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Der Stalinismus als archaischer Gewaltexzess - Neue Studien zu Terror, Schauprozessen und Gulag

JHK 2005 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 353-361 | Aufbau Verlag

Autor/in: Klaus-Georg Riegel

Baberowski, Jörg: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2003, 288 S., ISBN 3-421-05486-X

 

Hedeler, Wladislaw: Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938.

Planung, Inszenierung und Wirkung. Mit einem Essay von Steffen Dietzsch. Berlin:

Akademie Verlag 2003, 695 S., ISBN 3-05-003869-1

 

Kizny, Tomasz: Gulag. Mit Vorworten von Normann Davies, Jorge Semprun und Sergej Kowaljow. Aus dem Französischen von Michael Tillmann. Hamburg: Hamburger Edition 2004, 495 S., ISBN 3-930908-97-2 

 

Struktur und Funktion des Terrors im Stalinismus waren Gegenstand heftiger politischer und wissenschaftlicher Kontroversen. Für die klassischen Totalitarismustheorien bildeten die terroristischen Dimensionen des Stalinismus das zentrale Paradigma, um die Genese und Implosion einer totalitären Moderne zu beschreiben und zu erklären. Die revisionistische Stalinismusforschung bestritt zwar nicht die terroristischen Momente der stalinistischen Utopie der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung, doch verwies sie auf eine ungeplante gesellschaftliche und kulturelle Dynamik als Reaktion auf den totalitären Anspruch, die sowjetische Industriegesellschaft in eine gefügige sozialistische Disziplinmaschine zu verwandeln. Die gesellschaftliche Realität des Alltags im Stalinismus könne nicht ausschließlich als durch Terror, Säuberungen, Deportationen und Konzentrationslager geprägt beschrieben werden. In diesem Sinne hat Sheila Fitzpatrick den sowjetischen Staat nicht lediglich als Terrormaschine, als Gefängnis, als Armee, sondern als staatliche Wohlfahrtsbürokratie, als soup kitchen or relief agency, beschrieben, auf die sich die Überlebensstrategien des Homo Sovieticus konzentrierten, um die knappen Güter des städtischen Alltags zu erobern.[1]

Dieser revisionistischen Interpretation des Stalinismus kann sich Jörg Baberowski mit seinem Buch Der Rote Terror nicht anschließen. Im Gegenteil.

Baberowski vertritt seine These von der Geburt des Stalinismus aus der Mentalität archaischer kaukasischer Räuberbanden mit einer Fülle von Hinweisen und Skizzen zur Gewaltkultur des russischen Dorfes. Man fühlt sich dabei fast an eine Variante der Marx’schen Theorie der asiatischen Produktionsweise erinnert, die Wittfogel auf den orientalischen Despotismus des Stalinismus anzuwenden versucht hatte. Allerdings unterscheidet sich Baberowski in einem entscheidenden Punkt von Wittfogel: der stalinistische Despotismus sei durch die Gewalttradition des russischen Dorfes geprägt und durch den vergeblichen Versuch, sich als totaler Staat, »als der oberste Herr der Arbeit und des Eigentums seiner Untertanen«[2], zu etablieren. Entgegen den Prämissen vieler Totalitarismustheorien handele es sich beim Stalinismus, so Baberowski, um eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte totalitäre Utopie. Gleich zu Beginn seiner Studie erklärt Baberowski: »Stalinismus und Terror sind Synonyme. Der Kern der stalinistischen Herrschaft bestand in der unablässigen Ausübung exzessiver Gewalt.« (S. 7)

Der stalinistische Terror basiere auf den ideologischen Obsessionen der Partei, eines »Orden der Auserwählten« (S. 78), und der Gewalttradition des Dorfes. Auch die Bolschewiki, »eine Sekte von Alphabetisierten« (S. 65), hätten vergeblich versucht – wie zuvor schon die zaristische Autokratie – den breiten Bauernmassen eine hegemoniale Kultur zu oktroyieren. Die bolschewistische Utopie, eine homogene sozialistische Kultur und Gesellschaft zu schaffen, scheiterte nicht nur am Widerstand der terrorisierten sozialen Gruppen, sondern auch an »dem Unvermögen der Machthaber, ihren totalen Anspruch durchzusetzen« (S. 14). Der Bolschewismus als »säkularisierte Religion« (S. 108) blieb damit auf eine gläubige, gewalttätige Minorität beschränkt, welche ihre Utopie vom Neuen Menschen mit Vernichtungsfeldzügen gegen imaginierte »Schädlinge«, »Volksfeinde« und »bürgerlichen Klassen« durchzusetzen versuchte. Besonders der Bürgerkrieg mit seinen Gewaltexzessen schuf den stalinistischen Funktionär, dem die »Gewalt das Lebenselixier« (S. 53) bedeutete. Stalin, der sich durch »Schlichtheit, Entschlossenheit, Gewalttätigkeit« (S. 53) auszeichnete, formte eine Funktionärsclique (Molotov, Kaganovič, Vorošilov, Mikojan, Ordžonikidze, Kirov, Ežov) als Gefolgschaft, die »ein unmittelbares, körperliches Verhältnis zur Gewalt« (S. 206) besaß, wie sie die archaische Gewalttradition des russischen Dorfes kultivierte. »Stalin ließ sich die Geschlagenen und Gefolterten in seinem Arbeitszimmer vorführen, er gab Anweisungen, wie die Verhafteten zu misshandeln seien, und er schlug seinen Sekretär Poskrebyšev« (S. 206). Noch grausamer betätigte sich Ežov während des Massenterrors von 1937. »Ežov ließ einem Gefangenen Ohren und Nase abschneiden, er nahm an den Erschießungen von Verurteilten teil und er sammelte die Revolverpatronen, mit denen die Tschekisten ihre Opfer erschossen hatten« (S. 206). Baberowski bezeichnet Stalin und seine Gefolgschaft als »Gewaltmenschen« (S. 204), welche sich dem archaischen Ehrenkodex verschworener Männerbünde verpflichtet fühlten. »Stalins Gesellschaftsmodell war die Räuberbande, deren Mitglieder in der rauen Wirklichkeit nur überlebten, wenn sie einander auf Gedeih und Verderben die Treue hielten. Unter den Bedingungen des Krieges, den die Kommunisten gegen die Bevölkerung führten, wurde die Stalinsche Ideologie der Freundschaft zur Ideologie der Partei. Stalin und seine engsten Vertrauten konnten sich eine Welt, die nicht von Männerbünden regiert wurde, überhaupt nicht vorstellen. Misstrauen und Verdacht waren freilich Teil des Systems von Freundschaft. Stalin stellte seine Freunde auf die Probe, er erwartete von ihnen, daß sie Opfer brachten und darin ihre Freundschaft unter Beweis stellten.« (S. 179 f.) Es überrascht nicht, dass Baberowski in diesem Kontext das stalinistische Herrschaftssystem als »feudale[n] Personenverbandstaat« (S. 160) beschreibt. »Die Provinzpotentaten gehörten zu den Vasallen Stalins, die, wenn sie dem Führer gehorchten, eigene feudale Netze unterhalten durften. Es lag im Interesse Stalins, dass jene, die sich sein Vertrauen verdient hatten, die lokalen Apparate mit ihren Gefolgsleuten besetzten. Denn nur so konnten zentrale Absichten zu lokalen werden« (S. 160). Der Große Terror (1936 bis 1938), den Stalin auch gegen seine Satrapen entfesselte, erfasste daher auch deren Gefolgschaften in den Parteiapparaten, der Staatsverwaltung, der Justiz und den Sicherheitsorganen des NKVD. Die lokale und regionale Unabhängigkeit der Parteivasallen und ihr Patronagesystem sollte zerschlagen werden, um die unmittelbare Umsetzung der utopischen Planvorgaben sicherzustellen. Schließlich erfasste der bewusst von Stalin und seinen Gefolgsleuten entfesselte Massenterror die gesamte Gesellschaft. »Der Massenterror, der im Sommer 1937 begann und sich bis in den Herbst des Jahres 1938 fortsetzte, war ein Versuch, die Gesellschaft von ihren Feinden zu erlösen. Es war eine sowjetische Variante der ›Endlösung‹« (S. 188). Detailliert schildert Baberowski dieses »eliminatorische Programm« (S. 190), das Quotensystem der Opferzahlen, die Prozedur der erpressten Geständnisse, das Theater der Schauprozesse und die gewalttätige Konstruktion ethnisch homogener Landschaften. Auch die stalinistische Kulturrevolution, die den Neuen Menschen hervorbringen sollte, wird als ein Schlachtfeld beschrieben, auf dem der Kampf um die Seelen ausgefochten wurde, als ein Krieg »gegen äußere und innere Feinde, gegen Rückständigkeit und Barbarei, die sich in den Köpfen der Untertanen festgesetzt hatten« (S. 98). Der Körperkult der Bolschewiki, ihr alternativer Festkalender, der die religiöse Tradition ersetzen sollte, die Kultur- und Erholungsparks in den neuen Industriestädten, die Verstaatlichung des Wohnraumes, die »Inszenierung des vorbildlichen Lebens« (S. 111) durch Theater, Film und antireligiöse Propaganda stellten den vergeblichen Versuch dar, die »säkulare Religion der Bolschewiki« (S. 111) auch in der bäuerlichen Gesellschaft zu verankern. Baberowski scheut nicht davor zurück, Stalins persönliche Verantwortung für die Massenmorde und Hexenjagden, seine von ihm unterzeichneten Todeslisten, seine »destruktive und kriminelle Energie« (S. 252) sowie seine »Rachsucht und Gewaltbedürfnisse« (S. 252), die »Mordlust« (S. 147) der »dumpfen und primitiven Gewalttäter[n] aus dem Politbüro« (S. 146) zu brandmarken. Als weitere Quelle zitiert er sogar Džingis Chan, dessen Herrschaftsmaxime: »Der Sieger könne nicht in Frieden leben, wenn er die Besiegten nicht töte« (S. 182), von Stalin bei der Lektüre eines Geschichtsbuches unterstrichen worden sei. 

Die obsessive Fixierung Baberowskis auf das stalinistische Laboratorium archaischer Gewalttradition läßt die Frage nach der Genese der stalinistischen Moderne, einer sozialistischen Industriegesellschaft, die als Teil des europäischen Industrialisierungs- und Modernisierungsprozesses angesehen werden kann, unbeantwortet. Die Strukturprinzipien archaischer, kaukasischer Räuberbanden und einer dörflichen russischen Gewaltkultur können zwar den Mentalitätshorizont und körperlichen Gewalthabitus Stalins und seiner Gefolgschaft erhellen. Obgleich Baberowski die europäische Moderne mit ihrem Programm der Auslöschung von Ambivalenz und Heterogenität streift und die stalinistische Utopie des Neuen Menschen beschreibt, wird doch das ideologische Repertoire des europäischen Marxismus nur schemenhaft sichtbar, eine ideologische Tradition und Praxis, welche sicherlich nicht der russischen dörflichen Gewalttradition entstammten. Die leninistische Interpretation des europäischen, auf Industriegesellschaften orientierten Marxismus war auf die sozialen und kulturellen Besonderheiten Russlands zugeschnitten. Der Stalinismus ging aus diesem leninistischen Imitationsversuch hervor, das industrielle westliche Modell des Marxismus für Russland zu kopieren. Die barbarischen Zwangsmethoden der Kollektivierung und der forcierten Industrialisierung verdanken sich auch diesem transnationalen Modernisierungskontext, der aus einem Imitations- und Kopierprozess durch die russische agrarische Peripherie die barbarische Variante des Stalinismus hervorbrachte. Die barbarische Besonderheit, die geschichtliche Monstrosität des Stalinismus wird erst an der Differenz zu dem westlichen Kopiermodell[3] und nicht ausschließlich als bruchlose Tradierung archaischer Gewaltexzesse des russischen Dorfes und kaukasischer Räuberbanden deutlich und interpretationsfähig.

Neben dieser Ausblendung des transnationalen Modernisierungskontextes stört auch die oft willkürliche Verwendung völlig unterschiedlicher Kategoriensysteme, mit denen Baberowski den Stalinismus begrifflich zu erfassen sich bemüht.[4] So wird der Stalinismus – in der Regel ohne nähere Begründung – nach dem Paradigma der kaukasischen Räuberbande, der Gewaltkultur des russischen Dorfes, der Mafia, des »feudalen Personenverbandstaates« (S. 160), der »brutale[n] Disziplinierungs- und Erziehungsdiktatur« (S. 14) und last but not least des »Orden[s] von Auserwählten und Märtyrern einer heiligen Sache« (S. 135) beschrieben. Obgleich Stalins Idole »Anführer von Räuberbanden« (S. 205) gewesen sein sollen, verwendet Baberowski merkwürdigerweise dennoch zur Kennzeichnung der leninistischen und stalinistischen Partei und Ideologie fast durchgängig bestimmte religionssoziologische Begriffe und Metaphern, ohne sie analytisch aufzuschließen. Berdiajew, Frank, Bulgakov, Stepun, die in dieser Richtung erste und wegweisende Interpretationen vorgelegt haben, werden schlicht ignoriert und damit die Chancen einer religionssoziologischen Analyse zugunsten einer exotischen Plakatierung von atheistischen Akteuren und Ideologien mit Slogans aus dem religiösen Disneyland verschenkt.

Wesentlich nüchterner, ganz dem Positivismus der schriftlich fixierten Ereignisgeschichte verpflichtet, geht Hedeler in seiner Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938 vor. Er beschränkt sich auf eine Chronik der Tagesereignisse dieser Jahre, welche – wie der Untertitel suggeriert – einen Einblick in die Planung, Inszenierung und Wirkung dieser Schauprozesse erlauben soll, ein Versprechen, das Hedeler nicht einzulösen vermag. Seine sparsamen Bemerkungen, insbesondere die einleitende Vorbemerkung zur Chronik, können lediglich als Begleitkommentar zu der angeführten, penibel notierten Chronologie von Daten verstanden werden. Die mitgeteilten historischen Ereignisdaten sind an den Zeitrahmen von Tag und Monat der entsprechenden Jahre des Großen Terrors orientiert. Die Ereignisdaten dieses Zeitrahmens sprechen aber nicht für sich selbst, wie Hedeler anzunehmen scheint. Aus ihnen geht keineswegs logisch zwingend die Planung, Inszenierung und Wirkung der Moskauer Schauprozesse hervor. Die Auswahl von Tagesereignissen für diesen Zeitraum und für diese Chronik könnte nämlich auch anders ausfallen, sie ist kontingent. Darüber hinaus erschließen sich die mitgeteilten Daten nur dann einer sinnstiftenden Interpretation, wenn dem Leser schon ex ante der historische Gesamtkontext präsent ist, in die er die von Hedeler minutiös und mit beträchtlichem Aufwand ausgewählten und präsentierten Ereignisdaten einzuordnen vermag. Erst unter dieser methodischen Voraussetzung kann die Chronik als Datenbank benutzt werden, welche dem Spezialisten Auskunft zu geben vermag, dass z. B. Stalin am 9. Januar 1937 von Ežov und Vyšinskij den zweiten, überarbeiteten Entwurf der Anklageschrift im Schauprozess 1937 zugestellt bekam und diese zweite Fassung redigierte (S. 136). Ob und in welcher Weise dieses Datum für den Leser oder Spezialisten sinnvoll ist, hängt von ihrem Interpretationsrahmen ab, eben dem historischen Kontext, in dem dieses Ereignis loziert und interpretiert werden kann. Hedeler fügt diesen Einträgen meistens noch Leitartikel u. a. der PravdaRundschau (Basel), Deutschen ZentralZeitung, des Bol’ ševik, aber auch die Kommentare und Artikel von Trockij im Bjulleten’ oppozicii oder die Tagebuchnotizen von Georgi Dimitroff, des Generalsekretärs der Komintern, hinzu. Abgerundet werden diese Tageschroniken durch Tagebuchnotizen von Zeitgenossinnen und Zeitgenossen des Stalinismus, die aus ihrer subjektiven Erlebniswelt die Jahre des Großen Terrors schildern. Jeweils abgeschlossen wird die Tageschronik durch eine Liste der Besucher, die das Kabinett Stalins frequentierten, vermutlich um zu dokumentieren, welchem der Vasallen Stalins an welchem Tag zu welcher Stunde eine Audienz zur Vorbereitung des Massenterrors konzediert wurde, ein Gunstbeweis, welcher – ein nicht gerade überraschender Befund – Molotov, Kaganovič, Malenkov, Vorošilov und natürlich bis zu ihrer Verhaftung Jagoda und Ežov am häufigsten gewährt wurde. Man kann allerdings aus dieser Besucherliste ersehen, dass Stalin nicht als Anführer einer kaukasischen »Räuberbande« (Baberowski), sondern als inspirierender Administrator einer gigantischen, bürokratisch organisierten Vernichtungsmaschinerie agierte, der seine Gefolgsleute als Exekutivorgane in die Provinzen zur Planerfüllung der Opferlimits entsandte und mit den Spitzen des NKVD die Direktiven vorbereitete, welche die juristische und administrative Grundlage für gezielte und systematisch vorbereitete Vernichtungsaktionen von »Schädlingen« und »Volksfeinden« abgaben. Stalin erscheint auch als die treibende ideologische und organisatorische Kraft, welche für eine kumulative Radikalisierung des Massenterrors verantwortlich zeichnete, permanent die einzelnen Volkskommissariate und die NKVD-Organe antrieb, neue Säuberungswellen in ihren Bereichen auszulösen, die Vernichtungsaktionen zu beschleunigen und die Denunziationsepidemien in alle Lebenssphären hineinzutragen. 

Etwas lebhafter, mit einzelnen Erläuterungen angereichert, gerät die Präsentation des Schauprozesses gegen Bucharin, dessen Leben und Schriften Hedeler zuvor schon in mehreren Quelleneditionen nachgegangen ist. Hedeler bemüht sogar die Interpretationsversuche von M. Merleau-Ponty, um die »intellektuelle Dimension des Terrors« (S. 347) aufzuzeigen. Oder er zitiert Arthur Koestlers Sonnenfinsternis, um das Ritual von »Abschwörung – Demütigung – Stigmatisierung – Reue« (S. 360) hervorzuheben und die Tragödie von Bucharins Ende zu illustrieren, einer revolutionären Karriere, welche eben nicht lediglich durch eine Chronik seiner Verhaftung, der Verhöre durch Vyšinskij, der Gegenüberstellungen mit den Belastungszeugen, seiner Briefe an Stalin, seiner Gefängnisgedichte, seines angekündigten Hungerstreiks oder Selbstmordes sowie seiner ausführlich geschilderten Verteidigungsstrategie während der öffentlichen Gerichtsverhandlung (S. 374–393) sinnhaft erschlossen werden kann. Ansonsten bietet diese Chronik, sieht man von der methodisch bedingten Kontingenz der gesammelten Daten ab, nützliche Informationen, die durch den Anhang (S. 460–695) u. a. mit einem umfangreichen Literaturnachweis, einem Verzeichnis der Befehle, Rundschreiben, Telegramme und Weisungen des NKVD, einer Auflistung der vom NKVD aufgedeckten Verschwörungen, eingeleiteten Maßnahmen, Operationen und Prozesse sowie einem detaillierten und kommentierten Namensverzeichnis der im Band aufgeführten Personen eindrucksvoll ergänzt werden.

Hannah Arendt hat die Konzentrationslager als die Laboratorien totalitärer Herrschaft bezeichnet.[5] Es sind die Experimentierfelder, auf denen die totalitären ideologischen Fiktionen realisiert werden sollen. Der polnische Fotograf Tomasz Kizny hat mit seinen Bildgeschichten über sowjetische Konzentrationslager (Soloveckij, Belomorkanal, Vajgač-Expedition, Kolyma, Vorkuta, Todesstrecke) die Auslöschung der moralischen und individuellen Identität der Häftlinge durch Zwangsarbeit schonungslos dokumentiert. Die Polizeifotos der Verhafteten, die Aufnahmen von Arbeitsbrigaden an den Schleusen des Belomorkanals, von Gefangenen bei der Essenspause, von den starren und verzweifelten Gesichtern der Zwangsarbeiter auf dem Krankenlager kontrastieren mit dem Bild einer Blasmusikkapelle, die den Arbeitseifer der Häftlingskolonnen anspornen soll. Zuvor sieht man eine agitbrigada, eine Propagandatruppe aus Häftlingen, mit Spruchbändern, die dazu auffordern: »Laßt uns kämpfen, damit der Kanal am 1. Oktober fertig ist«! »Wir müssen alle ausnahmslos Stoßarbeiter sein!« Kizny weist in seinem Kommentar darauf hin, dass das Soloveckij-Lager als »eine Art Experimentierfeld [diente], wo jene Methoden entwickelt wurden, die in den übrigen Lagern des Gulag in die Praxis umgesetzt werden sollten« (S. 38). Die ideologische Fiktion – »Umerziehung der Gefangenen durch Arbeit zugunsten des Sozialismus«, »Arbeit stärkt Seele und Körper«, »Es lebe die freie und fröhliche Arbeit« – sollte die grauenhafte Praxis der Vernichtung der »Klassenfeinde«, der »Schädlinge«, »der Volksfeinde« durch Zwangsarbeit, arktische Kälte, Hunger, Erschöpfung, Krankheit, despotische Wachmannschaften, gezielte Massenerschießungen kaschieren. Es ist ein System der »systematischen Ausrottung« (S. 38), welches nicht nur die russische Intelligenzija, sondern auch »Bauern, Handwerker, Arbeiter sowie einfache Kriminelle und Prostituierte« (S. 38) erfasste.

Das Soloveckij-Lager, 1923 errichtet, ursprünglich ein Kloster auf dem Soloveckij-Archipel im Weißen Meer, symbolisiert noch eine besondere Perfidie des sowjetischen Konzentrationslagersystems. Die Klosteranlagen, die bis weit in das 15. Jahrhundert zurückgingen, wurden als Zwangsarbeitslager benutzt, ein Triumph der Sowjetmacht über ein sakrales Zentrum der russischen Orthodoxie. Die Altarräume, die Ikonostasen, die Bibliothek wurden geplündert und zerstört, die Reliquien der Gründermönche exhumiert und im Leningrader AtheismusMuseum deponiert, Latrinen an die Stelle der Altäre eingerichtet, die Himmelfahrt-Kirche auf dem Sekirna-Hügel als Isolationshaftlager benutzt. Im Lager wurde Theater gespielt, eine Lagerzeitung, Novije Solovki, gedruckt und ein Orchester gegründet. Kizny präsentiert Aufnahmen, auf der die Besucherdelegation mit Maksim Gor’kij im Juni 1929 auf Soloveckij zu sehen ist. Gor’kij lobte in seinem Artikel »Solovki« das Lager als vorbildliche Erziehungsinstitution. Auch in seinem Beitrag zum Belomor-Buch von 1934, welcher die erzieherische Funktion der Zwangsarbeit für die deportierten Häftlinge und damit ihren nützlichen Beitrag für den Aufbau des Sozialismus preist, hat Gor’kij seine Rolle als Hofbarde Stalins fortgesetzt. »Maxim Gorki, so kommentierte sein Freund Romain Rolland diese Rolle, glaubt plötzlich an ein pharaonisches Rußland, in dem das Volk singend Pyramiden baut.«[6]Tatsächlich: »›Konzerte‹ wurden für die Gefangenen organisiert. Ein ›Varietéensemble‹ aus Häftlingen spielte auf einer behelfsmäßig eingerichteten Bühne in einer Lagerkantine. Es wurde gesungen und getanzt. Man rezitierte Gedichte von Majakowskij. Akrobaten und Magier zeigten ihre Kunststücke. Das […] Ziel dieser Varietéveranstaltungen bestand darin, die Produktivität der Gefangenen zu erhöhen« (S. 259). Ein ganzes Kapitel (S. 258–297) wird dem Theater im Gulag gewidmet, um die paradoxe Verschränkung von Zwangsarbeit und Kunst in Fotografien festzuhalten. Es gab bestimmte Aufführungsnormen für die Lagertheater, die zu erreichen und zu übertreffen für die deportierten Künstler eine Überlebensfrage bedeuteten. Kizny präsentiert u. a. Bilder einer kultbrigada von Häftlingen beim Bau des Belomorkanals, eine Probe zu Nachtasyl von Gor’kij im Soloveckij-Lager, die Jazzkapelle von Binkin, oder den Auftritt einer Ballerina vom Bolschoi-Theater, die von 1937 bis 1942 in den Lagern der Kolyma inhaftiert war. 

Dass es sich tatsächlich um eine Zwangsindustrialisierung im gigantischen, pharaonischen Maßstab handelte, läßt sich an den Fotografien ermessen, die Kizny über Kolyma (1931 bis 1955) und Vorkuta (1931 bis 1956) vorlegt. Die Erschließung des Kolyma-Gebietes im Felsengebirge Nordostsibiriens, die Ausbeutung der Goldminen, die Errichtung von Arbeitslagern für Zehntausende von deportierten Häftlingen, wurden von den Häftlingskolonnen unter barbarischen Bedingungen geleistet. Die Fotos zeigen sie beim Bau einer Brücke, beim Straßenbau, beim Gütertransport auf Rentierschlitten, beim Waschen goldhaltiger Erde, Trocknen der Goldklumpen und ihren Transport. Man sieht auch Aufnahmen einer berittenen Patrouille von Lageraufsehern und Portraits von Eduard Bersin, seiner Frau und Kindern. Selbst sein Rolls-Royce wird abgelichtet, mit dem der in den Jahren 1932 bis 1937 unumschränkte Herrscher im Kolyma-Gebiet zu fahren pflegte. Bersin wurde 1938 selbst ein Opfer des Großen Terrors. Eine Büste Bersins am Maksim-Gor’kij-Platz in Magadan steht heute noch. Ein Denkmal für die Opfer der Kolyma-Lager befindet sich auf einer Anhöhe oberhalb der Stadt.

Neben der Bildgeschichte zum Lager Vorkuta, welche leider nur das Leiden der polnischen Häftlinge in den Kohlezechen in Fotografien festhält, wird von Kizny noch abschließend die Baugeschichte der von Stalin initiierten Todesstrecke (1947 bis 1953) dokumentiert, eine Transpolareisenbahnlinie, welche die Nordküste des Pazifischen Ozeans an die Regionen im Nordwesten anbinden sollte. Stalins Jahrhundertprojekt, zwei Wochen nach seinem Tod von seinen Nachfolgern eingestellt, versank buchstäblich in den Sümpfen der Tundra Sibiriens, brachte eine beträchtliche Belastung des Staatshaushaltes sowie eine enorme Verschwendung an Baumaterialen und Maschinen und kostete Tausenden von Häftlingen das Leben. Konzentrationslager sind »Höhlen des Vergessens«[7], in denen die anonymen Häftlingskolonnen der Zwangsarbeit verschwinden. Kizny hat mit seiner Fotodokumentation über sowjetische Konzentrationslager erreicht, dass zumindest einige wenige Häftlinge aus den deportierten Menschenmassen wieder mit Gesicht und Namen erscheinen.



[1]  Fitzpatrick, Sheila: Everyday Stalinism. Ordinary Life in Extraordinary Times: Soviet Russia in the 1930s, New York 1999, besonders S. 225–227.

[2]  Wittfogel, Karl A.: Die Orientalische Despotie. Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht, Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1977 (1955), S. 466. Der Stalinismus wird von Wittfogel als eine »industrielle Despotie« beschrieben. »Die industrielle Despotie der vollentwickelten und total-managerialen Apparatgesellschaft vereinigt totale politische Macht mit totaler sozialer und geistiger Kontrolle. Ebenda, S. 545.

[3]  Für einen ersten Versuch in dieser Richtung siehe Eisenstadt, S. N./Azmon, Yael (Hrsg.): Sozialismus und Tradition, Tübingen 1977. Siehe dazu auch Riegel, Klaus-Georg: Der Sozialismus als Modernisierungsideologie, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 1979, H. 1, S. 109–123 sowie neuerdings Eisenstadt, S. N.: Fundamentalismus, Sectarianism, and Revolution. The Jacobin Dimension of Modernity, Cambridge 1999.

[4]  Bei Baberowski kann man völlig unterschiedliche Kategorisierungsversuche konstatieren, z. B. auf S. 15 f.: »Das stalinistische Modell der Herrschaft war die Mafia« (S. 15). Daneben fungieren »Personenverbandsstaat«, »Männerbünde«, »Gewalttraditionen des Dorfes«, »Anwendung utopischer Sozialtechniken«, »Selbsthaß bäuerlicher Aufsteiger« (S. 15) etc. Auf der nächsten Seite liest man dann über Stalins »kriminelle Energie«, »Bösartigkeit«, »seine archaischen Vorstellungen von Freundschaft, Treue und Verrat« und den »Mordexzessen der dreißiger Jahre« (S. 16). Dieser tour d’horizon wird durch eine privilegierte Introspektion des Autors in das Innenleben Stalins abgerundet: »Der Exzess war die Lebensform des Diktators. Jede Tötungsaktion wurde in dem Wissen vollbracht, daß sie dem Despoten im Kreml behagte« (S. 16).

[5]  Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Bd. 3: Totale Herrschaft, München 1986, S. 676.

[6]  Zitiert nach Westermann, Frank: Ingenieure der Seele. Schriftsteller unter Stalin. Eine Erkundungsreise, Berlin 2003, S. 126.

[7]  Arendt: Elemente und Ursprünge (Anm. 5), S. 701.

Inhalt – JHK 2005

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