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Verspielte hermeneutische Möglichkeiten - Zum Erscheinen des Schwarzbuchs des Kommunismus 2

JHK 2005 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 316-323 | Aufbau Verlag

Autor/in: Peter Steinbach

Vor einigen Jahren wurde die europäische Öffentlichkeit durch Das Schwarzbuch des Kommunismus[1][2] irritiert. Es erschien fast gleichzeitig in mehreren west- und osteuropäischen Ländern und konfrontierte die Leser mit einer Verdrängung. Denn das Schwarzbuch sollte eine Abrechnung mit den Illusionen der politischen Linken in den 60er und 70er Jahren sein. Es wollte das »schwere Erbe der kommunistischen Ideologie« aufarbeiten. Das traf vor allem die Anhänger der »realsozialistischen Systeme«, die entsprechend ablehnend reagierten und etwa ein »Schwarzbuch des Kapitalismus« forderten, obwohl das Schwarzbuch zumindest von Seiten der westlichen Beiträger nur in Grenzen selbstkritisch gegenüber eigenen »Illusionen« (François Furet) war. Denn die Linke des Westens war Jahrzehnte tief in die innerkommunistischen Auseinandersetzung verstrickt und hatte deshalb gegenüber den großen Zivilisationsverbrechen von Leninisten, Stalinisten und Maoisten die Augen verschlossen. Maoisten konnten so etwa den Sowjetkommunismus kritisieren, ohne sich belastende Gedanken über die Folgen der chinesischen Kulturrevolution zu machen, die Millionen Opfer gefordert hatte. Auch die Verbrechen Pol Pots regten in der Linken kaum einen moralisch auf.

Das Vorhaben der Beiträger des Schwarzbuchs des Kommunismus blieb umstritten und war zugleich doch ausgesprochen verdienstvoll. Denn es machte Verschiedenes deutlich: Zum einen räumte es manchen ideologischen Schutt europäischer Erinnerungen beiseite, der noch aus den späten 60er Jahren stammte. Zum anderen aber war es Ausdruck einer beginnenden und sich steigernden politischen Selbstkritik und Beweis einer durchaus mutigen, beeindruckenden Neuorientierung jener Teilöffentlichkeit, die in ihrer früheren Kritik an der »bürgerlichen Herrschaft« des Westens und am »Kapitalismus« die Distanz zu den sozialistischen Diktaturen verloren hatte. Schließlich gab es Einblicke in die Kommunismuskritik der europäischen Linken, die untereinander tief zerstritten war und aus dem oftmals zitierten »europäischen Bürgerkrieg« einen innerparteilichen Bruderkampf hatten werden lassen, der in der Revolution von 1917, im Großen Terror 1937/38, in den ideologisierten Bürgerkriegen der »Dritten Welt« und in der chinesischen »Kulturrevolution« ungezählte Opfer gefordert hatte. Auch in Osteuropa war das Echo auf das Schwarzbuch außerordentlich. Wie Courtois mitteilt, erschien in jedem postkommunistischen Land (mit Ausnahme Lettlands, Serbien-Montenegros und Kroatiens, S. 38) eine Übersetzung des Buches. Insgesamt gab es 26 Übersetzungen des französischen Originalwerkes.

Beim Schwarzbuch ging es wie bei jedem anderen politisch motivierten »Farbbuch« nicht um die hehre Wissenschaft, sondern um Geschichtspolitik in der postkommunistischen Ausbruchphase des Westens. Linke Selbstkritik beeindruckte damals die politische Rechte und schien diese milde zu stimmen. Das ist legitim, zumal wenn sich das Buch als Anstoß erregend erweist. Es bleibt problematisch, wenn die Kritik der Verblendungen von anderen Verblendungen abzulenken sucht. Kritik am realen Sozialismus bot manchen linken Kritikern des Sowjetkommunismus so eine Möglichkeit, die eigene Irreführung fast vergessen zu machen. Von denen, die das Anliegen der Schwarzbuch-Autoren damals teilten, wurde die Erwartung ausgesprochen, noch bestehende »weiße Flecken« zu füllen. Dem kommt der jetzt erschienene Folgeband Das Schwarzbuch des Kommunismus 2 nach. Er enthält, so ist positiv zu vermelden, eine Reihe von Länderstudien, die im ersten Band vermisst wurden: Estland,[3] Bulgarien,[4] Rumänien,[5]Griechenland[6] und die Kommunistische Partei Italiens[7] werden in den Blick genommen. Auch die Übersetzung der Einleitung zur russischen Ausgabe des ersten Schwarzbuchs wird man mit Interesse als Dokument einer russischen Neuorientierung lesen.[8] Alexander Jakowlew setzt sich programmatisch mit der »widerwärtigen Praxis« (S. 235) des Bolschewismus auseinander. Dem Text wünscht man die Aufmerksamkeit des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Zudem bringt das Schwarzbuch 2 auch das Vorwort der englischsprachigen Ausgabe.[9]

Historiografisch aber besonders aussagekräftig ist der 161 Seiten umfassende Einleitungstext von Stéphane Courtois »Macht reinen Tisch mit dem Bedränger!« (S. 15–175), der seine Spannung dem Imperativ der Liedzeile aus der »Internationalen« verdankt. Aufmerksamkeit verdient er nicht allein wegen seiner Ergebnisse, sondern weil er deutlich macht, wie der Verfasser denkt und wie er seine Neigung zur politischen Rechthaberei auslebt. Er zeichnet holzschnittartig die internationale Rezeption des ersten Schwarzbuches nach. Wer die deutsche Diskussion verfolgt hat, ist wegen der Verkürzungen allerdings erschrocken. So berichtet Courtois über eine Berliner Podiumsdiskussion, die von »Radikalen« gestört worden sei. Leibwächter hätten ihn in Sicherheit bringen müssen. Dieser »Skandal« hätte »enormes Aufsehen« erregt: »Die gesamte Medienwelt stürzte sich auf das Buch. Der Herausgeber war glücklich. Als ich ihn jedoch fragte, wie viel er für die linken Unruhestifter bezahlt hat, stellte sich bei ihm vermutlich ein Gefühl der Entrüstung ein.« (S. 127). Courtois war selbst Herausgeber, er richtet also eine Frage an sich selbst, und »vermutlich« könnte er diese Frage an sich selbst auch eindeutiger beantworten. Denn die Einleitung macht deutlich, wie gut ihm Protest, Skandal und Krawall gefallen haben, um Aufmerksamkeit auf das Anliegen des Buches zu richten. 

Courtois Überlegungen streifen auch die Fragen politischer Identität. So schließt er sich Ulrike Ackermann an, die behauptet hatte, »für eine auf der Singularität nationalsozialistischer Verbrechen mühsam aufgebaute, negative deutsche Identität [hätte] das ›absolute Böse‹ nur einen Ort: Auschwitz«. (S. 129) Er lenkt damit den Blick auf die heikle Frage eines Vergleichs nationalsozialistischer und kommunistischer Gewaltverbrechen als Bezugspunkt kollektiver Erinnerung der Deutschen. Damit wird der kritischen Aufarbeitung kommunistischer Verbrechen nicht gedient. Denn so werden immer wieder Reaktionen evoziert, die sich gegen Relativierungen wenden. Wenn Leiden des Individuums ideologisch gerechtfertigt werden, wenn Ideologien die Kriterien einer politischen Moral und Ethik der Mitmenschlichkeit zerstören, dann ist doch die Tatsache entscheidend, dass Leiden immer individuell erfahren werden und von den Betroffenen nicht erträglich gemacht – und gedacht – werden, weil man sie auf ideologische Rechtfertigungsmuster bezieht. Auschwitz ist so ein Bezugspunkt kollektiver Erinnerung, aber kann nicht dazu dienen, kommunistische Gewaltverbrechen zu relativieren. Das Problem der Relativierung würde sich in dem Moment nicht mehr stellen, in dem diktaturkritische Maßstäbe akzeptiert würden, die sich auch auf Vergleichsstrukturen der Totalitarismustheorie beziehen sollten und müssten. 

Courtois  stellt die Behauptung von Ulrike Ackermann allerdings nicht infrage, denn er sucht nach Indizien, die seine Position unterstützen. So zeigt Courtois, wie ein auf Bestätigung fixierter Autor oberflächlich-sorglos argumentiert und wichtige Ziele historisch-politischer Aufklärung verfehlt. Courtois reflektiert Eindrücke seiner Lese- und Verlegerreisen und präsentiert sie als eine Art von Rezeptionsgeschichte des ersten Schwarzbuches. Dies bewerkstelligt er aber derart simpel, dass man als Leser misstrauisch wird. Der Verfasser liefert keinen analytischen, sondern einen Gesinnungstext, der bei der Lektüre verstimmt und deshalb keineswegs im Sinne guter publizistischer »Bewegungstexte« wirkt, die Ausdruck der Meinungsfreiheit sind. Courtois stellt sich der Kritik an seinem Buch und seinem Zugriff nur oberflächlich und demaskiert sich mit seiner Gegenkritik, weil er nicht erklären will, sondern plakativ bewertet. Er will Recht behalten und verspielt deshalb hermeneutische Möglichkeiten.

Worauf käme es an? Man müsste ideologische Fehlwahrnehmungen erklären, die eine schiefe Beurteilung politischer Entwicklungen erklären. Diese wird deutlich in einem plakativen Vergleich, der auf Bewertungen zielt. Stattdessen käme es auf funktionale Vergleichsebenen an. Es ist doch, grob gesprochen, müßig zu fragen, welches Regime »böser« war, sondern es ist endlich an der Zeit zu fragen, was diktatorische Systeme im 20. Jahrhundert in den ihnen ausgelieferten Gesellschaften anrichteten, wie sie sich etablieren, konsolidieren, verteidigen konnten, wie sie Gesellschaften, Kulturen, Traditionen und Milieus zerstörten, wie sie Eliten zu etablieren versuchen und welche Folgen in postdiktatorischen Zeiten von den postdiktatorischen Regimen zu bewältigen sind. Es ist einfach nicht mehr an der Zeit, ideologische Selbstverständigungskonflikte in ermüdender Länge auszubreiten. Wir brauchen eine Methodik des funktional orientierten Diktaturenvergleichs.

Wer etwa die historischen Folgen der Russischen Revolution von 1917 bedenkt, mündet mit seinen Überlegungen nahezu unausweichlich im Vergleich. Relativierend wirkt dann lediglich die Kausalitätsfrage. Sie belastete den bundesdeutschen Historikerstreit 1986/87, zumindest in den Augen wissenschaftlicher Historiker, nicht der Vergleich, der lange von einer totalitarismuskritischen Forschung akzeptiert worden war und seinen Platz neben anderen Zugangsweisen hatte. Entscheidend war in der Umbruchsphase von 1989/90, dass ein Gespür für die Folgen der totalitären Veränderung von Werten, Strukturen und Gesellschaften entstand. Unbestreitbar ist, dass die russische Oktoberevolution des Jahres 1917 ein Verhängnis für die Betroffenen war. Diese Revolution spaltete die Geschichte Europas und forderte Opfer, deren Zahl bis heute nicht einmal annähernd dimensioniert werden kann.[10] Erstaunlich, dass in der Seminarfolklore der 70er Jahre dieser Zivilisationsbruch gedankenlos als »Große Revolution« bezeichnet und zu einem Ereignis von dauerhafter weltpolitischer Bedeutung stilisiert werden konnte.

Die Folgen waren 1989 rasch identifiziert, mit Sicherheit von manchen Verantwortlichen zu schnell und zu plakativ. Denn es wurde übersehen, dass die große Kontroverse über das »Ende der Illusionen« nicht nur ein Ergebnis des Bürgerkriegs zwischen den Vertretern der »alten Mächte« und »Klassen«, sondern nicht zuletzt der innerkommunistischen Richtungs- und Grabenkämpfe war. Große Opfer verlangten die »Säuberungen« der kommunistischen Bewegungen von »Abweichlern«, »Renegaten« und »Verrätern«. In der Tat fraß die Revolution ihre eigenen Träger und Kinder. Das Ausmaß einer Verfolgung eigener Anhänger unterschied sie von faschistischen und nationalsozialistischen Systemen. Hermann Weber und Ulrich Mählert haben dies in exemplarischer Eindringlichkeit in ihren Studien über »Säuberungen« gezeigt.[11] 

Hinzu kamen die Folgen der sozialrevolutionären Veränderungen. Die sozialistischen Staaten wollten die Voraussetzungen für eine kommunistische Weltordnung schaffen. Sie proklamierten den neuen Menschen und eine neue Gesellschaft. Deshalb wandten sie sich gegen überkommene Milieus, Traditionen und Strukturen. Sie diffamierten Individuen, die sie als Repräsentanten der »vorrevolutionären Verhältnisse« ausmachten, isolierten und terrorisierten sie und gingen buchstäblich über Leichen.

Die Russische Revolution war so mehr als ein Ereignis. Sie war der Ausgangspunkt einer gewaltsamen Veränderung und zeitigte Folgen bis weit in die 80er und 90er Jahre hinein. Natürlich überlagerten sich andere revolutionäre Ereignisse mit den Folgen der »Großen Sozialistischen Revolution«. Sie wäre heute vergleichsweise unproblematisch zu bewerten, wenn in der legitimatorischen Geschichtsschreibung nicht immer wieder unterschiedlichste Aktionen und Reaktionen, Reaktionen und Hoffnungen miteinander verbunden würden. Dies ist nicht nur Folge der Differenzierung des Kommunismus in Hauptströmungen, sondern vor allem des Versuches, Geschichte, Politik und Gegenwart am akademischen Stammtisch rückwärtsgewandter Propheten zusammenzubinden, die vergangene und verlorene Schlachten nachträglich in Siege, zumindest Etappenerfolge verwandeln zu wollen. 

Der Kommunismus differenzierte sich vom Leninismus über den Stalinismus bis zum Maoismus und hätte so innerkommunistische Vergleichsebenen geboten. Sie wirkten sich vor allem in Richtungskämpfen aus, galten aber nicht als wichtige Vergleichsebene. Bewertend bezog man sich im Westen vor allem auf Faschismus und Nationalsozialismus und verstellte sich dadurch analytisch ohne jeden Zweifel viele Möglichkeiten. Denn es ging bald nur noch um das Böse, das absolute Böse, gleichsam das bösere und das böseste Böse, nicht mehr um Funktionen, Kosten, Folgen einer diktatorisch veränderten sozialen Wirklichkeit, um Verblendungen, Relativierungen und Anpassungen angesichts der revolutionären Umwälzungen von 1917/18. Stattdessen würden die »Ismen« von den jeweiligen ideologischen und historiografischen Mitläufern und Statthaltern gerechtfertigt, verharmlost, verkleinert und deren Folgen manchmal gerechtfertigt, manchmal bestritten.

Diese Verkleisterung hatte oft innerkommunistisch-ideologische Gründe. Sie verschob Kriterien und Maßstäbe und spiegelte schließlich einen staatslegitimatorisch orientierten historiografischen Gigantomanismus, der die kommunistische Geschichtsschreibung in ihrer ganzen sterilen Gradlinigkeit in abstoßender Eindimensionalität geprägt hatte. Sinnfällig wurde diese intellektuelle Reduktion kommunistischer Historiografie in der angeblich epochalen Bedeutung, die dieses Ereignis auch für Staaten und Gesellschaften haben sollten, die den Petersburger und Moskauer Ereignissen ferner waren. Die DDR-Historiker etwa erklärten das Jahr 1917 zur Epochenscheide auch der deutschen Geschichte und zerstückelten so die »europäische Urkatastrophe«, den Ersten Weltkrieg. 

Als empörend wurde die Errichtung diktatorischer Systeme in der linksliberal geprägten europäischen Öffentlichkeit allerdings nicht empfunden. Das änderte sich schlagartig 1997 mit dem Schwarzbuch des Kommunismus, dessen deutsche Ausgabe auch ein Nachwort des damaligen Bundesbeauftragten für die MfSAktenhinterlassenschaft Joachim Gauck enthielt.[12] Die deutsche Ausgabe des Schwarzbuches schied die Geister weniger im bürgerlichen als im linken Milieu.

Die westeuropäische Linke war seit den 70er Jahren außerordentlich differenziert, für Außenstehende geradezu unübersichtlich. Sie kann nur durch eine Fülle innerer Gegensätze und vollmundiger Aussprüche – »Ich bin die größte der Parteien! « – charakterisiert werden. So unbestritten ist, dass der europäische Umbruch 1989/90 keineswegs allein Ost- und Ostmitteleuropa betraf, so unbestreitbar ist auch, dass die Diskussion über den Zusammenbruch innerhalb der europäischen Linken zunächst zum Verstummen vieler Kontroversen und zur Ausblendung selbstkritischer Diskussionen geführt hatte. Es wurde nicht gefragt, wie in den eigenen Diskussionen die Schwächen, Fehlentwicklungen und Verbrechen kommunistischer Regime, die politische Bezugs- und Bewertungssysteme bestimmt hatten, wahrgenommen worden waren, sondern es wurden allein die zusammengebrochenen Systeme von außen her kritisiert. Dies führte unausweichlich zu einer Externalisierung jeder moralischen Verantwortung – auch für die in weiten Teilen unübersehbare ideologische Komplizenschaft, die die Auseinandersetzung mit den kommunistischen Systemen aus verfassungsstaatlichliberaler Perspektive gelähmt hatte.

Der Umbruch von 1989/90 berührte vor allem jene Anhänger kommunistischer Ideologien, die im Westen freiwillig den kommunistischen Utopien der Politik gefolgt waren, denen sich die osteuropäischen Gesellschaften zwangsweise unterwerfen mussten. Es waren jene »Linken«, die sich dabei nicht nur auf die Ideologie kommunistischer Machthaber einstellten, sondern auch dort den westlichen Verfassungsstaat kritisierten oder verächtlich machten, wo innermarxistische und innerkommunistische Diskussionen für eine »links« motivierte Kritik des jeweils abgelehnten kommunistischen Systems sorgten. 

So heftig mithin die internen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über die Deutschlandforschung waren, so merkwürdig verlief der innermarxistische Diskussionsprozess. Dabei wurde nach 1989/90 offenbar konsequent verdrängt, dass es in der Geschichtswissenschaft verschiedene Möglichkeiten der Bewertung von Entwicklungen gibt: Vergangene Ereignisse lassen sich vom Anfang, vom Ende oder aus der Mitte – also aus den historischen Prozessen selbst – interpretieren. Wer nach den Anfängen sucht, wird häufig Illusionen zu rechtfertigen suchen, die durch den Lauf der Dinge sich eben als Illusionen herausstellten. Wer vom Ende her urteilt, empfindet sich nicht selten als Sieger der Geschichte. Er vergisst, dass er allein weiß, was er weiß, weil es sich ereignet hat. Das Urteil »aus der Mitte« historischer Entwicklungen aber verweist auf die Verengungen zeitspezifischer und politisch-moralisch oft fragwürdiger Urteilsbildung und kann einer Bestimmung von Handlungsspielräumen dienen, die genutzt oder nicht ausgenutzt wurden. 

Die radikale Selbstkritik an den eigenen Illusionen war die intellektuelle Herausforderung des ersten Schwarzbuches. Der Folgeband Schwarzbuch des Kommunismus 2 erreicht diese Brisanz nicht, zum einen, weil er - durchaus verdienstvoll – nur weitere Fallgeschichten nachträgt, die additiv ohne Zweifel die Bilanz des Schreckens abrunden, aber zu wenig kritisch mit den Wahrnehmungsmustern des Westens verbunden werden. So wäre doch zu fragen, weshalb man in Deutschland Jahrzehnte die rumänische Diktatur eines Nicolae Ceauçescu (an der Macht 1965 bis 1989) umwarb, außenpolitisch stützte und mit finanziellen Hilfsmitteln ausstattete, obwohl man bestens über den menschenverachtenden Charakter dieses Regimes durch die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben informiert war, denen als Volksgruppe die Lebensmöglichkeit fast abgeschnitten worden war. 

Und es wäre auch zu fragen, weshalb den Westen die Selbstbefreiung der Letten, Esten und Litauer 1991 nicht elektrisierte. Schließlich müsste man die Haltung der westlichen Öffentlichkeit zum Eurokommunismus klären und würde dann zwangsläufig auch die Frage aufwerfen müssen, weshalb Unterdrückungsmaßnahmen in Ungarn 1956, in Prag 1968 und immer wieder in Polen 1970, 1976 und 1981 hingenommen worden sind. In der Tat wissen wir zu wenig über die Wahrnehmung diktatorischer Systeme im Westen – und dies ist mehr, als die Beleuchtung innerkommunistischer Verwerfungen westlicher kommunistischer Splittergruppen bieten kann!

Meine Kritik am Projekt Schwarzbuch des Kommunismus verweist also nicht auf die Konfliktlinien, die Courtois in seiner Einleitung skizziert. Mir geht es nicht um eine nachholende ideologische Rechthaberei, vielleicht, weil ich in die innerkommunistischen Diskussionen niemals involviert war und insofern aus den Wertstrukturen des Verfassungsstaates diktaturkritische Kriterien übernehmen konnte. Gerade deshalb aber bewegt mich die Frage nach der Wahrnehmung diktatorischer Systeme durch westliche Regierungen, Massenmedien und Gesellschaften. Deshalb geht es mir um die Klärung der Frage, wie verfassungsstaatliche Gesellschaften die Folgen totalitärer Ideologien wahrgenommen, bewertet und verdrängt haben. 

Kritische Diktaturforschung ist so nicht nur eine Frage an die »andere Seite«, vielmehr an uns selbst. Wir müssen uns dieser Frage stellen. Denn man wird im Zeitablauf zunehmend erwarten, dass sie beantwortet wird.

 



[1]   Courtois, Stéphane u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus 2. Das schwere Erbe der Ideologie, München/Zürich 2004.

[2]  Courtois, Stéphane u. a.: Le livre noir du communisme. Crime, terreure et repression, Paris 1997. Die deutschsprachige Ausgabe erschien im Piper-Verlag. Ders. u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. Mit dem Kapitel »Die Aufarbeitung des Sozialismus in der DDR« von Joachim Gauck und Ehrhart Neubert, München/Zürich 1998.

[3]  Laar, Mart: Estland und der Kommunismus, in: Courtois: Das Schwarzbuch des Kommunismus 2 (Anm. 1), S. 261–323. Laar war von 1992 bis 1994 estnischer Ministerpräsident.

[4]  Charlanow, Diniu/Ognianow, Ljubomir/Zwetkow, Plamen: Bulgarien unter dem kommunistischen Joch – Verbrechen, Unterdrückung und Widerstand, in: ebenda, S. 324–376

[5]  Rusan, Romulus u. a.: Das repressive kommunistische System in Rumänien, in: ebenda, S. 377– 446.

[6]  Yannakakis, Ilios: Die griechischen Opfer des Kommunismus, in: ebenda, S. 447–468.

[7]  Baillet, Philippe: Togliatti und das schwere Erbe des italienischen Kommunismus, in: ebenda, S. 469–500.

[8]  Jakowlew, Alexander: Der Bolschewismus, die Gesellschaftskrankheit des 20. Jahrhunderts, in:

ebenda, S. 176–236.

[9]  Malia, Martin: Der Einsatz des Terrors in der Politik, in: ebenda, S. 237–257.

[10]  Siehe hierzu den historiografisch herausragenden Artikel Werth, Nicolas: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion, in: Courtois: Das Schwarzbuch des Kommunismus (Anm. 2), S. 45–295.

[11]  Siehe z. B. Weber, Hermann/Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001.

[12]  Gauck, Joachim: Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung, in: Courtois: Das Schwarzbuch des Kommunismus (Anm. 2), S. 885–894.

Inhalt – JHK 2005

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