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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

 

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

 

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

 

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

 

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

 

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg 1941 bis 1945: der »Große Vaterländische Krieg«

JHK 2005 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 13-43 | Aufbau Verlag

Autor/in: Bernd Bonwetsch

Im Mai 2005 jährte sich der sowjetische Sieg über Deutschland und das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa zum 60. Male – Anlass genug, den Krieg auf der Basis des Wissens- und Forschungsstandes im Überblick zu skizzieren und seine Bedeutung für den historischen Weg der Sowjetunion zu überdenken. Dabei soll ein Gesamteindruck vom wechselhaften Verlauf des Krieges und seinen Auswirkungen auf das Nachkriegsschicksal der Sowjetunion vermittelt werden. Auf Einzelfragen ist deshalb nur im Hinblick auf einige in der Literatur kontrovers diskutierte oder ungenügend behandelte Probleme etwas näher einzugehen. Allein den Forschungsstand zu umreißen, würde jedes akzeptable Maß sprengen.[1] 

 

Von der tödlichen Bedrohung zum Sieg

In den über 70 Jahren ihres Bestehens hat die Sowjetunion mehrere große Krisen überstanden, bis – und das ist das erstaunliche – eine äußerlich eher zweitrangige Krise 1991 ihr Ende herbeiführte. Die Ursachen dieser letzten Krise liegen vielleicht in der permanenten Überforderung der Leistungskraft der Sowjetunion durch die neue Weltmachtstellung, die sie am Ende des Zweiten Weltkrieges errang, doch die Ursachen dieses fast undramatischen Endes einer Weltmacht stehen hier nicht zur Debatte. Es geht vielmehr um die Zeit bis zum Tode Stalins. 

Zunächst war es der Bürgerkrieg, der nach dem Aderlass des Ersten Weltkrieges erneut Millionen Tote forderte, während überdies ein großer Teil der alten Eliten das Land verließ; Kriegskommunismus sowie forcierte Industrialisierung und »freiwillige« Kollektivierung stürzten das Land zweimal in ein wirtschaftliches Chaos und entfremdeten dem Regime die Bauern nachhaltig die die zahlenmäßig größte Bevölkerungsschicht stellten. Die Hungersnöte von 1921/22, 1932/33 und 1946/47 kosteten Millionen Menschen das Leben; der allgemeine Bauernaufstand am Ende des Bürgerkrieges brachte das Sowjetregime 1920/21 an den Rand des Zusammenbruchs und erzwang die partielle Rückkehr zur Privatwirtschaft und zu kapitalistischen Produktionsverhältnissen; die »Säuberungen« der dreißiger Jahre mit dem Höhepunkt des »Großen Terrors« 1937/38 gegen »Schädlinge« und »Volksfeinde« in allen Schichten der Gesellschaft, von Obdachlosen über ehemalige »Kulaken« bis hin zu den alten und neuen Eliten in Partei und Staat, drohten jeglicher Kontrolle zu entgleiten. 1,3 Millionen Menschen wurden allein im Zuge dieser im Juli 1937 angeordneten »Massen-Aktion« binnen Jahresfrist verurteilt, 680 000 davon zum Tode, bis in einem neuen Willkürakt dem Spuk weitgehend ein Ende gemacht wurde und die »Säuberer« mit Volkskommissar Nikolaj Ežov an der Spitze selbst der Verfolgung unterlagen. 

Alle diese Krisen waren Ausdruck einer dem Sowjetstaat eigentümlichen Gewaltbereitschaft »gegen sein Volk«, wie es Nicolas Werth genannt hat.[2] Sie hinterließen tiefe Spuren in der Sowjetgeschichte. Keine bedeutete jedoch eine so schwere Belastungsprobe wie der deutsche Überfall vom 22. Juni 1941. Die Sowjetunion wurde durch ihn einer tödlichen Bedrohung ausgesetzt, weil er den Gewaltapparat des Staates selbst in Frage stellte und weil die Krise sich nicht, wie sonst üblich, durch einseitige Maßnahmen wie einen Politbürobeschluss, die Maßregelung von »Schuldigen« oder die Verhaftung von »Feinden« lösen ließ, obwohl die Versuchung, die Ursachen der Niederlagen im »Verrat« zu suchen, sich anfänglich fast automatisch einstellte. Diese Versuchung, die Realitätswahrnehmung nach eingespieltem Muster den eigenen Vorstellungen anzupassen, hat mehr als nur das Leben der gesamten Führung der Westfront und erschreckend vieler weiterer Offiziere und Mannschaften der Roten Armee gekostet, die in den ersten Kriegsmonaten als »Verräter« hingerichtet wurden.[3]

Der unbeeinträchtigte weitere Vormarsch der Deutschen zeigte jedoch, dass die Katastrophen an der Front nicht durch »Verrat«, sondern durch objektive Schwächen und subjektive Fehler auf allen Ebenen zu erklären waren. Bis diese Lehre begriffen wurde, und zwar vor allem von Stalin selbst, musste teueres Lehrgeld bezahlt werden. Denn unter der Wucht des deutschen Angriffs geriet die Rote Armee und mit ihr die Sowjetunion innerhalb weniger Monate an den Rand des Zusammenbruchs. Nach einer Reihe von katastrophalen Niederlagen drohte im Oktober 1941 der Fall Moskaus. Kurzfristig schien Stalin sogar an ein verzichtreiches Arrangement mit den Deutschen gedacht zu haben. Dennoch gelang es der Roten Armee, dem Angriff der Wehrmacht vor Moskau standzuhalten. Nicht Hitler, sondern Stalin hielt am 7. November 1941 in der sowjetischen Hauptstadt eine Parade ab. 

Nicht zuletzt aufgrund der Einmischung Stalins in die strategische Planung der Roten Armee kam es 1942 dann zu erneuten militärischen Katastrophen, die die Wehrmacht bis zur Wolga und in den Nordkaukasus vorstoßen ließen und zeitweilig ein Territorium von etwa 1,8 Millionen km² mit einer Bevölkerung von 60 bis 70 Millionen Menschen unter deutsche Besetzung brachten.[4] Erst in den Häuserkämpfen von Stalingrad konnte die Rote Armee den deutschen Angriff zum Stehen bringen. Seit den siegreichen Schlachten von Stalingrad und vor allem bei Kursk im Sommer 1943 konnte sie ihre inzwischen unbestrittene Überlegenheit ausspielen und die Deutschen an allen Frontabschnitten fast nach Belieben niederringen. Die Sowjetunion wurde so zum eigentlichen Sieger über Deutschland. Mit der Eroberung Berlins am 2. Mai 1945 und der Wiederholung der deutschen Gesamtkapitulation im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst am 8. Mai 1945 wurde das auch symbolisch deutlich. 

Seit kurz nach Mitternacht des 8. Mai 1945 hatten in Europa die Waffen geschwiegen. Wegen des Zeitunterschieds hatte der 9. Mai für die Sowjetunion schon als ein ganz normaler Arbeitstag begonnen, aber mittags hörten die Menschen im Osten des riesigen Landes, an den Küsten des Stillen Ozeans, auf zu arbeiten – und im Westen, in Moskau, wo es noch früher Morgen war, fing man erst gar nicht an: Der Rundfunk hatte die bedingungslose Kapitulation Deutschlands verkündet; der 9. Mai war zum Feiertag erklärt worden. Überall strömten die Menschen zusammen und feierten trotz aller Erschöpfung spontan, erleichtert und ausgelassen das Ende des Krieges und den Sieg. Selbst die Strafgefangenen des Gulagmachten da keine Ausnahme: Sie wurden von der Arbeit zurückgeholt und feierten ebenfalls »ihren« Sieg. Formell  war es zwar noch nicht ganz das Ende des Krieges, denn im Osten, gegen Japan, sollte er für die Sowjetunion, wenn auch nur für gut drei Wochen, erst noch beginnen. Aber das wussten damals erst wenige und die sowjetische Bevölkerung überhaupt nicht. Formell endete der Zweite Weltkrieg zwar auch für die Sowjetunion erst mit der Kapitulation Japans am 2. September 1945. Aber was da im Fernen Osten jenseits der eigenen Grenzen, in der Mandschurei, ab dem 9. August noch vor sich ging, wurde kaum noch zur Kenntnis genommen. Im Bewusstsein der Sowjetbürger war der Krieg seit der deutschen Kapitulation beendet. 

 

 

 

 

Zweiter Weltkrieg – »Großer Vaterländischer Krieg«

Ungeheuere Opfer hatte dieser Triumph die Sowjetunion gekostet. Aber ihre Truppen standen nun im Herzen Europas. Aus einer zunächst geächteten und später nicht ernst genommenen Randmacht des europäischen Staatensystems nach dem Ersten Weltkrieg war sie zu einer Zentral-, ja einer Weltmacht geworden, die militärisch nur den Vereinigten Staaten den Vortritt lassen musste. Der Leistung und dem Leiden ihrer Bevölkerung galten die Sympathien der westlichen Welt. Niemand hatte 1941 diesen erstaunlichen Erfolg erwartet, hatte es doch an Zeichen innerer und äußerer Schwäche des Sowjetsystems nach den Orgien des »Großen Terrors« nicht gemangelt. 

Völlig verständlich deshalb, dass es der Kampf gegen Deutschland und sein siegreiches Ende waren, die in der Erinnerung einzelner wie im historischen Bewusstsein, im kollektiven Gedächtnis der Bürger der Sowjetunion wie des postsowjetischen Russlands als der eigentliche Krieg haften blieben. Dementsprechend heißt es in einem neuen Lehrbuch zur russischen Geschichte: »Der Große Vaterländische Krieg 1941–1945 ist das bedeutendste und tragischste Ereignis der Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert.«[5] Diese Aussage wird man als repräsentativ für das Geschichtsbewusstsein im heutigen Russland ansehen können, nachdem die Erinnerung an Revolution und Bürgerkrieg, an die Schrecken der Kollektivierung und des »Großen Terrors« 1937/38 doch weitgehend verblasst ist. Dabei fällt auf, dass nicht die Rede vom »Zweiten Weltkrieg« ist. Seit den Ereignissen selbst hat man in der Sowjetunion einen Unterschied zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Krieg gegen Deutschland gemacht, eine Unterscheidung, die bis heute beibehalten wird, auch wenn die Ursachen des Krieges inzwischen entschieden anders gesehen werden als zu Sowjetzeiten.[6] 

Der eine, der »Weltkrieg«, war nach sowjetischer Auffassung ein »imperialistischer Krieg«, der im Übrigen nicht erst mit dem deutschen Angriff auf Polen begann. Vielmehr hatte Stalin den Delegierten des 18. Parteitags der VKP (b) bereits im März 1939 verkündet, dass der »neue imperialistische Krieg« zur »Tatsache« geworden sei, wobei er die militärischen Verwicklungen Italiens in Afrika und Japans in China im Blick hatte.[7] Eine Woche nach dem Beginn des deutschen Überfalls auf Polen hatte Stalin den Kominternführern Georgij Dimitrov und Dmitrij Manuil’skij zur Orientierung für die Kommunistischen Parteien der Welt den Krieg ganz in diesem Sinne als Auseinandersetzung »zwischen zwei Gruppen kapitalistischer Staaten […] um die Aufteilung der Welt und um die Weltherrschaft« erläutert, einen Krieg, gegen den man nichts habe, weil sich die imperialistischen Länder gegenseitig schwächten. Er diene der Ausbreitung des Sozialismus, weil er das kapitalistische System untergrabe. Die Unterscheidung kapitalistischer Staaten in demokratische und faschistische habe ihren früheren Sinn verloren. Die Kommunistischen Parteien sollten nun nicht mehr für die Demokratie und gegen den Faschismus kämpfen. »Wir können manövrieren und die eine Seite gegen die andere aufhetzen, damit sie sich umso heftiger gegenseitig zerfleischen. Der Nichtangriffspakt hilft Deutschland in gewisser Weise. Bei nächster Gelegenheit muss man die andere Seite aufhetzen.«[8]

Die Widersprüche der imperialistischen Staaten im Interesse der Sowjetmacht und damit auch der Revolution auszunutzen – das war ganz im Sinne der Überlegungen, mit denen Lenin 1918 den Separatfriedensvertrag mit dem Deutschen Kaiserreich gerechtfertigt hatte. Ganz anders jedoch am 22. Juni 1941: drei Stunden nach Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, erläuterte Stalin Dimitrov um 7 Uhr morgens zur Information der erneut desorientierten kommunistischen Parteien, dass es sich bei diesem Krieg um einen »vaterländischen Krieg« des Sowjetvolkes gegen das faschistische Deutschland handele, das einige Völker versklavt habe und noch weitere versklaven wolle. Die »Frage der sozialistischen Revolution ist nicht aufzuwerfen«, wie Dimitrov notierte.[9] 

In diesem patriotischen Sinne rief auch der Moskauer Metropolit Sergius noch am 22. Juni in einem Sendschreiben die Rechtgläubigen zur Verteidigung der »heiligen Grenzen« des Vaterlandes auf.[10] Zwei Tag später veröffentlichten die Pravda und die Armeezeitung Krasnaja Zvezda ein Gedicht von Vasilij LebedevKumač mit dem Titel »Der heilige Krieg«, in dem das Volk aufgerufen wurde, sich zum Kampf auf Leben und Tod in einem »Volkskrieg«, einem »heiligen Krieg«, gegen das faschistische Böse zu erheben. Wenige Tage später war das Lied bereits von Aleksandr Aleksandrov als eingängige Marschmusik vertont; Anfang Juli wurde es unter seiner Leitung vom Rotbannerensemble der Roten Armee auf dem Weißrussischen Bahnhof zur Verabschiedung von Soldaten, die an die Front gingen, uraufgeführt. Es rief ungeheuere Begeisterung hervor und wurde von diesem Tag an praktisch zur Kriegshymne der UdSSR und zum populärsten Lied des Krieges überhaupt. Bis in die Gegenwart ist es populär geblieben.[11] 

Der Krieg wurde offiziell jedoch nicht Volkskrieg, sondern in direkter Anlehnung an den Krieg von 1812 gegen Napoleon »Vaterländischer Krieg« und schon wenige Monate nach Kriegsbeginn in kanonisierter Form nur noch »Großer Vaterländischer Krieg« genannt. Angesichts der tödlichen Bedrohung durch Deutschland ist der Zweite Weltkrieg immer als Kampf auf dem eigenen Boden und um die eigene Existenz wahrgenommen worden. Ähnlich wie für die Amerikaner der Krieg im Osten Europas ein »unbekannter Krieg«[12] blieb, war für die Sowjetbürger der Krieg im pazifischen Raum, in Nordafrika und letztlich auch der in Westeuropa im Bewusstsein kaum präsent und wurde als etwas vom eigenen Krieg Getrenntes und nicht als Teil der deutschen Aggression wahrgenommen. Die bis August 1945 gegenüber Japan gewahrte Neutralität mag ebenfalls etwas mit dieser Wahrnehmung zu tun haben. 

Der eigentliche Krieg war für die Sowjetbürger der »Große Vaterländische Krieg«. Bei dieser für Nichtrussen etwas sperrigen Bezeichnung ist es auch nach dem Ende der Sowjetunion geblieben. Nicht geblieben ist es bei der offiziellen sowjetischen Interpretation, dass der »imperialistische Krieg« erst beim Kriegseintritt der Sowjetunion den Charakter eines »gerechten Befreiungskrieges« angenommen habe. Die sehr lange vertretene These, dass die Westmächte den Expansionsdrang des nationalsozialistischen Deutschland bewusst nach Osten, gegen die Sowjetunion lenken wollten, wird ebenfalls nicht mehr vertreten. 

Allerdings ist bis heute keineswegs allgemein anerkannt, dass die Sowjetunion durch den Nichtangriffsvertrag mit Deutschland vom 23. August 1939, seine Zusatzprotokolle und die bis zum 22. Juni 1941 verfolgte, »wohlwollende Neutralität« die deutsche Aggression unterstützt habe. Das oben angeführte Lehrbuch ringt sich immerhin zu der Aussage durch, dass die UdSSR in der Phase 1939 bis 1941 nicht in der Lage war, »normale diplomatische Beziehungen« mit dem faschistischen Deutschland zu unterhalten, sondern zu seinem »unfreiwilligen Verbündeten« wurde.[13] Die jüngsten größeren Werke zum Zweiten Weltkrieg bzw. zum »Großen Vaterländischen Krieg« gehen auf dieses Problem gar nicht ein, sondern attestieren der sowjetischen Politik durchgängig defensive Absichten und rechtfertigen dadurch nicht nur die »Appeasement-Politik« gegenüber Deutschland, sondern auch die sowjetische Territorialexpansion im Schatten des Paktes mit Hitler.[14] Die Expansion richtete sich 1939/40 immerhin gegen alle europäischen Nachbarn der Sowjetunion: Besetzung und Sowjetisierung Ostpolens ab dem 17. September 1939, »Winterkrieg« gegen Finnland vom 30. November 1939 bis zum 13. März 1940, Annexion Bessarabiens und der Nordbukowina nach einem Ultimatum an Rumänien am 26. Juni 1940, Besetzung der baltischen Staaten und deren Umwandlung in Sowjetrepubliken im Sommer 1940. 

Die sowjetische Politik gegenüber Deutschland 1939 bis 1941 wird in dieser Sicht explizit auf eine Stufe mit dem Handeln Englands und Frankreichs in der europäischen Krise 1938 bis 1941 gestellt. Dabei ist dieses Handeln in seiner Unentschlossenheit und seiner Taktiererei zweifellos kritikwürdig, aber es ist doch erstaunlich zu sehen, dass es auch postsowjetischen Historikern schwer zu fallen scheint, einen Unterschied zwischen der britisch-französischen Politik im Zusammenhang mit dem Münchener Abkommen und der sowjetischen Komplizenschaft mit Deutschland zu erkennen.[15] Das ist in gewisser Weise symptomatisch für die russische Historiographie: Nach einer Phase recht kritischer Haltung zur sowjetischen Innen- und Außenpolitik unter Stalin im Vorfeld des Weltkrieges, die von der Perestrojka bis in die Mitte der neunziger Jahre reichte,[16] dominiert inzwischen eine aus der Siegesperspektive geschriebene Historiographie, die einen patriotischen, eher affirmativen Grundzug reflektiert.[17] 

 

Die Kriegsvorbereitungen der Sowjetunion

Bei aller Fragwürdigkeit der sowjetischen Politik im Vorfeld des deutschen Überfalls hat man in Moskau die Zeit sehr wohl genutzt, um sich auf eine militärische Auseinandersetzung mit Deutschland vorzubereiten. Dabei waren die sowjetischen Rüstungsausgaben im Übrigen schon in den dreißiger Jahren ebenso hoch wie die Deutschlands gewesen.[18] Nun aber, seit dem Abschluss des Nichtangriffspaktes, lief die sowjetische Kriegsvorbereitung auf Hochtouren. So wurde der Arbeiterschaft im Interesse besserer Nutzung ihrer Arbeitskraft durch Gesetz vom 26. Juni 1940 das Recht auf Kündigung und auf freie Arbeitsplatzwahl genommen. Zudem wurden Disziplinverstöße unter harte Strafen gestellt, während zugleich die Arbeitszeit erheblich verlängert wurde. Am 19. Oktober 1940 wurden die Arbeitskräfte endgültig mobilisiert: sie durften nun auch gegen ihren Willen an andere Arbeitsplätze versetzt werden.[19] 

Zugleich nahm die Personalstärke der Roten Armee in rasantem Tempo zu. Sie vervierfachte sich zwischen Januar 1937 und Januar 1941 von 1,1 Millionen auf 4,2 Millionen und erreichte im Juni 1941 fast 5,4 Millionen.[20] Das gleiche gilt für die Rüstungsproduktion: Sie stieg allein 1940 gegenüber 1939 um ein Drittel.[21] Dank dieser Anstrengungen verfügte die Rote Armee bei Kriegsbeginn über ein riesiges Waffenarsenal, darunter z. B. mehr Panzer als alle anderen Armeen der Welt zusammen.[22] Diese Steigerung beruhte zum Teil auf dem Bau neuer, zu einem großen Teil aber auch auf der »Umprofilierung« bestehender Fabriken, die nun, wie die Traktorenwerke von Stalingrad und Čeljabinsk, statt Traktoren Panzer produzierten. Selbstverständlich waren unter diesen Panzern viele veraltet, aber inzwischen wurden fast nur noch die neuesten Typen produziert, die sich den deutschen bei Kriegsbeginn als überlegen erwiesen. 

Die Artillerie- und Flugzeugproduktion wurde in ähnlicher Weise forciert. Insbesondere die vernachlässigte Herstellung von Kampf- und Bombenflugzeugen wurde seit Beginn des Krieges in Europa um nahezu jeden Preis erhöht: Nachdem 1939 die Errichtung von neun Flugzeug- und sieben Motorenwerken begonnen worden war, wurden 1940 noch einmal sieben Metall verarbeitende Betriebe auf die Herstellung von Flugzeugen »umprofiliert«. Das ergab eine Ausweitung der Produktionskapazität um 70 Prozent. Welche Bedeutung der Produktion dieser modernen Waffen beigemessen wurde, ergibt sich aus einer Direktive vom

16. November 1940, wonach die Fabriken ihre Produktionsziffern täglich an das ZK, d. h. an Stalin zu melden hatten. Zulieferer und Eisenbahn hatten sich ebenfalls dieser Prioritätensetzung zu unterwerfen. Der für seinen Verfolgungseifer aus den Jahren des Terrors 1937/38 berüchtigte Lev Mechlis hatte auf dem neu geschaffenen Posten eines Volkskommissars für Staatskontrolle die Einhaltung dieser Direktiven zu überwachen. Aufgrund dieser Maßnahmen explodierte die Produktion geradezu. Vom 1. Januar 1939 bis zum 22. Juni 1941 wurden fast 18 000 Flugzeuge an die Rote Armee ausgeliefert, davon 3 700 der neuesten Modelle, die ebenfalls den deutschen nicht nachstanden.[23] 

Ebenso wichtig wie die Produktionssteigerung selbst war die beginnende Verlagerung eines Teils der Produktion nach Osten, so dass bei Kriegsbeginn bereits 20 Prozent der sowjetischen Rüstungsproduktion aus Gebieten östlich der Wolga kamen.[24] Diese rechtzeitige und nach Kriegsbeginn forcierte Ostverlagerung machte es z. B. möglich, dass die Sowjetunion in der zweiten Jahreshälfte 1941 trotz aller Verluste und Evakuierungsausfälle immer noch mehr Panzer produzierte als Deutschland während des ganzen Jahres 1941.[25] Die deutsche Rüstungsproduktion wurde während des gesamten Krieges bei weitem übertroffen. Es kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, dass die sowjetische Wirtschaft am Vorabend des 22. Juni 1941 eine »mobilisierte Wirtschaft«, eine »Kriegswirtschaft in Friedenszeiten« war, wie Jacques Sapir es genannt hat.[26] Und selbst wenn nicht alle Ausrüstung dem neuesten Stand entsprach und die »Säuberungen« der Jahre 1937/38 das Offizierskorps der Roten Armee dezimiert und »enthauptet« hatten, so stellte diese bei Kriegsbeginn dennoch eine Streitmacht dar, die die Deutschen an sich nicht zu fürchten hatte. 

Auf »welchen Krieg« sich die Sowjetunion derart vorbereitete, ist seit dem Ende der Sowjetunion in Russland umstritten.[27] Viktor Suvorov hat mit seiner These, dass Stalin einen Angriffskrieg gegen Deutschland geplant habe und Hitler ihm mit einem Präventivkrieg um wenige Wochen zuvorgekommen sei,[28] heftige Kontroversen ausgelöst. Er hat keineswegs nur Widerspruch und Anfeindungen, sondern, anders als unter professionellen deutschen Historikern, auch viel Zustimmung gefunden. Die Zustimmung gilt allerdings lediglich den Stalin unterstellten Angriffsplänen, nicht der These vom Präventivcharakter des deutschen Angriffs, die in der rechtslastigen historischen Publizistik in Deutschland aufgegriffen wurde.[29] 

Die Diskussion in Russland geht unvermindert weiter, im wesentlichen gestützt auf die Tatsache, dass Generalstabschef Georgij Žukov Stalin im Mai 1941 einen Präventivschlagsplan vorgelegt hatte, der von diesem jedoch zurückgewiesen worden sei. Allerdings werden nur die bereits seit Volkogonovs StalinBiographie im wesentlichen bekannten Tatsachen und Indizien kontrovers weiterinterpretiert, denn konkrete Pläne und Maßnahmen des Kreml sind für die Zeit nach Mitte Mai 1941 praktisch unbekannt.[30] Solange die entsprechenden sowjetischen Archivdokumente unter Verschluss bleiben, wird es in dieser Frage keine Klärung, sondern weiterhin Raum für Vermutungen und Spekulationen geben. Es ist zumindest keineswegs sicher, dass Stalin nur als Reaktion auf einen deutschen Angriff in den Krieg eingreifen wollte. Das Für und Wider in dieser Frage soll hier jedoch nicht erörtert werden.[31] Es muss der Hinweis genügen, dass es bei aller Ungeklärtheit gewichtige Indizien dafür gibt, dass Stalin eine militärische Auseinandersetzung mit Deutschland, wie auch immer ausgelöst, erst für 1942 erwartete und die sowjetischen Vorbereitungen daraufhin ausrichtete. Das ihm von Suvorov und Vertretern ähnlicher Ansichten immer wieder unterstellte Kalkül, nach einem Ausbluten der kapitalistischen Mächte als »lachender Dritter« in den Krieg eingreifen zu wollen, konnte für 1941 angesichts der ungebändigten Macht Deutschlands und der Rüstungsanstrengungen des unbesiegten England jedenfalls keine Geltung haben.

 

 

Die Abwehr des deutschen Überfalls

Eine Grundüberzeugung Stalins vor Juni 1941 war es gewesen, dass Hitler, wie in Mein Kampf dargelegt, den Zweifrontenkrieg für die entscheidende Ursache der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg hielt und deshalb selbst keinen unprovozierten Zweifrontenkrieg führen werde. Doch Hitler plante seit dem Sieg über Frankreich im Sommer 1940 den ohnehin beabsichtigten »Lebensraum«-Krieg im Osten, um England seines »Festlandsdegens« zu berauben und auf diese Weise niederzuzwingen. Meldungen über die deutschen Angriffsvorbereitungen trafen zwar täglich aus eigenen und fremden Quellen in Moskau ein, aber unter dem Einfluss Stalins und seiner Überzeugungen wurde alles als »Desinformation« interpretiert: Desinformation der Deutschen, die die Briten über ihre eigentlichen Absichten täuschen, bzw. Desinformation der Briten, die die Sowjetunion aus durchsichtigem Interesse in den Krieg ziehen wollten. Im Prinzip waren derartige Erwägungen zwar durchaus realistisch, und das Beispiel des amerikanischen Umgangs mit den Meldungen über japanische Angriffsabsichten vor Pearl Harbor sollte generell zu denken geben. Aber es bedurfte doch eines Stalin und eines auf seine Persönlichkeit zugeschnittenen Herrschaftssystems, um jegliche alternative Interpretation der geradezu hereinströmenden Meldungen auszuschließen. Nur so ist zu erklären, dass der Volkskommissar für innere Angelegenheiten Lavrentij Berijanoch am 21. Juni 1941 die Abberufung des  sowjetischen Botschafters in Berlin Vladimir Dekanozov verlangte, weil dieser ihn unaufhörlich mit »Desinformation« über einen bevorstehenden deutschen Angriff »bombardiere«.[32]

Es mag sogar sein, dass Berija die Überzeugungen Stalins nicht einmal teilte und nur auf diese bizarre Weise glaubte, Meldungen über deutsche Angriffsabsichten an einen vom Gegenteil überzeugten Stalin weitergeben zu können. Doch dem Ernst der Lage angemessene militärische Vorkehrungen waren auf diese Weise nicht zu erreichen. Ende Mai wurde zwar eine verdeckte Teilmobilmachung durch die Einberufung von wehrpflichtigen Reservisten im Umfang von 800 000 Mann und die Heranführung weiterer Truppenverbände aus dem Innern des Landes an die Westgrenze bis zum 10. Juli 1941 angeordnet, aber jegliche militärische Vorsichtsmaßnahme an der Demarkationslinie selbst und in den westlichen Militärbezirken wurde strengstens untersagt, um die deutsche Seite nicht zu einem Angriff zu provozieren. Die Auffassung, dass es beim deutschen Aufmarsch nicht um ernste Angriffspläne ging, sondern dass »ein großes Spiel gespielt« werde, wie Vjačeslav Molotov es am 21. Juni gegenüber Kominternführer Dimitrov ausdrückte, war ungebrochen.[33] Stalin selbst hielt sogar am 22. Juni noch einige Stunden nach Beginn des deutschen Überfalls an der Überzeugung fest, dass der Angriff eine Provokation deutscher Generäle sei, die ohne Wissen und Zustimmung des »Führers« gehandelt hätten, weil Hitler »nicht so ein

Dummkopf sei, freiwillig eine zweite Front zu eröffnen«.[34] 

Doch Hitler war es, und der Angriff kam für die sowjetischen Truppen vollkommen überraschend. Seit der Morgendämmerung des 22. Juni 1941 drangen drei deutsche Heeresgruppen mit starken Panzerverbänden, unterstützt von drei Luftflotten und Truppen der Verbündeten in Richtung Leningrad, Moskau und Kiew vor, ohne zunächst auf ernsten Widerstand zu stoßen. Die Verbände der Roten Armee waren dem Angriff absolut nicht gewachsen, weil neben die Überraschung auch eine schlechte operative Führung trat. Letztere zeichnete sich dadurch aus, dass sie auf der Basis einer strategischen Grundeinstellung offensiver Verteidigung vorging, die der neu entstandenen Situation unangemessen war. Das kam dem deutschen Angriffskonzept sogar noch entgegen und lässt die deutschen Erfolge der Anfangszeit nicht zuletzt durch sowjetisches Versagen erklären.

Die deutsche Kriegsplanung war in ihrer Verblendung ohnehin von einem schnellen Sieg bis zum Wintereinbruch ausgegangen. Aber auch im Kreml war man trotz der am ersten Kriegstag von Molotov namens der Staatsführung ausgegebenen Parole »Unsere Sache ist gerecht. Der Feind wird vernichtet werden. Der Sieg wird unser sein« keineswegs vom Sieg überzeugt. Nach der Einnahme von Minsk durch die Deutschen Ende Juni 1941 sprach Stalin davon, dass der von Lenin aufgebaute Sowjetstaat »verschissen« sei und zog sich für einige Tage auf seine Datsche in Kuncevo, einem Vorort Moskaus, zurück.[35] Anfang Oktober 1941, als den Deutschen nach den Worten Žukovs »alle Tore nach Moskau offen standen«, schien Stalin noch einmal in einen Schockzustand versetzt worden zu sein.[36] Mit diesem plötzlichen Angriff hatte die Führung im Kreml nicht gerechnet. Stalin ließ Berija über den bulgarischen Botschafter Stamenov kurzzeitig sogar Möglichkeiten eines verzichtreichen Friedens nach dem Muster von BrestLitovsk mit den Deutschen sondieren, wie Marschall Žukov und andere berichtet haben.[37] Was damals in Moskau ernsthaft geplant wurde, ist bis heute unklar. Die militärischen Aussichten wurden jedenfalls als düster angesehen.

Die sowjetischen Kriegsaussichten hatte man in London und Washington von Anfang an pessimistisch beurteilt, nicht zuletzt auch wegen der blutigen Säuberungen in der Roten Armee und ihrer Mühen im »Winterkrieg« gegen Finnland: drei Wochen bis drei Monate gab man der Sowjetunion bis zur Kapitulation. Auf dem Schlachtfeld sah es zunächst auch tatsächlich danach aus. Hitlers Generalstabschef Franz Halder war angesichts der Anfangserfolge sogar so im Rausch, dass er bereits am 3. Juli 1941 im Kriegstagebuch notierte, dieser Krieg sei in 14 Tagen gewonnen worden.[38] Die Wehrmacht konnte bis zum Herbst 1941 im Norden Leningrad einschließen, in der Mitte mit ihren Spitzen bis in die Vororte Moskaus vorstoßen und die gesamte Ukraine besetzen. Die Einnahme der Hauptstadt Moskau schien Mitte Oktober 1941 nur noch eine Frage von Tagen zu sein. Am 15. Oktober wurden die meisten Regierungseinrichtungen überstürzt evakuiert, die wichtigsten Objekte waren zur Sprengung vorbereitet worden. Alle in der sowjetischen Führung rechneten mit der Besetzung der Stadt durch die Deutschen, wie Dimitrov am 17. Oktober 1941 im Tagebuch notierte.[39] Und tatsächlich wäre die Besetzung der Stadt keine Überraschung gewesen, denn die Rote Armee verlor in den Kesselschlachten von Białystok, Smolensk, Kiev und Vjaz’ma-Brjansk bis Ende 1941 nicht nur ihre ganze Erstausrüstung an Kriegsgerät – darunter 20 000 Panzer und 18 000 Flugzeuge –, sondern auch einen Großteil ihres Mannschaftsbestandes. Jahrzehntelang waren diese Verluste tabu. Nach neueren russischen Angaben waren es etwa 4,5 Millionen Mann an Gefangenen, Verwundeten und Toten, aber diese Zahlen sind unvollständig.[40] 

Dennoch irrte nicht nur Generalstabschef Halder gewaltig. Das deutsche Blitzkriegskonzept scheiterte trotz der Schwindel erregenden Erfolge bereits im Winter 1941, weil man den Krieg nicht direkt beenden, sondern unter den Schlägen der Roten Armee insbesondere vor Moskau seit Anfang Dezember unter großen Verlusten zurückweichen musste. Im Sommer 1942 gelang es der Wehrmacht dann zwar noch einmal, in Richtung Wolga und Kaukasus große Erfolge zu erzielen, so dass die sowjetische Niederlage erneut in den Bereich des Möglichen zu rücken schien. Aber allen deutschen Hoffnungen und Illusionen zum Trotz brach die Sowjetunion nicht zusammen, sondern am Ende war sie es, die den Sieg errang. 

Stalingrad brachte mit der Einschließung und der Kapitulation der 6. Armee Ende Januar/Anfang Februar 1943 die Wende. Von den ursprünglich über 300 000 Eingeschlossenen gingen Anfang Februar 1943 90 000 Überlebende einschließlich ihres gerade noch zum Feldmarschall ernannten Oberbefehlshabers Friedrich Paulus in Gefangenschaft. Rein militärisch war Stalingrad zwar weder für die Wehrmacht die größte Niederlage noch für die Rote Armee der bedeutendste Sieg. Die Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte östlich von Minsk im Sommer 1944 hatte noch ganz andere Dimensionen. Aber Stalingrad wurde für die Deutschen zum Inbegriff des verlorenen Krieges im Osten und für die Sowjetunion zum Symbol der Fähigkeit zum militärischen Sieg in fast aussichtslos erscheinender Lage. Die deutschen Fronten und Nachschublinien waren hoffnungslos überdehnt und die Ressourcen erschöpft, während die sowjetische Kriegsmaschinerie nach der erfolgreichen Evakuierung der Rüstungsindustrie nun auf vollen Touren lief und auch die materielle Hilfe insbesondere der USA (Lend-Lease) die Offensivfähigkeit der Roten Armee merklich steigerte. 

Nach Stalingrad musste die Rote Armee zwar im März 1943 in der Ostukraine bei Charkow und Belgorod erneut unerwartete Niederlagen hinnehmen. Aber es kam nur noch einmal zu einer großen deutschen Offensive – im Juli 1943 bei Kursk, und selbst diese hatte nur noch begrenzte militärische Ziele. Dennoch scheiterte sie schon in den ersten Tagen und zeigte, dass die Offensivfähigkeit der deutschen Wehrmacht gebrochen war. Die Initiative ging nun vollends auf die Rote Armee über. Sie bewies, dass sie den Gegner mit großen Umfassungsoffensiven, d. dessen eigenen Mitteln, schlagen konnte und trieb die deutschen Truppen fast beliebig vor sich her. 

Wie ein riesiges Pendel mit der Drehachse in Leningrad bewegte sich die Front nach Westen. Bei Leningrad, das eine besondere Leidensgeschichte durchmachte, gab es bis Januar 1944 kaum Bewegung, nachdem im Januar 1943 südlich des Ladogasees ein schmaler Durchbruch in die belagerte Stadt erzielt worden war.[41] Im Süden gelang es zwar nicht, der Kaukasusarmee den Rückweg nach Westen abzuschneiden, aber man zwang die deutschen Armeen, sich ebenso schnell zurückzuziehen, wie sie gekommen waren. Das sowjetische Territorium – in den neuen, noch mit Hitler vereinbarten Grenzen – war bis zum Herbst 1944 mit Ausnahme eines deutschen Brückenkopfs in Kurland völlig befreit. Die Rote Armee stand vor den Toren Warschaus und Budapests und konnte Anfang 1945 sogar durch eigene Offensiven den anglo-amerikanischen Invasionstruppen zu Hilfe kommen, weil diese durch die deutsche Ardennenoffensive in ernste Bedrängnis geraten waren. 

Ende Januar 1945 erreichte die Rote Armee mit zwei Heeresgruppen (»Fronten«) die Oder. Der Weg nach Berlin stand ihr Anfang Februar 1945 mindestens so weit offen wie der Wehrmacht der Weg nach Moskau Anfang Oktober 1941. Es ist bis heute ungeklärt, ob es militärische oder politische Gründe waren, die Stalin bewogen, erst Mitte April den Befehl zum Angriff auf Berlin und zum Vorstoß an die Elbe zu geben. Ursprünglich hatte er den sofortigen Sturm auf Berlin beabsichtigt, und deutscherseits hatte man ihn durchaus für möglich gehalten. Die sowjetische Diskussion hat sich ganz auf das rein Militärische konzentriert, ohne die bündnispolitischen Aspekte einer sehr frühen Eroberung der deutschen Hauptstadt durch die Rote Armee zu bedenken.[42] Dank des Halts an der Oder gab man den Deutschen noch Gelegenheit zu defensiven Vorbereitungen, die jedoch wie alles, was damals noch für den »Endsieg« mobilisiert wurde, völlig irreal waren und den Ausgang der Kämpfe nur um Tage verzögerten. Nach kurzen, nichtsdestoweniger auch für die Rote Armee verlustreichen Kämpfen kapitulierte Berlin am 2. Mai 1945 gegenüber den sowjetischen Truppen, am 7. Mai folgte die Gesamtkapitulation der Wehrmacht in Reims, die am 8. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst wiederholt wurde.[43] Am 8. August erklärte die Sowjetunion vereinbarungsgemäß auch noch Japan den Krieg, das am 2. September 1945 kapitulierte. Damit war der Zweite Weltkrieg auch im Fernen Osten beendet. 

 

Der Sieg und sein Preis

Wie für die Amerikaner der Krieg gegen Japan im Pazifik, so war der Krieg gegen Deutschland in Europa der eigentliche Krieg für die Sowjetunion gewesen. Sie hatte ihn im Wesentlichen auf sich allein gestellt führen müssen. Die westlichen Alliierten hatten zwar durch ihre Hilfslieferungen, die Bombenangriffe auf deutsche Städte und die Kampftätigkeit in Nordafrika, Italien und, seit dem 6. Juni 1944, auch in der Normandie, ihren Beitrag zum Sieg über Deutschland geleistet, aber bis zur Kriegswende im Osten 1943 war dieser Beitrag doch recht bescheiden gewesen. Seit dieser Wende konnte die Sowjetunion gegenüber den westlichen Alliierten ein berechtigtes Selbstbewusstsein an den Tag legen. Insofern war es auch nicht unberechtigt, dass bereits am 24. Juni 1945, noch vor Ende des Krieges im Fernen Osten, auf dem Roten Platz eine glanzvolle Siegesparade abgehalten wurde, in der das Niederwerfen erbeuteter Feldzeichen und Standarten zahlloser deutscher Militäreinheiten am Fuße des Lenin-Mausoleums die Niederzwingung Deutschlands symbolisch wiederholte.[44] 

Die sowjetische Führung war mit dem Ergebnis des Krieges höchst zufrieden: Falls Stalins Stellung bei Kriegsbeginn je gefährdet gewesen sein sollte, so war sie 1945 gefestigter denn je. Schon während des Krieges war die absolute Herrschaft Stalins unangefochten, und mit Recht stellte der amerikanische Botschafter Harriman fest, dass Verhandlungen mit anderen als Stalin reine Zeitverschwendung seien.[45] Stalin war zur Personifizierung des Sieges geworden. Seine persönliche Herrschaft über die Partei war ebenso eindrucksvoll legitimiert wie die der Partei über Staat und Volk. Besonders außenpolitisch war der Erfolg beeindruckend. Wie der ehemalige Außenminister Molotov später im privaten Kreise nicht ohne Selbstgefälligkeit berichtete, hätten er und Stalin die Aufgabe, die »Grenzen unseres Vaterlandes« möglichst zu erweitern, nicht schlecht bewältigt.[46]Schon in der Zeit höchster Bedrängnis, im Dezember 1941, hatte Stalin gegenüber dem britischen Außenminister Eden deutlich gemacht, dass die Sowjetunion nicht bereit war, auf die Territorialgewinne, die im Zuge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes gemacht worden waren, zu verzichten. Im Gegenteil, die Phantasie ging auch noch darüber hinaus: bereits am 8. September 1941, dem Tag, an dem Leningrad vollends eingeschlossen wurde, sprach Stalin z. B. während eines mitternächtlichen Fliegeralarms im Luftschutzbunker der Kirov-Metrostation davon, Ostpreußen nach dem Sieg dem »Slawentum« zurückzugeben.[47] 

Das konnte damals kaum jemand für ernst halten. Doch der für die Sowjetunion unerwartet günstige Kriegsverlauf hat die Westmächte 1945 genötigt, den sowjetischen Grenzverschiebungsbegehren, wenn auch widerstrebend, nachzugeben. Die Sowjetunion konnte ihr Territorium an die Grenzen des Russischen Reichs vor 1914 ausdehnen, zum Teil sogar darüber hinaus, denkt man an die Kurilen im Osten oder Königsberg und die Nördliche Bukowina im Westen. Selbst koloniale Rechte des Zarenreichs in China, einem der Eckpfeiler der Rooseveltschen Nachkriegspläne im Sinne der »vier Weltpolizisten«, waren auf der Konferenz von Jalta mit dem Plazet der Westmächte erneuert worden. Darüber hinaus konnte Moskau dank des Vordringens der Roten Armee den »Cordon Sanitaire« osteuropäischer Staaten, den die Siegermächte des Ersten Weltkrieges gegen die Sowjetmacht errichtet hatten, in eine sowjetische Hegemonialsphäre, in ein Glacis im Vorfeld der eigenen Westgrenzen umwandeln, auch wenn die konkrete Gestalt dieser Hegemonie direkt bei Kriegsende noch nicht feststand.

Die Sowjetunion war unbestritten zur zweiten Weltmacht hinter den USA geworden. Internationale Fragen konnten und sollten nicht mehr ohne oder gar gegen sie entschieden werden. Ein neues »München« schien undenkbar. Aber alle militärische Macht und internationale Anerkennung konnten nicht verdecken, dass die Sowjetunion und ihre Bürger einen gewaltigen Preis für den Sieg bezahlt und unter der Last des Krieges schwer gelitten hatten. Dem neuen Weltmachtstatus war die Sowjetunion wirtschaftlich nicht gewachsen: sie war ein »armer Sieger«[48].

Die materiellen Verluste der Sowjetunion waren 1945 zur Untermauerung von Reparationsforderungen durch eine Staatliche Sonderkommission detailliert ermittelt worden. Der direkte Schaden wurde auf 679 Milliarden Rubel, nach offiziellem Kurs 128 Milliarden Dollar, beziffert. 50 Prozent des städtischen und 75 Prozent des ländlichen Wohnraums im Kriegsgebiet, 31 850 Industriebetriebe für vier Millionen Arbeiter, 65 000 km Eisenbahngleise und 4 100 Bahnhöfe waren danach ganz oder teilweise zerstört, 24 Millionen Stück Großvieh getötet oder geraubt und fünf Millionen Menschen nach Deutschland verschleppt worden.[49] Die Zahl der Toten wurde zwar auch ermittelt, aber sie war so hoch, dass man sie jahrzehntelang nicht öffentlich zu nennen wagte. Stalin gab die Gesamtmenschenverluste im März 1946 mit nur sieben Millionen an, obwohl ihm die seitens der Sonderkommission ermittelte Zahl von 15 Millionen Toten vorlag, davon etwa die Hälfte Soldaten.[50] Seit Chruščev wurden die Menschenverluste mit »über 20 Millionen« angegeben. Neuerdings wird offiziell die Zahl von 27 Millionen, 13 bis 14 Prozent der Vorkriegsbevölkerung, genannt, während manche Berechnungen zu noch höheren Verlusten kommen.[51] Allein der Hungerblockade fielen in Leningrad 800 000 bis 1 Million Zivilisten zum Opfer – in etwa so viele, wie die Verteidigung und Befreiung der Stadt die sowjetischen Streitkräfte kostete: 980 000 Tote, daneben 1,95 Millionen Verwundete und Seuchenerkrankte.[52] 

Aber auch diejenigen, die überlebten, hatten gelitten, und zwar in einem Ausmaße, wie es sich die Deutschen als Verlierer kaum vorstellen konnten. Alle Material- und Menschenressourcen wurden unter dem Motto »Alles für die Front.

Alles für den Sieg« für die Kriegführung und die Rüstung verwendet. Dabei wurden die gleichen extensiven Methoden des Umgangs mit Menschen und Material angewandt, die schon vor dem Kriege praktiziert worden waren. Die sowjetischen Streitkräfte hielten ständig elf bis zwölf Millionen Menschen unter Waffen, davon über sechs Millionen im Feldheer und 600 000 in der Flotte. Insgesamt standen 1941 bis 1945 wegen der Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen 34,5 Millionen Sowjetbürger in den Streitkräften unter Waffen, davon bis zu eine Million Frauen, vorwiegend in Sanitäts-, Schreibstuben- und ähnlichen Funktionen, aber, anders als etwa in Deutschland, durchaus auch im Kampfeinsatz als Scharfschützen, Piloten usw.[53] 

Die Industrie übertraf trotz aller Verluste schon 1941 die deutsche Rüstungsproduktion beträchtlich und baute ihren Vorsprung immer weiter aus. Aber für die Menschen, die im Hinterland blieben und die zur Armee Einberufenen in der Fabrik und in den Kolchosen ersetzten – Alte, Frauen und Halbwüchsige –, wurde fast nichts produziert. Sie arbeiteten zehn bis zwölf Stunden am Tag, und zwar sieben Tage in der Woche, d. h. ohne regelmäßigen freien Tag. An Luxus wie Urlaub wagte man nicht einmal zu denken. Die Strafen für Verletzung der Arbeitsdisziplin waren drakonisch und wurden auch angesichts der Härten des Krieges millionenfach verhängt, obwohl die Menschen schon von sich aus alles taten, um die Front und das Hinterland zu versorgen. Auf dem Dorf erging es den Bauern keineswegs besser: Auch hier wurde unerbittlich bestraft, wer das im April 1942 um 50 Prozent erhöhte Pflichtminimum an »Tagwerken« nicht leistete.

Soweit die Arbeiter in den üblichen, barackenartigen Fabrikunterkünften wohnten, taten sie dies in überfüllten, engen Räumen in dreistöckigen Pritschen übereinander. Die ohnehin bedrückenden Wohnverhältnisse waren aufgrund der Evakuierung und nicht organisierter Flucht generell noch schwieriger geworden. »Zemljanki« oder »Poluzemljanki«, d. h. ganz oder halb in den Boden gegrabene Behelfsunterkünfte, gehörten nicht nur zum Alltag von Straf- und Kriegsgefangenen, sondern auch von Hunderttausenden normaler Sowjetbürger. Angesichts der Energieknappheit kam in der kalten Jahreszeit auch das Frieren hinzu. 

Am schlimmsten jedoch war der Hunger, unter dem die Bevölkerung während des ganzen Krieges litt. Es gab zwar eine rationierte Versorgung der Stadtbevölkerung, aber sie verteilte den Mangel, der nach der Okkupation der wichtigsten Landwirtschaftsgebiete der Sowjetunion zwangsläufig war. Selbst tief im sowjetischen Hinterland hungerten die Menschen in einem Maße, wie man es in Deutschland nicht einmal in den »Hungerjahren« nach dem Kriege kennen lernte. Hungertote und Raubmord wegen Brot und Lebensmitteln waren keine Seltenheit, und Mundraub hatte Massencharakter, so dass das unselige »Ährengesetz« aus dem Jahr der Hungersnot 1932, das für Diebstahl von staatlichem und gesellschaftlichem Eigentum mehr als drakonische Strafen vorsah und das man längst vergessen glaubte, wieder hunderttausendfach zur Anwendung kam. Diebstahl von 400 g Brot konnte mit dem Tode bestraft werden.[54] 

Kolchosbauern ging es keineswegs besser, sondern eher schlechter als Fabrikarbeitern oder Städtern. Sie waren nicht an die leidlich funktionierende rationierte Brotversorgung angeschlossen und mussten sich weitgehend aus ihrer privaten Nebenwirtschaft ernähren. Für die gesellschaftliche Arbeit in den Kolchosen, die durch Erhöhung der Pflichttagwerke wie die Fabrikarbeit um 50 Prozent ausgeweitet wurde, erhielten sie kaum noch etwas. Vorstellungen vom deutschen »Reichsnährstand« kamen die Kolchosbauern nicht entfernt nahe. Trotz all dieser Härten und Entbehrungen haben sie dennoch zusammen mit der übrigen Bevölkerung, sei es im Hinterland, sei es an der Front, zur Abwehr des Angriffs und zum Sieg über den Feind alles gegeben. 

Erwartungen auf deutscher und Befürchtungen auf sowjetischer Seite, dass es an der Loyalität der Bevölkerung mangeln würde, haben sich nicht bestätigt, auch wenn das Bild, das sich im besetzten Gebiet und im Verhalten sowjetischer Kriegsgefangener bot, die Frage nach den Ursachen nicht einfach erscheinen läßt. Im besetzten Gebiet herrschten selbstverständlich andere Bedingungen. Hier litten die Einwohner unter direkten Kampfhandlungen gleichsam »doppelt«, weil die Front mit all ihrem Schrecken zweimal über sie hinwegging. Die deutsche Besetzung brachte keineswegs die Befreiung, die manche Sowjetbürger, vor allem natürlich in den neu annektierten Westgebieten, zunächst erhofften. Für alle Einwohner folgte vielmehr ein harter, auf Ausbeutung zielender Besatzungsalltag. Gegen die jüdischen Bevölkerungsteile wurde mit speziellen »Einsatzgruppen«, aber auch unter Beteiligung der Wehrmacht ein besonderer »Krieg« geführt, dem über zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen.[55] 

Hinzu kam der Partisanenkampf, der sich aufgrund der deutschen Vergeltungsmaßnahmen nicht zuletzt zu Lasten der ländlichen Zivilbevölkerung auswirkte, wobei auch die Partisanen selbst die Bevölkerung nicht mit Samthandschuhen anfassten.[56] Während der Besetzung litten die Einwohner deshalb unter diesem Kampf, besonders aber unter der Willkür und Brutalität der Deutschen und wurden an Ort und Stelle getötet, misshandelt und ausgebeutet oder als »Ostarbeiter« nach Deutschland verschleppt und dort – gemäß den Rassevorstellungen des NS-Staates – schlechter als alle anderen »Fremdarbeiter« behandelt. Auf dem Höhepunkt des Ausländereinsatzes im Reich im Spätsommer 1944 waren 2,2 Millionen »Russen« im Einsatz.[57] Weitgehend unbemerkt geblieben ist die Tatsache, dass auch die Arbeit im besetzten Gebiet Sklavenarbeit war und sich weder für die eingesetzten Zivilisten noch für die an Ort und Stelle zur Arbeit gezwungenen Kriegsgefangenen wesentlich von der im »Reichseinsatz« unterschied.[58]

Beim Rückzug der Wehrmacht wurde dann noch radikaler als beim Rückzug der Roten Armee 1941 eine Politik der »verbrannten Erde« praktiziert und erneut eine große Zahl von Zivilisten zwangsweise nach Deutschland verschleppt. Hinzu kam das Schicksal von insgesamt 5,7 Millionen Rotarmisten, die als Kriegsgefangene in deutsche Hand gefallen waren. Sie wurden, vor allem bis zum Frühjahr 1942, außerordentlich schlecht behandelt, so dass insgesamt 2,3 Millionen Rotarmisten in deutscher Gefangenschaft umkamen. 2,4 Millionen befanden sich bei Kriegsende noch in deutscher Hand. Sie waren, sofern sie überhaupt noch dazu in der Lage waren, zur Zwangsarbeit eingesetzt worden. Eine Million war zum Dienst in der Wehrmacht oder im besetzten Gebiet entlassen worden.[59] In deutscher Uniform hat rund eine Million Sowjetbürger als »Hiwis« in deutschen Einheiten, in der »Russischen Befreiungsarmee« des Generals Andrej Vlasov oder in eigens formierten nationalen Verbänden (»Legionen«) gedient. Das sind etwa ebenso viele, wie bei den Partisanen kämpften.[60] 

Auch im besetzten Gebiet war die Kollaborationsbereitschaft verbreitet. So wurde etwa die Partisanenbekämpfung im Wesentlichen durch einheimische Ordnungsdienste und Polizeiverbände vorgenommen.[61] Diese Diskrepanz zwischen der Beteiligung der Bevölkerung im besetzten Gebiet am Widerstand und am Partisanenkampf auf der einen Seite, aber zugleich auch der Bereitschaft zur zivilen und militärischen Kollaboration bzw. zur Partisanenbekämpfung auf der anderen ist eines der großen Rätsel nicht nur der Geschichte des besetzten Gebiets der Sowjetunion, sondern der sowjetischen Geschichte während des Weltkrieges überhaupt. Der unbezweifelbare Patriotismus und die offenkundige Opferbereitschaft auf Seiten der sowjetischen Bevölkerung im Kampf gegen die Deutschen machen die Erklärung des Phänomens der Kollaboration nur umso schwieriger. Mit Überzeugung oder Zwang allein ist weder dem einen noch dem anderen Phänomen beizukommen. Ohne die Berücksichtigung der Einübung von Anpassung als Überlebenstechnik schon lange vor Kriegsausbruch wird man nicht auskommen. 

 

Sieg und kein Frieden: Der Kalte Krieg 

So erleichtert und stolz die Sowjetbürger in ihrer Masse über den Sieg auch waren, so wenig brachte er ihnen über den Stillstand der Waffen hinaus Frieden – in mehrfacher Hinsicht. Für die baltischen Staaten, die Westukraine, Westweißrussland und die annektierten Teile Rumäniens bedeutete die »Befreiung« von den Deutschen zugleich die Erneuerung der sowjetischen Herrschaft, für die osteuropäischen Staaten nach einer vorübergehenden und als solche weitgehend akzeptierten sowjetischen Besetzung eine dauernde Sowjetisierung unter dem Zepter Moskaus, ungeachtet dessen, ob die betreffenden Staaten Opfer oder Verbündete Deutschlands gewesen waren. Das hieß überall Härten und Verfolgungen in unterschiedlichem Ausmaß, in den annektierten Westgebieten darüber hinaus Bürgerkrieg, so dass auch das Kriegsrecht dort erst am 4. Juli 1946 aufgehoben wurde.

Auch innerhalb der alten Grenzen der Sowjetunion endete zumindest die unbefangene Freude über den Sieg sehr bald. Hoffnungen auf ein besseres materielles Leben, auf größere geistige Freiheit, auf Milderung oder gar Auflösung des Kolchossystems als Anerkennung für die Leistungen und Entbehrungen während des Krieges erwiesen sich als Illusion. All die kleinen Freiheiten der Kriegszeit, die sich auch aus der Zusammenarbeit und den Kontakten mit den Verbündeten ergeben hatten, wurden nach dem Krieg im Zeichen des Kampfes gegen die »Katzbuckelei vor dem Westen«, wie es genannt wurde, sehr schnell zurückgenommen.[62] 

Der alte Staats- und Parteiapparat, selbst durch zahlreiche Beauftragte und Komitees kontrolliert,[63] ergriff mit den alten Methoden und Praktiken erneut Besitz von seinem Volk. Mit abgrundtiefem Misstrauen wurde jedem begegnet, der zeitweise unter deutscher Besatzung oder gar bei den Deutschen gelebt hatte. Dabei war eine strafrechtliche Verfolgung von Kollaborateuren völlig selbstverständlich. Aber es hatte den Anschein, dass das Unvermögen des Staates, seine Bürger vor den Deutschen zu schützen, diesen – als Verratsabsicht – zum Vorwurf gemacht wurde. Milde und Großmut, wie es nach solch einem Sieg ohne Autoritätsverlust durchaus möglich gewesen wäre, kam dem stalinistischen Staat nicht in den Sinn. Eine Heerschar von Mitarbeitern der Volkskommissariate[64] für Innere Angelegenheiten und für Staatssicherheit sowie der Gegenspionageorganisation der Roten Armee Smerš[65] nahm sich vielmehr all derer an, die im besetzten Gebiet oder als Ostarbeiter und Kriegsgefangene beim Feind gelebt hatten. Sogar Generalsekretär Leonid Brežnev hat in seinen Erinnerungen erwähnt, dass er als damaliger Gebietssekretär von Zaporož’e in den Nachkriegsjahren dafür Sorge zu tragen hatte, dass die Sicherheitsorgane nicht jeden als Verräter verdächtigten, der sich, »ohne es zu wollen, während des Krieges im besetzten Gebiet aufgehalten hatte«.[66]

Nicht jeder Betroffene unterlag der Repression, wie bisweilen der Eindruck erweckt wird, aber alle wurden eingeschüchtert und behielten einen Makel auf ihrer Biographie, den zumindest diejenigen, die während des Krieges nach Deutschland verschlagen worden waren, jahrzehntelang selbst vor Familienangehörigen zu verbergen suchten. Nichtsdestoweniger wurden Hunderttausende der insgesamt 4,2 Millionen bis März 1946 Repatriierten nach dem Durchlaufen von »Filtrierlagern« in den Gulag, in die Verbannung oder, nach kurzem Dienst in der Roten Armee, in Strafeinrichtungen wie »Arbeitsbataillone« der Streitkräfte oder die »Arbeitsarmee« des NKVD »repatriiert«. In Gefangenschaft geratene Offizieren wurden grundsätzlich als Verräter behandelt.[67] 

Aber nicht nur Individuen gerieten auf diese Weise in die Mühlen des sowjetischen Strafverfolgungssystems. Von Ende 1943 bis November 1944 wurden im Gefolge des Vorrückens der Roten Armee ganze Völker und nationale Minderheitengruppen aus dem Nordkaukasus, von der Krim und vom Nordrand des Schwarzen Meeres wegen angeblich erwiesener Kollaboration in den Ural, nach Sibirien und nach Mittelasien deportiert. So wie es den Sowjetdeutschen, etwa eine Million Menschen, bereits kurz nach Kriegsbeginn ergangen war,[68] erging es nun Karatschaiern, Kalmücken, Tschetschenen, Inguschen, Meschketen, Balkaren, Kabardinern, Krimtataren, Türken, Kurden und Griechen. Sie alle wurden unter pauschalem Verratsvorwurf und aufgrund von politischen Beschlüssen deportiert, selbst wenn sie, wie Tschetschenen und Inguschen, gar nicht unter deutscher Besetzung gelebt hatten. 

Insgesamt waren etwa zwei Millionen Menschen von diesen Kollektivbestrafungen im Zuge der Vertreibung der Deutschen betroffen.[69] All dies führte mit weiteren Verfolgungen von tatsächlichen und vermeintlichen Feinden und Verbrechern dazu, dass die Zahl der Insassen des Gulag, die während des Krieges stark gesunken war, von 1943 bis 1950 um 1,5 Millionen auf einen Höchststand von über 2,5 Millionen wuchs und sich bis 1953 nur geringfügig verminderte. Eine auch in der Höhe ähnliche Entwicklung zeigte die Zahl der verbannten »Sondersiedler«, mit dem Unterschied, dass hier der Tiefstand vor dem Krieg lag und seitdem durch die Zuführung neuer »Kontingente«, angefangen mit den Sowjetdeutschen 1941, kontinuierlich wuchs. Schon im Oktober 1945 zählten sie 2,2 Millionen, von denen nur 600 000 schon vor dem Krieg in der Verbannung gelebt hatten. Bis zum Tode Stalins wuchs die Zahl der »Sondersiedler« des NKVD noch einmal um eine halbe Million an.[70] 

Für die Masse der Sowjetbürger, die sich nach sowjetischen Maßstäben nicht spezifisch verdächtig gemacht hatten, bedeutete die Nachkriegszeit eine Rückkehr der Entbehrungen und Bedrückungen der Vorkriegszeit. Angesichts der schon während des Krieges latent vorhandenen Spannungen mit den ehemaligen Kriegsverbündeten, sich mit dem Fortfall des gemeinsamen Ziels nach dem Sieg über Deutschland sich sehr schnell entfalteten, wurde dieser Prozess beschleunigt. Die Regierungen der Verbündeten waren zwar letztlich bereit, Osteuropa der sowjetischen Hegemonie zu überlassen, aber sie konnten schon aus innenpolitischen Rechtfertigungsgründen die brutalen, undemokratischen Methoden direkter Herrschaft nicht dulden, zu denen die Sowjetunion griff, weil sie zur Anwendung von Methoden indirekter Herrschaft nicht willens und in der Lage war. Die öffentliche Austragung der Differenzen trug ebenso wie ihre Ideologisierung auf beiden Seiten zur Verschärfung der Spannungen bei. Truman-Doktrin und »Zwei-Lager-Theorie«, von ZK-Sekretär Andrej Ždanov erstmals auf der Gründungskonferenz des Kominform im September 1947 öffentlich formuliert, stehen für diese Ideologisierung von Gegensätzen. Sie ließen aus außen- und machtpolitischen Differenzen, die nach den Erschütterungen des Weltkrieges und angesichts des allen Beteiligten bekannten Charakters der Sowjetunion nicht völlig unerwartet kamen, den Kalten Krieg werden. 

Ob zu Recht bzw. selbstverschuldet oder nicht: die Sowjetunion glaubte sich vor dem Hintergrund dieser Spannungen erneut von Feinden umgeben. Gegen die neuen ideologischen und militärischen Gefahren mussten nicht nur das eigene Land, sondern nun auch die Satelliten in Europa und Asien gesichert werden. Das bedeutete für die Sowjetunion zunächst noch mehr als für die Satelliten die totale Isolation vom Ausland. Selbst Ehen mit Ausländern, auch Angehörigen der volksdemokratischen Staaten, wurden 1947 verboten. Im Zeichen der »Ždanovščina«, benannt nach dem für Kultur und Propaganda zuständigen ZK-Sekretär Ždanov, wurde die Intelligenz eingeschüchtert und auf antiwestlichen Kurs gebracht. Viele hatten wie Il’ja Ėrenburg geglaubt, dass sich der Terror der dreißiger Jahre nach den Leistungen des Sowjetvolkes im Krieg gegen Deutschland nicht wiederholen könnte. Doch »alles gemahnte an damals«, wie er in Erinnerung an die Nachkriegszeit schreibt. »Schriftsteller, Regisseure und Komponisten wurden zusammengetrommelt, man entlarvte ›Mitschuldige‹, die Liste der Missetäter wurde tagtäglich durch neue Namen ergänzt.«[71]Die berühmtesten Opfer unter den Künstlern waren Anna Achmatova, Michail Zoščenko, Sergej Prokof’ev und Dmitrij Šostakovič. Aber es ging nicht eigentlich um diese Personen, sondern um die Ausschaltung von geistiger Selbständigkeit und die Erzwingung von Anpassung, und zwar in allen Bereichen von Kultur und Wissenschaft.

Auch die untrennbar mit dem Stalinismus verbundene innere Repression, die angesichts der äußeren Bedrohung kurz nach Kriegsbeginn weitgehend eingestellt worden war, setzte wieder ein, selbst wenn sie nicht das Ausmaß der Vorkriegszeit erreichte. Ein 1945 auf der Höhe seines Ruhms stehender Militär wie Marschall Žukov verschwand schon 1946 in der Versenkung und drohte ins Bodenlose zu stürzen. Der Minister für Luftfahrtindustrie Aleksej Šachurin und Admiral Kuznecov, viele Jahre Volkskommissar für Kriegsmarine, sowie mehrere Admiräle, Luftmarschälle und Generäle gerieten in die Mühlen der Justiz.[72] Die Teilhaber der Macht, die Eliten von Partei und Staat, waren als aktive Beteiligte an diesem Geschehen selbst bedroht. 

Eine undurchschaubare »Affäre« folgte der anderen und forderte Opfer bis ganz oben. Zunächst war es die Kampagne gegen »Kosmopolitismus«, die das »Antifaschistische Jüdische Komitee« mit zahlreichen jüdischen Prominenten bis hin zum stellvertretenden Außenminister Lozovskij und der Ehefrau Molotovs unter ihren Opfern hatte.[73] Es folgte die »Leningrad-Affäre«, in deren Verlauf der ZK-Sekretär Aleksej Kuznecov, Politbüromitglied Nikolaj Voznesenskij und zahlreiche andere Partei- und Staatsfunktionäre hingerichtet oder in die Lager geschickt wurden.[74]Nach weiteren bis heute nicht geklärten Aktionen zog sich 1952 die Schlinge sogar um alte »Mitkämpfer« Stalins wie Anastas Mikojan, Vjačeslav Molotov und Kliment Vorošilov zusammen.[75] Die letzte düstere »Affäre« der Stalin-Zeit, die »Ärzte-Verschwörung«,  wurde durch Stalins Tod am 5. März 1953 unterbrochen. Die Hintergründe dieser Aktion, die ebenfalls stark antijüdische Züge trug, sind bis heute ungeklärt.[76] Im Grunde konnte kein Mitglied der engsten Führungsspitze sich sicher fühlen. Ein Politbüromitglied wie Aleksej Kosygin verabschiedete sich z. B. während der Leningrad-Affäre (1949 bis 1951) beim täglichen Gang zur Arbeit von der Familie so, als ob er am Abend nicht wiederkäme.[77] 

Selbst die Teilhaber der Macht waren mithin zugleich ohnmächtig und schienen in ihr Schicksal ergeben zu sein. Das war der Preis, den sie für ihre Stellung und zugleich für die Bestätigung Stalins und des Stalinismus durch den Sieg über Deutschland zahlten. Für die Masse der Bevölkerung bestand der Preis für den Sieg und die neue Stellung der Sowjetunion vor allem – wie vor dem Krieg – im Verzicht auf eine materiell bessere Gegenwart zugunsten einer angeblich sicheren Zukunft. Dem verbreiteten Verlangen nach einer wohlverdienten Erholung, das angesichts der Kriegsentbehrungen nur zu verständlich war, müsse entschieden entgegengetreten werden, wie Parteisekretär Ždanov unter Verweis auf Stalin auf einer ZK-Sitzung vom April 1946 verkündete.[78] Denn dem neuen Weltmachtstatus war die Sowjetunion wirtschaftlich längst noch nicht gewachsen. Dementsprechend wurden die Bürger nicht zuletzt mit dem Hinweis auf die Bedrohung durch den Westen angetrieben und errangen an der schwerindustriellen Produktionsfront einen Sieg nach dem anderen. Zu Lasten der ohnehin gespannten Beziehungen zu den ehemaligen Kriegsverbündeten wurde der Kalte Krieg als Instrument innerer Disziplinierung und Mobilisierung benutzt.[79] Mit Erfolg: 1948 erreichte man den Vorkriegsproduktionsstand der Schwerindustrie, 1949 verfügte die Sowjetunion über die Atombombe, erlaubte sich 1950 in Korea ein riskantes militärisches Abenteuer, wenn auch ohne direktes Eingreifen, und war den Amerikanern 1953 bei der Wasserstoffbombe sogar ein wenig voraus. 

An militärischer Macht war die Nachkriegs-Sowjetunion kaum noch zu überbieten. Aber das wurde mit denselben extensiven Methoden erreicht, die schon vor dem Krieg die sowjetische Wirtschaftsweise gekennzeichnet hatten und die auch durch den Erfolg im Krieg bestätigt worden waren. Der Sowjetbürger als Konsument blieb dabei jedoch erneut auf der Strecke. Die Hungersnot von 1946/47 kostete nach dem Aderlass des Krieges noch einmal rund 1,5 Millionen Menschen das Leben, während der Staat Getreide exportierte, um der Welt kein Zeichen der Schwäche zu bieten.[80]Die Kolchosen kümmerten dahin, weil der Staat sie auspresste, die Arbeiter lebten weiterhin in Baracken und notdürftig reparierten Gemeinschaftswohnungen, in denen eine Familie sich glücklich schätzen musste, wenn sie einen Raum für sich allein hatte. Hunger gehörte noch Jahre nach dem Krieg zur täglichen Erfahrung für die Sowjetmenschen, wenn sie nicht irgendwie privilegiert versorgt wurden. Und weil man als Nichtprivilegierter stehlen musste, um irgendwie durchzukommen, wurde im Juni 1947, wie schon im August 1932, erneut ein Gesetz zum »Schutze gesellschaftlichen Eigentums« erlassen, aufgrund dessen in kurzer Zeit eine Million Menschen wegen Mundraubs und Bagatelldiebstählen fünf Jahre ins Lager kam. Erst seit 1949 wurde mit der Vergrößerung des Warenangebots und jährlichen Preissenkungen bei Verbrauchsgütern eine spürbare Verbesserung der Alltagsversorgung vorgenommen.

Der Sieg über Deutschland bedeutete mithin für die Sowjetunion nicht nur die Rettung vor den deutschen Vernichtungsplänen und die Erhebung zur Weltmacht, sondern auch erneute hermetische Isolation vom Ausland und vor allem Rückkehr des Stalinismus mit Willkür, Repression und materiellen Entbehrungen. Dies war der Preis, den das Sowjetvolk noch nach dem Kriege für den Sieg und die neue internationale Stellung der Sowjetunion zu zahlen hatte. Die Masse der Bevölkerung hatte dazu keine Alternative, während die damalige sowjetische Elite keine Alternative dazu sah, zumindest keine, die den Weltmachtstatus der UdSSR und die Hegemonie über die Satellitenstaaten gesichert hätte. Ob es zu diesem Kurs der Spannungsbereitschaft und des Konsumverzichts wirklich keine Alternative gab, ist eine offene Frage. Es sei allerdings hinzugefügt, dass zur Verwandlung des Kriegsbündnisses in den Kalten Krieg zwei Seiten gehörten, es also nicht allein der Sowjetunion zuzuschreiben war, dass die Suche nach Gemeinsamkeiten im beiderseitigen Verhältnis der offenen Austragung von Gegensätzen unterhalb der Ebene bewaffneter Auseinandersetzung wich. 

 

Krieg und Erinnerung

Angesichts dieser relativ düsteren Nachkriegs- oder Kriegsfolgenerfahrung ist es jedoch kein Wunder, dass der Krieg selbst im kollektiven Gedächtnis nicht nur der Russen, sondern der meisten ehemaligen Sowjetbürger eine so große, ja überragende Rolle gespielt hat und immer noch spielt.[81] Denn zum einen hatte man mit dem Sieg über Hitler-Deutschland eine unbezweifelbare Leistung nicht nur für das eigene Land, sondern für ganz Europa vollbracht. Zum anderen aber gilt für große Teile der Bevölkerung, dass man sich in den Jahren des Krieges, ungeachtet der sonstigen Haltung zum Regime, mit der Sowjetführung in der Abwehr und Überwältigung des Feindes einig fühlte, einiger jedenfalls als je zuvor oder danach in der Stalinzeit. Der Krieg wurde trotz aller Härten und Opfer nach dem Taumel des Terrors als »Atempause« empfunden, eine Atempause, die mit der Reetablierung des alten stalinistischen Systems schon bald nach 1945 beendet war.[82]

Insofern wirkt sich schon der Vergleich mit dem Vorher und Nachher positiv für die Erinnerung an die Kriegszeit aus. Die Opfer und Leiden hingegen, die der Bevölkerung auferlegt wurden, wurden als Notwendigkeit akzeptiert, ohne dass die Frage wirklich gestellt wurde, ob der Preis für den Sieg nur wegen des deutschen Vernichtungs- und Zerstörungswillen so hoch hatte sein müssen. Schließlich betrugen die sowjetischen Menschenverluste an der Front wie in der Zivilbevölkerung mehr als das Doppelte des Verlierers Deutschland, der noch dazu an vielen Fronten gekämpft hatte. Für die russische Historiographie ist dies übrigens ein schmerzliches, eher gemiedenes Thema, das aber bisweilen auch auf unzulässige Weise verharmlost wird.[83] 

Kein Wunder ist es angesichts dieser fast ausschließlich positiv besetzten Erinnerung an den Krieg, dass auch der heutige russische Staat sie zur Traditionsbildung in höchstem Maße nutzt, wie es an den zahlreichen Memorialeinrichtungen ersichtlich ist und insbesondere 2005 aus den landesweiten Feierlichkeiten zum 60. Jahrestages des Sieges hervorgeht. Jeder siegreiche Staat würde vermutlich so handeln. Und wenn man als Deutscher das fast ausschließlich HeroischPatriotische dieser Erinnerungspflege etwas befremdlich findet und sich z. B. fragt, wo denn die ungeheuere Zahl von 18 Millionen zivilen Toten in der öffentlichen Erinnerung bleibt, so sollte man auch bedenken, dass die deutsche Sicht auf den Krieg selbstverständlich anders ist als die der Sieger insgesamt, nicht nur anders als die der Russen. 

Allerdings ist es seit der Perestrojka um die kritische »Aufarbeitung« der sowjetischen Geschichte ohnehin ruhig geworden. Gegenwärtig wird eine geradezu unbefangene Identifikation mit der stalinschen Außenpolitik und Kriegführung sichtbar. Wenn an der Spitze des »Sieges-Transportzuges«, der mehrere Tage mit Kriegsveteranen durch das westliche Russland zu den Feierlichkeiten nach Moskau fuhr, ein großes Stalin-Porträt mitgeführt wurde, dann ist das mehr als nur ein Zeichen historischer Authentizität: es ist zugleich ein Bekenntnis. Derartige Bekenntnisse werden offiziell nicht gefördert, aber auch nicht verhindert. Auch dies ist ein Beleg dafür, dass sich auf lange Sicht an der russischen Erinnerungskultur seit der Brežnev-Zeit wenig geändert hat. Für die zwiespältigen Gefühle in den baltischen und manchen osteuropäischen Staaten angesichts der Feiern zur Befreiung Europas vom Faschismus durch die Sowjetunion gibt es in Russland wenig Verständnis. Kritik an der sowjetischen Politik, einschließlich der Stalins, wird weitgehend als unziemlich betrachtet. Eine emotionslose Erörterung dieser Fragen ist nur schwer möglich, weil sie schnell ins Moralische übergeht und kritische Bemerkungen als Missachtung der Opfer ebenso wie der Leistungen der Sowjetunion betrachtet werden. Vielleicht wird das unaufhaltsame Ausscheiden der Generation, die den Krieg selbst erlebt hat, und die Übergabe der Erinnerungspflege an eine nachgewachsene Generation eine weniger moralische, dafür aber sachlichere Erörterung ermöglichen. 

Die Feier des 60. Jahrestages des Sieges war dazu gewiss nicht angetan. Dennoch wird aus diesen Feierlichkeiten ein neuer Aspekt der Kriegserinnerung hervorgehen: die internationale Anerkennung der Leistung der Sowjetunion für den Sieg über Deutschland, eine Anerkennung, die ihr in den Jahrzehnten des OstWest-Gegensatzes versagt geblieben war. Sie wurde symbolisiert durch die Präsenz von über 50 ausländischen Staats- und Regierungschefs, darunter höchster Repräsentanten ehemaliger Verbündeter und Deutschlands bei den Moskauer Feierlichkeiten am 9. Mai 2005. Bei aller Distanz, die man zur Pflege der Kriegserinnerung in Russland halten kann, und bei allen Umwegen, die etwa der amerikanische Präsident auch im übertragenen Sinne über Riga bzw. die baltischen Staaten und Georgien gemacht hat, wird man dennoch konstatieren können, dass es sich um eine späte, hochverdiente Anerkennung durch die wichtigsten Kriegsbeteiligten handelt. Dass diese Anerkennung erst nach dem Ende der Sowjetunion erfolgt, ist eine Ironie der Geschichte, die direkt auf den Kriegsausgang und die damals in den Ost-West-Gegensatz mündende neue internationale Stellung der Sowjetunion mit all ihren Problemen zurückweist. Im Hinblick auf diese internationale Anerkennung ist die Nachkriegszeit erst jetzt zu Ende gegangen.

 


[1]  Zu »Hitlers Krieg im Osten« ist ein Forschungsüberblick vorgelegt worden, der in einigen Fragen auch die sowjetische Seite einbezieht. Müller, Rolf-Dieter/Ueberschär, Gerd R.: Hitlers Krieg im Osten 1941–1945. Ein Forschungsbericht, Darmstadt 2000. 

[2]  Werth, Nicolas: Ein Staat gegen sein Volk, in: Courtois, Stéphane u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998, S. 51–295. 

[3]  Bis 10. Oktober 1941 sind 10 200 Angehörige der Roten Armee aufgrund von Beschlüssen der »Sonderabteilungen« sowie aufgrund von Kriegsgerichtsurteilen erschossen worden: Pečenkin, A. A.: Po zakonam voennogo vremeni. Ijun’–dekabr’ 1941 g. [Nach den Gesetzen der Kriegszeit. Juni bis Dezember 1941], in: Istoričeskij archiv 2000, H. 3, S. 37. Siehe zur Westfront Bonwetsch, Bernd: The Purge of the Military and the Red Army’s Operational Capability during the »Great Patriotic War«, in: Wegner, Bernd (Hrsg.): From Peace to War. Germany, Soviet Russia and the World, 1939–1941, Providence/Oxford 1997, S. 406–414. 

[4]  Živaja pamjat’ [Lebendiges Gedächtnis]. Bd. 3, Moskau 1995, S. 601 führt die Zahl von 1,9 Millionen km² zeitweise besetzten Territoriums an, andere Quellen sprechen von 1,8 Millionen. Die Bevölkerungszahl im besetzten Gebiet ist nicht genau festzustellen. Die Angaben von deutscher und sowjetischer Seite schwanken in dem genannten Bereich. 

[5]  Otečestvennaja istorija XX–načala XXI veka. Učeb. dlja 11 kl. obščeobrazovat. učreždenij [Vaterländische Geschichte vom 20. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Lehrbuch für die 11. Kl. der allgemeinen Bildungsanstalten]. Hrsg. von A. O. Čubar’jan, Moskau 2004, S. 116.

[6]  Der nur wenige Wochen dauernde Krieg der UdSSR gegen Japan 1945 wird ebenfalls unter dem »Großen Vaterländischen Krieg« subsumiert.

[7]  Stalin, J. W.: Werke. Bd. 14, Dortmund 1976, S. 185.

[8]  Zitiert nach Bonwetsch, Bernd: Stalins Äußerungen zur Politik gegenüber Deutschland 1939– 1941. Quellenkritische Bemerkungen. In: Ueberschär, Gerd R./Bezymenskij, Lev A. (Hrsg.): Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese, Darmstadt 1998, S. 146. Der Autor hat Stalins Worte aus dem Russischen übersetzt. Siehe auch die weitaus mildere Übersetzung in Dimitroff, Georgi: Tagebücher 1933–1943. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000, Bd. 1, S. 274.

[9]  Mar’ina, V. V.: Dnevnik G. Dimitrova [Das Tagebuch G. Dimitrovs], in: Voprosy istorii 2000, H. 7, S. 43. Siehe Dimitroff: Tagebücher (Anm. 8), Bd. 1, S. 392 f.

[10]  Patriarch Sergius: Die Wahrheit über die Religion in Rußland, Zollikon/Zürich 1944, S. 16–18.

[11]  Savel’ev, V. M./Savvin, V. P.: Sovetskaja intelligencija v Velikoj Otečestvennoj vojne [Die sowjetische Intelligencija im Großen Vaterländischen Krieg], Moskau 1974, S. 156 u. 174. Siehe Tumarkina, Nina: The Living and the Dead, New York 1994, S. 62.

[12]  So der Titel einer für das amerikanische Publikum Anfang der achtziger Jahre gedrehten zehnteiligen Filmserie, einer sowjetisch-amerikanischen Gemeinschaftsproduktion.

 

[13]   Otečestvennaja istorija (Anm. 5), S. 118. 

[14]  Mirovye vojny XX veka [Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts]. Bd. 3: Vtoroja mirovaja vojna [Der Zweite Weltkrieg], Moskau 2002, S. 85–93; Velikaja Otečestvennaja vojna1941–1945 [Der Große Vaterländische Krieg]. Bd. 1,  Moskau 1998, S. 13–41.

[15]  Velikaja Otečestvennaja (Anm. 14), Bd. 1, S. 26 bezeichnet u. a. das Münchener Abkommen als Präzedenzfall für die deutsch-sowjetischen Abkommen von 1939.

[16]  Siehe etwa Naše otečestvo. Opyt političeskoj istorii [Unser Vaterland. Versuch einer politischen Geschichte]. Band 2, Moskau 1991, S. 379–428. Otečestvennaja istorija. XX vek [Vaterländische Geschichte. Das 20. Jahrhundert], Moskau 1997, S. 317–332.

[17]  Das schließt auch heute kritischere Würdigungen der Stalinschen Politik gegenüber Hitler nicht völlig aus. Siehe z. B.: Bezymenskij, Lev: Gitler i Stalin pered schvatkoj[Hitler und Stalin vor dem Zusammenstoß], Moskau  2000 (deutsche Ausgabe: Besymenski, Lew: Stalin und Hitler. Der Kampf der Diktatoren. Berlin 2002).

[18]  Sapir, Jacques: Les fluctuations économiques en URSS 1941–1985, Paris 1989, S. 47.

[19]  Der Arbeitstag wurde von sieben auf acht Stunden, die Arbeitswoche von fünf auf sechs Tage verlängert, so dass der wöchentliche arbeitsfreie Tag wieder regelmäßig auf den Sonntag fiel. Hochinteressant sind hier die Tagebuch-Aufzeichnungen von Vjačeslav Malyšev zur Begründung dieser von Stalin dem Politbüro vorgeschlagenen, im Gesetz selbst aber dem Wunsch der Gewerkschaften zugeschriebenen Veränderungen, in: [Vjačeslav Malyšev:] »Proidet desjatok let, i ėti vstreči ne vosstanoviš’ uže v pamjati«. Dnevnik narkoma [»Es vergehen zehn Jahre, und du kannst dich an diese Begegnungen schon nicht mehr erinnern«. Tagebuch eines Volkskommissars], in: Istočnik1997, H. 5, S. 111 f. Siehe Hofmann, Werner: Die Arbeitsverfassung der Sowjetunion. Berlin 1956, S. 102–106  u. 140–144.

[20]  Sovetskaja voennaja enciklopedija [Sowjetische Militärenzyklopädie], Moskau 1976–1980, Bd. 2, S. 348 f.; Pomnit’ uroki istorii [Die Lehrstunden der Geschichte erinnern], in: Voennoistoričeskij žurnal 1989, H. 6, S. 5. 

[21]  Izvestija CK KPSS 1990, H. 5, S. 181 f.; Ivašov, L. G.: V poslednie predvoennye [In den letzten Vorkriegs(jahren)], in: Voenno-istoričeskij žurnal 1989, H. 11, S. 12–18.

[22]  Erickson, John: The Road to Stalingrad, London 1975, S. 32. Die Zahl der Panzer bei Kriegsbeginn betrug 23 457. Ivašov: V poslednye predvoennye (Anm. 21), S. 14. 

[23]  Izvestija CK KPSS 1990, H. 2, S. 183 ff. u. 194–196. Siehe die Beschreibung der Rüstungsanstrengungen bei Žukov, G. K.: Vospominanija i razmyšlenija [Erinnerungen und Reflexionen], 10. Aufl. Moskau 1990, Bd. 1, Kap. 9.

[24]  Anfilov, V.: Na izlome ispytanii [Prüfung der Bruchfestigkeit], in: Razumichin, A. M. (Hrsg.):

Vožd’, chozjain, diktator [Führer, Hausherr, Diktator], Moskau 1990, S. 357. 

[25]  Sapir: Les fluctuations (Anm. 18), S. 51.

[26]  Ebenda, S. 46. 

[27]  Bobylev, P. N.: K kakoj vojne gotovilsja general’ny štab RKKA v 1941 godu? [Welchen Krieg bereitete der Generalstab der Roten Arbeiter- und Bauernarmee 1941 vor?], in: Otečestvennaja istorija 1995, H. 5, S. 3–20.

[28]  Suvorov, Viktor: Ledokol [Der Eisbrecher], Moskau 1993; Ders.: Den’ M [Tag M], Moskau 1994; Ders.: Poslednjaja respublika [Die letzte Republik], Moskau 1995. Suvorov (Pseudonym für Vladimir Rezun) ist ein ehemaliger Offizier der sowjetischen Militärischen Abwehr GRU. Er hatte sich 1983 nach Großbritannien abgesetzt und war in der Sowjetunion in Abwesen heit zum Tode verurteilt worden. 1989 hatte er sein Hauptwerk (Suworow, Viktor: Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül, Berlin 1989) in Deutschland und in Frankreich (auf Russisch) veröffentlicht und damit nur geringes Echo gefunden. In Russland hat das Buch jedoch eine Millionenauflage erlebt. 

 

29        file:///P:/Bundesstiftung_Aufarbeitung/entwicklung/HTML-Dateien%20f%C3%BCrs%20JHK%202005-2015/2005/05%20JHK%202005_Bonwetsch.pdf.htm#_ftnref29So von Joachim Hoffmann, Werner Maser, Walter Post, Ernst Topitsch, Max Klüver, Fritz Becker u. a. m.

 

30        file:///P:/Bundesstiftung_Aufarbeitung/entwicklung/HTML-Dateien%20f%C3%BCrs%20JHK%202005-2015/2005/05%20JHK%202005_Bonwetsch.pdf.htm#_ftnref30Wolkogonow, Dmitri: Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Porträt, Düsseldorf 1989 (gegenüber der russischen Ausgabe gekürzt); Volkogonov, Dmitrij: Triumf i tragedija. Političeskij portret I. V. Stalina [Triumpf und Tragödie. Politisches Porträt I. V. Stalins], 2 Bde. in 4 Teilen, Moskau 1989.

 

31        file:///P:/Bundesstiftung_Aufarbeitung/entwicklung/HTML-Dateien%20f%C3%BCrs%20JHK%202005-2015/2005/05%20JHK%202005_Bonwetsch.pdf.htm#_ftnref31Siehe dazu Bonwetsch, Bernd: Die Forschungskontroverse über die Kriegsvorbereitungen der Roten Armee 1941, in: Pietrow-Ennker, Bianka (Hrsg.), Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, Frankfurt a. M. 2000, S. 170–189. Siehe zur jüngsten Entwicklung Schützler, Horst: Der »Große Vaterländische« – Was für ein Krieg? Sichten und Einsichten in Russland und seine Geschichtsschreibung. Hrsg. vom Helle Panke e. V., Berlin 2004 S. 19–26.

 

[32]  Siehe Bonwetsch, Bernd: Stalin, the Red Army, and the »Great Patriotic War«, in: Kershaw, Ian/Lewin, Moshe (Hrsg.): Stalinism and Nazism. Dictatorships in Comparison, Cambridge 1997, S. 194. Zur Flut der Meldungen, die in Moskau eingingen, gibt es inzwischen mehrere Quellenpublikationen. Siehe z. B.: Sekrety Gitlera na stole u Stalina. Razvedka i kontrrazvedka o podgotovke germanskoj agressii protiv SSSR. Mart-ijun’ 1941 g. [Hitlers Geheimnisse auf dem Tisch bei Stalin. Aufklärung und Gegenaufklärung zur Vorbereitung der deutschen Aggression gegen die UdSSR. März bis Juni 1941], Moskau 1995; Organy gosudarstvennoj bezopasnosti SSSR v Velikoj Otečestvennoj vojne[Die Organe der Staatssicherheit der UdSSR im Großen Vaterländischen Krieg]. Bd. I, 1/2: Nakanune [Am Vorabend], Moskau 1995. Siehe als besonders illustrativ auch das Faksimile einer entsprechenden Meldung des Volkskommissars für Staatssicherheit Vsevolod Merkulov vom 17. Juni 1941 mit Stalins handschriftlich festgehaltenem Mutterfluch über den »Desinformator« im Stab der deutschen Luftwaffe, in: Rodina 2005, H. 4, S. 2.

[33]  Dimitroff: Tagebücher (Anm. 8), Bd. 1, S. 392.

[34]  Žukov: Vospominanija (Anm. 23), Bd. 1, S. 366 u. Bd. 2, S. 9 f.

[35]  Wolkogonow: Stalin (Anm. 30), S. 563. Diese ursprünglich von Berija kolportierte Äußerung Stalins ist in unterschiedlichen, aber sinngemäß gleichen Versionen überliefert. Erstmals wurde sie von Chruščev in der »Geheimrede« von 1956 bekanntgemacht. Siehe Chruschtschow erinnert sich. Reinbek bei Hamburg 1971, S. 560. Siehe auch Pečenkin, A. A.: Gosudarstvennyj komitet Oborony v 1941 godu [Das Staatliche Verteidigungskomitee im Jahr 1941], in: Otečestvennaja istorija 1994, H. 4/5, S. 128. Die seit Chruščev »Geheimrede« kursierenden Spekulationen über einen Nervenzusammenbruchs Stalins bei Kriegsbeginn haben in seinem Verhalten Ende Juni 1941 ihren realen Kern. 

[36]  Žukov: Vospominanija (Anm. 23), Bd. 2, S. 208.

[37]  Siehe Bonwetsch: Stalin, the Red Army (Anm. 32), S. 190 f.; Anfilov, V. A.: »Razgovor zakončilsja ugrozoj Stalina«. Desjat’ neizvestnych besed s Maršalom G. K. Žukovym v mae i june 1965 goda [»Das Gespräch endete mit einer Drohung Stalins«. Zehn unbekannte Gespräche mit Marschall G. K. Žukov im Mai und Juni 1965], in: Voenno-istoričeskij žurnal 1995, H. 3, S. 39–47, hier S. 44.

[38]  Generaloberst Halder: Kriegstagebuch, Stuttgart 1963, Bd. 3, S. 38. Zur militärischen Geschichte des Krieges siehe Erickson, John: Stalin’s War with Germany. 2 Bde., London 1975 u. 1983.

[39]  Dimitroff: Tagebücher (Anm. 8), Bd. 1, S. 442. 

[40]  Krivosheev, G. F. (Hrsg.): Soviet Casualties and Combat Losses in the Twentieth Century. London 1997, S. 96 f. u. 252–255. Die Zahlen zu den Menschenverlusten können nicht als definitiv angesehen werden, sie schließen z. B. die 36 an Kämpfen beteiligten Volkswehrdivisionen nicht ein, die immense Verluste hatten. Siehe Mirovye vojny XX veka. Bd. 3 (Anm. 14), S. 456 f. Siehe auch die Bemerkungen von John Erickson in: ebenda, S. VII–XII. Deutsche Angaben zur Zahl der allein 1941 in Gefangenschaft geratenen Rotarmisten (etwa drei Millionen) liegen z. B. fast ebenso hoch wie die sowjetischen Angaben zu 1941 gefallenen, vermissten und in Gefangenschaft geratenen Angehörigen der Roten Armee zusammengenommen (3,1 Millionen). Siehe auch die Berechnungen von Maksudov, S.: Pertessubies par la population de L’URSS 1916–1958, in: Cahiers du monde russe et soviétique 18 (1977), S. 260. 

 

[41]  Die klassische, wenn auch in einigen Fragen überholte Studie bleibt Salisbury, Harrison E.: 900 Tage. Die Belagerung von Leningrad, Frankfurt a. M. 1970. Siehe neben vielen anderen auch Bonwetsch, Bernd: Das belagerte Leningrad 1941–1944, in: Hubel, Helmut/von Puttkammer, Joachim/Steltner Ulrich (Hrsg.): Ein europäisches Russland oder ein Russland in Europa? 300 Jahre St. Petersburg. Baden-Baden 2004, S. 141–162. 

[42]  Marschall Vasilij Čujkov hatte in seinen 1965 zunächst in der Zeitschrift Oktjabr erschienen Memoiren (»Das Ende des Dritten Reiches«) behauptet, Berlin wäre im Februar 1945 einzunehmen gewesen. Das löste in Moskau eine heftige politische Reaktion aus, u. a. weil diese These in der Bundesrepublik durch Erich Kuby (»Die Russen in Berlin«) im Spiegel aufgegriffen wurde und damit dem »Gegner« in die Hände spielte. Marschall Čujkov wurde auf einer Kritikveranstaltung der Politischen Hauptverwaltung der Sowjetischen Streitkräfte am 17. Januar 1966 dafür gerügt, die Diskussion wurde abgewürgt. Siehe das Stenogramm in Rodina 2005, H. 4, S. 88–98. Siehe auch Gor’kov, Ju. A.: Mog li past’ Berlin v fevrale 1945 goda [Hätte Berlin im Februar 1945 fallen können?], in: Voenno-istoričeskij žurnal 1990, H. 5, S. 13–20. Im Übrigen verfielen seit 1965 alle etwas realistischeren Darstellungen des Kriegsgeschehens der Kritik.

[43]  Die Kapitulationsurkunde wurde erst kurz nach Mitternacht, d. h. am 9. Mai, unterzeichnet, ist aber auf den 8. Mai 1945 datiert. 

[44]  Sie war ebenfalls symbolträchtig am Jahrestag des deutschen Überfalls, dem 22. Juni, angeordnet worden.

[45]  Harriman, W. Averill/Abel, Elie: Special Envoys to Churchill and Stalin, 1941–1946, New York 1975, S. 92. 

[46]  Tschujew, Felix: Aus Gesprächen mit Wjatscheslaw Molotow, in: Sowjetliteratur 42 (1990), S. 145. Siehe auch Sto sorok besed s Molotovym. Iz dnevnika F. Čueva[Einhundertvierzig Gespräche mit Molotov. Aus  dem Tagebuch F. Čuevs], Moskau 1991, S. 14.

[47]  Dimitroff: Tagebücher (Anm. 8), Bd. 1, S. 424.

[48]  Siehe Bonwetsch, Bernd: Die Sowjetunion 1945–1949. Arme Sieger, in: Dietz, Gabriele u. a. (Hrsg.): Trümmer, Träume, Truman, Berlin 1985, S. 145–152; Ders.: Sowjetunion – Triumph im Elend, in: Herbert, Ulrich/Schildt, Axel (Hrsg.): Kriegsende in Europa. Vom Beginn des deutschen Machtzerfalls bis zur Stabilisierung der Neuordnung 1944–1948, Essen 1998, S. 52–88.

 

50        file:///P:/Bundesstiftung_Aufarbeitung/entwicklung/HTML-Dateien%20f%C3%BCrs%20JHK%202005-2015/2005/05%20JHK%202005_Bonwetsch.pdf.htm#_ftnref50Stalin, J. W.: Werke. Bd. 15, Dortmund 1979, S. 67. Stalin lagen zu diesem Zeitpunkt vorläu-fige Zahlen über rund 15 Millionen Tote vor, davon je zur Hälfte Zivilisten und Soldaten: Volkogonov, Dmitrij: Triumf i tragedija. Političeskij portret I. V. Stalina [Triumpf und Tragödie. Politisches Porträt I. V. Stalins], Bd. II/2, Moskau 1989, S. 26 

 

51        file:///P:/Bundesstiftung_Aufarbeitung/entwicklung/HTML-Dateien%20f%C3%BCrs%20JHK%202005-2015/2005/05%20JHK%202005_Bonwetsch.pdf.htm#_ftnref51Krivosheev: Soviet Casualties (Anm. 40), S. 83. Siehe Pron'ko, V. A.: Cena pobedy [Der Preis des Sieges], in: Vtoraja mirovaja vojna. Aktual'nye problemy [Der Zweite Weltkrieg. Aktuelle Probleme], Moskau 1995, S. 214–230; Bonwetsch, Bernd: Der »Große Vaterländische Krieg«: Vom öffentlichen Schweigen unter Stalin zum Heldenkult unter Brežnev, in: Quinkert, Babette (Hrsg.): » Wir sind die Herren dieses Landes «. Ursachen, Verlauf und Folgen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Hamburg 2002, S. 183 f. Zur Diskussion der militärischen Verluste Erickson, John: Soviet War Losses. Calculations and Controversies, in: Ders./David Dilks (Hrsg.): Barbarossa. The Axis and the Allies, Edinburgh 1994, S. 255–277. 

 

52        file:///P:/Bundesstiftung_Aufarbeitung/entwicklung/HTML-Dateien%20f%C3%BCrs%20JHK%202005-2015/2005/05%20JHK%202005_Bonwetsch.pdf.htm#_ftnref52Zusammenfassend Cherepina, Nadezhda: Assessing the Scale of Famine and Death in the Besieged City, in: Barber, John/Dzeniskevich, Andrei (Hrsg.): Life and Death in Besieged Leningrad, 1941–1944, London 2005, S. 28–70. Cherepina geht von 700 000 verhungerten Leningradern aus. Offen bleibt die Zahl der Hungertoten unter den Vorstädtern und Flüchtlingen. Zu den militärischen Verlusten Krivosheev: Soviet Casualties (Anm. 40), S. 165 u. 174 f.

 

[53]  Krivosheev: Soviet Casualties (Anm. 40), S. 90 f. Weibliche Angehörige der Streitkräfte sind in den Statistiken nirgends besonders ausgewiesen und in der Literatur kaum erwähnt. Siehe ebenda, S. XI u. S. 230; Conze, Susanne/Fieseler, Beate: Soviet Women as Comrades-inArms. A Blind Spot in the History of the War, in: Thurston, Robert/Bonwetsch, Bernd

(Hrsg.): The People’s War. The Soviet Union During World War II, Chicago 2000, S. 211– 234; Fieseler, Beate: Der Krieg der Frauen: die ungeschriebene Geschichte, in: Nina, Mascha und Katjuscha. Frauen in der Roten Armee, 1941–1945. Berlin 2002; Murmanceva, V. S.: Ženščiny v soldatskich šineljach [Frauen in Soldatenmänteln], Moskau 1971, S. 9.

[54]  »Voennyj golod« [»Kriegshunger«], in: Rodina 1995, H. 11, S. 45–47; Gulag v gody Velikoj Otečestvennoj vojny [Der Gulag in den Jahren des Großen Vaterländischen Kriegs], in: Voenno-istoričeskij žurnal 1991, H. 4, S. 23 f. Zum Kriegsalltag allgemein siehe Zinič, M. S.: Budni voennogo licholetija 1941–1945 [Der Alltag in der Notzeit des Kriegs]. 2 Bde, Moskau 1994.

[55]  Zu diesem Aspekt des Krieges, der in der Sowjetunion praktisch verschwiegen wurde, siehe die grundlegenden Studie von Krausnick, Helmut/Wilhelm, Hans-Heinrich: Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1939–1942, Stuttgart 1981; siehe auch Wilhelm, Hans-Heinrich: Rassenpolitik und Kriegführung, Passau 1992; Klein, Peter (Hrsg.): Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42, Berlin 1997; Davies, Norman/Polonsky, Antony (Hrsg.): Jews in Eastern Poland and the USSR, 1939–1946, London 1990; Benz, Wolfgang (Hrsg.): Dimensionen des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer der NS-Zeit, München 1991; Gitelman, Zvi (Hrsg.): Bitter Legacy. Confronting the Holocaust in the USSR, Bloomington 1997; Uničtoženie Evreev SSSR v gody nemeckoj okkupacii (1941–1944) [Die Vernichtung der Juden der UdSSR in den Jahren der deutsche Okkupation (1941–1944), Jerusalem 1992.

 

[56]  Partizanskoe dviženie. Po opytu Velikoj Otečestvennoj vojny 1941–1945 gg. [Die Partisanenbewegung. Nach der Erfahrung des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945], Moskau 2001; Partizanskoe dviženie v gody Velikoj Otečestvennoj vojny 1941–1945 gg. [Die Partisanenbewegung in den Jahres des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945] (= Velikaja Otečestvennaja, Bd. 20/9), Moskau 1999; Bonwetsch, Bernd: Sowjetische Partisanen 1941– 1944. Legende und Wirklichkeit des »allgemeinen Volkskrieges«, in: Schulz, Gerhard (Hrsg.): Partisanen und Volkskrieg. Zur Revolutionierung des Krieges im 20. Jahrhundert. Göttingen 1985, S. 92–124; Ders.: Za kulisami »rel’sovoj vojny«. Sovetskie partizany 1941–1944 godach [Hinter den Kulissen des »Schienenkrieges«. Sowjetische Partisanen 1941–1944], in: Rodina 2003, H. 7, S. 72–76.

[57]  Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des »Ausländer-Einsatzes« in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin 1985. Bonwetsch, Bernd: Sowjetische Zwangsarbeiter vor und nach 1945. Ein doppelter Leidensweg, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 41 (1993), S. 532–546.

[58]  Penter, Tanja: Zwischen Hunger, Terror und einer »glücklichen Zukunft«, in: Tenfelde, Klaus/Seidel, Hans-Christian (Hrsg.): Zwangsarbeit im Bergwerk. Der Arbeitseinsatz im Kohlenbergbau des Deutschen Reiches und der besetzten Gebiete im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Essen 2005, Bd. 1, S. 433–466; Chiari, Bernhard: Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941–1944, Düsseldorf 1998; Gerlach, Christian: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999.

[59]  Immer noch die zuverlässigste Studie Streit, Christian: Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941 bis 1945. Stuttgart 1978 (mehrfach neu aufgelegt). 

[60]  In der Sowjetzeit praktisch ein Tabu, wird das Phänomen massenhafter militärischer Kollaboration erst jetzt in Rußland wahrgenommen: Giljazov, I.: Na drugoj storone. Kollaboracionizm iz povolžsko-ural’skich tatar v gody Vtoroj mirovoj vojny [Auf der anderen Seite. Kollaboration der Wolga-Ural-Tataren in den Jahren des Zweiten Weltkriegs], Kasan 1998; Okorokov, A. V.: Antisovetskie voinskie formirovanija v gody Vtoroj mirovoj vojny [Antisowjetische Militärformationen in den Jahren des Zweiten Weltkriegs], Moskau 2000; Drobjazko, S. I.: Pod snamenami vraga. Antisovetskie formirovanija v sostave germanskich vooružennych sil 1941–1945 [Unter den Flaggen des Feindes. Antisowjetische Formierungen bei den deutschen bewaffneten Kräften], Moskau 2004; Čuev, S.: Prokljatye soldaty [Verfluchte Soldaten], Moskau 2004.

[61]  Als immer noch gültige, allerdings nur auf deutschen Akten beruhende Darstellung Dallin, Alexander: Deutsche Herrschaft in Rußland 1941–1945, Düsseldorf 1958. In der Sowjetunion wurde die Besatzungsgeschichte nur unter dem Aspekt des Widerstandes behandelt. Neuerdings befassen sich auch russische Autoren mit diesem Thema. Sokolov, B. V.: Okkupacija. Pravda i mify [Okkupation. Wahrheit und Mythen], Moskau 2003; Kovalev, B. N.: Nacistskaja okkupacija i kollaboracionizm v Rossii 1941–1944 [Nazistische Okkupation und Kollaboration in Russland 1941–1944], Moskau 2004; Semirjaga, M. I.: Kollaboracionizm. Priroda, tipologija i projavlenie v gody Vtorojmirovoj vojny [Kollaboration. Natur, Typologie und Erscheinung in den Jahren des Zweiten Weltkriegs], Moskau 2000. 

[62]  Siehe dazu Zubkova, Elena: Russia after the War. Hopes, Illusions, and Disappointments,  1945–1957, Armonk 1998. 

[63]  Siehe CK VKP(b) i regional’nye partijnye komitety 1945–1953 [Das ZK der VKP (b) und die regionalen Parteikomitees 1945–1953 ], Moskau 2004. 

[64]  Im März 1946 wurden die Volkskommissariate in Ministerien umbenannt.

[65]  Abkürzung für: Smert’ špionam! (Tod den Spionen!).

[66]  Brežnev, L. I.: Vozroždenie [Wiedergeburt], Moskau 1978, S. 21 f.

[67]  Zur strafrechtlichen Behandlung einzelner Kategorien von Repatriierten siehe Bonwetsch: Sowjetunion – Triumph im Elend (Anm. 48), S. 68–73. 

[68]  Eisfeldt, Alfred/Hedt, Victor (Hrsg.): Deportation, Sonderansiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941–1956, Köln 1996.

[69]  Statistische Zusammenfassung der Deportationen bei Pohl, J. Otto: Ethnic Cleansing in the USSR, 1937–1949, London 1999.

[70]  Selbstverständlich sind das nicht die Gesamtzahlen der zu Lager und Verbannung Verurteilten, sondern statistische Erhebungen zu einem bestimmten Zeitpunkt, die sich aus Zu- und Abgängen ergeben. Viele der 1943/44 Verbannten starben vor Erreichen der Verbannungsgebiete. Zu den Zahlen: Pohl, J. Otto: The Stalinist Penal System. A Statistical History of Soviet Repression and Terror, 1930–1953. Jefferson 1997, S. 11. Als Zusammenfassung des Verbannungs- und Sonderansiedlungssystems siehe Zemskov, V. N.: Specposelency v SSSR 1930–1960 [Die Sondersiedler in der UdSSR 1930–1960], Moskau 2003. 

[71]  Ehrenburg, Ilja: Menschen, Jahre, Leben, München 1965, Bd. 3, S. 268.

[72]  Medvedev, Roy: Let History Judge, 2. Aufl. London 1989, S. 782 f.; Perrish, Michael: The Lesser Terror. Soviet State Security, 1939–1953, Westport 1996, S. 177–195.

[73]  Evrejskij antifašistskij komitet v SSSR 1941-1948 [Das Jüdische Antifaschistische Komitee in der UdSSR], Moskau 1996.

[74]  Bonwetsch, Bernd: Die »Leningrad-Affäre« 1949–1951: Politik und Verbrechen im Spätstalinismus, in: Deutsche Studien 38 (1990), S. 306-322.

[75]  Medvedev: Let History (Anm. 72), S. 863 f. Siehe auch Ders.: All Stalin’s Men, Oxford 1983; Pichoja, R. G.: SSSR: Istorija vlasti 1945–1991 [UdSSR. Geschichte der Macht 1945–1991], Moskau 1998; Danilov, A. A./Pryžikov, A. V.: Roždenie sverchderžavii. SSSR v pervye poslevoennye gody [Die Geburt einer Supermacht. Die UdSSR in den ersten Nachkriegsjahren]. Moskau 2001; Gorlizki, Yoram/Khlevniuk, Oleg: Cold Peace. Stalin and the Soviet Ruling Circle. 1945–1953. Oxford 2004.

[76]  Siehe zu verschiednen Affären: Kostyrchenko, Gennadi: Out of the Red Shadows. AntiSemitism in Stalin’s Russia, Amhurst 1995; Luks, Leonid (Hrsg.): Der Spätstalinismus und die »jüdische Frage«, Köln 1998. 

[77]  Prem’er izvestnyj i neizvestnyj. Vospominanija o A. N. Kosygine. [Bekannter und unbekannter Premier. Erinnerungen an A. N. Kosygin], Moskau 1997, S. 197.

[78]  Stalin i cholodnaja vojna [Stalin und der Kalte Krieg], Moskau 1998, S. 178. 

[79]  Siehe Bonwetsch, Bernd: Kalter Krieg als Innenpolitik. Überlegungen zu innenpolitischen Bedingungen des Ost–West-Konflikts nach 1945, in: Quarthal, Franz/Setzler, Wilfried (Hrsg.): Stadtverfassung, Verfassungsstaat, Pressepolitik, Sigmaringen 1980, S. 230–249; Ders.: Die Sowjetunion 1945–1952 (Anm. 48), S. 145–152; Ders.: Sowjetunion – Triumph im Elend (Anm. 48), S. 73–82.

[80]  Zima, V. F.: Golod v SSSR 1946–1947 [Hunger in der UdSSR 1946–1947], Moskau 1996, S. 149, 168–170. Siehe auch die Dokumentation: Golod i gosudarstvennaja politika(1946–1947 gg.) [Hunger und Staatspolitik (1946–1947)], in: Otečestvennye archivy 1992, H. 6, S. 36–60.

[81]  Lebendige, reportagenhafte Darstellung bei Tumarkina, The Living and the Dead (Anm. 11). Siehe auch Arnold, Sabine: Generationenfolge. Gedanken zum sowjetischen Kriegsgedenken und Geschichtsbild, in: Quinkert, Babette (Hrsg.): »Wir sind die Herren dieses Landes«. Ursachen, Verlauf und Folgen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Hamburg 2002, S. 188–206; Bonwetsch: Der »Große Vaterländische Krieg« (Anm. 51), S. 166–187.

[82]  Siehe Bonwetsch, Bernd: War as a »Breathing Space«. Soviet Intellectuals and the »Great Patriotic War«, in: Thurston, Richard/Bonwetsch, Bernd (Hrsg.): The People’s War. Responses to World War II in the Soviet Union, Urbana 2000, S. 137–153. 

[83]  Selbst bei Zugrundelegung höherer deutscher Frontverluste, wie sie Overmans in einer quellenkritischen Studie ermittelt, ergibt sich ein krasses Missverhältnis zwischen den Verlusten beider Länder. Overmans, Rüdiger: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg. München 1999, S. 265 u. 275. Siehe Bonwetsch: Stalin, the Red Army(Anm. 32), S. 207.

Inhalt – JHK 2005

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