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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 2005 bis 2016 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

 

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Ehrhart Neubert, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

 

Zum Schicksal eines sowjetischen Sammelbandes gegen die faschistische Ideologie 1935/36: Unbekannte Briefe an N. I. Bucharin und K. B. Radek

JHK 2002 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 106-110 | Aufbau Verlag

Autor/in: Juri V. Galaktionov

*Die Frage nach dem Wesen des Faschismus hat von Anfang an nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Politiker und Publizisten gefesselt. Deshalb überrascht es nicht, daß an der Wiege der Erforschung des deutschen Faschismus in der Sowjetunion auch solche Persönlichkeiten wie G. E. Sinowjew, N. I. Bucharin und K. B. Radek gestanden haben. Nachstehend werden einige Dokumente wiedergegeben, die vom Verfasser im Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften gefunden wurden und die mit den Namen Bucharins und Radeks verbunden sind.

Zunächst sind einige Bemerkungen darüber angebracht, in welchem Zusammenhang diese Dokumente entstanden. Die Kommunistische Akademie, seit 1918, vor ihrer Vereinigung mit der Akademie der Wissenschaften der UdSSR 1936, eine der Höheren Lehr- und Forschungsanstalten der Sowjetunion, beabsichtigte während des 2. Fünfjahrplans (1933–1937) eine Reihe von großen Arbeiten über den Faschismus zu veröffentlichen. Im Rahmen dieser Vorhaben sollte das Institut für Philosophie der Kommunistischen Akademie eine zweibändige Aufsatzsammlung zur Ideologie des Faschismus herausbringen. Die Arbeiten an dem Band begannen im Sommer 1934. Das ursprüngliche Verzeichnis der Autoren umfaßte rund 30 Namen, und die Redaktion stand in einem ausgedehnten Schriftwechsel mit den ins Auge gefaßten Personen. Im Archiv sind Durchschriften von Schreiben an P. Togliatti (Ercoli), B. Kun, W. Knorin u.a.m. erhalten geblieben. So heißt es z.B. in einem Brief von Anfang 1935 an den damaligen Helden des antifaschistischen Kampfes, G. Dimitrow: »Lieber Genosse Dimitrow! Das Institut für Philosophie an der Kommunistischen Akademie bereitet ein großes antifaschistisches Sammelwerk zur ›Ideologie des Faschismus‹ in 2 Bänden vor. Zur Arbeit an diesem Sammelband werden von uns Philosophen, Biologen, Soziologen und Publizisten aus der Reihe der besten theoretischen Kader der Sowjetunion herangezogen – über 30 Genossen. Die beiden Bände werden im Mai 1935 zum Druck gegeben werden. Wir bitten Sie dringend, den einleitenden Beitrag zu diesem Sammelband zu schreiben, beispielsweise unter dem Titel ›Probleme des Kampfes mit dem Faschismus auf dem VII. Kongreß der Komintern‹. Der Umfang des Beitrags steht in Ihrem Belieben. Der Plan des Sammelbandes liegt bei. Mit kommunistischem Gruß, Der Stellv. Vors. der Kommunistischen Akademie und Direktor des Instituts für Philosophie«.[1]

Offensichtlich hielt Dimitrow Anfang 1935 andere Aufgaben für wichtiger, nicht zuletzt die Vorbereitung des VII. Kominternkongresses, und sagte ab. Ebenso sagte W. Knorin unter Hinweis auf seine Belastung mit der Vorbereitung des Kongresses ab.[2] Ercoli beteiligte sich ungeachtet dessen, daß er für den Kongreß eine Rede zur Gefahr eines neuen Weltkrieges vorbereitete, an der Redigierung einiger Beiträge.[3] Einen eigenen Beitrag hat allerdings auch er nicht vorgelegt. Die Leitung des Instituts für Philosophie und das Redaktionskollegium des Sammelwerks wandten sich auch zweimal schriftlich an N. I. Bucharin. Nachstehend folgt der Wortlaut der Briefe, der erste vollständig, der zweite mit geringfügigen Kürzungen: »Lieber Nikolaj Ivanovic! Der größte Teil der Beiträge für den antifaschistischen Sammelband des Instituts zur ›Ideologie des Faschismus‹ ist bereits fertig. Von Ihnen steht noch der Aufsatz ›Marxismus-Leninismus und Faschismus‹ im Umfang von 2 Druckbögen aus. Wir bitten Sie dringend um Abgabe bis zum 10. März. Es wäre wünschenswert, daß Sie nicht nur mit dem Nationalsozialismus, sondern auch mit dem Klerikalfaschismus und nach Möglichkeit auch mit dem italienischen Faschismus abrechneten. Wir erwarten von Ihnen eine treffende und boshafte Arbeit, die nicht nur auf hohem theoretischen Niveau steht, sondern auch scharf und polemisch in der Form ist. Es wäre sehr wünschenswert, daß Sie in der Zeit vom 10.–15. März Ihren öffentlichen Vortrag über den Faschismus im großen Saal der Kommunistischen Akademie vor einer qualifizierten Zuhörerschaft halten könnten. 19/II-35. M. Mitin, S. Novikov«.[4]

Drei Monate später schreibt der Redakteur des Bandes, M. Kammari, einen zweiten Brief: »23/V-35. An Gen. Bucharin. Geehrter Nikolaj Ivanovic! [...] Da von den anderen Autoren fast alle Beiträge eingegangen sind [...] und ihre Redigierung begonnen hat, wenden wir uns wegen des versprochenen Aufsatzes an Sie. Die äußerste Frist für die Ablieferung Ihres Beitrages ist der 5/VI. d. J. [...] 14 Beiträge liegen schon vor, und wir können das Erscheinen des Bandes nicht länger hinauszögern [...] Wir hoffen, daß wir von Ihnen ein glänzendes, scharfes politisches Pamphlet gegen den Faschismus erhalten, das die Wucht des kombinierten, kollektiven Schlages gegen die Ideologie des Faschismus außerordentlich erhöht. Darauf, daß gerade ein solcher Schlag zusätzlich zu den Attacken nötig ist, die von Zeitungen und Zeitschriften unternommen werden, brauche ich Sie nicht hinzuweisen. Angesichts dieser Tatsache, aber auch angesichts Ihrer gewaltigen Belastung bitten wir Sie für den Fall, daß Sie aus Überlastungsgründen keinen neuen Aufsatz schreiben können, Material aus Ihren Aufsätzen zu diesem Thema zu verwenden, z.B. den Aufsatz aus der ›Izvestija‹ vom 1/V. d. J. Er würde sich bei äußerst geringfügiger Überarbeitung sehr für das Thema unseres Sammelbandes eignen [...] M. Kammari.«[5]

Den Vortrag hat Bucharin, soweit uns bekannt, nicht gehalten. In dem Inhaltsverzeichnis, das die Redaktion des Sammelbandes am 15. August dem Staatsverlag für Sozialökonomische Literatur SOCEKGIZ vorlegte, tauchte der Name Bucharins ebenfalls nicht auf. Die Frage ist: Warum nicht? Das läßt sich heute kaum noch mit Sicherheit feststellen. Immerhin hat Bucharin 1935 und im ersten Halbjahr 1936 in der »Izvestija« Dutzende von Artikeln mit Analysen des Faschismus veröffentlicht, ferner den Aufsatz »Imperialismus und Kommunismus«, der in der amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs erschien. Und im April 1936 hielt er in Paris einen glänzenden antifaschistischen Vortrag zu demselben Thema. Der Biograph Bucharins, Stephen Cohen, ist der Auffassung, daß Bucharin jede nur mögliche Gelegenheit zu nutzen versuchte, um den verbrecherischen Charakter des Faschismus – und zugleich des Stalinismus – aufzudecken.[6] Warum hat er dann aber nicht diese große Gelegenheit genutzt? Die Redaktion des Bandes gab z.B. dem Akademiemitglied A. M. Deborin die Möglichkeit, einen Beitrag über die »Ideologie des Faschismus« im Umfang von 65 Seiten zu veröffentlichen. Man sollte annehmen, daß das Akademiemitglied N. I. Bucharin sogar noch mehr Raum zur Verfügung gestellt bekommen hätte. Warum also kein Beitrag von Bucharin? Die Frage muß offenbleiben. Ebenso unbefriedigend ist die Antwort auf die Frage, warum auch Karl Radek keinen Beitrag zu dem Band geliefert hat. Schließlich galt er damals als einer der führenden Theoretiker der Komintern zu Fragen des Faschismus und leitete 1935 das Büro für internationale Information des ZK der KPdSU(b), nachdem er aus der Verbannung zurückgekehrt war und den Stalinschen Olymp wieder erklommen hatte. Dank seiner Stellung verfügte er über die besten Voraussetzungen für die Analyse des Faschismus und nutzte sie auch, um sich über den Faschismus – hauptsächlich den deutschen – zu äußern. Bis zu seiner Verhaftung 1936 veröffentlichte er Dutzende von Aufsätzen und Pamphleten zu diesem Thema. Nachstehend sei, mit geringfügigen Kürzungen, der Brief M. Kammaris wiedergegeben, in dem dieser K. Radek auffordert, seine Verpflichtungen einzuhalten: »23/V-35. Lieber Genosse Radek! Obwohl wir Ihre telephonische Absage, einen Beitrag für den Band ›Ideologie des Faschismus‹ zu schreiben, erhalten haben, wenden wir uns erneut an Sie, denn es handelt sich doch um eine ›einseitige‹ Verletzung, wenn auch nicht eines Abkommens, so doch in jedem Fall Ihres Versprechens. Hier die Gründe, weshalb wir Ihnen eine ›nichtoffizielle Note‹ schreiben: Sie sind einer derjenigen Autoren, die mit uns keinen Kollektivvertrag, d. h. einen Vertrag über den Aufsatz geschlossen haben. Wir haben Ihrer Zusage vertraut, und Sie sind jetzt zum ›Aggressor‹ geworden. Ohne Ihren Beitrag kann der Band nicht erscheinen. Denn wie kann ein Band über den Faschismus erscheinen, in dem Ihr Aufsatz ›Über den Platz des Faschismus in der Geschichte‹ fehlt? Denn irgendeinen Platz in der Geschichte haben sie doch ›eingenommen‹. Hitler glaubt sogar, daß er bereits in das ›Pantheon der Geschichte‹ eingegangen sei. Er schreibt: ›Beschmutze nicht die Stufen dieses großen Gebäudes, denn auf den Stufen des Pantheons der Geschichte schreiten nicht Leisetreter, sondern nur Helden‹[7] (›Mein Kampf‹). Man braucht nicht genauer darauf einzugehen, welcher Platz den Faschisten im Pantheon der Geschichte zukommt und daß sie alle diejenigen, die sich bereits dort befinden, zu den ›Leisetretern‹ rechnen und hinauswerfen können! Sie sehen, dass es ohne Ihren Aufsatz einfach nicht geht. Geben Sie uns Ihr Pamphlet, und Sie brauchen nicht zwei Wochen zu sitzen (wie Sie uns sagten), um einen Aufsatz herzugeben. Wir verlangen von Ihnen keinen ›philosophischen Traktat‹ über die Faschisten, noch dazu in der ›geometrischen Methode Spinozas‹ dargelegt. [...] Geben Sie in dem Beitrag einige solcher Charakteristiken einiger der ›Führer‹ des Faschismus (Hitler, Rosenberg und Göring – wenn Sie sich nicht scheuen, die Flitterwochen Görings zu stören), wie Sie sie dem ›Wiederauferstandenen Ludendorff‹ gegeben haben. Das wäre vortrefflich. Denn Gelächter ist vernichtender als eine philosophische Kritik. Ich habe für den Band den Beitrag ›Philosophische Mythen über Helden und Heldentum‹ geschrieben und habe schon versucht, ihre philosophischen Mythen der Kritik zu unterziehen. Aber das ist es nicht. [...] Aber zwei bis drei der Helden und Führer ›darzustellen‹ – das wäre vortrefflich, da hätten Sie auch die Karten in der Hand: Wir, die Philosophen, sind hier hilflos. Sie wissen doch: Die Philosophen verwandeln Menschen in eine ›Kategorie‹, so wie der Engländer (Ricardo) Menschen in ›Hüte‹ verwandelt und der Deutsche (Hegel) ›Hüte in Ideen‹. In was Sie die Helden und Führer des Faschismus verwandeln, wenn sie sich daran machen werden, zu schreiben, vermag ich schwer zu sagen, aber Pilsudski haben Sie m. E. über die Maßen gelobt, und Ludendorff haben sie vermutlich ein bißchen mehr in einen Hut verwandelt, als er es verdient. [...] Geben Sie eine vergleichende Charakteristik Hitlers und Pilsudskis, und Sie haben einen schönen Beitrag für unseren Band. Wenn nötig, kann der Titel verändert werden. Bevor Sie uns noch einmal absagen, bedenken Sie alle Folgen der Absage, auch die, daß wir Ihnen hartnäckig weiter ›Noten‹ schicken werden, solange wir nicht Ihre Zustimmung erreicht haben. [...]. Wir werden in zwei Tagen wegen einer Antwort anrufen. Die Frist ist endgültig: 5/VI. d. J. Mit kommunistischem Gruß, M. Kammari. P. S.: Ich hatte den Brief geschrieben und sah dann Ihren Aufsatz in der ›Izvestija‹ vom 23/V. d. J., fast genau das, was wir von Ihnen für den Band brauchen. MK.«[8]

Die Arbeit an dem Sammelband ging das ganze Jahr 1935 weiter. Die Zahl der Autoren wurde reduziert, im Grunde wurden die Beiträge »ausgesondert«, die nicht direkt den Nationalsozialismus betrafen. Nach dem VII. Kongreß der Komintern, im August 1935, sandte die Redaktion den Autoren die Beiträge zur Überarbeitung zurück. Der Titel des Bandes erhielt nach mehrfachen Änderungen seine endgültige Gestalt auf der Sitzung des Redaktionskollegiums vom 14. Dezember 1935. Das Buch wurde gedruckt, es wurde sogar gutes Papier zur Verfügung gestellt, die Auflage wurde allerdings auf 20 000 reduziert, der Titel im letzten Moment noch einmal umgeändert in: »Gegen das Dunkelmännertum und die Demagogie des Faschismus«. Moskau 1936, 336 Seiten. Dieser Band, insbesondere der erwähnte Beitrag A. M. Deborins und das Buch von H. Günther[9], dessen Aufsatz nicht in den Band aufgenommen wurde, sind wohl die bedeutendsten Untersuchungen der Nazi-Ideologie ihrer Zeit gewesen und haben in mancher Hinsicht ihre wissenschaftliche Bedeutung bis heute nicht eingebüßt.

*Übersetzt von Bernd Bonwetsch

 


[1] Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN), f. 355, op. 5, d. 78, l. 190.

[2] Ebenda, l. 81.

[3] Ebenda, l. 11, 13.

[4] Ebenda, l. 153.

[5] Ebenda, l. 87.

[6] Cohen, Stephen F. [S. Koen]: Bucharin. Politiceskaja biografija. Moskau 1988, S. 428–436.

[7] Rückübersetzt.

[8] Archiv der RAN, f. 355, op. 5, d. 78, l. 88–89.

[9] Günther, Hans: Der Herren eigener Geist. Die Ideologie des Nationalsozialismus. Moskau/ Leningrad, Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR, 1935. 226 S.

Inhalt – JHK 2002

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