...

 

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

 

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

 

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

 

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

 

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

 

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Über die Geschichtsschreibung zum französischen Kommunismus

JHK 2013 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 183-190 | Aufbau Verlag

Autor/in: Bernard Pudal

1Betrachtet man die Interpretationsgeschichte des französischen Kommunismus seit 1945, kann zwischen vier Phasen unterschieden werden, die aufgrund einer spezifischen Kombination von verschiedenen Faktoren miteinander in Zusammenhang stehen. Zu diesen Faktoren gehören: historische Konjunktur und Grad der Autonomie der intellektuellen Denkschulen; Grad der Konsolidierung der Arbeitergruppe; Rolle der französischen Kommunistischen Partei (KPF) im politischen System; Grad der Professionalisierung der Forschungen; Entwicklung der wissenschaftlichen Paradigmen und der Konkurrenz der Disziplinen; biografischer Werdegang der Erzähler. Infolgedessen gilt es, zwischen vier analytischen Räumen zu unterscheiden: Von 1945 bis 1960 die Zeit der gegenseitigen Diskreditierung; von 1960 bis 1978 die Zeit der »militanten« universitären Forschungen; von 1978 bis 1989 die Blütezeit der Zeitschrift Communisme (gegründet im Jahre 1982) im Zeichen des Gesellschaftlichen und Teleologischen und von 1989 bis 2008, nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime und der Öffnung der Archive, die Zeit kontrastierender historiografischer Entwicklungen, welche die Wissenschaft in eine Krise stürzten, dabei aber auch neue Forschungsmöglichkeiten in Bezug auf kommunistische »Themen« eröffneten.

1945 bis 1960: Enthüllungen und gegenseitige Diskreditierung

Von 1945 bis zum Ende der Fünfzigerjahre wird das französische intellektuelle Umfeld weitestgehend von der politischen Logik des Kalten Krieges bestimmt, einer Logik, von der es sich nur allmählich und unterschiedlich schnell entsprechend den jeweiligen Akteuren und Bereichen löst. Bei der Analyse des Kommunismus stehen zunächst die Philosophen und Intellektuellen, die sich nach dem Vorbild Sartres engagieren (Maurice Merleau-Ponty, Edgar Morin, Claude Lefort, Jean-Paul Sartre usw.), den Intellektuellen gegenüber, die sich im Congrès pour la Liberté de la Culture [Kongress für kulturelle Freiheit] zusammenschließen und deren Leitfigur in Frankreich Raymond Aron ist. Für diese Intellektuellen, die unterschiedliche politische Ansichten vertreten, auch wenn ihre Analysen des Sowjetismus sich mitunter decken, steht die Frage nach der Natur des Sowjetregimes im Mittelpunkt. Des Weiteren, und hier geht es konkreter um den französischen Kommunismus, stehen die französische Kommunistische Partei selbst sowie ihre Historiker einer bunt gemischten Personengruppe gegenüber, der sowohl Boris Souvarine, Angelo Tasca, Claude Harmel als auch die früheren kommunistischen Führer Barbé, Célor und Vassart angehören, die sich bald darauf im Institut d’histoire sociale [Institut für Sozialgeschichte] zusammenfinden, das die Zeitschrift Est & Ouest [West & Ost] herausgibt. Letzteren gemeinsam ist ihre universitäre Illegitimität und eine mehr oder weniger diskreditierende politische Vergangenheit aufgrund ihre Rolle während des Krieges (mit Ausnahme von Boris Souvarine). Zwei Probleme kommen hier zum Tragen: Für die mit der Frage nach dem Wesen des sowjetischen Systems konfrontierten Intellektuellen sind die »Augenzeugenberichte« über die »sowjetischen Konzentrationslager« oder die Säuberungsaktionen, die Prozesse und den Terror wichtige Deutungshilfen. Für die antikommunistischen Historiker stehen die Fragen nach der Haltung der französischen Kommunistischen Partei während des Sitzkrieges (Drôle de guerre), nach dem Sinn des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom August 1939 und nach dem Eintritt der KPF in den Widerstand im Mittelpunkt der historischen Untersuchungen. Während die KPF zwar nicht die Existenz der Lager, aber zumindest den Sinn, der ihnen von den Anklägern zugemessen wird, welche sie mit den Konzentrationslagern der Nazis gleichsetzen, leugnet und ihren frühen Eintritt in die Widerstandsbewegung herausstellt (wobei sie Eintritt in die Illegalität mit Eintritt in den Widerstand gleichsetzt), heben ihre Gegner den sowjetischen Terror hervor und unterstreichen die widersprüchliche Haltung der KPF im Jahre 1939, die in Umsetzung der Weisungen der Kommunistischen Internationale die »imperialistischen« Lager en bloc verurteilte. Dabei betonen sie, entgegen der strikt nationalen und demokratischen Neubestimmung ihrer jüngeren Geschichte, die von der Führung der KPF gefördert wird – hier ist insbesondere Angelo Tasca zu nennen – das Mitläufertum der KPF in Bezug auf die stalinistische Politik.

Die Unterordnung der historiografischen unter die politischen Fragestellungen äußert sich auf kommunistischer Seite durch die systematische Diskreditierung gegnerischer Autoren. Von der Diskreditierung durch Verbreitung von Gerüchten (wie z. B. Nizan sei ein Verräter gewesen) bis hin zur Einleitung von Prozessen (gegen Kravchenko, Rousset, Tasca) versucht die KPF, jegliche Kontroverse zu unterbinden, indem sie die unterschiedlichen Parteinahmen auf ein einziges fundamentales Für oder Wider reduziert: für oder gegen die UdSSR. Dies ist aufgrund der geringen Autonomie der Intellektuellen in dieser Zeit des Kalten Krieges möglich (der Arbeiterschaft dürfe nicht die Wahrheit gesagt werden, um sie nicht zu demoralisieren, fordert etwa Jean-Paul Sartre), während gleichzeitig zahlreiche falsche Zeugenberichte und zweifelhafte Schriften veröffentlicht werden, die für weitere Verwirrung sorgen. Auch wenn die Enthüllungen auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 zu einer neuen Austrittswelle der Intellektuellen führen, ist die Führung der KPF, im Gegensatz zur Führung der italienischen Kommunistischen Partei (KPI), auch weiterhin bestrebt, die Parteigeschichte zu instrumentalisieren. Die Veröffentlichung eines offiziellen Lehrbuchs zur Parteigeschichte im Jahre 1964, das nach den klassischen Regeln der stalinistischen Hagiografie verfasst ist und bereits in den Fünfzigerjahren geplant wurde, weist eindeutig darauf hin, dass die Führung der KPF weder bereit war, eine historiografische Debatte zu eröffnen, noch sie zuzulassen.

1960 bis 1978: Die Zeit der »militanten« universitären Geschichtsschreibung

Der politische Kontext der Sechzigerjahre ist geprägt durch die friedliche Koexistenz auf internationaler Ebene und ein unvollendetes Aggiornamento innerhalb der französischen Kommunistischen Partei, das den Historikern und kommunistischen Intellektuellen nur einen geringen Spielraum lässt. Von nun an melden sich die Universitäten zu Wort und stellen neue Regeln auf. Während die KPF mit dem Maurice-Thorez-Institut (IMT) und den Cahiers d’histoire [Geschichtshefte] des IMT eine kontrastreichere, den offiziellen Versionen aber immer noch sehr nahe kommende Vision seiner Geschichte zu entwerfen versucht und sich dabei vorwiegend auf junge Geschichtsforscher stützt (Jean-Jacques Robert, Danielle Tartakowsky, Jacques Girault, Serge Wolikow), sollten von nun an zwei intellektuelle Vorhaben die Lücke der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte des französischen Kommunismus schließen. Das erste, ein Kollektivprojekt, ist anzusiedeln im Umfeld des 1960 von Jean Maitron gegründeten Mouvement social [Soziale Bewegung] und des »Abenteuers« Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier français [Biografisches Lexikon der französischen Arbeiterbewegung]. Beide tragen dazu bei, die Geschichte der Arbeiterbewegung zu legitimieren und die für die Sozialgeschichte des Kommunismus und die prosopografischen Forschungen erforderlichen biografischen Grundlagen zu schaffen. Dabei bieten sie gleichzeitig im akademischen Rahmen tätigen Historikern, die meist selbst – auch in der KPF – politisch aktiv sind, die Möglichkeit, ihre Empathie für ihren Forschungsgegenstand, nämlich die Arbeiterklasse bzw. den militanten Arbeiter, indirekt kundzutun. Die universitäre Demontage der Erbauungsgeschichte des Kommunismus ist dabei das Werk der Historikerin Annie Kriegel. Befreit von jeder persönlichen Bindung an den Kommunismus und, im Gegenteil, darauf bedacht, ihre Arbeit mit dem Kampf gegen den Kommunismus zu verbinden, legte sie innerhalb von zehn Jahren zunächst mit ihrer Doktorarbeit in Geschichte (1964) und später mit ihrem ethnografischen Essay über Les communistes français [Die französischen Kommunisten] (1968) ein Grundlagenwerk vor. Dieses sollte für die gesamte weitere Geschichtsforschung richtungsweisend sein, sei es, dass sie betrieben wurde, um bereits vorhandene Erkenntnisse zu vertiefen oder um diese zu ändern und die Erklärungsmodelle infrage zu stellen. In ihrer Doktorarbeit, die sie den Anfängen des französischen Kommunismus widmete, geht Annie Kriegel mit dem Mythos über die Anfänge der kommunistischen Geschichte, d. h. dem »Glanz« der Oktoberrevolution 1917, hart ins Gericht. Mit ihrer Darstellung der Soziologie des Parteilebens macht sie den Weg frei für die Untersuchung der Institution Kommunismus als Gegengesellschaft. Dadurch, dass Annie Kriegel mit der Sozialgeschichte und der Schule der Annales bricht und auf die kurzen Zyklen und das mit vielen Unbekannten behaftete Aufpfropfen des Kommunismus in Frankreich verweist, zeigt ihr Werk, abgesehen von seinem Beitrag für die Wissenschaft, unweigerlich auch eine politische Wirkung, entwickelt sich doch die politisch instrumentalisierte kommunistische Geschichtsschreibung im Vergleich zur akademischen Forschung in die entgegengesetzte Richtung. Anders als z. B. in Italien ist die wissenschaftliche Geschichtsschreibung über den französischen Kommunismus somit zunächst das Werk einer Historikerin mit unbestritten wissenschaftlicher Legitimation, die für die Zeitschrift Preuves [Beweise] und bald auch als Verfasserin von Leitartikeln beim Figaro arbeitet.

1978 bis 1989: Im Zeichen des Gesellschaftlichen und Teleologischen – 
eine Zeit der Kompromisse

Mit dem Auseinanderbrechen der Union de la gauche [Union der Linken], dem Erfolg des Werks Solschenizyns, den Konflikten zwischen der KPF-Führung und den kommunistischen Intellektuellen in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre nimmt der Spielraum der kommunistischen Historiker, die bemüht sind, wissenschaftliche Arbeit und Parteiengagement in Einklang zu bringen, weiter ab. Die Arbeiten über den Kommunismus entstehen von da an im Wesentlichen im universitären Umfeld. Ein Großteil der französischen Kommunismusexperten (mit Ausnahme derer, die der KPF weiterhin nahestehen) schart sich um die Zeitschrift Communisme [Kommunismus], die 1982 von Annie Kriegel als führendem Kopf einer Gruppe junger Forscher gegründet wird. Diese lehnen die Erbauungsgeschichte und die Zaghaftigkeit der kommunistischen Historiker vehement ab. Die meisten Kommunismusexperten mit universitärem Hintergrund, egal welche Form der Analyse sie auch wählen (soziologisch, anthropologisch, sozialgeschichtlich, politikgeschichtlich usw.), verfolgen alle einen komplementären – den sogenannten gesellschaftlichen und teleologischen – Ansatz. Die an der Zeitschrift von Annie Kriegel mitwirkenden jungen Wissenschaftler werden mit der Zeit unterschiedliche Richtungen einschlagen, die zu diesem Zeitpunkt aber noch durchaus als komplementär betrachtet werden können: Die einen nutzen die Lexikologie (Denis Peschanski), andere befassen sich mit der kommunistischen Erinnerungsarbeit (Marie-Claire Lavabre), wieder andere mit der kulturellen Symbolik der KPF (Marc Lazar), mit der KPF während des Zweiten Weltkriegs (Stéphane Courtois) oder initiieren Forschungsarbeiten mit prosopografischer Ausrichtung (Claude Pennetier). Soziologen, Anthropologen und Politologen sind ebenfalls mit von der Partie (Michel Verret, Jean-Paul Molinari, Jacqueline Mer, Georges Lavau).

Was die Forschungsarbeiten insgesamt zu diesem Thema betrifft, war diese Zeit äußerst produktiv und brachte zahlreiche bedeutende Werke hervor, die in den Achtzigerjahren veröffentlicht wurden. Vor dem Hintergrund des politischen Niedergangs des französischen Kommunismus finden die meisten der von diesen Geschichtsforschern verwendeten wissenschaftlichen Paradigmen ihren Platz in einem historiografischen Ansatz, für den die Komplementarität der Standpunkte eine Selbstverständlichkeit ist.

1989 bis 2008: »Dokumentarische Revolution« und historiografische Entwicklungen

Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in den Staaten des Ostblocks führt paradoxerweise zu einer erneuten Instrumentalisierung der Geschichte des Kommunismus – dieses Mal allerdings zugunsten der Nicht-Kommunisten – nicht nur in den ehemaligen Ostblockstaaten (Wiederaufleben der Totalitarismustheorien), sondern auch in Frankreich. Der von François Furet 1995 herausgegebene Essay Le passé d’une illusion [Das Ende der Illusion] liefert ein Erklärungsmodell für den Erfolg des Kommunismus in Frankreich und beschäftigt sich ausführlich mit der Frage nach der Anziehungskraft der sowjetischen Illusion. Zwei Themen stehen dabei im Vordergrund: der Mythos der Oktoberrevolution und die Faszination dieser »Revolution« für die Mehrheit der Sozialisten, die sich 1920 in Frankreich der III. Internationale anschlossen. Dem Diskurs der Anhänger des Oktober 1917 über die Revolution stimmt er in keinster Weise zu, schon gar nicht dem Gedanken, dass dieses Ereignis in irgendeinem Zusammenhang stünde mit der Entstehung einer Gesellschaft, in der die Produktivkräfte die Macht hätten. Furet führt die universelle Faszination der Oktoberrevolution auf die Vereinnahmung der Vorstellungswelt infolge einer falschen Darstellung zurück, wonach der Oktober 1917 eine Neuauflage sei, nämlich die der »stärksten politischen Versinnbildlichung der modernen Demokratie: die Idee der Revolution«. Diese Idee sei deshalb so faszinierend, weil sie »Sichtbarwerdung des Willens in der Geschichte, die Erfindung des Menschen durch sich selbst« ist. Der Rest ist Handwerk: Um diese Fabel auszuschmücken, wurde Furet zufolge die zurechtgezimmerte Analogie zwischen der Französischen Revolution und der Oktoberrevolution systematisch ausgeschlachtet. In der Vereinnahmung der Gedanken durch die Idee der Revolution drückt sich »der spontane ›Konstruktivismus‹ der öffentlichen Meinung in der demokratischen Epoche und die Neigung, sich das Soziale als Produkt des Willens vorzustellen, aus. [Sie] bedeutet, mit der Tradition zu brechen, von der Gegenwart besessen zu sein, die Zukunft leidenschaftlich herbeizuwünschen.« Der Beitritt zur III. Internationale ist die Folge eines geistigen Standortwechsels: Das, was diejenigen, die sich der III. Internationale anschließen, zu beantworten glauben, ist die Frage nach »dem Sinn des Ersten Weltkrieges«. Der Leninismus verkörpert eine andere Geschichte des Krieges: »Im Mittelpunkt der Debatte über die Bedingungen für einen möglichen Beitritt zur III. Internationale steht weniger die in Russland errichtete Regierungsform, als vielmehr, wie die Sozialistische Partei in dem durch Lenin gegen sie eingeleiteten Prozess ihre eigene Vergangenheit beurteilt.« Eine imaginäre Neuauflage, ein Standortwechsel: Der »17. Oktober« ist zunächst und vor allem eine zweifache Versinnbildlichung, die nichts mit den Ereignissen in Russland zu tun hat. Das Ereignis selbst verliert insgesamt jegliche Tiefe, wenn es nichts weiter als ein Staatsstreich in einer dramatischen Zeit ist, nämlich der des Ersten Weltkriegs. Aus dieser Perspektive betrachtet kann man die Weigerung François Furets verstehen, den Sozialhistorikern auch nur das geringste Interesse entgegenzubringen (die meisten Experten auf diesem Gebiet, die Furet als social scientists bezeichnet, werden schlicht und einfach ignoriert). Wenn Das Ende der Illusion tatsächlich den Weg für weitere Forschungen über die Bedeutung der Darstellung und der ihr innewohnenden Logik ebnet, sollte das Werk vor allem deswegen Beachtung finden, weil es die Totalitarismuskonzepte und die Forschungen zu den kommunistischen Verbrechen untermauert.

Der Zugang zu den Archiven (der kommunistischen Internationale, der kommunistischen Länder, aber auch der kommunistischen Parteien selbst) wird von Stéphane Courtois (1993) nun allerdings unmittelbar als neue historiografische Rahmenbedingung bewertet, die zur Geburt einer wahren Kommunismusgeschichte beitragen würde, welche bis dahin nur wenige Informationen aus dieser von den Historikern bevorzugten Quelle, nämlich dem Archiv, schöpfen konnte. Diese neue Konstellation richtet sich ausdrücklich gegen die social scientists, d. h. gegen all jene, die ihre Arbeiten nicht auf die Ereignisgeschichte, die politische Geschichte, vielleicht auch die Sensationsgeschichte oder aber einfach die essayistische Geschichte begrenzen. Die »Verbrechen« des Kommunismus, die »Affären«, die Abgesandten (Anhänger der Komintern) werden zu bevorzugten Themen, während die mitwisserische Verblendung der linken Intellektuellen infrage gestellt wird. Die Schwäche der methodologischen Argumente, mit denen die Rückkehr zur verschwörungslastigen Geschichte gerechtfertigt werden soll, die ausgesprochen suspekte Begeisterung für Affären, die ausdrückliche Absicht, die Geschichte des Kommunismus dadurch politisch zu instrumentalisieren, dass versucht wird, die Geschichte und die Geschichtsschreibung als die einzig wahren darzustellen, kommt einem Bruch mit den wissenschaftlich komplementären Forschungsarbeiten gleich, führt zur Umgehung der Universitäten durch die Nutzung der Medien und verursacht so nicht wenige, mehr oder minder stark hervortretende Spaltungen. Dies geht so weit, dass das Vorwort von Stéphane Courtois zum Livre noir du communisme [Schwarzbuch des Kommunismus] innerhalb des Autorenteams zu Auseinandersetzungen führt, die offen ausgetragen werden und das Unbehagen der Forschergemeinschaft verstärken. Diese Missgeschicke des Schwarzbuchs oder, besser gesagt, seines Vorworts zeigen, wie sehr die Forschungsarbeiten über den Kommunismus fast zwangsläufig zu Aussagen führen, die immer auf zweifache Weise ausgelegt werden können, nämlich »wissenschaftlich« oder »politisch«.

Das 2000 erschienene Buch Le siècle des communismes [Das Jahrhundert der Kommunismen] stellt diesen Arbeiten eine umfassende Klarstellung gegenüber, die die Vielschichtigkeit des Raums der Kommunismusanalysen verdeutlichen soll. Gleich dem Schwarzbuch ist es einer nunmehr notwendigerweise internationalen Historiografie zuzuordnen. Wenn es einen Allgemeinplatz gibt, den dieses Buch auf jeden Fall in Zweifel ziehen wollte – obwohl, wie jedes Vorurteil, ein Quantum Wahrheit dabei ist –, so war es der Zweifel an der Einheitlichkeit dessen, was gemeinhin als »der« Kommunismus des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. Vom Ende der Illusion zu den Verbrechen des Kommunismus: Der grundlegende Fehler lag in den Augen der Autoren im unkritischen Gebrauch des Singularartikels und in der Absicht, den Kommunismus folglich auf ein Hauptmerkmal zu reduzieren (das Staatsverbrechen, die Utopie, eine säkulare Religion usw.). Auf der einen Seite argwöhnisch gegenüber dem Totalitarismuskonzept und bemüht, an die Vergangenheit der gelehrten Analysen anzuknüpfen, in der man versuchte, einen auf den Erkenntnissen aller Sozialwissenschaften beruhenden Austausch der Forschungen zu führen, ging es in Le siècle des communismes jedoch nicht minder um die Frage der gemeinsamen Identität der vielfältigen Ausprägungen des Kommunismus im 20. Jahrhundert. Die UdSSR und die internationale kommunistische Bewegung unter der Ägide der bolschewistischen Partei spielen daher eine wesentliche Rolle, was sich auch im Zuge der Öffnung zahlreicher Archive (der sogenannten »Moskau-Archive«: RGASPI [Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Social’no-Političeskoj Istorii/Russisches Staatsarchiv für Sozial-Politische Geschichte] usw.) von KPF (Departementsarchiv in Bobigny, Verbandsarchiv der KPF usw.) oder Thorez-Vermeersch (Nationalarchiv u. a.) bestätigt, weil dadurch die Einbindung der KPF in die internationale kommunistische Bewegung und deren Beeinflussung wiederum durch die KPdSU und die UdSSR besser nachvollziehbar wird. Die erste daraus resultierende Erkenntnis, sind die sehr zahlreichen Machtkämpfe und ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der KPF, Konflikte und Widersprüche, die von der Partei durch gezielte Selbstdarstellung verschleiert werden, sodass das wahre Ausmaß verborgen bleibt oder nur die außergewöhnlichen Ereignisse (Affären, Verrat, Abweichungen von der Parteilinie) behandelt werden. Aus diesem Grund scheint die kommunistische Gegengesellschaft, wenn sich denn ein Beleg dafür findet, von Spannungen und Widersprüchen durchzogen zu sein. Diese sind sowohl die Folgen des illusorischen Charakters des Machtwillens, der danach strebt, Aktivisten und Kader bis in ihr tiefstes Inneres zu kontrollieren, als auch des vergeblichen Wunsches nach bürokratischer Kontrolle der Opposition und der Konkurrenz, die die ganze Gesellschaft, auch die kommunistische Gegengesellschaft, kennzeichnen.

Die dokumentarische Revolution war nicht zeitgleich Auslöser für eine historiografische Revolution. Allerdings führen die Fragestellungen, die der Erschließung der diversen Archive zugrunde liegen, zu einer Neuordnung der wissenschaftlichen Landschaft der Kommunismusforschung, wie die internationalen Kolloquien und Studien beweisen, die sich mit dem Stalinismus im – nach dem Verständnis Sheila Fitzpatricks – weitesten Sinne befassen, der in vielen Punkten allen kommunistischen Erfahrungen, ob an der Macht oder nicht, gleicht. Der Begriff »bezeichnet lediglich die Gesamtheit aller Institutionen, Strukturen und Rituale, die den Lebensraum des Homo Sovieticus während der Zeit des Stalinismus ausmachten. Die Autorität der Kommunistischen Partei, die marxistisch-leninistische Ideologie, die überhandnehmende Bürokratie, der Führerkult, die Kontrolle des Staates über Produktion und Verteilung, die Einflussnahme auf das gesellschaftliche Zusammenleben, die positive Diskriminierung zugunsten der Arbeiter, die Stigmatisierung der Klassenfeinde, die Überwachung durch die Polizei, der Terror und die verschiedenen persönlichen Arrangements, mit deren Hilfe die Menschen auf allen Ebenen versuchten, sich zu schützen und sich seltene Waren zu beschaffen, sind lauter Merkmale der stalinistischen Gesellschaft«, so Fitzpatrick (2002).

Diese vorläufige Beschreibung kann auf alle Forschungsarbeiten über den Kommunismus übertragen werden, da die Einordnung der Geschichte der kommunistischen Parteien in die Geschichte des weltweiten kommunistischen Systems zur Verknüpfung von zuvor eher getrennt durchgeführten Studien führt. Die autobiografischen Praktiken, die in der kommunistischen Welt gang und gäbe sind und sowohl in die polizeilichen Praktiken (Geständnisse) als auch in die bürokratischen Praktiken des Staates und der Partei hineinspielen (Selbstkritiken, Selbstdarstellungen von Institutionen, Autobiografien), werden zum Hauptgegenstand wissenschaftlicher Forschung, der den Dialog zwischen Experten für kommunistische Länder und für kommunistische Parteien nicht-kommunistischer Staaten, Experten für politische Gewalt und intellektuelle oder staatliche Institutionen ermöglicht. Durch die Betonung des spezifischen Charakters der kommunistischen Sphären, insbesondere der Rolle, die dem – positiven oder negativen – politischen Kapital und damit den Fragen nach der gesellschaftlichen und individuellen Identität sowie sämtlichen Manipulationsmaßnahmen (durch Verwaltung, Politik und Polizei) beigemessen wird, denen es unterliegt, ohne sich dabei um die Ermittlung ihrer politischen oder ideologischen Wertigkeit zu bemühen, werden der biokratische Aspekt dieser Sphären und die der Subjektivierung eigenen Mechanismen, die durch dieses politische Kapital transportiert werden, in den Vordergrund gestellt. In der Tat wurde das stalinistische biografische Referenzsystem, das den Ursprung einer Kosmologie bildet, bei der das politische Kapital in seiner sowohl soziogenealogischen Dimension (proletarische Wurzeln und Bestimmung) als auch in der Dimension des politischen Werdegangs (Engagement, Ausbildung und Treue) im Mittelpunkt steht, auf die gesamte kommunistische Welt angewendet, nicht nur hinsichtlich der Parteipraktiken der Führung und der Förderung von Parteikadern, sondern auch in Bezug auf die gesamten symbolischen Ausdrucksformen des Kommunismus (Kunst, Literatur, beispielhafte Biografien, soziologische Theorien usw.) sowie die Art und Weise, wie politisch mit Konflikten umgegangen wurde. Diese Verallgemeinerung verleiht den Kommunismen ihre Ähnlichkeit, obwohl sie sich in vielerlei Punkten unterscheiden. Ziel dieser komparativen Studien ist weniger der Beweis der relativen Homogenität der kommunistischen Welt als vielmehr das Streben nach Einflussnahme zu begreifen, das auf einem gemeinsamen Grundmodell aufbaut, um die Unterschiede und die darunterliegenden Homologien zu erkennen. Es geht also nicht mehr um die Gegenüberstellung, sondern vielmehr um die Verbindung von Mikro und Makro, von Formen der subjektiven Mobilisierung und der Kontrollmodalitäten, Überwachung und Repression oder, wie Brigitte Studer es formuliert, um eine nicht totalitäre Geschichtsdarstellung einer Macht mit totalitären Bestrebungen.

Aus dem Französischen übersetzt durch das Bundessprachenamt

Literaturhinweise

Stéphane Courtois: Archives du communisme: mort d’une mémoire, naissance d’une histoire [Archive des Kommunismus: Tod einer Erinnerung, Geburt einer Geschichte], in: Le Débat (1993), H. 77.

Ders. u. a.: Le livre noir du communisme – Crimes, terreur, répression [Das Schwarzbuch des Kommunismus – Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998], Paris 1997.

Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier français (1789–1940) [Biografisches Lexikon der französischen Arbeiterbewegung], begründet von Jean Maîtron, hg. von Claude Pennetier, 44 Bd., Ivry-sur-Seine 1964–1997.

Michel Dreyfus u. a.: Le siècle des communismes [Das Jahrhundert der Kommunismen], erw. und akt. Aufl. Paris 2004.

François Furet: Le passé d’une illusion. Essai sur l’idée communiste au XXe siècle [Das Ende der Illusion: Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München 1996], Paris 1995.

Claude Pennetier/Bernard Pudal (Hg.): Autobiographies, autocritiques, aveux dans le monde communiste [Autobiografien, Selbstkritik, Geständnisse in der kommunistischen Welt], Paris 2002.

Annie Kriegel: 1920. Le Congrès de Tours. Naissance du PCF, Paris 1964.

Dies.: Les Communistes français: essai d’ethnographie politique [Die französischen Kommunisten. Essay über die politische Ethnografie], Paris 1968.

Brigitte Studer (Hg.): Stalinistische Subjekte: Individuum und System in der Sowjetunion und der Komintern (1929–1953), Zürich 2006.


1 Bei diesem Beitrag handelt es sich um die deutsche Übersetzung des Artikels »Communisme français« von Bernard Pudal, im Original ursprünglich auf Französisch erschienen in: Historiographies. Concepts et débats II, hg. von Christian Delacroix, François Dosse, Patrick Garcia und Nicolas Offenstadt 
© Gallimard, Paris 2010, S. 973–985.

Inhalt – JHK 2013

Copyright:

Eventuell enthaltenes Bildmaterial kann aus urheberrechtlichen Gründen in der Online-Ausgabe des JHK nicht angezeigt werden. Ob dieser Beitrag Bilder enthält, entnehmen Sie bitte dem PDF-Dokument.