...

 

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Überlebenschancen in den Chefetagen der Komintern

JHK 2010 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 163-178 | Aufbau Verlag

Autor/in: Peter Huber

Die Frage, wer am Rad der Repression drehte und die »Opfer« in der Sowjetunion bestimmte, kann heute, trotz der Vorenthaltung maßgeblicher Quellen, genauer beantwortet werden. Das NKWD (Narodnyj komissariat wnutrennych del, Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) arbeitete im Land – so belegen Dokumente – aufgrund von »operativen Befehlen«, die in Massenoperationen mit vorgegebenen Verhaftungsquoten ausarteten und somit den bisherigen Richtungsstreit in der Zunft der Sowjetologen (»Totalitaristen« gegen »Revisionisten«) als obsolet erscheinen lassen.1 Wenn Ežovs und Stalins »Fingerabdrücke« an zentralen Vernichtungsbefehlen auszumachen sind, liegt die Vermutung auf der Hand, dass die Repressionswellen von 1937 / 38 von zentraler Stelle aus konzipiert, gelenkt und »dosiert« wurden.2

Der Kominternapparat in Moskau war ein Mikrokosmos an der Schnittstelle zwischen westeuropäischer und russischer Parteikultur, aber eingebettet in die sowjetische Rechtssprechung. Der Terror in der sowjetischen Gesellschaft, vor allem der »Rundumschlag« des NKWD vom Frühsommer 1937 bis in den Herbst 1938 – Frucht einer »Wagenburgmentalität« von Stalin –, musste auch auf die Komintern durchschlagen. Dieser Beitrag richtet sein Augenmerk lediglich auf Leitungskader, sind sie doch in der Regel durch Personal­akten besser erschlossen als die vielen Tausend mittleren und unteren Mitarbeiter, die in der Zeitspanne 1919–1943 für kürzerer oder längere Zeit in Moskau gearbeitet haben.3

375 Leitungskader im Schussfeld

Der Kominternapparat zählte 1936 laut Personalplan 336 Mitarbeiter, war leicht überschaubar und politisch suspekt. Stalin und Ežov zitierten in den Terrorjahren mehrmals Dimitrov zu sich, worauf dieser im Tagebuch deren tiefes Misstrauen zur Komintern festhielt. Am 11. Februar 1937 bemerkte Stalin: »Ihr alle dort in der Komintern arbeitet dem Feind in die Hände«, und Ežov soll Dimitrov in einer Nachtsitzung vom 26. Mai anvertraut haben: »Die größten Spione würden in der KI [Komintern] arbeiten«.4 Bei der Auswahl der Opfer bemühten sich die verschiedenen Spezialkommissionen noch bis zum Frühjahr 1937, lange zurückliegende Abweichungen heranzuziehen und kriminell auszulegen. Damit befanden sich Kominternmitarbeiter mit kurzer Parteimitgliedschaft oder jeweils schneller Anpassung an die nachträglich konstruierte Generallinie eher außerhalb des Schussfeldes. Ab Frühsommer 1937 fielen auch diese halbwegs politischen Auswahlkriterien weg. Auf den Listen, die von den Untersuchungskommissionen angefertigt und von einigen Vertrauenspersonen (Dimitrov, Manuil’skij, Stalin) gekürzt, gebilligt oder mit Kommentaren versehen wurden, dürften – so eine Vermutung – sich immer mehr Leute befunden haben, die nur aufgrund erpresster Geständnisse von Dritten als langjährige verkappte Parteifeinde ausgemacht werden konnten.

Der Informationsaustausch mit der im NKWD für die Komintern zuständigen Dienststelle, d. h. mit L. M. Poljaček und N. Kornil’ev, verlief über die speziellen Untersuchungskommissionen des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI), die Kaderabteilung, die IKK (Internationale Kontrollkommission) und den Leiter der Partorg, F. S. Kotel’nikov. Aus sieben Listen, die Kotel’nikov, einer der wenigen überlebenden »Täter« auf der mittleren Kominternebene, im September 1939 als Bilanz der Säuberungen an die Personalabteilung der VKP(b) leitete, kann man schließen, dass ungefähr die Hälfte der EKKI-Partorg vom Rad der Repression erfasst worden war.5 Die im Moskauer Kominternapparat wirkende Repressionslogik und die Repressionsmechanismen galten sowohl für Mitarbeiter der unteren als auch für Kader der oberen Etagen. Nichts deutet darauf hin, dass Mitarbeiter an untergeordneter Stelle eher davonkamen als Leitungskader. Die von der Partorg angefertigten Listen der ausgeschlossenen EKKI-Mitarbeiter führten Namen sowohl von Leitungskadern als auch von technischen Angestellten peripherer EKKI-Abteilungen (Übersetzungs-, Verlagsabteilung).6

Unter »Leitungskader« werden die 580 Kommunisten verstanden, die in der Zeitspanne 1919–1943 Funktionen in einem oder mehreren der folgenden Leitungsorgane wahrgenommen haben:7

• EKKI und EKKI-Präsidium (1919–1943)

• Organisationsbüro des EKKI (1922–1926)

• EKKI-Sekretariat (1919–1943)

• Kleine Kommission des EKKI (1926–1935)

• Ständige Kommission des EKKI (1926–1934)

• Politkommission des EKKI (1929–1935)

• Internationale Kontrolkommission (1921–1943)

• Leiter einer Abteilung oder eines Ländersekretariats

• KP-Vertreter beim EKKI

Mit dieser Auswahl wird keineswegs der Anspruch erhoben, den Kreis der Entscheidungsträger exakt erfasst zu haben, stand doch die Kominternzentrale unter dem Einfluss sowjetischer Organe, die Entscheidungen vorbereiteten, in die Wege leiteten oder gar in eigener Regie trafen und die Komintern vor vollendete Tatsachen stellten.8

Wenn im Folgenden nun Berechnungen zu den von der Repression in der Sowjetunion erfassten Kadern angestellt werden, so werden von den 580 Leitungskadern all jene ausgeschlossen, die der »lange Arm des NKWD« gar nicht erreichen konnte, d. h. jene, auf die eines der folgenden Kriterien zutraf:

• vor 1936 gestorben,

• vor 1936 aus der kommunistischen Bewegung ausgeschieden und im kapitalistischen Ausland lebend,

• seit 1936 den Boden der Sowjetunion nicht mehr betreten.

Kader wie Jacques Doriot (EKKI-Kandidat), der 1934 den Befehl zur Berichterstattung nach Moskau ablehnte und im Juni in Paris aus der Partei ausgeschlossen wurde, oder auch das EKKI-Mitglied Jacques Duclos, der im Dezember 1935 ein letztes Mal in Moskau weilte, gehören somit zur Gruppe von Leitungskadern, die hier nicht in die Berechnungen »Opfer oder nicht Opfer« einbezogen werden.9

Von den so verbleibenden und potenziell von der Repression erfassbaren 375 Leitungskadern wurden 40,5 Prozent verhaftet und endeten fast ausnahmslos vor einem Erschießungskommando oder im Gulag. Einige wenige kamen nach ein paar Monaten Untersuchungshaft frei – so etwa der Ungar László Rudas, der anschließend im »Staatsverlag für nationale und ausländische Wörterbücher« unterkam, einer politisch weniger exponierten Stelle als das IMEL (Marx-Engels-Lenin-Institut), wo er bis zu seiner Verhaftung gearbeitet hatte. Auch der Lette Abraham Guralski kam glimpflich davon. Der ehemalige oberste Vertreter des EKKI in Deutschland (1923) und in Frankreich (1924–1925) sowie Instruktor in Lateinamerika (1929–1934) hatte 1927 die »Erklärung der 83« zugunsten von Trockij und Zinov’ev unterzeichnet. Diese »Tat« wurde nach dem Mord an Sergej Kirov (1934) von der EKKI-Partorg wieder ans Licht gezerrt und trug ihm einen strengen Verweis ein, der 1936 zu seiner Verhaftung und Verurteilung zu acht Jahren Zwangsarbeit führte. 1938 wurde das Urteil jedoch widerrufen, was seine Freilassung zur Folge hatte.10 Auch der Veteran Boris Rejnstejn, der als Narodniki und Gast am I. Kongress der Sozialistischen Internationale teilgenommen hatte (1889), durchlief nach seiner Verhaftung nicht das klassische Repressionsschema mit Erschießung oder Erschöpfung im Gulag. Er war nach Emigrationsjahren in Zürich und in Paris (1887–1892) in den USA der Socialist Labor Party beigetreten und hatte diese Organisation auf der Internationalen Sozialistischen Konferenz in Stockholm vertreten (1917), stand von 1924 bis 1938 an der Spitze der EKKI-Archivabteilung und vermerkte noch 1930 in einem Personalbogen des EKKI: »Aufgenommen in die VKP(b) im April 1917, mit Empfehlung von Bucharin und Trockij.« Im verschärften Repressionsklima des Jahres 1936, als die Offenlegung der Vergangenheit erneut zur Pflicht wurde, wollte er diesen Makel offensichtlich vertuschen, was die EKKI-Partorg nach Durchsicht seiner Personalakte aber vereiteln konnte: Rejnstejn erhielt einen Verweis (Dezember 1936) und wurde 1938 verhaftet. Er überlebte jedoch und starb 1947 im 81. Lebensjahr.11

Länder ohne Repressionsopfer

Falls bei der in den oberen Kominternetagen wütenden Repression gewisse Auswahlkriterien walteten, so am ehesten das der nationalen Herkunft bzw. des Stellenwerts, den das Land im damaligen Freund / Feind-Schema der sowjetischen Führung einnahm. Alle Leitungskader aus den nachfolgenden Ländern bzw. Regionen entgingen der Repression:

Land

Repressionsopfer

Großbritannien

12 potenzielle

Frankreich

11 potenzielle

Lateinamerika

8 potenzielle

Holland

6 potenzielle

Schweden

5 potenzielle

Norwegen

4 potenzielle

Kanada

3 potenzielle

Australien

3 potenzielle

Neuseeland

1 potenzieller

Tabelle 1: Länder bzw. Regionen ohne Repressionsopfer unter den Leitungskadern 12

Frankreich und Großbritannien waren die im Zeichen der Volksfrontpolitik von der Sowjetregierung umworbenen demokratischen Großmächte, mit denen ein Gegengewicht zum sich aggressiv gebährdenden Deutschland aufgebaut werden sollte. Französische und britische Kominternkader13 weckten bei der Sowjetführung und den NKWD-Beamten weniger Misstrauen als Deutsche, zumal deren KPen in Frankreich und Großbritannien legal agieren konnten und nicht zu zerstrittenen Exilparteien verkommen waren, deren Fraktionen sich in Moskau bekriegten und um die Gunst der maßgeblichen Kominternführer buhlten.

Diese Konstellation schützte französische und britische Kominternkader, machte sie aber nicht gefeit vor der Repression, wie die Beispiele von Rose Cohen und Maurice Albert zeigen. Bei beiden handelt es sich allerdings nicht um Spitzenkader, sondern um »gewöhnliche« Kominternmitarbeiter, die unter spezifischen Umständen ins Rad der Repression gerieten.

Die in London als Tochter polnischer Einwanderer geborene Rose Cohen übersiedelte 1927 mit ihrem Mann, dem EKKI-Bevollmächtigten in Großbritannien (1924–1926), David Petrovskij, von London nach Moskau und arbeitete im Angloamerikanischen Ländersekretariat und in der EKKI-Verlagsabteilung, bevor sie 1931 aus dem EKKI-Apparat ausschied und in Moskau Leiterin der Abteilung für Auslandsnachrichten der Zeitung Moscow Daily News wurde.14 Seit der Verhaftung ihres Mannes (März 1937) geriet sie ins Schussfeld, zumal sie ihren britischen Pass bereits hinterlegt und kurz vor der Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft stand. Von Panik getrieben, versuchte sie, die Prozedur rückgängig zu machen, was als Misstrauen und Winkelzug gegen die Sowjetbehörden interpretiert werden konnte. Die Verhaftung (August 1937) und Erschießung von Rose Cohen nach dem Schuldspruch durch das Militärkollegium des Obersten Gerichts (»Spionage für den britischen Geheimdienst«, 28. Oktober 1937) war ein Ausnahmefall, bei dem mehrere negative Faktoren den Ausschlag gegeben haben: ihre polnische Herkunft, die Heirat mit einem nun erschossenen »Volksfeind« (10. September 1937), der Verzicht auf die britische Staatsbürgerschaft und ihre langjährige Arbeit mit ausländischen Nachrichtenagenturen, die zur Zeit der »Ežovščina« wenig vertrauenseinflößend erschien.15

Eine ähnliche Konstellation machte den in Warschau geborenen, aber in Paris aufgewachsenen Maurice Albert zum einzigen halbwegs »französischen« Repressionsopfer. 1919 als Aktivist der Anarchistischen Jugend aus Frankreich ausgewiesen, arbeitete er ab 1922 und bis zu seiner Verhaftung im Juli 1937 als Übersetzer für Französisch, Russisch, Deutsch und Englisch im Kominternapparat.16 Seine polnische Herkunft, die sprachliche Gewandtheit und die frühe Annahme des Sowjetpasses gleich nach der Ankunft (1922) machten aus ihm ein idealtypisches Repressionsopfer, das nur noch wenig mit Frankreich zu tun hatte.17

Dass die acht lateinamerikanischen Leitungskader und die übrigen Kominternmitarbeiter aus Lateinamerika – von einer Ausnahme abgesehen – von der Repression in Moskau verschont blieben, hat mehrere Gründe: Sie kamen aus fernen, der sowjetischen Staatssicherheit fast unbekannten Ländern, die weder an die Sowjetunion angrenzten noch ihr gefährlich werden konnten. Obwohl in vielen dieser Länder Diktaturen an der Macht waren, welche die Arbeiterbewegung unterdrückten, hatte Lateinamerika in der sowjetischen Presse und zur Zeit des Großen Terrors einen viel besseren Ruf als Deutschland oder Polen und wurde bis zu einem gewissen Punkt mit dem progressiven Regime von Cárdenas in Mexiko gleichgesetzt.18 Ein weiterer Aspekt, der die Lateinamerikaner vor der Repressionswelle schützte: Sie arbeiteten zum größten Teil im Lateinamerikanischen Sekretariat, das nur wenige Schnittstellen mit dem germanisch-slawischen Sektor der Komintern aufwies und in gewissem Sinne eine eigene Welt darstellte. All dies trug dazu bei, dass die lateinamerikanischen Kominternmitarbeiter in Moskau dem Terror entrannen, obwohl ungefähr die Hälfte des Kominternpersonals von ihm erfasst wurde.19 Einzige Ausnahme war der Mexikaner Evelio Vadillo, Mitglied des ZK seit 1934 und Leiter der Rechtsabteilung der Roten Hilfe Mexiko, der Anfang 1937 während des Studiums an der Internationalen Leninschule in Moskau verhaftet wurde und mehere Jahre in Lagern verbrachte. Auslöser seiner Verhaftung war offensichtlich seine Freundschaft mit Olga A. Meškovskaja, einer technischen Mitarbeiterin des Lateinamerikanischen Sekretariats, die nach ihrer Verhaftung im Januar 1936 unter Folter gestand, zusammen mit Vadillo eine terroristische Gruppe aufgezogen zu haben.20

Abschließend sei in Bezug auf die Repression gegen Lateinamerikaner auf nicht-latein­amerikanische Kominternkader hingewiesen, die jahrelang in Lateinamerika gearbeitet hatten und nach ihrer Rückkehr in Moskau verhaftet wurden. Die sieben Kommunisten aus dem baltisch-ukrainisch-russischen Raum – alle jüdischen Ursprungs – verband Folgendes:21

• Sie waren mittlere Kader in der KP Argentiniens, Brasiliens, Kubas oder Mexikos.

• Sie kehrten zwischen 1929 und 1931 nach Ausweisungen in die UdSSR zurück.

Ihre jüdische Abstammung dürfte für ihre Verhaftung in den Jahren zwischen 1935 und 1938 nicht massgebend gewesen sein; der staatliche sowjetische Antisemitismus lebte erst in den letzten Jahren von Stalins Regime auf, und zwar im Zusammenhang mit der »Verschwörung der weißen Hemden« (1951) und den Schauprozessen von Budapest und Prag (1952–1953).22 Im hier beschriebenen Fall waren für die Verhaftung der sieben Rückkehrer aus Lateinamerika eher ihre außerordentliche Mobilität sowie ihre Beziehungen zu fremden Ländern und Kenntnisse über diese ausschlaggebend – alles Qualitäten, die in jenen Zeiten den sowjetischen Beamten äußerst verdächtig erschienen und der Konstruktion einer antisowjetischen Verschwörung Vorschub leisten konnten.23

Länder mit den meisten Repressionsopfern

Am anderen Ende der Repressionsskala, d. h. an der Spitze der nach Ländern geordneten Opferstatistik, befinden sich Leitungskader aus Jugoslawien und aus den »Randstaaten«, die aus Sicht der sowjetischen Machthaber dem Land besonders feindlich gesinnt waren:

Land

Repressionsopfer

Finnland

5 (von 9 möglichen)

Estland

5 (von 6 möglichen)

Lettland

7 (von 8 möglichen)

Polen

25 (von 26 möglichen)

Rumänien

6 (von 10 möglichen)

Jugoslawien

8 (von 8 möglichen)

Tabelle 2: Länder mit den meisten Repressionsopfern unter den Leitungskadern24

Es handelt sich ausnahmslos um illegale Kommunistische Parteien, die ihre Leitungen im Ausland, sei es in Moskau, Prag, Wien oder Paris hatten und angesichts des fehlenden demokratischen Spielbodens im eigenen Land für »Intrigenpolitik« besonders anfällig waren. Der ständige Verdacht auf Verrat ersetzte die demokratische Auseinandersetzung und erleichterte die Intervention und Unterwerfung durch die Moskauer Zentrale, die eine Fraktion gegen die andere ausspielte und in wechselnden Allianzen den Parteien den Todesstoß versetzte. Wer von den Leitungskadern noch nicht in Moskau weilte, wurde 1936 / 37 »zur Berichterstattung« ins Zentrum gerufen und dort liquidiert.

Gerade das Beispiel Jugoslawien, dessen acht Leitungskader (siehe Tabelle 2), die im Zeitraum 1936–1938 in Moskau lebten oder »zur Aufklärung von Missverständnissen« ab 1936 nach Moskau beordert wurden, alle ermordet wurden, zeigt auch, dass andere Leitungskader im feindlichen kapitalistischen Ausland überlebt oder dort im Kampf gefallen sind. Von den insgesamt zwölf jugoslawischen Leitungskadern der Periode 1919–1943 ist lediglich einer im Kampf gegen den Klassenfeind umgekommen: der Bosnier Djuro Djaković.25 Zwei Leitungskader der ersten Generation brachen bereits in den Zwanzigerjahren mit dem Kommunismus, blieben im Westen und starben unbescholten in den Sechzigerjahren in Jugoslawien: Ilja Milkić und Triša Kaclerović wählten den frühen Rückzug ins angestammte Berufsleben, der damals von der ersten Generation enttäuschter Kommunisten noch leichter bewerkstelligt werden konnte als in den Dreißiger­jahren.26

Einen besonderen »Überlebensweg« weist Nikola Kovačević auf, der von 1929 bis 1930 die KP Jugoslawien beim EKKI vertreten hatte. Nach geheimen Missionen in China entsandte ihn die Komintern 1934 auf den amerikanischen Kontinent, wo er in den USA und Kanada – weitab von den Stätten des Großen Terrors – bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die zahlreichen jugoslawischen Emigrationsgruppen betreute. Offensichtlich erhielt er aus Moskau keinen »Rückruf zur Berichterstattung« – oder er geriet in Moskau, wo die Repression im Apparat Lücken hinterlassen hatte, in Vergessenheit.27

Drei andere, in Paris und in Spanien auf dem alten Kontinent tätige jugoslawische Leitungskader leisteten 1937 / 1938 dem Rückruf Folge und endeten in den Händen des NKWD: Milan Gorkić, Vladimir Čopić und Stjepan Cvijić folgten wie Hunderte anderer Kader des militärischen Aufklärungsdienstes (GRU), der OMS (Otdel meždunarodnych svjazei, Abteilung Internationale Verbindungen) und der Komintern dem Ruf aus Moskau »zwecks Konsultationen«. Beunruhigende Nachrichten über Verhaftungen im engsten Kreise in der Sowjetunion oder Unstimmigkeiten mit Moskaus Politik im spanischen Bürgerkrieg vermochten nur wenige davon abzuhalten. Wer im Westen blieb und den Bruch mit dem Apparat wagte, dem erschien die Zukunft wegen der möglichen Vergeltungsschläge und der Umstellung als Sprung ins kalte Wasser und ebenso unsicher wie die Rückkehr. Die meisten hatten die Brücken zu ihrem früheren Leben abgebrochen und ihr Schicksal untrennbar mit dem Wohl der Regierung in Moskau verknüpft.28

Die zweithöchste Repressionsquote unter Leitungskadern weist Polen auf (siehe Ta­belle 2). In den Augen der sowjetischen Führung vereinigten die polnischen Kommunisten Mitte der Dreißigerjaher ein Verdachtspotential, dass das der anderen Randstaaten noch übertraf. Zum völlig unbegründeten Verdacht, mit der autoritären Regierung Piłsudskis unter einer Decke zu stecken bzw. von ihr infiltriert zu sein, gesellten sich tief verankerte Abneigungen bzw. Überheblichkeiten, welche die Bolschewiki um Zinov’ev und Stalin gegenüber den polnischen Kommunisten hegten.29 Die noch vor der Gründung der Komintern von Leo Jogiches und Rosa Luxemburg geäußerte Kritik am bolschewistischen Parteimodell, die 1919 formulierten Einwände gegen die Gründung einer neuen Internationale in Moskau, die unverdaute Niederlage der Roten Armee vor den Toren Warschaus im Juli / August 1920 und die unverhohlene Kritik polnischer Parteiführer in Moskau an den russischen innerparteilichen Methoden in den Jahren 1922–1924 vermischten sich zu einem explosiven Cocktail, der 1937 / 38 nur zu Ungunsten der polnischen Kommunisten ausgehen konnte. Die 1922 und1924 von den polnischen Parteivertretern in Moskau formulierten Einwände konnten von Zinov’ev und Stalin nur als Meuterei verstanden werden. Die Veteranen Maria Koszutska, Henryk Walecki-Horwitz und Adolf Warski-Warszawski, die auf russische Bevormundung besonders sensibel reagierten, aber auch jüngere Kader wie der EKKI-Sekretär Henryk Lauer (1923–1924) schlugen früh Alarm, konnten jedoch von Strömungen in der KPD, die 1923 / 1924 ähnliche Gedanken verfolgten und vollauf im innerparteilichen Kampf gefangen waren, keine Unterstützung erhalten.30

Stalin selbst, der sich sonst aus der Arbeit der Komintern heraushielt, prallte auf dem V. Weltkongress der Komintern (Sommer 1924) in der »Polnischen Kommission« mit polnischen Parteiführern zusammen, was angesichts seines besonders ausgeprägten Clan-Denkens und seines Hangs zur Sippenhaft für die Zukunft nur Ungutes verheißen konnte.31 Zum Verständnis von Stalins Charakter und seinem besonderen Misstrauen und Argwohn gegenüber Kommunisten aus den »Randstaaten« sei aus einem Trinkspruch zitiert, den Stalin bei einem Empfang bei K. E. Vorošilov nach den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution (7. November 1937) verlauten ließ: »Die russischen Zaren haben viel Schlechtes getan. Sie haben das Volk ausgeraubt und geknechtet. Sie führten Kriege und eroberten Territorien im Interesse der Gutsherren. Aber eine große Sache haben sie vorzuweisen: sie haben ein Riesenreich zusammengezimmert – bis nach Kamtschatka. Wir haben diesen Staat als Erbe erhalten. […] Deshalb ist jeder, der versucht, diese Einheit des Sozialistischen Staates zu zerstören, der danach strebt, einzelne Teile und Nationalitäten von ihm abzutrennen, ein Feind, ein geschworener Feind des Staates, der Völker der UdSSR. Und wir werden jeden dieser Feinde vernichten, sei er auch ein alter Bolschewik, wir werden seine Sippe, seine Familie komplett vernichten.«32

Die Rache an den in Moskau ansässigen oder hierher berufenen polnischen Leitungskadern erfolgte systematisch und setzte bereits vor 1936 ein. Als erster wurde 1932, zur Zeit der ukrainischen Hungersnot, der ehemalige EKKI-Kandidat Pawel Ladan, der zwischen 1926 und 1931 in den USA und in Berlin für die KP der Westukraine gearbeitet hatte, nach Moskau beordert und 1933 als polnischer Spion hingerichtet; das gleiche Schicksal ereilte im gleichen Jahr Osip Krilyk, den Parteivertreter der KP Westukraine von 1927 / 1928. Aus Verzweiflung ob der vom NKWD angewandten Methoden wählten noch 1933 zwei Leitungskader der KP Polens den Freitod: der ehemalige EKKI-Sekretär Jerzy Sochacki (1931–1932), und der Kandidat des EKKI-Präsidiums (1928–1929), Leon Purman.33 1934, noch vor dem Mord am Leningrader Parteigewaltigen S. M. Kirov (Dezember 1934) und der dadurch ausgelösten Repressionswelle, endete der ehemalige Vertretrer der KP Polens beim EKKI, Tadeusz Zarski, vor einem Erschießungskommando des NKWD.

Ende November 1937, keine drei Wochen nach dem oben zitierten Trinkspruch von Stalin, leitete das Politbüro der VKP(b) die Auflösung der KP Polen in die Wege. Stalin teilte den Geheimbeschluss Dimitrov mit den Worten mit, die Auflösung der polnischen KP erfolge zwei Jahre zu spät.34

Von den 28 polnischen Leitungskadern im Kominternapparat ist keiner dem Klassenfeind in Polen zum Opfer gefallen. Feliks Kon ist der einzige, der die Moskauer Jahre überlebt hat. Mehrere Faktoren wirkten zugunsten dieses Altbolschewiken, der mit Abstand der älteste polnische Leitungskader war. Ähnlich wie Clara Zetkin für die KPD hat er in gewissem Sinne den sozialistischen Emanzipationskampf des 19. Jahrhunderts repräsentiert und wurde von der Komintern als Ikone und als Beispiel der Traditions­linie zur Schau gestellt. Kon kam zwar in Warschau zur Welt und begann seine Laufbahn in der polnischen Sozialdemokratie, lebte aber seit 1917 im revolutionären Russ­land und war mehr mit der russischen bzw. ukrainischen KP verbunden als mit jener Polens.35 1922 wurde er als Vertreter der russischen Partei in die »Gesamtrussische Gesellschaft der alten Bolschewiki« aufgenommen und arbeitete für einige Monate im vierköpfigen EKKI-Sekretariat mit. Er vertrat die VKP(b) auch in der IKK (1924–1935). Kon ist somit ein Paradebeispiel eines »sowjetisierten« Polen, der nur wenig mit der von Stalin verfemten polnischen KP zu tun hatte und in den Augen Stalins als einer der »unseren« galt, der nicht mit dem Feind gemeinsame Sache machte und daher nicht vernichtet werden musste.

Länder mit einer durchschnittlichen Zahl von Repressionsopfern

Im mittleren Abschnitt der Repressionsskala finden sich Leitungskader aus folgenden Ländern:

Land

Repressionsopfer

Sowjetunion

50 (von 83 möglichen)

Deutschland

10 (von 22 möglichen)

Ungarn

7 (von 17 möglichen)

Tschechoslowakei

4 (von 16 möglichen)

USA

4 (von 14 möglichen)

Tabelle 3: Länder mit einer durchschnittlichen Zahl von Repressionsopfern unter den Leitungskadern36

Während die Sowjetunion mit 60 Prozent repressierter Kader die durchschnittliche Repressionsquote (41 Prozent) klar übertrifft, ohne jedoch zur Spitzengruppe zu gehören, liegt der »Feindstaat« Deutschland mit 45 Prozent knapp über dem Schnitt, gefolgt von Ungarn mit 41 Prozent repressierter Kader. Dass auch die beiden vom Sowjet­regime im Zeichen der Volksfront umworbenen Staaten Tschechoslowakei und USA im unteren Mittelfeld dieser Statistik anzutreffen sind, mag auf den ersten Blick erstaunen, erklärt sich aber im Fall der USA aus der hier verwendeten Nationalitätenzuweisung (»Land der Sozialisation«) und im Fall der Tschechoslowakei aus der im Fokus dieser Untersuchung stehenden Terrorphase (inklusive der Repression in den Oststaaten, 1949–1953).37

Die vier den USA zugerechneten und in der Sowjetunion umgekommenen Leitungskader wurden alle zwischen 1893 und 1904 im Zarenreich geboren. Noch als Kleinkinder emigrierten sie aber zusammen mit ihren Eltern in die USA, wo sie später der Sozialistischen Partei und schließlich der Kommunistischen Partei der USA beitraten. Die vier »US-Leitungskader« (A. A. Brigader, G. M. Geriš, J. W. Schwarzstein, O. Tywerovsky) reisten zwischen 1921 und 1923 (zum Teil im Parteiauftrag) in das revolutionäre Russland zurück, wo sie augrund ihrer familiären Herkunft besonders günstige Startbedingungen vorfanden. Folglich verließen sie die KP USA und erarbeiteten sich in der Komintern leitende Funktionen. Im Fall der USA scheint sich aufgrund der geltenden, besonderen Einwanderungstradition zu bestätigen, dass es sich bei den aus den USA nach Moskau entsandten Spitzenkadern zum überwiegenden Teil um die vom Zarismus in alle Winde zerstreute russische Opposition handelte, die nach 1917 aus der Neuen Welt über Europa in ihr Geburtsland zurückkehrte, um eine neue Gesellschaft aufzubauen. Als diese 1937 als Mitglieder der VKP(b) und als sowjetische Staatsbürger verhaftet und erschossen wurden, konnten die in den USA verbrachten Jugendjahre (»Sozialisation«) nicht zur Verteidigung herangezogen werden, um für ihre Freilassung Sorge zu tragen.38

Von den vier der Tschechoslowakei zugeordneten und verhafteten Leitungskadern ist nur einer zur Zeit der Komintern und in Moskau inhaftiert worden. Čeněk Hruška, bis zu seiner Verhaftung durch den NKWD offizieller Vertreter der KP Tschechoslowakei beim EKKI, verbrachte ab Herbst 1939 über ein Jahr in Gewahrsam des NKWD, kam jedoch frei und bei Kriegsende auf sowjetischen Panzern nach Prag zurück, wo er wieder ins ZK aufgenommen wurde.39 Die drei anderen Kominternkader überlebten die sowjetischen Emigrationsjahre im Apparat der Komintern schadlos und wurden erst 1951 in Prag verhaftet. Nach einem Schauprozess wurden sie jedoch hingerichtet (B. Geminder, R. Slańský) oder zu lebenslanger Haft verurteilt (Maria Svermova).40

Von den 22 deutschen Leitungskadern der Komintern, die ab 1936 vom NKWD hätten verhaftet werden können, landeten lediglich sechs vor einem Erschießungskommando oder starben im Gulag. Erich Wendt saß dagegen fast zwei Jahre in Untersuchungshaft und überlebte; drei weitere wurden erst in der Nachkriegszeit auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone verhaftet und – so Kurt Müller und Paul Böttcher – in die Sowjetunion überstellt. Dort verurteilte man sie zu langjährigen Gulagstrafen.41 Den insgesamt zehn vom NKWD verhafteten deutschen Leitungskadern stehen sechs andere deutsche Leitungskader gegenüber, die im Moskauer Kominternapparat Terror- und Kriegsjahre schadlos überstanden haben. Wer zu welcher Gruppe gehörte, hing weniger vom Zufall denn vom politischen Gespür der potenziellen Opfer für die sich 1934 im Machtzentrum anbahnende Wende zur Volksfront ab.42 Während Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht die von Dimitrov in Abstimmung mit Stalin ausgegebenen Signale schnell erkannten, verharrten andere (F. Schulte, H. Schubert) in ausgetretenen Pfaden, was von politischen »Wendehälsen« als Sabotage ausgeschlachtet und vom NKWD als kriminelle Machenschaften gedeutet werden konnte.

Sowjetkader: günstige und ungünstige Konstellationen

Dass die sowjetischen Leitungskader überdurchschnittlich (61 Prozent) von der Repression in ihrem Land betroffen sein würden, war zu erwarten. Konnten »westliche« Leitungskader aus demokratischen Ländern in der Regel nach einem Ausscheiden aus der Komintern ins Ausland ausreisen, so waren sowjetische Kominternkader auf Gedeih und Verderb mit ihrem Staat verwachsen. Auch wer wie Nikolaj Bucharin noch 1936 für zwei Monate nach Paris zu Verhandlungen mit der Sozialistischen Internationale über den Ankauf des Marx-Engels-Nachlasses reisen durfte, entschied sich für die Rückkehr nach Moskau und konnte sich keine Existenz gegen den Sowjetstaat vorstellen.43 Fedor F. Raskol’nikov war der einzige russische Spitzenkader der Komintern, der in späteren Jahren (1938), als er im Westen im diplomatischen Dienst der UdSSR stand, dem Rückruf nach Moskau nicht Folge leistete. Raskol’nikov hatte zwischen 1923 und 1927 leitende Funktionen in der Komintern inne, so etwa als Vorsteher des Ost-Sekretariats, Mitglied des EKKI-Sekretarits und Leiter der Antimilitaristischen Kommission, bevor er 1930 zum NKID (Volkskommissariat des Äußeren) wechselte und bis 1938 als diplomatischer Vertreter in Estland, Dänemark und Bulgarien wirkte. 1939 setzte sich der Staatenlose nach Frankreich ab, publizierte einen »Offenen Brief an Stalin« und wählte Wochen später in Nizza den Freitod.44

Gibt es Kriterien, die die im Leitungsapparat der Komintern tätigen Sowjetkader für die Repression anfälliger machten bzw. davor schützten? Das schnelle Einlenken auf die von Stalin vorgenommene Volksfrontlinie (1934) erscheint im Fall der Sowjetkader von geringerer Bedeutung als bei westeuropäischen Leitungskadern. Es ist zu vermuten, dass jene Sowjetkader im Kominternapparat eher von der Repression betroffen waren, die bis 1935 mit Ländersekretariaten zu tun hatten, in denen die von Stalin seit Mitte der Zwanzigerjahre geförderte Linie, mit all ihren abrupten Wechseln, am ehesten auf Skepsis gestoßen war: im Mitteleuropäischen-, Polnisch-Baltischen-, Balkan- und im Ost-Sekretariat. Rafael M. Chitarov, Kader der Kommunistischen Jugend-Internationale, der sich in Deutschland, der Tschechoslowakei und in China (1927) als willfähriger Vorreiter der stalinschen Linie einspannen ließ und gleichzeitig Zeuge all der Dissonanzen wurde, musste als Mitwisser dieser Ungereimtheiten fast zwangsläufig in der Terrorphase untergehen.45 Diesem Typus von Sowjetkader, der in seiner politischen Laufbahn kapitale Gefahrenmomente in sich vereinigte und schließlich in der Repressionsphase umkam, stehen aber auch ganz ähnliche Kominternkarrieren entgegen, die weder mit Verhaftung noch mit Erschießung endeten. So etwa jene des Kominterngesandten Aleksandr E. Abramovič, der seit 1919 wie Rafael Chitarov im mitteleuropäischen Raum von Mission zu Mission eilte, den Verbindungsdienst in Estland aufbaute (1921), von Wien aus für die Balkanföderation arbeitete (1922–1924) und – nach Moskau zurückberufen – den OMS-Apparat leitete (1925–1926), um schließlich – wie Chitarov – mit Leitungsaufgaben in China betraut zu werden (1927–1931). Diese gehörten 1927 kominternintern zu den umstrittensten Punkten und führten zu einem letzten Gefecht zwischen der Opposition um Trockij und der Mehrheitslinie um Stalin / Bucharin. Die Laufbahnen von Chitarov und Abramovič ähnelten sich bis 1937 auf verblüffende Weise, nahmen jedoch ein unterschiedliches Ende: Chitarov schied 1931 aus den Leitungsgremien der Komintern aus und wurde VKP(b)-Sekretär in Kemerovo (Westsibirien) und Magnitogorsk (Ural, 1935–37), wo ihn der NKWD im November 1937 wegen »Teilnahme an antisowjetischen trotzkistischen Terrororganisationen und Sabotagetätigkeit in den Kusnezker und Magnitogorsker Metallurgiekombinaten« verhaftete; auch Abramovič verließ 1931 die Komintern und übersiedelte 1935 nach Tomsk (Zentralsibirien), wo er an der Universität den Lehrstuhl für Marxismus-Leninismus leitete und 1949 den Leninorden erhielt.46 Als einzige Erklärung für den unterschiedlichen Ausgang zweier ganz ähnlicher Kominternkarrieren erscheint folgender Umstand: Rafael M. Chitarov »politisierte« 1937 im Industrierevier von Magnitogorsk, das wegen angeblicher Sabotage besonders im Visier des NKWD stand, während Aleksandr E. Abramovič in der Universitätsstadt Tomsk lehrte, die – so bleibt zu vermuten – vom Terror weniger betroffen war.47

Sowjetkader mit langjähriger Tätigkeit im lateinischen oder lateinamerikanischen Sekretariat blieben in der Regel von der Repression verschont, insbesondere, wenn sie weder für die konspirativ arbeitende OMS noch für das Ost-Sekretariat (China) tätig waren. Dies gilt sowohl für D. Z. Manuil’skij und M. E. Jarosevškij, die zu unterschiedlichen Zeiten lateinischen Kominternsektoren vorstanden, als auch für den »sowjetisierten« Bulgaren Stojan Ivanov-Minej. Dieser spielte während der gesamten Kominternperiode im Romanischen Sekretariat (Frankreich, Spanien, Italien, Portugal) eine führende Rolle (und leitete es von 1931 bis 1935), ohne in die Flügelkämpfe der KP Bulgariens oder in die politischen Abrechnungen, die im Balkan-Sekretariat stattfanden, verwickelt zu sein.48 Wer als Sowjetkader im »sicheren«, d. h. von der Repression eher verschonten lateinischen oder lateinamerikanischen Sektor arbeitete, aber eine »politische Vergangenheit« in der umstrittenen China-Politik der Komintern aufwies, konnte durchaus von der Repression erfasst werden. Das Beispiel von G. B. Skalov steht für diesen Typus von Sowjetkader im Lateinamerikasektor, der zugleich mit der von der Repression erschütterten Ost-Abteilung der Komintern verbunden war, da er 1926 / 1927 in China gedient und von 1931 bis 1933 an der Ost-Universität (KUTV) gelehrt hatte. Als er ab 1931 auch im lateinamerikanischen Sekretariat Verantwortung übernahm und 1933 / 34 gar zu dessen Leiter aufstieg, konnte er sich von diesem Makel nicht befreien. Nach der Verhaftung seiner beiden Arbeitskollegen aus der Ost-Abteilung, L. Magyar und G. I. Safarov (Dezember 1934), schloss ihn das EKKI-Parteikomitee im März 1935 »wegen konterrevolutionärer Gespräche mit Magyar« sowie »freundschaftlichem Verhältnis zu Safarov« aus der Partei aus. Das Ende von G. B. Skalov und die weitgehende Verschonung der übrigen Lateinamerikamitarbeiter weisen darauf hin, dass die Repression im Komintern­apparat einer Logik gehorchte, die weitgehend – aus der Sicht der Sowjetorgane – von der »Gefährlichkeit« des Herkunftslandes und der politischen Vergangenheit des Kominternkaders gesteuert war.49


1 Siehe den bahnbrechenden Beitrag von Barry McLoughlin: »Vernichtung des Fremden«: Der große Terror in der UdSSR 1937 / 38. Neue russische Publikationen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK), Berlin 2000 / 2001, S. 50–88.

2 Siehe Gerd Koenen: Stalins Fingerabdrücke. Revision des Revisionismus in der Stalinismusforschung?, in: Neue Zürcher Zeitung vom 2. Februar 2000; zugleich Besprechung von: J. Arch Getty / Oleg V. Naumov: The Road to Terror: Stalin and the Self-destruction of the Bolsheviks, 1932–1939, Yale 1999. Zum Forschungsstand siehe Alexander Vatlin: Kaderpolitik und Säuberungen in der Komintern, in: Hermann Weber / Ulrich Mählert: Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998, S. 33–89; Kevin McDermott: Stalinist Terror in the Comintern: New Perspectives, in: Journal of Contemporary History 30 (1995), H. 1, S. 111–130; Peter Huber: Das Beispiel Komintern. Überwachung und Repression, in: Wladislaw Hedeler (Hg.): Stalinscher Terror 1934–1941. Eine Forschungsbilanz, Berlin 2002, S. 179–202.

3 Siehe nachfolgende Kriterienbestimmung im Text. Zum Kominternapparat siehe Michael Buckmiller /
Klaus Meschkat (Hg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte der Komintern. Ein deutsch-russisches Forschungsprojekt, Berlin 2007, insbes. beiliegende CD mit biographischen Elementen zu 28 629 Kommunisten, die für die Komintern in Moskau gearbeitet haben.

4 Bernhard H. Bayerlein (Hg.): Georgi Dimitroff. Tagebücher 1933–1943, Berlin 2000, S. 149 u. 158. Zur Problematik der Personalpläne, die Nebenorganisationen der Komintern meist nicht miteinbezogen, siehe Peter Huber: The Central Apparatus of the Comintern. New Statistical Evidence, in: Kevin McDermott / John Morison (Hg.): Politics and Society under the Bolsheviks, Basingstoke 1999, S. 263–284.

5 Siehe Fridrich I. Firsov: Die Säuberungen im Apparat der Komintern, in: Hermann Weber / Dieter Staritz (Hg.): Kommunisten verfolgen Kommunisten. Stalinistischer Terror und Säuberungen in den kommunis­tischen Parteien Europas seit den 30er Jahren, Berlin 1993, S. 49 f.

6 F. I. Firsov spricht von sieben Listen, die F. S. Kotel’nikov am 11. September 1939 für die Personalabteilung angefertigt hat (ebd., S. 49). Listen in: Rossijskij gosudarstvennij archiv social’noj i političeskoj istorii / Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 17, op. 120, d. 434.

7 Siehe zur hier angewendeten Definition von Leitungskadern in: Peter Huber: Das Führungskorps der Komintern: ein soziobiographischer Querschnitt, in: Buckmiller / Meschkat (Hg.): Biographisches Handbuch (Anm. 3), S. 195–246.

8 Siehe Alexander Vatlin: Die Russische Delegation in der Komintern: Machtzentrum des internationalen Kommunismus zwischen Sinowjew und Stalin, in: JHK, Berlin 1993, S. 82–99.

9 Hingegen zählen zur Grundgesamtheit potenzieller oder tatsächlicher »Stalinopfer« Kader wie A. S. Lozovskij (1949 in Moskau verhaftet) und Rudolf Slánský (1951 in Prag verhaftet) sowie Leo Trockij (1940 in Mexiko ermordet).

10 Biografie siehe in: Lazar Jeifets / Viktor Jeifets / Peter Huber (Hg.): La Internacional comunista y América Latina, 1919–1943. Diccionario biográfico [Die Kommunistische Internationale und Lateinamerika, 1919–1943. Biografisches Lexikon], Moskau, Genf 2004, S. 145 f.

11 Fragebogen vom 9. Oktober 1930 siehe in: RGASPI, f. 495, op. 65a, d. 4542.

12 Grundgesamtheit: 375 Leitungskader.

13 Zu den zwölf aus Großbritannien gehörten: J. Campbell, R. P. Dutt, W. Gallacher, P. Kerrigan, R. P. Arnot, H. Pollitt, T. Bell, W. Rust, R. Stewart, J. Shields, D. Springhall und B. Bradley.

14 Siehe RGASPI, f. 495, op. 198, d. 733 (Kaderakte Rose Cohen) und f. 495, op. 65a, d. 13497 (Kaderakte David Petrovskij). Siehe außerdem Francis Beckett: Enemy Within. Rise and Fall of the British Communist Party, London 1995, S. 69–72.

15 Siehe ebd.

16 Siehe Gleb Albert / Berhard H. Bayerlein: Maurice Albert – Der einzige Franzose, der den blutigen Säuberungen der Komintern zum Opfer fiel?, in: The International Newsletter of Communist Studies, Vol. X (2004), S. 29 ff.

17 Der einzige »waschechte« Franzose, der zur Zeit des Großen Terrors vom NKWD für mehrere Wochen verhaftet worden war, hieß Marcel Cordier (Kaderakte Cordier, RGASPI, f. 495, op. 270, d. 455).

18 Siehe Jeifets / Huber: La Internacional comunista (Anm. 10), S. 20.

19 Siehe Huber: Das Beispiel Komintern (Anm. 2), S. 179–202.

20 Siehe RGASPI, f. 495, op. 18, d. 1071 und f. 495, op. 10a, d. 391.

21 Siehe Biografien von S. Scheinbaum, B. Abramson, F. Weiner, J. Rozovskij, S. Vorob’ev, G. Berezin und
L. Pjatigorskij in: Buckmiller / Meschkat (Hg.): Biographisches Handbuch (Anm. 3), beiliegende CD.

22 Siehe Mario Keßler: Die SED und die Juden – Zwischen Repression und Toleranz. Politische Entwicklung bis 1967, Berlin 1995.

23 Siehe McLoughlin: Vernichtung des Fremden (Anm. 1), S. 50–88.

24 Grundgesamtheit: 375 Leitungskader.

25 Bei den zwölf Leitungskadern handelt es sich um M. Gorkić, V. Čopić, F. Filipović, I. Gržetić, S. Marković, G. Vujović, V. Vujović, St. Cvijić (alle in der UdSSR ermordet), T. Kaclerović, N. Kovačević, D. Djaković und I. Milkić. Siehe deren Biografien in: Buckmiller / Meschkat (Hg.): Biographisches Handbuch (Anm. 3), beiliegende CD. D. Djaković (1886–1929), Biografie in: Branko Lazitch / Milorad Drachkovitch: Biographical Dictionary of the Comintern, Stanford 1986, S. 95.

26 Ebd., S. 203 f. u. 316.

27 Ebd., S. 233 f.

28 Eine psychologische Annäherung an das Treueverhältnis westlicher Geheimdienstkader in sowjetischem Auftrag leistet: Alain Brossat: Agents de Moscou. Le stalinisme et son ombre [Moskaus Agenten. Der Stalinismus und sein Schatten], Paris 1988.

29 Siehe Feliks Tych: The KPD-KPP Political ›Axis‹ against Zinov’ev-Stalin in the Communist International 1919–1924, in: Mikhail Narinsky / Jürgen Rojahn (Hg.): Centre and Periphery. The History of the Comintern in the Light of New Documents, Amsterdam 1996, S. 81–88.

30 Ebd., S. 86 f.

31 Ebd., S. 87.

32 So mindestens bezeugt es Dimitrov in seinem Tagebuch. Siehe Bayerlein: Georgi Dimitroff (Anm. 4), S. 162.

33 Siehe Dimitrovs Notizen zum Verhörprotokoll von J. Leszcyński in: William Chase: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934–1939, New Haven 2001, S. 266–273.

34 Siehe Fridrich I. Firsov, Inessa S. Jazborovskaja: Komintern i kommunističeskaja partija Polsi [Die Komintern und die KP Polen], in: Voprosi istorii KPSS (1988), H. 12, S. 55; Kevin McDermott / Jeremy Agnew: The Comintern. A History of International Communism from Lenin to Stalin, Houndmills 1996, S. 147.

35 So war er auf dem Weltkongress der Komintern 1922 Mitglied der russischen Parteidelegation (f. 491, op. 1, d. 355).

36 Grundgesamtheit: 375 Leitungskader.

37 Siehe Kapitel »Nationality and ethnicity« in: Peter Huber: The Central Bodies of the Comintern. Stalinisation and Changing Social Composition, in: Norman Laporte / Kevin Morgan / Matthew Worley (Hg.): Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinization, 1917–53, Basingstoke 2008, S. 75–78.

38 Siehe Biografien von A. A. Brigader, G. M. Geriš, J. W. Schwarzstein und O. Tywerovsky in: Buckmiller / Meschkat (Hg.): Biographisches Handbuch (Anm. 3), beiliegende CD.

39 Siehe Kaderakte Č. Hruška, RGASPI, f. 495, op. 272, d. 507.

40 Siehe Wolfgang Maderthaner / Hans Schafranek / Berthold Unfried (Hg.): »Ich habe den Tod verdient«. Schauprozesse und politische Verfolgung in Mittel- und Osteuropa, 1945–1956, Wien 1991.

41 Der dritte, Josef Schlaffer, blieb lediglich sechs Monate in Untersuchungshaft. Zu den sechs Deutschen gehörten: H. Eberlein, L. Flieg, H. Neumann, H. Remmele, H. Schubert und F. Schulte. Siehe Biografien in Hermann Weber / Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004.

42 Bei diesen sechs Leitungskadern handelt es sich um: W. Pieck, W. Ulbricht, W. Florin, Ph. Dengel, R. Gyptner und E. Hoernle. Chr. Wurm, ehemaliger Leiter der Informationsabteilung, starb 1939 eines natürlichen Todes. Siehe Biografien in Hermann Weber: »Weisse Flecken« in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung, 2., erweiterte Aufl. Frankfurt a. M. 1990.

43 Siehe Adolf Georg Löwy: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Leben und Werk Nikolai Bucharins, Wien 1990.

44 Siehe Roy Medvedev: Le stalinisme. Origines, histoire, conséquences [Der Stalinismus. Entstehung, Geschichte, Folgen], Paris 1971, S. 305 f. Laut Medvedev stürzte er sich im September 1939 aus dem Fenster, noch bevor sein Offener Brief in einem russischen Emigrantenblatt veröffentlicht wurde (Novaja Rossija vom 1. Oktober 1939).

45 Siehe Kaderakte R. M. Chitarov, RGASPI, f. 495, op. 65a, d. 8363.

46 Siehe Biografie in: José Gotovitch / Michail Narinski (Hg.) : Dictionnaire biographique de l’Internationale communiste en France, à Moscou, en Belgique, au Luxembourg, en Suisse [Biografisches Lexikon der Kom-
munistischen Internationale in Frankreich, Moskau, Belgien, Luxemburg, Schweiz], Paris 2001, S. 117 f.

47 Siehe McLoughlin: Vernichtung des Fremden, (Anm. 1), sowie ders.: Die Massenoperationen des NKWD. Dynamik des Terrors 1937 / 38, in: Hedeler (Hg.): Stalinscher Terror (Anm. 2), S. 33–50.

48 St. Ivanov-Minej kam auch zugute, dass er von Januar 1937 bis März 1939 als politischer Berater der KP Spaniens in Spanien weilte und erst im Frühjahr 1939, als die Repressionswelle vorüber war, in Moskau eintraf.

49 Biografie von Skalov in: Jeifets / Huber, La Internacional comunista (vgl. Anm. 10), S. 306 ff.

Inhalt – JHK 2010

Copyright:

Eventuell enthaltenes Bildmaterial kann aus urheberrechtlichen Gründen in der Online-Ausgabe des JHK nicht angezeigt werden. Ob dieser Beitrag Bilder enthält, entnehmen Sie bitte dem PDF-Dokument.