáks Grundidee zielt auf den für den Stalinismus typischen Anspruch auf eine bestimmte Verhaltens- und Denkweise, die für die einzelnen Staatsbürger so selbstverständlich war, dass sie kaum kritisch hinterfragt wurde. Da der Anspruch also holistisch und selbstverständlich ist, vereinigen sich »Wert« und »Tatsache« in ihm untrennbar.

Der WAVA lässt die stalinistische Gesellschaft als die beste, demokratischste, gerechteste und fraglos auch progressivste erscheinen. Dieser Anspruch ist aber nicht nur ein intellektuelles Gebilde, sondern auch eine permanente und imperative Aufforderung und Erwartung. Die politische Realität bürgt mit ihren Machtverhältnissen dafür, dass der WAVA öffentlich immer wieder geäußert und bestätigt wird. Dadurch wird der WAVA zu einem Golem mit Doppelnatur: Einerseits stellt er eine holistische Option für die Gesamtwirklichkeit dar, eine Verkörperung und Versinnbildlichung der Realität als eines Ganzen, ein Denkmal, eine Statue, ein Mausoleum der Wirklichkeit. Andererseits wird er zur einem Bündel von normativen Vorschriften. Die Realität ist also eine konkrete Realität, in der es keine wirtschaftlichen Katastrophen gibt, jeder glücklich und auf eine evidente und von niemandem infrage zu stellende Weise der feindlichen Realität des Westens und des Kapitalismus haushoch überlegen ist. Die Realität des WAVA umfasst die gesamte Realität. Jede Aussage, die nicht mit dem WAVA übereinstimmt, bedeutet nicht nur einen kognitiven Fehler (keinen Irrtum), sondern ist eine feindliche Tat und wird sogleich strafrechtlich verfolgt. Der Gegenstand (die Realität als Ganzes) und sein Wert (die Attribute der Realität) fallen vollkommen zusammen.

Als positive Aussage suggeriert dies bereits eine kaum vorstellbare konzentrierte Macht eines Gebildes, in dem die Norm mit der Wirklichkeit zusammenfällt. Diese Identifizierung sichert eine Perfektion der Machtausübung, ein Zentrum, das tatsächlich jede Lebensäußerung einer Gesellschaft konzentriert. Auf der anderen Seite birgt sie zahlreiche tiefgreifende theoretische und praktische Probleme für jedes gesellschaftliche Sein. Die (politische) Macht ist eine Realität (auch als welthistorisches Endergebnis), aber auch voll legitimierte Norm.

Wir wollen diese positive Identität hier aber nicht weiter analysieren; sehr lehrreich scheint uns vielmehr zu sein, was diese potenzierte und hyperbolisierte Identität (der WAVA also) alles nicht ist. Der WAVA zeigt nämlich sein wahres Gesicht, wenn man versucht, ihn konkret zu identifizieren. Seine mythologische Macht besteht eben gerade darin, dass sie sich nicht identifizieren lässt (es muss wohl kaum betont werden, dass selbst diese Nicht-Identifizierbarkeit seine Kraft und Macht erhöht).

Als universales Realphänomen und zugleich legitimierende Norm könnte man den WAVA für eine Philosophie halten. Nach unseren Begriffen muss eine gültige Philosophie mit den Komponenten Verifikation, legitime Semantik und Dialogfähigkeit beschrieben werden können. Keines dieser Kriterien kann im Falle des WAVA angewandt werden. Er lässt sich nicht falsifizieren, und wenn doch, dann wird die falsifizierende Kritik gleich zum kriminellen Delikt. Die Frage nach wahr oder falsch wird zum Kriterium des Strafrechts.

Auf den ersten Blick scheint der WAVA mit dem Begriff der Ideologie identisch zu sein, der im allgemeinen Sprachgebrauch gewählt wird, um ähnliche Phänomene zu benennen. Bei näherer Betrachtung entspricht er diesem jedoch keineswegs. Er ist nämlich alles andere als seinsgebunden (im Sinne von Karl Mannheim), gewinnt seine Geltung nicht aus Seinsgebundenheit. Im Gegenteil, er will für alle Menschen zur erlebbaren Seinsgebundenheit werden.

Könnte der WAVA denn dann so etwas wie eine Religion sein? Wir alle wissen, in der Umgangssprache wurde der ideologische Kommunismus oft als »neue Religion« erlebt und bezeichnet. Einerseits teilt der WAVA durchaus einige relevante Eigenschaften mit der Religion (vor allem die Vollgültigkeit, wenn nicht gar Ausschließlichkeit der angebotenen Optionen, deren Nicht-Annahme sogleich mit schärfsten Mitteln zu sanktionieren ist). Andererseits erbringt ein gründlicher Vergleich jedoch ein unerwartetes Ergebnis: Der WAVA formuliert viel höhere und umfassendere Erwartungen gegenüber dem Einzelnen als jegliche Religion in den modernen Jahrhunderten es tat. Seine Erwartungen erstrecken sich auf jedes einzelne Gebiet des menschlichen Lebens. Ihr Ausmaß würde die Gestalt einer Superreligion entwerfen, doch auch eine solche Klassifikation träfe nicht zu, denn diese Superreligion tritt als atheistisch-antireligiöses Phänomen auf.

Oft hat man versucht, den WAVA als Wissenschaft aufzufassen. Und tatsächlich lässt sich sein Geltungsanspruch nur mit demjenigen der wissenschaftlichen Erkenntnis messen. Während aber der WAVA einerseits selbst noch die strengsten Forderungen der Wissenschaft befriedigt, macht er andererseits mit ebensolcher Eindeutigkeit das zweite grundsätzliche Kriterium der Wissenschaft zunichte, denn er unterwirft sich nicht der Forderung nach Kontrollierbarkeit und intersubjektiver Verifizierbarkeit. Er tritt als Wissenschaft auf und erhebt deren Anspruch auf umfassende Gültigkeit, lässt sich aber nicht kontrollieren. Dieses Paradoxon wird innerhalb des WAVA nicht aufgelöst, es ergreift die gesamte Gesellschaft und stürzt sie in tiefste kognitive Differenzen.

Klar ist ebenfalls, dass der WAVA auch keine Politik ist: Er übernimmt zwar die Funktion des Politischen und universalisiert es sogar, gewährt aber keinen Raum für einzelne politische Akteure. Er ist aber genauso wenig eine Ethik: Er übernimmt die Funktion des Ethischen, gewährt aber keine Freiräume für ethisches Handeln; er verkörpert materiale und formale Ethik zugleich.

Die Sozialpsychologie des Stalinismus

Es fällt auf, dass sich das Interesse der politischen Sozialpsychologie viel stärker auf die Erschließung der rechten als auf die der linken politischen Bewegungen gerichtet hat. Die Gründe dafür liegen in den bestimmenden Tatsachen des vergangenen Jahrhunderts. Der Erste Weltkrieg und der ihm folgende Zerfall der »bürgerlichen Klassengesellschaft« (Hannah Arendt) ließen neue »Massen« aufkommen, die in ihrer »quasi-individuellen« Orientierung relevant für die sich aus ihnen und durch sie entfaltenden »rechten« Totalitarismen geworden sind. Der Vergleich der »rechten« und »linken« Totalitarismen führte zu der Annahme, dass rechte Totalitarismen in einer relevanteren und organischeren Verbindung zu massenpsychologischen Motiven stehen als linke Totalitarismen. Damit hing zusammen, dass man die linken Totalitarismen aus psychologischer Sicht für ›normal‹ und den Anteil genuin psychologischer Motive an ihrer Herausbildung für gering, die »rechten« Totalitarismen hingegen für ›abnormal‹ und den Anteil genuin psychologischer Motive an deren Herausbildung für relevant hielt.

Bedeutet dies, dass bei der Analyse des Phänomens Stalinismus (und des Poststalinismus) psychologische Motive eine quantité négligeable sind? Für unsere Arbeit hieße dies, dass eine sozialpsychologische Analyse des postsozialistischen Systemwechsels nicht auf einer sozialpsychologischen Interpretation des Stalinismus basieren müsste. Es hieße, dass es der Stalinismus – anders als der Nationalsozialismus – mit Menschen zu tun hatte, die gewissermaßen keine Seele hatten. Die Frage nach der Psychologie des Stalinismus ist aber für die psychologische (und daher auch für die politische) Bewältigung der Vergangenheit unentbehrlich.

Zur Vernachlässigung der Sozialpsychologie der linken Bewegungen, einschließlich ihrer Totalitarismen, hat gewiss auch beigetragen, dass innerhalb der linken Bewegungen jahrzehntelang ideologische Konzeptionen dominierten, die den psychologischen Motiven hinter historischen Prozessen geringe Bedeutung beimaßen.4

Hinsichtlich seiner Sozialpsychologie teilt der reife Stalinismus also mit früheren und späteren linken politischen Bewegungen und Parteien das Schicksal mangelnden Interesses seitens der Wissenschaft und der professionellen Öffentlichkeit. Seine Massen entstanden durch die spezifisch Stalin’sche Industrialisierung. Die »Massen« der westlichen Gesellschaften, die als tragende Schichten rechter Totalitarismen infrage kamen, entstanden im politischen Sinne durch die komplexen und traumatischen Erschütterungen des Ersten Weltkriegs (wir gehen dabei von Hannah Arendts Konzeption des »Zusammenbruchs der bürgerlichen Klassengesellschaft« aus), nicht zuletzt durch die für sie nicht mehr wiedergutzumachenden wirtschaftlichen Erschütterungen, und ließen sich als eine Gegen-Gesellschaft und Devianz begreifen.5

Im Gegensatz dazu erscheint die »Masse« des reifen Stalinismus als die Norm der Gesellschaft. Diese Masse verkörpert ein Ziel des gesamten Geschichtsprozesses, und jede Gruppierung, die anders ist, sei es die Gruppe der Sowjetbürger oder die Gruppe der westlichen Arbeiter, ist deviant.6 Während die »Massenpsychologie« (von Freud bis Ortega y Gasset) versucht hat, die Psychologie der politisch nach rechts strebenden Massen auf der Grundlage einer individuellen Anthropologie zu untersuchen, wurden die Wurzeln der linken Bewegungen und Ideologien von Anfang an als »anthropologisch« – zwar manchmal »emanzipativ«, doch stets »anti-individualistisch« (im Sinne der Anthropologie des bürgerlichen Individualismus) – aufgefasst.

Dies ist einer der Gründe dafür, dass Hitlers Persönlichkeit nicht nur zum viel erforschten Gegenstand der Sozialpsychologie, sondern auch der Geschichtswissenschaft wurde und als solcher für einen möglichen Grund für den Triumph des Nationalsozialismus gehalten wird. Die historische Persönlichkeit Stalin wurde im Vergleich dazu kaum zum Gegenstand intensiveren Interesses. Selbst Hannah Arendt entdeckt in Stalins Persönlichkeit nichts Interessantes.7 Entsprechend wird auch der psychologische Transfer im System des Stalinismus vernachlässigt. Während ausgiebig darüber geforscht wurde, wie Hitler seine psychologischen Eigenschaften und Motive auf die deutsche Bevölkerung übertrug, scheinen die Mechanismen des Stalin’schen psychologischen Persönlichkeits­transfers kaum erforscht und reflektiert worden zu sein.

Der reife Stalinismus machte den Menschen zum Teil einer Bewegung und gleichzeitig einer Gesellschaft, die sich zur alleinigen Vertreterin eines welthistorischen Optimums stilisierte. Dieses (ideologisch und psychologisch erschaffene) Optimum wurde mit der am weitesten entwickelten Gesellschaft gleichgesetzt und schuf auf seine Weise ein Ende der Geschichte. Der Zustand des historischen Optimums befreite den Menschen des Stalinismus von den erschöpfenden Qualen des homo historicus. Durch seine pure Exis­tenz war der normale Sowjetmensch Teil des welthistorischen Optimums. So entsteht die »Psychologie« des reifen Stalinismus aus einer politisch-ideologischen Fiktion. Ihr eigentlicher Inhalt (von dem wir ja wissen, dass er gleichzeitig »Faktum« und »Norm« ist) ist die Identifizierung des Einzelnen mit dem welthistorischen Gesamtprozess. Diese wurde noch dadurch erleichtert, dass Stalins Persönlichkeit in ihrer Identität mit dem welthistorischen Optimum zwischen dem Einzelnen und der Weltgeschichte vermittelte. Und darin besteht auch der wesentliche Unterschied zwischen dem rechten und dem linken »Führer«. Der »Führer« des reifen Stalinismus hebt sich nicht durch individuelle psychologische Züge vom System ab, er tritt nicht als der Hervorragendste unter den vielen »Einzelnen« der rechten Massen auf, sondern schlicht als Personifizierung des welthistorischen Optimums, er verkörpert in einem antiken und byzantinischen Sinne des Wortes das Optimum jeder wichtigen Kategorie. Stalin war das Volk, die Macht, der Staat, die Arbeit.8 Dieser Identifikationsprozess hebt das traditionelle Individuum und mit ihm die sozialpsychologischen Interessen im engeren Sinne auf. Eine Identifizierung mit dem welthistorischen Optimum macht nämlich die traditionellen psychologischen Funktionen überflüssig. Die Art und Weise der psychologischen Bindung des Einzelnen an die große Gruppe der Stalinisten ist positiv, diese Bindung entsteht aber – wiederum paradoxerweise – auf einer entpsychologisierten Ebene.

Diese Identifizierung mit dem Ganzen, mit dem welthistorischen Optimum – mitsamt ihren das Psychologische ersetzenden Funktionen – erzeugt eine Attitüde, die sich in gewisser Hinsicht selbst davon unabhängig machen kann, ob die Realität jenem Optimum wirklich entspricht oder nicht. Auch diese Einstellung ist nicht von unmittelbar psychologischer, sondern vielmehr von logisch-intellektueller Natur. Gerade weil man sich mit dem Ganzen identifiziert, sprechen einzelne, zufällige Fakten nicht gegen die Realität des Optimums im Ganzen.

Wir können an dieser Stelle nicht umhin, auch an die »Realismus«-Diskussionen zu erinnern. Die primäre kognitive Fähigkeit eines Dichters wurde in Zweifel gezogen, wenn er die Wirklichkeit aufgrund einiger »Fakten« (die ja existiert hatten, nichtsdestoweniger jedoch nicht »typisch«, d. h. in gewissem Sinne nicht »real« waren) anders als die aktuelle Konkretisierung des WAVA darstellte. Der Charakter des Ganzen hatte nach dieser Argumentation nicht unbedingt etwas mit dem Charakter der Fakten zu tun.

Dieser Unterschied zwischen dem Ganzen und den Fakten eliminiert neben der Psychologie auch die Sphäre der Moral. Der brave Stalinist kennt keine moralischen Konflikte, seine einzelnen Taten gewinnen ihre moralische Dimension im Rahmen des Ganzen (was oft fälschlich mit der Marx-Hegel’schen »Totalität« verwechselt wurde).9

Auf dieser Dualität des notwendigen Ganzen und der kontingenten Fakten bildete die für den reifen Stalinismus charakteristische psychologische Identifizierung mit dem All auch die politische Grundlage dieses Systems.10 Cum grano salis könnte man geradezu sagen, dass das Wesen des Stalinismus in nichts anderem bestand als in dem Anspruch, seine eigene »Realität« als Optimum der Geschichte aufrechtzuerhalten. Auf diese Weise wird die Psychologie im Stalinismus zur Politik. Diese organisierte sich um das Zentrum, dass das für die Systemstabilisierung so unersetzliche Alltagsbewusstsein unter keinen Umständen jene Tatsachen und Informationen erfahren durfte, die in ihm das erwünschte Bild des historischen Optimums hätten zerstören können.11

Dieser spezifischen Identität von Sozialpsychologie und Politik entwuchs mit zwingender Logik das System des Theaters der Stalin’schen Prozesse. Denn diese Prozesse lieferten stets die von den Angeklagten selbst öffentlich bestätigten Beweise dafür, dass hinter jedem Misserfolg eine singuläre und bewusst verübte feindliche Tat stand.12

Gewisse sozialpsychologische Probleme und Deformationen des späteren Stalinismus wurden schon von den Anti-Kommunisten und Anti-Bolschewisten avant la lettre vorausgesagt.13 Wir lassen hier auch andere Phänomene außer Acht, die den Übergang zur reifen Form des Stalinismus charakterisierten, etwa die religiösen Züge des Lenin-Kults der Zwanzigerjahre.14 Auch der Übergang von einer revolutionären Auffassung von Liebe zur erotischen Kleinbürgerlichkeit des Stalinismus ist ein Kapitel, das für eine vollständige Rekonstruktion der Sozialpsychologie des reifen Stalinismus unbedingt erforderlich wäre.15

Zunächst schuf der Stalinismus die ideologische Fiktion einer Gesellschaft des welthis­torischen Optimums, dann wurde er ihr Gefangener, indem er gezwungen blieb, diese Fiktion aufrechtzuerhalten. Die so entstandene Identifizierung mit dem historischen Prozess macht im Wesentlichen die Sozialpsychologie des Stalinismus aus. Die genuin psychologische Arbeit der Persönlichkeit konzentriert sich – anstatt auf wirkliche psychologische Funktionen – auf diese Identifizierung.16 Psychologie und Ideologie fallen dabei zusammen. Die Identifizierung mit dem welthistorischen Prozess ist das richtige Bewusstsein, das richtige Bewusstsein ist die adäquate sozialpsychologische Einstellung.17 In dieser »Psychologie« sind die traditionellen psychologischen Funktionen nicht mehr relevant. Die gleichzeitige und identische Identifikation aller mit dem welthistorischen Prozess bestimmt etwa auch die gesellschaftlichen Selektionsprozesse: »Besser« ist einfach, wer mehr »Nutzen« für die großen gemeinsamen Ziele erbringen kann.

Wie in unserem Gedankengang schon mehrfach angeklungen, kommt es unweigerlich zu Konflikten zwischen der »offiziellen« und der »wirklichen« Wirklichkeit. Diese müssen aber im Kontext der spezifischen sozialpsychologischen Bedingungen des reifen Stalinismus betrachtet werden. Zum einen sind negative Phänomene immer auf Details beschränkt und lokal begrenzt, sodass sie schon deshalb die wirklich großen welthistorischen Horizonte und Perspektiven kaum stören. Zum zweiten arbeitet ein ganzes politisches Establishment daran, die sich aus solchen Realitätskonflikten generierenden kognitiven Konflikte wie immer zu eliminieren. Zum dritten wird die ganze Gesellschaft von aus- und inländischen Informationen vorsorglich abgeschirmt, um nicht etwa spontan »autopoietisch« neue kognitive Konflikte zu entwickeln. Zum vierten hat man schon im Voraus, als sich selbst bestätigende ideologische Prophezeiung, eine »richtige« und die kognitive Dissonanz überdeckende Erklärung. Jeder politische Widerstand ist ganz einfach dadurch zu erklären, dass der Klassenfeind »natürlich« feindlich gegen das System eingestellt ist. Eigene Fehler und Übergriffe, deren Aufdeckung ebenfalls kognitive Dissonanz erzeugen könnte, werden als »natürliche« Konsequenzen des revolutionären Terrors dargestellt.

In der Identifikation mit dem welthistorischen Prozess lässt sich auch das Problem des Stalin’schen Terrors situieren, was erklärt, weshalb dieser Terror nicht unbedingt zum Bruch dieser Identifikation führen musste.18 Dies bedeutet freilich nicht, dass die Menschen keine Sensibilität für Bedürfnisse und Gefühle des Anderen mehr aufbringen konnten. Einzelne Fakten genügten jedoch nicht, um den Panzer der Identifikation mit dem System aufzubrechen.

Die Abwehr und Eliminierung der täglich neu entstehenden, aufgrund der psychologischen Einstellung aber nur selektiv wahrgenommenen kognitiven Dissonanzen wurden so zur Hauptbeschäftigung der Politik – einer Aktivität, die selbstredend die üblichen Begriffe und Maßstäbe der Zensur weit überschritt. Angesiedelt zwischen »Selbstzweck« und »höchster Staatsraison«, war sie mit der Stalin’schen Politik identisch.19

Es besteht kein Zweifel, dass die Identifikation mit dem welthistorischen Optimum jenen spezifisch »rationalen« Charakter der stalinistischen Lebenswelt erschuf, den viele Analysen, unter anderem die Herbert Marcuses, so treffend beschreiben.20

Das Stalin- und das Stalininismusphänomen zeichnet sich von einer auffallenden und vielleicht singulären Dualität aus. Auf der einen Seite verwirklicht es eine extrem geballte Totalität, Zentralisierung, Einheit und Homogenität, eine buchstäbliche Durchdringung jeder Lebensäußerung der Gesellschaft. Auf der anderen Seite birgt es eine stattliche Anzahl von unüberbrückten und wohl auch unüberbrückbaren Differenzen und Widersprüchen.

Diese Dualität wollte dieser Beitrag unter Berücksichtigung von drei Perspektiven und auf drei Ebenen thematisieren. Auf der Makroebene plädiert unsere Analyse für eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die Imperialismus-Problematik als die eigentliche Gravitationsrichtung des intellektuellen Stalinismus. Auch im Kontext der Imperialismus-Problematik erscheint das Element der Totalität und Homogenität unverzichtbar, während die gleichzeitige Verabsolutierung des Imperialismus-Gedankens als Antwort der dabei entstehenden Differenzen und Nicht-Identitäten aufgefasst werden muss.

Der aus dem Entwurf des weltanschaulichen Vollständigkeitsanspruchs von Tibor Hanák entwickelte WAVA ermöglichte es uns, das Stalin- und Stalinismusphänomen auf der Mesoebene zu interpretieren. Hier zeigte sich wieder die extreme Totalität und Homogenität des Stalin´schen Ansatzes mitsamt seinem Arsenal von Aussperrungs- und Verfemungsmechanismen, die jegliche ihm entgegenstehende Äußerung bestraft haben.

Auf der Suche nach den spezifisch sozialpsychologischen Eigenschaften der stalinistischen Gesellschaft wurden wir – um es zusammenfassend beim Namen zu nennen – mit dem Phänomen der Identifizierung mit der Gesamtgesellschaft konfrontiert. Dieses Phänomen konstituiert die relevanteste Eigenschaft des Stalinismus auf der Mikroebene. Es zeigt, wie in diesem sozialpsychologischen Phänomen Totalität und Homogenität auf der einen Seite mit Differenz und der Nicht-Identität auf der anderen Seite verschmolzen.


1 Ein sehr lehrreiches Beispiel ist der Aufbau von Berijas Persönlichkeit in Abuladzes Film »Die Reue« (1984).

2 Dafür gibt es reichlich Beispiele: U. a. wird mit George Orwells »Der große Bruder« eine »Gestalt« des Kommunismus für die kommenden Generationen beschrieben.

3 Tibor Hanák: A nélkülözhetetlen bírálat [Die unentbehrliche Kritik], München 1983. Die Grundidee des Weltanschaulichen Vollständigkeitsanspruchs wird fraglos von Hanák artikuliert, ihre analytische Entfaltung ist die Arbeit des Verfassers dieser Zeilen.

4 Dabei denken wir vor allem an den wirkmächtigen »historischen Materialismus« der wirklich »internationalen« Zweiten Internationale (siehe Endre Kiss: Geschichte und Weltanschauung. Literaturtheorie bei Franz Mehring und in »Die Neue Zeit«. Annales Universitatis Scientiarum Budapestiensis de Rolando Eötvös Nominatae. Sectio Philosophica et Sociologica, Tomus XVII, Budapest 1983, S. 231–249.) Man kann diese antipsychologische Leidenschaft durchaus auf den ganzen »Marxismus« ausdehnen, wie dies etwa Oszkár Jászi tut (A kommunizmus kilátástansága és a szocializmus reformációja [Die Perspektivlosigkeit des Kommunismus und die Reformation des Sozialismus], Budapest 1989, S. 44 f.). Es ist vielleicht einzig der Austromarxismus, der diese Einstellung nicht grundsätzlich teilte. Eines der spektakulärsten Beispiele für die marxistische Geringschätzung des Psychologischen liefert Georg Lukács, der in seinem wichtigsten Werk »Geschichte und Klassenbewusstsein« das Klassenbewusstsein des Proletariats auf einer absolut wissenssoziologischen, d. h. nicht psychologischen, sondern sogar antipsychologischen Grundlage konstituierte.

5 Obwohl die »Masse« als Realität etwa der Zwanzigerjahre soziologisch tatsächlich als »Gegengesellschaft« mit eigenen Gesetzen erscheint, wird diese Tatsache erstaunlich selten explizit thematisiert.

6 Die zuerst rein ideologische, später jedoch auch in deren eigenes Selbstverständnis übernommene Interpretation der Masse des reifen Stalinismus sollte in mehrere Richtungen weitergedeutet werden. Uns fällt an dieser Stelle etwa die deutlich hervortretende Differenz sowohl zur originalen Marx’schen Tradition als auch zur emanzipatorischen Tradition der Zweiten Internationale ein.

7 Selbst Stalins sprichwörtliche Paranoia und seine Unfähigkeit, anderen zu vertrauen, spielen dabei für Arendt keine Rolle, für sie war Stalin ›normal‹ und misstrauisch nur in Situationen, in denen er Grund dazu hatte. Auch Stalins Vertrauen in Hitler erschien ihr ›normal‹. Siehe Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Bd. III, Frankfurt a. M., Berlin, Wien 1958, S. 15.

8 Die Identifikation mit dem historischen Prozess, mit dem Fortschritt war also auf dieser Grundlage auch eine klare Identifikation mit Stalin. Diese Identifikation war jedoch nicht psychologisch im traditionellen Sinne. Milovan Djilas Erinnerung schwört diese Identifikation mit dem historischen Prozess durch Stalin (aber auch mit Stalin durch den historischen Prozess) auf charakteristische Weise herauf: »[…] wir haben geglaubt, dass der Krieg 1942 zu Ende geht, weil Stalin dies gesagt hat; als sich aber diese Prophezeiung nicht verwirklichte, haben wir sie vergessen, und der Prophet büßte nichts von seiner übermenschlichen Macht ein.« (Találkozások Sztálinnal [Begegnungen mit Stalin], Budapest 1989, S. 13).

9 Die Fiktion, dass das System im Wesentlichen (und dadurch auch das »Wesen« des Systems) »tatsächlich« mit einem welthistorischen Optimum identisch sei, führt zu der weiteren Fiktion, dass jede Verletzung dieses Optimums nur auf die Aktivität feindlicher Kräfte zurückgeführt werden könne. Dass sich in diesem Punkt bereits die Logik der Stalin’schen Prozesse am Horizont abzeichnet, versteht sich von selbst. Um diese Logik ad absurdum zu führen, kann dieser Zusammenhang aber auch ins Gegenteil verkehrt werden. Jede Abweichung von der Linie der Partei führt dann zu Aktivitäten von Spionen und Provokateuren (ein Beispiel aus einer Rákosi-Rede findet sich in János Kádár: Végakarat [Mein letzter Wille], Budapest o. J., S. 39). Die methodische Abspaltung des Ganzen von den einzelnen Fakten kann aber auch dazu führen, dass die Taten von den Ausführenden getrennt werden. Ein prächtiges Beispiel findet sich bei Márton Horváth: »Unser arbeitendes Volk will geistig, aber auch weltanschaulich wachsen, um das Niveau seiner Taten [!] zu erreichen.« (A Lukács-vita. 1949–1951 [Die Lukács-Diskussion], Budapest 1985, S. 269).

10 Es ist auch kein genuin psychologisches Moment, dass die Identifikation mit einer linken Partei oder Bewegung als utopische Attitüde etwas völlig anderes als dieselbe Attitüde im Besitz einer totalen Macht bedeutet.

11 Als bei einem Flugzeugabsturz eine ganze Eishockeymannschaft den Tod fand, setzte man in der Sowjetunion nicht nur die Meisterschaft fort, sondern es erschien auch keine Nachricht über den Unfall in den Medien (siehe Magyar Nemzet vom 30. Mai 1990).

12 Ohne dies hier detailliert ausführen zu können, vertreten wir die These der Genese der Stalin-Prozesse aus der Notwendigkeit dieser Erklärung der Abweichung zwischen Propaganda und Realität.

13 Diese Aspekte werden exemplarisch genannt in Jászi: A kommunizmus kilátástalansága (Anm. 4), S. 6.

14 Fedor Vergin erblickte noch 1931 in diesem Lenin-Kult das psychologische Zentrum der damaligen Sowjetunion (siehe Fedor Vergin: Das unbewusste Europa, Wien, Leipzig, 1931, S. 397).

15 Wir verweisen nicht nur auf Wilhelm Reichs sexuelle Politik (»Sexpol«), sondern auch auf seinen Wechsel der politischen Auffassung. Auch André Gides Abkehr vom Kommunismus kann in diesem Kontext als exemplarisch gelten.

16 Die so Gestalt annehmende ›östliche‹ Massengesellschaft unterscheidet sich in dieser Eigenschaft entscheidend von der ›westlichen‹ Massengesellschaft dieser Zeit. Für die Letztere gibt es einfach keinen welthistorischen Prozess, mit dem sie sich identifizieren würde und könnte.

17 In diesem Konzept konnte das Alltagsbewusstsein direkt zum optimalen Bewusstsein werden. Sofern er den richtigen Standpunkt einnahm, war der Mensch praktisch vollkommen und bedurfte keiner weiteren Emanzipation.

18 Wolfgang Leonhard beschreibt zehn ehemalige Klassenkameraden, deren Eltern während der Schulzeit verhaftet und in den Gulag gebracht wurden. Er bemerkt mit großem Scharfsinn, dass bei keinem dieser Kinder die Tatsache der Verschleppung ihrer Eltern zum Bruch mit dem System, zur Aufgabe ihrer Identifikation mit dem welthistorischen Prozess führte (Die Revolution entlässt ihre Kinder, Bd.I, Leipzig 1990, S. 47 u. 167).

19 Julius Hay liefert ein prächtiges Beispiel: Ein Schriftsteller wird verhaftet, weil er einen Spion mit überzeugender Glaubwürdigkeit dargestellt hat (Geboren 1900, München 1971, S. 237). Umgekehrt durfte außer Stalin niemand gelobt werden, denn auch dies hätte eine fleischgewordene kognitive Dissonanz bedeutet (Djilas: Találkozások Sztálinnal [Anm. 8], S. 43).

20 Marcuse fällt auf, dass »wahr« und »falsch« keine kognitiven Optionen, sondern vielmehr ein im Voraus angeordneter bestimmter Zustand der Dinge sind (Soviet Marxism. A Critical Analysis, Middlesex 1971 [ursprünglich 1958], S. 78). Diese Antizipation des »Wahren« und »Falschen« könnten wir problemlos mit dem Wissen um jene Weltgeschichte gleichsetzen, mit der sich der Mensch des reifen Stalinismus so vollständig und restlos identifizieren konnte. Darüber hinaus könnten wir es auch mit dem WAVA gleichsetzen und zudem – was kaum überraschen dürfte – mit der Struktur der Stalin’schen Imperialismus-Auffassung.

Inhalt – JHK 2010

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