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Editorial

JHK 2004 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite IX-X | Aufbau Verlag

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, das 1993 von Hermann Weber an der Universität Mannheim begründet worden ist, wird mit dieser Ausgabe erstmals im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben. Der Wechsel von Mannheim nach Berlin, dem Sitz der Stiftung, ging auch mit Veränderungen im Herausgeberkreis einher. Der Bochumer Historiker und stellvertretende Vorsitzende der Stiftung Aufarbeitung Bernd Faulenbach, der Fachbereichsleiter in der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) Ehrhart Neubert und der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin Manfred Wilke bringen neue Perspektiven in den Herausgeberkreis ein. Egbert Jahn und Günter Braun, die aus dem Gremium ausgeschieden sind, sei an dieser Stelle herzlich für ihr Engagement gedankt, das sie dem Jahrbuch in der Vergangenheit haben zuteil werden lassen. Dank gilt auch der Universität Mannheim, die das Jahrbuch von 1993 bis 2003 gefördert hat. Die Stiftung Aufarbeitung konnte mit Heiko Hänsel einen versierten Redakteur gewinnen, der die Arbeit der Herausgeber sachkundig unterstützt. 

Trotz des Wechsels in der Trägerschaft zeichnen weiterhin allein die Herausgeber für die Inhalte des Jahrbuches verantwortlich. Das Jahrbuch bleibt seiner Konzeption treu, der internationalen Kommunismusforschung ein Forum für die Publikation neuer Forschungsergebnisse, herausragender Quellenfunde, biographischer Skizzen und Dokumentationen, aber auch für Kontroversen zu bieten. Die Stiftung Aufarbeitung will mit dem Jahrbuch zugleich unterstreichen, dass die

Geschichte der Diktaturen in der SBZ/DDR und in den Ländern des früheren Ostblocks in den Kontext der Geschichte der kommunistischen Bewegung einzuordnen ist. 

Die Schwerpunkte des aktuellen Bandes unterstreichen erneut die Bandbreite des Jahrbuches. In seinem Einleitungsbeitrag wirft Jean-Jacques Marie einen pointierten Blick auf die Entstehungsgeschichte des Stalinismus. Der französische Historiker stellt dabei die widersprüchlichen Merkmale des Stalinschen Systems heraus, die zur Bildung einer »bürokratischen Diktatur« in der Sowjetunion führten. Zu den Stalinschen Säuberungen 1937/38 legt Matthias Uhl eine Untersuchung zu deren Folgen in der sowjetischen Militärspionage vor. Alexander Vatlin präsentiert zwei Dokumente, die die Selbstwahrnehmung der Ausführenden des Terrors, zweier operativ tätiger NKVD-Beamter, deutlich werden lassen.

Ein Schwerpunkt der Ausgabe 2004 liegt auf der Komintern. Bernhard H. Bayerlein stellt erstmals deren gesamte organisatorische Struktur mit allen Unterorganisationen vor. Zwei Spezialstudien von Verena Moritz/Hannes Leidinger und Cosroe Chaqueri zum Wirken der Komintern in Österreich bzw. Persien ergänzen die Darstellung.

Vierzig Jahre nach dem Rücktritt Nikita Chruščevs als Erster Sekretär der KPdSU und Ministerpräsident der UdSSR zeichnet Michail Prozumenščikov mit der Veröffentlichung unbekannter Dokumente aus dem einstigen ZK-Archiv ein genaues Bild von den Ursachen und dem Ablauf des Sturzes. Das 80. Todesjahr Lenins ist Samson Madievski noch einmal Anlass, um über dessen verschiedene Gesichter nachzudenken. Den Kommunismus in Deutschland beleuchten Untersuchungen zu frühen totalitarismustheoretischen Überlegungen in der SPD im Kontext der Sozialfaschismus-»Theorie« (Bernd Faulenbach), zu kommunistischen V-Leuten bei der Gestapo (Wilhelm Mensing) sowie zur Nachkriegszeit in West- und Ostdeutschland (Heike Amos, Till Kössler und Christoph Thonfeld). Patrice G. Poutrus stellt die Anfänge des politischen Asyls in der DDR dar.

Besonderen Stellenwert genießt in dieser Ausgabe die Rubrik »Forum«, in der mehrheitlich Wortmeldungen zu Fragen der DDR-Geschichte zu finden sind. 15 Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR kritisiert Ehrhart Neubert den Umgang vieler Historiker und Publizisten mit diesem Ereignis und konstatiert bei ihnen eine Form des »Erlebnisneids«. Im Hinblick auf den 60. Jahrestag der SED-Gründung 2006 erhält der Zwischenruf Manfred Wilkes Bedeutung, der große Defizite bei der historischen Auseinandersetzung mit der einstigen Staatspartei feststellt. Hermann Weber berichtet in einer Rezension über neue Forschungen zum Trotzkismus und verweist auf die sensationelle Entdeckung Hermann Bubkes, dass das MfS den deutschen Trotzkisten Wolf V. Salus 1953 ermorden hat.

Das Jahrbuch enthält den International Newsletter of Communist Studies. Er erscheint aus Gründen des Umfangs nur in einer gekürzten Version. Die Vollversion von 95 Seiten ist im Internet abrufbar. Ein Sonderdruck kann bei der Redaktion des Newsletters bestellt werden.

 

Berlin, im Juli 2004                                                                              Die Herausgeber

 

 

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Inhalt – JHK 2004

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