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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Die Wiener Internationale (1921–1923) als Anregerin einer Politik der Einheitsfront der organisierten Arbeiterbewegung

JHK 2002 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 88-105 | Aufbau Verlag

Autor/in: Avgust Lešnik

Der relativ langwierige Prozeß der Umstrukturierung innerhalb der europäischen Sozialdemokratie (im Rahmen der alten – der Zweiten Internationale) auf drei Grundlinien, die Rechte – das Zentrum – die Linke, manifestierte sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges[1] in der organisatorischen Umformung der einst formell einheitlichen sozialdemokratischen Bewegung in drei neue ideenpolitische Richtungen und Bewegungen: in die Zweite (die Berner)[2] und die Dritte (die Moskauer)[3] und etwas später in die Zweieinhalbte, (die Wiener)[4] Internationale. Während sich die Berner und die Wiener Internationale für einen friedlichen, legalen, parlamentarischen Weg der Machtgewinnung entschieden und in den Bedingungen des sukzessiven Stabilisierens des Kapitalismus ihre Reihen mit Arbeitern der entwickelten Länder Europas und Amerikas verstärkten[5], steuerte die Moskauer Internationale ihre Aktionen noch immer in der Richtung des Zerfalls des Kapitalismus auf einem revolutionären Weg und rechnete dabei mit dem kommunistisch orientierten Proletariat und den revolutionären Schichten auf dem Lande wie auch den antikolonialen nationalen Freiheitsbewegungen.

Aber der Mißerfolg der Roten Armee vor Warschau und die Unterzeichnung des russisch-polnischen Waffenstillstandes in Riga im März 1921[6] bestätigten nur, wie illusorisch und haltlos die Behauptung war, daß es mit den Waffen der Roten Armee möglich ist, die sozialistische Revolution in die Länder Europas zu übertragen und sie dort zu verbreiten. Auch die Taktik der »21 Bedingungen für die Aufnahme in die KI«[7], deren Ziel eine endgültige ideelle Homogenisierung der internationalen Arbeiterbewegung unter der Leitung von Moskau war, entwickelte sich nicht nach dem Plan des 2. Kongresses der Komintern. Im Gipfel der KI wurde bis zum 3. Kongreß optimistisch damit gerechnet, daß die künstlich hervorgerufene Spaltung, die eine Differenzierung innerhalb der sozialistischen Parteien fördern und die Mehrheit der Arbeitermassen in die kommunistischen Reihen führen sollte, erfolgreich sein wird. Aber die Praxis der Spaltung zeigte, daß solche Prognosen, deren Realisierung nach der Meinung von Moskau den Erfolg der so gewünschten weltweiten sozialistischen Revolution bedingte, nicht dem realen Zustand in der Mehrheit der europäischen Länder entsprachen, auch nicht in Ländern, wo die revolutionäre Krise am tiefsten war.

Der Bruch mit dem Reformismus verursachte in der Mehrheit der Fälle die Entfremdung der Arbeitermassen von den Kommunisten, vor allem im gewerkschaftlichen Sinne; die nationalen KPs wurden außer in seltenen Ausnahmen zu Minderheitsparteien (sektiererischen Parteien), die keinen bedeutenden Einfluß auf die gewerkschaftliche und politische Strategie des Proletariats hatten. Fernando Claudin widerspricht bzw. ergänzt aufgrund der Wahlergebnisse[8] die Behauptung von Rosenberg, »daß in den Jahren 1919 bis 1920 die Mehrheit der europäischen Arbeiter für die III. Internationale war«[9]. Diese Bewertung entspricht nicht, warnt Claudin, den oben angegebenen Zahlen und Resultaten der revolutionären Kämpfe, obwohl sie teilweise richtig ist. Breite Arbeitermassen sympathisierten mit der neuen Internationale, die in ihren Augen die russische Revolution darstellte, aber sie akzeptierten ihre Bewertungen der Lage und ihre Methoden nicht, vor allem nicht die 21 Bedingungen. Daran denkt zweifellos auch Rosenberg, als er sagt, daß Spaltungen, Ausschlüsse und Äußerungen gegen bedeutende Fraktionen in der Arbeiterklasse die Kommunisten wieder in die Minderheitslage gebracht hätten.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die ihre Reihen mit den Mitgliedern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) verstärkt hatte, die der III. Internationale nicht beitrat, war zahlenmäßig viel stärker als die Kommunisten. In Italien, Schweden, Dänemark, in den Niederlanden, Belgien, Österreich und in der Schweiz bekamen die Sozialdemokraten im Jahr 1921 wieder die unumstrittene Mehrheit. Die Kommunisten behielten die Mehrheit nur in Frankreich, in der Tschechoslowakei und in Norwegen. Die kommunistische Bewegung auf dem Balkan, in Ungarn und in Polen wurde mit Gewalt niedergeschlagen. Die Syndikalisten in Spanien, die die Mehrheit der Arbeiter hinter sich hatten, brachen alle Beziehungen mit der III. Internationale ab. Der Einfluß von Kommunisten außerhalb Europas war gering.[10] Als revolutionäre Versuche außerhalb der Sowjetunion scheiterten, wurde die reformistische Einstellung von sozialistischen und Gewerkschaftsführern – der Kampf um die Verbesserung der ökonomischen Lage des Proletariats, um den Achtstundentag, um Reformen u.ä. – für die Mehrheit der Arbeiter noch überzeugender; insbesondere, weil die Vorkriegserfahrungen den Arbeitern zeigten, daß ihre traditionellen Organisationen auf diesem Gebiet gute Resultate erzielen. Auf die veränderte Lage, die mit dem Jahr 1921 entstand – die Stabilisierung der revolutionären Welle auf der einen und die allmähliche Stabilisierung des Kapitalismus auf der anderen Seite –, reagierte die Komintern nicht adäquat, was aus den verabschiedeten Dokumenten und Richtlinien ihres 3. Kongresses hervorgeht,[11] denen zu entnehmen ist, daß sie noch weiter die Zusammenarbeit so mit der Zweiten, wie mit der Zweieinhalbten Internationale ablehnten.

Neue sozialökonomische und ideell-politische Faktoren, die mit dem Jahr 1921 entstanden, wurden besonders von Lenin und Trotzki als eine Prognose verstanden, daß der revolutionäre Prozeß langwierig sein wird. Lenin betonte schon auf dem X. Kongreß der KPR(B) im März 1921 im »Bericht über die politische Arbeit des ZK«, daß ihre (Anm. bolschewistische) Rolle in der Weltrevolution keineswegs bedeute, daß sie mit einer bestimmten Frist rechne,[12] was viele Kommunisten überraschte. Noch konkreter war Lenin ein paar Tage später, als er auf dem allrussischen Kongreß der Verkehrsarbeiter seine Rede hielt und sagte, daß das, was in Europa heute nicht geschehen ist (Anm. Revolution), morgen geschehen kann, was nicht morgen geschieht, kann übermorgen geschehen, aber solche Perioden wie morgen und übermorgen bedeuten in der Weltgeschichte mindestens ein paar Jahre.[13] Auch in den »Thesen des Berichtes über die Taktik der KPR(B) auf dem 3. Kongreß der KI« zeigt sich die neue internationale Lage: »Auf diese Weise kam es zu einem, wenn auch äußerst unsicheren und unbeständigen, aber doch immerhin vorhandenen Gleichgewicht, bei dem die sozialistische Republik – wenn auch nicht auf lange Zeit – in der kapitalistischen Umzingelung existieren kann«.[14] Es war zu erwarten, daß die neuen, reellen Umstände, die ohne Zweifel ankündigten, daß die Frage der »baldigen« weltweiten Revolution auf eine spätere »günstigere« Zeit verschoben wird, einen entsprechenden Platz in den Dokumenten des Kongresses bekommen werden, auch wegen der veränderten taktischen Ansichten von Lenin in der Zeit vor dem 3. Kongreß.

Trotzki befürwortete in dem Einführungsvortrag »Die wirtschaftliche Weltkrise und die neuen Aufgaben der Kommunistischen Internationale«[15] aufgrund seiner eigenen und Lenins Einschätzung der neu entstandenen Situation, das Verlangsamen des Tempos der Revolution; damit stellte er dem Kongreß die Frage nach der weiteren Perspektive des weltweiten revolutionären Prozesses:

»Die Situation ist jetzt zur Zeit des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale nicht dieselbe, wie zur Zeit des Ersten und Zweiten Kongresses. Damals haben wir uns die große Perspektive aufgestellt und die große Linie gezeichnet, und haben gesagt: auf dieser Linie, in diesem Zeichen wirst du das Proletariat erfassen und in der Welt siegen. Ist es richtig geblieben? Vollkommen! In diesem großen Umfange ist es vollkommen richtig geblieben. Nur die Auf- und Abbewegungen dieser Linie hatten wir nicht vorgezeichnet und wir bemerken sie jetzt. Wir bemerken sie durch unsere Niederlagen und unsere Enttäuschungen und auch durch unsere großen Opfer, wie durch unsere irrtümlichen Aktionen, die in allen Ländern vorkamen; bei uns in Rußland in großem Umfange. Erst jetzt sehen und fühlen wir, daß wir nicht so unmittelbar nahe dem Endziel, der Eroberung der Macht der Weltrevolution stehen. Wir haben damals im Jahre 1919 uns gesagt: es ist die Frage von Monaten, und jetzt sagen wir, es ist die Frage vielleicht von Jahren. Wir wissen es nicht genau, aber wir wissen um so besser, daß die Entwicklung in diese Richtung geht, und daß wir während dieser Zeit in der ganzen Welt viel stärker geworden sind. Wir haben noch nicht die Mehrheit der Arbeiterklasse der gesamten Welt für uns. Wir haben aber einen viel größeren Teil, als wir vor ein oder zwei Jahren hatten. Nachdem wir diese Situation auch taktisch analysieren, was eine wichtige Aufgabe des Kongresses ist, müssen wir uns sagen: der Kampf wird vielleicht langwierig sein, wird nicht so fieberhaft, wie es wünschenswert wäre, vorwärtsschreiten, der Kampf wird höchst schwierig und opferreich sein. Wir sind durch die angehäuften Erfahrungen gewitzigt geworden. Wir werden in diesem Kampfe und durch den Kampf zu manövrieren verstehen. Wir werden nicht nur die eine mathematische Linie, sondern auch die wechselnde Situation für die reinrevolutionäre Linie einzusetzen wissen. Wir werden auch in der Zersetzung der kapitalistischen Klasse zu manövrieren verstehen, immer, um die Kräfte der Arbeiterschaft für die soziale Revolution zusammenzufassen. Ich glaube, daß unsere Erfolge, wie auch unsere Mißerfolge das bewiesen haben, daß nicht darin der Unterschied zwischen uns und den Sozialdemokraten und Unabhängigen besteht, daß wir gesagt hätten, wir werden die Revolution im Jahre 1919 machen, und sie uns geantwortet haben, die Revolution werde viel später kommen. Nicht darin besteht der Unterschied. Er besteht darin, daß die Sozialdemokratie und die Unabhängigen das Bürgertum gegen die Revolution in jeder Situation unterstützen, wir aber bereit sind und bereit bleiben, jede Situation, wie sie sich auch gestalten mag, für den revolutionären Angriff und für die Eroberung der politischen Macht auszunützen«.[16]

Der Vortrag Trotzkis rief eine vehemente Reaktion hervor, und die Delegierten des 3. Kongresses begannen so zum ersten Mal eine umfassende Diskussion innerhalb der kommunistischen Bewegung über die Frage der Perspektive der Revolution. In der Diskussion widersprach und lehnte eine große Zahl von Delegierten, die als der Linksflügel des Kongresses bezeichnet werden können, die Thesen Trotzkis über die Verlangsamung des Tempos der Revolution und über die Notwendigkeit des Strebens nach der Gewinnung von breiten Arbeitermassen ab; sie forderten[17] die Änderung von vorgelegten Thesen, die sie den Dokumenten und den Richtlinien des 2. Kongresses gegenüber als widersprüchlich bezeichneten. Als Befürworterin von Trotzkis Thesen sprach K. Zetkin, die sich gegen jeglichen Schematismus in der Bewertung der Weltlage und gegen blinden Automatismus in dem Verstehen der Krise äußerte und für die Bildung und die Revolutionierung der Massen aufgrund der neuen Taktik eintrat.[18] Daß eine große Zahl die Position des Linkskurses vertrat, zeigten die Diskussionen von allen vorgelegten Dokumenten des Kongresses.[19] Die Diskussion zwischen Lenin und seinen Anhängern auf der einen und dem Linksflügel des Kongresses auf der anderen Seite verschärfte sich besonders bei Radeks Vortrag »Über die Taktik der KI«[20], der im Geiste der Linken vorgetragen wurde und teilweise auch Trotzkis Thesen widersprach. Der allgemeine Kurs des präsentierten Vortrags basierte auf irrealen Bewertungen und Forderungen nach einer unmittelbaren Aktion: »Die Kräfte der Weltrevolution wirken sich weiter aus, und wir stehen nicht vor einem Niedergang der Weltrevolution, sondern wir stehen vor der Sammlung der revolutionären Kräfte zu neuen Kämpfen«.[21] Radek wurde von der Linken unterstützt,[22] die auf einer offensiven Taktik als dem einzigen Weg der wahren revolutionären Politik insistierte; dabei vergaß die Linke völlig die wesentlichste Voraussetzung für das Erreichen von revolutionären Zielen, d.h. sie vergaß die Notwendigkeit, die Mehrheit der Arbeiterklasse für die kommunistischen Reihen zu gewinnen. Lenin nannte folgendes, um letzteres zu erhärten: »Terracini sagt, in Rußland haben wir gesiegt, obwohl die Partei so klein war. ...Wir waren in Rußland eine kleine Partei, aber wir hatten die Mehrheit in den Arbeiter- und Bauernräten im ganzen Lande. Wo haben sie das? Wir hatten mindestens die Hälfte der Armee, die damals zumindest 10 Millionen stark war. Haben sie die Mehrheit der Armee? Zeigen sie mir ein solches Land? Wenn diese Absichten des Genossen Terracini von drei Delegationen geteilt werden, dann ist etwas krank in der Internationale. ... Wir haben in Rußland gesiegt und so leicht gesiegt, weil wir unsere Revolution während des imperialistischen Krieges vorbereitet haben. Das ist die erste Bedingung. 10 Millionen Arbeiter und Bauern waren bei uns bewaffnet und unsere Losung war: sofort Frieden, koste es, was es wolle. Wir haben gesiegt, weil enorme Bauernmassen revolutionär gesinnt waren gegen den Großgrundbesitz.«[23] Lenin lehnte in der Fortsetzung der Diskussion aufgrund des mißlungenen revolutionären Versuches in Deutschland im März[24] und einer umfassenden Bewertung der Umstände, in denen das europäische revolutionäre Proletariat und seine Avantgarde arbeiteten, den »Avantirismus« der Linken mit der Warnung ab, daß diese mit ihren »offensiven Theorien und Aktionen« die unerläßlichen und langwierigen Vorbereitungsphasen einer Revolution umgehen will, dabei aber auch noch die Gefahr des rechten und zentristischen Opportunismus überschätzt: »Wenn der Kongress [...] gegen diese linken Dummheiten nicht entschlossen die Offensive durchführt, dann ist die Bewegung [Anm. die KI] zu Grunde gerichtet.«[25]

Der Hang zum Linkskurs war nicht nur für die ausgesprochen linksorientierten Kurse in vielen Ländern charakteristisch, mit denen Lenin schon im Werk »Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus«[26] polemisierte, sondern dieser Kurs durchdrang im bestimmten Sinne die gesamte Komintern – von der Führungsstruktur bis zum breitesten Kreis ihrer Anhänger. Dieser irreale Optimismus, der von einem baldigen Ausbruch der sozialen Revolution, der Möglichkeit ihres endgültigen Sieges in einer kurzen Zeitspanne überzeugt war, manifestierte sich auf der einen Seite durch viele Proklamationen und Propagandatätigkeit des EKKI, auf der anderen Seite aber in der Überzeugung, daß die Passivität der Arbeiter in Westeuropa nur mit offensiven Mitteln und Methoden überwunden werden kann – mit Streiks, Aufständen und sogar Putschversuchen. Dieses Denken, das auf die Erhaltung der alten Taktik abzielte, die auf dem Ersten und Zweiten Kongreß der KI beschlossen worden war, war in vielen Führungen von europäischen kommunistischen Parteien und sogar im EKKI fest verwurzelt, was eine apriorische Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit sozialdemokratischen Parteien und anderen reformistischen Organisationen, vor allem mit Gewerkschaften, zur Folge hatte. In diesem Kontext überschätzte die Linke, die eine Art Schutz auch im Avantgardismus der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) hatte, die sogenannte rechte Gefahr in der kommunistischen Bewegung und verbarg so bewußt ihre sektiererische Schwäche. Das Beharren der Linken auf der offensiven Taktik und ihre Unfähigkeit zu verstehen, daß die Revolution nicht geradlinig, sondern in einer Zickzacklinie voranschreitet, wie auch ihr scharfer Widerstand gegen die Umkehr der Komintern zur Taktik der »Einheitsfront«, war für Lenin ein Anstoß, sich »an den Rechtsflügel des Kongresses«[27] zu stellen.

Dabei darf nicht übersehen werden, daß sich auch die führenden Bolschewiki in der Komintern in der Bewertung der Weltlage nicht einig waren, vor allem waren sie sich nicht in der weiteren Taktik der KI einig. Lenins »rechter« Orientierung – der Defensive und der Revision der vorangehenden Taktik – widersprach der Präsident der KI Sinowjew selbst, teilweise aber auch Radek und Bucharin. Sie traten für die radikale Linkstaktik der KI ein und widersprachen der geduldigen Politik der Massengewinnung und der opportunistischen Taktik der »Einheitsfront«. Der Standpunkt des Linksflügels hatte einen großen Einfluß darauf, daß die Politik der »Einheitsfront« keinen Platz in den »Thesen über die Taktik der KI«[28] bekam, die auf dem 3. Kongreß beschlossen wurden. Die »neue« taktische Orientierung der KI ging noch immer von der veralteten Bewertung aus, daß »sich in einer Reihe von Ländern die objektive Lage revolutionär zugespitzt hat. ... Der Gang der Weltrevolution wurde noch schleppender dank der Tatsache, daß starke Arbeiterorganisationen und Arbeiterparteien, nämlich die sozialdemokratischen Parteien wie die Gewerkschaften, die vom Proletariat gebildet worden sind zur Leitung seines Kampfes gegen die Bourgeoisie, die sich im Kriege verwandelt haben in die Organe der konterrevolutionären Beeinflussung und Bindung des Proletariats, in dieser Rolle auch nach der Beendigung des Krieges verblieben. Das machte der Weltbourgeoisie leicht, die Krisis der Demobilisationszeit zu überwinden, das erlaubte ihr, in der Zeit der Scheinprosperität des Jahres 1919/20 in der Arbeiterschaft neue Hoffnungen auf die Möglichkeit der Besserung ihrer Lage im Rahmen des Kapitalismus zu erwecken, was der Grund der Niederlage der Erhebung des Jahres 1919 und des verlangsamten Tempos der revolutionären Bewegung im Jahre 1919/20 war. [...] Die Sozialdemokratie, die jetzt in der Periode des Zusammenbruchs und Zerfalls des Kapitalismus, in der Zeit, wo der Kapitalismus nicht mehr imstande ist, den Arbeitern sogar das Leben satt gefütterter Sklaven zu sichern, das alte sozialdemokratische Programm der friedlichen Reformen aufstellt, der Reformen, die auf dem Boden, in dem Rahmen des bankrotten Kapitalismus mit friedlichen Mitteln durchgeführt werden sollen, betrügt bewußt die arbeitenden Massen. [...] Obwohl die Parteien des Zentrums und der Sozialdemokratie sich nur durch Phrasen unterscheiden, ist die Vereinigung der beiden Gruppen in eine Internationale einstweilen noch nicht erfolgt. [...] Die politische Wesens­gleichheit der Reformisten und der Zentristen findet ihren Ausdruck in der gemeinsamen Verteidigung der Amsterdamer Gewerkschafts-Internationale, diesen letzten Bollwerkes der Weltbourgeoisie. [...] Die Kommunistische Internationale hat, wie bisher, den entscheidensten Kampf nicht nur gegen die 2. Internationale, gegen die Amsterdamer Gewerkschafts-Internationale, sondern auch gegen die 2 1/2 Internationale zu führen. [...] Diesen Kampf kann sie siegreich zu Ende führen nur, indem sie jede zentristischen Tendenzen und Anwandlungen in ihren eigenen Reihen im Keime erstickt, nur indem sie in ihrer täglichen Praxis beweist, daß sie die Internationale der kommunistischen Tat und nicht die der kommunistischen Phrase und Theorie ist«.[29] Eine solche Reaktion der Linken kam nicht unerwartet, wenn man weiß, daß von den gerade gegründeten kommunistischen Parteien, die im Geiste der Spaltung mit den reformistischen »Verrätern« aufwuchsen, auf einmal verlangt wurde, mit denselben »Verrätern« eine gemeinsame Front zu bilden. Deswegen ist es nicht verwunderlich, daß die erste »große Wende« in der KI die inneren Konflikte vervielfachte und eine allgemeine Erscheinung des »Linkskurses« bewirkte, der die Taktik der »Einheitsfront« befürwortete (als einer Koalition von kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien). Die »große Wende« stellte auch die partiellen Ziele statt des direkten Zusammenbruches des Kapitalismus in den ersten Plan, was wieder die Wendung zum Reformismus, den Verrat an der Revolution und an den Prinzipien der KI zur Folge gehabt hätte.

Die Taktik der »Einheitsfront«, die von der Wiener Internationale angeregt wurde, die bei ihrer Gründung für die Wiederherstellung der internationalen Arbeitereinheit eintrat, war als Verteidigungspolitik gedacht, mit der sich das Proletariat der immer stärker werdenden Offensive von Kapitaleigentümern und dem bourgeoisen Staat widersetzte. Sie beruhte auf der Erkenntnis, daß in den meisten kapitalistischen Ländern die Zahl von Anhängern der revolutionären Bewegung abnimmt, während der kapitalistische Gegenangriff, der die Spaltung in der internationalen Arbeiterbewegung gut nutzt und sich an den Lebensbedingungen der Arbeiter und zu der Gewinnung ihres gewerkschaftlichen und politischen Kampfes orientiert, immer mehr Anhänger gewinnt. Die Komintern bzw. ihr Exekutivkomitee (EK) waren sozusagen »gezwungen«, dem reellen Zustand der revolutionären Ebbe wie auch der Tatsache gegenüberzutreten, daß die Mehrheit des Proletariats noch weiter den reformistischen Parteien und Gewerkschaften treu blieb. Auf dem Plenum des EKKI im Dezember 1921 wurde zum ersten Mal konkreter über die mögliche praktische Zusammenarbeit der Arbeiterorganisationen aller Richtungen diskutiert – mit dem gemeinsamen Ziel des Kampfes gegen die kapitalistische Front.[30] In der aufgeregten Diskussion unterstützte die Mehrheit der Teilnehmer die taktische Richtung der KI, d.h. die Realisierung der »Einheitsfront«.[31] Im Rundschreiben, das der EKKI zusammen mit dem EK der Roten Gewerkschaftsinternationale an die Zentralkomitees schickte (Moskau, 1. Januar 1922)[32], schlug die Komintern ihren Mitgliedern aufgrund von beschlossenen Thesen des EKKI vor, das Abkommen mit den politischen und gewerkschaftlichen Organisationen aller Richtungen, einschließlich der internationalen Abkommen, zu schließen: »Die Exekutive der Kommunistischen Internationale und der Roten Gewerkschaftsinternationale ist in drei Sitzungen zu der Überzeugung gekommen, daß die Weltlage des Proletariats die Zusammenfassung aller Kräfte des internationalen Proletariats erfordert, die Aufstellung einer einheitlichen Front aller sich auf das Proletariat stützenden Parteien, ohne Rücksicht auf die sie trennenden Gegensätze, wenn sie nur für die nächsten unaufschiebbaren Bedürfnisse des Proletariats gemeinsam kämpfen wollen.«[33]

Auf der Sitzung des Büros der Zweieinhalbten Internationale /IASP/ in Berlin (am 14. und 15. Januar 1922) wurde nach der Diskussion über die Perspektive der »Einheitsfront« ein konkreter Vorschlag gestellt, den Weltkongreß einzuberufen. Im Aufruf, der an die Arbeiterparteien aller Länder gerichtet wurde, wurde vorgeschlagen, Ort, Zeitpunkt, Tagesordnung und Zulassungsbedingung für die Konferenz in konkreten Besprechungen zwischen den EKs aller drei Internationalen festzulegen.[34] Die Komintern reagierte auf den Vorschlag der Wiener Internationale sofort positiv.[35] Radek, der als Vertreter des EKKI zu dieser Zeit nach Berlin kam, führte darüber ausführliche Gespräche mit G. Ledebour, A. Crispien und F. Adler, in denen er sie darüber informierte, daß der Präsident des EKKI (G. Sinowjew) schon die Aktivitäten für die gemeinsame Konferenz beschloß; das EKKI verschickte an alle KPs Telegramme mit der Bitte, den Vorschlag der Wiener Arbeitsgemeinschaft zu beraten und ihn zu unterstützen, wie auch, daß sie ihre Delegierten für das Erweiterte Plenum des EKKI nennen sollen, auf dem der gemeinsame Standpunkt gegenüber der Konferenz der drei Internationalen gestaltet wird.[36]

Auf dem Ersten Erweiterten Plenum des EKKI (Moskau, 24. Februar bis 4. März 1922)[37] wurde der Problematik der »Einheitsfront« große Aufmerksamkeit geschenkt. Nach dem Bericht von Radek über die Gespräche mit den Vertretern der Zweiten und der Zweieinhalbten Internationale über die gemeinsame Konferenz, stellte Sinowjew im Hauptreferat die Ansichten bezüglich der Taktik der Einheitsfront[38] dar; daraus kann der Pragmatismus in der Politik der KI erkannt werden: «Unsere Taktik der Einheitsfront ist nicht nur als eine Strategie gegen unsere Feinde gegeben. Gewiß, wir haben vollkommen das Recht und die Pflicht, gegen unsere Feinde strategische Pläne auszuarbeiten; die Einheitsfront aber ist durch die ganze historische Lage gegeben, durch die ganze Lage des Kapitalismus, durch seine wirtschaftliche und weltpolitische Lage und durch die Lage innerhalb der Arbeiterbewegung. Wenn es richtig ist, was ich Ihnen von der Politik der 2. und 2 1/2 Internationale gesagt habe, wenn es richtig ist, daß sie in der Zukunft eine Taktik der bewußten planmäßigen Spaltung der Gewerkschaften und der Arbeiterklasse vorbereiten; so folgt daraus unabwendbar unsere Taktik der Einheitsfront. So folgt daraus, daß wir eben aus diesen Ursachen und aus vielen anderen Ursachen planmäßig eine Gegenarbeit gegen diesen Plan der 2. Internationale in Angriff nehmen müssen«. Zugunsten des neuen Kurses und der Taktik sprachen auch Berichte von Delegierten der einzelnen Parteien. So berichteten A. Thalheimer und K. Zetkin auf dem Plenum über den Anstieg des Einflusses der KP Deutschlands, vor allem wegen der Benutzung der Taktik der Einheitsfront, während der französische Delegierte M. Cachin gestehen mußte, daß die Sektiererei eine Organisationskrise in der KP Frankreichs zur Folge hatte. Deswegen wurde in der Resolution über die französische Frage, die Trotzki vorlegte, der KPF geraten, in ihre Führung F. Loriot, A. Treint, A. Dunois und Vaillant wieder aufzunehmen und die Prinzipien der Einheitsfront zu akzeptieren. Während die Berichte der Delegierten zugunsten der Gestaltung der Einheitsfront im nationalen Rahmen sprachen, machte K. Zetkin in ihrem Referat »Über die Gefahr der neuen imperialistischen Kriege« das Plenum auf die breiten Dimensionen des Eintretens für die Einheitsfront des internationalen Proletariats aufmerksam; sie betonte, daß es gerade mit der Politik der Einheitsfront möglich, gleichzeitig aber auch notwendig ist, breite Arbeitermassen in den Kampf gegen die Kriegsgefahr und den Krieg systematisch zu integrieren.[39]

Nach der Abstimmung technischer und inhaltlicher Natur trafen sich in Berlin vom 2. bis 5. April 1922 zum ersten (und zum letzten) Mal nach dem Jahr 1914 die höchsten Vertreter der EK der drei Internationalen[40] – der drei großen Fraktionen, die mit der Organisationsspaltung in der ehemaligen sozialen Demokratie (der Zweiten Internationale) entstanden. Auf dem Treffen, das den Namen »Die Konferenz der drei Exekutivkomitees« bekam, sollte die Möglichkeit des Schaffens einer einheitlichen Aktionsfront der Arbeiterparteien erforscht werden, was als ein Versuch der Überwindung von der Spaltung  bzw. als die Suche nach einem modus vivendi bezeichnet werden kann. Wenn wir aber nach den Standpunkten der gegenseitigen Zusammenarbeit urteilen, die auf den Treffen der Zweiten und der Wiener Internationale im Februar 1922 (Paris, Frankfurt), wie auch auf dem Erweiterten Plenum des EKKI in Moskau[41] besprochen wurden, dann ist es um so verständlicher, daß die Skepsis über den Erfolg der Konferenz berechtigt war. Die Diskussion auf der Konferenz, die sich in eine Diskussion von gegenseitigen Beschuldigungen und Verdächtigungen verwandelte, bestätigte den Verdacht, daß jede Seite mit ihren eigenen Interessen zur Konferenz kam, die auf der Konferenz zu einer gemeinsamen Politik geformt sein sollten: die Taktik der Einheitsfront sollte auf der einen Seite wirklich die Macht der Arbeiterklasse im Kampf gegen die bourgeoise Front stärken, andererseits sollte sie aber den Versuchen  der einzelnen Parteien »dienen«, ihren Vorrang und »ihre« Ideologien bei der ganzen Arbeitsbewegung durchzusetzen – was keiner der drei Seiten im Rahmen der selbständigen Politik je gelang. »Man ruft zur Vereinigung aller auf«, sagte E. Vandervelde, »man schlägt uns vor, die Einheitsfront herzustellen, aber man verhehlt nicht den Hintergedanken, uns, nachdem man uns umarmt hat, zu erwürgen oder zu vergiften«[42]. »Wenn man zum Beispiel erklärt, daß [...] Henderson, Vandervelde oder Longuet nur den Interessen der Bourgeoisie dienen – da ist es doch sonderbar, daß man denselben Männern vorschlägt, zur Verteidigung der proletarischen Interessen mitzuhelfen. [...] Wir sind Sozialverräter, wir sind Sozialpatrioten, wir sind Gelbe, wir sind Helfer der Bourgeoisie, von mir hat Sinowjew gesagt, daß ich Verbrechen begangen habe – und nichtsdestoweniger, trotzdem wir Verbrechen begangen haben, trotzdem wir Sozialverräter sind, haltet ihr es für nützlich, daß wir zusammen eine Konferenz abhalten!«[43] Radek antwortete ihm: »Ihr kamt zu dieser Konferenz, weil ihr mußtet, ihr wart das Instrument der Weltreaktion und ihr müßt jetzt, ob ihr wollt oder nicht, ein Instrument des Kampfes für die Interessen des Proletariats werden.«[44]

Auf der Konferenz wurde besonders scharf der Widerspruch in der Auffassung der Politik der proletarischen Einheitsfront sichtbar, der Widerspruch zwischen dem Inhalt dieser Politik in den kapitalistischen Ländern und dem politischen Prozeß, der sich gleichzeitig in der Sowjetunion abspielte. Die sozialistischen Führer nutzten dieses »Paradox« geschickt aus: »Die KI hat sich zum Ziele gesetzt, alle proletarischen Parteien ohne Unterschied zur Bildung einer Einheitsfront gegen den Kapitalismus zu vereinigen und ihre ganze Tätigkeit in den Dienst dieser Aufgabe gestellt. [...] In Sowjetrußland sind unter der Diktatur der Kommunistischen Partei die Massen des arbeitenden Volkes aller politischen Rechte und aller gewerkschaftlichen Freiheit beraubt ...«[45], sagte im Namen der IASP P. Faure. Die Aussage von P. Faure wurde von O. Bauer ergänzt: »Auch wir betrachten es als schlechthin unmöglich, als unvereinbar mit dem Gedanken der proletarischen Einheitsfront, daß nicht das volle Bürgerrecht allen proletarischen und sozialistischen Parteien in Rußland gegeben wird.«[46]

Die Diskussion auf der Konferenz zeigte den Vertretern der Komintern die Zweischneidigkeit der Politik der Einheitsfront: Auf der einen Seite kann ihre Taktik unter der Bedingung der Verschärfung des Klassenkampfes zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie den Zulauf der Massen aus den reformistischen in die kommunistischen Reihen fördern; auf der anderen Seite besteht aber die Gefahr, daß in den Bedingungen der revolutionären Ebbe die Sozialreformisten ihre Reihen mit der Kritik der russischen Revolution vom Aspekt der Gefährdung der Arbeiterdemokratie verstärken. In einer solchen mißtrauischen Atmosphäre, in der sich aus drei gegensätzlichen Seiten zwei bildeten, wurde auf der Konferenz nichts Bedeutendes beschlossen. Der einzige positive Beschluß war eine gemeinsame Deklaration[47] und die Ernennung des Neuner Komitees[48] – MacDonald, Vandervelde, Wels (die Zweite Internationale), F. Adler, Bracke, Crispien (die Wiener Internationale), K. Zetkin, Radek, Frossard (die Moskauer Internationale) –, einer Arbeitsgruppe, die den Arbeiterweltkongreß vorbereiten sollte, mit dem Ziel, die Einheitsfront als die Antwort auf die Drohung mit dem Krieg und auf die Offensive des Kapitalismus zu formieren. Zur Einberufung des Arbeiterweltkongresses kam es nicht, da die Delegation der KI (im Mai 1922) aus dem Neuner Komitee austrat und alle begonnene Aktivitäten abbrach.[49] Damit war das Schicksal der Berliner Konferenz als eines Versuches der Gestaltung der Politik der Einheitsfront endgültig besiegelt.

Der IV. Kongreß der KI (5. November bis 5. Dezember 1922)[50] wiederholte und bestätigte in der Diskussion über die Taktik der Einheitsfront die Richtlinien, die schon auf der erwähnten Sitzung des EKKI am 18. Dezember 1921 beschlossen wurden.[51] Im Unterschied zu Diskussionen, die auf dem 3. Kongreß geführt wurden, stimmte jetzt die Mehrheit der Delegierten den Feststellungen der »Rechten« zu, die schon vor einem Jahr gemacht worden waren, daß das Kapital in der Offensive ist, daß die Arbeiterklasse Verteidigungspositionen angenommen hat, daß ihr Kampfgeist nachgibt und daß eine allgemeine Passivität zu spüren ist. Diese Trends mußten auch vom EKKI im Bericht über die Arbeit der KI zwischen dem 3. und dem 4. Kongreß zugegeben werden.[52] Während Sinowjew versuchte, diese Geständnisse mit der Behauptung, daß die internationale politische Situation noch immer revolutionär und daß der Kapitalismus für den Zusammenbruch reif sei, abzuschwächen,[53] meinte Radek, daß sich die Arbeiterbewegung in der sogenannten Zwischenphase, in der Phase zwischen zwei revolutionären Wellen befände.[54] Obwohl der Kongreß die defensive Natur der Einheitsfront betonte, gab er gleichzeitig zu verstehen, daß er die Vereinigung der Arbeiterbewegung für offensive Ziele bzw. für die Vorbereitung eines neuen revolutionären Aufstiegs nutzen will. Diese Ideen manifestierten sich in der Idee von einer Arbeiterregierung[55] und in der Unterstützung von der Bewegung der Arbeitersowjeten, die im Rahmen der »Thesen über die Taktik der KI« genauer ausgearbeitet wurden.[56]

Die Bestimmung des Kongresses für die Taktik der Einheitsfront[57] verlangte unbedingt auch die Festsetzung der Beziehungen von kommunistischen Parteien gegenüber anderen Organisationen und Richtlinien in der internationalen Arbeiterbewegung: gegenüber Sozialdemokraten bzw. Sozialisten und mit ihnen verbundenen Gewerkschaften, gegenüber dem revolutionären Syndikalismus, dem Anarchismus und dem Anarchosyndikalismus. Der Kongreß bezog die Stellung, daß es notwendig ist, für eine gemeinsame proletarische Aktion »von oben« und »von unten« einzutreten, daß heißt, Arbeitermassen zur Abwehr gegen die Angriffe der Bourgeoisie aufzurufen und zu integrieren, ohne Rücksicht auf ihre politische oder gewerkschaftliche Bestimmung. Gleichzeitig sollten aber auch Kontakte mit Führungen von nichtkommunistischen Parteien, Vereinigungen und Gruppen nicht abgelehnt werden, sondern man sollte versuchen, mit ihnen über den gemeinsamen Widerstand gegen das aggressive Kapital zu diskutieren.[58] Natürlich war es illusorisch anzunehmen, daß eine solche Richtlinie, die sich zu allem Unglück von der sozialdemokratischen Auffassung der Einheitsfront auch noch inhaltlich unterschied, über Nacht Erfolg haben würde und daß auf beiden Seiten die ein paar Jahre alte Intoleranz zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten und zwischen roten und reformistischen Gewerkschaften überwunden sein mußte. Besonders, wenn wir in Betracht ziehen, daß der Kongreß noch weiter auf der linken Stellung beharrte: »Zwei Lager – zwei Gebiete. Auf der einen Seite steht die 2. Internationale, die Internationale Noskes, die Internationale der Sozialverräter, die Internationale der Verbrecher an der Sache der Arbeiterklasse, auf der anderen Seite steht unser Bruderverband der ganzen Welt, unsere Association der Arbeiter aller Länder, die als Kommunistische Internationale bezeichnet wird.« (Sinowjew).[59]

In der Zeit zwischen dem 4. und dem 5. Kongreß der KI kam es zu mehreren inhaltlichen Rucken (vorläufige Stabilisierung des Kapitalismus, Sinken der revolutionären Krise, Vereinigung der Zweiten und der Zweieinhalbten Internationale, Niederlage des deutschen »Oktobers«, Wachsen der Fraktionskonflikte in der KPR/B/), die entscheidend die neue (zweite) Phase in der Entwicklung der Komintern bestimmten. Der 5. Kongreß der KI (Juni–Juli 1924)[60] wurde mit der neu entstandenen Lage konfrontiert und antwortete mit einem Linkskurs (»die Weltlage verschärft sich, die revolutionäre Situation dauert an«) und mit dem Prozeß der Bolschewisierung (= Stalinisierung)[61] der KI und ihrer Sektionen. In den veränderten Umständen bekam auch die Taktik der Einheitsfront, die jetzt zu einem nackten Mittel »der Agitation und Mobilisierung der Massen« wurde, im Vergleich mit dem 4. Kongreß der KI einen neuen Inhalt. Die Politik der Einheitsfront, die in »Thesen über die Taktik der KI« bestimmt wurde, sollte in erster Linie »von unten« (zu den Massen) verwendet werden, während sie »von oben« nur dort verwendet werden sollte, wo die Sozialdemokratie eine erhebliche Macht hatte. Die Taktik der Einheitsfront sollte also nur der Festigung von kommunistischen Positionen unter den Arbeitermassen dienen (um die Dominanz der kommunistischen Ideologie in der politischen und ökonomischen Organisation des Proletariats zu erreichen) und gleichzeitig sollte sie auch dem Entlarven von sozialistischen Führern und ihrer der Arbeiterklasse »feindlichen« Politik dienen. In diesem Kontext wurde auch jede Möglichkeit der Einigung mit den sozialistischen Parteien verworfen, was eine Zurückweisung der Gestaltung der »Arbeiterregierungen« wie auch der vorgesehenen Einigungen zwischen den kommunistischen und sozialistischen Parteien bedeutete.[62] In einer solchen Atmosphäre auf dem Kongreß klangen die Worte von N. Bucharin: »Ich erkenne gern an, daß dieser Standpunkt damals [Anm. 3. Kongreß der KI, 1921] von mir fehlerhaft war. [...] Wir sahen große Gefahren der Einheitsfronttaktik, und wir haben die Gefahren in Vergleich mit dem Nutzen, den die Taktik der Einheitsfront uns bringen könnte, überschätzt. Es ist auch wahr, daß Genosse Lenin die richtige Position hier im allgemeinen vertrat ...«[63], wie die eines Predigers in der Wüste.[64]

Der Mißerfolg der Wiener Internationale, die Politik der Einheitsfront zu verwirklichen (diese wird in einem Jahrzehnt wieder aktuell werden, nach dem legalen Machtantritt von Hitler bzw. des deutschen Nazismus) und somit die organisatorische Spaltung zu überwinden, die der Weltkrieg in die organisierte sozialistische Arbeiterbewegung brachte, rückte sie der ideell nahen Berner Internationale näher. Mit der Vereinigung von beiden Internationalen auf dem Kongreß in Hamburg (am 21. Mai 1923)[65] in die Sozialistische Arbeiter-Internationale/SAI[66] wurde der Prozeß der Gruppierung der sozialistischen Kräfte auf zwei Grundformationen beendet – auf die kommunistische und die sozialdemokratische. Die Polarisierung war während der beiden Weltkriege so allumfassend, daß außerhalb bzw. neben diesen zwei Lagern keine bedeutenderen Arbeiterorganisationen und -bewegungen existierten.

 


[1] Britovšek, Marjan: Revolucionarni idejni preobrat med prvo svetovno vojno [Der Umschwung in den Revolutionsideen während des Ersten Weltkrieges]. Ljubljana 1969; Blänsdorf, Agnes: Die Zweite Internationale und der Krieg. Die Diskussion über die internationale Zusammenarbeit der sozialistischen Parteien 1914–1917. Stuttgart 1979; Kirby, David: War, Peace and Revolution. International Socialism at the crossroads 1914–1918. Aldershot 1986; Lešnik, Avgust: Razcep v mednarodnem socializmu 1914–1923 [Die Spaltung im internationalen Sozialismus 1914–1923]. Koper/Capodistria 1994.

[2] Die II. Internationale 1918/1919. Protokolle, Memoranden, Berichte, Korrespondenzen. Hrsg. von Gerhard A. Ritter & Konrad von Zwehl, 2 Bde. Berlin-Bonn 1980; Sigel, Robert: Die Ge­schichte der Zweiten Internationale 1918–1923, 2 Bde. Darstellung, Dokumentation. Frankfurt/ New York 1986.

[3] Komunistička internacionala. Stenogrami i dokumenti kongresa, 1–12 [Die Kommunistische Internationale. Protokolle und Dokumente, Bde. 1–12]. Beograd-Gornji Milanovac 1981–1983; Evans, John Lewis: The Communist International 1919–1943. Brooklyn 1973; Agosti, Aldo: Problemi di storia dell’Internazionale Comunista 1919–1943, 2 Bde. Torino 1974; Frank, Pierre: Geschichte der Kommunistischen Internationale 1919–1943, 2 Bde. Frankfurt 1981; Lešnik, Avgust: Tretja internacionala – Kominterna (Die Dritte Internationale – Komintern). Ljubljana 1988; Schumacher, Horst: Die Kommunistische Internationale 1919–1943. Berlin 1989; Broué, Pierre: Histoire de l'Internationale communiste 1919–1943. Paris 1997.

[4] Protokoll der Internationalen Sozialistischen Konferenz in Wien vom 22. bis 27. Februar 1921. Wien 1921 [Reprint: Berlin-Bonn 1978]; Steiner, Herbert: Die Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (2 1/2 Internationale) 1921–1923. In: Annali della Fondazione Giangiacomo Feltrinelli XXIII. Milano 1983–84, S. 45-64.

[5] Roy Medwedew gibt die Angaben für das Jahr 1928 an, in dem die Zahl der Mitglieder der KP in aller Welt rund 1 300 000 – davon 900 000 Mitglieder der KPR(B) – betrug, während die Parteien, die der Sozialistischen Arbeiter-Internationale/SAI angeschlossen waren, rund 6 500 000 Mitglieder hatten. Siehe: Medvedev, Roj: Lenjinizam i zapadni socializam. Zagreb 1986, S. 228 [Leninism and Western Socialism. London 1981].

[6] Die »Katastrophe« vor Warschau war vor allem deswegen so schmerzhaft, weil Moskau meinte, daß es dort zur Verbindung mit den deutschen Revolutionären kommen würde. Siehe Boffa, Giuseppe: Povijest Sovjetskog saveza [Geschichte der Sowjetunion], Bd. 1. Opatija 1985, S. 100.

[7] Komunistička internacionala (siehe Anm. 3), Bd. 2 (1981), S. 392–396; Der zweite Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen vom 19. Juli in Petrograd und vom 23. Juli bis 7. August 1920 in Moskau. Hamburg 1921; Weber, Hermann: Die Kommu­nistische Internationale. Eine Dokumentation. Hannover 1966, S. 55–62.

[8] Claudin, Fernando: Kriza komunističkog pokreta. Od Kominterne do Kominforma, Bd. 1. Zagreb 1988, S. 112 [La Crise du Mouvement Communiste. Du Komintern au Kominform. Paris 1972], gibt folgende Wahlergebnisse an. Die Angaben sind von Lazitsch, Branko: Lenin and the Comintern, Bd. 1. Stanford 1972, S. 249–259. Der Einfluß von Sozialisten und Kommunisten kann dem entnommen werden:

Großbritannien     (1918)           Labouristen                                                            2 200 000

                                (1922)           Labouristen                                                            4 300 000

Deutschland          (1919)           Mehrheitssozialisten                                            11 500 000

                                                      Unabhängige Sozialisten (Zentrum)                    2 300 000

                                (1920)           Mehrheitssozialisten                                              6 100 000

                                                      Unabhängige Sozialisten (Zentrum)                    5 000 000

                                                      Kommunisten                                                           400 000

Frankreich              (1919)           Sozialisten                                                               1 700 000

                                (1924)           Sozialisten                                                               1 700 000

                                                      Kommunisten                                                           900 000

Italien                     (1919)           Sozialisten                                                               2 000 000

                                (1921)           Sozialisten (Serrati)                                                1 500 000

                                                      Kommunisten                                                           300 000

Österreich              (1919)           Sozialisten                                                               1 200 000

                                (1920)           Sozialisten                                                               1 000 000

                                                      Kommunisten                                                             22 000

[9] Rosenberg, Arthur: Geschichte des Bolschewismus. Berlin 1932, S. 249.

[10] Claudin, Kriza komunističkog pokreta, S. 112–113.

[11] Protokoll des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale/Moskau, 22. Juni bis 12. Juli 1921. Hamburg 1921.

[12] Lenin, V. I.: Dela [Werke], Bd. XXXIII. Beograd 1976, S. 304–321.

[13] Lenin, V. I.: Izbrana dela [Ausgewählte Werke], Bd. IV. Ljubljana 1950, S. 484–485.

[14] Thesen und Resolutionen des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Ham­burg 1921, S. 94.

[15] Protokoll des III. Kongresses (siehe Anm. 11), S. 48–90.

[16] Ebenda, S. 89–90.

[17] Ebenda, S. 92–114. Gegen die Thesen Trotzkis opponierten die ultralinken Vertreter der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (A. Schwab/Sachs/B. Reichenbach/Seemann), der KP Deutschlands (A. Thalheimer/P. Fröhlich), der KP Ungarns (J. Pogany), der KP Polens (H. Brand/G. Lauer) und andere am stärksten.

[18] Ebenda, S. 117–120.

[19] Komunistička internacionala (siehe Anm. 3), Bd. 3 (1981), S. 631–725.

[20] Protokoll des III. Kongresses (siehe Anm. 11), S. 434–484.

[21] Ebenda, S. 435.

[22] Umberto Terracini legte im Namen von drei Delegationen (italienischen, deutschen und öster­reichischen) Ergänzungen zu Radeks Referat vor, im Sinne der Forderung der Annahme des »Linkskurses« (ebenda, S. 498–508).

[23] Ebenda, S. 511–514.

[24] Die »offensiv« gesinnte Zentrale der KPD bereitete am 27. März 1921 einen Generalstreik und einen bewaffneten Aufstand der Arbeiterschaft in Mitteldeutschland (Sachsen) vor, die sich auf den ganzen Staat ausbreiten sollten. Die »Märzaktion«, konzipiert auf einer irrealen Bewertung der Lage im Staat, war schlecht vorbereitet. Die preußische Polizei schlug am 31. März mit Gewalt den Generalstreik nieder, noch bevor sich dieser im ganzen Staat ausbreiten konnte. Sechstausend Beteiligte an der »Aktion« wurden festgenommen, davon wurden viertausend vorgeführt und vor dem Ausnahmegericht verurteilt. Mujbegović, Vera: Komunistička partija Nemačke 1918–1923 [Die Kommunistische Partei Deutschlands 1918–1923]. Beograd 1968, S. 268–281. Die Zentrale der KPD wurde nach der mißlungenen »Aktion« von allen Seiten scharf kritisiert. Neben der sozialdemokratischen Presse, die töste, daß »Moskau Tote braucht«, wurde die Stimme vom bisherigen Präsidenten der KPD, P. Levi, am lautesten, der im Februar aus der Zentrale austratt. Levi schob in der Broschüre, die er Anfang April veröffentlichte (Levi, Paul: Unser Weg. Wider den Putschismus. Berlin 1921), die ganze Schuld für die mißlungene »Märzaktion« dem EKKI und seinen Emissären zu, die er höhnisch »Turkestanen« nannte. Nach der Meinung von einigen Autoren war die »Märzaktion« ein direkter Versuch, das sowjetische Rußland vom Druck von Außen und von der schweren inneren Situation im Frühjahr 1921 zu befreien – der Aufstand in Kronstadt, der Generalstreik in Petro­grad, die Opposition in der KPR(B) –, während andere die »Märzaktion« als eine selbständige Tat der KPD verstehen.

[25] Protokoll des III. Kongresses (siehe Anm. 11), S. 509.

[26] Lenin, Izbrana dela (siehe Anm. 13), Bd. IV, S. 484–485.

[27] Komunistička internacionala (siehe Anm. 19), XVIII (Vera Mujbegović im Vorwort).

[28] Thesen und Resolutionen des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Ham­burg 1921, S. 32–63.

[29] Ebenda, S. 32–33, S. 45, S. 62–63.

[30] Die Proletarische Einheitsfront. Leitsätze über die Einheitsfront (Einstimmig angenommen vom EKKI am 28. Dezember 1921). In: Kommunistische Internationale 2/1922, 25 (Flug­schriften der Kommunistischen Internationale 12).

[31] Gegen die neue Richtlinie, die Teilnahme der KI an der Konferenz der Arbeiterorganisationen aller Welt (der Dreiexekutivkonferenz) eingeschlossen, opponierten italienische, französische und spanische Vertreter.

[32] Internationale Presse-Korrespondenz (Inprekorr) 2/1922.

[33] Ebenda, S. 9.

[34] Nachrichten der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (Wien) 2/1922.

[35] Die Rote Fahne vom 17. Januar 1922 (Zentralorgan der KPD). Berlin 1922.

[36] Kowalski, Werner: Die Berliner Dreiexekutivenkonferenz 1922. In: Wissenschaftliche Zeit­schrift, Universität Halle 2/1978, S. 20.

[37] Die Taktik der Kommunistischen Internationale gegen die Offensive des Kapitals. Bericht über die Konferenz der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale, Moskau, vom 24. Februar bis 4. März 1922. Hamburg 1922.

[38] Ebenda, S. 35–48.

[39] Ebenda, S. 141–143.

[40] Protokoll der Internationalen Konferenz der drei Internationalen Exekutivkomitees in Berlin vom 2. bis 5. April 1922 (Wien 1922), S. 4: Die II. Internationale vertraten: C. Huysmans, E. Vandervelde (Belgien), Stauning (Dänemark), O. Wels (Deutschland), H. Gosling, R. MacDonald, T. Shaw (England), Tseretelli (Georgien), W. N. Vliegen (Holland) und G. Moeller (Schweden); KI: K. Zetkin (Deutschland), L. O. Frossard, A. Rosmer (Frankreich), Bordiga (Italien), Katayama (Japan), Stojanowits, K. Novaković (Jugoslawien), Warski (Polen), N. Bucharin, K. Radek (Rußland) und B. Smeral (Tschechoslowakei); IASP: A. Crispien (Deutschland), R. C. Wallhead (England), P. Faure, J. Longuet (Frankreich), B. Kalnin (Lettland), F. Adler, O. Bauer (Öster­reich), J. Martow (Rußland), R. Grimm (Schweiz) und K. Čermak (Tschechoslowakei). Serrati nahm als Beobachter im Namen der PSI teil, die keiner Internationale angehörte. Den öffent­lichen Sitzungen wohnten Reporter der größten internationalen Zeitschriften bei; mit ihrer Hilfe wurden die Aktivisten gut über den Verlauf der Diskussion informiert.

[41] Den präsentierten Stellungnahmen, Erwartungen und Motiven ist zu entnehmen, daß alte Gründe der Spaltung wie auch der Kampf um den Vorrang in der Arbeiterbewegung, so im nationalen wie im internationalen Maßstab, noch immer nicht vergessen waren; aber ohne Zweifel waren sich die Ansichten der Zweiten und der Wiener Internationale sehr ähnlich. Kowalski, Die Berliner Dreiexekutivenkonferenz (siehe Anm. 36), S. 20.

[42] Vandervelde dachte dabei an die Feststellungen des EKKI, die auf der Konferenz von K. Zetkin vorgetragen wurden: a) da der Kapitalismus nicht mehr in der Lage ist, den Arbeitern den minimalen Standard zu sichern, sind die Arbeiter im Kampf um ihre konkreten Forderungen automatisch gezwungen, gegen die Bourgeoisie und ihren Staatsapparat zu kämpfen; b) reformistische Führer, Agenten der Bourgeoisie, sind gezwungen, ihre eigenen Interessen zu schützen, da sie keine Absicht haben, das Proletariat in den Kampf zu führen, nicht mal um für die mäßigsten Forderungen ihres Programms zu kämpfen. Protokoll der Internationalen Konfe­renz (siehe Anm. 40), S. 7–10.

[43] Ebenda, S. 13.

[44] Ebenda, S. 17–18.

[45] Ebenda, S. 16.

[46] Ebenda, S. 32–33.

[47] In der Deklaration wurde das Bedürfnis nach der Zusammenarbeit und einem gemeinsamen Kampf um den Achtstundentag, gegen die Arbeitslosigkeit, gegen die Offensive des Kapitals geäußert [...] und es wurden Arbeitermassen aller Länder dazu aufgefordert, am 20. April oder 1. Mai, in der Zeit, in der die Konferenz der Repräsentanten des Kapitals in Genua (Anm. die Europäische Wirtschaftskonferenz, 10. April – 19. Mai 1922) stattfand, gemeinsame Demonstra­tionen zu organisieren, auf denen sie ihre ökonomischen und politischen Forderungen stellen sollten. (Ebenda, S. 47.)

[48] Ebenda, S. 3.

[49] Am 24. Mai 1922 gab das Exekutivkomitee der KI in Moskau eine Erklärung ab, in der es die Schuld am Scheitern der Berliner Konferenz den Vertretern der II. und 2 1/2 Internationale zuschreibt. Steiner, Die Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (siehe Anm. 4), S. 59. Die oben angegebene Äußerung erklärt nicht das rechte Motiv der Unterbrechung der Zusammenarbeit der KI mit der Zweiten und der Wiener Internationale, da es schon vor dem Beginn der Berliner Konferenz klar war, daß die Konferenz keinen wesentlichen Fortschritt bringen wird. Mehr sagt uns die Stellungnahme, die Karl Radek auf der Programmkommission des EKKI äußerte (im Juni 1922): »Wir unterscheiden uns von allen Arbeiterparteien nicht nur durch die Losung der Diktatur und der Räteregierung, sondern auch durch unsere Übergangs­forderungen. Während die Übergangsforderungen aller sozialdemokratischen Parteien nicht nur auf dem Boden des Kapitalismus verwirklicht werden sollen, sondern auch seiner Reform dienen, dienen unsere Forderungen dem Kampfe um die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse, um die Zertrümmerung des Kapitalismus. Dies muß zum Ausdruck kommen in unserem Übergangsprogramm.« Materialien zur Frage des Programms der Kommunistischen Interna­tionale. Moskau 1924, S. 12–13: K. Radek, Zur Frage des Programms der KI.

[50] Protokoll des vierten Kongresses der Kommunistischen Internationale, Petrograd-Moskau vom 5. November bis 5. Dezember 1922. Hamburg 1923; Komunistička internacionala (siehe Anm. 3), Bde. 4–5 (1981).

[51] Ebenda, Bd. 5, S. 1019–1028.

[52] Ebenda, Bd. 4, S. 29–34.

[53] Ebenda, S. 55–56.

[54] Ebenda, S. 55. Trotz großer Bemühungen mißlang es der KI, die zweite Welle der revolutio­nären Taten auszulösen.

[55] »Eine solche Arbeiterregierung ist nur möglich, wenn sie aus dem Kampfe der Massen selbst geboren wird, sich auf kampffähige Arbeiterorgane stützt, die von den untersten Schichten der unterdrückten Arbeitermassen geschaffen werden. Auch eine Arbeiterregierung, die einer parlamentarischen Konstellation entspringt, die also rein parlamentarischen Ursprungs ist, kann den Anlaß zu einer Belebung der revolutionären Arbeiterbewegung geben. Es ist selbstverständlich, daß die Geburt einer wirklichen Arbeiterregierung und die weitere Aufrechterhaltung einer Regierung, die revolutionäre Politik betreibt, zum erbittertsten Kampf, eventuell zum Bürgerkrieg mit der Bourgeoisie führen muß. Schon der Versuch des Proletariats, eine solche Arbeiterregierung zu bilden, wird von vornherein auf den schärfsten Widerstand der Bourgeoisie stoßen. Die Losung der Arbeiterregierung ist daher geeignet, das Proletariat zusam­menzuschließen und revolutionäre Kämpfe auszulösen. Die Kommunisten müssen sich unter Umständen bereit erklären, zusammen mit nichtkommunistischen Arbeiterparteien und Arbeiter­organisationen eine Arbeiterregierung zu bilden. Sie können das aber nur dann tun, wenn Garan­tien dafür vorhanden sind, daß die Arbeiterregierung wirklich einen Kampf gegen das Bürgertum im oben angegebenen Sinne führen wird.« (Ebenda, Bd. 5, S. 1016.)

[56] Ebenda, S. 1007–1018.

[57] Der Kongreß bot in »Offener Brief. An die 2. Internationale und die Wiener Arbeitsgemein­schaft. An die Gewerkschaften aller Länder und die Haager Internationale Gewerkschafts- und Genossenschaftskonferenz!« die Zusammenarbeit an. (Ebenda, S. 1029–1033.)

[58] Ebenda, S. 1014–1015.

[59] Ebenda, Bd. 4, S. 6.

[60] Komunistička internacionala (siehe Anm. 3), Bde. 6-7 (1982); Protokoll des fünften Kongresses der Kommunistischen Internationale, 17. Juni bis 8. Juli 1924 in Moskau, 2 Bde. Hamburg 1924.

[61] Wenn wir über den Prozeß der »Bolschewisierung der KI« sprechen, müssen wir auf den inkonsequenten Gebrauch dieses Terminus aufmerksam machen. Es gab nicht wenige Autoren in der Vergangenheit, die die Urheberschaft der »Bolschewisierung der KI« ganz einfach und unkritisch Lenin zuschrieben, und nicht Stalin. An dieser Demagogie war der Präsident der EKKI G. Sinowjew schuld, da er sich auf dem 5. Kongreß der KI (im Juli 1924) zugunsten der Richtlinie des sogenannten »Linkskurses« – der neuen Periode in der Entwicklung der KI und ihrer Sektionen (der Stalinisierung!) – auf die Stellung des damals schon verstorbenen Lenins berief: »Bolschewisierung – das ist die Schaffung einer festgefügten, wie aus einem Stein gehauenen, zentralisierten Organisation, die harmonisch und brüderlich die Differenzen in ihren eigenen Reihen austrägt, wie es Lenin gelehrt hat« (ebenda, S. 508), gleichzeitig aber Lenins ausdrückliche Warnung, die er auf dem 3. Kongreß äußerte, verschwieg: »Wenn der Kongreß [...] gegen diese linken Dummheiten nicht entschlossen die Offensive durchführt, dann ist die Bewegung zu Grunde gerichtet.« Protokoll des III. Kongresses (siehe Anm. 11), S. 509.

[62] Komunistička internacionala, (siehe Anm. 3), Bd. 7, S. 907–925.

[63] Protokoll des fünften Kongresses (siehe Anm. 60), Bd. 1, S. 273.

[64] Mehr darüber siehe Löwy, A. G.: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Bucharin: Vision des Kommunismus. Wien/Frankfurt/Zürich 1969.

[65] Protokoll des Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress in Hamburg 21. bis 25. Mai 1923. Berlin 1923.

[66] Panaccione, A.: Fonti per la storia della Internazionale Operaia e Socialista 1923–1940. In: Annali della Fondazione Giangiacomo Feltrinelli XXIII. Milano 1983/84, S. 3–44; Kowalski, Werner u.a.: Geschichte der Sozialistischen Arbeiter-Internationale 1923–1940. Berlin 1985.

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