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»Wenn die Schatten sprechen ...«

JHK 2002 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 286-288 | Aufbau Verlag

Autor/in: Lew Besymenski

Bei der Aufarbeitung des Kommunismus spielen die Quellen eine wichtige Rolle. Die Öffnung der Archive in den letzten zehn Jahren verlief zwar nicht problemlos, aber inzwischen sind viele Hinterlassenschaften zugänglich. Daher konnten auch Quellenveröffentlichungen erfolgen, die hoch einzuschätzen sind. Dies gilt besonders für die Dimitroff-Tagebücher, die ja im allgemeinen gewürdigt wurden. Aber an der Edition wurde auch Kritik geübt. Zu Unrecht.

Das Foto auf dem Einband der Tagebücher zeigt Dimitroff im Gespräch mit Josef Stalin und weist sogleich auf die Figuren der Weltgeschichte, über die der Leser am präzisesten Aufschluß erhält. Die eigentliche Sensation dieser Edition sind die von Dimitroff mit stenographischer Akribie notierten Äußerungen Stalins. Obwohl dessen Schriften millionenfach verlegt wurden, sein Porträt weltweit bekannt ist und die Literatur über ihn Bibliotheken füllt, erscheint er in mancher Hinsicht noch immer mysteriös.

In Dimitroffs Tagebüchern kommt Stalin selbst zu Wort. Nun wissen wir: Stalin hat Dimitroff (nicht Viktor Suworow) die wahren Ziele des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 anvertraut: »Wir können manövrieren, eine Seite gegen die andere aufbringen, damit sie sich noch stärker in die Haare kriegen. Der Nichtangriffsvertrag hilft Deutschland in gewissem Maße. Der nächste Schritt ist der, die andere Seite anzuspornen.« (7. 9. 1939)

Und ihm hat Stalin erklärt, er sei bereit, diese hinterlistige Politik »bis zum bitteren Ende« weiterzuführen. So verkündete der Kreml-Herrscher Dimitroff im November 1940, nach der Rückkehr Molotows aus Berlin, er werde dem bulgarischen Zaren Boris einen Beistandspakt vorschlagen, Gebietsansprüche Bulgariens unterstützen und dem Land Wirtschaftshilfe gewähren, damit die Rote Flotte die Meerengen kontrollieren könne. »Bei Abschluß des Beistandspakts haben wir nicht nur keine Einwände gegen einen Beitritt Bulgariens zum Dreimächtepakt, sondern wir selbst werden diesem Pakt beitreten.« (25. 11. 1940) Nebenbei eine Warnung an die Türkei: »Wir werden die Türken nach Asien zurücktreiben. Was ist das, die Türkei? Dort leben zwei Millionen Georgier, anderthalb Millionen Armenier, eine Million Kurden usw.«

Russische Historiker werten diese Äußerungen Stalins als einen wichtigen Hinweis zur Einschätzung der weiteren Pläne der UdSSR in Europa und Asien. Zugleich sind sie ein Beispiel des seltsamen Vertrauens, das Stalin dem Generalsekretär der Komintern entgegenbrachte. Der Diktator hat ihm und anderen engen Mitstreitern häufig große Umschwünge seiner Politik bei Empfängen, Gelagen oder in »Privatgesprächen« angekündigt, um zu testen, wie sie darauf reagieren. Dies gilt zum Beispiel für seine Abkehr von der Weltrevolution und die Hinwendung zum imperialen Rußland. So verkündete Stalin am 7. 11. 1937 in einem Toast während des Mittagessens nach der Demonstration auf dem Roten Platz den verblüfften Kadern: »Die russischen Zaren haben viel Schlechtes getan. Sie haben das Volk ausgeraubt und geknechtet. Sie führten Kriege und eroberten Territorien im Interesse der Gutsherren. Aber eine große Sache haben sie vorzuweisen: Sie haben ein Riesenreich zusammengezimmert – bis nach Kamtschatka. Wir haben diesen Staat als Erben erhalten. Und wir Bolschewiki haben diesen Staat erstmals gefestigt.«

Ehrlich gesagt: Wir in Moskau haben seinerzeit Stalins Intention nicht erkannt. In Berlin hatte man das Abwenden von der Weltrevolution hingegen registriert. Während seiner langen Herrschaft hätte sich Stalin auch zum Zaren ausrufen lassen können. Nicht von ungefähr resümierte er in einem Trinkspruch am 28. 1. 1945: »Vielleicht machen wir einen Fehler, wenn wir meinen, die Sowjet­form sei die einzige, die zum Sozialismus führt. Es hat sich gezeigt, daß die Sowjetform die beste ist, aber durchaus nicht die einzige. Es gibt möglicherweise auch andere Formen – die demokratische Republik und unter bestimmten Verhältnissen sogar die konstitutionelle Monarchie ...« Gottseidank blieb Rußland das letztere unter Stalin erspart.

Damals, 1937, hatten Stalins Worte eine praktische Bedeutung. Stalin meinte, die Einheit und Existenz des ererbten Zarenreiches sei durch Feinde gefährdet: »Und wir werden jeden dieser Feinde vernichten, sei es auch ein alter Bolschewik, wir werden seine Sippe, seine Familie komplett vernichten.« Die Anwesenden (und die Mitarbeiter der Komintern) wußten, was diese Worte bedeuteten. Aber kein Wort dagegen!

Dimitroffs Tagebuch dokumentiert genau, wie zielgerichtet sich der große Kommunist von der Komintern abwandte. Dieser Prozeß begann, als die Organisation mit dem sowjetischen Nachrichtendienst enge Verbindungen knüpfte. Schon in den 20er Jahren (noch vor Dimitroff) rekrutierte man die besten sowjetischen Nachrichtendienstler aus den Reihen der Illegalen der Komintern (z. B. die vom berühmten Komintern-Mann Arnold Deutsch gewonnenen »Fünf aus Cambridge«). Fortan ließen sich diese Profis von den Interessen der Sowjetmacht leiten. Aber nicht nur auf dem Gebiet erhielten die Staatsinteressen der UdSSR Vorrang, wie folgende Formulierung Stalins vom 21. 1. 1940 zeigt: »Die Weltrevolution als einheitlicher Akt – ist Blödsinn. Sie spielt sich zu unterschiedlichen Zeilen in unterschiedlichen Ländern ab. Auch die Handlungen der Roten Armee stehen mit der Weltrevolution in Beziehung.« (Die deutsche Übersetzung dieses Satzes ist nicht ganz korrekt. Für Stalin sind die Handlungen der Roten Armee »ein Werk der Weltrevolution«.) Wenn man bedenkt, daß diese Worte in einer Analyse des finnischen Winterkriegs (1939/1940) fallen, wird die Idee Stalins völlig klar: Wahre Revolution – nur durch den Einmarsch der Roten Armee (siehe die baltischen Staaten!).

Der Verzicht auf revolutionäre Ziele offenbart sich am deutlichsten in der Absicht Stalins, die Komintern im Frühjahr 1941 als Konzession an Hitler aufzulösen und nicht erst zwei Jahre später als Zugeständnis an die Alliierten. In diesem Punkt muß die Kominterngeschichte von den Chronisten neugeschrieben werden.

Das Tagebuch ist eine Stalin-Quelle ohnegleichen. Man kann darin vieles lesen, was in keinem Geschichtsbuch steht: die Reden Stalins 1940 nach dem Finnlandkrieg, die berühmte Rede vor den Absolventen der Militärakademien am 5. Mai 1941, die Wiedergabe mehrerer interner Gespräche (und Berichten von Gelagen!) der höchsten Chargen der KPdSU, einschließlich Stalins.

Und selbstverständlich auch der Komintern!

Fazit: In seinem Tagebuch erscheint Dimitroff als getreuer Schatten Stalins, seine Identifizierung mit Stalins Äußerungen ist nicht gespielt. Auch die scharfe Kritik des Diktators z. B. an der bulgarisch-jugoslawischen Föderation hat Dimitroff schweigend angenommen und kommentarlos notiert.

Es wird gewiß Versuche geben, Kontroversen zwischen Stalin und Dimitroff aus dem Text herauszulesen; doch solche Bemühungen sind vergeblich. Allenfalls kann man einen inneren Protest Dimitroffs annehmen, wenn er Stalins Antwort auf Ribbentrops Wünsche zu seinem 60. Geburtstag am 24. 12. 39 zitiert: »Ich danke Ihnen, Herr Minister, für die Glückwünsche. Die mit Blut besiegelte Freundschaft der Völker Deutschlands und der Sowjetunion hat alle Aussicht, langandauernd und beständig zu werden.«

Die innere Tragödie dieses bulgarischen Politikers bestand meines Erachtens darin, so tief an Stalin zu glauben, daß er wirklich keinen Zweifel an ihm aufkomen ließ. Übrigens war dies auch sein Glück, was er freilich nicht verstand.

Die Edition endet mit der Auflösung der Komintern im Juni 1943. Dimitroffs Aufzeichnungen bis zum Februar 1949 sollten auch publiziert werden – hoffentlich mit gleicher Genauigkeit und wissenschaftlicher Ehrlichkeit. Dimitroffs Tagebücher sind gewiß kein Krimi. Aber was ist schon Agatha Christie im Vergleich zu den Demiurgen des 20. Jahrhunderts?

Inhalt – JHK 2002

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