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Brandler und der deutsche Kommunismus

JHK 2002 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 389-392 | Aufbau Verlag

Autor/in: Hermann Weber

Becker, Jens: Heinrich Brandler. Eine politischen Biographie, Hamburg 2001, VSA-Verlag, 511 Seiten.

Gruppe MAGMA: »...denn Angriff ist die beste Verteidigung«. Die KPD zwischen Revolution und Faschismus, Bonn 2001, Pahl-Rugenstein Verlag, 295 Seiten.

 

Das Links-rechts-Schema in der Politik war innerhalb der KPD der Weimarer Republik besonders ausgeprägt. Die Fraktionenkämpfe in dieser Partei wurden vor allem in den zwanziger Jahren fast nur unter dem Gesichtspunkt geführt, die jeweils »rechten« oder »linken« gegnerischen Gruppen in der Partei anzugreifen, zu besiegen und möglichst aus deren Reihen zu entfernen. Dies besonders, nachdem durch die Stalinisierung der Komintern, der KPdSU und auch der KPD »rechte« oder »linke« Abweichungen von der politischen Generallinie als Parteifeinde diffamiert wurden.

Ein Blick auf die Protagonisten der kommunistischen Bewegung wie auf Führer solcher »Rechtskommunisten« oder »Linkskommunisten« zeigt allerdings, daß dieses Schema selbstverständlich eine Vereinfachung war, die inneren Streitigkeiten durchaus andere Beweggründe hatten. Der Prototyp des Rechtskommunismus, Nikolai Bucharin, bekam erst durch Stalins »Linkswendung« von 1928 diese Etikettierung, denn immerhin war er 1918 bei der Auseinandersetzung mit Lenin noch der Führer der »linken« Kommunisten. Ähnlich sah es in Deutschland aus, wo Heinrich Brandler bis heute als Kopf der »Rechtskommunisten« gilt. In den Debatten um die März-Aktion 1921 und die »Offensivtheorie« stand Brandler aber gegen Paul Levi auf dem »linken« Flügel. Biographische Untersuchungen können zur Erhellung der Rolle des Rechts-links-Musters in der KPD beitragen, unterschiedliche politische Strategien erklären und damit zugleich Einblicke in die Entwicklung des Kommunismus ermöglichen. Die vorliegende Biographie Brandlers von Jens Becker ist dafür geradezu beispielhaft.

Während in den beiden letzten Jahren relativ wenig über die KPD der Weimarer Republik publiziert wurde,[1] finden interessante kommunistische Persönlichkeiten jedoch wieder Interesse.[2]

Und so ist es auch zu dieser »überfälligen Untersuchung« (Klaus Fritzsche in der Vorbemerkung zu Jens Becker) gekommen, einem Standardwerk über den »rechten« Kommunisten Heinrich Brandler (1881–1967). Im Lebensweg Brandlers, eines Führers der Arbeiterbewegung, der in seinen politischen Aktivitäten meist »zwischen allen Stühlen« saß, widerspiegeln sich zahlreiche Probleme der Arbeiterbewegung. Und Becker hat es verstanden, anhand der Biographie Brandlers diese Zeit spannend zu beschreiben. Das war vor allem möglich, weil ihm bisher geheimes Archivmaterial zur Verfügung stand. Insbesondere konnte Becker relevante Akten aus dem Komintern-Archiv in Moskau benutzen. Das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis belegt, daß der Autor an Hand vieler weiterer Archivalien und durch gründliche Auswertung des Forschungsstandes Brandlers politischen Weg quellengesättigt beschreibt. Darüber hinaus gelang es Becker, die Entwicklung der Arbeiterbewegung und des deutschen Kommunismus über Jahrzehnte hinweg nachzuzeichnen.

Dies leistet er (außer in der Einleitung und in einem »Fazit«) in acht Kapiteln. Zunächst werden Brandlers »Erfahrungen in der Vorkriegssozialdemokratie« beschrieben. Schon in der Jugend im nordböhmischen Warnsdorf, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, zeigt sich das politische Interesse Brandlers. Als er neun Jahre alt war, starb sein Vater, und wie dieser erlernte Heinrich Brandler das Maurerhandwerk. Becker schildert nicht nur die schwere Jugend Brandlers, sondern auch die Folgen seines Arbeitsunfalls, dessen »fatales Resultat« ihn äußerlich zeitlebens prägte: »Ein Buckel und eine riesenhaft breite Schulter«, und aus diesem verkrüppelten Körper ragte »ein Kopf von außerordentlicher Kraft in Form und Ausdruck« hervor. Genau das war auch mein Eindruck, als ich den weit über 70jährigen Brandler in den fünfziger Jahren kennenlernte und Anfang der 60er hin und wieder traf (und mit ihm korrespondierte).[3]

Die Arbeiterbewegung hat Brandler früh geprägt. Mit 16 Jahren trat er bereits der Gewerkschaft bei, dann begann er seine dreijährige Wanderung durch Europa. 1901 ließ er sich in Hamburg nieder, wo er Mitglied und rasch Funktionär der Sozialdemokratie wurde. Er stand auf dem linken Flügel und verkörperte bald jenen Typus des Arbeiterführers, der selbst aus dem proletarischen Milieu kam und sich »von der Pike« auf für die Interessen der Arbeiter einsetzte. Brandler verstand sich immer als Praktiker, doch zugleich trieb ihn – wie damals die meisten Linken – ein wahrer Bildungshunger, und gegenüber theoretischen Problemen war er immer offen. Becker vermittelt anschaulich, daß sich Brandler neben seinen gewerkschaftlichen Aktivitäten (1914 wurde er hauptamtlicher Sekretär des Bauarbeiterverbandes in Chemnitz) vor allem in der Arbeiterfortbildung engagierte.

Im nächsten Kapitel geht Becker der politischen Entwicklung Brandlers im Ersten Weltkrieg nach. Als Internationalist wandte sich Brandler gegen die »Vaterlandsverteidigung« und die Kriegspolitik der SPD, und er wurde durch den Krieg radikalisiert. Für ihn war die veränderte Haltung der Sozialdemokratie, die Burgfriedenspolitik, eine Katastrophe, die ihn auch persönlich traf. Wie bei vielen Sozialisten bestimmte dieses Ereignis Brandlers weiteren Lebensweg, er wurde Kommunist.

Brandlers politische Tätigkeit in der KPD, insbesondere seine Rolle als Parteivorsitzender 1921 bis 1923 (dieses Kapitel umfaßt 125 Seiten mit knapp 1000 Anmerkungen!) beschreibt Becker bis ins Detail. Da diese Zeit hier im »Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung« in den Grundlinien bereits von Jens Becker und Harald Jentsch dargelegt wurde,[4] braucht auf Einzelheiten nicht noch einmal eingegangen werden. Becker schildert Brandlers Leben und Wirken objektiv und mit Sympathie, ohne jedoch apologetisch zu sein. Er erfüllt seinen eigenen Anspruch, nicht nur eine Forschungslücke zu schließen, sondern auch »einem wichtigen, besonders in der kommunistischen Bewegung umstrittenen Akteur historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen«, voll und ganz. Und damit gelingt es dem Autor, anhand der Biographie Brandlers die unterschiedlichen Phasen der KPD und der KPO der Weimarer Republik, in der Emigration und im Widerstand gegen Hitler differenziert, kritisch und einsichtig vorzustellen. In der stalinistischen KPD sah Brandler, der »sperrige und widerspruchsvolle« politische Mensch (Becker in seinem Fazit), für sich keinen Platz. Brandler war zwar selbst doktrinär und partiell intolerant, hat den Stalinismus in seiner Tragweite verkannt und teilweise sogar beschönigt, Becker zeigt ihn dennoch als einen selbständigen »Marxisten und Revolutionär« und »Ketzer im marxistisch-leninistischen Kommunismus, der dafür die Exkommunikation auf sich nahm«. Da Brandler sich – anders als sein späterer Nachfolger Thälmann[5] – Stalins Anweisungen nicht willenlos unterwerfen wollte und nicht zum Opportunisten und Karrieristen wurde, konnte er ab 1928 nur noch in kleinen Gruppen wirken.

Die »Reinigung« der KPD von »rechten« Kommunisten wie Brandler und auch von Linkskommunisten, ja überhaupt von unabhängigen Strömungen und Personen im Rahmen ihrer »Bolschewisierung« – genauer gesagt ihrer Stalinisierung – in den zwanziger Jahren war eng verknüpft mit ihrer Einbindung in die Kommunistische Internationale. Da dort zunehmend die russischen Bolschewiki und dann Stalin bestimmten, ist die Entwicklung der KPD als »Sektion« der Komintern nur im Kontext mit der Politik Moskaus zu verstehen.

Darauf wird auch in einem Buch über die KPD »Zwischen Revolution und Faschismus« verwiesen. Vergißt man die großspurige Ankündigung des Verlags[6], es handele sich um eine »Monographie mit Handbuch-Charakter«, so ist es ein interessanter Versuch, einige Probleme der KPD zu erörtern. Die fünf Autoren, in den sechziger Jahren geboren und etwa so alt wie Jens Becker, geben der Rolle von dessen Helden Brandler allerdings keinen Raum. Das Buch will einen »Überblick über das politische Profil wie über die Faschismusanalyse der KPD im Rahmen der Weimarer Republik« liefern.

In einem zweiten Teil »wird danach gefragt, was für die Partei die Kategorie Volk bedeutete, wie sie zu Nationalismus und Antisemitismus sowie zur Frauenbewegung stand«. Ein großes Programm, das »MAGMA«, die fünf männlichen Autoren (M. Grzzegorczky, A. Bodden, G. Jäger, M. Aschmoneit und A. Feuer­herdt) nach eigener Angabe zunächst in einem Jahr erarbeiten wollten, doch brauchten sie dann schließlich fünf. Ihre Darstellung berücksichtigt den Forschungsstand, eigene Archivarbeit ist nicht erkennbar. Die Einschätzungen der Autoren sind keineswegs unkritisch, sie schreiben, ihre Kritik an der KPD sei »stellenweise schonungslos«, aber ihr Respekt gelte »uneingeschränkt denjenigen, die Widerstand gegen den deutschen Faschismus leisteten«, und dies »zum Teil noch heute« tun.

Damit wird klar, MAGMA beansprucht nicht, eine weitere wissenschaftliche Untersuchung zur KPD vorzulegen, sondern will die Partei eher unter politischen Gesichtspunkten prüfen. Auf gewisse Brüche in der Gliederung, verkürzte oder unausgeglichene Wertungen usw. ist kritisch hinzuweisen. Da das Buch offensichtlich für ein breiteres Publikum geschrieben ist, bleibt zu fragen, warum die Autoren von einigen Personen (neben Ulbricht, Pieck oder Münzenberg, auch Brüning oder Schleicher) Lebensdaten anführen, von anderen (eben Brandler, aber auch Thälmann) nicht. Leider fehlt (wie übrigens auch bei Becker) ein Personenregister.

Am Schluß stellen MAGMA in einem »Fazit« fünf Thesen auf. Dabei wird hervorgehoben, daß die KPD über einen »unzulänglichen Faschismusbegriff« verfügte. Das erscheint jedoch bei den verheerenden Faschismus-Thesen (»So­zialfaschismus«, Bezeichnung aller Gegner der KPD, selbst der Brandlerschen KPO, als Faschisten) stark untertrieben. Die Verfasser verweisen zu Recht darauf, daß es sich genaugenommen um die »Faschismusanalyse« der Komintern handelte, und sie charakterisieren die KPD als eine patriotische Partei, die überdies selbst nach 1945 noch »bei ihrem nationalistischen Muster« verharrte.

Gegenüber der Untersuchung von Becker, in der große Mengen Quellen erschlossen wurden und die so die wissenschaftliche Aufarbeitung des deutschen Kommunismus voranbringt, beschränkt sich die Gruppe MAGMA darauf, anhand bisheriger Veröffentlichungen neue (nicht unbedingt originelle) Überlegungen einzubringen. Beide Bücher beweisen indes, daß auf einem derzeit fast vernachlässigten Gebiet der Kommunismus-Forschung weiterhin gearbeitet wird. Seit der Öffnung der östlichen Archive dominieren nämlich die Darstellungen über den Kommunismus als Terrorregime. Immer häufiger werden neue, schreckliche Seiten, insbesondere des Stalinistischen Terrors der dreißiger Jahre, untersucht.[7]

So notwendig zusätzliche Enthüllungen über kommunistische Regime als Terror-Systeme sind, so darf doch die Untersuchung der anderen Seite nicht übergangen werden: der Kommunismus war auch eine radikale, soziale Bewegung, die ursprünglich aus der Arbeiterbewegung entstanden war, dann allerdings durch die Stalinisierung bis zur Unkenntlichkeit verändert wurde. Das sollte heute nicht aus dem Blick geraten, und insofern sind Werke wie das von Becker, aber selbst Darstellungen wie die der Gruppe MAGMA (bei allen Unterschieden) wichtige und nützliche Veröffentlichungen.

 


[1] Vgl. Kinner, Klaus: Der deutsche Kommunismus. Selbstverständnis und Realität. Band 1, Die Weimarer Zeit. Berlin 1999. Wirsching, Andreas: Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg. Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918–1933/39. Berlin und Paris im Vergleich. München 1999. Vgl. auch Keßler, Mario: Heroische Illusion und Stalin-Terror. Beiträge zur Kommunismusforschung. Hamburg 1999.

[2] Ullrich, Volker: Der ruhelose Rebell. Karl Plättner 1893–1945. Eine Biographie. München 2000. Vgl. dazu meine Besprechung „Pfemfert, Plättner und Hoelz“ in Deutschland Archiv, 34. Jahrg. 2001, S. 485ff.

[3] Vgl. Weber, Hermann (Hrsg.): Unabhängige Kommunisten. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Brandler und Isaac Deutscher 1949–1967. Berlin 1981, S. 252ff.

[4] Becker, Jens und Harald Jentsch: Heinrich Brandler – biographische Skizze bis 1924, JHK 1996; Berlin 1996, S. 273–295 sowie Dies. Heinrich Brandler – biographische Skizze 1927–1967, JHK 1998, Berlin 1998, S. 305–329.

[5] Vgl. Dazu jetzt Montheath, Peter (Hrsg.): Ernst Thälmann. Mensch und Mythos. Atlanta GA, Amsterdam 2000.

[6] Der Pahl-Rugenstein Verlag hat außer diesem Band zur KPD in Weimar auch eine englische Untersuchung zum Widerstand der KPD vorgelegt: Merson, Allan: Kommunistischer Widerstand in Nazideutschland. Vorwort Peter Gingold, Bonn, 310 Seiten.

[7] Vgl. jetzt Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung. Hamburg 2001.

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