...

 

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Stalins Tod und die internationale Politik

JHK 2003 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 13-28 | Aufbau-Verlag GmbH

Autor/in: Norman M. Naimark

Die Bedeutung von Stalins Tod am 5. März 1953 für die Welt – für deren Bürger und deren Staatensysteme – kann nur im Zusammenhang mit den vielfältigen Rollen, die Stalin auf der Weltbühne während der vorhergegangenen zwei Jahrzehnte spielte, erfaßt werden. Stalin war während des Krieges Generalissimus und trieb die Rote Armee im großen Vaterländischen Krieg eindringlich zu ihren entscheidenden Siegen an. Mehr als jedem anderen Regierenden der Welt hat man ihm dem Sieg über Hitler und den Nationalsozialismus zugeschrieben. Es gab innerhalb wie außerhalb der Sowjetunion Menschen, die wußten, daß Stalin schreckliche Fehler im Krieg gemacht hat und die Verluste der Sowjets bei weitem die zehn bis zwölf Millionen Toten überschritten, die seinerzeit geschätzt worden waren. (Historiker gehen jetzt davon aus, daß 28 Millionen Tote weit näher an die Wirklichkeit herankommen.) Aber die große Mehrheit der Weltbevölkerung bewunderte ihn wegen des makellosen Sieges über Nazi-Deutschland. Auch heute noch, fünfzig Jahre nach seinem Tod, weisen unzählige Menschen jegliche Kritik gegenüber Stalin mit Hinweisen auf seine heldenhafte Rolle während des Krieges ab.

Stalin galt noch lange nach seinem Tod weltweit als der unangefochtene Führer der kommunistischen Bewegung, sowohl für jene, die all seine Worte und Gesten verehrten, als auch für jene, die gegen den Kommunismus und all das, was er bedeutete, opponierten. In einigen Fällen neigten sowohl Kommunisten als auch Antikommunisten dazu, ihre Bewertung des Einflusses und der Macht Stalins zu übertreiben, was ja genau Stalins Intention war. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Harry S. Truman, und viele seiner einflußreichen Berater waren davon überzeugt, daß Stalin Kim Il Sungs Aktionen im Korea-Krieg kontrollierte. Nach ihrer Meinung hatte Stalin den Angriff Nordkoreas zu verantworten, und wenn die Vereinigten Staaten von Amerika nicht reagierten, würden »die Sowjets weitermachen und ein Stück Asien nach dem anderen für sich vereinnahmen«. Als die Chinesen den Nordkoreanern bei ihren militärischen Anstrengungen beistanden, schätzte Truman sie als »klassische Satelliten« der Sowjets ein.[1] Senator Joseph McCarthy behauptete, Stalin beeinflusse das amerikanische Außenministerium, da dort nachweislich viele Hundert Kommunisten angestellt waren. Zur gleichen Zeit bekämpften die vietnamesischen Kommunisten die Franzosen mit der Gewißheit, daß Stalin ihnen eventuell helfen würde. Die griechischen Kommunisten baten während des heftigen Bürgerkrieges mit den griechischen Monarchisten, die von britischem und amerikanischem Militär unterstützt wurden, Stalin wiederholt um Hilfe und Inspiration, obwohl der sowjetische Führer ihnen in privaten Gesprächen keine Chancen auf einen Sieg einräumte.[2]

Komplexer war die Haltung linker Intellektueller und Sozialdemokraten gegenüber Stalin. Für berühmte »Wegbegleiter« oder »Philo-Kommunisten«, wie Paul Sartre und Albert Camus, schloß der Kampf um den Fortschritt und die Kritik am Kapitalismus eine positive Beurteilung von Stalins Rolle in der Geschichte ein. Sein Tod veranlaßte viele, ihre entschuldigende Haltung gegenüber dem Stalinismus aufzugeben. Auch das Trauma von 1956 und die zunehmende Bedeutung des antikolonialistischen Kampfes trugen dazu bei, die europäischen Intellektuellen aus der Umarmung der sowjetischen Kommunisten zu befreien.[3] Eine Reihe ehemaliger kommunistischer Intellektueller, z. B. den Amerikaner Sidney Hook und den Italiener Ignazio Silone, brachte die ideelle Enttäuschung über den Kommunismus, wie er von Stalin und kommunistischen Parteien im Nachkriegs-Europa praktiziert wurde, in Konfrontation zu ihren früheren Genossen und Freunden. Insbesondere die von der Sowjetunion gesteuerte Friedensbewegung der späten 40er und frühen 50er Jahre wurde zu einer harschen Schule für die mit Stalin sympathisierenden Schriftsteller und Intellektuellen im Westen, die die rigide stalinistische Kulturpolitik auf Ost-WestKongressen – wie in Wrocław (Breslau) im August 1948 und in Stockholm im März 1950 – nicht ignorieren konnten. Typisch, wie Julian Benda sich in Wrocław beschwerte: »Ich verstehe gar nichts mehr ... Warum müssen wir jedes Mal klatschen, wenn Stalins Name erwähnt wird? Ich bin gegen Krieg. Ich bin gegen die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich bin ganz und gar für Kooperation, aber was von mir verlangt wird ist, daß ich Treue schwöre.«[4]

Auch Sozialdemokraten sahen sich durch die stalinistische Politik gezwungen, ihre Beziehung zu den Kommunisten neu zu überdenken. In Deutschland folgten die meisten Sozialdemokraten Kurt Schumacher, der Stalin und den Sowjets mißtraute und die SPD in den westlichen Besatzungszonen zu einer »antikommunistischen« und zugleich »antikapitalistischen« Partei aufbaute. Auch die Sozialdemokraten auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs mußten sich neu orientieren. Otto Grotewohl blieb in der sowjetischen Besatzungszone und wurde neben dem Kommunisten Wilhelm Pieck zum Vorsitzenden der »Sozialistischen Einheitspartei«, der SED, gewählt und 1949 zum Ministerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik. In Polen führten Josef Cyrankiewicz und Edward Osobka-Morawski die Polnische Sozialistische Partei (PPS) – einst Polens stärkste politische Vereinigung – in eine »vereinigte« Arbeiterpartei mit den Kommunisten, der PZPR. Viele der Sozialdemokraten, die während der Nachkriegszeit mit den Kommunisten im Osten zusammengearbeitet hatten, wurden politisch gemaßregelt. In der DDR nutzten sie häufig die offene Grenze zur Flucht in den Westen. In anderen Ländern des sowjetischen Blocks fielen viele frühere Sozialdemokraten, die Mitglieder sozialistischer Parteien geworden waren, den Säuberungen, Inhaftierungen und sogar Hinrichtungen der späten 40er und frühen 50er Jahre zum Opfer. Doch trotz der Verfolgungen im Osten und Erklärungen überzeugter Antikommunisten im Westen dachten viele europäische Sozialdemokraten weiterhin nur das Beste über Stalins Sowjetunion. Stalin, so ein häufiges Argument, sei wenigstens kein Reaktionär. Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika hielten bekannte Politiker wie Henry Wallace, der 1948 für die Progressive Party als Präsidentschaftskandidat kandidiert hatte, und Joseph Davies, Roosevelts diplomatischer Vertreter in der Sowjetunion in den späten 30er Jahren, Stalin weiterhin für eine positive Figur im Weltgeschehen.

Von den vielen »Gesichtern«, die Stalin der Welt präsentierte, war letztendlich jenes am einflußreichsten, daß er als Führer der Sowjetunion während der Nachkriegszeit zeigte. Immerhin ging die USSR neben den USA als eine von zwei führenden Weltmächten aus dem Krieg hervor. Großbritannien blieb geschwächt zurück. Europa lag danieder. Deutschland war geschlagen und geteilt. Gleichzeitig besetzte die Sowjetunion die östliche Hälfte des europäischen Kontinents, ihre Armeen schienen stark und unbesiegbar. Dies war Stalins Absicht – so sollte die Welt seine Armee und sein Land sehen. Er tat alles, was in seiner Macht stand, um die vielen Probleme zu verbergen, mit denen die Sowjetunion konfrontiert war: die niederschmetternden demographischen Bevölkerungsverluste des Krieges, die Zerstörung und Nivellierung der sowjetischen Industrie und Landwirtschaft sowie die völlige Erschöpfung der sowjetischen Armee. So wie er sich selbst als Unzerstörbaren und Allwissenden darzustellen suchte, wollte er im Ausland ein Bild der Sowjetunion projizieren, das von Stärke, Festigkeit, Einheit und Wohlstand zeugte. Er machte in Potsdam eine gute Figur. Er ließ sich von Trumans triumphierender Offenbarung, daß die USA eine Atombombe besitze, weder einschüchtern noch gefügig machen. Ohne viel Zeit zu verlieren, befahl er Berija, keinen Aufwand zu scheuen und ein sowjetisches Äquivalent zu bauen, das – zur Überraschung des Westens – bereits 1948 fertig war.[5] Die Berlin-Blockade und der Korea-Krieg hätten eine direkte Konfrontation zwischen der Sowjetunion und den Amerikanern auslösen können, jedoch wußte Stalin genau, wie unterlegen seine Streitkräfte in einer solchen Konfrontation sein würden. Er wußte auch, wann es notwendig war, zurückzuweichen.

In der Nachkriegszeit meinten einige Vertreter westlicher Regierungskreise, Stalin sei nicht wirklich »an der Macht«. Gab es mit Moskau Probleme oder die sowjetische Politik schien extrem dogmatisch oder aggressiv, schoben dies einige Diplomaten und Politiker den Bürokraten in Stalins Umgebung in die Schuhe. Sie wollten direkt mit Stalin sprechen, um einen Ausweg aus der diplomatischen Sackgasse zu finden. Stalin selbst genoß die Rolle, die Nerven der aufgebrachten westlichen Repräsentanten wieder zu beruhigen. Fast immer empfahl er ihnen Geduld und Toleranz. Sie sollten warten, alles werde schon wieder gut werden. Der Westen schrieb die von ihm beklagte Unnachgiebigkeit der Sowjets dem Außenminister Wjatscheslaw Molotow zu. Nach dieser Version war Molotow der wirkliche Falke und Stalin die Taube. Wir wissen aus den neuesten freigegebenen Archivmaterialien, daß nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein konnte. Stalin gab den Ton in der sowjetischen Außenpolitik an. Er überwachte seinen Außenminister und hetzte ihn fortwährend zu einer harten und kompromißlosen Haltung gegenüber dem Westen auf.[6]

Stalin wandte jede nur vorstellbare Methode an, um die Kontrolle über den Staatsapparat zu behalten. Seine Gouverneure setzte er moralisch unter Druck, all seine Befehle genau zu befolgen. Listig schürte er ihr gegenseitiges Mißtrauen, damit eine Verschwörung bereits im Keim erstickt werden konnte. Ausgesuchten Untergebenen, die ihm als Informanten über ihre Vorgesetzten dienten, schenkte er seine Aufmerksamkeit. Wiederholt ersetzte er einen Polizeichef durch einen anderen, so das keiner so viel Wissen ansammeln konnte, um seine Autonomie zu gefährden. Seine Bevölkerung hatte mehr Ehrfurcht als Furcht vor ihm; wenn man auch nicht darüber hinwegsehen sollte, das es trotzdem Angst gab. Fortwährend übte er Kritik und verbreitete ideologische Erklärungen, die als Signale »vom Boß« neue Wendungen in der Politik und in der Haltung ankündigten.

Nikita Chruschtschow schätzte in seinen Memoiren, daß Stalin Ende der 40er Jahre viel von seinem Durchhaltevermögen und seinen Fähigkeiten verloren hatte. Seine Ansprache auf dem 19. Parteitag im Jahre 1952 sei ein Witz gewesen; sie habe nur fünf oder sechs Minuten gedauert. Als sich die Führung anschließend im Präsidiumssaal versammelte, habe Stalin gesagt: »›Da, schau Dir das an! Ich kann es immer noch.‹ Er konnte es immer noch, mein Fuß.«[7] Chruschtschow verschweigt, das Stalin fast während des gesamten zweistündigen Plenums mit einer furiosen Schimpftirade gegen seine Feinde in der Führung, insbesondere gegen Molotow und Mikojan, vom Leder zog; beide liefen ohne Zweifel Gefahr, ihr Leben zu verlieren. Kaganowitsch erklärte in seinen Memoiren, trotz des verheerenden Raubbaus an seiner Gesundheit über Jahre hinweg habe Stalin während des Kongresses und des Plenums einen guten Eindruck hinterlassen, sich aktiv beteiligt und den Staatsapparat weiter unter seiner Kontrolle gehalten.[8] Molotow schrieb später, er habe Stalin vier bis fünf Wochen vor seinem Tod »bei guter Gesundheit« angetroffen.[9]

Am Vorabend

Am Vorabend von Stalins Tod befand sich die Sowjetunion in einer schwachen internationalen Position. Es zeichnete sich ab, daß die Ressourcen des Landes überbeansprucht waren und die Feindseligkeiten mit den Vereinigten Staaten von Amerika die Stabilität des Landes untergraben würden. Das Land hatte sich längst nicht vom Krieg erholt, und die Verpflichtungen gegenüber seinen osteuropäischen Alliierten, Nordkorea und der Volksrepublik China, die sich mit Südkorea (und den Amerikanern) im Krieg befanden, ließen kaum noch

Investitionen in die eigene industrielle und landwirtschaftliche Infrastruktur zu. Die Jugoslawen hatten den sowjetischen Block verlassen; Italien und Frankreich, die sich in der Nachkriegszeit fast dem Kommunismus zugewandt hatten, waren nun fest mit dem Westen verbunden. Noch bedrohlicher für das Überleben der Sowjetunion waren Stalins Pläne, einen Angriff auf Europa zu beginnen. Chruschtschow schrieb: »... wenn er [Stalin] ein bisschen länger gelebt hätte, dann hätte er möglicherweise einen weiteren Krieg beginnen können.«[10] Ob Stalin wirklich beabsichtigte »einen Weltkrieg zu beginnen« oder nicht, sei dahingestellt, die Sowjets brachten nach Edvard Radzinskys Einschätzung auf jeden Fall sehr viel Energie auf, ihre Militärmacht und die ihrer osteuropäischen Verbündeten zu stärken und würden bald im Besitz einer Wasserstoffbombe sein.[11]

Am schwierigsten war für die sowjetische Außenpolitik wohl die Bewertung »der deutschen Frage«, eine der wichtigsten Ursachen des Kalten Krieges. Es gibt einen legitimen Disput unter den Wissenschaftlern über die Ziele der Stalin-Note vom 10. März 1952, in der Stalin vorschlug, Deutschland zu neutralisieren, zu vereinen und zu entmilitarisieren. Einige betrachten sie als eine ernsthafte Bemühung des sowjetischen Führers, die deutsche Frage durch diesen Vorschlag neu zu beleben. Andere bewerten sie als einen propagandistischen Schachzug, um die NATO-Mitgliedschaft der Bundesrepublik zu verhindern.[12] Wie auch immer, es gibt keinen Anlaß zu glauben, daß Stalin mit der Situation in Deutschland glücklich war. Der größte und wohlhabendste Teil war in einer Föderalen Republik vereint, deren Integration in die westliche Gemeinschaft bevorstand. Der Marshall Plan und Ludwig Erhards Währungsreform hatten dazu beigetragen, die deutsche Industrie und die deutsche Wirtschaft als Ganzes wieder zu beleben. Stalins Hoffnungen, die Alliierten während der Berlin-Blockade aus Berlin rauszuekeln, hatten sich zerschlagen.

Die Deutsche Demokratische Republik, die Wilfried Loth korrekter Weise als »Stalins ungeliebtes Kind« bezeichnet hat, befand sich in einer schweren wirtschaftlichen Krise.[13] Die Bevölkerung setzte sich mehr und mehr in den Westen ab; die Wirtschaft war durch die erhebliche Demontage der Industrieanlagen und Reparationsansprüche der Sowjets beeinträchtigt, und die Politik wurde durch Walter Ulbricht, einen unbeugsamen kommunistischen Apparatschik, beherrscht. Im Juli 1952 erklärte Ulbricht »den Aufbau des Sozialismus« in der DDR zur Hauptaufgabe. Zu Beginn dieses selbstmörderischen Experiments wurden die Arbeitsnormen erhöht und die Kollektivierung der Landwirtschaft angeordnet. Zugleich unternahmen Ulbricht und die SED Schritte zur Abschottung der DDR und zur Aufwertung des Militärs, damit sie eine wichtige Rolle in einem Krieg spielen könnte, mit dem viele auf dem europäischen Kontinent rechneten. Die Belastungen für die ostdeutsche Bevölkerung waren enorm. Der Aufstand des 17. Juni 1953 war zum Teil darauf zurückzuführen.

Stalins Tod

Die genauen Umstände von Stalins Tod bleiben etwas mysteriös. Es gibt keinen Zweifel daran, das er am 1. März einen Schlaganfall erlitt und viel zu lange ohne medizinische Hilfe blieb, da die Pfleger seinen Zustand nicht rechtzeitig erkannten und er auch danach nicht sofort behandelt wurde. Berija sah sich schon als Stalins Nachfolger und tat alles, um sich dieses Erbe zu sichern, insbesondere als Stalin am 5. März starb.[14] Stalins Tochter Swetlana Allilujewa behauptete, das »Berija seine Freude kaum verhehlen konnte [angesichts von Stalins Lähmung]. Nicht nur ich, sondern viele Menschen verstanden das. Aber er war sehr gefürchtet, und sie wußten alle, das im Moment des Todes meines Vaters niemand in Rußland so viel Macht hatte wie diese schreckliche Person.«[15]Es ist ein trauriges Paradoxon im Kampf um die Nachfolge, der Stalins Tod folgte, daß Berija, der verdientermaßen als brutaler und intriganter Chef der Geheimpolizei gefürchtet und verachtet war, die aufgeklärteste Politik innerhalb der Führungsclique anstrebte, die die Spannungen mit dem Westen reduzieren und zur Freilassung der Gefangenen in den GULags seiner Heimat führen sollte.

Unter der sowjetischen Bevölkerung löste Stalins Tod einen Schock, große Bestürzung und Sorge um die Zukunft aus. Die Tränen, das Klagen – die Menschen schlugen sich auf die Brust – und ehrliche Trauer spiegelten zweifellos das Gefühl des Verlustes und die Anhänglichkeit gegenüber dem »großen Führer der Menschheit« wider. Aber darin drückte sich auch Angst und Besorgnis aus. Stalin war ihr Beschützer und Vater; was würden sie jetzt tun? Diese Sorgen trugen gewiß zur großen Anteilnahme der Bevölkerung an Stalins Beerdigung am 9. März bei. Zehntausende von Trauernden zogen an Stalins Bahre im Spiegelsaal des Moskauer Gewerkschaftshauses vorbei. Mehr als Hundert Trauernde starben auf den Straßen, weil sie im Gedränge niedergestoßen wurden oder erstickten.

Nicht jeder betrauerte Stalins Tod oder hätte Grund zur Trauer gehabt. Es gibt viele Hinweise darauf, daß durch Stalins Tod Pläne für weitere Säuberungen und Deportationen verhindert wurden. Seit die »Ärzte-Verschwörung« eine regelrechte Pogrom-Stimmung in der Bevölkerung ausgelöst hatte, herrschte große Furcht unter den russischen Juden. In Moskau kursierten Gerüchte über die Vorbereitung von Massendeportationen. Viele hatten sich ernsthaft bedroht gefühlt. Sie konnten erleichtert aufatmen, als in den Wochen nach Stalins Tod die schrillen antisemitischen Töne in den Zeitungen nachließen. Chruschtschow gab später zu, das sich vor Stalins Tod eine Krise in der Landwirtschaft entwickelt hatte. Stalin habe dies ignoriert, und zudem die Steuern für Bauern um etwa 40 Millionen Rubel erhöhen wollen. »Ich weiß nicht, wie all das geendet hätte, wenn er nicht gestorben wäre«, sagte Chruschtschow. »Ich glaube, daß es zu weiteren Festnahmen gekommen wäre. Wie Stalin sagte – Dies sind Populisten und SRs, also Feinde.«[16]

Aus der ganzen Welt wurden Botschaften der Trauer, der Anteilnahme und des Beileids nach Moskau gesandt. In Prag brachte I. Taufman eine besondere Medizin in die russische Botschaft, die Stalin geschickt werden sollte. »Stalin«, sagte der Tscheche, »ist die Sonne, die den Weg in die Zukunft erleuchtet. Es ist schwer vorstellbar, welches Schicksal die Tschechoslowaken nach dem Zweiten Weltkrieg getroffen hätte. Stalin rettete die Tschechoslowakei ...«

Jeder Bürger des Landes verfolge mit angehaltenem Atem die ärztlichen Nachrichten über Stalins Gesundheitszustand. Als Stalin starb, trauerten alle Menschen in Osteuropa, das berichteten zumindest die sowjetischen Abgesandten.[17] Wie sich ein ungarischer Emigrant erinnert, traten die Schüler seiner Klasse einer nach dem andern schweigend an das Portrait Stalins und küßten es wie das Bildnis einer Ikone.[18] Der sowjetische Konsul in Krakau, A. P. Nikitin, schrieb am 30. März 1953 in einem Bericht über das Geschehen zu Stalins Tod, daß am Morgen des 6. März in allen Orten und Städten in der Region Krakau die polnischen Staatsflaggen mit schwarzen Trauerbändern wehten und Stalin-Portraits – von Trauerschleiern umhüllt – aufgestellt wurden. In allen Schulen, Fabriken, Kolchosen, Produktions-Kooperativen und anderen öffentlichen Institutionen fanden Versammlungen statt, auf denen die Trauernden den amtlichen Verlautbarungen andächtig lauschten, die in der Presse über den Tod des »Genossen Stalin« erschienen waren. Alle Versammlungen endeten mit der Internationale.[19]

260 Delegierte, die etwa 1600 Arbeiter vertraten, kamen zum sowjetischen Konsulat, um ihren Respekt zu erweisen. Sie versprachen ihre Produktion zu Stalins Ehren zu erhöhen. Die polnische Verwaltung der Region änderte sogar den Namen der bedeutenden Industriestadt Katowice in Stalinogrud um, die Region Katowice (wojewodzstwo) hieß nun »Stalinogrudzkie region«. Anläßlich der Umbenennungen sagte Genosse Olszewski: »Der Name Stalin ist auf ewig mit der Geschichte Polens und unserem schlesischen Land verknüpft. ... Dies erfüllt uns mit Stolz ... Die große Ehre, die uns erwiesen wurde, ist für uns die größte Verpflichtung, keinen einzigen Schritt vom Weg abzuweichen, den der große Stalin uns gewiesen hat, und seine Lehren zu Lebzeiten zu verwirklichen, d.h., von Stalin zu lernen, sich ein Beispiel an Stalin zu nehmen und nach Stalins Vorbild zu arbeiten.« Die Krakauer Obrigkeit eröffnete ein Stalin-Museum in dem Haus, in dem sich Lenin und Stalin vom 10. bis 14. Januar 1913 während einer Konferenz aufhielten. Offensichtlich war dies die einzige Stelle in Polen, auf die Stalin jemals seinen Fuß gesetzt hatte.

Nicht jeder betrauerte den Tod des Führers. Vereinzelte »reaktionäre Elemente« hätten Witze gemacht und sich über die Trauer der Menschen mokiert. Die Abwesenheit der Geistlichen während der Versammlungen und der Trauerkundgebungen wurde hervorgehoben. »Kein einziger Vertreter der Kirche in den Regionen des Krakauer konsularischen Distrikts äußerte ein Zeichen der Sympathie für den gewaltigen Schicksalsschlag, den die sowjetische Bevölkerung erlitt. Selbst die fortschrittlichsten Repräsentanten der Geistlichen sandten keinen Brief und kein Beileidstelegramm ...« Wie Nikitin betonte, hing an keiner einzigen Kirche Trauerbeflaggung. »Am 9. März um 10 Uhr [Ortszeit], genau zu der Zeit als I.V. Stalin beerdigt wurde, läuteten die Glocken der Kirchen, aber nicht an allen [Kirchen]. In einigen Kirchen, wurden Mitglieder der SPM [kommunistische Vereinigung der polnischen Jugend] von der Parteiführung für diesen Zweck beauftragt, weil sich Priester und deren Helfer beeilten, die Kirchen zu schließen und abzusperren.«[20]

Wenn es auch in vielen Teilen Osteuropas inszenierte und ritualisierte Gedenkveranstaltungen gab, so sollte man die echte Trauer nicht unterschätzen, die viele zehn Millionen Menschen auf der ganzen Welt nach Stalins Tod verspürten. Veteranen der amerikanischen Streitkräfte gedachten seiner Führerschaft während des Zweiten Weltkrieges. Chinesische Kommunisten, die gegen die amerikanischen Armeen in Korea kämpften, fühlten sich durch ihn inspiriert und unterstützt. Junge Bundisten hielten im Stadtteil East-Side in New York eine Schweigeminute ab. Italienische Gewerkschaften, mexikanische Radikale, dänische Linke und ägyptische Kommunisten – sie und andere betrauerten den Tod des großen Führers für den Sozialismus und die Sowjetunion.

Neue Möglichkeiten

Einige mächtige Regierungschefs betrachteten Stalins Tod als Gelegenheit, eine neue Tagesordnung für weltweite Themen aufzusetzen oder sogar den Kalten Krieg zu beenden. Wenn, wie John Lewis Gaddis kürzlich schrieb, »ein Kalter Krieg unvermeidbar war, so lange Stalin die Sowjetunion führte«, könne sein Tod vielleicht dessen Ende herbeiführen.[21] Es gab ein paar Hinweise, die dieses Ziel als realistisch erscheinen ließen. Berija und Malenkow, die bekanntesten Personen in der »kollektiven Führung« nach Stalin, signalisierten, daß die deutsche Frage, die der Hauptgrund für die Feindseligkeiten zwischen der Sowjetunion und dem Westen in der Nachkriegszeit war, durch den möglichen sowjetischen Rückzug aus Ostdeutschland gelöst werden könnte.

Stalins Tod ließ auch auf ein Ende des Korea-Konflikts hoffen, der im Osten wie im Westen enorm hohe Ressourcen verbrauchte. Harry Truman hatte die amerikanischen Wahlen im Herbst 1952 verloren. Es gab einen neuen amerikanischen Präsidenten, Dwight David Eisenhower; und Stalin war nicht mehr im Kreml. Stalin und Mao hatten die amerikanischen Soldaten diffamiert und die mögliche Gefahr, die von der Anwendung der amerikanischen Atombombe ausging, ignoriert. Stalins Nachfolger schätzten die amerikanischen Intentionen und die chinesischen Potentiale realistischer ein. Innerhalb von zwei Wochen nach Stalins Tod forderten sie in Direktiven an Mao und an Kim Il Sung, die Politik in Korea zu ändern und um Frieden zu bitten. Im Juli 1953 unterzeichneten die Nordkoreaner und die chinesischen Kommunisten den Waffenstillstand. Eisenhower habe, als er später gefragt wurde, warum Mao den Waffenstillstand für Korea akzeptierte, geantwortet: »Gefahr eines Atomkrieges«. Gaddis fügt korrekter Weise hinzu, die bessere Antwort wäre gewesen: »weil Stalin starb«.[22]

Winston Churchill gehörte zu jenen regierenden Politikern, die davon ausgingen, daß sich durch Stalins Tod eine Chance für bedeutende Veränderung im internationalen System bieten würde. Die Ironie in Churchills Initiative war für alle offensichtlich, insbesondere für die Sowjets, nachdem Churchill im Mai 1946 mit seiner »Eiserne Vorhang Rede« in Fulton, Missouri, den Spannungen des Kalten Krieges einen kräftigen Impuls gegeben hatte und seine ganze Karriere von antibolschewistischer Rhetorik und Absicht geprägt war. Zum Teil verschmähten die Sowjets Churchills Initiative, weil sie ihm nicht trauten. Aber entscheidender war, daß innerhalb der sowjetischen Elite erhebliche Zweifel über die Fortdauer von Stalins Außenpolitik aufkamen. Als Molotow wieder Außenminister wurde, veränderten sich die Ziele der Außenpolitik kaum. Chruschtschow formulierte treffend: »Als Stalin starb, machten wir weiter wie vorher, aus Trägheit. Unser Boot trieb einfach weiter stromabwärts, im gleichen Kurs, den Stalin eingeführt hatte, obwohl wir alle spürten, daß die Dinge nicht richtig waren.«[23] Die potentiellen Chancen, auf die Churchill die neue sowjetische Führung hinwies, waren zu beunruhigend, zu beängstigend. Chruschtschow erinnerte sich später an die Tagung des Zentralkomitees am 31. Januar 1955:

»Zu den anderen Genossen sagte ich, insbesondere zu Genosse Molotow: Jetzt (im April/Mai 1953) ist Churchill so schrecklich scharf darauf, ein (Gipfel) Treffen zu haben, und ich, Menschenskind, habe Angst, wenn er kommt (nach Moskau), muß ich persönlich mit Malenkow sprechen, denn dann würde Malenkow Angst bekommen und aufgeben.«[24]

Das Hauptziel der neuen sowjetischen Führung, insbesondere jener Politiker, die in den Kampf um die innere Vormachtstellung verwickelt waren, bestand darin, die Spannungen zu mildern und die Gefahr eines Krieges nach und nach zu reduzieren. Ohne Stalin ging auch der Wille verloren, den Westen zu konfrontieren. Die neuen Führer kannten die Schwächen ihres Landes sehr genau. Sie sahen sich veranlaßt, Stalins Kriegsandrohungen und -einschüchterungen zu mildern. Jedoch wollten sie sich lieber um weniger brisante Weltthemen kümmern als um eine allumfassende Entspannungspolitik mit dem Westen.

Eines dieser wichtigen Themen war die wachsende Krise in der DDR. Es wurde schon viel über den Aufstand vom 17. Juni 1953 in Berlin geschrieben. Insbesondere Molotows Bericht über die sowjetischen Aktionen während dieser Zeit läßt die Abwesenheit von Stalins strenger Hand und die nachfolgende Politisierung der deutschen Politik erkennen.[25] Nach seiner Rückkehr in das Außenministerium und als Mitglied des Politbüros war es Molotows Aufgabe, sich mit Ostdeutschlands Krise zu beschäftigen. Der ehrgeizige Lawrenti Berija intervenierte jedoch, und so spitzte sich die Situation in Deutschland weiterhin zu. Molotow und Andrej Gromyko arbeiteten einen Plan aus, der sicherstellen sollte, daß Walter Ulbricht – »ein loyaler Kommunist, ein aufmerksamer Genosse ..., aber ohne genügend Flexibilität« – seine »lauten« Erklärungen vom Aufbau des Sozialismus in der DDR etwas zurücknimmt. Es sei nicht angebracht, gegen die Kapitalisten in der DDR mit dem Knüppel vorzugehen; ein »vorsichtigeres« Programm werde gebraucht. »Es besteht keine Notwendigkeit, wegen des Aufbaus des Sozialismus in der DDR eine Politik der Gewalt anzuwenden.« Berija schlug vor, das Wort »Gewalt« zu streichen. Auf Molotows Frage, warum man es bei der Formulierung »es bestehe keine Notwendigkeit den Sozialismus in der DDR aufzubauen« belassen sollte, antwortete Berija: »Weil wir nur ein friedliches Deutschland brauchen, und es für uns egal ist, ob dort Sozialismus ist oder nicht.«

Molotow protestierte weiter: es gäbe keinen Grund, den Prozeß zu beschleunigen, »die Grenze zu überschreiten«, doch eine sozialistische DDR sei notwendig, um die sowjetischen strategischen Interessen in Zentraleuropa zu schützen. Im Präsidium wurde über das weitere Vorgehen heftig debattiert. Malenkow unterstützte Berija und berief eine Kommission ein, der er selbst, Berija und Molotow angehörten, um das Problem zu lösen. Chruschtschow, der zwar freundlich mit Malenkow und Berija umging (zumindest nach Molotows Einschätzung), doch eine erneute deutsche Aggression fürchtete, unterstützte Molotows Beschluß als »russischen Patriotismus«. Berija versuchte, Molotow am Telefon zu überzeugen: »Es gibt keine Notwendigkeit für einen Sozialismus in Deutschland!« »Nein«, antwortete Molotow, »ich werde bei meiner Position bleiben, dies ist ein prinzipielles Thema, das mit der Frage verknüpft ist, was im Falle eines Krieges passieren würde.« Berija erwiderte: »Geh zum Teufel!« Aber letztendlich stimmte er Molotows Gesetzesentwurf lieber zu, als sich einem offenen Kampf auszusetzen. Aus DDR-Perspektive war schon eine Menge Schaden angerichtet worden. Die Sowjets hatten widersprüchliche Signale an die SED-Führung gesandt, als sie zum einen Ulbricht und zum anderen seine Gegner in der Partei und in der Gesellschaft unterstützten. Nach Molotows Ansicht hatten sie keine andere Wahl, als die darauffolgende ostdeutsche Rebellion auszulöschen. »Wir diskutierten die Frage (des Sozialismus in der DDR) im Mai 1953, und schon im Juli (Juni!) schürten sie einen Aufstand.« Um einen Krieg in Zentraleuropa zu vermeiden, so machte Molotow klar, mußten die Sowjets den Aufstand niederschlagen. Die Chancen für eine neue Regelung in Europa brachten auch Gefahren und, im Falle von Ost-Berlin, militärische Gewalt und Blutvergießen mit sich. Berija zahlte für seine Initiativen mit dem Leben. In stillschweigendem Einverständnis mit führenden Generälen der Roten Armee wurde Berija neun Tage nach dem Ausbruch des Aufstandes von seinen Rivalen auf einer Präsidiumssitzung am 26. Juni 1953 verhaftet und unter immer noch mysteriösen Umständen fast unverzüglich exekutiert.[26]

Jugoslawien und Österreich

Zur Zeit von Stalins Tod konnten die Beziehungen der Sowjetunion zu Jugoslawien nicht schlechter sein. Als ein vermeintlich Abtrünniger vom sozialistischen Lager wurde Tito wegen scharfer Attacken von Moskau und von Moskau inspirierter Alliierter in Osteuropa ausgegrenzt. Ungeachtet seiner anfänglich stalinistischen Politik wurde er als ein Trotzkist, Zionist und amerikanischer Spion angeprangert. Die wichtigsten osteuropäischen Säuberungsprozesse – der Rajk-Prozess in Ungarn, der Slánský Prozeß in der Tschechoslowakei und der Kostow-Prozeß in Bulgarien – waren darauf ausgerichtet, vermeintliche Titoisten auszumerzen. Als im Sommer 1948 der sowjetisch-jugoslawische Bruch offensichtlich wurde, glaubte Stalin, der Druck des sowjetischen Blocks und der »Kominformisten« innerhalb Jugoslawiens würde Tito und die jugoslawische Führung zum Einlenken bewegen. Chruschtschow zufolge sagte Stalin: »Ich winke mit meinem kleinen Finger – und es wird keinen Tito mehr geben. Er wird fallen.«[27] Natürlich fiel Tito nicht, und das erzürnte Stalin noch mehr. Die Beschuldigungen der Sowjets gegen die jugoslawische Partei erreichten 1951 ihren Höhepunkt, als Tito behauptete, mit seiner Idee des »Selbst-Managements« die Marxistisch-Leninistische Theorie erneuert zu haben.

Dies ist nicht der Platz, all die »aktiven Maßnahmen« aufzuzählen, die Stalin gegen Tito eingeleitet hatte. Es gab Invasionspläne; in der jugoslawischen Partei wurden sowjetische Agenten rekrutiert und unterstützt; und jugoslawische Kommunisten wurden ermutigt, in Emigrantenorganisationen einzutreten, die sich für Titos Absetzung engagiert hatten. Nachdem keine der Aktionen zum Erfolg geführt hatte, gab Stalin dem NKWD das Signal, Pläne für ein Attentat auf Tito zu entwerfen. Laut eines offiziellen Dokuments in den WolkogonowArchiven wurde folgende Methode favorisiert: Ein Agent im Kreis der Vertrauten Titos sollte eine Audienz mit diesem vereinbaren und »eine Dosis Lungenentzündungs-Bakterien freisetzen, die Titos Tod und den aller Anwesenden garantieren würde«. Der Agent bleibe am Leben, da ihm vorher ein Serum ausgehändigt werde.[28] Die Nachricht, daß die Pläne, Tito »auszulöschen«, schwer zu realisieren seien, war wohl eine der letzten, die Stalin vor seinem Schlaganfall am 1. März überprüfen konnte.[29]

Gleich nachdem Stalin gestorben war, waren die kommunistischen Führer in Moskau wie auch in Belgrad darum bemüht, ihre Streitigkeiten beizulegen. Tito wollte nicht in den Sog des westlichen Machtbereichs gelangen und suchte nach Wegen, seine Unabhängigkeit von beiden »Lagern« zu stärken. Den Sowjets war der Bruch mit ihrem loyalsten Alliierten während des Krieges peinlich; die meisten sowjetischen Führer erkannten, daß Stalin einen schrecklichen Fehler gemacht hatte, als er die Sache so außer Kontrolle geraten ließ. Jedoch nicht alle. Wichtigtuerisch verteidigte Molotow die sowjetische Position gegenüber Tito. »Sie dürfen nicht vergessen«, sagte er zu Chruschtschow am 9. Juli 1955 in der Abendsitzung des Parteiplenums, »daß der wahre und wirkliche Grund für den Bruch (mit Tito) der war, daß die Führung der KPJ sich von einer Position des Kommunismus zu einer Position des Nationalismus hin bewegte und es nicht nur irgendeine Intrige war, die natürlich auch eine Rolle spielte.« Aber Chruschtschows Standpunkt, sich mit den Jugoslawen zu versöhnen, setzte sich durch.[30]

Andere internationale Themen schienen nach Stalins Tod weniger hartnäckig zu sein als das Jugoslawien-Problem. Die Pattsituation zwischen Ost und West in Österreich schien ohne ernsthaften Grund fortzudauern. Die österreichische Koalitionsregierung hatte seit 1946 die Unabhängigkeit und den Rückzug aller ausländischen Armeen gefordert. Der sowjetisch-jugoslawische Bruch nahm die Themen Triest und Carinthian vom Verhandlungstisch. (Diese hatten ursprünglich in den Verhandlungen über den österreichische Friedensvertrag bei der Außenministerkonferenz eine Rolle gespielt.) Die Sowjets unterstützten Jugoslawiens territoriale Ansprüche in der Region nicht länger. Die Österreicher waren damit einverstanden, die Sowjets für ihr Eigentum an den sogenannten USIA (Aktiengesellschaften) zu entschädigen. Österreichische PetroleumReserven, die sich in der sowjetischen Zone befanden, waren bei weitem nicht mehr so wichtig wie bei Kriegsende. Im Gegensatz zu Deutschland, das im Konzept des Westens für die Sicherheit Europas von hoher Bedeutung war, betrachteten die Briten und die Amerikaner Österreich als unnötige Belastung. Ihre Besatzungstruppen waren nur dort, weil die Sowjets sich über die Souveränität Österreichs nicht einigen konnten.

Nach Chruschtschows Aussagen war sogar Stalin durch die Verzögerung einer Lösung der österreichischen Frage beunruhigt. Vor seinem Tod sagte Stalin anscheinend mehrmals: »Warum schließen wir mit Österreich keinen Vertrag?« Zeitweise tauchte die Triest-Frage wieder auf. Aber als diese Angelegenheit entschieden war, zum Leidwesen der Jugoslawen, »fragte Genosse Stalin wieder: ›Warum schließen wir keinen Vertrag mit Österreich?‹« Chruschtschow gab zu verstehen, daß ein Teil des Problems vor und nach Stalins Tod auf Molotows Unnachgiebigkeit zurückzuführen war. Er schrieb am 12. Juli 1955:

»Ich kam zu dem Ergebnis, daß es für uns keinen Grund gab, die Angelegenheit (Österreich) länger hinauszuzögern, da die Zeit bereits gegen uns arbeitete. In Österreich verlieren wir unsere gute Position, wenn wir weiterhin einen Beschluß über einen Friedensvertrag mit dem Land hinauszögern. Ich sagte dann zu Genosse Bulganin:

   ›Sie wissen, was ich denke, Nikolai Alexandrowitsch? Mich erinnert das Österreich-Thema, so wie Molotow es versteht, an ein Ei, das schlecht geworden ist. Sie werden es bald in den Abfall werfen müssen, weil sich alles ändert und es nicht mehr lohnt, es positiv zu lösen. Und das ist wirklich so ...‹

   Ich [Chr.] sagte zu Molotow: ›Erklären Sie uns, wie Sie es verstehen. Vielleicht fange ich dann an, es anders zu sehen; immerhin sind wir keine Dummköpfe ... Im Moment sehe ich nichts Kompliziertes darin. Ich sehe nur Dummheit auf unserer Seite, die auf der Tatsache beruht, daß wir das Zustandekommen eines Friedensvertrages mit Österreich ohne ersichtlichen Grund verzögern.‹

   Ich [Chr.] fragte Molotow: ›Sag mir bitte, sind Sie für oder gegen Krieg?‹ – ›Nein‹, sagte er, ›ich bin gegen Krieg.‹ – ›Was wollen Sie dann erreichen, wenn unsere Armee in Wien sitzt? Wenn Sie für Krieg sind, dann wäre es korrekt, in Wien zu bleiben... Wenn [Sie] nicht für Krieg sind, dann müssen wir gehen. Die Kommunisten in unserem Land verstehen Sie nicht; die österreichischen Kommunisten verstehen nicht, und die österreichischen Arbeiter sehen unsere Soldaten als Besatzer. ... Warum sind wir in Österreich, worauf warten wir?‹[31]

   Viele Jahre lang haben Wissenschaftler darüber diskutiert, welche Faktoren für den überstürzten Abschluß des österreichischen Staatsvertrags ausschlaggebend waren. Eindeutig war Stalins Tod eine kritische Situation. Gleichbedeutend wichtig war die Tatsache, daß Molotow, der sich mit der stalinistischen Politik gegenüber Österreich identifizierte, von Chruschtschow politisch in die Defensive gedrängt wurde. Ohne Stalins Rückhalt konnte der sowjetische Außenminister die Sache nicht länger schleifen lassen. Der österreichische Staatsvertrag wurde am 15. Mai 1955 unterschrieben. Alle sowjetischen Soldaten wurden aus dem Land abgezogen.

Schlußfolgerungen

Einige Kommentatoren meinten, daß Stalins Tod von »kosmischer« Wichtigkeit war, da er zum einen das Ende der Regierung eines Imperators und zum anderen einen symbolischen neuen »Zeitabschnitt« markierte.[32] Diese Sicht ist nicht von der Hand zu weisen. Zuhause galt Stalin als der große Verteidiger der Nation, der Vater des Volkes und die Quelle der sowjetischen Stärke und Legitimität. Sogar jene, die in den Straflagern waren und deren Familien durch seine Hand gelitten hatten, sahen in ihm den woshd (Führer), den »König des Universums« und eine religiöse Figur von göttlicher Bedeutung. Er konnte unmöglich für ihr Leid verantwortlich sein; wenn er nur von ihrer Unschuld und ihrem Leid wüßte, er würde ihnen zu Hilfe kommen. Sein Tod provozierte in der Sowjetunion tiefgehende Bedenken, nicht nur im Hinblick auf die Zukunft, sondern das Leben im Allgemeinen.

Die internationale Gesellschaft war durch seinen Tod ebenfalls tief betroffen. Immerhin wurde Stalin und die »Volksfront« seit den 30er Jahren und der Vormachtstellung der Komintern im Kampf gegen den Aufstieg des Faschismus auf der ganzen Welt als einer der Schöpfer der Fortschrittspartei und der politischen Arbeiterpartei identifiziert. Stalins Rolle im Zweiten Weltkrieg und bei der Zerschlagung des Faschismus verstärkte seinen mythischen Status unter den Regierenden der Welt noch. Sein Tod, die Niederwerfung des Aufstandes in Ostberlin und Budapest und die Enthüllungen auf dem 20. Parteitag stellten die Hingabe seiner Anhänger in jedem Winkel der Erde in Frage. Der »Zauber« war weg; der weltweite Kult um Stalin zerfiel.

Man konnte und kann behaupten, daß die sowjetische Außenpolitik nach Stalins Tod trotz der Entstalinisierung innerhalb des Landes und der Bereitschaft der neuen sowjetischen Führung sich mit Themen wie Korea und Österreich zu beschäftigen, im gleichen Stil fortgeführt wurde.[33] Der Kalte Krieg ging natürlich unvermittelt weiter, als die Sowjets und die Amerikaner um die Vorherrschaft und um Einfluß in Europa und auf der Welt wetteiferten. Weder Moskau noch Washington konnten die Chancen der Entspannung nutzen, die sich durch den Tod des Tyrannen boten. Aber Stalins Tod brachte auch signifikante Veränderungen mit sich. Am bedeutendsten war, daß die Bedrohung für einen »heißen Krieg« nachließ, da Stalins Erben mehr Offenheit in der sowjetischen Gesellschaft zuließen und die Entkolonialisierung den Wettkampf um Einflußgebiete von Nordostasien und Europa in die Dritte Welt verschoben. Die schnell fortschreitende Entwicklung atomarer Arsenale in den Vereinigten Staaten von Amerika wie auch in der Sowjetunion rückten die Orte der Rivalität konkreter geopolitischer Spannungen in Plätzen wie Berlin und der Meerenge von Taiwan, in den Kontrollbereich interkontinentaler Raketengeschosse und atomarer Tests. Stalins Schatten verfolgte die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen jedoch bis zum bitteren Ende der Sowjetunion. Solange Stalins Rolle in der sowjetischen Geschichte nicht völlig aufgeklärt ist, wird es den Verdacht auf stalinistische Politik und Außenpolitik auch in der Gegenwart geben.

Übersetzt von Sigrid Mack-Manhar

 


[1] Vgl. Offner, Arnold A.: Another Such Victory: President Truman and the Cold War, 1945–1953. Stanford 2002, S. 371, 399.

[2] Vgl. z. B. das Protokoll mit Stalins Gespräch mit den Bulgaren V. Chervenkov, P. Damianov und A. Iugov am 29. Juli 1949 in Vostochnaia Kevropa v dokumentakh Rossijskikkh arkhivov 1944–1953 gg. T. II Moskau: Sibirskii khronograf, 1998, S. 195-196.

[3] Vgl. Judt, Tony: Past Imperfect: French Intellectuals 1944-1956. Berkeley 1992, S. 282-283.

[4] Zitiert in Caute, David: The Fellow-Travellers: A Postscript to the Enlightenment. London 1973, S. 290.

[5] Vgl. Holloway, David: Stalin and the Bomb: The Soviet Union and Atomic Energy, 1939–1954 New Haven 1994, S. 76-90.

[6] Naimark, Norman M.: Cold War Studies and New Archival Materials on Stalin, in: The Russian Review 61 (Januar 2002): S. 1-15.

[7] Khrushchev Remembers, übersetzt und herausgegeben von Strobe Talbott, New York 1971

[8] Kaganovich, Lazar: Pamyatnye zapiski, Moskau 1996, S. 499.

[9] Sto sorok besed s Molotovym: Iz dnevnika F. Chueva, Moskau 1991, S. 327.

[10] Khrushchev’s Second Secret Speech, besprochen und übersetzt von L. W. Gluchowski, 6. PLULWP CC Plenum, 20. März 1956, in : Cold War International History Project Bulletin (im folgenden CWIHPB) März 1998, Nr. 10, S. 46.

[11] Radzinsky, Edvard: Stalin. New York 1997, S. 562.

[12] Für eine aktuelle Stellungnahme zum Stand der Debatte, vgl. Löwe, Heinz-Dietrich: Stalin – Der entfesselte Revolutionär. Band 2. Göttingen 2002, S. 347.

[13] Loth, Wilfried: Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte. Berlin 1994.

[14] Vgl. Knight, Amy: Beria. Stalins First Lieutenant. Princeton 1993, S. 179-180.

[15] Zitiert in Roman Brackman, The Secret File of Joseph Stalin: A Hidden Life. London 2001, S. 398.

[16] The Speech by Comrade Khrushchev at the 6th PUWP CC Plenum (Auszug), 20. März 1956, Warsaw, in CWIHPB, S. 46.

[17] Iz dnevnika pervogo sekretaria posol’stva SSSR v Chekhoslovakii G.LS. Pashchenko, 5. März 1953, in: Sovetskii faktor v Vostochnoi Evrope. 1944-1963f: Dokumenty, t. 2. Moskau 2002, S. 741-742.

[18] Interview mit Prof. Adam Horvath von der University of British Columbia, August 2002.

[19] Informatsiia konsula SSSR vg. Krakove A.P. Nikitina, 30. März 1953, in: Sovetskii Faktor, t. 2, S. 751-752.

[20] Ibid., S. 753-754.

[21] Gaddis, John Lewis: We Now Know. Rethinking Cold War History. New York 1997, S. 292.

[22] Ibid., S. 107-110.

[23] Khrushchev Remembers: The Glasnost Tapes, übersetzt und herausgegeben von Jerrold L. Schechter mit Viacheslav V. Luchkov. Boston 1990, S. 73.

[24] Plenum Transcripts, 1955–1957, CWIHPB, Nr. 10, S. 35.

[25] Der folgende Bericht ist aus »Sto sorok besed c Molotovym: Iz dnevnika F. Chueva« entnommen. Moskau 1991, S. 333-336.

[26] Knight, Beria, S. 220-221.

[27] Khrushchev Remembers, n. 1, S. 411.

[28] Stalin’s Plan to Assassinate Tito, CWIHPB, Nr. 10, S. 137.

[29] Editor’s Note, in ibid., S. 1.

[30] Plenum Transcripts, 1955–57, in CWIHPB, S. 40.

[31] Concluding Word by Comrade N.S. Khrushchev, 12. Juli 1955, in: Plenum Transcripts, 1955– 57, CWIHPB, Nr. 10, S. 42-43.

[32] Vgl. Furet, Francois: The Passing of an Illusion. The Idea of Communism in the Twentieth Century. Übersetzt von Deborah Furet. Chicago 1999, S. 438.

[33] Vgl. Insbesondere Gati, Charles: The Stalinist Legacy in Soviet Foreign Policy, in: The Soviet Union since Stalin, Hrsg. von Steven Cohen, Alexander Rabinowitch und Robert Sharlet. Bloomington 1980, S. 279-305. Vgl. auch die Antwort im selben Band von William Zimmerman: The Soviet Union and the West, S. 305-312.

Inhalt – JHK 2003

Copyright:

Eventuell enthaltenes Bildmaterial kann aus urheberrechtlichen Gründen in der Online-Ausgabe des JHK nicht angezeigt werden. Ob dieser Beitrag Bilder enthält, entnehmen Sie bitte dem PDF-Dokument.