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Stalin und der Stalinismus: Rückkehr zu den Ursprüngen

JHK 2004 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 11-31 | Aufbau Verlag

Autor/in: Jean-Jacques Marie

Stalin, die nationale Vergangenheit und der russische Staat

 

Der amerikanische Schriftsteller William Faulkner hat einmal geschrieben: »The past is not dead. In fact, it’s not even past.« Diese grundlegende Einsicht sollte auch jede Untersuchung zum Stalinismus bestimmen. Schon Lev Trockij hatte in seinem Buch Bolschewismus oder Stalinismus hervorgehoben: »Der Staat, den die Bolschewiki errichtet haben, spiegelt nicht nur ihr Denken und ihre Absichten wieder, sondern auch das kulturelle Niveau des Landes, die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung, den Druck der barbarischen Vergangenheit und des nicht weniger barbarischen Weltimperialismus. […] Die Eroberung der Macht, wie wichtig sie auch immer ist, macht aus der Partei keinesfalls den allmächtigen Herrscher über den historischen Prozess. Gewiss kann die Partei, wenn sie erst einmal die Staatsmacht in der Hand hat, in bisher nie da gewesener Weise auf die Entwicklung der Gesellschaft einwirken, sie selbst ist dann allerdings dem Handeln aller anderen Glieder der Gesellschaft in besonderer Weise ausgesetzt.«[1] Wenn Marx schreibt, dass die Traditionen der vorangegangenen Generationen das Gehirn der neuen zerstören, dann bezieht er sich nicht nur auf den ideologischen Ballast (Riten, Bräuche, Überzeugungen, Aberglauben, Sitten), sondern auf das gesamte Erbe, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, angefangen beim Staat und seinen diversen Apparaten, die im Lauf von Jahrhunderten entstanden sind.

Der ehemalige Gulag-Häftling Zubkaninov, der für zehn Jahre nach Vorkuta verschleppt wurde und der in seinem Leben nicht eine Zeile von Trockij gelesen hat, unterstreicht es auf seine Weise, wenn er in seinen kürzlich erschienenen Erinnerungen schreibt: »Im Laufe der russischen Geschichte wurden immer wieder, wenn es um die Eroberung von Gebieten ging, einzelne Menschen zu diesem Zweck ihrer Freiheit und Menschenrechte beraubt und zwangsweise dorthin geschickt. So vollzog sich die Kolonisierung von Sibirien, so hat Peter I. die Stadt Sankt Petersburg mit seinen Festungen und Kanälen gebaut, so wurden die Fabriken im Ural errichtet. Diesbezüglich und in vielerlei anderer Hinsicht hat Stalin lediglich die historischen Traditionen des zaristischen Russland fortgesetzt. Das Ausmaß des von ihm geschaffenen Polizeisystems erweiterte lediglich die Möglichkeiten der Zwangskolonisierung auf ganz ungewöhnliche Weise […].«[2]

Dieser These kann nur ein einziger kohärenter Standpunkt gegenübergestellt werden, nämlich jener, den Martin Malia vertritt, wenn er sagt, dass die UdSSR eine Welt war, »in der die Ideologie und der politische Apparat den Unterbau und nicht den Überbau gebildet haben«, und in der »die sozio-ökonomische Organisation eine sekundäre Ableitung einer Basis war, welche von der Partei gebildet wurde«.[3] Mit einem Wort: das Wirtschaftliche und das Soziale waren von der Ideologie abgeleitet, die man also wörtlich und sehr ernst nehmen muss. 

Übersetzen wir diese Ansicht in sehr konkrete Begriffe. Stalin führte Ende 1929 eine brutale Kollektivierung der Landwirtschaft durch, nicht etwa weil er seit Januar 1928 zunehmend in Zugzwang geriet (etwa durch die Hortung von Getreide durch die Bauern, wegen der Erhöhung der Importpreise für Getreide, auch nicht weil die Existenz von 25 Millionen bäuerlichen Familienbetrieben, von denen drei Viertel autark lebten und fast keinen kommerzialisierbaren Überschuss erzeugten, eine Bremse für die notwendige Entwicklung der Industrie darstellte), sondern aus ideologischer Überzeugung. Der Sozialismus – den Stalin angeblich errichten wollte – setzte die Kollektivierung der Landwirtschaft voraus.

Allerdings war Stalin im Jahr 1906 einer der wenigen Bolschewiki, die sich gegen die Verstaatlichung der Landwirtschaft und für die Aufteilung der Felder ausgesprochen haben. Auch hat Stalin Bucharins probäuerliche Politik von 1923 bis 1928 kontinuierlich unterstützt und im Jahr 1928 wiederholt geäußert, dass der bäuerliche Privatbesitz noch eine lange Zukunft habe. Der Staat musste eine garantierte Mindestmenge Getreide zu seiner Verfügung haben, um die Städte, die wachsende industrielle Arbeiterschaft und die Armee zu ernähren, auch um zu exportieren und schließlich, um Wodka zu destillieren. Trotz der lang anhaltenden Opposition Trockijs gegen diese Maßnahme hat Stalin im Jahr 1924 die von den Bolschewiki 1918 verbotene Herstellung von Wodka wieder erlaubt und zugleich das staatliche Monopol für Wodka-Herstellung wieder errichtet. Damit nahm er eine alte zaristische Tradition wieder auf, die Sergej Vitte 1892 eingeführt hatte, Finanzminister und nach der Russischen Revolution von 1905 Premierminister Nikolajs II. Vitte sah im Wodkaverkauf ein ausgezeichnetes Mittel, die Industrie zu finanzieren und die Bevölkerung zu verdummen. Stalin ließ es selbst in den Jahren der ärgsten Hungersnot den Wodkabrennereien niemals an Getreide fehlen. Er empfand auch niemals die geringste Notwendigkeit, dieser rein auf das Budget zielenden Maßnahme irgendeine »marxistisch-leninistische« Bemäntelung zu verleihen.

Will man Martin Malias These folgen, muss man die Augen davor verschließen, in wie vielen Fällen Stalin zaristische Traditionen wieder aufgenommen hat (wie etwa den 1932 wieder eingeführten Pass für Inlandsreisen), deren Aufzählung viel zu lang wäre. Als das Politbüro 1939 beschloss, das Schlangestehen vor Läden zu verbieten und harte Strafen gegen alle zu verhängen, die dem zuwiderhandelten, hatte diese Maßnahme keinerlei ideologische Begründung, genauso wenig wie die arbeiterfeindlichen Gesetze von 1940. Das Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 27. Juni 1940, das den Arbeitstag von sieben auf acht Stunden und die Arbeitswoche von sechs auf sieben Tage verlängerte, war eine Maßnahme im Hinblick auf den bevorstehenden Krieg, die nicht den geringsten ideologischen Inhalt hatte und die ganze Last der Arbeiterklasse aufbürden sollte. Dasselbe gilt für den Erlass »Im Zusammenhang mit dem Übergang zum Arbeitstag von acht Stunden«, der damit einherging. Er erhöhte die Arbeitsnormen und senkte den Lohn.

Was nun die Konzentrationslager angeht, die eine der Säulen des stalinistischen Systems waren, so haben sie in den Zwanzigerjahren eine kurze Zeit lang Konzepten europäischer und russischer Reformer des Strafwesens entsprochen, nach denen die reine Freiheitsstrafe ersetzt werden sollte durch eine »Umerziehung durch Arbeit«[4]. Seit 1929 wurde die systematische Ausdehnung und Erweiterung des Lagersystems in internen Texten jedoch als bloße Reaktion auf ökonomische und repressive Notwendigkeiten dargestellt.[5] Einzig die 103 Schriftsteller, die, versorgt mit Kaviar, Champagner und Wodka, gemeinsam mit Maksim Gor’kij eine Reise von der Ostsee zum Weißen Meer auf einem Kanal unternahmen, der von Häftlingen gebaut worden war, taten so, als glaubten sie an die umerziehende Tugend der Zwangsarbeit, obwohl der Kanal so gut wie unbenutzbar war.[6] Und muss man wirklich hinzufügen, dass die antisemitische Kampagne, die Stalin ab 1948 organisierte, keinerlei Bezug zu der Ideologie hatte, auf die er sich berief, und die ebenfalls nur eine Wiederaufnahme einer alten zaristischen Tradition war, die unter dem dumpf antisemitischen Nikolaj II. besonders intensiv war?

Die ideologische Bemäntelung derartiger Kontinuitäten ist ihrerseits auch nur die Fortführung einer jahrhundertealten Tradition der alten monarchischen und bourgeoisen Systeme. So haben alle Krieg führenden Parteien von 1914 ihren Waffengang um eine neue Aufteilung der Welt als einen noblen Kampf zur Wahrung von Recht, Gerechtigkeit und Demokratie dargestellt. Und die Bischöfe und Pastoren aller Seiten haben mit großer Gewissheit behauptet, dass Gott (derselbe für alle) auf Seiten ihrer Armee, ihres Staates, ihrer Kanonen, ihrer Kugeln und ihrer nationalen Bajonette stünde. So nützlich ist die Rolle der Ideologie im Dienst der Camouflage. Sie ist im Allgemeinen nur ein propagandistischer Nebelvorhang, der die Bevölkerung täuschen soll.

Der Schriftsteller Vladimir Solouchin kommt der Realität des Stalinismus viel näher als Malia und ähnliche Autoren, wenn er die Anzeichen für das anführt, was er als eine Tendenz zur Wiederherstellung der Monarchie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg darstellt. Die Wiedereinführung des Zarentums hat Stalin natürlich nicht im Sinn gehabt, aber die Indizien für ein systematisches Anknüpfen an zaristische Traditionen sind bereits vor dem Zweiten Weltkrieg offensichtlich.[7]

 

Die Oktoberrevolution und die Perspektiven eines autoritären Regimes 

 

Der Stalinismus wirft andere Fragen auf als die des Primats der Ideologie oder des prägenden Gewichts der nationalen Vergangenheit in einem Land, in dem die Revolution marginal blieb, in einem rückständigen Land, in dem dieses Gewicht natürlich besonders groß war.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion stellen sich viele die Frage: war die Oktoberrevolution, wie es damals schon die Menschewiki behauptet haben, eine Vergewaltigung der Geschichte, ein Versuch, ihren Rhythmus und also ihre Natur zu bezwingen? Hat Gor’kij nicht Lenin und Trockij in seinen Unzeitgemäßen Gedanken davor gewarnt, sich nur durch Terror behaupten zu können, was unabsehbare Folgen zeitigen würde.[8] Ähnlich argumentierten die rechten Bolschewiki, die Anhänger einer Koalitionsregierung um jeden Preis waren. Wie der Schlaf der Vernunft Monster gebiert, so konnte dieser künstliche Versuch, die in den Augen Gor’kijs und der rechten Bolschewisten unabdingbaren Etappen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung zu überspringen, nur permanente Gewalt erzeugen, die unvermeidlich war, um einer Gesellschaft, die dazu nicht bereit war, »sozialistische« Umgestaltungen aufzuzwingen. Diese permanente Gewalt mündete in eine exzessive Entwicklung der politischen Polizei, in eine gewaltsame Kollektivierung mit ihren Millionen Toten, in den Totalitarismus, den Gulag und die Zwangsarbeit. Und diese dem normalen Ablauf der Geschichte angetane Gewalt habe schließlich den Zusammenbruch der Sowjetunion unvermeidlich gemacht, sobald die Gesellschaft stark genug war, dieses künstlichen Korsett abzustreifen. Der Stalinismus wäre, mit einem Wort, die logische Fortführung und organische Entfaltung jener Gewalt, welche der triumphierende Bolschewismus 1917 der Geschichte angetan hätte. Und die Geschichte wäre nach 70 Jahre langen Krämpfen endlich gerächt, indem sie ihre Vergewaltiger und deren Nachfahren weggefegt hätte.

Das Verführerische dieser Sichtweise liegt darin, dass der Ablauf der Ereignisse ihr Recht zu geben scheint: Der Stalinismus ist in der Tat eine monströse Fehlentwicklung. Die Hungersnot von 1932/33 mit ihren sieben Millionen Toten, der Mechanismus der permanenten Säuberungen, der die Partei 1936 bis 1938 dezimierte, die Hexenprozesse in Moskau und anderenorts, die im November 1948 begonnene antisemitische Kampagne und die nachfolgende angebliche »Verschwörung der Weißen Kittel« sowie schließlich der Zusammenbruch der Sowjetunion, all dies scheint diese Analyse zu bestätigen. 

Auf dem Zweiten Kongress der Sowjets hatte Trockij Julij Martov und dessen Genossen auf den Müllhaufen der Geschichte verabschiedet, die daraufhin den Saal verließen. Haben also die ideologischen Erben dieser verblichenen Menschewiki (die Sozialdemokraten) nicht Recht, wenn sie heute ihre Väter aus diesen Mülltonnen wieder hervorholen, in die sie Trockij geschickt hatte, und heute triumphal mit ihren einstigen Warnungen drohen: Sie haben es Euch doch gesagt!

Sie hatten es vorhergesehen!

Diese Analyse stößt sich an einer unleugbaren Tatsache und an einer Methodenfrage. Zuerst die banale und zugleich unbestreitbare Tatsache: die Russische Revolution war nicht das Ergebnis des ausgereiften politischen Plans einer Gruppe von Berufsrevolutionären, sie war das Resultat des Ersten Weltkriegs. Schon lange vor seinem Tod hatte Innenminister Piotr Durnovo Zar Nikolaj II. gewarnt: wenn sich Russland in den Krieg hineinziehen lässt, dann könne es dessen Belastungen nicht ertragen und würde eine Revolte der Arbeiter und Bauern hervorrufen, welche die extremistischen Parteien ausnützen würden, um das Regime zu stürzen. Die Hofkamarilla hörte weder auf diese Warnung noch auf die von Rasputin. Der Krieg untergrub allmählich, aber unaufhaltsam die alte Ordnung des Zarenreichs, das nach dem ersten Ansturm im Februar (März) 1917 zusammenbrach. Die Provisorische Regierung sprach ihr eigenes Todesurteil, als sie den Krieg fortsetzte und damit jene Spannungen verschärfte, die zum Einsturz des Reiches geführt hatten. Sie schuf schwächliche Institutionen ohne wirkliche Macht (Demokratische Konferenz, Vorparlament, Direktorium) und brach schließlich jämmerlich zusammen, von allen aufgegeben außer von einem kleinen Kreis demokratischer Intellektueller, deren soziales Gewicht im damals schwer erschütterten Russland lächerlich gering war. Im August 1917 erklärte der Anführer der liberalen Monarchisten Pavel N. Miljukov: »Das Leben wird die Gesellschaft und die Bevölkerung dazu bringen, die Unvermeidlichkeit eines chirurgischen Eingriff zu verstehen«; und er fügte hinzu: »Russland hat nur noch die Wahl zwischen Kornilov und Lenin«[9], das hieß, zwischen der Militärdiktatur und der Revolution. Damit stellte er einen Zustand fest, der ihn allmählich dazu brachte, sich auf die Seite von Lavr Kornilov zu stellen, dessen Scheitern dann bedeutete, dass es nunmehr zwischen Lenin (und den Bolschewiki) und dem Chaos zu wählen galt, der galoppierenden Anarchie und dem rasanten Verfall des einstigen Reiches in Regionen und Fürstentümer, was die an die Macht gekommenen Bolschewiki mit allen Mitteln bekämpfen mussten.

Die Oktoberrevolution war weder ein Putsch noch ein Handstreich; sie war die politische Fortführung oder vielmehr die politische Übersetzung einer Massenbewegung der Arbeiter, Bauern und Soldaten, die die zaristische Gesellschaftsordnung umstießen, die gegen die Güter der Großgrundbesitzer, den Zarenhof und die Kirche anrannten, die sich der Fortsetzung des Krieges widersetzten und zu diesem Zweck massiv die Machtergreifung der Sowjets unterstützten, die sie als ihre Institution ansahen. Diese Massen wollten alles beiseite fegen, was sich diesem Ziel entgegenstellte. Der christliche Monarchist Oleg Volkov, dessen Vater Leiter einer großen Waffenfabrik war, erinnerte sich: »Aus den Tiefen der Massen stieg etwas Furchterregendes auf, das Erinnerungen an die Bauernaufstände weckte, wie sie unsere Vorfahren erlebt hatten.«[10] Zu seinem Vater sagte damals ein Bankier: »In Russland bricht ein Brand aus, neben dem die Revolte von Pugačev, die Bauernkriege oder 1793 wie unbedeutende Unruhen erscheinen werden.«[11] Es handelte sich sehr wohl um eine aus den Tiefen der Massen gekommene Bewegung, die sich gegen ein verhasstes soziales und politisches Erbe richtete. Die Bolschewiki haben sie nicht hervorgerufen, sie haben sie begleitet, um sie zu organisieren und ihr ein politisches Ziel zu geben, ohne das sie sich erschöpft, zerstreut, verflüchtigt hätte.

Kornilov hat die Militärdiktatur, die er errichten wollte, in einer Weise definiert, die aus ihr die erste Form eines vollendet faschistischen Programms gemacht hätte, wenn er sagte: »Selbst wenn wir halb Russland niederbrennen und das Blut von drei Viertel seiner Bevölkerung vergießen müssen, dann werden wir es tun, wenn es nötig ist, um Russland zu retten.«[12] Kornilov vermittelt einen ersten Eindruck von dem Faschismus, dem die Niederlagen der Revolution in Italien und Deutschland und schließlich in Spanien kräftigen Auftrieb geben sollten. In Worten ging er damit weiter als jeder Mussolini, Salazar oder Franco. Die Niederlage der Russischen Revolution hätte also sehr wahrscheinlich die erste Abart des europäischen Faschismus hervorgebracht, der hochgerüstet aus der Asche der besiegten Revolutionen entstehen sollte. Dieses »Programm«, das Kornilov, der 1918 von einer Granate der Bolschewiki getötet wurde, nicht umsetzen konnte, spiegelt noch mehr als seine Brutalität das soziale Chaos wieder, das durch den Zerfall des Reiches hervorgerufen und durch die Fortführung des Krieges unter der Provisorischen Regierung verschärft wurde. Die Bolschewiki erbten also eine Lage, die Lenin im September 1917 als »bevorstehende Katastrophe« beschrieben hatte, die zwar den Bolschewiki den Weg zur Macht ebnen würde, die aber durch diese Machtergreifung weder gestoppt noch gemindert werden könne; sie schüfe nur die politischen Bedingungen, sich ihr zu stellen: das Dekret über den Grundbesitz, das Dekret über den Frieden sowie die folgenden demokratischen Reformen, darunter die Trennung von Kirche und Staat, die den Zorn der orthodoxen Kirche hervorrief.

Zu den Verletzungen des Realen und Rationalen und zu den Kennzeichen der Utopie zählen viele Historiker die Weltrevolution, denn für die Bolschewiki war die Russische Revolution ja nur ein Glied in einer Kette. Eine Weltrevolution wäre aber, so diese Historiker, pure Illusion gewesen. Lenin und die Bolschewiki wären einem eitlen Traum aufgesessen, der sich unvermeidlich in einen Alptraum verwandeltn musste. Doch die Russische Revolution war, und das ist unbestreitbar, das Resultat des europäischen Krieges von 1914. Sie reihte sich ein in eine Kette europäischer, ja weltweiter Ereignisse. Lenin unterstrich dies schon im August 1917 im Vorwort zur ersten Ausgabe von Staat und Revolution: »Diese ganze Revolution kann nur verstanden werden, wenn man sie als das Glied in einer Kette proletarisch-sozialistischer Revolutionen sieht, die durch den imperialistischen Krieg hervorgerufen wurden.«[13] Winston Churchill erklärte 1918, die europäische und auch die englische Lage resümierend, der Kontinent müsse zwischen den Hunnen (den Deutschen) und den Bolschewiki wählen. Georges Clemenceau wollte die Ausbreitung des Bolschewismus auf ganz Westeuropa verhindern, wofür man sich, nach seinen Worten, mit den Hunnen (den Deutschen) verbünden könne, um der bolschewistischen Pest Einhalt zu gebieten.

Im selben Jahr 1918 verfasste Rosa Luxemburg im Gefängnis ihre berühmte Broschüre über die Russische Revolution, in der sie das Verdienst der Bolschewiki gerade darin sah, diese Perspektive gewählt zu haben: »Daß die Bolschewiki ihre Politik gänzlich auf die Weltrevolution des Proletariats stellten, ist gerade das glänzendste Zeugnis ihres politischen Weitblicks und ihrer grundsätzlichen Treue, des kühnen Wurfs ihrer Politik.«[14] Und weiter: »In dieser letzten Periode, in der wir vor entscheidenden Endkämpfen in der ganzen Welt stehen, war und ist das wichtigste Problem des Sozialismus, geradezu die brennende Zeitfrage, nicht diese oder jene Detailfrage der Taktik, sondern: die Aktionsfähigkeit des Proletariats, die revolutionäre Tatkraft der Massen, der Wille zur Macht im Sozialismus überhaupt. In dieser Beziehung waren die Lenin und Trotzki mit ihren Freunden die ersten, die dem Weltproletariat mit dem Beispiel vorangegangen sind, sie sind bis jetzt immer noch die einzigen, die mit Hutten ausrufen können: ich hab’s gewagt! Dies ist das Wesentliche und Bleibende der Bolschewiki-Politik. In diesem Sinne bleibt ihnen das unsterbliche geschichtliche Verdienst, mit der Eroberung der politischen Gewalt und der praktischen Problemstellung der Verwirklichung des Sozialismus dem Proletariat vorangegangen zu sein und die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit in der ganzen Welt vorangetrieben zu haben.« Zugleich aber, eben aufgrund dessen, was sie als Manko des deutschen Proletariats bezeichnet, zweifelte sie am Erfolg der Russischen Revolution und fügte hinzu: »In Rußland konnte das Problem nur gestellt werden.«[15], jedoch, wie sie es unterstellt, nicht gelöst. Es konnte nur dadurch einer Lösung zugeführt werden, daß die Revolution in anderen Ländern ausbrechen würde, vor allem in den großen Industrieländern, das hieß, es konnte nur im internationalen Maßstab gelöst werden. Dies wurde es nicht. Gleichwohl handelte es sich hierbei nicht um ein imaginäres Problem. Doch in den wichtigsten Ländern, in denen es sich stellte (in Deutschland, Italien, Spanien, Ungarn, aber eben vor allem in Deutschland), hatten die Bourgeoisie und ihre verschiedenen Instanzen die Lehren aus der Russischen Revolution gezogen, in diesen Ländern gab es, als die revolutionäre Krise ausbrach, keine Partei, die sie zu einer Machtergreifung hätte nutzen können.

 

Die Krise und der Aufstieg des Apparats

 

Ihre Isolation hat also die Russische Revolution erstickt. Außerdem hat der zerstörerische Bürgerkrieg, der die systematische Zentralisierung des gesamten wirtschaftlichen und sozialen Lebens nötig machte, dazu geführt, dass man die vitalen Probleme der siegreichen Revolution, angefangen mit der Versorgungslage, durch Gewalt lösen wollte. Dadurch wurde der alte Staatsapparat erhalten und verstärkt, von dem Lenin in Staat und Revolution behauptet hatte, dass seine Zerstörung eine notwendige Bedingung des Übergangs zum Sozialismus wäre. Zwischen dem beibehaltenen Staatsapparat und den Spitzen der Partei hat sich bald eine Osmose gebildet, gefördert durch die Verschmelzung von Staat und Partei.

In seinem Brief vom 30. Dezember 1922 über die »Frage der Nationalitäten oder der Autonomie« stellte Lenin mit ohnmächtiger Wut fest: »Wir bezeichnen einen Apparat als den unseren, der uns in Wahrheit völlig fremd ist und ein Kuddelmuddel von bourgeoisen und zaristischen Elementen darstellt, die wir in fünf Jahren nicht zerstören konnten ohne die Hilfe anderer Staaten, während militärische ›Übungen‹ und der Kampf gegen die Hungersnot vorherrschten.« Sodann kritisierte er »den authentischen Russen, den Großrussen, den Chauvinisten, den Schurken und Unterdrücker, der im Grunde der typische russische Bürokrat ist.« Mit einem Pessimismus, dem die Zukunft Recht geben sollte, fügte er hinzu: »Es unterliegt keinem Zweifel, dass die unbedeutende Masse sowjetischer oder sowjetisierter Arbeiter in diesem Ozean aus großrussisch-chauvinistischem Pöbel untergehen wird wie eine Fliege in der Milch.«[16]

Die Arbeiter- und Bauerninspektion, die Lenin 1919 schuf, um den Staatsapparat zu kontrollieren und dessen Ausbreitung zu verhindern, und die Stalin fortführte, wurde selber zu einer der Metastasen dieses Apparats, der sich wie ein Krebsgeschwür ausbreitete.

Gleich nach dem Bürgerkrieg musste die Partei eine ausgeblutete und gelähmte Gesellschaft am Leben erhalten, die sich vor allem um Essen, Kleidung und Heizmaterial sorgte. Sie musste allgegenwärtig sein und sämtliche Funktionen eines politischen, wirtschaftlichen, administrativen, sozialen und militärischen Apparats erfüllen. Diese Vervielfachung der Aufgaben erklärt ihr zahlenmäßiges Anwachsen und das stete Aufblähen des Apparats, der nun keine Politiker, Tribune oder revolutionären Agitatoren mehr brauchte und auch keine Kommandanten und Befehlshaber von Schwadronen des Bürgerkriegs, sondern Redakteure, Buchhalter, Verwaltungsbeamte, die rechnen, kontrollieren, beaufsichtigen, anleiten, erlauben oder verbieten, einen Bericht, einen Gegenbericht oder ein Synthesepapier schreiben, dazu Informanten, welche die Stimmungslage der Bevölkerung erkunden konnten. All diese Männer und Frauen, die in ihren Büros saßen, sahen bald in der Papierflut der Berichte die wesentliche Aufgabe eines Parteimitglieds, und wer diese Arbeit durch endlose Diskussionen behinderte, galt rasch als Störenfried, wenn nicht als Saboteur. Die Parteileitung bestätigte sie schnell in dieser Haltung, und schon bald sollte die Verbesserung ihres Status als erste Aufgabe des »Sozialismus« gelten.

Zehntausende ehemalige zaristische Beamte, einstige Mitglieder antibolschewistischer Parteien, demobilisierte Offiziere, mittlere Parteikader, die im Verlauf des Bürgerkriegs in Führungspositionen aufgerückt waren, bildeten nun das Skelett des wuchernden Apparats. In Zeiten revolutionärer Umwälzungen, in denen die Massen auf den Plan treten, sind Apparate notwendig marginal, in Perioden der Stabilisierung oder der Ermüdung nehmen sie allerdings einen vorrangigen Platz ein. Es wurde der große Trumpf des Generalsekretärs Stalin, der den Apparat ausbaute und so die Anzahl der Kommando- und Kontrollfunktionen vermehrte. So schuf das Zentralkomitee am 6. Juni 1922 die Zentrale Zensurbehörde (Glavlit), die in jede der elf Teilrepubliken hineinwirkte. Die Glavlit hatte drei Sektionen in der Ukraine (Kiev, Odessa und Charkov), von denen jede die Schaffung von einem Dutzend Posten nach sich zog, für Referenten, Vertreter und Sekretäre. Der Glavlit stand eine Kontrollkommission für Spielpläne mit drei Mitgliedern zur Seite, dazu Vertreter von fünf staatlichen Organen (darunter die GPU), die ihrerseits auch in die einzelnen Republiken hineinwirkten. Diese Wucherung vermittelt einen Eindruck vom permanenten Ausbau des Apparats, vor allem, weil die Glavlit nur einer seiner bescheidensten Zweige war. In manchen Unternehmen war die Anzahl der Buchhalter Mitte der Zwanzigerjahre sieben bis fünfzehn Mal höher als vor dem Krieg. Nach fünf Jahren der Erschütterungen strebte dieser Apparat nach Ruhe. Er benötigte also einen Chef, der ihm eine friedliche Ausnutzung des Sieges garantierte, die nur störenden endlosen Diskussionen unterband, ihnen Zeit ließ und den Verantwortlichen somit erlaubte, spürbare und dauerhafte Wohltaten einzustreichen.

Die schnelle Fusion von Staat und Partei erzeugte ihrerseits zunächst die Koexistenz und sodann die Verschmelzung dieses Apparats aus proletarischen Ursprüngen mit den noch lebensfähigen und funktionierenden Überbleibseln der alten zaristischen Bürokratie. Dies führte zur Wiederaufnahme und Fortsetzung von Verhaltensweisen und Routinen, von Herablassung und Korruption, welche Anatole Leroy-Beaulieu schon 40 Jahre zuvor wie folgt beschrieben hatte: »Unwissenheit, Faulheit und Routine sind die Mängel der russischen Bürokratie, ihr großes Laster aber ist die Käuflichkeit. Von Peter dem Großen bis zu Alexander III. waren die Verwaltung, die Finanzen, die Armee, alle öffentlichen Dienste der Bestechung, dem Betrug und allen Arten von Korruption ausgesetzt. […] Beim Volk gilt die Redensart, dass in Russland jedermann stiehlt, und selbst Christus würde stehlen, wenn man ihm nicht die Hände ans Kreuz genagelt hätte. […] Wie ein Gift oder ein im ganzen Körper der Gesellschaft ausgebreiteter Virus hat die Korruption der Verwaltung alle ihre Mitglieder befallen, alle Funktionen beeinträchtigt, alle Kräfte untergraben.«[17] Käuflichkeit und Bestechung waren ein organischer Teil des russischen Staats seit dessen Ursprüngen. Die stalinistische Bürokratie setzte diese Tradition nur fort.

Dieser Staat, eingekeilt zwischen Bedrohungen aus dem Osten (Mongolen, Tartaren) und noch schwerwiegenderen und dauerhafteren Bedrohungen aus dem Westen (Litauen, Polen, Deutschland, Schweden) war als eine Militärmaschinerie errichtet worden, welche die wesentlichen Einnahmequellen der Nation aufbrauchte (im 18. Jahrhundert waren 60 bis 70 Prozent des Budgets den Ausgaben für Heer und Flotte vorbehalten). Er bremste also die wirtschaftliche Entwicklung (außer auf Gebieten, die für die Armee von Bedeutung waren wie die Gießereien im Ural), die soziale Ausdifferenzierung und die Entstehung einer nationalen Bourgeoisie. Es war im Wesentlichen ein auf Zwang angelegter Apparat. Niemals sollte Russland das Entstehen einer Bourgeoisie erleben, die sich als Dritter Stand konstituieren und behaupten konnte, um die ganze Nation und deren Interessen zu vertreten. Die parasitäre Natur der Haushaltsausgaben verlieh der Militärkaste den ersten Rang im Staatskorps, die eifrig ihre Privilegien und Pfründe verteidigte und unfähig war, ihre Partikularinteressen als (wenn auch pervertierte) Allgemeininteressen auszugeben. Stalins Sowjetunion führte diese mehr als dreihundertjährige Tradition fort. Im Russland Nikolajs I. wie in der Sowjetunion Stalins oder Breschnews handelte das Funktionärskorps wie ein gigantischer parasitärer Mafia-Apparat. Dies entsprach dem Bild eines Clan-Staats, in dem Gruppeninteressen das (ungeschriebene) oberste Gesetz bilden, das sich in Ukasen und in Willkürakten konkretisiert.

Die Zwanzigerjahre wurden bestimmt von der Verschmelzung dieses Apparats und des Parteiapparats. Der neue Apparat bildete die spezifische Schicht oberhalb der Masse und der arbeitenden Bevölkerung. Er schloss dabei feudale Clanstrukturen der moslemischen Republiken und der Länder des Kaukasus mit ein. Der Bürgerkrieg sah das Entstehen von Privilegien und Erscheinungen von Korruption, Bereicherung und Veruntreuung, von Elend und Hungersnot. Diese Phänomene waren unvereinbar mit den ureigenen Traditionen der bolschewistischen Partei und der, wenn auch nachlassenden, Mobilisierung der Massen. Sie konnten sich jedoch noch nicht in ein System transformieren. So wurde die 1918 von Vladimir Bonc-Bruevič, dem Verantwortlichen für die Verwaltung des Rats der Volkskommissare, eingerichtete Kooperative, die gewissen Bewohnern des Kreml und ihren Familien eine regelmäßige und angemessene Versorgung sichern sollte, in der Zeitung der Moskauer KP Kommunar öffentlich kritisiert. BoncBruevič wurde vor das Exekutivkomitee der Moskauer Partei zitiert, dort heftig gescholten und gezwungen, diese Kooperative für Privilegierte wieder aufzulösen.[18] Gewiss verliefen nicht alle derartigen Vorfälle in dieser Weise, und die Schwester von Nikolaj Muralov, dem Kommandanten der Moskauer Garnison, kritisierte 1920 bitter, aber folgenlos das Verhalten der Kommunisten in Odessa: »Das Wort Kommunisten bezeichnet hier Leute, die vor allem gut leben, genug zu essen haben, nichts tun, viel trinken, sich nicht genieren, sich öffentliche Güter anzueignen und die zur Gewalt, zur Peitsche oder zu Fausthieben greifen, um das kleinste Problem zu regeln.«[19] Unter diesen Emporkömmlingen, die in der Tat eine schwärende Wunde bildeten, rekrutierten sich später die stalinistischen Parteikader, vorläufig aber waren sie noch nicht die Partei. Es brauchte Jahre, die Niederlage der linken Opposition und die wiederholten Parteisäuberungen, bevor die zynischen Profiteure, die jede Revolution wie Schaum nach oben spült, das Gerüst der Partei bildeten.

Während der Krankheit Lenins erließ Stalin im Juli 1922 eine Maßnahme, die ihm die Anhänglichkeit von Tausenden mittlerer Parteikader sicherte. Für etwas mehr als 15 000 von ihnen legte er die Bezahlung fest. Parteisekretäre der Regionalkomitees erhielten einen Lohn von 43 Goldrubeln im Monat, die Bezahlung für Parteikader, die drei oder mehr Kinder hatten, wurde verdoppelt. Ebenfalls verdoppelt wurde die Entlohnung für Überstunden am Abend oder an Feiertagen. Das machte eine Bezahlung aus, die fünf- bis sechsmal so hoch war wie die eines durchschnittlichen Arbeiters. Zu diesen kumulierbaren Zuschlägen kam eine Entlohnung in Naturalien (paëk), abhängig von der jeweiligen Stellung im Apparat, wozu Fleisch, Zucker, Butter, Zigaretten und sogar Streichhölzer gehörten, sämtlich Mangelwaren in dieser Notzeit.

Diese Privilegien waren strikt an die Funktion gebunden und gingen mit ihr verloren. Die Sonderabteilung des Sekretariats des Zentralkomitees ernannte, versetzte, entließ nach ihrem Gutdünken. Das Politbüro griff in diese Entscheidungen nicht ein, höchstens ausnahmsweise. Dessen Sekretariat, das aus etwa 20 Personen bestand, wurde ebenfalls vom Sekretariat des Zentralkomitees ernannt. Stalin und seine beiden Sekretäre, der getreue Ivan Tovstucha und der argwöhnische Lev Mechlis, waren hier die absoluten Herren.

In der Begeisterung der Revolution oder in den tragischen Stunden des Bürgerkriegs, in dem der Kommissar von heute niemals wusste, ob er nicht morgen von den Weißen gehenkt oder von den Grünen erdolcht würde, äußerte jeder seine Meinung, protestierte und kritisierte. Von nun an riskierte ein Kader nicht mehr sein Leben im Namen einer ungewissen Zukunft, sondern seine privilegierte Stellung und das Leben seiner Familie. Nun musste er es sich zweimal überlegen, ehe er im falschen Sinne votierte. Diese Kohorte von 15 000 Parteikadern, die von allen oder einem Teil der oben genannten Privilegien profitierte, sollte wie ein Block hinter dem Mann stehen, der ihnen diese auf Dauer gewährte. Auf dem 14. Parteitag im Dezember 1925 warfen Anhänger Stalins einem Anhänger Zinov’evs vor, er hätte folgendes geäußert: »Viele mittlere Parteitagsdelegierte sind zu uns gekommen und haben gesagt, dass sie zwar unserer Ansicht seien, aber nicht mit uns votieren könnten, denn heute hätten sie genug zu essen und nicht jeder sei bereit, die Hand in der Abstimmung für etwas zu heben, was eine Versetzung nach Murmansk oder Turkestan zur Folge hätte.«[20] Der so beschuldigte Opponent dementierte: nur einige Delegierte hätten sich so geäußert, nicht alle.

Der neue bürokratische Apparat

 

Als Lenin im Oktober 1922, bedingt durch seinen Schlaganfall vom 26. Mai 1922, nach fünfmonatiger Unterbrechung wieder die Geschäfte übernahm, entdeckte der geschwächte, aber immer noch klarsichtige Parteiführer allmählich, dass Stalin, den er kurz vor seiner Krankheit zum Generalsekretär des Zentralkomitees hatte ernennen lassen, nicht mehr derselbe Mensch war beziehungsweise dass er nicht mehr denselben Platz einnahm und dieselbe Rolle spielte wie zuvor. Er hatte einen Vertreter eingesetzt, fand aber nun einen Rivalen vor, der behutsam, aber entschlossen seine eigene Politik verfolgte und seinen Einfluss ausweitete. Lenin begann einen schwierigen Kampf gegen verschiedene Aspekte von Stalins Politik, vor allem gegen die chauvinistische Nationalitätenpolitik und die wuchernde Bürokratie, und stützte sich dabei auf einen Teil des Zentralkomitees sowie des Politbüros. Er forderte Einsicht in die zahlenmäßige Erfassung des staatlichen Personals in Sowjetrussland, die ihm einen Eindruck von der Entwicklung des Apparats geben konnte. Er sollte sie niemals bekommen, Stalin enthielt sie ihm vor, bis zuletzt. Am 9. März 1923 sollte ein letzter Schlaganfall Lenin endgültig aus dem politischen Leben eliminieren.

1922 hatte Stalin die Krankheit von Lenin ausgenutzt, um seine Kontrolle über den Apparat zu festigen, indem er ihm bedeutsame Privilegien verlieh, die vom Sekretariat des Zentralkomitees abhingen. 1923 nutzte er die langen Ferien von drei Vierteln der Mitglieder des Politbüros aus, und ließ am 19. Juli das reduzierte Politbüro die Zuteilungen von Privilegien für die Familien der höheren Parteikader beschließen: »Das Politbüro hält es für unabdingbar, dass die Zugangsbedingungen zu den höheren Bildungseinrichtungen für Kinder von verantwortlichen Kadern gelockert werden.« Er ließ eine Kommission aus drei Mitgliedern des Politbüros bilden, die »praktische Maßnahmen ausarbeiten« sollten. Zinov’ev entdeckte diesen Beschluss, als er die Protokolle des Politbüros las. In einem Brief an Stalin vom 6. August qualifizierte er diese Entscheidung als »schweren Fehler. […] Ein solches Privileg schließt die Türen für die Begabtesten und trägt Elemente einer Kastenbildung in sich.«[21] Aber genau so hatte Stalin diese Maßnahme verstanden, und er konnte sicher sein, dass sie ihm die unverbrüchliche Dankbarkeit ihrer Nutznießer sichern würde. Seine Beschlüsse förderten in der Tat das Entstehen einer Kaste, deren Vorkämpfer er war und die ihn auch als solchen ansah.

Diese Entwicklung entging aufmerksamen Beobachtern schon zu jener Zeit nicht. Seit Ende des Bürgerkriegs forderte eine Gruppe einstiger Anhänger einer konstitutionellen Monarchie, geleitet von Professor Nikolaj Ustrjalov, dem ehemaligen Pressesprecher von Admiral Kolčak, die Emigranten auf, sich der neuen Macht anzuschließen, die in seinen Augen die nationale Zukunft Russlands verkörperte, da sie die territoriale Integrität des russischen Staates bewahrt hatte. In dieser Gruppe um die Zeitschrift Smena Vech (Richtungswechsel), die seit dem Sommer 1921 in Prag erschien, findet man eine Reihe einstiger Parteiführer der konstitutionellen Monarchisten (Kadetten-Partei). Darunter waren auch zwei, die 1918 an der Redaktion der Sammlung Iz Glubiny (Aus der Tiefe) teilgenommen hatten, die die Oktoberrevolution als riesige nationale Katastrophe dargestellt hatten. Die Mitglieder der Gruppe um Smena Vech sollten alle in die Sowjetunion zurückkehren – außer Ustrjalov, der zu bekannt und bedeutsam war und 1938 erschossen wurde – und zu Ideologen des Stalinismus werden, dessen erste Anzeichen sie 1921 sehr wohl erkannt hatten. J. Korovin wurde Akademiemitglied und Berater der sowjetischen Delegation, die 1945 den Auftrag erhielt, das Statut der UNO auszuhandeln. Kotljarevskij wurde Referent im Justizministerium, Ustinov wurde Juraprofessor, Vipper wurde Akademiemitglied, Ketečjan publizierte zahlreiche maßgebende Rechtsbücher.

Am Abend des 7. November 1937 erklärte der zu Vertraulichkeiten aufgelegte Stalin Dimitroff die Gründe seines Erfolges: »Warum haben wir Trotzki und die anderen besiegt? Es ist bekannt, dass Tr[ockij] nach Lenin der Populärste in unserem Lande war. Populär waren auch Bucharin, Sinowjew, Rykow und Tomski. Uns hat man kaum gekannt. Mich, Molotow, Wor[oschilow], Kalinin […] damals. Wir waren zu Zeiten Lenins die Praktiker, seine Mitkämpfer. Aber uns haben die mittleren Kader unterstützt, sie haben unsere Auffassungen den Massen erklärt […] Trotzki hat jedoch diesen Kadern keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt.«[22] Die Unterstützung dieser Kader beruhte schon damals auf materiellen Grundlagen, deren Bedeutung auf Kosten der Ideologie ständig zunahm, die nur noch der Bemäntelung diente.

Trockij entsprach auch zu wenig den Bedürfnissen des Apparats, denen Stalin hingegen entgegenkam. Im Winter 1920, als er für das Transportwesen zuständig war, proklamierte Trockij laut und vernehmlich, man müsse den Apparat wachrütteln, und zwar zunächst den der Gewerkschaften. Ein Apparat, der von seinem Wesen her auf Routine angelegt ist, scheut davor naturgemäß zurück. Außerdem erschien Trockij dem Apparat als der größte Auslöser von Diskussionen und somit als derjenige, der öffentlich das Gift zur Bekämpfung der Apparatschiks mischte. Denn schließlich war es Trockij, der die Diskussion über die Rolle der Gewerkschaften losgetreten hatte; mitten im Aufstand von Tambov (1920/1921) habe diese Diskussion die Energien der Partei gebunden, die von einem »bösen Fieber« geschüttelt wurde, was in den Aufstand von Kronstadt münden sollte.

Für Trockij war die Niederlage der deutschen Revolution eine der entscheidenden Etappen in der Konsolidierung und des – historisch zwar vorläufigen, in der Dimension eines Menschenlebens jedoch dauerhaften – Sieges des Apparats. Der selben Meinung ist Victor Serge, der diese Entwicklung als »obskure Wende« bezeichnet hat. Für beide belastete das Scheitern des Oktober 1923 in Deutschland[23] eine ganze Schicht von Parteigenossen sehr schwer. Die sie belebende Hoffnung auf die Revolution in Deutschland wurde in einem Fiasko ausgelöscht. Verwirrung machte sich bei diesen Mitgliedern breit, die seit 6 Jahren eine Revolution in Europa erwarteten, die ihre Isolierung durchbrechen würde, eine Erklärung, die in der Literatur so oft wiederholt wurde, dass sie fast rituellen Charakter angenommen hat. 

 

Das Fiasko der deutschen Revolution 

 

Ein kürzlich veröffentlichter Brief, den Magidov, Sekretär der KP in der ukrainischen Teilrepublik Poltava, am 10. November 1923 an Stalin schrieb, zeigt gleichwohl, dass die Revolution in Deutschland sogar die alltäglichen Sorgen von Arbeitern beherrschte, die sich gegen den Apparat wandten.

Dieser Brief hat ein doppeltes Interesse. Magidov unterstreicht zunächst, dass die Privilegien, die sich die Bürokraten zubilligen, die Arbeiter empören. »Die Mitglieder des Zentralen Exekutivkomitees der Unionssowjets und die Mitglieder des Exekutivkomitees des Ukrainischen Sowjets haben im September ein Gehalt von 100 Goldrubeln und im Oktober von 150 Goldrubeln erhalten. Wenn ein Mitglied einer Basiszelle sieht, dass der Sekretär des Provinzkomitees der Kommission zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Kommunisten 35 Goldrubel zahlt und einen Partei-Mitgliedsbeitrag von 5 Goldrubeln, während das gesamte Gehalt eines einfachen, arbeitenden Mitglieds sich auf nur 25 bis 30 Rubel beläuft, beginnt er doch an die ›Spitzen‹ und an die ›Basis‹ zu denken, an schreiende Ungleichheit. Wenn die Masse der Arbeiter in den Zeitungen lesen muss (und sie kann sehr wohl lesen), dass im Oktober das Gehalt eines Parteimitglieds, auf das keine Steuern zu entrichten sind, sich auf 80 Goldrubel beläuft, dann beginnt der Arbeiter unvermeidlich darüber zu reden und drückt seine Unzufriedenheit mit der ›Spitze‹ aus.« Und Magidov stellt die Lage der Arbeiter der des Apparats gegenüber: »Wir verstehen nicht so ganz, warum wir die Arbeiter des Donbass systematisch nicht bezahlen, während wir zweimal im Monat eine Armee von 200 000 Sowjetbeamten bis zum letzten Heller bezahlen.«

Schließlich unterstreicht Magidov, wie stark die Unzufriedenheit der Arbeiter ist. »Sie wissen natürlich, dass es im September und im Oktober ständig Streiks im Donbass gegeben hat, und dass im Oktober fast der gesamte Donbass gestreikt hat. Der wichtigste Grund dafür waren verspätete Lohnzahlungen. Aber es gab andere Gründe: die Bergleute des Donbass sind schlechter untergebracht als das Vieh. 10 000 Arbeiter des Donbass fahren lieber jeden Tag unter Tage ein und leben im Gestein, in den Eingeweiden der Erde, in Tiefen von 200, 300, 500 Metern; denn dort fühlt sich der Bergmann besser als in seiner ›Wohnung‹. Sie wissen, dass in einem Bergarbeiterbezirk (dem Distrikt Aleksandro-Grucheschki) alle Kumpel (etwa 30 bis 35 000) zehn Tage lang gestreikt haben und es einhellig abgelehnt haben eine Zahlung zu akzeptieren, die nur 40 Prozent des ihnen zustehenden Gehalts betrug. Die Arbeiter des Donbass sagen, was sie davon abhält, auf dieselbe Weise wie die Bergleute ihr Problem mit den Leitern des Donbass zu regeln, denen sie ihre Arroganz und die Beleidigung der Bergarbeiter in den letzten fünf Jahren, ihre ständigen Täuschungen und Betrügereien vorwerfen: sie haben noch keine ihrer hundert Versprechungen erfüllt. ›Wir hätten schon längst abgerechnet, das könnt ihr wohl glauben,‹ sagte ein Bergmann (der vielleicht durch eine menschewistische Provokation aufgestachelt wurde), ›aber es ist natürlich unmöglich, die deutsche Revolution zu verraten.‹ Ein Verantwortlicher, Mitglied des Zentralkomitees und Vertreter des Donbass, hatte all dies dem Plenum der Zentralkomitees der ukrainischen KP (b) mitgeteilt.« Kurzum, die Bergleute nahmen allein deshalb nicht den Kampf gegen die »kommunistische« Verwaltung auf, weil sie die Russische Kommunistische Partei nicht schwächen wollten, da sie sonst, wie sie glauben, auch der deutschen Revolution einen indirekten Schlag versetzt hätten.[24] Und doch war jener Magidov ein Anhänger Stalins, der das große Glück hatte, den Säuberungen zu entgehen und in seinem Bett zu sterben. 

Die Konfrontation vom Oktober/Dezember 1923 zwischen Trockij einerseits und dem Triumvirat andererseits (Zinov’ev – Kamenev – Stalin) war einer der entscheidenden Momente im Aufstieg des Apparats, gegen den Trockij anzugehen beschloss und der ihm eine Niederlage bereitete. Üblicherweise wird diese Episode als Machtkampf zwischen zwei Rivalen um die Nachfolge Lenins dargestellt. Trockijs »Neuer Kurs«, der in der Pravda vom 10. Dezember 1923 veröffentlicht wurde und den allgegenwärtigen Bürokratismus in Staat und Partei kritisierte sowie die Gefahr eines Niedergangs der Partei, vermittelte jedoch einen Eindruck vom wahren Sinn und der wirklichen Dimension dieses Kampfes, wenn er schrieb: »Die Partei muss sich ihren eigenen Apparat unterwerfen, ohne aufzuhören, eine zentralistische Organisation zu sein.«[25] Trockij wusste, dass diese politische Perspektive den Apparat gegen ihn aufbringen würde, der wie jeder Apparat bestrebt war, der Kontrolle seiner Mandanten zu entgehen. Die schonungslose Analyse, die er darin anstellte, konnte diesen nur bewegen, sich gegen ihn hinter jenem zu sammeln, der ihn gegen diesen politischen Angriff in Schutz nehmen würde.

Stalin war besser als jede andere Person zur Übernahme dieser Rolle geeignet. Trockijs Offensive schweißte die Einheit der Führungsgruppe um ihn wieder zusammen, nachdem sie noch im Sommer mancherlei Belastungen ausgesetzt war, im weitesten Sinne sogar die Einheit der gesamten obersten Schicht des Apparats, die – mit Ausnahme der beiden Hauptstädte und einiger urbaner Zentren – die Masse der Parteianhänger ziemlich leicht manipulieren konnte. Die bolschewistische Partei von 1923 war in vielen Hinsichten nicht mehr die Partei vom Herbst 1917. Im Verlauf des Bürgerkriegs hat sie gut die Hälfte ihrer Mitglieder von 1917 verloren. Die kämpferischsten Elemente bildeten im Frühjahr 1918 das Gerüst der Roten Armee und verstreuten sich an alle Fronten. Die meisten von ihnen sind nicht mehr zurückgekehrt. Typhus, Ruhr und die Spanische Grippe haben Tausende andere dahingerafft. Eine große Zahl der Überlebenden war einfach müde und wollte sich nicht nur auf den Lorbeeren ausruhen, sondern auch die kargen Früchte eines schwierigen und teuren Sieges genießen. 

Das kulturelle und politische Niveau der 500 000 Anhänger von 1923 war im Allgemeinen sehr niedrig. Man zählte 5 Prozent vollständige Analphabeten, 75 Prozent hatten eine bloße Elementarausbildung (vier bis sechs Jahre Grundschule), 6,3 Prozent besaßen die mittlere Reife, und weniger als ein Prozent besaß höhere Schuldbildung. In der gesamten Stadt Moskau waren das etwa 300 Personen, etwas mehr als 100 für das gesamte Sibirien. In einigen Regionen war das Bild besonders düster, in Buchara in Turkestan konnten zum Beispiel 70 Prozent der Kommunisten die usbekische Sprache weder lesen noch schreiben, und 98 Prozent nicht die russische Sprache. Ein Drittel der Kommunisten in Turkestan waren vollständige Analphabeten. In den Regionen Zentralasiens war die bolschewistische Partei nur eine Maskerade für primitive Feudalclans. In der Region Čimkent zum Beispiel waren die Anhänger zunächst und vor allem Mitglieder des Clans von Djarmenov oder des Clans von Achimbekov, die in ihren Augen allein die Partei darstellten.

Fügen wir hinzu, dass zahlreiche überlebende Anhänger aus dem Oktober 1917 es sich während des Bürgerkriegs angewöhnt hatten, Probleme durch Befehle zu lösen, wenn nicht sogar durch die unwiderlegbaren Argumente des »Genossen Nagan’« (so hieß der damals gebräuchliche Revolver). Manche sollten davon nie wieder abkommen und glauben, dass das Befolgen von Befehlen – wie in Kriegszeiten – Vorrang vor jeder Diskussion hatte. Und befand sich die UdSSR nicht, verdeckt oder offen, in einem permanenten Kriegszustand mit der kapitalistischen Welt? 

Stalin sollte diese Waffe im zweiten Kampf gegen die Opposition im Jahr 1927 ausspielen. Einstweilen gab er den Kadern, die von der Diskussion um Trockijs Neuen Kurs verunsicherten waren, eine leicht zu verstehende Antwort: unser verehrter Lehrer Lenin – dessen Heiligsprechung bevorsteht – hat Trockij einen kleinen Judas genannt. Seither ersetzten die rituellen Formeln und die Beschimpfungen, die man wie Katechismusformeln lernen musste, jede Diskussion. 

Zudem erteilte Stalin im Dezember 1924 allen ermüdeten und vom Ausbleiben der Weltrevolution enttäuschten Kadern, die sie wie die jüdischen Sekten den Messias in naher Zukunft erwarteten, eine zugleich praktische und viel versprechende Antwort (mit einer beruhigenden ideologischen Einkleidung): es gibt die Möglichkeit, den Sozialismus in einem Land allein aufzubauen, was auch immer in dieser Welt, in der die Proletarier nicht die erwartete Revolution durchgeführt haben, geschehen möge. Auf dem 14. Parteitag im Dezember 1925 scherzte Stalin in einer höhnischen Anspielung auf Lenin: »Ich bin ein brutaler und direkter Mensch, das stimmt, ich leugne es nicht.«[26] Diese eingestandene Brutalität gefiel den Apparatschiks, sie sahen darin den Ausdruck beruhigender Festigkeit. Und sie mussten wirklich beruhigt werden; die Macht war nicht so absolut, wie es schien, die Partei steuerte eine chaotische Gesellschaft, die aus einer Mehrheit von individualistischen Kleinbauern gebildet wurde. Die Revolution und sodann der Bürgerkrieg hatten den sozialen Zerfall beschleunigt und zugleich die ständige Versuchung der lokalen Autoritäten (Sowjets oder Partisanenchefs während des Kriegs) befördert, sich als die Herren ihrer Gebiete zu betrachten, ohne sich um die Befehle von oben zu kümmern. Löhne wurden mit mehrmonatiger Verspätung ausgezahlt, was Arbeiterstreiks und das Entstehen neuer Oppositionsgruppen auslöste, das Banditenunwesen nahm zu, Überfälle auf Eisenbahnzüge wurden alltäglich.

Die soziale Ausdifferenzierung, die sich während der NEP abzeichnete, irritierte die ärmsten Schichten. Ein Bericht der GPU hielt damals fest: »In Sibirien, in der Ukraine und in einem Teil des nördlichen Kaukasus äußert sich die Enttäuschung über und der Abfall der armen Bauern von der Sowjetmacht durch einen starken Anstieg des roten Banditenwesens«[27], das sich gegen die wohlhabenden oder reichen Bauern und gegen die Behörden richtete, die man beschuldigte, jene zu protegieren. Ein GPU-Bericht vom März 1926 hob den Anstieg von »Mordfällen an Kommunisten, Komsomolzen, Mitgliedern der Landsowjets und Grundschullehrern« hervor, die von Bauern in Sibirien, im fernen Osten und im Ural verübt wurden. Diese Spannungen verstärkten im Apparat die Forderung nach Einheit um die Leitung und beschränkte den Kampf einer Opposition, die nicht das Risiko eingehen wollte, ein neues Tambov oder Kronstadt zu bewirken, auf die parteiinterne Ebene. Das Risiko war umso größer, als sich die Lebensbedingungen der Arbeiter nur ganz langsam verbesserten und die Arbeitslosigkeit im Jahr 1927 eineinhalb Millionen betrug. Dem 13. Sowjetkongress im Jahr 1927 beschrieb eine Textilarbeiterin die furchtbaren Arbeitsbedingungen der Werktätigen in ihrer Fabrik. Viele kamen aus dem Umland und mussten sieben bis acht Kilometer zu Fuß gehen, um zu ihrer Arbeit zu kommen und um abends in ihre Hütten zurückzukehren. Andere wurden nahe der Fabrik in alten Kasematten untergebracht, die in der Zarenzeit errichtet wurden, wo es für eine Familie mit drei bis fünf Personen zwei Quadratmeter gab. Manche Bergarbeiter aus Kusneck lebten in zemljanki (Erdlöchern), die sie mit ihren eigenen Händen gegraben hatten.

Die Zersetzung und Korrumpierung des Machtapparats gingen einher mit einer zunehmenden sozialen Differenzierung. Christian Rakovskij beschrieb 1928 die Sitten der herrschenden Kaste und des Machtapparats als »Diebstahl, Veruntreuung, Gewalttätigkeit, Erpressung, grenzenlosen und unerhörten Machtmissbrauch, Trunkenheit, Zügellosigkeit«.[28] Übertreibung eines geschlagenen Oppositionellen? Ein Bericht der GPU »über den Zustand der sozialistischen Legalität auf dem Lande« von 1924/25 beschrieb das Verhalten der lokalen Behörden wie folgt: »Veruntreuung öffentlicher Gelder, Bürokratismus, Machtmissbrauch, Bestechung, Laster, […]. Diese Fehler trifft man in allen sowjetischen Organen ohne Ausnahme an.« Nach einigen Beispielen für Diebstahl, Gewalttätigkeiten, Vergewaltigungen und sogar Folter fuhr der Bericht fort: »Die Apparate von Justiz und Polizei sind durch allgemein verbreiteten Alkoholismus zersetzt, durch die übliche Praxis von Bestechungsgeldern und das Zusammenwirken mit den Kulaken. […] Durch ihre Orgien und ihren ständigen Machtmissbrauch diskreditieren die dem Regime loyalen Funktionäre auch die Sowjetmacht.«[29] Und für die Bauern seien die lokalen Behörden meist nur eine Horde von Banditen.

 

Stalin – »Totengräber der Revolution«

 

Trockij definierte Stalins Macht, die sich wie ein Schatten auf alle sozialen Schichten legte, als eine Form des Bonapartismus. Der ehemalige Bucharin-Anhänger Martem’jan Rjutin entwickelte dieselbe Auffassung 1932 in zwei Schriften, in denen er »die Liquidierung der Diktatur von Stalin« forderte, die er dem bonapartistischen Staatsstreich »vom 18. Brumaire« gleichsetzte. Er ist gekennzeichnet durch »kleinbürgerliches Abenteurertum«[30] und durch die Allmacht des Apparates, der die Partei nach seinem Bilde umgestalte und zu seinem bloßen Anhang reduziere, was permanente Säuberungen all jener voraussetze, die in Widerspruch geraten oder verdächtigt würden, diese tief greifende Umwandlung zu behindern. Gestützt auf den allmächtigen Parteiapparat konnte Stalin in den Diskussion die Macht des Beweises ersetzen durch den Beweis der Macht. Er ist, so abschließend Rjutin, der Totengräber der Revolution. »Der erbittertste Feind der Partei und der Diktatur des Proletariats, der Gegenrevolutionär und der übelste Provokateur hätte keine bessere Arbeit der Zerstörung der Partei und des sozialistischen Aufbaus bewältigen können, wie es Stalin getan hat.«[31]

Eine solche Analyse der Stalinschen Diktatur war seinerzeit auch in der Partei verbreitet. Fünf Jahre später sagte Sagidulin, ein Parteiführer der tatarischen KP, im Gespräch mit der ebenfalls verhafteten Evgenija Ginzburg: »Koba [d. i. Stalin], das ist der 18. Brumaire. Man löscht die besten Kämpfer der Partei aus, die die definitive Errichtung seiner Diktatur aufhielten oder hätten aufhalten können.« Evgenija Ginzburg rätselte über diesen »18. Brumaire des Iosif Stalin«. Doch »Wie sollte man es anders bezeichnen?«[32] 

Der Bund der Marxisten-Leninisten erschien Stalin besonders gefährlich, da er versuchte, die Oppositionellen von gestern und heute mittels eines Programms zusammenzuführen. So wurden mit Zinov’ev, Jan Sten, Sergej I. Syrcov, den ehemaligen Mitgliedern der Arbeiteropposition S. P. Medvedev und Aleksandr G. Šljapnikov und den Trockij-Anhängern aus Moskau, Charkov und Novosibirsk Kontakte geknüpft. Sie symbolisierten in der Tat, dass die Partei, die es zu domestizieren galt, trotz Ausschlüssen, Inhaftierungen und Exil, noch gefährliche Widerstandsreserven barg. Die Mitglieder des Bundes schlugen folgende Handlungsperspektiven vor: »1. Für den Sturz der Diktatur Stalins und seiner Clique […]; für die komplette Ersetzung des gesamten stalinistischen Parteiapparates. 2. Für den unverzüglichen Austausch der gesamten Spitze des Sowjetapparates und die Wiederwahl der Sowjets auf der Grundlage einer wahrhaften sowjetischen Demokratie, für die Liquidierung des Systems der Ernennungen. 3. Für eine unverzügliche und radikale Reinigung der Organe der GPU, der Staatsanwaltschaft, der Gerichte, für die Liquidierung des Terrors und der Willkür.«[33]

Damit wandten sie sich nicht nur direkt gegen Stalin, sondern auch gegen seinen Clan, die soziale Schicht, die er verkörperte. Im September 1936 verhaftete die GPU die Mitglieder der Gruppe. Stalin brachte die Größenordnung der Gefahr, die von ihm ausging, in seinem bekannten Telegramm vom 25. September 1936 zum Ausdruck, in dem er die Ersetzung Genrich G. Jagodas durch Nikolaj I. Ježov gefordert hatte. Die GPU sei, so meinte er, vier Jahre im Rückstand. 

Einen Monat vor Absendung dieses – erstmals von Nikita S. Chruščev in seiner Geheimrede vor dem 20. Parteitag der KPdSU ans Tageslicht gebrachten – Telegramms erschien Trockijs Buch Was ist die UdSSR? Wohin geht sie, das unter dem Verlagstitel Die verratene Revolution bekannt wurde. Trockij beleuchtet darin insbesondere das Bestreben der Bürokratie, sich in eine herrschende Klasse zu transformieren, und, um dies zu erreichen, die aus der Oktoberrevolution hervorgehenden Eigentumsverhältnisse umzustoßen. »Unvermeidlich ist die Bürokratie dazu gezwungen, in den Eigentumsverhältnissen Halt zu suchen. Man wird dem vielleicht entgegenhalten, dass dem hohen Parteibeamten die Eigentumsformen, aus denen er seine Einkommen bezieht, eigentlich nur wenig bedeuten. Dies hieße jedoch, die Instabilität seiner Rechte als Bürokrat zu ignorieren, genauso wie das Problem seiner Herkunft. Privilegien, die man seinen Kindern nicht weitervererben kann, verlieren die Hälfte ihres Wertes. Doch das Recht, ein Testament zu errichten, ist untrennbar mit dem Recht auf Eigentum verbunden. Es reicht keinesfalls aus, Direktor eines Trusts zu sein, es erweist sich auch als notwendig, Aktionär zu werden.«[34] Die bürokratische Diktatur fand erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ihr Ende. 

Übersetzung aus dem Französischen von Manfred Flügge (Berlin)

 


[1]  Trotsky, Léon: Œuvres. Hrsg. vom Institut Léon Trotsky, Paris 1983, Bd. 14, S. 343 f.

[2]  Oktjabr 1997, H. 8, S. 104 f.

[3]  Malia, Martin: La tragédie soviétique, Le Seuil 1995, S. 19. Malias Analyse hat eine sehr deutliche ideologische Dimension.

[4]  Siehe dazu Dallin, David J./Nicolaievsky, Boris I.: Le travail forcé en URSS, Paris 1949, S. 187–209.

[5]  Marie, Jean-Jacques: Le Goulag. Que sais-je?, Paris 1999, S. 40 f.

[6]  Gor’kij, M. u. a. (Hrsg.): Belomorsko-Baltijskij Kanal imeni Stalina. Istorija stroitel’stva 1931– 1934 gg. [Der Weißmeer-Ostsee-Kanal mit dem Namen Stalin. Baugeschichte 1931–1934], Moskau 1998 (Reprint der Originalausgabe Moskau 1934).

[7]  Solouchin, Vladimir: Kamenki na ladoni [Steinchen auf der Handfläche], in: Grani 1992, H. 163, S. 52–54.

[8]  Gor’kij, M.: Nesvoevremennyja mysli. Zametki o revoluciji i kulture [Unzeitgemäße Gedanken. Anmerkungen zu Revolution und Kultur], Petrograd 1918. 

[9]  Marie, Jean-Jacques: Staline, Paris 2001, S. 151 f.

[10]  Wolkow, Oleg: Les ténèbres, Paris 1991, S. 43.

[11]  Ebenda, S. 47.

[12]  Zitiert nach Figès, Orlando: A People’s Tragedy, London 1998, S. 561

[13]  Lenin, V. I.: Sobranie Sočinenii [Gesammelte Werke], 5. Aufl. Moskau 1958–1965, Bd. 33, S. 4.

[14]  Luxemburg, Rosa : Zur russischen Revolution, in: Rosa Luxemburg und die Freiheit der Andersdenkenden. Extraausgabe des unvollendeten Manuskripts »Zur russischen Revolution« und andere Quellen zur Polemik mit Lenin, Berlin (DDR) 1990, S. 114.

[15]  Ebenda, S. 162.

[16]  Lenin, V. I. : Sobranie Sočinenii [Gesammelte Werke], 5. Aufl. Moskau 1958–1965, Bd. 45, S. 357.

[17]  Anatole Leroy-Beaulieu: L’Empire des Tsars et les Russes, Paris 1990, S. 529 f.

[18]  Siehe Kentavr 1991, H. 10–12, S. 90–99.

[19]  Bol’ševistskoje rukovodsto. Perepiska 1912–1927 [Die bolschewistische Führung. Korrespondenz 1912–1927], Moskau 1996, S. 191 f.

[20]  Stenografičeski otčët XIV-ogo sjezda [Stenographischer Bericht des 14. Parteitages], Moskau/Leningrad 1926, S. 952.

[21]  Izvestija CK KPSS 1991, Nr. 3, S. 202.

[22]  Dimitroff, Georgi: Tagebücher 1933–1943. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000, S. 162.

[23]  Zu den veröfffentlichten Dokumenten zum Oktober 1923 siehe Bayerlein, Bernhard H. u. a. (Hrsg.): Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern (= Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts, Bd. 3), Berlin 2003.

[24]  Bol’ševistskoje rukovodsto (Anm. 18), S. 283–286. Hervorhebung im Zitat durch den Autor.

[25]  Pravda vom 10. Dezember 1923. Französische Übersetzung siehe Trotsky, Léon: Cours Nouveau, in: Ders.: De la Révolution, Paris 1963, S. 83.

[26]  Stenografičeski otčët (Anm. 20), S. 499.

[27]  Werth, Nicolas/Moullec, Gaël: Rapports secrets soviétiques 1921–1991, Paris 1994, S. 34.

[28]  Racowsky, Christian: Lettre à Valentinov, in : Cahiers Léon Trotsky 1984, H. 18, S. 112.

[29]  Werth/Moullec: Rapports (Anm. 25), S. 36.

[30]  Izvestija CK KPSS 1990, Nr. 8, S. 201 f. und Cahiers Léon Trotsky 1989, H. 18, S. 112.

[31]  Rjutin, M.: Na koleni ne stanu [Auf den Knien kann man nicht stehen], Moskau 1991, S. 33 f.

[32]  Guinzbourg, Evguenia: Le Vertige, Paris 1967, S. 67.

[33] Siehe Anm. 28.

[34]  Trotsky, Léon: La Révolution Trahie, in: Ders.: De la Révolution (Anm. 23), S. 605. 

Inhalt – JHK 2004

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