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JHK 2003

Inhaltsverzeichnis

JHK 2003

Auf die Spitze eines Eisbergs getrieben: Philosophie als Organ der ideologischen Regression

Helmut Fleischer

Wir blicken zurück in eine andere Welt, wenn wir nach 80 Jahren dem nachgehen, was in der Sowjetrevolution (dem sogenannten Kommunismus) aus der Philosophie geworden ist; und wie sich in der »Sowjetphilosophie«, die jene Revolution begleitet hat, die Hegelsche Bestimmung erfüllt hat, eine Philosophie sei »ihre Zeit in Gedanken erfaßt«. Sie trug den amtlichen Namen »Dialektischer und historischer Materialismus« und war so etwas wie das Empfangsgebäude zu dem weitläufigen Lehrsystem des Marxismus-Leninismus. Von 1938 an, auf dem Höhepunkt der nachrevolutionären Institutionalisierung, war sie auf einen Katechismus »Über dialektischen und historischen Materialismus« vereidigt, der als ein Werk des Führers Stalin deklariert wurde und mit einem enormen Personalbestand in allen Sparten der Geisteskultur allgegenwärtig war. Dieser philosophische Kanon konnte außerhalb seines Herrschaftsgebiets intellektuell nicht den geringsten Respekt erringen. »Der als Staatsideologie ausgehaltene, grundsätzlicher Diskussion längst entzogene und im Innersten leblose Kanon des Diamat, mit einem Wort: die parteioffizielle Philosophie«, schrieb Jürgen Habermas 1957, »ist nicht nur philosophisch gesehen so unbeträchtlich, sondern auch in Ansehung ihrer orientierenden Kraft für die politische Praxis von so geringer Wirksamkeit, daß das Gewicht einer Auseinandersetzung mit dieser Philosophie, für sich genommen, kaum unterschätzt werden kann.«[1] Ja und Amen, im Reich der Ideen war der Stalinismus »ein Nichts«. Doch nicht nur als der »gigantische Apparat«[2], als der er aus der Revolution hervorgegangen war, hatte dieses Nichts darin eine höchst bedeutsame und hochrepräsentative Funktion als die »Bewußtseinsform« oder das »Signalsystem« der bestimmten Daseinsweise eben dieses »Apparats«, dessen gesellschaftliche Wirklichkeit in einem wachsenden Personalbestand materialisiert war, in seinem »ideologischen Apparat«, aber auch im Resonanzraum einer aktiven Volksbasis.[3] Was aus der Philosophie erst im Marxismus, dann im Sowjetmarxismus geworden ist, das ist der eine, der genealogische Aspekt. Es ist für unsere Inventur überaus wichtig, von dieser Genesis einen dezidiert historischen Begriff zu gewinnen. Noch immer geht von den »Vollendern« des Institutionellen Revolutionsmarxismus die nachhaltig wirksame Suggestion aus, die Geschichte der Marxismen, die man weithin als die »des Marxismus« wahrnimmt, sei eine »Entwicklung«, also die sukzessive und folgerichtige Entfaltung einer in den Marxschen Anfängen beschlossen liegenden geistig-praktischen Potenz gewesen. Es ist darum nicht müßig, ihre Genealogie von den Marx-Engelsschen Anfängen über die Marxismen der II. Internationale in den Marxismus Lenins und die Leninismen bis zum Aufstieg und Niedergang des groß-institutionellen Sowjetmarxismus, den man kurz den »Stalinismus« genannt hat, in ihren wechselnden Profilbildungen und in ihrem sich wandelnden geschichtlichen Situationsbezug zu analysieren. Die wichtigsten Aufschlüsse über die Marx-Marxismus-Geschichte dürften wir gewinnen, wenn wir ihre philosophische Quintessenz in den anfänglich angesetzten geistig-praktischen Koordinaten erfassen. In den Anfängen, wie uneinheitlich diese sich auch darstellen mögen, wird gerade an ihren charakteristischen Wandlungen (oder, mit dem Kantischen Ausdruck: »Umkippungen«) eine übergreifende Sinn-Einheitlichkeit des geistig-praktischen Charakters deutlich, die im weiteren Fortgang – beginnend schon bei den Stammvätern – immer mehr verlorengegangen ist. Das philosophische Wort am Anfang Als ich in den 70er Jahren einmal den Auftrag erhielt, das philosophische Denken von Karl Marx an einem enzyklopädischen Stichwort festzumachen, widersprach ich sogleich der Erwartung, dies könnte auf der Leitlinie der Marxschen Aufstellungen über die »menschliche Entfremdung« und ihre Aufhebung geschehen. Meine Signatur sollte vielmehr lauten: »Karl Marx: Die Wendung der Philosophie zur Praxis«.[4] Damit ist keine theoretische Intuition und keine praktische Intention benannt, sondern eine Erweiterung des Terrains und damit der Optik der Feldwahrnehmung. Bei den zwei Jungphilosophen, die nun keine Philosophen mehr sein wollten, hat die Erweiterung des Bezugsfeldes ihren Ausdruck dann auch in einem Theorem gefunden, das zugleich mehr als nur ein Theorem war: »Das Bewußtsein kann nie etwas andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß.« So steht es im kardinalen Selbstverständigungs-Text, der aus einem brainstorming von Karl Marx und Friedrich Engels hervorgegangen ist, den Manuskripten von 1845/46 zur Kritik der »Deutschen Ideologie«.[5] Wir haben es hier fraglos mit einer eminent philosophischen Aussage zu tun, doch nicht mit einem theoretischen Satz, der einen gegenständlich aufgefaßten Sachverhalt expliziert. Die Aussage bezieht sich intern-reflexiv auf einen Verbund von Akten und Aktcharakteren der »Subjekte« im Vollzug ihres »Lebensprozesses«. Und der Satz selbst verweist auf die ambivalente Möglichkeit, daß die betreffenden Subjekte die genannten Aktcharaktere von »Sein« (Lebendig-Tätigsein) und von »Bewußtsein« (ein Wissen haben) entweder in einer essentiellen »Tateinheit« wahrnehmen und denken können, oder aber sie je für sich (»abstrakt«) als getrennte oder trennbare Instanzen zu fixieren – so wie dies in einer arbeits- oder phasenteiligen Besonderung von Arbeitsschritten und Denkoperationen erfahrbar wird und in der »Abstraktion des Bewußtseins« festgehalten ist. So können Denken und Handeln, »die Theorie« und »die Praxis« je gesondert korporiert auftreten. Ein Praxisdenken im Banne der »Bewußtseinsabstraktion« heißt von nun an »ideologisch«. Die »erste Voraussetzung« ist »natürlich die Existenz lebendiger Individuen«.[6]Aus gegebenem Anlaß – im Gegenzug zu der habituellen Abstraktion der »Gedankenkrämer« – sind »Mensch« und »Gesellschaft« so nachdrücklich als Gesellschaft der Individuen gedacht, daß an einer Textstelle auf 15 Zeilen elf Mal das Wort »Individuen« angeschrieben ist.[7] Die Individuen, heißt es in der »Deutschen Ideologie« anderswo, »gehen immer von sich aus«, so wie sie »wirklich« sind – und, je nach dem: als »persönliche Individuen«[8] oder als »Durchschnittsindividuen«[9] entweder mehr aus ihrer eigenen Spontaneität oder mehr zufällig-bedingt existieren. So sind auch die beiden Nach- und Vordenker von sich in ihrer spezifischen Seinsweise »ausgegangen«, nicht von Feuerbach und Hegel. (Erst die Durchschnitts-Marxisten sind in ihrer »bedingten« Seinsweise habituell »vom Marxismus ausgegangen«, von einem, für den sie gerade »weit genug« waren ...) Und aus ihrer Seinsweise haben die Vordenker darüber befunden und sich darüber verständigt, mit welcher anderen Seinsweise sie sich positiv vergesellschaften können und mit welcher anderen nicht. Was über die »Selbstverständigung« in einen weiteren gesellschaftlichen Umkreis hinausreicht, wird zum Sujet einer damit korrelierenden »Rechenschaftslegung«. Beides, Selbstverständigung und Rechenschaftslegung, sind theoretische Akte in einem persönlich-gesellschaftlich praktischen Verbund, der sich um ein persönliches Kennen und Kennenlernen herum in einem kommunikativen Prozeß anreichert und ausweitet. In einem weiteren Umfeld treten an die Stelle von Noch-nicht-Erfahrenem notgedrungen projektive Vermutungen hinsichtlich dessen, was man im Felde der relevanten Anderen den einen und den anderen zutraut. In etwa dieser Weise (und beim weiteren Eindringen genauer) kann man gedanklich nachvollziehen, wie die Explorationen, die Marx 1841/44 in seinem Briefwechsel mit A. Ruge bis zum »Kommunistischen Manifest« von 1847/48 betrieb, in ein lebenspraktisches »Verhältnis« mit dem sich formierenden Ensemble von Fabrikarbeitern eingetreten sind, die nach ihrer soziale Emanzipation strebten. Nicht wenige der schriftlich festgehaltenen Äußerungen jener Zeit fügen sich in den hier skizzierten Deutungsrahmen ein, manche nicht. Es war insgesamt ja ein reichlich ungesicherter, riskanter Vorgang, in dem immer wieder Projektionen eine fehlende Kenntnis und Urteilssicherheit substituieren mußten. Und zusammen mit hinzugewonnenen Erfahrungs-Sicherheiten konnten auch die Unsicherheiten zunehmen.[10] Ein Charakterzug war beim Individuum und Gesellschafter Marx von Anfang an präjudierend für die Art der positiven Assoziierungen mit denen, die er dafür vor Augen oder in Aussicht hatte: ein von Grund auf republikanischer, nicht dominatorischer Modus. Noch in der Phase seines bürgerlichen Republikanismus, in der Ruge-Korrespondenz[11], wird die – nicht »machbare« – Generalprämisse sichtbar, daß auf dem praktischen Feld aus eigenem Antrieb und Vermögen hinreichend potente Bildungselemente einer republikanischen Öffentlichkeit zusammenkommen. Diese Erwartung überträgt Marx dann auf das Metier der Industriearbeiter. Dafür steht die dritte Feuerbachthese mit ihrer Absage an das Schlüsselamt eines »Erziehers«: »Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert [werden] und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile, von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren.«[12] Was für die Person des Erziehers gilt, das gilt ebenso für die Institution »Theorie«. Marx glaubte schon 1847 auf eine Anfangszeit der Arbeiterbewegung zurückblicken zu können, in der das Proletariat »noch nicht genügend entwickelt« war, sich »als Klasse zu konstituieren« und seinen Kampf schon politisch zu führen. Die Theoretiker der Klasse waren noch »Utopisten, die ... Systeme ausdenken und nach einer regenerierenden Wissenschaft suchen«. »Aber in dem Maße, wie ... der Kampf des Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie nicht mehr nötig, die Wissenschaft in ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur sich Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen abspielt, und sich zum Organ desselben zu machen. ... Von dem Augenblick an wird die Wissenschaft bewußtes Erzeugnis der historischen Bewegung, und sie hat aufgehört, doktrinär zu sein, sie ist revolutionär geworden.«[13] In der achten Feuerbachthese findet sich die Formel für die unio practica eines Handlungsbewußtseins, das sich auf einer höchsten Stufe des Einklangs mit einer progressiven »wirklichen Bewegung« befindet: Es ist ein von der Qualität der Praxis ermöglichtes und in sie eingelagertes »Begreifen der Praxis«.[14] Kategorial durchgebildet haben Marx und Engels ihre Heuristik autochthoner Aktivierungen von Klassenkontingenten. Dabei rekurrierten sie namentlich auf die vitalen Produktivkraft-Potenzen, die solche Gesellschaftsteile gegen ihre Subordination unter herrschende Klassen aufzubieten haben. Ihr Kalkül mit der Produktivkraft-Potenz der Industrie-Handarbeiter blieb allerdings schon bei der ersten Gedankenprobe defizitär.[15] In seiner Studie[16] hat Wolfgang Schieder gezeigt, wie sich Marx in den enger gesetzten Maßgrenzen der »wirklichen Bewegung«, von der er (ab 1864) als Mitglied des Generalrates der Internationalen Arbeiter-Assoziation noch nahezu zwei Jahrzehnte miterlebt hat, in seinem temperiert-didaktischen Modus gewirkt hat. Was läßt sich nach diesen (und anderen) Sondierungen im Marx-Engelsschen Praxisdenken über dessen Theoriecharakter sagen? Wie sehr es auch als Praxisdenken auf Zukünftiges bezogen ist, so bildet dieses doch nicht, als Zielbestimmung und Norm, den Angelpunkt für die Orientierung im Praktischen. Als so etwas gilt namentlich auch der »Kommunismus« nicht: »Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.«[17] Der Handlungsraum, der hier vor allem herkunfts- und gegenwartsbezogen gedacht ist, stellt sich dar als ein Erwartungshorizont, der sich tentativ in Prospekten erschließt und nicht eigentlich durch ein Programm definiert ist. Dabei versteht es sich, daß auch Erwartungen übermäßig sein können. Als ein Schlußwort können wir das Ceterum censeo nehmen, mit dem Marx nach dem aktivistischen Himmelssturm der Pariser Kommunarden die maßgebende Variable für alle geschichtlichen Prospektionen zu Protokoll gegeben hat: »Die Arbeiterklasse verlangte keine Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fertigen Utopien durch Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, um ihre eigne Befreiung und mit ihr jene höhere Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigne ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß sie, die Arbeiterklasse, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente einer neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt haben.«[18] »Die Philosophie hat sich verweltlicht« – so hatte Marx schon 1843 im letzten Stück der Ruge-Korrespondenz das Fazit seiner eigenen Wendung von der Philosophie zur Praxis deklariert. Sein philosophisches Denken hat in diesem Übergang durchaus nicht aufgehört, philosophisch (»reflexiv« sich seine Voraussetzungen bewußt machend) zu sein; aber es hatte aufgehört, eine besonders systematisierte und korporierte Philosophie zu sein, wenngleich es ihr im engeren Bezirk des praxisbegleitenden reflexiven Begreifens einer geschichtlichen Praxis keineswegs an disziplinärer Systematik und Strenge fehlte. Der in jenen Anfängen angesetzte Radius an prospektiver Potenz ging über die reflexions- und kommunikationsanalytische Reichweite vorausgegangener, gleichzeitiger und nachfolgender, namentlich auch marxistischer Philosophien weit hinaus. Doch kam es nicht von ungefähr, daß der hier nachgezeichnete Torso (schon bei dem vergleichsweise »philosophischeren« Marx) weder in der Praxis noch in der theoretischen Elaboration eine reichere Entfaltung gefunden hat. Wie sein jüngerer Zeitgenosse Friedrich Nietzsche war auch Karl Marx ein »Unzeitgemäßer« – es ist hier nicht nötig, das multiplexe Dementi der »wirklichen« Geschichte aufzunehmen. Der stoische Rückzug auf eine »organisch« mögliche Praxis im Zuge der fortschreitenden Potenzierung der modernen zivilisatorischen Produktivkraft hatte etwas Resignatives und zugleich Vertröstendes. Die »Bourgeoisgesellschaft« war nicht am »Zusammenbrechen«, sondern in einem grandiosen imperialen Aufbruch begriffen. Der Marxsche Erwartungshorizont hat sich zwischen 1871 und 1914 definitiv geschlossen. Was einen Niedergang bis an den Rand des Zusammenbruchs erlebte, waren die Pflanzstätten einer zivilen Republik in der »modern-bürgerlichen Gesellschaft«. Der »Marxismus«, dessen erste Regungen Marx noch mit einiger Irritation bemerkte, war in seinen weiterreichenden Intentionen ein Anarbeiten gegen den Strom einer fatalen gesellschaftlichen Regression. Und er partizipierte auf seine Weise an dieser, unter anderem auch in seinem neuerlichen und mehrfachen »Philosophisch«-Werden. Schon die Marxsche »Spätphilosophie«, die man aus dem Umkreis des »Kapital«-Opus herauslesen konnte, war zusammen mit ihren Engelsschen (und Kautskyanischen Parallelen) ein Rückfall in überholte Philosophien. Ein Zeichen von geistig-kultureller Regression war es bereits, daß sich die Philosophie nunmehr als »Weltanschauung« formierte. Auch die kantianisierenden Repliken auf den neuerlichen Naturalismus und Objektivismus konnten keine Rettung sein. Wechsel der Wegzeichen Welche ideologischen Transformationen von Marx in die Marxismen geführt haben, ist hier ebenfalls nicht ausführlicher zu rekapitulieren.[19] Zu sondieren ist im folgenden die eine, sich im Zeichen der Philosophie vollziehende ideologische Transformation, die der west-mitteleuropäische, der russische und sowjetische Marxismus in ihrer dramatischen Geschichte durchgemacht haben. Zuletzt hat die Philosophie im Sowjetmarxismus eine Prominenz und eine institutionelle Ausweitung erhalten wie in keinem der anderen Marxismen des 20. Jahrhunderts. Daß ihre Betriebsamkeit und Betriebsgröße im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Fruchtbarkeit stand, davon war eingangs schon die Rede. Die primären Koordinaten der Marxismusgeschichte verlaufen allerdings nicht in der philosophischen Weltanschauung oder Ideologie, sondern im praktischgeschichtlichen Prozeß der Arbeiter-Emanzipationsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert. Es ist also zuerst zu fragen, welche Zeichen der Zeit für einen Phasenwechsel in dieser Geschichte maßgebend gewesen sind. Ihre Topographie läßt sich vielleicht auf diese lexikalische Kurzformel bringen: Das Denken von Marx und die Sequenz der Marxismen sind das Protokoll und zugleich der Prospekt einer Krise der modern-bürgerlichen (und »kapitalistischen«) europäischen Gesellschaft des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und die Bewegung des Marxismus war auf eine zunehmend prekäre Weise selber vom Fortgang dieser Krise miterfaßt. In der Marxschen und marxistischen Sicht erschien die Krise (a) als eine finale Krise der kapitalistischen Produktionsweise, (b) als eine Sozialkrise jener Klassengliederung, die sich im Antagonismus von Kapitalisten (Bourgeois) und Lohnarbeitern (Proletariat) konzentriert. Es knüpft sich daran (c) die Erwartung, die Krise werde ihre Austragung in einem Kampf dieser beiden Klassen und (d) in einer Revolution des Proletariats ihre Auflösung finden. Diese »Marx-Perspektive« nahm die doktrinal-konfessionelle Gestalt des »Marxismus« an, als sie zunehmend fraglich wurde und sich zeigte, daß (a) die »Bourgeoisgesellschaft« mit ihrer kapitalistischen Produktionsweise nicht im Niedergang begriffen war, sondern, nur von episodischen Krisenstörungen begleitet, (b) ihre ökonomische Kraftentfaltung weiter potenzierte, jedoch (c) im Verbund mit einer politischen Bewegung, die auf eine Potenzierung nationalstaatlicher, zumal militärischer Macht zwischen den Staaten gerichtet war und so (d) das kriegerische Zeitalter eines modernen Imperialismus heraufführte. Das war sichtlich nicht die Krise, der Marx entgegengesehen hatte und für die ihm eine produktive Auflösung vorschwebte: nicht eine Begrenzungskrise der kapitalistischen Produktionsweise, sondern umgekehrt eine Entgrenzungskrise, eine Krise der maßlosen national-imperialen Übermobilisation, in die Europas Gesellschaft und Staatenwelt stürzte, als sie in die Ära des Hochindustrialismus eintrat.[20] Die Marxismen, die auf die Krise reagierten, waren sehr wenig dazu disponiert, sie auch analytisch zu diagnostizieren und sich geistig-praktisch auf sie einzustimmen. Sie verharrten entweder – mit weit zurückgenommenen Feldzeichen – im sozialreformerischen Erwartungshorizont des ausgehenden 19. Jahrhunderts, also in der Engelsschen Perspektive von 1895[21], oder sie traten im Ausgang des Weltkriegs in einer ebenso desperaten wie verführerischen Rand-Konstellation der europäischen Staatenwelt die »Flucht nach vorn« an, in eine imperiale Sozialrevolution, die viele Züge einer sozialkulturellen Regression trug – die einer Revolution, die aus der Kälte kam und einem kalten Kalkül folgte. Was zuerst ein schmerzlicher Mangel war, die geringe gesellschaftlich-formative Spontaneität der industriellen Arbeiterklasse, wurde im Marxismus des 20. Jahrhunderts jenseits des Marxschen Erwartungshorizonts zum emphatisch bejahten Prinzip. Der russische Marxismus war eine Ideologie der »Schüler«[22], von denen die unbedenklichsten sich zu selbstgewissen Lehrmeistern für einen revolutionierten Volksteil aufschwangen. Schon im nachmarxschen westlichen »Ur-Marxismus« ist das Marxsche Erbteil zur »Lehre«, zur Doktrin geronnen. Damit war eine entscheidende Umkehrung der geistig-praktischen Optik vollführt: in den Zuordnungen von Bewußtsein und Sein, Materie und Leben, Theorie und Praxis, Interesse und Gesetzmäßigkeit, Spontaneität und Rezeptivität, Führungsinitiative und Massenbewegung. Mit der Institutionalisierung der Doktrin war eine höhere Ebene etabliert, in deren »Licht« der soziale Lebensprozeß als eine gesetzmäßig-notwendige »Entwicklung« ein anderes Aussehen und kraft ihrer ideativen Abstraktionen eine röntgen-artige Transparenz bekam. Es konnten Schriften mit Titeln wie »Die Erziehung der Massen zum Marxismus« erscheinen.[23] An die Stelle einer »Sprache des wirklichen Lebens« ist im Marxismus der Epigonen aufs neue eine Sprache der Ideen getreten. Was nun als »die Theorie« figurierte, hatte einen Zug in die kosmische Weite: Sie blieb nicht »zentrisch« dem »Begreifen der Praxis« attachiert, sondern wurde als Weltanschauung einem allumgreifenden Ganzen eingegliedert und dessen Ordnungen subsumiert. Eben damit gewann die wieder zur Ideologie gewordene »Theorie« einen Zug in die Höhe: Die Begriffe über Gesellschaft und Geschichte, Mensch und Welt sine natura mußten, um Ihre Ganzheiten umfassen zu können, in der Stufenordnung der Abstraktion nach oben steigen. Im »Materialismus«, zu dessen Adoption Marx sich nach anfänglichem Zögern in einer neuen Lesart bereit gefunden hatte,[24] wurde »Materie« zum Titel für das Eine und Ganze. Engels entwarf in der Einleitung zu seiner »Dialektik der Natur« eine Breitband-Skizze des kosmischen Kreislaufs, den die Materie in ewiger Wiederkehr durchläuft.[25]   Wechsel des Terrains: An den Rand einer vordringenden Eiswüste Am Anfang war der Feuersturm des Weltkriegs. Zu seiner Vorgeschichte gehörte bereits der Russisch-Japanische Imperialkrieg von 1904/05, der im besiegten Rußland eine erste Sozialrevolution auslöste. Der russische Marxismus, größtenteils in westlichen Emigrationsländern entwickelt, hatte anfangs verständlicherweise ein recht philosophisches Gepräge. Sein »Vater« Georgji Plechanow veröffentlichte 1896 in deutscher Sprache die Beiträge zur Geschichte des Materialismus auf der genealogischen Linie von Holbach, Helvetius und Marx. Als der revolutionäre Aufbruch von 1905 niedergeworfen war, wurden die theoretischen Grundlagendebatten unter den russischen Marxisten geradezu in einer exzessiven Weise philosophisch. Ein in ihrem Milieu wirkender Geheimagent des Zaren namens Azef äußerte, wie sich ein Beteiligter höchst erstaunt erinnerte, daß diese Revolutionäre mit aller Leidenschaft über ganz abstrakte Streitfragen der Erkenntnistheorie diskutierten. Ein herausragendes Dokument dieses Streits war Lenins 1909 erschienenes Buch Materialismus und Empiriokritizismus, das zum Grundbuch des nachmaligen philosophischen Leninismus wurde. In den Jahren des Weltkriegs entstand aus Lenins Hegel-Studien ein Konvolut von »Philosophischen Heften«, deren Hauptanliegen die Neufassung einer marxistisch-philosophischen Dialektik war. Nach seiner Revolution fertigte Lenin der sich nun formierenden Sowjetphilosophie 1922 die Geburtsurkunde aus, einen Artikel »Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus«. Schon die historische Chronologie dieser Arbeitseinsätze läßt erkennen, daß diese keine Meilenstiefelschritte einer geistigpraktischen Progression waren, sondern Ausgeburten einer zeitweiligen Apraxia. Erst recht war die Etablierung einer sowjetischen Schulphilosophie nach den politischen Fraktionskämpfen der 20er Jahre die institutionelle Ratifizierung einer ganzen Epoche der ideologischen Regression. Diese Geschichte ist oft genug nachgezeichnet und kritisch bilanziert worden. Ich möchte hier nur etwas aus ihrem Vorfeld aufnehmen. Es ist eine Fragment gebliebene Betrachtung, die der bereits nach Kasachstan exilierte Leo Trotzki 1928 »Zur Philosophie der Bürokratie« angestellt hat.[26] Das war kurz bevor die Stalinfraktion nach ihrem Sieg über die letzte Oppositionsrichtung daranging, auch in der Philosophie den (hier anders gelagerten) Richtungsstreit auf eine autoritative »Generallinie« hin ebenso autoritativ zu beenden. In diesem Text von 20 Seiten bietet Trotzki wohl eine kritische philosophische Potenz im sowjetischen Marxismus auf, man sieht auch deren Grenzen. Es dauerte dann noch zwanzig Jahre einer extensiven Kaderbildung an der Front der philosophischen Arbeiter, bis Stalin 1938 mit seinem Kleinem philosophischen Katechismus Über dialektischen und historischen Materialismus auch in der Philosophie die Alleinführung übernahm.  Seit kurzem liegt das Textfragment des Stalin-Antipoden nun auch in deutscher Sprache vor. Es ist zwar um mehrere thematische Stellen ärmer, und an diesen Stellen wirkt es recht schwach und unsouverän. Doch ist es gegenüber dem mainstream der sowjetischen Philosophie um eine wichtige theoretische Dimension reicher. Schon die Überschrift zeigt an, daß es sich hier um eine gesellschaftsgeschichtliche Orts- und Funktionsbestimmung handelt, und zwar eine, die einen ideologiekritischen Kontrapunkt zu der schein-soziologischen Selbstverortung der herrschenden Partei und zu den scheinhaften politischen Ableitungen aus dem Stalinschen Kanon bildet. Während sie sich ideologisch als die »Weltanschauung der Arbeiterklasse« deklarierte, haben wir es hier im Klartext, daß es sich um eine Philosophie der Bürokratie handelt. Wir werden allerdings sehen, daß in dieser soziologischen Zuordnung etwas genealogisch Wichtiges fehlt, wenn man über der verselbständigten Verwaltungsorganisaton der Sowjetbürokratie nicht auch ihren Ursprung in einer Politokratie in Ansatz bringt, die aus den Anomalien einer hypertroph politischen Revolution erwachsen ist, und den philosophischbegrifflichen Symbolisierungen dieses Ursprungs nachgeht. Beginnen wir mit den Aktiva von Trotzkis Entwurf. Am Anfang steht der Entschluß, soziologische Kategorisierungen an die Stelle der ideologischprogrammatischen treten zu lassen, namentlich jene Mystifikation der »Arbeiterklasse und ihrer Partei« aufzulösen. Trotzki kommt nach einem kurzen Blick auf die Bürokratien, die früheren Herrschaftsklassen der Neuzeit attachiert gewesen sind, sogleich auf den Fall einer »Arbeiterbürokratie« zu sprechen, mit der er sich konfrontiert sah und die sowohl einen eigenen Habitus als auch eigene Interessen ausgebildet hat, und entsprechend auch eine eigene Mentalität. »Auch für die Arbeiterbürokratie trifft [die] allgemeine Charakteristik der leitenden, verwaltenden und schon dadurch privilegierten gesellschaftlichen Gruppierung zu. Die gesellschaftliche Funktion der Bürokratie und ihre Quelle ist das Administrieren; die Methoden und der Habitus des Verwaltens prägen unweigerlich in starkem Maße das gesamte Denken der Bürokratie.« Wichtig auch dieser weiterführende Ausschluß: In einer vom Marxismus geprägten Gedankenwelt äußert sich die besondere Mentalität auch in einer besonderen Philosophie. (120) – Im Lichte solch einer soziologischen Aufgeklärtheit wird man allerdings einen Blick auch auf den gesellschaftlich-praktischen Ort und Habitus des Theoretikers Trotzki zurücklenken. Auf eines der neuralgischen Probleme, das ihn schon in seiner Bildungsphase beschäftigt und ihm Unbehagen bereitet hat, richtet Trotzki sein besonderes Augenmerk, und er findet hier ein Nest der bürokratischen Regression im Felde der philophischen Begrifflichkeit: In der »Faktoren«-Theorie von den Organfunktionen, die im gesellschaftlichen Lebensprozeß zusammenwirken und auseinandertreten können: »Ökonomie, Politik, Recht, Moral, Wissenschaft, Religion usw.« (122) Das war in der Marx-Engelsschen Kritik der »deutschen Ideologie« ein Hauptthema der »materialistischen Geschichtsauffassung«, und deren systematische Auslegung war schon bei den Vordenkern mit Schwierigkeiten verbunden, erst recht bei den Epigonen. Die Grundlinien einer materialistischen Geschichtsauffassung zu einem System des Historischen Materialismus fortzubilden war ein theoriegeschichtliches Verwirrspiel, aus dem (wie wir sehen werden) auch ein Trotzki nicht recht herausgefunden hat. Er war 1898/99 bei der Lektüre von A. Labriola auf dieses Theorie-Erbteil gestoßen: »Mit der Theorie der vielfältigen Faktoren, die den Olymp der Geschichte bevölkern und von dort aus unsere Schicksale lenken, rechnete Labriola glänzend ab.« (123 Anm.) Dieses Akquisit konnte Trotzki nunmehr reaktivieren: »Das für die Bürokratie passende System ist die Theorie der Faktoren. Diese Theorie breitet sich natürlich auf einer breiten Basis aus – im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit. ... Ein geschlossenes System der Faktoren, in dem die menschliche Gesellschaft und die ganze Welt als Produkt der Wechselwirkungen administrativer Instanzen, verschiedener Faktoren oder administrativer Kräfte erscheint, deren jeder ein besonderes Verwaltungs- (oder Leitungs-) Ressort zugewiesen wird – ein solches System konnte nur im Rahmen einer bürokratischen Hierarchie, die sich mit ihren Ministerien und Departements über die Gesellschaft erhebt, als Krone der Schöpfung gelten.« Und es mußte nicht nur als eine systemische Konsequenz erscheinen, es lag 1928 auch »in der Luft«, daß dieses System seine reale Krönung in einer Autokratie findet. (121) Als theoriegeschichtliches Fazit hält Trotzki fest: »Der Marxismus ist von der Theorie der Faktoren zum historischen Monismus gelangt. Der Prozeß, den wir jetzt betrachten, ist ein regressiver Rückfall vom Marxismus auf eine metaphysische Oligarchie von Faktoren.« (123)[27] Rundweg zu verwerfen sei die Rede von »Faktoren« nicht, wenn sie nur als Hilfsmittel für Klassifikationen dienen. Im bornierten bürokratischen Horizont begründet die Theorie der Faktoren jedoch eine »sehr verbreitete Spielart des abstrakten Idealismus«. (122)[28] In einer Auseinandersetzung mit Stalinschen Exerzitien kommt Trotzki auf die generelle Frage nach der Essenz und den Essentialien des Marxismus. Diesen will er in einer ungebrochenen aktuellen (geschichtlichen, nicht ewigen[29]) Positivität hochhalten. Indessen hatte er es aktuell mit einem Marxismus zu tun, der nach Lenins Tod immer nachdrücklicher als Leninismus angerufen und vom vorausgegangenen (»vorrevolutionären«) Marxismus abgehoben wurde. In diesen »Stalinschen Mikrokosmos« (124) sollten wir hier nicht weiter eindringen, auch nicht in die Diskussion einer 1928 neu aufgelegten Konkordanzformel wie dieser: »Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im besonderen.« (127) Bei aller Positivität, in der Trotzki dem Prozeß der Sowjetrevolution und der Figur Lenins verbunden gewesen ist, war es für ihn doch eine ideologische Perversion, einen eigenen Leninismus zu kodifizieren. Im übrigen werde auch der »Marxismus« einer anderen Gedankenformation Platz machen, wenn die Zeit erfüllt ist und die »Überwindung des Marxismus« zugleich sein »höchster Triumph« sein wird. (131) »Der Marxismus ist selbst ein historisches Produkt. Und dieser historische Marxismus hat drei grundlegende Bestandteile: die materialistische Dialektik, den historischen Materialismus und das theoretisch-kritische System der kapitalistischen Ökonomie. Wir meinen diese drei Elemente, wenn wir vom Marxismus sprechen, zumindest wenn wir uns rechtmäßig auf ihn berufen.« (131) Auf 15 Textseiten skizziert Trotzki einen Abriß seines philosophischen Grundverständnisses dessen, was Marxismus für ihn ist. Es ist ein unredigierter Text, den man nicht unbedingt nach Kriterien des theoretisch-thematischen Gewichts zu taxieren hat. Die Verhandlung darüber, »was denn Marxismus ist«, erfolgt in den genannten drei Segmenten und geht dann in einen offenen Diskurs über, der mehr auf des Verhältnis von Marxismus und Leninismus zielt. Nicht von ungefähr beginnt Trotzki in jener philosophisch-essentiellen Höhenlage, in der sich die Frage aufdrängen kann, ob man da nicht auf das Eis eines Gletscherfeldes rund um einen eisigen Gipfel geraten ist und diesen auch sofort besteigen soll. »Da ist erstens die dialektische Methode«. (127) Eine einfache Wortverbindung steht hier für einen Wust von kontroversen Sinnbestimmungen. Es war ja elend wenig, was die ersten zwei Generationen philosophierender Marxisten den Marx-Engelsschen Andeutungen über ihr Hegelisch-dialektisches Erbteil abzugewinnen vermochten.[30] Was als genügend allgemeingültig zu behaupten ist, das ist auch schon wieder trivial – wie »der große Grundgedanke, daß die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist, sondern als ein Komplex von Prozessen«. Wird man mehr spezifisch und faßt die Dialektik als einen Kodex universeller Bewegungsgesetze, so wird es absurd. Wie in seinen lichteren Momenten schon Engels, sieht Trotzki ein Zentrum dialektischer Charaktere in Prozessen der menschlichen Erkenntnis und setzt dafür das ungefüge Wort »Methode«, das zehn Jahre später auch Stalin an den Anfang seiner Kodifikation gesetzt hat. Doch dann ist er wieder im alten Trott, wenn er von Hegel sagt: »Aber er hatte recht, wenn er davon ausging, daß die Dialektik alle Prozesse des Weltalls, die menschliche Gesellschaft eingeschlossen, durchherrsche«, und zu diesem Schlußprotokoll ansetzt: »Indem Marx sich auf die gesamte vorherige materialistische Philosophie und auf den bewußtlosen Materialismus der Naturwissenschaften stützte, führte er die Dialektik aus der unfruchtbaren Wüste des Idealismus heraus und wandte ihr Gesicht der Materie, ihrer Mutter, zu.« (127) Die Genealogie des Marxschen Neu-Materialismus ist damit reichlich verfremdend zurechtgeschoben. Als Marx diese Geschichte einmal rekapitulierte, befand er, daß der Materialismus bei Hobbes »menschenfeindlich« geworden sei, während eine Richtung des französischen Materialismus in den Humanismus, Sozialismus und Kommunismus eingemündet sei.[31] Es hätte im Sowjetrußland von 1928 durchaus allen Grund gegeben, sich zu fragen, ob ein Materialismus der Weltenmutter Materie im Verbund mit einer Dialektik, die als Weltprozeßordnung amtiert, weniger »menschenfeindlich« herauskommt als der eines Hobbes? »Der zweitwichtigste Bestandteil des Marxismus«, fährt Trotzki fort, »ist der historische Materialismus, d. h. die Anwendung der materialistischen Dialektik auf die Struktur der menschlichen Gesellschaft und ihre historische Entwicklung«. (127 f.) Mit dieser Rezitation einer Leninschen Formel, die danach Stalin kanonisiert hat, ist abermals die historische Genealogie durcheinandergebracht und ein Weg in die Enge angetreten. Bei Marx war die materialistische Geschichtsbetrachtung mit ihrer »ersten Voraussetzung« völlig autark auf eine ursprüngliche menschliche Wirklichkeitswahrnehmung gegründet, nicht derivativ von etwas Vorgeordnetem hergeleitet, das man gar noch aus einem Studium der materialistischen Philosophen hätte gewinnen müssen. Wer im Blick hat, wie Trotzki acht Jahre später die Stalinsche Sowjetgesellschaft seziert hat, wird überhaupt befremdet sein von der subalternen Manier, in der er in der Skizze von 1928 die Formelwelt der heraufkommenden Sowjetscholastik sekundiert. Der ursprüngliche Sinn der materialistischen Geschichtsauffassung – im ersten Abschnitt war davon die Rede – ist bei den sowjetischen Epigonen verloren gegangen. Das Votum von Trotzki ist quantitativ wie thematisch enttäuschend. Von den knapp 25 Zeilen für die geschichtstheoretische Disziplin verwendet Trotzki mehr als die Hälfte darauf, die Nachbarschaftsbeziehung des historischen Materialismus zum Darwinismus zu kommentieren. Ersterem komme vorerst die größere »praktische Bedeutung« zu, weil er »der fortschrittlichen Klasse erstmals die Möglichkeit bietet, die Schicksalsfragen der Menschheit bewußt anzugehen«. »Erst der vollständige praktische Sieg des historischen Materialismus, d. h. die Errichtung ... der sozialistischen Gesellschaft, wird es möglich machen, Darwins Gesetze auf die menschliche Spezies selbst anzuwenden, um die im Menschen angelegten Widersprüche zu mildern und zu überwinden.« (128) Hier rücken, wie man sieht, Belange einer geschichtlichen LangzeitProgrammatik in den Vordergrund. Es ist indessen schon eine Sinnverfehlung, überhaupt in dieser Blickrichtung dem Geschichtsmaterialismus eine »unmittelbar praktische Bedeutung« zuschreiben zu wollen, eine für die Orientierung in den praktischen Orientierungsfragen. Geschichtlich-praktische Perspektiven kommen nur aus unmittelbar praktischen Dispositiven und Prämissen. Die historischmaterialistische Reflexion hatte solche inner-praktischen Vermittlungen zu prüfen, mehr Klarheit über einige kardinale Grundverhältnisse des geschichtlichformativen Wirkens in Menschengesellschaften zu gewinnen. Insbesondere darüber, wie es nicht von den programmatischen Projektionen oder Ideen, sondern von den produktiven Kräften und den sozialen Potenzen der jeweiligen Menschen-Ensembles abhängt, wie sie sich von Fall zu Fall auf eine veränderte Weise vergesellschaften können. Verordnen wir uns im Originalton eine längere Paraphrase, die uns zugleich in das »dritte Element« hineinführt. Auch hier versäumt es Trotzki nicht, das Marxsche Kapital als eine »Anwendung des historischen Materialismus« auf diesen historischen Wirtschaftsraum hin zu konkretisieren, »so wie der historische Materialismus insgesamt eine Anwendung der materialistischen Dialektik auf das Gebiet der menschlichen Geschichte ist«. Man sieht, wie groß die Entfernung bereits geworden ist, welche diese Epigonen von der geistig-praktischen Situationswahrnehmung eines Marx trennte. Das kommt dann so heraus: »Marx’ historisch-theoretische Ökonomie zeigt, wie die Entwicklung der Produktivkräfte auf einer bestimmten, exakt zu charakterisierenden Stufe bestimmte ökonomische Formen mit Hilfe von anderen zerstört, sie zeigt, wie die Anwendung neuer, höher entwickelter Produktivkräfte – die stets durch Menschen vermittelt wird – neue gesellschaftlich-rechtliche, politische und andere Normen schafft, in deren Rahmen sie ein für sie notwendiges Gleichgewicht finden. ... In großer Ausführlichkeit und Klarheit zeigt die Marxsche Untersuchung die Transmissionsriemen, Zahnräder und sonstigen Übertragungsmechanismen auf, die von den wirtschaftlichen Verhältnissen nach unten, zu den Produktivkräften und zur Natur selbst, zur Erdkruste führen, deren Produkt der Mensch ist, und nach oben, zu den sogenannten Überbau-Apparaten und ideologischen Formen, die von der Ökonomie zehren – Brot essen alle, und am liebsten mit Butter – und zugleich von ihr assimiliert werden, die für sie einen Rahmen schaffen, ihre Funktionen regulieren und ihr Wachstum beschleunigen oder verlangsamen.« (129 f.) Man kann über solchen Formulierungskünsten ganz vergessen, daß alle diese Transmissionsriemen, Zahnräder und andere Übertragungsmechanismen, die da von den »Verhältnissen« bis zu diversen »Überbau-Apparaten« übergreifen, zuerst und organisch als Koordinationen in den Lebensäußerungen lebendiger Individuen fungieren. In der Produktion ihres Lebens gehen die Menschen gemäß ihren Produktivkräften jene »Verhältnisse« ein, d. h. sie verhalten sich in verschiedenen Weisen aktiv bzw. rezeptiv zueinander. Was dieses »dritte Element des Marxismus« angeht, sein »ökonomisches System«, meint Trotzki, es sei neben den beiden anderen »das einzige Gebiet, auf dem die historische Entwicklung nach Marx und Engels nicht nur neues Tatsachenmaterial, sondern auch einige qualitativ neue Formen hervorgebracht« habe, wie sie Hilferding, Hobson und Lenin in ihren Arbeiten besprochen haben. Doch wäre es Lenin »nie in den Sinn gekommen, daß seine vorzügliche Broschüre über den Imperialismus der theoretische Ausdruck des Leninismus als eines besonderen Marxismus der Epoche des Imperialismus sei«. (133 f.) Wenn man den Blick aber nicht so sehr auf ökonomische Organisationsformen der Finanzökonomie, sondern auf den mit dem Namen »Imperialismus« bezeichneten Epochencharakter richtet, also auf den einer Weltkriegsepoche im nachmarxschen Jahrhundert, dann sollte man den Rahmen für die historische Betrachtung sehr viel weiter und nicht nur ökonomie-theoretisch ansetzen. Trotzki richtet den Blick hingegen zu sehr auf die Gedankenwelt des Marxschen »Kapital«, die genau dort endet, wo die Affären der modernen Staatenwelt zu verhandeln gewesen wären. Aber er fragt in diesem Text mehr danach, was auf dem Weg von Marx zu Lenin in der theoretischen Axiomatik des Marxismus – in diesen drei Segmenten! – an Neuerung eingetreten oder fällig geworden sein könnte. Und unter diesem verengten Aspekt konnte er sich ganz »marxismus-konservativ« geben: Sein Fazit lautet: »Wenn wir demnach weder eine neue materialistische Dialektik, noch einen neuen historischen Materialismus, noch eine neue Werttheorie der ›Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution‹ finden, was könnte dann Stalins Charakterisierung des Leninismus ... bedeuten?« (134) An dem Entwurf von 1928 fällt auf, wie sehr Trotzki hier um den Kult mit dem »Leninismus« kreist, den die Epigonen trieben und dessen sinistren Hintersinn er natürlich durchschaut hat. In seiner prekären Defensivposition sah er sich gleichwohl genötigt, mit der nötigen philologischen Sorgfalt darauf einzugehen, und das minderte den philosophisch-thematischen Anteil und die philosophische Dignität des Texts. Das Fällige hätte es ja sein können, in einer undoktrinären philosophischen Reflexion die politisch-geschichtliche »Praxisform« zu analysieren, die sich im nachrevolutionären Prozeß »unter dem Banner des Marxismus« (-Leninismus) herausgebildet hat und wie weit außerhalb des geschichtlichen Erwartungshorizonts man sich damit befindet. Es war eben doch triftig, sich Rechenschaft vom Novum eines sich jenseits von Marx bewegenden Marxismus der Weltkriegsepoche des 20. Jahrhunderts zu geben.  Ungeachtet seiner prekären Situation ist diese Praxis als die Praxis einer dezidiert politischen (oder »politokratischen«) Revolution für Trotzki nicht zum Fokus eines höheren historisch-theoretischen Problembewußtseins geworden. Marxens geschichtsmaterialistische Formel für soziale Revolutionen als Aufbrüche einer gefesselten höheren Produktivkraft war auf andere Konstellationen als die russische von 1917 gemünzt. Es fällt auf, daß Trotzki nicht auf die Diskussionen über die Produktivkraft-Basis der Oktoberrevolution eingeht, auf die Lenin in seiner letzten Apologie[32] zu sprechen gekommen war: Ob Rußland schon reif für eine sozialistische Revolution gewesen sei. Ebensowenig nimmt er darauf Bezug, daß die Wende zur materialistischen Geschichtsauffassung organisch mit der Kritik und Verabschiedung des bisher vorherrschenden ideologischen Praxisdenkens vereinigt ist. Darin bekundete sich eine allgemeine Schwäche seines Marxismus der höheren Absichten. Vieles spricht dafür daß Trotzki in seiner Opposition gegen Stalin als der Unterlegene und 1928 bereits Exilierte momentan auf die Position eines solchen Marxismus der höheren Absichten zurückgeworfen war. Acht Jahre später kam das analytische Hauptwerk heraus, das sich in seinem historischen Hautteil – nicht ebenso in den weitergehenden Perspektivbildungen – wieder auf der Höhe der materialistischen Heuristik geschichtlicher Prozesse bewegt. Sein Manuskript hatte Trotzki unter den analytisch schlichten Titel gesetzt: »Was ist die UdSSR und wohin geht sie?«[33] Die Verleger haben es unter dem moralistisch-kriminalistischen Titel »Die verratene Revolution« in die Welt geschickt. Es empfiehlt sich, den improvisierten frühen Text im Lichte des späteren aufzunehmen – mit einiger Nachsicht. Man konnte lesen, Trotzki habe in dem philosophischen (oder unphilosophischen) Richtungsstreit der 20er Jahre nicht dem »menschewisierenden Idealismus«, sondern der »mechanizistischen« Seite nahegestanden. Die eben angeführten Texte können für eine solche Zurechnung sprechen. Richtiger dürfte es aber sein, an derartige außerdisziplinäre Exerzitien – wie zuvor bei Lenin und Bucharin, dann bei Stalin – überhaupt nicht die Maßstäbe strenger theoretischer oder gar philosophischer Disziplinarität anzulegen. Trotzki selbst urteilte allerdings sehr streng und abschätzig über das von N. Bucharin verfaßte Kompendium einer Theorie des historischen Materialismus (1921).[34] Er sah darin nur eine »Scholastik« oder »Eklektik, die im Gewand des historischen Materialismus auftritt«. Er hätte daran sehr wohl (wie G. Lukács) eine mehr systematische Diskussion festmachen können. Ihn zog es jedoch überhaupt mehr in die Praxis seiner eigenen Historiographie, wie er nach dem Buch über die »Permanente Revolution« auch die Praxis der Revolution und des Sozialismus nicht zu einem theoretischen Lehrstück fortgebildet hat. Schon recht früh ist das Phänomen einer heraufkommenden sowjetischen Bürokratie in das Blickfeld von Trotzki gerückt. In einer Vortragsdisposition von 1923/24 zum Thema »Bürokratismus und Revolution« schrieb er: »Die Auffassung, der Bürokratismus sei nur der Inbegriff schlechter Verwaltungsusancen, ist des Marxismus unwürdig. Der Bürokratismus ist eine gesellschaftliche Erscheinung, ein bestimmtes System der Verwaltung von Menschen und Sachen.«[35] Spätestens mit Trotzkis Exilierung war manifest geworden, mit einem wie repressiven System der politischen Herrschaftsgewalt man es da zu tun hatte. Wenn Trotzki an der sich formierenden sowjetischen Offizial-Ideologie mit Recht einen bürokratischen Grundcharakter diagnostiziert, hätte er vielleicht noch mehr Grund (und Demonstrationsstoff) haben können, eine kritische Reflexion über die massive politokratische Überformung des Sowjetmarxismus aufzunehmen. In der Schematik der »Faktoren« spürte er den beschränkten Geist der Bürokratie. Auf einer übergeordneten Stufe der historisch-materialistischen Doktrin hätte er auf die philosophisch-ideologische Signatur der Politokratie stoßen können, die weit mehr noch als die Bürokratie den kardinalen Sozialcharakter der Sowjetrevolution ausmacht. Eine »soziale Revolution« ist sie durchaus gewesen, doch mit einer »politischen Seele«. »Die politische Seele einer Revolution«, hatte Marx 1844 im Blick auf die Französische von 1789 notiert, »besteht ... in der Tendenz der politisch einflußlosen Klassen, ihre Isolierung vom Staatswesen und von der Herrschaft aufzuheben. Ihr Standpunkt ist der des Staats, eines abstrakten Ganzen, das nur durch die Trennung vom wirklichen Leben besteht... Eine Revolution von politischer Seele organisiert daher auch, der beschränkten und zwiespältigen Natur dieser Seele gemäß, einen herrschenden Kreis in der Gesellschaft, auf Kosten der Gesellschaft.«[36] Wo und wie das Praxisdenken diese Fasson annimmt, haben Marx und Engels im ideologiekritischen Arbeitsgang eruiert: Es ist die Ausgeburt einer Rebellion gegen bestehende Verhältnisse, einer »auf keiner neuen revolutionären Produktivkraft beruhenden Rebellion gegen die auf den bestehenden Produktivkräften beruhenden herrschenden Verhältnisse«.[37] Die Marxsche historisch-materialistische Formel für die Essenz einer sozialen Revolution bleibt bei den russischen Revolutions-Marxisten deshalb im Schatten, weil die Oktoberrevolution aus einem Überhang an negativen Energien des Protests erwachsen war. In welchen Eigenheiten der historisch-materialistischen Begriffsbildung sich der politokratische Habitus der Partei- und Sowjetbürokratie äußert, darauf richtet sich bei Trotzki wohl darum keine besondere Aufmerksamkeit, weil er selbst in diesen »Usancen« gefangen gewesen und befangen geblieben ist. Er hätte sonst überhaupt die herrschaftliche Essenz der herrschenden Scholastik unschwer orten können. Sie liegt noch nicht in der »Theorie der Faktoren« beschlossen, die ja ebenso in außermarxistischen Systemfunktionalismen zu Hause ist. Ihr logischer Ort ist die kausalistische Begrifflichkeit von Sein und Bewußtsein, die mit jener von »Basis und Überbau« zusammenfließt. Gesellschaftlich-konkret verbindet sie sich (wohlweislich) nur in der Außenrelation zu feindlichen Klassen, nicht aber für den Binnenbereich des werktätigen Volkes mit der Signatur von Herrschaftsgewalt. Diese erscheint zur politischen Führung gedeutet, aus der Fähigkeit zu einer höheren und höchsten Einsicht in die objektiven Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung legitimiert und begründet eine unanfechtbare Autorität der Partei(-führer). Bekanntlich ist in dieser Welt ja auch die menschliche Freiheit generell ein Attribut der »Einsicht in die Notwendigkeit«.[38] In der Sowjetphilosophie ist ferner das Bewußtsein (nach Lenin) allgemein als »Widerspiegelung« des Seins in ein kardinal rezeptives Verhältnis zu diesem gesetzt. Nur gelegentlich (in den Notizen seiner »Philosophischen Hefte«) kontrapunktiert Lenin diese Hypertrophie der Widerspieglung durch die ebenso hypertrophe Bestimmung, daß das Bewußtsein die Wirklichkeit »auch hervorbringt«. In der Begrifflichkeit von gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein[39] kommen die Attribute eines »Bestimmens« als ein aktives, kausatives Wirken in Ansatz. Das gesellschaftliche Bewußtsein ist als ein »Produkt« des gesellschaftlichen Seins charakterisiert. Doch es wirkt aktiv-bestimmend auf dieses zurück. Und in die benachbarte Kategorialität von »Basis und Überbau« transponiert: Der Überbau ist von der Basis hervorgebracht und »dient« ihr; aber als aktives Medium kann der Überbau auch dazu kommen, sich eine ihm entsprechende, von ihm bestimmte Basis zu schaffen. Die Dialektik ist ja auch die Kunst, alles irgendwie passend zu machen. Hinzu kommt (seit der Kampagne gegen den »Luxemburgismus«) noch die sowjet-idiotische Umdeutung des Begriffs »Spontaneität«, die man kurzerhand – gegen alle Ethymologie – als den defizienten Gegen-Modus zur höheren Bewußtheit mißdeutet hat. Alles zusammen ist diese fintenreichen Scholastik eine Logik der Subalternität unter »objektive« Bestimmungsinstanzen. Trotzki hatte allen Grund, die Grobianismen von Stalins Zuordnungen der Theorie zur Praxis als die »Philosophie der theoretischen Nachtrabpolitik« abzufertigen, »die der Praxis der Gegenwart hörig ist«, dem »Befehl des Sekretariats« (139). Doch seine eigenen Ausführungen über die höhere Souveränität »der Theorie« sind nicht frei von Fetischisierungen; so, wenn er schreibt: »Und erst die Epoche der historischen Katastrophen des kapitalistischen Systems hat die Möglichkeit eröffnet, die entscheidenden Schlußfolgerungen des Marxismus in die Tat umzusetzen. Sie hat den Menschen – nicht allen, bei weitem nicht allen – den Marxismus nähergebracht.« (130 f.) Größte weltgeschichtliche Bedeutung bekam das Thema »Revolution und Bürokratie« für Trotzki, als Stalin es 1924 für möglich erklärte, den Sozialismus in einem »einzeln genommenen Lande« aufzubauen, also nicht nur im Verbund einer internationalen sozialistischen Revolution. Dahinter sah Trotzki nicht nur eine resignative Bereitschaft, sondern geradezu »das Bedürfnis, die Nabelschnur, die die Sowjetrepublik mit der internationalen Revolution verbindet, ... zu durchtrennen« (136). Dieser »national-sozialistischen Revision« des Marxschen Revolutionsprospekts entsprachen die verhängnisvollen Interventionen Stalins in auswärtige revolutionäre Krisen. Wenn Stalin damit die Niederlagen und ihre Folgen verschlimmert hat, so kann man ihm andererseits aber auch nicht vorhalten, er habe glänzende revolutionäre Siege vereitelt. Es war eine Fatalität der wirklichen Geschichte, die Weltrevolution als Illusion der Epoche zu dementieren. Die Philosophie, hieß es bei Hegel, sei »ihre Zeit in Gedanken erfaßt«. Hegel läßt sogleich durchblicken, daß sie dabei ebenso von ihrer Zeit erfaßt, also jedenfalls nicht über die Zeitlage erhaben, das souveräne Organ ihres erkennenden Erfassens ist. In eigener Sache kann unsereiner allenfalls hoffen, daß inmitten dessen, worin er in seinen Gedanken von seiner Zeit erfaßt ist und einige ihrer Züge repräsentiert, er auch einige Erkenntnisse eingeholt hat und weitergeben konnte. Im Fall Trotzki muß man den Anteil von Erkenntnisleistungen nicht als gering veranschlagen. Kein anderer unter den führenden Köpfen, Lenin inbegriffen, kommt ihm gleich. Im inneren Kreis der Sowjetrevolution ist Trotzki wohl der aufschlußreichste Zeitzeuge. Als Diagnostiker der Revolution, an der er so prominent mitwirkte, hat er hohe Meriten. Jedoch war die Revolution für ihn viel zu sehr das Medium einer Doktrin, als daß er sonderlich viel zu ihrer Theorie (oder theoretischen Historik) hätte beitragen können. Nachtrag: Anmerkung zu Trotzki in seiner Geschichte Die russischen Revolutionäre mystifizierten sich selbst zu Trägern eines theoretisch (oder vielmehr doktrinal) durchgebildeten revolutionären Bewußtseins und der darin vorgezeichneten epochalen »Aufgaben«. Keiner unter ihnen hat so viele reflexive Aufschlüsse über seinen Sozialcharakter gegeben wie Trotzki. Er war der Aristokrat der proletarischen Revolution. Während Lenin mehr dem Habitus des Dienst- und Amtsadels angelagert war, stand Trotzki dem Typus eines Landadligen mit kulturellen Neigungen nahe. Das Zusammengehen mit der Arbeiterbewegung konnte nicht von ungezwungener Natürlichkeit sein, sondern behielt etwas Distanziertes und Bemühtes, während das Einrücken des brillanten Publizisten in eine höchste militärische Kommandofunktion erstaunlich leicht gelang. So konnte er ganz in der traditionellen Weise hart gegen sich selbst und noch härter gegen andere sein. In seiner politischen Urteilskraft mochte er Rosa Luxemburg am nächsten verwandt sein, in seinem praktischen Sozialcharakter war er Antipode. An einer sozialistischen Sozialreligion kann man ihn nicht messen, wie man überhaupt die Russische Revolution nicht daran messen kann. Die natürliche Sphäre wäre für Trotzki eine Art revolutionärer Adelsdemokratie gewesen, und zwar unter der Bedingung einer weitestgehenden Ebenbürtigkeit und Kongenialität der aktiv daran Beteiligten. Es signalisiert den soziokulturellen Notstand, das Elend der Aufsteiger-Revolution, daß schon die engste Führungsgruppe um Lenin und Trotzki mit recht inferioren, instabilen und zweifelhaften Personagen besetzt war. Trotzki hat ihre Profile, außer demjenigen Stalins besonders die von Sinowjew und Kamenjew (in seinen Kommentaren zu den Moskauer Prozessen), unerbittlich nachgezeichnet. Die multikulturelle Gruppendynamik der russischen revolutionären Bewegung, die das eigentliche Kerngeschehen bildete, auf allen Stufen der aktiven und mitgehenden Teilhabe zu analysieren, wird ein wichtiges Stück künftiger Revolutions-Historiographie sein. In der Verbindung mit einem Grundstock von Parteidemokratie und kooperativer Führung konnte Trotzki auch für eine hart repressive revolutionäre Diktatur einstehen. Von der terroristischen Despotie trennte ihn eine absolute, von seinem Personalund Sozialcharakter her unüberschreitbare Schranke. Die unhistorische Frage, ob er anstelle von Stalin ein anderes Regiment geführt hätte, ist gegenstandslos. Trotzki war nur in der »heroischen Periode« der Revolution möglich. Er wußte, daß er danach ein Unzeitgemäßer war, und das lähmte seine politisch-praktischen Energien, lenkte sie ins Theoretisch-Diagnostische zurück. [1] Zuerst in der Philosophischen Rundschau 3/4-1957, Nachdruck in: Theorie und Praxis, Neuwied (Luchterhand) 1963, S. 266. [2] Trotzki, Leo: Der Anfang vom Ende (1937), in: Schriften 1.2, Hrsg. von H. Dahmer u. a., Hamburg 1988, S. 1099. [3] In dem von mir herausgegebenen Sammelband Der Marxismus in seinem Zeitalter (Reclam Leipzig 1994) hat Karl Schlögel in seinem Aufsatz »Sowjetmarxismus: Einen ›toten‹ Text neu lesen« mit entschieden mehr historischem Verständnis und Gerechtigkeitssinn die Wirklichkeit dieser Formation charakterisiert. [4] Beitrag zu der von J. Speck herausgegebenen Reihe Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie der Neuzeit II, Göttingen 1976. [5] Die »Deutsche Ideologie« wurde erst aus dem Nachlaß veröffentlicht. Das Feuerbach-Kapitel, Geburtsurkunde der »materialistischen Geschichtsauffassung«, erschien 1924 in Frankfurt in einer textkritischen Ausgabe als 1. Band des von D. Rjazanov für das Moskauer Marx-Engels-Institut herausgegebenen Marx-Engels-Archivs. Ohne viele der aufschlußreichen Arbeitsspuren des Verständigungsprozesses genügte es den Editoren der in Berlin (Ost) 1956 f. erschienenen Ausgabe der Marx Engels Werke (MEW), nach der ich im folgenden zitiere. Der angeführte Satz steht in Bd. 3 auf S. 26. [6] MEW Bd, 2, S.20. [7] MEW Bd. 3, S.67. [8] MEW Bd. 3, S. 71. [9] Ebd., S. 74. [10] Weitere Eintragungen nahm ich in verschiedenen Partien meiner 1993 veröffentlichten Studie Epochenphänomen Marxismus vor. (In sehr kleiner Auflage im Verlag Walter G. Neumann Hannover erschienen.) [11] Hier wandte sich Marx gegen das Verfahren einer »Konstruktion der Zukunft« und gegen einen präzeptoralen Gestus von Vordenkern: »Es hindert uns nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem Prinzip entgegen... Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will.« (MEW Bd. 1, S. 344 u. 345) [12] MEW Bd. 3, S. 5 f. »Sondieren« steht wohl für sondern = separieren. [13] MEW Bd. 4, S. 143. [14] NEW Bd. 3, S. 7. [15] MEW Bd. 3, S. 67 f. Zugespitzt äußerte es sich in diesem Satz: »Nur die von aller Selbstbetätigung vollständig ausgeschlossenen Proletarier der Gegenwart sind imstande, ihre vollständige, nicht mehr bornierte Selbstbetätigung, die in der Aneignung einer Totalität von Produktivkräften und der damit gesetzten Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten besteht, durchzusetzen.« (S. 16). [16] Karl Marx als Politiker, München/Zürich 1991. [17] MEW Bd. 3, S. 35. Die Redaktion hat hinter »haben« ein »[wird]« gesetzt, statt darauf zu verweisen, daß der Infinitiv zur preussisch-militärischen Befehlssprache gehört. Eine Engelssche Parallelstelle findet sich in MEW Bd. 4, S. 321. [18] In der 1871 unter dem Titel »Der Bürgerkrieg in Frankreich« erschienenen »Adresse des Generalrats« der IAA, MEW Bd.17, S. 343. Es folgt im Text, in einem anderen Sprachgestus, eine Evokation der »geschichtlichen Sendung« – diese 1876 abgeändert in »Tendenz« – der Arbeiterklasse und dem »Heldenentschluß, ihrer würdig zu handeln«. [19] Ich habe einmal den Versuch gemacht, die wichtigsten Transformationsschritte in einer Folge von 17 Merkpunkten zu resümieren, u. a.: Ideenfixiertheit, Deduktivismus, objektivistischer ParaKognitivismus, Praxis als Anwendung der Theorie, »Aufgaben«-Orientierung, Klassenbewußtsein, Institution Historischer Materialismus, Weltanschauung. [20] So formuliert 1989 für das bei Vandenkoeck & Ruprecht (Göttingen) erschienene Evangelische Kirchenlexikon (Stichwort Marxismus). [21] Einleitung zur Neuausgabe der Marxschen Schrift über die Klassenkämpfe in Frankreich 1848– 1850, MEW Bd. 22, S. 509 f. [22] Das war für den »Vater des russischen Marxismus«, G. W. Plechanow, ein Pseudonym für die frühen Marxisten vor der Jahrhundertwende, untergründig aber auch ein Index ihrer intellektuellen Unselbständigkeit. [23] Diesen Titel hat eine Schrift der italienisch-russischen Linkssozialistin Angelica Balabanoff, nachdem sie 1922 schon resigniert aus Sowjetrussland in den westlichen Sozialismus zurückgekehrt war. [24] Zuerst sah er im Materialismus überhaupt nur einen »abstrakten Spiritualismus der Materie«. (So in dem 1843 entstandenen Entwurf zu einer »Kritik des Hegelschen Staatsrechts«, MEW Bd. 1, S. 293) Über die Antiposition von Materialismus und Idealismus wollte er durch eine »beide vereinigende Wahrheit« hinauskommen, die in einem »durchgeführten Naturalismus oder Humanismus« liegt. (MEW Erg.-Bd.I, S. 577) Als er mit Engels die »materialistische Geschichtsauffassung« konzipierte – noch nicht zum »historischen Materialismus« hypostasiert! –, war die Lizenz zu einem »neuen Materialismus« erteilt. Programmatisch deklariert die 10. Feuerbachthese: »Der Standpunkt des alten Materialismus ist die bürgerliche Gesellschaft, der Standpunkt des neuen die menschliche Gesellschaft oder die gesellschaftliche Menschheit.« (MEW Bd. 3, S. 7) [25] MEW Bd. 29, S. 327. [26] Der von Helmut Dahmer u. a. herausgegebene Text ist, aus dem Russischen übersetzt, 2001 als Text 59 (S. 120-143) im 3. Teilband von Band 3 der Schriften von L. Trotzki im Neuen ISP Verlag Köln erschienen. Die Seitenangaben im folgenden Text beziehen sich auf diesen Band. [27] Der Herausgeber verweist (mit K. Kosik) auf die für Trotzki nähere Parallele von G. Plechanow, der um dieselbe Zeit gegen die »Theorie der Faktoren« angegangen ist. In deren Sichtweise »stellt sich die menschliche Gesellschaft als eine schwere Fracht dar, die verschiedene ›Kräfte‹ – Moral, Recht, Ökonomie usw. – jede von ihrer Seite aus auf dem historischen Wege dahinschleppen. Vom Standpunkt der heutigen materialistischen Geschichtsauffassung sieht die Sache ganz anders aus. Die historischen ›Faktoren‹ erweisen sich als einfache Abstraktionen, und sobald ihr Nebel zerrinnt, wird es klar, daß die Menschen nicht einige voneinander getrennte Geschichten ... machen, sondern nur eine Geschichte ihrer eigenen gesellschaftlichen Beziehungen, die in jeder gegebenen Zeit durch den Zustand der Produktivkräfte bedingt werden.« (Über materialistische Geschichtsauffassung, Broschürenausgabe Berlin 1946, S. 39) Und wenn man im Blick auf die Geschichte an einen »Faktor« denkt, dann ist der gesellschaftliche Mensch ihr einziger »Faktor«. 28                             Trotzki illustriert das am bürokratischen Hantieren mit dem Titel »Diktatur des Proletariats«.Diese sei für den Bürokraten eine den realen Beziehungen der Klassen enthobene metaphysische Kategorie, die in sich selbst über alle Garantien verfügt (122 f.). 29                             So hat Trotzki nichts dafür übrig, Wissenschaften wie die Psychologie oder Biologie in »marxi-stischen« Lesarten zu novellieren. »Wahrscheinlicher ist aber, daß das neue System auch einen neuen Namen tragen wird. Der Marxismus beansprucht keineswegs, ein absolutes System zu sein, er gibt sich Rechenschaft von seiner historisch-transitorischen Bedeutung« (130 f.). [30] »Wer übrigens seinen Hegel auch nur einigermaßen kennt«, versichert Engels dem Leser, »der wird auch wissen, daß Hegel an Hunderten von Stellen aus Natur und Geschichte die schlagendsten Einzelbelege für die dialektischen Gesetze zu geben versteht« (MEW Bd. 20, S. 349). [31] MEW Bd. 2, S. 136 f. Von Lamettrie heißt es, er fasse den Materialismus »sogleich in bezug auf das gesellschaftliche Leben« (S. 137) , also nicht auf einem Umweg über die kosmische Materie. So geht es also auch, und eben so ist Marx verfahren. [32] Es ist der Text »Über unsere Revolution«, der im Januar 1923 nach dem Blättern in den »Aufzeichnungen« des menschewistischen Kritikers N. Suchanow entstand. (Werke Bd. 33, S. 462 f.)  [33] Ein Faksimile des russischen Schreibmaschinen-Originalmanuskripts, von Trotzki abgezeichnet, wurde in den 50er oder frühen 60er Jahren in Paris von einer trotzkistischen Gruppierung in Umlauf gebracht. [34] Es erschien 1922 auch in einer deutschen Übersetzung und wurde nach 1968 von Aktivisten einer neokommunistischen Restauration nachgedruckt. [35] Schriften, Bd. 3.1, S. 245. [36] MEW Bd. 1, S. 408 – ohne die vielen Kursivsetzungen. [37] MEW Bd. 3, S. 417. [38] Wo F. Engels diese Bestimmung einführt, denkt er an instrumentelles Objekthandeln, nicht an eine übergreifenden Daseinsbestimmung menschlicher Praxis. [39] Wenn es bei Marx heißt, nicht das Bewußtsein »bestimme« das Sein, sondern umgekehrt, ist dieses Bestimmen nicht als ein kausatives Einwirken gedacht. Das sogenannte Bewußtsein ist ja selber nur das »bewusste Sein«, anders gesagt: die Bewußtheit eines lebendig Wirklichen in und aus der Bestimmtheit seines »wirklichen Lebensprozesses«. Alles, was wirkt, liegt in dieser Bestimmtheit – genauer: einem Ensemble von Bestimmtheiten seiner Lebenstätigkeit – beschlossen, tritt diesen also nicht als ein eigener »Faktor« gegenüber.

JHK 2003

Von der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion zur Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und zum Stalin-Kult

Katja Kuhn

Am 20. und 21. Mai 1947, auf dem ersten Bundeskongreß des Kulturbundes, wurde die Notwendigkeit eines besseren Verhältnisses der Deutschen zur Sowjetunion sowohl von den Vertretern der SED als auch von denen der Sowjetunion betont. Im Rahmen des Kulturbundes, der die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion in den ersten Jahren beeinflußte, hatte es schon seit 1946 Zirkel gegeben, die sich mit dem Studium der Kultur und Sprache der Sowjetunion beschäftigten. Im ersten Halbjahr 1947 entstanden plötzlich auf Betreiben der Sowjets bzw. der SED in der gesamten SBZ »Gesellschaften zum Studium der Kultur der Sowjetunion«[1], die in ihrer Anfangsphase unabhängig voneinander agierten. Bereits am 18. Mai 1946 hatte die SMAD mit Befehl Nr. 153 angeordnet, in Berlin ein »Haus der Kultur der Sowjetunion« zu organisieren, das im Februar 1947 eröffnet wurde. Und im Oktober 1946 hatte das sowjetische Außenministerium eine breitere Information der Bevölkerung über die sowjetische Kultur durch die SMAD gebilligt. Für diese Vorbereitungen zeichnete klar die SMAD bzw. UdSSR verantwortlich. Ziel war es, die »Überlegenheit der sozialistischen Demokratie über die bürgerliche« zu propagieren.[2] Eine »Gruppe von Wissenschaftlern, Schriftstellern, Künstlern und Studenten« stellte schließlich einen Gründungsantrag an die SMAD und betrieb die Gründung einer Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion in der gesamten SBZ.[3] Unter Leitung von Jürgen Kuczynski[4], Heinrich Ehmsen[5] und Anna Seghers[6] trat im Frühjahr 1947 ein vorbereitender Ausschuß zur Gründung einer Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion zusammen.[7] Am 25. Juli 1947 nahm der Vorstand der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion offiziell seine Arbeit auf. Somit wurde, innerhalb von nur zwei Jahren, neben dem »Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands« eine zweite Gesellschaft kultureller Ausrichtung ins Leben gerufen, die offensichtlich ein anderes Image bekommen sollte und damit in Konkurrenz zum Kulturbund trat. Am 30. Juni 1947 luden Oberst S. I. Tulpanov,[8] welcher auch die Eröffnungsansprache hielt, und sein Stellvertreter Major Dymschitz zur Gründungsversammlung in das Berliner Haus der Kultur der Sowjetunion, Unter den Linden, ein. Erster Präsident der Gesellschaft wurde »durch Mehrheitsbeschluß« – so die Akten – Professor Dr. Jürgen Kuczynski, ein Wirtschaftshistoriker, der nach seiner Rückkehr aus dem englischen Exil 1945 zwei Jahre für die »Spezialabteilung der sowjetischen Besatzungsmacht« arbeitete. Den Bedenken Kuczynskis, er spreche ja kaum Russisch, entgegnete Tulpanov, dies spiele keine Rolle, und er fügte hinzu: »Oder meinen Sie, daß sich die SMA in Ihnen täuscht?«[9] Fest steht, daß die Ernennung Kuczynskis ohne die volle Zustimmung der sowjetischen Entscheidungsträger unmöglich gewesen wäre. In seinen Memoiren bestätigte er das 1973 indirekt: »Keine Tätigkeit, kein Amt, keine Funktion habe ich seitde ausgeübt ohne Billigung oder Auftrag der Partei, es sei denn, die Anregung, der Auftrag kamen direkt aus der Sowjetunion, der Mutter auch meiner Partei.«[10]Erster Generalsekretär wurde Hans Mark, ein früherer Exilgefährte Kuczynskis. Seine Wahl wurde wohl von der Partei befürwortet, denn er sprach nicht nur fließend Russisch, sondern stand auch ideologisch eindeutig hinter der SED. Vizepräsidentin wurde Anna Seghers, die schon an den Gründungsvorbereitungen teilgenommen hatte.[11] Die Gründungsversammlung der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion war offiziell eine »Reaktion« auf die vorgeschobene, formale »Forderung« der Bürger der SBZ nach der Bildung einer Gesellschaft, die sich mit der sowjetischen Kultur auseinandersetzen und diese den Deutschen näherbringen sollte. Doch in Wirklichkeit ging die Gründung wohl eher auf Interessen der Sowjets zurück, die eindeutig den Aufbau der Studiengesellschaft forcierten, um eine Massenorganisation ins Leben zu rufen, deren Mitglieder positiv gegenüber der Sowjetunion eingestellt wären und die durch ihre Struktur möglichst viele Kreise in Ostdeutschland ansprechen würde.[12] Die neue Massenorganisation sollte sich nicht allein mit der sowjetischen Kultur im engeren Sinne befassen, so Tulpanov, »obwohl die russische Kultur eine große und führende Rolle in der Sowjetunion« besitze, sondern auch über das politische System der Sowjetunion informieren. »Kultur heißt auch verstehen, wie der Staat gebildet wurde, also die Lehre des Staates von Marx und Lenin. Das waren die Lehren, auf Grund derer wir unsere Politik, unsere Wirtschaft, unsere Kultur aufbauten (...). Man kann sich nicht nur beschränken auf die sogenannte schöne Kunst. Wer über die Sowjetunion wirklich etwas wissen will, muß auch verstehen, was heißt Kolchosen, was sind Bolschewiki, was haben sie gemacht und wie ist ihre Einstellung zur Gegenwart. Es wäre falsch, wenn man sich nur mit Musik beschäftigt. Die russische Kultur ist nicht nur Dostojewski (...).«[13] De facto forderte der sowjetische Oberstleutnant schon an dieser Stelle die Gründung einer Gesellschaft, deren Daseinsberechtigung sich auf die politischideologische Indoktrination möglichst vieler Deutscher im Sinne der Kommunisten konzentrierte – eine Forderung, der die Gesellschaft über viele Jahre nachkommen sollte. In den ersten zwei Jahren ihres Bestehens war die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion, wohl nicht zuletzt durch ihren Namen, vor allem für Vertreter der Intelligenz attraktiv. Dies spiegelt sich auch in der Besetzung der Landesvorstände wider, in denen Schriftsteller und Wissenschaftler dominierten. Durch eine Änderung des Namens hofften die sowjetischen Vertreter wie auch die der SED, die bestehende soziale Blockade gegenüber der Sowjetunion in der deutschen Bevölkerung abzuschwächen und die Gesellschaft für die Massen interessanter zu machen. Kuczynski erinnerte sich später, die Umbenennung in »Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft« sei von den sowjetischen Stellen vorgeschlagen worden.[14] Dies ist anhand der Akten nicht eindeutig zu belegen, jedoch erscheint es durchaus logisch, daß der Sowjetunion bei der Umbenennung der Gesellschaft eine wichtige Rolle zukam. Auf dem 2. Kongreß der Gesellschaft im Juli 1949 erfolgte der Beschluß, die »Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion« in »Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft« umzubenennen.[15] Da sich Kuczynski offensichtlich der Zustimmung der Delegierten zur Namensänderung nicht sicher war, wurde keine offizielle Abstimmung durchgeführt, welche eine Zweidrittelmehrheit erfordert hätte.[16] Um eine Mehrheit für diesen Beschluß sicherzustellen, bediente Kuczynski sich eines Rechentricks: er ließ deutlich mehr Abgeordnete zur Teilnahme an der Konferenz zu als ursprünglich vorgesehen,[17] erkannte aber, gemäß den Statuten, nur 104 Delegierte als stimmberechtigt an. Damit war die Zustimmung der entsprechenden Anzahl Delegierter sichergestellt, und die Namensänderung konnte problemlos erfolgen. Schon im Januar 1949 hatte die SED auf der 1. Parteikonferenz die Umgestaltung der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft zur Massenorganisation vorgeschlagen und ihre Führungsrolle damit auch nach außen hin deutlich gemacht. Auch Kuczynski als Präsident setzte sich mit der neu zu definierenden Rolle der Gesellschaft auseinander. Auf der Halbjahrestagung des Gesamtvorstandes am 25. und 26. Oktober 1948 stellte er fest, das Auftreten der Gesellschaft erscheine zu defensiv und man unterlasse es, »darauf hinzuweisen, daß die Grundprinzipien und Grundtendenzen der Entwicklung Deutschlands die gleichen sein müssen wie in der Sowjetunion. (...) Wir bringen keineswegs klar genug in unserer Arbeit die Tatsachen heraus, daß man den Fortschritt unserer deutschen Entwicklung in der gegenwärtigen Situation auf ideologischem Gebiet in erster Linie zu messen hat an dem Verhalten des Einzelnen und jeder Schicht zur Sowjetunion (...)«[18] Das erklärte Ziel der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft mußte sein, neue Mitglieder für ihr Anliegen zu begeistern. Zu diesem Zweck spannte die Gesellschaft schließlich sogar andere Massenorganisationen der DDR ein, so richtete sie z. B. gemeinsam mit der FDJ einen Appell an die Jugend, in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft einzutreten.[19] Zudem rief sie dazu auf, einen »Monat für Deutsch-Sowjetische Freundschaft« abzuhalten, schließlich wurde Wilhelm Pieck zum Ehrenpräsidenten der Gesellschaft ernannt.[20] Immerhin ließen sich so langsam Erfolge verbuchen, und Anfang 1949 hatte die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft schätzungsweise 100 000 Mitglieder, im Oktober 1949 schon 293 370.21 In der »kritischen Einschätzung zum Abschlußbericht des Monats der deutsch-sowjetischen Freundschaft« wurde festgehalten, »daß die Gesellschaft es verstanden hat, die günstige politische Situation, entstanden durch a)  die Änderung des Namens der Gesellschaft b)  die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik c)  das Begrüßungstelegramm Generalissimus Stalin an den Präsidenten undMinisterpräsidenten der DDR mit ihrer Werbearbeit in Verbindung zu bringen«.[21] Eine besonders effektive Werbemaßnahme im Zuge der Kampagne der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft war die Einfuhr sowjetischer Landmaschinen, welche die »freundschaftliche Hilfe« seitens der Sowjetunion für die Deutschen real spürbar machen sollte. Die Mitgliedschaft in der Organisation war für die Bevölkerung der DDR quasi obligatorisch, da sie einen positiven Vermerk in den Kaderakten bewirkte und als Mindestmaß gesellschaftlichen Engagements gewertet wurde. Daher waren Kollektivbeitritte und Selbstverpflichtungskampagnen in der Expansionsphase der Gesellschaft die Regel. In die Gesellschaft trat ein, wer dem Druck der ihn umgebenden Institutionen nachgab und es aus persönlichen Aufstiegs- oder auch Nicht-Abstiegs-Wünschen für opportun hielt, sich zur Freundschaft zur Sowjetunion zu bekennen.[22] Damit war es der Gesellschaft schließlich gelungen, sich als Massenorganisation im gesellschaftspolitischen System der DDR zu etablieren, doch mußten erneut innere Umstrukturierungen nach leninistisch/stalinistischem Vorbild in Angriff genommen werden, um die Arbeit zu effektivieren. Dazu gehörten der Aufbau von Sekretariaten der Landesgesellschaften und der Aufbau von Betriebsgruppen, die sprachliche Gleichschaltung der Gesellschaft sowie die Kaderarbeit. Die organisatorische Aufbauphase der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion/Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft war 1949 abgeschlossen. Der Schwerpunkt lag auf der Koordinierung der politischen und ideologischen Inhalte und der strukturellen Gleichschaltung der verschiedenen Landesgesellschaften sowie dem Aufbau der Kader. Zentrale Positionen wurden mit in der Sowjetunion geschulten Heimkehrern besetzt. Diese, so hieß es beispielsweise in einem Protokoll der ersten Studiengruppenleiterkonferenz der Sektion »Geschichte«, seien die »politisch bewußtesten Mitglieder« und daher besonders als Leiter der Studiengruppen geeignet.24 Endpunkt der massiven Mitgliederwerbung und Beginn eines bombastischen Stalinkultes war sein 70. Geburtstag am 21. Dezember 1949. Die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft sollte hierbei, nach dem Willen der SED, neben dem FDGB eine zentrale Rolle spielen. Geplant wurden Maßnahmen, die den gewünschten Stalinkult in der ganzen Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft verbreiten sollten: –   Die Verbindung der Konferenz der Gesellschaft für DSF zur Schaffung von Betriebsgruppen mit der Überreichung von Geschenken an die Vertreter der KPDSU. –   Die Durchführung von Vorträgen über Stalin und seine Rolle in der UdSSR bzw. seine Bedeutung für die DDR. –   Die Herausgabe von Materialien zur Ausgestaltung der Geburtstagsfeierlichkeiten im Rahmen der Gesellschaft für DSF. –   Die Organisation von Ausstellungen über Stalin, die Herausgabe von Bilderreihen in einer Auflage von 3000 Exemplaren. –   Die Herausgabe eines Stalinporträts in einer Auflage von 10 000 Exemplaren. –   Die Aufstellung von Stalinbüsten in allen Häusern der Gesellschaft. –   Die Vorführung von sowjetischen Filmen, die sich überwiegend mit Stalin auseinandersetzten.[23] Die Gesellschaft hat nicht versucht, sich dieser Entwicklung entgegenzustellen – im Gegenteil. Stalins Geburtstag war ein Anlaß, in der gesamten Organisation Veranstaltungen zu planen, die seine Person und Politik legendenhaft heroisierten, und zwar auf allen Ebenen. Stolz berichtete die Gesellschaft für DeutschSowjetische Freundschaft: »Die Veranstaltungen in der ersten Dezemberhälfte standen im Zeichen der Stalinschen Verfassung«.[24] »Anläßlich des Jahrestages der Stalinschen Verfassung« wurde diese als Buch von der Gesellschaft für DeutschSowjetische Freundschaft herausgegeben. Am 13. Dezember 1949 erhielt Kuczynski ein Schreiben des Büros des Sekretariates der SED mit der Überschrift: »Geschenke zum Geburtstag des Genossen Stalin«[25]. Darin wurde der Gesellschaft für DSF die Verantwortung für die Sammlung, Sichtung und den Transport der Geschenke der DDR-Bürger an Stalin übertragen. Am 15. Dezember wurden die Geschenke per Sonderzug nach Moskau geschickt. Die Erfolge dieser Kampagnen waren, betrachtet man die Zahlen, auf welche sich die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft nun stützte, durchaus beeindruckend, immerhin gelang es, 361 833 neue Mitglieder zu gewinnen.[26]Auch in den folgenden Monaten waren die Aktivitäten der Gesellschaft vor allem auf die weitere Pflege des Stalinkults ausgerichtet. Kaum eine Veranstaltung, die sich tatsächlich mit der Kultur der Sowjetunion beschäftigte, stand auf der Agenda. Für die Leipziger Messe wurde ein Traktat vorbereitet, das Stalins Depesche zur Gründung der DDR, die Antwort des Präsidenten sowie vier Bilder von Stalin, Pieck, Grotewohl und einer Feier in Moskau enthalten sollte.29 Als die SED auf dem Parteitag im Juli 1950 ihre Mitglieder aufforderte, der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft beizutreten, war diese endgültig von der Studiengesellschaft zur Massenorganisation nach leninistisch/stalinistischem Vorbild umstrukturiert worden. Nicht mehr nur das Interesse an Rußland bzw. der Sowjetunion war das Hauptanliegen der Mitglieder, sondern die Demonstration der politisch »korrekten« Haltung und das Bekenntnis zu Stalin wurden zur Triebfeder. Damit war die Organisation endgültig zur propagandistischen »Vielzweckwaffe« geworden, deren Aufgabe vor allem drin bestand, sich den Interessen der SED zur Verfügung zu stellen und eine Politik zu propagieren, die ganz auf der Linie der herrschenden Partei lag.[27] Die Idee einer Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion scheiterte zunächst an schwerwiegenden Organisationsproblemen, an der völlig zusammengebrochenen Infrastruktur in der SBZ und den noch immer bestehenden Vorbehalten großer Bevölkerungsteile gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht. Die Initiative zur Bildung einer Gesellschaft, die sich ausschließlich mit der sowjetischen Kultur und damit unterschwellig der Propagierung der Sowjetunion befassen sollte, ging eindeutig von der sowjetischen Verwaltung aus. Schon die Zielvorgabe der Sowjets bei der Gründungsversammlung macht deutlich, daß von Anfang an geplant war, die Gesellschaft als Massenorganisation zu strukturieren und als Mittel zur ideologischen Indoktrination der Deutschen einzusetzen. Insofern kann die sowjetische Initiative zur Gründung einer Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion als Weiterführung der von der SMAD-Informationsverwaltung geförderten Propaganda der Popularisierung der Sowjetunion mit anderen Mitteln angesehen werden. Dabei sollten zunächst Intellektuelle gewonnen werden, bevor man das Engagement auf die gesamte Bevölkerung der SBZ/DDR ausdehnte. So befand sich die Gesellschaft seit ihrer Gründung in dem Konflikt, einerseits den Interessen der Sowjets dienen zu müssen und bis 1956 den Stalin-Kult zu verbreiten, andererseits jedoch als deutsche Institution in der SMAD/DDR mit deutschen Mitgliedern angesiedelt zu sein. Sie mußte letztendlich beiden Seiten gerecht werden, um ihre Position im politischen System der DDR zu verteidigen. Obwohl sie vom sowjetischen Verwaltungsapparat merkliche Unterstützung erhielt, konnte die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion ihren Anspruch, eine Organisation für die ganze Bevölkerung zu sein, nicht einlösen. Die Zusammenarbeit auf Landesebene war anfangs wenig ausgeprägt. Es war nicht zuletzt wegen der mangelnden organisatorischen Qualifikation der Kader schwierig, einheitliche, demokratisch-zentralistische Strukturen auf allen Ebenen in der SBZ/DDR zu etablieren und die Steuerung der Gesellschaft auf allen Ebenen sicherstellen. Der große Einfluß der Sowjets zeigt sich u. a. darin, daß die Position des Generalsekretärs der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion nicht in Frage gestellt werden konnte. Die sowjetische Seite war offensichtlich daran interessiert, ihren Einfluß bei der Gründung einer solchen Gesellschaft zu verschleiern und forcierte formal eine deutsche Initiative. Der Grund hierfür ist wohl vor allem in den Ressentiments der Deutschen gegenüber den Sowjets zu suchen, zudem hatte sie ein Interesse daran, aufgrund der sich verschärfenden ideologischen Konflikte mit dem Westen die Zustimmung der deutschen Bevölkerung zur Politik der Sowjetunion unter Beweis zu stellen. 1948 änderte sich mit dem Kurswechsel der SED der Charakter der Gesellschaft. Im Zuge des Kalten Krieges war es ihre vorrangige Aufgabe, möglichst viele Deutsche zu einem Bekenntnis zur sowjetischen Politik zu bewegen. Unterstützung fand diese Propaganda durch Lancierung sowjetischer Produktionsmethoden vor allem in der Landwirtschaft. Parallel dazu sollten Betriebsgruppen aufgebaut und eine regelmäßige Arbeit in den Betrieben initiiert werden. Dieses Vorhaben gestaltete sich jedoch schwierig, da die Arbeiterschaft wenig Interesse an der Gesellschaft zeigte. Der 2. Kongreß der Organisation im Juli 1949 stellt einen Wendepunkt in der Geschichte der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion dar. Der wohl wichtigste Schritt war die hier vollzogene Namensänderung in »Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft« und ihre Statusänderung zur Massenorganisation. Damit einher ging die Übernahme des Stalinkultes und die Strukturierung der Gesellschaft nach stalinistischem Vorbild. Dazu gehörte neben einschlägigen Veranstaltungen und Organisationsstrukturen auch die Besetzung führender Posten auf Orts- bzw. Landesebene mit entsprechenden Kadern. Dafür wurden besonders geschulte Heimkehrer aus der UdSSR herangezogen. Durch massive Kampagnen und mit der Unterstützung der SED und der sowjetischen Seite gelang es, in kürzester Zeit die Mitgliederzahlen zu versechsfachen.[28]Die Gesellschaft stand dann jedoch vor großen organisatorischen Problemen. Bald stellte sich heraus, daß die Mitglieder selten daran interessiert waren, in der Gesellschaft aktiv mitzuarbeiten und sich für deren Anliegen einzusetzen. Insofern entspricht auch die Gründungsphase der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion/Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft durchaus dem Muster, welches den Transformationsprozeß der SBZ/DDR steuerte. [1] Zunächst entstanden Gesellschaften, die sich mit dem Studium der Kultur der Sowjetunion beschäftigten in Thüringen, Mecklenburg und Sachsen-Anhalt, später auch in Brandenburg und Sachsen. Vgl. Schönknecht, T.: »Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft«. In: Broszat, Martin/Weber, Hermann: SBZ-Handbuch. München 1990, S. 735. [2] Mitteilung von Dr. Jan Foitzik, Berlin. [3] Broszat/Weber, SBZ-Handbuch, S. 736. [4] Jürgen Kuczynski (17. 9. 1904 – 6. 8. 1997) war ein bekannter Wirtschaftshistoriker, 1946–1956 ordentlicher Professor an der Universität Berlin, Gründer des Institutes für Wirtschaftsgeschichte, 1947–1950 Präsident der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion. Kuczynski galt als herausragender Forscher im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften der DDR und publizierte auf nahezu allen Gebieten der Geistes- und Sozialwissenschaften. Gegen ihn wurden wiederholt Revisionismusvorwürfe erhoben, trotzdem war er außenwirtschaftspolitischer Berater Erich Honeckers. Vgl.: Grimm, T: Was von den Träumen blieb. Berlin 1993. [5] Heinrich Ehmsen, geb.1886, arbeitete als Maler und Grafiker und war 1945 Mitbegründer und Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Er starb 1964. Vgl.: Katalog: Heinrich Ehmsen. Maler – Lebenswerk – Protokoll. Berlin 1986. [6] Anna Seghers, eigentlich Netty Radványi, geb. Reiling (19. 11. 1900 – 1. 6. 1983) gilt als Nestorinder DDR-Literatur. Sie erhielt verschiedene Auszeichnungen der UdSSR und der DDR, so z. B. den sowjetischen Orden der Oktoberrevolution, aber auch den Kulturpreis des Weltfriedensrates und verschiedene Ehrenbürgerschaften, so z. B. in Berlin, Jena und Mainz. Batt, K.: Anna Seghers. Versuche über Entwicklung und Werke. Leipzig 1980; Wagner, F.: Anna Seghers. Leipzig 1980; Stephan, A.: Anna Seghers im Exil: Essays, Texte, Dokumente. Bonn 1993; Zehl Romero, C.: Anna Seghers. Eine Biographie 1947–1983. Berlin 2003. [7] Vgl. Mai, J.: »Für ein neues, freundschaftliches Verhältnis zur Sowjetunion (1945–1949). Vonder Studiengesellschaft zur Massenorganisation für Deutsch-Sowjetische Freundschaft«. In: 40 Jahre DDR mit der UdSSR in Freundschaft verbunden. [Berlin (Ost), (1989)], S. 3. [8] Vgl.: Foitzik, J.: Sowjetische Militäradminstration in Deutschland (SMAD) 1945–1949. Strukturund Funktion. Berlin 1999; Rentmeister, M.: »Kulturelle Beziehungen zu unseren Freunden«. In: Die ersten Jahre. Erinnerungen an den Beginn der revolutionären Umgestaltung. Berlin (Ost) 1979, S. 321 ff.; Koch, M.: Zum Tode von Sergej I. Tulpanov. Deutschland Archiv 17 (1984), S. 341 ff.; Tulpanov, S. I.: Erinnerungen an deutsche Genossen. Berlin/ Weimar 1984,. Ders.: Deutschland nach dem Kriege (1945–1949). Berlin 1986 [9] Kuczynski, J.: Dialog mit meinem Urenkel. Neunzehn Briefe und ein Tagebuch. Erstveröffentlichung der ungekürzten und unzensierten Originalfassung. Berlin 1989, S. 151. [10] Ebenda, S. 157. [11] Vgl. Mai, J.: Die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion, S. 861. Weitere Mitglieder des Vorstands waren: Walter Gerull-Kardas (Mitarbeiter des Hauses der Kultur, Schriftführer), Prof. Ehmsen (Berlin), Prof. Pontius van Beek (Berlin), Prof. Unger (Erfurt), Prof. Schneider (Jena), Stadtrat Matern (Rostock), Luise Paul (Weimar) und Anna Groß (Studentin; Berlin); vgl.: Neues Deutschland vom 3. 7. 1947, S. 3; Tägliche Rundschau vom 1. 7. 1947, S. 1. [12] Zwar hatte auch der »Bund der Freunde der Sowjetunion« auf den Wunsch Moskaus hin schon zu Weimarer Zeiten eine Massenorganisation werden sollen, doch war eine reale Umsetzung nie erfolgt. [13] SAPMO, DY 32, 1, Sitzungsprotokoll der Gründungsversammlung. [14] Kuczynski, J.: Aus den Anfängen einer großen Freundschaftsbewegung, S. 151. [15] In der Literatur findet sich auch noch der Begriff »Zweite Zonenkonferenz«. Vgl. dazu: »Freunde für immer«. In: Die neue Gesellschaft, S. 6ff. [16] Vgl. Dralle, L.: Von der Sowjetunion lernen..., S. 312ff. [17] Petersdorf nennt 700 Delegierte, vgl. Petersdorf, J.: Die Rolle der Gesellschaft, S. 104; Die Mandatsprüfungskommission dagegen spricht von 324 Delegierten, die restlichen 220 Delegierten stufte sie nur als Gäste ein. Vgl. dazu: »Bericht der Mandatsprüfungskommission«. In: Die neue Gesellschaft, S. 173ff. [18] SAPMO, DY 32, 4, Aufgaben und Arbeit unserer Gesellschaft in der gegenwärtigen Situation, Rede des Präsidenten auf der Halbjahrestagung des Gesamtvorstandes am 25. und 26. Oktober 1948. Blatt 18ff. Die Rede wurde abgedruckt in: Die neue Gesellschaft, Nr. 11/1948, S. 5–11 und 44–149; Vgl.: Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Landessekretariat Mecklenburg (Hrsg.): Freundschaft mit der Sowjetunion als nationale Existenzfrage, o.O., o.J. (1949). [19] In dem Aufruf der DSF und der FDJ an die deutsche Jugend hieß es: »Mädel und Jungen! Schließt euch der großen, ständig wachsenden Gemeinschaft der Freunde der Sowjetunion an! Es genügt nicht, sich nur mit Worten zur Freundschaft mit der Sowjetunion zu bekennen (...). Werdet darum Mitglieder der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und besucht die Kulturhäuser.« In: 40 Jahre DSF, S. 8. Vgl. Neues Deutschland vom 1. 11. 1949, S. 2.; Vgl.: Für ein neues, freundschaftliches Verhältnis zur Sowjetunion (1945–1949). Von der Studiengesellschaft zur Massenorganisation für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. (propagandistische Veranstaltung des Zentralvorstands der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft). Berlin (Ost) 1989. [20] Wilhelm Piek (1876–1960) war als führender Kommunist ab 1947 maßgeblich an der Umgestaltung der SED zur Partei nach stalinistischem Vorbild beteiligt und wurde im Oktober 1949 zum Präsidenten der DDR gewählt. Vgl. Petersdorf, J.: Die Rolle der Gesellschaft für DeutschSowjetische Freundschaft, S. 123 f.; Dralle, L.: Von der Sowjetunion lernen..., S. 340f. 21 Vgl. SAPMO DY 32, 432, Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion bei Beginn, S. 4. [21] SAPMO, DY 32, 432, Kritische Einschätzung zum Abschlußbericht des Monats der deutschsowjetischen Freundschaft. November/ Dezember 1949. [22] Vgl. Eggeling, W.  und Hartmann, A. : Die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, S. 31 und Gieseke, J.: Von der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion zur Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, S. 156ff. 24 Vgl. SAPMO - Dy 32/204 S. 1. [23] Vgl. SAPMO, DY 32, 126 Richtlinien zur Durchführung der Stalinkampagnen in den Massenorganisationen, S. 2–4. [24] Ebd. S. 5. [25] SAPMO DY 32, 432 Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft bei Beginn, Bl. 2ff. [26] Vgl. SAPMO, DY 32, 432 Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft bei Beginn, S. 6. 29 SAPMO DY 32, 130 Beschlußprotokoll der Sitzung des Sekretariates der Gesellschaft für DSF vom 14. Februar 1950. [27] Vgl. Dralle, L.: Von der Sowjetunion lernen..., S. 3769. [28] Vgl. Gieseke, S. 170.

JHK 2003

»Im Ernst-Thälmann-Werk sind die Streikenden über die Mauern gestiegen« – Die Rolle des Sekretariats der SED-Bezirksleitung Magdeburg am 17. Juni 1953

Horst Dähn

Einleitende Bemerkung zum Forschungsstand Die Analyse der Vorgeschichte, der Abläufe sowie der Nachwirkungen des 17. Juni 1953 in der DDR erfreut sich bereits seit mehreren Jahrzehnten eines regen Interesses in der historischen und politikwissenschaftlichen Forschung. Wichtige Arbeiten, die sich mit diesem Thema ausschließlich bzw. als Teil umfänglicherer Vorhaben beschäftigt haben, liegen schon lange vor, wie die Untersuchungen von Arnulf Baring[1] und Karl Wilhelm Fricke[2] erkennen lassen. Aber auf breiter Quellenbasis beruhende Monographien und Aufsätze zu den Juni-Ereignissen auf gesamtstaatlicher, regionaler und lokaler Ebene – und hierzu zählen die Publikationen von Manfred Hagen[3], Torsten Diedrich[4], Gerhard Beier[5] und vor allem Heidi Roth[6] – konnten erst nach dem staatlichen Ende der DDR geschrieben werden, als nunmehr die ostdeutschen Partei- und Staatsarchive für die Forschung zugänglich gemacht wurden. Die detaillierte Bibliographie in der vorzüglichen Untersuchung von Heidi Roth über den 17. Juni 1953 in Sachsen zeigt deutlich, daß die regionale und lokale historische Forschung zu diesem Thema noch erhebliche »weiße Flecken« erkennen läßt. Diese Feststellung gilt auch für das Land Sachsen-Anhalt bzw. für die damaligen Bezirke Magdeburg und Halle. Einen ersten, wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Überblick zum Ablauf des 17. Juni 1953 in der Bezirkshauptstadt Magdeburg hat Karin Grünwald[7]präsentiert. Auf der Grundlage bisher noch nicht ausgewerteter archivalischer Bestände der Magdeburger Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei, der SED-Bezirksleitung (SED-BL) Magdeburg sowie einiger Großbetriebe der Stadt rekonstruiert die Verfasserin zum Teil recht ausführlich die bis Ende des Jahres 1952 zurückreichende Vorgeschichte der Juni-Ereignisse und sodann das Handeln der Akteure auf beiden Seiten – einerseits der streikenden und demonstrierenden Arbeiter, ihrer Versuche, die Gebäude von Partei-, Staats- und Sicherheitsapparat sowie Massenorganisationen (FDJ, FDGB, DSF u.a.) zu erstürmen, ihrer teilweise erfolgreichen Bemühungen um Befreiung politischer Gefangener, andererseits der Versuche der Vertreter des Partei- und Staatsapparats, zunächst durch Ansprachen an die streikenden Arbeiter, an die Teilnehmer der Demonstrationen die politisch brisante Lage unter Kontrolle zu bringen und nach dem Scheitern einer friedlichen Konfliktregelung den Einsatz bewaffneter Gewaltmittel (Polizei, Rote Armee) gegen die Demonstranten.[8] Auch die Folgen des 17. Juni, insbesondere die mit Mitteln der Justiz erfolgte Repression gegen aktive Teilnehmer an den Demonstrationen, werden erörtert. Das Dokument Das bislang unveröffentlichte Dokument thematisiert auch den 17. Juni 1953 in Magdeburg – aber ausschließlich aus der Perspektive der Herrschenden, nämlich vornehmlich der Akteure des Parteiapparats. Fragen der Datierung und der Verfasserschaft In den Akten der SED-BL Magdeburg befindet sich eine »Analyse über das Verhalten des Bezirkssekretariats der SED, Magdeburg, am 17. 6. 53«[9] – allerdings ohne Datierung und ohne Angabe der Verfasser des Berichts. Gleichwohl läßt sich der Zeitpunkt der Erarbeitung der »Analyse« ziemlich genau bestimmen. Bereits am 16. Juli 1953 faßte das Sekretariat der SED-BL einen Beschluß, das Verhalten der Mitglieder und Kandidaten am 17. Juni zu überprüfen. Zur Umsetzung dieses Beschlusses wurden zwei Kommissionen gebildet und am 13., 14., 18.,19. und 20. August Aussprachen mit 39 Mitgliedern sowie 12 Kandidaten der BL geführt. »11 Mitglieder und 3 Kandidaten befanden sich im Urlaub und konnten nicht überprüft werden.«[10] Das Ergebnis der Überprüfung lag in Form einer Sekretariatsvorlage vom 25. August vor[11] und wurde auf der 7. Bezirksleitungssitzung am 29. und 30. September von Kurt Wagner[12], dem 2. Sekretär der SED-BL Magdeburg, in einem Diskussionsbeitrag vorgetragen.[13] Was speziell fehlte, war eine schriftliche Analyse des Verhaltens der Sekretariatsmitglieder am 17. Juni. Das Sekretariat der Bezirksleitung, also der innere Führungs- und Entscheidungszirkel, faßte in seiner Sitzung am 13. August den Beschluß, daß der Bericht sehr rasch erarbeitet werden müsse; im Ergebnisprotokoll wurde festgelegt, daß »jeder Genosse des Sekretariats bis morgen (also den 14. August, H. D.) eine Einschätzung über sein persönliches Verhalten am 17. 6.« zu geben habe.[14] Ferner wurden drei Sekretariatsmitglieder, und zwar Alois Pisnik[15], Kurt Wagner und Richard Eyermann[16] beauftragt, »die einzelnen Dinge« zu besprechen und dafür Sorge zu tragen, daß innerhalb weniger Tage (»bis Donnerstag«) der »Entwurf«, gemeint ist wohl der Entwurf der »Analyse«, vorliegen muß. Ob diese drei Parteifunktionäre auch die Autoren des Gesamtentwurfs sind, der immerhin aus drei Abschnitten besteht, muß offenbleiben. In der Sitzung des Sekretariats am 10. September 1953 war die »Analyse« Gegenstand der Beratung (TOP 4 »Analyse – Sekretariat«[17]). Das heißt, spätestens zu diesem Zeitpunkt lag die »Analyse« vor; allerdings gab es im Blick auf die Überprüfung mindestens eines Sekretariatsmitglieds, nämlich Josef Hegen[18], noch Klärungsbedarf. So heißt es in dem knappen Beschlußprotokoll zum TOP 4 weiter: »Genosse Hegen wurde gehört (s. Anlage). Die Angelegenheit konnte nicht geklärt werden. Das Material soll zusammengestellt und zum ZK geschickt werden.«[19] Die hier erwähnte Anlage zum »Fall Hegen« ist in dem Aktenfaszikel nicht vorhanden. Bemerkenswert in diesem Kontext ist die Tatsache, daß sich das Plenum der SED-Bezirksksleitung Magdeburg noch in seiner Sitzung am 29. und 30. September 1953 sehr kritisch mit dem Verhalten von Josef Hegen, dem Vorsitzenden des Rates des Bezirks Magdeburg und Mitglied des Sekretariats der SED-BL Magdeburg, am 17. Juni 1953 beschäftigte. Ausführliche Auszüge aus den auf dieser Sitzung gehaltenen Diskussionsbeiträgen, so die Stellungnahme des Vorsitzenden der Bezirksparteikontrollkommission (BPKK) der SED-Bezirksleitung (SED-BL) Magdeburg, Richard Eyermann[20], über Hegen wie auch des Beschuldigten selbst[21], der sich ausdrücklich auf die über ihn enthaltenen Passagen in der »Analyse« bezieht, übersandte Eyermann als Anlage mit einem kurzen Anschreiben vom 16. Oktober 1953 an den Vorsitzenden der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK), Hermann Matern[22].   Aufbau des Dokuments Die »Analyse« gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil besteht aus einer acht Seiten umfassenden Schilderung des politischen Geschehens vom Abend des 16. bis einschließlich des 17. Juni 1953 (»Chronologischer Ablauf der Ereignisse«). Der zweite Abschnitt (14 Seiten) trägt zwar die Überschrift »Persönliche Stellungnahmen der einzelnen Sekretariatsmitglieder zu ihrem Verhalten«. Gleichwohl trifft dieser Titel nicht voll den folgenden Inhalt, denn die Mitteilungen der Mitglieder dieses Parteigremiums über ihr »richtiges« bzw. »falsches« Handeln im Sinne der von der SED-Führung in Berlin vorgegebenen Linie der Einschätzung des 17. Juni als eines »faschistischen Putschversuches« werden ergänzt durch kritische Bewertungen der mit der Anfertigung der »Analyse« beauftragten Mitglieder derselben Körperschaft. Der dritte, quantitativ umfänglichste Teil (19 Seiten) »Kritische Stellungnahme zum Verhalten der einzelnen Sekretariatsmitglieder« enthält mehrheitlich negative Einschätzungen des Handelns bzw. Nichthandelns aller Sekretariatsmitglieder; am ehesten kann noch die Kritik an der Sekretärin für Agitation und Propaganda, Edith Brandt[23], als moderat bezeichnet werden. Zum Inhalt der »Analyse« An dieser Stelle sei angemerkt, daß eine Verhaltensanalyse jedes einzelnen Sekretariatsmitgliedes, soweit es in diesem Dokument angesprochen wird, nicht erfolgt. Der entscheidende Grund hierfür ist darin zu sehen, daß die Grundstruktur des Verhaltens der Akteure am 16./17. Juni 1953 aus dem ersten Teil der »Analyse« relativ genau erschlossen werden kann. Ergänzende und präzisierende Anmerkungen zu Einstellungen und Praxis der Handelnden im Partei- und Staatsapparat sind dennoch erforderlich und auch erkenntnisfördernd, da einzelne Parallelen in den Handlungsabläufen in anderen Städten der DDR am 16. und 17. Juni nicht zu übersehen sind. Bereits am Abend (ca. 21 Uhr) des 16. Juni 1953 traf in Magdeburg die Nachricht ein, daß in Berlin die Bauarbeiter in den Streik getreten sind »und demonstrierend durch die Stadt zogen«.[24] Bemerkenswert an diesem Befund ist aber die Tatsache, daß diese Information – was aufgrund des in der SED von »oben« nach »unten« erfolgenden Anleitungsprozesses zu erwarten gewesen wäre – nicht von der Berliner Zentrale, dem Politbüro des ZK bzw. dem Sekretariat des ZK der SED, an die Bezirksleitung Magdeburg erfolgte; vielmehr informierte der 1. Sekretär der SED-Betriebsleitung des Ernst-Thälmann-Werkes eines Magdeburger Schwermaschinenbaubetriebes (mit dem Status eines SAG-Betriebes), Herbert Thierfelder, den 1. Sekretär der SED-Kreisleitung (SED-KL) Magdeburg, »Sepp« Fischer[25], über die Streiks und Demonstrationen der Bauarbeiter in OstBerlin. Fischer wiederum setzte den 1. Sekretär der hiesigen Bezirksleitung der Partei, Alois Pisnik, »über die Vorgänge in Berlin« in Kenntnis.[26] Ferner wurde der Magdeburger Bezirksparteichef über einen weiteren Kommunikationskanal noch am Abend des 16. Juni über die politische Situation in der »DDR-Hauptstadt Berlin« informiert – und zwar von dem Vorsitzenden der Magdeburger Bezirksverwaltung des MfS, Skobik; er hatte entsprechende Meldungen von einem Mitarbeiter aus Ost-Berlin erhalten. Und schließlich wird Pisnik noch von Josef Hegen, dem Vorsitzenden des Rates des Bezirks Magdeburg und Mitglied des Sekretariats, telefonisch informiert. Pisnik und Fischer trafen aufgrund der Mitteilungen aus Berlin noch in den Abendstunden des 16. Juni erste Entscheidungen. Die »Parteibüros der 10 Magdeburger Großbetriebe, der Stadtbezirksleitungen und die Kreisleitungen« sollten sofort besetzt und die Nachtschicht in diesen Betrieben kontrolliert werden[27], wohl um sofort reagieren zu können, falls es zu Arbeitsniederlegungen kommen sollte. Aufschlußreich ist in diesem Kontext die Tatsache, daß sich ein Mitarbeiter des ZK (gemeint ist wohl das Sekretariat des ZK) erst um Mitternacht telefonisch bei der Magdeburger Bezirksleitung mit der Anordnung meldete, daß »ein Sekretär oder Abteilungsleiter in der Bezirksleitung Dienst machen soll«.[28] Und auch bei dem zweiten Anruf aus Berlin am frühen Morgen des 17. Juni (ca. 4 Uhr) erging vom Sekretariat des ZK lediglich die Anweisung, »daß ein Sekretär zum Dienst herangezogen werden sollte«.[29] Weitere Hinweise vom ZK erfolgten nicht. Zum Vergleich: Die SED-Bezirksleitung Dresden erhielt ebenfalls zwei Anrufe vom Sekretariat des ZK: Der erste (kurz vor Mitternacht – 16. auf 17. Juni) betraf den Auftrag, den »Apparat der Bezirksleitung mit je einem verantwortlichen Sekretär bzw. Abteilungsleiter zu besetzen«.[30] Der zweite, drei Stunden später, enthielt bereits eine – allerdings noch etwas allgemein formulierte – Anweisung: »Die 1. und 2. Sekretäre sind zu verständigen, daß damit zu rechnen ist, daß im Laufe der Nacht oder den frühen Morgenstunden bestimmte Kräfte aus Berlin in den Betrieben versuchen werden, Unruhe zu stiften in Zusammenhang mit der Frage der Normen. Es erscheint notwendig, die Partei vorzubereiten, damit sie nicht überrascht werden kann.«[31] Wie in den anderen DDR-Bezirken, so wurde auch der 1. Sekretär der SEDBL Magdeburg in den Morgenstunden (eine genaue Zeitangabe fehlt in der »Chronologie«) die telefonische Nachricht erhalten, sich um 11 Uhr im ZK einzufinden. Ohne Anweisungen aus Berlin waren die Mitglieder des Sekretariats nunmehr gehalten, rasch zu reagieren und Entscheidungen zu treffen, nachdem bekannt geworden war, daß im Karl-Marx-Werk, ebenfalls ein SAG-Betrieb, mit dem Schichtwechsel (zwischen 6 und 7 Uhr) 500 Mann die Arbeit nicht aufgenommen hatten; die Diskussionen befaßten sich mit der »Normenfrage«.[32] Aber auch in allen anderen Betrieben, in denen noch nicht gestreikt würde, wären Diskussionen im Gange; auch wäre bekannt geworden, daß der RIAS zum Generalstreik aufgefordert hätte. In Reaktion auf diese Vorkommnisse faßten die noch in Magdeburg anwesenden Mitglieder des Sekretariats[33] im Haus der Bezirksleitung in einer ersten kurzen Besprechung ca. 8.15 Uhr den Beschluß, daß die meisten »politischen Mitarbeiter« des Parteiapparats in die Betriebe gehen und zu den Arbeitern sprechen sollten. Zudem wurde noch ein Operativstab gebildet; die personelle Zusammensetzung dieses Gremiums blieb ungeklärt.[34] Eine weitere Zusammenkunft von leitenden Partei- und Staatsfunktionären (Kurt Wagner, Rudolf Krüger[35] und Edith Brandt für das Sekretariat, Joseph (»Sepp«) Fischer, Josef Hegen und Herbert Paulsen[36] für den Staats- und Sicherheitsapparat) am gleichen Ort folgte wenig später (ca. 8.30 Uhr). Auf der Tagesordnung stand ein Bericht Fischers »über die Lage und die getroffenen Maßnahmen«. Aber während die Sitzung im Gebäude der SED-Bezirksleitung noch im Gange war, verschärfte sich die Situation in den Betrieben. So wurde bekannt, daß im Ernst-Thälmann-Werk »ein Streik großen Ausmaßes ausgebrochen sei«: »Viele Arbeiter marschieren durch das Werk, legen andere Abteilungen mit Gewalt lahm...«[37] »2000 – 3000 Arbeiter«, so wurde weiter mitgeteilt, hätten sich »auf dem Werksgelände vor der Verwaltung« versammelt.[38] Die Verschärfung der Situation fand ihren Ausdruck aber nicht nur in der Tatsache, daß die Anzahl der Streikenden rasch anstieg, sondern auch vor allem darin, daß die Zielsetzung der Streikenden eine inhaltlich deutliche Erweiterung erfuhr – und dies innerhalb von knapp zwei Stunden. Ging es den Arbeitern (im Karl-Marx-Werk) in den frühen Morgenstunden noch um die Erörterung wirtschaftlicher Belange (»Normenfrage«), so wurde jetzt in einem zweiten Großbetrieb (Ernst-Thälmann-Werk) auf Transparenten eine zentrale politische Forderung erhoben: »Nieder mit der Regierung«.[39] An diesem Punkt nun waren die leitenden Funktionäre des Partei- und Staatsapparats vor eine schwerwiegende Entscheidung gestellt. Welche Maßnahmen wären geeignet, um die Lage wieder beherrschbar zu machen? Die Mitglieder des Sekretariats glaubten, es genügte, zwei verantwortliche Genossen (den 1. Parteisekretär des Ernst-Thälmann-Werkes, Thierfelder, und den Werkleiter, Fricke) in den Betrieb zu schicken, mit dem Auftrag, den streikenden Arbeitern den Beschluß des Ministerrats vom 16. Juni über die »Normenfrage« bekannt zu geben. In Verkennung der Situation, daß sich die Streikbewegung auf weitere Betriebe innerhalb weniger Stunden ausweitete[40], sich Demonstrationszüge bildeten und durch die Straßen der Stadt zogen[41], glaubten die Parteifunktionäre einerseits immer noch, daß etwa durch eine »Gegendemonstration von aufrechten Genossen und klassenbewußten Arbeitern« (ein Vorschlag von Josef Hegen) oder durch Ansprachen »führender« Genossen an die Demonstranten, die Massenproteste aufgelöst werden könnten. Auf der anderen Seite aber nahmen die Sekretariatsmitglieder durchaus zur Kenntnis, daß diese Proteste einen eminent politischen Charakter trugen, daß sie ein deutliches Zeichen der Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen darstellten; denn anders ist die Tatsache nicht zu erklären, daß sich die Verantwortlichen im Parteiapparat mit der Frage beschäftigten, wie denn das Gebäude der SED-Bezirksleitung – das Machtzentrum der Partei, die für eine verfehlte Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, für Kriminalisierung und Repression Andersdenkender verantwortlich gemacht wurde – vor dem Eindringen der Demonstranten (in der Terminologie der SED »faschistischer Provokateure«) geschützt werden könnte. Am späten Vormittag trat der am Morgen des 17. Juni aus Mitgliedern des Sekretariats bestehende Operativstab zusammen und traf zwei Entscheidungen: Zum einen erhielten die noch im Gebäude der Bezirksleitung sich aufhaltenden Parteifunktionäre den Auftrag, Sicherungsaufgaben zu übernehmen; weiteres Personal wie Volkspolizei sowie der »Betriebsschutz der BL« sollte an dieser Aufgabe ebenfalls mitwirken – allerdings ohne Anwendung von Waffengewalt: »Der Betriebsschutz der Bezirksleitung bekam von der BDVP den Auftrag, die Waffen zu verschließen.«[42] Was die personellen Kapazitäten der Volkspolizei zum Schutz des Gebäudes der Bezirksleitung anbetraf, so waren diese völlig ungenügend. Fünf mit Pistolen bewaffnete Volkspolizisten waren entsandt worden; sie sollten durch weitere zehn verstärkt werden: »Diese sind«, so Genosse Wagner, »jedoch nie eingetroffen. Wie uns mitgeteilt wurde, wurden sie unterwegs zur Bezirksleitung entwaffnet.«[43] Die zweite Entscheidung betraf die Bitte an die »Freunde« um »Hilfeleistung«. Die Autoren der »Analyse« betonen in diesem Zusammenhang, daß mit den Beschlüssen des Operativstabes das Sekretariat als einheitliches Entscheidungsgremium aufgehört hatte zu existieren: »Nach dieser Aussprache [im Operativstab, H. D.] arbeitete das Sekretariat nicht mehr kollektiv, und jeder ordnete an, was er für richtig hielt.«[44] Die Folgen waren – und diese Sichtweise der SED kommt nur andeutungsweise in der »Chronologie«, vor allem aber in den Teilen 2 und 3 der »Analyse« zum Ausdruck – weitgehend verhängnisvoll. Neben in der Lesart der SED »richtigen« Einzelentscheidungen, zum Beispiel des zuständigen Sekretariatsmitglieds Brandt, »Dokumente und alle wichtigen Unterlagen in den Panzerschränken unterzubringen«[45], wurden viele »falsche« Entscheidungen getroffen. So hätten – um nur zwei Beispiele zu nennen - einzelne Sekretariatsmitglieder mit »Provokateuren«, die in das Gebäude der Bezirksleitung eindrangen, diskutiert oder aber versucht, vom Fenster in der ersten Etage aus, zu den vor dem Gebäude versammelten ca. 1000 Menschen zu sprechen – ein vergebliches Bemühen, da sie sofort mit Steinen bombardiert worden seien. Das Eindringen der Demonstranten in das Parteigebäude, die Zerstörung von Bildern, Büsten führender Kommunisten, die Verbrennung von aus den Fenstern auf die Straße geworfenen Zeitungen und Büchern der Parteifunktionäre waren nicht, wie es in der SED-Lesart hieß, das Werk »faschistischer Provokateure«, sondern Handlungen von Menschen, die auf diese Weise ihren Protest gegen die Symbole der Unterdrückung zum Ausdruck zu bringen versuchten.[46] Auch in andere Gebäude der Partei, so in das der SED-KL, des Staatsapparates – so der Polizei (Volkspolizeikreisamt, der BDVP, der Bezirksverwaltung des MfS), von Massenorganisationen (der FDJ, des FDGB, der DSF[47], der GST[48], des Friedensrates) und nicht zuletzt der Presse (Redaktionsräume und Druckerei des SED-Bezirksorgans »Volksstimme«) drangen Demonstranten ein. Der Sitz der staatlichen Bezirksregierung, nämlich des Rates des Bezirks, wurde gestürmt. In diesen Kontext gehört auch der erfolglose Versuch der Demonstranten, politische Häftlinge aus der Strafvollzugsanstalt Magdeburg-Sudenburg zu befreien.[49] Erfolgreich war dagegen die Bemühung um Häftlingsbefreiung in der Untersuchungshaftanstalt in Magdeburg-Neustadt; allerdings waren unter den 221 befreiten Häftlingen auch Kriminelle.[50] Von diesen Aktionen ist in der »Chronologie« keine Rede mehr. Sie schließt mit dem lapidaren Satz: »Ca. gegen 14.00 Uhr übernahmen die Freunde den Schutz der Bezirksleitung.«[51] Dieser Satz spricht aber nur eine Teilwahrheit aus. Sowjetisches Militär übernahm nicht nur den »Schutz« von Parteigebäuden sowie der Magdeburger Großbetriebe. Wie in anderen Städten der DDR, in denen es ebenfalls Arbeiteraufstände gab, so wurde auch über Magdeburg von sowjetischer Seite per Befehl der Ausnahmezustand verhängt.[52] Der noch am Vormittag von dem Polizeipräsidenten Paulsen ergangene Befehl an die Polizei, die Schußwaffen einzuschließen, wurde ab 18 Uhr wieder aufgehoben. Die Volkspolizei erhielt Befehl, auch von der Schußwaffe Gebrauch zu machen.[53] Wenn auch im Rahmen dieser Einleitung die Einstellungs- und Verhaltensweisen der Akteure im Partei- und Staatsapparat auf der Ebene des Bezirks Magdeburg im Konflikt mit den streikenden und demonstrierenden Arbeitermassen nur angedeutet werden konnten, so wird in diesem Parteidokument – und hier vor allem in den Teilen, die sich mit den mehr oder weniger schweren »Fehlern« der Sekretariatsmitglieder beschäftigen – das sichtbar, was in der Entschließung des 15. ZK-Plenums »Der neue Kurs und die Aufgaben der Partei« auf seiner Abschlußsitzung am 26. Juli 1953 allgemein formuliert wurde: »Wie die Ereignisse des 16. bis 19. Juni zeigten, herrschte in den Tagen der faschistischen Provokationen in manchen Parteiorganisationen, leitenden Parteiorganen, bei einigen leitenden Parteifunktionären und Parteimitgliedern Kopflosigkeit und Unorganisiertheit.«[54] Technische Anmerkung und Danksagung Der Text des Dokuments wurde stilistisch nicht verändert. Lediglich dort sind Worte bzw. Satzteile ergänzt und in Kursivschrift mit Eckklammern hervorgehoben, wo ansonsten der Originaltext unverständlich bliebe. An wenigen Stellen ließ sich die genaue inhaltliche Bedeutung der Aussage nicht ermitteln; eine Textergänzung bzw. -veränderung unterblieb deshalb. Handschriftliche Bemerkungen im Dokument sind »fett« markiert. Grammatikalische bzw. Schreibfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Für die biographischen Recherchen waren neben Personalakten aus dem Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt (LHASA) in Magdeburg verschiedene biographische Lexika[55] von Bedeutung. Frau Uta Gehrmann vom LHASA (Magdeburg) danke ich für ihre tatkräftige Unterstützung bei der Einordnung des Dokuments, dem LHASA für die Genehmigung des Abdrucks des Dokuments. Frau Dorothea Körner (Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung, Berlin) sei an dieser Stelle für eine Archivrecherche in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-Barch) Dank gesagt. Dokument Analyse über das Verhalten des Bezirkssekretariats der SED, Bezirk Magdeburg, am 17.6.53 Chronologischer Ablauf der Ereignisse Am 16. 6. 1953 gegen 21.00 Uhr erhielt der Gen. Sepp Fischer, 1. Kreissekretär der Kreisleitung Magdeburg, von dem Genossen Herbert Thierfelder, 1. Sekretär des Ernst- Thälmann-Werkes, Magdeburg, die Nachricht, daß in Berlin die Bauarbeiter streiken und demonstrierend durch die Stadt zogen. Der Gen. Fischer vereinbarte mit dem Genossen Thierfelder, daß er ins Werk zurückgehen solle, alle Vorbereitungen für einen verstärkten Einsatz des Parteiaktivs und der Agitatoren treffen solle und daß er die Genossen, die im Werk arbeiten, auf verstärkte Wachsamkeit hinweisen soll. Desweiteren wurde festgelegt, daß während der kritischen Zeit des Schichtwechsels von 6.00 – 7.00 Uhr morgens die Funktionäre der Partei und die Betriebsleitung im Betrieb anwesend sein sollen. Der Genosse Generaldirektor sollte durch den Genossen Thierfelder über das Veranlaßte in Kenntnis gesetzt und die betrieblichen Maßnahmen festgelegt werden. Der Genosse Thierfelder sagte zu dem Genossen Fischer, daß der Genosse Rothardt im Ministerium für Maschinenbau Berlin erfahren habe, daß die Arbeiter wegen der Normenerhöhung streiken. Der Genosse Fischer sagte zu dem Gen. Thierfelder: »Daß er in Besprechungen mit Genossen seines Betriebes keine Schilderungen über Streik und Demonstrationen in Berlin machen soll, da das nur die Feindpropaganda begünstigen würde und außerdem wir uns auch aus dem Bericht des Genossen Rothardt kein klares Bild über die Lage machen konnten.« Die Unterredung dauerte ca. 20 Minuten. Der Genosse Fischer setzte sich sofort mit dem Genossen Pisnik, 1. Sekretär der Bezirksleitung, der noch in der Bezirksleitung tätig war, in Verbindung und bat um eine Unterredung. Genosse Pisnik erhielt durch den Genossen Fischer Kenntnis von dem Gespräch, welches der Genosse Fischer mit dem Genossen Thierfelder geführt hat. In dieser Unterredung wurde weiter festgelegt, daß die Parteibüros der 10 Magdeburger Großbetriebe, der Stadtbezirksleitungen und die Kreisleitung sofort besetzt werden, weitere Funktionäre der Kreisleitung geholt werden und eine Kontrolle der Nachtschicht in den Großbetrieben durchgeführt wird. Eine weitere Mitteilung über die Vorgänge in Berlin hatte der Genosse Pisnik bereits von dem Genossen Skobik[56], Leiter des ehem. MfS[57], erhalten. Der Genosse Skobik hatte diese Mitteilung von einem Mitarbeiter, der dienstlich in Berlin war. Der Genosse Hegen, ehemaliger Vorsitzender des Rates des Bezirkes, hatte dem Genossen Pisnik telefonisch mitgeteilt, daß durch den demokratischen Rundfunk eine Mitteilung über die Vorgänge in Berlin gegeben wurde. Der Genosse Pisnik stellte darauf das Radio an, aber die Nachrichten waren schon vorbei. Zu dieser Zeit war vom ZK noch keine Mitteilung oder Anweisung vorhanden. Der Genosse Fischer ging in die Kreisleitung zurück und holte mit Hilfe der Kraftfahrer und der Nachtwache die Genossen des Parteiapparates, die in der Nähe wohnten, in die Kreisleitung. Um 23.30 Uhr hatte der Genosse Fischer einen starken Mitarbeiterstab zusammen. Es waren die Genossen Haushälter, Behrend, Müller, Maschullek, Schanze, Schmidt u.a., die die ganze Nacht über halfen. Eine Beratung wurde durchgeführt, bei der anwesend waren die 1. Sekretäre der Stadtbezirke, die Sekretäre der Großbetriebe und der Leiter der VP[58] Magdeburg, Genosse Lohse. Der Genosse Stodtmeister, 1. Sekretär des Karl-Marx-Werkes, war nicht anwesend, da er nicht gefunden werden konnte. Gegen Mitternacht (24.00 Uhr) rief der Genosse Wodzak, der Telefonwache hatte, in der Bezirksleitung den Genossen Pisnik in der Bezirksparteischule an und teilte dem Genossen Pisnik mit, daß das ZK[59] angerufen hätte, daß ein Sekretär oder Abteilungsleiter in der Bezirksleitung Dienst machen soll. Weiter wurde vom ZK nichts gesagt. Genosse Pisnik veranlaßte, daß der Genosse Falk, Abteilungsleiter für Propaganda, geholt wird. Der Gen. Fischer hatte während der Nacht mit den Stadtbezirken Verbindung und hat nachgefragt, ob die Genossen mobilisiert seien. Die Antworten darauf waren befriedigend. Die Betriebe, in welchen Nachtschichten arbeiteten, meldeten, daß Ruhe und Ordnung herrsche. In der Nacht hatte der Genosse Fischer mit dem Genossen Palm, 1. Sekretär des Karl-Liebknecht-Werkes, eine Auseinandersetzung, weil der Genosse Fischer betonte, daß, wenn es zu einem Streik kommen sollte, alle Kraft aufgeboten werden müsse, große Zusammenrottungen zu verhindern. Der Genosse Palm war der Ansicht, daß der Genosse Fischer »zu schwarz sieht.« »Trotzdem wurde«, wie der Genosse Fischer schreibt, »in der Durchführung der Anordnung Einigkeit erzielt«. Mit dem Genossen Lohse wurde vereinbart, daß eine Überprüfung der Bereitschaft aller Reviere in der Stadt und in den Betrieben durchgeführt wird und verstärkte Kontrollen während der Nacht vorgenommen werden. Gegen morgen (ca. 4.00 Uhr) rief der Genosse Falk, der den Dienst in der Bezirksleitung aufgenommen hatte, den Genossen Pisnik an, daß ein weiterer Anruf vom ZK da ist, daß ein Sekretär zum Dienst herangezogen werden solle. Da keine weiteren Hinweise vom ZK gegeben wurden und der Genosse Falk auf die Frage des Genossen Pisnik, wie die Lage in den Betrieben in Magdeburg ist oder besondere Vorkommnisse vorliegen, antwortete, daß es nichts besonderes gäbe, bekam der Genosse Falk die Anweisung, den Genossen Pisnik bei Auftauchen von Signalen oder Hinweisen sofort zu verständigen. Der Genosse Fischer führte bis 6.00 Uhr morgens Kontrollmaßnahmen durch. Der Genosse Pisnik sprach um 5.00 Uhr mit dem Genossen Kurt Wagner, 2. Sekretär der Bezirksleitung, über die Vorgänge während der Nacht und über die seiner Ansicht nach notwendigen Maßnahmen der Bezirksleitung. Er war der Meinung, in erster Linie die Genossen der Bezirksleitung in die Betriebe Magdeburgs einzusetzen. Der Genosse Pisnik hatte die Nachricht erhalten, um 11.00 Uhr vormittags im ZK zu sein. Nach dieser Besprechung mit dem Genossen Wagner fuhr der Genosse Pisnik zur Bezirksleitung und sprach dort (ca. 7.00 Uhr) mit dem Genossen Fischer nochmals über die Lage, vor allem in den Betrieben. Der Genosse Fischer hatte inzwischen Kenntnis erhalten, daß im Karl-MarxWerk »Freie Straße« von ca. 500 Menschen die Arbeit nicht aufgenommen wurde. Die Diskussionen gingen »um die Normen«, wie der Genosse Fischer schreibt. Aus allen anderen Betrieben kamen die Meldungen, daß die Arbeit ordnungsgemäß aufgenommen wurde. Der Genosse Pisnik vereinbarte mit dem Genossen Fischer, daß er selbst sofort in das Karl-Marx-Werk gehen soll. An dieser Unterredung nahm zum Schluß auch noch der Genosse Wagner teil. Nach dieser Unterredung fuhr der Genosse Pisnik nach Berlin zum Zentralkomitee. Der Genosse Fischer ging zurück zur Kreisleitung, blieb im Sekretariat und wertete die laufend eingehenden Meldungen aus den Betrieben aus. Bis 8.00 Uhr waren 3 Tatsachen bekannt: Arbeitsniederlegung von ca. 80 Mann im Großarmaturenwerk, Provokationen in der Kastanienallee (Neustadt), Berichte der Genossen aus den Betrieben, daß überall, obwohl gearbeitet wird, Diskussionen im Gang sind, daß der RIAS in der Nacht zum Generalstreik aufgerufen hat. Im Hause der Bezirksleitung wurde ca. 8.15 Uhr mit den anwesenden Sekretären (Gen. Eyermann, Vorsitzender der BPKK[60], war schon am 16.6. morgens nach Berlin gefahren) eine Besprechung durchgeführt. In dieser Besprechung wurde festgelegt, den größten Teil der politischen Mitarbeiter in den Magdeburger Betrieben einzusetzen. Es wurde ein Operativstab gebildet, über dessen Zusammensetzung, wie sich später herausstellte, keine Klarheit bestand. Dem Genossen Fischer wurde berichtet, daß die Genossen im Karl-MarxWerk und Großarmaturenwerk die Arbeitsniederlegung lokalisiert haben und in den anderen Betriebsteilen Ruhe herrsche. Der Genosse Fischer entsandte zur Kastanienallee in Neustadt Genossen der Kreisleitung und verständigte den Stadtbezirk Nord sowie die VP, daß dort ein Provokateur die Straßenbahner zur Arbeitsniederlegung aufhetzt. Gegen 8.30 Uhr fand in der Bezirksleitung eine Besprechung statt, an der teilnahmen: Genosse Wagner, Bezirksleitung Genosse Krüger, Bezirksleitung Genossin Brandt, Bezirksleitung Genosse Fischer, Kreisleitung Genosse Hegen, Vorsitzender des Rates des Bezirkes Genosse Paulsen, Chefinspekteur der BDVP[61]. Der Genosse Fischer gab einen Bericht über die Lage und die getroffenen Maßnahmen. In der anschließenden Diskussion kam ein Genosse der Kreisleitung und sagte zu dem Genossen Fischer, daß er sofort mitkommen soll, da ein Genosse vom Ernst-Thälmann-Werk den Genossen Fischer sprechen möchte, »da im Ernst-Thälmann-Werk die Hölle los sei«. Der Genosse Fischer erfuhr im Sekretariat der Kreisleitung telefonisch durch den Genossen Müller (Instrukteur der Kreisleitung), der im Ernst-ThälmannWerk eingesetzt war, daß ein Streik großen Ausmaßes ausgebrochen sei. Viele Arbeiter marschieren durch das Werk, legen andere Abteilungen mit Gewalt lahm und [der Gen. Müller teilte mit], daß sich 2 – 3.000 Arbeiter auf dem Werkgelände vor der Verwaltung angesammelt hätten. Der Genosse sagte weiter, daß es nicht nur um die Normen geht, sondern daß auch Transparente mit der Aufschrift: »Nieder mit der Regierung« getragen werden. Der Genosse Fischer vereinbarte mit dem Genossen, daß der Genosse Thierfelder und der Werkleiter, Genosse Fricke, sofort zu den Versammelten sprechen soll und den Beschluß des Ministerrats vom 16.6.53 über die Normen[62] bekanntgeben sollen. Weiter ordnete der Genosse Fischer an, daß die besten Genossen zusammenzunehmen sind und an den Werktoren zur Verstärkung der VP beigegeben werden. Der Genosse Fischer informierte sich noch über die Lage in den anderen Betrieben und erhielt die Auskunft, daß dort Ruhe herrscht. Genosse Fischer ging in das Bezirkssekretariat zurück und berichtete dem Sekretariat über die neue Lage und die eingeleiteten Maßnahmen. Inzwischen war ein Gespräch mit der Kreisleitung Kalbe/Milde geführt worden, wo in einem Betrieb ebenfalls gestreikt wurde. Dem Sekretariat gingen weitere Meldungen zu und zwar: Im Ernst-Thälmann-Werk sind die Streikenden über die Mauern gestiegen. Die Provokateure sind in das Dimitroff-Werk und Karl-Liebknecht-Werk eingedrungen. Die Menschenmassen auf der Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft sammeln sich zum Demonstrationszug. Über diese neue Lage begann eine Beratung im Bezirkssekretariat. Der Genosse Hegen entwickelte den Plan einer Gegendemonstration von aufrechten Genossen und klassenbewußten Arbeitern. Weiter hat der Genosse Hegen vorgeschlagen, »daß der Genosse Fischer und der Genosse Daub vor dem Hauptbahnhof zu den Demonstranten sprechen sollen«, schreibt der Genosse Fischer. (Genosse Daub[63], Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg, war auch zur Bezirksleitung gekommen.) Die Genossin Brandt schreibt: »Der Charakter der Demonstration wurde nicht erkannt und so wurde festgelegt, daß Genosse Hegen und Genosse Fischer versuchen sollten zu sprechen.« Hierzu schreibt der Genosse Fischer: »Soweit wie ich mich noch erinnern kann, wurde diese Maßnahme mit der Tatsache begründet, daß am 16.6.53 in Berlin der Genosse Selbmann[64] zu den Demonstranten gesprochen haben sollte[65] und daß diese daraufhin auseinandergegangen wären. Wer das gesagt hat, weiß ich nicht mehr.« Der Genosse Wagner sprach mit dem Genossen Paulsen ab, daß er noch VP zum Schutze der Bezirksleitung beordert. Während dieser Aussprache [über die] Organisierung einer Gegendemonstration bekam das Sekretariat davon Kenntnis, schreibt Genosse Fischer, »daß am Hasselbachplatz Zerstörungen von öffentlichen Gebäuden, HO’s und Straßenschildern und der Angriff auf fortschrittlich eingestellte Bürger beginnen.« Diese Meldung erhielt das Sekretariat ungefähr 10.30 Uhr (Genosse Fischer). Die Genossen Paulsen und Hegen hatten die Bezirksleitung verlassen. Von der VP war 1 Offizier und vom MfS 1 Verbindungsmann gekommen. Der Operativstab in der Bezirksleitung kam nach einer Aussprache zu der Meinung, die Freunde[66] um Hilfe zu bitten. Weiter wurde der Beschluß gefaßt, daß die Genossen, die noch im Hause waren, im Hause verbleiben sollten, um den Schutz des Hauses zu übernehmen. Nach dieser Aussprache arbeitete das Sekretariat nicht mehr kollektiv und jeder ordnete an, was er für richtig hielt. Der Betriebsschutz der Bezirksleitung bekam von der BDVP den Auftrag, die Waffen zu verschließen. Die Genossin Brandt führte mit einem Teil der Mitarbeiter des Hauses eine Besprechung durch, und schreibt dazu: »Auf Grund der Situation hielt ich es für notwendig, alle im Hause weilenden Mitarbeiter zu informieren, teilte das dem Genossen Wagner mit und ließ alle Genossen im Zimmer 219 zusammenkommen. Hier wurde von mir festgelegt, die Dokumente und alle wichtigen Unterlagen in den Panzerschränken unterzubringen. Ohne genau und konkret festzulegen, wie unser Haus geschützt werden muß, sagte ich zwar hier auch, daß wir damit rechnen müssen, daß man das Parteihaus wahrscheinlich auch angreifen wird und daß wir das nicht zulassen dürfen.« Der andere Teil der Mitarbeiter im Apparat der Bezirksleitung, so z.B.[der] BPKK, hatte von den Vorgängen im Hause und in Magdeburg keine Kenntnis und wurde, weil vom Sekretariat nicht an der Organisierung des Schutzes des Hauses gedacht wurde, von den Provokateuren überrascht. Nur dem disziplinierten Verhalten der Genossen ist es zu verdanken, daß den faschistischen Elementen keine Unterlagen in die Hände fielen. Der Genosse Wagner wurde beim Telefonieren von Genossen in Kenntnis gesetzt, daß ca. 1000 Menschen vor dem Gebäude der Bezirksleitung demonstrieren. Die Türen waren verschlossen. Die Provokateure drangen durch die Fenster in die 1. Etage ein und über das Baugerüst, was vor dem Haupteingang der Bezirksleitung stand, in die 2. Etage. Der Genosse Wagner, der nach unten gegangen ist, verhandelte mit einem Provokateur und wollte zum Empfang einer »Delegation« die Tür aufschließen lassen. Davon hielten ihn die Genossen Krause und Fichtner (BPKK) ab. Die im unteren Flur anwesenden Sekretariatsmitglieder, Genossin Brandt und Genosse Dörre[67], diskutierten mit den Provokateuren. Der Genosse Wagner schreibt: »Ich selbst war unten im Parterre und wollte, auf Grund meiner fehlerhaften Einstellung, zu der von den Provokateuren angeleiteten Masse sprechen. Was dann von einem Fenster der 1. Etage geschehen sollte, wobei ich mit Steinen bombardiert wurde.« Der Genosse Fischer schreibt: »Ich ging in das Zimmer von A. Pisnik zurück, Genosse Wagner und ich versuchten vom Fenster die Dinge zu überblicken und eventl. ein paar Worte zu sagen, aber es prasselte sofort ein Steinhagel hoch. Dieser Versuch wurde aufgegeben.« »Im Zimmer des Genossen Pisnik befand sich neben dem OP-Stab[68] noch eine Reihe Genossinnen (Volkmann, Sauer), die die Schlüssel zu den Geheimakten besaßen. Die Türen zum Zimmer des Genossen Pisnik wurden deshalb versperrt«, schreibt der Gen. Fischer. Einige Genossen des Hauses versuchten mit 2 Angehörigen der VP, den Provokateuren das Weiterkommen zu der oberen Etage zu verhindern. Die Provokateure schlugen auf die Genossen ein. Die Provokateure waren mit Hämmern, Äxten und Eisenstangen bewaffnet.           Es kam zu einer Schlägerei zwischen diesen Genossen und den Provokateuren. Die Provokateure zerschlugen verschlossene Türen und zerstörten eine große Anzahl Bilder, Transparente und Büsten. Was auf den Schreibtischen lag (vor allem Zeitungen) und persönliche Bücher der Genossen, wurde aus dem Fenster geworfen und durch die faschistischen Provokateure auf der Straße angezündet. Nachdem diese Provokateure ihre Zerstörung beendet hatten, verließen sie das Gebäude. Die vor dem Gebäude stehenden Demonstranten zogen dann nach kurzer Zeit ab. Von der Genossin Brandt wurden die Genossen des Hauses eingeteilt, den Schutz der Eingänge der Bezirksleitung mit zu übernehmen, da sie davon Kenntnis erhalten hatte, daß sich der Bezirksleitung ein weiterer Zug Demonstranten nähert. Von den Genossen wurde sofort die Säuberung der Straße vorgenommen und im Hause wieder Ordnung geschaffen. Ca. gegen 14.00 Uhr übernahmen die Freunde den Schutz der Bezirksleitung. II. Persönliche Stellungnahmen der einzelnen Sekretariatsmitglieder zu ihrem Verhalten. Genosse Pisnik, 1. Sekretär der Bezirksleitung. Der Genosse Pisnik nahm an, daß die Maßnahmen, die er, bevor er nach Berlin fuhr, angeordnet hatte, vorläufig genügen würden. Er dachte nicht daran, das Bezirkssekretariat zusammenzurufen, die übrigen Kreisleitungen zu informieren und die Bezirksorganisationen in besondere Bereitschaft zu setzen. Genosse Pisnik hat zwar keinen Zweifel darüber gehabt, daß der Feind immer und gerade dort, wo er eine schwache Stelle glaubt, versuchte und versucht, auf verschiedenste Art Provokationen zu organisieren. Auch bei der Mitteilung über den Streik in Berlin dachte er sofort an solche Hintergründe und Hintermänner, aber keinen Augenblick dachte er an solche Ausmaße, wie sie später in Erscheinung traten. Der Genosse Pisnik schätzte die Situation bei weitem nicht so ein, um die Fahrt nach Berlin von ihm selbst aus aufzugeben. Die Ereignisse, die Auseinandersetzungen darüber, insbesondere über das Verhalten der Mitglieder des Bezirkssekretariats, des Betriebsschutzes selbst zeigten dem Genossen Pisnik, daß es richtiger gewesen wäre, die Kreissekretariate zu informieren, und zwar noch in der Nacht und auch noch in der Nacht eine Beratung des Bezirkssekretariats durchzuführen sowie auch eine viel stärkere Mobilisierung der ganzen Parteiorganisation. Ein weitere Fehler war es, daß sich der Genosse Pisnik nicht gleich mit der VP verständigt hat bzw. eine solche veranlaßt hat. In der Besprechung in Berlin wurde kein einziger Hinweis auf diese Frage gegeben, darum dachte auch der Genosse Pisnik an keine größeren Provokationen in Magdeburg. »Das sah ich in seinem vollen Ausmaß erst nach meiner Rückkehr von Berlin am Abend des 17.6..« Der Genosse Pisnik schreibt wörtlich: »Zwei weitere Momente in bezug auf meine Person muß ich noch anführen: Ein Fehler von mir war es, daß ich nicht für die rechtzeitige Fertigstellung einer konkreten Analyse über den 17.6., insbesondere die Haltung des Bezirkssekretariats und seiner Mitglieder sowie der Bezirksleitungsmitglieder Sorge getragen habe. Wenn auch Genosse Wagner vom Bezirkssekretariat dafür verantwortlich gemacht worden ist, so enthebt mich das nicht der Hauptverantwortung. Dieser Mangel hat sich nicht unwesentlich auf die Vorbereitung und Durchführung der Bezirksleitungssitzung ausgewirkt.[69] Eine Vernachlässigung war es auch oder richtiger gesagt, eine Unterschätzung, daß ich nicht die sofortige Untersuchung des Verhaltens des Genossen Paulsen am 17.6. veranlaßt habe. Es kann auch keine Entschuldigung sein, daß ich darüber keinerlei Hinweise bekommen habe und nur auf meine eigene Überlegung angewiesen war. Eine besondere Veranlassung für die Überprüfung hätte mir das 15. Plenum und die dort gesprochenen Worte des Genossen Ulbricht sein müssen, obwohl ich die ganzen Bemerkungen des Genossen Ulbricht nicht mitbekommen habe, und daher auch den Ernst dieser Frage nicht begriffen habe. Im Verlaufe der Vorbereitung der Bezirksleitungssitzung habe ich daran nicht gedacht.« Genosse Wagner, 2. Sekretär der Bezirksleitung. Wie war der 17. Juni in der Bezirksleitung der Partei? Hierzu muß man sagen, daß wir von den Ausmaßen dieses Tages überrascht waren. In den Tagen vor dem 17. Juni war die Anleitung vom Zentralkomitee mehr als mangelhaft, sonst hätten wir andere Möglichkeiten zur Mobilisierung der Partei wahrgenommen. Genosse Wagner schreibt wörtlich: »Bei meinem Eintreffen in der Bezirksleitung waren noch keine größeren Aktionen bekannt. Ich selbst hatte in der Nacht vom 16.-17.6. an einer Lektion gearbeitet, die ich am 18.6. in Spröda halten sollte. Hinzu kommt noch, daß ich durch die schwere Krankheit meiner Frau und Neueinführung als 2. Sekretär ziemlich überanstrengt war. In der Abteilung und auch im Hause hatte ich noch nicht die Fäden in der Hand, als 2. Sekretär der Bezirksleitung, so daß ich auch die Mitarbeiter noch nicht kannte. Wir führten eine Besprechung durch und bildeten den Operativstab im Hause. Gemeinsam wurde dann festgelegt, den größten Teil der Genossen politischen Mitarbeiter in die Magdeburger Betriebe zu schicken, was auch geschah. Diese Einstellung wurde auch von mir noch lange beibehalten und erst sehr spät, nachdem bereits Zerstörungen an Häusern der Partei und Organisationen vorgenommen wurden, wurden die Ausschreitungen als faschistischer Putsch erkannt. Der Operativstab arbeitete nicht mehr kollektiv, [angesichts der Tatsache, daß][70]Hunderte von Anfragen und Maßnahmen eingeleitet werden mußten. Alle Schutzmaßnahmen, die wir mit der VP versuchten einzuleiten, scheiterten an der Tatsache, nicht helfen zu können. Ich selbst war immer der Meinung, daß der Schutz des Hauses durch die VP in der Hauptsache gewährleistet wäre. Zur Verteidigung des Hauses aber sollte nach kurzer Absprache mit der Genossin Brandt diese Frage behandelt werden. Noch während ich mit den Freunden wegen Schutzes des Hauses und über den Stand der Situation sprach, drangen die Provokateure in das Haus ein. Die Eindringlinge wurden von nur wenigen Genossen behindert. Ich selbst war unten im Parterre und wollte auf Grund meiner fehlerhaften Einstellung zu der von den Provokateuren angeleiteten Masse sprechen. Was dann von einem Fenster der 1. Etage geschehen sollte, wobei ich mit Steinen bombardiert wurde. Durch die Tatsache, daß in unserem Hause mangelnder Schutz durch die VP vorhanden war, hätte ich mehr Hauptgewicht auf die Schutzmaßnahmen legen müssen. Meinen Fehler sehe ich darin, daß wir zu wenig im Kollektiv gearbeitet haben und das Kollektiv in solcher Stunde nicht geschmiedet wurde. Daß ich versuchte, Magdeburger Kreis- und Stadtbezirksfragen zu lösen, die Angelegenheit der Kreisleitung waren. Daß ich bei der Stellung von 5 Genossen von der VP nicht gleich Einwände gemacht habe, obwohl ich gleich mit dem Genossen Paulsen eine Auseinandersetzung wegen der Bewaffnung der Genossen hatte. Daß ich der Parteiorganisation des Hauses nicht bestimmte Fragen übertragen habe, wie Schutz des Hauses, usw. Daß ich mich um Stadtfragen kümmerte, dadurch wurde aber der Bezirk vernachlässigt. Weiter liegen meine Fehler in einer gewissen Unterschätzung der Situation. (Hauptfrage) Die Lehren aus den Erfahrungen während der Dezembervorgänge[71] u.a., wie Burianek[72]- und Slansky[73]-Prozeß, wurden von mir in dieser Zeit nicht angewandt. Über meine Erfahrungen von vor 1933 in der Frage der Abwehr der faschistischen Provokationen war ich mir nicht im klaren und wählte die Methode der Diskussion.« Genossin Brandt, Sekretärin für Propaganda. »Am 17.6. war ich morgens kurz nach 7.00 Uhr im Haus der Bezirksleitung. Ursprünglich wollte ich zum G.-Dimitroff-Werk, änderte dann aber meinen Plan, da ich um 9.00 Uhr ins Krankenhaus bestellt war, um meinen Befund abzuholen, so daß mir die Zeit von 7.00 – 8.00 Uhr zu kurz war, um in das Dimitroff-Werk zu gehen. Gegen 7.30 Uhr kam der Genosse Heinz Falk zu mir. Er teilte mir mit, daß er in der Nacht geholt wurde, da vom ZK eine Mitteilung gekommen wäre, daß der 1. Sekretär oder ein verantwortlicher Sekretär des Nachts im Hause sein müßte. Er berichtete mir auch, daß angeblich in Berlin etwas los gewesen sei, (er wußte selbst nicht was) und daß die Kreisleitung ihre Mitarbeiter mobilisiert hat und sie bereits in der Nacht in die einzelnen Werke geschickt wurden. Auf meine Frage, was wir denn machen, ob unsere Genossen geholt worden wären und ob Genosse Pisnik das wüßte und wo er wäre, erhielt ich die Antwort, Genosse Pisnik weiß Bescheid, er mußte nach Berlin kommen und ist schon weg. Anschließend suchte ich den Genossen Wagner, um festzustellen, was wir machen und erhielt die Antwort, daß Sekretäre und Abteilungsleiter gleich zusammenkommen. Die Besprechung muß kurz nach 8.00 Uhr gewesen sein. Wer im einzelnen alles teilgenommen hat, weiß ich nicht mehr. Daß Paulsen und Sepp Fischer dabei waren, weiß ich genau. Sepp Fischer berichtete hier (soviel mir erinnerlich ist) bereits, daß im Ernst-Thälmann-Werk innerhalb des Werkes Demonstrationen von einem Betrieb zum anderen seien, wegen der Normen. Es wurde festgelegt, einen Operativstab zu bilden; ich kann mich nicht mehr genau besinnen, wer da rein sollte, nach meiner Meinung nicht alle Sekretäre, sondern Kurt Wagner, Josef Hegen, Paulsen, Skobik und ein Abteilungsleiter, das weiß ich aber genau nicht mehr; bestimmt weiß ich, daß sich von den Abteilungsleitern Gen. Framke freiwillig meldete, weil mehrere Genossen Abteilungsleiter in die Werke wollten. (Ich hatte innerlich Bedenken, die ich aber nicht äußerte, weil Gen. Framke ja aus seiner Funktion sollte.) Wir wollten da auch noch nicht Genossen Stauch[74] aus dem Urlaub zurückholen. Festgelegt wurde weiter, unsere Genossen in die Betriebe zu schicken zurHaltung der Ruhe und Organisierung von Gegendemonstrationen. Jetzt kam auch schon die Mitteilung, von Rothensee her gäbe es auch eine Demonstration. [75] Dort sollten die Bezirksparteischüler hin. Während die Besprechung auseinanderging, kam bereits die nächste Meldung, die Arbeiter sind vom Thälmann-Werk raus und versuchen von hinten, in das Dimitroff-Werk einzudringen. Ich wollte daraufhin in das Werk, Kurt Wagner und Rudi Krüger sagten mir, daß dies nicht richtig sei. So schickte ich die Genossen Gelhardt und Cours mit dem Auftrag, die Parteileitung zu unterstützen und mir sofort über die Situation Nachricht zu geben. In der Zeit gab es aber Meldungen über Demonstrationen von verschiedenen Seiten, die angeblich zum Roten Platz wollten. (Nieder mit der Regierung) [76] Der Charakter der Demonstration wurde nicht erkannt und so wurde festgelegt, daß Genosse Hegen und Sepp Fischer dann versuchen sollten zu sprechen. Inzwischen hatte die Spitze des Demonstrationszuges aus Buckau den Hasselbachplatz erreicht und Provokateure hatten den Bezirksfriedensrat gestürmt, (Genosse Schmidt, 2. Bezirkssekretär des Friedensrates, rief mich hinterher an) und kurz vorher informierte mich Genosse Gelhardt durch Anruf über die Situation im Dimitroff-Werk. Auf Grund der Situation hielt ich es für notwendig, alle im Hause weilenden Mitarbeiter zu informieren, teilte das dem Genossen Wagner mit und ließ alle Genossen im Zimmer 219 zusammenkommen. Hier wurde von mir festgelegt, die Dokumente und alle wichtigen Unterlagen in den Panzerschränken unterzubringen. Ohne genau und konkret festzulegen, wie unser Haus geschützt werden muß, sagte ich zwar hier auch, daß wir damit rechnen müssen, daß man das Parteihaus wahrscheinlich auch angreifen wird und daß wir das nicht zulassen dürfen. Es gab also bis dahin im Operativstab keinen Plan zum Schutze des Hauses, und ich habe auch nicht selbst die Initiative ergriffen und konkret etwas festgelegt. Desgleichen habe ich auch nicht daran gedacht, Kurt Wagner aufmerksam zu machen, daß die Kreise informiert werden, das tat ich erst später, als die Banditen wieder aus unserem Haus raus waren. In der kurzen Zeit zwischen der Besprechung mit den Genossen und dem Eindringen der Provokateure hatte ich zu tun, einzelne Genossen zu beruhigen und fremde Genossen, die noch zu dieser Zeit in das Haus kamen, wieder rauszutransportieren. D.h., wir hatten auch dem Betriebsschutz nicht gesagt, in dieser Situation keinen mehr in das Haus zu lassen.. Erst dann, als sich die Provokateure schon in der Goethestr. befanden, wurde der Haupteingang geschlossen (wie es an den anderen Eingängen war, weiß ich nicht). Während die Provokateure und mit ihnen viele Arbeiter vor dem Hause zusammenströmten, versuchte ich aus dem Fenster vom Sitzungssaal zu sprechen. Daraufhin erbot sich unten ein großes Gejohle und mir teilte jemand mit, daß Kurt Wagner sprechen werde. Ich begab mich darauf hin zum 1. Stock. Genosse Wagner sah ich nicht. Da klirrten schon die Scheiben und über das Gerüst drangen einige Jugendliche ein. Wir versuchten, sie zu bewegen umzukehren und verhinderten bei diesen ersten, daß sie das auf dem Flur befindliche Stalinbild zerschlugen, wir ließen sie auch nicht die Treppe hoch zum Sekretariat, die ersten bis auf einen, der in dem Seitenflur retirierte, kehrten um, doch da strömten von unten her die Massen ein. Hier versuchten wir, ich erinnere mich, daß Vera Zein, Genossin Esser, Ilka Sauer und Hannelore Richter in meiner Nähe waren, zu verhindern, daß sie höher kamen. Während wir uns hier rumstritten, wurde hinter unserem Rücken das Stalinbild zertrümmert, ohne daß wir etwas zu seinem Schutz unternahmen. Andere Genossen versuchten es erfolglos. Nach kurzer Zeit verließen die Randalierer das Haus. Da nach dem Abziehen der Provokateure mit einem zweiten Überfall gerechnet werden mußte, holte ich aus dem unteren Treppenaufsatz alle Genossen und Genossinnen zusammen (es waren jetzt mehr geworden, da viele Genossen zurückgekommen waren) und teilte für jeden Eingang eine bestimme Anzahl ein, sie sollten gleichzeitig vor ihren Eingängen Ordnung machen, da z.B. vor dem Haupteingang Feuer angelegt worden war. Kurz darauf kamen bereits Sowjetsoldaten und besetzten das Haus. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir der Ernst der Situation bis auf alle Einzelheiten nicht bewußt. Ich habe nicht erkannt, daß dies eine faschistische Provokation war, die zum Ziele hatte, unsere Macht zu stürzen. Während des Tumults im Haus ließ ich mich verblüffen, daß so viele wirkliche Proleten mitmachten. Ich schätzte die Situation auch so ein, daß ich dachte, es wird schnell vorübergehen. Ich sah nicht dabei, daß sich die Banditen ja bei uns festsetzen konnten. Mir ging auch durch den Kopf – rausschlagen! draufprügeln! – hielt es aber für falsch, wir waren nur wenige und ohne jedes Gerät. Außerdem hatte ich noch immer eine Parole im Kopf – nicht schlagen und nicht schießen, woher weiß ich nicht. Ich bin mir bis heute nicht klar darüber, ob ich dort richtig gehandelt habe. Hätte ich die Genossen am Treppenabsatz vor dem Stalinbild gesammelt, so wäre der Strom nicht so leicht hochgekommen. Außerdem habe ich versäumt, wenigstens einige Provokateure einzusperren, die Möglichkeit wäre gewesen. Noch bis zum Nachmittag habe ich gedacht, ich hätte richtig gehandelt, denn ich war ja nicht untätig. Aber das war nur Stückwerk, nicht das, auf was es ankam. Mit keinem Gedanken habe ich an die Erfahrungen der KPdSU oder an die der deutschen Arbeiterbewegung in der Weimarer Zeit gedacht, sondern war so innerlich durchdrungen, daß bei uns so etwas nicht möglich ist wie z.B. in Westdeutschland, weil wir die Macht haben. Außerdem erlebte ich jetzt zum ersten Mal, wie das praktisch aussieht – Organisierung eines Putsches – ohne zu sehen, daß es ein solcher Versuch war.« Genosse Krüger, Sekretär für Landwirtschaft. »Zum ersten Mal erfuhr ich was los war um 9.15 Uhr in der Besprechung im Sekretariat. Um diese Zeit war die Information durch Genossen Wagner, die durch Genossen Hegen ergänzt wurde, noch Streik, insbesondere im ThälmannWerk. Während der Besprechung, [die] Zeit weiß ich nicht mehr, kam die Mitteilung, aus dem Thälmann-Werk sind sie auf die Straße gegangen und ziehen Richtung Hasselbachplatz mit dem Ziel, auf dem Roten Platz eine Kundgebung gegen die Normen durchzuführen. Jetzt wurde durch uns folgendes schnell entschieden. Die besten Genossen aus der Verwaltung sofort mobilisieren mit dem Ziel »Roter Platz«, die dort die Demonstration in unsere Hände mit bringen sollen. Die Genossen Hegen und Fischer sollen dort sprechen. Die Genossen aus den Brigaden [sollen] sofort in ihre Betriebe, um weitere Streiks zu verhindern. An die Verteidigung des Hauses dachte keiner. Auch dann nicht, als uns in der Besprechung noch bekannt wurde, daß in Neustadt auch demonstriert wurde.[77] Hier wurde die Parteischule mit dem gleichen Ziel, die Demonstration in unsere Hand zu bekommen, eingesetzt. Hier begann der erste Fehler. Zwar ist mir überhaupt nicht bekannt geworden, daß alles zerschlagen und geplündert wurde, bis sie hier selbst in das Haus eindrangen. Trotzdem hätten wir das Haus nicht noch mehr von Genossen entblößen sollen. Folgende Verantwortlichkeit wurde festgelegt. Die Genossin Brandt [und die Genossen] Dörre und Krüger hatten bestimmte Aufgaben. Ich z. B. Genossen[78]zum Zentralen Platz (Bau-Union), damit Bauarbeiter nicht streiken. Die besten Genossen aus MTS[79], VVG[80], VdgB[81] zum Roten Platz, Kundgebung in unsere Hand zu bekommen.[82] Für die weitere Festlegung und Leitung [wurde] ein OP-Stab [gebildet], zu dem gehörten, Genosse Wagner und Genosse Framke. Wer noch weiter von [der]VP usw. [dazu gehörte], entzieht sich meiner Kenntnis. Inwieweit im OP-Stab über das weitere Vorgehen in Magdeburg Kenntnis herrschte, weiß ich nicht. Ich legte mit den Genossen der MTS die Genossen fest, die sofort zum Roten Platz gehen und ihre Aufgaben. Dabei begann plötzlich der Krawall durch Radfahrerkolonnen. Ich behielt die 3 Genossen sofort im Hause und begab mich ins Zimmer des OP-Stabes. (Zimmer vom Genossen Pisnik). Hier sah ich, daß auch ein Genosse Polizeirat und noch jemand anwesend war. Hier begann der zweite Fehler. Wir waren durchaus noch in der Lage, das Haus auf Verteidigung einzustellen. Ich weiß heute, daß die Lumpen auf Grund der Verhältnisse doch dumm gewesen wären, aber etwas anders hat es doch ausgesehen. Ich forderte noch sofortige Anforderung der KVP[83] aus Burg über die Kreisleitung. Genosse Wagner war aber der Meinung, das könne nur Berlin anweisen. Gegen diese Auffassung wandte sich die Genossin Brandt und ich gemeinsam. Wir waren beide der Auffassung, hier nützt nur zuschlagen. Durch diese Auseinandersetzung verging kostbare Zeit und als das Eindringen im Hause begann, war es zu spät. Das Verhalten dann jedes Genossen war nach meiner Auffassung richtig. Es wurde nicht diskutiert in dem Sinne. Von überall wurden sie Schritt für Schritt zurückgedrängt. Dabei waren auch heftige Wortwechsel. Erschwert wurde unsere Tätigkeit, [da], daß durch die Übermacht ein jeder auf sich selbst angewiesen war, wir immer wieder auseinandergedrängt wurden. Heute sehe ich aber, daß ich selbst auch keine Anstrengung in der Richtung unternahm. Auf alle Fälle wäre es möglich gewesen und wir hätten mehr und schneller etwas erreicht. Erschwerend machte sich bemerkbar, daß bei uns alle Türen zu den Gängen verschlossen sind, daß die Organisierung der Abwehr ungeheuer schwer ist, während die Provokateure diese einschlugen und eben da waren. Das Versagen des Sekretariats lag bei Beginn der Provokation. Sehr schlecht informiert und als es unterrichtet war, [hatte es] nicht schnell genug die Losung »Agitieren« liquidiert und somit die Genossen dann später in einzelnen Fällen auf dieser Losung belassen. Nicht das Sekretariat gab die Richtung, sondern mehr oder weniger das plötzliche Eingeben, die Erfahrung usw. eines jeden einzelnen. So war es für mich klar, als die Lumpen im Hause waren, so schnell wie möglich raus mit ihnen, Diskussionen und Beratungen gibt es keine mit ihnen, [ich] tat aber nichts, damit es zur Auffassung des Sekretariats wurde. Ich möchte noch sagen, daß die Verteidigung während der Zerstörung im Hause nicht möglich war. Als ich es einmal versuchte, war die Tür zum OP-Stab verschlossen. Ich war der Auffassung, das ist richtig und war zufrieden, weil ich dadurch annahm, daß die weitere notwendige Verbindung aufrecht erhalten und weitere Maßnahmen eingeleitet werden. Die Entfernung der Provokateure aus dem Haus gelang uns noch vor dem Eintreffen der Freunde. Meine Kontrolle darauf über die Situation im Hause ließ mich im ersten Moment stark erschrekken, weil von überall her in unser Objekt eingedrungen werden kann. Die weitere Organisierung des Schutzes überließ ich dann, als die Freunde da waren.« Genosse Dörre, Sekretär für Kultur und Erziehung. »Kurze Zeit nach meinem Eintreffen im Hause trat das Sekretariat zu einer Besprechung zusammen. Hier erfuhr ich zum ersten Mal von »Unruhen«, deren Charakter jedoch keinesfalls klar war. In dieser Beratung schlug wohl Genosse Hegen als Gegenmaßnahme gegen die Demonstration Gegendemonstrationen der politisch besten Genossen vor (KL Magdeburg, Rat des Bezirkes u.a.). Dieser Auffassung wurde zugestimmt. Zur Leitung der Gegenmaßnahmen wurde ein Operativstab unter Leitung des Genossen Wagner gebildet. Eine Kommission unter Leitung der Genossin Brandt arbeitete den Wortlaut einer Durchsage an die KL aus. Ich selbst stellte mich nach einem Hinweis der Genossin Brandt dem Genossen Wagner zur Verfügung. (Aufnahme von Telefongesprächen). Durch eingehende Telefongespräche wurde bekannt, daß die »Streikenden« gewaltsam ins Karl-Liebknecht-Werk (?)[84] eingedrungen waren, sich zu einem »Demonstrationszug« formiert hatten, der sich angeblich zum Zentralen Platz bewegte. Hier wurde eine Kundgebung erwartet, deshalb sollte Genosse Fischer und Genosse Hegen dort zu den Demonstranten sprechen. Im weiteren Verlauf wurde auch der putschistische Charakter der »Demonstration« bekannt (Demolierung der Räume des Bezirksfriedensrates, Abreißen von Transparenten, Haus der FDJ, Ansammlung vor der Bezirksverwaltung). Während dieser Zeit wurde auch die Weisung gegeben, die Akten in die Panzerschränke einzuschließen (Ursprung ist mir nicht bekannt). Das veranlaßte und tat ich. Vorher wurde auch bereits einige Male vom Genossen Paulsen Schutz für das Haus verlangt. Ein Schutz durch Genossen des Hauses wurde meines Wissens nicht organisiert. Mehr oder weniger stand jeder Genosse allein. (Was versteht man darunter?) Auch meine Einstellung entsprach der Meinung »Nicht provozieren lassen«. Diese Meinung teilte ich auch zum Beispiel der Bezirksparteischule auf deren Anrufen hin mit. Bei der Zusammenrottung der Provokateure und Irregeführten vor dem Hause weilte ich mit mehreren Genossen im Vorzimmer des Genossen Wagner und auf dem oberen Flur. Ich verhielt mich unschlüssig und abwartend. Als ich in die unteren Stockwerke gehen wollte, überstürmte gerade die Masse auf der Treppe einige Volkspolizisten, die ihr weiteres Vorgehen verhindern wollten. Auf der Treppe zum 3. Stock versuchte ich, einige [Provokateure] zur »Vernunft« zu bringen, was auch zum Teil gelang, da nur einzelne weitergingen. Auf dem oberen Flur gelang es uns dabei im wesentlichen, diese zur Umkehr zu bewegen. In dieser Zeit kamen auch einzelne über den hinteren Aufgang auf dem 3. Flur. Mit einigen ging ich dann diskutierend die Treppe hinunter, bis die letzten das Gebäude verlassen hatten. Einschätzung: In der Beratung hatte ich kein klares Bild vom Charakter der Provokation und schloß  mich deshalb der Auffassung des Genossen Hegen an. Obwohl durch den Verschluß der Akten das Eindringen in das Haus in Betracht gezogen wurde, ergriff ich keine Initiative zur Verteidigung des Hauses. Ich ließ mich ebenfalls von der Unorganisiertheit im Hause treiben und ergriff keine Maßnahmen zu ihrer Beseitigung. Obwohl ich mich persönlich nicht feig verhielt, versagte ich doch in meiner Haltung als Mitglied des Sekretariats in der Leitung des Hauses. Kritisch muß ich bemerken, daß Genosse Pisnik es unterließ, das Sekretariat rechtzeitig von der geplanten Provokation zu unterrichten.« Genosse Stauch, Sekretär für Wirtschaftspolitik. »Nach vorheriger Absprache im Sekretariat trat ich am 15.6. meinen Urlaub an. Am 17.6. war ich in meinem Garten tätig. Etwa gegen 10.00 Uhr teilte mir die im Nebenhaus wohnende Genossin Daub den telefonischen Anruf ihres Mannes mit, ich sollte etwas Obacht geben. Ich rief darauf die Bezirksleitung an und bekam nach langen Bemühungen den Genossen Gaida. Ich hatte beobachtet, daß Hamstereinkäufe getan werden. Dieses teilte ich dem Genossen Gaida mit und bat ihn, sofort Maßnahmen gegen die Angsteinkäufe einzuleiten. Der Genosse Gaida antwortete mir nur kurz, daß hier was los sei und er sich jetzt nicht darum kümmern könne. Diese knappe Antwort und der sich steigernde Verkehr auf der sonst ruhigen Straße veranlaßte mich, mich sofort umzukleiden, um mich an der HO und Konsumverkaufsstelle von der Ursache der Hamstereinkäufe zu informieren. Hier erfuhr ich auf Befragen, daß die Betriebe streiken, die Arbeiter demonstrieren und Geschäfte geplündert wurden. Der feindliche Charakter wurde mir sofort klar, ich entschloß mich deshalb, sofort zur Bezirksleitung zu gehen. Auf dem Wege zur Bezirksleitung kam ich am Präsidium der VP vorbei. Ein roter Lautsprecherwagen vom Ernst-Thälmann-Werk, der mich vorher in der Leipziger Straße überholt hatte, stand in der Menge. Von diesem Lautsprecherwagen aus sprach ein ungeübter Redner in Magdeburger Mundart. Er sagte sinngemäß folgendes: »Jetzt hätten wirklich die Arbeiter die Macht in den Händen, mit den SED-Bonzen sei es zu Ende. Die VP hätte sich solidarisch erklärt, sie hätten die Waffen und Munition ausgeliefert. Jeder könne sich davon überzeugen, er hätte selbst 15 Schuß Munition in der Hand. Sie hätten die VP-Angehörigen nach Hause geschickt, um sich umzukleiden, sonst hätten sie in Uniform Unannehmlichkeiten.« Die Fenster im Präsidium waren zum größten Teil geöffnet. Das ganze Gebäude machte den Eindruck, als wenn es von der VP geräumt worden wäre. Mir wurde die bedrohliche Lage Magdeburgs und der faschistische Charakter dieses Putschversuches blitzschnell klar. Es war offensichtlich, daß die Putschisten in Magdeburg für eine kurze Zeit die Staatsmacht ausgeschaltet hatten, weil die Führung der VP schwankte und kapitulierte. Etwa um 13.30 Uhr traf ich am Gebäude der Bezirksleitung ein, das inzwischen von den Freunden umstellt war. Den Genossen Wagner, den ich auf dem Flur traf, kritisierte ich, daß er mich nicht hat holen lassen. Dem Genossen Krüger, der Genossin Brandt und einigen anderen Genossen teilte ich im Zimmer vom Genossen Pisnik meine Feststellungen am Präsidium der VP mit, informierte mich über die Lage im Bezirk und drängte auf Maßnahmen zur Veränderung der Lage in Magdeburg, indem die leitenden Genossen der Kreis- und Stadtbezirksleitungen und der Massenorganisationen zu einer Beratung zusammengefaßt und die Partei mobilisiert wird. Die Besprechung wurde um 15.00 oder um 16.00 Uhr durchgeführt. Da ich die umfangreichen Angsteinkäufe kennenlernte und mir klar war, daß die Auswirkungen am kommenden Tag zu einer weiteren Verschärfung der politischen Lage führen muß, wenn keine Brote und andere wichtige Lebensmittel in den Verkaufsstellen zu erhalten sind, führte ich eine Reihe Besprechungen mit den verantwortlichen Funktionären des Handels und des Verkehrs durch. Es wurden Maßnahmen festgelegt, die jedem Käuferansturm am kommenden Tag gerecht wurden und Beruhigung ausstrahlten. 5.000 Brote wurden über Nacht von Stendal nach Magdeburg gebracht. Die DHZ (L)[85] erhielt den Auftrag, ohne Rücksicht auf gebundene Kontingente die Waren auszuliefern. Die eingeleiteten und durchgeführten Maßnahmen haben dank dem Verantwortungsbewußtsein der leitenden Funktionäre im Handel und dem Verkaufspersonal wesentlich dazu beigetragen, die Lage nach dem 17.6. zu normalisieren. Stellungnahme des Genossen Eyermann zu seinem Verhalten am 17.6.1953. Am 16.6. fuhr ich zu einer Sitzung der ZPKK nach Berlin, die bis abends spät, gegen 22.30 Uhr andauerte. An dem Tag sah ich die Demonstration mit Bauarbeitern aus der Stalin-Allee am Parteihaus vorbeidemonstrieren. Die Sitzung wurde nur wenige Minuten unterbrochen. Abends zwischen 22.30 und 23.00 Uhr unterhielt ich mich mit einigen Genossen im Gästehaus des ZK, die an der Parteiaktivtagung teilgenommen hatten und die berichteten, wie sich die Parteiaktivtagung am Schluß zu einem Demonstrationszug formierte. Provokateure glaubten, daß der Demonstrationszug auch Menschen ihres Schlages seien. Die Genossen berichteten, wie die faschistischen Provokateure verprügelt und in die Flucht geschlagen wurden. Am 17.6. ging ich morgens in das Haus der Einheit, wo wir dem Genossen Matern zu seinem 60. Geburtstag gratulierten. Als ich in das Parteihaus gegangen war, wurden die Fenster der Eingangstüre von faschistischen Provokateuren zertrümmert. Ursprünglich war vorgesehen, daß wir bis zum Abend in Berlin bleiben sollten. Das wurde abgesagt. Wir erhielten die Mitteilung, nach Hause zu fahren. Da der Fahrer seinen Wagen in Reparatur getan hatte[86] und ich die Genossen Pisnik und Schöne traf, vereinbarte ich mit ihm, mit nach Magdeburg zu fahren. Wir sind dann gegen 16.30 Uhr in Magdeburg angekommen, wo die Sowjetsoldaten den Schutz der Stadt schon übernommen hatten. III. Kritische Stellungnahme zum Verhalten der einzelnen Sekretariatsmitglieder. Zum Genossen Alois Pisnik. 1.        Der Genosse Pisnik hat die 2. Anweisung des ZK morgens um 4.00 Uhr,einen Sekretär zum Dienst mit heranzuziehen, nicht realisiert. Dadurch wäre ein weiteres Sekretariatsmitglied verantwortlich miteingesetzt worden. 2.        Der Genosse Pisnik erhielt vor seiner Abfahrt nach Berlin die Mitteilung,daß in Teilen des Karl-Marx-Werkes die Arbeit nicht aufgenommen wurde und beauftragte den Genossen Fischer, selbst nach dem Karl-Marx-Werk zu fahren. (Gen. Fischer ist nie hingefahren). Da die Sitzung im ZK erst um 11.00 Uhr angesetzt war, hätte der Genosse Pisnik erwägen müssen, ob es nicht ratsam war, erst eine Sitzung mit dem Sekretariat um 8.00 Uhr durchzuführen, da praktisch schon in dieser Zeit in 2 Betrieben (Karl-Marx-Werk, Großarmaturenwerk) Streiks ausgebrochen waren. 3.        Es war ein Fehler, das sieht der Genosse Pisnik selbst ein, daß von ihm nichtder Genosse Paulsen verständigt bzw. eine Sitzung mit ihm durchgeführt wurde, zumal der Genosse Lohse von der VP Magdeburg zu der Sitzung des Kreissekretariats hinzugezogen wurde. Die Ursachen liegen darin, daß bei der Sache die ganze Tragweite der Angelegenheit nicht erkannt worden ist. Der Genosse Pisnik schreibt in seiner Stellungnahme, daß der Genosse Wagner für die Fertigstellung der Analyse für den 17.6. verantwortlich gemacht wurde. Das stimmt nicht. In dem Beschluß des Sekretariats vom 16.7.1953 sind die Genossen Pisnik, Wagner und Eyermann als Verantwortliche festgelegt worden. Zur Frage der Unterlassung einer sofortigen Untersuchung gegen den Genosse Paulsen muß gesagt werden, daß der Punkt im 15. Plenum des ZK vom Genossen Walter Ulbricht angesprochen wurde und der Genosse Pisnik sich die Bemerkung von der »Entwaffnung der VP« notiert hat.[87] Wenn in einer ZK-Sitzung Funktionäre und Ereignisse im Magdeburger Bezirk kritisiert werden, muß im Sekretariat konkret Stellung genommen und Beschluß gefaßt werden, zumal schon im 10. ZK-Plenum ein Fall eine Rolle spielte, wo der Genosse Walter Ulbricht das parteifeindliche Verhalten des inzwischen Ausgeschlossenen S t u r m ansprach und im Sekretariat nicht konkret dazu Stellung genommen wurde.[88] Falsch ist es auch, wenn der Genosse Pisnik in seiner Stellungnahme schreibt, daß der in der Frage des Gen. Paulsen auf seine eigenen Überlegungen angewiesen war. Das ist eine Unterschätzung des Sekretariats als Kollektiv. Zum Genossen Wagner. Der Gen. Wagner hat nicht eine einheitliche Stellungnahme für die Analyse erarbeitet, sondern verweist in seinem Bericht auf seinen Diskussionsbeitrag in der Bezirksleitungssitzung[89]. Daraus ergeben sich gewisse Widersprüche. Gen. Wagner nimmt zu dem chronologischen Ablauf der Ereignisse verschwommen Stellung, sieht nicht genügend seine Hauptverantwortlichkeit in Abwesenheit des Genossen Pisnik am 17.6. und nimmt nicht politisch Stellung zu der Tatsache, daß es den faschistischen Provokateuren ohne Organisierung eines Widerstandes gelang, in das Parteihaus einzudringen und Zerstörungen anzurichten. Zu dem chronologischen Ablauf der Ereignisse sagt der Genosse Wagner: 1.) »Die Genossin Edith Brandt, einige andere Funktionäre und ich erfuhren erst von den verwerflichen Dingen (warum eine solche Formulierung?), bei Arbeitsbeginn am 17. 6.« (Formulierung ist falsch) Der Genosse Pisnik erklärt, daß er um 5.00 Uhr morgens den Gen. Wagner informiert hat und mit ihm über die Maßnahmen Einsatz von Genossen des Apparates der Bezirksleitung, in die Betriebe, gesprochen hat. (Wird bestätigt) In seiner schriftlichen Stellungnahme schreibt der Genosse Wagner nur: »In den frühen Morgenstunden des 17. Juni, zwischen 5.00 und 6.00 Uhr weckte mich der Genosse Pisnik und teilte mir mit, daß im Karl-LiebknechtWerk Diskussionen sind, ähnlicher Art wie im Dezember 1952.« Kurze Zeit nach 7.00 Uhr hat der Gen. Fischer im Gebäude der Bezirksleitung des Genossen Pisnik davon informiert, daß im Karl-Liebknecht-Werk in der »Freien Straße« die Arbeit nicht aufgenommen wurde. Der Genosse Fischer schreibt, daß der Genosse Wagner dabei war. (Das stimmt nicht) Also war der Genosse Wagner schon früher als die anderen Sekretariatsmitglieder informiert. (ja, deshalb Sitzung anberaumt) Zur Bildung des Operativstabes sagt der Gen. Wagner: »Mit der Bildung des Operativstabs im Haus der Bezirksleitung wurde nicht eine kollektive Zusammenarbeit erreicht, so daß die Genossen mehr oder weniger von sich aus Entscheidungen trafen, die nicht vorher im Kollektiv abgesprochen waren.« 2.) Der Genosse Wagner spricht nur allgemein von »Genossen« und »Entscheidungen«, ohne kritisch Namen, Tatsachen und Ursachen anzuführen. 3.)Weiter sagt er, daß dem Operativstab die Sekretäre angehörten, während die Genossin Brandt schreibt, daß nicht alle Sekretäre, sondern aus dem Haus nur der Genosse Wagner und ein Abteilungsleiter dem Operativstab angehörten. (Das war meine Meinung) Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Wurde nicht festgelegt, wer zum Operativstab gehört? 4.) Der Genosse Wagner sagt, daß »nach einer kürzeren Aussprache mit [den] Genossen Hegen und Paulsen ... festgelegt wurde, ... daß die Genossen in ihre Dienststellen zurückgehen und mit uns die ständige Verbindung halten.« (3 Aufgaben wurden festgelegt) Andererseits wird gesagt, daß der Genosse Hegen als Sprecher zu den Demonstranten festgelegt wurde. (Es steht fest, daß Gen. Hegen praktisch die Führung hatte) 5.) Der Genosse Hegen hat nicht gesprochen, war auch nicht in seiner Dienststelle, sondern ist später ins Polizeipräsidium gegangen. Wo war er in der Zwischenzeit? (Von Festleg. des Gen. Hegen nichts bekannt. Gen. Fischer u. Daub festgelegt) Der Genosse Wagner sagt weiter: »Aus dem Apparat der Bezirksleitung wurde eine Reihe Genossen in die Großbetriebe entsandt, um ebenfalls dort entsprechend zu wirken, d.h., keine Demonstrationen in die Stadt zu lassen. Hier begann die Verkennung der Situation. Wir hatten damit den größten Teil unserer Genossen nicht zur Hand und konnten sie auch nicht schwerpunktmäßig einsetzen.« 7.)      [90] Haben die Genossen wirklich die Anweisung erhalten, keine Demonstration in die Stadt zu lassen? 8.)      Woher wußte der Genosse Wagner, daß die Streikenden demonstrierenwollen? Waren zu dem Zeitpunkt schon Demonstrationen gemeldet? (ja sie kamen, die Meldungen) Was soll die Formulierung: »Hier begann die Verkennung der Situation?« Hält der Genosse             9.) Wagner den Einsatz der Genossen aus dem Haus in die Betriebe für falsch, weil er anschließend noch sagt, daß wir den größten Teil der Genossen nicht zur Hand hatten und sie auch so nicht schwerpunktmäßig einsetzen konnten.« (Nur allgemein eingesetzt) Auch in seiner schriftlichen Stellungnahme nimmt der Genosse Wagner unklar zu dieser Frage Stellung. Er schreibt: »Gemeinsam wurde dann festgelegt, den größten Teil der Genossen politische Mitarbeiter in die Magdeburger Betriebe zu schicken. Was auch geschah. Diese Einstellung wurde auch von mir noch lange beibehalten und erst sehr spät, nachdem bereits Zerstörungen an Häusern der Partei und Organisationen vorgenommen wurden, wurden die Ausschreitungen als faschistischer Putsch erkannt.« 10.) Was meint der Genosse Wagner mit der »Einstellung«, die von ihm noch lange beibehalten 11.) wurde? Wann ist der Zeitpunkt eingetreten, wo die Ausschreitungen als faschistischer Putsch von ihm erkannt wurden?[91] (Wo Zerstörungen waren, unser Haus) Der Genosse Wagner sagt weiter, daß zum Schutze des Hauses vom Genossen Paulsen 5 Genossen Volkspolizisten geschickt wurden. »10 Genossen der Volkspolizei sollten noch zur Verstärkung des Hauses der Bezirksleitung eingesetzt werden. Diese sind jedoch nie eingetroffen. Wie uns mitgeteilt wurde, wurden sie unterwegs zur Bezirksleitung entwaffnet.« 12.)               Also zu den 5 Volkspolizisten sollten noch 10 Volkspolizisten hinzukom-men. Waren die 5 Volkspolizisten bewaffnet? Wer hat mitgeteilt, daß die 10 Volkspolizisten unterwegs entwaffnet wurden? (5 waren bewaffnet mit Pistolen) Zur Verteidigung des Hauses schreibt der Gen. Wagner, trotzdem er Schutz vom Genossen Paulsen verlangte: »Ich selbst war der Meinung, daß der Schutz des Hauses durch die VP in der Hauptsache gewährleistet wäre.« und im nächsten Satz: »Zur Verteidigung des Hauses aber sollte nach kurzer Absprache mit der Genn. Brandt diese Frage behandelt werden.« 13.)               Soll der Gen. Wagner doch die Dinge klar ansprechen! Zum Eindringen der faschistischen Provokateure in die Bezirksleitung sagt der Genosse Wagner: .....»Im Moment als gemeldet wurde, sie bewegen sich jetzt zur Partei, waren sie da. Während ich noch mit den Freunden am Telefon sprach, geschah das Eindringen der Provokateure.« Die Genn. Brandt hatte vorher die Mitarbeiter des Hauses zusammengenommen und informierte sie über die Situation. Es wurde angewiesen, alle Unterlagen zu verschließen und keinen der Provokateure ins Haus zu lassen. 14.)               (Ist diese Anweisung wirklich gegeben worden?) (Nicht bekannt) Ich selbst bin sofort nach unten und sah, wie sich die Provokateure durch die Fenster schwangen und im Haus ihr Unwesen trieben. Inzwischen war es einem Teil der Provokateure gelungen, über das Baugerüst, welches sich vor dem Haupteingang der Bezirksleitung befand, in die 1. Etage der Bezirksleitung einzudringen. Durch Diskussionen versuchten wir, die Provokateure wieder aus dem Haus zu bringen.        Von mir und dem Genossen Fischer wurde der Versuch unternommen, zur Masse zu sprechen, der jedoch scheiterte. Die Kopflosigkeit, die aus der Überraschung bei uns herrschte, war nur von kurzer Dauer und alle Fäden blieben in unserer Hand.« (»schlechte Formulierung – falsch: ich musste zu den Kreisen«.) Der Genosse Wagner schreibt in der schriftlichen Stellungnahme: »Noch während ich mit den Freunden wegen Schutz des Hauses und über den Stand der Situation sprach, drangen die Provokateure in das Haus ein. ... Die Eindringlinge kamen über das Gerüst, welches vor dem Haus stand, und durch die Fenster in das Haus. Wenige Genossen waren im Parterre mit der Zurückdrängung beschäftigt. Ich selbst war unten im Parterre und wollte auf Grund meiner fehlerhaften Einstellung zu der von den Provokateuren angeleiteten Masse sprechen. Was dann von einem Fenster der ersten Etage geschehen[92] sollte, wobei ich mit Steinen bombardiert wurde.« Bei diesem Punkt sind folgende Fragen zu klären: 1. Die Provokateure drangen zuerst durch die Fenster im Parterre in das Zimmer der 15.) Fahrdienstleitung, zertrümmerten von innen mit Stühlen die Tür zum Flur. Durch ein Loch der zerschlagenen Tür drang zuerst einer der Provokateure, der vom Genossen Wagner den Empfang einer Delegation zu Verhandlungen verlangt haben soll. Der Genosse Wagner soll Verhandlungen 16.) zugesagt haben und soll zur Haupttür gegangen sein, um diese zu öffnen bzw. öffnen zu lassen. Dabei soll er von einem Mitarbeiter der BPKK, Genosse Fichtner, abgehalten worden sein.           (» Habe ich nie gehört«.         »Daß ich zur Tür wollte, stimmt -  aber von der Absicht ist nichts bekannt«.         »Ich wurde abgehalten, von wem weiß ich nicht«.) Einmal schreibt der Genosse Wagner, daß er von einem Fenster der ersten Etage sprechen wollte, wobei er mit Steinen bombardiert wurde. Dann sagt er in der Bezirksleitungssitzung, daß von ihm und dem Genossen Fischer der Versuch unternommen wurde, zur Masse zu sprechen, der jedoch scheiterte. Der Genosse Fischer weiß nur davon, daß der Genosse Wagner und er versuchen wollten, vom Zimmer des Genossen Pisnik zu sprechen. In welchem Zimmer[93] in der ersten Etage ist er gewesen, um zu sprechen, wobei er mit Steinen bombardiert wurde? 3. Was meint der Genosse Wagner damit, »daß die Kopflosigkeit nur von kurzer Dauer 17.)   war und alle Fäden in unserer Hand blieben?« 18.)   Wie lange dauerte die Kopflosigkeit? Was geschah, als sie zu Ende war? Auf welche Maßnahmen ist es zurückzuführen, daß »alle Fäden in unserer Hand blieben!« Das ist doch Schönfärberei. Die Provokateure hatten sich ausgetobt und verließen freiwillig das Haus. Verteidigt damit der Genosse Wagner nicht heute noch die falsche Losung »Agitation! Diskussionen mit den faschistischen Provokateuren.« Der Genosse Wagner schreibt weiter: »Der Operativstab befand sich in den Zimmern des Genossen Pisnik, diese wurden verschlossen und die Provokateure hatten keine Gelegenheit die Apparate zu vernichten.« Der Genosse Fischer schreibt: »Im Zimmer des Genossen Pisnik befand sich neben dem OP-Stab noch eine Reihe Genossinnen, die die Schlüssel zu den Geheimakten besaßen. Die Türen zum Zimmer des Genossen Pisnik wurden deshalb versperrt.«     Was war die Ursache des Verschließens der Zimmer? Die Apparate oder die Genossen mit den Schlüsseln? 19.)   Oder .....? Es ist doch gewagt zu schreiben, daß die Provokateure keineGelegenheit hatten, die Apparate zu vernichten, wo der Genosse Wagner erlebt hat, wie die Provokateure die Tür des Zimmers der Fahrdienstleitung demolierten und in den Flur eindrangen. Der Genosse Wagner schreibt weiter: »Meinen Fehler sehe ich darin ...., daß ich versuchte, Magdeburger Kreis- und Stadtbezirksfragen zu lösen, die Angelegenheit der Kreisleitung waren.« D.h. die faschistische Provokation in Magdeburg ging den Genossen Wagner nichts an. Das ist falsch. Die faschistische Provokation im Bezirk Magdeburg begann in Magdeburg, nahm hier die schärfsten Formen an und verbreitete sich auf einige Kreise. Eine Verhinderung des Ausbruchs der faschistischen Provokation hätte die Verhinderung des Ausbruchs in den Kreisen bedeutet. Es war nur die Frage des engen Kontaktes und der Entscheidungen für Magdeburg mit der Kreisleitung Magdeburg zu lösen, was bei der Unterbringung in einem Haus leicht möglich war. Der Genosse Wagner geht bei seinen Schlußfolgerungen nicht auf folgende Fragen ein: 1.        Hatte er nach der Abfahrt des Genossen Pisnik nach Berlin die Führung inder Hand? Wenn nein, wer hatte sie? 2.        Wer gab die politische Linie an der »Agitation«, »Diskussion«, »Gegendemonstration«, »Die Demonstration in die Hand bekommen«, »Entwaffnung der Volkspolizei«, »Verhandlungen mit den Provokateuren«? 3.        Was ist die Ursache, daß das Sekretariat und Operativ nicht als Kollektivoperativ arbeitete? 4.        Was ist die Ursache, daß die faschistischen Provokateure ungehindert insParteihaus eindringen und Zerstörungen durchführen konnten, ohne daß die Verteidigung und der Widerstand organisiert wurden? Wenn schon, wie der Genosse Wagner in der Bezirksleitungssitzung sagte, angewiesen wurde, »alle Unterlagen zu verschließen und keinen der Provokateure ins Haus zu lassen«, warum wurden keine Maßnahmen getroffen, um diese Anweisung durchzusetzen? »Gleich als sie gekommen sind.« »Die Waffen im Panzerschrank eingeschlossen.« (Genn. Sauer u. Bollm.- Framke) »Kurt muß es gesehen haben, da er sein Tagebuch abgegeben hatte u. daneben gestanden hat.« Gen. Wagner hat nichts gesehen. »Wo ist mein persönlicher Schutz?« (»Ich spreche nur, wenn ich Schutz habe.«) (Genossin Sauer: es stimmt.) Genossin Edith Brandt. Von allen am 17.6. anwesenden Sekretariatsmitgliedern nimmt die Genossin Brandt am konkretesten kritisch und selbstkritisch Stellung. Auch den chronologischen Ablauf schildert die Genossin Brandt so, daß man sich ein Bild machen kann und zeigt zugleich in jeder Phase auf, was sie getan hat. Die Genossin Brandt schreibt, daß sie sich mit dem Genossen Falk, der zum Nachtdienst herangeholt worden war, nach ihrem Eintreffen in die Bezirksleitung, um 7.30 Uhr, unterhalten hat und schreibt: »Wir äußerten dann beide die Meinung, daß es nicht richtig ist, daß wir nicht auch unsere Mitarbeiter mobilisierten, ohne aber bis dahin zu wissen, ob in Magdeburg bereits irgendwelche Störungen sind, oder wie es in Berlin aussieht.« Eine solche Feststellung ist politisch bedeutungsvoll, da sie – wie erwähnt – erfolgte, ohne daß die Genossin Brandt vorher etwas von den Vorgängen in Berlin und dem, was sich schon in Magdeburg ereignete, wußte. Die Genossin Brandt ist dann auch sofort zum Genossen Wagner gegangen, »um festzustellen, was wir machen«. Die Besprechung ist nicht, wie Genosse Krüger schreibt, um 9.15 Uhr, sondern kurz nach 8.00 Uhr gewesen. Die Genossin Brandt spricht hier an, daß in den OP-Stab nur der Genosse Wagner und ein Abteilungsleiter – neben den Genossen Hegen, Paulsen, Skobik – sollten. 1.) Weiter erwähnt sie allein den Punkt: »Wir wollten da auch noch nicht den Gen. Stauch aus dem Urlaub zurückholen.« Weshalb, schreibt die Genossin Brandt nicht. (Situation wurde nicht so ernst eingeschätzt) Als sie während der Sitzung die Nachricht erhielt, daß die Provokateure und irregeleiteten Arbeiter des Thälmann-Werkes versuchten, von hinten in das Dimitroff-Werk einzudringen, wollte sie zum Dimitroff-Werk. Sie wurde von den Genossen Wagner und Krüger davon abgehalten und schickte die Genossen Gelhardt und Cours. Aus der Schilderung der Genossin Brandt ist zu entnehmen, daß sich um diese Zeit Demonstrationen von verschiedenen Seiten zum Inneren der Stadt bewegten. Die Genossin Brandt schreibt, daß der Charakter der Demonstration nicht erkannt und deshalb festgelegt wurde, daß die Genossen Hegen und Sepp Fischer versuchen sollten zu sprechen. Als die Spitze des Demonstrationszuges aus Buckau den Hasselbachplatz erreichte, stürmten die faschistischen Provokateure den Bezirksfriedensrat. Die Genossin Brandt wurde davon informiert. Sie erhielt von dem Genossen Gelhardt durch Anruf auch Nachricht über die Situation im Dimitroff-Werk. Die Genossin Brandt schreibt: »Auf Grund der Situation hielt ich es für notwendig, alle im Hause weilenden Mitarbeiter zu informieren, teilte das dem Genossen Wagner mit und ließ alle Genossen im Zimmer 219 zusammenkommen. Hier wurde von mir festgelegt, die Dokumente und alle wichtigen Unterlagen in den Panzerschränken unterzubringen.« 2.)      Es muß hier die Frage geklärt werden, ob die Zusammenfassung der Mitar-beiter durch die Genossin Brandt vorher mit dem Genossen Wagner festgelegt oder ob der Genosse Wagner erst nachdem informiert wurde. (Nicht festgelegt u. abgesprochen) In der Sitzung mit den Mitarbeitern sagte die Genossin Brandt, »daß wir damit rechnen müssen, daß man das Parteihaus wahrscheinlich angreifen wird und daß wir das nicht verlassen dürfen.« Das heißt also faktisch das Aufheben der Losung »Agitation« und Kampf gegen die faschistischen Provokateure. Ist das wirklich so gewesen? Die Genossin Brandt schreibt zwar, daß nicht konkret festgelegt worden sei, wie das Haus geschützt werden muß und daß es im Operativstab keinen Plan zum Schutz des Hauses gab. 3.)      Das ist aber nicht die Frage, sondern die Wendung in der Ideologie von derAgitation zur Gewaltanwendung gegen die faschistischen Provokateure, zumal ausgerechnet die faschistischen Provokateure zuerst den Bezirksfriedensrat gestürmt hatten. (Nicht richtig eingeschätzt) Die Genn. Brandt erwähnt, daß es bis dahin im OP-Stab keinen Plan zum Schutz des Hauses gab und stellt dann selbstkritisch fest: ...»und ich habe auch nicht selbst die Initiative ergriffen und konkret etwas festgelegt«, anstatt zu sagen, daß sie es unterlassen hat, den OP-Stab in diese Richtung zu drängen. (Nicht daran gedacht.) 4.)      Diese Tendenz kommt am Schluß der Stellungnahme der Genossin Brandtnoch stärker zum Ausdruck wo sie schreibt: »Bei mir kam außerdem noch das Gefühl hinzu, daß ich dem Gen. Wagner nicht zutraute, daß er die Situation meistern wird.« Sie schreibt noch, daß der Genosse Wagner erst kurze Zeit hier war »und außerdem mußte man sehr schnell reagieren und ganz straff, ohne lange Diskussionen, die Zügel halten.« 5.)      Die Genn. Brandt will doch damit sagen, daß der Gen. Wagner nicht in derLage ist, »sehr schnell zu reagieren« und in einer solchen Situation »ganz straff, ohne lange Diskussion, die Zügel zu halten.« (Weil Gen. Hegen die Zügel in der Hand hatte) Wenn die Genossin Brandt schon die Nachricht hatte, daß die faschistischen Provokateure schon den Bezirksfriedensrat und das Dimitroff-Werk stürmten, sie die Anweisung gab, die Dokumente in Panzerschränken unterzubringen und damit rechnete, daß die faschistischen Provokateure auch 6.) das Parteihaus angreifen würden, warum hat sie nicht die Vorbereitungen zur Verteidigung des Parteihauses in der Sitzung mit den Mitarbeitern organisiert. Die Genossin Brandt hat dem Genossen Wagner nicht zugetraut, daß er die Situation meistert. Sie hat ihn deshalb nicht unterstützt und dementsprechend Ratschläge gegeben, sondern selbst Maßnahmen organisiert und damit nicht zur Kollektivität der Leitung beigetragen. (Ich habe Kurt immer informiert.) Die Genossin Brandt schreibt: »Erschwerend für mich und mein Verhalten wirkte sich das Verhalten des gesamten Sekretariats aus. Die Mitglieder des Sekretariats arbeiteten unabhängig, isoliert voneinander.« 7.)    Das trifft aber auch auf sie zu. (So war das auch gedacht.) Sie schreibt weiter: »Die straffe Leitung fehlte. ..... Das Sekretariat war nicht auf der Höhe seiner Aufgabe, es hat in diesen Stunden nicht die operative politische Führung der Parteiorganisation des gesamten Bezirks ausgeübt.« 8.)    Diese Feststellungen sind zweifellos richtig. Es kommt aber darauf an, die Ursachen darzulegen und daraus Schlußfolgerungen zu ziehen. (Falsche Einschätzung u. Situation im Haus.) Die Genossin Brandt schildert dann noch, daß sie in der Zeit zwischen der Sitzung mit den Mitarbeitern und dem Eindringen der faschistischen Provokateure zu tun hatte, um einzelne Genossinnen[94] zu beruhigen und nicht ins Haus gehörende Genossen heraus zu transportieren. (Gen. Rompa) Während die faschistischen Provokateure und irregeleiteten Arbeiter vor dem Haus zusammenströmten, versuchte die Genossin Brandt, vom Sitzungssaal zu sprechen. 10.)[95] Alle, jeder wollte sprechen, der Genosse Wagner, der Genosse Fischer, die Genossin Brandt. (Das war nicht festgelegt) Da der Genn. Brandt mitgeteilt wurde, daß der Genosse Kurt Wagner sprechen werde, begab sie sich zum 1. Stock. Sie sah den Genossen Wagner nicht. Über das Gerüst drangen die faschistischen Provokateure ein. 11.) »Das Parteiabzeichen entrissen.« Während die ersten Provokateure von Zerstörungen abgehalten werden konnten, gelang das nicht mehr, als »die Massen von unten her strömten«. 12.) »Während wir uns herumstritten, wurde hinter unserem Rücken das Stalinbild zertrümmert, ohne daß wir etwas zu seinem Schutz unternahmen. Andere Genossen versuchten es erfolglos. Nach kurzer Zeit verließen die Randalierer das Haus.« Die Genossin Brandt schreibt dann weiter: »Da nach dem Abziehen der Provokateure mit einem zweiten Überfall gerechnet werden mußte«, teilte die Genossin Brandt alle Genossen für die Hauseingänge ein und wies an, vor den Eingängen Ordnung zu schaffen. Man gewinnt den Eindruck, daß die Genn. Brandt laufend selbständig die Initiative entfaltet hat, ohne an das Kollektiv, ohne an den OP-Stab zu denken. Initiative in einer solchen Situation ist notwendig und richtig, aber wenn sie aus dem Gedanken entspringt, daß der OP-Stab und besonders der Genosse Wagner von der Genn. Brandt nicht für fähig gehalten wird, in einer solchen Situation operativ zu arbeiten, muß das offen ausgesprochen, diskutiert und die notwendigen Schlußfolgerungen gezogen werden. Die Genossin Brandt schreibt offen, daß ihr, bis zur Besetzung des Hauses mit Sowjetsoldaten »der Ernst der Situation bis in alle Einzelheiten nicht bewußt war«. Sie ließ sich »verblüffen, daß so viele wirkliche Proleten mitmachten.« Ihr ging es durch den Kopf: »Rausschlagen! Draufprügeln! hielt es aber für falsch, wir waren nur wenige und ohne jedes Gerät. Außerdem hatte ich noch immer eine Parole im Kopf – nicht schlagen und nicht schießen – woher, weiß ich nicht. Ich bin mir bis heute noch nicht klar darüber, ob ich dort richtig gehandelt habe. Hätte ich die Genossen am Treppenabsatz vor dem Stalinbild gesammelt, so wäre der Strom nicht so leicht hochgekommen.« 13.) Es ist bedenklich, wenn der Genossin Brandt bis heute noch nicht im klaren ist, ob sie richtig gehandelt hat. Heute müßte sie erkennen, daß es richtig gewesen wäre: Rausschlagen! Draufprügeln! Die Genossin Brandt schreibt weiter: »Noch bis zum Nachmittag habe ich gedacht, ich hätte richtig gehandelt, denn ich war ja nicht untätig.« Gewiß hat die Genn. Brandt Initiative entfaltet, war nicht feige, aber sie sieht nicht, daß sie die Führung und das Kollektiv nicht beachtet und nicht versucht hat, die kollektive Leitung herbeizuführen. Zum Schluß gibt die Genossin Brandt an, daß sie während des Tumults auf der Treppe, außer den Genossen Krüger am Anfang, keinen anderen Sekretär gesehen hat. Zum Genossen Krüger. Hat die Sekretariatsbesprechung wirklich erst um 9.14 Uhr stattgefunden? Wenn ja, dann hat der Genosse Krüger erst um diese Zeit erfahren, »was los war«. Um diese Zeit wußten 1.) aber schon Tausende Menschen, was los war. (Uhrzeit stimmt) Aus der Darstellung des Genossen Krüger kann man entnehmen, daß das Sekretariat durch die Genossen Wagner und Hegen von der Lage (von den Streiks) informiert, aber keine Beschlüsse gefaßt wurden, bis die Nachricht kam: Demonstration, Kundgebung auf dem Roten Platz gegen die Normen. Jetzt erst wurde entschieden: Die besten Genossen aus den Verwaltungen sofort mobilisieren mit dem Ziel »Roter Platz«, um die Demonstration in unsere Hände zu bringen. (Wurde im Sekr. festgelegt) Wer hat diesen Vorschlag gemacht? 2.)      Was hat der Genosse Paulsen in dieser Sitzung für eine Stellung bezogen?(Keine Stellungnahme) Stimmt es, daß in diesem Zusammenhang festgelegt wurde, daß die Genossen aus den Brigaden in die Betriebe sollten um weitere Streiks zu verhindern? 3.)      Wer hat diesen Vorschlag gemacht? 4.)      Ist in diesem Zusammenhang nicht an den Einsatz der VP gedacht wor-den? (Nein) Als noch bekannt wurde, daß auch in Neustadt demonstriert wird, wurde wiederum festgelegt: Einsatz der Parteischule mit dem Ziel, die Demonstration in unsere Hände zu bringen. 5.)      Wer hat diesen Vorschlag gemacht? (Die Demonstration in Neustadt warviel früher als die Demonstration zum Hasselbachplatz und Roten Platz). Der Genosse Krüger schreibt, daß nichts von Zerschlagen und Plündern bekannt war – bis die faschistischen Provokateure ins Haus eindrangen. (War nicht bekannt) 6.)      Woher hatte der Gen. Wagner bzw. andere Genossen des Sekretariats ihreInformation? Das stimmt doch nicht, da vorher schon die Gebäude von Massenorganisationen gestürmt worden waren! Der Genosse Krüger schreibt, daß die Genn. Brandt, der Genosse Dörre und er bestimmte Aufgaben hatten. 7.)      Welche Aufgaben hatte die Genossin Brandt und der Genosse Dörre?(Brigade) 8.)Was ist mit dem plötzlichen Krawall durch Radfahrerkolonnen gemeint? (Vorboten – vor der Demonstration) 9.) Der Gen. Krüger vertritt die Meinung, daß »wir durchaus noch in der Lage waren, das Haus auf Verteidigung einzustellen«, meint aber damit die Heranziehung der KVP[96] aus Burg. Die weiteren Ausführungen des Genossen Krüger sind verschwommen und unklar. ... »Als das Eindringen im Haus begann, war es zu spät. Das Verhalten dann jedes Genossen war meiner Auffassung richtig. Es wurde nicht diskutiert in dem Sinne[97]. Von überall wurden sie Schritt für Schritt zurückgedrängt. Dabei waren auch heftige Wortwechsel. ... Durch die Übermacht war ein jeder auf sich selbst angewiesen, wir immer wieder auseinandergedrängt worden.[98] ... Ich selbst auch keine Anstrengung in der Richtung unternahm. Auf alle Fälle wäre es möglich gewesen und wir hätten mehr und schneller etwas erreicht.«[99] Was will der Genosse Krüger mit diesen Sätzen eigentlich sagen? »Ich möchte noch sagen, daß eine Verteidigung während der Zerstörung im Haus nicht möglich war,« schreibt der Gen. Krüger. Der Genosse Krüger vertritt die falsche Meinung, daß nach dem Eindringen der faschistischen Provokateure die Verhinderung von Zerstörungen, Verteidigung, Widerstand »nicht möglich war«. 10.)   Wenn faschistische Provokateure gewaltsam in Parteigebäude eindringen,gibt es, auch wenn sie in noch so großer Übermacht sind, keinen Zeitpunkt, wo wir nicht unsere Symbole und Parteieigentum verteidigen. An anderer Stelle schreibt der Genosse Krüger: »Wir waren beide (er und Genn. Brandt) der Auffassung, hier nützt nur zuschlagen ... So war es für mich klar, als die Lumpen im Haus waren, so schnell wie möglich raus mit ihnen,[ich] tat aber nichts, damit es zur Auffassung des Sekretariats wurde.« Das ist doch ein Widerspruch zu dem vorher Gesagten, daß »eine Verteidigung während der Zerstörungen im Hause nicht möglich war«. 11.)   Was hat der Genosse Krüger selbst getan, wenn es für ihn klar war, soschnell als möglich raus mit den Lumpen aus dem Haus. (Geht die Tür zum Boden – stimmt. Weg zur Kreisleitung) In dieser Situation stand doch nicht mehr die Frage, noch etwas zu tun, »damit seine Auffassung zur Auffassung des Sekretariats wurde«, da Sekretariatsberatungen nicht mehr angebracht waren, zumal sich der Genosse Krüger nicht zum OP-Stab rechnete. Zum Verschließen der Tür zum OP-Stab schreibt der Gen. Krüger : 12.) »Ich war[100] der Auffassung das ist richtig ... .« Warum schreibt der Genosse Krüger das in seinem Bericht? Welche Auffassung hat er heute? Diese Frage muß geklärt werden. Der Gen. Krüger schreibt weiter: »Die Entfernung der Provokateure aus dem Haus gelang uns[101] noch vor dem Eintreffen der Freunde.« (Ich habe diese Meinung) 13.) Wodurch gelang die »Entfernung der Provokateure? Durch Gewalt oder Agitation, Diskussion? (Sie sind gegangen In diesem Satz liegt doch eine politisch falsche Einschätzung, daß es noch vor dem Eintreffen der Freunde »uns gelungen ist, die Provokateure aus dem Haus zu entfernen«. Und das schreibt der Genosse Krüger, nachdem die faschistischen Provokateure die Marx-Büste zerschlagen, das Stalinbild zertrümmert, in den Zimmern Bilder der führenden Genossen demoliert, Zeitungen und Bücher auf die Straße geworfen und verbrannt hatten und dann abziehen konnten. Der freiwillige Abzug der faschistischen Provokateure wird noch als Erfolg aktiver Handlungen, die nur in geringem Maß da waren, hingestellt. Die ganze Schande, daß faschistische Provokateure Büsten, Bilder führender Genossen und Parteieigentum zertrümmern und verbrennen konnten, wird vertuscht und der freiwillige Abzug als »Entfernung« dargestellt, anstatt selbstkritisch festzustellen, daß nicht ein faschistischer Provokateur festgesetzt oder namentlich festgehalten wurde, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. 14.)[102] Und wenn der Genosse Krüger die »Entfernung« der faschistischen Provokateure »durch uns noch vor dem Eintreffen der Freunde« feststellt, dann war doch die Losung: »Agitation – Diskussion« bis zuletzt politisch richtig und führte zum Erfolg. Das steht doch im Widerspruch zu der Meinung des Gen. Krüger selbst, der an anderer Stelle schreibt: »... nicht schnell genug die Losung »Agitieren« liquidiert ... Nicht das Sekretariat gab die Richtung, sondern mehr oder weniger das plötzliche Eingeben, die Erfahrung usw. eines jeden einzelnen.« Bei der Verschärfung des Klassenkampfes ist es notwendig, daß das Sekretariat prinzipiell politisch zu dem Eindringen der faschistischen Provokateure Stellung nimmt und jedes Sekretariatsmitglied offen kritisch und selbstkritisch Stellung nimmt. Zum Genossen Ernst Dörre. Aus den Ausführungen des Genossen Dörre ist zu entnehmen, daß in der Sitzung nach 8.00 Uhr morgens der Genosse Hegen den Plan der Gegendemonstration vorschlug, der vom Sekretariat gebilligt wurde. Der Genosse Dörre erwähnt dann die Bildung des OP-Stabes unter Leitung des Genossen Wagner und die Bildung einer Kommission unter Leitung der Genn. Brandt, die den Wortlaut einer Durchsage an die Kreisleitungen ausarbeitete. Das ist neu. Ist diese Durchsage an die Kreisleitungen gegeben worden, denn die Genossin Brandt schreibt, daß sie nicht daran gedacht habe, den Gen. Wagner auf die Information an die Kreise aufmerksam zu machen und daß sie das erst mit dem Genossen Wagner besprach, als die Sowjetsoldaten den Schutz des Hauses übernommen hatten? Der Genosse Dörre hat sich »nach einem Hinweis der Genn. Brandt dem Genossen Wagner zur Verfügung gestellt.« Warum mußte das von der Genossin Brandt ausgehen? Der Gen. Dörre hat Telefongespräche angenommen nach der Anweisung, die Akten in die Panzerschränke einzuschließen. Er hat nicht versucht, als Sekretariatsmitglied führend zu sein. Der Genosse Dörre schreibt: »Auch meine Einstellung entsprach der Meinung, ›nicht provozieren lassen‹. Diese Meinung teilte ich auch z. B. der Bezirksparteischule auf deren Anruf hin mit.« Also überall Kapitulation vor den faschistischen Provokateuren. Der Gen. Dörre schreibt weiter:  »Bei der Zusammenrottung der Provokateure und Irregeführten vor dem Haus weilte ich mit mehreren Genossen im Vorzimmer des Genossen Wagner und auf den oberen Fluren. Ich verhielt mich unschlüssig und abwartend. Als ich in die unteren Stockwerke gehen wollte, überstürmte gerade die Masse auf der Treppe einige Volkspolizisten, die ihr weiteres Vorgehen verhindern wollten. Auf der Treppe zum 3. Stock versuchte ich einige [Provokateure] zur »Vernunft« zu bringen, was auch z.T. gelang, da nur einzelne weitergingen. Auf den oberen Fluren gelang es uns dabei im wesentlichen, diese zur Umkehr zu bewegen. In dieser Zeit kamen auch einzelne über den hinteren Aufgang auf den 3. Flur. Mit einigen ging ich dann diskutierend die Treppe hinunter, bis die letzten das Gebäude verlassen hatten.« Der Genosse Dörre sagte nicht, mit welchen Genossen er sich im Vorzimmer des Gen. Wagner aufgehalten hat. Er verhielt sich »unschlüssig und abwartend« und schreibt am Schluß in der »Einschätzung«: »Obwohl ich mich persönlich nicht feige verhielt, versagte ich doch in meiner Haltung als Mitglied des Sekretariats in der Leitung des Hauses.« Zu der mangelnden Initiative und zu dem abwartenden und unschlüssigen Verhalten des Gen. Dörre muß das Sekretariat Stellung nehmen. Der Gen. Dörre schreibt in seiner »Einschätzung« noch, daß er kein klares Bild vom Charakter der Provokation hatte und sich deshalb der Auffassung des Gen. Hegen anschloß, daß er trotz des Verschlusses der Akten keine Initiative zur Verteidigung des Hauses ergriff und daß er sich ebenfalls von der Unorganisiertheit im Hause treiben ließ und keine Maßnahmen zu deren Beseitigung ergriff. Zum Genossen Otto Stauch. Der Genosse Stauch war im Urlaub zu Hause. Er erhielt gegen 10.00 Uhr von der Genossin Daub, daß er etwas Obacht geben sollte. Er sah dann die Angsteinkäufe der Frauen und rief die Bezirksleitung an. Er machte dem Genossen Gaida von der Abteilung Wirtschaft Mitteilung. Dieser sagte ihm kurz, »daß hier was los sei«. Der Gen. Strauch ging dann zur HO- und Konsum-Verkaufsstelle Lindenplan, um sich über die Ursache der Hamstereinkäufe zu informieren. Dort erfuhr er von den Streiks, Demonstrationen und Geschäftsplünderungen. Er machte sich auf den Weg zur Bezirksleitung, diskutierte unterwegs mit Arbeitern aus dem Ernst-Thälmann-Werk und Dimitroff-Werk. Um 12.30 Uhr kam er zum Präsidium der Volkspolizei, wo sich eine 5 – 7.000-köpfige Menge versammelt hatte. Um 13.30 Uhr traf er bei der Bezirksleitung ein, die schon von den Freunden beschützt wurde. Der Genosse Wagner, der vom Gen. Stauch kritisiert wurde, warum man ihn nicht hatte holen lassen, erklärte: »Gerade jetzt wollten wir Dich holen lassen.« Der Gen. Stauch schildert dann die weiteren Maßnahmen, die vom Sekretariat getroffen wurden. Es war falsch, daß der Gen. Stauch nicht morgens aus dem Urlaub zurückgeholt wurde. Zum Genossen Paul Hentschel.[103] Der Gen. Paul Hentschel war am 17.6.53 zur Kur in Bad Liebenstein, wo er dem Leiter des VPKA[104] den Vorschlag unterbreitete, »bei eventl. Provokationen auf die Genossen im Heinrich-Mann-Sanatorium zur Unterstützung zurückzugreifen.« Er hat sich an der Bewachung des Sanatoriums beteiligt. Am 19.6. ist der Gen. Hentschel wieder in Berlin eingetroffen, führte Abwicklungsarbeiten durch und beteiligte sich an den Parteiveranstaltungen. Der Gen. Hentschel schreibt: »Obwohl in Liebenstein und bei meiner Ankunft in Berlin völlige Ruhe herrschte, ich keiner eigentlichen Bewährung in diesen Tagen unterzogen wurde, sei unterstrichen, daß ich in den Diskussionen keinerlei Schwankungen hatte und von Anfang an prinzipiell richtig handelte. Charakter und Hintergründe des 17.6. wurden von mir richtig eingeschätzt und dementsprechend auch verfahren. Dasselbe trifft zu in den Tagen bis zum 15. Plenum des ZK, was die endgültige Orientierung für die gesamte Arbeit zur Verwirklichung des neuen Kurses von Partei und Regierung erarbeitete.« Aufgrund mancher ungeklärter Fragen ist es schwer, konkrete Schlußfolgerungen bis ins einzelne zu ziehen. In der Stellungnahme des Genossen Wagner, die unklar und verschwommen ist, gibt es eine Reihe von Widersprüchen die zu klären sind. Als Schlußfolgerungen können gezogen werden: 1.) Der Charakter der faschistischen Provokation wurde nicht richtig eingeschätzt auch dann noch nicht, als die faschistischen Provokateure die Losung vom Sturz der Regierung herausgaben und als die Gebäude des Staatsapparates, der Partei und Massenorganisationen gestürmt, die Einrichtungen demoliert und die Symbole unserer Partei und sozialistischen Arbeiterbewegung vernichtet wurden. Als die faschistischen Provokateure ihre Maske fallen ließen, mußte die Losung der Agitation durch die Losung des Widerstandes und der Gewaltanwendung gegen die faschistischen Provokateure durch die Partei, Massenorganisationen und den Staatsapparat gestellt werden. Durch ungenügende Entschlossenheit und mangelnden Kampfgeist wurde zugelassen, daß z.B. das Stalinbild[105] zerrissen und die Karl-Marx-Büste zerschlagen wurde. Symbole unserer Partei und der sozialistischen Arbeiterbewegung, wenn sie der Gegner vernichten will, müssen mit allen Kräften auch gegen eine Übermacht verteidigt werden. Obwohl das nicht klar von den Genossen Sekretariatsmitgliedern herausgearbeitet wurde, muß klargestellt werden, ob der Genosse Hegen die politische Linie der Agitation und des Nicht-provozieren-lassens angegeben hat, die sich dann so auswirkte, daß die faschistischen Provokateure ungehindert in das Parteihaus und sogar in das Polizeipräsidium eindringen und ihre Zerstörungen anrichten konnten. Von keinem Sekretariatsmitglied ist der Versuch unternommen worden, dieser Linie, die auf eine Kapitulation vor den faschistischen Provokateuren hinauslief, die Losung des Widerstandes und der Gewaltanwendung gegen die Provokateure entgegenzustellen. Es herrschte im Sekretariat und Operativstab eine Kopflosigkeit und Unorganisiertheit, die dazu beitrug, daß keine operative kollektive Leitung zustande kam. In Zukunft müssen Signale, die gegeben werden, ernsthafter beachtet werden, d.h. alle Sekretariatsmitglieder von wichtigen politischen Ereignissen informiert und zu Sitzungen zusammengeholt werden, um dadurch die kollektive Leitung und Führung mitzuentwickeln. Es muß ein systematischer Kampf gegen die noch vorhandenen Agenturen des Ostbüros[106], in erster Linie von den Mitgliedern der Bezirksleitung und der Kreisleitung Magdeburg und den Parteileitungen der Großbetriebe, geführt werden. Bei dem Kampf gegen die Agenturen des Ostbüros ist es unsere Aufgabe, schwankenden und irregeleiteten ehrlichen früheren Sozialdemokraten zu helfen und den Weg in die Reihen des klassenbewußten Proletariats zurückzufinden. Die entscheidende Aufgabe der Bezirksleitung ist die Konzentrierung auf die Arbeit  unter den werktätigen Massen besonders auf die Arbeiter und Arbeiterinnen und die technische Intelligenz in den Großbetrieben von Magdeburg. Diese Aufgabe muß in systematischer Arbeit mit der Kreisleitung Magdeburg gelöst werden, besonders durch die Organisierung von Arbeiterversammlungen, in denen führende Funktionäre als Referenten auftreten. Um dieses Ziel zu erreichen, wird in jeder Woche zur Bezirkssekretariatssitzung entweder das Kreissekretariat Magdeburg zu einem Punkt zur Berichterstattung herangezogen oder nimmt an einem entscheidenden Punkt der Tagesordnung des Bezirkssekretariats an der Sitzung teil. Das Sekretariat muß ernsthaft zu der Frage Stellung nehmen, ob der Genosse Wagner am 17.6. kapitulantenhaft gehandelt hat und ob er fähig ist, die Funktion als 2. Sekretär auszuüben. Ebenso muß das Sekretariat Stellung zum Genossen Dörre nehmen, der sich unschlüssig und abwartend in der Situation des Eindringens der faschistischen Provokateure benommen hat, der an dem Tag nicht auf der Höhe seiner Aufgaben als Sekretariatsmitglied war. Das Sekretariat muß dabei auch die Frage der unbefriedigten Tätigkeit des Genossen Dörre als Sekretariatsmitglied in der Vergangenheit mit in Betracht ziehen. Dabei ist die Entwicklungsmöglichkeit bei dem Genossen Dörre in dieser Funktion mit zu berücksichtigen. [1] Baring, Arnulf: Der 17. Juni 1953. Mit einem Vorwort von Richard Löwenthal. 2. Aufl., Stuttgart 1983. [2] Spittmann, Ilse/Fricke, Karl, Wilhelm (Hrsg.): 17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR. 2. Aufl., Köln 1988. [3] Hagen, Manfred: DDR – Juni 53. Die erste Volkserhebung im Stalinismus, Stuttgart 1992. [4] Diedrich, Torsten: Der 17. Juni in der DDR. Bewaffnete Gewalt gegen das Volk, Berlin 1991. [5] Beier, Gerhard: Wir wollen freie Menschen sein. Der 17. Juni 1953: Bauleute gingen voran, Frankfurt a.M. 1993. [6] Roth, Heidi: Der 17. Juni 1953 in Sachsen. Mit einem einleitenden Kapitel von Karl Wilhelm Fricke, Köln/Weimar/Wien 1999. [7] Grünwald, Karin: Magdeburg 17. Juni 1953. In: Magdeburger Museumshefte 2, hrsg. von Matthias Puhle. Magdeburg 1993. [8] Über die Opfer auf beiden Seiten, der Demonstranten und der VP, siehe Grünwald, a.a.O., S. 57, 59 und Anhang 4, S. 87–89. [9] »Analyse über das Verhalten des Bezirkssekretariats der SED, Bezirk Magdeburg, am 17. 6. 53«, Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt (LHASA), Rep P 13 SED-BL Magdeburg Nr. IV /2/3/19, Bl. 253–292. [10] Vorlage des Sekretariats der SED-BL Magdeburg vom 25. August 1953, LHASA, Rep. P 13 SED-BL Magdeburg Nr. IV /2/3/19, Bl. 250–252, hier Bl. 250. [11] Ebenda, Bl. 252: 17 Bezirksleitungsmitglieder und Kandidaten haben sich in der Lesart der SED »positiv« verhalten, 30 Mitglieder und Kandidaten »konnten nicht in Erscheinung treten, da in ihrem Arbeitsbereich alles ruhig verlief« und 4 Mitglieder und Kandidaten »zeigten sich negativ«. [12] Kurt Wagner (1908), vor 1933 Mitglied der KPD, 1946 SED-Mitglied, 1952 1. Sekretär der SED-KL Salzwedel, 1953–1954 2. Sekretär der SED-BL Magdeburg und Mitglied des Sekretariats, 1954–1956 1. Sekretär der SED-KL Oschersleben, 1957–1960 1. Sekretär der SED-KL Salzwedel, LHASA, Rep. P 13 SED-BL Magdeburg, Kaderakten Nr. V/10/314. [13] 7. Sitzung der SED-BL Magdeburg am 29. und 30. September 1953, Diskussionsbeitrag von Kurt Wagner, LHASA, Rep. P 13 SED-BL Magdeburg Nr. IV/2/5/1, Bl. 112–113. [14] Protokoll Nr. 55 der Sekretariatssitzung am 13.8.1953, LHASA, Rep. P 13 SED-BL Magdeburg Nr. IV/2/3/17, Bl. 7. [15] Alois Pisnik, (1911–), 1928 SPÖ-Mitglied, 1933 KPÖ-Mitglied, Politischer Leiter des Bezirks Obersteiermark, antifaschistischer Widerstand, zweimal inhaftiert, 1941 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, 1946 SED-Miglied, 1946–1949 Organisationssekretär der SED-Landesleitung Sachsen-Anhalt, 1952–1979 1. Sekretär  der SED-BL Magdeburg, 1950–1989 Mitglied des ZK der SED, 1958–1963 Kandidat des Politbüros des ZK der SED, 1958 bis März 1990 Abgeordneter der Volkskammer, 1980 bis März 1990 Mitglied des Staatsrats. [16] Richard Eyermann (1898–1971), 1918 USPD-Mitglied, 1920 Mitglied der KPD, 1925–1933 Mitglied des thüringischen Landtags, Mitglied der KPD-BL Groß-Thüringen, 1933 antifaschistischer Widerstand, mehrfache Inhaftierung, 1946 Mitglied der SED, 1946–1952 Vorsitzender der SED-Fraktion des thüringischen Landtags, 1952–1971 Mitglied der SED-BL Magdeburg und 1952–1969 Mitglied des Sekretariats bzw., des Büros der Bezirksleitung, 1952–1969 Vorsitzender der BPKK der SED Magdeburg, 1950–1971 Kandidat der ZPKK der SED. [17] Protokoll Nr. 59 der Sekretariatssitzung am 10. September 1963, LHASA, Rep P 13 SED-BL Magdeburg Nr. IV/2/3/19, Bl. 229. [18] Josef Hegen (1907–1969), 1924 Mitglied der KPC, 1929–1934 Mitglied des ZK der KPC, 1935–1938 Studium an der Lenin-Schule in Moskau, 1946 Übersiedlung in die SBZ, 1946 Mitglied der SED, 1948 Chef der Deutschen Volkspolizei-Landesbehörde Sachsen-Anhalt, 1950–1952 Innenminister Sachsen-Anhalts, 1952/53 1. Vorsitzender des Rates des Bezirks Magdeburg, 1953–1957 Staatssekretär/ Stellvertretender Minister des Innern der DDR, 1957–1964 Botschafter in Polen und China, 1964 2. Stellvertretender Minister, 1966 Staatssekretär und 1. Stellvertretender Minister für Auswärtige Angelegenheiten. [19] Protokoll Nr. 59 der Sekretariatssitzung, a.a.O., Bl. 229. [20] Anlage (Auszüge aus den Diskussionsbeiträgen von der letzten Bezirksleitungssitzung 29.–30. [21] Stellungnahme von Josef Hegen, ebenda Bl. 112–116. [22] Hermann Matern (1893–1971), 1911 Mitglied der SPD, 1918 USPD und 1919 KPD-Mitglied, ab 1926 Sekretär und 1927–1931 Politischer Leiter der KPD-BL Magdeburg, 1931–1933 Politischer Leiter im Bezirk Ostpreußen, 1933 Verhaftung, 1935 Flucht, Aufenthalt in Frankreich, Holland, Belgien, von Dezember 1937 bis April 1940, bis 1941 in Schweden, dann Aufenthalt in der Sowjetunion bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland, 1945/46 Vorsitzender der KPD-BL [23] Edith Brandt (1923), 1945 Mitglied der KPD, Mitbegründerin des antifaschistischen Jugendausschusses in Bernburg, 1946 SED-Mitglied, 1950 Kreisschulrätin und Mitglied der SED-KL Bernburg, 1950–1958 Vorsitzende der FDJ-Fraktion der Volkskammer, 1952–1954 Sekretärin der SED-BL Magdeburg, 1954–1957 Mitglied des FDJ-Zentralrats der FDJ, seines Büros und Sekretariats, 1954–1984 Mitglied des ZK der SED, 1966–1984 Sekretärin der SED-BL Halle, ebenda Abgeordnete des Bezirkstags. [24] »Analyse«, a.a.O., Bl. 253. [25] Joseph (»Sepp«) Fischer (1918–1980), 1936–1938 Student an der TH in Prag, 1938 Eintritt in die NSDAP, 1939–1945 Soldat der Wehrmacht, 1945–1948 in sowjetischer Gefangenschaft, 1948 Mitglied der SED, 1949–1952 Mitglied der SED-Landesleitung Sachsen-Anhalt, 1950–1954 1. Sekretär der Stadtleitung der SED Magdeburg, 1952–1956 Mitglied der SED-BL Magdeburg, 1957–1962 stellvertretender Chefredakteur des SED-Bezirksorgans »Volksstimme«, Magdeburg, 1959–1962 Sekretär für Agitation in der SED-BL Magdeburg, 1962–1971 Sekretär der Internationalen Organisation der Journalisten in Prag, LHASA, Rep. P 13 SED-BL Magdeburg, Kaderakten, Nr. V/10/115/4. [26] »Analyse«, a.a.O., Bl. 254. [27] Ebd. Bl. 254. [28] Ebenda. [29] Ebd. Bl. 255. [30] Zit. nach Roth, Heidi, a.a.O., S. 183. [31] Ebenda. [32] Zum »Weg in die Juni-Krise« (D. Staritz) gehörte auch der Beschluß des ZK »Über die Erhöhung der Arbeitsproduktivität und die Durchführung strengster Sparsamkeit« vom 14. Mai 1953. In ihm wurde der Ministerrat verpflichtet, »eine Erhöhung der für die Produktion entscheidenden Arbeitsnormen um durchschnittlich 10 Prozent bis zum 1. Juni 1953 sicherzustellen«. Dieser Entscheidung kam der Ministerrat am 28. Mai nach, als er diese Normenerhöhung zum 30. Juni 1953 anordnete. Zum Gesamtkomplex siehe Staritz, Dietrich: Geschichte der DDR. Erw. Neuausgabe, Frankfurt a.M. 1996, S. 100ff., hier S. 102, ferner Weber, Hermann: Geschichte der DDR. Aktualisierte u. erw. Neuausgabe, München 1999, S. 163–164. [33] In der »Analyse« werden allerdings keine Namen genannt. Pisnik war schon vor der Besprechung nach Berlin abgereist und Eyermann hatte bereits am Morgen des 16. Juni Magdeburg in Richtung »Hauptstadt der DDR« verlassen. [34] Genossin Brandt schreibt in ihrer Stellungnahme: »Es wurde festgelegt, einen Operativstab zu bilden; ich kann mich nicht mehr genau besinnen, wer da rein sollte, nach meiner Erinnerung nicht alle Sekretäre, sondern Kurt Wagner, Josef Hegen, Paulsen, Skobik und ein Abteilungsleiter – das weiß ich aber genau nicht mehr, bestimmt weiß ich, daß sich von den Abteilungsleitern Gen. Framke freiwillig meldete, weil mehre Genossen Abteilungsleiter in die Werke wollten.« »Analyse«, a.a.O., Bl. 265. [35] Rudolf Krüger (1915–), 1937–1945 Angehöriger der Wehrmacht, 1945 Mitglied der SPD, ab 1946 der SED, 1946–1948 Kreisvorsitzender der FDJ in Genthin, 1949–1950 1. Sekretär der SED-KL Haldensleben, 1950–1952 Sekretär der SED-Landesleitung Halle, 1952–1956 Mitglied des Sekretariats der SED-BL Magdeburg, 1959–1963 1. Sekretär der SED-KL Haldensleben, 1963–1969 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft Magdeburg-Wolmirstedt, LHASA, Rep. P 13 SED-BL Magdeburg, Kaderakten Nr. V/10/270. [36] Herbert Paulsen (1901–1979), 1921 KPD-Mitglied, nach 1933 antifaschistischer Widerstand, zweimalige Inhaftierung in die Deutsche Volkspolizei (DVP), 1946 Mitglied der SED, 1948 stellvertretender Chef der Schutzpolizei in Sachsen, 1950–1952 Chefinspekteur und Chef der DVP-Landesbehörde Sachsen-Anhalt, 1952–1953 Chef der BDVP Magdeburg und Mitglied der SED-BL Magdeburg, im August 1953 Ausschluß aus der DED-BL »wegen schwankender Haltung und Verletzung der Wachsamkeit am 17. Juni 1953«, 1956–1963 Mitglied des Sekretariats und des Zentralvorstandes der GST. [37] »Analyse«, a.a.O., Bl. 257. [38] Zu den Einzelheiten des Beginns der Streik- und Demonstrationsbewegung siehe Grünwald, a.a.O., S. 38. Die Zahl der im Ernst-Thälmann-Werk versammelten streikenden und demonstrierenden Arbeiter betrug nach den von Grünwald ausgewerteten Akten der BDVP um 8.45 Uhr bereits 5000 Arbeiter. Angaben zur Gesamtzahl der Streikenden in den Magdeburger Betrieben siehe Grünwald, a.a.O., Anhang 2, S. 83–84 und Anhang 3, S. 85–86. [39] »Analyse«, a.a.O., Bl. 257. – In diesem Kontext sei bemerkt, daß in der Mittagszeit (ca. 13 Uhr) der Magdeburger Oberbürgermeister Philipp Daub eine zehnköpfige Delegation der auf dem Alten Markt im Stadtzentrum versammelten Demonstranten empfing, die ihm einen Katalog mit fünf Forderungen vortrug. Gefordert wurden u.a. »freie Wahlen unter Zulassung sämtlicher Parteien, auch solche, die z.Zt. in der Zone ihre Tätigkeit nicht ausführen dürfen« und der »Rücktritt des 1. Sekretärs der SED, Walter Ulbricht«. Siehe auch Grünwald, a.a.O., S. 59. [40] Grünwald, a.a.O., S. 39–41. [41] Ebenda, S. 42–43, 46,49. [42] Ebenda Bl. 259. Der Betriebsschutz in Parteigebäuden und Industriebetrieben war eine Abteilung der regulären Polizei. Siehe auch Grünwald, a.a.O., S. 40. [43] Ebenda Bl. 276. [44] Ebd. Bl. 259. [45] Ebenda. [46] Grünwald, a.a.O., S. 46. [47] Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. [48] Gesellschaft für Sport und Technik. [49] Einzelheiten bei Grünwald, a.a.O., S. 50, 53, 57, 59. [50] Ebenda, S. 61–62. [51] »Analyse«, a.a.O., Bl. 261. [52] Grünwald, a.a.O., S. 63. [53] Ebenda, S.50. – Zur unmittelbar nach dem 17. Juni einsetzenden Verhaftungswelle von »Rädelsführern und Provokateuren«, standrechtlichen Erschießungen durch ein sowjetisches Militärtribunal, Aburteilungen durch deutsche Gerichte und Verhängung drakonischer Strafen, darunter einer vollstreckten Todesstrafe gegen den Gärtner Ernst Jennrich siehe vor allem Grünwald, a.a.O., S. 71–72 und Anhang V, S. 90–121. [54] Abgedruckt in: ZK der SED (Hrsg.): Dokumente der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Bd. IV, Berlin 1954, S.449–478, hier S. 469. [55] Müller-Enbergs/Wielgohs, Jan/Hoffmann, Dieter (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon. Bonn 2000; Herbst, Andreas/Ranke, Winfried/Winkler, Jürgen (Hrsg.): So funktionierte die DDR, Bd. 3: Lexikon der Funktionäre. Reinbek bei Hamburg 1994; Baumgartner, Gabriele/Hebig, Dieter (Hrsg.): Biographisches Handbuch der SBZ/DDR 1945–1990. München 1996/1997. [56] Franz Skobik. [57] Auf Beschluß des Politbüros des ZK der SED vom 18. Juli 1953 war als Folge der Juni-Krise das Ministerium für Staatssicherheit zu einem Staatssekretariat zurückgestuft worden und in das von Willi Stoph geleitete Ministerium des Innern eingegliedert worden. Erst im November 1955 erhielt die Staatssicherheit wieder den Status eines Ministeriums. [58] Volkspolizei, offizielle Bezeichnung: Deutsche Volkspolizei (DVP). [59] Gemeint ist wohl das Sekretariat des ZK. [60] Bezirksparteikontrollkommission der SED des Bezirks Magdeburg. [61] Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei des Bezirks Magdeburg. [62] Der Minister für Schwerindustrie, Fritz Selbmann, gab am frühen Nachmittag (gegen 14 Uhr) vor den demonstrierenden Bauarbeitern vor dem »Haus der Ministerien« in Ost-Berlin bekannt, der Ministerrat habe seinen Beschluß vom 28. Mai über die administrative Normenerhöhung zurückgenommen. Kurz zuvor hatte am gleichen Tag das Politbüro einen entsprechenden Beschluß (»Erklärung des Politbüros zur Normenfrage«) gefaßt. [63] Daub, Philipp (1896–1976), 1918 Mitglied der USPD, 1921 KPD-Mitglied, 1924–1931 Stadtverordneter in Saarbrücken, 1928–1931 Politischer Leiter des KPD-Bezirks Saargebiet, 1933 antifaschistischer Widerstand, 1935 Mitglied der Kontrollkommission des ZK der KPD, 1935/36 im Parteiauftrag nach Holland, Abschnittsleiter West in Amsterdam, ab 1936 in Frankreich als Beauftragter der illegalen KPD-Leitung in Paris, September 1939 bis Mai 1941 Internierung in verschiedenen Lagern, 1941–1945 Emigration in die USA, 1946 Rückkehr nach Deutschland, 1948–1950 Leiter der Abteilung Personalpolitik bzw. Kader beim Parteivorstand bzw. ZK der SED, 1950–1961 Oberbürgermeister von Magdeburg, 1961–1964 Präsident der Liga für Völkerfreundschaft. [64] Selbmann, Fritz (1899–1975), 1920 Mitglied der USPD, 1922 KPD-Beitritt, 1925–1928, 1931– 1933 Politischer Leiter der Bezirksleitung der KPD in Sachsen, 1932/33 Mitglied des Reichstages, 1933 Verhaftung wegen illegaler politischer Tätigkeit in Leipzig, 1935–1945 in Haft, 1946 SED, 1945–1948 Minister für Wirtschaft und Wirtschaftsplanung in Sachsen, 1949–1955 Minister für Industrie bzw. Schwerindustrie, 1949–1963 Abgeordneter der Volkskammer, 1954–1958 Mitglied des ZK der SED, 1958 Parteirüge wegen »Managertums« und Unterstützung der SchirdewanWollweber-»Fraktion«, 1961–1964 Vorsitzender des Volkswirtschaftsrates, 1969–1975 Vizepräsident des Deutschen Schriftstellerverbandes. [65] Kursiv formulierter Satzteil – so im Original. [66] Gemeint sind die sowjetischen Militäreinheiten. [67] Ernst Dörre, während der Juni-Ereignisse Mitglied der SED-BL Magdeburg und Sekretär für Kultur und Erziehung. [68] Operativstab [69] Weder in seinem Referat »über die Lage und die unmittelbaren Aufgaben der Partei und Auswertung des 17./18. Juni 1853« auf der 5. Sitzung der SED-BL am 30. Juni 1953 (LHASA, Rep. P 13 SED-BL Magdeburg Nr. IV/2/1/4, Bl. 4–29), noch in seinem auf die Juni-Ereignisse bezugnehmenden Referat auf der 6. Bezirksleitungssitzung am 7. und 8. August 1953 (LHASA, Rep. P 13 SED-BL Magdeburg Nr. IV/2/1/4, Bl. 85–160) setzte sich Pisnik mit dem Verhalten einzelner Funktionäre der Bezirksleitung und des Bezirkssekretariats am 17. Juni auseinander. In der August-Sitzung werden lediglich Josef Hegen und Herbert Paulsen genannt. [70] Im Original steht der grammatikalisch falsche Satzteil: »..., durch die Hunderte von Anfragen und Maßnahmen die eingeleitet werden mußten«. [71] Im Dezember 1952 erging eine Regierungsverordnung, die die herkömmliche Weihnachtsgratifikation durch eine Jahresendprämie ersetzte. Ihre Höhe bestimmte sich nach der Produktionsleistung. Besser bezahlte Arbeitskräfte (Funktionäre, Ingenieure) sollten vom Empfang dieser Prämie ausgeschlossen sein. In der Praxis aber zu einer ungerechten Verteilung der Mittel: Funktionäre erhielten ein doppeltes Gehalt. Lehrlinge oder Arbeiter, die den Jahresplan nicht erfüllten – und dies teilweise ohne eigene Schuld –, wurden nicht mit einer Zuteilung bedacht. Aus Erbitterung hierüber kam es in einigen Magdeburger Betrieben in der Zeit vom 12. bis 15. Dezember zu Arbeitsniederlegungen. Siehe vor allem Grünwald, a.a.O., S. 34–35. [72] Johann Burianek wurde in einem Schauprozeß vor dem Obersten Gericht der DDR als »Agent« der antikommunistischen »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« (KgU) wegen geplanter »Terror- und Diversionshandlungen« am 25. Mai 1952 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Mitangeklagte der Burianek-Gruppe wurden zu lebenslänglichen oder langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Siehe Engelmann, Roger: Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit. In: Henke, Klaus-Dietmar/Steinbach, Peter/Tuchel, Johannes (Hrsg.): Widerstand und Opposition in der DDR. Köln-Weimar 1999, S. 183–192, hier S. 189–190; ferner die ältere Darstellung von Merz, Kai-Uwe: Kalter Krieg als antikommunistischer Widerstand. Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit. München 1987, S. 159–164. [73] Am 27. 11. 1952 wurden Rudolf Slansky, früherer KPC-Generalsekretär, und zehn weitere Mitglieder der »Slansky-Bande« unter dem Vorwurf des Hochverrats, der Sabotage und der Vorbereitung des Umsturzes zum Tode verurteilt und am 3. 12. 1952 hingerichtet. Siehe Kaplan, Karel/Svátek, Frantisek: Die politischen Säuberungen in der KPČ. In: Weber, Hermann/Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror – Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn/München/ Wien/ Zürich 1998, S. 487–562, hier insb. S. 531–549. [74] Otto Stauch (1901–1972), 1916–1919 Soldat, 1937–1943 Tätigkeit als gelernter Metallflugzeugbauer bei den Siebel-Flugzeugwerken in Halle, 1943–1945 Militärdienst, 1945 KPD-Mitglied, August bis November 1945 Politischer Mitarbeiter in der KPD-BL Halle, 1947–1948 Vorstandsmitglied der Konsumgenossenschaft Halle-Saalkreis, 1948–1949 Besuch der Parteihochschule »Karl Marx«, 1952–1954 Mitglied der SED-BL-Magdeburg und Sekretär für Wirtschaft, 1954– 1958 Sekretär beim Rat des Bezirks Magdeburg, 1958–1963 Sektorleiter für Kader im Apparat der Sekretär beim Rat des Bezirks Magdeburg, 1958–1963 Sektorleiter für Kader im Apparat der SED-BL Magdeburg, 1963–1966 Archivar im Parteiarchiv der SED-BL Magdeburg. [75] Auf dem Industriegelände Rothensee am äußersten Stadtrand im Norden Magdeburgs kam es erst an den frühen Mittagsstunden des 17. Juni in den dortigen Betrieben (Staatswerft Rothensee, VEB 7. Oktober, VEB Minol) zu Arbeitsniederlegungen. Ein Demonstrationszug wurde jedoch nicht gebildet. Siehe hierzu auch Grünwald, a.a.O., S. 41. [76] Diese handschriftliche Anmerkung steht auf dem linken Seitenrand. [77] Am frühen Morgen des 17. Juni (ca. 9.15 Uhr) hatte sich in der Neuen Neustadt (Stadtbezirk Nord) ein Demonstrationszug gebildet, der sich in Richtung Alte Neustadt und weiter zur Stadtmitte (Altstadt) bewegte. Siehe hierzu Grünwald, a.a.O., S. 43.auch m [78] So im Original. [79] Maschinen-Traktoren-Station. [80] Vereinigung Volkseigener Güter. [81] Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe. [82] So im Original. [83] Kasernierte Volkspolizei. [84] (?) – so im Original [85] Deutsche Handelszentrale (Leipzig). [86] Kursiv formulierter Satzteil – so im Original. [87] So hieß es in Ulbrichts Grundsatzreferat »Die gegenwärtige Lage und der neue Kurs der Partei«, vorgetragen auf dem 15. ZK-Plenum am 24. Juli 1953: »Es gab auch einige wenige Funktionäre der Volkspolizei, die feige kapitulierten ... Der Chef der Bezirksbehörde Magdeburg ließ ebenfalls bei Beginn der faschistischen Provokation die Waffen einschließen und gab den Volkspolizisten Anweisung, als Agitatoren unter die Massen zu gehen. Das war ausgerechnet in Magdeburg! Es ist selbstverständlich, daß solche Kapitulanten aus der Volkspolizei ausgestoßen werden müssen.« SAPMO-Barch, DY 30/IV2/1/119, Bl. 104. [88] Alois Pisnik selbst spricht in seinem Diskussionsbeitrag zu dem einleitenden Grundsatzreferat Walter Ulbrichts »Die Lehren aus dem XIX. Parteitag der KPdSU für unsere Arbeit« auf dem 10. ZK-Plenum (20.–22. 11. 1952) die parteifeindliche Einstellung der Parteiorganisation im Magdeburger Karl-Liebknecht-Werk an, wenn er betonte, daß »bei verantwortlichen Funktionären in krassester Form eine feindliche Einstellung gegenüber der Intelligenz zum Ausdruck« kam. Und er fuhr fort: »Der Parteisekretär einer Grundorganisation dieses Werkes lehnte die Verordnung unserer Regierung über die Erhöhung der Gehälter für die Intelligenz rundweg mit der Bemerkung ab, daß sie sich hemmend auf die ganze Arbeit auswirken würde ... Dieser Genosse Stumm (?) [gemeint ist Genosse Sturm, H. D.] war früher Erster Sekretär dieses Großbetriebs und Mitglied der Kreisleitung und ist wegen Versöhnlertums von dieser Funktion weggenommen worden.« SAPMO-Barch, DY 30/IV 2/1/107, Bl. 125. [89] Das Datum der Bezirksleitungssitzung ließ sich laut Recherche von Frau Uta Gehrmann (LHASA Magdeburg) nicht ermitteln. [90] Die Nr. 6 fehlt im Original. [91] Am linken Blattrand steht die handschriftliche Bemerkung: (Transparent – S. 5). Dieser Hinweis bezieht sich auf das von den streikenden Arbeitern am 17. Juni gezeigte Transparent »Nieder mit der Regierung«. [92] Am linken Textrand steht die handschriftliche Ergänzung: Von Zi. »aus gesprochen«. [93] Am linken Textrand steht die Einfügung: Zi. 117. [94] Am linken Textrand steht die Frage: Welche?   [95] Die Ziffer 9 fehlt im Original. [96] Kasernierte Volkspolizei. [97] Unterstreichung im Original. [98] Satzteil in Kursivschrift – so im Original. [99] Unterstreichung im Original. [100] Unterstreichung im Original. [101] Unterstreichungen im Original. [102] Unter der Ziffer 14 ist eingefügt das Wort »Schlußfolgerung«. [103] Paul Hentschel (1913–1959), 1930 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands, 1931–1934 erwerbslos, 1934/35 Reichsarbeitsdienst, 1935–1940 Tätigkeit als Steinsetzer in Breslau, 1940–1942 Angehöriger der Wehrmacht, 1942 zur Roten Armee übergelaufen, Kriegsgefangenschaft und Gründungsmitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland, Mai 1945 Rückkehr nach Deutschland, 1945 KPD-Mitglied, Juli 1945 bis 1949 Ministerialdirektor und Leiter der Personalabteilung der Landesregierung Brandenburg, 1946 SED-Mitglied, Juli 1949 bis 1951 stellvertretender Leiter der Abteilung Staatliche Verwaltung beim ZK der SED, Oktober 1951 bis Juni 1953 Stadtrat und Sekretär des Magistrats von Groß-Berlin, Juni 1953 bis 1959 Vorsitzender des Rates des Bezirks Magdeburg, Mitglied des Bezirkstags und des Büros der SED-BL Magdeburg. LHASA, Rep. P 13 SED-BL Magdeburg Nr. V/10/262. [104] Volkspolizeikreisamt. [105] Am linken Rand stehen die Worte: »Wo stand es?« Gemeint ist das Stalinbild. [106] Gemeint ist das Ostbüro der SPD.

JHK 2003

Fanny Thomas-Jezierska (1887–1945) Von Rosa Luxemburg zu Gramsci, Stalin und August Thalheimer – Stationen einer internationalen Sozialistin

Ottokar Luban

Der Name Fanny Jezierska taucht in den Editionen der Briefe Rosa Luxemburgs sowie Karl Liebknechts und auch Clara Zetkins mehrmals als Adressatin von Schreiben dieser bekannten Sozialistinnen und Sozialisten auf. Doch enthalten diese Publikationen entweder überhaupt keine oder nur wenige und äußerst unvollständige, teilweise sogar unrichtige biographische Angaben zur Person F. Jezierskas.[1] Wer war diese Fanny Jezierska, deren Name – von drei Ausnahmen[2] abgesehen – im Laufe ihrer politischen Tätigkeit nie in der Öffentlichkeit auftauchte, die aber mit vielen prominenten Sozialisten und Kommunisten wie Karl Liebknecht, Käte und Hermann Duncker, Franz Mehring, Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, James Thomas, Clara Zetkin, Angelo Tasca, Antonio Gramsci, Palmiro Togliatti, Jules Humbert-Droz, Dmitri S. Manuilski, Josef W. Stalin, Nikolai Bucharin, Clara Zetkin, Paul Frölich, August Thalheimer und Heinrich Brandler in Kontakt stand? Eine Frau, mit der C. Zetkin 1931 »in diesen Wochen in Gedanken lange Gespräche« führte und der sie brieflich ihr Herz über ihre eigene schwierige Situation in der kommunistischen Bewegung, über die KPD-Politik und über die allgemeine politische Lage ausschüttete?[3] Im Rahmen einer biographischen Skizze soll hier erstmals der ungewöhnliche Lebensweg dieser engagierten Sozialistin nachgezeichnet werden, wobei auf Grund der für einige Zeiträume unvollständigen Quellenlage Lücken bleiben. Der Verfasser hofft, daß dieser biographische Aufsatz den Anstoß für eine umfassende Biographie gibt, in der diese Lücken von einem anderen Wissenschaftler oder von einer anderen Wissenschaftlerin weitgehend geschlossen werden können. Zwei ganz unterschiedliche Politiker haben ihren persönlichen Eindruck wiedergegeben, den sie von Fanny Jezierska gewonnen hatten. Zum einen der sozialdemokratische Finanzexperte und Bankier Hugo Simon, zu dessen persönlichem und politischem Freundeskreis vor 1914 und im Ersten Weltkrieg sie gehörte, zum anderen das führende Mitglied der Partito Communista Italiano (PCI) Giuseppe Berti, der sie als Verbindungsfrau der Komintern zur italienischen KP-Führung in der ersten Hälfte der 1920er Jahre kennen gelernt hatte. »Ohne eigentlich schön zu sein, gewann sie unsere Herzen sofort durch ihre kühne und edle Haltung. Das Bestechendste aber an ihr war ihr helles, fröhliches Lachen, wenn man mit ihr scherzte, und der Ernst und die Sorge in ihrem Gesicht, wenn es sich um das Schicksal ihrer Freunde in Rußland handelte, die inmitten der revolutionären Strömung standen ... Fanja also war Bolschewikin im Gegensatz zu [dem Menschewiken Alexander] Stein. ›Er ist ein weicher Stein‹, sagte sie einmal zu uns, ›aber um den Zarismus zu zertreten, bedarf es harter Steine. Ihr wißt hier nicht, ihr könnt es von hier auch nicht verstehen, was Rußland ist und was es für die Welt bedeuten wird, wenn die Revolution einmal siegen wird.‹ Und daß sie siegen wird, das war ihr fester unerschütterlicher Glaube.« So der sozialdemokratische Politiker Hugo Simon, in der Revolutionszeit 1918/19 für die USPD kurze Zeit als preußischer Finanzminister tätig, in einem 1941 niedergeschriebenen autobiographischen Roman.[4] Eine ähnlich schwärmerische Beschreibung gibt der italienische Kommunist Giuseppe Berti: »Fanny Jezierska war eine Frau von ungewöhnlichen Fähigkeiten und von einer geschliffenen moralischen Gradlinigkeit. Wer sie gekannt hat, wird einen unvergeßlichen Eindruck behalten.«[5]   Ihr Lebensweg bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges Fanny Jezierska wurde am 7. Oktober 1887 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Grajewo, einer Stadt im Osten des damals von Rußland okkupierten Teils Polens geboren.[6] Sie wird später immer als Polin bezeichnet oder als von polnischer Herkunft. Aber sprachlich war sie im Russischen und im Deutschen zu Hause. Denn nach ihren eigenen Angaben in der Komintern-Kaderakte von 1925 beherrschte sie die russische und deutsche Sprache in Wort und Schrift, beurteilte dagegen ihre polnischen und französischen Sprachkenntnisse selbst mit »nicht sehr gut«. Höchstwahrscheinlich hat sie – wie viele Kinder aus jüdischen Mittelschichtfamilien im von Rußland verwalteten Teil Polens und Litauens – zu Hause auch russisch gesprochen und eine russische Schule besucht.[7] In der häuslichen Erziehung mögen wie bei Rosa Luxemburg die deutsche Kultur und vor allem die deutsche Literatur eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Eltern – und damit auch F. Jezierska – erlangten nach ihrer Übersiedlung nach Berlin später die preußische Staatsangehörigkeit. Ihr sozialistisches Engagement, ihre ungewöhnliche Berufswahl – Ingenieurin – und vor allem ihre gesamte eigenständige Haltung haben wohl während ihrer Jugendjahre zu großen Konflikten mit ihren Eltern geführt, wie sie tröstend dem sozialdemokratischen Genossen Hermann Duncker, dessen Tochter Hedwig den Eltern Schwierigkeiten bereitete, einmal schilderte: »...sie ist eben in den Flegeljahren, in dieser Zeit kennt man noch keine Rücksichten, man ist nur auf sich bedacht. Gott, was haben meine Eltern durch mich gelitten! Allerdings hatte ich gegen ganz anderes zu kämpfen, trotzdem hätte ich viel mehr Verständnis für meine Eltern haben müssen, die mich ja nicht verstehen konnten... Mein Vater hat heute noch einen Groll gegen mich, gegen den er wohl selber ankämpft, den er aber nicht überwinden kann.« Ganz offensichtlich hatte F. Jezierska nicht den Erwartungen ihrer religiösen jüdischen Eltern entsprochen.[8] Bis zum Alter von 16 Jahren lebte sie in Polen, anschließend in Frankreich und in der Schweiz. Sie absolvierte das Gymnasium (ob noch in ihrer Heimat oder in der Schweiz, ist nicht bekannt) und ein Polytechnisches Institut in Deutschland, wo sie den Abschluß als Ingenieur der Elektrotechnik mit Spezialkenntnissen in der Radiotechnik erlangte,[9] für eine Frau in jener Zeit eine ungewöhnliche Ausbildung und Berufswahl. Auch die Bakteriologie fand ihr Interesse, doch schloß sie diese letzteren Studien nicht ab. Möglicherweise kam ihr hierbei der Ausbruch des Krieges dazwischen. Spätestens 1909 muß sie in Deutschland gewesen sein, weil sie dieses Jahr als Beginn ihrer Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands nennt. In einem Polizeibericht von 1916 wird sie als »überzeugte Sozialdemokratin« bezeichnet.[10] Von 1905 bis 1909 war sie nach eigenen Angaben in ihrer 1925 ausgefüllten Komintern-Kaderakte Mitglied der Sozialrevolutionären Partei Rußlands. In der russischen Emigrantenszene in Berlin arbeitete sie vor 1914, wie der russophile sozialdemokratische Bankier Hugo Simon sich noch 1941 erinnerte, offensichtlich mit den russischen Emigranten Alexandra Kollontai und Alexander Stein zusammen.[11] Und sie engagierte sich, wie zwei erhalten gebliebene Briefe von ihr bezeugen, als Sekretärin für den »Deutschen Hilfsverein für die politisch Gefangenen und Verbannten Rußlands«. Der in dieser Organisation mitwirkende Karl Liebknecht war ihr dabei mit einer Empfehlung für ihr Anliegen behilflich.[12] Die Arbeit für den Hilfsverein, der ein Sammelbecken von Humanisten unterschiedlicher politischer Ausrichtung, von Sozialdemokraten bis zu bürgerlichen Gelehrten und Schriftstellern, darstellte, muß ihr noch eine Menge weiterer Kontakte verschafft haben. Ein Teil dieses Personenkreises einschließlich Fanny Jezierska fand sich bald nach Beginn des Weltkrieges in einer linkspazifistischen Gruppierung wieder zusammen, die in der ersten Weltkriegshälfte bis zu ihrem Verbot als Bund »Neues Vaterland« organisiert war.[13] Die Jahre des Ersten Weltkrieges Seit 1914 war Fanny Jezierska beruflich tätig und arbeitete als Ingenieurin für Elektrotechnik bei der Firma AEG Telefunken. Ihr ansehnlicher monatlicher Verdienst betrug 500 Mark.[14] Obwohl sie ein ausgesprochen geselliger Mensch war, mußte sie wegen Arbeitsüberlastung im Verlaufe des Krieges zeitweilig – jedenfalls ist dies für Ende 1916 bis Sommer 1917 überliefert – einige ihrer vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Verbindungen vernachlässigen.[15] Mit der Aufnahme einer Beschäftigung in der russischen Botschaft im Frühjahr 1918[16] konnte sie sowohl im Rahmen dieser neuen beruflichen Tätigkeit als auch in ihrer Freizeit wieder stärker politisch aktiv werden. Mit den führenden Angehörigen der linksradikalen Gruppierung um Rosa Luxemburg war F. Jezierska politisch und persönlich eng verbunden, wie aus den umfangreichen, die Jahre 1915 bis 1918 umfassenden – teils veröffentlichten, teils unveröffentlichten – Korrespondenzen der leitenden Mitglieder dieses Kreises hervorgeht. Diese Gruppierung nannte sich nach ihrer Zeitschrift »Die Internationale« ab Frühjahr 1915 Gruppe »Internationale«, und ab 1916 bürgerte sich für sie nach der illegalen Flugschrift »Spartakus« der Name »Spartakusgruppe« ein. Ziel des Kreises um Rosa Luxemburg war – entsprechend den Beschlüssen der Kongresse der Sozialistischen Internationale – die Propagierung und Initiierung von Massenaktionen gegen den Krieg mit dem Fernziel einer revolutionären Eroberung der Macht durch das Proletariat, was von den Strafverfolgungsbehörden als versuchter Landesverrat gewertet und mit entsprechend hohen Strafen belegt wurde. Eine direkte Verbindung zu Rosa Luxemburg geht aus deren publizierten Briefen hervor. In vier Fällen erscheint F. Jezierska als Adressatin, und in sieben weiteren Schreiben wird ihr Name erwähnt. R. Luxemburg bedankte sich für Blumen, Bücher, Süßigkeiten und einen Besuch sowie auch für von F. Jezierska übermittelte Nachrichten aus Rußland bzw. aus Warschau (von R. Luxemburgs Schwester) und kündigte die Einladung zu einem weiteren persönlichen Treffen an. Dafür wollte sich die bekannte Publizistin und Agitatorin auf jeden Fall ausreichend Zeit reservieren.[17] Zum engeren Kreis um Rosa Luxemburg muß F. Jezierska schon in der ersten Zeit des Weltkrieges gehört haben, wie einem Brief R. Luxemburgs an Mathilde Jacob vom 5. Mai 1915 zu entnehmen ist: F. Jezierska kam demnach genauso wie der zur Führung der Gruppe gehörende Leo Jogiches für die Betreuung Clara Zetkins bei deren Aufenthalt in Berlin in Frage, aber sie »sind beide beschäftigt«, also aus beruflichen Gründen nicht dafür abkömmlich.[18] Mit M. Jacob, der wichtigsten und beständigsten Assistentin der Spartakusführung für die gesamte illegale Arbeit,[19] hat F. Jezierska schon seit 1915 kontinuierlich in Verbindung gestanden, wie aus mehreren Schreiben R. Luxemburgs[20] und vor allem aus einer gemeinsamen Postkarte der beiden Helferinnen vom 14. Oktober 1915 hervorgeht. Hier richteten sowohl Fanny Jezierska wie Mathilde Jacob gemeinsam einige Zeilen an Clara Zetkin mit Glückwünschen zur Freilassung aus der Untersuchungshaft.[21] Der deutlichste Hinweis auf F. Jezierskas Mitwirkung an der illegalen Arbeit der Spartakusführung findet sich in R. Luxemburgs Brief an M. Jacob vom 18. September 1918, in dem sie der Schreibbüroinhaberin wegen deren Doppelbelastung – Berufstätigkeit und Tätigkeit für die Spartakusgruppe – zu einer Verlängerung ihres Urlaubs mit der Begründung rät: »Frl. J[ezierska] vertritt Sie doch, wie Sie selbst schreiben, in allen schwierigeren Fällen, sie wird es sicher noch eine halbe oder ganze Woche länger tun.«[22] Mit Karl Liebknecht, der als Armierungssoldat an der Ostfront eingesetzt war und mit dem sie schon seit mindestens 1910 bekannt war,[23] führte F. Jezierska zumindest im September und Oktober 1915 einen intensiven Briefwechsel. Liebknecht erhielt mit ihren Briefen Näschereien und Tabak, und er vertraute ihr seine in den kurzen Arbeitspausen zwischen den Schanzarbeiten geschriebenen politischen Manuskripte an, um die Materialien erst einmal sicher aufbewahrt zu wissen. »Ich weiß mir keinen anderen Rat und baue auf Dich.«[24] Am längsten freundschaftlich verbunden, und zwar von mindestens 1915 bis 1943, war F. Jezierska mit den führenden Mitgliedern der Rosa-LuxemburgGruppe den Eheleuten Käte und Hermann Duncker. Die junge Ingenieurin besuchte die Familie in den Kriegsjahren häufig, brachte ihr – wenn irgendwie möglich – zusätzliche Nahrungsmittel. Zusammen mit Luise Kautsky und der Hausärztin Dr. Laura Turnau wirkte sie im Herbst 1916 an Hilfsaktionen für die durch politische Aktivitäten, Haushaltsarbeiten und Betreuung der drei Kinder überlastete Käte Duncker mit. Briefe, Druckschriften, Zeitungen und kleine Aufmerksamkeiten gingen an Hermann Duncker, als dieser seit September 1915 zwei Jahre lang an der Front war. Bei ihren Besuchen erschien F. Jezierska mehrfach zusammen mit dem Reichstagsabgeordneten Georg Ledebour und seiner Frau, mit denen sie wie Käte und Hermann Duncker ebenfalls gut befreundet war.[25] Auch den Kontakt zu den zur Spartakusführung gehörenden Ernst Meyer und Franz Mehring pflegte sie, soweit es ihr in ihrer knappen Freizeit möglich war.[26] Denn sie hatte einen langen, anstrengenden Arbeitstag und eine zeitraubende Anfahrt und war wegen der schlechten Ernährung zusätzlich geschwächt, wie sie von August 1916 bis August 1917 mehrfach den Dunckers gegenüber klagte. Denen war ihr schlechter Zustand bald aufgefallen, wie aus einer Mitteilung Käte Dunckers an ihren Mann am Ende des »Kohlrübenwinters« 1916/17 hervorgeht: »Fanny kommt mir sehr elend und abgearbeitet vor.«[27][28] Die von F. Jezierska bei Besuchen überbrachten oder an Hermann Duncker an die Front geschickten kleinen nahrhaften Geschenke hatte sie sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Munde abgespart. Die häufig überlastete Käte Duncker wußte diese materielle und vor allem die emotionale Fürsorge ihrer Freundin sehr zu schätzen, wenn sie F. Jezierska ihrem Mann gegenüber kurz und knapp kennzeichnete: »Ein guter Mensch!«[29] Über politische Gespräche mit F. Jezierska berichtete Käte Duncker in Briefen an ihren Mann nur einmal.29 Aber direkte Hinweise auf eine Zusammenarbeit zwischen K. Duncker und F. Jezierska in Angelegenheiten der Spartakusgruppe finden sich in dieser Korrespondenz nicht. Dies muß nichts besagen, da solche Bemerkungen schon aus konspirativen Gründen möglichst unterlassen wurden. Daß F. Jezierska schon frühzeitig in die illegalen Aktivitäten der Berliner Opposition eingeweiht war und dabei in Verbindung mit Käte Duncker stand, zeigte eine Episode im November 1915: Am 30. November 1915 wollte K. Duncker auf dem zentralen Berliner Boulevard Unter den Linden beobachten, ob eine illegale Friedensdemonstration der Berliner SPD-Opposition genügend Zuspruch der Genossinnen und Genossen gefunden hatte. Dort begegnete ihr, vom Brandenburger Tor kommend, F. Jezierska in Begleitung des Vorsitzenden der SPDReichstagsfraktion Hugo Haase und des Reichstagsabgeordneten Oscar Cohn. K. Duncker und F. Jezierska begaben sich in das im Eckhaus Unter den Linden und Friedrichstraße gelegene Café Bauer, um von dort den weiteren Verlauf der Massenaktion mit ca. 10 000 Demonstranten zu verfolgen. Für die nächste geplante Demonstration im Stadtzentrum Anfang Dezember 1915 verabredeten sich beide Frauen und mußten feststellen, daß durch massive polizeiliche Absperrungen der Straße »Unter den Linden« der allgemeine Publikumsverkehr und damit auch die Friedensdemonstration unmöglich gemacht worden waren.[30] Der häufige, nur Ende 1916 bis Mitte 1917 etwas reduzierte Kontakt zur Familie Duncker blieb über die ganze Kriegszeit erhalten und intensivierte sich 1918 wieder. So nahm F. Jezierska 1918 an Zusammenkünften in der Duncker-Wohnung mit russischen Genossen aus der Botschaft und mit mehreren führenden Spartakusmitgliedern wie Paul Levi, Karl Schulz (damaliger Deckname: Holz) und Jacob Walcher teil.[31][32] Seit dem Frühjahr 1918 bei der russischen Botschaft mit eigenem Büro beschäftigt,[33] wurde sie dort im September 1918 von Käte Duncker zu einem Gespräch aufgesucht. An einem anderen Tag im September 1918 wurde das jüngste Kind, Wolfgang Duncker, zur russischen Botschaft geschickt, »um von Fanny etwas abzuholen«.[34] Offensichtlich stellte F. Jezierska eine von mehreren Verbindungen zwischen den Dunckers bzw. der gesamten Spartakusführung und den russischen Genossen in der Botschaft her. Eine ähnliche Freundschaft wie zu dem Ehepaar Duncker entwickelte sich im Verlaufe der zweiten Weltkriegshälfte zu Franz Mehring und seiner Frau Eva. F. Jezierska versuchte wie bei anderen Genossen mit der Besorgung von zusätzlichen Lebensmitteln behilflich zu sein, und es kam mehrfach zu Besuchen F. Jezierskas bei Mehrings. Die Grußformeln »in treuer Freundschaft« und »Freundschaftlichst« in den Schreiben der Mehrings verdeutlichen die enge persönliche Verbindung.[35] Bei den Besuchen wurden offensichtlich auch Angelegenheiten der Spartakusgruppe besprochen. So berichtete F. Mehring am 3. Januar 1918, daß er den Wunsch F. Jezierskas an L[eo Jogiches], den Leiter der Spartakusgruppe, übermittelt habe, als dieser zu Besuch bei Mehrings war. Und Jogiches wollte mit ihr telefonisch in Verbindung treten.35 In anderen Schreiben wurde F. Jezierska von F. Mehring gebeten, Schriften zu versenden oder Schreiben per Boten weiterzuleiten, »der Post kann man ja nicht trauen«.[36] In dieser fast familiären Beziehung zeigte sich der ansonsten leicht empfindliche Franz Mehring gegenüber F. Jezierska bei kleinen politischen Meinungsverschiedenheiten sehr versöhnlich und half ihr, als sie im Mai oder Juni 1918 vom Herausgeber der Zeitschrift »Die Aktion«, Franz Pfemfert, und dem linksradikalen Reichstagsabgeordneten Otto Rühle bei den russischen Genossen in der Botschaft verleumdet worden war.[37] Die Verbindung F. Jezierskas zum Kreis linker Pazifisten, entstanden im Rahmen ihrer Tätigkeit als Sekretärin des »Hilfsvereins für die politisch Verfolgten und Verbannten Rußlands« vor dem Ersten Weltkrieg, deutet sich an mehreren Stellen ihrer Korrespondenz an. So knüpfte F. Jezierska den Kontakt zwischen F. Mehring und dem Pazifisten Prof. Georg F. Nicolai, den sie aus dem Kreis des Bundes »Neues Vaterland« her schon länger kannte, und mit ihm zusammen plante sie einen Besuch bei Mehrings.[38] Daß die Verbindung zu Hugo Simon, der auch zum Kreis um den Bund »Neues Vaterland« gehörte, noch bestand, wurde in ihrem Brief an Hermann Duncker vom 2. August 1916 erwähnt.[39] Nach Rose Frölichs Angaben war F. Jezierska mit Albert Einstein befreundet, der während des Ersten Weltkrieges ebenfalls zum linken Pazifistenkreis gehörte.[40] Aufschlußreich ist auch die Zusendung von Adressen für das Verschicken der »Denkschrift« in einem Schreiben F. Mehrings an F. Jezierska im Januar 1918. Mit der Denkschrift ist offensichtlich die Anfang des Jahres gemeinsam von den Pazifisten und der Spartakusgruppe hergestellte und verbreitete Denkschrift des Fürsten Lichnowsky, dem deutschen Botschafter in London bis zum Kriegsausbruch 1914, unter dem Titel »Meine Londoner Mission« gemeint, eine damals viel Aufsehen erregende Publikation, in der die kaiserliche deutsche Regierung der Provozierung des Krieges mit England beschuldigt wurde. F. Jezierska war augenscheinlich am Vertrieb der Druckschrift beteiligt.[41] Doch ist diese Mitarbeit F. Jezierskas im Pazifistenkreis nur wenig dokumentiert, zumal die Politische Polizei in diese Gruppierung nicht eindringen konnte und die Beteiligten kaum relevante zeitgenössische Schriftstücke oder detaillierte Erinnerungen hinterlassen haben. Aus der Zeit des Ersten Weltkrieges sind neben der Vielzahl an sie gerichteter Briefe nur wenige eigene Schreiben mit politischen Kommentaren erhalten geblieben. Die Februarrevolution 1917 in Rußland und die anschließende Entwicklung im Lande veranlaßte sie zu einer emotional getönten Meinungsäußerung gegenüber Hermann Duncker: Sie bedauerte, nicht in Rußland mitwirken zu können. »Es ist so schwer, jetzt hier zu sein und nur aus den Zeitungen die widerspruchsvollen Mitteilungen zu lesen. Besonders in den letzten Tagen, seit Lenin dort ist, ist alles so aufregend. Ich fürchte, daß durch diese Parteizersplitterung vieles schon Erkämpfte wieder verloren gehen wird. Lenin und seine Anhänger wollen den Frieden um jeden Preis, das ist schön. Aber für Rußland – innenpolitisch – sind sie eine Gefahr. Sie sind so intolerant, die Welt teilen sie in Bolschewiks und Lumpen; Kerenski, Tscheidze, das sind alles – nach Lenins Meinung – Verräter, Phraseure usw. Gott, wenn doch ein Zusammenarbeiten möglich wäre, wie herrlich könnte es jetzt in Rußland sein, die schönsten Ideale könnte man zu verwirklichen suchen.«[42] In einem weiteren Brief an Hermann Duncker vom August 1917 fanden Lenin und die Bolschewiki keine Erwähnung. Dafür wurde die sozialdemokratische Regierung Rußlands gelobt: »Es sind tüchtige Leute, die dort jetzt an der Spitze sind, aber ich glaube, ihre einzige Arbeit jetzt müßte sein, die anderen Verbündeten zum Frieden zu zwingen, und mir ist, als würde in dieser Hinsicht wenig getan.« Mit dieser Beurteilung der KerenskiRegierung war sie nicht etwa ins Lager der rechten Sozialdemokraten abgerutscht. Denn zur internationalen Arbeiterbewegung urteilte sie: »Will sich die [sozialistische] Internationale von neuem konstituieren, dann müssen vor allem die nationalliberalen Elemente [die die Vaterlandsverteidigung befürwortenden sozialdemokratischen Parteien] fern gehalten werden.«[43] Bedauerlicherweise sind aus der Zeit unmittelbar nach der russischen Oktoberrevolution 1917 keine originären politischen Stellungnahmen F. Jezierskas erhalten geblieben. Doch ihre Vorbehalte gegenüber den Bolschewiki muß sie bald aufgegeben haben. Denn seit Frühjahr 1918 arbeitete sie in der sowjetischen Botschaft und führte dort ein eigenes Büro.[44] Ihre guten russischen Sprachkenntnisse, ihre revolutionäre Gesinnung und ihre Bekanntschaft mit vielen russischen Sozialisten seit ihrer Mitarbeit vor dem Ersten Weltkrieg in den russischen sozialistischen Emigrantenzirkeln Berlins, gleichzeitig ihre Vertrautheit mit den führenden deutschen linken Sozialdemokraten, prädestinierten sie dafür. Schon in den ersten Kriegsjahren unterhielt F. Jezierska auf verschiedenen Wegen eine Reihe von Verbindungen nach Rußland, zum einen über Stockholm und zum anderen über Warschau. Dies geht aus mehreren Briefen Rosa Luxemburgs hervor.[45] Von der Briefkontrolle wurde im Sommer 1916 das Schreiben einer russischen Genossin aus Stockholm an F. Jezierska abgefangen. Sie sollte den französischen Genossen mitteilen, daß die Moskauer Arbeiter einen Anschluß der französischen Sozialisten an die internationale Zimmerwalder Bewegung, einer informellen Vereinigung sozialdemokratischer Kriegsgegner verschiedenster Ausrichtung, wünschten. Für die Rückantwort war eine Adresse in Stockholm angegeben.[46] In einer der Briefsammlungen F. Jezierskas befindet sich ein längeres Schreiben des menschewistischen Mitgliedes des Arbeiter- und Soldatenrates in St. Petersburg Lurje (d. i. Larin) mit einem wahrscheinlich vom März/April 1917 stammenden Bericht über die russische Arbeiterbewegung und dem Wunsch nach einer auf diesem Bericht fußenden Stellungnahme Rosa Luxemburgs, die veröffentlicht werden sollte.[47] Allerdings wurden diese direkten Nachrichten aus dem Osten ab Anfang 1917 immer seltener. Im Januar 1917 erhielt sie aus Rußland »gar keine Nachrichten mehr, die aus Stockholm werden auch immer seltener«. Zwar traf im August noch von einem im Ausland (wahrscheinlich in Schweden) weilenden Mitglied des Petersburger Arbeiter- und Soldatenrates ein Brief ein, doch ansonsten waren aus Rußland überhaupt keine Nachrichten mehr durchgekommen.[48] In den an sie gerichteten Schreiben der folgenden Monate finden sich keine Hinweise auf interne Nachrichten aus Rußland. Und mit der Beschäftigung in der russischen Botschaft ab – wahrscheinlich – Mai 1918 war eine interne, illegale Übermittlung von Informationen aus Rußland für F. Jezierska und für die deutschen Linken nicht mehr erforderlich, da die Kommunikationswege der russischen Botschaft zur Verfügung standen. Über revolutionäre Aktivitäten F. Jezierskas in den letzten Monaten vor dem Ausbruch der deutschen Novemberrevolution 1918 ist lediglich bekannt, daß sie – laut einem Brief R. Luxemburgs – an der illegalen Arbeit der Spartakusgruppe beteiligt war und daß sie – nach den Duncker-Briefen – eine der Verbindungsstellen zwischen der russischen Botschaft und der Spartakusgruppe darstellte.[49] In der Revolutionszeit 1918–1920 Für die Monate nach der Novemberrevolution 1918 finden sich nur wenige Spuren zur politischen Arbeit F. Jezierskas. Karl Radek, aus Rußland kommend, traf sie bei seinem ersten Besuch in der Redaktion der »Roten Fahne« in Berlin als Sekretärin Rosa Luxemburgs an.[50] Während des Berliner Januaraufstandes 1919 besuchte sie R. Luxemburg in deren konspirativem Quartier in Berlin, höchstwahrscheinlich im Auftrage Radeks oder der Mitglieder der KPD-Zentrale, ging aber – wenn die gleichzeitig anwesende M. Jacob richtig darüber berichtet – der KPD-Führerin auf die Nerven.[51] In diesen Januartagen soll sie auch einige von Radek diktierte oder abgefaßte Briefe geschrieben haben, wie seine Botschaft an die KPD-Zentrale vom 9. Januar 1919 mit dem Rat, zum Abbruch des Januaraufstandes in Berlin aufzurufen.[52] Anfang Juli 1919 berichtete Hermann Duncker aus Berlin seiner in Schweden weilenden Frau Käte, daß F. Jezierska sich illegal in Berlin aufhalte, sie habe vorher für den KPD-Vorsitzenden Paul Levi gearbeitet, habe sich aber mit ihm überworfen. 1919 oder 1920 informierte Käte Duncker ihren Sohn Karl, daß Jezierska aus Italien zurückgekommen sei.[53] F. Jezierska selbst gibt für die Jahre 1919 und 1920 eine Tätigkeit »in der westeuropäischen Geheimkomintern« an.[54]Nach den von Boris Nicolaevsky überlieferten Angaben des im Spätherbst 1919 aus Rußland nach Deutschland gekommenen Leiters des Westeuropäischen Sekretariats der Komintern, des »Genossen [James] Thomas«, war F. Jezierska als seine Sekretärin tätig,[55] wahrscheinlich aber eher als seine Beauftragte für Aufgaben außerhalb des Bürobetriebes. Auf Grund ihrer Vertrautheit mit der deutschen, vor allem der linken Arbeiterbewegung und mit ihren führenden Persönlichkeiten und mit ihren Kontakten zu den verschiedenen noch in Deutschland verbliebenen russischen Sozialisten sowie auf Grund ihrer Sprachkenntnisse – deutsch, russisch, polnisch, französisch – muß sie für Thomas eine wertvolle Assistentin dargestellt haben. Am 28. Oktober 1920 meldete Hermann Duncker seiner Tochter Hedwig, daß F. Jezierska »zu ehrenvoller Tätigkeit« nach Rußland abgereist sei.[56] Nach Aussagen des italienischen Kommunisten Giuseppe Berti, der mit ihr in den folgenden Jahren oft gesprochen hat, bekam F. Jezierska in Rußland infolge des Klimas gesundheitliche Probleme. Daraufhin habe ihr der dem Kollegium des Volkskommissariats für auswärtige Angelegenheiten angehörende Litwinow, für den sie in Moskau als Sekretärin arbeitete, vorgeschlagen, in Rom für die Komintern konspirativ die Verbindungstätigkeit zu den italienischen Sozialisten und Kommunisten wahrzunehmen, was von ihr gern aufgegriffen und akzeptiert wurde.[57]Doch zunächst einmal mußte sie zur Behandlung des Gelenk- und Muskelrheumatismus im Spätherbst 1920 für einige Zeit in ein Berliner Sanatorium gehen.[58]Ende 1920 oder Anfang 1921 begann daraufhin in Italien ein neuer Lebensabschnitt für F. Jezierska.[59]   Als »agent de liaison« der Komintern in Rom[60] (1921–1924) In Rom war F. Jezierska in der russischen Botschaft angestellt. Die Art ihrer dortigen Beschäftigung ist nicht bekannt geworden. Jedenfalls muß sie sehr schnell italienisch gelernt haben. Denn ihre eigentliche Aufgabe bestand in der laufenden Wahrnehmung von konspirativen Kontakten zu Führern der Partito Socialista Italiano (PSI) bzw. der Partito Communista Italiano (PCI), vor allem zu deren führenden Mitgliedern Antonio Gramsci und Angelo Tasca, weiterhin zu Ruggiero Grieco und Camilla Ravera. Mit Tasca blieb sie bis in die 1930er Jahre freundschaftlich verbunden. Mit Gramsci und Tasca traf sie sich regelmäßig in römischen Cafés zu Besprechungen. Berichte wurden ausgetauscht, Informationen und Ratschläge oder Weisungen des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, des EKKI, für das Zentralkomitee der PCI übermittelt, Nachrichten für die Genossen in Moskau weitergegeben. Vor allem hatte sie die Auszahlung der aus Moskau kommenden Unterstützungsgelder für die italienischen Genossen in der Hand. Als der Repräsentant des EKKI, Jules HumbertDroz, in der für die sozialistische Arbeiterbewegung in Italien besonders schwierigen politischen Lage des Jahres 1924 ein Großteil des Jahres zur Durchsetzung der Komintern-Linie in Rom weilte, kam er ebenfalls häufig mit Jezierska zusammen und erhielt von ihr mehrfach Geldbeträge ausgezahlt. Nach Mitteilungen von Jenny Humbert-Droz im Jahre 1985 gegenüber Bernhard H. Bayerlein war F. Jezierska für die organisatorischen Angelegenheiten des Aufenthalts von Jules Humbert-Droz, z. B. für die Wohnungsanmietung, zuständig. In dieser Zeit soll F. Jezierska auch – nach Jenny Humbert-Droz – für den russischen Geheimdienst gearbeitet haben,[61] was bei der geschilderten Tätigkeit nicht weiter erstaunt. Wichtig war, daß die italienischen PSI- und PCI-Führer sowie Jules HumbertDroz keine sichtbaren häufigen Kontakte zur russischen Botschaft unterhielten, sie trafen sich nur mit einer jungen Frau. Doch als unter der faschistischen Regierung die Observierung der Kommunisten verstärkt wurde, kamen die konspirativen Aktivitäten und die Treffen F. Jezierskas mit den kommunistischen Spitzenfunktionären auch der Politischen Polizei zur Kenntnis. Daraufhin wurde F. Jezierska im September 1924 in dem Café, das als regelmäßiger Treffpunkt diente, unmittelbar vor einer Zusammenkunft mit Gramsci verhaftet und kurz darauf aus Italien ausgewiesen.[62] In ihrer 1925 ausgefüllten Kaderakte schreibt sie von einer Mitgliedschaft im ZK der PCI.[63] Daß dies nicht übertrieben war, sondern daß sie das volle Vertrauen der führenden italienischen Kommunisten besaß, zeigte sich daran, daß sie als »Verbindungsfrau«, eigentlich als Repräsentantin, der PCI an der skandinavischen Konferenz des EKKI am 31. Januar 1924 teilnahm.[64] Die sozialistische italienische Arbeiterbewegung hatte in diesen Jahren, als F. Jezierska in Italien ihre politischen Aufgaben für das EKKI wahrnahm, eine Zeit der Wirren erlebt: die Abspaltung der Linksradikalen von der PSI mit der Gründung der PCI, die Gründung einer rechten sozialreformerischen Partei, der Partito Socialista Unitario (P.S.U.), und – insbesondere angesichts der faschistischen Bedrohung im Jahre 1924 – die Versuche einer Vereinigung von PCI und PSI unter dem Einfluß der Komintern. Deshalb auch die monatelange Anwesenheit des Mitgliedes des EKKI Jules Humbert-Droz in Italien.[65] Es ist bemerkenswert, daß in dieser an Auseinandersetzungen reichen Zeit in der sozialistischen Arbeiterbewegung Italiens F. Jezierska offenbar von allen Beteiligten, die mit ihr in Verbindung standen, als ehrliche Maklerin beurteilt wurde.[66] Als Mitarbeiterin des Kominternapparats in Moskau (1924–1928) Ab Oktober 1924 arbeitete F. Jezierska – wie sie in ihrer Kaderakte angibt – im »Kolonialbüro« der Komintern.[67] Doch bald muß sie im Büro des Präsidiums oder des Sekretariats des EKKI tätig gewesen sein, wenn auch nur für knapp zwei Jahre.[68] In der Kaderakte kennzeichnet sie ihre Aufgabenstellung mit »Dolmetscherin«. Zumindest in dieser Zeit diente sie Stalin als interne Berichterstatterin über die PCI und PSI.[69] Nach eigenen Bekundungen war sie zwischen 1924 und 1926 bei allen wichtigen Sitzungen der Spitzengremien des EKKI als Dolmetscherin oder Protokollantin anwesend.[70] Giuseppe Berti registrierte auf einem Treffen der italienischen PCI-Führer am 26. Februar 1926 mit Stalin und dem EKKI-Vertreter Kobilanski in Moskau die Anwesenheit F. Jezierskas – höchstwahrscheinlich als Protokollantin und/oder als Übersetzerin –, ohne daß ihre Teilnahme im Protokoll vermerkt worden ist.[71] Über ihr Privatleben und ihre Freundschaften in Moskau ist fast nichts bekannt. Mit den Genossen aus ihrer italienischen Zeit hielt sie den persönlichen Kontakt bei deren Aufenthalten in Rußland aufrecht. Im Sommer 1926 besuchte sie Togliatti und Humbert-Droz, als diese auf der Krim zur Erholung weilten.[72]Doch muß sie auf Grund ihrer früheren zahlreichen Verbindungen aus der Vorkriegs- und Kriegszeit auch zu den russischen Genossen gute Kontakte unterhalten haben. So berichtete sie in einem Brief vom 4. Oktober 1942 an Boris I. Nicolaevsky von einem am Tag vor ihrer Abreise aus Rußland im Herbst 1928 geführten Gespräch mit dem Präsidiumsmitglied des EKKI Dmitri S. Manuilski,[73] mit dem sie während ihres Italienaufenthaltes ein Jahr lang zusammengearbeitet hatte und der sie auch – lt. Kaderakte – in Moskau als Mitarbeiterin der Komintern empfohlen hatte. Mit Nikolai I. Bucharin, bis 1928/29 einer der wichtigsten Politiker in der RKP (B) und im EKKI, muß sie – wahrscheinlich schon seit der Weltkriegszeit in Berlin – in Verbindung gestanden und seine Wertschätzung erlangt haben. Denn 1930 bei seinem Berlin-Aufenthalt versuchte er, in einem persönlichen Gespräch die aus der KPD ausgeschlossene und unterdessen in der KP(O) mitarbeitende F. Jezierska zu überzeugen, sich öffentlich von den Auffassungen der kommunistischen Opposition zu distanzieren und zur KPD zurückzukehren.[74] In der Moskauer Zeit wurde sie Mitglied der Russischen Kommunistischen Partei (Bolschewiki) und nahm an der Parteiarbeit durch Besuch des Fabrikzirkels der Dynamowerke teil. Beruflich wechselte sie nach knapp zwei Jahren – so die Karteikartei der RKP (B) – in die »Verlagsabteilung« der Komintern. Damit ist wohl die Informationsabteilung des EKKI gemeint.[75] Hier zeichnete sie zusammen mit Willi Schulz für die Übersetzung von zwei Bänden der deutschsprachigen Ausgabe von Lenins Werken verantwortlich.[76] Anfang der 1940er Jahre gibt sie an, daß ihre schriftlichen Berichte über die kommunistische und sozialistische Bewegung Italiens in der »Kommunistischen Internationale« und in der »Inprekorr« unter dem Namenskürzel »Ez.« oder dem Pseudonym »El. Wiener« oder ungezeichnet abgedruckt worden sind.[77] In der »Kommunistischen Internationale« konnten allerdings keine entsprechenden Artikel aufgefunden werden, sondern nur Aufsätze von Ercoli (d.i. Togliatti) über die Entwicklung in Italien. Dagegen enthält »Die Internationale Presse-Korrespondenz« der Jahrgänge 1927 unter dem Verfassernamen Jezierska und 1928 unter N. N. einige Arbeiten über die italienischen Verhältnisse.[78] Die gesundheitlichen Probleme infolge des Moskauer Klimas verschärften sich 1928, so daß F. Jezierska am 24. August 1928 an die »Kleine Kommission des EKKI« einen Antrag auf »Rückreise ins Ausland« stellte, um »eine längere Kur« wegen »Gelenktuberkulose im Knie« durchführen zu können. Dem Antrag wurde auf der Sitzung am 1. September 1928 anstandslos stattgegeben.[79] Und mit einem Schreiben der zuständigen Organisationsabteilung (ORGOTDEL) des EKKI vom 12. September 1928 wurden der »Abteilung WKP (B) des EKKI« zur Weiterleitung an die jeweiligen Landesparteiorganisationen die Parteidokumente von fünf Mitgliedern übersandt, die aus Rußland ausgereist waren oder noch ausreisen würden, unter den letzteren auch F. Jezierskas.[80] Es stellt sich die Frage, ob F. Jezierska ihren Ausreiseantrag unter dem Eindruck der scharfen Auseinandersetzungen über den Kurs der deutschen KPD auf dem VI. Weltkongreß der Komintern vom 17. Juli bis 1. September 1928 mit dem Sieg des Thälmann-Kurses gestellt hat, als sich die rigide Stalin-Politik durchzusetzen schien.[81] Möglicherweise hatte sie darüber auch Gespräche mit deutschen und italienischen Delegierten und mit den in Moskau festgehaltenen deutschen Kommunisten August Thalheimer und Heinrich Brandler geführt, die sie zu ihrem Antrag auf Ausreise veranlaßten. Doch in den an sie gerichteten bzw. von ihr selbst verfaßten Briefen aus den nächsten Jahren finden sich keine entsprechenden Hinweise. So berichtete sie Jahre später – 1942 – Nicolaevsky, daß Stalin Artikel gegen den auf dem rechten Flügel der PCI stehenden und dann aus der PCI ausgeschlossenen Tasca (Parteiname Serra und später Rossi) geschrieben hätte, ob gezeichnet oder ungezeichnet, wüßte sie nicht mehr. Aber selbst als sie – ebenfalls 1942 – in Briefen an Boris I. Nicolaevsky auf dessen Fragen nach der Entstehung der Differenzen zwischen Bucharin und Stalin in den 1920er Jahren ausführlich antwortete, betonte sie, daß sie davon wenig direkt erfahren hätte, weil sie nicht mehr – wie in den ersten zwei Jahren ihrer Kominternmitarbeit – im Präsidiumsbereich des EKKI tätig gewesen sei. Sie hätte insgesamt den Eindruck gewonnen, daß sich bis unmittelbar vor dem VI. Weltkongreß der Komintern im Sommer 1928 die Diskussionen fast nur um innerrussische Probleme drehten. Über die Meinungsunterschiede zwischen Bucharin und Stalin habe sie nur aus zweiter Hand – von Ercoli (d. i. Togliatti) – erfahren, der sich wie auch der führende deutsche Kommunist Ernst Meyer, ein alter Bekannter F. Jezierskas aus der Spartakusgruppe, von Bucharin in seinem gemäßigten innerparteilichen und internationalen Kurs unterstützt fühlte. Erst am Rande des VI. Weltkongresses wären die Spannungen zwischen Bucharin und Stalin in der deutschen Frage bei den Kominternmitarbeitern allgemein bekannt geworden. Hinter den Kulissen – nicht offen auf der Tagung – war Manuilski gegen Stalins Auffassungen aufgetreten. Zu den innerparteilichen deutschen Vorgängen blieb F. Jezierska in ihren schriftlichen Darlegungen von 1942 jedoch distanziert und gab keine eigene Stellungnahmen ab.[82] Ihre Auffassung kommt indirekt in einer erst 1942 niedergeschriebenen Episode – ein Gespräch mit Manuilski am Ende des VI. Weltkongresses der Komintern im Sommer 1928 – zum Ausdruck. Dabei zielte sie äußerst treffend auf die charakterliche Deformierung einiger kommunistischer Hauptakteure durch die Stalinisierung und zog die Verbindung zu den späteren Konsequenzen für alle entschiedenen deutschen Kritiker des Thälmann-/Stalin-Kurses: »Am letzten Tage des Kongresses kam Manuilski zu mir, und ich hatte mit ihm folgendes Gespräch. Ich erinnere mich daran und kann es Ihnen nahezu wortwörtlich wiederholen. ›Na, Fanja‹, sagte er mir, ›Sie kehren ins Ausland zurück. Das bedeutet, wir müssen uns voneinander verabschieden. Wir werden uns schwerlich nochmals wiedersehen.‹ – ›Warum so tragisch‹, antwortete ich, ›Sie werden fahren, und wir werden uns irgendwo einander wieder begegnen und wahrscheinlich auch wieder zusammen arbeiten.‹ (In Italien hatten wir ein Jahr zusammen gearbeitet.) ›Nein‹, sagte Manuilski, ›ich werde niemals mehr ins Ausland gelangen. Stalin weiß, daß ich gegen ihn bin, und er wird mich niemals mehr ins Ausland schicken. Ich komme entweder in den Kaukasus oder nach Sibirien.‹ (Sechs Wochen später saß er in Berlin und hat uns [die deutschen Stalin- und ThälmannKritiker] ausgeschlossen.)«[83] In den Reihen der deutschen kommunistischen Opposition, 1929–1933 Als F. Jezierska Ende 1928 oder Anfang 1929 nach Deutschland zurückkehrte, waren die Machtkämpfe in der deutschen KP auf ihrem Höhepunkt. Ihre politischen und persönlichen Freunde wie Ernst Meyer, Clara Zetkin, Paul Frölich und dessen Lebensgefährtin Rosi Wolfstein (später Rose Frölich) waren in der Partei an den rechten Rand gedrängt worden. Diejenigen, die ihrem politischen Standpunkt nicht abschworen wie Paul Frölich, Rosi Wolfstein, Heinrich Brandler und August Thalheimer wurden aus der KPD ausgeschlossen, genauso wie ihre Anhänger. Die meisten Ausgeschlossenen wie F. Jezierska traten der neugegründeten Kommunistischen Partei (Opposition) bei.[84] Aus den von F. Jezierska verfaßten sowie aus den an sie gerichteten Briefen in diesen Jahren ist nur wenig und äußerst bruchstückhaft etwas über ihre berufliche und politische Tätigkeit zu erkennen. Wie in den vorangegangenen Jahren bestand im politischen Bereich die wichtigste Aufgabe in der Wahrnehmung der Verbindung zwischen verschiedenen Gruppen und Personen. Ein enger Kontakt bestand zu Clara Zetkin, die zwar in den letzten Lebensjahren immer stärker politisch isoliert war, aber in der KPD verblieb. Der erste Nachweis einer direkten Verbindung F. Jezierskas zu C. Zetkin stammt vom Oktober 1915, als F. Jezierska gemeinsam mit Mathilde Jacob die Freilassung Zetkins aus der Untersuchungshaft begrüßte.[85] Die nächsten überlieferten Schreiben Zetkins an F. Jezierska datieren von 1916 und 1920.[86] Es ist wahrscheinlich, daß F. Jezierska auch in ihren Moskauer Jahren mehrfach mit C. Zetkin gesprochen hat, die häufig zu Komintern-Sitzungen nach Rußland kam. Für die Zeit von Ende 1929 bis Ende 1932 sind noch 19 Schreiben Zetkins an F. Jezierska erhalten geblieben, aus denen die leidenschaftliche Anteilnahme der greisen und körperlich hinfälligen Veteranin am Schicksal der kommunistischen Bewegung und ihre Dankbarkeit für die ihr von der jüngeren Genossin gezeigte Fürsorge und Anteilnahme sprechen. Zetkin legte ausführlich ihre politischen Auffassungen zu den Tagesproblemen dar und betonte, daß sie auf F. Jezierskas Meinung großen Wert lege. Weiterhin wurde F. Jezierska um die Ausführung verschiedener Aufträge gebeten, am wichtigsten davon wohl die gemeinsame Durchführung eines Frauentages von KPD und KP(O), wofür Zetkin detaillierte Anweisungen gab. Die Zusammenarbeit muß noch intensiver gewesen sein, als es sich in den Briefen Zetkins widerspiegelt, weil F. Jezierska mehrfach zu Besuchen in Zetkins Haus in Birkenwerder bei Berlin kam. Auch die Verbindung Zetkins zu den führenden KP(O)-Mitgliedern Paul Frölich und Rosi Wolfstein, mit denen Zetkin schon aus den Zeiten des Ersten Weltkriegs und vor allem aus der Anfangsphase der KPD eng verbunden war, scheint weitgehend über F. Jezierska gelaufen zu sein, die mit beiden befreundet war und zeitweise bei ihnen wohnte. So berichtete C. Zetkin am 30. Dezember 1930 von einem ausgiebigen Besuch von P[aul Frölich] und R[osi Wolfstein] in ihrem Haus in Birkenwerder.[87] All diese Briefe an F. Jezierska zeigen, daß Clara Zetkin nicht gewillt war, die rigide Linie Stalins und Thälmanns einzuhalten, sondern versuchte, sowohl auf der Funktionärs- wie auf der Mitgliederebene eine integrative Linie durchzusetzen.[88]So wurde die längst aus der KPD ausgeschlossene F. Jezierska von ihr wiederholt für die redaktionelle Betreuung der polnischen Arbeiten Rosa Luxemburgs im Rahmen des Projekts der Gesamtausgabe von Rosa Luxemburgs Werken vorgeschlagen. Auch für das Verbleiben des Hauptbearbeiters Paul Frölich setzte sie sich vehement ein.[89] F. Jezierska hätte diese Aufgabe gern übernommen und sie auch gebraucht. Denn seit Frühjahr 1932 war sie nicht nur wie viele ihrer Freunde arbeitslos, sondern auch politisch heimatlos. Die KP(O) hatte sich zerstritten. Ein Teil schloß sich der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) an.[90] F. Jezierska, die diese Streitigkeiten mißbilligte, vollzog diesen Schritt nicht mit. »Politisch bin ich ausgeschifft, aus der KP-Opposition bin ich ausgetreten, der SAP, der alle meine Freunde beigetreten sind, habe ich mich nicht angeschlossen. Ich habe nicht den Glauben an diese Partei und muß mich damit abfinden – wie schwer das auch in dieser Zeit fällt –, außerhalb der Bewegung zu stehen. Irgendeine Arbeit zu finden, ist ganz unmöglich, und das Nichtstun wirkt nicht nur auf den Beutel, sondern auch – und das vor allem – auf die Moral sehr deprimierend.« In dieser Situation setzte sie – wohl auf Grund von Äußerungen Zetkins – sogar Hoffnungen auf eine wissenschaftliche Tätigkeit in Rußland, hatte aber Zweifel, ob sie als Parteilose in Moskau akzeptiert werden würde, was sie zur Bedingung gemacht hatte. Auf jeden Fall rechnete sie mit einem längeren Zeitraum bis zu einer Entscheidung der Moskauer Instanzen.[91] Seit 1905 als 18jährige war F. Jezierska in der sozialistischen bzw. kommunistischen Bewegung aktiv gewesen, zunächst ehrenamtlich in ihrer Freizeit und ab 1918 immer auch hauptberuflich im politischen Bereich mit wechselnden, meist schwierigen Aufgabenstellungen auf der Helferebene. 1932 im Alter von 44 Jahren hatte sie nunmehr weder beruflich noch politisch eine Perspektive. Sie hätte mit ihren politisch-persönlichen Freunden von der KP(O) zur SAP gehen oder – das Angebot Bucharins aus dem Jahre 1930 aufnehmend[92] – zur KPD zurückkehren oder wie ihr italienischer Gesinnungsgenosse im Pariser Exil Angelo Tasca sich in Richtung der Sozialdemokraten bewegen können. Doch selbst um den Preis einer politischen und damit – zumindest teilweisen – sozialen Isolierung behielt F. Jezierska ihre Eigenständigkeit bei. Diese autonome Haltung, wie sie im Jahre 1932 besonders deutlich wurde, ist um so bemerkenswerter, weil sie sich in dieser Zeit nicht nur politisch, sondern auch ganz persönlich sowohl im materiellen Bereich als Arbeitslose wie auch gesundheitlich in einer schwierigen Situation befand. Ein Myom im Unterleib hatte bei ihr solch einen Umfang angenommen, daß eine Operation unumgänglich geworden war. Die Beschwerden dauerten noch bis einige Zeit nach dem Eingriff an, so daß sie im September 1932 an Fritz Brupbacher in Zürich schrieb: »Ich kann mir die Welt ohne Bauchschmerzen gar nicht mehr denken!«[93] Wie die im August oder Anfang September 1932 wahrscheinlich in der Schweiz durchgeführte Operation finanziert wurde, geht aus den Briefen F. Jezierskas nicht hervor. Möglicherweise hat hier Fritz Brupbacher Gelder aufgetrieben oder selbst gespendet. Für die Zeit von Januar 1931 bis September 1933 ist eine Korrespondenz zwischen F. Jezierska und Fritz Brupbacher bzw. seiner Frau erhalten geblieben. F. Jezierska schickte für Brupbacher Zeitungsartikel, erhielt dafür sicherlich auch kleine Honorare, und im November 1931 verbrachte sie mehrere Tage bei der Familie Brupbacher in Zürich.[94] Vielleicht hat sie auch Geldmittel von der IHV erhalten, der »Internationalen Hilfevereinigung«, die als Unterstützungsorganisation für in Not geratene Mitglieder der KP(O), SAP und weiterer linker Organisationen diente, da die mit der KPD verbundene Rote Hilfe »von denen nichts wissen will«. Jedenfalls arbeitete F. Jezierska Anfang 1933 selbst für die IHV.[95] In den Jahren nach ihrem KPD-Ausschluß pflegte F. Jezierska mit dem im französischen Exil lebenden führenden italienischen Kommunisten Angelo Tasca, den sie seit ihrer Tätigkeit in Italien kannte, einen regelmäßigen brieflichen Informations- und Gedankenaustausch. Sie schickte Berichte und Kommentare über die kommunistische Bewegung hauptsächlich in Deutschland, Rußland sowie in anderen Ländern und vor allem über die Komintern-Politik und erhielt von Tasca Nachrichten und Einschätzungen über die Lage in Italien und Frankreich. F. Jezierska stellte die Verbindung zur Spitze der KP(O), hauptsächlich zu Paul Frölich, August Thalheimer und Heinrich Brandler, aber auch zu dem noch der KPD angehörenden Ernst Meyer her. Einig waren sich die Briefpartner in der Ablehnung des intoleranten linken Stalin-Kurses.[96] Doch Ende 1931 kam es zum politischen, nicht jedoch persönlichen Bruch, als »sie erkannte, daß Tasca nicht mehr zur kommunistischen Opposition gehörte und zur Sozialdemokratie übergegangen war«. Gegenüber ihrem italienischen Genossen verdeutlichte sie in einem Brief vom 3. Februar 1932 ihre Position: »›Mir wird es niemals möglich sein, einen Platz in den sozialdemokratischen Reihen zu finden, weil ich überzeugt bin, daß deren Politik niemals zu einer Revolution führen wird.‹« Sie war nach wie vor der Auffassung, »daß nur die kommunistische Bewegung die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft bot«.[97] Die SAP, deren Funktionäre sie als zentristisch, deren Mitglieder und Anhänger sie aber als sozialistisch einschätzte,[98] war ihr mit den Bestrebungen zur Errichtung einer Einheitsfront zwar sympathisch, aber sie beurteilte diese Aktivitäten im Juni 1932 als hoffnungslos, da die neue Partei keinen Einfluß habe.[99] Nach der Spaltung der KP(O) und dem Anschluß eines Teils der früheren KP(O)Mitglieder an die SAP bemerkte sie so starke ideologische Differenzen, daß sie eine neue Spaltung, diesmal bei der SAP, voraussah und den Übertritt zur SAP, den die meisten ihrer politischen Freunde vornahmen, nicht mitmachte.[100] Für sie war die KPD der eigentliche Träger einer revolutionären Bewegung bzw. der Abwehr der faschistischen Gefahr, nur daß die deutschen KP-Führer, »denen ihr Prestige wichtiger ist als das Interesse der Arbeiterklasse«, und die Komintern durch ihre Haltung alle Möglichkeiten zunichte machten, wie sie im Juni und September 1932 dem Schweizer Kommunisten Fritz Brupbacher schrieb. Statt der Parole der Einheitsfront gegen den Faschismus würde die KPD mit nationalistischen Flugblättern sich der Nazi-Propaganda annähern. »So glaubt man, den Nationalsozialisten das Wasser abzugraben, erreicht aber nur, daß die Grenzen verwischt werden und ein dauerndes Hinüberwechseln stattfindet. Moskau gibt zu jedem Unsinn seinen Segen, wenn nur seine Kreise nicht gestört werden.«[101]Und noch bitterer schildert sie die Situation in Deutschland im September 1932: »Die letzten Monate waren für uns unerträglich, insbesondere wegen des völligen Versagens der K.P. in einer Situation, die vielleicht für lange Jahre ausschlaggebend sein wird. Daß heute nur die Frage steht Papen oder Hitler, und eine dritte Möglichkeit gar nicht erwogen wird, – ist das nicht ein Beweis für die vollständige Ohnmacht der deutschen Arbeiterklasse?... Mit beneidenswerter Leichtfertigkeit pflegen unsere ›großen Führer‹ die objektiven Verhältnisse für alles verantwortlich zu machen.«[102] Bemerkenswert ist auch ihre Einschätzung der KPD- und SPD-Politik in einem Brief vom 23. Februar 1933 angesichts der Übernahme der Regierungsgewalt durch die Nationalsozialisten: »Bei uns hier sieht es fürchterlich aus. Aus den Zeitungen wissen Sie natürlich, welch freches Terrorregime die Nationalsozialisten aufgerichtet haben, die Arbeiterklasse aber schweigt. Die Sozialdemokraten behaupten, es sei für sie noch kein Anlaß gegeben, etwas zu unternehmen, da ja die Verfassung noch nicht angetastet sei! So können die Nazis im Namen der ›Verfassung‹ täglich Hunderte von Proletariern morden. Und die Kommunistische Partei? Sie ist nicht vorhanden! Jetzt rächen sich die Fehler der vergangenen Jahre, die Partei, die 6 Millionen Stimmen bei den letzten Wahlen bekommen hat, ist nicht fähig, die geringste Aktion zu entfesseln. Ihrem Aufruf zum Generalstreik ist niemand gefolgt. Nach dem 5. März werden wir hier die offene faschistische Diktatur haben, und es besteht wenig Hoffnung, daß eine Abwehraktion der Arbeiter auch dann zustande kommt.«[103] In einem Brief an F. Brupbacher vom Dezember 1931 hatte sie diese Entwicklung schon vorausgesehen. Zynisch meinte sie zu jener Zeit, daß sie den Ausbruch einer Revolution in Deutschland nicht so schnell melden könnte. »Zunächst werde ich wohl die Auswirkungen des faschistischen Regimes schildern müssen, vorausgesetzt, daß ich noch dazu imstande sein werde. Die Lage wird bei uns immer bedrohlicher, die Nationalisten [sic!] sprechen offen von ihren Absichten, aber nirgends sieht man Vorbereitungen zu ihrer Abwehr. Auch nicht bei den Kommunisten, die sich wie immer auf ultralinke Phrasen beschränken und jede Aktion fürchten – aus Angst, den Fünfjahresplan zu gefährden.«[104] Da F. Jezierska wohl nicht öffentlich in der KP(O) in Erscheinung getreten war, entging sie nach dem 30. Januar 1933 der ersten nationalsozialistischen Verfolgungswelle. Sie stürzte sich in die politisch-karitative Arbeit und engagierte sich in der »Internationalen Hilfevereinigung«, einer für die Mitglieder der KP(O) sowie anderer linksradikaler Parteien und Gruppen gegründeten Unterstützungsorganisation, die angesichts der faschistischen Verfolgungen besonders wichtig geworden war, zumal die »Internationale Rote Hilfe« sich für außerhalb der KPD stehende Personen als nicht zuständig erklärte.[105] Dadurch mag sie doch die Aufmerksamkeit der Nazis geweckt haben. Jedenfalls meldete sie sich Anfang August 1933 bei der Familie Brupbacher mit einer Postkarte aus der Schweiz, und zwar aus der Gegend von Lugano, wo sie sich – möglicherweise aus gesundheitlichen Gründen – schon einige Zeit aufgehalten hatte. Sie wollte »in 8–10 Tagen« ihre Reise fortsetzen » – nach Paris«. Und vorher wollte sie noch versuchen, in Zürich Brupbachers anzutreffen.[106] Am 16. September 1933 meldete sie sich aus der französischen Hauptstadt und erhoffte sich einen baldigen Besuch von Fritz Brupbacher und seiner Frau. »Sie schreiben mir vielleicht ein Kärtchen und geben mir ein Rendezvous, ich habe sehr viel Zeit und kann mich ganz nach Ihnen richten.«[107] Fanny Jezierska konnte sich vor dem faschistischen Terror in Deutschland in Sicherheit fühlen, aber die Schwierigkeiten und Nöte des Emigrantenlebens wurden sofort für sie fühlbar.   Die Jahre im Pariser Exil (1933–1940) Ihre Lebensbedingungen als Emigrantin waren schwierig, wie sie Anfang Januar 1934 ihrer langjährigen, nunmehr in England lebenden Freundin Lisa Price, die sie 1918 bei ihrer Arbeit in der Russischen Botschaft in Berlin kennen gelernt hatte, schilderte: »Meine Arbeitserlaubnis habe ich immer noch nicht, und eine kleine Arbeit, die ich ohne Erlaubnis mache und die mir wenigstens soviel einbrachte, wie mein Zimmer kostet, geht auch bald zu Ende. Trotz allem geht es mir noch besser als Tausenden deutscher Emigranten, die in Kasernen interniert, ein Hungerdasein fristen. Sehr viele dagegen wohnen in den besten Hotels und nennen sich auch Flüchtlinge. Das ist es, was die Franzosen – mit Recht – erbost.« Gegenüber Philips Price, dem Mann von Lisa Price, einem Politiker der Labour Party, beklagte sich F. Jezierska über die englische Politik gegenüber Hitler: »Jede Konzession, die man heute an Deutschland macht, wird sich an ganz Europa rächen. Eine Gangsterbande hat sich [in Deutschland] des Landes bemächtigt – und wird so schonend behandelt wie keine [deutsche] Regierung zuvor. Man verliert wirklich den Glauben an die ganze Menschheit. Die [englische] Politik ist auch darum so kurzsichtig, weil ja schließlich die Aufrüstung in Deutschland nicht nur Frankreich, Rußland, Polen, sondern auch England selber bedrohen wird. Wenn die englische Regierung wollte, könnte sie so vieles verhindern. Aber mir scheint, die Leute, vor allem die Labour Party, sind mit Blindheit geschlagen.«[108] Als die Labour Party fast zwei Jahre später auf ihrem Parteitag im Herbst 1935 einen Beschluß faßte, sich für die Verhängung von Sanktionen gegenüber Deutschland einzusetzen, falls die Hitler-Regierung mit aggressiven Maßnahmen gegen die Nachbarländer vorgehen sollte, begrüßte die Emigrantin – durch Heirat unterdessen unter dem Namen Thomas-Jezierska – in ihrem Brief vom 9. Oktober 1935 natürlich diese Haltung, bemerkte aber etwas skeptisch: »...hoffentlich bleibt die Partei bei dieser Politik, auch wenn es nicht direkt um Englands Interessen geht, wenn z.B. Hitler Österreich kapert oder Memel.«[109] Standen in ihrem Schreiben vom Januar 1934 noch die Verfolgungsmaßnahmen in Deutschland gegen alle Gegner der Nationalsozialisten im Mittelpunkt, so berichtete sie im Oktober 1935 ihrer englischen Freundin von der massiven Drangsalierung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und den Überlegungen ihrer davon betroffenen, noch in Berlin lebenden Schwester, Dr. med. Sophie Riesenfeld-Jezierski, mit ihrer Familie auszuwandern. »Meine Schwester möchte brennend gern aus Deutschland heraus, aber ihr Mann [ebenfalls Arzt][110] kann sich absolut nicht entschließen. Es ist schwer, wenn man sich ein Haus und eine Praxis erarbeitet hat, alles da zu lassen und mit kleinen Kindern und ein paar Mark in der Tasche ins Ungewisse zu gehen. Wie mich diese Gedanken und Vorstellungen peinigen, das kann ich Ihnen kaum schildern. Am Tage bin ich abgelenkt durch die tausend Dinge, aber nachts kann ich nicht schlafen, weil ich mein Gehirn zermartere im Suchen nach einem Ausweg. Weiß ich doch am besten durch meine Arbeit, was heute Emigration bedeutet: nirgends geduldet, keine Hilfe, kein Land, das einem Aufenthalts- oder gar Arbeitserlaubnis gibt. Hier werden die Emigranten nach wie vor in Massen ausgewiesen, und wir, unser Komitee, werden [im Original: wird] immer ratloser.« [111] F. Thomas-Jezierska arbeitete – zumindest 1935 – in einer Hilfseinrichtung für deutsche Emigranten, dem zwischen November 1933 und Juni 1936 bestehenden »Comité allemand« (offizielle Bezeichnung: Deutsche Kommission) in Paris, 8, rue Chambiges, 8. Arrondissement. Im Vorstand dieser Organisation wirkte u. a. der Sozialdemokrat Hugo Simon mit, dessen politischen und persönlichen Freundeskreis in Berlin auch F. Jezierska in den Jahren vor und nach 1914 angehört hatte. Ob sie als ehrenamtliche oder bezahlte Kraft tätig war und von welcher Zeitdauer ihre Mitarbeit war, ist aus ihren erhalten gebliebenen Briefen nicht ersichtlich. Jedenfalls wird in späteren Briefen das »Comité allemand« nicht mehr erwähnt.[112] Ihr eigener formaler Status hatte sich unterdessen wesentlich gebessert, da sie – spätestens Mitte 1935 – durch Heirat die französische Staatsangehörigkeit erlangt hatte und nunmehr Fanny Thomas-Jezierska hieß.[113] Zwar gab sie in allen späteren Schreiben immer diesen Namen an, aber weder in ihren eigenen noch in den an sie gerichteten Briefen wurde jemals ihr Mann erwähnt. Offensichtlich handelte es sich um eine Scheinheirat zur Erlangung des französischen Passes. Im Januar 1934 hatte sie eine Einladung von Lisa Price zu einem Erholungsaufenthalt auf das Landgut des britischen Journalisten Philips Price in England noch ablehnen müssen, da sie befürchtete, nicht mehr nach Frankreich zurückgelassen zu werden. Jetzt konnte sie mit dem französischen Paß je zweimal nach England und in die Schweiz sowie einmal 1937 nach Deutschland reisen. Ihre Deutschlandbesuche mögen mehreren Zielsetzungen gedient haben: Zum einen wollte sie ihrer Schwester und deren Familie bei der Ausreise helfen, zum anderen den in die Schweiz emigrierten Georg Ledebour, mit dem sie zwischen 1935 und 1940 korrespondierte,[114] bei der Rettung seines Nachlasses und seiner Bibliothek unterstützen und schließlich für ihre Pariser Freunde von der KP(O) und SAP auf konspirativem Wege Nachrichten mit den in Deutschland verbliebenen Genossen austauschen. Von ihren langjährigen politisch-persönlichen Freunden waren Paul Frölich, Rosi Wolfstein, Kostia Zetkin und Jacob Walcher in Paris. »Von der alten Gruppe [KP(O)] – Brandler und Thalheimer.«[115] Offensichtlich stand sie noch mit allen genannten Personen in Verbindung, obwohl diese zum Teil miteinander zerstritten waren. Eine damals wahrscheinlich noch mögliche Emigration nach England mit Hilfe von Lisa Price kam für F. Jezierska wegen der fehlenden englischen Sprachkenntnisse nicht in Frage, während ihre Französischkenntnisse – mit etwas zusätzlichem Lernen – offensichtlich für ein Leben in Paris ausreichend waren. Wichtig für sie war natürlich die Anwesenheit ihrer politischen Freunde in Paris, von den Deutschen bis zu den Italienern. Wie stark negativ sich die parteipolitischen Gegensätze im linken Lager auf die persönlichen Freundschaften auswirkten, verdeutlicht eine Episode mit Hermann Duncker, der bei der KPD verblieben war und nach Aufenthalt im nationalsozialistischen Konzentrationslager ebenfalls nach Frankreich emigrieren konnte. Duncker schien F. Thomas-Jezierska bei mehrfachen Begegnungen in den Straßen von Paris bewußt zu ignorieren, weil sie Ende der 1920er Jahre ins Lager der kommunistischen Opposition übergegangen war. Jedenfalls vermutete sie das, als sie im Mai 1939 an die in die USA emigrierte Käte Duncker schrieb. Erst fast ein Jahr später, im April 1940, unter dem Eindruck eines schweren Schicksalsschlages – sein Sohn Karl Duncker hatte in den USA Selbstmord verübt – besuchte Hermann Duncker die alte Freundin der Familie und erzählte von seinen Erlebnissen und dem Ergehen seiner Familienangehörigen. Doch F. Thomas-Jezierska konnte nunmehr diesen wieder angeknüpften Kontakt nicht pflegen, da sie einen Monat zuvor eine neue, sehr anstrengende Arbeit in einer Fabrik für Radioteile aufgenommen hatte. Über die politischen Aktivitäten F. Thomas-Jezierskas in Paris geht aus ihren Briefen und den an sie gerichteten Schreiben fast nichts hervor. In einer ihrer unterdessen in Archiven lagernden Briefsammlungen existiert ein Schreiben der Jugendorganisation der SAP, des S.J.V.D., an die Jugendorganisation der KP(O), KJ(O), vom 17. März 1936 mit der Unterschrift von Willy Brandt, zu jener Zeit »Leiter des SAP-Büros und der SJV-Zentrale in Oslo«[116]. Hierin begrüßte die Führung der S.J.V.D. die Bereitschaft des Aktionskomitees der KJ(O), sich der Einheitsfront von SAP- und KPD-Jugend anschließen zu wollen. Einzelheiten sollten noch mitgeteilt, direkte Verbindungen zwischen den Auslandvertretungen von S.V.J.D. und KJ(O) schon aufgenommen und Materialien der SAPJugendorganisation an die KJ(O) gesandt werden.[117] Offensichtlich hat F. Thomas-Jezierska wieder als eine Art Verbindungsfrau agiert. Diese Aufgabe übte sie konkret aus, als Bucharin im April 1936 zu einem letzten, kurzen Aufenthalt in Paris weilte, um auf einer Veranstaltung der »Association pour l’étude de la culture soviétique« einen öffentlichen Vortrag zu halten.[118]Über F. Thomas-Jezierska und ihre politischen Freunde Brandler und Thalheimer ließ Bucharin dem 1929 aus der Komintern und der PCI ausgeschlossenen und im französischen Exil lebenden Angelo Tasca ausrichten, daß er dessen Ausscheiden – wohl auch das der anderen früheren KPD-Genossen – sehr bedauere. »Dieser Beitrag von kompetenter Seite kam aber zu spät.«[119] Wahrscheinlich hätte bei dieser Gelegenheit für F. Thomas-Jezierska noch einmal wie 1930[120] eine Rückkehrmöglichkeit zur KPD und zur Komintern und damit wieder eine bessere Chance für eine politische Betätigung und eine solidere materielle Existenz bestanden. Doch für sie kam die Aufgabe ihrer Grundsätze nicht in Frage. Wie bereits erwähnt, war sie 1932 nicht wie ihre politisch-persönlichen Freunde von der KP(O) zur SAP übergegangen und parteilos geblieben. Allerdings berichtet 1967 ihre Freundin Rose Frölich (damals in Paris noch Rosi Wolfstein), daß F. Jezierska Mitglied in der SAP gewesen sei. Möglicherweise ist F. JezierskaThomas in Paris doch noch Mitglied der SAP geworden.[121] Neben den Verbindungen zu ihren nach Paris emigrierten alten Freunden aus der PCI, der KP(O) und SAP unterhielt sie auch Kontakte zu Vertretern, der Sozialistischen ArbeiterInternationale,[122] sowie zu den bekannten SPD-Politikern Rudolf Breitscheid und – insbesondere – zu Rudolf Hilferding.[123] Soweit ihre Erwerbstätigkeit und ihr Gesundheitszustand ihr dazu die Möglichkeiten ließen, war sie voll in die linke Pariser Emigrantenszene eingebunden und pflegte auf Grund ihrer menschlichen Haltung Kontakte zu Personen aus unterschiedlichen Gruppen. Bis – möglicherweise – auf die ersten zwei Exiljahre in Paris mußte F. ThomasJezierska einer Tätigkeit als Fabrikarbeiterin nachgehen, was ihr wegen ihres angegriffenen Gesundheitszustandes sehr schwer fiel. »...ich quäle mich sehr, lasse mich aber nicht unterkriegen.«[124] Es gelang ihr, 1935 und 1939 Erholungsaufenthalte auf dem Landsitz ihrer alten Freunde Lisa und Philips Price in England und zweimal in der Schweiz (einmal davon im Sommer 1937) bei Freunden in Lugano mit Abstechern nach Zürich – möglicherweise zu den Brupbachers – und nach Bern zu Minna und Georg Ledebour anzutreten. Die betreffenden Freunde – außer den wenig begüterten Ledebours – hatten wohl auch die Reisekosten getragen. Ihre schlechte Lage, »mittellose Emigrantin und krank«, wie Georg Ledebour ihre Situation beschrieb, machte sie teilweise von der Unterstützung ihrer wohlhabenden Bekannten abhängig. Willi Münzenberg in Paris mit seinen vielfältigen Verbindungen in der Exilantenszene wollte sich Anfang 1939 auf Bitten Ledebours um eine Möglichkeit für eine Bürotätigkeit F. ThomasJezierskas bemühen, wohl ohne Erfolg, da sie im März 1940 wieder eine Arbeit in einer Pariser Fabrik für die Herstellung von Radioteilen aufnahm.[125] Aus Geldnot mußte sie 1938 in Paris einen kleinen Teil ihrer Sammlung von Briefen prominenter Sozialisten wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Franz Mehring u.a. an den Vertreter des IISG Amsterdam in Paris, den russischen Menschewiken Boris I. Nicolaevsky, verkaufen.[126] Bei ihrer Abreise in die USA blieb ein weiterer größerer Teil dieser Materialsammlung bei ihrem alten Freund aus italienischen Zeiten Angelo Tasca – unterdessen mit dem Pseudonym Rossi – in Frankreich zur Aufbewahrung.[127] Der größte Teil dieser Schriftstücke muß ihr 1944 oder 1945 in die USA nachgeschickt worden sein und wurde von ihr an Kostia Zetkin, der sie in Kalifornien besuchte, weitergegeben. Dieser (oder nach seinem Tode seine Witwe) hat sie Elzbieta Ettinger, der Luxemburg-Biographin überreicht, von der später diese Materialien auf Vermittlung von Brigitte Seebacher-Brandt vom AsD in Bonn erworben werden konnten. Ein anderer Teil muß in Frankreich geblieben sein und wurde dort 1967 von der Hoover Institution angekauft.[128] Im Mai 1939 kündigte F. Thomas-Jezierska gegenüber der bereits in den USA lebenden Käte Duncker ihre Absicht an, wie die Familie ihrer Schwester in die USA nach Kalifornien auszureisen. Aber sie mußte noch warten, weil wegen ihres Geburtsortes in Polen ihre Einwanderung in die USA im Rahmen der polnischen Quote erfolgen würde. Ein Jahr später meldete sie sich erneut bei ihrer Freundin K. Duncker, und zwar immer noch aus Paris.[129] Doch vor oder nach der Einnahme von Paris durch die deutschen Truppen am 14. Juni 1940 muß F. Thomas-Jezierska nach Südfrankreich geflohen sein. Denn sie berichtete später gegenüber Nicolaevsky von langen Gesprächen mit Hilferding in Marseille, als dieser in der Zeit von Anfang Juli bis Mitte September 1940 – vergeblich – zusammen mit Breitscheid auf seine Ausreise wartete. Die Abreise von F. ThomasJezierska aus Frankreich in Richtung USA muß im Laufe der ersten Hälfte des Jahres 1941 erfolgt sein. Am 9. Juni 1941 traf sie in New York ein.[130] Exil in Kalifornien (1941–1945) Bereits einen Tag nach ihrer Ankunft in New York schrieb F. Thomas-Jezierska an den unterdessen dort wohnenden und ihr aus dem Pariser Exil wohl bekannten Boris I. Nicolaevsky und bat ihn um einen Gesprächstermin und um Adressen von weiteren in New York lebenden Emigranten wie Rose Hilferding, der sie Handschriften ihres Mannes Rudolf aus Frankreich mitgebracht hatte.[131] Mit Nicolaevsky blieb sie bis Anfang 1943 in brieflicher Verbindung und war für diesen eine interessante Zeitzeugin aus dem Kominternapparat für die Jahre 1924 bis 1928. Im Juli 1941 traf F. Thomas-Jezierska in Los Angeles [L.A.] ein und wohnte bei der Familie ihrer Schwester. Sie war begeistert von der Stadt, und, was für ihre Gesundheit besonders wichtig war, »das Klima [ist] herrlich«. Es stellten sich viele schon länger in Kalifornien lebende Verwandte der Familie ein, die nur englisch sprachen. Das war ein zusätzlicher Ansporn zum Erwerb der ihr bisher nicht geläufigen englischen Sprache. »Ich lerne mit aller Energie Englisch, um bald Arbeit suchen zu können.«[132] Ende August 1941 konnte sie schon fließend englisch lesen und verstehen, aber nicht sprechen. Sie, die 20 Jahre zuvor als 34jährige noch die italienische Sprache neu erlernt hatte, konnte sich nunmehr einfach nicht die englische Aussprache aneignen. Ein fließendes Sprechen der englischen Sprache war aber fast immer Voraussetzung für eine Einstellung. Das größte Hindernis für eine Beschäftigung F. Jezierska-Thomas’ in den vielen amerikanischen Rüstungsbetrieben, für die sie als Ingenieurin für Elektro- und Radiotechnik prädestiniert gewesen wäre, bestand in den für den Raum von Los Angeles geltenden behördlichen Restriktionen für alle Ausländer – auch für sie als Französin –, die deren Einstellung verboten. Bei einem Wechsel nach San Francisco oder New York hätte sie zwar größere Chancen auf einen besseren, ihren Qualifikationen angemessenen Arbeitsplatz gehabt, aber es wäre dort schwieriger gewesen, eine preiswerte Wohnung zu mieten.[133] Letztendlich scheint aber der Rückhalt in der Familie ihrer Schwester – trotz fehlender weltanschaulicher Gemeinsamkeiten – den Ausschlag für ein Verbleiben in L.A. gegeben zu haben. So trat sie Ende März 1942 eine schlecht bezahlte, äußerst anstrengende Stellung als Hilfspflegerin mit zehnstündiger Arbeitszeit pro Tag in einer Lungenheilanstalt in Duarte in der weiteren Umgebung von L.A. an. Lediglich zweimal im Monat konnte sie zur Familie ihrer Schwester nach L.A. fahren. Im November 1942 gab sie die Stellung im Krankenhaus auf, wobei das antisemitische Auftreten einiger nichtjüdischer amerikanischer Krankenschwestern zu diesem Entschluß beigetragen hatte. Nach einer mehrwöchigen Erholungspause mit Fortbildungsmaßnahmen erhoffte sie sich eine qualifiziertere Stellung. Doch konnte sie wegen der noch immer restriktiven Bestimmungen für die Beschäftigung von Ausländern im Raum Los Angeles nur eine einfache, wieder körperlich sehr anstrengende Arbeit in einer von ihrer Wohnung weit entfernten Fabrik mit einer SechsTage-Woche aufnehmen. Und die schlechten Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln brachten eine erhebliche Verlängerung des Arbeitstages mit sich.[134] Durch die zeitliche und physische Belastung war sie meist so erschöpft und ausgelaugt, daß sie in all diesen Jahren ihres amerikanischen Exils Mühe hatte, die Briefe ihrer ebenfalls in die USA emigrierten alten Freunde Käte und Hermann Duncker, Paul Frölich, Rosi Wolfstein und Kostia Zetkin in angemessener Zeit und mit einigen politischen Inhalten zu beantworten. Denn sie liebte und brauchte diesen politischen Gedankenaustausch mit Freunden, wie ihre Korrespondenzen aus den vorangegangenen Jahren mit Fritz Brupbacher und Georg Ledebour zeigen. Da sie selbst nur unregelmäßig auf Briefe antwortete, trafen die von ihr so heiß ersehnten Nachrichten von Freunden und Bekannten nur spärlich ein. Diesen Grund erkannte sie mit ihrem Realitätssinn selbst, konnte aber wegen der schlechten Arbeitsbedingungen nichts ändern. Nur die ebenfalls in den USA lebende Frau des Menschenrechtlers und Mathematikers Emil Gumbel, den sie wahrscheinlich seit dem Ersten Weltkrieg aus dem Kreis der Linkspazifisten um den Bund »Neues Vaterland« und weiter aus den Pariser Exiljahren kannte, schrieb ihr regelmäßig jeden Monat, unabhängig davon, wie oft F. ThomasJezierska sich äußerte. Direkte Gespräche mit sozialistischen Freunden gab es für sie ab 1942 gar nicht mehr. Denn ihre noch 1941 in L.A. lebenden Bekannten, die Emigranten Felix Kautsky, ein Sohn Karl Kautskys, und Elias Laub, der frühere sozialistische Berliner Verlagskaufmann, mit denen sie in den Monaten nach ihrer Ankunft Kontakt gehabt hatte, zogen in weit entfernte Städte. Die Familie ihrer Schwester war wenig politisch interessiert, hatte – im Gegensatz zu F. Thomas-Jezierska – eine stark religiöse Einstellung und verbrachte viel Zeit in der Synagoge. In dieser Lage fühlte sich F. Thomas-Jezierska vollständig vereinsamt und nutzlos. Hatte sie im Pariser Exil noch einige Möglichkeiten zur politischen Arbeit, so reduzierte sich ihr Leben in L.A., wie sie selbst bitter vermerkte, weitgehend auf den bloßen materiellen Lebenserhalt. Dabei vergaß sie nicht die schreckliche Lage ihrer jüdischen Verwandten in Polen, über die sie keine Nachrichten hatte: »Alle diese Sorgen sind zwar quälend für mich, aber sie zählen kaum, wenn man an das Furchtbare denkt, das heute in der Welt mit unseresgleichen [den Juden] geschieht. Es ist ja schließlich nur ein Zufall, daß ich hier bin und nicht in Polen, wo heute jedem [jüdischen] Menschen der Schlachthof droht. Ich habe dort – vielleicht noch – einen Teil meiner Familie, und der Gedanke an sie und an ihre vielen, vielen Leidensgenossen gibt mich keinen Augenblick frei. Ich bin wie besessen von diesem Gedanken.« [135] Lichtblicke waren Briefe der Freunde und ab Ende 1942 die Entwicklung der Kriegslage zugunsten der Alliierten. »Das einzig Erfreuliche in dieser gottverlassenen Zeit sind die russischen Siege.« Gleichzeitig hatte sie, wie sie Käte Duncker mitteilte, Sorge, daß der Stalin-Kult verstärkt werden würde, »und diesmal sogar mit einiger Berechtigung«. Schmerzhaft war für sie, daß keine Nachrichten über die politischen Gefangenen in Rußland vorlagen. »Sollte das alles wirklich bedeuten, daß trotz den Siegen drüben alles beim Alten bleibt? Das wäre zu enttäuschend.«[136] Doch als Nicolaevsky, einer ihrer wichtigen Briefpartner dieser Jahre, zu den Siegen der russischen Armee kritisch anmerkte, daß diese militärischen Erfolge einer Verbreitung des Stalinschen Sklaverei-Systems dienten, entgegnete sie im Januar 1943: »Sie kennen mein Verhältnis zur Politik der UdSSR. Es hat sich kein Jota verändert. Die Rote Armee kämpft jetzt so heroisch, daß es mir unmöglich erscheint, sie in irgendeiner Weise anzugreifen. Aber eine Polemik gegen Stalin in diesem Augenblick würde einer Polemik gegen die Rote Armee gleichkommen. Ich bin mir dessen ganz sicher, was ein vollständiger Sieg der UdSSR bedeuten wird, und wünsche ihn trotzdem von ganzem Herzen, ersehne ihn, da der Sieg über Hitler notwendig ist, und ohne ihn würde es schwer sein zu atmen.«[137] F. Jezierska hatte schon zehn Jahre zuvor im Februar 1932 gegenüber ihrem italienischen Genossen Tasca deutlich gemacht, daß nach ihrer Auffassung nur die kommunistische Bewegung eine neue Gesellschaft schaffen könnte.[138]Gleichzeitig lehnte sie ein Unterdrückungssystem wie das unter Stalin entschieden ab. Um so entsetzter war sie, als im März 1943 Nachrichten aus Rußland über die Beseitigung von kommunistischen Kritikern zu ihr nach Kalifornien drangen. »Sollte sich wirklich nichts dort geändert haben, und geht der Kurs von 1936/38 weiter? Was haben wir [die nichtstalinistischen Kommunisten] dann von der Zukunft zu hoffen? Was den Krieg anbelangt, so kann man vielleicht optimistisch sein, aber für uns scheint die Zukunft so düster auszusehen wie je.«[139] Das war ihre letzte bekannt gewordene politische Äußerung. Seit ihrer Jugendzeit hatte sie sich für eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaft eingesetzt. Jetzt, im Alter von 56 Jahren, mußte sie erleben, daß der einzige Staat, der in die von ihr herbeigesehnte Entwicklung zu gehen schien, erneut die Richtung zur massiven Unterdrückung der politisch Andersdenkenden einschlug. Diese schwere Enttäuschung mußte sie in den letzten anderthalb Lebensjahren ertragen. Obwohl es ihr auf Grund ihres erschöpften Zustandes manchmal große Mühe bereitete, beantwortete F. Thomas-Jezierska gern die Fragen Nicolaevskys zu Interna im Kominternapparat, soweit es ihrem tatsächlichen Erfahrungsstand aus ihrer Tätigkeit während der Jahre 1924 bis 1928 in Moskau entsprach. Ihr Briefwechsel mit Nicolaevsky hatte für sie einen besonderen Wert, weil er auf russisch geführt wurde, wobei sie sehr variationsreich mit »Fanni Toma-Ezierskaja«, »Fanni Ezierskaja«, »Fanni Toma«, »F. Toma« oder »F.T.« unterschrieb. Ihre Aussagen zur Entstehung der Differenzen zwischen Bucharin und Stalin, zu dem Wirken des deutschen Kommunisten Heinz Neumann in China und seine damalige Unterstützung durch Stalin sowie Mitteilungen über weitere KominternFührer wie Manuilski u.a. sind bisher wissenschaftlich überhaupt nicht genutzt worden und müßten von spezialisierten Historikern daraufhin überprüft werden, ob – wenn auch wahrscheinlich nur in kleinem Ausmaße – neue Aspekte zur Komintern-Geschichte enthalten sind. Die letzten erhalten gebliebenen Briefe F. Thomas-Jezierskas stammen vom 10. Januar 1943 (an Nicolaevsky) und vom 14. März 1943 (an Käte und Hermann Duncker). Beklagte sie sich gegenüber Nicolaevsky noch über ihre lange, ermüdende Arbeit in der Fabrik, so teilte sie den Dunckers voller Freude mit, daß sie eine nette, wenn auch schlecht bezahlte Arbeitsstelle in L.A., offenbar in einem kleinen Büro einer Wohltätigkeitsorganisation, bekommen hatte und versuche, das Geld für eine Reise nach New York und zu all ihren im Lande verstreuten Freunden zusammenzubekommen.[140] Endlich hatte sie wieder eine Aufgabe politisch-sozialen Charakters, mit der sie sich identifizieren konnte, und ähnlich gesinnte Kolleginnen und Kollegen gefunden. Wie lange diese neue Tätigkeit von ihr wahrgenommen werden konnte, ist nicht bekannt. Denn über die folgenden Lebensmonate liegen keinerlei Informationen vor. Am 22. November 1945 soll Fanny Thomas-Jezierska in den USA verstorben sein, wie ihre Freundin Rose Frölich (vormals Rosi Wolfstein) 1967 schriftlich gegenüber dem IISG Amsterdam angegeben hat. In der Sammlung Karl Liebknecht (Robert Liebknecht) im IISG, Amsterdam befinden sich sechs persönliche Briefe Karl Liebknechts – Liebesbriefe – an Fanny Jezierska aus dem Jahre 1910. Auf einem dazugehörigen Briefumschlag hat »R. .L.« (Robert Liebknecht, Karl Liebknechts Sohn) vermerkt: »Diese Briefe wurden mir [1960?] von Kostja Zetkin übergeben, der Fanni Jezierska in Amerika bei ihrer Krankheit pflegte und ihrer Agonie u[nd ihrem] Tod beiwohnte.«[141] [1] Rosa Luxemburg, Gesammelte Briefe, Bd. 5, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Leitung der Redaktion: Annelies Laschitza und Günter Radczun. Berlin-Ost 1984 (im folgenden: R. Luxemburg, Ges. Briefe, 5), S. 34, 58, 77, 81, 84, 109, 110, 352, 387, 411 (S. 116, unklar, ob mit Frl. J. auch F. Jezierska gemeint ist). Karl Liebknecht, Gesammelte Reden und Schriften, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus, Bd. VIII, August 1914 bis April 1916, Berlin [Ost] 1966 (im folgenden: Liebknecht, Ges. Reden u. Schriften, VIII), S. 332 f. Ünlüdag, Tania: »Die Tragödie einer Kämpferin für die Arbeiterbewegung«? – Clara Zetkin 1928–1931. Eine ausgewählte Dokumentation, in: IWK – Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (im folgenden: IWK), Jg. 33 (1997), H. 3, S. 313–360 (im folgenden: Ünlüdag, Die Tragödie), hier: S. 348–353. [2] Für die folgenden Bände von Lenins Werken ist F. Jezierska als eine der beiden Übersetzer angegeben: Lenin, W. I.: Die Periode der »Iskra«, 1900–1902, Erster Halbband. Wien/Berlin 1928 (Sämtliche Werke, Bd. IV); ders.: Die Periode der »Iskra«, 1900–1902, Zweiter Halbband, Wien/ Berlin 1929 (Sämtliche Werke, Bd. IV/2). In der »Internationalen Presse-Korrespondenz«, Jg.7 (1927) erscheint ihr Name als Verfasserin einiger Artikel (siehe unten, S. 302). [3] Ünlüdag, Die Tragödie, S. 348–353, Zitat: S. 351. [4] Maschinenschriftliches Manuskript »Seidenraupen« von Hugo Simon, in: Archiv der Hamburger Arbeitsstelle für Exilliteratur, Universität Hamburg (im folgenden: Simon, Seidenraupen), S. 1133. Es ist bemerkenswert, daß Simon der Beschreibung F. Jezierskas (wie auch der russischen Emigranten Alexandra Kollontai und Alexander Stein) einen ähnlich breiten Raum einräumt wie der von prominenten Zeitgenossen wie Karl Kautsky, Karl Liebknecht, Eduard Fuchs, Rudolf Hilferding, Rudolf Breitscheid, Leo Kestenberg, Paul Cassirer, Harry Graf Keßler u.a. [5] I primi dieci anni di vita del Partito Communista Italiano. Documenti inedeti del’Archivio Angelo Tasca, curati e presenti du Giuseppe Berti, in: Annali [Feltrinelli Editore Milano], 8. Jg. (1966) (im folgenden: Annali, 1966), S. 260 (Zwischentext von G. Berti). Für die Übersetzungen aus dem Italienischen danke ich Dott.ssa Carla Migliorati, Rom, und Dr. Gernot Wapler, Berlin. Dank für den Hinweis auf die Materialien betreffend die Tätigkeit F. Jezierskas in Italien an Wilfried Dubois, Frankfurt/Main.   [6] Die folgenden persönlichen und politischen Lebensdaten – soweit nicht anders angegeben – aus: – Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin, R 522, Europa Generalia 82, Nr. 20, die Sozialdemokratie in Rußland, Bd.1, März 1915 bis Oktober 1919, unp., Antwort des Polizeipräsidiums Charlottenburg vom 1. 8. 1916 auf eine Anfrage des Auswärtigen Amtes vom 31. 7. 1916 (dort das Geburtsdatum 28. 9. 1887 nach dem damals im russischen Bereich verwendeten Julianischen Kalender). –                Russisches Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte, Moskau (im folgenden nach der russischenAbkürzung: RGASPI), fonds 495, opis 205, dello 9963 [im folgenden abgekürzt: f., op., d.], Bl. 1 (Karteikarte der R.K.P.[B]), Bl. 5, 6 (Kaderakte der Komintern). Für die Übersetzung danke ich Alexander Petrusevic, Moskau. –                Internationales Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam (im folgenden: IISG, Amsterdam),archivinterne Kurzbiographie nach schriftlich am 21. 5. 1967 gemachten Angaben von Rose Frölich (Freundin von F. Jezierska), diese Kurzbiographie noch weiter verkürzt wiedergegeben in: Jaap Haag and Arie van der Horst (Hg.), Guide to the International Archives and Collections at the IISH, Amsterdam, Amsterdam 1999, S. 113. [7] Tych, Feliks/Luban, Ottokar: Die Spartakusführung zur Politik der Bolschewiki. Ein Kassiber Leo Jogiches’ aus dem Gefängnis an Sophie Liebknecht vom 7. 9. 1918, in: IWK, Jg. 33 (1997), H. 1, S. 99. [8] Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, BerlinLichterfelde [im folgenden: SAPMO-BArch], NY 4445/171, Bl. 97, Brief F. Jezierskas an Hermann Duncker, 2. 8. 1916. Ihre Schwester Sophie, die Ärztin wurde, pflegte in ihrer späteren Familie die religiösen jüdischen Gebräuche (siehe unten, S. 316f.). [9] SAPMO-BArch, NY 4445/261, Bl. 76, Brief Fanny Thomas-Jezierskas an Käte Duncker, 21. 8. 1941 (Erwähnung der Spezialisierung auf Radiotechnik). [10] Siehe Anm. 6, 1. Spiegelstrich. [11] Simon, Seidenraupern, S. 1127 f., 1133. [12] Abschriften der Briefe F. Jezierskas vom 27. 5. 1914 und 27. 4. 1914 im Namen des Hilfsvereins an Unbekannt (wahrscheinlich an eine Gewerkschaftsinstanz) wegen Druckschriftenzusendung, in: Landesarchiv Berlin, Ernst-Reuter-Archiv, Mikrofilm 170/7, 170/9. [13] Trotnow, Helmut: Karl Liebknecht und der »Deutsche Hilfsverein für die politischen Gefangenen und Verbannten Rußlands«, in: IWK, 12. Jg. (1976), H. 3, S. 353–368. Luban, Ottokar: Ergänzungen zum Aufsatz von Hanna Papanek, in: IWK, 30. Jg. (1994), H. 4, S. 659f. (Wissenschaftliche Mitteilungen). Gülzow, Erwin: Der Bund »Neues Vaterland«. Probleme der bürgerlich-pazifistischen Demokratie im ersten Weltkrieg (1914–1918), Diss., Humboldt Universität Berlin 1969. [14] Siehe Anm. 6: Angaben in der Kaderakte und bei Rose Frölich. [15] SAPMO-BArch, NY 4445/136, Bl. 181, NY 4445/137, Bl. 120, Briefe Herm. Dunckers an Käte Duncker, 28. 11. 1916, 14. 2. 1917; NY 4445/171, Bl. 98, 114, 120, Briefe F. Jezierskas an Herm. Duncker, 2. 8. 1916, 21. 4. 1917, 11. 8./15. 8. 1917. [16] SAPMO-BArch, NY 4445/155, Bl. 273, Brief Herm. Dunckers an Hedwig Duncker, 5. 6. 1918. [17] Luxemburg, Ges. Briefe, 5, S. 34, 58, 77, 81, 84, 109, 110, 352, 387, 411. [18] A.a.O., S. 58. [19] Luban, Ottokar: Mathilde Jacob – mehr als Rosa Luxemburgs Sekretärin! Mit dem Text von M. Jacobs einziger öffentlicher Rede (19. 12. 1920), in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2002/III, S. 110–128. [20] Luxemburg, Ges. Briefe, 5, S. 77, 81, Schreiben R. Luxemburgs an M. Jacob, 24. 9., 16. 10. 1915. [21] RGASPI, f. 528, op. 1, d. 1061, Bl. 165, Postkarte vom 14. 10. 1915. [22] Luxemburg, Ges. Briefe, 5, S. 411. [23] Siehe unten, S. 319f. [24] Liebknecht, Ges. Reden u. Schriften, VIII, S. 332 f., Zitat: S. 332, Brief K. Liebknechts an F. Jezierska, 18. 10. 1915. [25] SAPMO-BArch, NY 4445/132, Bl. 52, 50, 70; NY 4445/133, Bl. 1 f., 84, 217, 281; NY 4445/ 134, Bl. 89, 150; NY 4445/135, Bl. 63, 100; NY 4445/136, Bl. 19, 34, 53; NY 4445/137, Bl. 81, 120, 215; NY 4445/138, Bl. 71; NY 4445/139, Bl. 117, 175, 207; NY 4445/140, Bl.56; NY 4445/ 171, Bl. 97–99, 100–102, 106, 111–113, 114, 119, 120f.; NY 4445/236, Bl. 90. [26] SAPMO-Barch, NY 4445/136, Bl. 215, Brief Käte Dunckers an Herm. Duncker, 28. 12. 1916; NY 4445/171, Bl. 112, Brief F. Jezierskas an Herm. Duncker, 22. 1. 1917. [27] SAPMO-Barch, NY 4445/137, Bl. 215, Brief Käte Dunckers an Herm. Duncker, 13. 3. 1917 (Zitat); NY 4445/171, Bl. 98, 100, 111, 119, Briefe F. Jezierskas an Herm. Duncker, 2. 8.,1. 9. 1916 , 22. 1.,2.[?]8. 1917. [28] SAPMO-Barch, NY 4445/136, Bl. 53, Brief Käte Dunckers an Herm. Duncker, 19. 10. 1916.   [29] SAPMO-Barch, NY 4445/133, Bl. 282, Brief Käte Dunckers an Herm. Duncker, 16. 5. 1916. [30] SAPMO-BArch, NY 4445/132, Bl. 217, 234, Briefe Käte Dunckers an Herm. Duncker 30. 11., 8./9. 12. 1915. [31] SAPMO-BArch, NY 4445/155, Bl. 262, 267, Briefe Herm. Duncker an Hedwig Duncker, [32] . 5., 27. 5. 1918. [33] SAPMO-BArch, SgY 30/0297 (Erinnerungsbericht von Friedel Gräf), Bl. 43. [34] SAPMO-BArch, NY 4445/141, Bl. 159, 203, Briefe Käte Dunckers an Herm. Duncker, 19. 9. und (Zitat:) 29. 9. 1918. [35] IISG, Amsterdam, Kleine Sammlungen, Fanny Jezierska, unp., Eva Mehring bzw. F. Mehring an F. Jezierska, 8. 7. 1917 bzw. 29. 12. 1917. 35 A.a.O., unp., F. Mehring an F. Jezierska, 3. 1. 1918. [36] A.a.O., unp., F. Mehring an F. Jezierska, 29. 1. 1918, o. D.[Mai 1918]. AsD, Bonn, Kleine Erwerbungen, Sign 452 [Briefsammlung F. Jezierska], unp., F. Mehring an Clara Zetkin, 21. und 26. 5. 1918 mit einem Zettel, auf der die Bitte um Weiterleitung enthalten ist; der Text der Briefe wurde wahrscheinlich auf Seidenpapier abgeschrieben und eingerollt in der Bekleidung der Botin oder des Boten transportiert. [37] IISG, Amsterdam, Kleine Sammlungen, Fanny Jezierska, unp., Franz Mehring an F. Jezierska , 20. 8. 1917 und 3. 1. 1918. Hoover Institution on War, Revolution and Peace, Stanford Universitiy, Stanford, Kalifornien, USA (im folgenden: Hoover Institution), Collection Fanny Jezierska, unp., Eva Mehring (im Auftrage von F. Mehring) an F. Jezierska, 4. 7. 1918, o. D. [ca. 6.– 10. 7. 1918] mit Abschrift F. Mehring an Otto Rühle. Außerordentlichen Dank für die großherzige wiederholte Hilfe bei der Nutzung der Materialien der Hoover Institution schulde ich Mrs. Agnes F. Peterson, Curator (em.) sowie Mr. Ronald M. Bulatoff, Archival Specialist. [38] SAPMO-BArch, NY 4445/171, Bl. 111, 121, Briefe F. Jezierskas an Herm. Duncker, 22. 1. 1917, 11. 8. 1917. IISG, Amsterdam, Kleine Sammlungen, Fanny Jezierska, unp., Eva Mehring an F. Jezierska , 18. 4. 1918. [39] SAPMO-BArch, NY 4445/171, Bl. 99. [40] IISG, Amsterdam, archivinterne Kurzbiographie nach schriftlich am 21. 5. 1967 gemachten Angaben von R. Frölich (Freundin von F. Jezierska). In der Fanny Jezierska Collection der Hoover Institution (folder 67040-10.V, unp.) befindet sich ein Brief Einsteins an F. Jezierska vom 26. 10. 1932 mit der Ankündigung von getrennt abgesandten Manuskripten des Wissenschaftlers und der Ankündigung weiterer Schriften. Die Briefform läßt auf eine längere Bekanntschaft schließen (»Liebes Fräulein Jezierska!...Herzlich grüßt Sie Ihr A. Einstein.«). [41] IISG, Amsterdam, Kleine Sammlungen, Fanny Jezierska, unp., Eva Mehring (für F. Mehring) an F. Jezierska, 29. 1. 1918. [42] SAPMO-BArch, NY 4445/171, Bl. 114, Brief F. Jezierskas an Herm. Duncker, 21. 4. 1917. [43] A.a.O., Bl. 120, 121, Brief F. Jezierskas an Herm. Duncker, 11. 8. 1917. [44] SAPMO-BArch, NY 4445/155, Bl. 273, Brief Herm. Dunckers an Hedwig Duncker, 5. 6. 1918. SAPMO-BArch, SgY 30/0297 (Erinnerungsbericht von Friedel Gräf), Bl. 43. [45] Siehe oben, S. 291. [46] Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin, R 522, Europa Generalia 82, Nr. 20, die Sozialdemokratie in Rußland, Bd. 1, März 1915 bis Oktober 1919, unp., Antwort des Polizeipräsidiums Charlottenburg vom 1. 8. 1916 auf eine Anfrage des Auswärtigen Amtes vom 31. 7. 1916.« [47] IISG, Amsterdam, Kleine Sammlungen, Fanny Jezierska, unp., Briefanfang: »Es wäre interessant...« [48] SAPMO-BArch, NY 4445/171, Bl.111, 120,121, Briefe F. Jezierskas an Hermann Duncker, 22. 1. 1917, 11. 8. 1917. Möglicherweise handelt es sich hier um den Brief von Lurje (Larin). [49] Siehe oben, S. 293 [50] Radek, Karl: November – eine kleine Seite aus meinen Erinnerungen, in: Schüddekopf, OttoErnst: Karl Radek in Berlin. Ein Kapitel deutsch-russischer Beziehungen im Jahre 1919, in: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 2 (1962), S. 132. [51] Jacob, Mathilde: Von Rosa Luxemburg und ihren Freunden in Krieg und Revolution 1914– 1919, hrsg. und eingel. von Sibylle Quack und Rüdiger Zimmermann, in: IWK, 24. Jg. (1988), H. 4, S. 496f., Anm. 126. [52] Nicolaevsky, Boris: Les premières années de l’Internationale Communiste, in: Freymond, Jacques (Hg.): Contrubutions à l’histoire du Comintern, Genf 1965, S. 1–28 (im folgenden: Nicolaevsky, Les premières années de l’Internationale Communiste), hier: S. 14, Anm. 22 mit der russischen Schreibweise »Ezierskaia«. [53] SAPMO-BArch, NY 4445/143, Bl. 9, Brief Herm. Dunckers an Käte Duncker, 3. 7. 1919. SAPMO-BArch, NY 4445/237, Bl. 56, Brief Käte Dunckers an Karl Duncker, o. D. [1919 oder 1920]. [54] RGASPI, f. 495, op. 205, d. 9963, Bl. 5 (Kaderakte der Komintern). [55] Nicolaevsky, Les premières années de l’Internationale Communiste, S. 14, Anm. 22. [56] SAPMO-BArch, NY 4445/155, Bl. 327, Brief Hermann Dunckers an Hedwig Duncker. [57] Annali, 1966, S. 260. [58] Privatarchiv, England (Fotokopie im Besitz des Verfassers): Brief F. Jezierskas an Lisa Price, 14. 11. 1920. Dank an Dr. Tania Rose, London, Tochter von Philips und Lisa Price, für die Kopien dieser und weiterer Materialien aus dem Familienarchiv. [59] RGASPI, f. 495, op. 205, d. 9963, Bl. 1 (Karteikarte der R.K.P.[B]), Bl. 5 (Kaderakte der Komintern), auf der Karteikarte: 1921, in der Kaderakte: 1920. [60] Mémoires de Jules Humbert-Droz, De Lénine à Stalin. Dix ans de l’Internationale Communiste, 1921–1932, Bd. II, Neuchâtel 1971 (im folgenden: Mémoires de Jules Humbert-Droz, II), S. 256, »agent de liaison«: Verbindungsagentin. [61] Ich danke Dr. Bernhard H. Bayerlein für diese wertvolle Information (schriftliche Mitteilung vom 4. 11. 2002). [62] Annali, 1966, S. 260. Archives de Jules Humbert-Droz, Bd. II: Les partis communistes de pays latins et l’Internationale Communiste dans les anneés 1923–1927, Redaktionsleitung: Siegfried Bahne, Dordrecht, Holland/Boston, USA/London, England 1983 (im folgenden: Archives de Jules Humbert-Droz, II), S. 184 (Abrechnung vom 1. 3. 1924), S. 272 (Abrechnung vom 1. 6. 1924), S. 308 (Brief Humbert-Droz’ an das Sekretariat der Kommunistischen Internationale, 30. 9. 1924). Mémoires de Jules Humbert-Droz, II, S. 247-256 [63] RGASPI, f. 495, op. 205, d. 9963, Bl. 5 (Kaderakte der Komintern). [64] Mitteilung von Dr. Bernhard H. Bayerlein. [65] De Grand, Alexander J.: In Stalin’s Shadow. Angelo Tasca and the Crisis of the Left in Italy andFrance, 1910–1945. Dekalb, Illinois 1986 (im folgenden: De Grand, In Stalin’s Shadow), S. 24–43. Mémoires de Jules Humbert-Droz, II, S. 247–256. [66] De Grand (In Stalin’s Shadow, S. 65) kennzeichnet F. Jezierska als »eine langjährige Freundinvieler italienischer Führer [der sozialistisch-kommunistischen Arbeiterbewegung]«. Siehe auch oben, S. 287: die Beschreibung durch Giuseppe Berti. [67] Alle folgenden Angaben – soweit nicht anders gekennzeichnet: RGASPI, f. 495, op. 205, d. 9963,Bl. 5, 6 (Kaderakte der Komintern) – Zitat Bl. 5 – sowie Bl. 1 (Karteikarte der R.K.P.[B]). [68] Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, box number 478, folder 43 (im folgenden:Collection Boris I. Nicolaevsky), unp., F. Thomas-Jezierska an Boris I. Nicolaevsky, 22. 9. 1942. Ich danke Dr. Gerhard Kaiser, Berlin, für die Übersetzung aus dem Russischen. [69] Annali, 1966, S. 260 (Indirektes Zitat aus einem Brief Togliattis vom 17. März 1926). [70]Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, unp., Briefe F. Thomas-Jezierskas an Nicolaevsky, 22. 9. und 4. 10. 1942. [71] Annali, 1966, S. 260 (Angaben des Sitzungsteilnehmers Giuseppe Berti), S. 263–270 (Protokoll der Konferenz). [72] Archives de Jules Humbert-Droz, II, S. 374 f. (Brief Togliattis an F. Jezierska vom Sommer 1926). [73] Der Brief in: Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, unp. [74] A.a.O., Brief F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky, 22. 9. 1942 und 16. 10. 1942. [75] Dank an Dr. Bernhard H. Bayerlein für den schriftlichen Hinweis vom 4. 11. 2002. [76] Siehe Anm. 2. [77] Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, Brief F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky, 16. 10. 1942. [78] Jg.7 (1927), S. 541 (H. 27), S. 717 (H. 33), S. 2900 (H. 125); Jg. 8 (1928), S. 349 (H. 16), S. 668 (H. 37). [79] RGASPI, f. 495, op. 6, d. 15, Bl. 1, 3, 44. [80] RGASPI, f. 495, op. 261, d. 3453, unp. [81] Zu den Auseinandersetzungen in der KPD und in der Kommunistischen Internationale immer noch als Standardwerk: Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. Frankfurt/Main 1969, Studienausgabe 1971 (im folgenden: Weber, Die Wandlung), S. 186–238 (1928–29) sowie auch S. 239–247 (als kurzgefaßter »Ausblick« für 1929–1933), zum VI. Weltkongreß: S. 195–191. [82] Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, Briefe F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky, 22. 9. 1942, 4. 10. 1942, 16. 10. 1942. [83] A.a.O., Brief F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky, 4. 10. 1942. [84] Weber, Die Wandlung, S. 218–221. Die Mitgliedschaft F. Jezierskas geht aus den im folgenden angeführten Briefen hervor. Zur KP(O): Tjaden, Karl H.: Struktur und Funktion der KPD-Opposition (KPO). Eine organisationssoziologische Untersuchung zur Rechtsopposition im deutschen Kommunismus zur Zeit der Weimarer Republik. Hannover 1983 (im folgenden: Tjaden); Bergmann, Theodor: Gegen den Strom. Die Geschichte der KPD (Opposition). Hamburg 2001. [85] Siehe oben, S. 291. [86] AsD, Bonn, Kleine Erwerbungen, Sign 452, unp., Schreiben Clara Zetkins an F. Jezierska, 25. 8. 1916, 18. 5. 1920; davon Kopien in: Hoover Institution, Collection Fanny Jezierska, folder 67040-10.V, unp. [87] A.a.O., unp., Briefe Clara Zetkins an F. Jezierska, 14 Schreiben; AsD, Bonn, Kleine Erwerbungen, Sign 452, unp., 5 Schreiben. Bei Ünlüdag sind vier dieser Schreiben C. Zetkins abgedruckt. Ünlüdag, Die Tragödie, S. 348–353. [88] Siehe hierzu: A.a.O., S. 313–360. [89] Brief Clara Zetkins an Adolf Warski vom 26. 7. 1931, in: RGASPI, f. 528, op.1, d. 671, Bl. 3, 4. Laschitza, Annelies: Zum Umgang mit Rosa Luxemburg in Vergangenheit und Gegenwart, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Jg. 33 (1991), S. 435–452, hier: S. 449. [90] Hierzu: Tjaden, S. 282–293. Drechsler, Hanno: Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung am Ende der Weimarer Republik, Hannover 1983 (im folgenden: Drechsler), S. 190–202. [91] Annali, 1966, S. 1077, F. Jezierska an Angelo Tasca, 29. 11. 1932; Sozialarchiv Zürich, Nachlaß Fritz Brupbacher, unp., F. Jezierska an Fritz Brupbacher und Frau, 1. 5. 1932 (hieraus auch das Zitat). [92] Siehe oben, S. 301. [93] Sozialarchiv Zürich, Nachlaß Fritz Brupbacher: Brief vom 12. 9. 1932. [94] A.a.O., Schreiben F. Jezierskas an F. Brupbacher, 18. und 22. 11. 1931, 28. 12. 1931. Die Artikel waren für die »R.p.« gedacht (Brief vom 18. 11. 1931), d.i. höchstwahrscheinlich die seit 1925 in Paris erscheinende »La Revolution prolétarienne«, dessen Herausgeber Pierre Monatte, ein Anarcho-Syndikalist, ein Freund von Fritz Brupbacher, war. (Dank für diesen Hinweis an Dr. Jean- Francois Fayet, Genf.) [95] A.a.O., Brief F. Jezierskas an Paulette Brupbacher, 23. 2. 1933. [96] Annali, 1966, Briefwechsel Tasca – Jezierska, 1929–1932, S. 936f., S. 942f., S. 961f., S. 962f., S. 968, S. 973–975, S. 977, S. 979, S. 980f., S. 987, S. 991, S. 1028f., S. 1076f., S. 1077f. (Briefe F. Jezierskas), S. 959f., S. 960f., S. 964, S. 969–972, S. 976f., S. 979f., S. 988f., S. 992f. (Briefe Tascas). De Grand, In Stalin’s Shadow, S. 65, 73, 76 (Briefe Tascas), S. 79 (Brief F. Jezierskas). [97] De Grand, In Stalin’s Shadow, S. 79f. (»›...‹« bzw. »...«: Wiedergabe eines direkten bzw. indirekten Briefzitates, bei De Grand in englischer Übersetzung des italienischen Originaltextes.). Der Brief ist nicht in Annali, 1966, abgedruckt. [98] Sozialarchiv Zürich, Nachlaß Fritz Brupbacher, Brief F. Jezierskas an F. Brupbacher, 18. 11. 1931. [99] Annali 1966, S. 1076: Brief F. Jezierskas an Tasca, 14. 6. 1932. [100] Annali, 1966, S. 1077: Brief F. Jezierskas an Tasca, 29. 11. 1932. [101] Sozialarchiv Zürich, Nachlaß Fritz Brupbacher, Brief F. Jezierskas an Brupbachers, 1. 5. 1932. [102] A.a.O., Brief F. Jezierskas an Brupbachers, 12. 9. 1932 [103] A.a.O., Brief F. Jezierskas an Paulette Brupbacher, 23. 2. 1933. [104] A.a.O., Brief F. Jezierskas an F. Brupbacher, 28. 2. 1931. [105] A.a.O., Brief F. Jezierskas an Paulette Brupbacher , 23. 2. 1933 [106] A.a.O., Postkarte F. Jezierskas an Brupbachers, 6. 8. 1933. [107] A.a.O, Brief F. Jezierskas an Brupbachers, 16. 9. 1933. [108] Privatarchiv, England (Fotokopie im Besitz des Verfassers): Brief F. Jezierskas an Lisa Price, 6. 1. 1934. [109] Privatarchiv, England (Fotokopie im Besitz des Verfassers): Brief F. Thomas-Jezierskas an Lisa Price, 9. 10. 1935. [110] Laut »Berliner Stadt-Adreßbuch 1934, Berlin 1933«, S. 2054 hatten die Eheleute eine gemeinsame Arztpraxis in Berlin W 15 (Berlin-Wilmersdorf ), Emser Str. 37/38, dort die Schreibweise »Sophie Riesenfeld-Jezierski«. [111] Privatarchiv, England (Fotokopie im Besitz des Verfassers): Brief F. Thomas-Jezierskas an Lisa Price, 9. 10. 1935 [112] Ebenda. Zum »Comité allemand«: Julia Franke, Paris – eine neue Heimat? Jüdische Emigranten aus Deutschland 1933–1939, Berlin 2000, S. 187f., S. 354. Dank an Dr. Ursula Langkau-Alex, Amsterdam, für diese Literaturangabe und weitere wertvolle Hinweise. [113] Im Gästebuch der Familie Philips und Lisa Price steht 1935 mit Datum 13. September die Unterschrift »Fanny Thomas-Jezierska« mit Wohnort »Berlin, z. Zt. Paris«. (Fotokopie der entsprechenden Seite im Besitz des Verfassers). Dies ist das erste Erscheinen des Namens in den vorhandenen Quellen. Es ist so gut wie ausgeschlossen, daß es sich bei dem Ehemann um James Thomas (Reich/Rubinstein) handelt, mit dem F. Jezierska 1919/20 zusammengearbeitet hatte, als dieser als Leiter des Westeuropäischen Sekretariats der Komintern fungierte. Thomas ging 1928/29 zur KP(O), dann zur SAP, lebte 1933–1938 in Prag und emigrierte von dort 1938 weiter in die USA. [114] SAPMO-Barch, NY 4445/261, Bl. 67f., Brief F. Thomas-Jezierskas an Käte Duncker, 27. 5. 1939. AsD, Bonn, Kleine Erwerbungen, Sign 452, unp., Brief Georg Ledebours an F. ThomasJezierska vom 13. 7. 1938. Hier 11 Schreiben Ledebours an F. Thomas-Jezierska aus den Jahren 1935 bis 1940. In der Hoover Institution, Collection Fanny Jezierska, folder 67040-10.V, unp., befinden sich fünf Schreiben Ledebours an F. Thomas-Jezierska aus den Jahren 1936 bis 1939. [115] SAPMO-Barch, NY 4445/261, Bl. 67, Brief F. Jezierskas an Käte Duncker, 27. 5. 1939. Zur SAP in der Emigration: Drechsler, S. 337–354. Zur KP(O): 325–340, insbes.: 325f., 339f. [116] Drechsler, S. 338. [117] Hoover Institution, Collection F. Jezierska, folder 67040-10.V, unp., Z.A. des S.J.V.D. an AK der KP(O) vom 17. 3. 1936, Unterschrift »Willy Brandt«. [118] Swetlana Nikolajewna Gurwitsch-Bucharina, Doklad N. I. Bucharina w Parishe 3 aprelja 1936 g. kak ego polititscheskoe sawesschtschanije, in: Bucharin. Tschelowek, politik, utschenyi, Moskau 1990, S. 162–174, insbes. S. 167. [119] Annali (Zwischentext von G. Berti), 1966, S. 178. [120] Siehe oben, S. 14. [121] IISG, Amsterdam: archivinterne Kurzbiographie nach schriftlich am 21. 5. 1967 gemachten Angaben von Rose Frölich, noch verkürzt in: Jaap Haag and Arie van der Horst (Hg.), Guide to the International Archives and Collections at the ISH, Amsterdam, Amsterdam 1999, S. 113. [122] The Strange Case of Dora Fabian and Mathilde Wurm. A study of German political exiles in London during the 1930’s, Bern 1996, S. 305 f. [123] Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, Brief F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky vom 9. 10. und 5. 11. 1941. [124] AsD, Bonn, Kleine Erwerbungen, Sign 452, Brief von Minna und Georg Ledebour an F. Thomas-Jezierska, 12. 9. 1937. SAPMO-Barch, NY 4445/261, Bl.67 [im Original falsche Blattzahl: 87], Brief F. Thomas-Jezierskas an Käte Duncker, 27. 5. 1939 (Zitat). [125] A.a.O., Bl. 70, Brief F. Thomas-Jezierskas an Käte Duncker, 11. 4. 1940. AsD, Bonn, Kleine Erwerbungen, Sign 452, Brief Georg Ledebours an F. Thomas-Jezierska, 3. 2. 1939 (hier auch das Zitat). [126] IISG, Amsterdam, Kleine Sammlung Fanny Jezierska, Brief von F. [J]Ezierskaja [russisch] an Boris I. Nicolaevsky, 19. 5. 1938, unp. [127] Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, Brief F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky vom 5. 11. 1941. [128] Auskunft des früheren, jetzt pensionierten Leiters des AsD, Bonn, Dr. Werner Krause. Im AsD, Bonn, befindet sich in Kleine Erwerbungen, Sign 452 ( unp.) ein Briefumschlag mit darauf verstreut niedergeschriebenen Notizen, u.a.: »Brigitte Brandt«, »an Fanny«, »Briefe Clara, Mehring, Ledebour«, »Ettinger«. Zur Herkunft der Collection Fanny Jezierska an der Hoover Institution, folder 67040-10.V: Brief von Agnes F. Peterson, Curator (em.), Hoover Institution, an den Verfasser, 30. 6. 1995. [129] SAPMO-Barch, NY 4445/261, Bl. 67 [im Original falsche Zahl: 87], 70, Briefe F. ThomasJezierskas an Käte Duncker, 27. 5. 1939 und 11. 4. 1940. [130] Zu Hilferdings Situation in Südfrankreich: Smaldone, William: Rudolf Hilferding. Tragödie eines deutschen Sozialdemokraten. Bonn 2000, S. 253–256, 259–261. Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, Briefe F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky, 10. 6., 9. 10., 5. 11. 1941. [131] A.a.O., Brief F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky. 10. 6. 1941. [132] SAPMO-Barch, NY 4445/261, Bl. 71, Brief F. Thomas-Jezierskas an Käte Duncker, 10. 7. 1941 [133] A.a.O., Bl. 78, 80, 87, Briefe F. Thomas-Jezierskas an Käte Duncker, 15. 4., 17. 8., 6. 11. 1942. Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, Brief F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky, 10. 1. 1943. [134] SAPMO-Barch, NY 4445/261, Bl. 80, 83, 85, 91, Briefe F. Thomas-Jezierskas an Käte Duncker, 17. 8., 1. 9., Zitat: 29. 12. 1942. [135] A.a.O., Bl. 91, Brief F. Thomas-Jezierskas an Käte Duncker, 29. 12. 1942. [136] Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, Brief F. Thomas-Jezierkas an Nicolaevsky, 10. 1. 1943. [137] Siehe oben, S. 307. [138] SAPMO-Barch, NY 4445/261, Bl. 93, Brief F. Thomas-Jezierskas an K.Duncker, 14. 3. 1943. [139] Hoover Institution, Collection Boris I. Nicolaevsky, unp.. SAPMO-Barch, NY 4445/261, Bl. 93. SAPMO-Barch, NY 4445/261, Bl. 93, Brief F. Thomas-Jezierskas an Käte Duncker, 14. 3. 1943. [140] IISG, Amsterdam, Sammlung Karl Liebknecht (Robert Liebknecht), Bl. 17 (Umschlag); die Schreiben selbst sind unpaginiert. Der nach 1945 in Kanada verbliebene Kostia Zetkin machte 1960 eine Europareise mit Besuchen bei Liebknecht in Paris (Bundesarchiv Koblenz, N 1522/27, unp., Brief Kostia Zetkins an Susanne Leonhard, 12. 1. 1960). Briefnachlässe von Rose Frölich (vormals Rosi Wolfstein) und Kostia Zetkin konnten vom Verfasser nicht aufgefunden werden. [141] IISG, Amsterdam, Sammlung Karl Liebknecht (Robert Liebknecht), Bl. 17 (Umschlag); die Schreiben selbst sind unpaginiert. Der nach 1945 in Kanada verbliebene Kostia Zetkin machte 1960 eine Europareise mit Besuchen bei Liebknecht in Paris (Bundesarchiv Koblenz, N 1522/27, unp., Brief Kostia Zetkins an Susanne Leonhard, 12. 1. 1960). Briefnachlässe von Rose Frölich (vormals Rosi Wolfstein) und Kostia Zetkin konnten vom Verfasser nicht aufgefunden werden.

JHK 2003

The International Newsletter of Communist Studies

Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung Le newsletter international des recherches sur le communisme Международные исследования по коммунизму (Former: The International Newsletter of Historical Studies on Comintern, Communism and Stalinism) Published by The International Workshop of Communist Studies Vol. IX (2003), no 16 New: The International Newsletter of Communist Studies – Online The online version of The International Newsletter of Communist Studies is available since the 2001 issue. Since issue 14 (2001), the online Newsletter is put on the Internet every three months after the publication of the paper version. Thanks to the assistance of Christian Melbeck and the Computer department of the Mannheim Centre for European Studies You may visit the online Newsletter in PDF format together with the improved homepage of the Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Have a look at the startsite: http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/JHK-news/ (The software required is Acrobat Reader). Editorial Board Executive Editor: Bernhard H. Bayerlein, Köln-Cologne/Mannheim Editorial Board and Correspondents: Aldo Agosti (Torino) agosti@cisi.unito.it, Leonid Babicenko (Moscow), Claus Baumgart (Leipzig) Douaiado@aol.com, Lars Björlin (Stockholm) lars.bjorlin@swipnet.se, Cosroe Chaqueri (Paris), Sonia Combe (Paris) Sonia.Combe@u-paris10.fr, Putnik Dajic (Belgrade) putnikd@eunet.yu, Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds) Gerard.Donze@ne.ch, Jean-François Fayet (Geneva) jean-francois.fayet@lettres.unige.ch, Jan Foitzik (Berlin) foitzik@ifz-muenchen.de, Maria Goretti Matías (Lisboa), José Gotovitch (Bruxelles) jgotovit@ulb.ac.be, Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta) sovanlal@vsnl.net, Gabriella Hauch (Linz) Gabriella.Hauch@jk.uni-linz.ac.at, John Haynes (Washington) jhay@loc.gov, Victor Heifets (St. Petersburg) world@rosbalt.ru, Gerd-Rainer Horn (Coventry) g.r.horn@hud.ac.uk, Peter Huber (Geneva) peterhuber80@hotmail.com, Fritz Keller (Vienna) ug@ug-oegb.at, Klaus Kinner (Leipzig) RosaLuxemburgStiftung.Sachsen@t-online.de, Todor Kuljic todorunbg@ptt.yu, Avgust Lesnik (Ljubljana) avgust.lesnik@guest.arnes.si; Roland Lewin (Grenoble) infodoc@iep.upmfgrenoble.fr, Marcel van der Linden (Amsterdam) mvl@iisg.nl, Aurelio Martin Najera (Madrid) fpi@infornet.es, Kevin McDermott (Sheffield) K.F.McDermott@shu.ac.uk, Barry McLoughlin (Vienna) barry.mcloughlin@chello.at, Kevin Morgan (Manchester) Kevin.Morgan@man.ac.uk, Jorge Nóvoa (Salvador da Bahia) crisnova @ufba.br, oficihis@ufba.br, Alexander Pantsov (Columbus, Ohio) apantsov@capital.edu, Maria de Fátima Patriarca (Lisbon), Tauno Saarela (Helsinki) tauno.saarela@helsinki.fi, Wolfgang Schlott (Bremen) schlott@osteuropa.uni-bremen.de, Daniela Spenser (México DF) spenser@servidor.unam.mx, Dubravka Stajic (Belgrade) ies@eunet.yu, Brigitte Studer (Berne) brigitte.studer@hist.unibe.ch, Frantisek Svátek (Prague) frantisek.svatek@cuni.cz, Carola Tischler (Berlin) Carola.Tischler@Geschichte.HUBerlin.de, Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main) rtosstorff@hotmail.com, Feliks Tych (Warsaw) tych@it.com.pl, Berthold Unfried (Vienna) berthold.unfried@univie.ac.at, Zdenek Vasicek (Prague) vasicek@bet.iline.cz, Aleksandr Vatlin (Moscow) vatlin@mail.sitek.ru, Gerrit Voerman (Groningen) voerman@ub-mw.ub.rug.nl, Marc Vuilleumier (Genève) mvuilleu@cui.unige.ch, Markus Wehner (Moskau), Rolf Wörsdörfer (Darmstadt) reinecke@pg.tu-darmstadt.de, Serge Wolikow (Dijon) Serge.Wolikow@wanadoo.fr Advisory Board: Prof. Dr. Siegfried Bahne, Bochum; Prof. Dr. Marjan Britovsek, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué, Grenoble; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Rein van der Leeuw, Amsterdam; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris-Berlin; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim Editorial Adress Dr. Bernhard H. Bayerlein Arnulfstr. 14 D-50937 Köln Telefon: 0049 (0) 221/422706 Fax: 0049 (0) 221/422866 E-Mail: Dr.Bayerlein@Uni-Koeln.de – Bernhard.Bayerlein@mzes.uni-mannheim.de The International Newsletter of Communist Studies IX (2003), no 16 Published jointly with Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2003 This issue notifies information concerning communist studies of the following countries and regions Diese Ausgabe enthält Informationen zur historischen Kommunismusforschungüber die folgenden Länder und Regionen: Argentina, Belgium, Brasil, Colombia, France, Germany, Iran, Latin America, México, Mongolia, North-Corea, Peru, Russia, Spain, Switzerland, Turkestan, United States of America, Venezuela, Yugoslavia, This issue contains the following sections Diese Ausgabe enthält die folgenden Rubriken: Section I: Preserve for all time? Archival Problems – New Archival Projects – Institutions and Funds Section II: Regional Communist Studies Section III: Biographical Studies Section IV. Workshop – Projects in Progress Section V: Reviews and Reports on New Publications Section VI: Events of Interest around the World Section VII: Survey of Periodicals Section VIII: Links-Links-Links. Interesting websites Section IX: Miscellaneous Section I Preserve for all time? Archival Problems – New Archival Projects – Institutions and Funds John Haynes, Washington: 170 000 Names for the INCOMKA Database of the Comintern Archives[1]. The Result of International Cooperation One hundred and sixty-seven scholars from fifty-four nations have contributed their time and knowledge to improving the accuracy of a new electronically searchable database for the archive of the Communist International. The opening, in the early 1990s, of the archives of the Communist International made available to scholars around the world a tremendously rich resource. The twenty-million pages of Comintern records, located at the Russian State Archive of Social-Political History (RGASPI) in Moscow, provided documentation on the history of political, trade union, and left-wing cultural activities in scores of nations where the Comintern and affiliated communist parties or »sympathizing organizations« operated during the period from 1919 to 1943. The great size of the Communist International archive, however, slowed exploration of this valuable source of original documentation. Even the finding aids (opisi) prepared by RGASPI archivists totaled more than twenty-thousand pages of description of the Comintern’s records. Scholars, whose principal interest was in the politics of a particular country, also found the Russian language of the RGASPI finding aids a barrier as was the difficulty in traveling to Moscow. The INCOMKA project The International Committee for the Computerization of the Comintern Archive (INCOMKA) undertook a project to facilitate research into the Comintern archive. Begun by the International Council on Archives, its partners are the Russian State Archive of Social-Political History, Federal Archival Service of Russia, Archives of France, Federal Archives of Germany, State Archives of Italy, National Archives of Sweden, Federal Archives of Switzerland, Ministry of Education, Culture and Sport of Spain, Library of Congress of the USA, and the Open Society Archives of Hungary. The INCOMKA project has two parts: first, to digitize as images 5% (one million pages) of the most used and the most significant documents chosen by the project partners of the Comintern and, second, to digitize the finding aids of the Comintern collections at RGASPI into an electronically text-searchable database. The scanning of the documents was undertaken by RGASPI archivists who also prepared the Russian-language database. The database is essentially an edited electronic version of the printed finding aids allowing computer searches using file descriptors, key words, and personal or organizational names. The database allows rapid location of file descriptions of the entire twenty-million pages of the Communist International archive at RGASPI, not just the one-million pages electronically scanned for the INCOMKA project. The INCOMKA database of personal names and cadre files However, to facilitate international use, INCOMKA determined that the database was to be electronically searchable in both Cyrillic-alphabet Russian and Latin-alphabet English. The U.S. Library of Congress agreed to be the lead agency for translation of the database with Dr. Ronald D. Bachman, the Library’s Polish and East European area specialist serving as the supervising linguist. Library of Congress linguists found that translating most of the descriptors from Russian to English to be an uncomplicated translation task although accurate translation of some Comintern organizational titles and operational »jargon» required consultation with historians familiar with Comintern history. However, Library of Congress linguists quickly found that translation of more than 170,000 personal names that occurred in the database was a more difficult task. These personal names occurred in descriptions of files of various Comintern secretariats and agencies. The greatest number, however, came with more than 100,000 personal files maintained by the Comintern, the so called cadre files. These files are background files for persons for whom for one reason or another the Comintern at some point set up a biographical file. Many are for Comintern personnel, students at Comintern schools, and senior members of foreign parties. However, many files were also established for persons who were prominent opponents of the Communist movement. For example, the Comintern maintained a biographical file on J. Edgar Hoover, a strong anti-communist who headed the USA’s Federal Bureau of Investigation. The Comintern established files on thousands of persons who were simply of political importance such as major political or governmental figures, journalists, diplomats, trade union officials or others who were of interest to the Communist International for whatever. Methodological problems of translation While the Library of Congress made the initial translation of most national personal file lists, the Archives of France, the Federal Archives of Germany, and the Federal Archives of Switzerland undertook the initial translation of their respective national lists. In those cases, the Library of Congress provided only a computer transliteration from Russian to the Library of Congress phonetic Cyrillic to Latin alphabet transliteration system. Here is the translation problem. The Comintern labeled its personal files in Russian: all English, French, Spanish, Japanese, German, Finnish and other language names were transliterated into Russian by Comintern files clerks with varying linguistic ability and with differing transliterating habits. Linguists now faced the task of translating these Cyrillic-alphabet Russian names into Latin-alphabet English. Thus a non-Russian name originally spelled with a non-Cyrillic alphabet, say Hungarian for example, had been translated into Russian and affixed to a Comintern file now located at RGASPI. The Russian name on the file is now being translated into English. The inherent problems of this double translation is compounded in that in English phonetically identical names can often be spelled with different combinations of letters with equal linguistic accuracy. Consequently when linguists translated these names from Russian into English, while most were entirely accurate, a portion will inevitably not be spelled correctly compared to the original non-Russian spelling. This will cause problems for someone searching under one spelling and not realizing that it may be in the database under a variant spelling. The problem cannot be eliminated entirely. To go back into the files to verify the native language spelling of more than one-hundred thousand names was not a practical possibility. INCOMKA sought to reduce the extent of the problem by sending the translations prepared by Library of Congress linguists to scholars who know the Comintern and the national parties and can match the translations with their knowledge of names of real persons. The American personal files for example The American personal file list illustrates the nature of the problem and the usefulness of having the translations reviewed by subject area scholars. The Comintern maintained personal files on more than 6,800 Americans. One of the files has the name, in Russian, of »БРАУДЕР, EАРЛ.« The linguist working on the list rendered that into »Brauder, Earl«. When historians reviewed the translation, they recognized this as a translation garble for »Browder, Earl«, the man who headed the Communist Party, USA from the early 1930s to 1945. This was not a linguistic error on the part of the translator: »Brauder« and »Browder« are phonetic equivalents in English. Rather, the translator simply picked a variation in English spelling that was not the one Earl Browder actually used. Similarly, the translator rendered the Russian »BАГЕНКНЕХТ, АЛ’ФРЕД« as »Vagenknekht, Alfred«. Historians recognized that as a leading member of the party in the 1920s he spelled his name in English as »Wagenknecht, Alfred«. Again, this is not an error but the sort of inevitable garble one occasionally gets when phonetically translating Russian into English with the variety of ways names can be spelled in English. The engagement of international specialists The INCOMKA project sought out specialists throughout the world to review and correct garbles and misspellings in the lists of personal files. Sometimes the specialists were also able to identify files that were labeled with a pseudonym and supply the correct real name. By any measure it was highly successful example of international cooperation. Thousands of translation garbles and misspellings of personal names have been corrected. Researchers for decades to come who will be using the INCOMKA database will be spared frustration, wasted time, and missed files due to this international effort. For that, the international community of scholars should be truly grateful. The Incomka project is now in its final stage, and it is anticipated that the final product will be available for research use at each member institution by mid-2003. National biographical file lists – personal/biographical file titles for 100 countries with 130,000+ individually named biographical files[2] Initial Translations made by Library of Congress specialists under the supervision of Ronald Bachman; John Haynes coordinated sending the translations to reviewers. Afghanistan: fond 495-192, 34 files; initial translation by Library of Congress (LoC). Reviewed by A. R. Rahin. Albania: fond 495-188, 230 files; initial translation by LoC. Reviewed by Stephen Schwartz and Shaban Sinani. Algeria: fond 495-189, 140 files; initial translation by LoC. Reviewed by Emmanuel Sivan and Allison Drew. Argentina: fond 495-190, 476 files; initial translation by LoC. Reviewed by David Rock. Australia: fond 495-186, 216 files; initial translation by LoC. Reviewed by David McKnight and Peter Day. Austria: fond 495-187, 3136 files; initial translation by LoC. Reviewed by Barry McLoughlin and Hans Landauer. Bangladesh: fond 495-300, 24 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Belgium: fond 495-193, 704 files; initial translation by LoC. Reviewed by Jose Gotovitch. Bolivia: fond 495-196, 101 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Alexander, Marc Becker and Andrei Schelchkov. Brazil: fond 495-197, 386 files; initial translation by LoC. Reviewed by Marco Aurelio Santana and Andre Ancona Lopez. Bulgaria: fond 495-195, 2636 files; initial translation by LoC. Reviewed by Vernon Pedersen and Evelina Kelbetcheva. Burma: fond 495-194, 127 files; initial translation by LoC. Reviewed by Bertil Lintner and Robert Taylor. Cameroon: fond 495-298, 8 files; initial translation by LoC. Reviewed by by John Haynes. Canada: fond 495-222, 1315 files; initial translation by LoC. Reviewed by George Bolotenko and Ed Laine. Catalonia: fond 495-223, 142 files; initial translation by LoC. Reviewed by Jose Manuel Gonzalez and Guillermo Alonso Fernandez. Ceylon: fond 495-271, 117 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Chile: fond 495-273, 443 files; initial translation by LoC. Reviewed by Corinne Pernet and Peter Winn. China: fond 495-225, 3,328 files; received from RGASPI in July 2001, initial translation by LoC. Review by Chong Zhao, Li Minghua and colleagues of the Chinese archives. Colombia: fond 495-227, 148 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Alexander. Comintern Administrative Department, fond 495-65a, 14,750 files. Largely the names of Soviet cadre of the Comintern with a few non-Soviets who had CPSU membership. Because these names are largely of Russian origin or were the names of Soviet national minorities often with Russified names in the original, this list has been computer transliterated with review by John Haynes. Communist University of Toilers of the East: fond 532-11, 4,496 files; fond 532-12, 5, 900 files; fond 532-14, 117 files; and fond 532-15, 29 files; initial translation by LoC. Because these names are largely of Russian origin or were the names of Soviet national minorities often with Russified names in the original, this list has been computer transliterated with review by John Haynes. Communist University of National Minorities of the West: fond 529-5, 18 files; fond 529-6, 112 files; fond 529-7, 92 files; fond 529-8, 73 files; fond 529-9, 80 files; fond 529-10, 59 files; fond 529-11, 71 files; fond 529-12, 158 files; fond 529-13, 183 files; fond 529-14, 209 files; fond 529-15, 263 files; fond 529-16, 249 files; fond 529-17, 247 files; fond 529-18, 363 files; fond 529-19, 89 files; fond 529-20, 48 files; fond 529-29, 26 files; fond 529-30, 405 files; fond 529-31, 2,033 files; fond 529-38, 506 files; initial translation by LoC. Because these names are largely of Russian origin or were the names of Soviet national minorities often with Russified names in the original, this list has been computer transliterated with review by John Haynes. Costa Rica: fond 495-229, 74 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Alexander, Jussi Pakkasvirta, Erik Ching and Avi Chomsky. Cuba: fond 495-230, 375 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Alexander and Margalit Bejarano. Cyprus: fond 495-224, 52 files; initial translation by LoC. Reviewed by Marios Hadjianastasis and Sinan Kuneralp. Czechoslovakia: fond 495-272, 8,267 files; initial translation by LoC. Reviewed by Pavol Salamon. Denmark: fond 495-208, 466 files; initial translation by LoC. Reviewed by Morten Thing. Dominican Republic: fond 495-209, 19 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Alexander. Egypt: fond 495-210, 200 files; initial translation by LoC. Reviewed by Rifaat Said and Joel Beinin. El Salvador: fond 495-256, 62 files; initial translation by LoC. Reviewed by Erik Ching and Aldo Santiago. Ecuador: fond 495-276, 75 files; initial LoC translation complete. Reviewed by Marc Becker, Alexei Páez, and W. F. Santiago-Valles. Finland: fond 495-269, 1,987 files; initial translation by LoC. Reviewed by Kimmo Rentola, Tauno Saarela and Joni Krekola. France: fond 495-270, 9,180 files; initial computer transliteration made by LoC. Translation and review by Georges Mouradian. Germany: fond 495-205, 14,608 files; initial computer translation made by LoC. Translation and review by Gerlinde Grahn, Helma Kaden, and Bernhard H. Bayerlein. Ghana: fond 495-283, 11 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Great Britain: fond 495-198, 1,963 files; initial translation by LoC. Reviewed by Kevin Morgan, Barry McLoughlin, John McIlroy and Alan Campbell. Greece: fond 495-207, 1,100 files; initial translation by LoC. Reviewed by Haris Vlavianos. Guadeloupe: fond 495-203, 48 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Alexander, Jean-Pierre Sainton, Frederick Ivor Case and Myriam Cottias Guatemala: fond 495-204, 65 files; initial translation by LoC. Reviewed by Stephen Schlesinger. Haiti: fond 495-202, 48 files; initial translation by LoC. Reviewed by Christian Alcindor, Frederick Case, Jean-Pierre Sainton, Andre Alizee, and Myriam Cottias. Honduras: fond 495-206, 40 files; initial translation by LoC. Reviewed by Erik Ching and Robert Alexander. Hungary: fond 495-199, 7011 files; initial translation by LoC. Reviewed by Katalin Petrak. Iceland: fond 495-219, 134 files; initial translation by LoC. Reviewed by Jon Olafsson. India: fond 495-213, 790 files; initial translation by LoC. Reviewed by Subramanian Swamy. Indonesia: fond 495-214, 260 files; initial translation by LoC. Reviewed by Joop Morriën and Ruth McVey. Iran: fond 495-217, 895 files; initial translation by LoC. Reviewed by Cosroe Chaqueri. Iraq: fond 495-216, 255 files; initial translation by LoC. Reviewed by Cosroe Chaqueri. Ireland: fond 495-218, 77 files; initial translation by LoC. Reviewed by Kevin Morgan, Barry McLoughlin, and Emmet O’Connor. Israel: fond 495-212, 389 files; initial translation by LoC. Reviewed by Shlomo Avineri and Joel Beinin. Italy: fond 495-221, 3,888 files; initial translation by LoC. Reviewed by Sergio Bertolissi, Lapo Sestan, and Sergio Minucci. Japan: fond 495-280, 661 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Scalapino and Josephene Fowler. Jordan: fond 495-215, 37 files; initial translation by LoC. Reviewed by Joseph Massad. Korea: fond 495-228, 1,724 files; initial LoC translation made. Reviewed by Bruce Cumings, Haik Soon Paik and Jongsoo Lee. Laos: fond 495-231, 36 files; initial translation by LoC. Reviewed by Ben Kiernan and Joseph Zasloff. Lebanon: fond 495-232, 127 files; initial translation by LoC. Reviewed by Habib Malik. Lesotho: fond 495-297, 4 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Libya: fond 495-234, 5 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Luxembourg: fond 495-233, 50 files; initial translation by LoC. Reviewed by Serge Hoffmann. Malaya: fond 495-235, 12 files; initial translation by LoC. Reviewed by Laurent Metzger and Amarjit Kaur. Malta: fond 495-236, 2 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Manchuria: fond 495-238, 65 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes Martinique: fond 495-240, 36 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Alexander, Frederick Ivor Case, Dominique Taffin, and Myriam Cottias. Mauritius: fond 495-237, 4 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Mexico: fond 495-241, 346 files; initial translation by LoC. Reviewed by Daniela Spenser, Robert Alexander, Devra Weber, and Susan Richards . Mongolia: fond 495-242, 652 files; initial translation by LoC. Reviewed by Batsaikhan Ookhnol. Morocco: fond 495-239, 51 files; initial translation by LoC. Reviewed by Adbelmajid Benjelloun. Nepal: fond 495-243, 16 files; initial translation by LoC. Reviewed by Bahadur Thapa. Netherlands: fond 495-244, 647 files; initial translation by LoC. Reviewed by Gerrit Voerman. New Zealand: fond 495-246, 66 files; initial translation by LoC. Reviewed by David McKnight, Kerry Taylor and Anne-Marie Brady. Nicaragua: fond 495-245, 53 files; initial translation by LoC. Reviewed by Erik Ching, Robert Alexander, Michael Gobat, and Richard Grossman. Norway: fond 495-247, 665 files; initial translation by LoC. Reviewed by Sven Holtsmark. Oman: fond 495-248, 2 files; received from RGASPI in July 2001, initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Panama: fond 495-249, 74 files; initial translation by LoC. Reviewed by Erik Ching. Paraguay: fond 495-250, 64 files; initial translation by LoC. Reviewed by Kevin Chambers. Peru: fond 495-251, 96 files; initial translation by LoC. Reviewed by Marc Becker and Francisca da Gama. Philippines: fond 495-268, 51 files; initial translation by LoC. Reviewed by Patricio Abinales. Poland: fond 495-252, 11,970 files; initial translation by LoC. Reviewed by Włodzimierz Batóg and Maciej Siekierski. Portugal: fond 495-253, 161 files; initial translation by LoC. Reviewed by Carlos Cunha. Puerto Rico: fond 495-254, 37 files; initial translation by LoC. Reviewed by W. F. Santiago-Valles. Romania: fond 495-255, 2646 files; initial translation by LoC. Reviewed by Keith Hitchins and Eduard Mark. Saudi Arabia: fond 495-191, 3 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Senegal: fond 495-284, 50 files; initial translation by LoC. Reviewed by Vincent Foucher, Mohamed Mbodj, Sylviane Diouf, Nikolai Dobronravine, and Papa Seydina Ndiaye. Singapore: fond 495-257, 3 files; initial translation by LoC. Reviewed by Laurent Metzger. South Africa: fond 495-279, 144 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Edgar, Allison Drew, Irina Filatova, and Linda Duvenage. Spain: fond 495-220, 4,058 files; initial translation by LoC. Reviewed by José Manuel González and Guillermo Alonso. Sudan: fond 495-259, 21 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Sweden: fond 495-275, 750 files; initial translation by LoC. Reviewed by Lars Björlin. Switzerland: fond 495-274, 387 files; initial LoC computer translation; translation and review by Brigitte Studer. Syria: fond 495-258, 171 files; initial translation by LoC. Reviewed by Habib Malik. Tannu Tuva: fond 495-263, 12 files; initial translation by LoC. Reviewed by Alan Leighton. Thailand: fond 495-260, 55 files; initial translation by LoC. Reviewed by Kevin Hewison, Pasuk Phongpaichit, Chris Baker, Kasian Tejapira and Thongchai Winichakul. Trieste: fond 495-262, 11 files; initial translation by LoC. Reviewed by State Archive of Italy. Turkey: fond 495-266, 322 files; initial translation by LoC. Reviewed by Irvin Schick, Meta Tuncay, Rasih Ileri and the Social History Research Foundation of Turkey. Tunisia: fond 495-265, 52 files; initial translation by LoC. Reviewed by Kenneth Perkins. Tuva: fond 495-264, 77 files; initial translation by LoC. Reviewed by Alan Leighton. Ukraine (Western Ukraine): fond 495-281, 218 files; initial translation by LoC. Reviewed by Nataliya Martynenko. Uruguay: fond 495-267, 268 files; initial translation by LoC. Reviewed by Christine Ehrick, Gerardo Leibner and Vania Markarian. USA: fond 495-261, 6,846 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Earl Haynes, Harvey Klehr and Maurice Isserman. Venezuela: fond 495-200, 151 files; initial translation by LoC. Reviewed by Robert Alexander. Vietnam: fond 495-201, 139 files; initial translation by LoC. Reviewed by Sinh Vinh. Xingjiang: fond 495-226, 88 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Yemen: fond 495-211, 44 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Haynes. Yugoslavia: fond 495-277, 2,527 files; initial translation by LoC. Reviewed by John Krajlic and Avgust Lesnik. List of persons (167) who have assisted in the translation of Comintern Archives[3]. Personal/biographical file names[4] 1.     Abinales, Patricio. Kyoto University, Japan. Review of personal names for the Philippines. 2.     Akiba, Yoko. Library of Congress, USA. Translation of Japanese serial titles. 3.     Alcindor, Christian. Rutgers University, USA. Review of personal names for Haiti. 4.     Alexander, Robert. Rutgers University, USA Review of personal names for Bolivia, Columbia, Costa Rica, Cuba, Dominican Republic, Guadeloupe, Honduras, Martinique, Mexico, Nicaragua, Venezuela. 5.     Alonso, Guillermo Ministry of Education, Culture, and Sport, Spain. Review of personal names for Catalonia and Spain. 6.     Avineri, Shlomo. Hebrew University, Israel. Review of personal names for Israel. 7.     Bachman, Ronald. Library of Congress, USA. Transliteration/translation coordinator and editor. Initial translation of personal names for Afghanistan, Austria, Bangladesh, Belgium, Cameroon, Ceylon, China, Ghana, Guadeloupe, Haiti, India, Indonesia, Iran, Korea, Laos, Lesotho, Luxembourg, Malaya, Malta, Manchuria, Martinique, Mauritius, Mongolia, Philippines, Poland, Senegal, Singapore, Tannu Tuva, Trieste, Tuva, USA, Vietnam, Xingjiang. Translation of RGASPI descriptors. 8.     Baker, Christopher. Independent scholar, Thailand. Review of personal names for Thailand. 9.     Batóg, Włodzimierz. Jan Kochanowski, Pedagogical University, Poland. Review of personal names for Poland. 10.  Batsaikhan, Ookhnol. Mongolian Academy of Sciences, Mongolia. Review of personal names for Mongolia. 11.  Bayerlein, Bernhard H. University of Mannheim and University of Cologne, Germany. Review of personal names for Germany and recruitment of reviewers. 12.  Becker, Marc. Truman State University, USA. Review of personal names for Bolivia, Ecuador, Peru. 13.  Beinin, Joel. Stanford University, USA. Review of personal names for Egypt and Israel. 14.  Bejarano, Margalit. Hebrew University, Israel. Review of personal names for Cuba. 15.  Benjelloun, Adbelmajid. Faculté de Droit, University of Rabat, Morocco. Review of personal names for Morocco. 16.  Bertolissi, Sergio. Istituto Universitario Orientale, Italy. Review of personal names for Italy. 17.  Björlin, Lars. University College of Södertörn, Sweden. Review of personal names for Sweden. 18.  Bolotenko, George. National Archives of Canada, Review of personal names for Canada. 19.  Brady, Anne-Marie. University of Canterbury, New Zealand. Review of personal names for New Zealand. 20.  Cagnoli, Fedora. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Iberia (Spain and Portugal) and Latin America. 21.  Campbell, Alan. University of Liverpool, United Kingdom. Review of personal names for Great Britain. 22.  Case, Frederick Ivor. University of Toronto, Canada. Review of personal names for Guadeloupe, Haiti, Martinique. 23.  Castellano, Guillermina. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Iberia and Latin America. 24.  Chambers, Kevin. Gonzaga University, USA. Review of personal names for Paraguay. 25.  Chaqueri, Cosroe. Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris, France. Review of personal names for Iraq and Iran. 26.  Ching, Erik. Furman University, USA. Review of personal names for Costa Rica, El Salvador, Honduras, Nicaragua, and Panama. 27.  Chomsky, Aviva. Salem State College, USA. Review of personal names for Costa Rica. 28.  Cottias, Myriam. Université des Antilles et de la Guyane, Martinique, France. Review of personal names for Guadeloupe, Martinique, and Haiti. 29.  Cumings, Bruce. University of Chicago, USA. Review of personal names for Korea. 30.  Cunha, Carlos. Dowling College, USA. Review of personal names for Portugal 31.  Da Gama, Francisca. Massey University, New Zealand. Review of personal names for Peru. 32.  Day, Peter. Writer and independent scholar, Sydney, Australia. Review of personal names for Australia. 33.  Deeb, Mary Jane. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Algeria, Egypt, Iraq, Jordan, Lebanon, Libya, Morocco, Oman, Saudi Arabia, Sudan, Syria, Tunisia, and Yemen. 34.  Diouf, Sylviane. New York University, USA. Review of personal names for Senegal. 35.  Dobronravine, Nikolai. St. Petersburg State University, Russia. Review of personal names for Senegal. 36.  Drew, Allison University of York, United Kingdom. Review of personal names for South Africa. 37.  Duvenage, Linda. Independent researcher, South Africa. Review of personal names for South Africa. 38.  Edgar, Robert. Howard University, USA. Review of personal names for South Africa. 39.  Ehrick, Christine. University of Louisville, USA. Review of personal names for Uruguay. 40.  Fedor, Helen. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Czechoslovakia. 41.  Filatova, Irina. University of Durban, South Africa. Review of personal names for South Africa. 42.  Firsov, Fridrikh. Independent scholar, Lynn, Massachusetts, USA. Consultant on descriptors. 43.  Foucher, Vincent. University of London, United Kingdom. Review of personal names for Senegal. 44.  Fowler, Josephene. University of Minnesota, USA. Review of personal names for Japan. 45.  Gawdiak, Ihor. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Western Ukraine. 46.  Gobat, Michael. University of Iowa, USA. Review of personal names for Nicaragua. 47.  González, José Manuel. Ministry of Education, Culture, and Sport, Madrid, Spain. Review of personal names for Catalonia and Spain. 48.  Gotovitch, José. Université Libre de Bruxelles, Belgium. Review of personal names for Belgium. 49.  Grahn, Gerlinde. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Berlin, Germany. Translation and Review of personal names for Germany. 50.  Grossman, Richard. DePaul University, USA. Review of personal names for Nicaragua. 51.  Grunberger, Michael. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Israel. 52.  Hadjianastasis, Marios. University of Birmingham, United Kingdom. Review of personal names for Cyprus. 53.  Harris, Grant. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Albania and Romania. 54.  Haynes, John Earl. Library of Congress, USA. Coordinated recruitment of reviewers. Reviewed descriptors, Bangladesh, Cameroon, Ceylon, Ghana, Libya, Sudan, Yemen, and USA. 55.  Hewison, Kevin. City University of Hong Kong, China. Review of personal names for Thailand. 56.  Hitchins, Keith. University of Illinois, USA. Review of personal names for Romania. 57.  Hoffmann, Serge. Archives Nationales, Luxembourg. Review of personal names for Luxembourg. 58.  Holtsmark, Sven. Institute for Forsvansstudier, Oslo, Norway. Review of personal names for Norway. 59.  Htway, Khin. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Burma. 60.  Ileri, Rasih Nuri, and the Social History Research Foundation of Turkey. Review of personal names for Turkey. 61.  Isserman, Maurice. Hamilton College, USA. Review of personal names for USA. 62.  Kaden, Helma. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Berlin, Germany. Translation and Review of personal names for Germany. 63.  Katzoff, Beth. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Japan. 64.  Kaur, Amarjit. University of New England, Australia. Review of personal names for Malaya. 65.  Kecskeméti, Charles. INCOMKA, France. Recruitment of reviewers. 66.  Kelbetcheva, Evelina. American University in Bulgaria. Review of personal names for Bulgaria. 67.  Kiernan, Ben. Yale University, USA. Review of personal names for Laos. 68.  Klehr, Harvey. Emory University, USA. Review of personal names for USA. 69.  Krajlic, John. Independent scholar, Flushing, New York, USA. Review of personal names for Yugoslavia. 70.  Krekola, Joni. University of Helsinki, Finland. Review of personal names for Finland. 71.  Kuneralp, Sinan. Isis Press, Turkey, Review of personal names for Cyprus. 72.  Laine, Ed. Independent scholar, Ottawa, Canada. Review of personal names for Canada. 73.  Landauer, Hans. Documentation Archive of Austrian Resistance and Association of Austrian Republican Volunteers in the Spanish Civil War, Vienna, Austria. Review of personal names for Austria. 74.  Larson, Everette. Library of Congress, USA. Transliteration and translation coordinator for Iberia and Latin America, i.e., Argentina, Bolivia, Brazil, Catalonia, Chile, Colombia, Costa Rica, Cuba, Dominican Republic, El Salvador, Ecuador, Guatemala, Honduras, Mexico, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru, Portugal, Puerto Rico, Spain, Uruguay, and Venezuela. 75.  Lee, Jongsoo. Harvard University, USA. Review of personal names for Korea. 76.  Lee, Sonya. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Korea. 77.  Leibner, Gerardo. Tel Aviv University, Israel. Review of personal names for Uruguay. 78.  Leich, Harold. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Australia, Bulgaria, Canada, Cyprus, Great Britain, Greece, Ireland, New Zealand, and USA. Translation of RGASPI descriptors. 79.  Leighton, Alan. Independent researcher, Bochum, Germany. Review of personal names for Tuva and Tannu Tuva. 80.  Lesnik, Avgust. University of Ljubljana, Slovenia. Review of personal names for Yugoslavia. 81.  Lintner, Bertil. Writer/researcher with the Far Eastern Economic Review, Thailand. Review of personal names for Burma. 82.  Li, Minghua. Central Archives of China (PRC). Review of personal names for China. 83.  Lopez, André Ancona. Universidade Estadual de Maringá, Brazil. Review of personal names for Brazil. 84.  Lu, Judy. Library of Congress, USA. Translation of Chinese serial titles. 85.  Luaces, Nora. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Iberia and Latin America. 86.  Malik, Habib. Lebanese American University, Lebanon. Review of personal names for Lebanon, Syria. 87.  Mark, Eduard. U.S. Air Force History Office, USA. Review of personal names for Romania. 88.  Markarian, Vania. Columbia University, New York, USA. Review of personal names for Uruguay. 89.  Martynenko, Nataliya. Kharkov State Medical University, Ukraine. Review of personal names for Western Ukraine. 90.  Massad Joseph. Columbia University, USA. Review of personal names for Jordan. 91.  Mbodj, Mohamed. Manhattanville, College, USA. Review of personal names for Senegal. 92.  McIlroy, John. University of Manchester, United Kingdom. Review of personal names for Great Britain. 93.  McKnight, David. University of Technology, Australia. Review of personal names for Australia and New Zealand. 94.  McLoughlin, Barry. University of Vienna, Austria. Review of personal names for Austria, Great Britain, and Ireland. 95.  McVey, Ruth Independent scholar, Siena, Italy. Review of personal names for Indonesia. 96.  Mezzabotta, Liliana. Centrale Beni Archivistici, Roma, Italy. Recruitment of reviewers. 97.  Metzger, Laurent. University of La Rochelle, France. Review of personal names for Malaya and Singapore. 98.  Minucci, Sergio. Independent Researcher, Italy. Review of personal names for Italy. 99.  Mouradian, Georges. Archives de France, Paris and Centre des Archives du Monde du Travail, Roubaix, France. Translation and Review of personal names for France. 100.        Morgan, Kevin. University of Manchester, United Kingdom. Review of personal names for Great Britain, Ireland. 101.        Morriën, Joop. Independent scholar, Amsterdam, Netherlands. Review of personal names for Indonesia. 102.        Murphy, Christopher. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Turkey. 103.        Ndiaye, Papa Seydina. University of Cheikh Anta Diop, Senegal. Review of personal names for Senegal. 104.Neubert, Michael. Library of Congress, USA. Development of the computer program to generate Library of Congress romanizations of Russian Cyrillic spellings. 105.        Nguyen, Hoa. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Vietnam. 106.        Nyirady, Kenneth. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Hungary. 107.        O’Connor, Emmet. University of Ulster, United Kingdom. Review of personal names for Ireland. 108.        Olafsson, Jon. University of Iceland. Review of personal names for Iceland. 109.        Olave, Carlos. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Iberia and Latin America. 110.        Oldenhage, Klaus. Bundesarchiv, Koblenz, Germany. Recruitment of reviewers. 111.        Páez Cordero, Alexei, Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales, Ecuador. Review of personal names for Ecuador. 112.        Paik, Haik Soon. Sejong Institute, Korea. Review of personal names for Korea. 113.        Pajic, Predrag. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Yugoslavia. 114.        Pakkasvirta, Jussi. Instituto Renvall, Finland, Review of personal names for Costa Rica. 115.        Pedersen,Vernon. American University in Bulgaria, Sofia. Review of personal names for Bulgaria. 116.        Perez, Juan Manuel. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Iberia and Latin America. 117.        Perkins, Kenneth. University of South Carolina, USA. Review of personal names for Tunisia. 118.        Pernet, Corinne. Universität Zürich, Switzerland. Review of personal names for Chile. 119.        Petrak, Katalin. Institute of Political Science, Hungary. Review of personal names for Hungary. 120.        Phongpaichit, Pasuk. Chulalongkorn University, Thailand. Review of personal names for Thailand. 121.        Pourhadi, Ibrahim. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Iran. 122.        Rahin, Abdul Rasoul, Afghanistan Cultural Association, Stockholm, Sweden. Review of personal names for Afghanistan. 123.        Ramos, Carla. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Iberia and Latin America 124.        Rentola, Kimmo. University of Helsinki, Finland. Review of personal names for Finland. 125.        Richards, Susan. Independet scholar, Albuquerque, USA. Review of personal names for Mexico. 126.        Rock, David. University of California, Santa Barbara, USA. Review of personal names for Argentina. 127.        Rony, Abdul. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Indonesia. 128.Saarela, Tauno. University of Helsinki, Finland. Review of personal names for Finland. 129.        Said, Rifaat. Independent scholar, Cairo, Egypt. Review of personal names for Egypt. 130.        Sainton, Jean-Pierre. Université des Antilles et de la Guyane, Martinique, France. Review of personal names for Guadeloupe, Haiti. 131.        Salamon, Pavol. Open Society Archives of Central European University, Hungary. Review of personal names for Czechoslovakia. 132.        Santana, Marco Aurelio. University of Rio de Janeiro, Brazil. Review of personal names for Brazil. 133.        Santiago, Aldo. College of the Holy Cross, USA. Review of personal names for El Salvador. 134.        Santiago-Valles, W.F. Western Michigan University, USA. Review of personal names for Ecuador and Puerto Rico. 135.        Sestan Lapo. Istituto Universitario Orientale, Italy. Review of personal names for Italy. 136.        Scalapino, Robert. University of California, Berkeley, USA. Review of personal names for Japan. 137.        Schaeffer, Sirikanya. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Laos and Thailand. 138.        Schelchkov, Andrei. Institute for Universal History, Academy of Sciences,Moscow, Russia. Review of personal names for Bolivia. 139.        Schick, Irvin. Harvard University, USA. Review of personal names for Turkey. 140.        Schlesinger, Stephen. New School University, USA. Review of personal names for Guatemala. 141.        Schwartz, Stephen. Independent scholar, Washington, USA. Review of personal names for Albania. 142.        Siekierski, Maciej. Hoover Institution, USA. Review of personal names for Poland. 143.        Sinani, Shaban. National Archives, Tirana, Albania. Review of personal names for Albania. 144.        Sivan, Emmanuel. New Hebrew University, Israel. Review of personal names for Algeria. 145.        Solsten, Eric. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Italy, Netherlands, and South Africa. 146.        Spenser, Daniela. Centro de Investigaciones y Estudios Superiores en Antropologia Social, Mexico City. Review of personal names for Mexico. 147.        Spiegel, Taru. Library of Congress, USA. Initial translation of personal name for Denmark, Finland, Iceland, Norway, Sweden. 148.        Studer, Brigitte. Universität Bern, Switzerland. Translation and review of personal names for Switzerland. 149.        Swamy, Subramanian. Harvard University. Review of personal names for India. 150.        Taffin, Dominique. Archives of Martinique, Martinique, France. Review of personal names for Martinique. 151.        Taylor, Kerry. Massey University, New Zealand. Review of personal names for New Zealand. 152.Taylor, Robert. Independent scholar, United Kingdom. Review of personal names for Burma. 153.        Tejapira, Kasian. Thammasat University, Thailand. Review of personal names for Thailand. 154.        Thapa, Bahadur. Tribhuvan University, Nepal. Review of personal names for Nepal. 155.        Thing, Morten. Roskilde Universitetsbibliotek, Denmark. Review of personal names for Denmark 156.        Thrasher, Allen. Library of Congress, USA. Initial translation of personal names for Bangladesh, Ceylon, India, Nepal. 157.        Tuncay, Meta. Istanbul Bilgi Universitesi, Turkey. Review of personal names for Turkey. 158.        Van Oudenaren, John. Library of Congress, USA. Recruitment of reviewers. 159.        Vinh, Sinh. University of Alberta, Canada. Review of personal names for Vietnam. 160.        Vlavianos, Haris. Decree College, Greece. Review of personal names for Greece. 161.        Voermann, Gerrit. University of Groningen, Netherlands. Review of personal names for Netherlands. 162.        Weber, Devra. University of California, Riverside. USA. Review of personal names for Mexico. 163.        Winichakul, Thongchai. University of Wisconsin-Madison, USA. Review of personal names for Thailand. 164.        Winn, Peter. Tufs University, USA. Review of personal names for Chile. 165.        Workman, Shaunetta. Library of Congress, USA. Formatting of files into tables, word-processing support and advice throughout the project. 166.        Zasloff, Joseph. University of Pittsburgh, USA. Review of personal names for Laos. 167.        Zhao, Cong, and colleagues of the State Archival Administration of China. Review of personal names for China. Fifty four countries of the historians, scholars, researchers, linguists, and other specialists who translated or reviewed the translations of the personal names of the Comintern biographical file lists for the INCOMKA Project 1.              Afghanistan      28.       Luxembourg 2.              Albania 29.       Martinique (France) 3.              Australia          30.       Mexico 4.              Austria 31.       Mongolia 5.              Belgium           32.       Morocco 6.              Brazil   33.       Nepal 7.              Bulgaria           34.       Netherlands 8.              Canada 35.       New Zealand 9.              China (PRC)     36.       Norway 10.           Cyprus 37.       Phillippines 11.           Czech Republic 38.       Poland 12.           Denmark          39.       Portugal 13.           Ecuador           40.       Puerto Rico (USA) 14.           Egypt   41.       Russia 15.           Finland 42.       Senegal 16.           France  43.       Slovenia 17.           Germany          44.       South Africa 18.           Greece 45.       Spain 19.           Hungary           46.       Sweden 20.           Iceland 47.       Switzerland 21.           India    48.       Thailand 22.           Ireland  49.       Turkey 23.           Israel    50.       Ukraine 24.           Italy     51.       United Kingdom (Great Britain) 25.           Japan   52.       Uruguay 26.     Korea (ROK)    53.       USA 27.       Lebanon                                          54.       Vietnam Alexandre Courban, Paris A Journey into the Archives of the Communist Party of France (PCF) This article is a contribution to the history of communism. Whilst preparing a Phd in history about the French newspaper L’Humanité, the author has been given responsibility of the PCF archives of the inter-war period. Since 1997, he has been developing a database on the leadership archives. At the same time, he took an interest in all questions regarding the archives[5]. In 1993, the Communist Party of France (PCF) opened its archives from the period 1944 to 1972. The archives before World War II have been opened since the 1980s. In the early 1970’s the Institute of Marxism-Leninism of Moscow handed over some of the archives concerning the activities of the PCF before 1939 as microfilm copies. These contain most of the leadership meetings, letters and correspondence of all kind, as well as documents about the activity of the different working sections (agit-prop, work amongst peasants, work amongst women and so on).6 We know now that the Soviets at the time handed over 865 files (not always in a complete form) out of over 2055 files existing at the Russian State Archive of Social and Political Studies (RGASPI )[6]. A new database. The choice to index the leadership archives In January 1997, the archives department of the PCF, the Marxist library in Paris and the Institute of Contemporary History of the University of Burgundy (Dijon - UMR CNRS 5605) decided to create a database of the archives of the leadership of PCF (Secretariat and Politburo) as a whole. One of the main interests of those archives lies in the fact that they are complete, only very few documents are missing. Their formal aspects changed according to the period. Until 1935, most of the documents are typewritten minutes of the governing bodies’ meetings. From 1935 on, we find mostly short summaries of the decisions taken at the meetings. From 1920 to 1938, the whole archives consist of microfilm copies, the original documents can only be found in Moscow at the RGASPI. From 1944 on, the user may find original documents. The archives of the Central Committee contain typewritten documents and microfilms of reports and interventions until 1953. From that date on, the archives consist of audio recordings. These archives have their own history. The different ways chosen to record the meetings are of importance. Since the typewritten minutes of the meetings were abandoned in favour of the summaries of decisions, many relevant debates and other details for the database have been lost. A study of these archives without an appropriate methodological approach could only reinforce the myth of a perfect communist organisation. The high number of decisions and directives is, at the first glimpse, presenting a kind of infallible machinery. On the other hand, the repetition of the same directives at more than one or two meetings could imply that they have still not been executed. In these cases, the archives give more information about the institution than the event. As an example, in the early 1930’s, a contribution or intervention at the Central Committee’s meetings always began with » I do agree with comrade X report...«. In the heart of indexing However, the database is a research tool which opens some perspectives. Historians and archivists have participated in the conceptual elaboration of the database initiated by the Institute of Contemporary History of the University of Burgundy. Rosine Fry has conceived the technical adaptation of a 4d computer program, the indexing is being done by some Phd students. The aim of this project is shown through the description by a multitude of indexing fields. In order to identify each meeting, we are indicating the type of governing body (Secretariat, Politburo, Central Committee) in the author’s field, followed by the date, the type of document (typewritten minutes, decisions) and the references. The main topics are also described in a specific field. This previous work allows – through a fast and clear reading – a good knowledge of the different meetings. Through the index three specific fields are created: »authors«, »thematic words« and »locations«. All geographical sites are indexed. The geographical thesaurus allows any inquiry down to the regional subdivision of each country. Through a single and specific research, it is possible to find other links to enlarge the geographical scale. For example, starting from the entries matching with the town of Marseilles the user will be able to look for any meeting concerning the departement Bouches-du-Rhône. The indexing by key words is the principal analytic contribution to the inventory. The indexing allows to interrogate with reliability the documents whose characteristics are a special terminology which has evolved in time. This thesaurus inserts a dimension which respects the linguistic evolutions. This bears a whole range of possiblities for synthetic and exhaustive researching. Using the thesaurus, one can find, for example, all the meetings regarding the various strikes. Of course, if the word »strike« matches different meetings, it does not say anything about the importance of the debate about the strike. Finally, the proper names are not only indexed but also specified in different categories relying on the function assumed by the respective person, as author, speaker, simply quoted or present in the meeting. This makes it possible to search only for the corpus of meetings where the specific person intervenes, or meetings where he is simply present or quoted. For example, one can find Maurice Thorez as a speaker at the sessions of the Politburo or the Secretariat. One may then become interested about Maurice Thorez quoted rather than speaker. One can also make a research about the perception of international leaders of the communist (as Stalin) or the worker’s movement (as Léon Blum). New perspectives As this kind of an innovative inventory permits larger reflections, it simplifies a more comparative approach. The systematic text treatment opens new perspectives. Without modifying the classification, the computerization enables the user to make inquiries which are beyond the possibilities offered by classical inventories. This database allows a more transversal and thematic approach. Without pretending here to outline a multidisciplinary research program, we can however suggest a few methods of reflections. For example we can imagine major contributions for a social history that would follow social categories as for example the railway employees in order to study their number, their influence and their force. This database could also support oral history. For example, the Secretariat’s appended documents from 1944 on are rich in authorizations to travel abroad, that makes it possible to study individual travellers in Eastern Europe, for example. All kinds of useful data for biographical research may be obtained via this database. Facing the number of documents (more than 75000 pages microfilmed), this database may be a useful tool, introducing at the same time a new way of working: we do not have to systematically read the entire meetings reports. This database enables us to digitise the whole of the original document of these leadership archives. Finally, a link between the thesaurus and the digitised document will then be possible. In this way, the project follows the program defined by Georges Haupt: »To forge working tools, inventory sources, to write biographies, to publish documents, to elaborate monographies«[7]. The Records of the Communist Party of the USA in the Comintern Archives DC Publishers is pleased to announce it is expanding its offering of source materials from the Comintern Archives in Moscow. The Library of Congress obtained the records of the CPUSA on microfilm for research use and preservation with no right of additional reproduction. However, in recognition of the importance of these materials to the scholarly community, the Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI) granted IDC Publishers the exclusive worldwide right to distribute these microfilms. Many of the documents in this collection are unique; the records are very detailed regarding the history of the CPUSA, particularly its origins in the 1920s and the early and middle 1930s. IDC Publishers makes this very important resource available for research. This collection provides a strong basis for reconstructing an accurate picture of American communism and anti-communism. Including an online finding aid. Source: http://www.idc.nl/catalog/referer.php?c=391> Contact: Willemijn Lindhout. IDC Publishers. P.O. Box 11205. 2301 EE Leiden The Netherlands. E-mail: wlindhout@idc.nl Neue Veröffentlichungen und Ressourcen zum Archivwesen Stefan Creuzberger, Rainer Lindner (Hrsg.): Russische Archive und Geschichtswissenschaft. Rechtsgrundlagen – Arbeitsbedingungen – Forschungsperspektiven, Köln, Verlag Wissenschaft und Politik, 2003. Geplanter Inhalt des Bandes: Einleitung (Stefan Creuzberger, Rainer Lindner). Theoretische, politische und rechtliche Grundlagen: Arbeit an der Geschichte. Vom Umgang mit den Archiven (Jörg Baberowski). Reflektierte Archivarbeit – der »Königsweg« osteuropäischer Zeitgeschichte. Die übersichtliche »Welt der Modelle« und die »konstitutive Widersprüchlichkeit« des Sowjetsystems (Klaus Gestwa). Archives in the Former Soviet Union Ten Years After; or, Still »Caught between Political Crossfire and Economic Crisis« (Patricia Grimsted). Institutionen, Archive, neue Bestände: Vom Zentralen Parteiarchiv (CPA) zum Russischen Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte (RGASPI) (Andrej V. Doronin). Das Russische Staatsarchiv der Neuesten Geschichte (RGANI). Bemerkungen zu Freigabe und Nutzung seiner Dokumente (Michail Ju. Prozumenščikov). Das Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF). Freigabe und Nutzung neuer Bestände (Oganes V. Marinin); Das Moskauer »Volksarchiv«. Persönliche Reflexionen über die Idee und die Geschichte eines außergewöhnlichen Dokumentationszentrums (Boris S. Ilisarov). Zur »Deutsch-Russischen Historikerkommission« – Aufgaben und Projekte (Eberhard Kuhrt). 100(0) Schlüsseldokumente der russischen Geschichte. Ein Kooperationsprojekt der »Deutsch-Russischen Historikerkommission« im Internet: Das Beispiel Rapallo-Vertrag (Helmut Altrichter, Christoph Mick). Neue Quellen zum Stalinismus: Eine neue Stadtgeschichte der Sowjetunion und Mikrostudien – Ideen zu den Beständen des Zentralen Staatlichen Archivs St. Petersburgs (CGA SPb) (Julia Obertreis). Auf der Suche nach der Erfahrung. Autobiographisches Material aus dem Russischen Staatsarchiv für Wirtschaft (RGAĖ) (Susanne Schattenberg). Herrschaft und Technik in der spätund poststalinistischen Sowjetunion. Machtverhältnisse auf den »Großbauten des Kommunismus«, 1948–1964 (Klaus Gestwa). Das Rätsel der »Sozialistischen Stadt«. Archivarbeit in der Republik Belarus’(Thomas M. Bohn). Außenpolitik und Internationale Beziehungen von der Zwischenkriegszeit bis zum Kalten Krieg: Geschichtsforschung und Kommunismusforschung. Streifzüge um das Kominternarchiv (Bernhard H. Bayerlein). Die sowjetische Außenpolitik der Zwischenkriegszeit im Spiegel russischer Archivquellen (Viktor Knoll). Wehrmachtsdokumente und Feldpostbriefe im ehemaligen »Zentrum zur Aufbewahrung historisch-dokumentarischer Sammlungen« des Russischen Staatlichen Militärarchivs in Moskau (Polly Kienle). Foreign policy and the archival experience in Russia (Donal O’Sullivan). Zur Geschichte der sowjetischen Rüstungsindustrie von 1945 bis 1965. Das Russische Staatsarchiv für Wirtschaft (RGAĖ) und seine Bestände (Matthias Uhl). Sowjetische Besatzungsverwaltung in Deutschland. Aktenbestände zur Geschichte der SMAD in russischen Archiven (Johannes Raschka). Perspektiven der Archivarbeit zur Sowjetgeschichte: Neue Forschungsfelder zur sowjetischen Geschichte (Stefan Creuzberger, Rainer Lindner). Anhang: Internetressourcen zu Archiven in Rußland, in der Ukraine und in Belarus – eine Auswahl. Abkürzungeverzeichnis. Autorenverzeichnis. The Archives of the Communist Party of Italy (PCI) The Archival Department of the Foundation Institute Gramsci (Fondazione Istituto Gramsci), Rome has acquired a copy on CD of the documents of the Italian CP stored in RGASPI, Moscow. This is an important step in order to complete the historical Archive of the Italian Communist Party from 1921 to 1991. Contact: Archivio@fondazionegramsci.org. Homepage www.fondazionegramsci.org Section II Regional Communist Studies Avgust Lešnik, Ljubljana: 1948 − Yugoslavia and the Cominform − Fifty Years Later. Petar Kačavenda (ed.): The Yugoslav − Soviet Conflict in 1948. Collection of Works from the Scientific Conference / Jugoslovensko-sovjetski sukob 1948. godine. Zbornik radova sa naučnog skupa. Beograd: Institut za savremenu istoriju / The Institute of Modern History, 1999, 326 pp. This book represents a compilation of some works made on the basis of contributions presented at the congress of historians, organized by the Institute of Modern History and held on rhe 15th and 16th of October, 1998, in Belgrade under the title »The Yugoslav Soviet Conflict in 1948«. At the congress, eminent Yugoslav and foreign historians presented thirty contributions. The congress was organized to mark fifty years since the outbreak of the conflict between Yugoslavia and the Soviet Union, a crucial political event in the postwar history of Yugoslavia, whose repercussions directly affected the fate of the Yugoslav state and the lives of its inhabitants in the decades to come. The breach between the two leading communist parties and their countries also had an important international aspect, particularly in regard to the relations between the Eastern and Western military and political alliances on the eve of the Cold War. The Institute wished to provide, on the occasion of this anniversary, an opportunity for historians and other experts dealing with this question to present the results of their research, in view of the fact that archival material and historical distance offer a solid basis for a more objective and thorough study of this complex matter. The breach, which began in 1948 when the leaders of the Soviet Communist Party embarked on a period of severe criticism directed at Yugoslav political and party leaders, soon developed into a conflict deeply affecting not only the mutual relations between Yugoslavia and the Soviet Union and their communist parties, but also those between Yugoslavia and the communist parties and countries belonging to the group of the people’s democracies and to the Cominform. Former studies have definitely demonstrated that the roots of the conflict lay in the hegemony of the first country of socialism in international relations, in the monopolistic attitude of the Soviet Communist Party and Josif Vissarionovich Stalin, in the mutual relations between certain parties and leaders of socialist countries, and in the personal relations between Stalin and Tito, the greatest authorities of the Eastern European countries, Stalin as the first figure of world communism, and Tito as a confirmed opponent of fascism. The roots of the conflict between Yugoslavia and the Soviet Union, which broke out in 1948 after the Cominform Resolution and came as a surprise not only to the ordinary people and leaders of Yugoslavia, but also to the international community, lay in Moscow’s reaction to the Yugoslav Communist Party just before World War Two, in the course of the Yugoslav struggle for national liberation, and in the immediate after war periode, when Tito’s Yugoslavia took certain steps in internal and foreign policy without the »big brother’s« knowledge and guidance. The studies published on this subject provide certain answers regarding the causes and effects of this conflict in relation to the subsequent relations among socialist countries and their communist parties. This collection of studies and presentations of the scientific conference demonstrates that historiography has already achieved substantial results in discerning the causes, the course, and the consequences of these events which marked a turning point in Yugoslav postwar history. Undoubtedly this book will encourage further research of this challenging historical subject. The Historical Significance and Repercussions of the Year 1948 (Ranko Petković) Yugoslavia’s separation from the socialist camp for a period of four years had lasting historical and political repercussions, best viewed within the frame of the combined internal and external effects of this political decision. Internally, the Yugoslav population profited from the country’s new foreign policy by enjoying higher standards of living than those typical of the other socialist states. This improved status included greater political freedom, more opportunity for travel and work abroad, and a series of other privileges. Furthermore, the separation from the Eastern bloc reinforced Yugoslavia’s position and reputation in international politics, manifested by the growing interest of both superpowers in intensifying cooperation with Yugoslavia and by the country’s leading role in the non aligned movement, and its exceptional popularity among Asian, African and Latin American countries. Despite the fact that Yugoslavia’s decision definitely caused a number of negative effects (an insufficient level of democracy, a system of repression which in some instances, such as Goli Otok, exceeded the repressive measures employed in other socialist countries, and close ties with the most brutal autocratic regimes, such as that of Idi Amin, Haile Selassie, and Bocassa), there is no doubt that the positive results of the separation outweighed the negative ones. Causes and Effects of the Conflict (Sava Živanov) The essay deals with the causes and effects of the conflict between Yugoslavia and the Soviet Union in 1948. The break in Soviet-Yugoslav relations came as a result of a number of accumulated differences, from those regarding socialist theory and practice to questions of foreign policy, particularly Yugoslavia’s role in the Balkans, which culminated in 1948. The breach between Tito and Stalin had multifarious effects. Following the conflict with the Soviet Union, Yugoslavia abandoned the Soviet model of social order and set the foundations of a new and specific type of socialism in the form of the »system of self-government«, which served as a cornerstone for Yugoslavia’s social and political development for several decades ahead. The precedent set by Yugoslavia affected the situation and existing relations within the communist camp, prompting some of the country-members toward attempts at social reform. In the sphere of foreign politics the conflict with the Soviet Union enabled Yugoslavia to assume a new position in international relations, between the opposing political blocs, and to the subsequent development of Yugoslav foreign policy along the principles of nonalignment. Great Britain and the Soviet−Yugoslav Conflict (Djoko Tripković) Great Britain played a leading role in Western policy regarding Yugoslavia during World War Two. The British statesmen Winston Churchill and Anthony Eden sought to maintain Western positions and influence in Yugoslavia and to counter the increasing Soviet penetration in Eastern Europe. Their efforts appeared, however, to have little effect. The ascendance to power of the communist regime headed by Tito immediately after the war signified Yugoslavia’s complete turn towards Moscow. Soviet influence became absolute, since the Yugoslav communists thoroughly applied the Soviet model of government as the most faithful allies of Stalin and the USSR. Soviet predominance lasted until 1948 and the break between Tito and Stalin, which soon evolved into a severe political conflict. The British government saw the breach as a chance to restore Western positions in Yugoslavia and, together with the American administration, hastened to formulate a new political strategy for Yugoslavia. Initially the new policy, figuratively referred to as »keeping Tito afloat«, offered guarded support to Tito’s regime. Following Tito’s promise of denying further assistance to Markos’ partisans in Greece, the West intensified the economic and subsequent military aid offered to Yugoslavia, through the program of Tripartite Aid. Yugoslav relations with the West reached their highest point in this period, as demonstrated by Tito’s visit to Britain in March 1953, his first trip to a Western country since the end of the war. Stalin’s death, however, which coincided with Tito’s return from London, caused an abrupt turn in the situation, leading to Yugoslavia’s speedy reconciliation with the Kremlin. The process of normalization in the relations between Yugoslavia and the USSR was concluded in 1955/56. At the same time, Tito formed a long-term foreign policy based on Yugoslavia’s non aligned position between the East and West. Great Britain and the US could not but accept Tito’s position, and continued their program of cooperation and aid as the price that had to be paid to prevent him from returning into the Soviet orbit. Western Economic and Military Aid at the Time of Yugoslavia’s Conflict with the Cominform (Dragan Bogetić) Yugoslavia’s cooperation with the West in the early 50s represented a novelty in international relations and a precedent difficult to accept at the time of the world’s severe polarization. Economic relations with the West were the basis for Yugoslavia’s new foreign policy directed at overcoming the isolation from the international community, and the main factor of its political regime’s internal consolidation. Needless to say, these relations were not founded on the principles of true economic cooperation between equal partners, but rather took the form of unilateral aid to Yugoslavia, almost exclusively motivated by Western military and political interests. The aid offered to Yugoslavia, however, was also used to direct Yugoslavia toward Western principles of economy, which would serve as a basis for subsequent credit relations between the two sides and for the introduction of more realistic economic programs in Yugoslavia. Albania in the Cominform Campaign against Yugoslavia 1948-1950 (Djordje Borozan) The contribution, based on information obtained from archival sources and relevant literature, deals with the exceptionally strong Albanian propaganda employed in supporting the accusations against the Yugoslav leaders contained in the Cominform Resolution of 28 June 1948. Albania’s radical break of political, economic, and military ties with Yugoslavia confirmed Yugoslav misgivings regarding Enver Hoxha’s regime. Hoxha’s swift to affiliation with the Soviet Union and the countries of the Eastern bloc showed him to be an unreliable economic and political ally, and revealed his underlying hopes of using the new alliance to achieve the forcible annexation of Kosovo and Metohia to Albania. The failure of the Cominform campaign against Yugoslavia marked the beginning of Albania’s definite alienation from Yugoslavia. The Balkan Federation and the Comintern (Slavoljub Cvetković) The author considers this subject from the point of view of the mutual collaboration of liberation movements in the Balkans in the course of the Second World War, and the attempts at forming a Balkan Communist Federation based on new principles. The question of the Balkan Federation is also viewed from the perspective of Soviet and Western allies’ solutions to the problem of the Balkans. The idea of the Balkan Federation, conceived by Tito and Dimitrov and effectuated in the period 1946-1948, embodied the old communist concepts of internationalism. These ideas challenged the Soviet policy of expansionism, which in the Balkans was reflected in the beginning of the Greek civil war in March 1946, and the attempts at constituting a Macedonian socialist republic as part of the Soviet Union. If the ideological and political implications of the Truman Doctrine were set aside, the situation in the Balkans should be viewed in terms of this policy of 1946, in which case the conflict between the USSR and Yugoslavia in 1948 can be seen as the Balkan manifestation of opposing Soviet and Western global interests. The Cominform and Yugoslav−Bulgarian Relations 1945-1953 (Novica Veljanovski) Relations between Yugoslavia and Bulgaria represented a constant and important factor in the comprehensive relations of Balkan countries, which became particularly evident at the time of Yugoslavia’s conflict with the Cominform. During the period 1945 to 1947 the relations between Yugoslavia and Bulgaria went through several phases. Josip Broz made use of the opportunity presented by Bulgaria’s isolation from the international community to form relations with this country, and to build his own authority as statesman and military commander. A military alliance between the two countries was established at a meeting in Pehchev on 23 September 1944, in addition to which the Yugoslav side requested Bulgaria’s definitive attitude regarding the decisions of the ASNOM (Antifascist League of National Liberation of Macedonia) and the proclamation of the Macedonian republic. The conclusions reached at Pehchev included the demobilization of Macedonians from the Bulgarian army, whose implementation required a second meeting between Josip Broz and the Bulgarian delegation in Kraiowa. The latter meeting marked the beginning of closer relations between Yugoslavia and Bulgaria still marred, however, by the Macedonian question, as it became evident at the Paris Peace Conference in 1946. Edvard Kardelj did not formally open the debate concerning the Macedonian issue but Moša Pijade initiated the discussion by opposing Greek demands for the annexation of Pyrenean Macedonia. The decision made at the Tenth Plenum of the BRP/k/ (Bulgarian Labor Party) was in favor of allowing greater cultural autonomy to members of the Macedonian nation, mainly as a result of Stalin’s view that Pyrenean Macedonia should be given cultural autonomy within Bulgaria. The Lake Bled Agreement represented a culmination in the positive relations between Yugoslavia and Bulgaria. Later, however, Bulgaria took advantage of Yugoslavia’s unfavorable situation to favourise its own interests, causing a rapid deterioration of the two countries’ diplomatic relations and an increasing number of border incidents. The process of normalization in Yugoslav − Bulgarian relations began after Stalin’s death in 1953. The Cominform in Slovenia and Subsequent Political Liberalization (Božo Repe) Despite the fact that only a small number of Communist Party members in Slovenia were favourable to the Cominform, many of those criticizing the official policy were branded as »Cominformists«, the number of people who were arrested on such charges was far less than in other Yugoslav republics. When the process of liberalization began in Yugoslavia in the fiftties, Boris Kidrič was one of the Slovenians most actively involved in the ensuing programs of reform. Likewise the Djilas case was felt in Slovenia but (it) also passed without a large number of political trials. The first steps in the political liberalization in Slovenia involved the rehabilitation of the »Osvobodilna fronta« (Liberation Front). The number of political prisoners in the period from 1952 to 1953 decreased ten times in comparison to the period between 1948 and 1950. At the peak of the process of collectivisation only 5% of the rural population formed part of agricultural cooperatives, but only until 1951 when members began withdrawing from the cooperatives in large numbers. The Videm (Udine) Agreement concerning the border traffic between Yugoslavia and Italy signed in 1955 was particularly important as the first agreement of this sort since the beginning of the cold war. Comparisons with Western standards of living, made possible by the open border to the West, placed greater pressure on the Slovenian leaders than on those in other parts of Yugoslavia, to improve the living standards of their own population. This soon became evident in the progress of the Slovenian consumer industry in the fifties. Consequently, the difference between Slovenia and the other Yugoslav republics was not manifested in the political life in Slovenia, which basically evolved along the same single-party ideological and political principles characteristic of other East European socialist countries, but rather in a different approach to property rights, higher living standards, the introduction, to a certain extent, of a market economy, the development of a consumer mentality, and the rising national awareness. The Moscow−Belgrade Rupture in Relation to Franco’s Regime and the Communist Opposition 1948-1951 (Havier Gari & Alessandro Gori) One of the most confusing and disturbing developments which joined the starting of Cold War was undoubtedly the rupture between Moscow and Belgrade in 1948. This event, which was little understood in its broad dimension even by the Western powers with more experience in the region, generated some rare consequences, as it had to be expected. As an example we have illustrated the indirect relationship (and reticence) between Yugoslavia and Spain at that time. They were two countries that never met themselves in the game of European geopolitics before. But then, in the framework of the emergent Cold War, the rupture of Yugoslavia with the Soviet Union and the willingness of Spain to overcome its isolation put both countries in the centre of the intense and tense international geopolitics of this period. Nobody could have expected the situation that followed. Franco’s government used to entitle itself as »Custodian of the West« and ideologically it was very close with the most conservative trends in the United States’ administration. However, Franco’s government entered in competition with a communist state for a favourable geopolitical position in the new order generated by the Cold War against the Soviet Union and its satellite countries. Although that situation neither caused acute tensions nor lasted for a longer period, the agreements between Spain and the United States for the installation of military bases did not close until 1953, despite high pressures of militarisation of every corner in Europe. Yugoslavia’s geopolitical situation was analogical. The Yugoslavian government was proud of its relationships with the Spanish communists in the exile, especially based on sentimental-like reasons after the Yugoslavian participation in the Spanish Civil War. However, these comrades themselves rejected Tito’s government of 1948. In order to preserve the revolutionary image existing before the rupture with Moscow, Belgrade stopped supporting the Spanish Republican government in exile which had no diplomatic recognition and excluded carefully all communists. According to the Slovenian researcher J. Pirjevec, there seemed to be signs that Yugoslavia, in 1959, even established some modest diplomatic relations with Franco’s Spain. If that proves true, it would mean that the Tito government arrived to its pragmatic relationship with the Spanish in a surprisingly short time. It seems that these relations consisted in just commercial contacts which may have existed from the times of Castiella as Foreign Affair’s Minister, who opened the Spanish regime to contracts with Eastern Europe. In fact, Madrid had some contracts at that time with most of the Eastern countries. In any case, these commercial contacts represented a paradoxical counterpoint. Less than one decade before, the Yugoslavian delegate Vlahović strongly opposed Spain’s readmission to the United Nations and Yugoslavian-Spanish reticence was at its peak. Both countries had rejected each other as either Fascist or Communist, both had struggled for Western support and aid, and both played against each other through diplomatic activity and contacts with the other’s opposition movements. Yugoslavia’s and Spain’s national and international political relations in the emergence of the Cold War illustrate a world that was becoming highly polarised, where the attachment to one of the extremes seemed vital for escaping isolation and thus surviving in a world that nobody knew where it was going to. Agrarian Policy after the Conflict with the Cominform (Momčilo Pavlović) Moscow’s criticism of the Yugoslav leadership, particularly in respect to CPY agrarian policy, although denied, nevertheless led to the revision of the former policy, and subsequently to a stronger repression in relation to the country’s rural population. Soviet disapproval prompted the Yugoslav Communist Party leaders to take immediate measures in order to prove ideological constancy and their devotion to the idea of introducing socialism in rural areas. The new policy intensified class struggle in the villages, and openly struck against wealthy farmers (kulaks), who were subjected to greater repression, accelerated collectivisation, increasing pressure to reach the plans for the coercive purchase of farming products, etc. The slow progress of the new agrarian policy and the farmers’ passive resistance led to a long period of arrests, torture, and confiscation, which culminated in 1950. The country’s turn towards the West, and Western aid in food in 1950 and 1951 reduced the Party’s pressure on the villages, leading to the gradual elimination of certain measures in the system of coercive purchase until 1952, when it was finally abandoned. At the same time the campaign to force farmers to join agrarian cooperatives became less intense. By abandoning the policy of coercive purchase and the policy of collectivization and granting amnesty to many of the farmers arrested, the Party leadership practically admitted that the attempted introduction of socialism in villages had failed. Nevertheless, the Party’s agrarian policy had lasting negative effects on the country’s villages. Searching for New Paths − the Yugoslav Social and Cultural Experiment Following 1948 (Predrag Marković) The basic question posed in this contribution is to detect the reasons for adding internal social and political transformations to those made in the country’s foreign policy after the conflict with the Soviet Union in 1948. Could Yugoslavia have maintained a Stalinist dictatorship, such as that introduced later in Enver Hoxha’s Albania, despite its break with Moscow? Was the liberalization in Yugoslav society primarily the result of external pressure, or was it proof of the Yugoslav leadership’s genuine ambition to create a new type of socialism? Before the conflict with the Soviet Union the Yugoslav leaders boasted that their country had gone furthest among the people’s democracies in implementing the Bolshevist model of government. After the conflict Kardelj claimed that Yugoslav democracy was the best in the world, since it was based on the citizen’s direct participation, unlike that in multiparty systems. The Yugoslav Communist Party was said to maintain its leadership by benevolent persuasion and education, without having to resort to violent measures. After 1953, however, political liberalization in Yugoslavia came to a standstill. From that time until the dissolution of the state the country’s political organizations remained unchanged. The reason for this probably lies in Yugoslavia’s reconciliation with the Soviets. Nevertheless, social and cultural liberalization continued. Unlike the other East European countries (Poland, Hungary), the process of liberalization in Yugoslav society and culture was permanent. The greatest benefit of the liberalization process for the common people was the freedom to travel. The liberty of Yugoslav citizens to travel was partly a result of Tito’s own ambitions in international politics, and partly of the large incomes arriving from Yugoslavs working abroad. Least of all was the progress resulting from liberalization in the field of economy. Despite ample foreign aid Yugoslav economy during the communist regime was less developed than at the time of the monarchy prior to World War II. The Yugoslav liberalization experiment was most successful in the sphere of culture. Art and science in Yugoslavia were entirely open to new trends and forms of expression, short of overt criticism directed against the regime. The lenient cultural policy was intended to uphold the desired image of a different, better socialism, when in fact social and cultural liberalization was tolerated only to the extent to which it did not compromise Party authority in the main segments of government, i.e., politics and the economy. Yugoslav−Soviet Relations 1953-1956 − Thawing, Reconciliation, Disillusionment (Ljubodrag Dimić) Political, ideological, economic, military, and strategic interests led to Yugoslavia’s rapprochement with the Soviet Union. That such a process, which evolved from March 1953 to November 1954, had begun is evident of the secret correspondence between the two party leaderships. These were followed by frequent, long, and extensive meetings between Josip Broz and Nikita Sergeievich Hrustchev, with the single purpose of reconciliation, and drawing Yugoslavia back into the Eastern camp. The differences arising from opposing views of relations between socialist countries provoked suspicions between the two party leaderships, and disagreement concerning the Hungarian »problem« led to open disappointment. The author of this contribution attempts to determine the phases of reconciliation, to provide answers to numerous questions marking the complex and difficult relations between the two countries and their parties, to point to the foreign political framework in which the reconciliation was achieved, to determine the point at which the resolution to abandon the Stalinist heritage reached a climax, to show the numerous ideological differences resulting in the disillusionment and finally to discern the specific relationship between the two important historical figures of Nikita Sergeievich and Josip Broz. Bernhard H. Bayerlein, Germany: Lazar and Victor Kheyfetz, Russia: Re-reading Anew… The History of the Comintern and Communist Parties of Latin America in Contemporary Studies. A Review of Some Contributions of the X. Congress of the Federation of the Latinamericanists and Caribbeanists[8] The historiography of Latin American communism was practically born simultaneously with the Third (Communist) International and its first national sections in the New World. It appeared as a consequence of an innate will of both the Bolsheviks and their supporters and also of their ideological adversaries to express their opinions and estimations about the newly founded movement and the arising number of supporters of the Comintern. There is no doubt that these were persons who were directly involved with the situation that they were examining. Therefore, the first books on the history of Latin American Communism (such as »Pugnas de la gleba« by Rosendo Salazar and »Relatorio de Delegacia a Russia« by A.B. Canellas) have up until now been an important ressource for researchers as a reliable and well-documented base for studies.[9] The first attempts of a methodical analysis of the history of Latin American Communism from the Marxist point of view were undertaken inside the very Comintern structures at the end of the 1920s and the beginning of the 1930s. However, already the first studies made by Stanislav Pestkovsky (»A. Volsky«, »S.Ortega«), Georgiy Skalov (»Sinani«), Genrich Yakobson (»G. Ya-n«), August Guralsky, Maurice Chaskin and Vladimir Miroshevsky, despite all their worthiness, suffered from one serious deficiency, which subsequently for a long time became the Achilles heel of the Marxist historiography of the Third International. While examining the socio-economic and political development of Latin America and analyzing the genesis of Latin American Communism, the Marxist historians carefully bypassed the major question: to what extend and in what forms had the Third International participated in the formation of communist parties in New World. It was to some extent a paradox as this very issue was the problem they knew best. All of these authors were working in the Latin American Country-Secretariat of the ECCI and it was they who were coordinating, for the »General staff of world revolution«, the activity of the communist parties of the continent from the Moscow headquarters of the Comintern. The reasons for this attitude were mainly due to the interest which arose about Latin American Communism in the USSR which coincided with the beginning of a new stage (Stalin’s) of Comintern activity. Many of the facts which had been freely discussed before, even by the international communist media (»The Communist International«, »Inprekorr«, »The Red International of the Trade Unions«), and especially in Latin American »La Correspondencia Sudamericana«, the 1920s, became taboo from this moment onwards. Culminating in the Stalinization-process of international communism, the Marxist researchers of communism became more and more reduced to the analysis of the struggle against »opportunism« and »revisionism« inside the communist movement. The organizational part of the Communist Party’s, always remained behind the framework of these studies. Thus the major consideration was ignored as it was simply impossible to analyze and describe the history of the »world communist party« (the Third International) – not only on the regional and peripheral level – without dealing with the investigation of the functioning of its organizational structure. This is the condition sine qua non in order to study the mechanism of interaction between the supreme bodies of the Comintern and its national sections. Unsurprisingly, this aspect of the activity of the Third International was selected at the same time as a central objective of study by historians creating another historiography, which we might name the »anti-Stalinist« one. After the end of World War II a lot of fundamental works were published (Victor Alba, Robert J. Alexander, Boris Goldenberg, and later – Manuel Caballero). One of the basic ideas of these studies were the paths of penetration of communism – both in theory and practical activity of the Latin American communists – from Moscow and through the efforts of the Comintern representatives. The most vulnerable point of these studies, though, was the lack of empirical proofs of what such penetration-processes were. As the doyen of this sector of historiography Robert J. Alexander had self-critically written, this means the fact that the historians were <s>                                                                                                 </s> and her life in Mexico, the Russian historian got a chance to realize finally how precise R. Salazar was when he describedsome events of the first years of Mexican Communism. compelled to base their studies on »assumptions and guesses«.[10] Though in many respects these studies were quite valid and were extensively supported by memoirs and interviews, their insufficient documentary evidence gave to many Marxist opponents of »anticommunist and renegade« historiography the possibility to confirm that the work done by their ideological adversaries in the West was determined by some kind of idée fixe, the assumption of a kind of »unnaturalness«»innaturality« of communism for the New World, that was deliberately brought into Latin America by »external forces«.[11]  The absence of original documents about Latin-American communism was due not only to the existing censorship in the USSR which put obstacles for the access to the Comintern archive in Moscow (and also interfered with the publication of the documentary sources). Simultaneously the lack of information was caused by other objective reasons. The majority of the communist parties of Latin America had to work in conditions of severe governmental persecution, sometimes they had to act in deep underground and consequently they were unable to keep their own archives. Some of the parties disappeared as a result of reprisals and were sometimes revived again with other leaders (for example, the communist parties of Paraguay, Guatemala and Bolivia). Frequently the new generation of communist militants simply knew nothing about the activity of their predecessors. In the same measure the governmental and police archives of the Latin American countries were poorly accessible for unofficial consultation though this access would have given the possibility to look at the history of the communist parties from other points of view.[12] The situation has changed sharply in the 1990s. With the collapse of the USSR and the CPSU the new authorities of the Russian Federation have opened the archives for investigation, and this massive amount of documentation includes also the collection of the Comintern documents stored in the Russian State Archive of a Social and Political History (RGASPI). In various countries the »archival revolution« has caused a new wave of interest for studies of the history of Latin American Communism and its relations with Moscow. One of the pioneers in this RGASPI-oriented research of the mechanism of the functioning of the Third International in the Western hemisphere was the German scientist Jürgen Mothes, who before his premature death was able to plan the basic directions of analysis of this aspect of the history of the Comintern in Latin America, and also managed to establish some connections between colleagues in various countries and today this spiritual framework allows them, to a certain degree, to work in common for further scholarly activities. However, during a long period of time, this kind of cooperation remained virtual because of the lack of possibilities to meet each other and to discuss the achievements and problems of their respective works.[13] The Congress of the International Federation of Latinamericanists and Caribbeanists (Moscow, June, 2001) for the first time allowed to bring together a great number of experts on the history of Latin American Communism. On the occasion of the symposium »Comintern and left mouvements of the Latin America« (coordinator Dr. Lazar Kheyfetz ), in which scholars from 14 countries took part, discussions took place not only about the latest scholarly achievements, but also the concrete circumstances and the new methodology of using the documents from RGASPI. The meeting served as an information exchange concerning projects and joint publications. In the opinion of the participants of the symposium, the Moscow meeting should produce a new impetus to investigate the history of the Comintern and its interaction with the national sections in Latin America.[14]Nota: La Universidad de Chile fue designada como organizadora y sede del 51º Congreso de Americanistas en el año 2003 (13-18 de Julio) – »Repensando las Américas en los umbrales del siglo XXI«. Igor Yanchuk: The 1931 elections in Peru according to the documents from the Comintern Archives The opposition of political forces after the overthrow of the dictator Leguia by L. M. Sánchez Cerro in August of 1930 continued under conditions of permanent political crisis, and massive, mostly spontaneous demonstrations. Several political blocks were formed in order to fight for power. The block concentrated around Sánchez Cerro and his »Revolutionary Union« represented the traditional interests of the oligarchy. On the side of the the Aprist party with V. R. Haya de la Torre as the principal figure were the national industrial bourgeoisie, small holders of the mining industry, workers from the sugar plantations and others. The anti-imperialism of the Aprists (the followers of the APRA) was linked to the replacement of the national producers of sugar by the businessmen from Northern America and Germany. The archival materials concerning Peru were created in the period from September 1930 to October 1931. From the point of view of the Comintern and its Peruvian section, these documents demonstrate the tense political struggle in Peru and the difficulties of the party in taking decisions about the strategic and tactical lines of political activity. There were constant changes of political guidelines depending on the estimation of the situation in Peru by the central organs of the Comintern and it’s South-American Bureau. In Peru itself the party was directed by the representatives and often contradictory instructions sent by the IC. As a consequence, the political line in the main part was spontaneous and it is impossible to speak about the domination of any viewpoint or political course. The reasons for the electoral failure of the party were its weaknesses in organization and theory. Ideological confusion in the South-American Bureau and in the party about the character of the revolutionary situation (socialist or bourgeois) and the way of democratic revolution was one of the reasons for the weakness of the party’s influence within the working class. The orientation towards insurrectionist uprising (not towards concrete activities) disorientated the masses. Revolt was an everyday phenomenon in Peru in 1930-1931, but the party failed to conquer solid positions in the principal centers of the country. The absence of cooperation with APRA kept the party far from the workers. Repression by the government of Sánchez Cerro and the anti-communist propaganda made their task difficult, the main leadership and the most active members of the party were imprisoned and exiled. Erik Ching, History Department, Furman University: The Intersection of Local, National and International in the First Communist Parties in Central America, 1925–1935 Invaluable to studying the history of any communist party are traditional questions relating to the party’s decisions and actions. However, equally important, if not more fundamental, are questions about the party’s own perceptions of its surroundings. The present paper looks at how the first communist parties in Central America conceived of their social world and why they were obliged to view their world in a particular way. The paper proposes that communism should be viewed as a narrative that shaped party members’ perceptions of their social world regardless of their conscious intent. The narrative of communism cut across geographical boundaries such that actors at the local, national and international levels were mutually participant in the constant process of constructing and reconstructing the meaning of their collective. In the late 1920s and early 1930s, communist parties were newly formed in four of the five nations in Central America. Each of these parties was affiliated with the Comintern. The central premise is that, contrary to the beliefs of contemporary communist theorists and strategists, communism was a discourse rather than an immutable doctrine. As such it allowed actors to borrow from and adapt meanings according to their respective interests. The parties in Central America sometimes held views in common with one another and with the Comintern. At other times, they focused on the uniqueness of their situations and interpreted communist theory from their own perspectives. This led to occasional disagreements with the Comintern and the Caribbean Bureau. At the same time, local communists were subject to communism’s linguistic and semiotic constructions, particularly those emanating from Comintern leaders in Moscow. When they employed words or signs associated with communism, they potentially employed meanings and narrative frames of which they were not fully aware. Thus, to analyze communist movements in a given region, such as Central America, we must consider the manifold complexities influencing the making of political identity and the motivation of political action. Different actors had the potential to consciously accept or reject varying theoretical interpretations. They also had the potential to be shaped by semiotic forces beyond their conscious control. Contact: Erik Ching, History Department, Furman University, Greenville, SC 29613, erik.ching@furman.edu Diego Frachtenberg, Argentina: The Impact of the Russian Revolution on Argentinian Intellectuals, 1918–1925. The discussion about the issue of Russian Bolshevism (Maximalismo) was started by the famous speech made by José Ingenieros in November of 1918 when he declared that the importance of the Russian Revolution came out beyond Russia’s borders; this famous intellectual marked a fundamental point for the understanding of Bolshevism (a turning point in the development of a the »new moral conscience of the humanity«). The 1917 revolution in Russia was interpreted by the Argentinian intellectuals of all kinds through the filter of local events, first of all within the bounds of the recent democratic presidential elections of 1916. Amongst the intellectual elite of the country the concept of democracy was redefined at that very moment – from the most radical attitudes of those who joined the Communist Party of Argentine to the broad sector of the supporters of the Radical Government. For the PCA, militants such as J. Ferlini, A. Cantoni, A. Palcos, A. Mendoza and J. Penelón were seeking the establishment of an efficient workers’ government through the dictatorship of the proletariat. The non-communist sympathizers with the Revolution such as A. Palacios and others also denied formal (representative) democracy, but looked for a functional democracy oriented towards the workers’ factory self-management. The third group (Galvez, Roldán and Peña) welcomed the Maximalist experience of Russia defending at the same time the necessity of political democracy as well. All of these groups shared Ingenieros’ conviction of facing a crucial historical moment, the crush of the brutal capitalist society and the expectation of the rapid progress of humanity. However, there were also influential groups of intellectuals denying the Soviet experience and emphasizing the worthiness of Democracia socialista/Democracia burgues (intellectuals from the Socialist and Radical parties). They were monopolizing the elective posts displacing the conservatives and closing the entrance for the Communists. The Russian Revolution and the development of Maximalismo opened the discussion about the very nature of the violence and about the degree of its necessity in Argentina at the moment of revolution. To a certain extent, these debates, unfortunately, are still as intense in today’s Argentina. Dorothea Melcher, Mérida, Venezuela: The Venezuelan Left and the Comintern The left-wing movement in Venezuela surged as the opposition to the dictatorial regime of Gomez (1908-1935). Mainly the students influenced by modernizing positivism and idealism were those who broadly accepted the democratic and social-democratic tendencies. Finally they were pushed into political exile in France, the United States of America, Central America, and in Spain, where their most radical sector established contacts with the Comintern through the All-American Anti-Imperialist League. Despite the fact that they composed the oppositionist slogans with social criticism, the movement maintained the traditional caudillist methods of invasion and rebellion because the size of the working class at this time was very small and Venezuela’s population consisted mainly of poor peasants linked to caudillist groups. Thus, the ideological and political theories and concrete plans of the students led them to the necessity to separate from other opposition groups while their fidelity to the Comintern was camouflaged by their alliances with the conservatives. In the crucial year of 1929 two invasion movements were formed, though on the basis of different criteria. The left-wing invasion was planned despite Comintern objections, provoking a visible controversy with the Comintern representatives. The consequent failure of this attempt was transformed into the argument against their leaders during the process of Stalinization of the Third International when the Partido Revolucionario de Venezuela leaders were accused of not constructing the Communist Party of Venezuela as the revolutionary vanguard. The CPV, founded only in 1931, with mainly Caracas militants, reflected the new political line taken by the Comintern. It was soon dismantled as the communist party activists were jailed or assassinated by the dictatorship. Later, the CP was reconstructed including the political forces of the exile during a constant process of rivalry between them, the Communists inside the country and the Caribbean Bureau of the Comintern. As the CPV was a Stalinist party it found itself in political isolation while other left-wing groups emerged, mainly among the exiled students. Some cooperation with the Communist Party resulted from the new Popular Front policy decided in Moscow. Victor Kheyfetz, Dr. Lazar Kheyfetz, Institute of Latin America, Moscow: The Failure of a Continental Revolution – the First Steps of Mexican Communism, 1919–1922 The creation of the Mexican communist movement in August-November 1919 was the result of both the internal development of the working-class movement of the country and the external influence exercised by the Comintern emissaries. After the split suffered by the Communist movement in the Fall of the same year and the emergence of the parallel Mexican Communist Party (headed by M. N. Roy, Ch. Phillips and J. Allen) and the Communist Party of Mexico (led by Gale), the responsibles of the central bodies of the Third International were obliged to search for a solution of the crisis: they gave the basic Moscow support to the Mexican Communist Party, with the intention of creating a coordinating center for continental communist activity (while the figure of Roy was to be used for the organization of a anti-British movement in Asia). The belief in the strong potential of Mexican Communism and the presence of a revolutionary situation in Mexico induced the Comintern leaders to create the Panamerican bureau (American Agency) (whose members were Sen Katayama, Louis Fraina and Karl Janson) with the aim of uniting the communist movement, build up a continental federation of the communist parties, and to develop the Red Trade-union movement. The re-formation of the Communist Party (this time as a united one) appears as one of the few achievements of the Third International in the Western hemisphere. However, despite their constant efforts to send emissaries to different Latin American countries and to spread the movement throughout the continent, the Panamerican bureau members proved unable to organize the intended continental Communist Federation. Having finally recognized that Mexico was not on the eve of revolution, the Comintern leaders excluded from their immediate plans the idea of a rapid development of Mexican Communism as the basis for a broader organizational and propagandistic activity of the Third International. Lazar Kheyfetz, The Leningrad Region Institute of Economy and Finances, Institute of Latin America, St.-Petersburg: The Comintern in Latin America, Latin America in the Comintern. In memoriam of Jürgen Mothes The creation of the World Communist Party (the Third International) reflected the major tendency of development on the left spectrum of the revolutionary movement to internationalize its activity. The desire to transfer the Bolshevik experience of the functioning of one political party in a single country to a world-wide scale changed considerably all habitual organizational mechanisms. In search of the optimum structures of organization for the international proletarian movement, and influenced by the ideas of the October revolution of 1917 in Russia and by the Bolshevik Party, the Comintern and its sections experimented constantly. Latin America became a laboratory for the attempt to improve a kind of continental model of a communist party. Thus the world model of such a mechanism was gradually decreasing and regionalizing. The practice of gradual delegating of paternalism was born: the International Socialist Party of Argentina in 1918 was founded as a »continental International« with the aim to unite all the supporters of Bolsheviks in neighbouring countries. The Latin American Bureau of the Third International was created as a result of M. Borodin’s mission to Mexico in 1919 with the purpose to create later on a continental Federation of Communist Parties. The American Agency organized in 1920 was replaced very soon by the Bureau for the Communist Propaganda. In 1925 the South American Secretariat of the ECCI was established on its basis. The experience of »the party-senior brother« was extended throughout the continent. This system of coordination and direction of the Comintern’s national sections was constantly changing on the basis of this experiment with many errors just as was happening within the other international bodies of the Executive Committee of the Third International in Moscow. The bodies dealing with Latin American Communism were reorganized several times during the 1920s and 1930s. However, the Comintern, while delegating to its regional bodies a part of authority, reserved to itself the right to determine the »political line«, the final strategy. Whereas the character of mutual relations between parties and the International in the first years of their existence was not an absolute dictatorship coordinated from the very center, at the end of its existence, the World Communist Party had reached this stage. Gerardo Leibner, Tel Aviv University: The Myth of the World Revolution and the Destruction of the Mariátegui’s Project in Peru José Carlos Mariátegui, the founder of Peruvian Marxism, had drawn out an original political and cultural project based in re-foundation and re-formulation of Marxism from the Peruvian and heterodox perspective. At the center of his proposal was the idea about the existence of the particular socialist potential among the Andean Indians which was possible from their own peculiar historical development. This attitude and also his flexibility in theoretical issues and political initiative clashed, at the end of 1920s with the tendency of the Communist International and its emissaries to organize and discipline the Latin American Communism and its national Communist Parties on a more or less uniform ideological and organizational basis. This tendency which appears clearly in the Trade Unions Conference in Montevideo and in the First Latin American Communist Conference in Buenos Aires in May-June of 1929, was a consequence of the new orthodoxy which was crystallizing in Moscow and the efforts to carry it out. Supposedly the pressure exercised over the Peruvian delegation in the conferences in 1929, the pressure made by the South American Bureau of the Comintern (in Buenos Aires) and Eudocio Ravines’ arrival to Lima who had already aligned with the »correct« ideological line, determined that immediately after the death of Mariátegui the Peruvian Socialist Party changed its name to Communist Party (April-May of 1930) and rapidly abandoned all the original ideas of their theoretical founder with a purpose to assume the Comintern’s ones. However, some letters found in Lima, apart from some internal polemics, show to scholars that the attitudes of Mariátegui were in reality questioned by some of his principal fellows inside Peru; and that took place before the forum in Buenos Aires. In practice, the tendency to align in accord with what was considered to be the carrying out of the directives of the Comintern even before they were received in an explicit form demonstrates the power of seduction exercised by the myth of revolution directed internationally as a founding myth for the identity of the Peruvian Communists; this myth was able to destroy their own vision, which they had been developing. Alberto Flores Galindo had already described the political and ideological isolation suffered by Mariátegui during the last months of his life. Our studies confirm this development deepening and extending towards the previous period. Our interpretation is that the realignment of the Peruvian Communists was more a consequence of their own turn towards the USSR and towards the myth of World Revolution than a result of an institutional and ideological pressure exercised by the Comintern and some of its emissaries. Considering this, it should not be a surprise that the pressure exercised since June of 1929 was welcomed by some of Mariátegui’s own fellows who were unable to triumph over the theses of their teacher with their own forces. Klaus Meschkat, Hannover University, Germany: Revolutionary Socialism in Colombia and the Communist International. Among the Socialist organizations in Latin America which were inspired by the example of the October Revolution of 1917 in Russia, the Revolutionary Socialist Party founded in 1926 presents the very important case of successful relations between the newly born working class movement and a broad popular mobilization. It is necessary to stress that in Colombia at the end of 1920s surged a mass party affiliated to the Communist International, a party able, according to many of its contemporaries, to seize power. Starting with the discussion of Colombian issues at the First Latin American Communist Conference in Buenos Aires (June1929) there was more active penetration, by the Communist International, into the affairs of Colombia’s revolutionary socialists. An important person in this relation is Guillermo Hernández Rodríguez who studied in Moscow from the end of 1927 and later returned to Colombia to become First Secretary of the Communist Party pretending to overcome supposed errors of the previous phase. On the basis of the research through the documents of the Comintern Archive in Moscow it is now possible to discuss what were the consequences of the imposition of a new organization of Leninist type for the destiny of the revolutionary movement in Colombia. Peter Huber, Hannover University, Germany: Jules Humbert-Droz and Latin America Two Swiss men played an important role in the elaboration and implementation of the political line of the Communist International in Latin America. The first of them, Edgar Woog (known by the pseudonym »Stirner«) never conflicted with Moscow’s »general line« and after World War II was made the General Secretary of the Swiss Communist Party. The second one, Jules Humbert-Droz, on the other hand, since 1928 had sharp divergences with the line laid down by Moscow; he would, later on, become the Central Secretary of the Swiss Socialist Party. Until the year of 1966, the Soviet historians simply preferred not to mention Humbert-Droz’s contribution to the Comintern’s policy in Latin America or they tried to hide it. In the 1970s Humbert-Droz was still considered by the Soviets to be a »renegade« who had attempted to change the Comintern’s line toward Latin America. However, in the same epoch, Latin American historians pointed to Humbert-Droz as Moscow’s confidential person who, with an iron hand, ruled the Latin American sections of the Third International carrying out the wishes of Moscow. Recently (especially through the publication of his Swiss archives and the opening of the archives in Moscow) there arose the possibility to estimate more precisely and objectively the role played by Humbert-Droz. First of all, his journey to Montevideo and Buenos Aires in April-June of 1929 cannot be simply interpreted within the stereotype of his intact fidelity to Moscow. During the discussions about the theses made by José Carlos Mariategui, Humbert-Droz used a conciliatory tone and made all possible efforts with the purpose not to come to a rupture in the dialogue. Only after Humbert-Droz’s return from Moscow and his dismissal from his posts occupied in the Comintern did the abrupt change in the relations between the headquarters of the Third International and its Latin American sections take place. The concepts and methods forged by Stalinism led still weak parties to their failure. Slogans such as »accelerated continuation of the revolution«, »the struggle against the national-reformism« and »the struggle against the conciliators« did not correspond adequately to the reality, neither in Latin America nor in Europe. Reiner Tosstorff, Mainz University, Germany: The Red Trade Unions International and Latin America – the First Steps of Latin American Communism While the European workers’ movement was dominated after World War II by the Amsterdam International (the reformist one), the (weaker) Latin American workers’ movement was more influenced by the anarchist and revolutionary syndicalist forces, while the strong and reformist American Federation of Labor several times attempted to form the Panamerican Federation of Labor with the help of the Mexican Confederación Regional de Obreros Mexicanos (CROM, sponsored by the government). The Profintern had been interested in Latin America even before its formal foundation. In the summer of 1920 during the Second Comintern Congress the idea arose to form a world-wide alternative to Amsterdam where Latin America was to play a significant role. Simultaneously with the attempts to organize a continental Communist Party, the Moscow emissaries Katayama, Phillips and Fraina were also charged with the task to develop propaganda for a future Profintern congress. The idea to found a Latin American Trade Union Confederation was formulated for the first time. Latin America was, in effect, represented in the First Congress of the Profintern in 1921 by delegates from the Mexican CGT and the Argentinean FORA. However, very soon both of them broke with Moscow claiming autonomy and supported by the Berlin International. Since the Fall of 1921, Profintern had to cancel the idea to use Mexico as the center due to the orientation of the workers’ movement to reach the rupture, the Communists’ weakness and governmental persecutions. The Profintern turned towards Argentina where Moscow expected to have better prospects since there arose a tendency for unification inside many unions. However, these hopes did not transform into reality and the Communist minority inside the newly founded USA (Unión Sindical Argentina) broke away. After the Profintern’s decision to cooperate with the left-wing of the Amsterdam International this policy was also extended into Latin America. In 1925 an attempt was made to establish closer contacts with the CROM which also planned to develop links with Amsterdam and Moscow. However, the Mexican Conference organized in 1926 did not bring unity and finally the idea collapsed after the failure of the miners’ strike in Great Britain in the same year. Since that failure the Profintern leader Lozovsky developed the idea to form the Latin American Trade Union Confederation (CSLA) for the unification of all Moscow supporters in the region founding parallel structures throughout the whole continent. The creation finally occurred in 1929. But in most of the cases, this policy led to a disconnection with the existing workers’ unions (many of the CSLA branches were mere re-editions of local communist parties). In some cases, the new Confederation proved able to organize some new groups of workers. The next important strategic change was the installation of the Popular Fronts policy in 1934/35 supported seriously by the trade union cadres and prepared during these previous years. Svetlana Rosenthal, RGASPI, Moscow, Russia: Latin America in the Comintern Archives The Russian State Archive of Social and Political History allowed researchers to access the Comintern documents stored there. Since the opening of the archive a lot of previously unknown documents were introduced into scholarly circulation and several thousands of documents were published in the thematic collections provided with a series of indices. Also a brief guide for the archive collections and registers was published. The scientific and reference apparatus of the Comintern archive is continually modernized and the process of computerization is very close to its accomplishment. Eventually, this shall make it easier in the search of necessary documents. The inflow of researchers to the archive does not stop, which shows the inexhaustible interest in Comintern history, including the interest in the history of the Latin American working-class movement. In the documents referring to Latin America there can be found 108 archive registers (from a total number of 527), while 25 registers are exclusively »Latin American«. Nowadays some themes present a great interest for study; one of these topics is the activity of the international revolutionary organizations such as the Communist Youth International, the Profintern, the International Workers Relief, the Krestintern, etc., whose history has not been fully up until now. As these organizations worked legally, their activity was more various and versatile than the activity of the communist parties who in almost all of the countries of the continent functioned underground. Frequently these organizations served as a legal covering for the communists and their leadership was composed of communist party cadres. While today the OMS of the Comintern documents collection is still in confidential storage, the documents of the OMS of the Profintern were always accessible and they contain a lot of data about the cadres and the coordination of illegal connections with the national Profintern and Comintern sections. Latin American trade unions and their relations with Moscow are one of the most interesting areas of the world working class history. In the Profintern documentary collections one can find the documents written by D. Rivera, D. A. Siqueiros, V. R. Haya de la Torre, A. C. Sandino and other famous persons. Such subjects as the functioning of the Latin American Confederation of the Workers (CSLA) and the activity of Profintern representatives in Latin America are poorly investigated and are also in need of research. While the Comintern representatives’ activity in Latin America is partially studied in the world historiography (Lazar and Victor Kheyfetz, Jurgen Mothes), nothing has been written about the Profintern emissaries. They were frequently quite independent from Moscow and were not afraid to take independent decisions which could affect the communist parties and trade-union life. In their correspondence with Moscow there were some critical remarks respecting the communist parties and central bodies of the Profintern (for example, bad organization of the work in countries, delays in financing of trade union activity, etc.). They write about the absence of serious work from the communist parties, the infringements of financial discipline, the lack of support for the communist parties’ leaders by the rank and file. The most significant Profintern representatives in Latin America were two Polish communists: V. Lovsky (Michrovsky) who played an important role during revolutionary fights in Cuba during the overthrow of G. Machado and J. Mariansky (Dutlinger) who carried out the Profintern missions in Southern America till the mid 1930s. Both of them faced tragic destinies and were assassinated in the USSR in 1937. The documents regarding the peasant movement are also poorly researched while they are important for the mainly agricultural Latin American countries. The subject of the Revolutionary Sports Movement in Latin America is also expecting scholarly research. Some rather interesting documents (in the Red Sports International Collection) show that the activities concerning sports were capable to to pull young workers away from bourgeois influence. Victor Kheifets, Institute of Latin America, Moscow: In Search of an Adequate Strategy. Comintern and Soviet Diplomacy in Mexico in the 1920s From the very moment of the foundation of the Comintern, Moscow tried to find an adequate form of a combination of activity of its agents and the Soviet diplomats; Mexico became an example of that constant search. The Soviet General Consul Michael Borodin (Gruzenberg) played an important role in the creation of the Mexican Communist party in 1919 and in the process of its recognition by the leading bodies of the Comintern. Even before he attempted to start his diplomatic mission, moreover, Borodin tried unsuccessfully, to involve the Mexican President Carranza into the Third International structures created in the country. In the USSR (and by the Comintern) the Mexican Revolution was considered to be related to the October one. This belief resulted in further attempts to integrate diplomacy and revolutionary work especially after the diplomatic relations between Mexico and the USSR were reinitiated in 1924. The Soviet Plenipotentiary Representative Stanislav Pestkovsky, (being at the same time the representative of the Third International) (»Andrey«), directly coordinated the activity of the Communist Party of Mexico and was one of the most important actors within the internal party quarrels and the different attempts at reconciliation. The Soviet diplomats believed that, apart from the »official relations« and the non-interference into the domestic affairs of the respective country, there also existed the relations between the workers and peasants of the different countries (and consequently, a right to participate in the activities of Communist Parties). However, this did not suit at any extent to the Mexican ruling elite and the government of the USSR finally had to replace Pestkovsky with Alexandra Kollontai who insisted on the necessity of a clear differentiation between the diplomatic and the Comintern’s functions. However, subsequent changes in the Comintern rhetoric and its increasing critical attitude towards the Mexican government (while the Soviet diplomats started to participate more actively in the work of rapidly radicalizing the Communist PArty of Mexico in 1928-1929) resulted in the inevitable deterioration of Soviet-Mexican relations leading to their final break in 1930. This unexpected event created, in practice, serious problems for the communist movement. Bernhard H. Bayerlein, Mannheim Centre for European Studies, Mannheim University, Germany: A Glimpse of Latin America in the Humbert-Droz-Archives and the Dimitrov-Diaries The Archives of Jules Humbert-Droz have been published in five volumes between 1970 and 2001. After the Bulgarian version, The Dimitrov Diary (1933-1943) was issued at the end of 2000 in a new and revised German translation by Aufbau Verlag in Berlin. While the Humbert-Droz Archives belong to the most important internal sources of Comintern documents preserved in Western Europe, the Dimitrov-Diaries, kept secret in Bulgarian archives, are considered by specialists like Narinskij, Besymenskij and Leonhardt belonging to the most important sources about Stalin as a personality and politician as well as Soviet and Comintern politics before and during the Second World War. The Humbert-Droz archives edition include documents and among them parts of private correspondence, the Dimitrov diary is mainly a personal working journal. For the Swiss »Tolstoist« (Lenin), Latin America was a main preoccupation. Humbert-Droz as Latin Secretary of the ECCI relates Comintern interventions until 1930 concerning Mexico, Argentina, Venezuela, the Mella-case (who as we know now, has been expelled from the Cuban PC), and the turn to putschismo during the »third period«. These documents reflect not only bureaucratism but also parts of the social and cultural heritage of Latin America (the First Communist Conference at Buenos Aires and the discussions about the Indian tradition and the role of small farmes in revolutionary transformations). Dimitrov reflects clearly the heritage of Stalinism (also in Latin America). Some notes apparently without importance nevertheless are revealing a close colaboration between Comintern and Soviet services. He notifies his contacts with top officials of the NKVD like Sudoplatov, the operative reponsibles for the assassination of Trotsky on behalf of Stalin and Berija. Caridad Mercader, mother of Ramón, who educated her son to be a murderer, was recruited by Dimitrov as a member of the »Kaderreserve« of the Comintern. Dimitrov probably also met »Carlos« (i.e. Vittorio Vidali) when he was leaving Moscow to perform assassinations but without explaining the type of mission. These examples show that the notes of Dimitrov require a special form of reading (they were of course not available to the public). Concerning Latin America there are allusions to Jesús Hernández, Earl Browder and Luís Quintanilla. The importance of the Latin American subcontinent was increasing with the Spanish Civil War, Dimitrov asked for a major role to be assumed by the Latin-American communist parties’ antifascist campaign as a consequence of the Munich pact of 1938. But the »antifascismo« was abandonned in 1939 – instead, the Dimitrov diaries show how he had to »translate« for the Comintern the consequences of the pact between Stalin and Hitler (August 1939) and the cynical so called German-Russian friendship. Under much different circumstances the »Great Patriotic War« implied that from 1941 on the new strategy of a united front of all nations against Hitler, increased the importance of Latin America for the Soviet Union and the Comintern. Section III Biographical Studies Vladimir Vladimirovich Ryskulov, Moscow: Turar Ryskulov’s Paths between Turkestan, Russia and Mongolia Turar Ryskulovich Ryskulov was born on December 14 (26), 1894, into a family of Kazakh nomads of the Eastern-Talgarskaya region, Vernensky district, in the Semirechenskaya (nowadays named Almatinskaya) area. Ryskul Dzhilkaidarov, his father, driven to despair by need and the mockeries of his family, shot the volost administrator and was condemned to penal servitude for 10 years. On the way to Sakhalin, having killed a sentry, he escaped to Kazakhstan where he died of illness. In 1906 Turar was taken in by his uncle. On leaving a three-year Russian-Kazakh boarding school, in 1910 he worked as an assistant of a judicial inspector in Merke. From October 1910 till September 1914 Turar went to the Pishpek (Bishkek) agricultural school. After that he worked some time for hire in Merke and Auliye-Ata (nowadays named Dzhambul) and then as a gardener in the environs of Tashkent. At the height of the Central Asian revolt of 1916[15] he was arrested as one of its organizers, however, he was soon released due to lack of evidence. He then entered the Tashkent teachers’ institute, but in spring of 1917 he was arrested by the local authorities for propaganda work directed against the Provisional Government. A Turkoman revolutionary At that time, Ryskulov made close contacts with the social-democrats and created the »Revolutionary Union of the Kazakh youth«. In September 1917 he became a member of the Bolshevist Party. By April 1918, Ryskulov had become vice-chairman of the Auliye-Atinsky Soviet.[16] At the 6th congress of the Soviets of Turkestan (October 5-14, 1918) he was a member of the Central Executive Committee (CEC) of the Soviets of the Republic of Turkestan and was nominated people’s commissar of public health services. On November 28, 1918, Ryskulov headed the Far East central commission on the struggle against famine in Turkestan, which was created on his proposal. In December 1918 Ryskulov was elected the first vice-chairman of the CEC of Turkestan, in March 1919 he heads the Mussulman Bureau of the Territory Party Committee and in January 1920 he was elected chairman of the CEC of Turkestan. At the 3rd territory conference of the Mussulman organizations held under the leadership of Ryskulov and at the 5th territory conference of the Communist Party of Turkestan he offered to call the Soviet Socialist Republic of Turkestan in future the »Turkic« Soviet Republic and the Communist Party of Turkestan - the »Communist Party of Turkic peoples«. But his proposals were rejected by the Turkoman Commission (Turkcommission) and the Central Committee of the Russian Communist Party (Bolsheviks). Persisting in his position, on May 17, 1920, Ryskulov, as head of the delegation, left for Moscow submitting at first his memorandum and then the report with his proposals to the CC of the RCP (B). On May 23, 1920, Ryskulov with N. Khodzhaev and G. BekhIvanov as members of the delegation, submits »the Draft Statute of the Autonomous Soviet Republic of Turkestan of the Russian Socialist Federation« to the CC of the RCP (B). On May 24, 1920, Lenin met Ryskulov and Khodzhaev. On May 25, 1920, a session of the Political Bureau of the CC of the RCP (B) on the Turkoman question was held. Sh. Z. Eliava and Ia. E. Rudzutak, chiefs of the »Turkcommission«, T. R. Ryskulov, chairman of the CEC of Turkestan, were invited to the session and took part in its work. But almost another month of work of the special commission including G. V. Chicherin, N. N. Krestinsky and Sh. Z. Eliava as outstanding figures of the party, was necessary in order to prepare a decision of the party’s CC on the Turkoman question.[17][18] On June 13 and 22, 1920, the Politburo of the CC of the RCP (B) considered once again the draft decisions on the Turkestan questions again. Having studied all the documents closely, Lenin made some essential amendments. »It is necessary, on my sight«, - he writes on June 13, 1920, - »to reject the draft of Comrade Ryskulov, to accept the draft of a commission...«[19] The recommendations and the advice of Lenin underlay the decision of the Central Committee of the party dated June 29, 1920 entitled »About the basic tasks of the RCP (B) in Turkestan«. During his stay in Moscow, Ryskulov had an opportunity to read the »Initial sketch of the theses on national and colonial questions« prepared by Lenin for the 2nd congress of the Comintern (Communist International). On June 16, 1920, T. Ryskulov with N. Khodzhaev from Turkestan, A. Validov and Kh. Yumagulov from Bashkiria, and A. Baitursunov and A. Yermekov from Kirghizia (Kazakhstan) redacted the »Additions of the representatives of the Communists of Bashkiria, Turkestan and Kirghizia to the theses of Comrade Lenin on colonial and national questions«.[20] High ranking Soviet official After he returned from Moscow on July 18, 1920, at the session of the Territorial Committee of the Communist Party of Turkestan he resigned his duty as member of the Territorial Committee and chairman of the Turkoman CEC by himself. His colleagues on work in the Mussulman Bureau of the Communist Party of Turkestan sent in their resignation too. But the CC of the RCP (B) and the »Turkcommission« did not remain indifferent to Ryskulov. On April 14, 1920, V. Frunze wrote to V. I. Lenin: »Ryskulov is the most outstanding representative of these Mussulman Communists from the Kirghiz (Kazakhs - V. R.) (…) as besides his mind, he has a strong energy and a remarkable character«.[21] V. V. Kuibyshev, member of the »Turkcommission«, wrote in a letter, dated August 9, 1920, to E. D. Stasova, secretary of the CC of the RCP (B): »Ryskulov is an uncommon figure and he may become a remarkable Communist in Moscow … Therefore we believe that his trip to Moscow at the disposal of the CC is necessary«.[22]On August 24, 1920, T. R. Ryskulov was nominated second substitute of I. V. Stalin, at the time the People’s Commissar on Nationalities of the RSFSR. But before this, and after a recommendation of the CC of the party, Ryskulov was sent to participate in the First congress of the peoples of the East in Baku where he was elected chairman of the Presidium of the Communist fraction of the congress.23 On September 1, 1920, according to the agenda, »Comrade Ryskulov opens the congress with the announcement of welcome to Comrade Zinovyev and other members of the Comintern«.[23] His speech on the 5th of September was highly appreciated by the participants of the congress. According to the memoirs of E. D. Stasova, the secretary of the CC of the RCP (B), G.K. Ordzhonikidze considered Ryskulov with bright attention and heat.[24] A. I. Mikoian, in his memoirs mentioned the impression which Ryskulov’s passion and conviction had made on the delegates.[25] At the congress Ryskulov became a member of the Council of Action and Propaganda in the East.[26] On May 14, 1922, I. V. Stalin, in a telegram sent to G. K. Ordzhonikidze to Tashkent, wrote: »... there is no need of indulging the commissars of Turkestan, they have not deserved it, the last two years have shown that all of them taken together are below Ryskulov to whose return I do not object to«.[27] In September 1922, by the decision of the CC of the RCP (B) Ryskulov became a member of the Central Asia Bureau of the RCP (B) (Sredazbiuro)29 and finally, he was appointed chairman of the Council of People’s Commissars (CPC) of Turkestan. At the 12th congress of the RCP (B) on April 23, 1923, Ryskulov intervened in the debate on the national question.[28] The delegates of the congress elected him as candidate-member of the CC of the RCP (B). On February 4, 1924, the Politburo of the CC of the RCP (B) recommends Ryskulov for responsible work in the Executive Committee of the Communist International (ECCI). On the 15th of April he is nominated assistant (substitute) of the chairman of the Middle-East Section of the Eastern Department of the ECCI.[29] Later he would become assistant (substitute) of the chairman of the Eastern Department of the ECCI as a whole.32 Comintern representative in Mongolia On October 6, 1924, he arrived in Mongolia as representative of the ECCI. Soon he wrote to Moscow: »According to the instructions of the Comintern, understanding well my tasks, I decided at first to put myself in an appropriate position. The Mongols thought that I was to be a simple specialist-instructor of the Comintern near them, that I should write the reports and instructions they would wish – and to accept and, when they would not wish – to reject them«. Further on, Ryskulov specifies, that »thus put himself gradually in a position of a man actually managing the activities of the CC of the People’s Party… The Mongols have become accustomed, now that - first of all - I put forward proposals on important questions, and second, that such a proposal has to be accepted, third, that it will be necessary to respect the discipline of the Comintern as the People’s Party is in the hands of the Comintern«.[30] In Urga (now named Ulhan-Bator) Ryskulov worked until July 1925. He redacted the drafts of the country’s Constitution, the main decisions on financial and economic policy, the new program and the charter of the MPRP (Mongolian Revolutionary People’s Party). In November 1924, during the working session of the First Great People’s »Khural«, which ratified the Constitution of Mongolia, he took an active part in the discussion about the agenda, including giving a new name to the capital of the country. It was his proposal to call the capital of Mongolia Ulhan-Bator (»Red Bogatyr«). In the spring of 1925 Ryskulov visited China as a member of the delegation of Mongolia to negotiate with General Fyn Yuisian about transit deliveries of weapons coming from the USSR.[31] Ryskulov’s conflict with Elbek-Dorzhi Rinchino It is also necessary to mention the serious personal and political conflict Ryskulov had with Elbek-Dorzhi Rinchino, a Buryat communist, who was sent to Mongolia in 1921 on behalf of the Far Eastern Secretariat of the Comintern as adviser of the government, but who was by then already was occupying the functions of chairman of the Council of War of Mongolia, member of the Presidium of the CC of the MPRP and member of the Presidium of the government. Rinchino was supported by A. N. Vasilyev, the Soviet plenipotentiary representative in Mongolia, who had known Ryskulov in Turkestan and was his enemy.[32] The situation turned gradually into a hot conflict. On June 15, 1925, a closed session of the CC of the MPRP decided to send Ryskulov and Rinchino to Moscow.[33] On July 6, 1925, G. N. Voitinsky arrived at Urga in order to examine the matter. In a letter to F. F. Petrov (Raskolnikov), chief of the East Department of the ECCI, dated July 9, he stated about the essence of the conflict between Ryskulov and Rinchino: »... The purpose of Comrade Ryskulov’s mission to Mongolia was to deepen the work of party construction in Mongolia, to stronger democratize the state building and to release the Mongols gradually from Rinchino’s influence«. Further he mentioned that during his mission, Ryskulov had encountered Rinchino’s resistance to the fulfillment of these necessary measures, »…resulting from his nationalistic and pan-Mongolist moods and his populist ideology covered by revolutionary phrase«. The instruction of the CC of the MPRP for the delegation to Fyn Yuisian, whose author was Rinchino, and the appeal for revolt in internal Mongolia demonstrates this: »…At the sessions of the CC of the PRP, Rinchino made constant opposition to Ryskulov owing to his view of the development of the revolutionary movement among the peoples of the Far East«. Voitinsky continued: »In this complex situation, it must be said, Ryskulov could not find the appropriate tactical line. At first (when Rinchino… did not act correctly on basic questions) he aspired to have a good collaboration with Rinchino, partly even to rely on him, and then he sharply turned against him. Ryskulov also overestimated his influence regarding the CC and the group which, as he believed, supported him ideologically. And therefore he mechanically amongst the group of his followers, created frustration about Rinchino’s leadership. Ryskulov thought in an abstract way that such processes as the differentiation and the stratification among the Mongolian masses were in a certain sense directly reflected in the CC of the PRP and that it was therefore being urged to build a fraction in the CC. His drastic methods of work in the CC itself, the pressure exercised on some members of the CC imploring the authority of the Comintern etc. were some of the consequences. Rinchino, hiding his basic disagreements with Ryskulov behind personal questions took advantage of these mistakes in full measure«. G. Voitinsky mentioned that »… without Rinchino Ryskulov’s bad working methods […], that he (Ryskulov) would work on good terms with the Mongols. Each day of Rinchino’s stay in Mongolia meant a blow to Ryskulov’s fruitful work as a whole. Due to the support of Rinchino by the plenipotentiary representation there has been a struggle between the representation of the People’s Commissariat of Foreign Affairs and the Comintern in Mongolia for the last months. The Mongols, apparently, understood this and only for this reason they decided to vote the resolution as a response to our representative«.[34] The resolution of the CC of the MPRP accepted on July 8, 1925, marking the positive results of Ryskulov’s activity in Mongolia, nevertheless considered the conflict between him and Rinchino unsolvable and decided »… to ask the Comintern for a response of Comrade Ryskulov and to send another representative instead of him, and to direct Comrade Rinchino to Moscow«.38 Soon Vasilyev also left Mongolia.[35] However, G. V. Chicherin, the People’s Commissar of Foreign Affairs of the USSR, giving his impression about Ryskulov’s activity in Mongolia, wrote to Ia. Kh. Peters in August 1925: »His political line in general is profoundly correct and should be supported by us«.40 Highlights and end of Ryskulov’s career On May 28, 1926, Ryskulov was appointed as third vice-chairman of the Council of People’s Commissars (CPC / Sovnarkom) of the RSFSR. He remained in this official function until the end of his life. In these years he was also nominated as delegate at the 15th, 16th and 17th congresses of the party, at all Soviet congresses of the RSFSR and was a member of the All-Russian Central Executive Committee and the Central Executive Committee of the USSR. He was also elected as deputy of the Supreme Soviet of the USSR and the RSFSR. Being in the rank of vice-chairman of the Russian Sovnarkom,41 Ryskulov was the chairman of the Cotton Committee at the Economic Meeting (ECOSO) of the RSFSR (1926-1930) and later vice-chairman of the ECOSO of the RSFSR, chairman of the Committee of assistance for the construction of the TurkestanSiberia railroad at the CPC of the RSFSR (1927-1930), chief of the Central Board of municipal services at the CPC of the RSFSR (1930-1931), he headed the Export Meeting of the RSFSR (1930-1934), the Council of assistance to public catering at the CPC of the RSFSR (1930-1934), the Committee for the domestic industry and business cooperation at the ECOSO of the RSFSR (1932-1934) and other state bodies. On September 29, 1932, and March 9, 1933, Ryskulov sent Stalin two letters criticizing the disastrous consequences of collectivization in Kazakhstan. And though Ryskulov was considered »Stalin’s favourite«, the superior leader did not forgive him for that. On May 21, 1937, Ryskulov, on a holiday in Kislovodsk, was arrested. The trial held in Moscow on February 8, 1938, under the chairmanship of Ulrikh only lasted 14 minutes. The Military Board of the Supreme Court of the USSR found Ryskulov guilty of committing crimes specified in the clauses 58-1 (high treason), 58-8 (terror), 58-9 (sabotage) and 5811 (participation in a counter-revolutionary organization). He was »sentenced to the utmost measure of punishment - the execution with confiscation of all the property belonging personally to him«. According to the information of the bodies of the People’s Commissariat of Internal Affairs the sentence about the execution was carried out in Moscow on February 10, 1938. Turar Ryskulov was rehabilitated on December 8, 1956. On February 6, 1957, by the decision of the Bureau of the Moscow City Committee of the Communist Party of the USSR. He was also rehabilitated in the party order.42 <s>                                                                                                     </s> Dorzhi Rinchino about Mongolia. Selected Works], Ulhan-Ude, 1998, p. 89, 103, 105, 108-109, 112-113, 182. 40  . S. Beisembaev, S. Kulbaev, op. cit., p. 28-29. 41  The Soviet Government. 42  RGASPI, fond 589, inv. 3, file 15599, vol. 2, sh. 92. Biographical notes of some of the persons mentioned Baitursunov, A. (1873-1937) - Kazakh poet, journalist, linguist, one of the leaders of the bourgeois-nationalistic party »Alash«. 1919 member of the Kirghiz (Kazakh) Revolutionary Military Committee. 1920 vice-chairman of the Kirghiz (Kazakh) Revolutionary Committee. 1925 lecturer of Kirghiz (Kazakh) University in Alma-Ata. He was arrested in 1929, banished to Solovki, 8 years later he returned to Alma-Ata where he was shot in 1937. Bekh-Ivanov. G. G. State and party figure of the Republic of Turkestan, of Russian nationality. 1920 member of the party court of Turkestan, member of the Presidium and the secretary of the CEC of Turkestan. 1921 functionary of the representation of Turkestan in Moscow. 1924 representative of the People’s Commissariat of Foreign Trade of the USSR in Central Asia, then at work in the agriculture field in Kirghizia, Uzbekistan and Tajikistan. 1929 representative on State grain purchase in Tajikistan (later removed from this post). Eliava, Sh. Z. (1883-1937). State and party figure. In February 1919 chairman of the Special Temporary Commission of the CPC of the RSFSR on Turkoman Affairs. October 1919 - July 1920 chairman of the Turkoman Commission (Turkcommission) of the All-Russian Central Executive Committee and the Sovnarkom of the RSFSR, the plenipotentiary representative of the RSFSR in Turkey and Persia. In August 1920 member of the Turkoman Bureau (Turkbiuro) of the Central Committee of the Russian Communist Party (Bolsheviks) or the CC of the RCP (B). 1923 chairman of the CPC of Georgia. 1927 chairman of the CPC of the Transcaucasian Soviet Federal Socialist Republic. Candidate member of the CC of the Communist Party of the Soviet Union (B) - CPSU (B) from 1927. 1931 substitute of the People’s Commissar of Foreign Trade of the USSR. 1936 - substitute of the People’s Commissar of Light Industry of the USSR. Subjected to repression. Rehabilitated in 1956. Fyn (Fen) Yuisian (1882-1948). Chinese general. October 1924 head of the revolution in Peking, commander-in-chief of the national armies and commander of the First National Army in Northern China. 1926, after a trip to the USSR, he entered the »Gomindan« party. Further military and party posts. Died in an accident. Khodzhaev, N. I. (1885-1942). Uzbek national figure. 1918-1919 member of the Central Committee (CC), the Mussulman Bureau, the Territorial Committee of the Communist Party of Turkestan and the Central Executive Committee (CEC) of Turkestan. September 1919 vice-chairman of the Turkoman CEC. 1920 in the staff of the Central Control Commission (CCC) of the Communist Party of Turkestan. After the Civil War member of the Turkestan CEC. In 1931 he graduated from the economic faculty of the Central Asian State University and became a member of the Presidium of the State Planning Committee (Gosplan) of Uzbekistan. 1932 chairman of the Committee on protection of monuments of the ancient time and art of Uzbekistan. Kuibyshev, V. V. (1888-1935). State and party figure. 1919-1920 vice-chairman and chairman of the Turkcommission and plenipotentiary representative of the RSFSR in the People’s Republic of Bokhara. 1922 secretary of the CC of the RCP (B). 1923 chairman of the CCC of the CPSU (B) and People’s Commissar of WPI of the USSR, simultaneously vice-chairman of the CPC and the PLDC of the USSR in January - November 1926. 1926 chairman of the Supreme Economic Council (SEC). 1930 chairman of the Gosplan of the USSR and vice-chairman of the CPC and the PLDC of the USSR. 1934 chairman of the Commission of the Soviet Control at the CPC of the USSR and first vice chairman of the CPC and the PLDC of the USSR. 1921-1922 candidate member of the CC of the RCP (B). 1922-1923 member of the CC and the secretariat of the CC of the RCP (B). 1927 member of the CC and the Politburo of the CPSU (B). In 1922-1923 and 1934-1935 member of the Orgburo of the CC. Peters, Ia.Kh. (1886-1938). State and party figure. 1917-1919 member of the board and vice-chairman of the All-Russian Far East Commission (AREC) and chairman of the Revolutionary Tribunal. 1920-1922 member of the »Turkburo« and plenipotentiary representative of the AREC in Turkestan. Simultaneously, in 1921 member of the Turkcommission. 1922 chairman of the Eastern Department of the State Political Administration, from 1923 on member of the board of the Joint State Political Administration. 1930-1934 chairman of the Moscow Control Commission of the CPSU (B). Subjected to repression. Rehabilitated in 1956. Raskolnikov, F. F. (real surname - Ilyin) (1892-1939). State and military figure, diplomat and writer. 1918 substitute of the People’s Commissar on Sea Affairs. 19191920 commander of the Volga-Caspian navy. 1920-1921 commander of the Baltic navy. 1921-1923 plenipotentiary representative in Afghanistan. 1924-1928 head of the Eastern Department (Secretariat) of the ECCI under the pseudonym of Petrov. 1930-1938 trade representative in Estonia, Denmark and Bulgaria. 1938 recalled but stayed abroad because of threat of arrest and protested against Stalin’s mass political repressions. Excluded from the party in his absence, treated as »people’s enemy«, deprived of the Soviet citizenship, he was perhaps killed by order of Stalin. Rehabilitated in 1963. Rinchino, Elbek-Dorzhi (1888-1938). Buryat national figure, active participant of the revolutionary and partisan movement in Siberia. 1920 head of the Mongol-Tibetan Section of the Far Eastern Secretariat of the ECCI. In April 1921 he arrived in Mongolia, participated in the revolutionary uprising and contributed to the defeat of the antirevolutionary troops of von Ungern-Steinbergs and Bakich (the »white guard generals«). 1925 after returning from Mongolia in 1925, he was sent to the Institute of Red Professors, Moscow. 1927 lecturer of the Communist University of the Workers of the East. 1934 professor of the Faculty of political economy. Subjected to repression. Rehabilitated in 1957. Rudzutak, Ia. E. (1887-1938). State and party figure. 1920-1921 general secretary of the All-Russian Central Council of Trade Unions (ARCCTU). Simultaneously in 1919-1921 member and chairman of the Turkcommission, in March - October 1921 chairman of the Turkbiuro. 1922-1923 head of the Central Asian Bureau of the CC of the RCP (B). 1923-1924 secretary of the CC of the RCP (B). 1924-1930 People’s Commissar of Transport. 1926-1937 vice-chairman of the CPC and the PLDC of the USSR, simultaneously 1931-1934 chairman of the CCC of the CPSU (B) and People’s Commissar of the Workers’ and Peasants’ Inspection (WPI) of the USSR. 1920-1937 member of the CC of the party, 1926-1932 of the Politbiuro (candidate 1923-1926 and 1934-1937). Member of the Organizational Bureau (Orgbiuro) of the CC in 1921-1922 and 1923-1924 (candidate in 1921 and 1922-1923). Subjected to repression. Rehabilitated in 1956. Validov, A.-Z. (Validi) (1890-1970). Bashkir national figure. 1917-1918 head of the counter-revolutionary bourgeois-nationalistic government of Bashkiria. In January 1919 he passed over to the side of the Soviet authorities. February - May 1919 and February June 1920 chairman of the Revolutionary Committee of the Bashkir Soviet Republic. Dissatisfied with the policy of Moscow concerning Bashkiria, he became one of the ideologists of the basmatch movement (till February 1923). In 1920 he escaped with a group of his adherents to Turkestan, then to Turkey. Subsequently became a professor at the Istanbul University. Vasilyev, A. N. (1880-1941). Soviet diplomat and functionary of the Comintern. 19231925 plenipotentiary representative and trade representative of the USSR in Mongolia. 1925-1926 General consul of the USSR in Mukden, China. 1926 in the staff of the Eastern Department of the ECCI continuing the diplomatic work. Voitinsky, G. N. (real surname - Zarkhin) (1893-1953). Soviet Party and Comintern figure. 1920-1921 representative of the Foreign Department of the Far Eastern Bureau of the RCP (B), the Section of the Peoples of the East of the Siberian Bureau of the RCP (B) in China and member of the Presidium of the Far Eastern Secretariat of the Comintern. 1923 one of the heads of the Far Eastern Secretariat of the ECCI and deputy head of the Eastern Department of the ECCI. 1924-1927 representative of the ECCI in China (with interruptions). 1926-1927 responsible secretary of the Far Eastern Secretariat of the ECCI and chairman of the Far Eastern Bureau of the ECCI in Shanghai. 1927-1929 attached to work in the economic field. 1923-1934 secretary of the Pacific Secretariat of the Profintern (Red International of Trade Unions). 1934 research and pedagogic work. Yermekov, A. (1891-?). Kazakh national figure. One of the founders of the »Alash« party, belonging to the »Alash-Orda« government. Assistant professor at Kirghiz (Kazakh) University in Alma-Ata. 1930 arrested, sentenced to imprisonment. Yumagulov, Kh.Yu. (1891-1937). Bashkir national figure. 1918-1922 member of the CPSU (B), then excluded for »nationalistic« activities. 1927 again candidate, 1931 member of the party again. May 1919 - February 1920 chairman of the Revolutionary Committee of the Bashkir Soviet Republic. Later working in the economic and Soviet fields. Contact: Vladimir Vladimirovich Ryskulov, the native grandson of T. R. Ryskulov, born on December 4, 1957, graduated from the historical and philological faculty of the Institute of the Countries of Asia and Africa at Moscow University, teaches Arabian, English and French languages. Home address: f. 241, h. 11, Dekabristov Street. 127-566 Moscow, the Russian Federation. Home phone: (095) 404-19-51. E-mail: latakia@online.ru; aachen_r@mail.ru; aachen_r@rambler.ru. Dainis Karepovs, São Paulo: The Fate of the First Brazilian Brigadist in Spain. A Biographical Note about Alberto Bomilcar Besouchet The list of the victims of Stalinist repression during the Civil War in Spain is extensive. It is enough to indicate the names of the main ones here: the former minister of Justice of Catalunha Andrés Nin, the members of the POUM Juan Hervas, Jaime Trepat, the Trotskyists Erwin Wolf and Hans Freund, the former Trotskyist, the Austrian Kurt Landau, the Anarchists Alfredo Martínez and Camillo Berneri, the Russian Socialdemocrat Marc Rein, the American teacher José Robles and the officer Gaston Delasalle, perhaps also the German former deputy of the Reichstag Hans Beimler and the Italian former deputy Guido Picelli (the latter were all members of the International Brigades). One of the victims of Stalins men in Spain was probably also the soldier Alberto Bomilcar Besouchet, the first Brazilian volunteer who arrived in Spain in order to fight for the republican government against the Francoist troops. Apolino de Carvalho, in his Memoirs, tells that Besouchet, his colleague in the Military School of Realengo, had been »cowardly killed« at the end of 1938, but he does not specify by whom.[36] We try here to emphasize the »modus operandi« through which the repression of the NKVD defined its vitims and to show the paradox of a situation where idealistic militants gave their active solidarity to the cause to defend the Spanish Republic but were then eliminated by supposed companions because their ideas were not considered »appropriate«. However they executed their engament in the best possible way, and the military curriculum of many of them is the best proof of that, including that of Alberto Besouchet. Born in 1912, Alberto was the youngest of four children. Like him, his brothers and sister Augusto, Lídia and Marino, were also militants of the Communist Party of Brazil (PCB). They were expelled from the party because of their criticism of the irresponsible way the party prepared the movement that resulted in the »putsch« organized by the communists in November 1935, in the cities of Natal, Recife and Rio de Janeiro. Together with Barreto Leite Filho, author of a well-known letter to the leader of the uprising, Luiz Carlos Prestes, where such critics are articulated[37], and Phoebus Gikovate, they were the main leaders of the Trade Union Section of the PCB. Thereafter, this group approached the Brazilian Trotskyist movement, and was then associated with the »Internationalist Communist League«. Later they created the »Leninist Workers Party« of Brazil. Alberto, who, like his father, followed a military career, joined the PCB in 1933, as a student at the Military School. In the first hours of November 24, lieutnant Alberto Besouchet integrated the group of civilians and military that rebelled against the 29th Batallion of Hunters of the Floriano Peixoto Military Ville in Socorro, near Recife, and then organised a march on the capital of Pernambuco. In doing so he was wounded in both his legs. Besouchet succeded in escaping without being arrested. He arrived in Rio de Janeiro, where he tried to work as a journalist in the »Diários Associados«. Like his brothers and sisters, who were already very close to Trotskyism, Alberto Besouchet approved some of the conceptions defended by Leon Trotsky’s followers in Brazil, among them the criticisms of the uprising movement under Luis Carlos Prestes in November 1935. However, from the Trotskyist side, it was said that Besouchet »(...) still believes in the possibilty of a regeneration of the Communist International«.[38]The outbreak of the Spanish Civil War, with the beginning of the formation of the International Brigades, that were organized from October 1936, saw him make the decision to use his knowledge and military experience in favour of the Spanish revolutionaries, participating in what was called the »last of the great crusades«. Before leaving for Spain, however, Besouchet decided to redact an open letter to his comrades in the Brazilian Communist Party, which, finally, resulted in fatal consequences for him. In this letter, Besouchet, saying farewell to his companions arrested by the dictator Vargas, exhorted them to continue the fight for a just and human regime, while he, at the same time would give his contribution in Spanish lands. Besouchet tried to make the PCB diffuse this document, but, knowing of his relationship with the Trotskyists, the communists refused to do it. In the only existing testimony about this episode, the attitude of the PCB is described as returning Besouchet’s text characterizing him as »rabble« and as a »trickster«.[39] Although formally, the PCB had sent him, at his own request, to Spain, Besouchet left Brazil with a recommendation letter signed by Mario Pedrosa, one of the main leaders of the Trotskyist movement of Brazil, and directed to Andres Nin, in Barcelona. He left Buenos Aires, going through Uruguay, embarking with a Cuban passport (on the name of Ernesto Torres) together with a group of German volunteers, to Antwerp, where he arrived in December of 1936. He proceeded to Paris, where he remained for two days, and then to Perpignan. He went to Spain by ship in February of 1937. At the same time that Besouchet arrived in Spain, a confidential report was received by the Communist Party of Spain (PCE), dated January 24, 1937, sent from Valencia by the functionary of the International Red Help, »Maria«. This was the nickname of Tina Modotti, who also occupied a position attached to the chairman for counterespionage in the headquarters of the International Brigades in Albacete. Shortly before going back to Spain, Tina Modotti received in Paris a message, in which the Brazilian Communist Party mentioned the open letter episode: »Lieutnant Alberto Besouchet is now in Spain. After his departure from Brazil it was discovered that Besouchet had turned Trotskyite. He left a proof that is a true provocation against the revolution of national liberation and it is also of great importance to notify all comrades so that the do not allow him to use the name of the Communist Party of Brazil.«[40] Besouchet arrived in Spain already stygmatized as s Trotskyite. After his arrival he reestablished his true identity and integrated into the International Brigades, after having looked for the POUM-leader Andrés Nin, also branded as a Trotskyite, though without foundation. Besouchet went on to carry out his aims: He fought on the fronts of Aragón, Andujar, Carabanchel, Córdoba and Sevilla. During the battle of Guadalajara he was wounded in the leg by a grenade splinter. When he disappeared he had already been promoted colonel and integrated to the staff of General Miaja. The inquisitorial methods created serious problems, specially for those arriving after the events of Barcelona of May 1937.48 Two foreigners that were expelled from Brazil, the Polish Jewish barber Ejber Bajnerman and the German Ernest Joske,49 who were arrested in São Paulo after the »putsch« of November 1935 for their involvment, both were active members in their respective unions, they were expelled by the Brazilian govenment in June 1936. After they succeeded in escaping before arriving to their home countries, they went to Paris to enroll in the International Brigades. They arrived in Spain at the end of May 1937. On August 8 the Communist Party of France communicated to the Spanisch Communist Party, suppplying the address of Joske in Albacete, asking them »to do all what was nessary to help the Brazilan comrades, except for Bajnerman and Joske, about whom are made some restrictions, since formerly they were active Totskyites, and even if they had recognized their mistakes, they tried to go to Mexico, what demonstrates that they didn’t give up their ideas. Joske seems to have succeeded in undoing the »suspicions« about him. Among the documentation about the Brazilian Brigade members in the Comintern files in Moscow a report from the beginning of 1938 indicates that he passed through unharmed at the Commissariat of War of the International Brigades headquarters in Barcelona, making his way through the Brigades and indicating his intention to go to Chile or to Mexico. This was not the case for Besouchet and for Bajnerman, for whom there is no documentary evidence later than August 1937, and not for Besouchet. A report of January 15, 1939, signed by E. M. Elliott reproduces an information given by the Major Costa Leite concerning Besouchet that he had a relationship with Trotskyists and that he was killed during the May events of 1937 in Barcelona. There is no concluding information about the date of his death, however there is no doubt about the responsibility of the communists. Later, the Besouchet family received the information that Alberto had been shot during the final retreat of the International Brigades from Barcelona (in October 1938), together with Anarchists and Trotskyistes arrested there.[41] Among the documents in his dossier in the Moscow files, there is a letter that allows us to speculate that his death probably did not occure after May 1937. The letter was sent by Castro, the nickname of Honório Freitas Guimarães, member of the Politburo of the PCB (also known as »Martins«), when he was waiting in Paris for his visa to enter the Soviet Union, dated in Paris, 24.9.1937. Not only the handwriting served to identify »Castro«; Guimarães had been educated in England (Eton), the letter was written in English, usually Brazilian communists communicated with the Comintern or the other sections in Castillan or in French. It is also worthwile to remember that Guimarães participated in the judgment and execution of Elza Fernandes in 1936, her own comrades who falsely accused her of having delivered information to the police allowing the arrest of Arthur Ewert (she was the companion of the then general secretary of the PCB, Adalberto Fernandes Miranda). Finally, in this correspondance concerning Besouchet, classified as a »leftist«, a report was made about the episode of the open letter published in A Luta de Classe. Guimarães also informed that the Uruguayan communists were alerted that Alberto’s brother Augusto, had become one of the main leaders of the Trotskyist movement in Brazil. As leader of the PCB, Guimarães gave the following instructions: »I suggest that measures [should] be taken to control his activities and that if nothing more serious is found, that our Spanish comrades make him understand that he must cut all relations with people who are entirely on the other side of the barricade. It would be very good if he could be brought to make written declarations against Trotskyism and his brother’s position which he could publish in our press.«[42] This allows us to raise the question if it was not at that time that Besouchet has been arrested during some »interrogation« and if Guimarães’ letter can be considered as an element to construct an accusation record against Besouchet. The information about him had been requested by »Jack« (there is only a hypothesis that »Jack« could have been Vittorio Vidali). after the latter had received it verbally. If this hypothesis is true, Guimareas’ letter may also be considered a death sentence for Besouchet. What we cannot doubt is that, if there was opportunity, it was looked for, through the most brutal tortures, on one hand, »to make Besouchet understand« and on the other hand to »extract« declarations against the Trotskyites. But in the same way as it had happened with others put in the same situation, nothing could be extracted from Besouchet. If no concrete evidence could be obtained about how Besouchet was eliminated, the elements presented here show some of the murderers’ footprints exported from the Soviet Union and covered by the Spanish State. C. Chaqueri, Paris:[43] A Triple Gaffe. Throwing a Light on Avetis Sultanzade (Mikhailian), Intellectual, Theoretician and Leading Personality of the Iranian Communist Party. In light of the Soviet suppression of Stalin’s opponents and victims, the identity of the Iranian Communist Party’s leading theoretician, Avetis Sultanzade, has often been confused, at times deliberately. One such time was the attempt by George Lenczowski, an »Iran expert«, at the Hoover Institution in the US, who presented Sultanzade as having been the same as his close collaborator, S. Jafar Javadzadeh[44] (present along with him at the third Comintern congress in 1921) who in 1945 led the Autonomous Government of Azerbaijan in northern Iran. In addition to the decades of dirt that Soviet historians threw at Sultanzadeh as a »German agent«, now a former Tudeh member[45] has confused him with an NKVD agent who was also Armenian, a certain Orbeliani, and a Comintern operative, possibly also an NKVD agent in Iran. These three short biographies should throw light on the three persons the former Tudeh cadres confuses. Sultanzade (Mikailian), Avetis Avetis Sultanzade (1889–1938), the leading personality in the Iranian Communist party, was not Muslim, nor was he merely a revolutionary practitioner; he was an intellectual and theoretician. Born into a poor family of the Maraqeh region, his mother was Armenian and his father was Muslim. After five years of study in his native town, he went to the Armenian ecclesiastical school, Jamaran, at Ejmeyasin near Yerevan. On graduating, he joined the labor movement in the Caucasus and became a member of the Bolshevik faction of the Russian Social Democratic Workers party.[46] After the October revolution, he worked for the Soviet government. In 1919, like his rival in the party, Haidar Khan, he was sent to Central Asia to mobilize Iranian workers for the Iranian Communist Party (ICP). There he recruited Iranian emigrants for the Iranian Red Army and organized, in early 1920, the Tashkent Adalat conference and the ICP congress in Anzali in June 1920. His theoretical and political contributions constituted the ICP’s main line of action until his withdrawal in 1922. He led the party’s radical wing and called for immediate land reform in Gilan. He disagreed with those who collaborated with Kuchek Khan, the leader of the Jangali revolutionary movement.[47] Aside from leading positions in the ICP and the Communist International, he worked for the Soviet banking system until 1927. At this time, the radical turn of the Comintern permitted his return to the ICP, which he reorganized and led until it was dismantled by the Soviets in 1932. He was then censured as a «deviationist anti-Leninist» by the Stalinist ideological apparatus. Nevertheless, he continued to battle with the Comintern and the Soviet bureaucracy until 1935, when he denounced those in charge of Iranian affairs in the Comintern. On July 16, 1938, he was shot as a «German agent», but his reputation was rehabilitated during the Khrushchev era. Sultanzade was the author of numerous articles and books on varied subjects, but due to Stalinist repression, he remained fairly unknown until the mid-seventies. His works on Iran and the East were quite novel and remain today a valuable source for the study of Iran’s political and economic situation in the early twentieth century. Orbeliani, Ervend Ohanevich[48] Ervend Ohanevich Orbeliani (alias Ebrahim[49]) was born on 5 February, 1898, into the family of an Armenian school teacher of Tabriz, Ohanes Norsesevich, whose father had been master gun-maker, and Sophia Markarovna Khagikian. Armeno-Iranian, he went to an Armenian school in Tabriz for five years (1906–10) before his parents moved to Mashhad, where his elder brother worked at the customs office. From 1910 to 1914 Orbeliani continued his studies on his own, particularly learning foreign languages, notably Russian, English and French. Thereafter, due to his family’s poverty, he worked, until 1917, as an employee of the local finance office. From 1917 till 1920 he was an employee of the British-owned Imperial Bank of Persia. Between 1921 and 1923 he worked as a translator for the Soviet diplomatic service in Tehran; then for the next five years he was in the employ of the Soviet diplomatic service, notably at the TASS agency, producing a radio bulletin in Persian and Russian. In 1924 he was recruited by the GPU/OGPU (future NKVD). In 1928 he moved to the USSR and worked, until 1935, as an operative agent at the NKVD. Between September 1935 and September 1936 he was in charge of the Iranian section at the KUTV (The Moscow Communist University of Toilers of the East), however, because of its closure, he became unemployed. From the moment of filling out his questionnaire in 1936, he was in charge of the secretariat of the Comintern editorial board while remaining a special reserve agent of the NKVD. Orbeliani’s »revolutionary activity« began in 1917 when he, under the influence of the October revolution and in opposition to British rule in Iran, joined a group of Iranians in the nationalist circles. He took part in the struggle against the British imposed AngloIranian 1919 Agreement (at this time he was working for the British bank in Iran). He read Bolshevik literature and entered into contact with »comrades« coming from the Soviet Union to Mashhad. He was arrested and imprisoned for four months after the British-led 1921 coup. He joined the Armenian Workers’ Party in 1923 and, through contacts with ICP activist Seyfi, also the ICP in 1924. Thereafter he became active among left-wing Armenians who in 1923 created the Armenian Workers’ Party which dissolved itself in 1927 and whose most faithful and resilient members joined the ICP. Then, on the orders of the CC, he created a legal Armenian party, named Nor-Ugi, in order to continue anti-Dashnak activities among Armenians. He was also active in the labor movement and was in charge of publishing secret declarations and night-flyers for the party (presumably printed at the TASS headquarters). He was arrested in 1925 in connection with his activities within the two communist parties but released through the intervention of Soviet envoy Yurenev. In 1928 he was exiled from Iran upon the revelations by several former communists of his publishing activities for the party. Upon his arrival in Moscow, Wagner of the Eastern Section of the Comintern sent him to the CPSU so that his membership could be transferred from the ICP. He became a candidate for membership and passed the two year training period, however his membership was withheld due to the new rules and the purges in 1932. Orbeliani married a Russian (Armeno-Russian) in 1920. His mother, sister and brother remained in Iran. The latter, a government employee, was active among the Armenians. Beginning as a Danshnak, he became a convinced Bolshevik in 1920 and was in contact with the Soviet consul in Mashhad. He made a speech at the mourning ceremonies held for Lenin in 1924. He was arrested in 1932, and condemned to fifteen years imprisonment for his political activities and on additional charges that his brother, Ervend, was an NKVD operative. Hewas the Comintern official in charge of Iran to whom Shoureshian (»Mazloum«) reported on the occasions of his clandestine trips to Iran. His name was mentioned in the investigation and trial of the »Fifty-three« Group. His fate after 1936 is not known, but it is not difficult to assume that he was liquidated during the Stalinist purges. Aslani, Nasrollah Nasrollah Aslani, (known as Kamran, alias Abdolsamad Motash [alias at the 7th Comintern congress?]), born in 1904 in Qazvin[50], was the son of a peasant. He grew up in Qazvin, received a high-school education, and began working in the post office of the city. He was recruited by A. Kambakhsh into the Anjaman-e Parvaresh of Qazvin, a cultural society organized by leftists and communists.[51] As a result of his activities in that society, he was, in 1926, appointed by his post office superiors to a far-off post out of town. During his service in the post office in 1925–1926 he came into contact with the Russian consul Kaufamann, first through a consular employee and later meeting him directly. Kamran made the claim that he helped revolutionaries during the events in Gilan by passing their mail through the British censure in Qazvin – a claim that is very difficult, if not impossible, to verify (at the time he was no more than sixteen years of age). In his personal questionnaire filled out for the Seventh Comintern Congress, he claims to have joined the All-Russian Communist Party in 1928, but the ICP in 1922, which is in contradiction with his statement that he was recruited by Kambakhsh who joined the party in 1924. In 1926 Kamran went to the USSR and studied until 1930 at KUTV as an ICP student, where he was »always first« in his class and a member of the Partcommissia of the leadership of foreign students at KUTV. In 1930 he was sent by the Comintern to Iran to carry out party activity. Until 1931, as member of city bureau of the ICP, he did party work in Isfahan, where he was engaged as an iron-smith (or lock-smith) at the Kazerouni textile factory. Here he claims to have organized the workers into a union and led the 1931 strike in that factory.[52] He must have done this in collaboration with party leader Abdol-Hussein Hesabi (Dehzad) who was at this time in Isfahan on party assignment (see his biography). Arrested, along with other labor leaders, he was banished to Abadeh, from whence he was recalled to Tehran for further interrogation. He claimed to have managed to elude his police escort and to have escaped on the way to Tehran. He lived in the capital for a year in secret and then returned to the USSR in May 1932. There he re-entered the KUTV as an »aspirant« (teaching candidate) and also studied for a year in the »special course« until 1934.[53] He claimed that he was, in the beginning also a member of the Paykar editorial board – a claim that does not correspond to the facts, as this journal’s life in Berlin came to an end in October 1931, and the new series published in handwritten composition in Vienna between mid-August 1932 and February 1933 were ostensibly published without the consent of the Comintern on which Kamran depended. In spring 1934 Kamran was also made »Director« of Section XV of KUTV, overseeing the education of its students. In October 1934 (on the eve of the publication of Donya) Kamran was dispatched on a mission by the EKKI to Iran, through the mountains of Khorasan bordering Soviet Turkestan. The aim of the mission was the »constitution of party organization« in Tehran, Tabriz, Qazvin, Mazandaran, Isfahan, and Khuzistan. He remained in Iran until May 1935. In Tehran he met with Dr. Arani. He formed »support points« (noqtehha-ye etteka’i) in these localities. He adds in his reports that he and his colleague (presumably Soviet official Hakimov) also »won« the review Donya, the student union, and the youth union over to the newly communist organization that was to replace the ICP. (The Soviet encyclopedias assert that Donya was the organ of the ICP!) Upon his return to Moscow in 1935 he attended a superior course at KUTV, joined the »editorial staff« of the German Communist leader Wilhelm Pieck, and took part in the Seventh Congress of the Comintern as a delegate of the ICP. According to his own account, Kamran was married to a Russian, a salesperson, who was not a party-member, whose father was a tailor. (It is thus incorrect to assert, as some have, that he was married to an Iranian female communist named Mahin or Maliheh). Kamran was excluded from the Comintern apparatus on the 15th of June, 1937, and arrested by the NKVD.[54] He was still alive November 1941 after the Soviet occupation of northern Iran and the formation of the Tudeh party. Though he disappeared some point in 1942, along with a number of other Iranian Communists who had survived earlier purges. According to the Secret Report to Dimitrov, there was even a suggestion that, after an urgent »reexamination« of his case by the NKVD, he should have been sent to Iran to help the Tudeh party, since in his personal records there were »many positive reports« of his work in the Iranian underground.[55] Kamran was said to have been »greatly interested in the questions of the All-Russian Communist Party, the Comintern, and the [Iranian Communist] Party.« He was characterized as a »disciplined, very active, and experienced« cadre who participated in social organizations and of possessing a »good attitude toward studying«. He had good relations with his comrades, he was also capable of »independent work«. However, Dr. Arani expressed his dislike for him during his defense speech in Reza Shah’s tribunal, referring to him as »hammal« (literally porter, meaning a person lacking any culture whatsoever).[56] Section IV Workshop – Projects in Progress Annette Leo, Berlin: »Wolfgang Steinitz (1905–1967). Jude, Bildungsbürger, Wissenschaftler, Kommunist«. Prof. W. Benz, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin, erhält Fördermittel der Thyssen-Stiftung für das Forschungsprojekt »Wolfgang Steinitz (1905-1967). Jude, Bildungsbürger, Wissenschaftler, Kommunist«. Projektmitarbeiterin und Autorin der geplanten Biografie ist Dr. Annette Leo. Im Zentrum des Forschungsvorhabens steht der international angesehene Finnougrist, Volkskundler und Slawist Wolfgang Steinitz, der als Wissenschaftsorganisator und langjähriger Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften der DDR eine Vielzahl von bedeutsamen Forschungsprojekten angestoßen hat.[57] Steinitz gehört zu jenem DDRspezifischen Typ des jüdischen linken Intellektuellen der in den zwanziger Jahren politisiert und unter Sogwirkung der sozialistischen Idee von einer gerechten Ordnung zum Kommunisten wird. Anhand seiner Lebensgeschichte wird auch deutlich, wie bruchlos bei Vertretern dieser Generation kommunistisches Engagement und konspirative Tätigkeit für die Komintern bzw. einen sowjetischen Geheimdienst ineinander übergingen. Offensichtlich wurde die Biografie von Wolfgang Steinitz von diesen Verbindungen mehr geprägt als zunächst angenommen. Sein Emigrationsweg führte Steinitz während der nationalsozialistischen Zeit zunächst in die Sowjetunion. In den Wirren der »Säuberungszeit» wird er als unerwünschter Ausländer nach Schweden abgeschoben. Nach der Rückkehr aus dem Exil beteiligt er sich aktiv und enthusiastisch am Aufbau des Sozialismus in der SBZ/DDR. Von der Verfolgung und Ausgrenzung der Westemigranten und Juden Ende der vierziger/Anfang der fünfziger Jahre bleibt er verschont. Seine Kritik an der SED-Führung nach der Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953 und sein selbstbewußtes und undogmatisches Auftreten machen ihn jedoch verdächtig und führen noch zu seiner Zeit als Mitglied des Zentralkomitees der SED zur geheimdienstlichen Bearbeitung im Rahmen eines »Operativ-Vorgangs«. Steinitz zieht sich daraufhin von seiner politischen Tätigkeit zurück und konzentriert sich auf seine wissenschaftliche Arbeit. Eine erneute Konfrontation mit der Staats- und Parteiführung im Zusammenhang mit seiner Weigerung, dem Ausschluß Robert Havemanns aus der Akademie zuzustimmen, wird durch seinen Tod im Jahre 1967 beendet. Die geplante Steinitz-Biografie versteht sich als wahrnehmungs- und erfahrungsgeschichtliche Untersuchung. Sie hat zum Ziel, den politischen Lebensweg eines jüdischkommunistischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert nachzuzeichnen und die Bewältigung historischer Umbrüche durch Eliten zu untersuchen. Dabei werden die Ereignisse aus der Sicht von heute betrachtet, ohne den damaligen Kontext und Zeitgeist außer acht zu lassen. Aber es soll von der Frage ausgegangen werden, welche Spuren das Wirken von Wolfgang Steinitz in den einzelnen Wissenschaftsgebieten, in der Geschichte der Institutionen und in den Erinnerungen seiner Angehörigen, Freunde und Kollegen hinterlassen hat. Dabei ergeben sich durchaus widersprüchliche Befunde, die in ihrer Ambivalenz ernstgenommen werden müssen. Auch die Schwierigkeiten der Erinnerung an eine solche Persönlichkeit während der DDR-Zeit und danach sind Teil des Themas. Es geht dabei um die Darstellung eines Spannungsfeldes zwischen den eigenen Visionen und der Loyalität gegenüber dem Regime, um eine schwierige Balance zwischen Selbstverwirklichung und Unterwerfung. An Steinitz’ Beispiel sollen die Möglichkeiten und Hindernisse für die Realisierung eines sozialistischen Programms geprüft und die Auswirkungen von Karriereangeboten und Privilegien sowie das Ineinandergreifen von Partizipationsmöglichkeiten und Zwangsmaßnahmen hinsichtlich Resistenz bzw. Kritikfähigkeit beleuchtet werden. Die Quellenlage ist mehr als günstig. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen von und über Wolfgang Steinitz finden sich in seinem Nachlaß nicht nur große Teile des privaten und beruflichen Briefwechsels von seiner Studentenzeit in den zwanziger Jahren bis zu seinem Tod, sondern auch die Auseinandersetzungen in der Universität, in der Akademie sowie im Zentralkomitee der SED sind gut dokumentiert. Außerdem existiert eine Anzahl von Gesprächsprotokollen, die der Filmemacher Hans Bunge bereits in den siebziger Jahren mit Kollegen, Freunden und Angehörigen von Wolfgang Steinitz geführt hat zur Vorbereitung einer Biografie, die zu DDR-Zeiten jedoch nie geschrieben wurde. Erschwert und begünstigt zugleich werden die Arbeiten an der Biografie durch die Tatsache, daß Familienangehörige von Wolfgang Steinitz in Israel, in den USA und Italien, angestoßen durch die Recherchen des Forschungsprojekts weitere neue Briefe und andere Dokumente ausfindig machen und zur Verfügung stellen. Aurélio Martín Najera, Madrid: Obras Completas de Francisco Largo Caballero Están próximas a publicarse las obras completas de quien ha sido el único obrero que desempeñó la Presidencia del Gobierno de España: Francisco Largo Caballero. Largo Caballero nació en Madrid en 1869. Siendo niño comenzó a trabajar en la construcción, especializándose en el oficio de estuquista. En 1890 ingresó en la Unión General de Trabajadores y en 1894 en el Partido Socialista Obrero Español. Educado sindical y políticamente en el círculo más cercano a Pablo Iglesias, ocupó puestos directivos de carácter nacional en la UGT y en el PSOE desde 1899 y desempeñó los cargos públicos de concejal del Ayuntamiento de Madrid (1905), diputado provincial (1911) y diputado nacional (1918). Miembro del Instituto de Reformas Sociales, desde su creación en 1904 hasta su disolución con la Dictadura de Primo de Rivera en 1924, participó en la elaboración de toda la legislación de carácter social en España. Acudió a la Conferencia fundacional de la Organización Internacional del Trabajo (OIT) en Washington en 1919 asistiendo posteriormente a todas las Conferencias Internacionales del Trabajo hasta 1936. Al proclamarse la Segunda República en 1931 fue diputado por Madrid en 1931, 1933 y 1936 y Ministro de Trabajo y Previsión Social en el bienio republicano-socialista entre abril de 1931 y septiembre de 1933. Estuvo en la cárcel en varias ocasiones: durante la huelga general tras los sucesos conocidos como la Semana Trágica de Barcelona en 1909; la huelga general minera de Vizcaya de 1911; la huelga general de agosto de 1917; la sublevación pro-república de diciembre de 1930 y la revolución de octubre de 1934. Al estallar la guerra civil fue elegido Presidente del Gobierno y Ministro de la Guerra desde septiembre de 1936 hasta mayo de 1937. Finalizada la contienda pasó a Francia donde fue detenido, confinado y finalmente deportado a Alemania e internado en el Campo de Concentración de Oranienburg de 1943 a 1945. Al finalizar la Segunda Guerra Mundial fue liberado por las tropas soviéticas regresando a París, donde falleció a los pocos meses, en marzo de 1946. Sus obras completas serán publicadas por la Fundación Francisco Largo Caballero de Madrid coincidiendo con el XXV aniversario de la constitución de la misma. La edición está prevista realizarla en tres bloques documentales. El primero recogerá sus escritos y discursos hasta 1939; el segundo abarcará sus escritos en el exilio (1939-1946) y el tercero reunirá la correspondencia personal que se ha conservado del mismo. A finales de junio de 2003 aparecerá el primer bloque, que constará de 6 volúmenes (2.700 páginas) estructuradas en los siguientes apartados: I. Escritos y discursos: 1910– 1918; II. Intervenciones parlamentarias: Legislatura 1918–1919; III. Escritos y discursos: 1919–1924; IV. «Presente y futuro de la Unión General de Trabajadores de España». 1925; V. Escritos y discursos: 1925-1931; VI. La experiencia de Gobierno: Declaraciones, discursos e intervenciones parlamentarias del Ministro de Trabajo y Previsión Social: Legislatura 1931–1933; VII. «Discursos a los trabajadores». 1934; VIII. Escritos y discursos: 1934–1939; IX. Índices: alfabético de personas, alfabético de instituciones, organizaciones, periódicos, cargos y lugares, geográfico, temático y alfabético de títulos. La obra ha sido preparada por Aurelio Martín Nájera (Director, Archivo y Biblioteca, Fundación Pablo Iglesias y Agustín Garrigós Fernández (Archivo y Biblioteca, Fundación Pablo Iglesias) y será presentada por Cándido Méndez, Secretario General de la Unión General de Trabajadores. Madrid, 14 de febrero de 2003 Contact: Fundación Pablo Iglesias fundac.pabloiglesias@uah.es Section V Reviews and Reports on New Publications Corinna Kuhr-Korolev, Stefan Plaggenborg, Monica Wellmann (Hg.): Sowjetjugend 1917–1941. Generation zwischen Revolution und Resignation. Essen, Klartext Verlag, 2001. 310 S. Von Wolfgang Schlott, Bremen Der auf der Grundlage des Forschungsprojektes »Jugend und Gewalt in Sowjetrußland 1917–1932« entstandene Band besetzt eine Leerstelle in der intensiven kulturwissenschaftlichen Untersuchung der frühsowjetischen Gesellschaft (vgl. Sheila Fitzpatrick: Cultural Revolution in Russia 1928–1931, London 1978; id.: Education and Social Mobility in the Soviet Union 1921–1934, London 1979; Ann Todd Baum: Komsomol Participation in the Soviet First Five Year Plan, London 1987). Während die hier zitierten Publikationen die Jugend als gesellschaftliche Gruppe mit über 40% Anteil an der sowjetischen Gesamtbevölkerung in den späten 20er Jahren zu den Trägern des entstehenden Stalinismus zählten, untersuchten die nach 1990 in Westeuropa und den USA publizierten Werke die weitverbreitete Unzufriedenheit der jugendlichen Bevölkerung mit der Politik der »Neuen Ökonomischen Politik«. Beide Forschungsansätze erwiesen sich nach Einschätzung von Corinna Kuhr-Korolev auf Grund nicht vorhandener Quellen, ideologischer Vorbelastung und einschränkender Betrachtungsweisen als nicht ausreichend, um das differenzierte Spektrum der jugendlichen Bevölkerungsgruppe umfassend einzuschätzen. Der erste Ansatz wertete jugendliche Kohorten als williges Unterstützungspotential für die kommunistischen Machthaber, der zweite ging von der revolutionären Einstellung der jungen Bürgerkriegskämpfer wie auch der idealistischen Einstellung jener Komsomolzen aus, die sich wegen ihrer fehlenden Kampferfahrung auf die reinen Ideale der kommunistischen Bewegung konzentrierten. In beiden perspektivischen Einstellungen blieb das relativ hohe Potential an Widerwille und Widerstand gegen das kommunistische Regime ausgeblendet. Heiko Haumann greift in seinem Beitrag »Jugend und Gewalt in Sowjetrußland zwischen Oktoberrevolution und Stalinismus im lebensweltlichen Zusammenhang« diesen Widerspruch mit Hilfe von zwei methodischen Vorüberlegungen auf. Er beschreibt zunächst eine Reihe von literarischen Quellen (»Selbstmörder« von Erdman, »Vierte Prosa« von Mandelstam), in denen subjektive Betroffenheit und Lynchjustiz der frühen Sowjetmacht thematisiert werden. In einem zweiten Schritt verweist er auf Samuel Eisenstadts Untersuchung »Revolution und die Transformation von Gesellschaften«, in der als Folge von Umwälzungen nichtregulierte Aggressionen und Gewalt auftreten. Die dort gewonnenen Erkenntnisse (stark erhöhtes Gewaltpotential nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland) überträgt er auf die Sowjetunion der 20er Jahre, in der Partei und Komsomol die erhöhte Aggressivität der Jugend mit verbalen Repressionen (sozialdarwinistische Verunglimpfungen durch Aufteilung in »gesunde« und »kranke« Jugendliche, Einrichtung von Arbeitskolonien, psychiatrische Kliniken) zu bekämpfen versuchten. Auf diese Weise habe das stalinistische Regime den nicht kasernierten, das heisst den nicht traumatisierten Jugendlichen den scheinbaren Schutz unter dem »Ganzheitspanzer des totalitären Leibes Sowjetunion« (S. 60) angeboten. Wie riesig die Kluft zwischen jenen Kohorten war, die noch die Revolutionswirren und den Bürgerkrieg als Akteure im Kampf gegen die Feinde der Sowjetmacht erlebten, und jenen, die nicht mehr vom Pathos der Revolution zehren konnten, zeigt Gabor T. Rittersporn in seinem Beitrag »Between Revolution and Daily Routine«. Der auf zahlreichen Quellennachweisen basierende Aufsatz untersucht die Reaktionen der vom Regime produzierten großen Anzahl entwurzelter Kinder und Jugendlicher (mehr als 2 Millionen) auf die verheerenden sozialen Umstände und die fehlenden Perspektiven. Das wachsende Gewaltpotential versuchten die Behörden mit Einweisung in Arbeitslager und Verschärfung der Strafen (1935 standen fast eine Million Jugendlicher unter Polizeiaufsicht) in den »Griff zu bekommen«. Welche Formen der Gewalt sich in den 20er und 30er Jahren entwickelten, zeigt Sergej Zuravlev in seinem empirisch belegten Beitrag. Unter der Einwirkung von Propaganda, Filmen mit Legenden über große Bürgerkriegshelden und der schulischen Erziehungsmuster (»Sucht und vernichtet den Saboteur!«) nahm die Zahl der schweren Delikte im schulischen und außerschulischen Feld sehr stark zu, was u. a. eine soziologische Untersuchung aus dem Jahr 1931 belegte. Auch ein weiterer Beitrag über die »Militarisierung der Jugend und jugendliche(n) Radikalismus in Sibirien« beschreibt den Gewaltkult als dominantes Merkmal der geistigen und politischen Kultur der sowjetischen Gesellschaft in diesem Zeitraum. Bei der Deutung des Phänomens verweist Viktor Isaev auf die Erkenntnisse der amerikanischen Psychologen Beyron und Richardson, die in ihrer Publikation »Aggression« (russ. »Agressija«, Moskau 1998) die Ursache für Gewaltanwendung auf einen inneren Konflikt der Täter zurückführten. Die zweite Regionalstudie (Aleksandr Rozkov: Die Jugend im Kuban-Gebiet in den 1920er Jahren zwischen Tradition und Modernisierung) analysiert ausgehend von auffälligen sozialhistorischen Fakten (hohe regionale Identität auf Grund der langen Siedlungsgeschichte der Kosaken, frühe Eingliederung von Kindern und Jugendlichen in den bäuerlichen Arbeitsprozeß, Aufspaltung der Sympathie auf »Rote« und »Weiße« während des Bürgerkriegs 1919–1922) die Zerstörung von Traditionen durch die bolschewistischen Machthaber. In diesem von zahlreichen Widersprüchen getragenen Prozeß löste sich die männliche jugendliche Bevölkerung von den Unterdrückungsmechanismen ihrer Kosaken-Väter und geriet in die Modernisierungsfänge des Komsomol. Eine Studie, die durch ihre zahlreichen dokumentarischen Belege besticht! Über jenes jugendliche Klientel, das sich dem hohen Aggressionstrieb ihrer Umwelt entziehen wollte, berichten zwei bemerkenswerte Beiträge von Monica Wellmann und Vera Spiertz. Die eine untersuchte Abschiedsbriefe junger Selbstmörder aus dem Moskau der 20er Jahre, die andere setzte sich mit geheimen Berichten über den Freitod junger Rotarmisten von 1923 bis 1927 auseinander. Beide zeigen eindrucksvoll, wie junge Menschen unter der Einwirkung von Willkür (Ausschluß aus dem Komsomol aus fadenscheinigen Gründen; soziale Deklassierung) und Erniedrigung durch Funktionäre/ Offiziere jeglichen psychischen Halt verloren und sich das Leben nahmen. Nach dem Zusammenbruch des zaristischen Regimes und dem Verlust der tradierten Moralvorstellungen sollte die Sowjetjugend durch einen von oben vorgegebenen Sexualund Moraldiskurs an die neuen Werte angepaßt werden. Wie Corinna Kuhr-Korolev verdeutlicht, ging es den Machthabern dabei im Kampf gegen den »sexuellen Nihilismus« vor allem um die Kontrolle männlicher Energie, die in einem Selbstdisziplinierungs- und Erziehungsprozeß in drei Schritten erreicht werden sollte: »erstens rational die Schädlichkeit triebhaften Lebens und die Notwendigkeit der Selbstkontrolle erfassen; zweitens in der Durchsetzung dieser Einsicht den eigenen Willen stärken und drittens sich die Triebkontrolle durch Training aneignen und automatisieren.« (S. 284) Mit diesem von Leo Trockij (Literatur und Revolution, 1925) bis zur absurden Kontrolle aller Körperfunktionen zugespitzten Konzept wurde die Sowjetjugend in den gesteuerten Wahnsinn der Fünfjahrespläne getrieben. In Stefan Plaggenborgs abschließenden diskursanalytischen Reflexionen über »Jugend in Sowjetrußland zwischen den Weltkriegen« wird die Frage nach der Relevanz von abweichendem jugendlichen Verhalten in einem autoritär-totalitärem Regime in in vier Aspekten abgehandelt. Der zentrale Begriff ›Devianz‹, nicht aber Jugendprotest, erfaßt dessen sozialpsychologische Dimension als Verlust an Identität (Widerspruch zwischen Ideal und Enttäuschung über politische Realität). Jedoch wertet Plaggenborg das hohe Ausmaß an Adaption an das Regime auf Kosten der Selbstzerstörung der Ich-Struktur als Voraussetzung für den stalinistischen Assimilierungsprozeß, der für alle jene, die ihn nicht nachvollzogen, in den Repressionsmühlen der Behörden endete. Daß solche tiefgreifenden psychomentalen Prozesse nicht nur jugendliche Kohorten erfaßten, sondern auch die Lebenswelt der Erwachsenen betrafen, veranlaßt den Autor zu einer Reihe von Differenzierungen. Man habe es mit einer relativ breiten Altersgruppe zu tun, in der spezifische jugendliche Grunderfahrungen nicht prägend gewesen seien. Vielmehr habe in den 20er Jahren »die junge Generation gewissermaßen aus sich heraus einen Teil separiert« (S. 303). Dabei habe eine Teilung in Junge und Jüngere stattgefunden. Die rasche Vereinnahmung dieser Kohorten im Prozeß der Bürokratisierung der Apparate und der Einbeziehung in Herrschaftsmechanismen führten zu unterschiedlichen Erfahrungswelten, in denen die einen dem Druck nicht standhielten und deviant wurden, die anderen die Mitläufer und Repressionskader bildeten. Das besondere Verdienst des Sammelbandes besteht nicht nur in der methodischen Herangehensweise (Jugend und Gewalt als sozialhistorisches Problem unter spezifischen jugendsoziologischen Fragestellungen, Benutzung von authentischen Quellen auf der Suche nach Ursachen für Devianz, Durchbruch zu neuen Forschungsfeldern), sondern vor allem in der Entdeckung einer – in sich sehr differenzierten – Sowjetjugend, die, zwischen revolutionärem, blindem Eifer und Resignation zerrissen, zum Diener und Opfer eines totalitärem Regime wurde. Damit ist nicht nur eine Forschungslücke geschlossen worden, vielmehr öffnet sich der Blick auf eine Zwischenkriegszeit, in der bislang die »Revolutionsgeneration« überwiegend als begeisterte Anhänger der kommunistischen Idee dargestellt wurde. Daß sie in Widersprüche verwickelt und von Selbstzweifel erfüllt war, an Identitätsverlusten litt und eine hohe Suizidrate aufwies, zeigen die in dem Band versammelten Beiträge mit einer Ausnahme überzeugend. Todor Kuljić: Tito − A Sociological-Historical Study (Tito – sociološkoistorijska studija), Beograd, 1998, 394 pp. /in Serbo-Croatian/. A Review by Avgust Lešnik, Ljubljana. By Avgust Lešnik, Ljubljana This study is a sociological-historical research into the political culture, ideology and organization of Tito’s rule. The regime in question was set up on the one-party, yet complex multi-national system, and the multi-player pattern of integration. In this framework, Tito as leader played the part of an extraordinary active, energetic, and prominent linking element, remarkable for the domineering components of personal authority. However, no matter how personal, a rule has never been determined just by the activities and the will of the leader alone. Even the most influential figures had to face insurmountable limits set by their own time, pre-conditioned by the ideological horizon of the epoch, or by the power of tradition. Such structures are analytically examined in this study in order to define more clearly the autonomy of influential figures. Also a rather neglected side of the Yugoslavian socialism was investigated: its relative place in long-term historical processes, Tito’s role and the basic patterns of political culture. Tito’s role in short and long-term processes in the Balkans was studied from a perspective of historical understanding developed on the Marxist line of thinking by Braudel’s French school and German structural-historic stream (J. Kocka, H. Wehler). In the first perspective it is not the events but the processes that are studied. Chapter 1 summarizes the settings by which one-party regimes in the contemporary world acted as agents of modernization. Tradition imposed on this specific modernization a truncated and authoritarian form. On the Balkans, a solution for the ethnic question was a condition not only for the development of society, but for its survival. In consequence of a tradition of ethnic conflicts, the national sentiment is easily politicized; politics take hold of the roots of the being during social crises, because they are connected to survival and basic existential interests. The role of a ruler in a multiethnic state, burdened by militant uncompromising ethic mentality, is unusually complex, so a reliable judgment of his historical achievement must be differentiated from that of his cultic figure. This problem is broadly discussed in the first chapter »The Authoritarian Modernization«.. The second chapter, entitled »Tradition Related Components of the Balkans’ Charismatic Leaders«, discusses the main patterns of political culture during the Balkans’ liberation in which the ideas of the leaders had a pivotal integrating role. In the permanently insecure and war-state background, a leader in the Balkans was a tested warrior who laid claims to unrestricted authority on the ground of his recognized merits in liberation efforts. Regarding political culture, the Balkans’ monarchy and republican regimes of personal power, however distinct content-wise, derive more or less indirectly from this basic leadership-liberator model. This relationship is demonstrated in chapter 3 by a diachronic comparison of Prince Miloš (1783-1860), Nikola Pašić (1845-1926) and Tito (1892-1980), the key political figures of Serbia and Yugoslavia of the 19th and 20th century. Although they transported distinct class and national visions of a desired society, an element which these rulers had in common was a similar political tradition and culture. Chapter 4 exposes a critical assessment of Tito’s role in the period before he came to power (1937-1945), given from the standpoint of structural history. It also discusses the impact of national and class structures on Tito’s behavior (a vision of a federation void of a leading nation and the Bolshevik culture), but also the alternating degree of independence in the periods of underground activity and war (Tito as a party leader, army leader and diplomat). Chapter 5, entitled »Tito and the Political Culture of Bolshevism«, summarizes Tito’s understanding of the party, the character of the party purges, the role of the army, the ruling techniques, and finally the patterns of the legitimation and justification of power. It also draws a distinction between the stages in which the communist political culture urged modernization, from those in which it started to block modernization. Tito’s national policy, a variant of a modern and democratic idea of the Balkans as one indivisible state entirety, is the subject matter of chapter 6 which highlights Tito’s successful efforts and failures in the attempt of a cosmopolitization of the Balkans. This chapter also discusses the role of the Yugoslav national idea, it outlines the main economic causes of nationalism in the socialist Yugoslavia and finally summarizes Tito’s extraordinary active super-national role. This last element figures as a rather successful and progressive attempt of cosmopolitization of the Balkans, as exemplary for the leftist spirit of the epoch. The British historian Taylor called Tito »the last Habsburg« because he ruled a country with eight major ethnic groups, gave them »cultural autonomy«, and restrained their secessionist antagonisms. Judging through its multiethnic structure, Tito’s Yugoslavia was, no doubt, most similar to the Austro-Hungarian Empire, but the integrative ideas (Marxism and Catholicism) were essentially different. Furthermore discussed are the international and cosmopolitan implications of Marxism in the pacification of an explosive Balkan space. Chapter 7 »Tito’s Foreign Policy« discusses this policy, from the standpoint of long-term historical processes, as a rare example of a relatively successful and independent break through of the hierarchical relationships on an international level, as well as of the unavoidable hierarchical subordination of small countries to the interests of great powers. The main stages of Tito’s foreign policy are outlined as built upon the principles of equidistance, with a special focus on the the crisis of the Yugoslav-Soviet relationship, and also the relationship with the West and the non-alignment policy. Chapter 8, »Structure and Function of Tito’s Authority, Charisma and Cult« , gives a dialectic analysis of the progressive-modernizing, and of the conservative functions of Tito’s charisma. His charisma neutralized tensions of an ethnically mixed and explosive region, while in the sphere of foreign policy Tito’s personal authority contributed to the build up of the state ranking. The party leader and head of state was a symbol of the radical change in the social structure, i.e. the acceleration of horizontal and vertical mobility, which is an important aspect of modernization. The undoubtedly progressive active role of Tito’s charisma in mobilizing the resistance to fascism and Stalinism has already been mentioned. The accelerated post-war development was facilitated by the state’s and Tito’s respectability in the whole world. But also the conservative patterns of Tito’s cult should not be neglected. Uncritical elevation and admiration of Tito as leader of a monopolistic party with no competition caused an irrational idolatry for an infallible individual and developed an illusion of his role of savior. The basically rationalistic Marxist ideology was an important defense against Tito’s irrational deification. Broadly discussed are the forms of Tito’s deification, at the same time they are compared with Stalin’s cult. In chapter 9 the chief patterns of the relationship of creative intellectuals towards Tito are presented: (1) M. Krleža’s glorification of Tito, stemming from the Croatian tradition of the Yugoslav national idea, (2) demonization of Tito by D. Ćosić and Serbian nationalism, and (3) differentiated judgment by M. Djilas that sprang from the non-national liberal critics of Bolshevism. Krleža’s glorification of Tito was deeper than Ćosić’s demonization, and together with Djilas’s differentiated judgement, it gives an interesting testimony about the relationship of contemporary intellectuals towards Tito. Chapter 10 treats Tito’s self-understanding and personal traits which effected his rule, and the last chapter (11) gives a judgement about the function of Tito’s rule and the role of his personal achievements. The historical and theoretical framework of this book is the permanent comparison and evaluation of the two opposite sides of Tito’s rule. In other words, the historical judgment of Tito’s role goes in the sense of a differentiation between its progressive and its conservative components. History will, probably, give more weight to Tito’s charisma as a means of integrating a complex state, than as an expression of his personal ambitions without thereby denying that the growing charisma induced return effects and encouraged immoderate political ambitions. History will register the deeper enlightening and state-integrative goals of the party management more than the small group career interests that were protected by the leader’s cult. Personal glorification and the instrumental use of the ruler’s cult are a historically more ephemeral and less important aspect in comparison to the objective role of the charisma. Tito’s charisma was an important base for state centralization and, during his first stage, for accelerated technological and economic modernization of the country as well. The super-ethnic elevation of the leader’s cult encouraged cosmopolitization, deprovincialization and pacification of the chaotic Balkan spaces. This is the central historical function of Tito’s rule, but it cannot be separated from its ideological basis. As a specific version of a super-ethnic cosmopolitan ideology, Marxism certainly played an important role in bringing closer together traditionally related, but also conflictual, ethnic groups. As a means of self-protection of several small ethnic groups from cultural and linguistic discrimination, isolation and provincialism, Yugoslavia (contra today’s nationalisms) found in Marxism a strong instrument of modernization. Internationalistic ideology and the cult of a super ethnic class leader were inseparable components of the uneven and contradictory process of the Balkan cosmopolitization. In this process the role of Tito’s personality was active. As a wise, penetrating and flexible politician, by skillfully using his own authority in foreign and domestic politics, Tito as a ruler managed to keep the Yugoslav ethnic groups together in a common state for the longest period of time, and gave Yugoslavia its most lasting state form. In the history of the left, he will be remembered as a ruler who, in the framework of his times, tried to democratize one-party socialism. This attempt was inspired far more by the direct democratic plebeian tradition of socialism than by a search for an institutionally and legally regulated division of power. In a relatively conflict-less way and with the help of a monopolistic party, Tito developed a specific regime of personal power and then became its captive, convicted that his life-long rule was the irreplaceable core of integration. Despite the civil war in Yugoslavia in the 1990s and the downfall of multiethnic Yugoslavia, it seems that, like in many similar historical examples, immeasurable personal power remains always in the shadow of historical achievements of some kind of modernization. This book by Prof. T. Kuljić (Faculty of Arts, Belgrade) is undoubtedly the basic work for every researcher who is dealing with the post war problematique of Tito’s Yugoslavia. It is highly deplorable that this exceptional study is at the moment available only in the Serbo Croatian language. Contact: todorunbg@ptt.yu Achim Kilian: Einzuweisen zur völligen Isolierung. NKWD-Speziallager Mühlberg / Elbe 1945-1948 (Forum Verlag Leipzig), 3. Auflage 2000; id.: Mühlberg 1939-1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland, Köln, Böhlau, 2001. Von Karl Wilhelm Fricke, Köln Es existierte nur neun Jahre, das Lager Mühlberg – von September 1939 bis September 1948 –, aber es wurde zum Paradigma zweier Diktaturen. »Neun Jahre lang lebten Zigtausende von Menschen in diesem Lager, immer wieder andere, aber immer in derselben tristen und engen Barackenstadt auf ebenem Grund mit schnurgerader Lagerstraße, ohne Bäume und Büsche, allseits umgeben von Stacheldraht und Lichterketten, ständig bewacht von bewaffneten Posten.« So Achim Kilian in dem vorliegenden Buch. Historische Wahrheit muß konkret sein. Seinen Namen erhielt das Lager nach dem seinerzeit dreieinhalbtausend Einwohner zählenden Städtchen Mühlberg nahe dem Ostufer der Elbe, zwischen Riesa und Torgau gelegen und vom Lager allerdings rund vier Kilometer entfernt. Erbaut »mitten in Deutschland«, war es ursprünglich als Durchgangs- und Stammlager für Kriegsgefangene der deutschen Wehrmacht gedacht. Seine amtliche Bezeichnung lautete »Stalag IV B«. Während des Zweiten Weltkrieges wurden hier von der Wehrmacht bis zu 29 000 Kriegsgefangene gleichzeitig festgehalten. Sie kamen, dem Kriegsverlauf folgend, aus vielen Nationen. Polen waren die ersten, die eingewiesen wurden, danach kamen Franzosen, Briten, Sowjetrussen, Serben, Italiener. Mehr als 3 000 Kriegsgefangene starben hier hinter Stacheldraht. Mit mehr als 2 300 hatten die Russen die meisten Toten zu beklagen. Ihr Gefangenendasein war am erbärmlichsten. Sie litten an Hunger, Läusen, Mißhandlungen. Achim Kilian macht ihr physisches und moralisches Elend mit seinen Einblicken in den Lageralltag auf eindringliche Weise anschaulich. Von Truppen der 1. Ukrainischen Front wurde das Lager Mühlberg am 23. April 1945 befreit, aber es war eine Befreiung eigener Art, denn sie bedeutete jedenfalls für Tausende gefangener Rotarmisten nur den Wechsel in ein sowjetisches Zwangsarbeitslager. Stalin, der jeden Sowjetsoldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft für einen »Deserteur« hielt, verbannte viele seiner befreiten Untertanen nach ihrer »Heimkehr« in den Archipel GULag. Aber auch in dem ehemaligen Stalag Mühlberg blieb das Leiden heimisch, denn es wurde ohne Verzug einer neuen Bestimmung zugeführt. Nachdem hier zunächst aus der Sowjetunion nach Deutschland verbrachte »Ostarbeiter« und Angehörige der »Russischen Befreiungsarmee« des Generals A. A. Wlassow gefangengehalten worden waren, nutzte das NKWD/MWD im September 1945 das Lager für ihre Zwecke. Mühlberg wurde in sowjetischer Terminologie »Spezial-Lager Nr. 1«, in dem für rund drei Jahre vorwiegend internierte Deutsche festgehalten wurden, vermeintliche und tatsächliche Funktionsträger der NSDAP und »Hitler-Jungen«, die unter (im Regelfall unbegründetem) Verdacht von Werwolf-Aktivitäten standen. In der ersten Zeit wurden auch deutsche Kriegsgefangene hier eingeliefert, die jedoch sämtlich in die Sowjetunion verbracht wurden, ebenso wie mehrere Tausend arbeitsfähige Internierte übrigens. Im November 1948 wurde das Lager aufgelöst. Zuvor war ein Teil der Internierten aus Mühlberg entlassen, genau 7 060, mehrere Tausend aber kamen noch in das bis 1950 fortbestehende Spezial-Lager Buchenwald. Kilian beziffert die Zahl der Internierten in Mühlberg nach sowjetischen Quellen auf insgesamt 22 000 bis 24 000, darunter ungefähr 1 500 Frauen und Mädchen. Es sind Schätzungen, denn wie viele Gefangene unter dem Regime des NKWD/MWD tatsächlich festgehalten, in die Sowjetunion deportiert, entlassen oder in andere Lager verbracht wurden, ist ebenso wenig exakt zu belegen wie die Zahl der Toten. Die Hinterbliebenen erhielten keine Nachricht. Kilian schätzt die Zahl der an Hunger und Krankheit Verstorbenen auf 7000. Bei der Einschätzung dieser Zahlen ist zu berücksichtigen, daß das Geschehen in Mühlberg bis 1990 im Osten strengster Geheimhaltung unterlag und endgültig erst erforscht werden kann, wenn sich die Archive des KGB uneingeschränkt öffnen. »Die deutschen Kommunisten haben das unter Stalin begonnene Verleugnen bis zum Ende der DDR strikt befolgt und alles getan, um das Lager und dessen Gräberfeld vergessen zu machen.« Dieser Feststellung des Autors ist nichts hinzuzufügen. Achim Kilian hat sich mehr als ein Jahrzehnt mit der Geschichte des Lagers befaßt. Seine erste, Anfang der neunziger Jahre unter dem Titel »Einzuweisen zur völligen Isolierung« erschienene Monographie zum NKWD-Speziallager Mühlberg zog schon damals viel Aufmerksamkeit auf sich, weil sie solide fundiert war und erstmals sowjetische Dokumente und Archivalien zur Lagergeschichte herangezogen hatte. Dieser Linie ist der Autor auch in seinem zweiten Buch treu geblieben. Indes liegt sein besonderer Erkenntniswert darin, daß er die Lagergeschichte von 1939 bis 1945 auf NS-Akten gestützt genau so fundiert und mit derselben akribischen Gründlichkeit aufgearbeitet hat wie ihre Fortsetzung in den Jahren 1945–1948. Seine sachliche Auseinandersetzung mit der Thematik nötigt um so mehr Respekt ab, als der Autor selbst Betroffener war. Auch ihm selber wurde Mühlberg zum Schicksal. Als Achtzehnjähriger wurde er zu Unrecht als Werwolf verdächtigt und am 25. Juli 1945 im Vogtland in russische Haft genommen. Auf dem Umweg über mehrere Gefängnisse wurde er in Mühlberg zur Internierung eingeliefert. Ohne je vor Gericht gestellt zu werden, wurde er am 6. August 1948 entlassen. Ein Schicksal von Tausenden. Für den Autor wurde es zur selbst auferlegten Verpflichtung, die Geschichte des Lagers in ihrer Gesamtheit aufzuarbeiten. So entstand eine Mühlberg-Monographie, die in der Kriegsgefangenen- und Interniertengeschichtsforschung von Bestand sein wird, die aber zugleich einen wissenschaftlichen Beitrag zur vergleichenden Diktaturforschung überhaupt darstellt – und ein mahnendes »Nie wieder«. Der Autor ist am 4. Oktober 2002 im 76. Lebensjahr gestorben. Eine Rezension ist kein Nachruf. Gleichwohl sei eine Bemerkung erlaubt: Mit seinem letzten Buch hat sich Achim Kilian selbst ein bleibendes Erinnerungsmal gesetzt. Achim Kilian (1926–2002) Ein Nachruf von Andreas Eberhardt[58] Das Bewegende bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit sei gewesen, »sich selber dann zu finden«. Das erzählte mir Achim Kilian in einem langen Gespräch über seine Recherchen zum Lager Mühlberg/Elbe, das zunächst ein Gefangenenlager der Deutschen Wehrmacht gewesen war, und dann von der sowjetischen Militäradministration bis 1948 als Speziallager genutzt wurde. Achim Kilian, geboren am 31. 12. 1926 in Oelsnitz, wurde dort zwischen 1945 und 1948 gefangengehalten. Zunächst als Schüler in der Hitler-Jugend, war er als junger Mann noch 1944 zur Wehrmacht eingezogen worden und am Kriegsende in amerikanische Gefangenschaft gekommen. Aus ihr wurde er sehr schnell wieder entlassen, aber nach Abzug der Amerikaner und dem Einrücken der Roten Armee als vemeintlicher »Werwolf« denunziert und vom sowjetischen NKWD inhaftiert. Weder ein Haftbefehl noch eine Anklage wurden ihm jemals vorgelegt. Er übersteht die schwere Zeit im Lager, die geprägt war von mangelhafter Ernährung und Hygiene, Enge, erzwungener Untätigkeit und dem Tod zahlreicher Mitgefangener. Neben den schrecklichen Erfahrungen bewahrt er sich aber auch die Erinnerungen an Beispiele menschlichen Verhaltens durch sowjetische Bewacher. Nach der Entlassung verläßt er bald die sowjetisch besetzte Zone, will verlorene Zeit aufholen, erarbeitet sich ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in den USA, studiert an der TH Stuttgart, später in Mannheim. Über die Zeit in Mühlberg spricht er eigentlich nur in Arkansas, danach widmet er sich Ausbildung und Beruf. Als Diplom-Kaufmann wurde er schließlich Geschäftsführer in einem großen Unternehmen. Die Feiern zum vierzigsten Jahrestag der DDR bedeuten einen ersten Einschnitt. Aber: »Ich habe bis zur Wende dieses Thema für mich behalten.« Nach seiner Pensionierung schreibt er seine 1948 zu Papier gebrachten Erinnerungen neu. Er beginnt, sich intensiv mit der Geschichte Mühlbergs zu befassen. Das schließt auch die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers der Deutschen Wehrmacht ein. Zahlreiche Kontakte zu ehemaligen Gefangenen werden in verschiedene Länder geknüpft. Zur Recherche besucht Kilian sogar nun zugängliche Archive in Moskau. Es entsteht eine umfassende Geschichte des Lagers. Hermann Weber, der Nestor der DDR-Forschung, lernt Achim Kilian als peniblen Historiker schätzen. Er steuert zu dem schließlich von ihm herausgebrachten Band »Einzuweisen zur völligen Isolierung – NKWD-Speziallager Mühlberg/Elbe 1945– 1948« das Vorwort bei. Trotz einer immer wiederkehrenden schweren Krankheit folgen – stets unterstützt von seiner Ehefrau – zahlreiche Aufsätze, er arbeitet an dem dreibändigen Standardwerk zur Geschichte der Speziallager in der SBZ mit. Zuletzt erscheint von ihm »Mühlberg 1939–1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland«. Seine eigenen Erfahrungen läßt er dabei kaum durchscheinen. Er versteht sich als Chronist. Man könnte sagen, der Lebenslauf von Achim Kilian ähnelt den vielen Biographien der sogenannten »HJ-Generation«: Hitler-Jugend, Kriegsteilnahme, Gefangenschaft, Aufbau und berufliche Karriere. Herausragend aber war seine von tiefem Humanismus geprägte Suche nach der Geschichte, nach den Menschen jenseits aller Grenzen, die sein Leben mitbestimmt und mit-geschrieben haben. Eine Geschichte, die ihren Anfang nahm in der Verführung und dem Mißbrauch einer Generation, die sich fortsetzte in Kriegs- und Lagererfahrungen. Dieser Umgang – nach Fakten suchend, penibel, offen, fordernd und auch streitbar, aber immer ohne Feindbild oder Haß – bleibt allen, die ihn kannten, als Beispiel in Erinnerung. Mich hat er tief beeindruckt. Nach langer und schwerer Krankheit ist Achim Kilian am 4.Oktober 2002 gestorben. Dieter Nelles: Widerstand und internationale Solidarität. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Essen, Klartext, 2001. 457 S. (Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen, Schriftenreihe A: Darstellungen Bd. 18). Von Reiner Tosstorff, Mainz Dieter Nelles’ Arbeit ist zum einen ein Beitrag zur Organisationsgeschichte der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) und deren Rolle im deutschen Widerstand nach 1933. Zum anderen ist sie auch ein Beitrag zur Sozialgeschichte der internationalen Arbeiterbewegung, da sie in überzeugender Weise den Großteil dieser Aktivitäten in eine syndikalistische Dimension einordnet. Die Beziehungen zur Kommunismusgeschichte ergeben sich daraus, daß die wichtigsten Seeleutekader der KPD 1935 mit der Partei brachen und ihre Arbeit im Rahmen der ITF fortsetzten. Die KPD konnte sie aufgrund ihrer Verankerung und ihres Einflusses nicht frontal angreifen, daher orientierte sie sich im wesentlichen auf ihre »Umarmung« im Rahmen der Volksfronttaktik. Die Internationale Transportarbeiterföderation war zwar ein von sozialdemokratischen Organisationen dominiertes, mit dem Internationalen Gewerkschaftsbund (»Amsterdamer Internationale«) verbundenes Internationales Berufssekretariat (eine BranchenGewerkschaftsinternationale), sie wurde jedoch von einem ausgesprochenen Linkssozialisten, dem Niederländer Edo Fimmen, geführt. Er war politisch immer mehr auf Distanz zur Sozialdemokratie gegangen, hatte in den zwanziger Jahren zunächst die Ak tionseinheit mit den Kommunisten gesucht und tendierte nun politisch zu den »Zwischengruppen«. Dabei ergab sich eine gewisse Differenz zwischen seinen politischen Positionen und den Aktivitäten der ITF als Gewerkschaftsinternationale, die er im übrigen intensiv führte. In der Unterstützung des deutschen Widerstands fand er zudem ein Terrain, in dem er seine politischen Ansichten ohne Beschränkungen durch die Organisationszwänge zu verwirklichen versuchte. Das unrühmliche Verhalten der Gewerkschaftsführung in Deutschland im Jahre 1933 hatte seine Abneigung gegen den sozialdemokratischen »Reformismus« noch verstärkt. Von Anfang an hatte er zwar den (wenigen) Aktivisten der sozialdemokratischen Transportgewerkschaften, vor allem der Eisenbahner, die volle Unterstützung angedeihen lassen (wozu bereits einige Arbeiten vorliegen), doch drängte er zugleich auf Distanz zur Vergangenheit. Eine andere Situation ergab sich, als sich eine Gruppe von Seeleuten, die als Flüchtlinge in Antwerpen aktiv waren und soeben mit der KPD gebrochen hatten, an ihn wandte. Ihre Wortführer verfügten über einen legendären Ruf unter den deutschen Matrosen, den sie zum Aufbau eines breiten Vertrauensleutenetzes nutzten. Durch eine besondere Struktur dieses Berufszweigs, der auf engem persönlichen Kontakt beruhte, war hier eine »Arbeitsplatzmoral« jenseits staatlicher Regulierungsversuche ausgebildet (wenn man das so nennen will), die zur direkten Aktion hindrängte, was natürlich den Nationalsozialisten eine Kontrolle sehr erschwerte. (Damit war allerdings diese Berufsgruppe nicht gerade typisch für die Arbeiteropposition oder gar den -widerstand.) Fimmen war von der ex-KPD-Gruppe so beeindruckt, daß er ihr die verhältnismäßig großen Möglichkeiten der ITF zur Verfügung stellte. Hier glaubte er, die »revolutionäre Seele« der deutschen Arbeiter gefunden zu haben. Es ergab sich eine Annäherung im Zeichen gemeinsamen Mißtrauens gegenüber sozialdemokratischer und kommunistischer Parteipolitik und des alleinigen Vertrauens in die Kraft einer »proletarischrevolutionären Gewerkschaft« (eine Hinwendung zu syndikalistischen Standpunkten, die nicht mit dem Anarchosyndikalismus gleichzusetzen ist). Daß es dann ganz anders kam, ist bekanntlich den viel stärkeren Gegenkräften zuzuschreiben. Die Zeit des Weltkriegs, in dem die ITF-Kader, darunter am Rande auch Willy Brandt im skandinavischen Exil mangels deutscher Revolution einen kleinen, aber wertvollen Beitrag zur Unterstützung der Alliierten leisten, ist nicht ausgespart – allerdings schied Fimmen kurz vor Kriegsausbruch wegen seiner angeschlagenen Gesundheit bereits aus. Nach dem Krieg fanden nur die wenigsten ITF-Aktivisten einen neuen Platz in der deutschen Gewerkschaftsbewegung, die nicht den erhofften Neuanfang machte, sondern sich in die Kontinuität der Jahre der Weimarer Politik stellte. Äußerst detailliert, unter Auswertung einer Vielzahl von Archiven über das eigentliche ITF-Archiv hinaus (das in seiner Komplettheit übrigens eine große Ausnahme unter Gewerkschaftsarchiven darstellt), hat Nelles die bisher weitgehend unbekannte Geschichte aufgearbeitet. Die Entwicklung der Organisation wird umfassend unter Einschluß der Bezüge zum sozialen Umfeld und zum politischen Handeln aller Akteure dargestellt (einschließlich der Verfolgungsmaßnahmen durch die Nazis, die sich am konspirativen Geschick der Gruppe trotz ständig angesetzter Spitzel ziemlich die Zähne ausbissen). Sogar eine kleine Verbindungslinie zum Kreis des »20. Juli« ließ sich dabei finden. Wenn bei Nelles von ITF die Rede ist, sollte man sich allerdings darüber im klaren sein (was vielleicht nicht immer deutlich genug ausgedrückt wird), daß die deutschen Widerstandsaktivisten zwar legitimerweise unter ihrem Namen auftraten. Auf Seiten der ITF hat jedoch fast ausschließlich Fimmen diese Aktivitäten mitgetragen und unterstützt (wobei er allerdings auf den Ressourcen der Internationale aufbauen konnte). Zwar wurde dies von den ITF-Mitgliedsorganisationen gebilligt, doch einen aktiven Beitrag dazu leisteten sie nur in Ausnahmefällen. Gemessen an den Gesamtaktivitäten der ITF in jenen Jahren beanspruchte die deutsche Widerstandsarbeit nur einen kleinen Teil. Doch dies kann das Verdienst der Arbeit nicht schmälern. Nelles ist es jedenfalls gelungen, eine wichtige Forschungslücke zu schließen und eine Reihe von historischen Akteuren dem unverdienten Vergessen zu entreißen. Pavel Poljan. Ne po svojej vole... Istorija i geografija prinuditel’nych migracij v SSSR [Nicht nach eigenem Willen ... Geschichte und Geografie der Zwangsumsiedlungen in der UdSSR], Moskau (OGI Memorial) 2001, 328 S. Von Wolfgang Schlott, Bremen Die mit finanzieller Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung entstandene Forschungsarbeit zu einem der schrecklichsten Phänomene des 20. Jahrhunderts strebt die Lösung von fünf Aufgaben an: 1. Untersuchung der einzelnen Operationen und Etappen der Zwangsumsiedlungen und deren kritischer Betrachtung; 2. Schaffung einer Datenbank zu den Zwangsumsiedlungen in der UdSSR, in der die Chronologie und die räumliche Zuordnung der administrativen Prozesse erfaßt wird; 3. Analyse der Deportationspolitik; 4. Analyse der Geschichte und der Geografie der Zwangsmigrationen in der UdSSR und 5. die historisch-geografische Charakteristik der Ergebnisse der Zwangsmigrationen in der UdSSR und die Klärung ihrer räumlichen Gesetzmäßigkeiten. Bei der Umsetzung seines ehrgeizigen wissenschaftlichen Vorhabens entwickelt Poljan, der auf Grund einiger Publikationen zur Geschichte der Deportation polnischer Bürger in die UdSSR und der Sowjetdeutschen nach Kasachstan als Fachmann auf diesem Gebiet gilt, ein stringentes Begriffsnetz von Kategorien, die die komplizierten Zwangsprozesse beschreiben. So unterscheidet er bei der Zwangsmigration zwischen direkter und indirekter, wobei er den zweiten Begriff als »zielgerichteten administrativen Druck auf die Willensbildung« definiert. Deportation als gewaltsame Migration ist eine der besonderen Formen von politischer Repression, der in der Regel eine gesamte religiöse, ethnische oder klassenrelevante Gruppe ausgesetzt war. Poljan vermeidet bewußt den Begriff ›ethnische Säuberung‹, wie er im Falle der Bürgerkriege in Jugoslawien benutzt wurde, weil er zu ungenau sei und zudem viele Arten von Deportationen keinen ethnischen Charakter gehabt hätten. Deportation als Repression war nach Poljan ein administrativer Akt ohne rechtliche Grundlagen. Ihre ausführenden Organe (Parteiführer und Regierungsmitglieder nebst OGPU, NKWD und KGB) schufen eine Vielzahl von Verordnungen zur Umsetzung eines gigantischen Arbeits- und Zwangslagersystems, den Archipelagi GULAG und GUPVI. Den doppelten Forschungsansatz, historische Analyse der Prozesse und deren geografische Bewertung, begründet Poljan mit der traditionell hohen und durch ökonomische Zwangsmaßnahmen bedingten Mobilität der sowjetischen Bevölkerung. Das Aufeinandertreffen der Zwangsmigrationen und der Erforschung »klassischer« Migrationen würden einem solchen Ansatz a priori einen geografischen Charakter verleihen. Aufgrund der historischen Verklammerung des sowjetischen Zwangslagersystems der 20er bis frühen 50er Jahre mit den Zwangsdeportationen der nationalsozialistischen Diktatur, die Poljan im zweiten Abschnitt des 1. Kapitels untersucht, differenziert die Arbeit nach inneren Zwangsdeportationen und internationalen Zwangsdeportationen. Im ersteren Fall wird die Geschichte der Deportationen innerhalb der Sowjetunion, von der etwa sechs Millionen Menschen zwischen 1919 und 1955 erfaßt waren, im zweiten Fall die Deportation der 3,2 Millionen sowjetischer Bürger in das Deutsche Reich beschrieben. Die damit avisierte Doppelgleisigkeit der Untersuchung belegt Poljan mit der ausführlichen Kommentierung der Forschungsliteratur zu diesem Thema, dessen wichtigste Protagonisten Robert Conquest (»Soviet Deportations of Nationalities«, London 1960) aus westlicher Perspektive und Aleksander Nekric (»The Punished Peoples. The Deportation and Fate of Soviet Minorities at the End of the Second World War«, New York 1979) aus exilrussischer Sicht waren. Poljan stützt sich bei seinen Untersuchungen auf die nach 1991 in der Russischen Föderativen Republik einsetzende umfangreiche Forschung zur Zwangsdeportation, russische Archive und neuere amerikanische wie auch deutschsprachige Literatur. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Autor dem territorialen Aspekt und den historisch-geografischen Besonderheiten der ZwangsdeportationsProzesse. Im Rahmen des ersten Kapitels untersucht Poljan systematisch alle Zwangsdeporta tionsprozesse aus zwei Zeitperioden. Für die Zeit von 1919 bis 1939 macht er vier Phasen aus: a) die Umsiedlungen und Deportationen von 1919 bis 1929, b) die sog. Kulakenverbannung, c) die »Kulakenverbannung« und die Folgen der Hungerkatastrophen (1932–1934) und d) die Grenzbereinigungen und andere Zwangsmigrationen (1934– 1939). Besonders die Darstellung der Phase d) bringt neuere Erkenntnisse. Sie beruhen auf den Details über die Aussiedlung sog. regimefeindlicher Kräfte aus grenznahen Gebieten (Leningrad), von ethnisch verwandten Gruppen (Ausweisung der finnischstämmigen Bevölkerung aus Karelien) oder von politisch unzuverlässigen Ethnien wie den im Südosten von Sibirien lebenden etwa 130 000 Koreanern, die 1937 nach Kasachstan deportiert wurden. Unvergleichbar größere Menschenmengen wurden während der Deportationen im Zeitraum von 1939 bis 1953 bewegt. Poljan unterscheidet zwischen den sog. Stichproben-Deportationen (aus verschiedenen sozialen Schichten und aus politisch unzuverlässigen Kreisen wurden willkürlich Menschen verschleppt) aus den von der Roten Armee annektierten Territorien Polens, der baltischen Länder und Rumäniens 1939 bis 1941, den totalen präventiven Deportationen der Sowjetdeutschen, Finnen und Griechen 1941 bis 1942, den »Vergeltungs«-Deportationen der Völker des Kaukasus und der Krim 1943 –1944, den Kompensations-Deportationen 1941–1946 und den ethnischen Deportationen nach 1945 bis 1953. Die zuletzt genannten Zwangsvertreibungen (Litauer, Letten, Esten, Ukrainer) riefen den bewaffneten, zähen Widerstand der Betroffenen hervor, der von sowjetischen Spezialabteilungen oft bis zum Ende der 40er Jahre unterdrückt wurde. Zu den besonderen Verdiensten der Untersuchung gehört die geografische Ortung der in verschiedene Regionen der UdSSR vertriebenen Völker. Tabellen und Umrißkarten (S. 148 f.) geben Aufschluß über die Anzahl der Deportierten in den sowjetischen Großregionen zwischen 1938 und 1958 wie auch die quantitative Belastung von Städten, in denen am Stichtag 1. Juli 1970 Deportierte hausten. Poljan bezieht auch die formale Rehabilitierung der Sowjetdeutschen, der Krimtataren und der Mescheten in seine Darstellung ein, wobei er die Repatriierung der Kalmyken und der vier nordkaukasischen Völker (Tschetschenen, Inguschen, Kabardiner und Balkaren) detailliert untersucht. Ein Beispiel für die zynische Administration der Stalinisten ist die Auflösung der tschetschenisch-inguschischen ASSR 1944, wodurch die benachbarten Osseten einen großen Landstrich erhielten, der nach der Rückkehr der Inguschen nicht mehr der entstehenden Inguschischen Sowjetrepublik zugeschlagen wurde. Der damit antizipierte ethnische Konflikt brach 1992 aus und führte zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen beiden Ethnien. Nach dem Zerfall der UdSSR kam es in den 90er Jahren häufiger zu solchen interethischen Konflikten. Das zweite Kapitel ist dem riesigen Deportationsstrom gewidmet, der sich nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reichs in die UdSSR wälzte. Die Nazis hatten nach 1941 3,2 Millionen »Ostarbeiter« für ihre Rüstungsbetriebe und die Landwirtschaft zwangsverpflichtet, nach 1945 wurden 5,4 Millionen Sowjetbürger und deutsche Kriegsgefangene als »Westarbeiter« repatriiert und mußten als Häftlinge meist schwerste physische Arbeit leisten. Poljan beziffert diese gigantische Menschenverschiebung unter schrecklichen Bedingungen mit rund 6 Millionen Poljan für die inneren Deportationsströme, die internationalen Zwangsvertreibungen mit fast 9 Millionen Menschen. An den Folgen solcher irrsinnigen, von Haß und Vergeltung, blinder Wut und wahnhafter totalitärer Politik gespeisten Maßnahmen leide die RFR nach 1991 in vieler Hinsicht. Prägend ist der Verlust an kognitiver Kompetenz auf Grund der Auswanderung von jüdischer und deutschstämmiger Bevölkerung, die gewaltsame ethnische Durchmischung in vielen Landstrichen ohne begleitende Strukturhilfen, die Auslöschung kultureller Traditionen, die kriegerischen Konflikte in Folge der barbarischen Verschiebung von Völkern, ganz zu schweigen von der gigantischen Vergeudung von Arbeitskraft zu Gunsten von schwachsinnigen Großprojekten (Eisenbahnlinien im ewigen Eis, Bau von überflüssigen Stauwerken etc.). Die Untersuchung listet außerdem in zwei umfangreichen Anlagen detailliert die einzelnen Deportationszüge auf und zeichnet die Chronologie der einzelnen »gesetzgebenden« Akte unter Verweis auf die Archivquellen auf. In zwei weiteren Anlagen werden einerseits die unsinnigen Entscheidungsabläufe bei der Umsiedlung von Kulaken aus dem Kursker Gebiet 1938 dokumentiert, andererseits die Deklaration des Obersten Sowjet der UdSSR vom 14. 11. 1989 abgedruckt, in der die ungesetzlichen und verbrecherischen Repressionsakte gegen Völker verurteilt werden, die der Zwangsumsiedlung ausgesetzt waren. Die vorliegende Abhandlung stellt einen schier unglaublich gigantischen Prozeß in seinen zahlreichen Verästelungen übersichtlich dar, wobei das Übergewicht auf die Beschreibung der Deportationen und deren Konsequenzen fällt. Die ausgewerteten Archivmaterialien und die deutsch-, russisch- und englischsprachige Sekundärliteratur belegen den Forschungsansatz eindrucksvoll. Die vom Autor beabsichtigte geografische und demografische Evaluation (d.h. die Darstellung der katastrophalen Folgen der verbrecherischen Maßnahmen) sollte allerdings in einer hoffentlich bald erscheinenden deutschen Ausgabe noch einmal überarbeitet werden. Auch die Rechtschreibung der deutschsprachigen Titel müßte dabei an zahlreichen Stellen korrigiert werden. Solche rasch zu redigierenden kleinen Mängel können den überzeugenden Gesamteindruck der Publikation jedoch nicht schmälern. Hermann Weber (in Zusammenarbeit mit Gerda Weber): Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SEDParteihochschule »Karl Marx« bis 1949. Berlin, Aufbau Verlag 2002, 445 S. Rundfunkbeitrag von Karl Wilhelm Fricke, Köln. Moderation von Marcus Heumann[59] Der Mannheimer Politikwissenschaftler Hermann Weber, meine Damen und Herren, dürfte für die Stammhörer unseres Senders ein alter Bekannter sein. Als Verfasser vieler Standardwerke zur Geschichte der DDR ist sein Expertenwissen besonders in unseren zeithistorischen Sendungen immer wieder gefragt – zumal Weber von 1947 bis 1949 als Student der Parteihochschule »Karl Marx« in Kleinmachnow die Stalinisierung der SED selbst miterlebt hat. 1949 wurde Weber von der FDJ zur »Westarbeit« in die Bundesrepublik geschickt – aber schon kurz darauf vom damaligen FDJ-Chef Erich Honecker geschasst. 1954 wurden er und seine Frau aus der westdeutschen KPD ausgeschlossen, und schon 1955 trat Hermann Weber der SPD bei. Nun hat er unter dem Titel »Damals, als ich Wunderlich hieß« so etwas wie seine Memoiren vorgelegt – damit zugleich aber auch eine wissenschaftlich wertvolle Studie insbesondere über die Frühzeit der SED. »Die Absichten Hermann Webers und die Absichten der europäischen Reaktion, die Absichten, wie sie Hitler einst auch zu verwirklichen versuchte, sind die gleichen. Damit ist Weber nicht nur als Feind der Sowjetunion, als Feind der Kommunistischen Partei, als Feind jeden Fortschritts entlarvt, er ist auch entlarvt als bewußtes Werkzeug der Kriegstreiber. Weber ist in einer Mitgliederversammlung der Ortsgruppe MannheimSandhofen einstimmig aus der KPD ausgeschlossen worden.« Ein Zitat aus dem KPD-Blatt »Badisches Volksecho« vom 22. September 1954. Hermann Weber gibt das unsägliche Verdikt als Faksimile in seinem jüngsten Buch wieder. Bis zum Parteiausschluß galt er als zuverlässiger Genosse, den die KPD für so förderungswürdig hielt, daß sie den damals 19jährigen 1947 zum Studium an die Parteihochschule »Karl Marx« in Liebenwalde/Kreis Oranienburg delegierte. Hier in diesem EliteInternat der SED, das im Februar 1948 nach Kleinmachnow im Kreis Potsdam umgesetzt wurde, absolvierte Hermann Weber den ersten Zwei-Jahres-Kurs zur Ausbildung ideologisch gestählter Parteikader, den die SED in der Nachkriegszeit eingerichtet hatte. Von den insgesamt 79 Parteihochschülern seines Lehrganges kamen sieben aus dem Westen, aus Mannheim außer Hermann Weber noch Herbert Mies, beide damals Freunde und Genossen der KPD, die sich später für politisch gegensätzliche Lager entschieden. Während Mies Partei-Karriere machte, zuletzt als langjähriger DKP-Chef, und heute vor den Scherben einer gescheiterten Politik steht, wurde Hermann Weber als Universitätsprofessor in Mannheim zum Nestor der deutschen Kommunismusforschung. Der Titel seines druckfrischen Buches »Damals, als ich Wunderlich hieß« erklärt sich aus dem Decknamen »Wunderlich«, den die SED ihm aus konspirativen Gründen oktroyiert hatte. Grundthema seiner Erinnerungen ist der Wandel vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Seine Intention charakterisiert der Autor selber so: »Mir kam es darauf an, den Versuch zu machen, wie der Historiker gewissermaßen als auch Zeitzeuge beides unter ein Dach bringt, also als Zeitzeuge erlebt zu haben, wie die Spaltung Deutschlands, die Stalinisierung der SED, deren Übergang zur Diktatur, der Kalte Krieg ... wie man das erlebt hat als Zeitzeuge, wie man es natürlich inzwischen sehr gut kennt als Historiker. Ich dachte mir, wenn man beides mal vereinbaren kann, dann ist es eben auch ein zeitgeschichtliches Buch und nicht nur einfach Erinnerung.« Webers Memoiren sind mithin eingebunden in den zeithistorischen Kontext. Im Umbruch der Parteihochschule »Karl Marx« zur Kaderschmiede spiegelt sich die Formierung der SED zur stalinistischen Partei neuen Typus wider – ihre Denaturierung jenseits aller Hoffnungen auf eine sozialistische Massenpartei mit demokratischen Prinzipien, die sie bei ihrer Entstehung 1946 aus der Vereinigung von KPD und SPD zu werden versprach. Weber schildert diesen Umschmelzungsprozeß faktenreich, akribisch und ohne persönliche Ressentiments: Ein Historiker in eigener Sache. »Es kam mir darauf an, weder eine Abrechnungsschrift zu schreiben noch eben eine Rechtfertigung, weil beides schien mir nicht am Platze und auch nicht nötig, sondern so objektiv wie möglich meine Erinnerungen zu befragen, natürlich auch andere Zeitzeugen ... und eben anhand der Akten, die wir nun erfreulicherweise haben, ein Bild der Situation zu geben.« Konkret zeichnet der Autor seine politische Sozialisation nach. Jahrgang 1928, in einem proletarischen Elternhaus herangewachsen, der Vater Metallarbeiter, aktiver Kommunist, von den Nazis verfolgt und ins Gefängnis geworfen, wird Hermann Weber mit 17 selber Genosse der KPD. Durchdrungen von antifaschistischer Gesinnung, aber auch fasziniert vom revolutionären Nimbus der Partei, steigt er zum kommunistischen Jugendfunktionär auf. 1946 besucht er einen Vier-Wochen-Kurs an der FDJ-Schulungsstätte Bogensee bei Berlin. Im Juni des gleichen Jahres zählt er zu den Delegierten des I. Parlaments der FDJ, wo er Erich Honecker erlebt, den Vorsitzenden der Freien Deutschen Jugend. Folgerichtig wird er im Jahr darauf für ein Studium an der Parteihochschule der SED für würdig befunden. Nach dem Examen wird er Chefredakteur des »Jungen Deutschland«, der Zeitung der Freien Deutschen Jugend in Westdeutschland, um freilich schon nach kurzer Zeit zum Kulturredakteur herabgestuft zu werden. Intellektuell unabhängig und längst kritisch eingestellt, hatte er zu eigenständig agiert. Wenn es nicht schon in dieser Situation zum Bruch mit der KPD kam, so infolge eines fatalen Intermezzos. Nach dem Verbot der FDJ in Westdeutschland wurde Weber im März 1953 für sieben Monate wegen Verdachts auf illegale Tätigkeit in Untersuchungshaft genommen. An seinem 25. Geburtstag saß er in Essen im Gefängnis. Nicht zuletzt vor diesem biographischen Hintergrund wohl hatte Hermann Weber beim Abfassen seines Buches primär den jungen Leser im Sinn: »Ich dachte vor allem an jüngere Leser, weil es einem ja selber früher so gegangen ist: Das sind ferne, ferne Zeiten. Aber es sind Probleme da entstanden, die sich ein ganz junger Mensch – wenn ich an die Situation der Ernährung usw. denke – gar nicht mehr vorstellen kann, aber die doch wichtig ist, was die politische Situation, was den Ausgangspunkt [angeht] ... Da dachte ich, wenn man dann eben so persönliche Geschichten reinbringt, was ein bißchen auflockert und spannend ist, mit der Dokumentation kommt das vielleicht besser an, als wenn man eine rein wissenschaftliche Untersuchung vorlegt.« Die Schulungsakademie als Internat der Partei-Elite – den Alltag in Liebenwalde und Kleinmachnow macht Webers Buch anschaulich. Die Kursanten – so wurden die Parteistudenten nach sowjetischen Vorbild genannt – lebten gemeinsam in Drei-BettZimmern, sie wurden verpflegt, gut verpflegt sogar, was in der Not der Nachkriegszeit viel bedeutete, sie konnten materiell sorglos lernen. Die Parteihochschule gliederte sich in Fakultäten für Philosophie, Geschichte, Ökonomie und Grundsatzfragen. Außer den Professoren und Dozenten des Lehrkörpers mit ihren ständigen Vorlesungen und Seminaren erschienen unregelmäßig Spitzenfunktionäre der SED zu Gastvorlesungen –Pieck, Ulbricht, Grotewohl, Ackermann, Oelßner, Hager – ihnen allen, die später in der Politbürokratie der SED hohe Funktionen ausübten, ist Hermann Weber begegnet. Zudem traf er hier auf seine spätere Ehefrau, auf Gerda Röder aus Perleberg, auch sie war Kursantin an der Kaderschmiede, wo sie Geschichte studierte. Einer ihrer Dozenten sollte ihr besonders unvergesslich bleiben: »Den engsten Kontakt bekam ich zu Wolfgang Leonhard, der in der Geschichtsfakultät inzwischen mein Klassenlehrer war und bei dem es immer besonders munter zuging. Er war zugleich der jüngste unter den Lehrkräften, und er hat uns nicht nur wegen seiner Herkunft und Erziehung imponiert. Vielmehr hat er es uns Anfängern mit seiner in der Sowjetunion verinnerlichten Methode auch ziemlich leicht gemacht ›mitzukommen‹, wenn er erstens, zweitens (oft bis fünftens) – ›»Kern-‹ oder besser ›Merk‹sätze aufzählte.« Wolfgang Leonhard, 1945 als Mitglied der legendären »Gruppe Ulbricht« aus sowjetischer Emigration nach Deutschland heimgekehrt, blieb allen Kursanten unvergeßlich, denn am 12. März 1949 verließ der hoffnungsträchtige Genosse illegal die Parteihochschule. Eine Demonstration gegen den Stalinismus. Über Jugoslawien flüchtete er nach Westdeutschland. Hier erschien sechs Jahre später sein Bestseller »Die Revolution entlässt ihre Kinder«. In Kleinmachnow allerdings beschwor sein Weggang Denunziantentum und Diffamierung herauf. Stalinistische Wachsamkeit war fortan gefragt. Auszug aus einer bei Weber zitierten Resolution von Lehrern und Kursanten: »Wie berechtigt die Mahnung zur Wachsamkeit war, kam noch erschreckender dadurch zum Ausdruck, daß ein Lehrer der Parteihochschule, Wolfgang Leonhard, als niederträchtiger, trotzkistischer Agent der imperialistischen Reaktion an der Parteihochschule sein Unwesen treiben konnte.« In einer solchen Atmosphäre der Verdächtigung und der Unduldsamkeit mußten Skepsis und Zweifel auch bei Hermann Weber und Gerda Röder bis zum Bruch mit der Partei heranreifen. 1954 wurden sie von der KPD verstoßen. Den einleitend zitierten SchmähArtikel druckte das »Badische Volksecho« unter der Schlagzeile: »Legt den Agenten das Handwerk«. Auf die Frage, ob ihn die deutschen Kommunisten auch heute noch als Verräter diffamieren, antwortet der Autor gelassen: »Ich bin mir da nicht so ganz klar. Inzwischen haben ja doch einige wohl etwas gelernt aus dem Zusammenbruch des Kommunismus. Die werden sicher nicht so weit gehen wie ich, wenn ich sage, das war einmal der Traum dieser Bewegung für eine bessere Welt, und dann wurde es zum Alptraum – für mich jedenfalls – des barbarischen Stalinismus. Aber mancher wird doch gesehen haben, daß das, was er sich früher mal vorstellte, eben nicht gekommen ist, und hat vielleicht dann auch eine andere Einstellung. Aber das ist schwer zu sagen. In Einzelfällen merkt man das. Ich hatte jetzt in Potsdam das Buch vorgestellt, und da tauchte jemand auf, den ich Jahrzehnte nicht gesehen habe, und der hat sich veranlaßt gesehen, eben dieser Verrätertheorie entgegenzutreten.« Jede andere Haltung wäre grotesk, um nicht zu sagen: lächerlich, denn selten hat die Geschichte einem Historiker so recht gegeben wie Hermann Weber. Sein Buch, mit Sorgfalt ediert, legt Zeugnis davon ab. Chol-Hwan Kang, zus. mit Pierre Rigoulot: Les Aquariums de Pyongyang. Dix ans au Goulag nord-coréen, Paris, Robert Lafont, 2000, 237 S. Von Klaus-Georg Riegel, Trier Nordkorea gehörte bis vor kurzem zu den letzten, von der Außenwelt hermetisch abgeschirmten Bastionen des Stalinismus. Erst zu Beginn der 90er Jahre machte die stalinistische Despotie seines Führers Kim Il-sung und Thronerben Kim Jong-il durch Hungerkatastrophen wieder auf sich aufmerksam. Sie kosteten nach Schätzungen der internationalen Hilfsorganisationen ca. 2 bis 3 Millionen Menschen das Leben. Die zu Tausenden zählenden, vor dem Massensterben flüchtenden Untertanen, welche die Grenze zu China, den Yalu Fluß, überqueren konnten, schufen dort ein bisher unbekanntes und von der Weltöffentlichkeit weitgehend ignoriertes Flüchtlingsproblem. Sie berichteten von einer gut gerüsteten und ernährten Armee und Geheimpolizei, welche die innere Sicherheit gewährleisteten. Das Heer der ohne Familie, Nahrung und Unterkunft vagabundierenden Kinder und Jugendlichen werde in abgelegene Kasernen deportiert und dort sich selbst überlassen. Ein dichtes Netz von Denunzianten und Spitzeln und von Konzentrationslagern, in denen zwischen zwei- und dreihunderttausend politische Gefangene vegetieren, sorge zusätzlich dafür, daß keine Hungerrevolten ausbrechen und Ansätze einer freien Zivilgesellschaft im Keim erstickt würden. Nordkorea bliebe ein Armenhaus, das sich aber den Luxus leiste, eine Atomindustrie und ein Raketenprogramm zu entwickeln. Ob das gegenwärtige »Tauwetter« zwischen Nord- und Südkorea wesentlich diesen stalinistischen Anachronismus, ein Hungerregime mit nuklearen Ambitionen, im Kern aufweichen wird, dürfte auf lange Sicht hin eine offene Frage bleiben. Vor diesem düsteren Hintergrund kommt es einer Sensation gleich, daß ein Überlebender dem nordkoreanischen Gulag entfliehen und einen detaillierten Bericht über das Totenreich der politischen Gefangenen Kim Il-sung’s liefern konnte. Kang Chol-hwan wurde 1977 zusammen mit seiner Familie im Alter von neun Jahren in das Konzentrationslager Yodok deportiert, wo er zehn Jahre bis zu seiner Entlassung um sein physisches und psychisches Überleben zu kämpfen hatte. Seine Großfamilie gehörte in Japan zu der koreanischen Exilgemeinde, die es zu Wohlstand und Ansehen gebracht hatte. Vor allem auf Betreiben seiner Großmutter, einer glühenden Kommunistin und Verehrerin Kim Il sung’s, kehrte die Familie nach Pjöngjang zurück, spendete das beträchtliche Vermögen des Großvaters der Partei und konnte für einige Jahre die Privilegien der Nomenklatura genießen. Kang spricht denn auch in diesem Zusammenhang von einer glücklichen Jugend im Schatten des Großen Führers. Erst die Denunziation und Verhaftung des Großvaters zerstörte diese Kinderwelt. Die Familie des kleinen Chol-hwan wurde getrennt. Die Mutter, eine verdiente Parteiaktivistin, ließ sich scheiden und blieb in Pjöngjang, während der Vater, die siebenjährige Schwester, die Großmutter und der Onkel im Zuge der Sippenhaftung für die ›Verbrechen‹ des Großvaters eine zehnjährige Haftstrafe in Yodok antreten mußten. Den geliebten und als Vorbild bewunderten Großvater hat Kang nie mehr gesehen, dafür konnte er jedoch sein Aquarium (daher der Titel des Buches), auf dem sein ganzer kindlicher Stolz beruhte, zusammen mit ein paar wenigen Habseligkeiten mit ins Lager nehmen. Der grauenhafte Lageralltag wird in allen Einzelheiten beschrieben. Die Familie hatte zunächst Glück. Ihre ›Verbrechen‹, so die offizielle Version, konnten durch ›Arbeit und Studium‹ ›korrigiert‹ werden. Sie bezog deshalb mit vier anderen Familien eine Holzbaracke und entging damit dem Los der anderen Häftlinge, die als Minenarbeiter Tag und Nacht in den Schächten zu Tode geschunden wurden. Die tägliche Maisration von 400g zwang jeden, der überleben wollte, zu zusätzlicher Nahrungssuche (Ratten, Schlangen, Frösche etc.), um bei extremer Kälte, fehlender Schutzkleidung, permanenter Arbeit, Krankheiten (ohne Medikamente und ärztliche Betreuung) ein Minimum an physischer Widerstandskraft zu entwickeln. Die hohe Sterblichkeitsrate, besonders auch die häufigen Selbstmorde, unter den zwei- bis dreitausend Häftlingen war eine Folge dieser barbarischen Bedingungen. Hunger, Unterernährung, totale Erschöpfung, klirrende Kälte im Winter bildeten aber nur den äußeren Rahmen für die in Lumpen und Fetzen gekleideten Elendsgestalten. Ausführlich geht Kang auch darauf ein, wie er im Laufe seiner Lagerkarriere das Repertoire an psychischen Verhaltens- und Reaktionsformen erworben hatte, um sich den zahlreichen Spitzeln zu entziehen, die prügelnden Aufseher zu täuschen und winzige zusätzliche Rationen aus dem Lagerdepot zu stehlen. Minutiös werden auch die öffentlichen Hinrichtungen geschildert, das Ritual der regelmäßig abgehaltenen Kritik- und Selbstkritiksitzungen notiert und die stumpfsinnige, mit Prügeln und Schikanen gespickte ideologische Schulung beobachtet, die für die Kinder der Häftlinge an einigen Tagen in der Woche inszeniert wurde. Bewegend fallen die Kapitel aus, in denen der heranwachsende Kang über erste Freundschaften und Beziehungen zu gleichaltrigen Jungen und Mädchen im Lager berichtet. Nach seiner Entlassung aus zehnjähriger Lagerhaft (1987), die Kang bitter mit ›Merci Kim Il-sung’ kommentiert, wird die Familie in ein Dorf in der Nähe von Yodok einquartiert, überwacht und kontrolliert. Trotz anfänglicher Erfolge, erste Schritte gesellschaftlicher Aktivitäten zu unternehmen, droht eine erneute Verhaftung, der sich Kang durch eine abenteuerliche Flucht nach China und schließlich nach Südkorea zu entziehen weiß. Hannah Arendt hat die Konzentrationslager als die Laboratorien totalitärer Herrschaft bezeichnet. Wer das nordkoreanische Experimentierfeld der Inhumanität aus der Nähe betrachten möchte, sollte diesen Bericht lesen. Er gehört sicher zu den klassischen Zeugnissen der condition humaine unter totalitären Bedingungen. Erwin Könnemann und Gerhard Schulze: Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch. Dokumente. München, Olzog Verlag, 2002. 1137 S. Von Hermann Weber, Mannheim Der Kapp-Putsch vom März 1920 war der mißglückte Versuch, die junge Weimarer Republik zu zerschlagen und durch eine Rechtsdiktatur zu ersetzen. Nicht nur der Putsch, auch seine rasche Überwindung durch den Generalstreik der Arbeiter, Angestellten und Beamten, ist seit Jahrzehnten ein Thema der Forschung, inzwischen gibt es darüber eine breite Literatur. Im Westen wurde der Kapp-Putsch, seine Zerschlagung und der Aufstand der »Roten Ruhrarmee« stets unterschiedlich interpretiert. 1967 z.B. von Johannes Erger beschrieben, ist dieses historische Ereignis von Richard Löwenthal (in der Einleitung zu George Eliasberg[60]) präzise zusammenfassend bewertet. Ebenso wurden auch Dokumente veröffentlicht.[61] Und natürlich hat der Putsch in der Gesamtdarstellung der Gewerkschaften, der Sozialdemokratie oder der Republik einen beachtlichen Platz. In der DDR erschienen hingegen zum Kapp-Putsch eine Fülle meist propagandistischer Publikationen. Darin sollte sowohl die Richtigkeit der kommunistischen Politik 1920 bewiesen, als auch der Generalstreik wie der Ruhraufstand in die Tradition der SED gestellt werden. Die erste (natürlich »parteiliche«) Dokumentation legte in der DDR 1971 Erwin Könnemann vor und 1972 wurde seine Dissertation zum gleichen Thema veröffentlicht. Er hat sich dort am meisten mit der Thematik befaßt. Seither ist die Literatur zum KappPutsch erheblich angewachsen. Nunmehr hat Könnemann zusammen mit Gerhard Schulze eine weit umfassendere Quellenedition publiziert. Im Anhang des Buches haben die Autoren in der Literaturauswahl den Forschungsstand registriert, auf den hier verwiesen werden kann. Der imposante Band mit über 1100 Seiten enthält fast 700 Dokumente. Diese sind chronologisch in drei Abschnitte gegliedert. Zunächst werden die Vorbereitungen des Umsturzes belegt, im zweiten, dem umfangreichsten Teil der Verlauf des Putsches, die Gegenmaßnahmen der Regierung sowie die Haltung der Parteien, der Militärs und der Bevölkerung von Berlin und Umgebung. Zum Schluß werden die Abwehrreaktionen in den verschiedenen Gebieten Deutschlands dokumentiert. Im Anhang ist die riesige Zahl von Archivalien und Zeitungen genannt, die ausgewertet wurden. Eine unwahrscheinliche, Jahre dauernde Fleißarbeit. Außerdem wird das umfangreiche Werk durch ein Schlagwort- und ein Personenregister hervorragend erschlossen sowie durch ein Verzeichnis der geographischen Namen ergänzt. Hier können nur zwei Besonderheiten erwähnt werden, mit denen Könnemann über die bisherigen Forschungen hinausgeht. Während meist vom Kapp-Lüttwitz-Putsch gesprochen wird, weist er jetzt nach, daß der eigentliche Drahtzieher des Staatsstreiches Ludendorff war. Obwohl dessen Nachlaß für die wissenschaftliche Benutzung noch immer nicht zugänglich ist, kann Könnemann seine Einschätzung vom »Kapp-LüttwitzLudendorff-Putsch« überzeugend belegen. Noch bemerkenswerter ist die These, daß die Putschisten eine »Wirtschafts- und Militärkonvention« mit Sowjetrußland planten. Danach sollten »über alle ideologischen Gegensätze hinweg auf Kosten Polens weitgehende Vereinbarungen zwischen den russischen Revolutionären und den deutschen Gegenrevolutionären getroffen werden«. Da Ludendorff aber im Februar 1920 öffentlich für einen gemeinsamen antisowjetischen Feldzug mit den Westmächten plädierte, düpierte er Moskau und es kam zu keiner Kooperation. Immerhin zeichneten sich spätere nationalbolschewistische Strategien und Ansätze der Zusammenarbeit zwischen Rechtsradikalen und Kommunisten (wie etwa der »Schlageter-Kurs« von 1923) schon früh ab. Die riesige Zahl der in diesem Band zusammengestellten Dokumente kann nicht nur neue Einsichten stützen. Natürlich bleibt zu berücksichtigen, daß die Dokumente aus sehr verschiedenen Provenienzen stammen, daher die Bedeutung oder der Wert durchaus unterschiedlich sind. Aber ohne Zweifel wird mit dieser Quellenedition das Wissen, aber auch die Einschätzung des Kapp-Putsches erheblich vorangebracht. Leider ist die Einleitung von Könnemann sehr knapp gehalten. Zwar kann er damit seine Sicht gut belegen, aber ein Problem bleibt verschwommen. Es geht um die Einschätzung der Radikalisierung der Gegner des Staatsstreichs. Wie kam es nach der raschen Beendigung des Generalstreiks durch die Gewerkschaften dennoch zur Fortführung der Kämpfe durch die Radikalen – bis hin zum Ruhrkrieg? Könnemann bringt (S. 158, Dokument 105) selbstverständlich die erste Stellungnahme der KPD-Führung. Deren politische Bedeutung und Gewicht neben SPD und USPD wird meist überschätzt. Auch in dieser Dokumentation wird die KPD zu stark hervorgehoben. Die Überschrift des Dokuments: »Verurteilung des Putsches durch die Zentrale der KPD« verdeckt ein Problem, denn die KPD war die einzige der drei »Arbeiterparteien«, die mit diesem Dokument vom 13. März 1920 zunächst den Generalstreik ablehnte. Gerade diese Tatsache brachte ja die SED-Geschichtsschreibung mit ihrer Legendenbildung in Schwierigkeiten. Für die Kommunismusforschung bleibt heute das Verhalten der früheren SEDHistoriographie zum Kapp-Putsch interessant, denn bei den Legenden und Verfälschungen zeigte sich ihre Rolle als Instrument der Politik. Da »die Partei hat immer recht« ideologische Maxime der SED war, hatte diese These auch für die Rolle der KPD im Kapp-Putsch zu gelten. Im »Grundriß« der Geschichte der Arbeiterbewegung von 1963 stellten es die Parteihistoriker so dar, als habe die KPD den Generalstreik seinerzeit mitinitiiert. Und auch 1966 fehlte der jetzt von Könnemann abgedruckte Aufruf vom 13. März 1920 in der Dokumentation der achtbändigen SED-Geschichte der Arbeiterbewegung. Er wurde zwar im gleichen Jahr in der Reihe »Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« (Bd. 7) abgedruckt. Doch während die achtbändige Geschichte in einer Riesenauflage herauskam, erschien diese Reihe fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Deshalb wäre bei diesem Dokument jetzt ein entsprechender Hinweis nötig gewesen. Auf jeden Fall ist die Überschrift »Verurteilung des Putsches« irreführend. Die Richtigstellung der Rolle Ludendorffs beim Staatsstreich, die geplanten Beziehungen der Putschisten zu Sowjetrußland, das sind neue Überlegungen, die Könnemann hier in ausgezeichneter Weise vorträgt. Doch für die Historische Kommunismusforschung nicht weniger aufschlußreich ist die Haltung der (relativ unwichtigen) KPD zum Generalstreik und zum Ruhrkrieg. Hier fehlt die Interpretation. Insgesamt ist die vorliegende Dokumentation ein riesiges Werk mit enormer Bedeutung für die Erforschung der Weimarer Republik, für die Geschichte der Arbeiterbewegung und ebenso über den damaligen Rechtsradikalismus. Die große Zahl der Dokumente bietet einen hervorragenden Überblick über die verschiedensten Probleme, die mit dem Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch zusammenhängen, über die Niederschlagung des Staatsstreichs und ebenso über die darauf folgenden Ereignisse (wobei die Versuche der Gewerkschaften für eine »Arbeiterregierung« vielleicht etwas verkürzt behandelt werden). Auch die im allgemeinen gute Erschließung der Dokumente vertieft die Einsichten über diesen Putsch und dessen Folgen. Daher belegt die fundierte Dokumentation, was Erwin Könnemann in der Einleitung völlig richtig anführt: »Der Kapp-LittwitzLudendorff-Putsch ist als ein Ereignis in die Geschichte eingegangen, das beweist, daß es gegen den entschlossenen Abwehrwillen der Volksmehrheit nicht möglich ist, ein autoritäres Regime zu etablieren. Die 1918/19 gewonnene Demokratie im Innern und der Frieden nach außen waren zu offensichtlich von jenen Kreisen bedroht worden, deren Wirken im Weltkrieg jedermann noch in unheilvoller Erinnerung stand.« Notizen über neue Bücher Mary Low & Juan Bréa: Rotes Notizbuch. Deutsche Erstausgabe. Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Schneider, Hamburg, Edition Nautilus, 224 S. Eine junge Britin australischer Herkunft und ihr kubanischer Lebensgefährte begeben sich nach Spanien, kurz nach Beginn des Kampfes gegen den faschistischen Putsch der Franco-Truppen 1936. Sie schildern uns das Alltagsleben während der Revolution, die ansteckende Lebensfreude der Menschen, die fest daran glaubten, daß es möglich ist, die Welt zu verändern und ein Leben ohne Armee und ohne Grenzen zu gestalten. Das Notizbuch ist Vorlage für Ken Loachs Spielfilm »Land und Freiheit«. Mary Low ist 24 Jahre alt, und sie hat schon viel von der Welt gesehen, als sie mit Juan Bréa nach Barcelona geht: sie ist mit ihm nach Kuba gereist, nach Prag, Wien, Belgrad, Istanbul, Bukarest, London und immer wieder nach Paris, wo die beiden sich kennengelernt haben. Sie verkehren, wo immer sie auch sind, in den Kreisen der Surrealisten und linker Opposi tionsgruppen. In Spanien kämpfte Juan Bréa in einer der internationalen Milizen an der Aragonien-Front gegen die Franco-Truppen, während Mary Low als Journalistin in Barcelona arbeitete. Ihre Augenzeugenberichte sind direkt und farbig, voller Details und Enthusiasmus. Wer Ken Loachs eindringlichen Film »Land und Freiheit« kennt, wird in ihnen die Filmhelden David und Clara wiedererkennen. Viele der Filmszenen sind von diesen poetischen und hellsichtigen Reportagen inspiriert. »Mehrere Monate lang glaubten große Massen daran, daß alle Menschen gleich sind, und konnten diesem Glauben gemäß handeln. Das Ergebnis war ein Gefühl von Freiheit und Hoffnung, das in unserer auf dem Geld beruhenden Gesellschaft schwer vorstellbar ist. Und das ist das bedeutende am Roten Notizbuch. Durch eine Reihe von intimen Alltagsbildern zeigt dieses Buch, wie die Menschen sind, wenn sie sich wie menschliche Wesen benehmen und nicht wie Rädchen in der kapitalistischen Maschine. Niemand, der in diesen Monaten in Spanien war, als die Leute noch an die Revolution glaubten, kann diese seltsame und bewegende Erfahrung vergessen. Sie hat etwas hinterlassen, was keine Diktatur, auch nicht die von Franco, je wird auslöschen können.« (George Orwell) Mary Low (geb. 1912), Britin australischer Herkunft, Surrealistin und Trotzkistin, Weltreisende, Latinistin. Lebte von 1940 bis 1964 auf Kuba und heute noch in Miami. Weitere Veröffentlichungen: La saisons des flûtes (Gedichte, 1939), La Verdad Contemporanea (Essays, zusammen mit Bréa 1943), Tres Voces (1957), Where the Wolf sings (1994) u.a. Juan Ramón Bréa (1905–1941), Kubaner französischer Herkunft, Surrealist, in Opposition zum Diktator Machado, im politischen Exil in Mexiko und Spanien. 1932 Mitbegründer der kommunistischen Opposition auf Kuba, erneut Flucht nach Europa. 1936 zusammen mit Mary Low in Spanien. 1937 Erstveröffentlichung des Red Spanish Notebook in London. 1938–1939 mit Low in Prag bei den Surrealisten, 1940 Flucht vor den Nazis nach Havanna. Mirjana Stancic: Manès Sperber. Leben und Werk, Frankfurt am Main – Basel, Stroemfeld, 2003. 687 S. (Nexus. 63). Zum Buch einige Auszüge aus einer vom Verlag veröffentlichten Beschreibung von Michael Rohrwasser: »Mirjana Stancic, Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin aus Zagreb, hat eine nicht nur vom Umfang her große Biographie über Manès Sperber verfaßt. Man kann dies einen Glücksfall nennen, denn die Bedeutung des Buches reicht über den überschaubaren Kreis jener hinaus, die sich für das Leben und Werk des Kulturpolitikers, Essayisten, Schriftstellers und Kritikers interessieren, den man zwar mit gutem Grund eine Jahrhundertfigur nennen kann, der aber nie die gebührende Aufmerksamkeit erfahren hat. Erst die Verleihung des Büchner-Preises 1975 und seine Dankrede bei der Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1983, in der er vor einem arglosen Pazifismus warnte und womit er in die Mühlen einer bundesdeutschen Intellektuellenfehde geriet, haben ihm zeitweilig ein größeres Publikum beschert. Sperbers Leben spielte sich ab zwischen dem ostgalizischen Schtetl Zablotow (in der Nähe von Joseph Roths Brody), Wien, Berlin und Paris, zwischen der Schweiz, Rußland und Jugoslawien. Zehn Jahre lang hielt er sich im Umfeld von Alfred Adler und dessen individualpsychologischer Schule auf, bevor er sich von diesem Kreis abwandte, und zehn Jahre lang arbeitete er als Parteifunktionär der KPD und Komintern, bevor er hier 1937 den Schlußstrich zog. Aber die Auseinandersetzung mit den totalitären Systemen verfolgte ihn bis zu seinem Lebensende. Die Politisierung Sperbers hat ein Datum: Es ist der 15. Juli 1927, der Brand des Wiener Justizpalastes, der für ihn vor allem das Debakel der österreichischen Sozialdemokratie war. Die Beschreibung nimmt nicht nur eine ›Scharnierstelle‹ in seinen Erinnerungen ein, sondern hat ausstrahlende Bedeutung für seine späteren Essays, die man neben der düsteren Komintern-Saga ›Wie eine Träne im Ozean‹ mit gutem Grund für das bedeutendste Element seines Werks halten kann. Mirjana Stancic hat ihre facettenreiche, detailgenaue und darüber hinaus lesbare Arbeit den Versuch genannt, ›aufs Ganze zu gehen‹, weil sie nicht nur ein Panorama entfalten, sondern unerschlossenes Terrain betreten wollte. Sie erschließt viele unbekannte Dokumente aus dem Nachlaß, darunter Sperbers ›Abschiedsbrief‹ von 1937 an die Pariser Parteifreunde oder die Briefe zur Kontroverse zwischen Hans Sahl und Sperber, und sie zitiert aus den Akten und Dossiers, die sie dem Archivstaub entrissen hat, die von Sperbers Konfrontationen mit jener Internationale der Polizei erzählen, der er in ›Wie eine Träne im Ozean‹ auf der Spur war.« Hermann Weber, Bernhard H. Bayerlein (Hg.): Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin, Aufbau-Verlag, 2003. 25 Abb. 368 S. (Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts. Band 2). Unter der Headline Der mißbrauchte Held: »Geheime Korrespondenzen um Stalin und den Thälmann-Skandal« heißt es zu dem im März 2003 erscheinenden Buch in der Verlagsvorschau: »Im September 1928 wurde Ernst Thälmann, Vorsitzender des Zentralkomitees der KPD, durch einen einstimmigen Beschluß eben dieses ZK seines Amtes enthoben. Man beschuldigte ihn, Unterschlagungen seines Hamburger Freundes und Platzhalters John Wittorf der Partei verschwiegen zu haben. Zwei Wochen später wurde ›Teddy‹ durch persönliche und geheime Intervention Stalins trotz nachgewiesener Korruption wieder eingesetzt und später auch voll rehabilitiert. Die Studien der Herausgeber sowie zahlreiche erstmals veröffentlichte Briefe von Stalin, Thälmann, Molotow, Clara Zetkin, Walter Ulbricht, Nikolai Bucharin und anderen Personen der Zeitgeschichte belegen, wie Stalin die Thälmann-Legende begründete, um sich die Kommunistische Partei Deutschlands zu unterwerfen. Enthüllt wird ein paradoxes Beziehungsgeflecht: Der zum Charismatiker stilisierte Arbeiterführer war instrumentalisiert worden für eine Kriminalisierungs- und Ausschlußwelle Tausender ›Rechter und Versöhnler‹ in der KPD. Die neue Parteispitze sorgte für die Durchsetzung des von Stalin und Molotow mit Hilfe Thälmanns international inszenierten Linksschwenks und erklärte die Sozialdemokraten zu den Hauptgegnern der Kommunisten. So erwies sich die Thälmann-Episode als Einfallstor des Stalinismus in Deutschland und in der Komintern – ein riskantes Spiel in Zeiten der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. In der DDR wurde der Skandal verschwiegen und bis in die achtziger Jahre ein wahrer Thälmann-Kult inszeniert. Die Lektüre der Dokumente und Studien lenkt den Leser auf die Abgründe und Paradoxien verdrängter Geschichte.« Section VI Events of Interest around the World More information and links to the following events or institutions may be consulted via the on-line Communist Studies Newsletter. For other events in 2002 see: The International Newsletter of Communist Studies (2002),15, p. 448-450. Moscow, Russia 2002–2003 Centre franco-russe en sciences sociales et humaines de Moscou. Seminaires, débats, conférences, Programme 2002–2003. e.a. Colloque sur l’histoire des relations scientifiques entre la Russie et l’Europe occidentale, en particulier la France, du XVIIIème au XXème siècle. Potsdam, Germany, 15. – 17. 03. 2002 Jahrestagung der Gesellschaft für Exilforschung Paris, France, 29. 03. 2002 Seminaire central du Centre d’étude du monde russe, soviétique et post-soviétique (EHESS). Chaque vendredi de 16h á 18 h 54, Bd Raspail, salle 801 Berlin, Germany, 20. – 21. 04. 2002 »Klassen – Revolution – Demokratie. Karl Marx: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte anlässlich des 150. Jahrestages der Erstveröffentlichung in New York«. Wissenschaftliche Konferenz, Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition e.V., »Helle Panke« zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V. Berlin, und den Beiträgen zur Marx-Engels-Forschung, Berliner-Congress-Center Moscow, Russia, 23. – 25. 04. 2002 Deutsch-Russisches Seminar zur Methodik der Erschließung von Archivdokumenten und der Schaffung eines wissenschaftlichen Rechercheapparates am Beispiel der SMAD-Überlieferung Berlin, Germany, 26. – 27. 04. 2002 »Wissenschaftlicher und politischer Umgang mit den Geheimpolizeiarchiven des Kommunismus. Vergleichende Analyse des deutschen und des polnischen Modells«. Centre Marc Bloch, Deutsch-Französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Zusammenarbeit mit der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR Lausanne, Switzerland, 6. – 7. 05. 2002 »Questionner le totalitarisme et ses représentations«. Colloque organisé par l’Institut d’histoire économique et sociale (SSP, Unil), Faculté des Lettres (Unil), Département d’histoire, Université de Genève. Sous la direction de: J. F. Fayet, G. Haver, S. Prezioso, Université de Lausanne, Bâtiment central Potsdam, Germany, 9. – 10. 05. 2002 »Die DDR als Fußnote der deutschen Wirtschaftsgeschichte?« Konferenz, Zentrum für Zeithistorische Forschung Paris, France, 17. 05. 2002 »Exils et migrations dans l’histoire des communisme«. Centre d’Histoire sociale du XXe siècle, Université de Paris I, Journée d’étude, 9, rue Malher, Paris Budapest, Hungary, 1. – 12. 07. 2002 »Ethnic Relations and Democratization in Eastern Europe (Secession, Federalism and Minority Rights)«. University of Budapest, CEU Summer University Budapest, Hungary, 8. – 19. 07. 2002 Global Mappings: Symbolic Geographies Revisited, University of Budapest, CEU Summer University Freiburg im Breisgau, Germany, 25. – 27. 07. 2002 »Vater Rhein und Mutter Wolga ...« Region, Nation und Gender – Identitätsdiskurse in Deutschland und Rußland. Wissenschaftliche Tagung, Slavisches Seminar, Universität Freiburg i.Br. Bochum, Germany, 06. 09. 2002 Rosa Luxemburg und die Demokratie nach dem Kalten Krieg. Internationale Tagung an der RUB Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum, Clemensstr. 17-19, 44789 Bochum San Diego, California, 03. – 6. 10. 2002 Twenty-Sixth Annual German Studies Association Conference Leipzig, Germany, 06. – 08. 10. 2002 »Jüdische Kultur(en) im Neuen Europa. Das Beispiel Wilna 1918–1939«. Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Mitteleuropas, Universität Leipzig Tübingen, Germany, 24. – 26. 10. 2002 »Südostforschung im Schatten des Dritten Reiches (1920–1960)«. Institutionen, Inhalte, Personen, Südostdeutsche Historische Kommission,Tübingen, München. Internationale Tagung der Südostdeutschen Historischen Kommission in Verbindung mit dem Bundesinstitut für Geschichte und Kultur der Deutschen im östlichen Europa (Oldenburg), dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (Tübingen), dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (München) und dem Südost-Institut (München) Dijon, France, 06. 11. 2002 »Histoire du mouvement ouvrier: possibles et alentours«. Seminaire de l’ICH, de 14 h à 17 h, salle du conseil de lettres Paris, France, 06. 11. 2002 Journées d’Etudes doctorales. Centre de recherches en histoire des Slaves, Institut Pierre Renouvin, Université de Paris I Panthéon Sorbonne, Centre Panthéon Geneva, Switzerland, 07. 11. 2002 »Les Archives et l’écriture de l’histoire, Archive und Geschichtsschreibung«. Table ronde, Université de Genève, Faculté des Lettres, Dèpartment d’Histoire Générale, Archives Fédérales – Schweizerisches Bundesarchiv Manchester, UK, 15. 11. 2002 »The Comintern and the Colonies«. The International Centre for Labour Studies, in conjunction with the Communist History Network, University of Manchester, Williamson Building Paris, France, 22. 11. 2002 – 13. 06. 2003 »Epistémologie comparée du discours sur la langue: URSS/ Europe occidentale, années 1920–1930«. Séminaire de Patrick Sériot, Professeur à l’Université de Lausanne, à l’EHESS, Paris, année 2002–2003 Berlin, Germany, 28. 11. 2003 »Von der Neuen Industrie zur New Economy«. Berlin, Bielefelder Institut für Weltgesellschaft Otzenhausen, Germany, 29. 11. – 17. 12. 2003 »Der ›Fall Sorge‹ – Krieg, Revolution, Friede, Liebe: ein gelöstes oder ungelöstes Geheimdienstproblem?« Deutsch-japanisch-russische Konferenz, Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut der Europäischen Akademie Otzenhausen Union Stiftung e. V., Saarbrücken, ASKO Europa-Stiftung, Otzenhausen, Europäisches Bildungszentrum Otzenhausen (ebz), Europahausstraße, 66620 Nonnweiler-Otzenhausen Dijon, France, 17. 12. 2002 – 14. 06. 2003 »Les Archives du XXe siècle«. Séminaire de la Maison des Sciences de l’homme de Dijon. Groupe de travail »Patrimoines du XXe siècle (archives, mouvements sociaux et images)« de la MSH de Dijon, avec le concours de la Direction des Archives de France Berlin, Germany, 01. 2003 Berliner Gesellschaft für Faschismus und Weltkriegsforschung e.V., Haus der Demokratie und Menschenrechte, 10405, Berlin. Veranstaltungen 30. 01. 2003 – 10. 06. 2003 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin-Tiergarten, Stauffenbergstrasse. Halbjahresprogramm Paris, France, 01. 2003 »Le Caucase entre les empires, XVIe-XXe siècles Impact des enjeux régionaux et des pratiques impériales sur les peuples, les Etats et les sociétés du Caucase«. Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Centre d’études du monde russe, soviétique et post-soviétique, Paris, Séminaire organisé par Claire Mouradian, CNRS les 1er, 3e et 5e jeudis du mois, 10h-12h Paris, 54, bd Raspail – 75006 Paris Paris, France, 16. 01 – 19. 07. 2003 Groupe de recherche anthropologie des espaces post-soviétiques. Séminaire de travail, le troisième jeudi du mois, La Maison des Sciences de l’homme, 52, boulevard Raspail 75006 Paris Paris, France, 20. 01. 2003 »Des liens du proche aux lieux du public«. Séminaire ouvert, Programme International de Coopération Scientifique CNRS Franco-Russe Leipzig, Germany, 02. 2003 III. Ständiges Kolloquium zur Historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Leipzig Paris, France, 03. 02. 2003 »Comment regarder le cinéma soviétique?« Le Centre d’études du Monde russe, soviétique et post-soviétique, et l’Observatoire des Etats postsoviétiques de l’INALCO. Table ronde autour de Naoum Kleiman, directeur du musée du cinéma de Moscou. 3 février, l’EHESS, 54 Bd Raspail, 75006 Paris Berlin, Germany, 03. 02. 2003 – 07. 07. 2003 Vortragsreihe und Diskussion zur DDR-Geschichte. Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin, an jedem ersten Montag im Monat, 19 Uhr, im RobertHavemann-Saal Paris, France, 07. 02. – 21. 02. 2003 Séminaire du Centre d’études du monde russe, soviétique et post-soviétique (EHESSCNRS). Le vendredi de 16.00 à 18.00, EHESS, 54, Bd Raspail, 75006 Paris Potsdam, Germany, 12. 02. – 14. 02. 2003 »...zum Beispiel 17. Juni 1953. Die 50er Jahre – Geschichten aus der Geschichte«. Gemeinsamer Workshop Bundeszentrale für politische Bildung, Zentrum für zeithistorische Forschung, Potsdam Berlin, Germany, 18. 02. 2003 »Von der Last der Erinnerung zur Chance der Versöhnung. Vom Umgang mit kommunistischer Diktaturvergangenheit in Deutschland und Polen«. Diskussion aus der Reihe »Wege zum Nachbarn«. In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung. 19.00 Uhr Paris, France, 24. 02. 2003 – 23. 06. 2003 »Les Juifs dans l’Empire russe: un siècle d’évolution, 1860–1940. Culture, politique, exil«. Séminaire, Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Centre d’études du monde russe, soviétique et post-soviétique, Paris Lutherstadt Wittenberg, Germany, 27. 02. – 01. 03. 2003 »Die Zukunft eines untergegangenen Staates. Die DDR als Gegenstand von Forschung, Lehre und der Politischen Bildung«. Konferenz, Institut für Hochschulforschung (HoF), Lutherstadt Wittenberg, in Zusammenarbeit mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, Lutherstadt Wittenberg. Stiftung Leucorea, Collegienstraße 62 Paris, France, 05. 03. 2003 »Goulag – Sources et secrets«. Journée d’étude, Maison des Sciences de l’homme, 54, boulevard Raspail, 75006 Paris, réalisée en association avec le Centre d’Etudes du Monde Russe Soviétique et Post-soviétique EHESS-CNRS. Bristol, UK, 15. – 16. 03. 2003 »Stalin’s Cultural Heritage«. Organised by the Centre for Russian and East European Cultural Studies (CREECS), Conference, University of Bristol, at the History of Art Department, University of Bristol 43 Woodland Road, Bristol BS8 1UU Potsdam, Germany, 18. – 20. 03. 2003 »Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR, Forschungsfelder, Ergebnisse, Perspektiven«. Potsdam, 45. Internationale Tagung für Militärgeschichte, Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA), Potsdam Berlin, Germany, 21. – 23. 03. 2003 »Kollegen, reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein! Der 17. Juni 53 und die Folgen«. Konferenz, Evangelische Akademie zu Berlin, Friedrich-Ebert-Stiftung, Verein Berliner Mauer e.V., August-Bebel-Institut, Berlin, Haus Schwanenwerder, Adam-vonTrott-Haus Nanterre, France, 31. 03. 2003 »Mémoires de la Guerre d’Espagne. Mythes, enjeux et transmissions«. Table ronde, Bibliothèque de Documentation Internationale et Contemporaine. Musée d’Histoire contemporaine, Paris, Auditorium du Musée de l’Armée (Hôtel national des Invalides) London, UK, 24. – 26. 04. 2003 »Everyday Socialism. States and social Transformation in Postwar Eastern Europe 1945– 1965«. The Open University Conference Centre, 354-355 Gray’s Inn Road Leeds, UK, 02. – 03. 05. 2003 »International Trade Unionism in a Network Society: What’s new about the ›new labour internationalism‹?« Conference, Leeds, UK, organised by the Leeds Working Group on International Labour Networking: Miguel Martinez Lucio (University of Durham), Steve Walker (Leeds Metropolitan University), Stuart Hodkinson (University of Leeds). Edmonton, Alberta, Canada, 02. – 05. 05. 2003 »Culture and the State: Past, Present, and Future, Labour Culture, Union Culture and the Culture of Resistance«. Conference, Edmonton, Alberta Toronto, Ontario, Canada, 10. – 14. 06. 2003 »What’s History Got To Do With It?« 2003 Annual Conference of the Association of Canadian Archivists (ACA) Leipzig, Germany, 17. 06. 2003 »50. Jahrestag des 17. Juni 1953 in Leipzig«. Aufruf der Arbeitsgruppe an Zeitzeugen zur Vorbereitung der Ausstellung »Ausnahmezustand. Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 im Raum Leipzig«, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Bürgerkomitee Leipzig Moscow, Russia, 21. – 22. 07. 2003 »The Anti-totalitarian Left, Past and Future«. The Praxis Research and Education Centre International Research Conference, Moscow. This conference is being organised to coincide with the re-opening of Moscow’s library of democratic and libertarian socialism, the Victor Serge Library. Lutherstadt Wittenberg, Germany, 11. 07. 2003 – 13. 07. 2003 »Intelligence and Political Enemies, Intelligence and Terrorism in the 20th Century«, International Intelligence History Association (IIHA), Leucorea, Wittenberg Annual Conference at LEUCOREA, Lutherstadt Wittenberg, Germany Santiago de Chile, Chile, 14. – 18. 07. 2003 »Repensando las Américas en los umbrales del siglo XXI«. 51 Congreso Internacional de Americanistas – International Congress of Americanistas Ottawa, Canada, 07 – 09. 08. 2003 »Reading the Emigrant Letter: Innovative approaches and interpretations«. An interdisciplinary conference to be held at Carleton University, Ottawa, Canada, Department of History Ljubljana, Slovenia, 08. 2003 13th International Congress of Slavists, University of Ljubljana Bozeman, Montana, USA, 09. 2003 »Class and Class Struggles in North America and the Atlantic World, 1500–1800«. Conference, Department of History & Philosophy, Montana State University, Bozeman Salzburg, Austria, 28. 09. – 01. 10. 2003 »Kunst – Kommunikation – Macht«. 6. Österreichischer Zeitgeschichtetag 2003, Institut für Geschichte der Universität Salzburg, Büro des Österreichischen Zeitgeschichtetages Bern, Switzerland, 01. – 04. 10. 2003 »Das Verhältnis von Individuum und System im Stalinismus«. Internationaler Kongreß, Prof. Dr. Heiko Haumann, Universität Basel, Prof. Dr. Brigitte Studer, Universität Bern Pennsylvania, USA, 10. – 11. 2003 »The Self as Scientific and Political Project in the Twentieth Century. A Symposium on the Human Sciences between Utopia and Reform« at the University Park campus of Penn State University National Science Foundation and Penn State University, Pennsylvania Detroit, USA, 16. – 18. 10. 2003 »Labor, War, and Imperialism«. Twenty-Fifth Annual North American Labor History Conference, Wayne State University, Department of History Vienna, Austria, 23. – 29. 08 2004 »Archives, Memory and Knowledge«. 15th International Congress on Archives, Vienna, Austria, International Council on Archives Berlin, Germany, 25. – 20. 07. 2005 International Council for Central & East European Studies (ICCEES). Seventh World Congress Section VII Survey of Periodicals American Communist History – A new journal. The »Historians of American Communism« have begun a new journal, American Communist History, in partnership with Carfax/Taylor & Francis, U.K. More Information on the journal can be found at: http://www.tandf.co.uk/journals/routledge/14743892.html. The new journal will initially appear twice a year. The existing HOAC Newsletter will shift from quarterly publication to twice a year. American Communist History will publish substantive articles, essays on documents and archival resources, reviews of media and books, bibliographies, and the full array of material common to research journals. American Communist History will be the impartial, leading journal for scholarship about the history of the Communist Party in the United States and its social, political, economic and cultural impact on its members, on its opponents, and the public at large. The journal will deal with the American party and with the various outside influences which have dealt with its representation, with the controversial folklore that has been engendered about it, and with the many differing views about its antecedents, and its diverse opponents on the left and right. While rooted in the United States, the journal welcomes contributions which are transnational or international in scope. Subscription to American Communist History will be included in HOAC dues, which will rise from $15 for individuals to $25 a year (subscription for non-members will be $56). EDITOR: Daniel J. Leab. EDITORIAL ADVISORY BOARD: Wlodzimierz Batog, Jan Kochanowski Pedagogical University, Poland; Bernhard Bayerlein, University of Mannheim and University of Cologne, Germany; Thomas Devine, California State University, Northridge; Melvyn Dubofsky, State University of New York, Binghamton; John Earl Haynes, Library of Congress, Washington, DC; Norbert Finzsch, University of Cologne, Germany; Maurice Isserman, Hamilton College, New York; Edward P. Johanningsmeier, University of Delaware and Temple University; Harvey Klehr, Emory University, Georgia; Alex Lichtenstein, Florida International University; James J. Lorence, Gainesville College, Georgia; Vernon L. Petersen, American University in Bulgaria; Richard Gid Powers, College of Staten Island of the City University of New York; Roy Rosenzweig, George Mason University, Virginia; Steven Rosswurm, Lake Forest College, Illinois; James G. Ryan, Texas A&M University, Galveston; Stephen Whitfield, Brandeis University, Massachusetts. MEDIA EDITORS: Tony Shaw, University of Hertfordshire, U.K., and Steve Ross, University of Southern California. DOCUMENTARY EDITOR: David C. Engerman, Brandeis University, Massachusetts. BIBLIOGRAPHY EDITOR: Peter Filardo, Tamiment Library/Wagner Labor Archive, New York University. SOMA Berichtenblad/ Bulletin du CEGES, no 37 bis automne 2002 The Newsletter of the CEGES/SOMA is a free communication medium published twice yearly. It keeps the reader informed on the new acquisitions of the Centre d’Etudes et de documentation »Guerre et sociétés contemporaines« / Studie- en Documentatiecentrum Oorlog en Hedenaagse Maatschappij and its various activities. From 1997 the strictly chronological limits of the Second World War have been abandoned and the Newsletter has been retitled Bulletin de Nouvelles ‘30-’50/Berichtenblad ‘30-’50. Each odd-numbered issue gives a survey of the latest acquisitions (archives, library, photo archives), outlines the current research projects and scientific activities, announces or gives an account of colloquia, seminars, exhibitions and other events and provides an overview of current events. The even-numbered issues are of a more technical nature. They give a systematic and exhaustive survey of all acquisitions of the past year, of the publications of the researchers and of new research being carried out in the reading room. They also include a bibliography of the publications published during the past year concerning Belgium and the Second World War, providing an essential research tool for students and researchers. Contact: To receive our free Newsletter 02/287.48.11, fax 02/287.47.10. e-mail: lv.daele@cegesoma.be Aktuelles aus der DDR-Forschung. Der Newsletter http://www.stiftung-aufarbeitung.de/newsletter.html Zusammengestellt von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin. Erscheint seit 1994. Redaktion: Ulrich Mählert. Aktuelles aus der DDR-Forschung erscheint dreimal jährlich in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Er enthält Beiträge (mit einer Länge von maximal einer Manuskriptseite), Hinweise auf Neuerscheinungen, die nicht über den Buchhandel erhältlich sind, Konferenztermine, insbesondere aber Projektmeldungen. Aus Platzgründen können Diplom-, Magister- oder Staatsexamensarbeiten leider keine Berücksichtigung finden. Contact: Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, zu Händen Herrn Dr. Ulrich Mählert, Otto-Braun-Str. 70-72, 10178 Berlin, Tel. (030) 23 24 72 07, Fax (030) 23 24 72 10, Email: u.maehlert@stiftung-aufarbeitung.de. Newsletter of the Historians of American Communism, 2002, Volume 21, No 2. Dan Leab, General Secretary – Ronald Cohen, President – John Earl Haynes, Editor This issue of the Newsletter contains among the Research Queries And Research In Progress information about the 1930s activities of Michael Ross, the biography of Louis Budenz, a graduate student conference on The Red Scare after 1945 and the Reconsidering the Cold War and a call for papers of The Society for the Study of Working-Class Literature. The Archival column comprises a note on the Paperless Archives and on Bruce Craig’s The Hiss/ Chambers Controversy: Records of the House Un-American Activities Committee. The column about Web Sites, Videos And Documentaries contains notes on Freda Utley, the On-line edition of the British Communist History Network Newsletter, the Communist Chronicles, a Web site founded by Norwegian, Russian, and British historians, the Communism in Washington State-History and Memory project about The Cold War and Red Scare in Washington State. The column Writings On The History Of American Communism redacted by John Earl Haynes lists articles, books, papers, and films relevant to American communism, splinter movements, and domestic anticommunism, some of them with a short commentary, such as: Alexis Albion on Politics and Culture in the Spy Stories of the 1960s, Arnold Beichman on the Gouzenko affair, Marcella Bencivenni about Italian American Radicalism in New York City, Don Binkowski on Leo Krzycki and Polish Americans in the American Labor Movement, Gordon Black on the Unemployed movement in the Early 1930s, Puhle Buhle and Dave Wagner on The Left and Popular Culture (Film and Television), Anthony Carew et al. on The International Confederation of Free Trade Unions, George Cerny on the reaction of Maryland Communists to Venon Pedersen’s Communist Party in Maryland, Frank K. Clarke on Cold War AntiCommunism at the Toronto Board of Education, 1948–1951, Donald T. Critchlow and Agnieszka Critchlow on excerpts from Gulag survisor literature that shaped the views on American anti-Communists, Stéphanie Curwick on War and Red Scare (1940–1960), Victor G. Devinatz on Walter Reuther’s affiliation with the Communist Party in the latter half of the 1930s, Joshua B. Freeman on New York’s left culture in the 1940s and early 1950s, A. Gounot on the structures and characteristics of the Red Sport International, 1921–1937, James Gregory on the History of Communism in Washington State, Brian Grijalva on the unemployed movement in the 1930s and 1940s, John Earl Haynes and Harvey Klehr on the Myth of ›Premature Antifascism‹ concerning Brigades veterans in British covert operations against Nazi Germany prior to the Nazi attack on the USSR, Maurice Isserman and Ellen Schrecker on evidence of espionage from Major Andre’s Boot to the Venona Files, Daniel Kelly about the Life of James Burnham, Roger Kimball on Burnham’s contributions to anticommunism, Michael Kimmage on William F. Buckley and the intellectual origins of ›Populist Conservatism‹, Harvey Klehr and John Earl Haynes Critique on Paul Buhles essays on Communist secret work in the Enclopedia of the American Left, Daeha Ko on the »Rough Beginnings« in the 1920s, Helen Laville on U.S. representations of Soviet women in film, Gerda Lerner on her role in the CPUSA, Andree Levesque on »la culture internationale et l’identitaire communiste au Canada pendant l’entre-deux-guerres«, Timothy McCarthy, Timothy Patrick and John McMillian on the American radical tradition, Erik McDuffie on four black women activists in the American Communist movement during World War II, John McIlroy and Alan Campbell on the »New Revisionism«, and the history of the Communist International and the Communist Party of Great Britain, 1920–1930, on David McKnight and his book on The Conspiratorial Heritage in the communist movement, Marica Mitchell and Thomas Mitchell on the Judith Coplon Story, Joshua Muravchik on the Rise and Fall of Socialism, Dennis Overbye on new details emerging from the Einstein files, Ronald Radosh about Left-Wing Culture and Patriotism, Esteron Reiter on the »Secular Yiddishhait« in left politics, culture and community, Jason Roberts on new evidence in the Alger Hiss Case, Rachel Scharfman on the »The Race- and Gender- Conscious Socialism of Hubert Harrison and Crystal Eastman, 1901–1920«, Bernice Schrank on the Rosenbergs after Venona, Stephen Schwartz on »Communists and Islamic Extremists – Then and Now«, and also on the resurrection of the Novels of Victor Serge, Edward Shapiro in an essay-review of the literature on »The Failure of American Socialism« and Alan Wald on the Strange Communists from the Literary Left. Contact: Historians of American Communism: Membership/subscription is $25.00 (individuals) and $29.00 (libraries) plus $5.00 for foreign service. Includes subscription to American Communist History, a biannual journal as well as this Newsletter. Send subscriptions to the General Secretary, Dan Leab, HOAC, PO Box 1216, Washington, CT 06793. This Newsletter allows students of American communism, anticommunism, and related topics to share information. Readers are urged to send items of interest, research in progress, queries, and archival notes to: John Earl Haynes, 10041 Frederick AV, Kensington, MD 20895-3402; e-mail: johnearlhaynes@comcast.net Section VIII Links-Links-Links. Interesting websites Osteuropa-Netzwerk, Deutschland http://www.osteuropa-netzwerk.de/ Das Osteuropa-Netzwerk will einen integrierten Zugang zu Datenbanken, Mailinglisten, Veranstaltungen und Sammlungen von Internetquellen (»Linksammlungen«) bieten, die im deutschsprachigen Raum zur Unterstützung der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Kooperation mit Osteuropa erstellt wurden. In der startpage heißt es: »Die in den Sammlungen von Internetquellen präsentierten Hinweise auf Linksammlungen sind nach Ländern/Regionen und darin nach Informationsarten strukturiert und führen Sie in die Angebote der Netzwerkteilnehmer. Somit können Sie gezielt die Linksammlung ansteuern, die für Ihr Interessengebiet und Frageprofil relevante weiterführende Links zu und in Osteuropa auflistet. Netzwerkteilnehmer sind die Abteilung für Südosteuropäische Geschichte der Universiät Graz, baltic consult, Neufeld Wirtschaftsnachrichtendienste, Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde e.V. (DGO), Berlin, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), Frankfurt am Main, Deutsch-Russischer Austausch e.V. (DRA), Berlin, Deutsch-Russisches Forum e.V., Berlin, e-politik.de, München, Netz-Kommunikator für Politik, Gesellschaft, Politikwissenschaft, GESISAußenstelle, Berlin, Außenstelle der Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen e.V., Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Leipzig, Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO), Halle, internationale-kooperation.de, Bonn (im Auftrag des Bundesministerium für Bildung und Forschung – BMBF), Information Service Accession States, EUQuerschnittskontaktstelle des BMBF (ISA), Bonn, Das Netzwerk für Junge Osteuropa Experten »JOE-List«, Bonn, Osteuropa-Abteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, Osteuropa-Institut, Berlin. Freie Universität Berlin, Ost-West-Institut, Universität Koblenz, Ost-WestWissenschaftszentrum (OWWZ), Universität Kassel, Südosteuropa-Gesellschaft e.V. (SOG), München, Brücke/Most-Stiftung zur Förderung der deutsch-tschechischen Verständigung und Zusammenarbeit (tschechien-portal | nemecko-portal.info, Dresden), Professur für Politikwissenschaft, insbesondere auswärtige und internationale Politik osteuropäischer Staaten, Universität der Bundeswehr, Hamburg. Über die im Pool vertretenen Organisationen und Gremien werden Informationszugänge zu Datenbanken zu Osteuropa, Linksammlungen nach Ländern / Regionen, Mailinglisten zu Osteuropa und Veranstaltungen in / zu Osteuropa geboten. International Contact Group Research in Former Soviet Archives on Issues of Historical Political Economy. http://www.soviet-archives-research.co.uk/ Secretary: Mark Harrison By maintaining this site the International Contact Group aims to promote academic research in the archives of the former Soviet Union, especially by younger scholars, on issues of historical political economy including topics in economic history, economic and political institutions, and decision-making of all kinds, and also research on comparative and international lines. In conjunction with the University of Warwick’s Department of Economics, the International Contact Group disseminates new research through the PERSA Working Papers. The website contains: • Archive Guides (Part 1, Moscow): M. J. Berry and M.J. Ilic, Using the Russian Archives: an Informal Practical guide for Beginners Based on Users’ Experience. British Academic Committee for Collaboration with Russian Archives, in association with the Centre for Russian and East European Studies, University of Birmingham, first published July 1999, revised for electronic publication in December 2002. • Archive Links: Other Web-based information on Russian Archives. • History Links: Links to other Russian History Sites. • Meetings: Forthcoming and recent meetings notified to the Contact Group. • PERSA Papers: Political Economy Research in Soviet Archives Working Paper Series. • Publications by Members of the Contact Group. • Research: Current projects by members of the Contact Group. Communist History Network Newsletter (CHNN), University of Manchester – http://les1.man.ac.uk/chnn/ The on-line edition of the Communist History Network Newsletter (CHNN) is a twice-yearly publication concerned with all aspects of current historical research into the life and work of communists and communist parties across the world. The CHNN serves both as a means of contact between researchers active in this area and a forum for sharing the results of new research. The Newsletter includes reports on conferences, recently completed theses and ‘work in progress’, details on new archival findings and other sources, and reviews of new publications in the field. The CHNN is made available in three formats: on-line, as a paper document and via e-mail. Contents, Issue 13, Autumn 2002: Editors’ introduction. Announcements: The CPGB and Bengali Immigrants. Communist Studies on-line. Pathé Digital News Archive. Seminar Summaries: Comintern Colonial Politics, John Callaghan. Bolshevizing Communist Parties – the Algerian and South African experiences, Allison Drew. The Comintern and the Hidden History of Indian Communism, Sobhanlal Datta Gupta. Research notes: A note on James Barke, John Manson. Features: Schizophrenia at Sachsenhausen, Archie Potts. The Comintern and the Indian Revolutionaries in Russia in the 1920s, Sobhanlal Datta Gupta. Reviews: British Communist Biography and Autobiography, Gidon Cohen. Stephen Woodhams, History in the Making, reviewed by Antony Howe. Matthew Worley Class Against Class, reviewed by Willie Thompson. Section IX Miscellaneous Echanges Maison des Sciences de l’homme, Paris – Académie des sciences de la Russie Les chercheurs français souhaitant se rendre en Russie pour y mener des projets de coopération scientifique avec des chercheurs de l’Académie des sciences de Russie peuvent solliciter le soutien de la Maison des Sciences de l’Homme de Paris. Dans le cadre de son programme d’échanges scientifiques avec l’Académie des Sciences de Russie, la MSH peut obtenir la prise en charge de leurs frais de séjour à Moscou (logement et versement de per diem). Cette aide peut être demandée par tous les chercheurs en sciences sociales, quel que soit leur rattachement institutionnel. Contact: Pour toute information, contacter Sonia Colpart : colpart@msh-paris.fr ou 0149-54-22-99. Source: Centre franco-russe en sciences sociales et humaines, Moscou Email : obsmoscou@yahoo.fr Forschungs- und Fördermöglichkeiten der EU für junge Wissenschaftler. Eine Zusammenstellung des EU-Büros Weser-Ems der Universität Oldenburg Die Europäische Kommission vergibt Stipendien an Nachwuchswissenschaftler sowie unter bestimmten Bedingungen auch an erfahrene Forscher, die ein Forschungsprojekt im Ausland durchführen möchten. Ziel dieser Maßnahme ist die Mobilität von Wissenschaftlern in Europa einerseits und deren Ausbildung durch Forschung andererseits. Es stehen folgende Fördermöglichkeiten zur Verfügung. Fördermöglichkeiten innerhalb des 5. Forschungsrahmenprogrammes: 1.   Marie Curie Forschungsstipendien - IHP 2.   Japan-Stipendien - INCO 3.   Stipendien für Nachwuchswissenschaftler aus Entwicklungs- und Schwellenländern - INCO Sonstige Fördermöglichkeiten: 4.   Zusammenarbeit mit Mittel- und Osteuropa - Tempus/Phare 5.   Forschungsstipendien für Wissenschaftler aus den neuen unabhängigen Staaten derfrüheren Sowjetunion - INTAS 6.   Hochschulkooperationsprogramm mit Lateinamerika - Alfa II 7.   Hochschulkooperationsprogramm mit China 8.   Mobilitätsförderung für Doktoranden - Sokrates/Erasmus 9.   Mobilitätsförderung von Graduierten - Leonardo da Vinci 10.Forschungspreise der EU 11.Weitere Fördermöglichkeiten Portal: http://www.eu-buero.uni-oldenburg.de/frp-jungewissensch.shtml [1] INCOMKA – International Committee for the Computerization of the Comintern Archives [2] Including 3 special Comintern Institutions. [3] From Cyrillic Russian to Latin Alphabet English. [4] Of these 167 persons, 32 are U.S. Library of Congress staff and 134 are not, 70 are resident in the USA (including LoC staff) and 97 are resident outside the USA, with a total of 54 countries represented. [5] Translated in English by Albin Pontet. This article was first published in: Cahiers d’histoire, Revue d’histoire critique, n°86 (2002) [Cahiers d’histoire, 64 boulevard Blanqui, 75013 Paris, France]. This contribution is the result of a collective reflection with Pascal Carreau (responsible of the PCF archives), Catherine Bensadek (librarian), Lucie Fougeron (responsible of the posters database), Rosine Fry (University of Bourgogne), Cécile Jacquet and Tania Régin (who participated in the elaboration of the database) and Serge Wolikow (Professor of History at the University of Bourgogne, UMR CNRS 5605). I sincerely thank Albin Pontet and also Amelie and Simon Wade. 6 http://www.internatif.org/EspMarx/BMP/IML%20WORD/Annees.htm [consulted the 14/ 02/2002]. [6] Kratkij putevoditel': fondy i kollekcii, sobrannye Central'nym partijnym archivom / [Sost.: Amiantov, Ju. N. ...]; Gos. Archivnaja Sluzba Rossijskoj Federacii, Rossijksij Centr Chraneneija i Izucenija Dokumentov Novejsej Istorii, Moskva, Izd. "Blagovest", (1993), XIII + 200 pp. (Spravocno-informacionnye materialy k dokumental'nym fondam RCChIDNI. 1), p. 102. To have a complete view concerning the PCF see also. RGASPI 517/1, André Marty (517/2, 61 files); Maurice Thorez (517/3, 34 files) and documents about World War II (517/4, 16 files). http://www.iisg.nl/~abb/abb_b12.html [consulted the 14/02/2002]. [7] Haupt, Georges: L’historien et le mouvement social, Paris, Maspero, 1980, p.18. [8] X FIEALC – Congreso Mundial de Latinoamericanistas y Caribólogos, Moscow, June 25–29 2001) [9] Many years ago, one of the authors of this review (Lazar Kheyfetz) was quite surprised by the «unlimited fantasies« of R. Salazar describing in his book the activity of a mysterious Russian agent in Mexico named «Natasha Michaelova« in 1920 (!); this fact led L. Kheyfetz to doubt about some other parts of Salazar’s study. And only after some years had passed, after reading the memoirs written by Manuel Gomez (Charles Phillips) and thanks to a scrupulous research of the Comintern archive documents which contain information about Gomez’ wife, Natalia Michailova, [10] During a long time many historians were referring to E. Ravines’ memoirs «The Yennan way« (which are not absolutely reliable); this book was practically an exclusive source for description of the mechanism of functioning of the Comintern’s supreme bodies in Moscow and of the South American Secretariat of the ECCI in Buenos Aires and Montevideo. [11] Among the most fruitful studies of the Latin American Communism made by the Soviet Marxists we should name first of all the works by A. Zorina, V. Ermolaev, S. Semenov, B. Koval and A. Shulgovsky that were published during the 1940s – 1980s. [12] An exception is the collection of documents of the Communist Party «Libro Rojo« published by the Venezuelan government already in the 1930s, yet it should be noted that the originally planned goal of «disclosure of subversive communist activity« and marked tendentiousness in selection of materials decrease seriously the scientific significance of the book. [13] The first attempt to organize such a conference was made thanks to the initiative of some Russian scholars who convoked a «Round Table« in the journals »Latinskaya Amerika« and »Clio«. Not only Russians reports but also some western researchers like B. Carr, E. Ching, D. Spencer and A. Saborit made public the results of their studies; unfortunately, many of them could only send the texts of the reports by mail. [14] Unfortunately not all the scientists studying the history of Comintern and its national sections and willing to take part in the Congress had the opportunity to come to Moscow (we didn’t see Barry Carr /Australia/, Jussi Pakkasvirta /Finland/, Jean Ortiz /France/, Rina Ortiz, Antonio Saborit, Enrique Arriola Woog, Ricardo Melgar Bao /Mexico/, Gary Tennant /Ireland/, Elisabeth Burgos /Venezuela/, Christine Hatzky (Germany). We don’t give up the hope that the next meeting will be more representative. [15] From July to October 1916 Middle Asia and Kasachstan was the site for revolutionary and nationalist upraisings against Tsarism [16] RGASPI (Russian State Archive of Social and Political History), Moscow, fond 5, inventory 1, file 2920, sheet 50-53-back-56. [17] Ibid, sh. 26a-back-28, 29-49, 57-109; fond 17, inv. 84, file 88, sh. 1-6; file 89, sh. 1-10; file 90, sh. 1-102; fond 589, inv. 3, file 15599, vol. 4, sh. 131; T. R. Ryskulov: [Collected Works in Three Volumes], Almaty, 1997-1998, p. 182-187, 411-412; Vladimir Ilyich Lenin: [Biographical Chronic. [18] -1924], Vol. 8, 1977, p. 575, 589. [19] V. I. Lenin: [Complete Works], vol. 41, p. 435. [20] RGASPI, fond 5, inv. 3, file 3, sh. 14-15, 21-26; fond 489, inv.1, file 14, sh. 89-100. [21] Ibid, fond 589, inv. 3, file 15599, vol. 3, sh. 65; vol. 4, sh. 132-134. [22] Ibid, fond 79, inv. 1, file 160, sh. 1-1 back; S. Beisembaev, S. Kulbaev: Turar Ryskulov, AlmaAta, 1974, p. 21. See also about T. Ryskulov: V. M. Ustinov: [Service to the People], Alma-Ata, 1984; id.: [The Vice-Chairman of the Sovnarkom of the Russian Federation], Alma-Ata, 1988; id. Turar Ryskulov, Almaty, 1996; Sherkhan Murtazaev: [Fiery Arrow], Moscow, 1982; id. [Fiery Arrow. The Novel Trilogy], Alma-Ata, 1988; T. R. Ryskulov: [Selected Works], Alma-Ata, 1984. 23 RGASPI, fond 544, inv. 2, file 9, sh. 12. [23] Ibid, sh. 20. [24] E. D. Stasova: [Memoirs], Moscow, 1969, p. 109 [25] A. I. Mikoian: [On the Way of Struggle], vol. I, Moscow, 1971, p. 586. [26] RGASPI, fond 544, inv. 2, file 4, sh. 15; fond 61, inv. 1, file 10, sh. 7. [27] [Bolshevist Leaders. Correspondence 1912-1927. Collected Documents], Moscow, 1996, p. 252. 29 Ibid, p. 255-256. [28] [Twelfth Congress of the RCP (B), April 17-25, 1923. Shorthand report], Moscow 1968, p. 510515. [29] RGASPI, fond 495, inv. 18, file 228, sh. 148. See also: G. M. Adibekov, E. N. Shakhnazarova, K. K. Shirinia: [The Comintern's Organizational Structure. 1919-1943], Moscow, 1997, p. 72-74. 32 RGASPI, fond 17, inv. 9, file 1946, sh. 222 back; fond 495, inv. 65a, file 11021, sh. 6; fond 589, inv. 3, file 15599, vol. 4, sh. 214. [30] Ibid, inv. 152, file 24, sh. 30. [31] Ibid, file 31, sh. 9-11, 20; file 33, sh. 1-69; file 37, sh. 19 [32] . Ibid, file 31, sh. 8, 24, 43-44, 48, 58-61, 66, 130-138; file 32, sh. 1-8, 180, 248-264, 269-272; file 33, sh. 70-116, 129-222; file 34, sh. 28-29; file 39, sh. 1, 7-35, 52-back-53. [33] . Ibid, file 33, sh.139-141, 203-204. [34] . Ibid, file 31, sh. 26-30. 38 . Ibid, file 37, sh. 43-44. [35] S. K. Roshchin: [A Political History of Mongolia 1921-1940], Moscow, 1999, p. 128. See also: [The Role and Importance of the Help of the International Communist Movement in the Formation and Development of the MPRP], Moscow-Ulhan-Bator, 1978, p. 143, 146, 155; [Elbek- [36] Apolônio de Carvalho: Vale a pena sonhar, Rio de Janeiro, Rocco, 1997. [37] José Nilo Tavares e.a.: Novembro de 1935. Meio século depois, Petr´polis, Vozes, 1985, 145161. [38] A Luta de classe, Rio de Janeiro, 33, november 1936. [39] A Luta de Classe, Rio de Janeiro, no. 33, november 1936. [40] Arquivo Edgar Leuenroth, UNICAMP, microfilm received by RCCHIDNI, Moscow. 48 The May-events in Barcelona , the armed uprising of the pro-communist against the mainly anarcho-syndicalist and »poumist« forces were described by George Orwell in his eyewitnessaccount: My Catalunya www 49 DEOPS-SP, no. 1698 and 509 www. [41] Folha de São Paulo, 13.7.1988, 18. [42] Arquivo Edgar Leuenroth, UNICAMP Microfilm received by RCCHIDNI, Moscow. [43] Cosrow Chaqueri, Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris. E-mail: shakeri@ehess.fr [44] See Russia and the West in Iran, Ithaca, NY, 1948, p. 224; for a detailed rebuff, see C. Chaqueri, vol. 4, Introduction. [45] Rad: »Dar jostojou-ye Arabali«, Negah-e no, no 8, 2002. [46] For details, see C. Chaqueri, »Sultanzade: The Forgotten Revolutionary Theoretician of Iran: A Biographical Sketch,« Iranian Studies, 2-3 (1984); for Sultanzade’s works see Historical Documents: The Workers, Social Democratic, and Communist Movement in Iran, ed. C. Chaqueri (Florence and Tehran, 1969-1994), vols. 4, 8, 20; Le Mouvement Communiste en Iran (Florence, 1979) and Sultanzade, The Forgotten Theoretician (Life and Works), ed. C. Chaqueri (Paris, 1985). [47] For the Jangali revolutionary movement in Iran, see C. Chaqueri, The Soviet Socialist Republic of Iran. Birth of the Trauma, Pittsburgh University Press, Pittsburgh, 1995. [48] Based on the questionnaire (»Anket«) filled out in 1936 and his »Avtobigrafia« written in the same year for the Comintern in RGASPI (Russian State Archive for Social and Political History, Moscow ), 495/217/387. [49] The Comintern operative in Iran Shoureshian claims that he had two other pseudonyms, namely, Arabali and Mohammad-Ali. Farzanheh, Parvandeh, p. 160. These two are not mentioned by him in his Comintern files! [50] Based on his autobiography written for the archives of the Comintern cadres, RGASPI, 495/217/199, pp. 59-61; ibid. 494/1/495, pp. 219ff.; Kambaksh Secret Report to the NKVD and the Comintern, RGASPI, 495/74/194. [51] In his biographical note on Kambakhsh written for the archives of the Comintern cadres, Kamran states that he had been recruited in Qazvin into the ICP by Kambakhsh in the first place. Kamran (Aslani), »A. Kambakhsh,« RGASPI, 495/217/4, p. 133. [52] For the ICP accounts of the strike, see Paykar (no. 9, 1931, and Nahzat (no. 1, 1932), repr. in Chaqueri, Historical Documents XXII and VI, respectively. [53] The NKVD Report to Dimitrov puts his year of finishing the KUTV as 1933. [54] Report to Dimitrov by I. Kozlov, RGASPI, 495/74/192. [55] RGASPI, 495/74/192. [56] Kambaksh Secret Report to the NKVD and the Comintern, RGASPI, 495/74/194, p. 34. [57] Siehe zur neueren biographischen Forschung über den betreffenden Personenkreis: Karin Hartewig: Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR, KölnWeimar- Wien, Böhlau, 2000; Mario Keßler: Exilerfahrung in Wissenschaft und Politik. Remigrierte Historiker in der frühen DDR, Köln-Weimar-Wien, Böhlau, 2001. [58] Gegen Vergessen. Für Demokratie 34-35, Dezember 2002. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. [59] Gesendet am 25.3.2002. Deutschlandradio. Politische Literatur. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. [60] George Eliasberg: Der Ruhrkrieg von 1920. Bonn 1974. [61] Etwa in Bd. 2 der „Quellen zur Geschichte der Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert“, Köln 1985, bearbeitet von Michael Ruck.

JHK 2003

Editorial

Vor zehn Jahren erschien der erste Band des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung. Die zeithistorische Auseinandersetzung mit dem Kommunismus prägte die Publikationen in dieser Zeitspanne. Die Autoren setzten sich dabei mit der Forschung zu vielen verschiedenen Themengebieten auseinander, präsentierten neue Ergebnisse oder rezensierten aktuelle Veröffentlichungen. Dabei rückten die Auswertungen der Archive in den ehemaligen Staaten des Ostblocks immer mehr in den Blick der Forscher. Immer noch werden Aufzeichnungen gefunden, die die zeithistorische Wissenschaft bei der detaillierten Erforschung der Geschichte voranbringen. Das Jahrbuch berichtet auch weiterhin in seiner bewährten Struktur über den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand. Der International Newsletter of Communist Studies (INCS) informiert darüber hinaus über Neuerscheinungen, Archivberichte, laufende Projekte und Tagungen zur internationalen Kommunismusforschung. Das Jahrbuch 2003 hat sich in dieser Tradition zwei Schwerpunkte gesetzt. Zum einen jährt sich zum fünfzigsten Mal der Todestag Josef Stalins. Seiner Person und Politik, die in hohem Maße die Weltordnung in den letzten Jahrzehnten beeinflußt haben, ist daher ein großer Teil dieser Ausgabe gewidmet. Einer allgemeinen Einschätzung seiner Herrschaft von Norman Naimark folgen Beiträge von Moshe Lewin, Helmut Fleischer und Hans-Dieter Döpmann, die einen Einblick in die Bereiche Personenkult, Philosophie und Kirche während und nach der stalinistischen Ära geben. Den zweiten Schwerpunkt bildet der ebenfalls fünfzigste Jahrestag des Aufstandes vom 17. Juni 1953. Anhand einer Dokumentation von Horst Dähn wird der Ablauf in der Stadt Magdeburg aufgearbeitet. Es folgen Biographien von Fanny Jezierska (Ottokar Luban) und Werner Kowalski (Dietmar Simon). Fridrikh Firsov und Avgust Lešnik stellen ihre Forschungsberichte vor. Im Forum setzt sich der Historiker Werner Müller mit der deutschen Historiographie zur DDR auseinander, die auch nach 1999 noch von »zweierlei Geschichtsschreibung« zeugt. Sammelrezensionen zur neuesten deutschen Literatur über Stalin und den Stalinismus liegen von Matthias Uhl und Hermann Weber vor. Zum Abschluß möchte die Redaktion auf ihre Präsentation des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung (JHK) und des International Newsletter of Communist Studies (INCS) unter der Adresse http://www.mzes.unimannheim.de/projekte/JHK-news/ hinweisen. Hier finden sich ein aktueller Überblick über die dortigen Publikationen seit der Erstausgabe im Jahr 1993, nützliche Adressen zur Subskription und zur Bestellung von einzelnen Artikeln sowie internationale Links im Internet. Seit neuestem kann auf der Homepage ebenfalls eine Online-Ausgabe des International Newsletter gelesen werden. Mannheim, im Februar 2003                                             Die Herausgeber Hinweis zur Transkription Die Transkription der im Jahrbuch zitierten russischsprachigen Literatur sowie anderer osteuropäischer Sprachen liegt ebenso in der Verantwortung der Autoren wie die Schreibweise der Orts- und Personennamen. Sie insgesamt zu vereinheitlichen, würde für Herausgeber und Redaktion einen nicht vertretbaren Zeitaufwand erfordern.

JHK 2003

The evolution of Stalin’s postwar perception of external threat

Nataliya I. Yegorova

One of the distinctive features of the »new history« of the Cold War, which is being written by the international community of scholars on the basis of new archival documents, is a tendency to pay more attention to the role of »perceptions« and »misperceptions« of the Western and Soviet political leaders in the origins and escalation of the postwar global confrontation.[1] From this perspective it seems rather interesting to analyze documents of Stalin’s personal archive. Despite the fact that a considerable part of these documents are still not available to researchers, they could define more precisely our notions about Joseph Stalin’s anxiety over the foreign policy of the United States and West European countries, which put its imprint on Soviet diplomatic methods and tactics in the first years of the Cold War. It is common knowledge that Stalin’s distrust of the motives of Western powers’ behavior persevered even in the years of the Grand Alliance, to say nothing of the postwar period. Among a multitude of threats that existed in the Kremlin master’s perceptions of the outside world during the postwar years the »German threat« and particularly the »threat of war« dominated. However, during the first three years after the end of the Second World War, when a degree of confrontation between the USSR and the Western countries was at the stage of a »cold peace« and did not acquire the scale of the Cold War utterance of Stalin concerning the external threat during his meetings with American, British and other foreign statesmen and politicians were much more restrained than the official Soviet propaganda. Churchill’s speech in Fulton, on the 5th of March, 1946, contributed to a heightening of Stalin’s suspicions about the aggressive intentions of the former allies. Besides, an interview to a correspondent of the Communist Party’s Central Committee newspaper »Pravda«, in which Stalin estimated Churchill’s statements as a »directive to war, appeal for war«[2], the head of the Soviet government decided to express his opinion once more on the 4th of April, 1946, in his conversation with the new American Ambassador, General W. Smith. The American diplomat emphasized that President H. Truman and he himself understood very well the desire of the Soviet Union to ensure its security after such a bloody war, but that they were very disturbed by the Soviet’s methods for achieving this aim (military pressure on the Iranian government, territorial claims to Turkey, Far Eastern policy), and in this connection Smith asked Stalin: why was the Soviet Union so troubled by »the possibility of aggression against it?« Stalin, making reference to a historical precedent of the anti-Soviet intervention of 1918, answered that »the reason for this are Churchill and his friends, their statements against the USSR«.[3] Nevertheless, warning the USA against blocking with Great Britain on an anti-Soviet basis, Stalin underlined that the emerging disagreements between the Soviet Union and the United States »were not frightening for him because ›if mutual desire exists‹ they could be settled«.[4] A quotation from another of Stalin’s conversations from 1946 illustrates quite well his desire to continue co-operation with the Western allies. On the 23rd of July he received the General Secretary of the United Nations Trygve Lie and they discussed the Iranian question and the attitude of the UN Security Council as well as the possibility of abusing the right of veto by Great Powers. Stalin did not exclude a situation where the United States and Great Britain would use this right of veto against the Soviet Union, but he spared no effort to persuade his counterpart that protracted co-operation could not be without frictions between the partners. As if to himself Stalin said that »he, Cde. Stalin, doesn’t fear neither contradictions, nor conflicts. He, Cde. Stalin, isn’t afraid of American propaganda. It is necessary to proceed from the fact that contradictions will appear inevitably. As for the propaganda against the Soviet Union, speaking between you and me,« said the Kremlin’s master »it causes the Soviet Union not only harm but benefits as well«.[5] It is not quite clear what Stalin meant when he spoke about benefits, perhaps he used the hostile propaganda as a pretext for the postwar consolidation of Soviet society. In any case the position of Stalin was rather realistic and the manner of his talk was very friendly and outspoken in contrast to the next conversation with Lie, which took place in May 1950, when the Cold War as a threat to peace became the subject of discussion. Thus, at the beginning of 1946, Stalin estimated the »threat« to the national security of the USSR, coming from the Western countries, as a possible one but more a potential one. However, in his conversation with Ambassador Smith, Stalin motivated Soviet activity in the Middle East, in Eastern Europe and the Balkans by a reference to the permanent »German threat«. »It is necessary to have in mind,« the Soviet leader said, »that Germany has not abandoned its claims, that it, as well as Japan, will again raise to its feet despite any hard conditions which the allies will impose on it. We need to be ready for this, the Soviet Union doesn’t want to be caught off guard«.[6] To a certain degree it was the »syndrome of the 22 June, 1941« but apart from the real fear of the Soviet leader, the »German threat« was one of the principal elements in Stalin’s scheme of ensuring post-war Soviet security based on a system of bilateral treaties with eastern European countries and between them, aimed at preventing an invasion of hostile states. The idea of preventing the »German threat« played a very important role in motivating the necessity of these treaties. As it was stressed in one Russian article, devoted to the Soviet factor in post-war Eastern Europe, actions by Western powers aimed at the revival of Germany »produced a negative effect, no matter whether such a threat was real or just a political-psychological phantom«.[7]One more remark, Stalin’s later attitude towards the »German threat« shows that, as relations between the former allies became more and more strained, he began to perceive and interpret it not as a threat by itself but in a linkage with the Western bloc’s policy and American expansionist intentions in Europe. The changes in Stalin’s interpretation of the external »threat« found their reflection during the process of preparation of East European bilateral treaties. According to the published Diary of G. Dimitrov (who, after the dissolution of the Comintern in 1943, was the head of the Foreign Policy Department of the Central Committee of the Soviet Communist Party in 1944–1945 and then headed the government of Bulgaria) on the 16th of October, 1947, the Kremlin gave him a new directive concerning the conclusion of treaties between Czechoslovakia, Bulgaria, Rumania, Hungary and Albania (and only after that between these countries and the Soviet Union). In comparison with the conclusion of previous treaties, the current situation had changed: »Now mutual assistance is needed against any kind of aggression, not only German«.[8] The new Soviet formula of mutual obligations of the signatories in case of any aggression were included in all bilateral treaties between »small countries« signed in November 1947 until January 1948. But at the beginning of February 1948 the Soviet government decided to return the previous formula for aggressor to the forthcoming treaties: »Germany or its allies«.[9] In the light of explanations, which I. Stalin and V. Molotov gave to the Bulgarian and Yugoslav communist leaders during their meeting at the Kremlin on th 10th of February, 1948, (because of serious disagreements between Moscow and its closest allies in the socialist camp), the return to the previous formula for treaties between eastern European countries and between them and the Soviet Union becomes more clear. As Stalin looked at Western intentions towards the Soviet Union through the lenses of fear and suspicion, apprehensions that the potential »enemy« might be provoked to establish a military-political bloc of its own was not at the last place.[10] The documents from Stalin’s archive confirmed the historians’ supposition that the Berlin crisis of 1948–1949 was, to a considerable degree, provoked by the desire of the Soviet leader and his collaborators to force the USA, Britain and France to refrain from the realization of the decision of the London conference in 1948, concerning the formation of a separate West German state. In the thinking of the Soviet leaders the prospect of integration of an independent West Germany into the Western bloc considerably strengthened the »German threat«. As Stalin admitted in his conversation with three high ranking Western diplomats during their meeting at the Kremlin on the 2nd of August, 1948, one of the main reasons for Soviet »defensive measures« in Berlin on transport restrictions was not only the introduction of a special currency for the city, but the decisions of the London conference about »the division of Germany into two states«. In Stalin’s view it was necessary to suspend (or even cancel) the implementation of these documents until the meeting of the four powers and achieving an agreement on the unification of Germany. In contrast to the Western diplomats’ opinion, the Soviet leader considered that the formation of the West German state would become a hard obstacle on the way to the settlement of the German question. »If they do it«, noted Stalin, »what could we talk about then? But maybe it is even better that one Western zone came into being instead of three zones«[11] (in other words like one Eastern zone). Since the establishment of the Atlantic Alliance, the announcement of the »Shuman Plan« and the »Pleven Plan« (1950), and particularly after decisions on the remilitarization of West Germany and the involvement of the Federal Republic of Germany (FRG) in the European Army had been taken by the New York session (September 1950) and in subsequent meetings of foreign ministers of the USA, Great Britain and France, the »German threat« became closely associated in Soviet leaders’ mentality with the hostile policy of the North Atlantic bloc and its preparations for a new war. The new Soviet approach is well illustrated by the episode of the Ministry of Foreign Affairs’ (MFA) work on the Soviet note to France (as the initiator of the »Shuman Plan«). But during a long period of its preparation, which lasted since April till September 1951 – and Stalin was regularly informed on the drafts – , such events as failure of the preliminary meeting of deputy foreign ministers in Paris (March – June 1951), the beginning of negotiations on the European Army and others had already taken place and the note was transformed to a protest against both the »Shuman« and the »Pleven« Plans. In the final version of the draft (7. September), a large part concerning NATO, its aggressive aims and preparation for a new war appeared for the first time. At the end of this part of the text it was said that the main task of the U.S. government, which along with Great Britain dominated in NATO, was »to include the regular German Army, now being restored in West Germany, into the armed forces of the North Atlantic bloc«. And particularly from this perspective the »Shuman Plan« was estimated as »aimed at the revival of West German military industry« and in this capacity »as a direct supplement to the »Pleven Plan«, opening the venue for the restoration of German militarism«.[12] On 10 September 1951 the Politburo approved this draft with some editorial corrections and next day it was sent to the French government. Thus in the 1950s the »German threat« was interpreted in Soviet official estimates in close connection with NATO’s threat, and both of them with the danger of a future world war. A »threat of war« was an integral component of Stalin’s perception of Western behavior after the victory over Hitlerite Germany, because, in accordance with Marxism-Leninism dogmas, war was immanent to imperialism as an instrument of its expansionist policy. The thesis about a fatal necessity of war was supplemented in Soviet leaders’ official statements by another one that in a future war, unleashed by imperialism, capitalism would be defeated and socialism will win in the whole world. It was articulated in G. Malenkov’s speech on 6. November 1949 and when he dared to change this thesis by a realistic utterance of 12. March 1954 that a »new world war due to modern weapons means a ruin of civilization«[13] the Soviet leadership blamed him for this theoretical mistake, especially at the CPSU CC Plenum of January 1955. Molotov, formulating a »correct« (since Lenin’s and Stalin’s time) position on this question, said that the Party theory and its political work »directed to transform the third world war into a civil war of the working class against bourgeoisie, for the overthrow of capitalism«.[14] Nevertheless, in 1945 Stalin considered that it was possible to avoid a new war for another 10 to 15 years.[15] Rather eloquent evidence concerning Stalin’s informal views on the issue of war in the postwar years can be found in his conversation with Leo Krizhitskii, chairman of the All Slavic Congress in the USA. During their meeting in the Kremlin on the 3rd of January, 1946, Krizhitskii raised the question of the congress resolution by Z. Okoinskii (an American of Polish birth) on a fast withdrawal of American troops from Europe to begin their training for a future war with the USSR. In his reply Stalin said: »If any government of those Great Powers which defeated Germany and Japan would like to wage war against one of its former allies, it would necessarily collapse. It would not be able to inspire its Army to go to war because people are sick of waging war. And the Soviet government couldn’t do it. Such is the soldiers’ mood in those countries, which are Great Allied Powers«. There is one more early evaluation by Stalin of the possibility of war, which looks like a directive to the communist parties. According to Dimitrov’s Diary on the 4th of September, 1946, the Bulgarian leader had a talk with A. A. Zhdanov on international relations in the Central Committee of the CPSU. And the Soviet ideologue and number one person in the Kremlin hierarchy of the period informed him: »Cde. Stalin believes, that a new war in the nearest future is excluded. He is absolutely tranquil about the development of events. If we analyze the present situation and judge its results not in accordance with the form they take but with their essence [put in bold letters by the author. N. E.] it is possible to say that our point of view is the following: everything is all right«. Having set forth Stalin’s position, Zhdanov continued: »The noise made by Anglo-Americans and the threat of a new war are only the blackmail and nothing more. They wish to discredit the Soviet Union in the eyes of their workers. But this is an evidence that our influence in their own countries is powerful enough«.[16] As for British and U.S. policies, Zhdanov also mentioned that the contradictions between these countries had yet to reveal themselves. It should be noted that, despite Stalin’s realistic (if we put ideological wrappers aside) forecast, in Dimitrov’s interpretation, Soviet leaders never lost sight of the possibility of a future war between the capitalist and the socialist systems and strove to use the peaceful respite for a twofold task: to restore and reinforce the USSR’s industrial potential, left damaged from the Second World War (the total economic losses were approximately $893 billions), and to strengthen Soviet military power, including acceleration of the work on the atom bomb, development (since the establishment of the Committee on rocket technology in May 1946) of rocketry and other types of modern armaments. The necessity for a period of peace without war determined Stalin’s aspirations to continue the policy of co-operation with former allies or at any rate to the keep door opened. How he understood this co-operation – this is another question. In his conversation with the representative of the American Republican party H. Stassen on the 9th of April, 1947, Stalin paid great attention to Stassen’s question concerning a possibility of peaceful coexistence between two different economic systems. With reference to Lenin, Stalin said that cooperation between the USSR and the Western countries was possible as well as desirable. But he particularly emphasized the necessity of »a desire« to cooperate. »If one side doesn’t wish to co-operate, it will result in a conflict, in a war«, underlined the Soviet leader.[17] It is worth noting that in this conversation Stalin tried to separate ideology from policy, saying that mutual criticisms of two systems is propaganda, and »he, I. V. Stalin, is not a propagandist, but a businessman »[18]. The Record of Stalin’s conversation with Stassen was published in »Pravda« on the 8th of May and also printed as a separate pamphlet. It is possible to interpret this fact as Stalin’s peculiar signal to the West that the USSR was ready to continue co-operation with its former allies. The political realism inherent to Stalin as a statesman left a certain space for searching for diplomatic compromises on disputed questions until the actions by both sides (the adoption of the »Marshal Plan«, the establishment of the Cominform, consolidation of the Western and Soviet military-political blocs) lead finally to the replacement of the »co-operation-competition« model of the relationship between two systems by the »conflict« model. In the atmosphere of mounting international tension since the end of 1940s, Stalin and the Soviet leadership increased their attention to the modernization of the Soviet Army’s weaponry. But, simultaneously, taking into consideration that the USSR was lagging behind the USA in armaments and particularly in nuclear weapons, as well as the great expense of the program of rearmament, to say nothing about ideological doctrines and propaganda aims, the Soviet Union began (since 1946) to submit various proposals of general armament reduction (conventional and atomic) under international control to the United Nations.[19] It is possible to judge, how much attention Stalin was paying to the question of conventional armament reduction by his heavy editing of MFA’s draft of the »Declaration on the Prevention of a New War and Strengthening of Peace and Security among Peoples«, to be presented by the Soviet delegation at the 5th session of the General Assembly opening in New York on the 19th of September 1950. After the words that the General Assembly expressed its wish that the United States, Great Britain, France, China and the Soviet Union conclude a pact on the strengthening of peace, Stalin added (by pencil): »That these Great Powers would reduce their armed forces (ground troops, military aviation of all arms of the service, Navy) during 1950 by one third of their number in order to submit a question of further reduction of armed forces for discussion at one of the nearest sessions of the General Assembly«.[20] As for the anxiety of the Soviet leaders for the state of national defense as well as the state of the armed forces of the countries of the »people’s democracy«, it was aggravated at the beginning of January 1951 with the formation of the Atlantic Army (45-50 divisions strong at first). The Soviet leadership was also alarmed by the prospect of the establishment of the European Defense Community with the participation of West German divisions. By the time of the outbreak of the Korean war and the transformation of NATO into a genuine military bloc eastern European armies were not developed adequately and the Soviet Union could not catch up with the United States in the numbers of atomic bombs and in some types of weaponry (air force, antiaircraft defense). It is known now (though not from Russian archival documents) that Stalin claimed at his meeting in the Kremlin with general secretaries of the communist parties and ministers of defense of the countries of the »people’s democracy« on the 9th to 12th of January, 1951, that at the end of 1953 NATO would complete its reorganization and by this date eastern European countries should have their own armies formed and equipped. Preparing for a large war with the United States and their allies, Stalin, however, preferred it to begin as late as possible. In an interview to a correspondent of »Pravda«, inspired by the Kremlin and published on the 17th of February, 1951, Stalin gave a rather vague answer to the question whether ro not he considered a new world war unavoidable, he said: »No. At least at present one cannot consider it unavoidable«.[21] Stalin connected the possibility of unleashing a war with the strength of resistance by the world’s peaceful forces to aggressive warriors. Within this context he paid great attention to the further development of the »peace campaign« waged by the Soviet Union. Simultaneously the Kremlin master continued to stake on force. After the first Soviet test of the atom bomb in 1949, which marked an end to American atomic monopoly, in autumn 1951 the USSR carried out a new test of the atomic bomb. This event, spotted by American special equipment, proved a great reaction in the West and gave Stalin the opportunity not only to confirm officially the fact of testing but to set forth the Soviet position towards atomic weapons, deriving political dividends from this. For his claim Stalin chose his favorite style of interview to »Pravda«. It is noteworthy that the Kremlin master wrote the whole text of the interview personally. In his archive there is a hand-written copy of this document with few author’s corrections, except the paragraph about the control on the atomic weapons.[22] In his interview Stalin announced that Soviet »testing of the atomic bombs of various caliber will be continued according to the defense plan of our country against the attack of the Anglo-American aggressive bloc«.[23] But the Soviet leader also emphasized that the Soviet Union »has no intentions to attack the United States or any other country at any time«. Relying on his beliefs about force as an important element of policy, Stalin highly estimated the significance of the liquidation of the US atomic monopoly. In his opinion the fact that the Soviet Union had acquired atomic bombs would make the advocates of using nuclear weapons resort to negotiations on the prohibition of this kind of armaments. The Soviet leader was very interested in the reaction of Western public opinion to his statement. We can judge about this by the marks made by him on the margins of the report from the Council of Ministers Committee on the protection of state secrets in the press about the telegrams sent by foreign correspondents from Moscow. Stalin was very satisfied that his bluff about the availability of different types of atomic weapons in the Soviet arsenal had produced a desirable impression. Besides, he paid great attention to the information that the statement by the Soviet leader could create conditions for new negotiations on the control over atomic weapons.[24] The degree of Stalin’s interest in the adoption of the UN resolution about the prohibition of atomic weapons is revealed from his correspondence with G. Malenkov concerning the Politburo directives to A. Vyshinskii on the discussion of this question at the 6th General Assembly (December 1951). In his letter from the South to Malenkov of the 17th of December Stalin reproached this Politburo member that in the directive to Vyshinskii, adopted by the Central Committee (on the 16th of December), there had not been a single word about the Egyptian draft resolution concerning the »unconditional prohibition of atomic weapons and other types of mass destruction weapons«. »I think,« continued Stalin, »that this is the most expedient proposal in the present situation in the UN. If at this session of the UN we could pass only one proposal about unconditional prohibition of atomic weapons and other types of mass destruction weapons, this will be our major victory at this session of the UN. We can make concessions in all other questions – namely cutting armaments etc., it is not important. The most important now is to succeed with the resolution on absolute prohibition of atomic weapons«. Therefore, Stalin recommended to stimulate the Egyptians by saying that if their resolution would be adopted and sent to the Commission, the Soviet Union will make a compromise on all other issues. He asked Malenkov to impress upon Vyshinskii »how important this idea is«. Further Stalin explained that the difference between the Egyptian resolution and the Soviet approach was that »we demand not only the prohibition of tests of atomic weapons, but their production too«.[25] But he considered that Vyshinskii would be able to prove in the Commission that prohibition of tests meant the prohibition of the production of weapons as well. Stalin was so much obsessed with his idea that the same day he sent another letter to Malenkov concerning the directive to Vyshinskii. Now he was not sure that the United Nation would adopt the Egyptian resolution but, if so, he wished that from the very beginning the resolution of Egypt would include the Soviet formula: »unconditional prohibition of the production and testing of atomic weapons«.[26] It is rather difficult to find out Stalin’s real motives behind this initiative adopted by the Politburo that very day. But taking into account Stalin’s concern over considerable inferiority of the USSR in number of atomic weapons and strategic air force in comparison with the USA (it was well known to the Kremlin from intelligence sources; as well as it might have known about the existence of operation plans for preventive atomic war against the Soviet Union in the USA, let alone General D. MacArthur’s threat to use the atomic bomb in the Korean war) it is possible to suppose that it was in Soviet interest to put any kind of obstacle to increase the production of nuclear weapons. As for Stalin’s official claim about the possibility of a third world war in the last years of his life, he continued to assert that the war between the USA and the USSR was not closer than it had been two or three years ago.[27] However, in the conversation with Chou Enlai, during the Chinese Communist leader’s visit to Moscow in the Summer of 1952, Stalin was more outspoken. Both statesmen agreed that the Korean war had proved that the United States could not wage a large war because they were not able to defeat a small nation like Korea. As Stalin noted then: »all their force is in the air raids, in the atom bomb«.[28] And it seems that this particular factor made Stalin worried about war with the United States. In 1950 the Politburo adopted the directive-70 about the construction of a defense line in the Arctic.[29] Since the beginning of the 1950s, military communications were erected in Chukotka and Kamchatka. These facts (as well as the acceleration of the Soviet scientists’ work on the hydrogen bomb and the first hopeful results achieved in 1952) lead some scholars to suppose that at the end of his life Stalin was prepared to start a war against the USA. One cannot deny the fact that the tone of Stalin’s statements on the policy of Western powers at the end of his life became more aggressive and his desire to emphasize Soviet strength and contempt for adversaries’ »threats« looked like an obsession. Here are just two examples. On the 29th of August, 1952, the Party newspaper »Pravda« published the article on the General Eisenhower’s speech at the National Congress of the American Legion (25th of August). This editorial was inspired by Stalin’s personal directive and at first edited by Molotov, who wrote that the American general »had imitated either Hitler or Goebbels in his attacks on the Soviet Union«.[30] For Stalin this characteristic of the Republican candidate to the U.S. Presidency seemed too laconic and he added a whole paragraph concerning Eisenhower’s utterances. »As for Eisenhower’s threats against the Soviet Union,« wrote the major Editor-in-Chief, »the Soviet people can only laugh at them, as they once laughed at Hitler’s threats. It is said that the policy of threats is a weapon of those who are weak against those who are apprehensive. Well, what can we do with this, let General Eisenhower frighten crows on a kitchen-garden, if he likes the policy of intimidation so much.«[31] The corrections that Stalin made to the draft of a speech by Marshal S. Timoshenko at the Red Square parade of the 7th of November, 1952, reveal, on one hand, his anxiety about the possibility of war and, on the other, his intention to use the opportunity of the Soviet Army parade to warn potential enemies that the Soviet Union was now stronger than never before. Instead of the phrase at the end of the speech that the Soviet Union can withstand all tests Stalin wrote »can reply to the blow of aggressors with a crushing blow«.[32] Nevertheless we can regard this tough language of the Soviet leader as defensive rhetoric rather than evidence of his offensive intentions. Stalin, who considered state power to be the basis of successful international policy and therefore was so preoccupied with the task of masking any signs of USSR economic or military weakness, to a certain extent himself contributed to Western anxiety about the »Soviet threat«. The extent of realpolitic which existed in Stalin’s mentality made him too cautious as a politician to unleash a suicidal war with the United States. So far such a conclusion is based on second hand evidence and the logic of the development of events in the Soviet bloc. As far as more proofs are concerned, there is no other way than to wait until the process of declassification of new Russian archival documents continues. [1] See: Westad, Odd Arne (Ed.): Reviewing the Cold War: Approaches, Interpretations, Theory. London 2000. [2] Pravda, 14. March 1946. [3] The record of Cde. I. V. Stalin’s conversation with the Ambassador of the USA W. Smith, 4 April 1946. Rossiiskii gosudarstvennyii arkhiv sotsial‘noi i polititcheskoi istorii [Russian State Archive of Social and Political History] (hereafter: RGASPI), f. 558 (the personal Archive of I. V. Stalin), op. 11, d. 382, l. 23. [4] Ibid. l. 11. [5] The Record of Cde. I. V. Stalin’s the conversation with the General Secretary of the United Nations Organization Trygve Lie, 23 July 1946. RGASPI, f.558, op. 11, d. 353, ll. 11, 12. [6] The record of Cde. I. V. Stalin’s conversation with the Ambassador of the USA W. Smith, 4 April 1946. RGASPI, f. 558, op. 11, d. 382, l. 19. [7] Murashko, G. P., A. F. Noskova: Soviet Factor in Post-War Eastern Europe (1945–1948), in: Soviet Foreign Policy in the Cold War Years (1945–1985). New Perception (Moscow: Mezhdunarodnye otnoshenia [International Relations], 1995), p. 74. [8] Georgi Dimitrov Diary (9 March 1933 – 6 February 1949). Sofia 1997, pp. 581, 586. [9] Gibianskii, L. Ya., V. C. Volkov: On the Threshold of the First division in the »Socialist Camp«, Istoricheskii Arkhiv [Historical Archive], 1997, #4, p. 118. [10] Ibid. pp. 98, 100, 116. [11] The record of Cde. I. V. Stalin’s conversation with the Ambassador of the USA Smith, the representative of British government Robertson and the French Ambassador Chatinio, 2. August 1948. RGASPI, f. 558, op.11, d. 382, l. 62, 64, 70. [12] A draft of the Soviet government note to the government of France, 6. September 1951. Arkhiv vneshneii politiku Rossiiskoi Federatsii [Archive of Foreign Policy of Russian Federation], f. 07, op. 24, p. 33, d. 388, l. 188. [13] Pravda, 13. March 1954. [14] RGASPI, Collection of documents. [15] At the special meeting in the Kremlin on the 27th of September, 1945, devoted to the tenyear program of Naval development Stalin said that for the next 10-12-15 years actions of the Soviet Navy should be defensive and in this connection he was in favor of submarines and heavy cruisers instead of aircraft-carriers and battleships as the main battle force. Simonov, N. S.: Military-Industrial Complex of the USSR in 1920s–1950s. Moscow 1996, pp. 207–208. [16] Georgi Dimitrov Diary, p. 535. [17] The record of Cde. I. V. Stalin’s conversation with the representative of the USA Republican Party H. Stassen, 9. April 1947. RGASPI, f. 558, op.11, d. 384, l. 4. [18] Ibid. l. 6. [19] Timerbaev, R. M.: Russia and Nuclear Nonproliferation, 1945–1968. Moscow 1999, pp. 56, 57. [20] The draft of the »Declaration on the Prevention of a new war and strengthening of peace and security among peoples«. RGASPI, f. 558, op. 11, d. 211, ll. 45-45 (back side). [21] Pravda, 17. February 1951. [22] RGASPI, f. 558, op. 11, d. 1130, l. 31–35.   [23] Pravda, 6. October 1951. [24] Report № 279a on the telegrams sent by foreign correspondents, 6. October 1951. RGASPI, f. 558, op. 11, d. 1130, ll. 58, 61, 63. [25] I. V. Stalin to G. M. Malenkov, 17. 12. 1951. RGASPI, f. 558, op. 11, d. 762, l. 43. 26. [26] Ibid., l. 55 [27] Pravda, 2. April 1952. [28] Danilov, A.A., A.V. Pyzhikov: Birth of the Superpower. USSR in the First Postwar Years, Moscow 2001, p. 77. [29] Ibid., p. 94. [30] RGASPI, Collection of documents. [31] RGASPI, f. 558, op. 11, d. 205, l. 164. [32] Ibid., l. 170.

JHK 2003

Zwischen politischer Gestaltung und sozialer Komplexität – Überlegungen zur Debatte über die Sozialgeschichte der DDR

Corey Ross

Zwischen politischer Gestaltung und sozialer Komplexität – Überlegungen zur Debatte über die Sozialgeschichte der DDR[1] Angesichts der heutigen Fülle sozialgeschichtlicher Studien über die DDR ist fast unvorstellbar, wie wenig Aufmerksamkeit diesem Forschungsgebiet vor 1989 zuteil wurde. Daß die Sozialgeschichte der DDR vor 1989 keinen Schwerpunkt der wissenschaftlichen Forschung bildete, ist auf zwei Hauptfaktoren zurückzuführen: erstens die damals schwierige Quellenlage und zweitens die politische Legitimierungsfunktion der Zeitgeschichte im geteilten Deutschland. Vor allem in der DDR spielte die zeitgeschichtliche Forschung eine zentrale Rolle bei den Legitimierungs- und Abgrenzungsbemühungen des SED-Regimes, die eine diesem Zweck dienende, eher eng definierte politische Geschichtsschreibung mit Schwerpunkt auf Parteibeschlüssen und heroischen Führungskräften im »besseren Deutschland« begünstigte. Diese historiographische Tendenz spiegelte sich zum Teil auch in der westlichen Forschung, wo die politische Umgestaltung im »anderen Deutschland« oft als Ausdruck des kommunistischen »Totalitarismus« gedeutet wurde und daher in den Vordergrund der wissenschaftlichen Forschung rückte. Doch der Hauptgrund für den Mangel an sozialgeschichtlichen Studien war letztendlich der Mangel an zuverlässigen Quellen – und das für Historiker im Osten wie im Westen, die alle zum größten Teil auf offizielle Informationsquellen angewiesen waren. Nach dem Ende des SED-Regimes und der massiven Ausweitung der Quellengrundlage hat die historische DDR-Forschung Hochkonjunktur, die inzwischen zu einer Vielzahl von neuen sozialgeschichtlichen Studien und zu einem weit differenzierteren und detaillierteren Bild der DDR-Geschichte geführt hat.[2]Dieses zunehmend detaillierte Bild hat aber nicht nur einen deutlichen Kenntnisgewinn, sondern auch einen gewissen begrifflichen Orientierungsverlust zur Folge. Zum einen hat gerade der reißende Strom von empirischen Forschungsergebnissen zum Verlust von allgemeinen Deutungsstrukturen beigetragen. Zum anderen haben sich ältere Deutungsmuster – Totalitarismustheorien wie auch Modernisierungstheorien – vielfach als unzureichend erwiesen, weil erstere die soziale Sphäre weitgehend zum Objekt diktatorischer Steuerung reduzierten und letztere dazu tendierten, die fundamentalen Unterschiede zwischen liberalen und diktatorischen Systemen herunterzuspielen.[3] So steht die sozialgeschichtliche Forschung seit Anfang der 1990er Jahre vor der Aufgabe, die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft in der DDR, zwischen sozialen Entwicklungen und politischem Machtanspruch neu zu konzipieren und entsprechende Forschungsansätze zu entwickeln. Zugespitzt formuliert: inwieweit kann und soll man angesichts der weitreichenden diktatorischen Macht des SED-Staates von einer »DDR-Gesellschaft« sozusagen als Eigengröße – d. h. im Unterschied zum »Politischen« – sprechen? Inwieweit ist es sinnvoll und/oder möglich, eine »Sozialgeschichte« – sowohl im Sinne einer mit sozialen Prozessen befaßten Teildisziplin wie auch im Sinne einer synthetisch ausgerichteten »Gesellschaftsgeschichte« – der DDR zu schreiben? Welche Strukturen stünden dabei im Mittelpunkt, und wie wären sie mit den politischen Strukturen dieses ausgesprochen interventionistischen Regimes in Zusammenhang zu bringen? Die verschiedenen Antworten auf diese Fragen ergeben eine der zentralen wissenschaftlichen Debatten über die DDR seit 1989. Nach einer einleitenden Beschreibung der Schlüsselpositionen in der Debatte um Politik und Gesellschaft in der DDR (I) werden in diesem Beitrag zunächst die Hauptmerkmale der neuen empirischen Forschung knapp geschildert (II) und danach vor diesem Hintergrund die praktische Anwendung und interpretative Überzeugungskraft der verschiedenen begrifflichen und analytischen Ansätze zur Erfassung der DDRSozialgeschichte (III) und der Auflösung des staatssozialistischen Projektes (IV) bewertet. I. Das Primat der Politik? Konkurrierende Ansichten auf Staat und Gesellschaft in der DDR Gleich welchen Maßstab man ansetzt, kommt man zu dem Schluß, daß die soziale Umgestaltung in der SBZ/DDR tiefgreifend und rasch verlief. Es besteht kein Zweifel daran, daß das sozialistische Regime eine fundamentale gesellschaftliche Veränderung im Osten Deutschlands herbeiführte. Klassenstrukturen, Eigentums- und Vermögensverteilung, Bildungszugang, Arbeits- und Familienverhältnissen, Religiosität und Geistesleben – auf all diesen Gebieten vollzog sich eine grundlegende Transformation während der vierzig Jahre des DDRSozialismus. Obwohl westliche Gesellschaften natürlich auch einen großen Wandel in diesem Zeitraum erlebten, griffen die Veränderungen im Osten in der Regel tiefer. Daß sie nicht nur Erscheinungen eines allen Industriegesellschaften gemeinsamen »säkularen« Trends darstellten, zeugt von der sozial gestaltenden Macht des staatssozialistischen Regimes. Interessenvertretung sollte zur exklusiven Angelegenheit der »führenden Partei« werden, die angeblich nach den »objektiven« Interessen der werktätigen Massen regierte, und gleichzeitig sollte die SED auch als Initiator und Vollstrecker einer radikalen sozialen Umgestaltung fungieren. Die Verstaatlichung der Produktionsmittel ab 1946, die Ausbildung einer zentralisierten Planwirtschaft ab 1948, die Kollektivierung der Landwirtschaft von 1952 bis 1960, die politische wie soziale Selektion beim Bildungszugang und Karriereaufstieg, die Unterdrückung aller unabhängigen Organisationen und politischen Parteien – im Prinzip war kein Gesellschaftsbereich vom monopolistischen Machtanspruch der SED ausgenommen. Es gibt also durchaus gute Gründe, gerade die immense Macht des diktatorischen Regimes bei der Umgestaltung der Sozialstrukturen und Kontrolle der Sozialprozesse zu betonen. Kein Wunder, daß in der DDR-Forschung seit dem Ende der 1980er Jahre totalitarismustheoretische Ansätze wieder an Einfluß gewonnen haben. Allerdings ist es viel zu vereinfachend, die DDR aus totalitarismustheoetischer Sicht bloß als eine »politische Gesellschaft« darzustellen, »in der eine weitgehende Identität von privater und öffentlicher Sphäre herrschen und in der es nahezu keine staatsfreien Räume geben sollte«.[4] Nach diesem eher eindimensionalen Bild ließ die totalitäre Herrschaft des »SED-Staates« im Grunde keine Autonomie in Wirtschaft, sozialen Institutionen, Recht oder auch im Alltag zu. Die Politik der herrschenden Partei wurde weitgehend durch eine Mischung von Überwachung und Verführung, Indoktrination und Unterdrückung in die Tat umgesetzt – für eine Sozialgeschichte der DDR also eine recht unergiebige Betrachtungsweise. Weit brauchbarer ist der Ansatz von Sigrid Meuschel, der nicht nur den »SEDStaat«, sondern auch die Entwicklungen und Widersprüche innerhalb der Teilsysteme Wirtschaft, Recht und Kultur in Betracht zieht.[5] Laut Meuschel verlangte die Durchsetzung des Totalitätsanspruches der Partei »die ökonomischen, politischen und sonstigen gesellschaftlichen Ressourcen zu zentralisieren, Klassen und Interessengruppen, Parteien und Assoziationen in ihrer relativen Unabhängigkeit zu zerschlagen und überdies eigenständige Institutionen und Regelungsmechanismen wie Markt und Recht, Öffentlichkeit und Demokratie abzubauen«. Anstelle des von den »Konvergenztheorien« der 1960er und 1970er Jahre diagnostizierten Trends nach zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung fand nach Meuschel »ein machtpolitisch durchgesetzter sozialer Entdifferenzierungsprozeß statt, der die ökonomischen, wissenschaftlichen, rechtlichen oder kulturellen Subsysteme ihrer Eigenständigkeit beraubte, ihre spezifischen Rationalitätskriterien außer Kraft setzte oder politisch-ideologisch überlagerte. Nicht der Staat starb ab im Verlauf der jahrzehntelangen Herrschaft der Partei, es handelte sich vielmehr um einen Prozeß des Absterbens der Gesellschaft.«[6] Mit anderen Worten: das Endergebnis war eine weitgehende »Stillegung« von sozialen Institutionen und eine De-facto-Verschmelzung von Politik, Wirtschaft, Recht, Kunst und Freizeit, aufgrund derer der Staat seine Kontrolle über diese verschiedenen Teilgebiete der »Gesellschaft« konsolidierte.[7] Insofern dieses Argument den omnipräsenten Charakter des Staates betont, deckt es sich zum Teil mit den totalitarismustheoretischen Darstellungen. Beide Ansätze haben die gemeinsame Neigung, nur das formale Herrschaftssystem in den Blick nehmen. Die historische Wirklichkeit wird dadurch weitgehend auf eine enge Politikgeschichte reduziert, in der Partei und Staat als die einzigen wichtigen historischen Akteure vorkommen. Obwohl die Hauptrichtung der SED-Politik – nämlich die Abschaffung von gesellschaftlicher und institutioneller Autonomie – kaum ernsthaft angezweifelt wird, ist aus diesen Gründen die These der »stillgelegten« Gesellschaft auf eine gewisse Skepsis unter Sozialhistorikern gestoßen. So umfassend die Herrschaftsansprüche der SED zweifellos waren, es gibt große Zweifel über den eigentlichen Umfang und die eigentlichen Auswirkungen dieser politischen Kontrollversuche. Überzeugende Antworten auf diese Fragen können sich freilich nicht auf eine Untersuchung von Partei und Staat beschränken, sondern müssen auch die Rolle von sozialen Strukturen, Prozessen und anderen Akteuren bei der Mitgestaltung, Hemmung und/oder Umstellung von politischen Steuerungsversuchen »von oben« in Betracht ziehen. Über diese Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels sind sich die Sozialhistoriker weitgehend einig. Doch innerhalb dieses sehr allgemeinen Konsenses existieren diverse Forschungsansätze und Ansichten hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen politischen und sozialen Faktoren und ihrer »Rangstellung« in der Geschichte der DDR. Zur begrifflichen Fassung von Staat-Gesellschaft-Beziehungen in der DDR hat sich unter vielen Sozialhistorikern die Vorstellung einer »durchherrschten Gesellschaft«[8] durchgesetzt. Wie Jürgen Kocka formuliert hat, steht bei der sozialhistorischen Forschung über die DDR »meist nicht so sehr … die Frage nach der sozialen Basis politischer Prozesse als vielmehr die Frage nach der politischen Basis sozialer Prozesse im Vordergrund«.[9] Diese »ubiquitäre politische Herrschaft« habe »tiefreichende sozialgeschichtliche Konsequenzen« gehabt und »prägte … jene Gesellschaft bis in ihre feinsten Verästelungen hinein«. Demnach war die DDR-Gesellschaft weitgehend ein »künstliches Produkt politischer Herrschaft, von dieser ermöglicht, durchformt und abhängig«.[10] Dagegen räumen andere Historiker sozialen Prozessen mehr Autonomie ein. Ralph Jessen z. B. argumentierte frühzeitig und direkt gegen die Annahme eines »einseitigen Abhängigkeitsverhältnis zwischen Staat und Gesellschaft« und unterstellt »auch in diesem Fall die relative Autonomie der sozialen Dimension«.[11]Obwohl der unbegrenzte Herrschaftsanspruch der Partei zweifellos zu einer weitgehenden strukturellen Entdifferenzierung der DDR-Gesellschaft geführt habe, lasse sich die SED-Politik nicht »auf die Umsetzung eines stringenten Programmes« reduzieren; vielmehr sei sie durch eine Mischung aus ideologischen Zielsetzungen einerseits und systemkonformen Improvisationen anderseits gekennzeichnet gewesen. Ostdeutschland war freilich keine tabula rasa für den Aufbau einer neuen sozialistischen Gesellschaft. »Das Haus wurde gebaut aus den Steinen, die vorhanden waren«[12], zu denen die vielen Kriegsauswirkungen, tradierte industrielle, konfessionelle und professionelle Strukturen, Stadt-LandBeziehungen, schichtspezifische Milieus und vieles mehr gehörten. Zudem zeitigten die sozialen Steuerungsversuche der SED – aufgrund dieser Erbschaft und auch der Widersprüche ihrer eigenen Politik – oft unbeabsichtigte Folgen. Daher soll die realsozialistische Gesellschaft – so Jessen – als eine »hockkomplexe Mischung aus dem ideologiegeleiteten diktatorischen Konstruktionsversuch auf der einen und dem verbleibenden und neu entstehenden Eigengewicht sozialer Strukturen und Prozesse auf der anderen Seite« begriffen werden. Schlicht gesagt, gab es aus dieser Sicht keine »stillgelegte Gesellschaft«.[13] II. Die DDR-Gesellschaft von der »antifaschistischen Umwälzung« zum »Realsozialismus« Diese Vorstellung einer komplexen, vielseitigen Beziehung zwischen diktatorischer Intervention und sozialen Faktoren und Prozessen wird von der neueren sozialhistorischen Forschung im großen und ganzen bestätigt. In der Praxis konnte die sozialistische Transformation in Ostdeutschland keine bloße Einbahnstraße sein, sondern mußte auch zum Teil – allerdings informell, überaus asymmetrisch und oft implizit – »verhandelt« werden. Obwohl das Endergebnis ohne Zweifel als grundlegende soziale Veränderung zu betrachten ist, wird immer deutlicher, daß die sozialen Steuerungs- und Kontrollierungsversuche der SED oft eher langsam und nicht vollständig umgesetzt wurden. Auf vielen Gebieten mußte man sich mit einer »durchführbaren« Version der offiziellen Politik begnügen, und die Resultate der politisch induzierten Eingriffe wirkten aus der Sicht der SED-Führung vielfach kontraproduktiv.[14] Dies zeigte sich in vielen Bereichen, wovon hier nur einige Punkte schwerpunktmäßig betrachtet werden können: in der Umgestaltung der Wirtschaft, in der Heranbildung neuer gesellschaftlicher Führungsgruppen, in der partiellen Nivellierung tradierter und Herausbildung neuer sozialer Unterschiede und in einer tiefen Generationskluft. Im folgenden werden einige Beispiele aus der neueren sozialgeschichtlichen Forschung als Erläuterung dieser Punkte angeführt. Aufgrund der herkömmlichen Schwäche der Kommunisten und der weit verbreiteten antikommunistischen Haltung in den ländlichen Gebieten stellte die Umgestaltung der Landwirtschaft eine der größten sozialpolitischen Herausforderungen der 1940er und 1950er Jahre dar. Trotz der verheerenden Auswirkungen des Krieges und insbesondere des Flüchtlingsstromes auf dem Lande erwies sich die Beharrungskraft alter Sozialstrukturen und Denkweisen in den Dörfern schon bei der Bodenreform – dem ersten kommunistischen Eingriff in die ostdeutsche Sozialstruktur. Obwohl die Bodenreform der 1940er Jahre zweifellos eine tiefe strukturelle Zäsur mit Blick auf Bodenbesitz und -verteilung darstellte, prägten die bestehenden dörflichen Milieus und die neuen sozialen Spannungen die sozialen Wirkungen der Reformbemühungen stark. Die Enteignung der großen Bodenbesitzer wurde vielfach von der sozialen Hemmschwelle gegenüber dieser ländlichen Elite wie auch von der starken Orientierung auf Großgrundbewirtschaftung in vielen nördlichen und östlichen Gebieten behindert. Zudem begünstigten die engen sozialen Netze in vielen Dörfern die Korruption bei der Verteilung von Boden und Inventar, die in der Regel den relativ gesicherten Altbauern – nicht, wie beabsichtigt, den bedürftigen Neubauern – begünstigte.[15] Solche Kontinuitätsfäden – soziale Achtung, Arbeitsgewohnheiten, Eigentumsvorstellungen – behinderten auch die nachfolgenden Kollektivierungskampagnen. Das Dickicht von sozialen Beziehungen auf dem Lande hatte zur Folge, daß viele Funktionäre in den Dörfern eher unzuverlässige Regimevertreter waren. Obwohl die Professionalisierung des Funktionärskörpers ab Mitte der 1950er Jahre diese geteilte Loyalitäten bei ländlichen Funktionären allmählich überwinden half, blieb auch das »vollgenossenschaftliche« Dorf nach dem »sozialistischen Frühling« 1960 eine Mischform aus politischen Zielsetzungen, bäuerlichen Interessen und älteren dörflichen Milieus. Zum einen haben viele neue LPGen eine Zeit lang nur »auf dem Papier« bestanden, zum anderen ging die herkömmliche Grenze zwischen Wohlhabenden und Habenichtsen in die neue LPG-Struktur oft unversehrt über. Großbauern nahmen oft Aufsichtspositionen in den neuen LPGen ein und bildeten gelegentlich LPGen unter Ausschluß von schwächeren Betrieben. Bis Mitte der 1960er Jahre aber wurde solche soziale »Resistenz« immer schwächer und das LPG-System weitgehend stabilisiert. Grundsätzlich befand sich das »dörfliche Milieu« selbst – und damit ein großer Teil der bisherigen Beharrungskraft gegen politische Steuerung »von außen« – aufgrund der Abwanderung nach den Städten und der Verschmelzung von individuellen LPGen in einem allmählichen Auflösungsprozeß. Insgesamt stellte die Rezeption und Durchführung der Bodenreform- und Kollektivierungspolitik in den Dörfern der SBZ/DDR also eine stark umgekämpfte und langsame Transformation dar, die viel widersprüchlicher war als die Landumverteilungs- und Vergenossenschaftlichungsstatistik auf den ersten Blick andeuten.[16] Obwohl die SED sich eher in den Industriezentren als auf dem flachen Lande beheimatet fühlte, ging der Versuch, die Arbeiterschaft zu mobilisieren und die Produktion in den »volkseigenen« Betrieben streng zu kontrollieren, letztendlich erfolgsloser aus als die Transformationsbemühungen in den Dörfern. Dem SEDRegime gelang es weitgehend, die Arbeitsstrukturen und -kultur in den Betrieben umzubauen, doch wirkten die Änderungen in der Praxis in wesentlichen Hinsichten kontraproduktiv. Zum einen schlugen die Hoffnungen vieler Arbeiter auf eine sozialistische Transformation nach dem Grauen des Nationalsozialismus bald in Enttäuschung um, als die Partei die Betriebsräte und Gewerkschaftsorganisationen allmählich ablöste.[17] Zum anderen mußte die Parteiführung wegen Arbeitskräftemangel und des Fehlens eines deutlichen Lohnanreizes ständig mit unzureichender Produktivität, schlechter Arbeitsdisziplin und kaum kontrollierbaren Lohnerhöhungen fertigwerden. Die gelegentlichen Produktivitätskampagnen blieben weitgehend wirkungslos, zum Teil weil viele Betriebsmanager das Konfliktpotential mit den Arbeitnehmern vermindern wollten – auch wenn dies nur auf Kosten der gesamten Planwirtschaft zu erreichen war. So wurden Betriebsunstimmigkeiten über die Einführung »harter« Arbeitsnormen oder Leistungslohn, über die Herabsetzung von Prämien usw. oft durch informelle Konfliktregulierungsmechanismen vor Ort beigelegt, die die Parteiführung schon in den ersten Jahren nach der Gründung der DDR – und insbesondere nach den Ereignissen im Juni 1953 – im Interesse des Betriebsfriedens tolerieren mußte.[18]Während es den Industriearbeitern gemeinsam mit den Bauern an formeller Interessenvertretung gegenüber dem Regime fehlte, bestand ein wichtiger Unterschied zwischen beiden gerade in diesem versteckten »Lohnhandel« in den Industriebetrieben. Als durchaus rationale Verhaltensweisen innerhalb des sozialistischen Wirtschaftssystems blieben diese informellen Verhandlungsstrukturen auf Betriebsebene und die damit verbundenen Lohn- und Produktivitätsprobleme ein zentrales Merkmal der »volkseigenen« Betriebe bis zum Zusammenbruch der DDR und trugen schließlich selbst durch ihre lähmenden wirtschaftlichen Wirkungen maßgeblich zum Zusammenbruch bei. »Realsozialismus« in den Industriebetrieben entsprach also kaum der ursprünglichen Vision der SED.[19] Aufgrund der starken NS-Belastung nahezu aller deutschen Elitengruppen lag ein Schwerpunkt der sozialen Umgestaltungsbemühungen der SED in der Heranbildung einer neuen Funktionselite, einer sozialistischen »Intelligenz«. Durch die Schaffung von Ausbildungsschleusen wie den »Arbeiter- und Bauernfakultäten« und die Einführung eines Systems positiver Diskriminierung in den Hochschulen sollte das bürgerliche Bildungsprivileg endgültig gebrochen werden. Nicht nur aus egalitären/ideologischen Gründen, sondern auch aus politischtaktischen Gründen sollte eine möglichst hohe Proportion dieser neuen Intelligenz aus den unterbürgerlichen und insbesondere aus den Industriearbeiterschichten rekrutiert werden, die ihren Aufstieg der SED so zu verdanken hatten und sich deswegen mit der Partei identifizieren sollten. Tatsächlich führte die SED-Bildungs- und »Kaderpolitik« – im Zusammenhang mit der Entnazifizierung und der Abwanderung von abertausenden Professionellen, technischen Experten und Kaufleuten in den Westen[20] – zu einer unerhörten sozialen Mobilität in den 1950er Jahren, wobei allerdings politische Zuverlässigkeit, nicht soziale Herkunft per se, das ausschlaggebende Selektionskriterium bildete.[21] Doch die Erfordernisse der Rekonstruktion verlangten eine sehr differenzierte Herangehensweise gegenüber den verschiedenen Berufssparten, was die Umgestaltung der gesellschaftlichen Führungsgruppen und damit auch die Nivellierung der sozialen Unterschiede im allgemeinen langfristig verhinderte. Ganz deutlich werden diese unterschiedlichen Herangehensweisen durch einen Vergleich zwischen den Lehrberufen und den Ärzten. Das Profil der Lehrberufe wurde wegen ihrer weitgehenden Nazifizierung vor 1945 und ihrer zugeteilten politischen Rolle bei der antifaschistischen Umwälzung besonders rasch und gründlich umgeformt. Kurz nach Ende des Krieges wurden ungefähr 50 Prozent aller Schullehrer in der SBZ entlassen und durch Tausende meistens unerfahrene und schlecht ausgebildete »Neulehrer« ersetzt.[22] Im Gegensatz dazu mußten wegen akuter Gesundheitsversorgungsprobleme nur sehr wenige Ärzte aus ihren Positionen entlassen werden, obwohl ca. 80 Prozent der Ärzte NSDAP-Mitglieder gewesen waren. Zudem blieb die tradierte »bürgerliche« Selbstrekrutierungstendenz unter Ärzten bis in die 1960er Jahre hinein weitgehend intakt. Angesichts des bestehenden Ärztemangels und insbesondere der durchlässigen Grenzen nach West-Berlin konnte es sich die SED kaum leisten, gegen Mediziner einen Konfrontationskurs zu steuern.[23] Auch die Umgestaltung der Ingenieurberufe wurde durch die Schlüsselstellung und Beibehaltung (mittels Sonderverträge usw.) vieler »bürgerlicher« Experten beim wirtschaftlichen Aufbau und zudem durch den begrenzten Erfolg der Rekrutierungskampagnen unter Industriearbeitern lange Zeit behindert.[24] Selbst innerhalb der Hochschulen fielen die Veränderungen in den verschiedenen Fakultäten sehr unterschiedlich aus: während die politisierten Geistesund Gesellschaftswissenschaften relativ rasch umgestaltet wurden – auch im Vergleich zu den Hochschulen in benachbarten sozialistischen Staaten[25] – , waren die Naturwissenschaften von einer starken personellen und strukturellen Kontinuität geprägt, jedenfalls bis weit in die 1960er Jahre hinein.[26] Schließlich gab es tiefgreifende Änderungen in allen Berufsgruppen. Aber es steht auch fest, daß die Entmachtung traditionaler Führungsgruppen und die soziale und kulturelle »Entbürgerlichung« der DDR-Gesellschaft aufgrund der offenen Grenze, der wirtschaftlichen Schlüsselstellung vieler bürgerlicher Experten und der Trägheit tradierter sozialer Werte viel langsamer und widersprüchlicher war, die Kontinuitäten dauerhafter und beharrlicher waren als oft angenommen worden ist.[27] Erwies sich die Durchsetzung des Kadersystems als ein komplizierter und umkämpfter Prozeß, waren seine Auswirkungen durchaus ambivalent. Allerdings wurde das Hauptziel – nämlich die Schaffung einer möglichst regimetreuen »Dienstklasse« – in wesentlichen Punkten erreicht. Das Kadersystem trug maßgeblich zur Stabilisierung der SED-Herrschaft bei, und trotz einer scheinbaren technokratischen Machtverschiebung in den 1960er Jahren stellte das DDR-Expertentum zu keinem Zeitpunkt eine »Gegenelite« oder gar ein von der SED-Führung unabhängiges Machtzentrum dar.[28] Obwohl es durchaus Spannungen zwischen Machtelite und Funktionselite gab, blieb die offene Konfrontation aus. Doch langfristig war der Preis des Kadersystems geradezu immens, wie fehlende Leistungsstärke und eingebüßtes Innovationspotential zeigten. Die zentrale Bedeutung der politischen Zuverlässigkeit als Aufstiegskriterium verstärkte die politische Kontrolle, verminderte aber die Konkurrenz und Risikobereitschaft. Freilich befanden sich im Leitungskader sehr viele kompetente und engagierte Experten, deren Know-how, Einsatzbereitschaft und Krisenmanagement das schlecht funktionierende Wirtschaftssystem lange Zeit aufrechterhielten. Abgesehen von der individuellen Leistung begünstigte das System der politischen Selektion und Perspektivpläne eine gewisse Provinzialität, förderte den Nepotismus und führte schließlich zu unübersehbaren Stagnierungstendenzen in der Wirtschaft und auch zum Teil in der Wissenschaft.[29] Hinzu kam die zunehmende und ideologisch äußerst peinliche Selbstrekrutierung der Führungsschichten ab den 1970er Jahren, die Teil einer allgemeinen Verkrustung der einst flüssigen Sozialstruktur der DDR war. Kam in den 1950er Jahren eine relativ hoher Anteil der Hochschulstudenten aus Arbeiterfamilien, schrumpfte diese Quote im Laufe der 1960er und 1970er Jahre rasch und fiel schließlich unter das Niveau der Bundesrepublik.[30] Dabei spielten nicht nur Sozialisationsprozesse innerhalb der Familie eine wichtige Rolle, sondern auch der Abbau der Fördermaßnahmen für Arbeiterkinder und selbst die Bezeichnung fast aller Funktionäre als Nachkommen der »Arbeiter- und Bauernklasse«, wobei diese demographische Kategorie nahezu bedeutungslos wurde.[31] Wie oben bemerkt, war diese Bezeichnung schon in der Aufbauphase der 1950er Jahre nur von begrenztem Wert, da der Vorrang der politischen Zuverlässigkeit als Selektionskriterium eine großzügige und durchaus unsoziologische Auslegung des Begriffs »Arbeiterherkunft« nahelegte. Ohnehin bedeutete die »Entbürgerlichung« der DDR-Gesellschaft während der 1950er und 1960er Jahre keine klare Vorherrschaft der »Arbeiterklasse«. Um nur ein Beispiel zu nennen: bei der Umgestaltung der Hochschulen profitierten die Mittelschichten (außer dem Bildungsbürgertum) deutlich mehr als die Arbeiterschichten, die freilich immer als die »offiziellen« Gewinner der SED-Hochschulpolitik galten.[32] Die zunehmende Festigung der DDR-Sozialstruktur und die entsprechend abnehmenden Aufstiegschancen trafen natürlich die jüngeren Generationen besonders hart. Die hohe und zum Teil unmittelbar politisch verursachte Mobilität der 1950er Jahre trug zweifellos zur Integration der sogenannten »Aufbaugeneration« in das sozialistische System bei, bedeutete aber zugleich eine schwere Hypothek für die Integration der nachkommenden Alterskohorten, gerade weil relativ junge (und dem Ruhestand weit entfernte) Kader viele Stellen besetzten.[33] In diesem Zusammenhang argumentiert Heike Solga pointiert, daß »die gesamte Entwicklung der DDR-Gesellschaft den Lebensabschnitten, Bedürfnissen und Interessen einer Generation folgte, nämlich denen der ›alten Garde‹«.[34] Die daraus resultierende Generationskluft war also nicht nur tief, sondern auch strukturell kaum überbrückbar. Zudem waren die sozialen und politischen Auswirkungen dieser Generationsschranke von grundlegender Bedeutung für den allmählichen Loyalitätsverfall in der DDR. Im krassen Gegensatz zur utopischen SED-Rhetorik war das Ergebnis schon in den 1970er Jahren eine stagnierende Gesellschaft, die zur zunehmenden Frustration der jüngeren Generation führte – »nach außen durch die Mauer und nach innen von einer eingefrorenen und rigiden Sozialstruktur blockiert«.[35] In diesem Sinne war es kein Zufall, daß die Mehrheit der Demonstranten im Herbst 1989 jünger als 45 Jahre alt war. So wichtig die Kategorie Generation für die Rekonstruktion der DDRSozialgeschichte ist, spielten auch geschlechtsspezifische Strukturen und Prozesse eine zentrale Rolle. Nicht ohne eine gewisse Berechtigung zählten Frauenemanzipation und Gleichberechtigung der Geschlechter zu den »größten Errungenschaften« der DDR.[36] Nach der sozialistischen Definition der Frauenemanzipation als Befreiung von sozialer Abhängigkeit von Männern und Gleichheit mit Bezug auf die Produktionsmittel verfolgte die SED-Frauenpolitik zwei verwandte Ziele: erstens die weibliche Erwerbstätigkeit zu fördern bzw. Arbeitskraft zu mobilisieren, und zweitens die allgemeine Rechts-, Lohn- und Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern zu schaffen. Die Kombination von Beruf und Familie wurde durch eine Reihe von sozialen Einrichtungen und gesetzlichen Regelungen[37] befördert, was zur Folge hatte, daß die DDR in den 1980er Jahren eine Frauenerwerbsquote von rund 90 Prozent erreichte – eine der höchsten Quoten der Welt und deutlich höher als die der BRD (rund 50 Prozent). Trotzdem wird die  »emanzipatorische« Wirkung dieser Politik stark angezweifelt. Vielfach wird darauf hingewiesen, daß hauptsächlich »Mütter« und nicht unbedingt »Frauen« vom Staat unterstützt wurden und daß das Fehlen von entsprechender Vaterschaftsunterstützung – auch im Vergleich zu vielen westeuropäischen Ländern – die herkömmlichen Geschlechterrollen bei der Kindererziehung eigentlich aufrechterhielt. So entstand durch die Beförderung der Frauenerwerbstätigkeit die klassische »Doppelbelastung«, die in der Praxis die behauptete Chancengleichheit unterminierte. Für die Mehrheit der Frauen bedeutete die Geburt der Kinder einen Karriereknick. Wie auch im Westen waren Frauen in den meisten Berufen unterrepräsentiert, und die Einkommensunterschiede blieben sogar bei gleicher Qualifikation weitgehend bestehen.[38] Zudem erwiesen sich herkömmliche Vorstellungen über »Männerarbeit« und »Frauenarbeit« in der DDR als sehr beharrlich. So blieb die DDR laut »Frauenreport ’90« trotz der Förderungsmaßnahmen eine »patriarchalische« Gesellschaft, die die Ungleichheit von Frauen und Männern »beginnend beim Bildungssystem, über die berufliche Qualifikation, die Gestaltung der Berufs- und Arbeitswelt und über eine einseitig auf die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Mutterschaft statt Elternschaft orientierte Sozialpolitik aufs Neue reproduziert«.[39] Wie das Beispiel der Frauenförderung besonders deutlich zeigt, lassen sich in beträchtlichem Maße Kontinuitäten und Ungleichheiten selbst dort erkennen, wo Diskontinuität und relative Gleichheit zu herrschen schien. Diese Feststellung kann auch allgemein auf die vertikale Schichtenbildung der DDR-Gesellschaft übertragen werden. Obwohl die herkömmlichen sozialen Unterschiede sich durch Lohnnivellierung und Konsummangel deutlich verringerten, wurden sie nie vollständig abgeschafft und wurden zudem von neuen sozialen Ungleichheiten innerhalb des staatssozialistischen Systems überlagert. Dabei wogen Einkommensunterschiede – abgesehen von den Gehältern im Bereich der Staatssicherheit, die mehr als doppelt so hoch als in der Industrie liegen konnten[40] – nicht so schwer für die Lebensstandardkalkulation wie der Zugang zu bestimmten Privilegien und Zusatzversorgungen oder die Verfügung über Westkontakte (oder genauer: der Zugang zu Devisen). Wiederum waren bei der Verteilung von Privilegien politische Faktoren ausschlaggebend, wobei allerdings eine Karriere im Staats- oder Parteiapparat in dieser Hinsicht zweischneidig sein konnte. Während einige Funktionäre und Prominenten als Reisekader in den Westen reisen durften, lebten andere – wie z. B. Angehörige der Streitkräfte oder des MfS – unter striktem Verbot von Westkontakten. Genau deswegen erhielten Mitarbeiter in diesen Kreisen bestimmte Sonderprivilegien quasi als Ausgleich für den Westkontaktverbot. Die Verteilung von Wohnraum war auch ein entscheidender Faktor für das Lebensniveau, der mehr oder weniger deutlich die beruflichen und sozialen Hierarchien der DDR-Sozialstruktur widerspiegelte. Während Einfamilienhäuser vorwiegend von Leitungspersonal bewohnt waren, wohnten in den Neubauten vorwiegend Angestellte und waren Produktionsarbeiter überproportional in Altbauwohnungen vertreten.[41] Freilich waren solche Ungleichheiten nicht so groß wie im Westen: die Gruppenunterschiede waren objektiv kleiner, und die Mangelwirtschaft setzte dem »Geltungskonsum« relativ enge Grenzen. Doch was die politische Legitimierung des Systems betrifft, waren subjektive Wahrnehmungen – nämlich der Kluft zwischen politischer Rhetorik und sozialer Wirklichkeit – vielleicht von größerer Bedeutung als diese objektive Differenzen. Aufgrund der zentralen Bedeutung des Gleichheitsprinzips unter dem Staatssozialismus erlangten selbst kleinere Unterschiede – und insbesondere der Ideologie widersprechende Unterschiede – eine politische Brisanz, die sie in kapitalistischen Gesellschaften kaum erreichen können. Und zu allem Übel nahmen solche Ungleichheiten im Laufe der Jahre scheinbar nicht ab, sondern immer weiter zu. Ein besonders auffälliges Beispiel war der Ausbau der sogenannten »Intershops« ab Mitte der 1970er Jahren, die den Zugang zu Devisen zu einem geradezu ausschlaggebenden Faktor des individuellen Lebensstandards machten. Die durch solche Entwicklungen neu entstandene Schichtenbildung wurde von der Bevölkerung ständig angeprangert und widersprach auf krasse Weise dem sozialistischen Prinzip »jedem nach seinen Bedürfnissen« – nicht nach dem Wohnort seiner Tante, wie Wolfgang Harich beklagte.[42] Über das Ausmaß und die politische Bedeutung dieser Ungleichheiten war sich die SED-Führung durchaus im klaren. Wie Lothar Mertens jüngst gezeigt hat, lieferte eine Reihe empirischer Studien an der Akademie der Gesellschaftswissenschaften ein recht detailliertes Bild der sozialen Ungleichheiten in der DDR.[43] Anstatt auf der Grundlage der in diesen Studien widergespiegelten sozialen Wirklichkeit zu agieren, hielt die Parteiführung an der ritualisierten Gleichheits- und Klassenannäherungsrhetorik fest. So wurde das offizielle Bild der »realsozialistischen Gesellschaft« zu einer immer unglaubhafter wirkenden Inszenierung: daß die ideologisch bornierte Bezeichnung der DDR-Gesellschaft als bestehend aus »zwei Klassen und einer Schicht« – Arbeiter, Bauern, Intelligenz – eine reine Fiktion war, lag natürlich auf der Hand.[44] III. Die begriffliche Erfassung der gesellschaftlichen Komplexität Diese Mischung aus diktatorischer Steuerung, Traditionsballast und unbeabsichtigten Auswirkungen der SED-Politik wird häufig mit »Grenzen der Diktatur« umschrieben.[45] Dabei werden nicht nur die immense Macht des Regimes und der große Umfang der sozialen Veränderung und Kontrolle anerkannt, sondern auch die vielen hemmenden, abschwächenden oder mitbestimmenden Faktoren berücksichtigt. Auch wenn sich dieser Begriff als sinnvoll erwiesen hat, so sind ihm doch gewisse Nachteile eigen. Obwohl er einerseits Akteure und Prozesse in Betracht zieht, die von totalitarismustheoretischen Ansätzen weitgehend ausgeschlossen werden, reproduziert er andererseits gerade die begriffliche Grundlage dieser Ansätze, und zwar in zweifacher Hinsicht. Erstens werden in beiden Fällen die Absichten des Regimes als analytischer Ausgangspunkt genommen, was zur Folge hat, daß die eigentlichen sozialen Entwicklungen sozusagen durch die Linse der Behörden und ihrer Gesellschaftspläne betrachtet werden; Maßstab bleiben in beiden Fällen die Gesellschaftspläne des Regimes. Zweitens gehen beide Ansätze von derselben Machtvorstellung aus: Die diktatorische Macht wird sozusagen im Zentrum des Regimes »geortet«, von dort habe sie bis zur Peripherie des Regimes und auf die von ihr regierte Gesellschaft ausgestrahlt. Der Unterschied besteht darin, ob man diese Macht als begrenzt – und daher jenseits von gewissen Grenzen nicht herrschend – oder als im wesentlichen unbegrenzt betrachtet. Lehnt man aber die Vorstellung, Macht sei von den Grenzen her definierbar, ab und geht statt dessen von einer Definition der Macht als diffusem und ubiquitärem Einflußfeld aus, ist der herkömmliche begriffliche Gegensatz zwischen Diktatur und Gesellschaft viel leichter zu überwinden. So können schließlich die gesellschaftlichen Beziehungen als vielschichtige sich deckende Felder von verschiedenen gesellschaftlichen Werten und Interessen betrachtet werden. In dieser Hinsicht bietet der von Alf Lüdtke entwickelte Begriff der »Herrschaft als sozialer Praxis« ein gewisses Korrektiv an.[46] Herrschaft wird hier nicht nur wie in der klassischen Weberschen Vorstellung als eine auf sozialen Institutionen und legitimierender Ideologie ruhende asymmetrische Beziehung begriffen, sondern auch als Prozeß, ja in gewissem Maße als Wechselwirkungs- oder gar als Austauschbeziehung zwischen Herrschern und Beherrschten. In dieser Betrachtungsweise ist eine saubere begriffliche Unterscheidung zwischen »aktiven« Herrschern und »passiven« Beherrschten, zwischen Staat und Gesellschaft kaum möglich.[47] Obwohl es dem SED-Regime weitgehend gelang, die Autonomie nahezu aller sozialen Organisationen und Institutionen abzuschaffen, blieben seine Vertreter an der Basis (Betriebsfunktionäre, Abschnittsbevollmächtigte, FDJ-Sekretäre usw.) zur Durchsetzung zentraler Steuerungsversuche (Kollektivierung, Planerfüllung oder verschiedene Zustimmungsinszenierungen) in gewissem Maße auf Zusammenarbeit mit »gewöhnlichen« DDR-Bürgern angewiesen. Die DDR-Bevölkerung spielte also in diesem Sinne eine aktive, keinesfalls nur reaktive Rolle beim Aufbau des DDR-Sozialismus. Freilich sollen hier die vielen rein reaktiven Verteidigungsaktionen gegen Steuerungsversuche »von oben« oder das krasse Ungleichgewicht dieser Machtbeziehung nicht übersehen werden. So warnen einige Befürworter der Totalitarismustheorien vor den angeblich verharmlosenden Tendenzen von Forschungsansätzen, die in der einen oder anderen Weise von der Machtkonzentration beim Politbüro, vom grundsätzlichen Fehlen demokratischer Verantwortlichkeit oder von den Unterdrückungsorganen des Regimes ablenken, indem sie letztendlich den fundamentalen Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie verwischen. So ernst man diese Risiken nehmen sollte, gibt es m. E. keine überzeugenden Anhaltspunkte für die Annahme, daß solche Forschungsansätze diese Unterschiede zwangsläufig verwischen oder das SED-Regime beschönigen. Es darf als mehr oder weniger selbstverständlich gelten, daß das Grundmerkmal der staatssozialistischen Gesellschaft im Gegensatz zu westlich-demokratischen Gesellschaften in der starken Durchdringung der Gesellschaft durch die herrschende Partei bestand, die prinzipiell nicht bereit war, auch nur einen Gesellschaftsbereich unbeeinflußt zu lassen. Geht man von dieser Voraussetzung aus, können solche Ansätze vielmehr ein neues und nützliches Licht auf die Struktur und Entwicklung von Herrschaft in der DDR werfen und insbesondere darauf, wie »gewöhnliche« Menschen diese Herrschaftsstrukturen für ihre eigenen Zwecke instrumentalisierten und dabei in gewissen Maßen änderten. Zur begrifflichen Fassung von Staat und Gesellschaft in der DDR ist diese Perspektive »von unten« – obwohl in der Forschungspraxis weitgehend auf der Mikroebene angelegt – von grundlegender Bedeutung. Laut Thomas Lindenberger hat es eine »DDR-Gesellschaft« im Sinne eines nicht nur vom Staate gelenkten Sozialbereiches zweifellos gegeben, allerdings auf die untere Ebene beschränkt, wo eine halbwegs autonome Interessenvertretung möglich war – d. h. in den »kleinen Welten« des Betriebs, des Dorfes, der Arbeitsstelle. Diese Ansicht weist bestimmte Ähnlichkeiten mit der klassischen totalitarismustheoretischen Vorstellung von »islands of separateness«[48] und mit Günter Gaus’ berühmtem Begriff der »Nischengesellschaft«[49] auf, der entscheidende Unterschied besteht in der Betonung von Überschneidung – nicht Getrenntheit – von formalem/offiziellem und informellem/privatem Bereich. Diese kleinen Welten bildeten nach Lindenberger keine »islands of separateness«, er spricht von begrenzten Interaktions- und Verhandlungsfeldern zwischen diktatorischem Staat und Gesellschaft – allerdings nur auf individueller, nicht intermediärer Ebene – , und insofern waren sie doch »verinselt«. Deshalb war die Gesellschaft in der DDR, so Lindenberger, »weder abgestorben oder stillgelegt, sie war vor allem begrenzt«.[50] Die Interaktion zwischen Staat und sozialen Akteuren wirkte sich auf zahlreichen Gebieten fruchtbar aus. Nicht nur die Herrschaftsbeziehungen in den Industriebetrieben und LPGen waren von einem bestimmten Geben und Nehmen geprägt: Selbst die streng kontrollierte Zensur beruhte in gewissem Maße auf Verhandlungen zwischen verschiedenen Gruppen (Verlegern, Ministern, Künstlern, Wissenschaftlern, Erziehern) mit verschiedenen Interessen (finanziell, politisch, ästhetisch, pädagogisch) und wurde daher von sozialen Kräften beeinflußt.[51] Um die Rolle von sozialen Beziehungen und Prozessen in der DDR zu erforschen, ist es also erforderlich, nicht nur die (weitgehend »entdifferenzierten«) Makrostrukturen der »DDR-Gesellschaft« zu untersuchen. Der Staat bestand nicht nur aus Zentralbehörden; er kann also von der Gesellschaft nicht sauber getrennt werden. Basisfunktionäre in ihrer Rolle als Regimevertreter »vor Ort« waren ebensosehr Teil der DDR-Gesellschaft als Rädchen in der Staatsmaschinerie, und ihre politischen Vorstellungen und Loyalitäten waren oft – insbesondere in den frühen Jahren – von den Ansichten des »durchschnittlichen« Bürgers kaum zu unterscheiden. Obwohl immense persönliche Probleme in den 1940er und frühen 50er Jahren unvermeidbar waren, spielten viele Basisfunktionäre auch in den folgenden Jahren eine zwiespältige Rolle im Umgang mit der lokalen Bevölkerung, wenn es um die Praxis in der Landwirtschaft, Arbeitsbedingungen, Unterkunftsbeschwerden usw. ging.[52] Die Anwendung von »offiziellen« Regeln und Anleitungen auf die Alltagsentscheidungen und -situationen erwies sich für einen Basisfunktionär häufig als schwierig oder gar unmöglich. Aus all diesen Gründen liegt es nahe, daß die Spaltungen in der DDR-Gesellschaft nicht so sehr zwischen Regime und Bevölkerung oder zwischen Staat und Gesellschaft verliefen, sondern eher zwischen Zentrum und Peripherie. Dies heißt aber nicht, daß die Sozialgeschichte der DDR unbedingt als ein weitgehend »verinselter« oder auf lokaler Ebene »begrenzter« Teil des Realsozialismus zu verstehen ist. Trotz der vielen Vorteile dieses Ansatzes suggeriert der Begriff der »begrenzten Gesellschaft« und die Ansicht, Sozialgeschichte sei auf kleine Strukturen der unteren Ebene beschränkt, eine ziemlich enge Vorstellung der sozialen Dimension: sie existiere vermutlich unterhalb einer diktatorisch kontrollierten »politischen Dimension«. Auch dieser Begriff tendiert dazu, die von ihm relativierte Unterscheidung zwischen dem Politischen und Sozialen aufs Neue zu reproduzieren. Eine so strikte Unterscheidung zwischen dem »politischen« Bereich einerseits und den »kleinen Welten« einer begrenzten Gesellschaft andererseits widerspricht dem ursprünglichen Ziel des ansonsten vielversprechenden »interaktiven« Ansatzes: nämlich eine Kombination von Politik-, Sozialund Kulturgeschichte. Mehr noch: die weitreichenden politischen Auswirkungen dieser unzähligen »kleinen Welten« auf allen Ebenen des Regimes – nicht nur auf lokaler Ebene – bleiben dabei unbelichtet. Dadurch wird ein zweites, genauso anzustrebendes Forschungsziel nicht erreicht: nämlich die Verbindung von Makro-, Mikro- und Mesoebene. Insbesondere für die 1980er Jahre scheint es m. E. erforderlich, diese interaktive Vorstellung von staatlichen und sozialen Akteuren und Prozessen nicht auf die lokale Ebene zu beschränken, sondern zur allgemeinen begrifflichen Erfassung der DDR-Gesellschaft zu verwenden. Sonst ist das große Paradox der 1980er Jahre kaum zu erklären: das Nebeneinander von kontinuierlicher Anpassung und Stagnation einerseits und den neuen Auflösungs- und Dissensströmungen andererseits, die schließlich in die Massenemigration, die Demonstrationen und den Zusammenbruch des SED-Regimes mündeten. Wie konnte eine »entdifferenzierte« oder »begrenzte« Gesellschaft – die ja vergleichsweise wenige Zeichen einer aufkeimenden Zivilgesellschaft wie in Polen oder Ungarn aufwies – so schnell außer Parteikontrolle geraten und so stark gegen das Regime mobilisiert werden? IV. Gesellschaftliche Aktivierung und das Ende des DDR-Staatssozialismus Auf diese Fragen gibt es keine klaren Antworten, doch bietet Detlef Pollacks Begriff der »konstitutiven Widersprüchlichkeit« der DDR-Gesellschaft ein plausibles Argument und einen brauchbaren Ansatz.[53] Demnach herrschten in der DDR eine Vielzahl gegensätzlicher gesellschaftlicher Kräfte: z. B. die Erfordernisse des formalen Wirtschaftssystems gegen die informellen Tauschbeziehungen; der politische Homogenisierungsdruck gegen die Differenzierungsbedürfnisse einer modernen Industriegesellschaft; die Rhetorik der Gleichheit gegen die produktive Ausnutzung von Eigeninteressen usw.[54] Diese Widersprüche waren nach Pollack unvermeidbar und wirkten destabilisierend: unvermeidbar, da die SED nicht bereit war, soziale Macht auf andere Institutionen oder Organisationen zu übertragen, die vielleicht imstande gewesen wären, diese Gegensätze zu vertreten und/oder zu lösen; und destabilisierend, da das staatssozialistische System die Offenlegung dieser grundsätzlichen und unvereinbaren Widersprüche in der Öffentlichkeit kaum überleben konnte. Die DDR-Führung versuchte die unbeabsichtigten Widersprüche in das formale System zu integrieren: etwa durch Einführung von Leistungsentlohnung, Vergrößerung der Einkommensunterschiede, Anerkennung der Konsumwünsche der Bevölkerung, Erweiterung des wirtschaftlichen Austausches mit dem Westen, Tolerierung von informellen Tauschbeziehungen, Wiederbelebung von nationalen Symbolen und Traditionen als politisches Integrationsmittel usw. Auf diese Weise wurde laut Pollack »die mit der sozialistischen Gesellschaftskonstruktion verbundene umfassende Reduktion von sozialer Wirklichkeit … also durch eine merkwürdige Anerkennung der zunächst ignorierten gesellschaftlichen Komplexität kompensiert«.[55] Staatliches Handeln brachte »andere als die intendierten Wirkungen hervor, auf die es sich seinerseits einstellen mußte«.[56] Soziale Strukturen und Prozesse hatten also weitreichende – nicht nur »verinselte« und eng begrenzte – politische Auswirkungen. Mit anderen Worten: Sowenig es vollkommen »politikfreie« Bereiche der DDR-Gesellschaft geben konnte, sowenig gab es Politikbereiche, die von sozialen Entwicklungen und Prozessen völlig unbeeinflußt blieben. Wie Ralph Jessen früher formuliert hat, »(war) das Eigentümliche dieses politisch-sozialen Systems nicht, daß die Gesellschaft ›stillgelegt‹ worden wäre. Es scheint vielmehr so, als wenn der ausgreifende, entdifferenzierte, entgrenzte Staat, eben weil er seine Grenzen verloren hatte, in einer gewissen Weise immer mehr vergesellschaftet wurde«.[57] Das Ziel dieser Einwirkungen seitens der SED-Führung war freilich keine Übertragung von Entscheidungskompetenz und kein Interessenausgleich, sondern die Sicherung der Parteiherrschaft vor diesen neuen Herausforderungen. Das grundlegende Problem – die Zentralisierung der Herrschaft – blieb also bestehen und blockierte die notwendige Reform des Systems. Solange diese gesellschaftlichen Spannungen durch die Gängelung der Öffentlichkeit verdeckt blieben – so Pollack –, erweckte die DDR den Anschein eines stabilen Staates. Doch als im Herbst 1989 eine kritische unabhängige Öffentlichkeit entstand, die durch die Auflösung der äußeren Systembarrieren stark gefördert und beschleunigt wurde, brach das Regime überraschend schnell zusammen. In diesem Sinne war das Endergebnis der diktatorischen Homogenisierungsversuche genau das Gegenteil von Homogenisierung: nämlich soziale Fragmentierung und Auflösung, die unmittelbar auf den prinzipiell unbegrenzten sozialen Herrschaftsanspruch der SED zurückzuführen war.[58] Der Homogenisierungsdruck des realsozialistischen Gesellschaftsentwurfes wirkte also letztendlich kontraproduktiv und förderte die Ausbreitung von Subkulturen und alternativen Wertesystemen neben dem »offiziellen« System.[59] Allerdings waren diese zentrifugalen Prozesse nicht ausschließlich »systemimmanent«; sie wurden von der Existenz eines wohlhabenden und demokratischen Gegenstücks jenseits der innerdeutschen Grenze stark begünstigt. Der SEDFührung war durchaus bewußt, daß die DDR-Bevölkerung ihren Staat vielfach nach dem Maßstab der Bundesrepublik (oder zumindest des von den Westsendern ausgestrahlten Bildes) beurteilte. Während der Überholungseuphorie der späten 1950er Jahre wurde die Führung dadurch angespornt, unter Honecker versuchte sie mit den Abgrenzungsbemühungen vergeblich, dies zu verhindern. Die tägliche »virtuelle Auswanderung« vor dem Fernseher verstärkte die weitverbreiteten Vorstellungen von der attraktiven Konsumgesellschaft in der Bundesrepublik und höhlte dabei auch die Rhetorik von der Überlegenheit des Sozialismus ständig aus. Die Träume vom »goldenen Westen« und die zunehmende Rolle der D-Mark als inoffizielle zweite Währung in der DDR verkörperten ein alternatives Wertesystem, das mit den offiziellen Werten des »Realsozialismus« konkurrierte.[60]Westliche oder west-inspirierte Kleidung, Musik und Freizeitaktivitäten waren unter Jugendlichen sehr populär und wurden nach Aufgabe der AntiDekadenzkampagnen der 1960er Jahre in der Praxis toleriert. Ständige Versuche der DDR-Medien, den positiven Vorstellungen vom Westen durch Hinweis auf die verwerflichen Merkmale der kapitalistischen Gesellschaft (Arbeitslosigkeit, Kriminalität usw.) entgegenzuwirken, blieben weitgehend wirkungslos, erstens wegen der weitverbreiteten Skepsis gegenüber den offiziellen Medien und zweitens, weil solche sozialen Probleme für die überwiegende Mehrheit der DDRBürger, die nicht in den Westen reisen durfte, abstrakt blieben. Innerhalb der eingemauerten »realsozialistischen« Gesellschaft fungierten bekanntlich Familien- und Bekanntschaftsbeziehungen, Nachbarschaften, Dörfer, die berühmte »Datschen-« und »Schrebergärtenkultur«, selbst Arbeitskollektive nicht nur als eine Art »heile Welt«[61] neben dem Frust und Anpassungsdruck des Alltags, sondern bildeten auch halbunabhängige soziale Knotenpunkte, die Teil des allgemeinen und daher von der politischen Steuerung stark geprägten Gesellschaftsgefüges waren, in denen sich jedoch ein mehr oder weniger »unpolitisches« persönliches Leben entfalten konnte. Außerdem gab es eine Reihe informeller sozialer Beziehungen und Prozesse, die als eine Art Ersatz für die Defizite der zentralen Planwirtschaft oder für die formal fehlende unabhängige Interessenvertretung unter der Einparteienherrschaft fungierten. Da die Gewerkschaften und andere Organisationen weitgehend von der Partei gleichgeschaltet wurden, konnten sich soziale Interessen im großen und ganzen nur durch diese informellen Bekanntschaftsstrukturen – sozusagen in kleinen »Teilöffentlichkeiten« – ausdrücken. Anstelle eines funktionierenden Marktes entwickelten sich persönliche Tauschbeziehungen, wobei Dienstleistungen und Güter oft ohne Geld gehandelt werden konnten. Insbesondere wurden Luxusartikel oder Mangelware – z. B. Gebrauchtwagen[62] – über diese rudimentären Marktstrukturen gehandelt. Anstelle echter Bürger- oder Konsumentenrechte dienten Leserbriefe an satirische Zeitschriften oder Eingaben an die Staatsbehörden als unmittelbare Kommunikationskanäle für verschiedene Beschwerden und Ansichten.[63] Inwieweit sind solche informellen Strukturen und Prozesse als eine Aushöhlung der SED-Herrschaft bzw. als Vorläufer des Zusammenbruchs zu verstehen? Ihre politischen Auswirkungen waren in der Praxis zweideutig: sie wirkten insofern systemstabilisierend, als sie bestimmte wirtschaftliche und politische Mängel ausglichen, und sie wirkten gleichzeitig insofern destabilisierend, als sie wirtschaftliche und soziale Prozesse behördlicherseits immer weniger kontrollierbar machten. Ziemlich eindeutig hingegen ist ihre Bedeutung für die begriffliche Erfassung der DDR-Gesellschaft. Angesichts der Ausbreitung solcher informellen Strukturen und Prozesse in den 1980er Jahren und der Schnelligkeit der gesellschaftlichen (Wieder)Differenzierungsprozesse während der Revolutionsmonate im Herbst 1989 scheint der Begriff der »Entdifferenzierung« der Situation der vorangegangenen Jahre nicht ganz gerecht zu werden. »Besser sollte man«, so Walter Süß, »von einer durch den Machtanspruch der Partei überlagerten und blockierten Differenzierung sprechen. Durch den Zerfall des zentralen Parteiapparates, der den Machtanspruch verkörpert hatte, wurden diese Verkrustungen gesprengt.«[64] Bürokratischer Zerfall, verborgene soziale Differenzierung, unvereinbare soziale Spannungen, weitverbreitete Stagnations- und Frustrationsgefühle und daraus folgende Wünsche nach Alternativen – all diese Faktoren trugen zur Auflösung der SED-Hegemonie und zur Mobilisierung der DDR-Gesellschaft »von unten« bei. In vielerlei Hinsichten produzierte das staatsozialistische Experiment in Deutschland seine eigenen Probleme und wurde letztendlich Opfer seines eigenen ideologischen Anspruches. Die sozialistische Umgestaltung in der SBZ/DDR – gestützt auf die kommunistische Zukunftsvision einer egalitären Gesellschaft und die technokratische Vorstellung eines nach abstrakten Prinzipien konstruierbaren Sozialgefüges – hat die Komplexität einer modernen Industriegesellschaft sträflich unterschätzt.[65] Die SED sah sich folglich mit einer Reihe nicht intendierter Auswirkungen konfrontiert: die »versteckten Verhandlungen« in den Betrieben, eine westlich orientierte Jugendkultur, unzuverlässige Basisfunktionäre, Klientelismus und Vetternwirtschaft, eine informelle »Schattenwirtschaft« – die Beispiele lassen sich beliebig nennen. Dies waren weder Restelemente einer sonst »totalitären« oder »politischen Gesellschaft« noch bloße Überbleibsel des Kapitalismus oder Konstruktionsfehler des kommunistischen Gesellschaftsentwurfes. Sie waren Hauptmerkmale der DDR-Gesellschaft[66], die nichts anderes sein konnte als das Produkt einer Interaktion zwischen sowjetischen Importen und deutschen Erbschaften, zwischen politischer Konstruktion und sozialer Autonomie, zwischen diktatorischen Schranken und »human agency«, zwischen Zentrum und Peripherie. [1] Ich bin der Nuffield Foundation für ihre finanzielle Unterstützung zu großem Dank verpflichtet und bin auch Frank Brunssen für seine sprachlichen Verbesserungen und Arnd Bauerkämper für inhaltliche Anregungen dankbar. Die folgende Darstellung basiert zum Teil auf Überlegungen, die ich in meinem historiographischen Überblick (The East German Dictatorship: Problems and Perspectives in the Interpretation of the GDR. London 2002) veröffentlicht habe, mit Genehmigung von Arnold Publishers. [2] Als aktueller Überblick siehe die Projektmeldungen im Newsletter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Aktuelles aus der DDR-Forschung. Hg. von Mählert, Ulrich. In: Deutschland Archiv (DA), passim. [3] Vgl. zur Kritik der Totalitarismustheorien für die DDR-Geschichte vor allem Jessen, Ralph: DDR-Geschichte und Totalitarismustheorie. In: Berliner Debatte Initial, Berlin, 5 (1995) 4, S. 17– 24; Sywottek, Arnold: »Stalinismus« und »Totalitarismus« in der DDR-Geschichte. In: Deutsche Studien, 30 (1993), 117/118, S. 25–38; Keßler, Mario/ Klein, Thomas: Repression and Tolerance as Methods of Rule in Communist Societies. In: Jarausch, K. (Hg.): Dictatorship as Experience: Towards a Socio-Cultural History of the GDR. New York 1999, 109–121. Als allgemeine Überblicke vgl. Wippermann, Wolfgang: Totalitarismustheorien: die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute. Darmstadt 1997; Söllner, Alfons (Hg.): Totalitarismus: eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Berlin 1997; Jesse, Eckard (Hg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert: eine Bilanz der internationalen Forschung. Baden-Baden 1996; idem, Die Totalitarismusforschung und ihre Repräsentanten. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZG). 1998), 20, S. 3–18. Zur Kritik der Modernisierungstheoretischen Ansätze zur DDR-Geschichte vgl. Jäckel, Hartmut: Unser schiefes DDR-Bild. Anmerkungen zu einem noch nicht verjährten publizistischen Sündenfall. DA 23 (1990), 10, S. 1557–1565; v. Bredow, Wilfried: Perzeptions-Probleme. Das schiefe DDR-Bild und warum es bis zum Schluß so blieb. DA 24 (1991), 2, S. 147–154; Hacker, Jens: Deutsche Irrtümer. Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen. Berlin, 1992; und sehr frühzeitig Naimark, N.: Is it True What They’re Saying about East Germany?. Orbis 23 (1979), S. 549–577. [4] Schroeder, K. (Hg.): Geschichte und Transformation des SED-Staates. Berlin 1994, Einleitung, S. 13. Als Anwendung dieses begrifflichen Ansatzes vgl. ders.: Der SED-Staat. München 1998, S. 512–546. [5] Meuschel, Sigrid: Legitimation und Parteiherrschaft. Zum Paradox von Stabilität und Revolution in der DDR. Frankfurt a. M. 1992. [6] Ebd., S. 10. [7] Ebd. Vgl. auch ders.: Überlegungen zu einer Herrschafts- und Gesellschaftsgeschichte der DDR. In: GG, 19 (1993) 1, S. 5–14. Eine ähnliche Argumentation befindet sich in Lepsius, Rainer M.: Die Institutionenordnung als Rahmenbedingung der Sozialgeschichte der DDR. In: Kaelble, H. et al (Hg.): Sozialgeschichte der DDR. Stuttgart 1994, S. 17–30. [8] Kocka, Jürgen: Eine durchherrschte Gesellschaft. In: Kaelble, H. et al (Hg.): Sozialgeschichte, S. 547–553. Dieser Begriff wurde zunächst formuliert in Lüdtke, Alf: »Helden der Arbeit« – Mühe beim Arbeiten. Zur mißmutigen Loyalität von Industriearbeitern in der DDR. In: Kaelble, H. et al (Hg.): Sozialgeschichte, S. 188; siehe auch zur weiteren Erklärung des Begriffs ders.: Die DDR als Geschichte. Zur Geschichtsschreibung über die DDR. In: APuZG (1998) 36, S. 12. [9] Kocka, J.: Eine durchherrschte Gesellschaft, S. 547. [10] Ebd., S. 548–550. [11] Jessen, R.: Die Gesellschaft im Sozialismus. Probleme einer Sozialgeschichte der DDR. In: Geschichte und Gesellschaft (GG), 21 (1995) 1, S. 96–110, hier S. 98. [12] Chr. Kleßmann, »Das Haus wurde gebaut aus den Steinen, die vorhanden waren«. Zur kulturgeschichtlichen Kontinuitätsdiskussion nach 1945, in: Tel Aviver Jahrbuch für Geschichte, 19 (1990), S. 159–177. [13] Jessen, Die Gesellschaft im Sozialismus, S. 99, 100. Vgl. auch die Diskussion bei Lindenberger, Thomas: Die Diktatur der Grenzen. Zur Einleitung. In: ders. (Hg.): Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR. Köln 1999, S. 13–44. [14] Vgl. als Einstieg die Aufsätze im Archiv für Sozialgeschichte (AfS) 39 (1999) zum Thema der Sozialgeschichte der DDR. [15] Zur Landreform siehe jetzt vor allem Bauerkämper, Arnd: Ländliche Gesellschaft in der kommunistischen Diktatur. Zwangsmodernisierung und Traditionen in Brandenburg von 1945 bis zu den frühen sechziger Jahren. Köln 2002. Vgl. auch ders. (Hg.), »Junkerland in Bauernhand«? Durchführung, Auswirkungen und Stellenwert der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone. Stuttgart 1996; ders.: Von der Bodenreform zur Kollektivierung. Zum Wandel der ländlichen Gesellschaft in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und DDR 1945–1952. In: Kaelble, H. et al (Hg.): Sozialgeschichte, S. 119–143; ders.: Die Neubauern in der SBZ/DDR 1945–1952. Bodenreform und politisch induzierter Wandel der ländlichen Gesellschaft. In: Bessel, R./Jessen, R. (Hg.): Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der SBZ/DDR. Göttingen 1996, S. 108–136; van Melis, Damian (Hg.): Sozialismus auf dem platten Lande: Tradition und Transformation in Mecklenburg-Vorpommern von 1945 bis 1952. Schwerin 1999; Naimark, N.: The Russians in Germany: A History of the Soviet Zone of Occupation, 1945– 1949. Cambridge MA 1995, S. 150–166; Ross, C.: Constructing Socialism at the Grass-Roots: The Transformation of East Germany, 1945–1965. Basingstoke 2000. Kap. 2; Osmond, J.: Kontinuität und Konflikt in der Landwirtschaft der SBZ/DDR. In: Bessel, R./Jessen, R. (Hg.): Die Grenzen, S. 137–169; Nehrig, C.: Zur sozialen Entwicklung der Bauern in der DDR 1945–1960. In: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 41 (1993), S. 66–76; Piskol, J.: Zur sozialökonomischen Entwicklung der Großbauern in der DDR 1945 bis 1960. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 39 (1991), S. 419–433. [16] Zur Kollektivierung, vgl. Bauerkämper, Arnd: Ländliche Gesellschaft; Osmond, J.: Kontinuität und Konflikt; Ross, C., Constructing Socialism at the Grass-Roots, Kap. 5, 9, 13; Nehrig, C.: Zur sozialen Entwicklung der Bauern; Piskol, J.: Zur sozialökonomischen Entwicklung der Großbauern. In vergleichender Perspektive: Humm, Antonia Maria: Auf dem Weg zum sozialistischen Dorf? Zum Wandel der dörflichen Lebenswelt in der DDR und der Bundesrepublik Deutschland 1952–1969. Göttingen 2002. [17] So wurden Vergleiche zwischen fehlenden Rechten unter der NS- und der SED-Herrschaft selbst von vielen Arbeitern gezogen. Vgl. Hübner, P.: »Wir wollen keine Diktatur mehr...« Aspekte des Diktaturenvergleichs am Beispiel einer Sozialgeschichte der Niederlausitzer Industriearbeiterschaft 1936 bis 1965. In: Kocka, J. (Hg.): Historische DDR-Forschung, S. 215–232; ders.: Die Zukunft war gestern: Soziale und mentale Trends in der DDR-Industriearbeiterschaft. In: Kaelble, H. et al (Hg.): Sozialgeschichte, S. 171–187. [18] Hübner, Peter: Konsens, Konflikt, Kompromiß. Soziale Arbeiterinteressen und Sozialpolitik in der SBZ/DDR 1945–1970. Berlin 1995; ders.: Balance des Ungleichgewichtes. Zum Verhältnis von Arbeiterinteressen und SED-Herrschaft. In: GG, 19 (1993) 1, S. 15–28; ders.: Arbeitskonflikte in Industriebetrieben der DDR nach 1953. Annäherungen an eine Struktur- und Prozeßanalyse. In: Poppe, U. et al (Hg.): Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung, S. 178–191; Kopstein, Jeffrey: The Politics of Economic Decline in East Germany, 1945–1989. Chapel Hill 1997; Port, A.: The »Grumble Gesellschaft«: Industrial Defiance and Worker Protest in Early East Germany. In: Hübner, Peter/Tenfelde, Klaus (Hg.): Arbeiter in der SBZ-DDR. Essen 1999, S. 787–810; Roesler, Jörg: Die Produktionsbrigaden in der Industrie der DDR. Zentrum der Arbeitswelt? In: Kaelble, H et al (Hg.): Sozialgeschichte, S. 144–170; ders: Gewerkschaften und Brigadebewegung in der DDR, Ende der 40er bis Anfang der 60er Jahre. In: BzG, 38 (1996) 3, S. 3–26; ders.: Probleme des Brigadealltags: Arbeitsverhältnisse und Arbeitsklima in volkseigenen Betrieben. APuZG, 47/38 (1997), S. 3–17; ders.: Zur Rolle der Arbeitsbrigaden in der betrieblichen Hierarchie der VEB: eine politik- und sozialgeschichtliche Betrachtung. DA, 30 (1997) S. 737–750. Vgl. auch Hübner, P. »Sozialistischer Fordismus?« Oder: Unerwartete Ergebnisse eines Kopiervorganges. Eine Geschichte der Produktionsbrigaden in der DDR. In: Lüdtke, Alf et al (Hg.): Amerikanisierung, S. 96–115; ders.: Syndikalistische Versündigungen? Versuche unabhängiger Interessenvertretung für die Industriearbeiter der DDR um 1960. JHK, (1995), S. 100–117; Soldt, Rüdiger: Zum Beispiel Schwarze Pumpe: Arbeiterbrigaden in der DDR. GG 24 (1998), S. 88–109. [19] Zur Industriearbeiterschaft im allgemeinen vgl. die Anthologie von Hübner, Peter/Tenfelde, Klaus (Hg.): Arbeiter in der SBZ-DDR. Zu den langfristigen politischen Auswirkungen dieser Produktivitätsprobleme vgl. vor allem Kopstein, J.: The Politics of Economic Decline. [20] Zur Entnazifizierung vgl. van Melis, D.: Entnazifizierung in Mecklenburg-Vorpommern. Herrschaft und Verwaltung 1945–1948. München 1999; Vogt, T.: Denazification in SovietOccupied Germany: Brandenburg, 1945–1948. Cambridge, MA 2000; Rößler, R.-K. (Hg.): Die Entnazifizierungspolitik der KPD, SED 1945–1948. Goldbach 1994; Kappelt, O.: Die Entnazifierung in der SBZ sowie die Rolle und der Einfluß ehemaliger Nationalsozialisten in der DDR als ein soziologisches Phänomen. Hamburg 1997. Zur Massenemigration vgl. Major, P.: Going West: The Open Border and the Problem of Republikflucht. In: ders./Osmond, J. (Hg.): The Workers’ and Peasants’ State: Communism and Society in East Germany, 1945–1971. Manchester, 2002; Ross, C.: »Sonst sehe ich mich veranlaßt, auch nach dem Westen zu ziehen«: Zum Zusammenhang von Republikflucht, SED-Herrschaft und DDR-Bevölkerung vor dem Mauerbau. In: DA 34 (2001) 4, S. 613–627. [21] Vgl. allgemein zur Schaffung einer »sozialistischen Elite« Hübner, P. (Hg.): Eliten im Sozialismus. Beiträge zur Sozialgeschichte der DDR. Köln 1999; Bauerkämper, A. (Hg.): Gesellschaft ohne Eliten? Führungsgruppen in der DDR. Berlin 1997; Hornbostel, S. (Hg.): Sozialististische Eliten. Horizontale und vertikale Differenzierungsmuster in der DDR. Opladen 1999. Zum Nomenklaturkader vgl. Wagner, M.: Ab morgen bist du Direktor. Das System der Nomenklaturkader in der DDR. Berlin 1998; Schneider, E.: Die politische Funktionselite der DDR. Eine empirische Studie zur SED-Nomenklatura. Opladen 1994; Kluttig, T.: Parteischulung und Kaderauslese in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands 1946–1961. Berlin 1997; Boyer, C.: »Die Kader entscheiden alles…« Kaderpolitik und Kaderentwicklung in der zentralen Staatsverwaltung der SBZ und frühen DDR (1945–1952). Dresden 199; auch die ältere Studie von Glaeßner, G.-J.: Herrschaft durch Kader. Leitung der Gesellschaft und Kaderpolitik in der DDR am Beispiel des Staatsapparates. Opladen 1977. Zu den Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten vgl. Schneider, M.: Bildung für neue Eliten. Die Gründung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten in der SBZ/DDR. Dresden 1998. [22] Allerdings wurden ungefähr die Hälfte aller im Jahre 1945 entlassenen Lehrer aufgrund des durch die Säuberungen verursachten akuten Lehrermangels wieder eingestellt. Vgl. Häder, S./Tenorth, H.-E. (Hg.): Bildungsgeschichte einer Diktatur. Bildung und Erziehung in der SBZ und DDR im historisch-gesellschaftlichen Kontext. Weinheim 1997. Zu den Neulehrern vgl. Hohlfeld, Brigitte: Die Neulehrer in der SBZ/DDR 1945–1953: Ihre Rolle bei der Umgestaltung von Gesellschaft und Staat. Weinheim 1992; Petzold, J.: Die Entnazifizierung der sächsischen Lehrerschaft 1945. In: Kocka, J. (Hg.): Historische DDR-Forschung: Aufsätze und Studien. Berlin 1993, S. 87–103. Als neuer Überblick vgl. Rodden, John: Repainting the Little Red Schoolhouse: A History of Eastern German Education, 1945–1995. Oxford 2001. [23] Ernst, Anna-Sabine: »Die beste Prophylaxe ist der Sozialismus«: Ärzte und medizinische Hochschullehrer in der SBZ/DDR 1945–1961. Münster 1997; ders.: Von der bürgerlichen zur sozialistischen Profession? Ärzte in der DDR 1945–1961. In: Bessel, R./Jessen, R. (Hg.): Die Grenzen, S. 25–48; Kleßmann, Christoph: Relikte des Bildungsbürgertums in der DDR. In: Kaelble, H. et al (Hg.): Sozialgeschichte, S. 254–270, insbes. S. 258. [24] Augustine, Dolores: Frustrierte Technokraten. Zur Sozialgeschichte des Ingenieurberufs in der Ulbricht-Ära. In: Bessel, R./Jessen, R. (Hg.): Die Grenzen, S. 49–75. [25] Vgl. Connelly, John: Captive University: The Sovietization of East German, Czech, and Polish Higher Education, 1945–1956. Chapel Hill 2000. [26] Grundsätzlich zu den DDR-Hochschulen in den 1950er und –60er Jahren: Jessen, Ralph: Akademische Elite und kommunistische Diktatur. Die ostdeutsche Hochschullehrerschaft in der Ulbricht-Ära. Göttingen 1999. [27] Vgl. Großbölting, Thomas: SED-Diktatur und Gesellschaft. Bürgertum, Bürgerlichkeit und Entbürgerlichung in Magdeburg und Halle. Halle 2001; Ernst, Anna-Sabine: The Politics of Culture and the Culture of Everyday Life in the DDR in the 1950s. In: Barclay, David/ Weitz, Eric (Hg.): Between Reform and Revolution: German Socialism and Communism from 1840 to 1990. New York 1998, 489–506; Kleßmann, C.: Relikte des Bildungsbürgertums in der DDR; ders.: Zur Sozialgeschichte des protestantischen Milieus in der DDR. In: GG, 19 (1993) 1, S. 29– 53; Steiner, Helmut: Berufsprestige im DDR-Alltagsbewußtsein der 60er Jahre. In: Elm, Ludwig/Keller, Dietmar/Mocek, Reinhard (Hg.): Ansichten zur Geschichte der DDR, Bd. 8. Bonn/Berlin 1997, S. 100–123. [28] So die damals kontroverse These von Ludz, P. C.: Parteielite im Wandel. Funktionsaufbau, Sozialstruktur und Ideologie der SED-Führung. Eine empirisch-systematische Untersuchung. Opladen 1968. Vgl. dagegen Baylis, T.: The Technical Intelligentsia and the East German Elite: Legitimacy and Social Change in Mature Communism. Berkeley 1974; neulich Hübner, P.: Menschen – Macht – Maschinen. Technokratie in der DDR. In: Ders. (Hg.): Eliten im Sozialismus, S. 325–360. [29] Zur Innovationsschwäche in der Wirtschaft vgl. die Beiträge in Bähr, J./Petzina, D. (Hg.): Innovationsverhalten und Entscheidungsstrukturen. Vergleichende Studien zur wirtschaftlichen Entwicklung im geteilten Deutschland 1945–1990. Berlin 1996; Wagener, H.-J.: Anlage oder Umwelt? Überlegungen zur Innovationsschwäche der DDR-Wirtschaft. In: Berliner Debatte Initial (1995) 1, S. 67–82; Bauerkämper, A./Ciesla, B./Roesler, J.: Wirklich wollen und nicht richtig können. Das Verhältnis von Innovation und Beharrung in der DDR-Wirtschaft. In: Kocka, J./Sabrow, M. (Hg.): Die DDR als Geschichte. Fragen – Hypothesen – Perspektiven. Berlin 1994, S. 116–121; Pirker, Theo et al (Hg.): Der Plan als Fiktion und Befehl. Wirtschaftsführung in der DDR. Opladen 1995, insbes. Krömke, Claus: Innovation – nur gegen den Plan, S. 33– 66; Hübner, P.: Menschen – Macht – Maschinen. Zu den Auswirkungen in der Wissenschaft vgl. Jessen, R.: Akademische Elite, insbes. S. 413–427. [30]Mertens, Lothar: »Was die Partei wusste, aber nicht sagte…«. Empirische Befunde sozialerUngleichheit in der DDR-Gesellschaft. In: ders. (Hg.): Soziale Ungleichheit in der DDR. Zu einem tabuisierten Strukturmerkmal der SED-Diktatur. Berlin 2002, S. 119–157, hier S. 145. [31] Ebd. [32]Jessen, Ralph: Akademische Elite, S. 372–382. [33] Allgemein zur Sozialstruktur und Mobilität: Huinink, Johannes et al (Hg.): Kollektiv undEigensinn. Lebensverläufe in der DDR und danach. Berlin 1995; Mayer, Karl Ulrich/Diewald, Martin: Kollektiv und Eigensinn: Die Geschichte der DDR und die Lebensverläufe ihrer Bürger. In: ApuZG, (1996) 46, S. 8–17; Solga, Heike: Auf dem Weg in eine klassenlose Gesellschaft? Klassenlagen und Mobilität zwischen Generationen in der DDR. Berlin 1995; Solga, Heike: Klassenlagen und soziale Ungleichheit in der DDR. In: ApuZG, (1996) 46, S. 18–27; kritisch zur marxistischen Klassenbegriff bei Solga: Jessen, R.: Klassengesellschaft DDR?. In: DA 29 (1996), 647-9. Die ersten konkreten Vermutungen zur Wichtigkeit der verschiedenen Generationserfahrungen entstanden aus dem bahnbrechenden Oral-History-Projekt von Niethammer, L./Wierling, D./von Plato A.: Die Volkseigene Erfahrung. Eine Ärchäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR. Berlin 1991. Siehe auch Niethammer, L.: Erfahrungen und Strukturen. Prolegomena zu einer Geschichte der Gesellschaft der DDR. In: Kaelble, H. et al (Hg.), Sozialgeschichte, S. 99–105. [34] Solga, Heike: Auf dem Weg, S. 123. [35]Jessen, R.: Mobility and Blockage during the 1970s. In: Jarausch, K. (Hg.): Dictatorship asExperience, S. 341–360, hier S. 346. [36]Zitat von Gerhard, Ute: Die staatlich institutionalisierte »Lösung« der Frauenfrage. Zur Ge-schichte der Geschlechterverhältnisse in der DDR. In: Kaelble, H. et al (Hg.): Sozialgeschichte der DDR, S. 383–403, hier S. 383. [37] Darunter die umstrittene Abtreibungsregelung in der DDR: Harsch, Donna: Society, the State,and Abortion in East Germany, 1950–1972. In: AHR 102 (Feb. 1997), S. 53–84. [38] Vgl. Trappe, Heike: Emanzipation oder Zwang? Frauen in der DDR zwischen Beruf, Familie und Sozialpolitik. Berlin 1995; Bühler, Grit: Mythos der Gleichberechtigung in der DDR. Frankfurt a. M. 1997; Helwig, Gisela: Frauen im SED-Staat. In: Materialien der Enquete-Kommission, Bd. III:2, S. 1223–1274; Sorensen, A./ Trappe, H.: Frauen und Männer: Gleichberechtigung – Gleichstellung – Gleichheit?. In: Huinink, Johannes et al (Hg.): Kollektiv und Eigensinn. Lebensläufe in der DDR und danach. Berlin 1995, S. 189–222; auch Huinink, J./ Wagner, M.: Partnerschaft, Ehe und Familie in der DDR. In: ebd., S. 145–188; Harsch, D.: Squaring the Circle: The Dilemmas and Evolution of Women’s Policy. In: Major, P./Osmond, J. (Hg.): The Workers’ and Peasants’ State; Ansorg, L./ Hürtgen, R.: The Myth of Female Emancipation: Contradictions in Women’s Lives. In: Jarausch, K. (Hg.): Dictatorship as Experience, S. 163–176; Langenhahn, Dagmar/ Roß, Sabine: The Socialist Glass Ceiling: Limits to Female Careers. In: ebd., S. 177–191. [39] Beyer, Marina: Vorwort zu Winkler, G. (Hg.): Frauenreport ’90. Berlin 1990, S. 8, zitiert nach Gerhard, U.: Die staatlich institutionalisierte »Lösung«, S. 396. [40] Mertens, L: »Was die Partei wusste, aber nicht sagte…«, S. 134. [41] Ebd., S. 147, 151. [42] Kölner Stadtanzeiger, 13 May 1978, zit. von Zatlin, J.: Consuming Ideology. Socialist Consumerism and the Intershops. In: Hübner, P./Tenfelde, K. (Hg.): Arbeiter in der SBZ-DDR, S. 570. [43] Mertens, L: »Was die Partei wusste, aber nicht sagte…«. Hinzu kamen auch die relativ differenzierten behördlichen Analysen im Bereich der Konsumplanung. Vgl. Merkel, Ina: Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR. Köln 1999; Landsmann, Mark: Dictatorship and Demand: East Germany Between Productivism and Consumerism, 1948–1961, Ph. D. Dissertation, Columbia University, 2000; Stitziel, Judd: Fashioning Socialism: Clothing, Politics, and Consumer Culture in East Germany, 1948–1971. Ph. D. Dissertation, Johns Hopkins University, 2001. [44] Zur Inszenierung der Sozialstruktur vgl. Hübner, Peter: »Arbeiterklasse als Inszenierung?« Arbeiter und Gesellschaftspolitik in der SBZ/DDR. In: Bessel, R./Jessen, R. (Hg.): Die Grenzen der Diktatur, S. 199–223. [45] Bessel, R./Jessen, R. (Hg.): Die Grenzen der Diktatur. [46] Vgl. vor allem Lüdtke, Alf (Hg.): Herrschaft als soziale Praxis. Historische und sozialanthropologische Studien. Göttingen 1991, S. 9–63; ders.: Die DDR als Geschichte; auch Lindenberger, T.: Die Diktatur der Grenzen.; ders., Alltagsgeschichte und ihr möglicher Beitrag zu einer Gesellschaftsgeschichte der DDR. In: Bessel, R./Jessen, R. (Hg.): Die Grenzen der Diktatur, S. 298–325. [47] Ausführlicher dazu Lindenberger, T.: Die Diktatur der Grenzen. [48] Friedrich, Carl/Brzezinski, Zbigniew: Totalitarian Dictatorship and Autocracy. Cambridge MA 1956. [49] Gaus, Günter: Wo Deutschland liegt. Munich 1983. [50] Lindenberger, T.: Die Diktatur der Grenzen. S. 36. [51] Barck, Simone/ Langermann, Martina/Lokatis, Siegfried: »Jedes Buch ein Abenteuer«. ZensurSystem und literarische Öffentlichkeiten in der DDR bis Ende der sechziger Jahre. Berlin 1997; Klötzer, Sylvia/Lokatis, Siegfried: Criticism and Censorship: Negotiating Cabaret Performance and Book Production. In: Jarausch, K. (Hg.): Dictatorship as Experience, S. 241–263. [52] Ausführlicher dazu: Ross, C.: Constructing Socialism at the Grass-Roots. Siehe auch Hübner, P.: Konsens, Konflikt, Kompromiß; Kopstein, J.: The Politics of Economic Decline; Lindenberger, T.: Creating State Socialist Governance. The Case of the Deutsche Volkspolizei. In: Jarausch, K. (Hg.): Dictatorship as Experience, S. 125–141; Hübner, P.: Industrielle Manager in der SBZ/DDR. Sozial- und Mentalitätsgeschichtliche Aspekte. In: GG, 24 (1998) 1, S. 55–80. [53] Pollack, Detlef: Die konstitutive Widersprüchlichkeit der DDR. Oder: War die DDRGesellschaft homogen?. In: GG, 24 (1998) 1, S. 110–131. [54] Ebd.. Auf Englisch: Pollack, D.: Modernization and Modernization Blockages in GDR Society. In: Jarausch, K. (Hg.): Dictatorship as Experience, S. 27–45. [55] Ebd., S. 130f. [56] Ebd., S. 129. [57] Jessen, R.: Die Gesellschaft im Staatssozialismus. S. 106. [58] Pollack, D.: Die konstitutive Widersprüchlichkeit. Siehe auch den Meinungsaustausch zwischen Pollack und Sigrid Meuschel in GG 26 (2000): Machtmonopol und homogensierte Gesellschaft. Anmerkungen zu Detlef Pollack. S. 171–183; Die offene Gesellschaft und ihre Freunde. S. 184– 196. [59] Einige Wissenschaftler haben diese Entwicklung schon vor 1989 erkannt: Grunenberg, Antonia: Aufbruch der inneren Mauer. Politik und Kultur in der DDR 1971–1990. Bremen 1990; Lemke, Christiane: Die Ursachen des Umbruchs 1989. Politische Sozialisation in der ehemaligen DDR. Opladen 1991. Vgl. auch Thaa, Winfried et al: Gesellschaftliche Differenzierung und Legitimitätsverfall des DDR-Sozialismus. Tübingen 1992. [60] Vgl. allgemein Wolle, S.: Der Traum vom Westen. Wahrnehmungen der bundesdeutschen Gesellschaft in der DDR. In: Jarausch, K./Sabrow, M. (Hg.): Weg in den Untergang. Der innere Zerfall der DDR. Göttingen 1999, 195–211; Förster, P.: Die deutsche Frage im Bewußtsein der Bevölkerung in beiden Teilen Deutschlands. In: Materialien der Enquete-Kommission Bd. V:2, S. 1212–1380. Zum Stellenwert der Westmedien in der DDR vgl. Schildt, A.: Zwei Staaten – eine Hörfunk und Fernsehnation. Überlegungen zur Bedeutung der elektronischen Massenmedien in der Geschichte der Kommunikation zwischen der Bundesrepublik und der DDR. In: Bauerkämper, A. et al (Hg.): Doppelte Zeitgeschichte. Deutsch-deutsche Beziehungen 1945–1990. Bonn 1998, S. 58–71. Zur wirtschaftlichen und kulturellen Rolle der D-Mark vgl. Zatlin, J.: The Currency of Socialism: Money and Autocracy in East Germany, 1971–1990. Ph.D. Dissertation, University of California, Berkeley (2000). [61] Wolle, S.: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989. Berlin 1998. [62] Siehe Zatlin, J.: The Vehicle of Desire: The Trabant, the Wartburg, and the End of the GDR. In: German History 15 (1997), S. 358–380. [63] Zu den Eingaben während der 1980er Jahre vgl. Zatlin, J.: Ausgaben und Eingaben: Das Petitionsrecht und der Untergang der DDR. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 45 (1997), S. 902–917. Vgl. auch allgemein die etwas problematischen Überblicke: Mühlberg, Felix: Konformismus oder Eigensinn? Eingaben als Quelle zur Erforschung der Alltagsgeschichte der DDR. In: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, 19 (1996), S. 331–345; Merkel, I./ Mühlberg, F.: Eingaben und Öffentlichkeit. In: Merkel, I. (Hg.): »Wir sind doch nicht die MeckerEcke der Nation«. Briefe an das DDR-Fernsehen. Köln 1998, S. 9–32. [64] Süß, Walter: Selbstblockierung der Macht. Wachstum und Lähmung der Staatssicherheit in den siebziger und achtziger Jahren. In: Jarausch, K./Sabrow, M. (Hg.): Weg in den Untergang, S. 239– 257 , hier S. 252; zur Kritik an die »Entdifferenzierungs«-these für die 1980er Jahre vgl. vor allem Pollack, D.: Die konstitutive Widersprüchlichkeit. [65] Vgl. die Argumentation in Jarausch, K.: Die gescheiterte Gegengesellschaft. Überlegungen zu einer Sozialgeschichte der DDR. In: AfS 39 (1999), S. 1–17. [66] So auch Jessen, R.: Die Gesellschaft im Staatssozialismus, S. 107.

JHK 2003

Auch nach 1990: Zweierlei Geschichtsschreibung?

Werner Müller

Rund zwölf Jahre nach dem Ende der DDR und der Auflösung ihrer systemtypischen Wissenschaftsinstitute wie der Akademie der Wissenschaften oder der Parteihochschule und -Akademie zeigen sich nach wie vor Brüche und Gegensätzlichkeiten in der Historiographie, die an die Konfliktlagen vor 1989 erinnern. Selbstverständlich setzten sich die damaligen Ost-West-Auseinandersetzungen nicht geradlinig fort. Immerhin hatten repräsentative Vertreter beider deutscher Historiographien umstandslos in den achtziger Jahren ihre jeweilige Staatengeschichte als »Nationalgeschichte« dargestellt.[1] Lediglich in der Bundesrepublik zeigte sich ein davon abweichendes und uneinheitliches Bild: Einige namhafte Autoren folgten dem Konzept einer »Parallelgeschichte«.[2] Sie interpretierten die Nachkriegsentwicklung naturgemäß als unterschiedliche, aber letztlich als die zweier gleichberechtigter Staaten.[3] Diese Denkrichtung wurde mit dem Zusammenbruch der DDR naturgemäß obsolet – unter völlig verschiedenen Ausgangslagen und mit völlig anderem Personenkreis kehrte sie wenig später in die Arena wissenschaftlicher Auseinandersetzung zurück. Selbstverständlich haben sich Forschungsziele, Methoden, wissenschaftliche »Schulen« im vereinigten Deutschland seit 1990 weiter ausdifferenziert. Zunächst wäre festzuhalten, daß nicht erst seit dem Ende der DDR das TotalitarismusKonzept in breitem Maße wiederaufgegriffen und breit aufgefächert worden war.[4]Seine Eignung für die Analyse der Staaten Ost- und Mitteleuropas nach 1945 wurde ebenso geprüft wie auch das Feld der vergleichenden Diktatur-Forschung intensiviert.[5] Eine Renaissance erlebte das Theorem der »Politischen Religionen«, das durchaus als komplementär zu den Totalitarismus-Konzeptionen verstanden werden kann. Konzentriert sich das eine auf das Herrschaftssystem und die Realität der Machtausübung einschließlich der Unterdrückungsmechanismen, so fragt das andere nach den Inhalten der Massenmobilisierung, nach Formen und Resonanz von Ideologie und Indoktrination.[6] Aus der Sozialgeschichte kommend, hat Jürgen Kocka die DDR als »durchherrschte Gesellschaft« interpretiert, auf die Grenzen der Diktatur als Forschungsproblem aufmerksam gemacht und sie letztlich als moderne Diktatur verortet.[7] Einige – vor allem jüngere – Historiker aus der DDR hatten sich schon vor der Wende sozialgeschichtlichen Fragestellungen zugewandt und nach 1989 dieses zuvor recht vernachlässigte Feld intensiver bearbeitet.[8] Andere warfen geradezu im Zorn einen Rückblick auf die DDR-Geschichtswissenschaft [9] oder setzten sich intensiv mit den Grundlagen und Regeln des Faches in der DDR auseinander.[10] Auch manche der früheren führenden und maßgebenden Historiker der DDR äußerten sich im ersten Jahr der deutschen Einheit durchaus kritisch gegenüber der eigenen Vergangenheit und den von der Partei vorgegebenen Dogmen.[11] 1. Die Renaissance der DDR-Historiographie War so in der ersten, unmittelbaren Phase nach dem Umbruch[12] noch eine Bewegung zu einem Konsens sichtbar, dessen Eckdaten von der pluralistischen Historiographie der »alten« Bundesrepublik gesetzt waren, denen sich viele der DDRHistoriker zumindest zu nähern schienen, wandelte sich das Bild mit der fortschreitenden Neuordnung der universitären Strukturen und der Wissenschaftslandschaft in den neuen Ländern. Dieser, von vielen der Betroffenen als Zerschlagung funktionierender Strukturen, Entlassungen unter fadenscheinigen Vorwänden, Zerstörung von Karrieren aus »politischem Kalkül« empfundene Prozeß,[13] trieb fraglos eine neue Polarisierung voran, die nicht selten deutliche Anklänge an die alten Ost-West-Gegensätze sichtbar werden ließ. Einer der Betroffenen, Siegfried Prokop, beklagte 1999, daß »fast alle ostdeutschen Historiker mit Berufsverbot belegt wurden«, oder wenn sie diesem Schicksal entgangen waren, »wegen der ständig erneut anstehenden Notwendigkeit der Beantragung einer Verlängerung« fast einer Zensur unterworfen seien.[14] Sicherlich drückt sich darin ein gehöriges Maß an Verbitterung aus, in der neuen Bundesrepublik nicht »angenommen« worden zu sein, aber es kennzeichnet auch die fortdauernden parteipolitischen Konfliktlagen. Vor dem Hintergrund des industriellen Niedergangs und der wirtschaftlichen Stagnation im Osten sowie der Kontinuität tradierter Mentalitäten und Werte bot sich die Historiographie als Feld ostdeutscher Identitätsbildung geradezu an. Im Jahre 1993 zeigten sich erstmals Anzeichen einer nicht nur organisatorischen und finanziellen Stabilisierung der PDS, sondern auch eine Wende in der Resonanz unter den Wählern. Zuvor war es die Regel, dieser Partei einen beständigen Niedergang zu prognostizieren. Mit den Kommunalwahlen in Brandenburg 1993 und den Resultaten des »Superwahljahres« 1994 war das eindeutig falsifiziert – die PDS stand am Beginn einer längeren Stabilitätsphase.[15] Zwar wagte die Parteiführung einen schwierigen Spagat zwischen Westausdehnung mit dem Anspruch einer westeuropäischen »normalen« Linkspartei und als Interessenvertreterin der ostdeutschen Bürger, aber Erfolg hatte sie letztlich nur auf dem zweiten Feld. Einher ging damit eine fortschreitende Rehabilitierung ostdeutscher Lebensverhältnisse und des Geschichtsverständnisses. Hatte die PDS noch 1990 einen radikalen und »unwiderruflichen« Bruch mit dem »Stalinismus als System« verkündet,[16] so wich diese Haltung in den Folgejahren mehr und mehr einer Art »DDR-Nostalgie«.[17] Gerade das letztere, mit der demokratischen Revolution des Jahres 1989 in der DDR obsolet geworden, kehrte in differenzierter Weise in Argumentationen und Publikationen von Exponenten der Wissenschaftselite aus der DDR wieder. Welcher Personenkreis folgte diesen Maximen und versuchte, dementsprechende Geschichtsbilder zu entwerfen? Im Vor- und Umfeld der PDS wirkt eine große Zahl von Historikern und Sozialwissenschaftlern, die zur früheren Wissenschaftselite der DDR zählten. Diese, zumeist älteren, häufig auch emeritierten, aber auch viele der aus ihren Stellen entlassenen Forscher bildeten das Reservoir, aus dem sich das Bild einer DDR jenseits der Diktatur speiste. Sie schlossen sich in unterschiedlichen Plattformen zusammen. Zu den bedeutendsten dürften die Historische Kommission der PDS, das »Marxistische Forum« in der PDS, eine Reihe von parteinahen Stiftungen und Bildungseinrichtungen auf Bundes- und Regionalebene zählen.[18] Forciert wurde die Aufarbeitung der DDR-Geschichte schon 1992 durch die Einrichtung einer »Alternativen Enquete-Kommission Deutsche Zeitgeschichte« unter dem Vorsitz von Wolfgang Harich. Die ersten Foren befaßten sich mit der Tätigkeit der Geheimdienste in Deutschland nach 1945.[19] Aber erst mit der Einrichtung der ersten Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages 1992 bekam diese Form der Aufarbeitung ihre konkrete Gestalt. Die PDS-Gruppe im Bundestag bat »bekannte Wissenschaftler der DDR« um ihre Ansichten. So entstand in der Folgezeit ein umfangreiches breitgefächertes Werk zur Geschichte der DDR. Das deckte zum Teil ein ähnliches Spektrum ab wie die Arbeit der Enquete-Kommission des Bundestages, zum Teil griff es aber andere, eigene Themen auf. Es lieferte ein Kontrast-Bild zur Enquete-Kommission der 12. und 13. Wahlperiode des Bundestages, in der Absicht, dort »das Wort linker Wissenschaftler noch stärker in die Debatte einzuführen«. [20] Das von Dietmar Keller im Bundestag abgegebene Sondervotum zum Bericht der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SEDDiktatur in Deutschland« erhellt das Grundanliegen dieser Richtung der Historiographie zur DDR: »Eine objektive Bewertung der DDR-Geschichte schließt auch mit ein, sie weniger an den Maßstäben der Alt-BRD zu messen, sondern die Tatsache in Rechnung zu stellen, daß die DDR eine Gesellschaft mit eigenen Regeln, Werten und Konfliktregulierungsmechanismen war. Sie auf den Aspekt ihrer diktatorischen Entscheidungsstrukturen zu reduzieren bedeutet, sie als Repressionsstaat zu simplifizieren und zu verkürzen. Die DDR war als Staat und Gesellschaft auch sozialer Vorsorgestaat und zum Teil Solidargesellschaft mit einem spezifischen ›Wir-Gefühl‹.«[21] Manfred Kossok, in der DDR Experte für lateinamerikanische und Revolutionsgeschichte, seit 1976 Mitglied des Hoch- und Fachschulrates der DDR, gab in seinem letzten Werk 1993 dieser Antinomie Ausdruck: »Wenn Einheit nicht mehr bedeutet als den abstrakt idealisierten Rechtsstaat mit dem ebenso abstrakt verteufelten ostdeutschen Unrechtsstaat zusammenzubringen, dann reduziert sich das neue Deutschland auf ein historisches Nullsummenspiel.«[22] Der hier erhobene Vorwurf, das vollständig ins Positive idealisierte Bild würde zum Maßstab des uneingeschränkt vollständig negativ idealisierten anderen Staates erhoben, kehrte in vielfältig gewandelter Form aus diesem Kreis beständig wieder. Das und die ebenfalls häufig wiederholte Aussage, der Weg Ostdeutschlands nach 1945 sei eine legitime Alternative zu Westdeutschland gewesen, bilden den Grundstock für die immer wieder intendierte und propagierte weitgehende historiographische »Rehabilitation« der DDR. Wiederum in den Worten von Manfred Kossok: »Die Totalverurteilung der DDR-Erfahrung, ihre einseitige Fixierung auf die Auswüchse der Machtperversion einer intellektuell und biologisch degenerierten politischen Klasse, dazu die bewußte Vernachlässigung der globalstrategischen Faktoren, stehen im direkten Verhältnis zum Verlust der Kritikfähigkeit an einer Demokratie, deren Reformnotwendigkeit jeder Tag von neuem bestätigt. Die historische Erfahrung von 16 Millionen Menschen verlangt einen anderen Umgang mit Geschichte, der auch vor der Zukunft und nicht nur als Rechtfertigung heutiger Auseinandersetzung besteht.«[23] In Kossoks Monitum sind unterschiedliche Ebenen enthalten: Zunächst kennzeichnet es die Bemühungen um eine historische Legitimation der DDR, verbunden mit dem Anspruch, sie sei eine gleichberechtigte und gültige Antwort auf die Katastrophen von 1933 und 1945 gewesen. Ferner wird – dazu in einem gewissen Spannungsverhältnis – der DDR eine Abhängigkeit von den Grundkonflikten der Weltpolitik seit 1945 attestiert. Weiterhin beklagte Kossok die Exzesse des Herrschaftssystems, also der Spitzen der Parteidiktatur. Zugleich lehnte er die These vom »Unrechtsstaat« ab. Die Beschwörung der historischen Erfahrung von 16 Millionen Menschen kommt freilich einer Vereinnahmung gleich – und ähnelt dem IdentitätsAnspruch, den die SED immer erhoben hatte, nämlich die Interessen der Bevölkerung zu vertreten. Die Klage, Vergangenheitsdebatten dienten zur Rechtfertigung politischer Auseinandersetzungen, gehört seit diesen Jahren auch zum Standardrepertoire dieses Flügels der Historiographie. Kurt Finker fuhr noch gröbere Geschütze auf und disqualifizierte die Bundestags-Kommission und ihre Arbeit insgesamt: »Es geht aber um eine allseitige, differenzierte Erschließung und nicht um pauschale Aburteilung. Nach den Vorgaben jedoch soll Geschichte nicht zuerst erforscht und auf der Grundlage der Forschungsergebnisse dargestellt werden, sondern es wird mehrheitlich beschlossen, wie es gewesen zu sein hat.«[24] Bei Kossok lagen allgemein anerkannte wissenschaftliche Prinzipien und das politische Verdikt eng beieinander. Er postulierte: »Geschichte auch gegenüber der Vergangenheit als offen anzunehmen, ergibt nur einen Sinn, wenn sich damit die Bereitschaft verbindet, ihre Widersprüchlichkeit anzuerkennen, die keine polare Fixierung in Gut und Böse zuläßt, und wenn darauf verzichtet wird, sie lediglich als Vehikel von Interessenkonstellationen zu benutzen.«[25] Diese plausible Aussage diskreditierte er allerdings gleichzeitig bis zur Unkenntlichkeit, als er ziemlich am Beginn (!) des komplizierten Prozesses der Aufarbeitung der Geschichte als offenbar unumstößliches Faktum definierte: »Im Falle der DDR glaubt man mit den Begriffen Unrechtsstaat, Diktatur, SED-Herrschaft, Staatssicherheit, Täter, Opfer auszukommen. Und wo das nicht hilft, wird das Schema einer Fünfklassengesellschaft vom Regierungsverbrecher bis zum Mitläufer zu Hilfe genommen. Dem Subjektivismus im Umgang mit Vergangenheit sind keine Grenzen gesetzt. Daß historische Kommissionen mit vorgegebenem Ergebnis eingerichtet werden, um dieses post festum zu bestätigen, war eigentlich bislang ein Privileg der staatlich dominierten Wissenschaft im Sozialismus.«[26] Beschwor Kossok tatsächlich die Offenheit der Geschichte, oder beklagte er nur »die verhängnisvolle Bedeutung der Niederlage des Sozialismus«?[27] Er erlaubt, wenn man die Liste seiner Voraussetzungen und Vorbelastungen ernst nimmt, letztlich nur ein enges Korsett handlungsleitender Fragen zur Geschichte der DDR. Das, was diesen Staat, diese Gesellschaft, die staatsgeleitete Wirtschaft und das (auf die Fläche und die Einwohnerzahl bezogene) umfassendste flächendeckende Überwachungssystem der Geschichte ausmachte, ein Staat, dessen politikbestimmende Organisationen Bildungschancen und damit Karrierewege seiner Bürger zu bestimmen pflegten, sollte nicht allein oder zumindest nicht einmal in erster Linie die Sicht der Historiographie bestimmen? Wenn Kossok hier Subjektivismus anprangert, dann entsprechen seine beiden Kategorien-Listen der Gesichtspunkte, unter denen die DDR zu untersuchen ist, genau diesem Merkmal. So verwundert nicht, wenn aus dieser Richtung auch ganz andere Themen aufgegriffen werden wie Legitimation, Antifaschismus, Umwälzung, Unrechtsstaat, soziale Sicherheit, das Leben in der DDR oder die »Entwertung« von Biographien. In diesem Umkreis gab es selbst Autoren, die naht- und bruchlos an die Positionen der DDR-Historiographie anknüpften. Hans-Joachim Krusch verlagerte die Perspektive gänzlich von der DDR weg hin zur einer Kritik am Kapitalismus. Er wollte in das Zentrum der Betrachtung gestellt wissen, »daß die nationale Katastrophe, in die die faschistische Diktatur das deutsche Volk stürzte und aus der es 1945 einen Ausweg zu finden galt, ihre gesamtdeutsche Vorgeschichte hat. Sie verweist darauf, daß der Faschismus aus dem kapitalistischen System hervorging, jenem Gesellschaftssystem, zu dessen Besonderheiten mit der Herausbildung der Monopole, der Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital der Drang, die Tendenz zur ›Reaktion auf der ganzen Linie‹ [...] gehört.«[28] Bei ihm ist das Ziel eindeutig formuliert: Er wendete sich nicht nur »gegen die einseitige Blickrichtung auf den Osten«. Es erschien ihm vielmehr »höchst angebracht, den Herrschenden in der Bundesrepublik den Spiegel ihrer eigenen Geschichte – vor und nach 1945 – vorzuhalten. Das könnte ein wichtiges partei- und organisationsübergreifendes Anliegen antifaschistisch orientierter und linker Kräfte sein, die dem von den Interessen der Herrschenden, vom Großkapital geprägten Zeitgeist [...] Paroli bieten wollen.« [29] 2. Die DDR in der deutschen Geschichte Ein zentrales Feld dieser ostdeutschen Historiographie ist dem Nachweis der Legitimität der DDR gewidmet. Die westdeutschen Forscher vor 1989 und das breite Spektrum der institutionalisierten Historiographie zur DDR im vereinigten Deutschland nahm sich dieses Problems kaum an.[30] Stefan Doernberg formulierte generalisierend: »Historisch wie völkerrechtlich, moralisch wie juristisch waren beide deutsche Entwicklungswege legitim, blieben es die vier weiteren Jahrzehnte nach 1989.«[31] Indessen dient der Begriff der Legitimation hier zur Rechtfertigung der politischen Strukturen der DDR: »Sie begründete ihre historische Legitimität mit der Notwendigkeit einer kardinalen Erneuerung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, insbesondere der Macht- und Eigentumsverhältnisse. Aus dem Verlauf der deutschen Geschichte zogen ihre Führungskräfte die Schlußfolgerung, sowohl tiefer in der Vergangenheit verankerte Wurzeln des Faschismus auszumerzen, als auch die Überwindung der nationalen Krise zu nutzen, um das Ziel der deutschen Arbeiterbewegung, die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, in die Praxis umzusetzen. So ergab sich die historische Legitimität ihres Handelns für sie primär aus den Lehren der Geschichte selbst.«[32] Legitimation wird hier zur Rechtfertigung von Herrschaftserringung, Machtsicherung und gesellschaftlicher Umwälzung aus Kenntnis abstrakter »Lehren der Geschichte«. Zugleich wird Eindeutigkeit und Unumstrittenheit für höchst mehrdeutige und widersprüchliche Prozesse unterstellt. Welches die »Wurzeln des Faschismus« sind, kann kaum eindeutig beantwortet werden. Selbst unter Kommunisten würde eine Antwort komplex, facetten- und widerspruchsreich ausfallen – unter Nichtkommunisten erst recht. In gleicher Weise problembeladen erscheint »das Ziel der deutschen Arbeiterbewegung«. Von »dem« Sozialismus zu sprechen hieße auch hier, in unzulässiger Weise eine einzelne Parteimeinung zu verallgemeinern. Daß in Nachkriegs-Deutschland die Ansichten dazu allein zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten nicht nur kontrovers, sondern geradezu fundamental gegensätzlich[33] waren, ist hinlänglich bekannt. Heinz Karl ergänzte diese abstrakt-historische Deduktion durch Verweise auf konkrete Traditionslinien. »Tatsächlich sind in der DDR im wesentlichen solche gesellschaftlichen Veränderungen vollzogen worden, die seit vielen Jahrzehnten, zum Teil seit mehr als einem Jahrhundert auf der Agenda der deutschen sozialistischen Arbeiterbewegung, aber auch anderer demokratischer, progressiver Kräfte standen. Die seit 1945 und seit Gründung der DDR durchgeführten Reformen und Umgestaltungen waren Konsequenz und Vollzug von Forderungen, die schon im 19. Jahrhundert proklamiert wurden, die seitdem im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen gestanden hatten und um die seit 1918 in revolutionären Akten gerungen worden war.«[34] Auch hier wird erkennbar historische Identität gesucht. Die breiten Traditionen der deutschen sozialen Bewegung für die Traditionslinien der DDR zu beanspruchen zeigt eine methodische und inhaltliche Verengung, insbesondere, wenn Heinz Karl noch die Verstaatlichungs- und Sozialisierungskonzepte aus dem Erfurter Programm von 1891 und dem Heidelberger Programm von 1925 der SPD anführt. Auch wenn er einräumt, daß sich die konkrete Realisierung dieser Forderungen nicht unbedingt »mit den ursprünglichen Intentionen deckte«, bleibt die Verkürzung auf die Frage des Eigentums problematisch. Daß die deutsche Sozialdemokratie insgesamt das in ihrer Geschichte nur auf demokratischem Wege und nicht »in revolutionären Aktionen« erstrebte, bleibt ausgeblendet. Eine daher von Karl unterstellte »grundlegende Übereinstimmung im Anliegen, in der Richtung, der Tendenz von programmatischen Forderungen« war nicht gegeben. Im Gegenteil: Dieser historische Rückgriff verdeckt schlichtweg Ursache und Kern der Grunddifferenzen der Spaltung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten, nämlich die Frage der Demokratie.[35] Somit vermag auch der historische Rückgriff den Legitimationsanspruch der SED und der DDR nicht über das Maß hinaus zu stützen, das jedem Ereignis, jeder Institution oder Organisation innewohnt. Des weiteren versuchte Rolf Badstübner nachzuweisen, daß der Entwicklung im Westen Deutschlands in den Nachkriegsjahren »kein zielstrebiger Kurs zur Bildung eines Ostzonenstaates gegenüberstand. Sie [die Expertise, W. M.] begründet die Auffassung, daß der Entstehung und Gründung der DDR anders, aber unstreitig nicht ›weniger‹ historische Legitimation zukam wie derjenigen der Bundesrepublik und es außerdem – nach der Bildung der BRD – keine alternativen Handlungsspielräume zur Gründung der DDR gab.«[36] Badstübner konstatierte also nicht allein eine Legitimation des ostdeutschen Weges, nicht nur die Gleich-Wertigkeit der konträren Entwicklung in Ost und West, sondern wies auch eindeutig die »Schuld« an der Spaltung zu – wie nicht anders zu erwarten, den Westmächten, allen voran den Briten. Er unterstellte, »daß die Westalliierten, bei Vorreiterrolle Großbritanniens, bereits an einem frühen Zeitpunkt Kurs auf eine zielstrebige Westzonen›lösung‹ und von einer Vier-Mächte-Regelung der deutschen Frage Abstand nahmen, bevor diese ernsthaft verhandelt und versucht wurde, sie zu realisieren«.[37] Dieses Verdikt modifizierte er später nur bedingt und räumte ein: »Die mit dem Kooperationskurs gegenüber der Sowjetunion verbundenen Erwartungen hatten sich nicht erfüllt. Vor allem nicht für die herrschenden Kreise Großbritanniens. Sie wurden mit der Machteinbuße Großbritanniens nicht fertig, sahen plötzlich überall sowjetische Expansion oder Penetration. Das, was man nicht vor allzu lange zurückliegender Zeit als Wahrnehmung legitimer sowjetischer Sicherheitsinteressen anerkannt hatte, wurde plötzlich als Ausdruck einer expansiven und aggressiven Politik charakterisiert.«[38] Natürlich ist hier nicht der Ort, die Probleme der sowjetischen Nachkriegsund Deutschlandpolitik zu erörtern.[39] Jedoch muß hier die Frage erlaubt sein, in welchem Maße der britische Kurswechsel seinerseits eine Reaktion auf die sowjetische Politik (die in bezug auf Deutschland in der Tat recht widersprüchlich war) in der letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsphase gewesen ist. Gerade für die britische Politik dürfte weniger das Problem Deutschlands als die Frage Polens handlungsleitend gewesen sein. In der Darstellung Badstübners werden zugleich die Phasenverschiebungen in der westalliierten Politik kaum deutlich. Im letzten Punkt seiner Argumentation kulminieren geradezu seine Positionen. Nicht nur daß die Westmächte die treibenden Kräfte einer Weststaatsbildung und damit der Spaltung Deutschlands gewesen seien, sondern auch die Behauptung, daß die politischen Kräfte der sowjetischen Zone darauf nur hätten regieren können, gehört zu seinem Repertoire. Ob das »für 1945 zu konstatierende, realpolitische Herangehen von KPdSU und KPD an die deutsche Frage« die »alliierte Kooperation in und gegenüber Deutschland« gestützt habe,[40] ist naturgemäß umstritten und muß hier unerörtert bleiben. Ein besonderer Stellenwert im System der Rechtfertigung der DDR kommt dem Thema »Antifaschismus« zu. »Viele Bürger der DDR sind über antifaschistische Positionen zu sozialistischen Überzeugungen gekommen oder haben sich doch wenigstens mit dem antifaschistischen Konsens in der DDR identifiziert. Natürlich stimmt es auch, daß der Antifaschismus in zunehmendem Maße der Legitimation der Herrschaft der SED diente. Er machte die Führer der Partei in gewisser Weise unangreifbar«, räumte der Leipziger Historiker Hans Jürgen Friederici ein.[41] Was hier als Zugeständnis formuliert wurde, kehrte er sogleich als Vorwurf an die alte Bundesrepublik um: dort sei der Begriff in gleicher Weise instrumentalisiert worden. Manfred Weißbecker war bemüht, die Fundamente eines kommunistischen Antifaschismus zu erhalten. Es gehe nicht an, den »gesellschaftsbedingten Hintergrund außer Betracht zu lassen, noch den Antikapitalismus für illegitim zu erklären, nur weil er sich gegen eine politische Herrschaftsform richtete«.[42] Mit anderen Worten: der Kampf der Kommunisten gegen die Weimarer Demokratie, weil gegen den Kapitalismus gerichtet, war kein Fehler. Unter diesen Prämissen fällt es schwer, dem von Weißbecker geforderten Einheits-Postulat zu folgen. Zwei Konstanten sind augenfällig: Antifaschismus ist zugleich immer Antikapitalismus, wenn es auch bei Weißbecker nur verklausuliert formuliert wird. Ferner ist es Integrationsinstrument der Kommunisten gegenüber anderen politischen Richtungen.[43] Zuletzt behauptete der Faschismus-Forscher Kurt Pätzold noch, in der SBZ/DDR habe es eine »schonungslose Weise der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit« gegeben. Es klingt so, als habe es in der Tat eine intensive historiographisch-politische Aufarbeitung gegeben: »Für die Ausprägung des Antifaschismus als Idee und als Tat in der Sowjetischen Besatzungszone wurde die Sicht darauf, was Faschismus war, wie sein Aufkommen und sein Sieg zustande kamen und was insbesondere der deutsche Faschismus angerichtet hatte, soweit sein verbrecherischer Arm reichte, von grundlegender Bedeutung.«[44] Rolf Badstübner weitete das noch aus: »Die DDR als notwendige Reaktion auf die Errichtung der BRD legitimierte sich also nicht nur durch die Unausweichlichkeit ihrer Gründung, sondern als [...] Korrektiv oder Gegengewicht zur BRD – und darüber hinaus für nicht wenige außerdem durch ihre [...] antikapitalistische und sozialistische Entwicklungsperspektive.«[45] Diese Bemühungen um Legitimation der DDR kompensierten nicht das Defizit des zweiten deutschen Staates. Hermann Weber beschrieb es apodiktisch: »Der Grunddefekt des SED-Regimes war von Anfang bis Ende das Fehlen jeder demokratischen Legitimation.«[46] Die Debatte im Umkreis der früheren SED- und PDS-Historiker vermied genau diesen Bezug. Die Autoren übergingen, daß die KPD sich 1945 zur parlamentarischen Demokratie bekannt hatte, was selbst Otto Grotewohl honorierte. Für ihn war im August 1945 die Hauptdifferenz zwischen SPD und KPD entfallen, das »Kriegsbeil« begraben, das »seit der Weimarer Republik offen auf der Straße lag«.[47] Sie übergingen ferner, daß die KPD- und SED-Führer 1945/46 intern dieses Bekenntnis zur Demokratie längst beiseite gelegt hatten. Im Herbst 1989, in der Zusammenbruchskrise der SED-Herrschaft, besann sich die Parteiführung in letzter Minute, allerdings zu spät, erneut auf diese Prinzipien und suchte sie als Rettungsanker zu nutzen. Im November 1989 griff die SED-Führung unter Egon Krenz auf diese Prinzipien zurück und versprach erneut Demokratie.[48] 3. Unrechtsstaat und Diktatur Wie kaum ein zweiter hat der Begriff des »Unrechtsstaates« unter den Angehörigen der DDR-Wissenschaftselite Kritik und Widerspruch ausgelöst. Der Rechtsprofessor Detlef Joseph hielt fest: »Die DDR war kein Rechtsstaat.« Aber deswegen sei sie nicht zugleich ein Unrechtsstaat gewesen.[49] Er räumte zugleich weitgehende Rechtsverletzungen ein: »Für das Strafrecht ist inzwischen hinreichend belegt, daß die politisch motivierte juristische Strafverfolgung durch Mißachtung politischer Grundrechte und –freiheiten die Intentionen humanistischsozialistischen Denkens und Anliegens nicht unwesentlich negierte.« Zugleich habe es »rigorose, ungerechte und oftmals willkürliche Strafanwendung gegen tatsächliche oder vermeintliche Feinde der sozialistischen Gesellschaftsordnung« gegeben.[50] Im Klartext heißt das, die Rechtspraxis im Strafrecht stellte die Rechtsprinzipien in ihrem Wesensgehalt in Frage. Nicht außer acht gelassen werden darf die dreimalige Ausweitung des politischen Strafrechts 1958, 1977 und 1979, das letztlich mit geradezu uferlosen Sanktionsandrohungen politische Loyalität zu erzwingen suchte. Was Detlef Joseph hier als Faktum präsentiert, wird von dem Rechtsanwalt Friedrich Wolff durchaus relativiert. In seiner Betrachtung politischer Prozesse in den Jahren bis 1968 beansprucht die Bundesrepublik letztlich den größeren Raum. Dennoch ergibt sich ein überraschendes Fazit: »Die Verfolgung der Andersdenkenden in der DDR betraf mehr Personen, war härter und ungerechter als die Verfolgung von Kommunisten und ihnen Gleichgestellter in der Bundesrepublik bis 1968.«[51] Die Konsequenzen für ihn sind eindeutig: »Der quantitative Unterschied ist jedoch kein qualitativer Unterschied. Es gibt nicht den makellosen Rechtsstaat auf der einen und den abscheuerregenden Unrechtsstaat auf der anderen Seite.« Sicherlich sind die justiziellen Kommunistenverfolgungen vor allem der fünfziger Jahre nicht unbedingt ein »Ruhmesblatt« in der Geschichte der alten Bundesrepublik, aber mit Blick auf die Terrorjustiz und den Justizterror in der DDR zur gleichen Zeit qualitative Unterschiede insgesamt in Abrede zu stellen, verblüfft schon.[52] Nun, man könnte es dahingehend erklären, daß es Sache des Rechtsanwaltes sei, ein Plädoyer zu formulieren. Für den Rechtsphilosophen Hermann Klenner war der Terminus »SEDUnrechtsregime« nur eine »Propagandaparole«, dem – einem »wandelnden Widerspruch in sich selbst« – kein »wissenschaftlich haltbarer Begriff« zugrunde liege.[53] Er benennt zwei »Krebsschäden« des SED-Rechtsverständnisses: Das erste lag in der »Reduktion des Rechts auf seine Funktionalität, seine Instrumentalität«, das zweite in einem »undemokratischen Demokratieverständnis«.[54] In der Tat sind damit schwerwiegende Anhaltspunkte geliefert, die dem Verdikt des »Unrechtsstaates« ein Fundament liefern könnten. Immerhin wurde von zwei Experten eingeräumt, daß sowohl die theoretischen Fundierungen als auch die strafrechtliche Praxis gravierende Defizite aufwiesen. Warum dann in letzter Konsequenz die Benennung als Unrechtsstaat unzulässig sein sollte, bleibt fraglich. Dem steht natürlich nicht entgegen, daß es in weiten Teilen ein funktionierendes und funktionsfähiges Rechtssystem gab, etwa auf dem Feld des Familienoder Arbeitsrechts. Fraglos aber waren diese Bereiche potentiell permanent politischer Einflußnahme ausgesetzt. Ein weiteres: das Fehlen eines Verwaltungsrechts und einer Verwaltungsgerichtsbarkeit war »ein grundlegender Schwachpunkt des DDR-Rechtssystems«.[55]Ein Bürger hatte mit Ausnahme des Mittels der »Eingabe« keine Möglichkeit, seine Rechtsauffassung gegen Staat und Verwaltung durchzusetzen. »Die Eingabe war ohne Zweifel ein wichtiges Mittel für Bürger der DDR, zu ihrem Recht zu kommen. [...] Das Fragwürdige der Eingabenentscheidungen bestand darin, daß sie letztlich wie der ›Gnadenerweis‹ des ›Landesvaters‹ wirkten. Das Fehlen des Verwaltungsverfahrensrechts und eines Verwaltungsgerichts verwandelte die Eingabenentscheidungen in Zufälligkeitssprüche, denen die Bindungswirkung eines Rechtsanspruchs fehlte«, hielt Joseph fest.[56] Zwei Probleme seien in diesem Zusammenhang noch angesprochen: Erstens wird von den PDS-nahen Autoren permanent das Ministerium für Staatssicherheit und sein Wirken ausgeblendet. Daß es umfangreiche justizielle Befugnisse besaß, wird kaum einer Erwähnung für Wert befunden. Zweitens agierte es bekanntlich im rechtsfreien Raum. Es verkörperte geradezu »das institutionalisierte Mißtrauen der SED gegenüber dem eigenen Volk«.[57] Sehr eindringlich hat Jens Gieseke überdies die breiten Aktivitäten dieser Institution im Bereich des politischen Verdachts sowie die »Maßnahmen« von Zersetzung, Unterminierung und Verunsicherung analysiert.[58] Es verwundert dann wenig, wenn dieses (fraglos wichtigste) Feld der Stasi-Aktivitäten im Rückblick einer Reihe führender Leitungs-»Kader« kaum eine Rolle spielt.[59] Nun sind Erinnerungen immer subjektiv. In diesem Falle dienen sie allerdings offenkundig nicht nur der Rechtfertigung (was verständlich wäre), sondern vor allem der Schönfärberei. Zweitens blieb der Öffentlichkeit vor 1989 verborgen, wie die DDR-Führung gesetzliche Regelungen mit internen Anordnungen, Verfahrensvorschriften und Dienstanweisungen nicht nur konterkarierte, sondern sie bis ins Gegenteil verfälschte. Nach außen hin liberale und internationalen Konventionen entsprechende Gesetze wurden so intern faktisch aufgehoben. Gegründet auf das Denkmodell Ernst Fraenkels, der Dichotomie von Gesetzesstaat und Maßnahmestaat, hat Heidrun Budde in einer voluminösen Untersuchung diese Praxis am Beispiel des Eingabewesens, der Ausbürgerungspraktiken, des Strafvollzuges und auch des Arbeitsrechtes geprüft. Daß auch hier letztlich der Maßnahmestaat, das politisch Gewünschte, obsiegte, wird nicht verwundern.[60] Besondere Emotionen rief der Unrechtsstaats-Vorwurf auf der politischen Bühne hervor. Der Rechtswissenschaftler Volkmar Schöneburg sprach das noch vergleichsweise verhalten an: »Zudem dokumentiert der selektive Gebrauch der ›Unrechtsstaats‹-Vokabel, daß mit diesem Begriff ideologische, moralische und machtpolitische Bedürfnisse und Interessen bedient werden.«[61] Uwe-Jens Heuer und Michael Schumann, beide Rechtswissenschaftler und Mitglieder des Bundestages, spitzen das noch zu: »Die Doktrin vom ›Unrechtsstaat DDR‹, die die politisch motivierte Strafverfolgung begründet, fungiert zugleich als ideologischer ›Evidenzbeweis‹ für die Berechtigung gravierender Ungerechtigkeiten gegen große Teile der ehemaligen DDR-Bevölkerung. Sie ist der suggestive Grund, auf dem eine Haltung der Duldsamkeit und der Resignation erwächst: Kann noch glaubwürdig gegen seine ›Abwicklung‹ protestieren, der für einen ›Unrechtsstaat‹ arbeitete? Darf sich gegen Rentenkürzung und Vertreibung von Haus und Hof wenden, wer seine Ansprüche nur auf die Hoheitsakte eines untergegangenen ›Unrechtsstaates‹ stützen kann? Das zum sozialpsychologischen Stereotyp geronnene Dogma von der politischen, moralischen und auch juristischen Illegitimität der DDR soll den Boden abgeben für die allgemeine und widerspruchsfreie Akzeptanz der Ungerechtigkeit von historischem Ausmaß, die in Deutschland ein Teil der Nation dem anderen, von der Geschichte vielfach benachteiligten, zufügt.«[62] Nicht zuletzt wurden völkerrechtliche Argumente vorgebracht, um dem innenpolitisch dimensionierten Vorwurf des Unrechtsstaates zu begegnen.[63] Es erübrigt sich im einzelnen, auf die vorgebrachten Vorwürfe einzugehen. Daß Exponenten der früheren DDR-Elite alle politischen Mittel nutzten, um ihre Interessen durchzusetzen, ist nicht nur legitim, sondern auch verständlich. Der Vorwurf »gravierender Ungerechtigkeiten gegen große Teile der ehemaligen DDR-Bevölkerung« erinnert allerdings fatal an den Anspruch der DDR-Führung, die Bevölkerung zu repräsentieren. Recht abwägend hält Ernst Wurl als »Zwischenergebnis mit Blick auf die DDR« fest: Im Kern geht es also, wenn von Diktatur die Rede ist, zunächst nicht um ›die‹ DDR in der Komplexität von politischem System, Gesellschaft und ›Lebenswelt‹, vielmehr stehen Typ und Strukturelemente der politischen Herrschaft auf dem Prüfstand. Historisch wie methodisch kann man eine politische Diktatur nicht gegen Elemente anderer Bereiche aufrechnen – z. B. das Machtmonopol einer Partei gegen niedrige Mieten – es handelt sich um verschiedene Sphären, die in Wechselwirkung, nicht Identität stehen.«[64] Der allgemeine Diktatur-Begriff ist für ihn mit der »Diktatur des Proletariats« nicht »deckungsgleich«. Letztere hebt sich für ihn aber von der DDR ab: »Zur strukturellen Analyse politischer Systeme nach Art einer Parteidiktatur wie in der DDR, mit einer solchen Verformung ihrer ursprünglichen ideologischen und politischen Intentionen in der politischen Realität, der Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit und einem auf Totalität und die Monopolherrschaft einer Partei gerichteten politischen System, bietet sich kein Ersatz. Am Ende bleibt offen, ob man für die gravierenden Unterschiede zur Nazidiktatur und anderen Faschismen einen neuen theoretischen Ansatz und Begriff erarbeiten kann oder will.«[65] Deutlicher wurde der Wirtschaftswissenschaftler Herbert Wolf, der zugleich lange Jahre stellvertretender Vorsitzender der Staatlichen Plankommission gewesen ist: »Der SED-Staat war eine Diktatur im eigentlichen und im wissenschaftlichen Sinne. Aber damit ist nicht alles gesagt; denn dieser Satz drückt die historische Wahrheit nur zur Hälfte aus. Das Etikett ›Diktatur‹ genügt nicht, um zu begreifen, was da in Ostdeutschland wie und warum jahrzehntelang eben doch funktioniert hat. Man darf nämlich nicht die allgemeinen sozialen und politisch-ideellen Existenzbedingungen aus dem Auge verlieren, unter denen das Herrschaftssystem des ›Real-Sozialismus‹ angetreten ist und mit denen es generell nur bestehen konnte.«[66] Wurde hier eingeräumt, daß die DDR politisch eine Diktatur gewesen sei und diese zugleich als Entartung ihrer letzten Ziele verstanden, vermieden andere Historiker diesen Begriff. Helmut Bock sprach z. B. von einem »staatsmonopolistischen Sozialismus«,[67] wobei Anklänge an Trotzkische Argumentationsmuster sichtbar wurden. »Totalitäre Organisation von Staat und Gesellschaft« lautet eine Zwischenüberschrift in seiner Darstellung, die einen historischen Rückschritt analysierte. »Auch in der DDR erfolgte somit ein Bruch gegenüber den zivilisatorischen Traditionen der Rechtsstaatlichkeit, die als Errungenschaft bürgerlichdemokratischer Revolutionen den Fortschritt des Gesellschaftslebens in der Geschichte gekennzeichnet hatte. Dieser Bruch wurde sogar bewußt und andauernd propagiert: durch Ablehnung des Parlamentarismus, der Gewaltenteilung, des Pluralismus. Während man diese nur als Herrschaftsinstrumentarien des modernen Staats der Monopolbourgeoisie, nicht auch als Demokratisierungsfaktoren in der bürgerlichen Gesellschaft interpretierte, wurde selbst eine Basisdemokratie der Werktätigen verhindert.«[68] Was anders als eine Diktatur beschrieb er hier? Dagegen übernahm Gerhard Lozek den Diktaturbegriff für die DDR, als er nach der Zulässigkeit eines Diktaturen-Vergleichs fragte.[69] Implizite wurde jedoch auf andere Art und Weise dem Charakter der DDR als SED-Parteidiktatur Rechnung getragen. Die Analyse von Opposition und Widerstand ergäbe sonst logisch keinen Sinn. Wilfriede Otto konstatiert nüchtern zunächst einen hohen »Disziplinierungsgrad« und hält dann  fest: »Kennzeichnend war es aber auch, daß es von Anfang an eine spontane bis organisierte politische Opposition von Personen und Gruppen in- und außerhalb der SED gab, die sich mit demokratischen und reformerischen Ansätzen gegen parteibürokratische, diktatorische und repressive Macht wehrte.«[70] Ihr Erkenntnisinteresse gilt letztlich einer systemimmanenten Opposition – charakteristischerweise stehen die Prozesse in der Staatspartei und nicht in der DDR im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen.[71] Mit dem Blick auf das Ende der SED formulierte sie: »Der Entschluß der radikalen Parteiopposition, gegen feindliche Stimmungen und Erneuerungsgegner, mit der PDS durch Neuformierung und Erneuerung einem anderen linken Parteityp den Weg zu öffnen, war eine überreife Konsequenz aus der Genesis aller bisherigen konstruktiven Opposition in der SED.«[72] Mit dem Kunstgriff, den »offenen Widerstand im Sinne von Systemwiderstand«[73] auszublenden, wurde die Distanzierung von der diktatorischen Vergangenheit und die gleichzeitige Wahrung ihrer Traditionen möglich. 4. Alltag, Wirtschaft und Akzeptanz Der Verweis auf das Alltagsleben, auf die Integration der Menschen in die Gesellschaft und ihre Organisationen, Heimatverbundenheit, soziale Bindungen und nicht zuletzt die Realität der DDR als Arbeitsgesellschaft und Sozialstaat bilden ebenfalls wichtige Felder dissonanter Historiographie. Am Anfang stand, wie üblich, ein Vorwurf an die Adresse des gesamten politischen und wissenschaftlichen Spektrums der Enquete-Kommission des 12. Bundestages: diese habe sich nicht entschließen können, »sich dieser Lebenswelt unvoreingenommen, analytisch also, zuzuwenden«.[74] Bemängelt wurde also die Prämisse, Alltag in einer Diktatur untersucht zu haben. Sie hielt dem grundsätzlich entgegen: »Die PDS betont, daß der familiäre, soziale, ökonomische und kulturelle Lebensprozeß der Bürger der DDR mehr ist als nur die Geschichte einer massenhaften politischen Prägung. Sondern in diesem Alltag wurden sinnvolle Lebensperspektiven entwikkelt und gelebt, so wurden neben den alten sozialen und kulturellen Strukturen, die im Grunde dominierend blieben, manche neuen Strukturen des sozialen Zusammenlebens begründet. Noch vor einer wie auch immer gearteten Bewertung verdienen die neuen Formen der Sozialisierung, der Gemeinschaftlichkeit, die Auswirkungen einer konzeptionell neugestalteten Bildung auf der Grundlage anderer als der bislang vorherrschenden weltanschaulichen Grundlage die uneingeschränkte analytische Aufmerksamkeit.«[75] Hier ist Selbstverständliches ebenso formuliert wie Ansprüche. Dem Postulat, daß Alltag und Lebensrealitäten nüchtern und vorurteilsfrei untersucht werden müssen, wird niemand widersprechen. Darüber hinaus haben die Verfasser, Prof. Dr. Ludwig Elm, Rolf Kutzmutz und Prof. Dr. Reinhard Mocek, in die Frage bereits ihre Antwort hineinformuliert, daß sich neue Lebensformen entwickelt hätten. Anschließend konzedieren sie allerdings, daß sich der »Alltag der Bürger [...] im beständigen Widerspruch zwischen Entmündigung und Bevormundung einerseits und emanzipatorischen und fürsorglichen Elementen andererseits bewegte«. Damit dürfte sich aber auch der eingangs wiedergegebene Vorwurf einer unzulässigen (oder unrichtigen) Prämisse weitgehend relativiert haben. Darüber hinaus: Sollte es gangbar sein, auf den Feldern von Alltags- oder Mentalitätsgeschichte von den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu abstrahieren? Dann wäre der Weg zur Trivialisierung der Geschichtsbetrachtung vorgezeichnet. Neue Formen der Existenz in der Gesellschaft auf der einen und »normale« Lebensverhältnisse auf der anderen Seite zu dokumentieren, bildete den sachlichen Kern der Forderungen der drei Autoren. Diesen Themenbereichen widmeten sich die Wissenschaftler der früheren DDR recht ausführlich. Harry Nick, vor 1989 führender Wirtschaftswissenschaftler, skizzierte Leben und Alltag in Plattenbausiedlungen und wies in Erinnerungsform auf »Kontakte, Geselligkeit und Nachbarschaftshilfe« hin.[76] Fraglos wurden die Betonplatten-Neubauten von der Mehrzahl der Bewohner zu DDR-Zeiten als Fortschritt und als Verbesserung der Lebensqualität empfunden. Daß die Entdifferenzierung auf dem Feld des Wohnens nach 1990 in die entgegengesetzte Richtung umschlug, kann ebenfalls als unstrittig gelten. Ob die Wohnverhältnisse allerdings, wie Nick es anklingen ließ, zu den genannten »neuen Strukturen des sozialen Zusammenlebens« führten, oder sie nur Ausdruck des Sich-Einrichtens in die vom Einzelnen nicht veränderbaren Verhältnisse waren, mag hier offen bleiben. Karl-Heinz Jahnke verallgemeinerte diese Sicht: »Die Bevölkerung lebte hier lange Zeit glücklich und fühlte sich in der DDR zu Hause. [...] Die in der DDR entstandene Sozialisation und Mentalität waren durch den inneren Zusammenhalt und solidarisches Verhalten geprägt, daraus entstand Geborgenheit.«[77] Das breite Tableau der von PDS-nahen Autoren dargestellten Felder soll das illustrieren. Kinderalltag, Adoleszenz, Eheschließung und Familie, Einbindung in den Arbeitsprozeß, Erwerbsleben und Konfrontation mit Mangel und Armut[78] finden stets unter den Bedingungen statt, deren Grenzen Gesellschaft und Staat vorgeben. Daß sich die Menschen dort einrichten, daß sie bemüht sind, die vorgegebenen Möglichkeiten für ihre eigenen Interessen optimal zu nutzen, ist selbstverständlich und kann nicht als Rechtfertigung spezifischer Bedingungen verstanden werden. Umgekehrt: Der Zwang zum Arrangement, zum Leben unter dieser von der großen Mehrheit der Bevölkerung nicht frei gewählten politischen und gesellschaftlichen Verfaßtheit, war nach dem Mauerbau 1961 eine Grundvoraussetzung. Genau dieses Motiv geriet den Autoren nicht ins Blickfeld. Ob sich die Menschen nach mehr als zehn Jahren staatlicher Einheit tatsächlich »westdeutscher Deutungsmacht«[79] ausgesetzt sehen, wäre detaillierter zu prüfen. Daß diese aber »ihr gelebtes Leben mit seinen Höhen und Tiefen als reine Defizitbilanzierung« unterstellte, dürfte fraglich sein. Immerhin räumt Evemarie Badstübner-Peters ein, daß die meisten ostdeutschen Bundesbürger »die alte DDR [...] keineswegs zurück haben wollen«. Zugleich blendeten diese Autoren die Schattenseiten der Wirtschafts- und Sozialordnung nicht völlig aus. Ein selten pauschales Urteil fällte Ernst Engelberg, der durch seine Bismarck-Biographie vor der Wende auch im Westen bekannt geworden war: »Mit schlechteren Startbedingungen und unter vielfachen Zwängen und Unzulänglichkeiten neue Wege suchend, die DDR. Es wird nicht angehen, dem ökonomisch effektiveren Staat einfach das Prädikat richtig anzuheften wie den wirtschaftlich gescheiterten Versuch mit dem Verdikt falsch zu versehen.«[80] Die Funktionsprobleme der Wirtschaft beleuchtete mehrfach Gerhard Schürer, der seit dem Selbstmord Erich Apels 1965 Leiter der Staatlichen Plankommission gewesen war – und dessen Sicht eher die des Praktikers denn des Wissenschaftlers ist. Verdienste und Defizite lagen in seiner Sicht eng beieinander. »Unter den sozialistischen Ländern waren wir das Land mit der höchsten Arbeitsproduktivität sowie gut entwickelten Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen. Dennoch haben die Bürger unseres Landes ihren Lebensstandard nie an dem in anderen sozialistischen Ländern, sondern an dem in der BRD gemessen. Je mehr wir nur noch von den Erfolgen sprachen, um so unerträglicher wurden die Mängel empfunden, die es in wachsendem Maße gab [...]«[81] Die Modernisierungsunfähigkeit im wirtschaftlichen Bereich als eine der wesentlichen Ursachen für den Untergang der DDR wurde auch in diesem Zusammenhang angesprochen. Nicht das gesamte Wirtschaftssystem, sondern seine Deformation waren also das Problem: »Breshnews (und Honeckers) Linie zielte eindeutig auf Veränderungen, die in der Geschichte des Sozialismus als Rückschlag bezeichnet werden müssen. Sie bedeuteten speziell ein Zurückdrehen jener Reformansätze, welche gerade dabei waren, die aus den ersten Jahrzehnten des Sozialismus überkommenen Grundzüge, insbesondere seine von Stalin geprägten Strukturen und Mechanismen, zu überwinden bzw. wesentlich zu wirklich zukunftsträchtigen, weil leistungsfähigen und attraktiven Formen des Sozialismus zu wandeln. Die Breshnew-Honecker-Linie hatte objektiv einen reaktionären Charakter.«[82] Auffällig ist, wie wenig wirtschaftsgeschichtliche Themen im Wissenschaftlerkreis um die PDS behandelt wurden. Naturgemäß zählten dazu die in unterschiedlichen Kontexten behandelte Ausgangslage der DDR, die Reformversuche zu Beginn der sechziger Jahre, die als »ein ernst zu nehmendes, wissenschaftlich begründetes Reformmodell«, qualifiziert wurden,[83] und vor allem Niedergang[84]und Ende der DDR-Wirtschaft.[85] Immerhin wurde auch die Politik der Perestroika in der Sowjetunion als »Ausverkauf« der DDR interpretiert.[86] Überlegungen, was vom Wirtschafts- und Sozialsystem im vereinigten Deutschland erhalten werden sollte, wurden auch vorgetragen. [87] Ebenfalls wenig untersucht wurde die Sozialpolitik, ein Feld, auf dem die DDR in besonderer Weise nachwirkt.[88] Im PDS-Konkurrenzunternehmen zur Enquete-Kommission des Bundestages nahm sich nur ein jüngerer Wissenschaftler dieses Themas an, Stefan Bollinger. Er monierte »die Negierung einer positiven Wirkung sozialpolitischer Maßnahmen für breiteste Bevölkerungsschichten, [...] weitgehend unabhängig von ihren politischen und ideologischen Einstellungen«.[89]Auf kritiklose Würdigung der formalgesetzlichen Rechte und Mitwirkungskompetenzen der Gewerkschaften in der DDR bei umgekehrter Verurteilung der Lage in der Bundesrepublik läuft eine Erörterung von Horst Bednareck und Fritz Rösel hinaus.[90] Alles das mündet in die Frage, wie weit die DDR auf Rückhalt in ihrer Bevölkerung zählen konnte. Eindeutige Antworten ließen sich nur für Beginn und Ende der DDR formulieren: die Wahlen der Jahre 1946 und 1990 sind ein zuverlässiger Indikator. Auch für das Jahr 1946 ist offenkundig, daß die noch nicht offen stalinistische SED keine Mehrheit für sich gewinnen konnte. Fraglos waren aber Resonanz und Akzeptanz der SED-Herrschaft im Laufe der rund 45jährigen Nachkriegsgeschichte Wandlungen unterworfen. So war nach Stefan Bollingers Ansicht »die DDR eine Gesellschaft, die über lange Zeiten in den 60er und 70er Jahren durch die eigene Bevölkerung – entgegen dem heutigen pauschalen Negieren – unterstützt wurde«.[91] Eine DDR als akzeptierte Lebenswirklichkeit unterstellt auch Rolf Badstübner. »Es gab in der DDR nicht nur ›Täter‹ und ›Opfer‹ und sogenannte Mitläufer, sondern es gab Millionen loyale Bürger, die, obwohl gegenüber Systemdefiziten und auch Unrecht nicht blind, sich dennoch grundsätzlich oder teilweise mit dem Staat und/oder Gesellschaft der DDR in vielen ihrer Gegebenheiten und Dimensionen identifizierten oder diese tolerierten oder zumindest respektierten, [...] eben weil sie weit entfernt davon waren, sie als Unrechtsstaat schlechthin oder als Unrechtssystem zu beurteilen. Denn unbestreitbar wurde die DDR-Gesellschaft auch von humanistischen Werten geprägt.« Er verwies ferner auf den Loyalitätsgewinn durch internationale Akte und Pakte. »Jene identifizierende oder tolerierende Einstellung wurde auch durch die internationale Stellung der DDR, vor allem nach Helsinki, Grundlagenvertrag und ihrer Aufnahme in die UNO bestärkt.«[92] Einen Loyalitätsverlust räumte Karl Heinz Jahnke für die achtziger Jahre ein.[93] Eingedenk auch aller methodischen Probleme und des Fehlens zuverlässiger Daten zogen der Soziologe Helmut Meier und der Jugendforscher Walter Friedrich gleichwohl ähnliche Schlüsse wie Bollinger – einer breiten Akzeptanz der DDR in den sechziger und siebziger Jahren. Selbst die Zäsur des Mauerbaus zog Meier als Beleg für die Loyalität einer Mehrheit heran. Der Charakterisierung der Fluchtbewegung bis 1961 als »Abstimmung mit den Füßen« stimmte er zu, betonte aber: »Es waren Minderheiten, die die DDR verließen. Die Mehrheit der Bevölkerung verblieb im Lande. Es ist auch ein Faktum, daß es Proteste oder Gegenwehr gegen die Grenzschließung nur in verschwindend geringem Maße gegeben hat.«[94] Die Auswertung verschiedener Umfragen in der DDR, zumeist zum Geschichtsbewußtsein, sprach nach Meier »dafür, daß in der Zeit zwischen den 60er und den beginnenden 80er Jahren eine Mehrheit der Bevölkerung sich weitgehend mit der Eigenstaatlichkeit der DDR identifizierte.«[95] Er differenzierte diese Erkenntnis noch: »Die Akzeptanz der Existenz der DDR und bestimmter Grundtatsachen ihrer Entwicklung muß nicht unbedingt Wunschvorstellungen derjenigen zum Ausdruck bringen, die sich in dieser Weise aussprachen. Vielmehr sollte man davon ausgehen, daß sich darin rationale Einsicht in Notwendigkeiten und in reale Tatbestände offenbart. Aber auch das bleibt eine Form der Akzeptanz.« Das schloß nun eindeutig auch die Hinnahme des Unabänderlichen ein. Konkrete Befunde formulierte Walter Friedrich für die Jugendlichen in der DDR. »Die politischen Identifikationen, die Systemakzeptanz insgesamt, ist bei der DDR-Jugend seit Mitte der 60er Jahre ständig angewachsen, bezogen auf die Zahl der positiv Eingestellten, wie auf den Grad des inneren Zusammenhangs, der Konsistenz der Einstellungen und Motive. Die positive Zustimmung, die Systemloyalität, erreichte Mitte der siebziger Jahre ihren Höhepunkt. Danach traten in unseren Untersuchungen Stagnationserscheinungen und bereits leichte Erosionsprozesse im politischen Bewußtsein zutage«.[96] Ab 1987 sei dann ein sich rapide beschleunigender Verfall sozialistischer Wertorientierungen zu registrieren gewesen. Einen »seit 1961/62 auf wachsender Massenloyalität und punktueller demokratischer Legitimation« gegründeten Prozeß sah der Historiker Heinz Niemann.  Niedergang und Scheitern dessen und der DDR insgesamt verortete er in der Politik Honeckers: »Da der Versuch Honeckers scheitern mußte, sich durch Ausweitung einer Politik der sozialen Geschenke, der zur ökonomischen Überforderung der administrativ-bürokratischen Planwirtschaft führt, weiterhin der Loyalität des Volkes zu versichern, werden in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre die Zeichen auf den Beginn der Endkrise der DDR gesetzt, was seinerzeit nur von einer kleinen Gruppe von SED-Intellektuellen und Wirtschaftsführern erahnt, befürchtet und schließlich erkannt wurde.«[97] Auch in diesem Punkte kamen die DDR-Wissenschaftler zu ähnlichen Ergebnissen wie die westdeutsche Historiographie. Hermann Weber hatte bereits 1982 darauf hingewiesen, daß die DDR zwischen Stabilität und Krise schwanke.[98] Eine krisenhafte Entwicklung zwischen 1976 und 1980 diagnostizierte er im Jahre 1985.[99] 5. Ein unzulässiger Vergleich? Die PDS-Gruppe im Bundestag lehnte in einem Antrag im Juni 1998 die vergleichende Analyse beider deutschen Diktaturen nicht grundsätzlich ab, sah aber in der Arbeit beider Enquete-Kommissionen des Bundestages den Grundsatz verletzt, daß Vergleichen nicht Gleichsetzen heißen dürfe. »Diese richtige Unterscheidung wurde jedoch aufgrund von unablässigen Behauptungen über Analogien und Wesensverwandtschaft zwischen DDR und Drittem Reich vernachlässigt und nicht glaubwürdig genug vertreten. Damit wird der fortschreitenden Relativierung der Verbrechen der Nazidiktatur einerseits und der Dämonisierung und Kriminalisierung der DDR sowie einer Delegitimierung von antikapitalistischen Alternativen und Antifaschismus andererseits Vorschub geleistet.«[100] Zum Diktaturvergleich erklärte der Historiker Gerhard Lozek zunächst plausibel: »Ungeachtet der naheliegenden Gefahr seiner politischen Instrumentalisierung – dieser Vergleich ist nicht zu umgehen. Er ist der objektiven geschichtlichen Tatsache geschuldet, daß es in Deutschland in der relativ kurzen Frist von sechs Jahrzehnten zweimal zur Herausbildung diktatorischer Regime kam. Dabei verbieten sich willkürliche Parallelen ebenso wie die von gewissen Kräften suggerierte Gleichsetzung beider Diktaturen. Es geht vielmehr um einen wissenschaftlich seriösen Vergleich, der tatsächlich kommensurable Ebenen und Größen erfaßt, sowohl gegebene Ähnlichkeiten als auch qualitative Unterschiede der Vergleichsobjekte herausarbeitet und nicht zuletzt das Prinzip der Verhältnismäßigkeit beachtet.«[101]Dem wird man zustimmen können. Wie eng Lozek jedoch gleichzeitig die »Grenzen des Erlaubten« zog, machte sein Folgesatz deutlich. Alle, nicht etwa einige der genannten Grundsätze, seien bei einem Vergleich von Gestapo und DDR-Staatssicherheit verletzt. Er fügt an: »Bei einem verantwortungsbewußten Umgang mit der deutschen Geschichte dürfen die Aktenberge Mielkes nicht die Leichenberge Hitlers vergessen machen.«[102] Dagegen wird man einwenden müssen, daß Vergleiche Fakten, Probleme und Zusammenhänge sichtbar machen sollen und im Vergessen naturgemäß eine Fehlleistung liegt. Fatal wurde Lozeks Satz fraglos erst in einer anderen Dimension: Wollte er seinen Lesern glaubhaft machen, das MfS habe sich nur darauf beschränkt, Papier zu produzieren, vielleicht damit letztlich nur als »Arbeitsbeschaffungsmaßnahme« für Historiker gewirkt? Das Vorgehen, konsensfähige Prinzipien zu formulieren und sie in der praktischen Analyse für nicht gangbar zu erklären, setzt Lozek bei der Zulässigkeit des Totalitarismus-Paradigmas fort. Es fehlt zunächst nicht der Verweis, auch westlichen Industriegesellschaften seien totalitäre Tendenzen inhärent – zugleich aber lehnt er die Bezeichnung der DDR als totalitär ab.[103] Auf der anderen Seite würdigt er die dem Totalitarismus-Konzept immanente Kapitalismus-Kritik. Nach seiner Ansicht müßte eine vergleichende Analyse die »bedeutendsten qualitativen Unterschiede zwischen Diktaturen faschistischer und stalinistischer Prägung, die vom Totalitarismus-Konzept nicht erfaßt werden«, berücksichtigen: so die Unterschiede der politischen Systeme, der Ideologien, der Wirtschaftsordnungen, der Sozialsysteme und nicht zuletzt der welthistorischen Wirkungen. Wiederum werden die äußerst engen Grenzen eines unter diesen Prämissen zulässigen Vergleichs bei der Frage der Demokratie deutlich. Die NS-Herrschaft habe die Demokratie absolut negiert, die DDR habe versucht, sie in »das Konzept der ›sozialistischen Demokratie‹ zu integrieren«. Dort »bildeten sich zeitweise Übergangsund Mischformen totalitärer und autoritärer Machtausübung heraus, zugleich existierten demokratische Wirkungsräume für die Bürger.« [104] Letztlich bleibt damit für eine vergleichende Analyse,[105] die die DDR einschließt, kein Platz. Selbst der »klassische« Vergleich von Hitlers und Stalins Diktatur wäre kaum zulässig. Erörtert Lozek dieses Problem aber noch, so ist es für Siegfried Prokop in anderer Weise entschieden: Er spricht von einem »Diktat der Gleichsetzung der DDR mit der NS-Barbarei«.[106] Was zeigt also der Blick in die PDS-nahe Historiographie zur DDR? Auffällig ist, daß sie zunächst andere Felder thematisiert als die »übrige« Forschung, so »Antifaschismus«, Antikapitalismus und die Legitimität der Umbrüche nach 1945, die Einbindung in die bipolare Welt des Kalten Krieges. Der Weg der DDR wird ferner häufig als Fehlentwicklung nach einem gesunden Beginn interpretiert, Stalinismus jedoch selten untersucht. Das System der Parteidiktatur nimmt einen verhältnismäßig geringen Raum ein, ebenso der Niedergang der Wirtschaft. Geradezu marginal sind Untersuchungen zum Ende der DDR. Im Wesentlichen erschöpft sich das in einem längeren Beitrag Siegfried Prokops über »Glanz und Elend des Jahres 1989/90«.[107] Der Klage über die Verhältnisse im vereinigten Deutschland und an der Arbeit der Enquete-Kommissionen des 12. und 13. Bundestages wurde ein breiter Raum gewidmet. Damit zusammen nimmt in der elfbändigen Reihe »Ansichten zur Geschichte der DDR« das Thema Alltag den größten Umfang ein. Dieses Feld war in der Forschung zuvor nicht besonders intensiv bearbeitet worden.[108] Beklagt wird die Einseitigkeit der Ausrichtung auf die DDR. Manche Autoren vermißten eine Parallelgeschichte der beiden deutschen Staaten, allerdings gerieten derartige Unternehmen schnell zur kompromißlosen »Abrechnung« mit der alten und neuen Bundesrepublik.[109] Daß dieser Kreis aus der ehemaligen DDRWissenschaftselite sich selbst für kompetenter hält, DDR-Geschichte zu untersuchen, bedarf eigentlich keiner Betonung. Siegfried Prokop spitzte das zu und kritisierte, daß »die Mehrzahl der Autoren, die über die Geschichte der DDR publizieren, aus dem Westen kommen und nicht in der Lage sind, spezifische Begriffsprägungen exakt zu interpretieren, was sie nicht hindert, salopp zu urteilen.«[110] [1] So einerseits: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in fünf Bänden. Herausgegeben von Karl Dietrich Bracher, Theodor Eschenburg, Joachim C. Fest, Eberhard Jäckel, Stuttgart-Wiesbaden 1983–1987; andererseits die allerdings unvollendet gebliebene Deutsche Geschichte in zwölf Bänden, herausgegeben vom Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Berlin (Ost) 1982 ff. – Der letzte noch 1989 erschienene Band 9 behandelte die Jahre von 1945 bis 1949. Dort war angekündigt, daß die Bände 10 bis 12 nur noch die Geschichte der DDR behandeln würden. [2] Dieser Terminus bei Kielmansegg, Peter Graf: Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschland. Berlin 2000, S. 677. [3] Vg. dazu etwa die mehrfach aufgelegten Arbeiten von Kleßmann, Christoph: Die doppelte Staatsgründung, Deutsche Geschichte 1945–1955, Göttingen 1982 (Erstauflage); ders.: Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955–1970. Göttingen 1988 (Erstauflage) oder Weidenfeld, Werner/Zimmermann, Hartmut (Hrsg.): Deutschland-Handbuch. Eine doppelte Bilanz 1949–1989. München 1989 (auch: Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 275). [4] Vgl. die konzentrierteste Übersicht zum Forschungsstand bei Jesse, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, 2. erw. Aufl. Bonn 1999 (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 336); Siegel, Achim (Hrsg.): Totalitarismustheorien nach dem Ende des Kommunismus, Köln-Weimar-Wien 1998. [5] So etwa Bracher, Karl Dietrich: Revolution gegen den Totalitarismus, in: Wendezeiten der Geschichte. Historisch-politische Essays. München 1995, S. 329–350. [6] Maier, Hans (Hrsg.): »Totalitarismus« und »Poltische Religionen«. Konzepte des Diktaturvergleichs. Paderborn-München-Wien-Zürich 1996; Maier, Hans/Schäfer, Michael (Hrsg.): »Totalitarismus« und »Politische Religionen«. Konzepte des Diktaturvergleichs, Bd. II. PaderbornMünchen-Wien-Zürich 1997. [7] Kocka, Jürgen: Ein deutscher Sonderweg. Überlegungen zur Sozialgeschichte der DDR, in: ders.: Vereinigungskrise. Zur Geschichte der Gegenwart. Göttingen 1995, S. 102–121. [8] Vgl. Sozialgeschichte der DDR. Herausgegeben von Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka, Hartmut Zwahr, Stuttgart 1994; Hübner, Peter: Konsens, Konflikt und Kompromiß. Soziale Arbeiterinteressen und Sozialpolitik in der SBZ/DDR 1945–1970. Berlin 1995. [9] Vgl. für vieles: Wolle, Stefan: Das Versagen der Historiker, in: Krise – Umbruch – Neubeginn. Eine kritische und selbstkritische Dokumentation über die DDR-Geschichtswissenschaft 1989/90. Herausgegeben von Rainer Eckert, Wolfgang Küttler und Gustav Seeber, Stuttgart 1992; Eckert, Rainer/Kowalczuk, Ilko-Sascha/Stark, Isolde (Hrsg.): Hure oder Muse? Klio in der DDR. Dokumente und Materialien des Unabhängigen Historiker-Verbandes. Berlin 1994. [10] Zwahr, Hartmut: Ende einer Selbstzerstörung. Leipzig und die Revolution in der DDR. Göttingen 1993. [11] Vgl. dafür eine Reihe von Beiträgen in: Krise – Umbruch – Neubeginn, (Anm. 9), oder besonders mit dem Verweis auf tatsächliche oder vermeintliche Versäumnisse der gesamtdeutschen Wissenschaftspolitik Cerny, Jochen (Hrsg.): Brüche, Krisen, Wendepunkte. Neubefragung von DDR-Geschichte. Leipzig-Jena-Berlin 1990; Prokop, Siegfried (Hrsg.): Die kurze Zeit der Utopie. Die »zweite DDR« im vergessenen Jahr 1989/90. Berlin 1994. [12] Zeitgleich war die PDS bemüht, sich mit dem Rückgriff auf die Geschichte zu legitimieren. Vgl. für vieles: Bollinger, Stefan/Heuer, Uwe-Jens/Holz, Hans Heinz/Benser, Günter: DDRGeschichte. Nostalgie oder Totalkritik? O.O. o.J. [13] Hager, Nina: »Notwendige Erneuerung«. Wissenschaft in der Abwicklung, in: Fischer, Gerhard/Krusch, Hans-Joachim/Modrow, Hans/Richter, Wolfgang/Steigerwald, Robert (Hrsg.): Gegen den Zeitgeist. Zwei deutsche Staaten in der Geschichte. Schkeuditz 1999. [14] Prokop, Siegfried: Der autoritäre Sozialismus des »roten Preußen«. Zum Platz der DDR in der Geschichte, in: Neues Deutschland, 27./28. Februar 1999. [15] Neugebauer, Gero/Stöss, Richard: Die PDS. Geschichte. Organisation. Wähler. Konkurrenten. Opladen 1996, S. 53 ff., S. 199 ff. [16] Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System!, in: Neues Deutschland, 18. 12. 1989 [17] Eckert, Rainer/Faulenbach, Bernd (Hrsg.): Halbherziger Revisionismus: Zum postkommunistischen Geschichtsbild. München 1996. [18] van Hüllen, Rudolf: Aufarbeitung, Mythenbildung, »Kurzer Lehrgang« – oder was? Entwicklungslinien der Geschichtsarbeit unter Postkommunisten, in: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie, 7. Jahrg. Baden-Baden 1995, S. 27–41; Moreau, Patrick/ Lang, Jürgen: Linksextremismus. Eine unterschätzte Gefahr. Bonn 1996, S. 156–166. [19] Ebenda, S. 165 – Dazu zählen unter anderem die Professoren Rolf Badstübner, Lothar Berthold, Stefan Doernberg, Hubert Laitko, Gerhard Lozek, Harry Nick, Siegfried Prokop und KarlHeinz Schulmeister. [20] Vorwort, in: Ansichten zur Geschichte der DDR. Herausgegeben von Dietmar Keller, Hans Modrow und Herbert Wolf, Bd. 1, Bonn-Berlin 1993, S. 8. Die Bände I–XI erschienen zwischen 1993 und 1998 mit wechselnden Herausgebern. [21] Dietmar Keller: Minderheitenvotum der PDS zum Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages [...], in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. IV, S. 11. [22] Kossok, Manfred: Im Gehäuse der selbstverschuldeten Unmündigkeit oder Umgang mit der Geschichte, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. I, S. 26. [23] Ebenda. [24] Finker, Kurt: Faschismus, Antifaschismus und »verordneter Antifaschismus«, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. XI, S. 142. [25] Kossok, Im Gehäuse (Anm. 22), S. 12. [26] Ebenda, S. 11. [27] Hahn, Erich: 1989 und die Folgen. Fußnoten zur Ideologie der »Berliner Republik«, in: Gegen den Zeitgeist (Anm. 13), S. 447. [28] Krusch, Hans-Joachim: Um ein neues Deutschland. Zwischen Befreiung und kaltem Krieg, in: Gegen den Zeitgeist (Anm. 13), S. 14. – Das Zitat im Zitat stammt aus Lenin, Werke, Berlin (Ost) 1960, Bd. 22, S. 302. [29] Ebenda, S. 26. [30] So ist beispielsweise dieses Stichwort weder in der letzten (3.) Ausgabe des DDR-Handbuches von 1985 noch in dem von Rainer Eppelmann, Horst Möller, Günter Nooke und Dorothee Willms herausgegebenen Lexikon des DDR-Sozialismus verzeichnet. [31] Doernberg, Stefan: Zur Legitimität der beiden deutschen Wege nach 1945, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. IV, S. 133.   [32] Ebenda, S. 132. [33] So hielt etwa Kurt Schumacher 1945 fest: »Die Sozialdemokratische Partei ist die einzige Partei in Deutschland gewesen, die an der großen Linie der Demokratie und des Friedens ohne Konzessionen festgehalten hat.« Schumacher, Kurt: Nach dem Zusammenbruch. Gedanken über Demokratie und Sozialismus. Hamburg 1948, S. 23. [34] Karl, Heinz: Die DDR – Versuch einer sozialistischen Alternative oder Sackgasse von Anfang an? In: Gegen den Zeitgeist (Anm. 13), S. 313. [35] Vgl. für vieles: Lübbe, Peter: Kommunismus und Sozialdemokratie. Eine Streitschrift, Berlin – Bonn 1978; Müller, Werner: Gab es in Deutschland einen demokratischen Kommunismus? In: »Ein Gespenst geht um in Europa«. Das Erbe kommunistischer Ideologien. Herausgegeben von Uwe Backes und Stephane Courtois, Köln-Weimar-Wien 2002, S. 323–382. [36] Badstübner, Rolf: Alliierte Politik und Besatzungsherrschaft zur Schaffung eines antinazistischen, antimilitaristischen, demokratischen und friedlichen neuen Deutschlands und die Entstehung der beiden deutschen Staaten, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), S. 31. [37] Ebenda, S. 30. [38] Badstübner, Rolf: Vom »Reich« zum doppelten Deutschland. Gesellschaft und Politik im Umbruch. Berlin 1999, S. 132. [39] Grundsätzlich u.a. Gaddis, John Lewis: We now know. Rethinking Cold War History. Oxford 1997, S. 26 ff.; Adomeit, Hannes: Imperial Overstretch: Germany in Soviet Policy from Stalin to Gorbachev. An Analysis Based on New Archival Evidence, Memoirs and Interviews. BadenBaden 1998, S. 57 ff.; Wettig, Gerhard: Bereitschaft zur Einheit in Freiheit? Die sowjetische Deutschlandpolitik 1945–1955. München 1999, S. 33 ff. [40] Badstübner, Alliierte Politik (Anm. 32), S. 37. [41] Friederici, Hans Jürgen: Das Thema »Antifaschismus« im Enquete-Bericht – Kritische Anmerkungen, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. V, S. 69. [42] Weißbecker, Manfred: Nachdenken über den Antifaschismus, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. V, S. 93. [43] Münkler, Herfried: Antifaschismus als Gründungsmythos der DDR. Abgrenzungsinstrument nach Westen und Herrschaftsmittel nach innen, in: Agethen, Manfred/Jesse, Eckhard/Neubert, Ehrhart (Hrsg.): Der mißbrauchte Antifaschismus. DDR-Staatsdoktrin und Lebenslüge der deutschen Linken. Freiburg-Basel-Wien 2002, S. 79–99. [44] Pätzold, Kurt: Die Legende vom »verordneten Antifaschismus«, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. III, S. 114. [45] Badstübner, Alliierte Politik (Anm. 32), S. 58. [46] Weber, Hermann: Geschichte der DDR, aktualis. u. erw. Neuausgabe. München 1999, S. 16. [47] Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO BArch), NY 4072/167, 52. [48] So im Entwurf eines Aktionsprogramms der SED, von Krenz am 8. November 1989 im ZKPlenum vorgetragen. Vgl. Hertle, Hans-Hermann/Stephan, Gerd-Rüdiger (Hrsg.): Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees. Mit einem Vorwort von Peter Steinbach. Berlin 1997, S. 221 und 231. [49] Joseph, Detlef: Zur Rechtsordnung der DDR, in: Gegen den Zeitgeist (Anm. 13), S. 186. [50] Ebenda. [51] Friedrich Wolff: Politische Strafprozesse in Deutschland von 1945 bis 1968, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. III, S. 196. [52] Mit einer Fülle von Beispielen Fricke, Karl Wilhelm: Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945–1968. Bericht und Dokumentation. Köln 1979; Werkentin, Falco: Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht, Berlin 1995. [53] Klenner, Hermann: Die Rechtskonzeption der SED und ihre Widerspiegelung in der Rechtsordnung der DDR, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. II, S. 162. [54] Ebenda, S. 160 f. [55] Joseph, Zur Rechtsordnung (Anm. 49), S. 188. [56] Ebenda. [57] So treffend Walther, Joachim: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1996, S. 69. [58] Gieseke, Jens: Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit. Personalstruktur und Lebenswelt 1950–1989/90. Berlin 2000. [59] Grimmer, Reinhard/Opitz, Willi/Irmler, Werner/Schwanitz, Wolfgang (Hrsg.): Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS. Berlin 2002. [60] Budde, Heidrun: Willkür! Die Schattenseiten der DDR. Rostock 2002. [61] Schöneburg, Volkmar: Rechtsstaat versus Unrechtsstaat? Vier Argumente gegen eine SchwarzWeiß-Klassifikation, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. V, S. 153. [62] Heuer, Uwe-Jens/Schumann, Michael: Politik und Justiz in der Auseinandersetzung um die DDR-Geschichte, in: Bisky, Lothar/Heuer, Uwe-Jens/Schumann, Michael (Hrsg.): »Unrechtsstaat«? Politische Justiz und die Aufarbeitung der Vergangenheit. Hamburg 1994, S. 11. [63] Schirmer, Gregor: Der »Unrechtsstaat« und das Völkerrecht, in Bisky, Lothar/Heuer, UweJens/Schumann, Michael (Hrsg.): Rücksichten. Politische und juristische Aspekte der DDRGeschichte. Hamburg 1993, S. 188–194. [64] Wurl, Ernst: Die »SED-Diktatur«. Überlegungen im Kontext einer Kritik des Begriffs aus dem Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. V, S. 104 f. – Hervorhebungen im Original. [65] Ebenda, S. 120 f. [66] Wolf, Herbert: Verhältnis von Ökonomie und Politik in der DDR – Möglichkeiten und Realitäten ihrer Entwicklung, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. VI, S. 41 – Hervorhebungen im Original. [67] Bock, Helmut: Partei – Staat – bürokratische Kaste. Zu einigen struktur-analytischen Aspekten bezüglich des staatsmonopolistischen Sozialismus in der DDR, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. III, S. 71. [68] Ebenda, S. 86, 87 f. [69] Lozek, Gerhard: Zum Diktaturvergleich von NS-Regime und SED-Staat. Zum Wesen der DDR im Spannungsfeld von autoritären und totalitären, aber auch demokratischen Strukturen und Praktiken, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. IV, S. 109. [70] Otto, Wilfriede: Opposition und Widerstand zwischen Hoffnung und Enttäuschung, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. III, S. 27. [71] Vgl. auch ihre umfangreiche und lesenswerte Darstellung: Otto, Wilfriede: Visionen zwischen Hoffnung und Täuschung, in: Klein, Thomas/Otto, Wilfriede/Grieder, Peter: Visionen. Repression und Opposition in der SED (1949–1989), 2 Teile, 2. überarb. Aufl. Frankfurt/Oder 1997, S. 137–561. [72] Ebenda, S. 253. [73] Klein, Angelika: Exempel 1953: Probleme und Konsequenzen widerständigen Verhaltens bis Anfang der 60er Jahre, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. VII, S. 353. [74] Minderheitenvotum der PDS zum Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages [...], in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. XI, S. 24 ff. [75] Ebenda. [76] Nick, Harry: Über das Leben in einer Berliner Plattenbausiedlung, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. VII, S. 247. [77] Jahnke, Karl Heinz: Zu Hause in der DDR. Biographische Notizen. Köln 1999, S. 7. [78] Vgl. die Einzelstudien in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. VII. [79] Badstübner-Peters, Evemarie: Editorial, in: Dies. (Hrsg.): Befremdlich anders. Leben in der DDR. Mit Nachbetrachtungen von Dietrich Mühlberg, 2. Aufl. Berlin 2000, S. 7. [80] Engelberg, Ernst: Zum Geleit, in: Gegen den Zeitgeist (Anm. 13), S. 11. [81] Schürer, Gerhard: Die Wirtschafts- und Soziapolitik der DDR, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. III, S. 162. [82] Wolf, Das Verhältnis (Anm. 66), S. 76 – Hervorhebungen im Original. [83] Halbritter, Walter: Was geschah wirklich in und mit der Reform des »NÖS« in der DDR und wohin zielte ihre objektive Tendenz? In: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. VI, S. 299 – Ähnlich Krömke, Claus: Das »Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft« und die Wandlungen des Günter Mittag (hefte zur ddr-geschichte, Bd. 37). Berlin 1996. [84] Harry Nick: Warum die DDR wirtschaftlich gescheitert ist (hefte zur ddr-geschichte, Bd. 21). Berlin 1994. [85] Schürer, Gerhard: Das Ende der DDR-Wirtschaft, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. VI, S. 375–407; in Erinnerungsform Gerhard Schürer: Gewagt und verloren. Eine deutsche Biographie, 2., bearb. Aufl. Frankfurt/Oder 1996, S. 55 ff. [86] Czichon, Eberhard/Marohn, Heinz: Das Geschenk. Die DDR im Perestroika-Ausverkauf. Ein Report, 2. Aufl. Köln 1999. [87] Nick, Harry: Was an sozialökonomischen Verhältnissen der DDR nach ihrem Anschluß bewahrenswert gewesen wäre, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. IV, S. 341–355. [88] Eine systematische und kritische Bilanz neuerdings bei Bouvier, Beatrix: Die DDR – ein Sozialstaat? Sozialpolitik in der Ära Honecker. Bonn 2002. [89] Bollinger, Stefan: Soziale Sicherheit und Sozialpolitik in der DDR – Anspruch, Wirklichkeit, Wirkungen, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. XI, S. 405. [90] Bednareck, Horst/Rösel, Fritz: Gewerkschaften und Sozialpolitik in beiden deutschen Staaten, in: Gegen den Zeitgeist (Anm. 13), S.193–208. [91] Bollinger, Soziale Sicherheit (Anm. 88), S. 406. [92] Badstübner, Rolf: DDR – gescheiterte Epochenalternative, Aufbruch in die Sackgasse oder was sonst? Versuch einer Annäherung (hefte zur ddr-geschichte, Bd. 21). Berlin 1994, S. 38. [93] Jahnke, Zu Hause (Anm. 76), S. 7. [94] Meier, Helmut: Identifikation mit der DDR durch ihre Bürger – Propagandathese oder reale Tatsache – in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. IV, S. 273 – Vgl. Auch Meier, Helmut: Geschichtsbewußtsein und historische Identität der DDR. Versuch einer kritischen Bilanz (hefte zur ddr-Geschichte, Bd. 31). Berlin 1996. [95] Ebenda, S. 284f. [96] Friedrich, Walter: Regierte die SED ständig gegen die Mehrheit des Volkes, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. V, S. 126. [97] Niemann, Heinz: Meinungsforschung in der DDR. Die geheimen Berichte des Instituts für Meinungsforschung an das Politbüro der SED. Köln 1993, S. 67. [98] Weber, Hermann: DDR. Grundriß der Geschichte 1945–1981, 3. überarb. u. erg. Aufl. Hannover 1982, S. 123. [99] Weber, Hermann: Geschichte der DDR. München 1985, S. 437 (So in einer Kapitelüberschrift »Krisenhafte Entwicklung 1976–1980«). [100] Entschließungsantrag [...] Zu dem Schlußbericht der Enquete-Kommission [...], 16. 06. 1998, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. XI, S. 14. [101] Lozek, Zum Diktaturvergleich (Anm. 69), S. 109. [102] Ebenda. [103] Lozek, Gerhard: Totalitarismus – (k)ein Thema für Linke? (Pankower Vorträge, Heft 1). Berlin 1995, S. 23. [104] Lozek, Zum Diktaturvergleich (Anm. 65), S. 115 und 114. [105] Zu den Grundproblemen des Diktaturvergleichs vgl. Schmiechen-Ackermann, Detlef: Diktaturen im Vergleich. Darmstadt 2002, S. 143 ff. [106] Prokop, Der autoritäre Sozialismus (Anm. 14). [107] Prokop, Siegfried: Glanz und Elend des Jahres 1989/90, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. IX/X, S. 161–283. [108] So als eine der wenigen Ausnahmen Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989, Berlin 1998. [109] Vgl. dazu vor allem die Beiträge in Fischer u.a.: Gegen den Zeitgeist (Anm. 13) oder Finker, Kurt: Faschismus, Antifaschismus und »verordneter Antifaschismus«, in: Ansichten zur Geschichte (Anm. 20), Bd. XI, S. 142–200. [110] Prokop, Der autoritäre Sozialismus (Anm. 14).

JHK 2003

Werner Kowalski – Leben, Flucht und Tod eines kommunistischen Funktionärs

Dietmar Simon

Über kaum einen kommunistischen Funktionär, der in den 1930er Jahren eine größere Bedeutung hatte, wußte man bislang so wenig wie über Werner Kowalski. Obwohl sein Name in der Forschungsliteratur seit den 1960er Jahren gelegentlich am Rande auftaucht, war über ihn kaum mehr bekannt, als daß er 1935 auf der »Brüsseler Konferenz« als Kandidat in das ZK der KPD gewählt wurde. In der DDR war er eine persona non grata, weil er 1938 aus der Partei ausgeschlossen worden war. Im Unterschied zu fast allen anderen ZK- und PolitbüroMitgliedern vom Herbst 1935 wird in der Forschungsliteratur der DDR und den einschlägigen Memoiren späterer SED-Funktionäre praktisch nur sein Name erwähnt, und auch das selten, unvollständig oder falsch.[1] In der westlichen Forschung blieb er ebenfalls einer derjenigen, die dem genaueren Blick entgingen. Nur hier und da, bei Horst Duhnke, Detlev Peukert und Beatrix Herlemann,[2] finden sich Hinweise, die ahnen lassen, daß sich hier ein politischer Lebenslauf verbirgt, der sowohl für die Geschichte des Kommunismus in der Weimarer Republik als auch für die des Widerstandes und der Emigration wie auch für die Forschungsgeschichte zu diesen Bereichen bedeutsam ist. Unvollständige Lebensläufen bis hin zur Namensverfälschung (»Wilhelm« Kowalski)[3] selbst in neuesten Veröffentlichungen zeigen, daß die Forschungslücke weiter besteht. Man könnte die Vermutung aufstellen, daß dieses Defizit ein Nachweis relativer historischer Bedeutungslosigkeit ist. Warum sonst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten niemand intensiver mit der Rolle Kowalskis in der KPD auseinandergesetzt? Nun soll keineswegs behauptet werden, daß man es hier mit einer vergessenen Führungsfigur der KPD zu tun hat. Vielmehr wird die These vertreten, daß an Hand der Biographie von Werner Kowalski nicht nur die politische und die soziale Geschichte des deutschen Kommunismus genauer reflektiert werden kann, sondern sich im Detail einer einzelnen Person, die gerade nicht an vorderster Stelle stand, das Typische wie das Atypische (falls eine Typologisierung überhaupt Sinn macht) einer politischen Bewegung entdecken läßt. Mittlerweile ist es möglich, das Leben dieses Mannes recht genau nachzuzeichnen. Dabei offenbart sich ein Lebensweg, der in manchem den verwickelten Verlauf nicht nur der KPD-, sondern der gesamten deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt und insgesamt ein eindrucksvolles Beispiel für die Genese und das Schicksal eines Funktionärs aus der zweiten oder dritten Reihe darstellt, einer Personengruppe, die bislang von der Forschung weitgehend vernachlässigt wurde.[4] Werner Albert Alex Kowalski[5] wurde am 28. Dezember 1901 in Lüdenscheid geboren. Seine Eltern waren 1899 in diese prosperierende Industriestadt südöstlich des Ruhrgebietes zugewandert, die damals knapp 30 000 Einwohner hatte. Der Vater, Albert Kowalski, stammte aus Iserlohn und war gelernter Polsterer. Zusammen mit seiner Frau Klara, die aus Lennep bei Remscheid kam, hatte er insgesamt sieben Kinder. Der älteste Sohn, Robert, wurde 1900 geboren, Werner folgte im Jahr darauf. Von 1909 bis 1916 besuchte er die Volksschule, die er offenbar ohne größere Probleme absolvierte. Nach Ostern 1916, mitten im Krieg, an dem der Vater als Landsturmmann im Westen teilnahm, begann Werner Kowalski eine Lehre als Buchbinder, was nicht selbstverständlich war, denn viele seiner Altersgenossen zog es damals mehr zu den besser bezahlten Arbeitsplätzen in der örtlichen Rüstungsindustrie des Kleinmetallgewerbes, zu denen man in der Regel keine handwerkliche Ausbildung brauchte. Die Lehre schloß er Ostern 1919 nach der regulären dreijährigen Dauer ab. Die Familie Kowalski war sicherlich nicht besonders wohlhabend, der Vater aber zeigt auf Fotografien kleinbürgerliches Selbstbewußtsein. Sein Sattler- und Polstererbetrieb warf offenbar soviel ab, daß die größer werdende Familie sich ab 1913 eine größere Wohnung inmitten der Lüdenscheider Altstadt leisten konnte, über einem Lokal. Zum Vater hatte Werner Kowalski ein distanziertes Verhältnis, ganz anders als zu der Mutter, die 1920 ihr siebtes Kind gebar. Mit den Eltern, vier Brüdern und zwei Schwestern lebte Werner Kowalski jetzt noch jahrelang auf recht engem Raum, in einer Zeit, als die wirtschaftlichen Verhältnisse in Lüdenscheid nach einer kurzen Nachkriegsblüte sich zu verschlechtern begannen. Werner Kowalski fand nach dem Abschluß seiner Lehre keine Anstellung und arbeitete in den folgenden Jahren als Fabrikarbeiter, später auch als Bauarbeiter. Ungeklärt bleibt eine Notiz des Einwohnermeldeamtes,[6] wonach er von Ende April bis Ende Juli 1919 wie der ältere Bruder Robert bei der Grenzschutztruppe untergekommen war, die der Obersten Heeresleitung unterstand und aus den Freikorpsformationen hervorgegangen war. Bedeutet dies, daß der noch nicht Achtzehnjährige zu republikfeindlichen, konservativen Tendenzen neigte? Oder suchte er nur ein Abenteuer, wollte von zu Hause weg und wurde sehr bald desillusioniert? In zwei 1935 in Moskau verfaßten Lebensläufen erwähnte Kowalski den Grenzschutz jedenfalls nicht, wohl aber, daß er zum Beispiel 1920 an Kämpfen während des Kapp-Putsches beteiligt war.[7] Die Frage, wann und wie überhaupt er in Kontakt mit der kommunistischen Arbeiterbewegung kam, ist nicht einwandfrei zu beantworten. In Lüdenscheid gab es seit dem späten 19. Jahrhundert eine verhältnismäßig starke sozialdemokratische Arbeiterbewegung. Während des Ersten Weltkrieges war diese, anders als in vergleichbaren Industriestädten, konsistent geblieben, brach danach aber innerhalb weniger Monate auseinander. Anfang 1919 entstand ein Ortsverein der USPD, einige Monate später auch einer der ihr nahestehenden Jugendorganisation Freie Sozialistische Jugend als Konkurrenz zur Arbeiterjugend der SPD. Werner Kowalski trat eigenen Angaben zufolge sehr bald in die FSJ ein und übernahm verantwortliche Funktionen darin, wurde vorübergehend Mitglied der USPD und vollzog den Übergang der schon früh zum Kommunismus tendierenden Gruppe über den Umweg der Sozialistischen Proletarierjugend zur Kommunistischen Jugend mit. Man kann nur mutmaßen, daß die Bekanntschaft mit starken gewerkschaftlichen Tendenzen im örtlichen Drucker- und Buchbindergewerbe, die von Unruhe geprägten Umstände am Rande des Ruhrgebiets sowie eine gewollte Distanzierung vom offenbar unpolitischen Elternhaus zur Politisierung des jungen Mannes beigetragen hatten. 1922 trat er, noch nicht volljährig, in die KPD ein, die in Lüdenscheid erst Ende 1920 eine lokale Organisation gegründet, aber schon bei der preußischen Landtagswahl im Februar 1921 starken Zulauf bekommen hatte. Den Angaben in seinem Lebenslauf zufolge trat Kowalski 1921 eine Stelle »in einem größeren Aluminium-Werk« an und trat in den Deutschen Metallarbeiter-Verband ein, nachdem er zuvor bereits im Buchbinderverband gewerkschaftlich organisiert gewesen war. Innerhalb des DMV habe er intensive Jugendarbeit betrieben, sich parallel dazu am Aufbau kommunistischer Kindergruppen in Lüdenscheid und Umgebung beteiligt sowie Betriebszeitungen herausgegeben.[8] In der Tat agierten die Lüdenscheider Kommunisten in den Jahren zwischen 1920 und 1923 hauptsächlich im gewerkschaftlichen Bereich, wo sie unter den zeitweise über 8000 DMV-Mitgliedern viele Anhänger gewannen, sowie im Bereich der Jugendagitation. Die lokale Organisation des Kommunistischen Jugendbundes machte durch intensive Propagandatätigkeit und größere Veranstaltungen auf sich aufmerksam. Geleitet wurde sie von dem 1898 geborenen Werner Kraus[9]. Dessen jüngerer Bruder Hans Kraus, der ebenfalls unter den Lüdenscheider Kommunisten eine führende Rolle zu spielen begann, war ein Schulfreund von Werner Kowalski, für den die Partei und ihre Nebenorganisationen anscheinend zu einer Art Familienersatz wurden. In der kommunistischen Jugend lernte er auch Charlotte Grüterich kennen, seine spätere Ehefrau, die früher als Dienstmädchen gearbeitet hatte. 1923, als es heftige Auseinandersetzungen auch auf offener Straße mit der Schutzpolizei und mit rechtsextremistischen Gruppierungen gab, wurde er Mitglied einer Proletarischen Hundertschaft, zusammen mit einigen andern verhaftet und wegen Landfriedensbruches vor dem Landgericht in Hagen angeklagt, als einziger aber freigesprochen. Ein halbes Jahr nach diesem Prozeß starb seine Mutter, der er Berichten Verwandter zufolge sehr nahestand, und Kowalski zog aus dem elterlichen Haus aus, um fortan meist bei Freunden aus der kommunistischen Partei in beengten Verhältnissen zu wohnen.[10] Zwar brach der Kontakt zu seinen Geschwistern nie ab, zumal sein 1907 geborener Bruder Hans ebenfalls Mitglied der KPD wurde, doch schränkte Werner Kowalski offenbar nun den Umgang mit seinem Vater ein, dessen wirtschaftlicher Aufstieg es diesem ermöglichte, das von der Familie bewohnte Haus 1927 zu kaufen und dort ein Lokal mit dem Namen »Silbergrotte« zu eröffnen, das in der Stadt einen zweifelhaften Ruf gewann. In der wechselhaften Geschichte der Lüdenscheider KPD in den folgenden Jahren taucht der Name Werner Kowalskis in Presse- und Polizeiberichten nur selten auf. Während des vorübergehenden Parteiverbotes scheint er erste Erfahrungen mit der politischen Arbeit in der Illegalität gewonnen zu haben. Wie andernorts auch begannen 1924 im Zuge einer verstärkten Stalinisierung der KPD heftige innerparteiliche Auseinandersetzungen sowie Streitigkeiten mit den als »Sozialfaschisten« beschimpften Sozialdemokraten auf der anderen Seite, wobei es beispielsweise um den Einfluß innerhalb der Gewerkschaften ging. Werner Kowalski wurde 1925 Mitglied des Roten Frontkämpferbundes, übernahm Anfang 1926 die Führung des örtlichen Jungspartakusbundes und später auch eine leitende Funktion im Roten Sportkartell, hielt sich aber nach außen hin anscheinend weitgehend aus den politischen Auseinandersetzungen heraus, auch wenn er später erklärte, er habe an den Auseinandersetzungen mit den linken und rechten »Renegaten« entschlossen mitgewirkt. Der Einfluß der Kommunisten ließ ab 1924 vorübergehend etwas nach, stieg mit dem Anwachsen der Wirtschaftskrise aber wieder stark an. Kowalski engagierte sich nun verstärkt in der Erwerbslosenbewegung und wurde im Dezember 1929 in das Lüdenscheider Stadtverordnetenparlament gewählt. Zusätzlich übernahm er die Stelle eines Redakteurs für die »Freiheit«, die in Düsseldorf erscheinende KPD-Zeitung des Bezirks Niederrhein, sowie die Leitung des lokalen Erwerbslosenausschusses, organisierte Streiks und den Aufbau einer Massenselbstschutzorganisation, die den 1929 verbotenen RFB ersetzen sollte, in Lüdenscheid aber keine Bedeutung gewann. Offenbar war Werner Kowalski seit dem Ende der zwanziger Jahre hauptamtlicher Funktionär der KPD. Er folgte der Generallinie, die die Partei zunehmend in Konflikte mit der Regierung, aber auch mit der konkurrierenden SPD brachte. Es gibt bis 1933 keine Anzeichen dafür, daß er seit seinem Eintritt in die KPD ihr zu irgendeinem Zeitpunkt die Gefolgschaft verweigert hätte. Unter dem Datum 11. Juli 1931 teilte Werner Kowalski dem Lüdenscheider Oberbürgermeister schriftlich mit, daß er »wegen Krankheit« sein Stadtverordnetenmandat niederlege.[11] Das war nur ein vorgeschobener Grund. In Wirklichkeit war die verstärkte Vorbereitung auf eine illegale Arbeit für die KPD der Anlaß für diesen Schritt, denn schon im Mai oder Anfang Juni war er nach Moskau gereist, um dort bis Oktober an einem Lehrgang an der 1930 gegründeten Militärpolitischen Schule bei Moskau teilzunehmen, deren Besuch mit größter Geheimhaltung verbunden war. Die Lehrgänge bezogen sich auf militärstrategische Themen und Übungen und blieben deutschen Kommunisten vorbehalten.[12] Nach seiner Rückkehr kam Kowalski wahrscheinlich nur vorübergehend in seine Geburtsstadt zurück, um dort seine Frau Charlotte, mit der er seit Silvester 1928 verheiratet war, und die am 1. April 1929 geborene gemeinsame Tochter Helma zu besuchen. Von nun an lebte er bis 1933 in der Illegalität und betätigte sich im Auftrag des Zentralkomitees als Instrukteur. In seinem Lebenslauf erwähnt er, daß er 1932 zunächst in Offenbach an der »Liquidierung« der dort besonders starken KPO, dann in Mainz und im Unterbezirk Friedberg gearbeitet und vorübergehend die Vertretung für den erkrankten UB-Sekretär in Worms übernommen habe. Im Umfeld der Reichstagswahl vom November 1932 habe er sich im südbayerischen Kohlegebiet mit der Reorganisation der Parteistrukturen beschäftigt, wahrscheinlich in Penzberg, das Klaus Tenfelde für diesen Zeitpunkt einmal als »den Musterfall kommunistischer Organisation an der Peripherie« bezeichnet hat.[13] Im Januar 1933 ging Kowalski nach Augsburg, wo er, jetzt wieder unter seinem richtigen Namen, die Revolutionäre GewerkschaftsOpposition (RGO) umzustrukturieren begann. Er wurde von der Augsburger Polizei verhaftet, am 30. Januar, dem Tag von Hitlers Machtübernahme, aber wieder freigelassen. Im Verlauf der nachfolgenden massiven Verhaftungsaktionen gegen die Kommunisten[14] entschloß er sich Anfang April dazu, nach Lüdenscheid zurückzukehren, wo er vergeblich versuchte, Kontakt zur Bezirksleitung Niederrhein zu bekommen, und sich drei Wochen lang an der Verbreitung von Agitationsmaterial beteiligte. Am 23. April 1933 wurde Kowalski in Lüdenscheid, angeblich durch den Verrat eines Spitzels, verhaftet und am darauffolgenden Tag in das Hilfskonzentrationslager Benninghausen bei Lippstadt gebracht, wo er, wie er selber schreibt, sechs Wochen lang in Einzelhaft »mit den üblichen Methoden« festgehalten wurde.[15] Am 20. Juli 1933 wurde er als Angehöriger eines Vorkommandos nach Börgermoor geschickt, um dort mit der Nummer 131 in der Baracke 2 einer der ersten Häftlinge des Staatlichen Konzentrationslagers Papenburg I zu werden.[16]Im KZ wirkte er an der politischen Organisierung der Inhaftierten mit, bei denen es sich zum großen Teil um Kommunisten handelte. In Börgermoor waren zeitgleich auch andere Lüdenscheider Kommunisten inhaftiert, darunter Hans Kraus, der letzte Agitprop-Leiter Theodor Schulze, der RGO-Kassierer Werner Raulf sowie Heinrich Muth, der aus Wuppertal stammte und der letzte Polleiter der KPD in Lüdenscheid vor dem Parteiverbot war.[17] Werner Kowalski wurde am 23. oder 24. März 1934 aus dem KZ entlassen und kehrte nach Lüdenscheid zurück, wo er wenige Tage später zunächst eine Arbeitsstelle in der Industrie, dann im Tiefbau bekam. Offenbar unverzüglich machte er sich daran, zusammen mit anderen mittlerweile aus der Haft entlassenen Kommunisten die illegale Organisation der KPD in Lüdenscheid und Umgebung wieder aufzubauen, entgegen den Bitten von Familienangehörigen.[18] Eine wichtige Rolle spielte in diesem Zusammenhang der einige Jahre jüngere Karl Asbach[19], der in den zwanziger Jahren im KJVD Funktionen ausgeübt hatte und Anfang 1933 in der örtlichen RGO-Leitung tätig war. Von April 1933 bis Februar 1934 hatte Asbach im Lüdenscheider Gerichtsgefängnis in Untersuchungshaft gesessen. Nach Ostern 1934 trat Kowalski in Verbindung zu ihm, wobei es wahrscheinlicher ist, daß dieser wegen seiner Erfahrungen mit konspirativen Tätigkeiten die tragende Rolle beim Aufbau der illegalen Organisation des neu geschaffenen KPD-Unterbezirkes Lüdenscheid übernahm, auch wenn Asbach als dessen Politischer Leiter fungierte.[20] Kowalski hingegen scheint die Rolle des Verbindungsmannes zur Bezirksleitung und zur Abschnittsleitung West in Amsterdam eingenommen zu haben. Asbach verließ Lüdenscheid im Dezember 1934, um über Umwege in die Niederlande zu gelangen. Kowalski begann nun als Gebietsinstrukteur eine politische Linie zu verfolgen, die im Vergleich zu dem, was man aus seiner Parteikarriere bis dahin ersehen kann, ungewöhnlich erscheint. Wenn es bisher den Anschein hatte, daß er zu keinem Zeitpunkt mit den taktischen Wendungen der deutschen Parteiführung während der Zeit der Weimarer Republik in äußeren oder inneren Konflikt geraten war, so zeigte sich nun, daß er der vom ZK unter der Führung von Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht verfolgten Linie nicht mehr vollkommen entsprach. Es ging dabei um die Bedeutung der Einheitsfrontpolitik und eine Abkehr von der Sozialfaschismus-Theorie. Nachdem das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale im Juli 1934 mit einer (selbst-)kritischen Beurteilung der bisherigen KPD-Taktik an das ZK herangetreten war, mischten sich in die gewohnten Verlautbarungen auch gelegentlich Forderungen nach einer Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie, wobei die Führungsspitze der KPD es im Grunde bei verbalen Manövern beließ. An der Parteibasis kam es gelegentlich zu ernsthafteren Bemühungen, im gewerkschaftlichen Bereich zu einer Verständigung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten zu gelangen, um gemeinsam konspirativ gegen den Nationalsozialismus zu agitieren. Ähnlich wie in Wuppertal, wohin seit jeher enge Kontakte bestanden, bildete sich in Lüdenscheid eine gemeinsame illegale Gewerkschaftsorganisation aus Kommunisten und Sozialdemokraten sowie einzelnen Vertretern der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), wobei in verschiedenen größeren Firmen Betriebszellen aufgebaut wurden.[21] An diesen Vorgängen beteiligte sich der führende Kopf der illegalen SPDOrganisation in Lüdenscheid, Wilhelm Kattwinkel, nicht, wohl aber der 1910 geborene Erwin Welke, von dem Kowalski in einem Bericht an die Parteiführung die Äußerung überlieferte: »Wir scheißen auf Prag, wenn es sich um die Durchführung der Einheitsfront handelt.«[22] In diesem Zusammenhang ist es nicht unwichtig zu erwähnen, daß die Rolle Lüdenscheids als Knotenpunkt des sozialdemokratischen Widerstandsnetzes im rheinisch-westfälischen Industriegebiet auch dadurch zu erklären ist, daß der Kassierer der Führung der Sozialdemokratischen Partei im Prager Exil, Siegmund Crummenerl, bis 1925 in Lüdenscheid gelebt hatte, hier zeitweise Ortsvereinsvorsitzender gewesen war und mit Kattwinkel aus der gemeinsamen Zeit in der Sozialistischen Arbeiterjugend vertraut war. Crummenerl, der sicherlich auch Werner Kowalski kannte, wahrscheinlich aber nichts über dessen Rolle in der illegalen KPD wußte, stand im Exil einer Zusammenarbeit mit der KPD immer skeptisch gegenüber. Im März 1935 berichtete Kowalski über die Bezirksleitung an das ZK, daß es innerhalb des gewerkschaftlichen Einheitsfrontkomitees bereits »die erste Delegiertenkonferenz, zusammengesetzt aus Sozialdemokraten, Christen, Parteilosen und unseren Freunden« gegeben habe.[23] Daran wird deutlich, daß es über das Konzept der Einheitsfront hinaus offenbar erste Bemühungen gab, auch mit Vertretern jenseits des linken Lagers, mit früheren Angehörigen der christlichen Gewerkschaften zum Beispiel, in Kontakt zu kommen, also eine Volksfrontstrategie zu verfolgen, wie sie vom EKKI ebenfalls ins Auge gefaßt wurde. Der sprachliche Duktus der wenigen überlieferten Berichte Werner Kowalskis an die Parteiführung ähnelte noch immer dem üblicher kommunistischer Propagandaschriften. Dennoch ist zu fragen, warum er sich eher und ehrlicher als andere zu einem nicht nur offensiven, sondern auch selbstkritisch-offenen Umgang mit bisherigen politischen Gegnern zum Zweck des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus entschlossen hatte. Waren es Erfahrungen aus der Haft in Börgermoor oder eher die eingehende Kenntnis der politischen Gegebenheiten vor Ort? Beides scheint eine gewisse Rolle gespielt zu haben. In seiner Rede auf der »Brüsseler Konferenz« der KPD beklagte Werner Kowalski die Realitätsferne der politischen Führung. So berichtete er von einem Erlebnis, das er nach seiner Entlassung aus dem KZ in Lüdenscheid hatte: »Da kamen die Genossen zu mir mit einem Maiaufruf an die Arbeiterschaft. Die Genossen sagten: Die Genossen, die diesen Maiaufruf geschrieben haben, leben scheinbar auf dem Mond und nicht in Deutschland. Man konnte diesen Maiaufruf nicht unterscheiden von irgendeinem Maiaufruf aus dem Jahre 1932. […] Es waren in dem Aufruf ca. 20 Parolen und Forderungen. Das beweist, daß die Genossen, die den Maiaufruf geschrieben haben, nicht auf den Beinen, nicht auf dem Boden stehen, sondern irgendwo anders.«[24] Auch die Zusammenarbeit mit der illegalen SPD sei durch die engstirnige KPD-Propaganda gefährdet worden, denn »jedesmal, wenn es bald zum Platzen kam, war daran Schuld unser Material«.[25] Die Bemühungen um eine gemeinsame politische Widerstandsarbeit in Lüdenscheid scheiterten jedoch – wie andernorts auch – schon bald. Die GestapoLeitstelle in Dortmund spürte die sozialdemokratischen und kommunistischen Gruppen wohl kaum zufällig fast zeitgleich auf und begann mit Verhaftungsaktionen, denen der gesamte Apparat zum Opfer fiel. Anfang Mai 1935 entzog sich Kowalski im letzten Moment dem Zugriff der Gestapo und flüchtete in die Niederlande. In Amsterdam nahm er neben anderen Funktionären aus den drei rheinischwestfälischen KPD-Bezirken am 9. und 10. Juni, zu Pfingsten, an einer Konferenz der Abschnittsleitung West teil, die von Walter Ulbricht geleitet wurde, und in der es um einen Austausch über die Parteitätigkeit in der Illegalität ging.[26]Kowalski wurde zum Delegierten für den geplanten Weltkongreß der Kommunistischen Internationale bestimmt und machte sich wenige Wochen später auf den Weg nach Moskau, wo er am 22. Juli 1935 eintraf. Dort wurde zur Aufnahme in die Internationale Leninschule zunächst eine Personalakte unter dem Decknamen »Erich Klose« für ihn angelegt, dann aber nahm er unter dem leicht geänderten Namen »Erich Dobler« zusammen mit fast der gesamten deutschen KPDFührung am VII. Weltkongreß der KI teil, der am 25. Juli begann und am 20. August endete.[27] Die dort beschlossene neue Strategie zugunsten einer Einheitsund Volksfront – die vorher und nachher zwischen den Fraktionen innerhalb der Partei kontrovers behandelt wurde – sollte auf dem nachfolgenden Parteitag der KPD auch für die deutschen Kommunisten zur Leitlinie werden. Die »Brüsseler Konferenz« tagte vom 3. Oktober an in Kunzewo bei Moskau. Dieselben Delegierten, die auch auf dem Komintern-Kongreß vertreten waren, nahmen daran teil. Zur Vorbereitung hatte das Politbüro Mitte August einige Kommissionen gebildet, wobei Kowalski zusammen mit Wilhelm Pieck, Herbert Wehner, Walter Hähnel und Emil Schmittinger den Tätigkeitsbericht des ZK vorbereiten sollte.[28] Am 8. Sitzungstag, dem 10. Oktober, hielt Kowalski unter dem Parteinamen Dobler eine Rede, in der er sich vor allem über Methoden und Erfahrungen seiner Tätigkeit im KPD-Unterbezirk Lüdenscheid in den rund zwölf Monaten zwischen Ostern 1934 und April 1935 äußerte.[29] Auf dem letzten Sitzungstag, am 15. Oktober, wurde das neue Zentralkomitee gewählt mit 15 ordentlichen Mitgliedern und drei Kandidaten, zu denen Kowalski gehörte. Ob die Wahl für ihn völlig überraschend kam, wie es bei dem früheren Politischen Leiter des Bezirkes Niederrhein, Heinrich Wiatrek, gewesen sein soll, muß offenbleiben.[30] Man hatte offenbar nach jemandem gesucht, der sowohl die märkischbergische Industrieregion repräsentieren konnte als auch über Erfahrungen in der gewerkschaftlichen Arbeit verfügte und zudem ein offenes Bekenntnis für die sich nun durchsetzende Einheitsfrontstrategie abgelegt hatte. Zumindest zeigte die Wahl, daß Kowalski nun fest eingeplant war für eine herausgehobene Funktion in der Auslandsleitung der Kommunistischen Partei. Zusammen mit dem ebenfalls zum ZK-Kandidaten gewählten Wilhelm Knöchel reiste Werner Kowalski zurück nach Amsterdam, um dort die Leitung der Roten Hilfe zu übernehmen.[31] In dieser Funktion war eine seiner ersten Aufgaben die Organisation einer umfassenden Aufklärungskampagne über die Situation inhaftierter Arbeiter im westdeutschen Industriegebiet. Im Januar 1936 gründete die Abschnittsleitung West das »Zentrale Wuppertaler Komitee, Ausschuß zur Wahrung der Rechte der in Wuppertal Inhaftierten«, wobei Kowalski als Instrukteur eingesetzt wurde, der für die Verbreitung des gesammelten Informationsmaterials zuständig war. In Wuppertal waren in den ersten Monaten des Jahres 1935 – wie in Lüdenscheid und anderen Orten auch – zahlreiche Kommunisten verhaftet worden, um nun in »Monsterprozessen« vor Gericht gestellt zu werden, wogegen nicht zuletzt die niederländische Öffentlichkeit mobilisiert werden sollte.[32] Während seiner leitenden Tätigkeit im Wuppertaler Komitee benutzte Kowalski den neuen Decknamen »Klaus«.[33] Spätestens im Juni 1936 übersiedelte er von Amsterdam nach Brüssel, wo unter der Leitung von Paul Hornick eine KPD-Abschnittsleitung entstanden war. Dieser Schritt hatte einerseits zu tun mit dem Aufbau eines neuen Grenzapparates, andererseits mit internen Problemen der kommunistischen Emigration in Belgien. Die dortige Rote Hilfe kam ihren Aufgaben zur finanziellen Unterstützung deutscher Emigranten nicht nach, so daß im Auftrag des ZK der KPD Robert Bauer nach Belgien geschickt wurde, um gemeinsam mit dem Emigrantenleiter Hornick und dem als Instrukteur eingesetzten Kowalski die Verhältnisse zu klären, was dazu führte, daß dieser fortan die Leitung der Roten Hilfe in Belgien übernahm. Kowalski baute zusätzlich das in Lüttich gegründete Komitee auf, das sich für die Verteidigung des in Hamburg zum Tode verurteilten Kommunisten Edgar André einsetzte, eine Einrichtung, die mit dem im Januar gegründeten Wuppertaler Komitee vergleichbar war.[34] Kowalskis Lebensumstände änderten sich im Sommer 1936. Die Übersiedlung nach Brüssel bedeutete für ihn auch das Wiedersehen mit seiner Frau Charlotte und seiner mittlerweile siebenjährigen Tochter Helma. Beide hatten sich von Lüdenscheid aus im Juli oder August 1936 bei Aachen über die grüne Grenze nach Belgien begeben, wo die Familie nun im Brüsseler Stadtteil Uccle eine Dachwohnung bezog.[35] Engen Kontakt hatte sie zu dem Ehepaar Kurt und Antoinette Junghans, die ebenfalls aus Lüdenscheid kamen. Kurt Junghans, der innerhalb der KPD keine wesentliche Funktion ausübte, aber 1934/35 dem illegalen Unterbezirk angehört hatte, war gemeinsam mit Kowalski Anfang Mai 1935 aus Lüdenscheid nach Amsterdam geflohen.[36] Auch Beziehungen zu anderen deutschen Emigranten spielten für Kowalski in Brüssel von Anfang an offensichtlich eine wichtige Rolle. Inwiefern er aber zum Beispiel an Kontakten mit Sozialdemokraten in Belgien beteiligt war, die Hornick 1936 knüpfte, ist nicht geklärt. Als Hornick im Frühjahr 1937 zusammen mit fast der Hälfte der kommunistischen Emigranten, die in Belgien untergekommen waren, nach Spanien ging, um sich am Bürgerkrieg gegen Francos Faschisten zu beteiligen, wurde Otto Niebergall sein Nachfolger als Abschnittsleiter in Brüssel. In diesen Monaten muß sich bei Werner Kowalski ein politischer Wandel vollzogen haben, der möglicherweise schon 1936, vielleicht auch schon 1935 eingesetzt hatte. Seine bisher nach außen hin immer demonstrierte Treue zur Generallinie der Partei veränderte sich, ein Vorgang, der auf Grund der Quellenlage schwer zu durchschauen ist und dessen bestimmende Faktoren nur mit Vorsicht zu benennen sind. Sicherlich spielten die Erfahrungen mit der Einheitsfront-Episode in Lüdenscheid von Ende 1934 bis Mai 1935 eine nachhaltige Rolle, wobei aber Erfahrungen in der niederländischen Emigration und vor allem jetzt in Belgien hinzukamen. Vollkommen plausibel ist die von Beatrix Herlemann geäußerte Vermutung: »Offensichtlich war gerade Werner Kowalski, der sich nach seiner Amsterdamer Tätigkeit im Wuppertaler Komitee auch an der Arbeit des in Lüttich auf gleicher Basis gegründeten Hilfskomitees für Edgar André beteiligte, bedingt durch seine guten Erfahrungen mit bürgerlichen Repräsentanten dieser neu geschaffenen Einrichtungen zu einer aufgeschlosseneren Haltung bereit als das Gros der kommunistischen Funktionäre.«[37] Zweifellos bewirkte auch der Beginn der Säuberungsaktionen in der Sowjetunion mit den dazugehörigen Schauprozessen Ende August 1936, womit »der Geist der Volksfront füsiliert«[38] wurde, für den sich Kowalski zuletzt entschieden eingesetzt hatte, seinen Teil. Es liegt auf der Hand, in diesem Zusammenhang nach Kontakten zu Willi Münzenberg zu suchen, der sich in Paris mehr und mehr zum Gegner der dogmatischen KPD-Führung entwickelte. Zwar entwikkelte sich Kowalski zunächst im privaten Kreis nun zum scharfen Kritiker des Personenkultes um Stalin und zum Befürworter der Position Münzenbergs, allerdings konnte bisher eine engere Verbindung zu diesem nicht nachgewiesen werden. Kowalski kannte Münzenberg insofern, als sich die beiden im Sommer 1935 als Delegierte auf dem VII. Weltkongreß begegnet waren und auch gemeinsam dem wenig später gewählten Zentralkomitee der KPD angehörten, das sich beispielsweise im Juni 1936 zu einer Sitzung in Paris zusammenfand, am Rande der Internationalen Konferenz der Emigranten. Möglicherweise kam es auch im September 1936 auf dem Weltfriedenskongreß in Brüssel zu weiteren Begegnungen.[39] Zu den Verhandlungen zur Vorbereitung des Volksfront-Ausschusses in Paris wurde Kowalski aber offenbar nicht hinzugezogen. Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Spannungen innerhalb der KPD nahm er hingegen am 17. und 18. Juli 1937 in Brüssel als KPD-Vertreter an einer Tagung teil, auf der die Deutsche Jugendfront gegründet wurde. Ausgehend von bündischen Gruppen um Hans Ebeling und Theo Hespers ging es dabei um den Plan, »eine Art Emigrations-Führung der deutschen Jugendverbände zu bilden«[40]. Ob Kowalski dabei im Auftrag des ZK handelte, ist fraglich. Auf der Konferenz soll er »einen Vortrag über die geplante Einheitsfront der illegalen Jugendgruppen« gehalten haben.[41] Zumindest ist klar, daß diese Kontakte, die eine schlüssige Fortsetzung seiner politischen Tätigkeit seit 1935 waren, ihm nun zum Verhängnis wurden. Als Kowalski die Beziehungen zu Ebeling abbrechen sollte, um den kommunistischen Führungsanspruch innerhalb der Emigration nicht zu gefährden, tat er das nicht, was dazu führte, daß er im Mai 1938 »wegen fraktioneller Treibereien und unkommunistischen Verhaltens« aus der KPD ausgeschlossen wurde,[42] aus praktisch denselben Gründen also, wie seit Sommer 1937 Hunderte andere deutsche Kommunisten, die auf Sitzungen des Rest-ZK auf Ausschlußlisten gesetzt wurden.[43] So wie Werner Kowalski erging es auch seiner Frau Charlotte sowie dem früheren KPD-Unterbezirksleiter von Wuppertal, Fritz Rüddenklau (Deckname »Jan«), mit dem Kowalski in Amsterdam und seit 1936 auch in Brüssel eng zusammenarbeitete.[44] Von nun an lebte die Familie Kowalski ohne Unterstützung seitens der Kommunistischen Partei, aber nicht ohne Beziehungen zu verschiedenen Emigranten in Brüssel weiter. Es traf sie dasselbe Schicksal wie zahllose andere deutsche Emigranten, daß ihnen im Juli 1939 die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt wurde.[45] Es ist kaum etwas darüber bekannt, ob und wie Werner Kowalski auch weiterhin politisch tätig war. Ein Bericht der Gestapo aus dem Jahre 1942 belegt allerdings, daß er weiterhin Kontakte zu Hans Ebeling, dessen niederländischer Mitarbeiterin, der Jüdin Sara-Cato Meyer, und Rüddenklau aufrechterhielt.[46] Es ist nicht auszuschließen, daß dies mit einer gewissen Mitarbeit an Ebelings Publikationen, den »Sonderinformationen Deutscher Jugend« und den »Rundbriefen Bündischer Jugend« verbunden war.[47] Gesichert ist auch eine recht enge Beziehung zu dem niederländischen Schriftsteller und Übersetzer Nico Rost, mit dem sich Kowalski häufig traf, und dessen Wohnung in Brüssel ein »Treffpunkt der literarischen Emigrantenszene« war.[48] Eine weitere, vor allem für das materielle Auskommen wichtige Bekanntschaft ergab sich zu der aus Berlin stammenden jüdischen Emigrantenfamilie Lippmann in Brüssel, für die Werner und Charlotte Kowalski Gelegenheitsarbeiten übernahmen und mit der sie auch häufig über politische Dinge sprachen.[49] Am 10. Mai 1940 griff die deutsche Wehrmacht Belgien an. Am selben Tag kam es zu zahlreichen Verhaftungen deutscher Emigranten, die sofort von der belgischen Polizei nach Frankreich abgeschoben wurden. Davon war auch Werner Kowalski betroffen. Zusammen mit Kurt Junghans, Fritz Rüddenklau und im übrigen auch der gesamten Brüsseler KPD-Abschnittsleitung um Otto Niebergall gelangte er einige Tage später in das südfranzösische Internierungslager St. Cyprien an der Mittelmeerküste.[50] Während Niebergall und anderen Mitte Juli die Flucht aus diesem Lager gelang, blieben Kowalski und Junghans bis zur Auflösung des Camps am 18. Oktober dort, danach wurden sie in das weitaus größere Internierungslager Gurs transportiert, das am Fuß der Pyrenäen lag. Anscheinend hat Lippmann Kowalski in diesem Lager einmal aufgesucht, um ihn zu einer bereits arrangierten Ausreise über Marseille zu bewegen, was Kowalski aber mit Hinweis auf seine in Brüssel gebliebene Familie ablehnte.[51] Die Lebensverhältnisse in den Lagern waren ausgesprochen schlecht, die Todesraten gerade in den Lagern St. Cyprien und Gurs, das besonders berüchtigt war, überdurchschnittlich hoch.[52] Von daher war es sicherlich eine Erleichterung für Kowalski und Junghans, am 1. Juli 1941 in das Internierungslager von Annecy im Departement Haute-Savoie verlegt zu werden. Dort erhielt Kowalski den Status eines Prestataire und kam in eine jener Groupements de Travailleurs Etrangers (TE-Einheiten), die von der Vichy-Regierung eingerichtet wurden. Er wurde wohl nicht zuletzt in der Forstwirtschaft eingesetzt und konnte sich offenbar außerhalb des Lagers in Annecy einigermaßen frei bewegen.[53] Am 11. November 1942 wurde der Süden Frankreichs von Deutschen und Italienern besetzt, wobei das Gebiet östlich der Rhône unter italienische Kontrolle kam. Für die Emigranten und Internierten in diesem Gebiet war das zunächst noch die günstigere Variante, doch war auch dies eine heikle Lage. Kowalski und Junghans kehrten am Abend des 18. Dezember nicht mehr ins TELager zurück, das etwas entfernt von Annecy in den Bergen lag, sondern begaben sich in die Stadt, von wo aus Kowalski von einem befreundeten Friseur in den kleinen Ort Bossy oberhalb der Gemeinde Frangy vermittelt wurde, wo er sich versteckt halten konnte. Einem Bericht von Kurt Junghans zufolge, der sich noch etwa bis Anfang Februar 1943 in Annecy aufhielt, sich dann aber aus Angst vor den verstärkten Razzien ebenfalls nach Bossy zu begab, fuhr Kowalski bereits vor Weihnachten 1942 nach Frangy. Angeblich versuchte er zunächst, die Schweizer Grenze zu überqueren, die nur wenige Kilometer weiter nördlich lag, was ihm aber verwehrt wurde. So kam er stattdessen bei dem Bauernehepaar Maurice und Marguerite Lupin in Bossy unter, einem Weiler in den Savoyer Alpen, wo er bei der Arbeit half, genauso wie Junghans, der sich als Schneider betätigen konnte. Kowalski war den Bewohnern des Dorfes anscheinend zwar auch unter seinem richtigen Namen bekannt, doch man nannte ihn dort »Claude«, also mit der französisierten Form des Decknamens, den er seit 1936 benutzt hatte. Was sich dann am frühen Abend des 1. Juli 1943 in Bossy abspielte, ist durch ein Protokoll der Gendarmerie von Frangy ausführlich belegt. Als Kowalski zusammen mit Lupin von der Heuernte zurückkam, stellten sich ihnen deutsche Gestapo-Beamte entgegen, die wenige Minuten zuvor mit einigen italienischen Polizisten in das Dorf gekommen waren. Kowalski, der zu fliehen versuchte, wurde von hinten erschossen und war sofort tot. Junghans wurde im Dorf bei einem Fluchtversuch durch einen Beinschuß verletzt und abtransportiert.[54] Später wurde er nach Deutschland geschafft, wo er auf Grund der Teilnahme an der KPD-Tätigkeit in den Jahren 1934/35 vom Oberlandesgericht Hamm zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wurde, aus der ihn die Amerikaner bei Kriegsende befreiten.[55] So wurde Werner Kowalski fünf Jahre nach seinem Ausschluß aus der KPD, aber als überzeugter Gegner der Nationalsozialisten, von seinen Verfolgern eingeholt, die ihn, wie das Gestapo-Material über die Deutsche Jugendfront zeigt, weiterhin auf der Fahndungsliste hatten. Die deutschen Beamten, die unmittelbar nach der Erschießung Kowalskis und der Verhaftung von Junghans den Ort wieder verließen – der Leichnam wurde den örtlichen Behörden zur Bestattung überlassen – kehrten nach Lyon zurück, in das Gestapo-Hauptquartier an der Avenue Berthelot. Der neue SD-Chef für das Gebiet, Werner Knab, konnte mit seinen Leuten zufrieden sein und mit ihm der Leiter seiner Abteilung IV, der Gestapo, Klaus Barbie[56]. Ein nach dem Krieg in Bochum angestrengter Prozeß gegen den Mann, der Werner Kowalski erschossen hatte, endete mit einem Freispruch. Werner Kowalskis sterbliche Überreste wurden durch eine Maßnahme der Deutschen Kriegsgräberfürsorge einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg vom Friedhof in Frangy umgebettet, ironischerweise auf den Soldatenfriedhof von Lyon.[57] [1] Nicht erwähnt wird Kowalski zum Beispiel in: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon, Berlin 1970. Allerdings teilt er dieses Schicksal mit anderen führenden Kommunisten der dreißiger Jahre, die später in Mißkredit gerieten. Vgl. dazu die Lebensläufe in Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. Frankfurt/M. 1969, Band 2, sowie in ders.: »Weiße Flecken« in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung. Berlin 1990. [2] Duhnke, Horst: Die KPD von 1933 bis 1945, Köln 1972; Peukert, Detlev: Die KPD im Widerstand. Verfolgung und Untergrundarbeit an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945, Wuppertal 1980; Herlemann, Beatrix: Die Emigration als Kampfposten. Die Anleitung des kommunistischen Widerstandes in Deutschland aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden, Königstein/Ts. 1982. [3] Lewin, Erwin/Reuter, Elke/Weber, Stefan (Hrsg.): Protokoll der »Brüsseler Konferenz« der KPD 1935. Reden, Diskussionen und Beschlüsse, Moskau vom 3. – 15. Oktober 1935, 2 Bde. München 1997, S. 838 (2000 auch als CD-Rom-Version erschienen); Schneider, Michael: Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933 bis 1939. Bonn 1999; Hedeler, Wladislaw: Die deutschen Delegierten auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale 1937, in: IWK 37 (2001), Heft 3, S. 370–383, hier 370. – Der Namensirrtum geht offenbar zurück auf die einzige Erwähnung Kowalskis in der vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED herausgegebenen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Bd. 5. Vom Januar 1933 bis Mai 1945. Berlin 1966, S. 127. Richtig genannt wurde der Name hingegen schon von Weber: Wandlung (Anm. 1), Bd. 2, S. 357.   [4] Erste Forschungsergebnisse über ihn wurden bereits veröffentlicht in der Druckfassung meiner Dissertation: Arbeiterbewegung in der Provinz. Soziale Konflikte und sozialistische Politik in Lüdenscheid im 19. und 20. Jahrhundert. Essen 1995. Eine Monographie des Verfassers über Werner Kowalski ist in Vorbereitung. Neben der Auswertung verschiedener archivalischer Quellen, die hier nicht im einzelnen aufgeführt werden können, kommt auch Interviews mit Bekannten und Verwandten Kowalskis eine wichtige Bedeutung zu. In diesem Zusammenhang bin ich vor allem Helma Hübener (Marienheide), der Tochter Werner Kowalskis, zu Dank verpflichtet, die am 30. Juni 2002, kurz vor der Abfassung dieses Textes, verstorben ist. [5] Die standesamtlich richtige Schreibweise des Namens lautet »Kowalsky«. Diese wird auch ver-wendet bei Röder, Werner/Strauss, Herbert A. (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Bd. 1. München u.a. 1980, S. 388. Sowohl Werner Kowalski selbst als auch andere Familienmitglieder haben bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Schreibweise mit »i« statt »y« verwendet. Sie soll daher auch hier als authentisch gelten. [6] Stadtarchiv Lüdenscheid (im folgenden: StA Lüd), Altkartei des Einwohnermeldeamtes, Haushaltsbogen der Familie Kowalski. [7] Gosudarstvennyi Archiv Rossijskoj Federacij (im folgenden: GARF), F. 495, Op. 205, D. 7889, Bl. 4 f.; für den Hinweis auf diese Quelle danke ich Alexander von Plato (Lüdenscheid). – Ausführlicher und gehaltvoller ist der Lebenslauf in Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv social’nopolitičeskoj istorij (im folgenden: RGASPI), F. 495, Op. 205, D. 7001; für die Hinweise auf diese Quelle danke ich Andreas Herbst (Berlin) und Wladislaw Hedeler (Berlin). [8] RGASPI (Anm. 7), Bl. 4. [9] Zur Biographie von Werner Kraus (1898–1964), der 1932/33 führender V-Mann der NSDAP in der KPD und Informant der Gestapo wurde, vgl. Weber: Wandlung (Anm. 1), Bd. 2, S. 194, sowie Simon (Anm. 4). [10] Information von Hildegard Busch (Lüdenscheid). [11] StA Lüd B 000-2b, Bl. 116. – Eine polizeiliche Feststellung ergab am 12. Juni, daß er schon »seit 3 Wochen fort« war (StA Lüd, Karteikarte in der Altkartei des Einwohnermeldeamtes). [12] Hedeler (Anm. 3), S. 373. – Zur Militärpolitischen Schule vgl. Herlemann, Beatrix: Der deutschsprachige Bereich an den Kaderschulen der Kommunistischen Internationale, in: IWK 18 (1982), Heft 2, S. 205–229, v.a. 223 ff. [13] Tenfelde, Klaus: Proletarische Provinz. Radikalisierung und Widerstand in Penzberg/Oberbayern 1900–1945, in: Broszat, Martin u.a. (Hrsg.): Bayern in der NS-Zeit. Band IV. Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt, Teil C. München/Wien 1981, S. 1–382, hier 213. – Kowalski erklärt in seinem Lebenslauf: »Es wurde eine Reorganisation auf kleine Instrukteurgebiete durchgeführt […].« (RGASPI [Anm. 7], Bl. 5). [14] Vgl. dazu Hetzer, Gerhard: Die Industriestadt Augsburg. Eine Sozialgeschichte der Arbeiteropposition, in: Bayern in der NS-Zeit (Anm. 13), Band III, S. 1–233, hier 150 ff. – Kowalskis Ehefrau Charlotte zog gemeinsam mit der Tochter Mitte Januar 1933 zu ihrem Mann nach Augsburg. Am 12. März kehrten sie nach Lüdenscheid zurück (StA Lüd, Karteikarte Einwohnermeldeamt). [15] RGASPI (Anm. 7), Bl. 5. – Die nachfolgenden Daten sind dokumentiert in der Haftentschädigungsakte Werner Kowalski, StA Lüd B 41366. [16] Zur Entstehung der Emslandlager vgl. Kosthorst, Erich/Walter, Bernd: Konzentrations- und Strafgefangenenlager im Emsland 1933–1945. Zum Verhältnis von NS-Regime und Justiz. Darstellung und Dokumentation, Düsseldorf 1985, v.a. S. 32 ff. [17] Daten zu den genannten sowie einigen weiteren Lüdenscheider Kommunisten sind zu entnehmen den Haftentschädigungsakten (StA Lüd B 41351 ff.) sowie der Anklageschrift der Generalstaatsanwaltschaft Hamm zum Hochverratsprozeß gegen die illegale Lüdenscheider KPD im Jahre 1936: Nordrhein-Westfälisches Staatsarchiv Münster (im folgenden: STAMS), Generalstaatsanwalt Hamm, Nr. 5522. [18] Information von Roger Kowalsky (Lüdenscheid), einem Neffen Werner Kowalskis. [19] Karl Asbach (geb. 28. März 1907 in Lüdenscheid, gest. 11. März 1963 in Lüdenscheid), Fabrikarbeiter, ab 1922 Mitgliedschaft im DMV, 1922–1927 Mitglied des KJVD, 1927 KPD, anschließend bis 1930 in Düsseldorf, dann zurück nach Lüdenscheid, wo er vorübergehend wegen »Zugehörigkeit zur Rechtsopposition« aus der KPD ausgeschlossen wurde, 1931 wieder Parteimitglied, RGO, ab 25. April 1933 Inhaftierung im Gerichtsgefängnis Lüdenscheid, eingeleitetes Verfahren wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« eingestellt, Entlassung 24. Februar 1934, Frühjahr bis Ende 1934 Leitungsposition in der illegalen KPD in Lüdenscheid, dann illegaler Aufenthalt im Rheinland, April 1935 nach Amsterdam, 1935/36 Lehrgang an der Internationalen Leninschule in Moskau, anschließend Instrukteur im KPD-Bezirk Ruhr, am 26. Juni 1939 verhaftet, am 08. Januar 1940 vom Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, am 29. Juni 1943 aus dem Zuchthaus Münster zum Strafbataillon 999 eingezogen, von Kriegsende bis 1947 in britischer Gefangenschaft, anschließend Sekretär der wiedergegründeten KPD in Lüdenscheid. – Die wesentlichen biographischen Informationen sind enthalten in der Haftentschädigungsakte (StA Lüd B 41372), der Gestapo-Personalakte im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (im folgenden: HSTA DÜ), RW 58-36678, sowie in der Anklageschrift und dem Urteil des Volksgerichtshofes (VGH 9 J. 328/39), enthalten in der Mikrofiche-Edition: Widerstand als »Hochverrat« 1933–1945. Die Verfahren gegen deutsche Reichsangehörige vor dem Reichsgericht, dem Volksgerichtshof und dem Reichskriegsgericht. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte bearbeitet von Jürgen Zarusky und Hartmut Mehringer, München 1998. Asbachs Teilnahme am ILS-Lehrgang belegt Herlemann: Kaderschulen (Anm. 12), S. 220 f. [20] Zur Rolle der KPD in Lüdenscheid zwischen 1933 und 1935 zusammenfassend Simon (Anm. 4), S. 431 ff. Wesentlich für den Zusammenhang ist die Darstellung von Peukert (Anm. 2), z. B. S. 146 ff. [21] Hierzu Peukert (Anm. 2), S. 240–243, sowie Simon (Anm. 4), S. 444–448. – Heinrich Muth, 1933 Polleiter der KPD in Lüdenscheid, war ein Bruder von Wilhelm Muth, der in der illegalen KPD in Wuppertal eine wichtige Rolle spielte und im Januar 1935 in der Haft ermordet wurde. [22] So in einem zweifellos von Kowalski stammenden Bericht über »SPD und Wiederaufbau der Freien Gewerkschaften (im Lüdenscheider Industriebezirk)«, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im folgenden: BArch/SAPMO), I 3/20/44, Bl. 292–297, hier 292. [23] BArch/SAPMO I 3/20/44, Bl. 258. [24] BArch/SAPMO I 1/1/37, Bl. 84. [25] BArch/SAPMO I 1/1/37, Bl. 97. [26] Vietzke, Siegfried: Die KPD auf dem Wege zur Brüsseler Konferenz, Berlin 1966, S. 180 ff. – Vietzke erwähnt wie andere DDR-Historiker Werner Kowalski nicht, im Unterschied etwa zu Elli Schmidt, die im Bezirk Niederrhein eine ganz ähnliche Tätigkeit als Instrukteurin ausübte, aber später der Generallinie der KPD treu blieb. [27] Personalakte in GARF (Anm. 7); das Material RGASPI (Anm. 7) trägt schon den Namen »Erich Dobler«. Zum Kongreß und Kowalskis Teilnahme vgl. Hedeler (Anm. 3). – Ob Kowalski schon früher den Decknamen »Erich Klose« oder »Dobler« verwendet hat, ist nicht bekannt. Daß er auch den Decknamen »Kurt Doberer« benutzt habe, wie im Biographischen Handbuch (Anm. 5) behauptet, ist falsch. Kurt Doberer war ein 1904 geborener Gewerkschafter, der u.a. 1941 mit der Exilpresse in Großbritannien zu tun hatte, also nicht identisch mit Kowalski gewesen sein kann. Vgl. Hardt, Hanno u.a. (Hrsg.): Presse im Exil. Beiträge zur Kommunikationsgeschichte des deutschen Exils 1933–1945, München u.a. 1979, S. 227 und 230. [28]Protokoll der »Brüsseler Konferenz« (Anm. 3), S. 21. – Auf Wehner scheint Kowalski keinennachhaltigen Eindruck gemacht zu haben. Es ist auffällig, daß er als einziges ZK-Mitglied der »Brüsseler Konferenz« in Wehners Erinnerungen mit einem Namenskürzel (»D.«) genannt wird. Vgl. Wehner, Herbert: Zeugnis. Herausgegeben von Gerhard Jahn, Halle/Leipzig 1990, S. 147 und 150. [29] Abgedruckt ist die Rede im Protokoll der »Brüsseler Konferenz« (Anm. 3), S. 553–560. [30] Vgl. Herbst, Andreas: Heinrich Wiatrek – Kommunist oder »Überläufer«?, in: Jahrbuch fürhistorische Kommunismusforschung 2002, S. 336–357. – Für seine Untersuchung über den KPD-Widerstand in Westdeutschland konnte Detlev Peukert seinerzeit weder die Rede von »Dobler« noch die von Wiatrek einsehen. Beide galten in der DDR als »Renegaten«. Vgl. Peukert (Anm. 2), S. 230. [31] Herlemann: Emigration (Anm. 2), S. 114 f. [32] Herlemann: Emigration (Anm. 2), S. 149 ff., sowie – als Beitrag der DDR-Forschung dazu – Horst Bednareck: Die Gewerkschaftspolitik der Kommunistischen Partei Deutschlands – fester Bestandteil ihres Kampfes um die antifaschistische Einheits- und Volksfront zum Sturze der Hitler-Diktatur und zur Verhinderung des Krieges (1935 bis August 1939), Berlin 1969, S. 134– 143, wobei Bednareck Kowalski mit keinem Wort erwähnt. [33] Dies wird auch in der ausgesprochen inhaltsarmen Gestapo-Personalakte zu Werner Kowalski erwähnt (HSTA DÜ RW 58-57686). Es taucht daneben die Schreibweise »Claus« auf. [34] Herlemann: Emigration (Anm. 2), S. 157 ff.; VGH 9 J. 278/41 g (Anklageschrift gegen Robert Bauer vom 29.09.1941), in: Widerstand als »Hochverrat« (Anm. 19). – Zu Hornick und Bauer vgl. auch Biographisches Handbuch (Anm. 5), S. 316 und 39 f. [35] Informationen von Helma Hübener. Über den genauen Zeitpunkt der Emigration besteht Unklarheit: In den Haftentschädigungsakten von Charlotte und Werner Kowalski (StA Lüd B 41355 und B 41366) ist mal vom August die Rede, an anderer Stelle vom 1. Juli 1936. [36] Schriftliche Aussage von Kurt Junghans (geb. 07. März 1906 in Rödlitz, gest. 06. März 1972 in Dortmund, Schneidergeselle, wahrscheinlich ab 1932 Mitglied der KPD in Lüdenscheid), vom 20. Juli 1957 in StA Lüd B 41366; Haftentschädigungsakte von Antoinette Junghans, geb. Kerseböhmer (01. Oktober 1906 in Oberdisteln), die 1935 nach Belgien emigrierte (StA Lüd B 41382). [37] Herlemann: Emigration (Anm. 2), S. 160. [38] Wessel, Harald: Münzenbergs Ende. Ein deutscher Kommunist im Widerstand gegen Hitler und Stalin. Die Jahre 1933 bis 1940. Berlin 1990, S. 101. [39] Herlemann: Emigration (Anm. 2), S. 160; zu Paris vgl. Soell, Hartmut: Der junge Wehner. Zwischen revolutionärem Mythos und praktischer Vernunft. Stuttgart 1991, S. 384 f.; Harald Wessel erwähnt in seiner Münzenberg-Biographie Kowalski ebensowenig wie Gross, Babette: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie. Stuttgart 1967. Auch als Autor von Beiträgen in den von Münzenberg im Exil herausgegebenen Zeitungen »Der Gegen-Angriff« und »Die Zukunft« konnte Kowalski nicht nachgewiesen werden. [40] Klönne, Arno: Bündische Emigration und bündischer Widerstand – Die Gruppe um die »Kameradschaft«, in: Dittrich, Kathinka/Würzner, Hans (Hrsg.): Die Niederlande und das deutsche Exil 1933–1940. Königstein/Ts. 1982, S. 122–135, hier 125; vgl. auch von Hellfeld, Matthias: Bündische Jugend und Hitlerjugend. Zur Geschichte von Anpassung und Widerstand 1930–1939. Köln 1987, S. 178 ff. [41] So im Gestapo-Bericht vom 22. Februar 1942 über die »Deutsche Jugendfront«, Institut für Zeitgeschichte (München), Archiv 117/143, Bl. 62. [42] Duhnke (Anm. 2), S. 185 und 537 (Zitat). [43] Soell (Anm.39), S. 418 ff. [44] Herlemann: Emigration (Anm. 2), S. 160. – Zu Friedrich Wilhelm Rüddenklau, der im September 1941 in Deutschland zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, vgl. Bednareck (Anm. 32), S. 140 f., sowie Biographisches Handbuch (Anm. 5), S. 625. [45] Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 157 vom 11. Juli 1939, Liste 123, wiedergegeben in Hepp, Michael (Hrsg.): Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933–45 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen. Band 1. Listen in chronologischer Reihenfolge, München 1985, S. 189. [46] Gestapo-Bericht vom 22. Februar 1942 (Anm. 41), Bl. 62 f. – Die dortige Behauptung, Kowalski habe Ebeling schon aus der Zeit vor 1933 gekannt, erscheint abwegig. Zu Sara-Cato (Selma) Meyer vgl. Klönne (Anm. 40), S. 126 f. [47] Vgl. zu diesen Publikationen Presse im Exil (Anm. 27), S. 194 ff. [48] Information von Helma Hübener. Zu Rost vgl. v.a. den biographischen Essay im Anhang von Rost, Nico: Goethe in Dachau. Herausgegeben, mit Materialien und einem Nachwort versehen von Wilfried F. Schoeller, Berlin 1999, v.a. S. 405 ff. (Zitat S. 410, wo auch auf Rosts Verbindung zu Willi Münzenberg hingewiesen wird). [49] Information von Helma Hübener. [50] Aussagen von Charlotte Kowalski und Kurt Junghans in StA Lüd B 41366. – Seine Internierung beschrieb Niebergall selbst in einem Erinnerungsbericht, wobei Kowalski aber nicht erwähnt wird (Résistance. Erinnerungen deutscher Antifaschisten. Zusammengestellt und bearbeitet von Dora Schaul, 3. Aufl., Berlin 1985, S. 21 ff.). Zu Niebergall vgl. Biographisches Handbuch (Anm. 5), S. 533. Zur Deportation deutscher Emigranten aus Belgien, die dort als »Fünfte Kolonne« verdächtigt wurden, vgl. Walter, Hans-Albert: Deutsche Exilliteratur 1933–1950. Band 3: Internierung, Flucht und Lebensbedingungen im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1988, S. 144 ff. [51] Information von Helma Hübener. Charlotte Kowalski wurde im Oktober 1940 in Brüssel verhaftet und zum Arbeitsdienst verpflichtet, im März 1942 zusammen mit ihrer Tochter nach Deutschland zurückgeschafft. [52] Fabian, Ruth/Coulmas, Corinna: Die deutsche Emigration in Frankreich nach 1933. München 1978, S. 80. Vgl. auch Walter (Anm. 50), S. 194 ff. [53] Zu den Prestataires vgl. Walter (Anm. 50), S. 110 ff. [54] Annecy, Archives départementales de la Haute-Savoie, Procès-verbal établi par la Brigade de Frangy No. 227 du 1/7/43 concernant la mort de M. Werner Kowalski. – Der durch verschiedene Zeugenaussagen belegte Bericht differenziert die Jahre später von Kurt Junghans zu Protokoll gegebene, sehr knappe Schilderung (StA Lüd B 41366, Aussagen vom 20. Juli und 21. September 1956). [55] STAMS, Generalstaatsanwalt Hamm 5522, Bl. 90 (Anklage- und Urteilsschrift sind dort nicht erhalten, sondern nur eine Wiedergutmachungsangelegenheit). [56] Vgl. dazu Bower, Tom: Klaus Barbie. Lyon, Augsburg, La Paz – Karriere eines Gestapo-Chefs. Aus dem Englischen von Niels Kadritzke. Berlin 1984, S. 44 f. [57] Information von Helma Hübener.

JHK 2003

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Bayerlein, Bernhard H., Dr., Senior Researcher, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, Universität Mannheim. Braun, Günter, Dr., wiss. Mitarbeiter am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. Chaqueri, Cosroe, Prof. Dr., Ecole Nationale des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS), Paris. Courban, Alexandre, Historiker, Doktorand und Mitarbeiter der Archive der KPF, Paris. Dähn, Horst, Prof. Dr., Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart. Döpmann, Hans-Dieter, Prof. Dr., an der Freien Universität Berlin. Fleischer, Helmut, Prof. Dr. em., Ordinarius für Philosophie an der TU Darmstadt. Firsov, Fridrikh, Dr., Lynn, Massachusetts; Mitherausgeber der Buchreihe »Annals of Communism« (Yale University Press), ehemaliger Leiter des KominternKabinetts im RCCHIDNI, Moskau. Foitzik, Jan, Dr., wiss. Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München – Außenstelle Berlin. Haynes, John, Historiker, Library of Congress, Washington DC, USA, Leiter des Manuscript Department. Hodos, George Hermann, Prof. Dr., im Rajk-Prozeß verurteilt, ab 1956 in der Emigration in Österreich und in den USA; lebt in Sherman Oaks, CA. Ito, Narihiko, Prof. Dr. an der Universität Tokio. Jahn, Egbert, Prof. Dr., Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. Jakowlew, Alexander N., Prof. Dr., Historiker, Moskau. Karepovs, Dainis, Dr., Historiker, Universität São Paulo, Brasilien. Kheyfetz, Lazar, Dr., und Victor, Dr., Lateinamerika-Institut, Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation, Moskau. Kuhn, Katja, Dr., Politikwissenschaftlerin, Mannheim. Leo, Annette, Dr., Historikerin, Technische Universität Berlin, Zentrum für Antisemitismusforschung.  Lešnik, Avgust, Prof. Dr., Abteilung für Soziologie der Philosophischen Fakultät, Universität Ljubljana, Slowenien. Lewin, Moshe, Prof. Dr., University of Philadelphia. Lorenz, Richard, Prof. Dr., Professor für Osteuropäische Geschichte an der Gesamthochschule/Universität Kassel. Luban, Ottokar, Historiker, Berlin. Mählert, Ulrich, Dr., wiss. Referent an der Stiftung zur Aufarbeitung der SEDDiktatur in Berlin. Martín Najera, Aurélio, Direktor des Archivs und der Bibliothek, Pablo IglesiasStiftung, Madrid. McCauley, Martin, Prof. Dr. für Sowjetische und Osteuropäische Studien an der Universität London. McLoughlin, Barry, Dr., Projektleiter »Archivarbeiten in der ehemaligen Sowjetunion« bei der Historikerkommission der Republik Österreich, freier Mitarbeiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes. McMeekin, Sean, Ph. D., Berkeley, University of California, Berkeley Fellowship for Graduate Study. Mencl, Vojtĕch, Prof. Dr., Historiker, Prag. Müller, Werner, Prof. Dr., Professor an der Universität Rostock. Naimark, Norman M., Prof. Dr., Direktor des Zentrums für Russische und Osteuropäische Studien an der Stanford University. Nazarewicz, Ryszard, Prof. Dr., Historiker am Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der PVAP, seit der Emeritierung im Vorstand der Wissenschaftlichen Adam-Próchnik-Gesellschaft und in Führungsgremien des polnischen antifaschistischen Kombattanten-Verbandes. Ross, Corey, Dr., wissenschaftlicher Mitarbeiter für Moderne Geschichte an der University of Birmingham. Ruge, Wolfgang, Prof. Dr. Dr., früher Mitarbeiter (ab 1958 Forschungsgruppenleiter) im Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften, Berlin. Ryskulov, Vladimir V., Enkel von T. R. Ryskulov, graduierter Historiker, Institut für die Länder Asiens und Afrikas der Universität Moskau. Lehrt Arabisch, Englisch und Französisch. Schlott, Wolfgang, Dr. habil., Literaturwissenschaftler, Pädagoge und Historiker, Universität Bremen, Forschungsstelle Osteuropa. Shaqueri, Cosroe, Prof. Dr., Hochschule für Sozialwissenschaften Paris. Simon, Dietmar, Dr., Historiker und Gymnasiallehrer, Lüdenscheid. Tischler, Carola, Dr., Historikerin an der Humboldt-Universität Berlin. Tosstorff, Reiner, Dr., Politologe, Institut für Europäische Geschichte, Universität Mainz. Tutockin, Juri, Archivar am Russischen Staatsarchiv für soziale und politische Forschungen Moskau. Tych, Feliks, Prof. Dr., Historiker, Warschau. Uhl, Matthias, Dr., Wissenschaftlicher Projektmitarbeiter im Institut für Zeitgeschichte, Außenstelle Berlin. Weber, Hermann, Prof. Dr., em. Ordinarius für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim, Mitglied des Stiftungsrates »Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur«. Yegorova, Nataliya, Prof. Dr., Institut für Geschichte, Russische Akademie der Wissenschaften.

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Stalins Tod und die internationale Politik

Norman M. Naimark

Die Bedeutung von Stalins Tod am 5. März 1953 für die Welt – für deren Bürger und deren Staatensysteme – kann nur im Zusammenhang mit den vielfältigen Rollen, die Stalin auf der Weltbühne während der vorhergegangenen zwei Jahrzehnte spielte, erfaßt werden. Stalin war während des Krieges Generalissimus und trieb die Rote Armee im großen Vaterländischen Krieg eindringlich zu ihren entscheidenden Siegen an. Mehr als jedem anderen Regierenden der Welt hat man ihm dem Sieg über Hitler und den Nationalsozialismus zugeschrieben. Es gab innerhalb wie außerhalb der Sowjetunion Menschen, die wußten, daß Stalin schreckliche Fehler im Krieg gemacht hat und die Verluste der Sowjets bei weitem die zehn bis zwölf Millionen Toten überschritten, die seinerzeit geschätzt worden waren. (Historiker gehen jetzt davon aus, daß 28 Millionen Tote weit näher an die Wirklichkeit herankommen.) Aber die große Mehrheit der Weltbevölkerung bewunderte ihn wegen des makellosen Sieges über Nazi-Deutschland. Auch heute noch, fünfzig Jahre nach seinem Tod, weisen unzählige Menschen jegliche Kritik gegenüber Stalin mit Hinweisen auf seine heldenhafte Rolle während des Krieges ab. Stalin galt noch lange nach seinem Tod weltweit als der unangefochtene Führer der kommunistischen Bewegung, sowohl für jene, die all seine Worte und Gesten verehrten, als auch für jene, die gegen den Kommunismus und all das, was er bedeutete, opponierten. In einigen Fällen neigten sowohl Kommunisten als auch Antikommunisten dazu, ihre Bewertung des Einflusses und der Macht Stalins zu übertreiben, was ja genau Stalins Intention war. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Harry S. Truman, und viele seiner einflußreichen Berater waren davon überzeugt, daß Stalin Kim Il Sungs Aktionen im Korea-Krieg kontrollierte. Nach ihrer Meinung hatte Stalin den Angriff Nordkoreas zu verantworten, und wenn die Vereinigten Staaten von Amerika nicht reagierten, würden »die Sowjets weitermachen und ein Stück Asien nach dem anderen für sich vereinnahmen«. Als die Chinesen den Nordkoreanern bei ihren militärischen Anstrengungen beistanden, schätzte Truman sie als »klassische Satelliten« der Sowjets ein.[1] Senator Joseph McCarthy behauptete, Stalin beeinflusse das amerikanische Außenministerium, da dort nachweislich viele Hundert Kommunisten angestellt waren. Zur gleichen Zeit bekämpften die vietnamesischen Kommunisten die Franzosen mit der Gewißheit, daß Stalin ihnen eventuell helfen würde. Die griechischen Kommunisten baten während des heftigen Bürgerkrieges mit den griechischen Monarchisten, die von britischem und amerikanischem Militär unterstützt wurden, Stalin wiederholt um Hilfe und Inspiration, obwohl der sowjetische Führer ihnen in privaten Gesprächen keine Chancen auf einen Sieg einräumte.[2] Komplexer war die Haltung linker Intellektueller und Sozialdemokraten gegenüber Stalin. Für berühmte »Wegbegleiter« oder »Philo-Kommunisten«, wie Paul Sartre und Albert Camus, schloß der Kampf um den Fortschritt und die Kritik am Kapitalismus eine positive Beurteilung von Stalins Rolle in der Geschichte ein. Sein Tod veranlaßte viele, ihre entschuldigende Haltung gegenüber dem Stalinismus aufzugeben. Auch das Trauma von 1956 und die zunehmende Bedeutung des antikolonialistischen Kampfes trugen dazu bei, die europäischen Intellektuellen aus der Umarmung der sowjetischen Kommunisten zu befreien.[3] Eine Reihe ehemaliger kommunistischer Intellektueller, z. B. den Amerikaner Sidney Hook und den Italiener Ignazio Silone, brachte die ideelle Enttäuschung über den Kommunismus, wie er von Stalin und kommunistischen Parteien im Nachkriegs-Europa praktiziert wurde, in Konfrontation zu ihren früheren Genossen und Freunden. Insbesondere die von der Sowjetunion gesteuerte Friedensbewegung der späten 40er und frühen 50er Jahre wurde zu einer harschen Schule für die mit Stalin sympathisierenden Schriftsteller und Intellektuellen im Westen, die die rigide stalinistische Kulturpolitik auf Ost-WestKongressen – wie in Wrocław (Breslau) im August 1948 und in Stockholm im März 1950 – nicht ignorieren konnten. Typisch, wie Julian Benda sich in Wrocław beschwerte: »Ich verstehe gar nichts mehr ... Warum müssen wir jedes Mal klatschen, wenn Stalins Name erwähnt wird? Ich bin gegen Krieg. Ich bin gegen die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich bin ganz und gar für Kooperation, aber was von mir verlangt wird ist, daß ich Treue schwöre.«[4] Auch Sozialdemokraten sahen sich durch die stalinistische Politik gezwungen, ihre Beziehung zu den Kommunisten neu zu überdenken. In Deutschland folgten die meisten Sozialdemokraten Kurt Schumacher, der Stalin und den Sowjets mißtraute und die SPD in den westlichen Besatzungszonen zu einer »antikommunistischen« und zugleich »antikapitalistischen« Partei aufbaute. Auch die Sozialdemokraten auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs mußten sich neu orientieren. Otto Grotewohl blieb in der sowjetischen Besatzungszone und wurde neben dem Kommunisten Wilhelm Pieck zum Vorsitzenden der »Sozialistischen Einheitspartei«, der SED, gewählt und 1949 zum Ministerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik. In Polen führten Josef Cyrankiewicz und Edward Osobka-Morawski die Polnische Sozialistische Partei (PPS) – einst Polens stärkste politische Vereinigung – in eine »vereinigte« Arbeiterpartei mit den Kommunisten, der PZPR. Viele der Sozialdemokraten, die während der Nachkriegszeit mit den Kommunisten im Osten zusammengearbeitet hatten, wurden politisch gemaßregelt. In der DDR nutzten sie häufig die offene Grenze zur Flucht in den Westen. In anderen Ländern des sowjetischen Blocks fielen viele frühere Sozialdemokraten, die Mitglieder sozialistischer Parteien geworden waren, den Säuberungen, Inhaftierungen und sogar Hinrichtungen der späten 40er und frühen 50er Jahre zum Opfer. Doch trotz der Verfolgungen im Osten und Erklärungen überzeugter Antikommunisten im Westen dachten viele europäische Sozialdemokraten weiterhin nur das Beste über Stalins Sowjetunion. Stalin, so ein häufiges Argument, sei wenigstens kein Reaktionär. Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika hielten bekannte Politiker wie Henry Wallace, der 1948 für die Progressive Party als Präsidentschaftskandidat kandidiert hatte, und Joseph Davies, Roosevelts diplomatischer Vertreter in der Sowjetunion in den späten 30er Jahren, Stalin weiterhin für eine positive Figur im Weltgeschehen. Von den vielen »Gesichtern«, die Stalin der Welt präsentierte, war letztendlich jenes am einflußreichsten, daß er als Führer der Sowjetunion während der Nachkriegszeit zeigte. Immerhin ging die USSR neben den USA als eine von zwei führenden Weltmächten aus dem Krieg hervor. Großbritannien blieb geschwächt zurück. Europa lag danieder. Deutschland war geschlagen und geteilt. Gleichzeitig besetzte die Sowjetunion die östliche Hälfte des europäischen Kontinents, ihre Armeen schienen stark und unbesiegbar. Dies war Stalins Absicht – so sollte die Welt seine Armee und sein Land sehen. Er tat alles, was in seiner Macht stand, um die vielen Probleme zu verbergen, mit denen die Sowjetunion konfrontiert war: die niederschmetternden demographischen Bevölkerungsverluste des Krieges, die Zerstörung und Nivellierung der sowjetischen Industrie und Landwirtschaft sowie die völlige Erschöpfung der sowjetischen Armee. So wie er sich selbst als Unzerstörbaren und Allwissenden darzustellen suchte, wollte er im Ausland ein Bild der Sowjetunion projizieren, das von Stärke, Festigkeit, Einheit und Wohlstand zeugte. Er machte in Potsdam eine gute Figur. Er ließ sich von Trumans triumphierender Offenbarung, daß die USA eine Atombombe besitze, weder einschüchtern noch gefügig machen. Ohne viel Zeit zu verlieren, befahl er Berija, keinen Aufwand zu scheuen und ein sowjetisches Äquivalent zu bauen, das – zur Überraschung des Westens – bereits 1948 fertig war.[5] Die Berlin-Blockade und der Korea-Krieg hätten eine direkte Konfrontation zwischen der Sowjetunion und den Amerikanern auslösen können, jedoch wußte Stalin genau, wie unterlegen seine Streitkräfte in einer solchen Konfrontation sein würden. Er wußte auch, wann es notwendig war, zurückzuweichen. In der Nachkriegszeit meinten einige Vertreter westlicher Regierungskreise, Stalin sei nicht wirklich »an der Macht«. Gab es mit Moskau Probleme oder die sowjetische Politik schien extrem dogmatisch oder aggressiv, schoben dies einige Diplomaten und Politiker den Bürokraten in Stalins Umgebung in die Schuhe. Sie wollten direkt mit Stalin sprechen, um einen Ausweg aus der diplomatischen Sackgasse zu finden. Stalin selbst genoß die Rolle, die Nerven der aufgebrachten westlichen Repräsentanten wieder zu beruhigen. Fast immer empfahl er ihnen Geduld und Toleranz. Sie sollten warten, alles werde schon wieder gut werden. Der Westen schrieb die von ihm beklagte Unnachgiebigkeit der Sowjets dem Außenminister Wjatscheslaw Molotow zu. Nach dieser Version war Molotow der wirkliche Falke und Stalin die Taube. Wir wissen aus den neuesten freigegebenen Archivmaterialien, daß nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein konnte. Stalin gab den Ton in der sowjetischen Außenpolitik an. Er überwachte seinen Außenminister und hetzte ihn fortwährend zu einer harten und kompromißlosen Haltung gegenüber dem Westen auf.[6] Stalin wandte jede nur vorstellbare Methode an, um die Kontrolle über den Staatsapparat zu behalten. Seine Gouverneure setzte er moralisch unter Druck, all seine Befehle genau zu befolgen. Listig schürte er ihr gegenseitiges Mißtrauen, damit eine Verschwörung bereits im Keim erstickt werden konnte. Ausgesuchten Untergebenen, die ihm als Informanten über ihre Vorgesetzten dienten, schenkte er seine Aufmerksamkeit. Wiederholt ersetzte er einen Polizeichef durch einen anderen, so das keiner so viel Wissen ansammeln konnte, um seine Autonomie zu gefährden. Seine Bevölkerung hatte mehr Ehrfurcht als Furcht vor ihm; wenn man auch nicht darüber hinwegsehen sollte, das es trotzdem Angst gab. Fortwährend übte er Kritik und verbreitete ideologische Erklärungen, die als Signale »vom Boß« neue Wendungen in der Politik und in der Haltung ankündigten. Nikita Chruschtschow schätzte in seinen Memoiren, daß Stalin Ende der 40er Jahre viel von seinem Durchhaltevermögen und seinen Fähigkeiten verloren hatte. Seine Ansprache auf dem 19. Parteitag im Jahre 1952 sei ein Witz gewesen; sie habe nur fünf oder sechs Minuten gedauert. Als sich die Führung anschließend im Präsidiumssaal versammelte, habe Stalin gesagt: »›Da, schau Dir das an! Ich kann es immer noch.‹ Er konnte es immer noch, mein Fuß.«[7] Chruschtschow verschweigt, das Stalin fast während des gesamten zweistündigen Plenums mit einer furiosen Schimpftirade gegen seine Feinde in der Führung, insbesondere gegen Molotow und Mikojan, vom Leder zog; beide liefen ohne Zweifel Gefahr, ihr Leben zu verlieren. Kaganowitsch erklärte in seinen Memoiren, trotz des verheerenden Raubbaus an seiner Gesundheit über Jahre hinweg habe Stalin während des Kongresses und des Plenums einen guten Eindruck hinterlassen, sich aktiv beteiligt und den Staatsapparat weiter unter seiner Kontrolle gehalten.[8] Molotow schrieb später, er habe Stalin vier bis fünf Wochen vor seinem Tod »bei guter Gesundheit« angetroffen.[9] Am Vorabend Am Vorabend von Stalins Tod befand sich die Sowjetunion in einer schwachen internationalen Position. Es zeichnete sich ab, daß die Ressourcen des Landes überbeansprucht waren und die Feindseligkeiten mit den Vereinigten Staaten von Amerika die Stabilität des Landes untergraben würden. Das Land hatte sich längst nicht vom Krieg erholt, und die Verpflichtungen gegenüber seinen osteuropäischen Alliierten, Nordkorea und der Volksrepublik China, die sich mit Südkorea (und den Amerikanern) im Krieg befanden, ließen kaum noch Investitionen in die eigene industrielle und landwirtschaftliche Infrastruktur zu. Die Jugoslawen hatten den sowjetischen Block verlassen; Italien und Frankreich, die sich in der Nachkriegszeit fast dem Kommunismus zugewandt hatten, waren nun fest mit dem Westen verbunden. Noch bedrohlicher für das Überleben der Sowjetunion waren Stalins Pläne, einen Angriff auf Europa zu beginnen. Chruschtschow schrieb: »... wenn er [Stalin] ein bisschen länger gelebt hätte, dann hätte er möglicherweise einen weiteren Krieg beginnen können.«[10] Ob Stalin wirklich beabsichtigte »einen Weltkrieg zu beginnen« oder nicht, sei dahingestellt, die Sowjets brachten nach Edvard Radzinskys Einschätzung auf jeden Fall sehr viel Energie auf, ihre Militärmacht und die ihrer osteuropäischen Verbündeten zu stärken und würden bald im Besitz einer Wasserstoffbombe sein.[11] Am schwierigsten war für die sowjetische Außenpolitik wohl die Bewertung »der deutschen Frage«, eine der wichtigsten Ursachen des Kalten Krieges. Es gibt einen legitimen Disput unter den Wissenschaftlern über die Ziele der Stalin-Note vom 10. März 1952, in der Stalin vorschlug, Deutschland zu neutralisieren, zu vereinen und zu entmilitarisieren. Einige betrachten sie als eine ernsthafte Bemühung des sowjetischen Führers, die deutsche Frage durch diesen Vorschlag neu zu beleben. Andere bewerten sie als einen propagandistischen Schachzug, um die NATO-Mitgliedschaft der Bundesrepublik zu verhindern.[12] Wie auch immer, es gibt keinen Anlaß zu glauben, daß Stalin mit der Situation in Deutschland glücklich war. Der größte und wohlhabendste Teil war in einer Föderalen Republik vereint, deren Integration in die westliche Gemeinschaft bevorstand. Der Marshall Plan und Ludwig Erhards Währungsreform hatten dazu beigetragen, die deutsche Industrie und die deutsche Wirtschaft als Ganzes wieder zu beleben. Stalins Hoffnungen, die Alliierten während der Berlin-Blockade aus Berlin rauszuekeln, hatten sich zerschlagen. Die Deutsche Demokratische Republik, die Wilfried Loth korrekter Weise als »Stalins ungeliebtes Kind« bezeichnet hat, befand sich in einer schweren wirtschaftlichen Krise.[13] Die Bevölkerung setzte sich mehr und mehr in den Westen ab; die Wirtschaft war durch die erhebliche Demontage der Industrieanlagen und Reparationsansprüche der Sowjets beeinträchtigt, und die Politik wurde durch Walter Ulbricht, einen unbeugsamen kommunistischen Apparatschik, beherrscht. Im Juli 1952 erklärte Ulbricht »den Aufbau des Sozialismus« in der DDR zur Hauptaufgabe. Zu Beginn dieses selbstmörderischen Experiments wurden die Arbeitsnormen erhöht und die Kollektivierung der Landwirtschaft angeordnet. Zugleich unternahmen Ulbricht und die SED Schritte zur Abschottung der DDR und zur Aufwertung des Militärs, damit sie eine wichtige Rolle in einem Krieg spielen könnte, mit dem viele auf dem europäischen Kontinent rechneten. Die Belastungen für die ostdeutsche Bevölkerung waren enorm. Der Aufstand des 17. Juni 1953 war zum Teil darauf zurückzuführen. Stalins Tod Die genauen Umstände von Stalins Tod bleiben etwas mysteriös. Es gibt keinen Zweifel daran, das er am 1. März einen Schlaganfall erlitt und viel zu lange ohne medizinische Hilfe blieb, da die Pfleger seinen Zustand nicht rechtzeitig erkannten und er auch danach nicht sofort behandelt wurde. Berija sah sich schon als Stalins Nachfolger und tat alles, um sich dieses Erbe zu sichern, insbesondere als Stalin am 5. März starb.[14] Stalins Tochter Swetlana Allilujewa behauptete, das »Berija seine Freude kaum verhehlen konnte [angesichts von Stalins Lähmung]. Nicht nur ich, sondern viele Menschen verstanden das. Aber er war sehr gefürchtet, und sie wußten alle, das im Moment des Todes meines Vaters niemand in Rußland so viel Macht hatte wie diese schreckliche Person.«[15]Es ist ein trauriges Paradoxon im Kampf um die Nachfolge, der Stalins Tod folgte, daß Berija, der verdientermaßen als brutaler und intriganter Chef der Geheimpolizei gefürchtet und verachtet war, die aufgeklärteste Politik innerhalb der Führungsclique anstrebte, die die Spannungen mit dem Westen reduzieren und zur Freilassung der Gefangenen in den GULags seiner Heimat führen sollte. Unter der sowjetischen Bevölkerung löste Stalins Tod einen Schock, große Bestürzung und Sorge um die Zukunft aus. Die Tränen, das Klagen – die Menschen schlugen sich auf die Brust – und ehrliche Trauer spiegelten zweifellos das Gefühl des Verlustes und die Anhänglichkeit gegenüber dem »großen Führer der Menschheit« wider. Aber darin drückte sich auch Angst und Besorgnis aus. Stalin war ihr Beschützer und Vater; was würden sie jetzt tun? Diese Sorgen trugen gewiß zur großen Anteilnahme der Bevölkerung an Stalins Beerdigung am 9. März bei. Zehntausende von Trauernden zogen an Stalins Bahre im Spiegelsaal des Moskauer Gewerkschaftshauses vorbei. Mehr als Hundert Trauernde starben auf den Straßen, weil sie im Gedränge niedergestoßen wurden oder erstickten. Nicht jeder betrauerte Stalins Tod oder hätte Grund zur Trauer gehabt. Es gibt viele Hinweise darauf, daß durch Stalins Tod Pläne für weitere Säuberungen und Deportationen verhindert wurden. Seit die »Ärzte-Verschwörung« eine regelrechte Pogrom-Stimmung in der Bevölkerung ausgelöst hatte, herrschte große Furcht unter den russischen Juden. In Moskau kursierten Gerüchte über die Vorbereitung von Massendeportationen. Viele hatten sich ernsthaft bedroht gefühlt. Sie konnten erleichtert aufatmen, als in den Wochen nach Stalins Tod die schrillen antisemitischen Töne in den Zeitungen nachließen. Chruschtschow gab später zu, das sich vor Stalins Tod eine Krise in der Landwirtschaft entwickelt hatte. Stalin habe dies ignoriert, und zudem die Steuern für Bauern um etwa 40 Millionen Rubel erhöhen wollen. »Ich weiß nicht, wie all das geendet hätte, wenn er nicht gestorben wäre«, sagte Chruschtschow. »Ich glaube, daß es zu weiteren Festnahmen gekommen wäre. Wie Stalin sagte – Dies sind Populisten und SRs, also Feinde.«[16] Aus der ganzen Welt wurden Botschaften der Trauer, der Anteilnahme und des Beileids nach Moskau gesandt. In Prag brachte I. Taufman eine besondere Medizin in die russische Botschaft, die Stalin geschickt werden sollte. »Stalin«, sagte der Tscheche, »ist die Sonne, die den Weg in die Zukunft erleuchtet. Es ist schwer vorstellbar, welches Schicksal die Tschechoslowaken nach dem Zweiten Weltkrieg getroffen hätte. Stalin rettete die Tschechoslowakei ...« Jeder Bürger des Landes verfolge mit angehaltenem Atem die ärztlichen Nachrichten über Stalins Gesundheitszustand. Als Stalin starb, trauerten alle Menschen in Osteuropa, das berichteten zumindest die sowjetischen Abgesandten.[17] Wie sich ein ungarischer Emigrant erinnert, traten die Schüler seiner Klasse einer nach dem andern schweigend an das Portrait Stalins und küßten es wie das Bildnis einer Ikone.[18] Der sowjetische Konsul in Krakau, A. P. Nikitin, schrieb am 30. März 1953 in einem Bericht über das Geschehen zu Stalins Tod, daß am Morgen des 6. März in allen Orten und Städten in der Region Krakau die polnischen Staatsflaggen mit schwarzen Trauerbändern wehten und Stalin-Portraits – von Trauerschleiern umhüllt – aufgestellt wurden. In allen Schulen, Fabriken, Kolchosen, Produktions-Kooperativen und anderen öffentlichen Institutionen fanden Versammlungen statt, auf denen die Trauernden den amtlichen Verlautbarungen andächtig lauschten, die in der Presse über den Tod des »Genossen Stalin« erschienen waren. Alle Versammlungen endeten mit der Internationale.[19] 260 Delegierte, die etwa 1600 Arbeiter vertraten, kamen zum sowjetischen Konsulat, um ihren Respekt zu erweisen. Sie versprachen ihre Produktion zu Stalins Ehren zu erhöhen. Die polnische Verwaltung der Region änderte sogar den Namen der bedeutenden Industriestadt Katowice in Stalinogrud um, die Region Katowice (wojewodzstwo) hieß nun »Stalinogrudzkie region«. Anläßlich der Umbenennungen sagte Genosse Olszewski: »Der Name Stalin ist auf ewig mit der Geschichte Polens und unserem schlesischen Land verknüpft. ... Dies erfüllt uns mit Stolz ... Die große Ehre, die uns erwiesen wurde, ist für uns die größte Verpflichtung, keinen einzigen Schritt vom Weg abzuweichen, den der große Stalin uns gewiesen hat, und seine Lehren zu Lebzeiten zu verwirklichen, d.h., von Stalin zu lernen, sich ein Beispiel an Stalin zu nehmen und nach Stalins Vorbild zu arbeiten.« Die Krakauer Obrigkeit eröffnete ein Stalin-Museum in dem Haus, in dem sich Lenin und Stalin vom 10. bis 14. Januar 1913 während einer Konferenz aufhielten. Offensichtlich war dies die einzige Stelle in Polen, auf die Stalin jemals seinen Fuß gesetzt hatte. Nicht jeder betrauerte den Tod des Führers. Vereinzelte »reaktionäre Elemente« hätten Witze gemacht und sich über die Trauer der Menschen mokiert. Die Abwesenheit der Geistlichen während der Versammlungen und der Trauerkundgebungen wurde hervorgehoben. »Kein einziger Vertreter der Kirche in den Regionen des Krakauer konsularischen Distrikts äußerte ein Zeichen der Sympathie für den gewaltigen Schicksalsschlag, den die sowjetische Bevölkerung erlitt. Selbst die fortschrittlichsten Repräsentanten der Geistlichen sandten keinen Brief und kein Beileidstelegramm ...« Wie Nikitin betonte, hing an keiner einzigen Kirche Trauerbeflaggung. »Am 9. März um 10 Uhr [Ortszeit], genau zu der Zeit als I.V. Stalin beerdigt wurde, läuteten die Glocken der Kirchen, aber nicht an allen [Kirchen]. In einigen Kirchen, wurden Mitglieder der SPM [kommunistische Vereinigung der polnischen Jugend] von der Parteiführung für diesen Zweck beauftragt, weil sich Priester und deren Helfer beeilten, die Kirchen zu schließen und abzusperren.«[20] Wenn es auch in vielen Teilen Osteuropas inszenierte und ritualisierte Gedenkveranstaltungen gab, so sollte man die echte Trauer nicht unterschätzen, die viele zehn Millionen Menschen auf der ganzen Welt nach Stalins Tod verspürten. Veteranen der amerikanischen Streitkräfte gedachten seiner Führerschaft während des Zweiten Weltkrieges. Chinesische Kommunisten, die gegen die amerikanischen Armeen in Korea kämpften, fühlten sich durch ihn inspiriert und unterstützt. Junge Bundisten hielten im Stadtteil East-Side in New York eine Schweigeminute ab. Italienische Gewerkschaften, mexikanische Radikale, dänische Linke und ägyptische Kommunisten – sie und andere betrauerten den Tod des großen Führers für den Sozialismus und die Sowjetunion. Neue Möglichkeiten Einige mächtige Regierungschefs betrachteten Stalins Tod als Gelegenheit, eine neue Tagesordnung für weltweite Themen aufzusetzen oder sogar den Kalten Krieg zu beenden. Wenn, wie John Lewis Gaddis kürzlich schrieb, »ein Kalter Krieg unvermeidbar war, so lange Stalin die Sowjetunion führte«, könne sein Tod vielleicht dessen Ende herbeiführen.[21] Es gab ein paar Hinweise, die dieses Ziel als realistisch erscheinen ließen. Berija und Malenkow, die bekanntesten Personen in der »kollektiven Führung« nach Stalin, signalisierten, daß die deutsche Frage, die der Hauptgrund für die Feindseligkeiten zwischen der Sowjetunion und dem Westen in der Nachkriegszeit war, durch den möglichen sowjetischen Rückzug aus Ostdeutschland gelöst werden könnte. Stalins Tod ließ auch auf ein Ende des Korea-Konflikts hoffen, der im Osten wie im Westen enorm hohe Ressourcen verbrauchte. Harry Truman hatte die amerikanischen Wahlen im Herbst 1952 verloren. Es gab einen neuen amerikanischen Präsidenten, Dwight David Eisenhower; und Stalin war nicht mehr im Kreml. Stalin und Mao hatten die amerikanischen Soldaten diffamiert und die mögliche Gefahr, die von der Anwendung der amerikanischen Atombombe ausging, ignoriert. Stalins Nachfolger schätzten die amerikanischen Intentionen und die chinesischen Potentiale realistischer ein. Innerhalb von zwei Wochen nach Stalins Tod forderten sie in Direktiven an Mao und an Kim Il Sung, die Politik in Korea zu ändern und um Frieden zu bitten. Im Juli 1953 unterzeichneten die Nordkoreaner und die chinesischen Kommunisten den Waffenstillstand. Eisenhower habe, als er später gefragt wurde, warum Mao den Waffenstillstand für Korea akzeptierte, geantwortet: »Gefahr eines Atomkrieges«. Gaddis fügt korrekter Weise hinzu, die bessere Antwort wäre gewesen: »weil Stalin starb«.[22] Winston Churchill gehörte zu jenen regierenden Politikern, die davon ausgingen, daß sich durch Stalins Tod eine Chance für bedeutende Veränderung im internationalen System bieten würde. Die Ironie in Churchills Initiative war für alle offensichtlich, insbesondere für die Sowjets, nachdem Churchill im Mai 1946 mit seiner »Eiserne Vorhang Rede« in Fulton, Missouri, den Spannungen des Kalten Krieges einen kräftigen Impuls gegeben hatte und seine ganze Karriere von antibolschewistischer Rhetorik und Absicht geprägt war. Zum Teil verschmähten die Sowjets Churchills Initiative, weil sie ihm nicht trauten. Aber entscheidender war, daß innerhalb der sowjetischen Elite erhebliche Zweifel über die Fortdauer von Stalins Außenpolitik aufkamen. Als Molotow wieder Außenminister wurde, veränderten sich die Ziele der Außenpolitik kaum. Chruschtschow formulierte treffend: »Als Stalin starb, machten wir weiter wie vorher, aus Trägheit. Unser Boot trieb einfach weiter stromabwärts, im gleichen Kurs, den Stalin eingeführt hatte, obwohl wir alle spürten, daß die Dinge nicht richtig waren.«[23] Die potentiellen Chancen, auf die Churchill die neue sowjetische Führung hinwies, waren zu beunruhigend, zu beängstigend. Chruschtschow erinnerte sich später an die Tagung des Zentralkomitees am 31. Januar 1955: »Zu den anderen Genossen sagte ich, insbesondere zu Genosse Molotow: Jetzt (im April/Mai 1953) ist Churchill so schrecklich scharf darauf, ein (Gipfel) Treffen zu haben, und ich, Menschenskind, habe Angst, wenn er kommt (nach Moskau), muß ich persönlich mit Malenkow sprechen, denn dann würde Malenkow Angst bekommen und aufgeben.«[24] Das Hauptziel der neuen sowjetischen Führung, insbesondere jener Politiker, die in den Kampf um die innere Vormachtstellung verwickelt waren, bestand darin, die Spannungen zu mildern und die Gefahr eines Krieges nach und nach zu reduzieren. Ohne Stalin ging auch der Wille verloren, den Westen zu konfrontieren. Die neuen Führer kannten die Schwächen ihres Landes sehr genau. Sie sahen sich veranlaßt, Stalins Kriegsandrohungen und -einschüchterungen zu mildern. Jedoch wollten sie sich lieber um weniger brisante Weltthemen kümmern als um eine allumfassende Entspannungspolitik mit dem Westen. Eines dieser wichtigen Themen war die wachsende Krise in der DDR. Es wurde schon viel über den Aufstand vom 17. Juni 1953 in Berlin geschrieben. Insbesondere Molotows Bericht über die sowjetischen Aktionen während dieser Zeit läßt die Abwesenheit von Stalins strenger Hand und die nachfolgende Politisierung der deutschen Politik erkennen.[25] Nach seiner Rückkehr in das Außenministerium und als Mitglied des Politbüros war es Molotows Aufgabe, sich mit Ostdeutschlands Krise zu beschäftigen. Der ehrgeizige Lawrenti Berija intervenierte jedoch, und so spitzte sich die Situation in Deutschland weiterhin zu. Molotow und Andrej Gromyko arbeiteten einen Plan aus, der sicherstellen sollte, daß Walter Ulbricht – »ein loyaler Kommunist, ein aufmerksamer Genosse ..., aber ohne genügend Flexibilität« – seine »lauten« Erklärungen vom Aufbau des Sozialismus in der DDR etwas zurücknimmt. Es sei nicht angebracht, gegen die Kapitalisten in der DDR mit dem Knüppel vorzugehen; ein »vorsichtigeres« Programm werde gebraucht. »Es besteht keine Notwendigkeit, wegen des Aufbaus des Sozialismus in der DDR eine Politik der Gewalt anzuwenden.« Berija schlug vor, das Wort »Gewalt« zu streichen. Auf Molotows Frage, warum man es bei der Formulierung »es bestehe keine Notwendigkeit den Sozialismus in der DDR aufzubauen« belassen sollte, antwortete Berija: »Weil wir nur ein friedliches Deutschland brauchen, und es für uns egal ist, ob dort Sozialismus ist oder nicht.« Molotow protestierte weiter: es gäbe keinen Grund, den Prozeß zu beschleunigen, »die Grenze zu überschreiten«, doch eine sozialistische DDR sei notwendig, um die sowjetischen strategischen Interessen in Zentraleuropa zu schützen. Im Präsidium wurde über das weitere Vorgehen heftig debattiert. Malenkow unterstützte Berija und berief eine Kommission ein, der er selbst, Berija und Molotow angehörten, um das Problem zu lösen. Chruschtschow, der zwar freundlich mit Malenkow und Berija umging (zumindest nach Molotows Einschätzung), doch eine erneute deutsche Aggression fürchtete, unterstützte Molotows Beschluß als »russischen Patriotismus«. Berija versuchte, Molotow am Telefon zu überzeugen: »Es gibt keine Notwendigkeit für einen Sozialismus in Deutschland!« »Nein«, antwortete Molotow, »ich werde bei meiner Position bleiben, dies ist ein prinzipielles Thema, das mit der Frage verknüpft ist, was im Falle eines Krieges passieren würde.« Berija erwiderte: »Geh zum Teufel!« Aber letztendlich stimmte er Molotows Gesetzesentwurf lieber zu, als sich einem offenen Kampf auszusetzen. Aus DDR-Perspektive war schon eine Menge Schaden angerichtet worden. Die Sowjets hatten widersprüchliche Signale an die SED-Führung gesandt, als sie zum einen Ulbricht und zum anderen seine Gegner in der Partei und in der Gesellschaft unterstützten. Nach Molotows Ansicht hatten sie keine andere Wahl, als die darauffolgende ostdeutsche Rebellion auszulöschen. »Wir diskutierten die Frage (des Sozialismus in der DDR) im Mai 1953, und schon im Juli (Juni!) schürten sie einen Aufstand.« Um einen Krieg in Zentraleuropa zu vermeiden, so machte Molotow klar, mußten die Sowjets den Aufstand niederschlagen. Die Chancen für eine neue Regelung in Europa brachten auch Gefahren und, im Falle von Ost-Berlin, militärische Gewalt und Blutvergießen mit sich. Berija zahlte für seine Initiativen mit dem Leben. In stillschweigendem Einverständnis mit führenden Generälen der Roten Armee wurde Berija neun Tage nach dem Ausbruch des Aufstandes von seinen Rivalen auf einer Präsidiumssitzung am 26. Juni 1953 verhaftet und unter immer noch mysteriösen Umständen fast unverzüglich exekutiert.[26] Jugoslawien und Österreich Zur Zeit von Stalins Tod konnten die Beziehungen der Sowjetunion zu Jugoslawien nicht schlechter sein. Als ein vermeintlich Abtrünniger vom sozialistischen Lager wurde Tito wegen scharfer Attacken von Moskau und von Moskau inspirierter Alliierter in Osteuropa ausgegrenzt. Ungeachtet seiner anfänglich stalinistischen Politik wurde er als ein Trotzkist, Zionist und amerikanischer Spion angeprangert. Die wichtigsten osteuropäischen Säuberungsprozesse – der Rajk-Prozess in Ungarn, der Slánský Prozeß in der Tschechoslowakei und der Kostow-Prozeß in Bulgarien – waren darauf ausgerichtet, vermeintliche Titoisten auszumerzen. Als im Sommer 1948 der sowjetisch-jugoslawische Bruch offensichtlich wurde, glaubte Stalin, der Druck des sowjetischen Blocks und der »Kominformisten« innerhalb Jugoslawiens würde Tito und die jugoslawische Führung zum Einlenken bewegen. Chruschtschow zufolge sagte Stalin: »Ich winke mit meinem kleinen Finger – und es wird keinen Tito mehr geben. Er wird fallen.«[27] Natürlich fiel Tito nicht, und das erzürnte Stalin noch mehr. Die Beschuldigungen der Sowjets gegen die jugoslawische Partei erreichten 1951 ihren Höhepunkt, als Tito behauptete, mit seiner Idee des »Selbst-Managements« die Marxistisch-Leninistische Theorie erneuert zu haben. Dies ist nicht der Platz, all die »aktiven Maßnahmen« aufzuzählen, die Stalin gegen Tito eingeleitet hatte. Es gab Invasionspläne; in der jugoslawischen Partei wurden sowjetische Agenten rekrutiert und unterstützt; und jugoslawische Kommunisten wurden ermutigt, in Emigrantenorganisationen einzutreten, die sich für Titos Absetzung engagiert hatten. Nachdem keine der Aktionen zum Erfolg geführt hatte, gab Stalin dem NKWD das Signal, Pläne für ein Attentat auf Tito zu entwerfen. Laut eines offiziellen Dokuments in den WolkogonowArchiven wurde folgende Methode favorisiert: Ein Agent im Kreis der Vertrauten Titos sollte eine Audienz mit diesem vereinbaren und »eine Dosis Lungenentzündungs-Bakterien freisetzen, die Titos Tod und den aller Anwesenden garantieren würde«. Der Agent bleibe am Leben, da ihm vorher ein Serum ausgehändigt werde.[28] Die Nachricht, daß die Pläne, Tito »auszulöschen«, schwer zu realisieren seien, war wohl eine der letzten, die Stalin vor seinem Schlaganfall am 1. März überprüfen konnte.[29] Gleich nachdem Stalin gestorben war, waren die kommunistischen Führer in Moskau wie auch in Belgrad darum bemüht, ihre Streitigkeiten beizulegen. Tito wollte nicht in den Sog des westlichen Machtbereichs gelangen und suchte nach Wegen, seine Unabhängigkeit von beiden »Lagern« zu stärken. Den Sowjets war der Bruch mit ihrem loyalsten Alliierten während des Krieges peinlich; die meisten sowjetischen Führer erkannten, daß Stalin einen schrecklichen Fehler gemacht hatte, als er die Sache so außer Kontrolle geraten ließ. Jedoch nicht alle. Wichtigtuerisch verteidigte Molotow die sowjetische Position gegenüber Tito. »Sie dürfen nicht vergessen«, sagte er zu Chruschtschow am 9. Juli 1955 in der Abendsitzung des Parteiplenums, »daß der wahre und wirkliche Grund für den Bruch (mit Tito) der war, daß die Führung der KPJ sich von einer Position des Kommunismus zu einer Position des Nationalismus hin bewegte und es nicht nur irgendeine Intrige war, die natürlich auch eine Rolle spielte.« Aber Chruschtschows Standpunkt, sich mit den Jugoslawen zu versöhnen, setzte sich durch.[30] Andere internationale Themen schienen nach Stalins Tod weniger hartnäckig zu sein als das Jugoslawien-Problem. Die Pattsituation zwischen Ost und West in Österreich schien ohne ernsthaften Grund fortzudauern. Die österreichische Koalitionsregierung hatte seit 1946 die Unabhängigkeit und den Rückzug aller ausländischen Armeen gefordert. Der sowjetisch-jugoslawische Bruch nahm die Themen Triest und Carinthian vom Verhandlungstisch. (Diese hatten ursprünglich in den Verhandlungen über den österreichische Friedensvertrag bei der Außenministerkonferenz eine Rolle gespielt.) Die Sowjets unterstützten Jugoslawiens territoriale Ansprüche in der Region nicht länger. Die Österreicher waren damit einverstanden, die Sowjets für ihr Eigentum an den sogenannten USIA (Aktiengesellschaften) zu entschädigen. Österreichische PetroleumReserven, die sich in der sowjetischen Zone befanden, waren bei weitem nicht mehr so wichtig wie bei Kriegsende. Im Gegensatz zu Deutschland, das im Konzept des Westens für die Sicherheit Europas von hoher Bedeutung war, betrachteten die Briten und die Amerikaner Österreich als unnötige Belastung. Ihre Besatzungstruppen waren nur dort, weil die Sowjets sich über die Souveränität Österreichs nicht einigen konnten. Nach Chruschtschows Aussagen war sogar Stalin durch die Verzögerung einer Lösung der österreichischen Frage beunruhigt. Vor seinem Tod sagte Stalin anscheinend mehrmals: »Warum schließen wir mit Österreich keinen Vertrag?« Zeitweise tauchte die Triest-Frage wieder auf. Aber als diese Angelegenheit entschieden war, zum Leidwesen der Jugoslawen, »fragte Genosse Stalin wieder: ›Warum schließen wir keinen Vertrag mit Österreich?‹« Chruschtschow gab zu verstehen, daß ein Teil des Problems vor und nach Stalins Tod auf Molotows Unnachgiebigkeit zurückzuführen war. Er schrieb am 12. Juli 1955: »Ich kam zu dem Ergebnis, daß es für uns keinen Grund gab, die Angelegenheit (Österreich) länger hinauszuzögern, da die Zeit bereits gegen uns arbeitete. In Österreich verlieren wir unsere gute Position, wenn wir weiterhin einen Beschluß über einen Friedensvertrag mit dem Land hinauszögern. Ich sagte dann zu Genosse Bulganin: –   ›Sie wissen, was ich denke, Nikolai Alexandrowitsch? Mich erinnert das Österreich-Thema, so wie Molotow es versteht, an ein Ei, das schlecht geworden ist. Sie werden es bald in den Abfall werfen müssen, weil sich alles ändert und es nicht mehr lohnt, es positiv zu lösen. Und das ist wirklich so ...‹ –   Ich [Chr.] sagte zu Molotow: ›Erklären Sie uns, wie Sie es verstehen. Vielleicht fange ich dann an, es anders zu sehen; immerhin sind wir keine Dummköpfe ... Im Moment sehe ich nichts Kompliziertes darin. Ich sehe nur Dummheit auf unserer Seite, die auf der Tatsache beruht, daß wir das Zustandekommen eines Friedensvertrages mit Österreich ohne ersichtlichen Grund verzögern.‹ –   Ich [Chr.] fragte Molotow: ›Sag mir bitte, sind Sie für oder gegen Krieg?‹ – ›Nein‹, sagte er, ›ich bin gegen Krieg.‹ – ›Was wollen Sie dann erreichen, wenn unsere Armee in Wien sitzt? Wenn Sie für Krieg sind, dann wäre es korrekt, in Wien zu bleiben... Wenn [Sie] nicht für Krieg sind, dann müssen wir gehen. Die Kommunisten in unserem Land verstehen Sie nicht; die österreichischen Kommunisten verstehen nicht, und die österreichischen Arbeiter sehen unsere Soldaten als Besatzer. ... Warum sind wir in Österreich, worauf warten wir?‹[31] –   Viele Jahre lang haben Wissenschaftler darüber diskutiert, welche Faktoren für den überstürzten Abschluß des österreichischen Staatsvertrags ausschlaggebend waren. Eindeutig war Stalins Tod eine kritische Situation. Gleichbedeutend wichtig war die Tatsache, daß Molotow, der sich mit der stalinistischen Politik gegenüber Österreich identifizierte, von Chruschtschow politisch in die Defensive gedrängt wurde. Ohne Stalins Rückhalt konnte der sowjetische Außenminister die Sache nicht länger schleifen lassen. Der österreichische Staatsvertrag wurde am 15. Mai 1955 unterschrieben. Alle sowjetischen Soldaten wurden aus dem Land abgezogen. Schlußfolgerungen Einige Kommentatoren meinten, daß Stalins Tod von »kosmischer« Wichtigkeit war, da er zum einen das Ende der Regierung eines Imperators und zum anderen einen symbolischen neuen »Zeitabschnitt« markierte.[32] Diese Sicht ist nicht von der Hand zu weisen. Zuhause galt Stalin als der große Verteidiger der Nation, der Vater des Volkes und die Quelle der sowjetischen Stärke und Legitimität. Sogar jene, die in den Straflagern waren und deren Familien durch seine Hand gelitten hatten, sahen in ihm den woshd (Führer), den »König des Universums« und eine religiöse Figur von göttlicher Bedeutung. Er konnte unmöglich für ihr Leid verantwortlich sein; wenn er nur von ihrer Unschuld und ihrem Leid wüßte, er würde ihnen zu Hilfe kommen. Sein Tod provozierte in der Sowjetunion tiefgehende Bedenken, nicht nur im Hinblick auf die Zukunft, sondern das Leben im Allgemeinen. Die internationale Gesellschaft war durch seinen Tod ebenfalls tief betroffen. Immerhin wurde Stalin und die »Volksfront« seit den 30er Jahren und der Vormachtstellung der Komintern im Kampf gegen den Aufstieg des Faschismus auf der ganzen Welt als einer der Schöpfer der Fortschrittspartei und der politischen Arbeiterpartei identifiziert. Stalins Rolle im Zweiten Weltkrieg und bei der Zerschlagung des Faschismus verstärkte seinen mythischen Status unter den Regierenden der Welt noch. Sein Tod, die Niederwerfung des Aufstandes in Ostberlin und Budapest und die Enthüllungen auf dem 20. Parteitag stellten die Hingabe seiner Anhänger in jedem Winkel der Erde in Frage. Der »Zauber« war weg; der weltweite Kult um Stalin zerfiel. Man konnte und kann behaupten, daß die sowjetische Außenpolitik nach Stalins Tod trotz der Entstalinisierung innerhalb des Landes und der Bereitschaft der neuen sowjetischen Führung sich mit Themen wie Korea und Österreich zu beschäftigen, im gleichen Stil fortgeführt wurde.[33] Der Kalte Krieg ging natürlich unvermittelt weiter, als die Sowjets und die Amerikaner um die Vorherrschaft und um Einfluß in Europa und auf der Welt wetteiferten. Weder Moskau noch Washington konnten die Chancen der Entspannung nutzen, die sich durch den Tod des Tyrannen boten. Aber Stalins Tod brachte auch signifikante Veränderungen mit sich. Am bedeutendsten war, daß die Bedrohung für einen »heißen Krieg« nachließ, da Stalins Erben mehr Offenheit in der sowjetischen Gesellschaft zuließen und die Entkolonialisierung den Wettkampf um Einflußgebiete von Nordostasien und Europa in die Dritte Welt verschoben. Die schnell fortschreitende Entwicklung atomarer Arsenale in den Vereinigten Staaten von Amerika wie auch in der Sowjetunion rückten die Orte der Rivalität konkreter geopolitischer Spannungen in Plätzen wie Berlin und der Meerenge von Taiwan, in den Kontrollbereich interkontinentaler Raketengeschosse und atomarer Tests. Stalins Schatten verfolgte die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen jedoch bis zum bitteren Ende der Sowjetunion. Solange Stalins Rolle in der sowjetischen Geschichte nicht völlig aufgeklärt ist, wird es den Verdacht auf stalinistische Politik und Außenpolitik auch in der Gegenwart geben. Übersetzt von Sigrid Mack-Manhar [1] Vgl. Offner, Arnold A.: Another Such Victory: President Truman and the Cold War, 1945–1953. Stanford 2002, S. 371, 399. [2] Vgl. z. B. das Protokoll mit Stalins Gespräch mit den Bulgaren V. Chervenkov, P. Damianov und A. Iugov am 29. Juli 1949 in Vostochnaia Kevropa v dokumentakh Rossijskikkh arkhivov 1944–1953 gg. T. II Moskau: Sibirskii khronograf, 1998, S. 195-196. [3] Vgl. Judt, Tony: Past Imperfect: French Intellectuals 1944-1956. Berkeley 1992, S. 282-283. [4] Zitiert in Caute, David: The Fellow-Travellers: A Postscript to the Enlightenment. London 1973, S. 290. [5] Vgl. Holloway, David: Stalin and the Bomb: The Soviet Union and Atomic Energy, 1939–1954 New Haven 1994, S. 76-90. [6] Naimark, Norman M.: Cold War Studies and New Archival Materials on Stalin, in: The Russian Review 61 (Januar 2002): S. 1-15. [7] Khrushchev Remembers, übersetzt und herausgegeben von Strobe Talbott, New York 1971 [8] Kaganovich, Lazar: Pamyatnye zapiski, Moskau 1996, S. 499. [9] Sto sorok besed s Molotovym: Iz dnevnika F. Chueva, Moskau 1991, S. 327. [10] Khrushchev’s Second Secret Speech, besprochen und übersetzt von L. W. Gluchowski, 6. PLULWP CC Plenum, 20. März 1956, in : Cold War International History Project Bulletin (im folgenden CWIHPB) März 1998, Nr. 10, S. 46. [11] Radzinsky, Edvard: Stalin. New York 1997, S. 562. [12] Für eine aktuelle Stellungnahme zum Stand der Debatte, vgl. Löwe, Heinz-Dietrich: Stalin – Der entfesselte Revolutionär. Band 2. Göttingen 2002, S. 347. [13] Loth, Wilfried: Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte. Berlin 1994. [14] Vgl. Knight, Amy: Beria. Stalins First Lieutenant. Princeton 1993, S. 179-180. [15] Zitiert in Roman Brackman, The Secret File of Joseph Stalin: A Hidden Life. London 2001, S. 398. [16] The Speech by Comrade Khrushchev at the 6th PUWP CC Plenum (Auszug), 20. März 1956, Warsaw, in CWIHPB, S. 46. [17] Iz dnevnika pervogo sekretaria posol’stva SSSR v Chekhoslovakii G.LS. Pashchenko, 5. März 1953, in: Sovetskii faktor v Vostochnoi Evrope. 1944-1963f: Dokumenty, t. 2. Moskau 2002, S. [18] Interview mit Prof. Adam Horvath von der University of British Columbia, August 2002. [19] Informatsiia konsula SSSR vg. Krakove A.P. Nikitina, 30. März 1953, in: Sovetskii Faktor, t. 2, S. 751-752. [20] Ibid., S. 753-754. [21] Gaddis, John Lewis: We Now Know. Rethinking Cold War History. New York 1997, S. 292. [22] Ibid., S. 107-110. [23] Khrushchev Remembers: The Glasnost Tapes, übersetzt und herausgegeben von Jerrold L. Schechter mit Viacheslav V. Luchkov. Boston 1990, S. 73. [24] Plenum Transcripts, 1955–1957, CWIHPB, Nr. 10, S. 35. [25] Der folgende Bericht ist aus »Sto sorok besed c Molotovym: Iz dnevnika F. Chueva« entnommen. Moskau 1991, S. 333-336. [26] Knight, Beria, S. 220-221. [27] Khrushchev Remembers, n. 1, S. 411. [28] Stalin’s Plan to Assassinate Tito, CWIHPB, Nr. 10, S. 137. [29] Editor’s Note, in ibid., S. 1. [30] Plenum Transcripts, 1955–57, in CWIHPB, S. 40. [31] Concluding Word by Comrade N.S. Khrushchev, 12. Juli 1955, in: Plenum Transcripts, 1955– 57, CWIHPB, Nr. 10, S. 42-43. [32] Vgl. Furet, Francois: The Passing of an Illusion. The Idea of Communism in the Twentieth Century. Übersetzt von Deborah Furet. Chicago 1999, S. 438. [33] Vgl. Insbesondere Gati, Charles: The Stalinist Legacy in Soviet Foreign Policy, in: The Soviet Union since Stalin, Hrsg. von Steven Cohen, Alexander Rabinowitch und Robert Sharlet. Bloomington 1980, S. 279-305. Vgl. auch die Antwort im selben Band von William Zimmerman: The Soviet Union and the West, S. 305-312.

JHK 2003

Stalinistische Rituale von Kritik und Selbstkritik in der Internationalen Lenin-Schule, Moskau, 1926–1937

Barry McLoughlin

Einleitung Die Ausbildung angehender Parteifunktionäre (Kader) aus den Sektionen der Kommunistischen Internationale an der Moskauer Internationalen Lenin-Schule (ILS) in den Jahren 1926 bis 1938 diente der »Bolschewisierung« (Stalinisierung) der Weltbewegung. Vor dem Zusammenbruch des Kommunismus lagen nur einzelne Studien zum ersten Schuljahr der ILS[1] oder zu nationalen Studentenkontingenten[2] und Schulsektoren vor.[3] Dazu kamen meist kursorische oder positive Schilderungen des Schulalltags,[4] deren geringe Zahl auf die während der Studienzeit eingegangene und in den folgenden Jahren internalisierte Schweigepflicht zurückzuführen ist. Denn die Lenin-Schule war eine geheime Institution mit – in der Endphase 1935–38 – mehrheitlich abgeschirmten Sektoren für die »illegalen« Sektionen der Komintern (KI). Bemerkenswerte Ausnahmen in der Erinnerungsliteratur lieferten jene Kommunisten, die später mit ihrer Partei brachen und ausführlich die ersten Jahren der ILS bzw. der KUNMZ (Kommunistische Universität für die Minderheiten der Völker des Westens) beschrieben.[5] Seit der Öffnung der Kominternbestände im ehemaligen Zentralen Parteiarchiv der KPdSU (RGASPI) Anfang der 1990er Jahre sind mehrere Monographien zur Geschichte der Lenin-Schule erschienen: eine Überblicksdarstellung[6] und einzelne Studien über irische,[7] britische,[8] österreichische[9] und schwarze (aus Afrika und Nordamerika)[10] ILS-Hörer. Noch in Bearbeitung sind eine Gesamtdarstellung der ILS als »Kaderschmiede«[11] sowie eine Studie über den finnischen ILS-Sektor.[12] Außerdem liegen über die in den Kominternschulen angewandten Praktiken der »Menschenumformung« interdisziplinär (historisch-soziologisch) angelegte Arbeiten von hoher Qualität vor. Diese widmen dem Schüsselbegriff der Kadererziehung, der sogenannten Kritik und Selbstkritik, breiten Raum.[13] Jede fundierte Untersuchung eines nationalen ILS-Kontingents im Moskauer Kominternarchiv verlangt ein aufwendiges Rechercheprogramm: neben den spezifischen ILS-Akten, die zu einem nicht unerheblichen Teil in russischer Sprache abgefaßt wurden, ist auch ein Studium der Dossiers der betreffenden KP und ihres zuständigen Ländersekretariats erforderlich. Ebenso relevant sind Unterlagen der Gremien des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) und schließlich die nur bedingt zugänglichen Kaderakten. Diese enthalten Charakteristiken und andere Dokumente aus der Schulzeit des Kaders sowie Protokolle von Säuberungssitzungen oder Anhörungen vor der obersten Schiedsinstanz, der Internationalen Kontrollkommission (IKK). Erschwerend kommt hinzu, daß alle ILS-Schüler in den schulinternen Dokumenten nur unter ihren Pseudonymen (im folgenden kursiv geschrieben) aufscheinen, deren Entschlüsselung sich oft langwierig gestaltet. Aus Platzgründen beschränkt sich der Verfasser auf die Ereignisse in den deutsch- und englischsprachigen Schulsektoren, vorwiegend auf jene Kader, die von der KPÖ und der englischen KP (CPGB) zur Schule »abkommandiert« wurden. Um für die in diesen Ländergruppen entstandenen – oder »hineingetragenen« – Konflikte plausible Deutungsmuster anzubieten, soll zuerst eine geraffte Schilderung der dreizehn Jahre lang bestehenden Schule anhand interner ILS-Akten gegeben werden. In diesem Kontext werden dann die Anwendung und Instrumentalisierung von »Kritik und Selbstkritik« als zentrale Erziehungsmethode im Parteileben und im Schulalltag thematisiert. Entwicklung und Bruchlinien der Organisationsgeschichte der ILS Die auf dem 5. Weltkongress der KI (Juni bis Juli 1924) als Hauptauftrag proklamierte Bolschewisierung der Kommunistischen Parteien veranlaßte die AgitpropAbteilung des EKKI, »Lenin-Kurse« für künftige Parteifunktionäre aus dem Ausland zu organisieren. Die Vorbereitungsphase dauerte vom Oktober 1924 bis Mai 1926 (Eröffnung der Schule). Bereits im Planungsstadium traten zwei Probleme auf, die auch in den folgenden Jahren als chronische Mißstände beklagt wurden: der Mangel an geschulten, einer Fremdsprache kundigen Lehrern sowie die durch die allgemeine Wohnungsnot in der sowjetischen Hauptstadt schwierige Suche nach geeigneten Gebäuden für den Unterricht und die Unterbringung der Studenten. Schließlich wurde ein klassisches Palais, erbaut 100 Jahre zuvor nach Plänen eines italienischen Architekten für Prinz Sergei Gagarin,[14] nahe dem Stadtzentrum gefunden und nach strengen Denkmalschutzauflagen renoviert. Das Haus, ulica Vorovskaja 25a (heute wieder Povarskaja 25a), blieb bis 1937 der Hauptsitz der ILS. Die Studenten wurden ab Ende 1927 in einem gleich anschließenden Neubau (200 Plätze) untergebracht. Der erste Kurs war auf anderthalb bis zwei Jahren konzipiert und sollte 75 Hörer umfassen. Der ambitiöse Lehrplan enthielt zwölf Gegenstände in sechs Fächern: Politische Ökonomie, Geschichte der Internationalen Arbeiterbewegung, Geschichte der VKP(b), dialektischer und historischer Materialismus, Leninismus und die russische Sprache. Als erste Kandidaten aus Westeuropa kamen Bezirksoder Landessekretäre in Frage, die eine Parteimitgliedschaft (staž) von mindestens drei Jahren und Erfahrungen in Industriebetrieben aufzuweisen hatten. Die grundlegende Unterrichtsmethode basierte auf selbständigem Lernen (Labor oder Dalton Methode), wonach die Hörer sich zunächst in Zirkeln (10–15 Personen) und je nach Lerngegenstand in Fünfergruppen aufteilten und von Tutoren beraten wurden. Für alle Hauptfragen gab es ein Minimum und ein Maximum an Lesestoff: Ersteres mußten alle Zirkelmitglieder durcharbeiten, letzteres nur jene Gruppenmitglieder, die sich für das Studium des jeweiligen Schwerpunkts entschieden hatten. Alle Studenten mußten zusätzlich jedes Halbjahr eine schriftliche Arbeit zum Hauptgegenstand des Semesters (z.B. über die revolutionäre Bewegung in Deutschland seit 1918, im 2. Semester) abgeben. Die Studenten wurden angeregt, über ihre Themen im Marx-Engels-Institut oder in Bibliotheken zu recherchieren.[15] Es mag verwundern, daß die ILS den »Dalton Plan« verwendete, den Helen Parkhurst 1918 an einer Highschool in Dalton, Massachusetts einführte. Diese progressive Unterrichtsmethodik hatte in der UdSSR starke Befürworter, allen voran Unterrichtsminister Lunačharskij, der 1918 und 1920 sogar mit Lenin gestritten hatte, der dem Frontalunterricht das Wort redete. Die projektorientierte Pädagogik, die wegen ihres organisatorischen Aufwands bei den Mittelschullehrern unbeliebt war, wurde bald ein Opfer der forcierten Industrialisierung ab 1928, als das Regime Techniker brauchte und den intensiven Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern durchsetzte. 1931–32 wurde Projektunterricht mehrmals vom Politbüro verurteilt.[16] Diese Kehrtwendung wurde auch in der ILS vollzogen, wo allmählich von einer Politik der »Arbeitergelehrsamkeit« der frühen Jahre Abstand genommen und die Ausbildung von »Massenpropagandisten« forciert wurde. Im Zuge dieser perestroika im Jahre 1932 ersetzten klassische Vorlesungen den »Brigaden-Labor« Unterricht.[17] Nach ihrer Ankunft mußten die Studenten eine strenge medizinische und parteimäßige Überprüfungen durchlaufen. Anfangs entschied noch die Schulverwaltung, später eine eigens dazu geschaffene Mandatskommission, über die Eignung der Hörer. Eine Abweisung gleich nach dem Eintreffen in Moskau erfolgte bis etwa 1932 selten aus ideologischen Gründen. Von den sechsundzwanzig Fällen, worüber die Schulverwaltung beispielsweise am 6. März 1929 befand, wurden lediglich zwei abgelehnt.[18] Damals wurden Studenten meist aus Gesundheitsgründen oder mangels langjähriger Funktionärstätigkeit nicht aufgenommen.[19]Schulrektor bis 1930 war Nikolaj Bucharin, als Pro-Rektoren fungierten Klavdija Kirsanova (Rektorin 1929–32; 1933–37) und Laszlo Rudas, ein ungarischer Philosoph und Historiker. Palmiro Togliatti (Ercoli) war Vorsitzender.[20] Auch EKKIMitglieder und Vertreter ausländischer Parteien beim EKKI nahmen an den Leitungssitzungen teil. In jedem Zirkel der Erstsemestrigen, eingeteilt zuerst nach sprachlichen Kriterien und später nach Ländern oder Ländergruppen, wählte man einen partorg und einen proforg. Laut Harry Wicks, der 1927–30 jenen Posten für die Englischsprachigen innehatte, mußte der partorg dafür sorgen, daß seine Kolleginnen und Kollegen den Unterricht besuchten und an Parteiversammlungen teilnahmen.[21] Der proforg hingegen war wie ein Betriebsrat und befaßte sich mit Alltagschwierigkeiten und kulturellen Belangen. Es zeigte sich bald nach Aufnahme der ersten Schüler (Mai 1926), daß die Vorstellungen der Schulleitung unrealistisch waren. Erstens nahmen die Parteien bis zum Unterrichtsbeginn nur einen Teil der ihnen zugesprochenen Studienplätze in Anspruch (1927–28, zwei Drittel; 1930–31, 74%; 1932–33, 73%)[22], entweder weil sie den Aufnahmebedingungen nicht entsprechen konnten oder auf wichtige Kader im Land nicht verzichten wollten. Zweitens waren die Anforderungen in bezug auf die Vorkenntnisse der Schüler nicht zu erfüllen, da viele »Klassiker« des Marxismus-Leninismus noch nicht in eine der drei Schulfremdsprachen (Deutsch, Englisch, Französisch) übersetzt waren. So stellte sich Ende 1927 heraus, daß lediglich 2-3% der Neuaufnahmen, die zum Großteil »in letzter Minute« für die Schule bestimmt worden waren, den empfohlenen Lesestoff in der Heimat »durchgearbeitet« hatten,[23] nämlich je zehn Bände für die Deutschund Englischsprachigen (Bucharin, Kautsky, Mehring, Beer, Marx, Engels, Lenin und Stalin).[24] Die Studenten monierten die Länge des Schultags (11,5 Stunden sechs Tage in der Woche) und stellten die Zweckmäßigkeit des Praktikums (Betriebsarbeit) in Frage. In beiden Fragen blieb Kirsanova unerbittlich, auch nachdem J.T. Murphy, Mitglied der CPGB im Präsidium des EKKI, vor einem zu rigiden Tagesablauf und »against trying to do too much« gewarnt hatte.[25] Bereits im Aufbaustadium wurden auch andere Unzulänglichkeiten konstatiert, die aber Jahre hindurch keine zufriedenstellende Lösung fanden. Im ersten Schuljahr hielt Kirsanova die ungenügende Zahl von qualifizierten Übersetzer(inne)n für »unseren größten Mangel«.[26] Um das Lehrpersonal war es nicht besser bestellt. In seinem Bericht über die Tätigkeit der Lehrabteilung im Schuljahr 1928– 29 stellte Rudas fest, die Entsendung von Lehr-, Sprach- und anderen wissenschaftlichen Kräften an die ILS  sei »nicht den Bedürfnissen der Schule entsprechend bewerkstelligt« worden, die Lehrer seien wegen Verpflichtungen in anderen Institutionen »überbelastet« und nicht »ausländisch orientiert«.[27] Besorgniserregend waren zudem häufige Disziplinbrüche,[28] beispielsweise der erste Vorfall der »Nachtruhestörung« (im Studentenheim) im Januar 1927[29] oder die Weigerung der eintreffenden Franzosen elf Monate später, »unter den vorhandenen materiellen Bedingungen an der Schule teilzunehmen«.[30] Rudas zufolge erregten einige Probleme des inneren Schullebens die Gemüter der Studenten derart, daß »ein sehr großer Teil des ersten Semesters, fast zwei Monate, für das akademische Studium verloren ging«.[31] Trotzdem setzte die Schulführung voll auf Expansion. 1929 fand der erste einjährige KIM (Kommunistische Jugend-Internationale)-Kurs mit 40 Schülern statt,[32] im gleichen Jahr begann ein Intensivkurs (elf Monate, davon zwei Monate Praktikum), hauptsächlich für die größeren KI-Sektionen. Kirsanova rechtfertigte diese weitere Belastung ihres überforderten Lehrkörpers (76% mehr Studenten ab September 1929)[33] damit, daß die Parteien »ihre besten Arbeiter« eher zu einem kurzen als zum dreijährigen Lehrgang schicken würden.[34] Für den kurzen Kurs, der 144 Plätze umfaßte, kamen Kader mit Erfahrung in der Leitung einer Bezirksorganisation der Partei oder einer Gewerkschaft in Frage; der Unterricht sollte auf diesem Erfahrungsfundus aufbauen, vor allem durch direkte Kontakte mit Massenorganisationen in der UdSSR.[35] Der kurze Lehrgang von 1929–30 diente der Durchsetzung der Politik der »Dritten Periode«, besonders der Säuberung der KI-Sektionen von »Rechten« und »Versöhnlern«. Wie die Schulleitung nachträglich feststellte, hatten Absolventen der ILS tatkräftig bei der Abwahl der »Rechten« in den ZKs der nordamerikanischen, tschechoslowakischen, schwedischen und britischen KP mitgewirkt.[36] Im letzteren Fall hatte die Schule sogar zwei Studenten (Sean Murray und Bob McIlhone) im Dezember 1929 als Delegierte zum 11. Kongreß der CPGB entsandt, wo zwei Drittel der ZK-Mitglieder ersetzt wurden.[37] Bis 1932 bestand das Lehrangebot aus dem Einjahreskurs und einem mit 100 Plätzen limitierten, drei Jahre dauernden Zyklus. Das Politsekretariat des EKKI empfahl den Parteien den Aufteilungsschlüssel 6:1 oder 5:1 bezüglich der Auswahl ihrer Kader für die zwei Kurstypen.[38] Nach der Einführung der neunmonatigen Kurse 1929 wuchs die Zahl der zugeteilten Studienplätze beträchtlich: 93 (1928–29), 144 (1929–30), 647 (1930–31) und 674 (1931–32).[39] Auch die Zahl der »abkommandierenden« Parteien stieg von 22 (1926–27) auf 50 (1930–31),[40] jene der Schulgruppen von vier (1926) auf einundzwanzig (1930).[41] Aufgrund des ultralinken Kurses der KI nach 1928 wurden sowohl die Aufnahmebedingungen als auch die Sicherheitsmaßnahmen (konspiracija) in der ILS erheblich verschärft. Von vornherein abzuweisen waren 1930 Parteimitglieder, die sich in der Vergangenheit fraktionell betätigten und nicht bezeugen konnten, daß sie mindestens seit drei Jahren »auf der Linie der Partei« standen, ferner jene, die bislang ihrer oppositionellen Tätigkeit nicht abgeschworen hatten oder, seit fünf Jahren nicht durch ihre Praxis bewiesen hatten, daß sie »richtige« Kommunisten seien. Die Strafe für falsche Informationen von neuen Studenten hieß sofortiger Ausschluß aus der ILS und Weiterleitung des »Falles« an die IKK.[42] In einem Rundbrief an die KI-Sektionen im folgenden Jahr wurde dieser Teil über die Aufnahmebedingungen wiederholt und mit der Warnung versehen, daß die Korrespondenz der Studenten (ohnehin auf nahe Verwandten beschränkt) nur unter dem Schulpseudonym und mittels eines geheimen Postfaches in Moskau erfolgen dürfe.[43] Ein ausführlicher Katalog von Konspirationsregeln vom September 1930 legte die Modalitäten der Ankunft (Abholen vom Bahnhof durch Schulpersonal, Unterbringung an einer Geheimadresse bis zur positiven Entscheidung der Mandatskommission) und Abfahrt (Unterbringung in einem »konspirativen« Gebäude, Abbruch aller Verbindungen zur Schule, Rückfahrt unter einem neuen Namen) fest. Bei der Ankunft mußten die Studenten alle Dokumente und Fotografien abgeben. Schulunterlagen durften nicht aus der Schule genommen werden (auch nicht ins Wohnheim) und waren vor der Abfahrt zu retournieren. ILSHörern war es untersagt, ihre wahre Identität oder Nationalität preiszugeben, nur der Schulname kam zur Verwendung, auch in der Korrespondenz nach Hause. Leninschüler durften sich in der UdSSR nicht fotografieren lassen und mußten sich als Politemigranten deklarieren in »Fällen von unweigerlichen Kontakten mit der Bevölkerung und gesellschaftlichen Organisationen«. Die wichtigsten Konspirationsregeln waren den neuen Studenten unmittelbar vor der Zimmereinteilung im Wohnheim beizubringen.[44] Nach 1928 orientierte sich der Inhalt des Lehrstoffs zunehmend an anstehenden Fragen (sozialistischer Aufbau), an der Geschichte der VKP(B), der KI und der Heimatpartei sowie an »praktischer« Arbeit (Besuche in Betrieben und in der Landwirtschaft). Marx, Engels und andere Klassiker des Marxismus mußten nun Platz machen für »die Lehren«, die aus den zahlreichen programmatischen Reden Stalins zu ziehen waren. Die »Theorie« hatte der Politik zu folgen, und nicht umgekehrt. Die Qualität des Unterrichts gab weiterhin Grund für Beschwerden. 1930 konstatierte die Schulleitung, daß die wegen zahlreicher Verpflichtungen gestreßten Lehrer den Unterricht oberflächlich und ohne Konsultationen mit den Studenten durchgeführt und wesentliche Fragen nicht behandelt hätten. Da sich die Lehrer nur stundenweise in der ILS aufhielten, so der Bericht weiter, kannten sie die Studenten, deren Länder oder die Geschichte der Bruderparteien kaum.[45]Nach dem Übergang zum Massenbetrieb nach 1929 und der Einführung neuer Lehrmethoden (Vorlesungen statt Forschungsseminare)[46] blieben die fehlenden menschlichen Ressourcen im Lehr- und Übersetzungsapparat der ILS das Grundproblem. Kurzfristig verschärfte sich dieser Mangel noch, als der Lehrkörper im Zuge der Auseinandersetzungen, die Stalins Brief an der Redaktion der Proletarskaja revoljucija im November 1931[47] auslöste, gesäubert wurde (s.w.u.). Da das Lernprogramm nach »trotzkistischem Schmuggelgut (kontraband)« durchsucht wurde,[48] und dies mitten im Schuljahr, »gab es Zusammenbrüche im akademischen Plan und die Gefahr, daß er nicht erfüllt werden konnte«. Durch die »außerordentliche Überbelastung der Studenten wegen verschiedener Versammlungen und Sitzungen«, so der Bericht der Parteizelle weiter, blieb den Kursanten »sehr wenig Zeit für selbständiges Lernen«.[49] 1932 erfolgte wieder eine Reorganisation der Schule, die nunmehr ein einjähriges (für Organisatoren-Propagandisten) und ein zweijähriges Studium (Parteiarbeiter im Gebietsmaßstab) anbot und die Ausbildung von Aspiranten (Lektoren, meistens ILS-Absolventen) intensivierte.[50] Man kürzte die Zahl der Fächer und der Unterrichtsstunden, und die Gehälter der Lehrer wurden angehoben.[51] Wilhelm Pieck, interimistischer Rektor der ILS, wandte sich 1932 an das sowjetische ZK mit der Bitte, 34 Lehrer von anderweitigen Verpflichtungen zu entbinden, um sie in der ILS fix anstellen zu dürfen. Nur 17 von 120 Lehrern waren Angestellte der Schule und 98% des Lehrkollegiums mußten auch woanders unterrichten. Pieck fehlten Lehrstuhlinhaber für die Geschichte der VKP(b) und Leninismus sowie fünf Sektorleiter.[52] Ein ähnlicher Antrag wurde zwei Jahre später in bezug auf die »Befreiung« von 27 Lehrkräften gestellt.[53] Eine Lösung war nicht in Sicht, weil die Institute der Roten Professur (IKP), welche die Parteiintelligenz ausbildeten, immer weniger Studenten (1931: 2400, 1935: 800) aufnahmen.[54] Im übrigen fiel auch die Anzahl der IKP-Absolventen mit Lernund Spracherfahrungen außerhalb der UdSSR (bis 1928 23,2%) stark ab. Man hatte die Gewährung von Auslandsstipendien wegen »Valutamangels« 1933 eingestellt.[55] 1935 entsprach die fachliche Eignung des ILS-Lehrkörpers immer noch nicht den spezifischen Anforderungen der Schule. Lediglich 24,3% waren IKP-Absolventen und 42,1% verfügten über keine Hochschulausbildung; über 80% kannten die Sprache des Sektors, aber 40% hatten das betreffende Land nie besucht. Schließlich war der Prozentsatz der Teilzeitkräfte mit 70% noch sehr hoch.[56] War die 1929 einsetzende und mit Kirsanovas erster Absetzung 1931 beendete zweite Phase der Schulentwicklung durch hohe Aufnahmezahlen (1931: 660 Studenten)[57] gekennzeichnet, gingen diese in der dritten Phase (1932–35) merklich zurück (Juni 1933: 447),[58] vermutlich weil 1932 das Auswahlverfahren im jeweiligen Land (durch eine Sonderkommission des ZK) verschärft wurde.[59] 1935 mußten für jede Neuaufnahme zwei Empfehlungen des jeweiligen ausländischen ZK vorgelegt werden und die Kaderverantwortlichen der Schule und des EKKI hatten diese und andere Daten zu überprüfen, bevor die Mandatskommission zur Entscheidung schritt.[60] Überhaupt ausgeschlossen von der »Delegierung« an die ILS waren nunmehr Kommunisten, die früher in einer Kolonial- oder Interventionsarmee freiwillig gedient, sich in der Vergangenheit kriminell betätigt oder ihre Genossen der Polizei bzw. vor Gericht verraten hatten, ferner »Weißrussen« aus der Emigration und Parteimitglieder mit einer wie immer gearteten Verbindung zur Polizei. Schließlich waren Personen abzuweisen, die der Spionage oder Provokation verdächtigt wurden.[61] Ende 1934 unterschrieb Kirsanova eine Neuauflage der Konspirationsregeln, um »jeden Studenten, individuell und im Kollektiv, vor feindlichen ›Ohren und Augen‹, vor Provokateuren und vor den Spionen und Aufklärern der Bourgeoisie zu schützen«. Jetzt wurde vor Frauen gewarnt (Bekanntschaften – mit Adresse –  waren der Kaderabteilung zu melden) und eine Schwarze Liste bekannter, von Ausländern frequentierter Lokale beigefügt (fast alle Hotels sowie das Restaurant Praga und etliche Cafés).[62] Die vierte und letzte Entwicklungsphase der ILS (1936–38), fiel in die Zeit der Massenrepression und der Spionagehysterie. Die »legalen« Parteien – mit Ausnahme der KPTsch – wurden 1936 angewiesen, keine Studenten mehr nach Moskau zu schicken, sondern zentrale Parteischulen im Lande selbst einzurichten.[63] 1937 erhielten die verbliebenen zehn Sektoren (Deutschland, Österreich, die Tschechoslowakei, Italien, Südamerika, Bulgarien, Rumänien, Finnland, China, Jugoslawien) anläßlich des letzten Jahrgangs 421 Studienplätze.[64] »Kritik und Selbstkritik«-Szenarien in der Lenin-Schule In den gängigen Szenarien von Kritik und Selbstkritik (kritika i samokritika) stehen Delinquent und Ankläger im Mittelpunkt. Meistens ist der Handlungsort eine Parteiversammlung, der Anlaß eine der Säuberungskampagnen der Kommunistischen Partei. Solche Bilder suggerieren, daß hier ein parteimäßiges Autodafé in Einzelfällen durchgeführt wurde. Selten wird zur Kenntnis genommen, daß solche Rituale, die oft von einer Kursänderung in der stalinistischen Politik ausgelöst wurden, nicht nur die Buße von Individuen, sondern auch Selbstkritik von Betrieben und Institutionen wegen mangelhafter Planerfüllung einforderten. Im voluntaristischen Weltbild der Bolschewiken, demzufolge im Grunde genommen alles – und zwar ohne Rücksicht auf vorhandene menschliche und materielle Ressourcen oder voraussehbare Folgen – erreichbar war, durfte die als Korrektur fungierende »Fehlerdiskussion« nur rituell ablaufen: Die Parteiführung, die ohnehin die Abrechnungsszenarien entwarf und deren Politik die Mißstände unmittelbar oder mittelbar verursacht hatte, stand außer Kritik. »Schuldig« waren jene Auftragnehmer auf der nächsten untergeordneten Hierarchiestufe. Letztere reichten die Bringschuld weiter, bis schließlich alle Ebenen der Partei – im vorliegenden Fall sämtliche Sektoren der Lenin-Schule – die erforderliche Sühnenabgabe zunächst verbal (Zellenversammlung) und dann schriftlich (Resolutionen) entrichteten. Bei einer solchen massiven Anwendung von Kritik und Selbstkritik – damit im Kommandosystem »etwas geschieht, bevor etwas passiert« – ist Ritual nicht nur eine Widerspiegelung oder eine Reproduzierung von Kultur, sondern wird Kultur, eine Arbeitskultur.[65] Berthold Unfried unterstreicht daher, daß Organisationen »zu Selbstkritik angehalten« wurden.[66] Dieser Aspekt des Selbstkritisierens nimmt in parteioffiziellen Definitionen von Kritik und Selbstkritik einen großen Platz ein. In einer Rede vor dem Moskauer Parteiaktiv im April 1928 betonte Stalin die Funktion von samokritika als notwendiges Korrekturmittel in einem historischen Bezugsfeld: »Ich denke, Genossen, die Selbstkritik brauchen wir wie die Luft, wie das Wasser ... Die Losung der Selbstkritik darf nicht als neue Losung betrachtet werden. Sie liegt im Wesen der bolschewistischen Partei selbst begründet. Sie liegt im Wesen des Regimes der Diktatur des Proletariats begründet. Wenn unser Land das Land der Diktatur des Proletariats ist und die Diktatur von einer Partei ..., die die Macht nicht teilt noch teilen kann, ist es dann nicht klar, daß wir selber unsere Fehler aufdecken und korrigieren müssen, wenn wir vorwärts schreiten wollen, ist es dann nicht klar, daß es sonst niemand gibt, der sie aufdecken und korrigieren könnte?«[67] Auch im letzten Teil der Rede erwähnte Stalin nicht jene Charakteristik von samokritika, die wir gemeinhin mit dem Begriff verbinden – Bekämpfung von ideologischen Abweichungen –, sondern umschrieb Selbstkritik als eine Korrektur »von unten«, gegen überhebliche und abgehobene Führer, die »auf den Lorbeeren« ausruhen.[68] Auch die Vorankündigung der »Reinigung und Überprüfung« der VKP(b)-Reihen während der 16. Parteikonferenz (April 1929) ließ die kommende čistka (Säuberung) als die notwendige Entfernung inkompetenter und selbstgefälliger Parteigänger (»die Reinigung von untauglichen, zersetzten Bürokraten, von fremden Elementen, Nichtkommunisten, die mit dem fremden Milieu verwachsen sind«) erscheinen.[69] Da jedoch die auf der Konferenz verabschiedete Resolution zur Reinigung von der »Überwindung der Schwierigkeiten der sozialistischen Rekonstruktion der Volkswirtschaft« sprach, wurde klar, daß die sich anbahnende Durchforstung der Parteimitgliedschaft auch gegen vermeintliche Gegner des großen Umbruchs in der Industrialisierungs- und Agrarpolitik (Kollektivierung der Landwirtschaft) richten würde.[70] So war es auch, wie Stalins Gewährsmann Kaganovič nachträglich feststellte: der Kampf gegen »alle Schwankungen«, gegen »alle rechten und linken opportunistischen Elemente«.[71] Die Säuberung von 1929–30, die im Oktober 1929 in der Schule begann und den Unterricht wochenlang zum Stillstand brachte,[72] richtete sich in erster Linie gegen vermeintliche Anhänger von Bucharin in den KI-Sektionen. Vor Beginn der Kampagne schwor Stalinintimus Manuilskij das ILS-Parteikollektiv auf den Kampf gegen »die rechte Abweichung«, vor allem in der polnischen Partei (KPP), ein. Er bezog sich auf die Resolutionen des kurz vorher abgehaltenen 10. EKKIPlenums (Bestätigung der »Sozialfaschismus«-These) und geißelte einige Parteien für »Opportunismus in der Praxis« aufgrund ihrer »sozialdemokratischen Überreste« (perežitki) bezüglich Parlamentarismus und Rechtsstaatlichkeit (»Legalismus«).[73] Die Schüler, denen zwischen 1926 und Ende 1932 je nach Parteireife der Status eines Kandidaten bzw. Vollmitglieds der VKP(b) verliehen wurde, mußten ihre Biographie in einem versiegelten Kuvert der Säuberungskommission übergeben. Die in der ILS monatelang tätige Überprüfungskommission setzte sich aus Mitgliedern des IKK und der sowjetischen Zentralen Kontrollkommission (ZKK) zusammen. Prüfungsgegenstand war die Biographie des Schülers.[74] Lediglich die Hälfte der in geschlossenen Sitzungen Geprüften (227) kam ohne Schwierigkeiten durch, ein Fünftel erhielt »freundschaftliche Ratschläge«, ebenso viele eine Warnung bzw. eine Rüge. Dazu wurden drei Studenten aus der tschechischen Ländergruppe verurteilt, die sich bei Resolutionen gegen Bucharin und die »rechte Gefahr« der Stimme enthalten hatten. Zwölf Ausschlüsse wurden verhängt, von denen acht an die IKK weitergeleitet wurden.[75] Ein Teil der Ausschlüsse war aber nicht von den Erfordernissen der »Dritten Periode« diktiert, sondern hing mit dem individuellen Verhalten in der Schule oder Vorkommnissen im Heimatland zusammen: Unterschlagung von Parteigeldern (Großbritannien),[76] Ablehnung des dialektischen Materialismus (Irland)[77] und die Weigerung, die 3. Industrialisierungsanleihe zu zeichnen (Frankreich).[78] In der deutschen Gruppe ortete die Schulleitung einen Mißbrauch von Kritik und Selbstkritik, da eine Gruppe der »Schulleitung und das Zellenbüro einer duldnerischen [sic] Einstellung den Rechten gegenüber« beschuldigte. Angeblich hatten die Gemaßregelten, drei deutsche Hörer des langen Kurses (1927–30), Verbindungen zu anderen nationalen Gruppen aufgenommen, die gleichfalls das Praktikum oder die obligate Zeichnung der Anleihe in Frage stellten.[79] Da hatten die Studenten von der KPD die sprachlich und inhaltlich vorformulierten Kritikrituale nicht eingehalten, weswegen man sie konsequenterweise der Abweichung (»linke Überspitzungen«) beschuldigte.[80] Studenten und selbstverständlich auch Zellenleitung (die Parteiorganisation der Schule war der Bezirksorganisation Frunzenskaja der VKP(b) angegliedert) durften sich an den Lehrkräften schadlos halten. Eine »Lehre« (urok) der Säuberung 1929–30 war die unzureichende Dienstleistung der Lehrkräfte: Sie kannten die Schüler nicht in ihrer »Verschiedenheit und Individualität« und hatten daher weder den akademisch »Zurückgefallenen« geholfen noch zur Eliminierung (ustranenie) »fremder ideologischer Einflüsse« beigetragen, weshalb viele Hörer »passiv« blieben und »sich nicht zeigen« (ne vyjavljaet sebja).[81] Zwei Jahre später standen systematisierte Bußrituale wieder auf der Tagesordnung, allerdings war diesmal die Studentenschaft mehr oder weniger aus dem Spiel. Die Akteure waren Funktionäre und Lehrer der Schule, mit Kirsanova als Mitangeklagten, die sich allesamt nicht genug oder nicht früh genug die »Lehren« von Stalins Brief an die Proletarskaja revoljucija angeeignet und sie daher nicht »mit Leben erfüllten« (realizacija v žizni). Zum Abschuß freigegeben waren all jene, die ein differenziertes Bild der Vorgeschichte der Oktoberrevolution (v.a. Lenins Beziehungen zur 2. Internationale) zu vermitteln suchten. Kirsanova war doppelt belastet – als Rektorin, die häretische »Konterbande« (Tolerierung des Trotzkis<s>                                                                                </s>mus und Luxemburgismus) in der ILS verbreiten ließ, und als Ehefrau von E. Jaroslavskij, dessen mehrbändige Parteigeschichte – Stalin zufolge – »eine Reihe von Fehlern prinzipiellen und historischen Charakters« enthielt.[82] Im Zuge der Diskussionen in der Parteizelle der ILS während November und Dezember 1931 kam es zu Kompetenzstreitigkeiten. Die höher in der Parteistruktur angesiedelte Bezirksorganisation der VKP(b) warf Kirsanova und ihren Mitstreitern »eine liberale Haltung« zu Selbstkritik vor, da die Historische Fakultät der ILS, vor allem Isaak Minc, »Fehler« nur »graduell« (po etapam) einbekannt hätte.[83] Der Bezirksparteisekretär hielt den Verantwortlichen in der Schulverwaltung außerdem vor, »alle Frage innerhalb der Parteizelle und der Mauern der Schule« entscheiden zu wollen.[84] Die Angegriffenen setzten sich mit dem Argument zur Wehr, die vorangegangenen Attacken (»demagogisch und politisch falsch«) hätten die Autorität von Kirsanova unterminiert und seien »ein unzulässiger Mißbrauch von Selbstkritik ... und dem Wesen nach ein gegen die Partei begangener Akt«. Für die in der Defensive agierende Koterie um Kirsanova hatten die Vorwürfe schon einen Zustand der »Übergeißelung« (perechlestyvanie) bewirkt, ein Standpunkt, dem sich auch das um Hilfe gebetene EKKI-Mitglied Knorin anschloß. Die Verteidigungslinie enthielt eine rückversichernde Definition von Selbstkritik: »Bolschewistische Selbstkritik ist nicht Kritik um der Kritik willen, sondern ein Wegweiser zur Verstärkung von Parteipositionen, zur Kohäsion der bolschewistischen Reihen und zur verbesserten Entwicklung der Arbeit am gegebenen Sektor der Front des Klassenkampfes. Aus diesem Grund ist die Liquidierung von begangenen Übergeißelungen zweifelsohne eine Vorbedingung für die erfolgreiche Erfüllung jener Aufgaben mittels bolschewistischer Selbstkritik, die im Zusammenhang mit dem Brief von Gen. Stalin kreativ zu lösen sind.«[85] Obwohl Entlassungen und Versetzungen von prominenten Lehrern und Funktionären der ILS folgten,[86] dürfte im EKKI die Meinung vorgeherrscht haben, es seien allzu viele Überspitzungen beim »Durcharbeiten« des Stalinbriefs passiert. Für diese These spricht die Bestellung Kirsanovas als Leiterin der Frauenabteilung im EKKI und ihre Wiederkehr in die Schule im Februar 1933. Ihre  zweite Ernennung zur Rektorin begründete man damit, sie hätte »die von ihr in der ILS zugelassenen Fehler ... anerkannt und überwunden« und nach ihrem Abgang durch »aktive Parteiarbeit« gezeigt, daß sie die Linie der VKP(b) und die KI durchführe.[87] Die kurz darauf einsetzende neue čistka (Juni bis November 1933) unterschied sich von der früheren Säuberung in wichtigen Aspekten. 1933 war sowohl die »rechte« als auch die »linke« Gefahr gebannt, diesmal ging es den Organisatoren vorrangig darum, sich von den »Unzuverlässigen« und »fremden Elementen« aus dem Zustrom neuer Mitglieder in den Jahren 1931–32 zu trennen.[88] Der Satz von Kaganovič, die Reinigung selbst sei Ausdruck der Selbstkritik,[89] fand in der ILS reichliche Anwendung. Die Fähigkeit der Hörer dazu ließ viel zu wünschen übrig, und der französische Kommunist André Marty wurde beauftragt, das Bewußtsein für die Selbstkritik in den Schulsektoren zu heben.[90] Nun galt es, persönliche Identität zurückzudrängen, »die sich noch nicht von den partikularistischen und affektiven Bindungen zur vorherigen Bezugsgruppe zu lösen vermocht hat«.[91]Ins Visier von Marty gerieten die Gruppensolidarität der »Westler«, die als »Familiensinn« (semejstvennost’) apostrophiert wurde, »nationale Reserviertheit« (zamknutost’) und »fehlende bolschewistische Wachsamkeit« – diese Eigenschaften verdeckten das wahre Gesicht (lico) des Studenten. Die Parteibiographie war zwar wieder Basis der öffentlichen Prüfung, es wurden jedoch weit weniger Hörer geprüft (145) oder ausgeschlossen (8) als drei Jahre zuvor, auch weil die Studenten der Einjahreskurse davon ausgenommen wurden.[92] Der vorrangig erzieherische Zweck der čistka im Sommer und Herbst 1933 geht auch daraus hervor, wie diese »verarbeitet« wurde. Alle Schüler mußten nicht nur selbst Rede und Antwort stehen, sondern sich auch zu den im Laufe der Säuberung festgestellten Unzulänglichkeiten und »Entlarvungen« äußern. Darauf folgten die Verabschiedung einer allgemeinen Resolution, die Verbesserung versprach, sowie separate Resolutionen, die nach der Behandlung von Einzelfällen formuliert wurden. Im Sektor A der Deutschen und Österreicher – in den Sektoren waren die Unterzellen (cechjačejki) der Parteiorganisation für kritische Angelegenheiten zuständig – besprach man die »Entlarvung« dreier ehemaliger Angehöriger der Reichswehr bzw. des Freikorps, die diese Tätigkeit bei Schulbeginn nicht angegeben hatten. Sie kamen verhältnismäßig glimpflich davon und wurden in einen Betrieb entsandt, um ihre »Festigkeit und Parteiloyalität« zu beweisen.[93] Unter weiteren Vorwürfen findet man »Oberflächlichkeit in der Arbeit«, die auch an der »Kleidung zu sehen ist«, »Arroganz und Überheblichkeit«, »Tratschsucht« und die Weigerung des Gen. Hofmann, die Beziehungen zu seinem trotzkistischen Bruder abzubrechen.[94] Der Bericht der Säuberungskommission für die gesamte Schule wiederholte die in den Sektoren aufgedeckten »Fälle« und kritisierte darüber hinaus fehlende »Internationalisierung und Aktualisierung« im Unterricht. Grund zur Sorge bot zudem die politische Zusammensetzung des Übersetzungspersonals, das zu zwei Dritteln aus Parteilosen und »politischen Analphabeten« bestand und angeblich häufig die Grundlage für den Unterricht entstellt wiedergab.[95] Die čistka war noch nicht beendet, als das Politsekretariat des EKKI den Entwurf Kirsanovas für die Gründung einer Kaderabteilung in der ILS beschloß. Zweck der neuen Behörde war »der Kampf gegen Provokation verbunden ... mit der Beobachtung der strengsten Konspiration« sowie die Feststellung der »politischen Physiognomie« von Studenten, Professoren, Lektoren, Übersetzern und Mitarbeitern. »Maßgebend« für die Anweisungen des ILS-Kaderbüros waren die Direktiven der Kaderabteilung des EKKI.[96] Dieses Abhängigkeitsverhältnis wurde 1936 total, als der Kaderabteilung des EKKI die Organisierung und Leitung »internationaler Schulen« übertragen wurde.[97] Die schärfere Kontrolle der Studenten ging mit einer neuen, diesmal permanenten Inquisitionswelle einher.[98] Die 1935 bis 1938 durchgeführten Säuberungsrituale in der ILS wurden jedoch in zunehmender Weise individualisiert, d.h. sie orientierten sich nicht an kampagneartigen Vorgaben, sondern an Einzelnen, deren politische Vergangenheit oder persönliches Fehlverhalten als feindliche politische Absicht aufgefaßt und, im Vergleich zu der Praxis 1929–30 und 1933, ungleich härter bestraft wurde. Die Behandlung des Falles (delo) erfolgte jetzt durch den betreffenden Sektor und die Kaderabteilung, nicht mehr durch hochkarätig besetzte Kommissionen. Fehlverhalten britischer Studenten[99] Ungefähr 170 Mitglieder der CPGB und des Kommunistischen Jugendverbandes Großbritanniens (Young Communist League) studierten an der ILS zwischen 1926 und 1937. Die überwiegende Mehrheit (75%) kam aus Lancashire (Textilindustrie), London (Transportunternehmen und Bauindustrie), und den Kohlenrevieren in Schottland und Wales. Das Durchschnittsalter betrug 27 Jahre, der Frauenanteil 15%. Nur vier Studenten verfügten vor der Ankunft in Moskau über einen Universitätsabschluß und zwei waren ausgebildete Lehrerinnen. Mehr als zwei Drittel hatten lediglich elementare Schulbildung, und 71% keine theoretischen Vorkenntnisse.[100] Die relative Unerfahrenheit der Studenten (über die Hälfte mit einem Parteialter von fünf Jahren oder weniger), ihre Jugend und ihr Ledigenstatus hingen großteils mit den Aufnahmebedingungen zusammen. Die Schulleitung bestand deshalb auf Unverheirateten, um die knappen Valutenreserven nicht zur Unterstützung von Familienangehörigen ausgeben zu müssen. Andererseits mußte Parteiführer Harry Pollitt die regionalen Parteiorganisationen immer wieder überreden, Funktionäre für die Schule freizugeben. Die CPGB war eine legale Partei, die, im Gegensatz zu anderen KI-Sektionen, nicht durch eine Abspaltung von der Sozialdemokratie entstanden war. In den 1920er Jahren durften Kommunisten auch der Labour Party beitreten, aber nach den Auseinandersetzungen über den Generalstreik vom Mai 1926 schloß die Labourführung die verbliebenen Kommunisten sowie Anhänger von kommunistisch geführten Frontorganisationen aus.[101] Trotz niedriger Mitgliederzahlen (7900 Dezember 1926; 2555 November 1930; 7700 Juli 1935; 12 250 Mai 1937)[102]und des bescheidenen Anteils an abgegebenen Stimmen bei Großwahlen (5,3% 1929; 7,5% 1931)[103] übte die CPGB einen verhältnismäßig steten Einfluß in der Arbeiteröffentlichkeit aus. Ihre Mitglieder waren aktiv in den städtischen Gewerkschaftsräten (Local Trades Councils) sowie in der Gewerkschaftsopposition (National Minority Movement) und der Arbeitslosenbewegung (National Unemployed Workers’ Movement). Im Kontrast etwa zu Österreich entzogen sich solche Bewegungen dem unmittelbaren Zugriff der Mehrheitssozialisten, vor allem in den überparteilichen Gewerkschaften. Das Umfeld der britischen Kommunisten unterschied sich von dem des europäischen Festlands auch dadurch, daß, abgesehen von einigen wenigen kommunistischen Hochburgen (»Little Moscows«),[104]die scharfe Trennlinie zwischen »popular« and »working-class« Kultur nicht bestand. Sozialdemokratische bzw. kommunistische Gegengesellschaften »von der Wiege bis zur Bahre«, wie in Berlin oder Wien, fanden in Großbritannien, mit seiner langen demokratischen und parlamentarischen Tradition, keine Entsprechung. Diese kulturelle Vorprägung und eine gewisse Unbefangenheit hinsichtlich der Theorie und Praxis des Marxismus-Leninismus erklären zum Teil den Hintergrund vieler Konfrontationen zwischen der Schulleitung und den britischen Studenten. Bis zur Gründung des Schulsektors E Anfang 1933 lernten Briten und Iren gemeinsam mit allen anderen Englischsprachigen im Sektor D. Sieht man von der 1930 an Harry Wicks erteilten Rüge ab (er hatte den obligaten Lokomotivführerkurs als »Blanquismus« abgetan),[105] verursachten die Briten keine ernstzunehmenden Probleme, bis abweichendes Benehmen von 1933–34 an strenger geahndet wurde. Der erste »Anlaßfall« betraf Arthur West (William Cecil), der im Januar 1933 von Ivan Titkin, dem Sekretär des Parteikomitees (partkom), einer groben Verletzung von konspiracija bezichtigt wurde: West hatte Briefe nach England nicht über das Schulpostfach schicken lassen, und Titkin setzte durch, daß er repatriiert wurde.[106] Die ILS-Funktionäre ließen sich auch nicht von Manuilskij beeinflussen, der in einer Parteiversammlung vor einem »mechanistischen« Vorgehen gegen Konspirationssünder warnte, explizit in bezug auf die britischen Schüler, die »unter legalen Bedingungen« lebten.[107] Eine zweite Repatriierung in Ungnaden folgte 1935 mit der Abfahrt der Kurzzeitstudenten Frank (John Adams) und Daisy Vaughan (Madge Price). Anscheinend hatte Frank Vaughan keinen Lerneifer an den Tag gelegt und sich geweigert, an der Wahl der proforg teilzunehmen. Sektorleiter Tom Bell sprach auf den Uneinsichtigen ein, der kein Interesse am bevorstehenden CPGB-Kongress zeigte und unter Druck gestand, daß ihm das Persönliche höher als das Parteimäßige stünde.[108] Gorskij, Leiter der Kaderabteilung der ILS, hielt die Abfahrt von Adams für »sehr zweckmäßig«, da dieser die Fortsetzung seines Studiums kategorisch abgelehnt und dadurch der »Zersetzung« im Sektor Vorschub geleistet hätte.[109] Die meisten Verweise im Sektor E wurden jedoch wegen Verspätungen, Schwänzen des Unterrichts und der Versammlungen sowie übermäßigen Trinkens ausgesprochen. Mary McCarthy, eine ILS-Abendstudentin aus Lancashire, beanstandete Jahre später, Briten im Ausland seien nicht imstande, sich taktvoll zu amüsieren (»not able to let their hair down gracefully«).[110] Das gestand auch der spätere südwalisische Bergarbeiterführer Will Paynter reumütig in seinen Memoiren. Mit seinen Zimmerkollegen hat er sich betrunken und unanständige Parodien populärer Schlager zum Besten gegeben. Sein Zirkel nannte ihn und seine Freunde »kleinbürgerliche Degenerierte«. Paynter widersprach nicht, hielt sein Benehmen für abstoßend (»disgraceful«) und eine Beleidigung der umsorgenden russischen Gastgeber (»who were doing their best to care for us«).[111]Harold Horne (Harold Tillet), später ein bekannter Betriebsrat in der Autoindustrie, beschrieb 50 Jahre später seine Abenteuer im Moskauer Nachtleben und die folgende Ahndung eher von der heiteren Seite. Im Gegensatz zu den deutschen Studenten und unter vorsätzlicher Umgehung der Konspirationsregeln besuchten Horne und seine Freunde ein übel beleumdetes Nachtlokal, das sie als »Bucket of Blood« bezeichneten. Nachdem Horne den Weckruf (5 Uhr) am Revolutionstag, den 7. November 1934, mit den Worten, »Fuck the revolution!«, quittiert hatte und im Bett geblieben war, hagelte es Kritik: »By the time I had finished my self criticism I was knee deep in my own gore, and sure that I was on my way to Siberia.«[112] Die Dokumente über den Kurs der Engländer und Iren in den Jahren 1934–35 – ein vergleichsweise aufmüpfiges Kontingent[113] – bestätigen Hornes Selbstdarstellung. Bei einer Sektorversammlung im November 1934 übte er qualifizierte Selbstkritik (wegen Verspätung) und rechtfertigte seine schlechten Noten im Fach Parteigeschichte mit der Qualität des Unterrichts (»Samorukov is useless«). Der Lektor Tom Campbell schloß sich mit einer »richtigen« Definition von Selbstkritik gleich an: »Tillet’s speech is a typical example of the attitude of mind which must be stamped out. It is an individualistic point of view and seeks to be objective instead of examining himself [sic]. Tillet’s attitude to the November celebrations is very bad.«[114] Bill Cowe (William Wadson), schottischer Eisenbahner und Klassenkamerad von Horne, stand kurz vor der Relegierung als »Konterrevolutionär«, weil er in der Wandzeitung »50% der Einschränkungen [konspiracija]« als »unnötig, ja sogar lächerlich« bezeichnete, die Benotung seiner akademischen Arbeit zurückwies und sich bei der Diskussion anläßlich der Resolutionen im Zusammenhang mit Massenerschießungen nach dem Kirov-Mord nicht äußerte.[115] Diese Auseinandersetzungen setzten britische, irische und australische Parteiführer in Beziehung zu ihrer Sicht der Realität während eines Treffens mit Kirsanova und ILSFunktionären kurz nach dem Ende des 7. Weltkongresses der Komintern (August 1935). Keiner der Besucher kommentierte die Schlußfolgerung des Sektorleiters Bell, Englische Studenten würden stark zu »Individualismus, Arbeiteraristokratie und bürgerlicher Kultur« tendieren.[116] Die ausländischen Parteifunktionäre stellten den Nutzen der Schulung nicht prinzipiell in Frage, nahmen aber einzelne Absolventen in Schutz (»Wadson after his return is a good worker«) oder stellten »Formalismus« bei den zurückgekehrten Studenten fest.[117] Pat Devine (Irland) hielt die sowjetische Interpretation von Parteiloyalität für »schablonenhaft«, »verzerrt« und »demotivierend« (»You have to do what they say«), vor allem wenn die Studenten nach der Rückkehr selbständig arbeiten mußten.[118]»Abstraktheit im Unterricht« lautete eine allgemeiner Vorwurf. R. Palme Dutt wandte ein, daß die politische Ökonomie Großbritanniens, nicht aber die aktuelle Politik des Landes abgehandelt werde.[119] Mißtöne begleiteten Pollitts letzte Kommunikation mit der ILS. Er fühlte sich im März 1936 von der unerwarteten Nachricht überrumpelt, London möge keine Studenten mehr nach Moskau schicken, sondern diese im Lande ausbilden. Das bereitete ihm Unannehmlichkeiten, da die CPGB für den Londoner Aufenthalt von Leninschülern aus Südafrika, Neuseeland und Australien hatte aufkommen müssen.[120] Da Kirsanova auf zahlreiche Anträge von Pollitt, Familienangehörige britischer Studenten finanziell zu unterstützen, nicht einging, besetzte die CPGB die zugewiesenen fünf Plätze für Lektoren (aspiranty) für das Jahr 1937–38 nicht.[121] Fehlverhalten österreichischer Studenten Das österreichische Kontingent an der ILS von insgesamt 150 Hörern und etwa 10 Lektoren bzw. Sektorleitern[122] wurde zirka zu zwei Dritteln in der »illegalen Zeit« entsandt, nach dem Verbot der KPÖ im Mai 1933 und in noch größerem Ausmaß nach dem österreichischen Bürgerkrieg vom Februar 1934. Die Zusammensetzung der späteren Lehrgänge österreichischer Hörer wies noch ein Spezifikum auf: einen beträchtlichen Prozentsatz von Parteimitgliedern, die schon seit einiger Zeit in der UdSSR wohnten, entweder als Politemigranten (Schutzbundemigration) oder Facharbeiter. Die Schulung solcher mehrheitlich aus der Sozialdemokratie kommenden Kader widersprach – streng genommen – den allgemeinen Aufnahmebedingungen insofern, als es sich um Parteigänger handelte, die Freunde und Bekannte in der UdSSR, vor allem in Moskau, hatten.[123] Im Februar 1936 waren die Österreicher mit 50 Hörern nach den Spaniern (77) die zweitstärkste nationale Gruppe in der Schule.[124] Im selben Monat plante die Leitung des Sektors A (Deutsche, Österreichische, Holländer) die Bildung eines separaten Sektors für die Österreicher;[125] kurz darauf folgte die Zustimmung Kirsanovas nach einem Gespräch mit Togliatti und Ernst Fischer, dem Vertreter der KPÖ beim EKKI.[126] Eine um sich greifende Wachsamkeitsmanie beherrschte 1935–38 das Leben in der Schule, insbesondere in den abgeschirmten Sektoren der illegalen KPen. In einer Schulversammlung Ende 1935 ortete Togliatti die Hauptgefahr einer trotzkistischen Ansteckung in jenen neuen Parteimitgliedern, die von der Sozialdemokratie übergetreten waren.[127] Der österreichische Lehrer Arnold Reisberg brachte Beispiele »trotzkistischen Einflusses« aus seinen Erfahrungen mit ehemaligen Sozialdemokratinnen, die er in einem kurzen Kurs unterrichtet hatte. Da es sich seiner Meinung nach um »sozialdemokratische Überreste« handelte und nicht um feindliche Absicht, riet er zur Vorsicht und zu Überzeugungsarbeit.[128] In seinem Schlußwort warnte aber Togliatti davor, mit der Trotzkisten-Etikette allzu leichtfertig umzugehen.[129] Kirsanovas abschließende Bemerkungen kamen einer Belehrung des Italieners gleich, da sie die von ihm geforderte Bereitschaft, mit den Studenten über Trotzkismus zu diskutieren, nur kurz kommentierte und vielmehr suggerierte, der Feind sei bereits »eingedrungen«: »Wir dürfen nicht vergessen, daß sich der Feind sehr oft hinter Unverständnis versteckt und bestrebt ist, unter Vorspiegelung von Nichtverstehen ein Zentrum zu schaffen, wie das Zentrum, aus dem Nikolaev [der Mörder von Kirov- BMcL] hervorging ...Wir dürfen daher nicht eine Minute vergessen, daß der Feind in unsere Schule eindringen kann, sei es hinter der Maske eines Zweiflers oder als jemand, der die Generallinie der Partei verteidigt, als einer der Typen, die am stärksten und am lautesten von allen schreien.«[130] Im Auftrag von Kirsanova sammelten die