...

 

JHK 2002

Inhaltsverzeichnis

JHK 2002

Die 2.Parteikonferenz der SED und die Kirchenpolitik der Partei(1952/53)

Horst Dähn

In der Geschichtswissenschaft der beiden deutschen Staaten wie auch des vereinten Deutschlands herrscht Konsens darüber, daß die 2. Parteikonferenz der SED vom 9.–12. Juli 1952 eine wichtige Zäsur in der Geschichte der DDR darstellt. Der SED-Generalsekretär Walter Ulbricht stellte in seinem Referat »Die gegenwärtige Lage und die neuen Aufgaben der SED« fest, daß die Voraussetzungen – die »demokratische und wirtschaftliche Entwicklung sowie das Bewußtsein der Arbeiterklasse und der Mehrheit der Werktätigen« – nunmehr gegeben seien, daß der »Aufbau des Sozialismus zur grundlegenden Aufgabe geworden ist«[1]. Das Zentralkomitee der SED, so Ulbricht weiter, hat beschlossen, der »2. Parteikonferenz vorzuschlagen, daß in der Deutschen Demokratischen Republik der Sozialismus planmäßig aufgebaut wird«[2]. Der »Beschluß der 2. Parteikonferenz der SED zur gegenwärtigen Lage und zu den Aufgaben im Kampf für Frieden, Einheit, Demokratie und Sozialismus« am Ende der Tagung, in dem noch einmal festgestellt wird, daß der »Aufbau des Sozialismus« mehrere zentrale Aufgaben implizierte – so die Produktionsauflagen in den verschiedenen Industrie­zweigen entsprechend den Vorgaben des vom III. Parteitag 1950 beschlossenen ersten Fünfjahrplanes zu erfüllen, wobei es vorrangig galt, die Investitionen im Bereich der Schwerindustrie zu erhöhen. Neu war im ökonomischen Bereich die Entscheidung der Partei, den Prozeß der Kollektivierung auf dem Land durch die Bildung von Produktionsgenossenschaften »auf völlig freiwilliger Grundlage« zu beginnen.[3] Als dringlich erachtete die SED die »Stärkung der demokratischen Staatsmacht« mittels einer »Verwaltungsreform«.[4] Gemeint ist das »Gesetz über die weitere Demokratisierung des Aufbaus und der Arbeitsweise der staatlichen Organe in den Ländern der DDR« vom 23. 7. 1952. Es normierte die Auflösung der Länder, nahm eine Bildung von 14 Bezirken und eine Neugliederung der Kreise vor. Das Ergebnis: Das Gesetz beseitigte die letzten föderativen Elemente im Staatsaufbau der DDR und verwandelte die Republik in einen zentralistischen Einheitsstaat. Ferner beschloß die Parteikonferenz als dringend zu lösende Aufgabe die »Organisierung bewaffneter Streitkräfte« zum Schutz der »Heimat« und des »Werk[s] des sozialistischen Aufbaus«.[5] Als Potential für die Bereitstellung des notwendigen Personals für die bewaffneten Kräfte kam der Jugend eine wichtige Rolle zu. Der Parteivorsitzende Wilhelm Pieck erklärte denn auch auf der Parteikonferenz: »Die Kader einer modernen Armee erfordern eine lange und sorgfältige Ausbildung und eine große Spezialisierung. Es ist unrichtig anzunehmen, daß man die Sicherheit unserer Republik mit schlecht ausgebildeten und unvorbereiteten Kadern gewährleisten kann. Unsere Jugend darf sich deshalb nicht auf Kleinkaliberschießen und sportliche Ausbildung beschränken. Sie muß die moderne Militärwissenschaft und die modernen Waffengattungen meistern, was eine besondere Ausbildung erfordert.«[6] Wenn Pieck in diesem Zusammenhang davon spricht, daß die FDJ (»als Massenorganisation der besten, fortschrittlichsten und ihrer Heimat treu ergebenen Jugendlichen«) die Verpflichtung habe, »die Patenschaft über die Volkspolizei gut [zu] organisieren«[7], so nimmt er hier Bezug auf einen entsprechenden »Beschluß des IV. Parlaments der FDJ zur Übernahme der Patenschaft über die Deutsche Volkspolizei« (27.–30. 05. 1952), in dem es heißt: »Ziel dieser Patenschaft ist, [...] die besten FDJler zum Ehrendienst in die Deutsche Volkspolizei zu delegieren.«[8] Pieck selbst hatte wenige Wochen zuvor in seiner schriftlichen Grußbotschaft an das IV. Parlament von der Verpflichtung der FDJ gesprochen, durch entsprechende Maßnahmen (Aufklärungs- und Werbekampagnen) einen Beitrag zu leisten, »unsere Volkspolizei zu verstärken und die Organe unserer Staatssicherheit in ihrem Kampf gegen die feindlichen Agenten und Saboteure energisch zu unterstützen«.[9] Dabei sei erwähnt, daß mit der Institution Deutsche Volkspolizei keineswegs der zivile Strang der Polizei gemeint war, sondern die der Hauptverwaltung für Ausbildung unterstellten paramilitärischen Verbände; aus ihnen ging am 1. Juli 1952 u.a. die Kasernierte Volkspolizei (KVP) hervor[10]; die Hauptverwaltung Ausbildung/Kasernierte Volkspolizei war direkt dem Minister des Innern unterstellt. An anderer Stelle heißt es im schon erwähnten Beschluß des IV. Parlaments: »Angesichts der durch die Unterzeichnung des Generalkriegsvertrages entstandenen ernsten Lage ist die Organisierung des bewaffneten Schutzes unserer Heimat und unserer demokratischen Errungenschaften zum Gebot der Stunde geworden. Voll Liebe und Achtung blickt die deutsche Jugend auf die Deutsche Volkspolizei, die mit der Waffe in der Hand auf Friedenswacht steht. Die Verstärkung unserer Volkspolizei durch die Jugend ist in dieser Situation von entscheidender Bedeutung. Der Dienst in den bewaffneten Kräften unserer Republik ist für jedes Mitglied der Freien Deutschen Jugend Ehrendienst an der Nation!«[11] Mit der Beschlußfassung dieses Parlaments über die Einführung von »Interessengemeinschaften Segelflug, Motorsport, Wassersport, Flugmodellbau, Radiotechnik und Schießsport« verpflichtete sich der Jugendverband, seinen Beitrag zur »Erhöhung der Kampfbereitschaft der Jugend« zu leisten[12] – und zwar für die »nationalen Streitkräfte« (wie die KVP): »Die Teilnehmer der Interessengemeinschaften sollen sich ein hohes fachliches Niveau aneignen, das sie befähigt, ihre großen Aufgaben zum Schutz der Heimat zu lösen.«[13] Legitimiert wurde die Umsetzung der anspruchsvollen wirtschafts- wie militärpolitischen Ziele mit der von der Parteiführung vertretenen These des sich unvermeidlich verschärfenden Klassenkampfes – und zwar in doppelter Weise. Zum einen galt es, die Bedrohung der »demokratischen Errungenschaften« in der DDR durch den Klassenfeind jenseits der Grenzen abzuwehren. Gemeint ist der von Adenauer am 26. Mai 1952 in Bonn unterzeichnete »Vertrag über die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Drei Mächten« (Generalvertrag), in der Lesart der SED der damit besiegelte »Verzicht auf einen einheitlichen deutschen Staat« (»Generalkriegsvertrag«), sowie der einen Tag später in Paris vom Bundeskanzler unterschriebene »Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft« (EVG), der die Bindung der Bundesrepublik »an den aggressiven Nordatlantikpakt« (Pieck) zur Folge habe. Das Ziel sei: »Das Menschenpotential und die industrielle Kapazität Westdeutschlands sollen auf diese Weise für die Entfesselung eines neuen Weltkrieges im Interesse der amerikanischen und englischen Kapitalisten mißbraucht werden.«[14] Zum andern galt es, den Klassenkampf im Innern der DDR-Gesellschaft erfolgreich zu führen – im Sinne der »Überwindung der Überreste des kapitalistischen Denkens und der kapitalistischen Methoden in der volkseigenen Wirtschaft«[15]. In der Praxis aber betrieb die SED zur Finanzierung neuer großer Produktionsanlagen im indu­striellen Bereich, des Aufbaus einer Armee, der Reorganisation der regionalen Verwaltungen vom Herbst 1952 bis zum Frühjahr 1953 eine Steuer-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, die allen Gruppen der Gesellschaft Belastungen zumutete, die jedoch verschärft die Eigentümer privatwirtschaftlich produzierender Industriebetriebe und privater Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe traf und treffen soll­te, war doch das Ziel der Parteiführung ab November bzw. Dezember 1952 die »Beschränkung der kapitalistischen Elemente« bzw. »Beseitigung der Ausbeuterklasse«.[16] Kirchenkampf Die SED war bestrebt, einen weltanschaulichen Kampf zu führen – zum einen, um die sozialistische Ideologie in den Köpfen der Menschen durchzusetzen, zum andern, um gegen rückständige, DDR-feindliche ideologische Positionen in der Gesellschaft vorzugehen. So heißt es in dem Beschluß der 2. Parteikonferenz: »Auf ideologischem Gebiet ist die wichtigste Aufgabe, die Arbeiterklasse und die Masse der Werktätigen mit sozialistischem Bewußtsein zu erfüllen und zugleich den täglichen konsequenten Kampf gegen die bürgerlichen Ideologien zu führen.«[17] Daß zu den Trägern bürgerlicher und das heißt auch fortschrittsfeindlicher Ideologien vor allem die Kirchen zählten, läßt sich bereits an dem 1950 aufbrechenden heftigen Konflikt zwischen Staat und Kirche im Bildungsbereich zeigen und wird auch von Walter Ulbricht auf der 2. Parteikonferenz in einer spezifischen Weise deutlich gemacht. Im Rahmen seiner Deutung des Ost-West-Konflikts warnt er die Kirchen, sich für die DDR-feindlichen Ziele des Westens gegen die politische und gesellschaftliche Ordnung der DDR weiterhin instrumentalisieren zu lassen: »Die Kirche in der Deutschen Demokratischen Republik muß sich entschieden lossagen von allen amerikanischen und englischen Agenturen, gleichgültig, ob deren Verbindungsmann Herr Kaiser oder Herr Adenauer ist. Die christliche Moral der Menschlichkeit ist unvereinbar mit der Versklavungspolitik der Adenauer-Regierung und der Herrschaft der amerikanischen, englischen und französischen Okkupanten in Westdeutschland und in Westberlin. Daraus ergibt sich, daß die Vertreter der Kirche in der Deutschen Demokratischen Republik und im demokratischen Sektor von Berlin keinerlei Anweisungen von jenen Kräften annehmen können, die die Geschäfte der amerikanischen Okkupanten besorgen.«[18] Auf ein eher spezielles, aber nichtsdestoweniger zentrales Politikfeld, der von der FDJ im Auftrag der SED verantworteten Jugendarbeit, auf dem die Kirche bereits eine politisch feindliche Tätigkeit betreibe, geht Ulbricht zwar nicht auf der Parteikonferenz ein, wohl aber auf dem schon erwähnten IV. Parlament der FDJ Ende Mai 1952:  So sei es »Agenten und Spionen gelungen, in einige Leitungen der FDJ-Gruppen in einigen Fakultäten an Universitäten einzudringen, von innen heraus die feindliche Tätigkeit im Auftrage Westberliner Zentralen durchzuführen«.[19] Unter den »Agenten« seien auch Vertreter einer »christlichen Bewegung«, nämlich der »Jungen Gemeinde« gewesen. Ihren Umtrieben sei Einhalt zu gebieten. Aber auch an den Oberschulen und Schulen seien »Vertreter einer sogenannten Jungen Gemeinde« aktiv; sie hätten Verbindung mit der Jugendkammer Ost beim Rat der EKD in West-Berlin, dem Steuerungszentrum für »feindliche Hetze« an diesen DDR-Bildungseinrichtungen. Die FDJ habe, so Ulbricht weiter, die Aufgabe, sich »etwas mehr um diese Vorgänge an den Oberschulen« zu kümmern und »eine solche feindliche Tätigkeit nicht weiter« zu tolerieren.[20] Bereits an dieser Stelle wird deutlich, daß Ulbricht schon im Vorfeld der 2. Parteikonferenz das Startsignal zum Kampf gegen ein wichtiges Tätigkeitsfeld der Kirchen, nämlich die Jugend- und Studentenarbeit, gab. Daß darüber hinaus die Kirchen insgesamt in der DDR dem Vorwurf feindlicher Einstellungen und Praxis von seiten der SED ausgesetzt waren, hatte der SED-Generalsekretär auf der Parteikonferenz deutlich gemacht. Den Auftrag zu ermitteln, in welchen Bereichen kirchlichen Handelns sich in der Lesart der SED im einzelnen diese staatsfeindlichen Orientierungen und Zielsetzungen zeigen, erteilte das Politbüro der zuständigen »Abteilung Staatliche Verwaltung« im Zentralkomitee am 17. Juni, also mehr als drei Wochen vor der Parteikonferenz; aber die »Analyse über die Politik der Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik« lag als Vorlage für die Parteiführung (Politbüro) erst am 26. Juli 1952 vor.[21] Eingeleitet wird die »Analyse« mit einem Pauschalangriff auf die »reaktionären Kirchenleitungen der Evangelischen Kirche« als »Agenturen des USA-Impe­rialismus«: »Die Kirchenleitungen führen eine umfassende ideologische Arbeit mit dem Ziel durch, breiteste Kreise der Bevölkerung unter dem Deckmantel kirchlicher Lehren gegen die Deutsche Demokratische Republik aufzuhetzen.«[22] Im einzelnen registrierte die SED ein unterschiedlich starkes Engagement der Kirche gegen die Politik von Partei und Staat: so etwa die »heftigsten Angriffe gegen die Jugenderziehung«, eine Erziehung im Geiste des Materialismus. Sodann betreibe die Kirche in ihrer Jugendarbeit eine Strategie des ideologischen Drucks, zum anderen eine Strategie des Eingehens auf Interessen der Jugendlichen. – Mittels eines von den »reaktionären Kirchenleitungen« an den Hochschulen aufgebauten »Netzes von Studentenpfarrern« verfolgen sie ihre »staatsfeindlichen Ziele«. Die Studentenpfarrer »betreuen« die Studenten in einer Weise, daß sie »bewußt der Lerngemeinschaft mit anderen Studenten ferngehalten«[23] werden. Sie »übernehmen keine gesellschaftliche Arbeit und führen ein von der FDJ-Hochschulgruppe abgesondertes Leben«.[24] – Die Kirchen versuchen ferner, alle christlich geprägten beruflichen Gruppen (»vom Arbeiter bis zum Wissenschaftler«) ideologisch – das heißt im Sinne religiös-christlicher Wertvorstellungen – zu »schulen«, und zwar mittels der Evangelischen Akademien: Die Bildung der Akademien verfolgt den Zweck, die den verschiedensten Berufsgruppen angehörende christliche Bevölkerung in »christlichen Zellen« zu erfassen, sie von einer Mitarbeit im FDGB oder einer anderen demokratischen Massenorganisation abzuhalten und damit eine Spaltung in die Werktätigen hineinzutragen.« – Die Kirchen verhalten sich nicht gesetzestreu. Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie nutzen das verfassungsrechtliche Prinzip der Trennung von Staat und Kirche, um ihren Einfluß in Staat und Gesellschaft zu erhöhen. Von daher ist die Tatsache zu erklären, daß staatliche Rechtsnormen (Anordnungen, Verordnungen, Gesetze) ignoriert bzw. gar als verfassungswidrig bezeichnet werden: So ignoriere die Kirche die »Dritte Anordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Teilnahme der Jugend am Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik und die Förderung der Jugend in Schule und Beruf, bei Sport und Erholung« vom 12. April 1951, wonach Ferienlager, Ferienspiele etc. (»Aktion ›Frohe Ferientage für alle Kinder‹«) »eine Angelegenheit des Staates [sind], der sich bei der Durchführung auf die Mitarbeit der demokratischen Organisationen stützt«.[25] Der Vorwurf an die Adresse der Evangelischen Kirche lautet, sie versuche, diese »Aktion« zu durchkreuzen, »indem sie für die ihrer Gemeinschaft angehörenden Kinder in der gleichen Zeit Ferienwanderungen, Schülerfreizeiten usw. veranstaltet«.[26] – Desgleichen ignoriere die Kirche, in diesem Falle die Evangelische Kirche der APU in der DDR, das Veto von Partei und Staat gegen den Zusammenschluß unierter Kirchen unter dieser Namensbezeichnung; sie sei ein Zeichen dafür, daß mit der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union (APU) »ein Organ zur Wiederbelebung des Preußengeistes und des Militarismus« geschaffen werden soll.[27] – Die Kirchenleitungen (direkt angesprochen ist der thüringische Bischof Moritz Mitzenheim) werfen den staatlichen Behörden verfassungswidriges Verhalten im Umgang mit den »Ausgesiedelten« (in Wirklichkeit »Zwangsausgesiedelten«) an der Demarkationslinie als unmittelbare Folge der Verordnung des Ministerrats »über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands« vom 26. Mai 1952 und der Polizeiverordnung des Ministers für Staatssicherheit, Wilhelm Zaisser, »über die Einführung einer besonderen Ordnung an der Demarkationslinie« vom gleichen Tag vor: »anstatt die durchzuführenden Sicherheitsmaßnahmen an der D-Linie zu unterstützen, laufen die Kirchenleitungen bei allen staatlichen Organen Sturm, damit die der Verfassung widerlaufenden Maßnahmen zurückgezogen werden.«[28] Die »Analyse« der ZK-Abteilung »Staatliche Verwaltung« lieferte der Parteiführung, insbesondere dem Politbüro, wichtige Hinweise, auf welchen Politikfeldern mit kirchenpolitischen Dimensionen dringender Handlungsbedarf angesagt war. Bereits wenige Tage bzw. Wochen nach Abschluß der Parteikonferenz war die SED entschlossen, eine offensive Strategie gegen die kirchliche Jugendarbeit im weiteren Sinne des Wortes (Junge Gemeinde und Studentengemeinde) einzuleiten. Unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die »Analyse« legte Willi Barth, damals stellvertretender Leiter der Abteilung Staatliche Verwaltung im ZK der SED, eine Vorlage für das Politbüro vor, in der es heißt: »Das Politbüro beschließt hierzu folgendes: Die Tätigkeit der Studentenpfarrer an den Hochschulen und Universitäten der Deutschen Demokratischen Republik und des demokratischen Sektors von Berlin wird mit sofortiger Wirkung verboten.«[29] In der Verbotsbegründung heißt es: »Die Praxis der vergangenen Jahre hat gezeigt, daß diese Studentenpfarrer zu eindeutigen Werkzeugen der kirchlichen staatsfeindlichen Kräfte geworden sind und damit die wissenschaftliche Arbeit an unseren Hochschulen und Universitäten durch die Verhetzung der Studenten stark gefährden.«[30] Wenige Tage später, am 5. August, wird durch Beschlußfassung des Politbüros die Vorlage zum Beschluß erhoben.[31] Dieses Verbot aber – und dies ist bemerkenswert – wurde nicht rechtlich umgesetzt, auch nicht in der Hochphase des Kirchenkampfes im Frühjahr 1953. Gleichwohl kam es zu Behinderungen in der Arbeit der Studentenpfarrer bis hin zu Verhaftungen Anfang 1953.[32] Gegen die Junge Gemeinde  Einen anderen Verlauf nahm der Kampf von Partei, staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen gegen die Jugendarbeit der Kirchen im engeren Sinne – nämlich gegen die Junge Gemeinde und die katholische Pfarrjugend. Bereits einen Tag nach dem Abschluß des IV. Parlaments kam aus dem zentralen Parteiapparat der von Bruno Wolff, dem Leiter des Sektors Kirchen in der ZK-Abteilung Staatliche Verwaltung, abgezeichnete Vorschlag, die Genossen im Ministerium des Innern zu beauftragen, die Kirchenleitungen darauf hinzuweisen, daß sie sich mit der Durchführung dieser [kirchlichen, H. D.] Ferienlager [gemeint sind die Bibelrüsttage, H. D.] außerhalb der demokratischen Gesetzlichkeit stellen, da sie »gegen das Gesetz zur Förderung der Jugend[33] verstoßen...«[34] und deshalb die Kirchen mit einem Verbot ihrer Ferienlager zu rechnen haben – eine Argumentation, die nach kirchlicher Auffassung nicht zu halten war: denn die geltende »Anordnung« bezieht sich lediglich auf staatliche Sommerlager für grundschulpflichtige Kinder. Die Bibelrüstzeiten erfassen aber die Glieder der Jungen Gemeinde, also die konfirmierte Jugend über 14 Jahre.[35] Den von Wolff erbetenen Auftrag erteilte wenige Tage später, nämlich am 4. Juni 1952, der Staatssekretär im Ministerium des Innern, Johannes Warnke, in einem Rundschreiben an die Innenminister der Länder und den Chef der Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei: Sie »werden gebeten, den Landräten und Oberbürgermeistern bzw. den Leitern der Volkspolizeikreisämter hiervon [dem Verbot kirchlicher Ferienlager, H. D.] Kenntnis zu geben mit dem Ersuchen, ständig auf die Durchführung dieser Anordnung [der 3. Durchführungsbestimmung zum Gesetz zur Förderung der Jugend vom 8. 2. 1950, H. D.] zu achten«[36]. Bemerkenswert aber ist die Tatsache, daß sich wenige Tage nach der 2. Parteikonferenz, und zwar am 17. Juli, das Politbüro mit der Frage der kirchlichen Ferienlager beschäftigte. Da augenscheinlich die Parteiführung mit der Umsetzung der obigen normativen Regelungen nicht zufrieden war, wurde Innenminister Willi Stoph »ersucht«, eine Anordnung an »alle Kreis- und Gemeindebehörden« zu geben, derzufolge nur die »FDJ, Schulen und volkseigene und ihnen gleichgestellte Betriebe Wanderungen, Ferienlager, Ferienspiele und Feriengemeinschaften für Jugendliche und Kinder veranstalten« dürfen. Und weiter: »Die von der Jungen Gemeinde organisierten Lager sind zu schließen, da die Junge Gemeinde eine in der DDR nicht erlaubte Organisation ist.«[37] Dem Parteibeschluß wurde staatlicherseits Folge geleistet. Im Zeitraum Juni 1952 bis zum Jahresende wurden insgesamt 154 Ferienlager der Kirchen aufgelöst, 106 der evangelischen, 45 der katholischen Kirche und drei sonstiger Religionsgemeinschaften. Aber nicht nur die Ferienarbeit der Jungen Gemeinde wurde massiv behindert, obwohl 1952 noch kein rechtliches Verbot der Jungen Gemeinde vorlag; auch überörtliche Zusammenkünfte der Jungen Gemeinde wurden in diesem Jahr durch die Volkspolizei be- bzw. verhindert. Eine restriktive Auslegung der neuen »Verordnung über die Anmeldepflicht von Veranstaltungen« vom 29. März 1951[38] bot den staatlichen Akteuren die rechtliche Möglichkeit, die kirchliche Jugendarbeit zu behindern – beispielsweise Jahrestreffen der Jungen Gemeinde, vor allem überörtliche Veranstaltungen zu verbieten. Von derartigen administrativen Maßnahmen ist 1951 in den staatlichen und kirchlichen Quellen kaum die Rede[39], dafür aber ab 1952 – im Vorfeld des IV. Parlaments wie auch in den Monaten nach der Parteikonferenz. Beispielhaft seien die Störungen des traditionell am Himmelfahrtstag  stattfindenden Jugendtages der Leipziger Jungen Gemeinden in Sehlis bei Taucha/Kreis Leipzig (keine Zurverfügungstellung von Transportmitteln, Störung der Kundgebung der ca. 4000 Jugendlichen durch Fanfarenzüge der FDJ)[40] genannt oder die staatlichen Behinderungen der Durchführung des Kirchentages der Jungen Gemeinde in Lübbenau/Niederlausitz am 14. und 15. Juni 1952[41]. Wie erheblich die Störungen der kirchlichen Jugendarbeit im Sommer 1952 waren, geht aus einem Brief der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, unterzeichnet von Bischof Otto Dibelius, vom 25. August 1952 an den stellvertretenden Mini­sterpräsidenten Otto Nuschke hervor: »Es sind in den vergangenen 2 Monaten fast sämtliche Bibelrüsten der Evangelischen Kirche durch untergeordnete Organe des Staates verboten worden.« Und weiter: »Unter der irrigen Voraussetzung, daß die Junge Gemeinde der Evangelischen Kirche eine illegale Organisation sei, ist es vereinzelt dazu gekommen, daß Volkspolizisten die Beseitigung der Aushänge der Jungen Gemeinde an kirchlichen Gebäuden gefordert oder gar die Zusammenkünfte der Jungen Gemeinde verboten haben.«[42] Für die Entfesselung des Kampfes gegen die Junge Gemeinde im Umfeld der 2. Parteikonferenz lassen sich Gründe benennen, die, wie oben angedeutet, unmittelbar auf dem Felde der Kirchen- und Jugendpolitik der SED liegen – nämlich deshalb die christliche Jugendarbeit zu behindern und schrittweise einzuschränken, um auf diese Weise die Kirche auf einem wichtigen Arbeitsfeld gesellschaftlich zu marginalisieren. Es gibt aber noch einen weiteren relevanten Grund für die Partei, die staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen, sich mit der Kirche und – in diesem Fall – mit der Jungen Gemeinde zu befassen. Er liegt auf dem Feld der Militärpolitik der SED seit dem Frühjahr 1952. In seinem umfänglichen Tätigkeitsbericht auf dem IV. Parlament versicherte der Vorsitzende des Zentralrates der FDJ, Erich Honecker, angesichts der von Westdeutschland ausgehenden »Kriegsgefahr« den Spitzen von Partei und Staat, Pieck und Grotewohl, die Bereitschaft des Jugendverbandes, daß »sie sich bei der Organisierung des bewaffneten Schutzes unserer Heimat voll und ganz auf die Jugend der Deutschen Demokratischen Republik verlassen können«[43]. Mit dieser Rede wurde erstmals das Thema Militarisierung der FDJ öffentlich thematisiert, nachdem schon zuvor das Politbüro auf der Grundlage eines »Auftrages« Stalins Beschlüsse faßte, die – so am 11. April 1952 – »in Grundzügen die Auflösung der Länder, Maßnahmen zur Sperrung der Demarkationslinie, die Gründung einer Organisation für Wehrsport, eines Arbeitsdienstes sowie des Roten Kreuzes«[44] vorsahen und am 20. Mai die FDJ in die militärische Personalplanung direkt miteinbezog (Zustimmung des Politbüros für die Übernahme einer Patenschaft der FDJ über die Volkspolizei)[45]. Wie im einzelnen die FDJ diese Patenschaft gestalten sollte, darüber wurde nicht in der Partei, auch nicht auf dem IV. Parlament diskutiert und entschieden, sondern Wochen später vom Zentralrat der FDJ. Dieses oberste Leitungsgremium des Jugendverbandes verabschiedete »Richtlinien über die Durchführung der auf dem IV. Parlament der FDJ übernommenen Patenschaft über die Einheiten der Volkspolizei durch den Verband der Freien Deutschen Jugend« vom 20. Juni 1952.[46] An dieser Stelle zeigt sich die Relevanz der Beschlüsse des IV. Parlaments für die Entscheidungen auf der 2. Parteikonferenz auf dem Sektor der Jugend- und Militärpolitik. Als zentrale Aufgabe habe die FDJ gemäß den »Richtlinien« durch »unermüdliche Aufklärungsarbeit unter der Jugend und Bevölkerung Klarheit über die Bedeutung und den Charakter der Volkspolizei zu schaffen und die besten Mitglieder in die Einheiten der Volkspolizei zu delegieren«[47]. Noch deutlicher wird in einem anderen vom IV. Parlament verabschiedeten Dokument, einer Entschließung mit dem Titel »Die junge Generation im Kampf für Frieden, Einheit und ein besseres Leben«, die Rolle der FDJ als Träger der Werbemaßnahmen unter der Jugend für einen Dienst in den »bewaffneten Kräften« unterstrichen: »Die Organisationen der Freien Deutschen Jugend müssen eine breite agitatorische und propagandistische Arbeit zur Erläuterung der Rolle und der Bedeutung der Deutschen Volkspolizei als dem bewaffneten Schutz unserer Republik entfalten.«[48] Die Frage aber war, wie erfolgreich die FDJ bei ihren Werbemaßnahmen für einen Dienst in den »bewaffneten Kräften« in der Jugend, und speziell in der christlichen Jugend sein würde. Noch bevor die 2. Parteikonferenz den Aufbau »Nationaler Streitkräfte« verkündete, lagen dem Jugendverband bereits zahlreiche Berichte vor, wonach Jugendliche aus religiösen bzw. pazifistischen Motiven den Militärdienst wie auch die Betätigung in den Schießsportgemeinschaften der FDJ ablehnten.[49] Und auch in den Monaten nach der Parteikonferenz änderte sich an dieser Grundeinstellung vieler Angehöriger der Jungen Gemeinde nichts. So heißt es in einem Bericht der Bezirksleitung der SED Neubrandenburg, Abteilung Staatliche Organe vom 23. 10. 1952 über »die Tätigkeit der ›Jungen Gemeinde‹ und Maßnahmen zur Einschränkung ihrer Arbeit«: »In fast allen Kreisen gibt es Beispiele von pazifistischen Einstellungen: Angehörige der ›Jungen Gemeinde‹ bringen zum Ausdruck ›wir fassen kein Gewehr an‹ oder ›Schießen ist kein Sport‹. Die pazifistischen Äußerungen kommen nicht von ungefähr, sie werden der Jugend von den Pastoren eingeimpft.«[50] Daß aufgrund dieser Einstellung bei vielen christlich geprägten Jugendlichen die FDJ ihren Auftrag der Nachwuchsrekrutierung für die »nationalen Streitkräfte« würde befriedigend erfüllen können, mußte zweifelhaft erscheinen. Dabei ist zusätzlich noch die Tatsache zu berücksichtigen, daß zu Beginn der fünfziger Jahre ein Großteil der Angehörigen der Jungen Gemeinde zugleich auch der FDJ angehörte. Die vielen Informationsberichte der FDJ zeigen, daß in der DDR-Jugend insgesamt eine breite Ablehnung der Aufrüstung allgemein und des Wehrdienstes im speziellen vorhanden war – Haltungen, die in geringem Maße individuell, stärker friedens­ethisch begründet waren (pazifistische Orientierung), in der Mehrzahl aber politische Argumentationen erkennen ließen.[51] So ist es nicht verwunderlich, daß die FDJ, genauer die FDJ-Grund­organisationen, in ihrer Werbung von Heranwachsenden, Mitgliedern des Jugendverbandes wie auch nicht organisierten Jugendlichen, für einen »freiwilligen« Dienst vor allem in den »kasernierten Einheiten der Volkspolizei und Deutschen Grenzpolizei«[52] die vom Politbüro vorgegebenen Sollzahlen in hohem Maße verfehlte. In seiner Sitzung am 25. August 1952 legte das Politbüro als Sollzahlen für den Zeitabschnitt Juli bis September fest: die Werbung von 30 000 Jugendlichen für die KVP, die Volkspolizei-Luft und die Volkspolizei-See sowie 11 000 für die Grenzpolizei.[53] Diese Norm aber wurde in der Praxis weit verfehlt. Bis ca. Mitte September konnte die KVP lediglich 13 434 und die Grenzpolizei 6810 Jugendliche rekrutieren.[54] Die FDJ tat sich aber nicht nur schwer, die christlichen Jugendlichen für einen aktiven – militärischen – Beitrag zur »Verteidigung der Heimat«  zu gewinnen; die FDJ tat sich auch schwer, die jungen Christen überhaupt für eine Mitgliedschaft, geschweige denn eine aktive Mitarbeit im Jugendverband zu gewinnen – eine Tatsache, die partiell schon durch empirische Daten gestützt wird. Bei den Angaben von offizieller Seite (SED, Polizei, FDJ) zur zahlenmäßigen Entwicklung der Anhänger der kirchlichen Jugendgruppen handelt es sich um Schätzungen: Die Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei ermittelte einen Anstieg der Anhänger der (evangelischen) Jungen Gemeinde von 72 550 auf 108 417 und der Anhänger katholischer Gruppen von 22 689 auf 30 218 jeweils im Zeitraum 1. 6 .1951 bis 1. 6. 1952.[55] Eine inhaltliche Bewertung für die relative Erfolglosigkeit der FDJ, die jungen Christen für die von der SED vorgegebenen Ziele und Aufgaben zu gewinnen, wie sie in der Verfassung der FDJ, in Beschlüssen, Erklärungen, Entschließungen der FDJ-Gremien, der SED-Gremien immer wieder formuliert wurden, wird in vielen SED- und FDJ-Informationsberichten in einer gravierenden Fehlwahrnehmung der kirchlichen Jugendarbeit gesehen. Der umfängliche Aufgabenkatalog der FDJ verpflichtete sie, den Nachwuchs für die SED heranzubilden (Kaderreserve der Partei), den Marxismus-Leninismus im Verband zu verbreiten, die Mitglieder der FDJ zu einem staatsbürgerlichen Bewußtsein zu erziehen, das die Bereitschaft zur Verteidigung der »demokratischen Errungenschaften« einschloß, die Aneignung fachlicher Kenntnisse in Schule, Beruf, Studium zu unterstützen, die Jugend zu ökonomischen Leistungen anzuhalten (Mitwirkung bei der Erfüllung von Wirtschaftsplänen), für erwünschte Formen der Freizeitgestaltung zu werben und selbst eine entsprechende kulturpolitische Arbeit zu leisten sowie last not least ein »allseitiges frohes Jugendleben«[56] zu entfalten. In zahlreichen schriftlichen Beobachtungen der Aktivitäten der Jungen Gemeinde seit dem Beginn der fünfziger Jahre wird gerade dieser Aspekt der Freizeitgestaltung in der Gemeinschaft der jungen Christen immer wieder als ein wesentlicher Grund für den starken Zulauf der Jungen Gemeinden benannt; nicht zu vergessen sei aber auch die Bibelarbeit. So heißt es in dem schon erwähnten SED-Bericht Neubrandenburg vom 23. Oktober 1952: »Die Initiatoren der ›Jungen Gemeinde‹ sind die Pastoren, vor allem in den ländlichen Gemeinden, die die Jugend dadurch gewinnen, daß sie mit ihnen Tischtennis spielen, Wanderungen und Sternfahrten unternehmen, Kaffeetafeln organisieren, sie mit Schokolade, Bananen usw. an sich heranlocken, Singgruppen und Posaunenchöre aufziehen und ihnen hierbei die idealistische Ideologie durch Abhaltung von Bibelstunden einimpfen. Unsere FDJ sieht hier zum größten Teil tatenlos zu.«[57] Die Fehlwahrnehmung der kirchlichen Jugendarbeit wird hier deutlich. Die zur Jungen Gemeinde kommenden Jugendlichen nahmen die Freizeitangebote der Kirche gerade deshalb gern an, weil eben diese nicht – wie in der FDJ – mit ideologischer Indoktrination verbunden waren – ein Faktum, das in der FDJ-Führung durchaus gesehen wurde.[58] Gerade die der FDJ von der SED übertragene Aufgabe der politisch-ideologischen Erziehung der Mitglieder des Jugendverbandes wie auch der Nichtorganisierten rief Ablehnung unter jungen Christen hervor, wobei die Verantwortung für diese Haltung der »irregeleiteten« Jugendlichen den Kirchen angelastet wurde. In der wenige Tage nach der 2. Parteikonferenz vorliegenden »Analyse über die Politik der Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik« vom 22. Juli 1952 heißt es: »Die Losung ›man kann nur einem Herren dienen‹ wird vor allem bei der Beeinflussung der Jugend angewandt, um sie von aller gesellschaftlichen Betätigung – vor allem von der Mitarbeit in der FDJ – fernzuhalten.« Und weiter: »Das FDJ-Lehrjahr wird boykottiert, ›weil die FDJ offen den Weg des Marxismus-Leninismus geht, in dem es keinen Platz für einen wahrhaft realen Gott gibt‹.«[59] In der Ablehnung des politisch-ideologischen Erziehungsprogramms, der Militarisierung der FDJ, kurz die angestrebte völlige Vereinnahmung des Jugendverbandes und darüber aller Kinder und Jugendlichen – und also auch der jungen Christen – für die politischen Ziele von Partei, Staat und gesellschaftlichen Organisationen durch die Junge Gemeinde und die Kirchen sah die SED ihren Monopolanspruch auf Bildung und Erziehung der Jugend gefährdet. In dieser Sichtweise war es nur konsequent, wenn sie denn in den Wochen und Monaten nach der 2. Parteikonferenz staatliche und gesellschaftliche Einrichtungen mobilisierte, um die Jugendarbeit der Kirchen immer wieder zu behindern. Gleichwohl gab es bereits vor der Parteikonferenz das Verlangen von staatlicher Seite – so in einem Schreiben des Generalinspekteurs der Deutschen Volkspolizei, Willi Seifert, an die Sowjetische Kontrollkommission vom 30. Juni 1952 –, man solle in Anbetracht der Verweigerungshaltung von Gliedern der Jungen Gemeinde deren Tätigkeit »mit allen Mitteln [...] unterbinden«[60]. Den gleichen Tenor läßt eine vom Politbüro in der Sitzung vom 29. Juli angeforderte Vorlage erkennen. Sie liegt als Entwurf der Abteilung Staatliche Verwaltung für das Politbüro vor, trägt keine Unterschrift und kein Datum (Entstehungszeit zwischen dem 29. Juli und dem 4. September 1952[61]). Der Entwurf enthält den Vorschlag, die Tätigkeit der Studentenpfarrer sowie die Junge Gemeinde zu verbieten und schließlich die Arbeit der Evangelischen Akademien mittels einer rigideren Interpretation der Veranstaltungsverordnung einzuschränken.[62] Was den Kampf gegen die Junge Gemeinde betraf, so ging der stellvertretende Innenminister Maron noch einen Schritt weiter. In einem Schreiben an den Genossen Gustav Röbelen, zuständig für Sicherheitsfragen im ZK, »zur Weiterleitung an das Sekretariat des Zentralkomitees« am 9. August 1952 entwickelt er den Vorschlag »zur vollkommenen Auflösung dieser illegalen Organisation und zur Einstellung ihrer Tätigkeit«[63]. Durch Parteibeschluß soll das Ministerium des Innern angewiesen werden, eine Anordnung zu erlassen, die folgende Maßnahmen umfassen sollte: die »Auflösung der Jugendkammer Ost beim Rat der Ev. Kirche in Deutschland sowie der Ev. Landesjugendkammern und sämtlicher kirchlicher Stellen in den Ländern, die in irgendeiner Form Jugendliche organisieren.«[64] Analoge Einrichtungen der Katholischen Kirche seien ebenfalls aufzulösen. Marons Plan sah weiterhin gravierende Eingriffe in das kirchliche Leben vor: die »Enthebung aller hauptamtlich in der Jugendarbeit tätigen Geistlichen der Ev. und Kath. Kirche« sowie auch die »Enthebung aller Katecheten, Diakonen, Laienhelfer von ihren Funktionen«[65]. Wenn dann noch gefordert wurde die »Auflösung aller sogenannten ›Jungen Gemeinden‹ innerhalb der Kirchengemeinden« sowie das Verbot, die Jugendlichen »innerhalb und außerhalb der kirchlichen Gebäude und Gelände« zusammenzufassen[66], so sollten mit diesem Plan die Kirchen eines spezifischen Arbeitszweiges beraubt werden. Lediglich bei einem Anlaß, auf den der Minister ausdrücklich hinweist, wurde der Evangelischen und Katholischen Kirche noch das Recht zugestanden, junge Christen zu sammeln – nämlich bei der Erteilung des Religionsunterrichts gemäß Art. 44 der DDR-Verfassung.[67] Zwei weitere Verbotsregelungen betrafen einmal das »Verleihen und Tragen von Abzeichen, Ausweisen und anderen Symbolen der sogenannten ›Jungen Gemeinde‹«[68]. Angesprochen ist hier das Bekenntniszeichen der Jungen Gemeinde – die Weltkugel mit dem Kreuz. Nur beiläufig sei erwähnt, daß bereits seit Ende 1949 immer wieder Fälle von Diskriminierungen junger Christen aufgetreten sind, wenn sie das Bekenntniszeichen trugen. Dies wurde als Abzeichen einer »illegalen religiösen Jugendorganisation« fehlgedeutet.[69] Zum andern wird die »Neubildung illegaler Jugendorganisationen auch unter anderem Namen [als] nicht statthaft« erklärt, verbunden mit dem Hinweis, daß »diese Regelung Anwendung findet auf alle Jugendgruppen religiöser Vereinigungen«. Marons »Plan« zielte auf eine Zerschlagung der Jungen Gemeinde, die aber letztlich nur gelingen konnte, wenn auch geltende Rechtsnormen den politischen Absichten entsprachen. Nach § 3 der »Verordnung über die Anmeldepflicht von Veranstaltungen« vom 29. März 1951 unterlagen Veranstaltungen der Kirchen und Religionsgemeinschaften, soweit sie den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzen, »in kircheneigenen und gemieteten Räumen nicht der Anmeldepflicht«[70]. Dies hätte zur Folge, daß auch bei Inkrafttreten einer Verordnung im Sinne der oben benannten Verbots- und Liquidierungsmaßnahmen »die sogenannte ›Junge Gemeinde‹ [...] unter dem Deckmantel der religiösen Unterweisung unkontrolliert fortsetzen könnte«[71]. Um dies zu verhindern, müßte in einer neuen Verordnung über Genehmigung und Anmeldepflicht festgelegt werden, daß »alle Veranstaltungen, außer die der Parteien und Massenorganisationen [...] der Anmeldepflicht unterliegen«. Diese neue Regelung würde dann auch kirchliche Großveranstaltungen miteinbeziehen, die »nach außen einen rein religiösen Charakter tragen, weil sie mit einem Gebet beginnen und mit einem Amen enden, aber erfahrungsgemäß zu antidemokratischer Tätigkeit mißbraucht werden ...«[72]. Ein rechtliches Verbot (jeglicher Tätigkeit) der Jungen Gemeinde ist weder von seiten der Parteiführung ausgesprochen worden, noch von seiten des Staatsapparates. Der Beschluß des Politbüros zum Verbot der Jungen Gemeinde mit entsprechenden Anweisungen an die staatlichen Instanzen erfolgte erst mehr als ein halbes Jahr nach der Parteikonferenz. Die Ursachen für die verzögerte Umsetzung der beabsichtigten »Liquidierung« der Jungen Gemeinde wie auch der Arbeit der Studentenpfarrer, deren Tätigkeit ja bereits vom Politbüro Anfang August verboten worden war, liegen, wie Martin Georg Goerner plausibel vermutet, im internationalen wie auch nationalen Kontext begründet.[73] Zum einen war der seit dem 10. März 1952 (»Stalin-Note«) zwischen der Sowjetunion und den Westmächten laufende Notenwechsel zur Deutschlandfrage erst am 23. September 1952 abgeschlossen, zum andern erteilte die SED-Führung am 10. Juni 1952 der KPD in der Bundesrepublik den Auftrag, gemeinsam mit der SPD eine »Aktionseinheit auf einer breiten Basis« zur »Massenmobilisierung der Werktätigen« gegen den »Generalkriegsvertrag« zu initiieren.[74] Die gewisse Zurückhaltung der SED im Kampf gegen die kirchliche Jugendarbeit nach der Parteikonferenz bedeutete keinen Verzicht darauf, die Jungen Gemeinden zu schwächen; ganz im Gegenteil. Der FDJ wurde die Aufgabe zuteil, vor allem an den Oberschulen und auch auf dem Land, dort wo die christlichen Jugendgruppen über eine starke Anhängerschaft verfügten, den Einfluß der Kirche auf die Glieder der Jungen Gemeinde zu schwächen. So wird beispielsweise in einem von mehreren Maßnahmeplänen der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg vom 23. Oktober 1952 festgelegt: »In die Grundeinheiten der FDJ, insbesondere an den Oberschulen und in den ländlichen Gemeinden sind Instrukteure der Bezirksleitung und der Kreisleitungen der FDJ entsprechend der Tätigkeit der ›Jungen Gemeinde‹ schwerpunktmäßig zu entsenden mit dem Ziel, arbeitsfähige Leitungen in den Grundeinheiten zu schaffen und in den Gemeinden und Schulen ein frohes Jugendleben allseitig zu entfalten.«[75] Und weiter heißt es in der Aufgabenstellung: »Alle Jugendlichen müssen für die Ziele der FDJ und für den Aufbau des Sozialismus gewonnen werden. Durch die Entfaltung eines frohen Jugendlebens ist an die Forderungen und Ideale der Jugend anzuknüpfen, um sie zum selbständigen Denken zu erziehen und sie auf diese Weise dem reaktionären Einfluß der Pfarrer und der ›Jungen Gemeinde‹ zu entziehen.«[76] Eingriff des Staates Über die Behinderungen der kirchlichen Jugendarbeit hinweg darf nicht übersehen werden, daß im Vorfeld der Parteikonferenz die Akteure in Partei und Staat nicht zögerten, auch auf einem nichtkirchlichen Feld der Politik – gemeint ist die Deutschlandpolitik der SED – verfassungsrechtlich gesicherte, spezifische Rechte der Kirchen zu verletzen. Angesprochen sind hier die staatlichen Maßnahmen im Zusammenhang mit der militärischen Sicherung an der Demarkationslinie zwischen den beiden Teilen Deutschlands. Unter dem Vorwand einer ständigen Verletzung der deutsch-deutschen Grenze durch in das DDR-Gebiet eingeschleuste »Diversanten, Spione, Terroristen und Schädlinge«, die im Auftrag der westlichen Besatzungsmächte und der Adenauer-Regierung versuchten, »die Erfolge des friedlichen wirtschaftlichen und kulturellen Aufbaus der Deutschen Demokratischen Republik zu untergraben...«[77] erließ der Ministerrat der DDR am 26. Mai 1952, dem Tag der Unterzeichnung des Generalvertrages in Bonn, eine »Verordnung über Maßnahmen an der D-Linie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands«. Die Maßnahmen zur »Verstärkung der Bewachung der Demarkationslinie« wurden in einer von Zaisser, dem Mini­ster für Staatssicherheit, am gleichen Tat erlassenen »Polizeiverordnung über die Einführung einer besonderen Ordnung an der Demarkationslinie« geregelt. Die Beschwerden von seiten der katholischen Kirche zielten in besonderer Weise auf die in der Polizeiverordnung enthaltene Verletzung der in der Verfassung garantierten freien Religionsausübung. So verweist der katholische Bischof des Bistums Berlin, Wilhelm Weskamm, in einem von allen der Berliner Ordinarienkonferenz angehörenden Bischöfe und Bischöflichen Kommissare unter­zeichneten Brief vom 3. Juli 1952 an den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl beispielsweise darauf, daß in der Sperrzone, genauer im 500-m-Schutzstreifen »keine Gottesdienste stattfinden« können: »Die Gläubigen haben keinen Zutritt zum Gottesdienst in ihrer Kirche.«[78] Und die führenden Geistlichen der katholischen Kirche kritisieren weiter, daß in der (sich dem 500 m breiten Schutzstreifen anschließenden) 5-km-Sperrzone »die Abhaltung von Gottesdiensten und in mehreren Fällen auch des Religionsunterrichts an Kindern von einer besonderen polizeilichen Genehmigung abhängig gemacht werden«.[79] Diese Regelung verletze die Handlungsautonomie der Kirche: »Wir müssen darauf bestehen, daß in all diesen Gebieten die ungestörte Religionsausübung gesichert und alle Beschränkungen der Gottesdienste und des Religionsunterrichts aufgehoben werden. Die Entscheidung über den Gottesdienst gehört allein zur Zuständigkeit der Kirche.«[80] Auch die Zwangsumsiedlung von Bewohnern des Sperrgebietes in das Landesinnere ab Ende Mai/Juni 1952 (Aktion »Ungeziefer«) wurde verschiedentlich von Repräsentanten der katholischen Kirche in Briefen an den Ministerrat – so etwa den Schreiben des Generalvikars Joseph Freusberg, Leiter des Generalvikariates Erfurt, vom 17. Juni 1952 und des Erzbischöflichen Kommissars von Magdeburg, Friedrich Maria Rintelen, vom 13. 06. 1952 kritisiert.[81] Die Beschwerden auf seiten der evangelischen Kirche bezogen sich demgegenüber primär nicht auf die Folgen der Polizeiverordnung im Blick auf die Einengung kirchlicher Handlungsspielräume, sondern auf die im engsten Zusammenhang mit der Verordnung des Ministerrats vom 26. Mai, der Polizeiverordnung des Ministers für Staatssicherheit vom gleichen Tag sowie der Ministerratsverordnung vom 9. Juni 1952[82] stehenden, sowie die auf geheimen Befehlen basierenden Zwangsumsiedlungen von Grenzbewohnern – und also vielen kirchlichen Gemeindegliedern in Kommunen außerhalb der Grenzkreise. In dem von Karl Maron in seiner Funktion als Chef der Deutschen Volkspolizei unterzeichneten Befehl 38/52 heißt es u.a.: »Aus dem Bereich der Sperrzone an der Demarkationslinie sind auszuweisen: a) Ausländer und Staatenlose, b) Personen, die nicht polizeilich gemeldet sind, c) Personen, die kriminelle Handlungen begangen haben und bei denen zu vermuten ist, daß sie erneut straffällig werden, d) Personen, die wegen ihrer Stellung in und zu der Gesellschaft eine Gefährdung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung darstellen.«[83] Die zuletzt erwähnte Kategorie der Auszusiedelnden bot den zuständigen Behörden die Möglichkeit, jede als politisch mißliebige, als politisch illoyal oder politisch staatsfeindlich eingestufte Person auszuweisen oder zwangsumzusiedeln.[84] Die Zwangsumsiedlung verstoße, so wird in Berichten von Bischöfen einzelner Landeskirchen, z.B. in dem des thüringischen Landesbischofs Moritz Mitzenheim an den Innenminister des Landes Thüringen, Willy Gebhardt, vom 10. Juni 1952 festgestellt, gegen Verfassung und Gesetz: »Wenn man in den letzten Tagen aus den Ortschaften der 6-km-Sperrzone und sogar aus Orten landeinwärts dieses Gebietes Menschen wider ihren Willen und – wie berichtet wird – unter Gewaltandrohung und Gewaltanwendung aus ihren Wohnungen zwangsweise entfernt, so sind diese Maßnahmen gesetzlich nicht gedeckt.«[85] Sie stellten einen erheblichen Eingriff dar in die verfassungsrechtlich gesicherten Grundrechte der persönlichen Freiheit (Art. 8) und der Unverletzlichkeit der Wohnung (Art. 12); abgesehen von der schwerwiegenden Tatsache, daß den »Betroffenen [...] nirgends eröffnet [wurde], was ihnen denn zum Vorwurf gemacht werde«, von der Aktion auch »Frauen und Kinder, Greise und Kriegsbeschädigte erfaßt« werden, sie zudem in einer »überaus harten und unbarmherzigen Art und Weise« ausgeführt wurden[86], seien die Maßnahmen auch verfassungswidrig. Mitzenheim formuliert: »Diese Freiheiten [im Sinne der Artikel 8 und 12, H. D.] können nur auf Grund der für alle Bürger geltenden Gesetze in einem geordneten Verfahren eingeschränkt oder entzogen werden. Ein solches Gesetz liegt nicht vor. Die Verordnung vom 26. Mai 1952 deckt diese Maßnahmen nicht.«[87] Die im Sommer 1952 bereits erkennbaren Eingriffe des Staates in die kirchliche Autonomie (und dazu gehört die Abhaltung von Gottesdiensten und Religionsunterricht ebenso wie auch die kirchliche Jugendarbeit), die Verletzung von Grundrechten kirchlicher Gemeindeglieder, die staatliche Mißachtung rechtsstaatlicher Prinzipien können als Vorzeichen gewertet werden, wie eine Politik aussieht, die das Ziel verfolgt, die Kirchen gesellschaftlich zu marginalisieren. Am Ende des Jahres 1952 leiten die Akteure in Partei und Staat ihren Hauptangriff gegen die Kirchen ein – und zwar fokussiert auf die Junge Gemeinde. Am 23. 11. 1952 wies der Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit, Erich Mielke, in einer ersten Dienstanweisung alle Bezirksverwaltung des Ministeriums an, »zur erfolgreichen Bekämpfung der von reaktionären Kreisen der Evangelischen Kirche geleiteten und von den westlichen imperialistischen Staaten finanzierten Organisation ›Junge Gemeinde‹« von nun an »alle Vorkommnisse auf dieser Linie (d.h. die staatsfeindlichen Aktivitäten der jungen Christen, H. D.) unter Betreff ›Kappe‹ und unter Verwendung der ›Goldenen W‘s‹ mit genauen Angaben der bisher eingeleiteten Maßnahmen« an ihn zu melden.[88] In einer weiteren Dienstanweisung vom gleichen Tag, gerichtet dieses Mal an die Bezirksverwaltung Groß-Berlin, wird zunächst ein relativ ausführliches Profil der Jungen Gemeinde erstellt – ihre organisatorische Leitungsstruktur einschließlich ihrer personellen Zusammensetzung sowie ihrer Tätigkeit. Dabei wird darauf abgehoben, daß die Junge Gemeinde eine »selbständige Jugendorganisation in der DDR« sei, was sich darin zeige, daß »die religiösen Handlungen in dieser Organisation nur zum Schein durchgeführt werden und vorwiegend einen politischen Charakter tragen«. In Wahrheit habe sie versucht, »die Jugend ideologisch zu beeinflussen und sie im Haß gegen die DDR, die Volksdemokratien und die Sowjetunion zu erziehen«.[89] An anderer Stelle wird noch deutlicher von den »Bemühungen reaktionärer Personengruppen der Kirche und der ›Jungen Gemeinde‹« – Bemühungen im Dienste »imperialistischer Geheimdienste – gesprochen, »den sozialistischen Aufbau zu schädigen, den Friedenskampf zu sabotieren und die Einheit Deutschlands zu verhindern...«[90]. Diese Pläne zunichte zu machen, sei Aufgabe des MfS; als Methoden bieten sich an die »genaue Beobachtung der feindlichen Tätigkeit«, die »Erfassung von Schwerpunkten« der Jungen Gemeinde und nicht zuletzt die Anwerbung von »GM [Geheimen Mitarbeitern, H. D.] und Informatoren. Ihnen war das Ziel gesetzt, »in die Leitungen der ›Jungen Gemeinde‹ und reaktionärer Personenkreise der Kirche einzudringen«.[91] Als wie dringlich die SED-Führung in der Jahreswende 1952/53 die Notwendigkeit empfand, nunmehr den Kampf gegen die Junge Gemeinde offensiv zu führen, ist in der Tatsache begründet, daß – wie ihr die Vielzahl von Informationsberichten unterschiedlicher Provenienz (Volkspolizei, MfS, FDJ) zeigten – die Junge Gemeinde an den Oberschulen nach wie vor über eine zahlenmäßig erhebliche Anhängerschaft verfügte. In einer vom Zentralrat der FDJ verantworteten »Einschätzung der Tätigkeit der ›Jungen Gemeinde‹ an den Oberschulen der Deutschen Demokratischen Republik« mit Datum vom 9. Dezember 1952 heißt es: »Gegenwärtig gibt es nicht wenige Oberschulen, an denen um 50%, ja sogar bis 70% aller Schüler der Jungen Gemeinde angehören.«[92] Mit dieser Präsenz war denn auch nicht unerheblicher negativer Einfluß der Jungen Gemeinde auf den schulischen Alltag, auf Schüler und Lehrer sowie die FDJ-Arbeit verbunden – ein Einfluß, der seinen Ausdruck fand in »offenen Provokationen und Störungen im Unterricht und in der FDJ-Arbeit«.[93] Einen wie hohen Stellenwert der Kampf gegen die kirchliche Jugendarbeit für die SED-Führung und für Walter Ulbricht persönlich hatte, wird darin sichtbar, daß Berichte über die Junge Gemeinde, sei es in ungekürzter, sei es in zusammengefaßter Form – so beispielsweise die eben benannte Einschätzung des Zentralrats der FDJ – über den ZK-Apparat direkt an den Generalsekretär zur Kenntnisnahme geleitet wurden.[94] Die Parteiführung war nämlich in Sorge, daß in Anbetracht des anhaltenden Einflusses der Jungen Gemeinde auf die Jugend, speziell die FDJ in ihrer Funktion als Kaderreserve für den Aufbau »nationaler Streitkräfte« (wie auf dem IV. Parlament beschlossen und auf der Parteikonferenz bestätigt) womöglich nicht im erwarteten Maße gerecht werden könnte. Goerner hat recht, wenn er betont, daß die »Junge Gemeinde in der Optik des Generalsekretärs der SED einen zentralen Bereich der DDR-Politik« berührte.[95] Mangelnde Aufmerksamkeit, Bagatellisieren der Tätigkeit der Jungen Gemeinde in den Fehleinschätzungen der von ihr ausgehenden Gefahr (»Zersplitterung der Jugend, Störung einer planmäßigen Kaderentwicklung in unserem Land«) an den Oberschulen von seiten der zuständigen Gremien (FDJ-Grundeinheit, Betriebsparteiorganisation, Lehrkörper) konnten nach Auffassung der SED-Führung zum Jahresende 1952/Beginn 1953 nicht mehr, wie noch vom ZR der FDJ vorgeschlagen, mittels herkömmlicher Methoden (Aufklärung, Erziehung, Agitation, Angebote für ein »frohes und interessantes Jugendleben«) korrigiert werden. Harte Maßnahmen – in der SED-Terminologie »administrative Maßnahmen« –, wie sie im Sommer 1952 im zentralen Partei und Staatsapparat schon vorgeschlagen wurden, waren jetzt angesagt. Enthalten sind sie in einer von Barth abgezeichneten Vorlage an das Sekretariat des Zentralkomitees der SED vom 13. Januar 1953. Gewiß sollte es auch weiterhin – sogar in verstärktem Maße – eine propagandistische Aufklärungsarbeit der FDJ geben, etwa durch die Abhaltung von Lektionen in den Regionen mit starker Präsenz der Jungen Gemeinde zu Themen wie: »Wie entstand die Erde? etc.«. Ferner sollte die Kultur- und Sportarbeit entfaltet, ein »frohes Jugendleben verstärkt« entwickelt und schließlich in der FDJ-Presse regelmäßige Berichte veröffentlicht werden, »in denen die Jugendgruppen der Religionsgemeinschaften, besonders die ›Junge Gemeinde‹ und ihre Auftraggeber entlarvt werden, um die Jugend von den Leitungen dieser Jugendgruppen zu isolieren und diesen Teil der irregeleiteten Jugendlichen für den patriotischen Kampf der deutschen Jugend und für die Freie Deutsche Jugend zu gewinnen.«[96] Aber diese Maßnahmen reichten nach Ansicht der SED-Führung nicht aus, um das eigentliche Ziel zu verwirklichen – nämlich die »Einstellung jeglicher Tätigkeit und [...] die völlige Liquidierung  dieser illegalen Organisation«[97]. Mehrere »administrative« Maßnahmen waren in einem Aufgabenkatalog aufgelistet: Sie betrafen – wie auch schon in dem Plan Karl Marons vom Sommer 1952 vorgesehen – das völlige Verbot der kirchlichen Jugendarbeit in ihren verschiedenen Facetten: so die Auflösung der »Landesjugendkammern und der Landesarbeitskreise für Jungen, Jungmänner- bzw. Jungmädchenarbeit«, das Betätigungsverbot für alle »Landes- und Kreisjugendpfarrer, [...] Landes- und Kreisjugendwarte, Beauftragte für Jungen- und Jungmädchenarbeit sowie Laienhelfer und anderen Personen«, das Verbot und die Auflösung »jeder Tätigkeit der sogenannten ›Jungen Gemeinde‹«, die Amtsenthebung »aller Leiter von Jugendkreisen«, das Verbot »der Zusammenfassung und Tätigkeit von Jugendlichen aller Religionsgemeinschaften« – sei es in Gestalt von Jugendwanderungen, Zeltlagern, Rüstzeitlagern, Laienspielen usw. »innerhalb der Kirche und im kircheneigenen Gelände«[98]. Lediglich zum Zwecke der in der DDR-Verfassung garantierten Religionsausübung (Gottesdienst, Konfirmandenunterricht) war eine Sammlung junger Christen erlaubt. Ferner sah die Vorlage der ZK-Abteilung Staatliche Verwaltung die Auflösung aller »in den Gemeinden, in den Oberschulen, Universitäten und sonstigen Schulen und Hochschulen bestehenden Jugendgruppen bzw. Studentengruppen von Religionsgemeinschaften«[99] vor. Weitere Beschlüsse betrafen das Verbot für die jungen Christen, das Bekenntniszeichen zu tragen sowie die Herausgabe aller kirchlichen Jugendzeitschriften. Dieser Entwurf Willi Barths wurde nicht im ZK-Sekretariat beraten, sondern in einer quantitativ gestrafften, inhaltlich teilweise noch weiter verschärften, in der sprachlichen Formulierung allerdings etwas moderater gehaltenen Fassung am 27. Januar vom Politbüro beschlossen. Die Verschärfung des Kampfes gegen die Junge Gemeinde betraf die öffentliche Kriminalisierung der Jungen Gemeinde aufgrund verschiedener Anweisungen des Politbüros an die Justiz, an die Presse, an die der SED-Führung (Politbüro, ZK) nachgeordneten Instanzen, die Parteien, Massenorganisationen, Blockausschüsse, das Staatssekretariat für Hochschulwesen und nicht zuletzt an die FDJ-Führung. So erhielt der Generalstaatsanwalt beim Obersten Gericht der DDR den Auftrag, »in einigen Bezirks- und Kreisstädten [...] in kurzen Zeitabständen (Zeitdauer insgesamt 14 Tage) drei bis vier öffentliche Prozesse [..,] durchzuführen, in denen klar die kriegshetzerische und Agenten- und Sabotagetätigkeit von Mitgliedern und Funktionären der Jungen Gemeinde nachgewiesen wird«[100]. Die Bezirkspresse der SED wie auch der anderen Blockparteien wurde angewiesen, in ihren Kreisausgaben »solche Dokumente bzw. Briefe zu veröffentlichen, aus denen die staatsfeindliche Tätigkeit der Jungen Gemeinde hervorgeht«.[101] Die Presse wurde weiterhin angehalten, »Enthüllungen über die staatsfeindliche und demoralisierende Tätigkeit der Jungen Gemeinde durch ehemalige Mitglieder und Funktionäre der Jungen Gemeinde selbst zu veröffentlichen«.[102] Eine noch vom Politbüro eingesetzte Kommission[103] unter Leitung Honeckers erhielt den Auftrag, einen konkreten Plan zur Umsetzung der verschiedenen Beschlüsse zu erarbeiten; auch auf Bezirks- und Kreisebene waren Kommissionen zu bilden, die »genau nach Beschluß des Politbüros und dem Plan der zentralen Kommission« zu arbeiten hatten. Am 24. Februar 1953 trat erstmals die zentrale Kommission zusammen und verabschiedete einen detaillierten Zeitplan zur Umsetzung des Politbüro-Beschlusses. Mit höchster Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um den nicht datierten »Plan für die Entlarvung der Jungen Gemeinde als Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage, die von westdeutschen und amerikanischen imperialistischen Kräften dirigiert wird«.[104] Bilanz der Repressalien In der abschließenden Bilanzierung der repressiven Maßnahmen gegen die Junge Gemeinde ist festzuhalten: Im Politbürobeschluß vom 27. Januar 1953 waren Schauprozesse gegen Mitglieder der Jungen Gemeinde vorgesehen, sie sollten laut »Plan« im März durchgeführt werden. Dazu kam es zwar nicht, doch haben Partei und Staat harte Maßnahmen spät, und zwar erst nach einem neuerlichen Politbürobeschluß vom 17. März gegen Anhänger der Jungen Gemeinde ebenso wie gegen Pfarrer und andere kirchliche Mitarbeiter ergriffen. In dem Beschluß heißt es: »Angesichts des antidemokratischen und gegen die Friedensbewegungen gerichteten Auftretens einer Reihe Pfarrer und Kirchenangestellter sowie des provokatorischen Auftretens der ›Jungen Gemeinde‹ an den Schulen wird das Staatssekretariat des Innern beauftragt, in jedem Fall von Verstößen gegen die Gesetze der Deutschen Demokratischen Republik die notwendigen Maßnahmen zu veranlassen.«[105] In den nachfolgenden Wochen kam es zu zahlreichen Ausschlüssen von jungen Christen aus der FDJ und in vielen Fällen zu ihrer Relegation von der Oberschule (mehr als 700 Oberschüler[106]), zum Ausschluß von Mitgliedern der Evangelischen Studentengemeinden an den Universitäten Halle, Leipzig, Greifswald und der Bergakademie Freiberg[107] und auch zu Zwangsexmatrikulationen von Angehörigen der Studentengemeinden[108] sowie zur Inhaftierung und Verurteilung zu Haftstrafen von Geistlichen (darunter des evangelischen Studentenpfarrers aus Halle, Johannes Hamel[109]) und kirchlichen Mitarbeitern. Das Ziel blieb die völlige Zerschlagung der Jungen Gemeinde. In einem Fernschreiben Honeckers an die 1. Sekretäre der FDJ-Bezirksleitungen vom 15. April 1953 heißt es unmißverständlich: »Auf keinen Fall ist die weitere Arbeit der Jungen Gemeinde zuzulassen. Schilder, Aushängekästen, die auf die Tätigkeit der Jungen Gemeinde hinweisen, sind, falls es erforderlich ist, von Gruppen der FDJ in aller Öffentlichkeit zu entfernen. Treffen der Jungen Gemeinde sind mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterbinden. Es besteht kein Zweifel, daß bei einer entsprechenden Aufklärungsarbeit in kurzer Zeit das von uns gesteckte Ziel der Liquidierung der Jungen Gemeinde erreicht werden kann.«[110] Aber die SED-Führung verfolgte im Frühjahr 1953 das weitergehende Ziel der völligen Herausdrängung der Kirchen aus dem gesellschaftlichen Leben. Dem sollte eine neue, verschärfte Verordnung über Genehmigungs- und Anmeldepflicht von Veranstaltungen dienen. Ihr zufolge sollten lediglich in Kirchen stattfindende Veranstaltungen wie Gottesdienste, Messen, Taufen, Trauungen etc. von der Genehmigungspflicht ausgenommen sein, mußten aber mindestens drei Tage vorher angemeldet werden; für Veranstaltungen aller Art der Kirchen auf öffentlichen Straßen, Plätzen oder in nichtkirchlichen Gebäuden galt eine Genehmigungspflicht.[111] Das Politbüro hatte noch am 27. 1. 1953 eine entsprechende Verordnung beschlossen; sie sollte dem Präsidium des Ministerrats zur Bestätigung vorgelegt werden; zum Erlaß der neuen Verordnung kam es nicht; allerdings ist von den zuständigen Stellen der Volkspolizei bereits vor dem Politbürobeschluß vom 27. 1. 1953 eine restriktive Praxis gegenüber den Kirchen betrieben worden; mit dem Politbürobeschluß erhielt dieses Praxis eine normative Legitimation. Dem Bemühen von Partei und Staat um Minimierung des gesellschaftlichen Einflusses der Kirchen sollten ferner dienen: Behinderungen des Religionsunterrichts in den Schulen, die Infragestellung der Weiterexistenz der Theologischen Fakultäten an den Universitäten, die Beschlagnahme diakonischer Einrichtungen, die Schließung von Bahnhofsmissionen, schließlich die Aussetzung von staatlichen Zahlungen an die Kirchen, Verbot von Haussammlungen, Behinderung von Straßensammlungen.[112] Die SED führte einen offenen Kirchenkampf, dessen Ende Anfang Juni 1953 zusammenfiel mit dem Ende der von der Parteiführung auf der 2. Parteikonferenz beschlossenen Strategie des forcierten Aufbaus des Sozialismus. In einem Beschluß vom 9. Juni 1953, veröffentlicht im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« am 11. Juni 1953 als »Kommuniqué« werden »eine Reihe von Fehlern« im ökonomischen Bereich (wie die »Neuregelung der Lebensmittelkartenversorgung«, die »Übernahme devastierter landwirtschaftlicher Betriebe« durch den Staat bzw. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, »außerordentliche Maßnahmen der Erfassung« von Agrarprodukten, die »verschärften Methoden der Steuererhebung«[113] etc.) eingeräumt und Kurskorrekturen auf verschiedenen Feldern der Politik zugesagt (Verlangsamung des Aufbaus der Schwerindustrie zugunsten der Lebensmittelindustrie, Zusagen von Krediten für Handwerk, privaten Handel und Industrie etc.).[114] Keine Fehler auf dem Feld der Kirchenpolitik, wohl aber Korrekturen werden zugesagt.[115] Zu dieser Politik des »Neuen Kurses« gelangte die SED aber nicht aus eigener Einsicht. Die Gründe hierfür lagen in Entscheidungen begründet, die außerhalb der DDR, nämlich von der sowjetischen Partei- und Staatsführung getroffen wurden. In dem Beschluß des Ministerrates der UdSSR »Über die Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der Deutschen Demokratischen Republik« vom 2. Juni 1953 heißt es zum Komplex Kirchenpolitik: »Mit einem nackten Administrieren in bezug auf die Geistlichen ist Schluß zu machen, und die schädliche Praxis der groben Einmischung der Behörden in die Angelegenheiten der Kirche ist einzustellen.«[116] Als konkrete Schritte müssen folgen: die Aufhebung der »Beschlagnahme der charitativen [so im Orig., H. D.] Kirchenanstalten (Alten- und Waisenheime), [die] Abnahme brachliegender kirchlicher Bodenflächen durch lokale Behörden, [die] Entziehung der für die Kirche festgelegten Subventionen usw. Die Verfolgung der einfachen Teilnehmer der kirchlichen Jugendorganisation ›Junge Gemeinde‹ ist einzustellen und die politische Arbeit unter ihnen zum Schwerpunkt zu machen«.[117] Die Umsetzung dieser Entscheidungen auf dem Sektor der Kirchenpolitik durch die SED-Führung, die Anfang Juni nach Moskau »gebeten« wurde, um die sowjetischen Beschlüsse entgegenzunehmen, erfolgte wenige Tage später.[118] Das gemeinsam vereinbarte Kommuniqué über das Grundsatzgespräch zwischen führenden Repräsentanten von Staat (Otto Grotewohl, Otto Nuschke, Paul Wandel, Wilhelm Zaisser u.a.) und Evangelischer Kirche (die Bischöfe Otto Dibelius/Berlin-Brandenburg, Hugo Hahn/ Landeskirche Sachsen, Niklot Beste/Mecklenburg, Moritz Mitzenheim/ Thüringen u.a.) stelle den Zustand vor Beginn des Kirchenkampfes 1952/53 wieder her. Das bedeutete auf dem Sektor der Kirchenpolitik, daß »keinerlei weitere Maßnahmen« gegen die Junge Gemeinde getroffen wurden. Weitere staatliche Zusagen betrafen die Wiederzulassung der von »den Oberschulen entfernten Schüler« zum Unterricht, die Aufhebung der »Einschränkungen der Abhaltung des Religionsunterrichts in den Schulgebäuden«; die Zurückgabe beschlagnahmter kirchlicher Gebäude, die Überprüfung der Gerichtsurteile gegen kirchliche Mitarbeiter und die Wiederauszahlung der »staatlichen Zuschüsse an die Kirchen«.[119] Die offen repressive Kirchenpolitik wurde aufgegeben, die Taktik geändert und in der zweiten Hälfte der 50er Jahre gab es wieder verstärkt Versuche, die Handlungsspielräume der Kirchen und Christen einzuengen; denn das Ziel hatte die SED nicht aufgegeben, die gesellschaftliche Präsenz der Kirchen zu begrenzen. [1] Ulbricht, Walter: Die gegenwärtige Lage und die neuen Aufgaben der SED. In: Protokoll der Verhandlungen der 2. Parteikonferenz der SED, 9.–12. Juli 1952, Berlin 1952, S. 20ff., hier S. 58 – Zur Verortung der 2. Parteikonferenz in den historischen Gesamtzusammenhang der frühen DDR siehe Weber, Hermann: Geschichte der DDR, aktualisierte und erw. Neuausgabe, München 1999, S. 147–159; Staritz, Dietrich: Geschichte der DDR, erw. Neuausgabe, Frankfurt/M. 1996, S. 94–100. [2] Ebenda, S. 58. [3] Beschluß der 2. Parteikonferenz der SED zur gegenwärtigen Lage und zu den Aufgaben im Kampf für Frieden, Einheit, Demokratie und Sozialismus. In: Protokoll der Verhandlungen der 2. Parteikonferenz der SED, a.a.O., S. 489–497, hier S. 492. [4] Ebenda, S. 492. [5] Ebenda. [6] Pieck, Wilhelm: Rede auf der 2. Parteikonferenz der SED am 10. Juli 1952. In: Protokoll der Verhandlungen, a.a.O. S. 198ff., hier S. 217. [7] Ebenda, S. 217. [8] »Beschluß des IV. Parlaments zur Übernahme der Patenschaft über die Deutsche Volkspolizei« In: Dokumente zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend, 2. Bd., Hg. im Auftrage des Zent­ralrats der Freien Deutschen Jugend, Berlin 1960, S. 437–438, hier S. 437. [9] Grußbotschaft Wilhelm Piecks an das IV. Parlament der FDJ, 27. Leipzig, 27. bis 30. Mai, Hg. vom Zentralrat der FDJ, o.O., o.J., S. 14–16, hier S. 16. [10] Vgl. Wenzke, Rüdiger: Auf dem Wege zur Kaderarmee. Aspekte der Rekrutierung, Sozialstruktur und personellen Entwicklung des entstehenden Militärs in der SBZ/DDR bis 1952/53. In: Thoß, Bruno: Volksarmee schaffen – ohne Geschrei! Studien zu den Anfängen einer ›verdeckten Aufrüstung‹ in der SBZ/DDR 1947–1952, München 1994, S. 205–272, hier S. 239ff., insbesondere S. 261f. [11] Beschluß des IV. Parlaments der FDJ, a.a.O. S. 437. [12] »Die junge Generation im Kampf für Frieden, Einheit und ein besseres Leben«. Aus der Entschließung des IV. Parlaments der FDJ, Pfingsten 1952 in Leipzig. In: Dokumente zur Geschichte der FDJ, a.a.O. S. 419–434, hier S. 434. [13] Ebenda, S. 434. [14] Pieck, Wilhelm: Rede auf der 2. Parteikonferenz der SED, a.a.O. S. 200, 203. [15] Beschluß der 2. Parteikonferenz der SED, a.a.O. S. 493. [16] Tatzkow, Monika: Privatindustrie ohne Perspektive. Der ›Versuch zur Liquidierung der mittleren privaten Warenproduzenten‹. In: Cerny, Jochen (Hg.): Brüche, Krisen, Wendepunkte. Neubefragung von DDR-Geschichte, Leipzig/Jena/Berlin 1990, S. 97–102, hier S. 99. [17] Beschluß der 2. Parteikonferenz der SED, a.a.O. S. 497. [18] Ulbricht, Walter: Die gegenwärtige Lage und die neuen Aufgaben der SED. In: Protokoll der Verhandlungen der 2. Parteikonferenz der SED, a.a.O. S. 44.; s. auch Raabe, Thomas: SED-Staat und katholische Kirche. Politische Beziehungen 1949–1961, Paderborn/München/Wien/Zürich 1995, S. 125. [19] Ulbricht, Walter: Rede auf dem IV. Parlament der FDJ. In: IV. Parlament der Freien Deutschen Jugend, a.a.O. S. 28ff., hier S. 238. [20] Ebenda, S. 240. – Anzumerken ist hier, daß keine Differenzierung zwischen der an den Hochschulen angesiedelten »Evangelischen Studentengemeinde« und der »Jungen Gemeinde«, der Gemeinschaft der jungen Christen in den Gemeinden, getroffen wird. Zudem wurde in der SED oftmals der Begriff der Jungen Gemeinde undifferenziert für die Gliederungen der evangelischen und katholischen jungen Christen, also die evangelische Junge Gemeinde und die katholischen Jugendgruppen, gebraucht. Siehe hierzu Skyba, Peter: Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Jugend in der DDR und Jugendpolitik der SED 1949–1961, Köln/Weimar/Wien 2000, S. 209 u. S. 209 Anm. 562, ferner Raabe, Thomas, a.a.O. S. 117, Anm. 8. [21] »Analyse über die Politik der Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik«, 22. 7. 1952, Vorlage der ZK-Abt. Staatliche Verwaltung, Willi Barth, für das Politbüro, SAPMO-Barch NY 4090/454, Bl. 117–127. Das Dokument ist auch veröffentlicht in: Hartweg, Frédéric (Hg.): SED und Kirche. Eine Dokumentation ihrer Beziehungen, Bd.1: SED 1946–1967. Bearb. von Joachim Heise, Neukirchen–Vluyn 1995, S. 66–72. [22] Ebenda, Bl. 117. Vgl. auch Goerner, Martin Georg: Die Kirche als Problem der SED. Strukturen kommunistischer Herrschaftsausübung gegenüber der evangelischen Kirche 1945 bis 1958, Berlin 1997, S. 85f. [23] »Analyse«, a.a.O., Bl. 121. [24]  Ebenda, Bl. 121. [25] Ebenda, Bl. 123. [26] Ebenda, Bl. 123. – Zum Thema Verbot kirchlicher Ferienlager s. unten S. 8. [27] Ebenda, Bl. 123; siehe vor allem Winter, Friedrich: Die Evangelische Kirche der Union und die Deutsche Demokratische Republik. Beziehungen und Wirkungen, Bielefeld 2001, S. 35f.; zum Verlauf des Streites zwischen Staat und APU um die Anerkennung der Evangelischen Kirche der Union vgl. ausführlich Winter, a.a.O., S. 28ff. [28] »Analyse«, a.a.O., Bl. 124. – Zum Thema Kirche und Zwangsaussiedlung siehe unten S. 18. [29] »Vorlage der Abteilung Staatliche Verwaltung für das Politbüro des ZK der SED« vom 26. 7. 1952, SAPMO-Barch, DY  4090/454, Bl. 116; s. auch Hartweg, Frédéric (Hg.): SED und Kirche, S. 65–66. [30] »Vorlage der Abteilung«, a.a.O., Bl. 116. [31] Jost, Friedhelm: SED und Junge Gemeinde im Bezirk Leipzig (1950–1963). Kirchliche Jugendarbeit und Resistenz. Magisterarbeit, Universität Bielefeld, Bielefeld 1994, S. 32 und Anm. 113 auf derselben Seite [32] Noack, Axel: Die Evangelische Studentengemeinde im Jahr 1953. In: Dähn/Gotschlich (Hg.): »Und führe uns nicht in Versuchung...«. Jugend im Spannungsfeld von Staat und Kirche in der SBZ /DDR 1945 bis 1989, S. 60–88, hier S. 76f. Straube, Peter-Paul: Katholische Studentengemeinde in der DDR als Ort eines außeruniversitären Studium generale, 2. Aufl., Leipzig 1997, S. 80f.,199. [33] Gemeint ist das »Gesetz über die Teilnahme der Jugend am Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik und die Förderung der Jugend in Schule und Beruf, bei Sport und Erholung« vom 8. Februar 1950. [34] Betr. Aktion »Frohe Ferientage für alle Kinder«, Berlin, den 30. 5. 1952, Unterschrift »Wolff« SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/14/169, Bl. 46–47, hier Bl. 47. [35] Siehe das Schreiben des Evangelischen Landesjugendpfarrers der Mark Brandenburg an die Landesregierung Brandenburg, Amt für kirchliche Angelegenheiten, Potsdam, 1. August 1952 (Abschrift) SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/14/169 Bl. 128. [36] Rundschreiben Warnke vom 4. Juni 1952 an die Innenminister der Länder und den Chef der Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei SAPMO-BArch, DY  30/IV2/14/169, Bl. 56. [37] Protokoll der Sitzung des Sekretariats des Zentralkomitees, 17. 7. 1952, TOP 4: »Ferien –Aktion« SAPMO-BArch , DY 30  J IV 2/3/308, Bl.4f., hier Bl. 5. [38] Die erste Verordnung über die Anzeigepflicht von Veranstaltungen stammt vom 1. Juli 1949. [39] Näheres hierzu s. Wentker, Hermann: »Kirchenkampf« in der DDR. Der Konflikt um die Junge Gemeinde 1950–1953. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 42. Jg., 1. Heft, 1994, S. 95–127, hier S. 100. [40] Bericht der Abt. Staatliche Verwaltung im ZK, Plenikowski, an Walter Ulbricht betr. Veranstaltungen der »Jungen Gemeinde« in Sachsen. Auftrag vom 19. Mai 1952, 27. Mai 1952 SAPMO- BArch, DY 30/IV2/4/169, Bl. 52–54, hier Bl. 52; Kaufmann: Agenten mit dem Kugelkreuz. Leipziger Junge Gemeinden zwischen Aufbruch und Verfolgung 1945–1953, Leipzig 1995, S. 52–54. [41] Wentker, Hermann, a.a.O., S. 107; Dähn, Horst: Konfrontation oder Kooperation? Das Verhältnis von Staat und Kirche in der SBZ/DDR 1945–1980, Opladen 1982, S. 43, Schalück, Andreas: Eine Agentur der Kirchen im Staatsapparat? Otto Nuschke und die Hauptabteilung »Verbindung zu den Kirchen« 1949–1953, Berlin 1999, S. 177f. [42] Schreiben von Otto Nuschle an Otto Grotewohl vom 25. August 1952, abgedruckt in: Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 1952, 79. Jg., Gütersloh 1953, S. 207–209, hier S. 208 und 209. [43] Bericht Erich Honeckers auf dem IV. Parlament der Freien Deutschen Jugend. In: IV. Par­lament der Freien Deutschen Jugend, a.a.O., S. 17ff., hier S. 32. [44] Skyba, Peter, a.a.O., S. 181. [45] Ebenda, S. 182. [46] Veröffentlicht in: Dokumente zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend, 2. Bd., Berlin 1960, S. 438–439. [47] Ebenda, S. 438. [48] Veröffentlicht in Dokumente zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend, a.a.O., S. 419–434, hier S. 422. [49] Einzelheiten zum Thema Junge Gemeinde und Militarisierung der FDJ s. vor allem Skyba, Peter, a.a.O., S. 215–216. [50] Bezirksleitung der SED Neubrandenburg Abt. Staatliche Organe, Neustrelitz, den 23. 10. 1952: »Bericht über die Tätigkeit der ›Jungen Gemeinde‹ und Maßnahmen zur Einschränkung ihrer Arbeit«. SAPMO-Barch, DY 30/IV 2/14/169, Bl. 153–158, hier Bl. 154. [51] S. hierzu vor allem Skyba, Peter, a.a.O., S. 192–193. [52] Die entsprechende Anweisung an die FDJ-Führung erteilte das Sekretariat des ZK der SED in seiner Sitzung am 24. Juni 1952. S. Skyba, Peter, a.a.O., S. 188. [53] Skyba, Peter, a.a.O., S. 189. [54] Ebenda, S. 190. [55] Ebenda, S. 210. [56] Siehe beispielsweise »Die Aufgaben der Partei zur Förderung der Freien Deutschen Jugend«, Entschließung des ZK der SED auf seiner 8. Tagung am 23. Februar 1952. In: Dokumente der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Bd. III, Berlin 1952, S. 739–750, hier S. 745. [57] Bezirksleitung der SED Neubrandenburg, Neustrelitz, den 23. 10. 1952, a.a.O., Bl. 153. [58] So heißt es in einem Bericht der Abt. Org.-Instrukteure des Zentralrats der FDJ, Information Nr. 8 vom 25. 1. 1952: »Neben dem fröhlichen Jugendleben werden Schulungen durchgeführt, die entweder von der Bibel ausgehen oder von zeitnahen politischen Problemen. Bei den Schulungen werden ebenfalls für Jugendliche interessante Themen behandelt.« Zit. nach Skyba, Peter, a.a.O., S. 211. [59] »Analyse«, a.a.O., Bl. 119. Siehe auch Skyba, Peter, a.a.O., S. 213. Der Hinweis auf die eindeutige ideologische Orientierung hin zum Marxismus-Leninismus entstammt übrigens einem Bericht der Abt. Org.-Instrukteure des Zentralrats, Information Nr. 8, 25. 1. 1952, SAPMO-Barch, DY 30/IV2/16/84, Bl. 15ff., hier Bl. 19 und lautet vollständig: »Die FDJ geht nun offen den Weg des Marxismus-Leninismus, in dem es keinen Platz für einen wahrhaften, realen Gott gibt.« Zit. nach Skyba, Peter, a.a.O., S. 213. [60] Skyba, Peter, a.a.O., S. 216. [61] Dieser Auffassung ist Goerner, Martin Georg, a.a.O., S. 95, Anm. 401. [62] Ebenda. [63] Vorschlag von Karl Maron an Gustav Röbelen, ZK der SED, zur Weiterleitung an das Sekretariat des ZK der SED betr. »Maßnahmen zur Unterbindung der Tätigkeit der ›Jungen Gemeinde‹«, 9. 08. 1952, SAPMO-Barch, DY 30/IV 2/14/169, Bl. 132–134, hier Bl. 132. [64] Ebenda. [65] Ebenda, Bl. 133. [66] Ebenda, Bl. 133. [67] Art. 44 der DDR-Verfassung vom 7. Oktober 1949 lautet: »Das Recht der Kirche auf Erteilung von Religionsunterricht in den Räumen der Schule ist gewährleistet. Der Religionsunterricht wird von den durch die Kirche ausgewählten Kräften erteilt. Niemand darf gezwungen oder gehindert werden, Religionsunterricht zu erteilen. Über die Teilnahme am Religionsunterricht bestimmen die Erziehungsberechtigten.« In: Roggemann, Herwig: Die DDR-Verfassungen. Einführung in das Verfassungsrecht der DDR. Grundlagen und neuere Entwicklung, 4., neu bearb. und erw. Aufl., Berlin 1989, S. 461. [68] Vorschlag von Karl Maron, a.a.O., Bl. 133. [69] Siehe beispielsweise das Rundschreiben des Bischofs der Ev. Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, Ludolf Müller, an die »Herren Superintendenten und Pröpste unseres Aufsichtsbereiches« vom 26. 10. 1950, 1. Umdruck, betr. Staat-Kirche-Konflikt wegen des Tragens des Bekenntniszeichens, SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/14/169, Bl. 2; vgl. ferner Kaufmann, S. 14–18; Schalück, S. 174–175. [70] Vorschlag von Karl Maron, a.a.O., Bl. 133. [71] Ebenda, Bl. 133. [72] Ebenda, Bl. 133. [73] Goerner, Martin Georg, a.a.O., S. 95f. [74] Ebenda, S. 72. [75] Bericht der Bezirksleitung der SED Neubrandenburg, Abt. Staatliche Organe, »über die Tätigkeit der ›Jungen Gemeinde‹und Maßnahmen zur Einschränkung ihrer Arbeit«, Neustrelitz, d. 23. 10. 1952, SAPMO-Barch, DY 30/IV 2/14/169, Bl. 153–158, hier Bl. 157. [76] Ebenda, Bl. 157. [77] Verordnung des Ministerrats der DDR »über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands« vom 26. Mai 1952. In: Münch, Ingo von (Hg.): Dokumente des geteilten Deutschland, 2., unv. Aufl., Stuttgart 1976, S. 399–400, hier S. 399. – Walter Ulbricht spricht an einer Stelle seines Referates auf der 2. Parteikonferenz das Thema Maßnahmen »an der Demarkationslinie zum Schutze unserer Republik« direkt an. S. Ulbricht, Walter: »Die gegenwärtige Lage und die neuen Aufgaben der SED«, a.a.O., S. 212f. [78] Schreiben des katholischen Bischofs von Berlin, Wilhelm Weskamm, unterzeichnet von allen Bischöfen und Bischöflichen Kommissaren in der Berliner Ordinarienkonferenz, an Otto Grotewohl vom 3. 7. 1952 SAPMO-Barch, DY 30/IV 2/14/37, Bl. 46–48, hier Bl. 46. [79] Ebenda, Bl. 46. [80] Ebenda, Bl. 47. Siehe auch Bennewitz, Inge/Potratz, Rainer: Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze, Berlin 1994, S. 67. Den Bemühungen der Kirchen um eine Regelung dieser und weiterer Streitfragen war nur ein sehr begrenzter Erfolg beschieden. Siehe hierzu den Aktenvermerk über die Besprechung des Staatssekretärs im Ministerium des Innern, Hans Warnke, mit Prälat Johannes Zinke, Leiter des Commissariates der Fuldaer Bischofskonferenz in Berlin und Leiter der Hauptvertretung Berlin (West) des Deutschen Caritasverbandes am 16. Juli 1952, SAPMO-BArch, NY 4090/454, Bl. 83–86. [81] Bennewitz, Inge/Potratz, Rainer, a.a.O., S. 66. [82] Verordnung des DDR-Ministerrats »über weitere Maßnahmen zum Schutz der Deutschen Demokratischen Republik« vom 9. Juni 1952. In: Münch, Ingo von (Hg.), a.a.O., S. 404. [83] Befehl 38/52 des Leiters der HDVP Deutsche Demokratische Republik, Berlin, den 26. Mai 1952, veröffentlicht in: Bennewitz,Inge/Potratz, Rainer, a.a.O., S. 231–233, hier S. 231. [84] Zu den verschiedenen Ausweisungsgründen Bennewitz, Inge/Potratz, Rainer, a.a.O., S. 40–43. [85] Schreiben des Landesbischofs der Evang.-Luth. Kirche in Thüringen, Moritz Mitzenheim, Eisenach, an den Stellvertreter des Ministerpräsidenten des Landes Thüringen. Herrn Innenmini­ster Gebhardt, Erfurt, 10. Juni 1952, in: SAPMO-Barch, NY 4090/454, Bl. 54–56, hier Bl. 54. [86] Ebenda, Bl. 55. [87] Ebenda, Bl. 54 (Rückseite). [88] Mielkes Dienstanweisung Nr. 22/52V/E, 23. 11. 1952: »An alle Bezirksverwaltungen«, in: Besier, Gerhard/Wolf, Stephan (Hg.): »Pfarrer, Christen und Katholiken«. Das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR und die Kirchen, 2., durchgesehene und um weitere Dokumente vermehrte Aufl., Neukirchen-Vluyn 1991, S. 167– 68, hier S. 167. [89] Ebenda, S. 167. [90] Ebenda, S. 177. [91] Ebenda, S. 178, siehe auch Goerner, Martin Georg, a.a.O., S. 96; Wentker, Hermann, a.a.O., S. 110. [92] Zentralrat der FDJ, Abteilung Schulen, Berlin, den 9. 12. 1952: »Einschätzung der Tätigkeit der ›Jungen Gemeinde‹ an den Oberschulen der Deutschen Demokratischen Republik« SAPMO-BArch, NY 4182/1097, Bl. 124–134, Hier Bl. 124. [93] Ebenda, Bl. 130. [94] Analyse der Abt. Leitende Organe der Partei und der Massenorganisationen des ZK der SED vom 16. 12. 1952 (mit handschriftlichen Unterstreichungen) mit einer Hausmitteilung an Walter Ulbricht vom 19. 12. 1952: Die Tätigkeit der Jungen Gemeinde an den Oberschulen der DDR. Veröffentlicht in: Hartweg, Frédéric (Hg.), a.a.O., S. 80–82. [95] Goerner, Martin Georg, a.a.O., S. 98. [96] Vorlage für einen Sekretariatsbeschluß von der Abteilung Staatliche Verwaltung des ZK der SED an das Sekretariat des ZK der SED vom 13. 1. 1953: Maßnahmen gegen die Tätigkeit der »Jungen Gemeinde«, abgedruckt in Hartwég, Frédéric (Hg.), a.a.O., S. 82–88, hier S. 84. [97] Ebenda, S. 86. [98] Ebenda. S. 86. [99] Ebenda, S. 86. [100] Protokoll Nr. 5/53 der Sitzung des Politbüros des ZK der SED (Auszug) am 27. 1. 1953, Beschlußpunkt 6: Junge Gemeinde und Anlage Nr. 2 zum Protokoll, Junge Gemeinde, abgedruckt in: Hartwég, Frédéric (Hg.), a.a.O., S. 88–91, hier S. 88. [101] Ebenda. [102] Ebenda. [103] Dieser Kommission gehörten außer Erich Honecker an Franz Dahlem, Mitglied des Politbüros und des Sekretariats des ZK der SED, Ilse Thiele, Mitglied des Sekretariats des Demokratischen Frauenbunds Deutschlands, Hans Lauter, Mitglied des ZK und seines Sekretariats, Paul Wandel, Mitglied des ZK, 1952/53 Leiter der Koordinierungsstelle für Kultur und Volksbildung, Erich Mielke, Mitglied des ZK und Staatssekretär im MfS, und Willi Barth, stellvertretender Leiter der Abt. Staatliche Verwaltung im ZK der SED. [104] »Plan für die Entlarvung der Jungen Gemeinde« SAPMO-Barch, DY 39/IV2/14/170 Bl. 81–84; siehe auch Goerner, Martin Georg, a.a.O., S. 100. [105] Auszug aus dem Protokoll Nr. 16/53 der Sitzung des Politbüros des ZK der SED vom 17. 3. 1953 SAPMO-BArch, NY 4090/455, Bl. 158; s. auch Raabe, Thomas, a.a.O., S. 134. [106] Skyba, Peter, a.a.O., S. 231; siehe auch Wentker, Hermann, a.a.O., S. 117. [107] Nach Angaben der FDJ wurden an der Universität Halle 17, in Leipzig 14, in Greifswald und an der Bergakademie jeweils 14 Ausschlüsse von Angehörigen der Studentengemeinden regi­striert. Siehe hierzu Skyba, Peter, a.a.O., S. 231. [108] Zahlen über Zwangsexmatrikulationen von Anhängern der Studentengemeinden liegen bislang nicht vor. Siehe auch Wentker, Hermann, a.a.O., S. 118, neuerdings Stengel, Friedemann: Die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates bis zu ihrer Umwandlung in Sektionen 1970/71, Leipzig 1998, S. 67, Anm. 332. [109] Stengel, Friedemann, a.a.O., S. 68, Anm. 334. [110] Fernschreiben Erich Honeckers »An die 1. Sekretäre der Bezirksleitungen der Freien Deutschen Jugend«, Berlin, den 15. 4. 1953. In: Straube, Peter-Paul, a.a.O., S. 213–214, hier S. 214. [111] Wentker, Hermann, a.a.O., S. 112; Schalück, Andreas, a.a.O., S. 237f. [112] Pollack, Detlef, a.a.O., S. 114, 116f.; Goerner, Martin Georg, a.a.O. S. 103f. – Speziell zum Komplex Auflösung der Theologischen Fakultäten und Gründung kirchlicher Hochschulen siehe Stengel, Friedemann, a.a.O., S. 78ff., hier S. 86f. [113] Kommuniqué des Politbüros vom 9. Juni 1953. In: Dokumente der SED, hg. vom ZK der SED, Bd. IV, Berlin 1954, S. 428–431, hier S. 428. [114] Zum Thema »Neuer Kurs« und seiner Vorgeschichte s. Staritz, Dietrich: S. 100ff., hier S. 115f.; Weber, Hermann, a.a.O., S. 160–162. [115] Da heißt es im »Kommuniqué des Politbüros«: »Das Politbüro schlägt ferner vor, daß alle im Zusammenhang mit der Überprüfung der Oberschüler und der Diskussion über die Tätigkeit der Jungen Gemeinde aus den Oberschulen entfernten Schüler sofort wieder zum Unterricht zuzulassen sind und daß ihnen die Möglichkeit gegeben wird, die versäumten Prüfungen nachzuholen. [...] Die in den letzten Monaten ausgesprochenen Exmatrikulationen an Hochschulen und Universitäten sollen sofort überprüft und bis zum 20. Juni 1953 entscheiden werden..« In: Dokumente der SED, Bd. IV, Berlin 1954, S. 430. [116] Stöckigt, Rolf: Ein Dokument von großer historischer Bedeutung. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 32. Jg. H. 5, S. 649f. Text des Dokuments »Über die Gesundung der politischen Lage in der Deutschen Demokratischen Republik« vom 2. Juni 1953, ebenda, S. 651–654, hier S. 654. [117] Ebenda. [118] Siehe vor allem Goerner, Martin Georg, a.a.O., S. 116ff. [119] Dähn, Horst, a.a.O., S. 46ff; Pollack, Detlef, a.a.O., S. 123.

JHK 2002

The Greek Communist Party and the Communist International

Heinz A. Richter

Economic and social conditions of the development of the Greek Communist movement   As in all other countries the specific features of the Greek social system and the conditions of the country’s economy had a distinctive influence on the beginnings of the Labour movement. The following table gives an idea of the economic conditions prevailing in Greece.[1]           1861      1870      1879       1907      1920      1928   primary sector agriculture 74,0        74,8        69,9        66,3        70,0        68,3 secondary sector industry/craft  10,0     10,3     11,8     12,8     13,1     14,7 tertiary sector  16,0     14,9     18,3     20,9     16,0     17,0 trade/banking/traffic  6,1      6,3      7,3      11,1     9,2      10,7 private services           3,9      3,8      5,2      3,4       2,2      1,9 army & public service 4,4      3,4      3,9      3,2      2,0      1,5 professions      1,6      1,4      1,9      3,2      2,6      2,9 But even this table[2] is misleading to a certain degree because the secondary sec­tor includes people working in tiniest shops. In 1920 there were 34.892 industrial enterprises of which 31 987 had less than 5 workers. 2413 »factories« occupied between 6 and 25 workers and 492 more than 26 workers. According to west European standard this could hardly be called industry. Greece was an agricul­tural country with some trade.[3] The urbanisation process continued. Until 1920 the growth of Greek towns had been caused by the usual migration from the countryside to the towns. The living conditions in Athens and Piraeus were intolerable. In 1920 five to six people shared one room. But this was idyllic compared with the catastrophical conditions two years later when one and a half million refugees from Asia Minor poured into the country. Within a very short time the population of Athen/Piraeus almost doubled (1920: 453 042; 1928: 802 000). Almost needless to say that the infrastructure of the capital could not keep pace with this development. Most of the town dwellers had no jobs and tried to make a living with casual work. In 1928 thirty nine per cent of the refugees were without a job. A totally unjust tax system hit the poor especially hard: forty two per cent of the income of a peasant or worker family were devoured by indirect taxes. In 1939 the yearly per capita income of a Greek amounted to 75 $; in Great Britain the comparative figure was 469 $. Greece was one of the poorest countries of Europe between the wars. Politically Greece was unstable as well. In 1909 the old political system had be­come so thoroughly rotten that a kind of Young Turk Rebellion took place in the armed forces. This rebellion is known as the Revolution of Goudi. The officers were clever enough not to try to run the country themselves and called the liberal politician Eleftherios Venizelos to the fore. In 1910 and 1911 Venizelos reformed the Greek state, i. e. he modernised outdated structures and updated the constitution. Beginning social unrest was channeled by creating paternalistic unions and bringing them under the tutelage of the liberal party. During the First World War the country was deeply split. The king wanted to side with the Middle Powers, and Venizelos strongly believed in the ultimate victory of the Entente. Venizelos was right and in the peace treaty of Svres he won a big portion of Asia Minor for Greece. Unfortunately his royalist successor gambled away his gains: He started a war against Kemal Atatürk’s resurgent Turkey without allies and lost it. The price was paid by the Greeks of Asia Minor. 1.5 million of them were driven out of land their ancestors had occupied 2500 years ago. Greece now became a republic. But this republic was even more unstable than the Weimar Republic. Governments rarely survived a few months. There were coups and short lived dictatorships. The electorate was called to the polls seven times between 1924 and 1936. During the same period there were two plebiscites on the form of government. The electoral system was changed in each election. In 1935 the monarchy was restored by a fraudulent plebiscite and 1936 a fascist dictatorship[4] was erected by King Georg II and General Ioannis Metaxas. The most astonishing feature of this period, however, was that not even the Asia Minor Catastrophe was able to destroy the old two party system which had come into being during the First World War. Even the refugees did not turn radical or communist and voted against the bourgeois parties which had created the disaster. And the refugees became and remained the staunchest supporters of Venizelos. This brings us to a feature of the Greek political system which is totally strange to Europeans. When the modern Greek state was created in 1832 it inherited and developed political structures alien to Europe, i.e. Greece generated her own specific political culture.[5] In the context of this study one of its multi-faceted features is of major interest: Greece’s clientelistic system. The roots of this custom reach back into the time of the Ottoman Empire. During the 400 years of Turkish rule it became »customary for the local notable to intercede with the authorities on behalf of his fellow citizens. This role gave added prestige, power, and wealth; the villagers gained a sponsor and security. There was some reciprocity, since it was recognized that the notable had a call on the service or loyalty of those for whom he did favors. Conversely, the notable had an obligation to protect the interests of those who entered into this relationship [...]«.[6] In the last resort this system served to protect the individual and his family against extra-community forces, i. e. against infringements by Ottoman power bearers. However, after 1821 this system’s character changed radically. From now on clientelism was used to tie the individual to the political system. The previous »patron-protectors« began to involve themselves in politics as party leaders and soon found that their clientelistic networks could be used for exerting political power. The client’s original desire for physical security gave way to the aspiration for social protection or promotion. The patrons soon discovered that they were able to grant favours to their clients and in turn would gain their votes. Thus in the 19th century a highly sophisticated system of favoritism, nepotism, patronage and favors or rousfetia (fulfilment of voters’ wishes by legal or illegal means) was created which kept the clientele together. At the same time many patrons detected that there were others more powerful. Therefore they subordinated themselves to these and became part of their clientelistic network. At the beginning of the 20th century two rivalling clientelistic pyramids existed which vaguely resembled European conservatives and liberals. The state machinery became the object of the patrons’ exploitative greed: job haggling and horse-trading, corruption, log-rolling manoeuvres and spoils system ruined the administration, judiciary and military. The parties which resulted from this system of »political procuring« as it was characterized by a deputy towards the end of the 19th century did not know any party program, organisation or congresses let alone internal democracy. The party bosses were the absolute overlords of their organisations. Conflicts within a party led to the splitting of whole clientelistic networks and in the last resort to factionalisation. According to the success or failure of a party leader his clientele grew or shrank. Accordingly, the Greek voter did not vote for the policy of a party but against the party which had not done him the expected favour (rousfeti). The population growth which slowly led to an urbanisation of the country did almost not touch this system. Not even when the process of industrialisation, accompanied by capitalist exploitation showed the first obstacles, was the system shaken noticeably. In fact, the exploited sought remedy from their patrons. The idea to turn against them did not come into their minds. It needed the Great Depression and the political crisis towards the end of the (Venizelist) republic to deliver a first blow to the system. The fascist dictatorship between 1936 and 1941 beheaded and paralysed the clientelistic networks by arresting and deporting the patrons. The bewildered clients were left alone and started to look for new guidance. The occupation of Greece by the Axis powers created a political vacuum which was filled by the Greek communist party offering leadership in the resistance struggle against the invaders. Individuals and whole clientelistic networks shifted their loyalty to the new organisations promising a brighter future. The only political factor totally alien to this system was the Greek Communist Party (Kommounistiko Komma Elladas; KKE) which introduced unknown elements of European political culture such as party programme or party discipline and, above all, could offer no rousfetia. When investigating the history of the Greek Communist Party six distinctly different periods seem to be discernible between its founding in 1918 and the dissolution of the Comintern in 1943. They may be characterized by the following headings: Convulsions of birth, 1918–1920; factional strives 1920–1924; bolshevisation, 1924–1931; intervention of the Comintern and subsequent stalinisation, 1931–1936; struggle for survival against the fascist dictatorship of Metaxas, 1936–1941; resistance and development towards a mass movement, 1941–1944.     Available Sources   Until 1974 research on the history of KKE was seriously impeded by the fact that the party had been outlawed since December 1947. Most party publications after the end of the Civil War (1949) appeared somewhere in Eastern Europe under the name »Political and Literary Editions« (Politikes kai Logotechnikes Ekdoseis). Few found their way into Greece and almost none into a public library. During the colonels’ dictatorship (1967–1974) all public libraries were thoroughly purged from the few remaining leftist books. Nowhere in Greece were sources published by KKE legally obtainable. Material dealing with the interwar period did not exist at all. It had been banned and burned during Metaxas’ dictatorship (1936–1940) and the little which may have had survived the onslaught of the secret police had disappeared after 1947. Only with great difficulty was it possible to trace some private collections and to obtain admission to them. The party’s archives were inaccessible because they were located somewhere in Eastern Europe, most probably in Bucharest. When KKE in the 1960s was preparing a series of documentations parts of the archives were moved to Skopje. Alekos Papapanagiotou who worked in the Institute of National History (Arhiv na Instituta za Nationalna Istorija) at the University of Skopje was chosen as the official party historian and editor of the »Official Documents« (Episima Keimena) series dealing with World War II and the Civil War. When the party split in 1968 he sided with the Euro-Communist wing (KKEes). Freed from control by the orthodox mandarins, he began to publish broadly in a scholarly way taking up even very controversial issues especially of the Civil War period.[7] His Episima Keimena volume of the war years was so embarassing for the orthodox wing that they decided to publish their version as well.[8] After 1974 he prepared the Civil War volume of the series but it was never published. Apparently the contents were still too embarassing for some leading Euro-Communists. Over the years Papapanagiotou had built up a huge archive in Skopje containing all sorts of material. When he died in the late 70s the archive disappeared but it re-surfaced in 1991. It is now part of the ASKI (Archeia Synchronis Koinonikis Istorias – Archives for Modern and Social History) Foundation closely linked to EAR, the party succeeding the KKEes. ASKI is open to scholars. It even publishes a journal which has the same name as the foundation. A few years ago KKE set up an institute of Marxist studies (Kentron Marxistikon Erevnon) in Athens where most of the reprinted material is available. Controversial and sensitive material, however, will be searched for in vain by researchers. Though the party’s archives were moved to Greece they are not accessible to scholars. The standard excuse is that the material is being restored because a few years ago heavy rains drowned much of the archives situated in the basement of the Central Committee building. There are a few private collections containing communist sources which are difficult of access. Government sources – especially police records – exist but are in bad order and may only be consulted after 50 years, if at all. Since 1990/92, after the opening of the Moscow archives the source situation regarding the early history of KKE has improved considerably. Scholars may consult most of the archives of Komintern and individual communist parties; some groups of sources, however, remain closed. KKE-Documents, files of the Greek EKKI representation and cadre folders can be found in the RGASPI (Rossiskij Gosudarstvennij Archiv Socialno-Politiceskoj Istorii – Russian State Archiv for Social-Political History). Another important source on Komintern policy are the published diaries of Dimitroff.[9] Despite these impediments the primary source situation as far as official party documentation is concerned in reality has not been bad – provided the publications could be traced.[10] Secondary sources such as memoirs and reminiscences dealing with the period until 1931 are scarce.[11] For the years to the Second World War their number is meagre.[12] The resistance period, however, is characterised by abundancy.[13] Scholarly research on a communist or leftist topic in Greece proper before 1974 was non-existent for two reasons: Official historians considered contemporary history (Zeitgeschichte) as current politics and therefore as unscholarly and the Greek state did everything possible to discourage research and historiography in this field.[14] It inspired, however, the publication of pseudo-scholarly studies on KKE which were scarcely more than pieces of anti-communist propaganda.[15] The same purpose was served by publishing accounts of KKE-renegades.[16] But in our context they are irrelevant. Research outside Greece was arid. In the US there appeared a monograph on the history of SEKE/KKE which regrettably was written from an extreme cold war position.[17] Another American study scrutinized the Greek trade union movement.[18] The development of social question in the 19th and 20th century was the topic of a study published in the Federal Republic of Germany.[19] The first account of the party’s history from a KKE-point of view appeared in 1945 when secretary general Nikos Zachariadis made a first effort to interpret KKE’s history.[20] The first concise official party chronicle appeared in 1952[21] and was soon followed by a lengthier history.[22] The next effort at a party history was made by KKE in 1978.[23] All of them were rather uncritical and reflected scarcely more than the prevailing ideo­logical position at the time. After 1974 the situation changed radically. Immediately after the fall of the military junta the Karamalis government legalised KKE. The taboo, which had hindered research for decades, fell. During the ensuing years a kind of literary explosion took place in Greece: memoirs, reminiscences, articles, monographs and all kinds of reprints appeared in ever increasing numbers. The focus, however, was on the time of the National Resistance. The earlier period was still paid little attention to by historical researchers, but since most of the earlier party documentations and histories were reproduced the source situation improved considerably. The fact that since 1968 there had been two communist parties in Greece (the orthodox KKE and the Eurocommunist KKE esoterikou) furthered research as well because KEs published documentations based on parts of the party’s archives which often diverged substantially. Unfortunately, however, these revealing discrepancies deal with the late resistance period and the beginning of the civil war. But there are a few memoirs of members of the Eurocommunist KKE which prove helpful in our context. In 1984 the present author published the first and so far only comprehensive bibliography on Greek communism, socialism and trade unionism[24] which lists more than 1700 titles dealing with this topic. The entries dealing with the history of KKE until 1941, however, scarcely exceed 120. These include party documents, monographs, memoirs, biographies, articles in periodicals, essays in books, dissertations, and pamphlets. In 1974 an Unit journalist with intimate knowledge of KKE, Antonio Solaro, presented a story of KKE from a Euro-communist position. Despite lack of sources Solaro’s account was a valuable contribution as it shed light on certain controversial episodes of the party’s past.[25] The multi-volume history by Katsoulis on the other hand is written from a position very close to KKE and methodologically it is scarcely more than a compilation of well known party documents linked by accompanying text.[26] However, even after 1974 historical research by non-communist historians dea­ling with the period under consideration has been scarce. The pre-history of KKE was analyzed by a Greek-American his­to­ri­an.[27] Panagiotis Noutsos’ multivolume work on Greek socialist thinking is a bonanza for scholars researching the early history of SEKE/KKE.[28] Elefantis’ account[29] of the interwar period is another noteworthy exception, though, strictly speaking, it is not a party history. The studies of Matthias Esche,[30] Hagen Fleischer,[31] und Christophe Chiclet[32] contain a wealth of information about the history of KKE during the Axis occupation, the Dekemvriana and the Civil War but do not touch the earlier period. The story of KKE from its foundation to the Meraxas dictatorship is still waiting for its historian. The KKE-Comintern connection was treated in German by me in a general way[33] and thoroughly by a Russian scholar.[34]     Convulsions of Birth, 1918–1920   The Greek Communist Party was founded in November 1918 as Socialist Workers’ Party of Greece (Sosialistiko Ergatiko Komma Elladas; SEKE). The foundation of SEKE in November 1918 came about as an aftermath of the First Panhellenic Trades Union Congress in October 1918. Provoked by labour unrest in 1911 the liberal government of Eleftherios Venizelos had established a system of paterna­listic control over the emerging tiny unions by introducing the French organisation system (bourse du travail). Right from the beginning the Worker Centres became part of the Venizelist party clientele network. In 1914 the right to form a union was established and simultaneously control by the state and the Venizelist party increased. Nevertheless socialist ideas spread among the unions. But until the end of the First World War Greek trades unions remained local and extremely fragmented. During the First Congress three political trends were discernible: The so-called reformists adhered to the Venizelist paternalistic system and opposed any political activity by the unions. The two other groups represented the right- and left-wing of the socialist trend. They propagated class struggle and rejected any state intervention. As the socialists had the majority in the congress the statutes of the General Trade Unions League (Geniki Synomospondia Ergaton Elladas; GSEE) bore their handwriting. Despite this initial success the original fragmentation continued. Due to the state-imposed election procedure of delegates to GSEE congresses the creation of mini-unions was encouraged which in turn became an easy prey of the rival political parties. This in turn introduced all the negative features of the clientele system into the unions. Thus the GSEE-unions assumed the character of unofficial state unions. By 1936 the Greek unions counted several hundred. Inspired by the October Revolution Greek socialists decided to found a nation-wide party. Until that date there had been few isolated socialist groups. The strongest was the Socialist Federation of Thessaloniki founded by Jewish intellectuals which before the First World War had been in contact with the Second International. Some days after the First GSEE-congress few unionists and left intellectuals founded SEKE. They were idealistic leftists and their knowledge of socialism was limited. Accordingly the programmatic resolutions were a colourful mixture of marxist and liberal concepts combined with Wilsonian idealism.[35] When in March 1919 the Comintern was created trouble began. The left- wingers in the SEKE leadership demanded the severing of all contacts with the Second International and entry into the Comintern. In May the Party Council (Symvoulio tou Kommatos) found a compromise which postponed the split for the time being: Contacts with the Second International were to be broken off and it was decided to get in touch with the Comintern. The final decision of adherance would be taken by the 2nd Party Congress. Despite this compromise the bickering continued. In September during another meeting of the Party Council the left-wing majority decided to enter the Balkan Federation of Socialist Parties which a few months ago had joined the Comintern. As this verdict anticipated the resolutions of the 2nd Congress the social-democratic president of SEKE, Aristos Arvanitis, resigned and left the party. The Party Council further decided to establish contact with the Comintern. The story of this first abortive mission to Moscow would easily form an ideal film plot but is much too long to be retold in this context.[36] In April 1920 the 2nd SEKE Congress convened. Since the Communist faction controlled the majority of the delegates the decision to enter the Comintern was taken almost unanimously. According to the report of the Central Committee (CC) SEKE counted approximately 1000 members and the youth movement about 500. The Congress further decided to change the party’s name into SEKE (K) [Kommounistiko]. This decision caused the resignation of many leading socialist oriented members with their clientele from the party and a split of the GSEE. The reformists created their own GSEE and within the left GSEE two factions developed which soon became absorbed in ideological infights. The Greek union movement was de facto paralyzed.     Factional Strives 1920–1924   In summer 1920 the 2nd Congress of the Comintern put up the notorious 21 conditions of adherence. When these became known in Greece they almost led to a split in SEKE (K) as a considerable number of party members refused to submit to the leadership of the Comintern. In September 1920 the Comintern accepted SEKE (K) as a member of the – in the meantime renamed – Communist Balkan Federation. Thus at the end of 1920 SEKE (K) was only an indirect member of the Comintern. At the same time it became clear that the Balkan Federation would have a say in all matters of the Greek party. Internally the party stood before severe struggles. In early 1921 three factions fought for the control over SEKE (K). The extreme left (N. Sargologos) propagated a revolutionary course. The »centre« (N. Dimitratos) demanded cooperation with the Venizelists and the dropping of any revolutionary activity. The »right« (G. Georgiadis, Giannis Kordatos, Avraam Benarogia, P. Dimitratos) steered a more socialdemocratic course. Still another line was propagated by the owner of the party’s newspaper, Giannis Petsopoulos. In order to overcome the conflict a delegation was sent to the 3rd Comintern Congress which took place in June 1921. The Greek delegation was allowed to participate in the congress but no leading representative of the Comintern received them. They met the Comintern responsible for the Balkans (Christian Rakovski) and the Secretary General of the Bulgarian party (Vasil Kolarov). When the Greeks asked for admission to the Comintern they were told to purge their party from all dissidents and to accept the 21 conditions. Clearly the Comintern did not trust the Greeks since they were no proletarians but obviously intellectuals. The delegation returned to Greece with a lot of propaganda material but little financial help.[37] In the meantime the Greek-Turkish war was reaching its climax. SEKE (K) organised an anti-war campaign which provoked repressive measures by the Greek government (Gounaris). In February 1922 the party’s »centre« and »right« staged a coup: they called together the first panhellenic party conference which was not provided for by the charter. As many from the »left« were at the front the moderates had a majority and waved through a social-democratic platform (participation in elections and parliament). From now, on the party would consider the Comintern resolutions as historical documents, which might serve SEKE (K) as orientation on the specific Greek way towards socialism.[38] Kordatos was elected secretary of the CC. The taking over by the moderates led to renewed factional strife among the rank and file which even reached the members at the front in Asia Minor. In May 1922 the Executive Bureau of the Communist Balkan Federation met in Sofia. The Secretary General of the Bulgarian Party, Vasil Kolarov, tabled a resolution for the autonomy of Macedonia and Thrace otherwise the Bulgarian refugees resulting from the treaty of Neuilly would side with IMRO.[39] With this demand the Bulgarian party took over positions of the bourgeois parties aiming at the creation of a greater Bulgaria. The representative of SEKE (K), Petsopoulos, managed with great difficulties to hinder the passing of this resolution for the time being.[40] However, the Greek embassy in Sofia learned about the affair and informed the Athens government. Thus when Petsopoulos returned to Athens he and the whole SEKE (K) leadership was arrested. During the ensuing months the Greek-Turkish war ended in the »Asia Minor Catastrophe« and the population exchange between Greece and Turkey agreed upon within the framework of the Lausanne peace treaty. In November 1922 the 2nd Extraordinary SEKE (K) Congress convened. The »left« majority reversed the decisions of the party conference by reinforcing the decisions of the 2nd congress. A new CC and CC-secretary (Sargologos) were elected. Despite this, factional strives continued in 1923. Dissidents were fired, new members especially from Asia Minor joined the party. Among them were Serafeim Maximos who belonged to the International Worker’ Union of the Comintern and Pantelis Pouliopoulos who would become CC-Secretary and was later denounced as a Trotskyist. In May 1923 the first Comintern emissary (Andrej Pestkovsky, CC-member of CPSU) appeared in Athens to assist in overcoming the factional strives. Neither he nor the election congress in September 1923 succeeded. Some comrades were thrown out of the party because of right-wing deviation and Sargologos was replaced by T. Apostolidis but the infights continued. In December 1923 SEKE (K) received an almost lethal blow. At that time the 6th Conference of the Balkan Federation took place in Moscow. Since the last meeting of the Federation the Bulgarians had secured the assistance of Dimitrij Manuilskij and Christian Rakovski from the Comintern leadership. Thus, when the conference began, the Greek delegate (Sargologos) and the Yugoslav were asked to agree to a resolution demanding an independent Macedonia and Thrace. The Yugoslav flatly rejected this. Sargologos, who had no instructions, was blackmailed by the Russians into accepting it. When he returned to Athens he was violently attacked. Totally frustrated and desillusioned he emigrated to the United States.[41] The CC was split. Rizospastis editor Kordatos railed against the resolution: The slogan for an autonomous Macedonia and Thrace lacked any basis. Macedonia had been divided into three parts and the Greek section (after the population ex­change) was populated almost homogenously by Greeks. Perhaps the slogan was useful for the Bulgarian party but it certainly damaged the Greek. They were not ready to ruin the Greek party in order to correct the mistakes of the Bulgarian party.[42] Maximos held the opinion that the Comintern resolutions had to be obeyed. CC-Secretary Apostolidis steered a neutral course. It was decided to bring the whole matter once more before the Comintern. Comintern’s demand for Macedonian autonomy was based on wrong information dating from the time before the Balkan Wars. In 1923 Greek Macedonia was inhabited by an overwhelming Greek majority. By the population exchange of the Lausanne Treaty the Turks living in Macedonia had left the country and Greeks from Anatolia had been settled there. There remained two minorities:  The Aromunes living in the area north of Serres and in the Pindus mountains and a Slav speaking group spreading from the Yugoslav border towards Kozani. The Aromunes were of Greek descent but spoke a language of their own related to Rumanian. Though the Slav minority spoke a West-Bulgarian dialect they were more attached to Yugoslavia than to Bulgaria, a fact which they shared with the »Macedonians« around Skopje. The only Bulgarian speaking minority in Greece were the Muslim Pomaks living in the Rhodope mountains in Western Thrace, but they were neither Bulgarians nor Slavs.[43] The Macedonia policy of the Comintern intensified the factional strives within SEKE (K). In February 1924 the Party Council met and replaced the so far leader­ship by a committee (Kordatos, Apostolidis, Maximos). Its task was to purge the party from all opportunists (Socialdemocrats) and extremists (Trotskyists). In the months to follow the »deviationists« left the party or were expelled and founded their own organisations. These, however, degenerated quickly into sectarian groups which did not play any role in Greek politics.[44]     Bolshevization, 1924–1931   In June 1924 the 5th Comintern Congress massively critisised the Greeks and Yugoslavs for their attitude towards the Macedonian question. When the Greek delegates (Pouliopoulos, Maximos) gave in, the Congress decided that the matter would be settled by the 7th Balkan Federation Conference which was to take place after the end of the Comintern Congress.[45] There the Bulgarian scored full success. The position of the Yugoslav and Greek parties was denounced as right deviationist and liquidarist. Pouliopoulos and Maximos surrendered and signed the resolution. Knowing that pushing through this decision in the Greek party would lead to a major controversy they asked for moral assistance from the other CPs. This aid was granted, indeed. In spring 1924 Greece and the Soviet Union had reestablished diplomatic relations. In June the first Soviet ambassador (A. M. Ustinov) appeared in Athens to be followed by further diplomatic personnel and a number of graduates from the Communist University of the Workers of the East (Kommunisticheskij Universitet Trudyashchaya Vostoka; KUTV; 1921–1952). Western European communists were trained in the party high school at Sverdlovsk, but as the Soviets considered Greece an Eastern country Greek communists received their training at KUTV. The KUTVists as the graduates were called in party jargon were mostly Greeks who had grown up in Russia or Greeks from Asia Minor who had found their way to the Soviet Union after the Asia Minor Catastrophe. Among them was Nikos Zachariadis who would later become Secretary General of KKE. The Soviet embassy asked SEKE (K) to employ the KUTVists in party work. The SEKE (K) leadership did this, though reluctantly, since they did not trust their loyalty. They were right: These cadres felt loyalty only to their masters in Moscow. Soon they monopolised the contacts with the Soviet embassy and thus controlled the material aid flowing from Moscow to Athens.[46] When the Macedonia resolution became known to the party members it created an uproar. In order to quell this the Comintern in November 1924 sent two emissaries to the 3rd Extraordinary Congress of SEKE (K): Manuilskij and the Secretary General of the Czechoslovak party and member of the Comintern Executive Committee, Richard Smeral. This congress constitutes a milestone in the history of the party. SEKE (K) was renamend KKE, the 21 conditions werde accepted and the organisational structure was remodelled according to the CPSU pattern, i.e. the cell system was introduced. With massive help from the Comintern emissaries the Macedonian policy of the Comintern was enforced.[47] Pouliopoulos was elected new CC-Secretary. But even then KKE hesitated to align itself publicly with this policy. When the first article appeared in Rizospastis many members left KKE and in early 1925 after a further article the Greek government had KKE’s leadership arrested and brought to court for treason. However, before the trials began the Pangalos dictatorship was established and KKE was outlawed. Clumsy management of the trials offered the accused the chance for propaganda in which they were assisted by an international press campaign organised by the Comintern which presented them as political martyrs.[48] Pangalos’ anti-communist campaign played into the hands of the KUTVists: As most of the old party leaders were arrested the KUTVists’ influence grew: they had been trained for illegality and thus many of them managed to escape the persecution of the police and soon controlled large sections of the party. After the fall of the Pangalos dictatorship in August 1926 the conflict with the KUTVists began. CC Secretary Pouliopoulos resigned from his post and attacked the Macedonian policy: It ruined the party and ought to be given up. Equally ca­la­mitous in his eyes was the growing influence of the KUTVists. They did not take root in the party and only aimed at bringing it under Moscow’s control. In the general elections of 7 December 1926 KKE received 41 982 votes (4.38 %) and according to the proportional voting system applied, 10 deputies. In the previous elections (December 1923) under the majority system and politically totally different conditions SEKE (K) had won roughly 10 000 votes but no deputy. The increase of votes was caused by three factors: As the proportional system was applied the Greek voter did not waste his ballot if he voted for KKE. The repressive measures of the dictatorship provoked a protest reaction against the old clientelistic parties and finally in the election campaign KKE did not mention the Macedonian problem. In the meantime Pouliopoulos continued his attacks. During an enlarged CC meeting in mid December 1926 the KUTVists accused him of liquidarism. Pou­liopoulos countered: the Macedonian policy would have serious consequences for the labour movement in Greece. It was unacceptable that any international institution decreed the course of the various parties. In each country there were specific conditions. This was clearly a Trotskyte position and the KUTVists had him condemned for factionalism and liquidarism. In February 1927 Kordatos sided with Pouliopoulos: The Macedonian policy and not the persecutions of the Greek government had delivered the coup de grâce to KKE. The Greek workers considered the Greek communists as allies of Bulgarian chauvinism. Kordatos and Pouliopoulos were right: In March 1927 KKE counted 860 members.[49] Despite this distressing situation the fights between the factions continued. During the 3rd Party Congress in March 1927 three factions became discernible: The »liquidarists« around Pouliopoulos which had the support of the deputies demanded the dropping of the Macedonian policy. They wanted the building of an efficient cadre structure prior to the enlargement of the mass basis. The KUTVists assisted by the Comintern emissary and member of the CC of KPD, Hermann Remmele, aimed at sacking the »petit bourgeois intellectuals« and wanted to create a mass basis which they could control more easily. The »centrists« around Maximos took an opportunistic position. Thus the KUTVists gained a partial victory. The Macedonian policy was declared obligatory and it was decided to open the party for the mass influx of workers. These, however, showed rather little interest since KKE could offer no rousfetia. If the Comintern faction did not score full success it was due to the KKE deputies who threatened to lay down their mandates if the KUTVists tried to purge the »liquidarists«. In August 1927 the crisis reached its climax. Pouliopoulos attacked the KUTVists from the front by condemning Stalin’s policy of socialism in one country as anti-marxist and anti-leninist and openly sided with Trotsky, Sinoviev and Kamenev. The Stalinist Politbureau from which the »centrists« had resigned in June fired him from the party and had his expulsion confirmed by the Comintern.[50] Now the KUTVists turned against the »centrists« around Maximos. The Comintern asked him to come to Moscow what he wisely refused. In November 1927 the KKE Politbureau accused him of factionalism. But they hesitated to sack him directly since this would have meant the loss of deputies as well. The Stalinist had found a better way: They started a campaign for the autonomy of Macedonia. The Greek government promptly lifted the parliamen­tary immunity of KKE’s deputies and sent them for trial. Though they were soon released they lost control over their followers and the KUTVists were able to expel them from the CC at a meeting in February 1928. The Comintern agreed. At the same time it was planned to create a purely communist union. In the elections of 19 August 1928 KKE mustered 14 325 votes (1.41 %) but since the majority system was applied no seat. The drop in votes was caused by a variety of factors. The Macedonian policy surely played a major role but more important was the return of Venizelos to active political life. On the other hand under the majority system any vote for KKE was a forlorn vote. Therefore, many left voters transferred their votes to the liberals whence moreover there might come rousfetia. Despite this election defeat the purges continued. In December 1928 the 4th Party Congress attended by a Comintern delegation sacked all former deputies save one (Kostas Theos). The new Stalinist leadership under A. Chaitas approved the measures taken by the Comintern and the Soviet government against Trotsky. The Comintern emissary in turn congratulated KKE for the successful purge of the party. The ensuing two years were the blackest in the history of KKE. In February 1929 KKE founded – as planned – the communist union federation (Enotiko GSEE; EGSEE; United GSEE) which institutionalised the split of the Greek labour movement and made it easier for the Greek government to persecute the communist unionists and reinforce state control over the non-communist unions. In March 1929 the Venizelos government introduced a bill (Idionymo law – sui generis law) which made agitation against the social order a crime. In Juli it became a law. Though KKE denounced this law as fascist and the Comintern mobilised Europe’s public opinion against the dictatorial situation in Greece the repressive measures of Venizelos were rather mild, scarcely more than administrative hindrances to the party’s work. If the KKE’s star sank to its lowest this was not caused by the goverment’s persecutions but by the continuation of the internal strife. The quarrels were not about ideological differences but about personal rivalries in the top leadership. The 4th Congress had demanded an increase of membership to 5000. Instead the number shrank. In March 1930 KKE had 170 members in Athens and in red Piraeus only 70. The total membership was below 1500. Not even when the world economic crisis hit Greece could KKE attract new members: When in August 1931 an anti-war demonstration which had been prepared for weeks took place only 150 persons showed up. Quite rightly this period of KKE’s history is called the time of unprincipled opportunism. The Comintern had watched these fights with growing displeasure. In June 1929 a Comintern emissary tried in vain to lead KKE back to the »right« way. In January 1930 during the 3rd plenum communist deputy of the Reichstag and emissary of the Comintern, Ernst Grube, made another attempt to overcome the personal feuds. But the squabbles continued. Two groups were discernible which accused each other as responsible for the decline of the party: the Stalinist clique around Chaitas and a less orthodox and more nationally oriented circle around Theos and Georgios Siantos. In August 1931 the Greek police tried to arrest KKE’s leaders. Though Chaitas was arrested he managed to escape to Moscow where in 1935, he was executed as a Trotskyist. Siantos had left for Moscow before the police raid. When Theos was caught in September KKE was leaderless.     Intervention of the Comintern and Stalinization, 1931–1936   In view of this desolate situation the Comintern decided to intervene directly into the internal affairs of KKE. In November 1931 a Comintern resolution analysed the situation in Greece and made it known that the party had a new leadership.[51] In December the 4th Plenum met and in the presence of a Comintern emissary (Henryk Walecki of the Polish CP) the new leadership under the KUTVist Nikos Zachariadis was established. As Zachariadis led the party until 1956 a few words about his career seem useful. Zachariadis was born in Adrianople (Edirne) in 1903 as son of petit bourgeois parents. As his father often changed his place of work he grew up in various towns of Ottoman Turkey. His formal education consisted of four years of primary school and one year of High School. From 1919 on he worked in the Istanbul docks and later as a Black Sea sailor. During this time he got in touch with the local unions. In 1923 he joined the CP of Turkey and was sent to KUTV. In 1924 the Comintern sent him to Greece. Between 1924 and 1929 he held various posts in the communist youth movement OKNE (Omospondia Kommounistikon Neolaion Elladas; Federation of Communist Youth of Greece) and KKE. Several short stays in prison interupted his activities. In 1929 he left Greece to be trained as a cadre in the Soviet Union until 1931. Zachariadis was an absolute henchman of Stalin.[52] The new leadership promised to follow all the instructions of the Comintern. Indeed, during the ensuing two years the organisational structure of KKE was remodelled on the Bolshevik model. In July 1932 the 1st Panhellenic Organisa­tional Conference declared the factory cell as the basis of the party. In August a conference on union questions took place. In the September 1932 elections KKE received 58 223 votes (4.97 %) and, as the proportional system was applied, won 10 deputies. KKE rejoiced and attributed the success to the competent leadership of Zachariadis. This was exaggerated of course. The true reason for the gains was that the Greek voters had turned against Venizelos’ liberal party which had proved incapable and unwilling to cope with the disastrous effects of the Great Depression on Greece. They voted for the conservative Populists or for the smaller progressive parties among which was KKE. The new KKE deputies were all staunch supporters of the Stalinist line. Towards the end of 1932 the economic situation deteriorated rapidly. The two big bourgeois parties were unable to form a stable government therefore new elections were held in March 1933. Despite the application of the majority system KKE received 52 958 votes (4.64 %) but no seat in parliament. The effects of the Depression had obviously paralysed some of the old clientelistic mechanism and thus the KKE electorate stabilised. During the following years KKE played a totally passive role in Greek politics. It was preoccupied with reorganising itself. The most important event for the development of the party was the 6th Plenum of January 1934 which laid down the ideological line which would be valid until 1945. Since until then KKE had not worked out any party program (the first official program was to be formulated in 1961) the basis of thought was the Comintern resolution of November 1931 which was quoted at length in the relevant document.[53] According to the resolution Greece belonged to that number of countries which were on the road towards capitalism. In their agriculture, however, there still remained important semi-feudal elements. In these countries, before the socialist revolution could be carried through, the bourgeois revolution must first be completed. But it was possible that this transformation process could quickly evolve into a socialist revolution. So far the 6th Plenum document reproduced the Comintern resolution correctly but then its authors blurred the matter when they described the manner and evolution of the transformation process. Evidently elements of the Comintern resolution were mixed up with KKE’s own concepts in a way which shows that they had not a very clear idea what it was all about: »The hegemony of the proletariat in the bourgeois-democratic revolution, won in the struggles leading to victorious revolution and safeguarded in the form of rule by soviets, with the active cooperation of the international proletariat, will ensure the rapid transition from bourgeois-democratic to socialist revolution. Government by workers’ and peasants’ soviets which in the first stage of the revolution will achieve the revolutionary-democratic dictatorship of the working class and the peasantry in the form of soviets, will now become the government of the dictatorship of the proletariat.«[54] In other words, KKE hoped to to complete the bourgeois-democratic revolution by a radical-democratic system of government, a system of soviets somewhat resembling the workers’, peasants’ and soldiers’ soviets in Russia in 1905 and 1917 or in Germany at the end of 1918. This means that in 1934 KKE rejected the parliamentary system and preferred the radical-democratic, Leninist system of democracy by soviets. A piece of self-criticism by the 6th Plenum sheds an interesting light on the social composition of KKE. Only 44 % of the rank and file were workers and among them no more than 9.1 % factory workers. 44 of the 590 party cells were factory cells. Obviously the overwhelming majority of KKE’s members stemmed from the petit bourgeoisie. In the local elections in February 1934 KKE scored its first great success. Di­mitrios Partsalidis was the first communist elected mayor of Greece in Kavalla. In May, however, the government unseated him under the accusation that he had turned the town hall into a communist stronghold. The 5th party congress in March 1934 ratified the course of the 6th Plenum and pro­pagated the Comintern slogan of establishing an antifascist popular front. The still-provisional leadership around Zachariadis was made permanent. Obviously KKE was well on the way towards Bolshevik unity. Finally the congress accepted a party constitution which was modelled after the CPSU statute and soon developed into an instrument to discipline dissenting party members. In the months until the abortive coup d’etat of March 1935 KKE tried to mend the union connection but met with deep distrust by the other trends. At the same time it tried to prepare the mass basis for a general strike in case of a military take over. In vain – Greek workers refused to join KKE. Thus KKE had to confine itself mainly to the role of an onlooker. The 3rd Plenum of April 1935 complained bitterly that the party had no chance to influence developments. But the same Plenum received the Comintern’s permission to change the slogan of Macedonian autonomy into »full equality of all minorities within the Greek state«. Thus one of KKE’s handicaps was removed. The elections of June 1935 were boycotted by the Venizelist parties because the ruling Royalists were going to rig them thoroughly. KKE did not join the boycott and thus won 98 699 votes (9.59 %) but no seat in parliament due to the majority system applied. This success was caused mainly by two factors: Firstly, many Venizelists were not ready to succumb to the royalists passively and thus voted KKE out of protest. Secondly, the Venizelist clientelistic network was beginning to disintegrate and many disillusioned Venizelist followers shifted their loyalty to KKE. The new Macedonian policy probably did not have much influence on the voters. The electoral success filled KKE with new self-confidence. The 3rd Organisa­tional Conference obliged the party to work for the establishment of an anti-fascist popular front. The efforts to improve the relationship to GSEE were intensified but still received a cool reception. The 4th Plenum in September 1935 ratified the decisions of the 7th Comintern congress about the popular front strategy and elected Zachariadis Secretary General of KKE. In December 1935 the 6th Party Congress took place. With pride the leader­ship sta­ted that all delegates were workers. However, no words were wasted on the com­position of the rank and file. In best Stalinist manner the delegates approved unanimously the work of the CC since the last congress. Obviously Stalinism had been successfully implanted. In order to alter the social composition of the party in favour of the workers the congress decided to found a peasant party (Agrotiko Komma Elladas; AKE) which was to organise the popular front in the country side. Until the Second World War AKE was a typical communist controlled front party without any attractivity to the peasantry. AKE’s time came during the occupation when it became one of the parties active in the Greek Resistance. More important for KKE, however, was the introduction of the personality cult surrounding the Secretary General. A later leading cadre, Pavlos Nefeloudis remembers: »The Sixth Party Congress can be seen as the Party Congress which implanted and fostered personality cult in Greece. To all the defects which characterised the internal functioning of our party from its birth there was now added a new evil, the cult of one person, of the person of the leader [...] They began to weave the legend of the ›omniscient‹ [panexypnos], the great theoretician, the heroic leader [...] It is he who has created the new party strategy for a bourgeois revolution based on deep study and scientific analysis of the Greek situation. He it is who inspired the Resolutions of the Sixth Party Congress for a united Peasant Party. He is the great conspirator, the phantom whom the Security Police cannot catch.«[55] But this was only the beginning. A few years later one of Zachariadis’ henchmen stated: »The party is Zachariadis and Zachariadis is the party.«[56] In October 1935 the Greek monarchy was restored by a fraudulent and unfree plebiscite. The returning king, however, insisted on correct elections in January 1936. KKE campaigned as popular front and won 73 411 votes (5.76 %) and 15 deputies. The drop in votes in comparison to the June 1935 elections by more 25 000 was caused by the return of the protest voters to the liberal parties. The relatively high number of votes comprised without any doubt still a great number of protest voters. Membership of KKE in 1936 was well under 10 000[57] and even these were not seasoned communists in the sense that they were adherents of the teachings of Marx and Lenin or Stalin. Most of them were people who were dissatisfied by the existing clientelistic system and wanted social reforms. The hard core of KKE were the KUTVists and a few hundred staunch supporters, altogether less than one thousand. The electoral success of KKE, however, soon gained disproportionate weight since the conservative and the liberal camps had come out of the elections with almost equal strength (Venizelist 141 seats, Antivenizelists 143 seats). Thus neither of them was able to form a government on their own. Since they had been on hostile terms for years a coalition government in the bourgeois camp was precluded. So con­servatives and liberals began bargaining with the popular front in order to win their votes to form a minority government; a coalition with KKE was precluded, of course. A deal with the conservatives was blocked by the military. The negotiations with the liberals were more success­ful and ended in the conclusion of a mutually-satisfying agreement. At the decisive moment, however, the leader of the liberals, Sofoulis, did not have the courage to face the furious attacks of the conservatives in parliament and ducked out. KKE took revenge by revealing the contents of the negotiations with both parties. This and growing labour unrest offered the Greek right-wing politicians a unique chance to conjure up the communist danger.     The Struggle for Survival – the Fascist Dictatorship of Metaxas, 1936–1941   The strike wave which passed over Greece in spring 1936 was not the work of the communists. In 1935 mounting misery of the working population caused the socialist unions to dissolve their organisations and its members returned to the Venizelist controlled GSEE. As the Venizelists had been ousted from government the liberals approved strikes since these would bring the conservatives into trouble. From January 1936 on the base organisations of communist EGSEE increasingly participated in the strikes. The government reacted with brutal repression the anticlimax of which was the 9 May demonstration in Thessaloniki where the police actually killed 12 and wounded 300. Ensuing protest strikes spread all over Greece. Prime Minister Metaxas cleverly used these to increase the communistophobia of the Greek bourgeoisie to hysteria. In July the GSEE-leadership agreed to organise a nationwide strike together with the communist unions on 5 August. Though the danger of a communist takeover existed only in the frenzied minds of fanatical anti-communists Metaxas and the King used this as an excuse to establish a dictatorship on 4 August 1936. One of the main characteristics of the fascist[58] regime of the 4th of August was its anti-communism. Accordingly the communists became the first victims of the regime’s repressive measures. Up to November 1936 the secret police had arrested 1330 »communists«. The definition of a communist was left to the police and they discovered »Venizelo-Communists«, »Populo-Communists«, »Anglo-Communists«, or »Gallo-Communists«. In other words, whoever was not prominent enough to be branded as a communist was denounced as one, jailed or banned to an island. Towards the end of 1936 the prisons were so overcrowded that the authorities established a concentration camp for communists in the former fortress of Akronafplia. Similar camps were established on Aigina and Corfu. The dictatorship did not confine itself simply to incarcerating the communists but subjected them to a »re-education program« which should lead them back to the right way. The methods applied to obtain the declarations of repentence (dilosis metanoias) recalled the most sinister procedures of the Inquisition and included all kinds of torture. When the victim signed such a declaration in which he condemned Communism and praised the dictator it was published and he was set free. Nevertheless he was branded as a former communist which on the one hand led to his isolation in society and on the other hand made his former comrades break off any contact with him. Until 1939 the secret police collected over 45 000 such declarations. This figure, however, does not reflect the real number of KKE-members but the zeal of the hunters. In the beginning the KKE-leadership tried to direct the party out of jail but this soon proved to be a hopeless enterprise. The still free (second rank) cadres and members had difficulties enough to avoid arrest and were not able to do any underground work. In order to confuse the rank-and-file of KKE even more, secret police minister Konstantinos Maniadakis had some renegades and under cover secret police agents form a CC and even edit a Rizospastis. To keep up appearance the police persecuted the distribution of the fake Rizospastis as well. The bogus CC which became known as the provisional leadership (prosorini diikisi) managed to get in contact with true KKE cells whereby the cell’s members were exposed to persecution. Until 1940 less than 1000 KKE-cadres and members resisted the onslaught of the regime and did not sign a dilosis. Since the prisons and concentration camps were overcrowded the regime could not isolate the communists and they taught the other inmates their message thus turning the prisons into communist smithies where future cadres were forged.[59] If Metaxas did not succed in destroying KKE he was succesful in ruining the clientelistic networks of the conservatives and liberals. As most of their clients had internally never identified themselves with the clientelistic system but had used it out of sheer destitution it was easily wiped out. Many of the former clients hated the fascist system but as their former masters showed only little readiness to fight against it they looked for new leaders. Thus KKE as a resistance organisation gained an attraction which it would never have gained if the old setup had continued. KKE became the bearer of hope for all those who wanted to fight fascism. In February 1939 Siantos who had managed to escape from his exile island called together a few leading cadres who had not been arrested for a meeting which became known as the 5th Plenum of the CC. Analysing the national and international situation they came to the following conclusion: »Our party fights to secure the independence and integrity of Greece, but at the same time it announces that the greater enemy of our independence and of the integrity of our country is in Athens – the monarchofascist dictatorship.«[60] The fight against the internal enemy had priority. Sometime in the course of July 1939 the Comintern corrected this position: »Your country is being threatened by the fascist Axis and especially by Italian fascism which is very active in the Balkans. The first duty of KKE is to defend the independence of your country. As long as the Metaxas government is fighting against the same danger, there is no reason for you to give priority to its overthrow.«[61] Siantos and Zachariadis complied and reoriented KKE’s propaganda accordingly. A few KKE leaders (Ktistakis, Papagiannis), however, were taken aback by this Comintern volte face. They did not understand that the Comintern had since long degenerated into an instrument of Soviet foreign policy and at this particular period Soviet foreign policy was trying to build a dam against fascist expansion in the Balkans at all cost. Zachariadis and Siantos were of the opinion that the security of the Soviet Union had priority. After the conclusion of the Hitler-Stalin-Pact and the change of the Comintern line to ending this imperialist war they kept a low profile whereas the other group (Ktistakis, Papagiannis) switched to the Comintern’s line and demanded a revision of priorities. Thus it was now they who staunchly supported the Comintern’s policy whereby lastly they became tools of Axis propaganda. Mussolini’s attack on Greece on 28 October 1940 complicated the situation even more. In a letter of 31 October 1940 Zachariadis took an absolute nationalistic position as regards the war against Italy.[62] Though he apparently knew about the Comintern directive of September 1939,[63] he dismissed it deliberately and returned to the Comintern position of July 1939. His underlying motives for this step are subject to speculation. However, when the Greek army succeeded in pushing the Italians far back into Albania, Zachariadis in a second letter[64] dated 26 November 1940, took a position halfway between his first letter and the September 1939 Comintern directive. He denounced the Greek advance as an imperialist war which served only the interest of Britain. The British should leave the country and the war should be stopped and an armistice effected through the good offices of the Soviet Union.[65] When on orders of Security Minister Maniadakis the publication of the second letter was prohibited Zachariadis made another effort. On 15 January 1941 he wrote a third letter. In it he again condemned the Albanian war as a fascist war of conquest and complained that Metaxas had not sought the mediation of the Soviet Union. The continuation of the war only served the Greek plutocrats and British imperialism. Therefore Metaxas remained the main enemy of the people and of the country. His overthrow was the primary target. Army and people should join in an effort to establish an anti-Fascist, anti-plutocratic, popular regime.[66] Luckily for Zachariadis this letter, too, was not published. It might have ruined the positive impression the first letter had created among the rank-and-file and the Greek people in general and Zachariadis’ appeal to the army to overthrow the regime at a moment when the Greek nation was fighting for survival might have had similarly disastrous consequences as the Macedonian policy.     Resistance and Development towards a Mass Movement, 1941–1944   In April 1941 Hitler’s troops conquered Greece. The invasion scattered the remaining residues of the clientelistic networks. But in the Albanian campaign and in the battles against the Germans the people had developed a new men­ta­lity. They had learned that things did not have to be accepted passively; even superior forces could be resisted. The victories against the Italians were victories of the people and not victories of its defeatist leadership.[67] And this will to resist was not broken by the occupation. Spontaneously in summer 1941 the first resistance groups came into being. The old elites had no part in this. As they could not expect to lead the resistance in the old clientelistic way they decided to sit the occupation out. Only few younger intellectuals and a number of democratic and republican minded officers and the few remaining communists were ready and had the expertise to organise and lead the spontaneous resistance. The communists who had survived the dictatorship in illegality numbered 200 and in the chaos of the first days of the occupation a few hundred others managed to escape from prisons and camps. Zachariadis was taken over by the Gestapo and sent to Dachau where he remained until the end of the war. Thus when the Greek communists reorganized themselves they were no longer under the lead of the international professional revolutionary Zachariadis nor under Komintern tutelage. Their new leader, the »national« communist Siantos was a different type. True, he was a communist but also a Greek, as a communist he fought for a socially just postwar society and as a Greek he longed for freedom. Since no new Comintern instructions had arrived in the meantime during the first days of the German occupation KKE showed signs of uncertainty which line to follow. But when the Germans attacked the Soviet Union on 22 June 1941 KKE caught step again. The 6th Plenum which met a few days later appealed to members of the two communist groups to set aside their disagreements and contribute to the reconstruction of the party. The basic duty of each communist was it to organise the struggle for the defence of the Soviet Union and for the overthrow of the foreign Fascist yoke. The communists must help the people to survive, organise the resistance against the invaders and explain that only a government of the workers and peasants could permanently free Greece from foreign dependence and internal exploitation.[68] This resolution which was not influenced by any Comintern directives repeated the old slogan of the defense of the Soviet Union but oriented the party towards resistance. In the 7th Plenum of September 1941 and the 8th Plenum of January 1942 – still without any guidance from the Comintern – the CC though still paying lip service to the defence of the Soviet Union changed priorities. The struggle for national liberation became the primary aim and only after this was achieved could the establishment of a different social system be thought of. The resistance struggle would be organised on the broadest possible popular basis. The story of this ensuing development has been well researched.[69] Thus we can confine ourselves to registering the developments of interest in our context. In September 1941 KKE founded EAM (Ethniko Apeleftherotiko Metopo; Natio­nal Liberation Front). The horrible famine during the first occupation winter (1941/42) once more showed the masses that they were abandoned by their up to now leaders. Help came mainly from a suborganisation of EAM called EA (Ethniki Allilengi; National Solidarity) which saved thousands by feeding them. Within the next three years EAM developed into a mass organisation. In half a dozen suborganisations EAM allegedly recruited about 1.5 of 7.5 million Greeks. Its members came from all classes and strata of society. Enemies and critics then and later denounced EAM and its suborganisations as communist front organisations. According to them KKE built up EAM in order to erect the dictatorship of the proletariat after the war. It is true that KKE played a major role in creating, organising and leading of EAM but EAM never became a creature of KKE. In the leadership of EAM besides the communists there were a number of progressive and left personalities and former leaders of small leftist clientelistic networks. The rank-and-file was similarly heterogeneous: Great parts originated from the former liberal clientele who shifted their loyalty temporarily to EAM. Others were simply patriots who wanted to free their country and again others dreamed of social reform. And there were the few »true« communists who followed their leaders unconditionally. Though KKE had placed its cadres in all decisive posts their number was far too small to control the mass organisation of EAM and to keep it on the track of communist orthodoxy. The communists within EAM who had been KKE members before the dictatorship counted less than 800. But most of these were – as it was already stated – not seasoned communists but people wanting reform. The KUTVists were just a handful without any guidance by the Comintern.[70] With growing success and expanding membership numbers the influence of KKE cadres decreased. One of the reasons for the dwindling control of KKE over the movement was that in the liberated areas EAM developed new forms of political expression of will whose main features were open discussion and free voting, in other words, grass roots democracy. At the same time KKE encountered mass entry of new members. Up to the end of the occupation KKE membership had expanded to about 200 000. These new members were no disciplined cadres and ideologically staunch communists but humans who wanted social reforms and a new democratic republican postwar Greece and by no means a return to the prewar clientelistic system. Roughly half of them were of peasant origin. The influx of new members of course changed the character of KKE as well. Out of a monolithic leninist-stalinist sect a mass party evolved in which pluralism of opinions and strifes between its various wings were normal. In other words, KKE was undergoing a process towards a heterogeneous, democratic, socialist mass party with strong populist features. Among the new members, of course, were not only idealists. EAM and KKE benefited from the clientelistic thinking of the Greeks. The new organisations attracted the masses because they showed perspectives the old parties had never offered. This development was facilitated because the links with the Comintern had been broken and the KUTVists had lost control over the movement. The war-time KKE leader Siantos despite his KUTV training allowed himself to be carried away by the new spirit from communist orthodoxy and steered a course which may be characterised as democratic socialist with strong national features. A Greek way towards socialism and national independence began to loom on the horizon. A revolutionary takeover in the form of the dictatorship of the proletariat was out of the question.[71] This development, however, was stopped in 1944 first by a Soviet and then by a Bri­tish intervention. Since summer 1943 EAM had increasingly met with opposition from the British government which saw its traditional role as protecting power endangered by the developments in Greece. In order to stop EAM’s course towards independence the British and the Soviet governments in May 1944 agreed upon tem­porary spheres of interests. (In October 1944 these were made permanent in the notorious percentage agreement.) The Soviets honoured British readiness to acknowledge the Soviet sphere by sending a Soviet military mission to ELAS who de­manded a more compromising attitude towards the British. Though the Com­in­tern had been dissolved a year before the Greeks complied and thus paved the way towards the British intervention in December 1944 which destroyed everything what the resistance had built up and brought about a complete reversion of forces which triggered a development leading directly to the civil war from 1946 to 1949.[72] During this period KKE was shrunk from a mass party to a cadre party of Stalinist type, a process which was analysed elsewhere.[73]   Conclusion   The developments of the Comintern and of KKE are asymmetrical. When the first was flowering the latter was scarcely more than a sectarian group in Greek political life. The reasons for this underdevelopment of the Greek labour movement were exogenous and endogenous. The external impediment for KKE’s development was the Comintern policy itself. By enforcing the pro-Bulgarian Macedonian policy upon KKE it branded the Greek communists as anti-national and discredited them in the eyes of the Greek electorate. As long as KKE could be stigmatised as traitorous it did not have the slightest chance to play any role in the political life of the country. Among the internal factors contributing to the delay the predominantly agrarian character of Greek economic life proved to be the major obstacle. The second impediment for KKE was the specific political culture of the country and especially its clientelistic system which prevented the intrusion of communist or socialist ideas into the lower social strata. This allegiance towards the leaders of the clientelistic networks could not even be shaken by the Asia Minor Catastrophe: Even the refugees voted for a clientelistic party i.e. for the liberals of Venizelos. It needed the social shock of the Great Depression to seriously weaken the hold of the bosses. For the first time KKE attracted a greater number of voters. Most of them, however, did not vote communist out of conviction but out of protest. The party’s attractivity did not increase and this the more so since from 1931 it was stalinised. Before this became visible the Metaxas dictatorship was established. This paralysed the traditional political clientelism. Though KKE was decimated it survived the persecutions. Paradoxically enough, it was the Axis occupation of Greece which removed the external and internal encumbrances for KKE and brought the breakthrough. [1] Nikolinakos, Marios: Materialien zur kapitalistischen Entwicklung Griechenlands, Teil 1, In: Das Argument, 12 (1970 2/3), p. 213. [2] Parts of this table are reproduced in Panagiotis Noutsos, Greece, In: van Linden, Marcel and Rojahn, Jürgen (eds.): The Formation of Labour Movements 1870–1914. An International Perspective. Leiden/New York, 1990, Vol. I, p. 440. [3] The general setback of the trends noticeable after 1907 in all three sectors was caused by the Balkan Wars by which Greece's national territory increased by 68 per cent and the population by 67. But these gains were agrarian and thus slowed down the development towards industrialisation. [4] On the fascist character of the regime see note 58 of this paper. [5] Richter, Heinz: Zwischen Tradition und Moderne: Die politische Kultur Griechenlands. In: Reichel, Peter (Hg.): Politische Kultur in Westeuropa, Bürger und Staaten in der Europäischen Gemeinschaft. Bonn, 1984, pp. 145–166. [6] Legg, Keith R.: Politics in Modern Greece. Stanford, 1969, p. 34. [7] See Richter, Heinz A.: Greece and Cyprus since 1920. Bibliography of Contemporary History. Heidelberg, 1984, pp. 275, 278ff., 310. [8] See footnote 10. [9] Bayerlein, Bernhard H. (ed.): Georgi Dimitroff. Tagebücher 1933–1943. 2 Vols. Berlin, 2000, pp. 712, 773; Greek edition: Kousinopolous, Spyros (ed.): Georgi Dimitrov. Selides apo to aporrito imerologio. Athens 1999. [10] In 1947 KKE published its first two volume documentation dealing with the period from the party’s foundation until the intervention of the Comintern: KKE (ed): To KKE apo to 1918 eos to 1931. Vol 1: To KKE apo to 1918 eos to 1925. Athens, 1947 and To KKE apo to 1918 eos to 1931. Vol 2: To KKE apo to 1926 eos to 1931. Athens, 1947. The crucial period of stalinisation was covered by another volume: KKE (ed): Pente Chronia Agones 1931–1936. Athens, 1936. This volume was reprinted as KKE (ed): Pente Chronia Agones 1931–1936. Athens, 1946. Yet another book deals with the years 1935 to 1945: KKE (ed): Deka Chronia Agones 1935–1945. Athens, 1945; reprint in Athens in 1977 by Poreia. In 1953, after the end of the Civil War KKE published a source book for the years 1931 to 1952: KKE (ed): To KKE apo to 1931 eos to 1952. Vasika Dokoumenta. 1953. In 1958 the first comprehensive documentation of the party history was published: KKE (ed): Saranta Chronia tou KKE, 1918–1958. Epilogi Dokoumenton. 1958. A reprint edition appeared in 1964 allegedly in Athens. In the 1960s KKE published a documen­tary series covering the period to the Second World War: KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 1: 1918–1924. 1964; this volume was reprinted in Athens in 1974 by Synchroni Epochi. KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 2: 1925–1928. 1965; reprint in Athens in 1974 by Synchroni Epochi. KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 3: 1929–1933. 1966; reprint in Athens in 1974 by Synchroni Epochi. KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 4: 1934–1940. 1968. This series of documentation will be quoted as: Episima Keimena. For the resistance period there are two volumes of this series, one published by  KKE Esoterikou and the other by KKE: KKE esoterikou (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 5: 1940–1945. Rome, 1973; reprint in Athens in 1974. KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 5: 1940–1945 (Athens, 1981). Of course most of the documentations appearing after 1974 are compilations and reproductions of earlier editions but they are obtainable whereas most of the earlier documentations have vanished. [11] The most important are the memoirs of two former party secretaries: Benarogia, Avraam: I Proti Stadiodromia tou Ellinikou Proletariatou. Athens, 1975; Stavridis, Eleftherios: Ta Paraskinia tou KKE. Airetai to Parapetasma tou KKE apo tis Idryseos tou mechri ton Symmoritopolemon. Athens, 1953. Some information my be gathered from A. Stinas: Anamniseis. 60 Chronia kato apo ti Simasia ths Sosialistikis Epanastasis, 2 vols. Athens, 1977. [12] Only the more important ones are mentioned. Bartziotas, Vasilis: Ki’Astrapse Fos i Akronafplia! Athens, 1977 and Stis Fylakes kai tis Exories. Athens, 1978; Manousakas, Giannis: O Chalasmos. Apo to Chorio stin Akronafplia. Athens, 1978 and Akronafplia. Thrylos kai Pragmatikotita. Athens, 1975; Michelidis, Dimitrios: O Skliros Dromos. Ena Chroniko pou Apokathista tin Alitheia sto Diastima tis Paranomioas tou KKE kata tin 4i Avgoustou. Athens, 1983; Nefeloudis, Pavlos: Stis Piges tis Kakodaimonias. Ta Vathytera Aitia tis Diaspasis tou KKE. Athens, 1979; Nefeloudis, Vasilis A.: Martyries 1906–1938. Athens, 1984; Palaiologopoulos, Mitsos: Ellines Antifasistes Ethelontes ston Ispaniko Emfylio Polemo. Athens, 1977; Partsalidis, Avra: Anamniseis apo ti Zoi tis OKNE. Athens, 1976; Someritis, Stratis: I Megali Kampi. Martyries – Anamniseis 1924–1974, Vol 1: Apo ti Dimokratia sto Fasismo 1924–1941. Athens, 1975. [13] See Richter: Greece and Cyprus, pp. 104–116, 276f. [14] Richter, Heinz A.: Aspekte der griechischen Zeitgeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 14/15 (1. April 1988), pp. 25–35. [15] See Pavlopoulos, Athanasios: Istoria tou Kommounismou en Elladi. Athens, 1967. [16] See Papakonstantinou, Theofylaktos: Anatomia tis Epanastaseos. Athens, 1952. [17] Kousoulas, D. George: Revolution and Defeat. The Story of the Greek Communist Party. London, New York, 1965. [18] Jecchinis, Christos: Trade Unionism in Greece. A Study in Political Paternalism. Chicago, 1967. [19] Mathiopoulos, Basil P.: Die Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in Griechen­land, 1821–1961. Hannover, 1961. [20] Zachariadis, Nikos: Theseis gia tin Istoria tou KKE. Athens, 1945. Reprinted in Eastern Europe 1950 and in Athens in 1975 by Gnoseis. [21] KKE (ed.): Chroniko tou Agona, 1878–1951. Dokoumenta kai ylika apo tin Istoria tou Laikou mas Kinimatos. 1952. Its author was Vasilis Bartziotas. It was reprinted in Athens in 1975 by Na Ypiretoume to Lao. [22] KKE (ed): Voithimata gia tin Istoria tou KKE. 1952. Reprint in Athens in 1975 by Ekdoseis tou Laou and in 1978 by Koinonikes Ekdoseis. The author was again Vasilis Bartziotas. [23] KKE (ed): Exinta Chronia Agonon kai Thyseon. Vol 1: 1918–1945. Athens, 1978. [24] Richter, Heinz A.: Greek Communism, Socialism and Trade Unionism. In: Richter, Heinz A.: Greece and Cyprus since 1920, pp. 263–325. [25] Solaro, Antonio: Storia del Partito Communista Greca. Milano, 1974. Greek edition: Istoria tou Kommounistikou Komma Elladas. Athens, 1977. [26] Katsoulis, Giorgis: Istoria tou KKE, 7 vols. Athens, 1976–78. [27] Leon, George B.: The Greek Socialist Movement and the First World War. New York, 1976; Greek edition: To Elliniko Sosialistiko Kinima kata ton Proto Pankosmio Polemo. Athen, 1978; a short version is: The Greek Labour Movement and the Bourgeois State, 1910–1920. In: The Journal of the Hellenic Diaspora, 4 (Winter 1978 4), pp. 5–29. [28] Noutsos, Panagiotis: I sosialistiki skepsi stin Ellada apo to 1875 os to 1974, 3 vols. Athens, 1990–92. [29] Elefantis, Angelos G.: I Epangelia tis Adynatis Epanastasis. KKE kai Astismos ston Mesopo­lemo. Athens 1976. [30] Esche, Matthias: Die Kommunistische Partei Griechenlands 1941–1949. München, 1982. [31] Fleischer, Hagen: Im Kreuzschatten der Mächte. Griechenland 1941–1944. 2 Vols. = Studien Zur Geschichte Südosteuropas Nr. 2 . Frankfurt, 1986. [32] Chiclet, Christophe: Les Communistes Grecs Dans la Guerre. Paris, 1987. [33] See Richter, Heinz A.: Griechenland im Zwanzigsten Jahrhundert, Vol I, Megali Idea – Republik – Diktatur. Köln, 1990. [34] Ulunian, Artiom A.: Kommunisticeskaja Partija Gretsii. Aktual’Nie Voprosi Ideologii i Vnutrennei Istorii 3 Vols. Moskow, 1992–4; Idem, The Communist Party of Greece and the Comintern. Evaluations, Instructions and Subordination. In: Rees, Tim/Thorpe, Andrew (eds.): International Communism and the Communist International. Manchester, 1998, pp. 187–204. [35] The documents of the founding congress may be found in: Episima Keimena, I, pp. 3–13. [36] See Stavridis: Paraskinia, pp. 129ff; Gkourvits, Lew: Orion Alexakis. Athens, 1979; Ulunian: Communist Party, p. 189. The story on page 188 that a 16 years old Zachariadis was one of the leading figures of International Unity of Workers in Constantinople lacks credibility. Obviously the author did not always crosscheck the Comintern sources with Greek evidence. [37] Stavridis: Paraskinia, p. 32. [38] Episima Keimena, I, p. 213. [39] On the Macedonia Policy of Komintern see Zila, L. I. and Popovskij, V. T.: Makedonskij Vopros v Dokumentach Kominterna, Vol. 1, Part 1, 1923–1925. Skopje, 1999; a good account of the whole problem is Sfetas, Spyridon: Makedonien und interbalkanische Beziehungen 1920–1924. München, 1992; later developments are described in: idem: Die Autonomiebewegungen der Slawophonen im Jahre 1944, die KKE und die Sicherung der Griechisch-Jugoslawischen Grenze. In: Thetis 3 (1996), pp. 21–230. [40] Petsopoulos, Giannis: Ta Pragmatika Aitia tis Diagrafis mou apo to KKE. Athen, 1946, p. 47 and Benarogia: I Proti Stadidromia, p. 156. [41] Stavridis: Paraskinia, pp. 175–180. [42] Kofos, B.: Nationalism and Communism in Macedonia. Thessaloniki, 1964, p. 74; the following book contains some interesting information despite the fact that it was written from a Cold War position: Naltsas, Christoforos: To Makedoniko Zitima Kai i Sovjetiki Politiki. Thessaloniki, 1954. [43] Richter, Heinz A.: Friede in der Ägäis? Zypern –Ägäis – Minderheiten. Köln, 1989. [44] There were two main directions: the Socialdemocrats (Menschevists) and the Trotskyists or Archive-Marxists (Archeio Marxistes). Whereas the former vegetated on a very low level, the Trotskyists had some impact on the country’s history as suppliers of progressive ideas. The Trotzkyists were called Archeio-Marxists because they published a journal with this name. In 1931 they were officially recognized as the Greek section of the International Left Opposition (ILO). Allegedly they had 2000 members but this number seems very exaggerated. See Alexander, Robert J.: International Trotskyism1929–1985. A Documented Analysis of the Movement. Durham, London, 1991, p. 501. Further details are found in Nikilopoulos, Theodoros: I ali opsi tou ellinikou ergatikou kinimatos (1918–1930). Athens, 1983. In 1934 the Archive-Marxists left ILO but since 1928 there was another Trotskyist group, the Spartakos Group, publishing a journal with this name. Its leader was Pantelis Pouliopoulos, the purged former Secretary General of KKE. This group had 75 members in 1932. During the Dictatorship of Metaxas and the Axis Occupation the Trotskyists were persecuted but survived. During the Dekemvriana (the December 1944 events), and the ensuing Greek Civil War, however, they came under the attack of KKE and many were killed. See Panagiotis Noutsos: Sozialpolitische Theorie und Geschichtsschreibung. Ioannina, 1993, p. 75 and idem, Säuberungen innerhalb der griechischen KP (1931 bis 1956). Ibidem, pp. 73–78. [45] Rothschild, Joseph: The Communist Party of Bulgaria. Origins and Developments 1883–1936. New York, 1959, p. 236f. [46] Zapantis, Andrew L.: Greek Soviet Relations, 1917–1941. New York, 1982, pp. 169ff. It is interesting that the comrades of the Communist Party of Cyprus (KKK – Kommounistiko Komma Kyprou) were sent to the »western« cadre school. See Heinz Richter: Die Kommunistische Partei Zyperns (KKK) 1926–1944. In: Thetis, 3 (1996), pp. 207–216. [47] Episima Keimena, I, pp. 513–518. [48] Komintern itself was rather ill briefed on the situation in Greece in 1926. Its Russian representative Korzokov, who became a member of KKE’s Politbureau under the pseudonym Eftichiadis, reported that General Kondylis and Colonel shared left ideals. Ulunian: Communist Party, p. 196.  It was Kondylis who organized the restoration of the Monarchy in 1935 by a coup d’état and during the Axis occupation Zervas was a kind of Greek Michailovic. [49] Rothschild: Communist Party, p. 238; Kofos: Nationalism, p. 81. [50] To KKE apo to 1931, II, p. 220. [51] Pente Chronia Agones, p. 13–26. [52] Stavridis: Paraskinia, p. 477. [53] The text of the Comintern resolution may be found in: Episima Keimena, III, p. 294–306; the text of the 6th Plenum of January 1934 is reproduced in Episima Keimena, IV, pp. 13ff. [54] Episima Keimena, IV, p. 24f. [55] Nefeloudis: Stis Piges tis Kakodaimonias, p. 107. [56] Zografos, Zizis: Provlimata Schetika me to Esokommatiko mas Kathestos. In: Neos Kosmos (December 1956), p. 48. [57] Richter, Heinz A.: Griechenland im Zwanzigsten Jahrhundert, Band 1: Megali Idea – Republik – Diktatur. Köln, 1990, p. 196. [58] For the discussion about the character of the regime see Richter, Heinz: Griechenland zwischen Revolution und Konterrevolution 1936–1946. Frankfurt 1973, pp. 54–67 and Griechenland im Zwanzigsten Jahrhundert, pp. 201–205 by the same author. [59] See Bartziotas’ reminiscences mentioned in note 12. [60] Episima Keimena, IV, p. 463. [61] Deka Chronia Agones, p. 140. [62] The letter was eagerly published by the Greek authorities in the press of the time. It may be found in: Episima Keimena, [KKE esoterikou], V, p. 16. [63] John C. Loulis: The Greek Communist Party 1940–1944. London, 1982, p. 8. [64] Text in: Episima Keimena [KKE esoterikou], V, p. 22f. [65] The second letter was neither published by the Greek authorities nor by KKE at the time being. [66] Ibidem, p. 32. [67] The former commander of the British Military Mission with the Greek partisans judged: »In the Albanian Campaign it was the people of Greece who fought and did so splendidly against the enemy inspite of the regular Army. The regular army was shamed into fighting by the will of the people. The people advanced inspite of the senior regular Army officers who where directed largely by Metaxas himself, rather than the Greek C.-in-C. were not only unwilling to fight and incompetent but had not the spirit to lead the Greek Army against the invader.« Quoted from E. C. W. Myers, Inside Greece. A Review. Unprinted manuscript in the possession of the author. [68] Deka Chronia Agones, p. 120f. [69] See Richter: Greece and Cyprus, pp. 104–116, 276ff. and the introduction to this article. [70] From an entry in Dimitrov’s diary of 26. December 1943 we learn that Comintern had only very vague ideas about the Greek Résistance. Therefore Dimitrov asked Tito, who was in contact with EAM/ELAS, to inform him about the size of the armed forces, the areas of activity and the organizations supporting it. Cf. Ulunian: Communist Party, p. 202. [71] This topic has been discussed for years. The first who stated clearly and authoritatively that KKE had not aimed at an armed uprising and a takeover was the former Secretary General of EAM: Chatzis, Thanasis: I nikifora epanastasi pou chathike (1941–1945) 3 vols. Athens, 1977–1979; more recently the former Secretary General of KKE Farakos: Farakos, Grigoris: O ELAS kai i Exousia. 2 vols. Athens, 2000. [72] Richter, Heinz A.: The Battle of Athens and the Role of the British. In: Sarafis, Marion (ed.): Greece: From Resistance to Civil War. Nottingham, 1980, pp. 78–90 [73] Idem: Die griechische kommunistische Partei (KKE) 1944–1947: Von der Massenpartei zur Kaderpartei. In: Staritz, Dietrich and Weber, Hermann (eds.): Einheitsfront, Einheitspartei. Kommunisten und Sozialdemokraten in Ost- und Westeuropa 1944–1948. Köln, 1989, pp. 453–468; idem: Die Entwicklung der Griechischen Linken 1918–1996. In: Moreau, Patrick/Lazar, Marc/Hirscher, Gerhard (eds.): Der Kommunismus in Westeuropa. Landsberg, 1998, pp. 131–166.

JHK 2002

Die Lebensbeichte eines Quäker-Kommunisten Zum Brief des geheimen Gefangenen Noel H. Field aus dem Staatssicherheitsgefängnis in Budapest an das Zentralkomitee der KPdSU vom März 1954

Bernd-Rainer Barth

Die Field-Affäre   Die Affäre um den Amerikaner Noel Field, mit der im Herbst 1949 die Serie osteuropäischer Schauprozesse und stalinistischer »Säuberungen« eingeleitet wurde, umgibt auch mehr als fünfzig Jahre nach den Ereignissen immer noch ein Gespinst aus Geheimnissen, Halbwahrheiten und Spekulationen. Im Sommer des Jahres 1949 – mitten im Kalten Krieg – war unter mysteriösen Umständen eine amerikanische Familie spurlos hinter dem »Eisernen Vorhang« verschwunden. Zunächst war im Mai 1949 der ehemalige europäische Leiter des amerikanischen Flüchtlingshilfswerkes »Unitarian Service Committee«, Noel Field, in Prag verschwunden. Als seine Frau Herta K. Field und sein Bruder Hermann mit Nachforschungen beginnen, erleiden sie im August 1949 dasselbe Schicksal. Vier Monate später, im September 1949, tauchte der Name Noel Field wieder auf: losgelöst von der realen Person wurde er im Budapester Rajk-Prozeß,– später auch in den »Parteisäuberungen« in Warschau, Ost-Berlin (in der Affäre um Paul Merker und andere) bzw. im Herbst 1952 im Schauprozeß gegen Rudolf Slansky in Prag – zur Fiktion des »amerikanischen Meisterspions« aufgebaut, der sich bereits während des Zweiten Weltkrieges in die kommunistische Bewegung eingeschlichen habe. Die Verbindungen kommunistischer Emigranten zum Spionage-Phantom Noel Field wurden im Budapester »Musterprozeß« gegen den ehemaligen ungarischen Außenminister László Rajk zum Bindeglied zwischen imperialistischer und titoistischer Unterwanderung des kommunistischen Lagers.[1] Die in den Schauprozeßkonstruktionen aufscheinende Logik der »Kontaktschuld« produzierte im weiteren Verlauf immer neue Opfer. Wie die Verfasserin der einzigen Field-Biographie,[2] Flora Lewis, treffend schrieb, war Noel Field »so etwas wie der Träger eines unsichtbaren, heimtückischen Bazillus gewesen, den er unwissentlich auf alle übertrug, die in seine Nähe kamen. Die Befallenen gaben die Krankheit unabsichtlich weiter, und der Name Field wurde ein Synonym für Angst.«[3] Noel Field selbst trat jedoch in keinem der Prozesse als Angeklagter oder Zeuge auf. Bereits vor seinem Verschwinden in Prag waren im Westen Meldungen aufgetaucht, Noel Field sei vermutlich Kommunist, möglicherweise sogar ein sow­jetischer Agent – was den »Fall Field« noch verwirrender machte. Sein Name, bei den vom Nationalsozialismus Verfolgten einst Symbol für Hilfe und Solidarität, wurde nun mit Verrat und Spionage verbunden. Noel Fields ehemaliger Kollege im State Department, der Leiter des OSS für Zentral-Europa in Bern (ab Herbst 1942) und spätere CIA-Direktor, Allen Dulles, als dessen »rechte Hand« Noel Field von der kommunistischen Propaganda in den Schauprozessen präsentiert wurde, beschrieb die Field-Affäre zwanzig Jahre nach den Ereignissen als eines der ungelösten Rätsel des Kalten Krieges: »Der Fall der verschwundenen Fields ist noch immer von einem Schleier des Geheimnisses umgeben, und es ist durchaus möglich, daß man niemals die volle Wahrheit erfahren wird. Die Hauptfigur dieser Geschichte, ein Amerikaner aus guter Familie und von hervorragender Erziehung, ist Noel Field, der vor dem Zweiten Weltkrieg zeitweilig im amerikanischen State Department, später auch im Völkerbund tätig war. Während des Krieges war er in der Schweiz, und arbeitete kurze Zeit für den OSS in Bern. Er kannte viele Kommunisten und linksgerichtete Emigranten, mit denen die Aliierten in jener Zeit im gemeinsamen Kampf gegen Hitler standen.« Auf die Schauprozesse in Budapest und Prag eingehend schreibt der pensionierte CIA-Direktor weiter: »In diesen Prozessen wurde Field als amerikanischer Spion ›entlarvt‹, obwohl ich sicher bin, daß er ein sowjetischer Agent gewesen ist.«[4] Wer war Noel Field nun wirklich? Ein Überläufer, ein Doppelagent? Ein sowjetischer Aufklärer oder »eine Art Spezialist für Fragen der Arbeiterbewegung im amerikanischen Spionageapparat in der Schweiz«?[5] Ein weltfremder Idealist, ein »nicht sehr intelligenter Quäker-Kommunist«?[6] Antworten auf diese Fragen sind jetzt in den Archiven in Budapest zu finden: im umfangreichen Nachlaß von Noel und Herta Field[7] sowie in den Archivbeständen[8] der ungarischen Staatssicherheitsbehörde ÁVH[9] bzw. des ungarischen Innenministeriums.[10]     Noel Fields »Brief an die Partei«   Der hier erstmals publizierte Brief des Häftlings Noel Field an das Zentralkomitee der KPdSU kann als eines der Schlüsseldokumente in der komplizierten Field-Affäre angesehen werden, deren Hintergrund und Verlauf hier nur angedeutet werden kann.[11] Seit Fields Verhaftung in Prag im Mai 1949 ist dieser Brief mit seinen vier Beilagen die erste umfassende und wahrheitsgetreue Darstellung der eigenen Lebensgeschichte.[12] Nach mehr als viereinhalb Jahren Isolationshaft im Gewahrsam der ungarischen Staatssicherheit konnte der Häftling Noel Field hier erstmals seinen »Parteilebenslauf«[13] niederschreiben, der zumindest frei ist von den Verzerrungen der Prozeßkonstruktionen. Wie auch der Fußnotenapparat zeigt, wird Fields Darstellung der Fakten durch zahlreiche andere Quellen belegt. Auch seine späteren Aussagen – die fast alle überprüfbar sind – zeichnen sich durch einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit aus. Der »Brief an die Partei«, wie Field das Dokument später mehrfach nennt, bietet – zusammen mit weiteren Quellen aus dem Bestand der Untersuchungsakten des ungarischen Staatssicherheitsdienstes zum »Fall Rajk«[14] – wesentliche neue Erkenntnisse für die verworrene Vorgeschichte des Prozesses gegen »László Rajk und Komplizen«.[15] Da dieser Schauprozeß von Stalin und Rákosi als »Musterprozeß« für entsprechend inszenierte Folge-Prozesse in den anderen Volksdemokratien konzipiert war, kommt der Genesis dieses Prozesses, an deren Anfang die Verhaftung Noel Fields stand, eine besondere Bedeutung zu. Erschwert wird die Rekonstruktion, Darstellung und Bewertung der ungarischen Prozesse durch die schwierige Quellenlage. Da die für die Prozesse politisch Verantwortlichen in Ungarn (Mátyás Rákosi, Mihály Farkas, Ernö Gerö, János Kádár) über einen langen Zeitraum erfolgreich ihre Spuren verwischen konnten und aus den ehemaligen sowjetischen Archiven bisher kein relevantes Dokument zu diesem Komplex freigegeben wurde, bilden die sogenannten Revisions- bzw. Untersuchungsakten der Betroffenen, die späteren Rehabilitierungsbeschlüsse und die über mehrere Archive verstreuten Abschriften vernichteter Verhörprotokolle die wesentliche Quellengrundlage für die Rekonstruktion der Prozeßgeschichten. Die Kádár-Führung hatte nach 1956 einen seltsamen politischen Kompromiß gleichsam mit sich selbst geschlossen: Er lief darauf hinaus, daß die betroffenen Opfer des stalinistischen Terrors zwar rehabilitiert wurden, nicht jedoch ihre Akten. So verfügte ein Politbürobeschluß vom Herbst 1959 die schrittweise Vernichtung aller Unterlagen, welche sogenannte »konzeptionelle Elemente«[16] enthielten. Bis in die sechziger Jahre hinein wurden so fast alle Originale der Verhörprotokolle, Tonbandabschriften und die erfolterten »Geständnisse« vernichtet – so auch die meisten Unterlagen im Fall Noel Field aus der Zeit 1949/1950.[17] Auf die biographischen Fakten des ungewöhnlichen Lebens von Noel Field soll hier nicht weiter eingegangen werden, da der Brief selbst eine »kurze politisch-ideologische Autobiographie« enthält, in der die in Fields Augen wesentlichen Momente zur Beurteilung seiner Angelegenheit geschildert werden. Hier soll nur auf die Vorgeschichte des Briefes, den unmittelbaren Kontext sowie die Folgen eingegangen werden. Noel Field sah sich nach Kriegsende zunehmenden Verdächtigungen und drohender Verfolgung in den USA ausgesetzt.[18] Nach seiner politisch motivierten Entlassung aus dem von ihm als sein Lebenswerk betrachteten »Unitarian Service Committee« trug er sich immer stärker mit dem Gedanken, für sich und seine Frau eine neue Existenz in Osteuropa aufzubauen. Berichte über diese Absicht gelangten auf verschiedenen Kanälen nach Moskau und Budapest. Wie aus ungarischen Quellen ersichtlich, wurde Mátyás Rákosi Ende 1948 bzw. Anfang 1949 aktiv, nachdem ihm Meldungen der ungarischen Militäraufklärung aus der Schweiz in die Hände gelangt waren, die besagten, Noel Field sei vermutlich ein amerikanischer Agent, der bereits während des Krieges mit Allen Dulles zusammengearbeitet habe.[19] Vermutlich erst zu diesem Zeitpunkt wurde die Konzeption vom »Superagenten« Noel Field geboren – ob hierbei die sowjetischen Regisseure (Stalin, Viktor S. Abakumow) oder ihre ungarischen Schüler (Mátyás Rákosi, Mihály Farkas) die Initiatoren waren, wird – wenn überhaupt – erst nach einer weitergehenden Öffnung russischer Archive zu klären sein. Noel Field selbst hatte sich bereits bei den polnischen und tschechischen Behörden mit seinen Bemühungen um eine Aufenthaltsgenehmigung verdächtig gemacht. Bei seinem Aufenthalt in Warschau im September 1948 hatte er in einem Brief an das Politbüromitglied Jakub Bermann seine komplizierte Situation beschrieben und um deren Abklärung gebeten.[20] Im gleichen Monat reiste er nach Prag, wurde dort von der tschechoslowakischen Geheimpolizei (StB) unter Beobachtung gestellt und im November 1948 als »spionageverdächtige Person« verhaftet.[21] Im Verhör gab er sich jedoch als sowjetischer »Kundschafter« zu erkennen, woraufhin ihn die überraschten StB-Offizieren wieder freiließen, und er im Dezember 1948 in den Westen zurückkehren konnte. In Ost-Berlin hatten inzwischen – auf Wunsch Noel Fields – Paul Merker und Franz Dahlem bei den sowjetischen Behörden vorgefühlt, ob ein Aufenthalt und Arbeitsmöglichkeiten für ihn in der sowjetischen Besatzungszone möglich wären – sie waren jedoch ohne Antwort geblieben. Am 5. Mai 1949 war Noel Field von Paris[22] nach Prag geflogen und im Hotel »Pallace« abgestiegen, aus dem er am Nachmittag des 11. Mai spurlos verschwand. Wie aus den Akten der ungarischen Staatssicherheit hervorgeht, war Noel Field im Zuge einer »operativen Kombination« der tschechischen Staatssicherheitsorgane am Abend des 11. Mai 1949 auf einer Prager Vorortstraße »unter konspirativen Umständen« verhaftet worden. Er wurde – wie es rückblickend in einem Bericht der ungarischen Staatssicherheit vom 5. November 1954 heißt, »an Ort und Stelle dem ehemaligen Oberst der Staatssicherheit Ernö Szücs übergeben, der ihn noch am selben Tag im Auto nach Budapest beförderte. Im Auto wurde Noel Field mit Chloroform betäubt und in bewußtlosem Zustand befördert.«[23] Noel Field wurde in Budapest zunächst im Keller der ÁVH-Zentrale (Andrássy út 60) als anonymer Geheimgefangener festgehalten, verhört und – nachdem er sich geweigert hatte, sich und andere kommunistische Emigranten als »amerikanische Agenten« zu bezeichnen – schwer gefoltert. Nach einigen Tagen wurde er in ein konspiratives Objekt, eine Villa in der Eötvös út auf dem Schwabenberg in Buda, gebracht. In dieser streng abgeschirmten Villa, wo die Gefangenen in Anwesenheit der Führungsspitze der ÁVH (Gábor Péter, Ernö Szücs u.a.) bzw. der Partei (Verteidigungsminister Mihály Farkas, Innenminister János Kádár) sowie hochrangiger sowjetischer Geheimdienstoffiziere (einer Gruppe um General Michail Iljitsch Bjelkin)[24] verhört und schwersten Folterungen ausgesetzt waren, befanden sich kurz darauf auch der am 18. Mai verhaftete Kaderchef der ungarischen Partei, Tibor Szönyi, mehrere Mitglieder der sogenannten »schweizer Gruppe«, sowie der am 30. Mai verhaftete Außenminister László Rajk und andere prominente Gefangene, die hier auf den geplanten antititoistischen Schauprozeß vorbereitet wurden.[25] In welchem Zustand sich Noel Field in dieser Zeit befand, schildert der überlebende Mithäftling Iván Földi in einer Zeugenaussage vom September 1956. Zunächst sei er seinem Freund Tibor Szönyi gegenübergestellt worden, der so verändert gewesen sei, daß er ihn anfangs nicht erkannt habe: »[...] er war bis zur Unkenntlichkeit durch Schläge entstellt, sein Gesicht war völlig zusammengeschrumpft, er hatte ein völlig kleines, runzeliges Gesicht, er ging in Gummischuhen, offenbar waren auch seine Füße zerschlagen. Dann zeigte man mir für einige Minuten Noel Field, der genau den gleichen Anblick bot. Dann wurde ich im selben Haus hinunter in einen Bunker geführt, an dessen Wand ich eine Aufschrift sah, von zwei Kreuzen begrenzt: Noel Field lebte von dann bis dann. Das hatte offensichtlich Noel Field geschrieben, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte.«[26] Die letzten zehn Tage des Juni 1949 befand sich Field vorübergehend in sowjetischem Gewahrsam, in einem NKWD-Objekt in Budapest, wo er offenbar nicht gefoltert wurde. Anschließend kam er erneut in den Keller der konspirativen Villa. Nachdem er seine unter der Folter erpreßten »Geständnisse« widerrufen hatte – und trotz weiteren Drucks bei dieser Haltung blieb –, wurde sein Fall etwa Mitte Juli 1949 vom Rajk-Komplex getrennt bzw. aus der unmittelbaren Prozeßvorbereitung herausgenommen. Am 11. Oktober 1949 wurde er in das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in der Conti utca überführt. Er sowie seine am 26. August 1949 ebenfalls aus Prag entführte Frau, Herta K. Field, wurden im ÁVH-Gefängnis unter den Namen »János Földes« (eine ungarische Entsprechung seines Namens, etwa: »Johannes Feld«) und »János Földesné« (etwa: »Frau von Johannes Feld«) geführt. Noel Field befand sich fünfeinhalb Jahre lang – bis auf zwei kurze Unterbrechungen, als ihm »Kammeragenten« in die Zelle gesetzt wurden – in streng isolierter Einzelhaft. Er erfuhr nichts von dem, was sich außerhalb der Gefängnismauern abspielte. Er wurde bis 1951 noch sporadisch von ungarischen ÁVH-Offizieren (sowie einmal von einem polnischen Staatssicherheitsoffizier – dem späteren Überläufer Jozef Swiatlo) zu verschiedenen Einzelfragen verhört.[27] Dabei führte er einen hoffnungslosen Kampf gegen die einseitig verteilte Definitionsmacht, was im Parteiinteresse als »Wahrheit« zu gelten habe. So heißt es in einem der wenigen überlieferten Berichte aus dieser Periode: »Während seiner Vernehmung legte Field eine ähnliche Haltung an den Tag, wie er sie schon bisher gezeigt hat. Er war bemüht, sich selbstsicher zu geben und betonte, an seiner Haltung werde sich nichts ändern. Seit August 1949 sage er nur noch ›die Wahrheit‹, und dabei werde er bleiben. Er sei kein Spion, er sei auch kein Spion gewesen, und er sei nicht bereit, mit falschen Geständnissen unschuldige Menschen ins Verderben zu stürzen. Das betonte er mindestens zwanzig Mal, und als ich ihn fragte, warum er schauspielere, wie lange er gebraucht habe, dies einzustudieren, antwortete er mir, er sei gezwungen gewesen in kompakten Sätzen seine ›Wahrheit‹ einzustudieren, weil wir ihm nicht erlaubten, sich auszusprechen, weil wir auf die vollständige Wahrheit nicht neugierig seien. Er brachte auch vor, wir könnten mit ihm nichts anfangen, deshalb beschäftigten wir uns mit ihm auch nicht methodisch«.[28] Ab Juli 1951 wurden diese Befragungen jedoch abgebrochen, und Field blieb bis zum Sommer 1954 ohne jedes Verhör in streng isolierter Einzelhaft. Nach Stalins Tod und als Folge des im Juni 1953 in Ungarn eingeführten »Neuen Kurses« mit Imre Nagy als neuem Ministerpräsidenten, begannen – wenn auch immer wieder von den konservativen Kräften um Rákosi gebremst – die Überprüfungen der in den ungarischen Schauprozessen Verurteilten bzw. Verhafteten.[29] So erklären sich die immer wieder auftretenden Verzögerungen bei der erneuten Untersuchung der »Angelegenheit Noel Field«. Die Erlaubnis zum Schreiben des folgenden Briefes hatte sich Noel Field durch Selbstmorddrohungen und Hungerstreiks im Herbst 1953 erkämpft. Unmittelbare Reaktion darauf war ein für Noel Field überraschender Besuch einer von ihm nicht näher bezeichneten Person, die ihn am 1. Dezember 1953 in seiner Zelle im Staatssicherheitsgefängnis in der Conti utca aufsuchte. Bei diesem Anlaß wurde ihm mitgeteilt, daß »die Partei eine Untersuchung in seinem Fall einleiten werde.« Verhöre würden noch vor dem Februar 1954 beginnen. Am 16. Januar 1954 wurde ihm mitgeteilt, daß dem von ihm geäußerten Wunsch, einen Brief an die Partei zu schreiben, entsprochen werde. Am 17. März erhielt er die Schreiberlaubnis und reichte am 24. März 1954 den folgenden »Brief an die Partei« ein. Als nach weiteren vier Wochen keinerlei Reaktion erfolgt, wandte er sich in tiefer Verzweiflung »An die Behörden«: [...] Ist mein Brief an die zuständigen Parteistellen weitergeleitet worden? Wird er von diesen Stellen geprüft? Kann ich in absehbarer Zukunft auf eine Antwort rechnen? Wenn mir vorgeworfen wird, daß ich zu ungeduldig sei, so antworte ich wie folgt: Ich habe schon beinahe fünf Jahre lang gewartet. In dieser Zeit habe ich unendliche, unmenschliche Qualen erduldet. Die menschliche Leidensfähigkeit hat ihre Grenzen. Ich habe diese Grenze erreicht. Wenn ich zehn Jahre jünger und gesund wäre, so könnte ich mich weiter gedulden. Aber ich bin in diesen fünf Jahren um mindestens 15 Jahre gealtert. Und ich bin krank. Seit Jahren entwickelt sich ein schleichendes Leiden und die Schmerzen haben in jüngster Zeit einen Grad erreicht, der mich zu allem anderen noch zur Schlaflosigkeit verurteilt. Ich bin nicht gewillt, langsam dahin zu siechen. Ärztlich ist mir offenbar nicht mehr zu helfen. Ich bin deshalb entschlossen, mich selbst zu erlösen. Dazu bin ich sowohl als Mensch, wie auch als Kommunist berechtigt, denn ich habe durch meinen Brief vom 18.-24. März meine letzte und heiligste Parteipflicht erfüllt.  Budapest, den 22. April 1954  Noel H. Field«.[30] Die konkrete Überprüfung seines Falls begann erst Mitte Mai 1954 mit der Ausarbeitung eines Plans zum Untersuchungsvorgang des »OSS-Agenten Noel H. Field«.[31] Das erste Verhör fand am 15. Juni 1954 statt, dem sich in dichter Folge »eigenhändige biographische Aussagen« Fields (teilweise auf eigene Initiative) zu verschiedenen Personen und Themen anschlossen, sowie abwechselnd weitere Verhöre. Diese teilweise euphorisch anmutende Phase, in der sich das Mitteilungsbedürfnis des schwer traumatisierten Häftlings Bahn brach, wurde jedoch durch eine schockartige Ernüchterung unterbrochen. Anfang August 1954 wurde ihm aus Andeutungen seines Vernehmers schlagartig bewußt, daß seinen bisherigen Aussagen und Niederschriften keinerlei Glauben geschenkt wird. In einer »Erklärung« an die Untersuchungsbehörden vom 4. August schreibt Noel Field daraufhin: »Da ich mich über die im Jahre 1949 angewandten Verhörmethoden mehrmals beklagt habe, so möchte ich hier ausdrücklich betonen, daß die neuen Verhöre zu den alten in erfreulichem Kontrast stehen, und daß alle bisherigen Protokolle von mustergültiger Objektivität sind. [...] Im Verlauf der Verhöre sind aber – besonders in letzter Zeit – eine Anzahl von Bemerkungen gefallen (ich verweise als letztes Beispiel auf die heutige Behauptung, OSS und USC seien eigentlich dasselbe),[32] die mir immer deutlicher klargemacht haben, daß – wenn auch die Methoden von 1949 verurteilt werden – doch alle wesentlichen und grundsätzlichen Resultate dieser Methode voll und ganz bestätigt werden sollen, und daß daran prinzipiell nicht zu rütteln ist. Alle meine Aussagen werden damit entwertet und virtuell zu schamlosen Lügen erklärt. Dadurch werden, von meinem Standpunkt aus, die meisten weiteren Verhöre sinnlos. Ich bin selbstverständlich nach wie vor bereit, auf alle Fragen Antwort zu geben. Ich bin aber ebenso bereit, wenn die Behörden damit einverstanden sind, auf weitere Verhöre zu verzichten, und das Urteil über meinen Fall der Geschichte anzuvertrauen. Denn auch mit meinem Tode wird mein Fall noch nicht endgültig erledigt sein. Die Zeit wird kommen, sei es in 10 oder 20 oder mehr Jahren, da man aufgrund von neuem Material, mein hiesiges Archiv (besonders meinen Brief[33] und meine eigenhändigen Aussagen – die sogenannten »Romane«), mit neuen Augen ansehen wird. Dann wird man des längst verstorbenen amerikanischen Kommunisten in ganz anderer Weise gedenken.«[34] Die Freilassung des Ehepaars Field am 17. November 1954 war dann auch nicht die Folge einer gründlichen, vorurteilsfreien Untersuchung, an deren Ende sich die Unschuld der Inhaftierten herausgestellt hatte – sondern die Folge des spektakulären öffentlichen Auftritts des polnischen Überläufers Józef Swiatlo im September 1954.[35] Von ihm, der persönlich Noels Bruder Hermann im August 1949 in Warschau verhaftet hatte, erfuhr die Weltöffentlichkeit vom Schicksal der verschwundenen Fields. Der polnische Parteichef Boleslaw Bierut, der bereits am 25. Oktober 1954 Hermann Fields Entlassung veranlaßt hatte, drängte daraufhin – in Absprache mit der sowjetischen Parteiführung – den in einem Moskauer Sanatorium kränkelnden Rákosi, die Fields unverzüglich freizulassen.[36]   Editorische Notiz: Der Text ist die wortgetreue Wiedergabe des Originals, lediglich sinnentstellende Fehler und falsche Schreibweisen von Personennamen wurden korrigiert. Fehlende Worte stehen in eckigen Klammern. Grundlage des Textes ist das handschriftliche deutsche Original, 65 Seiten, Tinte, welches sich verstreut in den (erst nachträglich – in den sechziger Jahren – zusammengestellten) Untersuchungsakten der ungarischen Staatssicherheitsbehörde ÁVH bzw. des ungarischen Innenministeriums zum Vorgang Noel Field befindet. Diese Unterlagen stammen aus der Historischen Registratur des ungarischen Innenministeriums und werden seit 1996 im Archiv des »Amtes für Geschichte« (Történeti Hivatal) in Budapest aufbewahrt (TH-Archiv). Die Seite 1 des Briefes (»Vorbemerkung«) befindet sich in: TH-Archiv, Untersuchungsakte Noel H. Field, I/107-c (V-142755/3), Bl. 92; die Seiten 2–13: »Brief An das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sovietunion«, vom 18. 3. 1954 in: TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 59–70; die Seiten 14–68, »Anlagen I.- IV.«, vom 18.–22.3.1954, maschinenschriftliche Abschrift und handschriftliches deutsches Original, Tinte, in: TH-Archiv, I/107-c (V-142755/3), Bl. 138–158. Überliefert sind auch eine russische und zwei ungarische Übersetzungen dieses Briefes. Einige schwer lesbare Stellen im Original konnten anhand der ungarischen Übersetzungen eindeutig rekonstruiert werden.         Die Lebensbeichte des Noel Haviland Field Der Brief des geheimen Gefangenen Noel H. Field aus dem Staatssicherheitsgefängnis in Budapest an das Zentralkomitee der KPdSU vom März 1954.[37]   1. [Blatt][38] Vorbemerkung       1. Ich entschuldige mich im Voraus für die schlechte Handschrift. Ich werde mich bemühen, möglichst leserlich zu schreiben. Da ich aber seit über 3 Jahren keine Feder oder Bleistift in der Hand gehabt habe, bin ich mir des Schreibens völlig entwöhnt[39]. Es würde sich in der Zukunft allseitig lohnen, wenn man mir ermöglichen könnte, mit der Schreibmaschine zu schreiben, da ich ein ausgebildeter Stenotypist bin. (An der allmählichen Verdickung der Schrift ist die Feder schuld.)[40]     2. Man hat mir freigestellt, in jeder beliebigen Sprache[41] zu schreiben; obwohl ich des Englischen kundiger bin, habe ich mich entschlossen, auf deutsch zu schreiben, weil ich meine Gedankenarbeit in Bezug auf das Thema meiner Aufzeichnungen hauptsächlich in der deutschen Sprache durchgeführt habe.     3. Allfällige Korrekturen und Streichungen werde ich so durchführen, daß das ursprünglich Geschriebene noch deutlich zu lesen ist.     4. Ich betrachte mich als eidlich verpflichtet, die Wahrheit zu schreiben und als den schwersten Sanktionen unterworfen für jede bewusste Unwahrheit. Sofern ich Dinge niederschreibe, über die ich, sei es aus mangelnden Gedächtnis oder mangelnder Kenntnis, nicht sicher bin, werde ich dies durch das Wort "vermutlich" oder durch einen entsprechenden Ausdruck kennzeichnen.     5. Die nachfolgenden Aufzeichnungen bestehen aus einem Brief und vier Anlagen: Brief S. 2–13; Anlagen, S. 13–64.     6. Falls, nach Niederschrift einer Seite, es sich als nötig erweist, den einen oder anderen Punkt zu erweitern, so werde ich mir erlauben – wenn unten kein Platz für eine Anmerkung ist – ein Addendum (mit entsprechendem Hinweis) auf der Rückseite beizufügen.     7. Den Brief selbst werde ich möglichst kurz fassen, unter Betonung prinzipieller Fragen. Das hauptsächliche Tatsachenmaterial wird sich in den Beilagen befinden, auch hier werde ich versuchen, mich so kurz wie möglich zu fassen; obwohl ich versuchen werde, schon früher Geschriebenes (1949–51)[42] nicht zu wiederholen, werden sich gewisse Wiederholungen nicht vermeiden lassen, besonders wo die Zusammenhänge an sich richtige Tatsachen in falschem Licht erscheinen liessen.   2. [Blatt][43] Brief   An das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sovietunion[44] Budapest, den 18. III. 1954. Werte Genossen:     Als langjähriger Kommunist, – Sympathisant seit etwa 1925, aktiver parteiloser Kommunist seit etwa 1931–2, Mitglied der Partei (U.S.A.*[45]) seit 1936[46] –, erlaube ich mir Ihnen folgenden Brief mit vier Anlagen zu unterbreiten. Ich schreibe in einem Budapester Gefängnis, in welchem ich mich seit dem 11. Oktober 1949 in isolierter Geheimhaft befinde (ohne Verurteilung)[47].     Der Zweck dieses Schreibens ist nicht meine Befreiung. Denn erstens ist mein Leben (im weiteren Sinne) derart zerstört, daß die "Freiheit" – im Alter von 50 Jahren – nur noch wenig Verlockendes bietet. Und zweitens (und das ist das Entscheidende) bin ich mir wohl bewusst, daß die volle Wahrheit über meinen "Fall" unter den bestehenden internationalen Bedingungen nicht an die Öffentlichkeit (besonders die feindliche) dringen darf, da sie nur den Imperialisten und Kriegstreibern von Nutzen sein kann. Als Kommunist wäre es meine selbstverständliche Pflicht, in der Öffentlichkeit zu schweigen, aber es ist klar, daß die Partei sich in einer so gefährlichen Sache nicht auf mein garantieloses Ehrenwort verlassen kann und darf, (besonders nach meinem Verhalten zu Anfang Juli 1949, worüber Ausführlicheres weiter unten).     Das Ziel dieses Schreibens ist: Erstens, die Partei zu bitten – demütig [,] aber inständig zu bitten – eine durchgreifende, gründliche, vorurteilslose Untersuchung und Revision des Falles "Field und Genossen" anzuordnen, um im Parteiinteresse die Wahrheit eindeutig festzustellen und allen noch lebenden und zu Unrecht bestraften oder verdächtigten Genossen (meinen früheren Freunden und Mitarbeitern) die Rückkehr ins Parteileben zu ermöglichen.     Zweitens, durch entsprechende Massnahmen (es wäre meinerseits eine Anmassung, mich darüber konkret auszusprechen) eine Wiederholung ähnlicher Fälle möglichst zu vermeiden. ___________________________________________ [Anmerkung Noel Fields am unteren Seitenrand:] * Formeller Beitritt 1938, retroaktiv um 2 Jahre, in Moskau über die amerikanische Sektion des Exekutivkomitees der Komintern; bestätigt im Frühjahr 1943. 3. [Blatt] Und drittens, sei es zu meinen Lebzeiten oder wenigstens nach meinem Tode, meine Parteiehre und meinen kommunistischen Ruf wiederherzustellen, soweit es sich um die Zeit vor dem Sommer 1949 handelt. Was mein Verhalten[48] während jenes Sommers betrifft, so bin ich mir meiner Schuld zutiefst bewusst und unterwerfe mich im Voraus und rückhaltlos dem Urteil der Partei. Über diese Schuld werde ich im zweiten Teil dieses Briefes sprechen. 1. Kurzer historischer Rückblick.     Nach 6-jähriger Tätigkeit als europäischer Leiter des amerikanischen Flüchtlingshilfswerkes "Unitarian Service Committee" (im weiteren Verlauf dieses Schreibens als "USC" bezeichnet), wurde ich im September 1947 wegen Verdachts kommunistischer Tätigkeit entlassen (über meine USC-Arbeit siehe Anlage N° 2) und blieb von da an bis zu meiner Verhaftung arbeitslos. Auf Grund meiner aus der USC-Zeit stammenden Beziehungen in den volksdemokratischen Staaten und meines eigenen Interesses an diesen neuen Staaten, versuchte ich mir eine neue Lebensgrundlage zu schaffen, indem ich mich zu einem Sachverständigen des europäischen Ostens ausbildete, in der Hoffnung, mein Wissen der sich damals entwickelnden Fortschrittspartei (Henry Wallace[49]) als Reporter zur Verfügung zu stellen (über meine diesbezüglichen Bemühungen, Erfolge und Mißerfolge, siehe die vierte Anlage). In diesem Zusammenhang verbrachte ich den Sommer und Herbst 1948 in Polen und der Tschechoslovakei[50]. Im Oktober – ich war zu jener Zeit in Prag – brach gegen mich in Amerika plötzlich ein vom "Congresskomitee gegen unamerikanische Umtriebe"[51] losgelassener Pressesturm[52] gegen mich aus, der alle meine Pläne über den Haufen warf und mich (nach Rücksprache mit verschiedenen Genossen) veranlaßte, mich vorläufig öffentlich "mäuschenstill" zu verhalten und das Abflauen des Sturmes abzuwarten. Ich bemühte mich erfolgreich um eine Aufenthaltsbewilligung in Prag als politischer Emigrant und kam – nach Auflösung meines Genfer Haushalts –  Anfang Mai endgültig nach Prag[53]. Meine Frau sollte mir in einigen Wochen folgen. (Über diese ganze Periode siehe Anlage 4). Ich erwartete täglich einen Ruf, mich mit Hilfe der deutschen Partei[54] 4. [Blatt] und der sovietischen Behörden (SMA[55]) nach Berlin zu begeben, um meine Parteilage und künftige Arbeit, sowie die sich häufenden Verdächtigungen[56] gegen mich, abzuklären.     Statt dessen, wurde ich am 11. Mai auf offener Straße überfallen und in einem Automobil heimlich nach Budapest gebracht[57], wo ich im Verlauf mehrmonatiger Verhöre beschuldigt wurde, ein amerikanischer Spion zu sein, gewissermaßen die "linke" Hand von Allen Dulles[58], mit der Aufgabe, unter dem USC-Aushängeschild Agenten unter der kommunistischen Arbeiterbewegung zu werben, besonders für die Zersetzungsarbeit in den Volksdemokratien. Das Hauptziel der Verhöre war nicht so sehr, mich selbst zu überführen (meine Schuld wurde als feststehend vorausgenommen), sondern mich –  objektiv –  zum Denunzianten meiner "Agenten" zu machen, d.h. meiner Freunde und Bekannten innerhalb der Partei. Da in den Augen der Untersuchungsbehörden meine Rolle als Spionage-Anwerber [...][59] feststand, so genügte jeder nähere Kontakte mit mir als Verdachtsmoment. Durch meine USC-Arbeit war ich mit Dutzenden von Genossen der verschiedensten Länder in Freundschafts- oder Arbeitsbeziehungen getreten. Von meiner Schuld oder Unschuld hing deshalb das Schicksal von 50-100 Genossen ab, von denen der größte Teil im Osten lebte und arbeitete, teils in verantwortlichen Partei- oder Staatsstellen.     In dieser schwierigen Lage, versagte ich vollkommen. Ich hatte mich bis dahin für einen loyalen, ergebenen und zuverlässigen Genossen gehalten, mit moralischem Mut und "Zivilcourage". Aber in einer Beziehung hatte ich schon öfters selbstkritische Bedenken gehabt: Ich hatte noch nie für meine Überzeugungen physisch leiden müssen; dabei hatte ich schon seit frühester Kindheit eine krankhafte Todesfurcht. Um es klar auszusprechen: ich war ein physischer Feigling. Dazu kam eine althergebrachte Schüchternheit in persönlichen und sozialen Beziehungen ("Lampenfieber"), die mir unter anderem das öffentliche Reden – auch im kleinen Kreise – unmöglich machten. Es gab noch andere Faktoren meines Charakters, die mitspielten, aber ich will nicht 5. [Blatt] weiter darüber sprechen, da es mir nicht darum zu tun ist, mein Benehmen in den entscheidenden Wochen des Sommers 1949 zu entschuldigen. Tatsache ist, daß ich unter immer sich verschärfendem terroristischem Druck (von Knüppelschlägen bis zu "Hungerkuren") mehr und mehr von der Wahrheit abgedrängt wurde (vom behördlichen Standpunkt aus gesehen, mehr und mehr von der Lüge zur Wahrheit!), und daß ich schließlich einen völligen moralischen Zusammenbruch erlitt, während dessen ich überhaupt nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden konnte und die furchtbarsten Unwahrheiten nicht nur aussprach (und schrieb), sondern teils auch selbst glaubte.[60]     Es hat keinen Sinn, sich hier in Einzelheiten zu verlieren. Die von mir geschriebenen oder unterzeichneten Hunderte von Seiten[61] sprechen darüber eine traurige, beschämende Sprache. Mir ekelt heute vor mir selber, wenn ich an die verschiedenen "Selbstkritiken" denke, die ich damals schrieb, und die in der Hauptsache nichts als stiefelleckende Selbsterniedrigungen waren, ohne jeden Wahrheitsgehalt. Ich erinnere mich, z.B., daß ich mich des "Ehrgeizes" bezichtigte, wobei ich behauptete, ich hätte mich aus ambitiösen Gründen an die "Parteigrößen" herangemacht, u.s.w. Dabei weiß jeder, der mich kennt, daß der mangelnde Ehrgeiz eine Besonderheit meines Temperaments war und daß – aber ich bin vom Thema abgekommen und bitte diesen Ausbruch zu entschuldigen. Ich kehre zur historischen Übersicht zurück:     Im Spätsommer begann ich mich langsam – viel zu langsam – von meinem Zusammenbruch zu erholen und machte wiederholte, aber erfolglose Versuche, meine falschen Aussagen zu korrigieren[62]. Verhöre fanden von Anfang August an immer seltener statt und am 11. Oktober wurde ich schließlich in meinen jetzigen Aufenthaltsort[63] überführt. Während der ersten beiden Jahre (bis Juli 1951) wurde ich noch von Zeit zu Zeit (aber immer seltener) besucht, wobei es sich mit wenigen Ausnahmen nicht um Verhöre, sondern um kurze Gespräche handelte, die nichts ergaben, außer daß ich 6. [Blatt] jedesmal und immer nachdrücklicher meine Unschuld und die Unschuld der anderen Genossen betonte[64]. Ich bat erfolglos um die Möglichkeit schriftlicher Äusserung, nahm aber am 2. oder 3. August 1950 die Gelegenheit wahr, um in zwei kurzen Erklärungen[65] die grundsätzliche Wahrheit festzulegen, und 2. die hauptsächlichsten von mir begangenen Unwahrheiten zu denunzieren. (Die grundsätzliche Wahrheit über meine Unschuld und die Unschuld der Genossen hatte ich schon im Mai 1949 in einer Erklärung niedergeschrieben, die nicht erhalten geblieben ist, da sie vor meinen Augen zerrissen wurde.) Erst heute habe ich die Erlaubnis zum Schreiben bekommen. Ich betone dies nicht als Klage, sondern um mein bisheriges Schweigen zu erklären.     Was aus den anderen Genossen geworden ist, weiß ich nicht, vermute aber, daß viele von ihnen mein Schicksal, oder ein ähnliches, teilen. Ich nehme an, daß sie die Wahrheit gesprochen haben, – denn es handelte sich zumeist um kampferfahrene Genossen, die sicherlich nicht feige waren, wie ich. Aber ich war schließlich der "Chef"[,] und solange meine Schuld, mein Verrat feststeht, d.h., solange ich als die "linke" Hand von Dulles gelte, solange steht jeder, der mit mir befreundet war oder sogar mit mir zusammen arbeitete, im Verdacht.   2. Prinzipielle Erklärung, Analyse und Selbstkritik.     Ich erkläre hiermit feierlich – und ich betone, daß ich mich als unter Eid stehend betrachte –,     1. daß ich seit über 20 Jahren loyaler, ergebener, aktiver Kommunist bin, der mehr als einmal sein Leben für die Partei riskiert hat;     2. daß ich nie – weder direkt noch indirekt, offiziell noch inoffiziell – ein Spion oder Spionageagent war, oder für den amerikanischen oder einen anderen feindlichen Geheimdienst gearbeitet habe, oder Werbedienste geleistet habe; <s>(siehe Anlage 3)</s>[66] 7. [Blatt]     3. daß, meines Wissens, die Genossen, die mit mir befreundet waren oder mit mir gearbeitet haben, loyale, ergebene Kommunisten waren, die jedes Ansinnen, für den Feind zu arbeiten, mit Selbstverständlichkeit und Entrüstung abgelehnt hätten;     4. daß jeder Kontakt meinerseits mit Dulles oder [dem] OSS[67] im Auftrag und im Interesse der Partei stattfand (*)[68];     5. daß, meines Wissens, das Gleiche sich auf andere Genossen bezieht, – zum Beispiel auf Erica Glaser[69], die im Auftrag der Partei und unter ständiger Parteikontrolle in [dem] OSS arbeitete (2. Hälfte 1945) und dort der Partei unschätzbare Dienste leistete[70];     6. daß alle Aussagen meinerseits, die mit dem Obigen nicht in Einklang stehen, falsch sind – gleichgültig ob es sich damals, zur Zeit meiner geistigen Umnachtung, um bewusste oder unbewusste Lügen handelte.     Ich bin mir der ganzen Schwere und Verantwortung für obige Erklärung bewusst. Es geht hier nicht um Relatives, sondern um Absolutes. Es geht nicht darum, ob ich oder andere Genossen mehr oder weniger schuldig sind; es geht um meine und ihre völlige Unschuld; mehr noch, es geht darum, daß wir Kommunisten sind und nicht Verräter (ich spreche jetzt nicht von meinem Benehmen im Sommer 1949). Ein Kommunist kann nicht mehr oder weniger Spion, Verräter sein. Wenn ich auch nur ein Hundertstel, ein Tausend­stel der mir vorgeworfenen Verbrechen begangen hätte, so wäre ich ein Verräter und verdiente das Schicksal eines Verräters. Aber ich habe es nicht getan.     Fehler habe ich begangen, ja; vielleicht mehr Fehler, als ich [...][71]weiss. Aber es waren die Fehler eines bewussten und loyalen Kommunisten, nicht die Handlungen eines Verräters. Über einige 8. [Blatt] solche Fehler werde ich in der zweiten Anlage berichten. Sie waren in der Hauptsache das Resultat meiner großen administrativen Unerfahrenheit (als ich die USC-Leitung übernahm, hatte ich mein bisheriges Leben als untergeordneter "Sesselhocker" ohne Verantwortung verbracht, [...][72] mehr mit Papier als mit Menschen in Kontakt) und meiner schon erwähnten krankhaften Schüchternheit. Ich will meine Fehler nicht beschönigen; aber sie gehören ins Gebiet der kommunistischen Selbstkritik vor den zuständigen Parteibehörden, und nicht ins Gebiet der Kriminalbehörden.     Wie konnte es nun zu einem für mich und vermutlich auch für manche meiner Freunde so tragischen Ausgang kommen? War der Verdacht gegen mich berechtigt, war meine Verhaftung berechtigt, waren die Terrormaßnahmen gegen mich berechtigt? Auf alle drei Fragen antworte ich "ja". Ich stand unter schwerstem Verdacht – ich war mir dessen selbst bewusst und suchte schon seit Jahren um Abklärung, besonders seit meiner Entlassung von USC. 1. Ich bin Amerikaner; 2. ich stamme aus dem Bürgertum; 3. ich arbeitete 10 Jahre lang im Auswärtigen Amt (State Department); 4. ich war vier Jahre lang Völkerbundsbeamter; 5. ich war sechs Jahre lang Leiter einer kirchlichen Hilfsorganisation (und daß die christliche "Philanthropie" sich auch auf Spionagearbeit ausdehnt, ist notorisch); 6. ich stand mit Dutzenden teils führenden Genossen in Beziehung; 7. ich arbeitete in Genf, einem Spionagezentrum; 8. ich stand mit Dulles und mit [dem] OSS in Kontakt (Ende 1942 bis Anfang 1945); 9. der Leiter des Lissabonner Büros von USC und frühere Generaldirektor von USC[73] war OSS-Mitarbeiter; 10. nach meiner Entlassung schnüffelte ich Monate lang in Polen und Tsch.[echo]-Sl.[owakei] herum und sammelte "Material", das ich nie verwertete; 11. ich wurde zwar Jahre lang von offiziellen und privaten (imperialistischen und trotzkistischen) Stellen 9. [Blatt] verdächtigt und verfolgt, aber nie verhaftet, was damit erklärt werden könnte (allerdings nur zur Not und an den Haaren herbeigezogen), daß es sich um eine Finte handelte, um mir auf der "Linken" Vertrauen zu sichern; 12. mehrere "Genossen", mit denen ich in Beziehung stand, waren abgeschwenkt oder zu direkten Verrätern geworden (Humbert-Droz[74]; Massing[75] und Gumperz[76]). (*)[77] (Siehe Addendum auf der Gegenseite)[78]     Angesichts dieser Tatsachen, waren nicht nur meine Verhaftung, sondern auch die Anwendung aller zum Ziele führenden Massnahmen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht der Behörden. Ich habe die Berechtigung des Terrors im Klassenkampf (wenn auch gelegentlich mit inneren Hemmungen, die aus meiner pazifistisch-idealistischen Vergangenheit stammten) immer verteidigt, und darf mich nicht beklagen, wenn ich nun auch "dran glauben" musste. Gerade mein Fall aber weist immerhin darauf hin, daß zwar Schuldige durch Terror zur Wahrheit [...][79], gelegentlich aber auch Unschuldige (wenn sie schwach sind) zur Lüge gezwungen werden können; dies nur nebenbei, und nicht als Kritik.     Eine gründliche und unerbittliche Untersuchung war besonders in einer Zeit des verschärften Abwehrkampfes gegen das imperialistische Lager notwendig, [...][80] angesichts der unbestreitbaren Tatsache, daß ein Eindringen in Parteikreise mit Hilfe von "linken" Agenten für den Feind von größtem Nutzen sein musste und ich in mancher Beziehung ein geradezu ideales "Subjekt" für eine solche Arbeit darstellte! Meine Kritik an den Behörden bezieht sich auf die spätere Periode, nach dem 11. Oktober 1949, als man – wenigstens so musste es mir erscheinen – die weitere Untersuchung abbrach und mich zum Schweigen verurteilte. Aber 10. [Blatt] ich will mich hierüber nicht auslassen, sondern sofort zu meiner Rolle in dieser tragischen Entwicklung übergehen. Ich habe (gegen meine Absicht) schon im vorhergehenden Kapitel darüber gesprochen. Ich will hier nur noch einmal betonen, daß ich durch mein Verhalten – meine Verwirrung, meine Ängstlichkeit, meine Feigheit, meine teils falschen, teils irreführenden Aussagen – eine schwere Mitschuld gegenüber den Genossen und der Partei auf mich geladen habe. Ob ich diese Schuld durch meine seitherigen Leiden wenigstens teilweise abgebüsst habe, überlasse ich dem Urteil der Partei.     Angesichts der Tatsache, daß die Protokolle und anderen Dokumente des Sommers 1949 ein reiches und zum großen Teil richtiges faktisches Material enthalten, ist es nötig hervorzuheben, daß meine Unwahrheiten sich größtenteils nicht auf direkte, positive Lügen beziehen, sondern im Verschweigen der Wahrheit bestehen. Fakten sind an sich neutral; sie können, je nach der Zusammenstellung und der Interpretation, der Lüge oder der Wahrheit dienen. Indem ich auf Hunderten von Seiten, aus Angst vor der Wahrheit (teils auch aus taktischen Gründen des "Zeitgewinns"), diese einzige Wahrheit – nämlich meine und der Genossen Unschuld – immer wieder unterschlug, habe ich den Genossen und der Partei schwer geschadet. Gerade weil der Verdacht gegen mich so überzeugend war, war es meine heilige Pflicht, ohne Rücksicht auf Terror, immer und immer wieder die Wahrheit zu betonen, kein Dokument zu unterzeichnen, das diese Wahrheit nicht enthielt, sich lieber totschlagen zu lassen, als auch nur eine unwahre Silbe zu äussern. Die Taktik des Zeitgewinns (sofern man bei meiner Demoralisierung 11. [Blatt] überhaupt von "Taktik" sprechen kann) hat sich in der Folge als Fehlrechnung und Bumerang erwiesen. Fünf Jahre schon kaue ich an diesem "Zeitgewinn", der schrecklicher ist als der Tod. Ein Kommunist muß sich gegenüber den eigenen Behörden, wenn sie im Irrtum sind, ebenso tapfer verhalten, wie gegenüber dem Feind; denn jede Irreführung der Eigenen ist so verräterisch, wie das "Ausplaudern" vor dem Feind. Darüber bin ich mir heute im Klaren; früher hatte ich darüber nicht nachgedacht, denn die Möglichkeit dessen, was mir im Sommer 1949 geschah, war mir nie eingefallen.     Ich komme zum Schluß. Noch einmal: ich erwarte weder die Befreiung[,] noch etwa gar, daß die Partei meine unbewiesenen Unschuldserklärungen für bare Münze hinnimmt. Davon kann keine Rede sein. Meine einzige Hoffnung ist, daß meine Worte dazu führen können, daß der ganze Fall aufs neue und gründlicher als bisher untersucht wird, unter Teilnahme von Parteivertretern, und mit der festen Entschlossenheit, die Wahrheit, ohne Rücksicht auf frühere Ansichten und Beschlüsse, mit völliger Klarheit festzustellen.                                                            <s>Mit kommunistischem Gruß</s>,                                                                        <s>Noel H. Field</s>[81]     Eben sehe ich, daß ich in Bezug auf meine Schuld einen sehr wichtigen Punkt ausgelassen habe. Ich erlaube mir, ihn hier nachzutragen, obwohl er eigentlich zu Seite 10 gehört:     Am 6. Juli 1949, – zur Zeit meiner tiefsten moralischen Verwirrung – ließ ich mich durch einen (vermutlich zu diesem Zweck) in meine Zelle gesetzten Mitgefangenen (einem Titoagenten und früheren Spanienkämpfer) dazu überreden, einen Zettel an die amerikanische Botschaft zu schreiben und durch einen mit ihm befreundeten Wächter (ebenfalls ″Spanienkämpfer″) hinauszuschmuggeln.[82] 12. [Blatt] Der Wortlaut war, soweit ich mich entsinne, wie folgt[83]: "Streng vertraulich an den Botschafter, oder in seiner Abwesenheit an den Chargé oder an Mr. Dudka."     "Der Unterzeichnete, amerikanischer Staatsbürger, mit Pass von Dudka[84] in Prag am (?) November ausgestellt[85], erklärt, daß das Folgende der Wahrheit entspricht:     Am 11. Mai wurde ich in Prag überfallen (gekidnapt) und nach Budapest verschleppt, wo ich mich im Kerker befinde und, unter Anwendung von Methoden des "dritten Grades" (*)[86] (einschließlich Schlägen und Hunger), der ungeheuerlichen Beschuldigung unterworfen werde, ein wichtiger Spion gegen den Osten zu sein. Ich bitte dringend um direkte Intervention. Meine Frau, die sich in Genf befand, soll ebenfalls verhaftet sein[87]. – Noel Field.     Referenzen: Allen Dulles, 1942-5; John Carter Vincent, amerikanischer Gesandter in Bern."                                                __________          Später wurde mir vorgeworfen, es handle sich um einen Zettel an meine "Auftraggeber". Dies ist natürlich unrichtig. Man bezog sich dabei auf den Alternativ-Adressaten Dudka. Dies war der frühere Passbeamte in Prag, der mir ein halbes Jahr vorher einen neuen Pass ausstellte und den ich ausschließlich zu diesem Zweck aufgesucht hatte; bis dahin hatte ich nie von ihm gehört und sah ihn auch nie wieder. Während der Verhöre im Mai hatte man mir mitgeteilt, daß er sich jetzt in Budapest befinde[88]. Die Tatsache aber bleibt bestehen: Ich habe versucht, mich um Hilfe an die U.S.A. Botschaft zu wenden. Lange Zeit hielt ich diese Handlung für eine zwar äusserst dumme, aber nicht schlechte Handlung. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß ein Ertrinkender sich auch an jeden morschen Strohhalm klammert. Heute denke ich anders: Es ist mir klar, daß ich damals innerlich meine bürgerliche Vergangenheit noch nicht völlig überwunden hatte, und daß ich in höchster Not unwillkürlich meinen einstigen "Ernährer" anrief. Ein Kommunist darf so nicht handeln. [Addendum: Siehe Gegenseite.][89] 13. [Blatt] Der Brief ist [...][90] länger geworden, als beabsichtigt. Ich bitte um Entschuldigung, und werde versuchen, die Beilagen kürzer und sachlicher zu fassen.                                                                        Mit kommunistischem Gruß,                                                                                    Noel H. Field                                                                                                           18. III. 54.   Vier Beilagen: I. Kurze politisch-ideologische Autobiographie. (Seite 13-25) II. Meine Arbeit in USC. (Seite 26-44) III. Meine Beziehungen  zu Dulles und [dem] OSS. (S. 45-59) IV. Die Periode meiner Arbeitslosigkeit, Sept. 1947 bis Mai 1949. (Seite 59-64)                                                ______________                                                                        I. Kurze politisch-ideologische Autobiographie.     Ich bin am 23. Januar 1904 in London als Sohn eines gebürtigen Amerikaners und einer englischen Mutter geboren. Mein Vater[91] stammte aus mittleren bürgerlichen Kreisen (kaufmännisch), meine Mutter[92] aus etwas reicheren Handelskreisen (Kolonialhandel).     Mein Vater selbst war "aus der Art geschlagen": reiner Intellektueller, Idealist, Pazifist, ohne Ehrgeiz, ganz der Wissenschaft hingegeben und mit einer Geldverachtung, die seine Familie gelegentlich in Not brachte. Ich nenne diese Eigenschaften, weil Vater als altmodischer Pater familias alles daran setzte, um seine Kinder – besonders mich, seinen Erstgeborenen – im gleichen Geiste zu erziehen, und weil ich diesen Einfluß bis heute verspüre (sowohl positiv, wie negativ). Politisch war er links-liberal, religiös-sozialistisch eingestellt und hatte für den Kommunismus (er starb 1921) kein Verständnis. Trotzdem bin ich der Ansicht, daß sein Einfluß unbewusst zum Kommunismus hinführte. Es ist immerhin bezeichnend, daß wenige Jahre nach seinem Tode seine ganze Familie – jeder unabhängig vom anderen – zum Kommunismus überging: Zuerst ich selbst, dann mein Bruder[93], dann meine Schwester[94], und schließlich meine Mutter (im Alter von 60 Jahren)[95]. 14. [Blatt]     Über meine Familie habe ich im Februar (März?) 1950 ausführlich berichtet[96], und zwar – soweit ich mich erinnere – faktisch richtig, obwohl in der Interpretation ich auch damals noch immer gehemmt war durch eine noch aus der Zeit meines Zusammenbruchs stammende Tendenz zu falscher Selbstkritik (die ich auch auf die mit mir verbundenen Menschen übertrug). So wurde z.B. mein Memorandum über meinen Vater als ein "Geständnis" meinerseits ausgelegt, daß "auch" mein Vater schon ein "Spion" gewesen sei. Diese Auslegung ist selbstverständlich [...][97] falsch. Wahr daran ist nur, daß mein Vater, als überzeugter Pazifist, auch während des Krieges (1914-18) seine Beziehungen zu Pazifisten des "Feindlagers" nicht abbrach und sich aktiv um den Frieden bemühte. Wahr ist ferner, daß er für kurze Zeit (2 – 3 Monate ?) im Jahre 1919 diplomatischer Vertreter der amerik.[anischen] Friedensdelegation in München war. In der Propaganda ist es sicherlich angebracht, den Begriff "Diplomat" mit dem Begriff "Spion" zu identifizieren, zumal[,] da beide Funktionen sich häufig verbinden. Bei der Bestimmung der Rolle von einzelnen Persönlichkeiten, zumal in Kriminalfällen, ist aber eine genauere Begriffsbestimmung unerläßlich. Bitte, wenn ein Staatsbeamter automatisch ein "Spion" ist, so war auch ich einer, und ein Kommunist, der in Staatsdiensten steht, ist automatisch ein Verräter. Ich kann aber nicht glauben, daß dies wirklich die Ansicht der Partei ist. – Ich habe mich hier wieder zu einem Exkurs verleiten lassen und muß mich wiederum entschuldigen. Es ist nicht meine normale Arbeitsweise, – mit sorgfältigen Konzepten, Plänen und Entwürfen, aber meine Lage erlaubt mir keine solche methodische Arbeit, alles kommt aus dem Kopf direkt aufs Papier und die erste Niederschrift ist gleichzeitig die endgültige. Unter diesen Umständen darf ich vielleicht auf Nachsicht hoffen, wenigstens was die Form dieser Aufzeichnungen betrifft.                                     ____________________ 15. [Blatt] 1. Kindheit Meine Kindheit und Jugend bis zu meinem 19. Jahr (1922) verbrachte ich in Zürich (wo mein Vater ein von ihm begründetes wissenschaftliches Institut leitete), mit gelegentlichen Sommerbesuchen bei den Großeltern in England und 2 Jahren in Lugano (1915-16), bedingt durch Geldnot. Ich war ein außerordentlich verträumtes, mädchenhaftes Kind, das ganz in sich zurückgezogen und in "Wachträumen" lebte und jeden Kontakt mit den Altersgenossen mied (außer mit meiner künftigen Frau, meiner Schulkameradin[98]). Meine Kinderjahre wurden mir teilweise zur Hölle durch eine pathologische Todesfurcht, die mir die Schlaflosigkeit zur Gewohnheit machte und mich durch mein ganzes Leben verfolgte. (*)[99]     Der Tod meines wie einen Heiligen verehrten Vaters, als ich 17 Jahre alt war[100], brachte eine andere fatale Charaktereigenschaft in den Vordergrund: eine Tendenz zu übertriebener, selbstquälerischer Selbstkritik: Ich überzeugte mich (entgegen aller ärztlichen Befunde), daß ich am Tode meines Vaters schuld sei und daß ich dieses Verbrechen dadurch sühnen müsse, daß ich ein "Heiliger" werde und mein Leben dem Dienst an den Mitmenschen widmen müsse. Dies war der eigentliche Ursprung meiner ganzen späteren Entwicklung. Die erste praktische Auswirkung war die pazifistische Tätigkeit (Gründung – kurz nach dem Tode des Vaters – eines "Weltfriedensbundes der Jugend"). Nach der Übersiedlung der Familie, 1922, nach Amerika (Cambridge bei Boston) und während meiner Universitätsjahre, setzte ich diese Tätigkeit in bescheidenerem Rahmen fort (Fellowship of Youth for Peace). Im Kontakt mit teils anarchistisch, teils kommunistisch gesinnten Mitgliedern dieser Organisation, begann sich in mir langsam die Überzeugung zu entwickeln, daß der Weltfrieden ohne eine soziale Umwälzung nicht gesichert werden kann, und ich begann marxistische Literatur zu lesen und marxistische Zirkel und Versammlungen zu besuchen. 16. [Blatt] 2. Washingtoner Periode     Mein Pazifismus behielt aber noch längere Zeit die Oberhand, sodaß ich – aus rein pazifistischen Motiven – im Jahre 1926 meine Laufbahn als State Department Beamter antrat, wo ich (eben auf Grund meiner Weltanschauung) das Referat für Völkerbundsfragen und später für Abrüstungsfragen erhielt. Dabei hielten sich meine Frau (die ich 1925 geheiratet hatte) und ich völlig fern vom diplomatisch-sozialen Leben in Washington. Wir bezogen eine kleine Wohnung fern vom Beamtenquartier, hatten weder Dienstmagd noch Auto, und wenn wir Kollegen einluden, war meine Frau Köchin, Serviertochter und Empfangsdame zugleich. In dieser Beziehung stellten wir ein Unikum dar, und es war mir bald klar, daß eine solche Verachtung der sozialen Pflichten auf längere Sicht jede einigermaßen "brillante" Karriere verunmöglichen musste. Das kümmerte uns aber wenig, da uns jeder Ehrgeiz und jedes materielle Streben fremd waren.     Dazu kam, daß meine Erlebnisse im State Department,  die Entwicklung der internationalen Lage, meine Lektüre, meine persönlichen Kontakte außerhalb des Amtes (Teilnahme an einem "internationalen Freundschaftsklub", mit Negerstudenten, u.s.w.) mich mehr und mehr nach links trieb. Der damals zu Ende gehende "Sacco-Vanzetti"-Fall[101] spielte in meiner Entwicklung eine große Rolle. Zu Anfang der dreißiger Jahre begann ich mich an verschiedenen Aktionen zu beteiligen: Arbeitslosendemonstrationen, Streik- und Hungermärsche, Versammlungen des Studentenbundes, u.s.w. Unsere Wohnung wurde allmählich zu einem Ort, wo sich Teilnehmer zu solchen Anlässen treffen und besprechen konnten, gelegentlich auch als Nachtquartier. Ich organisierte eine Kundgebung von streikenden Textilarbeitern zu Ehren von Henry Barbusse[102], beteiligte mich am Kampf der Hungerdemonstranten gegen die Truppen General McArthurs[103], u.s.w. – 17. [Blatt] all dies natürlich heimlich und ohne Wissen meiner State Department-Kollegen.     Verdächtigungen gegen mich begannen zwar schon zur Zeit meines Eintritts in Staatsdienste, aber es gelang mir, sie durch äußerlich "korrektes" Verhalten und durch meinen "Eifer" in der amtlichen Arbeit, allmählich zum Schweigen zu bringen. Es kam zu gelegentlichen "Alarmen" – einmal entledigte ich mich zum Beispiel meiner ganzen marxistischen Bücherei, weil man mir das Gerücht zutrug, ein Congress-Komité (Vorgänger des berüchtigten "Dies-Committee"[104]) sei hinter mir her. Aber es waren falsche Alarme – jedenfalls kam es zu keiner offenen Aktion gegen mich. Meine Kollegen betrachteten mich lächelnd als "naiven Idealisten", der im Völkerbundsreferat gut zu gebrauchen war und dem man seine "Jugendsünden" gern verzeiht.     Wann wurde ich zum Kommunisten? Es ist schwer, dies zu bestimmen. Meine zehn Jahre in Washington stellten die grundlegende Periode dar in meiner allmählichen Entwicklung vom pazifistischen Idealisten zum militanten Kommunisten. Es gab Sprünge nach vorn, es gab Rückschläge. Meine damaligen Tagebücher sind voll von Auseinandersetzungen mit mir selbst in diesen Fragen. Das Haupthemmnis war der tief verwurzelte Pazifismus. Ein weiteres Hemmnis waren meine kleinbürgerlichen Begriffe von Loyalität und Ehre, die es mir schwer machten, "die Hand zu beissen, die mich ernährte". Dieses letzte Hemmnis drängte mich immer stärker dahin, den Staatsdienst zu verlassen und eine Arbeit zu suchen, in der ich durch meine Loyalitätsbegriffe weniger berührt würde. Dies spielte denn auch eine wichtige Rolle bei meinem Eintritt in das Völkerbundssekretariat, zu dem ich nicht die geringste Loyalitätsverpflichtung mehr empfand. Zu dieser Zeit (1936) hatte ich allerdings meine alten diesbezüglichen Hemmungen schon in der 18. [Blatt] Hauptsache überwunden; aber den Entschluß, das State Department zu verlassen, hatte ich schon im Jahre 1934 gefasst.     Im Jahre 1933 (dem ersten Jahre unter Roosevelt), befreundete ich mich mit den beiden Washingtoner Vertretern des Zentralorgans der Partei[105] und begann, ihnen Informationen zu übermitteln, gelegentlich auch selbst Artikel zu schreiben (natürlich ohne Unterschrift). Mit Hilfe dieser beiden begann ich auch die Möglichkeit eines illegalen Beitritts zur Partei zu sondieren. Im folgenden Jahre wurden diese Bemühungen unterbrochen durch meine Bekanntschaft mit 2 Vertretern eines sovjetischen Dienstes[106]. Beide haben später Verrat geübt und sind seit 1946 zu meinen Todfeinden geworden (denen ich, letzten Endes, mein jetziges Schicksal verdanke[107]). Über die damit (1934) beginnende Periode werde ich hier nur soweit berichten, als es für das Verständnis meiner Entwicklung unerläßlich ist; an anderer Stelle, habe ich eingehend berichtet[108]. Ich denke, ich darf die Namen der beiden zukünftigen Verräter nennen, – die Zeit meines Arbeitskontaktes mit ihnen liegt schon 20 Jahre zurück: sie hießen Paul Massing und Hede Gumperz[109]. Ihre Vorschläge an mich setzten mich – wegen der schon genannten Hemmung – in großen inneren Konflikt; dazu kam noch ein läppischer Versuch, mich durch das "Geschenk" eines Autos fügiger zu machen, wodurch meine Entwicklung um fast ein Jahr verzögert wurde. Erst 1935 begann ich regelmäßig zu arbeiten[110] (natürlich ohne Auto). Von einem Parteibeitritt konnte nicht mehr die Rede sein; im Gegenteil, ich mußte alle Parteikontakte abbrechen. Kurz darauf erfolgte meine Übersiedlung nach Genf (Mai 1936). [Addendum auf Gegenseite][111] _____________________ [Rückseite von Seite 18 – BRB:]       Addendum zu Seite 18, unten:             Von etwa Mitte 1935 an arbeitete ich rückhaltlos und bedingungslos, ohne in der Praxis den Überresten meines bürgerlichen "Gewissens" das geringste Gehör zu schenken und trotzdem vier aufeinanderfolgende Vorgesetzte Verrat übten[112]. Die Reise (1938[113]) in die Sovjet Union und die Parteiaufnahme waren dafür die Anerkennung. _____________________     Angesichts gewisser Beschuldigungen möchte ich hier mit allem Nachdruck betonen, daß ich während meiner ganzen 10 Jahre im State Department niemals wissentlich mit einem Agenten des Geheimdienstes zusammenkam. Ich wusste vage, daß ein solcher Dienst existiert, hatte aber keine Ahnung, wo er zu finden sei[114]. 19. [Blatt] 3. Genfer Periode, Parteizugehörigkeit.     Meine Arbeit als Mitglied der Abrüstungssektion des Völkerbundes ist politisch von keinem Interesse. Ich habe darüber im Februar oder März 1950 berichtet[115] und ich glaube, es bleibt nichts hinzu zu fügen. Meine gelegentlichen Kontakte mit Vertretern des amerikanischen Konsulats waren durch diese Arbeit bedingt und hatten nur technische Bedeutung. Selbstverständlich setzte ich, besonders in der ersten Zeit, auch meinen persönlich-sozialen Kontakt mit meinen früheren Kollegen vom Konsulat fort.[116]     Für meine ideologische Entwicklung waren die Völkerbundsjahre eine sehr günstige Zeit. Meine politische Arbeit beschränkte sich auf den Kontakt mit Massing und Gumperz und ihren Nachfolgern. Das friedliche, nicht sehr angespannte Leben in unserem Chalét auf dem Lande[117], mit Gartenarbeit und viel Lektüre, begünstigte das endgültige Austragen aller inneren "seelischen" Konflikte, die Festigung meiner Überzeugung, die Bereitschaft und den Willen zum bedingungslosen Einsatz. Die Reise in die Sovietunion (1938) und die darauf folgende Zeit im republikanischen Spanien[118] unterstützten diese Entwicklung, die gekrönt wurde durch den Beitritt zur Partei. (Über Spanien habe ich im Februar-März 1950 eingehend berichtet[119]).     Über den Beitritt zur Partei[120] ist folgendes zu sagen: Kurz vor unserer Abreise aus Moskau wurde uns die Wahl freigestellt, in die sovietische oder die amerikanische Partei einzutreten, mit retroaktiver Wirkung um zwei Jahre in Anerkennung unserer Arbeit. Meine Frau und ich wählten die amerikanische Partei und schrieben dahingehende Anträge[121]. Über die endgültige Aufnahme, Parteinamen, Beiträge, Arbeit, u.s.w., sollte uns später an einer bestimmten Adresse Mitteilung gemacht werden[122]. Dieser Kontakt gelang nicht, und erst Anfang 1943 erhielten wir endlich die mündliche Bestätigung, daß alles in Ordnung sei. Aber auch dieser Kontakt[123] wiederholte sich nicht; der mit dem Vertreter abgemachte nächste Treff wurde von diesem nicht 20. [Blatt] eingehalten. Er hatte mit mir die Frage meiner zukünftigen Arbeit besprochen[124]. Da es sich um eine grundlegende Umstellung meiner damaligen USC-Arbeit handelte, bat ich mir eine kurze Bedenkzeit aus und schrieb (nach Rücksprache mit meinem politischen Leiter Paul Bertz[125]) einen chiffrierten Brief[126] an das Exekutivkomité der Komintern, in welchem ich meine derzeitige Arbeit [...][127] und die großen Schwierigkeiten einer radikalen Änderung beschrieb, und um einen endgültigen Bescheid bat, dem ich mich nach bestem Vermögen unterordnen würde. Den Brief wollte ich beim Treff zur Weiterleitung übergeben. [...][128] Der Treff fand, wie gesagt, nicht statt, und kurz darauf wurde die Komintern aufgelöst[129]. Den Brief verwahrte ich an geheimer Stelle[130] bis zum Frühjahr 1949, als ich ihn auf das Drängen meiner Frau vernichtete, da sein Inhalt, falls er in feindliche Hände gelangte, tatsächlich äußerst kompromittierend war. Angesichts dessen, was seither geschehen ist, ist die Vernichtung dieses Briefes natürlich ein großes Unglück. Über seine Existenz und seinen Inhalt kann Maria Weiterer[131] Zeugnis ablegen, da sie mir bei seiner Abfassung half und ihn chiffrierte[132].     Ich habe hier weit über die Völkerbundzeit hinausgegriffen, und es ist wohl am besten, wenn ich das ganze Problem meiner Parteimitgliedschaft zu Ende behandle: Nach meiner Rückkehr aus der Sovietunion, wartete ich etwa 2 Jahre ab und versuchte dann (1940) über den damaligen Parteileiter Humbert-Droz eine Bestätigung meiner Mitgliedschaft zu erlangen. Er versprach, sich mit Dimitroff in Verbindung zu setzen, und teilte mir später mit, daß alles in Ordnung sei[133] und daß er die Verantwortung übernehme, mich als illegales Mitglied unter dem Namen 21. [Blatt] Richard Wolf in die schweizerische Partei aufzunehmen, – was denn auch geschah[134]. Nach der Ersetzung von Humbert-Droz durch Hofmaier[135], wandte ich mich an diesen; er teilte mir aber mit, H.-D. habe ohne Zustimmung des Z.K. gehandelt und meine Aufnahme sei ungültig, obwohl die Partei weiterhin bereit sei, mit mir als Sympathisanten zusammen zu arbeiten.     Ich besprach meine Lage auch mit meiner engsten politischen Beraterin, Maria Weiterer, in Marseille (wohin ich im Frühjahr 1941 übersiedelte), und, auf ihr Anraten, auch mit Paul Merker[136], der mir versprach, nach seiner geplanten Übersiedlung nach Moskau (via Mexico) zu versuchen, die Sache ins Reine zu bringen. Schließlich entschloß sich, im Jahre 1942, Paul Bertz, meine sehr komplizierte Lage durch zeitweilige Aufnahme in die deutsche Partei zu erleichtern, und bereitete dafür eine parteimäßige Untersuchung vor, die schließlich fallen gelassen wurde, als ich 1943, wie schon gesagt, die Bestätigung aus Moskau erhielt.     Diese nur mündliche Bestätigung konnte mir natürlich auf die Dauer nicht helfen. Solange ich arbeitete, machte ich mir wenig Sorgen. Die Genossen, die mich kannten, betrachteten mich auf Grund meiner praktischen Arbeit als vollwertigen Genossen, und meine sich immer mehr ausdehnende Parteiarbeit im USC (siehe die nächste Beilage) erlitt durch die Unklarheit meiner Mitgliedschaft keinen Schaden. Nur darum war es mir zu tun. Nach meiner Entlassung[137] und bei dem Versuch unter neuen Genossen, die mich nicht kannten, neue Arbeit zu finden, wirkte sich meine Parteilage katastrophal aus. In Polen und der Tsch.[echo]-Sl.[owakei] begegnete man mir verständlicherweise mit offenem Mißtrauen. Ich wurde mehr und mehr verzweifelt und versuchte krampfhaft 22. [Blatt] (allzu krampfhaft) eine Abklärung herbeizuführen. In Warschau übergab ich schließlich (nach anderen vergeblichen Versuchen) im September 1948 ein vertrauliches Schreiben an Jakub Berman[138] (über seine Sekretärin Anna Duracz[139]), der mir aber nichts versprechen konnte.     Auch der nach Berlin zurückgekehrte Paul Merker nahm sich meines Falles an. Ich hatte ihn im Dezember 1945 in Mexico besucht und er hatte mir geraten, über die Abklärung meiner Mitgliedschaft mit dem (später ausgeschlossenen) Max Bedacht[140] in New York zu sprechen, was ich auch, ohne Resultat, tat. Nunmehr teilte mir im September 1948 der zu Besuch in Prag weilende Leo Bauer[141] mit, daß Merker sich weiterhin für mich interessiere und daß er mich nach Berlin zu bringen plane, um meine ganze Vergangenheit und meine Zukunft grundlegend zu untersuchen und abzuklären. Der bald darauf ausbrechende Pressefeldzug gegen mich in Amerika machte meine Lage noch schwieriger und ich drängte in mehreren Briefen nach Berlin (einen davon durch Vermittlung der tschechischen Gesandtschaft in Bern) um schleunige Organisierung meiner Reise. Die Berliner Reise stand noch im Mai 1949 auf der Tagesordnung. Statt dessen fand die Reise nach Budapest statt.     Habe ich in dieser ganzen Angelegenheit richtig gehandelt? Ich will es nicht behaupten. Meine Lage war zweifellos schwierig und eine Abklärung auf normale Weise fast unmöglich, da meine Parteiarbeit durch eine nicht mehr existierende Organisation (Komintern) stattgefunden hatte. Auch jetzt ist es mir nicht klar, wie ich hätte handeln sollen. Daß ich in meinen Bemühungen (besonders im Jahre 1948) an viel zu viele Türen klopfte und dabei mehrere unerlaubte Indiskretionen beging, gebe ich zu. Nach dem Beginn des Presseangriffs 23. [Blatt] verlor ich vollends den Kopf und bestürmte meine Freunde in Prag und Berlin um Hilfe. Als ich von dem Angriff gegen mich[142] erfuhr (ich glaube es war am 17. Oktober), sollte ich 2 Tage später nach Genf verreisen, um meinen dort ausgestellten Pass zu erneuern; ich war überzeugt, daß das Genfer Konsulat dies verweigern würde, und entschloß mich deshalb, ohne gültigen Pass in Prag zu bleiben. Auf Anraten meines amerikanischen Bekannten George Wheeler[143], der selbst vom selben Congresskomité angegriffen worden war und trotzdem vom Passbeamten in Prag, Dudka, einen neuen Pass erhalten hatte, begab ich mich schließlich Anfang November mit meinem abgelaufenen Pass zu Dudka, der mir zu meiner Überraschung ohne Schwierigkeit und ohne von der Pressekampagne zu sprechen, einen neuen Pass ausstellte[144], mit dem ich dann nach Genf zurückkehrte, um meine dortigen Angelegenheiten zu liquidieren und definitiv nach Prag überzusiedeln. Durch diese unerwartete Lösung des Passproblems erschien natürlich meine vorherige Kopflosigkeit in doppelt ungünstigem Licht. So schwer auch meine Lage war, es ist mir heute klar, daß ich als langjähriger Kommunist mich unter keinen Umständen der Hysterie hingeben durfte. Ich sehe meine damaligen Fehler ein und lege sie dem Parteiurteil vor. ______________     Ich nehme den "Völkerbundsfaden" dort, wo ich ihn auf Seite 19 abbrach, wieder auf:     Im Sommer 1940 wurde ich unerwartet vom Völkerbund entlassen, wahrscheinlich auf Betreiben des State Department. Meine Beziehungen zu meinen früheren Kollegen hatten sich stark verschlechtert. Im "Dies Comittee" war ich öffentlich angegriffen worden[145]. Bei einem Besuch in Washington im Sommer 1939 wurde ich von mehreren Ex-Kollegen sehr kühl und mit gelegentlichen Insinuationen empfangen. Einige Tage vor meiner Entlassung aus dem Völkerbund, hatte der amerikanische Konsul 24. [Blatt] ein längeres Privatgespräch mit meinem Chef[146]. Ich bewarb mich nacheinander um mehrere neue Stellungen, die alle zuerst als fast sicher versprochen wurden und dann plötzlich mysteriös versagten (Internationales Arbeitsamt; Berater des neuen Gouverneurs der Philippinen; amerikan. Rotes Kreuz). Wie ich später vom Direktor des Arbeitsamtes und von meinem Washingtoner Freund Duggan[147] erfuhr, fielen alle diese Stellungen durch Intervention des State Department ins Wasser (wegen "Verdachts kommunistischer Tätigkeit"). Im Frühjahr 1941 wurde mir durch den mir bis dahin unbekannten Dr. Joy[148] vom neugegründeten USC die Stelle als Leiter des eben eröffneten Marseiller USC-Büros angeboten (er hatte durch einen YMCA-Vertreter[149] aus Genf erfahren, daß ich Arbeit suche). Ich nahm sofort an und nahm im März meine neue Arbeit in Marseille auf.     Diese neue Arbeit stellte einen radikalen Umschwung in meinem Leben dar. Ich betrachte sie als die Krönung meines ganzen Lebens, als die Verwirklichung langjähriger halbbewusster Ziele und Tendenzen. Die Völkerbundszeit war dazu die Vorbereitung. Materiell stellte sie (die Völkerbundszeit) den Höhepunkt meines Lebens und des Lebens meiner Frau dar. Wir hatten zum ersten und letzten Mal ein Haus für uns und sogar eine Dienstmagd; wir hatten 2 Autos und konnten fast nach Belieben in der Welt herumgondeln – von Baku bis Madrid. USC war, besonders zu Anfang, der materielle Tiefpunkt: wir hatten kein Salär, sondern mussten mit möglichst geringen Unkosten auskommen[150]. In Marseille lebten wir in einem verwanzten, schmutzigen Zimmer, litten Hunger, arbeiteten auch an Sonn- und Feiertagen. Später lebten wir auch in Genf bis Anfang 1947 in 25. [Blatt] einem kleinen Zimmer in einem der billigsten Genfer Pensionen. Und doch: es war die beste Zeit unseres Lebens. Zum ersten Mal vereinigte sich meine reguläre Arbeit mit meiner Parteiarbeit; letztere nahm einen immer größeren Anteil an meiner Zeit; ich lebte und handelte mehr und mehr ganz als Kommunist, ohne innere Hemmungen, ganz in der Arbeit aufgehend, und desto glücklicher, je schwieriger sie war. Ich hatte das Bewußtsein, wertvolle Arbeit im antifaschistischen Kampf und in der Rettung und Erhaltung unserer Kader zu leisten. Und zum ersten Mal konnte meine Frau vollwertig mit mir zusammen arbeiten, als meine engste Mitarbeiterin und vertrauteste Genossin.     Aus all diesen Gründen, und wegen der zentralen Stellung meiner USC-Zeit in der Beurteilung meines "Falles" – widme ich diesem Kapitel meines Lebens eine besondere Anlage (Nummer 2). Über die darauffolgende [...][151] Zeit berichte ich kurz in Anlage 4.     An dieser Stelle – da ich eben von meiner Frau gesprochen habe – möchte ich nur noch kurz erklären, warum wir keine Kinder hatten. Am Anfang unserer Ehe handelte es sich um das gewohnte Verschieben von Seiten junger Leute, die das Leben genießen wollten. Etwas später kam noch die Furcht vor Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit eventueller politischer Verfolgung hinzu. Schließlich spielte aber die prinzipielle Frage die Hauptrolle: Wir hatten immer wieder gesehen, wie einzelne uns bekannte Genossen beim Erscheinen von Kindern politisch vorsichtiger und zurückhaltender wurden, und manchmal sogar aus der Arbeit ausschieden. Wir wollten eine solche Entwicklung vermeiden und träumten statt von Kindern mehr und mehr vom Kampf Seite an Seite. Und die USC-Zeit gab uns recht. Hätten wir Kinder gehabt, wäre diese Zeit unmöglich gewesen.                                                                        Noel H. Field     19. III. 54   1. [Blatt] [Seite] 26 II. Meine Arbeit im Unitarian Service Committee (USC). 1. Allgemeines. Als ich Ende März 1941 in Marseille von dem etwa 60-jährigen unitarischen Pfarrer, Charles Joy, ein dunkles, ungeheiztes Büro in einem Schiffsutensilienladen am alten Hafen[152] übernahm, mit einem jugendlichen Griechen, der nur wenig englisch sprach, als einzigem Angestellten, konnte ich natürlich kaum ahnen, was die Zukunft bieten würde. Immerhin erkannte ich sogleich gewisse Möglichkeiten, die ganz von mir selbst abhängen würden. Denn am Schluß unseres einleitenden Gesprächs (er verreiste gleich am nächsten Tag nach Lissabon, wo er das neugegründete USC-Büro für Hilfe an spanischen Flüchtlingen leitete), holte Joy buchstäblich ein Bündel Banknoten aus seiner Tasche, warf sie mir hin, und sagte: "So! Helfen sie also den Flüchtlingen! Wie, das ist Ihre Sache. Schicken Sie uns Berichte so oft es geht; wir werden Ihnen so viel Geld schicken, wie möglich; wieviel, das kann ich nicht voraussagen, das hängt von den Ergebnissen unserer Sammelarbeit in Amerika ab."     Der Gedanke lag sofort nahe, zu versuchen, das USC als Aushängeschild für eine Art "Rote Hilfe" auszunützen. Eine Reihe von objektiven Faktoren, die ich natürlich erst im Verlauf der Zeit kennen lernte, begünstigten diese Möglichkeit: Es handelte sich um eine neue, noch unerfahrene und fast mittellose Organisation, eingesetzt von der Assoziation Unitarischer Kirchen in Amerika, auf Initiative einiger antifaschistisch gesinnter Pfarrer, die im Verlauf einer Europareise Zeugen des Hitlereinmarsches in die Tschechoslovakei gewesen waren. Die unitarischen Kirchen Amerikas (ganz anders als die ungarischen Unitarier) bildeten eine lose Vereinigung am extremen linken Flügel der amerikanischen Kirchen. Sie wurden zu den offiziellen protestantischen Vereinigungen (z.B. YMCA) nicht zugelassen, sondern als judaïsierende Häretiker betrachtet. Viele führende Unitarier standen auch politisch weit links, es gab eine Reihe von Sympathisanten unter ihnen und mehrere Parteimitglieder. 2. [Blatt] [Seite] 27 Ein führendes Mitglied der Bostoner Zentrale war Parteimitglied (ich vergesse seinen Namen), der Redakteur der offiziellen unitarischen Monatsschrift[153] war Kommunist (ob Parteimitglied, weiß ich nicht) und hieß Stephen Fritchman[154]. Im Bostoner Stab des USC gab es mehrere Sympathisanten, und der Leiter der Jugendsektion und der Hilfsarbeit in Amerika selbst (besonders unter den Negern), John Finley, war Parteimitglied. Die unitarische Jugendbewegung war kommunistisch eingestellt; eine ihrer Leiterinnen war Frances Danon, später Sekretärin des Weltjugendbundes. Der erste Generaldirektor, Dexter[155], gab sich lange Zeit für einen Sympathisanten aus, arbeitete aber später (als Direktor in Lissabon) nach [dem] Eintritt Amerikas in den Krieg für [das] OSS und trat nach Kriegsende immer mehr als offener Antikommunist auf. Sein Nachfolger, Dr. Joy, war ein liberaler Wirrkopf, der leicht zu beeinflussen war, und der, unter dem Einfluß von Madame Tempi[156] (Pariser Leiterin von USC und Genossin), in den Jahren 1945-6 eine starke Linksentwicklung durchmachte (hierüber später noch einige Worte).     Natürlich gab es bei den Unitariern und auch in der USC-Zentrale Reaktionäre, aber sie waren in der Roosevelt-Zeit in der Minderheit. Nach dem Einsetzen der Truman-Reaktion, gingen auch sie zum Angriff über und siegten 1946-7 auf der ganzen Linie, beginnend mit der Entlassung von Fritchman und Joy; die Wirkung dieses Sieges auf das USC in Europa verzögerte sich um etwa ein Jahr, aber 1947-1948 hatte auch hier die Reaktion gesiegt und das ganze von mir und meinen Mitarbeitern errichtete Gebäude stürzte zusammen. [Siehe Addendum auf [der] Gegenseite.][157] ____________________________________________________ [Rückseite von Seite 27 – BRB:]       Addendum zu Seite 27:     Eine wichtige Rolle in diesem Kampf spielten 2 sozialdemokratische Stabsmitglieder des USC in Amerika: Henry Müller (Leiter des USC Warenlagers und deutscher Abstammung) und Dr. Papinek (Leiter der Kinderhilfe, Österreicher). Sie lebten in New York, wo alle anderen Organisationen ihre Zentren hatten, und dienten als Transmissionsriemen zwischen den New Yorker Trotzkisten (insbesondere Sheba Strunsky[158]) und den Bostoner Reaktionären. Der ganze interne Kampf der Unitarier bildet überhaupt ein interessantes Beispiel des gemeinsamen Kampfes (mit verteilten Rollen) von Trotzkisten und Reaktionären gegen Kommunisten. ______________________________________________     Im Gegensatz zu den Quäkern, die allen helfen wollten, nahm das Bostoner USC von Anfang an eine prinzipiell antifaschistische Hilfstätigkeit an. Unter meinem Druck wurde die Politik dahingehend spezifiziert, daß das USC prinzipiell 3. [Blatt] [Seite] 28 allen antifaschistischen Flüchtlingen, ohne Ausschluß der Kommunisten, helfen solle, daß es aber (wegen der geringen Geldmittel) praktisch vor allem denjenigen helfen solle, die von keiner anderen Organisation Hilfe bekamen. Da gerade die Kommunisten zu dieser Kategorie gehörten, gab mir diese Politik die Möglichkeit, die "Rote Hilfe" mehr und mehr zu entwickeln unter dem Vorwand der Betreuung von "Nichtbetreuten".     Die einzige andere amerikanische Hilfsorganisation, die sich auf Hilfe an politischen Flüchtlingen konzentrierte (und in Europa arbeitete) war das von den Trotzkisten gegründete "Emergency Rescue Committee" ("Emerescue"), später "International Relief and Rescue Comittee ("IRRC")[159], in Frankreich einfach als "Comité Americain"[160] bekannt, was oft zu Verwechslungen mit dem "Comité Unitarian" führte. Dieses Comité befolgte das Prinzip "Hilfe an alle [...][161] politischen Flüchtlinge, ausgenommen Kommunisten". USC und IRRC waren ungefähr gleich stark. Es ist kein Wunder, daß beide, sowohl in Amerika, wie besonders in Europa, sich immer mehr befeindeten. Der Sieg der Reaktionäre im USC war gleichzeitig der Sieg des trotzkistischen IRRC über das kommunistische USC in Europa.     Der Hauptfaktor, der den Aufbau einer roten Hilfsarbeit erleichterte, war das kriegsbedingte Fehlen jedes normalen Kontaktes mit der Zentrale in Boston (ich werde diese Zentrale des Weiteren einfach mit "Boston" bezeichnen; die meiner Leitung unterstehende Organisation in Europa einfach mit "USC"). Schon in der Marseiller Zeit wurde der Briefverkehr immer schwieriger, und nach der Totalbesetzung und meiner Flucht nach Genf hörte er bis zur Befreiung Frankreichs völlig auf. Der Telegrammverkehr war unchiffriert und konnte sich in der Hauptsache nur mit technischen Fragen befassen. So war ich 4. [Blatt] [Seite] 29 während des Krieges in der glücklichen Lage, immer größere Geldsummen zu empfangen und immer weniger Rechenschaft über deren Verausgabung geben zu müssen! Nach dem Kriege änderte sich dies allmählich (und so lange man mir vertraute‚ nur sehr langsam) und wir mussten zu immer raffinierteren Tarnungsmanövern übergehen, die Boston gegenüber leidlich genügten, aber von den ebenso raffinierten Trotzkisten leicht durchschaut wurden, was uns schließlich zu Fall brachte.     Die Geldquellen des USC waren: a. in Amerika: 1. die Sammlungen innerhalb der unitarischen Kirche; 2. öffentliche Sammelaktionen; 3. das Joint Antifascist Committee (eine unter Parteikontrolle stehende Organisation, die ich dazu bewog, USC als Treuhänder zu benutzen)(*)[162]; 4. gelegentliche Beiträge anderer Organisationen (z.B. das Hilfskomitee für Hilfe an Frankreich); b. in der Schweiz: verschiedene Organisationen der äußersten Linken (Central Sanitaire Suisse; Verein zur Unterstützung von Flüchtlingen in Südfrankreich – ein von der deutschen Partei ins Leben gerufenes Organ; Naturfreunde). Aus staatlichen Quellen erhielten wir einen einmaligen Beitrag (1000 Dollar) vom "War Refugee Board", einem von Roosevelt eingesetzten Organ zur Hilfe an Juden im besetzten Gebiet. Von [dem] OSS oder irgend einem anderen Geheimdienst erhielt USC keinen Cent (der Beitrag von Dulles – siehe nächste Anlage – war an mich persönlich und ging nicht durch unser Budget). Eine von Dexter im Sommer 1942 angekündigte Summe von [dem] OSS (ich glaube es handelte sich um fünf oder 10 Tausend Dollar) wurde nie erhalten, sei es aus technischen Gründen, sei es[,] weil Dexter (ein gleichzeitig sehr ungebildeter und eingebildeter Mensch, den man in offiziellen Kreisen nicht ernst nahm) sich Illusionen machte; sei es, weil ich unterdessen die OSS-Mitarbeit abgelehnt hatte. [Addendum auf [der] Gegenseite.] [Rückseite von Seite 29 – BRB:] ____________________________     Addendum zum letzten Satz auf Seite 29:     Inwieweit Dexter für sein Lissabonner Büro (1942-44) OSS-Zuwendungen erhielt, weiß ich nicht. Das dortige Büro stand bis 1946 völlig ausserhalb meiner Einflußsphäre. Auch nachher war die Verbindung Boston-Lissabon enger als mit Genf, und ich beschränkte meine Interventionen in der Hauptsache darauf, die Stellung der langjährigen, schon von Joy eingesetzten Mitarbeiterin, Maria Oppenheimer, zu stützen und zu stärken, die anscheinend Sympathisantin war, das Wohlwollen der spanischen Partei genoß, und mit den portugiesischen und amerikanischen Behörden auf Kriegsfuß stand. ____________________________ 5. [Blatt] [Seite] 30     Unser Budget wuchs mit einigen Schwankungen fast beständig an und erreichte 1946 den Höhepunkt (mehrere Hunderttausend Dollar, ich kann mich nicht mehr an die Summe erinnern). Dann setzte ein scharfer Rückgang ein, Hand in Hand mit der Reaktion. Aus dem kleinen Marseiller Büro mit ein bis 2 Angestellten entwickelte sich eine große Organisation, mit Zentralbüro in Genf, Hauptfiliale in Paris (mehr als die Hälfte des Gesamtbudgets entfiel auf Frankreich), und Filialen in Deutschland, Österreich, Polen, Tschechoslovakei, Ungarn und Portugal (das Lissabonner Büro bestand seit 1941 oder sogar 1940, wurde aber direkt von Boston aus geleitet und wurde mir erst 1946 unterstellt). Wir hatten (1945-46) gegen Hundert Mitarbeiter, davon die Hälfte in Frankreich. Das Entscheidende aber war: der größte Teil der materiellen Hilfsmittel wurde zur Unterstützung von Genossen, vor allem von Kadern verwandt. Mindestens die Hälfte des ganzen Stabes und mindestens drei Viertel des leitenden Personals bestand aus Genossen. USC war weitgehend zu einer "roten Hilfe" geworden.     Ich will kein Loblied auf mich selbst singen. Ohne die Hilfe der Partei und der Genossen wäre ein solches Resultat nie erreicht worden. Aber mit diesem Resultat steht und fällt mein Lebenswerk. Für das Erreichte, ob gut, ob schlecht, trage ich die Verantwortung. Ich bin heute besser denn je überzeugt, daß es gut war.     Fehler habe ich begangen, zweifellos schwere, – vor allem in der Personalpolitik. Ich meine damit mein Handeln in Bezug auf ungeeignete Mitarbeiter. Meine mangelnde admini­strative Erfahrung und besonders meine schon erwähnte Schüchternheit und Befangenheit, vor allem Frauen gegenüber (und fast alle Mitarbeiter waren Frauen), machten es mir besonders schwer, scharf zu kritisieren, Befehle zu erteilen, und – vor allem – Mitarbeiter zu entlassen. In dieser Beziehung war ich ein sehr schlechter "Direktor". Wenn ich auch in der 6. [Blatt][Seite] 31 übergroßen Mehrzahl von loyalen und aufopfernden Mitarbeitern umgeben war, so gab es doch einige Fälle von Unfähigkeit oder mangelnder Loyalität, die wegen meiner Schwäche viel zu lange geduldet wurden und Schaden verursachten. Ich denke dabei in erster Linie an 3 Fälle: Dr. Zimmer[163] (mit Frau) in Marseille; Hélèn Héroys und Luise Berg in Genf.     Dr. Zimmer war an sich ein ziemlich schwacher Mensch und mit ihm allein wäre ich fertig geworden (er war Leiter unserer medizinischen Arbeit). Aber seinen Frau war ausserordentlich ehrgeizig und willensstark, und führte einen hartnäckigen Kampf um die Stellung ihres Mannes (und sich selbst) zu fördern. Ich war diesem Ansturm nicht gewachsen[,] und wenn ich nicht ganz unterlag, so hauptsächlich durch die Hilfe meiner Frau. Immerhin kam es zu der lächerlichen Situation, daß Zimmer, der in einer großen Villa mit Auto lebte und nur halbtags bei uns angestellt war (während er seine Privatpraxis weiterführte) ein höheres Gehalt bezog, als meine Frau und ich (in Form unserer Unkosten)[,] und daß er sich gelegentlich in Dinge einmischte, die ihn nichts angingen (einige Fälle von "ärztlicher" Unterstützung, die keineswegs nur ärztlich waren; unter diesen Fällen befand sich auch ein bekannter Renegat der deutschen K.P.). Politisch war all dies während meiner Marseiller Zeit von geringer Bedeutung. Nach der Totalbesetzung arbeitete er (anscheinend tapfer) für die Widerstandsbewegung, stand aber gleichzeitig mit [dem] OSS in Beziehung; Dexter hatte ihn, ohne mein Wissen, im Herbst 1942 angeworben, was ich erst 1945 bei meinem Besuch in Marseille erfuhr. Er wollte nunmehr (1945) unbedingt als Marseiller Vertreter von USC anerkannt werden und erst nach mehrmonatigen, langwierigen Kämpfen gelang es mir, mit Hilfe unserer Pariser Leiterin Jo Tempi, ihn endgültig auszuschalten (mit [dem] OSS stand er 1945 nicht mehr in Beziehung). An seine Stelle trat die amerikanische Genossin Irene Spiegel, die das Marseiller Büro 2 Jahre lang leitete. [Siehe Gegenseite!] ___________________________________________ [Rückseite von Seite 31 – BRB:]   Korrektur vom 22. März 1954     Mein Bericht auf den Seiten 31-33 ist in Bezug auf die Héroys in wesentlichen Punkten falsch. Mein Gedächtnis hat mich getäuscht[,] und mein Fehler stellt sich als nicht ganz so schwer heraus, wie ich glaubte, obschon schwer genug.     Es handelt sich darum, daß ich Héroys unmöglich schon im Jahre 1944, sondern frühe­stens vom Sommer 1945 an für USC-Arbeit benützt habe, das heisst nach Kriegsende und nachdem der Postverkehr mit Boston schon längere Zeit bestand (denn Boston beklagte sich über die Mangelhaftigkeit unserer Berichte). Ich kannte Héroys schon lange (durch ihre Freundin Berg) und das Gespräch in Bezug auf die Vlassov Armee (siehe Addendum zu Seite 32) fand lange vor ihrer Mitarbeit statt. Ihre Versicherung, daß sie ihre Spionagetätigkeit abgebrochen habe, gab sie mir im Zusammenhang mit der Möglichkeit ihrer Arbeit für USC ab.     Der Satz (am Schluß meiner Ausführungen auf S. 33), daß eine englische Agentin mit meinem Wissen für USC arbeitete, ist also übertrieben und muß etwa so formuliert werden:  Ich benützte zur gelegentlichen Mitarbeit eine Frau, von der ich wusste, daß sie während des Krieges eine englische Agentin gewesen war, und zwar auf ihre zweifelhafte Versicherung hin, daß dies jetzt nicht mehr der Fall sei.     Ich sage "gelegentliche Mitarbeit", denn sie wurde von Fall zu Fall benutzt und pro abgeliefertem Bericht bezahlt. Es stimmt nicht, daß sie in Frankreich "mehrmals" für uns herumreiste (wie ich auf Seite 32 schrieb). Sie machte 2 Besuche in unserem Erholungsheim jenseits der Grenze bei Genf und war 2 mal in Paris (auf der Hin- und Rückreise nach und von England), wobei Tempi sich weigerte, ihr die Pariser Arbeit zu zeigen. Sie schrieb im Ganzen 4 Reportagen, alle anderen Berichte basierten auf Gesprächen mit USC-Vertretern, die Genf besuchten, und auf der Übersetzung und Bearbeitung von schriftlichen Berichten unserer Filialen.                                                ________________ ___________________________________________     Ernsterer Natur war mein Fehler in Bezug auf Héroys und Berg.  (BERG, nicht zu verwechseln mit BERTZ!) Letztere war eine ausgezeichnete 7. [Blatt][Seite] 32 Sekretärin, die englisch und französisch gleichermaßen beherrschte und die ich Anfang 1944 anstellte, als ich 4 Monate lang krank im Augenspital lag, während gleichzeitig unsere Arbeit mit Riesensprüngen anwuchs. [...][164] Ende 1944 begann ich auch ihre Freundin Héroys (Schriftstellerin, ebenfalls französisch und englisch) für die Abfassung von sentimentalen Propagandaberichten zu benutzen, da Boston immer dringender für die Sammelaktionen danach verlangte. Die Berichte von Héroys wurden in Boston enthusiastisch aufgenommen, und immer neue Berichte wurden verlangt. Bald aber vermutete ich und erhielt später auch die Bestätigung aus ihrem eigenen Munde, daß Héroys mit dem englischen Geheimdienst in Kontakt stehe. (*)[165]     Statt beide Frauen – oder zumindest Héroys – zu entlassen, beließ ich sie "vorläufig" auf ihrem Posten, während meine Frau und ich ständig nach Ersatz suchten, – aber nicht fanden. Unterdessen sorgte ich dafür, daß weder Berg noch Héroys in unsere politische Arbeit Einsicht erhielten, und behielt alles kompromittierende Material unter Schloß und Riegel in meinem Privatbüro. Berg hatte auch wirklich nur mit technisch-administrativen Fragen zu tun. Héroys dagegen machte für ihre Reportagen mehrere Besuche bei einzelnen unser Unternehmungen in Frankreich, wobei die Genossen dort gewarnt wurden[,] und sie von unseren eigentlichen Parteiunternehmungen (z.B. spanisches Spital und Erholungsheim) ferngehalten wurde. Im Frühjahr 1947 reiste sie nach Wien, um der Eröffnung unserer Zahnklinik für Opfer des Faschismus beizuwohnen, mit dem Auftrag, sofort nachher nach Genf zurückzukehren zur Berichterstattung. Statt dessen blieb sie wochenlang aus und Elsie Haus (unsere Vertreterin in Wien) teilte mir später mit, daß sie sich in antisovietischen Kreisen herumgetrieben habe. Erst jetzt schlug ich zu und befahl ihr, mit der schnellsten Abfassung ihres Berichts ihre Arbeit für uns zu beenden. Von dieser [Fortsetzung hinter dem Addendum – BRB]   [Rückseite von Seite 32 – BRB:] [Dieses Addendum ist unrichtig; siehe Korrektur auf der Rückseite von S. 31][166]     Addendum zu Seite 32. Diese Mitteilung machte sie mir Anfang 1945, als ich meine zweite Reise (*)[167] nach dem befreiten Frankreich antrat. Sie wünschte, wenn ich mich recht erinnere, daß ich für sie zu erfahren versuche, was die politische Einstellung der gefangenen, oder vielmehr, zu den Alliierten geflüchteten Mitgliedern der sogenannten "Vlassov-Armee" (von den Faschisten zum Militärdienst gezwungene Sovietbürger) sei. Ich lehnte natürlich ab.     Später – nach Kriegsende – teilte sie mir ehrenwörtlich mit, daß sie keinerlei Beziehungen mehr zum Geheimdienst mehr habe, und daß sie für die Labour Partei arbeiten würde. Sie reiste tatsächlich für die Wahlen nach England und machte später für die Labour Regierung Propaganda. Wie weit ihrem Ehrenwort zu glauben war, lasse ich dahingestellt. Ich schreibe es nur als Faktum und nicht zu meiner Entlastung. [24. III. 54: Ich betone, daß die richtige Darstellung diejenige auf der Rückseite von Seite 31 ist.][168] ________________________________ [Ende des Addendum auf der Rückseite von Seite 32 – BRB] _________________________________ 8. [Blatt][Seite] 33 Zeit an intrigierte sie offen und heimlich gegen mich und half bei meinem bald darauf erfolgenden Sturz. Die Berg wurde von Boston zu meiner Nachfolgerin in Genf gewählt, aber es gelang mir diesen Beschluss rückgängig zu machen und die völlig loyale (aber nicht kommunistische) Frau Matthey an ihre Stelle zu setzen. Berg, die von dieser Aktion wusste, ging damit ebenfalls ins Lager meiner persönlichen Feinde über.     Ich glaube, es sollte berücksichtigt werden, daß meine Lage eine schwierige war. In einer "roten Hilfe" hatten beide Frauen natürlich keinen Platz. Nach außen handelte es sich aber um eine bürgerliche Organisation, dazu noch um eine amerikanische, und es war nicht leicht, einen nach außen – besonders gegenüber Boston – stichhaltigen Grund zur Entlassung zu finden, besonders, wenn die technische Arbeit dabei schwer leiden musste. Aber, wenn dies auch ein entlastendes Moment ist, – ich kann mich der Tatsache nicht verschließen, daß eine englische Agentin mit meinem Wissen im USC mitarbeitete, und daß ich einen sehr schweren Fehler beging, indem ich nicht schnell und radikal durchgriff. (*)[169]     In den folgenden Seiten, gehe ich auf einige politisch wichtige Einzelheiten der USC-Arbeit ein.     2. Marseiller Periode (März 1941 – November 1942).     Während dieser Zeit handelte es sich in erster Linie um den Aufbau des offiziellen Prestiges von USC als Aushängeschild; die rote Hilfe nahm deshalb quantitativ den 2. Platz ein, obwohl ihr prozentualer Anteil ständig wuchs. Als junges und noch kleines Hilfswerk, verlagerte sich die offizielle Arbeit absichtlich auf ein grossteils noch unberührtes Spezialgebiet, nämlich die ärztliche und zahnärztliche Hilfe in den Lagern und unter den freilebenden Flüchtlingen (Poliklinik und Zahntechnikum in Marseille mit Filialen in den Lagern). Innerhalb eines Jahres gelang es mir, USC zur anerkannten Organisation für ärztliche Hilfe zu machen und ich erhielt dafür vom internationalen Roten Kreuz in Genf große Gratiszuwendungen von Medikamenten, 9. [Blatt][Seite] 34 deren Wert unser damaliges Budget um ein Mehrfaches überstieg. Durch häufige Reisen in die Schweiz, baute ich auch dort das USC-Prestige auf, was später bei der Gründung des Genfer Zentralbüros von Bedeutung war.     Kurz nach meinem Eintreffen in Marseille, machte ich einen ersten Besuch in der Schweiz, und teilte der schweizerischen Parteileitung meine Ideen über die weitere Arbeit mit (ich war damals Mitglied der K.P. Schweiz – siehe erster Anhang). Diese verwies mich an den Leiter der Centrale Sanitaire Suisse[170], den Genossen Hans von Fischer[171], der mir eine Liste von hilfsbedürftigen Genossen in den südfranzösischen Lagern übergab, und dabei besonders auf die in Marseille internierten Maria Weiterer (Witwe von Siegfried Rädel[172]) und Hilde – ich erinnere mich nicht an den Namen[173], – Witwe eines bekannten in Hamburg hingerichteten Genossen[174]) hinwies. Mit diesen setzte ich mich gleich nach meiner Rückkehr in Verbindung. Nachdem sie aus der Schweiz Bestätigung meiner Aussagen erhalten hatte[175], wurde Maria Weiterer – bis zu ihrer von mir organisierten Flucht in die Schweiz (sie stand auf der Auslieferungsliste nach Deutschland) und später wieder nach meiner eigenen Flucht nach Genf – zu meiner und meiner Frau engsten politischen Beraterin. Sie vermittelte mir den Kontakt mit den in der Nähe von Marseille in tiefster Illegalität lebenden Paul Merker (dem ich später die Ausreise nach Mexiko unter falschem Namen vermittelte[176]). Als ständiger Parteikontakt in der täglichen Arbeit wurde zuerst die legal lebende Henny Stibi[177] und nach ihrer Abreise nach Mexiko, der ebenfalls legale Willi Kreikemeyer[178] bestimmt. Um mich besser zu sichern, wurde vereinbart, daß der Kontakt mit den anderen nationalen Gruppen durch Stibi oder Kreikemeyer stattfinden solle. Eine Ausnahme bildeten die Spanier, die ihren Vertreter Felix Llanos [Llanos][179] als USC-Mitarbeiter bestimmten; er arbeitete in unserem Büro bis zu seiner Verhaftung (Sommer 1942 ?). So ist es gekommen, daß meine 10. [Blatt][Seite] 35 Arbeit in Marseille und später in Genf (in geringerem Maße) vor allem unter der Leitung der deutschen Partei stattfand. Mit [Henny] Stibi und später mit Kreikemeyer kam ich fast täglich zusammen und beriet mich mit ihnen in allen Fragen der politischen Hilfsarbeit.     Auf Einzelheiten hier einzugehen, würde zu weit führen. Es handelte sich grundsätzlich um Kaderschutzarbeit[180]. Die materielle Hilfe bildete nur einen Teil. Als Beispiel nenne ich meinen Kontakt mit einer Frau in der Präfektur[181], die mir heimlich Informationen übermittelte über Genossen, die auf der geheimen Auslieferungsliste standen oder sonst von der Gestapo gesucht wurden.     Bei meinen Reisen in die Schweiz, vermittelte ich Courierdienste für die deutsche und die spanische Partei. Durch den deutschen Parteivertreter in Genf, Leo Bauer, wurde ich mit dem illegal in Basel lebenden Parteileiter Paul Bertz verbunden, der bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland im Frühjahr 1945 mein eigentlicher Parteileiter wurde, wenigstens was deutsche und allgemein politische Fragen betraf. Ich diente als Courier zwischen ihm und Merker und dann Kreikemeyer. Nach meiner Flucht in die Schweiz, wurde dieser nach mehrmonatigem Unterbruch wiederum durch mich vermittelt, mit Hilfe von Courieren der französischen Widerstandsbewegung, und dauerte bis zu Befreiung von Paris.     Ich möchte mich nicht brüsten, aber da ich schon von meiner physischen Feigheit gesprochen habe, ist es nur gerecht, wenn ich darauf hinweise, daß meine Courierarbeit nicht ungefährlich war: der Grenzposten stand unter Kontrolle eines Gestapobeamten, der mich fast jedesmal von französischen Gendarmen auskleiden ließ. Was mich rettete war der Haß dieser Gendarmen gegen die Gestapo. Soweit möglich, trug ich die Informationen im Kopf. Es kam aber auch vor, daß das Futter meines Anzugs mit Dokumenten auf Seidenpapier vollgenäht war. Nun, es war selbstverständliche Pflicht. Ich meine nur: Vor dem Feind bin ich nicht völlig ohne Mut gewesen. 11. [Blatt][Seite] 36     In der Nacht vom 10.-11. November 1942 flohen meine Frau und ich nordwärts, während die deutsche Armee nach Süden marschierte. Als wir die Grenzstation am Morgen erreichten, war sie schon besetzt. Erst nachts gelang es uns, mit Hilfe der Widerstandsbewegung, an einer entlegenen Stelle über die Grenze zu rennen, ein ankommender Wagen der SS beleuchtete uns im Moment des Übertritts mit seinen Scheinwerfern.     3. Genfer Periode des Aufstieg (1943 – 1946).     In Genf galt es, beinahe wieder von vorne anzufangen. Der Kontakt mit Frankreich war abgerissen, die Hilfe für Flüchtlinge in der Schweiz noch nicht begonnen, und es brauchte fast ein Jahr[,] um neue Grundlagen zu schaffen. Dann aber ging die Arbeit rasch vorwärts[,] und zur gegenwärtigen Hilfsarbeit gesellte sich das Planen von Nachkriegsarbeit in den befreiten Ländern. Parteitechnisch änderte sich die Arbeit vor allem dadurch, daß ich – gemäß der anderen Lage in der Schweiz – mit jeder nationalen Parteigruppe gesondert in Verbindung trat; d.h., jede Parteigruppe ernannte – nach Rücksprache mit der schweizerischen Partei – einen (oder höchstens 2) Vertreter, um mit mir zusammen zu arbeiten. Daraus entwickelte sich eine Art nationaler Gruppenhilfe: Ich teilte, mehr oder weniger nach der Gruppenstärke, einen erheblichen Teil des Budgets nach einzelnen Gruppen auf, übergab das Geld dem jeweiligen Vertrauensmann und erhielt von ihm Abrechnungen und Berichte über die Verwendung (zu offizieller Benutzung); über die tatsächliche Verwendung des Geldes konnte man sich gelegentlich ein gegenseitiges Augenzwinkern erlauben. Ich will damit nicht besagen, daß das Geld nicht – wenigstens in den meisten Fällen – für Hilfs­zwecke (im Rahmen der Partei) verwendet wurde, sondern nur: 1. daß die Tatsache getarnt werden mußte, daß es sich um eine "rote" Hilfe handelte; 2. daß ich den Genossen volles Vertrauen schenkte, und ihre Berichte und Abrechnungen als bare Münze hinnahm, ohne irgendwelche Kontrolle durchzuführen. Gerade darin sah ich meine Hauptaufgabe: gewissermaßen den "Dummen" zu spielen und als eine Art Schild zwischen den Genossen und dem USC zu stehen. 12. [Blatt][Seite] 37 Bei weitem nicht alle Genossen, mit denen ich – besonders später in Frankreich – zu tun hatte, wussten, daß ich Kommunist bin. Unsere französische Leiterin Herta ("Jo") Tempi, mit einem Stab von mehreren Dutzend Genossen, stellte mich gegenüber den meisten als amerikanischen Dummkopf dar, den man leicht betrügen konnte, und unsere erweiterten Stabssitzungen waren in dieser Beziehung manchmal höchst amüsant.     In der Schweiz war es mein Ziel, mich mit einer Reihe von zuverlässigen Genossen zu umgeben, die nicht als USC-Stabsmitglieder, sondern als Parteivertreter die Hilfsarbeit mit dem USC-Geld durchführen würden. (Es ist zu bedenken, daß die Partei während des Krieges verboten war[182][,] und jede Parteitätigkeit mit Gefängnis bestraft wurde). Aus diesem Grunde hatte ich in meinem Genfer Stab (außer meiner Frau) auch keine Genossen; während unserer halbjährigen Abwesenheit in Amerika (1945-46) wurden wir durch die schweizerische Genossin, Elsie Haus, vertreten.     Unter den Fragen, die ich bei der Gruppenhilfe stillschweigend im Dunkeln ließ, waren unter anderem solche: ob die Hilfe tatsächlich (wie die "Quittungen" bezeugten) an notleidende Genossen in der Schweiz – oder eher an kämpfende Genossen jenseits der Grenze ging; ob für Nahrungsmittel und Kleider – oder etwa für Ausrüstung von Partisanen in Norditalien, – u.s.w. Es kam auch vor (aber nur selten), daß mit meinem Wissen Geldsummen für rein politische Zwecke verwendet wurden (z.B., Propagandatätigkeit der ungarischen Parteigruppe). Meistens lehnte ich solche rein politische Hilfe ab, weil sie die ganze Arbeit zu sehr gefährdete (Beispiel: ich lehnte ein Gesuch der schweizerischen Partei ab, ihr zu helfen, das Parteiorgan – ich glaube es hieß "Vorwärts" – aus Finanznöten zu retten; ob ich hierin richtig gehandelt habe, wage ich nicht zu entscheiden).     Einige Worte in Bezug auf die deutsche Gruppenhilfe: Ich bin dafür von deutschen Genossen schwer kritisiert worden, aber ich bin noch heute überzeugt, daß ich nicht anders handeln durfte, als ich es tat. Es war für mich als amerikanischen Genossen, unbedingte Pflicht, mich 13. [Blatt][Seite] 38 nicht in die internen Konflikte anderer Parteien einzumischen. Ein solcher Konflikt bestand in der deutschen Parteigruppe, und zwar hauptsächlich zwischen der völlig illegal lebenden Leitung (Paul Bertz) und der mehr oder weniger legal lebenden Gruppe, die sich um das "Freie Deutschland" scharte[183]. Paul Bertz war für mich der rechtmäßige Chef, vor allem bestätigt durch Paul Merker. Solange Merker, oder eine ähnliche höhere Instanz, mich nicht anwies, Bertz zu verlassen, musste Bertz mein Leiter bleiben, ganz unabhängig vom internen Streit; meine eigenen Ansichten durften dabei keine Rolle spielen (ich war nicht immer mit Bertz einverstanden[,] und wir haben uns oft gestritten; aber seine Befehle waren für mich verpflichtend). Bei der Hilfe an die deutsche Gruppe hielt ich mich deshalb streng an die Anweisungen von Bertz (bis zu seiner Abreise) und das Geld für die deutschen Genossen ging zum größten Teil durch seine Hände. Die andere Gruppe versuchte mich mehrmals von Bertz abzuspalten, und verlangte sogar einmal von mir, zu einem geheimen Treff in einer Kleinstadt zu kommen[184]: ich habe den Treff nicht eingehalten. Im übrigen setzte ich meine kameradschaftlichen Beziehungen zu einzelnen Mitgliedern und Leitern dieser Opposition fort und arbeitete, nach der Abreise von Bertz[185], mit ihnen zusammen (Langhoff[186], Teubner[187]). Ich spreche von dieser ganzen Angelegenheit nur deshalb, weil ich vermute (bitte, es ist nur eine Vermutung), daß die damals entstandene Kritik und sogar Feindschaft gegen mich (der sich auch Hans von Fischer von der CSS[188] und besonders seine deutsche Frau[189] anschloß) eine gewisse Rolle in der Genesis meines jetzigen Wohnsitzes gespielt hat.     Auch einige Worte zur jugoslavischen Gruppenhilfe: in den Verhören wurde mir der Vorwurf gemacht, daß ich die Titogruppe unterstützte. Aber ich bitte, – es handelte sich doch um die Jahre 1943-44, als die jugoslavische Partei (außer der sovietischen Partei) bei allen Kommunisten als Kampfpartei den höchsten Ruf und die größte Liebe genoß. Woher sollte ich, ein kleiner Genosse, voraussehen, daß diese Partei vier Jahre später aus der Gemeinschaft der Bruderparteien ausgestoßen sein würde? Ja, meine Hilfe an die jugoslavische Gruppe 14. [Blatt][Seite] 39 war verhältnismäßig groß; aber auch die Gruppe selbst war groß, und dazu noch besonders bedrängt: von den Behörden und der Polizei, von der jugosl.[awischen] Gesandtschaft, von ihren eigenen Landsleuten (der Mihailovic Gruppe[190]). Was aus meinem hauptsächlichen Vertrauensmann, Mischa Lompar[191], geworden ist, weiß ich nicht, aber ich nehme an, daß er bei Tito verblieb (sein jüngerer Bruder war[,] glaube ich[,] Adjutant bei Tito). Auch ist mir eine vage Erinnerung geblieben, daß er mir einmal in irgend einem Zusammenhang sagte, daß er "Dulles kenne" (mehr sagte er nicht).     Einen wichtigen Teil der Gruppenhilfe bildeten die illegalen und äußerst geheimen Geldsendungen nach Frankreich für die deutschen Genossen und für Spanienkämpfer; das ganze Geld ging durch Vermittlung der französischen Widerstandsbewegung an Kreikemeyer[192], zuerst in Marseille, später in Paris. Ich erinnere mich nicht an die Gesamtsumme, aber sie überstieg, wenn ich nicht irre, 100 Tausend Schweizer Franken (einschließlich die berüchtigten 2 Tausend Dollar (8,000 Franken) von Dulles). Kreikemeyer hat darüber eine genaue Abrechnung an die Partei gemacht[193], desgleichen Paul Bertz (auf Grund meiner Angaben); die Ziffern können, nach Umrechnung des jeweiligen (illegalen) Kurses leicht verglichen werden.     Neben der Gruppenhilfe bestand noch eine ausgedehnte Individualhilfe, sowohl für Genossen, wie für Nichtgenossen; erstere auf Grund von Empfehlungen der jeweiligen Parteigruppe. Dies war das besondere Arbeitsgebiet meiner Frau.     Auf Grund des in der Schweiz aufgebauten Prestiges, das in keinem Verhältnis zur Größe der Organisation stand, gelang es mir mehrmals, bei gemeinsamen Aktionen der verschiedenen Hilfswerke, diese in einem für die Partei günstigen Sinn umzubiegen. So gelang es mir, bei der Schaffung des Zürcher Schulungskurses für Nachkriegshilfe, die Leitung einer Genossin zuzuspielen (Elsie Haus). Resultat: im ersten Kurs unter (wenn ich nicht irre) etwa 40 Teilnehmern, drei oder vier Genossen (darunter Alfred Häsler[194], Tonia Lechtman[195], Paula Acker-Löffler[196]); im zweiten Kurs, beinahe die Hälfte Genossen (bei völliger Illegalität der Partei!)[197]. Später: die Koordinationsstelle für Flüchtlingshilfe[198], geleitet von Alfred Häsler und Dora Staudinger[199] (beides Genossen), aus der dann die 15. [Blatt][Seite] 40 berühmte Auskunftsstelle hervorging, für die Häsler ins Gefängnis kam[200]. Mein Einsatz zugunsten von Häsler, als im Jahre 1944 eine Gruppe von Kursteilnehmern (bestehend aus Trotzkisten und Reaktionären) seinen Ausschluß verlangte, stellt den Ausgangspunkt des offenen Kampfes der Trotzkisten gegen mich und gegen [das] USC dar.     Mit der Befreiung von Paris im August 1944 begann der Wiederaufbau der USC-Arbeit in Frankreich auf enorm erweiterter Basis. Schon mehrere Monate vor der Befreiung hatte ich, auf Grund einer Empfehlung der deutschen Parteileitung in Paris, durch einen mit synthetischer Tinte beschriebenen Zettel, die Genossin Jo Tempi zur "Direktorin für Frankreich" ernannt (um den Plänen Bostons zuvorzukommen und ein "fait accompli" zu schaffen). Jo (Herta) Tempi war die Frau des in einem deutschen Konzlager sitzenden Werner Jurr[201] (1947 gestorben); nach ihrer Flucht aus Deutschland (vor dem Kriege) hatte sie durch eine Scheinehe den Namen Tempi und das französische Bürgertum[202] erlangt. Sie war Mitglied der französischen Partei und aktiver Teilnehmer an der Widerstandsbewegung. Ich war seit 1940 mit ihr befreundet. Anfang 1945 und dann wieder im Sommer desselben Jahres reiste ich mit ihr durch die befreiten Gebiete, um die Grundlagen der entscheidend wichtigen USC-Arbeit in Frankreich zu schaffen (das Joint Antifascist Committee hatte beträchtliche Summen dafür in Aussicht gestellt). Es würde zu weit führen, die Arbeit in Frankreich zu beschreiben. Zur Zeit des Höhepunkts (1945 und Anfang 1946) gab es Filialen in Anmasse (nur kurze Zeit), Lyon, Marseilles und Toulouse, alle von Genossinnen geleitet. Es gab das von der spanischen Partei geleitete Spital in Toulouse, das Heim für spanische  Parteikader in der Nähe von Pau (als "Konvaleszentenheim" getarnt); das spanische Kinderheim; das internationale Erholungsheim – zuerst in Monetor bei Genf und dann in Henday an der spanischen Grenze, geleitet von dem spanischen Genossen Bosc und von der amerikanischen Sympathisantin Elly Clark, u.s.w. – Trotzdem weitaus der größte Teil unseres französischen Budgets für Hilfe an Genossen verausgabt wurde, 16. [Blatt][Seite] 41 war die Arbeit mit solchem Geschick getarnt, daß eine von Boston geschickte Untersuchungskommission (auf Grund sich häufender Beschuldigungen durch die Trotzkisten) im Sommer 1946 – nach Besichtigung der ganzen Arbeit – nichts zu kritisieren fand und später einen Bericht veröffentlichte, der uns völlig entlastete. Im [...][203] Sommer 1947 – kurz vor unserem Sturz – wurden unsere Bücher (Genf und Paris) von einem eigens aus Boston hergeschickten Bankrevisor wochenlang inspiziert; auch er fand nichts. Gerade darüber fühlte ich wirklich einen gewissen Stolz. Die endlose Nachtarbeit, die ich in den vorhergehenden Jahren einsam damit verbracht hatte, unsere Finanzen durch dreifache und vierfache Buchführung zu tarnen und zu verwirren, war damit gerechtfertigt. Ich glaube wirklich behaupten zu können, daß noch selten eine bürgerliche Institution so gründlich für Parteizwecke ausgenützt wurde, ohne dabei den leisesten Finanzskandal zu verursachen. Wir sind kaputt gegangen, ja, aber ohne jeden Geldskandal, und das ist selten. Im Übrigen war es Zeit, kaputt zu gehen. Die Aufgabe war erfüllt[,] und USC war nicht mehr nötig (dieses habe ich aber damals noch nicht begriffen).     In Bezug auf die anderen befreiten Länder, so war die USC-Arbeit im Vergleich mit Frankreich von sehr geringem Ausmaß. Mein Hauptziel war dabei, Boston so weit wie möglich zuvorzukommen und, ähnlich wie in Frankreich, ein fait accompli zu schaffen. Zu diesem fait accompli gehörte übrigens auch der Posten eines "Direktors für Europa". Er existierte bis 1946 gar nicht, d.h. formell. Ich war Direktor für die Schweiz und Frankreich[,] und hatte in anderen Ländern nichts zu suchen. Ich wusste aber, daß Boston sich besonders für die Tschechoslovakei (dortige unierte Kirche) und für Polen (große polnische Bevölkerung in [den] U.S.A.) interessierte, und arbeitete deshalb besonders für diese beiden Länder gemeinsam mit meinen polnischen und tschechischen Freunden an konkreten Plänen, die eine kommunistische Kontrolle sichern würden (Tonia Lechtman, Gejza Pavlik[204]). Später kamen noch Österreich (Elsie Haus[205]) und Ungarn (Ilona Kojsza[206]) [...][207] hinzu. Auf Einzelheiten will ich 17. [Blatt][Seite] 42 hier nicht eingehen. Den Behörden und Parteien der betreffenden Länder ist wohl alles bekannt. Hauptsache ist: alles ging in einem ständigen Kampf mit Boston vor sich, das sich immer stärker einmischte; das "fait accompli" gelang nur teilweise, besonders in personeller Hinsicht. Immerhin, Elsi Haus wurde Leiterin in Wien, Kojsza in Budapest (später im Verein mit dem sympathisierenden Carleton Fisher). Tonia Lechtman hatte zwar nur die zweite Stelle in Polen, war aber immerhin die Hauptberaterin der Direktorin (Jones), die stark unter ihrem Einfluß stand. Nur die Wahl Pavliks erwies sich als Fehlschlag: Boston konnte sich mit ihm nicht abfinden, das besondere unitarische Interesse war vorherrschend; auch wurde Pavlik selbst sehr bald als Kommunist bekannt, was mir in Boston schwer angekreidet wurde. Immerhin ergab sich auch in Prag nach einer Zeit des Wirrwarrs eine günstige Lösung: Karel Haspl, Chef der Unitarischen Kirche und zumindest ein Sympathisant (vielleicht auch Genosse ?) wurde zum Leiter des USC in Prag.     Während meines amerikanischen Aufenthalts (1945-46) brachte ich einen großen Teil meiner Zeit im Kampf um das leitende Personal zu. Jo Tempi sollte durch einen Amerikaner ersetzt werden; es gelang mir, diesen auf die Rolle eines "Mitdirektors" zu beschränken, und ich setzte meinen eigenen Kandidaten, den Genossen William Cary, durch. Für Prag hatte man schon einen Direktor ernannt, die erzantikommunistische Martha Sharp[208] (Frau des in Prag berüchtigten Waitstill Sharp); ich wurde sie dadurch los, daß ich sie persönlich beleidigte. Als man für Deutschland nach einem "einflußreichen" Kandidaten suchte und ich niemand geeigneten vorzuschlagen wusste, bot ich mich selbst zeitweilig für den Posten an, in der Hoffnung, unterdes jemanden zu finden. Dies erwies sich als ein Fehler meinerseits: Erstens war in Deutschland, unter der Diktatur der amerikanischen Militärbehörden nichts wirklich nützliches zu erreichen; mehr als ein halbes Jahr lang, plagte ich mich damit herum, Hilfssendungen so weit wie möglich in die Richtung der eigentlichen Opfer des Faschismus zu leiten, aber ohne nennenswerten Erfolg (außer, daß ich mich bei den Militärbehörden verdächtig machte, die dem Bostoner Comité mitteilten, daß ich zukünftig in Deutschland "persona non grata" sein würde). Zweitens war ich 18 [Blatt][Seite] 43 von meinem Genfer Büro abwesend eben zu der Zeit, als der erste trotzkistisch-reaktionäre Ansturm gegen mich begann, und musste 2 mal von Deutschland aus nach Paris eilen, um mich ziemlich unvorbereitet zu verteidigen. – Dies bringt mich zum letzten Kapitel dieser Anlage. [Siehe Addendum auf der Gegenseite.]  [Rückseite von Blatt 18 – BRB:]  Addendum zu Seite 43, nach der 6. Zeile:     Hiermit ein paar Beispiele von nicht direkt mit USC verbundener Parteitätigkeit: 1. Propaganda: Für die deutsche Partei schrieb ich eine Broschüre über einen großen, von den Genossen organisierten Gefängnisausbruch in Südfrankreich (Castres), durch den etwa 40 Genossen entkamen, von denen ein Teil in nächster Zeit nach Deutschland abtransportiert werden sollte. Diese illegale Broschüre wurde nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland verbreitet. 2. Verhaftung von Leo Bauer: Bauer, deutscher Parteivertreter in Genf, wurde im Oktober 1942 verhaftet[209], wobei viel gefährliches Material gefunden wurde, darunter eine Reihe von handschriftlichen Berichten von mir (für Paul Bertz bestimmt), die ich zum Glück nur mit meinem Parteinamen[210] unterzeichnet hatte[211]; auch mehrere Tausend Franken aus der Parteikasse. Während seiner langen, geheimen Untersuchungshaft (über ein Jahr)[212] stand ich – durch meine Pflegetochter Erica Glaser, die mit meiner Frau und mir zusammen wohnte und durch einen sympathisierenden Gefängniswärter – mit Bauer in ständigem Kontakt[,] (Erica hat ihn sogar mehrmals während der Nacht in seiner Zelle besucht). Wir erhielten dadurch innerhalb von 24 Stunden genaue Berichte über alle Verhöre, konnten Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, andere warnen, und Bauer selbst über die Entwicklung der Dinge informieren[213]. Als ich selbst verhört wurde, wusste ich genau, was Bauer über mich ausgesagt hatte, und am nächsten Tag hatte auch er einen Bericht über mein Verhör. Ich schickte ihm eine fiktive Quittung zur Unterschrift, wonach er das bei ihm gefundene Geld von mir erhalten hätte (für Flüchtlinge); mit dieser Quittung gelang es mir, das ganze Geld wieder für die Partei freizubekommen[214]. – Außer Bauer wurde niemand verurteilt[215]. 3. Das österreichische Geld. Im Zusammenhang mit dem Hochgehen der Auskunftsstelle (Häsler), bestand große Gefahr der Aufdeckung einer Geldschiebung von (wenn ich nicht irre) etwa 25 Tausend Franken für die österreichische Partei. Im Oktober 1947 (kurz nach meiner Entlassung) gab ich den österreichischen Genossen eine von mir unterzeichnete Quittung, wonach ich diese Summe zum Ankauf von Liebesgabenpaketen in Amerika für Österreich erhalten hätte. Diese Quittung sollte bei einer erwarteten Haussuchung der Polizei in die Hände gespielt werden. Über den weiteren Verlauf weiß ich nichts, ein Skandal ist jedenfalls nicht entstanden.                                                                                    [Ende des Addendums][216]                                                __________________ [Fortsetzung Blatt 18 / Seite 43 – BRB]   4. Niedergang von USC; mein Sturz.     Dieses Memorandum ist schon mehr als doppelt so lang geraten, als ich mir vorgenommen hatte, und ich habe mich deshalb entschlossen, das Kapitel über meinen Sturz im Wesentlichen auszulassen. Für meine Frau und mich bedeutete dieser Sturz praktisch das Ende unseres eigentlichen Lebens. Vom Parteistandpunkt aus ist er aber kaum von großem Interesse und ich gebe deshalb nur kurz die entscheidenden Etappen an.     Der äußere Anlass war – so blöd es klingen mag – eine ziemlich abgeschmackte Liebesaffäre. Wie ich schon früher schrieb: Unserer "de facto" (und von Boston nicht anerkannten) Pariser Leiterin, Jo Tempi – einer zu allem anderen noch aussergewöhnlich schönen Frau – gelang es im Sommer 1945 den nach Europa gereisten Generaldirektor, Dr. Joy, dermaßen um den Finger zu wickeln, daß er zu allen unseren Vorschlägen "ja und amen" sagte und es später in Boston durchsetzte, daß Jo Tempi nicht nur als Leiterin für Frankreich, sondern auch als "Vize-Direktorin für Europa" anerkannt wurde. Aber dieser alte Großpapa verlor völlig den Kopf und bestand darauf, im Sommer 1946 einen Triumphzug für die wunderbare Jo in Amerika zu veranstalten. Jo reiste schließlich – gegen meinen Rat – nach Boston. Als sie einige Monate später zurückkehrte, war Joy fristlos entlassen, und sie selbst nur dadurch zeitweilig gerettet, weil ich mit meiner eigenen Demission gedroht hatte. Ich will auf das, was in Amerika geschah, nicht eingehen. Die Liebesgeschichte war natürlich nur Vorwand. Jo wurde auf Schritt und Tritt von den Trotzkisten außerhalb und den Reaktionären innerhalb der Bostoner Zentrale und insbesondere von Agenten des FBI (Geheimdienst) verfolgt und bewacht. Als man ihr keinen politischen Fehltritt nachweisen konnte, griff man zur Erotik. Doch genug davon. – Von der Untersuchungskommission desselben Spätsommers habe ich schon berichtet. – Der 19. [Blatt][Seite] 44 Kampf ging weiter. Im Januar 1947 wurde ich nach Boston beordert, wo ich einen mehrwöchigen Kampf um Jo Tempi und mich selbst bestand; ihre Ersetzung wurde nochmals verschoben. In den folgenden Monaten regnete es Briefe von den Trotzkisten (besonders aus Toulouse), die mir von Boston zur "Kommentierung" geschickt wurden. Im [...][217] Frühsommer kam der neue Generaldirektor, Bragg[218], nach Europa und verlangte von mir, daß ich Tempi entlassen solle (er selbst hatte dazu nicht den Mut und machte ihr sogar den Hof!). Ich weigerte mich. Im Juni entließ er sie schriftlich aus Boston. Ich wollte demissionieren, aber nach Parteiberatung (besonders mit Arthur London[219], der unsere Arbeit kannte), beschloss ich die Initiative Boston zu überlassen, und schrieb eine lange, geharnischte Epistel an die Zentrale, in der ich sie bezichtigte, schlechte Unitarier zu sein, Antidemokraten, Verräter an allen ihren Grundprinzipien, u.s.w. Im August erfolgte meine Entlassung (auf den 1. Oktober).     Fehler? Zweifellos machten wir Fehler, sowohl Jo Tempi, wie ich selbst. Aber es ist sinnlos, darauf einzugehen. Denn früher oder später wäre das Resultat dasselbe gewesen. Im Hintergrund stand die Truman-Reaktion, der sich entwickelnde Angriff des Imperialismus. Der Sturz von USC war nur eine winzige Episode in diesem Geschehen. USC selbst war ein überreifes Überbleibsel aus der Roosevelt-Epoche.     Nur noch dies: Intern war es ein Kampf zwischen Boston und USC (Europa): alle meine Mitarbeiter (mit Ausnahme von Berg und Héroys) scharten sich um mich, bestürmten Boston mit Protesten und in einer allgemeinen Stabskonferenz in Genf im September (von fast allen Filialen beschickt und in Gegenwart des schwitzenden Generaldirektors Bragg) wurden Loyalitätskundgebungen für mich veranstaltet. Die große Mehrheit des Pariser Stabes demissionierte.     All dies erklärt, warum ich auch nach meiner Entlassung von allen Filialen weiterhin als "Ihriger" angesehen wurde und meine Besuche willkommen waren. So wohnte ich, z.B., wochenlang als Gast des USC in Polen (im Sommer 1948). Auch die Nichtgenossen meines Stabes blieben mir befreundet – z.B. meine Nachfolgerin, Matthey; der zweite Nachfolger von Tempi in Paris, Arthur Lee, u.s.w.                                                                        Noel Field, 21. III. 54.                                                ______________                                                          ______________             20. [Blatt][Seite] 45 III. Meine Beziehungen zu Dulles und [dem] OSS.     Ich stand, vom Herbst 1942 an und bis zum Frühjahr 1945 (d.h. bis Kriegsende), in gelegentlichem Kontakt mit [dem] OSS und insbesondere (seit Anfang 1943) mit Allen Dulles persönlich. Dies sei von allem Anfang an klar und deutlich ausgesprochen. Ich habe es nie bestritten und auch nie ein Geheimnis daraus gemacht. Handelte es sich um eine Spionagebeziehung? Stand ich in irgend einer Weise in OSS-Diensten? Nein und nein und nein! Beweis? Einen direkten, absoluten Beweis gibt es nicht und kann es nicht geben: Wer kann beweisen, was sich zwischen Dulles und mir zutrug, was ich ihm sagte, was er mir gab, was ich ihm gab? Aber die indirekten Beweise sind so überwältigend, daß mir unverständlich ist, wie man sie, in ihrer kumulativen Wirkung, bezweifeln kann. Das Entscheidende dabei ist: das absolute Fehlen jeglichen Gegenbeweises; denn was nicht ist und niemals war, das kann auch keinen Beweis hinterlassen.     Man bedenke doch Folgendes: Wenn meine vermeintliche Spionagetätigkeit sich auf den Nachrichtendienst beschränkt hätte, so wäre das Fehlen von Gegenbeweisen nicht unbedingt schlüssig; denn ein geschickter Spion kann – wenigstens theoretisch – Nachrichten sammeln, ohne Spuren zu hinterlassen und ohne, daß diejenigen, von denen er die Nachrichten einheimst, zu wissen brauchen, wer er ist. Aber in meinem Falle handelte es sich doch um etwas ganz anderes: In Bezug auf Informationen konnte ich, in meiner Lage, für Dulles kaum von großem Interesse sein; dafür hatte er wahrlich bessere Quellen. Mein Hauptnutzen konnte nur in der Werbearbeit liegen – in der Anwerbung von Agenten unter den Antifaschisten, besonders unter den Genossen. Für solche Arbeit war ich natürlich in idealer Lage. Aber Agenten können doch nicht angeworben werben, ohne daß sie selbst (wenigstens auf die Dauer) etwas davon wissen. Der größte Teil der Genossen, mit denen ich im Kontakt stand, kehrte in die Länder des anti-imperialistischen Lagers zurück und war deshalb den Untersuchungsbehörden direkt zugänglich; auch die übrigen waren parteimäßig zu erreichen. Ist es denkbar, daß alle, aber auch alle ohne Ausnahme, "dicht" geblieben sind, das heißt ihre "Anwerbung" oder wenigstens meinen "Versuch", sie anzuwerben, "verschwiegen" haben? Woher 21. [Blatt][Seite] 46 ich dies weiß? Aber ich bitte, ich muß es doch wissen, besser als irgend jemand in der Welt! Was nicht ist, das kann auch nicht sein! – Ja, ich habe selbst falsche "Geständnisse" gemacht, ich weiß es zu meiner Schande. Aber ich war ein Schwächling – und dennoch habe ich nach kurzer Zeit meine falschen Aussagen als solche denunziert. Ich bin überzeugt, daß die Genossen ihre heilige Parteipflicht, die Wahrheit und nur die Wahrheit zu sprechen, erfüllt haben, und daß ich der einzige Schwächling, – bitte, wozu mich zieren, – der einzige Feigling war.     Dieses Argument bezieht sich natürlich nicht auf die Zeit nach meiner Entlassung.[220] Meine Tätigkeit in Polen und der Tschechoslovakei konnte tatsächlich als Spionagearbeit erscheinen. Wenn ich auch nie nach Staatsgeheimnissen gesucht habe (die Aussagen von Dutzenden, mit denen ich gesprochen habe, werden dies bestätigen), so habe ich mich natürlich weit über das Gebiet hinausbegeben, mit dem sich der durchschnittliche bürgerliche Journalist zufrieden gibt. Aber ich war eben Kommunist[,] und als solcher habe ich mich für alles[,] was vorging[,] noch weit brennender interessiert, als der dressierteste Spion. Letzten Endes hängt hier alles von meiner Vorgeschichte ab: Wenn ich in den USC-Jahren (und auch vorher) als loyaler Genosse gehandelt habe, zu einer Zeit, da ich dem Druck und der Versuchung durch [das] OSS ausgesetzt war, dann ist es höchst unglaubwürdig, daß ich mich ein Jahr später in einen ausgekochten Spion verwandeln würde.     Doch genug des Argumentierens. Ich gehe zu den Tatsachen über:     1. Erste Kontakte.     Im Spätsommer 1942 kam der Lissabonner Direktor von USC, Robert Dexter[221], auf einer Inspektionsreise nach Marseille. Er blieb mehrere Wochen, inspizierte unsere Klinik und auch die Arbeit in einigen Lagern, aber ohne großes Interesse (er war ein krankhaft dicker und äußerst fauler Mensch), saß stundenlang im Büro herum, störte die Arbeit, hatte gelegentlich Besucher und machte selbst (allein) Besuche, reiste auch – in meiner Begleitung – für einige Tage in die Schweiz. Sein Hauptinteresse schien den liberalen Kirchen und Pfarrern zu gelten (z.B. Toureille[222] in Frankreich, ein Genfer Pastor mit liberal- 22. [Blatt] [Seite] 47 unitarischen Tendenzen, u.s.w.).     Von ihm lernte ich erstmalig von der Existenz von [dem] OSS (mein Kontakt mit dem amerikanischen Konsulat in Marseille beschränkte sich auf die Visum-Abteilung, wo ich mich gelegentlich für Einreisebewilligungen gefährdeter Flüchtlinge einsetzte). Er teilte mir mit, daß er nebenher auch für [das] OSS arbeitete und legte mir nahe, dasselbe zu tun. Ich gab ihm nicht sogleich Antwort, sondern beriet mich zuerst mit meinem Parteikontakt, Kreikemeyer[223], der meine geplante Antwort billigte. Bei einem darauffolgenden Besuch mit Dexter im Konsulat stellte er mich dem dortigen OSS-Vertreter vor. Ich erklärte darauf gegenüber beiden, daß ich aus Gewissensgründen eine Mitarbeit ablehnen müsse, daß ich aber, als Bürger des kriegführenden Amerika, natürlich meine Pflicht erfüllen würde, falls mir militärisch wichtige Informationen in die Hände gelangen würden (die ich bereitwillig weiterberichten würde). Genau die gleiche Antwort gab ich einige Monate später (Dezember 1942 oder Anfang 1943) an Allen Dulles, als dieser mich zu sich auf das Genfer Konsulat bestellte. In beiden Fällen gab man sich wohl oder übel damit zufrieden. Meine Antwort war völlig unverbindlich und verpflichtete mich zu nichts. Tatsächlich habe ich mein Versprechen auch nicht ausgeführt: Den Marseiller OSS-Mann sah ich überhaupt nicht wieder. Dulles erhielt von mir nichts, als was ich im Parteiauftrag überbrachte (darüber mehr weiter unten).     Habe ich richtig gehandelt? Ich glaube, ja. Wenn ich einen Fehler beging, so höchstens, daß ich allzu negativ war. Ich hätte – vielleicht mit Nutzen für die Partei – eine begrenzte und bedingte Zusammenarbeit für ausschließlich militärische, gegen die Hitlerfaschisten gerichtete Informationen zusagen und auch erfüllen können, natürlich nur mit dem Wissen und Einverständnis der Partei. Denn erstens: [das] OSS war nicht nur Spionagedienst, sondern eine ausgedehnte, besonders für den Krieg geschaffene Institution, die einen riesigen Aufgabenkreis hatte, darunter die Organisierung und Förderung von Sabotage und Partisanentum, und, später, die ausschließliche Befugnis zur Ermächtigung von Reisen in und durch amerikanisch besetztes Gebiet (was z.B. bei der Repatriierung von Ungarn und Jugoslaven aus der Schweiz eine große Rolle spielte). Und 23. [Blatt][Seite] 48 zweitens: nicht Roosevelt[,] sondern Hitler war damals der Hauptfeind. Der Krieg ging seinem Höhepunkt entgegen. Amerika war der Verbündete der Sovietunion (was für ein "Verbündeter" war damals und in diesem Zusammenhang nicht die Frage). Die Periode der Spaltung in das imperialistische und anti-imperialistische Lager war noch in weiter Ferne. Für jeden Kommunisten war es Pflicht, dort, wo er stand, in den Kampf gegen Hitler einzugreifen und damit der Sovietunion zu dienen, unter zeitweiser Hintansetzung des Kampfes gegen den eigenen Imperialismus. Nun, das ist eine rein akademische Erörterung. Tatsache ist, daß ich die Mitarbeit abgelehnt habe.     Dexter hatte in meinem Büro eine kurze Zusammenkunft mit Kreikemeyer, bei der ich dolmetschte. Das Gespräch war belanglos und von einer Anwerbung (oder auch nur einem Versuch dazu) war keine Rede. Dexter interessierte sich überhaupt nicht für Kreikemeyer und erwähnte ihn nachher nie wieder. Er kam natürlich auch mit Zimmer[224] zusammen; erst nach der Befreiung erfuhr ich, daß er ihn angeworben hatte. (*)[225]     2. Leo Bauer. Während des Genfer Aufenthaltes von Dexter, machte ich Leo Bauer (auf Wunsch des Letzteren) mit ihm bekannt und nahm an dem Gespräch teil. Bauer hatte in der Partei schon seit Jahren in Flüchtlingsfragen eine Rolle gespielt (eine Zeit lang war er zum Beispiel Assistent des Hochkommissars für Flüchtlinge). Was er von diesem Gespräch erhoffte, weiß ich nicht; er glaubte offenbar, daß Dexter in seiner doppelten Rolle (ich hatte Bauer natürlich über Dexter informiert) für die Rettung von gefährdeten Parteikadern irgendwie nützlich sein könnte (ich erinnere noch einmal daran, daß [das] OSS nicht nur Spionage betrieb). Er machte durch seine Kenntnisse einen tiefen Eindruck auf Dexter (ganz anders, als Kreikemeyer) und Dexter ging ziemlich offen zur Anwerbung über, indem er ihm mitteilte, er werde ihn mit dem OSS-Vertreter in Bern in Verbindung setzen (ich erinnere mich nicht an den Namen[226], Dulles war noch nicht in der Schweiz[227]). Bauer trat sofort den Rückzug an und gab schließlich, um sich abzudecken und Zeit zur Konsultation mit der Parteileitung zu gewinnen, die Adresse meiner Pflegetochter (und seiner Sekretärin), Erica Glaser, an[228]. 24. [Blatt] [Seite] 49     Nach meiner Flucht aus Marseille erfuhr ich von Erica, daß sie tatsächlich von jemandem aus Bern aufgesucht worden sei, sie spielte aber den Dummkopf und ließ ihn wieder abziehen, da die Parteileitung (Bertz[229]) unterdessen jeden weiteren Kontakt verboten hatte. Um jene Zeit herum, fand die Verhaftung Bauers[230] statt.     Wie schon berichtet, stand ich mit Bauer während seiner Untersuchungshaft in geheimem Kontakt. Auf seine Anweisung hin wandte ich mich an verschiedene Persönlichkeiten und Institutionen, um sie zu seinen Gunsten zur Intervention zu bewegen[231] (Völkerbund, Rotes Kreuz, Hochkommissar für Flüchtlinge, verschiedene schweizerische Hilfswerke), und schließlich auch an Dulles (mein erster Besuch bei ihm in [...][232] Bern). Bei Dulles berief ich mich auf Bauers große Verdienste um die Rettung von Flüchtlingen aus der Tschechoslovakei; ich nannte auch Dexters Interesse für ihn. Dulles (sowie auch alle anderen) verweigerte jede Intervention, und teilte mir zudem ein Gerücht mit (er betonte, daß es nur ein Gerücht sei), das er aus englischer Quelle erhalten hätte, wonach Bauer einmal eine dubiose Reise nach Deutschland gemacht hätte, ohne von der Gestapo belästigt worden zu sein. Ich übermittelte dies an Bauer, der mir darauf ein Curriculum Vitae zur Übersendung an Dulles zuschickte. Dulles reagierte nicht darauf.     3. Die ungarische Gruppe. Irgendwann in der ersten Hälfte 1944, womöglich schon 1943 (ich habe dafür keinen politischen Anhaltspunkt), besuchte mich Franz Weiss (Vági)[233] – den ich als einen der Leiter der ungarischen Parteigruppe kannte – mit dem Auftrag, ein längeres Denkschreiben über die Tätigkeit der MNFF[234] in der Schweiz an Dulles zu übergeben, mit der Bitte, eine Vertretung der MNFF zu empfangen. Dulles teilte mir mit, er müsse sich vorerst über die Zuverlässigkeit der Gruppe vergewissern und würde seinen Vorgesetzten in Zürich, Opprecht[235], dazu beauftragen. Nachdem ich dies Vági mitgeteilt hatte, hörte meine Rolle in dieser Sache völlig auf. Erst im Februar 1945, als ich, während meiner USC-Reise mit Jo Tempi, die ungarische Gruppe zufällig in Marseille traf, erfuhr ich, daß sie mit der Hilfe von [dem] OSS und der Militärbehörden repatriiert werde. Bei der Repatriierung leistete ich keine Hilfe, erstens, weil man mich nicht dazu aufforderte, zweitens, weil ich dazu gar nicht die Mittel besaß. Prinzipiell stand 25. [Blatt] [Seite] 50 meiner Hilfe nichts im Wege; die Repatriierung von Genossen war ein Teil unserer Aufgabe und ich habe später bei der unvergleichlich billigeren Repatriierung der deutschen und österreichischen Genossen beträchtliche Mittel zur Verfügung gestellt. Meine einzige Hilfe bei den Ungarn war, daß ich sie – zusammen mit den jugoslavischen Genossen – bei der relativ reichen jüdischen "OSE"[236] eingeführt habe, wo sie Geldmittel zu erhalten hofften, im Austausch gegen ein Versprechen, die Flucht jüdischer Kinder aus Ungarn zu den jugoslavischen Partisanen zu organisieren.     Im Jahre 1946 (Frühjahr, Sommer?) besuchte Vági auf einer Handelsmission die Schweiz. Ich habe eine äußerst unsichere und ungewisse Erinnerung, daß er sich in Genf zu irgendeiner Besprechung mit jemandem im U.S.A.-Konsulat begab. Alles Übrige, was ich darüber gesagt und geschrieben habe, ist nach meiner festen Überzeugung Hirngespinst, das ich, wie so vieles andere, im Sommer 1949 teils selbst erfand, teils unter Suggestion mir aneignete, ohne mir selbst darüber klar zu sein, was Wahrheit, was Dichtung war.     Während seines Besuches in der Schweiz, teilte mir Vági mit, daß Ilona Kojsza[237] (USC-Vertreterin in Budapest), sich weigere, mit dem für amerikanische Organisationen zuständigen Militärbeamten in Arbeitsbeziehung zu treten, wodurch die ganze Arbeit gefährdet werde, da ohne seine Einwilligung keine Zuwendungen (Geld oder andere Lieferungen) freigegeben würden. Ich schrieb deshalb an Kojsza einen Brief mit dem Auftrag, sich den Amerikanern gegenüber diplomatischer zu verhalten. (Elsie Haus hatte übrigens in Wien dasselbe Problem und löste es, ohne sich irgendwie in politischer Hinsicht zu binden).     Und dies ist alles: Was ich im Sommer 1949 sonst noch zusammengedrechselt habe, entspricht nicht der Wahrheit. Die Sache mit Vági und mit Kojsza gehört eigentlich überhaupt nicht in diesen Bericht. Bei Kojsza war es eine arbeitstechnische Sache, die von ihrer (Kojszas) Geschicklichkeit abhing. Wenn die Amerikaner ungebührliches von ihr verlangten, so hatte sie natürlich abzulehnen. Jeder Genosse hat im täglichen Leben derartige Probleme zu bewältigen, innerhalb der ihm von der Partei gegebenen Instruktionen. 1. [Blatt][238] [Seite] 51     Was das berüchtigte Übermitteln von Informationen betrifft, über das ich im Sommer 1949 so viel Unsinn zusammenredete und schrieb, so lohnt es sich kaum[,] hier viel Worte darüber zu verlieren. Ich habe Dulles keine Informationen übermittelt, weder mündlich noch schriftlich. Aus Ungarn verlangte ich Berichte, ja; desgleichen von allen USC Filialen. Aber es handelte sich um Berichte für meinen, für [den] USC-Gebrauch. Anders hätten wir gar nicht funktionieren können. Im Verlauf der Verhöre wurden aber allmählich und fast unmerklich aus Arbeitsberichten politische Berichte und aus diesen schließlich Spionageberichte. Doch man bedenke: In Budapest hatten doch die Amerikaner ihre eigenen Vertreter, darunter auch sicherlich OSS-Vertreter. Es wäre doch der ungereimteste Nonsense, eine "geheime" Nachrichtenübermittlung zu organisieren, wobei einige heimgekehrte Flüchtlinge auf mysteriösen Privatwegen Geheimberichte an eine Privatadresse in der Schweiz senden, um sie schließlich in die Hände von Dulles gelangen zu lassen! Angenommen, ich wäre Dulles mit so einer Idee gekommen, er hätte mir geantwortet: "Mein Lieber, gehen sie für einige Wochen in ein Sanatorium, Sie sind ein wenig überarbeitet." Das Wunderlichste und Unglaublichste daran ist, daß ich damals (im Sommer 1949) tagelang mich selbst zu überzeugen versuchte, daß wirklich so etwas vielleicht existiert habe, und daß ich es nur vergessen hätte!!     Die Frage stellt sich, wäre es damals meine Pflicht gewesen, mich zu weigern, den Auftrag Vagis in Bezug auf MNFF auszuführen? Ich kann nicht einsehen, wie man dies bejahen kann. Ich war kein hoher Parteifunktionär, ich stellte mich den Genossen zur Verfügung. Natürlich habe ich nicht jeden Auftrag irgend eines Genossen bedingungslos ausgeführt, sondern sorgte so gut wie möglich dafür, daß der Auftrag von verantwortlicher leitender Parteistelle ausging. Vági und Szönyi[239] waren von der schweizerischen Partei anerkannte Parteileiter; ich hatte kein Recht, dies anzuzweifeln. Wenn ich einen offensichtlich verräterischen Auftrag erhalten hätte, so war es selbstverständlich meine Pflicht, ihn nicht nur abzulehnen, sondern auch die schweizerische Parteileitung zu informieren. Ich kann 2. [Blatt] [Blatt] 52 aber nicht einsehen, daß die Kontaktnahme mit [dem] OSS an sich schon einen Verrat darstellte; wobei ich erneut betone, daß [das] OSS nicht nur Spionageorganisation war. Wenn die Aufnahme von Beziehungen zu[m] OSS vom Standpunkt der ungarischen Partei aus unrichtig war, so ist das eine interne Frage der damaligen Leitung in der Schweiz und den höheren Parteiinstanzen. Auf jeden Fall, wenn ich, im Parteiurteil, unrichtig gehandelt habe, so war es ein Fehler und kein Verbrechen.     Noch in Kürze eine andere prinzipielle Frage: Durften die ungarischen Genossen [das] OSS für die Repatriierung ausnutzen? Dies ist selbstverständlich eine Frage, die zu entscheiden mir nicht zusteht. Ich möchte nur in aller Bescheidenheit meine Meinung vorlegen, ohne von ihrer Richtigkeit unbedingt überzeugt zu sein. Es scheint mir, daß das Prinzip der Ausnutzung des Feindes schon längst feststeht. Ich erinnere nur an Lenins Heimreise aus der Schweiz im Frühjahr 1917. Wenn aber ein schwacher Genosse, bei einer solchen Ausnutzung, der Versuchung, in feindliche Dienste zu treten, nicht widersteht, so wird er selbst zwar zum Verräter, das Prinzip wird davon aber nicht berührt. Die Kampfprinzipien der Partei sind nicht für die schwächsten, sondern für die stärksten Genossen geschaffen.     4. Ester Zamboni. Im Jahre 1944 (zur Zeit der norditalienischen Partisanenkämpfe) bat mich die von der italienischen Partei für den Kontakt mit mir befugte Genossin, Ester Zamboni, eine Besprechung mit Dulles für sie zu arrangieren; es handelte sich um die Fallschirmbelieferung kommunistischer Kampfgruppen. Ich teilte dies Dulles mit, aber der Kontakt kam nicht zustande; ich erinnere mich nicht, ob Dulles ablehnte oder ob die italienische Partei einen anderen Beschluß fasste.     5. Kreikemeyer – Bertz. BERTZ [nicht BERG!][240] Nach der Wiederaufnahme des Courierverkehrs zwischen Kreikemeyer und Bertz durch meine Vermittlung (siehe Seite 35), bedrängte mich Kreikemeyer in seinen Briefen immer mehr, Geld und wieder Geld zur Hilfe und Rettung der Genossen zu schicken. Ich sagte, er bedrängte "mich"; es wäre richtiger zu sagen, "uns", d.h., Bertz und mich, denn seine an mich gerichteten Briefe und Berichte waren in der Hauptsache für Bertz bestimmt; meine Antworten 3. [Blatt] [Seite] 53 waren auch immer nach Rücksprache mit Bertz geschrieben, oft wortwörtlich nach seinen Anweisungen. Wir taten alles, um Geldmittel zu beschaffen und ich zweigte vom USC Budget so viel ab, als ich verantworten konnte. Durch verschiedene Mittelspersonen (zu denen auch ich zählte) gelang es Bertz eine bürgerliche Sammelorganisation ins Leben zu rufen (Verein zur Unterstützung von Flüchtlingen in Südfrankreich), die ihre gesamten Mittel dem USC zur Verfügung stellte; das ganze Geld dieses Vereins ging an Kreikemeyer.     In einem seiner Briefe (diese Briefe befinden sich in meinem Genfer Archiv), verlangte Kreikemeyer, zu versuchen, bei den "Amerikanern" Geld "locker zu machen" (der Ausdruck ist mir im Kopf geblieben) und fügte den Namen "Texter" hinzu. Es war mir klar, daß er Dexter meinte und vorschlug, bei [dem] OSS anzuklopfen. Ich beriet mich mit Bertz, der mir freistellte, zu versuchen, von Dulles Geld zu bekommen, unter der Bedingung, daß keinerlei Gegenleistung versprochen werde und die Identität meines Kontaktes in Frankreich (also Kreikemeyer) nicht verraten werde. Um Dulles zu beweisen, daß ich wirklich mit einer ernsthaften Kampfgruppe in Beziehung stehe, erlaubte Bertz mir, Dulles einige Exemplare des Propagandamaterials zu geben, das Kreikemeyer uns geschickt hatte (Flugblätter, illegale Zeitungen – z.B. "Der Soldat am Mittelmeer"[241] –, Broschüren, – alles für die Zersetzung der deutschen Truppen in Frankreich bestimmt). Ich sollte hier vielleicht vermerken, daß bei allen meinen Sitzungen mit Bertz (durchschnittlich alle zwei Monate, in illegalen Quartieren) immer ein gewisser "Arthur" zugegen war, ein junger Süddeutscher, dessen Namen ich nicht kenne und der nur zuhörte, ohne sich aktiv an den Gesprächen zu beteiligen.[242]     Ich tat, wie mit Bertz vereinbart, und erhielt von Dulles eine erstmalige Summe von tausend Dollar (d.h., 4000 Schw. Franken). Wahrscheinlich hätte ich mehr bekommen können, vielleicht ein Vielfaches. Aber ich wollte nicht riskieren, daß er mir Bedingungen stellt. Einige Monate später, als ich von Kreikemeyer eine neue Sendung illegaler Literatur erhielt, brachte ich Dulles wieder einige Exemplare mit und 4. [Blatt] [Seite] 54 erhielt noch einmal Tausend Dollar (4000 Fr.). Es handelte sich bei diesem Material immer um von Bertz selbst ausgewählte Doppel (ein Exemplar blieb für das Parteiarchiv).     Dieser zweite Beitrag war, nach meiner Erinnerung, auch der letzte. Es ist möglich, aber sehr unwahrscheinlich, daß ich noch einen dritten Beitrag von Tausend Dollar auf der gleichen Grundlage erhielt. Die Gesamtsumme war also Zwei Tausend (höchstens Drei Tausend) Dollar (8.000-12.000 Schw. Fr.). Die Höhe der Summe ist unwichtig. Sie war auf jeden Fall lächerlich klein, sowohl im Verhältnis zu den Mitteln, die Dulles besaß, als zu den Summen, die ich selbst schickte. Die ganze Summe 8.000 Fr. wurde als Teil einer durch Courier übermittelten Bargeldsumme von etwa 80.000 Fr. an Kreikemeyer gesandt (also etwa 10 % einer einmaligen Sendung). Dabei erhielt Kreikemeyer noch mehrere weitere Geldsendungen. Entscheidend aber ist, daß Dulles nie erfahren hat, an wen das Geld ging und daß er keinerlei Bedingung stellte. Sein Vertreter in Genf, Shoop[243], [...][244] bedrängte mich mehrmals, einen meiner deutschen "Freunde" in Frankreich an die Grenze kommen zu lassen zur direkten Kontaktnahme. Ich beklagte mich darüber bei Dulles und sagte ihm, daß es sich um antifaschistische Patrioten handle, die unter keinen Umständen auf Spionage eingehen würden. Von da an ließ mich Shoop in Ruhe.     Außer dem oben Berichteten, habe ich von Dulles, oder sonst von [dem] OSS, weder direkt noch indirekt Geld erhalten.     6. OSS-Besprechung in Paris. Anfang Januar 1945 reiste ich zur Neuaufnahme der USC-Arbeit nach Paris, und zwar mit Hilfe von [dem] OSS (durch Dulles vermittelt: siehe unten 9. Kapitel). Dort nahm ich mit Tempi und der deutschen Partei den Kontakt auf (Maria Weiterer, Kreikemeyer, Otto Niebergall[245] vom "Freien Deutschland"). Nach etwa einer Woche meldete ich mich bei[m] OSS und wurde zu einer Besprechung über das "Freie Deutschland, Sektion Frankreich" ("CALPO")[246] eingeladen. Meine Erklärung in den Verhören, daß ich von Dulles zu dieser Besprechung geschickt wurde, war irrtümlich. 5. [Blatt] [Seite] 55 Die Tage bis zur OSS-Besprechung nützte ich zu eingehenden Besprechungen mit Otto Niebergall und schrieb mit seiner Hilfe ein längeres Memorandum über "Calpo" und dessen Arbeit[247]; eine Kopie übergab ich Samuel Reber, einem Mitarbeiter des bekannten "politischen Beraters" Robert Murphy[248] (ich kannte Reber aus der State Department Zeit); eine andere Kopie überreichte ich [dem] OSS[249]; die dritte behielt ich selbst (sie ist in meinem Genfer Archiv[250]). Es wurde mit Niebergall vereinbart, daß ich mich bei der Besprechung darauf konzentrieren solle, für die offizielle Anerkennung des "Freien Deutschland" (Calpo) als antifaschistische Organisation und für eventuelle materielle Hilfe einzutreten. In der Besprechung, die etwa 2 Stunden dauerte, intervenierte ich mit einer kurzen Erklärung auf Grund des mit Niebergall Vereinbarten, aber ohne jeden Erfolg. Von einer Anerkennung konnte keine Rede sein und auch die materielle Hilfe wurde verweigert. Statt dessen, wurde beschlossen, unter Umgehung der Calpo-Leitung, einzelne Mitglieder für Fallschirm- und Sabotage-Aktionen hinter der Front anzuwerben, und dazu eine Gruppe von OSS-Agenten in die verschiedenen französischen Gebiete zu schicken, in denen sich deutsche antifaschi­stische Flüchtlinge befanden.     Nach der Sitzung (an der auch Dulles teilnahm), machte ich einen eingehenden Bericht zuerst an Niebergall für das Freie Deutschland und dann an Maria Weiterer für die Partei (sie war damals Mitglied der Parteileitung in Paris). Maria Weiterer trug mir auf, mit sonst niemandem über die Besprechung zu reden; bei einer Indiskretion konnte es für mich die standrechtliche Erschießung bedeuten.     Irgend welche "Aufträge" wurden mir in der Besprechung natürlich nicht erteilt; – ich war ein als Flüchtlingssachverständiger zugelassener "Outsider". Meine stenographischen Notizen über die Sitzung sind ebenfalls im Genfer Archiv. – Nach der Sitzung widmete ich mich nur noch der USC-Arbeit.     Ich bin in den Verhören im Zusammenhang mit dieser Sache schwer beschuldigt worden. Dabei bin ich der festen Ansicht, daß es eine meiner verdienstvollsten und ehrenvoll­sten Handlungen als Kommunist war. Jawohl, ich habe damals "spioniert" – aber für die Partei gegen [das] OSS, und nicht umgekehrt. Mein Bericht half den Genossen, der geplanten Werbeaktion zuvorzukommen, und die verstreuten Genossen vor Ankunft der Agenten zu warnen[251]. (Siehe Addendum auf Gegenseite) [Rückseite von S. 55 – BRB:] Addendum zum Schluß von Seite 55:     Ich möchte in Bezug auf die "Ehrenhaftigkeit" meines damaligen Handelns noch einige Worte hinzufügen. Ich erinnere an die in der ersten Anlage beschriebenen "Loyalitätskonflikte", die mich in der Washingtoner Zeit noch hemmten. Mein Handeln in Paris im Januar 1945 ist das Wahrzeichen dafür, daß dieser Konflikt nunmehr (und schon seit langer Zeit), völlig überwunden war. Während der Sitzung stand für mich innerlich außer Zweifel, daß ich als Kommunist unter Feinden saß, und ich verspürte nicht das leiseste Zögern, der Partei über alles, was ich gehört hatte, rückhaltlos zu berichten.     Trotzdem, ich bin und bleibe Amerikaner. Habe ich Amerika, dem amerikanischen Volk gegenüber, Verrat geübt, als ich der deutschen Partei über eine Geheimsitzung des amerikanischen OSS Bericht erstattete? Ich bin überzeugt, daß ich das nicht getan habe. Ich behaupte sogar, als guter Amerikaner gehandelt zu haben, so paradox es klingt. Doch es würde zu weit führen, diese Gedanken hier weiter zu entwickeln. Ich hoffe, die Partei wird mich verstehen. 6. [Blatt] [Seite] 56 7. Erica Glaser. Im Frühjahr 1945, beauftragte mich die deutsche Parteileitung (Teubner[252]), zu versuchen, Erica Glaser in [das] OSS einzubauen. Dulles verwies mich an einen jungen Mitarbeiter (ich vergesse seinen Namen), der mir ein langes, gedrucktes Formular für Erica zum Ausfüllen und Einsenden gab. Kurz nach Kriegsende wurde Erica als Sekretärin angestellt und verreiste zur neu eröffneten OSS-Zentrale in Wiesbaden. Über ihre dortige halbjährige Arbeit haben zweifellos ihre Parteichefs berichtet (besonders Leo Bauer). Ich will nur sagen, daß ich mich für ihre damalige absolute Loyalität und Ergebenheit mit meinem Leben einsetze. Ich weiß, wovon ich spreche; denn, außer meiner Frau, kenne ich keinen Menschen so gut wie Erica Glaser[253]. 8. Repatriierung deutscher Genossen. Der größte Teil der deutschen Genossen in der Schweiz ging entweder illegal nach der Heimat oder später auf normal-legalem Wege. Für einige deutsche Genossen versuchte die Parteileitung, um die Rückreise zu beschleunigen, die Einwilligung von [dem] OSS zu erlangen. Hier handelte es sich nicht, wie bei den Ungarn, um komplizierte Reisen, sondern mehr um eine Art Visum-Angelegenheit. Als ich mit dem jungen Mitarbeiter von Dulles über Erica Glaser sprach, erzählte er mir, daß die schweiz. Gruppe des Freien Deutschland eine Anzahl Leute für die Repatriierung empfohlen habe, daß es aber schwer sei, ihre antinazistische Zuverlässigkeit zu kontrollieren, und es könnte von Nutzen sein, falls einzelne darunter bei USC bekannt seien, meine Empfehlung zu erhalten. Ich besprach mich mit Hans Teubner und auf dessen Veranlassung sandte ich [dem] OSS eine Mitteilung, daß ich die und die deutschen Flüchtlinge als sichere Antifaschisten kenne (es handelte sich, soweit ich mich erinnere, um eine ganz kleine Gruppe von höchstens 6 Genossen). In wie weit dieser Heimweg tatsächlich benutzt wurde, weiß ich nicht[254]. Ich kenne nur einen konkreten Fall, den von Langhoff (Wolfgang)[255], wobei es sich allerdings nicht um eine offizielle OSS-Aktion handelte, sondern um die individuelle, unautorisierte Handlung des subalternen OSS-Beamten (und Sympathisanten), Hans Holstein[256], der Langhoff ohne Wissen seines Chefs in seinem Wagen nach Deutschland brachte; gerade diese Tatsache macht mich seither glauben, daß sich die geplante offizielle Aktion zerschlug, aber ich weiß darüber nicht Bescheid. 7. [Blatt] [Seite] 57 9. USC-Angelegenheiten. In einigen Fällen versuchte ich in rein arbeitstechnischen Angelegenheiten Allen Dulles für USC auszunützen; – in diesen Fällen handelte ich auf eigene Faust und ohne Parteiauftrag. Ich erinnere mich an drei solche Fälle:     a. Geldüberweisung: In den Jahren 1943-44 machte uns die schweizerische Nationalbank ungeheure Schwierigkeiten bei der offiziellen Überweisung unserer Finanzmittel aus Amerika und wir mußten immer häufiger zu illegalen Devisenschiebungen greifen, wobei wir riesige Verluste erlitten (3 bis 3 1/2 Franken für den Dollar, bei offiziellem Kurs, wenn ich nicht irre, von etwa 4 1/2). Ich versuchte deshalb, Dulles zu bewegen, die Überweisung des USC-Geldes auf irgend eine halboffizielle Art zu ermöglichen (also Einzahlung durch Boston[257] an [das] OSS in Amerika und Auszahlung durch [das] OSS in der Schweiz; wohlgemerkt, eine rein technische Benutzung von [dem] OSS als Bank). Aber Dulles lehnte dies ab.     b. Telegrammverkehr mit Boston. Bei völlig fehlendem Briefverkehr und durch die Hitlerfaschisten überwachtem Telegrammverkehr[258] bat ich Dulles, mir zu ermöglichen, meine Telegramme an Boston durch [das] OSS (also chiffriert) leiten zu können. Dulles war zuerst nicht abgeneigt, mir entgegenzukommen, und ich habe die vage Erinnerung (aber sie ist so unsicher, daß es sich um eine Täuschung handeln kann), daß er von mir ein Versuchstelegramm entgegennahm und auch übermittelte. Auf jeden Fall: die Sache zerschlug sich, wahrscheinlich weil man am Washingtoner Ende ablehnte. Es handelte sich übrigens von allem Anfang an nicht darum, alle meine Berichte durch [das] OSS zu senden, sondern nur um eventuelle gelegentliche Telegramme, deren Inhalt für die Gestapo von Interesse sein konnten[,] und die ich deshalb überhaupt nicht schicken konnte. (Boston hatte z.B. lange Zeit keine Ahnung, daß ein erheblicher Teil unseres "schweizerischen" Budgets für Flüchtlingshilfe in Frankreich verwendet wurde.)     c. Reise nach Paris, Anfang 1945. Während der letzten Monate des Jahres 1944, bestürmte ich das Genfer Konsulat um Bewilligung zur Reise nach Frankreich (die Franzosen gaben damals das Einreisevisum nur bei vorgängiger Ermächtigung der Amerikaner). Das Konsulat vertröstete mich von Tag zu Tag, und zeigte mir schließlich ein Telegramm vom State Department, in welchem das Konsulat angewiesen wurde, die Ermächtigung zu verweigern, als Strafe für meinen in der Presse bekannt gewordenen illegalen Aufenthalt 8. [Blatt] [Seite] 58 bei den Partisanen im vorhergehenden August. Für die Zukunft von USC wäre eine weitere Verzögerung meiner Reise katastrophal gewesen, und so wandte ich mich Ende 1944 verzweifelt an Dulles und bat, nein bettelte, um seine Hilfe (ich konnte mir eine solche "Manier" erlauben, da es sich um eine rein technische Sache handelte). Dulles willigte nach einigem Zögern ein und verschaffte mir die nötige Dokumentation, mit der ich dann auch das französische Visum erlangte. Der einzige "Auftrag", den er mir dabei erteilte, war, mich irgendwann bei[m] OSS in Paris anzumelden; als formellen Vorwand für die Reise teilte er [dem] OSS in Paris mit, daß ich in Flüchtlingsfragen bewandert sei. Dulles wusste genauso gut wie ich, daß ich ausschließlich für meine USC-Arbeit nach Frankreich reiste; seine technische Hilfe war eine persönliche Akkomodation, die ihn nichts kostete. Dies mag in Europa unwahrscheinlich erscheinen; ich glaube, ein Amerikaner würde daran nichts seltsames finden: Dulles war – wenn es auch viele Jahre zurücklag – ein Ex-Kollege von mir und der kollegiale Geist (in rein oberflächlichen Beziehungen) ist in Amerika äußerst stark und verpflichtend. So nannten Dulles und ich uns z.B. beim Vornamen, was in Europa auf enge Freundschaft hindeuten würde; aber in Amerika nennen sich Kollegen vom ersten Tage an und auf Lebzeiten (über alle spätere Feindschaft hinaus) beim Vornamen, und für alle meine Kollegen (ganz unabhängig vom Rang) aus der State Department-Zeit bin ich auch heute noch einfach "Noel". Ich habe diesen kleinen Exkurs nicht ohne Absicht gemacht: In meinem Genfer Archiv ist zweifellos auch meine Korrespondenz mit Dulles aufgefunden worden[259], die jedem Europäer den Eindruck intimer Freundschaft vermitteln muß (nur damit kann ich mir erklären, daß man von Dulles immer und immer wieder als von meinem "intimen Freund" gesprochen hat): "Dear Noel ... Dear Allen". Ich betone deshalb noch einmal: Dulles war weder ein Freund von mir, noch auch ein guter Bekannter. Aber er war Ex-Kollege und das bedeutete in äußerlichen Beziehungen sehr viel; ohne dies zu begreifen, sind meine Kontakte mit Dulles überhaupt unverständlich. Zum Beispiel, wenn ich ihn sehen wollte, so konnte ich ihn (was sicherlich die wenigsten seiner Agenten durften) persönlich ans Telephon rufen und ihm sagen, daß ich vorbeikommen würde ("drop in to see you", wie man in Amerika sagt). Tatsache ist, ich habe damals [das] OSS nur für die Einreisen und die Ausreise benutzt. Während meines etwa 2-monatigen Aufenthaltes hatte ich (außer der Pariser Besprechung) keinerlei 9. [Blatt][Seite] 59 Beziehung mit [dem] OSS. – Meine nächste Reise, einige Monate später, machte ich schon mit gewöhnlicher konsularischer Erlaubnis.     10. Schluß.  In den vorhergehenden Abschnitten sind meine gesamten Beziehungen zu Dulles, zu[m] OSS und überhaupt zum amerikanischen Geheimdienst dargestellt. Ich habe Dulles – nach dem Antrittsbesuch – fünf oder höchstens sechsmal (immer auf meine Initiative hin, nie auf seine) aufgesucht, das letzte Mal im Frühjahr 1945 (Glaser). Mit diesem letzten Besuch (und der anschließenden "Empfehlung" einiger Repatriierten – siehe 8. Kapitel) kamen meine Beziehungen zum Geheimdienst ein für alle mal zum Abschluß (nicht erst im Jahre 1946, wie ich im Sommer 1949 fälschlich aussagte).                                                            Noel H. Field.  22. III. 54                                                ______________                                                ______________   IV. Die Periode meiner Arbeitslosigkeit.     Um dieses überlange Dokument nicht noch mehr zu verlängern, lasse ich das meiste, was ich hier schreiben wollte, aus. Über meinen 1948-er Aufenthalt in Polen und der Tsch.[echo]-Sl.[owakei] besitzen die Behörden: 1. Mein im Winter 1948-49 in Genf auf Grund der Steno-notizen in meinem Taschenkalender getipptes Tagebuch[260]. 2. Meine zur selben Zeit getippte Abschrift sämtlicher in Polen verfertigter Stenogramme über meine Gespräche mit Beamten und Genossen in Polen (die Abschrift wollte ich eben in Prag beginnen, als ich verhaftet wurde); im September 1949 ließ man mich die ersten Seiten dieses Stenogramms abschreiben, unterbrach aber die Arbeit nach einigen Stunden. – Meine in den Verhören gemachten Aussagen in Bezug auf diese Reisen sind, soweit ich mich erinnere, im Großen und Ganzen richtig, was das rein faktische Tatsachenmaterial betrifft. Hauptsache ist, daß ich weder direkt noch indirekt, weder mündlich noch schriftlich, irgendwelche während der Reise gesammelten Informationen an irgendwelche mit amerikanischen oder anderen imperialistischen Kreisen in Beziehung stehende Menschen mitgeteilt habe. Ich habe das gesammelte Material überhaupt nicht verwertet. Warum nicht? Teils, weil ich dazu noch ungenügend vorbereitet war und der größte Teil des Materials noch ungesichert war (je ein Koffer voll in Polen und in Prag), teils – und hauptsächlich – weil die öffentlichen Beschuldigungen gegen mich in Amerika jede publizistische Arbeit, auch in der Linkspresse ausschlossen. Die neugegründete Zeitung der Wallace-Partei ("National Guardian") hatte mich zu ihrem Korrespondenten gemacht und ich schrieb für sie einen ersten längeren 10. [Blatt][Seite] 60 Artikel in Warschau, den ich aber nicht einsandte, weil meine Frau (auf deren Urteil ich mich zu verlassen pflegte) ihn für qualitativ ungenügend hielt (er befand sich im Mai 1949 unter meinen Prager Dossiers). Nach dem Angriff auf mich schrieb ich dem National Guardian einen Brief, in dem ich meine Mitarbeit aus "Gesundheitsgründen" zurückzog[261]. Aber ich plante, während meiner "Emigrationszeit" in Prag, 1949, meine Kenntnisse gründlich zu organisieren und zu vervollkommnen, und eine Reihe von Artikeln wenigstens im Entwurf niederzuschreiben, in der Hoffnung, sie schließlich doch veröffentlichen zu können, wenn nicht in Amerika, so doch in Europa, z.B. in Frankreich (ich hatte diesbezüglich schon mit einigen französischen Genossen gesprochen). Es kam aber die Verhaftung, und alles war schließlich "für die Katz".     Nach meiner Entlassung[262] (Oktober 1947) war ich ein halbes Jahr lang schwer krank (Magengeschwür), musste oft das Bett hüten und sonst viel ruhen. Eine Zeit lang half ich meiner Nachfolgerin, Mme Matthey, bei der Liquidation des alten USC. Ich las viel, – und ich machte Pläne für die Zukunft, über die ich auch schon einige links stehende Freunde und Bekannte in Amerika informierte, in der Hoffnung, bei der Wallace-Partei Interesse zu wecken.     Zu Anfang des Winters hatte ich eine Zusammenkunft mit Prof. Robert Rompe[263] aus Berlin, dem Erica Glaser (mit der er befreundet war) über mich erzählt hatte[264]. Unser Gespräch drehte sich in der Hauptsache um: 1. meine eigene Zukunft, wobei die Möglichkeit meiner Anstellung als Professor in der geplanten Volksuniversität in Leipzig besprochen wurde (ich stellte mich dazu negativ, weil ich meine Brücke nach Amerika nicht endgültig hinter mir abbrennen wollte); 2. die Zukunft von Erica Glaser, bei der sich seit einiger Zeit Demoralisierungserscheinungen  zu entwickeln begannen, die ihre Parteizukunft gefährdeten; ich vertrat die Ansicht (schon seit 1946, wie Bauer bezeugen kann), daß man Erica Glaser so rasch wie möglich aus der ungesunden Atmosphäre des Westens herausreißen solle und sie irgendwo in der Ostzone in die positive Aufbautätigkeit einspannen solle, zumindestens eine Zeit lang; leider ist nichts dergleichen geschehen, und im Frühjahr 1948 reiste sie auf Urlaub zu ihrem sterbenden Vater in England und ist nicht wieder zurückgekehrt, womit eine zu den größten Hoffnungen berechtigende Kraft verloren ging. (Ich zwinge mich, nichts weiter darüber zu schreiben, es würde ein ganzes Buch daraus werden.)     Ende April 1948 machte ich eine kurze Reise nach England, um Erica Glaser zu besuchen und gleichzeitig mit dortigen Linkskreisen (z.B. Zilliacus[265]) und linken Verlagen (z.B. New Statesman and Nation) die Möglichkeit publizistischer Arbeit zu besprechen. [Seite] 61[266]     Kurz nach meiner Rückkehr aus England, reisten meine Frau und ich im Wagen des USC-Genf, das dem USC-Polen zugeteilt worden war, über Prag nach dem USC-Spital in Polen, wo wir einige Wochen als Gäste unserer früheren Mitarbeiter weilten. Dann begaben wir uns nach Warschau, wo wir den größten Teil des Sommers verbrachten, unterbrochen von einer längeren Reise in andere Gebiete und einem Ferienaufenthalt in Krynica. Von meinen Anstrengungen, in Warschau und in Prag meine Parteilage zu klären, habe ich schon gesprochen. Mitte September reisten wir nach Prag, von wo aus wir spätestens am 20. Oktober nach Genf zurückzukehren planten, um dort unsere Pässe zu erneuern (auch der Pass meiner Frau würde in Bälde ablaufen) und mit der Verwertung des gesamten Materials zu beginnen, worauf wir im folgenden Sommer nach Ungarn zu reisen gedachten, sowie (wenn möglich) in die sovietischen Zonen Österreichs und Deutschlands, um unsere vergleichenden Studien fortzusetzen.     In Prag erwartete mich Leo Bauer, der einen Erholungsurlaub im Tatragebirge hinter sich hatte. Unser mehrtägiges Gesprächsthema war dasselbe, wie ein Jahr vorher mit Robert Rompe: meine Zukunft und die Zukunft Erica Glasers. Was mich betraf, so hatte sich meine Lage in zweifacher Weise zugespitzt: erstens hatte mir das in Polen zutage getretene Misstrauen gezeigt, wie dringend eine Abklärung meiner Parteilage war; zweitens hatte ich aus meiner Lektüre der amerikanischen Presse (im Auswärtigen Amt in Warschau) ersehen, daß die Schnüffeleien des "Unamerikanischen Komités" in Washington immer brenzliger in die Nähe meiner eigenen Türe rückten. Damit rückte die Idee einer Professur an der Leipziger Hochschule als Eventuallösung auf die Tagesordnung. Über die Gespräche mit Bauer (der auch Paul Merker und Rompe vertrat) und ihre Folgen, habe ich schon in der ersten Beilage berichtet. Was Erica betraf (die sich in Paris befand), so ging es um einen letzten Versuch, sie für die deutsche Partei zu retten; sie sollte zu einem kurzen Besuch nach Prag kommen, um über sich selbst Bericht zu erstatten, u.s.w.; aber aus technischen Gründen kam die Reise nicht zustande. Ich sagte eben "für die deutsche Partei zu retten"; denn noch im folgenden Mai (1949) hielt ich mich für berechtigt, einen weiteren Versuch zu unternehmen, sie für die Partei überhaupt zu retten, trotzdem sie in der deutschen Partei suspendiert (nicht ausgeschlossen) war[267]; ich hatte unterdessen lange Gespräche mit ihr in Paris geführt (zuletzt noch am Tag vor meiner Abreise nach Prag) und es war mir über jeden Zweifel klar, daß sie, trotz ihrer schweren Fehler, weder in Gedanken[,] noch in Handlungen irgend etwas begangen hatte, das auch nur entfernt an Verrat grenzte, und sie war bei ihrer Loslösung von der Parteiarbeit tief unglücklich. Ich wollte deshalb versuchen, sei es in Prag, sei es in Polen, Arbeit für sie zu finden. – Was aus ihr geworden ist, weiß ich [Seite] 62 natürlich nicht, und dieses Unwissen, zusammen mit dem Bewusstsein, daß ich nichts für sie tun konnte, ist nicht der geringste Teil meines eigenen Elends. Doch ich bin abgeschweift und habe in diesem Bericht Erica Glasers Namen schon allzu oft erwähnt. Ich bitte um Verzeihung; es ist schwer, nach bald fünfjährigem Schweigen, über Dinge nicht zu sprechen, die mich tief bewegen. Ich bitte aber die Partei, meiner Beteuerung zu glauben, daß ich mich niemals aus rein persönlichen Gründen für einen Menschen einsetzen würde; ich habe während meines Lebens mehr als einmal bewiesen, daß die Partei für mich höher steht als jede Freundschaftsbeziehung; nein, das ist falsch ausgedrückt, – ich kann mit einem Menschen nur gut Freund sein, wenn er auch ein guter Genosse ist; und wenn er aufhört, Genosse zu sein, so ist er auch nicht mehr Freund.     Am 17. Oktober las ich in der Pariser Ausgabe der New York Herald Tribune von dem Angriff auf mich[268]. Er kam nicht völlig unerwartet, was den Inhalt anging, wohl aber überwältigte mich die ungeheure Sensation: Von einem Tag zum andern war ich das Gesprächsthema ganz Amerikas geworden. Sämtliche Zeitungen, auch in der Provinz, und vor allem die "gelbe Presse" brachten die Nachricht auf der ersten Seite oft unter riesigen Schlagzeilen (Freunde und Bekannte sandten mir haufenweise Ausschnitte nach Genf, von wo aus sie nach Prag gelangten). Meine übermäßige Nervosität war zum Teil eine Reaktion auf diese Sensation – denn nichts war mir innerlich verhasster als Publizität. Nun, über all das schrieb ich bereits in Anlage 1. Meine Frau kehrte, wie ursprünglich geplant, nach Genf zurück, da ihr Pass noch bis folgenden Juni gültig war. Auch ich reiste, mit meinem neuen Pass, Anfang Dezember nach Paris und dann nach Genf, wo wir den Winter verbrachten (einschließlich Schiferien in Megève und später in Arosa). Während dieser Zeit mieden wir sorgfältig jeden offiziellen amerikanischen Kontakt, da wir eine Vorladung durch das "Unamerikanische Komité" erwarteten (nach dem Gesetz mußte eine solche Vorladung von einem beauftragten Beamten persönlich in meine Hände gelegt werden, um Gültigkeit zu haben). Das Telefon und die Türklingel wurden nur von meiner Frau beantwortet; ich mied die Umgebung des Konsulats. Unterdessen verbrachte ich einen großen Teil meiner Zeit mit der Lektüre der offiziellen Verhörstenogramme des "Unamerikanischen Komités" (ein Freund von mir und Sympathisant, Bibliothekar des Internationalen Arbeitsamtes, hatte sie mir verschafft), um mich möglichst für alle Eventualitäten vorzubereiten. – Schließlich liquidierte ich mein langjähriges Domizil in Genf (Steuerbehörden, u.s.w.), arbeitete an den Stenogrammen des vergangenen Sommers, bereinigte meine persönlichen (einschließlich geheimen USC) Archive, mietete auf dem Land ein Zimmer für ihre Unterbringung und für unser Mobiliar, u.s.w., u.s.f.  [Seite] 63 Mit Prag und Warschau führte ich eine ziemlich einseitige Korrespondenz. Denn zu meinem wachsenden Erstaunen erhielt ich zumeist keine Antworten. Tonia Lechtman[269], die die Übersendung meiner polnischen Dokumentensammlung übernommen hatte (die Sammlung hätte lange vor mir in Genf sein sollen, kam aber nie), hüllte sich in Schweigen. Schließlich wandte ich mich an die USC-Leiterin, Dorothea Jones, die mir antwortete, ich sei in Polen als Spion verschrien und für Tonia Lechtman sei die Bekanntschaft mit mir eine Gefahr. Diese Entwicklung bestärkte meinen Entschluß, nach Prag und vor allem nach Berlin zu reisen, um meine Lage endgültig zu klären[270]. Meine Abreise verzögerte sich aber durch Visum-Schwierigkeiten. Die tschechische Gesandtschaft, die mir früher, während des Winters, erklärt hatte, ich könne mein Einreisevisum jederzeit haben, machte, als ich im März die Eingabe machte, Schwierigkeiten. Schließlich reisten wir ohne das tschechische Visum nach Paris, wo ich von der tschechischen Botschaft schließlich das Visum erhielt, auf Grund meiner Teilnahme am Kongress der Friedenspartisanen[271] (als Gast der französischen Delegation). Bei der ersten darauffolgenden Fluggelegenheit reiste ich dann nach Prag. Für das Visum meiner Frau wollte ich dann direkt im Prager Auswärtigen Amt einen Antrag stellen.     Zwei Dinge sind vielleicht (ich kann es nicht wissen) von Bedeutung [fehlende Worte "im Zusammenhang" nach dem Wort "Bedeutung"][272] mit zukünftigen Entwicklungen nach meinem Verschwinden: 1. Von meiner Rückkehr nach Prag wussten nur meine engsten Freunde – in Amerika nur mein Bruder[273] und meine Schwester[274]. Die U.S.A. Behörden konnten darüber nichts wissen (es sei denn, daß ich, ohne es zu bemerken, von amerikanischen Agenten beobachtet wurde, was ich bezweifle). 2. Meine Frau erwartete mein plötzliches, heimliches Verschwinden aus Prag: nämlich nach Berlin; sie rechnete damit, daß ich ein bis 2 Monate abwesend sein würde. Mein tatsächliches Verschwinden konnte sie also in der ersten Zeit kaum überraschen; vor allem aber musste sie den Mund halten, denn meine Reise nach Berlin musste geheim bleiben, vor allem gegenüber den Amerikanern. Das Schlimmste dabei war, daß ihr eigener Pass im Sommer ablief; als naturalisierte Bürgerin lief sie Gefahr, ausgebürgert und damit staatenlos zu werden. Nun, ich darf hierüber nicht weiter schreiben; es gibt Dinge, über die ich mich selbst einer eisernen Gedankenzensur unterworfen habe, um nicht dem  [Seite] 64 drohenden Irrsinn zu verfallen; dazu gehört in erster Linie das Schicksal meiner Frau, das – was immer auch geschah – unendlich viel entsetzlicher war als das meine.[275]                                                                                    Budapest, den 23. März 1954                                                                                    Noel H. Field Nachwort     Es war ursprünglich meine Absicht, noch eine fünfte Anlage zu schreiben, bestehend aus Kurzbiographien der mir am nächsten bekannten Genossen (Glaser, Bauer, Bertz, Lechtman, u.s.w.). Ich ließ aber diese Idee fallen, weil ich keine Ahnung habe, ob alle diese Genossen nach fünf Jahren noch am Leben sind (und für Tote wird sich die Partei hier kaum interessieren); auch weil ich befürchten musste, daß die erste dieser Biographien (Glaser) unvermeidlich aus einer Kurzbiographie in eine Langbiographie übergehen würde: denn der Fall Glaser ist so kompliziert, daß er durch skizzenhafte Behandlung nur Schaden erleiden kann.     Ich stehe aber selbstverständlich zur Verfügung, über diese Genossen, und überhaupt, über alles zu berichten, was die Partei auch wünschen möge. Mehr: ich habe keinen tieferen Wunsch, als zu arbeiten – und arbeiten in meiner jetzigen Lage kann nur bedeuten: Schreiben! Wenn es möglich wäre: mit der Maschine, um diese furchtbare Handschrift zu vermeiden. Ich wollte leserlich schreiben, aber im Laufe der Arbeit, vergass ich es.                                                                                    N.H.F. – 23. III. 54 Nachtrag zur Vierten Anlage     Ich sehe eben, daß ich nichts darüber gesagt habe, wovon ich nach meiner Entlassung lebte und weiterhin (bis ich wieder verdienen könnte) zu leben gedachte:     Zur Zeit meiner Entlassung hatte ich in Amerika an Ersparnissen etwa 15,000 Dollar (teils noch aus der State Department Zeit und einschließlich den Überresten des väterlichen Erbes, das im Krach von 1929 fast gänzlich vernichtet wurde); davon lebten meine Frau und ich bis zu meiner Verhaftung. Im Jahre 1947 starb meine Mutter[276] und mein mütterlicher Erbteil (in Wertpapieren) stellte sich Ende 1948 auf etwa 40,000 Dollar. Das Einkommen von diesem Erbe war noch ungewiss, (der Treuhänder arbeitete noch an Reinvestitionen) aber ich hoffte auf etwa 1,500 jährlich. Der Verdienst war also bei der Arbeitssuche nicht das Wesentliche. – N.H.F. – 23. III. 54 [Seite] 65 Schlußerklärung     Die vorliegende Arbeit ist von mir heute, am 24. März 1954, noch einmal durchgelesen worden. Sie enthält, nach meiner Überzeugung, alles für die Beurteilung meines Falles Wesentliche. Unter Vorbehalt etwaiger unwesentlicher Gedächtnisfehler (besonders was Kalenderdaten betrifft), stellt sie die volle und rückhaltlose Wahrheit dar. Ich übergebe sie der Partei in dem Vertrauen, daß sie ihr eine gerechte Beurteilung nicht verweigern wird.                                                                        Budapest, den 24. März 1954.                                                                                                Noel H. Field«   [1] Einen Überblick über die osteuropäischen Schauprozesse bietet: Hodos, Georg Hermann: Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948–54. Berlin 2001. [2] Lewis, Flora: Bauer im roten Spiel. Das Leben des Noel H. Field. Frankfurt am Main, Berlin 1965. [3] Ebenda, S. 15. [4] Der lautlose Krieg. 39 berühmte Spionagefälle ausgewählt und kommentiert von Allen W. Dulles. München 1968, S. 326. [5] So der ehemalige ungarische KP-Chef Mátyás Rákosi in seinen in den 50er und 60er Jahren im sowjetischen Exil verfaßten Memoiren, »Visszaemlékezések 1940–1956« [Erinnerungen 1940–1956], Budapest 1997, 2 Bde., 1122 S.; hier Bd. 2, S. 745. [6] So der Historiker und ehemalige OSS-Mitarbeiter Arthur Schlesinger jr. in: New York Review of books, 11. Februar 1965. [7] Der Nachlaß von Noel H. Field und Herta K. Field befindet sich im Archiv des Instituts für Politikgeschichte, Budapest (Politikatörténeti Intézet Levéltára – im weiteren: PIL) – einem Teilbereich des ehemaligen Parteiarchivs der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei – und umfaßte 1996 153 Archiveinheiten sowie weiteres unerschlossenes Archivgut. [8] Die bisher überlieferten Bestände der ungarischen Staatssicherheitsbehörde bzw. ihrer Vorläufer- und Nachfolge-Organisationen befinden sich seit 1997 im Archiv des neu geschaffenen »Történeti Hivatal« [Amt für Geschichte] in Budapest, (im weiteren: TH-Archiv). Andere historische Bestände lagern offenbar weiterhin bei den verschiedenen ungarischen Nachfolgediensten im »Amt für Nationale Sicherheit« und sollen – so die Intention des Gesetzgebers – schrittweise dem TH-Archiv übergeben werden. – Zur Archivsituation in Ungarn vgl. auch: Barth, Bernd-Rainer: Die Archivsituation und die zeitgeschichtliche Forschung in Ungarn nach 1989, In: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Materialien der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit«. Band VI: Gesamtdeutsche Formen der Erinnerung an die beiden deutschen Diktaturen und ihre Opfer. – Archive. Baden-Baden 1999, S. 765–801. [9] Államvédelmi Hatóság (Behörde für Staatssicherheit/Staatssicherheitsdienst). Der ungarische Staatssicherheitsdienst existierte in dieser zentralisierten Form zwischen 1949 und Sommer 1953 – bzw. versteckt in den Strukturen des Innenministeriums bis zum Herbst 1956. Vgl. dazu: Boreczky, Beatrixe: Az Államvédelmi Hatóság szervezete, 1950–1953. [Die Organisation der (ungarischen) Behörde für Staatssicherheit, 1950–1953], in: Trezor 1. A Történeti Hivatal évkönyve 1999. [Tresor 1. Jahrbuch des Amtes für Geschichte.] Budapest: 1999. S. 91–111. [10] Die Untersuchungsvorgänge zu Noel H. Field und seiner Frau Herta K. Field umfassen zusammen insgesamt zwölf Bände mit ca. 4000 Blatt. [11] Eine ausführlichere Darstellung der Geschichte Noel Fields (die in wesentlichen Teilen durch die neu zugänglichen Quellen gestützt wird) bietet das bereits erwähnte Buch von Flora Lewis »Bauer im roten Spiel«. Vgl. daneben auch das Kapitel »Die Field-Verbindung – Wahrheit und Legenden« in Georg Hermann Hodos zuerst 1987 publizierter Studie: Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948–54. Neuausgabe Berlin 2001, sowie zu den deutschen Bezügen der Field-Affäre: Kießling, Wolfgang: Partner im »Narrenparadies«. Der Freundeskreis um Noel Field und Paul Merker. Berlin 1994. – Zur Vorgeschichte und den Hintergründen der Field-Affäre auf der Grundlage neuer Quellen vgl. Barth, Bernd-Rainer: Wer war Noel Field? Die unbekannte Schlüsselfigur der osteuropäischen Schauprozesse, in: Leo, Annette/Reif-Spirek, Peter (Hrsg.): Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien zum DDR-Antifaschismus. Berlin 2001, S. 197–221. [12] Mehrere frühere derartige Versuche wurden vor seinen Augen zerrissen, da sie der vorgegebenen »Konzeption« nicht entsprachen. [13] Zum Begriff der Parteiautobiographie vgl. Studer, Brigitte/Unfried, Berthold: Der stalinistische Parteikader. Identitätsstiftende Praktiken und Diskurse in der Sowjetunion der dreißiger Jahre. Köln [u.a.] 2001, S. 122 ff. [14] Dieser Bestand im TH-Archiv umfaßt in insgesamt 247 Bänden Untersuchungsdossiers zu 114 Personen, die im Kontext der »Angelegenheit Rajk« im Sommer 1949 verhaftet und im Hauptprozeß bzw. in späteren Nebenprozessen verurteilt wurden, oder ohne Urteil (wie auch Noel und Herta Field) in Haft blieben. [15] Erste Forschungsergebnisse zur Vorgeschichte des Rajk-Prozesses bietet Hajdu, Tibor: A Rajk-per háttere és fázisai [Hintergrund und Phasen des Rajk-Prozesses], in: Társadalmi Szemle, 47 (1992), 11, S. 17–36. [16] In der ungarischen Literatur und Publizistik hat sich statt »Schauprozeß« der Begriff »Konzeptionsprozeß« oder »konzeptionelle Verfahren« eingebürgert. [17] Vgl. dazu ausführlicher: Barth, Wer war Noel Field?, a.a.O., S. 202-205. [18] Vgl. dazu im folgenden Dokument: Beilage IV. Die Periode meiner Arbeitslosigkeit, (Sept. 1947 bis Mai 1949), S. 59–64. [19] Über diese Verbindungen, die Noel Field im Parteiauftrag (von Paul Bertz, Maria Weiterer, Otto Niebergall u.a.) zum OSS unterhielt, und die alle darauf abzielten, das OSS für die kommunistische Widerstandsarbeit auszunutzen, waren die Parteiführungen in Moskau und Berlin bereits kurz nach Kriegsende durch entsprechende Berichte der zurückgekehrten Westemigranten informiert. Vgl. etwa Franz Dahlem: Betr. Noel Field und seine Verbindungen. (Notizen von Franz Dahlem, 13. 11. 1946), in: SAPMO-BArch DY 30/IV 2/4/106, Bl. 196; Merker an Franz Dahlem, 26. 11. 1946, Betrifft: Noel Field und seine Verbindungen, in: Ebenda, Bl. 216–217. – Da Noel Field in der Schweiz über sowjetische Kontakte verfügte bzw. sich in seinem Bekanntenkreis sowohl NKWD- als auch GRU-Agenten befanden, ist davon auszugehen, daß auch über diese Linien Berichte über Fields Aktivitäten in der Schweiz und in Frankreich an die jeweilige Moskauer Zentrale gelangten. [20] Hier erwähnt Noel Field in einem kurzen Lebenslauf auch seine nachrichtendienstlichen Kontakte zu den Sowjets und die Umstände seiner geheimen Parteimitgliedschaft, die seinen später in der Haft gemachten Angaben entsprechen. Im Begleitbrief an Bermann betont er, die Klärung seiner Situation sei für ihn und seine Frau »im Wortsinne eine Frage von Leben und Tod. Denn nach all den Schwierigkeiten, die wir durchgestanden haben, gibt es für uns außerhalb der Partei, ohne eine aktive Parteiarbeit kein Leben.« Eine zeitgenössische Fotokopie des deutschen Originals dieses Briefes ist erhalten geblieben: »Kurze Parteigeschichte von Noel H. Field« mit dem handschriftlichen Zusatz von Noel Field »Streng geheim«, geschrieben in Warschau am 9. September 1948, sowie der Begleitbrief gleichen Datums an Jakub Bermann in französisch, von dem jedoch nur die ungarische Übersetzung überliefert ist. Vgl. TH-Archiv, Untersuchungsakte Noel H. Field, I/107-b (V-142755/2), Bl. 179-182, bzw. der Begleitbrief Bl. 170–171. [21] Vgl. dazu Igor Lukes: Der Fall Slansky. Eine Exilorganisation und das Ende des tschechoslowakischen Kommunistenführers 1952. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 47 (1999), 4, S. 459–501, hier S. 476. Die Datierungen der ungarischen Ereignisse der Field-Affäre sind hier jedoch weitgehend fehlerhaft. [22] Noel Field hatte als Gast am »1. Weltfriedenskongreß der Kämpfer für den Frieden« teilgenommen, der vom 20.–25. April 1949 in Paris stattfand. Erst in Paris erhielt er das Einreisevisum für die Tschechoslowakei, um das er sich zuvor vergeblich bemüht hatte. Laut Igor Lukes wurde Noel Field mit der Legende nach Prag gelockt, seine abgerissenen sowjetischen Verbindungen sollen »geklärt« werden. Vgl. Lukes, Der Fall Slansky, a.a.O., S. 476. [23] Vgl. dazu: »Szigoruan titkos! Különösen fontos! Jelentés Noel Haviland Field ügyében. Budapest, 1954. november 5.« [Streng geheim! Besonders wichtig! Bericht in der Angelegenheit des Noel Haviland Field. Budapest, 5. November 1954] Unterzeichner: Lajos Hullay, Major der ÁVH, in: TH-Archiv, Untersuchungsakte Noel H. Field, V-142755/7 (I/107-g számú vizsgálati dosszié), Bl. 156–158. [24] In der Literatur wird Bjelkin durchgehend mit falschem Vornamen als »Fjodor Bjelkin« angegeben. [25] Vgl. dazu Szász, Béla: Freiwillige für den Galgen. Die Geschichte eines Schauprozesses. Nördlingen 1986. [26] Zeugenvernehmung des Ingenieurs Iván Földi durch die Generalstaatsanwaltschaft in Budapest, am 13. 9. 1956. In: V-150019/2 (Farkas Mihály és társai ügye, II. kötet [Angelegenheit Mihály Farkas und andere, Band II.]), Bl. 61–63. [27] Die Vernehmer waren in dieser Zeit fast ausschließlich die ÁVH-Offiziere György Szendy und Dr. Miklós Bauer. Vgl. dazu: Interview des Autors mit Dr. Miklós Bauer am 19. 7. 2000 in Budapest, und: Aussage von György Szendy vom 22. 5. 1954. In: TH-Archiv, Untersuchungsakte Noel H. Field, V-142755/5 (I/107-e számú vizsgálati dosszié), Bl. 76. [28] Szendy György: »Tárgy: Noel H. Field és Herta K. Field kihallgatása. Jelentés. Budapest, 1951 december 17-én.« [Bericht des ÁVH-Majors György Szendy vom 17. Dezember 1951 über das am gleichen Tag geführte Verhör von Noel H. Field und Herta K. Field], in: TH-Archiv Budapest, Untersuchungsakte Noel H. Field, I/107 (V-142755), Bl. 7–8. [29] Zum historischen Kontext allgemein vgl. Rainer, János M: Der Neue Kurs in Ungarn 1953, in: Kleßmann, Christoph/Stöver, Bernd (Hrsg.): 1953. Krisenjahr des Kalten Krieges in Europa. Köln [u.a.], 1999, S. 71–92. Vgl. auch ders.: Ungarn 1953–1956: Die Krise und die Versuche ihrer Bewältigung, in: Wilke, Manfred/Hegedüs, András B. (Hrsg.): Satelliten nach Stalins Tod. Der »Neue Kurs«. 17. Juni 1953 in der DDR. Ungarische Revolution 1956. Berlin 2000, S. 137–217. – Zur widersprüchlichen Rehabilitierungspraxis vgl. Magdolna, Baráth: Az MDP vezetése és a rehabilitáció (1953-1956) [Die Führung der Partei der Ungarischen Werktätigen (MDP) und die Rehabilitierungen (1953-1956)], in: Múltunk. Politikatörténeti folyóirat [Unsere Vergangenheit. Zeitschrift für Politikgeschichte], 44 (1999) 4, S. 40–97. [30] »An die Behörden«. In: TH-Archiv, Untersuchungsakte Noel H. Field, I/107-c (V-142755/3), Bl. 160–161. [31] Vgl. ÁVH-Major Árpád Kretschmer: »Untersuchungs-Plan in der Angelegenheit des O.S.S.- Agenten Noel H. Field« vom 17. 5. 1954, in: TH-Archiv Budapest, Untersuchungsakte Noel H. Field, I/107 (V-142755), Bl. 26–28. [32] Diese Bemerkung stammt offensichtlich von Fields Vernehmer ÁVH-Major Árpád Kretschmer, im 17. Verhör vom 4. 8. 1954. [33] Gemeint ist der »Brief an die Partei«. [34] Field, Noel: Erklärung vom 4. 8. 1954, in: TH-Archiv Budapest, Untersuchungsakte Noel H. Field, I/107-a (V-142755/1), Bl. 332–333. [35] Oberst Józef Swiatlo, stellv. Leiter der Abteilung X (Parteiabwehr) der polnischen Staatssicherheit, war bereits im Dezember 1953 zu den Amerikanern übergelaufen. [36] Vgl. dazu die Darstellung Rákosis in seinen Memoiren: Rákosi, Mátyás: Visszaemlékezések 1940–1956. II. kötet. [Erinnerungen 1940–1956. Band II.], a.a.O., S. 970–971. [37] Aus der ursprünglichen Paginierung ist ersichtlich, daß es noch ein Deckblatt gegeben haben muß, welches nicht überliefert ist. – Ein enger Freund des Ehepaars Field, Gábor Vályi, ab 1955 im Budapester Corvina-Verlag Noel Fields Vorgesetzter, berichtete dem Herausgeber von einem Gespräch Anfang der sechziger Jahre mit András Tömpe, einem hochrangigen Funktionär des ungarischen Partei- und Sicherheitsapparates (Anfang der sechziger Jahre Leiter der Administrativen Abteilung des ZK der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei/MSZMP), der zu dieser Zeit als Sekretär einer Sonderuntersuchungskommission mit der Überprüfung jener Staatssicherheitsangehörigen beauftragt war, die an der Vorbereitung und Durchführung der Schau- und Geheimprozesse der frühen fünfziger Jahre beteiligt waren. Tömpe berichtete Vályi damals, daß Noel Field diesen Brief ursprünglich an Stalin gerichtet habe. Ernö Gerö habe den Brief zunächst zurückgehalten, und erst nach einiger Zeit den sowjetischen Beratern übergeben. (Gespräch des Hrsg. mit Gábor und Erzsébet Vályi am 25. Juli 2000 in Budapest). Überprüft werden konnten diese Informationen nur teilweise, da die Quellenlage diesbezüglich äußerst lückenhaft ist. Belegen läßt sich jedoch die Tatsache, daß die sowjetischen Berater über einzelne Schritte der ungarischen Staatssicherheit im Fall Noel Field ab März 1954 unterrichtet wurden. [38] Die von Noel Field benutzte Seitennummerierung sowie der Seitenumbruch wurde bei der vorliegenden Druckfassung beibehalten, da er selbst im Text Fußnoten – von ihm mit (*) gekennzeichnet – einfügt und im Brief sowie in den Anlagen mehrfach auf den eigenen Text verweist und dabei die eigene Paginierung angibt. [39] Fehler dieser Art (Gebrauch der Valenz von Verben) werden – sofern sie nicht sinnentstellend sind –  im weiteren nicht gesondert vermerkt. Eigenheiten Fields in der Zeichensetzung (insbesondere der Kommasetzung) wurden bewußt beibehalten, fehlende Worte, Buchstaben oder Satzzeichen stehen in eckigen Klammern. [40] Der in runde Klammern gesetzte Satz wurde von Field nachträglich eingefügt. [41] Die Grundlagen der außerordentlichen Sprachbegabung Noel Fields liegen in seiner Kindheit in der Schweiz. Noel Field berichtet darüber in der Beschreibung seines Bildungsweges: »Meine Muttersprache war englisch; vom Kindermädchen hatte ich hochdeutsch gelernt. In der Schule [in Zürich – BRB] musste ich nun Schweizerdeutsch und dann – im Alter von 9 Jahren – noch italienisch lernen« (er besuchte zeitweilig eine italienischsprachige Privatschule in Lugano); daneben erlernte er  in seiner Jugend französisch, brachte sich in den dreißiger Jahren in Washington aus Sympathie für die Sowjetunion im Selbststudium russisch bei, beschäftigte sich ab 1947 im Zusammenhang mit seinen Übersiedlungsplänen nach Osteuropa mit der polnischen Sprache und erlernte nach seiner Haftentlassung aus dem Budapester Staatssicherheitsgefängnis (Ende 1954) die ungarische Sprache, die er ab 1956/57 so weit beherrschte, daß er am »Parteileben« seiner ungarischen Parteigruppe im Budapester Corvina-Verlag teilnehmen konnte. Vgl. dazu: Eigenhändig geschriebene Aussage vom 19. Juni 1954 (»Meine Bildung«), in: Budapest, Történeti Hivatal Levéltára [Archiv des Amts für Geschichte, im weiteren: TH-Archiv] Noel Field vizsgálati dosszié [Untersuchungsakte Noel H. Field], I/107-c számú vizsgálati dosszié (V-142755/3) [Untersuchungsdossier Nr. I/107-c V-142755/3], Bl.173 (im weiteren werden nur die Archivsignaturen der Dossiers angegeben); sowie: »A Corvina Könyvkiadó pártszervezetének jelentései, munkatervei, jegyzökönyvei, 1955-1971.« [Berichte, Arbeitspläne, Protokolle der Parteiorganisation des Corvina-Verlages, 1955-1971], in: Nachlaß Herta und Noel Field, Budapest, Politikatörténeti Intézet Levéltára (Archiv des Instituts für Politikgeschichte, im weiteren: PIL), 903 f./48 ö.e. [42] Fields Aussagen, Verhörprotokolle und schriftliche Aufzeichnungen aus dem frühen Haftzeitraum (Mai 1949 bis Juli 1951) sind in den derzeit zugänglichen Untersuchungsakten der ungarischen Staatssicherheitsbehörde (Államvédelmi Hatóság/ÁVH) nicht überliefert. Sie wurden – wie auch die entsprechenden Unterlagen der anderen in die Prozesse verwickelten Personen – ab Mitte 1959 auf interne Weisung des Innenministers (auf der Grundlage eines entsprechenden Politbürobeschlusses), vernichtet. Die präzis geführten Vernichtungsprotokolle über Unterlagen aus der Vorbereitungsphase des Rajk-Prozesses sind teilweise in den einzelnen Personen-Dossiers abgeheftet, und finden sich gesammelt in: »›Rajk-ügy‹. Jelentések, javaslatok, jegyzökönyvek az iratok megsemmisítése, meghagyása, rendezés ügyében.« [»Angelegenheit Rajk«. Berichte, Vorschläge, Protokolle bezüglich der Vernichtung, des Behalts und der Ordnung von Schriftgut], TH-Archiv, IX/31. – Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, daß sich Kopien von nachweislich vernichteten Materialien in anderen (zum Teil noch nicht zugänglichen) Beständen erhalten haben. So ist beispielsweise eine Kopie des vernichteten Verhörprotokolls vom 7. Juni 1949 erhalten geblieben, als Innenminister János Kádár und Verteidigungsminister Mihály Farkas den bereits von schwerer Folter gezeichneten Hauptangeklagten László Rajk »verhörten«, d.h. zu einem Geständnis im Sinne der Prozeßkonzeption zu überreden versuchten. Vgl. dazu die Quellenedition: Varga László (szerk.): Kádár János birái elött. Egyszer fent, egyszer lent 1949-1956. [László Varga (Hrsg.): János Kádár vor seinen Richtern. Einmal oben, einmal unten 1949-1956.] – Budapest: Osiris, 2001, S. 157-170. [43] Die Blätter 2-13 (also der Brief an das ZK der KPdSU ohne Anlagen) wurden unmittelbar nach der Niederschrift gesondert verwahrt. Darauf verweist die im März 1954 angefertigte erste – qualitativ schlechte und offenbar unter großem Zeitdruck entstandene – ungarische Übersetzung des Textes, in welcher der anonyme ÁVH-Übersetzer anmerkt (Bl. 2): »Seite 2-13 fehlen im Original«. Diese ungarische Übersetzung findet sich in: TH-Archiv, I/107-j (V-142755/9), Bl. 1-80. Das Original des eigentlichen Briefes (Bl. 2-13) war auch Anfang der sechziger Jahre noch nicht wieder aufgetaucht. Als die ungarische Partei MSZMP in Folge des XXII. Parteitages der KPdSU im November 1961 eine dreiköpfige ZK-Kommission mit der Untersuchung des Komplexes »Entstehung, Ablauf und Folgen der in der Periode des Personenkultes begangenen Gesetzesverletzungen« beauftragte und anschließend die sowjetische Seite über deren Ergebnisse informierte, wurde dem Kommissions-Bericht eine Fotokopie des deutschen Originals (ohne die Blätter 2-13) sowie der gesamte Brief Noel Fields in russischer Übersetzung als Anlage beigefügt. Die fehlenden 12 Seiten wurden dabei aus der (oben erwähnten) ungarischen Übersetzung von 1954 (deren Grundlage das deutsche Original war) ins Russische übertragen. Vgl. Béla Biszku (ZK-Sekretär und Leiter der ZK-Untersuchungskommission) an Wladimir Jefimowitsch Semitschastnij (seit November 1961 Vorsitzender des KGB), Budapest den 5. September 1962, in: »Szovjet vonatkozásu anyagok« [Materialien mit sowjetischem Bezug], in: TH-Archiv, Z/1. a-b, S. 8-14, hier S. 14. – Wann und woher das (erhalten gebliebene) deutsche Original (mit den fehlenden 12 Seiten) wieder auftauchte, war nicht zu ermitteln. [44] Alle Unterstreichungen so im Original; einige Fieldsche Abweichungen von den Regeln der deutschen Orthographie und Zeichensetzung wurden bewußt beibehalten, einige wenige sinnentstellende Fehler stillschweigend bereinigt. [45] Anmerkungen Noel Fields am unteren Seitenrand: »* Formeller Beitritt 1938, retroaktiv um 2 Jahre, in Moskau über die amerikanische Sektion des Exekutivkomitees der Komintern; bestätigt im Frühjahr 1943.« Die Worte »bestätigt im Frühjahr 1943.« wurden von Noel Field mit andersfarbiger Tinte einen Tag später, am 19. März 1953, hinzugefügt.– Anmerkungen Noel Fields sind im folgenden wie im Original mit * markiert. [46] Noel Field war (zusammen mit seiner Frau Herta) während seiner einzigen Reise in die Sowjetunion (29. Mai bis 15. Juli 1938) von seinen NKWD-Vorgesetzten angeboten worden, »Mitglied der Partei« zu werden, wobei ihm freigestellt wurde, ob er der KPdSU oder der amerikanischen KP beitreten wolle. Der Zeitpunkt seines formellen Parteibeitritts wurde auf Wunsch Fields (er berief sich dabei auf seine »spezielle Parteiarbeit« für den sowjetischen Nachrichtendienst) um zwei Jahre zurückdatiert. Dies wird durch ein nicht datiertes, jedoch nach 1954 entstandenes sowjetisches Dokument bestätigt, vgl. »Sprawka« (russ.), o.D. in: »Szovjet vonatkozásu anyagok« [Materialien mit sowjetischem Bezug], in: TH-Archiv, Z/1. a-b, S. 7. Im Frühjahr 1943 wurde ihm diese Parteimitgliedschaft von einem Mitarbeiter des NKWD (»Max«) bei einem Treffen in der Schweiz mündlich bestätigt. Vgl. ebenda, S. 8. – Siehe auch Fields Darstellung im vorliegenden Dokument, Bl. 19 (Fieldsche Zählung). [47] Noel Field war am 11. Oktober 1949 von einem Spezialobjekt der ÁVH (einer konspirativen Villa in der Eötvös utca in den Budaer Bergen) in das Gefängnis der Staatssicherheit (»ÁVH Toloncház«) in der Conti-Straße verlegt worden. [48] Field bezieht sich hier auf sein Verhalten während der ersten Verhörphase ab Mai 1949 in Budapest, wo er sich – nach schwerer physischer Folter durch ungarische AVH-Offiziere bzw. Angehörige eines speziellen »Folterkommandos« der ÁVH – zu massiven Falschaussagen zwingen ließ, die u.a. den gerade verhafteten Kaderchef der ungarischen Partei, Tibor Szőnyi, belasteten und die später zur Belastung László Rajks benutzt wurden. Kurze Zeit später (vermutlich noch im Juli, sicher aber ab August 1949) widerrief er diese erpreßten Falschaussagen und blieb auch – trotz massiver Drohungen – in der folgenden Haftzeit bei dieser Haltung. [49] Henry Wallace (1888-1965), amerikanischer Agrarexperte und Politiker, in der Periode des New Deal unter Präsident Roosevelt Landwirtschaftsminister (1933-1940), 1941-45 Vizepräsident der USA; 1947 Mitbegründer und Präsidentschaftskandidat der Progressive Party, in der sich die von den Demokraten abgespaltenen enttäuschten New-Deal-Liberalen sammelten, und die auch von vielen amerikanischen Kommunisten unterstützt wurde; nach der schweren Wahlniederlage seiner Partei (November 1948) Rückzug aus dem politischen Leben. [50] Noel und Herta Field hielten sich vom Mai 1948 bis zum 15. September in Polen auf, anschließend und vom 15. September bis 21. November in Prag. Vgl. dazu FBI-Report vom 13.1.1950, In: U.S. Department of Justice, Federal Bureau of Investigation, FOIPA-Dossier #393284. [51] Gemeint ist das House Un-American Activities Committee (HUAC) – der Kongreßausschuß zur Untersuchung unamerikanischer Betätigung. [52] Am 15. Oktober 1948 erschien in der New York Herald Tribune eine Zusammenfassung des HUAC-Zwischenberichts, worin Field durch Aussagen von Whittaker Chambers als Kommunist bzw. als möglicher sowjetischer Agent bezeichnet wurde. Vgl. dazu auch: Sam Tanenhaus: Whittacker Chambers. A biography. New York 1998, S. 328. [53] Noel Field flog am 5. Mai 1949 von Paris nach Prag. [54] Field bezieht sich hier auf Bemühungen der SED-Politbüromitglieder Paul Merker und Franz Dahlem, ihm in der Sowjetischen Besatzungszone eine neue Existenz zu schaffen. Diese – anfänglich inoffiziellen – Bemühungen scheiterten jedoch an der Haltung der sowjetischen Behörden, die auf entsprechende Vorstöße (die auch über das Büro Wilhelm Pieck liefen) nicht reagierten. Überliefert ist ein Brief von Franz Dahlem an den Chef der SMAD-Propaganda- bzw. Informationsverwaltung, Oberst Sergej I. Tjulpanow vom 15. Dezember 1948: »Betr.: Noel Field. Werter Genosse T[j]ulpanow! Es handelt sich um einen amerikanischen Genossen, der nach unserer Auffassung seit Jahren getarnt für Eure Organe arbeitet. Wir lernten ihn durch seine Hilfe für die in Frankreich internierten Kommunisten kennen. Die direkte Verbindung mit ihm hatte Paul Merker [...] Wir haben den Genossen Geminder vom ZK der KP der Tschechoslowakei gebeten zu veranlassen, daß Noel Field Aufenthaltserlaubnis in diesem Lande solange bekommt, bis eine endgültige Klärung in seiner Angelegenheit beigeführt ist. Es besteht nämlich die Gefahr, daß er bei einer Rückreise in die Schweiz von dort ausgewiesen wird, was in diesem Fall die Auslieferung an die Behörden der USA bedeuten würde. Ich bitte um Mitteilung, inwieweit wir von uns, nachdem wir uns in dieser Sache für Noel Field stark engagiert haben, Stellung nehmen sollen oder nicht. – 15.12.48  Franz Dahlem«, BStU, AS 251/56, Bd. 9d, Bl. 6. – Doch auch auf diesen Brief gab es keine Reaktion, wie die Notiz Leo Bauers an Franz Dahlem vom 31. Januar 1949 bezeugt: »Aktennotiz. Ich sollte Dich noch einmal an Field erinnern. Er schrieb mir wieder und wartet ziemlich verzweifelt auf die Möglichkeit, nach hier zu kommen, um die Sache zu klären. Leo Bauer«, darunter handschriftlich: »Eilt! Genn. Elly Winter! Bitte um Mitteilung, ob und wann das Schreiben in der Angelegenheit Field nach Karlshorst weitergegeben wurde, damit die Sache weiter verfolgt werden kann. Franz Dahlem, 20.2.1949«, SED-Hausmitteilung von Abt. West Ba. / Fr. an Dahlem, in: BStU, UA 192/56, Bd. 1 (Paul Merker), Bl. 50. – Elly Winter (1898-1987), die Tochter Wilhelm Piecks, war zu diesem Zeitpunkt Hauptreferentin im Büro Pieck im Zentralsekretariat der SED in der Lothringerstr. 1. [55] Sowjetische Militäradministration. [56] Noel Field war als »spionageverdächtige Person« bereits Anfang November 1948 in Prag von der tschechoslowakischen Geheimpolizei StB verhaftet, nach kurzer Zeit jedoch wieder entlassen worden, nachdem er sich den verblüfften StB-Vernehmern als sowjetischer Aufklärer zu erkennen gegeben hatte und mit dem sowjetischen Nachrichtendienst in Kontakt gebracht werden wollte. Vgl. Igor Lukes: Der Fall Slánský. Eine Exilorganisation und das Ende des tschechoslowakischen Kommunistenführers 1952, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 47 (1999), 4, S. 459-501, hier S. 476. [57] Noel Field war – auf Drängen Mátyás Rákosi's bei Klement Gottwald – im Zuge einer »operativen Kombination« der tschechischen Staatssicherheitsorgane am Spätnachmittag des 11. Mai 1949 auf einer Prager Vorortstraße »unter konspirativen Umständen« verhaftet worden. Er wurde in der Nacht vom 11. zum 12. Mai vom stellvertretenden ÁVH-Chef Oberst Ernö Szücs und dem ÁVH-Major Ferenc Vándor im Auto nach Budapest in die ÁVH-Zentrale gebracht. Vgl. dazu: »Szigoruan titkos! Különösen fontos! Jelentés Noel Haviland Field ügyében. Budapest, 1954. november 5.« [Streng geheim! Besonders wichtig! Bericht in der Angelegenheit des Noel Haviland Field. Budapest, 5. November 1954, von Lajos Hullay, Major der ÁVH], in: TH-Archiv, I/107-g (V-142755/7), Bl. 156-158. [58] Allen W.[elsh] Dulles (1893-1969), amerikanischer Diplomat und Nachrichtendienstler (Einsatz u.a. in Wien, während des Ersten Weltkriegs als Gesandtschaftssekretär in Bern, später in Berlin) sowie Rechtsanwalt; 1916-1926 Beamter im Department of State, ab 1922 Chef der Abteilung für Near-Eastern Affairs des State Department; nach einer Wall Street-Karriere als Anwalt für Internationales Recht (1927-1941 in dem von seinem Bruder gegründeten New Yorker Anwaltsbüro Sullivan & Cromwell) übernahm er im Auftrag von OSS-Chef William J. Donovan im Dezember 1941 die Leitung des COI (Coordinator of Information)-Büros in New York (einer von Präsident Roosevelt neu geschaffenen Koordinierungsbehörde für die Nachrichtendienste); ab November 1942 bis Mai 1945 war er Leiter der OSS-Zentrale für Zentraleuropa in Bern (getarnt als »Sonderassistent« von Leland Harrison, dem US-Gesandten in Bern). Nach Kriegsende war er Mitbegründer, 1951-1953 Vizedirektor und 1953-1961 Direktor der CIA. Noel Field kannte Dulles als Kollegen aus seiner Zeit im State Department seit 1926; Dulles war auch als Rechtsberater der US-Regierung in Fragen der Rüstungsbegrenzung tätig, ein Gebiet, für das Noel Field im State Department zuständig war. Zu Allen Dulles vgl. die Biographie von James Srodes: Allen Dulles. Master of Spies. Washington 1999. [59] Ursprünglich: »vorweggen«, – von Noel Field gestrichen. [60] Da nur wenige Aussagen Fields zu dieser Periode überliefert sind, sei hier seine Aussage vom 29. 7. 1954 zitiert (der Periode, in der sein Fall bereits »überprüft« wurde), in der er seine damalige »Schwäche« einem jüngeren Kollegen der Folterer von damals zu erklären versucht: »Heute Nachmittag ist mir ein Auszug aus einer meiner eigenhändigen Aussagen aus der ›Villa‹-Periode vorgelesen worden. Aus meiner Erklärung, daß ich wisse, man würde mich zu Tode foltern, wenn ich nicht die Wahrheit spreche, ist heute die Folgerung gezogen worden, daß ich zur Zeit, da ich dieses Dokument schrieb, nicht mehr gefoltert wurde und daß ich darin die Wahrheit schrieb. Ich glaube[,] ich kann beweisen, daß das Gegenteil der Fall war: 1. Ich bin 100% überzeugt, daß ich einen so furchtbaren Satz, wie den eben zitierten, niemals geschrieben haben würde, außer unter dem unmittelbaren Einfluß einer soeben vorangegangenen Folterung, aus der ich die Überzeugung gewann, daß ich die nächste Folterung nicht überleben würde. Dieses Dokument kann ich also nur zur Zeit der schlimmsten Folterung unterschrieben haben, also während der letzten Tage in der Villa (vor Ende Mai). 2. Mein zitierter Satz bedeutet unter diesen Umständen gerade das Gegenteil von dem, was darin steht. Denn: Was sagt ein Mann, oder besser gesagt, nicht ein Mann, sondern ein Feigling, wenn er soeben gefoltert worden ist und jetzt in Todesangst ist, daß man ihn erschlagen wird? Er sagt: ›Nein, nein, bitte foltern Sie mich nicht, ich werde ja die Wahrheit sagen, ganz gewiss werde ich jetzt nur die Wahrheit sagen.‹ – Aber in Wirklichkeit meint er damit: ›Ich werde das sagen, was Sie von mir wünschen; ich werde das sagen, was Sie für die Wahrheit halten. Ich werde nicht sagen, was ich für die Wahrheit halte, denn eben deswegen bin ich ja gefoltert worden.‹ Genau das ist der Sinn meines Satzes.«. Zitiert aus: »Bezüglich meine[r] schriftliche[n] Aussage von Ende Mai (ungefähr zwischen dem 24. und 28. Mai?) 1949 über Szöni [Tibor Szőnyi].« Eigenhändig geschriebene Aussage Noel Fields vom 29. 7. 1954, in: TH-Archiv, I/107-a (V-142755/1), Bl. 210-211. – Der »furchtbare Satz«, auf den Field sich hier bezieht, ist nicht überliefert. [61] Im Zuge der von der Kádár-Führung angeordneten »Überprüfung der Fälle konzeptioneller Prozesse« nach 1956 wurden 1959 sowie 1962/63 (in Einzelfällen auch später) fast alle Verhörprotokolle, Unterlagen, Tonbänder usw. der erpreßten »Geständnisse« aus der Voruntersuchungsphase der verschiedenen Schau- und Geheimprozesse vernichtet. In den überlieferten Untersuchungsakten der ungarischen Staatssicherheit zu Noel und Herta Field sind nur wenige Abschriften seiner Aussagen zwischen 1949 und 1951 enthalten. Vgl. auch Fußnote 6. [62] Vgl. dazu die Aussage des damaligen Vernehmers von Noel Field, des ehemaligen ÁVH-Majors György Szendy, der im Spätsommer 1956 mit mehreren anderen ehemaligen ÁVH-Offizieren verhaftet worden war: »Als ich [im Juli 1949 – BRB] die Vernehmung Fields übernahm, erhielt ich keinerlei Angaben über ihn, ich wußte nicht einmal wie er heißt. [...] Später konnte ich mich dann mit dem Untersuchungsmaterial Fields vertraut machen. Daraus ging hervor, daß er bereits zahlreiche, ihn selbst und andere schwer belastende Aussagen gemacht hatte. Mir gegenüber widerrief er diese Aussagen nach einigen Tagen Verhör, bzw. bestritt diese Angaben.« Vernehmungsprotokolle des Untersuchungshäftlings György Szendy durch den stv. Militärstaatsanwalt der Volksrepublik Ungarn vom 6.-16. Oktober 1956 (ungarisch), in: TH-Archiv, Untersuchungsakte Mihály Farkas und Komplizen Bd.5, V-150019/4, Bl. 183-212, hier Bl. 188. [63] Das damalige Staatssicherheitsgefängnis in der Conti Straße in Budapest. [64] Vgl. dazu den Bericht des Field-Vernehmers ÁVH-Major György Szendy vom 17. Dezember 1951 über das am gleichen Tag geführte Verhör von Noel H. Field und Herta K. Field: »Während seiner Vernehmung legte Field eine ähnliche Haltung an den Tag, wie er sie schon bisher gezeigt hat. Er war bemüht, sich selbstsicher zu geben und betonte, an seiner Haltung werde sich nichts ändern. Seit August 1949 sage er nur noch ›die Wahrheit‹, und dabei werde er bleiben. Er sei kein Spion, er sei auch kein Spion gewesen, und er sei nicht bereit, mit falschen Geständnissen unschuldige Menschen ins Verderben zu stürzen. Das betonte er mindestens zwanzig Mal, und als ich ihn fragte, warum er schauspielere, wie lange er gebraucht habe, dies einzustudieren, antwortete er mir, er sei gezwungen gewesen in kompakten Sätzen seine ›Wahrheit‹ einzustudieren, weil wir ihm nicht erlaubten, sich auszusprechen, weil wir auf die vollständige Wahrheit nicht neugierig seien.« So in: »Szendy György: Noel H. Field és Herta K. Field kihallgatása. Jelentés. Budapest, 1951 december 17-én.« [György Szendy: Bericht über das Verhör von Noel und Herta K. Field vom 17. Dezember 1951], TH-Archiv, I/107 (V-142755), Bl. 7-8, hier Bl. 7. [65] Auch diese Erklärungen sind in den derzeit zugänglichen Unterlagen zu Noel Field nicht überliefert. [66] Von Noel Field gestrichen. [67] Das Office of Strategic Services – strategischer und taktischer Geheimdienst der USA (1942-1945). Er war aus dem im Juni 1941 gegründeten, von William J. Donovan geleiteten Büro des Coordinator of Information (COI) – dem ersten zentralen geheimen Nachrichtendienst der USA – hervorgegangen. Das OSS wurde am 13. Juni 1942 von Präsident Roosevelt als Nachrichtendienst und Organisation für »covert actions« nach dem Vorbild der britischen SOE gegründet, und nach Kriegsende, am 1. Oktober 1945 von Präsident Harry S. Truman offiziell aufgelöst; gilt als Vorläufer der CIA. [68] Anmerkung Fields am unteren Seitenende: »(*) Siehe Anlage 3.« [69] Erica Glaser, verh. Wallach-Glaser (1922-1993), Tochter des deutsch-jüdischen Arztes Willy Glaser aus Schlawe (Pomm.), der Ende 1935 aus politischen und »rassischen« Gründen mit seiner Familie nach Spanien emigrierte. Sie arbeitete im Spanischen Bürgerkrieg (seit ihrem 14. Lebensjahr) als Krankenschwester in verschiedenen Lazaretten der republikanischen Armee. Gegen Ende des Bürgerkrieges flüchtete sie – schwer erkrankt – nach Frankreich. Sie wurde 1939 von Noel und Herta Field auf Bitten ihrer Eltern aus einem südfranzösischen Internierungslager gerettet und in Absprache mit ihren Eltern als Pflegetochter aufgenommen; Schulbesuch in Genf und Zürich, arbeitete in dieser Zeit konspirativ für die KPD in der Schweiz, war u.a. Kurier zwischen dem verhafteten KPD-Funktionär Leo Bauer u. Noel Field bzw. der KPD-Leitung in der Schweiz; sie wurde im August 1950 durch einen Brief von Leo Bauer (der unter Druck handelte) nach Ost-Berlin gelockt und dort von sowjetischen Organen verhaftet; zusammen mit Leo Bauer im Dezember 1952 von einem sowjetischen Militärgericht in Ost-Berlin wegen Spionage zum Tode verurteilt, nach sechs Monaten in einer Moskauer Todeszelle begnadigt und im Juli 1953 zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt; Haft in Workuta; im Oktober 1955 mit offizieller Entschuldigung der sowjetischen Regierung entlassen, lebte sie ab 1957 in den USA. Vgl. ihren autobiographischen Bericht: Erica Wallach: Licht um Mitternacht. Fünf Jahre in der Welt der Verfemten. München 1969, sowie den Dokumentarfilm »Verdammte Lügnerin oder Meine Karriere als Nackttänzerin.« von René A. Zubühl, Werner Schweizer und Thomas Grimm, Zürich /Berlin 1991. [70] Das konspirative »Einbauen« Erica Glasers in den OSS war auf Vorschlag der KPD-Leitung in der Schweiz (Fritz Sperling, Hans Teubner, Bruno Fuhrmann) und durch Vermittlung Noel Fields bei Allen Dulles erfolgt. Erica Glaser war zunächst Mitarbeiterin des Leiters der OSS Labor Section in Bern, Gerhard van Arkel (vgl. dazu und zur OSS Labor Division: Christof Mauch: Schattenkrieg gegen Hitler. Stuttgart 1999, S. 397 bzw. S. 233 ff.) Von Juli bis Dezember 1945 war sie Sekretärin des OSS-Majors Richard Watt in Wiesbaden bzw. Frankfurt am Main. Ihre konspirative Verbindung zur KPD lief hauptsächlich über Leo Bauer. Über diese Arbeit war auch der für die geheimen »Apparate« in Westdeutschland zuständige Kaderchef der KPD/SED in Berlin, Franz Dahlem, informiert. Vgl. zum ganzen Komplex die ausführliche Darstellung in Noel Fields eigenhändiger Aussage vom 1. August 1954 (»Erica Glasers ›Verrat‹«), in: TH-Archiv, I/107-a (V-142755/1), Bl. 314-328. [71] Ursprünglich: »mir bewusst bin.« – von Noel Field gestrichen. [72] Ursprünglich: »und« – von Noel Field gestrichen. [73] Gemeint ist Robert C. Dexter, vgl. Fußnote 119. [74] Humbert-Droz, Jules (1891-1971), pazifistischer Pfarrer und Linkssozialist, 1920 Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei der Schweiz, KPS- und Kominternfunktionär, 1921-31 EKKI-Sekretär in Moskau, zuständig für die Anleitung der Kommunistischen Parteien der romanischen Länder; 1931/32 und 1936-41 Leiter der KPS; Mitte 1943 aus der illegalen KPS ausgeschlossen, trat er daraufhin im Juli 1943 der SP der Schweiz bei; Dezember 1946 – Juni 1958 Sekretär bzw. Zentralsekretär der SP der Schweiz. [75] Gemeint ist Paul W. Massing (1902-1979), Funktionär des KPD-M-Apparats, Soziologe und Agrarwissenschaftler. Paul Massing war nach dem Reichstagsbrand in Berlin verhaftet worden, im Columbia-Haus gefoltert und im KZ Oranienburg interniert worden; nach seiner Entlassung flüchtete er nach Paris und schrieb dort unter dem Pseudonym Karl Billinger einen der ersten Berichte über die Schrecken der NS-Diktatur (»Schutzhäftling 880«. Paris 1935). Er und seine Frau, Hede Gumperz, verh. Massing, arbeiteten seit Ende der zwanziger Jahren für die sowjetische Militäraufklärung (GRU), später für das NKWD. Sie waren seit 1934 vornehmlich in den USA eingesetzt und unterstanden der illegalen NKWD-Residentur von Boris Basarow (Codename »Nord«). Hede Massing hatte durch Vermittlung von Marguerite Young die Fields kennengelernt und (nach einer längeren »Bearbeitungsphase«) Anfang 1935 für das NKWD angeworben (Noel Field erhielt den Decknamen »Ernst«). – Nach den »Moskauer Prozessen« und dem Hitler-Stalin-Pakt wandten sich die Massings vom Kommunismus ab, verhielten sich aber – zumindest noch bis Ende des Krieges – ihren nachrichtendienstlichen Auftraggebern gegenüber loyal. Vgl. dazu: Allen Weinstein / Alexander Vassiliev: The haunted wood: Soviet espionage in America – the Stalin era. New York 1999, und: Bernd-Rainer Barth : Wer war Noel Field? Die unbekannte Schlüsselfigur der osteuropäischen Schauprozesse. In: Annette Leo/Peter Reif-Spirek (Hrsg.): Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien zum DDR-Antifaschismus. Berlin 2001, S. 197-221 [76] Hede Massing, geb. Tune, gesch. Gumperz (1900-1981) hatte in erster Ehe den deutschen Kommunisten Gerhart Eisler geheiratet, von dem sie sich 1926 scheiden ließ. Anschließend heiratete sie den amerikanischen Universitätsprofessor und Mitglied der KP USA, Julian Gumperz. Später heiratete sie den Sozialwissenschaftler Paul Massing, mit dem sie 1930 das erste Mal nach Moskau fuhr, wo Paul Massing am Internationalen Agrarinstitut arbeitete. Hede Massing war laut eigenen Angaben 1929 durch Richard Sorge als Mitarbeiterin für Ignaz Reiss (»Ludwig«, einem der Spitzenkader der GRU) rekrutiert worden. Sie wurde ab 1933 als Kurier in die USA eingesetzt (sie hatte durch ihre Heirat mit Julian Gumperz Ende 1927 die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben), und arbeitete ab 1934 in den USA u.a. als »Talentsucherin« und Anwerberin. Vgl. »Personal History of Hede Massing«, S. 1-12, Hoover Institution on War, Revolution and Peace, Stanford; vgl. auch ihren autobiographischen Bericht, Hede Massing: Die große Täuschung. Geschichte einer Sowjetagentin. Freiburg/Basel/Wien, o.J. [1967]. Zu ihrer nachrichtendienstlichen Karriere, wie sie aus den freigegebenen KGB-Akten ersichtlich wird, vgl. Allen Weinstein/Alexander Vassiliev: The haunted wood: Soviet espionage in America – the Stalin era. New York 1999. – Noel Field wird in den Verhören vom Sommer 1954 mehrfach nach den Massings befragt. [77] Anmerkung Noel Fields am Seitenende: »(*) Der 3. Punkt meiner Erklärung (Seite 7 oben) bezieht sich selbstverständlich nicht auf derartige ›Genossen‹, mit denen ich nach ihrem Verrat gebrochen habe.« [78] Das Addendum Noel Fields auf der Rückseite von Blatt 9 lautet: »Addendum zu Seite 9, achte Zeile: als 13. Verdachtsmoment wirkte auch meine komplizierte, unabgeklärte Parteilage, das Resultat der anormalen Art meines Beitritts und des Fehlens jedes dokumentarischen Beweises auf meiner Seite, so daß meine Behauptungen als Hochstaplerei erscheinen mussten.« [79] Ursprünglich: »gezwungen« – von Noel Field gestrichen. [80] Ursprünglich: »besonders« – von Noel Field gestrichen. [81] Im Original von Noel Field gestrichen. [82] Bei diesem »Kammeragenten« handelt es sich um Sándor Cseresnyés (1909-1971), der nach 1945 bereits für einen besonderen sowjetischen Apparat die ungarische Parteispitze, aber auch die kommunistischen Remigranten aus der Schweiz beobachtete hatte und als ehemaliger Spanienkämpfer und Westemigrant ebenfalls im Zuge der Field-Rajk-Affäre im Mai 1949 verhaftet worden war und 1950 zu 6 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. In einem als »Streng geheim! Besonders wichtig!« klassifizierten internen Bericht aus der Überprüfungsphase nach Stalins Tod heißt es zu dieser nachrichtendienstlichen Kombination: »Laut den Berichten von Csereresnyés erwog Field die Möglichkeit, inwieweit man der amerikanischen Botschaft in Budapest einen Brief zukommen lassen könne, in welchem er seinen Aufenthalt in Budapest andeuten würde und die Amerikaner um Hilfe bei seiner Befreiung bitten würde. Laut Aussage von Field habe Cseresnyés diese ganze Frage initiiert und auf ihre Durchführung gedrungen. Sándor Cseresnyés meldete diese Angelegenheit seinem Vernehmer, worauf Gábor Péter [Chef der ungarischen Staatssicherheit ÁVH – BRB] persönlich Instruktionen zur Anfertigung dieser Meldung [des Kassibers – BRB] und zu den Umständen des »Hinausschmuggelns« gab, die dann auch entsprechend durchgeführt wurden. Die von Noel Field geschriebene Meldung wurde beschlagnahmt und später offen gegen ihn benutzt und so wollte man den Genannten zu einer ehrlichen Aussage bringen. Mit der offenen Benutzung der Meldung wurde der Zelleninformator dekonspiriert und die ganze Provokation wurde für Noel Field offensichtlich.« [Alles so im ungarischen Original – BRB], »Jelentés Noel Haviland Field ügyében« [Bericht in der Angelegenheit Noel Haviland Field], unterzeichnet vom stellv. Leiter der Untersuchungsabteilung des Innenministeriums, ÁVH-Major Lajos Hullay am 5. 11. 1954, TH-Archiv, I/107-g (V-142755/7), Bl. 156-158, hier Bl. 157/158. [83] In den Field-Dossiers ist eine zeitgenössische ungarische Übersetzung des Kassibers überliefert, die weitgehend identisch ist mit dem hier von Field erinnerten Wortlaut. Vgl. »Tárgy: Field amerikaiakhoz intézett levelének fordítása.« [Betrifft: Übersetzung des an die Amerikaner gerichteten Briefes Fields.], in: TH-Archiv, I/107-d (V-142755/4), Bl. 190. [84] Richtig: »Dutko«, vgl. folgende Anmerkung. [85] Im FBI-Report des Washington Field Office vom 13. 1. 1950, Titel: »Noel Haviland Field«, wird aus den Akten der Paßabteilung des State Department zitiert (Bl.1): »These files indicate that a passport was issued October 29, 1948, to NOEL HAVILAND FIELD, being Passport N° 59, issued at Praha, Czechoslovakia, by PAUL M. DUTKO. It expires October 28, 1950.« In: U.S. Department of Justice, Federal Bureau of Investigation, FOIPA-Dossier # 393284. – In den ÁVH-Dossiers wird jedoch durchgehend die falsche Schreibweise »Dudka« beibehalten, obwohl den ungarischen Untersuchungsorganen der Paß Noel Fields zur Verfügung stand. [86] Anmerkung von Field am Seitenende: »(*) ″Third degree″ – berüchtigte Terrormethoden der amerikanischen Polizei; ich wollte damit eine Ausnützung des Zettels zu Propagandazwecken unterbinden. Ein armseliger Skrupel!« [87] Field wurde bis zu seiner Entlassung am 17. November 1954 über das Schicksal seiner Frau Herta, die zeitweise im selben Zellentrakt untergebracht war, im ungewissen gelassen. [88] Ein Hinweis, der dies bestätigen würde, konnte im Archiv der ungarischen Staatssicherheit bisher nicht gefunden werden. [89] Das Addendum Fields auf der Rückseite von Blatt 12 hat folgenden Wortlaut: »Addendum zur letzten Zeile von Seite 12:                 Mein gestriger Gebrauch des Wortes ″Ernährer″ könnte zu irriger Interpretation Anlass geben. Das Wort drängte sich mir auf durch die Erinnerung daran, wie ich eben zu jener Zeit eine längere, unfreiwillige ″Hungerkur″ durchmachte. Als Ernährer schwebte mir symbolisch die bürgerliche Gesellschaft im Allgemeinen vor, sowie die Tatsache, daß ich 15 Jahre lang auf Staatskosten lebte (Regierung von Massachusetts – State Department – Völkerbund).                 Weshalb habe ich in dem Zettel neben dem Botschafter und Chargé auch Dudka genannt ? Weil ich sonst niemanden dort auch nur dem Namen nach kannte und weil mich dort niemand kannte. Es ging um meine Identifizierung und ich hoffte, daß Dudka sich vielleicht an mich erinnern würde.    <s>19. III. 54.</s>                 Als ″Referenz″ wollte ich selbst nur den <s>mit</s> mir <s>befreundeten</s> gut bekannten Gesandten in der Schweiz (früher Konsul in Genf) nennen, aber mein ″Mitgefangener″ bestand auf der Nennung von Dulles, mit der Begründung, daß es ohne die Nennung einer ″Berühmtheit″, dem Überbringer des Zettels unmöglich gelingen würde, bis zum Botschafter zu gelangen.                 Bitte, ich entschuldige nichts und will nichts abschwächen. Aber im Interesse der Abklärung dieser ganzen Affäre, ist es wichtig, den Sinn des Zettels nicht zu verdrehen.                                                                                                               19. III. 54.« [90] Ursprünglich: »viel« – von Noel Field gestrichen. [91] Dr. Herbert Haviland Field (1868-1921), amerikanischer Zoologe, Biologe und Bibliograph. Er entstammte einer Familie von Neu-England Quäkern, sein Studium absolvierte er an der Harvard Universität in Boston, sowie an den Universitäten Freiburg (Schweiz), Leipzig und Paris. Sein Lebenswerk war die Gründung und Leitung des Concilium bibliographicum in Zürich (ab 1895), eines Instituts für wissenschaftliche Bibliographie, welches die Zielsetzung hatte, eine vollständige Bibliographie der damaligen weltweiten wissenschaftlichen Forschung zusammenzutragen. [92] Nina Eschwege (1867-1947), Engländerin, Hausfrau, heiratete 1903 Herbert H. Field. Seit dem 1. Weltkrieg nannte sie sich nach ihrer Großmutter Nina Foote Field. Sie hatte ihren späteren Mann bei einem Urlaub in den Schweizer Alpen kennengelernt. Das Ehepaar lebte in Zürich, nur zur Geburt des ersten Kindes – Noel – war sie nach London zu ihren Eltern gefahren. Nach dem Tod ihres Mannes und der Übersiedlung in die USA begann sie sich zunehmend für politische Fragen zu interessieren. Hede Massing, die Nina Foote Mitte der dreißiger Jahre kennenlernte, erinnert sich an sie als »eine große, schlanke, vornehm aussehende Quäkerin. Auch sie war, genau wie Noel, ungewöhnlich. Beide waren geistige Menschen, die ihren Überzeugungen lebten, kein Durchschnitt. Ihr Lebensstandard war der des frugalen Yankees, selbständig, einfach, bescheiden, obgleich sie eine vermögende Dame war.« Hede Massing: Die große Täuschung, a.a.O., S. 165. [93] Hermann Field (1910-2001), amerikanischer Architekt, war seit den dreißiger Jahren linker Sympathisant, jedoch nie Parteimitglied. Er wurde bei der Suche nach seinem verschwundenen Bruder am 22. August 1949 auf dem Flughafen in Warschau verhaftet und verbrachte fünfeinhalb Jahre in einer Kellerzelle ohne Sonnenlicht, zum Teil in Einzelhaft. Vgl. seinen autobiographischen Bericht: Hermann und Kate Field: »Departure Delayed«. Stalins Geisel im Kalten Krieg. Hamburg 1996. [94] Elsie Doob war nur für kurze Zeit Mitglied der KP USA. [95] Welche konkrete Form dieses Engagement seiner Mutter annahm, beschreibt Hede Massing in ihren Erinnerungen: »Sie [Nina Foote – BRB] hörte mir gebannt zu, wenn ich über den Faschismus in Deutschland sprach und wenn ich von Pauls Zeit im Columbia-Haus erzählte. Im allgemeinen kühl und zurückhaltend, zeigte sie eine erstaunliche Reaktion auf meine Erzählungen. Sie wollte helfen. Wie konnte sie helfen? Was konnte sie tun? [...] Innerhalb kurzer Zeit war sie zu Paul gefahren, und in einigen Monaten hatte Paul sie zu einem sehr erfolgreichen Kurier ausgebildet, der von der Schweiz aus nach Deutschland fuhr. Ein gefährliches, schwieriges Unternehmen für eine ältere Dame. Paul erzählte mir, daß sie ihre Missionen hervorragend erfüllte, und nicht nur das, sondern daß sie jedesmal voll von wichtigen Informationen über Naziaktivitäten zurückkam.« Hede Massing: Die große Täuschung, a.a.O., S. 165. [96] Diese Aufzeichnungen sind in den zwölf Bänden der Untersuchungsakten von Noel und Herta Field nicht enthalten. [97] Ursprünglich: »völlig« – von Noel Field gestrichen. [98] Herta Katherine Vieser (1904-1980), stammte aus Stuttgart. [99] Eigenhändige Anmerkung Fields am Seitenende: »(*) Diese Furcht habe ich erst im Verlauf des vergangenen Jahres endgültig überwunden.« [100] Herbert H. Field starb am 5. April 1921. [101] Sacco und Vanzetti-Fall: Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, zwei italienischstämmige Anarchisten aus Massachusetts, waren 1921 verhaftet worden und 1927 (obwohl sie bis zuletzt ihre Unschuld beteuerten und trotz weltweiter Bedenken) in einem umstrittenen Indizien-Prozeß wegen bewaffneten Raubes und Mordes verurteilt und später hingerichtet worden. [102] Henry Barbusse (1873-1935), französischer Schriftsteller, der in seinen Werken hauptsächlich das Grauen des Krieges behandelte, und unter dem Eindruck seiner Kriegserlebnisse zum Pazifi­sten wurde. Er schloß sich später der kommunistischen Bewegung an. [...] [103] Gemeint sind die u.a. von den Gewerkschaften und der KP USA in der Zeit der Depression Anfang der dreißiger Jahre organisierten Hungermärsche (National Hunger March). Im Zusammenhang mit Forderungen nach der Einführung einer Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfeleistungen für die Hungernden und Obdachlosen kam es im Dezember 1931 zu einem »Hungermarsch« in nationalem Maßstab, der am 7. Dezember 1931 in Washington eintraf. Noel Field hatte (unerkannt von seinen Kollegen im State Department) in Washington an den Protesten teilgenommen. Die spätere brutale Niederschlagung eines Sternmarsches ehemaliger Kriegsteilnehmer nach Washington durch die Truppen General Douglas MacArthurs hinterließ tiefe Spuren bei ihm. [104] Dieser nach seinem Vorsitzenden, dem texanischen Kongreß-Abgeordneten der Demokratischen Partei Martin Dies (1901-1972) benannte Kongreß-Ausschuß war 1938 reaktiviert worden. Nach einigen vagen Anfängen – die Vorläuferausschüsse waren das Fish Committee (1930-1932) und das McCormack-Dickstein Committee (1934-1935) – wurde das Special Committee on Un-American Activities (später House Un-American Activities Committee/HUAC), inoffiziell auch Dies-Committee – ab 1938 zunehmend zu einem konservativen Konkurrenten des FBI bei der Jagd auf wirkliche und vermeintliche radicals. Diese Ausschüsse bzw. das HUAC hatten ursprünglich die Aufgabe, nazistische oder faschistische Umtriebe in den USA zu untersuchen. Unter der Leitung von Martin Dies und J. Parnell Thomas »entdeckte« das HUAC, daß der wirkliche Feind nicht rechts, sondern links stünde, von Ausländern kontrolliert werde und den New Deal als »cross between Communism and Fascism« verehre. (So: Martin Dies: The Trojan Horse in America. New York 1940, S. 362.) [105] Die zwei Vertreter im 1933 in Washington eröffneten Büro der offiziellen KP-Zeitung »Daily Worker« waren Marguerite Young und Seymor Waldman. Die Journalistin Marguerite Young, eine Freundin des damaligen Parteivorsitzenden Earl Browder, brachte Field mit zahlreichen Gleichgesinnten zusammen; später kam er durch sie auch in Kontakt mit dem sowjetischen Nachrichtendienst. Vgl. Noel H. Field: Eigenhändig geschriebene Aussage vom 6. 7. 1954, in: TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 128. – Siehe auch Fußnote 39. [106] Gemeint sind Paul und Hede Massing (früher verh. Gumperz). Vgl. Fußnote 39 und 40. – Über dieses erste Kennenlernen (bzw. in der Fachterminologie: die nachrichtendienstliche Anbahnung oder Kontaktaufnahme) schreibt Hede Massing 1967: »Ich hatte Noel und Herta Field durch Marguerite Young kennengelernt. Sie erzählte mir, daß die Kapitel von Pauls Buch ›Fatherland‹ [d.i. die englische Übersetzung seines Buches ›Schutzhäftling 880‹ – BRB], die in den ›New Masses‹ erschienen waren, in Washington grosses Aufsehen erregt hätten und viel besprochen wurden. Einigen hatte sie erzählt, daß sie die Frau des Autors kenne, wie zum Beispiel Noel Field. Er und seine Frau waren höchst begierig, mich kennenzulernen. Marguerite glaubte, daß ich sie gerne mögen würde, Herta sei eine Deutsche, und Noel sei klug und gut informiert, arbeite in der Westeuropäischen Abteilung des State Department und würde als ein ›kommender‹ junger Beamter angesehen. Das interessierte mich natürlich sehr.« Hede Massing: Die große Täuschung, a.a.O., S. 159. [107] In diesem Punkt irrt Noel Field, was er zum Zeitpunkt der Niederschrift freilich nicht wissen konnte. Doch auch nach seiner Entlassung aus dem ÁVH-Gefängnis wurde er von den ungarischen Sicherheitsbehörden bzw. Parteiinstanzen über die wahren Hintergründe seines Falles nie aufgeklärt. [108] Diese Aufzeichnungen sind – wie fast alle schriftlichen Zeugnisse aus der ersten Verhörperiode (Mai 1949 bis 1951) – Ende der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre vernichtet worden. Über seine Anwerbung durch die Massings und seine nachrichtendienstliche Arbeit berichtet Field jedoch in den Verhören im Spätsommer 1954 ausführlich; vgl. dazu das Verhör vom 23. 9. 1954, in: TH-Archiv, I/107-e (V-142755/5), Bl. 302-321. [109] Hede Massing war bereits seit Winter 1928 die Lebensgefährtin von Paul Massing, trug jedoch noch den Namen aus ihrer zweiten Ehe mit Julian Gumperz. Erst 1936 fand die offizielle Trauung mit Paul Massing statt. [110] Über diesen Teil der nachrichtendienstlichen Arbeit Fields heißt es in einer als »Streng Geheim!« klassifizierten Zusammenfassung einer Untersuchungskommission der USAP vom September 1962: »Den Angaben von Noel H. Field zufolge lautete sein Auftrag, laufend über seine Arbeit im amerikanischen Außenministerium zu berichten, die dort laufenden Dinge aufmerksam zu verfolgen. Field verfaßte Berichte über seine Kollegen. Er verschaffte sich den Bericht des amerikanischen Botschafters in Moskau [William C. Bullit – BRB] über die Vorbereitung und den Ablauf der im Winter 1935/36 in London stattfindenden Flottenkonferenz. Im Jahre 1936 wechselte er vom State Department zum Sekretariat des Völkerbundes, von wo er ebenfalls Berichte lieferte.« – So in: »TÁJÉKOZTATÓ JELENTÉS a Szovjetunió Kommunista Pártja Központi Bizottsága részére a személyi kultusz idején elkövetett magyarországi törvénysértésekkel kapcsolatosan.« [Informationsbericht für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bezüglich der zur Zeit des Personenkultes in Ungarn begangenen Gesetzesverletzungen], in: TH-Archiv, »Szovjet vonatkozású anyagok« [Materialien mit sowjetischem Bezug], Z/1 a.-b., Bl.2. [111] Anmerkung Noel Fields. [112] Diese vier »Vorgesetzten« des NKWD, die angesichts der Stalinschen Säuberungen zu »Verrätern« wurden, waren Paul und Hede Massing, Ignaz Reiss (»Ludwig«), sowie kurzzeitig Walter G. Krivitsky (d.i. Samuel Ginzberg). Während die Massings 1938 aus der Sowjetunion ausreisen konnten, trotz ideologischer Bedenken aus vornehmlich antinazistischen Motiven heraus für den NKWD weiterarbeiteten und erst ab 1946 bzw. 1951 zu ersten Aussagen gegenüber amerikanischen Behörden über ihre nachrichtendienstliche Tätigkeit bereit waren, wurde Ignaz Reiss, der im Juli 1937 abgesprungen war und in einem Brief seine Mitarbeiter aufgefordert hatte, seinem Beispiel zu folgen, im September 1937 in der Nähe von Lausanne von einem mobilen Mordkommando des NKWD erschossen. – Vgl. dazu Peter Huber: Die Ermordung des Ignaz Reiss durch die Auslandsabteilung des NKWD (1937) in: ders.: Stalins Schatten in die Schweiz. Zürich 1994, S. 343-362; sowie die Erinnerungen der Witwe von Ignaz Reiss: Elisabeth K. Poretsky: Our Own People. A Memoir of »Ignace Reiss« and his Friends. London [u.a.] 1970. – Walter Kriwitsky wurde am 10. Februar 1941 in Washington in einem Hotelzimmer erschossen aufgefunden. Vgl. dazu: Flora Lewis: Who killed Krivitsky? 25 years ago, a Soviet Master Spy was shot here; some called it suicide, others cried murder. In: Washington Post, 13. 2. 1966, und das Nachwort von Hellmut G. Haasis, in: Walter G. Krivitsky: Ich war Stalins Agent. Grafenau 1990. [113] Im Original fälschlich »1948« – offensichtlicher Schreibfehler Fields. Die Reise der Fields durch die Sowjetunion dauerte von Ende Mai bis zum 15. Juli 1938. Vgl. dazu die tagebuchartigen Briefe aus der Sowjetunion an Familienmitglieder in den USA, in: Nachlaß Noel und Herta Field, Budapest, PIL 903 f. 71 ö.e., Bl. 84-97. [114] In einer späteren Aussage – im Zusammenhang mit seinen erfolglosen Bewerbungen bei staatlichen US-Stellen nach seiner Entlassung aus dem Völkerbundsekretariat im Sommer 1940 – erwähnt Noel Field diesen »Dienst« innerhalb des State Department noch einmal: »Es ist mir nie ganz klar geworden, wie sich diese Dinge in Washington im Einzelnen abspielten. Als ich nach dem Kriege mit [Laurence] Duggan darüber sprach, gab er mir zu verstehen, dass zu jener Zeit im State Department ein geheimer Kampf um mich getobt habe: für mich waren Duggan, [Alger] Hiss und noch einige andere [...]; gegen mich eine Reihe meiner früheren Arbeitskollegen und vor allem der Leiter einer neu gegründeten Abteilung, von der man munkelte, dass sie unter einem harmlosen Schild, das Zentrum der internen Spionage (Beobachtung von State Department und Foreign Service Beamten) bilde. Ich glaube, dieser Leiter hiess Kelly, war aber nicht identisch mit dem Robert Kelly, der zu meiner Zeit die Osteuropa-Abteilung leitete.« So in: Noel Field: »Berufliche Tätigkeit. Eigenhändig geschriebene Aussage vom Juni 1954«. TH-Archiv, I/107-c (V-142755/3), Bl. 188-224, hier Bl. 205/206. [115] Diese Aussagen bzw. Berichte sind vermutlich ebenfalls vernichtet worden. Vgl. Fußnote 25. [116] Zu Fields Tätigkeit im Völkerbundsekretariat vgl. Flora Lewis: Bauer im Roten Spiel, Frankfurt am Main/Berlin 1965, S. 75ff. [117] Die Fields wohnten seit Juni 1936 in der Villa »La Chotte« in Vandoeuvres. (Vgl. Mietvertrag mit Monsieur René Baezner, in: Nachlaß Noel und Herta Field, Budapest, PIL 903 f./1 ö.e., Bl. 4). [118] Der Ministerpräsident der spanischen Volksfrontregierung Juan Negrín hatte am 21. September 1938 vor der Völkerbundversamlung den Beschluß seiner Regierung verkündet, alle ausländischen Freiwilligen, die auf republikanischer Seite gekämpft hatten, zurückzuziehen. Diese Ankündigung war mit dem Antrag verbunden worden, der Völkerbund möge eine internationale Kommission zur Kontrolle und Überwachung des Rückzugs bzw. der Repatriierung der ausländischen Freiwilligen einsetzen. Am 30. September 1938 beschloß der Völkerbund, diesem Ersuchen zu entsprechen. Noel Field war als Mitarbeiter des Völkerbundsekretariats von diesem gegen Ende des spanischen Bürgerkrieges, vom Oktober 1938 bis Anfang Februar 1939, als Sekretär (Zahlmeister) dieser Sonderkommission des Völkerbundes eingesetzt worden – zunächst an verschiedenen Orten in Spanien, zuletzt in der französischen Grenzstadt Perpignan. – Aus der Tatsache, daß diese Kommission die ausländischen Spanienkämpfer namentlich registrierte (was zu ihren mit der Volksfrontregierung vereinbarten Aufgaben gehörte), wurde 1949 in den Schauprozeßkonstruktionen in Budapest ein weiterer »Beweis« für die angebliche Spionagetätigkeit Noel Fields. [119] Diese Berichte sind in den derzeit zugänglichen Unterlagen der ungarischen Staatssicherheit nicht überliefert. [120] Vgl. dazu Fußnote 10. [121] In einem späteren sowjetischen Bericht heißt es dazu: »Er wurde durch die amerikanische Sektion des Exekutivkommitees der Komintern als Geheimmitglied der KPUSA registriert. Aus Gründen der Konspiration erhielt er damals keinen schriftlichen Nachweis seiner Parteimitgliedschaft.« Vgl. »Sprawka« (russ.), o.D. in: »Szovjet vonatkozásu anyagok« [Materialien mit sowjetischem Bezug], in: TH-Archiv, Z/1. a-b, S.7. [122] Zu diesem für Fields Leben, aber auch für die späteren Verwicklungen seines komplizierten Falls, entscheidenden Umstand, wird er im Sommer 1954 von ÁVH-Offizieren mehrfach ausführlich befragt. So berichtet er am 6. 7. 1954: »Wir verließen die S.U. voller Hoffnung. Alles schien geregelt. (...) Die Pariser Adresse, die man mir zur Aufnahme des Kontaktes mitgegeben hatte, stellte sich als Fehladresse heraus. Ich suchte den angegebenen Ort zwei oder drei mal auf, aber es war ein offensichtlich unbewohntes und baufälliges Haus. Es blieb uns nichts übrig als zu warten, ohne organisierte politische Tätigkeit, was uns immer mehr bedrückte.« Eigenhändig geschriebene Aussage Fields vom 6. 7. 1954, in: TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 142. [123] Im ÁVH-Verhör vom 6. Oktober 1954 bezeichnet Field diesen Vertreter des NKWD als »Max«. In einer früheren Aussage erinnert sich Field an diesen Kontaktversuch des NKWD wie folgt: »Gerade um die Zeit (..) besuchte mich in Genf ein sovietischer Genosse, der mir das in Moskau vereinbarte Kennwort ›Brooks‹ nannte. Dies muss Anfang 1943, spätestens im Februar gewesen sein oder Anfang März, da es vor der Auflösung der Komintern im April desselben Jahres geschah. ›Brooks‹ teilte mir und meiner Frau mit, dass er uns schon über ein Jahr suche, dass aber irrtümlich mein Name falsch geschrieben worden sei – ich glaube ›Haviland‹ /mein Mittelname/ als Familienname. Durch meine frühere Schwägerin in Zürich [Jeanne Liebermann – BRB] sei er schließlich auf die richtige Spur gelangt. Alles sei parteimässig in Ordnung, d.h. er könne uns definitiv unsere Aufnahme in die Partei bestätigen« Noel H. Field: Eigenhändig geschriebene Aussage vom 6. 7. 1954, in: Ebenda, Bl. 173. [124] In Fields Aussage vom 6. 7. 1954 heißt es dazu: »Er [der Kontaktmann des NKWD] sei gekommen, um unsere zukünftige Arbeit mit uns zu besprechen. Dabei stellte es sich heraus, dass er von meiner neuen Tätigkeit keine Ahnung hatte, sondern annahm, dass ich wie in der VB-Zeit [Arbeit im Völkerbundsekretariat – BRB] nur bürgerliche und amtliche Kontakte habe. Sobald ich von meiner Parteiarbeit zu sprechen begann, verlangte er von mir den raschesten Abbruch all dieser Beziehungen und die Wiederaufnahme meiner früheren Tätigkeit [gemeint ist die nachrichtendienstliche Arbeit – BRB], mit entsprechender Lebenshaltung (eigenes Haus, Bedienstete, u.s.w.), wofür mir die Mittel zur Verfügung gestellt würden.« in: Ebenda, Bl. 173. [125] Im Original »Berz« (was im weiteren Text stillschweigend berichtigt wurde) – d.i. der führende KPD-Funktionär Paul Bertz (1886-1950), den Field in der Schweiz nur unter seinem Decknamen »Johann« kannte. Bertz hatte 1937-1939 im Pariser Sekretariat der KPD-Auslandsleitung das Schlüsselressort als Kaderchef und Abwehrleiter inne, d.h. er war u.a. verantwortlich für die Kaderauswahl und Absicherung von Kurieren und Verbindungsleuten (bzw. Quellen in Deutschland) aller Abschnittsleitungen der KPD. Nach der bei Kriegsausbruch erfolgten Internierung der meisten KPD-Emigranten in Frankreich (Bertz war zuletzt in Le Vernet interniert) gehörte er mit seiner umfangreichen Personenkenntnis zu den gefährdetsten KPD-Kadern, weshalb im Sommer 1940 seine Flucht in die Schweiz organisiert wurde (mit dem französisch sprechenden Leo Bauer als Begleiter). Paul Bertz war – als ranghöchster KPD-Emigrant in der Schweiz – ab Juli 1940 inoffizieller Leiter der KPD-Emigration in der Schweiz. – Zum engen, freundschaftlichen Verhältnis zwischen Bertz und Field vgl. u.a. den letzten Brief von Paul Bertz aus der Schweiz an Noel Field »im August 1944« in: Nachlaß Noel und Herta Field, Budapest, PIL, 903f./33 ö.e., Bl. 528., auch zitiert in: Wolfgang Kießling: Partner im »Narrenparadies«. Der Freundeskreis um Noel Field und Paul Merker. Berlin 1994. S. 110-111. Der Brief befand sich im Nachlaß von Paul Bertz, der im Zuge der ZPKK-Untersuchung in der »Angelegenheit Field« am 19. April 1950 in seiner Wohnung in Chemnitz (vermutlich) Selbstmord begangen hatte, nachdem ihm die Anklagepunkte zur Field-Angelegenheit vorgelegt worden waren. Wie die ZPKK vermerkte, »entzog [er] sich so seiner Verhaftung«. SAPMO BArch, DY 30/IV 2/4/108 u. 149. Als offizielle Todesursache wurde Herzversagen angegeben. Zur Biographie von Paul Bertz siehe: Müller-Enbergs et. al. (Hrsg.): Wer war wer in der DDR. Berlin 2000. [126] Dieser Brief war das Ergebnis der erwähnten Beratung Noel Fields mit Paul Bertz. »Dieser [Paul Bertz – BRB] gab mir den Rat, einen Brief an das EKKI zu schreiben und den sovietischen Genossen zu bitten, ihn zu überbringen. In diesem Brief solle ich meine jetzige Arbeit und meine völlig veränderte Lage beschreiben und das EKKI bitten, mir nach Berücksichtigung der berichteten Tatsachen, Anweisungen zu geben, die ich dann gewissenhaft auszuführen bestrebt sein würde.« Eigenhändig geschriebenen Aussage Fields vom 6. 7. 1954, in: TH-Archiv, I107-i (V-142755/9), Bl. 173-174. [127] Ursprünglich: »beschrieb« – von Noel Field gestrichen. [128] Ursprünglich: »Ich bewahrte« – von Noel Field gestrichen. [129] Der vom 21. Mai 1943 datierte Beschluß über die Auflösung der Komintern wurde offiziell am 22. Mai 1943 bekanntgegeben. Bereits am 15. Mai 1943 hatte Stalin dem Reuters-Korrespon­denten in Moskau ein Interview zur Liquidierung der Komintern gegeben. Vgl. zum Gesamtkomplex auch: Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933-1943. Band 1 und 2. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein, Wladislaw Hedeler u.a. Berlin 2000, Bd. 1, S. 690-695. [130] Der Brief wurde versiegelt bei einer halb erblindeten Schweizer Genossin (Dora Staudinger, vgl. Fußnote 163) hinterlegt, der Chiffre-Schlüssel wurde von Herta Field in einen alten Schlafrock eingenäht. (Vgl.: Eigenhändig geschriebene Aussage Fields vom 6. 7. 1954, a.a.O., Bl. 174. Zu Dora Staudinger vgl. auch ebenda, Bl. 149. [131] Maria Weiterer (1899-1976), KPD-Funktionärin. Zu biographischen Angaben siehe: H. Müller-Enbergs et al. (Hrsg.): Wer war wer in der DDR. Ein biographisches Lexikon, Berlin 2000. [132] »Ich schrieb diesen Brief mit der Hilfe von Mia [Weiterer], die ihn dann chiffrierte – d.h., sie ersetzte alle politischen Ausdrücke durch Nummern, die in einem separaten Schlüssel erläutert wurden. Ich sollte dem sovietischen Genossen sowohl Brief wie Schlüssel übergeben und ihm die Art der Übermittlung überlassen.« Eigenhändig geschriebene Aussage Fields vom 6. 7. 1954, a.a.O., Bl. 174. [133] Vgl. dazu den zusammenfassenden Bericht der Abteilung Auswertung der schweizerischen Bundesanwaltschaft vom 4. 12. 1967, in dem es u.a. heißt: »Über Noel Fields Verbindung zur illegalen KP der Schweiz führte Humbert-Droz aus, dieser habe sich während des Krieges an ihn gewandt und ihm versichert, er sei ›ein überzeugter Kommunist und ein russischer Agent‹. Nach Rückfrage in Moskau habe er Field in die KP der Schweiz aufgenommen. Field habe als treuer Kommunist auf ausdrückliches Verlangen Moskaus den in Not geratenen militanten Kommunisten geholfen.« Bundesanwaltschaft Auswertung (Riehme): »Bericht über Jules Humbert-Droz und seine politische Tätigkeit«, Bern, 4. 12. 1967, in: Schweizerisches Bundesarchiv Bern (im weiteren BAR Bern), E 4320 (B), 1975/40 Bd. 2, C.8.118 (Dossier Humbert-Droz), o. pag. – In einem Begleitschreiben des Berichterstatters Riehme an den Chef der Bundespolizei Dr. André Amstein vom 4. 12. 1967 heißt es: »Über Humbert-Droz’ Beziehungen zu hohen sowjetischen Parteifunktionären befinden sich keine Angaben in den Akten. Die Angaben über Noel Field stammen aus einem Zeitungsartikel.« Riehme an Dr. Amstein, 4. 12. 1967, in: Ebenda, o. pag. [134] Gleichzeitig mit Noel Field wurde auch seine Frau Herta (unter dem Namen »Senta Wolf«) in die illegale Kommunistische Partei der Schweiz aufgenommen. Aus Gründen der Konspiration erhielten sie keine Parteibücher, sondern zahlten ihre Mitgliedsbeiträge über den mit ihnen befreundeten Salomon (Sali) Liebermann. Vgl. Brief von Noel Field »An die zuständigen Genossen« der MSZMP, Budapest, 9. 4. 1957, in: Nachlaß Noel und Herta Field, Budapest, PIL 903 f./1 ö.e., Bl. 7. [135] Jules Humbert-Droz wurde, nach Konflikten mit der Moskauer Komintern-Zentrale, 1942 als Parteivorsitzender durch Karl Hofmaier (1897-1988) abgelöst und mußte sich von jeder Parteiarbeit fernhalten. Mitte 1943 wurde er, da er sich einer Aufforderung Dimitroffs widersetzte, denunziatorische Berichte über die neue Parteileitung der KPS nach Moskau zu liefern, von Karl Hofmaier (dem er empört über Dimitroffs Ansinnen berichtet hatte), wegen »Verletzung der Parteidisziplin« ausgeschlossen. Hofmaier selbst wurde im Juli 1947 nach einem Finanzskandal ausgeschlossen. Vgl. dazu u.a.: »Das Urteil im Prozess um ›Hofmaiers Millionen‹«, in: Neue Zürcher Zeitung, 25. 11. 1948; Karl Hofmaier: Memoiren eines schweizer Kommunisten 1917-1947. Zürich: rotpunkt, 1978, und: Humbert-Droz, Jules: Dix ans dans la lutte anti-fasciste: Les Mémoires de Jules Humbert-Droz, 1931-1941. Vol. 3. Neuchâtel: A la Baconnière, 1972. [136] Offenbar hat Field – so wie vorher schon gegenüber Georg Stibi und Maria Weiterer – auch Paul Merker gegenüber die »Massing-Episode« nur unvollständig wiedergegeben und seine frühere (wichtigere) Spionagearbeit für die Massings im State Department verschwiegen. Paul Merker erinnerte sich 1966 im Gespräch mit Wolfgang Kießling: »Field wußte, daß Paul und Hedwig Massing Verbindungsleute zu sowjetischen Behörden [damit ist das NKWD gemeint - BRB] waren, als er ihnen das unbedeutende Völkerbundsmaterial überließ. Man wollte ihn nur testen, ob er für geheime Dienste taugt. Er hat die Probe nicht bestanden. Der Beweis? Er hat mir, Stibi und anderen von der versuchten Verführung erzählt. Außerdem wäre Field, trotz seines bei anderen Gelegenheiten bewiesenen Mutes, für solche Aufgaben viel zu nervös gewesen. Aber, ich sagte es ihm, wundern dürfe er sich nicht. Nach Herkunft und Bildung und mit seinen Karrierechancen im Staatsdienst sei er eine Idealgestalt für die geheime Mission gewesen. Doch jetzt, als Absender von Lebensmittelpaketen an unliebsame Ausländer sei sein Wert bei denen, die etwas von ihm wollten, rapide gesunken.« Zitiert nach: Wolfgang Kießling: Partner im »Narrenparadies«, a.a.O., S. 51. [137] Gemeint ist die politisch motivierte Entlassung Fields aus dem USC im August/September 1947. [138] Im Original »Bermann« - d.i. Jakub Berman (1901-1984), polnischer KP-Funktionär, seit 1924 Mitglied der KP Polens, ab 1928 ZK-Mitglied; nach 1939 Emigration in die UdSSR, Direktor der politischen Sektion der Kominternschule, Führungsmitglied der polnischen Emigrationsgruppe, 1944 Rückkehr nach Polen; Berman galt als zweiter Mann der polnischen Führungstroika Bierut-Berman-Minc, war im Politbüro verantwortlich für Ideologie, Kultur, Propaganda und Staatssicherheit. - In den Field-Untersuchungsakten befindet sich eine Kopie dieses Schreibens vom 9. September 1948 (»Streng geheim: Kurze Parteigeschichte von Noel H. Field« [deutsch]) und die ungarische Übersetzung des in französisch verfaßten Begleitbriefs an Jakub Berman. Vgl. TH-Archiv, I/107-b (V-142755/2), Bl. 179-182. Vgl. zu dieser Episode auch die spärlichen Auskünfte Bermans im Interview mit Teresa Toranska in: dies.: Die da oben. Polnische Stalinisten zum Sprechen gebracht. Köln 1987, S. 321ff. [139] Im Original »Durac«, d.i. Anna Duracz (1923-1976), polnische Kommunistin, Säuberungsopfer; sie war während des Krieges in der kommunistischen Untergrundbewegung tätig, wurde 1943 von der Gestapo verhaftet und in ein KZ eingeliefert; nach 1945 Sekretärin von Jakub Berman; im Zusammenhang mit der Field-Affäre 1949 verhaftet und schwer gefoltert, wurde sie 1954 entlassen und rehabilitiert; emigrierte 1968 wegen der antisemitischen Kampagne in Polen nach Schweden, später nach Israel. [140] Max Bedacht (1883-1972), einer der Gründer der KPUSA; geb. in München, ging 1901 in die Schweiz, wo er als Barbier arbeitete und Mitglied der Sozialistischen Partei wurde; wanderte 1908 in die USA aus, wo er sich der German Socialist Movement anschloß, war Herausgeber deutschsprachiger sozialistischer Zeitungen in Detroit und San Francisco; schloß sich ab 1919 der kommunistischen Bewegung an und war Anfang der 20er Jahre amerikanischer Vertreter im Exekutivkomitee der Komintern in Moskau (Deckn. »Marshall«); in den 20er Jahren gehörte er zur Lovestone-Fraktion, wurde später im Sekretariat der KP von Earl Browder abgelöst, ab 1930 leitete er die Abt. Agitation und Propaganda der KPUSA; er wurde zunehmend zu einer »grauen Eminenz« im illegalen »Apparat« der Partei (Nachrichtendienst der KPUSA) unter Leitung des Ungarn József Péter (in der Literatur oft fälschlich als J. Peters bezeichnet) involviert, u.a. als Verbindungsmann und Werber des sowjetischen Nachrichtendienstes; er rekrutierte u.a. Whittaker Chambers für die Untergrundarbeit der KP. Vgl. dazu Harvey Klehr/John Earl Haynes/ Fridrikh Igorevich Firsov: The Secret World of American Communism. New Haven/London, 1995, S. 25/26. [141] Leo Bauer (1912-1972), KPD/SED-Funktionär, Mitglied der KPD seit 1932, Funktionär des M-Apparates, 1933 Emigration über Prag, nach Frankreich; war in Paris u. Prag zuständig für Flüchtlingsfragen; nach Internierung in verschiedenen Lagern in Frankreich, flüchtete er im Juli 1940 aus einem Lager bei Nimes, und brachte den KPD-Spitzenfunktionär Paul Bertz im Parteiauftrag in die Schweiz; lebte in Genf unter der Identität des Bankangestellten Paul-Eric Perret; Teilnahme an der Widerstandsbewegung und »Spezialarbeit«; gehörte zu den engsten Parteikontakten Noel Fields in der Schweiz; wurde im Herbst 1942 von der Bundespolizei festgenommen u. verurteilt (vgl. dazu ausführlicher Fußnote 173); nach 1945 war er u.a. Vorsitzender der KPD-Fraktion im Hessischen Landtag, nach einem Autounfall ab 1947 zur Genesung in der SBZ, Chefredakteur des Ost-Berliner »Deutschlandsenders«; er wurde am 23. August 1950 im Zusammenhang mit der Field-Affäre verhaftet und im Dezember 1952 zusammen mit Erica Glaser von einem sowjetischen Gericht in Ost-Berlin wegen Spionage zum Tode verurteilt, im Sommer 1953 in Moskau zu 25 Jahren Arbeitslager begnadigt; im Oktober 1955 wurde er entlassen und kehrte in die Bundesrepublik zurück; war zunächst Redakteur beim »Stern«, später als SPD-Mitglied Chefredakteur der Zeitschrift »Die Neue Gesellschaft«, zuletzt Berater von Bundeskanzler Willy Brandt. - Zum gesamten Komplex vgl. Leo Bauers Bericht »Die Patei hat immer recht«. Bemerkungen zum geplanten deutschen Rajk-Prozeß (1950), In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament« B XXVII/56 vom 4. Juli 1956, S. 405-419. [142] Bereits im August 1948 war Fields Name in den Befragungen vor dem House Committee on Un-American Activities (HUAC) erwähnt worden. Im Oktober 1948 hatte Whittaker Chambers vor dem HUAC über die Verbindung zwischen Alger Hiss und Noel Field ausgesagt. Vgl. dazu u.a. New York Times, 14. 10. 1948: »Secret Files Tell of New Red Group«. [143] George Shaw Wheeler (1908-?), Ökonom, war zwischen 1934 und 1942 einer der Wirtschaftsberater von US-Präsident F. D. Roosevelt, ab 1942 Major in der US Army; 1945 Chef der Entnazifizierungsabteilung der U.S.-Militärregierung in Deutschland. Nach Angriffen durch das HUAC flüchtete er 1947 in die CSR, wo er politisches Asyl erhielt; Autor zahlreicher antiwestlicher Propagandawerke zu ökonomischen Themen, ab 1963 korr. Mitglied der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften. [144] In einer späteren Aussage kommt Noel Field auch auf die möglichen Hintergründe für die überraschende Lösung seines Paßproblems zu sprechen: »Er [George Wheeler - BRB] vermute, dass Dudka ein Sympathisant sei. Ich ging also zu Dudka und bekam ohne die geringste Schwierigkeit einen neuen Pass, wobei mir Dudka überhaupt keine politischen Fragen stellte. Entweder hatte er meinen Namen in der Presse nicht vermerkt, oder es war, wie Wheeler meinte, ein absichtliches Durchschlüpfenlassen meinerseits.« Noel Field: »Geschichte meiner politischen Tätigkeit.« Aussage vom 6. Juli 1954, TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 215. [145] Ein früherer kommunistischer Kurier, J. B. Matthews, hatte in seiner Aussage vom 7. November 1938 vor dem »Dies-Komitee für unamerikanische Umtriebe« Noel Field als einen ihm bekannten Kommunisten erwähnt. Vgl. dazu: Matthews testimony, Nov. 7, 1938, HUAC, vol. 3 (1939), p. 2172. Matthews wurde bald darauf einer der leitenden Untersuchungsbeamten des HUAC. [146] Der Vorgesetzte Fields im Völkerbundsekretariat war der griechische Diplomat Thanassis Aghnides. [147] Laurence Duggan (Deckn. »19«, »Frank«, »Prinz«), seit 1930 Beamter des U.S. State Department, wurde eine der engsten Freunde Noel Fields in Washington. Ebenfalls von Hede Massing angeworben war er in den dreißiger und vierziger Jahren eine der wichtigen Quellen der New Yorker »illegalen« NKWD-Residentur unter Boris Basarow und Ischak Achmerow; er war 1938-45 Staatssekretär im State Department. Duggan wurde in der Vorbereitungsphase des 1. Prozesses gegen Alger Hiss vom FBI vernommen. Am 20. Dezember 1948 wurde in New York sein zerschmetterter Körper auf dem Vordach unterhalb seines Büros im sechzehnten Stock eines Hochhause an der Fifth Avenue gefunden; es blieb unklar, ob es sich dabei um Selbstmord, Mord oder einen Unfall gehandelt hatte. [148] Dr. Charles R.[hind] Joy (1885-1978), Pfarrer der Unitarischen Kirche, Vizepräsident der American Unitarian Association, leitete 1941 zunächst das europäische USC-Hauptquartier in Lissabon, war später geschäftsführender Direktor der USC-Zentrale in Boston/Mass. [149] YMCA = Young Men’s Christian Association. [150] Laut Flora Lewis, der Unterlagen des USC zur Verfügung standen, betrug das Jahreseinkommen für Noel und Herta Field zusammen in dieser Zeit 5750 Dollar. »Für meinen und meiner Frau Lebensunterhalt (später, in Genf, auch noch für Erica) musste ich aus dem allgemeinen Hilfsgeld nach meinem Gutdünken die nötigen Summen abzweigen. [...] Nicht nur von den Vertretern des Boston Hauptquartiers, sondern auch von manchen Genossen wurden wir wegen unserer eines ›Direktors‹ unwürdigen Lebenshaltung kritisiert. Aber die anormale Art unserer Bezahlung machte uns die Sache zur Gewissensfrage; denn jeder von uns persönlich ausgegebene unnötige Dollar bedeutete tatsächlich Diebstahl an den Flüchtlingen.« Noel Field, eigenhändig geschriebene Aussage vom 23. Juni 1954, in: TH-Archiv, I/107-c (V-142755/3), Bl. 211. [151] Ursprünglich: »kurze« – von Noel Field gestrichen. [152] Dieses erste Büro befand sich in der Rue Fortune. [153] Gemeint ist The Christian Register, die Monatszeitschrift der American Unitarian Association (Boston/Mass.). [154] Im Original »Stephan Fritchman«, d.i. Stephen H. Fritchman (1902-1981), Studium an der University of Pennsylvania und an der Ohio Wesleyan University, Reverend der Unitarian Church, war 1938-1947 Leiter der Jugendarbeit der American Unitarian Association (AUA) in Boston / Mass., gleichzeitig 1942-1947 Herausgeber der AUA-Zeitschrift The Christian Register. Nach einer heftigen Kontroverse um seine Person innerhalb der Bostoner Zentrale der Unitarian Church (»the Fritchman crisis«) - ihm war u.a. vorgeworfen worden, eine prokommunistische, die sowjetische Politik unterstützende Linie in der konfessionellen Zeitschrift zu verfolgen -, gab er Ende 1947 seinen Rücktritt bekannt. Er übersiedelte nach Los Angeles und wurde Minister der First Unitarian Church of Los Angeles, ein Amt, welches er bis zum Ruhestand 1969 bekleidete. Vgl. auch seine Autobiographie: Stephen H. Fritchman: Heretic. A Partisan Autobiography. Boston 1977. [155] Dr. Robert Cloutman Dexter (1887-1955), Harvard-Absolvent, Soziologe, bis 1940 Direktor der Abteilung für soziale und internationale Beziehungen der American Unitarian Association (AUA) in Boston/Mass. Er war 1938 und Anfang 1940 von der Unitarian Association in das besetzte Europa geschickt worden (u.a. in die Tschechoslowakei), um die allgemeine Situation zu studieren und über die Notwendigkeit bzw. die Möglichkeiten, gefährdeten Menschen zu helfen, zu berichten. Die von Dexter gelieferten Berichte erschütterten die Amerikaner zutiefst und führten im Mai 1940 zur Gründung des USC, dessen europäisches Hauptquartier sich zunächst in Lissabon befand. Dexter war 1941 bis 1944 (zusammen mit seiner Frau Elizabeth) Leiter des USC-Büros in Lissabon, arbeitete ab 1942 auch für das OSS und wurde 1944 Attaché der US-Botschaft in Lissabon; anschließend bekleidete er hohe Funktionen in kirchlichen Organisationen (so war er u.a. 1946-48 Generalsekretär der World Alliance for Friendship through the Churches). [156] Herta Jurr-Tempi (genannt »Jo«), als Herta Sommerfeld 1907 in Berlin geboren, war KJVD/KPD-Funktionärin in Berlin, in erster Ehe mit dem KPD-Funktionär Werner Jurr verheiratet; sie arbeitete vor 1933 illegal in verschiedenen Ländern für einen der Komintern-Apparate (Deckn. »Maria Sorn«, »Karin Bergeron«); ab 1933 arbeitete sie illegal für die KPD in Deutschland (Partei-Deckn. »Johanna«), emigrierte 1935 nach Paris und war später Sekretärin von Willi Münzenberg bzw. Mitarbeiterin im von Münzenberg geleiteten »Rassemblement Universal de la Paix« (RUP); erwarb 1938 durch eine Paßehe mit dem Franzosen Raoul Tempi die französische Staatsbürgerschaft; nachdem Münzenberg im Mai 1938 aus dem ZK der KPD ausgeschlossen bzw. im April 1939 sein Ausschluß aus der KPD bekannt gegeben worden war, blieb ihre Parteimitgliedschaft eine zeitlang ungeklärt, sie arbeitete jedoch weiter im RUP. Die Fields lernte sie im Herbst 1940 in Genf kennen, ab 1941 entwickelte sich aus dieser Bekanntschaft eine enge Freundschaft; sie arbeitete mit ihnen in Toulouse und Marseille im Rahmen der USC-Hilfstätigkeit zusammen, war gleichzeitig für die Résistance als Kurier tätig. Großen Anteil hatte sie u.a. an der Rettung hunderter jüdischer Kinder, die sie illegal aus Südfrankreich in die Schweiz brachte. Ab Herbst 1944 war sie wieder im befreiten Paris und wurde von Noel Field (in Absprache mit der KPD-Leitung in Paris) ab 1945 zur Leiterin der USC-Filiale in Paris ernannt. Auch sie wurde – ähnlich wie Noel Field – im Sommer 1947 aus politischen Gründen aus dem USC entlassen. Im Herbst 1949 wurde sie wegen ihrer Kontakte zu Noel Field als »Trotzkistin« aus der französischen KP ausgeschlossen. Vgl. dazu das Dossier der Schweizer Bundesanwaltschaft, BAR Bern, E 4320 (B) 1991/243, Bd. 84, Dossier C.13.1079 »Tempi-Sommerfeld Herta 1907« (1939-1959). Zu ihrer politischen Arbeit vgl. auch: Flora Lewis: Bauer im Roten Spiel, a.a.O., S. 111ff., und: Wolfgang Kießling: Partner im »Narrenparadies«, a.a.O., S. 116-118 und 128ff. [157] In Klammern gesetzte Anmerkung Fields. [158] Im Original falsch: Strunski. Vgl. »Confidential Report« von Charles R. Joy an Noel Field, 24. 7. 1946, in: Nachlaß Noel und Herta Field, Budapest, PIL 903f./33 ö.e., Bl. 161. [159] Zur Geschichte und den Aktivitäten des 1940 eingerichteten New Yorker »Emergency Rescue Committee«, dessen Vertreter in Frankreich der damals 33-jährige Historiker und Journalist Varian Fry war, der in Marseille das »Centre Américain de Secours« (CAS) leitete, vgl. dessen Erinnerungen: Varian Fry: Surrender on Demand. New York 1945; deutsch: Auslieferung auf Verlagen. München, Wien 1986. Das ERC schloß sich 1942 mit der International Relief Association zum International Rescue and Relief Committee (IRRC) zusammen und konzentrierte sich vor allem auf die Rettung prominenter, demokratisch gesinnter Künstler, Schriftsteller und Politiker (u.a. Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Marc Chagall, Max Ernst). Zur ERC-Arbeit vgl. die Darstellung von Wolfgang D. Elfe: Das Emergency Rescue Committee, in: Spalek, John M. / Strelka, Joseph (Hrsg): Deutsche Exilliteratur seit 1933. Bd. I. Bern, München 1976, S. 290-293. sowie: Hans-Albert Walter: Deutsche Exilliteratur 1933-1950. Bd. 3. Stuttgart 1988, S. 318-342 und 358-372. [160] Gemeint ist das »Centre Américain de Secours«, vgl. Fußnote 123. [161] Ursprünglich: »antifaschistischer« – von Noel Field gestrichen. [162] Anmerkung Noel Fields am Seitenende: »(*) Das Joint Antifascist Committee wurde während der Truman-Reaktion vom Congress verfolgt und seine leitenden Persönlichkeiten zum Gefängnis verurteilt, darunter der bekannte Schriftsteller Howard Fast.« – Howard Fast (*1914) eigtl. Howard Melvin (weiteres Ps.: Walter Ericson), amerikanischer Schriftsteller, schrieb vor allem historische Romane und Biographien; seit 1943 Mitglied der KP USA, opferte er für die KP sein als Schriftsteller erworbenes Vermögen und nahm auch Gefängnishaft auf sich: 1946 wurde Fast als erster prominenter Schriftsteller in seiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des »Joint Anti-Fascist Refugee Committee« vor das HUAC geladen und 1950 wegen »antiamerikanischer Tätigkeit« zu einer Gefängnisstrafe verurteilt; im Wahlkampf 1952 war er Kandidat der KPUSA, 1953 wurde er mit dem Stalin-Friedenspreis ausgezeichnet. Ende 1956 sagte er sich öffentlich vom Kommunismus los. Vgl. dazu Howard Fast: The naked god. The writer and the Communist Party. New York 1957. [163] Dr. med. René Zimmer, Elsässer, verheiratet mit einer Jüdin. Er war ab Juni 1941 Leiter der vom USC getragenen Poliklinik in Marseille. Nach Noel Fields Abreise aus Marseille unterstützte er weiterhin illegal jüdische Emigranten mit Geldmitteln. Vgl. auch die Aussage von Willi Kreikemeyer in der MfS-Haft, zit. in: Wolfgang Kießling: »Leistner ist Mielke«, Berlin 1999, S. 162. [164] Ursprünglich: »Kurze Zeit darauf« – von Noel Field gestrichen. [165] Anmerkung Noel Fields am unteren Seitenrand: »(*) Siehe Addendum auf der Gegenseite.« [166] Nachträgliche Anmerkung von Noel Field. – Nach dem Korrekturlesen am letzten Tag der Niederschrift (24. März 1954) wurde ihm sein Irrtum in Bezug auf die Berg-Hérois-Episode bewußt, den er in der »Korrektur vom 22. März 1954« richtigstellte. Siehe S. 30 [167] Anmerkung Noel Fields hinter dem Addendum: »(*) Im August 1944 machte ich eine erste kurze Reise in das von den Partisanen befreite Alpengebiet, wo ich meine ›militärische‹ Feuertaufe erlebte: Mit einer kleinen Partisanengruppe gelangte ich aus Versehen in deutsches Gebiet; es folgte: Flucht im Auto; Umkippen des rasenden Wagens an einer Straßenkrümmung; langes Dahinkriechen durch Feld und Sumpf unter mehrmaliger Beschießung durch ein deutsches Flugzeug. Ich kam mit Schürfungen und einer Kopfverletzung davon.« [168] Nachträglich von Noel Field eingefügt. [169] Anmerkung Noel Fields am Seitenende: »(*) Aber siehe hierzu die Korrektur auf der Rückseite von S. 31!« [170] Die Centrale Sanitaire Suisse (CSS), auch »Schweizer Ärztehilfe« genannt, wurde von der KP der Schweiz (vermutlich im Komintern-Auftrag) 1937 als linke Ärzte-Hilfsorganisation im Zusammenhang mit der »Spanienhilfe« gegründet. Vgl. dazu die Selbstdarstellung: Von der Spanischen Republik zu den Partisanen Titos. Bericht über die Arbeit der Centrale Sanitaire Suisse in den Jahren 1937-1945, Zürich 1945. [171] Dr. Hans von Fischer (1900-1961), Arzt, Mitglied der Schweizer KP, Mitbegründer und erster Leiter der Centrale Sanitaire Suisse (CSS), die teilweise vom Apparat Walter Krivitskys als legale Abdeckung benutzt wurde. Laut einer Analyse des französischen Auslandsnachrichtendienstes (verfaßt ca. 1948/1949) fungierte die CSS auch als Geldwaschanlage der Komintern. Vgl. SAPMO-BArch DY 30/IV 2/4/106. [172] Siegfried Rädel (1893-1943), KPD-Funktionär, Mitglied des ZK der KPD und 1924-33 Mitglied des Reichstags, leitete ab 1936 die KPD-Abschnittsleitung Süd in der Schweiz, wurde Ende 1936 in Zürich verhaftet und nach Frankreich ausgewiesen; dort bis 1939 Leiter der KPD-Emigration, ab Oktober 1939 in Le Vernet interniert, von dort 1942 nach Deutschland ausgeliefert, 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Zu seiner Biographie vgl. Elfriede Fölster / Maria Weiterer: Siegfried Rädel. Aus seinem Leben. Berlin 1980. – Maria Weiterer war seit 1928 die Lebensgefährtin Siegfried Rädels, der seitdem von seiner Ehefrau, die auch nach seiner Flucht in Deutschland blieb, getrennt lebte. [173] Gemeint ist: Hilda Maddalena, KPD-Mitglied, Frau des KPD-Reichstagsabgeordneten Max Maddalena; sie emigrierte in die Schweiz, dann nach Frankreich, war 1939/40 im Fraueninternierungslager Rieucros interniert; gelangte Anfang 1942 nach Mexiko. [174] Max Maddalena (1895-1943), KPD-Funktionär, Reichstagsabgeordneter und Gewerkschafter, ab 1932 in Moskau, ab 1935 illeg. in Deutschland, März 1935 in Berlin verhaftet, 1937 vom VGH zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, Oktober 1943 im Zuchthaus Brandenburg-Görden an einer Magenerkrankung gestorben. Zur Biographie vgl.: Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, Frankfurt/M. 1960, Bd. 2., S. 212, und: Schumacher, Martin (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Düsseldorf ³1994. [175] Diese Bestätigung gab der damalige Vorsitzende der Schweizer KP, Karl Hofmaier, schriftlich an die zuständigen KPD-Funktionäre Paul Merker und Lex Ende. Hofmaier schrieb, Noel Field »sei Kommunist, vertrauenswürdig und absolut zuverlässig.« Dies wurde auch durch den für die französische Schweiz zuständigen KPS-Verantwortlichen, Léon Nicole bestätigt. Vgl. Wolfgang Kießling: Partner im »Narrenparadies«, a.a.O., S. 43. – Ausführlicher zu den ersten Kontakten Noel Fields mit Maria Weiterer, Hilda Maddalena, Henny Stibi und anderen KPD-Emigranten in Südfrankreich siehe: Vernehmungsprotokoll des MfS-Häftlings Paul Merker vom 12. Dezember 1952, BStU UA 192/56, Bd. 1, Bl. 107-108. [176] Dazu Noel Field in einer späteren Aussage: »Um Merkers Ausreise nach Mexiko zu ermöglichen, vereinbarte ich mit meinem Kontakt in der Präfektur (Mme. Esmiol, Leiterin der Ausreiseabteilung), dass sie, wenn sich Merker mit verändertem Gesicht - er ließ [sich] einen Bart wachsen - und mit falschen Papieren bei ihr erscheinen würde, sie ihm ohne Fragen zu stellen das Ausreisevisum erteilen würde, was auch geschah.« Eigenhändig geschriebene Aussage Noel Fields, 6. Juli 1954 (»Geschichte meiner politischen Tätigkeit«), in: TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 155. Paul Merker konnte Marseille unter dem Namen »Siegmund Ascher« am 4. Mai 1942 auf der »Guinée« Richtung Lissabon und Mexico verlassen. Vgl. zum gesamten Komplex auch Wolfgang Kießling: Partner im »Narrenparadies«, a.a.O., S. 73-75. [177] Henny Stibi, geb. Piepenstock (1902-1982) KPD-Funktionärin, 1937-39 Mitarbeiterin der Komintern-Kaderabteilung in Moskau, dort u.a. Sekretärin von Wilhelm Pieck u. Walter Ulbricht, ab 1939 in Paris, kontrollierte im NKWD-Auftrag den Kaderchef des ZK in der Pariser Auslandsleitung der KPD, Paul Bertz; sie war 1940 für 7 Monate in den Lagern Gurs und Bompard interniert; den Auftrag, die Verbindung zu Noel Field – die bisher durch Maria Weiterer gehalten worden war - zu übernehmen, erhielt sie im Mai 1941 von Paul Merker; sie führte diesen Parteiauftrag bis zu ihrer Ausreise nach Mexiko im Oktober 1941 aus, dann übernahm Willi Kreikemeyer diese Verbindungsarbeit. Vgl. dazu u.a. den für die ZPKK unmittelbar nach dem Rajk-Prozeß gefertigten Bericht von Henny Stibi vom 21. November 1949: »Betr.: Field in Marseille im Jahre 1941«, in: SAPMO BArch DY 30/IV 2/4/112, Bl. 108-111, sowie ihre Befragung durch die ZPKK vom 31. Mai 1950 in: ebenda, Bl. 112-114. [178] Im Original »Kreikemeier«, was im weiteren Text stillschweigend berichtigt wurde. – Willi Kreikemeyer (11. 1. 1894 – angebl. 31. 8. 1950), KPD-Funktionär aus Magdeburg, Parteifunktionär u.a. in Nordbayern, Mecklenburg, Hannover und Danzig, emigrierte 1933 im KPD-Auftrag in die Schweiz, arbeitete illegal im Saargebiet, in Frankreich, kämpfte ab 1936 in den Internationalen Brigaden in Spanien (Deckn. »Viktor«), war Kapitän und Politkommissar der XI. Brigade, später Chefadjutant der Kaderabteilung aller Brigaden; erhielt im August 1938 den ZK-Auftrag zur Grenzarbeit in Luxemburg und Belgien; war 1939/40 in Le Vernet interniert; ab Oktober 1941 im KPD-Auftrag der Kontaktmann zu Noel Field, über den die Unterstützungsgelder des USC flossen, sowie alle Nachrichten zwischen der KPD-Leitung in Frankreich bzw. der Schweiz liefen. Nach 1945 war er u.a. Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn in der SBZ bzw. der DDR. In der Zeit der »Parteisäuberungen« ab 1949 wurde ihm der Kontakt zu Noel Field und die Kenntnis der Namen der vom USC unterstützten illegalen KPD-Emigranten zum Verhängnis. (Finanzielle Unterstützung durch das USC erhielten z.B. der in Frankreich illegal lebende spätere Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, der in sowjetischen Diensten stehende spätere Vertrauensmann Walter Ulbrichts in Kaderfragen, Anton Joos, oder der in Frankreich ebenfalls als NKWD-Agent agierende spätere Leiter des »Abwehr«-Referats im zentralen SED-Parteiapparat, Bruno Haid.) Willi Kreikemeyer wurde im Zusammenhang mit dem Beschluß des ZK der SED zur Field-Affäre am 25. August 1950 verhaftet, und kam (angeblich bereits am 31. August 1950) unter bis heute ungeklärten Umständen in der MfS-Haft ums Leben. Zum gesamten Komplex siehe: Wolfgang Kießling: »Leistner ist Mielke«. Schatten einer gefälschten Biographie. Berlin 1998. [179] Anmerkung in eckigen Klammern von Field, um die bei früheren Verhören aufgetretenen Mißverständnisse bei der Identifizierung von Personen zu vermeiden. – An den spanischen Kommunisten Felix Llanos erinnert sich Field in seiner ausführlichen, eigenhändig geschriebenen Aussage vom 6. Juli 1954 wie folgt: Die spanische KP »bestand auf direkter Verbindung, und der zu diesem Zweck ernannte Genosse Felix Llanos wurde von mir zum bezahlten USC-Mitarbeiter gemacht. Dies war vielleicht ein Fehler, denn gegen Ende meiner Marseiller Zeit wurde er verhaftet und ich selbst einem ziemlich schwierigem Verhör unterworfen. Er blieb bis zur Totalbesetzung im Gefängnis und wurde dann nach Deutschland deportiert, von wo er nach dem Krieg schwer tuberkulös nach Paris zurückgelangte und von [dem] USC im Spital betreut wurde [...].«, so in: TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 154. [180] Vgl. dazu Fields Aussage vom 6. Juli 1954: »(...) es handelte sich – wie Merker oder Kreikemeyer sich ausdrückte – vor allem um Kaderschutz-Arbeit, d.h., neben einer allgemeinen materiellen Hilfe an notleidende Genossen überhaupt, konzentrierte sich die Hilfe vor allem auf die Rettung der wichtigsten und gefährdetsten Genossen.« (»Geschichte meiner politischen Tätigkeit«), a.a.O., Bl. 154; zum kommunistischen Terminus »Kaderschutz« bzw. »Kaderrettung« vgl. auch Niethammer, Lutz (Hrsg.): Der ›gesäuberte‹ Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald. Berlin 1994. [181] Bei dieser Frau handelt es sich um die bereits erwähnte Anna Esmiol, Leiterin der Ausreiseabteilung in der Ausländerbehörde der Präfektur in Marseille, die unter anderem bei der illegalen Ausreise Paul Merkers nach Mexiko behilflich war. Laut Angaben von Lex Ende (der als »Apparate-Mann« in dieser Hinsicht eine glaubwürdige Quelle ist) war Mme. Esmiol eine Mitarbeiterin des Nachrichtendienstes der französischen KP: »...« SAPMO BArch ...; Siehe dazu auch André Fontaine: Internierung in Les Milles (September 1939 - März 1943), in: Grandjonc, Jaques/ Theresa Grundtner (Hrsg.): Zone der Ungewißheit: Exil und Internierung in Südfrankreich 1933–1944. Reinbek bei Hamburg 1993, S. 249-291, hier S. 286 – bzw. ausführlicher: Wolfgang Kießling: Partner im »Narrenparadies«, a.a.O., S. 63-65 u. 74-75. [182] Die KP der Schweiz (sowie weitere kommunistische Organisationen, darunter die Schweizer Rote Hilfe) war am 26. November 1940 durch Bundesratsbeschluß verboten worden. [183] Zu den führenden Exponenten dieser Gruppe von KPD-Emigranten, die in einem längeren Prozeß in Opposition zu Paul Bertz gerieten, gehörten u.a. Wolfgang Langhoff, Hans Teubner, Bruno Fuhrmann und Fritz Sperling. Vgl. zusammenfassend: Hans Teubner und Bruno Fuhrmann an Walter Ulbricht, o.D. [30. 7. 1945]: »Tätigkeitsbericht der Parteiabschnittsleitung Süd (Schweiz) für die Zeit von 1939 bis 1945«, in: SAPMO BArch BY 30/IV 2/4/114, Bl. 35-53. [184] Vgl. dazu den Brief der KPD-Gruppe im Internierungslager Bassecourt an Noel Field vom 18. 9. 1944: »Werter Herr! Durch die besonderen Verhältnisse der Internierung sehen sich die verantwortlichen Freunde im Lager B. veranlaßt, sich auf diesem Weg an Sie um finanzielle Unterstützung für die bevorstehende Repatriierung zu wenden. Die verantwortlichen Freunde haben deshalb beschlossen, sich zum Zweck der Regelung dieser Frage direkt an Sie zu wenden, um mit ihnen persönlich die Möglichkeit und Durchführung der finanziellen Hilfe zu besprechen. Für die Regelung der Angelegenheit wurde unser Freund F.[ritz] S.[perling] beauftragt. Wir schlagen Ihnen vor, daß wir unseren Freund F.S. am Sonntag, den 24. 9. nach Biel reisen lassen, um Sie dort um 12 Uhr vor dem Stadttheater zu treffen. Tragen Sie bitte in der rechten Rocktasche eine Schweizer Illustrierte (welsche Ausgabe). F.S. wird Sie um Feuer für seine Zigarette bitten. Sollten Sie an diesem Tag verhindert sein, so teilen Sie dem Überbringer dieses Briefes den von Ihnen festgelegten Tag mit. Ort und Zeit bleibt. Überbringer ist Ort nicht mitzuteilen. [...] Mit freundlichen Grüßen Ihre Freunde« SAPMO-Barch, DY 30/IV 2/4/115, Bl. 247. [185] Paul Bertz (seit Anfang 1945 von der KPD-Emigrationsgruppe isoliert) verließ die Schweiz illegal (zusammen mit dem letzten ihm verbliebenen Mitarbeiter, dem »Apparate«-Mann und GRU-Agenten Walter Plitt) Mitte Mai 1945. [186] Im Original »Langhof«, d.i. Wolfgang Langhoff (1901-1966), Schauspieler, Regisseur, KPD-Mitglied, KZ-Haft (»Die Moorsoldaten«), ab 1934 Emigration in der Schweiz. Er war Kopf der illegalen KPD-Zelle am Schauspielhaus Zürich, später Intendant des Deutschen Theaters in Berlin. Zur Biographie siehe: H. Müller-Enbergs et al. (Hrsg.): Wer war wer in der DDR. Ein biographisches Lexikon, Berlin 2000. [187] Im Original: »Täubner«; d.i. Hans Teubner (1902-1992), KPD-Funktionär, seit 1923 im M-Apparat der KPD tätig, 1927-30 Schüler der Internationalen Lenin-Schule in Moskau, Komin­terninstrukteur in Rumänien, Mitarbeiter der GRU, Spanienkämpfer, ab Jan. 1939 Leiter der KPD-Abschnittsleitung Süd, Sept. 1939-1944 in der Schweiz interniert, ab 1941 Mitglied und Sekretär der im Lager Gordola gebildeten KPD-Landesleitung; ab Dezember 1944 offizieller KPD-Vertreter in der Landesleitung der »Bewegung Freies Deutschland« in der Schweiz. Zu seiner Biographie siehe: Helmut Müller-Enbergs et al. (Hrsg.): Wer war wer in der DDR. Ein biographisches Lexikon, Berlin 2000. [188] Centrale Sanitaire Suisse – siehe Fußnote 134. [189] D.i. Anni von Fischer, geb. Wiedmann (1902-1972), verh. Anna Leibbrandt, später Anna Schlotterbeck; KPD-Mitglied seit 1924, hatte in der Schweizer Emigration ihren späteren Mann, Hanns von Fischer, kennengelernt und leitete mit diesem seit 1937 die Schweizer Ärztehilfsorganisation »Centrale Sanitaire Suisse«. Sie hatte bereits 1945/46 mehrfach die KPD/SED-Führung (namentlich Grete Keilson und Franz Dahlem) vor Noel Field und Leo Bauer als »amerikanischen Agenten« gewarnt. 1949 warnte sie die Parteiinstanzen vor Paul Merker. Gemeinsam mit ihrem Mann, Friedrich Schlotterbeck, verband sie diese prophetischen Denunziationen in Briefen an Hermann Matern mit dem Vorwurf an Franz Dahlem, ihre Mitteilungen über Field und Bauer mißachtet zu haben. Der ZPKK warfen sie vor, die Untersuchung gegen die »deutschen Agenten Fields« fehlgelenkt und deshalb erst im August 1950 entlarvt zu haben (vgl. SAPMO BArch DY 30/IV 2/4/119). Die ZPKK leitet daraufhin paradoxerweise eine Untersuchung gegen beide ein, in deren Ergebnis sie 1951 aus der SED ausgeschlossen und im Februar 1953 vom MfS wegen »verbrecherischer Beziehungen zum amerikanischen Agenten Noel H. Field« verhaftet wurden. 1954 in einem Geheimprozeß zu viereinhalb Jahren (ihr Mann zu sechs Jahren) Zuchthaus verurteilt, wurden beide im Februar 1956 entlassen u. Anfang 1957 parteiintern rehabilitiert. Vgl. ihr 1968 verfaßtes Manuskript »Hohenschönhausen, Zelle 51«, das erst 1990 publiziert wurde (Anna Schlotterbeck: Die verbotene Hoffnung: Aus dem Leben einer Kommunistin. Hamburg 1990). [190] Gemeint ist die Bewegung der Četniks unter ihrem Führer, dem serbischen General Dragoljub (Draža) Mihailović (1893-1946). Mihailović war ab 1942 Kriegsminister der jugoslawischen Exilregierung in London, wurde 1944 von seiner Funktion entbunden und 1946 vom jugoslawischen Volksgerichtshof wegen der Zusammenarbeit mit den deutschen Okkupanten zum Tode verurteilt und hingerichtet. [191] Mihailo Lompár (auch Miso, Mischa), geb. am 2. 11. 1915, Jurist, jugoslawischer Parteifunktionär und Partisan; ab Dezember 1945 Leiter des Jugoslawischen Generalkonsulats in Zürich, ab 1946 jugoslawischer Vizekonsul in Genf. Nach Erkenntnissen der Schweizerischen Bundesanwaltschaft galt er »als militanter Kommunist und OZNA-Agent« (so in: BAR Bern, E 4320, 1987/187, Bd. 90, C. 12. 2902 (Dossier Noel Field), Schweizerische Bundesanwaltschaft, Polizeidienst, Bericht des Insp. H. Fatzer vom 4. 2. 1953: »Verrats- und Spionageprozesse in den Volksdemokratien«, Bl. 4). Anfang 1947 nach Belgrad zurückgerufen, wirkte er anschließend bis 1949 als Botschaftssekretär an der Jugoslawischen Gesandtschaft in Bukarest. Den Erinnerungen des ehemaligen Leiters der ungarischen Aufklärung, Vladimir Farkas zufolge, forderte Rákosi im Herbst 1949 (vermutlich kurz nach dem Rajk-Prozess) vom rumänischen Parteiführer Gheorghiu-Dej die Verhaftung und Auslieferung Lompars – eine in der Diplomatiegeschichte beispiellose Forderung, der Gheorghiu-Dej jedoch – offenbar in Absprache mit Moskau – nicht nachkam. Lompar wurde lediglich aufgefordert, das Land zu verlassen. Vgl. dazu: Vladimir Farkas: Nincs mentség. Az ÁVH alezredese voltam. [Es gibt keine Vergebung. Ich war Oberstleutnant der Staatssicherheit], Budapest 1990, S. 225-227. [192] Die geheimen Geldsendungen liefen unter anderem über indirekte Kanäle wie die Singer-Nähmaschinenfabrik. Vgl. dazu die Forschungen von Heike Bungert in: dies.: Das Nationalkomitee und der Westen. Die Reaktion der Westalliierten auf das NKFD und die Freien Deutschen Bewegungen 1943-1948. Stuttgart 1997, S. 201/202. [193] Dazu schreibt Noel Field im Juli 1954: »Kreikemeyer hat über jeden Franken genau Buch geführt und die Abrechnungen nach dem Kriege der deutschen Partei übergeben.« Eigenhändig geschriebene Aussage Noel Fields vom 6. Juli 1954 (»Geschichte meiner politischen Tätigkeit«), a.a.O., Bl. 155. – Dazu Willi Kreikemeyer gegenüber der ZPKK (Herta Geffke und Anton Joos) am 5. 6. 1950: »Ich habe eine Abrechnung gegeben, als ich nach Deutschland kam. Wenn ich nicht irre, an die Kasse. Da kann man genau ersehen, was ich von F. bekommen habe und von welchen Organisationen.« Diese Abrechnungslisten (die bisher nicht gefunden werden konnten) wurden von der SED 1950 gegenüber Kreikemeyer im Verhör durch die ZPKK als belastendes Beweismaterial für seine »Agententätigkeit« benutzt. Vgl. dazu: ZPKK-Befragungsprotokoll Willi Kreikemeyers vom 5. 6. 1950, in: SAPMO BArch DY 30/IV 2/4/109, Bl. 169-192. [194] Alfred A. Häsler (1921), Schweizer, Typograph, seit Herbst 1944 Mitglied der Partei der Arbeit der Schweiz; er hatte Noel Field als Teilnehmer des ersten Kurses für soziale Nachkriegsarbeit (Mai bis Oktober 1944) in Zürich kennengelernt, geriet deshalb in den 50er Jahren als PdA-Mitglied in den Sog der Verfolgungen, wurde von den eigenen Genossen als amerikanischer Agent denunziert; 1956 Austritt aus der PdA, später arbeitete er als Journalist und Publizist, engagierte sich u.a. in der Aufarbeitung der Schweizer Flüchtlingspraxis (Alfred Häsler: Das Boot ist voll...: Die Schweiz und die Flüchtlinge 1933-1945. Zürich 1967). [195] Tonia Lechtman (1918-1996), Mitglied der polnischen KP, war neben Maria Weiter eine der engsten Vertrauten Fields in der Schweiz, Mitarbeiterin des USC, wurde 1949 wegen ihrer Verbindung zu Noel Field verhaftet und schwer gefoltert, 1954 entlassen und später rehabilitiert; emigrierte später nach Israel. Vgl. den umfangreichen Briefwechsel mit den Fields ab 1957, in: Nachlaß Noel und Herta Field, Budapest, PIL 903 f./88 ö.e./I.+II. köt. [196] Paula Löffler, später verh. Acker (1913-1989), KPD-, später SED-Funktionärin. Zu ihrer Biographie siehe: Müller-Enbergs et al. (Hrsg.): Wer war wer in der DDR, Berlin 2000. [197] Die Namen der Kursteilnehmer (laut Erinnerung der Frau Bruno Goldhammers) finden sich in: SAPMO BArch DY 30/IV 2/4/114b, Bl. 597 (Esther Goldhammer an LPKK Berlin, 22. 7. 1951) sowie in: ebenda, Bl. 600ff. (LPKK Berlin, 19. 7. 1951. Aktenvermerk, betr.: Esther Goldhammer). [198] Koordinationsstelle für soziale Nachkriegsarbeit in Zürich. Vgl. dazu die Untersuchungsergebnisse der ZPKK der SED, o.D. [Sommer 1950] in: SAPMO BArch DY 30/IV 2/4/106, Bl. 142. [199] Dora Staudinger-Förster (1886-1964), geb. in Halle als Tochter eines Theologieprofessors, 1906 Heirat mit Hermann Staudinger;  lebte ab 1912 in Zürich, wo sie Kontakte zur Bewegung des religiösen Sozialismus hatte; kannte Noel Field schon seit seiner Jugend in Zürich; engagierte sich in den 20er Jahren für das Genossenschaftswesen, für den sozialen Wohnungsbau und für Frauenfragen; war seit den 30er Jahren Mitglied der KPS, später der PdA; sie verwahrte u.a. für Paul Bertz und Noel Field besonders vertrauliche Materialien und Archive. [200] Nach Kriegsende war auf Initiative des jüdischen Kinderhilfswerks Œvre de Secours aux Enfants / à lénfance (OSE) (Dr. Joseph Weil) und des USC (Noel Field) in Genf eine Koordinationsstelle der Hilfswerke gebildet worden (»Auskunfts- und Vorbereitungsstelle für soziale Nachkriegsarbeit« / »Centre d’Orientation et de Formation Sociale d’après-guerre« /COFSAG/, Leiterin: Hèléne Matthey) – mit einer Filiale in Zürich. An die komplizierte Entwicklung erinnert sich Field im Juli 1954 gegenüber seinen Vernehmern wie folgt: »Offiziell wurde die Zürcher Filiale zusammen mit dem Genfer Zentrum im Jahre 1946 liquidiert; an ihre Stelle trat aber sofort – mit dem gleichen Personal[,] aber jetzt unter der Leitung der Partei – die ›Auskunftsstelle‹, die sich zur wichtigsten Organisation für die Hilfsaktionen in den Volksdemokratien entwickelte [...] Im Jahre 1947 ging die Auskunftsstelle durch Polizeiaktion hoch (ein Spitzel hatte sich eingeschlichen), worauf Häsler und Dora Staudinger, und ich glaube noch einige andere angeklagt wurden. Häsler erhielt 6 Monate Gefängnis [...] Die Auskunftsstelle wurde bezichtigt, Hilfsgelder, die aus öffentlichen Sammelaktionen stammten, für Parteizwecke verwendet zu haben [...]«. Noel Field: Geschichte meiner politischen Tätigkeit. Eigenhändig geschriebene Aussage vom 6. Juli 1954, in: TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 189. [201] Werner Jurr (1906-1947), KPD-Mitglied seit 1924, KJVD- und RFB-Funktionär, 1929 Parteiausschluß, Mitglied der KPO, 1932 Wiedereintritt in die KPD, illegale Arbeit in Stuttgart, 1934 verhaftet, bis 1940 Haft im Zuchthaus Brandenburg  und KZ Sachsenhausen, ab 1943 Strafdivision 999, 1944 erneut verhaftet; war 1945 Leiter der Personalabteilung der DVdI, zu seiner Biographie vgl. Weber, Wandlung, Bd. 2, S. 174. [202] Gemeint ist: die französische Staatsbürgerschaft. Vgl. Fußnote 120. [203] Ursprünglich: »Frühsommer« – von Noel Field gestrichen. [204] Gejza Pavlik (1884-1964) (urspr. Politzer) ungarisch-jüdischer KPC-Funktionär, 1919 Teilnahme an der Räterepublik in Ungarn, Parteiarbeit in der Slowakei, Emigration in Belgien, Frankreich und in der Schweiz, wo er 1944 durch den ungarischen KP-Emigranten Ferenc Vági die Bekanntschaft Noel Fields machte. Field ernannte ihn 1945 zum provisorischen Bevollmächtigten des USC für die Tschechoslowakei, mußte ihn jedoch bereits nach einem halben Jahr von diesem Posten ablösen, nachdem der USC-Zentrale in Boston bekannt geworden war, daß Pavlik Kommunist war. Ab 1946 wurde Pavlik in Prag Leiter des staatlichen Reisebüros CEDOK. Er wurde zusammen mit seiner ungarischen Frau im Mai 1949 im Zusammenhang mit der Field-Affäre in Prag verhaftet, zeitweilig zu Verhören nach Budapest überstellt, wo er schwer gefoltert wurde; im Juni 1950 in Prag verurteilt, 1956 entlassen und später rehabilitiert. [205] Elsie Haus – später verh. Kende – (1908-2000), Schweizerin, Mitgl. der illegalen KP der Schweiz, nach Kriegsende Leiterin der USC-Filiale in Wien, Mitgl. der KP Österreich; sie wurde im Sommer 1949 im Kontext der Field-Affäre vom sowjetischen Geheimdienst in Wien kurzzeitig verhaftet. [206] Ilona Kojsza (1904-1995) Deckn. in Frankreich »Liliane Prevost Simone«, ungarische KP-Funktionärin, seit 1928 Mitglied der KP Ungarns (KMP), ab 1931 in Wien; arbeitete für die Ungarische Rote Hilfe, Presse-, Verbindungs- und Kurierarbeit in Wien und Prag, ab 1938 in Paris, 1941 kurzzeitig in Frankreich interniert; danach Kurier für die KPD und die MKP, 1944/45 Grenzarbeit an der französisch-schweizerischen Grenze (in Zusammenarbeit mit Heinz Priess), u.a. Grenzschleusung von kommunistischen Kadern, die durch OSS-Kanäle nach Deutschland gebracht wurden; ab Oktober 1945 USC-Vertreterin in Budapest, anschl. in verschiedenen Hilfsorganisationen, 1948 kurzzeitig Mitarbeiterin der Militärpolitischen Abteilung des ungarischen Verteidigungsministeriums; sie wurde im Mai 1949 wegen ihrer Kontakte zu Noel Field verhaftet, schwer gefoltert, u. in einem der Nebenprozesse des Rajk-Prozesses 1950 zu acht bzw. in zweiter Instanz zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt; 1955 nach Überprüfung ihres Falles entlassen, jedoch erst 1963 parteiintern rehabilitiert; später Mitarbeiterin der Zentralen Parteikontrollkommission der MSZMP; gestorben in Budapest. Vgl. Untersuchungsakten Ilona Kojsza (3 Bände), in: TH-Archiv I-85 / a-b (V-142697/1-2). [207] Ursprünglich: »nach Beratung mit Vági und Földi« – von Noel Field gestrichen. [208] D.i. Martha Sharp, später Sharp Cogan (1905-1999); sie gehörte mit ihrem Mann Waitstill Sharp zu den ersten Unitariern, die 1938/39 in der Tschechoslowakei umfangreiche Flüchtlingshilfe für Verfolgte der Nationalsozialisten leisteten. Nach 1940 war sie zeitweilig Leiterin des USC-Büros in Lissabon, arbeitete während des Krieges u.a. im besetzten Frankreich. [209] Leo Bauer wurde am 27. Oktober 1942 in seiner Genfer Wohnung (Rue Bergalone 5, bei Marcel Surdez) von Marcel Rosset (Inspektor der Geheimpolzei, Genf) verhaftet, wo er seit 1941 unter falscher Identität als Bankangestellter Paul-Eric Perret, (geb. 1912, »employe de banque, 19 route de Florissants«) lebte. In einem Bericht des Abwehrapparats der KPD in der Schweiz heißt es zur Verhaftung Leo Bauers (im Bericht »Emil« genannt): »Die Ursache ist nach bisher gemachten Feststellungen außer Achtlassung der konspirativen Regeln durch Emil selbst, wie durch den Mann, bei dem er wohnte. Die ermittelten Umstände sind folgende: Der Wohnungsinhaber [Marcel Surdez - BRB], der außerhalb seiner Wohnung noch eine Werkstatt hatte, übernahm [es], die ›Travail‹ herzustellen und ging dabei hoch. Er hat den Auftrag übernommen, ohne die Auftraggeber darauf aufmerksam zu machen, daß jemand bei ihm wohne. Nach der Verhaftung des Mannes in der Werkstatt wurde in Anwesenheit der Frau die Wohnung durchsucht [...] Die Frau[,] befragt, ob in dem zweiten Zimmer jemand wohne, verneinte das. Man brach dann den von Emil verschlossenen Wandschrank auf und frug die Frau, ob das alles ihrem Mann gehöre. Angesichts des Inhalts gab die Frau dann zu, daß doch jemand dort wohne. Die Beamten haben dann in der Wohnung auf Emil gewartet.« Handschriftlicher Bericht zur »Verhaftung von Emil« von »Jenny« [d.i. Maria Weiterer], o.D. In: SAPMO BArch, DY 30/IV 2/4/146. [210] In der illegalen Parteiarbeit benutzte Noel Field den Decknamen »Hauser«. Vgl. dazu: »Geschichte meiner politischen Tätigkeit. Eigenhändig geschriebene Aussage, 6. Juli 1954«, in: TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 166. [211] Abschriften dieser handschriftlichen Berichte von Noel Field sind (neben anderen beschlagnahmten Materialien) im Leo Bauer-Dossier des Eidg. Militärdepartements überliefert. Die Berichte – Teile der über Noel Field laufenden Kommunikation zwischen Paul Bertz (Basel) und der KPD-Leitung in Südfrankreich (Marseille bzw. Toulouse) –, konnten jedoch (u.a. wegen der Verwendung von Decknamen) von den Schweizer Behörden nicht entschlüsselt werden. Vgl. dazu: Bericht von Inspektor H. Fatzer an den Chef des eidg. Polizeidienstes Bern, 6.1.1943, in Sachen: Bauer Leopold, genannt Katz Rudolf ..., in: BAR Bern, Bestand Militärjustiz: E 5330 1982/1, Bd. 95, Dossier 98/43/125 »Bauer Leopold alias Katz Rudolf« (1943). [212] Leo Bauer befand sich vom 27. Oktober 1942 bis zum 21. Oktober 1943 in Untersuchungshaft im St.-Antoine-Gefängnis in Genf. Vgl. zum gesamten Komplex auch das Dossier der Schweizerischen Bundesanwaltschaft, BAR Bern, E 4320 (B) 1991/243, Bd. 108, Dossier C.13.1673. [213] Diesen Kontakt hielt Erica Glaser auch noch nach Leo Bauers Verurteilung aufrecht, wie Noel Field in einer späteren, ausführlicheren Aussage berichtet: »Es war nicht einfach ein gelegentlicher, sondern ein fast täglicher Kontakt, der Erica 2 Jahre lang Tag für Tag in Genf festhielt und ihr selbst die kleinsten Wochenendausflüge unmöglich machte. Tag für Tag brachte sie die Hälfte ihrer Lebensmittelration ins Gefängnis, übermittelte oder empfing heimliche Briefe. In Ausführung von Bauers Aufträgen suchte sie gefährdete Genossen auf, vereinbarte ihre Zeugenaussagen u.s.w. (...) Nach seiner Verurteilung führte sie sogar eine doppelte Korrespondenz mit ihm – neben den Geheimbriefen schrieb sie ihm als seine Braut Dutzende von offiziellen Liebesbriefen, die alle vorher nach Bern zur Überprüfung durch die Bundespolizei gingen und in denen sie die Rolle eines unpolitischen, verliebten Gänschen spielte.« So in »Ausschnitte aus Erica Glasers Leben, 1942-45 (Genf). Eigenhändige Aussage, 8. August 1954.«, PIL Budapest, Nachlaß Noel und Herta Field, 903f./49 ö.e., Bl. 5-6, hier Bl. 5. – Vgl. auch die identische Schilderung durch Leo Bauer in der MfS-Haft: Nachtrag zum Bericht vom 20. Oktober [1950], 1. 11. 1950, BStU AS 251/56, Bd. 13, Bl. 10-11. [214] Diese Darstellung Noel Fields wird durch die Prozeßakten Leo Bauers bestätigt, vgl. BAR Bern, Bestand Militärjustiz: E 5330 1982/1, Bd. 95, Dossier 98/43/125 bzw. SAPMO BArch DY 30/IV 2/4/146. [215] Leo Bauer wurde am 21. Oktober 1943 vom Territorialgericht I wegen illegaler Einreise und Aufenthalt, Mißbrauch von Ausweisschriften, Fälschung von Ausweisen, politischen Nachrichtendienstes, kommunistischer Betätigung, Gerüchteverbreitung u.a. zu 30 Monaten Gefängnis und 15 Jahren Landesverweisung verurteilt. Am 15. 3. 1944 revidierte das Militärkassationsgericht dieses Urteil, wobei Bauer von der Anklage des politischen Nachrichtendienstes und kommunistischer Tätigkeit freigesprochen wurde. Für die anderen Vergehen wurde er zu 2 Jahren Gefängnis unter Abzug von 505 Tagen Untersuchungshaft und 15 Jahren Landesverweisung verurteilt. Vgl. dazu Schreiben des Chefs der Bundespolizei an Herrn Botschafter / Eidgenössisches Politisches Department / vom 17. März 1971, in: BAR Bern, E 4320 (B) 1991/243, Bd. 108, Dossier C.13.1673. [216] Anmerkung Noel Fields. [217] Ursprünglich: »Juli« – von Noel Field gestrichen. [218] Generaldirektor Ray Bragg. Vgl. dazu die Schilderung von Flora Lewis in: dies.: Bauer im roten Spiel, a.a.O., S. 147 ff. [219] Gemeint ist: Artur London (1915-1985), tschechischer KP-Funktionär und Schriftsteller, Spanienkämpfer, Kämpfer in der Résistance, ab 1942 Haft im KZ Mauthausen, nach Kriegsende Aufenthalt in Frankreich und ab April 1947 in der Schweiz, wo ihm durch Vermittlung von Noel Field vom USC eine Lungenheilkur finanziert wurde; London ging 1948 nach Prag, war 1949-1951 stellvertretender Außenminister der CSR. Er wurde im Januar 1951 wegen seiner Kontakte zu Noel Field verhaftet und 1952 im Slánskỳ-Prozeß zu lebenslanger Haft verurteilt; nach seiner Freilassung und Rehabilitierung 1956 übersiedelte er 1968 nach Paris. Berühmt wurde sein autobiographischer Bericht über den Slánskỳ-Prozeß »L'Aveu« (Das Geständnis), Paris 1968/dt: »Ich gestehe. Der Prozeß um Rudolf Slánskỳ.« Hamburg 1970 (1969 von Costa-Gavras verfilmt). Neue Archivfunde des Historikers Karel Bartosek zeigen, daß Artur London seine politische Biographie in wesentlichen Teilen gefälscht hat: so verschwieg er seine Beteiligung an stalinistischen »Säuberungsaktionen« in Spanien und seine Spionagetätigkeit für östliche Nachrichtendienste (insbesondere für den tschechischen) in Frankreich und der Schweiz Ende der 40er Jahre. Arthur London war einer der ersten (jedoch nicht der einzige), der Noel Field als vermeintlichen amerikanischen Agenten »demaskierte«. Vgl. Karel Bartosek: Les Aveux des Archives: Prague – Paris – Prague, Paris 1996. - Zur französischen Debatte um Bartoseks Buch vgl.: Jürg Altwegg: »Bestellte Geständnisse. Spion und Stalinist: Artur London fälschte seine Biographie«, in: Franfurter Allgemeine Zeitung, 4. 12. 1996 und »Wenn die Archive »gestehen«. Französische Debatte um Stalinismus-Archive.«, in: Neue Zürcher Zeitung, 5. 4. 1997, S. 45. [220] Gemeint ist seine Entlassung vom USC im August bzw. September 1947. [221] Dr. Robert C. Dexter war Anfang 1940 von der American Unitarian Association in das besetzte Europa geschickt worden, um die Situation zu studieren und über die Notwendigkeit und Möglichkeiten, gefährdeten Menschen zu helfen, zu berichten. Die von Robert Dexter gelieferten Berichte (sowie die Berichte des Ehepaars Martha und Waitstill Sharp, die bereits ab Februar 1939 in Prag im Auftrag der Unitarian Church Flüchtlinge betreut und gerettet hatten) erschütterten die amerikanischen Unitarier zutiefst und führten im Mai 1940 zur Gründung des Unitarian Service Committee, dessen europäisches Hauptquartier sich zunächst in Lissabon befand. Vgl. Fußnote 119. [222] Der französische protestantische Pastor Pierre Charles Toureille (1900-1976) gehörte zu den weniger bekannten Rettern zahlloser jüdischer Flüchtlinge. Er war zeitweilig der protestantische Hauptseelsorger für die Internierungs- und Transitlager in Südfrankreich, operierte zwischen Südfrankreich und der Schweiz, leitete in der Nähe von Nîmes eine kleine, aber sehr effiziente Fluchthilfe-Agentur. Er gehörte auch zu den Verbindungen der Bewegung Freies Deutschland für den Westen / CALPO /. (Vgl. dazu: Ergänzungen zum Gesamtbericht, 8. 5. 1945. In: SAPMO BArch, DY 30/IV 2/4/123, Bl. 38.) Nach Kriegsende emigrierte er in die USA. Er wurde später von verschiedenen Regierungen, darunter auch der israelischen, für seine Verdienste geehrt. Vgl. zur Person: Tela Zasloff: Pastor Pierre Charles Toureille – Righteous Among the Nations, in: Jerusalem Post, 8. 5. 2000. [223] D.i. Willi Kreikemeyer, vgl. Fußnote 142. [224] Dr. René Zimmer, Mitarbeiter der USC-Filiale in Marseille, zeitweilig Leiter des dortigen medizinischen Dienstes. Vgl. »Unitarian Service Committee ... List of Stuff, March 1946« in: Nachlaß Noel und Herta Field, Budapest, PIL, 903f./33 ö.e., Bl. 111. [225] *[Anmerkung Fields am Seitenende] »Ich vergass zu sagen, daß ich Dulles von meinem ersten Jahr im State Department (1926/7) her kannte: ich war ihm als Kollegen einer anderen Sektion mehrmals [...] begegnet, hatte aber sonst weder amtliche noch persönliche Beziehungen mit ihm, und nach meinem ersten Jahr sah ich ihn nicht mehr, da er Privatmann wurde.« [226] Bei diesem Vertreter könnte es sich um den als Finanzattaché der US-Gesandtschaft getarnten Charles B. Dyar gehandelt haben, der als einer der ersten OSS-Vertreter im Mai 1942 in Bern eingetroffen war. [227] Die Ankunft Allan Dulles’ in der Schweiz fiel auf den Tag der Landung der Alliierten in Nordafrika: den 8. November 1942. [228] Es kam noch zu mindestens einem weiteren Treffen von Leo Bauer mit Robert Dexter und einem weiteren OSS-Mitarbeiter (der sich »Fred« nannte), an dem Noel Field jedoch nicht teilnahm, und von dem er offenbar auch nichts erfuhr. Zu diesem Komplex vgl. P. Brandt/J. Schumacher/G. Schwarzrock/K. Sühl: Karrieren eines Außenseiters: Leo Bauer zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie. Berlin, Bonn 1983. S. 101-102. [229] Zu Paul Bertz vgl. Fußnote 89. [230] Leo Bauer war am 27. Oktober 1942 von der Schweizer Bundespolizei wegen des »dringenden Verdachts des militärischen Nachrichtendienstes zum Nachteil eines fremden Staates« verhaftet worden. Wie Erica Glaser-Wallach rückblickend berichtet, geschah die Verhaftung »aufgrund eines Nachrichten-Fragebogens, den man in seiner Tasche gefunden hatte. Er hatte ihn ein oder zwei Tage zuvor in meiner Anwesenheit von einem von Allen Dulles’ Leuten erhalten. Ich wußte, daß Dulles ein hoher Beamter bei der amerikanischen Botschaft in Bern war, der sich für jede Information über Deutschland interessierte. Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß er in Wirklichkeit der Leiter des Office of Strategic Services in Europa war. Der Schreibmaschinenbogen, den Leo erhalten hatte, enthielt die Standardfragen über militärische, wirtschaftliche und politische Nachrichten aus Deutschland. Leo teilte Dulles’ Vertreter mit, es verstoße gegen die Anweisungen der Kommunistischen Partei, in Spionagegeschichten verwickelt zu werden, er sei aber bereit, die Möglichkeit einer politischen Zusammenarbeit zu untersuchen.« Erica Glaser: Licht um Mitternacht. München 1969, S. 51f. – Das Original des OSS-Fragebogens findet sich im Leo Bauer-Dossier der Eidg. Militärjustiz, BAR Bern, Bestand Militärjustiz: E 5330 1982/1, Bd. 95, Dossier 98/43/125 »Bauer Leopold alias Katz Rudolf«. [231] Leo Bauer war durch die Anklage wegen Militärspionage der Gefahr ausgesetzt, im Falle einer Verurteilung sofort nach Deutschland ausgeliefert zu werden. Die Schweizer Bundespolizei konnte zu diesem Zeitpunkt nicht verstehen, warum sie bei einem der kommunistischen Propaganda Angeklagten einen Fragekatalog gefunden hatte, der ganz offensichtlich nicht von einem sowjetischen, sondern von einem westlichen Nachrichtendienst stammte. (Leo Bauer gab in den Vernehmungen an, den Fragebogen von einem Schweizerbürger, der für den schweizerischen Nachrichtendienst arbeite, erhalten zu haben.) U.a. deshalb wurde er in der Revisionsverhandlung von der Anklage der Militärspionage (»politischer Nachrichtendienst«) freigesprochen, und nur wegen illegalen Aufenthalts, verbotener kommunistischer Betätigung und Schriftenverbreitung, Verletzung der Sicherheit und Neutralität der Schweiz zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Vgl. ebenda [232] Ursprünglich: »Genf« – von Noel Field gestrichen. [233] Im Original »Vagi«, d.i. Ferenc Vági (urspr. Franz Karl Weisz) (1918-1950), Chemieingenieur, ungarischer KP-Funktionär, geb. in Wien, lebte ab 1926 in Budapest, mußte aus politischen und »rassischen« Gründen in die Schweiz emigrieren, Chemie-Studium an der TH Zürich, 1938 KP-Mitglied, wurde kurz vor Studienabschluß aus politischen Gründen relegiert; mehrfach in der Schweiz verhaftet; gehörte ab 1943 zur Leitung der ungarischen KP-Gruppe in der Schweiz; Noel Field hatte er 1944 durch Erica Glaser kennengelernt. Ferenc Vági kehrte 1945 nach Ungarn zurück, war ab 1948 stv. Leiter der Presseabteilung der Parteizentrale, dann Leiter der Presseabteilung des Ministerpräsidenten. Er wurde als Mitglied der sog. »schweizer Gruppe« in Vorbereitung des Rajk-Prozesses am 18. Mai 1949 in Budapest verhaftet, und war – trotz schwerster Folter – nicht bereit, falsche »Geständnisse« zu liefern. In einem der Nebenprozesse des Rajk-Prozesses wurde er zusammen mit zwei weiteren Angeklagten zum Tode verurteilt und am 26. Mai 1950 hingerichtet. Vgl. Untersuchungsakten Ferenc Vági, TH-Archiv I/47 (V-142689) und I/47-a (V-142689/1), insbesondere den Bericht eines der führenden Vernehmer zu den Foltermethoden, die bei Vági angewandt wurden: Bericht von Antal Bánkuti, Ebenda, Bl. 111. [234] MNFF = »Magyar Nemzeti Függetlenségi Front« [Ungarische Nationale Unabhängigkeitsfront] – gemeint ist hier die Schweizer Organisation MNFF, (eine Organisation gleichen Namens wurde auf Initiative der Ungarischen Kommunistischen Partei am 2. Dezember 1944 im von sowjetischen Truppen bereits befreiten südungarischen Szeged gegründet, um als »Bündnis der demokratischen ungarischen Parteien« im Nachkriegs-Ungarn die verdeckte kommunistische Einflußnahme zu gewährleisten). Die Schweizer MNFF wurde auf Initiative von Dr. Tibor Szőnyi Anfang 1943 auf der Grundlage eines Aufrufs des Moskauer Senders »Radio Kossuth« als illegale Organisation gegründet. Mit der Konstituierung der Provisorischen Nationalen Regierung im befreiten Ungarn konnte auch die MNFF ab Ende 1944 legal wirken. – Vgl. dazu ausführlich: »A Magyar Nemzeti Független Front svájci szervezete iratai.« [Unterlagen der Schweizer Organisation der Ungarischen Nationalen Unabhängigkeitsfront] in: PIL, 274.f. 10/109. ö.e., hier insbesondere: »A Magyar Nemzeti Független Front Svájci Szervezetének adatai. Beküldi: Szőnyi Tibor« [Angaben zur Schweizerischen Organisation der Ungarischen Nationalen Unabhängigkeitsfront – eingereicht von Tibor Szőnyi], o.D. [Frühjahr 1945] in: Ebenda, Bl.9 [235] Opprecht – ein in der Schweiz stationierter amerikanischer Vorgesetzter von Allen Dulles mit diesem Namen konnte nicht ermittelt werden. Vorausgesetzt, daß Field sich richtig erinnert (»sein Vorgesetzter in Zürich«), könnte dies ein Beispiel für eine professionelle Desinformation durch Allen Dulles sein. Bei »Opprecht« handelt es sich eindeutig um Emil Oprecht (1895-1952), den Zürcher Buchhändler und Verleger, der mit Dulles eng befreundet war – jedoch höchstwahrscheinlich nicht in direkten Diensten des OSS stand, sondern durch seine weitreichenden Verbindungen zu Schweizer Antinationalsozialisten und Emigranten eine Art Vermittler und Kontaktmann wurde, wovon sowohl die Amerikaner, als auch die Briten profitierten. Der Historiker Peter Stahlberger beschreibt Emil Oprecht als »eine Art Fixpunkt, ein Vertrauensmann im ganzen verwirrenden Spionagebetrieb in der Schweiz, ohne aber selber aktiv nachrichtendienstlich tätig zu sein.« (Peter Stahlberger: Der Zürcher Verleger Emil Oprecht und die deutsche politische Emigration 1933-1945. Zürich 1970, S. 300). Gestützt wird diese Darstellung auch durch folgendes Beispiel: In der Untersuchungsakte Tibor Szőnyi findet sich eine 1954 protokollierte Zeugenaussage eines ungarischen (nichtkommunistischen) Emigranten – Lajos Purjesz –, der Emil Oprecht 1942 in Zürich kennengelernt hatte. Purjesz hatte bis 1944 telephonischen und brieflichen Kontakt zu Károly Peyer, einem der wichtigsten Vertreter des sozialdemokratischen Widerstands gegen das Horthy-Regime. Oprecht, der von diesem Kontakt Kenntnis hatte, stellte Purjesz deshalb bei einer Gelegenheit Allen Dulles vor, als jemand »der Kontakt hält zu einem der Führer der ›linken‹ Bewegung in Ungarn«. Dulles forderte daraufhin Purjesz auf, die aus seinem Kontakt mit Peyer gewonnenen Informationen über die politische und wirtschaftliche Lage in Ungarn an ihn weiterzuleiten, ohne Peyer davon zu informieren. (Protokoll der Zeugenvernehmung von Lajos Purjesz, geb. 1912 in Budapest, vom 10. September 1954, in: Szőnyi Tibor vizsgálati dosszié [Untersuchungsakte Tibor Szőnyi], TH I/2-a (V-142675/1), Bl. 115-118, hier Bl. 116.) [236] OSE = Œvre de Secours aux Enfants / à lénfance (jüdisches Kinderhilfswerk). [237] Siehe Fußnote 170. [238] Mit Seite 51 beginnt Field die Zählung der Blätter wieder mit 1. Dies ist offenbar der Tatsache geschuldet, daß ihm die fertigen Teile vorläufig abgenommen wurden, da sich die Niederschrift über mehrere Tage erstreckte. Erst nach Beendigung der Niederschrift erhielt er den gesamten Text noch einmal zum Korrekturlesen. [239] Im Original »Szöni«, d.i. Dr. Tibor Szőnyi (urspr. Hoffmann) (1903-1949), Arzt und Psychiater, ungarischer KP-Funktionär; nach Niederschlagung der Räterepublik 1919 Emigration nach Wien, dort Studium der Medizin; 1930 Mitlied der illegalen Ungarischen KP, im Parteiauftrag nach Prag, Ende der dreißiger Jahre in die Schweiz; dort Leiter der Ungarischen KP-Gruppe, Mitarbeiter der psychiatrischen Klinik der Universität Zürich; nach seiner Rückkehr nach Ungarn im Januar 1945 (die durch Fields Vermittlung, teilweise finanziert von der OSE, mit logistischer Hilfe des OSS und des jugoslawischen Nachrichtendienstes erfolgte), zunächst Stellvertretender Leiter der Organisationsabteilung der MDP, ab September 1947 Mitglied des ZK der MDP und Leiter der Kaderabteilung des ZK. Er wurde am 16. Mai 1949 in Vorbereitung des Rajk-Prozesses verhaftet, am 24. September 1949 vom Budapester Volksgerichtshof im Rajk-Prozeß zum Tode verurteilt und am 15. Oktober 1949 zusammen mit László Rajk und András Szalai hingerichtet. Wurde im November 1955 parteiintern rehabilitiert. [240] Von Noel Field nachträglich eingefügt, um Namensverwechselungen vorzubeugen, da er in früheren Verhören entsprechende Erfahrungen gemacht hatte. [241] Eine von neun illegalen Zeitungen bzw. Periodika zur »antifaschistischen Agitation und Propaganda« unter Wehrmachtsangehörigen, die ab September 1943 bis zur Befreiung im Herbst 1944 in Südfrankreich von der KPD-Organisation und der Bewegung »Freies Deutschland« für den Westen, unterstützt von der FKP und der Résistance, herausgegeben wurde. [242] »Arthur« ist der Deckname von Wilhelm Fels (15. 6. 1905-?), der zu dieser Zeit als Mitglied der KPD-Abschnittsleitung Süd bzw. der KPD-Parteileitung in der Schweiz »technischer Mitarbeiter« und Verbindungsmann des in strengster Illegalität in Basel lebenden Paul Bertz war. Eine ausführlichere Beschreibung »Arthurs« gibt Noel Field in einer späteren Aussage: »... ein schweigsamer junger Schwabe, der selten den Mund auftat, aber sorgfältig zuhörte und vermutlich hinterher für das Archiv Protokolle herstellte.« Eigenhändig geschriebene Aussage Noel Fields, 6. Juli 1954 (»Geschichte meiner politischen Tätigkeit.«), in: TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 171. – Wilhelm Fels war einer der wenigen Mitglieder der Abschnittsleitung Süd, der allen Verhaftungen entging. Er stellte sich Anfang 1945 im Konflikt zwischen der KPD-Emigrationsleitung in der Schweiz (Teubner, Fuhrmann, Sperling) und Paul Bertz gegen letzteren. Nach dem Krieg wurde er KPD-Landesvorsitzender in Südbaden, eine Funktion, in der er auch auf dem Höhepunkt der Field-Affäre in der SED bzw. KPD (1950) verblieb, da ihm die ZPKK (Max Sens) bescheinigte, »dass er zu Bertz in heftiger Opposition stand und mit Field nach dem Bruch mit Bertz keine Verbindung mehr hatte. Genosse Fels ist einer der wenigen Genossen, die auf Grund ihres Klassenbewusstseins gegen Field stets misstrauisch waren.« SAPMO BArch, DY 30/IV 2/4/439, Bl. 171, Anhang zum Protokoll der ZPKK-Sitzung vom 11. 12. 1950 (Überprüfung des Parteivorstandes und der Landessekretariate in Westdeutschland). – Vgl. dazu auch Wolfgang Kießling: Partner im »Narrenparadies«, a.a.O., S. 62/63. [243] Max Shoop, Rechtsanwalt und ehemaliger Kollege Allen Dulles’ aus der New Yorker Anwalts­kanzlei Sullivan & Cromwell, bis 1942 in deren Pariser Büro tätig, hatte als OSS-Vertreter in Genf (wo er unter der Legende eines internationalen Rechtsanwalts ein Büro eröffnete) die Aufgabe, die Kontakte zu den französischen Maquisards herzustellen; später war er mit der Finanzierung und technischen Unterstützung zahlreicher italienischer und französischer Widerstands- und Partisanengruppen betraut und kam so auch mit Noel Field in Kontakt. [244] Ursprünglich: »versuchte« – von Noel Field gestrichen. [245] Otto Niebergall (1904-1977), KPD-Funktionär, war ab Frühherbst 1943 Präsident des »Komitees Freies Deutschland für den Westen«. Zur Biographie vgl. Müller-Enbergs et. al. (Hrsg.): Wer war wer in der DDR, Berlin 2000. Niebergall war – laut Heike Bungert – einer der drei deutschen Kommunisten (neben Willi Kreikemeyer und Harald Hauser), die über die Geldtransfers von Noel Field (auch über die Unterstützung vom OSS) unterrichtet waren. Vgl. Heike Bungert: Das Nationalkomitee und der Westen. Die Reaktion der Westalliierten auf das NKFD und die Freien Deutschen Bewegungen 1943-1948. a.a.O., S. 202. [246] Comité »Allemagne Libre« Pour l'Quest – nach der Befreiung Frankreichs ab 1944 gebrauchte Bezeichnung für das im Herbst 1943 gegründete »Komitee Freies Deutschland für den Westen« (KFDW). [247] Vgl. dazu: Dulles an OSS Paris, 20. 1. 1945, in: Neal H. Petersen (Hrsg): From Hitler’s Doorstep: The Wartime Intelligence Reports of Allen Dulles, 1942-1945. University Park, PA 1996, S. 431. [248] Robert D. Murphy (1894-1978), amerikanischer Diplomat, war ab 1944 politischer Berater General Dwight D. Eisenhowers und ab Juni 1945 bis 1949 politischer Berater der amerikanischen Militärregierung in Deutschland im Range eines Botschafters. (Director, Political Division of US Group Control Council). Zur biographischen Würdigung des Wirkens Murphys als amerikanischer Diplomat während des Zweiten Weltkriegs siehe: Luca Dainelli: Robert Murphy. In: Rivista di Studi Politici Internazionali, 1978/1, S. 118-123. – Vgl. auch seine Autobiographie, Robert Murphy: Diplomat unter Kriegern. Zwei Jahrzehnte Weltpolitik in besonderer Mission. Berlin 1965. [249] Dieses Exemplar des »Memorandum by Mr. Field regarding ›CALPO‹« befindet sich in: National Archives and Record Administration, Washington, D.C. (NARA), RGG 59, Lot 55D374, B 3, F G-800 Brewster Morris Reports. [250] Das Genfer Archiv Noel Fields wurde auf dessen Betreiben – gegen die Einwände der Familie – Mitte der 50er Jahre auf diskretem Weg nach Budapest gebracht. Es bildet heute einen großen Teil des Nachlaßbestandes von Noel und Herta Field im Archiv des Instituts für Politikgeschichte (PIL) in Budapest. [251] Bestätigt wird diese erfolgreiche Warnung durch zahlreiche Berichte und Aussagen, welche die ZPKK in den Jahren 1949-1954 im Zusammenhang mit der Untersuchung von Kontakten von Parteimitgliedern zum OSS sammelte bzw. anfertigte: Vgl. dazu u.a. SAPMO BArch, DY 30/IV 2/4/123. [252] Vgl. Fußnote 34. [253] Vgl. Fußnote 33. [254] Zur frühzeitigen illegalen Rückkehr deutscher Kommunisten aus der Schweiz mit Hilfe »amerikanischer Stellen« vgl. den parteiinternen Abschlußbericht über die KPD-Emigration in der Schweiz: Hans Teubner/Bruno Fuhrmann an Walter Ulbricht, o.D. [30.7.1945]: »Tätigkeitsbericht der Parteiabschnittsleitung Süd (Schweiz) für die Zeit von 1939 bis 1945«, in: SAPMO BArch NY 4182/851, Bl. 335. (Ein Durchschlag dieses Berichtes findet sich auch im ZPKK-Bestand, Untersuchungen zur Angelegenheit Noel Field, Bd. 9 in: SAPMO BArch BY 30 / IV 2/4/114, Bl. 35-53.) Fields Hilfe bzw. die des OSS wird auch in den Berichten der direkt an illegalen Einsätzen in Deutschland Beteiligten erwähnt: so etwa bei L. Ficker, A. Kühn,  S. Wimmer, H. Schäffner u.a.; über OSS-Kanäle reisten neben Wolfgang Langhoff u.a. auch Arthur Baumgarten, Hans Teubner, Hans Mayer u.a. nach Deutschland. [255] Zu Wolfgang Langhoff siehe Fußnote 150. [256] Leutnant Hans Holstein, deutscher Emigrant in den USA, im Krieg Fallschirmjäger in der US Army und Ausbilder französischer Partisanen, die als Fallschirmagenten eingesetzt wurden, kam gegen Ende des Krieges zum OSS. War 1946/47 in der Abteilung Bildungswesen der OMGUS in Berlin beschäftigt. (Zur Person Holstein vgl.: Antworten von Prof. Robert Rompe auf Fragen des KGB – vermittelt durch die ZPKK/Max Sens, 11. 5. 1953, in: SAPMO BArch, DY 30/IV 2/4/122, Bl. 42-43.) Ltn. Holstein war einer jener (mit dem Kommunismus sympathisierenden) OSS-Offiziere, die in den Anfang der fünfziger Jahre durchgeführten Untersuchungen der ZPKK der SED im Kontext der Field-Affäre als »verdächtige« Kontakte deutscher Kommunisten aus der Zeit des Kriegsendes bzw. der Nachkriegszeit genannt werden. Vgl. etwa die ZPKK-Befragung von Wolfgang Langhoff am 8. Juli 1950 in: SAPMO BArch DY 30IV 2/4/115, Bl. 30-46, sowie »Bemerkungen in Sachen Leo Bauer etc.« von Prof. Dr. Hans Mayer, Leipzig, vom 11. Oktober 1950, in: Ebenda, Bl. 127-131, hier Bl. 129 und 130; vgl. auch den denunziatorischen Brief Wolfgang Harichs an die ZPKK vom 4. September 1950 zu verdächtigen Kontakten Hans Holsteins und John Sullivans zu Wolfgang Langhoff, Josef Naas und Robert Rompe, in: SAPMO BArch DY 30/IV 2/4/122, Bl. 148-150 – und Harichs nachträgliche Einschätzung dieser Kontakte in: ders.: Ahnenpaß. Versuch einer Autobiographie. Hrsg. von Thomas Grimm. Berlin 1999, S. 174-175. [257] Die Zentrale des Unitarian Service Committee hatte ihren Sitz in Boston, Mass. [258] Ein großer Teil des Telegrammverkehrs der Schweiz wurde nach Angaben des SS-Sturmbannführers und SD-Offiziers Dr. Wilhelm Hoettl von der ungarischen Funkaufklärung an den deutschen Nachrichtendienst (SD) geliefert. Vgl. dazu Walter Hagen (d.i. W. Hoettl): Die Geheime Front. Linz, Wien 1950. [259] Obwohl Noel Fields Genfer Archiv in den Nachlaßbestand »Noel und Herta Field« in Budapest (Archiv des Instituts für Politikgeschichte – PIL) eingegliedert wurde, konnte die hier erwähnte Korrespondenz dort nicht gefunden werden. [260] Weder das hier erwähnte Tagebuch, noch die weiteren von Field erwähnten Unterlagen, die sich zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im Prager Palace-Hotel befanden (so etwa Teile seiner Materialsammlung für das geplante Buch über die »Länder der Volksdemokratien«) – sind in den Untersuchungsakten der ungarischen Staatssicherheit oder im Nachlaß Noel Fields überliefert. Auch in den penibel geführten »Vernichtungsprotokollen« des ungarischen Innenministeriums, in denen die ab 1959 durchgeführte Vernichtung von sog. »Unterlagen mit konzeptionellen Elementen« dokumentiert wurde, tauchen diese umfangreichen Materialien nicht auf. Dagegen ist die Korrespondenz Noel Fields bis zum Tag seiner Verhaftung in Prag in den ungarischen Untersuchungsakten überliefert. [261] Eine ungarische Übersetzung dieses Briefes ist in den ÁVH-Untersuchungsakten Noel Fields erhalten geblieben (Noel Field an Mr. Belfrage. Hotel Palace, Prag, den 3. Oktober 1948. Übersetzung aus dem Englischen.), in: TH-Archiv, I/107-b (V-142755/2), Bl. 193. [262] Gemeint ist die Entlassung vom USC. [263] Prof. Robert Rompe (1905-1993), wichtiger DDR-Physiker und KPD/SED-Funktionär; er hatte in den dreißiger Jahren für den BB-Apparat der KPD bzw. für einen sowjetischen Apparat in Berlin Industriespionage betrieben; arbeitete nach dem Krieg weiter für den MWD/KGB u.a. als »Tipper« (nachrichtendienstlicher Fachbegriff für Hinweisgeber auf Kontaktmöglichkeiten, Ansprechkandidaten und Werbemöglichkeiten). Prof. Rompe wurde später vom KGB an die HV A übergeben, für die er bis in die achtziger Jahre aktiv war. – Im Zeitraum seiner Kontakte mit Noel Field und Erica Glaser war er (bis 1949) Hauptabteilungsleiter für Hochschule und Wissenschaft in der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung, ab 1946 Professor, später Direktor des II. Physikalischen Instituts der Humboldt-Universität Berlin. – Während Franz Dahlem und Paul Merker sich auf »höchster Ebene« für Fields Übersiedlung in die SBZ einsetzten (vgl. Fußnote 18), lag die Lösung der konkreten Fragen einer beruflichen Existenz und der direkte Kontakt zu Noel Field – wie spätere ZPKK-Untersuchungen feststellten – in den Händen von Leo Bauer und Robert Rompe. In der »Erklärung des Zentralkomitees und der Zentralen Parteikontrollkommission der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu den Verbindungen ehemaliger deutscher Emigranten zu dem Leiter des Unitarian Service-Committee Noel H. Field« vom 24. August 1950, veröffentlicht am 1. September 1950 im »Neuen Deutschland«, wurden jedoch die Namen Rompe und Dahlem nicht genannt: »Leo Bauer und Paul Merker haben sich noch im Jahr 1948 für eine Anstellung Fields in der damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands verwandt.« Vgl. »Erklärung ...«, in: Dokumente der SED. Bd. III, Berlin 1952, S. 197-213, hier S. 211. – Eine beginnende Untersuchung der ZPKK gegen Rompe im Kontext der Field-Affäre, wurde – offenbar auf Weisung der Sowjets – durch Walter Ulbricht persönlich unterbunden (siehe dazu: SAPMO BArch, DY 30/IV 2/4/122). Vgl. auch: Werner Stiller: Im Zentrum der Spionage. Mainz 1986; zur Biographie Rompes siehe: Müller-Enbergs et. al. (Hrsg.): Wer war wer in der DDR, Berlin 2000. [264] Erica Glaser hatte Robert Rompe im September 1945 in Berlin kennengelernt. [265] Im Original »Ziliacus« – gemeint ist: Konnie Zilliacus (1894-1967), britischer Schriftsteller, Journalist und Labourpolitiker, seit den zwanziger Jahren Mitglied im Völkerbundsekretariat, ab 1945 Mitglied des Unterhauses, wurde 1949 wegen Kritik an ihrer Außenpolitik aus der Labour Party ausgeschlossen, 1952 wieder aufgenommen. [266] Mit Seite 61 bricht die gesonderte Zählung der Blätter durch Noel Field wieder ab. [267] Eine »Parteiakte« bzw. Kaderakte von Erica Glaser konnte bisher im KPD-Archiv bzw. in den Beständen des ehem. Zentralen Parteiarchivs der SED nicht gefunden werden. Ihre formelle Mitgliedschaft in der KPD begann – laut glaubhafter Angabe Leo Bauers – im März 1945 in der Schweiz (vgl. Leo Bauer vor der ZPKK/Herta Geffke am 12. Juli 1950, in: SAPMO BArch, DY 30/IV 2/4/114, Bl. 223-255). In der Zeit ihrer klandestinen »Parteiarbeit« beim OSS-Bern bzw. in der OSS-Zentrale in Wiesbaden agierte sie in Abstimmung mit der Parteileitung in der Schweiz (Fritz Sperling) bzw. später der KPD-Zentrale in Frankfurt am Main (Bruno Fuhrmann), ihr Verbindungsmann war Leo Bauer. Zur ungeklärten Frage der Beendigung ihrer Parteimitgliedschaft vgl. die Untersuchung der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) der SED zur »Angelegenheit Field«, Band 1, in: SAPMO BArch, DY 30/IV 2/4/106, Bl. 130ff. [268] Vgl. Fußnote 16. [269] Tonia Lechtman war neben Maria Weiter eine der engsten Vertrauten Fields in der Schweiz; Mitarbeiterin des USC, wurde 1949 wegen ihrer Verbindung zu Noel Field verhaftet und schwer gefoltert, 1954 entlassen und später rehabilitiert. Vgl. den umfangreichen Briefwechsel mit den Fields ab 1957 in: Nachlaß Noel und Herta Field, Budapest, PIL 903f./88 ö.e./I.+II. köt. [270] Vgl. dazu Fußnote 18. [271] Gemeint ist der »1. Weltfriedenskongreß der Kämpfer für den Frieden«, der vom 20.-25. 4. 1949 in Paris stattfand. Auf diesem Kongress traf Field – wie aus späteren Abhörprotokollen der Gespräche zwischen Noel und Herta Field in der ersten Nacht nach ihrer Entlassung (28./29. Oktober 1954) hervorgeht – u.a. eine von der ÁVH nicht identifizierte Person, die in den Protokollen der ungarischen Staatssicherheit als »Jeycki(?)« erscheint. Dabei handelt es sich offensichtlich um den Schweizer Arzt, KP-Mitglied und Spanienkämpfer, François Jäggi, geb. 1913. Vgl. dazu: TH-Archiv, I/107-a (V-142755/1), Bl.162. Im Abhörbericht der Unterabteilung IX/8 des Innenministeriums vom 11. November 1954 (»Streng Geheim! Betrifft: Beobachtung der Linie 220/Noel H. Field«) heißt es: »Später [...] kommen sie auf das von Krivitsky herausgegebene Buch zu sprechen. Field erzählt, in Übereinstimmung mit seiner früheren Aussage, daß er auf dem Friedenskongress in Paris Jeicky /?/ getroffen habe, dem er von seinem Plan der Übersiedlung nach Prag berichtet habe und dies mit den gegen ihn erhobenen Anklagen des House Committee on Un-American Activities begründete. Jeicky habe darauf erwidert, daß dies die Schweizer nicht überraschen würde, da sie in Krivitskys Buch dem Namen Field bereits begegnet seien.« In: TH-Archiv, I/107-h (V-142755/8), Bl. 67. – Bei Krivitskys Buch handelt es sich um: Walter G. Krivitsky: In Stalins Secret Service: An Exposé of Russia's Secret Policies by the Former Chief of the Soviet Intelligence in Western Europe. London; New York: Harper, 1939. Fields Name wird darin jedoch nicht erwähnt! [272] Handschriftliche Ergänzung von Noel Field am Seitenende in eckigen Klammern. [273] Hermann Field, vgl. Fußnote 57. [274] Dr. Elsie Doob, Ärztin in Urbana / Ill.; sie war neben der Frau Hermann Fields, Kate, diejenige, die sich unermüdlich für die Aufklärung des Schicksals der verschwundenen Fields einsetzte. Vgl. neben vielen anderen ihren Brief an den ungarischen Parteichef Mátyás Rákosi vom 10. Oktober 1954, in welchem sie die Freilassung ihres Bruders und ihrer Schwägerin forderte, in: Nachlaß Noel und Herta Field, Budapest, PIL 903 f./53 ö.e., Bl. 1-6. [275] Wie spätere Dokumente zeigen, wurde Noel Field bis kurz vor seiner Haftentlassung am 17. November 1954 über das Schicksal seiner Frau (von der er lediglich wußte, daß sie ebenfalls von der ungarischen Staatssicherheit verhaftet worden war) im unklaren gelassen. – Vgl. dazu Fields Brief an seinen ÁVH-Vernehmer (»Lieber Genosse Untersuchungsrichter!«) vom 20. Juni 1954, in dem er u.a. schreibt: »Ich habe mich nach langem inneren Kampf entschlossen, eine Frage an Sie zu richten. Vor mehreren Jahren fasste ich zwar den Beschluss, diese Frage nie wieder zu stellen, teils weil ich mich nicht darauf verlassen konnte, dass man mir die Wahrheit sagen werde, teils, weil ich mich vor der Antwort fürchtete und es für besser hielt, im Ungewissen zu bleiben. [...] Vielleicht ist es auch jetzt für mich besser, nichts zu wissen. Aber in allen Verhören und bei allem, was ich schreibe, steht diese eine Frage wie ein Gespenst zwischen uns. Auch habe ich das Vertrauen, dass Sie mir entweder die Wahrheit sagen werden oder mir mitteilen, dass Sie nicht antworten können. [...] Ich stelle die Frage schriftlich, um einen gegenseitig peinlichen Auftritt zu vermeiden, auch, um nicht schon aus Ihrem Gesichtsausdruck die Antwort zu erraten. Ich bitte Sie deshalb auch, mir die Antwort schriftlich zu geben, damit ich sie lesen kann, wenn ich allein bin. Es genügt ein einfaches »Ja« oder »Nein«. Die Frage ist: Lebt meine Frau oder lebt sie nicht? [Unterschrift] Noel H. Field. P.S.: Damit Sie verstehen, was diese Frage gerade für mich für eine Bedeutung hat, füge ich hier die wichtigste Tatsache meiner ganzen persönlichen Autobiographie hinzu – ich habe in meinen Aussagen nur andeutungsweise davon gesprochen –: dass ich von meinem 9. Jahr an – also schon über 40 Jahre – ein und dieselbe Frau geliebt habe.« TH-Archiv, Untersuchungsakte Noel H. Field, I/107-a (V-142755/1), Bl. 306. – Vor dem Hintergrund dieses Zitats, und angesichts der Tatsache, daß er während seiner Haftzeit streng isoliert war, bleibt unklar, was er mit obiger Aussage über das Schicksal seiner Frau ausdrücken will. Möglicherweise lebte er in der Befürchtung, daß seine Frau einer ähnlichen physischen Folter ausgesetzt gewesen war, wie er selbst im Sommer 1949. Herta Fields bruchstückhaft überlieferter, nicht datierter Bericht über ihre Hafterlebnisse läßt darauf schließen, daß sie nicht körperlich mißhandelt wurde, sondern verschiedenen Arten psychischer Folter ausgesetzt war. Vgl. Herta K. Field: »Was ich von meinem Mann weiss, oder zu wissen glaube, seit meiner Verhaftung an der slowakisch-ungarischen Grenze, Ende August 1949.« In: TH-Archiv, Untersuchungsakte Herta K. Field, I/106-a (V-142754), Bl. 73-86. [276] Nina Foote (Field) starb am 31. Juli 1947.

JHK 2002

Stalinismus und Widerstand in Polen – Die Affäre Lipski und die Neugründung der Kommunistischen Partei Polens

Bernhard H. Bayerlein

Eines der düstersten Kapitel der Stalinschen »Machttechnologie« (Foucault) betrifft die Geschichte Polens und der Kommunistischen Partei Polens in der Zwischenkriegszeit. Stalins Allianz mit Hitler als Präludium zum Zweiten Weltkrieg besiegelte auch die Unterjochung des polnischen Volkes mitsamt der in Polen lebenden nationalen Minderheiten (ausgenommen die deutsche Minderheit). Ostpolen war das Pfand der Allianz mit Hitler. Kurz zuvor wurde in einem beispiellosen Akt des Terrors und der Verstiegenheit politischer Herrschaft, an dem Dimitroff als Generalsekretär der Komintern seltsam unbeteiligt scheint, die KP Polens aufgelöst (»liquidiert«). Als vorgeschobene Begründung diente das Argument, sie sei in der Hand von »Provokateuren und Agenten«. Ein ähnliches Schicksal erlitten die Kommunistische Partei Westbelorußlands und die Kommunistische Partei der Westukraine. Dimitroff war für die Auflösung der Kommunistischen Partei Polens und die Massaker an polnischen Kommunisten mitverantwortlich. Die Auflösung dieser multinationalen Partei mit starkem ostjüdischen und ukrainischen Einfluß war Teil der Vorbereitungen des Stalin-Hitler-Pakts, der für die kommunistische Partei und die in die Zange der beiden Diktaturen genommene polnische Nation in ihrer staatlichen und historischen Gestalt ein gewaltsames Ende bedeutete. Stalin hatte ein Verdikt gefällt. Wie Dimitroff in seinen Tagebüchern authentisch überliefert, sprach Stalin in zynischer Weise Polen als eine Art kollektiv-krimineller Nation das Existenzrecht ab. Wie aufgrund neuerer polnischer und russischer Veröffentlichungen deutlicher wird[1], gab es in Polen einen Widerstand nicht nur gegen den Nationalsozialismus und die deutsche Besatzung, sondern auch gegen den in Moskau geplanten Vernichtungsfeldzug gegen die kommunistische Partei und ihre Mitglieder. Die folgende biographische Skizze beleuchtet die Affäre Lipski, die politische Biographie eines polnischen Kommunisten, der, wie sich nun herausstellt, diese doppelte Widerstandstradition verkörpert. Die multinationale und seit ihrer Gründung internationalistisch orientierte KP Polens[2] mit ihrer starken polnischen, jüdischen und ukrainischen (Ruthenen) Anhängerschaft[3] paßte in der Tat nicht in das politische Kalkül des »großen Hausherrn« (Chosjajn) in Moskau.[4] Ihre als »Auflösung« bürokratisch umschriebene Vernichtung endete mit der Ermordung Tausender kommunistischer Mitglieder und Kader, darunter fast aller 37 ZK-Mitglieder und der alten Führungsgarde, von denen die meisten in die Sowjetunion geflohen waren.[5] Darunter waren der über 60 Jahre alte Warski, ein Mitstreiter Rosa Luxemburgs, Maria Koszutska (Kostrzewa), der langjährige Generalsekretär Julian Leszynski (Lenski) und der Leiter der Bauerninternationale Tomasz Dabąl (Dombal). Ausnahmen waren die (insofern glücklicherweise) vom polnischen Militärregime inhaftierten Mitglieder wie der spätere Generalsekretär der PVAP[6], Władysław Gomułka. Das Vorgehen gegen die polnischen Kommunisten unterscheidet sich von den Mechanismen des Terrors, die gegen einzelne Personen oder ganze Gruppen von Mitarbeitern der Länderparteien oder der Komintern gerichtet waren. Es ging um die methodisch-systematische Auslöschung einer traditionellen Partei und damit zugleich einer spezifischen Denkart, einer Kultur des Denkens. Dem »Politozid« fielen Tausende zum Opfer.[7] Das durch polnische Historiker veröffentlichte Zahlenmaterial ergibt, daß von den 17 302 erfaßten Parteimitgliedern im Januar 1936 3817 als KPP-Emigranten in der Sowjetunion registriert waren. Von diesen knapp 4000 Personen, die nicht einmal die in die KPdSU (b) überführten enthielt, haben, wie Nazarewicz ermittelt hat, nicht mehr als 100 überlebt.[8] Parallel zum gezielten politischen Massenmord erfolgten in Abstimmung zwischen Stalin, Ježov und Berija die sogenannten »nationalen Operationen« zur »Zerschlagung der Spionage- und Sabotagegruppen«, die alle Polen betraf. Im Januar 1938 monierte Ježov, daß noch immer 20 000 bis 30 000 Polen in der Sowjetunion in Freiheit lebten. Bereits am 11. August 1937 hatte Ježov die Verhaftung aller Flüchtlinge aus Polen verfügt. Zirka 65 000 von insgesamt 134 519 Polen wurden daraufhin im Rahmen einer »außergerichtlichen und vereinfachten Prozedur« bis 1938/1939 abgeschlachtet.[9] Mechanismen einer Liquidierung   Ein kleiner Kreis um Stalin, dem neben den Verantwortlichen des NKVD von der Komintern Dimitroff, Moskvin und Manuil'skij angehörten, brachte diesen Mechanismus in Gang, den wir im Rahmen der vorliegenden biographisch orientierten Skizze nur in seinen Hauptetappen umreißen können. Im November 1937 wurde in Moskau via Geheimbeschluß der KPdSU (b) die Liquidierung der KP Polens beschlossen.[10] In Dimitroffs Tagebüchern[11] findet sich unter dem 23. 11. 1937 folgender Eintrag: »In ›Wolynskoje‹. Man[uilski], Kuus[inen], Pieck (Beschluß über die Auflösung der Kommunistischen Partei Polens.).[12] Dimitroff sandte daraufhin den Entwurf einer Resolution des Präsidiums des EKKI an Stalin, er beabsichtigte, einen »offenen Brief« an die Mitgliedschaft der KP vorzubereiten, der den ungewöhnlichen Schritt »erklären« sollte. Doch ein solcher Brief wurde nie abgeschickt. Dafür schrieb am 2. 12. 1937 Stalin an Dimitroff, die Auflösung der KP Polens erfolge zwei Jahre zu spät. Sie müsse jetzt unbedingt durchgeführt werden.[13] Zugleich verstärkte sich der sowjetische Druck auf Polen. So beschloß das Politbüro des ZK der KPdSU (b) am 31. 1. 1938, daß polnische Überläufer, d. h. polnische Bürger, die auf der Flucht aus Polen die Grenze zur Sowjetunion illegal überschreiten, zu erschießen seien.[14] In der Kominternpresse war die Rede von einer erfolgreichen Unterwanderung der Partei durch »trotzki­stische Agenten« (Februar 1938).[15] Die blutige »Säuberung«, die allerdings wie eine »normale« Parteisäuberung »von unten« aussehen sollte, setzte im März 1938 ein. Am 8. 4. 1938 begann unter der Leitung des Bulgaren und Dimitroff-Vertrauten Anton Ivanov (Ps.: Bogdanov) und des Polen Bolesław Molojec in Paris und Spanien eine Initiativgruppe der Komintern, die Exilstrukturen der KP Polens (»Pariser Gruppe«) und die polnischen Freiwilligenverbände im spanischen Bürgerkrieg aufzulösen.[16] Die ersten polnischen Kommunisten wurden nach Moskau beordert, die meisten von ihnen dort exekutiert.[17] Auf Weisung Stalins an Dimitroff wurde der Beschluß und seine Ausführung geheimgehalten. Erst am 12. 7. 1938 wurde das Verfahren durch einen Beschluß des ZK der KP Polens (Veröffentlichung am 16. 8. 1938) zumindest notdürftig formalisiert (wie wir noch sehen werden, ist dieser Beschluß nicht einstimmig erfolgt). Am 29. 7. 1938 wurde in Moskau Pjatnickij erschossen; ebenso der langjährige Leiter des Mitteleuropäischen Ländersekretariats der Komintern (MELS), der Lette Knorin, und der Parteiführer Lénski als Angehöriger einer »rechtstrotzkistischen Antikominternorganisation«. Am 12. 7. 1938, also dem Tag, an dem die Fünfergruppe ohne Lipski die Auflösung beschloß, hatte dieser bereits ein Kommuniqué herausgegeben. Die Nachricht, die Komintern habe die Partei aufgelöst, wurde hierin als falsch bezeichnet.[18] Schließlich bequemte sich auch das formal höchste Gremium der Komintern zu einer Stellungnahme. Ein entsprechender nachträglicher Beschluß des Präsidiums des EKKI vom 16. 8. 1938 bleibt allerdings kryptisch. Er erfolgte in sogenannter fliegender Abstimmung unter sechs von 18 Mitgliedern (!) dieses ranghöchsten Leitungsorgans der Komintern (Kongresse waren schon längst abgeschafft). Unterzeichner waren neben Dimitroff Manuil'skij, der Geheimdienstverantwortliche Moskvin-Trilisser, der Finne Kuusinen, der Deutsche Florin und der Italiener Togliatti. Der streng geheime Beschluß der Komintern gegen »Spionage, Diversion und Provokation« liegt nun in polnischer und deutscher Sprache vor.[19] Dieser Beschluß löste einen weiteren in seiner Auswirkung brutalen Mechanismus aus. Von nun an wurde jede Person, die sich auf die Mitgliedschaft in der KP berief, automatisch zum »Provokateur«. Zur Umsetzung der Entscheidung wurde in Paris, das Durchgangsstation für hunderte polnischer Kommunisten und Freiwilliger des spanischen Bürgerkriegs war, eine von »Jean« (d. i. Anton Kosinarov Ivanov, Ps. Bogdanov) geleitete Troika eingesetzt, der als Mitglieder »Franc« (d. i. Jan Sobecki), »Chilek« (d. i. Chil Szraga) und »Kowacsek« (d. i. Stefan Duchlinski) angehörten.[20] In Polen selbst wurde zu diesem Zweck ein Fünferkomitee (»quintette«) eingesetzt, dem auch Lipski (Ps.: Lukacz) angehörte. Komintern und sowjetische Dienste ergänzten dieses Netzwerk. Lipskis antistalinistische Überzeugung   Bisher kaum bekannt (und auch in den Dimitroff-Tagebüchern nicht notiert) ist, daß polnische Kommunisten gegen die Auflösung opponierten, ja den Moskauer Beschluß konterkarierten. Briefen aus dem Land zufolge gab es sogar zwei Gruppen, die sich gegen den Beschluß stellten, neben einer Gruppe von »Lukasz und anderen« (d. i. Lipski) auch die von »Zygmunt und anderen«.[21] Der ehemalige Parteisekretär Leon Lipski, ein Mitglied des polnischen Fünferkomitees, sprach sich kategorisch gegen die Auflösung aus, er ging (zu dieser Zeit noch) davon aus, daß die Komintern einen solchen Beschluß nicht gefaßt haben konnte. Der 1902 im Dabrowie Bassain geborene Lipski war mit 18 Jahren Mitglied der KP Polens, verantwortliche Funktionen nahm er zuerst als Sekretär des Stadtteilkomitees von Zaglebie, dann als Sekretär des Regionalkomitees Poznan und ebenso des Warschauer Regionalkomitees und schließlich 1937 als Leiter des nationalen Sekretariats ein. Er nahm am V. und VI. Parteikongreß teil. Seit 1933 war er in Moskau im Apparat der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) tätig, zwischen 1922 und 1938 verbrachte er sieben Jahre in polnischen Gefängnissen. Ab 1937 war er vermutlich unter den schwierigen Bedingungen in Polen wichtigster Parteifunktionär im Lande selbst. Lipski hatte zwei Brüder, Ludwig und Antoni, die als Mitglieder der KP Polens 1937 und 1938 vom NKVD verhaftet und erschossen wurden. Dies konnte er jedoch zu dieser Zeit nicht wissen, Stalins Geheimbefehle waren ihm ebensowenig bekannt. Nach Lipskis Ablehnung des Auflösungsbeschlusses kam die polnische Führungsgruppe ohne ihn zusammen und befolgte unterwürfig die Moskauer Vorgaben. Doch er gab sich nicht geschlagen, sammelte eine Reihe polnischer Kommunisten um sich, forderte Maßnahmen zum Schutz der polnischen Kommunisten vor der Repression in der Sowjetunion und rief zur Vorbereitung einer nationalen Konferenz der Partei auf, um den Mitgliedern zu ermöglichen, über die Auflösung abzustimmen.[22] Mit einigen Dutzend, vielleicht sogar mehr als hundert polnischen Kommunisten gründete er später trotz und gegen die Liquidierungspolitik Stalins und der Komintern eine (illegale) Kommunistische Partei Polens. Lipski verfaßte einen Appell gegen die Auflösung, in dem er u. a. auch den (inzwischen in Moskau erschossenen) Lénski gegen die Moskauer Beschuldigungen verteidigte. Insgesamt sei – so Lipski – die neue Kominternlinie fundamental gegen die Interessen einer kommunistischen Politik für Polen gerichtet. Gewisse Eintragungen in Dimitroffs Tagebuch lassen 1938 allerdings partielle Widersprüche in der Kominternpolitik erkennen, die noch nicht völlig auf das brutale Kalkül Stalins abgestellt war. So versuchte Dimitroff, als Reaktion auf das Münchner Abkommen gegen die Appeasement-Politik der westlichen Demokratien angesichts der Agressionspolitik Hitlers, die Position Polens zu stärken. Wohl letztmalig erhielt Polen damit im Rahmen einer antifaschistischen Strategie eine Funktion zugewiesen, bevor ihm Stalin die Existenzberechtigung kurzerhand absprach. Die Unabhängigkeit Polens – so Dimitroff – müsse geschützt werden. Zu diesem Zweck sollte Bogdanov schnellstens ins Land geschickt werden, die Initiativgruppe sei entsprechend anzuleiten. Verteidigung des unter dem Druck Hitlers stehenden Polen auf der einen Seite, Liquidierung der kommunistischen Partei auf der anderen. Als Folge dieses Spagats instruierte der »Steuermann der Komintern« (so hatte Stalin Dimitroff halbironisch tituliert) seine Sekretäre Manuil'skij und Moskvin folgendermaßen: »Einen Appell an die Arbeiterklasse wegen der Auflösung der kommunistischen Partei vorbereiten. Darauf hinweisen, daß die kommunistische Bewegung in Polen durch die Auflösung der kommunistischen Partei nicht liquidiert ist, sondern im Gegenteil nach der Vertreibung der Agenten der Defensive aus ihren Reihen Bedingungen für ihr wahres Wachstum und ihre Entwicklung entstehen.«[23]     »Teufelspakt« zwischen Hitler und Stalin – Pfad zum Zweiten Weltkrieg   Mit dem Stalin-Hitler-Pakt vom 20/21. 8. 1939, dem geheimen Zusatzprotokoll, das den Antifaschismus der Komintern definitiv ad acta legte, wurde die Liquidierung Polens und der Beginn des Zweiten Weltkriegs antizipiert. Zwei Tage nach der Bekanntgabe des Paktes erhielten die Kommunistischen Parteien neue Instruktionen für diese ungewohnte Situation. Sie sollten nun gegen den imperialistischen (in erster Linie durch den englischen Imperialismus drohenden Krieg (!) agitieren und zugleich die verräterische Politik der Sozialdemokratie denunzieren. Das (paranoiahafte) antisozialdemokratische und antiwestliche Leitmotiv hatte sich definitiv durchgesetzt, aller Realität zum Trotz. Dafür erntete der Kremlherr Goebbels Lob. Über einen Izvestija-Artikel Ždanovs, in dem England als »Kriegsbrandstifter« tituliert wurde, äußerte sich der nationalsozialistische Propagandaminister in seinem Tagebuch: »Er kommt uns im Augenblick außerordentlich zupaß und wird mit Dankbarkeit vermerkt. Die Russen haben bis jetzt alle Versprechungen gehalten.«[24] Der lange vorbereitete Krieg begann mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen am 1. 9. 1939. Angesichts »außergewöhn­licher Schwierigkeiten« und offensichtlicher Argumentationszwänge bat Dimitroff – wie er es in solchen Situationen immer tat – fünf Tage nach der Invasion Polens um ein Gespräch mit Stalin. Am 7. September erklärte ihm der »große Hausherr« des Kreml, es sei »nicht schlecht«, wenn Deutschland die Lage der reichsten kapitalistischen Länder (vor allem Englands) ins Wanken brächte. Jeden Unterschied zwischen faschistischen und demokratischen Staaten erklärte er kurzerhand für Unsinn. Das Todesurteil für Polen war gesprochen. Unter solchen Bedingungen wirke sich auch das Verschwinden der polnischen Nation positiv aus: »Was ist Schlechtes daran, wenn wir im Ergebnis der Zerschlagung Polens das sozialistische System auf neue Territorien und die Bevölkerung ausdehnen.«[25] Am 17. 9. 1939 machte Stalin durch die Besetzung Ostpolens deutlich, was er im Gespräch mit Dimitroff gemeint hatte. Die Invasion, die nicht nur in der PPS[26] blankes Entsetzen hervorrief, wurde von der sowjetischen Regierung mit dem »Schutz von Leben und Eigentum der blutsverwandten Bevölkerung der Westukraine und Westbelorußlands« begründet.[27] De facto durfte es ein »Restpolen« nicht mehr geben. Zugleich gab die Komintern den Antifaschismus und die Volksfrontpolitik definitiv preis: »Die Kommunistischen Parteien, besonders Frankreichs, Englands, Belgiens und der Vereinigten Staaten Amerikas, welche im Gegensatz zu dieser Einstellung auftraten, müssen sofort ihre politische Linie ändern«[28], hieß es in den Komintern-Instruktionen.     Lipskis Widerstand gegen Nationalsozialismus und Stalinismus   Lipski hatte sich nach Kriegsausbruch bei der Armee gemeldet, doch als gerichtlich verurteilter Kommunist wurde er abgelehnt. Nach dem Schock des 17. September floh er nach Białystok. Dort wurde er nach offen vorgetragenen Aufforderungen an seine Landsleute, ins Land zurückzukehren und Widerstand zu leisten, vom NKVD verhaftet und in das Gefängnis Minsk verbracht. Vermutlich gelang ihm die Flucht, als die Gefangenen aufgrund des deutschen Vormarsches weiter nach Osten verlegt wurden. Er kehrte illegal nach Warschau zurück und öffnete aus Tarnungsgründen ein kleinen Laden. Mit Sczot Jerzy und Anselm Konstanty gründete er nun (vermutlich 1940 oder 1941)[29] die Kommunistische Partei Polens, die trotz deutscher Besatzung und Moskauer NKVD-Über­wachung eine literarisch-politische Monatszeitschrift mit dem Titel Lewą Marsz (Marschiere links) herausgab (nachgewiesen werden konnten die Ausgaben 2 bis 7 für den Zeitraum Dezember 1942 bis Dezember 1943, Chefredakteure waren Teofil Glowacki und Stanislaw Ryszard Dobrowolski).[30] In dieser Publikation wurden die Unterdrückung durch das NKVD sowie die linksradikale und prinzipienlose Politik der Komintern kritisch analysiert. Auch die Gründe für die ungerechtfertigte Auflösung der KP Polens wurden thematisiert. Angesichts der spezifischen außenpolitischen Interessen Moskaus könne eine eigene polnische Stimme im Namen des Kommunismus nur schaden. Außerdem trage die Einschätzung der internationalen Situation durch die Komintern mit ihren »Zickzacks« zur Deprimierung der polnischen Arbeiter bei. Es sei notwendig, im Kampf gegen die deutschen Besatzer eine selbstbestimmte, sowohl von inneren wie äußeren Einflüssen unabhängige sozialistisch-revolutionäre Partei zu schaffen, die die Arbeiter zum Kampf für die Unabhängigkeit Polens und den Sozialismus anleiten könne.[31] Die von Lipski neu gegründete KP Polens führte Widerstandsaktionen gegen die deutsche Besatzung durch. Wie die russischen Historiker Lebedeva und Narinskij schreiben, »intervenierte [sie] gegen die deutschen Eindringlinge und sprach sich für eine von Moskau unabhängige Politik der KP Polens aus. Die Besatzungsautoritäten sahen in ihr eine der für sie gefährlichsten Organisationen.«[32]     Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion: Die Todesmaschinerie läuft weiter   Über die kominternoffiziellen Aktivitäten in der Zwischenzeit liegen nur spärliche Informationen vor. Sicher ist, daß Dimitroff (wohl in Zusammenarbeit mit dem NKVD) das Schicksal der versprengten polnischen Kommunisten weiter verfolgte. In einem Beschluß des Organisationsbüros des ZK der KPdSU(b) war die Rede davon, daß er eine »Notiz […] über die ehemaligen polnischen politischen Gefangenen und die ehemaligen Mitglieder der KP und des KJV[33] Polens« verfaßt hatte. Für diese Notiz interessierte sich auch der Leiter des NKVD, der todbringenden Instanz par excellence. Das Organisationsbüro forderte Dimitroff am 20. 8. 1940 auf, diese Notiz »Gen. Berija zur Prüfung vorzulegen«.[34] Zwar war die Welle der Massenverhaftungen abgeebbt, doch wurden auch weiterhin »verdächtige« Personen, darunter nicht nur Lipski, sondern auch der Dichter Władysław Broniewski und die Schriftsteller Aleksander Wat und Marian Czuchnowski von sowjetischen Behörden verfolgt.[35] Nach der Wende des Jahres 1941 wurde die sowjetische Politik erneut fundamental umgestellt. Stalin hatte bis zum Tag des Überfalls auf die Sowjetunion gezögert, die Zusammenarbeit mit Hitler aufzugeben. Eines seiner Hauptaugenmerke galt nun wiederum Polen, um das durch die Liquiderung der KP geschaffene Vakuum aufzufüllen. Zu diesem Zweck erfolgte unter Dimitroffs Anleitung der Aufbau der PPR (Polnische Arbeiterpartei)[36] als Partei neuen Typs, die mit Waffen, Personal und Geld unterstützt wurde. Allerdings gelang es nicht, die Beziehungen zur Exilregierung von Władysław Sikorski[37] zu stabilisieren (»Katyn«).[38] Ein Krisenzeichen für die PPR war die Ermordung ihres ersten Parteiführers Nowotko und die anschließende Exekutierung seines Stellvertreters Molojec durch die verbliebenen Parteiführer, über die Dimitroff erst nach Vollzug informiert wurde. In seinem Buch über die polnische Volksarmee hat Ryszard Nazarewicz auch Quellen des antikommunistischen Nachrichtendienstes der polnischen Armee auswerten können, die Aufschluß über die Tätigkeit Lipskis nach der deutschen Invasion der Sowjetunion geben. In einem Bericht vom 18. 4. 1942 wird Lipski als »einer der wichtigsten kommunistischen Führer vor dem Krieg« bezeichnet. Eine Rede auf einer Versammlung des Warschauer Straßenbahnpersonals wird folgendermaßen zitiert: »Die gesamte Bauernbewegung und die Intelligenz müssen sich vereinen im Kampf gegen den Nationalsozialismus und zur Unterstützung der Sowjetunion. […] Aus diesem Grund muß man den russischen Fallschirmspringern und den Kriegsgefangenen helfen, Guerilla-Abteilungen zu bilden, militärische Ziele zu zerstören usw. Es handelt sich um einen gemeinsamen Kampf zur Befreiung der Menschheit […]«[39] Seit Herbst/Winter 1941 wurden verstärkt sogenannte Initiativgruppen (zum Aufbau der Polnischen Arbeiterpartei) mit konkreten Aufträgen hinter die Linien nach Polen entsandt. Nowotko, Molojec und Finder waren Mitglieder der ersten Parteigruppe, die nach einem Gespräch mit Dimitroff am 29. 8. 1941 die provisorische Führung einer neuen Arbeiterpartei innerhalb des Landes schaffen und mit einem kommunistischen Programm ausgestattet, jedoch formal nicht mit der Komintern verbunden sein sollte. Ende Dezember trafen Nowotko, Finder und Molojec zur Formierung der PPR ein.[40] Im Laufe des Jahres 1942 folgten systematischere Instruktionen für eine gezielte Partisanentaktik und einen (wenn auch sehr vorsichtigen) Aufbau der neuen Partei.[41] Die Nachricht über die Ermordung Nowotkos angeblich auf Anordnung von Bołesław Molojec (am 28. 11. 1942) so­wie wiederum dessen Ermordung durch die Freunde Nowotkos hat Dimitroff sichtlich schockiert. Bis heute sind die Hintergründe dieses Dramas in den Spitzen des polnischen Widerstands nicht geklärt.[42] Während diese Ereignisse in den Dimitroff-Tagebüchern relativ breit notiert werden, bleibt Lipski ungenannt. Die Einträge aus den Jahren 1942 beziehen sich auf die Kontakte zu Finder und betreffen den Partisanenkampf und das Programm der Arbeiterpartei, das Dimitroff scharf kritisiert hat. Die militärische Abwehr berichtete derweil aus dem Generalgouvernement über eine kämpfende oppositionelle Gruppe unter Lipski, die sich den Namen Kommunistische Partei Polens gegeben habe. Lipski soll versucht haben, Mitglied der PAP zu werden, doch aufgrund der seinerzeitigen Appelle gegen die Auflösung der KP Polens durch die Komintern sei er nicht zugelassen worden.[43] Dimitroff wurde von den höchsten Spitzen des NKVD über den Fall Lipski informiert,[44] was die Vermutung nahelegt, daß Lipski und seine Organisation auch für die nach Stalingrad erneut geänderten Planungen Stalins eine Gefahr darstellten. Der mit seinem Namen verbundene Affront gegen die sowjetische Politik konnte nicht ungesühnt bleiben. Am 28. 2. 1943 wandte sich Pavel Fitin, der Leiter der Auslandsabteilung des NKVD, schriftlich an Dimitroff und informierte ihn recht ausführlich über Lipski. Seine Sicht über dessen Aktivitäten gab er folgendermaßen wieder: Lipski habe unter der Bezeichnung Kommunistische Partei Polens eine »antisowjetische Organisation« gegründet, die eine Zeitung Lewą Marzs herausgebe und gegen die Komintern eine ausschließlich polnische Arbeiterpartei gründen wolle, die den Kampf gegen eine mögliche sowjetische Okkupation führen solle. Fitin fuhr fort: »Die Deutschen halten diese Organisation für eine der ihnen am feindlichsten gesinnten. Lipski und seine Gruppe nehmen gegenüber der Regierung Sikorski eine feindliche Haltung ein, obwohl sie ihn offiziell anerkennen, denn sie streben an, nach dem Krieg ihre eigene Regierung zu bilden.«[45] Lipski habe sich im Jahre 1938 mit einem Appell an die ehemaligen Mitglieder der KP Polens gerichtet, in dem er dazu aufforderte, die Entscheidung der Komintern, die Partei aufzulösen, nicht umzusetzen. Dimitroff lieferte Fitin am 6. 3. 1943 seinerseits negative Einschätzungen von Lipski, die wohl aus dem Kaderarsenal der Komintern stammten. Lipski sei – so hieß es – als Trinker (!) und moralisch unzuverlässiges Element bekannt. Bei den Genossen genieße er keinerlei Autorität, die Partei, die Komintern und das NKVD hätten zahlreiche ihn »entlarvende Denunziationen« erhalten.[46] Unschwer läßt sich erkennen, daß es sich bei der Replik Dimitroffs de facto um eine Zustimmung zur physischen Liquidierung Lipskis handelte. Das »politische« Urteil sprach Pawel Finder in Polen – es erschien somit als Ergebnis eines innerparteilichen Meinungsbildungsprozesses. Ein erster Vorschlag, Lipski bei der Gestapo zu denunzieren, wurde nicht umgesetzt. Es wäre dann schwierig gewesen, ihn post mortem als Gestapo-Agenten darzustellen. Eine am 19. 3. 1943 über Polen abgesprungene Gruppe der russischen Dienste nahm in Warschau Kontakt mit Finder[47] auf, u. a., um die Modalitäten der »Behandlung« Lipskis festzulegen. Am 21. Juni 1943 schließlich drangen drei Angehörige der »Gwardia Ludowa«[48], des bewaffneten Teils der im Januar 1942 rekonstituierten Polnischen Arbeiterpartei (PPR), in den Laden ein, den Lipski in Warschau unter dem Namen Stanislas Lebkowski betrieb, und ermordeten entsprechend ihrem Auftrag einen »Gestapoagenten«, bei dem es sich um Lipski handelte.[49] Leiter der Gruppe soll Franciszek Józwiak gewesen sein.[50] Zu dieser Version will allerdings nicht unbedingt passen, daß der vermeintliche Mörder, Franciszek Prozel, selbst wenige Wochen später von der Gestapo ermordet wurde, nachdem er vermutlich als Mitwisser denunziert worden war. Zwischenzeitlich hatte sich ein für die kommunistische Bewegung und den gesamten polnischen Widerstand folgenreicher Bruch zwischen sowjetisch beeinflußtem und nationalem Widerstand vollzogen. Im April 1943 drangen Informationen über das »Massaker von Katyn« an die Öffentlichkeit. Stalin hatte durch einen Beschluß des Politbüros der KPdSU(b) vom 5. 3. 1940 die Ermordung von 15 000 Angehörigen der polnischen Armee und Polizisten (und darüber hinaus von 11 000 Gefangenen) verfügt.[51] Die verbliebenen Familienangehörigen wur­den nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Auch die Komintern war an der Konterpropaganda-Kampagne beteiligt. Wie aus seinem Tagebuch hervorgeht, übernahm Dimitroff gemeinsam mit der polnischen Rundfunkredaktion in Moskau persönlich die Durchführung einer Kampagne gegen das, was er als »faschistische Provokation« bezeichnete.[52] Nach Bekanntwerden des Massakers, das zum Bruch zwischen der Exilregierung und der sowjetischen Regierung führte, war Dimitroff für die Konterpropaganda der Komintern zuständig. Er versandte entsprechende Instruktionen an die kommunistischen Parteien, in denen er dazu aufforderte, gegen diese »Kampagne im Zusammenhang mit der faschistischen Provokation über die angeblich von der Sowjetmacht umgebrachten polnischen Offiziere in Smolensk«, entschieden einzuschreiten. Über die Ermordung Lipskis wurden die höchsten sowjetischen Stellen und Stalin selbst unterrichtet. Am 9. 7. 1943 übermittelte Dimitroff schriftlich an Stalin, Molotov, Ščerbakov und Merkulov eine chiffrierte Nachricht des ZK der Polnischen Arbeiterpartei, daß das polnische ZK seine Liquidierung als feindlicher Agent beschlossen habe. Dimitroff führte weiter aus: »Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Lukasz Lipski sich durch seine Aktivität der Sabotage unter den Parteimitgliedern wie durch seine öffentlichen Interventionen gegen die Partei in der Presse und in den Versammlungen vollständig als Agent des Faschismus entlarvt hat, der für uns äußerst gefährlich ist, hat das Zentralkomitee beschlossen, ihn zu liquidieren. Dieser Beschuß ist bereits ausgeführt worden. Uns scheint es für den Augenblick nicht ratsam, diese Tatsache publik zu machen.«[53] Aufschlußreich ist auch, daß keine der Lipski betreffenden Ereignisse von Dimitroff als Tagebuchnotiz aufgeschrieben wurden. Lipski wurde am 8. 11. 1963 durch die Kontrollkommission der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei rehabilitiert – seine Opposition gegen den tragischen Beschluß der Parteiauflösung sei, wie es in dem Beschluß hieß, seiner tiefen Verbindung zur Partei geschuldet, es gebe keinerlei Grundlage, die politische Position des Genossen Lipski zu disqualifizieren. Unter welchen konkreten Umständen er ermordet wurde, wurde allerdings nicht gesagt.   Kurzbiographien erwähnter Personen[54]   Dabal (Dombal), Tomasz. Ps.: Chlopski, Tomasz, Ordon, Lasowiak, Niezlomny, Tegeborski, Debur. 1890 Sobów – 1938 Sowjetunion. Polnischer Sozialist, später sowjetischer und Kominternfunktionär. Leiter der Bauerninternationale. 1920 Mitglied der KP Polens. Kommunistischer Abgeordneter im Sejm. 1921–1923 inhaftiert. Nach seiner Freilassung in die Sowjetunion. Dort führend in der Bauerninternationale (Krestintern) bis 1929, wegen seiner Haltung in der Bauernfrage in Lateinamerika kritisiert (Mexiko). 1932–1934 Mitglied des ZK der KP Weißrußlands. Opfer der Stalinschen Säuberungen als angebliches Mitglied des polnischen Nachrichtendienstes.   Finder, Pawel. 17. 9. 1904 Leszcyny, Bielsko-Biala – 26. 7. 1944 Warschau. Ps.: Fritz, Fryc, Fred, Brunon, Mrowiec, Pawel, Paul, Reynot, Robert, Ryszard, Jan Wysocki. Funktionär der polnischen, österreichischen und deutschen Arbeiterbewegung. Seit 1922 Mitglied der KP Österreichs. 1928 aus Frankreich ausgewiesen und nach Polen zurückgekehrt. Seit 1930 Sekretär der KP Polens. Im Herbst 1933 Mitglied des ZK der KP Polens. Leiter des Warschauer Parteikomitees, als solcher Vorgänger Lipskis. Ging 1939 in die von der UdSSR besetzten polnischen Gebiete. Mitarbeiter der MOPR. Seit Juli 1941 in Moskau. Mitbegründer der PPR. Einsatz im Rahmen der Initiativgrupppe in Warschau. 1943 von der Gestapo verhaftet, in das Gefängnis Pawiak gebracht und später erschossen.   Fitin, Pavel Michailovič. 1907 Osogino, Gouvernement Tobolsk – 1971 Moskau. Russischer Kommunist und Geheimdienstoffizier. 1920–1927 in einer Verbrauchergenossenschaft tätig, danach Komsomolfunktionär. 1928–1931 Hochschulstudium. 1934–1935 Armeedienst, 1936–1938 Journalist und Redakteur im Landwirtschaftsverlag. Seit März 1938 Studium an der Zentralen Schule des NKVD in Moskau, Mitarbeiter des NKVD, 1938–1939 als Nachfolger von Dekanozov Leiter der 5. Abteilung der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit, 1939–1946 Leiter der 5. Verwaltung im Volkskommissariat Staatssicherheit, bis 1947 Stellvertretender Bevollmächtigter des Ministeriums für Staatssicherheit der UdSSR in Deutschland, 1947 bis November 1953 Führungsmitglied des NKVD im Gebiet Sverdlovsk bzw. der Kasachischen SSR. In Unehren entlassen. Seit 1959 für die VOKS tätig.   Ivanov, Anton Kosinarov. Ps.: Bogdanov, Ivan Borisovič; Luka; Spiridon; Stareca; Anton. 26. 10. 1884 Koprivčica – 23. 7. 1942 Sofia. Bulgarischer Kommunist, Komintern-Emissär. Vertrauter Dimitroffs. Metallarbeiter. 1904 Mitglied der Tesnjaki (Engherzige), dem linken Flügel der Bulgarischen Sozialistischen Partei in Varna. 1907–1919 Sekretär der Metallarbeiter-Föderation. 1918 Parteisekretär in Sofia (nach DTB 1919 Parteimitglied). 1919 Parlamentsmitglied, 1919–1920 des Hohen Parteirates, November 1920 Mitbegründer der Gewerkschaftlichen Balkan-Föderation. 1922 Mitglied des ZK der BKP(b), im September 1923 Leiter des Revolutionären Aufstandskomitees in Sofia. Nach der Niederlage Verhaftung und Inhaftierung bis 1925. Im sowjetischen Exil seit 1925, Mitglied des Exekutivkomitees der RGI 1928–1930, zugleich als technischer Sekretär für das Auslandsbüro der KPB(b) tätig. Nach dem VII. Weltkongreß der Komintern von Dimitroff mit wichtigen politischen Missionen betraut, 1938–1941 stellvertretender Parteivorsitzender, im Kominternauftrag zur Auflösung der Auslandsorganisationen der KP Polens nach Paris (»Pariser Gruppe«) und Spanien (Internationale Brigaden, Bataillon Dąbrowski) unter Ps. Bogdanov und Jean. Dezember 1940 illegal nach Bulgarien zurückgekehrt, dort Mitglied des PB. Verhaftung durch die Polizei im April 1942, zum Tode verurteilt und erschossen.   Knorin, Vil'gel'm Georgijevič. 17.(29.) 8. 1890 Ligatne – 29. 7. 1938 Sowjetunion. Ps.: Sokolik. Lettischer Kommunist, hoher Funktionär der Komintern und der KPdSU(b). Sohn einer lettischen Bauernfamilie. 1910 Mitglied der sozialdemokratischen Partei Lettlands. Vor dem Ersten Weltkrieg Übertritt zu den Bolschewiki. Während der Oktoberrevolution in der zaristischen Armee. Im Februar 1917 Mitbegründer, im Mai 1917 Sekretär des Sowjets in Minsk. Mitglied des ZK der KP(b) Belorußlands. 1922–1925 Mitarbeit im ZK der KPR(b). Leiter der Informationsabteilung, danach der Agitprop-Abteilung im Moskauer Komitee der KPR(b). 1927/28 Sekretär des ZK der KP Belorußlands. 1928–1925 Sekretär des EKKI, 1929 Leiter des Mitteleuropäischen Ländersekretariats (MELS) in Moskau. 1932 am Institut der Roten Professur Direktor des Instituts für Parteigeschichte. Als Sekretär des EKKI abgesetzt. 1935 stellvertr. Abteilungsleiter im ZK der KPdSU(b). Juni 1937 Parteiausschluß, September 1937 Verhaftung. Nach Schnellverfahren erschossen.   Kostrzewa, Wera (Kostrszewa). Ursprünglich: Maria Koszutska. 2. 2. 1876 – 9. 7. 1939. Ps.: Kocheva. Olga Schwager; Facetka, Wera, M. Zboinska. Polnische Sozialistin und Kommunistin, Opfer Stalins. Als Jugendliche bereits in der Sozialistischen Partei Polens aktiv, auf ihrem linken Flügel. Nimmt 1905 und 1906 an den revolutionären Ereignissen teil. Seit Bestehen Mitglied des ZK der KP Polens. Zeitweise in der Bauerninternationale tätig, wurde zweimal von Stalin abberufen – 1924/1925 nach Stalins Leitung der polnischen Kommission und 1929 auf dem VI. ZK-Plenum. Seit 1930 in der Sowjetunion, dort verhaftet und 1939 im Gefängnis exekutiert.   Leński, Julian (Ps.). Ursprünglich: Leszczyński, Julian. 8. 1. 1889 Plock, Polen – 21. 9. 1937 in der Sowjetunion »liquidiert«. Ps.: G. Julin, Kalina, Laskowski, André Dubois. Polnischer Kommunist, 1925–1937 Mitglied des Exekutivkomitees der Komintern, 1930–1935 Generalsekretär der KP Polens. Arbeiterfamilie, 1905 Mitglied der SDKPiL, Studium in Krakau, 1913 Treffen mit Lenin, zwangsexiliert zusammen mit Dzierżyński, in Rußland Teilnahme an der Oktoberrevolution, dann im Nationalitätenkommissariat der russischen Partei. Lektor an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens, anschl. im Kominternauftrag u. a. in Frankreich 1925 (als Mg. des ZK der KP Frankreichs). Mitglied des ZK des PB der KP Polens (1925), von Stalin und der Komintern gefördert, des EKKI, später auch des Präsidiums. 1929–1937 Generalsekretär, nahm an allen Weltkongressen und den meisten EKKI-Plena teil. 1930–1935 in Moskau, 1936 Leiter des Auslandsbüros der KP Polens (Paris). Nach Moskau zitiert, am 17. 6. 1937 »bei Jezov« (Dimitroff-Tagebücher), vom NKVD verhaftet, angeklagt und erschossen. Broué legt nahe, daß er mit Bela Kun oppositionell zusammengearbeitet hat. Das angebliche Komplott von Leński und Neumann (»Anti-Kominternblock«) diente als Grundlage, um im großen Stil gegen die Komin­tern-Kader vorzugehen. Sein Ausschluß als »Volksfeind« wird erst am 3. 7. 1938 vom Präsidium des EKKI bestätigt. Die biographische Notiz von Peter Huber in: J. Gotovitch, M. Narinskij u. a.: Komintern: L'histoire et les hommes, Paris, Leséditions ouvrières, 2001, 390 ist ungenau und irreführend. Maßgebliche Quellen (bspw. Broué) bleiben ungenannt.   Manuil'skij, Dimitrij Zacharovič, 21. 9. 1883 Svjatec – 22. 2. 1959 Kiev. Ukrainischer und sowjetischer Kommunist. 1903 Mitglied der SDAPR, 1907 Emigration nach Frankreich, 1917 Rückkehr nach Rußland, 1923–1939 Mitglied des ZK der KPdSU(b), seit 1924 des Präsidiums des EKKI, 1928–1943 Sekretär des EKKI, 1928/29 Leiter des WEB, 1929–1933 exponierteste Figur der Komintern. Als Sekretär und Stellvertreter Dimitroffs nach 1935 u. a. für die Kaderabteilung zuständig – leitete mit Moskvin die Säuberungen innerhalb der Komintern, steuerte auch die Repression gegen Emigranten. 1943/44 Mitarbeiter der politischen Hauptverwaltung der Roten Armee, 1946–1953 stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats. 1953 aus Krankheitsgründen von seinen Funktionen entbunden.   Merkulov, Vsevolod Nikolaevič. 1895 Sakataly, Kaukasus – 23. 12. 1953 Moskau. Sowjetischer Kommunist, hoher Staats- und Geheimdienstfunktionär. Seit 1921 im Apparat der OGPU. 1931–1934 Mitarbeiter Berijas im ZK der KP(b) Georgiens, seit September 1938 Führungsmitglied des NKVD der UdSSR. 1943–1945 Volkskommissar für Staatssicherheit, 1947–1953 Minister für Außenhandel bzw. Staatskontrolle. Am 22. 5. 1953 auf Beschluß des Ministerrates der UdSSR für vier Monate aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt, am 18. 9. 1953 verhaftet. Am 23. 12. 1953 von einem Sondertribunal zum Tode verurteilt und erschossen.   Molojec, Bronisław (Bolesław). Ps.: Edward; Edwards. 1909 – 29. 12. 1942. Polnischer Kommunist. 1929 Mitglied der KP Polens. Exil in der Sowjetunion. 1937 verhaftet, vermutlich aufgrund einer Intervention Dimitroffs gerettet. Danach diverse Tätigkeit für die sowjetischen Dienste, u. a. in Frankreich (Unterstützung der KJI) und im spanischen Bürgerkrieg u. a. im Bataillon Dimitroff, Kaderabteilung in Albacete, Chef des Dąbrowski-Batallions, Sekretär der Parteiorganisation der Brigaden, Parteiarbeit an der Ebro-Front, Batallionsschef während des Rückzugs, stellvertretender Brigadechef, Chef der Verteidigung am Ebro, nach dem Rückzug Chef der internationalen Kräfte der 35. Division. 1938 Mitglied der »Pariser Gruppe« zur »Säuberung« der polnischen Kommunisten im westlichen Ausland. Rückkehr in die Sowjetunion, dort Angehöriger des Komitees zur Gründung einer Polnischen Arbeiterpartei. Im Dezember als Mitglied der Initiativgruppe per Fallschirm über Polen abgesetzt. Neubegründer der PPR, beschuldigte dessen Vorsitzenden Nowotko der Zusammenarbeit mit der Gestapo. Nach der Ermordung Nowotkos auf Beschluß der restlichen Führung selbst als »Verräter« umgebracht.   Nowotko, Marceli. 8. 8. 1893 – 28. 11. 1942. Ps.: Max, Marian, Stary. Funktionär der KP Polens und der PPR. Seit 1918 in der kommunistischen Bewegung. 1939–1941 Emigrant in der UdSSR. Gehörte mit Molojec und Finder zur im Dezember 1941 von Moskau aus nach Polen entsandten Initiativgruppe zur Gründung der PPR. 1941 Erster Sekretär des ZK der PPR. Unter ungeklärten Umständen erschossen.   Pjatnickij, Iosif Aronovič. Ursprünglicher Name: Iosif Aronovič Tarsis. 18. 1. 1882 Vil'komir bei Kaunas – 30. 10. 1939 Moskau. Sozialdemokrat und Bolschewik lettischer Herkunft, später ZK-Mitglied der KP Rußlands und Organisationschef der Komintern. Schneider. 1898 Mitglied der RSDAP, 1903 Bolschewik, aktiv beim Transport der Iskra nach Rußland, 1905 Mitglied des Parteikomitees in Odessa, 1917 Sekretär des Parteikomitees in Moskau, 1921 Sekretär des EKKI, 1927 und 1934 ins ZK der RKP(b) gewählt (bis 1937). Bis 1935 die bestinformierte Person über die Komintern, zuständig für die gesamte Organisation in Moskau wie im Ausland und Mitglied des Präsidiums, verantwortlich für die Abteilung für internationale Verbindungen (OMS) und den illegalen Verbindungsapparat. 1938 inhaftiert, Stalin ließ ihn als deutschen Spion denunzieren, Tod im Gefängnis.   Sikorsky, Władysław. 1881–1943. Polnischer General und Politiker. 1939–1943 Premier der polnischen Exilregierung.   Trilisser, Michail. Ursprünglich: Meier Abramovič. Ps.: Moskvin. 1883 – 2. 6. 1940 (offizielles Todesdatum des NKVD). Russe, »Alter Bolschewik«, später hoher Funktionär der GPU bzw. des NKVD und zugleich Kominternfunktionär. Parteimitglied 1901. Wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit in Katorga verurteilt. Ab 1921 diverse Kominterntätigkeiten, zuerst in der Abteilung für internationale Verbindungen. Trat bereits 1923 als Funktionär der GPU gegen die Opposition in der RKP(b) auf. 1926–1930 stellvertretender Leiter der Auslandsabteilung der OGPU, mit Jagoda 2. Mann der GPU hinter Mensinskij. Bereits 1925 Angehöriger einer Mandatprüfungskommission des EKKI. Aufgrund von Beschönigungen in der Biographie Jagodas bzw. »Rechtsabweichung« von Stalin aus dem Amt entlassen. 1931–1934 stellvertretender Volkskommissar der Arbeiter- und Bauerninspektion. Wurde Pjatnickij als oberstem Organisationschef der Komintern beigegeben, was Jagoda immer dann zu tun pflegte, wenn leitende Personen ausgetauscht werden sollten (Orlov). Ab 1935 Nachfolger Pjatnickijs als Leiter der OMS, verantwortlich für die Kaderabteilung des EKKI. 1939 verhaftet.   Warski-Warszawski, Adolf. 1868 Warschau – 1937 Sowjetunion. Ps.: Czerniawski, Jerzy, Jerzynski, Michalowski. Polnischer Sozialdemokrat, Veteran des polnischen Kommunismus und Angehöriger der Komintern. 1889 Mitbegründer der Union der polnischen Arbeiter, später der SDPPL. 1906 Mitglied des ZK der SDPPL, als Gegner der Burgfriedenspolitik ihr Vertreter auf den Konferenzen von Zimmerwald 1915 und Kienthal 1916. 1916–1917 in Deutschland inhaftiert. Anhänger der Oktoberrevolution, 1918 Begründer (mit Walecki und Kostrzewa) der KP Polens, 1923 und 1927 Mitglied des ZK, 1922 Mitglied der EKKI-Delegation auf der Konferenz der Exekutiven der Komintern, der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien und der Londoner Internationale in Berlin, im Präsidium des IV. Weltkongresses der Komintern 1922, nahm Anfang 1924 an den Präsidiumssitzungen des EKKI zur Bilanz des Deutschen Oktober teil, wurde (mit Walecki und Kostrzewa) von der Parteiführung ausgeschlossen, weil er sich gegen das Vorgehen der russischen Parteiführung in Sachen Deutscher Oktober und für die Kritik Trockijs ausgesprochen hatte. 1926 Vorsitzender der Kommunistischen Fraktion im Sejm. 1929 Flucht nach Rußland, arbeitete im Marx-Engels-Institut. Während der Stalinschen Säuberungen umgekommen. [1] Während das Thema nach der Publikation erster Dokumente durch die russischen Historiker Lebedeva und Narinskij zunächst kaum Beachtung fand, wurde es vor kurzem vom polnischen Historiker Ryszard Nazarewicz vertieft und daraufhin von französischen Historikern aufgegriffen. So bspw.: Dziewanowski, M. K.: The Communist Party of Poland. An Outline of History, Cambridge Mass., Harvard University Press, 2nd Ed. 1959. XII. 419 S. (Russian Research Center Studies. 32). Der Fall Lipski wurde u. a. in folgenden Veröffentlichungen erwähnt: Lebedeva, Natal'ja/Mitzner, Piotr: Wyrok na odstępcę, Karta, Warschau (1994), 22, S. 69–91; Lebedeva, Natal'ja/Narinskij, Michail (Hrsg.): Komintern i Vtoroja Mirovaja Vojna. Rossijskaja Akademija Nauk. Instityt Vseobščej Istorii, Gosudarstvennaja Archivnaja Služba Rossii, Rossijskij Centr Chranenija i Izučenija Dokumentov Novejšej Istorii. 2 Bde. Moskva, Pamjatniki Istoričeskoj Mysli. Bd 1: Do 22 Ijunja 1941 g., 1994, 554 S.; Bd 2: Posle 22 Ijunja 1941 g., 1998, 594 S.; Nazarewicz, Ryszard: Armia Ludowa. Dylematy i dramaty, Warschau 2. Aufl. 2000 (1. Aufl. Armii Ludowej dylematy i dramaty, wydawnictwo: Oficyna Drukarska, 1998). Ryszard Nazarewicz ist ehemaliger Widerstandskämpfer und Historiker des Widerstandes der polnischen Linken gegen die faschistische Okkupation und die Unterdrückung durch den Stalinismus (Siehe die Rezension von Werner Röhr, in: Bulletin für Faschismus und Weltkriegsforschung (1999), 13, 108). Außer in Rußland und in Polen selbst wurde der Fall Lipski bisher vor allem in Frankreich (durch Jean Jacques Marie und Pierre Broué) rezipiert. Siehe: Le »non« de Léon Vikenti Lipski (1943), Cahiers du mouvement ouvrier, Paris (1999), 6, S. 99–105; »Léon Vikenti Lipski – fondateur du PC polonais indépendant«, ibid. (1998), 4, S. 139–143; Nazarewicz, Ryszard: Le massacre des communistes polonais. L'affaire Léon Lipsi, Cahiers Léon Trotsky, Grenoble (2001), 73, S. 85–96. In deutscher Sprache siehe die wichtige, allerdings nur schwer zugängliche Broschüre: Nazarewicz, Ryszard: Die Vernichtung der KP Polens im Lichte der Akten des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (Redaktion: Eva Seeber und Manfred Neuhaus), Leipzig, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, 1998. 53 S. [2] Komunistyczna Partia Polski, gegründet am 16. 12. 1918 als Komunistyczna Partia Robotnicza Polski. Zur Geschichte der KP Polens siehe: Kowalski, Józef: Komunistyczna Partia Polski 1935–1939, Warschau 1975; Cimek/Lucjan Kieszynski: Komunistyczna Partia Polski 1918–1938, Warschau 1984; Czubinski, Lucjan: Komunistyczna Partia Polski 1918–1938, Warschau 1985. Maciszewski, Jarema (ed.): Tragedia Komunistycznej Partii Polski, Warszawa, Ksiazka i Wiedza, 1989. 239 pp. [3] Siehe hierzu: Holzer, Jerzy: Zwischen Nationaler Gebundenheit und übernationaler Klassensolidarität. Die Multinationale Arbeiterbewegung im polnischen Staat 1918–1939, Paper, Masch., o. O., o. J. 43 S. [4] Mentalstrukturen und Handlungsmaxime Stalins auf dem Gebiet der internationalen Politik werden in den Dimitroff-Tagebüchern deutlicher. [5] Neben dem zitierten Werk Tragedia KPP gibt R. Nazarewicz an neuerer Spezialliteratur zur Stalinschen Repression gegen Polen und die KP Polens an: Kieszynski, Lucjan: Represje stalinowskie w ZSSR wobec dzialaczy polskiego ruchu robotniczego. In: Oblicza lewicky. Losy idei i ludzi, Warschau 1992, S. 293–357; System Zbrodni, in: Niezalezne pismo historyczne, Karta, Warschau (1993), 11, S. 3–24; Pietrow, Nikita: Polska operacja NKWD, ibid., S. 24–45. [6] Polska Zjednoczona Partia Robotnicza (PZPR). Gegründet 15. 12. 1948 als Vereinigung von PPS und PPR. [7] Die neueren empirischen Aufarbeitungen dieses Komplexes (siehe zu den polnischen Quellen weiter unten) stützen sich in großen Teilen auf die Dimitroff-Tagebücher. Siehe: Firsov, F. I/ Jażborovskaja, I. S.: Komintern i Kommunističeskaja partija Pol'ši [»The Comintern and the Communist Party of Poland«], Voprosy Istorii KPSS (1988), 11, S. 20–35; 12, S. 40–55; Firsov, F. I.: »Mechanism of power realization in the Comintern« . In: Centenaire Jules Humbert-Droz, Colloque sur l'Internationale Communiste, La Chaux-de-Fonds, Fondation Jules Humbert-Droz, 1992. 565 S., S. 449–466; Broué, Pierre: Histoire de l'Internationale Communiste, Paris, Fayard, 1997. 1120 S., besonders S. 707–733. [8] Ryszard Nazarewicz: Die Vernichtung der KP Polens, S. 7. [9] Siehe mit entsprechenden Quellenangaben: Nazarewicz: Die Vernichtung der KP Polens, S. 9. [10] Am 28. 11. 1937 (Siehe: R. Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 87 – vermutlich jedoch früher). [11] Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933–1943. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein. Aus dem Russischen und Bulgarischen von Wladislaw Hedeler und Birgit Schliewenz. 2 Bde. Bd. II.: Kommentare und Materialien zu den Tagebüchern 1933–1943. Herausgegeben von Bernhard H. Bayerlein und Wladislaw Hedeler unter Mitarbeit von Birgit Schliewenz und Maria Matschuk. Berlin 2000, 712 und 773 S. [12] Dimitroff: Tagebücher 1933–1944, I, S. 167. [13] Ibid., II, S. 104f. [14] Ibid., S. 108. [15] L'Internationale communiste, février 1938. [16] Nazarewicz, R.: Le massacre des communistes polonais, S. 87; der zitiert: Maciszewski, Jarema (Red.)/Cimek, Henryk/Firsow, Friedrich/Jazborowska, Inessa/Kieszczynski, Lucjan/Nazare­wicz, Ryszard (Eds.): Tragedia Komunistycznej Partii Polski, Warschau 1989. [17] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, II, S. 112. [18] RGASPI 425/125/40, 19–24. Zit. in: Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 88. [19] Siehe: Nazarewicz: Die Vernichtung der KP Polens, S. 33–37. [20] Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 88. [21] Ibid., 89. [22] Cahiers du mouvement ouvrier, Paris (1999), 6, S. 102f. [23] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, I, 178. Vgl. erneut den Eintrag vom 30. 9. 1938, hier letztmals im Rahmen einer geplanten internationalen Beratung kommunistischer Parteien in Paris mit einer Vertretung der KP Polens. [24] Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und mit Unterstützung des Staatlichen Archivdienstes Rußlands, hrsg. und bearb. von Elke Fröhlich, Teil I, Aufzeichnungen 1923–1941, Bd. VII, München 1998, S. 145f. [25] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, I, S. 273. [26] Polska Partia Socjalistyczna (PPS), Polnische Sozialistische Partei. Gegründet am 17.–23. 10. 1892. [27] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, II, S. 144. [28] Ibid., I, S. 275. [29] Nach den mir zur Verfügung stehenden Quellen vor der Gründung der PPR im Januar 1942. [30] Lewa Marsz. Czasopismo spoleczno-literackie. [31] Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 93. [32] Lebedeva/Narinskij: Komintern i Vtoroja Mirovaja Vojna, II, S. 384. [33] KJV: Kommunistischer Jugendverband. [34] Dimitroff: Tagebücher, 1933–1943, I, S. 300. [35] Zu Aleksandr Wat siehe die Rezension seines Erinnerungsbuches von Schlott, Wolfgang, in: The International Newsletter of Communist Studies (2002), der zusammen mit dem Jahrbuch erscheint. [36] Polska Partia Robotnicza (PPR). Polnische Arbeiterpartei. Gegründet am 5. 1. 1942 mit der ausdrücklichen Weisung des EKKI, die KP Polens nicht wieder aufzubauen.   [38] Zum Fall Katyn und zur Rolle Dimitroffs siehe weiter unten. [39] Nach Dokumenten aus dem Archiwum Akt Nowych (AAN) zit. in: Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 91. [40] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, I, S. 463. [41] Ibid., S. 556. [42] Siehe hierzu: Ryszard Nazarewicz: Zabóstwo Marcelego Nowotki w swietle dokumentow z lat 1942–1943, Warschau 1990; id.: Die Vernichtung der KP Polens, S. 22f. [43] Zit. aus: Lebedeva/Mitzner: Wyrok na odstępcę, Karta, in: Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 91. [44] Cahiers du mouvement ouvrier, S. 104f. [45] Cahiers du mouvement ouvrier, Paris (1999), 6, S. 105. [46] Ibid., S. 105. [47] Gomułka zufolge habe sich Finder ihm gegenüber als der Urheber des Mordbefehls decouvriert. Es gibt auch abweichende Darstellungen. Siehe: Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 94. [48] Gwardia Ludowa (»Volksgarde«). Im Frühjahr 1942 von der PPR gegründete bewaffnete Abteilung, die sich im Januar 1944 trotz ihrer zahlenmäßig geringeren Stärke gegenüber der Armja Krajowa (»Volksarmee«) nach der Vereinigung mit den Milizen der linken sozialistischen Partei als Armja Ludowa durchsetzen konnte. [49] Ryszard Nazarewicz: Armia Ludowa, dylematy i dramaty, 1998, zit. in: Le cas de Léon Lipski, Cahiers du mouvement ouvrier, Paris (1999), 6, S. 101–105. [50] Ryszard Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 86. [51] Nazarewicz erwähnt zusätzlich einen von Stalin unterzeichneten Erschießungsbefehl für 25 700 polnische Offiziere und Beamte, die in russischen Gefängnissen und Kriegsgefangenenlagern einsaßen (Nazarewicz: Die Vernichtung der KP Polens). Zum Gesamtkomplex siehe: Pichoja, Rudolf et al. (Hrsg.): Katyn. Plenniki neob’javlennoj vojny. Dokumenty i materialy, Moskau, 1997. [52] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, I, 681. [53] Lebedeva, N./Narinskij, M.: Komintern i Vtoroja Mirovaja Vojna, II, 383–384 (RGASPI 495/74/424, S. 34–35). [54] Zu den polnischen und russischen Biographien siehe u. a.: Tych, Feliks (Red.): Museum Historii Polskiego Ruchu Rewolucyjnego: Slownik Biograficzny Dzialaczy Polskiego Ruchu Robotniczego. Bd. I, A–D, Bd. II, E–J; Bd. III, K, Redaktor Naczelny: Feliks Tych, Warszawa, Ksiazka i Wiedza, 1978. 679 S., 1987. 751 S.; 1992 (Bd. III); Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, II. Zu den deutschen Biographien siehe u. a.: NDB; Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. 2 Bde., Frankfurt am Main 1969, Bd. II. Allgemein bekannte Personen (Berija, Dimitroff, Gomułka, Molotov, Pieck, Stalin und Togliatti) wurden nicht aufgenommen.

JHK 2002

Deutsche Facharbeiter und Emigranten in der Sowjetunion der dreißiger Jahre

Carola Tischler

Dehl, Oleg/Barck, Simone/Mussienko, Natalia/Plener, Ulla (Hg.): Verratene Ideale. Zur Geschichte deutscher Emigranten in der Sowjetunion in den 30er Jahren. Berlin 2000.   Kaiser, Gerhard: Rußlandfahrer. Aus dem Wald in die Welt. Facharbeiter aus dem Thüringer Wald in der UdSSR 1930-1965. Tessin 2000.   Mensing, Wilhelm (in Zusammenarbeit mit Peter Erler): Von der Ruhr in den GULag. Opfer des Stalinschen Massenterrors aus dem Ruhrgebiet. Essen 2001.   Žuravlev, Sergej: »Malen’kie ljudi« i »bol’šaja istorija«. Inostrancy moskovskogo Elektrozavoda v sovetskom obščestve 1920-ch – 1930-ch gg. [»Kleine Leute« und »Große Politik«. Ausländer des Moskauer Elektrowerkes in der sowjetischen Gesellschaft der zwanziger und dreißiger Jahre]. Moskva 2000.   Vor über zehn Jahren, im August 1991, versuchte ein Notstandskomitee, den amtierenden Generalsekretär der KPdSU Gorbacev abzusetzen, um den Zerfall der Sowjetunion aufzuhalten. Die drei baltischen Republiken sowie Georgien, Armenien und Moldawien hatten bereits ihre Unabhängigkeit proklamiert. Der Putsch scheiterte, aber gerade aufgrund dieses Versuchs zerbröckelte die Einheit des Landes und die Herrschaft der KPdSU noch rasanter. Schon im Herbst des gleichen Jahres erhielten Forscher, die nicht Mitglied der KPdSU oder einer befreundeten Bruderpartei waren, Zutritt zu den Papieren eines der Moskauer Parteiarchive. In diesem Archiv, vormals Institut für Marxismus-Leninismus und inzwischen Russisches Staatliches Archiv für sozial-politische Geschichte genannt (russ. abgekürzt RGASPI), befindet sich auch der umfangreiche Dokumentennachlaß der Kommunistischen Internationale. Zahlreiche Kommunismusforscher aus aller Welt haben sich seitdem auf den Weg gemacht, um hauptsächlich dort den Entwicklungen der internationalen Arbeiterbewegung, den Strukturen der Apparate, aber auch und vor allem den Spuren der Beteiligten nachzugehen. Eine beachtliche Anzahl Bücher und Aufsätze förderten seitdem neue Details und neue Einschätzungen zutage. Die vier im folgenden vorzustellenden Neuerscheinungen sind thematisch eng verwandt. Alle handeln von dem Schicksal deutscher Facharbeiter oder politischer Emigranten in der Sowjetunion unter Stalin, ein Gebiet, das in der historischen Kommunismusforschung in Deutschland bis zu den erwähnten Ereignissen die meisten Leerstellen aufwies. Einiges wurde in Fortführung von Hermann Webers grundlegenden Forschungen dazu inzwischen veröffentlicht. Es wird daher auch zu fragen sein, inwieweit bisheriges Wissen durch diese Arbeiten ergänzt oder bereichert wird.   Hinter dem aus drei Teilen bestehenden Buch »Verratene Ideale« verbirgt sich die Übersetzung einer russischen Dissertation über deutsche Emigranten in der Sowjetunion, eine Darstellung des vom NKWD konstruierten Falles einer »Hitlerjugend« sowie ein Abschnitt über die Deutsche Zentral-Zeitung. Im ersten Teil kommt Oleg Dehl, Chefredakteur der Moskauer zweisprachigen Zeitung »Neues Leben«, zu Wort, dessen Arbeit 1997 unter dem Titel »Von Illusionen zur Tragödie. Deutsche Emigranten in der UdSSR in den dreißiger Jahren« auf Russisch publiziert wurde. Auszüge auf Deutsch erschienen bereits 1996 in drei Nummern der genannten Moskauer Zeitung bzw. in »Utopie kreativ«.[1] Die vorliegende Übersetzung wurde um einige Passagen der 1995 verteidigten Dissertation sowie um einen erweiterten Literaturbericht zu Beginn ergänzt. Unter der Bezeichnung Emigranten summiert Dehl sowohl die deutschen Facharbeiter, die zu Beginn des ersten Fünfjahrplanes von der Sowjetunion angeworben wurden, als auch die politischen Flüchtlinge nach Hitlers Machtantritt. Daß die Facharbeiter als (Wirtschafts-)Emigranten mit den Hitlerflüchtlingen zusammen betrachtet werden, hat durchaus seine Berechtigung. Viele von ihnen, Mitglieder der KPD, fühlten sich nach 1933 als Exilanten und wurden von den deutschen Behörden auch so betrachtet. Zum anderen machte die sowjetische Seite in der Behandlung der Deutschen keinen Unterschied. Dehl beginnt seine Ausführungen mit der Anwerbung deutscher Spezialisten durch sowjetische Stellen wie des Obersten Volkswirtschaftsrates, aber auch durch Vertreter verschiedener Volkskommissariate sowie einzelner Betriebe in Deutschland. Bis 1932 hatten sich etwa 11 000 deutsche Arbeiter, mit Familienmitgliedern etwa 17 000, in der Sowjetunion eingefunden. Deutsche stellten damit das Übergewicht der schätzungsweise 20 000 angeworbenen Ausländer-Spezialisten. Von ihnen fuhren aber eine ganze Reihe nach einigen Wochen bzw. Monaten wieder nach Deutschland zurück. Als Grund dafür nennt Dehl vor allem Mängel bei der Anwerbung. Den Deutschen wurden zu viele Versprechungen gemacht, die die UdSSR nicht einhalten konnte. Gründe für die Reemigration waren Dehl zufolge unbefriedigende Lebensverhältnisse, niedriger Lohn, ungenügende Lebensmittelversorgung, Brachliegen von Erfahrung und Qualifikation sowie psychologische Probleme im Verhältnis zu russischen Arbeitern und Verwaltungsstellen (S. 62). Er weist zu Recht darauf hin, daß politische oder ideologische Faktoren zumindest bis 1934 keine oder nur eine untergeordnete Rolle für die Rückkehr spielten. Dagegen wird die Frage der Staatsbürgerschaft, d. h. der Druck seitens sowjetischer Behörden, Ausländer zur Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft zu bewegen oder sie des Landes zu verweisen, nur am Rande gestreift, obwohl dieser Faktor schon Anfang der dreißiger Jahre immer bestimmender wurde. In dem Kapitel über die Politemigranten stützt sich Dehl vor allem auf die Akten der Internationalen Roten Hilfe (IRH). Diese Nebenorganisation der Komintern war für die Legitimierung und Betreuung der Politemigranten zuständig. Deshalb bietet sich ein solcher Zugang an. Als alleinige Quelle reichen die Bestände der IRH jedoch nicht aus, zumal dort eingehende Briefe in der Hauptsache Beschwerdebriefe waren. So kommt er zu einem Bild der restriktiven Asylpolitik, der endlosen bürokratischen Schwierigkeiten, der Enttäuschung der Deutschen über die Lebensbedingungen in der UdSSR und vor allem der Verfolgung und (teilweisen) Ausrottung der politischen Emigration. Das ist zwar alles auch richtig, wirft aber im Endeffekt mehr Fragen auf als beantwortet werden. Zu viele andere Wege wurden von deutschen Emigranten bestritten, um Unter- und Auskommen in der Sowjetunion zu finden. Durch die Komprimierung der Geschehnisse auf rund dreißig Seiten kann eine Einordnung der Vorgänge in die Entwicklung der sowjetischen Geschichte nicht stattfinden, so daß ein mit dieser Geschichte nicht vertrauter Leser den Eindruck erlangen muß, der Stalinsche Terror richtete sich vor allem gegen die deutschen Kommunisten. Eine Fußnote (S. 89) führt dagegen an, daß im Jahr 1940 von acht Millionen Registrierkarten des GULag 4000 ausländischen Staatsangehörigen zugeordnet werden können, also etwa 0,05 Prozent. Unter den 4000 Ausländern waren Deutsche sicher in großer, aber nicht in überwiegender Zahl vertreten. Die Frage des Warum stellt sich mit einem solchen Blickwinkel in ganz anderer Art und Weise. Der der Studie neu angegliederte Quellenanhang weist zehn Dokumente auf, die den Terror thematisieren: offizielle Verfügungen, Auszüge aus NKWD-Akten, private Briefe und ein Bericht an die deutsche Parteiführung. Sie enthalten kaum neue Informationen, bieten aber in ihrer Anschaulichkeit einen erschreckenden Einblick in die Welt des Terrors. Der dritte Teil des Sammelbandes ist der Deutschen Zentral-Zeitung, einem wichtigen Publikationsorgan für Sowjetdeutsche und in den dreißiger Jahren zunehmend für deutsche Facharbeiter und Politemigranten, gewidmet. Auch hier ist der von Oleg Dehl erarbeitete Teil im wesentlichen eine Wiederholung der bereits an anderer Stelle publizierten Artikel »Zur Geschichte der DZZ, ihrer Chefredakteure und ihrer Mitarbeiter«.[2] Es handelt sich dabei um einen Überblick über die Entwicklung der Zeitung von ihren Anfängen 1926 bis zur Einstellung der Arbeit im Juli 1939, kurz vor Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes. Die neun Chefredakteure, die die Zeitung verantworteten, werden in biographischen Portraits vorgestellt, soweit Informationen über sie zu eruieren waren. Und schließlich listet Dehl 42 Mitarbeiter der Zeitung auf, die in den dreißiger Jahren Opfer der Stalinschen Repressionen wurden. Dies setzt das Bemühen fort, das am Beginn der Forschung in diesem Bereich stand: die Opfer aus ihrer Anonymität herauszuholen, ihrer zu erinnern und ihnen ein wenn auch noch so kurzes biographisches Gesicht zu geben. Die von Simone Barck mit einer informativen Einleitung versehene Bibliographie der literarisch-publizistischen Beiträge deutschsprachiger Autoren in der Deutschen Zentral-Zeitung (1933–1939) ist im Unterschied zu den übrigen Teilen des Buches in der Tat ein originärer Beitrag. Die Zusammenstellung, 1963 in Moskau entstanden, ist ein taugliches und bisher sehr schwer zugängliches[3] Hilfsmittel, das nun dank dieser Publikation leicht genutzt werden kann. Geordnet nach Autoren werden literaturrelevante Zeitungsartikel mit Datum und Nummernangabe der Zeitung aufgelistet. Ergänzt wird die Aufstellung durch bibliographische Hinweise auf die Betätigung der deutschen Sektion der Internationalen Vereinigung revolutionärer Schriftsteller (IVRS), die Arbeit der sowjetdeutschen Schriftsteller sowie allgemeine antifaschistische Schriftstellertätigkeit und Fragen der deutschen Kultur in der So­wjetunion. Auch wenn die Bibliographie keineswegs vollständig ist – in ihr spiegeln sich, worauf Barck hinweist, sowohl die Repressionen der 30er Jahre als auch die Entstalinisierungsbemühungen und deren Stillstand zu Beginn der 60er Jahre –, so verschafft sie doch einen guten Überblick über die Arbeit des antifaschistischen Schriftstellerexils in der Sowjetunion. Der mittlere Teil des Buches handelt von Hintergründen und Folgen einer NKWD-Fälschung aus dem Jahr 1938, die unter dem Namen Hitlerjugend in die Literatur eingegangen ist. In diese Verhaftungsaktion waren über 70 Personen – Söhne von Emigranten, ausländischen Facharbeitern bzw. Ingenieuren und Rußlanddeutschen – involviert. Über die Hälfte der Beschuldigten wurde erschossen, die meisten der übrigen zu langjähriger Lagerhaft verurteilt. Mittlerweile hat sich dieser Fall zu einem Paradebeispiel in der Forschung über den Terror an den Deutschen entwickelt. Er zeigt auf, wie aufgrund von ZK-Direktiven Beschuldigungen konstruiert, wie Geständnisse herausgeprügelt und wie durch Verhöre die geforderten Planziffern an Verhafteten erreicht wurden. Erstmals in der Moskauer Zeitung »Neues Leben« 1994 veröffentlicht, im »Neuen Deutschland« 1995 aufgegriffen, in den »Beiträgen zur Geschichte der Arbeiterbewegung« 1996 wiederholt, im »Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands« 1999 verarbeitet, vom gleichen Autor in einer Buchpublikation und in einem weiteren Aufsatz verwendet[4], schließlich in mehreren Büchern angesprochen, wirft die Aufnahme in den Sammelband doch die Frage auf, ob dies ein Beleg dafür ist, daß nach diesem gut dokumentierten Fall keine weiteren Akten aus den NKWD-Beständen mehr zur Verfügung gestellt werden. Die vorliegende Publikation präsentiert dazu neue Dokumente (vor allem Hilfebriefe von Angehörigen Verhafteter und Unterstützungsschreiben von Pieck an sowjetische Stellen), einige korrigierte Daten und etwas neue Formulierungen, aber eigentlich keine neuen Erkenntnisse. Dem Anliegen der Publikation, das Ulla Plener in ihrem Nachwort formuliert, nämlich »das einzelne Menschenschicksal im Räderwerk der real ablaufenden Geschichte dieser Bewegung [gemeint ist der Parteikommunismus] ins Blickfeld zu rücken« (S. 365), wird das Buch ohne Einschränkung gerecht. Als Zusammenschau verstreuter Einzelveröffentlichungen ist es für Leser, die sich neu mit dem Thema befassen, ein erleichternder Einstieg. Die im Nachwort angebotenen Erklärungen für die Vorgänge sind, was die Entwicklung des Kommunismus betrifft, klar und überzeugend dargelegt. Ohne Zweifel ist die »Persönlichkeitsnegation im Parteikommunismus«, die Betrachtung des Menschen als Kader und die Unterordnung des Einzelnen unter die Kaderpolitik (wobei dabei zu fragen ist, welchen Sinn die Ausrottung der Kader für den Kommunismus hatte), ein wichtiger von Plener angesprochener Aspekt. Dennoch ist der Stalinsche Terror – sowohl was die Opfer als auch was die Täter anlangt – keine reine »Parteiangelegenheit«. Weitere Aspekte, die in der russischen und sowjetischen Geschichte wurzeln, müssen zumindest mit berücksichtigt werden, seien sie wirtschaftlicher (nachholende Modernisierung), ideengeschichtlicher (fehlende Aufklärung) oder kulturgeschichtlicher (Umgang mit dem Tod) Art. Einen regionalgeschichtlichen Ansatz wählten die Autoren der beiden folgenden Untersuchungen. »Rußlandfahrer. Aus dem Wald in die Welt« heißt Gerhard Kaisers Buch, das von Facharbeitern aus dem Thüringer Wald handelt. Verdienstvoll ist diese Publikation schon deshalb, weil es neben der Veröffentlichung von Dehl über das Thema Facharbeiter in der Sowjetunion bisher nur relativ wenig Literatur dazu gibt. Der Autor, selbst aus dem Thüringischen stammend, ermittelte immerhin die Zahl von 113 Thüringern, die auf der Suche nach Arbeit und Auskommen zu Beginn der dreißiger Jahre ihr Glück im Vaterland der Werktätigen suchten. Einige von ihnen hat er befragt, deren Erinnerungsberichte gelesen, in Archiven gestöbert und die neueste – auch russische Literatur – berücksichtigt. In chronologisch angelegten Kapiteln rekonstruiert er die verschiedenen Stationen der Arbeitsemigranten: von den schwierigen Arbeitsbedingungen bzw. der Arbeitslosigkeit in der deutschen Heimat über den Entschluß und die Realisierung, in die UdSSR zu fahren, zu den ersten Eindrücken und Eingewöhnungsproblemen in dem doch fremden Land. Die Alltagsprobleme, aber auch die Arbeitsumstände werden dabei anschaulich geschildert. Zur Anschaulichkeit tragen auch einige abgedruckte Dokumente sowie die zahlreichen Photos bei, die der Autor – in Nachlässen gefunden oder mit eigener Kamera fotografiert – dem Text beigefügt hat. Schließlich werden der Große Terror, das Leben in den sowjetischen Lagern und der »große Krieg«, womit aber nicht der deutsch-sowjetische, sondern der spanische Bürgerkrieg gemeint ist, thematisiert. Im Schlußkapitel wird über die Rückkehr der Überlebenden, die bis ins Jahr 1960 reichte, berichtet. Auch Kaiser will mit seinem Buch den Menschen eine Stimme geben, eine Möglichkeit, nicht nur ihre positiven – wie in der DDR üblich – sondern auch ihre negativen Erlebnisse in der UdSSR zu schildern. Da jedoch zu den verschiedenen Themen, die angesprochen werden, unterschiedliches Material vorlag, wirken die Erzählstränge über die einzelnen Schicksale uneinheitlich, splitterhaft. Wenn man über den weiteren Lebensweg etwas erfahren möchte, bricht der Strang ab, und ein neues Leben kommt zu Wort. Auch werden persönliche Erklärungen offensichtlich unkritisch übernommen. Die Darstellung, daß eine Tbc-kranke Rußlandrückkehrerin »nicht gründlich oder bewußt falsch von einer Nazi-Ärztin behandelt wurde und verstarb« (S. 197/198), hört sich doch sehr nach einer Familienlegende an. Verdeutlichen mag dies auch ein längeres Zitat aus dem Epilog, dessen Pathos jedoch nicht das ganze Buch durchzieht. Dort heißt es unter anderem: »Sie [die Rußlandfahrer aus dem Thüringer Wald, CT] arbeiteten in modernen Fabriken und auf freiem Feld oder als Waldarbeiter, erwiesen sich – ungeachtet aller Widrigkeiten denen sie sich aussetzten oder ausgesetzt wurden – als standhaft. Keine und keiner ging jemals von der Fahne. Sie zeigten sich auf jedem Platz, auf den sie das von ihnen gewählte Leben stellte, in Betrieben und an der Front aufopferungsvoll, uneigennützig, selbstlos. Ihr Leben und ihr Kampf verdienen kritischen Respekt. Sie haben sich jederzeit solidarisch verhalten, niemals bereichert, niemals jemanden ausgebeutet oder ihre Entscheidungsbefugnisse mißbraucht, sich allzeit mit ihrer Erfahrung, ihrem Wissen, ihrem Können eingesetzt für die große Alternative, der sie lebten.« (S. 205/206) Ein wahrhaft mutiges Urteil angesichts des selektiven Materials, das zur Verfügung stand. Und eines, das getrost angezweifelt werden kann. Wer ist schon immer selbstlos, solidarisch, immer standhaft? Auch ein Opfer nicht. Quellenkritischer in seiner Herangehensweise und ausgewogener im Urteil ist die Studie von Wilhelm Mensing, der sich mit den Opfern des Stalinschen Terrors aus dem Ruhrgebiet beschäftigt hat. Dabei war für ihn nicht der Geburtsort das entscheidende Kriterium für die Aufnahme in das Buch, sondern das Faktum, daß der Betreffende lange Jahre vor oder auch nach dem Aufenthalt in der UdSSR im Ruhrgebiet gelebt hat. Auch Mensing »will dem Gedenken bestimmter, mit Namen benannter Menschen dienen« (S. 16), deshalb stehen auch bei ihm die Biographien im Mittelpunkt der Darstellung. Seine Informationen bezog er zum überwiegenden Teil aus den Befragungen von Rußlandrückkehrern durch die Gestapo. Diese Protokolle sind im Archiv des Auswärtigen Amtes erhalten. Ergänzend recherchierte er in einigen zentralen Archiven, zum Beispiel beim Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln (vgl. S. 120 Anm. 7, im Quellenverzeichnis taucht dieser Hinweis nicht mehr auf), wo er beschlagnahmte Parteiunterlagen der KPD einsah. Auch zahlreiche regionale Archive,  Melde- und Standesämter wurden von ihm konsultiert und eine Reihe von Personalunterlagen aus russischen Archiven standen ihm zur Verfügung. Das Buch von Mensing enthält drei Abschnitte. Im ersten Teil werden in elf Kapiteln die Grundfragen, die bei der Auswanderung deutscher Facharbeiter aus dem Ruhrgebiet in die UdSSR eine Rolle spielen, dargelegt. Dabei kommen die hier immer wieder behandelten Fragen wie Arbeitsanwerbung, Emigration nach 1933, Arbeits- und Lebensbedingungen in der Sowjetunion, rechtliche Probleme mit der deutschen oder der sowjetischen Staatsbürgerschaft, der Terror von der Parteisäuberung bis zum Tod durch Erschießen sowie die Ausweisungen und die spätere Rückkehr nach Deutschland zur Sprache. Ein eigenes Kapitel ist den Rehabilitierungen gewidmet. Mensing bekennt in seinen einleitenden Bemerkungen zu diesem Teil, daß er keinen eigenen Beitrag zu diesen Forschungen leisten will (S. 18). Aber es gelingt ihm, durch seine genaue Quellenarbeit doch eine Reihe interessanter und unbekannter Einzelheiten zu benennen, die wertvolle Ergänzungen zu den bisherigen Arbeiten sind. Er weist beispielsweise darauf hin, daß für einige Facharbeiter die Überführung in die sowjetische Partei von der Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft abhängig gemacht wurde, ein Verfahren, daß in den zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre noch nicht üblich war und im Zusammenhang mit der neuen Verfassung 1936 und dem Bestreben, eine homogene Gesellschaft zu schaffen, gesehen werden muß. Auch die Erzählung einer ausgewiesenen Ehefrau eines Verhafteten, sie habe ihrem Mann Essen ins Gefängnis bringen und seine Wäsche zum Waschen mit nach Hause nehmen dürfen, findet sich in der Memoirenliteratur bisher nicht. Die inoffiziellen Verhandlungen der Deutschen Botschaft Moskau mit sowjetischen Stellen, den 1936 verhafteten Ingenieur Emil Stickling gegen Thälmann auszutauschen, waren bereits bekannt. Gegen Stickling wurde die Höchststrafe verhängt aber nicht vollstreckt, was wahrscheinlich mit diesen Verhandlungen zusammenhing. Mensing nennt aber außerdem noch Wilhelm Gesthuysen, Franz Winter und Fritz Baltes, bei denen die Todesstrafe nicht vollzogen wurde. Auch wenn er keinen Nachweis darüber hat, ob sie in die Gespräche des Botschafters von der Schulenburg einbezogen wurden, so ist doch dieser Tatbestand der Erwähnung wert. Mensing ist sich durchaus bewußt, daß die Rückkehreraussagen mit Vorsicht betrachtet werden müssen (wie bei Arthur Plüter, S. 60/61). Auch Unklarheiten der Quellen, wie der Ausschluß aus der KPD, selbst wenn der Betreffende schon längst Mitglied der russischen Partei war, werden benannt und nicht übergangen. Verschiedene Meinungen in der Literatur, beispielsweise zum Ausmaß der Verantwortung der KPD-Führung für den Terror, werden diskutiert und nicht nivelliert. Alles das gehört zu den Vorzügen dieser Arbeit. Die meiste Arbeit aber hat der Autor auf das sicher nicht einfache Zusammentragen biographischer Informationen verwendet. Davon zeugt der zweite Abschnitt. Vier Personen bzw. Familien werden aufgrund einer aussagekräftigen Quellenlage ausführlich dargestellt. Dabei handelt es sich um den Arbeiterschriftsteller Willi Harzheim, den ungarischen Kommunisten Arnold Klein, die Textilzeichnerin Irene Berger-Marsmann und den Jungkommunisten Gustav Sobottka jun. Alle vier starben in Haft, drei in sowjetischer und der vierte, Arnold Klein, nach Auslieferung in deutscher. Daran schließt sich eine Liste mit 186 aus dem Ruhrgebiet stammenden Personen an, die in der UdSSR verfolgt wurden. Die Angaben umfassen durchschnittlich ein bis anderthalb Druckseiten, wobei auch knappere oder ausführlichere Biographien vorkommen. Hier entschied sich der Autor zu einer vollständigen Nennung seiner mit viel Aufwand recherchierten Informationen zuungunsten einer sym­metrischen Angleichung an ein bestimmtes Schema. Wie diffizil das Zusammentragen gewesen sein muß, davon zeugt das Nachweisverzeichnis zu diesem Abschnitt, das aus Platzgründen aus dem Buch verbannt wurde. Unter der Internetadresse des Verlages (www.klartext-verlag.de) sind diese Quellennachweise zu finden. Nach Ansicht dieser 49 Seiten umfassenden Datei kann man dieses gegenwärtig noch ungewöhnliche Vorgehen des Verlags nachvollziehen. Sicherlich wird es in Zukunft immer häufiger geschehen, daß aus Kostengründen Fußnoten und Quellennachweise ins Netz abgelegt werden. Ob diese Entwicklung gutzuheißen ist, mag dahingestellt sein. Es kann dazu führen, daß darauf immer weniger Sorgfalt verwandt wird. Bei Mensing ist das nicht der Fall, im Gegenteil. Da er seine Nachweise äußerst akribisch auflistet, ist eine sehr umfangreiche Übersicht entstanden. Der dritte Abschnitt besteht aus einem Dokumentenanhang, einem Namensverzeichnis, einer Übersicht der Personen geordnet nach ihrer Herkunft aus dem Ruhrgebiet, einer Findhilfe zu den Ortsnamen, die in den Quellentexten immer wieder auftauchten, sowie dem Literatur- und Abkürzungsverzeichnis und einem Abbildungsnachweis. Nicht ganz verständlich ist, warum ausgerechnet die beiden nachgedruckten Dokumente – ein Auszug aus dem Strafgesetzbuch von 1926 und ein Abschnitt aus einem Sitzungsprotokoll des Zentralkomitees der VKP(b) von 1938 – ausgewählt wurden. Das Thema der deutschen Facharbeiter greift auch der Moskauer Historiker Sergej Žuravlev in seiner Publikation auf. Sein im Jahr 2000 im Verlag Rosspen erschienenes Buch ist ein bedeutender Schritt, der den Stillstand der Forschung aufbricht. Die fehlende Einordnung in historische Entwicklungen der Sowjetunion, die zum Teil in den vorhergehenden Publikationen vermißt wurde, wird hier in überreichem Maße geboten. Was Žuravlevs Untersuchung auszeichnet, ist sowohl die enorme Quellenauswertung Moskauer und amerikanischer Archive als auch die breite Rezeption internationaler Forschungsliteratur. Er orientiert sich an einem sozialgeschichtlichen Ansatz in Kombination mit Alltagsgeschichte, den er auf seinen Gegenstand – die Ausländer des Moskauer Elektrowerkes in der sowjetischen Gesellschaft der 20er und 30er Jahre – anwendet. Auch er nähert sich dem Thema wie die vorangegangenen Bücher mittels Biographien, die jedoch in den gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet werden. Die Untersuchung über die Ausländer in Moskau beginnt er mit einer Darstellung der Entwicklung der sowjetischen Elektroindustrie, genauer der Glühbirnenherstellung. Er kann dabei überraschende Einzelheiten aufdecken, beispielsweise die Entwicklung des Sozialrevolutionärs Grigorij Ivanovič Semenov, der an dem Kaplan-Attentat auf Lenin 1919 beteiligt war und nach seiner Konvertierung zu den Bolschewiki Anfang der 20er Jahre in Berlin Wirtschaftsspionage bezüglich der Wolframgewinnung betrieben hat. Er und andere Russen knüpften Verbindungen zu den deutschen Arbeitern Julius Hoffmann, Emil Deibel, Willi Koch, Franz Geisler und Hans Ohlrich, die – bei AEG und Osram tätig – aus politischer Sympathie mit der UdSSR Informationen weitergaben, ohne sich, Zuravlev zufolge, ihrer Einbindung in das sowjetische Spionagenetz bewußt zu sein. Koch, Geisler und Ohlrich kamen alle nach Zeiten der Arbeitslosigkeit bzw. politischer Verfolgung in Deutschland Mitte der zwanziger Jahre nach Moskau und arbeiteten dort in einem Werk zur Gewinnung von Wolfram. Dieses Werk ging in das Elektrowerk über, und somit bildeten die drei die Keimzelle einer Kolonie ausländischer Arbeiter, die zu Beginn der dreißiger Jahre von der UdSSR angeworben wurden. Das riesige Elektrokombinat wurde Ende 1927 nicht nur durch die Angliederung der Wolframgewinnung, sondern auch durch die Zusammenlegung der Moskauer Lampenfabrik, der Werke zur Herstellung der Elektroausrüstung von Transformatoren, Scheinwerfern, Röhren und Kraftfahrzeugen gegründet. Die Zahl der Beschäftigten wuchs von 2000 bei Gründung auf 24000 im Jahre 1933. Gab es schon Anfang 1926 einen geheimen Vertrag zwischen Glavelektro und AEG über die technische Zusammenarbeit, so steigerten sich die Abmachungen mit ausländischen Firmen – vor allem mit deutschen und amerikanischen – von 25 im Jahre 1928 auf 104 im März 1930. Der Aufbau der Elektroindustrie in der jungen Sowjetunion geschah nicht nur mit Hilfe von ausländischen Lizenzen und dem Können angeworbener Spezialisten, sondern weiterhin durch Wirtschaftsspionage und offizielle Reisen sowjetischer Ingenieure in den Westen. Allein in den 18 Monaten von Januar 1929 bis Juni 1930 hielten sich mehr als tausend sowjetische Spezialisten in den USA auf, was eine nicht unbeträchtliche Belastung des staatlichen Valutabudgets gewesen war. Dennoch war die Zahl der ausländischen Spezialisten, die in die UdSSR fuhren, ungleich höher. Die Gruppe der ausländischen Arbeiter betrug im Spitzenjahr 1932 allein im Elektrowerk ungefähr 180 Personen. Diese Kolonie, zu der noch die Familienangehörigen gezählt werden müssen, war damit das größte Kollektiv dieser Art in der hauptstädtischen Region. Die ausländischen Arbeiter gingen besonders enthusiastisch und ehrgeizig an die Arbeit. Überdurchschnittlich viele Erfindungen und Verbesserungsvorschläge für die Arbeitsabläufe stammten von ihnen. Daraus resultierte auch eine der größten Enttäuschungen der »Gastarbeiter«. Denn sie mußten meist nach kurzer Zeit erkennen, daß ihre Vorschläge den Bürokratentod gestorben waren. Auch die Zahl der Bestarbeiter war außergewöhnlich hoch. Die Eingewöhnung in die so andere Wirklichkeit der jungen Sowjetunion fiel den Ausländern, die sich im Falle des Elektrowerk fast gänzlich aus Deutschen zusammensetzten, deutlich einfacher, wenn sie mit der gesamten Familie übergesiedelt waren. Der Autor behandelt ausführlich Fragen der Entlohnung, die in Zusammenhang mit der Einführung der Akkordarbeit 1931 und der vollständigen Einstellung von Valutalöhnen 1933 betrachtet werden, Fragen der Wohnsituation, der Ausländerversorgung, des Arbeitsklimas – wohlgemerkt immer im Kontext der sowjetischen Entwicklung und im Vergleich zu der Lage der sowjetischen Arbeiter. Dank der Auswertung des reichhaltigen Fabrikarchivs kann der Autor sehr konkret werden: ob es sich um Streitigkeiten zwischen den Wohnparteien handelt, um den Versuch einiger Deutscher im Wohnhaus der Facharbeiter die Kaninchenzucht zu etablieren oder um Handgreiflichkeiten am Arbeitsplatz. Auch die Auflösung der Ausländerkolonie wird von Žuravlev beschrieben. Einerseits erfolgte sie durch die – freiwillige oder erzwungene – Rückkehr nach Deutschland, andererseits durch die Verhaftungen des NKWD. Die Gründe für die Rückkehr waren mannigfaltig: Auslaufen des Vertrages, Streichung der Valutabezüge, Krankheit, Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen, Weigerung der Familie, in die UdSSR nachzukommen oder ähnliches. Aus den Kaderakten des Betriebes konnte Žuravlev ersehen, daß der Anstoß zur Rückkehr vielfach von den Ehefrauen ausging. Was die Verhaftungen angeht, so stützt sich der Autor einerseits auf die einzelnen Untersuchungsakten verschiedener Ausländer und andererseits auf sogenannte Alben, die im NKWD verfertigt wurden. In ihnen sind außer dem Namen kurze biographische Angaben, Kurzzusammenfassungen aus dem Untersuchungsverfahren und das Urteil enthalten. Žuravlev konnte acht solcher Alben mit mehreren hundert Angaben zu Ausländern aus Moskau und Umgebung auswerten. Ergebnis dieser Durchsicht ist, daß nicht nur Angehörige aus Rüstungsbetrieben, wie es der Befehl 00439 vom 25. Juli 1937 (übrigens abgedruckt bei Dehl, S. 109f.) vorsah, verhaftet wurden, sondern auch eine ganze Reihe ausländischer Arbeiter, deren Betriebe nichts mit Rüstungsaufgaben zu tun hatten. Außerdem wurden in einzelnen Betrieben Fälle konstruiert, bei deren Ausführung keine Logik – zum Beispiel ein Zusammenhang zwischen Betriebscharakteristik und Strafmaß – zu erkennen war. Betriebe, in denen ein hoher Ausländeranteil anzutreffen war, bedeuteten auch für sowjetische Arbeiter ein erhöhtes Risiko, da dann Sowjetbürger mit ausländischer Herkunft, einem ausländischen Familiennamen oder mit früheren Aufenthalten im Ausland eher in Operationen gegen die Ausländer hineingezogen werden konnten. Und schließlich stellt er fest, daß unter allen Kategorien von repressierten Deutschen (Rußlanddeutsche, Politemigranten, Reichsdeutsche) während des Großen Terrors zahlenmäßig die ausländischen Arbeiter, die die sowjetische Staatsbürgerschaft angenommen hatten, am meisten betroffen waren. Auch kann er anhand der Untersuchungsakten festmachen, daß die Wahrscheinlichkeit einer Verhaftung stieg, je aktiver der Ausländer an politischer Arbeit teilgenommen hatte und je größer sein Bekanntenkreis war. Unter den Opfern, aus deren Verhaftungsakten Teile zitiert werden, finden sich auch die anfangs genannten Hans Ohlrich und Willi Koch wieder. Für die Frauen der ausländischen Arbeiter zeigten die Organe des NKWD kein übergroßes Interesse, obwohl antisowjetische Strömungen unter ihnen durchaus bekannt waren. Wenn Frauen verhaftet wurden, dann häufiger Arbeiterinnen als Hausfrauen. Daß der Christoph-Links-Verlag eine Übersetzung des Buches herausbringen will, ist für den deutschen Buchmarkt ein großer Gewinn. Ein Personenregister, wie es bei solchen Arbeiten mit biographischen Zugängen eigentlich notwendig ist, wäre wünschenswert. Die drei hier besprochenen deutschsprachigen Bücher sind dankenswerterweise damit ausgestattet.   Was unterscheidet die besprochenen Bücher voneinander? Ob Zufall oder nicht, die Arbeiten der deutschen Autoren (wobei Oleg Dehl als Rußlanddeutscher in diesem Fall zu ihnen gezählt wird) betonen den Terror und die Leiden der Deutschen, der russische Autor den Arbeits- und Lebensalltag in ihrer sowjetischen Umgebung. Dabei handelt es sich aber um zwei Seiten einer Medaille: beide spiegeln die Doppelgesichtigkeit des Stalinismus wider. Auch wenn die Erforschung des Terrors in den Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion die Veröffentlichungen beherrschte, so sind doch viele Äußerungen und Entscheidungen der Emigranten und Facharbeiter nicht nachvollziehbar, vernachlässigt man die Untersuchung des normalen Alltags. Auch die Deutschen wurden in ihm vom Enthusiasmus der Stalinzeit angesteckt. Wie könnte die Forschung auf diesem Gebiet weitergehen? Sinnvoll erscheint eine kommentierte Dokumentenedition, die die verschiedenen Themenfelder in ihrer Breite abdeckt, und die dem Wildwuchs der Quellenanhänge ein Ende bereiten sollte. Auch ein biographisches Handbuch zum deutschen bzw. deutschsprachigen Exil, das die in den letzten zehn Jahren verstreuten Informationen bündelt, könnte ein Gewinn sein. Zu bedenken wäre, nicht nur die repressierten, sondern alle Personen aufzunehmen, da die vorhandenen Nachschlagewerke teils fehler-, teils lückenhaft sind. Allerdings ist zu fragen, ob ein solches Handbuch ohne einen ungehinderten Zugang zu den Personalakten der deutschen Vertretung bei der Komintern nicht ein Torso bliebe. Auch Einzelbiographien werden das Bild über die Deutschen in der Sowjetunion vervollständigen. Und nach wie vor gibt es zu verschiedenen Arbeitsfeldern und Institutionen – trotz einer Reihe neuer Studien und Dokumentenbände[5] – nur allgemeine Angaben. Dafür wäre eine Quellenauswertung, wie sie Žuravlev in beispielhafter Form für das Elektrowerk durchexerziert hat, notwendig. [1] Vgl. Neues Leben, Moskau, 1996 (H. 5., H. 6., H. 7.); Utopie kreativ, Berlin, 75 (1996), S. 48–63. [2] Vgl. Neues Leben vom 11. 5. 1996. [3] Außer den Archivexemplaren im Archiv des Instituts für Weltliteratur der Akademie der Wissenschaften in Moskau sowie im Archiv der Akademie der Künste Berlin, das Barck als Vorlage diente, befindet sich in der Bibliothek der Exilliteratur in der Hamburger Staatsbibliothek ein xerokopiertes Exemplar. [4] Vgl. Neues Leben vom 27. 7./3. 8./10. 8. 1994. – Neues Deutschland vom 28. 8. 1995. – Dehl, Holger/Mussienko, Natalija: »Hitlerjugend« in der UdSSR? Zu Hintergründen und Folgen einer NKWD-Fälschung 1938. In: BzG, Berlin, 1996. – Schafranek, Hans: Am Beispiel der Moskauer Hitler-Jugend (1938). Mechanismen des Terrors der stalinistischen Geheimpolizei NKWD. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien, 1999. – Schafranek, Hans unter Mitarbeit von Natalja Mussijenko: Kinderheim No. 6. Österreichische und deutsche Kinder im sowjetischen Exil. Wien 1998. – Schafranek, Hans: Kontingentierte »Volksfeinde« und »Agenturarbeit«. Verfolgungsmechanismen der stalinistischen Geheimpolizei NKWD am Beispiel der fiktiven »Hitler-Jugend« in Moskau (1938) und der »antisowjetischen Gruppe von Kindern repressierter Eltern« (1940). Mit einem Dokumentenanhang. In: IWK, Berlin, 2001, 1. [5] Agde, Günter: Kämpfer. Biographie eines Films und seiner Macher. Berlin 2001. – Diezel, Peter (Hg.): »Hier brauchen sie uns nicht.« Maxim Vallentin und das deutschsprachige Exiltheater in der Sowjetunion 1935–1937. Berlin 2000. – Morré, Jörg: Hinter den Kulissen des Nationalkomitees. Das Institut 99 in Moskau und die Deutschlandpolitik der UdSSR 1943–1946. München 2001. – Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung. Hamburg 2001. – Stalinismus und das Ende der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (1931–1941). Beiträge zur Marx-Engels-Forschung Neue Folge. Sonderband 3. Berlin/Hamburg 2001.

JHK 2002

Kommunismus-Probleme im »Jahrbuch Extremismus & Demokratie«

Werner Müller

Backes, Uwe/Jesse, Eckhard (Hg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E&D),9. Jg. 1997 – 13. Jg. 2001, Baden-Baden 1997–2001. Selbstverständlich muß das »Jahrbuch Extremismus & Demokratie« (E & D) hier nicht eingehender vorgestellt werden. Manche seiner Themengebiete sind mit denen des JHK verwandt, vieles führt dessen Fragestellungen bis in die Gegenwart fort und bereichert es damit um eine (im JHK nicht explizit intendierte) aktuelle Dimension. Einen breiten Raum nehmen in E & D jeweils Darstellungen und Analysen zu rechts- und linksextremistischen Aktivitäten des vorausgegangenen Berichtsjahres ein. Der Rezensionsteil ist breiter als im JHK und behandelt ausschließlich im Vorjahr erschienene Titel. Kurzum: beide »Jahrbücher« ergänzen einander – trotz oder vielleicht besser: wegen ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte. Bei aller sozial- und politikwissenschaftlicher Orientierung auf Fragen des Rechts- und Linksextremismus bleibt in E & D die historische Dimension der Kommunismus- und DDR-Forschung nicht ausgeklammert. So analysierte Hannelore Horn 1997 das Problem des Stalinismus.[1] Sie ging der Genese des Begriffs, den Erscheinungsformen, seinem möglichen »Sinn« nach, um dann breiter die Frage der Ursachen zu prüfen. In Übereinstimmung mit der Literatur hielt sie fest, daß der Begriff auf Trotzki zurückgeht, aber nur langsam in der westlichen Öffentlichkeit Fuß gefaßt habe. Leider überging sie dabei Otto Hoetzsch, der schon im Frühjahr 1930 diesen Terminus in die wissenschaftliche Debatte eingebracht hatte. Stalinismus als bloße Kennzeichnung einer Epoche erschien ihr unzureichend, da er die »systematische Markierung von Ursachen und Spezifika des Herrschaftssystems in den Hintergrund treten läßt« (S. 68). Sie benannte im Anschluß sechs Merkmale: einen »hypertroph zentralisierten und hierarchischen Staat«, eine »de facto ungewöhnliche Monopolisierung der Staatsmacht bei einer Person«, eine zuvor »in ihren Ausmaßen unbekannte Verstaatlichung und Bürokratisierung gesellschaftlichen Lebens«, den »weitgehendsten und erfolgreichsten Versuch, eine Gesellschaft total zu manipulieren«, massive »innergesellschaftliche Umwälzungen und Umstrukturierungen« und zuletzt ein System legaler Praktizierung willkürlichen Terrors »ohne Beachtung ethischer, rechtlicher und ideologischer Grenzen«. Hannelore Horn äußerte sich skeptisch gegenüber allen Versuchen, den Kern des Stalinismus rational (etwa als radikale Modernisierung) deuten zu wollen. Alles das mündete »in die Nähe eines erbärmlichen Unterfangens« (S. 77). Eine Antwort auf die Frage nach dessen Sinn müsse vielschichtig ausfallen. Die doppelte Dynamik einer »Machtsicherung um jeden Preis« und eines »eskalierenden Terrorsystems« zähle ebenso dazu wie die Ziele präventiver Disziplinierung und dauerhafter Stabilisierung. Die Frage nach den Ursachen des Stalinismus ist ein Schlüsselproblem. Hannelore Horn beleuchtete an dieser Stelle das Feld historisch-sozialwissenschaftlicher Erklärungsansätze. Die Ursachen-Zuschreibung unter Chruschtschow sah sie als extreme Personalisierung an, um die Partei und ihre Führer von Schuld und Mitschuld freizusprechen. Einen historischen oder sozialen Determinismus schätzte sie ebenso als unzulänglich ein wie die Beschränkung auf personelle Faktoren, organisatorisch-strukturelle Merkmale oder die Wirkungen der Ideologie. Sie plädierte letztlich für eine weit ausgefächerte und interdependente Analyse dieser unterschiedlichen Faktoren. Stalinismus war für Hannelore Horn ohne die Figur Stalins nicht denkbar, »ohne die legitimierenden und mobilisierenden Impulse einer auch interpretationsoffenen Ideologie oder ohne die spezifischen, unter Lenin entwickelten Systemstrukturen« (S. 94). Als »nicht plausibel« verwarf sie, daß »historisch-politische Kontinuitäten, ›unterentwickelte‹ sozio-ökonomische und kulturelle Determinanten sowie eine zernierte Gesellschaft unerläßliche Voraussetzungen« für den Aufstieg des Stalinismus bildeten. Er ist also kein Resultat von Rückständigkeit oder ein geographisch fixiertes Phänomen. Volker Kronenberg konfrontierte im Jahrgangsband 1998 die Deutungen des 20. Jahrhundert durch François Furet und Ernst Nolte.[2] Für Furet war die »ideologische Leidenschaft«, insbesondere in der kommunistischen Bewegung, ein zentrales Charakteristikum des 20. Jahrhundert. Unverzichtbar erschien ihm ferner das Diktum von der »historischen Notwendigkeit«, einer »Religion all derer, die keine andere haben« (S. 53). Die Wechselwirkung beider totalitärer Bewegungen sowie die Hinwendung des politischen Menschen zum »Wahnsinn« stellte eine der größten Herausforderungen für den Historiker dar. Der Bankrott des »revolutionären Messianismus« (S. 62) traf nach seiner Ansicht mehr die westeuropäische (im Kern dann doch wohl: die französische) Linke als die osteuropäischen Staatsparteien. Ihr Fundament war zerstört: »Was ist Geschichte, wenn auf den Kommunismus der Kapitalismus folgt?« (S. 70). Udo Baron widmete sich 1999 einem Problem, das insbesondere durch die vielfältigen Veröffentlichung von Hubertus Knabe aktuell geblieben ist und manche politische und publizistische Debatte nach sich gezogen hat: dem Einfluß der DDR-Staatsicherheit in der Bundesrepublik.[3]  Nach einer knappen Skizze der deutschlandpolitischen Positionen der Grünen und der Berliner Alternativen Liste analysiert Baron zunächst die Haltung der SED-Führung gegenüber diesem neuen politischen Phänomen. Die schablonenhafte Wahrnehmung der Parteielite musste zu zwiespältigen Urteilen führen, man meint »realistischere« und für die DDR »feindliche« Strömungen unterscheiden zu können (S. 56). Indes bleibt festzuhalten, dass die Politik der Grünen in der DDR-Führung »erhebliche Verwirrung« stiftete und »die Versuche der SED zur Instrumentalisierung [...] stets unterlief«. Vor ähnlichen Dilemmata stand das MfS. Es entwickelte einen »Maßnahmeplan« zur Einwirkung auf die Partei, setzte die üblichen Überwachungsmechanismen in Kraft, war aber letztlich mit der Beschränkung auf konspirative Methoden dem Prinzip der »Transparenz grüner Politik« nicht gewachsen. Nicht allein die Heterogenität grüner Deutschlandpolitik erschwerte das Geheimdienst-Geschäft, obwohl das MfS in der Bundestagsfraktion der Grünen ab 1983 über hochkarätige Informanten verfügte. Es gelang letztlich nur in geringem Maße, Kontakte zur unabhängigen Friedens- und Umweltbewegung in der DDR zu unterbinden. So konnte das MfS die offene Demonstration einer Gruppe von Abgeordneten um Petra Kelly und Gerd Bastian im Mai 1983 auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin nicht verhindern. Aber die Haltung der Grünen selbst blieb ambivalent: man suchte auch Kontakte zur DDR-Führung. Im Oktober 1986 hob Mielke formell die Einreisesperre für Grünen-Vertreter in die DDR auf. »Widersprüchlichkeit, Geschichtslosigkeit, Desinteresse und Abneigung« (S. 76) kennzeichneten die Deutschlandpolitik der Grünen in der Phase des Zusammenbruchs der DDR. Zwei Ergebnisse sind bemerkenswert: Trotz beachtlicher Anstrengungen und erfolgreicher persönlicher »Vereinnahmungen« blieb die Steuerungskompetenz von MfS und SED gegenüber der Partei und ihrer Bundestagsfraktion eher bescheiden; umgekehrt hatte keine andere bundesdeutsche Partei »so intensive und langfristige Kontakte zu den oppositionellen Kreisen in der DDR aufgebaut und gepflegt wie die Grünen«. Im Jahre 2000 beleuchtete Gerd Koenen[4] über einen (auto-)biographischen Zugang die alte, aber immer noch weitgehend offene Frage: Warum fasziniert der Kommunismus?[5] Er, Aktivist der Studentenbewegung und des KBW, hielt fest, keinesfalls »Opfer einer überwältigend starken, ausstrahlenden kommunistischen ›Idee‹ oder ›Ideologie‹« gewesen zu sein. Auch seien Koenen und seine Weggefährten nicht von »einer starken Attraktion oder von raffinierten Einflußstrategien einer real vorhandenen kommunistischen Bewegung erfasst« worden (S. 32 f). Der Übergang zum Marxismus-Leninismus, »ob sowjetischer oder maoistischer Observanz«, folgte vielmehr einem Organisationsbedürfnis und dem Drang, »einen (natürlich imaginären) Anschluß an die Wirklichkeit und an eine reale Weltbewegung zu finden.« In der Konsequenz mündet diese Reflexion in der Forderung, daß eine »Entideologisierung« die erste Grundlage für ein Verständnis des Kommunismus zu sein habe. Der »real existierende Sozialismus« in Politik und Ökonomie habe sich aus den Lehren von Marx nicht herleiten lassen. Alle großen Doktrinen, vom Leninismus angefangen, seien im Gegenteil systembedingten Konstrukte gewesen, entworfen, um Herrschaftserringung und Machtausübung zu legitimieren. Die »nachträgliche Legitimation« und die »theoretische Improvisation« hält Koenen für das Signifikante der großen Ideologen. Kommunismus, in Anlehnung an frühere Arbeiten, versteht er summierend weniger als Ziel, denn als »radikale Methode  oder ein brachiales Mittel zur Erreichung von handfesten Zielen und Zwecken« (S. 41). Eine unumgängliche Neuinterpretation des Jahrhundertphänomens Kommunismus läßt diesem nur Platz als eine Reaktion auf die »eigentliche« Weltrevolution, die »Herstellung des kapitalistischen Weltmarktes«, sowie »Pluralisierung, Individualisierung und Säkularisierung«. Daraus entwickelte sich die  paranoiahafte »Verkennung der Realität« (S. 45), die zweifache Singularität von Stalinismus und Nationalsozialismus. Angesichts des schrankenloses Terrors Stalins, der nicht selektiv (wie der des Nationalsozialismus) war, hält Koenen dessen Regime für die größte Annäherung an den Begriff einer »totalitären Macht«. Die Utopie einer homogenen, entdifferenzierten Sowjetgesellschaft trug den Keim ihres Untergangs schon in sich: die »schiere Unfähigkeit, das Leben dieser allmählich sich regenerierenden, pluralisierenden und komplexer werdenden Gesellschaften noch weiterhin zu regeln« (S. 52). Im Jahrgangsband 2001 griff Alexander Straßner das Phänomen der »dritten Generation« der RAF auf.[6] Für diese Gruppe gilt der weitgehende Verzicht auf ideologisierende Grundlagen, auf das (so formulierte, aber immer eklektisch gewesene) Bekenntnis zu den Lehren von Marx, Engels, Marighella und Mao. Terror und Gewalt wurden nicht mehr camoufliert, sie waren offen zum Selbstzweck geworden. Das ging einher mit einer Isolierung, einer Abkopplung von einem sympathisierenden Umfeld, einer militärtechnischen und kriminellen Professionalisierung sowie dem Versuch, internationale Strukturen aufzubauen. Wenn man auch die beiden ersten Generationen der RAF als politische Gruppe einstuft, hing ihre dritte Generation einem »in völligen Realitätsverlust konstruierten Feindbild« (S. 71) an. Unter der unscheinbaren Überschrift »Dokumentation 2000« präsentiert Uwe Backes ein Interview mit Stéphane Courtois, dem Mitherausgeber des »Schwarzbuchs des Kommunismus« und Verfasser der z.T. heftig kritisierten Einleitung.[7] Nach einer knappen Skizze von Leben und Werk (immerhin hat Courtois eine beachtliche Zahl von Publikationen zur Geschichte der Résistance und der PCF vorzuweisen) und zur Rezeptionsgeschichte des »Schwarzbuches« konzentrierten sich Fragen und Antworten auf die Probleme des Vergleichs der großen Diktaturen und der Kommunismus-Forschung allgemein. Ein »intellektueller Klimawechsel«, so Courtois, habe die Debatte um vergleichende Analysen in Frankreich erneut möglich gemacht, sowohl Ernst Noltes »Europäischer Bürgerkrieg« als auch Eric Hobsbawms »Zeitalter« seien dann erst in französischer Übersetzung erschienen. Der Weg zu einer »leidenschaftslosen Betrachtung« des Kommunismus ist damit für ihn jedoch nicht geebnet. In der Tradition von Anni Kriegel erscheint ihm Lenin als Begründer und »Erfinder« des Totalitarismus; in historischer Rückschau habe dieser den Bürgerkrieg »als ständige Form der Politik und des Krieges« etabliert. Seine Rolle und Persönlichkeit seien »noch zu wenig beachtet«. Motivierend für Courtois wirkte vor allem die seit Anfang der 90er Jahre bestehende Chance, in Moskauer Archien zu arbeiten. Damit mußte »alles neu durchdacht, überprüft und teilweise revidiert« werden (S. 137) – in seinen Augen eine »dokumentarische Revolution«. Die Arbeit auf den Gebieten des sowjetischen Kommunismus, seiner internationalen Organisationen und der nationalen Parteien werden noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Ein Thema, das mit den Themenfeldern des JHK auf den ersten Blick nur indirekt verbunden scheint, sei nicht nur wegen seiner Aktualität hier vorgestellt. Es behandelt Reichweite und Grenzen des Widerstandes in Diktaturen und ist damit für die Geschichte des Kommunismus in besonderer Weise relevant. Der Chemnitzer Politikwissenschaftler Lothar Fritze, dessen wissenschaftlicher Lebensweg von der SED nachteilig beeinflußt wurde, hatte in seiner Antrittsvorlesung am Beispiel des Hitler-Attentäters Georg Elser nach den moralphilosophischen Grenzen und Verantwortlichkeiten des Widerstandes gefragt. Eine Resonanz, die den Rahmen des Sachverstandes, der Fairneß und der wissenschaftlich-seriösen Debatte vielfach überschritt, war die Folge. Im Jahrgang 2000 des »Jahrbuchs« wird diese Auseinandersetzung dokumentiert. Fritze hatte seine aus der Analyse des Widerstandes in der DDR gewonnenen Bewertungs-Maßstäbe auf Georg Elser übertragen und war zu der Schlußfolgerung gekommen, dessen Anschlag auf Hitler sei wegen der Gefährdung unbeteiligter Dritter moralisch fragwürdig gewesen. Politische Vorwürfe, um es »harmlos« zu formulieren, waren die Reaktion – der mildeste war noch, er trüge zur »Delegitimierung« des deutschen Widerstandes bei. Wiedergegeben werden hier sowohl der überarbeitete Text der umstrittenen (oder besser: umstritten gemachten) Antrittsvorlesung von Lothar Fritze, als auch einige (gewichtige) Stellungnahmen von Fachwissenschaftlern. So attestiert der Soziologe und Wissenschaftstheoretiker Hans Albert Lothar Fritze die Legitimität seiner Fragestellung. Der Historiker und Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz weist den Vorwurf des »Revisionismus« gegen Fritze zurück, rügt aber »die realitätsferne Konstruktion einer absolut gesicherten Ethik« und konstatiert zugleich »Mängel der Quellenrecherche«. Der Politikwissenschaftler Manfred Hättich konzediert der moralphilosophischen Analyse Fritzes wissenschaftliche Qualität. Unter weiteren Historikern überwog Skepsis. Klemens von Klemperer sah sich aus anderen Erwägungen durch Fritzes Darstellung in seinem positiven Urteil über Elser sogar bestätigt, Hartmut Mehringer zeigte sich irritiert, weil dieser moralisch und nicht historisch argumentiert hatte. Elser und seine Aktion seien nur aus ihrem konkreten Bedingungszusammenhang zu erklären. Der Mainzer Philosoph Norbert Hoerster stimmte Fritzes Methode einer normativen Beurteilung des Attentäters zu, der Autor habe die für eine solche Beurteilung infrage kommenden Prinzipien deutlich herausgearbeitet. Weitere Beiträge aus E & D tangieren die historische Kommunismusforschung. So behandelten die Herausgeber Uwe Backes und Eckhard Jesse 1997 das Problem der Rechts-Links-Unterscheidung, 1999 griff Brigitte Gress ein »klassisches« Thema auf, die Totalitarismus-Konzeption Hannah Arendts.[8] Abschließend sei noch darauf verwiesen, dass E & D in seiner Rubrik »Daten, Dokumente, Dossiers« aktuelle Materialien und Berichte zur heutigen Situation der »Nachfolgeparteien« bringt: zur PDS, zur DKP oder zu ihren »Nebenorganisationen«. Eine der weiteren Stärken dieses Jahrbuchs stellt die breite und systematische Erschließung der relevanten Literatur dar. Neben dem ausführlichen Besprechungsteil umfasst eine knappe kommentierte Bibliographie im Jahresband 2001 allein fast 20 Seiten. Dort werden in wenigen Zeilen Titel unterschiedlicher Provenienz vorgestellt wie etwa zur Tragödie des Austromarxismus (von Hermann Böhm), zu den Flüchtlingen und Vertriebenen in Sachsen 1945–1952 (von Stefan Donth), zur Philosophie in der DDR (von Guntolf Herzberg), eine Biographie über Alfred Fellisch (von Mike Schmeitzner), in der Weimarer Zeit sächsischer Ministerpräsident, nach 1945 Parteigänger der Kommunisten oder zu Ungarn 1956 (herausgegeben von Heiner Timmermann und Lásló Kiss). Diese – selbstverständlich – lückenhafte Skizze der Themen von E & D zeigt jedoch deutlich, wie nützlich dessen »Komplementärlektüre« zum JHK ist. Insbesondere Politik- und Sozialwissenschaftler werden zusätzlich den Wert der aktuellen Dokumentationen zu schätzen wissen. [1] Horn, Hannelore: Der Stalinismus, in: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard (Hrsg.): Jahrbuch Extremis­mus & Demokratie, Bd. 9 (1997), Baden-Baden 1997, S. 65–96. [2] Kronenberg, Volker: Rückblick auf das tragische Jahrhundert. Furet, Nolte und die Deutung des totalitären Zeitalters, ebenda, Bd. 10 (1998), S. 49–80. [3] Baron, Udo: Die Deutschlandpolitik der Grünen und das Ministerium für Staatssicherheit, ebenda, Bd. 11 (1999), S. 47–77. [4] Koenen, Gerd: Kommunismus – als Ideologie und als historische Praxis, ebenda, Bd. 12 (2000), S. 31–52. [5] Von Konrad Löw als Buchtitel übernommen: Löw, Konrad: Warum fasziniert der Kommunismus? Eine systematische Untersuchung, 4., überarb. u. erg. Aufl., München-New York-London-Paris 1985. [6] Straßner, Alexander: Die dritte Generation der »Rote Armee Fraktion« zwischen »Phantom« und Surrogat, in: Backes/Jesse, Jahrbuch (wie Anm. 1), Bd. 13 (2001), Baden-Baden 2001, S. 49–71. [7] Backes, Uwe: Dokumentation 2000, in: ebenda, S. 125–138. [8] Backes, Uwe/Jesse, Eckhard: Die Rechts-Links-Unterscheidung – Betrachtungen zu ihrer Ge­schichte, Logik, Leistungsfähigkeit und Problematik, Jahrbuch (wie Anm. 1), Bd. 9 (1997), S. 13–38; Gress, Brigitte: Genese politischer Urteilskraft im »Wind des Denkens« – Interpretations- und Innovationspotentiale der Totalitarismuskonzeption Hannah Arendts, ebenda, Bd. 11 (1999), S. 33–46.

JHK 2002

Editorial

Vor zehn Jahren begannen die Planungen für das erste Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Das Jahrbuch sollte die zeithistorische Auseinandersetzung nicht nur mit der kommunistischen Herrschaftsgeschichte als Forum begleiten: Die Historie dieser politischen Bewegung als solcher wurde zum Gegenstand dieser mittlerweile eingeführten Publikation. Die besondere Aufmerksamkeit gilt auch heute den zuständigen Archiven, die ein Ausgangspunkt für die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit sind. Aufgrund der Präsentation der Forschungsergebnisse und ihrer breiten Diskussion hat sich das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung als Publikationsforum bewährt. Seine Erweiterung durch den International Newsletter of Communist Studies (INCS) informiert über Neuerscheinungen, interessante Archive, laufende Projekte und Tagungen zur internationalen Kommunismusforschung. Die bewährte Struktur, neben allgemeinen Abhandlungen und Miszellen im »Forum« dezidiert neue Diskussionen aufzugreifen und im Abschnitt »Biographien« Schicksale von Kommunisten näher zu beleuchten, wird im Jahrbuch 2002 fortgeführt. Die Herausgeber sind nach wie vor bestrebt, neue Quellen und Dokumente im Jahrbuch vorzustellen. Besonders hervorzuheben ist diesmal die Erstveröffentlichung eines Textes von Rosa Luxemburg über die »Sklaverei«, die der renommierte Luxemburg-Forscher Nahiriko Ito kommentiert. Über die Thematik der Schauprozesse, die vor fünfzig Jahren die kommunistische Welt in Atem hielten, informiert George H. Hodos in seinem einleitenden Artikel. Rainer Barth liefert mit seiner Beschreibung der »Lebensbeichte« Noel Fields neue Einblicke, die auf ungarischen Quellen beruhen. Einen weiteren Themen-Schwerpunkt bildet die zweite Parteikonferenz der SED vom 9. bis 12. Juli 1952 und ihre Auswirkungen auf die Innenpolitik der DDR. Falco Werkentin beleuchtet die Folgen der Konferenz für die staatliche Justiz, Horst Dähn erörtert, welche politischen Folgen die »planmäßige Errichtung der Grundlagen des Sozialismus in der DDR« für die Kirche hatte. Gerade in heutiger Zeit, da es immer noch Schwierigkeiten mit Archiven gibt, ist auf die Bedeutung der Akten für das breite Spektrum der Kommunismusforschung hinzuweisen. Die Aufmerksamkeit gilt daher der »Gefahr der Aktenvernichtung«, die eine weitere Arbeit der internationalen Forschung gefährdet und von Hermann Weber in dem gleichnamigen Artikel dargestellt wird. Er geht dabei auch auf die Auswirkungen des Urteils im Falle Helmut Kohl ein. Die Artikel von Heinz Richter und Andreas Stergiou widmen sich der kommunistischen Bewegung Griechenlands am Beispiel der Beziehungen zwischen der griechischen KP und der Komintern bzw. der SED. Zum Abschluß möchte die Redaktion auf ihre Präsentation des Jahrbuchs für hi­storische Kommunismusforschung (JHK) und des International Newsletter of Communist Studies (INCS) unter der Adresse http://www.mzes.uni-mannheim.de/pro­jekte/JHK-news/ hinweisen. Hier findet sich ein aktueller Überblick über die dortigen Publikationen seit der Erstausgabe im Jahr 1993, nützliche Adressen zur Subskription und zur Bestellung von einzelnen Artikeln sowie internationale Links im Internet. Seit neuestem ist auf der Homepage ebenfalls eine Online-Ausgabe des International Newsletter erreichbar.   Mannheim, im April 2002                                                           Die Herausgeber                                       Hinweis zur Transkription Die Transkription der im Jahrbuch zitierten russischsprachigen Literatur sowie anderer osteuropäischer Sprachen liegt ebenso in der Verantwortung der Autoren wie die Schreibweise der Orts- und Personennamen. Sie insgesamt zu vereinheitlichen, würde für Herausgeber und Redaktion einen nicht vertretbaren Zeitaufwand erfordern.

JHK 2002

Gefahr der Aktenvernichtung

Hermann Weber

Im Laufe der elf Jahre seit der deutschen Vereinigung und zwölf Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur ist die Forschung zur Geschichte der DDR sehr gut vorangekommen. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens ist seit 1990 die Einsicht in die »geheimen« schriftlichen Hinterlassenschaften der SED-Herrschaft möglich. Damit besteht für Historiker die einmalige Chance, Akten sämtlicher Bereiche der DDR von ihrer Entstehung bis zu ihrem Untergang einzusehen und auszuwerten. Und die Öffnung der Archive begünstigte seitdem geradezu eine Flut von Veröffentlichungen zur DDR-Geschichte. Zweitens gab es bereits vor 1990 wichtige und vielfältige Untersuchungen zur DDR. Allerdings haben die zahlreichen Publikationen von DDR-Historikern über die eigene Geschichte bis 1989 kaum Bestand, sind meist Makulatur. Denn die DDR-Geschichtswissenschaft sollte dem SED-Regime historische Legitimität verschaffen, ihre »Parteilichkeit« führte zu Legenden, Verzerrungen, Fälschungen. Hingegen hat die westliche Zeitgeschichtsforschung auch ohne Zugang zu den DDR-Archiven gültige Aussagen publiziert, beispielsweise über die Etappen der SED-Diktatur, ihre Kontinuitäten und Wandlungen, über die Herrschaftsstrukturen sowie über Mechanismen der Machtausübung (Ideologie, Terror, Neutralisierung) usw. Zu vielen Feldern der Politik und Gesellschaft, zum Parteiensystem mit dem Demokratischen Block oder über den Regierungsapparat, zu Wirtschaft, Recht, Kultur, Wissenschaft, Verfolgung von Regimegegnern und -kritikern, Medien usw. liegen Veröffentlichungen vor. Somit gab es beim Zusammenbruch der DDR einen lückenhaften, aber doch respektablen Forschungsstand. Durch die Öffnung der DDR-Archive, insbesondere der SED bei der Stiftung der Parteien und Massenorganisation der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) und der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit bei der sogenannten Gauck-Behörde, kam die Erforschung der DDR-Geschichte erheblich voran, weil nun sowohl Hintergründe als auch Details genau zu erforschen waren. Der Deutsche Bundestag hat die Notwendigkeit der Aufklärung früh erkannt und 1992 und erneut 1995 Enquete-Kommissionen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur eingesetzt. Schon die erste Enquete-Kommission hat die Bedeutung der Akten, deren Sicherung und völlige Zugänglichkeit für den Prozeß der Aufarbeitung der Geschichte der DDR mit allem Nachdruck festgestellt.[1] Die zweite Enquete-Kommission gab konkrete Handlungsempfehlungen.[2] Außerdem wurde die Asymmetrie kritisiert, die dadurch hervorgerufen wird, daß für Akten im Westen die 30-Jahre-Sperre besteht, während DDR-Akten frei zugänglich sind. Eine weiterhin zentrale Forderung bleibt es daher, der Wissenschaft Einsicht insbesondere in die archivierten Überlieferungen der westdeutschen Parteien, des Bundeskanzleramtes, des Auswärtigen Amtes, des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen und auch des Verfassungsschutzes und des BND für die Zeit bis 1989/90 zu gestatten. Doch mit einem Berliner Richterspruch vom Juli 2001 ist eine neue Situation entstanden, weil nunmehr für die Wissenschaft Akten gesperrt werden sollen. Und dies hat ausgerechnet ein Historiker provoziert. Ex-Bundeskanzler Kohls Klage gegen die bisherige Praxis der Behörde, Unterlagen des MfS zu Personen der Zeitgeschichte sowohl der Wissenschaft als auch den Medien zugänglich zu machen, endete vor Gericht mit einem fatalen Urteil. Schon im Vorfeld des Prozesses gab es heftige Debatten über einen erschwerten Zugang zu den Akten. Bereits im Januar 2001 hatten zahlreiche in- und ausländische Wissenschaftler in einem vom Westberliner Historiker Jochen Staadt initiierten »Offenen Brief an den Innenausschuß des Bundestages und die Fraktionen« vor geplanten Verschlechterungen für die Einsicht in die Stasi-Akten gewarnt: »Das Stasiunterlagengesetz hat sich seit neun Jahren bewährt [...] Die rechtsstaatwidrige und illegale Informationsgewinnung ist die Natur der Sache, der das Stasiunterlagengesetz Rechnung zu tragen hatte [...] Erst die umfassende Aus­einandersetzung mit dem vom DDR-Staatssicherheitsdienst hinterlassenen Schriftgut hat die bislang in der deutschen Geschichte einmalige rasche zeitgeschichtliche Aufarbeitung des untergegangenen Regimes möglich gemacht. Das Stasiunterlagengesetz hat die mutige, von der Bürgerrechtsbewegung der DDR gewollte und von der frei gewählten DDR-Volkskammer auf den Weg gebrachte Entscheidung zur raschen und umfassenden Aufklärung des im Auftrag der SED verübten Unrechts in Rechtsform gebracht. [...] Es wäre ein fatales Zeichen, wenn jetzt auf dem Verordnungsweg oder durch eine Gesetzesänderung die Grundvoraussetzungen der historischen Aufarbeitung des SED-Regimes verändert würden. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Stasimachenschaften gilt heute vielen Ländern Osteuropas als Vorbild und in der westlichen Welt als ein überzeugender Schritt des wiedervereinigten Deutschland zur Aufklärung der Diktaturfolgen. [...] Wir appellieren an Sie als Abgeordnete des Deutschen Bundestages, die Uhr der historischen und öffentlichen Auseinandersetzung mit dem SED-Unrecht nicht zurückzudrehen.« Der Forschung haben die Richtlinien vom März 2001 gegenüber der bisherigen Praxis der Akteneinsicht Erschwernisse gebracht. In der Öffentlichkeit erweckte dies aber nur geringes Interesse.[3] Von seiten der Wissenschaft wurde bereits damals klargestellt, daß für die Aufarbeitung alle MfS-Überlieferungen (einschließlich der »Telefonmitschnitte«) zugänglich bleiben müssen. Schließlich ist darauf zu verweisen, daß die meisten Forscher die Stasi-Akten sehr verantwortungsvoll auswerteten. Doch das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts ging weit über die Befürchtungen vom Frühjahr hinaus. Denn im Kern besagte das Urteil, es sei nicht nur dem Persönlichkeitsschutz »Betroffener« und »Dritter« Vorrang vor allen anderen Zielen des Gesetzes einzuräumen, sondern zudem müsse »hingenommen« werden, daß der Zugang zu Informationen »über Personen der Zeitgeschichte« für Forschung und Medien »in einem erheblichen Umfang ausgeschlossen« wird. Im Klartext bedeutet dies letztlich, für die Forschung soll die Einsicht in Stasi-Akten über Personen weitgehend eingeschränkt werden. Sogar DDR-Funktionäre müßten nach dieser Rechtsauslegung – vorausgesetzt, sie arbeiteten nicht für die Stasi – der Herausgabe ihrer Akten zustimmen, selbst diese blieben dann im allgemeinen für die Forschung verschlossen. Damit behindert das Berliner Urteil aber die Intention des Gesetzes und dessen zehnjähriger Anwendung. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat es klar gesagt: »Entgegen der Auffassung der Richter wollte der Gesetzgeber die bisherige Praxis. Aufklärung ist der Hauptzweck des Gesetzes.«[4] Ohne den Zugang zu den Unterlagen der Stasi zu Personen der Zeitgeschichte, seien es nun Politiker, Künstler, Sportler, Journalisten oder Bürgerrechtler, kann eine gründliche Analyse nicht erfolgen, wird also die Aufklärung und damit die Aufarbeitung der DDR-Geschichte gefährdet. Falls der Bundestag seine bisherige Auffassung beibehält (und er hatte schließlich zwei Enquete-Kommissionen parteiübergreifend eingesetzt, die den Vorrang der Aufklärung herausstellten), dann muß er das Stasi-Unterlagengesetz dahingehend präzisieren, daß der Wissenschaft alle Akten zweifelsfrei sofort wieder zur Verfügung stehen. Das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts muß indes noch unter einem anderen Gesichtspunkt bewertet werden. Für die Forschung und damit für die Aufarbeitung der SED-Diktatur könnte der Richterspruch auch insofern eine Kata­strophe bedeuten, weil er für die 2003 drohende Aktenvernichtung von Stasi-Unterlagen weitere Argumente liefert. Mit der These, Kohl sei als »Opfer« der Stasi zu schützen, hat das Gericht den Opfer-Begriff aufgeweicht. Eine Gleichstellung der Politiker, deren Telefongespräche abgehört wurden, mit tatsächlichen Opfern, die im DDR-Gefängnis drangsaliert wurden, ist nicht einleuchtend. Brisanter ist indes, daß »Opfer« (ja sogar »Dritte«) nunmehr die Möglichkeit erhalten sollen, ihre Akten löschen oder vernichten zu lassen. Und dazu gehörten nach der Urteilsauslegung auch Personen der Zeitgeschichte. Bei den bisherigen Diskussionen ging fast unter, daß im Jahre 2003 immer noch eine umfassende Aktenvernichtung droht. In dieser Frage hatte das Bürgerkomitee Leipzig die Öffentlichkeit 1998 gerade noch rechtzeitig alarmiert. Es waren nämlich bereits Vorbereitungen getroffen geworden, um nach § 14 des Stasi-Unterlagengesetzes eine »Anonymisierung« von Originalakten des MfS ab 1. Januar 1999 durchzuführen. Hinter dieser harmlos klingenden »Anonymisierung« stand die Gefahr einer Schwärzung, sogar einer »Löschung« von Dokumenten. Im ursprünglichen interfraktionellen Gesetzentwurf vom 12. Juni 1991 fehlte diese Passage, sie wurde erst wenige Wochen vor Inkrafttreten des Gesetzes noch eingefügt. Laut dieser Einfügung konnten »Anonymisierung und Löschung personenbezogener Informationen über Betroffene und Dritte« auf deren Antrag hin erfolgen, ausgeschlossen blieben nur Mitarbeiter und IM des MfS. Und es heißt sogar (§ 14,4), »ist eine Anonymisierung nicht möglich, tritt an die Stelle der Anonymisierung die Vernichtung der Unterlage«. Erlaubt werden sollte also durch Schwärzung der Originale oder direkte »Entsorgung«, daß unwiederbringliche zeitgeschichtliche Archivalien endgültig vernichtet würden. Da sowohl Opfer, nämlich Betroffene, als auch »Dritte« dies beantragen können, käme das – so seinerzeit das Leipziger Bürgerkomitee – »einer bisher nie dagewesenen Vernichtung von für die Zeitgeschichtsforschung wichtigen Akten gleich«. Der in der deutschen Geschichte damit einmalige Vorgang massenhafter Vernichtung von Archivalien wurde allerdings zunächst verhindert. Nach Protesten von Bürgerrechtlern und Wissenschaftlern reagierte der Bundestag rasch, er hat noch im Dezember 1998 die »Anonymisierung« um vier Jahre bis zum 1. Januar 2003 hinausgeschoben. Falls aber das Gesetz nicht verändert wird, steht die Aktenvernichtung Anfang 2003 an. Es ist also höchste Zeit, zu handeln. Im übrigen bleibt festzuhalten, daß in den Aktenkopien, die der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden, alles Private schon immer geschwärzt ist. Durch oft übermäßige Schwärzungen (bei vielen anderen Archiven genügen entsprechende Verpflichtungen zum Datenschutz) ist die Forschung mit den MfS-Akten ohnehin ziemlich erschwert. Aber Schwärzungen erfolgten bisher nur auf den Kopien, die Originale blieben der Nachwelt in den Archiven unbeschädigt erhalten. Und das muß im Interesse der Aufarbeitung beibehalten werden. Die Bemerkung im Gesetzestext (§ 14, 2.2.), die Anonymisierung unterbleibe, »soweit die Information für die Forschung zur politischen und historischen Aufarbeitung erforderlich ist«, wirkt fast zynisch. Erfolgt die als »Anonymisierung« bezeichnete Vernichtung von Originalakten, dann könnte in 20 oder 30 Jahren kein Wissenschaftler mehr aktengestützt forschen. Denn wer kann sich heute anmaßen, bei Anträgen »Dritter« zu entscheiden, was in Jahrzehnten für die Forschung »erforderlich« ist und somit im Original nicht geschwärzt werden darf? Nur die Abschaffung der »Anonymisierungs«-Möglichkeit in § 14 sowie die klare Festlegung, daß im Interesse der Aufklärung und der wissenschaftlichen Aufarbeitung wie seit zehn Jahren auch zukünftig Informationen zu Personen der Zeitgeschichte zur Verfügung stehen, können ein Desaster für die Forschung verhindern. Daher ist die Bitte der Beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Marianne Birthler, an den Präsidenten des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, voll zu unterstützen, das Parlament möge mit einer »eindeutigen Formulierung« präzisieren, wie weit die Aufklärung gehen soll. Schließlich war und ist Aufklärung der »Hauptzweck des Gesetzes«. Um die längst noch nicht beendete Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und der deutschen Geschichte gerade im Bereich Unterdrückung und Verfolgung durch das MfS weiterhin fortsetzen zu können, sind alle Wissenschaftler aufgerufen, sich gegen die geplante »Anonymisierung«, d.h. Vernichtung von Akten ab 2003 an den Bundestag zu wenden. Der Gesetzgeber bleibt aufgefordert, die knappe Zeit bis zum Ende der Legislaturperiode zu nutzen, um § 14 des Stasi-Unterlagengesetzes zu ändern bzw. abzuschaffen, damit es 2003 zu keiner Löschung von Originalakten kommt. Falls das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts rechtskräftig werden sollte, ist zu präzisieren, daß die Aufklärung und die Aufarbeitung der SED-Diktatur Priorität haben. Im Sinne der Intention von 1991 sollten auch die Akten von Personen der Zeitgeschichte wie bisher für Forschungszwecke zugänglich bleiben. [1] Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland«. Hrsg. vom Deutschen Bundestag, neun Bände in 18 Teilbänden, Frankfurt/M.-Baden-Baden 1995, Bd. I, S. 647ff.; Ingrun Drechsler u.a. (Hrsg.): Getrennte Vergangenheit – gemeinsame Zukunft. Ausgewählte Dokumente, Zeitzeugenberichte und Diskussionen der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland« in vier Bänden. München 1997, Bd. IV, S. 126ff. [2] Materialien der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit«, Hrsg. vom Deutschen Bundestag, acht Bände in 14 Teilbänden. Frankfurt/M.-Baden-Baden 1999, Bd. I, S. 553ff. [3] Vgl. die Darstellung von Marianne Birthler und die Replik von Manfred Wilke vom 21. bzw. 30. April 2001 im Tagesspiegel, Berlin. [4] Berliner Zeitung vom 6. Juli 2001.

JHK 2002

Im Kampf gegen »den westdeutschen Imperialismus«: Die Politik der SED im Mittelmeerraum

Andreas Stergiou

Einleitung Auch bei nur oberflächlicher Betrachtung der geographischen Lage Griechenlands und Zyperns wird klar, daß diese zwei Länder in alle Kriegspläne des West-Ost-Konflikts einbezogen werden mußten. Jenseits der Dardanellen, am Schnittpunkt dreier Kontinente liegend und weit ins Mittelmeer hineinragend, konnte die Möglichkeit starker Einflußnahme auf die Innen- und Außenpolitik dieser Länder nicht nur in militärischer, sondern auch in politischer Hinsicht eine äußerst vorteilhafte Lage schaffen. Die Amerikaner hatten bereits seit Ende der vierziger Jahren im Rahmen des Marshall-Plans und der Truman-Doktrin ihre Kontrolle über Griechenland und die Türkei erstmals erhalten und somit das zeitliche Rennen zur Erlangung dieser Einflußmöglichkeiten für sich entscheiden können. Mit dem Eintritt dieser Länder ins NATO-Bündnis im Jahre 1952 vermochten sie ihre militärische Position in dieser Region auszubauen. Politisch jedoch sollte der Antagonismus zwischen den beiden Supermächten noch jahrzehnte lang offen bleiben. Die Gründe dafür bestanden in der politischen und ökonomischen Instabilität der drei dort liegenden Länder (Türkei, Griechenland, Zypern) und vor allem in der hohlen Kohärenz des NATO-Südostflügels. Denn seine reibungslose Funktion setzte eine einvernehmliche Zusammenarbeit zwischen zwei Alliierten, Athen und Ankara, voraus. Gerade aber diese griechisch-türkische bilaterale Kooperation warf für die NATO hauptsächlich wegen des Zypernkonflikts seit den fünfziger Jahren eine Reihe von Problemen auf, die das traditionell problembeladene Verhältnis zwischen diesen Völkern noch mehr belasteten. Die mit dem Istanbuler Pogrom vom 6. September 1955 gegen die dort lebende griechische Minderheit aufgerissene alte Kluft zwischen Griechen und Türken, der den provisorischen Rückzug der griechischen Mitglieder aus dem NATO-Stab in Izmir nach sich zog, war die erste Kraftprobe. Wiederholt zutage getretene Spannungen in den nächsten Jahrzehnten ließen den Konflikt noch mehr eskalieren und 1974 anläßlich der türkischen Invasion in Zypern zum einseitigen Beschluß der Athener Regierung kulminieren, die Mitarbeit Griechenlands in der NATO weitgehend einzustellen. In das Zypernproblem mischte sich auch der Unmut der Griechen, weshalb das ärmste Mitglied der Allianz vierzig Prozent seines Haushalts für Verteidigung und NATO ausgeben mußte. Gleichzeitig erlitten die wichtigsten militärischen Partner Griechenlands, Bonn, Washington und London, einen erheblichen Popularitätsverlust in der griechischen Gesellschaft: Bonn auf Grund seiner strikten Neutralität im Konflikt, Washington und London wegen ihrer völlig ablehnenden Haltung zum nationalen Begehren der griechischen Zyprioten nach Anschluß an das Mutterland, das seinen vorläufigen Höhepunkt im Unabhängigkeitskrieg 1955–1959 gegen die britische Kolonialmacht erreichte. Da der griechische Nachkriegsstaat dazu innenpolitisch und wirtschaftlich instabil war, entstand im Ostblock sehr schnell der Eindruck, Griechenland sei »the weakest link« der Allianz.[1] Bald erkannte die zu diesem Zeitpunkt äußerst aktive sowjetische Diplomatie, damals unter der Leitung des seit 1953 amtierenden Sowjetbotschafters in Athen, M.G. Sergejew, die Bedeutung des Zypernproblems für die Kohärenz und Verteidigung des westlichen Bündnisses. Ihre Einschätzung, daß sich die griechische Regierung bei einer Zuspitzung der Krise gezwungen sehen könnte, dem innenpolitischen antiwestlichen Druck nachzugeben und sich in der einen oder anderen Form von der NATO abzusetzen, war nicht weit entfernt von der Realität.[2] Moskaus Werben um Athen teilte sich rasch dem gesamten Ostblock mit[3], dessen Partner beharrlich Fäden nach Griechenland zu spinnen versuchten. Als bester Repräsentant der Sowjetpolitik erwies sich die »Kryptodiplomatie« (d.h. die notgedrungen inoffizielle Diplomatie) Ostberlins im griechischen Raum. Die Bemühungen der DDR deckten sich zum Teil mit den Interessen Moskaus, zum anderen aber waren sie auf eigene politische und ökonomische Zielsetzungen zurückzuführen, die sich im beschränkten diplomatischen Spielraum Ostberlins in den fünfziger Jahren abzuzeichnen begannen. Fundamentales Ziel der DDR-Diplomatie zu dieser Zeit war bekanntlich, sich international selbständig präsentieren und die diplomatische Hallstein-Blockade durch die BRD durchbrechen zu können. Zur Verwirklichung dieses Ziels fing man im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten (MFAA) Anfang der fünfziger Jahre an, Länder ins Visier zu nehmen, in denen man glaubte, Einfluß nehmen und sukzessive die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vorbereiten zu können. Am besten eigneten sich dafür unbedeutende Staaten der dritten Welt. Doch mehr ins Gewicht fielen kapitalistische Länder des eigenen europäischen Kontinents. Vor diesem Hintergrund konzipierte man im MFAA eine diplomatische Strategie, wonach die neutralen Länder Europas zuerst in Angriff genommen werden sollten, d.h., man sah in diesen Ländern gute Chancen, diplomatische Kontakte zu knüpfen. Dabei handelte es sich um die Schweiz, Finnland[4] und später auch Zypern nach seiner Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1960. Das erhöhte Interesse der DDR-Diplomatie galt insbesondere zwei NATO-Staaten, Mitgliedern des gegnerischen Systems, mit denen man glaubte, Sonderbeziehungen aufnehmen zu können: Island wegen seiner kulanten Haltung bei dem Travelboard-Abkommen der NATO[5] und Griechenland. Letzterer Staat geriet ins Visier des MFAA wegen seiner prekären Situation in der NATO-Allianz, die die Pläne des gesamten Ostblocks begünstigte und wegen eines Staatsvertrags mit der DDR, des Handelsabkommens von 1953, das als ein Grundstein für spätere diplomatische Beziehungen betrachtet wurde. Auf Grund dieses Abkommens, das einen flagranten Verstoß seitens der Griechen gegen die COCOM-Bestimmungen darstellte, gelang es der DDR sogar eine der ersten Handelsvertretungen in der westlichen Welt in Athen zu errichten. Man ging also davon aus, daß eine Einflußnahme in Griechenland möglich sei. Wir sind heute in der Lage[6] die Feststellung zu machen, daß bei der Rollenverteilung innerhalb des Warschauer Pakts in den fünfziger und sechziger Jahren Bukarest und Sofia die Aufgabe zufiel, die griechische Öffentlichkeit psychologisch mit Friedens­initiativen, wie der Schaffung einer atomfreien Zone auf dem Balkan, zu beschäftigen, wohingegen die DDR den zusätzlichen Auftrag hatte, im Rahmen ihrer Möglichkeiten den dominanten bundesdeutschen politisch-ökonomischen Einfluß auf allen Ebenen zu verringern. Da jedoch die DDR völkerrechtlich von der griechischen Regierung nicht anerkannt worden war, verlegte sie sich erstmals auf den Ausbau von Handelsbeziehungen. Doch die Effektivität des Unternehmens bedarf der Rolle der SED, der die »missionsartige Aufgabe« zukam, eine sehr beliebte außenpolitische Praxis der DDR in die Tat umzusetzen[7], nämlich Beziehungen und Kontakte diverser Art zu politisch nahestehenden Parteien der Region bzw. zu von ihnen kontrollierten Gewerkschaften und Organisationen anzuknüpfen, um sie später zu diplomatischen Beziehungen umzufunktionieren. In zweiter Linie sollten auch Anstrengungen unternommen werden, sich in der innenpolitischen Sphäre jener Länder, hauptsächlich in der Medienwelt, Mittelsleute (Pressure Groups) aufzutreiben, um mittels der öffentlichen Meinung kurzfristige Ziele propagandistischer Natur zu erreichen. Allerdings waren damals die politischen Voraussetzungen dort vorhanden, die derartige Aktivitäten erlaubten. Es ist das Anliegen dieses Beitrags, die Formen aufzuzeigen, die diese Tätigkeit der SED in Griechenland und Zypern von den fünfziger bis zum Ende der achtziger Jahre hinein annahm. Die Darstellung basiert zum größten Teil auf bisher unausgewertetem Archivmaterial und Zeitzeugenaussagen, die der Verfasser im Rahmen seiner Dissertation in fünf Ländern (Griechenland, Deutschland, Zypern, England und Belgien) gesammelt hat. Wie aus dem Diktat des Bedarfs eine ideologische Konformität wurde Die erste und Hauptorganisation, die die SED als Vehikel ihrer Aktivitäten im Ostmittelmeerraum ansah, war die Kommunistische Partei Griechenlands KKE. Die Ansätze ihrer Beziehung gehen auf die Zeit des griechischen Bürgerkrieges 1946–1949 zurück, der im Anschluß an den zweiten Weltkrieg und die deutsche Okkupation ausbrach. Der griechische Bürgerkrieg hat seine Wurzeln in der politischen polarisierenden Atmosphäre, die noch vor dem Abzug der deutschen Truppen aus Griechenland im Oktober 1944 zwischen den rivalisierenden Widerstandsgruppen herrschte. Zu diesem Zeitpunkt waren die linken Resistancegruppen zahlenmäßig viel größer und viel populärer als die rechten. Sie waren jedoch viel heterogener und genossen im Gegensatz zu den rechten Widerstandsgruppen nicht die Unterstützung der probritischen Exilregierung Griechenlands und natürlich der britischen Truppen, die nach dem Krieg zusammen mit der Regierung wieder ins Land eilten. Aus diesem Grund gelang es den Rechten sehr schnell, die Oberhand im Nachkriegsgriechenland zu gewinnen und sich bei dem anbahnenden Krieg eine bessere Ausgangslage zu verschaffen. Nachdem 1947 die Amerikaner die Briten als Schutzmacht des politischen Establishments in Griechenland abgelöst und sich in den Bürgerkrieg aktiv eingemischt hatten, war die innergriechische Fehde für die Linken aussichtslos geworden. Doch in dieser für die KKE heißen und äußerst kritischen Phase der militärischen Auseinandersetzungen 1948/1949 erklärte sich die SED mit den griechischen »Antifaschisten« solidarisch. 1948 beschloß das Zentralkomitee der SED, ein Hilfskomitee für das »Demokratische Griechenland« bzw. für die griechischen Kommunisten zu gründen. Es sollte Geld- und Sachspenden sowie humanitäre Hilfe für die Partisanenarmee im griechischen Bürgerkrieg aufbringen. Bis 1949 gelang es der SED, den griechischen Genossen ansehnliche materielle Hilfe zur Verfügung zu stellen.[8] Von größerer Bedeutung jedoch war, daß die Sowjetische Besatzungszone und spätere DDR rund 1300 Kinder aufnahm, die die griechischen Kommunisten im Rahmen der Operation »Paidomazoma« aus den umkämpften Gebieten herausgebracht und in den Ostblock geschickt hatten. Ihr Aufenthalt in Ostdeutschland sollte eigentlich provisorischen Charakter haben. Da aber die Kommunisten den Bürgerkrieg verloren und ins Exil mußten, blieben sie über Jahrzehnte hinweg in der DDR. Aus den Kindern wurden mit Hilfe der SED qualifizierte Arbeiter, Wissenschaftler und nicht selten auch Parteifunktionäre. Aber trotz großer Bemühungen konnten weder die SED noch die KP Griechenlands (KKE) »sozialistische internationalistische Musterbürger«, Kämpfer für die Sache des Weltkommunismus zuerst in der DDR und später in Griechenland schaffen. Manche von ihnen politisierten sich in der SED und stellten sich in den Dienste des Proletarischen Internationalismus. Das bedeutete, daß sie direkt oder indirekt die Errungenschaften des »ersten Deutschen Staates der Arbeiter und der Bauern auf der Welt« in Griechenland propagierten. Die meisten blieben jedoch unpolitisch und fern von den Parteien. Einige von ihnen verließen sogar schon als Kinder die DDR, während andere nach ihrem Bildungsabschluß die verlockenderen Berufsangebote Westdeutschlands vorzogen und nach Westberlin übersiedelten.[9] Somit setzte eine »brüderliche« Kooperation zwischen der SED und der KKE ein, die mit der Zeit konkretere Formen annahm. Den Eckstein ihrer Beziehungen bildeten, wie beschrieben, die Bemühungen des Ostblocks, in dieser Region politisch und ökonomisch Fuß zu fassen. Doch aus eigener Kraft konnte die KKE in den fünfziger Jahren nur ganz wenig in dieser Hinsicht bewirken. Gleich nach der Niederlage der Kommunisten im Sommer 1949 im griechischen Bürgerkrieg mußte die Partei zusammen mit einem großen Teil ihrer Anhängerschaft das Land verlassen und sich auf eine 25 Jahre währende Wanderschaft machen. Provisorischer Sitz der KKE-Führung wurde Bukarest. In Griechenland wiederum wurde der Staat der Sieger aufgebaut, in dem der Antikommunismus zu einer alle sozialen Ebenen durchziehenden Staatsideologie erhoben wurde. Alle diejenigen, die im Verdacht standen, dem Kommunismus gefolgt zu sein, wurden Verfolgungsobjekte. Spezielle »Umerziehungslager«, die von den Wohnverhältnissen her nur in wenigen Punkten den klassischen Konzentrationslagern nachstanden, waren eine äußerst beliebte Methode des Staates, die Linken wieder zu »nationalgesinnten« Bürgern zu machen. Kommunistische Aktivitäten konnten nur im Hintergrund stattfinden. Sie wurden von einem Inlandspolitbüro organisiert, die eine Art zweiter Führung der KKE darstellte. Dank ihrer illegalen Hilfe konnte jedoch im Jahre 1951 von gemäßigten Sozialisten (ehemaligen Resistance-Kämpfern) eine linke Partei, die Einheitliche Demokratische Linke (EDA), gegründet werden. Diese neue Partei entwickelte sich rasch zu einer Sammelbewegung aller linken und progressiven Kräfte, der sich natürlich auch alle in Griechenland der Verfolgung entgangenen Kommunisten anschlossen. Die meisten von ihnen waren jedoch nach wie vor weisungsabhängig von der KKE.[10] Die Exilführung der KKE erhielt dadurch eine willkommene Gelegenheit, ihre Arbeit mit Hilfe der EDA auch auf legaler Ebene in Griechenland fortzuführen. Der neuen EDA-Partei wiederum fehlte es an Organisation und finanzieller Unterstützung, um sich in der extrem feindlichen politischen Landschaft Griechenlands überhaupt behaupten zu können. So ließ sie sich in hohem Maße zum Sprachrohr der illegalen KKE machen. Dies wiederum sollte sich später als große Schwäche erweisen: Da die Exilführung dadurch ihre Präsenz immer deutlicher machte, um ihren Hegemonieanspruch über die gesamte linke Anhängerschaft aufrechtzuerhalten, konnte die hysterische antikommunistische Propaganda der Regierung gegen die EDA leichter aktiv werden. Angesichts des Umstands, daß die EDA eine Reaktion auf das ganze politische System der neugriechischen Gesellschaft war, bemühten sich die Staatsbehörden immer wieder, Anknüpfungspunkte zu finden, um die legale EDA mit der verbotenen KKE in Verbindung zu bringen.[11] Dennoch erlebte die EDA einen rasanten Zuwachs an Mitgliedern und vor allem an Wählern. Bis 1956 war es der EDA gelungen, politisch »salonfähig« zu werden, indem sie sich an einem Wahlbündnis der Opposition mit der Volkspartei und einigen Parteien des Zentrums beteiligte, wodurch sie 18 von 300 Parlamentssitzen errang. Die EDA hatte es fünf Jahre nach ihrer Gründung geschafft, ihre Isolierung zu durchbrechen und zu einer maßgeblichen politischen Kraft zu werden.[12] Alle kommunistischen Parteien West- und Osteuropas, die Beziehungen zur KKE unterhielten, pflegten auch ein gutes Verhältnis zur EDA. Denn sie war diejenige Partei, die im Endeffekt als eine zugelassene und im Parlament vertretene Partei imstande war, etwas an der inneren politischen Entwicklung Griechenlands zu ändern. Im Besitz dieser Macht wurde die EDA in Griechenland zur Vertreterin der Ostblock-Belange.[13] Die ostdeutschen Genossen ließen ebenfalls keine Chance verstreichen, ihre eigenen politischen und ökonomischen Interessen durch die EDA kundzutun. Dies subsumierte sich unter der Bezeichnung »antiimperialistischer Feldzug«, was nichts anderes als die Unterminierung der ökonomischen und politischen Dominanz des »legitimen Vertreters« der deutschen Nation in Griechenland, der Bundesrepublik, war. Tatsächlich vermochte die Bonner Außenpolitik in den fünfziger Jahren ein überraschend gutes politisch-ökonomisches Verhältnis zu Griechenland aufzubauen. Auf der ökonomischen Ebene kam dieses partnerschaftliche Verhältnis vor allem durch zahlreiche deutsche Investitionen in den griechischen Wiederaufbau zustande. Der Handel zwischen beiden Ländern wurde derart ausgedehnt (1962 kamen 18% der Gesamtimporte Griechenlands aus der BRD und 19% der griechischen Exporte gingen dorthin), daß die Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, nach Einschätzungen der DDR-Handelsvertreter in Griechenland, den ersten Platz im Export und den zweiten im Import hinter den USA besaß.[14] Diese außerordentlich guten Beziehungen wirkten sich exemplarisch auf etliche politische Entscheidungen Athens im Betrachtungszeitraum, wie sein Verhältnis zu Kernforderungen der Bonner Außenpolitik und bei der »Bereinigung der Kriegsfolgen« (Kriegsverbrecherverfolgung), aus. Tatsächlich legte die griechische politische Elite (Hof, griechische Regierung) eine außerordentliche Bereitwilligkeit an den Tag, den Alleinvertretungsanspruch des westdeutschen Staates anzuerkennen und die internationale Position der BRD zu stärken. In diesem Sinne plädierte Athen in der Geburtsphase der Bonner Außenpolitik vehement für die Westintegration der Bundesrepublik in die NATO und den Europarat.[15] Von großer Tragweite war jedoch die »nachsichtige« Haltung der griechischen Justiz zu deutschen Kriegsverbrechern (z.B. General Alexander Andrae[16]) nach dem Krieg. Im Juni 1956 einigten sich beide Seiten auf eine Vereinbarung, die die griechische Regierung verpflichtete, alle Kriegsverbrecherverfahren und Fahndungsmaßnahmen gegen die beschuldigten deutschen Staatsangehörigen bis zur Eröffnung deutscher Ermittlungsverfahren einzustellen und die Akten über rund 700 von Deutschen begangene Kriegsverbrechen und ähnliche Delikte der Bundesregierung zu übergeben.[17] Als sehr kulant erwiesen sich die Griechen auch bei der Entschädigung der Opfer zweier berüchtigter Massaker an der Zivilbevölkerung der Dörfer Distomo und Kalavrita, die deutsche Truppen in Griechenland während der Okkupation verübt hatten.[18] Einen im Geiste ähnlichen Verlauf nahm die sich über Jahre hinschleppende Diskussion über Wiedergutmachung und Reparationen, obwohl die griechische Regierung mit einer Note im Herbst 1956[19] Wiedergutmachungsleistungen von der Bundesrepublik einforderte.[20] Nicht einmal die durch einen Zufall entstandene Merten-Affäre konnte die griechisch-westdeutschen Beziehungen nachhaltig stören. Als am 26. April 1957 der Berliner Rechtsanwalt und Ex-Wehrmachtsoffizier Dr. Max Merten als freiwilliger Zeuge in einem privatrechtlichen Verfahren gegen seinen ehemaligen Chefdolmetscher Meissner in Griechenland erschien, konnte niemand ahnen, daß er von den griechischen Behörden mit der Beschuldigung festgenommen würde, als ehemaliger Chef der deutschen Militärverwaltung in Makedonien maßgeblich an Deportationen und Hinrichtungen von Juden beteiligt gewesen zu sein.[21] Sehr hoch schlugen jedoch die Wellen in Griechenland und Deutschland, als Merten in seiner Haft plötzlich ein Foto mit angeblichen griechischen Komplizen aus der Besatzungszeit entdeckte, das ihm half, einige Vorkommnisse aus jener Zeit in sein Gedächtnis zurückzurufen. Die auf dem Foto abgelichteten Personen waren der griechische Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis, der Innenminister Demetrios Makris und seine Frau Doxoula Makris, die ihn damals mit Informationen über Juden versorgt haben sollten. Laut Merten seien sie anschließend mit Mitteln aus dem beschlagnahmten jüdischen Vermögen entlohnt worden.[22] Daraufhin gerieten die Dinge in Bewegung. Nach zwei griechischen Abolitionsgesetzen 1958 und 1960, womit auf die Verfolgung von Kriegsverbrechern erneut verzichtet wurde,[23] konnte Merten 1960 in die BRD abgeschoben werden, wo die Ermittlungen gegen ihn nach einigen Jahren eingestellt wurden. Dies alles waren in den Augen der DDR-Leute Zeichen der westdeutschen »imperialistischen Politik«. Von der ostdeutschen Handelsvertretung in Griechenland aus, des halboffiziellen »Organs« des DDR-Staatswesens[24] in Athen, hofften die DDR-Emissäre mit Hilfe ihres vielfältigen propagandistischen Instru­mentariums »die wahren Ziele und die Rolle des westdeutschen Imperialis­mus auch in Griechenland mit allen möglichen Mitteln zu entlarven«. Jener »antiimperialistische Feldzug« der DDR wäre jedoch zu dem Zeitpunkt ge­scheitert, wenn sich die griechischen Genossen der EDA ihn nicht auf ihre Fahnen (Programma Palis) geschrieben hätten. Diese Bemühungen der DDR fielen nämlich in den fünfziger und sechziger Jahren mit dem Ringen der EDA zusammen, in der vom Antikommunismus geprägten politischen Landschaft Griechenlands das seit dem Ende des Bürgerkriegs kompromittierte Ansehen der linken Kräfte wiederherzustellen. Sehr schnell kam eine gegenseitige Hilfeleistung zwischen beiden Parteien zustande, die EDA und KKE finanzielle Unterstützung für ihren Agitationsapparat[25] (Druckmaschinen, Ausstattungsmaterial) und der SED politische Unterstützung brachte. Nicht nur die in Griechenland erscheinenden Zeitungen sondern auch die in der DDR griechischsprachige Zeitschrift Pyrsos finanzierte die SED damals, sie finanzierte auch die Redakteurstellen. Die miteinander verflochtenen theoretischen Presseorgane der KKE und der EDA wurden jedoch nicht nur mit maschineller Ausrüstung und Geld versorgt, sondern auch mit Materialien, welche in der Propaganda-Abteilung des Außenministeriums der DDR angefertigt worden waren, und die die linksstehenden Zeitungen (Avgi, Anexartitos Typos) als Grundlage für ihre Artikel über die DDR zu verwenden hatten. Das Ergebnis dieser ergiebigen Kooperation war – wie dies wörtlich im Archiv der SED steht[26] – die bedingungslose Unterstützung der Außenpolitik der DDR und der anderen sozialistischen Länder in Griechenland. Die SED honorierte diese bedingungslose Unterstützung vielfältig. Sie erleichterte nämlich die illegale Arbeit der Bruderpartei, indem sie es vom Boden der DDR aus ermöglichte, kommunistische Kader illegal über Frankreich nach Griechenland zu befördern.[27] Das Staatsgebiet der DDR war prädestiniert für diese Vorgehensweise der griechischen Genossen, weil sie, falls so etwas aufgedeckt würde, als ein nichtanerkannter Staat von keiner europäischen Regierung offiziell zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Außerdem stand sowohl den EDA- und KKE-Genossen aus Griechenland als auch denen, die in der DDR aufgewachsen waren (Pädomazoma-Kinder), eine bestimmte Anzahl von Studienplätzen an den DDR-Universitäten zu. Von großer Tragweite für das Fortbestehen der kommunistischen Bewegung in Griechenland war auch die direkte finanzielle Hilfe der SED an die Parteiorganisationen der KKE und der EDA in den fünfziger Jahren. Da mehrere zehntausend griechische Genossen den Repressalien des Staatsmechanismus ausgesetzt waren und ihnen meistens über Jahre hinaus jeglicher Zugang zu einer Erwerbsquelle verwehrt war, waren sie auf unmittelbare finanzielle Unterstützung durch die Partei angewiesen. Andere wiederum bedurften wegen ihrer illegalen Arbeit und langen Inhaftierung permanent sorgfältiger medizinischer Behandlung. Hin und wieder kamen Bitten in der Parteizentrale der SED an, die entweder spezifische Therapien oder Erholungsurlaub für EDA-Kader beantragten.[28] Zu diesem Zweck wurden spezielle »Ehrenfonds« eingerichtet[29], von denen regelmäßig Devisen nach Griechenland flossen.[30] 1951 wurden von Mitgliedern der KKE mit der Unterstützung der SED zwei Kommissionen gebildet, deren Aufgabe es war, zum einen die Spenden zu organisieren sowie die Gelder zentral zusammenzufassen und zum anderen agitatorische Arbeit auf diesem Gebiet zu leisten. Ab April 1951 wurden die vielen einzelnen Summen, die an verschiedenen Orten bei den dortigen Gruppen vorhanden waren, auf ein Konto der Deutschen Notenbank in Radebeul zusammengezogen.[31] Im Gegenzug leisteten beide Parteien eine gezielte und geschickte propagandistische Arbeit zu Gunsten von SED und DDR. Die linke Agitation nahm verschiedene Formen an; sie folgte im Großen und Ganzen einem bestimmten Muster. In offiziellen Veröffentlichungen[32] verklärte man einerseits die wirtschaftlichen Erfolge der DDR und unterstrich andererseits den elenden Zustand der griechischen Agrarproduzenten, das wachsende Handelsdefizit und die ökonomische Rückständigkeit Griechenlands, die auf Grund der Beteiligung des Landes an der EWG entstanden sei (der Assoziierungsvertrag zwischen Griechenland und der EWG wurde 1961 abgeschlossen und trat im November 1962 in Kraft). Die kommunistischen Kreise wußten ganz genau, worunter die Bauern litten, und verpaßten keine Chance, sich auf die unbarmherzige Regierung einzuschießen. Darüber hinaus pflegten sie die Regierung gegenüber den Amerikanern und den »Neonazis« (Bonner Regierung) als kriecherisch und servil zu denunzieren. Wasser auf die Mühlen der oppositionellen Agitation gossen in dieser Hinsicht folgende unübersehbare Tatsachen: Während der Kauf von Tabak und anderen Agrarprodukten durch den Westen stark nachließ, erklärte sich der Ostblock, insbesondere die DDR bereit, den Restbestand des Tabaks, der mittlerweile ein riesiges Ausmaß angenommen hatte und sich auf zehntausende von Tonnen belief, zu übernehmen. Selbst die europäischen NATO-Partner Griechenlands, darunter der beste Handelspartner Griechenlands, die Bundesrepublik, zogen es in kühler Abschätzung ihrer Interessen vor, Tabak von den Ostblockländern zu kaufen, weil er einfach billiger war.[33] Als nächstes zeichnete man in sehr dunklen Farben die Blockadepolitik der BRD, die »im krassen Gegensatz zur politischen Praxis der DDR stünde«. »Die konsequent ausgestreckte Hand der Hilfe und der Freundschaft« der DDR habe sich nicht zuletzt in der ausgeglichenen Handelsbilanz zwischen beiden Staaten niedergeschlagen. Schließlich wurden sehr behutsam besondere Probleme der griechischen Wirtschaft angesprochen. Die Lösung dieser Probleme war »zufälligerweise«[34] mit konkreten Interessen der DDR in Griechenland identisch. Im Parlament verfolgten gleichzeitig die EDA-Abgeordneten und andere oppositionelle Politiker (hauptsächlich des politischen Zentrums) dieselben Interessen durch Anfragen zu den »brennenden Problemen« des Landes.[35] Selbstverständlich beinhalteten ihre Vorschläge eine mögliche Unterstützung der DDR zur Überwindung dieser Probleme. Die Verfasser jener Artikel waren meistens zuvor in der DDR zu Besuch gewesen und unterließen aus diesem Grund nicht, wo auch immer sie es konnten, ihre positiven Reiseeindrücke zu schildern und »wie sehr sie beeindruckt von den Erfolgen der Arbeiterklasse im aller ersten deutschen Staat der Arbeiter und Bauern waren«. Diese Artikel handelten meistens »von den erreichten Erfolgen« auf Sektoren, die für die außenwirtschaftlichen Beziehungen der DDR relevant waren (landwirtschaftlicher Sektor, Telekommunikationswesen usw.).[36] Die Gegenleistung für diese »positiven« Artikel ging, was die einzelnen Personen angeht, manchmal über den Genuß eines opulent gestalteten Aufenthaltes in Ostdeutschland weit hinaus.[37] Von den »DDR-Freunden«, die nicht selten auch im konservativen Lager[38] re­krutiert wurden, erhoffte man sich Aktionen (Artikel oder Vorträge), die darauf abzielten, in einer mit der Zeit stärker ritualisierten Weise[39] die »am Aufbau von Beziehungen mit allen Staaten interessierte DDR-Außenpolitik« dem »kleinen Mann« in Griechenland nahezubringen. Nachdem diese erste Botschaft klar und deutlich vermittelt worden war, stellte man die »Friedenspolitik« der DDR, die mittlerweile den »Faschismus« und »Militarismus« ausgerottet habe, vergleichend der Politik Bonns gegenüber, in der »Revanchismus und die Eroberungssucht« verwurzelt seien. Die Effektivität dieses Unternehmens sicherten nicht zuletzt die Rückblenden auf die deutsche Besatzungszeit und die Nazi-Grausamkeiten ab, die sich von der mangelhaften Aufklärung einiger Kriegsverbrecher-Affären und der halbherzigen Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus nährten.[40] Selbstverständlich kamen die jeweiligen Autoren solcher Hetzblätter nicht zu Überlegungen über einen möglichen Anteil der DDR an jenen heiklen Fragen. Das MFAA pflegte, wenn die Gäste in der DDR auf solche »abwegige Ideen« kamen, ihnen deutlich zu machen, daß sie ihre Aufmerksamkeit anderen Fragen schenken sollten.[41] Fruchtbaren Boden lieferte vor diesem Hintergrund der DDR-Agitation die schlagzeilenträchtige »Merten-Affäre«, die die griechische Öffentlichkeit drei Jahre lang beschäftigte. Die DDR befand sich im Vergleich zu allen anderen Ostblockstaaten als Mitstreiterin der EDA in einem erheblichem Vorteil, weil auf ihrem Boden einschlägige Archivalien über den Fall verfügbar waren. Sehr aufschlußreich ist die Korrespondenz zwischen der EDA und der SED im Zeitraum zwischen 1958 und 1960, als die Angelegenheit die Gemüter in Griechenland erhitzte. Wie sich aus der Archivlage ergibt, bewies die EDA bei ihrer »Entlarvungskampagne« gegen die Kriegsverbrecher ein äußerst reges Interesse an der Vergangenheit dieser Personen, was sich nicht zuletzt durch ihre wiederholten Petitionsbriefe an die SED und Besuche EDA-Abgeordneter (P. Mavromatis, K. Pyromaglou) in der DDR bestätigt.[42] Der Zweck dieser Bemühungen war, wie ganz klar in den Archivalien steht, Material über Kriegsverbrecher zu sammeln, darunter auch über Merten, die »Gewaltakte in Griechenland ausgeführt hatten und jetzt in Westdeutschland wieder in Positionen sind«.[43] Das Material sollte anschließend der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Über den Verlauf der Nachforschungen wurde auch die sowjetische Botschaft informiert, die in Gesprächen mit der Handelsvertretung Instruktionen gab, wann es am günstigsten sei, unter Ausnutzung der Merten-Angelegenheit der griechischen Regierung gewisse Forderungen zu stellen.[44] Eine andere, nicht so populäre, aber weniger komplizierte propagandistische Praxis, auf die Existenz des zweiten deutschen Staates aufmerksam zu machen, bildeten die sogenannten Friedens-, Kultur- und Humanitäts-Aktionen der DDR, die sie konsequent seit Mitte der fünfziger Jahre verfolgte. In die Bandbreite dieses »internationalistischen Engagements« gehörten die Hilfe für Erdbebenopfer[45], die Organisierung diverser kultureller Veranstaltungen (Filmwochen, Vorträge usw.)[46] – meistens durch den EDA-Parteiapparat – die Unterstützung bzw. die Herausgabe von griechischsprachigen Dissertationen und Forschungsprojekten aller Art[47], sowie die Gründung von DDR-freundlichen Vereinen wie der »Freundschaftsgesellschaft Griechenland – DDR«, deren Präsident ein Mitglied der EDA, Dr. J. Imbriotis, war. [48] Solange die EDA das politische Establishment nicht direkt bedrohte, interessierten sich wenige im Ausland und Inland für den Widerhall dieser Attacken. Als jedoch bei den Parlamentswahlen von 1958 die »kommunistische EDA« von einer Splitterpartei zur stärksten Oppositionspartei Griechenlands wurde, fing man sowohl in der griechischen Regierung als auch in der westdeutschen Botschaft an, nach den Ursachen für den so günstigen Wahlausgang der EDA zu suchen.  Plötzlich stellte man fest, daß die Unzufriedenheit der Bevölkerung kein Produkt der kommunistischen Phantasie war, sondern aus der realen Wirtschaftslage resultierte. Aus diesem Grund galt es, wirtschafts- und handelspolitische Fragen in den Vordergrund zu stellen. Auf einmal fiel es den westdeutschen Diplomaten in Athen leichter, auf die dringenden Bitten der griechischen Regierung, »die Bundesregierung möge die Möglichkeit einer Einfuhr von 500 000 Tonnen unverkauften griechischen Weizens prüfen«, einzugehen. Obwohl der Import griechischen Weizens mit dem deutschen Einfuhrplan dieses Jahres nicht vereinbar war und Qualität und Preis des griechischen Weizens keineswegs den deutschen Wünschen entsprachen, hielt es die deutsche Botschaft in Athen »nicht nur aus handelspolitischen, sondern auch aus politischen Gründen für geboten«, im Rahmen eines Dreiecksgeschäftes in Kombination mit amerikanischem Weizen gegen den Austausch von deutschen Industrieerzeugnissen die Einfuhr griechischen Weizens doch noch zu ermöglichen. [49] Die Zypernfrage Ein Thema, das sich besonders für Agitation und antiwestdeutsche Politik bot, war das sogenannte Zypernproblem. Zutreffenderweise erkannten die Kryptodiplomaten Ostberlins sehr früh die Achillesferse der Bonner Diplomatie in Bezug auf den Zypernkonflikt.[50] Anders als die Bundesrepublik, die seit dem ersten Aufflammen des Konflikts 1955 konsequent eine strikt neutrale Haltung beherzigte, entschied sich die DDR sowohl während des Unabhängigkeitskriegs gegen die britische Kolonialherrschaft 1955–1959 als auch bei allen türkisch-griechischen Auseinandersetzungen in den sechziger Jahren für die griechisch-zypriotische Seite. Damit folgte sie dem Beispiel der Sowjetunion.[51] Dies kann man in einem Aktenvermerk der europäischen Abteilung der SED über die Vorschläge Gromykos zur Lösung der Zypernfrage im Jahre 1965 deutlich nachlesen: »Alle Stellungnahmen der DDR haben stets die gleiche Grundlinie wie die UdSSR verfolgt und die NATO-feindliche Politik der Regierung Makarios unterstützt. In der Frage der Minderheit der Türken wurde jedoch ebenfalls die völkerrechtlich vertretbare Linie der Regierung Makarios unterstützt, ohne darauf jedoch ausführlich einzugehen. Es muß berücksichtigt werden, daß die türkischen Extremisten in Zypern und ihre Aktionen zum Vorwand für Aggressions- und Interventionsakte der Türkei genommen wurden«.[52] Die DDR sah ihrerseits in jener massiven Parteinahme Moskaus[53] für die griechisch-zypriotische Regierung eine Möglichkeit, den Konflikt für eigene politische Ziele zu nutzen. Zypern rückte sofort nach der Gründung der Republik in den höchsten Prioritätsrang der »Länderliste« des MFAA auf. Dies war nicht nur auf die sowjetische Politik zurückzuführen, sondern auch darauf, daß der zypriotische Staat nicht dem NATO-Bündnis angehörte (Zypern wurde sogar in den sechziger Jahren Mitglied der »Bewegung der Unabhängigen Staaten«), also nicht den bekannten diskriminierenden Vorgaben unterworfen war. Dies bedeutete, daß weder einer Aufnahme diplomatischer Beziehungen noch einer Reihe anderen Tätigkeiten der DDR nennenswerte Hindernisse im Weg standen. Daher avancierte die Insel rasch nach Prag zum zweiten »Anknüpfungsort« für Kontakte der DDR zu dritten Ländern. Während Prag das »Zentrum« für die Kontakte zu entwickelten Ländern war, bildete Zypern das für die Kontakte zu Entwicklungsländern »zuständige Zentrum« der DDR.[54] Als der erste Präsident der Republik Zypern, Makarios, kurz nach der Unabhängigkeitserklärung 1960 dem Westen zu verstehen gab, er sei nicht bereit, eine ähnliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten Zyperns wie in Griechenland zu dulden, intensivierte Ostberlin wieder durch den SED-Apparat für internationale Verbindungen seine Bemühungen, im Einklang mit der Politik Moskaus durch eine Parteinahme politische Erfolge zu erzielen. Wie im Fall Griechenland hoffte Ostberlin darauf, dort eine günstige Ausgangsposition für später folgende Beziehungen auf staatlicher Ebene zu schaffen. Auftrieb gab den Hoffnungen der Ostdeutschen der äußerst eindrucksvolle Erfolg der Kommunistischen Partei Zyperns AKEL, die bei sämtlichen Wahlen seit der Gründung der Republik 1960 bis heute ständig mehr als 30% der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Deswegen formierte sich in ähnlicher Weise wie in Griechenland in den sechziger Jahren auch auf Zypern eine sehr enge Verbindung der SED zur AKEL und den unzähligen ihr nahestehenden Organisationen. Seit 1960 kam im Rahmen der kommunistischen Solidarität jährlich in die DDR eine Anzahl Jugendlicher, die exklusiv auf Kosten der DDR Fachausbildungen oder diverse für die zypriotische Wirtschaft wichtige Studiengänge absolvierte. Diese jungen Leute waren sowohl griechisch-zypriotische als auch türkisch-zypriotische Studenten und konnten meistens mit Sonderbedingungen rechnen.[55] Es wurde meistens von ihnen erwartet, daß sie nach ihrem Studienabschluß auf der Insel für die DDR werben sollten. Auf ihre Initiative geht die Veröffentlichung mehrerer für die DDR positiver Artikel in der dominanten AKEL-Parteipresse zurück, die sie für die zypriotische »fortschrittliche« Presse übersetzten, sowie die Gründung der Freundesgesellschaft DDR-Zypern im Jahre 1966. [56] Die Beziehungen zwischen den Parteien gingen freilich darüber weit hinaus und erfaßten ein breiteres politisch-ökonomisches Spektrum, das vom Handel zwischen Parteifirmen und der DDR[57] bis hin zur offensichtlichen propagandistischen Arbeit zu Gunsten der DDR reichte. Die Auslandpropaganda entwickelte sich entweder über die Gewerkschaftsorganisationen der AKEL, die in Verbindung zu FDGB und VdGB standen,[58] oder direkt über die AKEL, die verschiedene Prominente auf der Insel zu kontaktieren versuchte, um den zweiten deutschen Staat im Kontrast zur BRD positiv herauszustreichen. Eine solche Aktion stellt die Bildung eines Komitees für die Anerkennung der DDR gegen Ende der sechziger Jahre dar. Diese Verbindungen der Kommunistischen Partei, der ältesten und am besten organisierten politischen Struktur Zyperns, nämlich, ermöglichten es der DDR, einige aufsehenerregende wirtschaftliche und politische Erfolge zu erzielen. Tatsächlich gelang es Ostberlin, mit dem Standort Zypern zum zweiten Mal[59] in der westlichen Welt eine mit konsularischen und verstärkten Handelsrechten ausgestattete Handelsmission zu errichten.[60] Dies ist um so bemerkenswerter, als die zypriotische Regierung kurz nach ihrer Bildung allein die Bundesrepublik diplomatisch anerkannte. Man kann sogar davon ausgehen, daß die Herstellung normaler diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern schneller als 1972 erfolgt wäre, wenn Nikosia nicht um eine sehr »verfängliche Eventualität« gefürchtet hätte, die einer Anerkennung der DDR ständig im Wege stand. Die Regierung, erklärten die Zyprioten den DDR-Vertretern, dürfe auf keinen Fall einen Präzedenzfall schaffen, indem sie offiziell anerkannte, daß ein Staat zweigeteilt würde. Dies würde den separatistischen Ambitionen der türkischen Seite Auftrieb geben und die Gefahr einer Spaltung der Inselrepublik erhöhen. [61] Die »internationalistische Brüderschaft« auf dem Prüfstand: Die KKE-Spaltung und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und der griechischen Militärjunta 1968 traten die Beziehungen zwischen den griechischen und den ostdeutschen Kommunisten in eine neue Phase ein. Die Existenz zweier Machtzentren in der griechischen linken Bewegung, des Inlandsbüros und der EDA auf der einen Seite und der Exilführung auf der anderen, sorgte in den fünfziger und sechziger Jahren für heftige Fraktionskämpfe, die in einer Spaltung der KKE im Jahre 1968 gipfelten. Die moskautreue Exilführung empfand den politischen Kurs der Inlandsgenossen als eine Bedrohung ihrer Position. Vor allem betrachtete sie die Annäherungen der EDA an den Eurokommunismus, die vom Inlandsbüro der KKE unterstützt wurden, als eine unzulässige ideologische Abweichung vom sowjetischen ideologischen Sozialismusmodell. Nach einem turbulenten Plenum in Budapest im Februar 1968 vermochte die Exilführung mit sowjetischer Hilfe den Parteiausschluß der »Dissidenten« mit dem Vorwurf durchzusetzen, sie hätten durch ihre revisionistische Fraktionstätigkeit der Partei geschadet.[62] Die Revisionisten reagierten prompt. Sie fuhren nach Bukarest, wo sich die Residenz der Parteiführung und der Propagandaapparat befanden und beschlagnahmten das für die Kommunisten heilige Parteiarchiv. Anschließend besetzten sie das Parteisprachrohr, den Rundfunksender »Die Stimme der Wahrheit«, und legten dem kommunistischen Publikum in Griechenland und Osteuropa ihre eigene Interpretation über die Entwicklung des Plenums vor. Dabei konnten sie mit der Hilfe der rumänischen KP rechnen. Die Rumänen, die unter der Führung Ceauşescus seit 1965 einen Kollisionskurs zur KPdSU steuerten, erhielten dadurch eine willkommene Gelegenheit, sich stellvertretend der Macht Moskaus zu widersetzen und unterstützten alle Aktionen der Revisionisten. Mit rumänischer Hilfe konnten sich letztere zu einer eigenen kommunistischen Partei (KKEex.) konstituieren. Die beiden Parteien bemühten sich von da an darum, sich exklusiv als die rechtmäßigen Vertreter der griechischen kommunistischen Bewegung zu präsentieren und lieferten sich einen erbitterten Konkurrenzkampf, der auf Jahre hinaus anhielt.[63] Die Spaltung der griechischen Kommunisten, die quer durch alle KKE- und EDA-Organisationen ging, war ein Ereignis von großer Tragweite, da sie während der griechischen Militärdiktatur (1967–1974) erfolgte und eine Zersplitterung jener Kräfte hervorrief, die auf Grund ihrer Tradition einen aktiven Widerstand gegen die Junta hätten leisten können. Jedenfalls war die Periode zwischen Mitte 1968 und Anfang 1970 für die Exilführung eine Zeit der Verzweiflung. Die Luft in Bukarest wurde für die moskautreuen griechischen Kommunisten durch das »antikameradschaftliche« Gebaren der KPR »zu knapp«. In Griechenland war der Parteimechanismus nach dem Putsch völlig demontiert worden. Die Kommunisten stellten das Hauptobjekt der faschistischen Wut dar. Die aufopfernde Tätigkeit der wenigen Mitglieder, die noch nicht verhaftet worden waren, war durch die Spaltung schwer gehandikapt. Für die moskautreue KKE stellten sich zu diesem Zeitpunkt zwei dringende Aufgaben. Es galt, erstens die Parteizentrale auf sicheren Boden zu verlagern und zweitens so schnell wie möglich einen neuen Rundfunksender aufzubauen, um den Kontakt mit ihrer Anhängerschaft wiederherstellen zu können. In diesen schwierigen Momenten kam den griechischen Genossen noch einmal die SED zur Hilfe. Dort sollte sich jener Teil der KP-Führung ansiedeln, der für die politische Aufklärung der Kader und die Parteipropaganda verantwortlich war (Kathotigisi tou Kommatos). Es sollte auch der Rundfunksender der KKE, die Stimme der Partei nach außen, wiederaufgebaut werden. Ein Teil des Mechanismus mußte aus praktischen und formellen Gründen weiterhin in Bukarest lokalisiert bleiben.[64] Die DDR war damals zu dieser Aufgabe prädestiniert, weil sie außer Albanien die einzige Volksdemokratie war, zu der Griechenland keinerlei diplomatische Beziehungen unterhielt. Dies bedeutete, daß sie nicht in Gefahr geriet, ihr Verhältnis zum griechischen offiziellen Staat zu gefährden, indem sie dem Staatsfeind Nr.1 der griechischen Nation Unterkunft gewährte. Die Ansiedlung des Eckpfeilers der griechischen KP in der DDR war zu diesem Zeitpunkt trotzdem mit großem Aufwand und erheblichem politischen Risiko verbunden und bildete unter den damaligen Verhältnissen für die DDR und die SED eine Überforderung. Um ihr Gesicht in der kommunistischen Weltgemeinschaft wahren zu können, mußte sich damals die SED mit dem »orthodoxen« Flügel solidarisieren. Dies war jedoch ein Rückschlag für ihren diplomatischen Kampf, in dieser Region Fuß zu fassen.[65] Der Grund war, daß die DDR im gleichen Zeitraum eine Normalisierung ihrer Beziehungen zur griechischen Militärjunta anvisierte! Die Machtübernahme der Obristen in Griechenland im April 1967 überraschte Bonn und Ostberlin gleichermaßen. Während anfänglich in der BRD nur SPD-Politiker ihre Proteste gegen das faschistische Regime bekundeten, ging die DDR als Staat mit scharfen offiziellen Erklärungen[66] voll in die Offensive. Während sich jedoch die Beziehungen zwischen Athen und Bonn nach der Übernahme der Regierungsverantwortung von Willy Brandt 1969 rasch verschlechterten,[67] fingen die schärfsten Antikommunisten Europas an, bedeutende Wirtschaftskontakte zu Ostberlin zu knüpfen. In seiner Neujahrsbotschaft 1970 befand Junta-Chef Papadopoulos, daß »der Kommunismus keine große Gefahr zu sein scheint«. Erstmals nach zweijähriger Unterbrechung beschickten die Griechen die Leipziger Messe mit 150 Ausstellern. Handelskammerpräsident Ioannis Kannelopoulos bezeichnete Griechenlands Beziehungen zur DDR zwar als »eigenartig«, forderte aber gleichzeitig: »Wir müssen größere Mengen ostdeutscher Produkte kaufen.«[68] Die allmähliche Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen verstärkte in beiden Ländern bald den Wunsch nach Normalisierung auch der politischen Beziehungen. Der im Dezember 1972 unterzeichnete Grundlagenvertrag zwischen den zwei deutschen Staaten und die Aufhebung der Hallstein-Doktrin, die eine Anerkennungswelle gegenüber der DDR ermöglichten, lieferten diesem Wunsch auch die diplomatische Grundlage. Anfang 1973 hielt das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten der DDR die Bedingungen für den Aufbau von Beziehungen zum Athener Regime für reif. Auf seine Vorlage hin beschloß das Politbüro des Zentralkomitees der SED am 23. Januar 1973 allen ideologischen und politischen Hemmungen zum Trotz, umfassende Verhandlungen über die Herstellung di­plomatischer Beziehungen zu Griechenland vorzubereiten und alle sich daraus ergebenen Maßnahmen zu veranlassen.[69] Einige Wochen zuvor war der orthodoxe Flügel der KKE (KKEex.) über den sich anbahnenden Aufbau diplomatischer Beziehungen der DDR zur Athener Junta unterrichtet worden. Am 14. April 1973 empfing Erich Honecker eine Delegation unter der Leitung des neugewählten Generalsekretärs der Partei, Charilaos Florakis.[70] Dabei wurden die Griechen einer eigenartigen und dehnbaren Interpretation des »proletarischen Internationalismus« belehrt. Die Interventionsmöglichkeiten der griechischen KP gegen die Entscheidung ihrer Schutzpa­trons waren natürlich sehr beschränkt. Als Konzession der SED gegenüber den Einwendungen der Bruderpartei, die sicherlich geäußert wurden, könnte gewertet werden, daß die DDR mit dem Austausch von Botschaftern bis zum Zeitpunkt nach der Wiederherstellung der Demokratie in Griechenland wartete.[71] Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und den griechischen Faschisten war ein harter Schlag für das Gemüt der griechischen Genossen.[72] Ostberlin ließ in der Tat eine alte, in schwierigen Zeiten geschmiedete Freundschaft in den Hintergrund treten, um dem Diktat der kühlen Vernunft Rechnung zu tragen. Die DDR verhielt sich diesseits der politischen Legalität und jenseits der ideologischen und moralischen Integrität. Sie gab den Primat der Politik auf seltsame Weise preis. Es war nicht der ökonomische Profit, den sie diesmal opferte, um ihre politischen Ziele zu erlangen, sondern ihre eigene Stütze, die Partei, die zwei Jahrzehnte lang diesem Zweck gedient hatte. Die griechischen Kommunisten in den Gefängnissen waren sich dieser Realität bewußt, schwiegen aber. Als eine Conspiration de Silence charakterisierte der spätere Generalsekretär der KKE und damals inhaftierte Gr. Farakos diese Haltung der Kommunisten. Alle versuchten sich mit der Erklärung der Führung abzufinden, die Kooperation zwischen der Junta und sozialistischen Demokratien diene nur dem Ziel, sie auf dem internationalen Parkett zu stärken, um später den Kampf gegen den kapitalistischen Feind fortführen zu können. Den Parteimitgliedern wurde eingehämmert, daß Moskau auf diese Weise den amerikanischen Einfluß in dieser Region viel effektiver zurückdrängen könne. Die griechischen Kommunisten hatten indessen keine andere Wahl, als diese Entscheidung Ostberlins zu akzeptieren. Finanziell völlig auf die »Bruderpartei« der SED gestellt, war die KKE gezwungen, nicht nur die Aufnahme nicht anzuzweifeln, sondern auch zu begrüßen,[73] um den Eindruck zu vermitteln, es habe sich um einen einvernehmlichen Beschluß gehandelt. Die Periode nach der Militärjunta Das Jahr 1974 brachte für Griechenland zwei Ereignisse von erdrutschartiger Bedeutung. Das eine war der Sturz des Militärregimes und das zweite die türkische völkerrechtswidrige Invasion auf Zypern, die eine de facto Teilung der Insel nach sich zog. Beide Vorkommnisse kamen den Zielen der DDR in dieser Region zugute. Die Rückkehr der Demokratie wurde von der Wiederlegalisierung der kommunistischen Parteien begleitet. Die KKE war endlich imstande, vollständig die Rolle zu übernehmen, die für die ostdeutschen Interessen in der Region von Belang war. Die großzügige finanzielle und politische Unterstützung der SED an die KKE in ihrem Kampf mit den Revisionisten um den Alleinvertretungsanspruch im linken Spektrum half den griechischen Genossen, das antikameradschaftliche Verhalten der Ostdeutschen in Vergessenheit geraten zu lassen. Das Organisationsvermögen der griechischen Kommunisten aus der Zeit der Illegalität machte sich auch in der Zeit der legalen Existenz bezahlt. Bereits in den siebziger Jahren konnte die KKE dank der Tageszeitung Rizospastis und der Monatszeitschrift KOMEP auf eine kompakte Presseunterstützung stolz sein. Das Interesse der DDR galt nach wie vor dem Energie- und Telekommunikationsbereich (Braunkohleerschließung in Ptolemais, Materialbestellungen der nationalen Telekommunikationsgesellschaft Griechenlands OTE u.a.). Sowohl in der Parteipresse[74] und der KOMEP in verschiedenen Publikationen der Politemigranten in der DDR[75] als auch auf nunmehr parlamentarischer Ebene versuchte man, die Erfolge der DDR auf diesen Gebieten zu popularisieren und den vor der griechischen Junta unterbreiteten ostdeutschen Offerten neue Attraktivität zu verleihen. In der Zypernfrage bemühte sich die DDR auch weiter, sich in Zusammenhang mit den dramatischen politischen Entwicklungen im Mittelmeerraum vom Jahre 1974 Reputation zu verschaffen und daraus möglichst viel politisches Kapital zu schlagen. In den offiziellen Erklärungen der DDR-Regierung[76] zur türki­schen Invasion versuchte man in Ostberlin das Konfliktpotential im Rahmen seines »antiimperialistischen« Engagements zu instrumentalisieren. Mit sehr ge­färbten Worten und emotionsbeladenen Vorwürfen wurde die »NATO-Intervention« angeprangert und die Forderung nach der »unverzüglichen und restlosen Entfernung des Militärpersonals von Zypern als vordringliche Maßnahme zur Beseitigung der Aggression« zum Ausdruck gebracht. Unterstützt wurde natürlich diese Kampagne vom Presseapparat der KKE, der die anti-okzidentalen Ressentiments sehr erfolgreich für seine Zwecke benutzte. Dieser populistischen Taktik bediente sich indessen effektiver ein neuer Faktor im griechischen politischen Geschehen. Dieser Faktor hieß Andreas Papandreou, der seine von ihm gegründete und autoritär angeführte Sozialistische Partei Griechenlands PASOK nach einem siebenjährigen (1974–1981) fulminanten politischen Werdegang an die Macht führte. 1981 gewann die PASOK die Parlamentswahlen mit großer Mehrheit und bildete zum ersten Mal in der neu­griechischen Geschichte eine sozialistische Regierung. Mit demagogischen Postulaten hatte dieser charismatische Rhetoriker in diesen sieben Jahren sämtliche antiamerikanischen Gefühle des griechischen Kleinmannes zu Parteizwecken instrumentalisiert und die große Mehrheit des Kleinbürgertums für sich gewinnen können. Damit errang er nicht nur das Votum der griechischen Kleinbürger, sondern auch die Sympathie der Ostblockländer, die nunmehr in ihm das trojanische Pferd sahen, den NATO-Ostflügel zu stören. In einer falschen Einschätzung der wirklichen Intentionen Papandreous richteten die Ostblockstaaten ihre Griechenlandpolitik nicht so sehr auf die Bruderpartei aus, sondern auf deren sozialistischen Kontrahenten, die PASOK. Die KKE mußte wieder der »proletarisch internationalistischen« Gunst der SED entbehren. Stützen konnte sich die SED dabei auf die Außenpolitik der PASOK. Da Papandreou bald nach seinem Aufstieg an die Macht in das Kreuzfeuer der innerparteilichen Kritik für seine uneingelösten Versprechen geriet, durch die der Sozialismus in Griechenland verwirklicht werden sollte, suchte er aus der innenpolitischen Logik immer wieder die dazu »passenden« außenpolitischen Konstellationen heraus, um den Gegenbeweis erbringen und damit das gestörte ideologische Gleichgewicht wiederherstellen zu können.[77] Obwohl er entgegen manchen griechischen Erwartungen und westlichen Befürchtungen[78] weder den Rückzug aus der NATO noch den aus der EG durchsetzte, wie er vor den Wahlen angekündigt hatte, baute Papandreou vor allem die Beziehungen zur Sowjetunion und der DDR weiter aus. Durch Verträge, offizielle Besuche und Moskaufreundliche Stellungnahmen erlangte der griechische Premierminister nicht nur die Gunst der Ostblockländer, sondern konnte auch innenpolitisch den Eindruck vermitteln, er praktiziere eine absolut eigenständige, auf den nationalen Interessen basierende Außenpolitik.[79] Griechenland wurde bald das NATO-Land, mit dem die DDR in den achtziger Jahren die meisten Staatsbesuche austauschte. Außer den zahlreichen gegenseitigen Ministerbesuchen stattete Papandreou der DDR zwei Staatsbesuche (im Juli 1984 und im Januar 1988) ab. Mit Christos Sartzetakis reiste im September 1986 erstmals ein Staatsoberhaupt eines NATO-Landes zu einer offiziellen Visite in die DDR.[80] Parallel fanden zahlreiche Treffen zwischen der PASOK und der SED statt, bei deren Kommuniques stets »die volle Übereinstimmung in wichtigen Fragen der Weltpolitik« bekundet wurde.[81] Das freundschaftliche Verhältnis zwischen beiden Parteien und Ländern entwickelte sich so gut, daß Honecker seinen Staatsbesuch in Griechenland mitten in der Wahlkampagne der PASOK im Frühling 1985 unternehmen wollte. Nur auf massiven Druck der griechischen kommunistischen Genossen hin konnte der Staatsbesuch Honeckers auf die Zeit nach den Wahlen verschoben werden.[82] Aufgrund dieser Treffen, in deren gemeinsamen Mitteilungen fast immer der griechische Standpunkt nicht nur im Hinblick auf den Zypernkonflikt, sondern auch in Bezug auf die griechisch-türkischen Differenzen in der Ägäis voll übernommen wurde,[83] vermochte die SED gleichzeitig zwei Ziele zu errreichen. Zum einen verschaffte sie sich internationale Anerkennung und Reputation und zum anderen schaffte sie es, sich im krassen Gegensatz zu der neutralen Politik Bonns unter die Länder zu positionieren, die eine klare griechenlandfreundliche Stellung zu den griechisch-türkischen Auseinandersetzungen bezogen. Allerdings verspielte Athen dadurch das diplomatische Vertrauen der Bundesrepublik. Die »linksradikal« anmutenden Eskapaden der griechischen Diplomatie hatten bereits seit dem Machtantritt Papandreous nicht selten den deutschen Diplomaten Angst vor dem Verlust der traditionell dominanten politisch-ökonomischen Stellung der BRD in Griechenland eingejagt. Griechenland war zwar nicht der einzige NATO-Staat, welcher der in den achtziger Jahren gestarteten Westoffensive der DDR so bereitwillig entgegenkam und seine Beziehungen zur ihr so sprunghaft verbesserte, aber der einzige NATO- und EG-Partner, der nicht im Vorfeld jedes Vorstoßes Bonn konsultierte. Als dann die Griechen, um den Solidaritätsaktionen Ostberlins in der Auseinandersetzung Athen–Ankara entgegenzukommen, in der Frage der Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa eine kategorische Ablehnung an den Tag legten, einer Frage, die sogar in der innenpolitischen Kontroverse der BRD für Aufruhr gesorgt hatte, begannen sich in Bonn turkophile Reaktionen abzuzeichnen.[84] Es mußte der Zusammenbruch der DDR und der Sturz Papandreous im gleichen Jahr stattfinden, damit mancher Diplomat in Bonn das Vertrauen zu den unberechenbaren Griechen wiederherstellen konnte. Der neue konservative Premierminister Griechenlands, K. Mitsotakis, begann dann seine erste Europatour mit einem Besuch in Bonn, wo er seinen Staatskollegen und ideologischen »Genossen« Helmut Kohl traf. [1] Fleischer, Hagen: Postwar Relations between Greece and the two German States: A Reevaluation in the Light of German Unification. In: The Southeast European Yearbook 1991, Athen 1992, S. 166. [2] Höpker, Wolfang: Griechenland im Blickfeld Moskaus. In: Osteuropa, 7/10 (Oktober 1957), S. 724. [3] Ebenda, S. 725. [4] Siehe hierzu die sehr interessante Analyse von Putensen, Dörte: Im Konfliktfeld zwischen Ost und West. Finnland, der Kalte Krieg und die Deutsche Frage (1947–1973). Berlin 2000. [5] Island verlangte von den ostdeutschen Diplomaten nicht, sich vor dem Alliierten-Travelboard auszuweisen und dabei die diskriminierende Bezeichnung in ihren Reiseunterlagen Presumed German zu akzeptieren. Die Griechen hielten sich zwar formell daran, in der Praxis aber sahen sie meistens darüber hinweg und ließen die Ostdeutschen mit ihrer eigenen Identität nach Griechenland einreisen. [6] Dies wird unter anderem in einem Gespräch zwischen dem ersten Sekretär der sowjetischen Botschaft in Berlin, Genosse Tolstow, und dem Leiter der europäischen Abteilung des MFAA, Genosse Plaschke, vom 15. 12. 1964 kenntlich: MFAA, A 184–5, »Gespräch über die Entwicklung der Beziehung der DDR zu Griechenland und Zypern«, sowie in einem Bericht der europäischen Abteilung des MFAA zur Vorbereitung geeigneter Maßnahmen für die weitere Unterstützung Zyperns und die Entwicklung der zweiseitigen Beziehungen vom 11. 3. 1964: MFAA, A 12890, »Beziehungen zu Zypern«. Siehe auch Fleischer, Hagen: Vom Kalten Krieg zur »Neuen Ordnung«: Der Faktor Griechenland in der deutschen Außenpolitik«. In: Thetis 3, Mannheim (1996), S. 302. [7] Siehe Kuppe, Johannes: 7 Phasen. In: Jacobsen, Hans-Adolf u.a. (Hg.): Drei Jahrzehnte Außenpolitik der DDR. München/Wien 1979, S. 175ff. [8] Archiv Moderner Sozialer Geschichte in Athen (von nun an als ASKI zitiert) Archivbereich 180 und Stiftung Archiv der Parteien und der Massenorganisationen der DDR (von nun an als SAPMO zitiert): DY 16/1044 und DY 34/20147. [9] Repräsentativ siehe SAPMO: DY 16/1044 und DY 34 13/398/2870 und ASKI: Archivbereich 127. [10] Kyrkos, Leonidas: Anatreptika. Athen 1995, S. 165–166. [11] Farakos, Grigoris: Anamniseis kai Stochasmoi. Athen 1993, S. 106–108. [12] Nikolakopoulos, Ilias: Kommata kai Ekloges stin Ellada. Athen 1995. S. 422ff. (Die beste Wahlanalyse, die bisher vorliegt). [13] Caucig, Franz von: Griechenland durchschaut die Offerten des Ostens. In: Außenpolitik 12/3 (1961), S. 210. [14] Siehe Kontogeorgis, Georgios: Die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen Griechenland und der BRD. In: Institut for Balkan Studies (Hg.): Griechenland und die BRD im Rahmen Nachkriegseuropas S. 54–55; Kiesewetter, Bruno: Die Wirtschaftsbeziehungen der Südosteuropastaaten zur Bundesrepublik Deutschland und zur sogenannten DDR. In: Vogel, Rudolf (Hg.): Wirtschaft und Gesellschaft Südosteuropas. München 1961, S. 91–92 und die Analysen der DDR-Vertretung in Griechenland: MFAA, A 632-6, »Bericht über die Beziehung zu Griechenland vom 30. 9. 1957«. [15] MFAA, A 4568, »Zur Haltung Griechenlands in der Deutschlandfrage« und Fleischer, Hagen: Der Neubeginn in den deutsch-griechischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg und die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit. In: Institute for Balkan Studies (Hg.): Griechenland und die BRD im Rahmen Nachkriegseuropas. Thessaloniki 1991. [16] Der Ex-Kommandant von Kreta war zu viermal »lebenslänglich« verurteilt worden. [17] Lazaridou, Olga: Von der Krise zur Normalität. Die Deutsch-griechischen Beziehungen unter besonderer Berücksichtung der politischen und wirtschaftlichen Grundlagen (1949–1958). Diss., Bonn, 1992. S. 252–253 und Der Spiegel (22. 5. 1957), »Die Falle der Fandung«, S. 16. [18] Siehe hierzu Der Spiegel, (1/1998) »Blutbad in Bergstädtchen« und den Beitrag von Spiliotis, Sophia: Der Fall Merten und die deutsch-griechische ›Aufarbeitung‹ der Besatzungsherrschaft in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges. In: Giebeler, Karl/Richter, Heinz A./Stuppe­rich, Reinhard (Hg.): Versöhnung ohne Wahrheit. Deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland im Zweiten Weltkrieg. Mannheim, Möhnesee 2001, S. 68–77. [19] Der Spiegel, ebenda. [20] Fleischer, Der Neubeginn, S. 101ff. [21] Der Spiegel »Die Falle der Fahndung«, S. 16. Nach dem letzten Kenntnisstand soll Merten in vielen Fällen das Gegenteil bewirkt haben, nämlich die Flucht vieler Juden nach Spanien ermöglicht haben. [22] Der Spiegel vom 28. 9. 1960. [23] Katris, Ioannis: I Gennisi tou Neofaschismou stin Ellada. Athen. 1974 S. 102–103. [24] Zu der Rolle und Funktion der Handelsvertretung in Athen siehe Stergiou, Andreas: Im Spagat zwischen Solidarität und Realpolitik. Mannheim 2001, S. 66 ff. [25] SAPMO, DY 30 IVA 2/20/498, Brief des ZK der SED an das ZK der KKE vom 22. 7. 1964. [26] SAPMO, DY 30 IV 2/20/252, Abteilung Agitation und Propaganda, »Aktenvermerk über die Tageszeitungen Avgi und Anexartitos Typos vom 19. 10. 1960«. [27] ASKI Archivbereich 127, 7/14/1. [28] Ein Beispiel in: SAPMO, DY IV 2/20/252a, »Anfrage der KKE an das ZK der SED vom 24. 2. 1960 bezüglich der EDA-Mitglieder: G. Tzavellas, G. Grigoriou, G. Tsiboukidis, Chr. Margetidis, K. Evstradiadis und K. Gemelos«. [29] Diese waren eine Art von Stiftungen, die sehr oft in der DDR anzutreffen waren und lediglich bestimmten Zwecken dienten, wie der Unterstützung revolutionärer Bewegungen in der dritten Welt u.a. [30] SAPMO, DY 30 IV 2/20/251, »Anfrage des ZK der KKE an das ZK der SED vom 20. 12. 1956«. [31] SAPMO, DY 30 IV 2/20/252a, »Bezirksrevisionskommission der SED in Dresden«, Protokoll der Überprüfung der Einnahmen und Ausgaben aus den Spenden für die Unterstützung verhafteter griechischer Genossen und deren Angehörigen vom 29. 8. 1959«. [32] Einige markante Beispiele sind folgende Artikel: KKE, Episima Keimena, Bd. VII. Athen, 1995, S. 409–412 und 416–419; Raos, Christos: To Proto Germaniko Kratos. In: Neos Kosmos, Bukarest, 9/11(1957), S. 72–75; Nikolaidis Menios: Oi Oikonimikes Epitychies tis Laikodimokratikis Germanias. In: Neos Kosmos, Bukarest, 16:10 (1964), S. 1348–1350; Georgiou, Thanasis: Sta Eikosachronatis DDR. In: Neos Kosmos, Bukarest 21/10 (1970), S. 62–70; Idem: Sta 25 Chronia Iparxis tis DDR. In: Neos Kosmos, Bukarest 24/12 (1973), S. 51–60; Idem: Griechenland und die beiden deutschen Staaten. In: Deutsche Außenpolitik, Ostberlin, 9/10 (1964), S. 970–973; Alexiou S./Giousios: Oi Scheseis tis L. D. Germanias kai Elladas. In: Elliniki Aristera, Athen, Nr. 15 (1964), S. 65–71; Dimitriou Dimitrios: To Epeisodio Ramler kai oi Scheseis mas me tin L.D.G. In: Elliniki Aristera, Athen, Nr. 31 (1966), S. 42–48; Kyriazis Giannis: I Politiki  ton Diakriseon se Varos tis Laokratikis Dimokratias tis Germanias. In: Neos Kosmos, Bukarest 16/3 (1964), S. 50–56. [33] Caucig, Griechenland durchschaut, S. 210–211. [34] Die EDA-Abgeordneten waren, im Vergleich zu den Abgeordneten der anderen Parteien, »eingeweihter« in solchen Fragen, da sie sich bei ihrem Aufenthalt in der DDR eines Sonderprogramms erfreuten, im Rahmen dessen sie meistens auch Leute des Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel konsultierten, siehe SAPMO, DY 30 IV 2/20/251, »Vermerk über den Besuch einer parlamentarischen Gruppe der EDA, bestehend aus J. Evangelidis (Mitglied des Präsidiums der EDA, Spezialist für örtliche Verwaltung), N. Kapnissis (Mitglied des Präsidiums der EDA), J. Papadimitriou (Mitglied des Präsidiums der EDA, verantwortlich für Gewerkschaftsarbeit), S. Glinglis (Vertreter einer großen landwirtschaftlichen Genossenschaft), M. Christogeorgos und Papageorgiou in der DDR vom 31. 3. 1960«. Ein sehr aufschlußreiches Beispiel diese »Kooperation« kann in folgender Akte nachgelesen werden: SAPMO, DY 30 IV 2/20/253, »Bericht vom 12. 9. 1959 über ein Gespräch zwischen dem politischen Vertreter der DDR in der Kammervertretung Geyer und dem starken Mann der EDA I. Iliou«. Aus dem Gespräch läßt sich erkennen, daß Iliou sehr vertraut mit den Schwierigkeiten der Handelsbeziehung DDR-Griechenland war, zu deren Überwindung er gern Vorschläge unterbreitete. Ein Diskussionsthema war auch, wie man die Nachwirkungen der Martha-Affäre aus dem Weg räumen konnte. [35] Zeitung der Diskussionen im griechischen Parlament vom 15. 9. 1959, S. 1901ff., Rede des EDA-Abgeordneten M. Kyrkos, S. 1911ff., Rede der EDA und Zentrums-Abgeordneten Efremidis, Alamanis und Merkouris in Bezug auf den Vorschlag der DDR, eine Zuckerverarbeitungsindustrie in Griechenland zu errichten. Zeitung der Diskussionen im griechischen Parlament, 14. 1. 1963, »Antwort des Sicherheitsministers auf eine Anfrage zweier Abgeordneten der EDA über die Existenz einer griechischen Militärmission in Westberlin« und Akten der Parlamentarischen Diskussionen vom 13. 7. 1965. Die EDA-Abgeordneten beklagten sich insbesondere über Diskriminierungen der griechischen Regierung gegenüber der DDR und direkte Einmischungen der BRD in die inneren Angelegenheiten Griechenlands. [36] Siehe SAPMO, DY 30 IV 2/20/500 (Vertrauliche Dienstsache), »Information über den Studienaufenthalt von Johann und Rosa Imbriotis aus Griechenland in der Zeit vom 25. 7. bis 10. 8. 1963« und MFAA, A 12491, passim. [37] Einige scheinen sich nicht nur aus ihrer ideologischen Zuneigung heraus engagiert zu haben. Ein Beispiel war K. Kyrkos, führender Funktionär der Demokratischen Union, einer der EDA nahestehenden politischen Organisation, Direktor der »progressiven Zeitung« Anexartitos Typos. Er z.B. äußerte gegenüber den DDR-Leuten wiederholt den Wunsch, als Gegenleistung für seine Hilfeleistungen (positive Artikel über die DDR, Versorgung von Genossen mit Visa, Kundtun von verschiedenen Forderungen der DDR bei griechischen Ministern u.a.) eine Zeitungsdruckerei mit günstigen Zahlungsbedingungen zu erhalten: SAPMO, DY 30 IV 2/20/253 (Vertraulich), »Bericht über die zu einigen griechischen Zeitungen aufgenommenen Verbindungen vom 23. 9. 1960« und MFAA, A 12479/213, »Brief von Kyrkos an den Stellvertreter des Ministers für auswärtige Angelegenheiten, König«. [38] SAPMO, DY 30 IV 2/20/252, Abteilung Agitation und Propaganda, »Aktenvermerk über die Zeitungen Avgi und Anexartitos Typos vom 19. 10. 1960«. [39] Siehe Dimitriou Dimitrios: To Episodio Ramler kai oi Scheseis mas me tin LDG. In: Elliniki Aristera, Athen Nr. 21, Februar 1966, S. 47. [40] Ein markantes Beispiel bildet die Rede des EDA-Abgeordneten, Svolos, im Sonderausschuß des griechischen Parlaments am 21. 10. 1959, S. 2334: »Wie ist es möglich, daß die Menschen, die zu der Generation gehörten, die Angst und Schrecken der nazistischen Besatzung erlebt haben, Tag für Tag und Stunde um Stunde, und die Unmenschlichkeit der Eroberer, in ihrer schrecklichsten Gestalt erduldeten [...], ihre Unterschrift unter dieses Gesetzeswerk gesetzt haben, zu Gunsten einer zweifelhaften Freundschaft gegenüber einem Land, das uns keine Gewähr für seine freundschaftlichen Gefühle bietet und die nicht begreifen, daß sie durch ihre Unterschrift unsere nationale Würde mit Füßen treten.« Hierzu auch Spiliotis, Der Fall Merten. [41] Siehe den Fall Savopoulos in MFAA, A 12480, »Aktennotiz über ein Gespräch mit dem Botschafter der UdSSR am 15. 10. 1959«. [42] SAPMO, DY 30 IV 2/20/251, »Brief (Manuskript) von Mavromatis an die SED vom 18. 12. 1958« und »Aktenvermerk vom 22. 12. 1958« und DY 30 IV 2/20/252a, »Aktenvermerk über ein Gespräch zwischen dem Genossen Matern und dem griechischen Abgeordneten Pyromaglou am 16. 11. 1959«. [43] SAPMO, DY 30 IV 2/20/252a, ebenda. [44] MFAA, A 12498, »Aktennotiz über einen Besuch des Gen. Dietrich in der sowjetischen Botschaft«. [45] MFAA, A 12482, »Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes der DDR für die Erdbebenopfer auf Santorin am 20. 7. 1956«. Es handelte sich um eine Barspende in Höhe von 20 000 Mark. [46] MFAA, A 12478, »Über die Veranstaltung einer Filmwoche«. [47] SAPMO, DY 30 IV A 2/20/500, (Vertrauliche Dienstsachen), »Quartalarbeitsplan IV/1962«. [48] MFAA, A 12512. [49] Bundesarchiv, Bundeskanzleramt, B 136/3629, Botschaft in Athen »Vermerk über den griechischen Weizenüberschuss« vom 13. Juni. 1958. [50] MFAA, A 12512 und A 632–636, »Bericht über die Beziehung zu Griechenland vom 30. 9. 57«. [51] Während A. Can Özren in seiner sehr interessanten Analyse »Die BRD und die DDR und die Zypernkrise 1963/64«, Thetis 5/6 (1999), S. 461-472, zum gleichen Schluß kommt, führt er das fälschlicherweise auf die AKEL zurück, die einen geeigneten Partner für die DDR dargestellt habe. Dies entspricht aber nicht der Realität, denn die AKEL verstand sich in ihrer gesamten Geschichte als eine gesamtzypriotische Partei. Nicht zuletzt dank dieser Haltung verlor sie in den fünfziger und sechziger Jahren viele türkische Mitglieder, die durch die türkischen Nationalisten der TMT oder die EOKA entweder verfolgt oder sogar ermordet wurden. Darüber hinaus profi­tierten von der ostdeutschen Hilfe (siehe weiter unten) nicht nur griechisch-zypriotische, sondern auch türkisch-zypriotische Mitglieder der AKEL und ihrer Organisationen. [52] SAPMO, DY 30 IV A 2/20/541 (vertrauliche Dienstsache), »Bemerkungen zu den Ausführungen des sowjetischen Außenministers Gromyko zur Lösungen der Zypernfrage«. [53] Das sowjetische Interesse wird unter anderem in einem Gespräch zwischen dem ersten Sekretär der sowjetischen Botschaft in Berlin, Genossen Tolstow, und dem Leiter der europäischen Abteilung des MFAA, Genossen Plaschke, vom 15. 12. 1964 kenntlich: MFAA, A 184–5, »Gespräch über die Entwicklung der Beziehung der DDR zu Griechenland und Zypern«, sowie in einem Bericht der europäischen Abteilung des MFAA zur Vorbereitung geeigneter Maßnahmen für die weitere Unterstützung Zyperns und die Entwicklung der zweiseitigen Beziehungen vom 11. 3. 1964: MFAA, A 12890, »Beziehungen zu Zypern«. In beiden Fällen brachten die Sowjets klar und deutlich zum Ausdruck, daß die Sowjetunion ein sehr großes Interesse an der DDR-Rolle in dem Konflikt hatte. [54] Die Informationen stammen von G. Uhlrich (Quelle des Außenministeriums der DDR). [55] Interview mit dem damaligen Zuständigen für die Internationalen Verbindungen, Mitglied des ZK der AKEL, D. Christofinis sowie zwei damaligen zypriotischen Studenten Pambos Chatzicharalambous, der mit einem AKEL-Stipendium Chemie studierte und promovierte sowie Chri­stos Tsiattalos, der durch ein Stipendium der VdGB (Vereinigung der Gegenseitigen Bauernhilfe) Landwirtschaft ebenfalls studieren und promovieren konnte. [56] SAPMO, DY 30 IV A 2/20/537. [57] Mehrere solche Fälle sind nachzulesen in: SAPMO, DY 30 IV A 2/20/537. [58] Siehe Aktenvermerk »Zu den Beziehungen DDR – Griechenland und Zypern im Jahre 1962«, in: SAPMO, DY 30 IV A 2/20/500. [59] Plate, Bernard von: Sonderprobleme gegenüber der Türkei und Zypern. In: Jacobsen u.a. (Hg.): Drei Jahrzehnte, S. 688. Von Plate behauptet, es sei das erste Mal. Dies ist aber falsch, weil Plate damals keine Einsicht in die Archivbestände der DDR nehmen konnte. [60] Dokumente zur Außenpolitik der DDR. Berlin (Ost) 1954, Bd. XII, S. 1107ff. [61] SAPMO, DY 30 IV A 2/20/540, »Übersicht über die Entwicklungen der Beziehungen zwischen der DDR und Zypern in den Jahren 1967/68«. [62] Vgl. Vournas, Tasos: I Diaspasi tou KKE. Athen 1983. [63] Siehe dazu Theodorakis, Mikis (Hg.): Dimokratiki kai Synkentrotiki Aristera. Athen 1976, S. 243–252. [64] Interview mit dem Leiter der historischen Abteilung der KKE, Christos Tzitzilonis. [65] Die Informationen stammen von Uhlrich G. (Quelle des Außenministeriums der ehemaligen DDR). [66] Dokumente zur Außenpolitik der DDR. Berlin (Ost) 1968. Bd. XV, S. 878ff. [67] Bundesarchiv, Bundeskanzleramt, B 136/3629. Der Ordner enthält zahlreiche Proteste des griechischen Botschafters in Bonn, Kyrou, wegen offener Unterstützung griechischer Widerständler durch die Massenorganisationen der SPD. [68] Der Spiegel vom 20. April 1970, »Beweis im Kassiber« und vom 15. März 1971, »Ari hilft«. [69] SAPMO, Protokoll der Sitzung des Politbüros der SED am 23. Januar 1973. [70] Das ist die Ansicht von Fink, Hans-Jürgen: Westeuropa. In: Jacobsen et. al.: Drei Jahrzehnte, S. 534–535 und des Verfassers, der auch der spätere Generalsekretär der KKE, Grigoris Farakos, in einem Gespräch mit dem Verfasser zustimmte. [71] H.-J. Fink, ebenda. [72] Afinian V., Kontis V u.a. (Hg.): Oi Scheseis KKE kai KKSE. Thessaloniki 1999, S. 209–214 und 217–220. [73] Das sagte der damalige Generalsekretär der Partei, Ch. Florakis, in einem Interview mit dem Verfasser. [74] Siehe Ausgabe der Parteizeitung Rizospastis vom 22. 10. 1974, und Artikel von Adamides, Michalis: 25 Chronia Kataktiseon sti GLD. In: KOMEP (Parteizeitschrift), Athen, Januar 1975. [75] Tsachourides, A: I Anaptixi tis Ilektrenergias stin Ellada kai oi Provlepomenes Exelixeis. In: Symposium Ellinon Epistimonon sti LDG. Dresden 1975, S. 165ff. [76] Dokumente zur Außenpolitik der DDR. Berlin (Ost) 1975. Bd. XXII, S. 697–699. [77] Siehe hierzu Wenturis, Nikolaus: Griechenland und die Europäische Gemeinschaft. Tübingen 1990, S. 112. [78] Schlegel, Dietrich: Papandreou, ein Mehr an Berechenbarkeit. In: Außenpolitik, 33/4 (1982), S. 418. [79] Siehe hierzu, Rozakis, Christos: I Exoteriki Politik stin Dekaetia tou Ogdonta. In: Bastias, Georgios u.a. (Hg): Istoria tou Ellinikou Ethnous. Athen 1978, S. 384ff., und Tsardanidis, Chara­lambos: I Exoteriki Politiki tou PASOK. In: Spourdalakis, Michalis (Hg.): PASOK: Komma, Kratos, Koinonia. Athen 1998, S. 298ff. [80] Neues Deutschland vom 15. und 16. September 1986. [81] Siehe Stergiou, Andreas: Im Spagat, S. 152ff. [82] Interview mit dem damaligen Korrespondenten der KKE-Zeitung Rizospastis in Ostberlin, Thanasis Georgiou, und dem damaligen Parteivertreter in Ostberlin, Kiriakos Polichronidis. [83] Siehe Dokumente zur Außenpolitik der DDR. Berlin (Ost) 1985/86. Bd. XXXII, S. 497–500, Bd. XXXIII, S. 530–533. [84] Siehe hierzu, Fleischer, Post War Relations, S. 170–171 und ders., Vom Kalten Krieg zur neuen Ordnung, S. 307.

JHK 2002

»Wenn die Schatten sprechen ...«

Lew Besymenski

Bei der Aufarbeitung des Kommunismus spielen die Quellen eine wichtige Rolle. Die Öffnung der Archive in den letzten zehn Jahren verlief zwar nicht problemlos, aber inzwischen sind viele Hinterlassenschaften zugänglich. Daher konnten auch Quellenveröffentlichungen erfolgen, die hoch einzuschätzen sind. Dies gilt besonders für die Dimitroff-Tagebücher, die ja im allgemeinen gewürdigt wurden. Aber an der Edition wurde auch Kritik geübt. Zu Unrecht. Das Foto auf dem Einband der Tagebücher zeigt Dimitroff im Gespräch mit Josef Stalin und weist sogleich auf die Figuren der Weltgeschichte, über die der Leser am präzisesten Aufschluß erhält. Die eigentliche Sensation dieser Edition sind die von Dimitroff mit stenographischer Akribie notierten Äußerungen Stalins. Obwohl dessen Schriften millionenfach verlegt wurden, sein Porträt weltweit bekannt ist und die Literatur über ihn Bibliotheken füllt, erscheint er in mancher Hinsicht noch immer mysteriös. In Dimitroffs Tagebüchern kommt Stalin selbst zu Wort. Nun wissen wir: Stalin hat Dimitroff (nicht Viktor Suworow) die wahren Ziele des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 anvertraut: »Wir können manövrieren, eine Seite gegen die andere aufbringen, damit sie sich noch stärker in die Haare kriegen. Der Nichtangriffsvertrag hilft Deutschland in gewissem Maße. Der nächste Schritt ist der, die andere Seite anzuspornen.« (7. 9. 1939) Und ihm hat Stalin erklärt, er sei bereit, diese hinterlistige Politik »bis zum bitteren Ende« weiterzuführen. So verkündete der Kreml-Herrscher Dimitroff im November 1940, nach der Rückkehr Molotows aus Berlin, er werde dem bulgarischen Zaren Boris einen Beistandspakt vorschlagen, Gebietsansprüche Bulgariens unterstützen und dem Land Wirtschaftshilfe gewähren, damit die Rote Flotte die Meerengen kontrollieren könne. »Bei Abschluß des Beistandspakts haben wir nicht nur keine Einwände gegen einen Beitritt Bulgariens zum Dreimächtepakt, sondern wir selbst werden diesem Pakt beitreten.« (25. 11. 1940) Nebenbei eine Warnung an die Türkei: »Wir werden die Türken nach Asien zurücktreiben. Was ist das, die Türkei? Dort leben zwei Millionen Georgier, anderthalb Millionen Armenier, eine Million Kurden usw.« Russische Historiker werten diese Äußerungen Stalins als einen wichtigen Hinweis zur Einschätzung der weiteren Pläne der UdSSR in Europa und Asien. Zugleich sind sie ein Beispiel des seltsamen Vertrauens, das Stalin dem Generalsekretär der Komintern entgegenbrachte. Der Diktator hat ihm und anderen engen Mitstreitern häufig große Umschwünge seiner Politik bei Empfängen, Gelagen oder in »Privatgesprächen« angekündigt, um zu testen, wie sie darauf reagieren. Dies gilt zum Beispiel für seine Abkehr von der Weltrevolution und die Hinwendung zum imperialen Rußland. So verkündete Stalin am 7. 11. 1937 in einem Toast während des Mittagessens nach der Demonstration auf dem Roten Platz den verblüfften Kadern: »Die russischen Zaren haben viel Schlechtes getan. Sie haben das Volk ausgeraubt und geknechtet. Sie führten Kriege und eroberten Territorien im Interesse der Gutsherren. Aber eine große Sache haben sie vorzuweisen: Sie haben ein Riesenreich zusammengezimmert – bis nach Kamtschatka. Wir haben diesen Staat als Erben erhalten. Und wir Bolschewiki haben diesen Staat erstmals gefestigt.« Ehrlich gesagt: Wir in Moskau haben seinerzeit Stalins Intention nicht erkannt. In Berlin hatte man das Abwenden von der Weltrevolution hingegen registriert. Während seiner langen Herrschaft hätte sich Stalin auch zum Zaren ausrufen lassen können. Nicht von ungefähr resümierte er in einem Trinkspruch am 28. 1. 1945: »Vielleicht machen wir einen Fehler, wenn wir meinen, die Sowjet­form sei die einzige, die zum Sozialismus führt. Es hat sich gezeigt, daß die Sowjetform die beste ist, aber durchaus nicht die einzige. Es gibt möglicherweise auch andere Formen – die demokratische Republik und unter bestimmten Verhältnissen sogar die konstitutionelle Monarchie ...« Gottseidank blieb Rußland das letztere unter Stalin erspart. Damals, 1937, hatten Stalins Worte eine praktische Bedeutung. Stalin meinte, die Einheit und Existenz des ererbten Zarenreiches sei durch Feinde gefährdet: »Und wir werden jeden dieser Feinde vernichten, sei es auch ein alter Bolschewik, wir werden seine Sippe, seine Familie komplett vernichten.« Die Anwesenden (und die Mitarbeiter der Komintern) wußten, was diese Worte bedeuteten. Aber kein Wort dagegen! Dimitroffs Tagebuch dokumentiert genau, wie zielgerichtet sich der große Kommunist von der Komintern abwandte. Dieser Prozeß begann, als die Organisation mit dem sowjetischen Nachrichtendienst enge Verbindungen knüpfte. Schon in den 20er Jahren (noch vor Dimitroff) rekrutierte man die besten sowjetischen Nachrichtendienstler aus den Reihen der Illegalen der Komintern (z. B. die vom berühmten Komintern-Mann Arnold Deutsch gewonnenen »Fünf aus Cambridge«). Fortan ließen sich diese Profis von den Interessen der Sowjetmacht leiten. Aber nicht nur auf dem Gebiet erhielten die Staatsinteressen der UdSSR Vorrang, wie folgende Formulierung Stalins vom 21. 1. 1940 zeigt: »Die Weltrevolution als einheitlicher Akt – ist Blödsinn. Sie spielt sich zu unterschiedlichen Zeilen in unterschiedlichen Ländern ab. Auch die Handlungen der Roten Armee stehen mit der Weltrevolution in Beziehung.« (Die deutsche Übersetzung dieses Satzes ist nicht ganz korrekt. Für Stalin sind die Handlungen der Roten Armee »ein Werk der Weltrevolution«.) Wenn man bedenkt, daß diese Worte in einer Analyse des finnischen Winterkriegs (1939/1940) fallen, wird die Idee Stalins völlig klar: Wahre Revolution – nur durch den Einmarsch der Roten Armee (siehe die baltischen Staaten!). Der Verzicht auf revolutionäre Ziele offenbart sich am deutlichsten in der Absicht Stalins, die Komintern im Frühjahr 1941 als Konzession an Hitler aufzulösen und nicht erst zwei Jahre später als Zugeständnis an die Alliierten. In diesem Punkt muß die Kominterngeschichte von den Chronisten neugeschrieben werden. Das Tagebuch ist eine Stalin-Quelle ohnegleichen. Man kann darin vieles lesen, was in keinem Geschichtsbuch steht: die Reden Stalins 1940 nach dem Finnlandkrieg, die berühmte Rede vor den Absolventen der Militärakademien am 5. Mai 1941, die Wiedergabe mehrerer interner Gespräche (und Berichten von Gelagen!) der höchsten Chargen der KPdSU, einschließlich Stalins. Und selbstverständlich auch der Komintern! Fazit: In seinem Tagebuch erscheint Dimitroff als getreuer Schatten Stalins, seine Identifizierung mit Stalins Äußerungen ist nicht gespielt. Auch die scharfe Kritik des Diktators z. B. an der bulgarisch-jugoslawischen Föderation hat Dimitroff schweigend angenommen und kommentarlos notiert. Es wird gewiß Versuche geben, Kontroversen zwischen Stalin und Dimitroff aus dem Text herauszulesen; doch solche Bemühungen sind vergeblich. Allenfalls kann man einen inneren Protest Dimitroffs annehmen, wenn er Stalins Antwort auf Ribbentrops Wünsche zu seinem 60. Geburtstag am 24. 12. 39 zitiert: »Ich danke Ihnen, Herr Minister, für die Glückwünsche. Die mit Blut besiegelte Freundschaft der Völker Deutschlands und der Sowjetunion hat alle Aussicht, langandauernd und beständig zu werden.« Die innere Tragödie dieses bulgarischen Politikers bestand meines Erachtens darin, so tief an Stalin zu glauben, daß er wirklich keinen Zweifel an ihm aufkomen ließ. Übrigens war dies auch sein Glück, was er freilich nicht verstand. Die Edition endet mit der Auflösung der Komintern im Juni 1943. Dimitroffs Aufzeichnungen bis zum Februar 1949 sollten auch publiziert werden – hoffentlich mit gleicher Genauigkeit und wissenschaftlicher Ehrlichkeit. Dimitroffs Tagebücher sind gewiß kein Krimi. Aber was ist schon Agatha Christie im Vergleich zu den Demiurgen des 20. Jahrhunderts?

JHK 2002

Heinrich Wiatrek – Kommunist oder »Überläufer«?

Andreas Herbst

  [1]»Auch Heinrich Wiatrek, Kandidat des ZK der KPD, verübte Parteiverrat. Nachdem er im Mai 1941 in Kopenhagen verhaftet und dann nach Hamburg überführt worden war, machte er vor der Gestapo umfangreiche Aussagen. Die Nazis erhielten dadurch Einblicke in die illegale Tätigkeit der KPD und konnten weitere antifaschistische Widerstandskämpfer verhaften.«[2] Dieser dürftige Satz aus dem fünften Band der unter Leitung von Walter Ulbricht erarbeiteten, 1966 erschienenen »Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« war auch schon beinahe alles, was man über Heinrich Wiatrek in der DDR erfahren konnte.[3] Die Frage nach dem Wie und Warum dieses »Verrats« hatte in den gängigen Darstellungen über den antifaschistischen Widerstandskampf der KPD keinen Platz.[4] Den ermordeten und überlebenden Widerstandskämpfern wurde nicht zu unrecht gedacht, allerdings gab es bei der Auswahl und Ehrung von Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus merkwürdige Irritationen.[5] Das 1972 in Kopenhagen von Carl Madsen herausgegebene Buch »Flüchtling 33«, welches auch ausführlich auf Wiatreks Wirken in Dänemark eingeht, wurde nicht ins Deutsche übersetzt.[6] Im Personenregister jenes Bandes, der weit bis in die siebziger Jahre als Standardwerk der SED zur Geschichte der deutschen Arbei­terbewegung für den Zeitraum 1933 bis 1945 galt, wurde bei Wiatrek nur sein Geburtsdatum angegeben. Ein Sterbedatum konnte auch der Mannheimer KPD-Forscher Hermann Weber nicht ermitteln, der 1969 in seinem zweiten Band über die Wandlung des deutschen Kommunismus erstmals biographische Angaben über Wiatrek veröffentlichte.[7] Nicht anders war es Jahre später im Handbuch der deutschsprachigen Emigration.[8] Wer war aber nun dieser Heinrich Wiatrek, der auch heute noch in der wissenschaftlichen Literatur, die sich der Geschichte des deutschen Kommunismus, der Kommunistischen Internationale und des antifaschistischen Widerstandes widmet, auftaucht?[9] Bis heute ist sein Schicksal ungeklärt. Wurde er tatsächlich von den Nazis hingerichtet, starb er während der Haft, oder überlebte er sogar? Grundlage für diese biographische Skizze sind in erster Linie die überlieferten Gestapo- und Justizakten aus der NS-Zeit im Bundesarchiv, umfangreiche Dokumente in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv und in anderen Archiven[10] sowie Gespräche mit Angehörigen.[11] Als fünftes von zehn Kindern wurde Heinrich Wiatrek als Sohn des Eisenbahnbeamten Karl Wiatrek und seiner Frau Johanna Wiatrek geborene Dombrowski am 1. Juli 1897 in Gleiwitz geboren. Sein Vater wie seine Mutter waren Landarbeiter auf einem Rittergut gewesen. Wegen einer Dienstbeschädigung, die er während der Militärzeit erlitten hatte, erhielt der Vater einen Anstellungsschein, wurde Eisenbahnbeamter und siedelte nach Gleiwitz über. Nach der Volksschule, die Heinrich Wiatrek mit guten Ergebnissen abschloß (besonders hatten es ihm die Fächer Geschichte, Geographie, Geometrie und Turnen angetan), begann er als ungelernter Arbeiter seinen Lebensunterhalt zu verdienen, bis er sich im Sommer 1913 freiwillig zur Kaiserlichen Marine meldete. Er wurde am 15. Oktober 1913 eingezogen und in die Schiffsjugenddivision in Mürwik bei Flensburg eingereiht. Er selbst sprach später während seiner Vernehmungen bei der Gestapo von einem harten Dienst, der ihm aber gefiel. Bei Ausbruch des Krieges wurden alle Schiffsjungen zu Matrosen ernannt. Auf dem Linienschiff »Rheinland«, auf dem er seit Sommer 1915 war, nahm er an der Seeschlacht vor dem Skagerrak teil. Anschließend meldete er sich freiwillig zur U-Bootwaffe und war zuletzt Bootsmannsmaat mit 13 »Feindfahrten«. Im Dezember 1918 wurde er aus der Marine entlassen und erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse. Karl Mewis[12], der 1939/40 Leiter der Abschnittsleitung Mitte in Malmö bzw. Stockholm war, berichtete in seinen Memoiren, mit welcher Begeisterung Wiatrek noch 1932/33 – im Fünf-Mann-Zimmer auf der Leninschule in Moskau – über jene Jahre als U-Bootfahrer Begeisterung erzählte.[13] Nach dem Krieg arbeitete Wiatrek im Eisenbahnausbesserungswerk Gleiwitz; vergeblich bemühte er sich, als Praktikant im Kohlenbergbau eingestellt bzw. als Schüler einer Maschinenbauschule zugelassen zu werden. Auch seinen Wunsch, das Schlosserhandwerk zu erlernen, konnte er wegen des fortgeschrittenen Alters nicht mehr realisieren. So schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter oder Vertreter durch, bis er 1927 endgültig arbeitslos wurde. Wegen eines Herzleidens, das er sich als Soldat zugezogen hatte, wurde ihm 1927 eine 80prozentige Rente von etwa 90 RM monatlich bewilligt. Politisch betätigte sich Wiatrek zunächst nicht, sieht man von seinem Engagement in einem von ihm 1919 mitbegründeten bürgerlichen Sportverein in Gleiwitz ab. Wiatrek nahm als Mitglied dieses Sportvereins an den Abstimmungskämpfen im Rahmen des »Selbstschutzes Oberschlesien« und als Mitglied des »Verbandes heimattreuer Oberschlesier« teil und wurde zweimal von der polnischen Polizei festgenommen. Er war Träger des Orden »Schlesischer Adler« II. Klasse. 1922 trat er in die KPD ein und wurde bald Schriftführer bzw. im Dezember 1924 Leiter der Ortsgruppe Zernik in der Nähe von Gleiwitz. Nach der Eingemeindung seines Heimatortes Zernik in die Stadt Gleiwitz im Jahre 1927 wurde der 30jährige Stadtverordneter und Mitglied des Stadtrats. Die Bezirksleitung zog den politisch wachen Wiatrek des öfteren zu ihren Sitzungen heran. Am 13. 8. 1926 wurde Wiatrek erstmals in Gleiwitz von der Polizei verhört, als man KPD-Druckschriften  bei ihm gefunden hatte. Diese hätte ihm, so sagte er aus, der Parteiangestellte Wyschka[14] übergeben, er selbst übe keine Funktion mehr aus.[15] Nachdem er eigenmächtig den Stadtratsposten niederlegte, wurde er aus der Bezirksleitung ausgeschlossen. Ein halbes Jahr später war Wiatrek Kassierer des Roten Frontkämpfer Bundes Gau Oberschlesien, dem er 1925 beigetreten war. Nach einem vierwöchigen Kursus an der Reichsparteischule kehrte er nach Oberschlesien zurück und wurde hauptamtliches Mitglied der KPD-Bezirksleitung Oberschlesien und Kulturobmann.[16] Im Herbst 1929 wurde er als Abgeordneter in den oberschlesischen Provinziallandtag gewählt. Während der innerparteilichen Auseinandersetzungen mit den »Rechten« und den »Versöhnlern« soll er laut Herbert Wehner, der im Juli 1939 für die Kaderabteilung der Komintern eine »Charakteristik« Wiatreks verfaßte, »bei den Versöhnlern gestanden« haben.[17] Von 1930 bis Ende 1932 war er unter Fritz Selbmann[18] bzw. Paul Woytkowski[19] vertretungsweise Orgsekretär bzw. für das Ressort Agitation zuständig.[20] Zusätzlich leitete er die Ortsgruppe des Freidenkerverbandes Gleiwitz. Als er am 20. 10. 1930 wegen des Besitzes der Broschüren »Sowjetstern und Hakenkreuz« sowie »Kommunismus die einzige Rettung«, die bei ihm gefunden wurden, verhört wurde, gab er lediglich zu Protokoll, er lebe von seiner Militärrente (monatlich 94, 20 RM). Zu politischen Fragen verweigerte er jede Aussage. Wegen Differenzen zwischen Wiatrek und dem Bezirkssekretär Woytkowski entschied das Politbüro, Wiatrek aus Gleiwitz abzuziehen und auf die Leninschule nach Moskau zu schicken. Wiatrek fügte sich. Im November 1932 fuhr er unter dem Decknamen »Heinrich Kirsch« über Berlin, Tilsit und Dünaburg nach Moskau zu einem Lehrgang an die Internationale Leninschule. Er meldete sich bei der Leiterin Kirsanowa, bestand die Aufnahmeprüfung und war fast zwei Jahre an der Schule. Im September 1934 wurde Wiatrek von Georg Brückmann[21] (»Kadermüller«) nach Prag zu einem Treffen mit Hans Beimler[22] geschickt. Anschließend reiste er illegal nach Berlin und wurde von den Funktionären der Landesleitung vor die Wahl gestellt, als ZK-Instrukteur in den Bezirk Ruhr oder den Bezirk Niederrhein zu gehen. Wiatrek entschied sich für den Bezirk Niederrhein und kam Ende November 1934 in Düsseldorf an. Zunächst war er zweiter Mann (Org-Leiter), später Polleiter (Deckname »Stefan«).[23] Wiatrek, der u.a. mit Elli Schmidt[24] zusammenarbeitete, hielt enge Kontakte zu Adolf Rembte[25] und Käte Lübeck[26] in Berlin und zu Karl Mewis in Amsterdam. Dort traf er sich Ostern 1935 mit anderen in Deutschland illegal arbeitenden Funktionären und wurde von Franz Dahlem für die aktive Unterstützung der neuen Linie in der Einheitsfront gewonnen. Er erhielt die Aufforderung, sich nach Moskau zu begeben, um dort als Vertreter aus dem Reich Ulbricht und Pieck zu unterstützen. Sein Nachfolger wurde Waldemar Schmidt.[27] Wiatrek reiste von Amsterdam über mehrere skandinavische Länder nach Moskau, wo am 4. Juli 1935 eintraf, und nahm offiziell als Delegierter am VII. Weltkongress und anschließend an der »Brüsseler Konferenz« teil. In den Vorgesprächen der deutschen Delegation prallten noch einmal die gegensätzlichen politischen und persönlichen Haltungen der zwei Fraktionen innerhalb des Politbüros aufeinander. Bis zum Sommer 1934 hatte die Führung der KPD davor zurückgeschreckt, ihre bisherige Politik im Lichte der Niederlage von 1933 kritisch zu überprüfen. Gegen die von der Komintern geforderte Wende hin zu einer Politik der Einheitsfront gab es innerhalb des Politbüros starken Widerstand, der durch die Mitglieder Hermann Schubert, Wilhelm Florin, Fritz Schulte und anfangs auch Franz Dahlem[28] geäußert wurde. Erst nach der ZK-Tagung vom Januar 1935 und der Amsterdamer Konferenz Pfingsten 1935 wurde der neue Kurs eingeläutet.[29] Am Ende der »Brüsseler« Konferenz wurde Wiatrek für ihn völlig überraschend zum Kandidaten des ZK gewählt. Ihm wurde mitgeteilt, er werde nicht nach Deutschland zurückkehren, sondern Referent im mitteleuropäischen Ländersekretariat des EKKI werden. Im November 1935 erhielt er wegen seines Lungenleidens durch die Komintern einen Erholungsplatz auf der Krim. Am Tag der Abreise zur Kur erklärte Anton Ackermann[30] dem erstaunten Wiatrek, er müsse nach seiner Rückkehr die Nachfolge Fritz Schultes als deutscher Parteivertreter in der Komintern übernehmen. Wiatreks Einwände gegen die Übernahme einer solchen Funktion wurden von Ackermann abgetan: »Du wirst das schon schaffen«. Im Januar 1936 begann er als »Fritz Weber« im Apparat der Komintern. In einer Atmosphäre der gegenseitigen Denunziationen übertrug man Wiatrek die Betreuung der deutschen Emigranten im allgemeinen sowie die Betreuung der deutschen Schüler der Westuniversität sowie des deutschen Sektors der Leninschule im besonderen. Im April 1936 hielt er einen Vortrag vor den Schülern des Westuniversität, sprach vor Emigranten in Leningrad, im Herbst 1936 besuchte er eine deutsche Bauernsiedlung in der Ukraine. Mit diesen Aufgaben war er, wie er bei den Vernehmungen durch die Gestapo später selbst aussagte, völlig überfordert. Bereits nach wenigen Monaten wurden Wiatrek einige der Funktionen wieder entzogen. Wiatrek gab später gegenüber der Gestapo an, er sei diesen Aufgaben nicht gewachsen gewesen und sein ungenügender Rückhalt bei den in Moskau weilenden KPD-Spitzenfunktionären habe auch dazu geführt, daß er selbst während der Prozesse 1936/37 als Trotzkist verdächtig wurde. Während einer Parteiversammlung kurz nach dem ersten Schauprozeß standen die Verbindungen der KPD zu Fritz David[31] auf der Tagesordnung. Als Heinrich Wiatrek beteuerte, auch die KPD sei vom »Genossen David« geschickt getäuscht worden, niemand habe geahnt, daß es sich um einen »Volksfeind« gehandelt habe, zog er sich damit den Zorn von Manuilskij zu. Er hatte das Sakrileg begangen, von David als einem »Genossen« zu sprechen. Da half es auch nicht mehr, daß er sich verstört berichtigte und vom »ehemaligen Genossen David« sprach. Er trat auch in anderen Versammlungen dafür ein, man solle erst das Verfahren abwarten, und erregte so Argwohn im Kominternapparat. Trotzdem wurde Wiatrek nicht verhaftet; der schwer Lungenleidende erhielt im Winter 1936/37 erneut eine Kur am Schwarzen Meer. Nach seiner Rückkehr nach Moskau entschied die deutsche Parteiführung, daß er nicht weiter als Parteivertreter bei der Komintern in Moskau arbeiten solle; sein Nachfolger wurde Dengel.[32] Wiatrek erhielt den Auftrag, als Leiter der KPD-Abschnittsleitung Nord nach Kopenhagen zu reisen. 1934 hatte die KPD begonnen, von »Grenzstellen« im benachbarten Ausland aus die illegale Parteiarbeit zu steuern. Ab 1937 wurden dies drei bis vier Personen starke Gruppen eingerichtet, die sogenannten Abschnittsleitungen (A. L.). Die für Norddeutschland zuständige Abschnittsleitung Nord hatte ihren Sitz in Kopenhagen.[33] Ihre Mitglieder fielen nach der Besetzung Dänemarks durch die Wehrmacht nahezu vollzählig in die Hände der Gestapo. Auf Weisung von Ulbricht sollte Wiatrek sich vor allem um Verbindungen ins Reich und weniger um die Emigranten vor Ort kümmern. Wiatrek, der seit 1935 mit Edith Stucke[34], der ehemaligen Frau des 1937 in Moskau verhafteten und später erschossenen Redakteurs der »Roten Fahne«, Friedrich Stucke[35], zusammenlebte, reiste am 23. 3. 1937 aus Moskau ab. Nach seiner Ankunft in Kopenhagen traf er sich mit dem Leiter der Abschnittsleitung Nord, Sepp Schwab (»Louis«)[36]. Die Leitung bestand zu jener Zeit aus Herbert Warnke[37], Paul Helms[38] und Walter Weidauer[39], weitere Mitarbeiter waren Kurt Granzow,[40] Walter Gollmick,[41], Wilhem Wittkowsky[42], der Kurier Wilhelm Boller[43]und der Instrukteur Karl Nieter[44]. Anfang 1938 beschloß das ZK-Sekretariat in Paris, Conrad Blenkle[45] zur Verstärkung der A. L. Nord nach Dänemark zu schicken. Ende Februar traf er in Kopenhagen mit Wiatrek zusammen. Das Aufgabengebiet der Abschnittsleitung Nord umfaßte das Reichsgebiet von Bremen bis Königsberg sowie die Emigration in den drei skandinavischen Ländern. Unter Leitung von Blenkle und Wiatrek, dem im April 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, wurde die Arbeit wegen des Fehlens ausreichender Verbindungen vor allem auf die wichtigsten deutschen Hafenstädte konzentriert. So wurde alles darangesetzt, die Instrukteursreisen nach Hamburg, Stettin, Danzig und Lübeck weiter abzusichern, um auf diesem Weg Informationen über die Stimmung in den Betrieben zu erhalten.[46] Für Hamburg waren zuletzt drei Instrukteure zuständig: Artur Mannbar[47], Karl Nieter und Waldemar Verner[48]. Für ihre Anleitung war Paul Helms verantwortlich. Die unreglmäßig erscheinende »Norddeutsche Tribüne« sowie zahlreiche Flugblätter und illegale Druckschriften gelangten durch Kuriere und skandinavische Seeleute ins Reich. Im August 1939 erlebte Wiatrek in Kopenhagen die völlige Verwirrung unter den deutschen kommunistischen Emigranten wegen des Hitler-Stalin-Paktes. Mit einigen seiner Mitarbeiter verfaßte er eine Stellungnahme, die den Freundschaftspakt begrüßte und sich gegen den »englisch-französischen Imperialismus« als Angreifer wandte. Nach Ausbruch des Krieges lehnte Wiatrek die Aufforderung von Mewis, der Leiter der Abschnittsleitung Zentrum war, nach Stockholm zu kommen und mit ihm gemeinsam nach Moskau zu fahren, ab. Die Abschnittsleitung Nord hatte wegen der durch den Kriegsausbruch und die Auswirkungen des Hitler-Stalin-Paktes entstandenen Irritationen ihre Arbeit vorläufig eingestellt. Anfang Dezember 1939 beriet die KPD-Führung in Moskau über die Möglichkeiten, unter Kriegsbedingungen die kommunistische Widerstandsarbeit in Deutschland anzuleiten. Es wurde beschlossen, die Abschnittsleitungen aufzulösen und in Stockholm eine Auslandsleitung zu schaffen. Mitte Januar 1940 fuhr Wiatrek mit Blenkle zu Mewis nach Stockholm, der aus Moskau die neuen Weisungen und die »politische Plattform« mitgebracht hatte. Man beriet über die Anweisung, daß auch in Kopenhagen eine Auslandsleitung zu bilden sei, der Mewis, Wiatrek und Wehner angehören sollten. Am 18. Januar 1940 kehrte Wiatrek nach Kopenhagen zurück; er traf sich mit den Instrukteuren und beriet mit ihnen die neue Situation. Zahlreiche weitere Mitarbeiter entband er von ihren unmittelbaren Aufgaben. Mit Blenkle, Helms, Nieter, Mannbar und Verner verblieb er in regelmäßigem Kontakt und gab Informationsblätter heraus, die sie auf der Grundlage von Sendungen des Moskauer Rundfunks und von Kominternzeitschriften zusammenstellten. Im Frühjahr 1940 erhielt er durch den dänischen KP-Vorsitzenden Larsen einen von Pieck stammenden Brief, der die Weisung enthielt, daß Mewis zur Verstärkung der illegalen Arbeit im Reich nach Berlin und Wiatrek nach Hamburg gehen sollte. Ob Richard Stahlmann[49] im November 1940 tatsächlich nach Stockholm entsandt wurde, um Wiatrek abzulösen, der wegen »defätistischen Verhaltens« von seinem Amt entbunden werden sollte, wie Mammach behauptet,[50] ist nicht belegt. Sicher ist, daß weder Wiatrek noch Mewis oder Wehner ins Reich fuhren. Einer erneuten Aufforderung, nach Stockholm zu kommen, folgte Wiatrek nicht. Ostern 1941 erhielt er schließlich die Weisung, die gesamte Arbeit einzustellen. Dies war eine Folge der sowjetischen Politik im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt, jegliche gegnerische Arbeit gegenüber Hitlerdeutschland einzustellen. Der Gestapo, insbesondere ihren Staatspolizeistellen in Kiel und in Stettin, war es in den Jahren 1936 bis 1938 mehrfach gelungen, Verbindungen der A. L. Nord ins Reich aufzudecken. Die Staatspolizeistelle Königsberg war durch V-Leute über die von Stockholm nach Königsberg ausgehenden Versuche informiert und überwachte sie ständig. Erst nach der Besetzung Dänemarks änderte sich dies. In Zusammenarbeit mit der dänischen Polizei wurde der Instrukteur Arthur Mannbar festgenommen und legte »nach längerem Leugnen ein Geständnis ab«.[51] Auch die im Frühjahr 1940 von Karl Mewis über Kopenhagen nach Deutschland entsandten Instrukteure Arthur Emmerlich[52] und Rudolf Hallmeyer[53], die den Auftrag hatten, alte Verbindungen zu aktivieren und isoliert voneinander operierende Gruppen zu einer festen Organisation zusammenzufassen, waren bereits ins Fahndungsnetz der Gestapo geraten. Hallmeyer, der Ende Juni 1940 mit einem dänischen Dampfer in Stettin ankam und ohne Zwischenfälle nach Berlin gelangte, wurde nach knapp achtwöchiger Arbeit Ende August 1940 verhaftet. Weitere von Mewis und Wiatrek nach Deutschland entsandte Instrukteure wie Johannes Müller[54] und Heinrich Schmeer[55] wurden verhaftet. Mittels systematischer Überwachung und mit Hilfe von V-Leuten, war es der Gestapo gelungen, tief in das Netz der A. L. Nord einzudringen. So war Karl Köhler, ein Kontaktmann der drei Instrukteure der A. L. Nord, von der Gestapo zur Zusammenarbeit erpreßt worden. Im Abschlußbericht der Gestapo über die A. L. Nord heißt es: » ... im Laufe des Jahres 1941 konnte dann die A. L. Nord in ihrer organisatorischen Zusammensetzung aufgerollt werden und ein großer Teil der Funktionäre festgenommen werden. Insgesamt wurden festgenommen: 13 Funktionäre der A. L. Nord, darunter der Abschnittsleiter, sowie der 2. und 3. Mann der Leitung. 19 Funktionäre und Mitglieder der Kopenhagener Parteigruppe (Parteiemigration). 23 Verbindungsleute oder diesem Kreis angehörende Personen.«[56] Während eines Treffens mit Helms und Nieter wurde Wiatrek am 19. Mai. 1941 in Kopenhagen verhaftet und wenig später zur Gestapo nach Hamburg überführt. Der Instrukteur der A. L. Nord Karl Köhler (»Kalli«) war mit der Gestapo nach Kopenhagen gefahren und hatte sie zum Treff geführt. Wie es in der Folgezeit dazu kam, daß der einstige Spitzenfunktionär der KPD zu einer der wichtigsten Auskunftspersonen für die Hamburger Gestapo wurde, kann nicht restlos aufgeklärt werden. Die ausgewerteten Vernehmungsprotokolle von Wiatrek sind reine »Ergebnisprotokolle«, sie enthalten in der Regel nichts über die Bedingungen, unter denen das Verhör geführt wurde und die Methoden, mit denen die Gestapo arbeitete (Drohungen, Erpressung, Mißhandlungen, aber auch Versprechungen). Auch sagen diese Protokolle, die den Festgenommenen später vorgehalten wurden,[57] nichts über den Wissenstand der Gestapo aus. Daß Wiatrek aufgrund des detaillierten Wissens der Gestapo über seine Tätigkeit an der Spitze der A. L. Nord jeglichen Widerstand aufgab und zusammenbrach, kann nur vermutet werden. Auch wenn er gegenüber seiner Schwester später behauptete, er sei nicht geschlagen worden, dürfte davon auszugehen sein, daß die Gestapo Wiatrek bei seiner Verhaftung in Kopenhagen mißhandelt hat.[58] Die Motive, die Wiatrek dazu veranlaßt haben, vor der Gestapo nicht nur auszusagen, sondern systematisch alle ihm bekannten Vorgänge zu benennen und Personen auszuliefern, waren sicher vielschichtig. Wiatrek war nicht in der Lage, im einzelnen zu unterscheiden, was die Gestapo wirklich wußte, was sie ahnte und was sie zu wissen vorgab. Auch wenn das nationalsozialistische Regime im Sommer 1941 auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, Wiatrek aufgrund seiner persönlichen Erlebnisse in der Sowjetunion desillusioniert war, die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und der Moskauer Zentrale sowie Mewis nachwirkten, kann nicht davon ausgegangen werden, daß er unmittelbar nach seiner Verhaftung ohne Druck anfing auszusagen. Wiatrek wurde wie andere Häftlinge zunächst einer »verschärften Vernehmung« unterzogen, das heißt gefoltert. Sechs Tage nach seiner Verhaftung wurde er von Kopenhagen nach Hamburg gebracht und von Gestapomitarbeitern in Empfang genommen, die, so schilderten nach 1945 überlebende Häftlinge, ihre Arbeit äußerst brutal versahen. Einer von ihnen war der Kriminal-Sekretär und SS-Untersturmführer Heinrich Teege. Der 1905 in Hamburg-Altona als Sohn eines Seemanns geborene Teege hatte nach der Volksschule Maschinenschlosser gelernt und sich 1924 zur Ordnungspolizei gemeldet, wo er bis April 1933 im Straßendienst war. Am 6. 4. 1933 wurde er zur Gestapo kommandiert, 1936 in das Beamtenverhältnis übernommen. Am 1. 5. 1937 trat er in die NSDAP ein.[59] Teege, der hauptsächlich Angelegenheiten der KPD bearbeitete, hatte sich wegen seiner Mißhandlungen einen besonderen Ruf erworben. 1935 wurde er offiziell Sachbearbeiter in der Abteilung IIA1 (IV1a1), Sachgebiet: »Bekämpfung des Kommunismus«. Ausgerüstet mit einem Stab von Mitarbeitern und umfassenden Informationen bearbeitete er hauptsächlich die dänische Emigration und Kominternfragen.[60] In welcher Verfassung Wiatrek Teege übergeben wurde, ist nicht bekannt; auszugehen ist aber davon, daß er körperlich und seelisch gebrochen war. Vermutlich versuchte der schwer kranke Wiatrek, der mehrere Blutstürze erlitten hatte, zunächst noch auf Zeit zu spielen, bekundete wie viele andere »Reue« und behauptete, sich längst innerlich vom Kommunismus abgewandt zu haben. Als ihm dann jedoch immer klarer bewußt wurde, wie aussichtslos seine Lage war, brach er zusammen. Die detaillierten Aussagen begannen Mitte September 1941, also erst mehrere Monate nach seiner Verhaftung. Teege, der durch intensive Beobachtung und durch V-Leute ein beachtliches Wissen über die Tätigkeit der A. L. Nord zusammengetragen hatte, fand in der Folgezeit Mittel und Wege, Wiatrek zu Aussagen über Vorgänge und Personen zu bewegen, so daß er im September 1943 einen detaillierten Abschlußbericht über die Abschnittsleitung Nord vorlegen konnte. Wiatrek wurde zu den Verhören aus dem Polizeigefängnis in Fuhlsbüttel in das Stadthaus, den Sitz der Hamburger Gestapo überführt und von Teege intensiv befragt. Mitte September 1941 beginnen also die Berichte über seinen persönlichen Werdegang, seine Aktivitäten innerhalb der KPD in Oberschlesien. Er berichtete über den Verlauf des VII. Weltkongresses und über die »Brüsseler Konferenz« sowie seine Tätigkeit als deutscher Vertreter bei der Komintern. Im Oktober 1941 sagte er zur Tätigkeit und zur personellen Zusammensetzung der Abschnittsleitung Nord wie auch über die personelle Zusammensetzung des ZK-Sekretariat in Paris bzw. in Moskau aus. Anfang November schilderte er sehr detailliert den Verlauf der »Berner Konferenz«, zu der er am 27. 1. 1939 von Kopenhagen mit dem Flugzeug direkt nach Paris geflogen war, von wo er nach einem Treffen mit Mewis und Emmerlich gemeinsam zum Tagungsort nach Draveil südlich von Paris gebracht wurde. Wiatrek berichtete ähnlich wie Knöchel der Gestapo sehr genau, wer aus Moskau und wer aus den anderen Emigrationsländern zur Konferenz angereist war. So war der Gestapo bekannt, daß nach Pieck als erster Diskussionsredner Paul Krautter[61] von der Abschnittsleitung Zentrum aus Amsterdam gesprochen hatte und wer auf der »Berner Konferenz« 1939 in das ZK gewählt worden war. Wiatrek zählte sie alle auf, einige auch mit Decknamen: Wilhelm Pieck, Wilhelm Florin, Herbert Wehner, Walter Ulbricht, Kunert, Philipp Dengel, Paul Merker (»Fuchs«), Franz Dahlem, Paul Bertz (»Helm«), Gerhart Eisler (»Gross«), Anton Ackermann, Irene Gärtner, Ernst Reinhardt, Johann Koplenig, Siegfried Rädel (»Friedrich«), Karl Mewis (»Arndt«), Wilhem Knöchel (»Alfred Schröder«), Heinrich Wiatrek (»Fritz Weber«). Wiatrek führte aus, daß seiner Erinnerung nach aus dem ZK der »Brüsseler Konferenz« Herman Nuding, Willi Münzenberg, Doberer und Heinrich Meyer ausgeschieden seien. Ob Josef Schwab, sein Vorgänger in der Leitung der A. L. Nord in das ZK gewählt worden oder ausgeschieden war, konnte er sich nicht entsinnen. Seiner Erinnerung nach hätten Florin, Wehner, Ulbricht, Kunert und Dengel nicht an der Konferenz teilgenommen, seien aber in Abwesenheit in das ZK gewählt worden.[62] Ende November 1942 fertigte Teege für den bevorstehenden Prozeß vor dem Volksgerichtshof den Schlußbericht an, in dem es heißt: »[...] Wiatrek ist ein Mann, der von der kommunistischen Idee überzeugt war und aus dieser Überzeugung heraus gehandelt hat. Er hat nach seiner Festnahme nie geleugnet, sondern von Anfang an für seine Tat eingestanden. Nur weigerte er sich, etwas über seine Mitarbeiter zu sagen. Bald nach seiner Festnahme ist Wiatrek nach Hamburg übergeführt worden und einige Wochen später zu der Überzeugung gebracht worden, daß es nicht im Interesse Deutschlands liegt, wenn der Kommunismus zur Macht gelangt. Als dann am 22. Juni 1941 der Krieg mit der SU ausbrach, bekannte er sich als Deutscher und versprach, alles tun zu wollen, um die illegale kommunistische Tätigkeit aufzudecken und die Weiterarbeit gegen das Reich zu verhindern. Es hat sich im Laufe der vergangenen 18 Monate, die Wiatrek hier nunmehr einsitzt, herausgestellt, daß es sich nicht um ein Lippenbekenntnis gehandelt hat, sondern um ehrliche Überzeugung. Zweimal fuhr Wiatrek mit uns nach Kopenhagen und ermöglichte die Festnahmen von Nieter, Helms und Blenkle. Es ist in erster Linie sein Verdienst, daß der Kopenhagener Apparat zerschlagen werden konnte und damit von dieser Seite eine Arbeit gegen das Reich unterbunden worden ist. Wiatrek hat ferner die hier einsitzenden Funktionäre beeinflußt, wahrheitsgemäße Angaben zu machen und hat durch seine Aussagen über illegal tätige Funktionäre der KPD und der Komintern überaus wertvolles Material geliefert. [...] Nach meinem Ermessen wird Wiatrek mit einem Todesurteil rechnen müssen. Vielleicht mildert sein Verhalten das Urteil oder gibt die Möglichkeit einer Begnadigung.« Bevor sein eigener Prozeß vor dem Volksgerichtshof stattfand, wurde Wiatrek als Zeuge der Anklage zu den Prozessen u. a. gegen Willi Grünert[63], Wilhelm Wittkowsky, Ernst Sasse[64] und Walter Weidauer[65] geladen. Überliefert sind Aussagen überlebender Häftlinge, die nach 1945 über Wiatreks Gestapomitarbeit informierten. So berichtete Willi Grünert im Oktober 1945 in Hamburg über das »Verhalten einiger Genossen« während seines Hochverratsprozesses vor dem Volksgerichtshof 1942 und gab an, Heinrich Wiatrek, Walter Weidauer, Paul Helms, Conrad Blenkle und Lothar Hofmann seien als Zeugen der Anklage aufgetreten und hätten ihn durch Aussagen belastet. Einige hätten ihn zuvor versucht zu überreden, mit der Gestapo zusammenzuarbeiten. Ob tatsächlich alle von Grünert genannten KPD-Funktionäre unterschiedslos als Belastungszeugen der Anklage bezeichnet werden können, soll hier nicht weiter untersucht werden. Tatsache ist, daß die Gestapo ihre Häftlinge als Zeugen der Anklage zur Verfügung stellte, ob diese das wollten oder nicht. Lothar Hofmann,[66] ein enger Mitarbeiter Wiatreks, war ebenfalls am 19. Mai 1941 in Kopenhagen verhaftet und im Januar 1943 zum Tode verurteilt worden. Er wurde aber nicht hingerichtet, sondern stand der Hamburger Gestapo bei der Rekonstruktion ihrer bei einem Luftangriff im Juli 1943 zerstörten Personen- und Suchkartei zur Verfügung und überlebte. Hofmann, der sich nach der Befreiung nun selbst Vorwürfen der Kapitulation und des Verrats ausgesetzt sah, berichtete Ende Februar 1946 ausführlich über den Verrat seines ehemaligen Leiters Heinrich Wiatrek. Ihm gegenüber soll Wiatrek geäußert haben, er kämpfe um seinen Kopf und sei deswegen zur Zusammenarbeit bereit. Auch bestätigte Hofmann Wiatreks Fahrten mit der Gestapo nach Kopenhagen und dessen Mithilfe bei der Festnahme von Karl Nieter im Juli, von Paul Helms im Oktober und Conrad Blenkle im Dezember 1941. Im Januar 1943 wurde Wiatrek ausführlich über den Besuch der Leninschule befragt, wobei er sehr detailliert über den Ablauf des Unterrichts und die Kursanten berichtete. Eingehend verhörte man ihn auch zu seiner Tätigkeit als Leiter der illegalen KPD-BL Niederrhein in Düsseldorf. Die Untersuchungen waren im Frühjahr 1943 soweit abgeschlossen, daß man Anfang Mai 1943 Wiatrek von Hamburg nach Berlin zum Prozeß vor dem Volksgerichtshof überführte. Er kam in die Untersuchungshaftanstalt beim Kriminalgericht Berlin Alt-Moabit. Am 17. Mai 1943 begann vor dem 1. Senat des Volksgerichtshof in Berlin der Prozeß gegen Heinrich Wiatrek. Vorsitzender Richter war der Oberlandesgerichtsrat Dr. Franz Illner. Beisitzende Richter waren der Landesgerichtsdirektor Stier, SA-Brigadeführer Hauer, Kreisleiter Reinecke und SS-Oberführer Tscharmann.[67] Der Vertreter des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof, der Erste Staatsanwalt Wittmann, beantragte die Todesstrafe wegen »Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung«. Der Pflichtverteidiger, der Rechtsanwalt Ahlsdorf aus Berlin-Lichterfelde-Ost, beantragte eine Verurteilung auf der Grundlage des § 83, 91 6 zu lebenslangem Zuchthaus. Nach dem letzten Wort des Angeklagten lautete das Urteil: »Der Angeklage Heinrich Wiatrek hat vom Jahre 1934 bis Mai 1941 im Inland und auch vom sicheren Hinterhalt des Auslands kommunistische Wühlarbeit geleistet und hierdurch den Hochverrat gegen das Reich organisatorisch und agitatorisch vorbereitet. Durch seine Betätigung nach Ausbruch des Krieges hat er auch den Feind des Reiches begünstigt. Er wird daher zum Tode verurteilt.«[68] Es ist nicht überliefert, ob es bereits vorher eine Absprache zwischen höchsten Gestapo- und Justizstellen gab, die Vollstreckung des Todesurteils auszusetzen. Überliefert sind diverse Schriftsätze der Hamburger Gestapo an das Reichsju­stizministerium. Am 8. Juni 1943 reichte der Rechtsanwalt Ahlsdorff ein Gnadengesuch an den Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof ein. Bereits einen Tag vorher hatte der Vorstand der Untersuchungshaftanstalt beim Kriminalgericht Berlin Alt-Moabit an den Oberreichsanwalt geschrieben. »Der am 17. 5. 43 wegen Vorbereitung zum Hochverrat u.a. zum Tode verurteilte Metallarbeiter Heinrich Wiatrek, 46 Jahre alt, ledig, angeblich nicht vorbestraft, saß vom 8. bis 17. 5. 43 hier in Untersuchungshaft ein. Seine Führung und sein Fleiß gaben in dieser kurzen Zeit zur Beanstandung keinen Anlaß. Er machte auch kein Hehl daraus, daß er nur kommunistisch denken konnte und auch entsprechend geschult wurde. Sein Unrecht sieht er ein, auch daß er eine andere Strafe nicht verdient hat. Die erste Erleichterung will er gehabt haben, als er im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel erstmalig sein Herz ausschütten konnte. Von da ab will er erst den Einblick in das schönere Deutschland gewonnen haben. Jetzt steht er beschämt da und bedauert, daß er nicht eher sehend wurde. Das Urteil nahm er gefaßt auf. Obwohl er keine Gnade verdient, will er ein entsprechendes Gesuch einreichen. Hier sind Gnadengründe nicht in Erscheinung getreten.«[69] Nachdem bereits der SS-Sturmbannführer Lindow beim Reichsanwalt Barnickel in Sachen Wiatrek vorstellig geworden war, wandte sich die Berliner Gestapozentrale Ende August 1943 an den Oberreichsanwalt und befürwortete eine Begnadigung Wiatreks. In vier Punkten begründete die Gestapo ihren Antrag. »1. Wiatrek war Vertreter der Kommunistischen Partei Deutschlands in Moskau und stand mit dem Sekretariat des ZK der KPD in Paris in ständiger Verbindung. Seine Kenntnisse in sachlicher und personeller Hinsicht sind umfassend. W. hat durch sein offenes Geständnis und durch die Beeinflussung später festgenommener Funktionäre der KPD die Aufrollung und Lahmlegung der in den Nordstaaten befindlichen Zentren der illegalen KPD unterstützt. 2. Er hat im Auftrage der hiesigen Dienststelle wiederholt grundlegende Ausarbeitungen gefertigt, die für taktische und technische staatspolizeiliche Maßnahmen zur Grundlage genommen werden konnten. 3. Wiatrek ist wiederholt als Auskunftsperson benutzt worden. Als solche wird er in der Folgezeit weiterhin Dienste leisten müssen. 4. In besonderen Vorhaben – auch propagandistischer Art – wird Wiatrek von hier zur Mitarbeit herangezogen. Seine Kenntnisse und seine Willigkeit, die er selbst als eine »Umstellung« bezeichnet, lassen ihn brauchbar erscheinen.«[70] Abschließend wurde festgestellt, daß der Antrag auf reinen Zweckmäßigkeitserwägungen beruhe und im Falle einer Umwandlung der Todesstrafe der Vollzug der weiteren Haft der Hamburger Dienststelle zu übertragen sei. Wiatrek sollte in einem Konzentrationslager untergebracht werden, wo er zur ständigen Verfügung stehe.[71] Schließlich entschied der Reichsjustizminister Thierak am 6. 10. 1943, von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen, informierte aber den Oberreichsanwalt, die Vollstreckung des Todesurteils auf sechs Monate aussetzen und Wiatrek der Gestapo Hamburg zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich wurde er am 29. 10. 1943 vom Zuchthaus Brandenburg-Görden, wohin er nach der Urteilsverkündung gebracht worden war, nach Hamburg überführt. Ende März und Ende Oktober 1944 wandte sich die Hamburger Gestapo erneut an den Oberreichsanwalt mit der Bitte, die Vollstreckung der Todesstrafe an Wiatrek um weitere 6 oder 12 Monate auszusetzen und ihn zur Verfügung der Gestapo-Dienststelle im Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel zu belassen. Wörtlich hieß es in dem Schreiben: »Wiatrek hat gehalten, was von ihm erwartet wurde. Nicht nur, daß der Inhalt des anliegenden, dem RSHA erstatteten Berichts zum größten Teil von Wiatrek stammt, sind ihm zur Zeit wichtige Arbeiten übertragen worden, denen im Hinblick auf das durch Feindeinwirkung zerstörte Aktenmaterial besondere Bedeutung zukommt. Auch ist es ihm, wie in früheren Fällen, in letzter Zeit wieder gelungen, einige festgenommene Funktionäre zum Reden zu bringen und wertvolle Aussagen zu erlangen. Ich bitte zu erwägen, ob in absehbarer Zeit eine Umwandlung der Todesstrafe in eine Zuchthausstrafe erfolgen kann. ... So sei es mit seiner Hilfe gelungen, weitere Inhaftierte zu Aussagen zu bewegen z. B. Jungclas. »Wenn sich herumspricht daß W. begnadigt wird, dann hat das Auswirkungen auf andere Festgenommene.«[72] Im November 1944 forderte Thierack einen Bericht über den Stand des Verfahrens und entschied am 16. Dezember, daß die Vollstreckung des Todesurteils auf weitere sechs Monate ausgesetzt wurde. Anfang Februar 1945 wurde Wiatrek von Hamburg-Fuhlsbüttel in die Untersuchungshaftanstalt Hamburg-Stadt überführt. Der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof wies am 8. 2. 1945 den Vorstand der Haftanstalt entsprechend einer Anregung der Staatspolizeileitstelle Hamburg an, die Entfesselung der dort einsitzenden zum Tode verurteilten Lothar Hofmann, Paul Helms und Heinrich Wiatrek vorzunehmen. Noch am 26. 2. 1945 erkundigte sich die Berliner Gestapozentrale beim Volksgerichtshof, wie in der Angelegenheit Wiatrek weiterhin entschieden werde. Handschriftlich wurde vermerkt, daß der Reichsminister der Justiz durch Beschluß vom 16. September 1944 die Vollstreckung des Todesurteils auf weitere 6 Monate ausgesetzt hatte. Letzte Eintragungen stammen vom 15. März, vom 3. April und vom 18. April 1945. Am 23. April 1945 ordnete der Generalstaatsanwalt beim Hanseatischen Oberlandesgericht die Überstellung der in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg einsitzenden Ludwig Riess[73], Willi Reimers[74] und Heinrich Wiatrek an die Gestapo Hamburg an.[75] Überliefert ist, daß Wiatrek, Paul Helms, Lothar Hofmann und Ludwig Riess von der Gestapo 150,- Mark »Entlassungsgeld« erhalten haben sollen. Dieser als »Fluchtgeld« bezeichnete Betrag sollte ihnen helfen, sich der Verhaftung durch die Engländer zu entziehen.[76] Wo genau sich Heinrich Wiatrek in den Tagen nach dem Einmarsch der britischen Truppen in Hamburg aufhielt und wie er sich verhielt, ist nicht überliefert. Es ist anzunehmen, daß der Schwerkranke einfach untergetaucht ist. Mitte Juni 1945 kam sein Neffe Heinz Polewka aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Hamburg. Er erkundigte sich beim Einwohnermeldeamt nach dem Aufenthaltsort seines Onkels. Er fand ihn schwer krank bei einem ehemaligen Mithäftling und versprach ihm, sich um ihn zu kümmern. Nachdem Polewka in Gifhorn Arbeit gefunden hatte, bemühte er sich, seinen Onkel Heinrich Wiatrek zu sich zu holen. Für Wiatrek war der weitere Aufenthalt in Hamburg nun gefährlich geworden; überliefert sind Berichte, innerhalb der KZ-Häftlingsbetreuungstelle in Hamburg habe es Stimmen gegeben wie »der Wiatrek soll sich hier nicht blicken lassen«. Nachdem das Zentralkomitee in Berlin inzwischen einen Überblick hatte, wer den Gestapo-Terror, Zuchthaus und KZ-Haft überlebt hatte, trafen erste Anfragen bei der Hamburger Bezirksleitung ein.[77] Wiatrek, der schwer tbc-krank war, nahm Kontakt zu seinem Bruder Fritz auf, der inzwischen in Reichenbach im Vogtland aktiver KPD- und Gewerkschaftsfunktionär war.[78] Als Heinz Polewka im Spätsommer 1945 seinen Onkel nach Gifhorn holen wollte, war dieser nicht mehr in Hamburg. Wiatrek hatte sich auf den Weg nach Reichenbach gemacht und wohnte bis in den Herbst 1945 bei seinem Bruder Fritz.[79] Anfang Oktober 1945 kam Wiatreks Schwester Helene Polewka mit ihren Kindern Margarethe und Helmut aus Oberschlesien nach Reichenbach. Hier trafen sie auf einen schwerkranken, vom Tode gezeichneten Heinrich Wiatrek. Fritz Wiatrek hatte im Lungensanatorium Bad Reiboltsgrün nahe Auerbach, zwischen Rodewisch und Falkenstein, für seinen Bruder einen Platz organisiert. Die Nichte Margarethe Müller erinnerte sich, daß sie ihren Onkel auf dem anstrengenden Fußmarsch zum Bahnhof Auerbach begleitete, wo er dann von einem Krankenwagen abgeholt wurde. Heinrich Wiatrek verstarb wenige Stunden nach der Aufnahme in das Lungensantorium Bad Reiboldsgrün am 29. 10. 1945.[80] Übrigens gab es nach 1945 im polnischen Gliwice, dem ehemaligen Gleiwitz, eine ulica Henryka Wiatreka; 1974 wurde sie in ulica Dzierzynskiego umbenannt – nach dem Gründer der Tscheka: Heute heißt sie ulica Blogoswawionego Czeswawa und erinnert an einen Heiligen der polnischen katholischen Kirche.[81] Heinrich Wiatrek geriet als überzeugter kommunistischer Funktionär zunächst in die Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen Parteiführung. Er erlebte die blutigen Säuberungen in der Sowjetunion. Er war nicht nur desillusioniert, sondern vom Ausmaß dieser Verbrechen überrascht und völlig verstört. Der Zufall wollte es, daß er nicht selbst vor die Erschießungskommandos des NKWD geriet, sondern zur illegalen Arbeit nach Dänemark geschickt wurde. Hier erlebte er den Hitler-Stalin-Pakt mit all seinen Auswirkungen für die Arbeit der von ihm geleiteten Abschnittsleitung Nord. Der Aufforderung, nach Moskau zu kommen, widersetzte er sich, arbeitete aber weiter gegen Nazideutschland. Wiatrek befand nach seiner Verhaftung in einer aussichtslosen Situation. Er war seelisch und körperlich zerstört und setzte in dieser für ihn aussichtslosen Situa­tion alles daran, seinen Kopf zu retten. Tatsache ist, daß Wiatrek systematisch über alle ihm bekannten Vorgänge berichtete und auch andere Personen aufforderte auszusagen. Es steht heutigen Generationen nicht an, Wiatrek wegen seiner Aussagen vor der Gestapo moralisch anzuklagen; doch gebietet es die Wahrheitspflicht, dies nicht zu verschweigen, gerade um, im Gegensatz zur Heroisierung der SED-Geschichtsschreibung, zu dokumentieren, daß Widerstandskämpfer Menschen aus Fleisch und Blut waren, die sich durch großen Mut auszeichneten, aber auch Ängste und Schwächen hatten. [1] Diese biographische Studie gehört zu den Ergebnissen der mehrjährigen Arbeit an dem Projekt »Biographisches Handbuch des deutschen Kommunismus 1919–1945« am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung unter Leitung von Hermann Weber. [2] Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 5. Berlin 1966, S. 313. [3] So bei Mewis, Karl: Im Auftrag der Partei. Berlin 1971; Mammach, Klaus: Widerstand 1933–1945. Köln 1987, S. 43; Kruschel, Heinz: Der Mann mit den vielen Namen. Berlin 1975. [4] Zum Thema Verrat siehe: Mallmann, Klaus-Michael: Die V-Leute der Gestapo., S. 268 ff. In: Paul, Gerhard/Mallmann, Klaus-Michael: Die Gestapo. Mythos und Realität. Darmstadt 1995. [5] Exemplarisches Beispiel für diese Irritationen sind die Darstellungen in der DDR zu Wilhelm Knöchel. Siehe dazu Herlemann, Beatrix: Auf verlorenen Posten. Kommunistischer Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Die Knöchel-Organisation. Bonn 1986, S. 9ff.; siehe auch die Besprechung des 5. Bandes der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von Hermann Weber in: SBZ-Archiv Nr. 16/1966. [6] Madsen, Carl: Flygthing 33. Steiflys over Hitlers Danmark. Kopenhagen 1972. Siehe dazu auch ausführlich Scholz, Michael F.: »Skandinavische Erfahrungen erwünscht?« Nachexil und Reemigration. Die ehemaligen KPD-Emigranten in Skandinavien und ihr weiteres Schicksal in der SBZ/DDR. Stuttgart 2000, S. 291ff. [7] Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 5. Berlin 1966, S. 313; Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Frankfurt am Main 1969, Bd. II, S. 342., im folgenden Weber Bd. II. [8] Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte München und von der Resarch Foundation for Jewish Immigration, Inc. New York unter der Gesamtleitung von Werner Röder und Herbert A. Strauss. Bd. 1, S. 816/817 München u. a. 1980–1983 (künftig HBDE). [9] Müller, Reinhard: Die Akte Wehner. Moskau 1937 bis 1941. Berlin 1993; Tischler, Carola: Flucht in die Verfolgung. Deutsche Emigranten im sowjetischen Exil – 1933 bis 1945. Münster 1996. [10] Landeshauptarchiv Brandenburg, Abteilung Bornim, Landesarchiv Berlin [11] Bundesarchiv (künftig BArch.), Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof ZC 15929 Heinrich Wiatrek (Untersuchung, Anklageschrift und Urteil, 15 Bände). An dieser Stelle sei ausdrücklich der Nichte und den Neffen Heinrich Wiatreks, Margarethe Müller, Heinz Polewka-Wunstorf und vor allem Helmut Polewka aus Berlin gedankt. Außerdem bedanke ich mich bei den Kollegen Michael F. Scholz/Visby, Ludwig Eiber/München und Rainer Sandvoß/Berlin für wertvolle Hin­weise. [12] Zu Karl Mewis siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 575 f. Berlin 2000. [13] Mewis, a. a. O., S. 277. [14] Arthur Wyschka (8. 1. 1894 – 8. 2. 1964) Geb. in Weimar, Sohn einer Arbeiterfamilie, Volksschule, Lehre und Arbeit als Schlosser in Hindenburg/Oberschlesien, 1912 Mitgl. der SPD, 1914 Soldat im I. Weltkrieg, Heizer auf einen Minenleger; 1918 Mitgl. des Spartakusbundes, 1919 der KPD, Mitgl. des Arbeiterrates bzw. Obmann eines Hüttenbetriebs der AG Borsigwerke, Vors. des Gesamtbetriebsrates zweier Steinkohlenbetriebe und des Hüttenwerkes AG Borsigwerke in Hindenburg/Oberschlesien; 1924–1933 Stadtverordneter, 1930–1933 Mitgl. des Stadtrates von Hindenburg, 1928–1933 Abgeordneter des Provinziallandtages Oberschlesien, 1924–1933 Mitgl. der KPD-BL Oberschlesien bzw. Schlesien; 1933 illegale Arbeit, Juni 1933 inhaftiert, KZ Esterwegen, 1935–1939 erneut inhaftiert, KZ Lichtenburg, Dachau und Buchenwald; 1939–1944 Arbeit als Werkzeugmacher in Berlin, 1944 erneut inhaftiert, bis 1945 KZ Sachsenhausen; 1945 Mitarbeiter im ZK der KPD, 1945/46 Leiter der Abteilung Kommunalwesen; 1946 Mitgl. der SED; 1946–1949 Leiter der Abt. Kommunalpolitik im Zentralsekr. des SED-PV; ab 1949 Angeh. des MfAA, 1950–1955 1. Sekr. bzw. Botschaftsrat und Leiter der Konsularabt. der DDR-Botschaft in Warschau; anschl. politischer Mitarbeiter im MfAA; 1946–1950 Mitgl. der ZRK der SED. [15] BArch. ZC 15929, Bd. 1. [16] Schmerbach, Günter: Der Kampf der KPD gegen Faschismus und Kriegsgefahr im Bezirk Oberschlesien 1932/33. Phil. Diss. Jena 1957; Friedrici, Hans Jürgen: Zur Entwicklung der neuen Strategie und Taktik der KPD und ihrer führenden Rolle im antifaschistischen Widerstandskampf. Dargestellt am Kampf der oberschlesischen Parteiorganisation und deutscher und polnischer Werktätiger gegen den Faschismus in den Jahren 1933–1938/39. Diss. Leipzig 1966. [17] Müller, Die Akte Wehner, S. 364f. [18] Zu Fritz Selbmann siehe Kurzbiographie in Wer war wer in der DDR?, S. 791f. [19] Paul Woytkowski (20. 12. 1892 – 14. 4. 1960) Geb. in Wollstein (Posen), Sohn eines Schneidermeisters, Volksschule in Berlin, Laufbursche, Lehre als Schlosser in Berlin-Lichtenberg, 1910 Mitgl. des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), ab Febr. 1911 Wanderschaft, u. a. in Gent/Belgien; Mai 1911 Entlassung, anschl. Arbeit in Brüssel, später in den Niederlanden, Rückkehr nach Essen/Ruhr, Funktionär des DMV, Sept. 1913 Mitgl. der SPD; während des Krieges Übertritt zur USPD, mit der linken USPD 1920 zur KPD. Org.- bzw. Polleiter im Stadtteil 30 in Essen, später auch Mitgl. der UBL Essen, Mitgl. der Fraktionsleitung des Metallarbeiterverbandes in Essen, 1922 Vors. der Fraktion der Metallarbeiter Ruhrgebiet und Niederrhein bis 1927; 1925 Reise nach Moskau, Teilnahme an der 6. Erweiterten Exekutivtagung, nach Rückkehr Leiter des KPD-UB Essen, bis 1928 Leiter UB Bochum, später in Hamm/Westfalen; Besuch der Leninschule; ab Febr. 1931 Polleiter Oberschlesien; ab Mai 1928 MdL Preußen, Oberschlesien; ab Febr. 1933 illegale Arbeit in Oberschlesien und Schlesien, anschl. in Magdeburg; April 1933 in Magdeburg verhaftet, bis April 1945 in Haft, u. a. KZ Sachsenhausen und Buchenwald; Juli 1945 bis Jan. 1946 Abteilungsleiter für Verwaltung und Wirtschaft bzw. Arbeit und Sozialfürsorge in der KPD-Landesleitung Thüringen; Mitbegr. des FDGB Thüringen; Febr. 1946 bis Sept. 1947 Leiter des KPD-Zonenbüro in Hamburg, Mitgl. des Zonenbeirates und der Parteileitung für die britische Zone; nach dem 2. Parteitag Entbindung von der Funktion in Hamburg und Übernahme der Leitung der Abt. Gewerkschaften in der SED-Landesleitung Thüringen; Aug. 1949 1. Vors. des FDGB-LV Thüringen; ab 1953 Vors. des Rates des Kreises Nordhausen. [20] BArch SAPMO Ry 1/I 2/4/37 Bestand ZK der KPD. Fragebögen von KPD-Funktionären (Registrierung leitender Parteifunktionäre Buchstabe M-Z) Bl. 57ff. [21] Georg Brückmann, (28. 11. 1903 – 1942) Geb. in Berlin, Schlosser, 1923 Mitgl. der KPD, Funktionär im Arbeitersport und im RFB, Dez. 1928 bis Dez. 1929 Org.-Leiter des 5. Verwaltungsbezirks der KPD in Berlin-Friedrichshain, anschl. Kassierer im KPD-Unterbezirk Ost. Nov. 1929 Abgeordn. in Berlin-Friedrichshain; Dez. 1930 Verurteilung durch das Reichsgericht zu einer Festungshaftstrafe, vor Haftantritt Flucht in die Sowjetunion; unter dem Parteinamen Albert Müller zunächst Mitarbeiter im Mitteleuropäischen Ländersekretariat der Komintern, später Kaderreferent für KPD-Angelegenheiten in der Personalabteilung der Komintern; Teilnahme als Beobachter des Mitteleuropäischen Sekretariats an der »Brüsseler Konferenz«; 1936 Mitgl. der Kommission zur Überprüfung der Politemigranten, Herbst 1938 Verhaftung durch NKWD, 7. 4. 1941 Verurteilung durch Sondertribunal des NKWD zu 8 Jahren Arbeitslager, Haft in den Lagern Kotlas und Workuta, 1942 im Arbeitslager verstorben. [22] Zu Hans Beimler siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 47. [23] Peukert, Detlev: Die KPD im Widerstand. Verfolgung und Untergrundarbeit an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945. Wuppertal 1980, S. 148ff. [24] Zu Elli Schmidt siehe Kurzbiographie in Wer war wer in der DDR?, S. 748. [25] Adolf Rembte (21. 7. 1902 – 4. 11. 1937) Geb. in Kirchsteinbig/Kreis Stormann in Schleswig-Holstein, Volksschule, Lehre als Bäcker, Gelegenheitsarbeiter, Anfang 1919 Mitgl. der SAJ, 1922 der KPD, Okt. 1923 aktive Teilnahme am Hamburger Aufstand, Verhaftung, März 1925 Verurteilung durch die außerordentliche Strafkammer in Altona wegen »Beihilfe zum Hochverrat« zu zwei Jahren und sechs Monaten Festungshaft, nach Amnestie ab 1926 zunächst Volontär, dann Red. an der HVZ, Einleitung eines Hochverratsverfahren, wegen seiner Abwesenheit vorläufig eingestellt, Juli 1928 endgültig eingestellt;  Mitte Nov. 1927–Frühjahr 1930 unter dem Decknamen »Ahrens« Kursant an der Internationalen Leninschule, anschl. Aspirantur am »Institut der Roten Professur« der AdW; Sommer 1931 Rückkehr nach Deutschland, Einsatz als Kursleiter und Lehrer an der Reichsparteischule Berlin-Fichtenau, Aug. 1931 Verhaftung in Stuttgart, Juni 1932 Verurteilung zu zwei Jahren Festung durch das Reichsgericht wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«, Dez. 1932 Amnestie; anschl. Einsatz als Lehrer an der Reichsparteischule in Berlin-Fichtenau; ab Febr. 1933 illegal, Juni bis Dez. 1933 Polleiter der illegalen BL Halle-Merseburg, Nov. 1933 Flucht nach Berlin, ab Dez. 1933 Polleiter der illegalen BL Niederrhein in Düsseldorf, ab Juni 1934 Mitgl. der illegalen Landesleitung Berlin, Ende 1934 zu Konsultationen mit Pieck nach Moskau, er erhielt den Auftrag, die neue Linie des ZK nun auch in Berlin durchzuführen; über Zürich und Basel Anfang März 1935 nach Deutschland; 27. 3. 1935 Verhaftung in Berlin, Verurteilung zum Tode durch den Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«, hingerichtet am 4. 11. 1937 in Berlin-Plötzensee. [26] Käthe Lübeck (15. 2. 1907 – 23. 5. 1984) Geb. in Bremen als Käthe Fürst, Volksschule, Arbeiterin, kaufm. Lehre, Arbeit als Buchhalterin, Mitgl. des Zentralverband der Angestellten, 1922–1927 Mitgl. der SAJ und der SPD, 1927–1929 des KJVD, 1929 Mitgl. der KPD, Betriebsrätin in der Bremer Jutespinnerei; 1930/31 Abgeord­nete der Bürgerschaft Bremen, 1931 mit ihrem Mann Hans Lübeck nach Düsseldorf, Mitarbeite­rin in der RGO-BL, später nach Halle, Angest. beim Konsum in Halle, anschl. mit ihrem Mann nach Moskau; 1933 Rückkehr nach Deutschland zur illegalen Arbeit, Mitgl. der Landesleitung der KPD, 27. 3. 1935 zusammen mit Rembte, Stamm und Maddalena inhaftiert, 4. 6. 1937 wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt, Haft im Zuchthaus Lübeck, 1940 bis 1942 im Zuchthaus Jauer, 1942 Internierungslager Grünberg/Schlesien, 1944 strafver­setzt ins Lager Schweidnitz, Febr. 1945 Evakuierungsmarsch Zuchthaus Waldheim, Arbeitslager OT, bis Mai 1945 erneut Zuchthaus Waldheim, Juni 1945 Rückkehr nach Bremen, 1945/46 Frauenleiterin der KPD-BL Bremen, 1946–1951 Abgeordnete der Bürgerschaft Bremen, zeitweilig Vizepräsidentin der Bürgerschaft; 1946 Delegierte zum 15. Reichsparteitag der KPD, Aug. 1946 bis Febr. 1948 Senatorin für Gesundheitswesen, (Erste Senatorin der Freien und Hansestadt Bremen); ab Jan. 1946 unter dem Namen Popall; Febr. 1952 Einleitung einer Kampagne gegen die Popalls, später Parteiverfahren mit dem Ziel des Ausschlusses, 2. 1. 1953 »Rüge« durch die Wohnparteigruppe in Bremen, die sich damit gegen einen Ausschluß stellte; bis 1956 Mitgl. der KPD, danach Austritt; 1967 Verzug mit der Familie in das Saarland, 1984 Rückkehr nach Bremen. [27] Zu Waldemar Schmidt siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 750. [28] Zu Dahlem, Florin, Schubert und Schulte siehe Weber, Bd. 2 und HBDE. [29] Ausführlicher dazu aus der Sicht eines Insiders: Wehner, Herbert: Zeugnis, Persönliche Notizen 1929–1942. Köln 1982. Und Duhnke, Horst: Die KPD von 1933 bis 1945. Köln 1972, S. 145ff. [30] Zu Anton Ackermann siehe Kurzbiographie in Wer war wer in der DDR?, S. 13. [31] David, Fritz (25. 10. 1897 – 24. 8. 1936) Geb. in Nowosibkow/Wilnaer Gegend als Ilja Krugljanski, Sohn eines jüdischen Lehrers. Ab 1916 in jüdischen sozialdemokratischen Zirkeln aktiv. Von Febr. 1917 bis 1920 Mitgl. der vereinigten Sozial­demokratischen Arbeiterpartei; David-Kruglianski arbeitete zunächst im Komintern-Apparat in Mos­kau, 1926 Delegierung zur Arbeit nach Deutschland. Von Mai 1926 bis Frühjahr 1927 Mitarbeiter in der kommunistischen Fraktion des Textilarbeiterverbandes, 1927/28 Mitarbeiter der Gewerk­schaftsabteilung des ZK und Leiter der Industriegruppe Leder sowie Mitglied der Zentrale der RGO. Sekr. der kommunistischen Gewerkschaftszeitschrift »Der Kampf«. Von Herbst 1928 bis Mitte 1932 Leiter der Gewerkschaftsred. der »Roten Fahne«. David-Kruglianski arbeitete 1932/33 im Sekr. des ZK der KPD (für Fragen der Theorie). März 1933 Abreise aus Berlin zur Komintern nach Moskau. Dort enger Mitarbeiter Piecks. David-Kruglianski entwarf wesentliche Teile der Resolution der »Brüsseler« Parteikonferenz 1935; er war schon zuvor aktiv am VII. Weltkongreß der Komintern beteiligt gewesen. David-Kruglianski war als Mitarbeiter von Gerhart Eisler in der Propabteilung des KPD-Auslandsekretariat in Paris vorgesehen, wurde jedoch kurz vor seiner Abreise 1936 vom NKWD verhaftet. Als angeblicher Trotzkist im Schauprozeß gegen Sinowjew u. a. im August 1936 vor Gericht gestellt. Die Anklage behauptete, er sei von Trotzki in die UdSSR geschickt worden, um Stalin umzubringen. Nachdem David das übliche »Geständnis« abgelegt hatte, wurde er am 24. Au­gust 1936 zum Tode verurteilt und hingerichtet. [32] Zu Philipp Dengel siehe Weber, Bd. 2 S. 94 f. und HBDE, S. 125. [33] Eiber, Ludwig: Arbeiteropposition auf Hamburger Werften. In: Ebbinghaus, Angelika/Linne, Karsten (Hg.): Kein abgeschlossenes Kapitel. Hamburg im »Dritten Reich«. Hamburg 1997, S. 449f. [34] Edith Stucke-Felgentreff (29. 8. 1903 – 20. 12. 1972) Geb. in Berlin als Edith Felgentreff, Tochter eines Gerichtssekretärs, Lyzeum und Oberlyzeum in Potsdam, Höhere Handelsschule, Stenotypistin in Dresden und Berlin, ab Okt. 1925 Stenotypistin in der Redaktion der »Roten Fahne« (Ausgabe B), später dort auch Hilfsredakteurin; ab 1929 Ange­stellte der sowjet. Handelsvertretung in Berlin, 1931 Stenotypistin und Kassiererin in der KPD-BL Halle-Merseburg, 1932 Stenotypistin im ZK der KPD und in der BL Berlin-Brandenburg; ab 14. 1. 1933 im Auftrag des ZK nach Moskau; bis Juni 1937 Stenotypistin beim EKKI, Sept./Okt. 1937 auf Beschluss des ZK zunächst illegal, dann legal nach Dänemark, Juni 1941 Internierung, anschl. Arbeit als Reinmachefrau, Febr. 1945 Rückkehr nach Deutschland, zeitweilige Gestapohaft in Potsdam; 1945/46 Mitarbeiterin der Abt. Agit/Prop. der KPD-BL Brandenburg bzw. SED-LV Brandenburg, ab Sept. 1946 Angest. der Personalverwaltung der IHK Brandenburg bzw. bis 1951 persönl. Referentin bei der IHK Brandenburg, ab 1954 persönl. Sekr. des Vors. des ZV der IG Eisenbahn. [35] Friedrich Stucke (4. 4. 1895 – 26. 10. 1937) Geb. in Bremen als Sohn des Schneiders und Mitbegründers der »Bremer Linksradikalen« Carl Stucke, Volksschule und Gymnasium, Studium; Mitgl. der KPD, Red. der »Roten Fahne«, nach 1933 Emigration in die Sowjetunion; zunächst Deutschlehrer am »Institut der Roten Professur«, 27. April 1937 verhaftet, 26. Oktober 1937 vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR wegen »Teilnahme an einer konterrevolutionären terroristischen Organisation« zum Tode durch Erschießen verurteilt. [36] Zu Sepp Schwab siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR? S. 779f. [37] Zu Herbert Warnke siehe Kurzbiographie in: Wer war wer?, S. 892. [38] Helms, Paul (13. 10. 1901 – 28. 2. 1958) Geb. in Hamburg, Dreher, 1919 Mitgl. der USPD, 1920 der KPD, 1932 Mitgl. der RGO-BL Wasserkante; ab 1933 illegale Arbeit, Verhaftung, 1934 Verurteilung wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu 18 Monaten Zuchthaus; nach Entlassung illegale Arbeit in Hamburg, Sept. 1936 Emigration nach Dänemark, Mitgl. der Emigrationsleitung und der A. L. Nord; Mai 1941 Verhaftung, 9. 1. 1943 Verurteilung zum Tode durch den Volksgerichtshof; mehrmals Aufschub der Vollstreckung des Todesurteils, vermutlich wie Wiatrek und Hofmann »Auskunftsperson« der Hamburger Gestapo, April 1945 Entlassung, weiterer Lebensweg ungeklärt. [39] Zu Walter Weidauer siehe Kurzbiographie in: Wer war Wer in der DDR?, S. 897. [40] Zu Kurt Granzow siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 240. [41] Gollmick, Walter (4. 10. 1900 – 15. 2. 1945) Geb. in Berlin-Schöneberg, Realschule, kaufm. Lehre, anschließend kaufm. Angest. Nach der Revo­lution Mitgl. der FSJ, 1920 der KPD; zeitweilig Mitgl. der Reichszentrale des KJVD, dort zeitweise für die Agitproparbeit des KJVD verantwortlich; ab 1921 Stadtverordneter in Berlin. 1926 unter dem Pseud. »Kanzai« Redakteur in Suhl. 1927 Delegierter des Essener Parteitags, 1928 Agitpropsekretär der Bezirksleitung Ruhr in Essen., Anfang 1929 nach Berlin, Mitarbeiter in der Agitpropabteilung, bis 1933 im ZK verschiedene Funktionen; nach 1933 enger Mitarbeiter von John Schehr, bis zu dessen Verhaftung. 1934 Emigration, Grenzarbeit in Dänemark, Redakteur der von der Abschnittsleitung  Nord herausgegebenen »Norddeutschen Tribüne«, Deckname »Ingeborg « bzw. »Oskar«. Gollmick stellte sich nach der Besetzung Dänemarks 1940 der Polizei und wurde 1941 der Gestapo in Hamburg übergeben. In der Folgezeit war Gollmick wie Helms, Hoffmann, und Wiatrek Auskunftsperson der Hamburger Gestapo;  Mitte 1946 wandte sich die Ehefrau Gollmicks über das »Komitee Ehemaliger Konzentrations-Häftlinge und Politischer Gefangener« Holzminden/Nieder­sachsen an Wilhelm Pieck und bat um Unterstützung bei der Anerkennung als »Opfer des Faschis­mus«. Am 7. 9. 1946 wurde der KPD-BL Bremen vom Büro Pieck mitgeteilt, dass Gollmick in der Tat bis zum Jahre 1933 Mitarbeiter der Agitprop-Abteilung des Zentralkomitees der KPD war und in der Illegalität in Berlin in dieser Funktion noch weiter arbeitete. In der Emigration hat er in Paris und in Dänemark die verschiedensten Funktionen innegehabt. Widersprochen, wurde den Angaben der Ehefrau, daß Gollmick im Jahre 1937 in Hamburg wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Er wurde vielmehr im Jahre 1940 bzw. 1941 in Kopenhagen von der Gestapo verhaftet und nach Hamburg gebracht, wo er »umfiel« und zu einem Agenten der Gestapo wurde. Wörtlich hieß es in dem Schreiben: »Er ist nach uns hier vorliegenden Mitteilungen im Jahre 1945 nicht von der SS in Hamburg ermordet worden, sondern hat nach dem Zusam­menbruch des Naziregimes Selbstmord begangen, da er nach dem von ihm verübten Verrat keinen anderen Ausweg gesehen hat.« Tatsächlich starb Gollmick am 15. Februar 1945 in Hamburg. [42] zu Wittkowski siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 927. [43] zu Wilhelm Boller siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 78. [44] zu Karl Nieter siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 533. [45] zu Conrad Blenkle siehe Weber, Bd. II, S. 78. [46] Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 92 vom 22. 4. 1938 (Liste 42). [47] Arthur Mannbar (18. 7. 1913) Geb. in Landweiler/Saar als Sohn eines Bergarbeiters, Grundschule und Gymnasium, kaufm. Lehre und Arbeit als Angest. in Dudweiler und in den Friedrichsthaler Eisenwerken, 1931 bis 1935 Expedient, Redaktionsvolontär bzw. Red. der »Arbeiter-Zeitung« (Organ der KPD in Saarbrücken), 1934 Mitgl. der KPD, 1935 bis 1940 illegale Arbeit als Instrukteur des ZK der KPD in Paris, Moskau und Kopenhagen, 1935 bis 1937 Kursant an der Internationalen Leninschule in Moskau, 1940 Verhaftung, 1942 Verurteilung wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu lebenslänglichem Zuchthaus, Haft im Zuchthaus Brandenburg-Görden; 1945 bis 1949 Leiter der Hauptabt. Nachrichten und Kommentator beim »Berliner Rundfunk«; 1946 Mitgl. der SED, 1947 Ausschluß aus der SED (wegen »Verhaltens in der U-Haft«, 1956 Wiederaufnahme in die SED), 1949 bis 1952 Leiter der Haupt­abteilung Tagesfragen beim Mitteldeutschen Rundfunk, Sender Leipzig, 1952/53 Redaktionsleiter beim Staatlichen Rundfunkkomitee in Leipzig; 1953 bis 1955 1. Red. beim ADN Leipzig; 1955 bis 1959 Chef vom Dienst ADN Ost-Berlin; 1959 bis 1964 Leiter der Auslandsredaktion bzw. Leiter der Basisredaktion ADN Ost-Berlin; 1964 bis 1969 Chefred. und Stellv. des Generaldir. des ADN; 1969 bis 1973 Chefred. des ADN, anschl. Mitarbeiter des ADN und Mitautor des Buches über den antifaschistischen Widerstandskampf im Zuchthaus Brandenburg. [48] Zu Paul Verner siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 873f. [49] Zu Richard Stahlmann siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 812f. [50] Mammach, S. 43. [51] Schlußbericht der Gestapo über die Abschnittsleitung Nord. In: BArch ZC 15929. [52] Zu Arthur Emmerlich siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 156. [53] Zu Rudolf Hallmeyer siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 266. [54] Müller, Johannes (Hans) (14. 7. 1912 – 7. 1. 1987) Geb. in Leipzig als Sohn eines Bäckers, Volksschule, Lehre und Arbeit als Buchdrucker, 1926 Mitgl. der Gewerkschaft, 1927 des KJVD, 1931 der KPD, KJVD-Stadtteilleiter, 1932 Mitgl. der KJVD-BL Sachsen, Bezirkskassierer; August–Dez. 1933 inhaftiert, KZ Colditz, nach Entlassung illegale Arbeit, 1934 Emigration in die CSR, Grenzkurier, ab Jan. 1937 Instrukteur des ZK in Berlin, Dez. 1937 zurück nach Frankreich, 1938/39 illegale Arbeit in Frankreich, Juli 1938 in Frankreich inhaftiert und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt; Jan. 1939 zusammen mit Paul Peschke über Brüssel-Kopen­hagen nach Malmö/Schweden, illegale Kurierfahrten nach Deutschland, Juli 1940 mit dem Dampfer »Nester« illegal nach Deutschland, bei der Ankunft in Hamburg am 22. 7. 1940 inhaftiert, Aug. 1941 Verurteilung zu lebenslanger Haft durch den Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hoch­verrat«, 1941 bis 1943 Zuchthaus Brandenburg und Waldheim, 1943 bis 1945 Haft im KZ Mauthausen; 1945/46 Kadersekr. des KPD-UB Leipzig, 1946 Mitgl. der SED; März bis Juni 1946 Studium an der PHS in Liebenwalde, bis Nov. dort Assistent; Okt. 1946 bis Mai 1947 Leiter der Bezirks- bzw. Kreisparteischulen in Hartmannsdorf und Breitenfeld bei Leipzig, 1947 bis 1949 Stu­dium an der Univ. Leipzig, Diplom-Gesellschaftswissenschaftler; 1949 bis 1952 Abteilungsleiter bzw. stellv. Hauptabteilungsleiter. in der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) bzw. im Min. für Leichtindustrie bzw. im MdI; 1952 bis 1965 Sektorenleiter in der Abteilung Arbeitsbüro bzw. von 1965 bis 1981 politischer Mitarbeiter in der Westabt. des ZK; 1955/56 Studium an der PHS beim ZK der KPdSU; ab 1965 Mitgl. des Internat. Mauthausen-Komitees, ab 1970 Vors. der Lagerarbeits­gemeinschaft Mauthausen bei der Zentralltg. des Komitees der Antifaschist. Widerstandskämpfer. [55] Heinrich Schmeer (20. 3. 1906 – 7. 2. 1960) Geb. in Triberg/Baden, Volksschule, Bürogehilfe, Hoteldiener und Bauarbeiter; vor 1925 Mitgl. des KJVD, 1927/28 Leiter des KJVD-UB Torgau-Liebenwerder, anschl. Agit-Prop-Leiter KJVD-BL Halle-Merseburg; 1929 Mitgl. der KPD; ab 1932 Funktionär des Reichserwerbslosenausschusses für Jugend- und Arbeitsdienstfragen, 1933 illegale Arbeit, Verhaftung, April 1934 Verurteilung zu 2 ½ Jahren durch das Kammergericht Berlin wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«, Haft im Zuchthaus Brandenburg, 1936 Entlassung, Emigration in die CSR, Instrukteur der KPD-Abschnittsleitung Zentrum für Berlin, (Deckname »Harry«) Okt. 1938 über Polen nach Kopenhagen, anschl. nach Göteburg; 1939 und 1940 illegale Einsätze als Instrukteur der A. L. Nord in Berlin, Aug. 1940 über Bremen nach Berlin mit dem Ziel des Aufbaus einer illegalen Parteileitung gemeinsam mit Willi Gall; illegale Arbeit in Berlin-Reinickendorf, 9. Sept. 1940 Verhaftung, schwere Misshandlungen, 28. Juli 1941 Verurteilung zu lebenslanger Haft durch den Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«, bis 1945 Haft im Zuchthaus Brandenburg; nach 1945 Mitarbeiter beim Berliner Rundfunk bzw. beim Staatlichen Rundfunkkomitee der DDR; 1946 Mitgl. der SED. [56] Bundesarchiv, Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof ZC 15929, Bd. 4. [57] Eiber, Ludwig: Unter Führung des NSDAP-Gauleiters. Die Hamburger Staatspolizei (1933 bis 1937), S. 100ff., in: Paul/Mallmann, Die Gestapo. [58] Rohübersetzung eines Gespräches Carl Madsens, Dänemark, mit der Schwester von H. Wiatrek, Helene Polewka, in Ost-Berlin am 14. 11. 1970 in: SAPMO Sgy 30 1985. [59] Bundesarchiv Lichterfelde, Referat R 2 Pers. BDC Personalakte Heinrich Teege. [60] Teege wurde am 2. 6. 1949 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Vgl. Gertrud Meyer: Nacht über Hamburg, Frankfurt/M. 1971, S. 131. Er verstarb am 22. Mai 1971 in Hamburg. (Auskunft des Bezirksamts Hamburg vom 4. 1. 2002). [61] Paul Krautter (22. 3. 1902 – 17. 8. 1961) Geb. in Berlin als Sohn eines Tischlers, Volksschule, Lehre und Arbeit als Installateur und Schwachstrommonteur, Mitgl. des DMV und der FSJ, Betriebsrat, Mitgl. der Branchenleitung der Elektromonteure, 1929 Mitgl. der KPD, ab 1930 hauptamtl. RGO-Funktionär, Sekr. Der RGO-Industrie­gruppe Metall, gleichzeitig Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern OMS; ab Febr. 1933 illeg. Arbeit, Nov. 1933 Emigration in die Schweiz, Febr. 1934 in die Sowjetunion, nachrichtendienstl. Spezialschulung, anschl. über die Schweiz nach Frankreich, Sekr. der Gruppe der gewerkschaftlich organisierten deutscher Arbeiter in der CGT, zeitweilig Leiter der A. L. Zentrum in Amsterdam; Sept. 1939 bis 1941 Internierungslager Le Vernet in Südfrankreich, anschl. über Algerien, 1941 nach Mexiko, Leitungsmitglied des Komitees »Freies Deutschland«, Juli 1946 Rückkehr nach Deutschland, Mitgl. der SED und des FDGB, zunächst Bezirksleiter der IG Metall in Berlin-Köpe­nick, 1948–1952 stellv. Vors. der IG Metall Groß-Berlin,1952–1958 Sekr. des ZV der IG Metall, 1958–1961 Sekr. der IG Metall im WGB in Prag bzw. Leiter der Abt. »Gewerkschaftseinheit« des ZV der IG Metall. [62] Tatsächlich sind auf der »Berner Konferenz« 17 Mitglieder und drei Kandidaten in das ZK gewählt worden: Anton Ackermann, Paul Bertz, Franz Dahlem, Wilhelm Florin, Walter Hähnel, Wilhelm Knöchel, Paul Merker, Karl Mewis, Wilhelm Pieck, Siegfried Rädel, Elli Schmidt, Emil Svoboda, Ernst Thälmann, Walter Ulbricht, Herbert Wehner, Heinrich Wiatrek und als Vertreter der KPÖ Johann Kopeling. [63] Zu Grünert siehe Kurzbiographie in: Michael F. Scholz, a. a. O. S. 355. [64] Kurzbiographie zu Sasse siehe HBDE, S. 636 und Sandvoss, Rainer: Widerstand in Pankow und Reinickendorf; Berlin 1994, S. 259. Sasse soll unmittelbar nach der Befreiung aus dem Zuchthaus Brandenburg an den Haftfolgen verstorben sein. [65] Überliefert ist auch die Tatsache, daß Wiatrek, Irene Wosikowski in Hamburg gegenübergestellt wurde und dem das Verhör führenden Gestapobeamten die von Woskiowski bisher hartnäckig verschwiegene Auskunft gab, daß sie Kursantin an der Leninschule gewesen sei. Siehe Schlußbericht der Gestapo Hamburg v. 13. 5. 1944, in: BStU Bd.-Nr. 478, Bl. 157. [66] Lothar Hofmann (16. 2. 1903 – 1989) Geb. in Leipzig als Sohn eines Lehrers, Volksschule und Gymnasium, Banklehre und Bankangest.; ab 1929 Angest. der sowjet. Handelsvertretung und Lehrer an der MASCH in Hamburg, 1929 Mitgl. der KPD, ab 1931 Angeh. des AM-Apparates; 1931/32 inhaftiert, Verurteilung zu vier Jah­ren Zuchthaus wegen Militärspionage, Dez. 1932 amnestiert; März 1933 Emigration nach Dänemark, bis Mai 1934 Grenzarbeit, anschl. Instrukteur im Saargebiet; Nov. 1934 bis Aug. 1935 Ausbildung an einer Militärschule in der Sowjetunion; 1936/37 Betriebsarbeiter in Moskau, anschl. nach Spanien, Arbeit in der Auslandsabt. des Servicio de Investigación Militar (SIM); Nov. 1938 Ausbürgerung, Mai 1939 nach Kopenhagen, Instrukteur der A. L. Nord, ab Nov. 1939 »zweiter Mann« der A. L. Nord; Mai 1941 Verhaftung, 5. 1. 1943 Verurteilung zum Tode durch den Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«; als sogenannte Auskunftsperson der Gestapo mehrmals Aufschub der Vollstreckung, 13. 2. 1945 Vollstreckungsanordnung; April 1945 Entlassung, Meldung bei der KPD-BL Hamburg, später Übersiedlung nach Dänemark, Mitarbeiter in einem Reisebüro, dort 1989 verstorben. [67] Oberlandesgerichtsrat Dr. Franz Illner, geb. 8. 5. 1904, war nach 1945 Landgerichtsdirektor beim Landgericht Mannheim; siehe: Braunbuch der Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik. Berlin (Ost) 1966, S. 382. Illner, Träger des Bundesverdienstkreuzes, verstarb im Juni 1988 in Mannheim. [68] Urteil in BArch, Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof ZC 15929 Bd. 5. [69] Ebenda. [70] Ebenda, Bd. 13. [71] Ebenda, Bd. 13. [72] Ebenda, Bd. 14. [73] Zu Ludwig Riess siehe Kurzbiographie in HBDE, S. 604. Nach seiner Verurteilung Überführung nach Hamburg, vermutlich wie Wiatrek und Hofmann Auskunftsperson der Gestapo in Hamburg. Nach Aussagen von Walter Hochmuth sei Riess Gestapospitzel geworden; siehe dazu Erklärungen von Hochmuth aus dem Jahre 1947 in seiner Kaderakte: SAPMO Dy 30 IV 2/11/v. 4931. [74] Wilhelm Reimers (7. 11. 1897 – 4. 2. 1982) Geb. in Hamburg-Altona, Volks- und Berufsschule, Maschinenbauer, 1916 bis 1918 Weltkriegsteilnehmer; 1919 Mitglied der USPD, 1922 der KPD; 1930 Geschäftsführer des KPD-Unter­nehmens »Norddeutscher Verlag, 1932 Leiter der Verlagszentrale der KPD in Berlin, ab 1933 illegale Arbeit als »Reichstechniker«, Emigration ins Saargebiet, Geschäftsführer der »Saar-Nahe-Druck AG«, einem von der KPD finanzierten Verlagsunternehmen. 1935 Flucht nach Frankreich, ab 1936 in Kopenhagen aktiv im antifaschistischen Widerstand, 1937 Aufenthalt in Moskau, Verhandlung vor der IKK der Komintern, 1938 Rückkehr nach Kopenhagen, 1940 Internierung, 1941 Verhaftung und Verurteilung durch den Volksgerichtshof zu zwölf Jahren Zuchthaus. 1945 Mitgl. der SPD; Journalist, Pressereferent, Gewerkschaftssekretär; 1955 bis 1964 Geschäftsführer der SPD-Zeitungen »Hamburger Echo« und »Hamburger Morgenpost«; 1949 bis 1957 Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft. [75] Häftlingsakte Heinrich Wiatrek, Staatsarchiv Hamburg, Rep 242 1 II – 10, Nr. 475. [76] SAPMO BY 1/142 KPD – Westzonen, Bl. 57ff. Nach Aussage von Paul Tastesen hat Hofmann die 150 Mark bei ihm abgeliefert, die anderen nicht. [77] Scholz, a. a. O. S. 71ff.; SAPMO Dy 30  IV 2/4/116, Bl. 166–171. [78] Fritz Wiatrek (24. 10. 1910 – 25. 5. 1982) Geb. in Gleiwitz/Oberschlesien als Sohn eines Eisenbahnschaffners, Volksschule, Steindrucker; 1927 KJVD und KPD, 1928 Mitglied der KJVD-BL Oberschlesien; nach 1933 illegale Arbeit, mehrmals inhaftiert; Juni 1945 Sekr. des FDGB in Reichenbach, Nov. 1945 bis Aug. 1947 Sekr. der KPD/SED in Reichenbach, Richterschule, 1950 bis 1966 Abteilungsleiter für Inneres beim Rat des Kreises Bad Schandau, ab 1966 Invalidenrentner. [79] Telefonische Auskunft von Heinz Polewka, Januar 2001. [80] Kopie der Sterbeurkunde ausgefertigt vom Standesamt Auerbach vom 23. 1. 2001. [81] Es war nicht möglich in Erfahrung zu bringen, wer die Umbenennung veranlaßte und warum sie erfolgte.

JHK 2002

Brandler und der deutsche Kommunismus

Hermann Weber

Becker, Jens: Heinrich Brandler. Eine politischen Biographie, Hamburg 2001, VSA-Verlag, 511 Seiten. Gruppe MAGMA: »...denn Angriff ist die beste Verteidigung«. Die KPD zwischen Revolution und Faschismus, Bonn 2001, Pahl-Rugenstein Verlag, 295 Seiten. Das Links-rechts-Schema in der Politik war innerhalb der KPD der Weimarer Republik besonders ausgeprägt. Die Fraktionenkämpfe in dieser Partei wurden vor allem in den zwanziger Jahren fast nur unter dem Gesichtspunkt geführt, die jeweils »rechten« oder »linken« gegnerischen Gruppen in der Partei anzugreifen, zu besiegen und möglichst aus deren Reihen zu entfernen. Dies besonders, nachdem durch die Stalinisierung der Komintern, der KPdSU und auch der KPD »rechte« oder »linke« Abweichungen von der politischen Generallinie als Parteifeinde diffamiert wurden. Ein Blick auf die Protagonisten der kommunistischen Bewegung wie auf Führer solcher »Rechtskommunisten« oder »Linkskommunisten« zeigt allerdings, daß dieses Schema selbstverständlich eine Vereinfachung war, die inneren Streitigkeiten durchaus andere Beweggründe hatten. Der Prototyp des Rechtskommunismus, Nikolai Bucharin, bekam erst durch Stalins »Linkswendung« von 1928 diese Etikettierung, denn immerhin war er 1918 bei der Auseinandersetzung mit Lenin noch der Führer der »linken« Kommunisten. Ähnlich sah es in Deutschland aus, wo Heinrich Brandler bis heute als Kopf der »Rechtskommunisten« gilt. In den Debatten um die März-Aktion 1921 und die »Offensivtheorie« stand Brandler aber gegen Paul Levi auf dem »linken« Flügel. Biographische Untersuchungen können zur Erhellung der Rolle des Rechts-links-Musters in der KPD beitragen, unterschiedliche politische Strategien erklären und damit zugleich Einblicke in die Entwicklung des Kommunismus ermöglichen. Die vorliegende Biographie Brandlers von Jens Becker ist dafür geradezu beispielhaft. Während in den beiden letzten Jahren relativ wenig über die KPD der Weimarer Republik publiziert wurde,[1] finden interessante kommunistische Persönlichkeiten jedoch wieder Interesse.[2] Und so ist es auch zu dieser »überfälligen Untersuchung« (Klaus Fritzsche in der Vorbemerkung zu Jens Becker) gekommen, einem Standardwerk über den »rechten« Kommunisten Heinrich Brandler (1881–1967). Im Lebensweg Brandlers, eines Führers der Arbeiterbewegung, der in seinen politischen Aktivitäten meist »zwischen allen Stühlen« saß, widerspiegeln sich zahlreiche Probleme der Arbeiterbewegung. Und Becker hat es verstanden, anhand der Biographie Brandlers diese Zeit spannend zu beschreiben. Das war vor allem möglich, weil ihm bisher geheimes Archivmaterial zur Verfügung stand. Insbesondere konnte Becker relevante Akten aus dem Komintern-Archiv in Moskau benutzen. Das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis belegt, daß der Autor an Hand vieler weiterer Archivalien und durch gründliche Auswertung des Forschungsstandes Brandlers politischen Weg quellengesättigt beschreibt. Darüber hinaus gelang es Becker, die Entwicklung der Arbeiterbewegung und des deutschen Kommunismus über Jahrzehnte hinweg nachzuzeichnen. Dies leistet er (außer in der Einleitung und in einem »Fazit«) in acht Kapiteln. Zunächst werden Brandlers »Erfahrungen in der Vorkriegssozialdemokratie« beschrieben. Schon in der Jugend im nordböhmischen Warnsdorf, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, zeigt sich das politische Interesse Brandlers. Als er neun Jahre alt war, starb sein Vater, und wie dieser erlernte Heinrich Brandler das Maurerhandwerk. Becker schildert nicht nur die schwere Jugend Brandlers, sondern auch die Folgen seines Arbeitsunfalls, dessen »fatales Resultat« ihn äußerlich zeitlebens prägte: »Ein Buckel und eine riesenhaft breite Schulter«, und aus diesem verkrüppelten Körper ragte »ein Kopf von außerordentlicher Kraft in Form und Ausdruck« hervor. Genau das war auch mein Eindruck, als ich den weit über 70jährigen Brandler in den fünfziger Jahren kennenlernte und Anfang der 60er hin und wieder traf (und mit ihm korrespondierte).[3] Die Arbeiterbewegung hat Brandler früh geprägt. Mit 16 Jahren trat er bereits der Gewerkschaft bei, dann begann er seine dreijährige Wanderung durch Europa. 1901 ließ er sich in Hamburg nieder, wo er Mitglied und rasch Funktionär der Sozialdemokratie wurde. Er stand auf dem linken Flügel und verkörperte bald jenen Typus des Arbeiterführers, der selbst aus dem proletarischen Milieu kam und sich »von der Pike« auf für die Interessen der Arbeiter einsetzte. Brandler verstand sich immer als Praktiker, doch zugleich trieb ihn – wie damals die meisten Linken – ein wahrer Bildungshunger, und gegenüber theoretischen Problemen war er immer offen. Becker vermittelt anschaulich, daß sich Brandler neben seinen gewerkschaftlichen Aktivitäten (1914 wurde er hauptamtlicher Sekretär des Bauarbeiterverbandes in Chemnitz) vor allem in der Arbeiterfortbildung engagierte. Im nächsten Kapitel geht Becker der politischen Entwicklung Brandlers im Ersten Weltkrieg nach. Als Internationalist wandte sich Brandler gegen die »Vaterlandsverteidigung« und die Kriegspolitik der SPD, und er wurde durch den Krieg radikalisiert. Für ihn war die veränderte Haltung der Sozialdemokratie, die Burgfriedenspolitik, eine Katastrophe, die ihn auch persönlich traf. Wie bei vielen Sozialisten bestimmte dieses Ereignis Brandlers weiteren Lebensweg, er wurde Kommunist. Brandlers politische Tätigkeit in der KPD, insbesondere seine Rolle als Parteivorsitzender 1921 bis 1923 (dieses Kapitel umfaßt 125 Seiten mit knapp 1000 Anmerkungen!) beschreibt Becker bis ins Detail. Da diese Zeit hier im »Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung« in den Grundlinien bereits von Jens Becker und Harald Jentsch dargelegt wurde,[4] braucht auf Einzelheiten nicht noch einmal eingegangen werden. Becker schildert Brandlers Leben und Wirken objektiv und mit Sympathie, ohne jedoch apologetisch zu sein. Er erfüllt seinen eigenen Anspruch, nicht nur eine Forschungslücke zu schließen, sondern auch »einem wichtigen, besonders in der kommunistischen Bewegung umstrittenen Akteur historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen«, voll und ganz. Und damit gelingt es dem Autor, anhand der Biographie Brandlers die unterschiedlichen Phasen der KPD und der KPO der Weimarer Republik, in der Emigration und im Widerstand gegen Hitler differenziert, kritisch und einsichtig vorzustellen. In der stalinistischen KPD sah Brandler, der »sperrige und widerspruchsvolle« politische Mensch (Becker in seinem Fazit), für sich keinen Platz. Brandler war zwar selbst doktrinär und partiell intolerant, hat den Stalinismus in seiner Tragweite verkannt und teilweise sogar beschönigt, Becker zeigt ihn dennoch als einen selbständigen »Marxisten und Revolutionär« und »Ketzer im marxistisch-leninistischen Kommunismus, der dafür die Exkommunikation auf sich nahm«. Da Brandler sich – anders als sein späterer Nachfolger Thälmann[5] – Stalins Anweisungen nicht willenlos unterwerfen wollte und nicht zum Opportunisten und Karrieristen wurde, konnte er ab 1928 nur noch in kleinen Gruppen wirken. Die »Reinigung« der KPD von »rechten« Kommunisten wie Brandler und auch von Linkskommunisten, ja überhaupt von unabhängigen Strömungen und Personen im Rahmen ihrer »Bolschewisierung« – genauer gesagt ihrer Stalinisierung – in den zwanziger Jahren war eng verknüpft mit ihrer Einbindung in die Kommunistische Internationale. Da dort zunehmend die russischen Bolschewiki und dann Stalin bestimmten, ist die Entwicklung der KPD als »Sektion« der Komintern nur im Kontext mit der Politik Moskaus zu verstehen. Darauf wird auch in einem Buch über die KPD »Zwischen Revolution und Faschismus« verwiesen. Vergißt man die großspurige Ankündigung des Verlags[6], es handele sich um eine »Monographie mit Handbuch-Charakter«, so ist es ein interessanter Versuch, einige Probleme der KPD zu erörtern. Die fünf Autoren, in den sechziger Jahren geboren und etwa so alt wie Jens Becker, geben der Rolle von dessen Helden Brandler allerdings keinen Raum. Das Buch will einen »Überblick über das politische Profil wie über die Faschismusanalyse der KPD im Rahmen der Weimarer Republik« liefern. In einem zweiten Teil »wird danach gefragt, was für die Partei die Kategorie Volk bedeutete, wie sie zu Nationalismus und Antisemitismus sowie zur Frauenbewegung stand«. Ein großes Programm, das »MAGMA«, die fünf männlichen Autoren (M. Grzzegorczky, A. Bodden, G. Jäger, M. Aschmoneit und A. Feuer­herdt) nach eigener Angabe zunächst in einem Jahr erarbeiten wollten, doch brauchten sie dann schließlich fünf. Ihre Darstellung berücksichtigt den Forschungsstand, eigene Archivarbeit ist nicht erkennbar. Die Einschätzungen der Autoren sind keineswegs unkritisch, sie schreiben, ihre Kritik an der KPD sei »stellenweise schonungslos«, aber ihr Respekt gelte »uneingeschränkt denjenigen, die Widerstand gegen den deutschen Faschismus leisteten«, und dies »zum Teil noch heute« tun. Damit wird klar, MAGMA beansprucht nicht, eine weitere wissenschaftliche Untersuchung zur KPD vorzulegen, sondern will die Partei eher unter politischen Gesichtspunkten prüfen. Auf gewisse Brüche in der Gliederung, verkürzte oder unausgeglichene Wertungen usw. ist kritisch hinzuweisen. Da das Buch offensichtlich für ein breiteres Publikum geschrieben ist, bleibt zu fragen, warum die Autoren von einigen Personen (neben Ulbricht, Pieck oder Münzenberg, auch Brüning oder Schleicher) Lebensdaten anführen, von anderen (eben Brandler, aber auch Thälmann) nicht. Leider fehlt (wie übrigens auch bei Becker) ein Personenregister. Am Schluß stellen MAGMA in einem »Fazit« fünf Thesen auf. Dabei wird hervorgehoben, daß die KPD über einen »unzulänglichen Faschismusbegriff« verfügte. Das erscheint jedoch bei den verheerenden Faschismus-Thesen (»So­zialfaschismus«, Bezeichnung aller Gegner der KPD, selbst der Brandlerschen KPO, als Faschisten) stark untertrieben. Die Verfasser verweisen zu Recht darauf, daß es sich genaugenommen um die »Faschismusanalyse« der Komintern handelte, und sie charakterisieren die KPD als eine patriotische Partei, die überdies selbst nach 1945 noch »bei ihrem nationalistischen Muster« verharrte. Gegenüber der Untersuchung von Becker, in der große Mengen Quellen erschlossen wurden und die so die wissenschaftliche Aufarbeitung des deutschen Kommunismus voranbringt, beschränkt sich die Gruppe MAGMA darauf, anhand bisheriger Veröffentlichungen neue (nicht unbedingt originelle) Überlegungen einzubringen. Beide Bücher beweisen indes, daß auf einem derzeit fast vernachlässigten Gebiet der Kommunismus-Forschung weiterhin gearbeitet wird. Seit der Öffnung der östlichen Archive dominieren nämlich die Darstellungen über den Kommunismus als Terrorregime. Immer häufiger werden neue, schreckliche Seiten, insbesondere des Stalinistischen Terrors der dreißiger Jahre, untersucht.[7] So notwendig zusätzliche Enthüllungen über kommunistische Regime als Terror-Systeme sind, so darf doch die Untersuchung der anderen Seite nicht übergangen werden: der Kommunismus war auch eine radikale, soziale Bewegung, die ursprünglich aus der Arbeiterbewegung entstanden war, dann allerdings durch die Stalinisierung bis zur Unkenntlichkeit verändert wurde. Das sollte heute nicht aus dem Blick geraten, und insofern sind Werke wie das von Becker, aber selbst Darstellungen wie die der Gruppe MAGMA (bei allen Unterschieden) wichtige und nützliche Veröffentlichungen. [1] Vgl. Kinner, Klaus: Der deutsche Kommunismus. Selbstverständnis und Realität. Band 1, Die Weimarer Zeit. Berlin 1999. Wirsching, Andreas: Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg. Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918–1933/39. Berlin und Paris im Vergleich. München 1999. Vgl. auch Keßler, Mario: Heroische Illusion und Stalin-Terror. Beiträge zur Kommunismusforschung. Hamburg 1999. [2] Ullrich, Volker: Der ruhelose Rebell. Karl Plättner 1893–1945. Eine Biographie. München 2000. Vgl. dazu meine Besprechung „Pfemfert, Plättner und Hoelz“ in Deutschland Archiv, 34. Jahrg. 2001, S. 485ff. [3] Vgl. Weber, Hermann (Hrsg.): Unabhängige Kommunisten. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Brandler und Isaac Deutscher 1949–1967. Berlin 1981, S. 252ff. [4] Becker, Jens und Harald Jentsch: Heinrich Brandler – biographische Skizze bis 1924, JHK 1996; Berlin 1996, S. 273–295 sowie Dies. Heinrich Brandler – biographische Skizze 1927–1967, JHK 1998, Berlin 1998, S. 305–329. [5] Vgl. Dazu jetzt Montheath, Peter (Hrsg.): Ernst Thälmann. Mensch und Mythos. Atlanta GA, Amsterdam 2000. [6] Der Pahl-Rugenstein Verlag hat außer diesem Band zur KPD in Weimar auch eine englische Untersuchung zum Widerstand der KPD vorgelegt: Merson, Allan: Kommunistischer Widerstand in Nazideutschland. Vorwort Peter Gingold, Bonn, 310 Seiten. [7] Vgl. jetzt Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung. Hamburg 2001.

JHK 2002

The International Newsletter of Communist Studies

Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung Le newsletter international des recherches sur le communisme Международные исследования коммунизму (Former: The International Newsletter of Historical Studies on Comintern, Communism and Stalinism) Published by The International Workshop of Communist Studies Vol. VIII (2002), no 15 Editorial Board Executive Editor: Bernhard H. Bayerlein, Köln-Cologne/Mannheim  Editorial Board and Correspondents: Aldo Agosti (Torino) agosti@cisi.unito.it, Leonid Babičenko (Moscow), Claus Baumgart (Leipzig) Douaiado@aol.com, Lars Björlin (Stockholm) lars.bjorlin@swipnet.se, Cosroe Chaqueri (Paris), Sonia Combe (Paris) Sonia.Combe@u-paris10.fr, Putnik Dajic (Belgrade) putnikd@eunet.yu, Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds) Gerard.Donze@ne.ch, Jean-François Fayet (Geneva) jean-francois.fayet@lettres.unige.ch, Jan Foitzik (Berlin) foitzik@ifz-muenchen.de, Maria Goretti Matías (Lisboa), José Gotovitch (Bruxelles) jgotovit@ulb.ac.be, Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta) sovanlal@vsnl.net, Gabriella Hauch (Linz) Gabriella.Hauch@jk.uni-linz.ac.at, John Haynes (Washington) jhay@loc.gov, Victor Heifets (St. Petersburg) world@rosbalt.ru, Gerd-Rainer Horn (Coventry) g.r.horn@hud.ac.uk, Peter Huber (Geneva) peterhuber80@hotmail.com, Fritz Keller (Vienna) ug@ug-oegb.at, Klaus Kinner (Leipzig) RosaLuxemburg-Stiftung.Sachsen@t-online.de, Avgust Lesnik (Ljubljana) avgust.lesnik@guest.arnes.si, Roland Lewin (Grenoble) infodoc@iep.upmf-grenoble.fr, Marcel van der Linden (Amsterdam) mvl@iisg.nl, Aurelio Martin Najera (Madrid) fpi@infornet.es, Kevin McDermott (Sheffield) K.F.McDermott@shu.ac.uk, Barry McLoughlin (Vienna) barry.mcloughlin@chello.at, Kevin Morgan (Manchester) Kevin.Morgan@man.ac.uk, Jorge Nóvoa (Salvador da Bahia) crisnova @ufba.br, oficihis@ufba.br, Alexander Pantsov (Columbus, Ohio) apantsov@capital.edu, Maria de Fátima Patriarca (Lisbon), Tauno Saarela (Helsinki) tauno.saarela@helsinki.fi, Wolfgang Schlott (Bremen) schlott@osteuropa.uni-bremen.de, Daniela Spenser (México DF) spenser@servidor.unam.mx, Dubravka Stajic (Belgrade) ies@eunet.yu, Brigitte Studer (Berne) brigitte.studer@hist.unibe.ch, Frantisek Svátek (Prague) frantisek.svatek@cuni.cz, Carola Tischler (Berlin) Carola.Tischler@Geschichte.HU-Berlin.de, Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main) rtosstorff@hotmail.com, Feliks Tych (Warsaw) tych@it.com.pl, Berthold Unfried (Vienna) berthold.unfried@univie.ac.at, Zdenek Vasicek (Prague) vasicek@bet.iline.cz, Aleksandr Vatlin (Moscow) vatlin@mail.sitek.ru, Gerrit Voerman (Groningen) voerman@ub-mw.ub.rug.nl, Marc Vuilleumier (Genève) mvuilleu@cui.unige.ch, Markus Wehner (Moskau), Rolf Wörsdörfer (Darmstadt) reinecke@pg.tu-darmstadt.de, Serge Wolikow (Dijon) Serge.Wolikow@wanadoo.fr   Advisory Board: Prof. Dr. Siegfried Bahne, Bochum; Prof. Dr. Marjan Britovsek, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué, Grenoble; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Rein van der Leeuw, Amsterdam; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris-Berlin; Prof. Dr. Hermann Weber, Mannheim   Editorial Adress Dr. Bernhard H. Bayerlein Arnulfstr. 14 D-50937 Köln Telefon: 0221/422706 Fax: 0221/422866 E-Mail: Dr.Bayerlein@Uni-Koeln.de – Bernhard.Bayerlein@mzes.uni-mannheim.de Section I  Workshop – Projects in Progress  Gerrit Voerman, Groningen, The Netherlands: The Moscow Meridian: the CPN and the Communist International (1919-1930). Some guidelines of this book.[1] This study deals with relations between the Dutch Communist Party (CPN) and the Communist International during the period from the founding of the international organisation in 1919 to the year 1930. The theme throughout this chronologically constructed account is the party’s increasing loss of autonomy as a consequence of the process of »domestication«, instigated by Moscow. The study describes how the CPN as a section of the Comintern, gradually lost its financial, ideological and organisational independence during the 1920s. The CPN’s Gleichschaltung can be regarded as having been completed by 1930, when the Comintern prescribed in detail how the new party’s leadership had to be constituted. The book concludes with a description of the intervention and its after effect. The decline of the CPN’s independence is described against a background of bureaucratisation, centralisation and »Russification« at the hand of the Comintern: in short, the increasing dominance of the Soviet leaders within the organisation. In turn, this development was strongly influenced by the course of events within the Soviet Union, particularly the struggle for power within the top echelons of the  Russian Communist Party (RCP) following the death of Lenin in 1924. These developments will only be dealt with cursorily in the book. It then deals with the various methods used by the Comintern in an effort to gain complete control over the CPN, methods such as summoning party representatives to come to Moscow, sending envoys authorised to act on their behalf to the Amsterdam party office, and the provision of financial support. The loss of authority that all the parties affiliated with the Comintern actually underwent can be particularly well traced within the Dutch section because it was one of the oldest parties with an affiliation with the Comintern. In 1909, the revolutionary wing of the Sociaal-Democratische Arbeiderspartij or SDAP (Social Democratic Labour Party) split itself off from the party and formed the Sociaal-Democratische Partij, or SDP (Social Democratic Party). Its leaders, David Wijnkoop and Willem van Ravesteyn, had contacts with Lenin and other Bolsheviks in the years prior to the October Revolution. However, the period during which they were on an equal footing with them came to an abrupt end shortly after the founding of the Comintern in March 1919. The CPN, as the SDP had renamed itself in the meantime, affiliated itself to the Comintern one month later. The Process of Domestication – The process of domestication took place during various partly overlapping periods of time. During the first years it was mainly a matter of bringing the affiliated parties into line in an ideological sense. Towards the middle of the twenties this was followed by a process of making those parties uniform in an organisational sense. In most of the larger national parties, the Comintern was already becoming involved with matters relating to personnel such as the recruitment of those in charge; in the less important sections, this would not happen until 1930. During the whole of this period, the sections were financially dependent on the Comintern following the provision of financial support (for the CPN, this was estimated to be at least NLG 160 000; this would be about NLG 1 500 000 in today’s terms - $ 750 000). During the twenties, developments within the CPN followed this same pattern. After the October Revolution, the expectations of the Dutch party leaders were high as a result of the contacts they had with Lenin. Wijnkoop and Van Ravesteyn assumed that they would come to occupy a special position within the Comintern as a result of that relationship. The instruction to set up a West European branch of the Comintern given to the CPN in 1919 by Moscow seemed to confirm that expectation. The sudden dissolution of the »Amsterdam Office« six months later brought an end to all the dreams, however. The office had fallen out of favour particularly because of the left-communist position it was taking during a period in which Moscow was attempting to make the Comintern more ideologically homogenous, an operation that was completed by 1921. After it had managed to enforce ideological conformity, Moscow attempted to effect organisational uniformity within the various sections of the Comintern. A beginning had already been made in the form of the twenty-one conditions that Lenin had laid down. The Bolshevisation of the Communist party was decreed four years later: they were obliged to adopt the same structure as the RCP. However, at the  organisational level, conformity could be enforced less easily than at the ideological level. In many of the parties (including the CPN), this operation was not successful. The Bolshevisation also had the purpose of making the parties more centralised and monolithic. It enabled the leaders of the Comintern-sections to strengthen the positions they had within the party. Wijnkoop, Van Ravesteyn and the third party leader, treasurer Jan Ceton, (the so-called »trio«) attempted to increase discipline for their own purposes. The effect of this was that within the CPN, opposition to the three party leaders increased. There had been opposition to their authoritarian style and what was seen as their hostile position in relation to the Nationaal Arbeids-Secretariaat, or NAS (the National Labour Office), a league consisting of anarcho-syndicalist trade unions. The trio were accused of paying too little attention to the Comintern’s wishes. Recruitment of the Party’s Leaders – Discontentment in the CPN with the party’s leaders in combination with the relative independence they demonstrated was Moscow’s pretext for calling Wijnkoop and Van Ravesteyn to order. This ushered in the third area in which the Comintern was to exercise control during the twenties: selection of the party leadership. In major sections such as the French and German ones, the Comintern had made sure the top echelons had been moulded to their will at a very early stage. Some considerable time passed before the same was achieved within smaller sections such as the CPN. Although in this regard Moscow left the Dutch section to its own devices until 1923, after that year meddling in the CPN’s leadership commenced. The form this took can be divided into three phases. Initially, the Comintern played a mediating role in the conflict between the leading trio and the opposition, giving corrective advice or at the most adopting a slightly admonishing position. It functioned as a neutral arbitrator indicating the mistakes made by both parties and looking for compromises. The main objective was the maintenance of unity within the CPN. This diplomatic approach gradually made way for a sterner approach after the mid-twenties. The Comintern demanded that the opposition be given an equal representation on the party’s board and the list of candidates for the Lower House elections. The trio defied Moscow by refusing to accept this proposal, thereby marginalizing themselves politically. In the meantime, the Comintern representatives were busy forming a middle group loyal to Moscow within the CPN. This group’s task was to help get the Dutch section back to taking the Comintern’s line. Despite the fact that Moscow had stressed that it was up to the CPN to choose its own leaders, the trio’s successors, being mainly from the middle group, came to the fore under the auspices of the Comintern. By 1930, the Comintern was no longer showing any leniency. Moscow was dealing with all of the sections in a heavy-handed way. The second generation leaders of the CPN who had helped to ditch the trio were themselves axed. They had to be removed because Moscow, whether correctly or not, doubted their unconditional loyalty. The Comintern was now also appointing the party leaders openly and in an authoritarian way. The policy of mediation had been replaced by one of confrontation. Opposition to the »Moscow Meridian« – Justification of the ideological, organisational and personal forcing into line of the Comintern’s sections was based on the presumed superiority of the Russian revolutionary experience. As Lenin saw it, the importance of the October Revolution went far beyond the Russian borders; it was a revolution with universal relevance. Just as geographical positioning is based on the standard of the Greenwich zero meridian, the Moscow meridian became the frame of reference within the Communist movement. As a consequence of the increasing Bolshevik domination within the Comintern, a number of prominent party members left the party during the twenties. Herman Gorter was the first to do so, followed by Anton Pannekoek, Henk Sneevliet, Jacques de Kadt and Henriette Roland Holst. They had initially put all their hopes on Moscow. However, one by one they rebelled against the all-encompassing validity of the Russian Revolution model. As they saw it, there could be no question of a uniform strategy; the Western European labour movement had to go its own way, with no meddling on the part of the Bolsheviks. The Comintern had to be completely independent of the Kremlin. The treatment that was meted out to Trotsky after Lenin’s death was another reason for Sneevliet, De Kadt and Roland Holst to draw away from Moscow. In 1923, when the trade union federation decided to join the Red International of Labour Unions (RILU), one of the Comintern’s subsidiary organisations, a number of anarcho-syndicalists left the federation. They too rejected Moscow’s claims to leadership of the international revolutionary labour movement. After all, once NAS had joined the RILU at the end of 1925 it was confronted virtually immediately with what it regarded as Bolshevik pedantry and meddling. In the summer of 1927, NAS turned its back on the RILU, having decided that it was not going to give up its independence. Sneevliet, the chairman of the NAS, claimed that the Bolsheviks were having too great an influence on the RILU. Wijnkoop’s, Van Ravesteyn’s and Ceton’s clashes with the Comintern mainly had to do with Moscow’s policy of organisational centralism. From the time of the founding of the party, the three had seen it as primarily their own. However, when their independence was put in jeopardy, Wijnkoop, Van Ravesteyn and Ceton rebelled against what they saw as »meddling.« This was the main issue in their conflict with the Comintern: discipline at the international level and acceptance of the Bolshevik’s claim to leadership. Although the trade union question was a major part of the polarity, it was not the crucial issue, even though it has been represented as such within the CPN’s historiography. It was simply one of the areas in which the trio permitted themselves a point of view that deviated from that of Moscow. In 1925, Wijnkoop, Van Ravesteyn and Ceton resigned after they had rejected interference by Moscow in the nomination of candidates for the Lower House elections. One year later the CPN expelled them from the party, a decision later endorsed by the Comintern. The trio formed a new party, but it did not take long for Van Ravesteyn to completely reject Communism. As he saw it, the Western European labour movement could not possibly be run from Moscow. In 1930, after the new leaders of the CPN had taken up their posts, Wijnkoop dissolved his dissident party and again affiliated himself to the Comintern and its Dutch section, though it was not until he had made a full confession of his political crimes that he was allowed to be admitted as a member again. The Communist’s »Moral Community« – This study is mainly concerned with describing the relationship between the CPN’s leadership and the Comintern. How the party members at the grass root level reacted to Moscow is dealt with in the final chapter. That it was not terribly difficult for Moscow to gain power over the CPN had partly to do with the attraction it had for a part of the Dutch labour movement, though admittedly only a small part: in the twenties, the CPN could boast of a mere couple of thousand supporters and never achieved more than 2.3% of the vote in the national elections. Hero worship of Lenin and all that the October Revolution symbolised, along with warm feelings towards the Soviet Union, had laid the foundation for a subculture with a specifically Communist orientation which mainly constituted the CPN’s supporters. This »moral community« had an identity all of its own. Fostered by Moscow, an insider world of subsidiary organisations came into being, symbols were set in place, and traditions were manufactured. In the metaphor of the »Moscow Meridian,« the two elements that dominated the relationship between the CPN and Moscow - the political and ideological magnetism exerted by the Soviet Union and the politically and morally based centralist leadership of the Comintern - came to expression. They were to form the basis for the Stalinisation of the CPN that got underway towards the end of the twenties. New Sources of Information: the Comintern Archives – There is virtually no archive material on the CPN dating back to the period between the wars. When Hitler sent German forces into the Netherlands in May 1940, the party archives were destroyed. The archives of the internal security service, which almost certainly would have contained material relating to Dutch Communism, were also destroyed during that period. The scanty personal archives of the leading CPN members of the time are silent when it comes to relations with the Comintern. In the absence of source material, it has thus so far been impossible to obtain a good and accurate view of relations between the CPN and Moscow in that interbellum period. The opening up of the Comintern archives at the beginning of the nineties has changed all that. This study is largely based on material that originates from the Comintern archives filed at the Rossijski Tsentr Chranenija i Izoetsjenija Dokumentov Novejsjej Istorii (RTsChIDNI: The Russian Centre for the Conservation and Study of Documents relating to Modern History), since 1999 called the Rossijski Gasoedarstvenny Archiv Sotsialno-Polititsjeskoj Istorii (RGASPI: Russian State Social and Political History Archives). For the first time it has become possible to obtain documents relating to the main organs (Präsidium, Sekretariat, Politisches Sekretariat, Politische Kommission), regional offices (Anglo-Amerikanisches Ländersekretariat, Mitteleuropäisches Ländersekretariat, Ost-Sekretariat) and regional bureaus (Amsterdam Büro, West-Europäisches Sekretariat) in order to reconstruct the relationship between the Comintern and the CPN as seen from Moscow’s point of view. The RILU’s archives have also been consulted. The enormous volume of information make one thing obvious: during the twenties, Moscow was constantly tightening the Comintern’s reins, a process that had already started under Lenin. At the same time, it is clear that the Comintern was less of a monolith than has been assumed until recently: in the middle of the twenties, those Comintern bureaucrats who were responsible for the CPN had quite a considerable amount of personal input in what happened. Right up to 1930, the leaders in Moscow were to a certain extent delegating decision-making in respect of the composition of the party leadership to their office in Berlin. This combination of centralisation and decentralisation should really be analysed in greater detail: what is needed is a thorough study on the Comintern’s central apparatus in Moscow and its relations with the sections elsewhere. Contact: g.voerman@ub.rug.nl Institut für Zeitgeschichte, Außenstelle Berlin, Germany: Materialien der Arbeitstagung »Zum Stand der historischen Aufarbeitung kommunistischer Diktaturen«, veranstaltet 29. November bis 1. Dezember 2001 in Berlin-Lichterfelde. Nachstehend stellen wir Auszüge aus den Materialien einer Untersuchung vor, die mit Unterstützung der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur durchgeführt wurde, um eine Vorstellung über Bandbreite und unterschiedliche nationale Richtungen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit zu vermitteln. Das gesamte Konferenzmaterial ist unter »Neuigkeiten« auf der Homepage des IfZ unter http://ifz-muenchen.de abrufbar. Das nachstehend präsentierte Material ist durch den Tagungsleiter Dr. Jan Foitzik, Berlin, ausgewählt und bearbeitet worden. Kontakt: georgi@ifz-muenchen.de; www.ifz-muenchen.  Tihomir Cipek, Fakultät für Politikwissenschaft, Universität Zagreb, Croatia: Vergangenheitsbewältigung in Kroatien. Im Vergleich mit anderen ehemaligen staatssozialistischen Ländern ist die kroatische Situation spezifisch.  Die Spezifika Kroatiens – Erstens verfügte die kommunistische Diktatur über mehr »Legitimität« als in den Ostblock-Ländern, weil sie das Resultat der eigenen  antifaschistischen Bewegung war. Die Kroaten, die sich den Partisanen angeschlossen haben, taten dies aus eigener Überzeugung. Denn der zweite Weltkrieg war in Kroatien auch ein Bürgerkrieg, weil ein kleiner Teil der kroatischen Bevölkerung das Quisling-Regime des USK unterstützt hat. Die Erfahrung beider Diktaturen, der faschistischen und der kommunistischen, ist für die heutige Kommunismusforschung in Kroatien noch immer wichtig. Zweitens war die kroatische Situation sehr stark durch die Nationalfrage geprägt, weil Kroatien ein Teil der multinationalen jugoslawischen Föderation war. Drittens hat Jugoslawien seit dem Konflikt mit Stalin seine eigene Sozialismusvariante entwickelt und befand sich außerhalb des Ostblocks. Viertens war das jugoslawische Herrschaftssystem nach 1966 nicht mehr totalitär, sondern autoritär mit quasi-pluralistischen Tendenzen. Juan J. Linz spricht außerdem über Demokratisierungstendenzen.  Zur Rezeption der Totalitarismustheorien in Kroatien – In akademischen Kreisen wurden die Totalitarismustheorien intensiv rezipiert. Allgemein gilt, dass die Begriffe «totalitär» und  «Totalitarismus» Neologismen sind, die von italienischen Antifaschisten erfunden worden sind, um die Faschisten um Benito Mussolini kritisieren und bekämpfen zu können. Der italienische Liberale Giovanni Amendola ließ keinen Zwiefel daran, dass das faschistische Herschaftssystem mit seinem Anspruch auf eine totale Erfassung der Menschen totalitär ist. Es ist auch bekannt, dass Mussolini selbst in seiner «Doktrin des Faschismus» schrieb: »Für den Faschisten ist alles im Staat, und nichts Menschliches oder Geistiges besteht außerhalb des Staates. In diesem Zusammenhang ist der Faschismus totalitär und der faschichtische Staat, als Zusammenfassung und Einheit aller Werte, deutet, entwickelt und beherrscht das ganze Leben».[2] Bei diese Übername des Begriffes «totalitär» hat Mussolini übersehen, dass die italienischen Antifaschisten ihn auch deshalb verwandten, um auf gewisse Änlichkeiten zwischen dem Faschismus und dem russischen Bolschewismus hinzuweisen. Govanni Amendola schrieb, dass die beide Systeme eine «totalitäre Reaktion auf Liberalismus und Demokratie» darstellen.[3] Kroatische politische Theoretiker waren ebenfalls der Auffassung, dass die beiden Systeme eine Reaktion auf Liberalismus und Demokratie darstellen, aber ihre These lautete, dass die kommunistische Revolution in Russland eine legitime Reaktion darstellte, die von Stalin später pervertiert wurde und zu einem totalitären System geführt hatte. Die «klassischen» Totalitarismustheorien wurden zwar in Kroatien rezipiert, etwa die Studie von Franz L. Neumann «Behemoth». Diskutiert wurde auch das idealtypische Totalitarismusmodell von Carl Joachim Friedrich [vorher: Fridrich??] und Zbigniew Brzezinski, aber beide Bücher wurden nicht ins Kroatische übersetzt. In kroatischer Übersetzung liegt heute Hannah Arendts Buch «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft» vor. Im Vergleich mit den Totalitarismustheorien wurden die Autoritarismustheorien viel schlechter rezipiert. Am besten ist in Kroatien die Renegaten-Literatur bekannt. Man kann also feststellen, dass die theoretischen Voraussetzungen für die Kommunismusforschung in Kroatien gut sind, aber der Stand der historischen Aufarbeitung der kommunistichen Diktatur ist trotzdem relativ schlecht. Niemand hat in Kroatien versucht, das idealtyphische Totalitarismusmodell von Friedrich und Brzezinski oder das Autoritarismusmodell von Juan J. Linz anhand des konkreten historischen Materials zu überprüfen. Warum ist das so? Das Problem besteht auch noch heute in der schlechten Zusammenarbeit zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Deswegen blieb die Diskussion über die Totalitarismustheorien in der Geschichtwissenschaft fast unbekannt. Anderseits, und dieses Moment ist viel wichtiger, ist die kommunistische Diktatur noch heute in Kroatien ein politisch empfindliches Thema. Wegen des Krieges und der Regierungspolitik hat Kroatien keine sog. »Lustration« durchgeführt. Die regierende Elite der HDZ (Hrvatska Demokratska Zajedniza) war ein Konglomerat aus demokratischen Oppositionellen aus Kroatien, radikal-nationalistischen politischen Emigranten und ehemaligen Kommunisten, die sich selbst in der Öffentlichkeit als »heimliche« Oppositionelle dargestellt haben. Sie haben sich dabei so gut versteckt, dass niemand gewußt hat, dass sie eine oppositionelle Rolle gespielt haben. Die regierende Elite hatte kein Interesse an der Finanzierung der Kommunismusforschung, weil die Wahrheit über die Vergangenheit für sie ungemütlich werden könnte. Die gleiche Meinung vertrat die damalige Opposition. Auch in wissenschaftlichen Kreisen war das Interesse an der Kommunismusforschung sehr gering. Allgemein galt die These, dass man eine historische Distanz von fünfzig Jahren braucht, um etwas wissenschaftlich zu begreifen.  Zum Stand der Forschung – Den schlechten Zustand der Forschung kann man anhand der Themen der wissenschaftlichen Projekte aufzeigen, die das kroatische Wissenschaftsministerum finanziert: Von insgesamt zwölf politikwissenschaftlichen Forschungsprojekten beschäftigt sich keines mit der Kommunismusforschung; von 21 soziologischen Projekten interessiert sich keines für das Thema kommunistische Diktatur; von 48 geschichtswisenschaftlichen Projekten beschäftigt sich nur ein einziges mit der kommunistische Diktatur und das nur teilweise. Es handelt sich um das Projekt «Die soziale Entwicklung Kroatiens von 1929 bis 1971» des Kroatischen Instituts für Geschichtswissenschaft, einer Einrichtung mit 57 Mitarbeitern. An dem genannten Projekt sind vier WissenschaftlerInnen tätig. Zwei von ihnen beschäftigen sich mit der Zeit der kommunistischen Diktatur, wobei sie sich aufgrund der Projektstruktur auf die Ursachen und  Folgen des «kroatischen Frühlings» 1971 konzentrieren.[4] Trotz einer insgesamt unbefriedigenden Situation haben die WissenschaftlerInnen ziemlich gut die noch zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg aktive Kroatische Bauernpartei – Hrvatska Seljacka stranka (HSS) erforscht, die in Gegnerschaft zum kommunistischen Regime stand. Über den bewaffneten Kampf der Quisling-Reste – der Ustascha, die Feinde des Kommunismus und Jugoslawiens waren, kann man einige interessante Studien finden. Gut erforscht ist auch der nach dem Stalin–Tito-Konflikt entstandene Widerstand der Stalins-Anhänger, die jedoch nicht gegen den Sozialismus, sondern für seine dogmatische Variante Partei ergriffen. Man kann auch einige interessante Studien über den bäuerlichen Widerstand gegen Nationalisierung und Kollektivierung finden. Wenn es um die römisch-katholische Kirche geht, die eine wichtige oppositionelle Rolle gespielt hat, stehen die Untersuchungen noch am Anfang. Die Studien, die sich mit der kroatischen Krise von 1970/71 beschäftigen, sind ebenfalls recht aufschlußreich, gleichwohl steht die Kommunismusforschung noch am Anfang. So gibt es keine Studie über die sozialen Bedingungen der kommunistischen Diktatur. Struktur und Mechanismen des Herrschaftssystem sind ebenfalls noch nicht hinreichend erforscht. Die Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen dem Glauben an den Jugoslawismus und dem Kommunismus stehen ebenfalls erst am Anfang. Die gleiche Situation findet man, wenn es um die Erforschung der Opposition geht. Das sensible Verhältnis zwischen Nationalismus und Kommunismus muss ebenfalls untersucht werden. Wir warten auch auf eine komparative Studie über die kommunistische Diktatur in Kroatien und in anderen Ländern. Im Zentrum steht die Frage, die noch immer auf die Antwort wartet: Was hält eine totalitär oder autoritär verfaßte Gesellschaft zusammen, was macht ihren sozialpsychologischen Kitt aus.[5]  Bibliographie – Banac, Ivo: Sa Staljinom protiv Tita. Informbirovski rascjepi u jugoslavenskom komunistickom pokretu /Mit Stalin gegen Tito. Spaltungen in der kommunistischen Bewegung Jugoslawiens nach der Bildung des Kominform/, Zagreb 1990 • Bilandzic, Dušan: Hrvatska moderna povijest /Kroatische Zeitgeschichte/, Zagreb 199 • Cipek,Tihomir/Spehnjak, Katarina: Opposition, Dissidenz und Widerstand in Kroatien, in: Detlef Polack/Jan Wilgohs (Hrsg.): Opposition und Dissidenz in den staatssozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas aus vergleichender Perspektive, Berlin (im Druck) 2002 • Cipek, Tihomir: The Croats and Yugoslavism, in: Dejan Djokic (editor), Yugoslavism: Histories of a Failed Idea, 1918-1992, London: Hurst and Co., (forthcoming) 2002 • Dabcevic-Kucar, Savka: ¨71-Hrvatski snovi i stvarnost /71-Kroatische Träume und Wirklichkeit/, Zagreb 1997 • Kolanovic-Kisic, Nada: Problem legitimiteta politickog sustava u Hrvatskoj nakon 1945 /Legitimitätsproblem des politischen System in Kroatien nach 1945/, in: Casopis za suvremenu povijest, 24, 3, 1992, 189-197; Krišto, Jure: Katolicka crkva u totalitarizmu. Razmatranja o Crkvi u Hrvatskoj pod komunizmom /Katholische Kirche im Totalitarismus. Betrachtungen über die Kirche unter dem Kommunismus/, Zagreb 1997 • Maticka, Marjan: Agrarna reforma i kolonizacija u Hrvatskoj 1945-1948 /Agrarreform und Kolonization in Kroatien 1945-1948/, Zagreb 1990 • Prpic, Ivan: Kriza legitimiteta komunistickih poredaka /Die Legitimitätskrise der kommunistischen Ordnungen/, in: Politicka misao, XVIII, 3, 1991, 153-169 • Radelic, Zdenko: Hrvatska seljacka stranka 1941-1950 /Die Kroatische Bauernpartei 1941-1950/, Zagreb 1996 • Radelic, Zdenko: Krizari: ustaška gerila 1945-1950. Problemi istrazivanja /Kreuzritter: Die Ustascha-Guerrilla 1945-1950 - Forschungsprobleme/, in: Casopis za suvremenu povijest 32, 1, 2000, 5-28 • Spehnjak, Katarina: Seljacki otpor politici obveznog otkupa u Hrvatskoj 1949 godine/ Bäuerlicher Widerstand gegen die Politik des Plichtabkaufs in Kroatien 1949/ in: Casopis za suvremenu povijest 27, 2, 1995, 209-232 • Spehnjak, Katarina: »Brionski plenum«– odjeci IV. sjednice CK SKJ iz srpnja 1966 godine u hrvatskoj politickoj javnosti /Das Brioni-Plenum- Echos auf die IV. Tagung des ZK der KPJ vom Juli 1966 in der kroatischen politischen Öffentlichkeit/, in: Casopis za suvremenu povijest 31, br. 3, 1999, 463-490 • Tripalo, Miko: Hrvatsko proljece /Der Kroatische Frühling/, Zagreb 1990 • Zupanov, Josip: Poslije potopa /Nach der Überschwemmung/, Zagreb 1991.     Centre Praxis, Moscow, Russia: Projet de publication des documents et des matériaux des »Centralistes démocratiques«. Le Centre d'éducation et de recherches »Praxis« (Moscou) prépare la publication d'un recueil des documents et des matériaux des »centralistes démocratiques« (»decistes«) - du groupe d'opposition dans le Parti communiste soviétique des années 20 au debut des années 30. Les »decistes«, nommés aussi »Opposition prolétarienne«, »Groupe des 15« ou »Sapronovtsy« ont formé un courant d'oppositon d'une tendance de gauche dans le Parti communiste qui tendait à réaliser les principes d'un »véritable bolchevisme« et critiquait le plus vivement les processus d'une bureaucratisation du parti et de l'Etat soviétique. A la différence des matériaux de la tendance Trotsky-Zinoviev, les documents des »decistes« n'ont jamais été publiés en Russie; on n'en connait l'existence à l'étranger que depuis très peu de temps. Ainsi jusqu'à présent l'histoire des »decistes« demeure lacunaire. Par des recherches poursuivies aux Archives Centrales du FSB de la Russie (ex-KGB de l'URSS) et aux Archives RGASPI (ex-Archives Centrales du PCUS), les collaborateurs du Centre »Praxis« ont trouvé des sources uniques de l'histoire des »decistes« - en tout près de 50 documents dont le volume atteint les 500 pages. Ce sont les programmes et documents politiques des »sapronovtsy«, leurs articles théoriques et polémiques, les tracts, leur correspondance. Le plus grand interêt réside dans les textes d'un des leaders de »l'opposition prolétarienne«, le bolchevik éminent T. V. Sapronov, consacrés à l'analyse d'une réaction sociale bureaucratique en URSS. Le Centre d'éducation et de recherches »Praxis« qui est une organisation publique non lucrative agissant sur la base de la Bibliothèque Victor Serge de Moscou, adresse à toutes les organisations et personnes intéressées la proposition d'appuyer par une aide financière un projet de publication des documents des »decistes« (pour publier en 1000 exemplaires nous avons besoin de $ 3000). Après la publication de ce recueil en Russie sa traduction en langues étrangères et sa publication dans d'autres pays seraient possibles. Contact: Centre »Praxis«, Russie, 109443, BP 7, Julia Gousseva. praxis2001@mail.ru. Fax: (7-095) 292-65-11 box 385  Hermann Weber, Mannheim, Andreas Herbst, Berlin: Biographisches Handbuch des deutschen Kommunismus 1919–1945. Von Andreas Herbst. In dem von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderten Forschungsprojekt »Biographisches Handbuch des deutschen Kommunismus 1919–1945« wird unter Leitung von Hermann Weber am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung ein biographisches Grundlagenwerk zur Geschichte des deutschen Kommunismus erarbeitet. Das Handbuch soll 2003 veröffentlicht werden. Das Projekt basiert auf jenen mehr als 500 Kurzbiographien kommunistischer Spitzenfunktionäre, die Hermann Weber im Band zwei der »Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik« (1969) sowie im Buch »Weiße Flecken« in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung (1989 und 1990) veröffentlicht hat. Der Bearbeiter konnte anhand neu zugänglicher Quellen diese Biographien korrigieren bzw. in nicht unerheblicher Zahl erweitern. Für den Personenkreis betr. die Jahre 1918 bis 1923 bzw. 1929 bis 1945 konnten für Funktionäre und/oder Mandatsträger der KPD zusätzlich etwa 500 neue Biographien erarbeitet werden. Darunter die Delegierten des Gründungsparteitages der KPD, die Mitglieder bzw. Ersatzmitglieder der Zentrale und des Zentralausschusses, die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros, des Zentralkomitees, ausgewählte Abteilungsleiter des Zentralkomitees bzw. Chefredakteure und wichtige Redakteure der KPD-Zeitungen. Hinzu kommen führende Funktionäre des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD), des Roten Frontkämpferbundes (RFB), der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO), der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) und der deutschen Sektion der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH). Die Reichs- und Landtagsabgeordneten der KPD für den Zeitraum von 1919 bis 1933 wurden komplett aufgenommen. Das Forschungsprojekt wird mit dieser biographischen Gesamtübersicht über die Führungselite des deutschen Kommunismus eine Grundlage für eine längerfristige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der KPD wie auch mit den Stalinschen Säuberungen bieten. Die Kurzbiographien vermitteln Einblick in die soziale Struktur der Partei und das Verhalten in Ausnahmesituationen. Die Wandlung der KPD in eine Partei sowjetischen Typs wird anhand der Biographien eindeutiger belegt. Durch die Einblicke in die Lebenswege von mehr als 1 000 Funktionären werden zudem die Auswirkungen der Kaderpolitik von KPD und Komintern sowie die Auswirkungen des nationalsozialistischen und stalinistischen Terrors auf die Zusammensetzung der Führungsgremien nachvollziehbar. Aufschlußreich sind Aussagen über Karrierewege und Machtpositionen eines Teils dieser einstigen KPD-Spitzenfunktionäre nach 1945 innerhalb des Partei- und Staatsapparates der DDR. Außer den Beständen im Bundesarchiv Berlin und den im Bundesarchiv überlieferten Beständen der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisation (SAPMO) wurden die umfangreichen Bestände der ehemaligen Bezirksparteiarchive in den Staatsarchiven der neuen Bundesländer ausgewertet: im Landesarchiv Berlin, im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Bornim bei Potsdam mit den Außenstellen in Cottbus und Frankfurt an der Oder, im Sächsischen Hauptstaatsarchiv in Leipzig mit Außenstellen in Dresden und Chemnitz, im Staatsarchiv Magdeburg und Merseburg sowie im Thüringischen Hauptstaatsarchiv in Weimar mit den Außenstellen Meiningen und Rudolstadt, im Mecklenburgischen Landeshauptarchiv Schwerin und im Landeshauptarchiv Greifswald. Zur Rekonstruktion der Lebenswege und Schicksale von überlebenden KPD-Funktionären bzw. der Angehörigen von umgekommenen und ermordeten KPD-Funktionären konnten die überlieferten Akten der Referate zur Betreuung der »Opfer des Faschismus/Verfolgte des Naziregimes« ausgewertet werden. Mit zahlreichen wissenschaftlichen Institutionen sowie kommunalen Einrichtungen (Stadtarchive, städtische Museen, Standesämter) wurden z. T. umfangreiche Korrespondenzen geführt. Das Biographische Handbuch soll politisch, publizistisch und wissenschaftlich mit dem Thema befaßte und historisch interessierte Personenkreise im In- und Ausland ansprechen. Kontakt: herbstandreas@yahoo.de Dr. Ruth Leiserowitz, Kleipeda/Berlin: Literatur zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur in Litauen: Vorbemerkung: In Litauen gibt es seit 1990 eine Vielzahl von Monographien, Sammelbänden und Memoiren sowie ein Periodikum »Laisves kovy archyvas [Freiheitskampf] zum Thema des bewaffneten Widerstandes (Partisanenkampf) gegen das sowjetische Regime (1944-1953) . Die Literatur zu diesem speziellen Thema wurde hier nicht verzeichnet.  Quelleneditionen: Nenugaletoji Lietuva [Das unbesiegbare Litauen]. Antisovietinis pogrindis. Kalba dokumentai [Der antisowjetische Untergrund. Dokumente sprechen]. Hrsg. Liekis, Algimantas. Band 1–4, Vilnius 1993–1996; Bd. 1 und 2: 1993; Bd. 3: Lietuvos partizanu spauda (1944-1949) [Die litauische Partisanenpresse 1944–1949] 1995; Bd. 4: Lietuvos partizanu spauda (1950–1956) 1996; ● Petkus,Viktoras; Račkauskaitė,Živilė; Uoka, Mindaugas (Hrsg.): Lietuvos Helsinkio grupė (dokumentai, atsiminimai, laiškai) [ Die litauische Helsinki-Gruppe (Dokumente, Erinnerungen, Briefe)] Vilnius 1999.   Monographien: Bagušauskas, Juozapas (Hrsg.): Lietuvos jaunimo pasipriešinimas sovietiniam režimui ir jo slopinimas [Der Widerstand der litauischen Jugend gegen das sowjetische Regime und deren Zerschlagung] Vilnius 1999. ● Lauk okupantai! [Okkupanten raus!] Sovietine karine invazija i Cekoslovakija 1968 metais lietuviu dalyviu akimis [Die sowjetische Militärinvasion in die Tschechoslowakei 1968 aus dem Blickwinkel litauischer Teilnehmer Vilnius 1999. ● Mockunas, Liutas: Pavarges herojus [Der müde Held]. Jonas Deksny triju zvalgybu tarnyboje [Jonas Deksnys im Dienst dreier Geheimdienste] Vilnius (baltos lankos) 1997. Deksnys war eine Schlüsselfigur bei den Bemühungen der litauischen Partisanen (1944–1950), Kontakte zum westlichen Ausland anzuknüpfen. ● Starkauskas, Juozas: Cekistine kariuomene Lietuvoje 1944-1953 metais [Die tschekistische Armee in Litauen 1944-1953] NKVD-MVD-MGB kariuomene partizaninio karo laikotarpiu [Die Armee des NKVD-MVD-MGB zur Zeit des Partisanenkrieges] Vilnius 1998. ● Starkauskas, Juozas: Stribai. Ginkluotieji kolaborantai Lietuvoje partizaninio karo laikotarpiu (1944-1953) [Stribai. Die bewaffneten Kollaboranten während des Partisanenkrieges in Litauen (1944-1953)] Vilnius 2001. Die Monographie enthält Namen und Aktionen derjenigen, die den litauischen Untergrund bekämpften. Die Mitglieder dieser bewaffneten Organisation hiessen »stribai« (=aus dem russischen Istrebitel =Vernichter) ● Tininis, Vytautas (Hrsg.): Sovietine Lietuva ir jos veikejai [Sowjetlitauen und seine Funktionäre] Vilnius (Enciklopedija) 1994. ● Truska, Liudas;  Anušauskas, Arvydas; Petravičiūtė, Inga (Hrsg.): Sovietinis saugumas Lietuvoje 1940–1953 metais MVD-MGB organizacinė struktūra, personalas ir veikla [Organisationsstruktur, Personal und Tätigkeit des MVD-MGB Vilnius 1999.   Zeitschriftenaufsätze Anusauskas, Arvydas: Du KGB slaptosios veiklos aspektai [Zwei Objekte der geheimen Tätigkeit des KGB] In: Genocidas ir Rezistencija, Nr. 3 vom 1998. Neue Vorgehensweisen des KGB zur Zeit der Perestroika in Litauen. ● Bagušauskas, Juozapas: Užsienio radijo laidos tautos kovoje dėl laisvės sovietinio režimo metais [Der Beitrag ausländischer Radiosendungen zum Freiheitskampf in der Zeit des sowjetischen Regimes] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 2001, [www.tdd.lt/genocid/GRTD/genocida.htm] ● Banionis, Juozas: Helsinkio susitarimų įtaka Lietuvos laisvės bylai [Der Einfluß der Beschlüsse von Helsinki auf die litauischen Freiheitsbestrebungen] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 1999, H. 5, S. 66-76. ● Bauža, Česlovas: Politinių terminų ir sąvokų konvekcionalumo prielaidos tiriant komunistinio režimo Lietuvoje istoriją [Zugeständnisse an politische Termini  und Konventionen bei der Untersuchung der Geschichte des kommunistischen Regimes in Litauen] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 2001, [www.tdd.lt/genocid/GRTD/genocida.htm] ● Caplikas, Juozas: LKP (b) CK - V.Dekanozovo direktyvu vykdytojas. 1941-1944m. [Das ZK der Litauischen KP als ausführendes Organ der Direktiven von Dekanozov 1941-1944] In: Lietuvos archyvai, Jg. 1997, H. 9, S. 47-92.Fabijonavičiūtė, Agnė: Lietuvių gyventojų pabėgimai ir mėginimai ištrūkti iš Sovietų Sąjungos [Flucht und Fluchtabsichten von litauischen Einwohnern aus der Sowjetunion] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 2001, [www.tdd.lt/genocid/GRTD/ genocida.htm] ● Jakubčionis, Algirdas: Antrojis okupacija - reokupacija [Die zweite Okkupation – eine Reokkupation] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 2001, [www.tdd.lt/ genocid/GRTD/genocida.htm] ● Kasparas, Kestutis: Okupantu veiksmai siekiant demoralizuoti ir deorganizuoti pasipriesinima 1945m. vasara [Aktionen der sowjetischen Besatzer im Sommer 1945, um den litauischen Widerstand zu demoralisieren und zu zerbrechen] In: Genocidas ir Rezistencija, Jh. 1998, H.3. ● Kasperavičius, Algis: Kolaboravimas: chronologinės ribos [Kollaboration: Eine Periodisierung] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 2001, [www.tdd.lt/genocid/GRTD/genocida.htm] ● Maslauskienė, Nijolė: Valdininkijos šalinimas iš okupuotos Lietuvos administracijos ir jos keitimas okupantų talkininkais 1940 m. birželio-gruodžio mėn. [Die Entfernung der Beamten aus der Verwaltung des besetzten Litauens Juni - Dezember 1940] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 2000, [www.tdd.lt/ genocid/GRTD/genocida.htm] ● Petravičiūtė, Inga: Sovietinio saugumo struktūra ir funkcijos Lietuvoje (1941-1954) [Die sowjetischen Sicherheitsstrukturen und Funktionen in Litauen (1941-1954)] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 1997, H. 1, S. 66-81. ● Pocius, Mindaugas: MVD-MGB specialiosios grupės Lietuvoje (1945-1959), 1997, 1, p. 7-42.: MVD-MGB specialiosios grupės Lietuvoje (1945-1959) [Die Spezialeinheiten des MVD-MGB in Litauen (1945-1959)] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 1997, H. 1, S. 7-42. ● Rackauskaite, Zivile: Pasipriesinimas sovietiniam rezimui Lietuvoje septintajame - astuntajame desimtmetyje [Antisowjetischer  Widerstand in Litauen in den sechziger und siebziger Jahren] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg.1998, H. 4 ● Remeika, Kestutis (Hrsg.): Lietuvos archyvai 199/13 Ka byloja KGB dokumentai [Was KGB-Dokumente bezeugen] Vilnius 1999. Eine Nummer der Zeitschrift, die seit 1988 erscheint und sich speziell diesem Thema widmet. ● Starkauskas, Juozas: Cekistai pasienieciai Lietuvoje pokario metais [Die KGB-Grenzeinheiten im Litauen der Nachkriegszeit] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 1998.Streikus, Arūnas: SSRS-Vatikano santykiai ir sovietų valdžios politika Bažnyčios atžvilgiu Lietuvoje 1945-1978 m. [Die Beziehungen zwischen der UdSSR und dem Vatikan und die sowjetische Politik hinsichtlich der Kirche  1945-1978] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 1999, H. 6, S.  66-80. ● Tininis, Vytautas: »Kolaboravimo« sąvoka Lietuvos istorijos kontekste [Der Begriff der »Kollaboration« im Kontext der litauischen Geschichte] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 2001, [www.tdd.lt/genocid/GRTD/genocida.htm] ● Truska, Liudas: Kolaboravimo ypatumai pirmuoju sovietmečiu [Die Besonderheiten der Kollaboration im ersten Sowjetjahr] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 2001, [www.tdd.lt/genocid/GRTD/genocida.htm] ● Žemaitienė, Nijolė: MGB-KGB agentūra okupuotoje Lietuvoje [Das Spitzelwesen des MGB-KGB im besetzten Litauen] In: Genocidas ir Rezistencija, Jg. 1997, H. 2, S. 97–105.     Cosroe Chaqueri, EHEES Paris, France – About Iranian Communism. Work in Progress 1. The Shah‘ First Coup d’Etat. The Attempt on the Life of the Shah in 1949 (On the outlawing of the Tudeh party). 2. The tragedy of Iran’s Dissident Communists: The Arani Circles of 1926–1932 and 1932–1938, 300 pp. (based principally on the Russian and Comintern Archives). 3. Victims of Faith. Iranian Communists and Soviet Russia 1917-1940. Ca. 500 pp. (based principally on the Russian and Comintern Archives). 4. British Radicals and the cause of Democracy in 20th Century in Iran. Info: Dr. Cosroe Chaqueri, Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, 54 Bd. Raspail, F-75006 Paris. Fax: 00 33 1 41 93 08 34. Sean McMeekin, New York-Berkeley, California: Willi Münzenberg – The Comintern’s Greatest Con Man Sean McMeekin is currently the Postdoctoral Fellow for the Study of Responsibility and Its Discontents at the Remarque Institute, at New York University. His dissertation, »Münzenberg: Rise and Fall of a Communist Tycoon, 1917–1940,«[6] was approved for the Ph. D. in history at the University of California at Berkeley, summer 2001. It is currently under consideration by Yale University Press for publication. • If there is one quality I would single out in describing the character of Willi Münzenberg, it is chutzpah. Münzenberg, I discovered after an exhaustive tour of the Moscow files of his flagship organization, the International Worker Relief or IAH (Internationale Arbeiterhilfe), was a consummate liar, a shameless self-promoter who never let the truth get in the way of his pet causes and personal crusades. In a sense, of course, all leading Communists were men capable of exquisite levels of self-deception; it required a truly blind eye to ignore the crimes committed by the Bolsheviks inside Soviet Russia, not to mention the abysmal failure of the Soviet economy ever to deliver on its »scientific« promise. But Münzenberg’s lies went well beyond the smokescreens of pro-Soviet propaganda.  An entire generation of colleagues and contemporary admirers, from Münzenberg’s bohemian wife Babette Gross[7] to writers such as Arthur Koestler[8] and Gustav Regler[9] (and the historians who have relied on their observations),[10] were hoodwinked by Münzenberg’s claims to entrepreneurial prowess and organizational genius, which he ostensibly put to the purpose of Soviet public relations. Even the most famous of Münzenberg’s many nicknames, the »Red Millionaire,« appears almost certainly to have been his own invention.[11]  What Münzenberg’s admirers have long failed to realize is that he had a vested interest in inflating his own importance, whether this meant fudging circulation figures of his magazines and newspapers or inventing phantom IAH committees which existed only on paper.  Shrewder chroniclers of the Münzenberg legend, such as Manès Sperber, have noted at least the most obvious of his deceptions (such as the repetition of celebrity signatures on fashionable political petitions — once you signed one, you signed them all).[12] But Sperber was still fooled into thinking these surface maneuvers were central to the success of the Münzenberg trust.  The »celebrity petition« with whose invention Sperber credits Münzenberg, for example, was only a tiny piece of a much larger deception:  the packaging of misleading IAH agitprop devices (newspaper »special editions,« glossy posters ordered on demand, phantom fundraising figures, lists of phony committee joiners, etc.) into a kind of visually impressive »infomercial« mailed periodically to the ignorant Bolshevik bigwigs in Russia who controlled the IAH’s purse strings.  Interestingly, a number of budgetary commissars at the Comintern Executive (ECCI) offices, such as Osip Piatnitskii, Mauno Heimo, and Otto Kuusinen, became so familiar with Münzenberg’s deceptions that he began deliberately bypassing them, sending his »infomercials« instead to the senior Bolsheviks above them (such as Grigorii Zinov’ev, Nikolai Bukharin, and Serafima Goptner) who remained ignorant.[13]  Bukharin was probably the greatest Münzenberg sucker.  At the start of his reign as Comintern President in 1926, he was taken in by an ingeniously slippery remark in which the »Red Millionaire« implied that he never received any money from Moscow — soon before he bombarded ECCI with yet another round of audacious demands for hard cash.[14] The truly shocking thing about Münzenberg’s career is that Moscow continued to finance his extremely expensive propaganda empire for so long, despite little convincing evidence of its effectiveness.  My dissertation seeks to explain this mystery, to unveil the lies behind the Münzenberg legend which fooled supposedly omniscient Communist commissars and ignorant Communist sympathizers alike. Contact: smac45@hotmail.com Scandinavia: Communism in the Nordic countries, 1917–1990. A comparative research project. The Nordic historians have started a project with the aim of writing a comparative history about Nordic communism. For a couple of years the Nordic historians interested in communism have discussed the possibilities to start a project with the intention of writing a monograph on communism in the Nordic countries in 1917–1990 in English. Having now received money from the Council for research in the humanities in the Nordic countries, the project will begin its work in 2002 and finish it in three years. • In the historiography of communism it has been usual to study the relation between Moscow and one national movement. Comparative studies concerning many national communist movements are rare although they could shed more light on the character of international communist movement, even on the relation between the movement's centre and one national movement. The communist movements in the five Nordic countries were not alike as were neither their circumstances. The project will study how these different circumstances affected the communist movements. The main emphasis is given to the differences rising from the political circumstances. In many occasions the dividing line goes between the Scandinavian countries and Finland. Iceland is also an interesting case. It is the intention of the project to compare the communist movements regarding five special themes; communism and revolution, communism and other social and political forces, communism as a bearer of modernism, communism as a political camp, and relations to international communist movement. Besides these the project will also ask whether there was any Nordic communism. • The communist parties were founded in order to make a revolution. The project will study what kind of ideas Nordic communists had in order to acquire power. These ideas are studied on the basis of the activities of the Nordic communist movements, not judged from their programmatical documents. They include also the attitudes towards various reforms. The project will also study what the Nordic communists did in order to weaken the legitimacy of the prevailing society. The relation between the organs of the existing system and on the other hand the extraparliamentary activities and the organs created by the communists as an alternative is going to be discussed. In order to make the revolution come true communists had to get support for their ideas. The project will ask how the Nordic communists thought they were going to secure the support of the working class and how they tried to get influence among other strata of the society, that is peasants, intellectuals, minorities. Because of the differencies in their position the relation towards the social democrats in one of the important questions of the study. Communism as an enemy image will also be discussed. • Communism wasn't revolutionary only in relation to the power but also to many practices and attitudes. The project will touch these questions under the title communism as a bearer of modernism and study its relation to modern art, ideas of educational reforms, women's liberation, sexual liberation and sexual education, psychoanalysis, jazz, etc. • Under the title communism as a political camp the project will compare questions concerning the creation of communist identities, the sizes of the movements on the basis of the number of members and votes in the elections, organization, internal disputes, economics, etc. The gender question will also be touched. • The project is led by professor [A]smund Egge from the University of Oslo with the help of an editorial board consisting of a member from every five Nordic countries. They and the other participants will work in two - three groups concerning the periods before and after the World War II. The working methods of the project include regular meetings and contacts through e-mail. Sources/More information: asmund.egge@hi.uio.no and Tauno Saarela: tksaarel@mappi.helsinki.fi     Projekte der deutsch-russischen Geschichtskommission Vorbemerkung Die »Gemeinsame Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen« ist ein bilateral zusammengesetztes Fachgremium, das die Aufgabe hat, die umfassende Erforschung der deutsch-russischen bzw. deutsch-sowjetischen Beziehungen im 20. Jahrhundert zu fördern. Zu diesem Zweck erörtert sie grundsätzliche und praktische Fragen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, initiiert, begleitet und unterstützt Forschungs- und Dokumentationsprojekte und bietet interessierten Wissenschaftlern Beratung und Unterstützung an. Sie will dazu beitragen, den Zugang zu den entsprechenden Archivalien für wissenschaftliche Zwecke zu erleichtern. Die Kommission geht zurück auf eine Initiative des deutschen Bundeskanzlers und des russischen Präsidenten. Unter Bezug auf das deutsch-russische Kulturabkommen von 1992 wurde sie durch einen deutsch-russischen Regierungsbriefwechsel im August 1997 begründet und nahm mit ihrer konstituierenden Sitzung im Januar 1998 ihre Tätigkeit auf. Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin haben die Schirmherrschaft über die Kommission übernommen. Mitglieder sind auf beiden Seiten je neun hochrangige Fachwissenschaftler und je drei leitende Vertreter der Archivverwaltungen. Deutscher Co-Vorsitzender ist der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Prof. Dr. Horst Möller. Russischer Co-Vorsitzender ist Prof. Dr. Alexander Tschubarjan, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Instituts für Allgemeine Geschichte der AdW. Zur Unterstützung der Kommission wurden ein Deutsches Sekretariat (im Bundesministerium des Innern) und ein Russisches Sekretariat (im Russischen Außenministerium) eingerichtet. Bisher haben vier Plenarsitzungen der Kommission (Bonn, Januar 1998; Moskau, März 1999; Berlin, Juni 2000, St. Petersburg, Juni 2001) stattgefunden. Außerdem wurden bisher zwei internationale Colloquien durchgeführt (Zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges 1939, Berlin September 1999; zur Geschichte des Moskauer Vertrages 1970, Berlin Juni 2000), deren Ergebnisse in Kürze veröffentlicht werden. Die fünfte Sitzung der Kommission wird Anfang Juli 2002 in Berlin stattfinden. Sie wird verbunden mit dem dritten internationalen Colloquium der Kommission; erörtert wird das Thema: »Vor 60 Jahren - Von der Kriegswende zum Ende des Zweiten Weltkriegs« (Arbeitstitel). Kontaktadressen: Der deutsche Co-Vorsitzende der Kommission, Prof. Dr. Horst Möller, Institut für Zeitgeschichte, Leonrodstraße 46 b, 80636 München, Fon: 089 - 126880; Fax: 089 - 123 1727; Mail: moeller@ifz-muenchen.de Deutsches Sekretariat der Kommission im Bundesministerium des Innern, Eberhard Kuhrt, Alt-Moabit 101 D, 10559 Berlin; Fon: 01888 - 681 2593; Fax: 01888 - 6815 2593; Mail: Eberhard.Kuhrt@bmi.bund.de  Die Projekte, die die Kommission initiiert hat bzw. die auf ihre Empfehlung derzeit aus Haushaltsmitteln des Bundesministeriums des Innern (mit-)gefördert werden, sind im wesentlichen drei inhaltlichen Schwerpunkten zuzuordnen, auf die sich die Kommission in ihren ersten Sitzungen verständigt hat. Die wichtigsten dieser Projekte werden im folgenden von (in Klammern genannten) Projektleitern oder -bearbeitern kurz vorgestellt. Eberhard Kuhrt, Berlin Arbeitsschwerpunkt: Deutsch-russische/sowjetische Beziehungen im Zeitalter der beiden Weltkriege   1. Die Kommunistische Internationale und die deutsch-russischen Beziehungen     a Die KI und ihr Einfluß auf das deutsche Parteiensystem 1923-1929 (Hermann Weber, Bernhard Bayerlein)     b Die Beziehungen der KPD zur KI und VKP(b), 1928-1933 (Heinrich August Winkler, Bert Hoppe)   2. Sowjetische Gefangene in deutscher Hand – deutsche Gefangene in sowjetischer Hand im Zweiten Weltkrieg und danach     a Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene 1941-1956 (mehrere Teilprojekte) (Klaus-Dieter Müller)     b Deutsche Verurteilte (Soldaten und Zivilisten) nach den Akten des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (früher KGB) (Andreas Hilger)     c Deutsche Nichtverurteilte (Speziallagerhäftlinge) nach den Akten des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (früher KGB) (Klaus-Dieter Müller)   Arbeitsschwerpunkt: Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949   3. Gemeinschaftsprogramm zum Studium, zur Auswertung und zur Reproduktion der Akten der SMAD (Kai von Jena)     Integriertes Teilprojekt: Auswahledition (Jan Foitzik)     Integriertes Teilprojekt: SMAD-Handbuch (Jan Foitzik)   Arbeitsschwerpunkt: Die deutsche Frage und die deutsch-sowjetischen Beziehungen 1945-1970   4. Die zweite Berlin-Krise 1958-1963     a Sowjetische Politik in der Berlin-Krise 1958-1963 (allgemein-politischer Teil) (Gerhard Wettig)     b Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise (Matthias Uhl)   5. Die UdSSR und die deutsche Frage 1941-1949, Dokumentation (Jochen Laufer)   Weitere Vorhaben   6. 100(0) Schlüsseldokumente zur russisch-sowjetischen Geschichte seit 1917 im Internet (Helmut Altrichter)   Eine etwas ausführlichere Information wird im Februar 2002 auf der Internet-Seite und im Frühjahr 2002 im ersten Mitteilungsblatt der Kommission veröffentlicht.   Die Kommunistische Internationale und die deutsch-russischen Beziehungen  Die deutsch-russische Historikerkommission hat bei ihren Untersuchungen zu den deutsch-russischen Beziehungen im 20. Jahrhundert auch die Rolle der Kommunisti­schen Internationale in die Projektarbeit aufgenommen. Die russischen  Mitglieder Prof. Dr. Jakow Drabkin und Prof. Dr. Alexander Galkin arbeiten an der erweiterten Ausgabe ihres bereits in Moskau veröffentlichten Quellenwerks zur Komintern. Die deutschen Mitglieder Prof. Dr. Hermann Weber und Prof. Dr. Heinrich August Winkler bearbeiten die Rolle der Komintern für die deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1923 bis 1933.  Die Arbeit am Moskauer Teil des Projekts wird 2002 abgeschlossen, das Werk mit Dokumenten der Kominternspitze dann 2003 in Berlin in deutscher Sprache erscheinen. Am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (Universität Mannheim ) wird unter Leitung von H. Weber das Teilprojekt über die Komintern und ihren Einfluß auf das deut­sche Parteiensystem von 1923 bis 1929 von Dr. Bernhard Bayerlein 2003 abgeschlossen, an der Humboldt-Universität Berlin unter Leitung von H. A. Winkler das Teilprojekt von der »Dritten Periode« zum »Dritten Reich«: Die Beziehung der KPD zur Komintern und VKP (b) 1928 bis 1933, von Bert Hoppe.  Bereits 2002 wird als erstes Ergebnis des Mannheimer Projekts ein Korrespondenzband erscheinen, der die politische, aber auch private Verflechtung zwischen sowjetischen und deutschen Kommunisten neu beleuchtet. Die Hauptergebnisse der beiden deutschen Teilprojekte sind den folgenden Ausführungen zu entnehmen. Das in Moskau, Berlin und Mannheim bearbeitete Komintern-Projekt wird zu einem zentralen Problem der deutsch-russischen Beziehungen in der Weimarer Republik auf einer fundierten Quellenlage neue Erkenntnisse bringen.  a.)        Die Kommunistische Internationale, die deutsch-sowjetischen Beziehungen und der Einfluß auf das deutsche Parteiensystem, 1923-1929 In Arbeitsteilung mit den russischen und Berliner Projektpartnern werden zwei Dokumentenpublikationen erarbeitet. Neben der Veröffentlichung des o.g. Korrespondenzbandes wird der ursprünglich geplante Quellenband auf dem Hintergrund der Analyse der unterschiedlichen und wandelbaren Strategien sowjetischer Deutschland- und Westeuropapolitik und der »Stalinisierung« ausgeweitet. Er enthält neue und primär deutschlandbezogene Dokumente sowjetischer Politik, der Komintern und der KPD, die schwerpunktmäßig die deutsch-russi­schen Beziehungen in der Weimarer Republik (1923-1929) beleuchten. In diesem umfangreichen Band sollen u.a. die Politbüro-Beschlüsse der KPdSU (b) für Deutschland abgedruckt werden. Erstmals kann die Verzahnung der unterschiedlichen, in ihrem  Verhältnis zueinander durchaus nicht widerspruchsfreien Ebenen sowjetischer (und) Kominternpolitik für das decision-making empirisch nachgewiesen und analytisch nachvollzogen werden. Neben den Dokumenten aus dem Stalin-Fonds sind für die Forschung vor allem die Protokolle und Materialien des Politbüros der KPdSU (b) relevant. Ein Instrument in den Händen Stalins? Die Beziehungen der KPD zur Komintern und VKP(b), 1928-1933 Die Frage nach dem Grad der Fremdbestimmung des deutschen Kommunismus in der Endphase der Weimarer Republik läßt sich nach der Öffnung der ehemaligen Parteiarchive in Moskau und Berlin auf der Grundlage neuer Quellen detailliert und unmittelbar untersuchen. So ist es möglich, die Formen und Mittel der Beeinflussung der KPD durch Moskau und nach den entscheidenden Prämissen für die Politik der deutschen Kommunisten neu zu analysieren: Wie sah das Verhältnis von »Zentrum und Peripherie« – in diesem Falle also von Kom­intern, sowjetischer Führung und KPD – konkret aus? In welchem Spannungsverhältnis standen die politischen Bedingungen in Deutschland zu den Forderungen und Ansichten der sowjetischen Bolschewisten? Welches »Resistenzpotential« bestand in der deutschen Partei gegenüber den Weisungen aus Moskau?   Die Untersuchung stützt sich im wesentlichen auf das Historische Archiv der KPD (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Berlin [SAPMO-BA], RY5-I 2), das Archiv der Komintern (Rußländisches Archiv für Sozial-politische Geschichte [RGASPI], Fond 495, 499, 508, 531), die Akten des Politbüros der VKP(b) und des persönlichen Sekretariates von Stalin (RGASPI, Fond 17, Opis 13, 162; Fond 558, Opis 1, 11). Aufgrund der Forschungen lassen sich die Interventionen Moskaus in die Politik der KPD und die Entscheidungsfindung innerhalb der Komintern und ihre Verlagerung in immer engere Instanzen, an deren Spitze schließlich Stalin stand, nun detailliert nachvollziehen, wobei festzustellen ist, daß dieser Zentralisierungsprozeß häufig Züge einer Selbstentmachtung trug, da in Streitfällen die jeweils »übergeordnete« Ebene als Schiedsrichter angerufen wurde. Andererseits versuchten die deutschen Kommunisten zuweilen, die Erwartungen der sowjetischen Parteispitze zu antizipieren, ergriffen also von sich aus die Initiative, um sich als besonders »bolschewistisch« zu profilieren und so ihre Rolle als »Musterknaben« der Komintern zu bewahren. Dieses Selbstbewußtsein der KPD-Kader führte auch dazu, daß Anweisungen der Komintern in Konfliktsituationen zuweilen offener Widerstand entgegengesetzt wurde, wenn dieser der explizite Rückhalt Stalins fehlte. Obwohl dessen Interesse an der KPD nach 1930 deutlich zurückging, führten diese Konflikte allerdings nicht zu einer wesentlichen Kursänderung, da sich der Widerstand der KPD letztlich immer brechen ließ: entweder mit dem Hinweis, daß die deutschen Kommunisten sich als gehorsame Parteisoldaten den Weisungen der Zentrale in Moskau zu beugen hatten, oder dadurch, daß die Komintern-Führung mit einer Anfrage bei Stalin die gewünschte Entscheidung herbeiführte.  Sowjetische Gefangene in deutscher Hand – deutsche Gefangene in sowjetischer Hand im Zweiten Weltkrieg und danach   Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene 1941-1956   Teil 1: Sowjetische Kriegsgefangene (Offiziere) im Deutschen Reich 1941-1945 (Pilotprojekt) Projektbeteiligte: Verbund der Bundesländer Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen (Federführung durch die Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, StSG). Finanzielle Förderung durch das Bundesministerium des Innern, den Beauftragten der Bundesregierung für die Angelegenheiten der Kultur und der Medien (BKM) sowie den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Auf russischer Seite sind die Assoziation Voennye Memorialy sowie die wichtigsten Archive beteiligt, in Weißrußland ist die Kooperation mit dem KGB- und dem Nationalarchiv in Vorbereitung. Zentrales Ziel war die EDV-Erfassung und Verscannung aller im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation (ZAMO) vorhandenen Karteikarten mit Informationen zu sowjetischen Kriegsgefangenen im Deutschen Reich für einen Teilbestand (Offiziere, Größenordnung knapp 60.000 Karteikarten) sowie die Erfassung und Bearbeitung weiterer personenbezogener Unterlagen und Sachakten aus Archivbeständen in Rußland, in Deutschland sowie dem angrenzenden Ausland. Durch die Erfassung der Karteikartenbestände sowie sonstiger personenbezogener Unterlagen sollen folgende Ziele erreicht werden: Erarbeitung einer detaillierten Statistik zu sowjetischen Kriegsgefangenen auf der Grundlage der Einzelerfassung (in Gefangenschaft Geratene, Entlassene, Verstorbene, Ermordete, Grablage, Arbeitseinsatz mit sozialstatischen Daten), Empirisch abgesicherte Typisierung bestimmter Kriegsgefangenenwege im Zweiten Weltkrieg, Genauere Kenntnisse zur Wirklichkeit des deutschen Kriegsgefangenenwesens, dadurch letztlich bessere empirische Fundierung für Gesamturteile zu diesem Bereich. Damit sollen Grundlagenarbeiten geleistet werden, die es künftig allen Interessierten erlauben werden, mit diesen Materialien Spezialuntersuchungen durchzuführen. Eine zentrale humanitäre Bedeutung ergibt sich daraus, daß zum ersten Mal Angehörigen Verstorbener detaillierte Angaben übermittelt werden können. Die humanitäre Bedeutung und verständigungsfördernde Wirkung ist durch einen Briefwechsel zwischen dem russischen Außenminister Iwanow und seinem deutschen Kollegen Fischer unterstrichen worden.   Bisherige Teilergebnisse und aktuelle Arbeitsschritte: Übergabe von  knapp 58.000 Datensätzen inklusive gescannter Karteikarten (insgesamt für die erfaßten Kriegsgefangenen etwa 180.000 Images) an die deutsche Seite; Nutzung durch deutsche und russische Institutionen, Erstellung umfangreicher Bestandsverzeichnisse einschlägiger Dokumente aus bisher zugänglichen Beständen deutscher und russischer Archive; Aufbereitung dieser Dokumente, Redaktionelle Bearbeitung eines Ergebnisbandes einer Tagung zum Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener am 21. und 22. Juni 2001 in Dresden, Vorbereitung eines Gedenkbuches zum Kriegsgefangenenlager Hammelburg. Projektabschluß: 30. Juni 2002   Teil 2: Sowjetische Kriegsgefangene (Mannschaften und Unteroffiziere) im Deutschen Reich 1941-1945 (Folgeprojekt)   2002 wird der Übergang vom Pilot- zum Folgeprojekt »Mannschaften und Unteroffiziere« erfolgen. In diesem geht es vor allem um die Erschließung und Erfassung von Karteikarten aus Archiven in Rußland und Weißrußland  im mittleren sechsstelligen Bereich sowie um Sachakten (Beuteakten, Gestapo, SD, Filtrationsakten des NKWD). Hierzu sind mit allen Archiven Kooperationsverträge in Vorbereitung. Das Folgeprojekt hat eine Laufzeit bis zunächst 2007.   Teil 3: Deutsche Kriegsgefangene in sowjetischer Kriegsgefangenschaft  Auf Anregung und Beschluß der Kommission vom Juni 2001 ist ein analoges Forschungsprojekt zum Schicksal deutscher Kriegsgefangener in sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Planung. Hierzu werden ebenfalls intensive Gespräche mit deutschen, russischen und weißrussischen Archiven, Institutionen und Organisationen durchgeführt bzw. vorbereitet. Alle oben genannten russischen und weißrussischen Archive wurden gebeten, Übersichten über ihre Bestände zu deutschen Kriegsgefangenen zur Verfügung zu stellen. Insbesondere geht es um bisher nicht zugängliche bzw. nichtbearbeitete Bestände wie zum Beispiel 1,7 Millionen Kriegsgefangenenpersonalakten, Transportlisten, Akten zum Arbeitseinsatz deutscher Kriegsgefangener, Lagerunterlagen, Akten zur Haltung der sowjetischen Regierung in Bezug auf deutsche Kriegsgefangene (Repatriierung).  Alle Partner in der Russischen Föderation wie in Weißrußland haben ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärt, in bezug auf sowjetische und deutsche Kriegsgefangene mit den Projektpartnern zu kooperieren.   Deutsche Verurteilte (Soldaten und Zivilisten) nach den Akten des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (früher KGB)  Ziel des Forschungsprojekts des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT)  ist eine systematische Untersuchung des Ausmaßes, der Formen und der Motive der Verurteilungen deutscher Kriegsgefangener und Zivilisten durch sowjetische Gerichte und quasigerichtliche Organe 1941 bis 1957. Zum einen geht es um den deutschland- und außenpolitischen Stellenwert der Verurteilungen, zum anderen um innersowjetische und justizpolitische Aspekte dieser Prozesse. Die Verurteilungen beider Personengruppen waren zwar zeitlich und sachlich vielfach miteinander verflochten, die wichtigen Unterschiede – v.a. Umfeld und Schwerpunktsetzungen der Verurteilungen – erforderten indes grundsätzlich eigenständige Untersuchungen.  Projektbeteiligte: Das Projekt wird vom HAIT in enger Kooperation u.a. mit dem Bonner Institut für Archivauswertung, der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, den Gedenkstätten Sachsenhausen und Bautzen sowie der russischen Hauptmilitärstaatsanwaltschaft, dem FSB-Archiv und dem Moskauer Memorial durchgeführt. Die Ergebnisse des ersten Untersuchungsabschnitts liegen in Form eines von Andreas Hilger, Ute Schmidt und Günther Wagenlehner herausgegebenen und 2001 im Böhlau-Verlag erschienenen Sammelbandes unter dem Titel »Sowjetische Militärtribunale, Bd. I: Die Verurteilung deutscher Kriegsgefangener (1941 bis 1953)« vor. Die Fallstudien zur Verurteilung von rund 34 000 deutschen Kriegsgefangenen belegen für die Verfahren der politisch angeleiteten stalinistischen Justiz die enge Verknüpfung der Verfolgung von nationalsozialistischen Kriegs- und Gewaltverbrechen, innersowjetischem Vorgehen gegen die einheimische »Kollaboration« und rein außenpolitischen Erwägungen. Methodisch erwies sich die Fraenkel’sche Unterscheidung von »Normen-« und »Maßnahmenstaat« als fruchtbar.  Planung: Der zweite Arbeitsabschnitt, der bis Ende 2002 abgeschlossen wird, behandelt die rd. 30-40 000 Verurteilungen deutscher Zivilisten in der SBZ/DDR. Gefragt wird u.a. nach der Rolle der Sowjetischen Militärtribunale und der ermittlungsführenden Sicherheitsdienste im Prozeß der Etablierung und Sicherung eines kommunistischen Herrschaftssystems in der SBZ/DDR; im Umkehrschluß sollen Ausmaß und Motivationen des deutschen Widerstands gegen diesen Prozeß bestimmt werden.  In den Untersuchungen wird das Eigengewicht genuin sowjetischer Präferenzen, Mentalitäten und Welt- bzw. Feindbilder deutlich. Interessen der KPD/SED liefen oftmals, aber – das zeigt gerade die Entlassungspolitik der 50er Jahre – nicht immer parallel zur sowjetischen Strafpolitik.  Die Forschungsergebnisse sollen über die unmittelbaren Resultate hinaus analoge Forschungen etwa zur sowjetischen Zone in Österreich oder hinsichtlich Kriegsgefangener anderer Nationalitäten bzw. zur gesamten Tätigkeit westalliierter Militärgerichte nach dem Zweiten Weltkrieg anregen. In bezug auf die politische Justiz gerade des Spätstalinismus sind in weiteren Untersuchungen die differenzierten Entwicklungen aus den 20/30er in die 40/50er Jahre hinein genau nachzuzeichnen und die - partielle – Tauglichkeit des Fraenkel’schen Modells für die stalinistische Justiz gerade der Nachkriegszeit zu prüfen.    Deutsche Nichtverurteilte (Speziallagerhäftlinge) nach den Akten des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (früher KGB)   Projektbeteiligte: Stiftung Sächsische Gedenkstätten – Dokumentationsstelle (StSG) und Universität Leipzig – Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte (gemeinsame Projektleitung durch Dr. Klaus-Dieter Müller und Prof. Dr. Günther Heydemann). Projektbeteiligte in Rußland sind die  Archive mit Beständen zu der o.g. Personengruppe (FSB, RGWA). Ideelle Förderer: Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes München; Bundesarchiv. Wissenschaftliche Mitarbeit: Bettina Westfeld (M.A.); Dr. habil. Günter Fippel, Tassilo Grau (Datenbankbearbeitung);  Verzeichnung der Projektmaterialien, Auskunft und Korrespondenz: Ute Lange; Personal der Dokumentationsstelle der StSG sowie Mitarbeiter der beteiligten russischen Archive.  Ziel des Vorhabens ist eine systematische Erhebung und Bearbeitung zur Zeit zugänglicher personenbezogener Unterlagen zu den nicht-verurteilten Speziallagerhäftlingen. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen zur Inhaftierung  (Haftgründe) im Spannungsfeld von militärischen Sicherungsmaßnahmen, Ahndung von NS-Verbrechen und Flankierung der Sowjetisierung durch die sowjetische Besatzungsmacht einerseits sowie der Aussagen durch die Betroffenen andererseits; auf der Grundlage eines ausgewählten Samples soll ein erster Vergleich dieser Quellen zu einer gesicherten Einschätzung  ihres Quellenwertes und zu statistisch validen Ergebnissen über Speziallagerhaft und Häftlingspopulationen führen.  Die wichtigsten Quellengrundlagen bilden Datenbanken über ehemalige Speziallagerhäftlinge, Häftlingspersonalakten, Häftlingskarteikarten sowie Zeitzeugenmaterialien. So stehen insgesamt zur Zeit über 300.000 Datensätze (inklusive Doppel) auf der Basis sowjetischer Personalunterlagen, mehr als 10.000 auf der Basis von Selbstauskünften und zu Speziallagerhäftlingen und Deportierten veröffentlichten Quellen, Dutzende Häftlingsakten, Zeitzeugenliteratur und -erinnerungen sowie Unterlagen von Häftlingsverbänden zur Verfügung. Alle Provenienzen erweitern sich ständig. Nicht gelöst ist die Frage eines systematischen Zugangs zu Personalakten der Speziallagerhäftlinge, die sich im Archiv des FSB befinden. Gespräche darüber werden geführt.   Bisherige Publikationen aus dem Projektzusammenhang: Klaus-Dieter Müller, Nazis – Kriegsverbrecher – Spione – Diversanten? Annäherung an die sowjetische Haft und Urteilspraxis in der SBZ und DDR mit Hilfe sowjetischer Archivalien, in: Deutschland Archiv 3/2000, S. 373-391. Derselbe, Annäherungen an einen unbekannten Haftort. Der Münchner Platz als Haft- und Gerichtsort der sowjetischen Geheimpolizei 1945-1950, in: Norbert Haase/ Birgit Sack (Hg.), Münchner Platz, Dresden. Die Strafjustiz der Diktaturen und der historische Ort, Leipzig 2001, S. 172-198. Derselbe, Verurteilte in der Haftanstalt Waldheim 1950-1955, in: Norbert Haase (Hg.), Die Waldheimer »Prozesse« – fünfzig Jahre danach. Dokumentation der Tagung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten am 28. und 29. September in Waldheim (= Juristische Zeitgeschichte, Abteilung 2: Forum Juristische Zeitgeschichte 12), Baden-Baden 2001, S.  74-99. Achim Kilian, Mühlberg 1939-1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland (Geschichte und Politik in Sachsen, Bd. 17, hrsg. Von Ulrich von Hehl, Wieland Held, Günther Heydemann und Hartmut Zwahr), Köln/ Weimar 2001. Gisela Gneist/Günther Heydemann (Hg.), »Allenfalls kommt man für ein halbes Jahr in ein Umschulungslager...«. Nachkriegsunrecht an Wittenberger Jugendlichen, erweiterte und überarbeitete Neuauflage (erscheint 2002). Laufzeit: bis 31.12. 2003   Gemeinschaftsprogramm zum Studium, zur Auswertung und zur Reproduktion der Akten der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD)  Die SMAD-Akten, deren Hauptmasse im Umfang von rund 10 000 Aktenbänden im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) verwahrt wird,  waren bis in die 90er Jahre hinein gesperrt. Weitere bedeutende Überlieferungsteile  liegen in den Archiven des russischen Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des heutigen Staatsarchivs für sozial-politische Geschichte, dem früheren zentralen Parteiarchiv. Ein Erlaß des russischen Präsidenten Jelzin vom Oktober 1995 ermöglichte dem Bundesarchiv (zugleich im Namen der Archivverwaltungen Berlins, Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Sachsens, Sachsen-Anhalts sowie Thüringens) und dem Staatlichen Archivdienst Rußlands (ROSARCHIV), ein »Arbeitsprotokoll zur Durchführung eines deutsch-russischen Gemeinschaftsprogramms zum Studium, zur Auswertung und zur Reproduktion der Akten der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (1945-1949)« zu unterzeichnen. Bevor die konkreten Arbeiten beginnen konnten, mußten die Akten deklassifiziert werden. Dieser Prozeß war zu Beginn des Jahres 2000 so weit fortgeschritten, daß zumindest die gemeinsame Bearbeitung und Erforschung einzelner Themen realistisch erschien. Das Bundesarchiv und ROSARCHIV kamen zunächst überein, das Gemeinschaftsprogramm mit dem Thema »Kulturpolitik der SMAD« zu beginnen, weil zu diesem Thema im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) inzwischen der größte Teil der Akten der SMAD und der SMA der Länder offengelegt waren. Das Programm für die Bearbeitung dieses Themas sah die Schaffung eines elektronischen Kataloges der SMAD-Akten, die Veröffentlichung von Dokumentenpublikationen sowie die Herstellung von Mikrofilmen vor, wobei diese Arbeiten nach Möglichkeit parallel erfolgen sollten. Auf russischen Wunsch kamen die Digitalisierung der in das Projekt einbezogenen SMAD-Akten und ein elektronischer Katalog der zu verzeichnenden und zu verfilmenden SMAD-Dokumente hinzu. Mit der Kombination der elektronischen Kataloge auf Band- und Dokumentenebene und ihrer Verbindung mit den digitalisierten Dokumenten zielt das SMAD-Projekt auf die Schaffung eines »elektronischen Archivs«.  Die Beratungen endeten damit, daß die Seiten vor Durchführung des Arbeitsprogramms zunächst ein Pilotprojekt für notwendig erachteten, das von deutschen und russischen Archivaren und Historikern  im GARF durchgeführt und Ende Februar 2001 erfolgreich abgeschlossen wurde. An dem Projekt beteiligten sich das Bundesarchiv, das Sächsische Staatsarchiv Chemnitz, ROSARCHIV, GARF, das Institut für Zeitgeschichte und das Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften. Mehr als 40 000 Mikrofilmaufnahmen zum Thema »Kulturpolitik der SMAD« wurden angefertigt und stehen inzwischen der Forschung in Deutschland zur Verfügung.  In der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, ohne deren finanzielle Förderung das Programm nicht hätte begonnen werden können, und in den bilateralen Verhandlungen mit dem Bundesarchiv wies die russische Seite ausdrücklich darauf hin, daß das Projekt »Kulturpolitik« nur ein erster Schritt in einer Reihe von Projekten sei. Die Bearbeitung weiterer Themen wurde durch umfangreiche Herabstufungen von SMAD-Akten im GARF bedeutend erweitert. Ziel des Gesamtvorhabens ist die vollständige Erschließung der SMAD-Akten. Als nächstes Teilprojekt wurde die Bearbeitung des Themas »Die administrative Tätigkeit der SMAD« vereinbart.  Eine erste Bilanz der bisherige Arbeiten vom November 2001 zeigte gute Fortschritte. Der elektronische Katalog der SMAD im Umfang von 9 800 Eintragungen ist fertiggestellt, und der elektronische Katalog der SMAD auf Dokumentenebene umfaßt inzwischen mehr als 10000 Eintragungen. Bis Jahresende 2001 sind weitere 40 000 Mikrofilmaufnahmen angefertigt und der deutschen Seite übergeben worden.  Integriertes Teilprojekt: Aktenedition zur Politik der SMAD auf dem Gebiet der Kultur, Wissenschaft und Bildung Zusammensetzung der Arbeitsgruppe: Auf der russischen Seite: Coredakteurin: N. A. Timofeeva, verantwortlicher Bearbeiter: J. M. Koršunov, Bearbeiter: D. N. Nochotovič, J. G. Orlova. Auf der deutschen Seite: Coredakteur und verantwortlicher Bearbeiter: J. Foitzik, Bearbeiter: J. Rosch Ziel des Vorhabens ist die Erstellung einer Edition ausgewählter Quellen der SMAD zu Zielen, Methoden und Ergebnissen der Politik der sowjetischen Besatzungsmacht in diesem Sachbereich. Im Zentrum des Interesses steht die Frage nach Authentizität und »Sowjetisierung« der in einem weiteren Sinne kulturellen Artikulation und Kommunikation in der SBZ unter Besatzungsbedingungen. Mittelbar wird damit die Instrumentalisierung des alliierten Besatzungsrechts für Zwecke der Errichtung einer um eine Hegemonialpartei zentrierten Diktatur thematisiert. Die Ergebnisse werden nebst wissenschaftlichen Einleitungen in russischer und in deutscher Sprache vorgestellt. Die russische Fassung soll am Jahresende 2003 vorliegen.    Integriertes Teilprojekt: Handbuch SMAD – Struktur und Funktion. Zusammensetzung der Arbeitsgruppe:Auf der russischen Seite: Verantwortliche Bearbeiterin: T. V. Carevskaja, Bearbeiter: D. N. Nochotovič. Auf der deutschen Seite: J. Foitzik, Ch. Künzel.   Ziel: Als Hilfsmittel soll das geplante Handbuch in der Hauptsache zwei Forschungsinteressen bedienen: Es soll die Organisation der sowjetischen Besatzungsverwaltung in Deutschland (einschließlich der personellen Stellenbesetzung) systematisch dokumentieren und dadurch zugleich zentrale Elemente der in der Binnen- wie Außenfunktion wirksamen Organisations-, Kommunikations- und Kontrollstrukturen analytisch entzerren. Eine solche Rekonstruktion der organisatorischen und funktionalen Strukturen ermöglicht außerdem Aussagen über die subjektive Rollenwahrnehmung der beteiligten Akteure (insbesondere der KPD/SED). Da die russische SMAD-Aktenüberlieferung nach militärischen Registraturvorschriften entstanden, nach ebensolchen Archivierungsprinzipien geordnet worden ist und eine in den sechziger/siebziger Jahren nach politischen Kriterien zusammengestellte, in archivfachlicher Hinsicht »geschlossene« Teilabgabe aus dem Archiv des sowjetischen Verteidigungsministeriums darstellt, erscheint das Vorhaben unabdingbar, um eine quellenkritische SMAD-For­schung zu initiieren. Das Handbuch wird mit einem Vorwort russischer und deutscher Mitarbeiter sowie einem wissenschaftlichen Apparat versehen. Es ist beabsichtigt, das Manuskript bis zum 01.07.2004 abzuschließen.    Die zweite Berlin-Krise 1958-1963   a.)        Sowjetische Politik in der Berlin-Krise (allgemein-politischer Teil) Beteiligte Institute: Institut für Zeitgeschichte, München; Institut für Allgemeine Geschichte, Russische Akademie der Wissenschaften, Moskau.   Ziele: 1. Monographie (Bearbeiter: Dr. Gerhard Wettig), 2. Dokumentenband mit je einer Einleitung aus deutscher und russischer Sicht (Bearbeiter: Dr. Gerhard Wettig/Dr. Aleksej Filitov). Als Widersacher in der Berlin-Krise standen sich die UdSSR und die Westmächte gegenüber, während die zwei deutschen Staaten wegen der einschlägigen Vier-Mächte-Vorbehalte über keine Mitwirkungskompetenz verfügten. Politisch betrachtet, war die DDR jedoch für den Kreml als der vor Ort präsente Verbündete bedeutsam. Sie bot das Glacis für das sowjetische Handeln und nahm mit ihren innen- und außenpolitischen Interessen und Bedürfnissen wesentlichen Einfluß auf die Entscheidungen in Moskau. Die Bundesrepublik war in Moskau als Bremser mißliebig, der mehrfach britische, zeitweise auch amerikanische Annäherungen an die Forderungen der UdSSR zunichte machte.   Über das Vorgehen der Westmächte und ihre Interaktion in der Berlin-Krise liegen viele auf Archivdokumenten beruhende Arbeiten vor. Es fehlt jedoch, ungeachtet einiger Einzelstudien, eine Darstellung der Politik auf sowjetischer Seite. Diese Lücke soll mit dem Projekt geschlossen werden. Dabei geht es wesentlich um die Interaktion der UdSSR mit den Westmächten, vor allem den USA. Die Politik gegenüber der Bundesrepublik wird nur dann behandelt, wenn Bonn ausnahmsweise eine Rolle im Geschehen spielte. Die DDR dagegen wird im Kontext des sowjetischen Vorgehens laufend berücksichtigt, weil sie in weiten Bereichen zur aktiven Mitwirkung herangezogen wurde und mit ihren Wünschen und Sorgen wesentlichen Einfluß auf die Entscheidungen in Moskau nahm.   Quellengrundlage: Dokumente aus Archiven in Moskau (AVPRF, RGANI, RGAE), Berlin (SAPMO-BArch, BArchB, PA-MfAA, LArchB), Freiburg (BArch-MilArch) und München (Filmrollen mit RGANI-Dokumenten), sowie aus westlichen und östlichen Publikationen (einschließlich der – oft auch als Ersatzquellen wichtigen – Materialien der »Foreign Relations of the United States«). Wegen Schwierigkeiten beim Zugang zu den Moskauer Archiven müssen die Vorgänge oft mosaikartig aus verstreuten Hinweisen in Nebendokumenten und/oder durch Verwendung nachrangiger oder auswärtiger Quellen erschlossen werden.   Stand und Zeitrahmen des Projekts. Das Ziel, die Monographie zum Ende 2003 abzuschließen, könnte erreicht werden; die Schließung der noch vorhandenen Lücken ist wahrscheinlich. Noch nicht abzusehen ist, wie ein ausreichender Zugang zu den Schlüsseldokumenten zustande kommen wird, die für den Archivalienband erforderlich sind.    a.)        Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der Zweiten Berlin-Krise 1958-1963   Projektbeteiligte: Institut für Zeitgeschichte, München – Außenstelle Berlin (Dr. Matthias Uhl); Institut für allgemeine Geschichte, Russische Akademie der Wissenschaften, Moskau; Institut für Militärgeschichte, Verteidigungsministerium der Russischen Föderation, Moskau (Oberst Dr. Michail Georgivič Lëšin); Militäruniversität, Verteidigungsministerium der Russischen Föderation, Moskau (Kapitän zur See Prof. Dr. Dimitrij Nikolajevič Filippovych). Ziel: Monographie. Das Forschungsvorhaben versucht in Zusammenarbeit mit russischen Militärhistorikern, wesentliche Grundfragen des Konflikts um Berlin aus militär- und sicherheitspolitischer Perspektive zu betrachten. Angesichts der zur Verfügung stehenden personellen und zeitlichen Ressourcen ist eine allumfassende Bearbeitung der sowjetischen Militär- und Sicherheitspolitik während der Zweiten Berlin-Krise nicht möglich. Das Vorhaben beschränkt sich deshalb auf drei ausgewählte Themenkomplexe, die es in ihrer Gesamtheit jedoch gestatten sollen, ein möglichst komplexes Bild der militärischen und sicherheitspolitischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Supermächten USA und UdSSR um Berlin von 1958 bis 1963 zu zeichnen: Von der Strategie des Bluffs zur »militärisch disziplinierenden Komponente« internationaler Stabilität – das sowjetische Militär im Spannungsfeld von Ad-hoc-Politik und strategischer Planung. Der sowjetische Militärisch-industrielle-akademische-Komplex (MIAK) in der Zweiten Berlin-Krise. Von der Hilfstruppe zum »Mitglied der Ersten Strategischen Staffel des Warschauer Vertrages« – die UdSSR und die Rolle der NVA in der Auseinandersetzung um Berlin.   Quellengrundlage:  Berichte des sowjetischen Verteidigungsministeriums über den Mauerbau von 1961 bis 1963, die im Russischen Staatsarchiv für Neuere Geschichte(RGANI) aufbewahrt werden. Aktenbestände des sowjetischen MIAK aus dem Russischen Staatsarchiv für Wirtschaft (RGAĖ). Dokumente über die militärische Zusammenarbeit zwischen der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) und der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) während der Zweiten Berlin-Krise, die sich im Militärarchiv des Bundesarchivs in Freiburg sowie bei der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Berlin befinden. CIA-Analyen über die Sicherheitspolitik der Sowjetunion und das militärische und rüstungstechnische Potential der UdSSR zwischen 1958 und 1963; ein Teil dieser Berichte ist bereits veröffentlicht, während sich der andere in den National Archives in Washington D.C. bzw. im National Security Archive befindet. Weitere Dokumente aus dem RGANI und dem Zentralen Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation (CAMO).  Stand und Zeitrahmen des Projekts: Die Quellenstudien für die Erstellung der Monographie sind weit vorangeschritten; erste Textarbeiten für die Monographie wurden aufgenommen. Das Manuskript soll bis Ende 2003 abgeschlossen werden.  Die UdSSR und die deutschen Frage 1941-1949. Dokumente aus dem Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation  Quellen der Siegermacht UdSSR zur deutschen Zeitgeschichte zu edieren, den Deklassifizierungsprozeß im Archiv des Moskauer Außenministeriums kritisch zu begleiten und wo möglich voranzutreiben, ist die Aufgabe eines Projekts, das am Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, beheimatet ist. Es wird seit 1993 durch die Thyssen Stiftung gefördert. Im Rahmen dieses Projektes wurden 1993/94 über eintausend, zum Teil äußerst umfangreiche Dokumente kopiert und in Potsdam deponiert. Diese Kopiensammlung, die seit 1994 kontinuierlich ergänzt wird, bildet die Grundlage für eine von Georgij Kynin und Jochen Laufer vorbereitete dreibändige Edition. Im Moskauer Verlag für »Internationale Beziehungen« erschienen 1997 und 2000 die ersten beiden Bände. Der dritte und vorerst letzte Band wird 2002 das Licht der Welt erblicken.  Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden durch dieses Projekt 431 bisher streng geheim gehaltene Dokumente zur sowjetischen Deutschlandpolitik erstmalig veröffentlicht. Wissenschaftliche Einführungen erläutern die systematische Auswahl der Dokumente und ordnen diese in das Spektrum der sowjetischen Außenpolitik ein; deren institutionelle Entwicklung wird in Strukturübersichten vorgestellt. Alle Dokumente werden durch Fußnoten und Anmerkungen kommentiert, wozu die Gesamtheit der deklassifizierten, Deutschland betreffenden Unterlagen und (durch den russischen Bearbeiter) einzelne noch nicht freigegebene Dokumente herangezogen wurden. Regesten für jedes einzelne Dokument bieten einen schnellen Überblick über den Inhalt der einzelnen Bände, die durch  Orts-, Sach- und Personenregister (mit Kurzbiographien und verifizierter Schreibweise der in den Dokumenten in kyrillischer Schrift wiedergegebenen Namen von Ausländern) erschließbar sind.  Die Deutsch-Russische Historikerkommission fördert seit 1999 die Übersetzung der russischen Ausgabe. Inzwischen liegen der erste und zweite Band sorgfältig übersetzt und überprüft vor. Die deutsche Fassung des dritten Bandes wird im September dieses Jahres abgeschlossen. Da das Erscheinen der drei russischen Bände ein Entwicklungsprozeß war, in dem die Qualität von Band zu Band verbessert werden konnte, fordert die deutsche Ausgabe eine vereinheitlichende Überarbeitung aller drei Bände. Mit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe kann 2003 gerechnet werden.    100(0) Schlüsseldokumente zur russisch-sowjetischen Geschichte seit 1917 im Internet  Die Öffnung der Archive hat der Erforschung der russisch-so­wjetischen Geschichte neue Impulse gegeben. Seit Ende der 80er Jahre erschien eine Fülle von Publikationen (Ak­ten­editionen, Monographien, Aufsätze). Sie gelten allen Epochen der so­wjetischen Innen- und Außenpolitik: der Revolution und dem Bür­gerkrieg; der NEP und den 20er Jahren; der Industrialisierung, der Kollektivierung und den 30er Jahren; dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit. Gestützt auf neue archivalische Befunde dokumentieren und analysieren sie die Entwicklung von Staat und Partei, des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens, die Entscheidungsmechanismen und Weichen­stellungen der Außenpolitik, revidieren oder bestätigen frühere Befunde. Leider bleiben es oft Arbeiten von Spezialisten für Spezialisten. Sprach­barrieren und die Ausdifferenzierung des Faches verhindern, daß sie von einem breiteren Adressatenkreis zur Kenntnis genommen werden.  Die Absicht des Projektes »100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte seit 1917« ist es, diese Ergebnisse der Forschung einer universitären und außeruniversitären Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen; anhand von bekannten und neuen Dokumenten zur Außen- und Innenpolitik, zur Sozial- und Kulturgeschichte einem möglichst breiten Adressatenkreis den Stand der Forschung zu vermitteln; die als gesichert geltenden Erkenntnisse, aber auch die neuen Fragen und aktuellen Diskussionen zu dokumentieren. Die Zahl »100(0)« ist als Richtzahl gedacht; die Zahl »100« soll signalisieren, daß es sich nur um eine überschaubare Menge handeln kann, die dritte Null in Klammern die prinzipielle Offenheit andeuten.  Das Vorhaben ist erwachsen aus den Debatten in der Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Federführend beteiligt sind das Institut für Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg und das Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften. Die mit im Boot sitzenden Archive haben ihre Mithilfe bei der Besorgung und Bereitstellung der Faksimiles zugesagt. Für die Koordination des Projektes wurde am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen eine kleine Redaktion eingerichtet. Als Bearbeiter (Kommentatoren) der Dokumente wirken russische wie nichtrussische Historiker mit.  Die Vorgehensweise ist folgende: Jedes ausgewählte Dokument wird mit einem kurzen (drei- bis fünfseitigen) Kommentar versehen, der erklärt, warum und wofür es ein »Schlüsseldokument« ist, der es in die internationale Forschung einordnet und wichtige Literaturhinweise gibt; danach soll das Dokument selbst im Faksimile (Image), in einer russischen Computer­übertragung (Volltext) und einer deutschen Übersetzung (Volltext) folgen. Für die gesamte Edition ist ein Glossar vorgesehen (das dafür sorgt, daß russische Begriffe stets mit dem gleichen deutschen Begriff wiedergegeben werden) und ein biographisches Lexikon (das die handelnden Personen kurz vorstellt). Die Dokumente werden auf den Server der Bayerischen Staatsbibliothek in München gelegt, die die technische Umsetzung des Projektes übernommen hat.   Nach einer Pilotphase, die an einer Handvoll Dokumenten illustrierte, wie die Aufbereitung und Präsentation der Dokumente vonstatten gehen soll, wurde im Frühsommer 2001 von den beiden beteiligten federführenden Institutionen eine entsprechende Vereinbarung unterschrieben. Im Herbst 2001 begann eine 1. Arbeitsphase, die bis zum Frühjahr 2002 25 Dokumente zu außenpolitischen Weichenstellungen (Brest-Litowsk, Rapallo, Berliner Vertrag, Nichtangriffspakt, Grenz- und Freundschaftsvertrag, Stalin-Noten) sowie unverzichtbare innenpolitische Verfassungs- und Strukturgesetze ins Netz bringen soll. In einer 2. Arbeitsphase soll sich bis zum Jahresende 2002 die Zahl der kommentierten Dokumente auf 50 erhöhen. Die Pilotphase sowie die Arbeitsphasen 1 und 2 wurden und werden durch Mittel des BMI gefördert. Für die folgenden Arbeitsphasen und den (möglichst raschen) Ausbau zu einem Bestand von 100-150 Dokumenten wird die Einwerbung anderweitiger Drittmittel in Aussicht genommen. Wurden bisher nur Texte aufgenommen, ist für den weiteren Verlauf auch an die digitale Präsentation von Bildern, Karikaturen, Plakaten und anderen Materialien gedacht. Ein Parallelprojekt für die deutsche Geschichte ist in Vorbereitung.    Ralf Zwengel, Berlin: Putsch in die Abhängigkeit. Die Folgen des »Deutschen Oktober« von 1923 für die KPD und ihr Verhältnis zur Komintern und zur Kommunistischen Partei Rußlands – Dissertationsprojekt Zusammenfassung: Auf Grundlage der Bestände der Parteiarchive von SED und KPdSU/Komintern sollen die Voraussetzungen und konkreten Umstände des »Deutschen Oktober« von 1923 aufgeklärt und die Folgen sowohl für die beiden Länder Deutschland und Sowjetunion als auch für die beiden Parteien KPD und RKP (b) und ihre Beziehung zueinander aufgezeigt werden. Es wird von der Hypothese ausgegangen, daß 1923 das Entscheidungsjahr für die Herausbildung des Stalinismus in der UdSSR war, weil die letzte reale Möglichkeit zur Eroberung der Macht in einem hochentwickelten westlichen Industrieland nicht genutzt werden konnte. Daraus leitet sich die endgültige Verschiebung des Zentrums der kommunistischen Weltbewegung nach Moskau und gleichzeitig die Abhängigkeit der KPD von der Komintern bzw. RKP (b) ab. Die »Bolschewisierung« der KPD, d. h. die Reproduktion der sowjetischen Parteistruktur, war das zwangsläufige Ergebnis. Dies war für die Sicherung demokratischer Verhältnisse in der KPD und letztlich in Deutschland gleichermaßen verhängnisvoll. Die von Prof. Michal Reiman betreute Arbeit soll 2002 abgeschlossen werden. Thema: Im Zentrum der Arbeit steht weniger die Darstellung der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Staatsmacht (Hamburg, Sachsen) im Jahr 1923 als vielmehr die Analyse der Voraussetzungen und Folgen für die innenpolitische Lage in der Sowjetunion und in Deutschland im allgemeinen sowie für die RKP (b) und die KPD im besonderen. Untersucht werden sollen die für den Aufstand bestimmenden sozialen und politischen Determinanten. Als Stichworte sind hier zu nennen: a) für die Lage in Deutschland: Ruhrkampf, Inflation und Wirtschaftskrise, Gefahr des aufkommenden Nationalsozialismus, Separatismus; b) für die Lage in der Sowjetunion: Machtkampf um die Nachfolge Lenins, mühsamer Wiederherstellungsprozeß der Wirtschaft, Hoffnung auf wirtschaftliche und politische Entspannung durch ein Bündnis mit Deutschland, Durchbrechung der internationalen Isolation; c) für die Lage in der KPD: Instabilität und Unberechenbarkeit durch mangelnde politische Tradition sowie durch Abspaltung bzw. Austritte »alter« Spartakuskämpfer, wachsende Abhängigkeit von Komintern und RKP(b), politisches Sektierertum; d) für die Lage in der RKP(b): Unsicherheit bezüglich der Lenin-Nachfolge, Instrumentalisierung außenpolitischer Fragen für den internen Machtkampf auf der Grundlage persönlich-politischer Gefolgschaften, zunehmender Einfluß des von Stalin beherrschten Apparates. Arbeitshypothesen: 1. Das Scheitern des »Deutschen Oktober« stellt den entscheidenden Wendepunkt in den Beziehungen von KPD und RKP(b)/ Komintern dar, der zur eindeutigen, einseitigen und endgültigen Unterordnung der KPD gegenüber den in Moskau beheimateten Organisationen führte. – 2. Diese Wende bewirkte, daß die Politik der KPD in der Folgezeit nahezu vollständig in Moskau konzipiert wurde. Die Konsequenzen waren nunmehr vollends unrealistische, im Gegensatz zur Märzaktion 1921 nicht mehr kritisierbare Einschätzungen der innenpolitischen Lage in Deutschland und entsprechend falsch konzipierte politische Strategien, die zu weitgehender Isolation insbesondere von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften führte und damit zu politischer Wirkungslosigkeit. – 3. Das Scheitern des »Deutschen Oktober« war eine entscheidende Voraussetzung für den Sieg des Stalinismus in der Sowjetunion, der die Diskreditierung der revolutionären Bewegung insgesamt zur Folge hatte, da letztere endgültig zur Erfüllungsgehilfin der Außenpolitik des Sowjetstaates degradiert wurde. Zentrale Fragestellungen: Vor dem Hintergrund dieser Hypothesen sollen auf Grundlage der mittlerweile zugänglich gewordenen Bestände der Parteiarchive von SED (Berlin) und KPdSU (Moskau) folgende Fragen beantwortet werden: 1.) Welche konkreten Planungen lagen dem »Deutschen Oktober« zugrunde? Wer war für sie verantwortlich, und wie realistisch waren sie? Entspricht die Bezeichnung »Deutscher Oktober« den tatsächlichen Verhältnissen? – 2.) Welche direkten Folgen ergaben sich aus dem Scheitern des Aufstandes in Deutschland (Verhaftungen, Verurteilungen, Untergrundtätigkeit)? – 3.) Welche Schlußfolgerungen wurden für Taktik und Strategie der revolutionären Tätigkeit gezogen? – 4.) Welche Konsequenzen ergaben sich für das Verhältnis von Sozialdemokratie und Kommunismus? – 5.) Inwieweit muß das Scheitern des »Deutschen Oktober« in einem kausalen Zusammenhang mit dem späteren Sieg von Faschismus und Stalinismus gesehen werden? Zum Forschungsstand: Bisher liegt keine objektive Studie über den Hamburger Aufstand und den Deutschen Oktober vor. Die letzte seriöse Arbeit zu diesem Thema ist bereits 1983 erschienen. Die bisherigen Versuche, die genannten Fragen zu beantworten, sind entweder aufgrund ihrer politisch-ideologischen Einseitigkeiten (Habedank, Hortzschansky), ihrer funktional-eingeschränkten Sichtweisen (Danner, Hartenstein) oder mangelnder Zugangsmöglichkeiten zu den Archiven (Angress, Wenzel, Flechtheim, Ludewig, Voß, Biehl) nur bedingt als gelungen zu betrachten. Viele Fragen blieben unbeantwortet oder waren Gegenstand von Spekulationen. Zudem sind zahlreiche Arbeiten von ideologischen Voreingenommenheiten dominiert, sei es von rechts (Ehrt, Pütz, Nolte) oder von links (Oelsner, Dreetz, Ulbricht, Fülberth/Harrer). Literarische Darstellungen (Reissner, Bredel) sowie zahlreiche Erinnerungen dienten lediglich dem Zweck der Heroisierung einer vorgeblich revolutionären Arbeiterschaft unter Führung Ernst Thälmanns und trugen wesentlich zur Verschleierung der tatsächlichen Vorgänge und Verhältnisse bei. Kritische Erinnerungen (Wollenberg, Valtin, Kriwitzky, Weber 1981, Zeutschel) und regional/lokal begrenzte Studien (Peterson 1993, Menapace, Ziehl, Busch) enthalten eine Menge zusätzlicher Informationen aus individuell bzw. räumlich begrenzter Sicht, widersprechen sich aber nicht selten und tragen damit zu einem zwar umfassenderen, gleichzeitig jedoch unübersichtlicheren Bild bei. Nach wie vor bestehen also Lücken in der Forschung, was die Vorgänge in der KPD, der RKP (b) und der Komintern und die Wechselbeziehungen zwischen diesen Organisationen während des »Deutschen Oktober« angeht. Erste Annäherungen zur Beantwortung (nicht nur der hier im Mittelpunkt stehenden Fragen) wurden nach Öffnung der russischen Archive unternommen (Watlin, Firsow, Starkov, Becker, Bayerlein, Kaufmann, Babičenkco, Gilensen), bedürfen aber der Vertiefung und der Anbindung an den Forschungsstand – dies gilt besonders für die mit viel neuem Material angereicherten russischen Beiträge. Zum Stand des Dissertationsprojektes: Die für das Dissertationsthema relevanten Bestände des Historischen Archivs der KPD in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO; ehemals: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Zentrales Parteiarchiv) wurden von mir gesichtet und ausgewertet. Im ehemaligen Zentralen Parteiarchiv der KPdSU in Moskau habe ich knapp zwei Monate Bestandsverzeichnisse durchgearbeitet. Herr Dr. Bayerlein (Köln/Mannheim), der augenblicklich eine umfangreiche Dokumentation zum »Deutschen Oktober« vorbereitet[15], hat mir Kopien der Dokumente zur Verfügung gestellt. Der Abschluß der Arbeit ist für Sommer 2002 vorgesehen. Kontakt: rzwengel@01019freenet.de    Péchoux, Philippe, Dijon, France: Mouvement communiste régional. Der Autor hat eine Magisterarbeit über die Ursprünge der kommunistischen Bewegung im Département Saône et Loire abgeschlossen. Der Titel lautet: Aux origines du mouvement communiste en Saône et Loire 1914-1921, Mémoire de maîtrise d'Histoire conteporaine sous la direction de Serge Wolikow, Université de Bourgogne, Dijon 168+70 pp. Kontakt: lilian.vincendeau@u-bourgogne.fr  Carsten Krinn, Tübingen: Anspruch und Wirklichkeit der Schulungsarbeit der KPD in der Weimarer Republik. Von den Spartakusbriefen bis zur Auflösung der MASCH. Dissertationsprojekt. Die Dissertation wird vermutlich unter dem Titel »In der Praxis muß der Mensch die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Anspruch und Wirklichkeit der Kaderschulung der Weimarer KPD zwischen Emanzipation und Edukationismus« erscheinen. Sie entsteht an der Universität Tübingen (Seminar für Zeitgeschichte) und wird betreut von Prof. Dr. Anselm Doering-Manteuffel. Die Arbeit wird vermutlich im Februar 2002 abgeschlossen. Hier einige Arbeitsthesen zur Dissertation: 1. Die Kommunistische Schulung war eindeutig zweckorientiert. Ihr Ziel war die Heranbildung des propagandistisch versierten, agitatorischen (Berufs-)Revolutionärs. Die Schulungsarbeit sollte dem Klassenkampf und nicht der Anhäufung von Wissen dienen. 2. Die Schulungsarbeit der KPD unterschied sich deshalb inhaltlich wesentlich von der der SPD und der des ADGB. Dennoch ist eine verblüffende Ähnlichkeit in der verwandten Wortwahl nicht zu übersehen.3. Methodisch unterschied sich die Schulungsarbeit der KPD kaum von der ihrer reformistischen Gegner innerhalb der Arbeiterbewegung. Wenn doch, so war sie eher Träger eines herkömmlichen Methodenverständnisses, der sogenannten »extensiven Bildung« (Frontalunterricht, vorab Durchplanung der Schulungen auf die Viertelstunde genau, keine Mitbestimmung bei Auswahl der Themen etc.). Auch wenn die kommunistischen Schulungslehrer das selbst anders gesehen haben mögen. 4. Erst ab 1925 kann man von einer kommunistischen Schulungsarbeit im bolschewistischen Sinn sprechen. Es gilt zwischen einer Periode der Hinwendung zu Organisationstrukturen einer Kaderpartei und der erst sehr viel später folgenden ›Bolschewisierung‹ zu differenzieren. 5. Ihren eigenen Ansprüchen wurde die KPD in ihrem Schulungsbetrieb weitgehend nicht gerecht. Strebte man verbal die Emanzipation der Subjekte an, so blieb man praktisch in einem edukationistischen Ansatz verhaftet. Deshalb klaffte zwischen Wort und Tat eine erhebliche Lücke. 6. Die KPD betrieb vornehmlich eine rein zweckgebundene Schulungspraxis und erkannte erst in den letzten Jahren der Weimarer Republik den tieferen Sinn der weiterreichenden – den ›ganzen Menschen‹ entwickelnden – Bildung. Kontakt: CKrinn@t-online.de.  Ian Parenteau, Québec, Canada: Histoire périphérique du communisme au Mexique Ian Parenteau rédige présentement une thèse de maîtrise préparée sous la tutelle de Serge Wolikow, Université de Bourgogne à Dijon, qui a pour sujet l'histoire périphérique du Comintern au Mexique. Il a consulté les archives du Partido Comunista de México (PCM) où il semble que moins de 10 % des archives qui soient inventoriées. Comme d'autres chercheurs dont Arnoldo Martinez Verdugo qui a écrit l'ouvrage clé de l'histoire du parti, et qui est directeur du CEMOS (Centro de Estudios del Movimiento Obrero y Socialista), l'institut qui abrite les archives. il n'a pu avoir accès à la majorité de ce fonds. Parenteau a aussi l'intention, afin de mener le projet à terme, d'aller dépouiller une partie des archives du CRCEDHC de Moscou l'an prochain. Contact: ian.parenteau@moncourrier.com Siegen, Germany: Die sozialen Aktivitäten der Roten Hilfe in Deutschland (1920 bis 1950). Ein Forschungsprojekt. Die Rote Hilfe als »Wohlfahrtsorganisation« der KPD in der 20er und 30er Jahren ist bisher so gut wie unerforscht. Sofern die Rote Hilfe thematisiert wurde, ging es fast ausschließlich um ihre politisch-propagandistischen Initiativen im Rahmen der Prozesse gegen prominente Angeklagte wie Max Hoelz, aber nicht um die konkreten Hilfeleistungen, welche sie für politisch Verfolgte, für die Familien von Inhaftierten und die Betreuung von Kindern erbracht hat. Dies gilt auch für die Aktivitäten der Internationalen Roten Hilfe (IRH), welche vor allem durch ihre beiden Kinderheime in Deutschland (durch »Elgersburg« und den Worpsweder »Barkenhoff«) zur Unterstützung proletarischer Familien in Not beigetragen haben. Aufgrund der akzentuiert politischen Betrachtung der Organisation ist bisher auch die Würdigung all jener Frauen und Männer dem Vergessen anheim gefallen, welche die praktischen sozialen Hilfeleistungen organisiert und erbracht haben. Eine Ausnahme bilden hier prominente Persönlichkeiten wie Wilhelm Pieck und Clara Zetkin als Verantwortliche der Organisation auf der einen Seite und Unterstützerinnen wie Mentona Moser, Tina Modotti und Zenzl Mühsam auf der anderen Seite. Deren Wirken ist aber aufgrund anderer Funktionen und Konstellationen rezipiert worden – nicht aufgrund ihrer Zugehörigkeit und Tätigkeit in der Roten Hilfe und IRH. Die Gründe für die mangelnde Aufmerksamkeit, welche der Roten Hilfe bisher zuteil geworden ist, sind im Osten und Westen Deutschlands unterschiedlich gelagert: Im Osten hätte eine Beschäftigung mit der Organisation zwangsläufig die Frage nach dem Verbleib der ungewöhnlich vielen Protagonist/innen aufgeworfen, welche Opfer der Stalinistischen Säuberungen geworden sind. Im Westen haben die Aktivitäten der Nachfolgeorganisation der Roten Hilfe, welche im Unkreis der RAF tätig war, dazu geführt, auch die Beschäftigung mit dem historischen Vorläufer zu tabuisieren. Das von uns durchgeführte Forschungsvorhaben, für das u. a. viele bisher unveröffentlichte Quellen aus Moskauer und Omsker Archiven erschlossen wurden, beschäftigt sich mit folgenden Schwerpunkten: Die Rote Hilfe Deutschlands und die IRH als Wohlfahrtsorganisation – u. a. im Vergleich mit der IAH und der Arbeiterwohlfahrt. • Die Untersuchung der Kinderheime der Roten Hilfe als »konfessionelle« Erziehungseinrichtungen – u. a. im Vergleich mit evangelischen und katholischen Kinderheimen der 1920er Jahre. • Die Rechtshilfe der Roten Hilfe als politische Beratungspraxis. • Die Veröffentlichungen der Roten Hilfe als Vernetzungsarbeit politischer und sozialer Aktivitäten. Parallel zu den inhaltlichen Schwerpunkten ist es unser Anliegen, die Personen, welche auf zentraler wie auf regionaler Ebene federführend in der Organisation tätig waren, ausfindig zu machen und zu würdigen. Eine Publikation zu den genannten Schwerpunkten wird im Herbst 2002 bei Leske und Budrich erscheinen. Kontakt: Dr. Sabine Hering; Prof. Dr. Kurt Schilde;Universität Siegen. Email: Hering@paedagogik.uni-siegen.de. Section II  Preserve for all time? Archival Problems, new Archival Projects, Institutions and Funds. India: The Bhowani Sen Library and Research Centre in Calcutta and the Archives of Contemporary History in New Delhi. Two research centres specialising in research on communist movement in India.  The Bhowani Sen Library and Research Centre, Calcutta – This Library and Research Centre, established about a decade ago in Calcutta in the name of  Bhowani Sen, a very distinguished leader of communist movement in India and a  prominent peasant leader, has a very rich library and documentation centre specialising in collection of  all newspapers, documents, pamphlets and rare books relating to the history of Left, especially communist, movement in India. It has a special section of very rich archival holding of  confidential and unpublished papers of the Communist Party of India for the period 1936-1951 and collections of private papers of a number of leaders of  the Communist Party of India. A catalogue of these files is now under preparation. Despite its difficult financial position, this Library and Research Centre is extensively used by researchers interested in the history of communist movement in India. Address: Bhwani Sen Library and Research Centre, 162/2, Acarya J.C. Bose Road, Calcutta 700014. India. Contact: Arun Ghosh, Secretary. Source: Sobhanlal Datta Gupta, Newsletter correspondent, India. Email: sovanlal@vsnl.net  The Archives of Contemporary History, New Delhi – Funded by Jawaharlal Nehru University, one of the most wellknown Universities of India, this Research Centre holds one of the finest collections of documents relating to the history of the communist movement in India till the time of India’s independence in 1947. It was originally formed in the seventies on the initiative of P. C. Joshi, who was General Secretary of the Communist Party of India between 1936 and 1948. Joshi and his colleague, K. Damodaran, built up this Centre on the basis of their private papers which include rare material such as old newspapers, pamphlets, party documents, rare photographs, taped interviews etc. on the history of Indian communism. One major focus of this collection is how the Communist Party of India became a mass party in the fourtees. This Centre is most widely used by researchers. Address : Archives of Contemporary History, Library Building, Mezzanine Floor, Jawaharlal Nehru University, New Delhi, 110067. India. Contact : Professor Mridula Mukherjee, Director. Email : mriduladitya@hotmail.com. Source: Sobhanlal Datta Gupta, Newsletter-correspondent, India Jurij Tutockin, Moscow, Russia: Zu einigen Problemen und Fragen der bio–graphischen Forschung am Beispiel der Dokumente der KP Österreichs. Werkstattbericht eines russischen Archivars. Die geopolitische Lage Österreichs bestimmte die wichtige Rolle des Landes und seiner Hauptstadt in der Strategie der Komintern. Hier befanden sich die Büros, Vertretungen der Internationalen Verbindungsabteilung der Komintern (OMS), der Komintern, der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI), der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI), der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH), der Internationalen Roten Hilfe (IRH) und anderer Strukturen (Frauen, Vertretungen der nationalen Minderheiten auf dem Balkan, Friedensorganisationen u. a.). Kaderakten als Quelle am Beispiel Österreichs – Das Studium der im Inventar der KP Österreichs (KPÖ) enthaltenen Kaderakten macht nicht nur mit den Biographien konkreter Personen bekannt, sondern erschließt wichtige Details der kommunistischen Bewegung in Österreich, Deutschland und den Balkanländern sowie Geist und die Methoden der Komintern insgesamt. Obwohl das Inventar N 187 mehr als 3 000 österreichische Personalakten enthält, fehlen dort biographische Angaben zu einigen führenden Funk tionären der KPÖ.  Personalakten zahlreicher Kommunisten wurden nicht angelegt, wenn sie sich nicht in Moskau aufhielten oder wenn sie sie nicht im EKKI-Apparat oder in den der Komintern angeschlossenen Organisationen arbeiteten. So kann man über Joseph Frey hauptsächlich spezifische Informationen erhalten, die die Eingaben an die IKK und die 1925–1927 geschriebenen Briefe betreffen. In den existierenden Personalakten fehlen die aus der ersten Hälfte der zwanziger und der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre stammenden Dokumente fast vollständig. Sogar für die Teilnehmer des 7. Kongresses der Komintern liegen manchmal nur Auskünfte, Kopien der Mandate sowie Auszüge aus den Fragebögen vor. Es ist in der Regel unmöglich, nur auf der Grundlage der Personalakte eine vollständige Biographie zusammenzustellen, möge sie zwei oder mehr Bände enthalten. Auf der anderen Seite ist es – wenn auch nicht immer – möglich, sich die Tätigkeit der Kommunisten in Moskau genau vorzustellen. Es sind zahlreiche widersprüchliche Informationen vorhanden, besonders, wenn man die Angaben aus den zwanziger und anfangs der dreißiger Jahren denen aus der zweiten Hälfte der dreißiger und der vierziger Jahre gegenüberstellt. Konkrete Angaben über das Schicksal der Absolventen der Internationalen Leninschule (ILS) und der Kommunistischen Universität nationaler Minderheiten des Westens (KUNMZ) sind sehr knapp oder fehlen vollständig. Spärlich sind ebenfalls die Informationen über die illegale Arbeit in Österreich sowie die Tätigkeit der Politemigranten in den anderen Ländern, insbesondere nach 1939. Es gibt jedoch Auskünfte, Fragebögen und kurze Autobiographien zahlreicher Kommunisten, Sozialisten und parteiloser Teilnehmer der österreichischen Februarkämpfe 1934 sowie des Bürgerkriegs in Spanien. Die Materialien des Inventars spiegeln – wenn auch fragmentarisch – die Geschichte der KPÖ zwischen den beiden Weltkriegen, die Charaktere ihrer Mitglieder, den Geist der Epoche. Probleme der vergleichenden biographischen Analyse – Nun zu einigen Problemen bei der systematischen vergleichenden Arbeit mit den Biographien. Ich beginne mit den Fragen, die bereits bei der Fixierung der Namen, Vor- und Vatersnamen, der Decknamen und der »provisorischen« Paßnamen entstehen. Schwierigkeiten rein linguistischer Art werden hierbei üblicherweise durch die Auflistung der Varianten behoben. Die größte Schwierigkeit besteht jedoch häufig darin, den echten Namen festzustellen. Die emigrierten oder illegal arbeitenden Kommunisten gaben in ihren Dokumenten nicht immer ihre ursprünglichen Namen und Vornamen (die Frauen – ihre Mädchennamen) an. Für die Deutschösterreicher ist dies weniger typisch, jedoch bei Ungarn oder Slaven, die Mitglieder der KPÖ waren, häufiger anzutreffen. Bei der Klärung der echten Namen sind die Angaben über die Eltern und anderen Verwandten hilfreich. Die Fragebögen der ILS, der KUNMZ sowie jene, die bei der Ausreise ausgefüllt werden mußten, sind nicht immer genau. Der Deckname blieb der letzte (»paßgerechte«) Name bei der Heimkehr, sogar nach dem Zweiten Weltkrieg. So gelang es mir erst durch die Gegenüberstellung des Fragebogens im Lesesaal des RGASPI festzustellen, daß einer der größten russischen Forscher zur österreichischen Geschichte, der sich mit den zwanziger und dreißiger Jahren beschäftigte, Vladimir Michailovič Popov war, bis zur Emigration in die Türkei mit den Eltern (damals war er 16 Jahre alt), in Österreich 1921–1924 hieß er offiziell Karl Wolf und besaß den Decknamen Turok, nach seiner Heimkehr 1924–1925 hieß er Turok (Popov-Turok und Turok/Popov). Wegen der Evakuierung (zusammen mit den Truppen Denikins) und aufgrund von Unklarheiten in den Dokumenten bei der Ausreise aus Österreich nach Moskau geriet er in Verdacht, und dies trotz der positiven Charakteristiken der KPÖ und der Bestätigung seiner Tätigkeit in der Kommunistischen Balkanföderation sowie im Wiener Verbindungsbüro des EKKI. Trotz zehnjähriger Versuche, aus der KPÖ in die KPdSU (b) überführt zu werden, wurde er parteilos. Dimitroff, der sich an Turok erinnerte, verzichtete 1935 darauf, seine Arbeit in der Komintern zu bestätigen. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie vorsichtig man im Umgang sogar mit den seriösesten Quellen sein muß. Manchmal sorgt ein vollständiges oder partielles Zusammenfallen des Namens mit dem Vornamen für Verwirrung, manchmal fallen Name und Vorname des einen mit denen des anderen zusammen. Beispielsweise wurden in Moskau in den 30er und 40er Jahren häufig Leo Katz mit Leopold Katsch, d. i. Leopold Jakovlevic Katsch verwechselt, dessen Name fälschlicherweise als Kac transkribiert wurde. Der erste ist in der Bukovina, der andere in Ungarn geboren, beide sind jedoch nach ihrer Hochschulbildung Juristen und waren als Journalisten Mitarbeiter der Wiener Abteilung von TASS mit nur geringen Unterschieden, was die Arbeitsjahre betrifft. Die »Kacs« machten nicht nur den Mitarbeitern der Kaderabteilung Probleme, die Kominternforscher laufen heute Gefahr, nicht nur die beiden obengenannten Katz zu einer Person zu verschmelzen, sondern dazu noch Leo Ka(t)z. Über ihn hieß es in einer Bescheinigung aus dem Jahre 1944, er habe 1930–1932 in der Tschechoslowakei im Apparat der IAH gearbeitet. Doch wer kann sicher sein, daß es sich um eine andere Person handelt? Geriet diese Auskunft möglicherweise zufällig in das Findbuch der Personalakten der KP der Tschechoslowakei? Darüber hinaus gab es noch einen aus einer russischen Emigrantenfamilie stammenden L. Katz, der mit der TASS in Stockholm zusammenarbeitete, obwohl er in Rom geboren ist. Oder Leo Awanowicz Kac, dessen Lebensweg über den Stetl Chmeliki in Polen (geboren 1907), 1923 – nach Prag und Wien, 1925 – Paris, 1928 – Belgien, 1930 – und Berlin (»arbeitete im technischen Apparat der polnischen Gruppe« verlief. Seine Spuren verschwanden in der UdSSR, wo 1936 geplant war, ihn nach Polen auszuweisen (»ohne Verbindung mit der Partei«). Ungesicherte biographische Daten – Die erwähnten Beispiele geben Stoff zum Nachdenken, auch wenn wir zum Problem des Geburtsdatums und -orts übergehen. Die entsprechenden Auskünfte der Kaderabteilung wurden häufig aufgrund sehr beschränkter Informationen von einem konkreten illegalen Funktionär zusammengestellt, der einen »gereinigten« oder fremden Paß benutzen konnte. Die ihnen entnommenen Fragebogendaten konnten von der Wirklichkeit sehr weit entfernt sein. Die Streuung in den Angaben der Geburtsjahre und -orte konnte sehr groß sein. Die Hauptsache war, das »Kostüm«, was im Jargon der Abteilung für internationale Verbindungen Paß bedeutete, paßte in den Augen der Polizei. Ein weiterer kritischer Punkt sind die Angaben über die Nationalität: Die diversen Katzs veranschaulichen zum Teil hiermit verbundene Probleme. Wer sind sie – Juden österreichischer, ungarischer, polnischer oder russischer Abstammung? Leopold Kac(tsch) wurde in einer Auskunft »Ungar« genannt, von ihm ist ein ungarischsprachiger Brief vorhanden. Genauso unbestimmt ist die für die biographischen Auskünfte der dreißiger und vierziger Jahre typische Bestimmung »Österreicher«. Die betreffenden Person konnte Deutscher sein, und in fast jedem Land von der Wolga bis zum Rhein oder auf einem anderen Kontinent geboren und aufgewachsen sein. Solches ist für zahlreiche andere Länder und Nationalitäten charakteristisch. Bisweilen, wie bei der Feststellung der sozialen Herkunft, sind die Eltern die Orientierungspunkte, manchmal jedoch ergeben sich äußerst komplizierte Rätsel. In Österreich-Ungarn ging wie in anderen Vielvölkerstaaten über mehrere Jahrhunderte ein Prozeß des Zusammenschlusses zahlreicher Völker vor sich. Die nationale Zugehörigkeit – für die internationalistisch gesinnten Kommunisten oft eine zweitrangige Frage – wurde häufig durch das bloße Vorhandensein des Passes dieses oder jenes Staates bestimmt. Die Frau Feliks Dzieržyńskis, Zofia Sigismundowna, geborene Muskat, schrieb bis zum Ende der dreißiger Jahre in einigen Dokumenten »Polin«, und erst später galt sie als Jüdin. Heterogeneität der Materialien – Sind die Materialien der Personakten zur Tätigkeit der Kommunisten in Moskau selbst im großen und ganzen befriedigend, reichen sie in der Regel nicht aus, was die Information über die Arbeit in Österreich betrifft. Manchmal sind nur Bruchstücke (selbst über höhere Parteifunktionäre) vorhanden. Manchmal liegen zahlreiche Informationen vor, die jedoch sehr spezifischer Art sind: Es handelt sich um bestimmte Typen von Dokumenten aus den Personalakten, kollektive Eingaben, Charakteristiken, manchmal Denunzierungen, darunter Beschreibungen von Auftritten auf Kommissionssitzungen oder während der Parteisäuberungen ... So sind bspw. im Unterschied zu dem bereits erwähnten Frey die Unterlagen über Karl Tomann reichhaltiger. Ich wies bereits auf die Bedingtheit einiger Punkte der Biographie hin. Noch kompliziertere Probleme als mit der Nationalität ergeben sich mit der sozialen Herkunft, der Bildung, dem Beruf. War die Mutter Hausfrau (und häufiger arbeitete sie während eines großen Teils des Lebens), dann bestimmte der Vater die soziale Lage. Und wenn eine Person von den Verwandten erzogen wurde – was dann? Sowohl Vorfahren als auch Nachkommen wechselten ihre Tätigkeitsbereiche, es änderte sich auch ihr sozialer Status. Bauern wurde Handwerker oder Arbeiter (Koplenig z. B. wurde letzendlich zum Vertreter der politischen Elite). Sollten die Daten vorhanden sein, müßte man auch die unterschiedliche Herkunft der Eltern und manchmal die von ziemlich weit entfernten Verwandten und Vorfahren angeben. Manchmal sind die Angaben über die Bildung der Betreffenden nichtssagend (sei es Grund-, Mittel-, Hochschul- oder Selbstbildung). Das Bildungsniveau der Funktionäre wurde in der Regel durch die Selbstbildung und erst in zweiter Instanz durch die Schulung an nationalen und internationalen Bildungseinrichtungen geprägt (Koplenig absolvierte zwei Jahre Dorfschule, erlernte das Schuhmacherhandwerk und belegte einen Monatskurs der SPÖ). Man kann nicht in allen Fällen klar feststellen, ob diese oder jene Person eine Hochschule absolviert hat. Häufiger wurden nur einzelne Veranstaltungen besucht, während man politisch aktiv war. Auch nach einem erfolgten Hochschulabschluß arbeiteten die Kommunisten häufig in ganz anderen Bereichen, auch die Juristen – ungeachtet ihrer Diplome. Die effektive Bedeutung eines EKKI-Mitarbeiters (vom Referenten bis zur Stenotypistin) wurde häufig durch die Sprachkenntnisse und nicht durch die (fehlenden) Diplome bestimmt. Zahlreiche EKKI-Mitarbeiter beherrschten mehrere Sprachen. Bspw. arbeitete ein parteiloser Sowjetrusse mehrere Jahre hindurch im Apparat als Übersetzer. Epochenspezifische Prägungen der Akteure – Schließlich sei noch eine letze Frage angesprochen, die der Repressalien. Ist es möglich, zum jetzigen Zeitpunkt den Grad der Schuld eines jeden einzelnen zu beurteilen? Was soll in ihren Biographien widergespiegelt werden, wo muß man innehalten und von ihren Handlungen (und Unterlassungen) schweigen? Denn letztere könnten genauso unmoralisch, ja verbrecherisch sein. Eine der Hauptaufgaben biographischer Projekte ist die Förderung einer möglichst allseitigen Beleuchtung der kommunistischen Bewegung durch die Aufdeckung und Präzisierung von Tatsachen. Die an den von uns zu erforschenden geschichtlichen Ereignissen Beteiligten waren Menschen einer vergleichsweise jungen, doch durchaus spezifischen Epoche, die zwei Weltkriege umfaßte. Sie waren davon überzeugt, allein die Träger eines echten Menschheitsfortschrittes zu sein und die einzig richtigen Rezepte für ihre Rettung und die Beseitigung des Hauptübels, der Ausbeutung und anderer Formen von Unterdrückung und Gewalt zu kennen. Im Namen des erwarteten Triumphes des Humanismus waren sie bereit zu unethischen Handlungen – bis hin zu Verbrechen. Insofern ist es schwierig, die widersprüchlichen Mitteilungen in den Kaderakten richtig zu interpretieren, besonders, wenn statt konkreter Daten die Etikettierung als »Trotzkisten«, Stalinisten«, »Sozialfaschisten« u. a. tonangebend war. Wenn andere Quellen fehlen, die die Haltungen der unterschiedlichen Personen erklären, ist es besser, diese Quellen, die nicht nur eine Haltung des jeweiligen Autors, sondern auch den Zeitgeist widerspiegeln, mit den entsprechenden Angaben zum Dokument zu zitieren. In besonderem Maße trifft dies auf die »amtlichen« Auskünfte der Kaderabteilung des EKKI zu – hier nahm der Subjektivismus manchmal anekdotische Formen an. Der Forscher kann sich zwar für objektiv halten, und doch – wenn die notwendige Analyse unterbleibt – eine absichtliche oder ungewollte Desinformation oder ganz und gar erfundene Informationen weitergeben. Probleme der Erstellung eines Gesamtbildes – Noch ein weiterer Aspekt, der besonders für die Erstellung eines systematischen biographischen Verzeichnisses der Kominternmitarbeiter von Interesse ist. Wer soll hierin widergespiegelt werden und in welchem Umfang? Es gibt eine Tendenz, den Rahmen der Biographien durch die Einbeziehung rein technischer Mitarbeiter des EKKI wesentlich zu erweitern. Bisweilen ist es jedoch praktisch unmöglich, einen Hausverwalter des Studentenwohnheims, der manchmal zugleich als Feuerwehrmann oder Heizer arbeitete, vom Wächter des Hauptquartiers des EKKI zu unterscheiden. Auch ist es nicht immer möglich, die Arbeitsstellen der Redakteure, Übersetzer oder Stenotypistinnen festzustellen. Es liegen jedoch hunderte, wenn nicht tausende Personalakten der Mitarbeiter des Verwaltungs- und Wirtschaftsapparats vor, die manchmal sehr interessant sind. Auch besteht die Gefahr, einen Kurier, der ins Ausland entsendet wurde, mit einem Kurier (darunter Fahhrradkuriere oder Spediteure) zu verwechseln, die in Moskau oder zwischen Moskau und anderen Städten der UdSSR verkehrten. Diese waren in der Regel der Abteilung für internationale Verbindungen unterstellt. Neben einem Beitrag zur Erweiterung und Vertiefung der Kenntnisse über die Kominternmitarbeiter können wir auch die Zusammenstellungen der Strukturen und zugleich die Entstellungen bei der Abbildung der Strukturen und der Rolle bestimmter Personen im Rahmen der Bedeutungshierarchie aufklären. Gleichzeitig können wichtige Figuren (wie die erwähnten Frey, Wegerer u. a.) aus unserem Blickfeld geraten, weil wir keine Information über ihre Verbindung mit der Komintern und den ihr angeschlossenenen Organisationen besitzen. Man muß schließlich noch einmal betonen, daß zahlreiche Informationen aus den Dokumenten der Kaderabteilung mit ganz unterschiedlichem Glaubwürdigkeitsgrad in der Regel der zusätzlichen Gegenüberstellung mit anderen Quellen sowie der sorgfältigen Analyse bedürfen. Ich möchte sogar ausrufen: Möge uns dabei die durch Jahrtausende hindurch weise und dennoch sehr unbeständige Beschützerin der Geschichte, Klio, helfen!  Moscow and St Petersburg, Russia: Archives in Russia. The ArcheoBiblioBase information system on archival repositories in the Russian Federation and other sources. ArcheoBiblioBase is an information system on archival repositories in the Russian Federation, maintained in Moscow under the direction of Patricia Kennedy Grimsted in collaboration with the Federal Archival Service of Russia (Rosarkhiv). The comprehensive English edition of Archives of Russia has been published as: Archives of Russia: A Directory and Bibliographic Guide to Holdings in Moscow and St Petersburg. English-language edition edited by Patricia Kennedy Grimsted; with a preface by the Russian Editor-in-Chief, Vladimir Petrovich Kozlov (Armonk, NY, and London: M.E. Sharpe Publishers, 2000), 2 vols. cx, 1.491 pp. (see: The International Newsletter of Communist Studies, 14 (2000-2001. Contact M.E. Sharpe, email: mesinfo@usa.net). A website is maintained by the International Institute of Social History, Amsterdam. The briefer Russian edition is available at the website of the Gosudarstvennaia publichnaia istoricheskaia biblioteka (State Public Historical Library) in Moscow http://www.openweb.ru/rusarch/ (For information on Cyrillic fonts see the software page of the WWW Virtual Library: Russian and East European Studies). A website is maintained for ArcheoBiblioBase by the IISG/Amsterdam (see: http://www.iisg.nl/~abb/). The initial segment presented here, however, is only a small token of the public information needed. A second segment covering state (and former Communist Party) archives in the Russian Federation outside of Moscow and St. Petersburg is in preparation, and should be available from this website by the end of 2001. It contains data on all republican, krai and oblast' archives. Further expansion of this coverage is planned in connection with the new comprehensive Russian website for archives and archival affairs throughout the Russian Federation (see: http://www.rusarchives.ru). The data were last revised in June 2001, and hence updates coverage in the English edition of Archives of Russia (Armonk, NY: M.E. Sharpe, 2000). The data in the section »Federal Archives« reflect the Rosarkhiv 1999 reorganization of federal archives and subsequent updates. The hours of operation for Federal Archives were last revised in May 2001 and include the announced 2001 summer hours for federal and municipal archives in Moscow and St. Petersburg. An English translation of the Regulations for the Work of Users in Reading Rooms of State Archives of the Russian Federation, issued by Rosarkhiv in 1998, is also available at this website. Informations: See the new website http://www.rusarchives.ru    Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv, Copenhague, Denmark Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv/Denmark has published itsarchival recordsystem on the web. An introduction can be found at: http://www.aba.dk/arkiv/arkivformat/ arkivformat.htm. If of any interest you can take a closer look at: http://www.aba.dk/ arkiv/arkivwebcat/mikromarc/ssearch.idc?dbAlias=ABAark. Comments or questions contact: Hans Uwe Petersen: hup@net.dialog.dk    Munich, Germany: Das Gesamtverzeichnis der ausländischen mikroverfilmten Archivalien in der Bayerischen Staatsbibliothek München. Stand: 7. 8. 2001 Der reichhaltige Bestand an ausländischen mikroverfilmten Archivalien in der Bayerischen Staatsbibliothek, der von Freddy Litten betreut wird[16], enthält eine Reihe wichtiger Materialien für die (und zur) Kommunismusforschung. Hier einige Informationen aus der Einleitung zu den Bestandsbeschreibungen: Das neueste Gesamtverzeichnis stellt eine Verschmelzung des alten »Gesamtverzeichnis ...« (Stand Ende Mai 1998; die Druckfassung ist noch erhältlich) und der seitdem erschienenen Updates (früher unter http://www.bsb-muenchen.de/erwerbun/littenup.htm) dar. Auch in Zukunft wird die vorliegende Fassung alle Haupteinträge enthalten und nach Bedarf aktualisiert; die wichtigeren Änderungen werden unter http://www.bsb-muenchen.de/mikro/littenup.htm protokolliert. Informationen zu Entstehung, Aufbau und Benutzung des GVAMA-BSB finden sich in einer ausführlichen Einleitung. Ein Schlagwortregister steht ebenfalls zur Verfügung. Fragen und Anregungen zu diesem Verzeichnis senden Sie bitte an Freddy Litten. Bitte beachten Sie jedoch, daß dieses Verzeichnis die Guides zu den einzelnen Verfilmungen weder ersetzen kann noch soll. Teilweise erschließt sich sogar der volle Nutzen erst in Verbindung mit den Guides bzw. dem Material selbst (Freddy Litten). Gliederung des Bestandsverzeichnisses – Einleitende Bemerkungen – Abkürzungen – Belgien: Centre de Réchèrches et d’Études Historiques de la Seconde Guerre Mondiale (Brüssel). Frankreich: Bibliothèque Nationale (Paris) – Mehrere Repositorien. Großbritannien: Public Record Office (Kew) – Royal Archives, Windsor Castl – National Library of Scotland (Edinburgh) – Cambridge University Archives – Cambridge University Library/The War Reserve Collection (WRA-WRE) – John Rylands University Library (Manchester) – Hallward Library, University of Nottingham – University Archives, University of Reading – George Allen & Unwin Co. Ltd., Verlagsarchiv (London) – Routledge & Kegan Paul Ltd., Verlagsarchiv (London) – Amnesty International Research Archives (London) – The Wiener Library (London) – Archives of the Central British Fund for World Jewish Relief – War Resisters' International – British Broadcasting Corporation – Mehrere Repositorien – Israel – Ministry of Justice – Yad Vashem (Jerusalem) – Hebrew University (Jerusalem) – Italien. Historisches Archiv der Europäischen Gemeinschaften, Europäisches Hochschulinstitut (Fiesole) – Privatbesitz. Niederlande: Staatsarchiv Utrecht; Königliche Bibliothek (Den Haag); Institut for Soviet and East European Studies, University of Amsterdam; Internationales Institut für Sozialgeschichte (Amsterdam). Rußland (Russisches Staatsarchiv für neuere Geschichte (RGANI, früher TsKhSD) – Russisches Staatsarchiv für Sozial- und politische Geschichte (RGASPI, früher RTsKhIDNI) – Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) (=Archives of the Soviet Communist Party and Soviet State) – Russisches Staatsarchiv für neuere Geschichte (RGANI, früher TsKhSD) – Russisches Staatsarchiv für Sozial- und politische Geschichte (RGASPI, früher RTsKhIDNI) – Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) – Russisches Staatliches Wirtschaftsarchiv (RGAE) – Russisches Staatsarchiv für alte Urkunden (RGADA) – Russisches Staatliches Militärarchiv (RGVA) – Russisches Militärhistorisches Staatsarchiv (RGVIA) – Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst (RGALI) – KGB-Archiv (Moskau) – Staatliches Historisches Museum – Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften (ARAN) – Zentrales Staatliches Historisches Archiv (St. Petersburg) – Russische Nationalbibliothek – Mehrere Repositorien. Vereinigte Staaten von Amerika: National Archives (Washington/DC) – US Senate (?) – Franklin D. Roosevelt Library (Hyde Park/NY) – Harry S. Truman Library (Independence/MO) – Dwight D. Eisenhower Library (Abilene/KS) – John F. Kennedy Library (Boston/MS)– Lyndon B. Johnson Library – US Department of State (Washington/DC) – Historian's Office of the Secretary of Defense, Pentagon (Washington/DC) – US Army Center of Military History (Washington/DC) – US Army Military History Institute (Carlisle Barracks/PA) – US Army Corps of Engineers, Office of History (Alexandria/VA) – Naval Security Group Command Headquarters (Fort George G. Mead/MD) – US Naval Historical Center (Washington/DC) – Central Intelligence Agency (Langley/VA) – Library of Congress (Washington/DC)– New York Public Library – Missouri Historical Society (St. Louis/MO) – UCLA Library (Los Angeles/CA) – Russian Emigrés Oral History Collection, University of California at Berkeley – Fullerton Japanese-American Oral History Collection, California State University at Fullerton – Columbia University (New York/NY) – Hoover Institution Archives – Catholic University of America (Washington/DC) – William R. Perkins Library, Duke University – Dreyfus Collection, Harvard College Library – Houghton Library, Harvard University (Cambridge/MA) – Gordon W. Prange Collection, University of Maryland – Seeley G. Mudd Manuscript Library, Princeton University Library – George Arents Research Library, Syracuse University (Syracuse/NY) – Leo Baeck Institute (New York/NY) – Council on Foreign Relations (New York/NY – George C. Marshall Foundation (Lexington/VA) – Rockefeller Archive Center (North Tarrytown/NY) – YIVO Institute for Jewish Research (New York/NY) – Mehrere Repositorien. Verschiedene internationale Quellen: Radio Free Europe – Radio Libert Human Rights Internet. Reine Findmittel-Verfilmungen: Canada – Frankreich – Großbritannien – Registers to British Foreign Office Correspondence – Israel – Niederlande – Rußland  Vereinigte Staaten von Amerika. Schlagwortregister – Protokoll der Updates.   Quelle: http://www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htm mit Dank an F. Litten. Contacts and proposals: f@litten.de Section III  Biographical and prosopographical problems  Jacques Mayer, Berlin: Zur politischen Biographie von Willi Mielenz und August (Gustl) Mayer Jacques Mayer, Berlin, führt seit längerem biographische Hintergrundforschungen über die deutschen Kommunisten Willi Mielenz und August (Gustl) Mayer durch. Beide haben lange Jahre in leitender Stellung im illegalen Apparat des ZK der KPD gearbeitet und waren später für die Komintern tätig. Es ist geplant, die Forschungsergebnisse in geeigneter Form zu publizieren. Willi Mielenz – zur Biographie eines unbekannt gebliebenen Funktionärs. Willi Mielenz (14. 3. 1895 Berlin – 1. 8. 1942 Sowjetunion) gehört zu den unbekannt gebliebenen kommunistischen Funktionären. Dabei enthält seine Biographie alle Zutaten für eine spannende und zugleich ernsthafte Geschichte: Geheimapparat, Komintern, Fraktionskampf und Lagertod. Sein Handwerk im Apparat lernt Mielenz im Büro der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) in Berlin , dem er – zusammen mit Münzenberg und Flieg – 1920/21 angehörte. Im März 1921 wechselt er in die Zentrale der KPD und ist hier (unter dem Namen Lorenz) für Teile des illegalen Apparats verantwortlich, u. a. den Kurierdienst und die Paßfälscherabteilung. Im Mai 1922 geht er auf Anforderung O. Kuusinens nach Moskau, kommt im September 1923 (in Vorbereitung des »Deutschen Oktober«) noch einmal in die vorherige Stellung zurück und bleibt dann bis 1929 in der Komintern (Informationsabteilung und skandinavisches Ländersekretariat). Danach wechselt er wieder zur Arbeit in den KPD-Apparat. 1932 ist Mielenz kurzzeitig technischer Sekretär des ZK-Sekretariats (zwischen Flieg und Wehner) und wird im Juni 1932 von Thälmann wegen angeblicher Zugehörigkeit zur »Neumann-Remmele-Fraktion« entlassen. Er ist Instrukteur der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) für Skandinavien, steht 1933 auf der Ausbürgerungsliste Nr. 2 und arbeitet von 1935 bis 1937 als Übersetzer bei der Komintern. Er kann dann wegen schwerer Krankheit die schon beschlossene Ausreise nach Frankreich nicht antreten. 1938 wird er verhaftet, 1939 zu 10 Jahren verurteilt und stirbt am 1. August 1942 im »Siblag«. 1988 wird Mielenz in der UdSSR »rehabilitiert«. August (Gustl) Mayer – Spezialist des illegalen Verbindungsapparates. Willi Mielenz war der Vorgänger August Mayers im KPD-Apparat (1922). Die Biographie August (Gustl) Mayers (9. 6. 1898–11. 10. 1969) findet sich in groben Umrissen in den einschlägigen Lexika (z. B. »Wer war wer in der DDR?« Berlin 2000). Hier nur einige Angaben zu seiner Tätigkeit in der Komintern. 1932 ist Mayer (unter dem KI-Decknamen Anton Keller) als Instrukteur der Org.-Abteilung des EKKI in Prag (in Nachfolge von Stahlmann und Zaisser). 1933 wird er Leiter des OMS-Apparats (Apparat der internationalen Verbindungsabteilung des EKKI) in Amsterdam, wohin (vermutlich) Teile des Westeuropäischen Büros der Komintern (WEB) aus Berlin ausgelagert werden. 1936 übergibt er den Amsterdamer Apparat an Dan Goulooze und wird Leiter des OMS-Apparates in Prag, 1937 wird Mayer nach Mokau zurückgerufen, einer mehrmonatigen Befragung unterzogen und darf dann nach der Entlassung aus dem Kominternapparat Anfang 1938 nach Holland ausreisen. Kontakt – bitte auch weitere Informationen an: Dr. Jacques Mayer, Tel. +49 30 44730544, jmayer@rz.hu-berlin.de oder Wisbyer Str. 27f, D-10439 Berlin Section IV  Events and Activities from around the world  Nota bene: The complete informations about the following events may be obtained consulting the website of The International Newsletter of Communist Studies 1999 Bern/Paris, Switzerland–France: Discours de soi et pratiques identitaires dans la culture stalinienne des années 30. Colloque, Paris, Maison des Sciences de l'homme, 22-23.10.1999  2000 Moscow, Russia: Centre franco-russe en sciences sociales et humaines de Moscou London, UK: Historical, Cultural and Intellectual Perspectives on the Left in Iran. Schoool of Oriental and African Studies – University of London (SOAS). Moscow, Russia: Centre franco-russe en sciences sociales et humaines de Moscou. Cagliari, Italy: Università degli Studi di Cagliari – Convegno Internazionale – Parigi 1935. Scrittori a Congresso in Difesa della Cultura, 27-28 Novembre 2000.  2001 Paris-Nanterre, France: Laboratoire d’Analyse des Systèmes Politiques. Maison Max Weber. Séminaire »Ecritures et réecriture de l’histoire«. Journée d'études: Le »totalitarisme« à l’épreuve des terrains. Vendredi 11 mai 2001, Université Paris X-Nanterre, Maison Max Weber. Villablino, Ponferrada y León, Spain: Homenaje a Manuel Girón, guerrillero antifranquista de León Paris, France: Communisme – Débats et controverses historiographiques en Allemagne et en Italie. Séminaire de recherche, Université de Paris 1, Centre d’Histoire sociale du XXe siècle, 29 mai 2001 Florence, Italy: VI European Conference of Archives. Archives between past and Present, International Council on Archives, Italian Association of Archivists, Firenze June 30 – July 2.2001 Paris, France: Congrès Marx International III. Le capital et l’humanité, 26-29 septembre 2001 Moscow, Russia: Centre for Research and Education »Praxis«. International Conference Victor Serge and anti-totalitarian socialism, 29-30 september 2001 Dijon, France: Socialism and Sexuality. Conference organized by AMSAB Gent, IISG Amsterdam, EHESS Paris, IHC-UMR 5605 Dijon, October 5, 2001 Klagenfurt, Austria: Demokratie - Zivilgesellschaft – Menschenrechte. Österreichische Zeitgeschichtetage, 4.-6. Oktober 2001 Paris, France: Association Itinéraires et histoire ouvrière en Val-de-Marne. Table ronde sur les Brigades internationales, 24.10. 2001 Dijon, France: Adiamos 71, Association pour la Documentation, l’Information et les Archives des Mouvements Sociaux en Saône-et-Loire. Journée d’études: »Communistes de Saône-et-Loire: 80 ans d’engagement«, Montceau-Les-Mines, 1. 12. 2001 Paris, France: La dimension internationale des itinéraires militants du Komintern au Kominform. Journée internationale, Séminaire de recherche, Université de Paris 1, Centre d’Histoire sociale du XXe siècle, 4 décembre 2001 Paris, France: Servir l'Etat – Les pratiques administratives en Union soviétique. Journées d’études internationales au Centre d’études du monde russe (CNRS-EHESS), Université de Paris I-Panthéon-Sorbonne, 14-15 décembre 2001  2002 The Hague, The Netherlands: European Social Science History Conference (ESSHC), 0rganized by IISH Amsterdam, 27 February - 2 March 2002 La Chaux-de-Fonds, Switzerland: Rencontre conviviale à l’occasion de l’achèvement des Archives Humbert-Droz, Fondation Jules Humbert-Droz, 15 et 16 mars 2002 Dehli, India: Third International Conference of the Association of Indian Labour Historians, March 14-16, 2002 Bowling Green, Ohio: Midwest Slavic Conference, Bowling Green State University, 22–23 March 2002 Dijon, France: Programme des activités de l’Iinstitut d’Histoire contemporaine - UMR CNRS 5605, pour l'année universitaire 2001-2002. Université de Bourgogne Dijon, France: Institut d'Histoire contemporaine: Programme du DEA Ordre et désordre dans les sociétés européennes de la protohistoire à l’époque contemporaine, pour l'année 2001/2002. Histoire et mémoire. Cambridge, UK: Annual conference of the British Association for Slavonic and East European Studies (BASEES) 2002, April 6-8, 2002 San Francisco, California: Annual Berkeley-Stanford Conference, Center for Russian and East European Studies at Stanford University and ISEEES, April 26, 2002 Miami Beach, Florida: The Making of the Atlantic Working Classes XIIth – Bi-Annual Southern Labor Studies Conference, Center for Labor Research and Studies at Florida International University, April 26-28, 2002 Eugene, Oregon: 8th Annual Northwest Regional Conference for Russian, East European, and Central Asian Studies, University of Oregon, April 27, Berlin, Germany: The Presence of the Past. Transformation and Dealing with the Past in Eastern and Central Europe. Conference organized by The Institute for History and Biography at the Open University, Hagen, May 23-25, 2002 Chicago, Illinois: »The Soviet Global Impact: 1945-1991«, International Conference, The University of Chicago Center for East European and Russian/Eurasian Studies (CEERES), May 24-26 of 2002 St. Petersburg, Russia: The VI Plekhanov Conference, »Russia: The One Century Way, 1900 to 2000«, The Plekhanov House (Dom Plekhanova), The National Library of Russia, 30 May – 1 June, 2002 Paris, France: Russie-URSS – Sources et méthodes. Ecole des hautes études en sciences sociales, Centre d’études du monde russe, soviétique et post-soviétique. Seminaire de D.E.A. (2001-2002) Vancouver, BC, Canada: Youth and Labour. Pacific Northwest Labour History Association's 34th Annual Conference, June 6-9, 2002 Halle, Germany: 44. Deutscher Historikertag zum Thema »Traditionen - Visionen«, Universität Halle, 10. bis 13. September 2002 Vienna, Austria: Sexuality, the Working Classes and Labour Movements. 38th  International Conference of Labour and Social History (ITH). Linz, Austria, September, 12 to 14, 2002 Paris, France: Territoires et militants communistes : approches plurielles et comparées. Séminaire de recherche, Université de Paris 1, Centre d’Histoire sociale du XXe siècle. Programme pour l’année 2001-2002 Columbus, Ohio: A. F. Losev & 20th Century Human Sciences. Conference, October 18–20, 2002 at Ohio State University  2003 Ljubljana, Slovenia: 13th International Congress of Slavists, University of Ljubljana, August 2003  2005 Berlin, Germany: International Council for Central & East European Studies (ICCEES). Seventh World Congress, July 25th–30th 2005 Section V  Reviews and Reports on new publications  Eine wissenschaftliche Veröffentlichung erinnert an und diskutiert den marxistischen Gesellschaftstheoretiker und Professor Leo Kofler (1907-1995) - Christoph Jünke (Hrsg.): Am Beispiel Leo Koflers. Marxismus im 20. Jahrhundert, Münster, Verlag Westfälisches Dampfboot, 2001. 330 S.; ISBN 3-89691-427-8. Im Münsteraner Verlag Westfälisches Dampfboot ist ein Buch mit Beiträgen zum Werk des marxistischen Gesellschaftstheoretikers Leo Kofler erschienen. Der Band geht zurück auf einen wissenschaftlichen Kongress, den die Leo-Kofler-Gesellschaft e. V. unter Schirmherrschaft des Rektorats und mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung und anderen vom 29. 4.–1. 5. 2000 an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) veranstaltet hat. Von 1972 bis 1991 lehrte Kofler an der Bochumer Fakultät für Sozialwissenschaft, zuerst als Lehrstuhlvertretung und schließlich als Honorar-Professor. Mit diesem Band legt der Herausgeber sein zweites Werk im Auftrage der Gesellschaft vor. Vor einem Jahr erschienen ist eine repräsentative Textauswahl aus Koflers umfangreichem sozialphilosophischem Werk (Leo Kofler: Zur Kritik bürgerlicher Freiheit. Ausgewählte politisch-philosophische Texte eines marxistischen Einzelgängers, herausgegeben und eingeleitet von Christoph Jünke, Hamburg 2000, 241 Seiten, 29.80 DM). Das neue Buch bietet den bisher umfangreichsten Versuch einer wissenschaftlich-kritischen Auseinandersetzung mit dem Werk Leo Koflers. Das 20. Jahrhundert – ein Jahrhundert vielfältiger Erschütterungen, großer Hoffnungen und Enttäuschungen, in deren Zentrum der Marxismus stand – war auch das Jahrhundert Leo Koflers (1907–1995). Als »heimatloser Linker« und Protagonist eines undogmatischen Marxismus wurde der deutsch-österreichische Soziologe und Philosoph zu einem bedeutenden Vertreter des deutschen Nachkriegsmarxismus und einem wichtigen Vermittler von alter Arbeiterbewegung und Neuer Linker. Die Autoren stellen das Koflersche Werk in den historischen Kontext der großen theoriepolitischen Diskussionen des 20. Jahrhunderts. Christoph Jünke, Jg. 1964, studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie in Köln und Bochum, arbeitet als politischer Journalist und an einer Dissertation zu Leben und Werk Leo Koflers. Die hier versammelten Autoren (Wolfgang Fritz Haug, Ulrich Brieler, Michael R. Krätke, Jakob Moneta, Günter Brakelmann, Hartmut Krauss, Rüdiger Dannemann, Sebastian Herkommer, Werner Seppmann, Hans Heinz Holz, Wilfried Korngiebel, Horst Müller, Christoph Jünke, Reinhart Kößler, Roger Behrens) bearbeiten Problemfelder wie Theorie und Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, Marxismustheorien, Ästhetik, Anthropologie und Humanismus, Stalinismus und Neue Linke. Sie verbinden dabei die Rechenschaftslegung über das Koflersche Werk mit einer kritischen Bilanz des Marxismus im 20. Jahrhundert. Kontakt: Leo-Kofler-Gesellschaft e.V., c/o Uwe Jakomeit, Ruhrstr.29, 58452 Witten. www.leo-kofler.de und/oder Christoph Jünke, Dr.-C.-Otto-Str.94, 44879 Bochum, email Christoph.Juenke@ruhr-uni-bochum.de    French communist history on CD CD ROM »Le communisme en France, une traversée du siècle«. Auteurs: Frédérick Genevée, Roger Martelli, Jean Vigreux et Serge Wolikow. Contient les sections: Evènements, Enigmes, Dossiers, des documents (textes, affiches, photographies, bandes sonores et vidéos). CD Tarif normal : 149 F; Tarif collaborateur : 99 F. Pour PC et Mac. Contact: BMP@internatif.org    Carola Tischler: Die rote Welle. Der deutschsprachige Rundfunk aus der Sowjetunion (1929 bis 1945). Mit Beiträgen von Wolfgang Mühl-Benninghaus und Ansgar Diller, Potsdam, Verlag für Berlin-Brandenburg, 2001 (Veröffentlichungen des Deutschen Rundfunkarchivs, Bd. 29). Hervorgegangen aus einem DFG-Projekt des Deutschen Rundfunkarchivs und des Fachbereichs Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin untersucht die Studie erstmals nach Öffnung russischer Archive ein mediengeschichtlich interessantes Experiment. Die Sowjetunion war eines der ersten Länder, das fremdsprachige Rundfunksendungen für das Ausland produzierte. Vorausgegangen waren jahrelange Bemühungen vor allem der Komintern, solche Programme einzurichten. Sie scheiterten an den Einsprüchen des sowjetischen Außenkommissariats, das zu Recht diplomatische Verwicklungen voraussah. Nach den ersten deutschsprachigen Sendungen, die 1929 aus Anlaß des 12. Jahrestages der Sozialistischen Oktoberrevolution aus der UdSSR in das kapitalistische Ausland ausgestrahlt wurden, kam es tatsächlich zu vehementen Einsprüchen seitens der deutschen Regierung, die in der Folgezeit zu dem in der Presse so bezeichneten »deutsch-sowjetischen Ätherkrieg« führten. Ähnlich scharfe Auseinandersetzungen gab es nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erstaunlicherweise nicht, obwohl der deutschsprachige Dienst seit Beginn der dreißiger Jahre kontinuierlich ausgebaut wurde. Der Zustrom deutscher Emigranten nach Moskau bewirkte zwar eine spürbar professionellere Arbeit, die Nutzung als antifaschistisches Kampfmittel wurde jedoch weiterhin durch außenpolitische Rücksichtnahmen eingeschränkt. Dennoch war Radio Moskau für einen Teil des deutschen Widerstands ein wichtiger Bezugspunkt, und das Abhören wurde dementsprechend von den deutschen Behörden verfolgt. Besondere Bedeutung erlangte die Rundfunkarbeit während des deutsch-sowjetischen Krieges. Die Sendungen wurden erheblich erweitert und nun im Kampf gegen Deutschland uneingeschränkt eingesetzt. Neue Sender (Deutscher Volkssender, Sender des Nationalkomitee Freies Deutschland) und neue Sendeformen (»Geisterstimme«) kamen hinzu. Die kürzlich veröffentlichten Tagebücher Georgi Dimitroffs legen Zeugnis von der Bedeutung des Rundfunks während des Krieges ab. Zwei spätere stellvertretende Außenminister der DDR leiteten den Dienst von Radio Moskau: Georg Stibi von 1935 bis 1937 und Sepp Schwab von 1937 bis 1945. Bekannte Emigranten wie die Schriftsteller Johannes R. Becher, Willi Bredel, Fritz Erpenbeck, Hedda Zinner, die Schauspieler Heinrich Greif und Lotte Loebinger, Politiker wie Wilhelm Florin, Walter Ulbricht, Herbert Wehner oder Markus Wolf – um nur die Prominentesten zu nennen –  arbeiteten frei oder fest angestellt in den Redaktionen mit. Einleitung und Spezifika – Eine Einleitung von Wolfgang Mühl-Benninghaus (Humboldt-Universität) befaßt sich mit dem Phänomen der Massenkommunikation und Propaganda im sowjetischen Kontext, ein Kapitel von Ansgar Diller mit der Rezeption des Senders in Deutschland. Zahlreiche Archive im In- und Ausland wurden genutzt, um die bisherigen Kenntnisse, die vor allem auf Erinnerungen von Markus Wolf, Wolfgang Leonhard und weiteren Emigranten beruhten, auf eine wissenschaftlich fundierte Grundlage zu stellen. In den laufenden Text sind – schriftmäßig abgesetzt – Quellendokumente eingebaut, um das Dargelegte zu veranschaulichen. Kontakt: Carola.Tischler@Geschichte.HU-Berlin.de Laurent Rucker: Staline, Israël et les Juifs, Paris, Puf, 2001. 380 p., 145 F. L’ouvrage: Pourquoi Staline a-t-il apporté un soutien politique et militaire décisif à la création d’un Etat juif en Palestine en 1947 ? Pourquoi a-t-il lancé presque au même moment une vague de répression et de purges dont les Juifs soviétiques furent l’une des cibles principales ? A partir de documents inédits, découverts dans les archives soviétiques, Laurent Rucker retrace l’histoire des rapports entre l’URSS, Israël et les Juifs soviétiques à l’époque stalinienne. Premiers contacts soviéto-sionistes, négociations secrètes, livraisons d’armes tchèques à Israël, immigration clandestine en Palestine, procès Slansky, affaire des Blouses blanches : l’auteur revient sur tous ces épisodes en apportant des réponses neuves à de nombreuses questions posées depuis des décennies. Ce livre offre une lecture renouvelée de l’histoire de l’URSS et du Proche-Orient des années quarante et cinquante, mais également un réflexion sur le mode de fonctionnement du pouvoir stalinien et sur la place des Juifs dans l’histoire contemporaine. – L’auteur est né en 1965, docteur en sociologie politique de l’Université Paris X, Laurent Rucker est un spécialiste de l’histoire soviétique et de celle du Proche-Orient. Il est l’auteur, avec William Karel, du livre Israël-Palestine, une terre deux fois promise (Editions du Rocher, 1998) ainsi que de nombreux articles. Chercheur associé au Groupe d’étude et d’observation de la démocratie (GEODE, Université Paris X), il enseigne à l’Institut d’études politiques de Paris et appartient à la rédaction de la revue Le Courrier des pays de l’Est. Hors Collection. Contact Presse : Patricia Die. T. 01 58 10 31 90 / F. 01 58 10 31 80 / ide@puf.com. Source: To: monde.russe@ehess.fr    Stalin’s Secret Pogrom. The Postwar Inquisition of the Jewish Anti-Fascist Committee. Edited by Joshua Rubenstein and Vladimir P. Naumov. Translated by Laura Esther Wolfson. Illustrated. 527 pp. New Haven: Yale University Press. $35. Just when it seems that every scrap of essential information about the former Soviet Union has come to light, new details surface about Stalin’s bottomless pit of iniquity. A new book, »Stalin’s Secret Pogrom,« provides the full and startling case of the Jewish Anti-Fascist Committee, created with Stalin’s approval during World War II for the purpose of winning support in the West  for the Soviet war effort. Starting in 1948, 15 of the committee’s chief members were arrested and accused of various capital offenses. All 15 were innocent. Unlike the victims of the show trials of the late 1930’s, several of them vigorously defended themselves when they finally  came before a secret tribunal in 1952. All but one was executed, in the basement killing room of the Lubyanka prison in Moscow. The new book, the latest installment in the remarkable Annals of Communism series being published by Yale University Press, presents the grimly fascinating record of their trial as well as some  informed speculation about the reasons that Stalin wanted the committee members dead. The trial transcript was translated by Laura Esther Wolfson and annotated by Joshua Rubenstein, the Northeast regional director of Amnesty International USA.  Info: Complete article by Arieh Lebowitz at:  http://www.nytimes.com/2001/05/30/arts/30BERN.html. Source: To: »Labnet List« labnet@pop.iisg.nl Filoche, Gérard: «Ces années-là, quand Lionel…», Paris Editions Ramsay, 2001. 284 pp. Quel tohu-bohu quand le Premier ministre de la France, Lionel Jospin, explique le 5 juin 2001 à l’Assemblée nationale qu’il a été trotskiste… Ses adversaires, et en premier lieu, le «cabinet noir » du président sortant, Jacques Chirac, fondent sur lui: quelle aubaine pour désinformer et essayer de le discréditer aux yeux des citoyens! Mais, au contraire, pour Gérard Filoche, c’est une occasion unique de braquer les projecteurs sur les idées qui ont fondé cet engagement et qui, en quelques décennies, ont mobilisé des dizaines de milliers de militants. Retour aux sources! L’histoire sociale mondiale du XXe siècle ne se comprend pas sans Trotski. Pour les deux générations d’après-guerre. Et puis «dans ces années-là», les «sixties», il y a de quoi devenir trotskiste. Marxiste mais pas stalinien. Anticolonialiste et pas SFIO. Et voilà comment progressent Voix ouvrière, les JCR et la Ligue, l’OCI... Oui, Lionel Jospin en faisait partie, comme tant d’autres qui y ont puisé culture, rigueur, savoir-faire. »Je n’ai à formuler ni regrets ni excuses«, a dit Lionel Jospin, »J’ai rencontré dans ces contacts quelques hommes remarquables, et cela a contribué à ma formation.« Aujourd’hui plus d’un million d’électeurs votent trotskiste. Ces voix qui pourraient être positives pour la victoire de la gauche en 2002 vont-elles se reporter sur Lionel Jospin? Comment ? pourquoi? Ce livre prolonge l’histoire au coeur des enjeux politiques actuels. L’auteur, Gérard Filoche, 55 ans, inspecteur du travail, est bien connu du grand public pour ses différents livres sur le travail »jetable«, mai 68, les 35 h, les retraites. Un des principaux fondateurs des JCR et de la Ligue communiste révolutionnaire, il est aujourd’hui l’un des porte-parole de la Gauche socialiste. Source: http://www.gauche-socialiste.com/journal/annees.htm    Dieter Nelles: Widerstand und internationale Solidarität. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Essen, Klartext Verlag, 2001. ISBN 3-88474-956-0, 466 S., 88 DM. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) und ihr Generalsekretär Edo Fimmen hatten große Bedeutung im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die beiden größten gewerkschaftlichen Widerstandsgruppen, Eisenbahner und Seeleute, gehörten der ITF an. Allerdings ist dieser Widerstand heute fast vergessen. Dieter Nelles legt eine Gesamtdarstellung des ITF-Widerstands vor, dessen Akteure sich als revolutionäre Antifaschisten verstanden. Ihren Kampf gegen das NS-Regime sahen sie nicht nur als eine deutsche Angelegenheit, sondern als Teil eines weltweiten Kampfes. Dieses politische Selbstverständnis war am stärksten ausgeprägt bei den Seeleuten, deren Widerstand Hauptgegenstand dieser Arbeit ist. Ausführlich werden die Aktivitäten der ITF-Gruppen in den europäischen und amerikanischen Häfen sowie die der Vertrauensleute auf deutschen See- und Binnenschiffen behandelt. Erstmals werden auch die weitgehend unerforschten Aktivitäten der ITF-Eisenbahner während des Krieges, die Rolle der ITF und speziell der Person Fimmens im deutschen Exil sowie die Zusammenarbeit der ITF mit den alliierten Geheimdiensten auf einer breiten empirischen Grundlage dargestellt und analysiert. Am Beispiel der ITF kann der Autor aufzeigen, daß die internationale Solidarität für die illegalen Gruppen von größter Bedeutung war. Die Widerstandsforschung muß um eine internationale Perspektive erweitert werden. Im Zentrum der Dissertation steht der Widerstand in der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) organisierter deutscher Seeleute und Binnenschiffer gegen den Nationalsozialismus. Die Rekonstruktion ist eingebettet in eine Gesamtdarstellung des ITF-Widerstands und ihres Generalsekretärs Edo Fimmen. Nach einer Erörterung des Forschungsstandes, der Quellenlage und des methodischen Vorgehens werden in den beiden folgenden Kapiteln die Rahmenbedingungen und das Milieu des Widerstands sowie die politischen Traditionen von Seeleuten und ITF bis 1935 umrissen. Das vierte Kapitel behandelt die Antwerpener ITF-Gruppe um Hermann Knüfken und Kurt Lehmann, die das Zentrum des ITF-Widerstands unter den Seeleuten bildeten. Ausführlich werden Konstitution, Struktur, Aktionsfelder und politische Zielvorstellungen der Gruppe, die in der revolutionär-syndikalistischen Tradition der deutschen Arbeiterbewegung stand, dargestellt und analysiert. Ein besonderer Abschnitt behandelt auch die Tätigkeit der Gestapo in Antwerpen. Im fünften Kapitel werden die Aktivitäten der ITF unter Binnenschiffern und Seeleuten in den Niederlanden, Skandinavien, Frankreich, Schweiz und den USA behandelt. Auf die politische Orientierung des ITF-Widerstands hatten diese Gruppen bzw. Einzelpersonen aber nur marginalen Einfluß. Dieser wurde in wesentlichen Fragen von der Antwerpener Gruppe in Absprache mit Fimmen festgelegt. Der Widerstand der ITF-Eisenbahner unter Leitung Hans Jahns, die politische Rolle der ITF im deutschen Exil, die besondere Rolle Fimmens sowie die Zusammenarbeit der ITF mit dem britischen und französischen Geheimdienst sind Gegenstand des sechsten Kapitels. Das siebte Kapitel befaßt sich mit dem Widerstand der ITF während des Krieges. Nach der militärischen Besetzung Westeuropas brachen zunächst alle Kontakte des ITF-Sekretariats zusammen, das nach Großbritannien übergesiedelt war. Ein Teil der Verbindungen konnte seit 1941 von der Schweiz und Schweden aus reaktiviert werden Die Widerstandsaktivitäten der ITF während des Krieges waren eng koordiniert mit dem britischen, seit 1943 auch mit dem amerikanischen Geheimdienst. Schließlich werden in einem kurzen Ausblick die Nachkriegsbiographien der wichtigsten Akteure des ITF-Widerstands dargestellt und die Ergebnisse der Studie zusammengefaßt. Die vorliegende Arbeit hat einen zweifachen Bezug – als Beitrag zur Widerstands- und Exilforschung und zur Geschichte der (internationalen) Arbeiterbewegung. Quelle: Eigenbeitrag des Autors Dieter Nelles. Kontakt: dine@wtal.de.    Everyday Stalinism: Living Standards, Norms and values of various Groups of Soviet People in the 1920s and 1930s. IDC Publishers is is making available for the first time a new microfiche collection that contains archival material that was declassified in 1993. The contents of the materials provide an insight into the socialist society of the USSR in the 1920s and 1930s. It provides answers to questions on the cultural and political interest and economic situation of the ordinary soviet citizen within that period. How much money did a Soviet engineer earn? Did every student read Marx and own a radio? Could an average family spend enough money on food? How active were soviet citizens in socialist political movements? The archival materials in this collection, now held at the Russian State Archives of Economics (Rossiskii gosudarstvennyi archive ekonomiki - RGAE), were compiled by the Central Administration of Statistics of the USSR (TsSU), founded in 1917. Information: http://www.idc.nl/catalog/catalog.php?c=371; or Tatyana Doorn-Moisseenko: tatyana@idc.nl. Source: »Labnet List« labnet@pop.iisg.nl. Hermann Weber, in Zusammenarbeit mit Gerda Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949. Mit 91 Abbildungen, Berlin, Aufbau-Verlag, 2002. 445 Seiten. ISBN 3-351-02535-1 Aus der Ankündigung des Verlags: Der »Nestor der deutschen Kommunismusforschung«, Hermann Weber, war 1947–1949 Kursant des ersten Zweijahreslehrgangs an der SED-Parteihochschule »Karl Marx« in Liebenwalde und Kleinmachnow. Unter dem Decknamen Hermann Wunderlich studiert der Neunzehnjährige bei Victor Stern, Rudolf Lindau und Frida Rubiner, hört Vorträge von Oberst Tulpanow, Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Anton Ackermann und Hermann Duncker. Er erlebt, wie die Lehre zunehmend doktrinäre Züge annimmt, krankhafter Argwohn, Denunziation und »Selbstkritik« den Alltag bestimmen – die Trotzkismus-Phobie um sich greift. Die Flucht von Wolfgang Leonhard – »ein Donnerschlag« – versetzt die Schule in Aufruhr und stärkt seine eigenen Zweifel, die ihn bald zum endgültigen Bruch mit dem Kommunismus führen. Diesen Schritt vollzieht er gemeinsam mit seiner Kommilitonin und späteren Ehefrau Gerda Röder, die am vorliegenden Buch mitgearbeitet hat. Der erste detaillierte Einblick in die »Kaderschmiede« der SED spiegelt zugleich entscheidende historische Abschnitte: die Stalinisierung der SED und den schrittweisen Aufbau der Parteidiktatur, den sich verschärfenden Kalten Krieg und die Spaltung Deutschlands. Hermann Weber läßt in seinen Erinnerungen den Zeitzeugen wie den Historiker zu Wort kommen. Mit Blick auf die spätere Entwicklung der DDR kontrastiert er Anspruch und Wirklichkeit der Parteihochschule. Kurzportraits zeichnen den Werdegang seiner Lehrer und Kommilitonen nach, von denen einige, wie Hans Lauter oder Anton Ackermann wegen »Abweichung« gemaßregelt, in der DDR weiterhin das bessere Deutschland sahen, während andere, wie Wolfgang Leonhard, der SED-Diktatur den Rücken kehrten. Webers Bilanz ist bei aller grundsätzlichen Kritik am Stalinismus nicht die persönliche Abrechnung eines Renegaten, sondern Beitrag zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Frage, wie aus einer emanzipatorischen Bewegung, deren Anhänger zum Aufbau einer neuen, gerechten Gesellschaft angetreten waren, ein diktatorisches System wurde.  Susan Weissman: Victor Serge. The Course is set on hope, London, Verso, 2001. 364 pp. Von Reiner Tosstorff. Trotz allen proklamierten Endes der Geschichte scheint es, wenigstens außerhalb des deutschen Sprachraums, ein wachsendes Interesse für Biographien von Aktivisten und Denkern wie den belgisch-russischen Schriftsteller Victor Serge zu geben, der zu denjenigen gehört – so Jewgeni Jewtuschenko –, die für ihr Eintreten für einen wirklich menschlichen Sozialismus bestraft wurden (»for a truly humanitarian socialism was punished for his shame at the betrayal of the revolution he so longed for«). Dies zeigen Neuveröffentlichungen seiner Werke in mehreren Ländern, vor allem aber in Rußland. Dort erschienen kürzlich zum ersten Mal seine Memoiren. Sie sind, wie ein Rezensent in der NZZ (20. 11. 2001) zu Recht hervorhob, seit Erscheinen der Erstausgabe in Frankreich im Jahre 1951 eine der wichtigsten Quellen für die Frühgeschichte der bolschewistischen Revolution. Im Zusammenhang mit dieser Veröffentlichung fand Ende September 2001 in Moskau ein internationaler wissenschaftlicher Kongreß statt, der Serge in gewissem Sinne in seine Heimat zurückbrachte (auch wenn gegen Ende der Perestroika bereits erstes von ihm und über ihn publiziert wurde). Die Herausgabe der Kongreßbeiträge wie weiterer russischer Ausgaben seiner Werke ist angekündigt. Hier liegt eine »modest first examination« seiner Ansichten und Analysen zur Sowjetunion und zum Kommunismus vor, wie die Autorin, eine amerikanische Politikwissenschaftlerin, ihre Arbeit viel zu bescheiden charakterisiert. Tatsächlich handelt es sich um eine geglückte intellektuelle und politische Biographie dieses sozialistischen Kritikers des Stalinismus, die einen breiten Einblick in seine Ideen wie sein Handeln liefert. Victor Serge war der in Belgien 1890 geborene Sohn russischer, zu den »Narodniki« gehörender Flüchtlinge. Als Jugendlicher schloß er sich zunächst den Anarchisten an. Die bolschewistische Revolution brachte ihn nicht nur in die Heimat zurück, sondern auch zum Marxismus. Seit 1919 Mitglied der KP, spielte er eine wichtige Rolle beim Aufbau des Apparats der soeben gegründeten Kommunistischen Internationale, für die er zeitweise in Westeuropa tätig war. Seit 1923 beteiligte er sich er an der linken, trotzkistischen Opposition in der KPdSU und der Komintern. Dies brachte ihm nach 1927 Verfolgung ein. Inzwischen hatte er eine neue »Karriere« als Schriftsteller begonnen, nachdem er sich zuvor schon intensiv als politischer Journalist betätigt hatte. In seinen Romanen behandelte er das Schicksal seiner revolutionären Generation. Aus der sibirischen Verbannung befreite ihn 1936 eine internatio­nale Solidaritätskampagne von Schriftstellerkollegen. In Belgien und später in Frankreich lebte er ein prekäres Exil in materieller Not und immer auf der Hut vor Stalins Schergen. Denn Victor Serge spielte eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Lügenpropaganda der Moskauer Prozesse. Und 1940 führte ihn eine weitere Flucht, diesmal vor Hitlers Soldaten, zuerst nach Südfrankreich und im folgenden Jahr nach Mexiko, wo er 1947 starb. Weissmans Arbeit setzt mit seiner Ankunft in Russland Anfang 1919 ein, die Jugendjahre werden von ihr leider nur in einem kurzen Rückblick abgehandelt. Serges weiterer Werdegang wie die Entwicklung seiner Ansichten werden dafür ausführlich rekonstruiert. Dabei geht die Autorin von seinem schriftstellerischen Werk aus, neben den Memoiren seine im Rückblick geschriebenen Romane wie seine politischen und historischen Arbeiten. Diese setzt sie mit zahlreichen weiteren historischen Quellen in Verbindung und prüft, wie weit Serges Sicht davor Bestand hat. Ausführlich diskutiert sie die Analysen und Interpretationen Serges über die Entwicklung des Kommunismus und der Sowjetunion. Seine Äußerungen zeigen intellektuelle Aufrichtigkeit in schonungsloser Selbstkritik und damit Unkorrumpierbarkeit durch die Macht. Die Erfahrungen mit der, wie er sie bezeichnet, »Stalinschen Konterrevolution« schärften seinen Blick für die Entstehungsperiode der bolschewistischen Macht. Besonders die Bildung der Repressionsorgane, allem voran der Tscheka, rückte er in den Vordergrund seiner Kritik. Wegen seiner divergierenden Einschätzung des Kronstädter Aufstands kam es zum Bruch mit Trotzki, was allerdings nichts an seiner Hochachtung für dessen Rolle zunächst in der Revolution und dann im Kampf gegen Stalin änderte. Bei aller Kritik und entschiedener Ablehnung der totalitären Entwicklung der UdSSR forderte er die Verteidigung des Erbes der russischen Revolution gegen die stalinschen Usurpatoren und setzte seine Hoffnungen auf eine demokratische und revolutionäre Erneuerung des Sozialismus. Daran ändern auch die Anzeichen einer wachsenden Resignation in den letzten Monaten seines Lebens letztlich nichts. Mit anderen hatte Serge gehofft, daß aus dem Ergebnis des Kriegs heraus die Despotie in der UdSSR beseitigt werden könne, wie die Monarchien Europas nach dem Ersten Weltkrieg gefallen waren. Statt dessen mußte er die gewachsene Macht Stalins konstatieren. Doch Susan Weissman verzichtete zu Recht darauf, das gesamte Werk Serges und seine über die Jahre vertretenen Anschauungen, für die er einstand, neu zu interpretieren. Dazu waren diese wenigen Äußerungen zu widersprüchlich und blieben letztlich auch nicht ausreichend ausformuliert. Susan Weissman, die sich auch vergeblich um das Auffinden seiner bei der Ausweisung 1936 aus der UdSSR beschlagnahmten Manuskripte bemühte, hat mit ihrer Arbeit jedenfalls Maßstäbe gesetzt. Daran kann auch nichts ändern, daß die weitere systematische Durchsuchung z. Zt. noch verschlossener russischer Archive nach Spuren seiner Aktivitäten in der Komintern wie in der Opposition sicher noch viele weitere Facetten erschließen wird. Dadurch würde zweifellos der Aktivist Serge stärker in den Vordergrund gerückt. Doch ihr Anliegen war zunächst, den Schriftsteller und Publizisten Serge, als der er heute vornehmlich bekannt ist, zu würdigen. Das ist ihr mit diesem wichtigen Beitrag zur Deutung der russischen Revolution und des Kommunismus im 20. Jahrhundert in ausgezeichneter Weise gelungen.    Klaus J. Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz 1946-1956, Mainz, v. Haase u. Koehler, 2001 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 22), 583 S. Von Günter Braun, Mannheim. Darstellungen zur Regionalgeschichte der kommunistischen Bewegung in den westlichen Besatzungszonen respektive der Bundesrepublik sind rar. Neben einer Bochumer Disserta­tion von Gudrun Schädel über die KPD in Nordrhein-Westfalen (1970) ist Gerhard Keiderlings 1997 erschienene Arbeit zur Reorganisation der Gesamtberliner Bezirksorganisation anzuführen (»Wir sind die Staatspartei«). Wer sich darüber hinaus für regionale Aspekte in der Nachkriegshistorie der Kommunistischen Partei im Westen Deutschlands interessiert, muß auf Überblicksdarstellungen zurückgreifen. Mit der Studie von Klaus Becker – eine leicht überarbeitete Dissertation, die im Mai 1999 von der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim angenommen wurde – wird der Forschungsstand auch insofern erheblich erweitert, als die rheinland-pfälzische KPD eine westzonale bzw. bundesweite Besonderheit aufzuweisen hatte: Nirgendwo sonst im westlichen Nachkriegsdeutschland war die Position der Kommunisten in den Gewerkschaften und Großbetrieben so stark wie hier – die kommunistische Betriebsgruppe in der Ludwigshafener BASF galt zunächst als die größte Betriebsorganisation der KPD in den Westzonen. Außerdem sicherte dieser Einfluß in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine gute Mitglieder- und Wählerbasis für die Partei. Ohne einen ausführlichen Rekurs auf die personellen und organisationspolitischen Tradi­tionslinien (Kapitel 2) bliebe die besondere Entwicklung der rheinland-pfälzischen KPD unverständlich. Becker konzentriert sich dabei notwendigerweise auf die pfälzische Bezirksorganisation. Sie war eine Hochburg des innerparteilichen Linksradikalismus, Konflikte mit der Berliner KPD-Spitze standen zwischen 1925 und 1929 auf der Tagesordnung. Zudem war die KPD in der Pfalz von dramatischen Arbeitskämpfen in der Ludwigshafener Chemie-Industrie geprägt. Die Erfolgsgeschichte der Nachkriegsorganisation (Kapitel 3) begründet der Autor vor allem mit der hohen personellen Kontinuität. Unter den 1945 wieder integrierten ultralinken Kommunisten waren die noch immer hohes Ansehen genießenden Streikführer der 20er Jahre. Ihnen gelang es, diese beachtliche betriebliche und gewerkschaftliche Basis aufzubauen. Überdies hatten die Kader der vorderpfälzischen KPD nach Kriegsende zunächst die Führungsrolle in der Landespartei inne. Allerdings waren damit erneute kaderpolitische Konflikte vorprogrammiert. Die zweite Phase in der Entwicklung der rheinland-pfälzischen KPD-Geschichte, die Becker von 1948 bis 1951 datiert (in Kapitel 4), »war intern gekennzeichnet von der zweiten Stalinisierung der Organisation und gesellschaftspolitisch von der Ausgrenzung der Kommunisten« (S. 324). Zwischen dem Bezirk Pfalz und der Landesleitung brach ein Machtkampf auf, nachdem der Sitz der Regionalorganisation von Ludwigshafen nach Mainz verlegt und Herbert Müller als Landesvorsitzender abgelöst worden war. Die innerparteiliche Säuberungswelle im Rahmen der »Titoismus«-Kampagne drängte die bisherige, dem linken Parteiflügel zuzurechnende Funktionärsriege aus der KPD. Nach der Ablösung der ehemaligen »Westemigranten« ging die Parteiführung auf in der Sowjetunion geschulte Kriegsgefangene über. Von diesem erzwungenen »Abgang führender Persönlichkeiten und der mit ihnen sympathisierenden Wähler erholte sich die KPD in Rheinland-Pfalz nie wieder« (S. 324). Die dritte historische Phase zwischen 1951 und 1956 unterscheidet sich von der Entwicklung der Gesamtpartei nicht. Becker charakterisiert sie zusammenfassend als »ein komplexes Verhältnis zwischen staatlicher Marginalisierung des Kommunismus durch administrative, juristische und politische Maßnahmen und seiner Selbstghettoisierung durch ein ausgeprägtes Lagerdenken und durch die doppelte Fernsteuerung aus Moskau und Ostberlin« (S. 325). Abschließend wird die Zeit des Parteiverbots und der Illegalität von 1956 bis 1968 behandelt. Die gut lesbare, sehr gründliche und überzeugend strukturierte Darstellung wäre ohne die 1990 erfolgte Öffnung des Zentralen Parteiarchivs der SED in dieser Form nicht zu schreiben gewesen. Umfangreiche Bestände zur regionalen Gründungsgeschichte der KPD sind seit langen im französischen »Besatzungsarchiv« (Archives de l’occupation francaise en Allemagne et en Autriche) in Colmar zugänglich. Wichtige Überlieferungen für das Thema enthält darüber hinaus der im Stadtarchiv Ludwigshafen verwahrte Nachlaß von Herbert Müller. Der Anhang des Bandes - insgesamt 215 Seiten – zeugt von einer Fleißarbeit. Neben dem ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis werden die Wahlergebnisse der KPD dokumentiert (detailliert auch für die Kommunalwahlen mit Angabe der errungenen Mandate), sodann die Parteitage aufgelistet, schließlich wird der Organisationsaufbau bis auf die Ebene der Kreise dargestellt. Dem folgt ein Abschnitt zur Mitgliederentwicklung, bevor Becker die personelle Struktur auf der Führungsebene in den Bezirken bzw. im Landesvorstand vorstellt. Auf annähernd 100 Seiten präsentiert der Autor anschließend biographische Notizen über führende rheinland-pfälzische Funktionäre der KPD.    Guldet fra Moskva. Finansieringen af de nordiske kommunist partier 1917-1990. Edited by Morten Thing, Copenhagen, Forum, 2001. Financial relations between the Communist International or Moscow and national communist movements have aroused great interest from the very beginning of the communist movement. The Nordic communist researchers have contributed to this question by publi­shing the book »Guldet fra Moskva. Finansieringen af de nordiske kommunist partier 1917-1990« (Gold from Moscow. Finances of the Nordic communist parties, 1917-1990 – in Danish). The book, which is edited by Morten Thing from Copenhagen, in cooperation with Lars Björlin from Stockholm, consists of seven articles. Of those Sven Holtsmark’s contribution presents the general mechanisms of the finance in the communist movement in 1917-1990, the others deal with the financial relations between Moscow or the German Demo­cratic Republic and the Communist Parties of Denmark, Finland, Iceland, Norway and Sweden. Besides the articles the book includes some documents revealing financing of communist parties after the Second World War. Thanks to: Morten Thing and Tauno Saarela    Kristina Küntzel: Von Nižnij Novgorod zu Gor’kij. Metamorphosen einer russischen Provinzstadt. Die Entwicklung der Stadt von den 1890er bis zu den 1930er Jahren. Stuttgart. Mit 36 Abbildungen (Franz Steiner Verlag) 2001. 318 S., (Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europas, Bd. 60). Von Wolfgang Schlott, Bremen Die sozial- und kulturgeschichtlich angelegte Untersuchung zur Stadtgeschichte der bedeutenden Handelsstadt an der Wolga beleuchtet zwei einschneidende Modernisierungsphasen bzw. Umbruchsphasen, denen Nižnij Novgorod vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts ausgesetzt war. Es handelt sich dabei um die Forcierung der wirtschaftlichen Entwicklung nach der Neugründung der Messe 1896 und die einschneidenden Maßnahmen der Bolševiki nach dem Oktoberumsturz von 1917. Die untersuchten sozialökonomischen- und kulturellen Prozesse im Zeitraum bis 1917 fokussieren vier Darstellungsfelder: die urbane Bedeutung des Pečerskij-Klosters für N. Novgorod, die Fabrik Sormovo als Beispiel für die industrielle Entwicklung, die Allrussische Industrie- und Kunstausstellung 1896 und die Herausbildung einer städtischen Kultur auf der Grundlage von Theater, Bildungseinrichtungen und Zirkelkultur. Die Umbruchphasen nach 1917 analysiert K. unter Rückgriff auf die drei wesentlichen Untersuchungsfelder der Vorrevolutionszeit, um deren Funktionsveränderung (Auflösung des Klosters, Schließung der Messe und Umwandlung von Sormovo in einen sozialistischen Betrieb) in den 20er und 30er Jahren unter Einbeziehung von Theaterleben und Bildungseinrichtungen zu untersuchen. • Einleitend setzt sich K. mit der Forschungsgeschichte zur Stadtentwicklung in Osteuropa auseinander. Unter Rückgriff auf die einschlägigen Arbeiten von Carsten Goerke, Eduard Mühle, Manfred Hildermeier, Dittmar Dahlmann, Guido Hausmann, Karl Schlögel u. a. zur russischen Stadtentwicklung, zahlreichen neueren russisch- und englischsprachigen (Michail Volkov, Michael Hamm, Joseph Bradley) Publikationen sowie Standardwerken zur westlichen Stadtforschung (Richard Sennett) zeichnet sie die strukturellen Bedingungen einer sozial- und kulturgeschichtlichen Umgestaltung von N. Novgorod nach. Ausgangspunkt ihrer diachronen Betrachtungsweise unter Berücksichtigung verschiedener Perspektiven ist der okzidentale Stadttypus, der sich durch autonomes Recht und durch besondere Handelsrechte auszeichnete im Gegensatz zur russischen Stadt, die weitgehend von der Zentralmacht abhängig war. K. vermag nun aufzuzeigen, daß N. Novgorod in der russischen Stadtentwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts ein positives Beispiel für eine sich modernisierende Handels- und Industriestadt darstellt, deren Entwicklung nach 1917 in vieler Hinsicht unterbrochen wird. Mit der abrupten Schließung des Klosters wurden tradierte kulturelle Stränge abgeschnitten, unter dem allmählichen Niedergang der berühmten Messe lösten sich die Handelstraditionen auf, die administrativen Eingriffe in das Theaterleben und die Bildungseinrichtungen dienten der Durchsetzung zentralisierter ideologischer Vorgaben. Die intensive Förderung des Industriebetriebs Sormovo verstärkte die Trennung N. Novgorods in Altstadt und Industriegelände und brachte das typische sowjetische Stadtmuster hervor: »kultivierte« Altstadt und verödete Randgebiete. Nicht zuletzt aus diesem Grund kommt die Verfasserin zu dem Schluß, daß N. N. im Zuge des 1. Fünfjahresplans (1928–1932) eine stabile sowjetische Struktur erhalten habe, wobei die Stadt allerdings ihre vormalige Identität weitgehend aufgeben mußte. • Bedingt durch die fehlenden fundierten sowjetischen Arbeiten zur Stadtgeschichte zwischen 1917 und 1985 ist K. in dem Schluß ihrer Untersuchung gezwungen, auf die Darstellung der Entwicklungsphase von N. N. bis zur Auflösung der Sowjetunion zu verzichten. Der kulturgeschichtliche Niedergang der Wolgastadt von einer sich entfaltenden Industrie- und Kulturmetropole zu einem militärischen Sperrgebiet nach 1945 bedarf also einer weiteren Untersuchung, für welche die vorliegende Arbeit die besten Voraussetzungen bietet. Ihre fundierte historiographische Darstellung in Verbindung mit einer – allerdings nicht durchgängig geleisteten – quellenkritischen Auseinandersetzung mit sowjetischen Affirmationsberichten sowie einem forschungsinnovativem Zugang (Archivstudien, Interviews) bildet die Grundlage für eine Stadtgeschichtsforschung, die nunmehr auch in der Russischen Föderation den uneingeschränkten Zugang zu Archiven nutzen kann. Mit ihrer lebendig geschriebenen Studie, die mit zahlreichen Tabellen, mehr als dreißig fotografischen Illustrationen, einem umfangreichen Literaturverzeichnis und einem Personenregister ausgestattet ist, gelingt es der Verfasserin, wesentliche Strukturen russischer und sowjetischer Stadtentwicklung überzeugend und anschaulich darzustellen – für die historiografische Forschung und für die nicht eingeweihten Laien.    Chaqueri, Cosroe: The Russo-Caucasian Origins of the Iranian Left. Social Demo­cracy in Modern Iran, Richmond, Surrey, Curzon Press, 2000. 224 pp. This is the British edition (American edition: Seattle, University of Washington Press, 2001, 350 pp.) of a book which reconstructs and analyses the history of left-wing politics in Iran and it’s Russo-Caucasian origins during the Persian Constitutional Revolution, when it first took root and developed. It is also a history of the formative years of the socialist movement in Iran between the first Russian Revolution of 1905, when Iran first felt the organisational influence of Russian Marxism, and the suppression of the Iranian constitutional regime by Tsarist bayonets in the shadow of the British government support at the end of 1911, leaving a lasting impact on the subsequent developments of leftist politics in Iran. Significantly, this is the first study to unearth, unravel, reconstruct and examine the decisive role of social democracy in Iran’s most important transformation in modern times. It recovers a vital part of Iran’s modern history consciously buried in historical oblivion. Based on two decades of painstaking research in neglected Iranian, Azeri, Armenian, Georgian, Russian, British, German, French and American sources and archives, it is the first scholarly study to explain the deep roots and consequences of the Iranian Constitutional Revolution of 1905–1911 as well as its truly international character. Written from a multi-disciplinary perspective, the study throws light both on the past and the future of that revolution and casts scholarly doubt on well-established cognitive categories regarding the history of Iran in modern times, raising the level of discourse on the question of revolution in the countries of the south. It is a significant step in the direction of explaining the terra incognita that Iran remains to this day. Origins of the Tudeh Party – Cosroe Chaqueri, our correspondent for the history of Iranian Communism, has also published: »Did the Soviets play a role in founding the Tudeh Party«. In: Cahiers du Monde Russe, Paris 40 (1999), 3, 497-528 (analysis based on the documents of the Comintern). Source: Announcement of the publisher Chaqueri, Cosroe: »Did the Soviets play a role in founding the Tudeh Party«. In: Cahiers du Monde Russe, Paris 40 (1999), 3, 497-528. (Analyse basée sur les documents du Comintern). Id.: The Russo-Caucasian Origins of the Iranian Left. Social Democracy in Modern Iran, Richmond, Surrey, Curzon Press, 2000. 224 pp. This is the British edition (American edition: Seattle, University of Washington Press, 2001, 350 pp.) of a book which reconstructs and analyses the history of left-wing politics in Iran and it’s Russo-Caucasian origins during the Persian Constitutional Revolution, when it first took root and developed. It is also a history of the formative years of the socialist movement in Iran  between the first Russian Revolution of 1905, when Iran first felt the organisational influence of Russian Marxism, and the suppression of the Iranian constitutional regime by Tsarist bayonets in the shadow of the British government support at the end of 1911, leaving a lasting impact on the subsequent developments of leftist politics in Iran. Significantly, this is the first study to unearth, unravel, reconstruct and examine the decisive role of social democracy in Iran’s most important transformation in modern times. It recovers a vital part of Iran’s modern history consciously buried in historical oblivion. Based on two decades of painstaking research in neglected Iranian, Azeri, Armenian, Georgian, Russian, British, German, French and American sources and archives, it is the first scholarly study to explain the deep roots and consequences of the Iranian Constitutional Revolution of 1905-1911 as well as its truly international character. Written from a multi-disciplinary perspective, the study throws light both on the past and the future of that revolution and casts scholarly doubt on well-established cognitive categories regarding the history of Iran in modern times, raising the level of discourse on the question of revolution in th