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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2002 bis 2018 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

 

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

 

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

 

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

 

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

 

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Konservative Frauenbewegung. Das »Frauenstreikkomitee« des postsowjetischen Separatismus im moldauischen Dnjestr-Tal

JHK 2015 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 123-136 | Metropol Verlag

Autor/in: Jan Zofka

»Wir, die Frauen der Moldauischen Sozialistischen Sowjetischen Dnjestr-Republik, sind auf die Gleise gegangen und haben die Eisenbahn mit dem Ziel blockiert, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit aller Republiken und der Welt auf die Akte der Willkür und der Gesetzlosigkeit durch die Führung der Republik Moldova gegen das Volk und die Deputierten aller Ebenen der Dnjestr-Republik zu richten. Versteht, zum Protest hat uns der weibliche Instinkt geführt, der uns sagt, dass unsere Söhne, unsere Ehemänner in Gefahr sind. [...] Wir wollen leben, arbeiten, Kinder erziehen und unsere Ehemänner lieben – in einer freien Dnjestr-Republik!«1

So lautete eines von zahlreichen Telegrammen, die das »Frauenstreikkomitee Transnistrien« (Ženskij zabastovočnyj komitet Pridnestrov’ja) im September 1991 verschickte. Das Frauenstreikkomitee war Teil der separatistischen Bewegung, die während des Zerfalls der Sowjetunion für eine Abspaltung der Dnjestr-Region von der Republik Moldova, der vorherigen moldauischen Sowjetrepublik, kämpfte. Die Bewegung erreichte dieses Ziel mit der Souveränitätserklärung von 1990 und einem erfolgreichen Kurzkrieg mit russischer Unterstützung gegen die moldauische Zentralregierung im Frühjahr/Sommer 1992.2 Bis heute hat die »Moldauische Dnjestr-Republik« (Pridnestrovskaja Moldavskaja Respublika, PMR; in deutschsprachigen Medien meist als »Transnistrien« bezeichnet) Bestand. Das Gebiet befindet sich außerhalb der Kontrolle der moldauischen Regierung, auch wenn die De-facto-Republik international nicht anerkannt wird. Innerhalb der Bewegung, die diese Abspaltung durchsetzte, entstanden in mehreren Städten Organisationen, deren Mitglieder ausschließlich Frauen waren: »das Frauenstreikkomitee Transnistriens« und seine lokalen Ableger.

Dieser Aufsatz will dem Charakter der Mobilisierung von Frauen innerhalb der Bewegung, die zwischen 1989 und 1992 die Abtrennung des östlichen Dnjestr-Tals von der Republik Moldova betrieb, auf den Grund gehen. Gefragt wird nach der Ideologie der Frauenstreikkomitees und nach der Rolle, die diese Organisationen in den Mobilisierungen und im Krieg zwischen der moldauischen Zentralregierung und der separatistischen Bewegung spielten. Die Ergebnisse sollen zu zwei übergeordneten Debatten beitragen: zum einen zur Diskussion um das Verhältnis von Geschlechterrollen und Gewalt, speziell in den Bürgerkriegen während der Zerfallsprozesse sozialistischer Staaten, und zum anderen zu der Frage nach den Spezifika der Geschlechterverhältnisse in der sowjetischen Gesellschaftsordnung.3

Wie das obige Zitat deutlich macht, setzte sich diese Mobilisierung von Frauen durch Frauen keineswegs für spezifische Fraueninteressen oder gar feministische Ideen ein, vielmehr folgte die Mobilisierung der für militärisch-nationalistische Mobilmachungen üblichen »Das-Vaterland-ist-in-Gefahr«-Rhetorik. Dabei hielt die Bewegung vom »weiblichen Instinkt« bis zur Liebe für Ehemann und Kinder in jeder Beziehung an tradierten weiblichen Rollenbildern fest. Diese implizieren auch, dass das Ausüben von Gewalt, die als Verteidigungsakt interpretiert wird, Aufgabe »der Männer« ist. Die Praxis des Frauenstreikkomitees relativierte aber das von den Aktivistinnen selbst entworfene Bild: Keineswegs waren sie nur passive Beobachterinnen des Konflikts und Objekte männlicher Schutztätigkeit. Die Bewegung übernahm bedeutende Aufgaben im Rahmen des Prozesses, in dem die Gewalt organisiert wurde.

Die Beteiligung von Frauen an Kriegen wird häufig ausgeblendet. Beobachter und Akteure der Gewalt machen dieses Handeln unsichtbar, indem sie es in Berichterstattung und heroischen Erzählungen von (männlichen) Kampfhandlungen auslassen. Es wird »vergessen«, weil die Beteiligung von Frauen an Krieg und Gewalt nicht in das vorherrschende Bild eines männlichen Gewaltmonopols passt. Diese Vorstellungen, nach denen Frauen als friedliebend und hilfsbedürftig, Männer als stark und triebhaft gewaltbereit erscheinen, haben eine selbstverstärkende Funktion. Es sind gerade diese Diskurse der Geschlechterdichotomie, die Frauen den Zugang zu Gewaltmitteln und vor allem zu den Gewalt ausübenden Organisationen erschweren. Das Bild eines männlichen Gewaltmonopols ist also sehr wirkmächtig, aber es ist kein Abbild der Realität.

Tatsächlich nehmen und nahmen Frauen aktive Rollen in Kriegen und Gewaltaus-
einandersetzungen ein. Das gilt auch für die Kriege während des Zerfalls des osteuropäischen Staatssozialismus. In der Forschungsdebatte um die Rolle von Geschlechterverhältnissen in diesen Bürgerkriegen (vor allem im Bosnien-Krieg) wurden anfangs die frappierende sexistische Gewalt und die Kongruenz nationalistischer und militaristischer Ideologien mit dieser Gewalt betont. Nicht zuletzt die feministische Forschung identifizierte militärische Verbände als Männerbünde, für die der Ausschluss von Frauen konstitutiv ist. Studien mit einer solchen Perspektive machten darauf aufmerksam, dass ohne kriegerisch-gewaltvolle Männlichkeitsbilder die immense Bedeutung von Militär und Krieg in der Gesellschaft nicht zu erklären ist und dass die Vorstellung der Ethno-Natio-
nalisten von einer »Wir-Gruppe« als einem auf Abstammung gründenden Kollektiv Frauen eine öffentliche Rolle als Gebärende zuweist. Besonders die als »den Anderen« zugehörig markierten Frauen werden so zu Feindinnen gemacht. In den Ideologien der Konfliktparteien war die Gewalt gegen Frauen also bereits angelegt.4 Ohne diesen Thesen zu widersprechen, nahmen spätere Beiträge eine andere Gewichtung vor: Sie warnten vor einer kollektiven Viktimisierung und forderten, Frauen als handelnde Subjekte sichtbar zu machen, sei es im politischen und privaten Widerstand gegen den nationalistischen Mainstream oder als Beteiligte an den bewaffneten Kämpfen.5 Die hier vorgenommene Untersuchung der Frauenorganisationen im Rahmen des Separatismus im Osten Moldovas soll dazu beitragen, die aktive Rolle von Frauen in den postsozialistischen Bürgerkriegen zu rekonstruieren.

Misst man die Beteiligung von Frauen an den Kämpfen im Kurzkrieg am Dnjestr 1992 anhand der Kriegstoten, erscheint sie – wie in vielen anderen Kriegen6 – als eher marginal. Der einseitige Blick auf Schlachtfeld und Front ist aber zu eng. Bei strategischer kollektiver Gewalt, d. h. auch bei jeder Form der politischen Gewalt, handelt es sich um ein komplexes Phänomen, das zahlreiche Tätigkeiten einschließt. Die Akteure der strategischen Gewalt müssen Ressourcen beschaffen und diese in Gewaltmittel umsetzen – also Waffen kaufen, Personen rekrutieren und zu Soldaten ausbilden. Es müssen legitimierende Ideologien entworfen und verbreitet werden.7 An diesem gesamten Prozess nehmen Frauen sehr wohl in bedeutendem Ausmaß teil – im Falle des Sezessionskrieges im Dnjestr-Tal nicht nur als Einzelpersonen in Institutionen, sondern auch als explizite Frauenorganisationen, wie dem Frauenstreikkomitee. Die beschriebenen Prozesse, in deren Rahmen die Gewalt organisiert wird, sind gekennzeichnet von einem Kontrast zwischen der realen Beteiligung und der symbolischen Nicht-Repräsentation von Frauen. Die diskursive Verteidigung des Frontgebiets als männliches Terrain bringen die Sammelbandautoren Klaus Latzel, Franka Maubach und Silke Satjukow auf den Punkt: »Die Frage Who pulls the trigger? war kriegsfunktional komplett irrelevant, gendersymbolisch dagegen entscheidend.«8

Dieser Kontrast findet sich im Denken und Handeln der Dnjestr-Frauenbewegung wieder: Sie vertrat konservative Ideen von einer klaren Trennung von Geschlechterrollen, während sie in der Praxis die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung durchbrach. Mit diesem konservativen »Feminismus« war sie typisch sowjetisch. Das gilt auch für die dem Dnjestr-Separatismus zugrunde liegende ideologische Einstellung insgesamt. Die separatistische Bewegung schrieb die Regime-Diskurse des sowjetischen Staates unter Brežnev fort – Internationalismus und Völkerfreundschaft gehörten ebenso dazu wie die Liebe zum Vaterland, die Rechte der werktätigen Frauen genauso wie die Überhöhung der Rolle von Frauen als Ehefrau und Mutter.9 Diese Spannungen in den sowjetischen Regimediskursen spiegelten sich auch in der Entstehung und dem Handeln der konservativ-patriotischen und Gewalt mit-organisierenden Frauenbewegung im Dnjestr-Tal wider.

I. Typisch sowjetisch – Rekrutierungsnetzwerke und Machtverhältnisse
in der transnistrischen Frauenbewegung

Bewaffnete Verbände sind nach wie vor der »exklusivste Männerklub der Welt«.10 Das gilt auch für den Kurzkrieg am Dnjestr 1992. Das auf Regierungsbeschluss herausgegebene Buch der Erinnerung an die Verteidiger des Dnjestr-Tals,11 das Kurzbiografien von 457 auf der Seite des Dnjestr-Separatismus Getöteten enthält, führt auch vier Biografien von Frauen auf. Von diesen waren jedoch nicht alle an den Kämpfen selbst beteiligt. Eine der getöteten Frauen war Lokalpolitikerin, eine weitere Betriebsleiterin in der Provinzstadt Dubossary. Beide wurden beim Verlassen einer Versammlung gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der städtischen Elite durch Granatbeschuss getötet. Sie hatten also nicht direkt an den bewaffneten Auseinandersetzungen teilgenommen. Zwei weitere Frauen sind – dem Gedenkband nach zu schließen – im Rahmen von Kampfhandlungen ums Leben gekommen.12 Insgesamt erscheint der Anteil von Frauen, die sich an den bewaffneten Kämpfen auf PMR-Seite beteiligten, somit marginal. Festzuhalten bleibt jedoch auch: Es gab diese Beteiligung.

Der geringen Zahl an getöteten Frauen unter den Kriegstoten steht eine bedeutende Beteiligung von Aktivistinnen in den politischen Mobilisierungen der separatistischen Bewegung gegenüber. Die transnistrische Bewegung begann im Sommer 1989 in den Industriestädten der moldauischen Sowjetrepublik mit einer Art Streik in Betrieben und öffentlichen Einrichtungen. Dieser Ausstand richtete sich vorrangig gegen die neue Sprachpolitik der Republikführung in Chişinău, die Moldauisch zur alleinigen Staatssprache machen wollte. Die Protestmobilisierung wurde von Betriebsleitungen und Teilen der Lokalpolitik in den Städten des Dnjestr-Tals unterstützt, wenn nicht organisiert. An den gegründeten Streikkomitees nahmen Frauen nicht nur als Mobilisierte teil, sondern hatten auch Funktionen inne. Im städtischen Zusammenschluss der Streikkomitees von Tiraspol’ saßen Kommunalbeamtinnen und Historikerinnen ebenso wie Direktorinnen und Ingenieurinnen aus den örtlichen Industriebetrieben. Die Tendenz zur gender-spezifischen Arbeitsteilung in der sowjetischen Wirtschaft spiegelte sich jedoch in der Zusammensetzung dieses Gremiums wider: Die Vertreter aus Schwerindustriebetrieben waren zum größten Teil Männer, während Frauen vorrangig aus den Leichtindustriebetrieben, nämlich der Textil- und Baumwollindustrie, in die Streikkomitees kamen. Insgesamt blieben die Führungsgremien der Organisationen der separatistischen Bewegung und dann der neu gegründeten Republik eine Männerdomäne – die engere politische Führung des Separatismus bildeten vorrangig männliche Fabrikdirektoren, Ingenieure und Mitarbeiter von Sicherheitsorganen.13

Eigenständige Frauenorganisationen entstanden erst im September 1991. Nach der Unabhängigkeitserklärung der PMR und der Republik Moldova im Gefolge des Moskauer August-Putsches14 verhaftete eine moldauische Spezialeinheit den Vorsitzenden des separatistischen Parlaments und späteren PMR-Präsidenten Igor’ Smirnov und weitere Spitzenfunktionäre (ausnahmslos Männer) der transnistrischen Bewegung. Als Reaktion darauf lancierten führende Aktivistinnen des »Vereinigten Rats der Arbeitskollektive« (Ob’’edinënnyj Sovet Trudovych Kollektivov, OSTK), der zentralen Organisationsplattform der separatistischen Bewegung, einen Appell »an die Frauen der Dnjestr-Republik« und riefen zum Protest auf. Daraufhin versammelten sich Unterstützerinnen der separatistischen Bewegung auf dem zentralen Platz der PMR-Hauptstadt Tiraspol’, gründeten das Frauenstreikkomitee und begannen an den folgenden Tagen die Eisenbahngleise der Strecke von Odessa nach Chişinău, die durch den abtrünnigen Landesteil führt, zu blockieren – so weit zumindest die Erzählung der Akteure.15

Eine Beteiligte erinnert sich folgendermaßen an diese Mobilisierung: »Es gab diese Andreeva, Migulja, Niteckaja [...] sie waren Deputierte des Stadtsowjets. Und wir hörten noch 1989 davon, als die Streiks begannen, sie waren im Radio, in der Presse, wir sahen ihre Artikel, wie sie auftraten, wie sie ihr Volk verteidigten, deshalb folgten wir dem ersten Aufruf. Sie waren auch alle zusammen mit den Männern im OSTK, wir kannten sie einfach als öffentliche Personen, als Politiker des Stadtsowjets. Und dann riefen sie die Frauen. Und auf ihre Aufrufe kamen am 1. September die Frauen.«16

Die Befragte interpretiert die Kundgebung als spezifische Mobilisierung von Frauen und kodiert auch die politische Sphäre jenseits der Frauenbewegung geschlechtsspezifisch. So erscheint der OSTK als Organisation, in der Männer agieren – und drei bekannte Frauen. Zudem deutet sie die Mobilisierung in einem hierarchischen Gefüge von Gefolgschaft. Die genannten Aktivistinnen erscheinen als bekannte Persönlichkeiten, die die öffentliche Meinung beeinflussen und sich damit vom Rest »der Frauen« abheben. Dass dieser Rest dem Aufruf als amorphe Masse von Einzelpersonen nachkam ist unwahrscheinlich, wenn man den Erkenntnissen der soziologischen Protestforschung folgt – vielmehr ist kollektives Handeln das Produkt einer Mobilisierung von Netzwerken durch Netzwerke.17 Diese werden bei näherer Betrachtung des betreffenden Interviewtextes deutlich. Die Befragte brachte durchaus politische Vorerfahrung mit, als sie dem Aufruf am 1. September 1991 folgte. Auch weitere Interviewpartnerinnen konnten auf Erfahrungen aus einem politischen Engagement in Gewerkschaftskomitee oder Frauenrat in Betrieb oder Kommune zurückgreifen. Daneben spielten auch rein betriebliche Strukturen eine Rolle bei der Mobilisierung. Einige der Befragten schildern die Teilnahme an den Mobilisierungsereignissen als Aktivität der gesamten Belegschaft ihrer Betriebseinheit. In einigen Fällen handelte es sich den Beschreibungen zufolge um reine Frauenbelegschaften.18 Die Mobilisierung erfolgte also zu erheblichen Teilen über (politische) Strukturen in Industriebetrieben und Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Die Tragweite der Mobilisierungen durch die Frauenstreikkomitees lässt sich schwer bestimmen. Die Erinnerungsliteratur der Bewegung stellt sie als umfassenden Erfolg dar. Indizien deuten jedoch eher auf eine begrenzte Reichweite hin. Das Fotomaterial ist spärlich und nicht verifizierbar – auf den Fotos in einem Erinnerungsband, die Aktionen der Frauenorganisationen zu zeigen scheinen, sind jeweils nur einige Dutzend, im Höchstfall wenige Hundert Aktivistinnen zu sehen. Die Zeitung des OSTK schrieb in Bezug auf die ersten Aktionen der Frauenbewegung im September 1991 von »Hunderten« Beteiligten.19

Die Mobilisierungen der Frauenbewegung basierten auf den Netzwerken, die den Streik gegen die moldauischen Sprachgesetze vom Sommer 1989 getragen hatten. Die im obigen Zitat genannten »Anführerinnen« des Frauenstreikkomitees stehen beispielhaft dafür. Die Juristin Galina Andreeva war nach einer Karriere als Betriebsjuristin (zuletzt bei einer Möbelfabrik, deren Vizedirektor ebenfalls Mitglied des Streikkomitees war) im städtischen Exekutivkomitee, d. h. in der Stadtverwaltung, tätig. Quasi als deren Vertreterin beteiligte sie sich am Streikkomitee von 1989, in dem zwar auch Arbeiterinnen und Arbeiter saßen, dessen Spitze aber aus Führungspersonal von Betrieben und Stadtverwaltung bestand.

Svetlana Migulja kam als Ingenieurin bei der »Produktionsvereinigung Baumwolle« (Proizvodstvennoe Chlopčato-Bumažnoe Ob’’edinenie, PChBO) in das Streikkomitee der Arbeitsniederlegungen im Sommer 1989. Die in Chişinău geborene Russin hatte vor ihrer Tätigkeit bei dem örtlichen Baumwollstoffproduzenten in Odessa am Wirtschaftsinstitut studiert und war KPdSU-Mitglied.20 Damit war sie eine »typische« Vertreterin der mittleren Führungsebene des Dnjestr-Separatismus: Dort dominierten parteinahe leitende Angestellte und Ingenieurinnen und Ingenieure aus den Industriebetrieben der Städte Tiraspol’, Rybnica, Bendery und Dubossary, die Ausbildung und berufliche Karriere vorrangig innerhalb der Region, also in der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (MSSR) und der südlichen Ukraine, absolvierten.21

Die Netzwerke kollektiven Handelns, die dem Frauenstreikkomitee zugrunde lagen, waren also eng mit der Streikbewegung von 1989 und somit mit den Grundlagen des Dnjestr-Separatismus insgesamt verbunden. Hier wie dort überlappten die Rekrutierungsnetzwerke stark mit Kommunalpolitik, den örtlichen Betrieben und insbesondere mit existierenden politischen Strukturen in diesen Betrieben, also dem Gewerkschafts- und Parteikomitee sowie dem Frauenrat. Lokalpolitikerinnen, Ingenieurinnen, leitende Angestellte der lokalen Industriebetriebe und Mitglieder der sowjetischen gesellschaftlichen Massenorganisationen dominierten das Frauenstreikkomitee Transnistriens. Wie der Dnjestr-Separatismus insgesamt, war auch die Frauenbewegung stark von der sowjetischen Sozialordnung geprägt. Die geschlechtsspezifischen Tendenzen der Arbeitsteilung des sowjetischen Regulationsmodus spiegelten sich in ihr wider.

II. Gewalt organisieren – Aktionen des »Frauenstreikkomitees«

Die transnistrische Frauenbewegung bzw. die Frauenstreikkomitees wurden nach der bereits beschriebenen Blockade der Gleise bei Bendery 1991 im Konflikt zwischen der separatistischen Bewegung und der moldauischen Zentralregierung noch mehrmals aktiv. In einzelnen Fällen gerierten sich die Organisationen zwar als Friedensbewegung, tatsächlich aber unterstützten sie mit zahlreichen Aktionen die militärischen und paramilitärischen Verbände der sich abspaltenden Republik. Mit Aktionen zur Waffenbeschaffung, Demonstrationen gegen Polizeibehörden, die sich weiterhin loyal gegenüber Chişinău verhalten hatten, und Tätigkeiten als Mittler zwischen PMR-Regierung und bewaffneten Verbänden übernahm das Frauenstreikkomitee Funktionen im Prozess der Gewaltorganisierung.

Als größten Erfolg schreibt sich das Tiraspoler Frauenstreikkomitee auf die Fahnen, Waffen für die separatistischen Verbände erbeutet zu haben. In Telegrammen, auf Kundgebungen und Blockaden im Frühjahr 1992 behaupten die Aktivistinnen, die in der Region stationierten Einheiten der sowjetischen 14. Armee zur Übergabe von Kriegsmaterial gezwungen zu haben. Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion war der Status dieser Armee im Winter 1991/1992 ungeklärt. Im Allgemeinen konnten die neuen unabhängigen Staaten die auf ihrem Gebiet stationierten sowjetischen Einheiten für sich reklamieren – auf dem von der Dnjestr-Bewegung kontrollierten Gebiet gelang das der moldauischen Regierung aber nicht. Während andere Teile der 14. Armee an Moldova und die Ukraine fielen, kamen die im Dnjestr-Tal stationierten Einheiten unter die neu gegründete Kommandostruktur der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Erst im April 1992 gelang es der Russischen Föderation, die Truppenteile am Dnjestr unter ihr Kommando zu bringen. Davor befanden sich diese in einem Schwebezustand. Neben der moldauischen Regierung und Russland meldeten auch die Dnjestr-Separatisten Ansprüche auf die Armee, oder wenigstens auf deren Material, an. Die Unklarheiten führten zu einer Art Ausfransungsprozess. Einige Offiziere und Einheiten liefen zu den Dnjestr-Separatisten über.22

Tatsächlich war es nicht zuletzt das Tiraspoler Frauenstreikkomitee, das den öffentlichen Druck auf die Armee, die separatistische Bewegung zu unterstützen, aufbaute. Nachdem die Armeeführung nicht auf schriftliche Aufforderungen zur Übergabe von Waffen reagiert hatte, blockierten – nach der Darstellung der besagten Anführerin der Frauenbewegung Galina Andreeva – mehr als tausend Frauen ein Ingenieurs-Pionier-Bataillon der Armee, nahmen einige der Offiziere in »Frauenhaft« (ženskij plen) und begannen, das zur Sicherung verminte Gelände vor der Kaserne zu durchqueren.23 Die nervös gewordenen Kommandeure gaben, so Andreeva, schließlich nach und überließen den Frauen Waffen aus den Arsenalen, welche diese schließlich paramilitärischen Verbänden der Separatisten (Andreeva nennt die Territoriale Rettungseinheit [Territorial’no-Spasatel’nyj Otrjad’, TSO], das »Heer der Schwarzmeerkosaken« und zwei russländische Kosakenverbände) übergaben.24 Der tatsächliche Ablauf dieser Aktionen lässt sich hier nicht abschließend klären. Aber auch wenn es sich nur um eine Begleitinszenierung eines anderweitig eingefädelten Transfers gehandelt haben sollte, war das Frauenstreikkomitee damit an der Beschaffung von Waffen beteiligt.

Die Entwendung von Waffen war kein feindlicher Akt gegen die 14. Armee – vielmehr sah die Dnjestr-Bewegung die Aktionen als Einlösung ihres Anspruchs an die Armee an, dass diese – oder wenigstens ihr Material und ihre Soldaten – die »russischsprachige Bevölkerung« des Dnjestr-Tals gegen die »moldauischen Nationalisten« zu verteidigen hätte. Auch als die Armee endgültig dem Kommando Russlands unterstand, blieb das Verhältnis zwischen den Führungsebenen des Dnjestr-Separatismus und der Armee spannungsgeladen und kooperativ zugleich. Grundsätzlich sah die separatistische Bewegung die 14. Armee als eine verbündete, wenn nicht »ihre« Organisation an. So beteiligte sich das Frauenstreikkomitee im Frühjahr 1992 an der Suche nach »Deserteuren«, die sich dem Militärdienst in der 14. Armee entzogen hatten, und unterstützte damit die Rekrutierung von Soldaten.25

Die Frauenbewegung stand der 14. Armee und den bewaffneten Einheiten des Dnjestr-Separatismus derart nahe, dass politische Konflikte zwischen den Militärformationen auch zu einer Spaltung der Frauenbewegung führten. Der Streit in den Frauenstreikkomitees entzündete sich an der Person des russländischen Offiziers Alexander Lebed’, den das Moskauer Verteidigungsministerium auf dem Höhepunkt des Kurzkrieges am Dnjestr im Sommer 1992 zum Oberbefehlshaber der 14. Armee ernannt hatte. Dank seiner markigen Sprüche in Richtung Chişinău wurde er zunächst von der gesamten separatistischen Bewegung als Heilsbringer gefeiert. In dem Maße, in dem sich Lebed’ ab 1992 von den neu geschaffenen Sicherheitsstrukturen der PMR distanzierte,26 bezog auch die PMR-Führung ihrerseits Position gegen den Kommandeur der 14. Armee. Im Zuge dessen gingen die Meinungen in einigen Organisationen der PMR zu der Frage pro oder contra Lebed’ auseinander. Im Frauenstreikkomitee führte diese Auseinandersetzung zu einer Spaltung. Unter der Führung von Svetlana Migulja formierte sich der »Rat der Frauen des Dnjestr-Tals« (Sojuz ženščin Pridnestrov’ja) und vertrat eine Pro-Lebed’-Position. Die Teile der Frauenbewegung um Galina Andreeva, die weiter als Frauenstreikkomitee des Dnjestr-Tals firmierten, blieben dagegen auf der Seite der PMR-Führung. Sie erklärten sowohl Lebed’ als auch Migulja, die infolge der Spaltung nach Moskau zog, zu Gegnern.27

Im Allgemeinen unterhielt Andreeva als Vorsitzende des Frauenstreikkomitees intensive Beziehungen zu den bewaffneten Einheiten des Dnjestr-Separatismus. Insbesondere mit dem auch innerhalb der PMR-Führung berüchtigten Feldkommandeur Jurij Kostenko kooperierte sie eng, was sich in ihrer Erinnerung an die Geschehnisse ausdrückt: »Auf Anweisung von Igor’ N. Smirnov fuhr ich nach Bendery [die am stärksten umkämpfte Industriestadt am Dnjestr] und führte mit dem ›Kombat‹ Kostenko ein Vorgespräch durch. Bis heute verstehe ich nicht, warum sich die Mitglieder des Arbeiterkomitees [die lokale Organisation des Dnjestr-Separatismus in Bendery] nicht trauten, das zu tun. Ich konnte mit meinem alten ›Moskvič‹ jederzeit zu ihm fahren. Ja, er hatte einen Konflikt mit dem Arbeiterkomitee. Aber in diesem Moment, als Moldova die Entwaffnung der Gardisten von Bendery forderte, waren aus meiner Sicht andere Maßnahmen nötig. [...] Ich, Svetlana [Migulja], und Igor’ Nikolaevič [Smirnov] diskutierten zu dritt noch einmal dieses Problem. Und erneut warnte ich Kostenko bei einem Treffen, dass eine reguläre Armee formiert wird und dass er, als Offizier, kein Recht auf Eigensinnigkeit hat, und andernfalls bekommt er es mit unserem Frauen-Bataillon zu tun. Da hat er das dann mehr oder weniger kapiert ...«28

Nach der Darstellung Andreevas übergab das Frauenstreikkomitee also Waffen an paramilitärische Verbände, seine Führung war in die Entscheidung über den Abzug der bewaffneten Einheiten aus Bendery im Zuge eines Waffenstillstandsabkommen einbezogen, und es war Andreeva, die die beim Rest der Führungsriege ungeliebte Aufgabe, einen Feldkommandeur zur Räson zu bringen, übernehmen musste. Die Vorsitzende des Frauenstreikkomitees inszeniert sich also in ihrem Buch über die Dnjestr-Frauenbewegung als »Frau fürs Grobe«, die Ordnung in die Befehlsketten zwischen politischer Führung und militärischen Einheiten bringt.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Frauenstreikkomitee Aufgaben im Umfeld der bewaffneten Einheiten übernahm und sich an der Organisation der Gewalt beteiligte. Über diese praktische Mitarbeit hinaus wirkte die transnistrische Frauenbewegung auch an der ideologischen Legitimation der Gewalt mit.

III. Konservative Frauenbewegung im postsowjetischen Separatismus:
Mobilisierungsdiskurse

Die transnistrische Frauenbewegung war keine vollständig eigenständige Bewegung, sondern ein Teil der separatistischen Bewegung im Dnjestr-Tal. Auch ihre Ideologie unterschied sich nicht von der der restlichen Bewegung. Sowjetkonservatismus, latenter Panslawismus bis hin zu großrussischem Nationalismus, diese Ideologeme des Separatismus vertraten auch die Frauenorganisationen. Ebenso stimmten die Frauenstreikkomitees bei den dominanten Vorstellungen zu Geschlechterrollen und -verhältnissen mit dem Konservatismus der Bewegung überein. Keineswegs profilierten sie sich als Verfechterinnen von Frauenrechten.

»Danke, liebe Frauen«, rief der Direktor der Gussmaschinenfabrik Kirov, Anatolij Bol’šakov, eine der Führungspersönlichkeiten des Dnjestr-Separatismus, den Anwesenden bei einer Ehrung für Veteranen des Kurzkrieges im Sommer 1992 zu: »Als die Männer in den Krieg zogen [...]. Auch unsere Frauen blieben nicht tatenlos. Sie nahmen an Barmherzigkeitsveranstaltungen teil, sie besuchten Verwundete, unterstützten die Verteidiger, wo sie konnten, sie behüteten ihr Haus, sie retteten die Kinder, sie halfen Flüchtlingen.«29

In diesen Worten spiegelt sich die dichotome Vorstellung von männlichem Gewaltmonopol und der gewaltfernen Frau, die im zivilen Raum des Hinterlands für Haus, Kind und karitative Tätigkeiten zuständig ist. Bol’šakov bezog damit innerhalb der separatistischen Bewegung eine Mainstream-Position – und auch das Frauenstreikkomitee teilte diese Ansicht über die Richtigkeit und Unumstößlichkeit traditionaler Rollenverteilung. Explizit formulierten die Frauenverbände die Vorstellung, dass sich ausschließlich Männer an den Auseinandersetzungen zu beteiligen hätten, in ihrem Gründungsdokument. Bei der ersten Demonstration verabschiedeten die versammelten Frauen folgende Resolution: »Wir, die Frauen der zweihundertjährigen, ruhmreichen Stadt Tiraspol’, die wir uns versammelt haben in der für unsere Republik äußerst kritischen Stunde, wenden uns an alle Frauen der Dnjestr-MSSR und an euch, unsere teuren Männer, unsere Hoffnung und unsere Stütze! Wir wenden uns an die jungen Bürger der Stadt, an die Soldaten, Afghanistan-Veteranen, Soldaten der Reserve, an die Offiziere der sowjetischen Armee, an die städtische Abteilung des Innenministeriums, des KGB, der Staatsanwaltschaft, die Mitarbeiter von Sondereinheiten mit dem Aufruf: Steht alle – wie einer – zu unserer Verteidigung auf, zur Verteidigung eurer Mütter, Ehefrauen, Schwestern und Kinder!«30

Diese Position der klaren Rollenverteilung insbesondere in Fragen des Krieges entsprach auch den dominanten Geschlechterdiskursen in der Sowjetunion. Bereits im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution fällten die von der Gleichheit aller Menschen überzeugten Revolutionäre die Entscheidung, die Wehrpflicht nur für Männer einzuführen. In der stalinistischen Umwälzung der 1930er Jahre und besonders im Zweiten Weltkrieg wurden frühe Reformen der Bol’ševiki, die auf soziale Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern abzielten, revidiert und die Vorstellungen von einer geschlechtsspezifischen Rollenverteilung verstärkt. Die Ideale der Gleichheit der Menschen und der Werktätigkeit der Frau konfligierten fortan mit Diskursen der Überhöhung einer weiblichen Rolle als Mutter und Ehefrau.31

Die Mobilisierungsdiskurse des Frauenstreikkomitees waren aber nicht nur im Hinblick auf Gender-Themen konservativ. Auch in den anderen Ideologiesegmenten vertrat die Frauenorganisation den Konservatismus des Dnjestr-Separatismus. Die transnistrische Bewegung ist als »reaktiver Nationalismus«32 ebenso wie als »konservativer Internationalismus«33 charakterisiert worden. Panslawistische und großrussische Ideologie-Elemente flossen in die Diskurse des Dnjestr-Separatismus ein. Wichtiger als der offene Nationalismus war jedoch die Sprache der sowjetischen Bürokratie: Begriffe wie Völkerfreundschaft und Internationalismus, Werktätige und Arbeiterklasse standen im Zentrum der Rhetorik der Separatistinnen und Separatisten. Hinter dieser inhaltlich entkernten Sprache verbargen sich konservative Werte: »Arbeiterklasse« bezeichnete im Sinne des sowjetischen Produktivismus nicht eine Position in einem gesellschaftlichen Verhältnis, sondern brachte vielmehr die Vorstellung von einem arbeitenden, produktiven Teil der Gesellschaft, dem ein unproduktiver Teil gegenübersteht, zum Ausdruck. »Völkerfreundschaft« und »Internationalismus« standen für ein ethnopluralistisches Weltbild, das eine Norm des Russisch-Seins (Russianness)34 mit einer institutionellen Festschreibung von Minderheiten verband.35 Befreit man diese Diskurse von der Arbeiterbewegungsrhetorik, bleibt ein Set an konservativen Grundideen und Werten: Fleiß, Disziplin, Patriotismus, Akzeptanz von Autoritäten und traditionellen Rollenbildern sowie eine zumindest implizite Annahme einer (primordialen) Ungleichheit zwischen den Menschen.

Diese patriotisch-konservative Position drückte sich nicht zuletzt in der Flagge des Tiraspoler Frauenstreikkomitees aus. Auf die grün-rot-grüne Fahne der moldauischen Dnjestr-Republik nähten die Aktivistinnen einen goldbestickten Aleksandr Suvorov.36 Der General der Armee Katharinas der Großen, die am Westrand des russländischen Zarenreiches die osmanischen Truppen zurückdrängte und Ende des 18. Jahrhunderts das Dnjestr-Tal eroberte, avancierte (neben Lenin und dem damaligen Präsidenten Smirnov) als Gründer von Tiraspol’ zu einem von drei Nationalheiligen der PMR-Geschichtsschreibung und -Erinnerungskultur. Das dieser Figur gewidmete große Denkmal im Zentrum von Tiraspol’ wurde allerdings nicht unter der Ägide des Dnjestr-Separatismus aufgestellt, sondern bereits im Jahr 1977 – also im Rahmen der sowjetischen Geschichtspolitik. Schon damals war die Gegnerschaft zu Monarchie und zaristischem Imperialismus hinter das staatliche Interesse, das eigene Territorium zu markieren, zurückgetreten. Vor allem an diesen Teil der Diskurse der sowjetischen Staatslegitimation, der die Beherrschung des Territoriums und nicht die soziale Utopie des Kommunismus in den Vordergrund stellte, knüpfte der Dnjestr-Separatismus an. So taten es auch die Organisationen der transnistrischen Frauenbewegung.37

IV. Fazit

Die transnistrische »Frauenbewegung« formierte sich im Rahmen der Mobilisierungen der separatistischen Bewegung im Dnjestr-Tal. Ihre Anführerinnen waren auch führende Aktivistinnen des Separatismus. Die von Frauen getragene Bewegung vertrat keine feministischen Standpunkte, sondern teilte in jeder Hinsicht den Konservatismus des Dnjestr-Separatismus – nicht zuletzt auch in Bezug auf Vorstellungen von einer Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern.

Ideell dachte die transnistrische Frauenbewegung also nicht über die Normen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und des männlichen Gewaltmonopols hinaus, in der Praxis allerdings durchbrach sie diese Vorstellungen. Die Frauenstreikkomitees beteiligten sich an der Waffenbeschaffung, an der Rekrutierung von Kämpfern und an der Organisation der Streitkräfte. Ihre Führungsfiguren stellten Verbindungen zwischen Militär und Politikern her. Somit gehörten Frauen, über die direkte Teilnahme an den Kämpfen einiger weniger hinaus, zu den Akteuren des Krieges. Keineswegs blieben die Aktivistinnen der Frauenstreikkomitees passiv und ließen sich von »ihren Männern beschützen«, auch wenn sie diese in ihren Verlautbarungen dazu aufforderten. Dieser Widerspruch zwischen der Wahrnehmung und Reproduktion einer klaren Rollenverteilung und einer anders gearteten Realität ist typisch für die Funktionsweise des Geschlechter-Diskurses, der das Handeln von Frauen in Krieg und Gewalträumen systematisch ausblendet.

Die Spezifika des sowjetischen Regimes und Regulationsmodus kamen in zweierlei Hinsicht bei der Entstehung dieser konservativen Frauenbewegung und der Ausprägung ihrer Ideologie zum Tragen. Zum einen kanalisierten geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen die Rekrutierungsmechanismen des Dnjestr-Separatismus und damit auch der Frauenorganisationen im Speziellen. In die transnistrische Bewegung kamen Frauen wie Männer über die betrieblichen Ausstände im Sommer 1989. Von Frauen dominierte Fabriken und Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge wurden in dem Streik zur Rekrutierungsbasis. Auch die quasi-staatlichen Frauenräte spielten eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Mobilisierungsnetzwerken, aus denen das Frauenstreikkomitee und seine Ableger hervorgingen. Die sowjetischen Strukturen und die auch für diese typische geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bildeten deshalb eine zentrale Grundlage der Bewegung.

Zum anderen schrieben die Diskurse der Frauenstreikkomitees den Geschlechterkonservatismus der (post-)stalinistischen Sowjetunion fort – nicht zuletzt in patriotischen Appellen an »die Männer« zur Verteidigung der Heimat (und der Frauen und Kinder). In der Bewegung spiegelten sich somit die Spannungen der sowjetischen Geschlechterordnung wider. In dieser standen sich die Proklamation der Gleichheit aller Menschen und ein relativ hoher Grad an Erwerbstätigkeit von Frauen auf der einen und traditionelle Rollenbilder, Mutterideal und rein männlich besetzte politische Leitungsorgane auf der anderen Seite gegenüber.

1 Galina Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja [Die Frauen des Dnjestr-Tals], Tiraspol’ 2000, S. 20. Diese und weitere Übersetzungen wurden, sofern nicht anders gekennzeichnet, vom Autor des Artikels vorgenommen.

2 Nachdem sich bewaffnete Formationen der separatistischen Bewegung und des moldauischen Staates im Frühjahr 1992 im Dnjestr-Tal mehrere Monate sporadisch beschossen hatten, kulminierte der Krieg in einem fünftägigen Kampf um die Industriestadt Bendery im Juni 1992. Mit Unterstützung der in der Region stationierten Einheiten der russländischen Armee setzten sich die Kräfte der separatistischen Bewegung gegen den moldauischen Zentralstaat durch. Zu den Kriegshandlungen siehe beispielsweise Stefan Troebst: Separatistischer Regionalismus als Besitzstandswahrungsstrategie (post-)sowjetischer Eliten. Transnistrien 1989–2002, in: Philipp Ther/Holm Sundhaussen (Hg.): Regionale Bewegungen und Regionalismen in europäischen Zwischenräumen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Marburg 2003, S. 185–214.

3 Die Ausführungen basieren auf der Auswertung einer Reihe von Publikationen der Akteure (Erinnerungs- und Gedenkbände), von lokalen und regionalen Zeitungen und zweier Interviews mit Beteiligten, welche der Autor im Rahmen der Recherche für seine Dissertation über post-sowjetische Separatismen geführt hat (siehe Anm. 21).

4 Siehe Maria B. Olujic: Embodiment of Terror: Gendered Violence in Peacetime and Wartime in Croatia and Bosnia-Herzegovina, in: Rajat Ganguly: Ethnic Conflict, London 2009, S. 268–288; Alexandra Stiglmayer (Hg.): Massenvergewaltigung: Krieg gegen die Frauen, Freiburg 1993; Julie Mostov: Sexing the nation/desexing the body. Politics of national identity in the former Yugoslavia, in: Tamara Mayer (Hg.): Gender Ironies of Nationalism. Sexing the Nation, London/New York 2000, S. 89–110.

5 Scharf kritisiert wurde in der deutschsprachigen feministischen Debatte der zitierte, von Alexandra Stiglmayer herausgegebene Band »Massenvergewaltigung« (Anm. 4). Linke Feministinnen befanden nicht nur die Darstellung von Frauen in Opferrollen für einseitig und reißerisch, sondern warfen den Autorinnen auch eine patriarchal-westliche Perspektive auf die Betroffenen und den als unzivilisiert konzipierten Balkan sowie eine Parteinahme für eine militärische Intervention vor. (Susanne Kappeler/Mira Renka/Melanie Beyer (Hg.): Vergewaltigung, Krieg, Nationalismus: Eine feministische Kritik, München 1994, darin u. a.: Susanne Kappeler: Patriarchaler, nationalistischer und rassistischer »Anti-Sexismus«, S. 54–63). Zur Kritik an der viktimisierenden Darstellung von Frauen in der Forschungsdebatte allgemein siehe auch Pascale R. Bos: Feministische Deutungen sexueller Gewalt im Krieg. Berlin 1945, Jugoslawien 1992–1993, in: Insa Eschebach/Regina Mühlhäuser (Hg.): Krieg und Geschlecht. Sexuelle Gewalt im Krieg und Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern, Berlin 2008; S. 103–126; Asra Hromadžić: Kriegsvergewaltigungen in Bosnien: Alte und neue Erklärungsansätze, in: Ruth Seifert (Hg.): Gender, Identität und kriegerischer Konflikt. Das Beispiel des ehemaligen Jugoslawien, Münster 2004, S. 112–130.

6 Siehe Klaus Latzel/Franka Maubach/Silke Satjukow: Soldatinnen in der Geschichte: Weibliche Verletzungsmacht als Herausforderung, in: dies. (Hg.): Soldatinnen. Gewalt und Geschlecht im Krieg vom Mittelalter bis heute, Paderborn 2011, S. 11–49, hier S. 13.

7 Zur Bedeutung der Legitimation bei der Organisierung von Gewalt siehe Klaus Schlichte: In the Shadow of Violence. The Politics of Armed Groups, Frankfurt/New York 2009, S. 20. Zur Besonderheit strategischer Gewalt siehe Georg Elwert: Gewaltmärkte. Beobachtungen zur Zweckrationalität der Gewalt, in: Trutz von Trotha (Hg.): Soziologie der Gewalt, Opladen 1997, S. 86–102, hier S. 87.

8 Latzel/Maubach/Satjukow: Soldatinnen in der Geschichte (Anm. 6), S. 34.

9 Zu den Geschlechterverhältnissen und Regimediskursen in der späten Sowjetunion beispielsweise: Mary Buckley (Hg.): Perestroika and Soviet Women, New York 1992; Barbara Alpern Engel: Women and the State, in: Ronald Grigor Suny (Hg.): The Cambridge History of Russia, Bd. 3, Cambridge 2006, S. 468–494; Anna Köbberling: Das Klischee der Sowjetfrau: Stereotyp und Selbstverständnis Moskauer Frauen zwischen Stalinära und Perestroika, Frankfurt 1997; Britta Schmitt: Zivilgesellschaft, Frauenpolitik und Frauenbewegung in Russland: von 1917 bis zur Gegenwart, Königstein 1997.

10 Susan Brownmiller, zitiert nach Alexandra Stiglmayer: Vergewaltigungen in Bosnien-Herzegovina, in: dies. (Hg.): Massenvergewaltigung (Anm. 4), S. 109–215, hier S. 195.

11 Aleksandr Karaman u. a. (Hg.): Kniga pamjati zaščitnikov Pridnestrov’ja [Buch der Erinnerung an die Verteidiger des Dnjestr-Tals], Tiraspol’ 1995.

12 Eine der beiden, deren Tätigkeitsfeld mit »Hausfrau« angegeben wird, hat im September 1991 offenbar gemeinsam mit ihrem Ehemann bei den Freischärlern angeheuert (Karaman: Kniga pamjati [Anm. 11], S. 215). Für die verbleibende »Verteidigerin des Dnjestr-Tals« lassen sich die Umstände der Rekrutierung nicht aus den Angaben in dem Gedenkband erschließen. Die in Chişinău geborene Moldauerin starb nach dreimonatiger Mitgliedschaft in der Freischärler-Einheit vor der Vollendung ihres 18. Lebensjahres im umkämpften Grenzdorf Dorockoe (ebd., S. 113).

13 Zur Zusammensetzung des städtischen Streikkomitees von Tiraspol’ siehe Anna Volkova: Gorjačee leto 1989 [Der heiße Sommer 1989], Tiraspol’ 2004, S. 57. Zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in der Sowjetunion siehe Engel: Women and the State (Anm. 8), S. 479.

14 Konservative Vertreter der Partei- und Staatsführung versuchten im August 1991 durch die Absetzung Gorbačëvs als Präsident der UdSSR die Reformpolitik der Perestroika zu beenden und das Auseinanderbrechen der Sowjetunion zu stoppen. Das Scheitern des Putsches beschleunigte den Zerfall jedoch rapide – an den folgenden Tagen Ende August/Anfang September 1991 erklärten alle Republiken, die es noch nicht getan hatten, ihre Unabhängigkeit. Dazu siehe z. B. Richard Sakwa: A Cleansing Storm. The August Coup and the Triumph of Perestroika, in: Journal of Communist Studies 9 (1993), Nr. 1, S. 131–149.

15 Ihre Sicht auf die Entstehung der transnistrischen Frauenbewegung legt die führende Aktivistin Galina Andreeva in ihrem eigenen Buch dar. Siehe Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1).

16 Interview mit N. E. [Initialen geändert], Tiraspol’, 20. Mai 2008.

17 Siehe Kai-Uwe Hellmann: Paradigmen der Bewegungsforschung. Forschungs- und Erklärungsansätze – ein Überblick, in: ders. (Hg.): Paradigmen der Bewegungsforschung. Entstehung und Entwicklung von neuen sozialen Bewegungen und Rechtsextremismus, Opladen 1998, S. 9–32, hier S. 18.

18 Interview mit N. E. [Initialen geändert], Tiraspol’, 20. Mai 2008; Interview mit E. I. [Initialen geändert], Tiraspol’, 19. Mai 2008.

19 Ženščiny borjutsja do pobedy [Die Frauen kämpfen bis zum Sieg], in: Trudovoj Tiraspol’ vom
19. September 1991, S. 1; Galina Andreeva u. a.: Ženščiny Pridnestrov’ja. Fotoal’bom [Die Frauen des Dnjestr-Tals. Fotoalbum], Tiraspol’ 1996.

20 Siehe die Biografie Miguljas, in: Gennadij Kodrjanu: Dnestrovskij razlom. Pridnestrovskij krizis i roždenie PMR: rol’ i mesto specslužb [Der Bruch am Dnjestr. Die transnistrische Krise und die Geburt der PMR: Rolle und Platz der Geheimdienste], Tiraspol’ 2002, S. 63.

21 Das zeigt die vom Autor dieses Artikels erarbeitete Kollektivbiografie für seine Dissertation »Akteure post-sowjetischer Territorialkonflikte. Die separatistischen Bewegungen im Dnjestr-Tal und auf der Krim im Vergleich«, die voraussichtlich im April 2015 unter dem Titel »Postsowjetischer Separatismus. Die pro-russländischen Bewegungen im Dnjestr-Tal und auf der Krim 1989–1995« erscheint.

22 Siehe Pål Kolstø/Andrej Mal’gin: The Transnistrian Republic: A Case of Politicized Regionalism, in: Nationalities Papers 26 (1998), H. 1, S. 103–127, hier S. 110–112.

23 Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 66.

24 Siehe ebd., S. 62–67.

25 Siehe ebd., S. 94.

26 Lebed’ beschuldigte die Führungsriege der PMR der Korruption und enttarnte den unter einem Decknamen fungierenden Minister für Staatssicherheit, der als ehemaliger Polizeioffizier vor Strafverfolgung aus Lettland geflüchtet war. (Anatolij Cholodjuk: O generale Aleksandre Lebede i o zabytoj vojne. Zapiski politėmigranta [Über General Lebed und den vergessenen Krieg. Aufzeichnungen eines Politemigranten], München 2005, S. 83 f. u. 101 f.; Natal’ja Prichodko: Rossijskie oficery razoblačajut rukovoditelej Pridnestrov’ja [Russländische Offiziere entlarven Anführer der Dnjestr-Region], in: Nezavisimaja Gazeta vom 9. Dezember 1992, S. 1 u. 3).

27 Siehe Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 113, 147 f., 195 u. 201 f.; Kodrjanu: Dnestrovskij razlom (Anm. 20), S. 63.

28 Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 96 f. Auch mit der als »Schwarzmeerkosakenheer« gegründeten paramilitärischen Einheit und den aus Russland angereisten Kosakenverbänden stand Andreeva nach eigener Darstellung in enger Verbindung (ebd., S. 55).

29 Anatolij I. Bol’šakov: Vo imja obščej celi [Im Namen des gemeinsamen Ziels], in: Kirovec vom
14. August 1992, S. 1.

30 Zitiert nach Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 7.

31 Dabei kollidierten diese Diskurse besonders im Zweiten Weltkrieg mit der Praxis: Sowohl in den Reihen der Armee als auch in Partisaneneinheiten waren Frauen in substanziellem Maß an den Kämpfen beteiligt. Engel: Women and the state (Anm. 9), S. 479–483; Beate Fieseler: Rotarmistinnen im Zweiten Weltkrieg. Motivationen, Einsatzbereiche und Erfahrungen von Frauen an der Front, in: Latzel/Maubach/Satjukow (Hg.): Soldatinnen (Anm. 6), S. 301–329, hier S. 301 f.

32 Jeff Chinn/Steven D. Roper: Ethnic Mobilization and Reactive Nationalism: The Case of Moldova, in: Nationalities Papers 23 (1995), H. 2, S. 291–325.

33 John A. Mason: Internationalist Mobilization during the Collapse of the Soviet Union: The Moldovan Elections of 1990, in: Nationalities Papers 37 (2009), H. 2, S. 159–176, hier S. 164.

34 Siehe Rogers Brubaker: Nationalism Reframed. Nationhood in the New Europe, Cambridge 1996, S. 48 f.

35 Zur sowjetischen Nationalitätenpolitik als institutionalisiertem Nationalitätenkonflikt siehe Terry Martin: Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923–1939, Ithaca/London 2001, S. 73; Yuri Slekzine: The USSR as a Communal Apartment. Or How a Socialist State Promoted Ethnic Particularism, in: Slavic Review 53 (1994), H. 2, S. 414–452.

36 Siehe Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 14.

37 Zur Geschichtspolitik der PMR siehe Stefan Troebst: Staatlichkeitskult im Pseudo-Staat. Identitätsmanagement in Transnistrien, in: Osteuropa 53 (2003), H. 7, S. 963–983; Stefan Troebst: »Wir sind Transnistrier!« Geschichtspolitik im Ostteil Moldovas, in: Helmut Altrichter (Hg.): GegenErinnerung. Geschichte als politisches Argument im Transformationsprozess Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas, München 2006, S. 277–302.

Inhalt – JHK 2015

Kurzbiografie

Abstract

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