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Selbstzeugnisse der Täter des Stalinschen Terrors 1937/38

JHK 2004 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 271-277 | Aufbau Verlag

Autor/in: Alexander Vatlin

Im Folgenden werden zwei Dokumente aus dem Staatsarchiv der Russischen Föderation (Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federaciji, GARF) vorgestellt und in deutscher Übersetzung dokumentiert. Sie erhellen, wie die Befehle des NKVD aus den Jahren 1937/38 über die »Massenoperationen« vor Ort, das heißt in den unteren, lokalen Strukturen der politischen Polizei, durchgeführt wurden.[1] Es handelt sich dabei um die Stellungnahmen zweier operativer NKVD-Mitarbeiter vom Dezember 1938 zu Dienstverstößen in der Kreisabteilung Kuncevo in der Zeit des Großen Terrors, die in einer Opferakte überliefert sind. 

Die Vorgeschichte ihres Entstehens sieht wie folgt aus: Der Kreis (rajon) Kuncevo des Moskauer Gebiets (oblast’), der sich direkt an die russische Hauptstadt anschloss und einen gewissen Sonderstatus genoss.[2] Dort befanden sich die Datscha Stalins und mehrere bedeutende Rüstungsbetriebe. Auch die Eisenbahnlinie, die ins westliche Ausland führte, verlief durch Kuncevo. Im Zuge der »Massenoperationen« 1937/38 wurde von den Mitarbeitern des NKVD ein wahrer Wettbewerb um die schnellste Erfüllung und Übererfüllung der Pläne für die Festnahmen von Volksfeinden entfacht. Ihre Opfer waren einfache Arbeiter, Bauern der umliegenden Dörfer, Ausländer und Menschen mit ausländischen Familiennamen.[3]

Einige wenige operative Mitarbeiter der NKVD-Kreisabteilung Kuncevo verhafteten in den neun Monaten, in denen die »Massenoperationen« durchgeführt wurden, etwa sechshundert unschuldige Bewohner des Kreises, prügelten aus ihnen belastende Geständnisse heraus und schickten sie anschließend zur Aburteilung nach Moskau. Fast die Hälfte von ihnen wurde zum Tode verurteilt und im Moskauer Vorort Butovo, gemeinsam mit 20 000 Opfern aus anderen Kreisen des Moskauer Gebietes, erschossen. Das Ausmaß der Repressionen in Kuncevo ist selbst in der Epoche des staatlichen Terrors ungewöhnlich. 

Nach dem Beschluss des ZK der KPdSU über das Ende des Terrors am 17. November 1938 begann die Jagd auf die so genannten streločniki (»Weichensteller«), wie man auf Russisch Sündenböcke in niedrigen Rängen ironisch nennt, auf die man die ganze Verantwortung für die vorherige Gesetzlosigkeit abwälzen konnte. In Kuncevo wurden der Leiter der NKVD-Kreisabteilung Aleksandr Kuznecov und sein Stellvertreter Viktor Karetnikov festgenommen. Sie hatten mit allen erdenklichen Mitteln den »Arbeitsenthusiasmus« ihrer Untergebenen und das Fälschen von Untersuchungsmaterialien gefördert.

Einzelne Mitarbeiter der Kreisabteilung – unter ihnen gab es einige, die keinerlei Beziehung zur operativen Arbeit hatten, aber zum Herausprügeln der        Geständnisse oder zur Aktenarbeit herangezogen worden waren – mussten nun nach dem Ende des Terrors in schriftlichen Erklärungen über das berichten, was sich in ihrer Behörde vom August 1937 bis zum April 1938 abgespielt hatte. Diese Dokumente sind einzigartige Quellen. Sie erlauben es, die Mechanismen der Opferauswahl, der Untersuchungen und der Verteilung der Zuständigkeiten in den lokalen Strukturen des NKVD-Apparates zumindest teilweise zu rekonstruieren. Wie neuere Untersuchungen zeigen, mussten gerade die lokalen NKVDMitarbeiter sich mit den Kontrollziffern der Repressionen abmühen, die das Stalinsche Politbüro festgesetzt hatte und die in den Befehlen des NKVD ausformuliert waren. 

Die im Folgenden dokumentierten Berichte der operativen Mitarbeiter Aleksandr Solov’ev und Aleksandr Cyganov stammen vom Dezember 1938. Zwei Umstände erscheinen erwähnenswert. Dies ist, erstens, die Tatsache, dass es sich um junge Männer handelte, die nach der Ausbildung sofort die Arbeit in den Staatssicherheitsorganen aufgenommen hatten. Sie verfügten über keinerlei Erfahrung als selbstständige Untersuchungsbeamte. Das erlaubte es der Leitung der NKVD-Kreisabteilung in Kuncevo, ihren Diensteifer in die gewünschte Richtung zu lenken. Zweitens handelt es sich bei diesen Dokumenten um Versuche der Selbstrechtfertigung, und zwar vor der übergeordneten Führung, weniger vor dem eigenen Gewissen. Statt persönliche Schuld anzuerkennen, verwies man auf den Druck von oben. Nach dem politischen Konjunkturwandel aber war jeder Akt des Widerstands gegen eben jenen Druck von oben Gold wert und wurde zum Faustpfand für die eigene Rehabilitation. Die Berichte sind deswegen auch in einem für Texte dieses Genres nicht charakteristischen umgangssprachlichen Stil gehalten. Sie sind voller Emotionen und lange unterdrückter Kränkungen. Die Verantwortung für das Geschehene wurde selbstverständlich auf die ehemaligen Vorgesetzten Kuznecov und Karetnikov abgewälzt, vor allem auf Karetnikov, der sich »nicht um die operative Arbeit kümmerte, und die ganze Zeit für sich und die ganze ehemalige Führung des Gebiets irgendwelche Vetternwirtschaft betrieben hat«.[4] Jedem, der schriftliche Erklärungen geschrieben hatte (in den Untersuchungsakten der Abteilung des Kreises Kuncevo des NKVD finden sich ungefähr 10 Berichte), stand ein Balanceakt auf des Messers Schneide bevor: Nachdem man Verstöße gegen das Gesetz vor Ort zugegeben hatte, galt es, nicht an der Gesetzmäßigkeit der »Massenoperationen« an sich zu zweifeln.

Mit Ausnahme Kuznecovs und Karetnikovs – sie wurden zu Beginn des Jahres 1939 erschossen – kamen die übrigen Vollstrecker der »Massenoperationen« in Kuncevo mit dem Schrecken davon. Solov’ev erhielt zehn Tage Arrest für das Fälschen von Zeugenvernehmungen, da man bei der Revision zu dem Schluss kam, dass er »mit seinen Handlungen keine üblen Zwecke verfolgte«.[5] Auch Cyganov setzte seine Arbeit bei den Organen der Staatssicherheit fort. Er fiel im Jahr 1943 an der Voronežer Front. 

Die Revision, die in der Kreisabteilung Kuncevo des NKVD durchgeführt wurde, führte nur zur Freilassung von ein paar Dutzend Menschen. Bei ihnen waren die Fälschungen besonders krass ausgefallen. Die Mehrheit der verhafteten Bewohner Kuncevos verblieb in den Lagern des GULAG. Per Befehl von oben wurden sie lediglich von Spionen und Diversanten zu Verbreitern »antisowjetischer Agitation« gemacht. Einmal mehr gewann das behördliche Interesse Oberhand über Bestrebungen, ein vollständiges Bild des Geschehens zu erstellen. Die Unterlagen der Revisionen, die von den höheren Organen des NKVD nach der Ersetzung Nikolaj Ežovs durch Lavrentij Berija als NKVD-Chef vor Ort durchgeführt wurden, sind für die Forschung bis heute nicht zugänglich. Die beiden vorliegenden Dokumente wurden in den Untersuchungsakten von Opfern des Terrors aufbewahrt. Diese Akten sind den staatlichen Archiven überstellt worden.

 

Dokument 1[6] 

KOPIE

 

AN DEN LEITER DER KREISABTEILUNG KUNCEVO DER VERWALTUNG DES VOLKSKOMMISSARIATS DES INNERN IM MOSKAUER GEBIET, DEN UNTERLEUTNANT DER STAATSSICHERHEIT, GENOSSEN SEMENKOV

 

Vom Assistenten des Operativen Bevollmächtigten,  dem Sergeant der Staatssicherheit SOLOV’EV.

 

BERICHT

 

Leutenant Ich arbeite seit dem Jahr 1936 in den Organen des Volkskommissariats des Innern, davor habe ich die Moskauer Milizschule abgeschlossen. Bis zum Dezember 1937 habe ich in der Abteilung des Kiever Bezirks der Stadt Moskau gearbeitet und wurde danach in die Kreisabteilung Kuncevo versetzt. Als ich nach dem Schulabschluss die eigenständige operative Arbeit aufnahm, wusste ich, dass die Partei mir eine ernste und verantwortungsvolle Arbeit anvertraut, das Entlarven von Feinden unseres sozialistischen Vaterlandes, und dass ich zu diesem Zwecke in vielen Bereichen vieles von den Genossen lernen muss, die bereits Erfahrung auf diesem Gebiet haben.

Im Laufe der Zeit, die ich in der Kiever Bezirksabteilung arbeitete, tat ich alles, um mich dem Rufe eines Tschekisten würdig zu erweisen, ich glaubte an die Sauberkeit, Ehrlichkeit und Parteilichkeit aller Genossen, die in den Organen des Volkskommissariats des Innern arbeiteten. Als ich nun aber in die Kreisabteilung Kuncevo kam, wurde ich mit Tatsachen konfrontiert, die mich zwangen, an der Ehrlichkeit und Parteilichkeit einzelner Mitarbeiter der Kreisabteilung Kuncevo zu zweifeln. Da ich mich aber noch lange nicht als vollendeten operativen Mitarbeiter sah, versuchte ich mir zunächst einzureden: »Vielleicht ist das für das Wohl der Sache notwendig?«, obwohl mir der Instinkt das genaue Gegenteil nahe legte. Februar/März 1938 begannen die Massenoperationen gegen die Nationalen, ihr Zweck war es, das Territorium der Sowjetunion von einheimischen und ausländischen Konterrevolutionären zu säubern. Die Methoden aber, mit denen dies unter der Leitung Karetnikovs im Kreis Kuncevo gemacht wurde (ich nenne Karetnikov, weil er bei dieser Arbeit im Wesentlichen den Platz des ehemaligen Leiters der Kreisabteilung Kuznecov einnahm), verletzten die gesamte revolutionäre Gesetzlichkeit der Sowjetunion grob.

Ich erinnere mich an einen Fall, der in mir den Glauben an die Richtigkeit der Handlungen Karetnikovs und Kuznecovs endgültig ins Wanken brachte: 

Eine gewisse Fedulova-Arnautovskaja war unter dem Verdacht der Spionage verhaftet worden, sie war tatsächlich sehr eng mit dem Mitarbeiter der deutschen Botschaft VIRT [dt. Wirt oder Wirth] bekannt. Dieser Fall wurde mir übertragen. Da das Material über den Untersuchungshäftling nicht schlecht war, machte ich mich mit großem Eifer an die Arbeit. Zwei Tage nach meiner Arbeit an Fedulova-Arnautovskaja ging ich zum ehemaligen Vorsitzenden Kuznecov, um ihm die Ergebnisse meiner Arbeit zu zeigen, Karetnikov war ebenfalls im Büro Kuznecovs anwesend. Nachdem Kuznecov die Protokolle laut vorgelesen hatte, lachte er mich geradezu aus und erklärte: »Das soll ein Protokoll sein? Hier, schau, solche Aussagen muss man von den Angeklagten aufnehmen«. Mit diesen Worten gab mit Karetnikov das Protokoll eines Verhörs, welches vom Angeklagten bereits unterschrieben war. Ich las dieses Protokoll mit großem Interesse und, um ehrlich zu sein, erschrak darüber, was für ein schlechter Untersuchungsbeamter ich doch noch war. Da beschloss ich, mir einmal anzusehen, wie Karetnikov eine Untersuchung führt, und als ich abends in sein Büro kam, sah ich folgendes Bild: Der Angeklagte sieht das Protokoll des Verhörs und liest es. Nachdem er das Protokoll durchgelesen hatte, weigerte sich der Angeklagte kategorisch, es zu unterschreiben, und erklärte, dass darin nicht auch nur ein Funken Wahrheit sei. Da fing Karetnikov an, den Angeklagten anzuschreien, und es endete damit, dass er begann, physische Mittel einzusetzen, das heißt den Beschuldigten zu verprügeln, um so Letzteren zu zwingen, das Protokoll zu unterschreiben. Ich blieb nicht länger im Arbeitszimmer Karetnikovs sitzen, da für mich bereits alles klar war, das heißt, ich hatte gelernt, eine Untersuchung zu führen, und ging gleich darauf zu Kuznecov und erklärte ihm, dass ich so nicht arbeiten werde. Kuznecov fing an mich zu überreden, dass »im Kampf mit den Feinden jedes Mittel recht ist und dass die Sowjetunion unbedingt von der ausländischen Spionageabwehr gesäubert werden muss«.

Trotz alledem beschloss ich, zunächst so zu arbeiten, wie es mir mein Parteigewissen vorgibt. Als ich mir aber noch einmal die Protokolle betrachtete, die die anderen Mitarbeiter (Evremov, Smirnov, Karetnikov) von den Beschuldigten aufgenommen hatten, und sah, dass die Aussagen, die die Genossen von den Beschuldigten erhielten, nicht übel waren, vergewisserte ich mich, dass sie alle die Methoden Karetnikovs verfolgten und beschloss, ihrem Beispiel zu folgen, umso mehr, als Kuznecov und Karetnikov begannen, mich schräg anzuschauen. Nachdem Kuznecov eines Tages das Protokoll eines Verhörs gelesen hatte, das ich von einem Beschuldigten aufgenommen hatte, schlug er mir vor, ein Protokoll von Karetnikov als Muster zu nehmen. Vorsorglich hat er mir aber geraten, mich nach dem Arbeitsplatz des Verhafteten und seinem Beruf zu erkundigen, um es, mit anderen Worten – so verstand ich es – so einzurichten, dass nicht ein Schuster der Sabotage auf dem Gebiet der Drechslerei beschuldigt wird. 

Die Führung des Kreisabteilung Kuncevo (Karetnikov und Kuznecov) gingen bei der Verzerrung der revolutionären Gesetzlichkeit so weit, dass sie Kontrollziffern bekannt gaben, die nicht weniger als 45–50 abgeschlossene Vorgänge in der Fünftagewoche umfassten, und zu diesem Zweck wurde vorgeschlagen, tagsüber die Protokolle zu fabrizieren und nachts die Beschuldigten zu zwingen, sie zu unterschreiben. Dieses Vorhaben und die Vorgangsakte [im russischen Original abgekürzt mit d/f] wurden umgesetzt, man begann damit, eine Liste von im Kreis Kuncevo wohnhaften Nationalen zusammenzustellen und die Verhaftungen nach dieser Liste durchzuführen. Dies ging auf Schritt und Tritt ohne rechtliche Grundlagen vor sich, die Verhaftung wurde erst danach rechtlich sanktioniert. Zur Erfüllung der »Kontrollziffer« von nicht weniger als 45–50 Vorgängen in der Fünftagewoche gründete Karetnikov Ermittlungsgruppen aus Personen, die nichts mit operativer Arbeit gemein hatten (dem Vorsitzenden des Standesamtes, dem Vorsitzenden der städtischen Feuerwehr Živov, den Reviersinspektoren!); zum Aufsetzen der Verhörprotokolle, der Anklageschriften der Häftlinge und der Pässe wurden aus fast allen Unternehmen des Kreises Kuncevo Schreibkräfte herangezogen. Kurz: Unsere Tätigkeit war enttarnt. All dies führte dazu, dass die operative Betreuung des Kreises vernachlässigt wurde, dass durch das Streben nach Quantität die Qualität vollständig vergessen wurde und es ist nicht verwunderlich, dass in der Kreisabteilung Kuncevo tatsächlich Spione, Terroristen und Diversanten ihr Unwesen trieben, dass aber nicht gegen sie ermittelt wurde und dass jeder beliebige Terrorist und Spion natürlich mit Vergnügen ein Protokoll unterschreibt, welches ihn der Schädlingsarbeit und der antisowjetischen Propaganda beschuldigt, seine echte Identität aber nicht entlarvt. 

Man kann mir die Frage stellen: Warum hast Du geschwiegen, als du so ein Chaos gesehen hast? Sicher, daran habe ich auch gedacht, aber wem hätte ich davon erzählen sollen? Razdivil’skij, Jakubovič, Sorokin? Diese Leute waren es doch, die Karetnikov und Kuznecov als Mauer dienten, die sie vor Angriffen von außen schützte. Deswegen musste ich schweigen. Als Resultat dieser Umstände begannen am 7. März bei mir Anfälle, die mich im März teilweise dienstunfähig machten.

Das ist alles, was ich über die Arbeit der Kreisabteilung Kuncevo im Februar/März 1938 sagen kann. 

 

Der Assistent des Operativen Bevollmächtigten der Kreisabteilung Kuncevo 

Sergeant der Staatssicherheit

(Solov’ev)

29. XII. 38

 

 

Dokument 2[7]

 

AUSZUG

 

AUS DEM BERICHT AN DEN LEITER DER VERWALTUNG DES VOLKSKOMMISSARIATS DES INNERN FÜR DAS MOSKAUER GEBIET, DEN HAUPTMANN DER STAATSSICHERHEIT


                                                           Genossen ŽURAVLEV

 

Vom Oberassistenten des Operativen Bevollmächtigten der Kreisabteilung Kuncevo der 

VERWALTUNG DES VOLKSKOMMISSARIATS DES INNERN 

DES MOSKAUER GEBIETS, CYGANOV

 

Nun, da ich mir die Details der Arbeit der Organe: Untersuchung, Agentur und so weiter, minimal angeeignet habe, ist für mich völlig klar, dass KUZNECOV und KARETNIKOV, die alte Führung der Kreisabteilung, in der Frage der Durchführung von Unversuchungen klare Schädlingseinstellungen und -handlungen betrieben haben:

1.         Sie haben ohne Genehmigung und ohne Vorlage belastender Materialien Verhaftungen nach einer Liste durchgeführt, was aus der beigelegten Aufstellung von Angaben ersichtlich ist,[8] auf die KUZNECOV kurz »Begründung« [spravka] geschrieben hat. Dies hieß, dass ohne Vorhandensein von Material kompromittierenden Charakters eine Begründung für die Verhaftung [spravka na arest] ausgestellt, das heißt gefälscht, werden musste, allein deswegen, weil er Pole oder Deutscher war.

2.         Von KARETNIKOV und KUZNECOV wurde die Anordnung ausgegeben, die Verhafteten während der Verhöre zu verprügeln und von ihnen allgemeine, unkonkrete Protokolle im Umfang von 2–3 Seiten aufzunehmen, was es unmöglich machte, Verbrechen vollständig aufzuklären.

Bei dieser Untersuchung sagten KUZNECOV und KARETNIKOV: »Sie müssen heute Nacht 5 Untersuchungsprotokolle abgeben«, dies war physisch unmöglich zu bewältigen.

3.         Für die Durchführung der Untersuchung wurden von KARETNIKOV und KUZNECOV Personen hinzugezogenen, die keinerlei Beziehungen zur operativen Arbeit hatten. Es wurden hinzugezogen: PETUŠKOV – Standesamt, ŽIVOV– städtische Feuerwehr, BORISKOV – Leiter der Passamtes.

Den genannten Personen übergab KARETNIKOV vorgefertigte Protokolle, mit diesen »bearbeiteten« sie dann die Häftlinge, das heißt, sie zwangen die Häftlinge, die vorbereiteten Protokolle zu unterschreiben .

4.         KUZNECOV und KARETNIKOV betrieben die Einschüchterung des operativen Personals und forderten von ihm, für Nationale Begründungen für die Verhaftung ohne kompromittierendes Material auszustellen. Auf die Weigerung, unmotivierte Haftbefehle auszustellen, erklärten die genannten Personen: »Unterschreib eine Bestätigung, dass es unter den von dir bearbeiteten Objekten keine Nationalen gibt, aber wenn du die Begründung für die Verhaftung nicht unterschreibst, und wenn sich danach noch Nationale zeigen, wirst du mit deinem Kopf dafür büßen.«

In solchen Fällen schrieb der operative Mitarbeiter eine Begründung, in der außer grundlegenden Angaben und großen Worten zur Nationalität nichts stand und die dünne Begründung wurde in der Verwaltung bestätigt, was das operative Personal erstaunte.

Es stellt sich die Frage, warum ich nun, als Arbeiter, der in der Verantwortung steht, den Kampf gegen Amtsmissbrauch zu führen, nicht dem Dienstweg gemäß Mitteilung gemacht habe. Nur wem? In der Verwaltung fragten sie wiederholt, woher die Bestätigungen der Haftbefehle kamen. Auf die Frage nach der Durchführung einer Untersuchung bekam man immer wieder nur zu hören: »Verhör nach ZAKOVSKIJ« (das heißt so prügeln, wie der Volksfeind ZAKOVSKIJ einen Häftling verprügelt hat).

Nur war ZAKOVSKIJ, wie auch JAKUBOVIČ, der Direktor der Meute, in der Führung; hätte man dem Volkskommissar und weiter der Verwaltung des Volkskommissariats des Innern im Moskauer Gebiet geschrieben, so wäre der Brief niemals abgegangen, denn bei Untersuchungen betrieb man dort reine Schädlingsarbeit. Für den Schreiber hätte dies schlimm geendet, er wäre ein »Saboteur« – so war die Atmosphäre.

Ich glaube, dass der operative Mitarbeiter SMIRNOV, der sich am 26. Februar 1938 bei uns in der Kreisabteilung erschoss, ein Ergebnis der schädlichen Atmosphäre bei der Frage der Durchführung von Verhören ist, die von Seiten KUZNECOVS und KARETNIKOVS in der Kreisabteilung der Stadt Kuncevo, ebenso aber von der höheren Führung, erzeugt wurde.

 

DER ASSISTENT DES OPERATIVEN BEVOLLMÄCHTIGTEN DER KREISABTEILUNG KUNCEVO DER VERWALTUNG DES VOLKSKOMMISSARIATS DES INNERN

DES MOSKAUER GEBIETS (CYGANOV)

 

26. XII. 38. 

 

Das Original des Berichtes befindet sich in der Untersuchungsakte Nr. 959968 von V. P. KARETNIKOV[9]

 

Übersetzung des Kommentars und der Dokumente aus dem Russischen von Christoph Gumb (Berlin)

 


[1]  Siehe zum Terror 1937/38 McLoughlin, Barry: »Vernichtung des Fremden«: Der »Große Terror« in der UdSSR. Neue russische Publikationen, in: Jahrbuch für historische Kommunismusforschung 2000/2001, S. 50–88. 

[2]  Kuncevo ist heute eingemeindet und gehört zur Stadt Moskau.

[3]  Der Autor hat kürzlich eine Studie über den Großen Terror den Jahren 1937/38 auf lokaler Ebene am Beispiel Kuncevo vorgelegt. Vatlin, Alexander: Tatort Kunzewo. Opfer und Täter des Stalinschen Terrors 1937/38, Berlin 2003.

[4]  Aus dem Bericht Gavriil Dikijs, operativer Mitarbeiter der NKVD-Abteilung des Kreises Kuncevo vom 26. Dezember 1938, Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federaciji [Staatsarchiv der Russischen Föderation, im Folgenden GARF] Fond 10035, Bestand 2, Akte P-49661.

[5] GARF, fond 10 035, Bestand 2, Akte P-26041.

[6]  GARF, Fond 10035, Bestand 2, Akte P-23556. Redaktionelle Anmerkung: Die in den Dokumenten verwendeten Abkürzungen wurden in der Übersetzung aufgelöst. 

[7]  GARF, Fond 10035, Bestand 2, Akte P-23556.

[8]  Diese »beigelegte Aufstellung von Angaben« fehlt in den Akten.

[9]  Eine Einsicht in diese Akte war nicht möglich. 

Inhalt – JHK 2004

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