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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2002 bis 2018 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

 

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

 

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

 

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

 

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

 

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über die Vorbereitung der Schauprozesse in Osteuropa

JHK 2002 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 13-23 | Aufbau Verlag

Autor/in: George Hermann Hodos

Bekanntlich ist das Grundkonzept der Schauprozesse aus dem Konflikt Josef Stalins mit Jozip Broz Tito hervorgegangen. Ihr Ziel war, die Ansteckungsgefahr des jugoslawischen Präzedenzfalles im Keim zu ersticken. Es gibt guten Grund anzunehmen, daß Stalin um den Jahreswechsel 1948/49 das in den 30er Jahren bewährte Mittel der Schauprozesse nur auf Bulgarien und Ungarn, zwei Nachbarn Jugoslawiens, beschränkt hat. In den beiden anderen Nachbarstaaten war das auf Stalin zurückgehende Konzept eines friedlichen nationalen Weges zum Sozialismus bereits durch den russischen Weg ersetzt worden.

In Rumänien wurde der »nationalistische Abweichler« Lucreţiu Pătrăşcanu schon im April 1948 verhaftet, noch vor dem Höhepunkt des Stalin-Tito-Konflikts. In der Tschechoslowakei führte der Putsch Klement Gottwalds im November 1948 zur Ersetzung der volksdemokratischen Koalitionsstruktur durch die Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei. Auch in Polen schien die Ansteckungsgefahr gebannt zu sein, im Juni wurden die Exponenten des polnischen Weges mit Władysław Gomułka an der Spitze politisch kaltgestellt.

Der für Frühjahr 1949 geplante Kostow-Prozeß in Bulgarien[1] und der zur gleichen Zeit vorbereitete Rajk-Prozeß in Ungarn[2] lieferten die erfolterten »Beweise« für die Agententätigkeit Titos und seiner in die Führungselite eingeschleusten imperialistischen Mitverschwörer. Doch im Laufe der folgenden Jahre wurden die Prozesse auf die gesamte ostmitteleuropäische Machtsphäre der Sowjetunion ausgeweitet. Das Grundkonzept hatte sich geändert, der Schwerpunkt verschob sich von Tito zu den jüdisch-israelischen Verschwörern. Jetzt saßen Moskauer Emigranten neben den Westemigranten – was bisher tabu war – auf der Anklagebank. Auf die öffentlichen Aufführungen der Greuelgeschichten folgten Geheimprozesse.

Viele Faktoren spielten bei der Änderung des ursprünglich uniformen Konzeptes eine Rolle: die Eigendynamik der Prozesse, die Welt- und Sowjetpolitik, lokale Eigenheiten, die zunehmende Paranoia des alternden Stalin, der Übereifer der sowjetischen Berater. Aber auch persönliche Interessen einzelner Parteiführer drückten den Schauprozessen ihren Stempel auf. Machtgier, Ehrgeiz, Angst und Mut waren die Motive, die einige lokale Stalinisten veranlaßten, den Schauprozessen eine Richtung zu geben, die nicht im Moskauer Drehbuch stand. Stalins Gefolgsleuten ging es darum, ihre eigene Position zu stärken, den Terror eigenmächtig vorwärtszutreiben oder ihn, im Gegenteil, zu bremsen, ja ihn sogar zu verhindern.

Wenden wir uns zuerst Gheorghe Gheorghiu-Dej zu. Noch bevor es ein Drehbuch für den in Rumänien geplanten Schauprozeß gab, bevor Tito exkommuniziert wurde, kam Gheorghiu-Dej Stalin und Lawrenti Berija zuvor und nutzte die Gelegenheit, seinen populären Konkurrenten und Anwärter auf das Amt des Generalsekretärs Pătrăşcanu im April 1948 zu verhaften und ihn zum ersten titoistischen Agenten im sowjetischen Machtbereich zu erklären. Im August 1949 bekam er von Mátyás Rákosi eine in Vorbereitung auf den Rajk-Prozeß erfolterte Liste mit den Namen rumänischer »titoistisch-imperialistischer Agenten«.

Doch Gheorghiu-Dej tat nichts, um die Denunzierten zu verhaften, er wollte, trotz sowjetischen Drucks, selber bestimmen, wer in einem »rumänischen Rajk-Prozeß« liquidiert werden sollte. Als Moskau 1950/51 die Hexenjagd auf Interbrigadisten, die im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten, anordnete, wählte Gheorghiu-Dej die Opfer aus, schützte seine Anhänger gegen den Druck der Sowjetberater und entfernte nur jene aus führenden Positionen, die der von ihm gefürchteten Pauker-Fraktion nahestanden – doch auch in diesem Falle veranlaßte er nur in Ausnahmefällen ihre Verhaftung.

Auf gleiche selektive Weise manipulierte er ein Jahr später die nächste, nunmehr antisemitische Kampagne, die von den Sowjetberatern initiiert worden war. Die beiden prominenten Juden im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Rumäniens, der Chefideologe Leonte Răutu und der Agitprop-Mann Iosif Chişinewski, blieben unangetastet. Im Sommer 1952, als die antisemitische Hetze dem vorzubereitenden Slánský-Prozeß[3] eine neue Wendung gab, begann er seine Intrigen gegen die langjährige Vertrauensperson Moskaus Ana Pauker – die Tochter eines Rabbiners war – und veranlaßte kurz vor Stalins Tod die Verhaftung Paukers und ihrer Verbündeten, die ihm seit langem auf seinem Weg zur uneingeschränkten Macht hinderlich waren.

Gheorghiu-Dej war ein Mann mit zwei Gesichtern. Je nachdem, ob sie seinen Machtinteressen dienten oder im Wege standen, befolgte er die Sowjetdirektiven und trieb die Schauprozesse voran oder entzog sich ihnen. Sein Ziel war die Alleinherrschaft und Beseitigung aller potentiellen Rivalen in Rumänien.

1944 denunzierte er den damaligen Generalsekretär der Partei Ştefan Foriş beim NKWD-Abgesandten als Polizeispitzel und errang auf diese Weise dessen Posten. Zwei Jahre später, als Schauprozesse noch nicht an der Tagesordnung waren, ließ er Foriş ohne Prozeß vom Chef des Parteisicherheitsdienstes mit einer Eisenstange totschlagen.

1948 gelang Gheorghiu-Dej die Verhaftung seines Konkurrenten Pătrăşcanu. Nach sechs Jahren Haft wurde Pătrăşcanu in einem Geheimprozeß 1954 zum Tode verurteilt und hingerichtet. 1953 räumte Gheorghiu-Dej das letzte Hindernis zur absoluten Macht aus dem Weg. Nur Stalin hinderte ihn daran, die bereits verhaftete Ana Pauker, die einstige Stütze Moskaus in Rumänien, dem Henker auszuliefern. Auf die Rolle Paukers werden wir noch zurückkommen.

Mátyás Rákosi trieb den Rajk-Prozeß mit immer wieder neuen Erfindungen voran. Die von Rákosi vorgegebenen und daraufhin den Verhafteten unter Folter abgepreßten Geständnisse waren sogar dem Chef der sowjetischen Berater General Michail Iljitsch Belkin zu unglaubhaft. Oft, aber vergeblich drang er darauf, diese Phantasieprodukte fallenzulassen. Rákosi wurde auf diese Weise auch zum denunziatorischen Antreiber der anderen Parteiführer in Ost- und Mitteleuropa, die in Zugzwang gerieten, ebenfalls Schauprozesse zu veranstalten, denn jeder wollte als der beste, wachsamste und treueste Schüler Stalins gelten.

Rákosi ließ die Verhafteten ausführliche Lebensläufe schreiben, in denen sie ihre politischen und persönlichen Kontakte zu Kommunisten in den Exilländern Frankreich, England, der Schweiz, in Nord- und Südamerika offenlegen mußten, verlangte Auskünfte über Interbrigadisten, die im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Dann erklärte er sie in verleumderischer Weise zu imperialistischen Agenten und zu Verschwörern, die im Auftrag des Westens den Sturz des sozialistischen Systems vorbereiteten. Die derart politisch umgedeuteten Namen – alle Betroffenen galten als bereits überführte Spione – leitete er weiter an Bolesław Bierut in Warschau, Gheorghe Gheorghiu-Dej in Bukarest, Walter Ulbricht in Ost-Berlin.

Diese Funktion als Initiator und Inspirator ist der Grund, weshalb ich auf ihn ausführlicher eingehen möchte. In letzter Zeit sind Dokumente aus dem Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation veröffentlicht worden, die diese Rolle beleuchten.[4] Kurz vor der Inszenierung des Rajk-Prozesses begann Rákosi seine Karriere als Denunziant. Listen mit Namen polnischer »titoistisch-imperialistischer Agenten« wurden nach Warschau geschickt, eine Liste mit Namen entlarvter rumänischer Spanienkämpfer ging nach Bukarest, eine mit Namen deutscher »Fieldisten« und »amerikanischer Spione« nach Ost-Berlin.

Die umfangreichsten Denunziationen betrafen die Tschechoslowakei. Am 21. Mai 1949, inmitten der Vernehmungen der in Budapest Verhafteten, fuhr Rákosi nach Prag und übergab Gottwald eine Liste mit annähernd 50 Namen. Wie der im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation aufbewahrte Bericht bezeugt, den sein mit ihm in Prag weilender Bruder Zoltán Biró verfaßte, blieb diese Mission erfolglos. Die Liste rief nur Mißtrauen und Gereiztheit hervor. Ich habe den Eindruck, daß die Genossen Gottwald und Rudolf Slánský die internationale Bedeutung der in Ungarn entlarvten Verschwörung unterschätzten und meinten, die Führung der ungarischen Kommunistischen Partei wolle sie in irgendeine peinliche, verdächtige Sache verwickeln, um ihre eigene Lage zu erleichtern. Sie glaubten nicht daran, daß, wie Genosse Gottwald bemerkte, alte, verdiente Parteimitglieder zu Agenten werden könnten.

László Rajk wurde am 30. Mai 1949 verhaftet und hatte noch kein umfassendes »Geständnis« abgelegt, als Rákosi im Juli Zawolski, einem sowjetischen Mitarbeiter der Kominform in Budapest, seine Version anbot, die eindeutig für Stalins Ohr bestimmt war. »Genosse Rákosi gab seiner Überzeugung Ausdruck, daß ein zentral geleitetes, aus Parteimitgliedern bestehendes und von den Imperialisten angeworbenes Agentennetzwerk in allen volksdemokratischen Ländern, vor allem in der Tschechoslowakei, am Werk ist, um die sozialistische Ordnung zu stürzen. Als Beispiele erwähnte er mir gegenüber«, schrieb Zawolski, »ohne sie beim Namen zu nennen, die beiden Stellvertreter des Außenministers Vladimir Clementis, den Chefredakteur des Zentralorgans Rude Právo und den Sekretär des Genossen Gottwald.«

Am 3. September 1949 begann Rákosi erneut, Gottwald zu bedrängen. In einem langen Brief, der nunmehr schon 65 Namen enthielt, warf er ihm vor, aus dem Fall Noël Field keine Konsequenzen zu ziehen. Er schrieb unter anderem: »In Eurer Volksdemokratie ist ja die Zahl der Personen, die nach dem Krieg aus westlicher Emigration zurückgekehrt sind, viel größer als bei uns, und ihre Rolle ist entsprechend auch viel bedeutender. Wir sind sehr beunruhigt über die Tatsache, daß diese Leute, die zu Recht der Spionage für die amerikanischen Imperialisten verdächtig sind, so hohe Positionen in der Tschechoslowakei einnehmen.« Diese Auszüge sind aus den Büchern und Artikeln von Karel Kaplan bekannt.

Weitere Teile veröffentlichte vor kurzem das Moskauer Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation. »Angesichts der russischen Erfahrungen von 1936 haben wir die Geständnisse der verhafteten Spione mit großer Vorsicht behandelt. Wir haben keinen einzigen Fall gefunden, wo Verhaftete aus provokatorischer Absicht einen Unschuldigen in die Sache hineinziehen wollten ... Ich betone all dies, um Dir zu versichern, daß es keinen Grund gibt anzunehmen, daß die Informationen bezüglich der Tschechoslowakei nicht der Wahrheit entsprächen.« Das schrieb Rákosi, der tagtäglich den Vernehmern vorschrieb, welche phantastischen Märchen sie aus den Verhafteten herausfoltern müssen.

Doch Gottwald zögerte noch immer, er meinte, der Druck komme ja aus Budapest und nicht aus Moskau. Erst der Rajk-Prozeß machte ihm klar, daß hinter der Hexenjagd Stalin stehen müsse und die Tschechoslowakei sich nicht heraushalten kann. Gottwald kapitulierte, ließ die kleine, politisch bedeutungslose Gruppe der Bekannten Fields verhaften und lud am 16. September Sowjetberater ein, um die Untersuchung in altbewährte Hände zu legen. Er brauchte die Ermahnungen Rákosis nicht mehr.

Rákosi wollte seine Stelle als Fernberater Stalins nicht verlieren. Anfang 1950 berichtete ein Sowjetberater in Budapest seinem Minister für Staatssicherheit Wiktor Semjonowitsch Abakumow: »In den Gesprächen mit Genossen Rákosi wich dieser immer wieder von Ungarn ab und gab seiner Besorgnis über die Probleme anderer kommunistischer Parteien Ausdruck. Er sagte, die Situation in der Tschechoslowakei sei immer noch sehr schlecht, es säßen dort solche Spione im Zentralkomitee wie Innenminister Václav Nosek, der Slowake Koloman Mošković und andere. Die Genossen Gottwald und Slánský seien unentschlossen und bekundeten Liberalismus gegenüber den feindlichen Elementen in der Partei. Es würde ihnen nicht schaden, meinte er, von den Ungarn zu lernen, wie man den Feind zerschmettert.«

Wenige Tage später sagte Rákosi zu Zawolski: »Ich habe alles versucht und erklärte auch in persönlichen Gesprächen dem Genossen Gottwald, daß in der Regierung und Parteiführung Spione und Provokateure Unterschlupf finden. Doch die tschechoslowakischen Freunde reagieren überhaupt nicht auf unsere Informationen. Wir übergaben belastendes Material über Außenminister Clementis, Verteidigungsminister Ludvík Svoboda und Innenminister Nosek, aber gegen sie sind keine Maßnahmen ergriffen worden.« Um sicherzugehen, daß Stalin von seinen Diensten erfährt, übergab Rákosi anläßlich seines Besuches in Moskau im Januar 1951 dem Zentralkomitee einen Bericht mit den gleichen Beschuldigungen gegen die drei Minister, die er als Agenten des britischen Secret Service bezeichnete.

Wie groß der Einfluß Rákosis auf die Ausbreitung des Terrors war, ist schwer zu ermitteln. Auf jeden Fall half er durch seine Denunziationen mit, die Prager, Warschauer und Ost-Berliner Schauprozesse in Gang zu setzen. Auf eigene Faust, vom Ehrgeiz getrieben, den Terror aus Ungarn in die anderen Vasallenstaaten weiterzutreiben. Im August 1962 zog das Zentralkomitee der ungarischen Partei die folgende Bilanz: »Im Zusammenhang mit dem Rajk-Prozeß lieferte Rákosi den Bruderparteien belastendes Material über 353 Tschechoslowaken, 71 Österreicher, 40 Deutsche, 33 Rumänen sowie sowjetische, polnische, bulgarische, englische, französische, italienische und Schweizer Bürger, insgesamt 526 zu Unrecht beschuldigte Genossen.«

Rákosi war das herausragende Beispiel für die lokalen Parteiführer, die den Gang der von Moskau angeordneten Schauprozesse beschleunigt und verschärft haben. Sein Eifer übertraf bei weitem die gelehrige Rolle Gottwalds, Wylko Tscherwenkows oder Ulbrichts. Aber es gab auch Gegenbeispiele – stalinistische Kommunistenführer, die den Mut aufbrachten, den Terror zu bremsen, Moskaus Befehlen auszuweichen. Das war in Polen der Fall, wo sich die Führung noch gut an die fast vollständige Vernichtung der polnischen Parteikader während der Stalinschen Säuberungen der 30er Jahre erinnerte.

Es dauerte eine Weile, bis das in den ersten Nachkriegsjahren unterdrückte Trauma wieder zum Vorschein kam. Noch im Juni 1948 folgte das Zentralkomitee der Partei bereitwillig dem Befehl Stalins, die politische Kaltstellung von Gomułka zu orchestrieren. Im September 1949 erhielt Generalsekretär Bierut den Brief Rákosis mit den von Field erfolterten 12 Namen polnischer Kommunisten und ließ sie alle verhaften.

Als Stalin im August 1951 die Abhaltung eines polnischen Rajk-Prozesses mit Gomułka als Hauptangeklagtem forderte, wurde dieser zwar verhaftet, aber Bierut wußte, daß bald darauf seine engsten Mitarbeiter, vielleicht er selber, neben Gomułka auf der Anklagebank sitzen würden. Schließlich gehörte Bierut zu der Handvoll jener Glücklichen, die den Stalinschen Terror überlebt hatten. Bierut, Sicherheitschef Jakub Berman und ein Teil der Parteiführung begannen eine stille Verschwörung, um den Gomułka-Prozeß zu sabotieren. Es gelang ihnen, mit allerlei Ausreden und Versprechungen an die Adresse Moskaus, den Beginn des Prozesses anderthalb Jahre in die Länge zu ziehen. Im März 1953 starb Stalin. Sein Tod rettete Gomułka und den von Berija für den Schauprozeß ausgewählten Kommunisten das Leben.

Bierut und Gottwald gingen entgegengesetzte Wege. Während Gottwald nach anfänglichem kurzem Zögern zum Mitmacher wurde, verweigerte Bierut im entscheidenden Augenblick die Teilnahme. Die Einzelheiten der polnischen Ausnahme sind bekannt, ich muß hier nicht weiter darauf eingehen.

Weitgehend unbekannt und falsch interpretiert wird die Rolle von Ana Pauker und ihr Versuch, den rumänischen Rajk-Prozeß zu verhindern. In der einschlägigen politischen Literatur wird sie in der Regel als die Stimme Moskaus in Bukarest, als sture Stalinistin dargestellt. Doch die neueren Forschungen ergeben ein viel differenzierteres und widerspruchsvolles Bild. Ohne Zweifel war sie eine Stalinistin, aber stur war sie nicht, und sie hatte durchaus den Mut, mit eigenem Kopf zu denken.

Ana Pauker war Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Rumäniens. Ein Jahr darauf, 1922, wurde sie in das Zentralkomitee gewählt. Nach ihrer Verhaftung in Rumänien erfuhr sie 1936, daß ihr Mann Marcel, Mitarbeiter der Komintern, Stalins Säuberungsterror zum Opfer gefallen ist. 1940 ging sie in die UdSSR, leitete hier das Auslandsbüro der rumänischen Partei. Sie arbeitete mit Georgi Dimitroff, mit dem Sekretär des EKKI Dmitrij Sacharowitsch Manuilski und mit dem Sekretär des ZK der KPdSU(B) Georgi Maximiljanowitsch Malenkow zusammen. Eine enge Freundschaft verband sie mit Molotows Frau Polina Semjonowna Shemtschushina. 1945 kehrte Pauker als Mitglied des Sekretariats des Politbüros der KP Rumäniens nach Bukarest zurück. Sie genoß das volle Vertrauen ihrer sowjetischen Freunde.

Bald nach ihrer Rückkehr bildeten sich zwei Fraktionen in der Partei, die eine, die sogenannte inländische, geführt vom Generalsekretär Gheorghiu-Dej, die andere, die der »Moskowiten«, mit Pauker und ihrem Mitarbeiter im Auslandsbüro, Vasile Luca, damals Finanzminister. Ihnen schloß sich bald auch Innenmini­ster Teohari Georgescu an. Noch mißtraute Stalin Gheorghiu-Dej, besonders nachdem der rumänische Sicherheitschef Emil Bodnaras, ein alter NKWD-Agent, dem Sekretär des ZK der KPdSU(B) Michail Andrejewitsch Suslow 1947 einen kritischen Bericht gesandt hatte. Daraus ging hervor, daß Gheorghiu-Dej die Konfrontation mit Pauker und ihren Freunden suchte, seine Beziehungen zu den anglo-amerikanischen Vertretern in Bukarest viel zu weit gehen würden, er von der sowjetischen Linie abweiche und die Kriegsreparationszahlungen an die Sowjetunion für die schlechte Wirtschaftslage Rumäniens verantwortlich mache.

Moskau sah in Pauker eine zuverlässige Stütze. Der Rückendeckung ihrer hochrangigen Freunde sicher, geriet Ana Pauker bald in Konflikt nicht nur mit Gheorghiu-Dej, sondern auch mit den sowjetischen Beratern in Bukarest. Denn sie widersetzte sich der Forderung nach überstürzter Kollektivierung der Landwirtschaft und forcierter Industrialisierung, sie war gegen eine Deportation von »kapitalistischen Ausbeutern« und gegen die Verhaftung der Führer der nazifeindlichen Vorkriegsparteien. Pauker befürwortete die Integration demokratischer Schichten in das sozialistische System und stimmte der unbeschränkten Auswanderung der Juden nach Palästina zu. Sie war fraglos eine treue Stalinistin, hatte aber eine eigene Meinung über die besten Methoden und das zweckmäßigste Vorgehen für eine sozialistische Umgestaltung Rumäniens, und sie hatte auch die Courage, ihre Meinung zu vertreten.

Uns interessiert hier jedoch vor allem die Rolle Ana Paukers in der Vorbereitung eines »rumänischen Rajk-Prozesses« mit Pătrăşcanu als dem Hauptangeklagten. Ende 1944 war der Rechtsanwalt Lucreţiu Pătrăşcanu der populärste Kommunistenführer in Rumänien und zugleich in den Augen von Gheorghiu-Dej der gefährlichste Konkurrent für den Posten des Generalsekretärs. Pătrăşcanus Ansehen in der Öffentlichkeit, seine Beliebtheit und Achtung bei den Studenten, den Intellektuellen und den demokratischen Koalitionsparteien der Über­gangsperiode hinderten Gheorghiu-Dej daran, diesen Konkurrenten sofort aus dem Wege zu räumen. Schließlich hatte Pătrăşcanu, der vor dem Krieg zeitweise, zwischen zwei Verhaftungen, in Moskau in der Komintern tätig war, als Repräsentant der Kommunistischen Partei während des Putsches vom August 1944 den Sturz Ion Antonescus erzwungen und Rumänien an der Seite der Sowjet­union in den Krieg gegen Deutschland geführt. Als Justizminister war er der einzige Vertreter der Kommunistischen Partei im ersten Nachkriegskabinett. Gheorghiu-Dej betrachtete Pătrăşcanu von Anfang an mit großem Mißtrauen, das auch Stalin teilte. Pătrăşcanus undogmatischer Intellekt erschien Gheorghiu-Dej als »bourgeoise Arroganz«, seine Zusammenarbeit mit den Koalitionsparteien als Kapitulation vor dem Klassenfeind. Die zunehmende Spannung zwischen Stalin und Tito bot ihm den Anlaß, offen gegen Pătrăşcanu vorzugehen. Er war ein idealer Opferkandidat zur Zeit der beginnenden Hexenjagd auf nationalistische, potentiell sowjetfeindliche Kräfte. Im Dezember 1947 wies Stalin das rumänische Politbüro an, Pătrăşcanus Verbindung zu den Führern der bürgerlichen Parteien zu untersuchen, im Februar des nächsten Jahres wurde Pătrăşcanu von Gheorghiu-Dej des Nationalismus beschuldigt. Gheorghiu-Dej warf Pătrăşcanu vor, unter den Einfluß der Bourgeoisie geraten zu sein. Er ließ ihn aus dem ZK ausschließen und aus dem Justizministerium entfernen. Weiter konnte er nicht gehen; die Machtposition Paukers und das Vertrauen, das Moskau ihr entgegenbrachte, standen dem im Wege.

Pauker war in der Zwischenkriegszeit eng mit Pătrăşcanu verbunden, sie schätzte seinen Intellekt sowie seinen Mut als Verteidiger verhafteter Kommuni­sten. Pauker und Pătrăşcanu waren die einzigen in der Parteiführung, die sich 1938 geweigert hatten, Paukers hingerichteten Mann, der Weisung Moskaus folgend, zum feindlichen Agenten zu erklären. Nach dem Krieg versuchte sie hinter den Kulissen, Pătrăşcanu gegen die Intrigen von Gheorghiu-Dej zu verteidigen, auch wenn sie seine nationalistischen Äußerungen in der Öffentlichkeit kritisierte.

Am 27. März 1948 schrieb Stalin den ersten Brief an Tito, in dem er der jugoslawischen Parteiführung Antimarxismus und Feindschaft gegenüber der UdSSR vorwarf, und der Briefwechsel dauerte noch an, als Gheorghiu-Dej mit gutem Spürsinn die Chance nutzte und Pătrăşcanu am 28. April vom Sicherheitsdienst der Partei festnehmen ließ. In einer Geheimvilla begann unter der Leitung des Innenministers Georgescu, Paukers Schützling und Verbündeten, das Verhör. Pauker konnte die Verhaftung nicht verhindern, aber ihr Einfluß war ausschlaggebend dafür, daß es zu einer ehrlichen Untersuchung kam, ohne fabrizierte Anklagen und Folterungen. Pătrăşcanu weigerte sich, irgendeine falsche Beschuldigung zuzugeben. Trotz Drohungen der Anhänger von Gheorghiu-Dej in der Parteiuntersuchungskommission gelang es nicht, Pătrăşcanu zu einem Geständnis irgendeiner kriminellen Tätigkeit zu bewegen. Nach 17 Monaten Vernehmungen meldete Georgescu dem Politbüro, Pătrăşcanu habe zwar politische Fehler eingestanden, doch hinreichende Beweise für eine Verurteilung habe die Kommission nicht finden können.

Der Herbst 1949 brachte die Wendung. Anfang September reiste Gheorghiu-Dej nach Budapest und bat Rákosi, im bevorstehenden Rajk-Prozeß auch den Namen Pătrăşcanus zu erwähnen. Rákosi übergab ihm eine seiner berüchtigten Listen, diesmal mit Namen von Rumänen, und am 17. September »gestand« der ehemalige Geschäftsträger der jugoslawischen Gesandtschaft in Budapest Lázár Brankov im Rajk-Prozeß, daß Pătrăşcanu, der ebenfalls die Tito-Linie vertrat, in Rumänien Titos Pläne verwirklichen wollte.[5]

Ana Pauker hatte scheinbar keine Möglichkeit mehr, Pătrăşcanu zu retten. Auf Stalins Drängen wurde sein Fall Georgescu entzogen. Pătrăşcanu wurde ins Gefängnis der Staatssicherheit überstellt, die Untersuchung nahmen die sowjetischen Berater in die Hand, wobei sie sich von der Direktive aus Moskau leiten ließen, endlich den Beweis zu erbringen, daß Pătrăşcanu ein Agent Titos und des britischen Geheimdienstes war. Dutzende Kommunisten aus Pătrăşcanus Freundeskreis wurden verhaftet, um mit ihnen einen »rumänischen Rajk-Prozeß« vorzubereiten.

Doch acht Monate später, im Mai 1950, wurde die Führung der Untersuchung plötzlich vom Staatssicherheitsdienst wieder dem Innenministerium übergeben, die »Geständnisse« wurden zurückgezogen, der allgemeine Druck ließ nach. Mitte 1951 meldete Georgescu, er sei überzeugt, daß es für einen Strafprozeß keine Grundlage gäbe. Was hinter dieser Kursänderung steckte, wurde erst kurz vor Ana Paukers Verhaftung klar, als der sowjetische Chefberater Alexander Sacharowski in einem an Gheorghiu-Dej gerichteten Memorandum Pauker beschuldigte, sie habe mit Hilfe von Georgescu die Untersuchung im Fall Pătrăşcanu sabotiert.

Bald aber wurde von Moskau eine neue Lage geschaffen. Im September 1951 erfuhr Gheorghiu-Dej, daß Stalin einwilligte, die Säuberung mit Pauker, Luca und Georgescu zu beginnen. Die politische Hexenjagd gegen die drei Widersacher begann zeitgleich mit der Vorbereitung des Slánský-Prozesses in Prag und sollte in einen »rumänischen Slánský-Prozeß« münden. Als Hauptangeklagte in diesem Prozeß sollten Pauker, Luca und Georgescu fungieren. Eine Wiederholung des Rajk-Prozesses war nicht mehr aktuell, der Anti-Titoismus wurde vom Antisemitismus verdrängt. Im Zuge der von Moskau lancierten antisemitischen Welle wurde aus der Jüdin und bisherigen Vertrauensperson Pauker eine in Stalins Augen Verdächtige.

Im März 1952 verloren alle drei ihre Ministerposten, Luca wurde aus dem ZK ausgeschlossen, Pauker in die Provinz abgeschoben. Im August 1952 wurde Luca verhaftet, und ein neues Team von Untersuchungsführern nahm die Vernehmungen von Pătrăşcanu und seiner Mithäftlinge auf. Nun wurde nach einem neuen Drehbuch gearbeitet, das brutale Folterungen einschloß. Die »Geständnisse« häuften sich, der Prozeß sollte im Frühjahr 1953 beginnen.

Am 18. Februar 1953 wurden Pauker und Georgescu verhaftet. Am 5. März, 15 Tage später, starb Stalin und rettete auf diese Weise Pauker das Leben. Sie wurde zwei Monate später auf Intervention von Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow freigelassen und wurde zu einer Unperson. Sie lebte praktisch unter Hausarrest, völlig isoliert von der Außenwelt. Als Politbüromitglied Alexandru Moghioros sie im Mai 1953 besuchte und ihr vom Tod Stalins berichtete, brach sie in Tränen aus. »Weine nicht, Ana«, sagte er zu ihr. »Wäre er noch am Leben, wärest Du jetzt tot.« Über ihren Tod am 3. Juni 1960 berichteten die rumänischen Zeitungen nicht.

Gheorghiu-Dej jedoch führte den Stalinschen Terror im Alleingang zu Ende. Die Entstalinisierung lag schon in der Luft, in Ungarn wurde bereits die Forderung nach einer Revision des Rajk-Prozesses laut, Rákosis Macht war bedroht. Wenn Gheorghiu-Dej politisch überleben wollte, gab es für ihn keinen Weg zurück. Berija beorderte die Gruppe der sowjetischen Berater zurück, die Verbliebenen betonten, nichts mit der Angelegenheit zu tun zu haben.

Der von Gheorghiu-Dej fabrizierte Prozeß gegen Luca fand im Oktober statt und endete mit dem Todesurteil, das in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt wurde. Im März 1954 wurde das Drehbuch nach Moskau geschickt. Anstatt es gutzuheißen, schickte Malenkow es mit der Bemerkung zurück »Das ist Eure Sache«. Pătrăşcanu wurde am 16. April 1954 zum Tode verurteilt und in der gleichen Nacht mit einem Schuß durch das Guckloch in der Zellentür erschossen. Georgescu kam nicht vor Gericht; er wurde im März 1956, einen Monat nach dem 20. Parteitag der KPdSU, aus der Haft entlassen. Luca starb im Juli 1963 im Gefängnis.

 

Überarbeiteter Vortrag von George Hermann Hodos während der Vorstellung des Buches "Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948-1954" am 8. Juni 2001 im Verein Helle Panke zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V.

 


[1] Traitscho Kostoff und seine Gruppe. Berlin 1951.

[2] László Rajk und Komplizen vor dem Volksgericht. Berlin 1950.

[3] Prozeß gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums mit Rudolf Slánský an der Spitze. Prag 1953.

[4] »Videl, kak voznikaet kul’t ličnosti«. Mat’jaš Rakoši o Staline i o sebe [Ich habe gesehen, wie Personenkult entsteht. Mátyás Rákosi über Stalin und über sich selbst]. In: Istočnik, 1997, 1, S. 111–140.

[5] László Rajk und Komplizen vor dem Volksgericht, S. 155.

Inhalt – JHK 2002

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