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»Und deshalb besteht die Aufgabe darin, die Aufklärung wieder auf die Füße zu stellen« – Zu den Großen Säuberungen in der sowjetischen Militäraufklärung 1937/38

JHK 2004 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 80-97 | Aufbau Verlag

Autor/in: Matthias Uhl

Bis heute gelten die Großen Säuberungen (1934 bis 1938), der Vernichtungsfeldzug, den Stalin gegen seine wichtigste politische Stütze – die sowjetische Machtelite – führte, als erstaunliches Phänomen der neueren Geschichte. Vor allem die Motive der Täter geben der Forschung immer noch Rätsel auf, umso mehr, als während des Höhepunktes der Säuberungen zwischen 1937 und 1938 eine fließende Grenze zwischen Tätern und Opfern existierte.[1]

Denn auch die als Repressionsorgane fungierenden sowjetischen Geheim- und Nachrichtendienste wurden zum Objekt der Großen Säuberungen. Der Aufsatz zeigt deshalb die Auswirkungen der Massenrepressalien Stalins auf den militärischen Nachrichtendienst der UdSSR (GRU)[2]. Dabei versucht er vor allem durch eine Rekonstruktion der Opfergruppen, mögliche Erklärungsansätze für die Kadersäuberungen in der GRU zu diskutieren.

Frühere Forschungen gingen noch davon aus, dass zum Beispiel die Säuberungen in der Armee einen militärischen Staatsstreich verhindern sollten.[3] Neuere Untersuchungen debattieren hingegen die Großen Säuberungen vor allem unter dem Begriff der »Kaderrevolution«[4]. In diesem Sinne soll die vorliegende Mikrostudie zeigen, dass zumindest die Säuberungen in der Militärspionage einem zielgerichteten Muster folgten, das darauf ausgerichtet war, Elitenangehörige nichtrussischer Nationalität sowie als unzuverlässig eingeschätzte Revolutionäre der ersten Generation aus den Schlüsselpositionen im militärischen Nachrichtendienst zu entfernen. Junge und karrierebewusste Kader nahmen ihre Plätze ein. Zumeist russischer Nationalität, hatte der Großteil von ihnen gerade erst seine Hochschulausbildung abgeschlossen. Die Vernichtung der alten sowjetischen Führungskader eröffnete der nachrückenden Machtelite ungeahnt rasche und steile Karrieremöglichkeiten in Politik, Militär, Verwaltung und Wirtschaft.[5] Mit dem gesellschaftlichen Aufstieg dieser Profiteure der Großen Säuberungen band Stalin die neue Führungsgeneration bedingungslos an sich. Hierfür ließen der Diktator und seine Helfer, auch in den Reihen der Stalin treu ergebene Nachrichtendienste, Hunderte von Menschen systematisch verfolgen, inhaftieren, foltern und hinrichten. 

 

Die Opfer der Großen Säuberungen in der GRU

 

Die Auswirkungen der Säuberungen auf den sowjetischen Geheimdienst NKVD wurden bereits Ende der 1990er Jahre in dem von Nikita Petrov und Konstantin Skorkin herausgegebenen biographischen Lexikon Kto rukovodil NKVD 1934– 1941 untersucht.[6] Ihre Forschungen zeigten, dass zwischen 1936 und 1940 von 322 Leitungskadern in den zentralen Verwaltungen der Staatssicherheit sowie auf Republik- und Gebietsebene 241, mithin fast 75 Prozent, verhaftet und zum Großteil hingerichtet worden waren. Im Ergebnis der stalinistischen Massenrepressalien veränderte sich die innere Struktur des NKVD grundlegend. 

Der Anteil der Russen unter den Führungskadern der Staatssicherheit hatte sich zwischen 1934 und 1940 mehr als verdoppelt und lag nach Abschluss der Säuberungen bei 64 Prozent. Gleichzeitig war der Anteil jüdischer Spitzenfunktionäre in der Geheimpolizei durch Verhaftungen und Erschießungen von vierzig auf nur noch vier Prozent gesunken.[7] Auch der Altersdurchschnitt und die Professionalisierung veränderten sich stark. Noch 1936 waren vier von fünf leitenden Mitarbeitern älter als 40 Jahre, nur vier Jahre später hatten bereits vier von fünf Spitzenfunktionären das vierzigste Lebensjahr noch nicht überschritten. 1936 besaßen lediglich 14,5 Prozent der leitenden NKVD-Mitarbeiter einen Hochschulabschluss. Nur jeder Dritte NKVD-Führer hatte eine Grundschule besucht und diese oft nicht einmal erfolgreich beendet. 1940 verfügten immerhin 40 Prozent über eine Hochschulausbildung, der Anteil von NKVD-Führungskadern mit Grundschulabschluss war auf unter 20 Prozent gesunken. Ehemalige Sozialdemokraten und Liberale hatten Stalin und seine Helfer mit großer Gründlichkeit aus dem Staatssicherheitsorgan entfernen lassen: 1940 war nur noch ein Mitglied der Leitungsriege des NKVD vor der Revolution Angehöriger einer nichtkommunistischen Bewegung gewesen: der vormalige Agent der »Muslimischen Demokratischen Partei« in Aserbaidschan und Volkskommissar für Inneres Lavrentij Pavlovič Berija[8]

Im Ergebnis der Forschungen Petrovs und Skorkins lassen sich die Säuberungen innerhalb der Führungsspitze des NKVD als erste Kaderrevolution in den Organen der sowjetischen Staatssicherheit charakterisieren, die auf eine radikale Erneuerung des Personalbestandes ausgerichtet war. Junge und aufstrebende Parteikader drängten dabei die altgedienten Tschekisten der ersten Stunde aus ihren Positionen.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in dieser Hinsicht auch für die GRU. Hier fällt es durch den mangelnden Quellenzugang jedoch wesentlich schwerer, die Kaderentwicklung der Militärspionage während der Großen Säuberungen zu rekonstruieren. Da die Personalakten der GRU nicht zugänglich sind, scheiterte bisher jeder Versuch, die personellen Veränderungen in der sowjetischen Militäraufklärung zwischen 1936 und 1939 nachzuvollziehen. Die umfangreiche Arbeit der russischen Opferorganisation Memorial ermöglichte es jetzt, einen Großteil der während der Säuberungen entlassenen, festgenommenen, inhaftierten oder hingerichteten GRU-Mitarbeiter zu erfassen und ihre persönlichen Daten auszuwerten. Bis heute hat Memorial mehr als 640 000 Lebensläufe von während der Großen Säuberungen Verhafteten und Erschossenen auf CD-ROM und im Internet veröffentlicht. Weitere Informationen zu den Säuberungsopfern in der GRU konnten mehreren neu erschienenen biographischen Handbüchern über die sowjetische Auslands- und Militärspionage entnommen werden.[9] Erfasst wurden dabei im Rahmen einer Datenbank für diesen Aufsatz Name, Geburts- und (falls ermittelbar) Todesdatum, Nationalität sowie seine soziale Herkunft von Mitgliedern des sowjetischen Militärnachrichtendienstes, die in das Räderwerk der Großen Säuberungen gerieten. Der jeweilige Bildungsweg, die Parteizugehörigkeit und die Karriere in der sowjetischen Militäraufklärung wurden ebenfalls ausgewertet. Aufnahme in die Datenbank fanden auch Angaben über eine mögliche Entlassung aus dem Nachrichtendienst, Verhaftung, Anklage, Aburteilung, Hinrichtung oder Lagerhaft. Auffällig dabei ist, dass fast alle hingerichteten Mitarbeiter der Militärspionage ohne entsprechenden richterlichen Beschluss vor den Erschießungskommandos des NKVD endeten. Zumeist genügte für die Vollstreckung der Todesstrafe eine von Stalin unterschriebene Personenliste, die eine besondere Kommission des NKVD zusammengestellt hatte.

Die GRU (Hauptverwaltung Aufklärung) wurde im November 1918 als Registraturverwaltung des Feldstabes der Roten Armee gegründet.[10] Ihre Aufgabe lässt sich kurz und knapp mit Militärspionage beschreiben. Hierfür versuchte die spätere Hauptverwaltung für Aufklärung vornehmlich an Informationen mit militärischer Bedeutung zu gelangen. Zu diesem Zweck hatten ihre Agenten im Ausland Truppenverbände jeder Art zu beobachten und Angaben über ihre Struktur, Organisation und Bewaffnung zu beschaffen. Weiterhin sollten Informationen über Stationierungsorte, rüstungswirtschaftliche Kapazitäten und zur politischen Stimmung in den Streitkräften gesammelt werden. Haupteinsatzort war zunächst Europa, wobei sich die Nachrichtenbeschaffung neben Polen vor allem auf Deutschland konzentrierte. Allein zwischen Dezember 1918 und Januar 1920 investierte die GRU in die Deutschlandspionage sechs Millionen Rubel, mehr als 284 Agenten waren in Deutschland für die Militärspionage tätig.[11] Aktiv waren ihre Mitarbeiter und Spione jedoch auch in Vorderasien, in Fernost und den USA. 1922 wurde die GRU dem 1. Stellvertreter des Stabschefs der Roten Arbeiter- und Bauernarmee (RKKA) unterstellt und 1926 zur IV. Verwaltung des Stabes der RKKA erweitert. Zwei Jahre zuvor hatte der Lette Jan Karlovič Berzin die Führung des militärischen Nachrichtendienstes der UdSSR übernommen. Der 1889 geborene Berufsrevolutionär gehörte seit 1905 der kommunistischen Partei an und arbeitete nach dem Oktoberputsch von 1917 zunächst beim Volkskommissariat für Inneres der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik. Von März bis Mai 1919 fungierte er in der Lettischen Sowjetrepublik als stellvertretender Volkskommissar für Inneres. Nach deren Zusammenbruch ging er zu Feliks Dzeržinskijs VČK, wo er im Bereich der militärischen Spionageabwehr tätig war. Ende 1920 wechselte Berzin im persönlichen Auftrag des Chefs der VČK, Feliks Ėdmundovič Dzeržinskij, zur Militärspionage. Hier stieg er innerhalb eines Jahres bis zu deren stellvertretenden Chef auf, im April 1924 übernahm er dann die Leitung des militärischen Nachrichtendienstes der Sowjetunion. Unter der Führung Berzins gelang es, eine straff organisierte und zumeist effiziente Spionageorganisation zu schaffen.[12]

Bei ihren Spionagenetzen wollte die GRU sicherstellen, dass diese auch unter Kriegsbedingungen arbeiten konnten. Zu diesem Zweck wurden in den betreffenden Ländern illegale Residenturen eingerichtet, d.h. ihre Mitarbeiter waren nicht durch einen Diplomatenstatus geschützt und sie besaßen auch keine Tarnung als Angehörige einer sowjetischen Auslands- oder Außenhandelsorganisation. Um ihre Tätigkeit im Kriegsfall sicherzustellen, verfügten die illegalen Residenturen über eigene materiell-technische und finanzielle Ressourcen sowie unabhängige Funk- und Kurierverbindungen zur Moskauer Zentrale. Leiter dieser illegalen Netze konnten Angehörige der GRU, ausnahmslos durch gefälschte Papiere als ausländische Staatsangehörige getarnt, oder aber auch prosowjetische Ausländer sein. Zu den bekanntesten von ihnen zählen später Ilse Stöbe (Netz »Alta« – Deutschland), Leopold Trepper (Netz »Kent« – Belgien) und Richard Sorge (Netz »Ramzaj« – Japan).[13]

Daneben wurde in den dreißiger Jahren die Zahl der Militärattachés beträchtlich erhöht. Sie führten für die GRU die »offizielle« Militärspionage durch. Die Zahl der in den Einsatzländern tätigen Attachés hing von der Größe der Botschaft und der strategischen Bedeutung der Region ab. In wichtigen Ländern gab es neben dem Militärattaché auch noch die Marine- und Luftwaffenattachés. Unterstützt wurden sie bei ihrer Arbeit von inoffiziellen Mitarbeitern der GRU, die verdeckt in den verschiedensten sowjetischen Auslandsbehörden und – organisationen arbeiteten. Auch sie sammelten, wie die Attachés, offene Informationen über die Streitkräfte der betreffenden Staaten, versuchten aber auch geheime Quellen abzuschöpfen und führten eigene Agentennetze.[14] 

Anfang 1937, kurz vor dem Beginn der Säuberungen in der sowjetischen Militärspionage, gliederte sich die GRU in insgesamt 13 Abteilungen und sieben eigenständige Referate. Hinzu kamen zwei Ausbildungseinrichtungen und ein eigenes Forschungsinstitut. Der militärische Nachrichtendienst der Sowjetunion verfügte zu diesem Zeitpunkt über 403 Mitarbeiter, von denen 234 Militärs und die restlichen 169 Personen Zivilangestellte waren.[15] 

Bereits Mitte der dreißiger Jahre zeigte sich, dass die sowjetische Führung unter Stalin mit der Arbeit ihres militärischen Nachrichtendienstes höchst unzufrieden war. Zwischen 1930 und 1934 flogen zahlreiche Auslandsagenten der GRU auf. Stalin sah sich am 29. März 1934 veranlasst, vor dem Politbüro der VKP(b) über Unzulänglichkeiten der sowjetischen Militärspionage zu berichten.[16] Er wies das NKVD deshalb an, die Überwachung der Militäraufklärung zu verstärken. Im Mai 1934 wurden schließlich auf seine Anweisung hin 25 NKVD-Angehörige zum Militärgeheimdienst abkommandiert. An ihrer Spitze stand als 1. Stellvertretender Chef der GRU der bisherige Chef der politischen Auslandsspionage des NKVD Artur Christianovič Artuzov. Die Aufgabe Artuzovs bestand in der effektiveren Überwachung und Ausrichtung der GRU.[17] Der 1891 geborene Sohn einer 1903 aus der Schweiz nach Russland emigrierten Heimwerkerfamilie war 1917 nach dem Abschluss seiner Ausbildung zum Ingenieur in die kommunistische Partei eingetreten. Seit 1919 Mitarbeiter der VČK, leitete er von 1922 bis 1927 die ihr unterstellte Militärabwehr. Zwischen 1927 und 1931 fungierte Artuzov als stellvertretender Leiter der Geheimen Operativverwaltung der OGPU. 1931 wurde er zum Leiter der politischen Auslandsspionage ernannt, drei Jahre später wechselte er dann auf Beschluss der Parteiführung zum militärischen Nachrichtendienst. Stalin persönlich hatte dem Schweizer aufgetragen, innerhalb der Militärspionage »seine Augen und Ohren« zu sein.[18] 

Die Ironie der Geschichte: Artuzov, inzwischen 1. Stellvertretender Chef der GRU, und seine Mitstreiter aus dem NKVD gehörten zu den ersten Opfern der Säuberungen in der Militäraufklärung. Am 11. Januar 1937 enthob ein Beschluss des Politbüros den stellvertretenden GRU-Chef seines Amtes und versetzte ihn in die Reserve des NKVD. Der Kremlchef hatte sich mit der Arbeit seines Handlangers höchst unzufrieden gezeigt und löste ihn deshalb kurzerhand ab.[19]

Artuzov, der sein weiteres Schicksal offenbar erahnte, versuchte sich in einem Schreiben an NKVD-Chef Nikolaj Ežov noch in Selbstkritik: »Ich habe verstanden, wie tief ich von mir enttäuscht sein sollte und wie sehr ich Stalin empört habe, der mich in die Aufklärungsverwaltung entsandte, um deren Arbeit wieder herzustellen. Besonders schwer ist die Erkenntnis, dass ich ihn vor den Militärs verriet, obwohl er hoffte, dass ich die Augen Stalins in der Aufklärung sein werde.«[20] Diese Selbstkasteiung konnte jedoch auch nicht verhindern, dass er im Prozess gegen den »rechtstrotzkistischen Block« der Spionage für mehrere imperialistische Nachrichtendienste für schuldig befunden und in den Kellern der Lubjanka am 15. März 1938 erschossen wurde.

Die Festnahme Artuzovs bildete den Auftakt für eine Verhaftungswelle in der GRU, deren Opfer die mit der Säuberung beauftragten Offiziere der Geheimpolizei zielgerichtet und bewusst heraussuchten. Regie führten dabei nicht die Untersuchungsführer des NKVD sondern Stalin selbst, der sich auch mehrfach persönlich in die Repressionsmaßnahmen einmischte.[21] Am 21. Mai 1937 verkündete er auf einer Parteiversammlung der GRU, dass »die Aufklärungsverwaltung mit ihrem Apparat in die Hände der Deutschen gefallen sei«.[22] Wenige Tage später, am 2. Juni 1937, wiederholte Stalin vor dem Militärrat des Volkskommissariats für Verteidigung diese Einschätzung: »Unsere Aufklärung auf der militärischen Linie ist schlecht und schwach, sie [die Militäraufklärung] ist von Spionage durchsetzt. [...] Und deshalb besteht die Aufgabe darin, die Aufklärung wieder auf die Füße zu stellen. Das sind unsere Augen und unsere Ohren.«[23]

Diese Äußerung war für das NKVD das offizielle Signal zum Losschlagen.[24] Ende Juli 1937 teilte der Parteisekretär der GRU auf einer Mitgliederversammlung der VKP(b) mit, dass bereits 20 Mitarbeiter der Militärspionage vom Geheimdienst als Volksfeinde verhaftet wurden und sie deshalb auch aus der Partei ausgeschlossen werden müssten. Diese ersten Massenverhaftungen waren jedoch nur der Auftakt für weitere Verfolgungen. Zwischen August und Oktober inhaftierte der Geheimdienst weitere 38 GRU-Angehörige, unter ihnen zahlreiche Abteilungs- und Referatsleiter. Im November und Dezember 1937 erreichten die Verfolgungen dann ihren Höhepunkt. Jetzt wurden mehr als 62 Mitarbeiter der Militärspionage von ihren Posten entfernt.[25] 80 Prozent der bis zu diesem Zeitpunkt Verhafteten gehörten nicht der russischen Titularnation an, sondern waren Letten, Juden, Esten, Deutsche, Litauer und Ukrainer. Dies zeigt, dass sich der Schwerpunkt der Säuberungen vor allem gegen die Angehörigen der nichtrussischen Nationalitäten richtete. 

Der hohe Anteil der kleineren Nationalitäten innerhalb der sowjetischen Verwaltung vor dem Beginn der Großen Säuberungen, insbesondere auch im Bereich des militärischen Nachrichtendienstes, resultierte zum einen aus der liberalen Nationalitätenpolitik der Bolschewiki in den zwanziger Jahren, der sogenannten korenizacija (Einwurzelung). Sie hatte die Diskriminierungspolitik der Zarenzeit überwunden. Die gezielte Ausgrenzung und Segregation bestimmter ethnischer Gruppen – was für die Juden unter anderem einen Numerus Clausus für Gymnasien und Hochschulen, Beschränkungen bei der Berufswahl, ihre zwangsweise Niederlassung in sogenannten Čerta odselosti (Ansiedlungsrayons), den Entzug ihrer Rechte in der Selbstverwaltung der zemstvo (1864 eingeführtes Organ der lokalen Selbstverwaltung der Gouvernements und Kreise) und Städte sowie ihre gezielte Ausweisung aus größeren Metropolen wie Moskau und St. Petersburg bedeutet hatte – fand damit ein vorläufiges Ende. Die sowjetische Führung förderte bis zum Beginn der dreißiger Jahre, entsprechend ihrem nationalitätenpolitischen Bekenntnis, dosiert die nichtrussischen Ethnien, indem Angehörige nationaler Minderheiten gezielten Zugang zu Justiz, Verwaltung, Wirtschaft und Militär erhielten. Zugleich muss angemerkt werden, dass die korenizacija im Endeffekt Stückwerk blieb, ihre Zeit lief ab, als sich nach dem Ende der Diadochenkämpfe in Moskau unter Stalin wieder eine starke Zentralherrschaft festigte. 

Zum anderen erleichterte die überdurchschnittliche Verstädterung kleinerer Nationalitäten wie Juden – 82,4 Prozent der jüdischen Bevölkerung lebten Anfang der dreißiger Jahre in urbanen Siedlungsräumen –, Letten und Polen ihre Kooptation in die neue kommunistische Führungsschicht. Sie galten bei den neuen Machthabern, im Gegensatz zu den widerständigen Nationalitäten mit überwiegend bäuerlichem Anteil, als Volksgruppen, die loyal zum neuen Sowjetregime standen. Überdies prädestinierten sie ihre Sozialstruktur und ihr zumeist hoher Bildungsgrad – so hatten 1939 von jeweils 1 000 Angehörigen der Volksgruppe 103 Juden, 25 Polen und 21 Letten eine Hochschulausbildung, wohingegen dieses Verhältnis bei den Russen 1 000 zu 6 lag – geradezu für einen Aufstieg im neu zu bildenden sowjetischen Behördenapparat. Das emanzipativ und integrativ angelegte nationalitätenpolitische Modell der Bolschewiki fand allerdings spätestens mit dem Beginn der Großen Säuberungen 1934 sein Ende und schlug in eine repressive Nationalitätenpolitik um, deren Ziel die Liquidierung der Eliten ethnischer Minderheiten zugunsten der russischen Titularnation wurde.[26]

Zugleich wird deutlich, dass die Verhaftungen darauf ausgerichtet waren, die in der GRU entstandenen Netzwerke zu zerschlagen. Diese Gefolgschaften feudalen Zuschnitts, die sich als Seilschaften auf ihrem Weg nach oben gegenseitig absicherten, wirkten während der Säuberungen wie Katalysatoren. Denn jede Verhaftung trug die Züge einer Kettenreaktion, die von oben nach unten oder von unten nach oben verlaufen konnte. Geriet einer aus der Seilschaft in das Räderwerk des NKVD, folgten ihm über kurz oder lang die Personen des Netzwerkes, mit dem er verbunden war, in die Keller der Lubjanka.[27]

Am 28. November 1937 wurde beispielsweise Jan Karlovič Berzin als amtierender Leiter der GRU verhaftet. Bereits einen Tag später inhaftierte die Geheimpolizei seinen ebenfalls lettischen Stellvertreter, Divisionskommandeur Oskar Ansovič Stigga. Bis zum 3. Dezember 1937 verhaftete das NKVD weitere 23 Letten, darunter zwei Abteilungsleiter, vier stellvertretende Abteilungsleiter, vier Referatsleiter, zwei Militärattachés sowie zwei Residenten. Damit war das lettische Netzwerk, das seit Gründung der GRU deren Entwicklung maßgeblich mitbestimmt hatte, zerschlagen. Jetzt konnten andere Interessengruppen die vakante Herrschaft in der Militäraufklärung übernehmen.[28]

Die Massenverhaftungen setzten sich bis zum Spätherbst 1938, wenn auch im geringeren Ausmaß, fort. Anfang 1940 unterrichtete der neu ernannte GRU-Chef Ivan Iosifovič Proskurov das ZK über das Ausmaß der Säuberungen in der Militärspionage: »Innerhalb der letzten zwei Jahre wurden die Agenturverwaltungen und die Aufklärungsorgane periodisch von fremden und feindlichen Elementen gesäubert. Während dieser Jahre verhafteten die Organe des NKVD mehr als 200 Personen, die gesamte Führung bis hinunter zu den Abteilungsleitern wurde ausgewechselt. Während meiner Dienstzeit wurden allein aus dem Zentralapparat und den ihm unterstellten Einheiten 365 Personen aus verschiedenen politischen Gründen und wirtschaftlichen Erwägungen entfernt. Neu angestellt wurden 326 Personen, von denen die absolute Mehrheit keine Spionageausbildung besitzt.«[29]

Während zu den GRU-Mitarbeitern, die die Militärspionage per Abkommandierung verließen, kaum Informationen vorliegen, gelang es mit Hilfe der Unterlagen von Memorial und anderen Quellen, einen Großteil der mehr als 300 GRUAngehörigen zu identifizieren, die von den Säuberungen in der Militäraufklärung betroffen waren.[30] Bisher konnten 303 GRU-Mitarbeiter namentlich ermittelt werden, die zwischen 1933 und 1941 Opfer der stalinistischen Verfolgungen wurden. Von ihnen verhaftete das NKVD insgesamt 263 Personen. Gegen 222 Inhaftierte sprachen Militärgerichte und Sondertribunale Todesurteile aus, die sofort nach der Aburteilung vollstreckt wurden. Der Rest der Verhafteten wurde zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Sieben der 41 Inhaftierten überlebten die Haftbedingungen in den Lagern des GULag nicht. Weitere 40 Angehörige der sowjetischen Militäraufklärung überstanden die Säuberungen ohne Verhaftung, sie wurden jedoch nach gründlicher politischer Überprüfung aus den Reihen der GRU und der Roten Armee entlassen. 

Während es in der Führungsspitze des NKVD kein weibliches Personal gab, fielen den Säuberungen in der sowjetischen Militärspionage auch Frauen zum Opfer. Unter den 303 von den Großen Säuberungen betroffenen GRUAngehörigen befanden sich insgesamt 18 Frauen. Von ihnen waren sechs Jüdinnen, fünf Russinnen, jeweils zwei Lettinnen und Estinnen sowie je eine Finnin, Österreicherin und Polin. Obwohl nicht in ausgesprochenen Leitungspositionen tätig, so nahmen sie doch zum Teil recht hochrangige Posten ein. Neben der Chefreferentin des Pressebüros der GRU befanden sich unter diesen Frauen eine

Residentin, sechs Auslandsagentinnen und die Gehilfin des Chefs der GRUBibliothek. Insgesamt 15 von ihnen verhaftete das NKVD im Zuge der Säuberungen. Acht, darunter die Polin und langjährige GRU-Residentin in Krakau, Sof’ja Aleksandrovna Zalesskaja, verurteilten Sondergerichte zum Tod durch Erschießen. Der Rest verbüßte zum Teil langjährige Haftstrafen in den Lagern des GULag. Prominenteste unter diesen Inhaftierten dürfte die Finnin Aino Kuusinen, Ehefrau des Sekretärs des Exekutivkomitees der Komintern, Otto Kuusinen, gewesen sein. Die Auslandsagentin der GRU war Ende 1937 aus Japan abberufen und am 1. Januar 1938 wegen angeblicher konterrevolutionärer Tätigkeit vom Geheimdienst verhaftet worden. Ihre Freilassung und Rehabilitierung erfolgten erst mehr als zwei Jahre nach dem Tod Stalins, im Oktober 1955.[31]

Folgendes fällt bei der genaueren Untersuchung des gesäuberten Personenkreises auf: Die absolute Mehrheit der Repressionsopfer, 70 Prozent, gehörte nicht der russischen Nationalität an. Die Russen stellten mit 30 Prozent allerdings den größten Anteil unter den Opfern der stalinistischen Säuberungen. Es folgen Letten und Juden, die in der GRU jeweils 20 Prozent der von den Großen Säuberungen Betroffenen ausmachten. Deutsche und Ukrainer folgen mit je fünf Prozent, Weißrussen waren vier Prozent der Säuberungsopfer, Polen und Esten je drei Prozent. GRU-Angehörige aus vierzehn weiteren Nationen gerieten ebenfalls in das Räderwerk der stalinistischen Verfolgungen, hier lag der jeweilige Anteil an der Gesamtopferzahl jedoch bei einem Prozent und darunter. 

 

Tabelle 1: Nationale Zusammensetzung der Opfer der stalinistischen Säuberungen in der Militäraufklärung 1933 bis 1941

 

Nationalität

 

 

Gesamtzahl der

Repressierten

 

 

verhaftet

 

 

davon hingerichtet

 

               

aus GRU  und Armee entlassen

 

absolut  %

absolut %

absolut

%

absolut

%

Gesamt:

303

100

263

100

222 

100

40

100 

Russe

91

30

76

29 

64 

29 

15

37,5 

Jude

61

20 

54

20  

39

17 

7,5 

Lette

60

20 

57 

22 

52 

24 

7,5 

Deutscher

16

5

16

15

-

-

Ukrainer

14

11

11

3

7,5 

Weißrusse

12

6

6

3

6

15 

Este

10

10 

4  

-

-

Pole

10

Armenier

2,5 

Bulgare

1  

-

-

Österreicher

-

-

Tatare

0,5 

-

-

Ungar

-

-

Litauer

0,6 

-

-

Chinese

0,3 

0,5 

0,5 

-

-

Finne

0,3 

0,5 

-

-

-

-

Jugoslawe

0,3 

0,5 

0,5 

-

-

Komi

0,3 

0,5 

0,5 

-

-

Moldawier

0,3 

-

-

-

-

2,5 

Mongole

0,3 

0,5 

0,5 

-

-

Rumäne

0,3 

0,5 

-

-

2,5 

Schweizer

0,3 

0,5 

0,5 

-

-

 

 

Diese Zahlen zeigen nochmals deutlich, dass es Ziel der Säuberungen in der Militäraufklärung war, die ursprüngliche Leitung der GRU, die zum Großteil aus Letten und Juden bestand, auszulöschen und durch neue Kader, vor allem russischer Nationalität, zu ersetzen. Allein lettischer Nation waren unter den verhafteten Führungskräften: der GRU-Chef Jan Karlovič Berzin, sieben Abteilungsleiter, sieben stellvertretende Abteilungsleiter, acht Referatsleiter, ein stellvertretender Referatsleiter, vier Militärattachés sowie drei Residenten. Im Rahmen der Säuberungen in der Militäraufklärung wurden zudem aus folgenden Leitungspositionen Juden verhaftet und hingerichtet: die GRU-Chefs Semen Petrovič Urickij und Semen Grigor’evič Gendin,[32] der stellvertretende GRU-Chef Michail Konstantinovič Aleksandrovskij, sechs Abteilungsleiter, vier stellvertretende Abteilungsleiter, fünf Referatsleiter, vier Militärattachés sowie zehn Residenten.

Am 1. Januar 1937 setzte sich die Leitung der Moskauer Zentrale der sowjetischen Militäraufklärung ab Abteilungsleiter aufwärts noch aus sechs Juden, sechs Russen, drei Letten, zwei Deutschen sowie jeweils einem Schweizer, Komi und Polen zusammen. Nach Abschluss der Säuberungen Anfang 1940 bestand diese Führungsspitze jetzt aus vierzehn Russen, vier Ukrainern, einem Osseten und einem Juden. Hatten 1937 noch Personen mit Herkunft aus Geistlichkeit und Kleinbürgertum der GRU-Führung angehört, so entstammten die Leitungskader jetzt bis auf eine Ausnahme ausschließlich der Arbeiter- und Bauernschaft. Bis auf den Chef der Kaderverwaltung, der die Säuberungen überlebte, war keiner der neuen Führungskräfte älter als 41 Jahre. Lediglich einer von ihnen hatte bereits länger als fünf Jahre in der GRU gedient, die große Mehrzahl der neuen Leitungskader war sogar erst während der Säuberungen, zumeist nach Abschluss ihres Studiums an der Frunse-Militärakademie, zur Militärspionage versetzt worden.

Bestätigt wird die These der Auswechselung der Führungsebene der GRU auch durch die Tatsache, dass mehr als 50 Prozent der Opfer der Säuberungen in der Militärspionage Funktionen ab Referatsleiter aufwärts ausübten. Insgesamt verhaftete das NKVD zwischen 1935 und 1939: 38 Referatsleiter, 23 Militärattachés, 19 Residenten, 17 stellvertretende Abteilungsleiter bzw. stellvertretende Chefs der Aufklärungsverwaltungen (RU) der Militärbezirke, 33 Abteilungsleiter bzw. Chefs der Aufklärungsverwaltungen (RU) der Militärbezirke, 1 Gehilfen des GRU-Chefs, 4 stellvertretende GRU-Chefs und 4 Chefs der Militärspionage. Dass es hierbei vor allem um die physische Vernichtung der Spitzenkader ging, belegt das Faktum, wonach weder die verhafteten GRU-Chefs noch ihre Stellvertreter dem Erschießungskommando entgingen. Auch die in der Moskauer GRUZentrale verhafteten Abteilungsleiter bzw. ihre Stellvertreter wurden bis auf jeweils eine Ausnahme hingerichtet.

 

 

Tabelle 2: Dienststellung der Opfer der stalinistischen Säuberungen in der Militäraufklärung 1933 bis 1941

 

Dienststellung

 

 

Gesamtzahl der

Repressierten

 

 

verhaftet

 

 

davon hingerichtet

 

               

aus Militäraufklärung und Armee entlassen

Leiter

4

4

-

Stellvertr.  Leiter

4

4

-

Gehilfe  des Leiters

1

1

Abteilungsleiter

21 

20

19

1

Leiter im 

Militärbezirk

18

13

10

5

Stellvertr. 

Abteilungsleiter

15 

14

13

5

Stellvertr. Leiter im Militärbezirk

3

2

2

Resident im  Militärbezirk

21 

19

13

2

Militärattaché

24

23

20

1

Gehilfe des 

Militärattachés

 4

4

1

Referatsleiter 

 45  

38

33

7

Auslandsagenten

23

20

10

3


Entsprechend hoch waren die Dienstgrade der Personen die im Bereich der Militärspionage in die Mühlen des stalinistischen Terrorapparates gerieten. Mehr als 70 Prozent hatten im Verlauf ihrer Karriere zumindest den Rang eines Majors erreicht. Unter den GRU-Offizieren, die den Säuberungen zum Opfer fielen, gab es insgesamt: 56 Majore oder Bataillonskommissare, 91 Oberste oder Regimentskommissare, 34 Brigadekommandeure bzw. Brigadekommissare, 15 Divisionskommandeure bzw. Divisionskommissare, 13 Korpskommandeure und Korpskommissare sowie 2 Armeekommandeure II. Ranges und einen Marschall.

Interessant dabei ist, dass aus der Militärspionage, trotz ihres verschwindend geringen Anteils an der Personalgesamtstärke der Roten Armee, die 1938 rund 1,5 Millionen Mann betrug, sechs Prozent aller Divisionskommandeure und acht Prozent aller Brigadekommandeure kamen, die Opfer der stalinistischen Repressionen wurden. Bei den zwischen 1937 und 1938 verhafteten Obersten der Roten  Armee entstammte jeder Zwölfte den Reihen der GRU.[33]

 

 

Tabelle 3: Dienstgrad der Opfer der stalinistischen Säuberungen in der Militäraufklärung 1933 bis 1941

 

Dienstgrad                 Gesamtzahl der

                               Repressierten

               

 

verhaftet

 

 

davon hingerichtet

 

               

aus Militäraufklärung und Armee entlassen

Marschall                        1

1

-

Armeekommissar/

-kommandeur                 2

2

-

Korpskommissar/

-kommandeur               13 

13 

12

-

Divisionskommissar/

-kommandeur               15

15

14

-

Brigadekommissar/

-kommandeur               34

32

28

2

Oberst/Regiments- kommissar/Intendant

I. Ranges                      91

72

62

19

Major/Bataillons-

Kommissar/Indentant

II. Ranges                     56

46

37

10

Hauptmann/Ober- politruk/Indendant            18

12

9

6

Oberleutnant/Polit- ruk/Zivilangstellte             7 

5

3

2

Zivilangstellte               66

65

54

1

 

 


Im Zusammenhang damit lagen auch das Diensteintrittsalter in die GRU und das Lebensalter der Säuberungsopfer vergleichsweise hoch. Mehr als 57 Prozent von ihnen dienten bereits seit zehn Jahren und länger in der Militärspionage. Jeder Fünfte von den Repressalien erfasste GRU-Mitarbeiter war zwischen 1928 und 1932 in die Militärspionage eingetreten. Nur 17 Prozent der Opfer der Säuberungen hatten weniger als fünf Jahre in der Aufklärungsverwaltung des Stabes der Roten Arbeiter- und Bauernarmee gearbeitet. 

 

Tabelle 4:     Diensteintritt der GRU-Mitarbeiter, die den stalinistischen Säuberungen zwischen 1933 und 1941 zum Opfer fielen

 

Dienst- eintritt

1917–1922 1923–1927

1928–1932

1933–1937

nach 1937

kein Angabe

Anzahl

76 (25 %)     98 (32 %)

59 ( 20 %)

49 (16 %)

3 (1 %)

18 (6 %)


Dementsprechend war mehr als die Hälfte der im Rahmen der Säuberungen entfernten GRU-Angehörigen bereits älter als 40 Jahre und hatte damit wesentliche Teile ihrer Sozialisation noch unter den Bedingungen der Zarenherrschaft erfahren. Lediglich fünf der Opfer aus der Militäraufklärung waren so jung, dass sie nur über sehr frühe Kindheitserinnerungen an diese Zeit verfügten. Hinzukam, dass ein nicht unerheblicher Teil der älteren GRU-Mitarbeiter vor ihrer Militärkarriere im Zarenreich als Angestellte oder Beamte tätig gewesen war. 

 

 

Tabelle 5:            Altersstruktur der Opfer der stalinistischen Säuberungen in der Militäraufklärung 1933 bis 1941

 

Alter

40 Jahre

35 bis 39

30 bis 34

25 bis 29

jünger als 25

 

und älter

Jahre

Jahre

Jahre

Jahre

Anzahl

169 (55 %)

107 (35 %)

20 (7 %)

4 (2 %)

2 (1 %)

 

Über die soziale Herkunft der Säuberungsopfer lassen sich auf Grund der Quellensituation leider nur ungenaue Angaben machen. Immerhin konnte bei 165 GRU-Mitarbeitern, die in das Räderwerk der Großen Säuberungen gerieten, die soziale Herkunft ermittelt werden: 55 entstammten dem Bauerntum, 50 der Arbeiterschaft, 38 kamen aus Angestelltenfamilien, jeweils vier aus dem zaristischen Militär und Adel, zwei aus der Intelligenz und einer aus der Geistlichkeit. Wesentlich bessere Informationen liegen hingegen zum Bildungsstand der Säuberungsopfer aus der Militärspionage vor. Hier fällt auf, dass im Gegensatz zur Führungsspitze des NKVD, der Anteil von Personen mit Hochschulausbildung mit über 65 Prozent vergleichsweise hoch lag. Dies ist vor allem damit zu erklären, dass die absolute Mehrzahl der GRU-Offiziere im Verlauf ihrer Karriere zum Stabsoffizier eine Ausbildung an einer der Militärakademien der Roten Armee erhalten hatte. Im Gegensatz hierzu existierten im NKVD keine gleichgearteten Strukturen, da eine Hochschulausbildung für Offiziere des Geheimdienstes bis 1930 völlig fehlte. Weitere 25 Prozent der Opfer aus der GRU besaßen einen Mittelschulabschluss; nur fünf Prozent hatten lediglich eine Grundschule besucht. 

 

 

Tabelle 6: Ermittelter offizieller Verhaftungsgrund während der Säuberungen festgenommener GRU-Mitarbeiter

 

Offizielle Anklage

Anzahl

davon hingerichtet

Antisowjetische Tätigkeit

6

6

Konterrevolutionäre Organisation

51

47

Kremlprozess

2

Mitglied einer Terrororganisation

5

5

Spionage

101

94

Verschwörung

24

23

Volksfeind

6

2

Trotzkist

1

1

§ 132-a

1

-

keine Angabe

66

42

 

Trotz dieser Professionalisierung und der fast hundertprozentigen Mitgliedschaft der Verhafteten in der Kommunistischen Partei erschienen Stalin die Mitarbeiter der ersten Generation der sowjetischen Militärspionage verdächtig. Auf ihre unbedingte Loyalität glaubte der Partei- und Staatschef nicht setzen zu können. Deshalb ließ er fast die gesamte Führung und zahlreiche Mitarbeiter der Militäraufklärung als »Spione« und »Volksfeinde« verhaften, aburteilen und zum Großteil erschießen. Wobei gerade der erste aufgeführte Anklagepunkt von den Untersuchungsrichtern des NKVD besonders gerne verwendet wurde, hatten doch 230 der 263 verhafteten GRU-Angehörigen während ihrer Karriere im Nachrichtendienst im zumeist westlichen Ausland als Agent, Agentenführer oder Resident gearbeitet. An die Stelle der Säuberungsopfer traten junge und karrierebewusste Kader, die unerwartete Aufstiegschancen erhielten. Sie entstammten zumeist der russischen Titularnation, waren kaum älter als 35 Jahre und hatten zum Großteil gerade erst ihre Ausbildung an einer der Militärakademien beendet.

Damit sind die Säuberungen in der GRU als Bestandteil der Kaderrevolution im sowjetischen Geheim- und Nachrichtendienst anzusehen, die der Historiker Gerd Koenen auch als »Blutaustausch«[34] charakterisiert. Wie im NKVD drängten junge und aufstrebende Parteikader die alt gedienten »Militäraufklärer der ersten Stunde« aus ihren Positionen. Die GRU der zwanziger und dreißiger Jahre wurde im Zuge der Säuberungen weitgehend ausgelöscht, jedoch gleichzeitig auch wieder neu konstituiert. Die neuen Kader sorgten im Sinne Stalins für eine weitere Professionalisierung der sowjetischen Nachrichtendienste. Dies erklärt zumindest zum Teil, warum trotz des gewaltigen personellen Aderlasses seit 1940 die sowjetischen Agentennetze in Europa, den USA und Asien wieder fast reibungslos arbeiteten. Zugleich hatte sich Stalin durch die Ablösung der alten revolutionären Eliten, die vor allem »verdächtigen nationalen Gruppen entstammten« eine neue Gefolgschaft herangezogen und ihr einmalige Karrierechancen verschafft. Diese neue Kadergeneration verknüpfte ihren eigenen persönlichen Aufstieg auf das Engste mit Stalin und seinem System. An den gerade geräumten Schreibtischen der Verhafteten und Erschossenen nahmen die »Männer des Jahres 1938« Platz, die für eine ganze Generation von Profiteuren der Großen Säuberungen standen. Stalin hatte den Grundstein für ihre Karriere gelegt und deshalb banden sie ihr persönliches Schicksal an das des Diktators und erfüllten loyal und bedingungslos dessen Befehle und Anweisungen, um das stalinistische Regime auch mit Einsatz aller geheimpolizeilichen und nachrichtendienstlichen Mittel weiter am Leben zu erhalten. Sie trugen bis weit in die achtziger Jahre maßgeblich zur Konservierung des sowjetischen Systems in der ihnen vertrauten Form bei und verhinderten lange Zeit erfolgreich alle Versuche einer neuen »Kaderrevolution«.

 


[1]  Vgl. Luks, Leonid: Geschichte Rußlands und der Sowjetunion. Von Lenin bis Jelzin, Regensburg 2000, S. 297.

[2]  Im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes wird für den sowjetischen Militärnachrichtendienst die erst im Juni 1945 offiziell eingeführte Bezeichnung Glavnoe Razvedyvatel’noe upravlenie (GRU, Hauptverwaltung Aufklärung) gebraucht. Auf eine Verwendung der zwischen 1917 und 1945 existierenden insgesamt neunzehn unterschiedlichen Behördentiteln wurde im Sinne einer allgemeinen Verständlichkeit verzichtet, zumal der militärische Nachrichtendienst der UdSSR bis heute mit dem Begriff der GRU assoziiert wird. Innerhalb des hier untersuchten Zeitraums trug die spätere GRU von November 1934 bis Mai 1939 die offizielle Bezeichnung Razvedyvatel’noe upravlenie (Verwaltung Aufklärung) der Roten Arbeiter- und Bauernarmee.

[3]  Vgl. Conquest, Robert: Der Große Terror. Sowjetunion 1934–1938, München 1993, S. 215– 226; Schapiro, Leonhard: Die große Säuberung, in: Lidell-Hart, Basil (Hrsg.): Die Rote Armee, Bonn 1957, S. 71–79.

[4]  Petrov, Nikita V./Skorkin, Konstantin V.: Kto rukovodil NKVD 1934–1941. Spravočnik [Wer leitete das NKVD 1934–1941. Nachschlagewerk], Moskau 1999, S. 501.

[5]  Vgl. Baberowski, Jörg: Der rote Terror: Die Geschichte des Stalinismus. München 2003, S. 196–200; Hildermeyer, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998, S. 477–480; Rogovin, Vadim:

Partija rasstreljannych [Die Partei der Erschossenen], Moskau 1997, S. 14–16.

[6]  Vgl. Petrov/Skorkin: Kto rukovodil NKVD (Anm. 4). Eine kurze Auswertung ihrer wichtigsten Forschungsergebnisse findet sich bei Uhl, Matthias: Biographisches zur Führungsspitze des NKVD während der Großen Säuberungen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2003, S. 350–353.

[7]  In der Sowjetunion wurde Jude als Nationalität betrachtet. Die Angaben beruhen auf der Selbstauskunft der Betroffenen.

[8]  Vgl. Petrov/Skorkin: Kto rukovodil NKVD (Anm. 4), S. 491–501; Toptygin, Aleksej V.:

Neizvestnij Berija [Der unbekannte Berija], Moskau/St. Petersburg 2002, S. 5–12.

[9]  Zur Sammlung der statistischen Informationen über die Säuberungen in der GRU wurden folgende Quellen verwendet. CD: Žertvy političeskogo terrora v SSSR [Die Opfer des politischen Terrors in der UdSSR], Moskau 2002; СD: Stalinskie rasstrel’nye spiski [Die Stalinschen Erschießungslisten], Moskau 2002; Suvenirov, Oleg Fedotovič: Tragedija RKKA 1937 bis 1938 [Die Tragödie der Roten Arbeiter- und Bauernarmee 1937–1938], Moskau 1998; Lur’e, Vjačeslav Michajlovič/Kočik, Valerij Jakovlevič: GRU. Dela i ljudi [Die GRU. Wirken und Personen] St. Petersburg/Moskau 2002; Razvedka i kontrrazvedka v licach. Ėnciklopedičeskij slovar’ rossijskich specslužb [Spionage und Gegenspionage in Personen.  Enzyklopädisches Wörterbuch der russischen Sicherheitsdienste], Moskau 2002; Kolpakidi, Aleksandr Ivanovič/Prochorov, mitrij Petrovič: Imperija GRU. Očerki istorii rossijskoj voennoj razvedki [Das GRUImperium. Abriss der Geschichte der russischen Militäraufklärung], 2 Bde., Moskau 2001;

Kočik, Valerij Jakovlevič: Sovetskaja voennaja razvedka v stranach Vostočnoj Evropy (1939– 1945) [Die sowjetische Militäraufklärung in den Staaten Osteuropas (1939–1945)], in: Voenno-istoričeskij archiv 2002, H. 1, S. 112–120.

[10]Dieses Gründungsdatum nennt Lur’e/Kočik: GRU (Anm. 9). Mehrere Vorläuferorganisationen existierten bereits seit November 1917.

[11]Vgl. Proekta plana postanovki agentury v Germanii, 1920 g. [Planentwurf zur Errichtung von Agenturen in Deutschland, 1920], in: D’jakov, Juri L./Bušueva, Tat’jana S. (Hrsg.): Fašistskij meč kovalsja v SSSR. Krasnaja armija i rejchsver – tajnoe sotrudničestvo 1922–1933. Neizvestnye dokumenty [Das faschistische Schwert wurde in der UdSSR geschmiedet. Die Rote Armee und die Reichswehr – die geheime Zusammenarbeit 1922–1933. Unbekannte Dokumente], Moskau 1992, S. 36 f.; Kočik, Valerij Jakovlevič: Sovetskaja voennaja razvedka. Struktura i kadry. Stat’ja vtoraja 1918–1921 [Die sowjetische Militäraufklärung: Struktur und Kader. Zweiter Artikel 1918–1921], in: Svobodnaja mysl’ 1998, H. 6, S. 88–103.

[12]  Vgl. Bezymenskij, Lev A.: Sovetskaja razvedka pered vojnoj. [Die sowjetische Aufklärung vor dem Krieg], in: Voprosy istorii 1996, H. 9, S. 79 f.

[13]  Vgl. Pavlov, A. G.: Sovetskaja voennaja razvedka nakanune Velikoj Otečstvennoj vojny [Die sowjetische Militäraufklärung am Vorabend des Großen Vaterländischen Krieges], in: Novaja i novejšaja istorija 1995, H. 1, S. 51; Kočik, Valerij Jakovlevič: Nekotorye aspekty dejatel’nosti sovetskoj voennoj razvedki 20-e i 30-e gody. Struktura, kadry, napravlenija raboty, operacii [Einige Aspekte der Tätigkeit der sowjetischen Militäraufklärung in den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Struktur, Personal, Arbeitsgebiete, Operationen], in: Voenno-istoričeskij archiv 2000, H. 13, S. 62–78.

[14]  Vgl. Garthoff, Raymond L.: Die sowjetischen Spionageorganisationen, in: Liddell-Hart, Basil (Hrsg.): Die Rote Armee, Bonn 1957, S. 284; Kočik, Valerij Jakovlevič: Nekotorye aspekty dejatel’nosti sovetskoj voennoj razvedki v predvoennyj period (1936–1941). Struktura, kadry, napravlenija raboty, operacii. [Einige Aspekte der Tätigkeit der sowjetischen Militäraufklärung in der Vorkriegsperiode (1936–1941). Struktur, Personal, Arbeitsgebiete, Operationen], in: Voenno-istoričeskij archiv, 2001, H. 1, S. 108–114.

[15]  Vgl. Kolpakidi/Prochorov: Imperija GRU (Anm. 8), Bd. 2, S. 233–235.

[16]  Vgl. Povestka dnja zasedanie Politbjuro CK VKP(b) ot 29 marta 1934 g. [Tagesordnung der Sitzung des Politbüros des ZK der VKP(b) vom 29. März 1934], in: Politbjuro CK RKP(b) – VKP(b). Povestki dnja zasedanij 1919–1952. Katalog [Das Politbüro des ZK der RKP(b) – VKP(b). Tagesordnung der Sitzungen 1919–1952. Katalog] Moskau 2001, Bd. 2, S. 517; Gorbunov, Evgenij: Voennaja razvedka v 1934–1939 godach [Die Militäraufklärung in den Jahren 1934–1939], in: Svobodnaja mysl’ 1998, H. 2, S. 98–101.

[17]  Vgl. Postanovlenie Politbjuro CK VKP(b) »Voprosy IV upravlenija RKKA«, 26 maja 1934 g. [Beschluss des Politbüros des ZK der VKP(b) »Fragen der IV. Verwaltung der Roten Armee« vom 26. Mai 1934], in: Jakovlev, A. N./Chaustov, V. N./Naumov, V. P./Plotnikova, N. S. (Hrsg.): Lubjanka. Stalin i VČK – GPU – OGPU – NKVD. Archiv Stalina. Dokumenty vysšich organov partijnoj i gosudarstvennoj vlasti. Janvar’ 1922 – dekabr’ 1936 [Lubjanka. Stalin und die VČK – GPU – OGPU – NKVD. Das Archiv Stalins. Dokumente der höheren Partei- und Staatsorgane. Januar 1922 bis Dezember 1936]. Moskau 2003, S. 522 f.; Kočik,

Valerij Jakovlevič: Sovetskaja voennaja razvedka. Struktura i kadry. Stat’ja četvertaja 1924– 1936 [Die sowjetische Militäraufklärung. Struktur und Kader. Vierter Artikel 1924–1936), in: Svobodnaja mysl’ 1998, H. 8, S. 82.

[18] Lur’e/Kočik: GRU (Anm. 9), S. 58.

[19]Vgl. Gorbunov, Evgenij: Voennaja razvedka v 1934–1939 godach (II) [Die Militäraufklärung in den Jahren von 1934 bis 1939 (II)], in: Svobodnaja mysl’ 1998, H. 3, S. 55.

[20]Očerki istorii rossijskoj vnešnej razvedki [Abriss der Geschichte der russischen Auslandsaufklärung], Moskau 1997, Bd. 2, S. 63.

[21]  Vgl. Zapiska N. I. Ežova I. V. Stalinu o Ja. K. Berzine, 5 ijulja 1937 g. [Schreiben von N. I. Ežov über Ja. K. Berzin an I. V. Stalin vom 5. Juli 1937], in: Jakovlev, A. N./Chaustov, V. N./Naumov, V. P./Plotnikova, N. S. (Hrsg.): Lubjanka. Stalin i Glavnoe upravlenie gosbezopasnosti NKVD. Archiv Stalina. Dokumenty vysšich organov partijnoj i gosudarstvennoj vlasti. 1937–1938 [Lubjanka. Stalin und die Hauptverwaltung für Staatssicherheit des NKVD. Das Archiv Stalins. Dokumente der höheren Partei- und Staatsorgane. 1937–1938] Moskau 2004, S. 236 f. Auf diesem Schreiben vermerkte Stalin handschriftlich: »Man muss Berzin zum Baudienst versetzen.« Im März 1938 wies der Diktator persönlich Folterungen an, um GRU-Chef Urickij als Mitglied einer Gruppe von linken Sozialrevolutionären zu überführen. Vgl. Ukazanija I. V. Stalina o doprosach, 13 marta 1938 g. [Anweisung I. V. Stalins über Verhöre vom 13. März 1938],  in: Ebenda, S. 499.

[22]  Zitiert nach: Gorbunov: Voennaja razvedka (Anm. 19), S. 57; Baberowski: Der rote Terror (Anm. 5), S. 11–13.

[23]  »Nevol’niki v rukach Germanskogo Rejsvera«. Reč’ I. V. Stalina v Narkomate oborony [»Sklaven in den Händen der Deutschen Reichswehr«. Eine Rede Stalins im Volkskommissariat für Verteidigung], in: Istočnik 1994, H. 3, S. 79.

[24]  Ein Befehl Stalins zum Beginn der Säuberungen in der Militäraufklärung ist bislang nicht gefunden worden. 

[25]  Vgl. Kolpakidi/Prochorov: Imperija GRU (Anm. 9), Bd. 1, S. 234–241; Hedeler, Wladislaw: Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938. Planung, Inszenierung und Wirkung. Moskauer 2003, S. 269–336. Anfang 1938 ebbte die Verhaftungswelle langsam ab. Im Januar 1938 wurden 27 GRU-Mitarbeiter verhaftet, im Februar zwölf, im März 13, im April zwölf und im Mai drei. Von Juni bis Dezember 1938 gerieten noch 24 GRU-Angehörige in die Maschine der Großen Säuberung, im ganzen Jahr 1939 noch acht.

[26]  Vgl. Lustiger, Arno: Rotbuch Stalin und die Juden. Die tragische Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden. Berlin 1998, S. 70–86; Battenberg, Friedrich: Das europäische Zeitalter der Juden. Zur Entwicklung einer Minderheit in der nichtjüdischen Umwelt Europas, 2. Aufl. Darmstadt 2000, Bd. 2, S. 250–256; Kappeler, Andreas: Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung – Geschichte – Zerfall. München 1993, S. 303– 308; Martiny, Albrecht: Der Umgang des Sowjetstaates mit seinen Ethnien, in: Schramm, Gottfried (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Russlands, Stuttgart 1992, Bd. 3, S. 1767–1778; Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion (Anm. 5), S. 207 f. u. 476–480; Vsesojuznaja perepis’ naselenija 1939 goda. Osnovnye itogi – Rossija (Die Allunionsvolkszählung des Jahres 1939. Wichtigste Ergebnisse – Russland) Moskau 1999, S. 112–127.

 

[27] Vgl. Koenen, Gert: Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus? Berlin 1998, S. 292 f.; Bullock, Alan: Hitler und Stalin. Parallele Leben. Berlin 1991, S. 652–656; Baberowski: Der rote Terror (Anm. 5), S. 160–171.

[28]Kolpakidi/Prochorov: Imperija GRU (Anm. 9), Bd. 1, S. 302–343.

[29] Zitiert nach Pavlov: Voennaja razvedka (Anm. 13), S. 51 f.

[30]  Siehe zur ausgewerteten umfangreichen neuen Literatur Anm. 9. 

[31]  Vgl. Kolpakidi/Prochorov: Imperija GRU (Anm. 9), Bd. 2, S. 349; Kuusinen, Aino: Der Gott stürzt seine Engel. Hrsg. von Wolfgang Leonhard. Wien/München/Zürich 1972, S. 141–295.

[32]  Die vier während Großen Säuberungen verhaften und hingerichteten GRU-Chefs waren: Semen Petrovič Urickij (im Amt von April 1935 bis Juni 1937), Jan Karlovič Berzin (März 1924 bis April 1935 und von Juni 1937 bis November 1937), Semen Grigor’evič Gendin (von November 1937 bis Mai 1938) und Aleksandr Grigor’evič Orlov (Mai 1938 bis April 1939).

[33]  Vgl. Suvenirov: Tragedija RKKA (Anm. 9), S. 302–306; Statistika antiarmejskogo terrora [Statistik des Anti-Armeeterrors), in: Voenno-istoričeskij archiv 1997, H. 2, S. 105–117. Die bisher in der Literatur angegebenen Opferzahlen zu den Säuberungen der Roten Armee beruhen zumeist auf Informationen des japanischen Nachrichtendienstes von 1939. Sie sind, was die hohen Ränge betrifft, zumeist zu niedrig angesetzt. Dokumente aus sowjetischen Archiven zeigen, dass allein zwischen 1937 und 1938 insgesamt 14 Armeekommandeure, 84 Korpskommandeure, 144 Divisionskommandeure, 245 Brigadekommandeure und 817 Regimentskommandeure sowie Offiziere in gleichgestellten Diensträngen verhaftet wurden. Weitere 15 Armeekommissare, 31 Korpskommissare, 85 Divisionskommissare, 145 Brigadekommissare sowie 163 Regimentskommissare ließ das NKVD ebenfalls inhaftieren und zum Großteil hinrichten. 

[34]  Vgl. Koenen: Utopie der Säuberung (Anm. 27), S. 225. 

Inhalt – JHK 2004

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