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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Drei Mal Lenin? – Zum 80. Todesjahr des russichesn Revolutionärs

JHK 2004 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 304-312 | Aufbau Verlag

Autor/in: Samson Madievski

Der heutzutage vergessene Dichter Nikolaj Poletajew schrieb im Jahr 1924 folgende Zeilen: »Man sieht bis jetzt kein echtes Porträt Lenins: / Die vorhandenen Porträts sind ihm nicht ähnlich. / Offenbar werden erst die Jahrhunderte / sein unvollendetes Porträt fertig zeichnen.« Seitdem sind Porträts in großer Anzahl entstanden, aber ihre Ähnlichkeit mit dem historischen Lenin bleibt umstritten. Zu stark hängt die Bewertung des Vaters der Oktoberrevolution von der Einstellung der Autoren ab. Für die einen ist Lenin eine Ikone, ein schuldloser Genius, für die anderen ist er der dämonische Verderber Russlands. Für die dritten ist er ein Eklektiker, bei dem man einander ausschließende Ansichten für jeden Geschmack finden kann. Und wieder für andere ist er ein Politiker, der im Laufe seiner Entwicklung viele seiner Auffassungen verändert hat.[1]

Im Jahre 1999 erschien in dem Moskauer Verlag Rospen der Sammelband W. I. Lenin. Unbekannte Dokumente. 1891–1922.[2] Darin wurde veröffentlicht, was Jahrzehnte hindurch in den Tiefen der Parteiarchive verborgen gewesen war, weil es nicht mit dem kommunistischen System und seiner Ideologie, nicht mit dem lesebuchgemäßen, kanonisierten Bild des Führers zusammenpasste. Dazu gehören in erster Linie die grausamen Direktiven und Empfehlungen zur Abrechnung mit den »Klassenfeinden«, des Weiteren die Instruktionen zur Finanzierung der ausländischen kommunistischen Parteien während der Hungerjahre des Bürgerkrieges und »unbequeme« Dokumente über die Beziehungen zu den Kampfgefährte – z. B. über die Querelen und Rechtsstreitigkeiten mit Clara Zetkin wegen der Gelder des Moskauer Fabrikanten Nikolaj Schmit, die dieser der Partei vererbt hatte und die bei Zetkin in Verwahrung waren, und schließlich Dokumente, die die Scheinheiligkeit der Partei belegen (siehe die Briefe Lenins an Inesse Armand).

Bereits im Jahre 1996 hatte der anerkannte amerikanische Sowjetologe Richard Pipes den größeren Teil der Dokumente des russischen Sammelbandes von 1999 unter dem zugespitzten, auf Publikumswirkung zielenden Titel Der unbekannte Lenin veröffentlicht.[3] Allerdings entsprach ein solcher Titel nicht in vollem Maße der Realität. Eine Reihe »sensationeller«, ganz oder teilweise veröffentlichter Dokumente war schon früher in der Presse und in Periodika erschienen und auch in dem zweibändigen Werk von Wolkogonow Lenin. Ein politisches Porträt publiziert worden.[4] Anscheinend zog deshalb auch der erwähnte Sammelband, den das Russische Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte unter der Leitung von Wladlen Loginow herausgegeben hat, ungeachtet seines hohen wissenschaftlichen Niveaus, nicht die Aufmerksamkeit auf sich, die er verdiente. Der Höhepunkt des öffentlichen Interesses war überschritten. Vom Gesichtspunkt des durchschnittlichen Lesers aus war es wenig, was der Sammelband von 1999 zum Bild Lenins als Fanatiker der Revolution, als Verfechter der »Diktatur des Proletariats« und als Kämpfer für den Triumph des Kommunismus auf der Welt hinzuzufügen vermochte. Lenin war in dieser Leseart ein Mensch, der sich mit seiner Sache      identifizierte und bereit war, jedes beliebige Opfer dafür zu bringen und dafür jedes beliebige Mittel einzusetzen, sei sei es noch so grausam und unmoralisch. Warum unmoralisch? Wenn die Moral den Interessen des Klassenkampfs des Proletariats (das heißt, der politischen Zweckdienlichkeit) untergeordnet ist, wenn moralisch alles das ist, was dem Sieg des Kommunismus dient, dann sind auch die Mittel, die zu diesem Sieg führen, moralisch gerechtfertigt. Allerdings stellt sich die Frage, warum die diesbezüglichen Anordnungen Lenins dann den eigenhändigen Vermerk »geheim« tragen?

Mir persönlich erschloss sich der bis dahin unbekannte Lenin etwa Mitte der Sechzigerjahre beim Lesen des 54. Bandes seiner gesammelten Werke, der die Briefe und Aufzeichnungen von November 1921 bis März 1923 enthält.[5] Zum Druck vorbereitet gegen Ende des Chruschtschowschen Tauwetters, war dieser Band 1965 in einer Auflage von 187 000 Exemplaren erschienen. Offensichtlich war er jedoch von niemandem außer den Verfassern, Redakteuren, Zensoren und Autoren der offiziellen Rezensionen zur Gänze gelesen worden. Die kommunistische Ideologie war in den letzten Jahrzehnten des Bestehens der Sowjetmacht im Grunde genommen tot. Lenin wurde in der UdSSR nicht gelesen, sondern »studiert« – und zwar das, was vom Programm gefordert wurde, »von da bis da«, und in der Regel anhand von Einzelausgaben.

Indessen erschloss sich hier dem aufmerksamen Leser ein vollkommen anderer, ein nicht ikonenhafter Lenin. Es zeigte sich, dass Lenin sich mit etwas beschäftigt hatte, das in der damaligen offiziellen Sprache als »Verunglimpfung der sowjetischen Wirklichkeit« bezeichnet wurde. Unzulänglichkeiten zu kritisieren, hatte man uns eingeschärft, ist möglich und nötig; nicht erlaubt ist es, zu verallgemeinern und das Ganze schlecht zu machen. Gerade das aber tat er.

Hier nur einige Beispiele. Aus einem Brief an Alexander Zjurupa, seinen Stellvertreter im Rat der Arbeit und Verteidigung, vom 18. Februar 1922: »Die Handelsabteilung der Staatsbank hat überhaupt nichts mit ›Handel‹ zu tun, sondern ist genau so scheißbürokratisch wie alles Übrige in der RSFSR«. Aus Notizen für den Sekretär des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees,, Avel Enukidse, vom 13. Februar desselben Jahres: »[…] es gibt eine Art von Schlamperei im Präsidium des AZEK und seiner Arbeit […] wie überhaupt in unserer ›Oblomow‹Republik«. Aus einem Brief an den stellvertretenden Vorsitzenden des Obersten Sowjets für Volkswirtschaft, Pjotr Bogdanow, vom 23. Dezember 1921: »[…] die geheim-parteilich-zekistisch[6]-blödsinnige Eindämmung der widerlichen Angelegenheit, den widerlichen Bürokratismus betreffend […]. Dafür sollte man uns alle an stinkenden Stricken aufhängen.« Aus einem Brief an die Mitglieder des Kollegiums der Allrussischen Außerordentlichen Kommission, Iosif Unschlicht und Wassili Fomin, vom 16. Januar 1922: »[…] diese Draisinen sind offensichtlich ›sowjetisch‹, das heißt, sehr schlecht […]. Die ganze Organisation ist ebenso unerhört blamabel, Zerrüttung und Ungeschick sind vollkommen […].« Aus Notizen für Iosif Stalin vom 15. April 1922: »Der Band von 733 Seiten ist mit der unverschämten, echt sowjetischen Schludrigkeit publiziert, auf die Gefängnis stehen sollte.« Ebenfalls an Stalin, im Mai 1922: »[…] die üblichen sowjetischen Schlafmützen und Tagediebe«. Aus einem Brief an den Volkskommissar für Finanzen, Grigori Sokolnikow, vom 15. Februar 1922: Neue Behörden »entarten bei unseren gemeinen Sitten (mit Anspruch auf den ›wahrhaften Kommunismus‹) unvermeidlich zu bürokratischem Stumpfsinn«. Eine Woche später erneut an Sokolnikow: »Die Kommunisten sind Bürokraten geworden«. An den Vorstandsvorsitzenden der Staatsbank, Alexander Schejnman vom 28. Februar 1922: » […] angeblich Handels-, aber in Wirklichkeit bürokratisch-kommunistische Handels- und Industrie-Dörfer à la Potjomkin«. Und an denselben: »[…] das stinksüßliche kommunistische Beamtengeflunker (mit dem alle Sie füttern wie einen Würdenträger)«. Einer nach dem andern purzeln sie aus seiner Feder, die »kommunistischen Dummköpfe«, die »kommunistischen Puppen«, das »kommunistische Gesindel«, die »kommunistische Scheiße«. Oder (ein Brief an das Politbüro vom 18. März 1922): »Der Gipfel der Schande und Gemeinheit: Die Partei an der Macht schützt ›ihre‹ Schurken!!!«[7] 

Nach dem Strafgesetzbuch der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) fiel dies alles unter die Artikel 70 und 191/1 (»Verleumderische Behauptungen, die die sowjetische Staats- und Gesellschaftsordnung in Misskredit bringen«), nach denen bekanntlich Dissidenten verurteilt wurden. Natürlich, ein Anwalt hätte ganz bestimmt mildernde Umstände angeführt: frühere Verdienste; das Geschriebene war vertraulich und zudem während einer Krankheit entstanden. Aber schwerlich hätte ein sowjetisches Gericht diese Ausreden in Betracht gezogen, und wenn doch, so hätte es statt Gefängnis die Einweisung in die Psychiatrie angeordnet. 

 »Pessimismus und Resignation bezüglich der sozialistischen Zukunft der Sowjetunion«[8] gibt es bei Lenin jedoch nicht. Er  wollte »den Bürokratismus wie ein Wolf« ausnagen (Wladimir Majakowski), er forderte Gerichtsverfahren und Gefängnis für Bürokratismus, organisatorische Unfähigkeit und Untätigkeit, Erschießen für Unterschlagung und Bestechung. 

Offensichtlich konnte oder wollte Lenin nicht verstehen, dass die Krebsgeschwulst des Bürokratismus nicht durch Pannen im »genetischen Apparat« des Systems erzeugt war, sondern durch die Natur dieses Apparats – durch das Ersetzen des Marktes und der Demokratie als Voraussetzungen für die Selbstentwicklung der Gesellschaft durch äußere, aus dem Zentrum erfolgende Lenkung der gesellschaftlichen Prozesse. 

Andere Autoren finden den »unbekannten Lenin« in seinen letzten Artikeln, die häufig als sein »Vermächtnis« bezeichnet werden. Beispiele dieser Lesart sind die umfangreiche Skizze Juri Burtins[9] und das ganz unabhängig von ihm entstandene Büchlein von Juri Iwanow.[10] Ihre Kernthesen kann man folgendermaßen zusammenfassen: Der Übergang vom »Kriegskommunismus« zur Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) war von Lenin unter dem Druck harter wirtschaftlicher und politischer Notwendigkeit veranlasst worden. Die Volkswirtschaft des Landes war schlichtweg zusammengebrochen, die Bauernschaft wollte sich gegen Ende des Bürgerkriegs nicht mehr mit der Getreideablieferungspflicht abfinden und lehnte sich massenhaft gegen die Bolschewiki auf. Unter diesen Umständen bildete die NÖP die einzige Rettung für sie. Durch Handelsfreiheit und die Zulassung von Privatunternehmertum konnte sowohl die landwirtschaftliche als auch die industrielle Produktion überleben. Das Bedürfnis der Stadt nach Versorgung mit Nahrungsmitteln und des Dorfes nach Versorgung mit industriellen Gütern konnte befriedigt und ein »Bündnis« zwischen beiden gewährleistet werden. 

Lenin erfasste nicht sofort und nicht als erster den Bankrott des »Kriegskommunismus«. Juri Larin und Leo Trotzki hatten schon Anfang 1920 vorgeschlagen, die Getreideablieferungspflicht durch eine festgesetzte Steuer zu ersetzen, er aber brauchte die Antonowschtschina, (die Erhebung unter dem Partisanenführer Antonow im Schwarzerdegouvernement Tambow 1920/21) und den Aufstand der Matrosen in Kronstadt 1921, um eine solche Maßnahme zu veranlassen. Aber dann benutzte er seine ganze unangefochtene Autorität, um die Partei von der Unumgänglichkeit einer Kursänderung zu überzeugen, jene Partei, deren Mitglieder die NÖP mehrheitlich als Sündenfall betrachteten. In den Jahren 1921/22 erfolgte der allmähliche Ausbau der NÖP auf allen Gebieten der volkswirtschaftlichen Verwaltung. 

Im Laufe dieses Prozesses, so Burtin und Iwanow, ging die Taktik in Strategie über, und in seinen letzten Werken kam Lenin, seinen Worten zufolge, »zu einer grundlegenden Änderung der Sicht von uns allen auf den Sozialismus«.[11] Zum ersten Mal ertönte unter den Kommunisten der Aufruf, die orthodox-marxistischen Auffassungen des Marktes zu überprüfen und den Markt wie auch das »private Handelsinteresse«, die Privatproduktion und das Privatkapital als Merkmale des ökonomischen Mechanismus im Sozialismus anzuerkennen. Freilich unter zwei unerlässlichen Voraussetzungen – Erhaltung der Macht der kommunistischen Partei (»Diktatur des Proletariats«) und des staatlichen Eigentums an Boden und Schwerindustrie. 

In dem Artikel »Über das Genossenschaftswesen«, der im Januar 1923 von dem halb gelähmten Lenin diktiert wurde, heißt es: Unter den genannten Bedingungen »ist für uns das schlichte Wachsen des Genossenschaftswesens gleichbedeutend […] mit dem Wachstum des Sozialismus«, denn »in unserer bestehenden Ordnung unterscheiden sich Genossenschaftsbetriebe nicht von sozialistischen Betrieben«.[12] So kann über Betriebe, die im Unterschied zu Artel und Kommunen private Warenproduzenten vereinen, die ihre wirtschaftliche Selbständigkeit erhalten haben, tatsächlich nur der sprechen, in dessen Bewusstsein sich ein Wandel vollzogen hat. Lenin stand, nach der Einschätzung von Burtin und Iwanow, auf der Schwelle zur Anerkennung dessen, was heute »markwirtschaftlicher Sozialismus« genannt wird. 

Zu diesem Zeitpunkt ist die NÖP für ihn nicht mehr »Abweichung« vom Sozialismus, ja nicht einmal eine »Stufe« auf dem Wege zu ihm – gemäß den grundlegenden ökonomischen Charakteristika befindet sie sich »innerhalb« des Sozialismus, sie stellt dessen Anfang dar. Vom »vollen« Sozialismus trennen sie die Fehler der Administration und das niedrige kulturelle Niveau der Bevölkerung, das – im Einzelnen wie im Besonderen – ihre Kooperation behindert. Deshalb rückt für Lenin die Überwindung der kulturellen und technischen Zurückgebliebenheit bzw. – wie man heute sagen würde – die Modernisierung zur Hauptaufgabe auf. Je nachdem wie sich die NÖP entwickelt, soll sie fließend in den Sozialismus übergehen.

Das ist natürlich ein »anderer Sozialismus« – nicht der Marxsche Staatssozialismus und nicht der genossenschaftliche Selbstverwaltungssozialismus Michail Bakunins. Burtin bestimmt die NÖP als den ersten realen, in großem Maßstab unternommenen Versuch der Konvergenz von Kapitalismus und Sozialismus in der Geschichte. Seine und Iwanows Antwort auf die Frage »Was wäre gewesen, wenn Lenin länger gelebt hätte?« lautet, dass Verhältnisse hergestellt worden wären, wie sie in etwa heute in China bestehen. Das heißt, ein totalitäres kommunistisches Regime, das die Schwerindustrie kontrolliert und unter Beibehaltung der Selbständigkeit der bäuerlichen Anwesen die Landwirtschaft genossenschaftlich organisiert. Der Unterschied liegt in dem sehr viel breiteren Einsatz marktwirtschaftlicher Mittel in China, z. B. in der Zulassung von Privateigentum an Boden und bedeutender nichtstaatlicher Unternehmen in der Industrie sowie in der massiveren Investition ausländischen Kapitals.

Ausgehend von dem Gesagten formuliert Burtin die These von den »drei Lenins«. Da ist einmal der Lenin des Oktobers, dann der Lenin des Übergangs zur NÖP und schließlich der Lenin des »Vermächtnisses« – drei in vielem verschiedene Persönlichkeiten. Der Lenin des Oktobers ist der Revolutionär, der Theoretiker und Praktiker des gesellschaftlichen Umbruchs, der Ideologe des Bürgerkriegs, der Voluntarist und Diktator. Sein Ziel war es, den Kapitalismus »dem Erdboden gleichzumachen« und auf seinen Trümmern eine neue, sozialistische Gesellschaft zu errichten. Der Lenin der NÖP und mehr noch der Lenin des »Vermächtnisses« fordert ganz im Gegensatz dazu »den Kapitalismus nicht zu zertrümmern«, sondern »ihn wieder zum Leben zu erwecken«. In seinen letzten Aufsätzen bezeichnet er sich als »Reformisten« und als »stufenweise vorgehend«. Die Parolen für den Bürgerkrieg verwandeln sich bei ihm in Motive für einen Bürgerfrieden. Die Betonung verlagert sich von der Politik auf eine »friedliche, organisatorische ›Kulturarbeit‹«. In der Politik ist er nach wie vor für unumschränkte Diktatur, aber in der Ökonomie nimmt er Rücksicht auf die gewohnte Ordnung der Dinge, auf die Interessen des einfachen Alltagsmenschen, fern dem Kommunismus. 

Die NÖP, so Burtin und Iwanow, stellte eine Symbiose von totalitären und marktwirtschaftlichen Methoden der Wirtschaftsführung dar. Das Wirken marktwirtschaftlicher Regulatoren war begrenzt, der Markt, die Ware-GeldBeziehungen als Formen der Verbindung zwischen den Produzenten wurden im Vergleich zu den planwirtschaftlichen Grundlagen als Erscheinungen niedrigerer Ordnung betrachtet.

Das Ausmaß der Konvergenz in der NÖP tritt deutlich hervor, wenn man Lenins Einstellung zu den Hauptbetroffenen, dem Einzelbauern und dem Privatunternehmer, betrachtet. Im ersten Fall liegt eine prinzipielle Veränderung vor. Aus dem Vokabular des späten Lenin verschwinden die Begriffe bednjak (Kleinbauer) und kulak (Großbauer); sie werden durch das nicht klassengebundene krestjanin (Landmann) ersetzt. Das Kennzeichen der Beziehung zu ihm bleibt der »Fleiß« (»der fleißige Bauer als Zentralfigur unseres wirtschaftlichen Aufschwungs«). Die Genossenschaft ihrerseits zieht in ihm, Lenins Idee zufolge, einen »gescheiten, lese- und schreibkundigen Krämer« heran. 

Eine andere Sache ist der Privatunternehmer in der NÖP nepman (der NÖPMann). Hier gibt es für Lenin keinen Weg hinter die zu Beginn der NÖP formulierte Doktrin zurück: zeitweilige Zulassung privater Unternehmen unter bestimmten Bedingungen bei gleichzeitigem Kampf gegen sie und ihre schrittweise, erneute Verdrängung. In der Praxis ist das der Weg des administrativen und steuerlichen Drucks, denn in marktwirtschaftlicher Konkurrenz zogen die staatlichen Betriebe im Vergleich mit den privaten den Kürzeren. Das ist der aus meiner Sicht am ehesten anfechtbare Punkt in der Konzeption von Burtin und Iwanow.

Den NÖP-Sozialismus definiert Burtin als einen »Zentaur« – totalitärmarktwirtschaftlich, die Konvergenz anstrebend und meidend. Auf dieser zwiespältigen Grundlage stellte sich Lenin auch die Außenwirtschaftsbeziehungen Sowjetrusslands vor, in denen er ein wichtiges Instrument der Modernisierung sah. Er wollte das staatliche Außenhandelsmonopol beibehalten und daneben ausländisches Kapital in Form von Konzessionen und Joint Ventures zulassen. Er schlug auch vor, die Beziehungen zwischen dem Zentrum und den Sowjetrepubliken neu aufzubauen und dabei marktwirtschaftliche Methoden mit denen der Kommandowirtschaft zu verbinden. Im äußersten Fall war er sogar bereit den sowjetischen Staat auf eine konföderative Grundlage zu stellen. Nur die Armee und die Außenpolitik sollten weiter in Moskau gesteuert werden, alles andere hingegen in die Kompetenz der Republiken fallen.

Hinsichtlich des Überbaus unterschied sich die NÖP allerdings nicht vom Kriegskommunismus. Ihr ganzes politisches System war ein monoideologisches Einparteiensystem. Das gesamte politische Regime war diktatorisch und repressiv – wie es seit Oktober 1917 der Fall gewesen war. Und Lenins Vorschläge zu »Änderungen in unserer politischen Ordnung«, die im »Vermächtnis« erhalten sind, veränderten dieses Wesen nicht, sondern führten nur zu Lenins Vorschlag einer Reorganisation der Parteispitze und zum Austausch des Generalsekretärs Stalin. Der oligarchische Charakter der Parteiführung, der ihm früher ganz natürlich erschienen war und die Auseinandersetzungen in ihren Reihen, von denen die Gefahr der Spaltung ausging, gaben ihm Anlass zur Sorge vor allem hinsichtlich der Hauptfrage: »Werden die Bolschewiki die Macht im Staat behalten?«[13]

Die Ideen des späten Lenin – und zwar alle – wurden von seinen Kampfgefährten abgelehnt. Nach Lenins Tod ließ man den »dritten Lenin« zunächst im »zweiten« aufgehen, dann – durch Verschweigen, Verdrehen von Tatsachen und Fälschungen – den »zweiten« im »ersten«. Das belegt der Umgang der Parteiführung mit seinem »Vermächtnis«. Die Artikel »Über das Genossenschaftswesen«[14] und »Über unsere Revolution«[15] wurden in der Redaktion der Pravda monatelang liegen gelassen, bis sie schließlich in »verbesserter« Form erschienen. Gegen die Publikation des Artikels »Wie sollen wir die Arbeiter- und Bauerninspektion reorganisieren?« wehrten sich sämtliche Politbüromitglieder außer Trotzki. Waleri Kujbyschew, der künftige Volkskommissar der Arbeiter- und Bauerninspektion, machte den Vorschlag, den Artikel in einem einzigen Exemplar einer PravdaAusgabe abzudrucken – so könne »der Alte« sich einbilden, dass Millionen ihn läsen. Als man schließlich doch beschloss, den Artikel zu drucken, wurde aus dem Text die Forderung entfernt, dass niemand, auch nicht der Generalsekretär, die Mitglieder der Zentralen Kontrollkommission (ZKK) der Partei daran hindern dürfe, sich mit jeder beliebigen Dokumentation vertraut zu machen, an den Sitzungen des Politbüros teilzunehmen und die »größtmögliche Korrektheit in allen Angelegenheiten« anzustreben. Lenin hatte auch vorgeschlagen, die ZKKMitglieder aus der Arbeiter- und Bauernschaft zu rekrutieren, die noch nicht vom bürokratischen Kastengeist durchdrungen seien.[16] Unmittelbar nach der Publikation tauchte in den Gouvernementskomitees der Partei ein geheimes Rundschreiben des Politbüros und des Organisationsbüros des Zentralkomitees auf. Es erklärte, der Artikel stelle nichts anderes dar als die Tagebuchaufzeichnungen eines schwer kranken, schlecht informierten Menschen, die nur gedruckt würden, um ihn nicht aufzuregen.

Wolkogonow behauptet, dass die Kampfgefährten tatsächlich »in ihrem dahinsiechenden Führer schon keine vollwertige Persönlichkeit mehr sahen«.[17] Burtin und Iwanow beweisen, dass die Ideen des späten Lenin von seiner Umgebung bewusst unterschlagen wurden, weil sie alten Ansichten und den Kasteninteressen der Parteibürokratie widersprachen.

Die restlichen, geheimen Teile des »Vermächtnisses« – der »Brief an den Kongress«, »Zur Verleihung gesetzgebender Funktionen an die Staatliche Planungskommission«, »Zur Frage der Nationalitäten oder der ›Autonomisierung‹« – wurden erst 33 Jahre später veröffentlicht, zu Beginn der Chruschtschowschen Tauwetterperiode, auf der Welle der Entstalinisierung nach dem 20. Parteitag der KPdSU. In dem Zeitraum von 1935 bis 1953 wurde schon deren bloße Erwähnung mit Lagerhaft geahndet (nach Artikel 58/10 – »antisowjetische Agitation«).

Der Philosoph Nikolaj Berdjaew und, ihm folgend, der Bürgerrechtler Andrej Sacharow behaupteten, Lenins anfänglicher Impuls war wie bei vielen anderen Revolutionären moralisch und humanitär. Zu dem, was er später wurde, machte ihn die Logik des Kampfes um die Verwirklichung der Utopie. In seiner Eigenschaft als Führer des Oktobers gab Lenin dem Protest der unteren sozialen Volksschichten gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Erniedrigung ein Ventil und setzte ihrem Streben nach einem besseren, gerechteren Leben ein Ziel. In diesem Prozess kamen jedoch auch die Gefühle des Sozialneids, der Rache und der Freude an der Zerstörung zum Ausbruch. Objektiv gesehen, ließ Lenin Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt in einer neuen, grausameren Form wieder erstehen. Nach der geglückten Revolution, die durch das Blut und das Leid von Millionen Menschen erkauft war, sah Lenin seine Idee und seine Partei am Rande des Abgrunds stehen. In der NÖP sah er einen Ausweg aus der Sackgasse. Indem er sich selbst, seine Ideologie und seinen Charakter überwand, revidierte er seine Planungen für die künftige Entwicklung Russlands. Aufgrund der knappen verbliebenen Lebenszeit konnte er seine Gedanken jedoch nur fragmentarisch entwickeln. Aber bereits dieser beginnende Prozess genügte, um sich als »Fremder unter den Seinen« zu empfinden.

 


[1]  Zur Diskussion um die Interpretation der historischen Rolle Lenins siehe Ruge, Wolfgang: Gedanken zu Lenin (über die Mittel-Zweck-Relation in der Politik), in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1993, S. 145–159; Fleischer, Helmut: Lenin historisch lesen. Zu Betrachtungen von Wolfgang Ruge im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1993, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1994, S.179–188; Broué, Pierre: Volkogonov’s »Lenin«, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1995, S. 201– 207.

[2]  Loginow, Wladlen T. (Hrsg.): W. I. Lenin. Neiswestnye dokumenty 1891–1922 [W. I. Lenin. Unbekannte Dokumente 1891–1922], Moskau 1999.

[3]  Pipes, Richard (Hrsg.): The Unknown Lenin. From the Secret Archive, New Haven u. a. 1996.

[4]  Wolkogonow, Dimitri A.: Lenin. Polititscheski portret [Lenin. Ein Politisches Porträt]. 2 Bde., Moskau 1994.

[5]  Lenin, W. I.: Polnoe Sobranie Sotschinenii [Vollständige Gesammelte Werke]. Bd. 54,  5. Aufl. Moskau 1965. 

[6]  »Zekistisch« ist hergeleitet von ZK (Zentralkomitee).

[7] Lenin: Polnoe Sobranie Sotschinenii, Bd. 54 (Anm. 5), S. 87, 89, 115, 161, 167, 173, 180, 189, 213 u. 241.

[8] So zu lesen in Brockhaus-Enzyklopädie, 20. Aufl. Mannheim 1996, Bd. 13, S. 285.

[9] Burtin, Ju. M: Drugoj Sozijalism [Der andere Sozialismus], in: Krasnye cholmy 1999,       S. 411–511.

[10]  Iwanow, Ju. M.: Tschushoi sredi svoich. Poslednye gody v shisni Lenina [Ein Fremder unter den Seinen: Die letzten Jahre im Leben Lenins], Moskau 2002.

[11]  Lenin: Polnoe Sobranie Sotschinenii, Bd. 54 (Anm. 5), S. 376.

[12] Ebenda, S. 375 f.

[13]  So lautete ein bekannter Artikel Lenins aus dem Jahr 1918. 

[14]  Pravda vom 26. Mai 1923 und vom 27. Mai 1923.

[15]  Pravda vom 30. Mai 1923.

[16]  Lenin: Polnoe Sobranie Sotschinenii, Bd. 54 (Anm. 5), S. 387 u. 347 f.

[17]  Wolkogonow, Dimitri A.: Lenin. Polititscheski portret [Lenin. Ein politisches Porträt], Moskau 1994., Bd. 2, S. 362. 

Inhalt – JHK 2004

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