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Stalin und die Folgen

JHK 2003 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 338-346 | Aufbau Verlag

Autor/in: Hermann Weber

Rogowin, Wadim S.: Weltrevolution und Weltkrieg. Essen 2002, Arbeiterpresseverlag, 399 Seiten.

Besymenski, Lew: Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren. (Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts, Bd. 1). Berlin 2002, Aufbau-Verlag, 488 Seiten.

Adibekov, Grant M.: Das Kominform und Stalins Neuordnung Europas. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein und Jürgen Mothes in Verb. mit Olaf Kirchner. Mit einem Vorwort von Jan Foitzik. (Zeitgeschichte, Kommunismus, Stalinismus. Materialien und Forschungen Bd. 1) Frankfurt/M. 2002, Verlag Peter Lang, 342 Seiten.

Creuzberger, Stefan/Görtemaker, Manfred (Hrsg.): Gleichschaltung unter Stalin. Die Entwicklung der Parteien im östlichen Europa 1944–1949. Paderborn 2002, Schöningh-Verlag, 468 Seiten.

Schmeitzner, Mike/Donth, Stefan: Die Partei der Diktaturdurchsetzung. KPD/SED in Sachsen 1945–1952. Köln/Weimar 2002, Böhlau-Verlag, 628 Seiten.

Die Forschung hat in den letzten zwölf Jahren nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein Flut von Publikationen über diesen herausgebracht. Dabei gab es einen Paradigmenwechsel: Der Terror im Kommunismus – und speziell im Stalinismus – rückte in den Mittelpunkt, die Geschichte der kommunistischen Organisationen als radikaler Teil der Arbeiterbewegung sowie die kommunistischen Herrschaftsregime traten hingegen etwas in den Hintergrund.[1]

Der 50. Todestag Stalins 2003 sollte indes Anlaß bieten, nicht nur den nach Öffnung der Archive besonders intensiv erforschten Terror zu untersuchen, sondern auch andere Bereiche der Geschichte des Kommunismus. Anhand neu zugänglichen Quellenmaterials sind in der Tat auch wichtige Darstellungen von Teilproblemen geprüft worden. Dies gilt für die hier vorgestellten deutschsprachigen Bücher, die 2002 herauskamen und sehr verschiedene Einzelfragen behandeln.

Auf dem Umschlag fast aller dieser fünf Publikationen ist Stalin abgebildet. Obwohl der Inhalt sehr unterschiedlich ist, geht es in allen Bänden um Stalin und die Folgen.

Auf dem Cover des Bandes »Weltrevolution und Weltkrieg« von Rogowin ist neben Stalin und Molotow auch Ribbentrop abgebildet, also ein Foto vom Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes, abgesetzt davon eine Aufnahme von Trotzki. Damit ist die Spannweite der Untersuchung auch bildlich zu erkennen. Vom bereits 1998 verstorbenen russischen Historiker liegen unter dem Titel »Gab es eine Alternative?« sieben Bände in russisch vor. Drei Bände davon über den Terror Stalins in den dreißiger Jahren sind bereits in deutsch veröffentlicht. Über Rogowins Grundthese (im Gegensatz etwa zum »Schwarzbuch des Kommunismus«), daß die blutigen »Säuberungen« keineswegs eine Folge der Theorie und Praxis Lenins waren, sondern auf den radikalen Bruch mit Lenin zurückzuführen sind, wurde im »Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung« bereits berichtet.[2] Nun untersuchte Rogowin (die russische Ausgabe erschien 1998 in Moskau) die UdSSR nach der Großen Säuberung und am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Dabei nimmt der Hitler-Stalin-Pakt in seinem Buch eine zentrale Rolle ein.

Für ihn ist »der Abschluß des sowjetisch-deutschen Paktes von 1939 eines der schlimmsten Verbrechen Stalins und ein perfides politisches Komplott«, das »von zwei totalitären Diktaturen langfristig vorbereitet wurde«. Während der Pakt 1939 die Weltöffentlichkeit völlig überraschte, will Rogowin anhand der nun zugänglichen russischen, aber auch deutschen Akten belegen, wie dieses Abkommen bereits früher Schritt für Schritt im Verborgenen vorbereitet wurde.

Rogowin beschreibt in insgesamt 50 Kapiteln die Grundstruktur der Sowjetunion unter Stalin. Dabei behandelt er auch oft unterbelichtete Themen, etwa die soziale Ungleichheit, den Terror nach der »Großen Säuberung« und den damit verbundenen Antisemitismus. In der Einschätzung des Stalinismus beruft sich Rogowin immer wieder auf Trotzki und bringt ausführliche Zitate, die tatsächlich die damals unterschätzte, aber meist zutreffende Analyse des großen Gegenspielers Stalins erkennen lassen.

Insofern ist es zwar etwas erstaunlich, aber wie ich finde sehr wertvoll, daß 60 Seiten des Buches dem Thema »Trotzki und die Vierte Internationale« gewidmet sind. Hier kann der Autor auch die Arbeit stalinistischer Agenten in der trotzkistischen Bewegung näher erläutern und die Vorbereitung zur Ermordung Trotzkis durch Moskau beschreiben. Das Motiv war natürlich der Haß Stalins auf Trotzki. Umgekehrt schildert Rogowin aber auch den Respekt, den sich die beiden Diktatoren Hitler und Stalin gegenseitig zollten: Die beiden großen Verbrecher des 20. Jahrhunderts hielten sich danach gegenseitig für die »Größten«. Für Hitler gab es 1939 nur »drei große Staatsmänner auf der Welt, Stalin, ich und Mussolini«. Und Stalin sah das genauso. Folglich sagte er im Trinkspruch zum Vertragsabschluß: »Ich weiß, wie sehr das deutsche Volk seinen Führer liebt, ich möchte deshalb auf seinen Führer trinken.« Kein Wunder, daß ein NSDAPGauleiter beim Rückflug begeistert zu Ribbentrop sagte, er habe sich im Kreml »fast unter alten [NSDAP-]Parteigenossen geglaubt«.

Das Verhältnis und die Politik beider Diktatoren wird noch detaillierter im Buch von Lew Besymenski analysiert. Der bekannte Historiker und Journalist, im Weltkrieg Dolmetscher und Aufklärungsoffizier im Stab von Shukow, hat im letzten Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (2002) über die Bedeutung der Quellen für die Wissenschaft geschrieben. Mit seinem nun vorliegenden Buch liefert er den Beweis dafür. Denn Besymenski konnte für sein wichtiges Buch erstmals Quellen aus Stalins Geheimarchiv auswerten und für seine umfangreiche Darstellung verwenden. Der Band beruht auf dem 2000 in Moskau erschienenen Bericht und wurde »für den deutschen Leser« bearbeitet. Auch wenn die Verlagsankündigung, von Besymenski werde die »Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges wie ein Politkrimi erzählt«, ein Reklamegag ist, bleibt es doch ein packendes Buch. Vor allem aber bietet es neue Einsichten durch die Dokumente aus Stalins Geheimarchiv, dessen meiste Bestände noch immer verschlossen sind.

Bemerkenswert ist daher schon der Einstieg des Autors, in dem er über dieses Geheimarchiv berichtet und die Schwierigkeiten im russischen Archivwesen erkennen läßt. Wichtig für den Leser ist seine Darstellung über die jahrzehntelang von der kommunistischen Propaganda verleugneten Geheimverträge mit Deutschland 1939 und deren Aufbewahrung.

Besymenski hat den Band in 25 Kapitel unterteilt. Er geht zurück bis auf den Rapallo-Vertrag und den »deutschen Oktober«, den geplanten kommunistischen Aufstand 1923. Bei den Vorbereitungen auf den späteren Pakt von 1939 beschreibt er ähnlich wie Rogowin das Münchener Abkommen von 1938. Er geht ausführlich auf den sowjetischen Diplomaten Georgi Astachow ein, den »Mann, ohne den es den Pakt nicht gäbe«. Auch dieser wurde ja ein Opfer Stalins. Astachow wird auch bei Rogowin genannt, aber die detaillierte Darstellung Besymenskis läßt erkennen, welche genaueren Aussagen ihm die nun zugänglichen Quellen ermöglichen. Dies gilt auch für die zahlreichen Kapitel, in denen sowohl die Vorbereitung als auch der Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes beschrieben werden, aber ebenso für die genauen Untersuchungen der Folgen dieses Paktes bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941.

Da sich Besymenski (natürlich) vor allem auf die erstmals zugänglichen Akten im Stalin-Archiv stützt, gerät der westliche Forschungsstand leider etwas in den Hintergrund. Aber die interessanten Materialien, die er ausbreitet, bestätigen seine Grundthesen über die katastrophalen Auswirkungen des Paktes und das Verhältnis zwischen Hitler und Stalin. Auch die Fehleinschätzung Stalins zur Person Hitlers werden hier noch deutlicher. Fixiert auf einen vermutlich rational handelnden Hitler, der sich keinen Zwei-Fronten-Krieg leisten werde, verschloß der sowjetische Diktator die Augen vor einem möglichen deutschen Angriff, was die UdSSR zunächst ins militärische Desaster führte. Aus dem wichtigen Buch von Besymenski geht eindeutig hervor, daß Stalin wie bei den Säuberungen und in der gesamten Innenpolitik auch in der Außen- und Militärpolitik autoritär das kleinste Detail bestimmte. Besymenski befaßt sich zudem mit der vor kurzem diskutierten These, Stalin habe Hitler-Deutschland angreifen wollen. Aber die von ihm hier vorgelegten Quellen zeigen, daß der Überfall Hitlers 1941 eben kein Präventivkrieg war.

Das Werk ist der erste Band einer neuen Reihe im Aufbau-Verlag: »Archive des Kommunismus«. Sie wird von bekannten Historikern aus Ost und West herausgegeben, u. a. aus Rußland (Wladimir Kozlow, Alexandr Tschubarjan), Frankreich (Pierre Broué, Marc Ferro, Serge Wolikow), England (Eric Hobsbawm) oder den USA (Moshe Lewin), viele haben schon im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung publiziert, von den deutschen Herausgebern gehören drei zum Team des Jahrbuchs (Bayerlein, Mählert, Weber). Auch der zweite Band, der zeitgleich mit dem vorliegenden Jahrbuch erscheinen wird, geht auf Stalins Rolle ein, diesmal im Zusammenhang mit Ernst Thälmann zur »Wittorf-Affäre« 1928.[3]

Nachdem die Sowjetunion gemeinsam mit den West-Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatte, stieg sie zur Weltmacht auf. Damit wuchs Stalins Bedeutung in der Innen- wie der Außenpolitik bis zu seinem Tod 1953 weiter. Als Reverenz gegenüber den Westmächten hatte er 1943 die Kommunistische Internationale auflösen lassen (das plante er ja kurz vor dem deutschen Überfall bereits gegenüber Hitler). Da er den kommunistischen Parteien 1944/45 zudem eigenständige nationale und »besondere« Wege genehmigte, schien die frühere monolithische kommunistische Weltbewegung nicht mehr zu existieren. Allerdings hatte Stalin seinerzeit die Komintern-Organe in den Parteiapparat der KPdSU überführen lassen, so daß die Anleitung und Kontrolle nicht abgebrochen war.

Dennoch schien die Gründung der Informationsbüros der Kommunistischen und Arbeiterparteien, im Westen Kominform genannt, im September 1947 in Polen wie ein neuer Abschnitt der Zentralisierung des Weltkommunismus. Grant M. Adibekov hatte anhand der russischen Akten schon 1994 eine Untersuchung über das Kominform vorgelegt, die nun in deutscher Sprache erschienen ist. Hier im Jahrbuch wurde 1998 über den Apparat des Kominform berichtet.[4]

Bereits 1994 wurden vom Feltrinelli-Institut in Mailand die Protokolle der drei Konferenzen des Kominform (1947, 1948 und 1949) in englischer Sprache abgedruckt. Nun ermöglicht die Arbeit des 2002 verstorbenen Forschers Adibekov neue Einsichten in die Rolle der Institutionen. Es ist die erste Geschichte des Kominform mit detaillierten Angaben zu den internen Entwicklungen. Anhand der zahlreichen Dokumente der sowjetischen Stellen, vor allem aber des Briefwechsels mit Stalin während der Konferenzen, liefert der Band HintergrundMaterialien. Stalins Politik gegenüber den kommunistischen Parteien und den sogenannten Volksdemokratien wird dadurch deutlicher. Adibekov kann nachweisen, wie Stalin nach 1945 plante, eine neue Organisation der kommunistischen Weltbewegung zu schaffen. Obwohl er nach Außen zunächst am Bündnis mit den West-Alliierten festhielt, hatte er schon früher seine Zwei-Lager-Theorie entwickelt. Diese wurde dann 1947 von Shdanow auf der Gründungskonferenz des Kominform öffentlich als Kampfansage an den Westen verkündet. Sie sollte aber auch der Vereinheitlichung der kommunistischen Weltbewegung sowie der kommunistisch regierten Staaten dienen.

Durch den Stalin-Tito-Konflikt wurde nicht nur die Stalinisierung der osteuropäischen Länder forciert, sondern zugleich der Ausbau des Kominform zu einer kominternähnlichen Institution ins Auge gefaßt. Damit sollte insbesonders der Kampf gegen den Titoismus, der schon die 2. Kominform-Konferenz 1948 beherrschte, intensiviert werden. Ein Generalsekretär sollte die Nachfolgeorganisation der Komintern leiten, vorgesehen war Palmiro Togliatti. Aus Adibekovs Dokumentation geht hervor, daß Stalin seine Pläne 1950/51 aufgab, weil Togliatti sich weigerte, Italien zu verlassen und die ihm zugedachte Führung des Kominform zu übernehmen. Insgesamt ist für die Politik Stalins gegenüber Osteuropa Adibekovs Buch von zentraler Bedeutung. Auch seine Schlußbemerkungen sind einsichtig: »Stalin, der im Kominform handelte, als sei er buchstäblich auf seinem eigenen Erbgut, bestand 1950 nicht auf einer weiteren ›Kominternisierung‹ des Kominform, auf der Erweiterung seiner Funktionen. [...] Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe und der Warschauer Pakt blieben aktiv. Die Länder Osteuropas wurden fest an die UdSSR gekettet. Der sowjetische Block, seine europäische ›Ausgabe‹, wurde zusammengeschweißt. Das vorangigste und wichtigste Ziel, wofür Stalin das Kominform gegründet hatte, war erreicht.«

Die Untersuchung der einzelnen europäischen Länder und der Anpassung ihres Parteiensystems, die »Gleichschaltung« von 1944 bis 1949, steht im Mittelpunkt des von Creutzberger und Görtemaker editierten Buches. In der Einleitung beschreiben die Herausgeber das Ziel der Untersuchung, nämlich den Vorgang »erstmals in seiner Gesamtheit und auf der Grundlage östlicher Archivalien, die speziell für dieses Projekt erschlossen wurden«, zu analysieren.

Eine »gemeinsame Fragestellung« für alle Länder – Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Albanien, Tschechoslowakei und die Sowjetische Besatzungszone sowie für die Sonderfälle Österreich und Finnland – war vorgegeben. Die Einzelergebnisse sollen am Schluß in einer Synthese erklärt werden. Die Schwierigkeiten eines solchen Versuchs liegen auf der Hand. Schon ein Blick auf den Umfang der einzelnen Beiträge (mehr als 50 Seiten über Bulgarien und nur knapp 17 Seiten über die Tschechoslowakei) zeigt, wie schwer eine vergleichende Fragestellung auch zu ähnlichen Aussagen führen kann, von Herangehensweise und Ergebnissen ganz zu schweigen. Und so sind selbst generelle Antworten durchaus gegensätzlich bewertet. Die Herausgeber warnen in der Einleitung wie in der Synthese vor der »eindimensionalen Einengung der Betrachtung auf die Person Stalins als dem einzigen Entscheidungsträger bei der politischen Gleichschaltung« Osteuropas, ja sie fordern sogar, »allzu eindimensionale Zuspitzung der Entscheidungsvorgänge auf die Person Stalins zu vermeiden«. Doch schon im ersten Beitrag konstatiert Gerhard Wettig (Stalins Deutschland-Politik 1945– 1949), Stalin war »wie die bisher zutage geförderten Dokumente belegen, der letztlich ausschlaggebende Akteur der sowjetischen Außenpolitik im allgemeinen und der Osteuropa- wie Deutschland-Politik im besondern«.

Entscheidend für die Einschätzung des Prozesses der Stalinisierung Osteuropas ist also nicht, eine »eindimensionale Sicht« zu vermeiden, das ist selbstverständlich. Bei aller Komplexität der »Gleichschaltung des Parteiensystems« – allein schon durch die unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Gegebenheiten in einzelnen Ländern – sind die Schritte der Übertragung des Stalinismus zu prüfen. Der Stalinismus im weiteren Sinne als ein gesellschaftspolitisches System mit totalitären Strukturen und im engeren Sinne als despotische Willkürherrschaft mit blutigen Säuberungen und Personenkult war gerade nach 1945 untrennbar mit der Machtfülle des Diktators Stalin verbunden. Und so ist klar, daß die UdSSR keine Politik betrieb, die von seinen Plänen abwich. Da Stalin aber – wie die Untersuchungen von Besymenski und Rogowin belegen – auch die kleinsten Details selbst bestimmen wollte, ist die Übertragung des Stalinismus auf Osteuropa nach 1945 von seiner Person geprägt.

Wie dies in den einzelnen Ländern praktiziert wurde und daß es taktische Varianten gab, aber alle das gleiche Ziel verfolgten, das beweisen die zwölf Aufsätze des insgesamt bedeutsamen Sammelbandes. Stalin plante strategisch und taktisch, er war dabei flexibel, doch konnte er nicht nur nach eigenem Ermessen agieren, sondern mußte ständig auch reagieren. Aus Donnal O’Sullivans Beitrag, in dem er die sowjetische Osteuropa-Politik von 1943 bis 1948 in vergleichender Sicht referiert, wird dies erkennbar. Und in den Studien über Polen (Moldenhauer) oder Bulgarien (Stankova) wird deutlich, wie sich Stalin persönlich als Autorität und »Richter« in die Streitigkeiten der Parteien einmischte. Das Buch zeigt, daß der Chef des Stalinismus unbestritten die Hauptverantwortung für die Übertragung des Systems trug.

Dies geht auch aus der Veröffentlichung von Monika Kaiser zur SBZ hervor, auch wenn sie mit Recht auf die Besonderheiten eines Besatzungsgebietes in einem geteilten Land verweist. Die »Symbiose aus sowjetischer Besatzungspolitik und ostdeutscher Parteiherrschaft« sollte freilich nicht überdecken, daß die SED weit stärker vom »Sieger« Stalin abhing, als die anderen Parteien im Ostblock. Und auch hier ist mit der Übertragung der Herrschaftsorganisation und insbesondere einem zentralen Parteiapparat die Struktur entstanden, die Stalin überlebte. Erfreulicherweise ist gerade diese oberste Machtspitze gut erforscht.[5]

Und ebenso wertvoll ist, daß nun mit der umfänglichen Arbeit von Schmeitzner und Donth nicht nur die zentrale, sondern auch die mittlere Ebene der Ausformung der Diktatur, die Übertragung des Stalinismus, präzise und detailreich untersucht und nachgewiesen ist.

In 15 Kapiteln und einem informativen Anhang haben sie für die Zeit von 1945 bis 1952 die schrittweise Machtübernahme der KPD/SED im Land Sachsen analysiert. Dabei werden die verschiedenen Methoden und Mechanismen kenntnisreich und mit Archivalien belegt dargestellt. Die quellenkritische Arbeit der Autoren ist dabei besonders hervorzuheben.

Der Band beginnt mit einer Beschreibung der Sowjetischen Militäradministration in der SBZ und speziell in Sachsen. Auch wenn die Führung der SMAD über kein ihre Politik koordinierendes Instrumentarium verfügte und es deshalb auch zu »widersprüchlichen Maßnahmen« kam, ist ihre bestimmende Rolle für die »Diktaturdurchsetzung« unbestreitbar. Wie in ganz Osteuropa war die Machtübertragung an die Kommunisten in der SBZ, damit auch in Sachsen, überhaupt nur möglich, weil die Sowjetunion durch ihr Militär als Besatzung herrschte. Selbstverständlich war die Militäradministration von Moskau aus geleitet, die Strategie von Stalin bestimmt. Diese Tatsache geht hier bei der Beschreibung von Struktur und Methoden der SMA etwas unter. Ohnehin ist es eine der ganz wenigen Schwächen dieser herausragenden Untersuchung, daß die Rolle Stalins etwas vernachlässigt, nur bei den Nachkriegsplanungen Moskaus beschrieben wird, hingegen erhalten die »Planungen« der deutschen Kommunisten – die ja öfter verändert wurden – zu viel Gewicht. Der mit der Stalinisierung verbundene »Personenkult« um Stalin ab 1949, der ja auch für die SED besondere Bedeutung hatte, wird zu kurz thematisiert.

Insgesamt wird aber durch die Verbindung der chronologischen Darstellung mit der Beschreibung der Strukturen (Kapitel 14) und einer bemerkenswert guten Zusammenfassung sowohl die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD, die Entwicklung der SED zur stalinistischen »Partei neuen Typus« als auch der Ausbau ihrer Diktatur unter Anleitung und Hilfe der SMAD für Sachsen detailliert nachgewiesen. Der entscheidenden Aussage im ersten Satz der Zusammenfassung ist voll zuzustimmen: »Bei der kommunistischen Diktaturdurchsetzung in Sachsen handelte es sich um einen mehrjährigen Prozeß, in dem die sowjetische Besatzungsmacht im Zusammenspiel mit den sächsischen Kommunisten in Gestalt der KPD/SED politische, soziale und wirtschaftliche Umwälzungen vorbereitete, durchführte und absicherte.«

Auch die wesentlichen Mechanismen, die Stalin zur Machtsicherung perfektioniert hatte, gehen aus diesem Band hervor. Die Rolle der Repressalien, der Verfolgung von Gegnern und »Abweichlern« – also der Terror – ist gerade aus dieser Regionaluntersuchung besonders deutlich und anschaulich zu erkennen. Die zweite der drei bekannten Herrschaftsmethoden, die »Neutralisierung« wird weniger dargestellt, weil sie hier kaum zum Thema gehört. Um so klarer und ausführlicher wird die Rolle der Ideologie als drittes Herrschaftsinstrument beschrieben, die Parteischulung. Dazu hat Schmeitzner bereits 2001 (Schulen der Diktatur) einen Bericht vorgelegt, hier wird darüber noch präziser informiert. Interessant ist, daß die Kommunisten auf der Landesebene die »marxistischleninistische« Ausbildung deutlicher und vor allem früher betrieben als auf der zentralen Ebene der Parteihochschule, wo die Tarnung der »Einheitspartei« 1947 und Anfang 1948 noch ein anderes Klima bewirkte.[6]

Mit diesem Band legen Schmeitzner und Donth ein Standardwerk für die DDR-Forschung vor, weil bis ins Kleinste die Ziele und Methoden der Kommunisten unter Führung der SMAD beschrieben werden, die zum Aufbau der SEDDiktatur führten. Manche beschönigende Legende und manche Verharmlosung dieser Prozesse, die nicht nur die SED-Geschichtsschreibung verfälschte, sondern deren brutale Durchsetzung im Sinne und im Stile Stalins auch heute noch manchmal ungern benannt werden, ist aufgrund der Quellen enthüllt. Typisches Beispiel ist etwa das Zitat aus einem Protokoll bereits vom Februar 1946, daß es »den Kommunisten gelingen müsse, in der Einheitspartei die Führungspositionen zu besetzen«. Das entsprach ganz den Vorstellungen Stalins, die Ulbricht so formuliert hatte: »Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.« Klar konstatieren deshalb die Autoren, daß die »Ausformung« der SED zu einer »Partei neuen Typus« die Rekonstruktion der kommunistischen Partei als auch die Einführung neuer »bolschewistischer Apparatelemente« bedeutete.

50 Jahre nach Stalins Tod kommt die Aufarbeitung seiner Person wie des Stalinismus gut voran. Die Öffnung vieler Archive hilft dabei – das beweisen die hier aufgeführten fünf deutschsprachigen Bücher –, unser bisheriges Wissen durch detaillierte Untersuchungen zu erweitern. Die Grunderkenntnis wird bestätigt, daß Stalin seit den dreißiger Jahren als Despot des sowjetischen Systems den Ausbau des Terror-Regimes ebenso wie den Pakt mit Hitler auch persönlich vorantrieb. Und er befahl nach 1945 die Übertragung des Stalinismus auf die osteuropäischen Länder (einschließlich der späteren DDR). Ebenso wollte Stalin weiterhin die kommunistische Weltbewegung autoritär anleiten und überwachen. Diese These wird durch die neuesten Ergebnisse der Forschung bestätigt. Im einzelnen wird nachgewiesen, wie schwerwiegend »Stalin und die Folgen« für das 20. Jahrhundert waren.

 


[1] Vgl. dazu Weber, Hermann: Zehn Jahre Historische Kommunismusforschung. Leistungen, Defizite, Perspektiven. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 50. Jg., Heft 4, 2002, S. 612ff.

[2] Vgl. Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1999, Berlin 1999, S. 39ff. Vgl. auch Weber, Hermann/Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953. Erw. Sonderausgabe, Paderborn 2001, S. 611ff.

[3] Vgl. Weber, Hermann/Bayerlein, Bernhard H.: Der Thälmann-Skandal – Geheime Korrespondenzen mit Stalin. Aufbau-Verlag, Berlin 2003.

[4] Vgl. Grant M. Adibekow: Der Apparat des Kominform (mit einer Vorbemerkung von Jan Foitzik), Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1998, Berlin 1998, S. 219ff.

[5] Vgl. Kubina, Michael: Der Aufbau des zentralen Parteiapparates der KPD 1945–1946, sowie Erler, Peter: Moskau-Kader in der SBZ, beides in: Wilke, Manfred (Hrsg.): Die Anatomie der Parteizentrale. Berlin 1998. Im Erscheinen begriffen ist die zentrale Arbeit von Heike Amos: Politik und Verwaltungsorganisation eines zentralen Machtapparates. Struktur und Arbeitsweise von Politbüro, Sekretariat, Zentralkomitee und ZK-Fachapparat der SED 1949–1963 (Speyer 2002).

[6] Vgl. dazu jetzt Hermann Weber (in Zusammenarbeit mit Gerda Weber): Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949. Berlin 2002.

Inhalt – JHK 2003

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