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JHK 2006

Inhaltsverzeichnis

JHK 2006

Erinnerungen an das Jahr 1956

Ein Gespräch mit Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano[1] Im nachfolgend dokumentierten Gespräch blicken zwei Persönlichkeiten auf das Jahr 1956 zurück, die die totalitären Diktaturen und Ideologien dieses Jahrhunderts aus vielfältiger Perspektive erlebt haben. Der eine, 1921 geboren, ein Emigrant, wurde von seiner Mutter in jugendlichem Alter vor der nationalsozialistischen Diktatur in die vermeintliche Sicherheit der Stalinschen Sowjetunion gebracht. Der andere, zwei Jahre jünger, ein rassisch Verfolgter des Nationalsozialismus, überlebte die letzten Kriegsjahre vor seinen Häschern versteckt in »kellerdunkler Illegalität« in Hamburg: Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano. Wolfgang Leonhard durchlief in den 30er und frühen 40er Jahren sowjetische Kaderschmieden, um dann im Frühjahr 1945 zu einer von drei Gruppen mit handverlesenen KPD-Emigranten zu zählen, die noch vor der Kapitulation in das kriegszerstörte Deutsche Reich eingeflogen wurden, um im Auftrag der Sowjets das zivile Leben neu zu organisieren – und dabei dem Vormachtsanspruch der Kommunisten den Boden zu bereiten. In den ersten Jahren der SBZ war Leonhard die agitatorisch-propagandistische Allzweckwaffe der SED-Führung. Schließlich verstand er es wie kaum ein anderer, ideologische Fragen verständlich in  Broschürenform aufzubereiten und mit Witz und Elan an den Partei- und Verbandsschulen Nachwuchskader zu unterrichten.  Für Ralph Giordano wurde die Kommunistische Partei – der erklärte Hauptfeind des Nationalsozialismus – 1945 wie selbstverständlich zu seiner politischen Heimat. Giordano wurde Redakteur der kommunistischen Hamburger Volkszeitung, Autor der wieder gegründeten Weltbühne, Korrespondent der Berliner Zeitung, FDJler, KPD-Funktionär und schließlich im Herbst 1955 Student am neu  gegründeten Institut für Literatur in Leipzig, dessen Gründungsdirektor Alfred Kurella war. Damals waren die SED und ihre westdeutsche KPD paradoxerweise die einzige politische Bewegung, die in den ersten Jahren des geteilten Deutschlands gesamtdeutsch operieren konnte.  Beide Männer brachen mit dem Kommunismus stalinistischer Prägung. Wolfgang Leonhard 1949, als er zunächst nach Jugoslawien floh, das sich seit dem Vorjahr gleichfalls dem Vormachtanspruch Moskau widersetzte. Leonhard wechselte 1950 in die Bundesrepublik, wo er zu den Mitbegründern der kurzlebigen Unabhängigen Arbeiterpartei zählte, die einen dritten Weg – zwischen Stalinismus und  Reformismus – zu beschreiten versuchte. Giordanos endgültige Abwendung von der Partei erfolgte im Verlauf des Jahres 1957. Und beide Männer setzten sich einige Jahre nach dem Verlust ihrer politischen Heimat und Gewissheiten an ihre Schreibmaschinen, um den schmerzlichen Prozess der politischen Abnabelung vom Kommunismus jeweils mit einem Buch abzuschließen:  Die Revolution entlässt ihre Kinder von Wolfgang Leonhard wurde im vergangenen Jahr nach einem halben Jahrhundert vom Verlag Kiepenheuer & Witsch zum ungezählten Mal neu aufgelegt. So ungern wir Historiker es auch hören mögen: Vermutlich dürfte dieses Buch in den vergangenen fünf Jahrzehnten das Bild der Stalinschen Sowjetunion und der Sowjetischen Besatzungszone in der Öffentlichkeit nicht weniger beeinflusst haben, als all unsere Bücher dies getan haben.  Ralph Giordanos Die Partei hat immer recht feiert in diesem Jahr ihren 45. Geburtstag. Auch dieses Buch hat bei Kiepenheuer & Witsch das »Licht der Welt erblickt« und mehrere Auflagen erfahren.  Während Leonhard die Geschichte des kommunistischen Exils und der ersten Jahre der SBZ erzählt, ist Giordanos leidenschaftliche Selbstreflexion das wohl wichtigste Buch, um sich der vertrackten Geschichte des deutschen Kommunismus in den 50er Jahren anzunähern.  Beide Männer haben es nicht mit ihrem politischen Lebensbericht bewenden lassen. Wolfgang Leonhard, der im April diesen Jahres seinen 85. Geburtstag feiern wird, hat als Professor in Yale (1966 bis 1987) sowie in unzähligen Publikationen über die Geschichte und die Politik der Sowjetunion und des Kommunismus gelehrt und geforscht. Und es waren wohl stets auch seine Fairness und sein von Eifer freier Grundton, die Leonhard seine besondere Glaubwürdigkeit verliehen.  Ralph Giordano hat sich als Buchautor und Dokumentarfilmer unablässig gegen das Vergessen und das Verdrängen eingesetzt. Sein Name ist untrennbar und für immer mit der lange verhinderten und bis heute quälenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verbunden. Und dennoch hat Ralph Giordano wie kaum ein anderer seiner Mitstreiter (und Mitstreiterinnen) stets auch die anderen Anfechtungen der Humanitas im Blick behalten und gegeißelt.  ULRICH MÄHLERT: Wolfgang Leonhard, im Frühjahr vor einem halben Jahrhundert befanden Sie sich selbst noch in einer Übergangszeit. Ihr Buch Die Revolution entlässt ihre Kinder war im September 1955 erschienen und hatte einen Widerhall gefunden, der nicht vorhersehbar war. Gleichzeitig waren Sie alles andere als im Westen wirklich »angekommen«. Liest man die damaligen Rezensionen Ihres Buches, dann wird Ihnen zumeist attestiert, dass Sie zwar ein herausragendes Buch vorgelegt hätten, indes noch marxistisch-leninistischen Denkmustern verhaftet seien. Ein Rezensent schrieb gar: »Im Ganzen ergibt sich aus dem fesselnden Buch: Geschulte Kommunisten vom Schlage Leonhards – bei seinem Weggang aus der DDR ein Mann von 27 Jahren – sind für das ›westliche Lager‹ verloren.« Anfang 1956 ahnte noch niemand, dass Sie schon bald nach Oxford eingeladen und schon zehn Jahre später die Elite des Westens in Yale unterrichten würden. Vielleicht erzählen Sie zu Beginn unseres Gesprächs, wie ihre persönliche Situation am Anfang des Jahres 1956 war und welche politischen Erwartungen und Hoffnungen der XX. Parteitag bei Ihnen und Ihrem Umfeld geweckt hat. WOLFGANG LEONHARD: Im März 1949 – nach zehn Jahren Sowjetunion und vier Jahren Tätigkeit als zentraler Funktionär der SED und Lehrer der Parteihochschule – habe ich mich eigentlich nur mit dem Osten befasst. Ich kam gar nicht auf etwas anderes. Und ich wurde immer kritischer. Schon seit 1937, als ich die Massenverhaftungen erlebte, suchte ich nach Alternativen. Aber nicht nach Alternativen im Westen, sondern nach Alternativen im Rahmen des Kommunismus. Wie kann man das Ganze anders machen, besser, demokratischer und humaner? Ich wusste, dass die Menschen im Westen sagten, das reicht ihnen nicht. Aber ich wusste auch, das war sehr viel: Menschen, die in dem System selbst nach Alternativen suchten, es verändern wollten, verbessern, menschlicher gestalten wollten. Das war mein Anliegen.  Und noch ein Anliegen hatte ich mit meinem Buch: Ich war ja schon seit 1950 im Westen, als ich das Buch schrieb, und ich las natürlich auch Bücher über die Sowjetunion. Damals war es etwa so: 95 Prozent totale Verurteilung ohne Wenn und Aber und fünf Prozent diese KPD-Bücher, in denen alles verherrlicht wurde. Ich dachte, so geht es nicht. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, so ehrlich wie möglich und vor allem, so differenziert wie möglich zu schreiben. Man musste doch einmal erklären, warum so viele Menschen in der Sowjetunion dafür waren und wieso es so lange dauert, ehe man sich von der stalinistischen Ideologie loslösen kann. Es war mir aber auch wichtig, meine persönlichen Lebenserfahrungen nicht losgelöst von ihren politischen Zusammenhängen darzustellen. Die eine Sorte Bücher über die Sowjetunion war mir zu abstrakt, in einer zu abstrakten Politikwissenschaft gehalten. Und die anderen waren nur subjektiv, ohne Bezugnahme auf die wirklichen Ereignisse. Ich denke, Die Revolution entlässt ihre Kinder ist wirklich eines der wenigen Bücher seiner Zeit, in dem man objektiv und sachlich die Widersprüche erkennen kann und nicht nur eine Totalverurteilung oder eine Totalverherrlichung.  Die Herausgabe des Buches fiel in die Zeit der Vorbereitung des XX. Parteitags der KPdSU, der am 14. Februar 1956 begann. Meine ganzen Gedanken kreisten um die Frage, was auf diesem Parteitag geschehen werde. Damals begann für mich, hier im Westen, der Tag mit der Lektüre zweier Zeitungen, nämlich der sowjetischen Parteizeitung Pravda und dem SED-Organ Neues Deutschland. Beide hatte ich 1952 abonniert. Anfangs waren das Neue Deutschland und die Pravda inhaltlich identisch – bis zum 5. März 1953. Am Todestag von Stalin änderte sich das: Im Neuen Deutschland eine totale Verherrlichung von Stalin, in der Pravda nicht. Der Name Stalins verschwand ganz schnell aus der Zeitung. Ich unterstrich alle kritischen Sachen, die in der Pravda über Stalin zu finden waren. Danach las ich das Neue Deutschland, und die Hälfte der von mir begeistert angestrichenen Passagen existierten in der SED-Zeitung überhaupt nicht! Es gab einen unglaublichen Widerspruch zwischen der Pravda-Berichterstattung und dem Neuen Deutschland. Diese Tatsache war für mich das Interessanteste. So ahnte ich schon, dass man mit dem XX. Parteitag mit einer großen Abkehr von Stalin zu rechnen hatte. Und so trug schon mein erster Artikel in der Bundesrepublik Deutschland vom 28. Mai 1953, zwei Monate nach Stalins Tod, die Überschrift »Stalin ist abgemeldet!« Es wurde mit Einschränkung weder im Westen noch im Osten erkannt, was sich da eigentlich in Moskau abspielte und auch die SEDFührung hat gar nicht so richtig mitbekommen, was das für den bevorstehenden Parteitag bedeutete.  Im Dezember 1954 – ich arbeitete damals für die Zeitschrift SBZ-Archiv, das spätere Deutschland Archiv, eine Zeitschrift, die sich nur mit DDR-Fragen beschäftigte – sagte ich voraus, dass man vom Parteitag erwarten können wird, dass sich die sowjetische Führung unter Chruščev offen von Stalin lossagen und ihn schärfstens kritisieren wird. Bisher hat sie sich von Stalin lediglich entfernt, ohne ihn anzugreifen. Jetzt wird mit dem Angriff und mit der Distanzierung der entscheidende Schritt erfolgen. Und dann haben wir ja die Eröffnung des XX. Parteitags am 14. Februar erlebt und gesehen: Es gab keine Stalin-Bilder mehr. Auf einem sowjetischen Parteitag keine Stalin-Bilder – das war schon atemberaubend. Chruščev hatte Stalin als Person überhaupt nicht erwähnt. Lediglich ein Hinweis auf drei mittlerweile verstorbene führende Genossen: Kyuichi Tokuda in Japan, irgendjemand anderes und eben Stalin. Fertig, mehr nicht. Da wusste man natürlich sofort, wie die Entwicklung weiter gehen würde. Übrigens reden alle immer nur von Chruščevs Geheimrede vom 25. Februar, aber die offiziellen Verlautbarungen vom Parteitag, also die offiziellen Reden vom 14. bis 25. Februar sagten ebenso schon viel aus. Ich hoffe, dass man bald mal eine gründlichere Auswertung dieser Materialien vornehmen wird, wie über das Jahr 1956 überhaupt. Ich hoffe auch, dass man diese offiziellen Reden noch einmal richtig analysiert. Die tollsten Dinge wurden im Neuen Deutschland ja gar nicht gebracht, so dass die DDR-Bevölkerung die Bedeutung dieser Dinge gar nicht erkennen konnte. Und das sollte sie ja auch nicht. Mit dem Chruščevschen Geheimreferat war die Spitze erreicht.  ULRICH MÄHLERT: Herr Leonhard, Sie sagten gerade, dass die DDRBevölkerung von den offiziellen Medien über die aktuellen Ereignisse bewusst völlig im Ungewissen gelassen wurde. Lassen Sie mich hier doch mal überleiten zu Herrn Giordano. Ralph Giordano, in Ihrem Buch Die Partei hat immer recht haben Sie beschrieben, wie Sie sich immer mehr an Ihrer Partei quälten und wie Sie schon 1955 mit großen Bauchschmerzen in die DDR gingen. Sie haben damals – vor dem gesamtdeutschen Bewusstsein – diese Entwicklung in der DDR miterlebt. Und fast auf den Tag genau vor 50 Jahren sind Sie vom vierten Deutschen Schriftstellerkongress in Berlin nach Leipzig zurückgekommen. Schildern Sie doch bitte einmal diese Situation Anfang 1956. RALPH GIORDANO: Ich war vom Oktober 1955 bis Juni 1956 Student am Institut für Literatur in Leipzig. Meine Emanzipation von der Partei war damals weit fortgeschritten. Zur Erklärung muss ich sagen, dass ich nach meiner Befreiung am 4. Mai 1945 durch die 8. Britische Armee sehr bald Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands, Landesbezirk Hamburg, geworden bin, in der Annahme, dass die Feinde meiner Feinde auch meine Freunde sein müssen. – Das, ihr jungen Leute, ist ein großer Irrtum. Die Nazis hatten zwei Hauptfeinde: die Juden, das wa- ren wir selber, und die Roten, die Bolschewiki, das waren die Kommunisten. Mein Eintritt in die Kommunistische Partei war entsprechend meinem damaligen Erkenntnisstand verständlich. Im Laufe der Jahre erkannte ich jedoch, dass – um es mal vorsichtig auszudrücken – eine tiefe Kluft zwischen der kommunistischen Propaganda und der Wirklichkeit bestand. Das war ein langer und schmerzlicher Prozess, weil ich glaubte, nach den Jahren der Nazizeit, Zugehörigkeit gefunden zu haben.  Im Februar 1956 erfuhren wir dann, was Chruščev auf dem XX. Parteitag gesagt hatte. Dass heißt dieser kleine Türspalt, den er geöffnet hatte, traf uns alle wie ein Schlag mit dem Vorschlaghammer vor die Stirn. Wir fielen vom Fleische, trotz der Emanzipation, der Distanzierung von der Partei, die wir schon vollzogen hatten; der Name Ulbricht z. B. durfte in unseren Kreisen nicht genannt werden. Nun war der Klassengegner in dem, was Chruščev über das System gesagt hatte bestätigt! Es war eine Situation, die schwer zu schildern ist.  Zudem hatte ich noch meine persönliche Tragödie. Ich war in Hamburg eingesperrt worden, weil ich gegen die sozialdemokratische Regierung Hamburgs in einem Artikel in der Weltbühne Verbalinjurien gebraucht hatte. Das hat mir drei Monate Gefängnis in Hamburg-Bergedorf eingebracht. Über diese Gefängniszeit hatte ich ein Buch Entscheidung in Hamburg geschrieben, das im März 1956 erscheinen sollte. Nach dem XX. Parteitag, nach der Chruščev-Rede, rief mich der Leiter des Verlags Neues Leben an und sagte: »Genosse Giordano, wir müssen mal über dein Buch sprechen«. Und warum? Weil in meinem Buch ein Stalin-Bild vorkam. Das hatte ich 1953 als gläubiger Stalinist mit ins Gefängnis geschmuggelt und es dort versteckt. Und am 5. März 1953 starb Stalin. Ich sage jetzt etwas, worüber ich mich nicht schämen will und es dennoch tue. Stalins Tod war für mich nicht so schlimm wie der Tod meines Vaters, aber es war doch ein Ereignis, das mir tief zu Herzen ging. An dem Morgen als Stalin gestorben war und wir davon erfuhren, hatte ich vor unserem Morgenrundgang das bis dahin unentdeckte Stalin-Bild hervor geholt und es unter das Fenster gehängt. Als wir dann vom Rundgang zurückkamen, war das Stalin-Bild weg. Daraufhin zertrümmerte ich die Einrichtung meiner Gefängniszelle, einschließlich des Klosetts, und kam in eine Strafzelle. Einzelhaft hatte ich sowieso, aber hier gab es Ratten, und die bissen mich auch. Ich hatte sie noch aus meiner Zeit der Illegalität während der Nazizeit gut in Erinnerung. Es war eine wirkliche Tortur. Und ich habe um Stalin gelitten. Jetzt plötzlich, in einem ganz anderen Stadium meiner Auseinandersetzung mit der Partei, nach der Chruščev-Rede war es nicht mehr möglich, ein Buch herauszubringen, in dem Stalin die Rolle spielt, die er in meinem Buch einnehmen sollte. Ich hatte das Bild da hinein genommen und nun stellte sich die Frage: Was jetzt? Ja, was jetzt?  Alfred Kurella beschäftigte sich mit der Frage und auch Kuba (Kurt Barthel). Ich weiß nicht, wer von Ihnen sich noch an Kuba erinnert? Kuba kam ans Institut für Literatur und sagte: »Genosse Giordano, ich höre, Sie haben Schwierigkeiten mit dem Stalin-Bild? Das ist doch ganz einfach: Machen Sie doch Thälmann daraus.« Ausgerechnet Kuba sagte das, der gedichtet hatte: »Mutter von Gori, wie groß ist dein Sohn« und der für uns der Inbegriff der Stalin-Verherrlichung in der Literatur war. Ausgerechnet der sagte das! Ich dachte, wo bist du? Bist du unter die Räuber gefallen? Und morgen, wenn es anders käme, würde er sagen: ja, dann pack Stalin wieder rein!  Also, das war ganz entscheidend für meine Emanzipation, für meine Befreiung von diesem politischen Irrtum. Es war nicht leicht. Zugehörigkeit bedeutet mir viel und ich glaubte, sie bei den Kommunisten gefunden zu haben. Weil sie die größten Blutopfer gebracht hatten nach 1933, daran gibt es gar keinen Zweifel. Außerdem, ich sagte es schon, sind wir zwar von der 8. Britischen Armee des Feldmarschalls Montgomery befreit worden, aber wir fühlten uns befreit von der Roten Armee. Sie hatte die größten Blutopfer gebracht, zehn Millionen Tote! Und unser Leben war ein Wettlauf zwischen der »Endlösung der Judenfrage« und dem Endsieg der Alliierten. Ohne, dass ich hier die Leistungen der Westalliierten unter den Scheffel stellen will, aber wir wussten, unser Überleben war abhängig davon, wie schnell die Rote Armee nach Berlin kommen und Hitler-Deutschland militärisch den Garaus machen würde. Das war ein entscheidendes Moment, das mich zur Kommunistischen Partei geführt hatte. Umso größer, umso schwerer war die persönliche Enttäuschung, und mehr noch, dass es dabei nicht geblieben ist. Es war ein langer Prozess, es ist viel Haut dabei abgegangen, aber es war wie eine zweite Befreiung. Ich hatte mich aus der Internationale der Einäugigen gelöst mit ihren beiden Fraktionen. Die eine ist auf dem rechten, die andere auf dem linken Auge blind und beide verteidigen in ihrem Teil der Welt das, was sie in dem anderen bekämpfen. Wir werden nicht geboren, die Humanitas unteilbar zu lassen. Das muss erkämpft und erlitten werden. Und die Auseinandersetzung mit der Kommunistischen Partei führte dazu, dass ich mich dieser Internationale der Einäugigen entrungen habe und zu einem Standpunkt gekommen bin, auf beiden Augen sehen zu können. Denn das wichtigste von allem ist: die Humanitas ist unteilbar. ULRICH MÄHLERT: Wolfgang Leonhard, Sie kommen um die vorhin von mir gestellte Frage nicht herum, nämlich die nach ihrer eigenen politischen Einschätzung der damaligen Situation nicht nur als analytisch Handelnder, sondern auch als politisch handelnder und denkender Mensch. Waren Sie damals auch euphorisch und sahen die Sowjetunion plötzlich auf einem Weg, der vielleicht doch zu einem Sozialismus führt, den Sie ja selber in Jugoslawien gesucht und den Sie versucht hatten, in Westdeutschland aufzubauen? Wie war das mit ihren Freunden: Gerhard Zwerenz, Hermann Weber, Ilse Spittmann? Die haben alle doch damals auch noch politische Vorstellungen gehabt, die mit dem XX. Parteitag doch irgendeinen Optimismus haben verbinden müssen.  WOLFGANG LEONHARD: Es gibt Wünsche und Hoffnungen sowie objektive Analysen. Nicht nur Wolfgang Leonhard sondern auch andere, größere mischen das oft und nehmen ihre großen Hoffnungen als Realitäten und überschätzen die realen Möglichkeiten. Und das ist natürlich hier auch der Fall. Es gab nichts außer dem Kommunismus, was Ralph Giordano überzeugend erzählt hat: Wie lange er für Stalin war! Und bei mir gab es nichts, was ich mehr erhoffte und ersehnte. Ich bin ja nach Jugoslawien geflohen. Ich wollte jetzt einen Durchbruch: Weg von Stalin und neue Wege gehen. Das war meine Hoffnung. Und natürlich auch, dass Chruščev mit seiner Rede, mit der Entstalinisierung, mit der Loslösung vielleicht Dinge in Gang setzt, die dann auch Realität werden. Meine Freunde und ich, wir lebten doch alle in diesen Dingen. Das ging ja bis ins Private. Also geflohene, intellektuelle, ehemalige SED-Leute trafen sich zumeist in dem kleinen Ort Kasbach bei Linz am Rhein. Wir alle gingen dorthin. Richard Löwenthal, später Professor an der Freien Universität Berlin, fragte dort einmal die blühende, hübsche Frau Ingrid von Gerhard Zwerenz: »Seid wann seid ihr verheiratet?« Ich habe noch nie eine so glückliche junge Frau gesehen, und die Ingrid sagte: »Drei Wochen nach dem XX. Parteitag.« Das war die Welt, in der wir lebten! Wir hofften natürlich, und  diese Hoffnung war nicht vollkommen unbegründet. Chruščev ist ja einiges gelungen.  Einmal darf ich daher dem sonst hoch verehrten Herrn Ilko-Sascha Kowalczuk widersprechen: Ich persönlich schätze diese Rede von Chruščev vom 25. Februar 1956 nicht als halbherzige Offenbarung ein, vielmehr war es die bedeutsamste Rede in der Geschichte des Kommunismus. Natürlich gab es Einseitigkeiten. Aber sie war, bei allen Mängeln, so weit gehend wie keine andere Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit – weder vor noch nach dieser Rede. Seit dem sind 50 Jahre vergangen. Es gibt keinen sowjetischen Kommunismus mehr, aber im heutigen Russland kann man so eine Rede nicht mehr verbreiten. Das ist vollkommen ausgeschlossen. Also ich plädiere dafür, die Mängel, die es bei Chruščev gibt, einzugestehen, aber sie sehr vorsichtig auszudrücken. Denn wenn man das heute liest und mit Russen darüber redet, ist es immer noch atemberaubend. 50 Jahre sind seit dem vergangen, und in den 50 Jahren ist nichts Wichtigeres und Neues geschehen in der Aufarbeitung! Und heute wäre das ein Traum, wenn man in Russland eine solche Rede drucken oder durch Rundfunk verbreiten könnte. Ich schätze also diese Rede sehr hoch ein.  ULRICH MÄHLERT: Ralph Giordano, noch eine Nachfrage zu ihrer damaligen Wahrnehmung dieser Geheimrede. Sie haben beschrieben, wie Sie 1953 den Tod Stalins fassungslos erleben mussten und dass Ihr Ablösungsprozess zwischen 1953 und 1956 noch nicht abgeschlossen war. Inwieweit waren Sie von den Fakten dieser Rede, also den Millionen von Opfern, die die Stalinsche Sowjetunion in den 30er Jahren verzeichnete, überrascht bzw. inwieweit waren Sie, als zumeist in Hamburg lebender Journalist, aus anderen Quellen informiert und mochten diese Fakten vielleicht damals noch nicht glauben und konnten sie erst durch Chruščevs Rede bestätigt sehen? Erzählen Sie darüber doch etwas. RALPH GIORDANO: Also, ich muss mir zum Vorwurf machen, warum gehörte ich dieser Internationale der Einäugigen an, also dieser linken Fraktion? Warum bist du denen ständig nachgegangen, obgleich die so genannte Presse des Klassengegners natürlich immer über diese ganzen Verbrechen geschrieben hatte. Ich kann mich also nicht damit herausreden, dass das ein Stoff war, von dem ich gar nichts wusste. Nein, das kann ich nicht. In meinem Buch Die Partei hat immer recht versuche ich aber zu erklären, warum dieses Defizit humaner Orientierung da war. Die Verdrängung, die ich den Nazis zum Vorwurf gemacht habe, traf für eine gewisse Periode meines Lebens auch auf mich selbst zu. Als dann allerdings diese Tür aufgemacht worden ist – und Chruščev mag vieles gesagt haben, aber zunächst gelangte davon nur wenig an die Öffentlichkeit – also als diese Schleusen geöffnet waren, musste ich die Genossen fragen, warum sie geschwiegen und warum sie nicht nachgefragt haben.  Die Art, wie die KPD den XX. Parteitag ausgewertet hat, nämlich mit Verdrängung, wenn nicht gar Stillschweigen, was die Landesorganisation Hamburg anbetraf, war ein ganz entscheidendes Moment für meinen Lösungsprozess. Ich wusste: diese Leute wollen nicht die Wahrheit. Immerhin ging es um das Schicksal von Millionen! Von den Nazis kann man sagen, dass sie entsetzliche Dinge getan und Millionen Menschen umgebracht haben. Aber hier sind die eigenen Genossen umgebracht worden! Ich habe mich gefragt, was hat ein Mann wie Tuchačevskij gedacht, dem schwerste Vorwürfe gemacht wurden, alles auf Lügen basierend natürlich! Die ganzen Angeklagten in den Moskauer Prozessen von 1936 bis 1938 waren ja keine Verräter, sondern sie wurden umgebracht als Bolschewiki! Und die KPD wollte sich damit nicht auseinandersetzen! Ich sagte, in dieser Partei kannst du nicht bleiben. Diese Partei wird die Welt nicht bewohnbarer machen, weil sie nicht süchtig ist nach Wahrheit. Und nicht süchtig nach einer Wirklichkeit, in der es Millionen von Toten gegeben hat. Das war ein starker Impetus für mich, aus der Partei auszutreten.  Die Partei hat immer recht ist nicht die Biografie eines enttäuschten Kommunisten, sondern eine Anatomie des Stalinismus, die erklärt, wie es dieser Partei gelang, einen Menschen mit meiner Biografie zu packen, zu fassen und eine Zeit lang zu halten. Aus den gleichen antifaschistischen und humanen Gründen, aus denen ich ihr beigetreten bin, habe ich sie dann auch wieder verlassen. Ein schwieriger Prozess, der auch noch seine eigene Entwicklung hatte. Es waren ja immer noch Rückstände da, eine gewisse Nibelungentreue, die erst ganz gebrochen werden musste. Wolfgang Leonhard wird es genau so gegangen sein. Natürlich war auch er verbunden mit Erinnerungen und mit Personen, die ihm teuer und wert waren. Und jeder wusste, wenn du mit der Partei brichst, dann stehen diese Menschen vor der Wahl: Entweder-oder. Weil die Partei auch die Seelen beanspruchte. Und so kam es dann auch, als ich mit der Partei brach. Das war nachdem Alfred Kantorowicz im August 1957 mit der Partei gebrochen und in der Welt dann seine Gründe für diesen Bruch veröffentlicht hatte. Das war für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Damals schrieb ich dem Verlag Neues Leben, es ist vorbei, zu Ende, es geht nicht mehr. Aber ich wusste, dass ich damit auch die Verbindung zu Menschen abschneide, die nicht so weit waren wie ich bei der Loslösung von der Partei, die mir aber dennoch teuer und kostbar waren. Und in der Tat ist es dann auch so gewesen: Es war absolutes Stillschweigen. Aber alle Freunde, auf die es mir ankam, sind im Lauf der Jahre doch wieder mit mir zusammen gekommen. Vor allem nachdem ich dann 1964 zum Westdeutschen Rundfunk kam, zum Fernsehen und auch Filme darüber machte und diesen Kampf auf einer anderen Ebene austrug, nämlich mit den Mitteln dieses modernen Mediums. Alle, alle Freunde sind lange vor 1989 auch wieder zu persönlichen Freunden geworden. Wir kommunizierten, hatten Kontakte und darüber war ich sehr glücklich.  ULRICH MÄHLERT: Ich würde gern an den Sowjetologen Wolfgang Leonhard in Ergänzung zum Vortrag von Ilko-Sascha Kowalczuk eine Frage richten. Wir haben ja jetzt vor allem gehört, wie dieser Parteitag, wie diese Geheimrede für Verunsicherung und Instabilität sorgte. War denn nun dieser XX. Parteitag ein Parteitag der Schwäche oder der Stärke? Lapidar gefragt, was wollte Chruščev denn eigentlich Anfang 1956 mit der Entstalinisierung, mit diesem Schub? WOLFGANG LEONHARD: Der Parteitag hat innerhalb der Marxisten, der langjährigen Kommunisten und Ex-Kommunisten total entgegen gesetzte Reaktionen ausgelöst. Wir, die wir etwas früher als mein Freund Ralph Giordano – etwas früher – die ganze Stalin- Problematik erkannt hatten, haben uns unbändig gefreut. Es war eine große Hoffnung. Ich kenne andere, die waren einfach entsetzt und hielten Chruščev für einen Verräter. Es gab also keine gemeinsame, sondern unglaublich unterschiedliche Sichten auf diese Dinge.  Zu Chruščev. Er war ein eiserner, ein absolut eiserner Stalinist. Ich bin ja in der Sowjetunion aufgewachsen, und ich werde den 30. Januar 1937 nie vergessen. Ich war damals 15 ¾ Jahre alt. Chruščev sprach auf dem Roten Platz und an diesem Tag war ich dort. Er schrie: »Diese nichtsnutzigen Verbrecher, die erhoben ihre Hand gegen unseren Genossen Stalin, unseren Führer.« Ich war damals schon kritisch. Die Säuberung war ja bereits im Gange und meine Mutter schon ein halbes Jahr in Vorkuta, als ich das hören musste. Ich merkte: der ist absolut überzeugt. Chruščev war ein absolut überzeugter stalinistischer Kommunist. Erst als er in die Spitze und ins Politbüro kam und in die Umgebung Stalins aufrückte, erkannte Chruščev plötzlich die wirkliche Situation in der Sowjetführung. Und später wurde er dann kritisch und oppositionell. Das ging soweit, dass er nach Stalins Tod eine große Hoffnung hatte: Man muss den stalinschen Abschaum wegbringen, man muss die ursprüngliche kommunistische Reinheit wieder herstellen. Das war seine Idee. Man muss selbst alles offen aussprechen. Und indem man es offen ausspricht, wird die kommunistische Bewegung wieder stärker und überzeugender. Und es wird einen Aufschwung geben. Das war seine Hoffnung. Eine Hoffnung, die ja manche hatten. Der Kommunismus ohne diese StalinVerbrechen, das wird die Sache sein. Aber da hatte er sich verrechnet.  Ich bin sehr froh, dass Herr Kowalczuk heute gesagt hat, was wir auch erst später erfuhren: Es gab keinen Beifall. Es wurde immer geschrieben, es gab Beifall. Es gab aber diesmal überhaupt keinen Beifall. Alle Teilnehmer an diesem 25. Februar waren entsetzt. Wahrscheinlich musste Chruščev in diesem Moment schon gemerkt haben, das schaffen wir nicht. Stalin war inzwischen schon so untrennbar mit Allem verbunden, dass nur eine Minderheit bereit war, den Versuch Chruščevs zu wagen, den Kommunismus von den Stalin-Verbrechen zu befreien. Es hat sich ja später gezeigt, dass es ein unglaublicher Kampf war, der sich in der Sowjetunion abspielte. Die Anhänger Chruščevs waren in der Minderheit. Es war zwar toll, dass das der erste Mann machte, aber es war die Minderheit, die dann einen entsetzlich langen Kampf führte. Aber bei aller Einseitigkeit, die es da manchmal gibt, bei allen Mängeln und Unzulänglichkeiten, bin ich der Meinung, dass das Chruščevsche Geheimreferat eine viel größere Bedeutung in der sowjetischen Geschichte hat, als es heute sogar von Nichtkommunisten und den PutinLeuten zugestanden wird.  Ich bin beeindruckt von den Schlussfolgerungen Ralph Giordanos. Auch so ein kluger und gebildeter Ralph Giordano hat noch im Gefängnis in Hamburg an Stalin geglaubt und gibt es jetzt offen zu und versucht, es erklärlich zu machen! Ich finde, dass ist sehr wichtig. Ich habe nämlich große Bedenken gegenüber den patentierten Unfehlbarkeitsdemokraten. Es gibt Menschen, denen es gelungen ist, von Kindheit an gleich solche Demokraten zu sein, unfehlbare Demokraten, die dann immer Recht und für Nichts Verständnis haben. Ich bin auch für Demokratie, sogar sehr und habe größte Hochachtung vor Menschen, die als Demokraten geboren wurden und es seitdem immer sind – aber verbunden mit Kritik. Solange diese Unfehlbarkeitdemokraten überhaupt nicht begreifen, was sich da im kommunistischen Leben abspielte, wieso es Stalin gelang, so viele Leute so lange zu gewinnen – und nicht nur Dumme, es waren ja eine ganze Reihe Nobelpreisträger darunter, denn man fand ja damals kaum noch Schriftsteller, die nicht für Stalin gewesen waren! Darüber muss man doch nachdenken und tolerant sein und Leuten gestatten, in ihrer Einschätzung der Sowjetunion und Stalins Fehler gemacht zu haben. Es waren ja nicht alle patentierte Demokraten. Man muss deshalb Verständnis dafür haben, dass es Leute gibt, die etwas länger brauchen als die geborenen Demokraten, um darauf zu kommen. Man muss das differenziert betrachten, und ich meine, dass Ralph Giordanos Schicksal ein Aufruf ist zu neuen Methoden und zu einem neuen Denken darüber, wie es möglich war, dass diese Bewegung so viele Anhänger hatte.  ULRICH MÄHLERT: Herr Giordano, bitte, Sie möchten hier etwas ergänzen? RALPH GIORDANO: Was mich bewegt ist, diese Kritik heute darf sich nicht nur gegen dieses eine Mordsystem des 20. Jahrhunderts wenden, sondern muss sich auch gegen das andere richten. Was ich jetzt sage, soll keine Entschuldigung für meinen politischen Irrtum sein. Aber es ist eine Erklärung dafür, warum auch ich länger bei der Partei geblieben bin, als es vielleicht nötig gewesen wäre. Es war nämlich die Art und Weise, wie sich in der Bundesrepublik Deutschland und auch in der DDR mit der NS-Vergangenheit auseinander gesetzt wurde. Ich verlasse diesen Platz hier nicht ohne diese Kritik. Wir leben in einem Land mit dem größten in der Geschichte bekannten Verbrechen, mit Millionen von Opfern, die wie Insekten – wohlgemerkt hinter den Fronten – umgebracht worden sind. Das größte geeinigte Mittätervolk, was es je gegeben hat! Von Ausnahmen abgesehen, sind die Täter nicht nur straffrei davon gekommen, sondern sie konnten auch ihre Karrieren in der alten Bundesrepublik unbeschadet fortsetzen. Und in der DDR war es auch nicht sehr viel anders. Damit zu leben, das ist nicht leicht.  Um nur ein Beispiel zu nennen: Es gab 32 000 aktenkundige politische Todesurteile – Kopf ab, Kopf ab – wegen nichts, wegen Bagatellen, weil jemand vielleicht nach einem Fliegeralarm eine Knackwurstdose aufgemacht hatte. Kein einziger dieser NS-Blutrichter und NS-Blutankläger ist je rechtskräftig verurteilt worden. Mir stockt der Atem, wenn ich Ihnen das mitteile – Sie wissen es vielleicht – aber mir stockt der Atem noch immer, obwohl es eine irreparable historische Tatsache ist. In diesem Zusammenhang höre ich dann immer: Ja aber die NSProzesse vor bundesdeutschen Schwurgerichten seit 1958 mit Ausläufern bis in die Gegenwart. Ja, eine gewaltige Leistung der Justiz, die da vollbracht worden ist. Aber ich habe für den Zentralrat der Juden in Deutschland, für die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, als Fernsehjournalist und Essayist diesen Prozessen über Jahre, Jahrzehnte beigewohnt. Binnen Kurzem war klar, wer der hauptangeklagte Typus sein würde, nämlich die untersten Glieder in der Kette des industriellen Serien-, Massen -und Völkermordes, die kleinen Angestellten des Verwaltungsapparates, die Tötungsarbeiter selbst, die nicht mehr sagen konnten, sie haben von Nichts gewusst, weil sie mit ihren Stiefeln, Knüppeln und Pistolen gemordet haben. Ihre Vorgesetzten kamen nicht vor die Tore der bundesdeutschen Justiz.  Ich habe das die zweite Schuld genannt. Vor jeder zweiten Schuld gibt es eine erste Schuld. Die erste Schuld ist die Schuld der Mehrheit der Deutschen unter Hitler und die zweite Schuld ist die Verdrängung und die Verleugnung dieser ersten Schuld nach 1945 und 1949. Und das nicht nur rhetorisch oder moralisch, sondern tief instituiert durch den großen Frieden mit den Tätern. Damit soll man als Überlebender des Holocaust leben, und das ist nicht leicht.  Es war nicht leicht, nach Allem, was vor 1945 und danach gewesen ist, in diesem Deutschland zu bleiben. Ich bin trotzdem geblieben aus Gründen, die ich hier nicht weiter ausführen möchte. Ich habe es auch nicht bereut. Nur, mir sind die Leute verdächtig, die entweder nur den Stalinismus oder nur den Nationalsozialismus kritisieren. Die das tun, gehören zu den internationalen Einäugigen mit ihren zwei Fraktionen. Ich wiederhole das. Die einen sind auf dem rechten und die anderen auf dem linken Auge blind und verteidigen in dem einen Teil der Welt, was sie in dem anderen bekämpfen. Die einzigen Lehren, die wir aus all dem ziehen können, sind: solche Systeme dürfen ihre Macht gar nicht erst etablieren. Das ist das Entscheidende. ULRICH MÄHLERT: Herr Giordano, ich möchte hier gleich anknüpfen. Sie haben in einer späteren Auflage ihres Buches Die Partei hat immer recht Ende der 70er Jahre geschrieben – und dies auf die K-Gruppler und DKPisten in der Bundesrepublik bezogen –, »die Aufdeckung der stalinistischen Großverbrechen und die Unfähigkeit der sowjetischen Staatsform, das Zwangsarbeitersystem zu überwinden, sind an dieser neuen Generation von Stalinisten ebenso spurlos vorüber gegangen, wie an manchen bundesdeutschen Patentdemokraten und einstigen Nazis die Enthüllungen über das Dritte Reich.« Wir sind jetzt hier zumeist ganz stark involviert in die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur, und wir haben hier seit 15 Jahren eine Konkurrenz mit der Vergangenheit, die teilweise sehr unangenehme und sehr unglückliche Dimensionen annimmt. Es gibt den Vorwurf der einen Seite, die NS-Verbrechen relativieren zu wollen durch den Verweis auf die stalinistischen Verbrechen und auf die Kriminalität in der SED-Diktatur. Und auf der anderen Seite steht der Vorwurf, dass ja die SED-Diktatur mit ihren Toten an der Mauer, mit ihren Häftlingen, mit ihrem Unrecht, das sie der Bevölkerung hat angedeihen lassen, bagatellisiert werden soll. Wie soll und kann man mit diesen beiden Diktaturen aus ihrer Sicht umgehen? RALPH GIORDANO: Erst einmal möchte ich sagen, dass die Täter auch diesmal davon gekommen sind, und dass ich es irgendwie merkwürdig finde, dass die IM vor dem TV-Tribunal der Nation stehen – zurecht, nachdem, was sie gemacht haben – aber doch nicht ausschließlich! Was war denn mit den Führungsoffizieren, was war mit den OibE, was war mit denen, die die geistigen Wegbereiter dieses Systems waren? Die sind genauso schuldig wie die IM. Wie kommt es, dass das die einzig angeklagte Kategorie der Aufarbeitung ist? Nein, nein. Auch diese Aufarbeitung ist in Bezug auf die Täter fehlgeschlagen. Das bestätigt mir die schrecklichste Bilanz des vergangenen Jahrhunderts, die hoffentlich nicht die schrecklichste Bilanz dieses Jahrhunderts wird: Wenn ein Gewaltregime durch eine Demokratie abgelöst wird, kommen die Täter davon. Das gilt nicht nur für das Deutschland nach Hitler. Es gilt für das Italien nach Mussolini – abgesehen von einiger Selbstjustiz der Partisanen –, es gilt für das Spanien nach Franco, es gilt für das Portugal nach Salazar, es gilt für die ganzen faschistischen Regimes in Südamerika – Pinochet ist immer noch nicht im Gefängnis – und es gilt auch für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Die Leute, die normale Menschen in Geistesanstalten gesteckt haben, leben ja noch. Aber, die Bestrafung der Täter ist vollkommen tabuisiert. Das zu dieser Frage. ULRICH MÄHLERT: Kann man  die Systeme gegenseitig zur Messlatte machen? RALPH GIORDANO: Nein! Mir sträuben sich die Haare, wenn ich auf Leute treffe, die sagen, das war schlimmer als das. Zunächst einmal denke ich, ein so scheußliches System, wie das des real existierenden Sozialismus, wird ja nicht weniger scheußlich dadurch, dass es ein noch scheußlicheres gegeben hat. Natürlich ist das Kriminalgewicht des Holocauststaates ungleich größer als das des Hammer- und Zirkelstaates. In der DDR-Geschichte steckt nicht der Völkermord an den Juden durch Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Aber das Gesamtsystems des Sowjetkommunismus hat quantitativ genauso viele oder vielleicht noch mehr Opfer gefordert als das Dritte Reich, dessen Zeit beschränkt war – zwölf Jahre nur, aber zwölf Jahre zuviel. Die Wahrheit ist doch, dass hier zwei Mordregime gegen den Himmel stinken. Die Opfer von Auschwitz werden nicht getröstet durch die Opfer des Gulag, und die Opfer des Gulag werden nicht getröstet durch die Opfer von Auschwitz. Lassen Sie uns, um Gottes willen, nicht diese beiden Gewaltregime als Messmodelle aneinander halten, um dann zu dem Schluss zu kommen, das eine ist schrecklicher. Nein, beides ist furchtbar und darf sich nicht wiederholen!  ULRICH MÄHLERT: Wolfgang Leonhard, vielleicht gleich im Anschluss, wie sollte man Ihrer Meinung nach heute mit der zweifachen Diktaturerfahrung und Diktaturgeschichte umgehen?  WOLFGANG LEONHARD: Ich bin ganz Ralph Giordanos Meinung und glaube, dass es wünschenswert und notwendig wäre, ruhig und sachlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden. Ich spüre das besonders, denn ich habe zehn Jahre Sowjetunion unter Stalin gelebt und war in einer Komintern-Schule, wo wir so genau den Nationalsozialismus durchnahmen, dass ich keinen Nazi nach 1945 fand, der auch nur die Hälfte dessen wusste, was wir dort schon gelernt hatten. Ich habe da womöglich ein Patentrezept, denn bisher ist es das Schlimme: Entweder gibt es zwei Sätze in einer Talkshow oder es gibt 500 Seiten in einem Buch. Mein Traum wären Erklärungen über entscheidende Aspekte der Diktatur auf 30 Seiten. Auf 30 Seiten kann man alles Wichtige sagen. Mehr brauchen die meisten Menschen nicht, um über wichtige Fragen Bescheid zu wissen. Kein Gelaber in Talkshows oder dicke Bücher mit entsetzlich vielen Fußnoten. Das Zweite, was ich mir für den Umgang mit Diktaturen wünsche, sind positive Beispiele. Selbst ich, der nun unmittelbar betroffen ist, kann es manchmal nicht mehr ab, immer nur über Entsetzen und grauenvolle Dinge zu lesen. Ich wünsche mir, dass man mehr berichtet über die positiven Beispiele, über die mutigen Menschen in der Sowjetunion, in Nazi-Deutschland und im DDR-System. Es hat ja nicht nur IM gegeben, sondern sehr mutige Menschen, die sich weigerten, IM zu werden, und noch mehr mutige Menschen, die umringt waren von Agenten und das überstanden haben. Ich wünsche mir positive Beispiele, wie es mutige Menschen in Diktaturen geschafft haben, sich nicht einbringen zu lassen und es geschafft haben, nicht mehr als die allerkleinsten notwendigen Konzessionen zu machen, sondern als ehrliche Menschen aufrecht gewesen sind. Ich bin sehr für diese positive Darstellung, um Beispiele zu schaffen und die Idee des mündigen Bürgers deutlich werden zu lassen. In einer Demokratie möglichst viele mündige Bürger zu haben, die selbständig denken und frei diskutieren, ist das Entscheidende. Das wäre mein Wunsch für die Auseinandersetzungen mit den beiden Diktaturen.  RALPH GIORDANO: Ich denke, etwas muss hier angesprochen werden, nämlich die Frage der Versöhnung und der Versöhnungsbereitschaft. Ohne in den Verdacht der Unbescheidenheit geraten zu wollen, möchte ich sagen: Ich werde mich von niemandem an Versöhnungsbereitschaft übertreffen lassen, aber die Voraussetzung dafür ist Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Wenn ich spüre, dass das bei meinem Gegenüber der Fall ist – ob er SED-Mann oder Nazi war – wenn das der Fall ist, gebe ich ihm oder ihr die Hand. Auch die Korrekturen eines politischen Irrtums sind etwas, was gesehen werden muss. Ich denke, schlimmer als einen politischen Irrtum zu begehen, ist, keine Konsequenzen daraus zu ziehen. Und mir sind im Laufe meines Lebens, nach meiner Befreiung, viele – auch ehemalige Nazis – begegnet, die sich damit auseinandergesetzt haben, die sich gewandelt haben und denen ich unbefangen ins Auge sehen kann, weil sie wirklich mit ihrer Vergangenheit gebrochen haben.  Leider, leider muss man sagen, dass das für eine bestimmte Generation offenbar nicht exemplarisch war. Die meisten der älteren Generation, also heute die Großväter, haben verdrängt, haben versagt, haben sich die Maske vors Gesicht gehalten, sind so ins Grab gesunken und haben sich – und das nehme ich ihnen übel – an der moralischen Klarsicht ihrer Kinder und Kindeskinder abermals vergangen.  Und noch etwas ist wirklich wichtig, dass wir an Beispielen deutlich machen, dass es Menschen gegeben hat und gibt, die Mut und Zivilcourage bewiesen haben. Deshalb habe ich auch meinen Beschluss, in Deutschland zu bleiben, nie bereut, weil es solche Menschen gibt. Die Frau, die meine Familie und mich über lange Zeit in einem düsteren, feuchten und rattenverseuchten Keller versteckt hat – diese Frau, die wir in unserem akademischen Hochmut eine einfache Frau nennen – hat uns versteckt, als meine Mutter deportiert werden sollte. Ich hatte alles vorbereitet, und als ich sie dann fragte, ob wir uns bei ihr verstecken könnten, sagte sie ohne mich anzusehen nur ein Wort: natürlich. Und das, obwohl sie genau wusste, wenn wir entdeckt werden, ist ihr Leben genauso verwirkt, wie das unsrige. Das sind die wirklichen Helden jener Zeit gewesen. Es ist ganz wichtig, was Wolfgang Leonhard sagt, dass diese Beispiele genannt werden müssen und nicht untergehen in diesem Horror und Leichen-Himalaja. Also beides nicht verschweigen: Die positiven und die negativen Beispiele. [1]  Das folgende Gespräch mit Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano wurde am 15. Januar 2006 im Rahmen der Veranstaltung »Die SED, ihr MfS und das Krisenjahr 1956« im Berliner Zeughauskino geführt. Die Moderation hatte Ulrich Mählert. Veranstalter waren die Stiftung Aufarbeitung, die Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen und das Deutsche Historische Museum. Für die Druckfassung wurde das Gespräch redaktionell bearbeitet. Dem Gespräch ging ein einführender Vortrag von Ilko-Sascha Kowalczuk voraus (siehe dieser JHK-Ausgabe Kolwalczuk, Ilko-Sascha: Zwischen Hoffnungen und Krisen: Das Jahr 1956 und seine Rückwirkungen auf die DDR). 

JHK 2006

Die Rückkehr der offiziell Vergessenen. Die Repatriierung der Polen aus der UdSSR Ende 1955

Małgorzata Ruchniewicz

Auf der Grundlage dreier Abkommen zwischen Polen bzw. seiner kommunistischen provisorischen Regierung (dem Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung, dem so genannten Lubliner Komitee) und den Sowjetrepubliken Ukraine, Weißrussland und Litauen vom September 1944 wurden die Umsiedlung und die Rückkehr der polnischen Bevölkerung aus den von der Sowjetunion annektierten ostpolnischen Gebiete geregelt. Entgegen offiziellen Deklarationen wurde das Problem jedoch keineswegs in zufrieden stellender Weise gelöst. Zwar kamen 1,2 Millionen Polen aus der Sowjetunion in den neuen polnischen Staat, hunderttausende verblieben jedoch in der UdSSR – teils aus freiem Willen (familiäre oder persönliche Gründe), in der Mehrheit jedoch unter Zwang (Repressionen sowie eine gegen die Ausreise gerichtete Grundeinstellung der sowjetischen Führung). Viele von ihnen bemühten sich in den Folgejahren intensiv um eine Übersiedlung nach Polen. Eine zweite Repatriierungswelle fand 1946/47 statt ein. Über eine Viertelmillion Polen und polnischer Juden, die während des Krieges auf Befehl Stalins in das Innere der Sowjetunion, nach Sibirien und Kasachstan, deportiert worden waren, reisten nach Polen aus. Zur gleichen Zeit rollten die Transportzüge jedoch auch in die entgegen gesetzte Richtung. Sie waren besetzt mit Polen, die als Feinde des sowjetischen Staates in Polen interniert oder zu Lagerhaft und Verbannung verurteilt worden waren. Dieses Los erlitten vor allem Mitglieder der polnischen antikommunistischen Widerstandsbewegung des Zweiten Weltkriegs, die von den in allen Teilen Polens tätigen sowjetischen Sicherheitsorganen festgenommen oder von den polnischen Behörden an die UdSSR überstellt worden waren. In den Jahren 1949 bis 1952 wurden zudem auch polnische Bauern aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, die sich gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft zur Wehr gesetzt hatten, deportiert.[1]  In Polen wurde das Thema der in der UdSSR verbliebenen Polen und deren Repatriierung nach Abschluss der Umsiedlungen Ende der 1940er Jahre nicht mehr berührt.[2] Das bedeutet allerdings weder, dass die Gesellschaft kein Interesse an diesen Fragen hatte, noch dass sich die Regierung ihrer Existenz nicht bewusst gewesen wäre: »Das Problem der Repatriierung von in der Sowjetunion verbliebenen Polen existierte seit der Beendigung der Massenrepatriierungen im Jahre 1947«, erklärte der polnische Botschafter in Moskau, Wacław Lewikowski, Anfang 1956. »Während dieser ganzen Zeit erhielten sowohl die Botschaft als auch die Führung in Warschau Hunderte und Tausende von Briefen in Sachen Repatriierung.«[3] Als das größte Problem erachtete man schon Ende der 40er Jahre das Schicksal getrennt lebender Familien. »Es ist klar,« so ist in einer Notiz der Auswärtigen Abteilung beim ZK der PPR zu lesen, »dass all diejenigen, die Mütter, Frauen oder Kinder in der UdSSR haben, diese niemals vergessen werden, und sie werden über lange Jahre bei allen erdenklichen Ämtern intervenieren, so lange, bis sie mit ihrer Familie vereint sind.«[4] Im Kontext der Familienzusammenführung versuchten die polnischen Behörden denn auch, unter Einschaltung des Außenministeriums und der Botschaft in Moskau einige Personen nach Polen zu holen. Diese Anstrengungen waren jedoch nur in Einzelfällen erfolgreich, so z. B. bei der Repatriierung von Kindern, die von ihren Eltern getrennt waren sowie bei der Überstellung polnischer Häftlinge an die polnischen Behörden. In einigen Fällen gelang auch eine individuelle Rückkehr zu den in Polen lebenden Verwandten unter Verwendung eines sowjetischen Auslandsreisepasses (vid na žitel’stvo).[5] Der Mehrheit der inhaftierten Personen wurde diese Möglichkeit jedoch nicht gewährt, da sie die oft willkürlich verhängten Strafen verbüßen mussten. Zeit ohne Wiederkehr: Die Jahre 1947 bis 1955 Die Hoffnungen der weiterhin in der Sowjetunion festgehaltenen Personen und ihrer Familien erhielten durch den Tod Stalins und die Verkündung einer Amnestie für die Opfer stalinistischer Repressionen neuen Auftrieb. Unter den Freigelassenen befanden sich auch polnische Häftlinge. Allerdings bedeutete dies nicht, dass sie damit auch das Recht zur Ausreise nach Polen erhielten, denn im Prinzip wurden die verhängten Strafen lediglich gemildert: Vor den Toren der Gefangenenlager erwartete sie meist die sofortige Verschickung in Sibirien. Darüber hinaus wurden sie in ihrer großen Mehrheit sowohl von den sowjetischen als auch den polnischen Behörden als sowjetische Staatsbürger betrachtet. Entsprechend informierte sie die polnische diplomatische Niederlassung lediglich über die Möglichkeiten, sich unter den für Sowjetbürger allgemein gültigen Bedingungen um eine Ausreise zu bemühen, was praktisch unmöglich war.[6] Auf Verlangen der polnischen Regierung hin mussten die Antragsteller zudem auf den sowjetischen Ämtern den so genannten wyzew vorlegen, ein vom Präsidium des Rates der Stadt Warschau ausgestelltes Formular, welches den Besitz der polnischen Staatsbürgerschaft vor 1939 bestätige. Die polnische Familie des Heimkehrers musste sich zudem bereit verpflichten, für dessen Unterhalt aufzukommen. Seit dem Frühjahr 1953 stieg die Zahl der bei den polnischen Behörden eingehenden Anträge und Briefe von Familienangehörigen wie auch von Ausreisewilligen merklich an. Dies machte deutlich, dass die bisherigen Lösungen (bzw. ihr Fehlen) der neuen Situation kaum gerecht wurden Auch die Überstellung von 354 amnestierten Personen an die polnische Justiz im Januar 1954 sowie von 98 weiteren im April bzw. Juni des folgenden Jahres änderte daran kaum etwas.[7] Der bereits erwähnte Botschafter Lewikowski erklärte im Dezember 1954, dass »in dieser Frage eine Grundsatzentscheidung notwendig ist, was eine Intervention unsererseits bei hochrangigen Vertretern des sowjetischen Außenministeriums notwendig voraussetzt«[8]. Denn seit Beendigung der Massenumsiedlungen im Jahre 1947 gingen sämtliche Gruppen- und Einzelrepatriierungen von Häftlingen oder Amnestierten auf Einzelfallentscheidungen der sowjetischen Behörden zurück. Die polnische Seite wurde darüber informiert und bekam eine Liste der betroffenen Personen zugestellt. Die Notwendigkeit einer breit abgestützten Lösung des Repatriierungsproblems wurde mit Verweis auf die »Unzufriedenheit der Petenten und den ungünstigen politischen Eindruck«[9], der in diesem Zusammenhang bei der Bevölkerung entstanden sei, auch in der polnischen Führung diskutiert. Die folgenden Monate brachten jedoch keine Lösung des Problems, das sich zusehends zu einer ernsthaften Krise auswuchs. Am stärksten war dies wohl in der polnischen Botschaft in Moskau zu spüren, wo sich die Briefe ausreisewilliger Polen und deren Angehöriger bald stapelten. Einige Antragsteller reisten direkt nach Moskau, doch die Botschaftsmitarbeiter konnten ihnen kaum befriedigende Antworten geben, da sie mit dem sowjetischen Standpunkt nicht vertraut waren. Von den Anforderungen, die die lokalen Behörden an die Ausreisewilligen stellten, erfuhr die Botschaft erst durch die Antragsteller. Botschafter Lewikowski konnte nicht einmal eine Antwort auf die Frage geben, weshalb man diesen Menschen die Ausreise derart erschwerte, denn – so musste er später zugeben – »in Sachen Rückkehr von ehemals unter dem Vorwurf der Diversion gegen Polen und die Sowjetarmee verurteilten Personen hatten wir bei den höheren Sowjetbehörden nicht ein einziges Mal interveniert«. Als eine eigentümliche Form der Rechtfertigung kann folgende Aussage des Botschafters gewertet werden: »Will man das, was die Botschaft rät und was von den Interessenten in Sachen ihrer Ausreise selbst unternommen wird, objektiv bewerten, kann man allein festhalten, dass dies alles keinerlei praktische Bedeutung hat. Es kümmert sich [bei den maßgeblichen Stellen] sowieso niemand darum.«[10]  In dieser Situation wandte sich die polnische Führung erstmals seit 1945 mit dem Vorschlag an die Sowjetunion, in Sachen Repatriierung zu einer grundsätzlichen Entscheidung zu kommen. Dies geschah jedoch nicht über das polnische Außenministerium, sondern über die »Partei-Linie«. Aller Wahrscheinlichkeit nach ging dem offiziellen polnischen Vorstoß ein persönliches Gespräch von Parteichef Bolesław Bierut und Nikita Chruščev anlässlich des Besuchs einer sowjetischen Delegation in Warschau vom 21. bis 26. April 1955 voraus.[11] Wenig später, am 6. Mai 1955, ließ Außenminister Stanisław Skrzeszewski über die sowjetische Botschaft in Warschau eine offizielle Note zur Repatriierungsproblematik an Chruščev übermitteln. Darin wurde unterstrichen, dass – ungeachtet mehrerer diesbezüglicher Abkommen – »das Problem einer Rückkehr von über die gesamte Sowjetunion verstreuten polnischen Staatsbürgern in ihre Heimat sowie der Familienzusammenführung bisher nicht in Gänze gelöst wurde. […] Die fehlende Erledigung dieser oftmals schmerzlichen Angelegenheiten wirkt sich auf die weitere Entwicklung der Stimmung gewisser Kreise in Polen unvorteilhaft aus.«[12] An erster Stelle auf der Liste »schmerzlicher Angelegenheiten« stand jene »größere Anzahl von Polen«, »die von sowjetischen Gerichten interniert oder verurteilt worden waren« und die sich seit der Haftentlassung gemeinsam mit ihren Familien um eine Ausreise nach Polen bemühten. Als zweites wurden »ehemalige polnische Staatsbürger« angeführt, »erwachsene wie auch minderjährige, die aus unterschiedlichen Gründen von ihrem [im Abkommen von 1944 geregelten] Optionsrecht keinen Gebrauch gemacht hatten, so dass sie nun von ihren Familien getrennt sind«[13]. In beiden Fällen wurde das humanitäre Argument der Familienzusammenführung besonders unterstrichen, was jedoch vielen aus den kresy wschodnie[14] stammenden Polen eine Rückkehr in die Heimat unmöglich gemacht hätte. Ebenfalls auffallend ist die Formulierung »größere Anzahl«. Tatsächlich verfügten die polnischen Behörden über keinerlei Informationen darüber, wie viele Polen sich in den ehemaligen Ostprovinzen oder an ihren Deportationsorten in Sibirien und Kasachstan um eine Rückkehr bemühen könnten. Einige Monate später bestätigte der Botschafter Lewikowski, dass »die Botschaft nicht einmal annähernd über den zahlenmäßigen Umfang […] jener über die UdSSR verstreuten polnischen Bevölkerungsgruppen […] orientiert ist«.[15] Sowjetischer Ministerratsbeschluss über die Repatriierung vom April 1955 Die Tatsache, dass man sich in Polen nun auf höchster Ebene mit den Repatriierungen auseinandersetzte, stellte einen wichtigen Durchbruch dar. Allerdings scheint dies nicht die entscheidende Ursache für die Wiederaufnahme der Rückführungsaktion gewesen zu sein. Denn bereits unmittelbar nach Chruščevs Besuch in Polen im April und noch vor Erhalt der offiziellen polnischen Note vom 6. Mai 1955 unterzeichnete der Ministerrat der UdSSR am 28. April den Beschluss Nr. 858–517c »Über die Repatriierung von Staatsbürgern Polens, der Tschechoslowakei, Ungarns, Rumäniens, der DDR, Chinas und Koreas, die sich in der UdSSR in der Verbannung befinden, in ihre Heimatländer«. Wahrscheinlich hatte die sowjetische Führung an diesem Erlass, der – nach den Amnestien, Rehabilitationen usw. – als ein weiteres Element des Chruščevschen »Tauwetters« betrachten werden kann, bereits seit längerer Zeit gearbeitet. Wenig später wurde das Recht auf eine Heimkehr aus der UdSSR auch den festgehaltenen Deutschen aus der Bundesrepublik Deutschland, Österreichern, Japanern und Spaniern zugestanden. Das bereits seit dem Krieg bestehende Problem der Ausreise nach Polen verdankt seine Lösung offenbar dem endlich eingetretenen günstigeren Klima im Kreml.  Wie es scheint, kann das Problem der Repatriierung aus dem Osten nicht losgelöst von jener Kampagne betrachtet werden, die Anfang 1955 von der Sowjetunion und weiteren Ostblockstaaten zur Förderung der Rückkehr von Emigranten aus dem Westen gestartet wurde.[16] Ein wesentliches Ziel jener Aktion war die Schwächung der in den westlichen Staaten entstandenen Emigrantenkreise.[17] Die Regierung der Volksrepublik Polen eröffnete ihre diesbezügliche Agitation zugunsten einer Rückkehr nach Polen am 23. Juli 1955 mit einer an die Polonia, also die weltweite polnische Emigration, gerichteten Rede Bolesław Bieruts. Das Resultat war eine intensive Gegenpropaganda der Emigrantenkreise, die vor allem auf die in Bieruts Rede übergangene Frage der Repatriierung aus der UdSSR hinwiesen.[18] Tatsächlich erschienen die ersten offiziellen Äußerungen Polens zu diesem Thema erst viel später, nämlich Ende Oktober 1955. Unmittelbar nach dem erwähnten Ministerratsbeschluss zu den Repatriierungen befahl der sowjetische Innenminister, Generaloberst Sergej Kruglov, am 23. Mai 1955 seinen untergeordneten Organen die Vorlage von Angaben bezüglich sämtlicher in der Verbannung befindlicher »polnischer Staatsbürger« sowie zu »sowjetischen Staatsbürgern polnischer und jüdischer Nationalität, die von ihrem Recht auf Umsiedlung gemäß dem sowjetisch-polnischen Abkommen vom 6. Juli 1945 keinen Gebrauch gemacht hatten«.[19] Gleichzeitig unterstrich der Minister, dass die Personen, die nicht vom Abkommen vom Juli 1945 profitiert und dadurch ihre polnische Staatsbürgerschaft eingebüßt hatten, auch weiterhin gemäß dem für sowjetische Staatsbürger vorgesehenen Verfahren behandelt würden: Die geplante Repatriierungsaktion sollte folglich doch nur die nach Sibirien und Kasachstan verbannten Personen umfassen. Darüber, dass »die sowjetischen Behörden […] in Sachen Rückkehr […] polnischer Staatsbürger, die auf dem Gebiet der UdSSR aus der Haft entlassen wurden, bereits eine entsprechende Anweisung«[20] erlassen hatten, wurde die polnische Seite erst im Juni 1955 – und zwar inoffiziell (wie der Erste Sekretär der sowjetischen Botschaft in Polen, Kolaskin betonte) – informiert. Die Registrierung von zur Repatriierung vorgesehenen Personen durch die lokalen sowjetischen Behörden gab den Polen in der UdSSR einen ungemeinen Auftrieb und führte zu einer sprunghaften Zunahme der bei der polnischen Botschaft in Moskau eingehenden Korrespondenz. Erst durch solche Briefe erfuhren die Botschaftsangestellten von der Tatsache, dass eine »Registrierung ehemaliger polnischer Staatsbürger zur Ausreise in die Volksrepublik Polen« überhaupt stattfand, wie auch davon, dass sie nicht nur ihre frühere Staatsbürgerschaft, sondern oft auch ihre polnische Nationszugehörigkeit bestätigen sollten. Antragsteller, deren Nationalität in Frage gestellt wurde (was gerade im Falle deportierter polnischer Bauern öfters geschah), wandten sich mit der Bitte um Intervention an die Botschaft. Ebenso versuchten die Betroffenen hier Einzelheiten zu Termin und Ablauf der geplanten Ausreiseaktion zu erfahren. Doch die Botschaft war zu jenem Zeitpunkt lediglich darüber informiert, dass die sowjetische Führung in dieser Angelegenheit einen »Beschluss allgemeinen Charakters« zu fassen gedachte.[21] Offenbar fand die gesamte Vorbereitung unter Ausschluss der polnischen Führung und Botschaft statt. Die immer deutlicher absehbare Repatriierungsaktion aus der UdSSR veranlasste die polnischen Behörden, sich mit der Aufnahme der Repatriierten nach deren Grenzübertritt auseinander zu setzen. Anfang August 1955 schlug das Außenministerium vor, an der Ostgrenze »in Terespol [ein spezielles Zentrum] einzurichten, ausgestattet mit genügend Geldmitteln (zur Deckung der Reisekosten der Repatrianten an den Wohnort ihrer Familien, sowie eventuell, für diejenigen, welche keine ausreichende Kleidung besitzen, auch für Kleider)«.[22] Demgegenüber scheinen sich die Anordnungen Premierminister Józef Cyrankiewiczs vom 17. August 1955 bezüglich der Aufnahme von Repatriierten allein auf die Rückkehrer aus dem Westen bezogen zu haben. Die Lage der in diesem Papier vorgesehenen Repatriierungszentren im Westen (Szczecin/Stettin und Zebrzydowice/ Seibersdorf) deutet auf solch eine Einschränkung hin.[23] Es stellt sich deshalb die Frage, ob die Warschauer Führung die für Ende 1955 vorgesehene Rückreiseaktion aus der UdSSR nach Polen propagandistisch mit der überaus öffentlichkeitswirksam vorbereiteten Repatriierungsaktion aus dem Westen verbinden wollte, oder ob sie vielmehr »nebenbei«, ohne größeren Aufsehens vonstatten gehen sollte. Mit Sicherheit jedoch wurde das Verhältnis der polnischen Behörden zu den Repatrianten aus der UdSSR nicht allein durch die gänzlich undurchsichtigen Umstände – den Mangel an Informationen zu Terminen, Anzahl der Rückkehrer und anderes mehr – beeinflusst. Ebenso sehr dürfte die besondere Kategorie der Heimkehrer aus der Sowjetunion eine Rolle gespielt haben, handelte es sich doch um Personen, die für antisowjetische Tätigkeiten verurteilt waren. Das plötzliche Auftauchen von mehreren tausend ehemaligen Häftlingen Stalins, deren schiere Existenz bislang verschwiegen worden war, stellte für die Bierut-Führung eine denkbar delikate Angelegenheit dar. Da demgegenüber die Repatrianten aus dem Westen keinerlei »politisches Problem« darstellten, ließ sich deren Rückkehr ohne weiteres propagandistisch verwerten. Am 27. August 1955 erhielt die polnische Seite erste Listen mit Personen, die von den Sowjetbehörden zur Repatriierung vorgesehen wurden. Sie waren in zwei Gruppen eingeteilt: Die erste setze sich aus Deportierten zusammen, unter ihnen 105 polnische Staatsbürger, 1 682 Sowjetbürger polnischer bzw. jüdischer Nationalität sowie 8 Staatenlose. Die zweite Gruppe umfasste Gefängnis- oder Lagerinsassen. Kraft einer Verordnung des Obersten Sowjets der UdSSR vom 22. August 1955 sollten 181 vorzeitig aus der Haft zu entlassende polnische Staatsbürger an die polnischen Behörden überstellt werden, die – so eine Notiz aus dem sowjetischen Außenministerium – »in sowjetischen Hafteinrichtungen eine gerichtlich verfügte Strafe wegen krimineller Betätigung zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verbüßten«. Ebenfalls vorgeschlagen wurde die Überstellung von 141 Häftlingen polnischer Staatsangehörigkeit an die polnischen Behörden, die wegen der »[…] Beteiligung an Gräueltaten gegen sowjetische Bürger zur Zeit des Vaterländischen Krieges oder wegen Spionage gegen die UdSSR« verurteilt worden waren.[24] Anders als bei den Deportierten sollten demnach Häftlinge polnischer Nationalität, die als sowjetische Staatsbürger betrachtet wurden, von einer Überstellung nach Polen ausgeschlossen sein.  In den darauf folgenden Wochen trafen weitere Listen ein, so dass die polnischen Behörden über die Aufnahme von insgesamt 4 616 Personen zu befinden hatten. Die sowjetische Führung indes betonte, dass die Ausreisenden mit dem Moment des Grenzübertritts ihre sowjetische Staatsbürgerschaft verlieren würden. Nachdem die Listen in der Reihenfolge ihres Eingangs überprüft worden waren, erteilte die polnische Führung um den 20. Oktober 1955 herum in der überwiegenden Mehrheit der Fälle ihre Zustimmung.[25] Das Eintreffen der repatriierten Häftlinge im September 1955 Die Festlegung von Verfahrensweise, Ort und Termin der Aufnahme von Repatrianten nahm mehrere weitere Wochen in Anspruch, weshalb der ursprünglich auf Oktober festgesetzte Termin für den Beginn der Aktion verschoben werden musste.[26] Auch der zu Beginn vorgesehene Umfang der Transporte von 300 bis 350 Personen wurde verändert.[27] Der endgültige, von der sowjetischen Seite erst am 9. November bekannt gegebene Fahrplan, sah für die Repatriierung von 4 379 Personen insgesamt acht, in der Zeit vom 29. November 1955 bis zum 3. Januar 1956 über den Grenzübergang bei Przemyśl nach Polen geführte Transporte vor.[28]  Die zugänglichen Akten erlauben keine hinreichende Erklärung dieser Verzögerung. Eine der Ursachen mochte in der unzureichenden Vorbereitung auf die Übernahme der Transporte durch die polnische Seite begründet sein. Die Vorbereitungen konnten jedoch erst intensiviert werden, nachdem das polnische Regierungspräsidium (d. h. der Ministerpräsident und sein Stellvertreter) am 10. September 1955 den Beschluss Nr. 739/55 zur Betreuung der Repatrianten unterzeichnet und Zygfryd Sznek, Unterstaatssekretär im Innenministerium, mit der Leitung des eigens gegründeten Büros des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen betraut hatte. Mitte September begannen in Grabanów bei Terespol die Arbeiten zur Einrichtung des ersten und vorerst einzigen Repatriierungszentrums an der Ostgrenze. Weitere vier Auffanglager bzw. so genannte Repatriierungszentren mit einer Kapazität von jeweils 500 bis 700 Personen wurden erst Mitte November eröffnet, als Termine und Umfang der Aktion bereits feststanden.[29] Auch die Verifizierung der durch die Russen übermittelten Personendaten der Repatrianten wirkte sich verspätend auf den Beginn der Aktion aus. Es ist übrigens davon auszugehen, dass es allein die sowjetischen Behörden waren, die von einer Ausreise der Repatrianten in kleineren Gruppen Abstand nahmen. Die endgültige Entscheidung, die Betroffenen in Massentransporten über die Grenze zu befördern, fällten sie in jenem Moment, als sie der von der polnischen Seite verlangten Übernahme sämtlicher bis zum Grenzübertritt anfallenden Reisekosten durch die UdSSR zustimmten. Obwohl die polnische Botschaft in Moskau eine solche Kostenübernahme bereits im September 1955 gefordert hatte, war sie vom sowjetischen Außenministerium erst Anfang November akzeptiert worden.[30] Bedeutend zügiger, wenngleich ebenfalls mit Verspätung und in einem verglichen mit den Angaben vom 27. Oktober 1955 reduzierten Umfang, wurde die Repatriierung von Häftlingen und vorzeitig aus der Haft entlassenen Personen in die Tat umgesetzt.[31] Die Überstellungen fanden am Bahnhof von Brest-Litovsk statt und wurden von sowjetischer Seite von Major N. Kalgankin geleitet. Die Gruppe der vorzeitig Entlassenen (122 Personen) traf am bereits 26. und 27. September in Polen ein und wurde von den Majoren T. Jarmoliński und F. Kaczmarek empfangen.[32] Ebenfalls am 27. September wurden einem Funktionär des polnischen Strafvollzugs, Major B. Jakubowski, 86 Personen übergeben, die – so wurde unterstrichen – als »Verbrecher […] den Rest ihrer Strafe in Polen zu verbüßen haben«.[33] Die von den sowjetischen Behörden vorzeitig aus der Haft entlassenen Repatrianten wurden im Auffanglager Grabanów untergebracht, wo sie Repatriiertenkarten sowie die in Beschluss 739/55 vorgesehene Hilfe erhielten. Die als »Verbrecher« nach Polen überstellten Häftlinge wurden jedoch nach Milęciń in Pommern in ein Internierungslager verbracht. Hier mussten sie auf die Überprüfung ihrer Fälle warten, die sich sehr in die Länge zog. Die sowjetische Seite hatte den polnischen Behörden nur sehr spärliche Angaben (so genannte spravki) über das von diesen Leuten begangene Verbrechen sowie das verhängte Strafmaß übermittelt.[34] Der von der polnischen Seite beantragten Einsicht in die Prozessakten wurde von den sowjetischen Behörden nicht stattgegeben. Dies war umso problematischer, als eine Haftlingsüberstellung noch keineswegs bedeutete, dass die Urteile sowjetischer Gerichte automatisch auch in Polen als rechtsgültig anerkannt wurden. In dieser Situation »ist das Verhältnis gegenüber diesen Personen erschwert, da speziell in der Frage einer eventuellen Strafverfolgung die notwendigen Entscheidungsgrundlagen nicht gegeben sind«.[35] Die Generalstaatsanwaltschaft der Volksrepublik gründete zur Untersuchung dieser Fälle eigens eine Arbeitsgruppe, die vom stellvertretenden Generalstaatsanwalt Władysław Taraszkiewicz geleitet wurde. In Einzelgesprächen mit den Häftlingen über die Gründe ihrer Verurteilung in der UdSSR sollten die Informationen aus den sowjetischen spravki verifiziert werden. Diese Arbeit nahm mehrere Wochen in Anspruch.[36] Die Häftlinge, die mit zunehmender Ungeduld auf das Wiedersehen mit ihren Familien warteten, protestierten indes lautstark gegen die erneute Freiheitsberaubung und organisierten sogar einen Hungerstreik. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat dies die Beschlussfassung der polnischen Behörden beschleunigt: Man beurteilte den Aufenthalt in den sowjetischen Gefängnissen und Lagern als der Strafe genug und ließ sämtliche Festgehaltenen frei.[37] Von den Verbannungsorten nach Polen Die Ankunft der Massentransporte mit den aus der sowjetischen Verbannung entlassenen Repatrianten war für Ende November vorgesehen. Wie bereits erwähnt, wurden die in der UdSSR anfallenden Kosten der Aktion von der sowjetischen Regierung übernommen. Man erlaubte den Ausreisenden die Mitnahme ihrer gesamten Habe, gewährte ihnen finanzielle Unterstützung und versorgte sie während der Reise mit Verpflegung und ärztlicher Betreuung. Es wurde versprochen, dass etwaige Ersparnisse sowie Obligationen der Staatsanleihe, an der sich jeder in der UdSSR Beschäftigte obligatorisch zu beteiligen hatte, in polnische Złoty umgetauscht werden konnten. Für die Transporte würden Personenwagen mit Liegewagenplätzen zur Verfügung stehen.[38] Es sollte eine Transportbegleitung, bestehend aus dem Transportleiter, zwei bis drei Helfern, einem Arzt und einer Krankenschwester, geben. Zum sowjetischen Bevollmächtigten zur Übergabe der einzelnen Transporte an den Vertreter des polnischen Büros des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen wurde Oberstleutnant F. Slesarev ernannt.[39] Die im Sommer zur Repatriierung registrierten Verbannten warteten mit großer Ungeduld auf den Beginn ihrer Reise nach Polen. Im Laufe der Monate jedoch begann sich ihre Stimmung zunehmend zu verschlechtern: Die ersehnte Benachrichtigung über eine Bewilligung der Ausreise erreichte die meisten Betroffenen kaum zehn Tage vor dem Tag der Abfahrt. Unter größtem Zeitdruck mussten nun die Vorbereitungen getroffen werden. Wer über eigenes Hab und Gut verfügte, verkaufte es oder verschenkte es an seine Bekannten – die meisten jedoch besaßen ohnehin nur einige persönliche Dinge, die sie mitnehmen konnten.  Schwieriger war es, die für eine Ausreise obligatorisch vorausgesetzte Arbeitsentlassung zu erwirken. Die Leitungen vieler Industriebetriebe und Kolchosen versuchten, ihre Arbeiter festzuhalten. Sie versprachen Beförderungen, verschiedenste Privilegien, oder aber sie lehnten die eingereichten Kündigungen ganz einfach ab, indem sie sich hinter Moskauer Direktiven zur Erfüllung der Produktionspläne verschanzten. Nicht selten war eine Intervention durch das sowjetische Innenministerium notwendig, bei der die politische Bedeutung der Repatriierungen nach Polen hervorgehoben wurde.[40] In den Kolchosen wurde nach einem komplizierten Berechnungssystem die Anzahl geleisteter Arbeitstage gegen die Unterhaltskosten eines Landarbeiters abgewogen. Dabei kam es vor, dass der solchermaßen errechnete Lohnüberschuss in Naturalien, z. B. in Korn, ausbezahlt wurde.  Als Ausgangsort der Repatriierungstransporte dienten mehrere große Verkehrsknotenpunkte, so das im südlichen Mittelsibirien gelegene Krasnojarsk, Vorkuta am Nordende des Urals jenseits des Polarkreises, Karaganda in Kasachstan, Irkutsk am Südende des Baikal sowie das am Fluss Amur an der Grenze zu China gelegene Chabarovsk. Dorthin hatte man die Polen nicht nur aus der jeweiligen näheren Umgebung, sondern auch aus weit entlegenen Ortschaften gebracht, zum Beispiel (per Flugzeug) aus Noril’sk und Jakutsk nach Krasnojarsk, aus Magadan (mit dem Schiff) bis Nachodka und weiter nach Chabarovsk. Die Formierung eines Transportes dauerte mehrere Tage, in denen Waggon für Waggon mit Repatrianten gefüllt wurde. Während dieser Wartezeit wurden Bekanntschaften geknüpft, jahrelang nicht gesehene Freunde begrüßt und die letzten Formalitäten erledigt (Auslösen der Staatsanleihen, Empfang der Reiseunterstützung von 300 Rubel). Viele erstanden von ihrem Ersparten oder dem eben erhaltenen Unterstützungsgeld Geschenke für die Familien oder auch in Polen schwer erhältliche Waren, die sie in der Heimat zu verkaufen gedachten. Diese Einkäufe nahmen einen derartigen Umfang an, dass viele Geschäfte anschließend regelrecht ausverkauft waren. »Aus den Läden verschwanden«, so erinnerte sich eine der Repatriantinnen, »die Kühlschränke, Radios und Fotoapparate. Einer kaufte sich sogar ein Motorrad. Als ich meine 200 Rubel bekam, konnte ich in der ganzen Stadt schon nichts mehr finden. In allen Geschäften die gleiche Antwort: Die Polen haben alles weggekauft.«[41] Nicht alle besaßen jedoch ausreichend Mittel für solche Einkaufstouren. Die sowjetischen Behörden verteilten an den Ausgangspunkten der Transporte auch Kleidung für die bedürftigsten unter den Heimkehrern. Die Reise nach Polen dauerte etwa zwei Wochen. Die Transporte fuhren mit dem Status von Spezialzügen. Unterwegs wurden weitere Waggons mit Repatrianten angehängt. Die Reisebedingungen waren gut – es gab Schlafwagen mit ordentlichem Bettzeug und genügend Proviant. An den größeren Stationen wurde auf Bestellung der Transportbegleiter eine warme Mahlzeit bereitgestellt. Die Polen aßen in den Bahnhofsrestaurants, aus denen zu diesem Zweck nicht selten die sowjetischen Reisenden zuvor brutal entfernt worden waren. Einige der Transporte hatten Aufenthalt in Moskau, wo die Heimkehrer von offiziellen Delegationen besucht wurden. Bei dieser Gelegenheit beschwerten sich viele Repatrianten über das Verhalten, das die polnische Botschaft ihnen gegenüber während der vorangegangenen Jahre an den Tag gelegt hatte, und sie reichten die Personalien von Personen weiter, denen man keine Ausreisegenehmigung erteilt hatte. »Noch als wir in Moskau standen, da kam ein Vertreter der polnischen Botschaft – ein Pole, zusammen mit irgendeinem Russen. Sie begannen, durch die Wagen zu gehen, sprachen mit uns und versicherten natürlich, dass alle fahren würden, die auch fahren wollten. Und wer nicht wollte, der bleibe eben da. Am meisten hat uns jedoch die Tatsache aufgeregt, dass der Pole Russisch sprach, der Russe aber [mit uns] Polnisch – darüber waren wir ganz einfach wütend. Wir begannen, gegen diese Behauptung [wonach angeblich alle Polen ausreisen durften] zu protestieren, also befahl man uns, eine Liste anzufertigen – darüber, wer bleiben musste und wo. Wir haben diese Liste gemacht und sie an die Botschaft geschickt (ich glaube, jemand von der Botschaft hat sie abgeholt).«[42] Diejenigen Transporte, die Mitte Dezember in Richtung Heimat aufbrachen, befanden sich zu Weihnachten noch auf der Reise. »Wie verbrachten Heiligabend eingeschneit im Ural. Ein Schneesturm hatte die Gleise verweht und wir mussten einen halben Tag auf das Eintreffen des Schneepfluges warten. Wir kletterten also aus den Waggons und fällten uns Christbäume. Wir sangen Weihnachtslieder. Die polnische Melodie hallte laut wider zwischen den Felsen […] und einer dichten Wand von Fichten.« [43]  Der nächste wichtige Moment der Reise war für viele Repatrianten der Aufenthalt im ukrainischen Lemberg (L’wow/Lwów). Er dauerte oft mehrere Stunden. Von hier aus versuchten sie, mit einer Depesche die Familie oder Bekannte über die bevorstehende Ankunft zu informieren, damit sie in Polen zum Bahnhof kommen und wenigstens ein bisschen Zeit mit jenen Personen verbringen konnten, die sie meist seit über zehn Jahren nicht gesehen hatten. Anfangs ließen die polnischen Behörden diese Kontaktaufnahme zu. Aus den Berichten von Betroffenen geht jedoch hervor, dass sie bei den späteren Transporten das Verlassen der Waggons zu verhindern suchten und den Bahnhof für Besucher schlossen. Der erste der acht angekündigten Transporte mit Repatrianten aus Sibirien überquerte am 30. November 1955 die Grenze in Medyka bei Przemyśl mit achtstündiger Verspätung. Diese resultierte aus einer über zwölf Stunden dauernden Zollabfertigung, bei welcher der gesamte Transport – laut Oberst Slesarev entgegen den Moskauer Instruktionen – einer gründlichen Untersuchung unterzogen wurde. »Die Zollbehörden nahmen den Repatrianten unter anderem ihre Arbeitsbücher ab, zwei goldene Uhren und weitere Kleinigkeiten. Die gesamte Zollabfertigung nahm einen sehr unangenehmen Verlauf, und zwar sowohl aufgrund ihrer Ausführlichkeit (Bündel und Pakete wurden ausgebreitet, Säcke aufgetrennt), als auch aufgrund der langen Dauer: Die Repatrianten konnten von 4 Uhr morgens bis 9 Uhr am Abend keine warme Mahlzeit zu sich nehmen.« Nach der Intervention eines sowjetischen Regierungsvertreters war die Grenzabfertigung der späteren Transporte erträglicher. Darüber hinaus erklärte sich die sowjetische Seite damit einverstanden, dass bereits in Lemberg Vertreter Polens auf die Repatriierungszüge zustiegen.[44] Die Repatriierten selbst erzählen, während der Abfertigung sei intensiv nach Dokumenten jeglicher Art, vor allem aber nach solchen aus der Haftzeit gesucht worden. Diese wurden konfisziert.[45] Ähnlich wurde mit Bargeld verfahren, das die Ausreisenden nicht zur Überweisung nach Polen an die Bank übergeben hatten. Die Unannehmlichkeiten der Zollkontrolle verflogen unter dem bewegenden Eindruck des Grenzübertritts sehr schnell. In den Erinnerungen einiger Repatriierter findet sich dieser Moment immer wieder: Die Nationalhymne wurde gesungen, ebenso die Rota[46] und andere nationale Lieder. Man schmückte sich mit eigens in den Nationalfarben angefertigten Kokarden. »Der Zug fuhr an, es war ein düsterer Tag, wenn es auch nicht schneite, so war es doch bewölkt. In unseren Herzen aber schien die Sonne, eine polnische Sonne, unsere Augen lachten, unsere Gesichter wurden hell«, schreibt eine der Heimkehrenden: »Als wir über die Grenze fuhren, herrschte Stille im Waggon, dann aber stimmte jemand das Lied ›Gott, der du Polen …‹ [Boże, coś Polskę …] an. Aus voller Brust fielen die Anderen mit ein, obwohl es einem die Kehle zuschnürte und vor Ergriffenheit die Stimme versagte. In Medyka stiegen die polnischen Grenzbeamten zu. Sie salutierten und begrüßten uns mit einem Lächeln.«[47] Allerdings erinnern keineswegs alle Betroffenen die Ankunft in der Heimat so positiv: »Es war im Dezember 1955. Polen empfing uns weder mit Flaggen, noch mit Ansprachen, nicht mit Blumen noch dem Klang eines Orchesters. So nämlich hatten die Deutschen einige Monate zuvor ihre aus der UdSSR heimkehrenden Landsleute begrüßt. Die Waggons schoben sich langsam über die Grenze. Unsere Aufseher übergaben uns an die polnischen Behörden. Diese prüften uns nach der Anzahl, da ein Namensabgleich dieser ›verlorenen Söhne‹ offensichtlich überflüssig war.«[48]  Folgende Übersicht der im Zeitraum vom 30. November 1955 bis zum 6. Januar 1956 in Polen eingetroffenen Transporte wurde auf Basis der polnischen Dokumente sowie der Berichte von Repatriierten angefertigt. Rechnet man die bekannten neun Massentransporte sowie die überstellten Häftlinge zusammen, reisten in der Zeit vom 30. November 1955 bis zum 6. Januar 1956 insgesamt 5 702 Repatrianten nach Polen ein.[49]  Wieder in Polen – Ankunft in den Auffanglagern Die Repatriierten wurden nach dem Grenzübertritt in die erwähnten Auffanglager gebracht, die dem Büro des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen unterstellt waren. Die Lager befanden sich in alten Gebäudekomplexen, meist Kasernen, die über eine (von der Quartiermeisterei der Bürgermiliz) zwar eiligst errichtete, dennoch aber ausreichende Infrastruktur zur Aufnahme von mehreren hundert Personen verfügten. In den Zentren waren genügend Schlafplätze und die Ernährung gesichert, ebenso die ärztliche Betreuung (mit der Möglichkeit einer Überweisung in das Sanatorium von Szklarska Poręba). Auch die Repatriierungskarten, provisorische Personalpapiere, wurden hier ausgegeben, sowie eine finanzielle Unterstützung von 1 000 Złoty. Das Personal eines Auffanglagers umfasste in der Regel bis zu 15 Personen, wobei allem Anschein nach mindestens ein Teil von ihnen zu den Vertrauenspersonen der Partei gehörte: »Die personelle Besetzung der Zentren war mit keinen speziellen Problemen verbunden. Als eine bedeutende Hilfe erwiesen sich die Wojewodschaftsverwaltungen für Innere Angelegenheiten sowie die Wojewodschaftskomitees der Partei.«[50] Allerdings erwies sich die fachliche Befähigung dieser Leute – vor allem in Nowy Sącz – als unzureichend. Am meisten irritierte die Heimkehrer, die noch immer auf ein Wiedersehen mit ihren Verwandten warteten, das offenbar schleppende Arbeitstempo beim Ausstellen von Registrierungsformularen und Repatriierungskarten.[51] Die Repatriierten blieben nur bis zur Erledigung der wichtigsten Formalitäten im Auffanglager, in der Regel fünf bis sieben Tage. In der Erinnerung bewerten sie den Aufenthalt oft positiv, wobei sie die gute Betreuung hervorheben, die ihnen nach all den in der Sowjetunion verbrachten Jahren großen Eindruck machte. Ein Teil der Heimkehrer fühlte sich allerdings durch die obligatorischen Angaben zur Vervollständigung der Registrierungsformulare negativ berührt. Einer der Betroffenen sprach von einer, wenn auch »milden Stasi-Untersuchung«[52].  Das Sammeln von Informationen über eine etwaige Mitarbeit in den polnischen Untergrundstrukturen während Zweiten Weltkriegs sowie über die Umstände der Verhaftung erweckte das Misstrauen vieler Heimkehrer: »Am folgenden Tag vergiftete ein unangenehmer Zwischenfall die Atmosphäre, als uns ein Beamter der Staatssicherheit (ein noch junger Mann) der Reihe nach zum Verhör holte. Gegen meinen Willen erwachten in mir die Erinnerungen an jene früheren, fast elf Jahre zurückliegenden, Ermittlungen. Erneut füllten sich die Papierbögen mit Antworten auf all die Fragen, die man mir stellte […]. Ob man wohl bereits neue Karteien über uns angelegt hat?« [53] Während des Aufenthaltes in den Repatriierungszentren kam es auch zu Kontakten mit der örtlichen Bevölkerung. Einige der noch vor Weihnachten Eingetroffenen wurden zu den Festtagen eingeladen. Viele Bewohner suchten auch nach Informationen zu ihren vor vielen Jahren im Osten verschwundenen Angehörigen. Einer der Ankömmlinge im Lager von Nowy Sącz erinnerte dies folgendermaßen: »Täglich wurden an gut sichtbaren Stellen in der Kantine, an den Türen oder Wänden, Zettel mit den Namen vermisster Personen angebracht, mit dem Datum ihrer Verhaftung oder Deportation und der Bitte um Weiterleitung von Informationen an eine angegebene Adresse. Es kamen aber auch Einwohner von Nowy Sącz einfach nur so in die Kaserne.« [54] Nach einigen Tagen erhielten die Repatriierten eine kostenlose Fahrkarte und verließen das Lager. Die meisten fuhren zu ihren Angehörigen, während nur wenige von dem Angebot einer Arbeit und Wohnung in den neuen polnischen Westgebieten profitierten. Das erklärt sich dadurch, dass die überwiegende Mehrheit der Repatriierten in Polen eine Familie besaß, die sich meist schon seit Jahren um ihre Rückkehr bemüht hatte und sich nun die ersten Monate nach der Ankunft um sie kümmerte.  Der Aufenthalt in den Auffanglagern war für die Ankommenden von großer Bedeutung, da sie hier einen ersten Eindruck von den ihnen unbekannten, neuen polnischen Realitäten bekommen konnten. Doch auch die Behörden nutzten diesen Zwangsaufenthalt, um sich mit den Heimgekehrten, mit ihren Einstellungen und ihrer Berufsstruktur bekannt zu machen. Hier hatten sie die Möglichkeit, genaueres über die Bemühungen der in der UdSSR lebenden Polen um eine Repatriierung sowie über die Reisebedingungen zu erfahren. Die aus diesen Informationen gewonnenen Schlussfolgerungen flossen direkt in die noch im Dezember 1955 aufgenommenen Bemühungen um eine Fortsetzung der Repatriierungen ein. Für einige der Heimkehrer war die Ankunft in Polen mit unterschiedlichsten Befürchtungen verbunden, die auch den Lagerleitungen nicht verborgen blieben: »In den ersten Tagen nach der Ankunft waren viele Repatriierte stark verängstigt. Viele erwarteten, in Polen verfolgt oder gar in Straflager eingesperrt zu werden. Die Repatriierten fragten uns, ob sie das Lager verlassen können würden, ob sie die Kirche besuchen, ob sie sich ihren Unterhalt verdienen könnten und anderes mehr.« [55] Die Kleidung der meisten Heimkehrer wurde für gut befunden, so dass man nur für einige wenige neue Kleider kaufen musste. Bei Letzteren handelte es sich mit Sicherheit um erst kurz zuvor befreite Lagerhäftlinge. Es wurde notiert, dass ein Teil der Ankömmlinge Motor- und Fahrräder mitgebracht hatte. Selbst ein mitgeführtes Auto und einige Tonnen Korn wurden vermerkt. Die Verfasser solcher Berichte waren sich allerdings der Tatsache nicht bewusst, dass diese Güter erst unmittelbar vor der Abreise erstanden wurden, finanziert mit dem Erlös aus dem Verkauf der gesamten sonstigen Habe sowie den ausgelösten Staatsanleihen. In der Regel waren sie zum Weiterverkauf bestimmt und sollten den Aufbau einer neuen Existenz ermöglichen.  Die Analyse der Berufsstruktur ergab, dass es sich bei einer Mehrheit der Repatriierten ursprünglich um Bauern handelte, »von denen sich in der UdSSR viele weiterqualifiziert und als Fachkräfte im Bau- und Transportwesen gearbeitet hatten«. Es kamen auch Handwerker, Bergarbeiter und einige Vertreter der Intelligenz (Ärzte, Ingenieure und Juristen). Auch die politische Einstellung der Ankömmlinge wurde beobachtet: »Bei einem Teil der Repatriierten wurden antisowjetische Stimmungen bemerkt«, so hielt es der Regierungsbevollmächtigte Zygfryd Sznek fest. »Dies trifft vor allem auf den Transport zu, der am 11. Dezember dieses Jahres eingetroffen ist. Die Repatriierten dieses Transportes, der sich in der überwiegenden Mehrzahl aus ehemaligen Mitgliedern der polnischen Heimatarmee AK aus dem Wilnaer Gebiet zusammensetzte, äußern sich in den im Auffanglager sowie in der Stadt geführten Gespräche feindlich gegenüber der Sowjetunion. Charakteristisch war die Aussage: ›Wir haben gekämpft und verloren, aber unser Kampf ist noch nicht zu Ende‹. Die Teilnehmer an diesem Transport haben an der Grenze auch die ›Rota‹ gesungen.«[56]  Solche »feindlichen Stimmungen« bemühten sich die Behörden durch die »Kultur- und Bildungsarbeit« zu neutralisieren. Diese bestand aus »der Organisation von Filmvorführungen, Auftritten von Theatergruppen aus dem Gemeinschaftszentrum, Tanzveranstaltungen, Ausflügen (etwa nach Oświęcim [Auschwitz], ins Museum von Łańcut), der Bereitstellung verschiedener Presseerzeugnisse usw.«.[57] In den Auffanglagern wurden ebenfalls lockere Gesprächsveranstaltungen über die Rechtslage der Repatriierten, ihre Arbeits- und Wohnmöglichkeiten veranstaltet. Das Büro des Regierungsbevollmächtigten musste jedoch selbstkritisch ergänzen, dass »die politische und Bewusstsein bildende Arbeit unter den Repatriierten in unbefriedigender Weise realisiert wurde. […] Das Personal der Zentren war darüber hinaus zu sehr mit technischen Angelegenheiten und zu wenig mit der politischen Arbeit beschäftigt«.[58]  Diese Vernachlässigung wurde, so erklärte es der Bevollmächtigte Sznek, schnell dadurch korrigiert, dass das Wojewodschaftskomitee der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR) »geeignete Genossen aus dem Wojewodschaftsaktiv geschickt hatte, die sich um die Durchführung entsprechender Veranstaltungen kümmerten«.[59] Die Behörden hielten fest, »dass man den Charakter und die Rolle der AK exakter erläutern und hervorheben müsste, da sie viele Repatriierte für eine Organisation halten, die nichts anderes getan habe, als für die Freiheit Polens zu kämpfen«.[60] Vom Regime wurden die Veteranen der AK dagegen offiziell als bürgerlich, reaktionär, antikommunistisch und somit auch antipolnisch verurteilt und entsprechend behandelt.  Ob die ergriffenen Maßnahmen im Sinne der Partei etwas bewirkt hatten, ist nicht überliefert. Allerdings kann aufgrund der Lebensgeschichten der Heimkehrer davon ausgegangen werden, dass die politische Agitation weder erfolgreich noch für die Parteifunktionäre besonders angenehm gewesen sein kann. Die Erklärungen der Behörden zu ihrem neuen Status in Polen hingegen nahmen die Repatriierten mit Bitterkeit entgegen: »An der Grenze sind wir aus den Waggons gesprungen und haben die Erde geküsst. Darauf sind wir ins Auffanglager gefahren, wo wir von der Bevölkerung sehr herzlich empfangen wurden, doch man warnte uns sogleich: Ihr müsst aufpassen, denn die AK-Veteranen werden auch hier von der Regierung gehasst. Und so war es. Aus Rzeszów kam der Vorsitzende zu uns, und als unsere Leute ihn fragten, weshalb sich denn die Behörden so lange nicht um eine Rückkehr der Polen gekümmert hatten, war die Antwort: Weil ihr es so verdient habt. Ihr habt dort im Gefängnis gesessen und ihr werdet auch hier sitzen. Man hat sogleich wie mit dem Vorschlaghammer auf uns eingedroschen.«[61]  Die Aufnahme in Volkspolen Mit der Ankunft der Repatriierungstransporte war das Problem der in der UdSSR verbliebenen Polen noch keineswegs gelöst. Die Nachrichten über die Ankunft der Transporte in Polen nährte die Hoffnung einer baldigen Heimkehr bei jenen, die sich noch immer in der UdSSR aufhielten, wie auch ihren Familien in der Heimat. Die Flut an Briefen, die in dieser Sache bei den polnischen Behörden und der Botschaft in Moskau eingingen, wurde nicht kleiner. Ein damals schon angefertigter Abgleich der Namen in Polen angekommener Repatriierten mit dem Verzeichnis sämtlicher Personen, für die bei den unterschiedlichsten polnischen Behörden ein Ausreiseantrag vorgelegt wurde (rund 5 500), ergab eine Schnittmenge von lediglich 300 Namen: »Diese Tatsache sowie die an unsere Botschaft in Moskau gerichteten Briefe zeigen, dass die Repatriierungsaktion nicht alle in der UdSSR lebenden Polen umfasst hat. [Das bedeutet,] dass die Behörden in verschiedenen Gebieten der Sowjetunion einer Repatriierung von Polen unterschiedliche Bewilligungskriterien zugrunde legen. […] Neben jenen Personen, die auf unseren und den sowjetischen Listen enthalten sind (insgesamt etwa 10 000), befindet sich in der UdSSR sicherlich noch eine beträchtliche Anzahl von Polen, die aus unterschiedlichsten Gründen keinen Repatriierungsantrag gestellt haben […], obwohl sie den in unserer an Chruščev gerichteten Note definierten Kriterien entsprechen.«[62]  Im Dezember 1955 bestätigte der polnische ZK-Sekretär Franciszek Mazur, dass die Note an Chruščev vom Mai desselben Jahres »allzu zurückhaltend« formuliert worden sei, dass jedoch »die aktuelle Situation […] unserer Haltung in dieser Sache« wesentlich mehr entgegenkomme. Bei der Gelegenheit gestand Mazur übrigens auch ein, dass »das grundsätzliche Einverständnis der Sowjetunion zur Repatriierung von Polen aus der UdSSR nach Polen es uns erst ermöglicht hat, das Thema der Repatriierungen aus den kapitalistischen Ländern auf breitester Front zu lancieren«.[63] Am 20. Dezember 1955 traf sich Botschafter Lewikowski mit dem sowjetischen Außenminister Vjačeslav Molotov und übermittelte ihm die polnische Bitte um eine Fortführung der Ausreise von Polen aus der UdSSR. Molotov äußerte sich positiv zu den polnischen Postulaten und nahm eine Liste ausreisewilliger Personen entgegen. Darüber hinaus eröffnete er dem polnischen Botschafter, »dass in diesen Tagen eine Entscheidung bezüglich der Beseitigung verschiedener administrativer Erschwernisse und zur Beschleunigung dieser Angelegenheiten« gefällt worden sei.[64]  Anfang Januar 1956 wurde die polnische Seite über einen am 15. Dezember 1955 unterzeichneten sowjetischen Regierungsbeschluss in Kenntnis gesetzt, der die Durchführung weiterer Repatriierungsaktionen bis Ende 1956 vorsah. Zur Ausreise wurden nun alle »sowjetischen Staatsbürger polnischer und jüdischer Nationalität wie auch ihre Familienangehörigen« berechtigt, »die seinerzeit vom Recht auf Evakuierung nach Polen gemäß dem polnisch-sowjetischen Abkommen vom 6. Juli 1945 keinen Gebrauch gemacht hatten, und die in der Volksrepublik Polen Angehörige besitzen«.[65] Obschon dieser von den lokalen Behörden in aller Eile umgesetzte Beschluss nicht das gesamte Problem löste, schuf er doch die Möglichkeit weiterer Verhandlungen. Diese wurden bereits in der veränderten Atmosphäre nach dem XX. Parteitag der KPdSU durchgeführt, in dessen Folge sich in der UdSSR eine Liberalisierung durchsetzte und in der Volkesrepublik Polen die Stalinisten in der polnischen Parteiführung entfernt wurden. Nach unzähligen Gesprächsrunden gelang im März 1957 die Unterzeichnung eines Abkommens, welches endlich auch die massenhafte Ausreise von Polen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten ermöglichte, die im Zuge des Zweiten Weltkriegs an die Sowjetunion angegliedert worden waren. Die Repatriierung dauerte bis Ende 1959 und umfasste bis zum Schluss nahezu eine Viertelmillion Menschen.[66] Die Rückkehr nach Polen und das Wiedersehen mit der Familie bildeten nach all den Jahren der Heimatlosigkeit einen gravierenden Einschnitt im Leben der Repatriierten. Nach Verlassen des Auffanglagers begann für sie ein neues, oft schwieriges und keinesfalls von Enttäuschungen freies Kapitel in ihrem Leben. Das wäre allerdings ein Thema für eine separate Untersuchung.[67] An dieser Stelle sei lediglich angefügt, dass sich die in der Verbannung oder hinter dem Lagerzaun verbrachten Jahre bei vielen dieser Menschen, die im Winter 1955/56 nach Polen heimkehren konnten, wie ein Schatten über das ganze weitere Leben gesenkt hatten.    Übersetzung aus dem Polnischen von Lukas Imhof (Berlin) [1]  Die grundlegende Frage nach der Anzahl der Polen, die von Seiten der sowjetischen Behörden in den Jahren 1944 bis 1952 Repressionen unterworfen waren, ist bis heute nicht in befriedigender Weise geklärt. Polnische Dokumente können, zumal wenn es um die ehemaligen polnischen Ostgebiete geht, kaum weiterhelfen, während die bisher bekannten sowjetischen Archivbestände ebenfalls keine vollständige Antwort erlauben. Mit Sicherheit jedoch handelt es sich um mindestens 50 000 Personen. Siehe: Paczkowski, A./Materski, W. (Hrsg.): Powrót żołnierzy AK z sowieckich łagrów [Die Rückkehr der AK-Soldaten aus den sowjetischen Lagern], Warschau 1995, S. 7 f. Auch die Gesamtzahl derjenigen Polen in der Sowjetunion, denen eine Ausreise erlaubt worden war, ist nicht gesichert.   [2]  So empfahl zum Beispiel die Abteilung UdSSR des polnischen Außenministeriums den Zei-tungsredaktionen, die Anfragen ihrer Leser zum Thema möglicher weiterer Repatriierungen an das Ministerium weitergereicht hatten, »keine Antworten in oben genannter Angelegenheit zu veröffentlichen«. List nacz. Wydz. Radzieckiego MSZ M. Kodronia do redakcji Rolnika Polskiego z 18 IV 1951 [Brief des Leiters der Abteilung UdSSR beim Außenministerium M. Kodroń an die Redaktion des Rolnik Polski (Der polnische Bauer) vom 18. Juni 1951], in: Archiwum Ministerstwa Spraw Zagranicznych (Archiv des Außenministeriums, im Folgenden: AMSZ), z. 7, w. 10, t. 81, Bl. 56.  Die Autorin verwendet den Begriff der »Repatriierung« im vollen Bewusstsein seiner Unschärfe und Problematik. Wie die Autorin aufgrund von eigenen Befragungen feststellen konnte, wird dieser Terminus von einem Teil derjenigen Personen, die in den Jahren 1955 bis 1959 im Rahmen der damals offiziell so genannten »Repatriierungsaktion« nach Polen zurückkehrten, abgelehnt. Einige der Betroffenen hatten die Begriffe »Aussiedlung«, »Umsiedlung« oder »Expatriierung« vorgeschlagen. So sehr man deren Verwendung jedoch in Bezug auf die Personen zustimmen kann die (v. a. in den Jahren 1944 bis 1948) aus den ehemaligen Ostgebieten ausgereist sind, so schwer ist dies im Falle der aus Sibirien oder Kasachstan zurückkehrenden Lager- und Verbannungshäftlinge möglich. Die Termini Repatriierung und Repatriierte finden sich darüber hinaus in sämtlichen amtlichen Dokumenten der Jahre 1955 bis 1960. Allem Anschein nach haben sie sich auch in der Forschung durchgesetzt, wie an folgenden Titeln ersichtlich wird. Latuch, M.: Repatriacja ludności polskiej w latach 1955–1960 na tle zewnętrznych ruchów wędrówkich [Die Repatriierung der polnischen Bevölkerung in den Jahren 1955–1960 vor dem Hintergrund grenzüberschreitender Migrationsbewegungen], Warschau 1994; Kącka, B./Stępka, S.: Repatriacja ludności polskiej z ZSRR 1955–1959. Wybór dokumentów [Die Repatriierung der polnischen Bevölkerung aus der UdSSR 1955–1959. Ausgewählte Dokumente] Warschau 1994. [3]   Referat W. Lewikowskiego o pracy ambasady PRL w Moskwie z lutego 1956 [Referat W. Le-wikowskis vom Februar 1956 über die Arbeit der Botschaft der Volksrepublik Polen in Moskau], in: AMSZ, z. 7, t. 12, w. 1, Bl. 25. In den Archivbeständen des Außenministeriums von vor 1956 finden sich viele Dokumente, die die Aktualität der Repatriierungs-Problematik in jenen Jahren bescheinigen. Siehe Ściśle tajna notatka w sprawie powrotu do kraju osób narodowości polskiej i żydowskiej znajdujących się w ZSRR z 12 IV 1952 r. [Streng geheime Notiz vom 12. April 1952 bezüglich der Rückkehr von Personen polnischer und jüdischer Nationalität, die sich in der UdSSR befinden], in: AMSZ, z. 7, t. 82, w. 10. [4]  Notatka Wydziału Zagranicznego KC PPR w sprawie napływających podań o repatriację krewnych z II poł. 1947 r. [Notiz der Auswärtigen Abteilung des ZK PPR aus der zweiten Hälfte des Jahres 1947 bezüglich eingehender Anfragen zur Repatriierung von Verwandten], in: Archiwum Akt Nowych (Archiv für Neue Akten, im Folgenden: AAN), Spuścizna Bolesława Bieruta [Nachlass Bolesław Bierut], sygn. 254/IV–22, Bl. 33. [5]  Von denjenigen, die in der UdSSR Repressionen ausgesetzt waren (Häftlinge und Deportierte), kehrten nach 1949 lediglich 312 Personen nach Polen zurück. Sie wurden 1951 überstellt. Siehe dazu die sowjetischen Dokumente in: Paczkowski/Materski: Powrót żołnierzy AK (Anm. 1), S. 36–87. 1952 kamen nochmals 24 Personen aus dieser Gruppe. Siehe List dyr. M. Wiernej do MBP z 6 IX 1952 r. [Brief des Direktorin M. Wierna an das Ministerium für Öffentliche Sicherheit vom 6. November 1952], in: AMSZ, z. 7, t. 72, w. 9. Darüber hinaus kehrten in den Jahren 1951 bis 1955 835 Kinder zu ihren Familien zurück. Mehr dazu Ruchniewicz, Małgorzata: Sprawa powrotu dzieci polskich z ZSRR w latach 1948–1955 [Das Problem der Heimkehr polnischer Kinder aus der UdSSR in den Jahren 1948–1955], in: Wrzesiński, W. (Hrsg.): Wrocławskie Studia z Historii Najnowszej [Breslauer Studien zur Neuesten Geschichte], Wrocław 1997, S. 231–240. Schätzungen aus dem Jahre 1956 gehen davon aus, dass bis 1956 jährlich rund 1 000 Personen im Rahmen der Familienzusammenführungen aus der UdSSR nach Polen gereist sind. Notatka w sprawie repatriacji Polaków z ZSRR z listopada 1956 r. [Notiz vom November 1956 bezüglich der Repatriierung von Polen aus der UdSSR], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 173. [6]   Schon 1950 erklärten die polnischen Behörden, dass »nach dem endgültigen Abschluss der Repatriierungen von Polen aus der UdSSR die Ausreise jedes Sowjetbürgers – unabhängig von seiner Nationalität wie auch davon, welche Staatsangehörigkeit er in der Vergangenheit besaß – eine strikt interne Angelegenheit der UdSSR ist, die jedwede diplomatische Intervention durch Vertreter anderer Staaten ausschließt.« Pismo radcy ambasady J. Zambrowicza do v-ce dyr. Biura Konsularnego MSZ L. Szybka z 22 V 1950 r. [Schreiben des Botschaftsrates J. Zambrowicz an den Vizedirektor der Konsularbüros beim Außenministerium L. Szybek vom 22. Mai 1950], in: AAN, KC PZPR, sygn. 231/V–273. [7]  Pismo v-ce dyr. Dep. I MSZ Knapika do MBP z 14 IV 1954 r. [Schreiben des Vizedirektors im Departement I des Außenministeriums Knapik an das Ministerium für Öffentliche Sicherheit vom 14. April 1954], in: AMSZ, z. 7, t. 72, w. 9; Notatka dyr. dep. MSW M. Broniatowskiego z 3 V 1955 r. [Notiz des Departementsdirektors im Innenministerium M. Broniatowski vom 3. Mai 1955], in: Ebenda. [8]  Pismo ambasadora W. Lewikowskiego do dyr. M. Wiernej z 31 XII 1954 r. [Schreiben des Botschafters W. Lewikowski an die Direktorin M. Wierna vom 31. Dezember 1954], in: AMSZ, z. 7, t. 72, w. 9. [9]  Siehe Ściśle tajna notatka dotycząca zagadnień typu konsularnego wymagających dwustronnego omówienia z 8 IV 1954 r. [Streng geheime Notiz vom 8. April 1954 bezüglich konsularischer Fragen, die einer bilateralen Klärung bedürfen], in: Kącka/Stępka: Repatriacja ludności polskiej (Anm. 2), S. 12–14; Ściśle tajna notatka w sprawie problemu łączenia rodzin przebywających częściowo w Polsce, częściowo w ZSRR z 8 maja 1954 r. [Streng geheime Notiz vom 8. Mai 1954 zur Frage der Zusammenführung von Familien, die sich teils in Polen, teils in der UdSSR befinden], in: Ebenda, S. 16–18. [10]  Ściśle tajna notatka informacyjna z 11 marca 1955 r. dotycząca trudności związanych z powrotem do kraju obywateli polskich aresztowanych i skazanych przez władze radzieckie w latach 1944–1946 [Streng geheime Information vom 11. März 1955 bezüglich der Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Rückkehr von polnischen Bürgern, die durch die sowjetischen Behörden in den Jahren 1944–1946 festgenommen und verurteilt wurden, nach Polen], in: Kącka/Stępka: Repatriacja ludności polskiej (Anm. 2), S. 31 f. [11]  List I sekretarza KC PZPR Bolesława Bieruta do Jakuba Bermana z 29 IV 1955 r. [Brief des Ersten Sekretärs des ZK der PZPR Bolesław Bierut an Jakob Berman vom 29. April 1955], in: Kącka/Stępka: Repatriacja ludności polskiej (Anm. 2), S. 37. [12]  Notatka wręczona 6 V 1955 r. N. Chruszczowowi [Am 6. Mai 1955 an N. Chruščev überreichte Note], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 18.  [13]  Ebenda, Bl. 19. [14]  Wörtlich »das östliche Grenzland«, gemeint sind die ehemaligen polnischen Ostgebiete, die die Sowjetunion 1944 endgültige annektierte. [15]  Referat W. Lewikowskiego o pracy ambasady PRL w Moskwie z lutego 1956 [Referat W. Lewikowskis vom Februar 1956 über die Arbeit der Botschaft der VR Polen in Moskau], in: AMSZ, z. 7, t. 12, w. 1, Bl. 25. [16]  Mehr zu dieser Frage im Bericht: »Die Repatriierungsaktion der Sovjetunion [sic!] und der Volksdemokratien und ihre politischen und psychologischen Rückwirkungen auf die heimatvertriebenen Ausländer in der Bundesrepublik«, in: Bundesarchiv Koblenz, B 106, Bd. 5434. [17]  Sicherlich auch auf den vorangegangenen Zeitraum bezogen, hat der Unterstaatssekretär im Außenministerium Marian Naszkowski Anfang 1956 unmissverständlich zu verstehen gegeben: »Auf diese Weise wollen wir feindliche politische Gruppierungen zerschlagen sowie den Diversion und Spionage betreibenden Kreisen zuvorkommen, welche die Septemberemigration [gemeint sind die nach dem September 1939 Emigrierten, Anm. d. Redaktion] für sich auszunutzen suchen. Wir wollen dieses Reservoir austrocknen, das von den Imperialisten gegen unser Lager benutzt wird, um: a) Spionage, Diversion und Sabotage zu organisieren; b) im In- und Ausland Propaganda gegen unser Lager zu verbreiten; [und] c) die Flucht aus unserem Land und andere antipolnische Aktionen zu organisieren.« Naszkowski betont weiter, dass das derzeitige psychologische Moment ausgenutzt werden solle, welches durch die Entspannung der internationalen Beziehungen bedingt war und die dadurch zunichte gemachten Hoffnungen auf den Ausbruch jenes neuen Krieges, der die »triumphale Rückkehr nach Polen unter Führung von General Anders« ermöglichen sollte. Pismo podsekretarza stanu w MSZ M. Naszkowskiego do kierowników urzędów dyplomatycznych i konsularnych PRL z 25 II 1955 r. [Brief des Unterstaatssekretärs im Außenministerium M. Naszkowski an die Leiter der diplomatischen und konsularischen Dienststellen der VR Polen vom 25. Februar 1955], in: AMSZ, z. 23, t. 148, w. 8, Bl. 4. [18]  In dieser Aktion engagierte sich die polnische Sektion von Radio Free Europe besonders intensiv und lang anhaltend. Ausführlich dazu, siehe: Nowak-Jeziorański, Jan: Wojna w eterze [Der Krieg im Äther], Lublin 1987, S. 175–182. Siehe ebenfalls Ruchniewicz, Małgorzata: Łagry w Związku Radzieckim – opracowanie »Polacy przetrzymywani w Rosji« polskiej sekcji ewaluacji RWE z kwietnia 1956 r. [Die Lager in der Sowjetunion. Zum Bericht »In Russland festgehaltene Polen« der polnischen Evaluierungssektion von Radio Free Europe vom April 1956], in: Wrocławskie Studia Wschodnie 1997, H. 1, S. 187–207. [19]  Rozkaz nr 00205 ministra spraw wewnętrznych ZSRR, gen. płk. S. Krugłowa w sprawie repatriacji obywateli krajów demokracji ludowej znajdujących się w miejscach zesłania [Befehl Nr. 00205 des Innenministers der UdSSR, Generaloberst S. Kruglov, bezüglich der Repatriierung in der Verbannung befindlicher Bürger volksdemokratischer Staaten], in: Centralne Archiwum Wojskowe w Rembertowie (Zentrales Militärarchiv Rembertów), Kolekcja akt rosyjskich [Sammlung russischer Akten], sygn. 174, Bl. 4 f.  [20]  Notatka z rozmowy telefonicznej z I sekretarzem ambasady ZSRR w Warszawie Kolaskinem z 29 VI 1955 r. [Telefonnotiz zu einem Gespräch mit dem Ersten Sekretär der Botschaft der UdSSR in Warschau, Kolaskin, vom 29. Juni 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11. [21]  Pismo II sekretarza ambasady w Moskwie P. Motruka do dyr. Biura Konsularnego MSZ L. Szybka z 1 VIII 1955 r. [Brief des Zweiten Sekretärs der Botschaft in Moskau P. Motruk an den Direktor des Konsularbüros beim Außenministerium L. Szybek vom 1. August 1955], in: AAN, KC PZPR, sygn. 231/V–273, Bl. 22. Da viele Polen in der Annahme einer baldigen Ausreise bereits ihr gesamtes Hab und Gut veräußert hatten, gestaltete sich die Situation einiger von der Registrierung betroffener angesichts des nahenden Winters Polen zunehmend dramatisch. Siehe dazu Telegram od Polaków z kołchozu Sławianka w Przymorskim Kraju z 10 VIII 1955 [Telegramm von Polen aus der Kolchose Slavianka im Gebiet Primorskoe], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 35 f. Das Außenministerium wies seine Vertretungen an, in solchen Fällen zu antworten, dass »die Botschaft Anweisungen bezüglich des Termins ihrer Repatriierung erhalten hat. Da jedoch die sowjetischen Behörden das Ausfüllen der Fragebögen angeordnet haben, ist dieser Anweisung auch nachzukommen.« Pismo p/o nacz. Wydz. Radzieckiego MSZ W. Lewandowskiego do ambasady w Moskwie z 22 VIII 1955 r. [Brief des im Range eines Leiters der Abteilung UdSSR des Außenministeriums stehenden W. Lewandowski an die Botschaft in Moskau vom 22. August 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 37. [22]  Zum Leiter dieses Zentrums, das eine Art Auffanglager darstellte, sollte eine Person ernannt werden, die »über angemessene politische Qualifikationen« verfügte, was für die Behörden zweifellos aufgrund der besonderen Kategorie von Repatrianten sehr wichtig war (ehemalige Lagerinsassen und Opfer der Deportationen nach Sibirien und Kasachstan, mehrheitlich Mitglieder der polnischen Heimatarmee. Siehe dazu Tajna notatka MSZ w sprawie repatriacji z ZSRR do Polski z 4 VIII 1955 r. [Geheime Notiz des Außenministeriums in der Angelegenheit der Repatriierungen aus der UdSSR vom 4. August 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 41. [23]  Zarządzenie nr 200 Prezesa Rady Ministrów z 17 VIII 1955 r. w sprawie powołania Komisji dla przeprowadzenia wstępnych prac organizacyjnych związanych z powrotem emigrantów [sic!] do Kraju [Anordnung Nr. 200 des Ministerratspräsidenten vom 17. August 1955 bezüglich der Berufung einer Kommission zur Durchführung einleitender Organisationsarbeiten im Zusammenhang mit der Rückkehr von Emigranten [sic!] in die Heimat], in: Centralne Archiwum Ministerstwa Spraw Wewnętrznych i Administracji (Zentrales Archiv des Ministeriums für Innere Angelegenheiten und Administration; im Folgenden: CAMSWiA), Biuro Pełnomocnika Rządu ds Repatriacji [Büro des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen], sygn. rob. 14, Bl. 1. Siehe dazu ebenfalls Zarządzenie nr 201 Prezesa Rady Ministrów z 17 VIII 1955 r. w sprawie opieki nad repatriantami powracającymi do Kraju [Anordnung Nr. 201 des Ministerratspräsidenten vom 17. August 1955 in Sachen Betreuung von in die Heimat zurückgekehrten Repatrianten], in: CAMSWiA, sygn. rob. 13, Bl. 1. [24]  Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 29 VIII 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 29. August 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 72, w. 9; Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 28 VIII 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 28. August 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 72, w. 9. [25]  Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 22 X 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 22. Oktober 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 10, Bl. 68. Die polnischen Behörden verweigerten vier Personen die Einreise, nachdem festgestellt wurde, dass sie Ukrainer waren und in Polen keine Familien besaßen. Aide memoire ambasady polskiej z 15 X 1955 r. [Aide Mémoire der polnischen Botschaft vom 15. Oktober 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 72, w. 9. [26]  Die sowjetische Seite hatte ursprünglich die Repatriierung von 2 400 Personen angekündigt, die sie auf acht Transporte des oben genannten Umfangs von 300 bis 350 Rückkehrern zu verteilen gedachte. Mit der gestiegenen Zahl an Repatrianten vergrößerte sich entsprechend der Umfang der einzelnen Transporte, siehe: Notatka z września 1955 [Notiz vom September 1955], in: CAMSWiA, MSW 92/148, Bl. 10. [27]  Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 12 X 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 12. Oktober 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 10, Bl. 65. [28]  Notatka służbowa w sprawie repatriacji z ZSRR sporządzona przez Biuro Konsularne MSZ w listopadzie 1955 r. [Dienstnotiz in der Angelegenheit der Repatriierungen aus der UdSSR, angefertigt durch das Konsularbüro beim Außenministerium im November 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 96. [29]  Notatka Biura Pełnomocnika Rządu w sprawie akcji repatriacyjnej w roku 1955 [Notiz aus dem Büro des Regierungsbevollmächtigten für Fragen der Repatriierungsaktionen im Jahres 1955], in: CAMSWiA, MSW 92/15, Bl. 113 f.  [30]  Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 20 IX 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 20. September 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 59; Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 10 XI 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 10. November 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 80.  [31]  Als Termin zur Überstellung der Häftlinge war zuerst der 15. November vorgesehen. Allerdings gelang es nicht, bis zu diesem Datum alle betroffenen Personen zum Übergabeort zu bringen. Darüber hinaus verweigerten die sowjetischen Behörden die Ausreise von 58 Personen (unter ihnen sieben Häftlinge), nachdem festgestellt worden war, dass deren Familien sich ebenfalls in der UdSSR aufhielten. Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 10 IX 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 10. September 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 72, w. 9.; Notatka z rozmowy S. Skrzeszewskiego z charge d’affaires ambasady radzieckiej I. Mielnikiem z 28 X 1955 r. [Gesprächsnotiz von S. Skrzeszewski: Gespräch mit dem Chargé d’affaires der sowjetisches Botschaft I. Melnik vom 10. September 1955], in: AAN, KC PZPR, sygn. 237/V-273, Bl. 27.   [32]  Ebenda. [33]  Unter den Repatrianten befanden sich neben Polen auch Deutsche, Ukrainer und Juden. Sie-he Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 12 X 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 12. Oktober 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 65. [34]  Notatka z rozmowy S. Skrzeszewskiego z charge d’affaires ambasady radzieckiej I. Mielni-kiem z 14 X 1955 r. [Notiz S. Skrzeszewskis zu einem Gespräch mit dem Chargé d’affaires der sowjetischen Botschaft I. Melnik vom 14. Oktober 1955], in: Ebenda, Bl. 60. Auf die Bitte Skrzeszewskis um Übersendung von Informationen zu den Häftlingen, »ihren Prozessen in der Sowjetunion, den Urteilen, vorzeitigen Haftentlassungen [und] ihrer eventuellen Überstellung in die VR Polen zur Verbüßung der verbleibenden Strafe« antwortete die sowjetische Seite, dass sie die Personalakten dieser Personen bereits zur Verfügung gestellt habe. Es kam auch zu Beschwerden von nach Polen überstellten Häftlinge, die ihre Depositen und persönlichen Gegenstände nicht zurückbekommen hatten. Das sowjetische Innenministerium antwortete, dass »keiner von ihnen bei der Überführung ähnliche Vorwürfe geäußert habe«. AAN, KC PZPR [ZK PVAP], sygn. 237/V–273, Bl. 27. Die Befürchtung der Häftlinge, sie könnten bis zur Klärung der »Vorwürfe« in der UdSSR festgehalten werden, reichte als Ursache für ihr Schweigen jedoch sicherlich aus. [35]  Notatka w sprawie repatriacji z ZSRR z 14 XII 1955 r. [Notiz vom 14. Dezember 1955 in der Angelegenheit der Repatriationen aus der UdSSR], in: CAMSWiA, MSW 92/148, Bl. 7. [36]  Brief von Władysław Taraszkiewicz an die Autorin vom 8. Juli 1997. [37]  Für mehr Informationen siehe Węgierski, J.: Lwowski Obszar ZWZ-AK i losy jego żołnierzy [Der Lemberger Kommandobezirk der Vereinigung für den bewaffneten Kampf – Heimatarmee], Katowice 1991, S. 44 (S. 38 im Maschinenmanuskript). Der Autorin wurden im Zentralen Archiv des Ministeriums für Innere Angelegenheiten und Verwaltung (CAMSWiA) keinerlei Dokumente zur Repatriierung von Häftlingen zugänglich gemacht, die eine ausführlichere Darstellung dieses Problems ermöglicht hätten. Eine Analyse der gesamten Repatriierungaktion findet sich bei M. Latuch, der seine Untersuchungen direkt nach Beendigung der Überstellung aus der UdSSR durchgeführt hat und dabei vom Büro des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen unterstützt worden ist. Aus dem Büro stammen auch mit Sicherhiet sämtliche relevanten Informationen. Latuch: Repatriacja ludności polskiej (Anm. 2), S. 21–24 u. 122 f.  [38]   Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 10 XI 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 10. November 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 49. [39]  Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 26 XI 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 26. November 1955], in: ebenda, Bl. 82. [40]  Dakiniewicz, S.: Więzień P. 303 [Häftling P. 303], Wrocław 1992, S. 266 f. [41] Ebenda, S. 234. [42]  [Erinnerungen von] I. Krajewska, in: Archiwum Wschodnie przy Ośrodku Karta (Archiv des Ostens beim Zentrum Karta; im Folgenden: AW), sygn I\396, Bl. 47. [43]  [Erinnerungen von] J. G., in: AW, sygn. II\606. Bl. 245. [44]  Notatka w sprawie transportów repatriacyjnych przybywających z ZSRR z 12 XII 1955 r. [Notiz vom 12. Dezember 1955 in Angelegenhiet der aus der UdSSR eintreffenden Repatriierungstransporte], in: Kącka/Stępka: Repatriacja ludności polskiej (Anm. 2), S. 55. [45]  [Erinnerungen von] J. Łopaciński, in: AW, sygn. II\2633, Bl. 177. [46]  Die Rota ist ein traditionelles, sehr kämpferisches Unabhängigkeitslied. [47]  [Erinnerungen von] A. Janocha, in: AW, sygn. II\660, Bl. 20   [48]  [Erinnerungen von] J. G., in: AW, sygn. II\606. [49]  Auf der Basis der zugänglichen Quellen lässt sich die exakte Anzahl der repatriierten Personen nicht festlegen, denn die Angaben sind oft in sich widersprüchlich: So wird etwa in zwei unterschiedlichen Quellen der Gesamtumfang der Massentransporte identisch auf 4 805 Personen beziffert, wobei einmal die vorzeitig entlassenen Häftlinge in dieser Zahl enthalten sind, das andere Mal jedoch explizit nicht. Siehe dazu einerseits Notatka Biura Pełnomocnika Rządu ds Repatriacji w sprawie akcji repatriacyjnej w 1955 r. i zadań w 1956 r. [Notiz des Büros des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen zu den Repatriierungsaktionen im Jahre 1955 sowie den Aufgaben für das Jahr 1956], in: CAMSWiA, MSW 92/15, Bl. 114; sowie andererseits Notatka w sprawie działalności MSW w 1955 r. oraz zamierzeń i budżetu na 1956 r. [Notiz bezüglich der Tätigkeit des Innenministeriums im Jahre 1955 sowie zu Planungen und Budget für das Jahr 1956], in: CAMSWiA, MSW 92/15, Bl. 30. Das aus den Quellen rekonstruierte Ergebnis (4 805+897=5 702 Personen) deckt sich allerdings weitgehend mit den sowjetischen Angaben für alle Transporte zusammen (5 695 Personen) sowie mit den Daten des Büros des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen für die Transporte vom 1. September bis 31. Dezember 1955 (5 692 Personen). Siehe dazu Z raportu ministra spraw wewnętrznych ZSRR N. P. Dudorowa dla KC KPZR z 3 VII 1956 r. [Aus dem Bericht des Innenministers der UdSSR N. P. Dudorov an das ZK KPdSU vom 3. Juli 1956], zitiert in: Bugaj, N. F.: Specjalne teczki Stalina: deportacje i reemigracje Polaków [Stalins Sonderakten: Die Deportation und Reemigration der Polen], in: Zeszyty Historyczne 1994, H. 107, S. 139; CAMSWiA, MSW Gabinet Ministra [Bestand: Innenministerium, Büro des Ministers], syg. 17/IX/49, Bl. 2. Es sollte zudem nicht vergessen werden, dass neben den Massenrepatriierungen auch die individuelle Heimkehr andauerte. 1955 reisten 1 834 Personen mit sowjetischen Auslandsreisepässen (vid na žytel’stvo) in Polen ein, um hier einen ständigen Aufenthalt zu begründen. Die individuellen Rückkehrer reisten über Terespol ein. Siehe dazu Notatka Biura Pełnomocnika Rządu ds Repatriacji w sprawie akcji repatriacyjnej w 1955 r. i zadań w 1956 r. [Notiz des Büros des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen zu den Repatriierungsaktionen im Jahre 1955 sowie den Aufgaben für das Jahr 1956], in: CAMSWiA, MSW 92/15, Bl. 114.   [50]  Ebenda, Bl. 113. [51]  Das Registrierungsformular umfasste 17 von Repatrianten zu beantwortende Fragen. Neben den üblichen Angaben zur Person mussten die Heimkehrer auch solche zum Verlauf ihres Militärdienstes während des Krieges machen. Sie mussten angeben, ob sie bestraft worden waren, und wann sie Polen verlassen hatten. Die Fragebögen werden heute im CAMSWiA aufbewahrt. [52]  [Erinnerungen von] W. Romańczuk, in: AW, sygn. II\900. [53]  Erinnerungen von] J. Sterpejkowicz-Wysocki, in: AW, sygn. II\948, Bl. 176.   [54]  [Erinnerungen von] M. Wierzbicka, in: AW, sygn. II\1680, Bl. 282. [55]  Biuletyn Biura Pełnomocnika Rządu ds Repatriacji nr 37 [Buletin des Büros des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen Nr. 37], in: CAMSWiA, MSW 92/112a, Bl. 4. [56]  Notatka w sprawie repatriacji z ZSRR z 14 XII 1955 r. [Notiz vom 14. Dezember 1955 in der Angelegenheit der Repatriationen aus der UdSSR], in: CAMSWiA, MSW 92/148, Bl. 5 f.   [57]  Ebenda. [58]  Notatka Biura Pełnomocnika Rządu ds Repatriacji w sprawie akcji repatriacyjnej w 1955 r. i zadań w 1956 r. [Notiz des Büros des Regierungsbevollmächtigten für Repatriierungsfragen zu den Repatriierungsaktionen im Jahre 1955 sowie den Aufgaben für das Jahr 1956], in: CAMSWiA, MSW 92/15, Bl. 114. [59]  In die Repatriierungszentren wurden »einige Agitatoren der Wojewodschaftsebene geschickt«. [60]  Notatka o przebiegu repatriacji ze Związku Radzieckiego i krajów zachodnich ze stycznia 1956 r. [Notiz vom Januar 1956 zum Ablauf der Repatriierungen aus der Sowjetunion und den westlichen Ländern], in: AAN, KC PZPR, sygn. 237\XIV-91, Bl. 6.  [61]  [Erinnerungen von] E. Dragun, in: AW, sygn. II\91. Siehe ebenfalls [Erinnerungen von] J. G., in: AW, sygn. II\606; Z. Konopacki erinnert sich an folgenden Ausspruch: »Ihr werdet euch noch das ganze Leben daran erinnern, dass ihr Häftlinge der Sowjetunion wart!« [Erinnerungen von] Z. Konopacki, in: AW, sygn. II\2302. [62]  Notatka służbowa w sprawie repatriacji z ZSRR z listopada 1955 r. [Dienstnotiz bezüglich der Repatriierungen aus der UdSSR vom November 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 97. [63]  Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 10 XII 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 10. Dezember 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 83 u. 86. [64]  Aide memoire polskie w sprawie repatriacji z grudnia 1955 r. [Polnisches Aide Mémoire vom Dezember 1955 bezüglich der Repatriierungen], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 89 f; Wyciąg korespondencyjny z Moskwy z 21 XII 1955 r. [Auszug aus der Korrespondenz aus Moskau vom 21. Dezember 1955], in: AMSZ, z. 7, t. 84, w. 11, Bl. 99.    [65]  Pro memoria radzieckiego MSZ w sprawie uproszczenia trybu repatriacji z 9 I 1956 r. [Pro Memoria des sowjetischen Außenministeriums vom 9. Januar 1956 bezüglich einer Vereinfachung des Repatriierungsverfahrens], in: Ebenda, Bl. 101 f.  [66]  Mehr dazu siehe: Ruchniewicz, Małgorzata: Repatriacja ludności polskiej z ZSRR w latach 1955–1959 [Die Repatriierung der polnischen Bevölkerung aus der UdSSR in den Jahren 1955–1959], Warschau 2000. An dieser Stelle soll nochmals betont werden, dass von den bisher in diesem Text beschriebenen Repatriationen nur polnische Verbannte und Häftlinge Gebrauch machen konnten.  [67]   Einen ersten Versuch, sich dieses Themas anzunehmen, stellte der Zyklus »Powrót ze Wschodu« [»Die Rückkehr aus dem Osten«] dar, eine Zusammenstellung von Erinnerungsfragmenten und Briefen von Lagerinsassen, die im Archiv des Ostens des Karta-Zentrums aufbewahrt werden. Mehr dazu Karta. Niezależne pismo historyczne 1993, H. 10, S. 40–69.

JHK 2006

Konrad Adenauers Besuch in Moskau im September 1955: Konsens und Dissens zwischen UdSSR und DDR

Gerhard Wettig

Die Bundesrepublik Deutschland verfolgte seit ihrer Gründung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) eine Politik der Westintegration. Adenauer hoffte, durch eine Hinwendung zu den Westalliierten könne die Bundesrepublik nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands zu einem gleichberechtigten Bündnispartner aufsteigen. Die Bindung an die Westmächte wurde – insbesondere nach dem Ausbruch des Koreakrieges 1950 – durch die USA forciert, die auf ein Verteidigungsbündnis mit Deutschland nicht verzichten wollten. Als die Bemühungen Frankreichs um eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft mit Italien, den Beneluxstaaten und der Bundesrepublik scheiterten und damit auch die von Adenauer gestellte Vertragsbedingung einer Anerkennung der vollen Souveränität der Bundesrepublik offen blieb, fand sich die Lösung im Inkrafttreten der Pariser Verträge[1] im Mai 1955, in denen auch der Beitritt der Bundesrepublik in die NATO besiegelt wurde. UdSSR und DDR hatten an die Westdeutschen appelliert, einen anderen Weg zu wählen, und nachdrücklich vor den Folgen gewarnt. Daher kam das sowjetische Angebot vom Juni 1955 zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen für die Bundesregierung unerwartet. Rechtzeitig vor dem 50. Jahrestag der Verhandlungen zwischen Adenauer und der Sowjetführung in Moskau im September 1955 hat Werner Kilian dazu eine auf den Bonner Akten beruhende Monographie vorgelegt.[2] Der nachstehende Aufsatz stellt auf der Basis von Archivalien aus Moskau und Ost-Berlin dar, welche Probleme sich in diesem Zusammenhang für die DDR im Verhältnis zur Führungsmacht UdSSR ergaben. Im Bemühen, die Bundesrepublik von der Ratifizierung der Pariser Verträge und damit vom Eintritt in die NATO abzuhalten, hatte die sowjetische Regierung nicht nur auf die Einheitsparolen früherer Jahre zurückgegriffen. Am 15. Januar 1955 wies sie darüber hinaus gemäß der seit Anfang 1954 verfolgten Zwei-Staaten-Politik auf  ihr gutes Verhältnis zur DDR hin und stellte den Westdeutschen die Aufnahme »normaler« Beziehungen in Aussicht. Das könne »gleichzeitig zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und zum Suchen erfolgreicher Wege zur Lösung der Aufgabe der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands beitragen.« Die Offerte galt ausdrücklich nur bei Ablehnung der Pariser Verträge.[3] Nachdem das Anerbieten nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt hatte, folgte eine heftige Polemik gegen die »Revanchisten« und »Kriegstreiber« in Bonn. Als die Bundesrepublik in der ersten Maihälfte in die NATO aufgenommen und als Antwort darauf der Warschauer Pakt gegründet wurde, schien man in Moskau endgültig auf einen gegnerischen Kurs gebracht.  Es überraschte daher allgemein, dass die sowjetische Regierung Adenauer am 7. Juni zu Verhandlungen über die Aufnahme diplomatischer, kommerzieller und kultureller Beziehungen nach Moskau einlud.[4] Dieser Politikwechsel samt dem Umstand, dass sich die mächtige UdSSR um die weit schwächere Bundesrepublik bemühte, lässt auf ein ungewöhnlich großes Interesse auf Seiten der Sowjetunion an  der Eröffnung einer Botschaft in Bonn schließen. Welche Erwartungen Nikita Chruščev, seit Anfang des Jahres der entscheidende Mann im Kreml, damit verband, erläuterte er der SED-Führung in einem Schreiben vom gleichen Tag. Er ging davon aus, dass »sich in der letzten Zeit in politischen und Geschäftskreisen Westdeutschlands die Aktionen für die Herstellung normaler Beziehungen zur Sowjetunion verstärkt« hätten. Mithin werde eine »Normalisierung der Beziehungen zwischen der UdSSR und Westdeutschland in Westdeutschland das Wachstum der Bewegung gegen die bestehende Abhängigkeit der Bonner Regierung von den USA fördern und eine Unterstützung für die Kräfte sein, die für die Durchführung eines unabhängigeren außenpolitischen Kurses eintreten.« Auch wenn Bonn das sowjetische Angebot ausschlage, werde dieses nützlich sein, denn es werde auf jeden Fall »die Verstärkung der Bewegung in Westdeutschland für die Herstellung direkter Beziehungen zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik Deutschland fördern und dort die Unzufriedenheit mit der heutigen Politik [der Westintegration] der Regierung verstärken«.[5]  Die angestrebte Aufnahme diplomatischer Beziehungen lief zwar auf eine Anerkennung des Zustandes hinaus, der mit dem Eintritt der Bundesrepublik in die NATO geschaffen worden war, sollte aber durch die in Bonn errichtete Botschaft längerfristig Einflussnahmen ermöglichen, welche die Westdeutschen allmählich zur Distanzierung vom Westen veranlassen würden. Dementsprechend stand in den folgenden Jahren die sowjetische Politik insgesamt, besonders aber der Appell an die Öffentlichkeit der Bundesrepublik, unter der Leitparole, die gegeneinander gerichteten Bündnisse müssten durch ein gemeinsames »System europäischer Sicherheit« ersetzt werden. Dahinter stand die Absicht, einen Schlag gegen die NATO zu führen, die auf das Territorium und das Truppenkontingent des westdeutschen Mitglieds angewiesen war. Wie man im Kreml meinte, zog bereits die Aufnahme von Beziehungen zwischen Bonn und Moskau, die den Wünschen der Westmächte widerspreche und zu weiteren Schritten der Annäherung führe, Spannungen in der westlichen Allianz nach sich und verstärke Neigungen der Bundesrepublik zur Abkehr vom Westen.[6] Chruščev, der nach den Erfahrungen mit der Weimarer Republik an ein starkes wirtschaftliches Interesse der Bundesrepublik am Osthandel glaubte, schrieb daher führenden Sozialdemokraten und Industriellen die Bereitschaft zu, sich um guter Beziehungen zur UdSSR  willen gegen Adenauers »einseitige« Westorientierung zu wenden.[7] Aufgrund namentlich »positiver Veränderungen in der SPD«[8] hielt er einen baldigen Kurswechsel in Bonn für möglich.[9] Wachsende Opposition werde Adenauers Westpolitik die Rechtfertigung entziehen. Zudem werde die UdSSR durch das westdeutsche Osthandelsbedürfnis in die Lage versetzt werden, nicht nur den Handelsaustausch zwecks dringend benötigter Einfuhren zu erweitern, sondern auch großzügige Kredite und technologisches Know-how zu erhalten.[10] Die Offerte der UdSSR an die Bundesrepublik Deutschland war mit erheblichen Zumutungen für die DDR verbunden. Ungeachtet dessen, dass deren zentrale Interessen berührt wurden, war keine Konsultation vorausgegangen; die SED-Führung wurde über das Angebot erst unterrichtet, als es schon vollendete Tatsache war. Von einer Gegenleistung der westdeutschen Seite für den diplomatischen Zugang zur Führungsmacht des sozialistischen Lagers – einer äußerst wichtigen Erweiterung des Bonner Handlungsspielraums, wie Adenauer sofort erkannte – war nie die Rede. Der Wunsch der Ost-Berliner Akteure nach politischer Bestätigung durch formelle Kontakte zu Westdeutschland blieb damit unberücksichtigt, obwohl der Kreml das seit Juni 1948 stets gefordert hatte.[11] Chruščev wusste, dass aufgrund des in Bonn erhobenen Anspruchs auf nationale Alleinvertretung dort erhebliche Widerstände gegen die Aufnahme von Beziehungen zur UdSSR zu erwarten waren und wollte seinen Vorschlag nicht an Bedingungen scheitern lassen, welche die Bundesregierung als unannehmbar betrachtete. Er war sogar bereit, deren »Ja« mit einer Zusicherung zu honorieren. In Westdeutschland standen die in der Sowjetunion zurückgehaltenen Kriegsgefangenen im Brennpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Sie waren zwar nach sowjetischer Auffassung rechtmäßig verurteilte Kriegsverbrecher, doch löste Chruščev die Straflager im Zuge der Entstalinisierung zunehmend auf und war daher auch zu ihrer Freilassung bereit, nachdem die österreichischen Gefangenen schon im Herbst 1953 nach Hause geschickt worden waren.[12] Bereits am 14. Juli 1955 fasste das Präsidium des ZK der KPdSU den Beschluss, auch die deutschen Kriegsgefangenen in ihre Heimat zu entlassen.[13] Das betraf Personen aus beiden Staaten, nicht nur der Bundesrepublik, sondern auch der DDR. Chruščev teilte der SED-Führung die Absicht mit, »während der bevorstehenden Verhandlungen mit dem Kanzler Adenauer über die Herstellung diplomatischer Beziehungen zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik Deutschland zu […] klären, dass die Frage der ehemaligen Kriegsgefangenen, die für ihre gegen das Sowjetvolk begangenen Verbrechen Strafen verbüßen, von den zuständigen sowjetischen Instanzen geprüft wird und eine günstige Entscheidung in dieser Frage zu erwarten ist.« Nach erfolgreichem Abschluss der Verhandlungen habe man vor, »5 614 deutsche Bürger, darunter 3 708 Kriegsgefangene, 1 906 Zivilpersonen und 180 Generale der ehemaligen Hitlerarmee von der weiteren Strafverbüßung zu befreien und sie entsprechend ihrem Wohnsitz nach der DDR oder nach Westdeutschland zu repatriieren.« Weitere 3 917 Personen sollten wegen der Schwere ihrer Untaten auf sowjetischem Gebiet den Behörden des jeweiligen deutschen Staates als Kriegsverbrecher übergeben werden.[14]  In dem Schreiben hieß es zwar, man wolle die Frage mit der SED-Führung vor den Verhandlungen mit Adenauer erörtern und bitte um ihre Meinung, doch als das SED-Politbüro seinem Einverständnis die Ankündigung hinzufügte, die DDR werde die ihr übergebenen Personen auf der Grundlage ihrer eigenen Gesetze  aburteilen, gestand ihr der Kreml diese Handhabung nicht zu. Der sowjetische Botschafter weigerte sich, diese Antwort entgegenzunehmen, und das ostdeutsche Politbüro sah sich genötigt, den Beschluss des Kreml ohne Bemerkungen zu akzeptieren.[15] Chruščev lehnte eine weitere Bestrafung der Gefangenen ab, um das Verhältnis zur Bundesrepublik nicht zu belasten. Im weiteren Verlauf mutete er Walter Ulbricht noch mehr zu. Um das Ziel der Beziehungsaufnahme nicht zu verfehlen, sah er sich zusammen mit den anderen Kremlführern in den Verhandlungen mit Adenauer genötigt, diesem einen innenpolitisch verwertbaren Erfolg zuzugestehen. Die Freilassung der Gefangenen, die zwar von Anfang an vorgesehen, aber als besondere Geste sowjetischer Großzügigkeit gedacht gewesen war, die sowohl dem Bundeskanzler die Annahme des sowjetischen Vorschlags unausweichlich erscheinen lassen als auch in der Öffentlichkeit Sympathien für die UdSSR hervorrufen sollte,[16] wurde nun zu einer direkten Gegenleistung für die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen.[17] Auch wenn diese Übereinkunft nicht schriftlich fixiert wurde, bezeugte ihre unwidersprochene Erwähnung durch den westdeutschen Regierungschef auf einer Pressekonferenz in Moskau[18] und in weiteren Stellungnahmen[19] eindeutig, dass sie existierte. Nachträgliche Versuche der UdSSR und der DDR, die Gefangenenfreigabe den Bemühungen der SEDFührung zuzuschreiben, scheiterten. Der allgemeine Eindruck, dass der Bundeskanzler die Gefangenenfreigabe erreicht habe, stärkte dessen außen- und innenpolitische Position enorm. Für die SED-Führung, die Adenauer als ihren Hauptfeind betrachtete, war allein schon dies eine schwere Niederlage. Die negative Bilanz vergrößerte sich noch durch die statusrechtlichen Entscheidungen. Der Kanzler bewog die sowjetischen Verhandlungspartner zudem mit einer Finte zur Hinnahme des Bonner Alleinvertretungsanspruchs und Friedensvertragsvorbehalts. Er behauptete, die Vereinbarung über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen bedürfe der Zustimmung des Bundestages. Dieser aber werde ein negatives Votum abgeben, wenn beide Positionen nicht gewahrt würden.[20] Die Regierung der UdSSR betonte zwar anschließend, dass nach ihrer Auffassung die Bundesrepublik nur ein Teil Deutschlands sei, dem die DDR als anderer Teil gegenüberstehe, und dass die Grenzen endgültig festgelegt seien und der westdeutsche Staat nur auf dem eigenen Territorium eine Jurisdiktion ausüben könne.[21] Dennoch akzeptierte sie mit der Hinnahme beider Bonner Standpunkte, dass die Bundesrepublik die Legitimität der DDR weiterhin in Frage stellte. Auf dieser Grundlage konnte die Bundesregierung die so genannte Hallstein-Doktrin[22] entwerfen und praktizieren, die in der Folgezeit die diplomatische Anerkennung der DDR durch andere Staaten blockierte. Die sowjetische Regierung überging dies in ihren Stellungnahmen mit Schweigen.[23]  Ungeachtet aller Enttäuschungen sah sich die SED-Führung veranlasst, dem sowjetischen Vorgehen uneingeschränkt zuzustimmen. Sie machte sich zugleich die Erwartung zu Eigen, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Moskau und Bonn werde in der Bundesrepublik einen politischen Umbruch einleiten. Der Akzent wurde jedoch anders gesetzt. Nach der Analyse, die für das SED-Politbüro erstellt wurde und der Unterrichtung der Auslandsvertretungen in den sozialistischen Ländern diente,[24] gebührte das Verdienst an der Bonner Bereitschaft zur Aufnahme der Beziehungen zur UdSSR nicht der SPD, sondern der KPD und den bürgerlichen westdeutschen Politikern im Schlepptau der SED. Mit der sowjetischen Einschätzung stimmte lediglich überein, dass auch »bestimmte Teile der westdeutschen Großbourgeoisie, die aus wirtschaftlichen Gründen am Handel mit der Sowjetunion interessiert sind«, dazu beigetragen hätten. Demnach war die Annahme des sowjetischen Angebots durch die Bundesregierung primär dem Einfluss zu verdanken, den die SED-Führung ausgeübt hatte. Eine positive Rolle der Sozialdemokraten wurde gänzlich in Abrede gestellt. Sie seien die ersten gewesen, die auf den, wie es hieß, von der Öffentlichkeit allgemein begrüßten Vorschlag der UdSSR hin Bedenken geäußert hätten, dass es künftig zwei deutsche Botschafter in Moskau geben könne. Die »rechte SPD-Führung« habe in  einer offiziellen Stellungnahme ihre Übereinstimmung mit der Ablehnung eines europäischen Sicherheitssystems (das nach sowjetischer Ansicht die NATO ersetzen sollte) durch Adenauer zum Ausdruck gebracht und sich mit besonderer Verve für die Wiedervereinigungsvorstellungen des Westens eingesetzt. Carlo Schmid, den der Bundeskanzler als Mitglied der sozialdemokratischen Opposition mit nach Moskau genommen hatte, wurde sein Eintreten für die deutschen »Kriegsverurteilten« während der Verhandlungen zum Vorwurf gemacht. Ihn traf auch der gegen alle Delegationsmitglieder gerichtete Vorwurf, dass keiner von ihnen »schon einmal bewiesen« habe, »für den Frieden und die Verständigung eingetreten zu sein.« Nach Ost-Berliner Ansicht setzte der Kreml mithin auf die falschen Partner in der Bundesrepublik. In der Begründung kam der Ärger über das politische Entgegenkommen zum Ausdruck, das die sowjetischen Führer dem Bundeskanzler gegenüber gezeigt hatten. Adenauer sei bestrebt gewesen, »als einziger Repräsentant ganz Deutschlands aufzutreten und demzufolge die Deutsche Bundesrepublik als rechtmäßigen und alleinigen Nachfolgestaat des Deutschen Reichs hinzustellen.« Er sei überhaupt »nicht zur Herstellung normaler diplomatischer Beziehungen bereit« gewesen, sondern habe diese »von zwei Bedingungen abhängig« gemacht: der »Freilassung der Kriegsverbrecher« und der »Wiedervereinigung Deutschlands im Sinne der deutschen Imperialisten« – mit dem Ziel, diese Beziehungen zu verhindern. Der Bundeskanzler war demnach allein darum nach Moskau gereist, weil ihn der »zunehmende Druck breiter Bevölkerungskreise in Westdeutschland, die gute und friedliche Beziehungen zur Sowjetunion wünschen,« dazu gezwungen habe. Aus der Tatsache, dass die Verhandlungen mit der Aufnahme von Beziehungen endeten, wurde der Schluss abgeleitet, er habe »eine mehrfache Niederlage erlitten«. »Seine Politik der Stärke« sei »kläglich zusammengebrochen«. Dass die Bundesrepublik im Gegensatz zur DDR eine diplomatische Vertretung im Lager der Gegenseite erhielt, wurde ebenfalls zu einem Sieg umgedeutet. Die UdSSR habe »zwei deutsche Staaten anerkannt« und damit den Bonner Alleinvertretungsanspruch hinfällig gemacht. »Die wachsende internationale Autorität der DDR und ihre ständige Verbesserung der Beziehungen zur Sowjetunion und den volksdemokratischen Staaten« hätten »die Angst und die Befürchtungen Bonns« vergrößert. Auch Adenauers Erfolg, die Befreiung der Gefangenen mit seinem Namen verbunden zu haben, wurde in dieser Beleuchtung zur Niederlage: Die UdSSR habe die Absicht durchkreuzt, die Verhandlungen an der Bedingung der »Freilassung der Kriegsverbrecher« scheitern zu lassen. In Wirklichkeit wusste die SED-Führung freilich, dass sie – und nicht die Bundesregierung – sich auf der Verliererseite befand. Das brachte Ulbricht zum Ausdruck, als er wenig später bei Chruščev darauf drang, die Regeln der Vorauskonsultation zu beachten. »Was die Beziehungen zwischen unseren Ländern betrifft, so sprechen wir die Bitte aus, dass bei solchen Fragen, wie es die Zurückführung verurteilter Kriegsgefangener war, also Fragen, die mit Westdeutschland in Verbindung stehen, sowie Fragen des Abschlusses von Handelsverträgen mit der Bonner Bundesrepublik vorher eine Konsultierung mit uns erfolgt.«[25] Noch deutlicher äußerte der SED-Chef seine Unzufriedenheit, nachdem Chruščev in Moskau gestürzt worden war. Zwar erklärte er die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik für prinzipiell richtig, doch sprach er mit Bitterkeit davon, dass das sowjetische Vorgehen für die DDR »sehr unangenehm« gewesen sei.[26] Wenn Ulbricht sich dennoch 1955 zu uneingeschränkter Zustimmung veranlasst gesehen hatte, dann zeugt dies nicht von selbstloser Solidarität mit der sowjetischen Führungsmacht, sondern davon, dass er damals noch keinen direkten Widerspruch wagte. Später, als sein Selbstbewusstsein gewachsen war, löckte er zu wiederholten Malen gegen den Moskauer Stachel und ließ die Männer im Kreml seinen Autoritätsanspruch spüren. Damit schaffte er freilich nicht die Tatsache aus der Welt, dass das SED-Regime wegen seines Legitimitätsdefizits bei der Bevölkerung auch innenpolitisch total auf den Schutz der UdSSR angewiesen war und sich daher grundlegende Konflikte mit der Hegemonialmacht nicht leisten konnte. Die daraus erwachsende Diskrepanz zwischen Ambition und Realität führte schließlich zu Ulbrichts Sturz: Brežnev entschied sich im Frühjahr 1971 für Honecker, den er leichter zu lenken hoffte. [1]  Die Pariser Verträge beendeten das Besatzungsstatut von Westdeutschland, verliehen der Bundesrepublik die (durch Vorbehaltsrechte der Alliierten eingeschränkte) Souveränität und beschlossen den Beitritt der Bundesrepublik in die NATO. [2]  Kilian, Werner: Adenauers Reise nach Moskau. Hrsg. von der Konrad–Adenauer–Stiftung, Freiburg i. B. 2005. [3]  Erklärung der sowjetischen Regierung vom 15. Januar 1955, in: Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen (Hrsg.): Die Bemühungen der Bundesrepublik um Wiederherstellung der Einheit Deutschlands durch gesamtdeutsche Wahlen. Dokumente und Akten. II. Teil: November 1953 bis Dezember 1955, Bonn 1958, S. 185–188, hier S. 188. [4]  Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen (Hrsg.): Dokumente zur Deutschlandpolitik, III. Reihe. Bd. 1, Frankfurt a. M. 1961, S. 76–80; Zagorskij, Andrej V. (Hrsg.): Vizit kanclera Adenauėra v Moskve 8–14 sentjabrja 1955 g. Dokumenty i materialy [Der Besuch von Kanzler Adenauer in Moskau 8.–14. September 1955. Dokumente und Unterlagen]. Hrsg. vom Moskauer Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung, Moskau 2005, S. 28–33; Moskovskij gosudarstvennyj institut meždunarodnych otnošenij (Universitet)/MID Rossii (Hrsg.): Ustanovlenie diplomatičeskich otnošenij meždu SSSR i FRG. Sbornik dokumentov i materialov [Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der UdSSR und der BRD. Sammlung von Dokumenten und Unterlagen], Moskau 2005, S. 177–180. [5]  Nikita S. Chruščev an das ZK der SED vom 7. Juni 1955, in: Stiftung Archiv Parteien und Massenorganisationen der früheren DDR im Bundesarchiv (im Folgenden SAPMO-BArch), DY 30/3503, Bl. 8–12; Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes – Bestände des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der früheren DDR (im Folgenden PA-MfAA), NY 4090/472, Bl. 301 f.; Archiv vnešnej politiki Rossijskoj Federacii (Archiv der Russischen Föderation für Außenpolitik, im Folgenden AVPRF) f. 06, op. 14, p. 13, d. 184, Bl. 48 f. [6]  Schreiben des Botschafters König aus Moskau vom 4. März 1957, in: PA-MfAA, A 3010, Bl. 79. [7]  Zubok, Vladislav M.: Soviet Policy at the Geneva Conference, 1955, in: Bischof, Günter/Dockrill, Sakri (Hrsg.): Cold War Respite. The Geneva Summit of 1955, Baton Rouge, La. 2000, S. 66 f. [8]  Die SPD befürchtete, dass die Westintegration die Teilung Deutschlands weiter vertiefe, und sprach sich daher gegen die Pariser Verträge aus. [9]  Obzor ėkonomičeskogo i političeskogo položenija Germanskoj Federativnoj Respubliki i Zapadnogo Berlina v 1955 godu [Übersicht über die wirtschaftliche und politische Lage der Deutschen Bundesrepublik und West-Berlins im Jahr 1955] vom 21. Februar 1956, in: AVPRF, f. 0742, op. 1, p. 1, d. 1, Bl. 2–4. Der Hinweis auf den Wandel in der SPD bezieht sich vor allem darauf, dass u. a. der Parteivorsitzende Erich Ollenhauer den »PaulskirchenAppell« unterstützte, der im Blick auf eine erhoffte Wiedervereinigung für einen Verzicht auf die Westverträge plädierte. [10]  Chruščev, N. S.: Vremja, ljudi, vlast’ [Zeiten, Menschen, Macht], Moskau 1999, Bd. 2, S. 236; Zubok: Soviet Policy (Anm. 7), S. 62. [11]  Die erste Stellungnahme, die den – seitdem in wechselnden Varianten unterbreiteten – Vorschlag enthielt, war die Warschauer Erklärung der Außenminister der UdSSR, Albaniens, Bulgariens, der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, Polens, Rumäniens und Ungarns vom 24. Juni 1948, in: Vnešnjaja politika Sovetskogo Sojuza. Dokumenty i materialy. 1948 god. Čast’ pervaja: Janvar’–ijun’ 1948 goda [Die Außenpolitik der Sowjetunion. Dokumente und Unterlagen. Das Jahr 1948. Erster Teil: Januar–Juni 1948], Moskau 1950, S. 238–248; Dokumente zur Deutschlandpolitik der Sowjetunion, Berlin (Ost) 1957, Bd. 1, S. 183 f.   [12]  Prozumenščikov, Michail: Nach Stalins Tod, in: Karner, Stefan/Stelzl-Marx, Barbara (Hrsg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955. Beiträge, Wien 2005, S. 733 f.   [13]  Mitteilung von Aleksej Filitov, der Einsicht in das Sitzungsprotokoll hatte.   [14]  N. S. Chruščev an das ZK der SED vom 14. Juli 1955, in: SAPMO-BArch, NY 4090/472, Bl. 301 f.; Ihme-Tuchel, Beate: Die Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen im Herbst 1955 im Spiegel der Diskussion zwischen SED und KPdSU, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 53 (1994), S. 459 f.   [15]  Entwurf eines Schreibens des ZK der SED an N. S. Chruščev vom 28. Juli 1955, in: SAPMOBArch, DY 30/J IV 2/202/244 Bd. 1, o. Bl.; Ihme-Tuchel: Die Entlassung (Anm. 14), S. 452 u. 460; Schreiben des ZK der SED an N.S. Chruščev vom 4. August 1955, in: ebenda, S. 461; Borchard, Michael: Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion. Zur politischen Bedeutung der Kriegsgefangenenfrage 1949–1955, Düsseldorf 2000, S. 240 f. [16]  Anders als Kilian, der aus dem sowjetischen Willen zur Freigabe der Gefangenen folgert, die Verhandlungen darüber seien Spiegelfechterei gewesen, ging es in der Auseinandersetzung um eine ernstliche Sache, nämlich darum, wem das Verdienst gebühre. Das räumt letztlich auch Kilian ein, wenn er schreibt, dass die sowjetischen Führer aufgrund des von ihnen akzeptierten Ergebnisses dem Bundeskanzler erlaubten, »als strahlender Sieger nach Bonn zurückzukehren«. Kilian: Adenauers Reise (Anm. 2), S. 301–304. [17]   Die Protokolle der Verhandlungen bei Zagorskij: Vizit kanclera (Anm. 4), S. 116 f., 129 f., 133 f., 144 f. u. 160–162. Hierbei handelt es sich um die Akten des Auswärtigen Amtes. Zur sowjetische Gegenüberlieferung siehe ebenda, S. 124–128, 131 f., 135 f., 137–143, 146–152 und Moskovskij gosudarstvennyj institut/MID: Ustanovlenie (Anm. 4), S. 91–103, 109–119, 123–134. Siehe auch die Darstellung bei Kilian: Adenauers Reise (Anm. 2), S. 169–171. [18]  Wortlaut der Pressekonferenz Bundeskanzler Adenauers vom 14. September 1955, in: Zagorskij: Vizit kanclera (Anm. 4), S. 195 f.; Soobščenie o press-konferencii K. Adenauėra [Mitteilung über die Pressekonferenz K. Adenauers], in: ebenda, S. 198 f.   [19]  Ebenda, S. 203–205 u. 215 f. [20]  Siehe die Protokolle der einschlägigen Verhandlungen, Vereinbarungen und Stellungnahmen. Die deutschen Dokumente sind einsehbar ebenda, S. 162–164, 172–174, 182–184, 189, 201, 207 f., 216–218  u. 223. Zur sowjetischen Gegenüberlieferung ebenda, S. 165–171 u. 175–181 und Moskovskij gosudarstvennyj institut/MID: Ustanovlenie (Anm. 4), S. 147–174. Siehe zudem die Darstellung bei Kilian: Adenauers Reise (Anm. 2), S. 191–202. [21]  Bevollmächtigte TASS-Erklärung vom 16. September 1955, in: Zagorskij: Vizit kanclera, (Anm. 4), S. 20 f. [22]  Zur »Geburtsstunde« der Hallstein-Doktrin während der Rückreise aus Moskau siehe Kilian: Adenauers Reise (Anm. 2), S. 202–205. [23]  Nikolaj A. Bulganin an K. Adenauer vom 24. September 1955, in: Zagorski: Vizit kanclera (Anm. 4), S. 224 f.; Moskovskij gosudarstvennyj institut/MID: Ustanovlenie (Anm. 4), S. 205; Note der sowjetischen Botschaft in Paris an die westdeutsche Botschaft in Paris vom 30. September 1955, in: ebenda, S. 206–208; Zagorski: Vizit k nanclera (Anm. 4), S. 230 f. [24]  Analyse der Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und der westdeutschen Bundesrepublik in Moskau 9.–13. September 1955 vom 20. September 1955, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/20/226, Bl. 19–48; PA-MfAA, A 17600, Bl. 1–29. [25]  Beratung N. S. Chruščev – W. Ulbricht o. D. [Anfang Januar 1956], in: SAPMO-BArch, DY 30/ 3473, Bl. 81. [26]  Gespräch W. Ulbricht – V. S. Semenov vom 17. Januar 1967, in: SAPMO-BArch, DY 30/3520,Bl. 6, 9 u. 13. 

JHK 2006

Der Stellenwert des »Großen Terrors« innerhalb der stalinistischen Repressionen: Versuch einer Bilanz

Nicolas Werth

Siebzig Jahre nach dem ersten großen Moskauer Schauprozess und fünfzig Jahre nach der Geheimrede von Nikita Chruščev auf dem XX. Parteitag der KPdSU ist es heute – fünfzehn Jahre nach der Öffnung der sowjetischen Archive – endlich möglich, das Ausmaß und die Bedeutung des »Großen Terrors« innerhalb der stalinistischen Repressionen zu bestimmen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Moskauer Prozesse von 1936 bis 1938 und Chruščevs Abrechnung mit Stalin 1956 haben das Wesen und das wirkliche Ausmaß der »repressiven Massenoperationen« in den Jahren 1937/38 verschleiert. Die tatsächlichen Dimensionen der Massenrepressionen wurden erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR zu Beginn der 90er Jahre enthüllt.[1]  Gerade Chruščevs Geheimrede hat lange Zeit nur eine sehr selektive Sicht auf die stalinistischen Verbrechen vermittelt. So machte sie glauben, die Repressionen hätten sich hauptsächlich gegen die kommunistischen Kader in Partei, Wirtschaft und Armee gerichtet – eine Auffassung, die noch immer von einigen Historikern geteilt wird, für die der »Große Terror« im Wesentlichen eine »große Säuberungsaktion« innerhalb der Partei war, nur noch blutiger als die anderen.[2] In Wirklichkeit war der »Große Terror« aber vor allem eine immense Operation des Social Engineering, die darauf abzielte, alle als »fremd« oder »schädlich« stigmatisierten »Elemente« aus der neuen, sich im Aufbau befindlichen sozialistischen Gesellschaft ein für alle Mal zu entfernen. Die kürzliche Veröffentlichung von Dokumenten, die sich auf die Vorbereitung des XX. Parteitages und auf die Diskussionen über die Entstehung der Geheimrede auf höchster politischer Ebene, im Präsidium des Zentralkomitees der KPdSU, beziehen,[3] zeigt ganz klar, was die »Erben Stalins« bereit waren, über  die Massenrepressionen zu sagen und worüber sie Schweigen bewahren wollten. Es genügt, diesbezüglich den Anfang Februar 1956 ausschließlich für die Präsidiumsmitglieder des Zentralkomitees vorbereiteten Bericht der PospelovKommission[4] mit dem Text der Geheimrede Chruščevs vor den sowjetischen Delegierten am 24. Februar 1956 zu vergleichen.[5]  Gestützt auf eine Anzahl statistischer Dokumente der Ersten Spezialabteilung des Innenministeriums hatte die Pospelov-Kommission in ihrem Bericht für die Jahre 1937/38 angegeben, der NKVD hätte 1 548 366 Personen verhaftet und 681 692 erschossen. Die große Mehrheit der Opfer, »einfache Sowjetbürger«, wie die Kommission betonte, war im Rahmen der »repressiven Massenoperationen« von trojki[6] oder dvojki[7] verurteilt worden. Die Verurteilungen wurden meist auf der Grundlage von Verhaftungs- und Exekutionsquoten vorgenommen, die Stalin und sein Volkskommissar des Inneren, Nikolaj Ežov, für jede Region festgelegt hatten. Wie die Pospelov-Kommission erklärte, gab es neben diesen Massenoperationen auch gezielte Repressionen, die gegen Funktionsträger der Partei gerichtet waren und die in der Verantwortung des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR lagen. Die Pospelov-Kommission brachte genaue Details über die Anzahl der in den Jahren 1937/38 im Rahmen dieser Maßnahmen verurteilten Personen vor: Von 44 465 verurteilten Personen erhielten 85 Prozent die Todesstrafe. Die Kommission präzisierte, dass alle diese Urteile von Stalin, der seine Unterschrift unter 383 Listen von Verurteilten gesetzt hatte, persönlich sanktioniert worden waren. Mit dieser Frage berührte die Kommission einen besonders delikaten Aspekt. In Wirklichkeit war Stalin nämlich nicht der Einzige gewesen, der seine Unterschrift unter diese langen Listen der zum Tode Verurteilten gesetzt hatte. So erscheint die Unterschrift von Vjatčeslav Molotov auf 373 Listen und die von Kliment Vorošilov auf 195. Lazar Kaganovič hatte 191 Listen unterschrieben und Anastas Mikojan 62. Die Pospelov-Kommission hütete sich jedoch, diese Namen zu nennen. Die andere große Schwärzung betraf Nikita Chruščev selbst. Tatsächlich ging der Bericht der Kommission in der Frage der »vom NKVD jeder Region zugeteilten« Verhaftungs- und Exekutionsquoten mit Stillschweigen über einen entscheidenden Teil des repressiven Prozesses hinweg. Die Quoten wurden nämlich erst dann von Nikolaj Ežov mit Billigung Stalins zugeteilt, wenn die Ersten Sekretäre der Kommunistischen Partei der Regionen und der Unionsrepubliken ihre eigene »bezifferte Schätzung« der Anzahl von »sozial schädlichen Elementen«, die nach der ersten oder zweiten Strafkategorie (Todesstrafe oder zehn Jahre Lagerhaft) zu behandeln seien, abgegeben hatten. Wie alle Ersten Sekretäre der Parteikomitees, hatte auch Nikita Chruščev, der diese Funktion von 1935 bis 1938 in Moskau und im Moskauer Gebiet und ab 1938 in der Ukraine ausgeübt hatte, am 10. Juli 1937, kurz vor dem Beginn der Operation Nr. 00447, seine Schätzung an Stalin übermittelt.[8] Und wie alle anderen regionalen Parteifunktionäre hatte auch Chruščev in den folgenden Monaten »Zusatzquoten« angefordert. Es ist deshalb leicht verständlich, warum alle Passagen und statistischen Angaben bezüglich der Massenrepression im Bericht der Kommission – der mit Pospelov immerhin ein stalinistischer Apparatschik vorsaß –, von Nikita Chruščev in seiner berühmten Geheimrede mit totalem Stillschweigen übergangen wurden. Es bedurfte einer Zeitspanne von mehr als 35 Jahren, bis alle diese Fakten und Zahlen endlich an die Öffentlichkeit gelangen konnten. Seit Beginn der 90er Jahre ist die Dimension der stalinistischen Repressionen Objekt einer sehr großen Anzahl von Studien, sowohl in Russland als auch im Westen. Der Gulag und das System der »Sondersiedlungen«, das die Gesamtheit der Deportierten hervorgebracht hatte, der »Große Terror« der Jahre 1937/38, aber auch die von den regulären Gerichten durchgesetzten »Repressionen im Alltag« – all diese Themen sind dank neuer Dokumentationen aus den Archiven tief greifend beleuchtet worden.[9] Somit ist das Ausmaß der während der stalinistischen Periode ausgeübten Repressionen heute bestimmbar geworden. Die Zeiträume, der Umfang und die Härte der Repressionen sind anhand der Dokumente nachvollziehbar. Ihre unterschiedlichen Modalitäten, wie etwa die außergerichtliche und die gerichtliche Rechtssprechung, die Verurteilung zu Lagerhaft, die Zwangsverweisung in Sondersiedlungen oder ins Exil, die unterschiedlichen Feindbilder und die daraus resultierenden Opferkategorien aber auch die wirksamen politischen Mechanismen lassen sich in den jeweiligen innen- und außenpolitischen Kontexten der UdSSR erklären. In dieser Geschichte nimmt der »Große Terror« der Jahre 1937/38 eine Sonderstellung ein. Tatsächlich wurden in den Jahren des »Großen Terrors« mit mindestens 700 000 Exekutionen[10] mehr als drei Viertel aller Todesurteile ausgesprochen, die zwischen dem Ende des Bürgerkriegs 1921 und dem Tode Stalins 1953 von einer Ausnahme-Gerichtsbarkeit unter der Entscheidungshoheit der politischen Polizei oder der Militärgerichte verkündet wurden.[11] Es handelt sich um ein Moment »kumulativer Radikalisierung« ohne gleichen in der gesamten sowjetischen Periode, das aus der Konvergenz zweier repressiver Linien resultierte, und zwar in einem Moment großer internationaler Spannungen, die einen immanenten europäischen Konflikt ankündigten. Die eine Linie, die politische, war gegen die Eliten gerichtet, die andere Linie, die soziale, gegen »sozial schädliche« und »ethnisch suspekte Elemente«, die von Stalin als Teil einer mythischen, der UdSSR feindlich gesinnten »fünften Kolonne« von Terroristen wahrgenommen wurde.[12] Die großen terroristischen Geheimoperationen, Ursache von mehr als 90 Prozent der Verhaftungen, Verurteilungen und Exekutionen in den Jahren 1937/38, müssen klar von den Säuberungsaktionen gegen die Eliten und die politischen, wirtschaftlichen, militärischen und intellektuellen Kader unterschieden werden. Letztere waren durch andere außergerichtliche Maßnahmen, die andere Ziele verfolgten und einer anderen politischen Funktionalität entsprachen, parallel bedroht. Bei diesen Säuberungen ging es darum, die alte Elite der Revolution durch eine jüngere, »im stalinistischen Geiste der 30er Jahre« geformte, politisch und ideologisch anpassungsfähigere und loyalere Elite zu ersetzen. Diese Säuberungen sollten alle politischen, administrativen, beruflichen und persönlichen Generatoren von Solidarität zerstören und eine neue Schicht junger Führungskräfte fördern, die ihre tugendhafte Karriere dem Führer verdankten und ihm total ergeben waren. So spektakulär und politisch bezeichnend die Verhaftung und Exekution einer Vielzahl von kommunistischen Kadern war, die alsbald von der Generation der »Emporkömmlinge« des ersten Fünfjahrplans ersetzt wurden, repräsentierte sie doch nur einen kleinen Teil der 1937/38 vollzogenen Verhaftungen und Exekutionen.[13] In der Repression der Eliten präsentierte sich der Terror der Öffentlichkeit. Seine eklatanteste Manifestation fand er in den großen Schauprozessen: sowohl in den berühmten Moskauer Prozessen von 1936, 1937 und 1938, als auch in jenen Hunderten von öffentlichen Prozessen, die vor allem eine politisch-pädagogische Funktion erfüllten und von lokalen kommunistischen Führungskräften an vielen politisch oder wirtschaftlich wichtigen Orten in der  Provinz inszeniert wurden.[14] Als »hervorragende Mechanismen sozialer Prophylaxe«[15] demaskierten diese »Parodien der Justiz« multiple Komplotte, die von zahllosen Zusammenkünften begleitet und in Presse und Radio breit »popularisiert« wurden. Sie lieferten der Wut des Volkes die Sündenböcke, die für die Schwierigkeiten beim »Aufbau des Sozialismus« und der andauernden Dysfunktion in einer chaotischen Industrialisierung verantwortlich gemacht werden sollten. Während Rituale der Vernichtung der »Volksfeinde« die Öffentlichkeit überschwemmten, setzten die operativen Gruppen des NKVD die »geheimen repressiven Massenoperationen« ins Werk. Wie die streng vertraulichen Beschlüsse des Politbüros und die »operativen Befehle« des NKVD mutmaßen lassen (von denen nur eine sehr begrenzte Zahl hoher Partei- und NKVD-Kader Kenntnis besaßen), hatte der »Große Terror« unter dem Schleier der Geheimhaltung die endgültige Vernichtung aller jener Elemente zum Ziel, die in der neuen sowjetischen Gesellschaft als »fremd« oder »schädlich« angesehen wurden. Dieses geheim gehaltene Massenverbrechen war mit seinen Opfergruppen, den »Exekutionsquoten«, den bezifferten und kodierten Zielen von »in erster und zweiter Kategorie« (Todesstrafe oder zehnjährige Lagerhaft) zu behandelnden Personen sowie mit seinen »ratifizierten« oder »nicht ratifizierten Zusatzquoten« eine umfangreiche Operation des Social Engineering und der »Säuberung«.[16] Mehrere neuere Studien haben den zentralisierten und geplanten Charakter der auf höchster Ebene von Stalin und Ežov beschlossenen »repressiven Massenoperationen« aufgezeigt. Diese Operationen waren gegen eine heterogene Gesamtheit von »Feinden« gerichtet, die in zwei große Kategorien oder, im Verwaltungsjargon der Funktionäre der politischen Polizei gesprochen, in zwei »Linien« gruppiert wurden: die »Kulakenlinie« und die »nationale Linie«. Die »Kulakenlinie«, definiert durch den operativen Befehl des NKVD Nr. 00447 vom 30. Juli 1937, umfasste ein breites Spektrum von Personen, die als »sozial schädlich« bzw. »der Vergangenheit angehörig« kategorisiert wurden. Insbesondere befanden sich die »nach verbüßter Strafe heimgekehrten oder der Deportation entkommenen Ex-Kulaken« im Visier der Staatsmacht, aber auch die »rückfälligen Kriminellen«, die »ehemaligen Mitglieder nichtbolschewistischer Parteien«, die »zaristischen Ex-Funktionäre oder Gendarmen«, die »antisowjetischen Elemente, die in weißen, in klerikalen oder in Kosakenformationen gedient haben«, die »Mitglieder von Sekten oder des Klerus, die sich antisowjetischen Tätigkeiten widme[te]n« usw. Jede Region lieferte Quoten von zu erschießenden und für zehn Jahre in Lager zu inhaftierenden Personen. Im Zuge der in der UdSSR breit angelegten Wettbewerbsbewegung, von der man sich einen wirtschaftlichen Aufschwung erhoffte, die aber auch als politisches Repressionsmittel diente, sowie unter dem massiven Druck, die vorgegebenen Normen nicht zu erfüllen und damit selbst als Saboteur oder Konterrevolutionär bezichtigt zu werden, entwickelte sich eine paranoide Dynamik. Sie führte dazu, dass die Regionalverantwortlichen der Partei und des NKVD immer neue »Zusatzquoten« forderten. Während sich die »Initialziele« für die zu zehn Jahren Lagerhaft zu Verurteilenden im Laufe der fünfzehn Monate dauernden Operation verdoppelten, verfünffachte sich die Quote für die Todesurteile. Insgesamt wurden 767 000 Menschen im Rahmen der »Kulaken-Operation« verhaftet, von denen 387 000 hingerichtet wurden.[17]  Die »nationale Linie« konstituierte sich aus etwa zehn »national« genannten Geheimoperationen: die »polnische Operation«, die »deutsche Operation«, die »Charbin-Operation«, die »finnische Operation«, die »rumänische Operation«, die »lettische Operation«, die »griechische Operation« und die »estnische Operation«. Die »nationale Linie« zielte hauptsächlich auf die politischen Emigranten, die in die UdSSR vor der Verfolgung durch die Faschisten geflüchtet waren, auf Sowjetbürger nichtrussischen Ursprungs, aber auch auf alle diejenigen Staatsbürger, die aufgrund ihres Berufs, ihrer Familie oder ihrer Wohnstatt, insbesondere der Grenzregionen, in irgendeiner Beziehung zu anderen Ländern standen. Die Anfeindungen und Unterstellungen gegenüber den nationalen Gruppen variierten im Kontext der bewegten außenpolitischen Beziehungen der UdSSR. Insgesamt wurden 335 000 Personen im Rahmen dieser »nationalen Operationen« verhaftet und 247 000 von ihnen erschossen.[18] Diese »Massenoperationen« markieren ganz deutlich den radikalen und mörderischen Endpunkt einer ganzen Serie jahrelanger Kampagnen und polizeilicher Praktiken gegen eine Anzahl von Personengruppen, die vom Regime als »sozial schädlich« oder »ethnisch suspekt« (im Sinne von illoyal gegenüber der Sowjetmacht) eingeordnet wurden. Auf dem Gebiet des Social Engineering hatten die Repressionsquoten der ersten und zweiten Kategorie des Befehls Nr. 00447 einen bemerkenswerten Vorläufer, nämlich die Quoten für die »Entkulakisierung« der Jahre 1930 bis 1932. In der Kampagne zur »Liquidierung der Kulaken als Klasse«, die seit 1929 propagiert wurde, arbeitete die OGPU, der Vorläufer des NKVD, nach geheimen Direktiven. Demnach waren die »Kulaken erster Kategorie« als »verstockte, in konterrevolutionären Aktivitäten engagierte Elemente« und die »Kulaken zweiter Kategorie« als »ausbeuterische Bauern, jedoch weniger engagiert in konterrevolutionären Aktivitäten« definiert. Während die ersten ins Arbeitslager geschickt wurden, sollten die zweiten samt ihren Familien mit dem Status »Sondersiedler« in unwirtliche Regionen des Landes deportiert werden.[19] Nach den massiven Verhaftungen und Deportationen der »Kulaken« in den Jahren 1930 bis 1933, von denen etwa 2,5 Millionen Personen betroffen waren, wurden zwischen 1933 und 1936 fast eine Million »kulakischer, krimineller, sozial fremder und anderer antisozialer Elemente« im Rahmen der Einführung des Inlandspasses und der Wohnregistrierung[20] für die arbeitende städtische Bevölkerung aus den Großstädten vertrieben. Einige Hunderttausend dieser Vertriebenen sind überdies deportiert und ebenso wie die »Entkulakisierten« in »Sondersiedlungen« überstellt worden.[21]  In den Jahren 1935/36 wurden zudem die Grenzgebiete Ziel der polizeilichen »Säuberungs«-Operationen. So wurden zehntausende Sowjetbürger finnischen Ursprungs aus der Grenzregion Leningrad sowie Sowjetbürger polnischen oder deutschen Ursprungs aus den an Polen angrenzenden Gebieten der Ukraine nach Kasachstan deportiert.[22] Anfang 1937 erfuhr die Wahrnehmung der »sozial schädlichen« oder »ethnisch suspekten Elemente« seitens der Sicherheitsorgane eine signifikante Veränderung. Die stigmatisierten Personen wurden nunmehr immer klarer als »aufständisches Reservoir« identifiziert, als potentielle Rekruten einer »fünften Kolonne von Diversanten und Saboteuren«, die in Verbindung mit japanischen, deutschen oder polnischen Geheimdiensten arbeiteten. Noch radikalere Maßnahmen wurden ergriffen: Zusätzlich zur weitgehend uneffizienten Deportation (mehr als 700 000 »Ex-Kulaken« und »kriminelle städtische Elemente« waren seit 1932 aus den ihnen zugewiesenen Aufenthaltsorten entflohen) sollte, wie Ežov im Vorwort zum Befehl Nr. 00447 erklärt hatte, »die definitive Eliminierung aller sozial schädlichen Elemente, die die Fundamente des sowjetischen Staates untergraben«, erfolgen. Eingeschrieben in die Kontinuität einer 1930 mit der »Entkulakisierung« eingeleiteten Politik des Social Engineering bleibt der »Große Terror« in seiner außergewöhnlich mörderischen Gewalt ein singuläres Ereignis. Er endete, wie er begonnen hatte: mit einem geheimen Beschluss des Politbüros am 17. November 1938. Dies zeigt deutlich, wie der Terror stets vom Zentrum her gesteuert worden ist, auch wenn die Entwicklung der Repressionen und die Wahl der Opfer auf regionalem Niveau weitgehend den lokalen Verantwortlichen oblag. Nach der paroxystischen Phase des »Großen Terrors« setzte für viele ein erstes Aufatmen ein. Die Massenrepressionen wurden jedoch fortgesetzt. Sie standen nun unter dem direkten Einfluss des Kriegsverlaufs und nahmen andere Formen an. In Anbetracht des begrenzten Rahmens dieses Artikels seien nur zwei größere Entwicklungen genannt: In den 40er Jahren betrafen die Repressionen ganz besonders die nichtrussischen Nationen, die auf der Grundlage des Ribbentrop-Molotov-Paktes vom August 1939 im Verlauf der ersten Kriegsmonate der Sowjetunion einverleibt worden waren. Das betraf die baltischen Staaten, den seit 1920 wieder zu Polen gehörenden westlichen Teil Weißrusslands, die Westukraine, Moldawien sowie das finnische Karelien. Man fürchtete hier eine mögliche Kollaboration mit den deutschen Besatzern gegen die UdSSR. Diese Befürchtung war auch Ursache für die Zwangsumsiedlung solcher ethnischen Minderheiten, die schon zum russischen Zarenreich gehörten und nun aus der »großen Völkerfamilie« ausgeschlossen waren: die Deutschen, die Tschetschenen, die Inguschen, die Balkaren, die Kalmyken, die Karatchaier, die Krimtataren u. a. Die Hauptmaßnahme des stalinistischen Regimes war hier die Massendeportation.[23] Insgesamt wurden in dem Jahrzehnt der territorialen Expansion und der Sowjetisierung der eroberten bzw. zurückeroberten Gebiete von 1939 bis 1949, ungefähr 3 200 000 Menschen deportiert. Zu Beginn der 50er Jahre waren mehr als 90 Prozent der »Sondersiedler« Vertreter nationaler Minderheiten und nichtrussischer Nationen.[24] Im Kontext des Stalinismus der Kriegs- und Nachkriegsjahre, der von einer Exaltation des russischen Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und einem immer stärkeren Antisemitismus geprägt war, wurde der Hauptfeind nun vor allem durch seine Nationalität definiert und nicht mehr, wie noch in der Zeit der »Entkulakisierung«, durch seine Klassenzugehörigkeit.  Die andere bemerkenswerte Veränderung im Vergleich zu den 30er Jahren und ganz besonders im Vergleich zu den Jahren des »Großen Terrors« war ein starker Rückgang der durch die politische Polizei und Militärtribunale ausgeübten außergerichtlichen Repressionen und, im Gegenzug, eine starke Zunahme der durch reguläre Gerichte ausgeübten Unterdrückungsmaßnahmen. Nach der Welle mörderischer Willkür der Jahre 1937/38 nahm die Zahl der Personen, die vom NKVD verurteilt wurden, während der Kriegsjahre deutlich ab. Insgesamt wurden in dieser Zeit etwa 200 000 Personen durch die Militärtribunale zum Tode verurteilt.[25] Erst in den Nachkriegsjahren stiegen die Zahlen der Verurteilungen auf etwa 50 000 bis 80 000 pro Jahr, darunter auch die Todesurteile auf einige Zehntausend, wieder heftig an.[26] Die bemerkenswerteste Entwicklung war dabei das rapide Anwachsen der Anzahl derjenigen Personen, die durch die reguläre Justiz infolge der Kriminalisierung von Delikten und kleinsten Formen sozialen Ungehorsams verurteilt wurden.  Man kann in dieser Entwicklung zwei Einschnitte feststellen: das Jahr 1940 und das Jahr 1947. Infolge der Verkündung der Gesetze vom 26. Juni 1940 wurde nämlich die Zahl der Verurteilungen zu einer Lagerhaftstrafe, ausgesprochen von regulären Gerichten, verdreifacht. Diese Gesetze, die im Rahmen der Umstellung der sowjetischen Wirtschaft auf Kriegsproduktion erlassen wurden, bestraften erstmals Verstöße gegen die »Arbeitsdisziplin«, die Produktion von »Ausschuss«, kleine Diebstähle in der Fabrik und »Hooliganismus« (dessen vage Definition jeglichen Missbrauch erlaubte) mit geschlossenem Strafvollzug, d. h. Gefängnis. Den zweiten Einschnitt markiert der 4. Juni 1947 mit der Verkündung der Gesetze über den Diebstahl, die einen spektakulären Anstieg der von regulären Gerichte verhängten Langzeitstrafen von fünf auf zehn Jahre Lagerhaft nach sich zogen.[27] In Anwendung dieser Gesetze wurden von 1947 bis 1953 1 300 000 Personen zu schweren Lagerstrafen verurteilt. Es waren mehrheitlich Kolchos- oder Fabrikarbeiter, die zum Überleben einige Ähren auf dem Gemeinschaftsfeld oder kleinere Objekte in der Fabrik hatten mitgehen lassen. Ihre Bestrafung stand in keinerlei Verhältnis zu dem begangenen Delikt. Die Härte, mit der ein Vergehen am sakrosankten »Staatseigentum« geahndet wurde, erreichte groteske Auswüchse: Jeder noch so geringe Diebstahl, oft zum ersten Mal und in einer verzweifelten Situation begangen, wurde härter bestraft als vorsätzliche Tötung.[28] Die Gesetze vom 4. Juni 1947 waren die härtesten zur Ahndung von Diebstahl in Europa seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Zu Stalins Tod machten die Personen, die im Zusammenhang mit diesen Gesetzen verurteilt wurden, mit 1 242 000 fast die Hälfte der 2 526 000 Inhaftierten des Gulags aus.  Gleich nach Stalins Tod verkündete Geheimpolizei-Chef Lavrentij Berija eine Amnestie. Er befand dabei, dass der Gulag von einer »Mehrheit von Individuen überfüllt war, die für Verbrechen und Delikte verurteilt wurden, welche keinerlei soziale Bedrohung darstellen«[29]. Infolge dieser am 27. März 1953 angenommenen Amnestie wurden innerhalb weniger Monate 1 200 000 Inhaftierte, die in der Mehrheit für Diebstahl, Hooliganismus und andere Delikte des allgemeinen Rechts verurteilt worden waren, befreit. Die Maßnahme spiegelt jedoch keine »liberale Wendung« des furchtbaren Chefs der politischen Polizei wieder. Vielmehr wollte Berija ganz einfach den Gulag entlasten, nicht abbauen, sondern für die Zukunft wirtschaftlicher und »produktiver« machen.[30] Nach der Verhaftung Berijas am 26. Juni 1953 setzte die neue Elite, in der Nikita Chruščev, Gregorij Malenkov und Vjačeslav Molotow den ersten Rang einnahmen, im Mai 1954 ein zentrales Komitee unter Vorsitz des Oberstaatsanwaltes Roman Rudenko mit dem Auftrag ein, »die Akten der wegen konterrevolutionärer Verbrechen Verurteilten und ihre Strafe in Lagern oder in der Verbannung verbüßenden Individuen« zu überprüfen. Unterstützt von fünfzehn Republikskommissionen (eine für jede Unionsrepublik), überprüfte die Kommission innerhalb eines Jahres etwa 237 000 Akten. Das entspricht 45 Prozent der gesamten Akten der 530 000 Inhaftierten und Sondersiedler, die aufgrund des noch immer gültigen Artikels 58 des Strafgesetzbuches wegen »konterrevolutionärer Verbrechen« verurteilt worden waren. Weniger als 4 Prozent der Urteile wurden aufgehoben, und 43 Prozent der Verurteilten wurde eine Reduktion des Strafmaßes zuteil, die es ihnen endlich ermöglichte, das Lager zu verlassen. Schließlich wurden 53 Prozent der Urteile bestätigt.[31] So war es möglich, eine große Zahl von Inhaftierten zu befreien, ohne deswegen Grundsatzentscheidungen zu treffen oder die willkürlichen Prozeduren in Frage zu stellen, die von der außerordentlichen Rechtssprechung angewandt worden waren. Sie kennzeichnen aber auch die Grenzen der Arbeit von Kommissionen, in denen Vertreter des MVD hohe Positionen einnahmen und deren Richter und Staatsanwälte durch die Vergangenheit kompromittiert waren. In der zweiten Jahreshälfte 1955 beschleunigte sich der Rhythmus der Befreiung von »Politischen« dank einer Reihe von Amnestien.[32] Ende 1955 lag zum ersten Mal seit 20 Jahren die Zahl der im Gulag Inhaftierten unter einer Million. Am Vorabend des XX. Parteitages der KPdSU zählten im Februar 1956 die Inhaftierten nur noch 925 000 gegenüber 2 625 000 drei Jahre zuvor, darunter etwa 110 000 »Politische«.[33] Parallel dazu wurde das System der Sondersiedlungen in seiner Schärfe zurückgenommen.[34] Anders als allgemein angenommen, konstituierte der XX. Parteitag keine fundamentale Zäsur im Prozess der Befreiung der Inhaftierten aus dem Gulag. Die große Mehrheit der »Politischen« wurde bereits vor Februar 1956 entlassen. Nach dem XX. Parteitag wurden neue Kommissionen beauftragt, die Akten der für »politische und wirtschaftliche Verbrechen und Missbrauch in Amtsausübung und noch in Lagerhaft befindlichen« Verurteilten zu überprüfen. 1956 verließen noch einmal etwa 100 000 »Politische« den Gulag, in dem sich Anfang 1957 nur noch etwa 15 000 aufgrund des Artikels 58 des Strafgesetzbuches Verurteilte befanden. Zwanzig Jahre nach dem »Großen Terror« konnten die letzten Überlebenden den Gulag verlassen. In den Jahren 1937/38 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt, war ihre Strafe systematisch durch eine »Verlängerung« ausgedehnt worden. Eine neue, lange und schwierige Schlacht begann für sie: die um ihre Rehabilitation. Was die im Rahmen des »Großen Terrors« Hingerichteten betrifft, so mussten ihre Angehörigen bis zum Beginn der 90er Jahre warten, um endlich die Wahrheit zu erfahren. Ein Geheimpapier des KGB-Vorsitzenden Ivan Serov vom 24. August 1955, das an alle regionalen Direktionen der Staatssicherheit adressiert war, hatte ausdrücklich vorgeschrieben: »Auf die Nachfrage von Bürgern bezüglich ihrer durch außerordentliche Gerichte zur Todesstrafe verurteilten Angehörigen antwortet die Distriktsabeilung des KGB mündlich, dass X oder Y zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt wurde und im Arbeitslager verstorben ist.«[35] Diese Instruktion wurde im Wesentlichen bis Mitte der 80er Jahre befolgt. Sowohl auf historischer wie auf individueller Ebene musste die Auflösung der UdSSR abgewartet werden,[36] damit schließlich Licht auf eines der größten Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts fallen konnte.   Übersetzung aus dem Französischen von Wiebke Ankersen (Berlin). [1]  Die erste Publikation des Operativen Befehls Nr. 00447 des NKVD vom 30. Juli 1937, der der Ausgangspunkt der mörderischen »Massenoperationen« des »Großen Terrors« war und 767 000 Verhaftungen (davon später 387 000 Todesurteile) zur Folge hatte, erschien in der Zeitung Trud vom 4. Juni 1992. Weitere wichtige Dokumente über diese »Massenoperationen« erschienen kurze Zeit darauf in der Wochenzeitung Moskovskie Novosti vom 21. Juni 1992.  [2]  Siehe Halfin, Igal: Terror in My Soul. Communist Autobiographies on Trial, Cambridge, Mass. u. a. 2003, S. 3. [3]   Artizov, A. u. a. (Hrsg.): Reabilitacija: Kak ėto bylo. Dokumenty Presidiuma CK KPSS i drugie materially [Die Rehabilitierung. Wie es war. Dokumente des Präsidiums des ZK der KPdSU und andere Materialien], Bd. 1: Mart 1953–fevral’ 1956 [März 1953 bis Februar 1956], Moskau 2000.   [4]  Anm. der Redaktion: Unter der Leitung des ZK-Sekretärs Petr Pospelov wurde am 31. Dezember 1955 die »Kommission zur Feststellung der Gründe für die Massenrepressalien gegen die auf dem XVII. Parteitag (1934) gewählten Mitglieder und Kandidaten des ZK der KPdSU« eingesetzt. Der dem Präsidium des Obersten Sowjets im Februar 1956 vorgelegte Bericht gab nicht nur Informationen über den Verbleib von einzelnen Funktionären, sondern auch einen Überblick über die »Massenoperationen« und die »nationalen Operationen« des NKVD, über die Nichtachtung der Gesetzgebung durch Staatsanwaltschaft und Gerichte wie auch über die außergerichtliche Strafahndung. Darüber hinaus erwähnte der Bericht die »Stalinschen Erschießungslisten« und wies erstmals eine Statistik über die in den Jahren 1935 bis 1940 vorgenommenen Verhaftungen und Erschießungen aus.  [5]  Siehe Werth, Nicolas: Histoire d’un pré-rapport secret. Audaces et silences de la Commission Pospelov, janvier-février 1956, in: Communisme (2001), H. 67/68, S. 9–40. [6]  Trojki wurden außergerichtliche Organe genannt, die sich aus drei Mitgliedern zusammensetzten: dem regionalen Chef des NKVD, dem Ersten Parteisekretär der Region und dem Staatsanwalt der Region. Hinter verschlossenen Türen, in Abwesenheit des Angeklagten und ohne dessen Recht auf Verteidigung oder der Möglichkeit einer Berufung beschlossen die Trojki rechtskräftige Urteile – Todesstrafe oder zehn Jahre Lagerhaft –, die unmittelbar vollstreckt wurden. Im Laufe einer Sitzung wurden oft Hunderte von Prozessakten »verhandelt«.  [7]  Dvojki waren außergerichtliche Organe, die von zwei Mitgliedern gebildet wurden: einem hohen regionalen Repräsentanten des NKVD und dem Staatsanwalt der Region oder seinem Stellvertreter. Diese Dvojki wurden von der Spezialkommission des NKVD überwacht und vom NKVD-Chef Nikolaj Ežov und der Generalstaatsanwaltschaft der UdSSR unter ihrem Hauptankläger Andrej Vyšinskij angeleitet. [8]  »An den Genossen Stalin. Ich teile Ihnen mit, dass sich die Zahl der in Moskau und der Region wohnhaften kriminellen Elemente und Kulaken auf 41 305 beläuft, d. h. 33 436 kriminelle Elemente und 7 869 Kulaken. Das vorhandene Material [sic!] erlaubt eine Zuordnung von 6 500 kriminellen Elementen und 1 500 Kulaken zur ersten Kategorie, also eine Summe von 8 000, 26 936 kriminelle Elemente und 5 272 Kulaken zur zweiten Kategorie. Ich schlage vor, dass die Trojka sich aus dem Genossen Redens, Regionalverantwortlicher des NKVD, dem Genossen Maslov, stellvertretender Staatsanwalt der Region Moskau und dem Genossen Chruščev, Parteisekretär der Region Moskau, zusammensetzt«. Archiv Prezidenta Rossijskoj Federacii (Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation, APRF) f. 3, op. 58, d. 212, Bl. 28.  [9]  Unter den wichtigsten Studien in diesem Bereich seien erwähnt: die monumentale Istorija Stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch–pervaja polovina 1950-ch godov. Sobraniedokumentov v semi tomach [Geschichte des Stalinschen Gulag. Ende der 1920er bis zur ersten Hälfte der 1950er Jahre. Dokumentensammlung in sieben Bänden], Moskau 2004 u. 2005. (Siehe dazu die Rezension von Wladislaw Hedeler in diesem Band des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.) Zu den »Sondersiedlungen« siehe Zemskov, V.: Specposelency, 1930– 1960 [Die Sondersiedler, 1930–1960], Moskau 2003. Zum »Großen Terror« siehe Junge, Mark/Binner, Rolf: Kak terror stal bol’šim [Wie der Terror groß wurde], Moskau 2003. [10]  Den 681 692 Exekutionen, die in den zentralen statistischen Dokumenten des NKVD für die Jahre 1937/38 vorkommen, müssen einige zehntausend »nicht registrierte« Exekutionen und Foltertode hinzugerechnet werden. Zu den Unterschieden zwischen »registrierten« und »nicht registrierten« Exekutionen siehe z. B. die erhellende Studie von Hlevnjuk, Oleg: Les mécanismes de la Grande Terreur des années 1937–1938 au Turkmenistan, in: Cahiers du Monde russe 39 (1998), H. 1/2, S. 197–208. [11] Nach dem streng vertraulichen Bericht, der Ende 1953 von Oberst Pavlov, dem Chef der ersten Spezialabteilung des Innenministeriums, aufgestellt und am 5. Januar 1954 durch den Innenminister Sergej Kruglov an Georgij Malenkov und Nikita Chruščev geschickt wurde, waren zwischen 1921 und 1953 4 060 000 Personen durch die der politischen Polizei unterstehenden außergerichtlichen Organe verurteilt worden, davon 800 000 zum Tode. Gossudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii (Staatsarchiv der Russischen Föderation, im Folgenden: GARF), f. 9401, op. 1, d. 4157, Bl. 201–205. Zu dieser Zahl müssen die 2 842 000 Personen hinzu gerechnet werden, die durch Militärtribunale verurteilt wurden, darunter 183 000 zum Tode. GARF, f. 7523, op. 89, d. 4408, Bl. 8 f., 26 f. u. 42 f. [12]  Zum »Großen Terror« als Konvergenz zweier repressiver Linien siehe Werth, Nicolas: »Repenser la Grande Terreur«, in: Le Débat 2002, H. 122, S. 118–140. [13]  Es sei an zwei Fakten erinnert: ca. 44 000 Verantwortliche und kommunistische Kader mittleren Ranges wurden durch das Militärkollegium des Obersten Gerichts verurteilt, einer Instanz, die die meisten der Fälle dieses Anklagetyps durchliefen. Davon wurden 85 Prozent zum Tode verurteilt. Unter den etwa 1,5 Millionen durch den NKVD in den Jahren 1937/38 verhafteten Personen waren etwa 117 000 Parteimitglieder. Siehe Jansen, Marc/Petrov, Nikita: Stalin’s Loyal Execution. People’s Commissar Nikolai Ezhov, 1895–1940, Stanford 2002, S. 105.  [14]  Zu diesen Prozessen siehe Fitzpatrick, Sheila: How the Mice Buried the Cat. Scenes from the Great Purges of 1937 in the Russian provinces, in: The Russian Review, 52 (1993), H. 3, S. 299–320; Ellman, Michael: The Soviet 1937–1938 Provincial Show Trials Revisited, in: Europe-Asia Studies 55 (2003), H. 8, S. 1296–1310. [15] Kriegel, Annie: Les grands procès politiques dans les systèmes communistes, Paris 1972, S. 45. [16]  Im kodierten Sprachgebrauch der streng geheimen Beschlüsse des Politbüros und der »operativen Befehle« des NKVD bedeutete – wie bereits ausgeführt – die erste Kategorie »Todesstrafe«, die zweite Kategorie die »Verurteilung zu zehn Jahren Lagerhaft«. Die »ratifizierten Zusatzquoten« waren die zusätzlichen Quoten, die vom Politbüro genehmigt waren; die »nicht ratifizierten Zusatzquoten« bezeichneten die Zahl der Urteile, die über diese Quoten hinausging. [17]  Siehe Junge/Binner: Kak terror (Anm. 9), S. 136. [18]  Jansen/Petrov: Stalin’s Loyal Execution (Anm. 1), S. 99–104. [19]  Befehl Nr. 44–21 der OGPU vom 2. Februar 1930, GARF, f. 9414, op. 1, d. 1944, Bl. 17–25.  [20]  Anm. der Redaktion: Die Einführung des Inlandpasses und der Wohnregistrierung (propiska) 1932 in so genannten »geschlossenen« Städten der UdSSR, zu denen in erster Linie Moskau und Leningrad gehörten, sollte einer Migrationsregulierung im Interesse des Aufbaus der Wirtschaft und der Besiedlung des weitestgehend noch unerschlossenen Ostens der Sowjetunion dienen. Gleichzeitig sollten damit die Bevölkerungsexpansion durch Zuwanderung vom Land und alle damit verbundenen sozialen, gesundheitlichen und ökonomischen Probleme in Moskau u. a. unter Kontrolle gebracht werden. Allein der Pass und die Wohnregistrierung berechtigten zum Aufenthalt in den entsprechenden Städten und schränkten damit den Bewegungs- und Siedlungsspielraum für die Mehrheit der sowjetischen Bevölkerung, insbesondere der Kolchosbewohner, die kein Anrecht auf Ausstellung eines Passes hatten und somit den Kolchos nicht verlassen durften, entschieden ein. Siehe hierzu Voronkov, Viktor, Die »Limitschiki«: Zuwanderer in sowjetischen Städten, in: Häußermann, Hartmut/Oswald, Ingrid (Hrsg.): Zuwanderung und Stadtentwicklung, in: Leviathan 17 (1997), S. 328–344; Sazlavzkij, Viktor: In geschlossener Gesellschaft. Gleichgewicht und Widerspruch im sowjetischen Alltag, Berlin 1982; Werth, Nicolas: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion, in: Courtois, Stéphane (Hrsg.) u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998, S. 51–295, hier S. 183. [21]  Hagenloh, Paul: Socially Harmful Elements and the Great Terror, in: Fitzpatrick, Sheila (Hrsg.): Stalinism. New Directions, London 2000, S. 286–307. [22]  Siehe Martin, Terry: The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923–1939, Cornell 2001, S. 330–333. [23]  Neben den Massendeportationen wurden andere repressive Maßnahmen durchgeführt, wie die Massenexekution von 25 000 Offizieren und Mitgliedern der polnischen Eliten 1940 in Katyń und die Deportation mehrerer Hunderttausend ukrainischer und baltischer »Nationalisten« in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre in den Gulag.  [24]  Von den 2 753 000 zu Beginn des Jahres 1953 erfassten »Sondersiedler« fielen nur etwa 25 000 unter die Kategorie der »Ex-Kulaken«. Ein großer Teil der 2,5 Millionen zu Beginn der 1930er Jahre deportierten »Kulaken« war bereits gestorben. Die Zahl der Deportierten, die während des Krieges von ihrem Pariastatus befreit wurden, indem sie in die Sowjetarmee eintraten (insbesondere die Kinder der deportierten »Kulaken«) werden auf etwa 800 000 geschätzt. Siehe Zemskov: Specposelency (Anm. 9), S. 74 f. u. 210–212.   25        Für eine detaillierte Analyse der Verurteilungen (außerordentliche Rechtsprechung der politi-schen Polizei, Militärtribunale, ordentliche Gerichte) siehe Werth: Histoire d’unpré-rapport secret (Anm. 5).   26        Siehe den bereits erwähnten Bericht von Oberst Pavlov. GARF, f. 9401, op. 1, d. 4157, Bl. 201–205. Dieser Bericht präsentierte insbesondere die zentralisierten Statistiken über die Zahl und Art der Verurteilungen (Verurteilung zum Tode, Arbeitslager, Exil), die 1921 bis 1953 durch die unterschiedlichen außergerichtlichen und der politischen Polizei unterstehenden Instanzen ausgesprochen wurden.   [27]  Die Zahl der Lagerstrafen über fünf Jahre, die von ordentlichen Gerichten verhängt wurden, versechsfachte sich 1947 im Vergleich zum Vorjahr. Für Strafen über 10 Jahre verhundertfachte sie sich. GARF, f. 7523, op. 89, d. 4408, Bl. 20 f. [28]  Die durchschnittliche für einen Diebstahl verhängte Strafe betrug acht Jahre Lagerhaft. Auf vorsätzliche Tötung standen sieben Jahre. Vergewaltigung wurde im Durchschnitt mit vier Jahren bestraft. Diese Auswüchse der Gesetzgebung haben in mehreren Berichten des Justizministeriums, des Obersten Gerichts und des Präsidiums des Obersten Sowjets für die Mitglieder des Präsidiums des Zentralkomitees der KPdSU ihren Niederschlag gefunden. Siehe GARF, f. 7523, op. 89, d. 4408, Bl. 135 f.  [29]  Notiz von Lavrentij Berija an das Präsidium des Zentralkomitees am 26. März 1953, in: Lavrentij Berija: 1953. Dokumenty, Moskau 1999, S. 19–21.  [30]  Über die »liberale Wendung« Berijas von März bis Juni 1953 siehe: Knight, Amy: Beria, Paris 1994.  [31]  Schriftlicher Bericht von [Generalstaatsanwalt] R. A. Rudenko an das ZK der KPdSU über die Resultate der Arbeit der Zentralen Kommission zur Revision der Akten der wegen »konterrevolutionäre Verbrechen« verurteilten Personen vom 29. April, in: Artizov: Reabilitacija (Anm. 3), S. 213. [32]  Die wichtigste unter den Amnestien war die vom 17. September 1955 zugunsten der »Sowjetbürger, die während des Großen Vaterländischen Krieges mit den Besatzern kooperiert hatten«. [33]  GARF, f. 9414, op. 1, d. 1356, Bl. 139 f. [34]  Zu diesem Prozess siehe Zemskov: Specposelency (Anm. 9), S. 225–280.  [35] Anweisung des KGB-Vorsitzenden beim Ministerrat der UdSSR bezüglich der Prüfung von Bürgeranfragen zum Schicksal von Repressierten, die zur Höchststrafe verurteilt wurden vom 24. August 1955 in: Artizov: Reabilitacija (Anm. 3), S. 254 f.  [36]  Natürlich waren im Westen bereits vorher einige erste Arbeiten über den »Großen Terror« erschienen, die wichtigste war Conquest, Robert: The Great Terror, Toronto 1968. Auf der Grundlage einer sehr parzellierten Dokumentation widmete sich diese im Übrigen bemerkenswerte Arbeit vor allem den »Säuberungsaktionen« der Führung und der kommunistischen Kader, sagte jedoch sehr wenig über die »Massenoperationen« aus. 

JHK 2006

Wer war »Ralf Forster«? Der Leiter der DKP-Militärorganisation im Spiegel der Erinnerung und der MfS-Akten

Hermann Weber

Erst sehr spät, im Jahr 2004, wurde eine gefährliche, illegale und absurde Aktivität der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) zur Unterminierung der alten Bundesrepublik aufgedeckt, die von der SED-Führung initiiert und finanziert wurde: die so genannte Militärorganisation (MO). Seit 1969/70 bildete die politische Sekte DKP auf dem Territorium der DDR spezielle »militärische Kader« aus. Damit sollten verlässliche Personen bereitstehen, die im Krisenfall Sabotage betrieben und bei einem kriegerischen Ost-West-Konflikt die Streitkräfte des Warschauer Paktes als eine Art bewaffnete Partisanengruppe im Westen unterstützten. Es handelte sich im Sinne der Tradition der deutschen Kommunisten um eine spezielle Militärorganisation der Partei. Dieses aufwändige Unternehmen haben MfS und NVA gemeinsam und völlig geheim geleitet; die »Kader«, die militärisch und politisch geschult wurden, hatte die DKP zu rekrutieren. Natürlich waren nur die Spitzenfunktionäre von SED und DKP über die Vorgänge eingeweiht. Die streng konspirative Tätigkeit lief fast 20 Jahre lang, von 1970 bis 1989, unter der Tarnbezeichnung »Gruppe Forster«. Nach dem Zusammenbruch der DDR gab es Hinweise auf diese Kampfgruppe, aber ein Ermittlungsverfahren gegen führende Personen wurde 1993 eingestellt. Insgesamt blieben die Aktivitäten der Gruppe und der Person ihres verantwortlichen Leiters »Ralf Forster« weitgehend im Dunkeln.[1] Erst im Mai 2004 dokumentierte die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, auf einer Pressekonferenz die Existenz der »Gruppe Forster«.[2] Im Folgenden steht weniger die »Gruppe Forster« selbst im Mittelpunkt, als vielmehr die Person des Namensgebers. Aufgrund meiner Erinnerungen als Zeitzeuge und der Einsicht in die Hinterlassenschaft im MfS-Archiv konnte ich dessen Biographie rekonstruieren, allerdings nur schrittweise. Daher sind hier die Etappen der Erkenntnisgewinnung dokumentiert. Persönliche Begegnung mit Harry Schmitt in der 50er Jahren Wer sich hinter dem Namensgeber der ominösen »Gruppe Ralf Forster« verbarg, war auch mir zunächst unklar. Schließlich entdeckte ich in den erhaltenen Akten des MfS die Identität Ralf Forsters. Es war kein anderer als Harry Schmitt, ein mir längst bekannter KPD-Funktionär. Auf dessen »Fall« stieß ich bei den Recherchen für die Fortsetzung meines Buches Damals, als ich Wunderlich hieß.[3] Meine Frau Gerda Weber und ich waren dazu intensiv mit den 50er und 60er Jahren befasst. In dem Fortsetzungsband mit dem Titel Ein Leben mit dem »Prinzip Links«. Vom Kalten Krieg bis zur Diktatur-Aufarbeitung, der im Herbst 2006 im Ch. Links Verlag erscheinen wird, ist die Zeit nach 1949 skizziert. Erneut waren persönliche Erinnerungen des Zeitzeugen mit der Analyse des reflektierenden Historikers zu verbinden, also Aktenstudium angesagt. Zu Rate zog ich dafür auch Notizen vom September 1953, die ich mir im Gefängnis gemacht hatte: Damals, im Jahr 1953, saßen wir nämlich wegen unserer Tätigkeit für die KPD, die Freie Deutsche Jugend (FDJ) und den Demokratischen Frauenbund Deutschland (DFD) in Untersuchungshaft, meine Frau Gerda in Heidelberg und ich in Essen. Allein eingesperrt in einer Zelle, entstand die Idee, eine Arbeit über »die Funktionäre« im Kommunismus zu versuchen. Meine Überlegung ging dahin, kommunistische Funktionäre, ihre Sozialisation, ihr Wirken mit gebrochenem Rückgrat und ihre unbedingte Einsatzbereitschaft für »die Partei«, zugleich deren sklavische Unterordnung unter die jeweilige Führung zu analysieren und dabei eigene Erlebnisse mit vielen solcher Kader festzuhalten. Ich betrachtete es als historisch wichtig, hinter das Phänomen zu kommen, warum und wie diese Kommunisten als stalinistische »Apparatschiks« »funktionierten«. Zahlreiche führende Altkommunisten, die ich bis 1953 kennen gelernt hatte, ignorierten die Schrecken des Stalinismus. Das bestätigte den Ausspruch unserer Freundin Rosa Meyer-Leviné: »Keiner ist so blind wie der, der nicht sehen will.« Mir schien das aber bedeutend genug, um sich gründlich mit »dem kommunistischen Funktionär« zu beschäftigen. Mehrfach hatte ich erlebt, wie der – lautstark Thälmann kopierende – KPD-Vorsitzende Max Reimann und andere Mitglieder des Parteivorstandes eingeschworen auf Stalin und die Sowjetunion agierten. Gleiches galt zunächst für seine Stellvertreter Kurt Müller und Fritz Sperling, oder Willi Prinz, bis sie dann persönlich in die Mühlen der fürchterlichen »Säuberungen« gerieten. Als Funktionärstyp wirkten sie allerdings ebenso faszinierend wie etwa die Schwaben Hermann Nuding oder Robert Leibbrand. Und wieder völlig anders meine Erfahrungen mit Willy Boepple und Jakob Ritter in Mannheim. Erst recht interessant war das Verhalten der SED-Führer, denen ich begegnete, seien es Walter Ulbricht, Erich Honecker, Anton Ackermann oder Wilhelm Pieck.[4] Längst bin ich durch Untersuchungen über die KPD der Weimarer Republik zu neuen Einsichten gelangt, registriere den Unterschied zwischen den frühen Kommunisten und denjenigen, die während der Stalinisierung in der Partei blieben, weiter mitmachten.[5] Inzwischen ist nachgewiesen, dass von den 1 400 deutschen kommunistischen Spitzenkadern der Jahre 1918 bis 1945 fast jeder Dritte gewaltsam ums Leben kam. Davon fielen 222 Kommunisten dem Terror Hitlers zum Opfer, aber auch 178 dem Stalins. Das zeigt die ganze Dramatik und Tragödie der deutschen kommunistischen Bewegung, die ich damals, 1953, erst ansatzweise begriffen hatte. Im Oktober 1953 aus dem Gefängnis entlassen, merkte ich rasch, dass mein Plan seinerzeit nicht zu verwirklichen war, behielt das Thema aber stets »im Auge«. Bei der jetzigen Arbeit an Ein Leben mit dem »Prinzip Links« stieß ich neben anderen Personen auch auf Harry Schmitt. Er war mir in den 50er Jahren als Mitarbeiter im KPD-Vorstand begegnet, ein unermüdlicher, hartgesottener, fanatischer und letztlich wohl auch gewissenloser Apparatschik. Bereits damals stellte er den Prototyp des »Kaders« dar, der im Parteiapparat skrupellos wirkte, einige Schlagzeilen machte, aber insgesamt kaum auffiel, weil er hinter den Kulissen die Fäden zog. Das erste Mal traf ich Harry Schmitt 1950 beim KPD-Parteivorstand in der Frankfurter Gutleutstraße. Dort war er in der Kaderabteilung für die »Reinheit« der Partei verantwortlich, hatte also »Abweichler« und »Feinde« ausfindig zu machen, sie wachsam zu beobachten, zu entlarven und »auszumerzen«. Der damals 31-jährige asketische Mann entsprach mit seinem Charakter seiner Funktion: Er war misstrauisch und völlig humorlos. Außerdem organisierte er Schulungen, die von der Agit-Prop-Abteilung gestaltet wurden. Zu dem Zweck war ein »Sozialistisches Forum« eingerichtet worden, das seit Herbst 1948 »marxistisch-leninistisches Gedankengut« verbreiten sollte. Im »Semester« von März bis Mai musste ich am 29. März 1950 zum Thema »Die Gründung der DDR – ein Wendepunkt in der Geschichte Europas« referieren. Über Inhalte hatte Schmitt nicht mit mir geredet, sondern über eventuelle Störungen der Veranstaltung – die freilich ausblieben. Als »Titoisten« und »Trotzkisten« im April 1951 in der Bundesrepublik die Unabhängige Arbeiterpartei (UAP) gründeten, betätigte sich Schmitt als übereifriger Agentensucher; seine Beschimpfungen der »Trotzkisten« übertrafen sogar die offizielle stalinistische Version.  Im Pressedienst stammte der maßgebliche Artikel gegen Parteifeinde aus Schmitts Feder, was dessen neue Bedeutung als »Obersäuberer« der KPD unterstrich. Der Sozialistische Informationsdienst der KPD veröffentlichte Schmitts Referat auf einer »Konferenz der verantwortlichen Genossen der Abteilung Kaderpolitik und der Org.-Sekr. der Landesvorstände am 11./12. 1. 1950« über die »parteifeindliche Bewegung«.[6] Darin behauptete er, die »heutigen Parteifeinde« würden »im Auftrage der kriegstreiberischen Imperialisten ihre Agentendienste in unserer Partei und den Massenorganisationen durchführen«. Nun galt jeder »Parteifeind« als »Agent«. Um die Warnung zu bekräftigen, berief er sich auf Stalin und auf die Vernichtung des »Verrätergeschmeißes«, das »im Auftrage der Gestapo diese Terrorakte in der Sowjetunion durchführte. Sie selbst gestanden es während der Prozesse«. Die ganze Heuchelei dieser verlogenen Bemerkungen Schmitts wurde mir freilich erst viel später klar, nämlich nach Bekanntwerden seiner eigenen Haft in Moskau genau zur Zeit dieser »Prozesse«. 1950 war Schmitt für mich ein unbeschriebenes Blatt, deshalb wollte ich herausfinden, woher er eigentlich kam. Genaue Einzelheiten über ihn und seinen Vater Heinrich Schmitt wusste ich 1950 zwar noch nicht, aber immerhin schon wesentliche Daten. Damals überlegte ich: Ist Harry etwa ein so fanatischer Stalinist und »Säuberer«, weil er sich vom »Makel« des Vaters zu »befreien« versucht? Denn zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass Heinrich Schmitt bereits in der Weimarer Republik ein bekannter kommunistischer Funktionär war.[7] Dieser übersiedelte nach dem Ersten Weltkrieg nach Halle (wo Harry am 17. September 1919 geboren wurde), war als Kommunist Betriebsratsvorsitzender in den LeunaWerken und 1928 Reichstagsabgeordneter. Nachdem er 1929 als »Versöhnler« abgesetzt wurde, ging er einige Zeit in die Sowjetunion, saß aber dann in Deutschland von 1935 bis 1945 als kommunistischer Widerstandskämpfer gegen Hitler im Zuchthaus. Heinrich Schmitt kam 1945 für die KPD als Staatsminister in die bayerische Landesregierung, trat im Juli 1946 zurück und verließ im Oktober 1947 die KPD. Er blieb als Geschäftsmann weiterhin in München, wo er am 13. August 1951 starb. Ob Harry Schmitt zur Beerdigung seines »abtrünnigen« Vaters Heinrich nach München gefahren ist? Öfter sah ich ihn erst wieder, als die FDJ- und auch die KPD-Führung nach Düsseldorf umgezogen waren. Gerda und ich wohnten seit Sommer 1950 mit Harry Schmitt im selben Haus in der Kiefernstraße 2. Ab und zu begegneten wir uns, aber mehr als ein »Guten Tag« wurde kaum gewechselt. Harry Schmitt hatte inzwischen Edith Gebauer geheiratet, die ich schon aus Frankfurt am Main kannte, wo sie im Zentralbüro der FDJ als eine tüchtige Stenotypistin arbeitete. Die damals junge (Jahrgang 1930), immer freundliche und einsatzwillige FDJlerin, allseits wegen ihrer netten Art beliebt, kam aus Bayern (allerdings war sie als Kind in Lodz aufgewachsen). Im Frühjahr 1951 hatte uns Edith überraschend in unserer Wohnung aufgesucht und sich weinend über Harry beklagt. Wir nahmen an, er hatte sie geschlagen. Wir waren empört, dass ein hoher, fanatischer kommunistischer Funktionär seine eigene Frau so rabiat behandelte und fragten uns: Wie geht der wohl bei entsprechender Gelegenheit mit fremden Menschen um? Wir sahen das Ehepaar nur noch selten. Er begegnete mir schroffer, vielleicht hatte sie ihm berichtet, dass sie uns ihr Herz ausgeschüttet hatte. Bald verschwand die Familie Schmitt dann aus unserem Gesichtsfeld. Harry Schmitts Werdegang: Opfer stalinistischer Säuberungen und  pensionierter Altkommunist in Berlin-Pankow Auf den Namen Harry Schmitt stieß ich erst wieder, als ich in den 80er Jahren über das Schicksal deutscher Kommunisten in der Sowjetunion Stalins forschte. Zunächst war mir freilich nicht bewusst, um wen es sich bei »Harry Schmidt«, einem in den »Säuberungen« Verfolgten, handelte, deshalb hieß es in der 2. Auflage der Weißen Flecken vom Januar 1990 nur lapidar und keineswegs korrekt: »Schmidt, Harry. KPD-Funktionär, er wurde in der Liste Wilhelm Piecks an Dimitroff vom April 1938 als verhaftet aufgeführt, ist seither verschollen.«[8] Als ich später anhand von Akten genaueres erfuhr, konnte ich kaum fassen, dass dieser »Schmidt« der mir als übereifriger Stalinist bekannte Funktionär Schmitt war und er tatsächlich zu den in der Säuberung Verhafteten gehörte. Er war mit seinem Vater Heinrich und seiner Mutter Anna 1933 in die Sowjetunion gekommen, besuchte in Moskau die Karl Liebknecht-Schule, wurde 1934 Mitglied des Komsomol, ab 1936 sowjetischer Staatsbürger und Schlosser in einem Forschungsinstitut. Am 17. Februar 1938 wurde Harry Schmitt vom NKWD festgenommen. (Etwa als Sohn eines »Versöhnlers«? Dieser saß damals aber im Nazi-Zuchthaus.) In der Lubjanka als 18-jähriger Häftling misshandelt, wurde Schmitt wie andere junge deutsche Emigranten beschuldigt, in einer illegalen »Hitlerjugend« in Moskau aktiv zu sein, die »Stalins Ermordung« plante. Eine noch verrücktere Anschuldigung als die übrigen, die in den 30er Jahren gegen die vom NKWD verhafteten deutschen Kommunisten erhoben wurden. Schmitt wurde am 10. Oktober 1938 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt, aber bereits 1940 aus dem Moskauer Butyrka-Gefängnis entlassen. Schließlich meldete er sich dann 1942, trotz (oder wegen) dieser Erfahrungen freiwillig zur sowjetischen Armee. Vom »Rotarmisten« ist Harry Schmitt nach Fallschirm-Einsätzen, Tätigkeit bei den Partisanen und Dienst in der Geheimpolizei zum »Gardeoffizier« aufgestiegen. Warum 1940 seine vorzeitige Freilassung erfolgte und wie er als ehemals verurteilter »Volksfeind« später solche Karriere machte, wusste er zu verbergen. Mit Sowjettruppen kam Schmitt nach Deutschland und wurde im Sommer 1945 der westdeutschen KPD überstellt; er war zunächst Kreissekretär in Würzburg, dann wie sein Vater in München. Schließlich arbeitete er ab 1949 als Funktionär im Apparat des Parteivorstands. 1950 herrschte über Schmitts Biographie strengstes Stillschweigen. Während meiner Nachforschungen in den 80er Jahren interessierte mich besonders, wieso ein Funktionär mit diesem Lebenslauf ein stalinistischer »Schnüffler« wurde, der nun seinerseits »Parteifeinde« aufspüren wollte und sollte. Für mich blieb es ein unlösbares Rätsel, ich wusste ja auch nicht, ob er noch lebte, und wenn ja, wo.  Im Dezember 1998 fand ich im DKP-Blatt UZ (Unsere Zeit) einen Leserbrief von »Harry Schmitt, 13156 Berlin«. Der Tenor deutete ganz auf den »Altkommunisten« Schmitt: Er beschwerte sich, die DKP habe den 100. Geburtstag von Max Reimann zu wenig gewürdigt und beendete seine »Leserzuschrift« mit den Worten: »Die alten Kommunisten mit ihrer immer treu zur Partei und unserer Idee gestanden habenden Vergangenheit gehören auch in der Gegenwart zur DKP – und, nicht als Überheblichkeit zu verstehen, gehört die DKP auch uns noch lebenden ›Altkommunisten‹ die wir sie konstituiert haben.«  Das klang nach dem Apparatschik, dem ich 1950 begegnet war. Aber was hatte er während dieser Jahrzehnte getan? Im September 1999 las ich in der UZ zum 80. Geburtstag »Harry Schmitts« zwei Anzeigen, eine vom DKPBezirksvorstand Berlin und eine von »Edith für alle unsere Schmitts«. Voller Lob über den »Offizier der Roten Armee« und »leitenden Funktionär der KPD in West-Deutschland«. Also war es der mir bekannte Harry Schmitt. Dann stand im November 1999 in der UZ eine Todesanzeige, Harry Schmitt war am 27. Oktober 1999 in Berlin gestorben. Er wurde nun über alles geehrt als »echter Bolschewik«, als »unerschrockener, standhafter Kommunist im Geiste von Ernst Thälmann«. Der Parteivorstand der DKP versprach, »in seinem Sinne für eine sozialistische Alternative weiter« zu kämpfen. Und seine »DKP-Gruppe Berlin-Nordost« bescheinigte ihm, »bis zuletzt« ein »erfahrener Erzieher« für die nachfolgende Generation gewesen zu sein. Außer solchen Floskeln kein Wort über Schmitts wahre Tätigkeit. Später entdeckte ich im Berliner DKP-Organ Rotfuchs einen Nachruf »zum Tod eines Kommunisten«. Harry Schmitt sei in den 60er Jahren »Sekretär des Politbüros der KPD« und dann »leitender Mitarbeiter des PV«, des Parteivorstandes der DKP, also »das Beispiel eines proletarischen Internationalisten« gewesen. Seinem »letzten Willen entsprechend« wurde die Urne beim Begräbnis in die »Sowjetfahne mit Hammer, Sichel und Stern gehüllt«. Wichtiger als die Schilderung dieses gespenstischen Zeremoniells noch im Jahr 1999, acht Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, war der interessante Hinweis, dass es gegen Schmitt »ein Verfahren wegen unterstellter Agententätigkeit der DKP und SED zu Sabotagezwecken« in der Bundesrepublik gegeben habe. Doch: »Der Vorgang mußte eingestellt werden«. Aber über die »Gruppe Forster« wurde nichts mitgeteilt. Die Frankfurter Rundschau veröffentlichte (wie vorher im Mai Die Welt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung; siehe Anm. 2) 2004 nach den Enthüllungen von Marianne Birthler einen Artikel von Karl-Heinz Baum, dem ehemaligen Korrespondenten in der DDR.[9] Auch in seinem Bericht über die illegale Zersetzungsgruppe der DKP »Ralf Forster« erwähnte er den Namen Harry Schmitt. Und als ich dankenswerter Weise von der Birthler-Behörde die relevanten StasiUnterlagen bekam, war ich sicher: Ralf Forster – das ist Harry Schmitt.  Harry Schmitt als Leiter der Gruppe »Ralf Forster« Mit den heute zugänglichen Archivalien[10] sind Harry Schmitts Wege zu rekonstruieren und »Forsters« Aktivitäten zu belegen. Er zog 1953 samt Familie in die DDR, zunächst kurz nach Brandenburg (Havel), wo auch seine Mutter Anna nach ihrer Rückkehr aus der Sowjetunion angesiedelt wurde. Danach lebte er bis zu seinem Tod in Ost-Berlin, und hier allerdings mit einer Doppelidentität. In der DDR war er Mitglied der SED und ihrer Massenorganisationen sowie als Abteilungsleiter für Koordinationsfragen im Büro des Ministerrates der DDR beschäftigt (dort ab 1. September 1987 formelle Beendigung des Arbeitsverhältnisses, nun »Rentner«). Dahinter verbarg sich in Wahrheit aber eine jahrelange konspirative Tätigkeit für die illegale KPD und danach für die DKP.  Ab den 70er Jahren war Schmitt zudem »positiv erfaßt für MfS Berlin, BdL II (Büro der Leitung), Oberst Harnisch«. Seit der Gründung und Legalisierung der DKP besaß er als »Staatsangehöriger BRD« (offensichtlich in Frankfurt am Main gemeldet) eine »Dauer-Einreise-Avisierung« [sic!] für die DDR über den Bahnhof Friedrichstraße mit einer »Dauereinlaßkarte des ZK der SED«. Während Harry Schmitt mit der Familie offiziell in Ost-Berlin gemeldet war und dort auch wohnte (zwei Söhne und ein Schwiegersohn wurden hauptamtliche Mitarbeiter des MfS), gehörte er tatsächlich zur Spitzenführung der seit 1956 verbotenen westdeutschen KPD. Er war Kandidat des ZK der illegalen Partei und verantwortlich für Kaderfragen. Sogar auf der Teilnehmerliste der konspirativen Tagung des 54köpfigen ZK im März 1966 ist er namentlich registriert (wie Jupp Angenfort, Manfred Kapluck, Herbert Mies, Albert Buchmann, Max Reimann, Fritz Rische, Fritz Salm, Karl Schabrod oder Gustav Müller)[11], zunächst trug er noch den Parteinamen »Lutz«. Doch schon 1967 erhielt das MfS vom rumänischen Sicherheitsdienst eine »Warnliste« der belgischen Polizei, auf der wieder der Name Harry Schmitt stand. Diese Liste wurde der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) der illegalen KPD übergeben als »sogenannte Rote Liste« westlicher Geheimdienste mit ca. 400 bis 500 Personen.[12] Ab Gründung der DKP 1968 leitete Schmitt die Geheimarbeit der »neuen« legalen Partei, zwecks Tarnung blieb sein Wohnsitz jedoch Ost-Berlin. Da er bereits für die illegale KPD so genannte »Sicherheitsgruppen« organisiert hatte (einige Unterlagen darüber wurden 1966 vom MfS vernichtet), erledigte er nun ähnliche Arbeiten für die DKP. Zugleich saß er in der ZPKK der illegalen KPD, die ab Januar 1970 konspirativ auch für die DKP zuständig wurde. Was bedeutete, nur deren oberste Parteichefs Kurt Bachmann und Herbert Mies durften »mündliche Auskünfte erhalten«. Schmitts Hauptaufgabe war die Schaffung und Leitung einer Militärorganisation. In einem Bericht des MfS heißt es darüber eindeutig: Mit Gründung der DKP [1968] wurde Harry Schmitt von der »Parteiführung« der SED (!) beauftragt, eine »Gruppe Ralf Forster« zu bilden.[13]  Seit 1969 musste das MfS, das Büro der Leitung (BdL II), die »Absicherung und Gewährleistung der speziellen Tätigkeit der neu gebildeten konspirativen Gruppe ›Ralf Forster‹« übernehmen. Darüber hieß es in diesem Schreiben wörtlich: »Die Parteiführung beauftragte den Gen. Harry Schmitt mit dem Aufbau und die [sic!] Leitung der Gruppe Ralf Forster. Sie stellte ihm die Aufgabe, bei der weiteren Entwicklung der Gruppe die Verbindung zum Ministerium für Staatssicherheit aufzunehmen. Dementsprechend erfolgten seinerseits mehrere Absprachen mit dem Gen. Minister für Staatssicherheit – und es fanden auch Abstimmungen mit dem Gen. Minister für Nationale Verteidigung statt. Das Aufgabengebiet der Gruppe Ralf Forster bildete sich erst 1969/70 heraus und diente der Absicherung illegaler Gruppen innerhalb der DKP, die sich u. a. auch mit militärischen Aufgaben beschäftigten. Nach Kenntnis des BdL (II) haben von der Existenz dieser Gruppe ›Ralf Forster‹ nur wenige Gen. des Politbüros der SED und des Präsidiums der DKP Kenntnis!« Der entscheidende Satz im MfS-Bericht lautete: »Die spezifische Aufgabe der Gruppe Ralf Forster besteht darin, Genossen der DKP auszuwählen, die verlässlich sind und die durch eine spezielle Schulung und Ausbildung für militärische Aufgaben in der BRD vorbereitet werden […].« Die formale Leitung der »Gruppe Forster« hatte ein »Militär-Rat« der DKP, der ebenfalls in Ost-Berlin residierte. Aus den Unterlagen des MfS geht indes hervor, dass die tatsächliche Führung (einschließlich der finanziellen Versorgung) in den Händen von Ralf Forster, also Harry Schmitt lag, der die direkte Verbindung zum MfS-Chef Erich Mielke innehatte. Der »Militär-Rat« der DKP wurde ebenfalls vom MfS »betreut«. Im Schreiben der MfS-Führung heißt es dazu:  »Der von der DKP gebildete Militär-Rat führt seine Tagungen in der Hauptstadt der DDR, Berlin, durch. Genutzt werden dafür Objekte der Abt. Verkehr der SED. Das Arbeitssubjekt der Gruppe R. F. wird allerdings nur von den dort tätigen hauptamtlichen Kadern genutzt, es finden keine Tagungen darin statt. Ab 1969 bis etwa Mai 1972 erfolgte die Lösung der erforderlichen Absicherungsaufgaben und Hilfeleistungen bei bestimmten Fragen gegenüber den Genossen von der DKP nur durch den Leiter des BdL (II) Gen. Oberst Harnisch selbst. Er koordinierte alle entsprechenden zu lösenden Aufgaben direkt mit dem Leiter der Gruppe Gen. Harry Schmitt. Alle genannten bzw. bekannt werdenden Kader der DKP die im Zusammenhang mit der Arbeit der Gruppe R. F. standen, wurden nach der Überprüfung in einem bereits bestehenden Sondervorgang beim Leiter des BdL (II) erfaßt. Im Ergebnis der Überprüfungen nach dem Gesichtspunkt ›Wer ist Wer‹, wurden entsprechende Hinweise zu Personen gegeben, bestimmte Materialien ausgetauscht und Sicherheitsprobleme beraten.«[14] Das ist deutlich genug. Zunächst fanden die militärischen Ausbildungen in Ungarn sowie der ČSSR statt. Als sich nach Abschluss des Moskauer Vertrags 1970 auch deren Beziehungen zur Bundesrepublik besserten, wollten Prag und Budapest die »Ausbildung« der »Gruppe Forster« einstellen, daher musste die DDR nun die Verantwortung für westdeutsche Zersetzungsgruppen übernehmen. Forster persönlich, also Harry Schmitt, behielt indes weiterhin »besonders Kontakte« nach der »VR Ungarn, der ČSSR sowie nach Österreich und Dänemark«. Aus konspirativen Gründen trug Harry Schmitt in Karteikarten und anderen Papieren des MfS zwar das Pseudonym Ralf Forster, doch weil darin sowohl der Geburtsort Halle und Geburtsdatum 17. 9. 1919 festgehalten waren – wie seinerzeit bei mir als »Wunderlich« – ist die wirkliche Identität Forster-Schmitt leicht nachzuweisen. Aus der Stasi-Hinterlassenschaft ist außerdem zu belegen, dass Harry Schmitt alias Ralf Forster den Militärapparat »Gruppe Forster« mit zuverlässigen Funktionären wie ein ungekrönter König beherrschte. Die direkte militärische Ausbildung in der DDR erfolgte durch die Nationale Volksarmee. Abgeschirmt wurde die Gruppe vom Ministerium für Staatssicherheit, und das war zuständig bis hin zur Finanzierung von »Forsters Männern«, die in einem geheimen »Objekt« für Sabotage und in anderen Fächern geschult wurden. Schon 1976 waren vom MfS für die »Gruppe Forster […] 285 Kader […] absicherungsmäßig erfaßt«, wovon 28 Funktionäre bereits bis dahin vier »Lehrgänge« besucht hatten. Für deren Ausbildung im »Objekt Springsee« wurden im Juli 1974 die »in der NATO/BuWe üblichen Handfeuerwaffen« angefordert, sowie Handschellen, Knebelketten und Schlagringe. Später wurde sogar mit zahlreichen Chemikalien experimentiert. Handschriftlich ist auf der Akte vermerkt: »Der Minister [also Mielke] hat bereits Zusage gegeben«. Pro Jahr sollten »45 Personen« geschult und für jede Waffe »3 000–4 000 Schuß« bereitgestellt werden. Zur »Betreuung« durch das MfS gehörte auch die »Beschaffung« von »Arbeitsobjekten«, also geheimen Ausbildungsorten. Aus den MfS-Unterlagen geht hervor, welche Ressourcen »Forster« und seiner Gruppe zur Verfügung standen. Beispielsweise hieß es dazu:  »Das bis Januar 1975 von der Gruppe R. F. genutzte Arbeitsobjekt (Eigentum des ZK der SED) in Berlin-Lichtenberg, lief unter der Abdeckungsbezeichnung ›Projektnormierung‹. Aufgrund von Feststellungen der Gruppe R. F. im Dezember 1974, daß ihr Arbeitsobjekt dekonspiriert – dem Bundesverfassungsschutz und dem englischen Geheimdienst – bekannt ist, wurde dieses Objekt im Austausch mit dem Objekt der Abt. Feriendienst des MfS in Berlin – Grünau, Regattastraße 141, an das MfS ›BdL‹ übergeben. Seit Februar 1975 wird nun dieses Objekt unter der Abdeckungsbezeichnung ›Zentralmechanisierung der Vereinigung Wirtschaftsbetriebe des Ministerrates der DDR‹ als neues konspiratives Arbeitsobjekt durch die Gruppe Ralf Forster genutzt. Die politisch-operative Absicherung des Objekts erfolgt durch das BdL (II) und die innere Objektabsicherung sowie die materiell-technische Versorgung erfolgt durch die AG II der HA PS, wobei eine enge Zusammenarbeit zwischen diesen 2 DE mit dem Ziel der ständigen allseitigen Objektabsicherung erfolgt. Es wurde auch zeitweilig ein Sonderobjekt von der HA VI von den Gen. der Gruppe R. F. in Berlin-Köpenick genutzt. Durch die NVA wurde für die Gruppe R. F. ein Ausbildungsgebiet mit einer besonderen Ausbildungsbasis – unter der Bezeichnung Objekt A – im Raum Storkow zur Verfügung gestellt. Diese Ausbildungsbasis wird allerdings nur jeweils in der Zeit der stattfindenden militärischen Ausbildungen – also 2–3-mal jährlich – von der Gruppe R. F. genutzt. In den Zwischenzeiten wird dann das Objekt von der NVA genutzt bzw. gewartet. Nach vielen Kader- und organisatorischen Vorbereitungen durch die Gruppe R. F., bei denen dem BdL (II) alle Kaderüberprüfung sowie auch materiell-technische und die operative Absicherung dieser Sonder-Ausbildungsbasis zufielen, wurde der 1. Lehrgang mit 6 Kadern aus der BRD vom 1. 9. 74 bis 20. 11. 74 mit Erfolg durchgeführt.«[15] Aus dem Stasi-Kauderwelsch geht die Rolle der »Gruppe Forster« ebenso hervor wie der Aufwand, der für sie in der DDR getrieben wurde. Es ist bemerkenswert, wie viele DKP-Mitglieder schon in der Anfangsphase in die geheime militärische Ausbildung einbezogen wurden. Über deren Praktiken notierte das MfS: »Mit dem Stand vom 2. 6. 76 sind für die Gruppe Ralf Forster insgesamt 285 Kader der DKP sowie Gen. der SED, absicherungsmäßig erfaßt. Davon 224 BRD-Personen, 3 WB [West-Berlin]-Personen und 58 DDR-Personen. In insgesamt 11 Sondervorgängen des BdL (II) sind davon 243 Personen erfaßt. In 13 Sondervorgängen des BdL (II) in den Bezirksverwaltungen des MfS sind da von 42 Personen erfaßt. Von den 285 erfaßten Personen sind u. a.: 28 Teilnehmer von 4 Lehrgängen bei der Gruppe R. F.; 16 ausgeschiedene Kader der Gruppe R. F.; 2 Kuriere (in Westberlin wohnhaft); 136 für die Gruppe R. F. zur Auswahl für Lehrgangsteilnehmer überprüfte Kader der DKP – darüber wurden 136 Auskunftsberichte gefertigt, die der Gruppe R. F. zur Auswertung übergeben wurden. […] In 54 Monaten wurden also insgesamt 1 312 Schleusungen von 82 Mitarbeitern der Gruppe Ralf Forster (ein- bis mehrmalige Schleusungen der einzelnen Mitarbeiter) durchgeführt. Davon erfolgten 1 167 Schleusungen mit 43 Personen über die GÜST [Grenzübergangsstelle] Berlin – Bhf. Friedrichstraße und 145 Schleusungen mit 36 Personen über die GÜST ZF Berlin-Schönefeld […]. Die Mitarbeiter der Gruppe Ralf Forster wurden entsprechend den gestellten Anforderungen von uns mit operativen Dienstdokumenten und Ausweisen versorgt.«[16]  Fast bedauernd wurden vom MfS allerdings auch eigene Schwierigkeiten registriert: »Hierbei ergibt sich aber, daß die in der BRD wohnhaften und tätigen Kader der DKP, die überwiegend durch die Gruppe R. F. für die speziellen militärischen Aufgaben verpflichtet wurden, keinerlei operativen Kontrollen durch uns in der BRD unterliegen; Mängel in der Zusammenarbeit bestehen auch dahingehend, daß zur Kaderauswahl der Kursanten für die speziellen militärischen Lehrgänge auf Anforderungen der Gruppe R. F. von uns konkrete Auskunftsberichte – unter Kontrolle des Sekretariats des Gen. Minister – übergeben werden. Diese Ergebnisse werden zur Einschätzung der zur Auswahl stehenden Kader von der Gruppe R. F. genutzt, jedoch erhalten wir keinen Rücklauf betreffs der weiteren Feststellungsergebnisse zu diesen Personen sowie den weiteren getroffenen Entscheidungen betreffs ihres weiteren künftigen Einsatzes bzw. den Gründen der Ablehnung. […] Aufgrund des Charakters dieser Gruppe, der speziellen Ausbildung dieses Apparates für besondere Aktionen in der BRD, können die Absicherungsaufgaben auf unserer Linie nicht allseitig gelöst werden; Dementsprechend wurden vom Leiter des BdL (II) bereits entsprechende Vorschläge dem Gen. Minister bzw. dem Gen. Generalleutnant zugeleitet«.[17] Diese geheimen militärischen Machenschaften Ost-Berlins gegen die Bundesrepublik kosteten die DDR über die Jahre hinweg Unsummen. Bei der Abteilung Finanzen des MfS gab es für die Gruppe Forster ab 1973 einen eigenen Haushaltsplan, den Mielke zwar bestätigen musste, über den aber Schmitt-Forster verfügte. Belegt ist: Auf seine Anforderungen hin wurden beispielsweise im November 1975 310 000 DM (West) und 75 000 Mark (Ost) sowie 69 000 ungarische Forint und 15 000 Kronen der ČSSR abgerufen, oder im März 1983 250 000 DM (West), aufgeschlüsselt in 1 000- und 500-Mark-Scheine, ausgezahlt. Das Geld wurde stets per Unterschrift »R. Forster« abgerufen. Für den Haushaltsplan der »Gruppe Forster« waren z. B. 1974 2,3 Millionen, für 1976 2,2 Millionen eingesetzt. In den fünf Jahren von 1981 bis 1985 erhielt »Forster« für die Aktivitäten, nachweislich knapp 15 Millionen, darunter 10,8 Millionen DM (West). Hier als Beispiel ein Dokument über die Modalitäten der Finanzierung: »Mit Schreiben vom 24. April 1984 bittet der Gen. ›Ralf Forster‹, ihm aus seinem ›Konto Forster‹ – Haushaltsplan 1984 – im Laufe der nächsten Tage folgende Beträge zur Verfügung zu stellen: in Mark 150 000,00 (Einhundertfünfzigtausend – in 100- und 20-Mark-Scheinen); in DM 150 000,00 (Einhundertfünfzigtausend – in 500- und 100-Mark-Scheinen). Ich bitte um Auszahlung. Blank Oberstleutnant«. Das Konto »Ralf Forster« wurde übrigens per MfS-Order erst am 28. November 1989 aufgelöst. Dazu bemerkte der bislang zuständige Generalleutnant des MfS Kratsch lakonisch, das 1973 eingerichtete »Konto Forster« werde »mit sofortiger Wirkung nicht mehr benötigt«.[18] 1983 berichtete das MfS stolz, welche guten »Arbeitsmöglichkeiten« die »Organe« für Ralf Forster und seine »Gruppe« geschaffen hatten: »Der konspirativ tätigen Gruppe ›Ralf Forster‹ steht somit – unter unserer Kontrolle – ein inoffizielles Netz zur Verfügung, das für sie in bisher noch nie vorhandener Stärke und Qualität alle operativen Variationsmöglichkeiten der Nutzung zuläßt.«[19] Seine angebliche Anstellung bei der Regierung der DDR diente mit diesem »Doppelleben« lediglich als bloße »Tarnung« durch das MfS. Denn ab September 1971 wurde »seitens des BdL«, also des Büros der Leitung des MfS »in Verbindung mit der HA XX«, beim Ministerrat »eine Institution abgedeckt [sic!] unter der Bezeichnung: DDR, Büro des Ministerrates, Koordinierungsstelle«. Für dieses ScheinArbeitsverhältnis sind sämtliche Sozialversicherungsbeiträge, die Bezüge usw. des Leiters und der führenden Funktionäre der »Gruppe Forster« abgeführt worden. Harry Schmitt wusste seine zwielichtige Rolle hinter einem typischen »JanusGesicht« zu verbergen. Formal blieb er neben seinem offiziellen DDR-Scheinarbeitsverhältnis im DDR-Ministerrat sowie der Tarnung als SED-Funktionär (er war mit Klarnamen Harry Schmitt auch Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft sowie weiterer Massenorganisationen) immer ein Mitglied in der KPD- bzw. DKP-Führung. Als solches gehörte Harry Schmitt z. B. der »Gästegruppe der DKP zur Teilnahme am X. Parteitag der SED« im April 1981 an.[20] Vor allem war er aber 20 Jahre lang der strikt konspirativ tätige »Ralf Forster«. Dieser Mischmasch wurde in der »Legende« über sein Leben durch vielsagende Allgemeinplätze verschleiert. Harry Schmitts Bewertung hatte das MfS für die Unterlagen eines Sohnes beispielsweise so zusammengefasst: »Der Gen. Sch. ist unmittelbar nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus in verschiedenen Bereichen unserer Partei und des Staats erfolgreich tätig gewesen. Seine umsichtige Arbeit, seine Prinzipientreue und seine Qualitäten auf speziellen Gebieten gestatteten es, daß Gen. Sch. mit sehr wichtigen Aufgaben betreut wurde. Partei und Regierung würdigten seine Leistungen mit hohen staatlichen und gesellschaftlichen Auszeichnungen. Negative Fakten sind uns nicht bekannt.«[21] Ein Hinweis lautete: »Spezialeinheiten der Roten Armee 1941–1945«, und an anderer Stelle war notiert: »Harry Schmitt erlernte den Beruf eines Mechanikers/Technikers, leistete jedoch den überwiegenden Teil erfolgreiche Partei und Staatsapparatsarbeit. Alle von Partei und Regierung übertragenen Aufgaben löste der Genosse Schmitt mit besten Ergebnissen […] Unsere Partei und Regierung würdigten die Leistungen des Genossen Harry Schmitt mit hohen staatlichen und gesellschaftlichen Auszeichnungen. Im Wohn- und Freizeitbereich ist Genosse Schmitt, falls es seine fachlichen Aufgaben gestatten, stets bereit, sich an zentralen Einsätzen usw. zu beteiligen.« Das alles diente jahrelang der Vertuschung seiner führenden (illegalen) Funktion in der KPD bzw. DKP, vor allem aber der absoluten Geheimhaltung, dass Schmitt unter dem Decknamen »Forster« eine für die SED wichtige illegale Militärorganisation in der DDR gegen die Bundesrepublik leitete. Trotz aller Machtfülle blieb er freilich immer in die stalinistischen Strukturen des DDR-Systems eingebunden. Während er einerseits (etwa am 11. Dezember 1972 in einer »Geheimen Verschlußsache«) das MfS um die »Observation« eines westdeutschen Bürgers in Ost-Berlin gebeten hatte, wurden andererseits im Überwachungsstaat DDR sogar IM-Berichte über ihn abgeliefert. Das war z. B. 1982 der Fall, als sich Schmitt mit dem Außenhandelsminister der DDR, Kurt Gregor, traf. Ja, selbst die Einstellung einer Putzfrau musste wegen seiner doppelten Identität vom MfS organisiert werden. Kurios, dass es anlässlich der »Republikflucht« einer DDRBürgerin zu Aufregungen kam, weil diese bereits vorher herumerzählt hatte, dass ihr Nachbar, der SED-Funktionär Schmitt »häufig nach Westdeutschland« fahre. Einiges spricht übrigens dafür, dass Schmitt sich auch als sowjetischer Agent betätigte. Fast zwei Jahrzehnte hatte Schmitt (faktisch nur mit direkter Anweisung Mielkes) neben seiner DKP-Kaderarbeit eine der geheimsten Unternehmungen der DDR geleitet. Deren Ziel war es, die Bundesrepublik zu zersetzen und dort im Krisen- oder gar Kriegsfall »militärisch« einzugreifen. Erst mit dem Zusammenbruch des SED-Regimes endeten die teuren und gefährlichen konspirativunkontrollierten Planspiele und Schmitts Verschwörungs-Geheimapparat gegen die Bundesrepublik. Mit der abenteuerlichen Politik der KPD- bzw. DKP-Spitze in der »Militärfrage« korrespondierte die nicht weniger abenteuerliche Karriere ihres langjährigen führenden Funktionärs Harry Schmitt. Das war zwar nicht unbedingt charakteristisch, aber doch symptomatisch für die Laufbahn eines kommunistischen Parteikaders und entsprach damit durchaus der Typologie eines ergebenen stalinistischen Apparatschiks. Vor allem aber: Schmitt-Forsters gefährliche, geheimnisvolle und kostspielige Mission, sein Leben mit einer doppelten Identität und nicht zuletzt seine skrupellosen Machenschaften »für die Sache« sind drastisch genug, um sie als Nachweis stalinistischer Praktiken nachträglich öffentlich zu machen. [1]  Nach Fertigstellung dieses Artikels erschien erstmals eine kursorische Zusammenfassung der Tätigkeit der »Gruppe Forster«. Da auf den Leiter lediglich am Rande eingegangen wird, ist auf diesen wichtigen Aufsatz nur hinzuweisen. Baron, Udo: »Gruppe Ralf Forster«. Die geheime Militärorganisation von DKP und SED in der Bundesrepublik, in: Deutschland Archiv 38 (2005), H. 6, S. 1009–1016.  [2]  Siehe zur damaligen Berichterstattung Heinen, Guido: »Sie werden lernen, den Gegner lautlos zu beseitigen«. Wie die DDR westdeutsche DKP-Kader für den Terrorkampf in der Bundesrepublik ausbildete, in: Die Welt vom 19. Mai 2004; Die DDR bildete einen militärischen Arm der DKP aus. Stasi-Unterlagen über die »Gruppe Forster« rekonstruiert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Mai 2004. Erstmals berichtete Der Spiegel in einer längeren Story über die Militärorganisation der DKP Anfang 1990, allerdings ohne diese als »Gruppe Forster« zu benennen. Schüsse am Scharmützelsee, in: Der Spiegel Nr. 1 vom 1. Januar 1990, S. 65–70. [3] Weber, Hermann in Zusammenarbeit mit Gerda Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002. [4]  Siehe dazu die Beschreibungen in Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß (Anm. 3). [5]  Siehe die Einleitung zum Typus des Funktionärs in Weber, Hermann/Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, Berlin 2004, S. 17–32. [6]  Sozialistischer Informationsdienst vom 10. Februar 1950, Beilage, S. II ff. [7]  Siehe zu seiner Person Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 680 f. [8]  Weber, Hermann: Weiße Flecken in der Geschichte. 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1990, S. 92. [9]  Baum, Karl-Heinz: Knallkörper Pirat, 50 Stück, in: Frankfurter Rundschau vom 2. Juni 2004. [10]  Siehe u. a. Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (im Folgenden: BStU) Zentralarchiv, MfS HA II/19, Nr. 2565, 13801, 23568, 31292, 28479, 28491, 1493, 3034 u. 14303 und BStU Zentralarchiv, MfS Abt. Finanzen, 384. Für die Unterstützung danke ich der Leiterin der Behörde, Marianne Birthler und ihren Mitarbeitern, insbesondere Herrn Roberto Welzel. [11]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 31292. [12]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II/19, Nr. 13801. [13] BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [14]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [15]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [16]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [17]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [18]  BStU Zentralarchiv, MfS, Abt. Finanzen, 384. [19] BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 2879. [20]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II/19, Nr. 14203. [21] BStU Zentralarchiv, MfS, KS 16882/90.

JHK 2006

»Gegenüber Polen herrscht ein allgemeiner Unwille« Zwei Dokumente der Polnischen Militärmission aus dem Jahr 1946 zur Einschätzung der SED

Jerzy Kochanowski

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war die Haltung der polnischen Kommunisten gegenüber den Entwicklungen in Deutschland von weit reichenden Ambivalenzen geprägt. Ähnlich gespalten war das Verhältnis zur KPD. Einerseits stand es außer Frage, dass die Aufnahme von Kontakten zwischen den polnischen und den deutschen Kommunisten aufgrund der gemeinsamen politischen Schutzmacht Moskau lediglich eine Frage der Zeit sein konnte. Andererseits musste in Polen die eindeutige, von Hass und dem Wunsch nach Vergeltung geprägte Haltung der Bevölkerung gegenüber den Deutschen berücksichtigt werden, nicht zuletzt deshalb, weil diese Gefühle in beträchtlichem Maße zur Legitimierung der neuen polnischen Führung beitrug. Die Vision einer Bedrohung aus dem Westen (auch jenem direkt hinter Oder und Neiße gelegenen), gegen welche angeblich nur die neuen östlichen Verbündeten und das neue politisch-gesellschaftliche System ausreichend Schutz bieten könnten, wurde deswegen von den polnischen Kommunisten sorgsam gehegt.[1] Während allerdings die katholische und sozialistische Presse wie auch die der Bauernpartei den Linksschwenk in der SBZ kompromisslos kritisierten,[2] hüllten sich die kommunistisch dominierten Medien entweder in Schweigen oder aber lavierten zwischen Feindseligkeit und Gleichgültigkeit. Es bleibt auch unklar, wie (und ob überhaupt) die polnische Führung auf die von Stalin am 26. Mai 1945 erlassene Genehmigung zur Gründung »antifaschistischer Parteien« sowie »freier Gewerkschaften und gesellschaftlicher Organisationen« in der späteren SBZ reagierten. All dies bedeutet jedoch nicht, dass es keinerlei Kontakte zwischen den deutschen und polnischen Kommunisten gegeben hätte. Auf beiden Seiten von Oder und Neiße wurden Bekanntschaften aus Zeiten des Spanischen Bürgerkriegs weiter gepflegt.[3] Die Tatsache allerdings, dass sich – zumindest auf polnischer Seite – ein bedeutender Teil prominenter Bürgerkriegsveteranen in der Armee oder bei der politischen Polizei wieder fand, verlieh diesen Kontakten einen spezifischen, weitgehend inoffiziellen Charakter. Kaum eine Bedeutung scheinen demgegenüber Bekanntschaften gehabt zu haben, die in Konzentrationslagern geschlossen worden waren. Die Lagerhaft von Józef Cyrankiewicz[4] in Mauthausen, wie auch die von Jan Izydorczyk[5] in Buchenwald (wo letzterer Mitglied des Internationalen Lagerkomitees war), wurden erst seit Ende der 40er Jahre genutzt, jedoch auch dann hauptsächlich zu Propagandazwecken. Eine entscheidende Rolle spielte nämlich allein die Tatsache, dass auf beiden Seiten der Oder der innere Kreis der Parteielite von Aktivisten gebildet wurde, die den Krieg in der UdSSR verbracht hatten. Zu ihnen gehörte Oberst (später General) Jakub Prawin (1901 bis 1957), der Autor der beiden hier veröffentlichten Dokumente. Da Prawin für die Kontaktaufnahme zwischen den polnischen und deutschen Kommunisten (wie auch weitgehend für die gesamte »Deutschlandpolitik« Warschaus) verantwortlich war, soll an dieser Stelle etwas ausführlicher auf seinen Werdegang eingegangen werden: Der Sohn jüdischer Arbeiter schloss in Wien ein Studium der Ökonomie mit Promotion ab. Seit 1931 war er Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei Polens (Komunistyczna Partia Polski, KPP), weshalb er mehrere Jahre im Gefängnis verbrachte. Im September 1939 gelang ihm die Flucht in die Sowjetunion, wo er in den Jahren 1941 bis 1943 in der Roten Armee kämpfte (u. a. bei Stalingrad). 1943 wurde er in Funktion eines Politoffiziers den in der UdSSR gebildeten polnischen Truppen zugeteilt. 1945 war er Bevollmächtigter der polnischen Behörden für die Polen zugesprochenen Teile Ostpreußens. Ende desselben Jahres wurde er zum Chef der Polnischen Militärmission in Berlin ernannt und verblieb in dieser Funktion bis 1950.[6] Prawin entsprach keineswegs dem Typus eines »Apparatschik«, der lediglich Befehle ausführt. Von Beginn an bemühte er sich, in die Komplexität der deutschen Strukturen einzudringen und überzeugte sich hierbei auch von der Unabdingbarkeit einer Koexistenz von Polen und Deutschen. Er verstand es, seine Voreingenommenheit den Deutschen gegenüber abzulegen und war damit – wie es Edmund Osmańczyk formuliert hat – »das seltene Exemplar eines Polen, der frei war vom Brandgeruch kriegsbedingter Ressentiments«[7]. Allerdings lässt sich nur schwer abschätzen, inwieweit seine Handlungen von einem seiner Zeit weit vorauseilenden Willen zur Verständigung oder vielmehr allein von seinem harten politischen Realismus bestimmt waren. Unter diesem Gesichtspunkt war Prawin seinem häufigsten Gesprächspartner aus der SED, Walter Ulbricht, nicht unähnlich. Genauso wie Ulbricht war auch Prawin ein eiskalter, oft zynischer Taktierer, ein unnachgiebiger Verhandlungspartner, der einzig die eigene Staatsraison im Auge hatte und sich kaum weiter um die Rechte der Kontrahenten kümmerte.  Es besteht indes kein Zweifel daran, dass Prawin Kontakte zu sämtlichen Kreisen der SBZ anstrebte, nicht nur zur sowjetischen Besatzungsmacht und zur radikalen Linken (KPD, später SED), sondern auch zu Vertretern anderer politischer Richtungen sowie zu Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft. Charakteristischerweise wählte er für das erste Treffen nicht etwa einen prominenten Vertreter von KPD oder SPD, sondern den Schriftsteller und Vorsitzenden des Kulturbundes Johannes R. Becher.[8] In seinen ersten Berichten billigte er der Vereinigung von KPD und SPD zur SED keine besondere Bedeutung zu. Prawin betonte, dass »diese Fusion […] keine Zeichen eines spontanen Aktes aufweisen, sondern vielmehr [die] einer Aktion aus Initiative des schmalen Parteiaktivs unter den Auspizien der sowjetischen Führung. Von Seiten der Massen ließ sich keine Aktivität erkennen, sondern eher die passive und loyale Unterordnung unter die Anweisungen der Parteiorgane«[9]. Man beachte zudem, dass auch die polnische Presse die Gründung der SED nur beiläufig erwähnte – zum Beispiel die Zeitung Głos Ludu (Stimme des Volkes) Nr. 111 vom 23. April 1946 – und dass die Führung der kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza, Abk.: PPR)[10] ihre Gratulationen erst am 20. Mai 1946 – exakt einen Monat nach Beendigung des Vereinigungsparteitags – nach Berlin übersandte.[11] Zur gleichen Zeit bemühte man sich, die politische Szene Deutschlands zu überwachen, wozu unter anderem ein – auch in der SBZ – gut ausgebautes Agentennetz benutzt wurde.[12] Es stand jedoch außer Frage, dass die SED langfristig der einzige wirkliche Partner der PPR in der SBZ sein würde, so dass die Aufnahme direkter Kontakte lediglich eine Frage der Zeit sein würde. Zu einem ersten Treffen Prawins mit Walter Ulbricht, den er für den besten Kenner polnischer Angelegenheiten erachtete, kam es am 15. Juli 1946 (siehe Dokument 1). Das Gespräch drehte sich um allgemeine Fragen, doch kam auch eine eventuelle Zusammenarbeit beider Parteien zur Sprache. Diese sei jedoch – so Ulbricht – erst zu einem späteren Zeitpunkt möglich, nämlich nach Abschluss einer ersten Etappe der Parteiarbeit »auf nationaler Basis«.  Die grundlegende Barriere, die – im Übrigen für beide Seiten – eine engere Zusammenarbeit vorerst ausschloss, war die Oder-Neiße-Grenze, die von den SEDFunktionären noch lange Zeit als eine provisorische betrachtet wurde (siehe das Dokument 2). Als die SED im Vorfeld der für Herbst 1946 geplanten Kommunalwahlen eine »Grenz«-Kampagne initiierte, versuchte Warschau an die SEDSpitze heranzutreten. Zu diesem Zweck wurde die »spanische« Bekanntschaft der ranghohen Militärs Karol Świerczewski[13] und Henryk Toruńczyk[14] mit Franz Dahlem genutzt. Nachdem die streng geheimen Verhandlungen zwischen PPR und SED zu diesem Thema im Herbst 1946 zu keinem Ergebnis führten,[15] rückte selbst die polnische kommunistische Presse von ihrer bisherigen zurückhaltenden Position ab und begann, die SED direkt anzugreifen.[16] Die Beziehungen von SED und PPR begannen sich erst 1947 schrittweise zu verbessern. Zum eigentlichen Wendepunkt in den Kontakten zwischen den beiden Parteien kam es allerdings erst im Frühjahr und Sommer 1948, als die SED aufgrund der internationalen Lage ihren Kampf um eine Revision der OderNeiße-Grenze aufgab. In der polnischen Presse wurde nun ein Bild der SBZ als separatem deutschen Staat sowie der SED als dessen unabhängiger Regierungspartei entworfen. Während des in Wrocław (Breslau) abgehaltenen »Weltkongresses der Intellektuellen für den Frieden« vom 25. bis 28. August 1948 wurde die deutsche Delegation vom polnischen Ministerrat empfangen.[17] Beim Besuch Walter Ulbrichts in Warschau (Oktober 1948) konnte man indes bereits den Eindruck gewinnen, Polen empfange das Oberhaupt eines befreundeten Staates. Als entscheidende Geste kann jedoch die Anwesenheit einer SED-Delegation auf dem Vereinigungsparteitag von PPR und Polnischer Sozialistischer Partei (Polska Partia Socjalistyczna, Abk.: PPS) zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, Abk.: PZPR) im Dezember 1948 gewertet werden. Die Beziehungen von SED und PZPR vollzogen sich schon bald in einem fest gefügten Rahmen. Schon 1948 tauschten die beiden Parteien wechselseitig Neujahrsgrüße aus,[18] das Vokabular wurde ritualisiert (es war die Rede von den deutschen und polnischen »Freunden«), ebenso die gegenseitigen Treffen, die grundsätzlich in »herzlicher, freundschaftlicher Atmosphäre« vonstatten gingen.[19] In Wahrheit aber blieben die Beziehungen der beiden Parteien fassadenhaft. Während auf Massenkundgebungen sowie in der kommunistischen Presse die Verbesserung der interparteilichen Beziehungen deklariert wurde, konnte ein grundlegendes Hindernis, das etwa im Verhältnis der beiden Bevölkerungen zueinander keinerlei Rolle gespielt hatte, niemals überwunden werden: Die Konkurrenz um die Gunst des sowjetischen Suzeräns die bis zum Ende der DDR und der Volksrepublik Polen als unverrückbare Barriere zwischen den beiden Parteien bestehen blieb.     Dokument 1   [20] Berlin, 17. Juli 1946 Dienstbericht   Betrifft: Gespräch mit dem Mitglied des ZK der SED Ulbricht[21]  Das Treffen fand am 15. dieses Monats statt und dauerte 1 ½ Stunden. Ulbricht ist eines der aktivsten ZK-Mitglieder von Seiten der ehemaligen KPD. Ulbricht beurteilt die Situation günstiger, als dies andere Gesprächspartner aus der SED getan haben. Zwar erklärt auch er, dass die deutschen Massen noch nicht zu einem aktiven Leben, im vollen Sinne dieses Wortes, aufgerüttelt werden konnten, doch es gäbe Anzeichen für eine bedeutende, massenhafte Aktivierung, vor allem zu Zeiten von Kampagnen, z. B. der Kampagne zur Vereinigung von SPD und KPD, der Plebiszit-Kampagne in Sachsen und anderer. Nach solch einer Kampagne trete allgemein ein sehr starkes Abflauen der Aktivität ein. Die Entwicklungslinie verläuft folglich wellenförmig. Ulbricht erklärt, dass das SED-Aktiv an personeller Stärke immer mehr zunehme und sich politisch stärkt. Hierbei gehe selbstverständlich das alte KPD-Aktiv voran, doch in allen Organen der SED werde die Parität strikt eingehalten.  Seiner Meinung nach eilt die sowjetische Zone den anderen Zonen voraus, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Die Versorgungslage habe sich, wenn auch auf einem einfachen Niveau, normalisiert, Arbeitslosigkeit gäbe es keine, die Industrie sei angelaufen und die Felder seien bestellt. Die Entnazifizierung sei vollständig abgeschlossen worden. Sämtliche Amtsstellen seien gesäubert worden, die Schlüsselpositionen mit entschieden demokratischen Elementen besetzt; gerade bei der Polizei hätten 80 Prozent der Kommissariate mit SED-Mitgliedern besetzt werden können. Am schlechtesten stelle sich die Situation beim Gerichtswesen dar und zwar wegen der fehlenden Kader, aber auch wegen des Druckes, den die Angelsachsen bei jedem Versuch, hier eine Säuberung durchzuführen, im Kontrollrat ausübten. Unter diesen Umständen richte sich die Partei darauf ein, ehemalige nominelle Mitglieder der NSDAP (die kleinen Pg)[22] zu aktivieren und in den Orbit ihres Einflusses zu ziehen, was ihr hervorragend gelinge. Sie nimmt noch keine kleinen Pgs in die Partei auf, jedoch nur aus internationalen Erwägungen, um den Angelsachsen keine Argumente zu liefern. Ulbricht glaubt, dass sich das Problem der kleinen Pg mit Leichtigkeit lösen lasse.  Die Partei beabsichtigt, in die sich nähernden Kampagne zu den Kommunalwahlen erstmals gesellschaftliche Parolen einzubringen: »Ihr sagt, dass Hitler euch mit seiner Demagogie betrogen hat, dass ihr an seinen Sozialismus geglaubt hättet. Diesmal wird die Liquidierung der Trusts und Kartelle wirklich realisiert, ebenso wie die Einschränkung der Willkür des Kapitals und die Verstaatlichung der Industrie, seid also konsequent.« In der sowjetischen Zone wurde das Großkapital liquidiert (Kartelle und Trusts), die Bodenreform für [Landwirtschaftsbetriebe] über 100 ha durchgeführt und man hat die Klasse der Junker liquidiert. All dies verschaffe der sowjetischen Zone und der SED einen gewaltigen Vorteil gegenüber den anderen Zonen.  In den angelsächsischen Zonen bremse die Herrschaft der Industrie- und Landmagnaten die Stabilisierung und Gesundung der wirtschaftlichen Situation. Es herrscht dort eine große Arbeitslosigkeit und die Felder sind unbestellt. Unter dem Einfluss der Ereignisse in der sowjetischen Zone seien sie in den beiden angelsächsischen Zonen gezwungen, [ebenfalls] über die Bodenreform zu sprechen, das hat jedoch noch keine konkreten Formen angenommen. Die Angelsachsen konnten letztendlich die Einreise von Mitgliedern des ZK der SED, die dort Versammlungen organisieren wollten, nicht verbieten. Es seien bereits halblegale SED-Initiativkomitees gegründet worden. Einen besonders großen Einfluss [der SED] gäbe es im Ruhrgebiet, wo auch die politische Reife am größten sei. Die Antwort auf das englische Verbot für KPD-Versammlungen, auf denen die Organisierung der SED vorbereitet werden sollte, war ein sichtbarer Rückgang der Kohleförderung.  Die französische Zone sei geprägt durch die bereits bekannte administrative und politische Unfähigkeit. Es gibt dort in der Tat weder eine erkennbare politische noch Parteienaktivität. Die französische Administration unterstütze separatistische Parteien. Trotzdem verfüge an der Saar die KPD, deren Parole die Einheit Deutschlands ist, über den größten Einfluss. Der Hang zur Einheit sei in ganz Deutschland sehr stark. In den sich nähernden Kommunalwahlen beabsichtige die Partei [deshalb] erstmals mit folgenden Parolen aufzutreten: Einheit Deutschlands, zentralistische Regierung, Berlin als Hauptstadt. Nach Ansicht von Ulbricht ist der Sieg der SED bei den Kommunalwahlen in der sowjetischen Zone gesichert. In Berlin selbst sei die Situation komplizierter, aber auch hier werde die SED – seiner Meinung nach – gewinnen. Die Taktik der SED in Berlin ist charakteristisch. Die SPD wurde im sowjetischen Sektor Berlins bereits zugelassen, aber sie führe ein sehr kümmerliches Dasein und spiele keinerlei Rolle. Andererseits nutzte die SED die Erlaubnis der angelsächsischen Behörden nicht, sich in deren Sektoren zu organisieren, da sie der weiteren Zerschlagung der Arbeiterklasse keinen Vorschub leisten wollte. Die angelsächsischen Behörden stimmten nämlich (darüber berichtete ich seinerzeit in einem ausführlichen Rapport) der Gründung der SED in ihren Sektoren bzw. der Umbenennung der KPD in SED zu. Das ZK der SED hatte darauf jedoch verzichtet und forderte lediglich die Legalisierung der Koordinierungskomitees (Einheitsausschüsse)[23] von KPD und SPD zur Vorbereitung einer späteren Vereinigung. Die Engländer und Amerikaner wollen diese Einheitsausschüsse[24] jedoch nicht legalisieren. Die Angelegenheit sei dennoch auf gutem Wege, denn es entstünden spontan Arbeitsausschüsse[25] in den Fabriken und Wohnbezirken, welche die Zusammenarbeit der beiden Parteien forderten. So stark sei der Hang zur Einheit selbst dort, wo unter dem Druck der Angelsachsen keine Vereinigung zustande kam. Vor der englischen Abweichung der SPD fürchtet sich Ulbricht nicht. Schumacher habe keinerlei positives Programm und könne es auch gar nicht haben, da ihm die Engländer dies nicht erlaubten. Schumacher könne einzig ein Agent des Imperialismus sein und dies sei er auch. Die Umstände zwängen ihn, ein Sprecher der Trusts und Kartelle zu sein, ein Gegner der Bodenreform und Fürsprecher der Teilung Deutschlands. Seine Popularität sei gering, zumal bei den aktiveren und [politisch] bewussten deutschen Massen; während der Wahlkampagne werde er sich noch stärker zu erkennen geben und dadurch einen noch weiteren Verlust seines Einflusses hinnehmen müssen.  Ulbricht glaubt, dass angesichts des nicht vorhandenen Problems der kleinen Pgs der eigentliche Kampf, vor dem die Partei stehe, der Kampf gegen die alte Reaktion sei: Stahlhelm und Deutschnationale[26], unterstützt von den Angelsachsen. Von bedeutenderen Erfolgen bei den kommenden Kommunalwahlen in den angelsächsischen Besatzungszonen könnte keine Rede sein, doch man könne damit rechnen, dass die SED dort dennoch eine starke Basis erringen wird. Am schlimmsten stehe es in Hamburg, wo die Engländer über einen starken Einfluss verfügten. Auf meine Frage, was aus den Traditionen an der Wasserkante geworden sei, antwortete Ulbricht, dass die Engländer sogar schon während der Weimarer Zeit sehr systematisch ihren Einfluss in dieser Hafenstadt verfestigt hätten. Ulbricht erklärt, dass er die französischen Genossen dazu angehalten habe, sich in der Frage um Ruhr und Niederrhein nicht zu sehr zu engagieren, da sie sich, zumal angesichts des aktuellen politischen Kräfteverhältnisses in Frankreich, dadurch dem englischen Imperialismus andienten. Die deutschen Parteimitglieder engagierten sich nicht im Kampf an der Seite der französischen Genossen, da sie davon ausgegangen seien, dass sich die Frage, was sich während der Auftritte Molotovs in Paris ereignete, ohnehin bald kläre. Ulbricht erzählte weiter, dass auch die Arbeit unter den Frauen und Jugendlichen angelaufen sei. Beide Organisationen sind vereinheitlicht und überparteilich (Frauenausschüsse und Freie Jugend[27]), mit Ausnahme einiger weniger katholischer Gruppen. Größere Schwierigkeiten gäbe es natürlich bei der Arbeit unter den Hausfrauen, aber man erwartet auch hier im Zuge der Wahlkampagne eine Belebung. Die Jugendarbeit beurteilt er positiv. Ulbricht spricht darüber hinaus von großen ideologischen Mängeln sowohl bei den Massen als auch in den Reihen der Partei. An der Beseitigung dieser Mängel arbeiten zahlreiche Parteischulen, Abteilungen für Kultur und Bildung, Gemeinschaftszentren und Klubs. Die Schulen haben übrigens ihre Arbeit in sämtlichen Bereichen des beruflichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens aufgenommen und bilden neue Führungskader in den Bereichen Wirtschaft und Politik aus (Verwaltungs-, Polizei-, Führungs- und Rechtsschulen etc. …). Nach den Wahlen werde man zu einer verstärkten ideologischen Arbeit übergehen, wobei man sich im Speziellen der Thematik der aktuellen Veränderungen in den Nachbarstaaten zuwenden werde sowie den Fragen bezüglich einer Zusammenarbeit mit den demokratischen Kräften in den Nachbarländern im gemeinsamen Kampf gegen die internationale Reaktion. Die Reaktion entfache und verbreite sehr gekonnt Unwillen gegen die Sowjetunion, die nach wie vor nicht genug gestärkt sei. Ulbricht ist der Meinung, dass dieser Unwille sich langsam abschwächt, zumal angesichts der unzweifelhaften Errungenschaften in der sowjetischen Zone.  Im stärksten würden selbstverständlich die Demontagen für schlechtes Blut sorgen, deren Ausmaß von der Reaktion übertrieben werden (sie sprechen lauthals von 75 Prozent), während Ulbricht sie auf insgesamt 10 bis 15 Prozent einschätzt. Über exakte Angaben verfügt er nicht. Was die polnischen Angelegenheiten angeht, ist Ulbricht um einiges besser orientiert als die anderen. Dies geht zurück auf seine Moskauer Zeit, als er bei der Organisation der Einschleusung des dortigen Parteiaktivs in die Heimat mit unseren Genossen zusammentraf. In der Regel wissen die Deutschen, selbst aktive Parteimitglieder, nichts über Polen. Gegenüber Polen herrscht ein allgemeiner Unwille, der selbst in die höheren Parteiebenen hinein reicht. Dies ist aufgrund der Grenzfrage, der Aussiedlung von Deutschen usw. auch verständlich. Die Partei will nach den Wahlen daran gehen, diese Chinesische Mauer einzureißen, wobei sich auch Ulbricht selbst noch nicht darüber im Klaren ist, wie dies realisiert werden soll. Charakteristisch ist seine Formulierung, wonach die enge Zusammenarbeit unserer Parteien erst später eingeleitet werden sollte, während in der jetzigen Entwicklungsetappe die Parteien auf nationaler Basis arbeiteten (auf nationaler Basis)[28]. Für den Moment formuliert er folgende Postulate: 1. Wir sollen ihm Informationen aus und über Polen zukommen lassen, dabei auch solche über die Tätigkeiten unserer Reaktion in der englischen und amerikanischen Zone. Diese letzteren Informationen wollen sie in ihrer Argumentation gegen die Öffnung der Zonengrenzen verwenden, welche dazu führen würde, dass ihnen nicht nur die eigene Reaktion an die Gurgel geht, sondern auch die internationale, polnische, jugoslawische, welche in den angelsächsischen Zonen gezüchtet würden. 2. Ulbricht ist der Meinung, man sollte die Repatriierung der Deutschen zu Ende führen. Er würde es jedoch vorziehen, wenn dies nach den Wahlen geschähe und zwar in möglichst würdiger Form. Sein Standpunkt scheint aufrichtig, denn er selbst hat das Thema angesprochen und zwar als Reaktion auf das von einem Korrespondenten von France-Press in entstellter Form veröffentlichte Interview mit Richter Czajkowski von unserer Repatriierungs-Mission und dies noch vor unserem Dementi. 3. Nach den Wahlen und der Beendigung der Aussiedlung der Deutschen, sollte, nach einer gewissen vorbereitenden ideologischen Kampagne, eine Arbeiterdelegation, so meint er, von den Gewerkschaften aus Deutschland [nach Polen] entsandt werden, welche mit eigenen Augen sehen könnte, was die Hitleristen in Polen angerichtet haben und welche Veränderungen in Polen vonstatten gehen. Was die ersten beiden Punkte angeht, war ich mit ihm einverstanden. Den dritten habe ich versprochen, bei den entsprechenden Instanzen in der Heimat vorzutragen. Der Chef Der Polnischen Militär-Mission   (Dr. J. Prawin, Oberst) Dokument 2   [29] Polnische Militärmission beim Kontrollrat in Deutschland   Spezialrapport Die Stimmungen in der SED bezüglich unserer Westgrenze   Berlin, 24. September 1946 Streng geheim[30]  Die Reaktionen in der hiesigen Presse sowie vor allem auch bei der SPD (Schumacher, Neumann) auf die Rede von Byrnes provozierten die SED zu einer [eigenen] Stellungnahme in der Grenzfrage. Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, welche Verwirrung in der SED bezüglich dieser Frage herrscht. Noch vor kurzem hatte Walter Ulbricht öffentlich verkündet: »Hitler hat unsere Ostgrenze verspielt.« Sämtliche späteren Reaktionen in den Provinzen des Landes hatten sich hieran orientiert. Doch [inzwischen] hat man begonnen, von der zitierten Linie Ulbrichts und Piecks abzuweichen. Seinen Kulminationspunkt fand dieser Gesinnungswandel auf einer Konferenz von SEDFunktionären am 10. September 1946 in der Rede von Max Fechner. Seinen Standpunkt hat er wie folgt dargelegt: »Die heutige Ostgrenze ist lediglich eine provisorische. Ihre endgültige Festlegung wird auf der künftigen Friedenskonferenz vorgenommen werden. Wenn nun die SED in der Frage des Ruhrgebietes mit allen politischen Mitteln vor allem gegen eine zusätzliche Verkleinerung Deutschlands kämpft, so steht dies in keinem Gegensatz dazu, dass die Partei bei der endgültigen Festlegung der Ostgrenzen vitale nationale Interessen dem Friedenstraktat überlassen hat. Einige reaktionäre Kreise versuchen, von der Unabänderlichkeit einer Verkleinerung des deutschen Ruhrgebietes abzulenken, indem sie die Ost-Frage zur Hetze gegen andere Nationen missbrauchen … In unserem entschiedenen Kampf für eine demokratische Entwicklung in Deutschland bringen wir jedoch unseren vitalen nationalen Interessen durch eine gerechte Lösung der OstFrage mehr Nutzen als diejenigen, welche schon wieder eine nationalistische Hetze auslösen wollen.« Und zum zweiten: »Es ist unsere Aufgabe, das Vertrauen der Welt zu gewinnen, vor allem jedoch derjenigen Nationen, die unter dem hitleristischen Krieg speziell gelitten haben. Die SED hat die unverbrüchliche Hoffnung, dass aus dem heute erstehenden demokratischen Geist des Friedens eine Übereinkunft auch bezüglich der Ostgrenze resultieren wird.« Eine ähnliche Linie wird auch in den Westzonen von Kurt Müller, Max Reimann und anderen vertreten. Interessant ist, dass die Presse (darunter auch das Organ der SED) die Worte Fechners: »Wir werden die vitalen Interessen der deutschen Nation verteidigen« folgendermaßen verändert hat: »Die SED wird sich jeder Verkleinerung des deutschen Territoriums widersetzen.« Und dies ohne jegliches Dementi. (Siehe den angefügten Zeitungsausschnitt). Nichtsdestotrotz hat dieser Standpunkt jedoch in Kreisen führender SED-Funktionäre Diskussionen bewirkt. So ist beispielsweise Heinz Schmidt, der leitende Redakteur für Politik beim Berliner Radio der Meinung, in der Frage der Ostgrenze existierten zwei Alternativen: Entweder man gehe über zu einer Linie des »demokratischen, sozialistischen Revisionismus«, wie dies Fechner und andere bereits unternommen haben. Dies bedeute jedoch, den chauvinistischen Aufwiegelungstendenzen zu erliegen, wobei man damit natürlich auch bei Wahlen mehr Stimmen erringen könne. Oder aber man erstrebe, je nach den Umständen jedoch zum Preis der Wahlniederlage, längerfristig eine Lösung der grundlegenden Probleme sowohl der deutschen historischen Unreife als auch eines neuen Verhältnisses zu den slawischen Völkern, speziell zu den Polen. Dies sei umso notwendiger, als dass der Kontrast zwischen England und der Sowjetunion sich verschärfte. Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, dass solcherart Ansichten in der SED weit verbreitet seien. Im Gegenteil handele es sich hierbei um vereinzelte Stimmen. Folgende Konzeption, die mir gegenüber von Bruno Köhler, dem Chef der Zentrale des Pressedienstes der SED vertreten wurde, scheint aktuell handlungsleitend zu sein: »Die Grenzpolitik ist soweit schlüssig, wenn ich auch zugeben muss, dass sich real nichts mehr verändern lässt. Auch die französische Partei führt diesbezüglich ihre ganz eigene Politik. Ebenso Ercoli [Palmiro Toglatti] und Tito. Man muss sich den Stimmungen der Massen anpassen. Fechner und noch einige andere formulieren es jedoch sehr unglücklich. Und einige haben auch tatsächlich noch Illusionen (bezüglich der Grenzen). Wenn nun also unsere Ostgrenze auf der Friedenskonferenz endgültig festgelegt wird, dann wird unsere Argumentation folgendermaßen lauten müssen: Wir haben alles getan, um die nationalen Interessen zu schützen. Dabei werden wir auf die gesellschaftlichen Veränderungen hinweisen, welche in Polen stattgefunden haben. Die Grenzfrage wird dann nicht mehr ihre alte Bedeutung haben. Wir werden mit Polen im Austausch gegen unsere Fabrikate einen lebendigen Handelsverkehr betreiben. Letztendlich muss die Ostgrenze aufhören jene fatale Rolle zu spielen, die sie in Deutschland seit Jahrhunderten innegehabt hat.«  Das Interview Molotovs hat natürlich die fortschrittlichen Elemente in der SED gestärkt. Auf der folgenden Sitzung des SED-Präsidiums wurde in Angelegenheit der deutschen Ostgrenze eine Resolution verabschiedet (die ich jedoch als »Verlegenheitsresolution« bezeichnen würde). Sie stellt den Versuch dar, einen Standpunkt gegen die reaktionären Anstrengungen einzunehmen, im Zusammenhang mit der Ostgrenze eine neue chauvinistische Bewegung ins Leben zu rufen. Gleichzeitig jedoch führt sie selbst zu einer Linie des »demokratischen Revisionismus« (siehe den Wortlaut der Resolution in der Anlage). Man ist von den bekannten Äußerungen Fechners nicht abgerückt. De facto hat man auf der eigentlichen Sitzung auf jede Diskussion dieser Frage verzichtet. Man hat lediglich erklärt: »Wir werden für den Augenblick unseren Standpunkt nicht verändern.« Auf einer Sitzung der Chefredakteure der SED, welche aufgrund des Interviews von Molotov angesetzt worden war, setzten sich mehrere ehemalige SPD-Mitglieder für eine Distanzierung von Molotovs Ansichten ein, während sich andere für einen »eigenen deutschen Standpunkt« aussprachen. Eines der Mitglieder erklärte dazu: »Diese [Molotovs] Position führt zu einer Situation, wie sie 1939 herrschte und die direkt in den Krieg mit Polen mündete.« Diese Argumentation wurde von Freunden, die diesen Standpunkt jedoch im Wesentlichen teilten, als zu scharf und taktisch unklug kritisiert. Zusammenfassend gelangen wir zu folgendem Bild: In der SED herrschen aktuell verschiedenste Einflüsse. Der [neue offizielle] Standpunkt in der Frage der Ostgrenze ist ein Zugeständnis an Elemente, die aus der SPD kamen, sowohl im SED-Präsidium, als auch auf den unteren Organisationsebenen. Letztere teilen in der Mehrheit die Ansichten Schumachers. Darüber hinaus existieren ernst zu nehmende »linke Stimmungen«, die schlicht alles, was zur Zeit geschieht, als »Sozialismus« bezeichnen und die in ihrer Zielsetzung [ebenfalls] in diese Richtung tendieren. Auch organisatorisch kann man nicht von einem Zusammenfließen der beiden Teile KPD und SPD sprechen. In gewissen Organisationen der unteren Ebenen kommt es sogar zur Bildung eigener Fraktionen. Das Verhalten der Funktionäre auf Konferenzen deutet auf ein zurückgebliebenes politisches Niveau der Versammlungsteilnehmer hin.  Die landesweiten Wahlen wurden auf den 20. Oktober verschoben, damit sie zeitgleich mit den Berliner Wahlen stattfinden. Auf diese Weise wird das Berliner Resultat nicht von der Reaktion ausgenutzt werden können. Bei den Gemeindewahlen haben die Frauen mehrheitlich gegen die SED gestimmt. Sie bestätigten damit exakt die Probewahlen, bei denen nur die Frauen wählten. Das Ergebnis war, dass zwei Drittel für bürgerliche Parteien stimmten. Der Chef der Mission Oberst Dr. Prawin Geht an: Minister Olszewski    2 Exemplare Vizepremier Gomułka  1 Exemplar General Spychalski    1 Exemplar 4. die Kanzlei 1 Exemplar In der Anlage: Zwei [von Hand korrigiert »Drei«] [Zeitungs-]Ausschnitte Übersetzung des Einführungstextes und der Dokumente aus dem Polnischen von Lukas Imhof (Berlin) [1] Siehe u. a. Lenarczyk, Wojciech: »Dobry« i »zły« Niemiec w oczach publicystów [Der »gute« und der »böse« Deutsche aus Sicht der Publizisten], in: Polska 1944/45–1989. Studia i materiały [Polen 1944/45–1989. Studien und Materialien], Warschau 2001, Bd. 5, S. 110. Siehe ebenfalls: Dymitrów, Edmund: Niemcy i okupacja hitlerowska w oczach Polaków. Poglądy i opinie z lat 1945–1948 [Die Deutschen und die nationalsozialistische Okkupation aus Sicht der Polen. Ansichten und Meinungen aus den Jahren 1945–1948], Warschau 1987; Szarota, Tomasz: Niemcy i Polacy. Wzajemne postrzeganie i stereotypy [Deutsche und Polen. Gegenseitige Wahrnehmung und Stereotypen], Warschau 1996; Pasierb, Bronisław: Problem niemiecki w myśli politycznej Polskiej Partii Robotniczej (1942–1948) [Die deutsche Frage im politischen Denken der Polnischen Arbeiterpartei (1942–1948)], in: Orzechowski, Marian (Hrsg.): Polska. Naród. Państwo. Z badań nad myślą polityczną Polskiej Partii Robotniczej 1942–1948 [Polen. Nation. Staat. Forschungen zum politischen Denken der Polnischen Arbeiterpartei 1942–1948], Wrocław u. a. 1972, S. 220–258; Wolff-Powęska, Anna (Hrsg.): Polacy wobec Niemców. Z dziejów kultury politycznej Polski 1945–1989 [Die Polen angesichts der Deutschen. Zur Geschichte der politischen Kultur Polens 1945–1989], Poznań 1993. Darin speziell Kiwerska, Jadwiga: W atmosferze wrogości (1945–1970) [In feindlicher Atmosphäre (1945–1970)], in: Ebenda, S. 45–93; Rudnicki, Andrzej: Problem niemiecki Wilhelm Pieck und Franz Dahlem schrieben im Januar 1946 in einem Dankesschreiben an das ZK der PPR für dessen Unterstützung von 16 KPD-Aktivisten bei deren Rückkehr aus Schweden und Dänemark nach Deutschland: »Ebenfalls bitte ich [sic!] um Übermittlung meiner persönlichen Grüße an die Genossen: General ›Walter‹ [Karol Świerczewski, Anm. des Autors] und Henryk Toruńczyk von den Internationalen Brigaden, ebenso wie an alle weiteren Bekannten aus Spanien und aus den Konzentrationslagern in Frankreich, die im Kampf um die Befreiung Eures Landes eine so herausragende Rolle gespielt haben.« Gemkow, Heinrich/Góra, Władysław (Hrsg.): Wspólne tradycje. Współdziałanie polskiego i niemieckiego ruchu robotniczego. Wybór dokumentów i materiałów [Gemeinsame Traditionen. Die Zusammenarbeit der polnischen und deutschen Arbeiterbewegung. Ausgewählte Dokumente und Materialien], Bd. 1: 1847–1950, Warschau 1983, S. 329. [2] A. Woycicki schrieb in der katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny vom 3. Februar 1946: »Dieser neue Anstrich des ›Herrenvolkes‹ [im Original deutsch] in roter Farbe macht auf mich den Eindruck, als wäre lediglich das Hakenkreuz auf der aus Okkupationszeiten bekannten roten Fahne mit dem zerbrochenen Kreuz verdeckt worden. Geblieben ist das Rot. […] Deshalb sollte man heute, da immer mehr Deutsche mit roten Armbinden auftauchen, mit denen sie die Augen der Polen, Russen, Amerikaner oder Engländer zu blenden suchen, große Vorbehalte gegenüber solch einem ›Nationalkommunismus‹ [im Original deutsch] in Betracht ziehen und äu- ßerst vorsichtig handeln, damit sich in die internationale Zusammenarbeit keine Elemente schlechten Willens hineinstehlen, oder auch solche, die erblich mit einem Überlegenheitskomplex belastet sind. Das trojanische Pferd muss verrecken.« Zitiert nach Rudnicki, Problem niemiecki (Anm. 1), S. 117. Vizepremier Stanisław Mikołajczyk (Polnische Volkspartei, polnische Abk.: PSL) hatte in der Gazeta Ludowa vom 21. Mai 1946 geschrieben: »Wir kennen die Deutschen und wissen, dass sie immer die gleichen sind – sei dies nun unter Fritz, ebenso wie unter Wilhelm oder auch Hitler. Ich glaube [ihnen] auch heute nicht, wenn der Führer der deutschen Kommunisten Wilhelm Pieck ehemalige NSDAP-Mitglieder der unteren Ränge in die kommunistische Partei einlädt. Es könnte sich dereinst zeigen, dass auch die deutschen Kommunisten ihren Einfluss auf die Errichtung eines deutschen, gegen Polen gerichteten Imperialismus gerichtet hatten.« Zitiert nach Tomala, Mieczysław: Patrząc na Niemcy. Od wrogości do porozumienia 1945–1991 [Den Blick nach Deutschland gerichtet. Von der Feindschaft zur Verständigung 1945–1991], Warschau 1997, S. 73. Die deutsche Ausgabe trägt den Titel Tomala, Mieczysław: Deutschland – von Polen gesehen. Zu den deutsch-polnischen Beziehungen 1945–1990, Marburg 2000. [3]  Wilhelm Pieck und Franz Dahlem schrieben im Januar 1946 in einem Dankesschreiben an das ZK der PPR für dessen Unterstützung von 16 KPD-Aktivisten bei deren Rückkehr aus Schweden und Dänemark nach Deutschland: »Ebenfalls bitte ich [sic!] um Übermittlung meiner persönlichen Grüße an die Genossen: General ›Walter‹ [Karol Świerczewski, Anm. des Autors] und Henryk Toruńczyk von den Internationalen Brigaden, ebenso wie an alle weiteren Bekannten aus Spanien und aus den Konzentrationslagern in Frankreich, die im Kampf um die Befreiung Eures Landes eine so herausragende Rolle gespielt haben.« Gemkow, Heinrich/Góra, Władysław (Hrsg.): Wspólne tradycje. Współdziałanie polskiego i niemieckiego ruchu robotniczego. Wybór dokumentów i materiałów [Gemeinsame Traditionen. Die Zusammenarbeit der polnischen und deutschen Arbeiterbewegung. Ausgewählte Dokumente und Materialien], Bd. 1: 1847–1950, Warschau 1983, S. 329. [4]  Politbüromitglied 1948 bis 1971, Premier 1947 bis 1952 und 1954 bis 1970. [5]  Izydorczyk war seit Februar 1950 Chef der Polnischen Militärmission in Berlin, anschließend von November 1953 bis April 1955 Botschafter Polens in der DDR.  [6]  Mehr zu Prawin siehe Hübner, Christa: Jakub Prawin – Chef der Polnischen Militärmission in Berlin (1946–1950), in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 30 (1988), H. 4, S. 526– 534. Zur Polnischen Militärmission Gondek, Leszek: Polskie Misje Wojskowe 1945–1949 [Polnische Militärmissionen 1945–1949], Warschau 1981; Marczak, Tadeusz: Granica zachodnia w polskiej polityce zagranicznej w latach 1944–1950 [Die Westgrenze in der polnischen Außenpolitik der Jahre 1944–1950], Wrocław 1995, S. 232–239. [7]  Osmańczyk, Edmund: Lata berlińskie [Die Berliner Jahre], in: Prawin, Jakub: Wspomnienia [Erinnerungen], Warschau 1959, S. 102. [8]  Archiwum Ministerstwa Spraw Zagranicznych (Archiv des Außenministeriums, im Folgenden: AMSZ), z. 6, w. 42, t. 668, Bl. 1–5 [9]  PWM, raport polityczny za kwiecień 1946 [Polnische Militärmission, Politischer Rapport für den April 1946] vom 2. Mai 1946, in: AMSZ, z. 6, w. 108, t. 1739, Bl. 84.  [10]  Anm. der Redaktion: Die KPP war 1938 auf Befehlt Stalins aufgelöst worden. Der NKVD ermordete die Mehrheit der polnischen KP-Führer, die in der Sowjetunion im Exil lebten, während des »Großen Terrors« 1937/38. Eine kommunistische Parteineugründung erfolgte mit Billigung Moskaus erst nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion unter dem Namen Polnische Arbeiterpartei (PPR) im Januar 1942 in Warschau. [11]  Gemkow/Góra: Wspólne tradycje (Anm. 3), S. 332. [12]  Siehe dazu den Mitte Mai 1946 im Ministerium für Öffentliche Sicherheit verfassten Rapport zur Vereinigung von KPD und SPD: Burgin do Radkiewicza [Burgin an Radkiewicz], in: Instytut Pamięci Narodowej (Institut für Nationales Gedenken, im Folgenden: IPN), BU, MBP 730, Bl. 56–59. [13]  Karol Świerczewski (1897 bis 1947), stellvertretender Minister für Nationale Verteidigung 1946/47. [14]  Henryk Toruńczyk (1909 bis 1966) war 1945 Kommandeur der Inneren Truppen, seit 1946 in der staatlichen Verwaltung, u. a. im Ministerium für die wieder gewonnenen Gebiete (Direktor des Departements), später im Landwirtschaftsministerium und im Ministerium für Leichtindustrie. [15]  IPN, BU, MBP 730, Bl. 64–66. [16]  Siehe Werfel, Roman: Granica polska na Odrze i Nisie jest nienaruszalna. Wilhelmowi Pieckowi w odpowiedzi [Die polnische Grenze an Oder und Neiße ist unverrückbar. Wilhelm Pieck zur Antwort], in: Głos Ludu Nr. 298 vom 29. Oktober 1946. [17]  Archiwum Akt Nowych (Archiv für Neue Akten, im Folgenden: AAN), 450/III–119, Bl. 96 f. [18]  AAN, KC PZPR, 237/XXII–511, Bl. 1. [19]  AMSZ, z. 15, w. 5, t. 37, Bl. 83–85. [20]  AMSZ, z. 6, w. 42, t. 668, Bl. 22–26. Auf dem ersten Blatt des Dokumentes unten links steht der Eingangstempel des Außenministeriums »24. Juli 1946 Geheim«. [21]  Im gesamten Text des Dokuments ist Ulbrichts Name falsch geschrieben (»Ulbrycht«), wurde aber (teilweise) von Hand korrigiert. Für die Übersetzung wurde die Korrektur übernommen. Alle Unterstreichungen stammen aus dem Dokument. [22]  Der Inhalt der Klammer ist im Original deutsch. [23]  Begriff in Klammern ist im Original deutsch. [24]  Begriff ist im Original deutsch. [25]  Begriff ist im Original deutsch. [26]  »Stahlhelm und Deutschnationale« sind im Original deutsch. [27] Die Begriffe in Klammern sind im  Original deutsch. [28]  Der Inhalt der Klammer ist im Original deutsch. [29]  AMSZ, z. 6, w. 42, t. 668, Bl. 52–55. Das Dokument trägt den Eingangsstempel: »Ministerium für auswärtige Angelegenheiten, 30. September 1946, an Min. Olszewski weitergeleitet am 1. Oktober 1946, geheim«. [30]  Alle Unterstreichung im Original. Unterstreichungen von Hand wurden nicht übernommen. 

JHK 2006

Die DDR-Nachrichtendienste: Juristische Aufarbeitung, Erinnerungen und Darstellungen

Helmut Müller-Enbergs

Marxen, Klaus/Werle Gerhard (Hrsg.) unter Mitarbeit von Petra Schäfter und Ivo Thiemrodt: Strafjustiz und DDR-Unrecht. Dokumentation. Band 4/1 u. 4/2: Spionage, Berlin: Verlag de Gruyter Rechtswissenschaften Verlags-GmbH 2004, 1 109 S., ISBN 3-89949-080-0   Block, Gerhard: Verraten und verkauft. Memoiren eines Unverbesserlichen, Berlin: NORA Verlagsgemeinschaft Dyck & Westerheide 2004, 141 S., 3-86557-010-0   Schwan, Heribert/Heindrichs, Helgard: Das Spinnennetz. Stasi-Spitzel im Westen. Die geheimen Dossiers der Rosenholz-Datei, München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. 2005, 320 S., ISBN 3-42677732-0   Sieberer, Hannes/Kierstein, Herbert: Verheizt und vergessen. Ein US-Agent und die DDR-Spionage, Berlin: Edition Ost 2005, 223 S., ISBN 3-360-01065-5   Wegmann, Bodo: Die Militäraufklärung der NVA. Die zentrale Organisation der militärischen Aufklärung der Streitkräfte der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin: Verlag Dr. Köster 2005, 714 S., ISBN 3-89574-580-4   Behling, Klaus: Der Nachrichtendienst der NVA. Geschichte, Aktionen und Politik, Berlin: Edition Ost 2005, 271 S., ISBN 3-360-01061-2   Die Spionageaktivitäten der DDR gegen die Bundesrepublik haben in den letzten beiden Jahren ein zunehmendes Interesse in der Fachpublizistik gefunden. Auf den ersten Blick scheint die Erklärung dafür in dem spätestens seit Frühjahr 2004 möglichen Zugang zu jenen Unterlagen zu liegen, die weithin unter dem Namen »Rosenholz« bekannt und der zuständigen Bundesbeauftragten für die StasiUnterlagen (BStU) als CD-ROM zurückgereicht worden sind. Immerhin versprachen rund 293 000 faksimilierte Karteikarten einen erheblichen Einblick in die nachrichtendienstliche Arbeit, insbesondere in die Aktivitäten der Ausführenden – der Agenten, Kundschafter und Spione – die dort neben allgemein interessierenden Personen verzeichnet sind. Doch bei genauerer Betrachtung ist die neuerliche Quellenlage durch »Rosenholz« bemerkenswerterweise nicht bzw. nur bedingt ausschlaggebend für das zunehmende wissenschaftliche Interesse an den DDRSpionageaktivitäten. »Rosenholz« scheint nicht das einlösen, was ursprünglich davon erhofft worden war. In der Praxis zeigt sich, dass oftmals die überlieferten Belege in der Stasi-Unterlagenbehörde nicht ausreichend genug sind, um sichere Angaben zur DDR-Spionage machen zu können. Das wissenschaftliche Interesse dürfte daher andere Gründe haben: Die juristische Aufarbeitung ist weithin abgeschlossen, so dass die Beteiligten keine strafrechtliche Verfolgung erwarten müssen und folglich eher gesprächsbereit sein dürften. Zudem liegt gerade aufgrund der polizeilichen Ermittlungen ein beachtliches Reservoir an (zugänglichen) Erkenntnissen bereit, die nunmehr eine unaufgeregte Analyse erlauben. Das gilt insbesondere für den vierten des in zwei Teilbänden erschienenen Bands der Reihe Strafjustiz und DDR-Unrecht, der sich der DDR-Spionage annimmt. Die bislang ausgelieferten Bände befassen sich mit Wahlfälschung, Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze sowie Amtsmissbrauch und Korruption.[1] Dieser Band nun wurde von Ivo Thiemrodt verfasst, der zur Strafjustiz und DDR-Spionage promoviert hat,[2] wobei er von Petra Schäfter unterstützt wurde, die an allen Bänden dieser Reihe mitgewirkt und sich vor dem mit Frauenstudien beschäftigt hat.[3] Dieser Band dokumentiert elf Strafverfahren. Recht umfänglich, sachkundig und hilfreich ediert finden sich nicht nur die Urteile, sondern auch im Falle einer Revision der weitere Fortgang dargelegt. Den größten Umfang nehmen mit 343 Seiten die beiden Verfahren gegen die Leiter der DDR-Auslandsspionage, der Hauptverwaltung A (HV A), Markus Wolf[4] (1952–1986) und Werner Großmann[5] (1986–1989) ein. Während Markus Wolf wegen Freiheitsberaubung in vier Fällen, davon in zwei Fällen in Tateinheit mit Nötigung, und in zwei weiteren Fällen in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt wurde, wurde das Verfahren gegen Werner Großmann letzthin eingestellt. Kaum weniger Raum haben die Strukturverfahren gegen die mit der Aufklärung gegnerischer Nachrichtendienste befasste Abteilung IX, das eingestellt wurde, und gegen die mit Desinformation betraute Abteilung X der HV A.[6] Im Mittelpunkt dieses Verfahrens stand der ehemalige Pressesprecher der SPD Schleswig-Holstein, Bernd Michels (»Bernhard«)[7], der zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde. Schließlich ist auch das Urteil im Verfahren gegen die HV A-Dependance in Dresden enthalten, das den IM Herbert Köhler zu 21 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt hat. Als beispielhafte Spionagefälle wird in den Bänden das Verfahren gegen den »Nato-Spion« Rainer Rupp (»Topas«) und das gegen Gabriele Gast (»Giesela«)[8] angeführt, die beim Bundesnachrichtdienst beschäftigt war. Beide wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt: Rupp zu zwölf Jahren, Gast zu sechs Jahren und neun Monaten. Thiemrodt dokumentiert überdies drei Verfahren, die sich gegen Mitarbeiter und Quellen der Hauptabteilungen II (Spionageabwehr), III (Funkaufklärung) und VIII (Beobachtungen und Ermittlungen) des MfS richteten, sowie ein Verfahren gegen den Militärischen Nachrichtendienst der NVA. Auch wenn es sich bei den Verfahren primär um die Verfolgung von Straftaten handelt, reicht die Dokumentation weit darüber hinaus. Ermittlungsbehörden, die Generalbundesanwaltschaft wie auch die Gerichte haben, wenn auch ungewollt, mit den ihnen jeweils zur Verfügung stehenden Instrumenten herausragende Vorarbeit zur historischen Aufarbeitung des Komplexes DDR-Spionage geleistet, auf die sich zukünftige Forschungen wesentlich stützen werden. Thiemrodt hat aus dem reichen Reservoir – weit über 3 000 Verfahren wurden gegen mutmaßliche Agenten eingeleitet – nur wenige, wenn auch wichtige herausgepickt. Immerhin wurden 63 bundesdeutsche IM der HV A im Auslandseinsatz in den 90er Jahren zu Freiheitsstrafen ohne Bewährung verurteilt. Notgedrungen hat er eine Auswahl treffen müssen, wobei das von ihm gewählte Kriterium – nur jene Verfahren zu behandeln, bei denen DDR-IM involviert waren – nur geringe Überzeugungskraft hat. Denn tatsächlich dürften wertige Vorgänge stets von DDRIM im »Operationsgebiet« Bundesrepublik betreut worden sein. Sicherlich wäre es wünschenswert gewesen, manches weitere Urteil zu dokumentieren, etwa das gegen Hans Schrepfer (»Jochen«) und Peter Kraut (»Siegfried«), die erfolgreich die Rüstungsentwicklung ausspioniert haben, oder das gegen die Gebrüder Spuhler (»Florian« und »Peter«), die der DDR ebenfalls tiefe Einblicke in den BND verschafft haben. Gleichwohl finden sich in den Bänden Highlights der DDRSpionage, weniger die »kleineren« Agenten. Immerhin wurden über 1 200 Ermittlungsverfahren gegen Agenten der HV A eingestellt. Zunehmend schreiben ehemalige Kundschafter der DDR-Spionage ihre Geschichte auf; zumeist handelt es sich dabei um enttarnte und verurteilte Bundesbürger. So auch im Fall des heute 76-jährigen Gerhard Block, der in der DDR aufgewachsen und im Sommer 1957 unter dem Decknamen »Sänger« von einem der Könner in diesem Fach, dem späteren Leiter der Abteilung X der HV A Rolf Wagenbreth, geworben wurde. Block beschreibt in Verraten und verkauft plastisch, mitunter nüchtern, was bei anderen als Heroengeschichte inszeniert oder gänzlich geleugnet wird: Sein Engagement bei der Hitlerjugend, sein sozialer Aufstieg in der Sowjetischen Besatzungszone, das seiner Generation ermöglichte, was sonst undenkbar war: ein Studium. Block sollte in die Identität eines Herbert Pfeiffer, eines in Halle lebenden Monteurs, schlüpfen, und dessen Leben in der Bundesrepublik fortsetzen. Als günstig erwies sich, dass dieser Pfeiffer in französischer Kriegsgefangenschaft war und bis in die 50er Jahre in Frankreich gearbeitet hat, und ebenso günstig war, dass Block mit der französischen Sprache vertraut war. Schritt für Schritt machte sich Block mit den Lebensstationen seines Legendenspenders vertraut, besuchte das Kriegsgefangenenlager in Rivesaltes und seinen damaligen Wohnort in Villardonnel. Er hielt, und dies ist das Besondere an den Erinnerungen Gerhard Blocks, mit seiner Kritik an der HV A nicht hinter dem Berg. Bei der nachrichtendienstlichen Ausbildung vermisste er Verhaltensmaximen für kritische Situationen, aber auch die zu geringe materielle Ausstattung während des Einsatzes. Gleichwohl – im Oktober 1959 setzte der Ernstfall ein. Während sein Umfeld glaubte, er sei in Sofia, meldete er sich als Herbert Pfeiffer in Mannheim an, arbeitete wie sein Legendenspender als Schweißer. Ein Jahr lang sollte er sich akklimatisieren, bis die eigentliche Aufgabe, die eines Residenten, beginnen sollte. Für die HV A – der gewichtige operative Mitarbeiter Werner Steinführer hatte unterdessen den Vorgang übernommen – nahm er Informationen von bundesdeutschen Quellen an, darunter von einem Zivilangestellten der 7. US-Army, »Waldemar« genannt, und gab Instruktionen. Seine zweite Quelle war Christa Gotter, die als 19-jährige Hausangestellte in Pirmasens für die HV A als »Heidi« rekrutiert worden war und wie Gerhard Block von Steinführer geführt wurde. Sie brachte es zur Angestellten bei »American express« und hatte somit einen guten Einblick in die Kontenbewegung amerikanischer Soldaten. Kaum drei Jahre ging alles gut, dann flog die Residentur auf. Im November 1962 musste er in Untersuchungshaft – mit der Frage, wie man ihm nur auf die Schliche gekommen sein könnte. Block vermutet damals wie heute, »Heidi« habe sich ihrem amerikanischen Freund gegenüber offenbart. Schließlich packte er aus: »Irgendwann hielt ich den Druck nicht mehr aus, kapitulierte in aussichtsloser Lage.« Seine mit ihm übergesiedelte Frau trennte sich von ihm, die HV A ließ in der Haft nichts weiter von sich hören: »Ich hatte mich nur preisgegeben, weil ich auf diese und ihre [seiner Frau, Anm. d. A.] angeschlagene Gesundheit Rücksicht nehmen wollte, aber sie sah das ganz anders und kappte jeden Kontakt zu mir. Ich fühlte mich von allen im Stich gelassen, zumal ich auch während der gesamten Haftzeit nichts mehr von meinem Führungsoffizier hörte«. Block konnte nicht ahnen, dass Steinführer, kaum dass er inhaftiert war, den Vorgang Hans-Georg Lubitz zugeschoben hatte. Weil er sich »abgeschrieben« fühlte, zudem auch noch »verbrannt«, war ihm alles »egal«: »Ich fühlte mich zermalmt von zwei Fronten, zwischen denen ich stand. Auf der einen Seite der Klassengegner, auf der anderen Seite die Freunde, meine Genossen vom MfS.« Die Verurteilung erfolgte 1963, bis November 1965 sollte Block in Haft bleiben, wurde jedoch im September 1964 entlassen. Der für ihn zuständige Abteilungsleiter der HV A, der damalige Major Werner Großmann, gab kein schmeichelhaftes Urteil über ihn ab: Block sei »sehr weich veranlagt«, sein Einsatz in der Bundesrepublik »nicht zweckmäßig« gewesen. Als Block diese Notiz in den Stasi-Unterlagen las, sprang es ihn heftig an: »Man stelle sich vor, diese Leute hätten an meiner Stelle die ganze Zeit unter entwürdigenden Bedingungen hinter Gittern gesessen. Hätten sie sich geduckt, angepasst oder – wie ich – auch noch hier versucht, Rückgrat zu zeigen? Man stelle sich vor, da sitzt einer beinahe zwei Jahre isoliert im Knast, und die anderen denken darüber nach, ob und wie er dafür bestraft werden soll […] Nein, die einstigen Mitkämpfer waren nicht an meiner Stelle. Sie saßen in Berlin hinter ihrem Schreibtisch«. Sein erster Führungsoffizier, Wagenbreth, holte ihn in Marienborn ab, kein herzlicher Empfang. Die ersehnte Gattin, »kalt wie ein Eisberg«, eröffnete Block die Scheidung; seine Vorgangsführer – eine »eisige Front«. Der für ihn nun zuständige Lubitz verbarg nicht seine Verachtung. Block war raus aus dem Geschäft, seine Akte archiviert, der Vorgang erledigt. Das Leben aber ging für Block weiter; er fing dort an, wo sein Berufsleben einstmals begonnen hatte – bei der Post in der DDR. Nachdem seit Jahren das Thema »Rosenholz« in aller Munde ist, haben nun der Historiker Heribert Schwan und die Psychologin Helgard Heindrichs nach  3-jähriger, mühevoller Arbeit ein Buch über »die geheimen Dossiers der Rosenholz-Datei« unter dem Titel Das Spinnennetzveröffentlicht. Schwan hat  bereits in Sachbüchern der Biographie des MfS-Ministers Erich Mielkes[9] ebenso nachgespürt wie dem seltsamen Tod des Fußballspielers Lutz Eigendorf[10]. Mit filmischen Mitteln trug er das Aufklärungsinteresse bis vor die verschlossenen Türen ehemaliger Akteure der Staatssicherheit, mitunter sogar tätliche Auseinandersetzungen in Kauf nehmend. Ein Mitarbeiter Schwans interviewte den ehemaligen Mitarbeiter der HV A Dieter Wähnert mit einer »Videobrille«, d. h. mit versteckter Kamera. Wähnert erstatte deshalb Anzeige bei der Polizei, was derzeit noch schwebende staatsanwaltliche Ermittlungen nach sich zog. Mithin steht Heribert Schwan für eine besonders kämpferische Variante der Aufklärung über das Wirken der Staatssicherheit. Und nun das: »Gestützt auf die geheimen Akten der Rosenholz-Datei schildern« die Autoren, wie der Klappentext verspricht, »jetzt das Ausmaß des Geheimnisverrates«. Das Fazit: »Ob Auswärtiges Amt, Kanzleramt oder die Parteizentralen von CDU, SPD, FDP und Grünen – die Schaltstellen der Macht waren von DDR-Agenten durchsetzt.« Das erscheint sensationell. Nicht nur die verfilmten Karteien der HV A (»Rosenholz« genannt) sind also überliefert, sondern gleich noch die dazugehörigen »geheimen Akten«. Man konnte also erwarten, endlich nachzulesen, welche der rund 6 000 bundesdeutschen IM in der Geschichte der HV A wirklich bedeutend waren und was sie geleistet haben. Nun würden so aufreizende Fragen geklärt wie, ob die HV A einmal nicht in Fraktionsstärke im Bundestag vertreten war; ob oder wer von den IM einem Bundeskabinett angehört hat; als Ministerpräsident intensive Gespräche mit dem Nachrichtendienst der DDR führte, ohne förmlich Agent zu sein, oder was sich hinter dem Decknamen »Pfeiffer« verbirgt. Man durfte also gespannt sein. Doch all das steht nicht in dem Sachbuch. Weder gibt es »geheime Akten« noch erfährt man etwas vom »Ausmaß« des Spinnennetzes. Zunächst scheint es so, als sei der Buchdeckel in der Druckerei um die falschen Seiten geklebt worden.[11] Doch alsbald zeigt sich, etwas bescheidener am Ende des Buches, dass sich die Autoren allein auf die Vorgänge im Auswärtigen Amtes (AA) beschränkt haben, um an ihnen exemplarisch die nachrichtendienstliche Arbeit des MfS zu beschreiben. Wenn auch nicht versprochen, so wäre auch das lohnend. Immerhin hat die Generalbundesanwaltschaft gegen alle zuletzt aktiven Quellen im AA oder solchen, die einen Zugang dazu hatten, in den Jahren von 1990 bis 1994 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Was dieses Amt betrifft, gehören dazu zwei »Abschöpfquellen«, wie der Berliner Sprachwissenschaftler »Sascha« oder die Frankfurter Postbeamtin »Michaela« – die, nach jüngst aufgefundenen MfS-Bestimmungen, als IM andere Personen abschöpften. Vor allem zählen elf »Objektquellen« dazu, die im AA arbeiteten oder nahezu direkten Einblick in dessen Innenleben hatten. Als da wären der Bonner Beamte »Maro«, die Bonner Sekretärinnen »Balkan«, »Britta«, »Jasmina« und »Rose«, der Bonner Jurist »Abraham«, die Stuttgarter Angestellte »Feder« oder das Nachwuchstalent, der Wissenschaftler »Arnim« wie auch die beiden Hausfrauen »Blume« und »Hanna«. Über die meisten dieser Fälle wurde in den Medien berichtet. Vier von ihnen wurden verurteilt, doch spielen sie in dem Buch über die IM im AA seltsamerweise kaum eine Rolle. Und dies, obwohl drei Monate vor der Drucklegung des Buches ebenfalls von 18 bundesdeutschen Agenten berichtet wurde, die Ende der 80er Jahre ihr Augenmerk auf das AA legen sollten.[12] Stattdessen wird auf noch »unbekannte« IM verwiesen, über die tatsächlich schon in den 90er Jahren einschlägig berichtet worden ist. Wenn es dem Buch in Wirklichkeit nicht um das »Ausmaß« der DDR-Spionage geht oder um die inoffizielle Arbeit im AA, worum denn dann? Es geht um die Geschichte von Lilli Pöttrich (»Angelika«), einer damals 22-jährigen Studentin, die aus ideellen Gründen 1976 geworben wurde und es im AA zur Referentin gebracht hat. Während ihr das halbe Buch gewidmet ist, werden begleitend drei weitere Akteure vorgestellt, nämlich die Bonner Beamten Ludwig Pauli (»Adler«), Klaus von Raussendorf (»Brede«) und Dr. Hagen Blau (»Merten«). Es geht also allein um vier der zuletzt 18 im AA oder in dessen Umfeld aktive IM. Drei von ihnen sind im April 1990 durch Überläufer, »Angelika« im Oktober 1993 durch »Rosenholz« enttarnt und sodann auch zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Sie stünden, heißt es, stellvertretend für das Vorgehen und die Methoden der HV A. Aber gerade das ist hier nicht der Fall. Vielmehr handelt es sich um die komplizierte und verwickelte Geschichte von Spitzenquellen der HV A, von denen es zuletzt etwa 90 gab, und die aus der Schar der anderen zuletzt aktiven 1 500 Agenten der HV A deutlich herausragen. Sie sind etwas Besonderes. Politisch eher links orientiert, hatten »Adler«, »Brede« und »Merten« über 30 Jahre lang inoffiziell gearbeitet und mit erheblichem Engagement zusammen bald über 3 400 Informationen an die HV A vermittelt. »Angelika«, die mit 38 Informationen immer noch überdurchschnittlich ist, fällt dieser Bilanz gegenüber deutlich ab. Selbst bei diesen wenigen Agenten, mit denen sich die Autoren intensiver befassen, wird mitunter kräftig spekuliert und eine gründliche Recherche vermisst: Im Dunklen bleibe, schreiben sie, wie Ludwig Pauli in das »Netz der Stasi« gelangte, was nicht zu klären gewesen sei, weil die Akten vernichtet seien und er selbst verschiedene Versionen angegeben hätte. Vielleicht habe erst alles im Jahre 1954 begonnen. Aber: Schon ein erster Blick auf Paulis »Rosenholz«-Karteikarte zeigt, dass sie kurz nach Gründung der HV A angelegt worden ist – im Herbst 1951 also, und es somit zu ihm eine Vorgeschichte geben muss. Und aus den vorhandenen Stasi-Unterlagen ergibt sich, dass Pauli als 18-Jähriger im Jahre 1948 zunächst der SPD, und ein Jahr später zusätzlich der SED beigetreten ist, der er sich mehr als den Sozialdemokraten verbunden fühlte. Ein Jahr später, 1950, ist der »kleine Angestellte« Pauli in der Informationsabteilung der SED-Landesleitung Berlin für die nachrichtendienstliche Arbeit geworben worden. »Seine Tätigkeit innerhalb der SPD und bis zum April 1952 im Bezirksamt Neukölln brachte verhältnismäßig wenig Material. Diese Quelle ist aber in der Mitarbeit sehr willig und legt eigene Initiative an den Tag, so dass er in seiner neuen Stelle im Senat für Wirtschaft«, um die er sich im Auftrag der HV A beworben hatte, »verhältnismäßig bedeutende Materialien beschaffte« – solcherart, dass er ein monatliches Salär von 20 Westmark erhielt. Pauli galt als »sehr intelligent« und hatte »die Perspektive, später in wichtige Positionen zu gelangen«. Neben Pauli waren nur zwei länger als Kundschafter der HV A aktiv als er, namentlich der Flicklobbyist Hans-Adolf Kanter (»Fichtel«) und der Hamburger Sozialdemokrat Kurt Wand (»Hülse«), die bereits 1948 damit begonnen hatten. Wären in dem Buch lediglich belanglose Fehler wie falsche Schreibweisen – William Boom statt Borm – festzustellen, man würde darüber hinwegblicken können. Wäre sogleich auf das nachrichtendienstliche Leben der Lilli Pöttrich verwiesen worden, müsste das Sachbuch empfohlen werden, weil deren Entwicklung erstaunlich dicht nachgezeichnet wurde. Doch wird dem Leser stattdessen werbewirksam mit »Rosenholz« etwas feilgeboten, was tatsächlich ohne diese Kartei hätte geschrieben werden können. Das Buch segelt gewissermaßen unter »Fremder Flagge«, nur sollen in diesem Fall nicht die IM, sondern die Leser getäuscht und sodann enttäuscht werden. »Rosenholz« bleibt folglich ein Rätsel. Während Heribert Schwan möglicherweise lediglich ein konjunkturelles Interesse marktgerecht bedienen möchte, ist tatsächlich auch eine neuere Entwicklung in der Auseinandersetzung mit der DDR-Spionage bzw. Spionageabwehr anzuzeigen. Das Neue kündigte sich bereits in den Reflexion von Kindern solcher Agenteneltern an, z. B. in dem Buch der Tochter des Stasi-Überläufers Werner Stiller.[13] Oder bei dem gemeinsamen Bericht der in der DDR inhaftierten Regina Kaiser mit ihrem Vernehmer, deren Zuneigung und Liebe zueinander mit der Zahl 12 chiffriert wurde.[14] Auf dieser Linie, die einen erfreulich unaufgeregten Blick auf die DDR erlaubt, befindet sich auch die Geschichte des Österreichers Hannes Sieberer, der von einem amerikanischen Geheimdienst rekrutiert, ausgebildet und in der DDR als Instrukteur eingesetzt und dort bald enttarnt  und inhaftiert worden ist. Gemeinsam mit einem seiner Vernehmer, Herbert Kierstein, veröffentlichte er kürzlich die wechselseitigen Erinnerungen mit dem Titel Verheizt und vergessen. Solche doppelten Perspektiven bieten offenkundig differenziertere Einblicke in den Alltag in der DDR. Hannes Sieberer geriet 1975 vor allem wegen seiner häufig besuchten DDRVerwandtschaft in das Blickfeld der Amerikaner. Ein Jahr später verpflichtete er sich zur Kooperation, Deckname »Kurt Klepp«. Bei seinen Aufenthalten in Rostock traf er auf einen entfernten Verwandten, der interessante Kontakte zur Warnow-Werft hatte und gewann ihn als »Max« für die Amerikaner. Fortan sprudelten Informationen – in klassischer Manier und mit allen Zutaten versehen, die das Agentenleben zu bieten hatte: Geheimschriftverfahren, Funk, Deckadressen und Treffs mit dem Instrukteur Sieberer. Fünf Jahre lang schien die Operation gut zu laufen, dann wurden »Max« und Hans Sieberer inhaftiert. Bereits im Vorfeld hatte der Österreicher intuitiv gespürt, dass ihm die Staatssicherheit auf der Spur sein könnte, was er den Amerikanern nicht verschwieg, doch ließ er sich von ihnen in Sicherheit wiegen. Während der Untersuchungshaft vermutete er einen Verrat durch »Max«. Auf die Idee, die Ursache könnten handwerkliche Fehler der Amerikaner sein, war er nicht gekommen. Nach Sieberer war aber das genau der Fall, wie er nun aus den Stasi-Akten schließen musste. Die Geheimschriftmethode, die dekonspirierende Angaben enthielt, war der Staatssicherheit so zureichend bekannt, dass sie schon das erste Schreiben von »Max« aus der Post fischte und die Handschrift nach einigem Aufwand nahezu sicher identifizieren konnte. Der Aufwand bestand darin, dass rund 87 000 Handschriften erfolgreich mit der des Geheimschriftschreibens verglichen worden sind – ohne Computer, sondern durch Augenschein. Einen Moment lang hatte die Spionageabwehr der DDR erwogen, Sieberer »umzudrehen« und als Doppelagent weiterarbeiten zu lassen, weshalb er 1982 konspirativ festgenommen wurde. Doch diese Erwägung zerschlug sich, so dass er in einem Verfahren zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Aus dieser wurde er rund drei Jahre später im Zuge eines Austauschs entlassen. Geradezu gallig musste Sieberer, zurückgekehrt in seine österreichische Heimat, feststellen, dass sich zwar die österreichische Regierung während seiner Haftzeit fürsorglich um ihn bemüht hatte, jedoch der amerikanische Nachrichtendienst nichts von sich vernehmen ließ. Von diesem fühlte er sich »verheizt und vergessen«. Nach der Herbstrevolution und der Einsicht in seine Stasi-Akten stöberte Sieberer einen seiner damaligen Untersuchungsführer, Herbert Kierstein, auf. Die Gespräche brachten beide einander näher. Der zweite Teil des Buches ist dessen Tätigkeit gewidmet, von den Kinderjahren bis zum deprimierenden »Kampf um die Existenz« in den 90er Jahren. Darin eingeordnet ist der »Fall Hannes Sieberer«, der schlüssig den ersten Hinweis auf die »neue Brieflinie« der Amerikaner, die Suche nach dem verfassenden Agenten wie dem Instrukteur und das Rechtsprocedere beschreibt. Hier besticht Kiersteins nüchterner Blick von innen auf die Stasi, insbesondere dann, wenn er die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten gegenüber Sieberer diskutiert. Allerdings, und das nimmt nicht unbeträchtlich den Glanz seiner Ausführungen, gibt er der Arbeit der Stasi-Untersuchungshaft den Charme der christlichen Wohlfahrt, gleichsam so rechtstreu, dass sich im Vergleich dazu der Vatikan als Vorhof der Hölle ausnimmt. Allenfalls das auf 15 Jahre lautende Urteil erschien Kierstein »gewiss hart«, wobei er an dieser Stelle hätte erwähnen können, dass in der Bundesrepublik im umgekehrten Fall üblicherweise das Urteil deutlich milder ausgefallen wäre. Darauf verzichtet der ehemalige Untersuchungsführer nicht grundlos. In weiteren Beiträgen, die weit über den »Fall Sieberer« hinausgehen, greift er die Gedenkstättenpraxis in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt in BerlinHohenschönhausen oder manch einen Buchtitel zum Thema an.[15] Das gibt dem durchaus lesenswerten Buch allerdings eine politische Schlagseite, nach der in der Bundesrepublik heute unverhohlen die missionarischen Bemühungen der Staatssicherheit diskreditiert werden sollen. Eine kritische Reflexion ist das nicht. Gleichwohl erlaubt das Buch von Sieberer und Kierstein nützliche Einblicke, von denen man sich mehr wünscht. Nunmehr liegt die schon seit längerem angekündigte Studie von Bodo Wegmann Die Militäraufklärung der NVA über die zentrale Organisation der militärischen Aufklärung der DDR vor,[16] die parallel zur HV A existierte, aber ihren Schwerpunkt auf die Militärspionage legte. Relevant waren dabei militärische Objekte in Zentraleuropa und an den Ostseeausgängen, aber auch die Northern Army Group (NORTHAG) und der Central ArmyGroup (CENTAG), also NATO und Bundeswehr, sowie alles, was mit Militärpolitik, Militärdiplomatie und Militärökonomie zu tun hatte. Mit der über 700-seitigen Studie liegt somit erstmalig ein profundes Werk über die bewegte Geschichte der einstmals im Jahre 1952 gegründeten »Verwaltung für allgemeine Fragen« vor, die vielfach ihren Namen änderte und zuletzt »Bereich Aufklärung« hieß und dem Ministerium für Nationale Verteidigung unterstellt war. Die handbuchartige Darstellung widmet sich eingehend der wechselhaften Geschichte dieses Nachrichtendienstes, der mit 57 Mitarbeitern und Karl Linke als Chef ihren Anfang nahm. Zuletzt, unter Alfred Krause, umfasste er rund 1 200 Kräfte und ging schließlich als Informationszentrum im Oktober 1990 in die Bundeswehr ein und alsbald unter. Die »agenturische Aufklärung«, wie die inoffizielle Arbeit beim Bereich Aufklärung hieß, lässt schon erahnen, dass dieser Dienst wesentlich von seinem sowjetischen Pedant, der GRU (Glavnoe razvedybatel’noe upravlenie; dt.: Hauptverwaltung Aufklärung), erschaffen und angeleitet worden war. In der Tat führte dieser Dienst bemerkenswerte Quellen, wie etwa Dieter Popp[17] und Egon Streffer, der seit den 60er Jahren zuverlässig Unterlagen aus dem Planungsstab des Bundesministeriums der Verteidigung vermittelte. Mit skurrilem Einschlag wird auch Dieter Haase beschrieben, der in den 60er Jahren Assistent von Friedrich August von der Heydte war. Heydte, der einzige Brigadegeneral der Reserve der Bundeswehr, wurde der bundesdeutschen Öffentlichkeit 1962 durch die »Spiegel-Affäre« bekannt. Diese wurde in Folge seiner Anzeige, in der er dem Magazin vorwarf, es habe durch seine Berichterstattung über die »Fallex 62« Landesverrat begangen, ausgelöst.[18] In der Summe waren zuletzt 138 »agenturische Mitarbeiter« für diesen Nachrichtendienst in der Bundesrepublik tätig. In weiteren Kapiteln widmet Wegmann sich der operativ-taktischen Aufklärung ebenso wie der Funk- und Grenzaufklärung, aber auch der Informationsverarbeitung und diversen Detailfragen wie dem Unterkunftswesen, der Versorgung, dem Kraftfahrzeugwesen und schließlich auch der Bibliothek. Der Autor fühlt die Beschwernisse mit, die sich bei der Lektüre solcher Fragen einstellen, als er auf der letzten Seite (S. 714) dem Leser dafür dankt, es bis dahin geschafft zu haben. Wegmann betont zu Recht, dass er bisherige Erkenntnislücken geschlossen hat. Auch wenn Wegmann auf eine Reihe noch offener Forschungsfelder verweist (etwa bei der Grenzaufklärung), dürfte die Forschung zum »Bereich Aufklärung« weitgehend abgeschlossen sein, zumal es ihm gelang, nicht wenige Akteure zu interviewen. Als nachteilig für die Lektüre erweist sich nicht allein der Umfang der Publikation Wegmanns, als vielmehr das Fehlen eines Personenregisters und prägnanter Zusammenfassungen. Auch wäre sicherlich eine Einordnung der Militäraufklärung in das Gesamtsystem DDR bzw. des Warschauer Paktes hilfreich gewesen, insbesondere mit Blick auf den Nutzen der beschafften Informationen. Im Vergleich dazu bietet das nahezu zeitgleich erschienene Sachbuch Der Nachrichtendienst der NVA von Klaus Behling, der sich auf die bislang erschienene Literatur stützt, zwangsläufig deutlich weniger. Mit Klaus Behling widmet sich ein ehemaliger Diplomat der DDR, der insgesamt 15 Jahre in Kambodscha, Laos und Rumänien tätig war, dem Thema Spionage. Mit diesem Sachbuch liegt nunmehr sein dritter Titel vor, nachdem er sich zunächst mit der HV A und dann mit den alliierten Missionen beschäftigt hat.[19] Während er noch in der Auseinandersetzung mit der HV A insbesondere durch seine vielseitige Betrachtung bestechen konnte, wirkt die neuerliche Arbeit wie eine Zusammenfassung der bisherigen, noch vor Wegmann erschienenen Publikationen. Behling erreicht nur bedingt die Dichte, die Andreas Kabus bereits 1993 mit der ersten umfänglichen Darstellung zur Militäraufklärung erreicht hat.[20]  Diese jüngere Entwicklung in der Fachpublizistik dürfte mit ihren desideraten Forschungsbeiträgen sicherlich dazu beitragen, in naher Zukunft eine zusammenfassende Würdigung der nachrichtendienstlichen Geschichte der DDR zu erfahren – vor allem eine Analyse über deren Nutzen, der oftmals per se unterstellt, aber kaum wissenschaftlich begründet ist. Die reichhaltige Dokumentation bei Ivo Thiemrodt, die eher nüchternen Erinnerungen von Gerhard Block, die Auseinandersetzung zwischen Sieberer und Kierstein und schließlich die akribische Arbeit von Bodo Wegmann sind dafür wichtige Grundlagen. Man kann nur wünschen, dass in den nächsten Jahren diese Entwicklung fortgesetzt wird. [1]  Müller, Jan: Strafjustiz und DDR-Unrecht. Bd. 1: Wahlfälschung, Berlin 2000; Rummler, Toralf: Strafjustiz und DDR-Unrecht. Bd. 2/1 u. 2/2: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, Berlin 2002; Fahnenschmidt, Willi: Strafjustiz und DDR-Unrecht. Bd. 3: Amtsmissbrauch und Korruption, Berlin 2002. [2]  Thiemrodt, Ivo: Strafjustiz und DDR-Spionage. Zur Strafverfolgung ehemaliger DDR-Bürger wegen Spionage gegen die Bundesrepublik, Berlin 2000. Siehe auch Herbstritt, Georg: Spionage und Strafverfolgung, in: Deutschland Archiv 35 (2002), H. 4, S. 513–515; Ders.: »Wenn sich die Politik vor Entscheidungen drückt«, in: Horch und Guck 10 (2001), H. 2, S. 76–78. [3]  Schäfter, Petra: Akademische Hasardeurinnen? Habilitationen von Frauen in Deutschland 1970–1995, Berlin 1995. [4]  Aus Sicht des HV A-Chefs Wolf, Markus: Kunst der Verstellung. Dokumente, Gespräche, Interview. Hrsg. von Günther Drommer, Berlin 1998; Ders.: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen, München 1997; Ders.: In eigenem Auftrag. Bekenntnisse und Einsichten, Berlin 1991. [5]  Großmann, Werner: Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus Sicht ihres letzten Chefs. Berlin 2001. [6]  Siehe Bohnsack, Günther/Brehmer, Herbert: Auftrag Irreführung. Wie die Stasi Politik im Westen machte, Hamburg 1992. [7]  Michels, Bernd: Spionage auf deutsch, Düsseldorf 1992. [8]  Gast, Gabriele: Kundschafterin des Friedens. 17 Jahre Topspionin der DDR, Berlin 2000. [9] Schwan, Heribert: Erich Mielke. Der Mann, der die Stasi war, München 1997. [10] Ders.: Tod dem Verräter! Der lange Arm der Stasi und der Fall Lutz Eigendorf, München 2000. [11]  Auf diese Problematik wies auch Karl Wilhelm Fricke in seiner Rezension hin: »Genau besehen, hält das Buch nicht, was Titel und Untertitel suggerieren. Recherche und Darstellung beschränken sich auf das Agentennetz, mit dem die für Spionage zuständige Hauptverwaltung A (HV A) der DDR-Staatssicherheit das Auswärtige Amt (AA) der Bonner Republik bis 1989 überzogen hatte.« Fricke, Karl Wilhelm: Stasi-Spione im AA. Eine Fallstudie nach SIRA- und »Rosenholz«-Materialien, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Oktober 2005, S. 8. Mit hämischem Einschlag auch Wolter, Peter: Meiner lieber Schwan… WDRAutor langte mal wieder in die Stasi-Kiste. Und griff erneut daneben, in: Junge Welt vom 10. Oktober 2005.   [12] Glücksfall »Rosenholz«. Ein MUT-Interwiew mit dem Leiter der Forschungsgruppe »Rosenholz«, Helmut Müller-Enbergs, in: MUT 2005, H. 453, S. 58–65, hier S. 60; Förster, Andreas: Rosenholz. Stasi hatte 1989 noch 18 Spione im Auswärtigen Amt. HV A-Agentendatei lieferte neue Erkenntnisse, in: Berliner Zeitung vom 26. Mai 2005, S. 1. [13]  Glocke, Nicole/Stiller, Edina: Verratene Kinder. Zwei Lebensgeschichten aus dem geteilten Deutschland, Berlin 2003. Siehe auch Boom, Pierre/Haase-Hindenberg, Gerhard: Der fremde Vater. Der Sohn des Kanzlerspions Guillaume erinnert sich, Berlin 2004.   [14]   Kaiser, Regina/Karlstedt, Uwe: 12 heißt »Ich liebe dich«, Köln 2003. [15] Zum Beispiel Sélitrenny, Rita: Doppelte Überwachung. Geheimdienstliche Ermittlungsmethoden in den DDR-Untersuchungshaftanstalten, Berlin 2003. [16] Siehe dazu auch Müller-Enbergs, Helmut: Was wissen wir über die DDR-Spionage?, in: Herbstritt, Georg/Ders.: Das Gesicht dem Westen zu …: DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland, Bremen 2003, S. 34–71, hier S. 63. [17] Der Versicherungsangestellte Dieter Popp wurde 1991 zu sechs Jahren Haft verurteilt. Siehe Popp, Dieter: Aurikel und Asriel, in: Eichner, Klaus/Schramm, Gotthold (Hrsg.): Kundschafter im Westen. Spitzenquellen der DDR-Aufklärung erinnern sich, Berlin 2003, S. 168– 175; Witt, Uwe: Auch die NVA hatte einen Nachrichtendienst – und Dieter Popp, in: Junge Welt vom 25. Juli 1997; Schlomann, Friedrich W.: Die Maulwürfe, Frankfurt a. M. 1993. [18]  Siehe dazu Haase, Dieter: Mein Name ist Haase, ich weiß … zuviel, Celle 1993; Ders.: 006 – der Spion, der sich liebte, Berlin 2004. [19]  Siehe Behling, Klaus: Spione in Uniform. Die alliierten Militärmissionen in Deutschland, Stuttgart 2004; Ders.: Kundschafter a. D. Das Ende der DDR-Spionage, Stuttgart 2003. [20]  Kabus, Andreas: Auftrag Windrose. Der militärische Geheimdienst der DDR, Berlin 1993.

JHK 2006

Editorial

Unter dem Schwerpunkt »Fünfzig Jahre XX. Parteitag, Polnische Krise und Ungarische Revolution« widmet sich das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung in dieser Ausgabe dem Jahr 1956 und seiner Bedeutung für die internationale kommunistische Bewegung. In seinem Einführungsbeitrag stellt der Berliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk die widersprüchlichen internationalen Prozesse des Jahres 1956 in den Mittelpunkt und verfolgt den Widerhall, den sie in der DDR unter Ulbricht erzeugten. Zwei Zeitzeugen, Ralph Giordano und Wolfgang Leonhard, erinnern sich in einem Interview an die Erwartungen und Enttäuschungen damaliger kritischer Kommunisten.  Erstmals hat das Jahrbuch für diese Ausgabe Protokolle der Sitzungen des KPdSU-Präsidiums von Anfang Februar 1956 ins Deutsche übersetzen lassen. Auf diesen Sitzungen wurde die Geheimrede über den »Personenkult« vorbesprochen. Die Protokolle geben Einblick in den Machtkampf innerhalb der Parteispitze und verdeutlichen die Scheinheiligkeit, mit der sich die poststalinsche »kollektive Führung« aus der direkten Mitverantwortung für die Verbrechen der Stalinschen Epoche herauswand (siehe den Beitrag von Michail Prozumenščikov, stellvertretender Direktor des Russischen Staatsarchivs für neuere Geschichte). Der 50. Jahrestag der ungarischen Revolution ist dem Direktor des 1956er Instituts in Budapest, János M. Rainer, Anlass für einen Rückblick auf die sowjetisch dominierte Epoche Ungarns. Er stellt dabei vor allem das machtpolitische Agieren der Kádár-Führung heraus, die mehr als 30 Jahre den sowjetischen Erwartungen entsprach, zugleich aber die ungarische Gesellschaft unter dem Motto »Wer nicht gegen uns ist, ist für uns« ruhig stellte. Árpád von Klimó untersucht in seinem Beitrag, welche Rolle die Rezeption der Niederschlagung des Volksaufstandes 1956 für die Durchsetzung von Demokratie und Meinungsfreiheit in Ungarn 1989 spielte. Den Schwerpunkt zu 1956 runden zwei Beiträge aus Polen von Małgorzata Ruchniewicz und Łukasz Kamiński ab, die sich mit der Rückkehr von 5 700 Polen aus sowjetischer Haft nach Polen 1955 und den Auswirkungen des XX. Parteitags, des Posener Aufstands und der polnischen Herbstkrise in Niederschlesien befassen. Für den zweiten Schwerpunkt des Jahrbuchs konnten wir namhafte Forscher aus dem In- und Ausland gewinnen, in einem Essay anlässlich des 70. Jahrestages des Beginns der Moskauer Schauprozesse 1936 den Stalinschen Terror gegen Partei und Gesellschaft zu analysieren. Der Reiz der Beiträge von Nikolas Werth aus Frankreich, Robert V. Daniels und Fridrikh Firsov aus den USA sowie Leonid Luks aus Deutschland liegt für den Leser im Vergleich der unterschiedlichen Begriffe, Schwerpunkte und Positionen der Autoren zum selben Thema.  Die Rubriken »Abhandlungen«, »Dokumentation« und »Biographische Skizzen« bieten wie jedes Jahr Raum für neue Forschungsergebnisse der historischen Kommunismusforschung. Hervorzuheben sind v. a. die biographischen Beiträge zu Harry Schmitt und Bruno Haid. Hermann Weber beschreibt die Biographie von Harry Schmitt alias »Ralph Forster«, Leiter der militärischen Sabotageorganisation der DKP in der Bundesrepublik (1970 bis 1989), und beziffert erstmals die enormen Summen, mit der die SED dessen Tätigkeit finanzierte. Helmut MüllerEnbergs zeichnet den Fall des Leiters der Nachrichtendienstschule der DDR Bruno Haid nach, dessen Absetzung 1952 auch von Markus Wolf betrieben worden war. Das Jahrbuch enthält zudem die Rubrik »Sammelrezensionen« und den International Newsletter of Communist Studies XII (2006), no 19, der von Bernhard H. Bayerlein herausgegeben und redaktionell betreut wird. Zum ersten Mal erscheint das Jahrbuch mit Abbildungen. Die Veröffentlichung von Fotos und Faksimiles werden wir auch in den folgenden Jahrbüchern fortsetzen. Wir bedanken uns v. a. bei den Mitarbeitern des Bundesarchivs in Koblenz für die Unterstützung. Wir danken zudem der Gerda-und-HermannWeber-Stiftung (Berlin) und der Hermann-Weber-Stiftung (Mannheim), die die Finanzierung der zahlreichen Übersetzungen aus dem Ungarischen, Polnischen, Russischen und Englischen ermöglicht hat.  Zum Schluss müssen wir eine traurige Mitteilung machen. Aleksandr Jakovlev, Mitglied unseres wissenschaftlichen Beirats, ist am 18. Oktober 2005 in Moskau verstorben. Damit verliert die Aufarbeitung des Kommunismus in Russland einen herausragenden Wissenschaftler. Jakovlev war in der Gorbačev-Ära Politbüromitglied und galt als »geistiger Vater« der Perestrojka. Die Verbrechen der Partei hat er deutlich wie kein anderes ranghohes Mitglied der Sowjetnomenklatur verurteilt. Bis zu seinem Tod war er als engagierter Vorsitzender der Rehabilitierungskommission für die Opfer der politischen Repressionen beim Präsidenten der Russischen Föderation tätig. Die (zugänglichen) Dokumente zu Terror und Repression veröffentlichte Jakovlev seit 1997 in der Reihe »Rossija. XX. vek« (Russland. Das 20. Jahrhundert) mit Hilfe seiner Internationalen Stiftung »Demokratie«. Die Serie umfasst mehrere Dutzend, für die Forschung unverzichtbare Bände. Wir hoffen sehr, dass es seiner Tochter Natalja Ušackaja gelingt, die Arbeit des Vaters in der Stiftung fortzusetzen.   Berlin, Ende März 2006                                                       Die Herausgeber

JHK 2006

Ereignisse, die die kommunistische Welt erschütterten. Zum 50. Jahrestag des XX. Parteitags der KPdSU

Michail Prozumenščikov

Für jeden, der sich mit der Geschichte der internationalen kommunistischen Bewegung vertraut ist, weckt das Jahr 1956 mit dem XX. Parteitag Assoziationen an die Rede »Über den Personenkult und seine Folgen«, die der Erste Sekretär der KPdSU, Nikita Chruščev, auf einer geheimen Sitzung des Parteitags hielt.[1] Ungeachtet seiner ursprünglichen Geheimhaltung wurde der Auftritt Chruščevs sehr schnell bekannt und hatte – zuerst in der UdSSR und dann auf der ganzen Welt – die Wirkung einer explodierenden Bombe. Die Rede führte zu einer ernsthaften Krise innerhalb der KPdSU und zur Spaltung und Schwächung des Weltkommunismus. Damit wurde sie zu einem charakteristischen Wendepunkt bei der beginnenden Zersetzung des kommunistischen Wertesystems. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte nahm der Prozess der Entstalinisierung, der mit dem XX. Parteitag begonnen hatte, verschiedenartige Wendungen und entwickelte sich äußerst widersprüchlich und inkonsequent. Um die Rede über den Personenkult selbst gedieh eine Vielzahl von Mythen und Legenden. Der Personenkult tauchte als Thema faktisch sofort nach Stalins Tod auf. Doch waren dem Thema zwei spezifische Charakteristika eigen. Erstens besetzten der Begriff »Personenkult« und der Name Stalins zwei unterschiedliche Ebenen, die sich in dieser Zeit praktisch nicht berührten. Zweitens benutzten die Nachfolger Stalins 1953 die These vom Personenkult beim Kampf um die Macht, allerdings gingen sie dabei sehr vorsichtig vor, denn sie befürchteten, sich gegenseitig der Verbreitung des »Personenkults« zu beschuldigen. Nicht zufällig unterband Georgij Malenkov, anfangs »Stalins Nachfolger Nr. 1«, entschieden die Versuche, einen Personenkult für ihn zu etablieren[2], und machte auch noch ein Zitat von Stalin selbst über die Schädlichkeit des Personenkults ausfindig. Auf dem Juli-Plenum des ZK der KPdSU 1953, als der Sturz des »Volksfeindes« Lavrentij Berija über die Bühne ging, sprachen gleich mehrere Redner, darunter Chruščev, über den Personenkult und sogar über den »Stalin-Kult« – jedoch ausschließlich in dem Sinn, dass dieser Kult künstlich von Berija initiiert worden sei, um seine »blutigen und verräterischen Ziele« zu erreichen. Der andauernde Machtkampf auf dem politischen Olymp der Sowjetunion bestimmte die widersprüchliche Haltung zu Stalin im Zeitraum 1953/54. Einerseits fand eine relativ substantielle Korrektur der Stalinschen Innen- und Außenpolitik statt (die beginnende Rehabilitierung der Opfer der Repressionen, die Veränderung der Politik gegenüber den Bauern, die Wiederherstellung unterbrochener Kontakte mit Staaten, die Stalin nicht anerkannt hatte, der Aufbau diplomatischer Beziehungen usw.). Auf der anderen Seite blieben die Verehrung Stalins als Führer und Lehrer sowie die rituelle Beschwörung der Richtigkeit des von ihm vorgezeichneten Wegs bestehen. Für einige Sowjetführer (Vjačeslav Molotov, Lazar Kaganovič, Kliment Vorošilov) blieb Stalin nach wie vor die höchste Autorität, »die Wahrheit der letzten Instanz«. Für andere (Chruščev, Anastas Mikojan) hätte ein direkter Angriff auf Stalin in dieser Situation zu ihrem eigenen Sturz führen können. Erst nachdem Chruščev seine Machtposition 1955 hatte festigen können, indem er seinen beiden Hauptkonkurrenten, Malenkov und Molotov, schwere Niederlagen beibrachte, erschien die Frage des »Personenkults« wieder auf der Tagesordnung – nun auch in direkter Verbindung mit Stalin. Anfangs war die Rückkehr zu diesem Thema sorgsam getarnt und konnte nur durch einzelne indirekte Anzeichen vermutet werden. Zum Beispiel wurde im Unterschied zum 5. März 1954, als die Zeitungen an Stalins Todestag mit Trauerartikeln voll waren, am 5. März 1955 in der sowjetischen Presse überhaupt nicht an den »Führer der Völker« erinnert. Als Schlüsselthema zur Delegitimierung des Stalin-Kults wurde die Verantwortung des Führers für die politischen Repressionen gewählt – eine Strategie, die in einem weitaus kleineren Maßstab schon in den politischen Auseinandersetzungen der Jahre 1953/54 erfolgreich gewesen war.  Die öffentliche Verurteilung von Stalins Verbrechen war nicht nur zur Rehabilitierung von Millionen unschuldiger Opfer nötig. In den Augen der Bevölkerungsmehrheit innerhalb und außerhalb der Sowjetunion fiel der Vergleich zwischen dem neuen Führer der Sowjetunion Chruščev und dem alten Führer Stalin offensichtlich nicht zugunsten des ersteren aus. (Das weiterhin sehr niedrige Lebensniveau in der Sowjetunion und die ernsthaften wirtschaftlichen Probleme trugen nicht unbedingt zur Popularität Chruščevs bei). Daher waren bedeutende Maßnahmen gefordert, um Stalin vom errichteten Sockel zu stürzen und der Welt zu zeigen, dass »der Gott zum schnöden Idol« geworden war.  Der XX. Parteitag sollte die von Chruščev errungenen Positionen legal untermauern (im März 1953 hatte Chruščev bei der Regelung der Nachfolge Stalins noch zu den »Benachteiligten« gehört) und gleichzeitig als Tribüne für die Verurteilung der Stalinschen Verbrechen dienen. Dies war einer der Gründe für die beschleunigte Einberufung des Parteitags. Chruščev hatte die Notwendigkeit seiner Durchführung schon Anfang April 1955 betont (also nur zweieinhalb Jahre nach Ende des vorherigen Parteitags).[3] In der Folgezeit hatte er kategorisch alle Versuche abgewehrt, den Parteitag vom Februar auf den Herbst 1956 zu verlegen, was er mit volkswirtschaftlichen Interessen rechtfertigte. Von diesem Zeitpunkt an begann man im ZK, Materialien über die Stalinschen Repressionen der 30er Jahre zu sammeln und mit der Absicht zu analysieren, sie als Hauptbeweismittel gegen Stalin zu benutzen. Je näher der Parteitag rückte, desto mehr verstärkte sich – zeitgleich mit den gewöhnlichen Parteitagsvorbereitungen – die »Stalin-Problematik«. Im November 1955 entstand auf einer Sitzung des Präsidiums des ZK Uneinigkeit darüber, wie der herannahende Geburtstag Stalins begangen werden sollte.[4] Kurze Zeit später bekannte die Führung der KPdSU offiziell die »fehlerhafte« Zerstörung der Kommunistischen Partei Polens 1938 auf Befehl Stalins und die physische Liquidierung ihrer Führer. Besonders heftige Debatten entzündeten sich Anfang Februar 1956 im Kreml, als die Meinungen über Sinn und Ziel des Referats »Über den Personenkult« im Parteitagsrahmen und über dessen möglichen Inhalt wesentlich auseinander gingen. Der zu diesem Zeitpunkt vorgelegte Spezialbericht einer Kommission des ZK (»Pospelov-Kommission«), der zahlreiches Tatsachenmaterial über die Massenrepressionen der 30er Jahre enthielt, stellte keine der streitenden Seiten wirklich zufrieden. Die einen dachten, dass man das Referat »stärker machen« und »die ganze Wahrheit sagen« müsse. Die anderen befürchteten die Bekanntmachung so schockierender Tatsachen und warnten, dass man »das Kind nicht mit dem Bade ausschütten«[5] solle. Bis kurz vor Beginn des Parteitags blieb faktisch unentschieden, wer das Referat halten würde. Wie die Schlusssitzung des Parteitagtreffens ausfallen würde, darüber wussten nur wenige Eingeweihte Bescheid. Deshalb sprachen die auftretenden Delegierten auf dem Parteitag noch über die »Partei Lenins und Stalins« oder über Stalin als »großen Nachfolger der Sache Marx’ und Lenins«. Dissonant erklang lediglich der Auftritt Mikojans, der an all jenen Erscheinungen Kritik übte, die bislang mit dem Namen Stalins verbunden gewesen waren, und der dabei den Namen des »Führers der Völker« nicht ein einziges Mal erwähnte. Da sich die Massenmedien auf der ganzen Welt nicht vorstellen konnten, dass dieses Referat vor Chruščevs »Geheimrede« lediglich ein Prüfstein war, beeilten sie sich zu erklären, dass die Rede vom Beginn einer Neubewertung des gesamten Stalinkurses durch die Sowjetführung zeuge. An Mikojans Adresse gingen begeisterte wie auch kritische Antworten. Noch während des Parteitags wurde die Arbeit an der »Geheimrede« fortgesetzt. Der Text wurde mehrfach umgearbeitet. Verschiedene von Petr Pospelov und Boris Aristov erarbeitete Veränderungen, Anmerkungen und Ergänzungen von Michail Suslov und Dmitrij Šepilov, Diktate von Chruščev und sogar Auszüge aus nicht gehaltenen Redebeiträgen rehabilitierter Altbolschewiki wurden eingefügt. Nichtsdestotrotz wies die Rede über Stalin, mit der Chruščev die gesamte Versammlung am 25. Februar erschütterte, nicht unerhebliche Abweichungen von der letzten Textredaktion auf. Der Kern des Referats, der in der Enthüllung der Stalinschen Repressionen in den 30er Jahren bestand, war in seinem Umfang deutlich erweitert worden. In das Referat waren Ausführungen sowohl über Stalins Fehler in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges, als auch über die Verbrechen der Nachkriegszeit sowie über die Beziehungen zu anderen Parteiführern aufgenommen worden. Die Grundthese der Chruščev-Rede lautete: Stalin hat schreckliche Verbrechen gegen Volk und Partei begangen, von denen keiner etwas wusste (auch nicht die wichtigsten Parteibonzen), und wenn irgendjemand irgendetwas vermutete, konnte er unter den damals herrschenden Bedingungen nichts sagen. Alle übrigen Parteiführer waren angeblich an nichts schuld (außer einzelne »politische Abenteurer vom Typ Berija und Abakumov«) und waren nun gezwungen, die »unerwartet« auftauchenden Tatsachen zu veröffentlichen, um das Vertrauen der Partei nicht zu verlieren und die Wiederholung ähnlicher Ereignisse in Zukunft zu vermeiden.  So schwierig und widersprüchlich wie die Vorbereitung der »Geheimrede« war, so problematisch war auch die Geschichte ihrer Folgen. Die Rede wurde neuerlichen Redaktionen unterworfen, bevor sie einer »ausgesuchten« sowjetischen Öffentlichkeit vorgelegt wurde. Und auch die Wahl der Öffentlichkeit änderte sich: Während anfangs geplant war, den Text nur der oberen und mittleren Funktionärsebene zugänglich zu machen, konnten später sogar Komsomolzen und parteilose Aktivisten die Broschüre mit dem Aufdruck »streng geheim« lesen. In der Praxis führte dies zu einer noch weiter ausgreifenden Verbreitung des Referats: Angefangen von seiner mündlichen Nacherzählung an Personen, die der Partei gänzlich fern standen, und endend mit dem Verlust einzelner Exemplare im Zuge der »Zurkenntnisnahme«. Ein noch größeres Durcheinander kam bei der Verbreitung des Redetextes im Ausland zustande. Auf der Geheimsitzung waren die Führer der »Bruderparteien« nicht anwesend. Ihre Bekanntschaft mit dem Referat war ein mehrstufiger Prozess. Die aus Anlass des Parteitags in Moskau anwesenden prominentesten Führer der kommunistischen Weltbewegung machten sich noch vor ihrer Abreise in groben Zügen mit den Thesen des Referats vertraut. Danach wurde eine Spezialversion des Textes für die hohen ausländischen Parteiführer erstellt (die den Text in den sowjetischen Botschaften »gegen Quittung« lasen). Die Parteimitglieder der sozialistischen Länder erhielten wiederum eine andere Textvariante. Natürlich sickerten auch hier Informationen durch. Im Westen kam eine Vielzahl von Gerüchten und Vermutungen über die geheimnisvolle Sitzung in Moskau auf. Viele erwiesen sich als so nah an der Wahrheit, dass sie bei den Kommunisten in den kapitalistischen Ländern das Gefühl von Ärger und Beleidigung hervorrief: »Vor uns haben sie geheim gehalten, was der bourgeoisen Presse schon längst bekannt ist«.[6] Die »Geheimrede« rief unter den sowjetischen Parteimitgliedern eine uneindeutige Reaktion hervor. Zunächst waren die meisten geschockt von dem Gehörten. Viele glaubten es nicht, und für einige (darunter Leute wie der Schriftsteller Aleksandr Fadeev) brachen sämtliche Orientierungspunkte im Leben zusammen. Doch die Mehrheit der Zuhörer, die seit jungen Jahren gelernt hatte, sich auf Anweisung des Kremls »nach der Parteilinie zu biegen«, und heute diejenigen für »Volksfeinde« zu halten, die sie gestern echte Leninisten genannt hatte, begrüßte Chruščevs Auftritt zumindest äußerlich. Das zu dieser Zeit beginnende »Tauwetter« und die ungewohnte Situation (schließlich war von Stalin »höchst persönlich« die Rede) bereiteten den Machthabern zahlreiche Probleme: Unruhen in Georgien, die mit Waffengewalt unterdrückt werden mussten; Redebeiträge auf Versammlungen, in denen nicht nur Stalin, sondern das System an sich kritisiert wurde; eine Reihe von Fragen, auf die die Parteiführer und vor allem die Funktionäre der mittleren Ebene keine überzeugenden Antworten hatten. Das und vieles mehr erwies sich als unerwartete und unangenehme Überraschung für die sowjetische Führung. Die Situation verschlechterte sich aufgrund von Unstimmigkeiten innerhalb der Kremlführung über den weiteren Fortgang der Entstalinisierungspolitik. Dies zeigte sich sowohl bei der Publikation von Artikeln in der Pravda, die hinreichend gegensätzliche Ansichten über das Problem des »Personenkults« enthielten, als auch im Schicksal des Juni-Plenums des ZK der KPdSU 1956. Dazu bestimmt, in der Frage des Personenkults eine Fortsetzung des XX. Parteitags zu werden (von Šepilov und Žukov waren dazu speziell Referate verfasst worden), wurde das Plenum im letzten Moment ohne jede Erklärung abgesagt. Offenbar stockte auch die ideologische Absicherung des Entstalinisierungsprozesses. Obwohl die Sowjetführung beschlossen hatte, neue Geschichtslehrbücher sowie neue Bücher über die politische Ökonomie, Lexikonartikel usw. in Auftrag zu geben, waren sie nicht in der Lage, aktuelle Alltagsfragen operativ zu entscheiden: Was sollte mit den Stalinportraits und Stalindenkmälern geschehen? Wie sollte man sich zu Stalins Büchern und Aussprüchen verhalten? Und überhaupt: Sollte man Stalin weiterhin als Marxisten verstehen (besonders im Lichte der Umbenennung des »Marx-Engels-Lenin-Stalin-Instituts beim ZK der KPdSU« in »Institut für Marxismus-Leninismus«)? Erschwerend kam hinzu, dass die regionalen Parteibürokratien sich häufig mit Entscheidungen schwer taten und zeitweise die volle Kontrolle über die Situation verloren, weil sie keine genauen Instruktionen aus Moskau erhielten und fürchteten, entweder beim Vorantreiben der »Entstalinisierung« oder umgekehrt, bei ihrer allmählichen Rücknahme, einen falschen Schritt zu tun. In einer noch schwierigeren Lage befanden sich die kommunistischen Führer in den anderen Ländern. Die Chruščev-Rede fügte in den Parteiorganisationen der Volksdemokratien, vor allem deren Führern, einen schweren Schlag zu, weil sie in ihrer überwiegenden Mehrheit Stalins Schützlinge gewesen waren und in ihrem Verhalten den toten Führer kopierten. Da sie sich nicht von heute auf morgen »wandeln« konnten, befanden sie sich unter einem doppelten Druck. Aus Moskau kamen Empfehlungen, dem Kurs des XX. Parteitags zu folgen. Dasselbe forderten auch ihre lokalen politischen Opponenten, indem sie sich auf das Vorbild der KPdSU beriefen. In der Mehrheit der Staaten Osteuropas verstärkten sich als Resultat zunehmend die demokratischen und antitotalitären Tendenzen. Die kommunistischen Herrscher waren demoralisiert. Die Parteitage und Plenen verwandelten sich immer mehr in Diskussionsforen. Es gab Forderungen, mit den »Nachfolgern« Stalins im eigenen Land »abzurechnen«, immer lauter waren antikommunistische und antisowjetische Losungen zu hören. Zum Symbol der »Gärung« im Frühjahr und Sommer wurden die Unruhen in Poznań (Posen), die von der polnischen Armee niedergeschlagen wurden. Im Kreml kam man den vom Verlust ihres Führers geschwächten polnischen Kommunisten zur Hilfe,[7] indem eine Reihe wichtiger politischer und wirtschaftlicher Zugeständnisse gemacht wurde. Gleichzeitig nahmen einige kommunistische Parteien, insbesondere die chinesische, gegenüber Chruščevs Referat eine kritische Position ein und erklärten sie für nicht wirklich glaubwürdig und nicht wirklich zeitgemäß.[8] Bis zu einem bestimmten Grad wurden sie dabei von einigen westlichen Kommunistischen Parteien unterstützt, die erklärten, die »Geheimrede« sei lediglich eine Sammlung von aus dem historischen Kontext gerissenen Fakten ohne den Versuch einer ernsthaften Analyse. Der 4. Juni 1956 wurde zum Fanal der kommunistischen Hoffnungen von Millionen Menschen auf der ganzen Welt. An diesem Tag publizierte die New York Times den gesamten Text der Chruščev-Rede, der über Polen und Israel in die USA gelangt war. Im Lauf von drei Monaten wurde der Text in dutzende Sprachen übersetzt und in vielen Ländern veröffentlicht. Der KGB stellte dem ZK der KPdSU sogar eine Broschüre mit der Rückübersetzung des Textes ins Russische zur Verfügung, der in BRD herausgegeben worden war und an sowjetische Bürger weitergegeben wurde, die das Ausland besuchten. Gleichzeitig wurden vom Territorium der NATO-Staaten aus regelmäßig dutzende Luftballons mit dem Text der »Geheimrede« in Richtung Osteuropa losgelassen. Einige von ihnen fanden ihren Weg bis nach Mittelrussland.  Die Wirkung des Gelesenen war niederschmetternd. Kommunistische Parteien fielen beim bloßen Anblick auseinander. Es begann eine massenhafte Abkehr der Vertreter der westlichen Intelligenz von den Ideen des Kommunismus. Einige Parteien (insbesondere der englischsprachigen Länder) gingen nun, um irgendwie ihren Ruf zu wahren, auf antisowjetische Positionen über und kritisierten die UdSSR schärfer als die bürgerlichen Parteien. Sogar die gläubigsten Verbündeten der KPdSU – die französische und die italienische KP – hielten sich mit ihrer Kritik nicht zurück. Palmiro Togliatti, der italienische Vorsitzende, sprach dabei den aus Sicht der Moskauer Führung »aufrührerischen« Gedanken aus, dass der Personenkult Stalins aus dem Sowjetsystem selbst geboren gewesen sein könnte. Die Rede Chruščevs provozierte zu einem großen Teil auch die antikommunistischen Massenunruhen in Polen und Ungarn im Herbst 1956, die weder die frühen orthodoxen noch die sie ablösenden liberalen KP-Führer dieser Länder verhindern konnten. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Władysław Gomułka Polen von einem antisowjetischen Aufstand abhalten konnte (obwohl Chruščev anfangs Truppen gerade dorthin entsenden wollte), während sich Imre Nagy dem Lauf der Ereignisse nicht nur nicht entgegenstellte, sondern den verzweifelten Widerstand der Ungarn gegen die sowjetische Armee anführte, die zum »Ordnung schaffen« eingesetzt war. Die sowjetische Militäraktion in Ungarn rief auf der ganzen Welt eine Welle der Empörung hervor, provozierte eine Reihe von Boykotten und antisowjetischen Unruhen und wurde zu einem weiteren empfindlichen Schlag gegen den auf dem XX. Parteitag eingeschlagenen Kurs der Entstalinisierung. Die Aktion tauchte die leuchtenden kommunistischen Ideale endgültig in die Farbe des Bluts und stellte gleichzeitig die Mehrheit der kommunistischen Parteien in den nichtsozialistischen Ländern vor die schwere Wahl, entweder die UdSSR zu verurteilen und sich innerhalb der kommunistischen Welt zu isolieren oder aber die Abrechnung mit den »Aufständischen« zu rechtfertigen und im eigenen Land politisch isoliert zu werden. Die Invasion in Ungarn wurde von der Bevölkerung der sozialistischen Länder negativ aufgenommen. Nach der Verhaftung Imre Nagys verschlechterten sich auch die offiziellen sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen stark, die Chruščev während der vergangenen eineinhalb Jahre sorgsam gepflegt hatte. Die außen- wie auch die innenpolitische Bilanz des Parteitages war negativ.   Anmerkung der Redaktion: Im Folgenden sind drei Dokumente zum XX. Parteitag erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Sie geben einen Einblick in die internen Diskussionen über die Geheimrede Chruščevs vor und nach dem XX. Parteitag. Es handelt sich um zwei Arbeitsnotizprotokolle von Sitzungen des KPdSU-Präsidiums von Anfang Februar und um eine Stellungnahme Chruščevs vor dem ZK der polnischen KP im März 1956. Die Arbeitsnotizprotokolle hat der Leiter der Allgemeinen Abteilung des ZK der KPdSU V. N. Malin angefertigt. Sie überliefern die Sitzung nicht wortwörtlich, sondern geben nur stichwortartige Zusammenfassungen der Redebeiträge wieder. Daher ist der Stil der Aufzeichnungen fragmentarisch und sprunghaft. Erläuterungen der Redaktion oder des Übersetzers zum Verständnis stehen in eckigen Klammern bzw. in den Anmerkungen. Runde Klammern entstammen dem Original, ebenso die Anführungszeichen. Auslassungen wurden durch drei Punkte in eckigen Klammern gekennzeichnet. Die beiden Präsidiumsprotokolle hat Michail Prozumenščikov als Typoskripte zur Verfügung gestellt. Die Dokumentation der Dokumente folgt dem Text dieser Typoskripte.   Dokument 1[9] Protokoll der Sitzung des Präsidiums des ZK der KPdSU Nr. 185 Sitzung vom 1. Februar 1956 Über den Fall Rodos[10]   Rudenko, Molotov, Kaganovič, Chruščev, Bulganin, Vorošilov, Pervuchin, Saburov (stellt eine Reihe von Fragen), Mikojan, Malenkov, Pospelov, Suslov, Serov Gen. Chruščev   GEN. MOLOTOV: Wie verhält sich Rodos jetzt?  GEN. CHRUŠČEV: Rodos weiß von der Rehabilitierung der Leute. FRAGE DES GEN. CHRUŠČEV [gerichtet an Boris Rodos]: Erzählen Sie in Bezug auf die Genossen Postyšev und Kosior, wie Sie sie als Feinde enttarnt haben. Die Schuldigen sitzen weiter oben. Halbkriminelle Elemente zog man zur Ermittlung dieser Fälle heran. Schuld ist Stalin. ARISTOV: Gen. Chruščev, reicht uns der Mut, um die Wahrheit zu sagen? Ėjche hat bis zuletzt [alles] abgestritten, aber sie haben ihn trotzdem erschossen. GEN. CHRUŠČEV: Ežov hat wahrscheinlich keine Schuld, ein ehrlicher Mensch. GEN. MIKOJAN: Das Dekret über den Kampf gegen den Terror wurde am 1. Dezember 1934 beschlossen. GEN. POSPELOV/GEN. SEROV: Verhaftungsquoten wurden beschlossen. GEN. CHRUŠČEV: Das vielleicht noch zum Referat hinzufügen. PERVUCHIN, BULGANIN, MIKOJAN: Stimmen zu.  GEN. CHRUŠČEV: Serov, Rudenko, die Kommission [sollen] den Fall Tuchačevskij überprüfen, den Brief von Beneš (an Stalin) 1936/37 wegen der Gruppe Tuchačevskij (Jakir).[11] GEN. MOLOTOV: Aber Stalin muss man als großen Führer anerkennen. MIKOJAN: Widerspricht Molotov: »Und du, Gen. Molotov, hast [ihn] unterstützt«. GEN. KAGANOVIČ: In der jetzigen Lage kann man die Frage, die Gen. Šepilov stellt, nicht beantworten (zu den [Stalin-] Plakaten [auf dem Parteitag]), man kann [die Frage] nicht so stellen. Man muss alles zusammen nehmen, die Frage in ihrem Wesen packen. Man kann vieles überprüfen, aber Stalin stand 30 Jahre an der Spitze. GEN. MOLOTOV: Man muss im Referat darüber sprechen, dass Stalin der große Nachfolger in der Sache Lenins war. Darauf bestehe auch ich. GEN. MIKOJAN: Nehmt die Geschichte – es ist zum Verrücktwerden. GEN. SABUROV: Wenn die Tatsachen stimmen, ist das etwa Kommunismus?  Das kann man nicht verzeihen. GEN. MALENKOV: Es ist richtig, sich die Tatsachen anzusehen. Es ist richtig, die Frage zu stellen. Man muss es der Partei sagen. GEN. PERVUCHIN: Wussten wir Bescheid? Wir wussten Bescheid, aber es war Terror.  Damals konnten wir gar nichts tun.  Wir sind in der Pflicht, es der Partei zu erklären, es sowohl auf dem Parteitag zu sagen als auch auf dem Plenum zu sagen. GEN. BULGANIN: Der Partei muss man die ganze Wahrheit sagen, was Stalin für eine Figur ist, man muss [so] eine Position einnehmen, dass man [am Ende] nicht als Dummkopf dasteht. Die Mitglieder des ZK des XVII. Parteitags wurden liquidiert. Ich bin nicht einverstanden mit Gen. Molotov, nicht einverstanden, dass er [Stalin] ein großer Nachfolger [Lenins] war. Man muss darauf nicht eingehen – »Nachfolger«, und im Referat kommt man ohne das aus. Stalins Persönlichkeit nicht aufblähen (auf Plakaten). GEN. VOROŠILOV: Die Partei sollte die Wahrheit kennen, aber [man muss es der Partei so] beibringen, wie es das Leben diktiert. Die Zeiten waren von den Umständen diktiert. Aber wir haben das Land auf den Weg von Marx, Engels, Lenin und Stalin geführt. War es Stalins Schicksal? – Das war es. Viele Abscheulichkeiten gab es, Sie sagen es mit Recht, Gen. Chruščev, wir können nicht daran vorbei, aber man muss darüber nachdenken, um das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Die Sache ist ernst, allmählich [angehen]. GEN. SUSLOV: In den vergangenen Monaten haben wir entsetzliche Dinge erfahren. Das kann mit nichts gerechtfertigt werden. Stalin hat zu Dvinskij[12] gesagt – [wenn] 10 bis 15 Leute pro Kreis übrig blieben, dann reicht es. Wegen Slánský (gab es einen Anruf) aus Moskau. Keine Lobeshymnen. Der Personenkult richtet noch [jetzt] großen Schaden an. GEN. MOLOTOV: Ich schließe mich Gen. Vorošilov an.  Die Wahrheit wieder herstellen. Die Wahrheit ist auch, dass unter Stalins Führung der Sozialismus siegte. Und die Unrichtigkeiten muss man ins Lot bringen, und die furchtbaren Dinge – auch die sind Tatsache. Wir werden es kaum schaffen, es [noch] vor dem Parteitag [auf dem Plenum] zu sagen. GEN. CHRUŠČEV: Jagoda war sicher ein sauberer Mensch. Ežov [war sicher ein sauberer Mensch]. Grundsätzlich haben sich [alle] richtig ausgesprochen. Im Interesse der Partei lösen. Stalin war der Sache des Sozialismus ergeben, aber ganz mit barbarischen Methoden. Er hat die Partei zerstört. Er ist kein Marxist. Alles Heilige hat er zerstört, das im Menschen ist. Alles hat er seinen Launen untergeordnet. Auf dem Parteitag nicht über den Terror sprechen. Man muss eine Linie festlegen – Stalin seinen Platz zuweisen (die Plakate säubern, die Literatur). [An seiner Stelle] Marx und Lenin nehmen. Den Beschuss des Personenkults verstärken. Der Meinungsaustausch ist beendet.     Dokument 2[13] Protokoll der Sitzung des Präsidiums des ZK der KPdSU Nr. 187 Sitzung vom 9. Februar 1956 72. Mitteilung der Kommission des Genossen Pospelov Chruščev, Pervuchin, Mikojan   [Chruščev?]: Die Unzulänglichkeit Stalins [in seiner Funktion] als Führer ist offensichtlich. Was ist das für ein Führer, wenn er alle vernichtet. Man muss Mut zeigen, die Wahrheit sagen. Meinung: Es dem Parteitag sagen, darüber nachdenken wie. Wem muss man es sagen. Wenn man es nicht sagt, dann zeigen wir gegenüber dem Parteitag Unehrlichkeit. Vielleicht [sollte man] Gen. Pospelov [beauftragen,] ein Referat zusammen zu stellen und darüber zu reden. Gründe: der Personenkult, die Konzentration der Macht in den Händen eines Einzelnen. In unehrlichen Händen. Wo: auf der Abschlusssitzung des Parteitags. Das Testament [Lenins][14] drucken und an die Delegierten verteilen. Den Brief [Lenins] über die Nationalitätenfrage[15] drucken und an die Delegierten verteilen.  GEN. MOLOTOV: Auf dem Parteitag muss man es sagen. Aber dabei nicht allein das sagen. Und in der Nationalitätenfrage war Stalin jedoch ein Nachfolger der Sache Lenins.  Aber wir haben 30 Jahre unter der Führung Stalins gelebt – wir haben die Industrialisierung durchgesetzt. Unter Stalin sind wir eine große Partei geworden. Der Personenkult, aber wir sprechen über Lenin, wir sprechen über Marx. GEN. CHRUŠČEV: [Redebeitrag nicht dokumentiert] GEN. KAGANOVIČ: Man kann die Geschichte nicht betrügen, die Fakten kann man nicht ausstreichen. Der Vorschlag von Gen. Chruščev, das Referat anzuhören, ist richtig.  Das Testament und den Brief über die Nationalitätenfrage [an die Delegierten] verteilen. Das Testament und den Brief über die Nationalitätenfrage den Mitgliedern des Präsidiums des ZK zukommen lassen. Geheim. Wir tragen Verantwortung. Aber die Situation war so, dass wir nicht widersprechen konnten (Er spricht über seinen Bruder)[16]. Aber wir wären unehrlich, wenn wir sagen würden, dass der ganze Kampf mit den Trotzkisten unberechtigt gewesen sei. Zeitgleich mit dem Ideenkampf ging die Vernichtung der Kader vonstatten. Aber ich bin mit Gen. Molotov einverstanden, die Sache mit kaltem Verstand durchzuführen (wie Gen. Chruščev sagte). Uns (mir) macht es zu schaffen, aber damit wir kein Chaos entfesseln. Die Redaktion des Referats politisch gestalten, damit eine Periode von 30 Jahren nicht beschmiert wird, kaltblütig heran gehen. GEN. BULGANIN: Ich halte den Vorschlag von Gen. Chruščev für richtig.  Die Parteimitglieder sehen, dass wir die Haltung zu Stalin verändert haben. Wenn wir auf dem Parteitag nicht darüber sprechen, werden sie sagen, dass wir feige waren. Das, was entdeckt wurde – wir wussten es nicht.  Listen mit 44 Tausend – ein unglaublicher Fakt. Näher an die Wahrheit. [Man muss] die Rolle Stalins in zwei Phasen teilen. Während der zweiten Phase hörte Stalin auf, Marxist zu sein. (Spricht über den Fall Svanidze.)[17] Wie soll man das sagen? Auf der Grundlage des Personenkults. Stalin und die Partei. Man darf es Stalin nicht zuschreiben. GEN. VOROŠILOV: Gründlicher vorbereiten. Wir sind nicht im Urlaub. Jegliche Unbedachtsamkeit wird Folgen nach sich ziehen. Ich bin damit einverstanden, es vor die Partei (den Parteitag) zu bringen. Vorsichtig muss man sein. GEN. CHRUŠČEV sagt, dass Gen. Vorošilov den Fall Jarošenko vor Stalin aufgeworfen hat. GEN. VOROŠILOV: fährt fort. Hier sind zwei Fälle: Der X. Parteitag, 1921, wir fuhren nach Petrograd. Der XIV. Parteitag [1925] – es gab Feinde, es gab sie. (Im Kampf) mit den Feinden wurde Stalin zum Satan. Dennoch war viel Menschliches in ihm. Aber es gab auch tierische Angewohnheiten. MIKOJAN: Wir müssen es dem Parteitag sagen. Zum ersten Mal können wir selbstständig darüber diskutieren. Wie soll man sich zur Vergangenheit verhalten? Bis 1934 hat er sich wie ein Held benommen, nach 1934 zeigte er furchtbare Seiten. Er hat die Macht usurpiert. Die Eroberung der Macht durch eine Person. In Kernfragen, in theoretischen (Stalin und Lenin waren nicht einer Meinung) hat er sich schnell korrigiert. Ich verurteile Stalin nicht, weil er den Ideenkampf gegen die Trotzkisten führte. Aber kann man das Fiasko in der Landwirtschaft verzeihen? Wenn die Leute leben würden, die Erfolge wären riesig. Es dem Parteitag auf ruhige Art sagen (im Referat). Warum will Vjačeslav [Molotov] keine Publikation [des Briefs] über die Nationalitätenfrage? Das »Testament« und die Nationalitätenfrage publizieren. Die Werke Lenins (4. Ausgabe), die verkürzte [Ausgabe], mit einem Zusatzband herausbringen. GEN. PERVUCHIN: Auf dem Parteitag muss man berichten. In diesem Referat ist es nicht erforderlich, über die positive Seite zu sprechen. Der Stalin-Kult ist schädlich. Sagen, wie es ist. Er hat die Macht usurpiert, das ZK und das Politbüro liquidiert.  Er hat die Kader umgebracht, in der Schwerindustrie haben wir an Tempo verloren. GEN. SUSLOV: Man muss den Parteitagsdelegierten alles erzählen. Wir sprechen von kollektiver Führung, aber treiben mit dem Parteitag ein unehrliches Spiel? Der Grundton des Referats: der Kommission ist aufgetragen worden zu überprüfen, was aus den ZK-Mitgliedern des XVII. Parteitags geworden ist. Unpassend [wäre es,] eine Charakteristik Stalins im Ganzen zu geben.  Wie viele Kader wurden 1936/37 abgeschlachtet, die [Wachstums-]Kurve [der Wirtschaft] 36/39 [zeigt] ein minimales Tempo. Zwei Phasen Stalins – das ist grundsätzlich richtig. Bis 1934 hatte Stalin in vielem Unrecht.  Der Beschluss des XV. Parteitags über die Publikation des »Testaments« wurde nicht umgesetzt.  Nicht zu weit vorpreschen. GEN. MALENKOV: Ich halte den Vorschlag für richtig, es dem Parteitag zu sagen. Wir erleben ein Gefühl des Glücks, wir sprechen die Genossen frei. Man kann keine Erklärung für den Freispruch der Genossen geben, wenn man die Rolle Stalins nicht klärt. Mit keinem Kampf gegen Feinde können wir erklären, dass man die Kader abgeschlachtet hat. Der »Führer« war wirklich der » geliebte« [Führer]. Nicht in zwei Phasen teilen, [sondern] mit dem Personenkult verbinden. Damit stellen wir Lenin wieder her, wie es sich gehört. Bei Stalin klangen leise ungute Stimmungen gegenüber Lenin an. Überhaupt kein Referat über Stalin machen [sondern über den Personenkult]. GEN. ARISTOV: Mit einer generellen Sache, die in den Äußerungen von Molotov, Kaganovič und Vorošilov war, bin ich nicht einverstanden – »man sollte es nicht sagen«. Die Delegierten sind strenge Leute. »Wir wussten es nicht« (das ist für Politbüro-Mitglieder unwürdig). Schreckliche Jahre, Jahre des Betrugs am Volk. Ėjche war auch damals ehrlich. Wir wollten einen Gott schaffen, und ein Teufel kam heraus. Die Anspannung aller war ganz zu Stalins Gunsten.  Die Partei wird ihre Autorität nicht verlieren. GEN. BELJAEV: Die Führungskader kennen diese Dokumente nicht. Es ist seltsam, dass diese Dokumente den Führungskadern nicht bekannt sind. Dem Parteitag muss man von diesen Dokumenten berichten. Wie können Lenin-Dokumente verheimlicht worden sein? Richtigerweise schlägt Gen. Chruščev vor, dem Parteitag die Dokumente öffentlich zu präsentieren. Die Wahrheit sagen. Man äußert Vorbehalte, damit man die Großartigkeit Stalins nicht verliert. Aber mit ihm muss man sich zurechtfinden.  Politisch erklären, natürlich, wer die Verantwortung trägt. Das reinigt [von dem], was die Kommunisten plagt. Anders kann man an die Kraft der Partei nicht glauben. In diesem Sinn muss man ohne Vorbehalte reden. GEN. ŠVERNIK: Jetzt darf das ZK nicht schweigen, sonst überlässt man der Straße das Sprechen. Dem Parteitag muss man die Wahrheit sagen, den Personenkult entlarven. Das Referat erstellen. Ein Alptraum – drei Mal [hat man] die Leute niedergemäht. GEN. SABUROV: Molotov, Kaganovič und Vorošilov nehmen eine falsche Position ein, sie verfälschen. Es gab einen Stalin (nicht zwei), sein Wesen hat sich in den letzten 15 Jahren gezeigt. Das sind keine Unzulänglichkeiten (wie Gen. Kaganovič sagt), sondern Verbrechen. Gen. Molotov sagt, er war 30 Jahre mit uns. Aber seine Rolle im Krieg ist bekannt, in der Nachkriegsperiode – wir haben uns die Beziehungen mit allen Völkern verdorben (Ausführungen über die Meerengen). Wir haben uns viel verdorben wegen einer dummen Politik (finnischer Krieg, Korea, Berlin). [Man muss] die ganze Wahrheit über Stalin sagen. GEN. ŠEPILOV: Wir haben mit ganzem Herzen über Stalin geschrieben. Nach den Ereignissen von 1937 regten sich tiefe Zweifel. Man muss es der Partei sagen, sonst verzeihen sie uns nicht. Die Wahrheit sagen, sagen, dass die Partei nicht so ist, dass Millionen geschleift werden mussten, dass unser Staat nicht so ist, dass Hunderttausende auf das Schafott geschickt werden mussten.  Ideologisch ist das eine Frage der Erziehung der Kader. Über die Formen nachdenken, damit kein Schaden entsteht. GEN. KIRIČENKO: Es kann kein Schaden entstehen. Es ist unmöglich, es nicht zu sagen, man muss es mit Verstand sagen. Man müsste sagen, wer [von] den Rehabilitierten … Einen Parteitagsbeschluss herbeiführen. GEN. PONOMARENKO: Auf dem Parteitag sollte sich das ZK äußern. Der Tod von Millionen Menschen hinterlässt eine unauslöschliche Spur. Nüchtern muss man über diese Zeit und die Rolle Stalins sprechen. GEN. CHRUŠČEV: Es gibt Übereinstimmung, dass man dem Parteitag berichten muss. Es gab Schattierungen, [diese] berücksichtigen. Wir alle haben mit Stalin zusammengearbeitet, aber das verbindet uns nicht. Wenn Tatsachen bekannt werden, muss man über sie sprechen, sonst rechtfertigen wir die Handlungen. Man sollte auf der Rechnung nicht vergessen, dass wir drei Monate nach Stalins Tod Berija verhaftet haben, und damit sind wir zum Handeln frei geworden. Wir können mit ganzer Stimme [sprechen], wir können sagen: »Wir schämen uns nicht«. Keine Angst haben. Keine Spießbürger sein, nicht auskosten. Ganz und gar die Rolle der einzelnen Person bloßstellen. Das Referat dem Parteitag vortragen, alle Sekretäre des ZK einbeziehen. Wer das Referat vortragen wird – überlegen. Vielleicht auch auf dem Plenum des alten ZK ankündigen, dass wir [auf dem Parteitag] eine bestimmte Frage ansprechen wollen. Dokument 3[18] Rede des Genossen N. S. Chruščev auf dem Plenum des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei vom 20. März 1956 Meine Aufgabe ist schwierig, weil ich eigentlich nicht weiß, welche Fragen euch interessieren […]. Bei uns gab es einen Meinungsaustausch: Lohnt es sich, das Vergangene noch einmal hervorzuholen, weil sich doch die Menschen in Jahrzehnten daran gewöhnt hatten, [nur] eines zu denken, und [jetzt] sagen wir plötzlich, dass das hier nicht so sauber ist, dass das ein schmutziges Thema ist. Wir haben lange gestritten. Nach Stalins Tod haben wir zehntausende Menschen aus den Gefängnissen befreit, haben [sie] wieder in die Partei aufgenommen, wir haben unsere Freunde wieder [in die Partei] aufgenommen. […] Diese Leute waren jahrzehntelang Parteimitglieder, Bürgerkriegsteilnehmer, und wir sollen [jetzt] schweigen? Wenn wir nicht damit einverstanden wären, warum hätten wir sie denn freilassen und rehabilitieren sollen? Man hat uns gefragt: Wie nehmen sie es an? Sie können fragen: Und wo ward ihr? Ihr ward mit Stalin zusammen. Ja, wir waren es, wir haben gesehen. Also soll der Parteitag richten – sind wir des Vertrauens würdig oder nicht? Das ist wirklich eine Tragödie. Und der Schuldige ist natürlich Stalin, Stalin. Jetzt haben wir vor, einen Band mit Arbeiten von Lenin zu publizieren, Lenins Testament vor seinem Tod. Er hat alles durchschaut. Damals sagte er, Stalin ist ein vertrauensbrüchiger Mensch, der fähig ist, die Macht zu missbrauchen. Ihn darf man nicht Generalsekretär bleiben lassen, er ist grob und kann nicht mit den Genossen [zusammen] arbeiten […]. Als Stalin seine persönliche Stellung gefestigt hatte, hörte er auf, sich vor dem ZK der Partei verantwortlich zu fühlen und das Politbüro einzuberufen. Das Politbüro kam nur zusammen, wenn ihm langweilig war. Er sagte: So lange war schon wieder keine Sitzung! […] Ich weiß nicht, wie man jetzt den Tod der Menschen am besten erklären kann. Zum Beispiel Kosiors Tod. Langjähriges Parteimitglied, Arbeiter, aber sie stellten ihn als Piłsudskis Kommandanten in der Ukraine hin […] sie haben ihn erschossen […] Postyšev – Parteimitglied seit 1903 oder 1905, Arbeiter, erlebte den Bürgerkrieg im Fernen Osten, dennoch wurde er als Volksfeind umgebracht. Ėjche – der wunderbare Lette. Rudzutak genoss unter Lenin Vertrauen, aber sie machten ihn zu einem Provokateur und erschossen ihn. Ein der Sache ergebener Mensch, ein echter Revolutionär und Bolschewik […]. Vor dem Parteitag haben wir Rodos [in die Sitzung des Präsidiums] geholt. Er hatte Kosior, Čubar’ und Postyšev verhört. Wir haben [ihn] gefragt: Was für Beweise hattet ihr, um sie zu Volksfeinden zu erklären? Und er sagt: Eigentlich hatten wir keine Beweise. Bei Čubar’s Verhaftung haben sie uns zum Beispiel gesagt – das ist ein Volksfeind. Das sagte die Partei, und meine Aufgabe als Ermittler war es, ihn dazu zu bringen, dass er gesteht und eigenhändig ein Geständnis schreibt. Er wurde geschlagen, bis er gestand. Nehmt den Fall der [jüdischen] Ärzte […]. Ich habe die von Professor Vinogradov selbst gemachten Aussagen gelesen, dass er ein deutscher Spion ist. Die Protokolle habe ich gelesen, die Aussagen anderer Ärzte gegen ihn: Sie sagten, ich habe jemanden vergiftet, ich habe jemanden erstickt, und außer mir war Vinogradov beteiligt. Und ich, ich sage zu Stalin, das ist [doch] unglaubwürdig? Und er sagt zu mir: Was denkst du denn, die Leute gestehen es selbst! […] Das hier ist der Personenkult. Ich habe Stalin etwas über die Krise in der Landwirtschaft gesagt. Er spitzte sofort die Ohren: Die Stalinepoche und auf einmal – eine Krise, so können nur Feinde sprechen. Er fragt Malenkov: Beschaffen wir mehr Fleisch oder weniger? Malenkov antwortet: Mehr! Weil wir damals nicht [wie andere] sagen konnten, was ist das denn für ein Sozialismus, wenn der Mensch nicht [mal] einen Krug Milch mehr trinken kann! Ich konnte unter dem Kapitalismus, als ich Bergarbeiter war, so viel Milch trinken, wie ich wollte […]. Stalin sagt: Man muss eine Kommission bilden und die Sache untersuchen […]. Wir haben uns [in der Kommission] lange hin- und hergedreht, weil wir nicht wussten, wie den Vorschlag anbringen, wie sich durchzwängen, maskieren, damit es sowohl die [richtige] Form hat, als auch den [richtigen] Nutzen. Wir haben zusammengerechnet, dass es sechs oder sieben Milliarden Rubel braucht, das ist doch ein Kinderlallen. Aber Stalin stürzte sich [auf uns]: So gehen Volkstümler und Sozialrevolutionäre an die Sache heran, ihr kennt die Bauern nicht! Er sagt: Ich bringe meinen Vorschlag ein, die Steuern für Bauern um 40 Milliarden Rubel zu erhöhen. Als wir herausgingen, sage ich zu Mikojan: Es gibt nur eine Rettung – dass die Bauern einen Aufstand machen […]. Wenn Stalin nicht gestorben wäre, weiß ich nicht, wie das Ganze ausgegangen wäre. Denn er hatte ja gesagt, dass wir Volkstümler und Sozialrevolutionäre [wären], das heißt, Feinde. Einige sagen: Was hättet ihr im Krieg ohne Stalin gemacht? Hättet ihr den Deutschen früher und mit weniger Blutvergießen besiegt? Ja, ich bin davon überzeugt. Und es könnte sein, dass es den Krieg überhaupt nicht gegeben hätte, dass wir eine klügere Politik gemacht hätten und [den Krieg] vermieden hätten. Stalin war ein Revolutionär, aber er hatte eine Verfolgungsmanie, eine Spionenmanie, und in dieser Sache machte er vor nichts halt, er hat sogar seine Verwandten erschossen.   Übersetzung des Einführungstextes und der Dokumente aus dem Russischen von Christian Teichmann (Humboldt-Universität Berlin) [1]  Siehe hierzu u. a. Crusius, Reinhard/Wilke, Manfred (Hrsg.): Entstalinisierung. Der 20. Parteitag der KPdSU und seine Folgen, Frankfurt a. M. 1977; Naumov, Vladimir: Zur Geschichte der Geheimrede N. S. Chruščevs auf dem 20. Parteitag der KPdSU, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 1 (1997), H. 1, S. 137–178; Doklad N. S. Chruščeva o kul’te ličnosti Stalina na XX s’’ezde KPSS. Dokumenty [Referat N. S. Chruščevs über den Personenkult Stalins auf dem 20. Parteitag der KPdSU. Dokumente], Moskau 2002; Prezidium CK KPSS 1954–1964. Černovye zapisi zasedanij. Stenogrammy. Postanovlenija [Präsidium des ZK der KPdSU 1954–1964. Arbeitsprotokollnotizen der Sitzungen. Stenogramme. Beschlüsse]. Bd. 1, Moskau 2003.  [2]  Fünf Tage nach dem Tod Stalins veröffentlichte die Pravda ein Foto, auf dem Stalin, Mao Tsetung und Malenkov zu sehen waren. In Wirklichkeit handelte es sich dabei um eine Fotomontage, die aus einem Foto von 1950 hergestellt und damals in der Pravda publiziert worden war. Auf dem ursprünglichen Foto war eine Vielzahl sowjetischer und chinesischer Funktionäre abgebildet, wobei Malenkov relativ weit von Stalin und Mao entfernt stand. Daran entzündete sich ein Skandal, und der Chefredakteur der Pravda, Dmitrij Šepilov, musste sich im Präsidium des ZK für die gezeigte »Initiative« rechtfertigen.   [3]  Notiz Chruščevs an die Mitglieder des Präsidiums des ZK der KPdSU über die Einberufung des 20. Parteitags vom 8. April 1955, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv novejšej istorii (Russisches Staatsarchiv der neueren Geschichte, im Folgenden: RGANI), f. 1, op. 2, d. 1, Bl. 7. Das Dokument ist veröffentlicht in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), S. 168. [4]  Arbeitsprotokollnotiz der Sitzung des Präsidiums des ZK der KPdSU vom 5. November 1955, in: RGANI, f. 3, op. 8, d. 388, Bl. 61 f. Das Dokument ist veröffentlich in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), S. 169 f. [5]  Arbeitsprotokollnotiz der Sitzung des Präsidiums des ZK der KPdSU vom 1. Februar 1956, in: RGANI, f. 3, op. 8, d. 389, Bl. 52–54. Siehe die Übersetzung des Dokuments im Anhang (Dokument 1). [6]  Brief des Sekretärs der Kommunistischen Partei Norwegens Emil Løvlien an das ZK der KPdSU über die Notwendigkeit, die norwegische Parteiführung mit dem Text der Geheimrede Chruščevs bekannt zu machen, in: RGANI f. 5, op. 28, d. 381, Bl. 95–97. Das Dokument ist veröffentlicht in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), S. 642–644. [7]  Der Führer der polnischen Kommunisten, Bolesław Bierut, starb kurz nach dem Ende des 20. Parteitags am 12. März in Moskau, was einerseits die polnische Opposition um die Möglichkeit brachte, den »Personenkult Bieruts« auszuspielen, aber andererseits die Führung der polnischen KP in einen Schockzustand versetzte, der zu den ohnehin erschütternden Nachrichten der Rede Chruščevs hinzukam. Chruščev, der sich nach Warschau aufgemacht hatte, um Bierut das letzte Geleit zu geben, sprach am 20. März 1956 auf dem Plenum der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, wo er zum ersten Mal nach dem Parteitag offiziell die Notwendigkeit der »Geheimrede« zu begründen versuchte. Auszüge dieser Rede siehe Dokument 3.  [8]  Zwei Monate nach Chruščevs Rede, am 25. April 1956, sagte Mao Tse-tung, »dass kürzlich gewisse Mängel und Fehler der Sowjetunion ans Tageslicht gekommen sind, die im Laufe ihres Aufbaus des Sozialismus auftraten.« Mao kommentierte: »Wollt ihr ihren Umwegen folgen? Dadurch, dass wir Lehren aus ihren Erfahrungen gezogen haben, konnten wir früher bestimmte Umwege vermeiden. Wir haben allen Grund, jetzt erst recht so zu verfahren.« Hier zitiert nach der deutschen Ausgabe. : Über die zehn wichtigsten Beziehungen, in: Ausgewählte Werke, Peking 1978, Bd. 5, 320–346, S. 320. [9]  RGANI f. 3. op. 8, d. 389, Bl. 52–54. Das Dokument ist veröffentlicht in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), 175–177 u. Artizov, A. u. a. (Hrsg.): Reabilitacija: Kak ėto bylo. Dokymenty Prezidiuma ZK KPSS i drugie materialy. Mart 1953–fevral’ 1956 [Rehabilitierung: Wie das war. Dokument des Präsidiums des ZK der KPdSU und andere Materialien. März 1953 bis Februar 1956], Moskau 2000, S. 308 f. [10]  Boris V. Rodos (1905 bis 1956), ehemaliger stellvertretender Leiter der Ermittlungsabteilung des NKVD/NKGB für außerordentliche Aufgaben. In dieser Funktion hatte er persönlich an den Verhören ranghoher Parteimitglieder teilgenommen. 1956 wurde er vom Militärkollegium des Obersten Gerichts zum Tod durch Erschießen verurteilt. Rodos war auf dieser Präsidiumssitzung anwesend. Seine Aussagen wurden in einem Extraprotokoll aufgezeichnet. [11]  Chruščev war der Ansicht, dass der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš Stalin Informationen über angebliche Verbindungen Michail Tuchačevskijs zu deutschen Geheimdiensten gegeben hatte, die Beneš von der deutschen Abwehr zugespielt worden waren. Der Brief von Beneš ist bisher nicht gefunden worden. [12]  Boris Aleksandrovič Dvinskij (1894 bis 1973) war ZK-Mitglied von 1939 bis 1950. Dvinskij gehörte in den 30er Jahren – als Mitarbeiter der Geheimabteilung des ZK – zur unmittelbaren Umgebung Stalins und diente ihm als Sekretär. [13]  RGANI f. 3, op. 8, d. 389, Bl. 56–62 verso. Das Dokument ist auf Russisch veröffentlicht in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), S. 234–237 u. Artizov: Reabilitacija (Anm. 9), S. 349–351. [14]  Gemeint ist ein Diktat Lenins vom Dezember 1922. Lenin, W. I.: Brief an den Parteitag, in: ders.: Werke, Berlin 1962, Bd. 36, S. 577–580. [15]  Dieser Text stammt vom Januar 1923. Ders.: Zur Frage der Nationalitäten oder der »Autonomisierung«, in: ebenda, S. 590–596. [16]  Michail Kaganovič entzog sich seiner Verhaftung durch Selbstmord. [17]  Aleksandr Svanidze, Stalins Schwager, war bis zu seiner Verhaftung im Dezember 1937 stellvertretender Direktor der Staatsbank. Er wurde am 20. August 1941 erschossen. Detaillierte Darstellung in: Sebag Montefiore, Simon: Stalin. The Court of the Red Tsar. London 2003, S. 275 f. u. 389 f. [18]  RGANI, f. 52, op. 1, d. 502, Bl. 39–83, zitiert nach Izvestija vom 13. Februar 2006. 

JHK 2006

Das Jahr 1956 in Niederschlesien

Łukasz Kamiński

Die polnische Krise von 1956 war durch den Arbeiteraufstand in Poznań (Posen) im Juni und die stürmischen Ereignisse im Herbst in Warschau, die am 21. Oktober zur Wahl von Władysław Gomułka zum Ersten Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR) führten, geprägt. Auch in anderen Städten und Regionen Polens fand die Krise der polnischen Gesellschaft unter der Herrschaft der Kommunisten ihren Niederschlag, so auch in Niederschlesien. Diese Region besaß infolge des fast vollständigen Bevölkerungsaustausches nach 1945 eine besondere Sozialstruktur. Die Aussiedlung der Deutschen aus Niederschlesien folgte die Ansiedlung polnischer Bevölkerung aus allen Winkeln Vorkriegspolens sowie aus der Emigration. Verhältnismäßig stark waren auch die nationalen Minderheiten in Niederschlesien vertreten. Neben einer weiterhin vorhanden deutschen Minderheit lebten hier Juden und Ukrainer. Letztere waren 1947 in der Akcja Wisła (Aktion Weichsel)[1] aus ihrer ostpolnischen Heimat (Galizien, Karpaten) ausgesiedelt worden. Eine exotische Gruppe stellten die griechischen Flüchtlinge dar, die aufgrund der sich abzeichnenden Niederlage der Kommunisten im griechischen Bürgerkrieg nach Niederschlesien gekommen waren. Diese Gemeinschaft war ohne feste Strukturen und unterlag in den Jahren 1949 bis 1955 dem gewaltigen Druck zweier gegenläufiger Prozesse – dem natürlichen Integrationsprozess und der atomisierenden Kraft des stalinistischen Totalitarismus. Wie sich aber herausstellen sollte, spielten bei den Ereignissen von 1956 diejenigen Elemente eine bedeutendere Rolle, die Niederschlesien mit anderen Regionen Polens verbanden, als diejenigen, die sie voneinander trennten. Letztlich verliefen die Ereignisse analog zu denen in vielen anderen Regionen. Die ersten Anzeichen des aufkommenden »Tauwetters« waren in Volkspolen bereits 1955 spürbar, zunächst im Bereich der Kultur. So wurde in diesem Jahr in der Zeitschrift Nowa Kultura (Neue Kultur) das Poemat dla dorosłych (Poem für Erwachsene) von Adam Ważyk veröffentlicht, das mit dem seit Jahren propagierten und im Rahmen des Sechsjahrplanes realisierten Vorzeigeprojekt Nowa Huta[2] abrechnete. Im Herbst erschien Po prostu (Geradeheraus), eine Zeitschrift für Studenten und die junge Intelligenz in neuer Aufmachung. Sie beschrieb ungeschminkt und mutig die Realitäten des kommunistischen Staates. Obwohl solcher Art öffentliche Kritik vor allem in Kreisen der Intelligenz verbreitet war, zerbrach auch in anderen sozialen Gruppen langsam die Barriere der Angst. So berichtet der Sicherheitsapparat 1955, dass sich die Fälle häuften, in denen sich die Menschen weigerten, die aus dem Westen per Luftballon nach Polen gelangten antikommunistischen Propagandaflugblätter bei den Sicherheitsorganen abzugeben. Der tatsächliche Umbruch in der Gesellschaft fand jedoch erst nach dem XX. Parteitag der KPdSU statt. Die spektakuläre Geheimrede von Nikita Chruščev wurde in Polen als Broschüre herausgegeben, was in den Ländern des Sowjetischen Blocks eine Ausnahme war. Es wurde in öffentlichen Versammlungen der PZPR und des Verbandes der Polnischen Jugend (Związek Młodzieży Polskiej, ZMP) vorgelesen. Das Interesse für die Geheimrede war groß und die darin enthaltene Kritik an Stalin rief lebhafte Diskussionen hervor. Sehr oft überschritten sie den Rahmen des bis dahin Erlaubten. Den Parteifunktionären, die den Text vortrugen, wurden Fragen gestellt, u. a. nach der Ermordung der polnischen Offizieren in Katyń durch den NKVD 1940, nach der Deportation von Angehörigen der antikommunistischen polnischen Heimatarmee in die Sowjetunion nach 1944, nach den Ursachen dafür, dass den Aufständischen in Warschau 1944 durch die Rote Armee keine Hilfe geleistet wurde, nach dem Schicksal von Władysław Gomułka (der 1948 aus der Parteiführung ausgeschlossen worden war), nach den Gründen für die Duldung von Stalins Verbrechen usw.[3] Die durch diese Versammlungen hervorgerufenen Emotionen wurden durch den Tod des Ersten Sekretärs der PZPR Bolesław Bierut am 12. März 1956 in Moskau noch verstärkt. Mit Bieruts Tod schien sich zunächst die direkte Auseinandersetzung mit der Verantwortung für die Zeit des Stalinismus erübrigt zu haben. In weiten Kreisen der Regierung und Bevölkerung tauchten jedoch Gerüchte auf, er sei ermordet worden, so wie angeblich auch Klement Gottwald und Georgi Dimitrov. Häufig wurde auch Freude über Bieruts Tod zum Ausdruck gebracht, bisweilen auch mit »vulgären Worten«[4]. Die Diskussion über Chruščevs Geheimrede vertiefte vor allem die seit langem schwelende Krise der Jugendorganisationen ZMP. Wrocław (Breslau) und bald schon ganz Niederschlesien wurde zu einem Hauptzentrum des Aufruhrs innerhalb dieser Organisation. Auf Kundgebungen, Treffen und Sitzungen verlangten die Mitglieder die Einberufung eines Sonderkongresses der ZMP, die Gründung einer neuen Kaderorganisation der kommunistischen Jugend bzw. – ganz im Gegensatz dazu – die Öffnung der ZMP für andere weltanschauliche Richtungen, z. B. das Christentum), die Autonomie der Pfadfinder-Organisation, die Unabhängigkeit des Studentenverbandes usw.[5] Reaktionen auf den Aufstand in Poznań vom Juni 1956 Am 28. Juni 1956 strömten die Arbeiter in Poznań auf die Straße und protestierten gegen ihre katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich der Protest in einen regionalen Aufstand; die Demonstranten besetzten die Gebäude der Staats- und Parteiführung, befreiten die Gefangenen, griffen den Sitz des Komitees für öffentliche Sicherheit (Komitet do spraw Bezpieczeństva Publicznego, KBP) in der Wojewodschaft Poznań an. Der Aufstand wurde durch Einheiten der unverzüglich herbeigerufenen polnischen Armee blutig niedergeschlagen. Dabei kamen 75 Personen ums Leben.[6] Diese Ereignisse fanden in Niederschlesien großen Widerhall. In den Gerüchten erreichten die Kämpfe in Poznań unermessliche Größe, man sprach von Hunderten von Opfern, u. a. auch unter hohen Parteifunktionären, ja sogar davon, dass die Stadt bombardiert worden sei. Viele Gerüchte galten den Grausamkeiten der Funktionäre des Staatssicherheitsdienstes, die auf wehrlose Männer, Frauen und Kinder geschossen hätten. Einem Gerücht zufolge hätten die Massen aus Rache diese Funktionäre lebendig verbrannt oder sie in Stücke zerschnitten. Es wurde behauptet, dass sich die Miliz und das Militär den Streikenden angeschlossen hätten und das Militär den Aufständischen Panzer übergeben habe. In Poznań solle sogar eine nichtkommunistische Regierung entstanden sein. Einer der Bergmänner aus Wałbrzych (Waldenburg) stellte im Gespräch mit seinen Kollegen mit Freude fest: »Nun bekommen sie in Poznań eins auf den Hintern! Was denkt sich die Regierung, dass die Leute werden um sonst arbeiten und vor Hunger krepieren? Ganz Poznań streikt!«. Es erschienen öffentliche Erklärungen der Art: »Schade, dass nicht alle Staatssicherheitsleute erschossen wurden!« In öffentlichen Kommentaren tauchte auch das Motiv eines Vergleichs der Ereignisse in Poznań mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR auf. Die Hoffnung wurde laut, dass, wenn sich in der DDR die Lage bedeutend gebessert hatte, nun in Polen Ähnliches geschehen müsste. Es wurden Gerüchte über zu erwartende bzw. bereits stattfindende weitere Unruhen in anderen Städten laut. In Lubin (Lüben) notierte ein Berichterstatter der Partei folgende Aussage: »Poznań ist nicht der Rede wert, am 22. Juli werdet ihr erst was erleben!« [7] Man erwartete im ganzen Land Demonstrationen, so in Łódź (Lodz), Szczecin (Stettin), Bydgoszcz (Bromberg), Krakau und Lublin, aber auch in einigen Städten Niederschlesiens, wie Wałbrzych oder Świebodzin (Schwiebus). Damit verband sich vor allem die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Kommunismus in Polen.  Neben »Flüsterpropaganda« und öffentlichen staatsfeindlichen Äußerungen gab es in Niederschlesien aber auch andere Formen des gesellschaftlichen Widerstandes. Vereinzelt wurden antikommunistische Parolen laut gerufen, wie etwa: »Weg mit den Russen aus unserem Land«, »Weg mit den Helfern der Russen«, »Weg mit den Kommunisten«, »Weg mit dem Staatssicherheitsdienst«, »Es lebe ein freies Polen!« oder »Es lebe Poznań!«. Erfolglos versuchte man, Streiks und Demonstrationen zu initiieren oder die Miliz aktiv anzugreifen. In Wałbrzych störten vier Studenten die Ansprache von Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz. In einigen Ortschaften erschienen Flugblätter und Parolen an den Häuserwänden. In Świdnica (Schweidnitz) schrieb ein unbekannter Verfasser in einem in der Nacht vom 29. zum 30. Juni gefundenen Flugblatt: »Arbeiter, der du beim Erwerb eines Stückes Brot blutig schwitzen musst, lass diejenigen, die dich ausbeuten, deine Stimme hören. Der Untergrund.« In Złotoryja (Goldberg) erschienen Flugblätter mit dem Text: »Wir fordern Gehaltserhöhungen«. Den größten Umlauf hatten Flugblätter in Wrocław, wo die UB-Funktionäre auf den Straßen der Stadt fast 100 Flugblätter folgenden Inhalts einsammelten: »Wir sind mit der Arbeiterklasse von Poznań solidarisch – wir lassen unsere Kinder und Rentner unter sowjetischer Besatzung nicht umkommen!« Neben den Flugblättern gab es eine ganze Welle von anonymen Briefen, die an Zeitungs- und Radioredaktionen verschickt wurden. Sie solidarisierten sich mit den Arbeitern von Poznań und verdammten die Machthaber. Mindestens sechs Personen wurden im Zusammenhang mit Solidaritätsbekundungen für Poznań vors Gericht gestellt.[8] Am 29. und 30. Juni wurden in vielen Betrieben und Institutionen Niederschlesiens Kundgebungen und Versammlungen einberufen, die die Aufständischen von Poznań verurteilen sollten. Diese erfüllten die Erwartungen der Machthaber jedoch nicht. Obwohl die von den PZPR-Funktionären vorbereiteten Resolutionen angenommen und Briefe der Zustimmung an die obersten Machthaber verschickt wurden, war es offensichtlich, dass die Teilnehmer dem nur widerwillig folgten. So wurden die bewaffneten Auseinandersetzungen einerseits zwar verbal verdammt, andererseits aber zugleich den Arbeitern von Poznań in ihren Forderungen Recht gegeben. Die Schuld an der Tragödie wurde den Machthabern zugeschoben. Ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten von den berechtigten Forderungen der Arbeiter gewusst und dennoch nichts unternommen, um auf sie einzugehen. In vielen Betrieben konnte man stillschweigende Unterstützung für den Aufstand von Poznań feststellen. So äußerten einige Arbeiter, dass sie sich den Arbeitern von Poznań anschließen wollten. In einigen Fällen wurden sogar »feindliche Äußerungen« laut. So stellte ein Teilnehmer einer Massenkundgebung in einem der Betriebe in Wrocław fest: »Der Protest in Posen ist berechtigt, denn die polnische Regierung hat in elf Jahren das Land in den vollständigen Ruin geführt. Solche Proteste sollten in allen Städten Polens stattfinden, die jetzige Regierung ist abzulösen und in die Regierung des Staates sind die Mitglieder der [einstigen] Exilregierung wie [Stanisław] Mikołajczyk[9] und andere zu aufzunehmen«.[10] Noch in den letzten Juni-Tagen begann eine Welle von Versammlungen der Grundorganisation der PZPR in denen die Parteimitglieder mit dem Inhalt eines Schreibens des Zentralkomitees vom 28. Juni 1956 bekannt gemacht wurden. Das Schreiben stellte die offizielle Version über die Ereignisse dar. In vielen Parteiversammlungen gab es »feindliche Auftritte« bzw. Unterstützungsbekundungen der Forderungen der Arbeiter in Poznań.[11] Die Ereignisse in Poznań verstärkten die seit einiger Zeit zu beobachtende Krise in den lokalen Organisationen der PZPR. Ein Mitglied mit achtjähriger Parteizugehörigkeit äußerte sich am 29. Juni enttäuscht: »Volkspolen hat mir nichts geboten, seht, wie ich angezogen bin – ihr könnt mich aus der Partei hinauswerfen«. Am selben Tag legte einer der Ingenieure seinen Parteiausweis auf den Tisch und sagte: »Einer solchen Partei will ich nicht angehören, denn ich halte zum Volk.« Und ein anderer stellte fest: »Die Posener Arbeiter haben gut gehandelt, indem sie Unruhen auslösten«. In der Uhrenfabrik bei Pieszyce (Peterswaldau) fragte einer der Aktivisten in der Parteiversammlung: »Warum soll ich die Leute aufklären – vielleicht hatten sie Recht?« Ähnlich wie die Parteiunabhängigen gaben viele Mitglieder der PZPR ihrer Parteiführung die Schuld an der Krise, denn die berechtigten Forderungen der Arbeiter wurden nicht zur rechten Zeit erfüllt. Andererseits wandte ein Teil der Kommunisten ein, dass die Parteiführung die Zustände im Land zu sehr liberalisiert hätte, so dass es zum Aufruhr kam.[12] Durch den Protest in Poznań fühlten sich die Arbeiter in ihren Forderungen nach höheren Löhnen und erfüllbaren Normen bestärkt. So wurden Petitionen an die Machthaber gesandt und zahlreiche Delegationen als Interessenvertretungen der Betriebe aufgestellt. Bisweilen drohten die Arbeiter, dass sie, falls man ihre Forderungen nicht erfülle, »ein zweites Poznań« erleben werden. Solche Vorkommnisse wurden nicht nur aus größeren Industriezentren gemeldet, sondern auch in kleineren Ortschaften.  In vielen Betrieben ließ die Arbeitsdisziplin nach. Auf dem Lande sprach man vom Ende der Kollektivierung in Polen; immer häufiger wurden Anträge auf Erlaubnis, die Produktionsgenossenschaft zu verlassen, gestellt.[13] Außerhalb der Städte bereiteten die Einheiten des Staatssicherheitsapparats Pläne für den Fall vor, dass sich in ihrem Gebiet Ähnliches wie in Poznań ereignen sollte.[14] Der polnische Herbst 1956 in Niederschlesien Die gesellschaftlichen Aktivitäten kulminierten im Herbst 1956. Die Rolle eines Katalysators übernahm das 8. Plenum des ZK der PZPR (19. bis 21. Oktober), auf dem Władysław Gomułka zum Ersten Sekretär der Partei gewählt wurde. Das Plenum verlief in einer angespannten Atmosphäre, die durch Informationen von sowjetischen Truppenbewegungen sowie durch eine unerwartete Ankunft einer sowjetischen Delegation in Warschau mit Nikita Chruščev an der Spitze noch angeheizt wurde.[15] Bereits am 20. Oktober kam es zur ersten Kundgebung im Rathaus von Wrocław, die unter der Parole »Damit Warschau nicht allein bleibt« veranstaltet wurde. In der Resolution wurde »gegen alle Versuche einer Einmischung [der UdSSR] in die inneren Angelegenheiten unserer Partei und unseres Landes« protestiert und der Ausschluss der Mitglieder der »Natolin-Fraktion«[16] (Bieruts Genossen Zenon Nowak, Hilary Chełchowski, Wiktor Kłosiewicz und Kazimierz Witaszewski) aus der Parteispitze sowie die Einschränkung der Zensur gefordert. Der Teil der der Partei- und Regierungsführung, die sich für Reformen aussprach, fand Unterstützung. Es gab sogar Bereitschaftserklärungen, den Sozialismus und die Souveränität des Vaterlandes zu verteidigen. Die ganze Nacht über wachte im Hotel des Jugendverbandes ZMP in Karłowice (Karlowitz) ein »Jugendstab«, der bereit war, im Falle eines Putschversuchs bzw. einer sowjetischen Intervention in Aktion zu treten.[17] Am nächsten Tag demonstrierten ca. 1 000 Studenten auf dem Plac Grunwaldzki (Tannenberg-Platz) in Wrocław. Am 22. Oktober wurde eine weitere Kundgebung vor dem Gebäude der Technischen Universität einberufen, zu der sich mehr als zehntausend, vor allem junge Menschen einfanden. Während der Kundgebung riefen die Demonstranten antisowjetische Parolen und forderten den Abzug der sowjetischen Truppen aus Polen, die Wahrheit über Katyń sowie die Aufklärung des Putschversuchs der »Natolin-Fraktion«. Als die Kundgebung endete, zogen die meisten Teilnehmer ins Stadtzentrum. Religiöse Lieder wurden von antisowjetischen Rufen begleitet. In den Geschäften wurden die Bilder des stalintreuen Marschalls und Verteidigungsministers Konstantin Rokossowski von den Wänden gerissen. Als der Demonstrationszug in einige kleinere Gruppen zerfiel, bewarf eine davon den Sitz der Gesellschaft für Polnisch-Sowjetische Freundschaft auf dem Plac Teatralny (Theaterplatz) mit Steinen. Scheiben wurden eingeschlagen und Schaukästen zerstört. Im Hauptbahnhof wurden die Schaukästen mit einer Ausstellung zur Polnisch-Sowjetischen Freundschaft eingeschlagen und rote Fahnen sowie die Bilder von Rokossowski in Brand gesteckt. Straßenschilder mit den Namen Stalin und Stalingrad wurden abgerissen. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen mit Milizionären. Demonstranten hielten die Straßenbahnen an oder setzten sie außer Betrieb, um den Straßenverkehr in der Stadt lahm zu legen. Auch am nächsten Tag gab es weitere Versuche, antisowjetische Demonstrationen in Gang zu setzen.[18] Auch außerhalb von Wrocław war es unruhig. Zu stürmischen Demonstrationen kam es am 23./24. Oktober in Legnica (Liegnitz). Die Demonstranten griffen die von den sowjetischen Truppen belegten Gebäude und den Sitz des Staatsicherheitsdienstes an. Sie versuchten, das Denkmal der Roten Armee umzustürzen. Um die Demonstranten – von denen 40 festgenommen wurden – zu vertreiben, setzte die Regierung neben der Miliz und Staatssicherheitsmitarbeitern auch Einheiten des Korpus für innere Ordnung (Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego, KBW) ein. In Świdnica wurde die sowjetische Kaserne mit Steinen beworfen. In Chocianów (Kotzenau) versuchten die Demonstranten das Ehrenmal der Roten Armee niederzureißen. Am 24. Oktober kam es erneut zu einer antisowjetischen Demonstration in den Straßen von Wołów (Wohlau). Auch in Syców (GroßWartenberg) und Złoty Stok (Reichenstein) wurde demonstriert. Zu Demonstrationsversuchen kam es auch in Kłodzko (Glatz), Świebodzice (Freiburg in Schlesien) und in Ząbkowice Śląskie (Frankenstein).[19] Stürmisch verliefen auch einige der zahlreichen Kundgebungen in den Betrieben. Kommunistische Symbole, wie der rote Stern und Bilder von Marschall Rokossowski, wurden zerstört. Immer wieder hörte man antisowjetische und antikommunistische Parolen. Der Abzug der sowjetischen Truppen aus Polen wurde gefordert. In dieser gespannten Atmosphäre wurden Parteiversammlungen abgehalten, die im Zeichen der Abrechnung und der Suche nach einem Schuldigen für die bisherige Politik der PZPR standen.[20] Besonders die Ereignisse in Ungarn riefen in Polen wie in auch in Niederschlesien große Empörung hervor. Flugblattaktionen und antisowjetische bzw. antikommunistische Parolen an den Häuserwänden, in denen Solidarität mit Ungarn zum Ausdruck kam, waren weit verbreitet: »Hände weg von Ungarn«, »Tod den Aggressoren«, »Weg mit der schändlichen Aggression der UdSSR in Ungarn«, »Mörderpfoten – weg von Ungarn«.[21] Massenhaft wurde Blut für die verwundeten Aufständischen gespendet und trotz großer Versorgungsmängel dringend benötigte Medikamente und Verbandmittel gesammelt. Populär war das Tragen von Abzeichen in den ungarischen Nationalfarben. Auf öffentlichen Plätzen wurden Fahnen mit Trauerflor ausgehängt. Am 27. Oktober unterbrachen die Arbeiter der Autowerke in Jelcz (Jeltsch) zum Zeichen der Solidarität ihre Arbeit. Polnische und ungarische Fahnen wurden geflaggt. Am 3. November trieb die Miliz die Solidaritätsdemonstration in Wałbrzych auseinander. Zwei Tage später riefen die Studenten in Wrocław zu einer dreitägigen Trauer zum Zeichen der Solidarität mit Ungarn auf. Die Stalin-Straße in Wrocław wurde in die »Straße der ungarischen Helden« umbenannt.[22] Die aktivste soziale Gruppe war ohne Zweifel die Jugend. Im Herbst 1956 boykottierten Schüler und Studenten vielerorts den Russischunterricht und forderten seine Abschaffung in den Schulen und Hochschulen. In wenigen Wochen brachen die Strukturen der Jugendorganisation ZMP in Wojewodschaften und Kreisen auseinander. An ihrer Stelle entstanden an Universitäten, Schulen und  in Fabriken Revolutionskomitees, in manchen Fällen spielten sie geradezu die Rolle neuer, provisorischer Machtstrukturen. Es wurden auch umfassendere Organisationsstrukturen gebildet, wie der Verband der Kommunistischen Jugend (Związek Młodzieży Komunistycznej), der Verband der revolutionären Jugend (Związek Młodzieży Rewolucyjnej) oder der Arbeiterjugendverband (Związek Młodzieży Robotniczej). Es entstanden neue, nichtkommunistische Jugendorganisationen, so der Demokratische Jugendverband (Związek Młodzieży Demokratycznej) und der Verband der Landjugend Aufruf (Związek Młodzieży Wiejskiej Wici). Die Pfadfinderbewegung erlebte ihre Wiedergeburt. Im Januar 1957 entstand im Umkreis junger Arbeiter und Studenten die Gesellschaft für PolnischAmerikanische Freundschaft, deren Aktivität jedoch von den Machthabern bald lahm gelegt wurde. Die Partei bekam die Situation erst Anfang 1957 unter  Kontrolle, als sie den neuen Sozialistischen Jugendverband (Związek Młodzieży Socjalistycznej, ZMS) etablierte.[23] Auf dem Lande wurden die Aktivisten der Polnischen Bauernpartei,[24] der wichtigsten oppositionellen Partei der Jahre 1945 bis 1947, wieder aktiv. Grundlegende Bedeutung hatte die spontane Entkollektivierung. In kaum mehr als zehn Tagen fielen in der Wojewodschaft Wrocław 97,5 Prozent der Produktionsgenossenschaften auseinander. Es war einer der höchsten Prozentsätze im Lande.[25] Auch ein Aufleben der unterdrückten nationalen Minderheiten lies sich feststellen. Die Deutschen rechneten mit der Möglichkeit, in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen zu können. Die Juden strebten nach Israel und die Ukrainer, die im Rahmen der Akcja Wisła ausgesiedelt worden waren, hofften auf eine Rückkehr in ihre ostpolnische Heimat. Die Minderheitenorganisationen gewannen vorübergehend bedeutend an Eigenständigkeit. Mit der Ukrainischen Sozial– Kulturellen Gesellschaft (Ukraińskie Towarzystwo Społeczno-Kulturalne, UTSK) wurde sogar eine weitere Interessenvertretung gegründet.[26] Die wichtigsten Forderungen der Bevölkerung im Herbst 1956 waren die nach Entlassung des Primas von Polen, Kardinals Stefan Wyszyński, aus der Haft, die Beendigung der Kirchenverfolgung und die uneingeschränkte Religionsfreiheit. Nach der Freilassung des Primas und anderer Geistlicher Ende Oktober räumte die Regierung bedeutende Zugeständnisse ein, um sich die Unterstützung der Kirche zu sichern. So erteilte sie die Erlaubnis, den Religionsunterricht an den Schulen wieder einzuführen. Das 1953 oktroyierte Dekret über die Besetzung der Kirchenämter wurde rückgängig gemacht, die Kirche bekam ihre Wochenzeitung Tygodnik Powszechny zurück und die aus ihren Diözesen vertriebenen Bischöfe durften zurückkehren. Diese Änderungen fanden auch in der Erzdiözese Wrocław statt. So wurde der unter Zwang eingesetzte Generalvikar Kazimierz Lagosz abgesetzt und Bischof Bolesław Kominek übernahm am 15. Dezember die Amtsgeschäfte. Der Klub Inteligencji Katolickiej (Klub der katholischen Intelligenz) entstand in Wrocław Anfang 1957 und erhielt den Status einer juristischen Person. Andere in Niederschlesien gebildete Filialen des Klubs wurden jedoch nicht legalisiert.[27] Für den 20. Januar 1957 wurden Sejmwahlen angesetzt. Der Wahlkampf bekam ein in der Geschichte Volkspolens einmaliges Gesicht. Man versuchte von der kommunistischen Partei unabhängige Kandidaten auf die Wahllisten zu setzen, etwa ehemalige Aktivisten der Polnischen Bauernpartei, Veteranen der Heimatarmee, katholische Aktivisten und Personen, die unlängst noch verfolgt worden waren. Die Wahlkundgebungen verliefen oft stürmisch, man kämpfte für die Streichung der in den vorangegangenen Jahren kompromittierten Kandidaten von den Wahllisten. Trotz des Aufrufs von Primas Wyszyński und Radio Freies Europa, die sich gegen eine »Streichung« aussprachen, verliefen die Wahlen im Interesse der Machthaber, und nur wenige unabhängige Kandidaten zogen in den Sejm ein.[28] Mit den Wahlen war die Phase gesteigerter gesellschaftlicher Aktivität nicht zu Ende. Über viele Monate gab es weitere Versuche, unabhängige Organisationen zu gründen und die Vereinigte Bauernpartei von der PZRP Partei unabhängig zu machen. Erneut wurden Streiks organisiert, Flugblätter verteilt und Parolen an Häuserwänden angebracht. Allmählich jedoch errang die kommunistische Regierung die volle Kontrolle. Als letzter Erfolg erwies sich die Wiederauflage der von den Machthabern verbotenen reformorientierten Wochenschrift Po prostu im Oktober 1957. Gründe für das Ausbleiben einer polnischen Revolution 1956 Im Herbst 1956 waren die Polen nur einen Schritt von einer antikommunistischen Revolution entfernt. Obwohl die Situation sehr an die Ereignisse in  Ungarn erinnerte, kam es nicht zum Aufstand. Dafür gab es einige Gründe. Das massenhafte Streben nach Unabhängigkeit fand keine institutionelle Stütze. Auf der Grundlage antikommunistischer Stimmungen entstand keine politische bzw. gesellschaftliche Bewegung, die allgemeine Forderungen artikuliert hätte. Es existierte keine politische Persönlichkeit, die sich an die Spitze des Volkes hätte stellen können. Diesen Platz nahm Gomułka ein. Ihm aber ging es keinesfalls darum, sich vom sowjetischen Block loszulösen, sondern lediglich um eine Korrektur der kommunistischen Machtausübung. Er missbrauchte somit das Vertrauen der Gesellschaft zur allmählichen Befriedung der Situation. Unterschiedlich war auch die Einstellung der polnischen Kirche. In Ungarn rief der freigelassene Kardinal József Mindszenty seine Landsleute auf, das kommunistische Joch abzuschütteln und gegen die Sowjets zu kämpfen. Der sich in einer gleichen Situation befindende Kardinal Wyszyński unterstützte Gomułka und rief zur Bewahrung der Ruhe auf. Das Beispiel Ungarns, wo die sowjetischen Truppen die Revolution blutig niedergekämpft hatten, zeigte, wie der Traum von der Unabhängigkeit enden konnte.   Übersetzung aus dem Polnischen von Rita Malcher (Lublin) [1]  Die Akcja Wisła (Aktion Weichsel) wurde im Frühjahr 1947 durchgeführt und sollte den antipolnischen Aktivitäten der nationalistischen Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) in Volkspolen ein Ende setzen. Zu diesem Zweck wurde die gesamte ukrainische Bevölkerung sowie die Lemken (eine karpatoukrainische Minderheit) unter Zwang aus ihren bisherigen Wohnorten in Ostpolen in die ehemaligen deutschen Gebieten umgesiedelt. [2]  Das unweit von Krakau gelegene Nowa Huta (Neue Hütte) war ein von der UdSSR unterstütztes gigantisches Industrieprojekt. Hier entstanden das damals größte Stahlwerk Europas und eine riesige Arbeitersiedlung, die einen Gegenpol zum bürgerlich-katholischen Krakau bilden sollte. [3]  Ciesielski, Stanisław: Wrocław 1956, Wrocław 1999, S. 67–75. Kamiński, Łukasz: Udział młodzieży dolnośląskiej w wydarzeniach Października 1956 r. [Die Beteiligung der Jugend Niederschlesiens an den Ereignissen des Oktober 1956], in: Październik 1956 na Ziemiach Zachodnich i Północnych. Materiały seminarium naukowego [Der Oktober 1956 in den West- und Nordgebieten. Materialien des wissenschaftlichen Seminars] Mierki bei Olsztyn vom September 1996. Hrsg. von W. Wrzesiński, Wrocław 1997, S. 71. [4]  Information über den Widerhall des Todes von Genosse Bierut vom 13. März 1956, in: Archiwum Instytutu Pamięci Narodowej (Archiv des Institut für Nationales Gedenken, im Folgenden: AIPN Warschau), sygn. BU KdsBP 208, Bl. 255; Sofortmeldung Nr. 1 vom 14. März 1956 und Sofortmeldung Nr. 49 vom 14. März 1956, in: AIPN Warschau, sygn. BU KdsBP 208, Bl. 256 u. 259. [5]  Kamiński: Udział młodzieży (Anm. 3), S. 72 f. [6]  Die vollständigste Bearbeitung dieser Problematik findet sich im Buch von Makowski, Edmund: Poznański Czerwiec 1956. Pierwszy bunt społeczeństwa w PRL [Der Posener Juni 1956. Die erste Revolte der Bevölkerung in der VRP], Poznań 2001. [7]  Vernehmungsprotokoll des Zeugen Pawelczyk Stanisław, in: Archiwum Sądu Okręgowego we Wrocławiu (Archiv des Kreisgerichts Wrocław, im Folgenden: ASO Wrocław), sygn. IV K 301/56, Bl. 3; Vernehmungsprotokoll des Zeugen Christos Cizmas, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 301/56, Bl. 4; Mitteilung, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 1; Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 2; Vernehmungsprotokoll des Zeugen Marian Mycek, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 4–6; Vernehmungsprotokoll der Zeugin Łucja Kijek, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 7 f.; Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 229/56, Bl. 1; Dienstvermerk Nr. 60, 61 u. 62 vom 29. Juni 1956, in: Archiwum Państwowe we Wrocławiu (Staatsarchiv Wrocław, im Folgenden: AP Wrocław), KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 91–94; Protokoll der Sitzung der Ersten Sekretäre der Kreis-, Stadt- und Stadtbezirksleitung und der Abteilungsleiter des Wojewodschaftskomitees vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/V/57, Bl. 119; Protokoll Nr. 24 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPRAktivs in Świdnica am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Świdnica, sygn. 97/IV/35, o. Bl.; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Fabryczna vom 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław Fabryczna, sygn. 110/IV/25, Bl. 4 f. [8]  Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 244/56, Bl. 2; Informationsvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 286/56, Bl. 1; Informationsvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 1; Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 2; Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 229/56, Bl. 1; Protokoll der Sitzung der Ersten Sekretäre KP/M/D und der Abteilungsleiter des Wojewodschaftskomitees vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/V/57, Bl. 117 u. 121; Protokoll Nr 24 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Świdnica am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Świdnica, sygn. 97/IV/35, o. Bl.; Protokoll der Sitzung des KM PZPR-Aktivs in Wrocław vom 5. Juli 1956, in: AP Wrocław, KM PZPR Wrocław, sygn. 79/IV/45, Bl. 16; Protokoll der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Dzierżoniów vom 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Dzierżoniów, sygn. 82/IV/26, Bl. 9; Machcewicz, Paweł: Polski rok 1956 [Polnisches Jahr 1956], Warschau 1993, S. 112–120. [9]    Ministerpräsident der Exilregierung 1943/44, stellvertretender Ministerpräsident 1945 bis 1947. Er flüchte im Oktober 1947 nach England und lebte anschließend bis zu seinem Tod 1966 in den USA. [10]  Zitiert nach Machcewicz: Polski rok (Anm. 10), S. 122; Dienstvermerk Nr. 60 vom 29. Juni 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 91; Dienstvermerk Nr. 61 vom 29. Juni 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 92 f.; Dienstvermerk Nr. 62 vom 29. Juni 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 94; Protokoll der Sitzung der Ersten KP/M/D-Sekretäre und der Abteilungsleiter des Wojewodschaftskomitees vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/V/57, Bl. 117 u. 119; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Śródmieście, in: AP WROCŁAW, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl.; Einschätzung der politischen Situation nach den Ereignissen in Poznań, in: AP WROCŁAW, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl.; Protokoll Nr 24 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Świdnica am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Świdnica, sygn. 97/IV/35, o. Bl.; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Fabryczna vom 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Fabryczna, sygn. 110/IV/25, Bl. 2 f.; Protokoll der Sondersitzung des Stadtbezirkskomitee-Aktivs Wrocław-Krzyki, abgehalten am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Krzyki, sygn. 109/IV/20, o. Bl.; Gazeta Robotnicza vom 30. Juni bis 1. Juli 1956, S. 1; Gazeta Robotnicza vom 2. Juli 1956, S. 1; Słowo Polskie vom 1. Juli 1956, S. 1. [11]  Protokoll Nr. 20 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Legnica, in: AP Wrocław, KP PZPR Legnica, sygn. 88/IV/20, o. Bl.; Einschätzung der politischen Situation nach den Ereignissen Poznań, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl.; Protokoll Nr. 24 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Świdnica am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Świdnica, sygn. 97/IV/35, o. Bl.; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Fabryczna vom 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Fabryczna, sygn. 110/IV/25, Bl. 3. [12]  Dienstvermerk Nr. 60–62, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 91–94; Protokoll der Sitzung der Ersten Sekretäre der KP/M/D und der KW-Abteilungsleiter vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/V/57, Bl. 119 f.; Protokoll der Sitzung des KM PZPR-Aktivs in Wrocław, abgehalten am 5. Juli 1956, in: AP Wrocław, KM PZPR Wrocław, sygn. 79/IV/45, Bl. 17; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des  PZPR-Aktivs Wrocław-Śródmieście, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl. [13]  Dienstvermerk Nr. 65 vom 7. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 86; Dienstvermerk Nr. 72 vom 25. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 72; Protokoll der Sitzung der Ersten KP/M/D-Sekretäre und der KW-Abteilungsleiter vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/v/57, Bl. 117, 122 u. 127; Protokoll der Sitzung des KM PZPR-Aktivs in Wrocław, abgehalten am 5. Juli 1956, in: AP Wrocław, KM PZPR Wrocław, sygn. 79/IV/45, Bl. 15 u. 17; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Śródmieście, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl.; Einschätzung der politischen Situation nach den Posener Ereignissen, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl. [14]  Plan zur Sicherstellung von Stadt und Kreis Legnica für den Fall von Provokationen vom 8. September 1956, in: Archiwum Instytutu Pamięci Narodowej we Wrocławiu (Archiv des Institut für Nationales Gedenken in Wrocław, im Folgenden: AIPN Wrocław), sygn. 053/772, Bl. 17–29. [15]  Letzten Endes gelang es Gomułka, Chruščev zu überzeugen, dass er im Stande war, die Ereignisse unter Kontrolle zu halten, die sowjetischen Einheiten kehrten daraufhin in ihre Basen zurück. [16]  Als »Natolin-Fraktion«, nach dem Örtchen Natolin in der Nähe von Warschau, wurde die konservative Fraktion der PZPR bezeichnet, die häufig in Natolin zusammenkam. Sie sprach sich für den Erhalt einer zentralisierten Machtstruktur aus und versuchte durch populistische Maßnahmen, wie die Erhöhung der Renten, die Unterstützung des Volkes zu gewinnen. Ihre sich für eine Auflockerung des Systems einsetzenden Gegner, meist Intellektuelle und Studenten, die Gomułka unterstützten, wurden »Puławianer« genannt, nach der Puławska-Straße in Warschau, wo einige von ihnen wohnten. [17]  Poglądy (Sonderausgabe) vom 21. Oktober 1956, S. 2; Gazeta Robotnicza (Sonderausgabe) vom 21. Oktober 1956, S. 1. [18]  Machcewicz: Polski rok (Anm. 10), S. 154; Słowo Polskie vom 23. Oktober 1956, S. 2; Słowo Polskie vom 24. Oktober 1956, S. 1, 2 u. 5; Sonderbulletin. 26. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 141–144. [19]  Machcewicz: Polski rok (Anm. 10), S. 153 f.; Informationsvermerk über feindliche Aktivitäten im Kreis Legnica im letzten Quartal 1956 sowie Reaktion des Sicherheitsdienstes vom 28. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/772, Bl. 35 f.; Sonderbulletin vom 28. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 146–148; Information über staatsfeindliche Aktivitäten im letzten Quartal 1956 in der Wojewodschaft Wrocław vom 4. April 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/464, Bl 2. [20]  Machcewicz: Polski rok (Anm. 10), S. 166 u. 174; Sonderbulletin vom 26. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 141–145; Protokoll der Vollsitzung des Stadtbezirkskomitees Stare Miasto vom 30. Oktober 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Stare Miasto, sygn. 107/II/3, Bl. 194/212; Protokoll der VIII. Kreis-Berichts-Wahl-Konferenz, abgehalten am 8./9. Dezember 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Bolesławiec, sygn. 80/I/3, o. Bl.; Protokoll über den Verlauf der 1. gemeinsamen PZPR-Konferenz der Stadt Legnica vom 1. Dezember 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Legnica, sygn. 88/I/3, Bl. 206–241. [21]  Informationsvermerk über feindliche Aktivitäten im Kreis Legnica im letzten Quartal 1956 sowie Reaktion des Sicherheitsdienstes vom 28. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/772, Bl. 38; Sonderbulletin vom 26. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 144; Sonderbulletin vom 5. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 149; Information über staatsfeindliche Aktivitäten im letzten Quartal 1956 in der Wojewodschaft Wrocław vom 4. April 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/464, Bl. 3. [22]  Sonderbulletin vom 5. November 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 149 f.; Małkiewicz, Andrzej: Październik 1956 r. w Wałbrzychu [Oktober 1956 in Wałbrzych], in: Październik 1956 (Anm. 3), S. 83. [23]  Vierteljahresbericht über die Tätigkeit der 3. Abteilung für Sicherheit des Wojewodschaftskomitees MO in Wrocław über die Zeit von 1. Januar bis 31. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/468, Bl. 62–65; Bericht der Abteilung des Sicherheitsdienstes im Kreiskomitees MO in Oleśnica über das erste Quartal 1957 vom 29. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/472, Bl. 2 f.; Bericht der Abteilung des Sicherheitsdienstes in Dzierżonów über das erste Quartal 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/469 vom 28. März 1957, Bl. 58. [24]  Anm. der Redaktion: Die alte Bauernpartei (Stronnictwo Ludowe, SL) wurde 1945 – nach der Gründung einer ebenfalls Stronnictwo Ludowe genannten Bauernpartei durch die Kommunisten – in Polnische Bauernpartei (Polskie Stronnictwo Ludowe, PSL) umbenannt. Am 27. November 1949 wurden die PSL und die von den Kommunisten gegründete SL zur Vereinigten Bauernpartei (Zjednoczone Stronnictwo Ludowe, ZSL) zwangsvereinigt.  [25]  Jarosz, Dariusz: Polityka władz komunistycznych w Polsce w latach 1948–1956 a chłopi [Die Politik der kommunistischen Machthaber in Polen 1948–1956 und die Bauern], Warschau 1998, S. 152. [26]  Vierteljahresbericht über die Tätigkeit der 3. Abteilung für Sicherheit des Wojewodschaftskomitees MO in Wrocław über die Zeit vom 1. Januar bis 31. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/468, Bl. 61 f.; Information über staatsfeindliche Aktivitäten im 4. Vierteljahr 1956 in der Woiwodschaft Wrocław vom 4. April 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/464, Bl. 4 f. Die UTSK war die erste legale Organisation der Ukrainer in Polen nach 1945. [27]  Vierteljahresbericht über die Tätigkeit der 3. Abteilung für Sicherheit des Wojewodschaftskomitees MO in Wrocław über die Zeit vom 1. Januar bis 31. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/468, Bl. 65–68. [28]  Machcewicz, Paweł: Kampania wyborcza i wybory do Sejmu 20 stycznia 1957, wybór, wstęp i opracowanie [Wahlkampf und Sejmwahlen vom 20. Januar 1957, Auswahl, Einführung und Bearbeitung], Warschau 2000; Bericht über die Tätigkeit des Sicherheitsdienstes in Kreiskomitees MO in Syców über 1. Vierteljahr 1957 vom 29. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/372, Bl. 72 f.; Bericht der Abteilung des Sicherheitsdienstes in Dzierżoniów über 1. Vierteljahr 1957 vom 28. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/469, Bl. 56 f.; Dienstvermerk Nr. 4 über die Lage in Kreisen und Städten unserer Wojewodschaft in den letzten Tagen vor den Wahlen vom 18. Januar 1957, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 4/VI/244, Bl. 1–3; Informationsvermerk Nr. 3 vom 11. Januar 1957, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/243, Bl. 4 f. 

JHK 2006

»Nieder mit der DDR« Isolierter, unbekannter und verkannter Widerstand

Ehrhart Neubert

Der Arbeitsbegriff »unbekannter Widerstand« wurde vor einigen Jahren in der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) als Reaktion auf den gegenwärtigen Stand der Forschungen zur politischen Gegnerschaft in der DDR entwickelt. Es handelt sich hierbei weniger um eine Kategorie politischer Gegnerschaft. Vielmehr war ein Desiderat der Widerstands- und Oppositionsforschung in Speziellen und der DDR-Forschung im Allgemeinen gemeint. Der Begriff »unbekannter« Widerstand wird sich in dem Maße erübrigen, wie die Forschung Fortschritte machen wird. Als weithin unbekannt erwiesen sich zahllose Phänomene widerständigen Verhaltens, die im Schriftgut des MfS, in Karteikarten und Akten der unterschiedlichsten Gattungen[1] dokumentiert sind. Zum einen hat das MfS mit Energie daran gearbeitet, Widerstandsaktionen nach Möglichkeit nicht öffentlich werden zu lassen und sie aus politischen Gründen in seine Archive verbannt. Nur wenn die SED Schauprozesse inszenierte, kamen solche Dinge ans Licht, wenn auch verzerrt. Zum anderen handelt es sich überwiegend um einen Typ des Widerstandes, der von den Akteuren höchst geheim und mit größter Vorsicht vorgetragen werden musste. Die Akteure mussten auf Kommunikationsstrukturen verzichten und handelten daher isoliert. Zudem ergibt sich aus den Modalitäten und Inhalten, dass viele Aktionen ohne größere Vorbereitungen spontan unternommen wurden. Diese Handlungen konnten auch selten mehr als regionale Aufmerksamkeit finden, obwohl sie stets auf die Öffentlichkeit zielten. Sie blieben oft genug auch in der DDR unbekannt. Bislang dominieren in der Forschung Widerstandsformen, die seit den 40er und 50er Jahren in der DDR und in der Bundesrepublik bekannt wurden. Ein erheblicher Teil dieses Widerstandes hatte im Westen, zumeist in West-Berlin, logistische Stützpunkte. Gruppen, wie der Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen (UFJ), die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), die Ostbüros von SPD, CDU, FDP und anderer Träger, konnten in der DDR regelrechte Netzwerke aufbauen und ihre Aktionen aus relativ sicherer Entfernung planen. Solche Vorgänge haben diese Initiativen dokumentiert. Auch Angehörige studentischer Widerstandsgruppen, die sich gegen die Vereinnahmung der demokratischen Parteien wandten, konnten nach ihrer Flucht oder nach der Haftentlassung in die Bundesrepublik über ihr Schicksal berichten. Zunächst gab es noch eine intensive Beschäftigung mit den Systemgegnern in der DDR. Vor allem zum 17. Juni 1953 entstand eine anspruchsvolle, wenn auch widersprüchliche Literatur. Hinzu kommt, dass politische Flüchtlinge und Haftentlassene in den 50er Jahren in der Bundesrepublik noch große Aufmerksamkeit fanden. Die Forschung konnte hier auf Materialien zurückgreifen, die in der Bundesrepublik vorhanden waren.  Der Gegenstand war für die historische und politische DDR-Forschung seit den 70er Jahren aber nicht mehr in die gebräuchlichen Deutungsmuster der kommunistisch beherrschten Gesellschaften einzuordnen. Die Wissenschaftler diagnostizierten zwar gewisse Defizite in diesen Gesellschaften, aber die internen Spannungen in ihrer systemsprengenden Dynamik nahmen sie nicht wahr. Opposition und Widerstand, ebenso wie die politisch motivierte Repression, wurden zu einem ungeliebten Randthema der DDR-Forschung. Vereinzelte Dokumentationen im Deutschland Archiv und anderen Zeitschriften sowie Veröffentlichungen von Ausnahmeerscheinungen wie dem Historiker Hermann Weber[2] und dem Journalisten Karl Wilhelm Fricke[3], einigen jüngeren Autoren[4], kritischen Kirchenleuten[5] oder geflüchteten und ausgebürgerten Oppositioneller[6] konnten diesen Mangel nicht ausgleichen. Mit den für Politik und Wissenschaft unverhofften Revolutionen 1989 in Ostmitteleuropa stieg der Wissens- und Erklärungsbedarf sprunghaft an. Im allgemeinen Aufschwung der Forschungen zur politischen Gegnerschaft legten neben Autoren, die selbst in die damaligen Vorgänge verstrickt waren und schon früher veröffentlicht hatten (wie etwa Karl Wilhelm Fricke, Siegfried Mampel oder Thomas Ammer) nun weitere Wissenschaftler Veröffentlichungen vor, die die Aktivitäten einzelner früher Widerstandsgruppen[7] rekonstruierten, am Widerstand beteiligte Personen porträtierten[8] oder die Vorgehensweise des MfS darstellten[9]. Insbesondere waren auch die Parteien SPD und CDU daran interessiert, die Verfolgung ihrer widerständigen Mitglieder und Funktionäre in der Nachkriegszeit aufzuklären.[10] Für diese Forschungen waren die nun zugänglichen Akten des MfS und anderer DDR-Organe eine wichtige Grundlage. Ein weiterer Schwerpunkt der Forschung waren die Oppositionsformen der späteren Jahre.[11] Einen wichtigen Strang in der Oppositionsgeschichte der DDR von den 50er bis in die 70er Jahre bildeten die marxistischen Dissidenten. Die Genese dieser Phänomene lag in der 1956 eingeleiteten Entstalinisierungsdebatte.[12] Die sich seit den 60er Jahren herauskristallisierende Opposition agierte öffentlich und legalistisch. Sowohl die Künstler, wie Wolf Biermann, die marxistischen Dissidenten, wie Robert Havemann, oder das breite Spektrum der im kirchlichen Öffentlichkeitsraum agierenden Bewegungen der 80er Jahre und die Akteure der Revolution 1989 haben eine Fülle von zugänglichen Texten produziert. Die MfS-Akten haben hier grundsätzlich Bekanntes vertieft und ergänzt. Das Erstaunen der etablierten Autoren der Zeitgeschichte über die Fülle und auch die Kontinuität der Phänomene hat Jürgen Kocka in einer Bilanz zur DDRForschung seit 1990 zum Ausdruck gebracht: »Aber die Forschung hat in diesem Bereich sehr viel Neues erbracht bzw. bestätigt, was früher nur von Außenseitern behauptet worden war.«[13] Allein eine solche Äußerung belegt, dass die DDRForschung die politische Gegnerschaft in der DDR nicht nur ignoriert, sondern regelrecht verkannt hat. Doch diese Defizite sind noch längst nicht behoben.  Zum einen sind die Quellen zur Erforschung des »unbekannten und isolierten Widerstandes« wesentlich schwieriger zugänglich. Häufig steht hier nur die MfSÜberlieferung zu Verfügung, sowohl die zu den von den Untersuchungsorganen aufgeklärten Aktivitäten, als auch die, bei denen die »Täter« nicht ermittelt werden konnten. Weitere Quellen stellen interne Lageberichte und »Vorkommnismeldungen« in den Beständen der Polizei, der SED und anderer Organisationen dar. Eine noch kaum in den Blick gekommene Datenfülle hat sich inzwischen bei den Behörden und Einrichtungen für die Rehabilitation von Verfolgten angesammelt.[14] Die Frage der Zugänglichkeit soll hier nicht erörtert werden. Es versteht sich aber von selbst, dass alle Aktenbestände höchst sensible persönliche Daten enthalten, die nur unter bestimmten Voraussetzungen ausgewertet werden können.  Widerständler, die etwa nach der Verbüßung von Haftstrafen in den Westen gegangen sind, konnten dort nur selten ihre »Geschichte« verbreiten. In der DDR verbliebene mussten bis 1990 über ihre Erfahrungen schweigen. Nicht wenige traumatisierte Menschen haben oft Jahre gebraucht, um über diese Dinge zu reden. Eine Reihe von Akteuren ging seit 1990 aber selbst in die Öffentlichkeit. So liegt eine ganze Reihe von Erlebnisberichten vor, die in den Medien verbreitet wurden oder als Broschüren bei den Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes oder bei den Opferverbänden erschienen sind. Darüber hinaus gibt es auch erste wissenschaftliche Untersuchungen, die in Artikeln oder als Monographien vorliegen. Obwohl die Forschungen zu diesen Formen des Widerstandes in den Anfängen stecken, sind einige Aussagen jetzt schon möglich. Das betrifft soziologische Daten der Akteure sowie die Strukturen, Motive und Anlässe ihres Handelns. Der unbekannte Widerstand lässt zudem Rückschlüsse auf die politischen Vorstellungen und Ziele von Bevölkerungsgruppen zu, die bislang wenig in der Widerstands- und Oppositionsforschung untersucht wurden. Insofern führen diese Phänomene auf Spuren, die eventuell die politische Haltung weiter Bevölkerungskreise während der Herbstrevolution erklären können. Widerstand als Alltagsphänomen  Sinnfälligster Ausdruck des unbekannten Widerstandes waren die öffentlichen Aktionen. Viele aufmerksame DDR-Bürger haben sie wahrnehmen können. Losungen gegen das Regime wurden an Gebäude oder auf Straßen geschrieben. Flugblätter, vom MfS als »Hetzschriften« bezeichnet, wurden an öffentlichen Stellen oder in Verkehrsmitteln ausgelegt, in Briefkästen gesteckt oder angeklebt. Es gab Plakate in allen Formaten mit Texten und Symbolen. Gedichte wurden geschrieben, weitergegeben und oft immer wieder abgeschrieben. Die Mittel waren in der Regel sehr einfach,  handelsübliche Farben wurden verwendet. Mit Kindersetzkästen und Spielbuchstabenstempeln konnten einfache Drucke hergestellt werden. Zum Schutz vor Ermittlungen wurden Handschriften verfremdet oder Texte aus Zeitungsausschnitten zusammen geklebt. Aber auch offizielle Plakate, Symbole, Bilder der führenden Politiker oder Propagandabilder wurden zerstört, verunstaltet oder mit eigenen Beschriftungen versehen.  Für die Bevölkerung kaum wahrnehmbar waren Mitteilungen, die direkt an Partei- oder Staatsstellen gerichtet waren. Mit Briefen oder Telefonanrufen wurde den Funktionären aller Ebenen gedroht. Bei den »Wahlen« wurden Stimmzettel beschriftet oder beklebt. Da dies unter den wachsamen Augen der Wahlaufsicht gemacht werden musste, war das nicht ungefährlich. Seltener wurden Sabotagehandlungen durchgeführt. Da der SED-Staat geschädigt werden sollte, gab es solche Aktionen in der Landwirtschaft und in der Industrie. Allerdings hat das MfS bei unzähligen Havarien, zu denen es wohl eher durch den schlechten Zustand von Anlagen und technischen Einrichtungen gekommen war, Sabotage vermutet und nach »Tätern« gefahndet, ohne dabei zum Erfolg kommen zu können. Dazu kamen eine Fülle von phantasievoll ausgedachten Symbolhandlungen, schwarze Fahnen oder Trauerkränze am 13. August, aufgestellte Kerzen bei Unglücken im Westen, oder bei Unfällen unter Beteiligung von sowjetischem Militär gab es Grabsteininschriften wie: »durch fremde Schuld«. In vielen Fällen ist es erforderlich, zwischen Widerstandshandlungen und unpolitischen Unmutsbekundungen, Ärger in den »Arbeitskollektiven« oder dem alltäglichen Zorn über schlechte Versorgungen mit Waren und Dienstleistungen zu unterscheiden. Die Grenzen sind hier freilich fließend. Etwa bewusst langsames Arbeiten, soziale Proteste, Streikandrohungen oder die Verweigerung von auferlegten Verpflichtungen waren allein schon riskant, weil sie politisch ausgelegt werden konnten und wurden. Politische Witze oder derbe Streiche von Abiturienten wurden eher geduldet, wenn auch misstrauisch beargwöhnt und nicht selten als feindlicher Akt interpretiert. Die gesellschaftliche Funktion der in der DDR enormen Witzkultur[15] bestand in der möglichst drastischen und nach Möglichkeit schwer angreifbaren Benennung der Differenz zwischen Herrschenden und Beherrschten. Die Erzähler von Witzen und Sprachspielen erkundeten zunächst die politischen Einstellungen ihrer Zuhörer. Der Witz selbst nahm die Sprache der SED auf und machte sie durch Verfremdungen zu seiner eigenen. Diese semantischen Ambivalenzen zeigten mehr oder weniger verschlüsselt Alternativen zur Absurdität der erfahrenen Realität, etwa: »Sag mal ein anderes Wort für sauere Gurke. – Banane in den Farben der DDR.« Fleißig sammelte das MfS solche Witze. Entsetzt meldete die Kreisdienststelle des MfS Hainichen im Jahr 1979, dass die Volkspolizisten »auf Grund der Wettersituation« »negative Diskussionen führten« und dabei Witze erzählten. Unter anderem: »Warum gibt es in der DDR soviel Schlaglöcher? – Weil diese nicht exportiert werden können.«[16] Die einschlägige Akte des MfS für 1978 bis 1980 aus Chemnitz enthält zahlreiche Witze und sechs Gedichte, »Hetzgedichte«. Im Gedicht »Oh Arzgebirg!« hieß ein Vers: »Es gibt kene Bratter für de Lauben / für den Trabi kene Schrauben / Scheißpapier ist schlacht zu kriegen, / aber ins Weltall kenn wir fliegen.«[17] Im Gedicht »Inter – Inter – Inter« beschwerte sich der Reimeschreiber drastisch, dass es jetzt nach »Intershops«, »Interhotel« und »Intertank« schon »Interklos« für »Westtouristen« an der Autobahn gibt. Doch DDR-Bürger dürften nicht einmal halten, weil sie nicht »Inter«[18] sind. Und in einem Katalog der »Prinzipien unserer Arbeit« werden unter anderem Folgende genannt: »Staatliche Aufgaben zu erfüllen heißt, überbieten ohne zu erfüllen.« »Jeder macht was er will – keiner macht was er soll – aber jeder macht mit.« »Bei uns kann jeder werden was er will – ob er will oder nicht.«[19] Das MfS versuchte, alle »Täter« zu ermitteln und die »Objekte« einzusammeln. Das Problem bestand aber eigentlich darin, dass diese Texte in zahlreichen Großbetrieben zu Hunderten Exemplaren kursierten, weil es handschriftliche Abschriften gab und Sekretärinnen die Elaborate abgeschrieben und vervielfältigt hatten. Als »Täter« und »Mittäter« wurden nicht nur Arbeiter und Angestellte festgestellt, sondern auch Leitungspersonal auf allen Ebenen. Oft blieb nichts als Disziplinierungsgespräche und Drohungen. Aber die beteiligten Personen wurden alle registriert. Die Spitzel hatten alle Hände voll zu tun – und beschafften sich selbst die Texte zum eigenen Gebrauch. Die Autoren solcher »herabwürdigender« Hetzgedichte konnten in keinem Fall ermittelt werden.  Solche relativ milden witzigen Proteste und der isolierte Widerstand mit weit unverblümter ausgesprochener Kritik haben nichts mit dem neuerdings debattierten und in der DDR-Gesellschaft massenhaft in Erscheinung getretenen »Eigensinn« zu tun, der »den totalitären Geltungsanspruch der SED unterlaufen und Bereiche des Aushandelns und der relativen Eigenständigkeit sichern«[20] konnte. Hierbei handelte es sich um soziale Techniken, die erlernt werden konnten und mussten, um den Alltag bestehen zu können. Dieser Eigensinn war systemstabilisierend und hat die Herrschaft der SED nicht in Frage gestellt. Wurden Anfang der 50er Jahre noch kleinste Delikte, etwa der Diebstahl eines dreiviertel Kilogramms Sauerkraut, mit einem Jahr Gefängnis geahndet,[21] beteiligten sich später unter stillschweigender Duldung der SED große Teile der Bevölkerung samt vieler Funktionäre an der grauen und oft betrügerischen Wirtschaft jenseits der staatssozialistischen Normen. Die Bevölkerung reparierte damit partiell die Disfunktionalität des Systems. Die SED-Herrschaft war nicht durch die unpolitischen Schwejkiaden herausgefordert, sondern allein durch die mit politischen Mitteln angestrebten Veränderungen, sei es die Beseitigung des Systems oder auch seine Reform. Die Widerstandsforschung tangiert darum die Herrschaftsgeschichte wie auch die Gesellschaftsgeschichte, geht aber nicht in ihnen auf. Sie erforscht einen politisch-gesellschaftlichen Raum, den das kommunistische SED-Regime nicht besetzen konnte. Sie konnte diesen Raum weder durch repressive Maßnahmen noch durch soziale Integration schließen. Der Widerstand entstand immer wieder neu aus der tiefen Spaltung zwischen Partei und Gesellschaft. Diese Spaltung, die die kommunistische Utopie ursprünglich mit ihrer Einheitstheorie überwinden wollte, wurde gerade vertieft, weil die Partei in der Gesellschaft allein das Gesetz des Handelns beanspruchte. Indem sich die SED anmaßte, allein die politischen und sozialen Problemlagen zu definieren und zu lösen, musste sie über die politische und soziale Wirklichkeit den Schirm des Scheins spannen. Opposition und Widerstand war dann nichts anderes als die unabhängige und nieerloschene politische Artikulation der Gesellschaft. Dieses politische Eigenleben der Gesellschaft war äußerst heterogen und stand in einem Wechselverhältnis zum jeweiligen Zustand des politisch-sozialen Gefüges. Freilich stellten die genannten Widerstandsaktionen nur ein schwaches und leises Klopfen an dem Deckel dar, der auf die Gesellschaft gestülpt war. Die häufig kritisierten Feststellungen, dass die DDR-Gesellschaft »stillgelegt« war und sich im Griff einer totalitären Herrschaft befand, können durch die Existenz dieses Widerstandes nicht zurückgewiesen werden. Wohl aber zeigen die Widerstandsaktionen, welche Energien die SED aufbringen musste, um die Gesellschaft ruhig zu halten. Dadurch gab es stets ein Neben- und Ineinander von Stabilität und Fragilität der DDR. Die kommunistische Machtentfaltung war nur durch terroristische Maßnahmen gegenüber der Gesellschaft möglich gewesen. Der SED-Staat kollabierte im Jahre 1989, weil er die Eigenbewegung der Gesellschaft nicht mehr eindämmen konnte. Insofern handelte es sich auch um einen »Untergang auf Raten«[22], der nicht erst mit der von der Opposition initiierten gesellschaftlichen Emanzipation bzw. in der Entwicklung der Zivilgesellschaft 1989 begann, sondern eine lange Vorgeschichte hat. Die Oppositions- und Revolutionsgeschichte lässt sich nicht ohne die zivilgesellschaftliche Komponente schreiben.[23] Es muss aber auch beachtet werden, dass jene scheinbar marginalen Kleinereignisse des Widerstandes Symptome einer stillgelegten Gesellschaft im Wartestand waren. So isoliert auch die Akteure handeln mochten, drückten sie doch aus, was viel mehr Menschen dachten, erfuhren und woran sie litten. Die oft sehr kurzen Botschaften, manchmal nur auf ein Datum – etwa die Chiffre für die Radikalabsage an das Regime »17. Juni« – reduziert, wurden prinzipiell verstanden. Die Bevölkerung im Ganzen wusste, worum es geht, neue Botschaften gab es nicht. Das Besondere war nur, dass es jemand trotz der hohen Risiken wagte, die Lüge zu benennen. Das zeigt aber auch, dass eben die Handlungsmöglichkeiten für Gegner des Systems äußerst gering waren. Aus dieser Einengung wuchsen auch die politischen Strategien, die sich an den Möglichkeiten orientierten und ausformten, die das Herrschaftssystem an seinen Bruchstellen bot.  Der »unbekannte« Widerstand unterscheidet sich gerade in seinem strategischen Ansatz erheblich von der gleichzeitig agierenden Opposition. Oppositionelle Personen oder Gruppen versuchten auf der Grundlage verbindlicher Normen und verbindlichen Rechts, die Machtträger zur Einhaltung dieser Normen zu veranlassen, um deren Macht zu begrenzen. Ansätze dazu fanden sich schon bei Wolfgang Harich und den späteren marxistischen Dissidenten wie Wolf Biermann und Robert Havemann. Voll ausgeprägt war dieser Typ[24] politischer Gegnerschaft schließlich bei den in und mit den Kirchen handelnden Gruppen der späten 70er und der 80er Jahre. Zum einen nutzten sie das formale Existenzrecht der Kirchen. Zum anderen entwickelten sie gewaltlose legalistische Strategien, die die Legitimation sozialistischer Gesellschaftsentwürfe nicht grundsätzlich infrage stellte und ein Einschreiten des Staates erschwerten. Die politische Ambivalenz dieser Opposition war offensichtlich, bedeutete sie doch eine Selbstbegrenzung in den politischen Zielsetzungen und kreierte einen häufig an Wirklichkeitsverlust leidenden sozialethisch begründeten Reformutopismus. Das musste nicht unbedingt den politischen Gehalt dieser Opposition mindern. Sie nutzte jeden noch so kleinen legalen Spielraum, um sich als eigenständige politische Kraft in der Öffentlichkeit zu zeigen und setzte sich für die Demokratisierung des politischen Systems, die Entwicklung einer freien Öffentlichkeit und die Erweiterung des individuellen Handlungsspielraums ein. SED und MfS schufen speziell auf die Opposition zugeschnittene Strafgesetzte und Verordnungen.[25] Und das MfS identifizierte im Legalismus eine konterrevolutionäre Strategie als »Versuche der Führungskräfte politischer Untergrundtätigkeit, um mit der Partei und dem Staat in einen politischen Dialog zu treten und sich somit Legalität zu erschleichen«.[26] Wie wirksam dieser Legalismus war, zeigte sich bei der letzten »Volkswahl« am 7. Mai 1989, als sich die Opposition an die legalen Verfahren hielt und die in der DDR strafbaren Wahlfälschungen aufdeckte.[27]  Die oppositionellen Handlungsformen entfalteten sich nur unter hohen ideellen und materiellen bzw. infrastrukturellen Voraussetzungen. Sie konnten sich nur in einem eigens entwickelten Öffentlichkeitsraum mit hinreichend gesicherten Kommunikations- und Informationsstrukturen zwischen Personen und sozial kompetenten Gruppen ausbilden, die auch ein geistiger Konsens verband. Dies war für einen Widerstand, der auf eine Schwächung oder Beseitigung der SED-Macht zielte, kaum möglich. Zwar konnte der frühe Widerstand in der DDR teilweise solche Bedingungen erfüllen, da er noch in soziale Milieus eingebettet war. Die um ihre Interessenvertretungen beraubten Arbeiter, die von der Kollektivierung bedrohten Bauern, die in ihrer freien Willensbildung behinderten demokratischen Parteien, die von Eigentumsentzug betroffenen Mittelschichten, die um die Wissenschaftsfreiheit gebrachten bildungsbürgerlichen Eliten sowie die um die Religionsfreiheit bangenden Kirchen agierten anfangs in einem sozialen Raum, der sie wenigstens teilweise akzeptierte und trug. Selbst die Teilnehmer des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 konnten sich auf einen breiten Konsens stützen, der an der Wiederherstellung des Rechtes orientiert war und die Selbstlegitimierung und Scheinlegalisierung der SED ablehnte. In dem Maße, wie die Widerständler isoliert handeln mussten, weil die Milieus aufgerieben waren und jede Kommunikation unterbunden wurde, mussten sie in die Konspiration ausweichen.  Die strikte Geheimhaltung und das hohe Risiko verlangten nach einem effektiven Einsatz der Mittel und erforderten auch eine Zuspitzung der politischen Inhalte. Es kam darauf an, dem System zu schaden, wenn es schon nicht zu beseitigen war. Auf die Selbstlegitimierung der SED musste nicht Rücksicht genommen werden. Selbst Gewalt erschien Widerständlern eine angemessene Antwort auf die Gewalttätigkeit des Regimes. Immer wieder wurde auf die Gewaltakte des Regimes, etwa auf Mauer und Stacheldraht, die Schüsse an der Grenze, die militärischen Einsätze 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei oder auf die politischen Gefangenen hingewiesen. Gegen die sowjetische Besatzung wurde polemisiert. Die Schriften waren gegen die »Selbstbedienung« der SEDFunktionäre, gegen die Wirtschaftsweise, die Militarisierung, den Wohnungsmangel, die Einschränkung der Medien, die Scheinwahlen, die Stasi, die SED und vieles andere mehr gerichtet. Es gab praktisch keinen Lebensbereich, eben auch keinen des Alltags, der nicht mit herber Kritik belegt wurde.  Insgesamt zeigen Aktionen und deren Ziele, dass dieser breite Widerstand eine Totalabsage an das SED-Regime beinhaltete. Von einer Übereinstimmung oder gar Zustimmung der Bevölkerung kann wohl bei dem Ausmaß solcher Aktionen kaum gesprochen werden. Insofern ist dieser Widerstand auch von der Oppositionsforschung verkannt worden.  Motive des Widerstandes Bislang ist es nicht möglich über vage Schätzungen hinaus das gesamte Ausmaß und die Häufigkeit von Widerstandsaktionen zu bemessen. Die in den Beständen der BStU vorhandenen Quellen weisen auf hunderttausende erfasste Personen oder Ereignisse hin. In vielen Fällen konnte das MfS oder die Polizei die handelnden Personen nicht ermitteln. In der DDR gab es seit 1949 weit über 200 000 politische Häftlinge und weitere tausende, bislang nicht genau zu bestimmende, von Operativen Vorgängen des MfS Betroffene sowie unzählige, anderweitig disziplinierte Menschen. Allerdings ist dabei zu beachten, dass nicht alle Repressierten Widerstand geleistet oder eine Opposition organisiert haben. Vielmehr konnten Zufälle, unbegründete Verdachtsmomente oder ein durchaus auch unpolitisches Abweichen von den vorgegebenen ideologischen und politischen Erwartungen des Regimes Menschen in die Repressionsmechanismen geraten und zu »Opfern« werden lassen.  Außerdem muss auch bedacht werden, dass nicht alle an Widerstandsaktionen Beteiligten mit Haftstrafen belegt wurden. So gab es aus politischen Gründen nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 trotz der Verhaftung von ca. 12 000 Personen eine deutliche Zurückhaltung der Strafjustiz. In Operativen Vorgängen wird häufig vermerkt, dass eine strafrechtliche Verfolgung aus politischen Gründen nicht in Betracht kommt. Solche Fälle gehören dennoch zu den Phänomenen des Widerstandes.  Die hohe Zahl der politisch Verfolgten weist darauf hin, dass die Widerständler nicht aus geschlossenen Milieus kamen. Zwar ist deutlich, dass im Zuge der kommunistischen Transformation der Gesellschaft jeweils aus solchen Gruppen Widerstand geleistet wurde, deren soziale und kulturelle Identität gefährdet war. In den verschiedenen Fluchtwellen stellten diese Gruppen häufig den Großteil der Flüchtlinge. Doch mit der zunehmenden und schließlich erreichten weitgehenden sozialen Homogenisierung konnte die SED kein einziges Segment der Gesellschaft befrieden. Der Widerstand wurde von Arbeitern, Ingenieuren, Genossenschaftsbauern, Studenten, Schülern und Intellektuellen, Hausfrauen und immer wieder von Jugendlichen organisiert und ausgeführt. Dass es zu Widerstandshandlungen von Häftlingen[28] kam, mag nicht erstaunlich sein. Diese gab es auch in den Kernbereichen der Diktatur, etwa dem Militär[29] und vereinzelt auch im MfS, wenngleich dies meistens Flucht- und Verratshandlungen waren. Angehörige sozialer oder kultureller Gruppen sind häufig an ihren spezifischen Forderungen erkennbar. Zu bestimmten Zeiten forderten Jugendliche die Zulassung von Beat-Musik, in Wohngebieten wurde gegen die mangelhafte Versorgung protestiert und Intellektuelle verlangten die Freiheit des Geistes. Zu erkennen ist auch, dass alle Bildungsgrade unter den Widerständlern vertreten waren. Es sind sehr intelligent organisierte und durchgeführte Widerstandsprojekte dokumentiert, wie auch die mutigen Aktionen sehr einfacher Leute, die ihre ganze Wut zum Ausdruck brachten, häufig mit vielen orthographischen Fehlern.  Um abzuklären, welche Motive diese Menschen für ihren Widerstand hatten, muss berücksichtigt werden, dass von einer besonderen Prädisposition bestimmter sozialer Gruppen für den Widerstand keine Rede sein kann. Die traditionellen Milieus waren eben verschwunden, wird einmal von den Kirchen abgesehen. Aber selbst dort galt, dass die einen in den Widerstand gingen, während die anderen sich – aus welchen Gründen auch immer – in Loyalität oder sogar Kollaboration übten. Von einer »Neuen Sozialen Bewegung« (NSB), wie in der Bundesrepublik angenommen, kann in der DDR keine Rede sein. Die Verlockung, solche Theorien auf DDR-Verhältnisse bzw. auf die DDR-Opposition zu übertragen,[30] rührte wohl eher aus dem Versuch der westdeutschen Autoren, die zivilisationskritische Protestbewegung seit den 70er Jahren im Westen mit einem importierten ideologischen Legitimationsmuster auszustatten. Die NSB-Theorie ist einer Erklärung abträglich, weil diese Theorie schon Motive des Handelns unterstellt, die sich empirisch überhaupt nicht belegen lassen. Die isoliert – wenn auch in großer Zahl vorgetragenen – Widerstandshandlungen lassen sich mit den gängigen sozialwissenschaftlichen Ansätzen weder erfassen noch erklären. Erfolgversprechender sind Ansätze, die biographiewirksame Entscheidungskonstellationen berücksichtigen, um die Personalität und Autonomie der Handlungsträger zu wahren und den deterministischen Effekten sozialwissenschaftlicher Theorien zu entgehen. Gerade im Blick auf den Einzelnen und vereinzelt Handelnden gilt die Erfahrung, dass die letzte Barriere gegen die Durchsetzung totalitärer Ansprüche die Konstitution bzw. die Selbstbehauptung des Individuums ist. Dessen freie Entscheidung in kritischen Situationen konnte von den Herrschenden nur um den Preis der Vernichtung seiner juristischen und moralischen Person[31] verhindert werden. Das findet sich vielfach in den MfS-Vernehmungsprotokollen bestätigt. Es gibt Vernommene, deren Persönlichkeit unter dieser Last zusammenbrach. Aber es gibt eben auch diejenigen, die sich in solchen Extremsituationen behaupten konnten. Der Nutzen, der daraus für sie entstand, ist ein Gewinn an Autonomie. Zu diesem Autonomiegewinn kann es aber nur kommen, wenn Menschen auch ohne Aussicht auf Erfolg und unter Risiken den Konflikt mit der Umwelt nicht scheuen. Solche Konstellationen ergeben sich häufig in individuellen biographischen Konfliktsituationen, etwa aus der eigenen oder familiär überlieferten Erfahrung mit Repression. Die Entscheidung für den Widerstand ist dann die Möglichkeit, solche Konflikte zu bearbeiten[32] und einem drohenden Identitätsverlust entgegen zu wirken.  Die geistige und kulturelle Identitätswahrung als Motiv für widerständiges Verhalten ist ein Kontinuum in der Widerstands- und Oppositionsgeschichte, die bis zum Ende der Diktatur 1989 eine Rolle spielte.[33] Auch die sich in den personenbezogenen Akten des MfS niederschlagenden Auseinandersetzungen können als »Akt der Selbstbefreiung« gelesen werden. »Die Geschichte der Opposition ist vor allem als eine Geschichte dieser Wiederherstellung der Person zu schreiben.«[34] Das gilt eben auch für die Akteure des isolierten Widerstandes.  Gruppenbildungen Einen beträchtlichen Teil von Widerstandsaktionen haben einzelne Personen unternommen, die völlig auf sich allein gestellt waren. Hier handelte es sich offenbar meist um spontane Handlungen. Der logistische Aufwand war dadurch in Grenzen zu halten, wenngleich ein Mindestmaß an Vorkehrungen für die persönliche Sicherheit getroffen werden musste. Unübersehbar ist aber, dass es unter diesen Widerständlern eine Tendenz gab, sich in Gruppen zusammenzuschließen. Neben dem schon genannten Autonomiegewinn konnte dadurch eine soziale und kommunikative Gruppenidentität entwickelt werden, die den Mangel an Kommunikation mit der Außenwelt kompensierte. In diesen Gruppen wurden in der Regel gründliche strategische und oft auch inhaltliche Debatten geführt. Allerdings gab es häufig ein kollektives Handeln, an dem eine mehr oder weniger große Anzahl von Beteiligten mitwirkte. Dies waren in der Regel keine organisierten Gruppen mit einer Gruppenidentität, sondern Betriebsbelegschaften bzw. »Arbeitskollektive«, Schüler- und Studentengruppen, Ansammlungen in Verkehrsmitteln und beim Anstehen in der »Schlange« oder Besucher von Sportveranstaltungen. Und immer wieder gab es Gruppen von Jugendlichen innerhalb und außerhalb subkultureller Szenen, die sich bei Großveranstaltungen trafen, regelmäßig in Gaststätten zusammen kamen oder als Straßengruppen auffielen. Zumeist entstanden hier spontan kritische Situationen. Ärger mit der Versorgungslage beim Schlangestehen, falsche Lohnabrechnungen, Omibuspannen, Verbote von Musiktiteln und anderes mehr führte zu Unmutsbekundungen, die oft sehr schnell politisiert wurden. Manchmal gab es Rangeleien und Tumulte, bei denen politische Losungen gerufen wurden. Solche Situationen fürchtete die durch den 17. Juni traumatisierte SED und traf Sicherheitsvorkehrungen. Selbst an Einkaufschlangen konnten deswegen Polizisten postiert werden. Besondere Treffpunkte, wie die berühmte Milchbar in Ostberlin, wurden ständig überwacht. Außerdem befürchtete und vermutete das MfS, dass hinter solchen Ansammlungen und spontanen Aktionen irgendwelche organisierten Kräfte stehen würden. Bisweilen wurde das MfS fündig. So fiel dem MfS 1976 im Raum Frankfurt (Oder) eine größere Gruppe jugendlicher und junger erwachsener Arbeiter auf, die Beatkonzerte besuchte, sich lautstark bei Musik- und Sportveranstaltungen meldete, durch die Gaststätten der Umgebung zog und sich mit Mopeds und Motorrädern beschäftigte. Einmal störten sie eine Feier in einer Gaststätte, bei der zwei Sektflaschen und eine Aufschnittplatte zu Bruch gingen. Einer der Beteiligten hatte den Spitznamen »Steppenwolf«, der von der Kanadisch-Amerikanischen Rock-Band stammte. Der Name ging bald auf die ganze Gruppe über, die nun sich selbst »Steppenwölfe« nannte. Das MfS war aufs Höchste alarmiert, als es erfuhr, dass die Gruppe nach Berlin fahren wollte, um angeblich das »X. Parlament der FDJ«, eine agitatorische Großveranstaltung, zu stören. Nun wurde vom MfS festgehalten, dass »es sich um eine echte Gruppierung handelt, die sich den Decknamen ›Steppenwolfbande‹ gegeben hat«.[35] In der Folge versuchte man, die Gruppe zu »kriminalisieren«. Als ein Mitglied einen kleinen Diebstahl beging, wurde er zur Denunziation als inoffizieller Mitarbeiter erpresst. Es folgten Haftstrafen und schließlich die Auflösung der Gruppe. Aus der Aktenlage wird offensichtlich, dass das MfS in dieser jugendlichen Freundschaftsgruppe viel mehr Politisches gesehen hat als diese selbst. Erst die Intensität der Verfolgung hat wohl in diesem Fall, wie in vielen vergleichbaren Vorgängen, bewusste Gegner des Systems geschaffen. An zwei Beispielen von tatsächlich politisch motivierten Gruppenbildungen, die jeweils Reaktionen auf den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 waren, zeigt sich auch die Entwicklung solcher Gruppen. Aus den anfänglich übereinstimmenden politischen Meinungen und Urteilen wachsen wohl durchdachte Handlungen. Beide Gruppen sind erst kürzlich in den MfS-Aktenbeständen entdeckt worden.  Eine dieser Gruppen wurde von jungen Jenaer Arbeitern gebildet, die den Mauerbau ablehnten und entschlossen waren, gegen das Unrechtssystem etwas zu tun.[36] Anfang 1962 beschäftigten sich einige Mitglieder der Gruppe mit Fluchtplänen. Sie erkundeten Fluchtmöglichkeiten an der Grenze in Südthüringen, gaben jedoch ihren Plan wegen der enormen Schwierigkeiten auf. Sie diskutierten nun über wirksame Widerstandsaktionen. Dabei erwogen sie auch Sprengstoffanschläge gegen die SED-Kreisleitung oder die MfS-Kreisdienststelle in Jena. Versuche mit selbst hergestelltem Sprengstoff schlugen jedoch fehl. Ihre erste Aktion starteten sie in den frühen Morgenstunden des 8. Dezember 1962. An einer Bahnunterführung und in einer Straße brachten sie weithin sichtbare Losungen an. Sie richteten sich gegen Walter Ulbricht, verlangten das Recht auf Ausreise aus der DDR, kritisierten die schlechte Versorgungslage und forderten Freiheit. In der Folgezeit beschäftigte sich die Gruppe mit der Herstellung von Flugblättern. Zunächst griff sie auf die Kinderstempelkästen zurück. Im Januar 1963 entwarfen die Gruppenmitglieder einen Text, beschafften in verschiedenen Städten Papier, Druckkästen und sonstiges Zubehör zur Flugblattherstellung. Der Text der Flugblätter geißelte die politischen und wirtschaftlichen Zustände in der DDR und rief die Bevölkerung Jenas zum Widerstand auf. Eine Botschaft der jungen Arbeiter lautete: »Einwohner Jenas! Wie lange wollt ihr Euch noch die katastrophale Ausbeutung der Ostzonen-Politik gefallen lassen? Erhöhte Normen, niedrige Löhne, militärische Ausbildungen, unzureichende Lebensmittel und hoher politischer Druck, das sind die Errungenschaften und Ziele der Ostblockpolitik. Verteidigt Euch gegen diesen Wahn. Denkt daran: ›Einigkeit macht stark!‹ Die starke Rüstung und kostspielige Grenzüberwachung macht die Staatskassen leer. Die Euch gefangen halten, nehmen euch Freiheit, Wohlstand u. Freie Wahlen!«[37] Die Schriften sollten mit einer Metallplatte in hoher Auflage gedruckt und Anfang März 1963 in Jena verteilt werden. Dazu kam es nicht mehr. Die sechs jungen Männer wurden am 11. Februar 1963 festgenommen, da es dem MfS gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen. Die Gruppe hatte dem Mann vertraut, da er sich als Westdeutscher ausgab, der in der DDR im Auftrag einer Geheimorganisation für die Wiedervereinigung arbeiten solle. Noch stringenter ist die Entstehung und Entwicklung einer Ost-Berliner Gruppe, die sich »Deutscher Wiedervereinigungsbund« (DWB) nannte und von Mai 1962 bis Mai 1963 arbeitete.[38] Die zwölf jungen Berliner und Berlinerinnen, Mitarbeiter der Staatsbibliothek, vier Arbeiter und ein Student, fanden sich über private Gespräche zur Lage im geteilten Deutschland. Als sich die Diskutanten im Mai 1962 als Gruppe konstituierten war zunächst nur an die Erörterung von Möglichkeiten einer Wiedervereinigung gedacht. In der Gruppe dominierten anfangs Vorstellungen von einem neutralen Deutschland, das gesellschaftspolitische Elemente des Ostens und des Westens aufnehmen sollte. Hier drückte sich wohl auch der Unmut über den Westen aus, der den Mauerbau hingenommen hatte. In den Gesprächen reifte schließlich auch der gemeinsame Wille zu wirksamem politischen Handeln heran. Beide deutsche Regierungen sollten unter politischen Druck gesetzt werden, damit sie eine ernsthafte Wiedervereinigungspolitik in Gang setzten. Es entstanden eine Reihe von Grundsatzpapieren und Pläne für die Ausdehnung der Gruppe, die zeitweise auch als Partei firmierte. Nach längeren strittigen Gesprächen, die den Gruppenzusammenhalt gefährdete, setzte sich aber eine Haltung durch, die in der DDR das eigentliche Hindernis für eine Wiedervereinigung sah.  Die Gruppe hatte ausgeklügelte Sicherheitsvorkehrungen getroffen und ging im Frühjahr 1963 zu Aktionen über. Der Deutsche Wiedervereinigungsbund wollte sich bekannt machen und hoffte auf eine Mobilisierung der Bevölkerung. Adressen für Briefaktionen wurden gesammelt. Vor allem sollten Flugblätter in die Briefkäsen geworfen werden. Dies gelang mehrfach. Eines der mit einem Stempelkasten in einer Auflage von etwa 800 Stück hergestellten Blätter trug den Text: »Deutsche! Eure Tat für die Wiedervereinigung! Kämpft gegen die Regierung der DDR! Unterstützt den Deutschen Wiedervereinigungsbund! Unser Vaterland – ein Deutschland.«[39] Auch in diese Gruppe konnte das MfS einen Zuträger einbauen. Die Beteiligten wurden unmittelbar vor einer Verteilaktion am 1. Mai 1963 verhaftet und mit hohen Gefängnisstrafen belegt. Vergleichbare Widerstandsgruppen hatten sich auch nach dem Volksaufstand 1953 gebildet. Die kurze Lebensdauer solcher Gruppen, das Ausbleiben jeder Berichterstattung und die langen Haftzeiten sorgten schließlich auch dafür, dass diese Gruppen unbeachtet blieben und kaum in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingingen. Viele in Verkehrsmitteln oder Briefkästen aufgefundene Flugblätter wurden bei der Polizei abgeliefert. Zumeist werden dies systemtreue Menschen getan haben. Aber es gab auch Leute, die an eine Provokation dachten und daher der eigenen Verfolgung zuvorkommen wollten.  Anlass und Gelegenheit Widerstandshandlungen wurden oft durch politische Ereignisse oder deren Jahrestage veranlasst bzw. angestoßen. Es handelte sich um Gelegenheiten, die zum Anlass genommen wurden, Bevölkerung und Machthaber daran zu erinnern, dass die Macht der SED Grenzen hatte. Sehr häufig wurde an den Volksaufstand vom Juni 1953 erinnert[40]. Er kam in Texten vor, erschien als Losung an Wänden und auf Straßen oder wurde als Drohung ausgesprochen. All dies zeigt, dass er in der Bevölkerung nicht vergessen war und die SED an ihr altes Trauma erinnert werden sollte. Jüngere Menschen waren oft zu solchen Handlungen animiert worden, wenn westliche Medien an den runden Jahrestagen über das Ereignis berichteten. Bisweilen konnte das auch zu spontanen Protesthandlungen führen. Am 17. Juni 1964 legten 30 Schüler der 9. Klasse einer Jenaer Schule um 12 00 Uhr während des Staatsbürgerkundeunterrichtes eine Gedenkminute ein, indem sie alle den Kopf auf die Hände stützten und eine Minute lang auf die Fragen der Lehrerin nicht reagierten. Danach erklärten einige Schüler, dass sie eine »Schweigeminute anlässlich des 17. Juni durchgeführt hätten«.[41] Unmittelbar ausgelöst war dieser Protest durch einen Lehrer, der zuvor die SED-Deutung des Aufstandes vorgetragen hatte. Offenbar hatten aber die Schüler andere Informationen, da der Aufstand in Jena besonders heftige Formen angenommen hatte und in den Familien noch überliefert wurde. Anlässe boten auch die unmittelbaren Ereignisse und später die Erinnerungen an die ungarische Revolution 1956 oder den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968 in der Tschechoslowakei.  Viele Widerstandsaktionen richteten sich gegen die so genannten »Volkswahlen«. Hier gab es Boykottaufrufe und Hinweise auf den undemokratischen Charakter der abverlangten Akklamation. Auch Staatsfeiertage und repräsentative Ereignisse boten Anlässe. Manchmal regelrecht hasserfüllt erfolgten Angriffe auf die Staatsoberhäupter, Walter Ulbricht und Erich Honecker, wenn diese besonders in Erscheinung traten.  Und es gab unmittelbare Reaktionen auf akute Krisen und Konflikte. Häufig wurde auf die verlogene Propaganda der SED reagiert. Am 7. Oktober 1977 kam es zu Krawallen und Auseinandersetzungen zwischen jugendlichen und der Polizei auf dem Berliner Alexanderplatz. Als die Polizei mit unverhältnismäßiger Härte eingriff, wurden politische Losungen gerufen, etwa: »Die Mauer muss weg!« Die Presse schob dies Kriminellen und Rowdys in die Schuhe. Daraufhin erschienen Schriften, die nach den Verhafteten fragten und die Vorwürfe zurückwiesen. Losungen drückten Solidarität mit dem verhafteten Rudolf Bahro aus, dem eingesperrten Nico Hübner oder dem ausgebürgerten Wolf Biermann. Immer wieder wurde gegen die Stasi und die politische Justiz protestiert und die Freilassung der Gefangenen gefordert. Solche Proteste waren häufig mit Aufrufen verbunden, aktiv gegen den SED-Staat vorzugehen. Nach der Verhängung des Kriegsrechtes in Polen und den Repressionen gegen die Charta 77 in der Tschechoslowakei erschienen deren Schriftzüge an vielen Orten. Von besonderem Interesse ist, dass viele Aktionen in den 80er Jahren die Inhalte und Symbole der oppositionellen Friedensbewegung aufnahmen. Friedenszeichen, auch der Slogan »Schwerter zu Pflugscharen« wurden an Wände geschrieben. Nach der Besetzung der Berliner Umweltbibliothek in der Zionskirchgemeinde und  den Verhaftungen von Bürgerrechtlern im Januar 1988 tauchten ebenfalls Losungen und Flugblätter auf, die deren Freilassung forderten. Und noch im Frühherbst 1989 erschienen Losungen für die Zulassung des Neuen Forums. In einigen Fällen mögen die Verursacher solcher Aktionen Menschen aus der Opposition oder deren Umfeld gewesen sein. In vielen Fällen aber ist deutlich, dass hier ganz »normale« Bürger die Feder führten. Nachgewiesen ist dies etwa bei den Protesten gegen die blutige Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung in Peking im Frühjahr 1989.[42] Neben Oppositionellen haben zahlreiche Bürger diese Proteste selbst initiiert.Sicher haben sich nicht alle der Akteure mit den Inhalten der Opposition identifiziert, wenn sie überhaupt solche kannten. Vielmehr boten die Nachrichten von der Existenz dieser Opposition den »normalen« Bürgern eine Gelegenheit, ihren Unwillen gegenüber der SED zum Ausdruck zu bringen. »Die Mauer muss weg« Unter den politischen Optionen und Zielen des isolierten Widerstandes von 1949 bis 1989 ragen explizit und implizit die Forderungen nach der Wiederherstellung der Deutschen Einheit heraus. So sehr auch gegen einzelne Erscheinungen des repressiven und undemokratischen SED-Systems polemisiert wurde – die grundsätzliche Frage nach dem Existenzrecht der DDR stand fast immer im Hintergrund. Unzählige Aktionen richteten sich gegen die Grenze und die Mauer, protestierten gegen die Folgen der Teilung und forderten die Wiedervereinigung. Zu dieser Kategorie des Widerstands zählten auch Aktionen von Menschen, die sich durch Flucht oder Ausreiseantrag in den Westen absetzen wollten. Mit Witz und Schlauheit, um Kriminalisierungen möglichst zu entgehen, haben sie widerständige Handlungen in direkter und symbolischer Form ausgeführt. Der Ausreiseantrag war stets eine Totalabsage an die DDR und eine Option für die demokratische Bundesrepublik.[43] Was für jede Form von Widerstand und Opposition gilt, muss auch hier in Rechnung gestellt werden: Die Ostdeutschen erlebten die durch die SED angestrebte »sozialistische Nation« als Zumutung, wenn nicht gar als einen Angriff auf ihre nationale Identität. Die faktische Besatzung durch die Sowjetunion hat diese Sorge um den Identitätsverlust noch verstärkt. Natürlich spielten wohl auch immer der wirtschaftliche und soziale Abstand zur Bundesrepublik eine Rolle. Aber die Widerstandshandlungen bezogen sich äußerst selten auf die Misswirtschaft, es sei denn auf die Selbstbevorteilung der hohen SEDFunktionäre.  Nicht immer sind aus den bisweilen kurzen nationalen Botschaften genauere Angaben über die Vorstellung eines zukünftig vereinten Deutschlands zu erkennen. Dort, wo derartiges erkennbar ist, verbindet sich die Einheitserwartung mit Freiheit, Demokratie, Recht oder freien Wahlen. Wohl aber gibt es auch einen kleinen Anteil von rechtsextremistischen Losungen, die in irgendeiner Form die Einheit der Nation mit nationalistischen und neonazistischen Vorstellungen verbinden. Viele dieser Erscheinungen können als »rechtsextremer Widerstand«[44] klassifiziert werden, der ebenfalls dem Bedürfnis nach einer nationalen Identität entsprang. Allerdings sollten wohl diese Parolen die antifaschistische SED besonders empfindlich treffen. Letztlich offenbaren sie auch, dass in der DDR keine demokratischen Werte und Traditionen gepflegt wurden.  Die sehr starke nationale Orientierung in der ostdeutschen Bevölkerung ist im Westen nicht oder kaum zur Kenntnis genommen worden. Die erfolgreiche Bundesrepublik hatte in einem Prozess der »Selbstanerkennung« zwar rhetorisch nicht vollständig, aber politisch mit den Einheitsvorstellungen abgeschlossen. Dieser Zeitgeist verstellte den Blick auf das Verlangen der Ostdeutschen. 1989 wurde der Westen von der nationalen Energie der ostdeutschen Bevölkerung überrascht. Was sich in den Rufen nach der Einheit im Spätherbst 1989 auf den Straßen entlud, war eben nie völlig verschüttet. Es ging nun in Erfüllung, was der »Deutsche Wiedervereinigungsbund« 1963 in seinen geheimen Papieren formuliert hatte: »Millionen Deutscher erhoffen die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes, Millionen Deutscher sehnen den Tag herbei, an dem Schlagbäume und Wachtürme fallen, an dem der Deutsche des Ostens dem Deutschen des Westens mit offenen Armen entgegengeht, ohne dass er durchschossen im Stacheldraht liegen bleibt, den Tag, an dem ganz Deutschland von Jubel erfüllt ist: Wir sind e i n e Nation, wir sind wieder ein Staat, wir sind ein Deutschland.« [45] Obwohl es dem MfS und anderen Verfolgungsorganen gelang, viele solche gegnerische Aktionen und deren inhaltliche Ausrichtung aus der Öffentlichkeit zu verdrängen, darf deren politische Wirkung nicht unterschätzt werden. Jürgen Kocka glaubte die gegenwärtige Oppositions- und Widerstandsforschung kritisieren zu können, weil in ihr »manche Tendenz zu rückblickender Hochstilisierung und Teleologie«[46] zu beobachten sei. Im Blick auf den isolierten, unbekannten und verkannten Widerstand stimmt das sicher nicht. Dieser ist in seiner Kontinuität unterschätzt worden, weil die Historiker selbst daran arbeiteten, die Teilung des Landes als von der Geschichte gegeben zu betrachten. Die Forschungen dazu sind allerdings längst nicht am Ende. Hier hat die Abteilung Bildung und Forschung in der Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen eine besondere Verantwortung. So lange die Zugänge für die externe Wissenschaft aus Datenschutzgründen erschwert sind, kann und muss vor allen diese Einrichtung die Daten solchen Widerstandes zusammentragen und auswerten. Dieses Arbeitsfeld ist und bleibt auch wichtig für weitere Forschungsbereiche, etwa die Gesellschafts- und Alltagsgeschichte der DDR, die unvollständig blieben, wenn dieses massenhafte Phänomen übergangen würde. [1]  Nähere Angaben zu den einschlägigen Aktenbeständen bei Kowalczuk, Ilko-Sascha/Teske, Regina: Unbekannter Widerstand. Politische Gegnerschaft in der DDR 1949 bis 1989. Ein Datenprojekt, in: Deutschland Archiv 37 (2004), H. 5, S. 839–845. [2]  Weber, Hermann: DDR – Grundriss der Geschichte 1945–1990, Hannover 1976; Ders.: Aufbau und Fall einer Diktatur: kritische Beiträge zur Geschichte der DDR, Köln 1991.  [3] Fricke, Karl Wilhelm: Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945–1968. Bericht und Dokumentation, Köln 1979; Ders.: Opposition und Widerstand in der DDR, Köln 1984. [4]  Unter anderen Büscher, Wolfgang/Wensierski, Peter/Wolschner, Klaus (Hrsg.): Friedensbewegung in der DDR. Texte 1978–1982, Hattingen 1982; Ehring, Klaus [Pseudonym von Hubertus Knabe]/Dallwitz, Martin [Pseudonym von Ulrich Mickan]: Schwerter zu Pflugscharen: Friedensbewegung in der DDR, Reinbek bei Hamburg 1982. [5]  Linke, Dietmar: Niemand kann zwei Herren dienen. Als Pfarrer in der DDR, Hamburg 1988; Falcke, Heino: Mit Gott Schritt halten. Reden und Aufsätze eines Theologen in der DDR aus 20 Jahren, Berlin 1986. [6]  Klier, Freya: Abreißkalender. Versuch eines Tagebuches, München 1988; Hirsch, Ralf/Kopelew, Lew (Hrsg.): Initiative Frieden & Menschenrechte. Grenzfall. Vollständiger Nachdruck aller in der DDR erschienenen Ausgaben (1986/87). Erstes unabhängiges Periodikum, Berlin 1989. [7]  Mühlen, Patrik von zur: Der Eisenberger Kreis. Jugendwiderstand und Verfolgung in der DDR 1953–1958, Bonn 1995; Kubina, Michael: Von Utopie, Widerstand und Kaltem Krieg. Das unzeitgemäße Leben des Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland (1906–1978), Hamburg 2001. [8]  Fricke, Karl Wilhelm/Steinbach, Peter/Tuchel, Johannes: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002. [9]  Fricke, Karl Wilhelm/Engelmann, Roger: »Konzentrierte Schläge«. Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse in der DDR 1953–1956, Berlin 1998. [10]  Siehe Buchstab, Günter (Hrsg.): Verfolgt und entrechtet. Die Ausschaltung Christlicher Demokraten unter sowjetischer Besatzung und SED-Herrschaft 1945–1961. Eine biographische Dokumentation, Düsseldorf 1997; Der Freiheit verpflichtet. Gedenkbuch der deutschen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert, Marburg 2000. [11]  Forschungsbericht von Neubert, Ehrhart: Die Opposition in den achtziger Jahren, in: Eppelmann/Faulenbach/Mählert (Hrsg.): Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003, S. 180–187. [12]  Kowalczuk, Ilko-Sascha: Frost nach kurzem Tauwetter: Opposition, Repressalien und Verfolgungen 1956/57 in der DDR. Eine Dokumentation des Ministeriums für Staatssicherheit, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1997, S. 167–215; Ders.: Die Niederschlagung der Opposition an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin in der Krise 1956/57. Dokumentation einer Pressekonferenz des Ministeriums für Staatssicherheit im Mai 1957, Berlin 2000. [13]  Kocka, Jürgen: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung. Herrmann Weber zum [14]   Hier sei auf die Datensammlung des »Bürgerbüro e. V. zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur« in Berlin verwiesen. [15]  Dazu die Ausführungen bei: Schlosser, Horst Dieter: Die deutsche Sprache in der DDR zwischen Stalinismus und Demokratie. Historische, politische und kommunikative Bedingungen, Köln 1990; Schiewe, Jürgen: Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart, München 1998; Blasius, Anke: Der politische Sprachwitz in der DDR. Eine linguistische Untersuchung, Hamburg 2003. [16]  Verbreitung von »Hetzgedichten« im Bezirk Karl-Marx-Stadt 1978–1980, in: Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (im Folgenden: BStU), MfS, Ast Chemnitz, AKG 2123, Bd. 1, Bl. 2. [17]  Ebenda, Bl. 37. [18]  Ebenda, Bl. 9. [19]  Ebenda, Bl. 8. [20]  Lindenberger, Thomas: Die Diktatur der Grenzen, in: Ders. (Hrsg.): Herrschaft und EigenSinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Berlin 1999, S. 25.   [21]  Werkentin, Falco: Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht, Berlin 1995, S. 71. [22]  Mitter, Armin/Wolle, Stefan: Untergang auf Raten. Unbekannte Kapitel der DDR-Geschichte, München 1993. [23]  Siehe Zwahr, Hartmut: Ende einer Selbstzerstörung. Leipzig und die Revolution in der DDR, Göttingen 1993; Mühlen, Patrik von zur: Aufbruch und Umbruch in der DDR, Bonn 2000; Timmer, Karsten: Vom Aufbruch zum Umbruch. Die Bürgerbewegung in der DDR 1989, Göttingen 2000; Jarausch, Konrad: Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945–1995, München 2004. [24]  Siehe Neubert, Ehrhart: Die Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989, Berlin 2000, S. 25–33; Ders.: Was waren Opposition, Widerstand und Dissidenz in der DDR?, in: Kuhrt, Eberhard/Buck, Hannsjörg F./Holzweißig, Gunter (Hrsg.): Opposition in der DDR von den 70er Jahren bis zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft, Opladen 1999, S. 17–47; Eckert, Rainer: Widerstand und Opposition in der DDR. Siebzehn Thesen, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 44 (1996), H. 1, S. 4–65; Ders.: Widerstand und Opposition: Umstrittene Begriffe der deutschen Diktaturgeschichte, in: Neubert, Ehrhart/Eisenfeld, Bernd (Hrsg.): Macht – Ohnmacht – Gegenmacht. Grundfragen zur politischen Gegnerschaft in der DDR, Bremen 2001, S. 27–36. Anders hingegen Kowalczuk, Ilko-Sascha: DDR: Opposition und Widerstand, in: Weidenfeld, Werner/Korte, Karl-Rudolf (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit 1949–1989–1999, Bonn 1999; Ders.: Gegenkräfte: Opposition und Widerstand in der DDR – Begriffliche und methodische Probleme, in: Kuhrt, Eberhard/Buck, Hannsjörg F./ Holzweißig, Gunter (Hrsg.): Opposition in der DDR von den 70er Jahren bis zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft, Opladen 1999, S. 47–82. [25]  Siehe Neubert, Ehrhart: Politische Justiz und die Opposition in den achtziger Jahren, in: Engelmann, Roger/Vollnhals, Clemens (Hrsg.): Justiz im Dienste der Parteiherrschaft. Rechtspraxis und Staatssicherheit in der DDR, Berlin 1999, S. 375–410. [26]  Konzeption zur Verteidigung des Forschungsprojektes »Die Analyse des aktuellen Erscheinungsbildes politischer Untergrundtätigkeit, der Herausarbeitung wesentlicher Tendenzen ihrer Entwicklung und die Ableitung grundsätzlicher Konsequenzen für die weitere politisch-operative Arbeit und ihrer Leitung auf diesem Gebiet«. Entwurf, in: BStU, MfS, ZAIG 7972, Bl. 15. [27]  Kloth, Hans Michael: Vom »Zettelfalten« zum freien Wählen. Die Demokratisierung der DDR 1989/90 und die Wahlfrage, Berlin 2000. [28]  Wunschik, Tobias: Selbstbehauptung und politischer Protest von Gefangenen im DDRStrafvollzug, in: Neubert/Eisenfeld: Macht – Ohnmacht – Gegenmacht (Anm. 26), S. 233–254. [29]  Eisenfeld, Bernd: Formen widerständigen Verhaltens in der Nationalen Volksarmee und bei den Grenztruppen, in: Neubert/Eisenfeld: Macht – Ohnmacht – Gegenmacht (Anm. 26), S. 231–266. [30]  Knabe, Hubertus: Neue Soziale Bewegungen im Sozialismus. Zur Genesis alternativer politischer Orientierungen in der DDR, in: Kölner Zeitschrift für Psychologie und Sozialpsychologie 40 (1988), H. 3, S. 551–569. Aber auch Probst, Lothar: »Der Norden wacht auf«. Zur Geschichte des politischen Umbruchs in Rostock 1989–91, Bremen 1993; Ders.: Ostdeutsche Bürgerbewegungen und Perspektiven der Demokratie. Entstehung, Bedeutung und Zukunft, Köln 1993; Wielgohs, Jan/Schulz, Marianne: Die revolutionäre Krise am Ende der achtziger Jahre und die Formierung der Opposition, in: Materialien der EnqueteKommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland«, Hrsg. vom Deutschen Bundestag, Baden-Baden 1995, Bd. 7/2, S. 1950; Fehr, Helmut: Unabhängige Öffentlichkeit und soziale Bewegungen. Fallstudien über Bürgerbewegungen in Polen und Ungarn, Opladen 1996. [31]  Siehe Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a. M. 1955, S. 716. [32]   Siehe Buthmann, Reinhard: Widerständiges Verhalten und Feldtheorie, in: Neubert/Eisenfeld (Hrsg.): Macht – Ohnmacht – Gegenmacht (Anm. 24), S. 89–120. [33]  Siehe Miethe, Ingrid: Frauen in der DDR-Opposition. Lebens- und kollektivgeschichtliche Verläufe in einer Frauenfriedensgruppe, Opladen 1999; Dies.: DDR-Opposition als Neue Soziale Bewegung?, in: Neubert/Eisenfeld (Hrsg.): Macht – Ohnmacht – Gegenmacht (Anm. 26), S. 121–140. Miethe untersucht die Handlungsmotive einer Frauenfriedensgruppe der 80er Jahre und stellt fest, dass die Auseinandersetzung mit der Familiegeschichte in der NS-Zeit, mit der erfahrenen Repression in der DDR und mit der familiären Gewalt typische Konstellationen für die Entwicklung oppositioneller Verhaltensweisen darstellten und zugleich einen Autonomiegewinn bedeuten.  [34]  Pollack, Detlef: Kulturelle, soziale und politische Bedingungen der Möglichkeit widerständigen Verhaltens in der DDR, in: Ders.: Politischer Protest. Politisch-alternative Gruppen in der DDR, Opladen 2000, S. 366. [35]  BStU, MfS, Ast Frankfurt (Oder), AIM 218/80, Bd. I/1, Bl. 18. Aus einer umfangreichen Recherche zu den Steppenwölfen von Regina Teske. [36]  Erstveröffentlichung in: Neubert, Ehrhart/Auerbach, Thomas: »Es kann anders werden«. Opposition und Widerstand in Thüringen 1945–1989, Köln 2005, S. 88–90. [37]  BStU, MfS, Ast Gera, AUV 1862/63 GA/HA Bd.VI Bl 15. [38]  Erstveröffentlichung über diese Gruppe: Teske, Regina: Der Deutsche Wiedervereinigungsbund (DWB). Ein Beispiel politischer Gegnerschaft der sechziger Jahre, in: Deutschland Archiv 38 (2005), H. 6, S. 1016–1022. [39] BStU, MfS, AU 13109/64, GA/BA, Bd. 10, Bl. 41. [40]  Solche Vorkommnisse im Zusammenhang mit der Erinnerung an den 17. Juni 1953 bei Eisenfeld, Bernd/Kowalczuk, Ilko-Sascha/Neubert, Ehrhart: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte, Bremen 2004, S. 217–242. [41]  Einzelinformation über ein Vorkommnis in der Adolf-Reichwein-Oberschule Jena anlässlich des 17. Juni 1964; BStU, ZA, ZAIK 908, Bl. 1 ff. [42]  Siehe Neubert, Ehrhart: Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking. Reaktionen in der DDR, in: Horch und Guck 1999, H. 26, S. 29–37. [43]   Eisenfeld, Bernd: Die Ausreisebewegung – eine Erscheinungsform widerständigen Verhaltens, in: Poppe, Ulrike/Eckert, Rainer/Kowalczuk, Ilko-Sascha (Hrsg.): Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstandes und der Opposition in der DDR, Berlin 1995, S. 192–223.   [44]  Eisenfeld, Bernd: Rechtsextremismus in der Ära Honecker, in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik 13 (2001), H. 2, S. 5–10. [45]  BStU, MfS, AOP 14616/64, Bl. 217. Aus dem Programm des Bundes. [46]  Kocka: Bilanz und Perspektiven (Anm. 13), S. 765. 

JHK 2006

Soviet History During the Great Terror: Critical Notes on Recent Historical Publications

Fridrikh Firsov

The body of knowledge on the period of the Great Terror in Soviet Russia’s history has grown substantially during the last two decades[1], as whole new layers of archival sources became accessible to the academic community, including documents previously kept secret in Soviet Party and State Archives. This access has substantially enriched understanding of the true causes and consequences of the Great Terror and of the characteristics and specific forms it took in the country as a whole or in its various regions. It also led to new insights in the role of particular groups and elements within the party and state apparatus as well as in the attitudes of different layers and groups of the population towards the Great Terror. In this article we shall take a close look at publications on the Soviet history of the 1930s which are devoted to the last named issue, namely to the Great Terror as experienced and apprehended by the citizens of the Soviet state. Recent historiography of the Great Terror period pays particular attention to these publications.[2] Their authors lay emphasis on the fact that their analyses are based on studies of archival documents which have entered scientific circulation for the first time. They often refer to each others publications to confirm their own judgments and conclusions. The exceptional significance of the historical analysis of the Great Terror and the need to adequately interpret the rich archival sources now open for the scientific community makes it particularly important to elicit the specific features these publications share and critically analyze them.  The first feature these studies have in common is the way their authors treat and interpret Soviet Party and State Archival documents. In their research and conceptual analyses they tend to ignore one specific function of the official documents contained in State Archives and particularly of those in the Party Archives. The official documents of the Soviet period, including archival documents, were not only a reflection of the policy of the regime in power, but they were also worded to the letter and the spirit of the ideological standpoints and notions of this regime. This is an important distinctive characteristic of an absolute majority of archival materials pertaining to the activities of the party, the state, mass media, and generally speaking to all documentation on the ideological issues and on reprisals.  Historians who ignore this context, who take their content and terminology literally, voluntarily or not get subjected to their influence and may eventually arrive at interpretations that actually follow those very directives. Let us illustrate this by an example. Discussing public speeches of Josef Stalin at the Plenary Meetings of VKP (b) Central Committee when the fates of Abel Yenukidze, Yuri Piatakov, Nikolai Bukharin and Pavel Postyshev were determined, John Getty speaks of Stalin’s indecisiveness, of a hesitant behaviour and »zig-zags« in his actions.[3] The historian takes literally the few peace-minded words Stalin uttered speaking to people whose extermination he was preparing. Like in many other cases Stalin was morally torturing his opponents, playing cat-and-mouse games, leaving them with last gilmpses of hope and illusions of rescue in order to break their final resistance and have them surrender morally as well.  Another typical feature of these publications is the fact that notions and concepts, applied generally to the analysis of historical processes in democracies, are similarly applied to the rule of Stalin and to the Soviet regime in general. In fact, the same models by which relations between a civil society and the state are analyzed in democracies are applied to the Stalin regime. »When a huge number of citizens took part in bodies that exercised public authority, they too constituted the state«, that is how Robert Thurston describes Stalin’s rule, »it will be more logical to see state and society as intimately linked«[4]. In his reasoning the historian ignores the fact that Stalin’s rule did not leave space for a civil society and consequently the system cannot be treated as one.  The regime manipulated manifestations of public opinion. During the »show trials« numerous meetings of the working people were staged. Such meetings took place at every single factory or plant, at every company. Resolutions condemning the accused and demanding ruthless execution were taken unanimously. Should a modern historian take these meetings as a reflection of true sentiments and attitudes of the majority of the population?  William Chase, for example, admits that the trial of Zinoviev might have been staged by the authorities and concludes that some people might have even doubted the actual character of the process. Yet he interprets mass behaviour as resulting from people’s trust in the just cause pursued by the court and he sees this trust influencing public opinion and anyone who could have any doubts. He speaks of a mass meeting at the Red Square as his proof thereof.[5] However, such events took place upon direct instruction of party authorities, who in their turn staged the events in detail, appointing those who would be given the word and even assisting in preparing the speeches. The aforementioned resolutions were always drafted by the party organizations before.  A non-critical analysis of archival documents leads Thurston to the conclusion that: »Terror was not inevitable in the Soviet system; Stalin did not need mass fear to rule«, and that »extensive fear did not exist in the USSR at any time in the late 1930s«[6]. In the documents of the time one obviously cannot find direct manifestations of fear, which ruled the lives of people at that period. Based on the analysis of available official documents, one could indeed come to conclusions as cited above. However, we cannot ignore the fact that every single night people would stay awake listening to cars arriving at the door and trying to figure out which apartment the unwanted visitors would knock on. Such conclusions could be drawn if we ignore the fact that everyone knew exactly what could be said out loud and what could not, that parents were afraid to discuss serious matters in the presence of their children, fearing that they might talk about it at school or kindergarten. People were afraid that their neighbors or the janitor might be interested in why the light was on at a late hour, that some colleague might take a note of those who kept silence at meetings when others demanded death sentence to some »people’s enemy«. Those who dared to utter their doubts in the Leader, who supposedly took care of the happiness of every person and the whole populations day and night, risked a quick execution.[7] The system of political detection and informing[8]would soon lead such a person to prison. Such was the background against which people still lived their everyday lives with daily worries, problems, troubles and happy moments. One can read about them in published dairies of those years, kept not only by famous but also ordinary people.[9] A third common feature publication of these historians share is the denial of the totalitarian character of the Stalin regime. They prefer to speak of arbitrary and uncontrolled rule of the local authorities. Within the strictly centralized pyramid of power each particle had a certain degree of autonomy and authority to deal with local issues and to choose their own way to execute the orders. But this autonomy did not pertain to the ideological sphere, to activities of the punitive forces or the foundations of the state and party mechanism. Each official was completely dependent upon a higher placed official, his direct boss. The higher a person came upon the hierarchical ladder of power, the more he depended on higher ranking officials. All threads of power were however concentrated within the Politburo of the VKP (b) Central Committee or actually in one person – who everyone called »the Boss«.  In the Soviet state terror was the most important and officially recognized factor of the system functioning. »Repressions through the period of the socialist construction«, as Stalin spoke at the XVI Party Congress on 27 June 1930, »are an indispensable element of the offensive although they form a complementary rather than a prior element«[10]. These words hide the true meaning and the role of repressions and terror in the process of development and growth of the regime. The regime could exist only by permanently reproducing and applying terror. The Stalin system needed to fight and destroy enemies for its own reinforcement.  The Great Terror is not more than an episode in a longer history of terror and violence the country was caught in. Collectivization of peasantry, »dekulakization«, and mass reprisals against those who attempted resistance. Dozens of thousands of people were gunshot, millions were banned to Northern and Northeastern regions of the country together with their whole families. Special settlements where they had to live differed very little from concentrations camps. According to the Law of 7 August 1932, ten years of imprisonment or even death penalty awaited anyone who was accused of stealth of damage to kolkhoz property. Terror helped keep secret severe famine caused by the collectivization that brought death to millions of people. According to the Law of  8 June 1934 family members of those arrested who allegedly knew of the crime to be committed and did not inform the authorities were brought to trial. Family and close friends of those arrested and sentenced as »a political prisoner« were banned to the camps. According to the Law of 7 April 1935, legal proceedings could be started against teenagers from 12 years of age. They could be sentenced to death. After 1 December 1934 an accelerated court procedure was implemented with no right of defense or appeal for those accused of preparation or organization of a terrorist act. Death penalty execution took place immediately following the trial. According to the Law of  2 October 1937 accelerated procedures were applied to the so called cases of sabotage or subversive activities. According to the December 1938 decree, any worker or employer who was absent three times within a month would be put to trial. According to the decree of 26 June 1940 those who were late for work or left the job without permission of the leading officials were to be sentenced to reformatory work, i. e. concentration camps. During the war whole ethnic groups from the North Caucasus as Crimean Tartars, Kalmyks, and ethnic Germans from the Volga region were subjected to forced resettlement. Former war prisoners got into Gulag camps, series of closed trials were held after the war. The list of examples of terror that ran through the country is far from being complete. The list is to be complemented by full-scale preparations for a new round of arrests in connection with »the Doctor’s plot« and by plans of deportation of the Jewish population. Contemporary literature contains many analyses of causes of the Great Terror. Some historians treat it as a reaction of the authorities who were busy maintaining the regular functioning of the economy, public administration, and the political system, a reaction to chaos and disorder in the country, to arbitrary rule of the local authorities and the pressure of the population demanding to put a halt to lawlessness and to NKVD’s arbitrary rule.[11] There was indeed much chaos in management and public administration, local authorities acted arbitrarily and the level of general discontent of the population was high. People found a certain distraction in informing on each other and the authorities used this, provoked and forced them into such behavior. Furthermore, the threat of war was quite real.[12]  Mass terror policy pursued by the party, its leading bodies and foremost by Stalin and executed by the punitive forces was however the crucial factor. By combining the policy of fear with ideological stupefaction of the population, Stalin and his clique pursued the policy of eliminating any traits and remnants of the opposition. They achieved complete subordination of the state and party management system to their aim and turned the population into obedient tools for the realization of theirs plans.[13]  Another common feature that many works of the historic tradition discussed share is the thesis of a non-planned, spontaneous character of the terror.[14] Acknowledging that Stalin had the greatest share of responsibility for repressions,[15] they search for evidence to prove that he was just one of the initiators of »mass operations«, and not even the most jealous one, that he could not ignore events which led to such policy,[16] and that »in fact his personal position on the top of the Party-State emerged shaken rather than strengthened from the Great Purge«[17]. The inconsistency of such assumptions, especially of the last one becomes evident when we compare the situation before and after the Great Terror. As a result of the planned and systematic implementation of the policy of terror during the Great Terror, the regime of the party and state bureaucracy headed by Stalin gave way to an autocratic, absolute despotic rule of Stalin under a pseudosocialist cover.  The planned character of this policy of terror can be illustrated by the following fact. Local party bodies were obliged to compile lists of persons under suspicion and to forward them to district party committees and further to NKVD.[18] Within a system of strict subordination and centralization of the party life compilation of such lists could only be the result of direct order of the higher ranking party bodies.  Historians who argue the deliberate character of the Great Terror usually claim that Stalin and his companions, especially Yezhov, truly believed in Trotskyist conspiracy in the country that swarmed with terrorists, spies and saboteurs.[19] However, even if we disregard numerous evidence of Stalin’s direct orders to obtain the necessary confessions from the arrested at any price, we do have direct evidence that Stalin considered it necessary to forge such confessions. On the 2 September 1930 he wrote to Molotov about Rykov »who unquestionably helped« Groman and Kondratiev. Groman and Kondratiev were brought to trial in the early thirties and their trials served as a preparation for the future show trials. Stalin’s words: »We need to think about this«[20] are unequivocally direct instruction. Trotksyist conspiracy was needed, and the NKVD had them »appear«. After the Great Terror there was no need to have them and Stalin ordered to eliminate Trotsky.[21] Yezhov was eliminated as well. The policy of terror, though, was continued by his follower at the chief (people’s commissar) of NKVD Lavrenti Beria.  In some publications we find the claim that NKVD activities were not authorized.[22] Without doubt, the terror curve had its own dynamics. Different factors  were of influence, including deliberate growth of the scale of repressions, cruelty and zeal of punitive bodies and their leaders, particularly of Yezhov, who pursued his own interests.[23] Some other factors mattered such as informer reports or specific characteristics of the field. Decisive remained however the policy of mass terror pursued by the party leadership and Stalin. Resolutions and directives of the Politburo of the VKP (b) Central Committee contain the main criteria and quotas for arrests and executions. These directives were »sent out« to the NKVD bodies and to local party organizations. Those quotas set by the Politburo determined the scale of the purges that swept all over the country.  The discussed publications include references to certain facts and documents and completely ignore other relevant sources. Thus, Getty and Thurston quote the letter sent by Bukharin to Stalin from prison in which Bukharin pleaded for mercy and spoke of his readiness to admit guilt and all accusations.[24] However, in their analyses they ignore the letter Bukharin wrote to the future party leaders where he pleaded innocent of all accusations and asked to investigate »this monstrous web of crimes which grows vast and flames up with the day«[25]. This letter was written by Bukharin on the eve of his arrest. Bukharin made his wife, Anna Larina, learn it by heart. Larina kept the promise. Thurston writes that it was allowed to criticize the pseudoscientist Trofim Lysenko, whom Stalin officially supported,[26] but does not mention the tragic fate of academician Nikolai Vavilov who perished due to such criticism. Chase cites Dimitrov, as the latter was evaluating the trial of Zinoviev, and »found it incomprehensible that the accused had committed such crimes, that they had admitted their guilt knowing they would be executed, and that no convincing evidence other than their confessions had been introduced. In his opinion, the trial was ›atrociously conducted‹. But it is interesting to note that Dimitrov expressed these doubts in his entry of  18 December 1936, three months after the trial. What accounts for this delay is unclear, although it may be that during the intervening period Dimitrov had had time to reflect on the serious doubts cast on the trial in the Western press.«[27]  The authors’ doubts and considerations are completely groundless, since the diary entry of 18 December contains the words of Leon Feuchtwanger who visited Dimitrov on that day. As Feuchtwanger described later that he visited Dimitrov that day in order to discuss the process and that »Dimitrov was very nervous while talking about this trial and took an hour and a half trying to convince the visitor but failed«[28]. Chase does not mention another occasion, the meeting of 2 February 1937 and again, a diary entry quoting Feuchtwanger’s words is interpreted as Dimitrov’s doubts and hesitations about the process of Piatakov and Radek.[29] Since Dimitrov’s diaries have been published, the reader may get acquainted with them and see that Dimitrov made a note of the conversation with Feuchtwanger exactly the same way he wrote down other conversations and discussions, including those held with Stalin.[30]  We do not expect that these comments should lead to a transformation of views or scientific approaches to history. Any scientist has the right to give his own interpretation of reality and defend the chosen points of view on a problem he studies. It seems important, though, that while doing so, the scientist would base the conclusions on an analysis of the total of known facts and not on a particular selection of facts that correspond to the chosen ideological or political preferences.   Translated from Russian by Olga Firssova (Eijsden/the Netherlands) and Eugenia Boutylkova (Utrecht/the Netherlands) [1]  The list of publications includes the works of Weber, Hermann/Mählert, Ulrich (eds.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn u. a. 2001; Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001; Hedeler, Wladislaw (ed.): Stalinistischer Terror 1934–41. Eine Forschungsbilanz, Berlin 2002; McLoughlin, Barry/McDermott, Kevin (eds.): Stalin’s Terror. High Politics and Mass Repression in the Soviet Union, London 2002; Dundovich, Elena/Gori Francesca/Gueretti Emanuela (eds.): Reflections on the Gulag. With a Documentary Appendix on the Italian Victims of Repression in the USSR (= Annali FondazioneGiangiacomo Feltrinelli, vol. 37), Milan 2003; Hedeler, Wladislaw: Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938. Planung, Inszenierung und Wirkung, Berlin 2003; Khlevniuk, Oleg V.: The History of the Gulag. From Collectivization to the Great Terror, New Haven/London 2004; Vatlin, Alexander: Terror rayonnogo masshtaba. »Moskovskie operatcii« NKVD v Kuntsevkom rayone Moskovskoy oblasti 1937–1938 [Terror of the Regional Scale: Moscow Operations of NKVD in Kuntsevo District of Moscow Region, 1937-1938], Moscow 2004; Müller, Reinhard: Herbert Wehner – Moskau 1937, Hamburg 2004. [2]  See Pavlova , Irina V.: Sovremennye sapadnye istoriki o stalinskoy Rossii 30-kh godov (kritika revisionistskogo podkhoda [Contemporary Western Historians on Stalin Russia in the Thirties. A critique of »the Revisionist Approach«], in: Otechestvennaya Istoria 1998, no. 5, pp. 107–121; Menkovsky, V. I.: Vlast i sovetskoe obshchestvo v 1930-e gody: anglo-amerikanskaya istoriografiya [Power and Soviet Society in the 1930s. Anglo-American Historiography of the problems], Minsk 2001. Weber, Hermann: Nachwort zur 2. Auflage: Der Kommunismus in der aktuellen Diskussion, in: Weber/Mählert: Terror (footnote 1), S. 601–617. [3]  Getty, John A.: The Politics of Repression Revisted, in: Getty, John A./Manning Robert T. (eds.): Stalinist Terror. New Perspectives, Cambridge 1993, pp. 52–60; Getty, John A./ Naumov, Oleg V.: The Road to Terror. Stalin and the Self-Destruction of the Bolsheviks, 1932– 1939, New Haven/London 1999, pр. 167, 175, 177–179, 234–235, 242, 284, 308, 322–325, 328–329, 406–407, 411, 416–419, and 514.  [4]  Thurston, Robert W.: Life and Terror in Stalin’s Russia, 1934–1941, New Haven/London 1996, p. XIX. This statement does not apply to Stalin’s system. [5]  Chase, William J.: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934–1939, New Haven/London 2001, pp. 146–147. [6]  Thurston, Robert W.: Life and Terror (footnote 4), pp. XX, and 159. The same author wrote that there might have been some signs of fear from the spring of 1937 till the end of 1938 but there was still no fear as such. See ibidem, pp. 157–159, and 163. [7]  Thurston admits that the people understood how dangerous it was to criticize the regime and particularly the leader. See Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 157, and 192. [8]  By 1951 the state security in the Soviet Union disposed of about ten million people acting as informers. See Brent, Jonathan/Naumov, Vladimir P.: Stalin’s Last Crime. The Plot against the Jewish Doctors 1948–1953, New York 2003, p. 91. There is no data on the situation in the 1930s, it is known, however, that there was one informer per every five or six families in Moscow. See Thurston: Life and Terror (footnote 4), p. 71. [9]  See for instance Garros, Veronique/Korenevskaya, Natalia/Lahusen, Thomas: Soviet Diaries of the 1930s. Intimacy and Terror, New York 1995. [10]  Stalin, Iossif V.: Politicheski ochet Tsentralnogo Komiteta XVI sezdu VKP(b) [Political Report of the the Central Committee on the XVIth Congress of the VKP(b)], in: Stalin I. V.. Sochineniya [Works], Moscow 1949, vol. 12, p. 308. [11]  See Rittersporn, Gábor T.: Stalinist Simplifications and Soviet Complications. Social Tensions and Political Conflicts in the USSR, 1933–1953, Chur 1991, pp. 74–76, 114, 170, 184, and 262; idem: The Omnipresent Conspiracy. On Soviet Imagery of Politics and Social Relations in the 1930s, in: Getty/Manning: Stalinist Terror (footnote 3), pp. 104–105, and 112; Thurston, Robert: The Stakhanovite Movement. The Background to the Great Terror in the Factories, 1935–1938, in: ibidem, pp. 158–159; Manning, Robert T.: The Great Terror in a Rural District. Belyi Raion Revisted, in: ibidem, pp. 173–174, 192, and 196; Harris, James R.: The purging of local cliques in the Urals region, 1936–1937, in: Fitzpatrick, Sheila (ed.): Stalinism. New Directions, London/New York 2000, pp. 262–285; Getty/Naumov: The Road to Terror (footnote 3), pp. 264–267, 330, 359, 487, and 493–495.   12        See Oleg Khlevniuk: The Reasons for the »Great Terror« Political Aspect, in: Pons, Sil-vio/Romano, Andrea (eds.): Russia in the Age of Wars 1914–1945 (= Annali FondazioneGiangiacomo Feltrinelli, vol. 34), Milan 2000, pp. 159–169.   13        See Weber, Hermann: Einleitung: Bemerkungen zu den kommunistischen Säuberungen, in: Weber/Mählert: Terror (footnote 1), pp. 15–22.   14        See Rittersporn: Stalinist Simplifications (footnote 11), pp. 113, and 162; Getty: The Politics of Repression (footnote 3), p. 51; Getty/Naumov: The road to Terror (footnote 3), pp. XIII, 455, and 487–488; Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 17, 27, 42, 52, 57–58, 62, 68, 134–135, and 227–228.   15        Getty: The Politics of Repression (footnote 3), p. 60.   16        Rittersporn: Stalinist Simplifications (footnote 11), p. 171, and 185; Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 52, 57–58, and 61.   17        Rittersporn: Stalinist Simplifications (footnote 11), p. 184.   [18]  See Hedeler, Wladislaw: Szenarien des Groβen Terrors. Die Vorbereitungen der Moskauer Prozesse durch das Politbüro des ZK der KPdSU (B) und die Führung des NKWD, in: Kinner, Klaus (ed.): Moskau 1938. Szenarien des Groβen Terrors, Leipzig 1999, pp. 13–14. [19]  See Chase: Enemies (footnote 5), pp. 9, 186–187, 292, 369, 405, and 413. Another historian points out that Stalin trusted information he received from purgitary bodies, also when it was forged and therefore demanded new arrests to be made, »worsening the vicious cycle in which the NKVD already worked«. Thurston: Life and Terror (footnote 4), p. 81. See as well Ibidem, pp. 31, 57–58, 61, and 135. See also the Introduction in Getty/Manning: Stalinist Terror (footnote 3), pp. 5, 7, and 14 [20]  Lih, Lars T./Naumov, Oleg V./Khlevniuk, Oleg V. (eds.): Stalin’s Letters to Molotov 1925– 1936, New Haven/London 1995, p. 210. [21]  See Sudoplatov, Pavel: Spetsoperatsii. Lubjanka i Kreml 1939–1950 [Special operations. Lubyanka and the Kremlin in 1930–1950], Moscow 2003, pp. 102–106. [22]  »The Terror had two tracks: on one, Stalin pushed events forward personally, arranging the show trials and demanding, in a middle way, that hundred of thousands be arrested in 1937. On another level the police fabricated cases, tortured people not targeted in Stalin’s directives, and became a power unto themselves. The vozhd’ (leader) apparently wanted only certain cases concocted and only certain figures coerced into making confessions, probably when he harbored deep suspicions against them. Such people were at the top of society and government or had once been oppositionists. Stalin feared that numerous other enemies were also at large and drove the police to find them, but he did not intend to terrorize the populace as a whole.« Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 112–113. If we follow the logic of this author we have to acknowledge that Stalin just wanted a little terror and that the NKVD transformed it into the Great Terror. [23]  For instance, that is how tortures applied by NKVD are described: »Interrogators used torture and degradation frequently, but these methods were intended to extract confessions, not simply to debase individuals. Once admissions were obtained, torture ceased. At least some NKVD men, having decided that the accused were innocent, behaved decently and protected subjects. Evidence, or belief in a person’s guilt or innocence, was again the criterion determining treatment in these cases; policy and practice did not aim to terrorize citizens.« Thurston: Life and Terror (footnote 4), p. 89. There are more similar statements throughout the book. The author tries to find some justification of the Stalinist regime reasoning that the only goal was obtaining confessions, thus the torturers cannot be accused of inhumanity. The impression is that it is some sort of apologetics of Stalinism, or a revival of rhetorics of the times of the witches of Salem. Those who tortured the poor women could claim that they were just prosecuting witches but were by no means infringing on the personality. [24]  Getty/Naumov: The Road to Terror (footnote 3), pp. 556–560, and 563–566; Thurston: Life and Terror (footnote 4), p. 42. [25]  Larina (Bukharina), Anna: Nesabyvaemye [The Unforgettable], Moscow 1989, p. 363.   [26]   Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 161–162. [27]  Chase: Enemies (footnote 5), p. 444. [28]  Cited according to Radzinski, Edvard: Stalin [Stalin], Moscow 1997, p. 377. [29]  Chase: Enemies (footnote 5), p. 450. [30]  See Dimitrov, Georgi: Dnevnik. 9 mart 1933–6 februari 1949 [Diaries, 9 March 1933– 6 February 1949], Sofia 1997, pp. 119, and 122; Bayerlein, Bernhard H. (ed.): Georgi Dimitroff. Tagebücher 1933–1943, Berlin 2000, pp. 140, and 148; Banac, Ivo (ed.): The Diary of Georgi Dimitrov, 1933–1949, New Haven/London, 2003, pp. 44, and 51.

JHK 2006

Markus Wolf und die Ablösung Bruno Haids als Leiter der DDR-Nachrichtendienstschule 1952

Helmut Müller-Enbergs

Die einstigen Leiter der Hauptverwaltung A (HV A) sind heute selbstbewusst. Aus ihrer Sicht mit Recht, denn der Auslandsnachrichtendienst der DDR verfügte in der Bundesrepublik über ein Netz von zuletzt rund 1 500 Quellen. Dieses Netz versorgte die HV A über Jahrzehnte mit wichtigen Informationen. Der Einblick der DDR-Aufklärung[1] in das Bundeskanzleramt, den Bundestag, in die Spitzengremien der Parteien und selbst in den Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für Verfassungsschutz war enorm. Im Rückblick ist kaum ein bundesrepublikanischer Bereich erkennbar, aus dem die HV A nicht Informationen beschaffen konnte. Deshalb verwundert es nicht, dass selbst ehemalige nachrichtendienstliche Gegner durchaus respektvoll auf diese Leistungen blicken. Selbstkritische Akzente, die es selten genug in den Erinnerungen leitender Mitarbeiter der HV A gibt, springen dafür umso mehr ins Auge. Markus Wolf, Chef der DDR-Aufklärung von 1952 bis 1986,[2] verfasste im Jahre 1988 seine »Gedanken zur Geschichte und Tradition der Aufklärung der DDR«. Dort findet sich überraschend eine Sequenz, die aufmerken lässt: Man solle, heißt es dort, sich an Urteile nicht »sklavisch« binden, sondern stets kritisch überprüfen. Dies sei erforderlich, »um so dem Sachverhalt und den beteiligten Menschen gerecht« zu werden. Nach dieser »grundsätzlichen Ausführung« verweist er auf Bruno Haid, dem »mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren« sei[3]. Bruno Haid – der beinharte stellvertretende Generalstaatsanwalt der DDR (1955 bis 1958) und spätere stellvertretende Minister für Kultur (1965 bis 1973)?[4] Was verbindet Haid mit dem Auslandsnachrichtendienst der DDR? Die Recherche führt in den Herbst 1951, als innerhalb des Instituts für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IWF), des Vorläufers der HV A, die Idee umgesetzt wurde, den nachrichtendienstlichen Nachwuchs an einer eigenen Schule ausbilden zu lassen. Den ersten Kurs von April 1952 bis September 1953 an der Nachrichtendienstschule im Berliner Stadtteil Niederschönhausen besuchten rund 30 Schüler. Bruno Haid war von März bis zum 12. November 1952 der erste Leiter der Schule; sein Stellvertreter war Hans-Georg Olschewski, der zuvor Kursant und Lehrer an der SED-Parteihochschule in Kleinmachnow gewesen war[5].  Mit Bruno Haid wurde ein denkbar erfahrener Mann mit der Ausbildung betraut. Er hatte über mehrere Jahre in der Westkommission des ZK unter Franz Dahlem ein nachrichtendienstliches Netz in der Bundesrepublik und West-Berlin geführt, das den Namen »Parteiaufklärung« bzw. »Haid-Apparat« trug. Er war mit den Verhältnissen im »Operationsgebiet« bestens vertraut und mit aktuellen operativen Erfahrungen reich ausgestattet. Haid konnte darüber hinaus auf eine über 20-jährige nachrichtendienstliche Arbeit zurückblicken, teils recht erfolgreich, wie im Paris der 30er Jahre, als er die KPD-Nachrichtendienststelle, den »Abwehrapparat«, leitete.[6]  Die Übertragung der Aufgabe des Leiters der IWF-Schule war eine Degradierung Haids. Aber immerhin war zu erwarten, dass er binnen eines Jahres gut ausgebildete Mitarbeiter in das IWF entlassen würde. Doch bereits im November 1952 schied er gänzlich aus dem Dienst aus. Die Gründe dafür werden nur eingeschränkt mit Haids Charaktereigenschaften verbunden sein, obwohl Zeitgenossen diese als sperrig beschrieben.  Was waren die Hintergründe für den Absturz dieses erfahrenen Nachrichtenmannes? Mit der Gründung des IWF auf Initiative der Sowjets 1951 wurde der so genannte »Haid-Apparat« aus der SED herausgelöst und seine Quellen als Startkapital in den neuen Auslandsnachrichtendienst integriert. Haid konnte sich zweifelsohne eine Schlüsselrolle im IWF ausrechnen. Seine Teilnahme an der Konstituierung des IWF in einem kleinen, später als konspiratives Objekt genutzten Häuschen in Berlin-Bohnsdorf war somit mehr als begründet. Aber bereits im Oktober 1951 entschieden der sowjetische Berater Andrej G. Grauer[7] und der erste Leiter des IWF, Anton Ackermann, Haid von diesem durchaus erfolgreichen Netz der »Parteiaufklärung« und seinen operativen Mitarbeitern zu trennen. Haids ZK-Mitarbeiter mussten alle Unterlagen an die ersten Mitarbeiter des IWF Kurt Gailat, Herbert Müller und Elfriede Brandt (Hauptabteilung I/1/a) aushändigen, kaum dass diese vom Leiter der für politische Spionage zuständigen Hauptabteilung I des IWF, Herbert Hentschke, eingewiesen waren. Sie holten die ungeordnet wirkenden Akten am 24. Oktober 1951 vom Zentralkomitee zum IWF, arbeiteten sich ein und übten ihre ersten operativen Schritte mit den Residenten. Die Gründe für die Trennung Haids von seinem inoffiziellen Netz liegen auch weiterhin im Dunkeln, doch ist ein Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen SED-Generalsekretär Walter Ulbricht und Politbüromitglied Franz Dahlem, als dessen Mann Haid galt, nicht ganz abwegig. Zwischen Dahlem und Ulbricht bestanden schon seit den 30er Jahren Konflikte. Diese verschärften sich, als der in der SED populäre Dahlem Anfang der 50er Jahre versuchte, sich als Nachfolger Ulbrichts zu installieren. Mithilfe der Parteiaufklärung verfügte Dahlem über ein beachtliches Informationsplus innerhalb des Politbüros in einem Moment, als der Entwicklung in der Bundesrepublik  wegen deren Remilitarisierungsbemühungen außerordentliches Augenmerk widerfuhr, weshalb etwaige Lorbeeren der sowjetischen Freunde auf ihn zurückfielen bzw. zurückfallen konnten. Jedoch erhielt, nachdem die »Parteiaufklärung« in das IWF integriert war, nicht mehr Dahlem, sondern Ulbricht das Informationsaufkommen. Und spätestens ab Januar 1952 behielt Ulbricht sich, was ihm zuvor an Dahlem vorbei unmöglich war, auch das Weisungsrecht über den Nachrichtendienst vor, dem sich auch Politbürokandidat Anton Ackermann als dessen Leiter zu beugen hatte. In dieser Konstellation liegt die Annahme nahe, das – würde Haid weiterhin Zugang zu Quellen, Residenten der »Parteiaufklärung« und deren Informationen gewährt – über ihn auch Dahlem im Spiel bleiben würde. Haid selbst befand sich mit Ulbricht spätestens seit Februar 1938 im »Clinch«.[8] Die Spannungen zwischen den beiden Spitzenfunktionären Ulbricht und Dahlem endeten im Frühjahr 1953, als Dahlem kurzerhand von seinen Funktionen entbunden wurde. Solche zwar allgemeinen existierenden, im Fall des IWF nicht belegten Konflikte in der Parteiführung wären für die Nachrichtendienstschule nicht erwähnenswert, wenn sie sich nicht in den frühen 50er Jahren zugetragen hätten. Es war nicht gänzlich ausgeschlossen, dass die Schauprozesswelle, die bereits Ungarn und Bulgarien erreicht hatte, nicht auch auf die DDR übergreifen würde, insbesondere auf die Kader der »Parteiaufklärung«, da hier eine nachrichtendienstliche Unterwanderung konstruierbar war. Zudem hatte das MfS bereits bekannte westdeutsche KPD-Funktionäre wie Kurt Müller und Fritz Sperling inhaftiert. Diese hatten über Kontakte zur »Parteiaufklärung« verfügt und waren bereits zu westdeutschen Agenten stilisiert worden.[9] Die Agentenphobie bestimmte in diesen Jahren das Klima auch unter den SED-Funktionären; das konnte auch an Bruno Haid nicht spurlos vorbeigehen. Denn auch für ihn galt, dass seine Funktion lediglich ein von der Partei verliehenes Privileg war, das – würde es entzogen – auch seine physische Existenz in Frage stellen konnte. (In Ungarn und Bulgarien war es bereits zu Hinrichtungen gekommen.) Diese stille Überlebensangst empfanden in jener Zeit vor allem Kommunisten jüdischer Herkunft. Von der Sowjetunion ging im Gefolge des »Ärzteprozesses«, eines angeblichen Komplottes zur Ermordung Stalins, eine schrille antisemitische Kampagne aus, die erst mit Stalins Tod am 5. März 1953 von der KPdSU-Führung beendet wurde. Nach der Abtrennung von seinem Netz interessierte sich Haid weiterhin für seine ehemaligen Residenten und ließ sich von diesen diskret informieren. Dies wurde im  IWF aufmerksam registriert. Mit seinem Einsatz als Leiter der Schule erfolgte eine räumliche Trennung vom eigentlichen Zentrum des IWF. Eine Aufgabe, der sich Haid beugte, aber die er nicht erstrebt hatte. Es war ein Versorgungsposten. Haid sollte damit vom operativen Geschäft ferngehalten werden. Zugleich bot die Funktion für Haid die Chance, auf der Sympathiewoge ausgebildeter Nachrichtendienstkader wieder ins Institut gespült zu werden.  Vor diesem Hintergrund begrüßte er die Kursanten im Frühjahr 1952 – wurde aber mit ihnen nicht warm. Sie hatten sich noch nicht an die ungewohnt strenge Parteidisziplin und Konspiration gewöhnt. Zudem wussten sie nicht, dass sie für den Auslandsnachrichtendienst ausgebildet wurden. Haids Absichten blieben deshalb unverständlich. Zum Beispiel war es im Speisesaal, wo Dozenten zwar an einem eigenen Tisch, aber gemeinsam mit den Kursanten die Mahlzeiten einnahmen, nicht unüblich, dass Haid Sitzhaltung und Besteckführung der Kursanten harsch kritisierte, womit er an Ansehen einbüßte. Was die Kursanten nicht ahnen konnten, war, dass dies zum Ausbildungsprogramm gehörte, wonach sie »sogar gutes Benehmen, Tischsitten und Umgangsformen, wie sie in ›bürgerlichen Gesellschaften‹ gepflegt wurden«, erlernen sollten.[10] Haids Ansehen war inzwischen auch innerhalb des IWF beachtlich gesunken. Eine relativ dichte Folge von Pannen, die von aufgeflogenen Quellen der »Parteiaufklärung« ausgingen, gab den von ihm eingebrachten Juwelen schnell eine Patina. Am 9. August 1952 stand im Büro 2 des IWF, das dem stellvertretenden IWF-Leiter Gerhard Heidenreich unterstand, die »alte Parteiaufklärung« auf der Tagesordnung. Heidenreich sowie der Leiter der 1. Abteilung (Abwehr) Gustav Szinda, der sowjetische Chefberater Grauer und ein weiterer sowjetischen Berater der 1. Abteilung entschieden, dass zu Bruno Haid »alles belastende Material zusammenzutragen« sei, »damit im geeigneten Zeitpunkt und in Übereinstimmung mit der Auffassung des MfS entweder die Verhaftung oder für weiteren Arbeitseinsatz entschieden werden kann.«[11] Im Oktober 1952 zog sich die Schlinge um Bruno Haid zu. Nunmehr stieß die 1. Abteilung, unterstützt ausgerechnet von den Mitarbeitern, die er mit zum IWF gebracht hatte, auf manche Merkwürdigkeiten, die ihn als zwielichtig erscheinen ließen. In einer »streng geheimen«, faktisch aber einer Verdachtsberichterstattung gleichkommenden Notiz wurden Haids private Zusammenkünfte mit seinen ehemaligen westdeutschen Residenten wie Walter Vesper, Willi Grünert und Bruno Korthaus gegeißelt. Es wurde moniert, dass er die sowjetischen Berater, insbesondere Chefberater Grauer, kritisiert habe. Auch unterhalte Haid wie zuvor enge Beziehungen zu einem französischen Arzt, und schließlich – Höhepunkt der Notiz – seien die »Eltern der Frau des Gen. Haid Israeliten«. Auch verkehre bei ihm »ein junger Mensch – schwarzes Haar, Brillenträger, israelitischer Typ«.[12]  Herbert Müller, der innerhalb des IWF zuletzt mit der Abwicklung der »Parteiaufklärung« befasst war, erinnerte sich nun überraschend an ein Ereignis vom September 1951, wonach Haids Fahrer sich häufiger in West-Berlin aufgehalten und gelegentlich einer Rückkehr alkoholisiert den Wagen verunfallt habe.[13] Das gefährliche Reizwort West-Berlin speiste auch manch anderer ein, wie ein Institutsmitarbeiter, der in seiner Wohnung eine Szene der Eheleute Haids hören konnte, nach der Haid seiner Gattin vorhielt, dass sie ihre Kleidung, teils aus »schwerer Brokatseide«, bei einer Schneiderin im »Westsektor« habe fertigen lassen, was ihm Unannehmlichkeiten bereiten könnte, sie das also unterlassen solle – und von ihr unterlassen wurde.[14]  Pasquille dieser Art häuften sich und warfen stets (das entspricht ihrem Wesen) eher ein Licht auf die Autoren als auf den Denunzierten. Schulleiter Haid hatte zu den Anwürfen Stellung zu beziehen, die sich – nüchtern betrachtet – als haltlos erwiesen. Bei dem schwarzhaarigen französischen »israelitischen Typ« etwa handelte es sich um einen Cousin seiner Frau, keinem geringeren als den Pantomimen Marcel Marceaux, der bei den Berliner Festspielwochen aufgetreten war.[15]  Das Kesseltreiben ließ auch das Kollektiv an der Schule nicht unberührt. Schulisch bedingte Konflikte erhielten nun eine besondere Schärfe. Als einige Schüler von der Schule abgezogen wurden, rief dies unter den Kursanten einige Unruhe hervor. Haid machte hierfür die für Kader zuständige 3. Abteilung des IWF verantwortlich, die er auf der wöchentlichen Leitungssitzung am 2. Oktober 1952 anging: »Da kommen irgendwelche Kaderaffen her, die keine Ahnung haben, und bringen alles durcheinander.« Einmal in Fahrt gekommen, warf er dem Parteisekretär der Schule Walter Baude vor, wie dieser sich erinnerte, »die Genossen des Instituts hätten, insbesondere mich, wohl zu ihrem Bundesgenossen gemacht«, und er, Haid, habe den Eindruck gewonnen, »als hätte man an einigen Stellen bei uns auf der Schule Horchposten eingerichtet«, was auf die Sekretärin Marianne Heidenreich und gleichfalls, nicht gänzlich zu Unrecht, auf Baude anspielte.[16]  Bereits wenige Wochen zuvor hatten »plötzlich« Kaderaussprachen mit den Kursanten stattgefunden,[17] deren Gründe sich ihnen nicht erschlossen, bei denen aber zweifelsohne auch Informationen zum Schulleiter zusammengetragen worden sein dürften, wenn auch das eigentliche Anliegen in eine andere Richtung ging (nämlich Kaderauswahl für das IWF, möglicher Einsatz in der Bundesrepublik usw.). Das gegen ihn gemünzte Misstrauen hatte somit auch die Schule erreicht – beim IWF war es ohnehin vorhanden. Suchte Haid das Institut gelegentlich auf, wähnte der sich auf »feindlichem Gebiet«[18]. Der Ursprung dieses Missklangs hing zweifelsfrei mit der »Parteiaufklärung« zusammen. An dieser Stelle griff Markus Wolf in das Spiel um Haid ein. Der 27jährige Wolf gehörte nach seinem Ausscheiden aus dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, für das er in der DDR-Botschaft in Moskau eingesetzt war, seit Herbst 1951 zum IWF. Er war zunächst Stellvertreter von Robert Korb, der die Hauptabteilung II aufbaute und leitete. (Zugleich war Korb Leiter des ZKAbteilung für Agitation. Erst ab April 1952 war Korb ausschließlich für das IWF tätig.) Die Hauptabteilung II bereitete die operativ beschafften Information für die Parteiführung und die sowjetische Residentur in Berlin-Karlshorst auf. Im Februar 1952 wurde Markus Wolf aus diesem Bereich abgezogen und der 1. Abteilung des IWF unter Gustav Szinda zugewiesen, die sich mit Fragen der Gegenspionage beschäftigte. Nach anfänglicher Sichtung bereits vorhandener Erkenntnisse musste sich die 1. Abteilung gänzlich mit einer möglichen Überwerbung von Quellen der ehemaligen »Parteiaufklärung« durch britische und amerikanische Dienste, aber auch durch die Organisation Gehlen befassen. Markus Wolf gelangte in einer Untersuchung über die erwähnten Pannen in der »Parteiaufklärung« zu einem vernichtenden Urteil, das jedoch in dieser Dimension unbegründet war. Die »Parteiaufklärung«, resümierte er, habe »von vornherein unter Kontrolle des Gegners« gestanden, sei »in all seinen Gliedern den Abwehrorganen des Gegners bekannt« gewesen und für eine »planmäßige Desinformierung unserer Parteiführung benutzt« worden. Ursächlich dafür sei die »absolut unzulängliche Leitung« Bruno Haids. Zugleich rückte er ihn beängstigend nahe an die Rolle eines Agenten, wenn er anführt: »Der gesamte Apparat, besonders seine Spitze, war den Parteifeinden Kurt Müller, Fritz Sperling usw. bekannt. Nach Entlarvung dieser Agenten wurden«, folglich von Bruno Haid, »keine entsprechenden Maßnahmen getroffen«. Mehr noch, seien »bei offensichtlichem Einbruch des Gegners« die »Einbruchstellen nicht sofort eingedämmt, sondern umgekehrt ausgedehnt« worden.[19] Als Markus Wolf dieses Fazit SED-Generalsekretär Walter Ulbricht am 20. Oktober 1952 unterbreitete, war nicht nur das Schicksal der ehemaligen »Parteiaufklärung« besiegelt, sondern auch das von Bruno Haid. Wolf gab an, aus Gründen der Konspiration und seiner »noch ungeklärten Rolle«[20] sei Haid zu diesen Anwürfen nicht konsultiert worden. Ulbricht aber fällte sein drastisches Urteil, ohne dass der Betroffene gehört wurde. Allein aufgrund des Wolf-Berichtes, die sonstigen Stimmungsberichte dienten eher als interne Begleitmusik, wies Ulbricht die Entlassung Bruno Haids aus dem IWF an und degradierte ihn zum stellvertretenden Direktor des Bezirksgerichts in Chemnitz. Außerdem hatte sich das MfS mit ihm zu befassen, wozu diesem der Untersuchungsbericht überlassen wurde. Es schien so, als habe Markus Wolf mit Bruno Haid möglicherweise einen »Agenten« im IWF entlarvt, zumindest erweckt sein Engagement diesen Eindruck. Markus Wolf bedrängte den Minister für Staatssicherheit Wilhlem Zaisser und seinen Staatssekretär Erich Mielke, endlich gegen Haid tätig zu werden, was das MfS allerdings unterließ. Das MfS konnte bei Haid keine hinreichenden Gründe für eine Verhaftung erkennen. Von einem Tag zum anderen war Bruno Haid als Leiter der Nachrichtendienstschule ausgeschieden. Mit ihm ging, wegen »Nichteignung«, auch sein Stellvertreter, der inzwischen nahezu blinde Olschewski, ohne dass den Kursanten eine Interpretationshilfe angeboten wurde. Manches sickerte sicherlich durch, da mit Marianne Heidenreich die Gattin des stellvertretenden IWF-Leiters an der Schule arbeitete und trotz üblicher Konspiration nicht gänzlich unwissend geblieben sein dürfte. Die Kursanten ahnten jedoch, erinnert sich der ehemalige Kursant Olldorf (Werner Großmann), einen Zusammenhang mit westlichen »Agenten«, da sie es mit »Schauprozessen« in Budapest und Sofia (Prag folgte im November/Dezember 1952) in Verbindung brachten.[21] So blieb ihnen der erste Leiter der Schule als »grimmig blickend«, »dogmatisch und schematisch« sowie als »wenig gefühlsbetont und kontaktarm« in Erinnerung.[22] In der Folgezeit kamen weitere »verdächtige Momente« gegen Haid hinzu: Als im April 1953 Haids langjährige Sekretärin Charlotte Männchen dessen Panzerschrank öffnete, kamen sechs Personalausweise und ein kleiner Geldbetrag zu Tage, was im Zuge der Übergabe der Akten der »Parteiaufklärung« nicht mehr hätte in seinem Bestand sein dürfen. Markus Wolf, inzwischen Nachfolger von Ackermann als Leiter des IWF, verlieh dem ein solches Gewicht, dass er Herbert Müller anwies, dies dem Untersuchungsbericht und der Personalakte Haids beizufügen.[23] Wolf notierte – mehr als ein Jahr später, als eine mögliche überzogene Wertung hätte abgeebbt sein können: »Da ich wiederholt feststellen konnte, dass bei der weiteren Bearbeitung in der Sache nichts geschieht, habe ich öfter mit Zaisser darüber gesprochen und ihn auch schriftlich an die Angelegenheit erinnert. Dabei musste ich feststellen, dass der Untersuchungsbericht und wahrscheinlich auch eine Reihe anderer Hinweise über Haid zur Bearbeitung dem Gen. [Erich] Jamin übergeben wurden. Mir ist bekannt, dass Jamin mit Haid eng befreundet war und von Haid für die Arbeit in unserem Apparat empfohlen wurde.«[24] Diese Darlegung ließ Wolf der Zentralen Parteikontrollkommission der SED im Januar 1954 just in dem Moment zukommen, als diese dem im Juli 1953 gestürzten Minister Zaisser seinen Parteiausschluss mitteilte. Zaisser wurden Verbindungen zum gestürzten sowjetischen Innenminister Lavrentij P. Berija unterstellt, wobei dieser der britischen Spionage beschuldigt worden war. Und: Berija war im Dezember 1953 hingerichtet worden. Die Anschuldigungen Wolfs gegen Bruno Haid dürften für Zaisser nicht entlastend gewirkt haben.  Der Rauswurf Haids wird Markus Wolf später unangenehm berührt, wenn nicht beschämt haben. Er bewegte mit seinem Verhalten in den Klischees des Zeitgeistes, wird sich aber nach dem XX. Parteitag der KPdSU, der im Jahre 1956 solche Vorgehensweisen verurteilte, ernsthafte Gedanken über sein Vorgehen gemacht haben. Haid, unterdessen zum beinharten stellvertretenden Generalstaatsanwalt aufgestiegen, gehörte der zentralen Kommission an, die sich mit Opfern dieser Verfolgungen beschäftigte. Er wird sich selbst als eines der Opfer  betrachtet haben – in seinem Fall durch Markus Wolf. Gelegentlich eines Empfangs, aber auch während eines Telefonats bezeichnete der stellvertretende Generalstaatsanwalt im Gespräch den Leiter des Auslandsnachrichtendienstes als einen »Mann Berijas«[25]. Das war in jenen Tagen das Synonym für »Henker in Stalins Diensten«[26] oder »Exekutor Stalinscher Verbrechen«. Haids Urteil war gewiss überzogen und weist eher auf die anhaltende Empörung über seinen Sturz im IWF hin. Allerdings wird die Annahme nicht abwegig sein, dass Wolf bis zum XX. Parteitag zu den gläubigen Stalin-Verehrern der jungen Generation zählte, deren jungerwachsene politische Militanz von älteren Genossen wie Haid nur schwer zu akzeptieren war. Haid fiel übrigens bereits 1958 erneut in Ungnade. Er wurde als stellvertretender Generalstaatsanwalt abgesetzt, da er nicht hart genug gegen die intellektuelle Opposition um Wolfgang Harich und Walter Janka vorgegangen war. Dass Markus Wolf sein folgenreiches Urteil über Haid nachhaltig beschäftigt hat, erweist sich in seinen eingangs erwähnten zwanzigseitigen Gedanken zur Geschichte des IWF und der HV A, in denen er Haid allein zwei Seiten widmet. Darin würdigt er Haids »ziemlich starke« Parteiaufklärung mit den »beachtlichen Quellen«, von denen nur ein Bruchteil für die gegnerische Seite gearbeitet hatte. Allerdings: »Außer den überführten westdeutschen Agenten wurde keiner der Beteiligten verhaftet, aber es war für manchen Genossen sicher bitter.«[27] Das dies Zaisser und Mielke zu verdanken war, schrieb Wolf nicht. Ebenso wenig »erinnerte« er sich, dass er Haids Verhaftung betrieben hatte. Einige Jahre später, als er seine Memoiren publizierte, fand er kein Wort für Haid. Lediglich allgemein mochte er sich an diese Episode »nicht gern«[28] erinnern, die vermutlich für seine zum Jahresende 1952 erfolgte Ernennung zum Leiter des IWF grundlegend war. [1]  Die DDR-Aufklärung firmierte zunächst unter den Namen Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (1951 bis 1953). Nach der Integration in das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) arbeitete sie als Hauptabteilung XV (1953 bis 1956), später unter der Bezeichnung Hauptverwaltung A (1956 bis 1989/90). [2]  Gelegentlich heißt es, Wolf sei erst im September 1953 an die Spitze des Dienstes berufen worden. Tatsächlich übernahm er die Führung des IWF bereits im Dezember 1952. [3]  Die Schrift wurde erst zehn Jahr später veröffentlicht. Wolf, Markus: Gedanken zur Geschichte und Tradition der Aufklärung der DDR, 1988, in: Ders.: Die Kunst der Verstellung. Dokumente. Gespräche. Interviews, Berlin 1998, S. 62–80, hier 65 u. 68. [4]  Zu Haid siehe Bruno Haid, in: Müller-Enbergs, Helmut/Wielgohs, Jan/Hoffmann, Dieter (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon, Berlin 2000, S. 307 f.; Klein, Thomas/Otto, Wilfriede/Grieder, Peter: Visionen. Repressionen und Opposition in der SED (1949–1989), Frankfurt (Oder) 1996, 64 f. u. 71 f.; Hannemann, Simone: Robert Havemann und die Widerstandsgruppe »Europäische Union«, Berlin 2001. Haid war dafür zuständig zu überprüfen, ob Havemann im Widerstand mit den Nazis kollaboriert hatte. [5] Weber, Hermann: Damals als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002, S. 344 f. [6] Kaufmann, Bernd u. a.: Der Nachrichtendienst der KPD 1919–1937, Berlin 1993, S. 318–320; Walther, Henri/Schwips, Dieter: Forschungsbericht zu den Erfahrungen der KPD bei der Erkundung, Entlarvung und Abwehr der geheimen Pläne, Absichten und Machenschaften des Feindes – ihre Untersuchung als ein Beitrag für die Erhöhung der Wirksamkeit der klassenmä- ßigen tschekistischen Erziehung und Befähigung der Mitarbeiter zur Erfüllung der politischoperativen Aufgaben des MfS. Berlin 1986, Kapitel 5, S. 195. [7] Jeder Abteilung und Hauptabteilung des IWF war ein sowjetischer Berater zugewiesen, mit dem sämtliche operativen Schritte abzustimmen waren. Leiter dieser von der sowjetischen Residentur in Berlin-Karlshorst aus operierender Berater war Chefberater Andreij G. Grauer, dem David J. Dallin den Dienstrang eines Obersten zuweist. Grauer leitete – parallel zu Walter Ulbricht – den IWF-Leiter Anton Ackermann an, wobei es zwischen beiden zu erheblichen Spannungen kam, mit der Folge, dass Ackermann um Entbindung von dieser Funktion bat, und auch Grauer im November 1952 als Berater abgezogen wurde. Dallin, David J.: Die Sowjetspionage. Prinzipien und Praktiken, Köln 1956, S. 496; Bailey, George/Kondraschow, Sergej A./Murphy, David E.: Die Unsichtbare Front : der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 1997, S. 181 f.; Schumann, Frank (Hrsg.): Anton Ackermann. Der deutsche Weg zum Sozialismus. Selbstzeugnisse und Dokumente eines Patrioten, Berlin 2005, S. 15. [8] Die von Bruno Haid geführte KPD-Nachrichtenstelle wurde auf Weisung Walter Ulbrichts im Jahre 1938 aufgelöst. Siehe Kaufmann: Der Nachrichtendienst der KPD (Anm. 6), S. 437. [9]  Kurt Müller hat seine Präparierung für einen DDR-Schauprozess nach dem Muster des RajkProzesses in Ungarn eingehend beschrieben. Siehe Müller, Kurt: Ein historisches Dokument aus dem Jahre 1956. Brief an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, in: Dowe, Dietrich (Hrsg.): Kurt Müller (1903–1990) zum Gedenken, Bonn 1991, S. 51–86. [10]  Siehe Richter, Peter/Rösler, Klaus: Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report, Berlin 1992, S. 17. [11]  Heidenreich, Gerhard: Protokoll über die Besprechung mit der Abteilung 1 vom 9. August 1952, in: Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (im Folgenden: BStU), HA II/6 1158, Bl. 38 f. [12]  Bericht über die Genossen Bruno Haid, Vesper, Grünert und Korthaus im Fall Schlomm vom 23. Juni 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 335–337, hier 336 f. [13]  Müller, Herbert: Notiz vom 23. Oktober 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 334. [14]  Bericht über letzte Vorkommnisse bei Genossen Bruno Haid vom 28. Juli 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 295–297, hier 295 f. [15]  Haid, Bruno: [ohne Titel] vom 3. Oktober 1951, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 560. [16]  Baude, Walter: Bericht zu dem Verhalten des Genossen Bruno Haid vom 16. Oktober 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 364 f. [17]  Siehe Großmann, Werner: Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten Chefs, Berlin 2001, S. 15. [18]  Reichelt: Aktennotiz vom 1. Oktober 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 346. [19]  [Wolf, Markus]: Abteilung 1: Zusammenfassender Bericht über die Untersuchung des ehemaligen Nachrichtenapparates der Partei und über dessen Abwicklung o. D. [vom 20. Oktober 1952], in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 48–207, hier 205 f. [20] Siehe ebenda, Bl. 49. [21]  Siehe Großmann: Bonn im Blick (Anm. 17), S. 15 f. [22]  Siehe ebenda, S. 11. [23]  Aktennotiz vom 27. April 1953, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 348. [24]  Wolf, Markus: Stellungnahme zu dem Material der ZPKK vom 20. Januar 1954, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 338 f. [25]  Markus Wolf im Interview mit dem Autor vom 12. September 2005. [26]  Siehe Nekrassow, Vladimir F. (Hrsg.): Berija. Henker in Stalins Diensten. Ende einer Karriere, Berlin 1992, S. 175 f. [27]  Siehe Wolf: Gedanken zur Geschichte (Anm. 3), S. 68. [28]  Wolf, Markus: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen, München 1997, S. 69. 

JHK 2006

Die monumentale siebenbändige Dokumentenedition zur Geschichte des Gulag

Wladislaw Hedeler

Istorija Stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch – pervaja polovina 1950-ch godov. Sobranie dokumentov v semi tomach [Geschichte des Stalinschen Gulag. Ende der 1920er bis zur ersten Hälfte der 1950er Jahre. Dokumentensammlung in sieben Bänden]. Redakcionnyj sovet izdanija [Redaktionsrat der Ausgabe] Ju. N. Afanas’ev, A. O. Čubar’jan, R. Conquest, E. Danielson, T. Emmons, P. Gregory, O. V. Chlevnjuk, V. S. Christoforov, V. A. Kozlov, V. P. Kozlov, S. V. Mironenko, A. I. Solženicyn, A. K. Sorokin, A. N. Jakovlev, Moskau: ROSSPĖN 2004 u. 2005. ISBN 5-82430604-4   Khlevniuk, Oleg: The History of the Gulag. From Collectivization to the Great Terror. Translated by Vadim A. Staklo. With editorial assistance and commentary by David J. Nordlander. Foreword by Robert Conquest, New Haven/London: Yale University Press 2004, 418 S., ISBN 0-300-09284-9    Stalinskie strojki Gulaga 1930–1953. Dokumenty [Die Stalinschen Großbauten des Gulag. Dokumente]. Hrsg. von Kokurin, A. I./Morukov, Ju. N., Moskau: MFD Materik 2005, 992 S., ISBN 5-85646-139-8   Die Publikation der sieben Bände umfassenden Ausgabe Istorija Stalinskogo Gulaga markiert eine Zäsur in der Gulag-Forschung. Sie entstand im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes des Föderalen Archivdienstes Russlands, des Russischen Staatsarchivs und der Hoover Institution on War, Revolution and Peace. Zu den Herausgebern gehören u. a. Aleksandr I. Solženicyn, Aleksandr N. Jakovlev, Robert Conquest und andere Kenner der Materie. Sie haben zusammen mit den anderen Wissenschaftlern, die an der Einleitung und Zusammenstellung der Einzelbände beteiligt waren, die bisher umfangreichste Sammlung von Befehlen, Rundschreiben, Weisungen und Vorschriften der Hauptverwaltung Lager (Glavnoe Upravlenie Lagerej, Abk.: GULag) des NKVD-MVD der UdSSR vorgelegt. Bislang konnte man nur auf einen 152 Dokumente umfassenden Band aus dem Jahr 2000 zurückgreifen.[1]  Mit der neuen Edition von insgesamt 1 491 Dokumenten wird ein jahrzehntelang tabuisiertes Kapitel sowjetischer Geschichte umfänglich erschlossen. Damit wird ein tiefer greifender Zugang zu solchen Themen ermöglicht, die in den während der letzten zehn Jahre in Russland aufgelegten Studien und Dokumentationen aufbereitet und kommentiert worden waren. Sie haben bislang den Gulag als Staat im totalitären Staat[2], die Presse des Gulag[3], Kunst im Gulag[4], Gulag als Wirtschaftsfaktor[5], das Schicksal von Kindern im Gulag[6] und die Struktur und Mitarbeiter des NKVD[7] behandelt. Auch ein Handbuch des Systems der Besserungsarbeitslager[8] ist bereits erschienen. Weitere wichtige Arbeiten waren der von Jurij Brodskij 2002 vorzüglich edierte und kommentierte Bildband über die Gefängnisinseln Solovki[9], das Reprint der von Maxim Gor’kijverantworteten  Prachtausgabe von 1934 über den Weißmeerkanal[10] und der Fotoband des polnischen Fotografen Tomasz Kizny[11].  Außerdem können durch die siebenbändige Ausgabe nunmehr einige Lücken in der 1998 von Mitarbeitern der Menschenrechtsorganisation »Memorial« herausgegebenen Übersicht über die 476 Lagerverwaltungen, die unmittelbar der Moskauer Hauptverwaltung Lager des NKVD/MVD unterstanden, ausgefüllt werden.[12] Im Folgenden wird zunächst der Aufbau der siebenbändigen Edition dargestellt, um anschließend inhaltlich darauf einzugehen. Struktur der Edition »Geschichte des Stalinschen Gulag« Der von Sergej V. Mironenko und Nicolas Werth herausgegebene und von I. A. Zjuzina zusammengestellte Band 1 Massovye repressii v SSSR(Massenrepressionen in der UdSSR) enthält auf 728 Seiten sieben Kapitel mit 229 Dokumenten und einen Anhang. Aleksandr Solženicyn (S. 23–26) und Robert Conquest (S. 27 bis 29) haben Geleitworte zu diesem Band verfasst. Im Anschluss daran stellen die beiden Herausgeber in einer Einleitung die Kriterien vor, nach denen die Dokumente ausgewählt worden sind, skizzieren die Konzeption der einzelnen Bände und beschreiben die Archivsituation (S. 33–45). Die thematisch angelegten und untergliederten Kapitel behandeln die »Entkulakisierung« 1930 bis 1932 (Dok. 1 bis 11), die Hungerkatastrophe 1932–1934 (Dok. 12–25), die »Ordnung des Terrors« 1933–1936 (Dok. 26–56), seine Mechanismen im »Großen Terror« 1937/38 (Dok. 66–80) und die Zeit danach (Dok. 81–102), den Terror während der Mobilmachung und des Krieges 1939–1945 (Dok. 103–176), die Massenrepressionen 1946–1953 (Dok. 177–215) und die Revision der Repressionspolitik nach Stalins Tod von 1953–1955 (Dok. 216–222).  Bei ca. zwei Drittel der in diesen Band aufgenommenen Dokumente handelt es sich um den Schriftverkehr zwischen dem NKVD und Stalin bzw. Mitgliedern der Partei- und Staatsführung. Berücksichtigung fand ferner die Korrespondenz zwischen Staatsanwaltschaft, Oberstem Sowjet und NKVD. In den Anlagen des Bandes sind statistische Auskunftsberichte aus den Jahren 1953–1958 veröffentlicht. Sie geben Aufschluss über die Verhaftungen und Verurteilungen durch VČK-OGPU-NKVD-MVD (Dok. 223–229) von 1921 bis 1953. Herausgeber und Verfasser der Einleitung zum Band 2 Karatel’naja sistema: struktura i kadry (Das System der Strafverfolgung: Struktur und Kader) ist Nikita V. Petrov. Die Dokumente stellte N. I. Vladimircev zusammen. Das Buch enthält auf 696 Seiten 3 untergliederte Kapitel mit 203 Dokumenten und einen Anhang, der zusätzlich 44 Dokumente einschließt. Darin werden die Entstehungsjahre des Gefängnis- und Lagersystems von 1918 bis 1928 widergespiegelt. Aleksandr Solženicyn weist in seiner Vorbemerkung zu dieser Edition ausdrücklich auf diesen Sachverhalt hin, denn in den anderen fünf Bänden sind die ersten Jahre der Sowjetmacht nicht dokumentiert. Die thematisch angelegten und untergliederten Kapitel des Bandes haben den Übergang von der Vielfalt der Formen zu ihrer Einheit 1929–1940 (Dok. 1–90), den Sieg des Produktionszweigprinzips 1941–1953 (Dok. 91–177) und die Jahre ohne Stalin 1953–1954 (Dok. 178–203) zum Inhalt.  Herausgeber und Verfasser der Einleitung zum Band 3 Ėkonomika Gulaga (Die Ökonomie des Gulag) ist Oleg V. Chlevnjuk. Der Band umfasst 624 Seiten. Zwei thematisch angelegte und untergliederte Kapitel sowie 195 Dokumente behandeln die Organisationsprinzipien und die Kennziffern der Wirtschaft des Gulag (Dok. 1–131) sowie die wichtigsten Objekte und Wirtschaftszweige der OGPU-NKVD-MVD-MGB. Hierzu gehören der Weißmeerkanal (Dok. 132 bis 134), der Uchta-Pečora-Trust (Dok. 135–138), die Hauptverwaltung für die Fernostlager Dal’stroj (Dok. 139–149), die Bajkal-Amur-Magistrale BAM (Dok.150 u. 151), der Moskva-Volga-Kanal (Dok. 152–155), das Noril’sker NickelKombinat (Dok. 156–160), der Bau von Militärobjekten und Rüstungsbetrieben (Dok. 161–166), die Konstruktionsbüros der OGPU-NKVD-MVD-MGB (Dok. 167–179), die »Großbauten des Kommunismus« (Dok. 180–186), die Forstwirtschaft (Dok. 187–192), die Landwirtschaft und die Produktion von Massenbedarfsartikeln (Dok. 193–195). Band 4 trägt den Titel Naselenie Gulaga: čislennost’ i uslovija soderžanija (Die Bevölkerung des Gulag: Anzahl und Haftbedingungen). Herausgeber und Verfasser der Einleitung sind Aleksandr B. Bezborodov und Vladimir M. Chrustalev. Der Band enthält auf 624 Seiten vier Kapitel mit 323 Dokumenten. Die thematisch angelegten und untergliederten Kapitel behandeln die Anzahl, Zusammensetzung und Struktur der Bevölkerung des Gulag (Dok. 1–54), das Haftregime und die Lebensbedingungen der Häftlinge (Dok. 55–161), die Verpflegung und Versorgung der Häftlinge (Dok. 162–238) sowie deren Krankheiten und Sterblichkeit (Dok. 239–323). Der von Tatjana V. Carevskaja-Djakina herausgegebene und eingeleitete Band 5 Specpereselency v SSSR (Sonderumsiedler in der UdSSR) enthält auf 824 Seiten fünf Kapitel mit 213 Dokumenten. Die thematisch angelegten Kapitel behandeln die Herausbildung der Sonderansiedlungen von der »Beseitigung der Kulaken als Klasse« bis zur Organisation der Zwangsarbeit (Dok. 1–41), die Auffüllung der Arbeitssiedlungen durch die Deportierten in den Jahren des »Großen Terrors« 1937/38 und zu Beginn des »Großen Vaterländischen Krieges« (Dok. 42–85) 1941, die vielfältigen Mobilisierungsformen und die Ergebnisse der Funktion des Sondersiedlungssystems unter Bedingungen der Kriegsjahre Juni 1941 bis Ende 1943 (Dok. 86–112), die Veränderung der Rechtsgrundlagen und des Systems der Leitung der Sonderansiedlungen im Zusammenhang mit den ethnischen und politischen Deportationen Ende 1943–1947 (Dok. 113–170) sowie die administrative »Willkür« (bespredel) und die Krise des Sondersiedlungssystems als Bestandteil der Strafverfolgungs- und Repressionspolitik des totalitären Staates 1948–1953 (Dok. 171–213). Band 6 Vosstanija, bunty i zabastovki zaključennych (Aufstände, Rebellionen und Streiks der Häftlinge) ist von Vladimir A. Kozlov herausgegeben und von Olga V. Lavinskaja zusammengestellt. Er enthält auf 736 Seiten 4 Kapitel mit 284 Dokumenten. Die thematisch angelegten Kapitel haben die Aktionen der rebellierenden Kriminellen und der zum Mittel des Hungerstreiks greifenden »Konterrevolutionäre« in den Jahren 1930–1940 (Dok. 1–14) zum Inhalt, stellen die »potentiellen« Aufständischen von Juni 1941 bis Mai 1945 (Dok. 15–35), die Reaktion der Hauptverwaltung Lager des NKVD von Juni 1945 bis Mai 1953 (Dok. 36–114) und den aufbegehrenden Gulag von Ende Mai 1953 bis 1954 (Dok. 115–284) vor. Nach Meinung des Rezensenten eignet sich die dem Band vorangestellte, von Kozlov verfasste Einleitung, sehr gut, um einen Zugang zum Gesamtkomplex Gulag zu finden. Schließlich steht das die eigentliche Dokumentenedition abschließende Thema auch für das Ende und die Ursachen des Untergangs des Gulag.  Der von Kozlov und S. V. Mironenko herausgegebene Band 7 trägt den Titel Sovetskaja repressivno-karatel’naja politika i penitenciarnaja sistema v materialach Gosudarstvennogo archiva Rossijskoj Federacii. Annotirovannyj ukazatel’del (Die sowjetische Repressiv- und Strafverfolgungspolitik und das Pönitenziarsystemin den Materialien des Staatsarchivs der Russischen Föderation. Annotiertes Findbuch) und stellt das annotierte Findbuch der im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) aufbewahrten Dokumente zum sowjetischen Strafverfolgungssystem dar. Es handelt sich de facto um das Inventarverzeichnis der dem Archiv der Hoover Institution übergebenen Kopien. Bisher lagen lediglich vier Findbücher zu den so genannten Sondermappen von Berija (1996), Chruščev (1995), Molotov (1994) und Stalin (1994) vor, die Auskunftsberichte des Sekretariats des NKVD-MVD-MGB aus den Jahren 1944–1959 enthielten.[13]  In den fünf Kapiteln des Bandes 7 werden folgende Bestände vorgestellt: 1. Ministerrat der UdSSR 1923–1991, einschließlich des Sekretariats von Andrej Ja. Vyšinskij 1939–1944; 2. Hauptverwaltung Haftorte des Kommissariats/Ministeriums des Inneren der UdSSR 1930–1960; 3. die Kommission für Amnestie beim Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR 1926–1938 einschließlich der Kommission für Beschwerden und Begnadigungen 1938–1954, des Obersten Gerichts der UdSSR 1922–1991, der Staatsanwaltschaft 1924–1991 und des Ministeriums für Justiz der UdSSR 1936–1991; 4. Das Moskauer politische Rote Kreuz 1918–1922, einschließlich der Gesellschaft zur Unterstützung der politischen Gefangenen 1922–1938; 5. Das Oberste Tribunal beim Gesamtrussischen Zentralen Exekutivkomitee 1918–1991, die Hauptverwaltung Haftorte des NKVD der RSFSR 1922–1930 und das NKVD der RSFSR 1917 bis 1931. Der Band verfügt über ein Register der in diesem Band erwähnten Haftorte und Besserungsarbeitslager, ein Personenregister und ein geographisches Register.  Jeder Einzelband der in einer Auflage von je 1200 Exemplaren erschienenen Edition enthält eine ausführliche Einleitung zum Bandschwerpunkt und einen Apparat, der Anmerkungen, ein kommentiertes Namenregister, ein geographisches Register und ein Abkürzungsverzeichnis einschließt. Leider haben die Herausgeber darauf verzichtet, jedem Band eine Auswahlbibliographie zum Forschungsstand bzw. der bislang in Russland erschienenen kommentierten Dokumenteneditionen anzufügen. Einige Hinweise auf die wichtigste Literatur finden sich in den Anmerkungen zu den Einleitungen der jeweiligen Bände sowie in der Auswahlbibliographie im Band 7 (S. 672–682). Für die Edition wurden thematisch relevante Bestände aus drei russischen Staatsarchiven, dem Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation, dem Archiv von »Memorial« und dem Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) komplett gesichtet und ausgewertet. Auf den Stellenwert des Zentralen Archivs des FSB (hier recherchierte eine vom Direktor dieses Archivs eingesetzte Arbeitsgruppe) kommen die Herausgeber immer wieder zu sprechen. Denn ausschließlich in diesem Archiv befinden sich die Dokumente der OGPU, anhand derer die Anfangsphase des Gulag dargestellt werden kann. Wie wichtig die Informationen, die nur diese Dokumente enthalten, für die Geschichte des Gulagsind, wird insbesondere im Hinblick auf die in den Bänden 4 (Häftlingsgesellschaft) und 6  (Widerstand im Gulag) behandelten Themen deutlich.  Erst nach der Sichtung des vorhandenen Materials erfolgte die Auswahl der typischsten und wichtigsten Dokumente. Es war nicht immer möglich (insbesondere bei den Bänden 1 und 2) die Aufnahme bereits publizierter Dokumente zu vermeiden (wie im Falle des Bandes 4 praktiziert). Anliegen der Herausgeber war, jene Dokumente zu edieren, die die für den Bandschwerpunkt verantwortlichen Institutionen nicht nur im Detail, sondern in verallgemeinerter Form vorstellen (Bd. 1, S. 35 f.). Leistungen und Grenzen der Gulag-Edition  Das Kernstück des sowjetische Terrorsystems waren die der Hauptverwaltung Lager unterstehenden Zwangsarbeitslager (»Besserungsarbeitslager«). Dieses System wird hier zum ersten Mal systematisch in einer Bandbreite dokumentiert und analysiert, die sämtliche in der Literatur bisher nur ansatzweise berührten Themenfelder und Facetten einschließt.  Aleksandr I. Solženicyn hebt den durch die Arbeit an den Bänden dieser Edition gewonnenen Erkenntnisfortschritt hervor. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass die Geschichte des Terrorsystems weiter zurückreicht und nicht erst mit den 30er Jahren einsetzt. Die nur im Anhang von Band 2 berücksichtigten Anfangsjahre bolschewistischer Herrschaft sollten demnach in Zukunft Bestandteil der Geschichtsbetrachtung sein (Bd. 1, S. 23). Eine Begründung für die Ausklammerung der Jahre 1918–1930, also der Zeitspanne, die z. B. in den von Aleksandr N. Jakovlev durch seine Tätigkeit als Vorsitzender der russischen Rehabilitationskommission in der Schriftenreihe Rossija. XX vek (Russland. Das 20. Jahrhundert) herausgegebenen Dokumenteneditionen zum Gulag immer Berücksichtigung fand, geben die Herausgeber der vorliegenden Edition nicht. Sie zeigt – das kann nicht oft genug hervorgehoben werden – das heute Machbare und die heutigen institutionell und politisch gesetzten Grenzen. Auf einige Probleme und diesbezügliche Erfahrungen, die der Rezensent während der Arbeit an der zusammen mit Dr. Meinhard Stark erarbeiteten und noch unveröffentlichten Studie »Das Karagandinsker Besserungsarbeitslager (KARLag) 1931 bis 1957. Studien zur Geschichte des Lagers, seiner Häftlinge und Bewacher«[14] sammeln konnte, wird weiter unten hingewiesen. Im Kontext der inzwischen ebenfalls dokumentierten Geschichte der Rehabilitierungskommission[15] wird noch deutlicher, vor welchen Problemen die Herausgeber der Istorija Stalinskogo Gulaga standen. An dieser Stelle genügt der Hinweis auf den häufig diskutierten Namen der Kommission, der genau dieses Problem – nämlich die Grundlegung des Stalinschen Systems in den Jahren Leninscher Herrschaft – nicht widerspiegelt. Betrachtet man ihre Geschichte vom Ende her, wird deutlich, wie parteilich und voreingenommen die von Nikolaj M. Švernik (seit Januar 1956), Michail S. Solomencev (seit September 1987), und Aleksandr N. Jakovlev (seit Oktober 1988) geleiteten Kommissionen gearbeitet haben. Auch wenn die Diskussion theoretisch und politisch brisanter Themen nicht zu ihren Aufgaben gehörte, wurde eine Stalinismus-Debatte selbst dann vermieden, wenn sie im Zusammenhang mit der Ausarbeitung von Parteibeschlüssen und Gesetzesvorlagen dringend erforderlich war. Als Jakovlev seine Unterschrift unter den Abschlussbericht der Kommission vom März 1990 verweigerte, begründete er dies mit dem Hinweis auf die widersprüchliche und verworrene Darstellung der tatsächlichen Rolle des NKVD in der »Mordsache Kirov« 1934. Jakovlev hatte unmittelbar vor dem XXVIII. Parteitag der KPdSU im Juli 1990 unterstrichen, dass die Repressionen und der Terror weder als Zufall noch als Ergebnis der Handlungen eines einzelnen psychisch-kranken Führers interpretiert werden können. Weil Jakovlev damit den Ursprung des Terrors im Sowjetsystem selbst erblickte und er dies zudem öffentlich machen wollte, hatte er die Grenze des in der Kommunistischen Partei Tolerierten überschritten. Repression als Klammer: Von den Ursprüngen bis zum Wirtschaftsgiganten Der Gulag gilt seit Erscheinen von Aleksandr I. Solženicyns Archipelag Gulag 1973 als Synonym für den Stalinschen Terror. Der im Führungszirkel der Kommunistischen Partei geplante, mit Hilfe des Innenministeriums umgesetzte und durch in der Verfassung verankerte und nicht in der Verfassung vorgesehene, »außergerichtliche Institutionen« wie Dvojki oder Trojki[16] ausgeübte Terror, reicht jedoch weit über den Gulag hinaus. Signifikant sind der Hunger als Folgeerscheinung der Zwangskollektivierung und die Deportationen von Volksgruppen und Völkerschaften. Dies führen die Herausgeber der Edition auch als Begründung für die Aufnahme der bereits über eigene Dokumenteneditionen verfügenden Themen wie Zwangskollektivierung[17], Deportation[18], die nationalen Operationen des NKVD[19] und »Großer Terror«[20] an, denn die Hauptverwaltung Lager war weder verantwortlich noch zuständig für die Planung und Durchführung dieser Verbrechen am eigenen Volk.  In der Entstehungsphase des Gulag gab es viel mehr Sonderumsiedler als Gulag- Häftlinge, bemerkt Nikita I. Petrov in der Einleitung zu Band 2, was im Februar 1933 eine Reorganisation des Lagersystems erforderlich machte (S. 29). Innerhalb der Hauptverwaltung Lager wurde eine Verwaltung für Sonderumsiedlungen (USP) geschaffen. Die Sonderumsiedlungen waren und blieben als Arbeitskräftereservoir eine ständige Begleiterscheinung des Gulag (Bd. 1, S. 40). Auch stand das Besserungsarbeitslager erst am Ende des Leidensweges der meisten Repressierten, die nicht zum Tode durch Erschießen verurteilt worden waren.  Das russische Wort repressii (Repressionen) – die eigentliche thematische Klammer der Bände dieser Edition – steht für Bestrafung von Bürgern aus politischen Gründen. Sie reichte von der Verurteilung zu drei Jahren Gefängnis bis zum Todesurteil. Sämtliche im Band dokumentierten Kampagnen wurden von der Parteiführung geplant, bis hin zur Festlegung des Plansolls für Verhaftungen und Verurteilungen. Den ausführenden Organen an der Basis oblag die Auswahl der Opfer. Diese Art von Terror bezeichnet Robert Conquest als die bewusste Vernichtung und Zerstörung von Menschen und Verhältnissen, die sich nicht den neuen Machtverhältnissen unterordneten. Die Wurzeln dieser Politik finden sich laut Conquest in der marxistischen Theorie (Bd. 1, S. 27).  Nicolas Werth hebt in der Einleitung zum Band 1 (S. 57–89), einem Literaturbericht über das bisher im russischen und angloamerikanischen Sprachraum auf dem Gebiet der Erforschung des Terrors in Sowjetrussland bzw. der Sowjetunion Geleistete, die Möglichkeit hervor, nicht mehr nur einzelne Aspekte, Seiten und Facetten des Terrors, sondern den Terror als Ganzes zu untersuchen (Bd. 1, S. 61). Er plädiert unter Hinweis auf die in den Band aufgenommenen Dokumente sowohl für die Abkehr von ausschließlich revisionistischen als auch totalitarismustheoretischen Sichtweisen. Werth folgt der von den Herausgebern gewählten Chronologie und bezeichnet das Jahr des »Großen Umbruchs« 1929 als ein für die Herausbildung des Stalinschen Systems entscheidendes Jahr. Die in den Band 1 aufgenommenen Dokumente belegen Stalins persönliche Verantwortung für den Terror (S. 68) sowie die Konflikte zwischen sowjetischen Instanzen, die mit der Umsetzung des Terrors beauftragt waren. Vor allem an der Basis regte sich der Widerstand gegen die von Oben vorgegebenen Weisungen (S. 70).  Entscheidend für Beginn, Verlauf und Ende der unterschiedlichen, im Band dokumentierten Kampagnen waren die im Führungszirkel beschlossenen Festlegungen, was Werth im Vorwort zu Band 1 am Beispiel der nationalen Operationen des NKVD erläutert. Auf die von Aleksandr I. Solženicyn in der Vorbemerkung zur Edition zu Recht aufgeworfene Fragestellung nach den Anfängen des Terrors ist der Memorial-Vorsitzende Arsenij B. Roginskij an anderer Stelle eingegangen, als er darauf hinwies, dass Angaben über Terrorurteile durch verfassungsmäßig verankerte Gerichte für die ersten drei Jahre der Sowjetmacht bisher nicht in den Archiven aufgefunden worden sind.[21] Die Herausgeber der Edition weisen ausdrücklich auf den Zusammenhang von Stalinscher Herrschaft und Entstehung des Terrorsystems Anfang der 30er Jahre hin. (Bd. 1, S. 33). Erst nach Stalins Tod konnte mit der Demontage des sich längst als unproduktiv erwiesenen und von Häftlingserhebungen gelähmten Zwangsarbeitssystems begonnen werden.  Gleichzeitig betonen die Herausgeber – unter Hinweis auf die Gründungsurkunde des Gulag – den Politbürobeschluss vom 27. Juni 1929 (Bd. 1, S. 37), die Abkehr, den Bruch mit dem Leninschen Prinzip, spezielle Lager für politische Gegner einzurichten, d. h. die politischen Häftlinge getrennt von Kriminellen unterzubringen. Die mit dem Gulag durchgesetzte Praxis, die Gefangenen zur Erschließung entlegener Regionen des Landes einzusetzen, geht auf eine Weisung von Feliks Ė. Dzeržinskij aus dem Jahre 1924 zurück (Bd. 1, S. 37), die aber erst mit Beginn des ersten Fünf-Jahr-Planes 1929 umgesetzt wurde. Petrov verweist in der Einleitung zu Band 2 auf den unbarmherzigen Terror gegen die politischen Gegner als Wesenselement der politischen Herrschaft der Bolschewiki (Bd. 2, S. 22).  Was der Rat der Volkskommissare beschloss, setzte die Außerordentliche Kommission (ČK) 1917 bis 1922, aus der die politische Polizei NKVD hervorging, initiativreich um. Neben den der ČK unterstehenden Lagern für politische Gegner verfügte das Volkskommissariat für Justiz zudem über Haftorte für Kriminelle. In diesen wurde von Anfang an die Umerziehung durch Besserungsarbeit praktiziert. Die Diskussion über die Nutzung der Häftlingsarbeit in der Führung von Partei und Staat zog sich fast zwei Jahre hin, bis im Mai 1929 die Entscheidung im Politbüro fiel (Bd. 2, S. 28).  Als Wirtschaftsfaktor konnte der Gulag, der zunächst nach administrativregionalen Aspekten reorganisiert wurde, jedoch erst nach den Massenrepressionen mit dem Amtsantritt von Lavrentij Berija als NKVD-Chef Ende 1938 in Funktion treten. Die ersten, von Gulag-Häftlingen errichteten Großbauten schienen dessen Effizienz zunächst zu bestätigen. Doch dieser Wunschtraum stellte sich sehr schnell als Trugbild heraus. Das Scheitern des Gulag als Wirtschaftsfaktor bildet somit die eigentliche Kernaussage des dritten Bandes und gehört zu den in den Einleitungen der anderen Bände aufgegriffenen Motiven. Der sich während der Arbeit an der Edition herauskristallisierende Fragestellung – nach der Zwangsarbeit als Wesenselement des Stalinismus – gingen Wissenschaftler aus Russland und den USA im Rahmen eines parallel durchgeführten Forschungsprojektes nach. Dieser Charakter der Besserungsarbeitslager schließt die generalisierende Bestimmung der Gulag-Lager als Todeslager aus (Bd. 4, S. 49).  Der Gulag als Wirtschaftsfaktor und sein Scheitern aufgrund fehlender Effizienz ist auch ein Leitmotiv der Einleitungen zu den Bänden 2, 4 und 6 der Edition über die Geschichte des stalinschen Gulag. NKVD-Chef Lavrentij Berija (1938–1953) kam bei der Entwicklung des Gulag als Wirtschaftseinheit eine entscheidende Bedeutung zu. Die Zahl der Häftlinge orientierte sich an den vorgegebenen Aufgaben für spezielle Wirtschaftszweige, die die Hauptverwaltung Lager zunehmend monopolisierte.  Wie auch die Auswertung der im KARLag-Archiv aufbewahrten Dokumente bestätigt, resultierten daraus für die Administration der Lager oft unlösbare Konflikte. So war etwa die Frage nach der Priorität der Durchsetzung des sich ständig verschärfenden Haftregimes oder die Erfüllung der immer anspruchsvolleren Wirtschaftsaufgaben brisant. Unter Berija entwickelte sich die Hauptverwaltung Lager des NKVD zur größten Wirtschaftseinheit der UdSSR (Bd. 2, S. 38). Seit 1936 hatte die Hauptverwaltung Lager, wie alle anderen Volkskommissariate auch, der Regierung einen Jahresplan der Industrieproduktion vorzulegen. Bis dahin war das NKVD von dieser Verpflichtung entbunden, da es nicht zu den Wirtschaftseinheiten zählte (Bd. 3, S. 21). Die Häftlinge kamen vor allem in Regionen zum Einsatz, in denen es noch keine Infrastruktur gab.  Oleg Chlevnjuk stützte sich bei seinen Recherchen in erster Linie auf die im GARF aufbewahrten Dokumente. 186 von 195 stammen aus dessen Beständen. Die neun übrigen spiegeln die Wirtschaftstätigkeit der OGPU wider und stammen aus dem Zentralarchiv des FSB (Bd. 3, S. 26). In der Anfangsphase des Gulag waren sich die Verantwortlichen nicht darüber im Klaren, wie sich das Lagersystem als Wirtschaftsfaktor entwickeln sollte. Diese von Chlevnjuk getroffene und mit Dokumenten belegte Feststellung korrespondiert mit ersten Auswertungen der in den Zwangsarbeitslagern für die Häftlinge hergestellten Zeitungen. (Band 7 enthält eine Aufzählung der im GARF vorhandenen Lagerzeitungen.) Die im Lager Inhaftierten sollten zu »sozialistischen Menschen umgeschmiedet« werden.  Oleg Chlevnjuk entschied sich nicht für die chronologische, sondern für die thematische Anordnung der Dokumente. Die Struktur der Wirtschaft des Gulag bildete sich bereits Anfang der 30er Jahre, während des ersten Fünfjahrplanes heraus. Der »Große Terror« unterbrach die relativ erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung. Unter den in dieser Zeitspanne nach offiziellen Angaben ca. 700 000 Erschossenen waren sehr viele dringend benötigte Facharbeiter. Die politischen Stimuli des Terrors hatten gegenüber den ökonomischen Vorrang. Um die ökonomische Effizienz der Lager dennoch aufrecht zu erhalten, führte Berija gleich nach seinem Amtsantritt Ende 1938 eine Reform der Lagerwirtschaft ein. Auf seinen Befehl hin wurde das Haftregime verschärft und die Möglichkeit, durch beständige Übererfüllung der Norm Haftarbeitstage herauszuarbeiten und damit vorzeitig entlassen zu werden, abgeschafft. Neben der Überfüllung der Lager, Hunger und Krankheiten führten diese Maßnahmen in den Kriegsjahren zu einer außerordentlich hohen Häftlingssterblichkeit in den Lagern. Nach Angaben der Hauptverwaltung Lager (GULag) starben fast 1,5 Millionen Häftlinge (Bd. 3, S. 31). Am Beispiel großer Lagerkomplexe könnte die Forschung diese offensichtlich vom NKVD manipulierte Zahl korrigieren. Das Karagandinsker Besserungsarbeitslager KARLag gehört neben dem Sibirskij lager’ (SIBLag) zu den am längsten existierenden Besserungsarbeitslagern in der UdSSR. Beide Lager wurden 1929 gegründet und erst um 1960 aufgelöst. Zudem existierten weitere elf Lagerkomplexe, darunter sechs so genannte Waldlager, die der Bereitstellung von Nutzholz dienten, außerdem das Lager Vorkuta und das Baulagerbei Krasnojarsk. Sie bestanden von 1937 bzw. 1938  bis 1960. Neben diesen über drei Jahrzehnte existierenden Besserungslagern waren in der Zeit von 1931 bis 1960 solche Lager quantitativ vorherrschend, deren Laufzeit nur ein und fünf Jahre betrug. Davon gab es ca. 250. An zweiter Stelle folgten 100 zwischen fünf und zehn Jahren existierende, an dritter Stelle 70 Lager, die maximal zwei Jahre lang bestanden. Die Bestandsdauer der Lager korrespondierte somit nicht allein mit den wirtschaftlichen Zielsetzungen oder politischen Entscheidungen, sondern auch mit der Höhe des Strafmaßes.  Die elf Langzeit-Lagerkomplexe produzierten Nutzholz. Ihre vordringlichste Aufgabe war es jedoch die erforderlichen Arbeitskräfte für die einzelnen volkswirtschaftlichen Projekte und Baustellen kurzfristig zur Verfügung zu stellen, was u. a. auch die Fluktuation der Häftlinge erklärt. Die Häftlingsbelegung spiegelt am Beispiel des KARLag somit nicht nur die Entwicklung des Lagerkomplexes als solchen wider, sondern steht zudem mit der Veränderung des sowjetischen Lagersystems als Ganzes in engem Zusammenhang. Von 1930 bis 1935 existierten in der UdSSR 15 Lager. Allein im KARLag waren 10 000 bis 25 000 Häftlinge inhaftiert. Von 1936 bis 1940, als 67 Lager existierten, befanden sich 27 000 bis 40 000 Häftlinge im KARLag. Von 1946 bis 1950, als die Zahl der Lager auf 110 anstieg, waren es bereits 53 000 bis 65 000. Von 1954 bis 1960, als die Zahl der Lager auf 20 zurückging, war auch die Zahl der Häftlinge im KARLag rückläufig. Sie betrug zwischen 42 000 und 17 000 in der Auflösungsphase. Chlevnjuk betont immer wieder die Priorität politischer Vorgaben und konstatiert die schließlich auch von der Administration zugegebene Uneffektivität »nackten« Zwanges (Bd. 3, S. 35). Er gibt einen Überblick über quantitative und qualitative Kennziffern und fasst zusammen, dass weitere Studien, einschließlich internationaler vergleichender Analysen über die praktizierte Zwangsarbeit zur Erkenntnis des Phänomens der forcierten Industrialisierung beitragen könnten. Das ständig vorhandene Arbeitskräftereservoir veranlasste die sowjetische Führung zur Planung immer aberwitzigerer Großbauten. Noch gibt es keine Untersuchung über die in Angriff genommenen, schließlich jedoch eingestellten Projekte. Die Ökonomen sind gefordert, Kriterien wie »Effektivität«, »Billigkeit« und »Selbstkosten« von Häftlingsarbeit zu bestimmen (Bd. 3, S. 51).  Als nach dem Krieg der Bedarf an flexibel einsetzbaren Arbeitskräften sprunghaft anstieg, entstand ein neuer Lagertyp, das Sonderlager. Letztere existierten bis 1954 und stellten ein wichtiges Instrument der Strafverfolgungspolitik dar. Häftlinge dieser Sonderlager, von denen es 1952 zwölf gab – meist in entlegenen Gebieten –, wurden ausschließlich zu schwerer körperlicher Arbeit eingesetzt. Sie hatten keinen Anspruch auf jene in der Haftordnung verankerten »Vergünstigungen«, die Häftlingen gewöhnlicher Besserungsarbeitslager zustanden. Die Zahl der gewöhnlichen Besserungsarbeitslager stieg von 90 am Ende 1949 auf 166 zu Beginn 1953 an. Die Häftlingszahlen Auch diese Edition kann die Frage nicht beantworten, wie viele Häftlinge der Gulag zählte. Die im Band 4 enthaltenen statistischen Angaben dürfen im Hinblick auf ihre Exaktheit nicht überbewertet werden, heben die Herausgeber hervor (Bd. 1, S. 39). Die Herausgeber des Bandes 4 kommentieren unterschiedliche Statistiken und diskutieren erste, von Memorial-Mitarbeitern formulierte Hypothesen. Eine weiterführende Forschung auf diesem Gebiet, die auf Grund des komplizierten Archivzugangs in der Russischen Föderation und in den Nachfolgestaaten der UdSSR sehr schwer zu organisieren ist, setzt u. a. voraus, dass die Materialien der für Statistik und Registratur (URO) zuständigen Abteilungen der Lageradministrationen und der 3. Abteilungen des Lager-NKVD deklassifiziert sind. Ferner müssen die Bestimmungen über die sehr eingeschränkte Nutzung der in den Lagerarchiven noch erhaltenen Häftlings- und Mitarbeiterakten revidiert werden. Außer diesen Akten existiert z. B. im KARLag-Archiv eine Kartothek, in der jeder Häftling erfasst wurde, der dieses Lager durchlaufen hat. Die auf der Häftlingskarteikarte enthaltenen Angaben zur Person gestatten repräsentative Aussagen über die Zusammensetzung der Häftlingsgesellschaft, das Strafmaß, die Zwangsarbeit sowie Tod und Überleben im Lager. Die Karteikarte enthält über 20 biographische Angaben, darunter: Name, Geburtsort und -jahr, soziale Herkunft, Nationalität, Staatsbürgerschaft, Bildung, Parteizugehörigkeit, Wohnort, Beruf, Fachqualifikation, besondere Anweisungen, durch wen, wann und nach welchem Artikel des Strafgesetzbuches verurteilt, Beginn und Ablauf der Strafe, wann und woher angekommen, Aufenthalt in welchen Lagern sowie Abgang aus dem Lager (entlassen, gestorben oder geflohen). Bei einem Wechsel des Lagers wurde diese Karteikarte dupliziert und gemeinsam mit der persönlichen Häftlingsakte dem neuen Haftort überstellt. Selbst die Hauptverwaltung Lager des NKVD verfügte – was nunmehr dokumentarisch belegt ist – zu keinem Zeitpunkt über exakte Informationen über die Anzahl der Häftlinge und ihren genauen Aufenthaltsort (Bd. 1, S. 42). Was die Herausgeber des Bandes 4 für die Hauptverwaltung Lager beschreiben, gilt umso mehr für die einzelnen Lagerkomplexe, wie z. B. das KARLag. So sind die vorhandenen Statistiken für den Häftlingsbestand eines Jahres höchst widersprüchlich und außerdem von Jahr zu Jahr, aufgrund der sich ändernden Vorgaben der der Hauptverwaltung Lager, kaum kompatibel (Bd. 4, S. 32). Die Trends sind jedoch deutlich erkennbar. Von 1934 bis 1944 betrug die Zahl der im Gulag festgehaltenen Häftlinge 12 bis 14 Millionen (Bd. 4, S. 38). Diese Zahlen spiegeln die Aufgabenstellung des Gulag als Wirtschaftsfaktor wider. Unter diesem Blickwinkel werden u. a. die Mortalität und das Haftregime untersucht (Bd. 1, S. 39).  Die fehlende Opferperspektive der Quellen Nikita Petrov geht im Vorwort zum Band 2 sehr ausführlich und auf umfassenderer Quellengrundlage der bereits in der Einleitung zum Buch Ktorukovodil NKVD 1934–1941[22] aufgeworfenen Frage nach, wer die Kader waren, denen es oblag, das Zwangsarbeitssystem am Leben zu halten. »Es macht keinen Unterschied, ob man im Gulag oder im GULag ist«, hatte der Stellvertretende Leiter der Hauptverwaltung Lager, Israil I. Pliner in einer Parteiversammlung im Jahre 1937 geäußert (Bd. 2, S. 45), d. h. ob man Mitarbeiter der Hauptverwaltung Lager (GULag) ist oder Häftling in einem Arbeitslager – umgangssprachlich Gulag – macht nach diesem Zitat keinen Unterschied. Denn sowohl im zentralen Apparat der Hauptverwaltung Lager als auch in den Besserungsarbeitslagern, den beiden Gulags, war der Anteil der politisch vorbestraften Mitarbeiter und ehemaliger Häftlinge hoch (Bd. 2, S. 44). Diese Tatsache war immer wieder Gegenstand der Parteiversammlungen auf allen Ebenen, nicht zuletzt deshalb, weil sie dem Haftregime widersprach. Es herrschte permanenter Personalmangel, und der Bildungsgrad der hier Beschäftigten ließ zu wünschen übrig. Unter diesen Bedingungen war an eine adäquate Durchsetzung des Haftregimes nicht zu denken. Was hier am Beispiel der Hauptverwaltung beschrieben wird, gilt in noch größerem Umfang für die einzelnen Besserungsarbeitslager. Bezieht man in der Untersuchung der Auflösungsphase der Lager die Parteiebene in die Analyse mit ein, rücken neben wirtschaftlichen Ursachen subjektive Faktoren ins Blickfeld, die die Abkehr vom Lagersystem und seine Umwandlung in Besserungsarbeitskolonien erklären. Ein weiterer Aspekt, auf den ebenfalls Aleksandr I. Solženicyn im Zusammenhang mit Band 4 über die Häftlingsgesellschaft aufmerksam macht, ist die in den Dokumenten fehlende Opferperspektive. Die in diese Ausgabe aufgenommenen, von der Administration verfassten Dokumente spiegeln sie nicht bzw. nicht adäquat wider. Ein Vergleich der »zwei Gesichter« des Gulag bietet sich als Forschungsthema geradezu an (Bd. 1, S. 42). Inzwischen sind Skizzen zur Geschichte einzelner Besserungsarbeitslager, verfasst von Mitarbeitern der Administration[23] oder ehemaligen Häftlingen[24], veröffentlicht. Doch Studien, in denen diese zusammengeführt werden, gibt es nicht. Daraus resultiert das Nebeneinander unterschiedlicher Überlieferungen. Vor welchen Problemen die Forschung – z. B. im Hinblick auf die Untersuchung des Widerstandes im Lager steht – wird in der Einleitung zum Band 6 ausführlich diskutiert.  Zur Sprache des Gulag[25] und seinem Liedgut[26] liegen mehrere Publikationen vor. Um das Rotwelsch der Kriminellen zu verstehen, versorgte das Volkskommissariat des Inneren 1927 die Mitarbeiter mit einem entsprechenden Wörterbuch.[27] Wie verschieden die zivile und die Lagerwelt waren, belegt die von Semen S. Vilenskij herausgegebene Anthologie Poėzija uznikov Gulaga, die Gedichte von 314 Autoren enthält.[28]  Material, auf dem diesbezügliche Forschungsprojekte aufbauen können, enthält auch Band 6 der Edition. Allmählich bildete sich unter den Häftlingen eine Überlebensstrategie und damit eine Subkultur heraus, die nicht nur dem Haftregime entgegengesetzt war, sondern zunehmend auch den zivilen Sektor beeinflusste. Die Häftlingsgesellschaft, deren Untersuchung Band 4 gewidmet ist, schloss unterschiedliche Gruppen ein, die auf unterschiedliche Weise der Administration entgegenwirkten. Sie setzten sich aus politischen oder kriminellen Häftlingen zusammen bzw. organisierten sich nach nationaler Herkunft oder ethnischen Kriterien. Allen diesen Gruppen, auf die die Administration unterschiedlich reagierte – mit einigen ging sie eine komplizierte Symbiose ein (Bd. 4, S. 40) –, waren besondere Formen von Widerstand und Protest eigen (Bd. 1, S. 41). Genau genommen kann nur im Ergebnis der Prüfung der Häftlingsakten und der Urteile festgestellt werden, ob es sich bei Kriminellen tatsächlich um Häftlinge handelt, die wegen krimineller Delikte verurteilt worden waren. Die vorbereitete Studie über die Geschichte des KARLag stellt auch hierzu neue Forschungsergebnisse vor und zur Diskussion.  Das Thema Leben und Sterben im Gulag wird in Band 4 ausführlich kommentiert. Ein damit zusammenhängendes Problem wird in der außerordentlich informativen Einleitung zum Band jedoch nicht angesprochen. Es handelt sich um die Lagerfriedhöfe, über die weder die Zeitzeugen noch die Archive genaue Auskunft geben. Vage Hinweise auf die Lage der Grabstätte finden sich u. a. auf einigen, für im KARLagverstorbene Häftlinge ausgestellten Totenscheinen, die in den Häftlingsakten abgelegt sind. Die  wenigen, heute z. B. in der Republik Kasachstan bekannten Grabfelder befinden sich in der Nähe der ehemaligen Lagerpunkte Dolinka, Malinovka und Spassk und werden deshalb als Orte des Gedenkens an alle Opfer des Terrors genutzt.  Die Herausgeber geben der Hoffnung Ausdruck, dass ihrer Edition weitere Recherchen in den Regionen der Russischen Föderation und in den ehemaligen Unionsrepubliken der UdSSR folgen werden. Einen Überblick über die bisher zur Geschichte einzelner Lagerkomplexe erschienene Literatur enthalten die Fußnote 5 der Einleitung zu Band 2 und die Fußnote 2 der Einleitung zu Band 3 sowie die Auswahlbibliographie in Band 7. Wenn auch eine genaue Situationsbeschreibung der Zugangsmöglichkeiten zu den vorhandenen, z. B. im Handbuch über das System der Besserungsarbeitslager erwähnten 318 staatlichen und Behördenarchiven, in denen Häftlingsakten bzw. eine Häftlingskartothek aufbewahrt werden, fehlt, ist ein erstes Zeichen gegeben, ein erster Schritt getan. Unbeantwortet bleibt die Frage nach dem Fotoarchiv der Hauptverwaltung Lager der OGPU, des NKVD bzw. des MVD.  Proteste und Widerstand im Gulag Für weiterführende Recherchen über Formen des Widerstandes von Gulag-Häftlingen in russischen Regionen enthält Band 6 ausgesprochen viele Anregungen. Die instruktive und die Debatte über den Gegenstand außerordentlich befördernde Einleitung fasst mehr als nur den bisherigen Kenntnisstand über Aufstände, Aufbegehren und Streiks in den Lagern zusammen (S. 28–38), vermittelt einen Überblick über die Quellenlage (S. 38–43) und skizziert die sich im Laufe der Jahre verändernden typischen Formen des Widerstandes. Aufgrund der sporadischen und dürren Editionen von Dokumenten zur Geschichte des Gulag und der Archivsituation konnte sich in Russland keine über die Faktologie und das Interpretieren veröffentlichter Dokumente hinausgehende seriöse Forschung entwickeln (S. 33). Die historiographische Fachterminologie, mit der die Thematik adäquat erfasst und auf den Begriff gebracht werden kann, ist ein nicht minder kompliziertes Thema, was Kozlov u. a. am Beispiel der Dissertation von Galina Ivanova über den Gulag[29] deutlich macht. Zum Häftlingswiderstand gehört auch der Widerstand von Häftlingen gegen den Widerstand ihrer Leidensgefährten, weil nur auf diesem Wege ihre Forderung nach Einhaltung des Haftregimes durch die Administration durchsetzbar war. Der Kampf um erträgliche Haftbedingungen war eine der Überlebensstrategien (S. 35).  Von Ende der 20er Jahre bis 1941 gelang es der Administration, jeglichen Protest zu unterbinden (S. 43–49), in den Kriegsjahren 1941–1945 teilte sich die Häftlingsgesellschaft in »Aufrührer« und »Patrioten« (S. 49–60). Nach dem Krieg änderte sich die Belegung der Lager gravierend. Kozlovspricht von »parasitärer Überbevölkerung« und geht auf den Kampf zwischen den einzelnen Gruppierungen  von 1945–1947 ein (S. 60–65). Die Zeitspanne Ende der 40er bis Anfang der 50er Jahre ist durch den »Krieg ehemaliger Krimineller« (suč’ja vojna) und die brutale Abrechnung mit dem jeweiligen Gegner (rubilovka) gekennzeichnet (S. 65–77). Die Aktionen, an denen sämtliche Häftlingskategorien beteiligt waren, untergruben die Rolle des Gulag als Wirtschaftsfaktor. Es ist, genau genommen, egal, unterstreicht Kozlov, welche Formen die Proteste annahmen, ob es sich um bewusste oder spontane Aktionen handelte. Das Entscheidende ist, dass es sie gab und sie von der Administration und der Parteiführung als Alarmsignal verstanden wurden (S. 26). In diese Zeit fällt die Herausbildung des Untergrundes in den Lagern und der Beginn der Aufstandsbewegung (S. 77–85). Das viele Aktionen aus den Sonderlagern überliefert sind, hängt mit der dort eingesperrten Häftlingskategorie zusammen. Mit der Organisation und Führung vertraute Politarbeiter der Roten Armee, Kollaborateure oder »Nationalisten« waren wie »neuer Wein in alten Schläuchen«. Dieser Wein reifte schnell und war, vor allem trifft das auf die Kollaborateure und Nationalisten zu, gegen die bei »Politischen« noch greifende Argumentation der Administration tabu. Die Massenproteste und Massenerhebungen im Gulag nach Stalins Tod beschleunigten den Zerfall des Lagersystems (S. 85–100). So plädiert Kozlov, anknüpfend an seine Studie über die Massenunruhen in der UdSSR unter Chruščev und Brežnev[30], für eine stärkere Berücksichtigung des Zusammenhangs von Widerstand in der UdSSR und im damaligen sozialistischen Lager (S. 31). Dieser »internationale Aspekt« sollte auch auf den Vergleich des sowjetischen Zwangsarbeitssystems mit dem in anderen Ländern praktizierten ausgedehnt werden.  Weitere ergänzende Gulag-Darstellungen  Neben der siebenbändigen Monumentaledtion ist noch auf zwei weitere neue Darstellungen des Gulag hinzuweisen. Zunächst kann der des Russischen nicht kundige Leser auf Oleg Chlevnjuks Band The History of the Gulag. From Collectivization to the Great Terror mit einer Einleitung von Robert Conquest zurückgreifen. Er stellt einen Versuch der Synthese dar und enthält 106 Dokumente, die auch in der Istorija Stalinskogo Gulaga enthalten sind. Chlevnjuk stellt die Entstehungsgeschichte und Planung des Gulag seit 1929, seine Entwicklung vor und während der Jahre des »Großen Terrors« sowie während der so genannten BerijaReformen nach 1938 dar. Der Autor untersucht das Verhältnis von Mobilisierung und Repression, stellt die Opfer des Zwangsarbeitssystems vor und kommentiert den »Preis des Terrors«.  Eine wesentliche inhaltliche Ergänzung bietet der Band von Aleksandr I. Kokurin und Ju. N. Morukov. Sie stellen der Gulag-Geschichtsschreibung mit Stalinskie strojki Gulaga weitere wichtige Quellen zur Verfügung. In drei ausführlich eingeleiteten und kommentierten Kapiteln publizieren sie deklassifizierte Dokumente aus dem GARF und dem RGAE (Russisches Staatsarchiv für Ökonomie) vor, die die Planung und Ausführung folgender »Großbauten des Kommunismus« zum Inhalt haben: 1. die Kanäle: Belomorsko-Baltijskij-Kanal (Dok. 1–16), Moskva-Volga-Kanal (Dok. 17–41), Volga-Don-Kanal (Dok. 42–66); 2. die Eisenbahnlinien BAM (Dok. 67–90), Severo-Pečorskaja železnodorožnajamagistral’ (Dok. 91–99), die Verbindung Naruški-Ulan-Bator (Dok. 100–103), die Verbindung Čum-Salechard-Igarka (Dok. 104–110); der Tunnel Tonnel’ pod Tatarskim prolivom (Dok. 111–115); 3. die Goldgewinnung auf der Kolyma (Dok. 116–127).  Die Darstellung muss lückenhaft bleiben, unterstreichen Kokurin und Morukov, da noch nicht alle Dokumente deklassifiziert sind. Gerade in Anbetracht dieser Tatsache ist hervorzuheben, dass es nur einige wenige Doppelungen (insbesondere bzgl. des Volga-Don-Kanalbaus) im Vergleich zum von Oleg V. Chlevnjuk herausgegebenen Band 3 gibt. Die von Kokurin und Morukov aufgenommenen Dokumente – neben Befehlen des NKVD vor allem Beschlüsse des Rates für Arbeit und Verteidigung bzw. des Rates der Volkskommissare – sind so ausgewählt, dass sich beide Bände ergänzen. Der Anhang enthält außer einer Aufstellung der Administration der für die Durchführung der Baumaßnahmen zuständigen Verwaltungen Glavgidrostroj (Hauptverwaltung Wassserkraftwerksbau), GULŽDS (Hauptverwaltung der Lager für Eisenbahngleisbau) und Dal’stroj, biographische Skizzen ihrer Leiter und Stellvertreter sowie eine Übersicht über die Häftlingsbelegung und -bewegung innerhalb von 30 Besserungsarbeitslagern dieser Struktureinheiten. Für die Jahre der Existenz der Lager sind nun die statistischen Angaben über den Häftlingsbestand, die auf Transport geschickten Häftlinge, die entlassenen Häftlinge, die Sterberate und die Fluchten verfügbar.  Neben diesen statistischen Angaben liegen für zwei der die Arbeitskräfte bereitstellenden Besserungsarbeitslager – das Belomorsko-Baltijskij ITL[31] und das DMITLag (Dmitrovskij lager’)[32] – Erschießungslisten vor, die Rückschlüsse auf die Häftlingsgesellschaft ermöglichen. Partei und NKVD im Gulag Abschließend soll auf ein während der Arbeit im KARLag-Archiv deutlich hervorgetretenes und in der vorliegenden Edition kaum (oder wie im Band 6 eher verklausuliert) aufgegriffenes Forschungsfeld hingewiesen werden. Es ist heute im Hinblick auf das knappe Dutzend der fast 30 Jahre lang in der UdSSR bestehenden Lagerkomplexe, zu denen u. a. das KARLag und das SIBLag gehörten, möglich, nicht nur die Umsetzung der jeweiligen politischen Vorgabe durch die »Organe«, sondern stets auch den diese Umsetzung begleitenden Prozess der parteiinternen Debatte aufzuzeigen. Die Lageradministration verfügte über einen großen Spielraum, hebt Kozlov in der Einleitung zum Band 6 hervor. Er belegt diese Aussage mit Dokumenten, die in der 3. Abteilung des NKVD entstanden. Auffällig ist, dass in diesem und den anderen Bänden der Edition Dokumente der Politabteilung eine eher untergeordnete Rolle spielen.  Wenn schon von Konflikten und Spielräumen die Rede ist, dann müssen auch alle diese Konflikte austragenden Seiten und die Austragungsorte benannt werden. Zu letzteren gehören u. a. die in den »Langzeitbesserungsarbeitslagern« zwischen Berijas Amtsübernahme und der Auflösung der Lager regelmäßig durchgeführten Parteikonferenzen der KPdSU(B). Ihre Auswertung ist ein erster Schritt zur noch ausstehenden Untersuchung der Anleitung und Führung des NKVD durch die KPdSU(B).  Ausgesprochen informativ sind die Berichte der Mandatsprüfungskommissionen, die im Rahmen der 19 Parteikonferenzen der Parteiorganisation der KPdSU (B) im KARLag von 1939 bis 1960 erarbeitet wurden. Sie geben Aufschluss über Alter, Nationalität, soziale Herkunft, Bildungsgrad, Dienststellung, Lagerabteilungen, Funktionen und Dienstalter der Parteimitglieder. Die Anzahl der Grundorganisationen stieg von 17 mit 500 Mitgliedern im Jahre 1939 auf 25 Grundorganisationen mit 1231 Mitgliedern im Jahre 1953.  In der Struktur der Hauptverwaltung existierte ein speziell hierfür geschaffener Mechanismus – die Politische Abteilung. Ihr Leiter unterstand, ebenso wie der Leiter der 3. Abteilung der Lageradministration, nicht dem Kommandanten des Besserungsarbeitslagers, sondern direkt der Hauptverwaltung Lager in Moskau. Außerdem übte der Leiter der Politabteilung die Funktion des Sekretärs der Grundorganisation der KPdSU(B) des Lagers aus und war somit der »politische Vorgesetzte« des Kommandanten. Dem Kommandanten oblag die Entscheidung über die Auflösung des permanenten Konfliktes zwischen seinen zwei Stellvertretern. Die übermächtige 3. Abteilung – so das Beispiel KARLag – plante und organisierte u. a. den Sturz des Lagerkommandanten. Unter Berija verlor sie gegenüber der Politabteilung an Einfluss. In Anbetracht der Tatsache, dass die Akten der Politabteilung nicht in den Behördenarchiven verblieben, sondern zur Aufbewahrung an die ehemaligen Parteiarchive übergeben wurden, gestaltet sich der Archivzugang einfacher, und vergleichende Analysen einzelner Lagerkomplexe bieten sich direkt an. Bezieht man nicht nur die Hauptverwaltung Lager, sondern auch die einzelnen Lager in die Analyse ein, ist es oft sehr kompliziert, Gründung und Auflösung dieser Einrichtungen genau zu bestimmen. So fand z. B. die letzte Parteiaktivtagung der Parteiorganisation des KARLag 1960 statt. Zu diesem Zeitpunkt existierte dieser Lagerkomplex aber längst nicht mehr. Einen genauen Auflösungstermin des Gulag zu nennen, sehen sich die Herausgeber von Band 4 außerstande. Da das Mittel der politischen Repressionen auch unter Chruščev beibehalten und gegen neue Zielgruppen in Anwendung gebracht wurde, sprechen die Herausgeber des Bandes 4 davon, dass der »stalinsche Gulag« in seiner reinen Form und in seiner Dimension in der zweiten Hälfte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts »aufhörte zu existieren« (S. 41). [1]    Gulag. Glavnoe upravlenie lagerej 1918–1960. Dokumenty [Gulag. Die Hauptverwaltung Lager 1918–1960. Dokumente]. Hrsg. von Kokurin, A. I./Petrov, N. V. Redaktion: A. N. Jakovlev. Moskau 2000. Siehe auch die Rezension zu diesem Buch von Wladislaw Hedeler in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 52 (2004) H. 3, S. 455–456.   [2]  Iwanowa, Galina: »Verdächtige Personen sind in ein Konzentrationslager einzusperren …« In: Berliner Debatte Initial 9 (1998), H. 5, S. 77–84; Dies.: GULag und StalinscheRepressio- nen nach dem Zweiten Weltkrieg (Teil 2), in: Berliner Debatte Initial 10 (1999), H. 1, S. 102– 112. [3]  Gorčeva, A.: Pressa Gulaga 1918–1955 [Die Presse des Gulag 1918–1955], Moskau 1996. [4]  Art and Life in the Gulag. »Memorial« Society Museum Catalogue, Moskau 1998. [5]  Chlusov, M. (Hrsg.): Ėkonomika Gulaga i ee rol’ v razvitii strany 1930-e gody. Sbornik dokumentov [Die Wirtschaft des Gulag und ihre Rolle für die Entwicklung des Landes. 1930er Jahre. Dokumentensammlung], Moskau 1998. [6]  Vilenskii, S. u. a. (Hrsg.): Deti Gulaga. Dokumenty 1918–1956 [Die Kinder des Gulag. Dokumente 1918–1956], Moskau 2002. [7]  Petrov, N./Skorkin, K.: Spravočnik. Kto rukovodil NKVD 1934–1941 [Handbuch. Wer leitete das NKVD 1934–1941], Moskau 1999. [8]  Smirnov, M. (Hrsg.): Sistema Ispravitel’no-trudovych lagerej v SSSR 1923-1960. Spravoč- nik, [Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR 1923–1960. Handbuch], Moskau 1998. [9]  Brodskij, Jurij: Solovki. Dvadcat’ let Osobogo Naznačenija. [Solovki. Zwanzig Jahre zur Besonderen Verwendung], Moskau 2002. [10]  Gor’kij, M./Averbach, L. L./Firin, S. G. (Hrsg.): Belomorsko-Baltijskij Kanal imeni Stalina. Istoria stroitel’stva. [Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal. Die Geschichte seiner Errichtung], Moskau 1934. [11]  Kizny, Tomasz: Gulag, Hamburg 2004. [12]  Smirnov, M. B. (Hrsg.): Sistema Ispravitel’no-trudovych lagerej v SSSR 1923-1960. Spravočnik [Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR 1923–1960], Moskau 1998. [13]  Die genannten Findmittel erschienen in der vom GARF herausgegebenen Reihe Archiv novejšej istorii Rossii. Herausgeber waren ebenfalls V. A. Kozlov und S. V. Mironenko. [14]  Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgesellschaft gefördert. [15]  Reabilitacija – kak ėto bylo. Dokumenty Prezidiuma CK KPSS i drugie materialy [Rehabilitierung – wie es war. Dokumente des Präsidiums des ZK der KPdSU und andere Materialien]. 3 Bde, Moskau 2000–2004. Die Bände behandeln den Zeitraum 1953 bis 1991. [16]  Sondertribunale mit zwei oder drei Mitgliedern. [17]  Tragedija sovetskoj derevni. Kollektivizacija i raskulačivanie. Dokumenty i materialy v 5 tomach. [Die Tragödie des sowjetischen Dorfes. Kollektivierung und Entkulakisierung. Dokumente und Materialien in 5 Bänden], Moskau 1999–2005. Der zweite Halbband von Band 5 ist noch nicht erschienen. Siehe auch Sovetskaja derevnjaglazami VČK-OGPU-NKVD. Dokumenty i materialy v 4 tomach [Das sowjetische Dorf mit den Augen der VČK-OGPUNKVD. Dokumente und Materialien in 4 Bänden], Moskau 1998–2004.  [18]  Zu den neuesten Publikationen zum Thema gehört Gil’di, L. A.: Sud’ba »social’no-opasnogo« naroda. Zasekrečennyj genocid finnov v Rossii i ego posledstvija 1930–2002 gg. [Das Schicksal eines »sozial-gefährlichen« Volkes. Der geheim gehaltene Völkermord an den Finnen in Russland und seine Folgen 1930–2002], St. Peterburg 2003. [19]  Siehe dazu McLoughlin, Barry: »Vernichtung des Fremden«. Der »Große Terror« in der UdSSR 1937/38. Neue russische Publikationen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2000/2001, S. 50–88. [20]  Chaustov, V./Naumov, V./Plotnikov, N. (Hrsg.): Lubjanka. Stalin i VČK-OGPU-NKVD janvar’ 1922 – dekabr’ 1936. Dokumenty [Lubjanka. Stalin und die VČK-OGPU-NKVD Januar 1922 bis Dezember 1936. Dokumente], Moskau 2003; Dies. (Hrsg.): Lubjanka. Stalin i Glavnoe Upravlenie Gosbezopasnosti NKVD 1937–1938. Dokumenty [Lubjanka. Stalin und die Hauptverwaltung Staatssicherheit des NKVD 1937–1938. Dokumente], Moskau 2004.  [21]  Roginskij, Arsenij: Posleslovie [Nachwort], in: Rasstrel’nye spiski. Moskva 1935–1953. Donskoe kladbišče (Donskoj krematorij) [Erschießungslisten. Moskau 1935–1953. DonskojFriedhof (Donskoj-Krematorium)], Moskau 2005, S. 566.  [22]  Petrov/Skorkin: Spravočnik (Anm. 7).  [23]  Berdinskich, Viktor: Vjatlag, Kirov 1998. [24]  Klimovič, Rygor: Konec Gorlaga [Das Ende von Gorlag], Mensk 1999; Markova, E. V. u. a.: Gulagovskie tajny osvoenija severa [Gulag-Geheimnisse bei der Erschließung des Nordens], Moskau 2002. Das Buch handelt von Vorkuta. [25]  Snegov, Sergej: Jazyk, kotoryj nenavidit [Die Sprache, die hasst], Moskau 1991; Abramkin, V. F./Česnokova, V. F.: Tjuremnyj mir glazami politzaključennych 1940–1980-e gody [Die Gefängniswelt mit den Augen politischer Gefangener 1940–1980], Moskau 1998. [26]  Jakobson, Michael u. Lidija: Pesennyj fol’klor Gulaga kak istoričeskij istočnik (1917–1939) [Das Liedgut des Gulag als historische Quelle (1917–1939)], Moskau 1998; Dies.: Pesennyj fol’klor Gulaga kak istoričeskij istočnik (1940–1991) [Das Liedgut des Gulag als historische Quelle (1940–1991)], Moskau 2001. [27]  Potapov, S. M.: Slovar’ žargona prestupnikov (blatnaja muzyka) [Wörterbuch des Verbrecherjargons (Rotwelsch)] Moskau 1927 [Reprint 1990]. [28]   Vilenskij, S. S.: Poėzija uznikov Gulaga. Antologija [Die Poesie der Gulag-Häftlinge. Eine Anthologie], Moskau 2005. [29]  Ivanova, Galina: Gulag v sisteme totalitarnogo gosudarstva [Der Gulag im System des totalitären Staates], Moskau 1997. [30]  Kozlov, V. A.: Massovye besporjadki v SSSR pri Chruščeve i Brežneve (1953–načalo 1980-ch gg). [Massenunruhen in der UdSSR unter Chruščev und Brežnev (1953 bis Anfang der 1980er Jahre)], Novosibirsk 1999. [31]  Ostannja adresa. Do 60-riccja solovec’koi tragedii. [Die letzte Adresse. Zum 60. Jahrestag der Solovecker Tragödie]. 3 Bde., Kiew 1997–1999. [32]  Die Bände 2–6 der Ausgabe von Butovskij poligon 1937–1938 enthalten im Anhang den Martirolog des Dmitlag NKVD SSSR. Butovskij poligon 1937–1938. 7 Bde., Moskau 1997– 2003. Beiträge zur Geschichte des Dmitlag enthalten die hier vorgestellten Bände 2, 4 und 7 sowie der Band Butovskij poligon. V rodnom kraju. Dokumenty, svidetel’stva, sud’by … [Der Schießplatz Butovo. Im Heimatbezirk. Dokumente, Zeugnisse, Schicksale …], Moskau 2004. Siehe darin insbesondere der Beitrag von Fedorov, N.: Strana »Dmitlag« [Das Land »Dmitlag«], in: ebenda, S. 219–260.  

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Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung

Vol. XII (2006) no 19 Printed with support of The Mannheim Center for European Studies (MZES),  University of Mannheim, Germany Executive Editor: Bernhard H. Bayerlein, Köln-Cologne/Mannheim     Editorial Board/Correspondents:  Aldo Agosti (Torino) agosti@cisi.unito.it, Leonid Babicenko (Moscow), Claus Baumgart (Leipzig) Douaiado@aol.com, Lars Björlin (Stockholm) lars.bjorlin@swipnet.se, Cosroe Chaqueri (Paris), Sonia Combe (Paris) Sonia.Combe@u-paris10.fr, Putnik Dajic (Belgrade) putnikd@eunet.yu, Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds) Gerard.Donze@ne.ch, Jean-François Fayet (Geneva) jeanfrancois.fayet@lettres.unige.ch, Jan Foitzik (Berlin) foitzik@ifz-muenchen.de, Maria Goretti Matías (Lisboa), José Gotovitch (Bruxelles) jgotovit@ulb.ac.be, Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta) sovanlal@vsnl.net, Gabriella Hauch (Linz) Gabriella.Hauch@jk.uni-linz.ac.at, John Haynes (Washington) jhay@loc.gov, Victor Heifets (St. Petersburg) world@rosbalt.ru, Gerd-Rainer Horn (Coventry) g.r.horn@hud.ac.uk, Peter Huber (Geneva) Peter.Huber@unibas.ch>, Fritz Keller (Vienna) ug@ug-oegb.at, Klaus Kinner (Leipzig) RosaLuxemburg-Stiftung.Sachsen@t-online.de, Todor Kuljic todorunbg@ptt.yu, Avgust Lesnik (Ljubljana) avgust.lesnik@guest.arnes.si; Roland Lewin (Grenoble) infodoc@iep.upmf-grenoble.fr, Marcel van der Linden (Amsterdam) mvl@iisg.nl, Aurelio Martin Najera (Madrid) fpi@infornet.es, Kevin McDermott (Sheffield) K.F.McDermott@shu.ac.uk, Barry McLoughlin (Vienna) barry.mcloughlin@chello.at, Kevin Morgan (Manchester) Kevin.Morgan@man.ac.uk, Jorge Nóvoa (Salvador, Bahia) crisnova@ufba.br, oficihis@ufba.br, Alexander Pantsov (Columbus, Ohio) apantsov@capital.edu, Maria de Fátima Patriarca (Lisbon), José Pacheco Pereira (Lisbon-Brussels) estudossobrecomunismo@yahoo.com, Tauno Saarela (Helsinki) tauno.saarela@helsinki.fi, Wolfgang Schlott (Bremen) schlott@osteuropa.uni-bremen.de, Daniela Spenser (México DF) spenser@servidor.unam.mx, Dubravka Stajic (Belgrade) ies@eunet.yu, Brigitte Studer (Berne) brigitte.studer@hist.unibe.ch, Frantisek Svátek (Prague) frantisek.svatek@cuni.cz, Carola Tischler (Berlin) Carola.Tischler@Geschichte.HU-Berlin.de, Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main) rtosstorff@hotmail.com, Feliks Tych (Warsaw) tych@it.com.pl, Berthold Unfried (Vienna) berthold.unfried@univie.ac.at, Zdenek Vasicek (Prague) vasicek@bet.iline.cz, Aleksandr Vatlin (Moscow) vatlin@mail.sitek.ru, Gerrit Voerman (Groningen) voerman@ub-mw.ub.rug.nl, Marc Vuilleumier (Genève) mvuilleu@cui.unige.ch, Markus Wehner (Moskau), Rolf Wörsdörfer (Darmstadt) reinecke@pg.tu-darmstadt.de, Serge Wolikow (Dijon) Serge.Wolikow@wanadoo.fr   Advisory Board: Prof. Dr. Siegfried Bahne, Bochum; Prof. Dr. Marjan Britovsek, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué, Grenoble; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Rein van der Leeuw, Amsterdam; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris-Berlin; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim   Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Universität Mannheim, Postfach, 68 131 Mannheim, Germany  Postal Adress: Arnulfstr. 14, 50937 Köln/Cologne, Germany Phone: 0049 (0) 221/42 27 06 – Fax: 0049 (0) 221/42 28 66 E-Mail: Dr.Bayerlein@Uni-Koeln.de – Bernhard.Bayerlein@mzes.uni-mannheim.de Homepage: http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/JHK-news. Table of Contents Section I: The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies. Selected Items. •    Communist History Network Newsletter, Manchester. •    Estudos sobre o Comunismo, Lisbon. •    HNet Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington D.C. •    International Institute of Social History. News Service, Amsterdam. •    Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Stiftung Aufarbeitung der DDR- Diktatur, Berlin.    Section II: Archival Problems, Files, Institutions, Projects. •    Comintern online Update: Neue Digitalisierte Fonds des Kominternarchivs im WEB Microfilms à la BDIC sur l’histoire soviétique (Jean-François Fayet): Inventaires du RGANI, RGASPI et GARF: Everyday Stalinism. Living Standards, Norms and Values of Various Groups of Soviet People in the 1920s and 1930s; The Cold War and the Central Committee 1941-1990. •    The Abraham Lincoln Brigade Archives at The Tamiment Library, New York. •    The Records of the Communist Party of Austria at Vienne (Alfred Klahr Gesellschaft). •    The Social History Collection of the Sejm Library, Warsaw. •    New coverage of the Archives of Italian CP (Fondazione Antonio Gramsci, Rome). •    The Victor Serge Library, Moscow. •    The records of the Finnish Communist Party at The People’s Archives, Helsinki.  •    Pierre Broué Archives and Library, Grenoble •    Comprehensive Guides to contemporary History of the GDR and Eastern Europe. •    Communist Party of Sudan Collection (1970-2003) at the IISH, Amsterdam. •    The Central and Eastern European Online Library (C.E.E.O.L.) • Archives of the Socialist Unity Party of Germany (SED). New Web Portal. •    ViFaOst - Virtual Library for East European Studies.   Section III: Projects – Work in progress. •    Ulrich Eumann, Cologne: Eigenwillige Kohorten der Revolution. Diss. zur Sozialge-schichte der KPD. •    Mathieu Denis, Berlin: German Labor in the Revolution and Unification. The Paradox of Continuity. •    Unpublished Russian Dissertations. •    Die Projekte der Deutsch-Russischen Historikerkommission.     Section IV: Materials for Biographical, Regional and Institutional Studies •    Dmitrij J. Moiseenko, Gleb Albert, Bernhard H. Bayerlein: Jimmy, Jacob oder Dmitrij. Portrait einer Kominternfamilie. Section V: New Publications – Reports and Reviews. •    The political biography of Álvaro Cunhal, by José Pacheco Pereira, vol. III: 1949-1960. •    Sobhanlal Datta Gupta: Comintern and the destiny of communism in India. •    Stalin: Revolutionary in an Era of War, by Kevin McDermott. •    Frank Schauff: Der verspielte Sieg. Sowjetunion, Komintern und Spanischer Bürgerkrieg.  • Natalja Mussijenko, Alexander Vatlin: Schule der Träume. Die Karl-Liebknecht-Schule (Kurt Schilde). •    Kurt Schilde: Dagmar Schulte: Need and care. Glimpses into the Beginnings of Eastern Europe’s professional welfare. Kurzpräsentation.   Section VI: Meetings, Conferences and Events Concerning Communist Studies 2005/2006.   Section VII: The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2005.   Section VIII: Directory of Periodicals for Historical Communist Studies and Connected Areas: Conventional, Electronic Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins.   Section IX: Links-Links-Links. Updates of Interesting Websites for Communist Studies.   Section X: Miscellaneous, Personalia. •    Pierre Broué (1926-2005), Historian of international communism and member of the Newsletter Board.  •    Stipendien des Deutschen Historischen Instituts, Moskau •    Isaac and Tamara Deutscher Memorial Price 2005 Section I:  The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New Issues. Selected Items COMMUNIST HISTORY NETWORK NEWSLETTER, MANCHESTER, U.K. http://les1.man.ac.uk/chnn/   Issue 18, 2005: Announcements of conferences, books and reviews: •    The Comintern and Indian Communism by Sobhanlal Datta. • Latin American Biographical Dictionary: Edited by Lazar S Jeifets, Victor L Jeifets and Peter Huber. • Geoff Andrews, Endgames and New Times: The Final Years of British Communism 1964-1991, by David Purdy. • Kevin Morgan, Gidon Cohen and Andrew Flinn, Agents of the Revolution: New Biographical Approaches to the History of International Communism in the Age of Lenin and Stalin, by Gavin Bowd. • Jean-François Fayet, Karl Radek (1885-1939): Biographie politique, by Kevin Morgan. • Neil Redfern, Class or Nation: Communists, Imperialism and Two World Wars, by Geoffrey Roberts. • Reiner Tosstorff, Profintern: Die Rote Gewerkschaftsinternationale 1920–1937, by Norman La Porte.   ESTUDOS SOBRE O COMUNISMO, Lisboa, PORTUGAL http://estudossobrecomunismo.weblog.com.pt/   June 2005: Secção Biografias / Vidas: • José Pacheco Pereira: Um inédito de Cunal. • Propaganda anticomunista em Loulé (1947). Secção Fontes: • Para a história da Comissão portuguese para as relações culturais europeias. Secção Estudos: José Pacheco Pereira, „Cunhal e Galvão entre assassinos, ladrões e violadores“, Público, 14/6/2005. Secção Bibliografia: Nicolas Naif, L’eurocommunisme en Belgique : crises et débats autour d’une voie belge au socialisme, 19541982, Bruxelles, CArcob / CHSG, 2004. • Bibliografia Gramsciana. Secção Biografias / Vidas: Morte de Corino de Andrade. • Materiais sobre Alvaro Cunhal. • Morte de Alvaro Cunhal (1913- 2005). • Novo sítio sobre a Guerra civil espanhola e as Brigadas internacionais.   July 2005: Secção Biografias / Vidas: António Jacinto Pascoal – Alvaro Cid: Um heroi discreto de Monforte. • Júlia Coutinho – José Dias Coelho – Breve cronologia perssoal e afluentes. • Júlia Coutinho – José Dias Coelho. A coeerencia do ser e do fazer. Secção Arquivos: Novo director do IAN/ Torre do Tombo. Secção Bibliografia: • Livro sobre o 18 de janeiro no Barreiro. Vanessa de Almeida, Um momento de viragem - do 18 de Janeiro de 1934 ao hastear da Bandeira Vermelha em 1935, Edição da CMB, Departamento de Educação e Cultura. Secção: Estudos locais: • “Passeios Alves Redol“ em Vila Franca de Xira. Secção Biografias/Vidas: • Congresso internacional no centenário de Fernando Lopes-Graça. O artista como intelectual.   September 2005: Secção Fontes: • Dois documentos para a história da oposição no Porto. • Colóquio sobre a imprensa comunista e radical (Bruxelas, 21-2 de Outubro de 2005). Secção Biografias / Vidas: • Morte de Vaco Cabral (1926-2005). Secção: Bibliografia. • Alvaro Cunhal – Biografía política III, O Prisoneiro (1949-1960). October 2005: Secção Iconografia: • Fotografías (inéditas?) de fuzilamentos na guerra civil espanhola, versão actualizada. Secção Biografias / Vidas: • Atilano Jorge dos Reis Ambrósio („Jorge Réis“) (1926-2005). Secção: Bibliografia: • Bibliografia sistemática sobre o PCP, os movimentos comunistas e radicais e a oposição política e social até 25 de Abril de 1974 (em organização) – Parte I – VII.   November 2005: Secção Bibliografia: • Biografia política de Alvaro Cunhal III volume sobre os anos da prisão (1949-1960). Secção: Vários. Série televisiva Até Amanhã Camaradas em DVD. • Novo livro de Fernando Vieira de Sá, Ecos do México - Da História e da Memória, terceiro volume das suas memórias editadas pela Moinho de Papel - Livros e Multimédia, Lda.   December 2005: Secção Bibliografia: • Bibliografia sobre o PCP e a oposição – 2005. Secção Biografias / Vidas: • Comemorações do centenário de Fernando Lopes-Graça. • Notícias e materiais associados ao centenário de Ruy Luís Gomes. Secção Iconografia: • Actividades da oposição durante a campanha eleitoral de novembro 1957. Secção Biografias / Vidas:  • Centenário do nascimento de Ruy Luis Gomes. Secção Biografias / Vidas: • Selo comemorativo de Alvaro Cunhal.   HNet Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism. This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. Contributions to the list editor: H-HOAC-ED-JEH haynes@MAIL.H-NET.MSU.EDU. Website: http://www.h-net.org/~hoac/.   International Institute of Social History. News Service.  Once a month IISH sends out a table of contents of news items published on the IISH website, see: listserv@iisg.nl.   April 2005: • http://www.joodsmonument.nl/index.php?lang=en. Digital monument to the Jewish community in the Netherlands 1940-1945. • http://www.iisg.nl/~womhist/sands-list.html. New discussion list to promote scholarly work on socialism and sexuality. • http://www.iisg.nl/publications/respap44.pdf. Research paper: Urban households in Russia and the Soviet Union 1900-2000’.• http://www.iisg.nl/collections/harmsen.html. About the archive of Ger Harmsen at the IISH (on the occasion of his death in April 2005. May 2005: • http://www.iisg.nl/collections/may68/ A dozen posters from the May ‘68 student movement in Paris.• http://www.tseg.nl/ New issue of TSEG: content and summaries (summaries in English). • http://www.iisg.nl/friends/meeting.html. Eleventh biannual meeting of Friends of the IISH. • http://www.iisg.nl/~staatsarchief/index.php. Website of the Staatsarchief’(squatters’movement) updated. • http://www.iisg.nl/hpw/data.html#babylon. Commodity prices in Babylon 384-61 B.C. added to `Historical Prices and Wages’. •   http://www.iisg.nl/~hsn/news/hsnzeeland.php. HSN conference on life courses of the inhabi-tants of Zeeland.  •   June 22-24, 2005: Summer History Workshop, Organized by International Centre for Russian Studies in Moscow.  July and August 2005: • http://www.iisg.nl/collections/sudan.php. Brief presentation of the archives of the Communist Party of Sudan. 1970-2003. • http://www.iisg.nl/research/illegallicit.php. Research programme on transnational flows of poor people in Asia by Willem van Schendel • http://www.iisg.nl/archives/en/files/i/10751882.php. Inventory of the International Sociological Association archives. • http://www.iisg.nl/collections/louisemichel/ Presentation of documents and pictures from Louise Michel’s papers. (1830-1885) (in French also). • http://labourhistory.net/stockholm1917/index-en.php. 148 original documents and photographs on the Stockholm Peace Conference 1917.  October 2005: • http://www.iisg.nl/today/en/03-10.php. October in ‘Today in History’: ‘There are no Jews in Morocco’ (3 October 1940). November 2005: • http://www.iisg.nl/publications/1-57181429-9.php. Kevin Murphy, author of ` Revolution and Counter Revolution’ (2005) wins Deutscher Memorial Prize. • http://www.iisg.nl/news/rethinkinglabour.php. Rethinking Labour from a Global Perspective’ Conference and Opening Lecture by Marcel van er Linden •   http://www.iisg.nl/publications/0-253-34669-x.php. New Publication: ` Illicit Flows and Criminal Things’… by Willem van Schendel a.o. (eds). December 2005: • http://www.iisg.nl/publications/905260-190-9.php. Publication on the occasion of IISH’s 70th anniversary: ‘Images of Aspiration’ by Huub Sanders.  January 2006: • http://www.iisg.nl/news/russiaresearch.php. New Research Project: Economic and Social Agency as a Legacy of the Soviet Period. • http://www.iisg.nl/publications/rshy/2004contents.php. Contents and summaries of the Russian Social History Yearbook 2004. • http://www.iisg.nl/news/maoist.php. Workshop `Maoist Insurgencies in Asia and Latin America’. • http://www.iisg.nl/news/cfp-ilo.php. Conference: Past and Presence of the International Labour Organization.   LONDON SOCIALIST HISTORIANS GROUP NEWSLETTER - IRSH@IISG.NL. LONDON SOCIALIST HISTORIANS GROUP http://www.londonsocialisthistorians.org/    Issue 26: Lent 2006 Articles: • Editorial, 1956 and All That. • Ian Birchall, Writing Socialist Biography. • John Charlton, A truly mass demonstration unearthed: Newcastle October 1819. • Keith Flett, review of Barry Johnson, Nine Days That Shook Mansfield. Seminars and conferences: • New Socialist Approaches to History. • Writing Class: Representations of Working-Class Spaces in Modern Britain. • Children’s Literature - some Marxist Perpectives.   Issue 25: Autumn 2005 Articles: • Louise Raw, A Match to fire the docks: the Bryant and May strike reconsidered. • Nik Howerd, When did Japan become an imperialist nation? • Neil Rogall, review of Ian Birchall, Sartre Against Stalinism. • Pete Glatter, The Russian Revolution of 1905. • News item, Call for papers, 1956. Seminars: • New Socialist Approaches to History.   AKTUELLES AUS DER DDR-FORSCHUNG. EIN NEWSLETTER DER STIFTUNG ZUR AUFARBEITUNG DER SED-DIKTATUR, BERLIN. REDAKTION: ULRICH MÄHLERT http://www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php.   Die Newsletter sind Mitteilungen zum Stand der aktuellen DDR-Forschung und erscheinen seit 1994 dreimal jährlich in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Redaktion: Dr. Ulrich Mählert. Die in den Newslettern angegebenen Projektmeldungen verzeichnen zum Erscheinungszeitpunkt geplante, laufende und abgeschlossene Projekte. Newsletter und Projektmeldungen können aus dem Internet heruntergeladen werden. Newsletter 1/2005: Zeitgeschichte im World Wide Web: • Die Stasi 1989 – online. • Geschichte transnational. • Zeitgeschichte international. Ausstellungen und Museen: Deutsches Historisches Museum, Berlin: Ausstellung „1945 – Der Krieg und seine Folgen. Kriegsende und Erinnerungspolitik in Deutschland“. • Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst: Sonderausstellung „Triumph und Trauma. Sowjetische und postsowjetische Erinnerung an den Krieg 1941-1945“ (5. Mai bis 28. August 2005). • Wanderausstellung „Wo das Unrecht alltäglich ist, wird Widerstand zur Pflicht – Opposition und Widerstand in der DDR unter besonderer Berücksichtigung Thüringens“, Stiftung Ettersberg, Weimar. • Wanderausstellung „Polen und Deutsche gegen die kommunistische Diktatur“, Stiftung Ettersberg, Weimar, Institut des Nationalen Gedenkens (IPN), Konrad-Adenauer-Stiftung, www.stiftung-ettersberg.de. Publikationen: • MfS-Handbuch „Anatomie der Staatssicherheit. Geschichte, Struktur, Methoden“. Archive und Bibliotheken: • Protest, widerständiges Verhalten und Opposition gegen die SED-Herrschaft 1961-1989/90. Archivübergreifender Bestandsnachweis der Zeitzeugnisse im Internet, Stiftung Aufarbeitung, Robert-Havemann-Archiv. • Unbekannte Film- und Fotodokumente zum Kriegsende und zur sowjetischen Besatzungsherrschaft in Deutschland. • XVI. Bautzen-Forum: Opfer und Täter der SED-Herrschaft. Lebenswege einer Diktatur, u. a. mit Joachim Gauck und Pavel Kohout. • 3.5.11.2005- Workshop des ZZF Potsdam „Europa im Ostblock“. • „Stalinismus. Fragen an ein europäisches Thema“. Vortragsreihe des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam. • Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“ von Ines Geipel und Joachim Walther. • Konferenz „Der Helsinki-Prozess und der Zusammenbruch des Kommunismus“, 5.-7.6.2005 u.a. mit dem Tschechoslowakischen Dokumentationszentrum in Prag. Sonstiges: • Stipendienprogramm 2006 der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.   Newsletter 2/2005: Publikationen: • Artikel von Siegfried Lokatis „Ein heimlicher Stalin-Diskurs in der DDR. Die Zensur sowjetischer Kriegsromane beim Verlag ‚Volk und Welt’“. Archive und Bibliotheken: • Webportal SED-Archivgut seit Mai 2005 online, eine Zusammenarbeit der Landes- und Staatsarchive der neuen Länder, der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv und des Landesarchivs Berlin. • Online-portal Central and Eastern European Online Library (C.E.E.O.L.). Publikationen: • „Vom Wert der Freiheit“, Tagungsband des 8. Kongresses der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und der Stiftung Aufarbeitung. • Kongress „Zivilcourage und Kompromiss. Bausoldaten in der DDR 1964 – 1990“ im September 2004. Tagungsband des Robert-Havemann-Archivs.   Newsletter 3/2005: Ausstellungen und Museen: • Ausstellung „Flucht – Vertreibung – Integration“ (Dezember 2005 - April 2006), Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. • Wanderausstellungsprojekt des Fördervereins „Blindes Vertrauen e. V.“ zur Geschichte des jüdischen Kinderheims in der SBZ/DDR in Berlin-Niederschönhausen 1945-1953“. Publikationen. • Film der T&G Films, MDR, WDR, Phoenix, 3Sat: „4 Schüler gegen Stalin – Eine Nachkriegsgeschichte aus Altenburg“. • Vademecum Contemporary History Hungary“ der Stiftung Aufarbeitung in Zusammenarbeit mit dem Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution. • Vademekum Contemporary History in Czech Republic in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte Prag. Archive: • SAPMO-Bundesarchiv: • Bestand Ministerium für Kultur (DR1), Teilbestand Sekretariat des Ministers Johannes R. Becher. • Neue Findbücher aus dem Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft. Sonstiges: Projektverbund Zeitgeschichte, Potsdam. Koordinierung: Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF).   Section II:      Archival Problems, Files, Institutions, Projects.   Comintern online Update: Neue Digitalisierte Fonds des Kominternarchivs im WEB.   Microfilms à la BDIC sur l’histoire soviétique - acquisition et mise à disposition.  Rapport de Jean-François Fayet, Correspondant de la Newsletter, Genève   En 2002, la BDIC (Bibliothèque de documentation internationale contemporaine, Nanterre, France) a acquis un ensemble important de microfilms, portant sur l’histoire soviétique, dont la description détaillée nous a été transmise par Geneviève Dreyfus, conservatrice en chef, et est jointe ci-dessous. Il s’agit de quatre ensembles de documents. •  Très nombreux inventaires du RGANI, RGASPI et GARF; •  Ensemble de documents autour de la thématique „Everyday Stalinism. Living Standards, Norms and Values of Various Groups of Soviet People in the 1920s and 1930s“ •  Ensemble de documents autour de la thématique „The Cold War and the Central Committee“. • Plénums du Comité central du Parti, 1941-1990 Les microfilms sont désormais consultables à la BDIC.   I. Projet Hoover, microfilms Chadwyck-Healey: Inventaires (opisi) du RGANI, RGASPI et GARF. •  L’ambitieux projet piloté par le Hoover Institute (à la suite d’un accord conclu en 1992) se com-pose de deux parties : le premier volet a consisté à microfilmer les inventaires de trois centres d’archives, le second à microfilmer des documents d’archives eux-mêmes. C’est le premier volet dont nous avons fait l’acquisition. Les trois centres sont d’une part les deux centres d’archives de Moscou qui se répartissent les archives centrales du Parti communiste de 1917 à 1991 (RGASPI et RGANI), ainsi que le Centre des Archives d’État (GARF) qui regroupe essentiellement les archives d’État de l’URSS et de la RSFSR de 1917 à 1991. Ainsi, ce sont trois des quatre principaux centres d’archives de l’URSS qui sont concernés par le projet Hoover (à l’exception du Centre d’archives de l’Économie, RGAE). Les archives soviétiques sont réparties en fonds. Chaque fonds est lui-même divisé en plusieurs sections, appelé opis’ (opisi au pluriel). Chaque opis’ contient plusieurs dossiers (dela). Certains fonds ne contiennent qu’un opis’, alors que d’autres peuvent être subdivisés en plusieurs dizaines d’opisi. L’opis’ désigne donc à la fois une subdivision du fonds et l’inventaire des dossiers (dela) qu’il contient, c’est-à-dire le titre du dossier, les bornes chronologiques, le nombre de feuillets. •  L’intérêt de posséder cet instrument de travail est multiple. En premier lieu, l’acquisition de l’ensemble des inventaires permet d’obtenir un panorama complet et détaillé des ressources de ces centres de toute première importance. On comprend facilement toute la richesse d’un instrument qui permet de se repérer dans des archives encore très mal connues en raison de leurs accès très récent à la communauté des chercheurs tant russes qu’étrangers. La définition des sujets de recherche ne peut que gagner en pertinence, la capacité à détecter les dossiers se renforcer. Certains inventaires peuvent même avoir une valeur qui va au-delà du simple repérage de dossiers. Ainsi de l’inventaire du fonds du Sovnarkom (Conseil des commissaires du peuple), dont les titres de dossiers renseignent déjà beaucoup sur la nature des questions soumises à l’attention de l’instance de décision la plus élevée de l’État soviétique. D’autre part, la relative mauvaise organisation des services offerts aux chercheurs dans les centres d’archives en Russie pourrait justifier à elle seule cette acquisition. En effet, tous les inventaires ne sont pas immédiatement accessibles en salle de lecture : une première étape de la recherche en archives consiste donc parfois à commander un inventaire qui sera communiqué au chercheur au mieux le lendemain de sa demande. Surtout, la durée d’attente d’un dossier commandé après consultation de l’inventaire varie à Moscou entre une et deux journées. On voit donc tout le bénéfice de pouvoir préparer d’avance son plan de travail, afin de pouvoir commander d’emblée les dossiers, sans passer par l’étape fastidieuse des inventaires. Ajoutons que la photocopie des documents d’archives est autorisée (bien que fort coûteuse) mais pas celle des inventaires. Le travail accompli par Chadwyck-Healey est donc particulièrement précieux et les inventaires se présentent comme un instrument de travail indispensable pour permettre un travail de recherche organisé et performant. Leur acquisition apparaît comme hautement justifiée pour la communauté des chercheurs et étudiants travaillant sur l’Union soviétique. •  L’ensemble des inventaires microfilmés représente 455 rouleaux.   II. IDC (Inter Documentation Company): Everyday Stalinism. Living Standards, Norms and Values of Various Groups of Soviet People in the 1920s and 1930s – RGAE.  1 141 microfiches. •                     Les 57 dossiers (dela) microfilmés proviennent du fonds de l’administration statistique. Ils ren-dent compte d’enquêtes menées pour mesurer différents aspects de la vie quotidienne. Les enquêtes « budgets des ménages » décrivent ainsi, au niveau de l’unité du ménage, les sources de revenus, ainsi que les postes de dépenses, de façon très détaillée. Menées auprès d’un échantillon de ménages d’ouvriers, de paysans et, à partir de 1935, d’ingénieurs et de techniciens, ces enquêtes sont donc une mine d’informations sur le niveau de vie, les types de consommation, les sources d’approvisionnement. D’abord publiés, les résultats furent ensuite tenus secrets à partir du début des années 1930, période marquée par une dégradation du niveau de vie et une famine qui fit des millions de victimes. D’autres enquêtes plus ponctuelles sont également représentées dans cette sélection de documents. Il s’agit d’enquêtes consacrées à la jeunesse, en milieu ouvrier et paysan, menées entre 1936 et 1938. Les questions posées portent sur les habitudes culturelles et les loisirs des jeunes enquêtés : fréquentation d’une bibliothèque, type de lecture, possession d’une radio, etc. Les dossiers microfilmés contiennent à la fois des matériaux d’enquêtes (instructions pour remplir les questionnaires, questionnaires individuels, tableaux des résultats agrégés, etc.) et des rapports synthétisant les résultats, envoyés par l’administration statistique aux plus hautes autorités de l’État. •                     Les données recueillies sont donc d’une très grande richesse et peuvent intéresser aussi bien les spécialistes d’histoire économique, sociale et culturelle. Elles offrent un moyen d’appréhender les différenciations géographiques, sociales, générationnelles et de genre en matière de consommation et d’habitudes culturelles. Les rapports permettent également de se faire une idée de la diffusion de ces informations hautement sensibles jusqu’au sommet du pouvoir politique. Ces archives sont restées secrètes jusqu’en 1993.   III. Primary Source Microfilm. Gale Group: The Russian Archives - The Cold War and the Central Committee. •  La chute de l’Union soviétique a suscité une ouverture nouvelle d’archives jusque-là inaccessi-bles et permis d’améliorer sensiblement notre connaissance de l’histoire soviétique : de nouvelles problématiques fondées sur ces corpus documentaires sont apparues (ainsi, par exemple, de l’entre-deux-guerres et de la période stalinienne aujourd’hui beaucoup mieux appréhendées). Mais cet accès demeure parcellaire : tous les fonds n’ont pas été déclassifiés, les inventaires ne sont pas toujours communiqués au lecteur et les archives relatives à l’après Seconde Guerre mondiale restent largement fermées. Dans ce contexte, la publication d’archives menée par le Gale Group en collaboration avec la direction des archives du PCUS (Centre d’archives du RGANI) apparaît comme une initiative particulièrement précieuse. •  Regroupés sous le titre « The Cold War and the Central Committee », les documents proposés proviennent de plusieurs fonds d’archives relevant de différents Départements et instances majeures du PCUS. •  La collection est composée de dossiers en provenance des fonds du Comité central du Parti conservés au RGANI et se compose de quatre séries. Nous proposons d’acquérir trois de ces séries, sur les quatre. Trois séries de documents, spécifiquement tournés vers les questions de politique extérieure, retiennent en effet l’attention. Il s’agit de la série d’archives tirées du Département international (période 1953-1956), de la série provenant des fonds du Département général du Comité central (années 1953-1966) et des documents relatifs aux Plénums du Comité central, pour les années 1941-1990. Ces trois séries réunissent des documents qui ont été déclassifiés dans le cadre du projet Gale, ce qui fait évidemment tout leur intérêt.   III.1 Plénums du Comité central du Parti, 1941-1990 . 181 rouleaux, 656 fiches. •  La série documentaire la plus générale englobe des documents relatifs aux plénums du Comité central pour les années 1941-1990 et permettra de se rendre compte de la teneur des débats qui se sont déroulés au sein du Parti au fil de la période. •  Comme dans les microfilms du projet Hoover, concernant les plénums de l’entre-deux-guerres, les dossiers de la série regroupent les différentes versions, avant et après corrections, des plénums du Comité central, de 1941 à 1990. Ces sources donnent donc accès aux débats les plus cruciaux sur une période longue, de la guerre à la fin de l’URSS. Cette remarquable continuité documentaire serait renforcée par l’achat de la collection des plénums de l’entre-deux-guerres, microfilmée pour le projet Hoover et présentée plus haut. •  Certains documents évoquent des débats de politique intérieure (ainsi des échanges relatifs aux questions de production agricole et industrielle ou bien encore du phénomène de la dissidence). Mais la grande majorité des documents proposés renvoient à des débats de politique étrangère et, à ce titre, leur consultation ne peut que s’avérer décisive pour la connaissance de la diplomatie soviétique : ainsi des documents sur la rupture sino-soviétique, sur le processus de négociation stratégique avec l’Ouest, ou bien encore des documents portant sur l’intervention soviétique en Tchécoslovaquie en 1968. Ces archives illustrent donc des questions jusqu’à présent mal connues et qui pour cela même ont donné lieu à des interprétations contradictoires. En conséquence, leur exploitation devrait permettre d’en finir avec tout un ensemble de représentations erronées et d’avancer de manière substantielle dans notre connaissance des fondements, objectifs, succès et mécomptes de la diplomatie soviétique à l’heure du stalinisme triomphant (1945-1953) puis de la déstalinisation (1953-1990). •  L’intérêt pour la communauté scientifique est donc double : largeur thématique, puisque toute une série de sujets, relevant tant de la gestion intérieure qu’extérieure du pays, y sont traités ; largeur chronologique ensuite, et il faut noter que très peu de documents disponibles, en dehors de cette collection, concernent les dernières décennies du régime. Les plénums offrent ainsi des documents de première main sur les enjeux de la glasnost’ et de la perestroika. La consultation de ces documents paraît donc incontournable tant pour les étudiants et chercheurs travaillant en histoire que les pour spécialistes de questions très contemporaines. The Abraham Lincoln Brigade Archives now at The Tamiment Library and Robert F. Wagner Labor Archives at New York University.  •  The Abraham Lincoln Brigade Archives (ALBA) collection, formerly located at Brandeis Uni-versity, has been acquired by the Tamiment Library. The collection is the largest and most important resource for the study of the participation of American volunteers in the Spanish Civil War. It includes the papers of more than 200 volunteers, oral histories, films, photographs, posters, and selections of the microfilmed records of the International Brigades that were taken to the Soviet Union after the Spanish Civil War. The ALBA collection is open for research by appointment. Thies webside includes a list of United States volunteers in the Spanish Civil War compiled under the auspices of the Veterans of the Abraham Lincoln Brigade.  Source: http://www.nyu.edu/library/bobst/research/tam/alba_collections2.html   The Records of the Communist Party of Austria at the Alfred Klahr Gesellschaft, Vienna.  •  Alfred Klahr Gesellschaft, Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, de-tains the Central Party Archives of the CP Austria. Among the personal deposita are those of Johann Koplenig, Franz Honner, Erwin Scharf, Dr. Karl Altmann, Prof. Dr. Walter Hollitscher, Prof. Dr. Eduard Rabofsky, Eva Priester, Otto Horn and Sepp Gradl. The holdings reflect particularly the period of resistance and exile of Austrian Communists. Access to archives and finding aids is restricted.  Source: http://www.klahrgesellschaft.at   The Social History Collection (Czytelnia Zbiorów Historii Społecznej, ZHS) of the Sejm Library, Warsaw.  •  Biblioteka Sejmova (Warsaw). The core of the Division’s collection are the library holdings of the former Central Archives of the Central Committee of the Polish United Workers’ Party (until recently the Archives of the Polish Left), with 142 000 units, taken over by the Sejm Library in 1991. It is the only collection in the country focusing on the history of Polish and international workers’ movement starting from mid 19th century, and also on the history of peasant, trade and youth movement, which developed first of all under the influence of socialist and communist ideology. It contains, among others, unique Polish, and also foreign, 19th century socialist prints, source publications, studies and diaries. The collection of periodicals includes the first Polish socialist journals, rare titles of the interwar press, and also the collection of underground and Warsaw Uprising press from the Second World War. Other strengths of the ZHS collections are sources and studies on social and political history of Poland, Poland’s neighbouring countries and countries with which Poland had historical links as a result of the partitions, and political and economic emigration. The Division also holds a comprehensive collection of critical editions of the classics of the leftist thought, and studies from all over the world on leftist philosophy and doctrines. •  The current collection profile developed already by the Sejm Library was enriched by Polish and foreign literature on the history of the Polish People’s Republic and the participation of the Polish left in democratic changes after 1989, as well as a selection of publications on the history of the USSR and other states of the former communist bloc, and the sociopolitical transformation in this region. Regarding current foreign serials, the Division collects mainly titles which specialize in research on international leftist doctrines and movements, and social history. Source: http://bib.sejm.gov.pl/witryna/index_eng.html   Fondazione Istituto Antonio Gramsci, Rome.  The Fondazione Istituto Antonio Gramsci comprises the records and publications of the Italian Communist Party as well as files and deposits of the leaders and members of the party. Detailed holdings information is now possible by guided online research. See: http://www.gramsci.it/. • Seit 1992/1994 informierte der von Linda Giuva verfaßte Archivführer über die Bestände des Archivs und Forschungsinstituts der KP Italiens (siehe: Guida agli archivi della Fondazione Istituto Gramsci di Roma, Rassegna degli Archivi di Stato 76, 1994, zgl. „Annale“ 1992, Fondazione Istituto Gramsci, 1992). •  Der Archivführer enthält den Stand der Sammlungen bis 1993, vor der Inkorporierung des kompletten historischen Archivs der KP Italiens für den Zeitraum seit dem Zweiten Weltkrieg und weitere wichtiger Neuzugänge. Eine neue elektronische Ausgabe des Archivführers befindet sich im Aufbau und ist bereits nutzbar. Sie enthält die Beschreibungen der vor 1993 noch nicht verzeichneten Bestände sowie einige der neu hinzu gekommenen Bestände seit 1993, die sukzessive eingearbeitet werden.  •  Noch nicht in das online-Verzeichnis Eingang gefunden haben die folgenden Provenienzen: Centro Centro Estero del PCd’I 1939-1943 (Fondo M); • Guerra di liberazione 1943-1945 (Fondo M); PDUP; PSIUP; PCI: Jugoslavia e Venezia Giulia (Fondo M), Sinistra giovanile, Feste dell’ Unità; Casa editrice De Donato; Istituto di studi Palmiro Togliatti. •  Ebenfalls noch nicht integriert sind die folgenden Personenarchive: Barca Luciano; Bei Adele; Bianco Vincenzo; Cacciapuoti Salvatore; Caracciolo Pietro; Ciufoli Domenico; D’Alema Massimo; De Felice Franco; Ferri Franco; Fubini Elsa; Gerratana Valentino; Grassi Luigi; Libertini Lucio; Massola Umberto; Misiano Francesco; Modica Enzo; Natta Alessandro; Nori Aldo; Pavolini Alessandro; Percorari Alessandro; Santilli Giovanni; Seroni Adriana; Schiapparelli Stefano; Scoccimarro Mauro; Tatò Antonio; Terenzi Amerigo; Tortorella Aldo; Valori Dario; Vecchietti Tullio; Violante Luciano. Weitere Bestände, wie das Archivio storico delle donne Camilla Ravera. http://www.gramsci.it/   THE VICTOR SERGE LIBRARY, MOSCOW.   •  The friends of the Victor Serge Library about their project: The library is named after the social-ist writer and fighter against totalitarianism, Victor Serge. It aims to acquaint people in Russia with the great wealth of radical and alternative ideas that were forbidden in Soviet times and are hardly heard in present-day Russia, including the many strands of democratic and libertarian socialism which opposed totalitarianism. •  The library was set up in May 1997 by a group of Moscow scholars, journalists and political ac-tivists with the support of International Victor Serge Foundation. It is the only place in Russia where readers can find works written from critical perspectives on social science, Marxism, anarchism, trade-unionism, human rights, environmentalism, and the history of workers’ and liberation movements in various countries. The library is also used as a sort of club where discussions, lectures, seminars and gathering of various left-wing organisations take place. •  From 2002, under an agreement between the Praxis Research and Education Centre and the Public Library Authority for the South-East District of Moscow, the Victor Serge Memorial Collection comprises the main resource of the District Library No. 10 at Verkhnyaya Khokhlovka. If you visit Moscow, make sure you go to see the library! •  For a brochure about the library in PDF format, including information in English and Russian, and directions to the library as well as for an appeal by the Friends of the Victor Serge Library, see: http://www.sergelibrary.org/. •  Address: City Library no.10, ulitsa Verkhnyaya Khokhlovka 39/47. Telephone/fax: (7)095 278 8156.   Kansan Arkisto - The People’s Archives, Helsinki, containing the records of the Finnish Communist Party. •  The People’s Archives maintained by the Social Archives Foundation is the central archives  of the Finnish left-wing labour movement and popular organisations. The People’s Archives  was established in 1945, right after the Second World War to be the central archives of the Communist Party of Finland (The Communist Party of Finland was created after civil war 1918 and it was prohibited in Finland during 1918-1944). The institution has received statutory aid since 1975. •  The People’s Archives collects, preserves, arranges and catalogues archives and other material related to the social and cultural history of the left-wing labour movement, popular organisations and the working class in Finland. There are actual archival material 3006 metres of shelving over more than 9600 record creators. •  The archival collections include 4203 archives of labour organisations (such as the Finnish Communist Party and its local associations from all over the country, organisations of the people’s democratic movement and trade union organisations), 1269 archives of popular organisations (cultural associations, theatres, house committees, educational institutions, hobby clubs, societies, peace organisations). Special collections include, among other files, the Finnish civil war 1918 and political imprisonments 1919-1944. The Collections of personal papers include papers of 300 activists of the labour movement, artists, writers and working class families. Memoirs and interviews, biographical material and sound recordings of 4000 persons are also available. Kansan Arkisto, Vetehisenkuja 1, 00530 Helsinki. http://www.kansanarkisto.fi/   Pierre Broué Archives and Library, Grenoble. •  The Archives of the late french historian of international communism, Pierre Broué, are depos-ited in the BibliothÈque de documentation internationale et contemporaine (BDIC) in Nanterre. His library has been deposited in the Central Library of the University of Grenoble.    Comprehensive guides to contemporary History of the GDR and Eastern Europe. •  Together with east-european partners in Hungary, The Czech Republic, Poland and Romania, the Berlin „Stiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur“ has issued a collection of guides to archives, research institutions, libraries, associations, museums and places of memorial („Vademecums“) concerning the Infrastructure for contemporary History studies. The guides may be downloaded just as the „Vademekum“ concerning research on the German Democratic Republic wich lists more than 550 Archives, Libraries, Research institutions, Institutions of politcal education, historical societies, Museums, Memorials, specialized journals and supporting institutions in Germany and abroad (see: Ulrich Mählert: Vademekum DDR-Forschung. Ein Leitfaden zu Archiven, Forschungsinstituten, Bibliotheken, Einrichtungen der politischen Bildung, Vereinen, Museen und Gedenkstätten; Ch. Links Verlag 2002, 300 p.). •  Vademekum Zeitgeschichte Ungarn/ Vademekum Contemporary History Hungary. A Guide through Archives, Research Institutions, Libraries, Associations, Museums and Places of Memorial. Edited by Janos M. Rainer, Judit M. Topits, Ulrich Mählert. Commissioned by Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin - Budapest 2006. 109 p. •  Vademekum Zeitgeschichte Tschechien/ Vademekum Contemporary History Czech Republic. A Guide to Archives, Research Institutions, Libraries, Associations, Museums and Places of Memorial. Edited by Oldrich Tuma, Jitka Svobodova, Ulrich Mählert. Commissioned by Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin - Praha 2005. 109 p. •  Vademekum Zeitgeschichte Rumänien/ Vademekum Contemporary History Romania. A Guide through Archives, Research Institutions, Libraries, Societies, Museums and Memorial Places. Edited by Stejarel Olaru and Georg Herbstritt. Commissioned by Stiftung zur Aufarbeitung der SEDDiktatur, Berlin - Bucharest 2004. 109 p. •  Vademekum Zeitgeschichte Polen/ HISTORII NAJNOWSZEJ W POLSCE. Herausgegeben von Krzysztof Ruchniewicz, Jakub Tyszkiewicz, Ulrich Mählert, Christian Lotz, im Auftrag des Willy-Brandt-Zentrum, Breslau, und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin. Wroclaw, Berlin, Leipzig 2004, 105 S., 6 Euro. http://www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/vademekums.php    Communist Party of Sudan - Hizb al-Shuyu’i al-Sudani Collection (1970-2003) at the IISH, Amsterdam. •  The IISH recently received a new collection regarding Sudan: papers from the Communist Party of Sudan CPS, Cairo Department, 1970-2003, and papers of the National Democratic Alliance (NDA) 1990-2003. A large portion of the Cairo Department collection concerns the Sudanese student movement in Egypt, especially during the 1970’s, when more Sudanese students studied in Egypt than in Sudan itself. •  The National Democratic Alliance was founded as an underground organisation in Khartoum in September 1989, only three months after the military coup by General Omar-al-Bashir who put the present regime of the National Islamic Front in power. The NDA leaders operated in exile from Cairo. The collection includes various underground CPS publications as well as those from trade unions, student and youth movements, women’s organizations and professional organizations. In addition there are eight notebooks containing the handwritten outlines of two books by Mohamed Ibrahim Nuqqud, secretary general of the CPS: Footnotes on Landownership, documents in Dar Fur, and Dialogue with Morowa. Source: On the Waterfront - Newsletter of the Friends of the IISH Issue 9.   New Web Portal Archival Proveniences of the Socialist Unity Party of Germany (SED).  In Zusammenarbeit der Landes- und Staatsarchive der neuen Länder, der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv und des Landesarchivs Berlin bietet das Portal seit 2005 den integrierten Zugriff auf die Gesamtheit der in den entsprechenden Archiven erschlossenen Archivbestände der SED von der zentralen Ebene, über die Bezirks- und Kreisebene bis zu den Grundorganisationen in den Betrieben. Ergänzt werden die Angaben durch historische Charakterisierungen des Bestände und Erschließungsinformationen wie Bestandscharakteristika, Inhalt, Umfang und Signatur. Die Angaben zu den Beständen werden sukzessive ergänzt. Eine Suchmaschine erlaubt die Recherche in den Beständen ausgewählter oder aller beteiligter Archive. Zusätzlich sind für den zentralen SED-Apparat und für die Landes- bzw. Bezirksebene die Funktionäre sowie Parteitage und -konferenzen zusammengestellt. In einem Glossar werden Begriffe aus dem SED-Sprachgebrauch erklärt und in einem Verzeichnis spezifische DDR-Abkürzungen aufgelöst.  Source: Aktuelles aus der DDR-Forschung, 2/2005 - www.bundesarchiv.de/sed-archivgut.   Central and Eastern European Online Library (C.E.E.O.L.)  •                     The Central and Eastern European Online Library is an online archive which provides access to full text PDF articles from 220 humanities and social science journals, electronic books and redigitized documents pertaining to Central, Eastern and South-Eastern European topics. •                     C.E.E.O.L. is the result of the activities by the Frankfurt Eastern/Western European Cultural Center PALAIS JALTA. C.E.E.O.L.’s intention is to be an online Library and document shop. The project’s primary concern is to make documents available to a public which can currently only gain limited access when using traditional channels or who have been previously unaware of the existence of these documents. Its content is provided by numerous publishers and editors, mainly from Central European countries, along with those from the West who deal with Eastern Europe, its histories, languages and literatures, along with its cultural, social and political realities. C.E.E.O.L.’s goal is to become the Internet’s main portal to Central and Eastern Europe. Library means that all documents available in C.E.E.O.L. are registered in a catalogue database which allows online-research by all the means provided by traditional libraries. Our content consists of electronic versions of publications (mainly periodicals) from different fields of culture and science. In a second step, we have begun to include the electronic re-edition of books. •                     C.E.E.O.L. aims to enable communication among the actors in the East (authors, publishers) and their readers and counterparts in the West by providing a stable platform on which this communication can flourish. And, whenever we speak about „the West“ we in fact include the entire world outside of Central and Eastern Europe. Source: www.ceeol.com.   ViFaOst Virtual Library Eastern Europe - The Portal for East European Studies. ViFaOst is an interdisciplinary public and universitarian portal that offers the academic community a wide range of information on the field of East European Studies. Comprehensive search possibilities enable access to specialized academic information on history, language, literature, politics and culture of East, Central East and South East European countries and historical regions. All contents are academically relevant and are catalogued according to international library standards. All contents and services are free of charge. They include: •                     Literature Search Services: A range of internet services offers various access possibilities to rele-vant printed and electronic publications worldwide: catalogues of selected libraries, recent acquisitions and current contents services, article databases, specialized bibliographies as well as an extensive catalogue of valuable internet resources. The services are linked to all available information resources, so that users are directly lead to the full text versions of their content, whether electronic or printed. •                     Full Text Services: Current research studies and articles in the field of East European Studies are published in two online-series. Books, journals and works of reference are offered in digital form as full texts. Various data-bases provide direct access to annotated sources and materials. •                     Other Services: Several services inform about institutions and researchers. Current dissertations and research projects are presented, a calendar of events informs about scientific conferences. •                     All databases can be searched simultaneously with a single search request. Requests can be saved and repeated later, a personal list of favourites enables repeated access to titles previously found. Some databases allow direct access to full texts or to lending and document delivery services. •                     Language and character display: By using the universal Unicode character set all East European languages and characters can be both displayed and searched for. The website itself is presented in German, Russian and English. •                     Partners: The Bavarian State Library (BSB) is the second largest library in German speaking countries. Its East European collection contains approximately 886,999 volumes and is part of the framework of the special subject fields programme run by German Research Foundation (DFG).  • The Department for East and South East European History at the Historical Seminar of the Ludwig-Maximilians-University in Munich focuses on East, Central East and South East European history of the 19th and 20th century. •                     For over 50 years East European history and economics have been the main focus of research of the Osteuropa-Institut München. It publishes several journals and academic series and has a large refer-ence library. Source: http://www.vifaost.de Section III:  Projects – Work in progress Ulrich Eumann: Eigenwillige Kohorten der Revolution. Zur Sozialgeschichte der KPD in der Weimarer Republik (Diss. 2004)   Zusammenfassung Die Dissertation untersucht in einem Vergleich der fünf Parteibezirke Berlin-Brandenburg, Ruhrgebiet, Westsachsen, Pommern und Oberschlesien in vier Abschnitten die Tätigkeit an der Parteibasis der KPD. Die Quellengrundlage besteht in der internen Überlieferung der KPD, die erst seit der politischen Wende von 1989/90 einer unvoreingenommenen Forschung zur Verfügung steht.  Die ersten drei Abschnitte befassen sich mit den wichtigsten strukturellen Determinanten der Basistätigkeit. Der erste Abschnitt analysiert weitgehend auf der Basis der Literatur die Geschichte der Arbeiterbewegung in den fünf Bezirken als historischen Hintergrund und seine zum Teil weit reichenden Konsequenzen; man denke nur an die beiden Parteispaltungen 1916 und 1918, deren emotionales Echo noch zehn Jahre später zu vernehmen war. Es folgt eine grundlegende kritische Würdigung von erstmals in dieser Tiefe aufbereiteten Daten aus den Reichskontrollen der KPD. Im Anschluss daran wird versucht, die sozialstrukturelle Zusammensetzung der Mitgliedschaft der KPD in den Bezirken im Vergleich mit jeweils passenden Referenzeinheiten in ihrer Zeit zu verorten. Diese wurde bisher oft nur an sich analysiert, was zu einigen Verzerrungen führte. Diese Analyse zeigt unter anderem die besonders gute Einbindung vieler Mitglieder und vor allem vieler Funktionäre der Partei in das proletarische Milieu. Der zweite Abschnitt diskutiert die Handlungsbedingungen auf einer konkreteren Ebene. Er befasst sich auf der Grundlage der organisationssoziologischen Aushandlungstheorie von Michel Crozier und Erhard Friedberg zunächst mit der Entwicklung der Parteisatzung zwischen 1918 und 1927 als dem formalen Dokument, das das Verhalten der Parteimitglieder weitgehend, wenn auch nie vollständig festlegte. Insgesamt lässt sich anhand dieses Materials der seit vielen Jahren schon in der Literatur erhobene Vorwurf der allmählichen Entdemokratisierung nur bestätigen. Dabei handelte es um einen relativ normalen Prozess der Oligarchisierung, den nach Michels mehr oder weniger jede Organisation in ihrem Wachstumsprozess durchläuft. Die zunächst positiv von der Parteiführung selbst beanspruchte, und später von großen Teilen der Forschung kritisierte „Bolschewisierung“ der KPD fand, wenn sie denn jemals mehr als eine Propagandafloskel war, vor allem hier ihren Niederschlag. Im Folgenden wird schließlich noch die technische Arbeitsweise der KPD-Instanzen und die Kommunikationsformen zwischen Führung und Basis analysiert. Der Abschnitt endet mit dem Thema der Finanzierung der Parteiarbeit, das von der bisherigen Forschung vollkommen ignoriert worden ist. Dieser bietet aufschlussreiche neue Einblicke in die Finanznöte der Partei. In diesem Zusammenhang sei außerdem auf die Verfälschung der Mitgliederstatistik durch das Beitragsabführungsgebahren vieler Mitglieder hingewiesen, die zum Beispiel als Nicht- oder Nicht-mehr-Arbeitslose Beitragsmarken für Arbeitslose bezogen haben. Der dritte Teil der Arbeit befasst sich mit der symbolischen Integration der Mitglieder und versucht auf diese Weise die bisher in der Forschung meist nur implizit vorausgesetzte Durchdringung der Mitglieder mit der marxistisch-leninistischen Ideologie zu überprüfen. Auf den Feldern Parteisymbole, Parteisprache, Literaturrezeption und Schulungswesen wird gezeigt, wie schwer sich die Parteiführung der KPD damit tat, ihre Mitglieder ideologisch zu erreichen. Dies war in erster Linie ein Problem unzureichender Ressourcen, hatte aber auch eine Wurzel in der unverrückbaren Tatsache, dass ein überwiegender Großteil der Mitglieder nur die Volksschule besucht hatte; und die hatte sie nicht in den Stand versetzt, die mitunter komplexen Gedankengänge der Klassiker des Marxismus-Leninismus annähernd zu verstehen. Am Ende diese Kapitels folgt noch ein Abschnitt über die vielfältigen Methoden der Sowjetunion-Propaganda. Schließlich war die völlig überzogene und überhöhte Wahrnehmung der Entwicklung der ersten sozialistischen Gesellschaft nicht nur von großer Bedeutung für die Motivation der Parteimitglieder, sondern auch generell während der Weimarer Republik ein PR-Ereignis ersten Grades. Die eigentliche Analyse des Mitgliederverhaltens folgt im vierten Abschnitt. Dabei wird zunächst die Entwicklung der Strukturen auf der untersten Ebene der Partei in den Fokus genommen. Es zeigte sich konkret auf der Ebene der fünf ausgewählten Bezirke, dass die ab 1925 im Parteistatut als „Grundlage der Partei“ genannten Betriebszellen niemals in der Lage waren, ihre anspruchsvollen Aufgaben zu erfüllen. Bisher hatte die Forschung zur Weimarer KPD immer implizit die Auffassung der Parteiführung übernommen, wonach die Partei keine passiven Mitglieder hatte. Der nächste Abschnitt liefert die erste eingehende Analyse der Mitgliederaktivität überhaupt und kommt zu dem Ergebnis, dass auch der Weimarer Kommunismus seine ‚Karteileichen’ besaß. Daraufhin werden abschließend die wichtigsten Felder der Mitgliedertätigkeit untersucht - die Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, die Arbeit in den proletarischen Sport- und Kulturvereinen, sowie die Arbeit im Bereich Agitation und Propaganda.   Thèse de doctorat sur l’histoire du Journal „L’Humanité“. Alexandre Courban : „L’Humanité (avril 1904 - août 1939). Histoire sociale, politique et culturelle d’une journal du mouvement ouvrier“. Thèse pour le doctorat d’histoire sous la direction de Serge Wolikow, Université de Bourgogne, soutenue le 14 décembre 2005. 2 volumes. 578 p. + annexes.   Mathieu Denis, Forschungsassistent, Centre Universitaire Canadien de Berlin.  Industrielle Interessen, Gegensätze und der Zusammenbruch der DDR. Elemente aus einer Dissertation mit dem Titel: German Labor in the Revolution and Unification – The Paradox of Continuity  •  Manche historischen Probleme sind schwieriger als andere. Unabhängig davon, wie viele Studien ihnen gewidmet werden, sind sie wie Erbsen, die verhindern, dass die Historiographie (statt im Märchen die Prinzessin) in den Schlaf versinkt. 40 Jahre von oben programmiertem Sozialismus in Deutschland offerieren eine Vielzahl solcher historischer Probleme, von denen das der Interessengegensätze zwischen Regime und Beschäftigten in der DDR besonders knifflig zu sein scheint. So bieten unzählige Studien über die Geschichte der DDR und ihren Zusammenbruch, dadurch dass sie kein Wort über die Beschäftigten herausbringen, eine negative Antwort auf die Frage nach der Rolle der Arbeitnehmer in den Ereignissen von 1989-1990 an. Das Schweigen über diese Rolle findet einen rechtfertigenden Niederschlag im größten Teil der Studien, die sich der Frage zuwenden und sich damit befassen, die Gründe für die Abwesenheit der Beschäftigten in der Revolution zu erklären. In der Literatur wird allgemein davon ausgegangen, dass Interessengegensätze zwischen Regime und Beschäftigten entweder keinen, oder nur einen geringen Anteil an der Herbeiführung des Untergangs des SED-Regimes hatten.[1]  Dennoch, so wie im Märchen 20 Matratzen und 20 Daunendecken mit der Härte einer Erbse am Boden der Bettstelle nicht fertig werden können, so gelingt es dieser dominierenden Auffassung nicht, das Problem der Rolle der Beschäftigten für den Zusammenbruch der DDR endgültig ad acta zu legen. Es sind besonders zwei Inkonsequenzen in der Literatur, die sich als unbefriedigend erweisen. •  Die DDR wird regelmäßig als Arbeitsgesellschaft bezeichnet, was sowohl auf den hohen Anteil von Lohnabhängigen, die ideologisch hohe Bedeutung von Arbeit und betriebliche Sozialpolitik, als auch auf den Einfluss der Arbeit auf soziale Differenzierung und Lebensläufe zurückzuführen ist.[2] Damit drängt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der fundamentalen Bedeutung von Arbeit in der DDR und ihrem Ende auf. Beim Studium der Literatur muss geradezu der Eindruck entstehen, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen den Gesellschaftsstrukturen und dem sozialen Umbruch 1989 gegeben habe.[3] Sollte dies allerdings zutreffen, dürfte man mit Recht von einem Paradoxon sprechen, dessen Auflösung seitens der sozialwissenschaftlichen Fakultäten weltweit weit mehr Kopfzerbrechen verdiente, als dies bisher der Fall gewesen ist. •  Die zweite Inkonsequenz ergibt sich aus der ersten. Fast alle ostdeutschen Erwachsenen waren Beschäftigte. Diese spezifische soziale Stellung muss ihre Erfahrung zwangsläufig geprägt haben. 1989 ist jedoch häufig als eine Konsumentenrevolution beschrieben worden – die den Produzentenrevolutionen gegenübergestellt wurde, da sie primär in Versammlungen nach Feierabend Ausdruck gefunden und von politischen sowie materiellen Erwägungen angetrieben gewesen sei.  •  Die Unterscheidung zwischen zwei Revolutionstypen erscheint fragwürdig. Differenzierten die Be-schäftigten, die damals „wir sind das Volk!“ riefen, zwischen Produktionsausfällen, die ihre Löhne gefährdeten, und dem Mangel an Konsumgütern? Hätten sie Anlass zu einer solchen Differenzierung gehabt? Hätte ihre Erfahrung sie nicht viel mehr davon überzeugen müssen, dass beide Phänomene auf die gleichen wirtschaftlichen Probleme zurückzuführen waren? Die Unterscheidung zwischen Produzenten und Konsumenten bleibt problematisch, weil es sich um dieselben Personen handelt, weil Lohn und Konsum voneinander abhängig sind, und weil Interessengegensätze in beiden Fällen die Beschäftigten und die Vertreter des DDR-Regimes einander gegenüberstellten.  • Der Teil dieser Dissertation, der der Rolle arbeitsbezogener Konflikte im Zusammenbruch der DDR gewidmet ist[4], verfolgt ein explizites und ein implizites Ziel. Explizit wird versucht, aufzuzeigen, wie wesentlich bis zu ihrem Ende die industriellen Interessengegensätze für die politische Entwicklung der DDR waren. Implizit soll hier versucht werden, einen Beitrag zum Projekt der global labor history zu liefern.[5] Bei diesem methodologischen Ansatz geht es um den Versuch, durch eine weitreichend geographisch-zeitliche Erweiterung, z. B. mittels des Vergleichs der Handlungs- und Organisationsformen der Beschäftigten, die Krise der westlichen Sozialgeschichte der Arbeit zu überwinden. Das Gewicht, das dabei auf die Frage gelegt wird, wie die Beschäftigten in verschiedenen Kontexten private und öffentliche Strategien kombinierten, um ihre Interessen zu verteidigen, soll dazu anregen, die in der DDR möglichen Kombinationen besser durchleuchten zu können. Für die global labor history stellt die DDR wiederum ein Extremfall dar, in dem kollektive Handlungen der Beschäftigten quasi nur als massiver Ausdruck individueller Strategien zu verstehen sind und eine nur geringe öffentliche Interessenverteidigung vorhanden war. Sie kann demzufolge Orientierungen in diesem umfangreichen Vergleichsprojekt fördern.[6]  •  Einige Autoren haben betont, wie entscheidend für die Entschlossenheit der arbeitenden Bevölke-rung und für die Revolution der Abwärtstrend gewesen ist, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen umzukehren.[7] Ohne die Berücksichtigung der Arbeitswelt können die Ereignisse von 1989-1990 nicht zufriedenstellend erklärt werden. Die von Störungen gekennzeichneten BGL-Wahlen (zu den Betriebsgewerkschaftsleitungen) im März 1989 waren die Vorboten für die Konflikte bei den Kommunalwahlen im Mai. Der Großteil der Menschen, die die DDR im Sommer verließen, waren Beschäftigte. Der Aufstand begann tatsächlich, als diejenigen, die sich im September zur Arbeit zurückmeldeten, feststellten, dass Tausende ihrer Kollegen geflohen waren, und ihre Zukunftssorgen „oben“ auf taube Ohren stießen.[8] Die große Mehrheit der 5 Millionen Menschen, die an den 2600 Demonstrationen teilnahmen, waren Beschäftigte.[9] Darüber hinaus begann in diesen Monaten eine bedeutende Demokratisierung der Arbeitswelt: Betriebs- und Gewerkschaftsleiter wurden aus ihren Büros gejagt, neue Mechanismen zur Interessenverteidigung getestet, 200 Streiks verzeichnet und Mitbestimmungsmodelle versucht.[10]Regionales, internes Quellenmaterial, beispielsweise Stasiberichte aus Erfurt, belegen vielseitige Verflechtungen von inner- und außerbetrieblichen Entwicklungen. Der Zerfall der Staatsmacht entzog dem Regime wichtige Unterdrückungsmittel im Betrieb und erschütterte die Machtverhältnisse in der Arbeitswelt; Unzufriedenheit über die Lage am Arbeitsplatz konnte dazu veranlassen, Proteste außerhalb des Betriebs durchzuführen.  •  Die Dissertation bei Professor Hartmut Kaelble stützt sich auf Material aus damaligen Betriebs-initiativen, Interviews, FDGB-Berichten, Stasi-Akten, u.ä. Sie wird bis Mai 2006 abgeschlossen. •  Email-Adresse: dma@cmb.hu-berlin.de DIE PROJEKTE DER DEUTSCH-RUSSISCHEN HISTORIKERKOMMISSION.    Mitteilungen der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Band 2, 2005. Deutsch, Russisch. Hrsg. im Auftr. v. Horst Möller u. Aleksander Tschubarjan. München. Oldenbourg, 2005. 304 p.   Die Gemeinsame Kommission ist ein von beiden Regierungen 1997 eingesetztes deutschrussisches Expertengremium aus Archivdirektor(inn)en und hochrangigen Fachwissenschaftler(inne)n, das die Aufgabe hat, die umfassende wissenschaftliche Erforschung der deutschrussischen (bzw. deutsch-sowjetischen) Beziehungen im 20. Jahrhundert zu fördern. Sie arbeitet wissenschaftlich unabhängig; Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin haben die Schirmherrschaft übernommen. Die Kommission erörtert Grundsatzprobleme der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, initiiert und fördert gemeinsame Forschungs- und Dokumentationsprojekte und veranstaltet internationale Expertengespräche. Der aktuelle Band der Mitteilungen befasst sich mit dem Schwerpunktthema Vor 60 Jahren: Von der Kriegswende zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Enthalten sind außerdem Berichte zu den laufenden Projekten. Alle Beiträge werden zweisprachig veröffentlicht.   Aus dem Inhalt:  •  Vorwort (Horst Möller, Aleksandr Čubarjan).  •  I. Vor 60 Jahren: Von der Kriegswende zum Ende des Zweiten Weltkrieges (1942/1945). Vor-träge des dritten internationalen Expertengesprächs der Kommission.  •  II. Die Projekte der Kommission. Arbeitsschwerpunkt Deutsch-Russische/sowjeische Bezie-hungen im Zeitalter der beiden Weltkriege. 1. Die Kommunistische Internationale und die deutsch-russischen Beziehungen: Bernhard H. Bayerlein: Die Komintern und ihre Bedeutung für die deutsch-russischen Beziehungen. Bert Hoppe: In Stalins Gefolgschaft. Die KPD und Moskau 1928-1933. 2. Sowjetische Gefangene in deutscher Hand, deutsche Gefangene in sowjetischer Hand im Zweiten Weltkrieg und danach. Klaus-Dieter Müller: Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte. Forschungen zum Zweiten Weltkrieg und zur Nachkriegszeit. KlausDieter Müller/Günther Heydemann: Deutsche Nichtverurteilte (Speziallagerhäftlinge) nach den Akten des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (früher KGB). Arbeitsschwerpunkt: Die Sowjetische Miliäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949. Kai von Jena: Deutsch-russisches Gemeinschaftsprogramm zum Studium, zur Auswertung und zur Reproduktion der Akten der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Jan Foitzik: Die Politik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) auf dem Gebiet von Kultur, Wissenschaft und Bildung 1945-1949. Ziele, Methoden, Ergebnisse. Quellen und Dokumente aus russischen Archiven. Arbeitsschwerpunkt: Die deutsche Frage und die deutschsowjetischen Beziehungen 1945-1970. Matthias Uhl: Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlinkrise 1958-1963. Gerhard Wettig: Chruščevs BerlinKrise. Ein Forschungsbericht. Jochen P. Laufer/ Georgij P. Kynin: Die UdSSR und die deutsche Frage 1941-1948. Dokumente aus dem Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation • III. Anhang: Dokumentation Wortlaut des Föderalen Gesetzes der Russischen Föderation vom 22. Oktober 2004, Nr. 125-FS. Über das Archivwesen in der Russischen Föderation. Grundlagenbriefwechsel Briefwechsel zwischen der Bundesregierung und der Regierung der Russischen Föderation über die Bildung einer Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, August 1997.      Section IV:  Materials for Biographical, Regional and  Institutional  Studies.        Dmitrij J. Moiseenko, Gleb Albert, Bernhard H. Bayerlein: Jimmy, Jacob oder Dimitrij? Portrait einer Kominternfamilie.   Das folgende biographische Portrait fußt auf einem 27-seitigen Manuskript „O moich rodteljach“ von Dmitrij J. Moiseenko. Der vollständdiBeitrag wird in The International Newsletter of Communist Studies Online veröffentlicht.   Die Biographie Dmitrij Moiseenkos, eines ehemaligen Mitarbeiters der internationalen Abteilung des ZK der KPdSU, der in Moskau im Ruhestand lebt, ist wie kaum eine andere von der Komintern geprägt. Man könnte ihn einen „Komintern-Waisen“ nennen, denn beide Elternteile waren auch nach seiner Geburt weiterhin weltweit im illegalen Apparat der Komintern tätig. Geboren 1928 in Rom als Kind zweier Mitarbeiter des hochgeheimen Komintern-Verbindungsdienstes OMS (Otdel meždunarodoj svjazi), wuchs er in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Identitäten auf und war sich lange Zeit weder seiner Herkunft noch der Tätigkeit seiner Eltern bewußt. Moiseenko erinnert sich: „Im Alter zwischen drei und 17 habe ich getrennt von meinen Eltern gelebt, und alles in allem lebten wir an die 15 Jahre zusammen. In dieser Periode (1945-1959) war es weniger üblich, die Eltern über ihre Arbeit auszufragen, vor allem wenn sie von sich aus nichts erzählten. Dabei hätten sie viel zu erzählen gehabt…“ Erst nach der Öffnung der Komintern-Archive hat Dmitrij Moiseenko ein vollständiges Bild seines familiären Hintergrunds erfahren können – eine Familiengeschichte, die fest verwoben ist mit den verdeckten illegalen Strukturen des internationalen Kommunismus zwischen Europa, Rußland und Fernost. Der Vater Moiseenkos, Jakov Matveevič Rudnik, wurde 1894 als Sohn eines Arbeiters in Kiew geboren. Trotz der schweren materiellen Lage der Familie schaffte er es, sich autodidaktisch zu bilden, wobei sein Interesse der Soziologie und Politökonomie galt. Nach einem Elektrotechnik-Studium am Petrograder Politechnikum (welches 1916 durch die Mobilisierung vorzeitig ein Ende fand) nahm er 1917 aktiv an der Februarrevolution teil und schloß sich einen Monat später den Bolschewiki an, um sich im November innerhalb der revolutionären bewaffneten Formationen am Sturm des Winterpalais zu beteiligen. Nach einer Verhaftung in Frankreich wurde er 1922 zu zwei Jahren verurteilt und nach Ablauf der Frist in die Sowjetunion abgeschoben. Dort arbeitete er ab 1925 für das EKKI in der Abteilung für Internationale Verbindungen (OMS), dem hochgeheimen Verbindungs- und Nachrichtendienst der Komintern. Im Auftrag desr OMS ging Rudnik nach Österreich, wo er, formell als Mitarbeiter des Außenministeriums unter dem Namen Marin, für den OMSVerbindungspunkt Wien tätig war. 1926 lernte er auf einer Feier in der sowjetischen Botschaft die spätere Mutter Dmitrij Moiseenkos kennen. Tatjana Nikolaevna Moiseenko-Velikaja wurde 1891 in einer Adelsfamilie geboren und sprach, dank hervorragender Ausbildung, mehrere Fremdsprachen fließend. Bereits vor der Revolution engagierte sie sich in der Arbeiterbildung, wo sie Kontakte mit Kommunisten knüpfte und schließlich 1918 der Partei beitrat. Sie arbeitete im Volkskommissariat für Aufklärung und war zeitweise persönliche Sekretärin von Lunačarskij, bevor sie 1921 für die OMS zu arbeiten begann. 1925 wurde sie unter falschem Namen, offiziell über das Außenministerium, nach Wien abkommandiert. Allerdings versetzte man sie bereits Mitte 1926 nach Rom, wo sie bis 1928 blieb, während Jakov Rudnik weiterhin in Wien arbeitete; das Paar konnte sich dennoch noch einige Male begegnen.  1928 sollte die Arbeit der OMS in China verstärkt werden. Zu diesem Zweck wurde Jakov Rudnik aus Wien abberufen und, nach einem Zwischenstopp in Berlin, nach Shanghai abkommandiert, wo er im April 1928 mit gefälschten belgischen Papieren eintraf. Nach der Verhaftung des Vertreters der KP Japans in Shanghai, Prof. Mano, wurde Jakov Rudnik eilig nach Moskau abberufen, allerdings Anfang 1930 (unter dem belgischen Namen Noulens) wieder nach Shanghai zurückversetzt, um einen Finanzskandal der Scheinfirma zu glätten und die illegale Arbeit wieder zu übernehmen. Diesmal wurde ihm Tatjana zur Seite gestellt, die mit dem bereits zweijährigen Dmitrij nach Shanghai zog. Sie erhielten dort eine neue belgische Identität unter dem Namen Hilaire Noulens und Frau. Die meisten Kader des Fernost-Büros wurden nach und nach aus Shanghai abberufen, nicht aber die beiden OMS-Mitarbeiter, Jakov Rudnik und Tatjana Moiseenko-Velikaja, auf denen nun erst recht der gesamte Kommunikations- und Organisationsapparat lastete. Anfang Juni 1931 wurde in Singapur der Franzose Joseph Ducroux   verhaftet, der von der OMS-Zentralverwaltung als Kurier eingesetzt wurde. Bei ihm wurden Angaben zu einem „toten“ Briefkasten in Shanghai gefunden, infolge dessen die britische Polizei in Shanghai den Ort observierte und eine konspirative Wohnung entdecken und Rudnik selbst einkreisen konnte. Da alle konspirativen Punkte von nur zwei Personen bedient wurden, war es ein leichtes, die anderen Punkte ausfindig zu machen, und so wurde das Paar am 15. Juni 1931 im Besitz einer großen Menge Materials verhaftet (wobei die meiste unmittelbare OMS-Korrespondenz vorher nach Moskau ausgelagert werden konnte). Oberste Priorität der Verhafteten war es, ihre russische Abstammung zu verheimlichen, um jeglichen Verdacht von Kontakten nach Moskau abzulenken. Dabei kam ihnen die strikte Verbannung des Russischen aus dem Privatleben zugute. Um das Recht westlicher Ausländer auf Konsulargerichtbarkeit wahrnehmen zu können, versuchten die Verhafteten, eine Reihe europäischer Identitäten auszuspielen, doch die ursprünglich angenommene belgische Identität der Verhafteten hielt der Überprüfung durch die belgischen Behörden nicht stand, genausowenig wie die auf Anraten des Anwalts angenommene schweizerische Identität. So konnte die Herausgabe von Rudnik und Moiseenko-Velikaja an die chinesischen Militärbehörden im August 1931 nicht verhindert werden, wenngleich die Verbindung zu Rußland nicht nachgewiesen werden konnte und die britische Polizei bei der Übergabe lediglich feststellte, daß die Staatsangehörigkeit der Verhafteten nicht festzustellen sei. Die Inhaftierten wurden unter verstärkter Bewachung nach Nanking überführt, wo sie vom Militärtribunal zum Tode verurteilt wurden. Im November 1931 gelang es Sun Tse-lin, der Witwe des ersten Präsidenten der chinesischen Republik, Sun Yat-sen, das Paar im Militärgefängnis zu besuchen und die Instruktion Moskaus zu übergeben, sich von nun an als das Schweizer Ehepaar Paul und Gertrude Rüegg zu bezeichnen. Als einen Monat später das Militärgericht das Todesurteil aufhob und die Angelegenheit an ein Zivilgericht verwies, schickte Moskau einen Schweizer Anwalt, den Genfer Kommunisten Jean Vincent, nach China, um die Verteidigung zu übernehmen und Instruktionen zu übermitteln. Allerdings wurde er von China nicht zum Prozeß zugelassen. Genauso scheiterte der Versuch, die neue Identität anzunehmen, da die Schweizer Behörden sie für falsch erklärten und sich weigerten, sich für die Verhafteten einzusetzen. In Europa wurde ein Verteidigungskomitee für die Freilassung des Ehepaars Rüegg gebildet, das von linken Intellektuellen wie Egon Kisch, Arnold Zweig, Johannes Becher, Friedrich Wolf und anderen gebildet und vom Kominternapparat unterstützt wurde, darunter auch dem Schanghaier Komitee der Internationalen Roten Hilfe mit Agnes Smedley, Harold Isaacs und Edgar Snow.  Am 1. Juni 1932 wurde der Prozeß eröffnet, bei dem Rüegg  beschuldigt wurde, Sekretär des Panpazifischen Sekretariats der Roten Gewerkschaftsinternationale zu sein. Diese Anschuldigung versetzte die Verhafteten in eine etwas weniger unangenehme Lage als dies bei einer Aufdeckung ihrer wahren Tätigkeit der Fall gewesen wäre. Dennoch traten die beiden Häftlinge, um gegen die Haftbedingungen und für die Verlegung des Prozesses nach Shanghai zu demonstrieren, in einen Hungerstreik, der ob ihrer Entschlossenheit große Verwirrung bei den chinesischen Machthabern stiftete. Die Öffentlichkeit nahm an den Geschehnissen regen Anteil. In Shanghaier Zeitungen wurden regelmäßig Aufrufe der Verhafteten publiziert, so schließlich am 9. Juli das Testament des Paares: „Wir, Paul und Gertrude Rüegg […], erklären hiermit unseren letzten Willen. Wir hinterlassen all unseren Besitz, wo immer er aufzufinden sein wird, unserem vier Jahre alten Sohn Jimmy, der sich gegenwärtig in Shanghai im Hause der Frau Holz befindet.“ Nach der Verhaftung seiner Eltern war Jimmy-Dmitrij zunächst in ein Kinderheim gekommen. Der „Meisterspion“ Richard Sorge, der in China tätig war, schaffte es, durch Bestechung das Todesurteil der Eltern in lebenslange Haft umzuwandeln. Sorges Sekretärin Ruth Werner erwog sogar, Jimmy zu adoptieren, doch Sorge brachte sie von dem Entschluß ab. So kam es dazu, daß der „Komintern-Waise“ von der deutschen Familie Holz adoptiert wurde. 1936, als Dmitrij acht  Jahre alt war, bereitete die Familie Holz ihre Rückkehr nach Deutschland vor und wollte den Adoptivsohn ebenfalls mitnehmen. Vorher aber sagte ihm die Mutter im Gefängnis, er heiße nicht Jakob Holz, sondern Jimmy Rüegg und müsse nicht nach Deutschland, sondern nach Rußland. Dmitrij wurde einige Monate von Sun Yat-sens Witwe beherbergt und konnte im November nach Vladivostok gebracht werden. In der Sowjetunion angekommen, kam er als Deutscher in das Zweite Internationale Kinderheim der Internationalen Arbeiterhilfe (MOPR), wo er unter anderem mit Kindern von Mao Tse-tung, Maurice Thorez und anderen prominenten Kommunistenführern zusammen war. Währenddessen verblieben Jakov Rudnik und Tatjana Moiseenko-Velikaja bis August 1937 im Gefängnis von Nanking. Als der chinesisch-japanische Krieg ausbrach und das Gefängnis durch japanische Bombardements zerstört wurde, wurde das Paar unter der Bedingung einen Bürgen zu stellen, freigelassen. Da sie in Nanking keine Bürgschaft bekamen, setzten sie sich heimlich nach Shanghai ab, wo sie sich zwei Jahre ohne jegliche Dokumente versteckt hielten. Erst am 25. Juli 1939, nachdem sie in einem Brief den Komintern-Generalsekretär, Georgi Dimitroff, auf ihre Lage aufmerksam gemacht hatten, konnten sie auf einem norwegischen Dampfer in die Sowjetunion gelangen.  Über der Schicksal ihres Sohnes erfuhren sie ebenfalls nur Dank der Einmischung Dimitroffs; zuerst, als sie im EKKI nach ihrem Sohn fragten, reagierte der Mitarbeiter verwundert: „Ach, Sie haben einen Sohn?“ Dimitrij konnte seine Eltern zwar bereits einige Wochen später sehen, konnten ihn dennoch nicht aufnehmen, und so blieb er bis Ende 1944 im Kinderheim. Der Vater fand unterdessen dank seiner Chinesischkenntnisse eine Anstellung am Fernöstlichen Institut, wurde im Krieg für „Spezialarbeiten“ mobilisiert, 1943 wieder demobilisert und arbeitete bis zu seiner Pensionierung in diversen Institutionen, wo er seine Fremdsprachenkenntnisse anwenden konnte. Die Mutter blieb in der Komintern und unterrichtete Fremdsprachen an der Kaderschule des EKKI. Nach der Auflösung der Komintern wurde sie, wie viele ehemalige EKKI-Mitarbeiter, in das „Institut Nr. 205“ übernommen, wo sie bis 1948 tätig war. Jakov Rudnik starb 1963 an Krebs, Tatjana Moiseenko-Velikaja starb 1964, nur knapp ein Jahr später. Erst als Dmitrij Moiseenko 16 Jahre alt wurde und einen neuen Pass bekommen sollte, erfuhr er, daß er in Wirklichkeit kein Deutscher war und auch nicht Jimmy Rüegg hieß. Unter seinem russischen Namen beendete er die Mittelschule und studierte bis 1950 am Institut für Internationale Beziehungen in Moskau. Danach arbeitete er zunächst in der internationalen Abteilung des Sowjetischen Gewerkschaftsbundes, und schließlich, von 1958 an, in der internationalen Abteilung der KPdSU, wo er, u.a. mit der KP Frankreichs befaßt, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1989 blieb. Als Pensionär im postkommunistischen Rußland beteiligte Dmitrij Moiseenko sich maßgeblich an der Erschließung der Komintern-Archive, wo er unter anderem Klarheit über die Vergangenheit seiner Familie erlangen konnte. Section V:       New Publications - Reports and Reviews   The political biography of Álvaro Cunhal in 3 volumes by José Pacheco Pereira now concluded: José Pacheco Pereira: Alvaro Cunhal, uma biografia política. Volume I: „Daniel“, o jovem revolucionário (1913 - 1941), Lisbon, Temas e Debates, 1999. 477 p.; Volume II: „Duarte“, o dirigente clandestino (1941 - 1949), Lisbon, Temas e Debates, 2001. 872 p.; Volume III: O Prisioneiro (1949-1960), Lisbon, Temas e Debates, 2005. 748 p. Introductory note by José Pacheco Pereira.   •                     Between March of 1949 and January 1960, Álvaro Cunhal was in prison. His everyday life didn’t seem to have any apparent history, it was made of repetition of the same gestures, in a succession of hours, days and years, serving his sentence in two high-security prisons: the „Penitenciária“ and the Fortress of Peniche. What could be the content of his biography? Half a dozen of pages, would the reader say, looking with perplexity at several hundreds of pages of this publication. But it does not seem to me that this should be the case. •                     A „political biography“ of Álvaro Cunhal cannot only be made of the events directly linked to the prisoner’s life, because the person described in the biography had - like only a few did - associated his personal life with the history of Portuguese communism. In his adult life there was not one sentence he wrote, not one drawing he made, not one act he was responsable which would not have had the Portuguese Communist Party (PCP) as the reference point. This is why Cunhal is simply not understandable, even in the years of his greatest isolation, without considering this all-embracing relationship with the party which he was a part of. •                     It is impossible to write a biography of Cunhal without at the same time explaining the history of the PCP, and, in a comprehensive way, the „oposição“ against the dictatorial regime of Salazar. Consequently, the history of the PCP and the history of the oposição - which are still in a large part to be written - represent a phenomenon of continuity, which - as can be seen through what Cunhal did during and after the imprisonment - was his main preoccupation and his motivation to live on. Without this history, Cunhal cannot be „explained“ in his political biography (translated from Portuguese). http://estudossobrecomunismo.weblog.com.pt/..     Sobhanlal Datta Gupta: Comintern and the destiny of communism in India. 1919 – 1943, 1919-1943. Dialectics of real and a possible History, Calcutta: Seribaan, 2006.   The opening up of the Comintern archives in Moscow in the 90s has now made it possible for the scholars to have the first glimpse of how the destiny of the Communist Parties of’ the world in the inter- War period was defined by politics inside the Comintern which, in turn, was predominantly shaped by the struggle for power inside the Soviet Communist Party after Lenin’s death. With the accessibility of the Comintern archives a massive literature has emerged in the West (primarily in Russian and German, besides English), leading to a reinterpretation of the understanding of Comintern as a historiographical problem in the light of these new sources. The book, based on these materials (archival and non-archival), provides for the first time an entirely new analysis of Comintern’s impact on the shaping of Indian communism and argues about the alternative possibilities of the Left and communist movement in India in the light of documents which were suppressed or unknown till now. This reinterpretation of the role of Comintern (1919-1943), which masterminded the beginning and shaping of communism in India, will contribute to a refreshingly new understanding of the problems, complexities and crisis that communism in India has encountered in its long history. Besides the Comintern archives, the book is based on materials from the archives of the Communist Party of Great Britain (CPGB), which include the papers of Rajani Palme Dutt, Harry Pollitt, Ben Bradley, the stenographic records of the Central Committee, Politbureau and the Party Congresses of the CPGB, all relating to the links between the CPGB, India and Comintern, papers from the Public Records Office, UK and the Private Papers of Horst Krueger in Berlin. The book has the following chapters: Chapter I: Comintern : the new historiography. Chapter II: The colonial question and India in the Lenin era: 1919-1923. Chapter III : India and the East in the period of’ „Bolshevization“ and „Third Period“: 1924-1934. Chapter IV : The Indian question in the era of United Front and War: 19351943. Chapter V: Comintern and the Indian revolutionaries in Russia. Chapter VI: Indian communism: Dialectics of real and a possible history.  See: http://www.sreejoni.com/bb.htm. Contact with the author: sobhanlal@dataone.in.   Stalin: Revolutionary in an Era of War, by Kevin McDermott, Palgrave MacMillan, January 2006, 240 Pages. Part of the European History in Perspective series. From the publisher’s announcement.   Stalin’s massive impact on Soviet history is often explained in terms of his inherent evil, personality defects and power lust. This volume argues that Stalin’s thoughts and actions are best contextualized in the inter-relationship between war and revolution in the first half of the twentieth century. Kevin McDermott incorporates recently declassified materials from the former Soviet Party archives and provides a critical review of western and Russian historiography. In his introduction, the author writes: This notion of ‘several Stalins’ is a useful corrective against oversimplification and cosy monocausal explanations of his actions and attitudes. It helps us appreciate the dynamic nature of his power from primus inter pares in, say, 1928–9 to unassailable dictator a decade later. It suggests that, depending on the situation and his interlocutor, Stalin, like all successful politicians, could be a consummate actor, tailoring his remarks to fit the audience, and a master of deception, feigning moderation, even amiability. Finally, it is a salient reminder that Stalin was prey to vacillations, inconsistencies and ad hoc responses to unforeseen circumstances. ‘My’ Stalin is, thus, a more human figure, not in the sense of emphasising his private life and relationships or indulging in fantasies about his positive characteristics and achievements, but in recognising in him aspects of a ‘normal’ politician. Like Churchill or Roosevelt, Stalin frequently faced profound crises to which there were no self-evident solutions, had to deal with incompetent and possibly insubordinate officials and a recalcitrant society, at times must have felt overwhelmed with the complexity of domestic and foreign situations, and therefore may have experienced a measure of powerlessness. Surely even the ‘omnipotent’ Stalin may on occasion have felt unable to cope and may have had cause to doubt his abilities and policy preferences? The dreadful days after 22 June 1941 are a case in point. None of this seeks to diminish his overall control of Soviet decision-making, or attenuate his cruelty, brutality and overweening self-confidence. But it does complicate the over-simplified stereotypical image of the self-possessed arrogant dictator in whom all power and knowledge is vested. Source: http://www.palgrave.com/products/Catalogue.aspx?is=033371122X Frank Schauff: Der verspielte Sieg. Sowjetunion, Kommunistische Internationale und Spanischer Bürgerkrieg 1936-1939. 2., veränd. Aufl. 2005, Frankfurt am MAin, Campus Verlag, 2005. 407 p. (Quellen und Studien zur Sozialgeschichte, IISG Amsterdam). Aus der Verlagspräsentation.   •                     Aus dem Klappentext: Nach wie vor schlummern in Moskauer Archiven viele unbekannte Dokumente. Eine Reihe von ihnen hat Frank Schauff erstmals systematisch mit dem Ziel ausgewertet, die Rolle der Kommunistischen Internationale und der Sowjetunion im Spanischen Bürgerkrieg zu erfassen. Er schildert die Intervention der Roten Armee, die Entscheidungsprozesse in der Komintern und das Vorgehen der sowjetischen Diplomaten in diesem ganz Europa betreffenden Konflikt. Damit vermittelt er wichtige Einblicke in die Arbeitsweise der Komintern und die außenpolitischen Entscheidungsmechanismen der Sowjetunion vor dem Hintergrund des stalinistischen Terrors im eigenen Land, der sich parallel zum Spanischen Bürgerkrieg abspielte. •                     Aus dem Vorwort des Autors: Zu Beginn der neunziger Jahre entstand der Eindruck, als würden alle Dokumente der Sowjetära der Forschung zugänglich gemacht. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch, da die russischen Behörden bereits nach wenigen Jahren begannen, den Zugang wieder restriktiver zu gestalten, sodaß zum Beispiel die Sekretariate Dimitrovs und Manuil’skijs bis heute verschlossen sind. Ähnliches gilt für bestimmte Aktenbestände des Volkskommissariats der Verteidigung. Genauso wenig waren bisher die Akten Stalins, die den Spanischen Bürgerkrieg betreffen, sowie die entsprechenden Bestände des NKVD einzusehen. Somit bleibt diese Untersuchung, obwohl sie eine große Zahl von Unterlagen zur sowjetischen und Komintern-Politik verarbeitet, ein Zwischenstand, der einer Überprüfung unterliegt, sobald die genannten Bestände zur Verfügung stehen werden. Dennoch lassen die hier analysierten Dokumente einen Perspektivwechsel in der bisherigen wissenschaftlichen Sicht der Politik der Sowjetunion und der Komintern in Spanien zu.“ (p.14). •                     Aus dem Schlußkapitel des Autors: Es war der Terror, der ein Gutteil des ambivalenten Erscheinungsbildes des sowjetischen Einsatzes in Spanien ausmachte. Es läßt sich jedoch aufgrund bekannter spanischer wie sowjetischer Quellen nicht nachweisen, daß die sowjetische Seite in die Niederschlagung des Aufstandes vom Mai 1937 oder die Verfolgung der führenden Köpfe des POUM verstrickt war. Das soll nicht heißen, dass sie dieses Vorgehen der spanischen Regierung nicht guthieß (p. 362). •                     Die Komintern selbst konnte in der gesamten Zeit nicht den Gegensatz zwischen offensivem, re-volutionären Anspruch einerseits und der defensiven Position der Republik andererseits überbrücken. Die Kommunisten agierten gegen die revolutionären Bewegungen, um die Einheit im Innern wie auch die mögliche Unterstützung durch die Westmächte nicht zu gefährden, ohne den revolutionären Anspruch je aufgeben zu wollen oder geschweige denn aufgeben zu können.“ (p. 364). •                     Von der Errichtung einer sowjetisierten Volksdemokratie, wie sie in Osteuropa wenige Jahre später gängig werden sollte, kann in Spanien der Jahre 1936-1939 nicht die Rede sein, da zumindest die materiellen Voraussetzungen dazu noch nicht vorhanden waren. (p. 366) •                     Wenn man die internationalen politischen Bedingungen betrachtet, so kommt man schnell zu der Feststellung, dass beide [die Sowjetunion und die Komintern] – abgesehen von der wenig substanziellen mexikanischen Hilfe – als einzige konsequent die Republik zu stützen versuchten. Sie taten es in nicht unerheblichem Maße, aber unter den gegebenen internationalen Umständen – Einmischung des nationalsozialistischen Deutschland und des faschistischen Italien auf Seiten Francos bei gleichzeitiger Isolation der Republik durch die Westmächte – war der Spanische Bürgerkrieg – ob nun als Abwehrkampf gegen den Faschismus oder als Teil einer Revolution – nicht zu gewinnen. Letztlich stand die UdSSR auf der Seite jener politischen Kräfte in Spanien, die eine demokratische Verfassung und eine emanzipatorische Entwicklung der Gesellschaft anstrebten, auch wenn die revolutionären Versuche von Teilen der republikanischen Linken nicht in das sowjetische Konzept passten. Dieser Aspekt verblasst jedoch vor den unerhörten Ereignissen in der Sowjetunion, die mit dem Einsatz für die Republik verbunden waren, den erklärten Zielen schadeten und sich damit jeglicher politischen Rationalität entzogen. (S. 367)     Natalija Mussijenko, Alexander Vatlin: Schule der Träume. Die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau. 1924-1938. Aus dem Russischen übersetzt von Nina Letnewa, Stuttgart, Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung, 2005. 484 p. (Reformpädagogik im Exil. Neue Folge der Schriftenreihe „Pädagogische Beispiele“. Dokumentationen zur Realgeschichte von Erziehung und Bildung vor und nach 1933, Band 10).  Rezension von Klaus Schilde, Siegen.   Es ist ein ungewöhnliches Buch über eine ungewöhnliche Schule – behauptet die Herausgeberin der Reihe ‘Reformpädagogik im Exil’ Hildegard Feidel-Mertz – und hat recht. Von 1924 bis 1938 gibt es in Moskau eine deutsche Schule, deren Geschichte von Natalija Mussijenko und Alexander Vatlin erforscht worden ist. Diese Bildungsstätte ist ein besonderes Erlebnis für alle gewesen, die mit ihr in Berührung gekommen sind. Unter anderem haben später bedeutende DDR-Politiker dort die Schulbank gedrückt, wie Werner Eberlein, Peter Florin, Markus und Konrad Wolf. Seit 1985 befaßt sich die damalige Russischlehrerin Mussijenko – zu dieser Zeit war sie Leiterin des Klubs der Internationalen Freundschaft in der Botschaftsschule der DDR – mit der Geschichte der KarlLiebknecht-Schule. 1989 organisiert sie ein Treffen der ehemaligen Schüler und Schülerinnen in dem früheren Schulgebäude. Sie bekommt Zugang zu persönlichen Unterlagen und beginnt mit der Rekonstruktion der Schulgeschichte. 1996 werden die Forschungsergebnisse in der Ausstellung „Schule unserer Träume“ dargestellt. Ihr werden weitere Materialien bekannt, die sie zunächst noch allein auswertet, bis sich der Historiker Vatlin einschaltet, mit dem sie nun dieses Buch geschrieben hat. Es basiert auf den Erinnerungen der ehemaligen Schüler und Schülerinnen, veröffentlichten Erinnerungen – z.B. von Wolfgang Leonhard, Mischket Liebermann, Henry-Ralph Lewenstein – sowie Zeitungsartikeln und Dokumentarfilmen. Aus dem Privatarchiv von Mussijenko stammen Schulhefte, Schülertagebücher, Zeugnisse, Klassenarbeiten, Lehrbücher und Fotos von Ehemaligen. Weitere Unterlagen wurden in einschlägigen Archiven aufgefunden. Daraus ist ein Buch „über das Werden und den Niedergang der deutschen Schule im Kontext der radikalen Umbildungen in der Sowjetunion der zwanziger und dreißiger Jahre“ (S. 19) entstanden. Den durchgehenden Faden bilden die „Schicksale von Menschen“ aus dieser Schule. Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert: die historische Darstellung und die Dokumentation zur Geschichte und pädagogischen Praxis der Schule. Der Abriss der Entwicklung besteht aus vier Kapiteln: Zunächst werden Gründung und Anfangsjahre (1924-1930) vorgestellt. In diesem Zusammenhang sind Ausführungen zur langen Tradition des Schulwesens der nationalen Minderheiten bemerkenswert, hier speziell der Rußlanddeutschen, nach ihren Ansiedlungsgebieten auch Wolgadeutsche oder Moskau-Deutsche genannt. Die damalige liberale sowjetische Minoritätenpolitik bildete eine Chance zur Gründung der „Deutschen Arbeitsschule Erster Stufe Nr. 37 des Sokolniki-Bezirks“ – so der offizielle Name. Einige ihrer wichtigen Lehrer und Lehrerinnen stammen aus schulreformerischen Kreisen in Deutschland und bringen Erfahrungen als praktizierende Reformpädagogen mit. Die Schule hat Attraktivität mit der Folge, daß in vielen Klassen Kinder aus Familien von Mitgliedern der KPdSU(b) oder ausländischer kommunistischer Parteien lernen. Dies hatte einen zeitweise elitären Charakter der Schule zur Folge. Im zweiten Abschnitt wird auf die Schule im „großen Umschwung“ (1930-1934) und im darauf folgenden auf den letzten Aufschwung mit dem tragischen Ende eingegangen (1934-1938). In diesen Jahren bekommt die anfänglich wesentlich an den Bedürfnissen der russlanddeutschen Minderheit orientierte Schule durch den Zustrom von Arbeits- und ab 1933 vor allem Politemigranten einen deutlichen internationalen Charakter. 1932 wird sie mit dem Namen „KarlLiebknecht-Schule“ ausgezeichnet – als Kurzform des vollständigen Namens „Deutsche Polytechnische Arbeitsschule ‘Karl Liebknecht’“.  Schule, Schüler und Schülerinnen wie Lehrer und Lehrerinnen geraten in den Großen Terror. Die Kampagne des „Kampfes für die Erhöhung der Wachsamkeit und Entlarvung von Schädlingen und feindlichen Agenten“ (S. 155) zeigt auch in dieser Bildungseinrichtung ihre Auswirkungen: Einige Eltern beschweren sich, daß eine Stalin-Rede zu wenig durchgearbeitet wird, andere Eltern, die den Wandel der politischen Konjunktur durchschauten, schicken ihre Kinder in sowjetische Schulen. Es kommt zu absurden Vorwürfen und „aufgedeckten Verschwörungen“ mit der Folge von Verhaftungen, Selbstmorden usw. Dieser Entwicklung entsprechend bilden die „Schicksale“ von Lernenden und Lehrenden nach der Schulschließung das letzte Kapitel des ersten Teils, woran sich der Epilog „Die Schule lebt im Gefühl und Gedächtnis fort“ anschließt. Abgerundet wird die Darstellung mit dem Abdruck von fast fünfzig Abbildungen aus dem Leben der Schule. Sie bildet mit rund 200 Seiten ungefähr die Hälfte des Buches.  Der Anhang enthält Kurzbiographien der ausländischen Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiter/innen, eine Liste der sowjetischen Lehrkräfte und Mitarbeiter/innen sowie Gedenklisten der Opfer der stalinistischen Repressionen unter den Schüler/innen und der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen. Der zweite Hauptteil enthält eindrucksvolle Dokumente zur Schulgeschichte und pädagogischen Praxis sowie „Dokumente der Erinnerung“ der ehemaligen Schüler und Schülerinnen. Die anschauliche Darstellung der historischen Entwicklung – viel zu bescheiden als „ausführlicher Kommentar zu den veröffentlichten Dokumenten“ (S. 20) bezeichnet – sowie die Dokumente selbst zeigen, daß die Schüler und Schülerinnen teilweise bis in ihr hohes Alter die KarlLiebknecht-Schule trotz schwierigster Verhältnisse als eine „Schule der Träume“ empfinden. Dies hat nicht zuletzt an den politisch engagierten Pädagoginnen und Pädagogen gelegen, die versucht haben, eine kindgerechte Schule zu verwirklichen.     Kurt Schilde and Dagmar Schulte (eds.), Need and Care – Glimpses into the Beginnings of Eastern Europe’s Professional Welfare (Opladen/Bloomfield Hills: Barbara Budrich Publishers, 2005). Reviewed by Mathieu Denis, Berlin.   This interesting book is the result of the research project „History of social Work in Eastern Europe (1900-1960)“, the first initiative by the international „Network for Historical Studies on Gender and Social Work in Europe“, which lasted from 2003 to 2005. It is the outcome of an important collaboration between research teams of two to five members from no less than eight countries (Bulgaria, Croatia, Hungary, Latvia, Poland, Romania, Russia and Slovenia). The case studies published here are based on extensive research in local archives and interviews. The book is divided into four sections. The first section sketches the biography and work of female social work pioneers. Borbála Juhász presents the biographies of Katalin Gerö (1853-1944), who directed the Jewish Orphanage for girls in Budapest from 1898 until her death, and Ilona Földy (1907-1981), director of the Kozma Street Settlement in Budapest. Portraits of female organisers who initiated the professionalisation of social care in Poland during the interwar years, are presented in the essay by Agnieszka Malek and Izabela Szczepaniak-Wiecha. Kristina Popova recalls the life story of Rayna Petkova, and reveals in the process some important keys to the professionalisation of social work relating to children’s and juvenile relief and criminality prevention in Bulgaria. Petkova had been influenced by the German systems, observed during her studies in Berlin in the late years of the Weimar Republic. She was also a fervent admirer of nationalsocialist ideas which she contributed to introduce in Bulgaria. Finally, the life of the Croatian Tatjana Marinić (1897-1966), one of the founders of the university courses in social work in Zagreb, is presented by Meltita Richter. The second part discusses certain fields of social work in Russia and Hungary. The article by Yulia Gradskova achieves to grant some new insights into a classical topic of the social history of Soviet Russia, the difficulties of working class women in bringing together full-time employment and their responsibility in the private sphere. Gradskova does this by concentrating on the activities and daily routine of nurseries in Soviet cities from 1930 to 1960. The gaps between the discourse of the state and the life of citizens, and how social work institutions try to fill them, appear also in the case study by Elena Iarskaia-Smirnova and Pavel Romanov about the children’s home „Krasnyi gorodok“ (Red small town). A similar study for the Kozma-Street Settlement, by Dorottya Szikra and Eszter Varsa, analyzes the differentiation (based on gender, class, and ethnicity) in the practice of social work in Hungary between 1935 and 1945. The third part addresses aspects of the interrelations between social policies and social movements in Bulgaria, Slovenia, Latvia, Poland and Hungary. Milena Angelova sheds some light on the interrelations between private welfare activities and the growing responsibility of the state in her study of the fight against tuberculosis between 1908 and 1948. Vesna Leskošek recalls the importance of the feminist movement for the development of social work in Slovenia in the period preceeding World War II. The different self-help organizations of the Latvian Jewish community between 1900 and 1940 are the object of the contribution by Juris Osis and Liesma Ose. The consequences of legislation and demographic evolutions on the Latvian Jewish minority are observed in two cities. Izabela Szczeopaniak-Wiecha, Agnieszka Malek and Krystyna Slany oberve the system of abandoned child care in Poland, focussing on the foster family as the oldest form of care for deprived children. Eszter Varsa analyses the ethnic differentiations operated by the first maternity leave regulation in Hungary, between 1960 and 1980.  The fourth part recalls the history of the professionalisation of social work in Romania and Slovenia. The development of the vocational training systems for nurses and midwives, in interwar Romania, is recalled and analyzed by Silvana Rachieru. She underlines the particular significance of the establishment of the „Principesa Ilena Superior School for Social Assistance“ in 1929. Finally, the history of Slovenian vocational training from 1940 and 1960 is the object of the last essay of this section. Darja Zaviršek shows how the state played a crucial role, considering social workers as necessary, albeit transitional, for the construction of the „socialist society“. In the final essay of the book, co-editor Dagmar Schulte synthesises the similarities and differences in the foundation, the professionalisation, the main targets, the daily routine and the specificities of social work in these countries.  The unconventional time period adopted by the initiators and researchers of this project, refusing the secure political periodizations to the benefit of less definite boundaries, is crucial in making many of the essays published here important contributions for the study of European professional welfare. They are a salutary effort to enlighten an unknown field of comparative social historical research on the eastern bloc but also to stress the important continuities with pre-war years developments in these countries, without silencing the discontinuities. „Need and Care“ offers some useful tools in the writing of a contemporary social history of Western and Eastern Europe. Section VI:  Meetings, Conferences and Events Concerning Communist Studies.   PAST MEETINGS AND CONFERENCES 2005.   •   Recklinghausen, Germany, 21 – 24 February 2005: Transformation der Erinnerungskulturen, Forschungsinstitut Arbeit Bildung Partizipation, Recklinghausen and Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin.  •   Marburg, Germany, 24 – 25 February 2005: Zeitgeschichte Osteuropas von den Jahren des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart. Kolloquium des Verbandes der Osteuropahistoriker/innen Deutschlands und des Herder-Instituts Marburg. •   Berlin, Germany, 17 March 2005: Offene Akten. 15 Jahre Auseinandersetzung mit den DDR-Archiven, Landesvertretung Baden-Würtemberg. •   Swansea, United Kingdom, 31 March - 2 April 2005: The Rethinking of the Social Democracy - Conference 2: The Political Economy of Social Democracy: Past, Present and Future, University of Wales, Swansea.  •   Santa Barbara, California, 29 – 30 April, 2005: The Cold War and its Contexts. Graduate student conference, University of California, Santa Barbara, the George Washington Cold War Group (GWCW), and the London School of Economics and Political Science (LSE), Cold War Studies Centre (CWSC). http://www.history.ucsb.edu/projects/ccws/ •   Madrid, Spain. 5 – 7 May: Jornadas sobre ‘Políticas de Alianza y Estrategias unitarias en la história del PCE“. Fundación de Investigaciones Marxistas. Sección de Historia. •   Youngstone, Ohio, 18 – 21 May, 2005: New Working Class Studies: Past, Present and Future. The 10th Aniversary Conference of the Center for Working-Class Studies. Youngstown State University. •   Munich, Germany, 31 May, 2005: Russische Föderation zwischen Siegesmythos und Moderni-sierung. Der Krieg ist aus. Diskussionsreihe mit Memorial u.a. www.ruth-dieckmann.de. • Berlin, Germany, 10 June 2005: IV. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung. Wege aus der Katastrophe – Debatten über ein Nachkriegsdeutschland. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. •   Mons, Belgium, until 11 September 2005: Exposition: L’anarchisme à la UNE.  MUNDANEUM, Centre d’archives de la Communauté française. •   Warsaw, Poland, 16 –18 June 2005: The Communist Security Apparatus in East Central Europe 1944/ 1945 to 1989. International Conference. Institute of National Remembrance – Commission for the Prosecution of Crimes against the Polish Nation (IPN). www.ipn.gov.pl/conference2005. •   Berlin, Germany, 15 July 2005: Bilder der Deutschen im sowjetischen und russischen Film, Rus-sisches Haus der Wissenschaft und Kultur. www.russisches-haus.de. •   Berlin, 25 – 30 July 2005: Europe – Our Common House. VII World Congress of ICCEES, In-ternational Council for Central and East European Studies, Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde. Haus der Kulturen der Welt, Humboldt-Universität.  http://www.iccees2005.de/information.html.  •   Linz, Austria, S15 – 18 September 2005: Labour Biographies and Prosopography, 41th Linz Conference. http://www.ith.or.at/konf_e/ueberblick_2006_e.htm •   Moscow, Russia, 1 October - 30 November 2005: The Russian Revolution of 1905: Impact, Ef-fects, ‘Shock Waves’. International Conference organised by the French-Russian Centre for Social Sciences (Moscow), Pedagogical University of the City of Moscow, Institute of World History (Russian Academy of Sciences, Moscow), Geneva University (Switzerland), Center for the Studies in Russian, Soviet and post-Soviet World (Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris). http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=144402 •   Leipzig, Germany, 9 October 2005: Symposium Widerstand und Opposition als Kern eines eu-ropäischen Geschichtsbildes (Veranstaltungsreihe Zeit-Fragen), Zeitgeschichtliches Forum Leipzig (ZFL). Kontakt: hoser@hdg.de/zfl.de. •   Moscow, Russia: 13 - 15 October 2005. 1905, une révolution oubliée, sa portée, ses effets. Cen-tre franco russe en sciences sociales et humaines à Moscou, Centre des études des Mondes Russe, Caucasien et Centre-Européen à l’Ecole des Hautes études en sciences sociales, Faculté des lettres de l’Université de Genève, Institut européen de l’Université de Genève, Institut d’histoire universelle de l’Académie des Sciences de Russie. •   Detroit, USA, 20 – 22 October, 2005: Twenty-Seventh Annual North American Labor History Conference - „Labor, Solidarity and Organizations“Wayne State University. Professor Janine Lanza, Coordinator, Department of History. ao1605@wayne.edu Source: Labnet •   Bruxelles, Belgium, 21 - 22 October 2005: Journées d’Etudes internationales. Presse commu-niste, presse radicale (1919-2000). Rôle, organisation et perspectives.  José Gotovitch, Directeur du Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches, Université Libre de Bruxelles. •   Weimar, Germany, 21 – 22 October 2005: Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungs-kultur. Eine Zwischenbilanz in vergleichender Perspektive. 4. Internationales Symposium der Stiftung Ettersberg in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. Kontakt: Daniela Ruge, ruge@stiftung-ettersberg.de. •   Columbia, Maryland, 27 – 28 October, 2005: 2005 Symposium on Cryptologic History, Johns Hopkins Applied Physics Lab, Kossiakoff Center. http://www.nsa.gov/cch/cch00019.cfm • Moskau, 28 – 30 October 2005: Workshop Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Deutschrussische Erfahrungen und Perspektiven, Moskauer Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der modernen Geschichte Deutschlands, Bayerische Landeszentrale für politische Bildung, Deutsches Historisches Institut Moskau, Forschungsverbund SED, Berlin. Kontakt: Alexander Vatlin, Lomonossow Universität, E-Mail: vatlin_alex@mtu-net.ru. •   Weimar, 3 – 6 November 2005: Internationale und Interdisziplinäre DDR-Forschertagung. Akademie Rosenhof Weimar, Bundeszentrale für politische Bildung, Stiftung Aufarbeitung Contact: prof.dr.dr.heinertimmermann@t-online.de. •   Delhi, India, 10 - 12 November 2005: Towards Global Labour History. New comparisons. Workshop organized by the Association of Indian Labour Historians, Sephis, and the International Institute of Social History. http://www.indialabourarchives.org/ailh05.htm •   Potsdam, Germany, 10 – 11 November 2005: 9. Potsdamer Kolloquium zur Außen- und Deutschlandpolitik: „30 Jahre Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die Rolle beider deutscher Staaten“, Verein Helle Panke, Rosa-Luxemburg-Stiftung Branden- burg, Vereinigung für Internationale Politik und Völkerrecht. Contact: Detlef Nakath, detlef.nakath@web.de. •   Genève, Switzerland, 10 – 12 November, 2005: „Mythes, réseaux, milieux, formes et cultures de l’anticommunisme en Suisse des origines à nos jours”. Universités de Fribourg, Genève, Lausanne. Comité d’organisation: Michel Caillat, Mauro Cerutti, J. – F. Fayet, Stéphanie Roulin. mauro.cerutti@smile.ch. •   Lyon, France, 18 November 2005: Conference Praxis der kulturellen Produktion in der DDR. Deutschland-Zentrum (CIERA) an der Universität Lyon 2. Contact: Prof. Dr. Jacques Poumet, CIERA, E-Mail: Jacques.Poumet@univ-lyon2.fr.  •   Berlin, Germany, 1 – 3 December 2005: Zwischen Nostalgie, Amnesie und Allergie. Die Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa. Ulf Brunnbauer, Osteuropa-Institut, FU Berlin; Stefan Troebst, GWZO, Leipzig. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=979&view=print. •   Eichstätt, Germany, 2 December, 2005: Verwandte Gegner? Der Stalinismus und der National-sozialismus im Spiegel des Romans Leben und Schicksal von Wassilij Grossman.  Zentralinstitut für Mittel- und Osteuropastudien, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, TU Dresden (Leonid Luks, Alexei Rybakov). http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1023&view • Berlin, Germany, 2 - 3 December 2005: Rethinking Labour from a Global Perspective. A conference hosted by the Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. http://www.iisg.nl/news/rethinkinglabour.php.   Meetings, Conferences and events 2006. •  Nottingham, United Kingdom, 3 - 5 January 2006: Study Group on the Russian Revolution 32nd conference. http://www.basees.org.uk/sgrusrev.html#XXXII. •  London, United Kingdom, 4 February, 2006: Conference on 1956: The year of Khruschev’s se-cret speech, the year of the Russian invasion of Hungary and the Anglo-French invasion of Suez. Socialist Historians Group. conference2006@londonsocialisthistorians.org. •  Dresden, Germany, 7 – 9 February 2006: Konferenz Totalitarismus und Literatur. Über Rolle und Funktion von Literatur in totalitären Systemen. Veranstalter: Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung www.stiftung-aufarbeitung.de. •  Amsterdam and Leiden, The Netherlands, 9 - 11 February 2006: Maoist Insurgencies in Asia and Latin America, Workshop organized by International Institute of Asian Studies, Leiden & International Institute of Social History, Amsterdam and Leiden. www.iisg.nl/news/maoist.php. •  Berlin, 22 – 24 February 2006: .hist 2006. Geschichte im Netz, Praxis, Chancen. Visionen. Ta-gung des Kooperationsverbundes Clio-online an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. http://www.clio-online.de/hist2006/ • Bergamo, Italy, 3 - 4 March 2006: Madeleine Rébérioux et l’histoire sociale entre la France et l’Italie. Seminaire à l’hommage de Madeleine Rébérioux (1920-2005), Université de Bergamo. http://www.ialhi.org/news/i0602_7.html •  Berlin, 3 – 4 March 20006: Rosa Luxemburg und die Diskussionen der Linken in der Gegen-wart. Internationale Konferenz, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin. Kontakt: Dr. Wolfgang Bey, Tel: 030 44310161. http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=10933&type=0 •  Stuttgart, Germany, 11 – 12 March 2006: Workshop zum 90. Geburtstag von Theodor Berg-mann. Contact: Dr. Florian Weis, Tel:030 - 44310 164 •  The Hague, The Netherlands, 22 - 25 March 2006: European Social Science History Confer-ence, International Institute of Social History. www.iisg.nl/esshc. Some panels concerning communist studies: •  Leipzig, Germany, 24 – 25 March 2006: Linke Utopien - die Zukunft denken. Das Krisenjahr 1956. VI. Rosa-Luxemburg-Konferenz, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. •  Mona, Jamaica, 31 March 2006: Society, Culture and Politics, 7th Symposium of the The Social History Project, University of the West Indies, Mona, Jamaica.  http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=146705 •  Urbana Illinois, USA, 7 - 8 April 2006: Boundaries of Democracy: Civil Rights, Grass Roots Poli-tics, and Spaces of Resistance. The 2006 Midwest Labor and Working Class History Colloquium. The University of Illinois, Urbana-Champaign. http://www.iisg.nl/~w3vl/conference_4388.html • Coimbra, Portugal, 27 – 29 April 2006: O artista como intelectual. No centenário de Fernando Lopes-Graça, Congresso Internacional, Centro de Estudos Interdisciplinares do Século XX da Universidade de Coimbra, Grupo de Investigação sobre Correntes Artísticas e Movimentos Intelectuais. • Keele, United Kingdom, 6 May 2006: The History of Strikes, Lock-Outs and General Strikes. Society for the Study of Labour History and Historical Studies in Industrial Relations, Keele University, Staffordshire. Contact: J.E.Murden@liverpool.ac.uk. •  Aix-en-Provence, France, 30 – 31 May, 2006: International Conference Labour and Organisa-tion: Research combining History and Ethnography. Maison mediterraneenne des sciences de l’Homme e.a. Organising Committee: Anne-Marie Arborio, Université de Provence/LEST, Yves Cohen, EHESS/CRH, Pierre Fournier, Université de Provence, LAMES, Nicolas Hatzfeld, Universite du Val d’Essonne/ IDHE, Cedric Lomba, CNRS/CSU.  Contact: pierre.fournier@up.univ-aix.fr; arborio@up.univ-aix.fr  http://www.mmsh.univ-aix.fr/lames/ index.htm. •  Berlin, Germany, 30 – 31 May 2006: V. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung. Das Kolloquium will anlässlich des 70. Jahrestages des Höhepunktes der Volksfrontpolitik 1936 nach den Chancen und den bis in die Gegenwart reichenden Fernwirkungen dieser Politik fragen. Rosa-Luxemburg-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Helle Panke e.V. Contact: Dr. Cornelia Domaschke, Tel: 030 44310 151, Fax: 030 44310 222. •  Bristol, United Kingdom, 17 – 19 July 2006: La Guerre sans limite. L’Espagne de 1936 à 1939 et au delà. Group for War and Culture Studies (GWACS), Universities of Westminster and Bristol. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4236&view=print. •  Johannesburg, South Africa, 28 – 31 July 2006: Conference: Rethinking Worlds of Labour. South-ern African labour history in international context. History Workshop, University of Witwatersrand. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=5042&count=301&recno=9&sortz=datum &order=down •  Stuttgart, Germany, 11 – 12 March 2006, Clara Zetkin Waldheim. Symposium zum 90. Ge-burtstag von Theodor Bergmann.  •  Kochel am See, Germany, 08.09.2006-10.09.2006: Workshop Historische Spanienforschung. Veranstalter: Martin Baumeister (München), Walther L. Bernecker (Nürnberg), Christian Windler (Bern). http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4450&view=print •  Zürich, Switzerland, 6 – 9 September, 2006: IALHI’s XXXVII Conference, International Association of Labour History Associations. Schweizerisches Sozialarchiv. http://www.ialhi.org/iconf.html#37 • Linz, Austria, 14 - 17 September 2006: 42. International Conference of Labour and Social History, ArbeiterInnenbewegung und Rechtsextremismus/ Labour and right-wing extremism/ Mouvement ouvrier et extrême droite. Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH). Coordination: Prof. Dr. Jürgen Hofmann, Berlin, Dr. Thomas Hellmut, Institut für Zeitgeschichte, Univ. Linz, Univ.-Doz. Dr. Paul Pasteur, CERA, Université de Haute Normandie, Rouen, Prof. Dr. Michael Schneider, Friedrich Ebert-Stiftung Bonn. http://www.ith.or.at/konf_e/ueberblick_2006_e.htm •  Konstanz, Germany, 19 – 22 September 2006: Deutscher Historikertag, Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD). www.historikertag.de Interesting Panels for Communist Studies (Sektionen Neue Geschichte): Interesting panels: •  3. Der Krieg um die Bilder 1941-2005: Mediale Darstellungen des „Großen Vaterländischen Krieges“ der Sowjetunion. Panel: Beate Fieseler (Bochum). •  20. Bild, Konsum und Kosmos. Inszenierungen modernen Lebens in der sowjetischen visuellen Kultur der Sechzigerjahre. Panel: Monica Rüthers (Basel), Carmen Scheide (Basel). •  Paris, France, 6 - 7 October 2006: Les socialistes et le mariage. Socialisme et sexualité. Conference at the Laboratoire de Démographie historique de l’Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS -Paris). •  Colorado Springs, Colorado, USA, 12 - 15 October 2006: Society for Utopian Studies 31st An-nual Conference. http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=148542. •  Cambdrige MA, USA, 19 - 22 October 2006: International History and Legacy of the Gulag Conference. Davis Center for Russian and Eurasian Studies at Harvard University.  http://www.ialhi.org/news/i0508_08.html •  Wellington, New Zealand, 4 - 5 November 2006: Seminar New Zealand’s involvement in the Spanish Civil War. The Trade Union History Project, with support of the History Department, Victoria, University, and the NZ Film Archive. Coordinator, Mark Derby,  markderby@paradise.net.nz. •  Bad Wiessee, Germany, 23 – 26 November 2006: Von der „europäischen Stadt“ zur „sozialistischen Stadt“ und zurück? Urbane Transformationen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts. Jahrestagung des Herder Forschungsrates und des Collegium Carolinum. http://hsozkult.geschichte.huberlin.de/termine/id=4962&view=print  •  Madrid, 27 – 29 November 2006: International Confernce on the Spanish Civil War. The State Society for Cultural Commemorations, assigned to the Spanish Ministry of  Culture. Coordination: Prof. Santos Julià. Coordinadora técnica: Rosario González Martinez, Sociedad Estatal de Conmemoraciones Culturales. rgonzalez@secc.es.  http://www.congresoguerracivil.es •  Leuven, Belgium, 7 - 8 December 2006: Solidarity? Western Trade Unions and Solidarnosc. Co-ordination: Idesbald Goddeeris, Idesbald.Goddeeris@arts.kuleuven.ac.be. •  Bochum, Germany, 25 – 27 January 2007: Approaching European History from Southeast European Perspectives. Comparing Social Movements and Social Change in the 19th and 20th Centuries. Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum. Contact: sabine.rutar@ruhr-uni-bochum.de.  http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4185&view=print     MORE INFORMATION AND LINKS TO THE FOLLOWING EVENTS MAY BE CONSULTED THROUGH SPECIFIC WEBSITES, AS FOR EXAMPLE:    •  Agenda Asia (http://www.iias.nl/gateway/news/agasia/). A database of Asian Studies confer-ences, workshops and seminars.  •  Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements.  •  H-Net Academic Announcements (http://www2.hnet.msu.edu /announce/). Academic confer-ences, calls for papers, programs and others announcements in the humanities and social sciences. *  History Conferences Worldwide From Conference Alerts *  News and Events List of upcoming events organized or co-organized by the International Insti-tute of Social History •  www.virtual library.labour history.   Section VII:  The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2005. Compiled by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert. Argentina •  Del Campo, Hugo: Sindicalismo y peronismo. Los comienzos de un vínculo perdurable, Buenos Aires, Siglo XXI, 2005. •  Bisso, Andrés: Acción Argentina. Un antifascismo nacional en tiempos de guerra mundial, Bue-nos Aires, Prometeo Libros, 2005. •  Petruccelli, Ariel: Docentes y Piqueteros. De la huelga de ATEN a la pueblada de Cutral-Có, Buenos Aires, El cielo por asalto, 2005.   Austria •  Mueller, Wolfgang: Die sowjetische Besatzung in Österreich 1945 - 1955 und ihre politische Mission, Wien e.a., Böhlau , 2005. 300 p.   Australia •  Overell, Richard (ed.): Communism. Highlights from the Monash University Rare Books collec-tion. 16 March 2005 - 27 May 2005. Exhibition and catalogue by Richard Overell, [Clayton, Vic.], Monash University Library, [2005]. 59 p.   Belgium Blaive, Muriel: Une déstalinisation manquée. Tchécoslovaquie 1956. Préf. de Krzysztof Pomian, Bruxelles, Complexe, 2005. 281 p.   Brasil •  Leal, Murilo: A esquerda da esquerda : trotskistas, comunistas e populistas no Brasil contempo-raneo (1952-1966), São Paulo, Paz e Terra, [2004]. •  Del Roio, Marcos: Os prismas de Gramsci. A fórmula política da frente única, 1919-1926, São Paulo, Xamo, 2005. 199 p. •  Aarуo Reis Filho, Daniel; Ferreira de Sá: Imagens da revolução. Documentos políticos das organizações clandestinas de esquerda dos anos 1961-1971, 2. ed., São Paulo, Expressão Popular, 2006. 464 p. (Assim lutam os povos). •  Ferreira, Roberto Martins: Organização e poder. Análise do discurso anticomunista do Exército Brasileiro, São Paulo, Annablume, 2005. 197 p. •  Waack, William: Camaradas nos arquivos de Moscou. A história secreta da revolução brasileira de 1935, 5. reimpr., São Paulo, Companhia das Letras, 2005. 381 p.   Bulgaria  •  Revjakina, Luisa e.a. (eds.): Kominternut i Bulgarija. Mart 1919 - septemvri 1944 g., 2 vols., Sofi-ja, Glavno upravlenie na archivite pri ministerskija suvet na Republika Bulgarija, 2005.   Canada •  Gill, Louis: George Orwell. De la guerre civile espagnole à 1984, Montréal, Lux, 2005. 180 p. Czech Republic •  Cabada, Ladislav: Komunismus, levicová kultura a česká politika 1890-1938, Plzen, Vydavatelství a nakladatelství Aleš Čeně]k, 2005. •  Černý, Josef: Za dráty komunismu. 5 291 dnů na Borech, v Leopoldove, na Mírove, ve Valdicích, Praha, Litomyšl, 2005. •  Fischer, J. L.: Krise demokra cie,Vyd. Univerzita Karlova, Praha, Karolinum, 2005. 361 p. •  Kárník, Zdeněk; Kopeček, Michal (eds.): Bolševismus, komunismus a radikální socialismus v Československu, Praha, Dokořán, 2005. •  Kolman, Arnošt: Zaslepená generace. Paměti starého bolševika, Brno, Host, 2005. •  Mrklas, Ladislav (ed.): 15 let poté. Sborník k patnáctému výročí pádu komunismu v zemích střední a východní Evropy. 2. vyd., Praha, CEVRO, Liberálno konzervativní akademie, 2005. 184 p.   Denmark •  Gatu, Dagfinn: Village China at war. The impact of resistance to Japan. 1937-1945, Copenha-gen, NIAS, 2005. 528 p. •  Wegener Friis, Thomas (ed.): DDR og Norden. østtysk-nordiske relationer 1949 – 1989, Odense, Syddansk Univ.-forl, 2005. 363 p. (University of Southern Denmark studies in history and social sciences. 277).   Estonia •  Liivik, Olev; Nugin, Raili: Eestimaa Kommunistliku Partei kohalikud organisatsioonid 1940 – 1991, Tallinn, Kistler-Ritso Eesti Sihtasutus, 2005. 403 p.   France •  Attali, Jacques: Karl Marx ou L’esprit du monde. Biographie, Paris, Fayard, 2005. 537 p.  •  Berlière, Jean-Marc; Liaigre, Franck: Le sang des communistes. Les bataillons de la jeunesse dans la lutte armée. Automne 1941, Paris, Fayard, 2004. 415 p. •  Bernard, Guy: Naissance et fin du communisme russe. De Lénine à Gorbatchev, Paris, Thélès, 2005. 447 p. •  Bloyet, Dominique; Sauvage, Jean-Pierre: La répression anticommuniste en Loire-Inférieure. 1939 – 1944, La Crèche, Geste Ed., 2005. 380 p. •  Buachidze, Gaston S.: Retour en URSS avec André Gide. Touches et retouches, Paris, Her-mann, 2005. VI + 224 p. •  Chambarlhac, V.; Dury, M.; T. Hohl; J. Malois (eds.): Histoire documentaire du Parti socialiste. Tome 1, L’entreprise socialiste, 1905-1920, Dijon, Éditions universitaires, 2005. 312 p. •  Chaton, Anne-James: L’effacé. Capitalisme et effacement dans les Manuscrits de 44 de Karl Marx, Paris, Sens & Tonka, 2005. 163 p. •  Courtois, Stéphane (ed.): Le jour se lève. L’héritage du totalitarisme en Europe 1953, Paris, Edi-tions du Rocher, 2005. •  Denis, Marcelle: Un couple d’enseignants communistes. 1936 – 1952, Paris e.a., L’Harmattan, 2005. 156 p. (Mémoires du XXe siècle). •  Dimitrov, Georgi: Journal 1933 – 1949. Version intégrale et annotée par Gael Moullec. Avec la collaboration de Jordan Baev, Tamara V. Domratcheva, Zoia K. Vodopianova. Traduction de l’allemand par Anne Castagnos-Sen, traduction du russe par Tatiana Zazerskaia, traduction du bulgare par Assia Stantcheva, Paris, Belin, 2005. 1505 p. •  Ishaghpour, Youssef: Marx à la chute du communisme. Disparition du politique et de l’intellectuel, Tours, Farrago, 2005. 40 p.  •  Le Bars, Loic: La fédération unitaire de l’enseignement. 1919-1935. Aux origines du syndica-lisme enseignant, Paris, Syllepse, 2005. •  Le Roy Ladurie, Emmanuel; Bourgeois, Guillaume (eds.): Ouverture, société, pouvoir. De l’édit de Nantes à la chute du communisme. Actes du colloque organisé par l’Association Annie Kriegel, le 24 octobre 2003, Paris, Fayard, 2005. 306 p. •  Lequenne, Michel: Le trotskisme. Une histoire sans fard, Paris, Syllepse, 2005. 353 p.  •  Mackenzie, Eduardo: Les FARC ou l’échec d’un communisme de combat. Colombie 1924-2005, Paris, Publibook, 2005. 593 p. •  Martelli, Roger: Le communisme, Toulouse, Milan, 2005. 63 p. (Les essentiels Milan. 251). •  Matonti, Frédérique: Intellectuels communistes. Essai sur l’obéissance politique. La nouvelle cri-tique. 1967-1980, Paris, La Découverte, 2005. 413 p. •  Mayer, Françoise: Les Tchèques et leur communisme. Mémoire et identités politiques, Paris, Editions EHESS, 2004. 304 p.  •  Pailhès, Anne-Marie (ed.): Mémoires du Goulag. Déportés politiques européens en URSS (Col-lection Histoire), Paris, Ed. Le manuscrit, 2004. 180 p.  •  Ruscio, Alain (ed.): La question coloniale dans „l’Humanité“. 1904-2004, Paris, Dispute, 2005. 599 p.    Germany •  Ackermann, Anton: Der deutsche Weg zum Sozialismus. Selbstzeugnisse und Dokumente eines Patrioten. Hrsg. von Frank Schumann, Berlin, Das Neue Berlin, 2005. 288 p. •  Bavaj, Riccardo e.a. (eds.): Deutschland - ein Land ohne revolutionäre Traditionen? Revolutio-nen im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts im Lichte neuerer geistes- und kulturgeschichtlicher Erkenntnisse, Frankfurt am Main e.a., Lang, 2005. 195 p. •  Bayerlein, Bernhard H.: „Der Verräter, Stalin, bist Du!“. Komintern und kommunistische Par-teien im Zweiten Weltkrieg 1939-1941. Vom Ende der linken Solidarität. Mit einem Beitrag von Wolfgang Leonhard, Berlin, Aufbau-Verlag, 2006 (Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts. 4). •  Bedürftig, Friedemann: Die Leiden des jungen Wehner. Dokumentiert in einer Brieffreund-schaft in bewegter Zeit 1924 – 1926, Berlin, Parthas, 2005. 160 p. •  Brenner, Christiane e.a. (eds.): Sozialgeschichtliche Kommunismusforschung. Tschechoslowa-kei, Polen, Ungarn und DDR 1948 – 1968. Vorträge der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee vom 22. bis 24. November 2002, München, Oldenbourg, 2005. 558 p. (Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum. 27). •  Bunke, Florian: „Wir lernen und lehren im Geiste Lenins…“. Ziele, Methoden und Wirksamkeit der politisch-ideologischen Erziehung in den Schulen der DDR, Oldenburg, Bis, 2005. 135 p. (Oldenburger Beiträge zur DDR- und DEFA-Forschung. 5). •  Deutschland, Heinz (ed.): „Ich kann nicht durch Morden mein Leben erhalten“. Briefwechsel zwischen Käte und Hermann Duncker 1915 bis 1917, Bonn, Pahl-Rugenstein, 2005. 210 p. •  Eckhardt, Wolfgang: Von der Dresdner Mairevolution zur Ersten Internationale. Untersuchun-gen zu Leben und Werk Michail Bakunins, Lich, Edition AV’88, 2005. 219 p. •  Fischer, Bernhard: Die Striche des Josef W. Stalin. Vom Anteil der Kommunisten an der Ver-treibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa, Berlin, Trafo, 2005. 449 p. •  Gingold, Siegmund: Jude, Kommunist und Widerstandskämpfer. Erinnerungen eines Uner-wünschten. Aus dem Französischen von Reinhardt Gutsche, Berlin, Trafo Verlag, 2005. 163 p. •  Groys, Boris; von der Heiden, Anne; Peter Weibel (eds.): Zurück aus der Zukunft. 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American communism, 3rd parties & texas rebels, Aus-tin TX, Van Cleave Pub., 2005. •  Friedman, Edward: Revolution, resistance, and reform in village China, New Haven, Yale Uni-versity Press, 2005. •  Furet, François; Nolte, Ernst: Fascism and communism. Translated by Katherine Golsan, Lin-coln, University of Nebraska Press, 2005. 120 p. •  Gabel, Paul: And God created Lenin. Marxism vs. religion in Russia 1917-1929, Amherst NY, Prometheus Books, 2005. 627 p. •  Gottfried, Paul: The strange death of Marxism. The European left in the new millennium, Co-lumbia MO, University of Missouri Press, 2005. IX + 154 p. •  Jenks, Andrew L.: Russia in a box. Art and identity in an age of revolution, DeKalb, Northern Illinois University Press, 2005. 264 p. •  Khlevniuk, Oleg V.: The History of the GULAG. From Collectivization to the Great Terror. Foreword by Robert Conquest.Translated by Vadim A. Staklo, New Haven, Yale University Press, 2004. xviii + 418 p. (Annals of Communism). •  Kolakowski, Leszek: Main currents of Marxism. The founders. The golden age. The breakdown, New York - London, W. W. Norton, 2005. XXVI + 1284 p. •  Lankov, Andrei Nikolaevich: Crisis in North Korea. The failure of De-Stalinization, Honolulu, University of Hawai Press, Center for Korean Studies, XV + 174 p. •  Levine, Alan J.: Stalin’s last war. Korea and the approach to World War III, Jefferson NC, McFarland & Company, 2005. •  Link, Theodore: Communism. A primary source analysis, New York, Rosen Pub. Group, 2005. 64 p.  •  Marcus, Anthony (ed.): Malcolm X and the Third American Revolution. The writings of George Breitman, Amherst, N.Y., Humanity Books, 2005. 412 p. •  Marcuse, Herbert: Heideggerian Marxism. Edited by Richard Wolin and John Abromeit, Lin-coln, University of Nebraska Press, 2005. XXX + 227 p. •  McMeekin, Sean: The red millionaire. A political biography of Willi Münzenberg. Moscow’s se-cret propaganda tsar in the West, New Haven, Yale University Press, 2005. VIII + 397 p. •  McNamara, Patrick H.: A Catholic Cold War. Edmund A. Walsh, S.J., and the politics of Ameri-can anticommunism, New York, Fordham University Press, 2005. XIX + 280 p. •  Naison, Mark: Communists in Harlem during the depression, Urbana, University of Illinois Press, 2005. XXI + 355 p. •  Platt, Kevin M.F.; Brandenberger, David (eds.): Epic revisionism. Russian history and literature as Stalinist propaganda, Madison, University of Wisconsin Press, 2005. •  Pollock, Ethan: Comrade scientist. Stalin and the Soviet Science Wars, Princeton, N.J., Prince-ton University Press, 2006. •  Redish, Martin H.: The logic of persecution. Free expression and the McCarthy era, Stanford CA, Stanford University Press, 2005. 300 p. •  Rodden, John: Textbook reds. Schoolbooks, ideology, and Eastern German identity, University Park PA, The Pennsylvania State University Press, 2005. •  Roll-Hansen, Nils: The Lysenko effect. The politics of science, Amherst NY, Humanity Books, 2005. 335 p. •  Rubenstein, Joshua; Gribanov, Alexander: The KGB file of Andrei Sakharov. With an introduc-tion by Joshua Rubenstein. Documents translated by Ella Shmulevich, Efrem Yankelebich and Alla Zeide, New Haven, Yale University Press, 2005. XXV + 397 p.  •  Rubenstein, Joshua; Naumov, Vladimire P. (eds.): Stalin’s secret pogrom. The postwar inquisi-tion of the Jewish Anti-Fascist Committee . Translated by Laura Ester Wolfson, New Haven CT, Yale University Press in association with the United States Holocaust Memorial Museum, 2005. •  Salucci, Ilario: A people’s history of Iraq. The Iraqi Communist party, Workers’ movements and the Left 1924-2004, Chicago, Haymarket Books, 2005. XV + 190 p. •  Scales, Junius Irving: Cause at heart. A former communist remembers. With a new foreword by Vernon Burton and James R. Barrett. Foreword to the original edition by Telford Taylor, Athens, University of Georgia Press, 2005. •  Sypnowich, Christine (ed.): The egalitarian conscience. Essays in honour of G. A. Cohen, New York, Oxford University Press, 2005. •  Thompson, Peter: The crisis of the German left. The PDS, stalinism and the global economy, New York, Berghahn Books, 2005, 136 p. (Monographs in German history. 13). •  Uchida, Hiroshi: Marx for the 21st century, New York NY, Routledge, 2005. •  Viola, Lynn e.a. (eds.): The war against the peasantry. 1927-1930. The tragedy of the Soviet country-side. Translated by Steven Shabad, New Haven CT, Yale University Press, 2005. XX + 427 p. Section VIII: Directory of Periodicals for Historical Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Web-based electronic journals, Newsletters, Discussion lists, Bulletins and Services. Update 2006.       This directory listing 200 periodical publications with interest for communist studies aims to provide basic information about interesting periodical ressources for Communis Studies in a broad sense as central part of contemporary history including all periods, all regions and all fields. The directory allows You to go to the Internet portals and sites in order to browse the tables of contents of these serials. Suggestions for completing this directory are more than welcome. The main portals consulted are: • IALHI Serials Service (IAHLHI). http://serials.ialhi.org/ (This service covers 113 serials in the field of labour history and communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service (http://serials.ialhi.org/alerting_services.asp). Another site, Historical Journals (HJG). http://www.history-journals.de/, maintained by Sven Blascke is the most complete portal for all kind of historical journals indicating the respective home- or other pages for the tables of contents. In case the serial is not listed by the two services, the respective web-page is indicated.   American Communist History, Volume 4, Number 2/ December 2005: Table of Contents: „Some Specks on the Turtle’s Back: Introduction“; „A Peripheral Vision: Communist Historiography in Britain“ by John Mcilroy and Alan Campbell; „A Comment on the Historiography of Communism in Britain“ by Keith Laybourn; „Why Were They So Afraid of Communist Influence?“ by Mary Davis and John Foster; „Frissions of Familiarity“ by John Earl Haynes; „The Superterranean World of British Communist Historiography“ by James G. Ryan; „‘Who ARE these guys?!’ Politics, Passions, Peculiarities, and Polemics in the Historiography of British Communism“ by Bryan D. Palmer; „Some Problems of Communist History“ by John Mcilroy and Alan Campbell; „Open Archives and Open Minds: Traditionalists’ versus ‘Revisionists’ after Venona“ by Maurice Isserman; „Reflections of a Traditionalist Historian“ by Harvey Klehr; „Rejoinder“ by Maurice Isserman; „Response“ by Harvey Klehr; „Not Just Another Political Party“ by Arthur Eckstein; „The Communist Party’s Grassroots Labor and Political Activism Circa 1920 to 1960: Of North Carolina Tobacco Workers, Pennsylvania Anthracite Radicals and the Cold War“ by Victor G. Devinatz.   Volume 4 Number 1/June 2005 of American Communist History:  Soviet travel and the making of an american jewish communist: moissaye olgin’s trip to Russia in 1920?1921, Daniel Soyer; The CPUSA reports to the comintern: 1941 John Earl Haynes, Harvey Klehr; United States and Comparative Communist History Bibliography, 2004; Peter Meyer Filardo; Dear Comrade Foster: The Following is the Autobiographical (Personal, Political, Medical) History that I Promised?? Comradely, Claudia Jones (December 6, 1955); A brooklyn red youth: A memoir, Norman Nevins.     For the full update see: The International Newsletter of Communist Studies Online, 2006. The basic list has been published in the online edition 2004.   Section IX:     Links-Links-Links. Websites with Interest for Communist Studies. Update 2005.      WWW Virtual Library Labour History. The largest and most international web portal concerning the subject.http://www.iisg.nl/~w3vl/index.html geschichte.transnational. Fachforum zur Geschichte des kulturellen Transfers und der transnationalen Verflechtungen in Europa und der Welt.http://geschichte-transnational.clioonline.netMemorial Moskau. Neu auf der Webside sind die Namenslisten und Adressen von seit den dreißiger Jahren erschossenen Einwohner Moskaus (Russen und Emigranten).http://www.memorial.ru/first.html www. Trotskyana.net. Administered by Wolfgang and Petra Lubitz. The most important scholarly webside on the History of Trotskysm.http://www.memorial.ru/first.html      The complete list will be published in: The International Newsletter of Communist Studies Online 2006.   Section X:       Miscellaneous, Personalia   PIERRE BROUÉ (1926-2005)   Am 26. Juli 2005 ist Pierre Broué in der Universitätsklinik von Grenoble gestorben. Er war Emeritus der dortigen Universität und vielleicht der „kompletteste“ Historiker (Wolfgang Lubitz) und Biograph der Geschichte des internationalen Kommunismus, der Revolutionsgeschichte und der internationalen Arbeiterbewegung, in jedem Fall einer der wichtigsten Historiker der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts (Louis Gill). Seine Werke waren prägend für Studentengenerationen, besonders in Frankreich und den romanischen Ländern: La Révolution et la guerre en Espagne (1961, mit Emile Témime – deutsch: Revolution und Krieg in Spanien, Suhrkamp 1968 - 5. Auflage 1987), Le Parti bolchevique. Histoire du Parti communiste de l’URSS (Minuit, 1963), Révolution en Allemagne 1917 – 1923 (Minuit, 1971, englisch Brill 2006),[11] Trotsky (Fayard, 1988, deutsch: ISP, 2003), Staline et la Révolution. Le cas espagnol (Fayard, 1993), Rakovsky ou la Révolution dans tous les pays (Fayard, 1996), Histoire de l’Internationale communiste 1919-1943 (Fayard, 1997) und Communistes contre Staline. Massacre d’une génération (Fayard, 2003).  Als Mitglied des Herausgeberboards hat er den International Newsletter und das Jahrbuch für historische Kommunismusforschung nach Kräften unterstützt. In zahlreichen Nachrufen, wie in Le Monde, Paris(28.7.2005), The Guardian, London (31.8.2005), Le Devoir, Montréal (30.8.2005), El País, Madrid (22.8.2005), wurde auf seine Leistungen hingewiesen. Angesichts der Fülle der Veröffentlichungen ist es nicht einfach, den Ertrag für die Historiographie zusammenzufassen. Broué verkörperte vielleicht als letzter den Typus des Generalisten in der internationalen Kommunismusforschung, er war nicht nur mit enzyklopädischem Wissen ausgestattet, sondern mit einer erstaunlichen Fähigkeit zur Analyse zeitgeschichtlicher Ereignisse und schwieriger historischer Zusammenhänge, ob es sich dabei um den Streik der asturischen Bergarbeiter im Jahre 1934, den sozialen Hintergrund nationaler Emanzipationsbewegungen in allen Teilen der Welt oder den Zusammenbruch des realen Sozialismus handelte. Bspw. widmete er dem Prager Frühling von 1968 ein Buch unter dem Titel „Der Frühling der Völker beginnt in Prag“ (Paris, 1969), genauso wie dem Sturz des Präsidenten Color de Melo in Brasilien. Ein Schlüsselereignis aus seiner Biographie kann als Grundverständnis zu seinem Werk dienen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs trat der 15-jährige Junge in seiner Heimat, der wunderschönen Ardèche, in die französische Résistance ein. 1944, während des Partisanenkampfes, wurde er aus der kommunistischen Jugendorganisation ausgeschlossen, weil er entsprechend seinem Verständnis des Internationalismus unter den deutschen Soldaten eine Agitations- und Überzeugungsarbeit durchführen wollte, statt sie zu Hauptfeinden zu machen. Seit dieser Zeit war er Mitglied der trotzkistischen Bewegung, die in seinen Augen die Kontinuität des Marxismus verkörperte.  Drei Grundorientierungen, die seine wissenschaftliche Arbeit prägten, sollen hier hervorgehoben werden. In der Kommunismusforschung kommt ihm – zumeist als Pionier – das Verdienst zu, Kontinuitätslinien und Bruchstellen des bürokratischen Autokratismus (Moshe Lewine) empirisch nachverfolgt und ausgearbeitet zu haben. Jahrzehnte, bevor diese Phänomene umfassend wahrgenommen wurden, legte er ein solides quellen- und ideologiekritisches Fundament der Stalinismuskritik. In seiner in über zehn Sprachen übersetzten Geschichte des Bürgerkriegs wird Spanien als Schauplatz des heroischen Kampfes vieler überzeugter Demokraten gegen die Regime Hitlers und Mussolinis und den menschenverachtenden, von der katholischen Kirche unterstützten Frankismus dargestellt, doch zugleich verfolgt Broué die bittere Spur des zweideutigen Stalinismus, der entscheidend zur Niederlage der Republik beitrug. Was Georges Orwell in seinem „Hommage to Catalunya“ nicht zuletzt als existenziellen Bruch literarisch überlieferte, arbeitete Broué im Sinne des Benjaminschen Postulats einer schonungslosen Aufdeckung der Dimension des inneren Verrats der Politik auf. Broué, der sich als marxistischer Historiker verstand, hat immer wieder, nach dem Vorbild der Revolutionsgeschichtsschreibung, vor allem Trotzkis Geschichte der Oktoberrevolution, historische Schlüsselereignisse in einen transnationalen Erklärungsrahmen gestellt und Veränderungen der politischen Strukturen auf die spontane Bewegungsgeschichte der Arbeiterbewegung und die handelnden Subjekte selbst zurückbezogen. Grundsätzlich wandte er sich damit gegen gängige Einschätzungen von Revolutionen als „Inkarnation des absoluten Bösen […], die aus den Verschwörungen subversiver Manipulatoren hervorgehen.“[12]  Neben der Geschichte der Sowjetunion, der er sich vor allem nach der Öffnung der Archive erneut widmete, galt seit seiner monumentalen Habilitationsschrift von 1971 (Révolution en Allemagne) Deutschland seine Hauptaufmerksamkeit. Gerade die deutsche Nachkriegskrise 1919 – 1923 bzw. das Scheitern der Revolution zugunsten des Aufstiegs des Nationalsozialismus sah er als Schnittpunkt des an Tragödien fürwahr nicht armen 20. Jahrhunderts, die sich in den Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion spiegeln. So kommt einem französischen Historiker das Verdienst zu, in der Nachfolge Arthur Rosenbergs den Widerspruch zwischen der langen Tradition der Arbeiterbewegung in Russland und Deutschland und der bürokratischen Praxis der Apparate derselben Arbeiterbewegung herausgearbeitet zu haben, die in Deutschland erfunden und in Russland zur Perfektion gebracht wurden. Weltweites Engagement für die Emanzipation von Unterdrückung und Ausbeutung auf der einen und bürokratische Praxis auf der anderen Seite, Rosa Luxemburg und Paul Levi auf der einen, Stalin und Mátyás Rákosi auf der anderen Seite setzen Marksteine für die Debatte über die deutsche und die europäische Revolution. Die Begriffe „Trotzkismus“ „Brandlerismus“, „Luxemburgismus“, „Sozialfaschismus“, „Renegaten-“ oder „Versöhnlertum“ erweisen sich als nonsens-Begriffe, die politische Geschichte als Ausgrenzung, Feindbildbeschwörung, Diffamierung und Kriminalisierung auffaßt. Die Arbeit Broués beinhaltete ebenfalls die Übersetzung, Annotierung und Veröffentlichung der Werke Trotzkis – gerade die späten Schriften sind trotz wichtiger, neuer Akzente – bisher international kaum rezipiert worden – die Herausgabe von 80 Ausgaben der Zeitschrift Cahiers Léon Trotsky, die Veröffentlichung einer Biographie von Trotzkis Sohn Lev Sedov und einer Reihe von Quellen- und Briefeditionen zur Geschichte der Komintern. Er zählte die von ihm verfaßten und herausgegebenen Bücher nicht mehr. In den letzten Lebensjahren hat Broué eine umfassende Geschichte der Komintern vorgelegt (normalerweise für sich selbst betrachtet bereits ein Lebenswerk), die unter Berücksichtigung Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und der europäischen Peripherien nicht zuletzt die Akteursebene rekonstruiert. Nur am Rande sei gesagt, daß hierzu die Entschlüsselung von über 20000 Pseudonymen erforderlich war. Broué arbeitete empirisch die Gründe für das Scheitern heraus: Trotz ihrer Stärke und ihres Charismas versagte die Komintern aufgrund der Unkenntnis und des Unverständnisses der sozialen Mechanismen der politischen Krisen in Europa, der unangemessenen Taktik, des Versagens gegenüber dem Faschismus und schließlich – zugespitzt - aufgrund der verächtlichen Geringschätzung, die ihr Stalin entgegenbrachte. Ich schließe mich dem Appell der Freunde Pierre Broués an, Wege zu finden, um das Werk in englischer und deutscher Sprache herauszubringen.  Broués Botschaft im Sinne eines bleibenden Legats kann darin gesehen werden, die Kontinuität eines alternativen oppositionellen, antiautokratischen linken Denkens und Handelns besonders auch in der Sowjetunion und dem von ihr beherrschten Imperium aufgezeigt und die Umrisse einer in der Tradition des Internationalismus vor dem Ersten Weltkrieg und dem frühen Bolschewismus verwurzelten alternativen Kultur rekonstruiert zu haben. Zugleich hat er damit einen methodischen Ausweg aus dem scheinbar übermächtigen Totalitarismusparadigma aufgezeigt, das zum Analyselabyrinth geworden ist, in das sich nicht zuletzt große Teile der Geschichtswissenschaft verfangen haben.  Für all das - und noch mehr, Danke.   Bernhard H. Bayerlein     Stipendien des Deutschen Historischen Instituts, Moskau: •                     Das DHI vergibt ein- bis sechsmonatige Stipendien für deutsche und russische Doktoranden und Habilitanden, die sich mit der Geschichte des jeweils anderen Landes oder den beiderseitigen Beziehungen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert befassen. Speziell für russische Dozenten der deutschen Geschichte sind Kurzstipendien zur Weiterbildung am Institut vorgesehen. Die ersten Stipendiaten haben ihre Studien am 1. September 2005 begonnen. Weitere Informationen unter: www.dhi-moskau.de   Isaac and Tamara Deutscher Memorial Price 2005: •                     Kevin Murphy, author of ‘Revolution and Counter Revolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory (see International Bibliography of Communist Studies) wins Deutscher Memorial Prize. „Kevin Murphy has written an important book. It steers a course between the prevailing historical orthodoxy that dismisses the Russian Revolution of October 1917 as a disastrous aberration and the so-called ‘revisionists’ who have portrayed Stalinism as a phenomenon with strong popular roots.“ Alex Callinicos, Professor of European Studies, King’s College London and member of Isaac and Tamara Deutscher Memorial Prize Committee.   [1]  Kädtler, Jürgen; Kottwitz, Gisela: Betriebsräte und Wende und Ende in der DDR. In: Berliner Arbeitshefte und Berichte zur sozialwissenschaftlichen Forschung 42 (Oktober 1990). Fuller, Linda: Where was the working class? Revolution in Eastern Germany, Urbana - Chigaco 1990. [2]  Kohli, Martin: Die DDR als Arbeitsgesellschaft? In: Kaelble, Hartmut e.a. (eds.): Sozialgeschichte der DDR. Stuttgart 1994, S. 31-61. Reichel, Thomas: Die durchherrschte Arbeitsgesellschaft. In: Hürtgen, Renate; Reichel, Thomas (eds.): Der Schein der Stabilität. DDRBetriebsalltag in der Ära Honecker, Berlin 2001, S. 85-110. [3]  Jeanett Madarász vertritt diesen Ansatz, in dem ihre Analyse der DDR-Gesellschaft 1987 endet als „das Land instabil wurde“. Vgl.: Conflict and compromise in East Germany. A precarious stability, Hound Mills 2003. [4]  Es geht um den zweitel Teil der Arbeit. Der erste Teil stellt die Lage der Interessenverteidigung der Arbeitnehmer in der BRD sowie in der DDR in den 1980er Jahren vor. Der dritte Teil, mit dem Titel „For this System, all our Men all our Money“, analysiert die Strategien der DGB-Gewerkschaften in 1989 - 1990, und die Rezeption dieser Strategien durch ostdeutsche Arbeitnehmer, Gewerkschafter und Oppositionelle. [5]  Van der Linden, Marcel; Lucassen, Jan: Prolegoma for a global labour history, Amsterdam, 1999. [6]  Kopfstein, Jeffrey: Does everyday resistance matter? Lessons from the two German dictatorships. In: McFalls, Laurence; Probst, Lothar (eds.): After the DDR: New Perspectives on the old GDR and the young Länder, Atlanta 2001, S. 97-108. [7]  Zatlin, Johannes: Hard Marks and Soft Revolutionaries: The Economics of Entitlement and the Debate on German Monetary Union, November 9, 1989 – March 18, 1990. In: German Politics and Society 33 (Herbst 1994), S. 57-84. [8]  Timmer, Karsten: Vom Aufbruch zum Umbruch, Göttingen 2000, S. 90-112. [9]  Dale, Gereth: Popular Protests in East Germany 1945-1989, London 2005, S. 177-185.  [10]  Die westdeutsche Gewerkschaftspresse veröffentlichte 1989-1990 zahlreiche umfassende Artikel zu diesem Phänomen. Vgl. ebenfalls die Dokumente und Beiträge in: Gehrke, Bernd; Hürtgen, Renate (eds.): Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989. Die unbekannte Seite der DDR-Revolution. Diskussion, Analysen, Dokumente, Berlin 2001. Roesler, Jörg: Die Eigentumsfrage in der Wende. In: Deutschland Archiv 35-5 (Mai 2002), S. 761-769. [11] Pierre Broué: The German Revolution, 1917-1923. Translated by John Archer. Edited by Ian Birchall and Brian Pearce. With an Introduction by Eric D. Weitz. Leiden, Brill, 2006. xxviii, 996 pp.  [12]  Pierre Broué: Der Oktober, der nicht stattfand. Ein Kommentar. In: Bernhard H. Bayerlein, Leonid G. Babičenko, Fridrich I. Firsov, Aleksandr Ju. Vatlin (eds.): Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin, Aufbau, 2003. S. 59-64, hier: S. 60.

JHK 2006

Zum Abschied von Eugen Leviné (1916 bis 2005)

Friedrich P. Kahlenberg/Hermann Weber

Im Frühjahr des Jahres 1933 emigrierte Eugen Leviné aus Berlin, über Maastricht und Paris erreicht er Anfang Juni jenes Jahres London. Dort ist er am fds das 25. Mai 2005 kurze Zeit vor seinem 89. Geburtstag verstorben. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte er in einer öffentlichen Vortragsveranstaltung der Havering and District Humanist Society über »Siebzig Jahre als Ausländer in England« gesprochen. In der Tat war er seinem Heimatland Deutschland lebenslang zutiefst verbunden geblieben. Eugen Leviné – Genia wie ihn seine Freunde nannten – war der am 21. Juni 1916 in Heidelberg geborene Sohn des gleichnamigen tragischen Helden der Münchener Räterepublik. Dieser wurde am 5. Juni 1919 im Gefängnis München-Stadelheim nach Urteil eines Standgerichts erschossen. »Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub«, hatte der Vater unmittelbar vor seinem Tod geschrieben. In der Erinnerung an den Vater, an dessen revolutionäres Vermächtnis, blieben Genia und seine Mutter Rosa ihr Leben lang in einer schwierigen, oft dissonanten Beziehung verbunden. Die Mutter, seit 1922 mit dem KPD-Führer Ernst Meyer (siehe den Text von Florian Wilde zu Ernst Meyer in dieser Ausgabe) verheiratet, erwartete von ihrem Sohn eine politische Karriere. Der Stiefvater sorgte für eine solide Schulbildung, die Genia ob der Turbulenzen im politischen Alltag der Weimarer Republik freilich erst 1924 beginnen konnte. Früh war Genia Mitglied sozialistischer Jugendgruppen, verbrachte mit diesen Freizeiten in Ferienlagern, setzte sich im Wettbewerb mit den gleichaltrigen Kameraden durch, beteiligte sich an sportlichen Übungen, boxte im Mittelgewicht. Als 15-jähriger leitete er eine kommunistische Jugendgruppe in Berlin und entsprach mit solchem Engagement zum letzten Mal den Hoffnungen, die seine Mutter Rosa Meyer-Leviné auf ihn setzte. Nicht seine jüdische Abstammung, sondern die Verfolgung durch die Geheime Staatspolizei wegen seiner kommunistischen Jugendarbeit zwang den 16-jährigen Gymnasiasten im Frühjahr 1933 zur Flucht aus Deutschland. Freunde hatten ihn noch rechtzeitig gewarnt.  In England angekommen, widmete sich Eugen Leviné medizinischen Studien. Die Erziehung durch Ernst Meyer bestärkte ihn in seinem Selbstverständnis. In ihm sah er lebenslang den eigentlichen Vater, den er verehrte, ohne die Ideale eines gerechten, die Menschheit in einer freien Gesellschaft zusammenführenden Sozialismus aufzugeben, die er glaubte, von seinem leiblichen Vater geerbt zu haben. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Genia auf der Insel Man interniert, nach seiner baldigen Entlassung war er Sprecher im Deutschland-Dienst der BBC. Daneben wirkte er in einer Sozialstation in London. Nach dem Ende des Krieges fand Eugen Leviné zu seiner eigentlichen Berufung als Lehrer in naturwissenschaftlichen Colleges von London. Er unterrichtete mit Leidenschaft und in beispielhafter Zuwendung zu jungen Menschen, nicht nur dem eigenen Sohn. Bis zum Jahre 1981 übte er seinen Lehrberuf aus. Genias Mutter, Rosa Meyer-Leviné, verzieh ihrem einzigen Kind nie dessen Bekenntnis zu bürgerlichen Tugenden und die Absage gegenüber einem Engagement im politischen Kampf. Sie selbst lebte seit Ende der 30er Jahre als Emigrantin in London. Genia litt unter der Distanz der Mutter, blieb aber seinen Grundsätzen treu und ließ es nie an Loyalität ihr gegenüber fehlen. Als sie Mitte der 70er Jahre nicht mehr in ihrer eigenen Wohnung leben konnte, nahmen er und seine Frau, die Ärztin Katie Frieth, die Mutter in ihrem Haus in Romford auf, sie starb im November 1979 in London. Genias Verantwortung gegenüber dem Schicksal der Mutter ist es mit zu danken, dass der kleine, von ihr bis in ihre letzten Lebensjahre fortdauernd bearbeitete schriftliche Nachlass Rosa Meyer-Levinés im Bundesarchiv dauerhaft gesichert werden konnte. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand widmete sich Genia vermehrt zeitgeschichtlichen Studien, regelmäßig besuchte er in Begleitung seiner Frau Deutschland. In den Gesprächen zeigte er sich als profunder Kenner der zeitgeschichtlichen Literatur, speziell Publikationen zur Weimarer Republik und zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. In seinen persönlichen Erinnerungen erwies er sich als ein fairer Zeuge des Geschehens in Deutschland, über seine Schulkameraden in Berlin zu Beginn der 30er Jahre sprach er trotz evidenter politischer Gegensätze verständnisvoll, ja mit Wärme. Mit Entschiedenheit grenzte er sich jedoch gegen jene ab, die sich in den Jahren der Diktatur aus opportunistischen Gründen den Nazis angeschlossen hatten. In den Jahren des Ruhestands wurde er vermehrt als Zeitzeuge zu Vorträgen eingeladen sowie in Hörfunk- und Fernsehproduktionen zum Gespräch gebeten. Unvergessen bleiben sein über viele Stunden währender Auftritt in der Geschichtswerkstatt »Revolution und Rätezeit« in München im Jahre 1989, seine Aussagen in der BBC-Fernsehserie »The Nazis: A Warning from History« im Jahre 1997, sein Gastvortrag am King’s College London im gleichen Jahr über seine Jugend in Deutschland, um nur wenige Beispiele zu nennen. Genia war der geborene Redner, er liebte,  Pointen zu setzen, Witze mit zugespitzter Aussage zu zitieren, wenig begründeten Einwänden mit spontaner Ironie und einer Gegenfrage zu begegnen. Ihn zeichnete ein unerschöpflicher Humor aus, der ihn auch in den letzten Lebensjahren bei wachsender Einschränkung körperlicher Beweglichkeit nicht verließ. Über Jahrzehnte war Genia führendes Mitglied der Britisch Humanists Society, in der Achtung der Menschenrechte in der Gesellschaft sah er seine Aufgabe.   Seine kritische Wahrnehmung schloss stets die Entwicklungen in Deutschland ein, er kommentierte aktuelle Ereignisse leidenschaftlich und zupackend in zahllosen, zu fast jeder Tageszeit geführten Telefonaten in seiner Muttersprache ebenso wie im Englischen. Als wachsamer Bürger fühlte er sich dem humanistischen und sozialistischen Ideal der Eltern bis zum Lebensende verbunden. Auch seinen Freunden in unserem Lande werden seine Fragen und Kommentare fehlen.

JHK 2006

Ungarn im Schatten der Sowjetunion 1944 bis 1990: Determinanten und Spielräume

János M Rainer

[1] Die Kriegsniederlage Ungarns und die darauf folgende sowjetische Besetzung haben von 1944 bis zum Ende der 80er Jahre die ungarische Innen- und Außenpolitik wie die auch soziale und ökonomische Entwicklung des Landes geprägt. Der politische Wille der Sowjetunion kam in all jenen Fragen zur Geltung, die nach Moskauer Einschätzung die militärischen und Sicherheitsinteressen bzw. die kurz- oder langfristigen politischen Perspektiven der Sowjetunion berührten. Ein politischer Spielraum existierte für Ungarn nur insofern, als sich dessen Bestrebungen innerhalb dieses Beziehungssystems bewegten, mit diesem harmonierten oder sich eventuell neben den sowjetischen Interessen durchsetzen konnten. Im Falle eines Konflikts zwischen beiden hatten die sowjetischen Interessen immer absolute Priorität. Im letzten Jahrzehnt sind eine Reihe hervorragender Überblicksdarstellungen über die Geschichte Ungarns von den 40er Jahren bis 1990 entstanden. Deshalb ist es nicht notwendig, in diesem Aufsatz einen weiteren Überblick über viereinhalb Jahrzehnte ungarischer Geschichte unter dem Einfluss sowie der Interessen- und Entscheidungshoheit der Sowjetunion zu geben, wie etwa der Titel dieses Aufsatzes verspricht. Nach einer skizzenhaften historiographischen Zusammenfassung dieser Epoche wird das Augenmerk vielmehr auf einigen Fragen liegen, die die Diskussion zur ungarischen Zeitgeschichte voran bringen und für spätere ausführlichere Analysen nützlich sein können. Die erste berührt die Grundzüge sowjetischer Politik gegenüber Ungarn. Die zweite Frage stellt sich hinsichtlich der sozialen, politischen, ökonomischen usw. Strukturen Ungarns und dem Maß ihrer Determinierung durch die sowjetische Interessensphäre. Als Drittes wird die Frage nach der sich wandelnden Dynamik und den Methoden dieser   Determinierung aufgeworfen werden, wie auch nach der Rezeption dieses Umstands durch die ungarische politische Elite: Gab es bzw. konnte es überhaupt eine ungarische Politik gegenüber der Sowjetunion geben? Viertens ist zu untersuchen, welche Reaktionen die sowjetische Besatzung in der ungarischen Gesellschaft hervorrief und welchen Einfluss die Fremdbestimmung durch die Sowjetunion auf die am Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre stattfindenden Veränderungen hatte. Historiographische Skizze Vor 1989 wurde die Nachkriegsgeschichte der Beziehungen zwischen Ungarn und der Sowjetunion fast ausschließlich im Westen analysiert, und zwar in erster Linie mit Methoden der Politikwissenschaft und der so genannten »Kremlastrologie«, die den bestimmenden Einfluss der Sowjetunion auf Ungarn als evident betrachtete.[2] Als nach 1989 in den Archiven endlich Dokumente zu den ungarisch-sowjetischen Beziehungen partiell zugänglich wurden, erschienen mehrere Quelleneditionen. Es wurden jedoch hauptsächlich sowjetische Dokumente publiziert, obwohl sich der Zugang zu den ungarischen Quellen wesentlich gün stiger gestaltete. Das Interesse konzentrierte sich selbstverständlich auf die Anfänge der »Beziehungen«, auf die Jahre 1944/45 als Periode der kommunistischen Machtübernahme,[3] auf die ersten Jahre nach Stalins Tod, die Zeit 1953 bis 1955[4], und vor allem auf die Revolution von 1956 sowie deren unmittelbare Vorgeschichte.[5] Zur Periode nach 1956 wurden in Ungarn bisher nur sehr wenige Dokumente publiziert.[6] Mitte der 90er Jahre, als die Zugangsbedingungen zu den nur wenige Jahre  zuvor geöffneten Moskauer Archiven wieder eingeschränkt wurden, begann man auch in Russland Dokumente der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg systematisch zu erforschen und herauszugeben. Die so entstandenen Sammelbände zur sowjetischen Osteuropapolitik von 1944 bis 1953 enthalten auch zahlreiche interessante Dokumente zu Ungarn, viele dieser Materialien sind allerdings bereits früher auf Ungarisch erschienen sind.[7] Eine der repräsentativen russischen Quelleneditionen ist der Band von E. Orechova, Vjačeslav Sereda und Aleksandr Stykalin zur ungarischen Revolution von 1956, dessen Auswahlprinzip und Kommentierung als beispielhaft gelten kann.[8] Die systematische Aufarbeitung der Geschichte der ungarisch-sowjetischen Beziehungen nach 1945 auf der Grundlage archivarischer Quellen steht noch aus. Einige Studien zu Teilaspekten, einige Kapitel in diplomatiegeschichtlichen bzw. allgemeingeschichtlichen Gesamtdarstellungen – das ist alles, was, verständlicherweise, bisher entstanden ist.[9] Solange die systematische Erschließung und Edition der Quellen nicht ein bestimmtes Maß erreicht hat, wird sich an dieser Situation wohl kaum etwas ändern. Die »Ungarnpolitik« des Imperiums Die Politik der Sowjetunion in Bezug auf Ungarn wurde bislang in der internationalen Fachliteratur in erster Linie im Kontext des Kalten Krieges untersucht. Unter dem Gesichtspunkt dieser internationalen Zusammenhänge wird der Anschein vermittelt, es habe für das sowjetische Imperium bis auf wenige Ausnahmemomente gar keine spezifische Politik gegenüber Ungarn gegeben,  etwa im Sinne einer sowjetischen Deutschlandpolitik oder auch einer Politik  gegenüber Polen. Das ungarisch-sowjetische Verhältnis wurde in Moskau von   regionalen und internationalen Gesichtspunkten bestimmt. An erster Stelle stand dabei die Überlegung, dass Ungarn, als ein an die Sowjetunion angrenzendes und mit dem Westen in Kontakt stehendes Land, im Rahmen der sich Ende der 40er Jahre entwickelnden Kalten-Kriegs-Konfrontation zu einem wichtigen Bestandteil der sowjetischen militärischen Sicherheitszone, des »cordon sanitaire«, geworden war. Deshalb konnte nicht zugelassen werden, dass in Budapest eine gegenüber der Sowjetunion feindliche oder auch nur eine zwischen West und Ost »ausgleichende« Regierungspolitik zum Tragen kommt. Im Zweiten Weltkrieg war für Ungarn, genau wie für die Tschechoslowakei, Polen oder den östlichen Teil Deutschlands, »das Blut sowjetischer Soldaten vergossen worden«. Daraus resultierte die sowjetische Überzeugung, dass diese Gebiete in einem möglichen Krieg als Vorfeldverteidigung für die sowjetischen Territorien dienen würden. Diesen Gebieten konnte daher weder eine Westorientierung noch ein Neutralitätsstatus zugestanden werden. Parallel zu der sich verschärfenden Konfrontation im Kalten Krieg nahm die »Toleranz« des sowjetischen Sicherheitsdenkens weiter ab, und eine mögliche Abweichung der Gesellschaftsordnungen vom sowjetischen Modell in den »Frontstaaten« wurde zunehmend als Risikofaktor gesehen. In diesem Moment, etwa Ende der 40er Jahre, trafen die beiden die sowjetische Außenpolitik bestimmenden Faktoren zusammen: der die Sicherheitsinteressen priorisierende, defensiv »imperiale« Faktor und der den Ausschließlichkeitsanspruch der kommunistischen Ideologie betonende, offensiv »revolutionäre« Faktor.[10] In dieser allumfassenden Struktur gab es tatsächlich nicht allzu viele Gründe dafür, dass Ungarn von Moskau als eine besondere, für das Imperium existentiell wichtige Region behandelt werden sollte. Und dennoch hat es den Anschein, dass in der Sowjetunion bis zuletzt Überlegungen existierten, die eine »besondere Behandlung« Ungarns notwendig erscheinen ließen, auch wenn diese von Zeit zu Zeit modifiziert wurden. So traten auch die politischen Entscheidungsträger der Sowjetunion in die alten Fußstapfen des Russischen Reiches und verfolgten somit traditionelle Expansionsrichtungen und Einflusszonen. Unter dem Gesichtspunkt der Expansion stand Ungarn nicht unbedingt im »Fadenkreuz«. Da es aber in beiden Weltkriegen an der Seite Deutschlands gegen Russland bzw. die Sowjetunion gekämpft hatte, bedeutete seine »Schwächung« auch eine Einschränkung der Ambitionen Deutschlands, jener Großmacht, welche die mitteleuropäische Region traditionell dominiert hatte. Besonders in den späten Jahren der StalinHerrschaft, als die Führung mit dem großrussischem Nationalismus liebäugelte, schien in gleicher Weise die strengere Kontrolle Ungarns auch dadurch begründet, dass der nicht-slawische Staat aus dem Meer der slawischen Verbündeten als »Insel« heraus stach. Die Rolle Ungarns im Zweiten Weltkrieg, seine Teilnahme an der Eroberung und Besetzung sowjetischer Gebiete war in den Augen Moskaus ein weiterer Legitimationsfaktor für die Besetzung und Kontrolle des Landes. In den Jahren nach dem Krieg zeigte Moskau ein besonderes Interesse an einigen strategisch wichtigen Rohstoffen Ungarns, wie Öl, Uran und Bauxit.[11] Aus diesem Grund stand die Einflussnahme auf die Wirtschaft und die damit verbundene ökonomische Ausbeutung Ungarns noch weit vor der Umgestaltung der politischen Strukturen. Der in den 40er Jahren ausbrechende Konflikt mit Jugoslawien erhöhte Ungarns militärstrategische Bedeutung. Später jedoch, als parallel zur Entschärfung dieses Konflikts 1955 der Staatsvertrag mit Österreich geschlossen wurde, verringerte sich das Gewicht dieses Faktors beträchtlich, so dass die sich im Rüstungswettlauf mit Interkontinentalraketen an die Spitze setzende Chruščev-Führung im Jahr 1958 sogar einen Vorschlag zur Beendigung der Truppenstationierung in Ungarn unterbreitete.[12] In die Kette von geschichtlichen Determinanten fügte sich auch die Revolution von 1956 ein. In der Periode von 1945 bis 1989 war dieses Ereignis wohl die größte Herausforderung, der sich die Sowjetunion in ihrem osteuropäischen Machtbereich zu stellen hatte. Das Jahr 1956 verband sich mit den dynamischsten Perioden des Entstalinisierungsprozesses in der sowjetischen Hemisphäre, der Zeit von 1953 bis 1956 und von 1961 bis 1964. Angenommen, man wollte in Moskau keine vollständige Restalinisierung durchführen – und das planten auch die einflussreichsten Gruppen nie –, so mussten der militärischen Intervention zur Niederschlagung der ungarischen Revolution notwendigerweise auch politische »Zugeständnisse« folgen. Die relative sowjetische Toleranz gegenüber den Wirtschaftsreformen der 60er Jahre war zu einem nicht geringen Maß auch auf jenen Lehren begründet, die man in Moskau aus den Ereignissen im Herbst 1956 gezogen hatte. Mit der Zeit überlagerten sich die verschiedenen Überlegungen. Ungarn, das von der Sowjetunion aufgrund der Erfahrungen 1956 mit einer vergleichsweise großen Toleranz behandelt wurde, hatte im Ergebnis der ökonomischen Reformen auf unterschiedlichen Gebieten große Erfolge aufzuweisen, die auch für die Sowjetunion von Interesse waren. So erweiterten sich seit den 60er Jahren die Wirtschaftsbeziehungen Ungarns mit dem Westen sehr dynamisch, woran die Sowjets durch diverse Transferverfahren ebenfalls partizipieren konnten. Ende der 70er Jahre, in der Phase einer gewissen Abkühlung der internationalen Beziehungen, konnte die Sowjetunion Ungarn wegen seiner hohen Akzeptanz im Westen für gewisse vermittelnde politische Diskurse »benutzen«. Trotz der relativen Abgeschlossenheit der sozialistischen Wirtschaftsregion, in der Rückständigkeit in jedem ihrer Segmente konserviert blieb – und das in erster Linie in der Sowjetunion –, wurde letztlich die seit den frühen 60er Jahren virulente Wirtschaftskrise der im Wettbewerb der Systeme zunehmend zurückbleibenden Sowjetunion auch durch das »sozialistische Wirtschaftsgebiet« abgemildert, zu dessen wichtigen Bestandteilen Ungarn gehörte.  In der letzten Phase der Systemkrise des sowjetischen Imperiums erfuhr Ungarn eine beträchtliche Aufwertung und wurde als eine Art »Musterstaat« den geplanten Gorbačevschen Reformen voran gestellt. In diesem positiven Kontext tauchte das ungarische »Beispiel« Ende der 80er Jahre in Gorbačevs Rhetorik auf, wie auch in jenen Moskauer Analysen, welche die langfristigen Ziele einer »sozialistischen Marktwirtschaft« behandelten.[13] Während der gesamten Epoche blickte die Sowjetführung ganz selbstverständlich auf Ungarn wie auf einen entfernten Vasallenstaat, mit dessen »größeren Angelegenheiten« man sich selbstredend in Moskau befasste. Die anschließend übermittelten »Empfehlungen« betrachtete man im Wesentlichen als verbindliche Anweisungen – aber wie gesagt: nur im Wesentlichen. Diese Überzeugung bedeutete jedoch niemals – selbst zu Stalins Zeiten nicht –, dass Moskau alles entscheiden wollte und konnte. Ungarns jeweilige Führung besaß durchaus Spielräume, die keinesfalls gering waren, wenn auch deren Grenzen, der Grad der Freiheiten und das Ausmaß ihrer aktuellen Betätigungsfelder veränderlich waren. Diese Spielräume bedeuteten nicht immer nur ein Handlungsfeld im Rahmen des Reagierens, ganz im Gegenteil: Sie erlaubten der ungarischen Seite auch, Initiativen zu ergreifen – mit teilweise beträchtlichem Erfolg –, die auch gegen Moskauer Intentionen durchgesetzt werden konnten. Die spezifischen Felder und Methoden der Determinierung Die wichtigste Konsequenz, die sich aus der sowjetischen Besatzung ergab, war ohne Zweifel der Umstand, dass Ungarn ab dem letzten Drittel der 40er Jahre gezwungen wurde, die soziale, politische und ökonomische Ordnung sowjetischen Typs zu übernehmen. Ob es diesbezüglich einen vorherigen »Plan« gab, ist bis heute Gegenstand von Kontroversen. Der sowjetische Einfluss auf Ungarn wurde anfänglich durch die Dominanz der Sowjets beim Waffenstillstandsabkommen und in der Alliierten Kontrollkommission gesichert, das wirtschaftliche Eindringen durch die Reparationsleistungen, den Unterhalt der hier stationierten Truppen, die Inbesitznahme deutschen Eigentums als Kriegsbeute usw. Eine wichtige Rolle bei der wirtschaftlichen Infiltration spielte das bilaterale Handels- und Wirtschaftsabkommen von 1945. Die totale gesellschaftspolitische Gleichschaltung geschah jedoch erst einige Jahre später, in erster Linie mit der Zerschlagung der Unabhängigen Partei der Kleinen Landwirte im Jahre 1947,[14] bzw. nach der Gründung des Kominform im selben Jahr.[15] Die wenigen Dokumente aus den Anfängen der Besatzungszeit, wie die programmatischen Unterredungen der ungarischen KP-Führung in Moskau,[16] deren Beratungen mit Stalin im Dezember 1944,[17] der so genannte Majskij-Plan[18] usw. scheinen eher darauf hinzudeuten, dass Stalin keineswegs plante, alle Länder dieser Region einer totalen Sowjetisierung zu unterwerfen – auch Ungarn nicht. Noch deutlicher als dies ist zugleich der Umstand, dass man in Moskau anfangs gar nicht daran dachte, dem Wortlaut des Abkommens von Jalta gemäß das Schicksal der in Rede stehenden Staaten durch »freie Wahlen« bestimmen zu lassen – wobei der Begriff »Wahl« hier nicht nur im engeren politischen Sinne zu verstehen ist. Den auch von den Westalliierten akzeptierten und benutzten Termini, wie »Interessensphäre« oder »Sicherheitsaspekte«, wurden von Stalin und seinen Mitarbeitern ein völlig anderer Sinn beigemessen. Allerdings wurde diese semantische Differenz gerade vom Westen eine Zeit lang einfach nicht wahrgenommen. Betrachten wir die Situation unter diesem Gesichtspunkt, dann existierte natürlich ein »Plan«, auch wenn bisher kein entsprechendes konkretes Schriftstück an die Öffentlichkeit gelangt ist. In diesem »Plan« musste auch Ungarn als Teil des »Cordon sanitaire« figurieren. Veränderungen konnte es eher in den Akzentuierungen innerhalb einzelner Kapitel dieses »Plans« geben, in der zeitlichen Abfolge einzelner Schritte usw. Wie im Folgenden noch auszuführen sein wird, sind die für die Sowjetisierung entscheidenden Determinanten in der Rolle der lokalen Führungen zu sehen, sowie im Apparat der Vermittlung imperialer Bestimmungen bzw. der dabei benutzten Methoden. An dieser Stelle muss jedoch festgehalten werden, dass die gewaltsame Veränderung der organisch gewachsenen Strukturen in Ungarn in gewisser Weise den Absichten der obersten sowjetischen Führung entsprach. Dort nämlich, wo es diese Intentionen nicht gab (wie etwa in Finnland oder für gewisse Zeit in Ostdeutschland), erfolgten – allem Eifer lokaler KP-Führer zum Trotz – solche Veränderungen nicht. Etwa ab Ende der 40er Jahre wurden die Existenz der ungarischen Gesellschaft und deren institutionelle Systeme vom Primat der Politik bestimmt: Mal außerordentlich eng, mal etwas weiter gefasst, mal extrem zentralisiert, mal mit einer größeren Liberalität gegenüber den unterstellten Institutionen und Selbstverwaltungen, mal monolithisch geschlossen, mal einen gewissen institutionellen Pluralismus zulassend – letztendlich entschied in allen Fragen die politische Führung. Das bestimmende Wesensmerkmal bestand also im totalitären Charakter des nach sowjetischem Muster gestalteten politischen Systems, welches die Gesellschaft in Gang hielt. Obwohl sich dieses System im klassischen Wortsinn nur für sehr kurze Zeit in seiner Totalität entfalten konnte (hauptsächlich zwischen 1949 und 1953, zu einem gewissen Grad im Jahr 1955, und eventuell von November 1956 bis 1958), muss es als totalitär angesehen werden, weil das entsprechende Instrumentarium und institutionelle Gefüge der politischen Führung durchgehend zur Verfügung standen. (Es ist eine andere Frage, dass die Führung diese Mittel aufgrund bestimmter Einsichten im überwiegenden Teil ihrer Herrschaftszeit nicht benutze.) Es gibt unter den enger gefassten Subsystemen solche, bei denen die sowjetische Dominanz vollkommen oder beinahe umfassend war.[19] Ein solcher Bereich war während der gesamten Epoche der Verteidigungssektor. Obwohl dieser im Rahmen des Warschauer Vertragssystems erst relativ spät, im Jahr 1955, institutionalisiert wurde, waren die ungarischen Streitkräfte bereits durch den 1948 abgeschlossenen zwischenstaatlichen Freundschafts- und Beistandspakt sowie durch das unmittelbar darauf breit ausgebaute System sowjetischer Berater der sowjetischen Militärführung unterstellt worden. Auf einer Beratung in Moskau im Januar 1951 hatte Stalin nicht nur die Initiative zur abgestimmten und stark forcierten Entwicklung der Armeen ergriffen, sondern auch die Entwicklung der Rüstungsproduktionen der Ostblockstaaten festgelegt. Auf dieser Beratung entstand auch ein Koordinierungsausschuss auf höchster Ebene, der als Vorläufer des Politischen Beratenden Ausschusses des Warschauer Vertrags angesehen werden kann.[20] Die ungarische Armee war ab 1955 auch formal dem sowjetischen Oberkommando (dem Oberkommandierenden der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrags) unterstellt, ihre Organisationsstruktur, ihr Aufbau sowie ihre militärischen Dienstanweisungen folgten sowjetischen Mustern und Zielen. Bis zum Jahr 1947 – bis zur Unterzeichnung und Ratifizierung des Friedensvertrages mit Ungarn – existierte so etwas wie eine ungarische Außenpolitik – wenn leider auch mit minimalem Spielraum. Das hauptsächliche Bestreben dieser Außenpolitik war es, die Ungerechtigkeit des 1920 unterzeichneten Friedensvertrags von Trianon durch den neuen Friedensvertrag wenigstens teilweise zu korrigieren. Dafür gab es von Anfang an kaum reale Chancen – das wenige, was es tatsächlich an Spielräumen gab, wurde durch die Erwägungen der sowjetischen Außenpolitik zunichte gemacht.[21] Der bilaterale Staatsvertrag von 1948, in welchem auf sowjetischen Druck – und nach dem Muster ähnlicher Verträge, die mit den anderen Ländern der Region abgeschlossen wurden – die Formel von der gemeinsamen Antwort nicht nur auf eine deutsche Bedrohung, sondern auf jedwede Bedrohung hineingeschrieben wurde, beendete die ungarische Außenpolitik. Der in Opposition zur Partei stehende Imre Nagy wies zur Jahreswende 1955/56 auf die Notwendigkeit einer eigenständigen ungarischen Außenpolitik hin. In seiner Zeit als Ministerpräsident hatte er keine wesentlichen Schritte in diese Richtung unternommen. Erst während der Revolution 1956 gelang dann auch unter extrem ungünstigen Bedingungen für sehr kurze Zeit eine autonome Politik, die von der Konzeption der »Blockfreiheit/Neutralität« geprägt war.[22] Von diesem Moment abgesehen, blieb die ungarische Diplomatie während der gesamten Epoche Erfüllungsgehilfin der abgestimmten Außenpolitik des sowjetischen Blocks. Charakteristische Beispiele dafür waren der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel 1967, Ungarns militärische und politische Teilnahme an der Besetzung der Tschechoslowakei 1968 oder das Fernbleiben von den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984. In all diesen Fällen verstieß die Politik der Partei gegen die elementaren politischen und sonstigen Interessen des Landes. Dessen ungeachtet tauchten mit Beginn der 70er Jahre gewisse Elemente einer eigenständigen ungarischen Außenpolitik auf. Sobald die Wirtschaftsbeziehungen Ungarns zum Westen wiederhergestellt waren und sich dann zunehmend erweiterten, konnte Ungarn keine Politik mehr betreiben, die sich der Rhetorik des Kalten Krieges bediente und auf die Aufrechterhaltung der Spannungen baute. Sicherlich erst nach vorheriger Abstimmung mit den Sowjets kam es dann doch zu einer Regelung der Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland, wodurch Ungarn einen ersten Schritt in Richtung seiner traditionellen außenpolitischen Orientierung tat. In den 80er Jahren zeigte sich, wenn auch zunächst recht zaghaft, eine andere Richtung ungarischer Außenpolitik mit Tradition: zuerst auf dem diplomatischen Parkett Moskaus, dann auf dem des sowjetischen Blocks, später auch auf internationalen Foren, wo Ungarn sich für den Schutz und die Interessen der in den Nachbarstaaten lebenden ungarischen Minderheiten einsetzte. (Hier sei nur der Verweis darauf gestattet, dass wenn es überhaupt eine ungarische Außenpolitik für die gesamte Epoche von 1948 bis 1989 gegeben hat, so war dies in erster Linie eine Politik der Beziehungen zur Sowjetunion – auch davon handelt der folgende Punkt.) Die Determiniertheit kam in erster Linie in der nach 1948 errichteten politischen Struktur zur Geltung, in deren Rahmen nicht einmal die sich der kommunistischen Dominanz unterwerfenden Pseudoparteien einen Platz erhielten – im Unterschied etwa zu Polen oder der Tschechoslowakei – und deren charakteristisches Merkmal die Parallelstrukturen von Staat und Partei waren. Die verhältnismäßig schwache Verwurzelung der ungarischen Kommunisten im eigenen Land und die nach der Machtergreifung gewonnenen gesellschaftspolitischen Erfahrungen veranlassten die Machthaber von Zeit zu Zeit, eine Art »streng überwachten Pluralismus« einzuführen. Bereits Imre Nagy hatte mit ähnlichen Ansätzen im Jahr 1954 experimentiert, und auch die Kádár-Führung erwog nach 1956 eine Zeit lang die wie auch immer geartete Legalisierung der Bauern-Parteien aus der Koalitionsregierung von 1945. Auch in der ungarischen Reform von 1968 war ursprünglich eine gewisse Öffnung in Richtung der Etablierung eines Institutionssystems ökonomischer und, in wesentlich zaghafterer Weise, auch politischer Interessenvertretung vorgesehen. Von diesen Initiativen wurde fast nichts verwirklicht.[23] An der Wende der 70er und 80er Jahre experimentierten die ungarischen Machthaber erneut mit bestimmten Elementen der Arbeiterselbstverwaltung. Und schließlich gelangten die so genannten Reformer in der Partei in den 80er Jahren erneut zu der Ansicht, dass die adäquateste Erscheinungsform für diesen Pluralismus die Patriotische Volksfront sei – so wie schon die Gruppe um Imre Nagy drei Jahrzehnte zuvor. In der Revolution von 1956 waren die Kommunisten für einen Moment bereit, als Kompromiss die parlamentarische Demokratie anzuerkennen (es war dies die kurzzeitig von Imre Nagy und János Kádár gemeinsam geführte, neu gegründete Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei, MSZMP)[24]. Doch von dieser Ausnahme abgesehen blieb das nach sowjetischem Muster gestaltete politische System mit axiomatischer Gültigkeit bis Ende der 80er Jahre bestehen. Die Umgestaltung der Wirtschaft nach sowjetischem Vorbild wurde in großem Maße durch die seit Ende der 30er Jahre stark anwachsende staatliche Einflussnahme und den Übergang zur Kriegswirtschaft erleichtert.[25] Die nach dem Krieg entstandenen demokratischen Parteien stimmten im Wesentlichen der Beibehaltung dieser staatlichen Rolle zu, nun jedoch motiviert durch die ökonomischen Sachzwänge des Wiederaufbaus. Die ökonomische Struktur und Wirtschaftspolitik sowjetischen Typs wurde im Wesentlichen durch den 1950 beginnenden ersten Fünfjahrplan etabliert. Die Erhöhung der Planvorgaben im Jahre 1951 stellte die ungarische Wirtschaft in den Dienst der sowjetischen Kriegsvorbereitungen. Verglichen damit, dass sich dieser wirtschaftspolitische Kurs nur einige Jahre lang ungebrochen behaupten konnte (zu ersten Korrekturen kam es bereits 1953/54), erwies er sich als außerordentlich wirkungsmächtig, denn seine Folgen waren bis Ende der 80er Jahre in Form des Bergbau-, Hütten- und Schwerindustriekomplexes sichtbar.[26] In Ungarn erlangte der militärisch-industrielle Komplex jedoch nie einen solchen politischen Einfluss, wie in der Sowjetunion. Das Streben nach einer Rückkehr zur ungarischen Autonomie, zur Vorgeschichte der organischen Entwicklung erwies sich als äußerst hartnäckig, und hat sich seit 1953 über die gesamte Zeit, wenn auch nicht gleichmäßig, neben dem ideologischen Paradigma der sozialistischen Industrieentwicklung erfolgreich durchsetzen können. Die Unternehmensgröße, die Produktionskultur, die Industriestruktur zeigten im überwiegenden Teil dieser Epoche starke Abweichungen vom sowjetischen Vorbild. Die Autonomie der Wirtschaftseinheiten und gewisse Marktelemente der Reform von 1968 wurden »beibehalten«, obwohl zahlreiche ihrer Initiativen wenige Jahre später zurückgenommen wurden. Trotz des Strebens nach Autarkie Anfang der 50er Jahre blieb die ungarische Wirtschaft mit der Weltwirtschaft in Verbindung. Und obwohl bereits damals die Sowjetunion zum wichtigsten Außenhandelspartner Ungarns geworden war, »versteinerte« die ungarische Wirtschaft nicht in einer gesonderten sozialistischen »Weltwirtschaft«. Die Landwirtschaft wurde nach dem Krieg in erster Linie nicht durch den sowjetischen Einfluss, sondern als Ergebnis der Bodenreform des Jahres 1945 auf einen neuen Weg gebracht. Die Folgen dieser großen Veränderung, welche eine breite Schicht von Kleinbauern hervorbrachte, konnten sich jedoch kaum entfalten, denn einige Jahre später war es zunächst die Industrialisierung, dann die nach sowjetischem Vorbild erfolgende Kollektivierung, welche die Agrarentwicklung in neue Bahnen lenkte. Geprägt wurde diese Umgestaltung, die sich bis zum Anfang der 60er Jahre erstreckte, letztendlich nicht durch das reine sowjetische Genossenschaftsmodell, welches sich auf die Kolchosbauern und die Schicht der ärmsten Bauernschaft stützte, sondern durch die mit dem Namen Lajos Fehér (Politbüromitglied 1957 bis 1975 und ZK-Sekretär für Landwirtschaft 1959 bis 1962) verbundene spezifisch ungarische Genossenschafts- und Agrarpolitik, die unausgesprochen auf den ursprünglich von Imre Nagy entwickelten Überlegungen basierte. Diese Politik verschmolz erfolgreich Elemente der ungarischen Kleingewerbetradition mit denen der kollektiven Wirtschaftsführung. Die Produktionsgenossenschaften erwiesen sich im Allgemeinen als erfolgreich, und nach Meinung vieler Experten war es lediglich eine Folge politischer Entscheidungen der Nachwendezeit, dass sie die Veränderungen nicht in modifizierter Form überlebten.[27] Der Versuch einer Umgestaltung und Sowjetisierung der ungarischen Kultur, der in grober und gewaltsamer Weise Anfang der 50er Jahre unternommen wurde, kam nur wenige Jahre lang voll zur Geltung. Außer einigen mit der Zeit nur noch grotesk wirkenden Klischees hatte dieser Versuch keinerlei Folgen für die ungarische Eliten- und Massenkultur. Der obligatorische Russischunterricht beispielsweise hat sich trotz aller Anstrengungen, die man vier Jahrzehnte lang unternahm, als relativ wirkungslos erwiesen – und das galt bereits in der Mitte des sozialistischen Zeitalters als eine kaum verhüllte Binsenwahrheit. Literatur und Kunst »verließen« nach einem wenige Jahre dauernden Intermezzo die als sozialistischer Realismus firmierende, aus der Sowjetunion importierte höfische Kunstrichtung (einige ihrer Vertreter lebten in Einsprengseln isoliert noch einige Zeit fort) und entwickelten sich wieder in den Bahnen der großen internationalen Strömungen und Richtungen. Nach 1956 gab es so gut wie keine derartigen Ambitionen der Kulturpolitik mehr. Die Zugehörigkeit zum sowjetischen Imperium wurde lediglich durch verschiedene, kaum beachtete Organisationen und Institutionen symbolisiert, von der Gesellschaft für Ungarisch-Sowjetische Freundschaft, über die Zeitschrift Lányok, Asszonyok (dt.: Mädchen und Frauen) bis zum Wettbewerb »Wer weiß mehr über die Sowjetunion?«. Ansonsten war die durch den Kulturpolitiker György Aczél verkörperte Gnadenpolitik eher bestrebt, die traditionelle politische Rolle der Künste, in erster Linie der Literatur, zu kontrollieren bzw. unliebsame Erscheinungen auszuschalten.[28] Die ungarische Massenkultur begann sich Anfang der 60er Jahre vollständig von den sowjetischen Vorbildern zu lösen, deren kampagneartige Propagierung in den 50er Jahren inzwischen zum Gegenstand allgemeiner Lächerlichkeit geworden war. Sie wandte sich mit vergleichsweise großer Freiheit dem Westen zu, von wo die gerade aktuellen kulturellen Modeströmungen mit ein paar Jahren Verspätung (die ständig geringer wurde) in Ungarn Einzug hielten. Eine »Kultur des Imperiums« konnte sich trotz aller darauf gerichteten Bestrebungen nicht etablieren, zumindest blieb Ungarn davon unberührt. Dieses Phänomen hängt mit einer der wichtigsten Einschränkungen der Determinierung zusammen. Ohne Zweifel war infolge des sowjetischen Einflusses der allgemeine Grad der Freiheit in Ungarn unvergleichlich geringer als in den westlichen Demokratien und blieb wahrscheinlich wesentlich hinter dem der Zwischenkriegszeit zurück, etwa hinsichtlich der Pressefreiheit. In dieser Hinsicht bestimmte die Zugehörigkeit zur sowjetischen Einflusszone grundsätzlich und bis zuletzt den Alltag des Einzelnen. Bestimmte Fragen konnten nicht gestellt werden, bestimmte Antworten konnten nicht formuliert werden. Der sozialen, geografischen und gedanklichen Mobilität des einzelnen Menschen wurden vom System Schranken gesetzt. Anfangs wollte das System sogar noch mehr als das: Die Verhältnisse von Knechtschaft und Tyrannei sollten auf kollektiver und individueller Ebene von jedermann als eine Art höhere, freiwillig gewählte, ja sogar gewollte »Freiheit« erlebt werden. Diese ideologische Bestimmung der Politik war in Ungarn jedoch niemals vorherrschend, insofern konnte sich auch der Totalitarismus nie vollkommen entfalten. Die Gesellschaft erlernte die Diktion dieser Ideologie, sie »verstand« die Festtagsreden und offiziellen Kommentare, sie nahm zur Kenntnis, wann, mit wem und worüber man nicht sprechen konnte, aber die Ideologie machte sie sich nicht zu eigen. Sie nahm zur Kenntnis, dass der »oben« geführte Diskurs in dieser ideologischen Sprache stattfindet, aber ansonsten war sie bestrebt, ihre eigene Sprache und Kultur sowie ihr kollektives Gedächtnis zu bewahren. Jene traditionellen Phänomene, die in der Epoche des sowjetischen Einflusses verschwanden (etwa die einheitliche bäuerliche Lebensform und Kultur) wären vermutlich mehr oder weniger genauso in anderen, etwas freieren Varianten industrieller Modernisierung verschwunden. Gleichzeitig blieben jedoch dieser Ideologie radikal entgegen gesetzte Mentalitäten und Bestrebungen, wie etwa die Ver(klein-)bürgerlichung nahezu unbeschadet bestehen, ja sie entwickelten in der Kádár-Epoche (1956 bis 1988) sogar neue Formen.[29] Natürlich beeinflusste und verzerrte der Mangel an Freiheit alle sozialen Verhältnisse. So entwickelte sich etwa eine zum Teil erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber den öffentlichen Angelegenheiten, mit manchmal bis zur Devianz gehender negativer Einstellung. Es stimmt aber auch, dass einzelne Elemente der Ideologie langsam in die Verhaltens- und Denkkultur des Alltags einsickerten, wie die unreflektierte Sympathie für den Egalitarismus, die Ohnmacht der Untertanen, die Erwartungshaltung gegenüber dem Staat und anderen »Versorgungsinstitutionen« usw. All dies beweist zum Teil nur, dass die Zielvorstellungen dieser aggressiven Ideologie falsch waren und dass sich die Überzeugung, Gesellschaften könnten in kürzester Zeit radikal umgestaltet werden, als gewaltiger Trugschluss erwies. In der ungarischen Variante wurde dies auch von der nach 1956 an die Macht gelangten politischen Führung erkannt, und mit fortschreitender Zeit wurden die ideologischen Lehrsätze und Zielvorstellungen für sie immer weniger richtungweisend. Was blieb, war der Pragmatismus der beschränkten Freiheit, der an keinerlei Utopie mehr glaubte, dessen Ziel nur mehr in der Bewahrung der Macht und in der Anpassung an das Imperium bestand.[30] Dynamik, Methoden und Rezeption der Determinierung Aus dem bisher Gesagten ist vielleicht deutlich geworden, dass sowohl der sowjetische Determinierungswille, als auch die entsprechende ungarische »Empfänglichkeit« bzw. der Sowjetisierungseifer der heimischen Führung im Verlauf der Zeit von sehr unterschiedlicher Intensität waren, mit zum Teil auffälligen Phasenverschiebungen. In den Jahren unmittelbar nach Kriegsende bestritten auch die sich am linken Rand des politischen Spektrums etablierenden Kommunisten energisch, dass sie vorhätten, das sowjetische System einzuführen. Durch die Alliierte Kontrollkommission hielt die Sowjetunion das politische Leben Ungarns unter Kontrolle wie auch die ungarische Wirtschaft durch das Waffenstillstandsabkommen und den dort festgelegten Reparationsleistungen. Ein direktes sowjetisches Eingreifen geschah jedoch nur im Fall jener Bodenreform (durch Drängen auf schnelle Umsetzung), bei der innerhalb der Koalition weitestgehende politische Übereinstimmung herrschte. Es gibt auch Beispiele dafür, dass die ungarische Politik sich relativ erfolgreich sowjetischen Eingriffen widersetzen konnte, z. B. in der Frage einer gemeinsamen Koalitionsliste bei der Wahl von 1945. In den Jahren der Koalition hatte die ungarische Politik selbstverständlich die sowjetischen Sicherheitsansprüche zur Kenntnis genommen (was hätte sie auch anderes tun können), und es hatte den Anschein, dass der sowjetische Einfluss über diese – die ungarische Souveränität zwar stark einschränkenden – Sicherheitsansprüche nicht hinausgehen würde. (Die Einschränkung der Souveränität wurde im Übrigen nach dem verlorenen Krieg in mehrseitigen internationalen Abkommen vorgeschrieben.) Zum Zeitpunkt der Entfaltung des Kalten Krieges war die Sowjetunion bestrebt, die autonomen Sphären in den besetzten Gebieten zu beschneiden, da sie diese als Risikofaktoren betrachtete. Allem Anschein nach hätte man sich anfangs mit der Beseitigung des politischen Pluralismus begnügt. Ein Indiz dafür war in Ungarn die sowjetische »Assistenz« bei der Zerschlagung der Kleinlandwirtepartei. Zudem wäre die strengere Institutionalisierung früherer Kontrollmechanismen ausreichend gewesen. Doch Rákosi und andere KP-Führer wollten die gegebenen Möglichkeiten so schnell und so weitgehend wie möglich ausnutzen, wobei sie mehrfach über die immer mit einer gewissen Vorsicht gepaarte Stalinsche Expansionspolitik hinausschossen. So erhielten sie zunächst keine Erlaubnis zur bereits im Jahre 1947 geplanten Inszenierung groß angelegter Schauprozesse (die dann erst Anfang 1949 mit dem Prozess gegen Kardinal József Mindszenty und Ende 1949 mit dem Rajk-Prozess stattfanden) oder zu einer gewaltsamen Machtübernahme durch eine künstlich geschürte Massenbewegung. Diesen Umständen ist es zu verdanken, dass die Nachkriegsdemokratie Ungarns in einigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ein paar Jahre Aufschub erhielt. Mit der Verschärfung des Kalten Krieges wurde selbst die Abweichung vom sowjetischen Modell zu einem Risikofaktor, und so erhielt die ungarische Seite bei der gesellschaftlichen Umwälzung freie Hand. Es ist durchaus vorstellbar, dass Stalin in der Anfangszeit, also 1948 bis 1950, Rákosi tatsächlich nicht instruiert hat – das war auch gar nicht notwendig. Die aus dem Typ des »Homo cominternicus« zusammengesetzte ungarische Parteiführung handelte einfach aufgrund ihrer zur ideologischen und kulturellen Routine gewordenen Vorbilder. Sie kannten nur die sowjetische Methode, wie Gesellschaften zu organisieren sind, in allen anderen Systemen bewegten sie sich als Fremde und standen diesen feindlich gegenüber. Dies war selbst dann so, als sie von nicht unbedeutenden sozialen Gruppen, wie einem Teil der Arbeiterschaft in den Großbetrieben, vielen politisch und rassisch Verfolgten des vorangegangenen Regimes und den im östlichen Landesteil lebenden armen und besitzlosen Bauern mehr oder weniger unterstützt wurden – wie dies ab 1945 für eine kurze Zeit der Fall war – und von noch größeren Bevölkerungsteilen zumindest als Realität akzeptiert wurden. Die Sowjetisierung hingegen musste ihre Anhänger, von denen nur wenige zu Macht und Aufstiegsmöglichkeiten gelangten, enttäuschen und die schlimmsten Befürchtungen der »Realisten« Wirklichkeit werden lassen. Das frühe sowjetische System in Ungarn kann auch als System des Misstrauens und des Schreckens beschrieben werden. Die Gesellschaft war voller Misstrauen und lebte in ständiger Furcht, welche Schicksalsschläge wohl der nächste Tag für sie bereithalten mochte. Die kommunistische Führung fürchtete sich gleichzeitig vor dem Widerstand des Volkes als auch vor dem Zorn Moskaus, der sich in Säuberungen entladen konnte, wenn irgendein Fehler gemacht worden war. Der Führer des Imperiums wiederum traute überhaupt niemandem vorbehaltlos, selbst einem solch loyalen Führer wie Rákosi nicht.[31] Mit diesem Misstrauen und dieser Furcht kann (auch) erklärt werden, warum die Sowjetunion auch in Ungarn zwischen 1948 und 1950 einen solch außergewöhnlich breit angelegten und feingliederigen Kontroll- und Überwachungsapparat aufbaute. Neben der »normalen« diplomatischen Vertretung und der bestehenden militärischen Besatzung sowie neben den intensiver werdenden Parteibeziehungen infiltrierten die Sowjets die staatlichen Strukturen und die Wirtschaft, aber vor allem die Armee und die Staatssicherheit mit ihren legalen Beratern und illegalen Agenten. Die Maschinerie, die Motoren und einzelnen Schräubchen brauchte Stalin auch im Falle Ungarns nicht unmittelbar anzuleiten und zu steuern. Das taten solche Menschen, die von den schematisierten Vorbildern, ideologischen Werten und kulturellen Determinanten der bolschewistischen Bewegung geleitet wurden. Die Berater eigneten sich diese Kultur an, ergänzten sie mit sowjetischem Überlegenheitsbewusstsein und militärischer Disziplin.[32] Auf paradoxe Weise wurde die sowjetische Einmischung nach Stalins Tod eher noch intensiver. Das hätte noch nicht als ungewöhnliche Entwicklung gegolten, denn die Institutionen und die Aufnahmebereitschaft waren ja gleichermaßen gegeben – als ungewöhnlich galten vielmehr die aus Moskau kommenden Anweisungen für »Korrekturen«, die Rákosi und seine Gefährten im Juni 1953 in Moskau fassungslos zur Kenntnis nahmen. Die nach Stalins Tod aufscheinende Krisengefahr und die einsetzenden Machtkämpfe führten im Falle Ungarns zu jenem seltenen Ergebnis, dass ein direkter sowjetischer Eingriff für die große Mehrheit der ungarischen Gesellschaft eindeutig positive Veränderungen zur Folge hatte. Die Korrekturen wiederum waren von der Absicht einer Stabilisierung des Imperiums geleitet, daher konnte das Paradigma einer »positiven Intervention« zu keiner bleibenden Erscheinung werden. Jene, die in den Korrekturen eine Art »kommunistischer Aufklärung« sahen, wie Imre Nagy 1953/54 oder wie die ungarische Parteiopposition nach dem XX. Parteitag der KPdSU, wurden enttäuscht. Die Rücknahme der Korrekturen löste in Ungarn eine politische Krise aus, und dies führte beim Zusammentreffen mit dem gesamtgesellschaftlichen Widerstand zur Revolution von 1956. Am 4. November 1956 und in den unmittelbar darauf folgenden Wochen sank Ungarn im wortwörtlichen Sinne auf das Niveau einer Kolonie herab. Seine führenden Politiker wurden in Moskau ernannt, das Land wurde eine Zeit lang von sowjetischen Partei- und Staatsfunktionären durch Handsteuerung geführt,[33] die ungarischen Streitkräfte wurden von den Sowjets entwaffnet usw. Das Jahr 1956 führte dennoch zur Ableitung neuer Erkenntnisse im institutionellen Gefüge der Determinierung und in deren »Philosophie«. Zumindest war das Bestreben der Sowjetunion, eine Wiederholung der ungarischen Krise von 1956 zu vermeiden, in gleichem Maße ausgeprägt, wie diese Überlegung bei allen Entscheidungen János Kádárs und seiner Gefolgsleute immer präsent war. Nach der Revolution und der Pazifisierungsphase wurden die auffälligsten Einrichtungen sowjetischer Einflussnahme und Kontrolle abgebaut. Mit Ausnahme von Staatssicherheit und Armee wurden die sowjetischen Berater abgezogen, über die Stationierung der Besatzungstruppen wurde ein »normaler« zwischenstaatlicher Vertrag abgeschlossen. Nach 1956 sah Moskau die Sicherheit seiner imperialen Zone jenseits der militärischen Stärke vor allem durch lokale Führer und Führungen gewährleistet, die sich der Sowjetunion gegenüber absolut loyal verhielten, gleichzeitig jedoch die lokalen Besonderheiten genauestens kannten, verstanden und zu vertreten in der Lage waren. János Kádár entsprach diesen Ansprüchen in außergewöhnlicher Weise. Er verkörperte gleichsam den Archetyp des idealen Partners für die poststalinistische Führung der Sowjetunion. Ab dieser Zeit verfolgte die sowjetische Einflussnahme in Ungarn kaum noch strategische Ziele, man richtete sich darauf ein, das Erreichte zu bewahren. Es ist unwahrscheinlich, dass die sowjetische Führung versucht hat, die der Niederschlagung der Revolution folgende Politik der Vergeltung grundlegend zu beeinflussen (das gilt auch in gewissem Grad bereits für den Fall Imre Nagy in den Jahren 1957/58), und sie akzeptierte auch die ungarischen Experimente mit ökonomischen Reformen. Sicher ist dagegen, dass Moskau eine überwiegend negative Meinung hinsichtlich der Reform des ökonomischen Mechanismus hatte und im Zusammenhang mit einigen außenpolitischen Ereignissen Druck ausübte (siehe weiter unten), aber von nun an keinen grundlegenden Wandel mehr in der ungarischen Politik bewirkte. Für die geistige Beschaffenheit der grauen Bürokratenfigur eines Leonid Brežnev wirkten vermutlich selbst die bescheidenen Abweichungen in der Farbschattierung, wie sie von der ungarischen Führung vertreten wurden, als viel zu grell. Brežnev misstraute Kádár zu Anfang vermutlich aus mehreren Gründen. In erster Linie wohl, weil dieser der »Mann« seines Vorgängers Chruščev war, aber auch weil er aus politischen Gründen inhaftiert worden war, wegen seiner »Schwankungen« im Jahr 1956 usw. Nichtsdestotrotz stellte sich in diesen Jahren ein annäherndes Gleichgewicht zwischen sowjetischer Einflussnahme und dem Ausnutzen des Spielraums durch die Ungarn ein. János Kádár achtete mit äußerster Sorgfalt darauf, bei seinen Auftritten vor dem sowjetischen Politbüro einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und tatsächlich gelang ihm in vielen Dingen, dass die sowjetischen Genossen seine bittere Arznei »schluckten«. Er versuchte in gleicher Weise, wie das schon Rákosi getan hatte, seine Kontakte und Verbindungen zur sowjetischen Führung zu monopolisieren. Mitte der 70er Jahre war ihm das auch weitgehend gelungen. Bis dahin hatte er seine QuasiRivalen (die Politbüro- und Sekretariatsmitglieder Zoltán Komócsin, Béla Biszku und Árpád Pullai), die für ihre Nachfolgeambitionen in Moskau um Unterstützung buhlten, aus der Führung gedrängt. »Wir haben das, bitte schön, ihm überlassen«, lautete die Antwort des Politbüromitglieds und Gewerkschaftschefs Sándor Gáspár, einer der charakteristischsten Figuren aus der obersten Kádár-Führung, auf die nach 1989 gestellte Frage nach den sowjetischen Implikationen der Angelegenheit Imre Nagy.[34] Vermutlich hat Gáspár hier sehr genau formuliert. Der von Kádár hervorgerufene gute Eindruck bestand unter anderem darin, dass er sogar seinen anfangs relativ eng bemessenen Spielraum mit einer Art »Selbstbeschränkung« nutzte. Nicht nur, dass er sich den sowjetischen Intentionen nicht widersetzte, ganz im Gegenteil: Vielfach gelang es ihm mit Erfolg »herauszufinden«, was möglicherweise Spannungen oder sogar Konflikte verursachen könnte – und diese brachte er dann auch nicht zur Sprache. In erster Linie ist hier an das Problem der ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten zu denken. Kádar betonte auch stets in der Öffentlichkeit wie gegenüber der sowjetischen Führung, dass die innenpolitische Lage in Ungarn stabil sei – womit er sich vorteilhaft von seinem Vorgänger Rákosi abhob, der als permanenter »Initiator« bei der Gesellschaftsgestaltung die Reinheit der kommunistischen Ideologie mit gewöhnlichem Abenteurertum vermischte. Quasi »im Gegenzug« dafür waren Kádár und seine Mitstreiter ständig bestrebt, für die ungarische Wirtschaft so viele Vorteile als möglich herauszuschlagen – und reagierten gleichzeitig mit bescheidener Zurückweisung, wenn das Ideologie-Sekretariat der KPdSU die ungarischen »Abweichungen« beanstandete.[35] Dieser Gleichgewichtszustand wurde im letzten Drittel der 80er Jahre gestört, als sich Michail Gorbačev nach Konstanin Černenkos Tod 1985 die Alleinherrschaft sicherte. Das Erscheinen eines Reformers in Moskau hätte man in Ungarn, dem Musterstaat der sozialistischen »Reform«, eigentlich nur begrüßen können. Tatsächlich zerstörte das Gorbačev-Phänomen jedoch eher nur jene frühere Ausgewogenheit von Determiniertheit und Spielraum – ohne dafür ein neues Paradigma zu entwickeln. Der sowjetische Führer hatte keineswegs die Absicht, das bisherige Verhältnis von Patron und Klient zu beseitigen. Im Gegenteil: Er versuchte beispielsweise den Rückzug Kádárs in Gang zu setzen, und vermutlich hatte er auch seinen Anteil daran, dass die alte Parteiführung schließlich die Waffen streckte.[36] Er setzte harte, fast nur den Gesetzen des freien Marktes gehorchende Verhandlungen auf jener anderen Seite in Gang, auf der sich bisher die ungarischen Interessen durchsetzen konnten. Selbstkritisch analysierte er die Vergangenheit der »Beziehungen«, sprach von tatsächlicher Gleichberechtigung, behandelte aber das wirtschaftliche Krisenmanagement Ungarns sowie dessen Beziehungen zum Westen mit Sorge und Misstrauen. Öffentlich trat er während dieser Zeit mit reformerischen Reden in Erscheinung, und im engsten Kreis sprach er in gleicher Weise über den idealen Sozialismus und die Methoden seiner Verwirklichung. Die Sowjetunion und ihr Führer, dieses jahrzehntelang unverrückbar erscheinende Phänomen, wurden plötzlich unberechenbar. Die ungarischen Führungspolitiker, die im Mai 1988 nach Kádár kamen, waren im Gegensatz zu Gorbačev weder Idealisten noch ideologisch gebunden. MSZMPGeneralsekretär und Minsterpräsident Károly Grósz interessierte sich vielleicht tatsächlich für das verschwommene Programm namens Perestrojka, doch war er viel zu sehr mit den eigenen innenpolitischen Kämpfen, den damit verbundenen Machtspielen beschäftigt, vor allem jedoch mit dem Steuern der ungarischen Wirtschaft auf den Gewässern der Stagflation. In der Art gut ausgebildeter Außenhändler war die ungarische Führung bemüht, mit den Abkommen im Finanz- und Warenverkehr für Ungarn so viele Vorteile wie möglich herauszuholen. Andererseits versuchte sie ebenfalls in der Art von erprobten Machttechnikern die Positionen der ungarischen Parteielite in jenem kommenden System zu bewahren, welches 1988/89 als »neues Modell des Sozialismus« firmierte, kurze Zeit später jedoch in bezeichnender Weise – nun ohne jegliche Perspektive – in »Prozess des Modellwechsels« umgetauft wurde. Darüber hinaus versuchte die neue Führung jene in den Jahrzehnten der Kádár-Epoche unantastbaren Tabus etwas aufzulösen, um so die traditionellen Defizite der ungarischen Partei hinsichtlich nationaler Themen zu verringern. Károly Grósz, sein Nachfolger als Ministerpräsident Miklós Németh, das Politbüromitglied Rezsö Nyers sowie die ab Herbst 1988 in der sowjetischen Hauptstadt eintreffenden ungarischen Politiker der zweiten Garnitur brachten neue Themen auf den Tisch: die Neubewertung von 1956, die Frage der ungarisch-rumänischen Beziehungen und die Lage der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen sowie den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn. Das Einbringen der ersten beiden Fragenkomplexe auf die Tagesordnung der Moskauer Verhandlungen war in erster Linie durch den gesellschaftlichen Druck erzwungen worden. Der dritte Komplex dagegen ergab sich aus den Möglichkeiten von Gorbačevs außenpolitischen Offensiven, und die ungarische Führung versuchte diese Möglichkeiten maximal zu nutzen. Die Vergangenheit war aber auch hier präsent. Jene Einstellung, die allen gesellschaftlichen Bewegungen als »Faktoren der Instabilität« gegenüber abgeneigt ist, eine Einstellung die, beginnend mit János Kádár, von allen in Moskau vorsprechenden führenden ungarischen Politikern in ähnlicher Weise »kommuniziert« wurde, hat vielleicht nicht unwesentlich zu jener Nachgiebigkeit und jenem illusorischen Zukunftsbild beigetragen, mit dem Gorbačev die Umwälzungen betrachtete.[37] Diese »Nachtblindheit« hat möglicherweise beim friedlichen Charakter der demokratischen Transformationen eine Rolle gespielt. Die Besatzung und die ungarische Gesellschaft: eine Bilanz Im Bild der 1944/45 in das ungarische Staatsgebiet einbrechenden sowjetischen Truppen begegnete die ungarische Gesellschaft zum ersten Mal der Realität der kommenden Ordnung. Das Verhalten der marodierenden Besatzungstruppen löste einen wahrhaft nationalen Schock aus, und als Kulturschock kann ebenfalls der Zeitraum bezeichnet werden, in dem das Sowjetsystem eingeführt wurde. Die Mehrzahl der Menschen machte für alles, zwar nicht ohne Grund, aber auch nicht sehr differenziert, die sowjetische Besatzung verantwortlich: für den Massenterror, für die explosionsartigen sozialen Veränderungen, für die Lebensmittelzwangsabgaben der Bauern, für die Kulakenlisten, für jede Erniedrigung und alles Elend. Gleichzeitig fasste jedoch die Mehrheit den »Kommunismus« vermutlich als einen vorübergehenden Zustand auf und hoffte auf dessen schnelles Ende. Bis dahin passte man sich zähneknirschend der neuen Ordnung an und hoffte auf den Einzug der amerikanischen Truppen. In diesem Zeitraum verknüpfte sich der undifferenzierte Antikommunismus mit der Sowjetfeindschaft. Zum doppelten Emblem beider Einstellungen wurde der die Frauen vergewaltigende russische Besatzer von 1945 sowie der (heimische) kommunistisch-terroristische Stasiknecht. Selbst die zahlenmäßig nicht allzu große Anhängerschaft des sich neu etablierenden Systems war von der sklavisch-unterwürfigen Nachahmung und der nationalen Erniedrigung, die für die ersten Jahre der Übernahme des sowjetischen Musters so charakteristisch waren, irritiert. An dieser Gesinnung konnte auch die erste Regierungszeit von Imre Nagy 1953 bis 1955 nicht viel ändern, wie die in der Revolution von 1956 an die Oberfläche drängenden elementaren Gefühlsausbrüche zeigten.  Der 4. November 1956, der Zusammenbruch der Revolution und des Freiheitskampfes, die anschließende Niederlage des Widerstandskampfes und das allgemeine Gefühl, von der (westlichen) Welt im Stich gelassen worden zu sein, bedeuteten erneut einen tiefen Schock. Die ungarische Gesellschaft konnte sich nur sehr schwer mit dieser Niederlage abfinden, doch dann gewann erneut die Einsicht die Oberhand: »von denen kann man sich nicht befreien«. Die Repressionen schalteten einen großen Teil der potenziellen und symbolischen Führer aus. Nicht nur die Führungspersonen gingen verloren, dramatisch sank auch die Zahl von dynamischen Individuen und Gruppen, die mit ihren gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten wichtig für die Orientierung und öffentliche Meinungsbildung waren. Ein beträchtlicher Teil von ihnen verließ das Land – die Emigrationswelle erreichte gerade Ende November/Anfang Dezember 1956 ihren Höhepunkt. Die Menschen begannen sich damit abzufinden, dass die »Sache« von 1956 verloren sei, und was jetzt herrsche, eingeschlossen die sowjetischen Besatzer und das Sowjetsystem, werde mit großer Wahrscheinlichkeit so bestehen bleiben. Mit der Waffe in der Hand, mit landesweiten Streiks, am Verhandlungstisch und mit feurigen Reden tat die Gesellschaft das, was sie tun konnte, und darüber hinauszugehen war – so hatte es den Anschein – unmöglich. Die gesamtnationale Frustration begann die Geschehnisse rückwirkend um- und abzuwerten (»Es war doch sowieso fast alles eine Illusion …«), und ließ das Verlangen nach einer wie auch immer gearteten Normalität stark ansteigen. In dieser Lage wurden nun all jene Maßnahmen aufgewertet, die man trotz allem auf den Oktober 1956 zurückführen konnte (»Etwas haben wir doch erreicht, vielleicht war nur soviel möglich …«): die Aufhebung der Zwangsabgaben, die Beschlüsse zur Anhebung des Lebensniveaus, das Ausbleiben der unberechenbaren, massenhaften und alle Lebensbereiche erfassenden Säuberungen. Mehr noch, all dies konnte man auch der neuen Kádár-Regierung zugute halten. Nach 1956 wurden in der ungarischen Gesellschaft die Haltungen jener Gruppen bestimmend, die die anderthalb Jahrzehnte bis zur Wende der 50er/60er Jahre schon weitgehend als Erwachsene erlebt hatten, die sich aber im Jahr 1956 (ja selbst in der Zeit bis dahin) nicht in der »ersten Reihe« und nicht sehr intensiv politisch betätigt oder sich überhaupt aus der Politik herausgehalten hatten. Eine der zentralen Lehren ihres bisherigen Lebens – und das Jahr 1956 hatte dies noch mal untermauert – bestand darin, dass in der Zeit, wo verschiedene einander abwechselnde politische Strömungen und Kurse ihr Schicksal grundlegend beeinflusst hatten, sich ihre persönlichen Intentionen meist nicht verwirklichen ließen. Nach einer Periode mit derartigen Erfahrungen wurden Begriffe wie Berechenbarkeit und Planbarkeit ungeheuer aufgewertet – und dabei war das Kádár-Regime selbst in seiner Phase der Vergeltung und Repression wesentlich berechenbarer als das Rákosi-Regime und blieb es auch später. Diese Gruppen sowie maßgebliche Gruppen der ungarischen Intelligenz akzeptierten die Kádársche »LebensstandardAbmachung« und enthielten sich jeglicher politischen Aktivität. Dabei spielte zweifellos der Umstand eine Rolle, dass Kádár nach 1956 sehr darauf bedacht war, den Charakter des Systems als Satellitenstaat sowjetischen Typs soweit wie möglich zu verschleiern. Bei einem Treffen im Jahre 1985 erzählte Kádár Michail Gorbačev die Geschichte seines Lebens und seiner Zeit. Über die Periode nach dem 4. November 1956 sagte Kádár: »Ich bat zum Beispiel darum, die sowjetischen Truppen nicht auf den Straßen patrouillieren zu lassen und sie nicht an der Wiederherstellung der Ordnung zu beteiligen. Für welchen ungarischen Bürger auch immer – es ist doch angenehmer, wenn er von einem Ungarn einen Hieb auf den Kopf bekommt, als von einem anderen. Er wird danach heimkehren und wird dies nicht als Verletzung seiner nationalen Ehre ansehen können.«[38] Diese Formel, deren Zynismus nur noch von ihrer Primitivität übertroffen wird, funktionierte über weite Strecken der Kádár-Ära ausgezeichnet. Die sowjetische Besatzung war eine jener Evidenzen, über die jeder Bescheid wusste, über die jedoch niemand außerhalb der engeren familiären Öffentlichkeit sprach – oder selbst dort nicht. János Kádár hatte bereits auf der Tagung der MSZMP vom Juni 1957 verkündet: Die große Mehrheit der Menschen interessiere sich nicht für Fragen der großen Politik, sondern sei in erster Linie an der Mehrung der eigenen materiellen Güter interessiert. Die Gesellschaft, welche gerade die Erschütterungen der Niederlage durchlebte, nahm die Anzeichen kleinerer Freiheiten und Möglichkeiten tatsächlich mit großer Freude auf: das gegenüber den 50er Jahren wesentlich breitere Warenangebot, der zu Reisen in den Westen berechtigende Touristen-Reisepass für 70 Dollar, die Streichung der sozialen Herkunft als Kategorie bei der Zulassung zu einem Universitätsstudium usw. Die Einmischung des Staates in das Privatleben wurde reduziert oder hörte ganz auf. Das Polit-Seminar, die halbe Stunde zum Studium der Parteizeitung Szabad Nép oder der rhythmische Beifall waren nun nicht mehr obligatorisch. Die Übereinstimmung mit dem System musste nicht mehr beteuert werden. Mit einer an entsprechender Stelle (also nicht im staatlichen Sektor) und mit entsprechender (selbstausbeuterischer, nicht selten selbst zerstörerischer) Intensität geleisteten Arbeit konnte jeder sichergehen, dass sich sein Lebensstandard »kalkulierbar« erhöhen würde. Der Preis für all das war die Entstehung jener Haltung, die der Psychologe Ferenc Mérei als »gesamtnationale Verdrängung« charakterisiert hat. Niemand sprach mehr von der Revolution, von der Niederlage – man nahm weder Notiz von den Eingekerkerten, noch von den Freigelassenen, und im Allgemeinen »ließ man die Finger von der Politik«. Der so gewonnene »Friede« eröffnete den Weg individueller Aufstiegsmöglichkeiten, aber er zerstörte gleichzeitig das Netz gesellschaftlicher Solidarität – also gerade das, was sich in den Tagen der Revolution und des Widerstandskampfes mit solcher Kraft manifestiert hatte. Nach 1956 wies die ungarische Gesellschaft für lange Zeit nicht mehr jene so offensichtlichen Zeichen seelischer »Gesundheit« auf, die sie in der Zeit vor 1956 auszeichneten. Dagegen machen sich ihre Krankheitssymptome (wahrhafte Volkskrankheiten als auch Mentalitäten) bis zum heutigen Tag sehr intensiv bemerkbar. Als das System Ende der 70er Jahre in eine spürbare Krise geriet, wurde der Mangel an Freiheiten lediglich von einer schmalen intellektuellen Schicht, der demokratischen Opposition, zur Sprache gebracht. Die große Mehrheit befürchtete in erster Linie das Ende jenes erwähnten Lebensstandard-Abkommens, und als sich deren böse Vorahnungen in den 80er Jahren bewahrheiteten, entzog sie dem Kádár-System ihre stillschweigende Unterstützung. Realität und Geschichte der sowjetischen Besatzung wurde von der Opposition zwar zum Gegenstand des politischen Diskurses gemacht, doch hütete sie sich davor, deren Beseitigung als politische Zielvorgabe zu formulieren. Der überwiegende Teil der ungarischen Gesellschaft glaubte wohl selbst 1989/90 noch nicht, dass »die Russen tatsächlich abziehen«. Im überwiegenden Teil der Kádár-Ära war nicht die Besatzung jene dominierende Erfahrung, von der die Haltung der Gesellschaft bestimmt wurde – und das, obwohl nach wie vor letztendlich alles darauf zurückgeführt werden konnte. Mit der zeitlichen (geschichtlichen) und räumlichen (gegenüber anderen Satellitenstaaten) Relativierung konnte das System eine vergleichsweise günstige Beurteilung seiner selbst erreichen sowie eine durch Errungenschaften gestützte Legitimität. Interessanterweise wurden »die Russen« kaum in das kollektive Bewusstsein der ungarischen Gesellschaft integriert, und es scheint wenig riskant zu prophezeien, dass die Kenntnisse über sie in einigen Jahrzehnten auf das Niveau und die Zahl der Stereotype des vorigen Jahrhundertbeginns zurückfallen werden – ergänzt vielleicht nur noch durch das Bild der »Russen-Mafia« bzw. der Gestalt des »russischen Mafioso«. Wenn etwas in der Erinnerung bleiben wird, dann nicht das Bild des Eroberers, sondern eher das des schlichten (und deshalb manchmal auch sympathischen), unkultivierten Menschen, den man ein wenig bedauern kann, aber wohl doch eher verachtet. Es gehört wohl zu einem der vielen erfolgreichen Tricks des Kádár-Regimes, das Bild des Besatzers in Vergessenheit geraten zu lassen in einer Zeit, in der die Besatzung noch Realität war. Übersetzung aus dem Ungarischen von Bernd-Rainer Barth (Berlin) [1] Anmerkung der Redaktion: Der Aufsatz stellt eine leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags dar, den der Autor János M. Rainer auf der 3. ungarischen Landeskonferenz für Zeitgeschichte in Debrecen (29. bis 31. August 2000) gehalten hat. Da der Aufsatz auf breiter Quellen- und Literaturgrundlage die ungarische Nachkriegsgeschichte fundiert skizziert, haben Herausgeber und Redaktion des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung den Aufsatz aus Anlass des 50. Jahrestages der ungarischen Revolution ins Deutsche übersetzen lassen. Herausgeber und Redaktion danken dem Historiker und Übersetzer Bernd-Rainer Barth (Berlin) für den Hinweis auf den Aufsatz. Herr Barth hat den Kontakt zum Autor hergestellt, den Aufsatz übersetzt und den Text redaktionell mitbetreut. [2] Das herausragende Werk zu dieser Epoche ist Gati, Charles: Magyarország a Kreml árnyékában [Ungarn im Schatten des Kreml], Budapest 1990. Die Originalausgabe erschien in den USA. Ders.: Hungary and the Soviet Bloc, Durham, N. C. 1986. Siehe auch Romsics, Ignác (Hrsg.): Magyarország és a nagyhatalmak a 20. században. Tanulmányok [Ungarn und die Großmächte im 20. Jahrhundert. Studien], Budapest 1995, S. 185–245 sowie die englischsprachige Ausgabe ders.: 20th Century Hungary and the Great Powers, Highland Lakes, N. J. 1995. [3] Majszkij, Ivan M.: A jövendő világ kívánatos alapelveiről (1944) [Über die erstrebenswerten Grundsätze der zukünftigen Welt (1944)]. Hrsg. von Magdolna Baráth, in: Külpolitika, N. S. 2 (1996), H. 3/4, S. 154–245; Vida, István: Orosz levéltári források az 1944 őszi kormányalakítási tárgyalásokról, az Ideiglenes Nemzetgyűlés összehívásáról és az Ideiglenes Nemzeti Kormány megválasztásáról [Russische Archivquellen über die Verhandlungen zur Regierungsbildung im Herbst 1944, über die Einberufung der Provisorischen Nationalversammlung sowie die Wahl der Provisorischen Nationalen Regierung], in: Az Ideiglenes Nemzetgyülés és az Ideiglenes Nemzeti Kormány 1944–1945 [Die Provisorische Nationalversammlung und die Provisorische Nationale Regierung 1944–1945], Budapest 1995, S. 52–107; Ders.: Az Ideiglenes Nemzeti Kormány átalakítása 1945 júliusában és a szovjet diplomácia [Die Bildung der Provisorischen Nationalen Regierung im Juli 1945 und die sowjetische Diplomatie], in: Vissza a történelemhez. Emlékkönyv Balogh Sándor 70. születésnapjára [Zurück zur Geschichte. Festschrift zum 70. Geburtstag von Sándor Balogh], Budapest 1996, S. 389–417; Ders.: K. J. Vorosilov marsall jelentései a Tildy-kormány megalakulásáról [Marschall K. J. Vorošilovs Berichte über die Bildung der Tildy-Regierung], in: Társadalmi Szemle 51 (1996), H. 2, S. 80– 94; Békés, Csaba: Dokumentumok a magyar kormánydelegáció 1946. áprilisi moszkvai tárgyalásairól [Dokumente über die Moskauer Verhandlungen der ungarischen Regierungsdelegation im April 1946], in: Régio 3 (1992), H. 3, S. 161–172; Izsák, Lajos/Kun, Miklós (Hrsg.): Moszkvának jelentjük … Titkos dokumentumok 1944–1948 [Wir melden nach Moskau … Geheime Dokumente 1944–1948], Budapest 1994. [4] Varga, György T. (Hrsg.): Jegyzőkönyv a szovjet és a magyar párt- és állami vezetők tárgyalásairól (1953. június 13–16.) [Protokoll der Verhandlungen zwischen der sowjetischen und ungarischen Partei- und Staatsführung (13. bis 16. Juni 1953)], in: Múltunk 37 (1992), H. 2/3, S. 234–269; Baráth, Magdolna (Hrsg.): Kiszeljov három beszélgetése Nagy Imrével 1953 nyarán [Drei Gespräche J. Kiselev mit Imre Nagy im Sommer 1953], in: Társadalmi Szemle 53 (1998), H. 3, S. 103–117; Dies.: Kiszeljov szovjet nagykövet beszélgetései Nagy Imrével és Ger Ernővel 1954. elején [Die Gespräche des sowjetischen Botschafters Kiselev mit Imre Nagy und Ernő Gerő Anfang 1954], in: Múltunk 43 (1998), H. 1, S. 218–241; Dies.: A szovjet nagykövet 1954. öszi beszélgetései [Die Gespräche des sowjetischen Botschafters vom Herbst 1954], in: Évkönyv 1998, S. 119–141; János, Rainer M./Urbán, Károly: »Konzultációk«. Dokumentumok a magyar és szovjet pártvezetők két moszkvai találkozójáról 1954-1955-ben [»Konsultationen«. Dokumente zu den zwei Moskauer Treffen der ungarischen und sowjetischen Parteiführer in den Jahren 1954 und 1955], in: Múltunk 37 (1992), H. 4, S. 124–148 [5] Gál, Éva u. a. (Hrsg.): A »Jelcin-dosszié«. Szovjet dokumentumok 1956-ról [Das »JelzinDossier«. Sowjetische Dokumente zum Jahr 1956], Budapest 1993; Szereda, Vjacseszlav u. a: Hiányzó lapok 1956 történetéböl. Dokumentumok a volt SZKP KB levéltárából [Fehlende Seiten aus der Geschichte von 1956. Dokumente aus dem Archiv des ehemaligen ZK der KPdSU], Budapest 1993; Szereda, Vjacseszlav/Rainer M., János (Hrsg.): Döntés a Kremlben 1956. A szovjet pártelnökség vitái Magyarországról [Entscheidung im Kreml 1956. Die Debatten im sowjetischen Parteipräsidium über Ungarn], Budapest 1996; Varga, László: Andropov jelenti. A Szovjetunió budapesti nagykövetének tárgyalásai vezető magyar politikusokkal 1956. április 18.–szeptember 3. [Andropov meldet. Die Verhandlungen des sowjetischen Botschafters in Budapest mit führenden ungarischen Politikern zwischen dem 18. April und 3. September 1956.], in: Levéltári Szemle 47 (1997), H. 1, S. 9–31; Szereda, Vjacseszlav/Vida, István: Andropov és Gerő két beszélgetése 1956. júliusában [Zwei Gespräche zwischen Andropov und Gerő im Juli 1956], in: Tekintet 32 (1994), H. 3/4, S. 128–144; Morozova, Irina/Vida, István (Hrsg.): Újabb részletek Rákosi Mátyás lemondatásáról [Neue Details zur Entmachtung von Mátyás Rákosi], in: Társadalmi Szemle 51 (1996), H. 3, S. 76–94. [6] In erster Linie zu nennen ist hier – neben verstreuten anderen Veröffentlichungen – die Quellenpublikation von Békés, Csaba: Magyar-szovjet csúcstalálkozók 1957–1965 [Ungarischsowjetische Gipfeltreffen 1957–1965], in: Évkönyv 1998, S. 143–184. [7] Volokitina, Tatjana V./Islamov, T. M./Muraško, Galina P. (Hrsg.): Vostočnaja Evropa v dokumentach rossijskich archivov 1944–1953 gg. [Osteuropa in Dokumenten russischer Archive der Jahre 1944–1953] 2 Bde., Moskau/Novosibirsk 1997 u. 1998; Volokitina, Tatjana V. (Hrsg.): Sovjetskij faktor v Vostočnoj Evrope 1944–1953. Tom 1: 1944–1948. Dokumenty [Der sowjetische Faktor in Osteuropa. 1944–1953. Bd. 1: 1944–1948. Dokumente], Moskau 1999. [8] Orechova, E. D./Sereda, Vjačeslav T./Stykalin, Aleksandr S. (Hrsg.): Sovetskij Sojuz i vengerskij krizis 1956 goda. Dokumenty [Die Sowjetunion und die Ungarn-Krise 1956], Moskau 1998. [9]  Die Einführungskapitel der Quellenwerke, die in den vorangegangenen Fußnoten genannt wurden, enthalten reichhaltiges Material zur Geschichte der ungarisch-sowjetischen Beziehungen. Die wichtigsten Gesamtdarstellungen sind: Fülöp, Mihály/Sipos, Péter: Magyarország külpolitikája a XX. században [Die Außenpolitik Ungarns im 20. Jahrhundert], Budapest 1998; Romsics, Ignác: Magyarország története a XX. században [Die Geschichte Ungarns im 20. Jahrhundert], Budapest 1999. Die englischsprachige Ausgabe erschien unter dem Titel Hungary in the Twentieth Century, Budapest 1999. Unter den Studien zu einzelnen Perioden sind erwähnenswert Baráth, Magdolna: Pártközi kapcsolatok (MKP–SZK(b)P) [Parteibeziehungen (KP Ungarn – KPdSU (B)], (Manuskript) Budapest 1996; Hajdu, Tibor: Szovjet diplomácia Magyarországon Sztálin halála előtt és után [Sowjetische Diplomatie in Ungarn vor und nach Stalins Tod], in: Romsics: Magyarország (Am. 2), S. 195–201; Rainer, János M.: A magyarországi fordulatok és a szovjet politika [Die Umbrüche in Ungarn und die sowjetische Politik, 1944–1948], in: A fordulat évei. Politika, képzőmüvészet, építészet, 1947–1949 [Die Jahre des Umbruchs. Politik, bildende Kunst, Architektur 1947–1949], Budapest 1998, S. 17–39; Urbán, Károly: Sztálin halálától a forradalom kitőréséig. A magyar-szovjet kapcsolatok története (1953–1956) [Von Stalins Tod bis zum Ausbruch der Revolution. Die Geschichte der ungarisch-sowjetischen Beziehungen (1953–1956)], (Manuskript) Budapest 1996; Békés, Csaba: A kádári külpolitika 1956–1968 [Die kádársche Außenpolitik 1956–1968], in: Rubicon 9 (1998), H. 1, S. 19–22; Musatov, Valerij: Predvestniki buri. Političeskie krizisy v Vostočnoj Evrope (1956–1981) [Vorboten des Sturms. Politische Krisen in Osteuropa (1956–1981)], Moskau 1996; Stikalin, Aleksandr: Stalinskaja kulturno-ideologičeskaja ekspansija i poslevojennaja Vengrija [Die Stalinsche kulturell-ideologische Expansion und Nachkriegs-Ungarn], in: Gibjanskij, Leonid (Hrsg.): U istokov »socialističeskogo sodruzestva« [An den Quellen der »sozialistischen Gemeinschaft«], Moskau 1995, S. 149–175; Huszár, Tibor: 1968. Budapest – Prága – Moszkva. Kádár János és a csehszlovákiai intervenció [1968. Budapest – Prag – Moskau. János Kádár und die tschechoslowakische Invasion], Budapest 1998.  [10] Gaddis, John Lewis: We Now Know. Rethinking Cold War History, Oxford 1997; Mastny, Vojtech: The Cold War and Soviet Insecurity: The Stalin Years, New York 1996; Zubok, Vladislav/Pleshakov, Constantine: Inside the Kremlin’s Cold War: From Stalin to Khrushchev, Cambridge, Mass. 1996. Eine ausführliche Darstellung der in den Vereinigten Staaten und anderenorts laufenden Kalten-Kriegs-Debatte verbunden mit einer großen Literaturübersicht bietet Leffler, Melvyn P.: The Cold War: What Do »We Now Know«?, in: The American Historical Review 104 (1999), H. 2, S. 501–524. Siehe auch Békés, Csaba: A hidegháború eredete [Der Ursprung des Kalten Krieges], in: Évkönyv 1999: Magyarország a jelenkorban [Ungarn in der Gegenwart], Budapest 1999, S. 217–226. [11] Diesen Faktor hat besonders László Borhi hervorgehoben, siehe seine Studie Borhi, László: A kremli kalmárok [Die Krämer des Kreml], in: ders.: A vasfüggöny mögött. Magyarország a nagyhatalmi erőtérben 1945–1968 [Hinter dem Eisernen Vorhang. Ungarn im Kräftefeld der Großmächte 1945–1968], Budapest 2000, S. 5–70. Siehe auch ders.: Megalkuvás és eröszak. Az Egyesült Államok és a szovjet térhódítás Magyarországon 1944–1949 [Opportunismus und Gewalt. Die Vereinigten Staaten und die sowjetische Expansion in Ungarn 1945–1949], Debrecen 1997. [12]  Rainer, János, M.: Hruscsov Budapesten, 1958 április. Egy látogatás anatómiája [Chruščev in Budapest, April 1958. Anatomie eines Staatsbesuchs], in: Budapesti Negyed 4 (1994), H. 2, S. 159–190. [13] Siehe Békés, Csaba: Vissza Európába. A magyarországi rendszerváltás nemzetközi háttere, 1988–1990 [Zurück nach Europa. Der internationale Kontext des Systemwechsels in Ungarn 1988–1990], in: A rendszerváltás forgatókönyve. Kerekasztal-tárgyalások 1989-ben. 7. kötet: Alkotmányos forradalom [In: Das Drehbuch des Systemwechsels. Die Verhandlungen am Runden Tisch. Band 7: Die verfassungsmäßige Revolution], Budapest 2000, S. 792–825. [14] Csicsery-Rónay, István/Cserenyey, Géza: Koncepciós per a Független Kisgazdapárt szétzúzására 1947 [Konzeptioneller Prozess zur Zerschlagung der Unabhängigen Partei der Kleinen Landwirte im Jahr 1947], Budapest 1998. [15] Adibekov, Grant M.: Kominform i poslevoennaja Evropa [Das Kominform und das Nachkriegseuropa], Moskau 1994, S. 23; Gibanskij, Leonid: Kak voznik Kominform. Po novym archivnym materialam [Wie das Kominform entstand. Auf Grundlage neuer Archiv- materialien], in: Novaja i novejšaja istorija 21 (1993) H. 4, S. 131–152; Adibekov, Grant: How the First Conference of the Cominform Came About. In: The Cominform. Minutes of the Three Conferences 1947/1948/1949. Mailand 1994, S. 3–9; Di Biagio, Anna: The Establishment of the Cominform, in: Ebenda, S. 11–34. [16] Korom, Mihály: A magyar kommunista emigráció 1944. őszi megbeszélései a programkészítésről [Die Besprechungen der ungarischen kommunistischen Emigration zur Programmgestaltung im Herbst 1944], in: Múltunk 38 (1993), H. 1, S. 114–133; Gati, Charles: Magyarország a Kreml árnyékában [Ungarn im Schatten des Kreml], Budapest 1991, S. 40–43. [17] Ernő Gerős Notiz zu Stalins Wortmeldungen, in: Politikatörténeti Intézet Levéltára (Archiv des Instituts für Politikgeschichte) 274 f. 7/8. ő. e., Bl. 1–3. [18] Majszkij: A jövendő világ (Anm. 3). [19] Okváth, Imre: Bástya a béke frontján. Magyar haderő és katonapolitika 1945–1956 [Eine Bastion an der Friedensfront. Ungarische Streitkräfte und Militärpolitik 1945–1956], Budapest 1998. [20] Zu dieser Beratung am 8. Januar 1951 im Kreml siehe ausführlicher Rákosi, Mátyás: Visszaemlékezések, 1940–1956 [Erinnerungen 1940–1956]. Hrsg. von István Feitl, Márta Lázár Gelleriné, Levente Sipos, Budapest 1997, Bd. 2, S. 860–861. Siehe auch Mátyás Rákosis Telegramm an Nikolai Bulganin vom 26. Januar 1951, in: Magyar Országos Levéltár [Ungarisches Staatsarchiv], M-KS 276 f. 65/390. ő. e. [21] Balogh, Sándor: Magyarország külpolitikája 1944–1950 [Ungarns Außenpolitik 1945–1950], Budapest 1987. [22] Siehe Rainer, János M.: Nagy Imre. Politikai életrajz [Imre Nagy Politische Biographie]. Bd. 2: 1953–1958, Budapest 1999, passim. [23] Siehe Ferber, Katalin/Rejtő, Gábor: Reform(év)fordulón [Zum Reformjahrestag, zur Reformwende], Budapest 1988. [24] Anm. des Übersetzers: Die Auflösung der MDP und die Gründung der MSZMP wurde am Abend des 1. November 1956 in einer (am Morgen aufgezeichneten) Radio-Ansprache von János Kádár bekannt gegeben. Kádár befand sich zum Zeitpunkt der Ausstrahlung dieser Rede nicht mehr in Budapest, sondern bereits auf dem Weg nach Moskau, von wo aus er vier Tage später als Kopf einer von den Sowjets eingesetzten Marionettenregierung nach Ungarn zurückkehrte. [25] Szabó, Miklós: Az aranytojást tojó tyúk történetéhez [Zur Geschichte des goldene Eier legenden Huhns], in: Medvetánc 1 (1981), H. 1, S. 101–109; Lengyel, György: Irányított gazdaság és tervgazdaság [Gelenkte Wirtschaft und Planwirtschaft], in: ebenda, S. 109–119; Kovácsy, Tibor: Az utasításos gazdálkodásról [Über das administrative Wirtschaften], in: Történelmi Szemle 23 (1981), H. 2, S. 191–202. [26] Zur Ökonomie siehe Kornai, János: A szocialista rendszer. Kritikai politikai gazdaságtan [Das sozialistische System. Eine kritische politische Ökonomie], Budapest 1993; Pető, Iván/Szakács, Sándor: A hazai gazdaság négy évtizedének története 1945–1985. I. köt: Az újjáépítés és a tervutasításos irányítás időszaka [Vier Jahrzehnte ungarischer Wirtschaftsgeschichte, 1945–1985. Bd. 1: Der Wiederaufbau und die Epoche der Lenkung durch Planadministration], Budapest 1985. [27] Orbán, Sándor: Két agrárforradalom Magyarországon [Die zwei Agrarrevolutionen in Ungarn], Budapest 1972; Donáth, Ferenc: Reform és forradalom [Reform und Revolution], Budapest 1977; Varga, Zsuzsanna: Politika, paraszti érdekérvényesítés és szövetkezetek Magyarországon 1956–1967 [Politische Sphäre, bäuerliche Interessenvertretung und Genossenschaften in Ungarn 1956–1967], Budapest 2001, S. 58–81. [28] Révész, Sándor: Aczél és korunk [Aczél und unsere Epoche], Budapest 1997. [29] Gerő, András: 1984: szekrénysor, Lada, víkendház [1984: Schrankwand, Lada, Wochenendhaus], in: Beszélő 4 (1999), H. 4, S. 57–65. [30] Zu letzterem siehe Kovács M., Mária: Forradalom náthával? [Revolution mit Schnupfen?], in: BUKSZ 3 (1990), H. 4, S. 445 f. [31] Siehe Volokitina/Islamov/Muraško: Vostočnaja Evropa (Anm. 7), Bd 1, S. 802–806 u. Bd. 2, S. 95–98. Siehe auch Volokitina, Tatjana V./Muraško, Galina P./Pokivajlova, Tatjana A. (Hrsg.): Moskva i Vostočnaja Evropa: Stanovlenie političeskich režimov sovetskogo tipa; 1949–1953. Očerki istorii [Moskau und Osteuropa: Die Errichtung politischer Regime sowjetischen Typs; 1944–1953. Grundriss der Geschichte], Moskau 2002, S. 339–342. [32] Den Ausbau dieser Maschinerie beschreiben in hervorragender Weise Naimark, Norman M.: The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of Occupation, 1945–1949, Cambridge, Mass., 1995 u. Foitzik, Jan: Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945–1949. Struktur und Funktion, Berlin 1999. [33] Die in Anm. 5 u. 8 angeführten Quellenwerke illustrieren dies hervorragend. [34] A Kádár-rendszer tanúi [Die Zeugen des Kádár-Systems]. Regie: László Vitézy. Ungarisches Fernsehen (MTV), 1989/90. [35] Die oben gemachten, teilweise hypothetischen Ausführungen harren noch ihrer quellengestützten Bestätigung. Ihre Formulierung wurde u. a. durch die Analyse der Aufzeichnungen möglich, die von den Verhandlungen zwischen Michail Gorbačev und ungarischen Spitzenpolitikern von 1985 bis 1989 angefertigt wurden. Siehe Baráth, Magdolna/Rainer, János M. (Hrsg.): Gorbacsov tárgyalásai magyar vezetőkkel. Dokumentumok az egykori SZKP és MSZMP archívumaiból 1985–1991 [Gorbačevs Verhandlung mit ungarischen Spitzenpolitikern. Dokumente aus den ehemaligen Archiven der MSZMP und der KPdSU 1985–1991], Budapest 2000.  [36] Bestätigt wird dies sowohl durch Gorbačevs eigene Erinnerungen (Gorbačev, Michail: Žizn i reformy [Leben und Reformen], Moskau 1993, S. 311–335), als auch durch die Erinnerungen anderer Beteiligter. Zum Beispiel Medvedev, Vadim: Raspad: kak on nazreval v »mirovoj sisteme socializma« [Der Zerfall: Wie er im »Weltsystem des Sozialismus« heranreifte], Moskau 1994, S. 118–136. [37] Zu den Dokumenten des Jahres 1989 siehe Bozóki, András (Hrsg.): A rendszerváltás forgatókönyve. Kerekasztal-tárgyalások 1989-ben [Das Drehbuch des Systemwechsels. Die Verhandlungen am Runden Tisch im Jahr 1989]. 6 Bde., Budapest 1999 u. 2000; »Az idő nem nekünk dolgozik«. Magyar és szovjet pártdokumentumok [»Die Zeit arbeitet nicht für uns«. Ungarische und sowjetische Parteidokumente], in: Beszélő 4 (1999), H. 10, S. 82–100. [38] Kádár János és M. Sz. Gorbacsov találkozója Moszkvában, 1985. szeptember 25-én [Das Treffen von János Kádár und M. S. Gorbačev in Moskau am 25. September 1985], in: Baráth, Magdolna/Rainer, János M. (Hrsg.): Gorbacsov tárgyalásai magyar vezetőkkel. Dokumentumok az egykori SZKP és MSZMP archívumaiból 1985–1991 [Gorbačevs Verhandlungen mit ungarischen Spitzenpolitikern. Dokumente aus den ehemaligen Archiven der MSZMP und der KPdSU 1985–1991], Budapest 2000, S. 43–77, hier S. 50. Zuerst veröffentlicht in Történelmi Szemle 34 (1992), H. 1/2, S. 133–149.  

JHK 2006

Die »new« Cold War History und die Ursprünge des Kalten Krieges 1945 bis 1947

Ruud van Dijk

Die Entstehung des Kalten Krieges in den Jahren 1945 bis 1947[1] stellt bis heute ein herausragendes Thema für den Historiker dar. Die Forschung dazu wurde vor 1991 von der englischsprachigen Wissenschaft aus den Vereinigten Staaten dominiert. Sie behandelte den Kalten Krieg im Rahmen der Diplomatiegeschichte (diplomatic history), d. h. der US-Außenpolitik, und beschäftigte sich vorrangig mit den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, den auswärtigen und diplomatischen Angelegenheiten sowie mit dem Rüstungswettlauf. Bis 1991 stützten sich die Forscher – ohne dass eine solche Einschränkung notwendig gewesen wäre – fast ausschließlich auf westliche, insbesondere US-amerikanische Archive. Seit den frühen 1990er Jahren ist nun der Blick auf die internen Entscheidungsmechanismen der nicht-westlichen Akteure des Kalten Krieges frei gegeben – je nach Land mehr oder weniger umfassend. Es ist daher von Interesse zu fragen, in welchem Maße sich die wissenschaftlichen Debatten um die Genese des Kalten Krieges seither verändert haben. Konnten die neu geöffneten Archive wesentliche neue Informationen in Bezug auf Schlüsselprobleme der Jahre 1945 bis 1947 liefern? Und ist ein Konsens hinsichtlich der beiden traditionellen Streitfragen – nämlich wer den Kalten Krieg auf welche Art und Weise verursacht hat und ob er hätte verhindert werden können, in greifbare Nähe gerückt? Die so genannte »new« Cold War History (»neue« Geschichtsschreibung über den Kalten Krieg) hat – ohne die älteren Ansätze der Zeit vor 1991 zu ignorieren – ihren geographischen, archivalischen und analytischen Rahmen so sehr erweitert, dass sie seither von vielen Forschern auch mit dem neu gebildeten Terminus Cold War Studies bezeichnet wird. Ein neues, internationales Forschungsgebiet ist entstanden. Zwar bringt die traditionelle Forschung (darunter die prominente amerikanische Diplomatiegeschichte) nicht zuletzt aufgrund methodologischer und anderer Neuerungen noch immer wertvolle Arbeiten hervor, die meisten wegweisenden Studien zum Kalten Krieg stammen jedoch aus den Kreisen einer internationalen Forscher-Community, die mit weltweit verstreuten Archivbeständen, Methoden der Oral History sowie weiteren Quellen arbeitet und eine tatsächlich transnationale Geschichtsschreibung betreibt. Zu den wichtigsten Neuerungen der »new« Cold War History zählt das erhöhte Interesse an unterschiedlichen Akteuren (Gruppen wie Individuen), die von der traditionellen Diplomatiegeschichte aufgrund ihrer ausschließlichen Konzentration auf die Führungszirkel in Washington und Moskau üblicherweise nicht beachtet werden. Der erweiterte Horizont dieser Cold War Studies hat darüber hinaus zu einer analytischen sowie disziplinären Erweiterung geführt. Die zeitlichen und inhaltlichen Grundmuster der traditionellen Forschung wurden dabei keineswegs durch gänzlich neue ersetzt; sie bleiben auch weiterhin sichtbar. Dennoch hat die neue Herangehensweise an den Ost-West-Konflikt, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Streit zwischen den Bündnispartnern der Anti-Hitler-Koalition über die künftige Nachkriegsordnung begann, unser Verständnis, wie die Blockkonfrontation die Nachkriegswelt formte und bis heute bestimmt, bedeutend erweitert. Vielleicht das Wichtigste ist jedoch, dass die neue Forschung den Blick für die Komplexität der Interaktionen einer Vielzahl von Akteuren, die der Entstehung und weiteren Entwicklung des Konfliktes zugrunde lagen, bedeutend geschärft hat.  Für die traditionelle, US-dominierte Forschung – also die diplomatic history – war verständlicherweise die Frage nach der Verantwortung für den Ausbruch des Kalten Krieges von zentraler Bedeutung. Entsprechend mussten sich die Studenten bis weit in die 1990er Jahre hinein mit den drei überkommenen Schulen, »orthodoxen«, der »revisionistischen« und der »post-revisionistischen«, auseinandersetzen. In einer schematischen (einige würden sagen karikierenden) Form kann die Art, wie diese »Schulen« die Frage nach der Verantwortung beantworteten, folgendermaßen zusammengefasst werden: Die bis in die 1960er Jahre dominierende »orthodoxe« Lehrmeinung machte für die Entstehung des Kalten Krieges ausschließlich die Sowjetunion verantwortlich, während die USA allein aus vorausschauender Selbstverteidigung gehandelt hätten. Die »Revisionisten« verlagerten in den 1960er Jahren den Kern der Debatte auf die amerikanische Expansionspolitik (die Open-Door-Politik), die sie als treibende Kraft hinter dem entstehenden Ost-West-Konflikt identifizierten. Die »Post-Revisionisten« der 1970er und 1980er Jahre wiederum versuchten, die Verantwortung – wenn auch nicht immer allzu gleichmäßig – auf beide Seiten zu verteilen.[2] Obwohl die Ansätze aller drei »Schulen« bereits in den 1980er Jahren vielen Forschern inner- wie außerhalb der US-amerikanischen Diplomatiegeschichte verstaubt und phantasielos erschienen, haben sie doch beträchtlich zum Verständnis des Kalten Krieges beigetragen.[3] Eine wesentliche Kritik an der klassischen Diplomatiegeschichte, die auf die US-Außenbeziehungen fixiert war und überwiegend auf englischsprachigen Dokumenten basierte, die in den Presidential Libraries und den U.S. National Archives bequem zugänglich waren, blieb jedoch bestehen: sie sei einseitig und ausschließlich nach innen ausgerichtet gewesen. Aufgrund ihrer Konzentration auf die Ebene offiziellen Regierungshandelns habe sie sich zudem mit allen übrigen Akteuren des Kalten Krieges kaum auseinandergesetzt.[4] Eine gängige Form der Ausflucht vieler Autoren, diesem Einwand zu begegnen, war schon immer die Behauptung, gesicherte Aussagen über Ursachen und Entwicklung des Kalten Krieges wären erst möglich, wenn die Forscher hinter die politischen Kulissen der »anderen« Seite blicken könnten. Die Einbeziehung der »anderen Seite« in die Forschung Die Bestimmung eines neuen historischen Forschungsfeldes ist eine subjektive Angelegenheit. Es spricht nach Meinung des Autors dieses Aufsatzes jedoch vieles dafür, dass ein solches im Laufe der letzten zehn Jahre entstanden ist. Selbst eingeschränkt auf die englischsprachige Forschung (und die Leser des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung wissen, dass diese nicht als repräsentativ für das gesamte Forschungsgebiet gelten kann) lassen sich substantielle Veränderungen nicht übersehen. Erstens existieren seit 1999 bzw. 2000 zwei Zeitschriften, die sich ausschließlich der Erforschung des Kalten Krieges widmen, das Journal of Cold War Studies und die Cold War History. Zweitens verlegen mindestens fünf Universitätsverlage Veröffentlichungsreihen zur »neuen« Geschichte des Kalten Krieges.[5] Drittens kann, nicht zuletzt dank der großen Anstrengungen des Cold War International History Project (CWIHP) am Woodrow Wilson Center in Washington und den von ihm seit seiner Gründung im Jahr 1991 weltweit organisierten Konferenzen, von der Existenz einer internationalen Forschergemeinde gesprochen werden. Die Spezialisten befinden sich in regelmäßigem Kontakt, arbeiten an gemeinsamen Projekten und tauschen Archivdokumente und Forschungsthesen aus. Das CWIHP Bulletin sowie die CWIHP Working Papers und Dossiers können als drittes ständiges Organ des neuen Forschungsfeldes betrachtet werden.[6] Fraglos kam es auch auf dem »alten« Gebiet der US-Diplomatiegeschichte nach 1991 nicht zu einem Stillstand. Die breite Resonanz ihrer wichtigsten Zeitschrift, der Diplomatic History, macht dies deutlich. Deren alte wie neue Mitarbeiter, die sich mehrheitlich auf die Nachkriegsgeschichte konzentrieren, haben die veränderte Archivsituation durchaus zur Kenntnis genommen.[7] Diese Veränderungen in der Historiographie des Kalten Krieges (z. B. die Internationalisierung der Forschung und der Forschergemeinde) fanden in der Zeitschrift ihren Niederschlag. Sehr früh schon wurde beispielsweise ein Symposium zum Telegramm des sowjetischen Botschafters in Moskau Nikolaj Novikov vom 27. September 1946 veranstaltet, dem sowjetischen Äquivalent zu George F. Kennans »Long Telegram« vom 22. Februar 1946. Die Herausgeber organisierten 1997 ein weiteres Symposium, diesmal zur sowjetischen Archivsituation.[8] Ein Beispiel für die Überschneidungen einer sukzessive erneuerten Diplomatiegeschichte mit frühen Arbeiten der »new« Cold War History war das zwei Jahre später ebenfalls von Diplomatic History veröffentlichte »roundtable« zur US-Besatzung Deutschlands aus kulturhistorischer Perspektive.[9] In einigen weiteren Beiträgen wurden Forschungsarbeiten präsentiert, die ebenfalls Quellen zur »anderen Seite« des Kalten Krieges mit einbezogen.[10] Im Ganzen blieb Diplomatic History jedoch eine Zeitschrift zur Erforschung der US-Außenbeziehungen. Dieser Trend verstärkt sich in den letzten Jahren wieder.[11] Als solche veröffentlicht die Zeitschrift weiterhin wertvolle neue, auf westlichen Quellen basierende Arbeiten, die zwar einen Beitrag zum neuen Forschungsfeld der Cold War Studies leisten, mit diesem jedoch keinesfalls gleichgesetzt werden können.[12]  Eine Inhaltsanalyse der beiden Zeitschriften, die sich explizit der »neuen« Geschichte des Kalten Krieges widmen, zeigt jedoch auch, dass eine allzu scharfe Abgrenzung der beiden Forschungsgebiete problematisch ist. In den fünf Jahren seit ihrer Gründung haben beide, das Journal of Cold War Studies und die Cold War History, zahlreiche Artikel veröffentlicht, die ebenso gut von Diplomatic History oder anderen Zeitschriften zur internationalen Geschichte akzeptiert worden wären. Einzig das CWIHP – mit seiner selbst gewählten Rolle als internationale Clearing- und Übersetzungsstelle für neue Archivquellen zum Kalten Krieg – ist konsequent geblieben in seinem Bulletin und den Working Papers nur Arbeiten zuzulassen, die neue Erkenntnisse der »anderen Seite« mit in die Forschung einbeziehen. Selbstverständlich ist die Ausweitung der Quellenbasis auf die Archive der ehemals kommunistischen Länder nur eines der Merkmale, welche die »new« Cold War History von der traditionellen Forschung unterscheiden. Von einer unüberbrückbaren »Trennung« sollte jedoch gar nicht gesprochen werden, da die meisten Untersuchungen der neuen Forschungsrichtung auf Vorarbeiten aufbauen, die vor 1991 geleistet wurden. Die traditionellen Herangehensweisen an die Geschichte des Kalten Krieg existieren zudem weiter, wenngleich sie heute nur noch eine einzelne Richtung innerhalb des vielfältiger gewordenen Forschungsgebietes ausmachen. Was in den letzten zehn Jahren zu beobachten war, entspricht einer von vielen Forschern vorausgesagten und als notwendig postulierten Entwicklung: nämlich der beträchtlichen Ausweitung des gesamten Forschungsgebietes nicht nur bezüglich der verwendeten Dokumente, sondern ebenso sehr in Bezug auf entwickelte Fragestellungen, angewandte Methoden und einbezogene Akteure.[13] Schon eine oberflächliche inhaltliche Bestandsaufnahme der neuen Zeitschriften und Veröffentlichungsreihen zum Kalten Krieg bestätigt dies. Es finden sich Arbeiten aus den unterschiedlichsten Teilgebieten der Geschichtswissenschaft: Diplomatiegeschichte, Politikgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Wissenschafts- und Technologiegeschichte sowie Sozial- und Ideengeschichte. Zugleich dauert auch die hergebrachte Zusammenarbeit mit Disziplinen wie der Politikwissenschaft und den Internationalen Beziehungen an. Vielleicht am auffälligsten ist die neue thematische Bandbreite. Wer 1991 ein Proseminar zum Kalten Krieg belegt hat, würde heute das traditionelle Forschungsgebiet kaum wieder erkennen. Während sich das neue Fachgebiet noch im Prozess der Ausgestaltung und Selbstdefinition befindet, hat sich unser Verständnis des Kalten Krieges und auch seine Darstellung in der Lehre grundlegend verändert. Viele der alten Argumente bezüglich der »Schuld« am Ausbruch des Kalten Krieges scheinen immer mehr an Relevanz zu verlieren. Anfänge der »new« Cold War History nach dem Ende des Kommunismus Obwohl die »traditionellen« Themenkomplexe aufgrund der erweiterten Quellenlage nochmals in ein neues Licht gerückt wurden, haben die Entstehung unzähliger neuer Betrachtungsperspektiven und Untersuchungsgegenstände sowie die dadurch bedingte Zunahme analytischer Komplexität bewirkt, dass die »alten« Fragen nur einen Teil innerhalb einer ganzen Reihe von Forschungsbereichen darstellen, mit denen sich die »neue« Geschichte des Kalten Krieges heute auseinandersetzt.[14] Auch wenn das Problem kaum endgültig als geklärt gelten kann, fragen heute nur noch wenige Spezialisten danach, wer oder was die Hauptverantwortung für die Entstehung des Kalten Krieges trägt. Dennoch haben sich einige wichtige, nach 1991 veröffentlichte Bücher und Artikel direkt oder indirekt mit der alten »Ursprungsfrage« auseinandergesetzt. Und obwohl ein Konsens weiterhin nicht in Sicht ist, lässt sich kaum leugnen, dass auch in Bezug auf die frühen Jahre 1945 bis 1947 der Wissensstand aufgrund der hier diskutierten thematischen und methodischen Neuausrichtung erheblich erweitert werden konnte.  Der Großteil dieses neuen Wissens resultiert aus einer »ersten Welle« von Forschungsprojekten, die in den 1990er Jahren erstmals die in den ehemaligen kommunistischen Staaten nunmehr freigegebenen Archivbestände in die Analyse einbeziehen konnten. Es kann nicht verwundern, dass mancher Forscher als erstes Antworten auf die lange umstrittenen Schlüsselfragen zu den frühen Jahren des Kalten Krieges suchte. Eine der uralten Streitfragen war, ob Ost oder West, die Sowjetunion oder die Vereinigten Staaten die gegenseitige Deklaration des Kalten Krieges im Jahre 1947 hätten verhindern können und weshalb ein modus vivendi, der die »Teilung der Welt« verhindert hätte, nicht gefunden werden konnte. Das unüberwindbare Handicap eines jeden direkt oder indirekt mit dieser Frage beschäftigten Forschers war, dass die notwendigen Schlüsselbestände russischer Archive für praktisch alle westlichen Wissenschaftler verschlossen waren. Selbst die wenigen russischen Forscher, die Zugang zu den Archiven besaßen, unterlagen strengen Restriktionen: Auch sie konnten die Entscheidungsprozesse des sowjetischen Führers Iosif Stalin nur sehr unsystematisch und kaum in verifizierbarer Form analysieren. Doch dank der Arbeit einiger etablierter und erfahrener Wissenschaftler, deren groß angelegte Projekte 1990 bereits weit fortgeschritten waren, so dass sie die kurze Periode relativer Offenheit in Russland nutzen konnten, ließen sich viele neue Einblicke gewinnen. Die Mitte der 1990er Jahre veröffentlichten Bücher von David Holloway[15], Norman Naimark[16] und Vojtech Mastny[17] gehören nach wie vor zu den wegweisenden Arbeiten der »new« Cold War History.[18]  Diese Werke behandeln je einen grundlegenden Aspekt der sowjetischen Politik zur Zeit des beginnenden Kalten Krieges (die Atompolitik, die Besatzungspolitik in Deutschland sowie die Außenpolitik; letztere war zwischen 1945 und 1947 stark auf europäische Fragen fokussiert). Obwohl sich die drei Arbeiten unterschiedlichen Themen widmen und die Autoren aufgrund ihrer jeweiligen Archivarbeit abweichende Schlussfolgerungen ziehen, suggerieren sie in ähnlicher Weise, dass mit Stalin in Bezug auf alle wesentlichen Fragen der Nachkriegsordnung eine gemeinsame Arbeitsgrundlage nunmehr sehr schwer oder überhaupt nicht hätte gefunden werden können. Holloway weist nach, dass Stalin auf ein nukleares Arsenal auch dann bestanden hätte, wenn die Vereinigten Staaten ernsthaft Willens gewesen wären, das nukleare Wettrüsten in seinen Anfängen zu verhindern. Naimark geht zwar davon aus, dass Stalin über keine vorab bestehenden Pläne zur Okkupation Deutschlands verfügte. Die harte Hand, mit der seine Truppen die Verwaltung der SBZ organisierten (und andere Methoden als die der harten Hand, so Naimark, kannten sie nicht), machte die folgende tief greifende Entfremdung der deutschen Bevölkerung wie auch der Westmächte im Laufe weniger Monate bzw. Jahre unumgänglich. Mastny wiederum zeigt in seiner geschickten Analyse, dass sich Stalin gegenüber dem Westen eher unsicher fühlte, und dass er weniger an einem sowjetischen, als vielmehr einem schwachen, jedoch fügsamen Europa interessiert war. Mit seinen Anstrengungen, die eigenen Schwächen zu kompensieren, trug Stalin zur Schaffung jener organisierten feindlichen Antwort des Westens bei, die er unter allen Umständen verhindern wollte.  Nebenbei konnten Holloway und Mastny auch zeigen, dass Stalin ernsthaft eine eigene Vision der Nachkriegsordnung verfolgt hat, die, wenn nicht unmittelbar, so doch langfristig, verwirklicht werden sollte, und die zugleich den Vorstellungen Washingtons diametral zuwiderlief. Im gleichen Zusammenhang weisen sie zudem nach, dass Stalins Vorstellungen vom Westen von verhängnisvollen Missverständnissen und einem tiefen Misstrauen geprägt waren. In seiner frühen Synthese der »neuen« Geschichte des Kalten Krieges ging John Lewis Gaddis in dieser Frage noch einen Schritt weiter.[19] Er beurteilt Stalin aufgrund seiner ideologisch bedingten Feindseligkeit gegenüber dem Westen und seiner ungehobelten, argwöhnischen Persönlichkeit, die auf die sowjetische Außenpolitik stark durchschlug. Gaddis sieht darin die Hauptursache für die Entstehung des Kalten Krieges. Zugleich war Stalin jedoch auf internationalem Parkett – in den meisten Fällen jedenfalls – ein sehr vorsichtiger Akteur. Dies führte unmittelbar nach Weltkriegsende bei den Verhandlungen mit den Westmächten über zentrale Fragen zur Stagnation, z. B. in der Deutschlandpolitik. Aus westlicher Sicht kam der Stillstand – wie sich aus der sowjetischen Politik in Polen oder der SBZ folgern ließ – den sowjetischen Interessen und Zielen bedeutend mehr entgegen als den eigenen. Diese Einschätzung bildete im Frühjahr 1947 die Grundlage für mehre einseitige Schritte der Amerikaner und führte so gewissermaßen zur Erklärung des Kalten Krieges durch US-Präsident Harry S. Truman. Gaddis betrachtet letzteres als eine berechtigte, ja geradezu notwendige Reaktion. Der Westen und insbesondere die amerikanische Regierung verfügten selbstverständlich über ihre eigenen Visionen einer Nachkriegsordnung. Melvyn Leffler konnte sehr schlüssig nachweisen, dass man im offiziellen Washington im Sommer 1945 sehr genau wusste, wie diese aussehen sollte. Und obwohl das Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Sowjetunion durchaus bestand, war man dennoch keineswegs gewillt, sich den Wünschen Moskaus entsprechend anzupassen.[20] In einer anderen wichtigen, auf westlichen Quellen basierenden Studie argumentiert Marc Trachtenberg, die Vereinigten Staaten hätten (repräsentiert durch Außenminister James Byrnes) bereits während der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945 entschieden, dass es einen gemeinsamen Standpunkt von Ost und West in einer so herausragenden Frage wie der Zukunft Deutschlands nicht geben könnte. Entsprechend sollte einzig noch über ein friedliches Auseinandergehen der beiden, ehemals alliierten Seiten verhandelt werden.[21] Dieser kurze, aber doch repräsentative Überblick über die »erste Welle« neuer englischsprachiger Forschungen zum Kalten Krieg läuft keineswegs auf ein neues Verdikt darüber hinaus, wem die »Schuld« am Kalten Krieg zuzuschreiben sei. Vielmehr erschließt sich das Bild zweier Kontrahenten, die in ihrer jeweiligen Vision der Nachkriegsordnung sowie ihrer gegenseitigen Wahrnehmung dermaßen weit voneinander entfernt waren, dass sie eine tragfähige, gemeinsame Plattform praktisch nicht mehr finden konnten. Während in der Folge beiden Seiten die Verteidigung dessen gelang, was sie als ihre vitalen Interessen betrachteten, war keine der Seiten imstande, die andere zu Zugeständnissen zu zwingen.[22] So gesehen war der Kalte Krieg in Europa unvermeidlich: Die Sowjetunion hätte als Preis für die Beteiligung an einer Nachkriegsordnung im Sinne westlicher Vorstellungen immer neue Zugeständnisse eingefordert (und die geplante Vision dadurch in ihrem Kern verändert). Gleichzeitig hätte sie selbst, wäre sie westlichen Forderungen nachgekommen, all das, was sie im Krieg erreicht hatte und möglicherweise sogar den Sowjetstaat selbst aufs Spiel gesetzt.[23]  Forschungsergebnisse der »zweiten Welle«  Eine »zweite Welle« von Forschungsarbeiten, die seit den späten 1990er Jahren im Umfeld des Journal of Cold War Studies, der Cold War History sowie der CWIHP Working Papers und der diversen neuen Veröffentlichungsreihen zum Kalten Krieg entstanden sind, bestätigt die eben dargelegte Analyse. Dies geschah allerdings bei der Mehrheit der Arbeiten indirekt, da nur einige wenige Forscher die überkommene »Schuld«-Frage in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellten. Stattdessen wurden Arbeiten zur Rolle anderer Akteure oder kleinerer Länder verfasst, ebenso wie Studien zu Entwicklungen innerhalb von Drittstaaten, die ihrerseits zur Teilung von Ost und West beigetragen hatten. Wenn die sowjetische Führungsrolle auch hervorgehoben wurde, so stand dennoch die grenzüberschreitende Bedeutung von Ideologien im Mittelpunkt. Der ausschlaggebende Wille Stalins konnte bestätigt werden: Er suchte den sowjetischen Einfluss auszudehnen und wollte zugleich eine Frontstellung gegenüber dem Westen verhindern. Darüber hinaus gibt es viel versprechende Anstrengungen, die vor 1945 stattgefundenen Entwicklungen im Sinne einer notwendigen Voraussetzung der späteren Konfrontation erneut stärker zu gewichten. Nebenbei kam es auch zu einer Wiederbelebung der »alten« Forschungsansätze, wobei neuerdings viel von den internen Beweggründen sowjetischer Politik gesprochen, jedoch nur wenig empirisch belegt wird.[24]  Selbstverständlich kommt nicht die gesamte »zweite Welle« zu exakt denselben Ergebnissen, doch ist das Maß an Einigkeit bezüglich der Unüberbrückbarkeit westlicher und östlicher Positionen durchaus bemerkenswert. Die Arbeiten von Vladimir Pechatnov bieten den bislang besten Einblick in Stalins Denkweise in Bezug auf die Beziehungen zum Westen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. In einem gut dokumentierten Artikel zeigt er, wie »Stalin im Umgang mit seinen westlichen Gegenspielern unerbittliche, kompromisslose Positionen bei den zentralen Themen mit Flexibilität und Bereitschaft zu Kompromissen bei weniger wichtigen Fragen zu verbinden wusste.« Sein Denken bezüglich des Westens sei bestimmt worden durch »grenzenlosen Argwohn und eine tiefverwurzelte Feindseligkeit«. Bemerkenswerterweise bestätigten laut Pechatnov die von ihm eingesehenen Dokumente aus dem »Stalin-Fond« im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation (APRF) in Moskau das Bild eines unbarmherzigen, opportunistischen und brutalen Strebens nach diplomatischen und anderen Vorteilen – eine »kostspielige« Vorgehensweise, bedenkt man »die Auswirkungen auf die westlichen Gegenspieler und die öffentliche Meinung (die [Stalin] ohnehin völlig vernachlässigte)«[25]. Andere Wissenschaftler betonten (ähnlich wie dies schon viele Autoren in Bezug auf die westliche Politik getan hatten)[26] die Bedeutung der Ideologie für Stalin und seine Regierung. Marxistisch-leninistische Ideen scheinen eine zentrale Rolle gespielt zu haben. Vielmehr jedoch als eine vorgefertigte Schablone der Aggression dürften sie eine Art Linse dargestellt haben, durch welche die Außenwelt wahrgenommen wurde. In der Praxis resultierte aus diesen Ideen dennoch tiefes Misstrauen gegenüber der anderen Seite. Dazu zählen die Entschiedenheit, mit welcher die Bevölkerung unter sowjetischer Kontrolle von westlichen Einflüssen abgeschirmt wurde, die Feindseligkeit, mit welcher man den westlichen Vorstellungen einer Nachkriegsordnung begegnete sowie der Glaube, dass die (Ratio der) Geschichte weltweit auf Seiten der sowjetisch geführten »progressiven« Kräfte stünde, die man folglich nach Kräften unterstützen musste.[27] Wie auch von der traditionellen Historiographie des Kalten Krieges vielfach angenommen, begann der ideologische Antagonismus nicht erst 1945. Mehrere neue, speziell auf die archivische Überlieferung der kommunistischen Seite abgestützte Arbeiten gehen zumindest in ihren Schlussfolgerungen von einer bedeutenden Kontinuität zwischen der Zeit vor und nach 1945 aus. Aufgrund potentieller Auswirkungen auf die Verhältnisse der Großmächte, waren die führenden Akteure des Kalten Krieges beispielsweise gezwungen, zu historisch weit zurückreichenden territorialen Konflikten Position zu beziehen, auch wenn ihre eigenen Länder gar nicht direkt betroffen waren.[28] Wichtiger noch: Wer auch immer sich 1945 in einflussreicher Position befand, war geprägt durch die Erfahrungen der vorangegangenen Dekaden. Die meisten führenden Personen in Ost und West waren Männer mittleren Alters oder älter. Sie waren in ihren Ansichten und Verhaltensweisen gefestigt und entschlossen, die Lektionen, die sie aus den vergangenen Jahrzehnten gezogen hatten, nun auch umzusetzen. Ihre Erfahrungen und Handlungen vor und während des Zweiten Weltkriegs können den Historikern als wichtige Hinweise in Bezug auf die 1945 vorhandenen subjektiven Möglichkeiten für und Einschränkungen einer Ost-West-Zusammenarbeit dienen.[29] Bis jetzt allerdings bildet diese Thematik bestenfalls einen Nebenschauplatz der »neuen« Geschichte des Kalten Krieges. Dies ist umso bedauerlicher, als sich die archivischen und analytischen Voraussetzungen für eine innovative, die Vorkriegsgeschichte mit dem Kalten Krieg verbindende Forschung seit 1991 dramatisch verbessert haben.[30] Die bisherigen Ergebnisse scheinen jedenfalls darauf hinzudeuten, dass der Bruch zwischen Kommunismus und Kapitalismus bereits vor 1945 ziemlich tief und damit der Spielraum für eine ernsthafte Zusammenarbeit drastisch begrenzt war.[31] Eine Kontinuität zurzeit vor 1945 war auch für die sowjetischen Beziehungen zu den ausländischen, vor allem den europäischen kommunistischen Parteien von großer Bedeutung. In den 1920er Jahren hatte Moskau durch die Komintern die Führung über die europäischen kommunistischen Parteien übernommen, und im darauf folgenden Jahrzehnt wurden unzählige ausländische Kommunisten Opfer der Stalinschen Säuberungen.[32] Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten kommunistischen Parteien politisch an den Rand gedrängt oder wurden von den jeweiligen Regierungen verfolgt. Nur in einigen wenigen Fällen waren sie ernsthafte Konkurrenten im Kampf um die politische Macht. Der Krieg veränderte diese Situation, ebenso wie er das Potential sowjetischer Einflussmöglichkeiten in Ost- und Westeuropa drastisch erhöhte. Dass es jene Verbindungen zwischen Moskau und den europäischen Kommunisten gab, war auch vor 1990 kein Geheimnis, doch blieben viele Einzelheiten bisher im Dunkeln. Entsprechend dauerte die Kontroverse nicht nur über Stalins Intentionen gegenüber Westeuropa an, sondern auch gegenüber jenen Territorien, die sich Ende der 1940er Jahre fest unter sowjetischem Einfluss befanden, darunter die Deutsche Demokratische Republik. Die Erforschung der Geschichte kleinerer Akteure (Staaten und politische Parteien) hat die »neue« Geschichte des Kalten Krieges von Beginn an zu einem eigenständigen Forschungsgebiet gemacht. Das historische Geschehen kann dadurch zunehmend aus der Perspektive der kleineren, scheinbar zweitrangigen Teilnehmer betrachtet werden, in diesem Fall aus dem Blickwinkel der europäischen Staaten und der kommunistischen Parteien Ost- und Mitteleuropas. Diese Neuorientierung erklärt sich nur teilweise durch die Öffnung der Archive in jenen Ländern. Ebenso sehr ist sie motiviert durch die Erkenntnis, dass in den Erfahrungen derjenigen, die mehrheitlich als bloße Befehlsempfänger der Großmachtpolitik wirkten, ein großer Aussagewert verborgen liegt. Deshalb haben sich viele Wissenschaftler zur Erforschung des frühen Kalten Krieges nach »unten« bzw. nach »außen« gewagt, jedenfalls weg von den Entscheidungszentren der Großmächte. In einer Studie hat Eduard Mark ein Modell aufgestellt, das nachvollziehbar macht, wie die Sowjetunion – unter dem Einfluss einer grundsätzlichen, anti-westlichen ideologischen Disposition – in der Zeit während und unmittelbar nach dem Krieg ihre langjährige Dominanz über die kommunistischen Parteien Europas mit der sich festigenden militärischen Kontrolle über Ostmitteleuropa verbinden und dadurch in einem schrittweisen Prozess ihren Einfluss in Europa erweitern und stabilisieren konnte. Stalins Verhalten gegenüber den von Mark untersuchten Ländern (die man noch um Deutschland hätte ergänzen können) zeigt, dass dieser sehr wohl einen hegemonialen Anspruch in der Region verfolgte: Westliche Einflüsse sollten ausgeschaltet werden, aber zugleich versuchte Stalin jegliche unnötigen Antagonismen mit dem Westen zu vermeiden. Realisiert wurde dies mit der Strategie der Nationalen Front bzw. der Volksfront oder einer »Revolution in Etappen«. Diese Strategie scheiterte, weil Stalins primäres Ziel immer die Kontrolle über ein bestimmtes Gebiet war. Weil ein Großteil der Bevölkerungen im sowjetisch besetzten Europa – wenn man ihnen denn überhaupt die Gelegenheit dazu gegeben hatte – von Beginn an gegen Stalin und das sowjetische Modell gestimmt hatten, sahen sich seine Repräsentanten vor Ort anstelle des von Moskau ursprünglich geplanten schrittweisen Vorgehens zu einem eher aggressiven Auftreten gezwungen.[33] Was westliche Beobachter wahrzunehmen glaubten (und die Ostmitteleuropäer am eigenen Leib erfuhren) war durchaus real: Eine mit harter Hand durchgesetzte Implementierung der sowjetischen Hegemonie über die gesamte Region. Eindeutige Hinweise auf die Grenzen von Stalins expansivem Machtstreben gab es damals keine.[34] Dank der Studien über Länder, die (wie wir heute wissen) für Stalin von geringer Bedeutung waren, wird jedoch zunehmend deutlich, dass Stalins Expansionshunger größer war, als bisher angenommen. Er wurde – außerhalb Ostmitteleuropas – nur durch das eigene Bemühen, den Westen nicht gegen sich zu vereinigen zurückgehalten.[35] Eine ähnliche Schwerpunktverschiebung fand bei Untersuchungen der westlichen Seite statt, wobei der Rolle Frankreichs und Italiens sowie deren jeweiligen kommunistischen Parteien die größte Aufmerksamkeit zukam.[36] Hierbei wird deutlich, dass Stalin ein wesentlich vorsichtigeres und geduldigeres Spiel gespielt hat, als bisher angenommen, was damals jedoch angesichts der sowjetischen Politik in Ostmitteleuropa kaum so gesehen werden konnte.[37] Die Leerstelle einer fehlenden Synthese Gerade der Mangel an Arbeiten, die sich direkt mit der »alten« Ursprungsproblematik (inklusive der Frage nach der Verantwortung) auseinandersetzen, scheint aufzuzeigen, wie weit sich die Erforschung des Kalten Krieges inzwischen von den traditionellen orthodoxen, revisionistischen und postrevisionistischen »Schulen« entfernt hat. Heutige Historiker widmen sich zunehmend nicht mehr nur den Regierungen der Großmächte, sondern ebenso der Rolle diverser Parteien. Die Fragen, die heute gestellt werden, unterscheiden sich oft so stark von den früheren, dass die traditionelle Forschung ihr altes Untersuchungsgebiet kaum wieder erkennt. Die neuen Arbeiten haben ein gänzlich neues Forschungsgebiet geschaffen. Im Zusammenhang mit der »Ursprungsfrage« hat man es übrigens mit einer Art Paradox zu tun: Obwohl in jüngster Zeit nur noch vereinzelt Arbeiten explizit zu diesem Thema verfasst wurden, tragen die neueren Untersuchungen zu den Jahren 1945 bis 1947 wesentlich zur Klärung der Entstehung des Kalten Krieges bei. Das bedeutet keineswegs, dass die Forschung deswegen einem Konsens näher gekommen sei als vor zehn, fünfzehn Jahren. Der Grund dafür mag sein, dass seit dem frühen Versuch von John Gaddis noch keine umfassende Synthese zum frühen Kalten Krieg verfasst worden ist. Stattdessen ist das schon zu Beginn der 1990er Jahre vorherrschende Bild nicht zusammenhängender Einzelstudien im Laufe der Jahre noch kleinteiliger geworden. Sollte sich eine unerschrockene Person finden, die sich – unter Einbeziehung aller beteiligten Seiten sowie möglichst umfassender Betrachtungsperspektiven und unterschiedlicher historischer Methoden – an einer neuen Synthese versucht, könnte er oder sie durchaus explizit oder implizit zu dem Schluss gelangen, dass für den Kalten Krieg keine Seite ausschließlich verantwortlich war. Vielmehr dürften es die Umstände gewesen sein, welche die bekannten Entwicklungen unausweichlich machten. Dies wäre zwar keine wirklich neue Erkenntnis – da jedoch davon auszugehen ist, dass sie heute empirisch und methodisch wesentlich besser untermauert und inhaltlich verfeinert werden kann, wäre sie bedeutend schwieriger in Frage zu stellen, als einst der alte Postrevisionismus.   Übersetzung aus dem Englischen von Lukas Imhof (Berlin) [1]  Der vorliegende Aufsatz fasst die Zeit zwischen den Konferenzen von Jalta bzw. Potsdam 1945 und der Verkündung der antisowjetischen Truman-Doktrin im März 1947 als Entstehungsphase des Kalten Krieges auf. Von jenem Moment an gab es im Ost-West-Verhältnis zwei Seiten, die amerikanische und die sowjetische, die sich beide den Untergang des jeweils anderen zum Ziel gesetzt hatten. [2]  Gaddis, John L.: The Emerging Post-Revisionist Synthesis on the Origins of the Cold War, in: Diplomatic History 7 (1983), H. 3, S. 171–193. [3]   Leffler, Melvyn: A Preponderance of Power: National Security, The Truman Administration, and the Cold War, Stanford 1992. Dieses Buch kann als Höhepunkt jener Epoche englischsprachiger Forschung zum beginnenden Kalten Krieg betrachtet werden. Siehe dazu auch eine der vielen lobenden Rezensionen Eden, Lynn: The End of U. S. Cold War History?, in: International Security, 18 (1993) H. 1, S. 174–207. [4]   Siehe Maier, Charles S.: Marking Time. The Historiography of International Relations, in: Kammen, Michael (Hrsg.): The Past before Us. Contemporary Historical Writing in the United States, Ithaca 1980, S. 355–387; Lundestad, Geir: Moralism, Presentism, Exceptionalism, Provincialism, and other Extravagances in American Writings on the Early Cold War Years, in: Diplomatic History, 13 (1989), H. 4, S. 527–536. [5]   Es handelt sich dabei um The New Cold War History. Hrsg. von John Lewis Gaddis (University of North Carolina Press); Cold War History Series. Hrsg. von Westad, Odd Arne/Cox, Michael (Routledge u. Frank Cass); Cold War International History Project Series. Hrsg. von James G. Hershberg (Stanford University Press); The Harvard Cold War Studies Book Series. Hrsg. von Mark Kramer (Rowman & Littlefield) und National Security Archive Cold War Readers. Hrsg. von Malcolm Byrne (Central European University Press). Ungeachtet vieler Bände zu Themen der Zeit vor 1945 gehört in diese Liste auch die Annals of Communism Series. Hrsg. von Jonathan Brent (Yale University Press). [6]     http://www.wilsoncenter.org/index.cfm?topic_id=1409&fuseaction=topics.publications [7]    Siehe dazu folgende Texte zweier führender Vertreter dieser Ausrichtung: Gaddis, John Lewis: We Now Know. Rethinking Cold War History, New York 1997; Leffler, Melvyn: Inside Enemy Archives. The Cold War Reopened, in: Foreign Affairs, 75 (1996), H. 4, S. 120–135; Ders.: The Cold War. What do »We Now Know«?, in: American Historical Review, 104 (1999), S. 501–524.   [8]   Zum so genannten Novikov-Telegramm siehe The Soviet Side of the Cold War. A Symposium, in: Diplomatic History, 15 (1991), H. 4, S. 523–563. Zum zweiten Symposium Soviet Archives. Recent Revelations and Cold War Historiography, in: Diplomatic History, 21 (1997), H. 2, S. 217–305.   [9]    Siehe: The American Occupation of Germany in Cultural Perspective. A Roundtable, in: Diplomatic History 23 (1999), H. 1, S. 1–77.   [10]   Siehe z. B. Stivers, William: The Incomplete Blockade. Soviet Zone Supply of West Berlin, 1948–1949, in: Diplomatic History, 21 (1997), H. 4, S. 569–602; Sarotte, Mary E.: A Small Town in (East) Germany. The Erfurt Meeting of 1970 and the Dynamics of Cold War Dé- tente, in: Diplomatic History, 25 (2001), H. 1, S. 85–104, Zubok, Vladislav: Soviet Intelligence and the Cold War. The »Small« Committee on Information, in: Diplomatic History, 19 (1995), H. 3, S. 453–472.   [11]      Nicht, dass daran bei einer Zeitschrift, die von der Society for Historians of American Foreign Relations herausgegeben wird, etwas falsch wäre; es macht jedoch deutlich, weshalb zwei neue Zeitschriften zur Geschichte des Kalten Krieges gegründet wurden. Natürlich kann es auch umgekehrt gewesen sein (oder aber beides auf einmal): Die Abwendung der »neuen« Forschung zur Geschichte des Kalten Krieges von der Diplomatic History fiel zeitlich weitgehend mit der Gründung der zwei neuen Zeitschriften zum Kalten Krieg zusammen. Entsprechend denken vermutlich nur noch wenige Forscher, die sich als Spezialisten des Kalten Krieges (und nicht der US-Außenbeziehungen) verstehen, bei der Suche nach Publikationsmöglichkeiten als erstes an die Diplomatic History. Eine der Ausnahmen war während der letzten fünf Jahre Nigel Gould-Davies. Siehe Gould-Davis, Nigel: The Logic of Soviet Cultural Diplomacy, in: Diplomatic History 27 (2003), H. 2, S. 193–214.   [12]   Siehe bezüglich der Phase von 1945 bis 1947 zum Beispiel: DiNardo, Richard S.: Glimpse of an Old World Order? Reconsidering the Trieste Crisis of 1945, in: Diplomatic History 21 (1997), H. 3, S. 365–381 sowie Mark, Eduard: The War Scare of 1946 and its Consequences, in: Diplomatic History 21 (1997), H. 3, S. 383–415.   [13]  Siehe dazu die Aufsätze bei Westad, Odd Arne (Hrsg.): Reviewing the Cold War. Approaches, Interpretations, Theory, London 2000; Smith, Tony: New Bottles for New Wine. A Pericentric Framework for the Study of the Cold War, in: Diplomatic History, 24 (2000), H. 4, S. 567–591. [14]  Westad, Odd Arne: The New International History of the Cold War. Three (Possible) Paradigms, in: Diplomatic History, 24 (2000), H. 4, S. 551–565.  [15]  Holloway, David: Stalin and the Bomb. The Soviet Union and Atomic Energy 1939–1956, New Haven 1994. [16]  Naimark, Norman: The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of Occupation, 1945–1949, Cambridge 1995. [17]  Mastny, Vojtech: The Cold War and Soviet Insecurity: The Stalin Years, New York 1996. [18]  In den 1990er Jahren erschienen noch weitere Hauptwerke der New Cold War History, jedoch vor allem zum Kalten Krieg in Asien. Ihr Betrachtungszeitraum liegt jedoch außerhalb der hier thematisierten Epoche. Zur sowjetischen Politik während des gesamten Kalten Krieges siehe Zubok, Vladislav/Pleshakov, Constantine: Inside the Kremlin’s Cold War. From Stalin to Khrushchev, Cambridge 1996. [19]  Gaddis: We Now Know (Anm. 7). [20]  Leffler, A Preponderance of Power (Anm. 3). [21]  Trachtenberg, Marc: A Constructed Peace. The Making of the European Settlement, 1945– 1963, Princeton 1999. [22]  Es gibt nach wie vor Wissenschaftler, welche die Verantwortung für den Ausbruch des Kalten Krieges allein der US-amerikanischen Seite zuschreiben. Ihr Fokus liegt nicht auf neuen (oder »alten«) Erkenntnissen zur sowjetischen Politik, sondern auf dem in ihren Augen bösartigen Charakter des amerikanischen Kapitalismus. Siehe dazu z. B. Eisenberg, Carolyn: Drawing the Line. The American Decision to Divide Germany, 1944–1949, New York 1994; Cumings, Bruce: »Revising Postrevisionism« or The Poverty of Theory in Diplomatic History, in: Diplomatic History, 17 (1993), H. 4, S. 539–569, Stephanson, Anders, The Cold War considered as a US project, in: Pons, Silvio/Romero, Federico (Hrsg.): Reinterpreting the End of the Cold War, London 2005, S. 52–67. [23]  Solch eine Argumentation verzichtet jedoch auf jegliche moralischen Beurteilungen, die etwa John Gaddis ausdrücklich vornimmt. Der Autor dieses Beitrags stimmt Gaddis dahingehend zu, dass der US-geführte Westen mit einer wesentlich größeren moralischen Berechtigung auf seiner Position beharrte als Stalin, und dass der Westen – wenn man so will – für eine bessere Sache eintrat als der sowjetische Tyrann. [24]  Siehe Cox, Michael/Kennedy-Pipe, Caroline: The Tragedy of American Diplomacy? Rethinking the Marshall Plan, in: Journal of Cold War Studies, 7 (2005), H. 1, S. 97–134. Der Artikel von Cox und Kennedy-Pipe bezieht allerdings die neuere, auf westliche Archivalien gestützte Forschung nicht ein. Siehe Zelikow, Philip: George C. Marshall and the Moscow CFM Meeting of 1947, in: Diplomacy & Statecraft, 8 (1997), H. 2, S. 97–124. [25]  Pechatnov, Vladimir O.: »The Allies are Pressing on You to Break Your Will …«. Foreign Policy Correspondence between Stalin and Molotov and Other Politburo Members, September 1945–December 1946 (= CWIHP Working Paper, H. 26), Washington, D. C. 1991, S. 24 f. Siehe ebenfalls Chubariyan, Alexander O./Pechatnov, Vladimir O. (Hrsg.): Molotov, »the Liberal«. Stalin’s 1945 Criticism of his Deputy, in: Cold War History 1 (2000), H. 1, S. 129–140. [26]  Herausragende jüngere Beispiele sind Offner, Arnold A.: Another Such Victory. President Truman and the Cold War, 1945–1953, Stanford 2002 u. Ruotsila, Markku: British and American Anticommunism Beore the Cold War, London 2001. [27]  Gould-Davies, Nigel: Rethinking the Role of Ideology in International Politics During the Cold War, in: Journal of Cold War Studies, 1 (1999), H. 1, S. 90–109; Roberts, Geoffrey: Litvinov’s Lost Peace, 1941–1946, in: Journal of Cold War Studies, 4 (2002), H. 2, S. 23–54; Nadzhafov, Dzhahangir G.: The Beginning of the Cold War between East and West. The Aggravation of Ideological Confrontation, in: Cold War History, 4 (2004), H. 2, S. 140–174; Ulunian, Artiom A.: Soviet Cold War Perceptions of Turkey and Greece, 1945–58, in: Cold War History, 3 (2003), H. 2, S. 35–52. [28]  Murashko, Galina P./Noskova, Albina F. (Hrsg.): Stalin and the National-Territorial Controversies in Eastern Europe, 1945-47 (Part 1), in: Cold War History, 1 (2001), H. 3, S. 161–172. [29]  Siehe z. B. Epstein, Catherine: The Last Revolutionaries. German Communists and their Century, Cambridge 2003, Banac, Ivo (Hrsg.): The Diary of Georgi Dimitrov, 1933–1949, New Haven 2003. Siehe auch Ruotsila: British and American Anticommunism (Anm. 26); Klehr, Harvey/Haynes, John E./Firsov, Fridrikh (Hrsg.): The Secret World of American Communism, New Haven 1995; Klehr, Harvey/Haynes, John E./Anderson, K. M. (Hrsg.): The Soviet World of American Communism, New Haven 1998. [30]  Als Beispiel für zwei frühe Arbeiten, die bezüglich Stalins internationalen Zielsetzungen 1939– 1941 zu entgegengesetzten Schlussfolgerungen gelangen siehe Nekrich, Alexandr M.: Pariahs, Partners, Predators. German-Soviet Relations, 1922–1945, New York 1997; Gorodetsky, Gabriel: Grand Delusion. Stalin and the German Invasion of Russia, New Haven 1999. [31]   Weinberg, Gerhard L.: Visions of Victory. The Hopes of Eight World War II Leaders, New York 2005. [32]  Dallin, Alexander/Firsov, Fridrikh: Dimitrov and Stalin, 1934–1943. Letters from the Soviet Archives, New Haven 2000; Chase, William J.: Enemies Within the Gates? The Comintern and Stalinist Repression, 1934–1939, New Haven 2001. [33]  Mark, Eduard: Revolution By Degrees. Stalin’s National-Front Strategy For Europe, 1941– 1947 (= CWIHP Working Paper, H. 31), Washington, D. C. 2001. An manchen Orten erhoben sich die Bevölkerungen Osteuropas nach dem Krieg auch gegen andere, von ihnen als solche wahrgenommene Bedrohungen und ermöglichten dadurch den eben erst errichteten kommunistischen Regimen, von ihrer Autorität Gebrauch zu machen und so ihre Macht zu konsolidieren. Siehe Prazmowska, Anita J.: The Kielce Pogrom 1946 and the Emergence of Communist Power in Poland, in: Cold War History, 2 (2002), H. 2, S. 101–124. [34]   Siehe auch Borhi, Laszlo G.: The Merchants of the Kremlin. The Economic Roots of Soviet Expansion in Hungary (= CWIHP Working Paper, H. 28), Washington, D. C. 2000. [35]  Yegorova, Natalia I.: The »Iran Crisis« of 1945–46. A View from the Russian Archives (= CWIHP Working Paper, H. 15), Washington, D. C. 1996; Scheid-Raine, Fernande: Stalin and the Creation of the Azerbaijan Democratic Party in Iran, 1945, in: Cold War History 2 (2001), H. 1, S. 1–38; Sifkas, Thanasis D.: War and Peace in the Strategy of the Communist Party of Greece, 1945–1949, in: Journal of Cold War Studies 3 (2001), H. 3, S. 5–30; Mazov, Sergei: The USSR and the Former Italian Colonies, 1945–50, in: Cold War History, 3 (2003), H. 3, S. 49–78. [36]  Siehe z. B. Hitchcock, William: France Restored. Cold War Diplomacy and the Quest for Leadership in Europe, 1944–1954, Chapel Hill 1998; Brogi, Allesandro: A Question of SelfEsteem. The United States and the Cold War Choices in France and Italy, 1944–1958, Westport, CT 2001, Creswell, Michael/Trachtenberg, Marc: France and the German Question, 1945–1955, in: Journal of Cold War Studies, 5 (2003), H. 3, S. 5–28. [37]  Pons, Silvio: Stalin, Togliatti, and the Origins of the Cold War in Europe, in: Journal of Cold War Studies, 3 (2001), H. 2, S. 3–27. 

JHK 2006

»Vom Standpunkt des Pessimismus jedoch kann man keine erfolgreiche Parteiarbeit organisieren« Die Absetzung des 1. Sekretärs des Bezirks Magdeburg Alois Pisnik im Februar 1979

Mario Niemann

Die Sekretariate der SED-Bezirksleitungen, an deren Spitze der jeweilige 1. Sekretär stand, waren die wichtigsten und einflussreichsten politischen Gremien in jedem Bezirk.[1] Die Grundaufgabe der Bezirksleitung bestand darin, »auf ihrem Territorium die Beschlüsse des Zentralkomitees durchzuführen. Das war ihr Daseinszweck. Sie war das Zwischenglied zu den Kreisen. Daran wurde die Bezirksleitung auch gemessen.«[2] Dabei war die Grundlage für die Beurteilung ihrer Arbeit die Erfüllung des Plans. »Der Plan wurde zentral beschlossen und der Bezirksleitung mitgeteilt, und wie er durchgeführt wurde, danach wurde man beurteilt.«[3] In allen Jahren von 1952 bis 1989 hatten sich die Bezirkssekretäre in ihrer Arbeit nach den Beschlüssen der Berliner Parteiführung zu richten, sich ihnen unterzuordnen, sie durchzuführen. Der »demokratische Zentralismus« als leninistisches Organisations- und Leitungsprinzip der SED wurde von ihnen als »unerläßliche Bedingung für die richtige Leitung der sozialistischen Gesellschaft, für die volle Entfaltung ihrer Vorzüge und Triebkräfte«[4] akzeptiert und praktiziert. Bereits das vom III. Parteitag der SED im Juli 1950 beschlossene Parteistatut legte fest, »daß alle Beschlüsse der höheren Parteiorgane für jede untere Organisation verbindlich sind und straffe Parteidisziplin zu üben ist und sich die Minderheit der Mehrheit unterordnet.«[5] Dieser Passus findet sich auch nahezu unverändert im 1976 beschlossenen Statut der SED wieder, das bis 1989 gültig war.[6] Im Jahre 1968 hatte der »demokratische Zentralismus« Verfassungsrang erhalten, als er in Artikel 47 als »das tragende Prinzip des Staatsaufbaus« definiert wurde.[7] Damit waren Partei und Staat strikt hierarchisch geordnet. Dieses System des »demokratischen Zentralismus« wurde von den Bezirkssekretären tief verinnerlicht, es war ihnen »völlig klar, daß die Einhaltung von Beschlüssen und die straffe Disziplin die Grundlage der Arbeit«[8] gewesen sind. Bei der Umsetzung der in Berlin entwickelten Politik in den Bezirken galten, wie ein früherer Bezirkssekretär berichtet, »immer die zentralen Beschlüsse«, Spielräume bezogen sich »auf die Durchführung zentraler Beschlüsse.«[9]  Die Bezirkssekretäre als höchste Parteifunktionäre vor Ort waren in ihrer politischen Arbeit direkt mit den Forderungen der Menschen konfrontiert. Die Bevölkerung zeigte sich in materieller Hinsicht häufig unzufrieden – sei es wegen Versorgungsmängeln, sei es wegen Wohnungsfragen.[10] Die Volkswirtschaft der DDR wurde jedoch zentral geplant und zum größten Teil auch zentral geleitet. Die Bezirke besaßen hier keinerlei gesetzgebende Befugnisse und konnten auch über Investitionen »nur in ganz beschränktem Maße« entscheiden.[11] Um hier dennoch eingreifen und Verbesserungen erzielen zu können, um als Politiker in den Bezirken vor der Bevölkerung bestehen zu können, mussten Wege gefunden werden, das Mögliche für den eigenen Bezirk herauszuholen und Verbesserungen zu erreichen. Dabei hat es ein »regionales Verständnis« in den Bezirksleitungen durchaus gegeben, »denn es ging auch darum, daß man der eigenen Bevölkerung zeigte, was man leisten kann. Es gab ja einen Vergleich zwischen den Bezirken.«[12] Vor allem das Engagement des 1. Sekretärs für den Bezirk war gefragt, und »in welchem Maße die Politik im Bezirk seine Handschrift trug, das hing natürlich sehr vom Profil des jeweiligen 1. Sekretärs ab.«[13] Zu denen, die sich stark für ihren Bezirk einsetzten, gehörte auch der langjährige 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Magdeburg, Alois Pisnik (1911 bis 2004).[14] Dieses Engagement führte im Februar 1979 zu seiner Absetzung. Die damaligen Geschehnisse, ein Paradebeispiel für den »demokratischen Zentralismus« in der DDR, sollen nachfolgend dargestellt und analysiert werden. Pisniks Kritik an der zentralen Planung  Zu den Pflichten des 1. Sekretärs einer SED-Bezirksleitung gehörte es, in Monatsberichten an den Generalsekretär diesen regelmäßig über die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage im Bezirk zu informieren.[15] Dabei folgten die Monatsberichte einem einheitlichen Schema. In einem ersten Teil wurde über die politische Lage berichtet, die sich regelmäßig als weiter gefestigt und vom Vertrauen in die Parteiführung gekennzeichnet darstellte. In einem zweiten Teil ging es um die ökonomische Situation im Bezirk, um Fragen der Planerfüllung etc. Hier war es möglich, über konkrete Probleme und Sorgen im Bezirk Mitteilung zu machen. Inwieweit diese Möglichkeit genutzt wurde, hing dabei von der Person des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung ab. Die Monatsberichte wurden von Erich Honecker persönlich ausgewertet, der Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung direkt an Günter Mittag weiterleitete. Dies wussten die Berichterstatter, und es war ebenfalls klar, dass ein Zuviel an kritischer Sichtweise negative Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Der »Überbringer schlechter Nachrichten« musste, wie sich Carl-Heinz Janson, früherer Leiter der Abteilung Sozialistische Wirtschaftsführung des ZK der SED unter Günter Mittag, erinnert, »ein spürbares Echo einkalkulieren. So konnte er etwa schnell als Panikmacher abgestempelt werden.«[16] Wer auf Schwierigkeiten aufmerksam machen wollte, musste »in den Monatsberichten, die an den Generalsekretär gingen, mit Verbesserungsvorschlägen aufwarten. Honecker hat diese zur Kenntnis genommen und die Berichte, mit einer Randbemerkung versehen, an Mittag weitergeleitet. Der bekam dann den Auftrag, nachzuhaken.«[17] Dabei versuchte Mittag, »nach außen jede Kritik abzuschirmen. Wenn Kritik zu üben war, dann übte er sie. […] Mitunter war es ihm unangenehm, daß in den Monatsberichten der Bezirksleitungen ohne seine Kenntnis kritisch auf Schwierigkeiten hingewiesen wurde. Er schlug dann überraschend zurück, indem er eine Information zur Planlage aus der Tasche zog, die augenscheinlich nur in dem jeweiligen Bezirk behoben zu werden brauchte. So wurde der jeweilige Generaldirektor oder Provinzfürst nach Strich und Faden abgebürstet und konnte froh sein, wenn er nur einen schlechteren Platz im Kontrollheft bekam.«[18] Die Ablösung des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung Magdeburg, Alois Pisnik, illustriert die geschilderte Ambivalenz des Berichtswesens deutlich. Er war einer derjenigen Funktionäre, die es sich nicht nehmen ließen, in ihren Monatsberichten wiederholt auf Mängel in Versorgungsfragen hinzuweisen. Am 17. April 1978 teilte er seinem Generalsekretär mit, »daß die Diskussionen über Handels- und Versorgungsfragen in den letzten Wochen weiter zugenommen haben.«[19] Am 4. August 1978 führte Pisnik mit Blick auf die Untererfüllung des Planes etwa im Traktorenwerk Schönebeck aus: »Nicht zufrieden sind wir aber mit den Ergebnissen aus der Zusammenarbeit mit dem Ministerium Allgemeiner Maschinen-, Landmaschinen- und Fahrzeugbau.«[20] Dieser Satz zeugt vom Selbstbewusstsein des 1. Sekretärs, lässt er die mangelhafte Planerfüllung doch nicht allein seinem Bezirk ankreiden, sondern gibt auch dem Ministerium, an dessen Spitze mit Günther Kleiber immerhin ein Kandidat des Politbüros stand, eine Mitschuld. In diesem Monatsbericht heißt es weiter: »Kritiken gibt es wieder zu weiteren Erhöhungen des Arbeitskräfteplanes, obwohl bereits zum Plan 1978 eine Untererfüllung vorhanden ist und die Deckungsquellen nicht nachgewiesen werden.«[21] Im Monatsbericht vom 29. September 1978 wurde Pisnik im Hinblick auf die unzureichende zentrale Planung noch deutlicher und beklagte, »daß die übergebenen Kennziffern für den Arbeitskräfteplan in vielen Betrieben nicht mit den territorialen Gegebenheiten übereinstimmen und die bisherigen Ergebnisse und Vorstellungen zur Einsparung von Arbeitsplätzen und zur Freisetzung von Arbeitskräften nicht ausreichen.«[22] Er informierte Honecker weiter davon, diese Fragen direkt mit den zuständigen Ministern und Abteilungsleitern erörtern zu wollen.[23] Solche eigenmächtigen Unternehmungen waren in der Parteiführung nicht gern gesehen. Besonders Günter Mittag muss bei der Lektüre dieses Monatsberichtes die geplanten Gespräche Pisniks als Brüskierung seiner eigenen Person empfunden haben. Das Fass zum Überlaufen brachten dann die »Politischen Berichterstattungen« vom 30. Oktober und 29. November 1978, in denen Probleme der Versorgung und der Baukapazität detailliert geschildert wurden. Am 30. Oktober 1978 machte Pisnik darauf aufmerksam, »daß durch die oft stark erhöhten Anforderungen für das Jahr 1979, insbesondere für die Hauptstadt Berlin, für Maßnahmen der Landesverteidigung, für die Stärkung der materiell-technischen Basis der Industrie, sich verschiedene Komplikationen ergeben, die sich u. a. insbesondere bei Reparatur- und Werterhaltungsmaßnahmen auswirken, und zwar als weiterer Rückgang im Bereich der Baureparaturen und der Werterhaltung der örtlichen Räte.«[24] Insbesondere die Problematik ausbleibender Werterhaltungen an der baulichen Substanz im Bezirk weiß Pisnik mit deutlichen Zahlen zu untermauern. »Der 1978 bereits geringe Einsatz von Bauhauptleistungen mit 15 % an den Reparaturen verringert sich 1979 auf 13,4 %. […] Dabei ist darauf hinzuweisen, daß bereits 1978 und in den Vorjahren in den materiellen Bereichen für die Baureparaturen und Werterhaltungen im Prinzip nur Splitterkapazitäten zum Einsatz kamen.«[25] Die mangelhaften Investitionen in diesem Bereich wirkten sich dabei direkt auf Produktionsleistungen in den Betrieben des Bezirks aus, führten also auch in anderen Bereichen zu Produktionsrückständen und zur Untererfüllung der Planauflagen. »Ich glaube, lieber Erich, daß ich Dir auch eine solche Tatsache nicht verschweigen darf, daß sich im Bezirk von Jahr zu Jahr das Problem der Ersatzinvestitionen verschärft. Auf Grund von angedrohten Sperrungen der Staatlichen Bauaufsicht bzw. der Technischen Überwachung können wichtige Produktionsanlagen nicht voll genutzt werden.«[26] Diese Angaben werden unter anderem am Beispiel des Chemiewerks Salzwedel bekräftigt. Hier hatte sich »der bautechnische Zustand der Superphosphat-Reifehalle so verschlechtert, daß sie bereits zu einem Viertel gesperrt werden mußte. […] Eine generelle Sperrung der Halle ist angedroht, wenn nicht bis Ende 1979 mit der Sanierung begonnen wird. Alle Bemühungen scheitern jedoch jetzt an der Lieferung von 450 t Stahlkonstruktion durch das Metalleichtbaukombinat«.[27] Es liegt auf der Hand, dass der Adressat Honecker und nach ihm Mittag diese drastischen Beispiele ungern zur Kenntnis genommen haben werden. Nur einen Monat später wurden beide erneut mit großen, zahlengesättigten Problemen konfrontiert. Im Monatsbericht vom 29. November 1978 wies der 1. Sekretär der SEDBezirksleitung wiederum auf drängende Probleme des Handels und der Versorgung sowie der Werterhaltung hin. Hierzu gebe es in der Bevölkerung »die größten Diskussionen und sie haben in den letzten Monaten noch zugenommen.«[28] Besonders wird beklagt, dass bei einer Reihe von Konsumgütern der Anteil von Waren der unteren und mittleren Preisgruppen immer geringer wird, sich das Warenangebot insgesamt also verteuert. Zu konstatieren sind »verstärkt unkontinuierliche und rückläufige Versorgungstendenzen«, häufig ist die »Sortimentsbreite und -menge schlechter als 1977.«[29] In Bezug auf den Zuwachs des Warenumsatzes 1977/78 nehme Magdeburg von allen Bezirken der DDR den letzten Platz ein. Dort, wo Konsumgüter reichlich vorhanden seien, würde nicht danach gefragt. Mit den Worten von Pisnik werden »oftmals Waren produziert […], die die Bevölkerung gar nicht haben will; auf der anderen Seite werden aber verlangte Waren in unzureichender Menge oder überhaupt nicht produziert. Marktanforderungen und Pläne für die Warenproduktion müßten doch eine Einheit sein. So ist aber die Praxis nicht.«[30] Die Ursachen für diese Entwicklung sieht er zum Teil in der »ungenügende(n) Arbeit der verantwortlichen Handels- und staatlichen Organe« und darin, »daß die Genossen in den staatlichen und Handelsorganen eine ungenügende Kampfposition zur konsequenten Durchführung der Beschlüsse der Partei zu handelspolitischen Fragen haben.«[31] Alois Pisnik bringt aber auch Faktoren zur Sprache, die nicht im Einflussbereich der Bezirksleitung liegen, so die Erhöhung des Durchschnittspreisniveaus wichtiger Warensortimente, die in der Bevölkerung für Unmut sorgt. Auch die Lage in punkto Werterhaltung ist sehr  virulent. »In letzter Zeit häufen sich Informationen von Sekretariaten der Kreisleitungen und Räten der Kreise sowie Hinweise und Kritiken aus der Bevölkerung, daß eine Reihe dringend anstehender Werterhaltungsaufgaben nicht bzw. nicht wie vorgesehen gelöst werden können.«[32] Dies kann der 1. Sekretär mit eindrücklichen Zahlen belegen. »Der Druck der Bevölkerung zur Realisierung dringender Reparaturarbeiten wird stärker. Vom 1. 1. 1977 bis 30. 6. 1978 haben sich über 6 700 Bürger wegen Werterhaltungsproblemen an die örtlichen Räte gewandt.«[33] Auch diese Probleme sind nicht nur dem Bezirk anzulasten, sondern, wie Pisnik unterstreicht, auch durch die Erhöhung des Einsatzes von Bauleistungen für den Sonderbedarf, etwa für die Hauptstadt Berlin, hervorgerufen.[34] Die Folgen für den Bezirk Magdeburg werden sein, »daß die Bauzustandsstruktur insgesamt nicht wesentlich verbessert wird, im Gegenteil. In den Zentren der Arbeiterklasse wird sie sich weiter verschlechtern.«[35] Dies war ein deutlicher Fingerzeig an Honecker auf Akzeptanzprobleme der SED-Politik gerade unter der Arbeiterschaft, die die SED zu repräsentieren vorgab. Im Ausblick sei weiter damit zu rechnen, dass 1979 nur noch 83,1 Prozent des Niveaus der Werterhaltungsmaßnahmen von 1978 zu erreichen seien, so dass »in einer Reihe von Bereichen« bauliche Reparaturen »überhaupt nicht mehr vorgenommen werden« können, zumal der Stand der technischen Ausrüstungen im Bauwesen oft »nicht einmal die einfache Reproduktion« sichere.[36] Eine Zusammenfassung dieses Monatsberichtes mit einem kommentarlosen Extrakt der wichtigsten angesprochenen Probleme wurde am 4. Dezember 1978 – das war so üblich – allen Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros zugeleitet.[37]  Das Vorgehen des Zentralkomitees gegen Pisnik und sein »Rücktritt« Die Reaktion aus der Berliner Zentrale ließ nicht lange auf sich warten. Sie wurde sicherlich befördert durch die Sitzung der Bezirksleitung Magdeburg vom 18. Dezember 1978, auf der Alois Pisnik ein später von der Bezirksleitung einstimmig bestätigtes Schlusswort hielt und auch auf seinen Monatsbericht an Honecker einging. »Ich habe auch angeführt, daß es Artikel gibt, die produziert werden, die kein Mensch kauft, wofür aber wertvolles Material verwendet wird.« Andere Artikel dagegen seien schlichtweg »wegspezialisiert worden«. Der »Bevölkerung Unzufriedenheit und Kritik der Bevölkerung ist stärker geworden. […] Ich habe eine Reihe konkreter Fakten aufgeführt.«[38]  Interessant sind die Entgegnungen Honeckers, die ebenfalls überliefert sind. Was Alois Pisnik mitteilte, »das stimmt nicht ganz«, er warf ihm vor, »du kritisierst und ihr habt selber schuld mit der Konsumgüterproduktion.« Es gebe laut Honecker immer noch schlechtere Beispiele, so hätte die DDR im sozialistischen Lager den höchsten Versorgungsstand, der Sowjetunion hingegen gehe es viel schlechter. Schließlich habe die DDR »auch Exportverpflichtungen«, und bei allem wirke sich die »Krisenentwicklung in den kapitalistischen Ländern« direkt auf die sozialistischen Länder aus. »Wir können nur das verbrauchen was wir produzieren.«[39] Honecker gab den Schwarzen Peter also an den Bezirk Magdeburg zurück und argumentierte mit externen Faktoren, die der Wirtschaftspolitik der SED nicht anzulasten seien.  So einfach ließ sich Pisnik allerdings nicht überrumpeln. Nachdem er konzediert hatte, Honecker habe »eine ganze Reihe von echten Argumenten« vorgebracht, insistierte er: Wir »brauchen für eine exakte Produktionsarbeit auch eine exakte Übersicht über die Marktanforderungen. Was dazu gemacht wird ist auch ungenügend, zu oberflächlich. […] Ich bin deswegen nicht der Meinung, daß alles an uns liegt und zentrale Organe überhaupt keine Verantwortung haben und dort nichts geändert werden kann oder braucht«.[40] Pisnik brachte sich in seinem Schlusswort selbst in Rage, als er sagte, »wie lange reden wir schon über die Arbeit mit den Menschen, bis zum Kotzen, möchte ich sagen, aber sehen wir uns an, wie gearbeitet wird.« Er nannte erneut konkrete Beispiele einer mangelhaften Versorgung und forderte das »Aufhören mit dem allgemeinen Reden und allgemeinen Sitzungen und Beratungen, wo nichts konkretes herauskommt. Damit muß man endlich Schluß machen. Das beste Reden nützt nichts, wenn am Ende nicht konkret die Aufgaben herauskommen.«[41]  Dieses selbstbewusste und offene Schlusswort veranlasste die Parteiführung, Maßnahmen zur Disziplinierung ihres Magdeburger 1. Bezirkssekretärs zu ergreifen. Es begann in der Sitzung des Sekretariats der Bezirksleitung am 21. Dezember 1978, also nur drei Tage nach der Bezirksleitungssitzung. Alois Pisnik nahm in Anwesenheit von Fritz Müller, Leiter der Abteilung Kader des ZK und von Erich Honecker persönlich nach Magdeburg beordert, Stellung zur Kritik an seinem Monatsbericht und seinem Schlusswort auf der Sitzung und »erkannte die an ihm geübte Kritik durch den Generalsekretär, Genossen Honecker, vorbehaltlos an.« Er akzeptierte auch, dass sein »Schlußwort keine richtige Orientierung gab«.[42] Auf die Solidarität seiner Sekretariatskollegen konnte Pisnik nicht hoffen, die Parteidisziplin war stärker. Sie kritisierten ihren 1. Sekretär, weil sie »den Inhalt des Briefes an den Genossen Honecker nicht kennen und nach Kenntnis dieses Briefes bzw. einiger Passagen zu Fragen des Handels und der Versorgung distanzieren sie sich von diesem Schreiben und akzeptieren auch das Schlußwort des Genossen Pisnik auf der Bezirksleitungssitzung nicht.« Es folgte eine Ergebenheitsadresse an die Parteiführung mit der Versicherung, »die vom Sekretariat in der Beratung durchaus richtig gestellten Aufgaben in Durchführung der Beschlüsse der 9. Tagung des ZK vorbehaltlos« zu erfüllen.[43] Damit war die Autorität des ZK wieder hergestellt. Das neue Jahr 1979 brachte für den Magdeburger 1. Bezirkssekretär gleich am 3. Januar eine Aussprache mit Vertretern des ZK und die Information, dass das Politbüro am 19. Dezember 1978 die Entsendung einer »Arbeitsgruppe für die Klärung einer Reihe grundsätzlicher Fragen in Durchführung der Beschlüsse des IX. Parteitages der SED im Bezirk Magdeburg« beschlossen hatte.[44] Sollte Alois Pisnik gehofft haben, dass sich die Querelen mit dem neuen Jahr legen würden, so sah er sich getäuscht. Die Aussprache führten Carl-Heinz Janson, Leiter der ZK-Abteilung Sozialistische Wirtschaftsführung, und Hermann Pöschel, Leiter der ZK-Abteilung Forschung und technische Entwicklung. Zugegen war ferner mit Heinz Herzig der Sekretär für Wirtschaft der Bezirksleitung Magdeburg. Nachdem die aktuelle Lage im Bezirk besprochen worden war, ging es erneut um das Schreiben an den Generalsekretär. Pisnik räumte zwar ein, »daß er mit seinem Brief an Genossen Erich Honecker über die Versorgungsfragen ›auf die Nase gefallen sei‹«, betonte aber grundsätzlich, dass er den Generalsekretär »über Probleme informieren wolle. Er gehe von den Fortschritten und Erfolgen aus und sei ein Optimist. In Magdeburg sei eine Kampfatmosphäre da. Mit den Ergebnissen der Durchführung der Beschlüsse des IX. Parteitages lägen sie in vielen Positionen mit vorn. Niemand könne sagen, daß nicht gekämpft werde.« Was die von ihm angesprochenen Versorgungsprobleme anbelangte, so »wiederholte er die Argumente seines Schlußwortes und erläuterte auch noch einmal seinen Standpunkt zur Werterhaltung.« [45] Es war ausgerechnet der Wirtschaftssekretär, der sich in dieser Aussprache von Pisnik abwandte und ganz auf ZK-Linie begab, obwohl er doch die wirtschaftlichen Probleme des Bezirks Magdeburg kennen musste. Heinz Herzig versicherte im Hinblick auf das besagte Schreiben, »daß es dazu keine Abstimmung mit den Genossen gab. Er schätze Genossen Pisnik als 1. Sekretär sehr hoch, aber es sei nicht gut, solche Briefe ohne Konsultation mit dem Wirtschaftssekretär zu schreiben. Er habe um eine Änderung der Arbeitsweise gebeten.«[46] Herzig hatte auch eine Lösung parat, wie anders zu verfahren sei. Im Bezirk auftretende Versorgungsfragen »können nur über den Weg der Erhöhung der eigenen Aktivitäten geklärt werden […]. Man müsse sich auch mit solchen Kreisleitungen wie Wolmirstedt auseinandersetzen, die nur aufschreiben was fehlt und solche Informationen ohne Analyse und politische Wertung an Genossen Pisnik schicken.«[47] Die beiden Abteilungsleiter, die im ZK direkt dem Sekretär Günter Mittag unterstanden, werden diese Ausführungen befriedigt zur Kenntnis genommen haben. Alois Pisnik jedoch »verteidigte seine Position zur Werterhaltung sowie zum Bau von Kulturhäusern und Gaststätten«[48], wurde aber verpflichtet, auf der nächsten Beratung mit den 1. Kreissekretären zu seinem Schlusswort vor der Bezirksleitung Stellung zu nehmen. Diese Beratung fand am 8. Januar 1979 statt. Die Abteilung Parteiorgane des ZK fertigte hierüber am 10. Januar 1979 eine Information an und konnte bilanzieren, es sei »eine richtige Orientierung gegeben für die Durchführung der Beschlüsse der 9. Tagung des Zentralkomitees im Bezirk Magdeburg«.[49] Pisnik selbst nahm tatsächlich im Sinne der Parteiführung Stellung. Zunächst informierte er die anwesenden Genossen über die bisherigen Auseinandersetzungen im Sekretariat der Bezirksleitung und »über die kritische Wertung seiner Arbeit durch die Mitglieder des Sekretariats im Zusammenhang mit der nicht genügenden Förderung der Kollektivität in der Arbeit des Sekretariats.«[50] Dann vollzog Pisnik eine Kehrtwendung zu seinen bisherigen Äußerungen und erklärte, »daß der Teil des Schlußwortes, der sich mit seinem Brief an den Generalsekretär zu Fragen der Versorgung und mit der Kritik an der in diesem Brief gegebenen Einschätzung durch den Genossen Honecker befaßt, von einer falschen Position ausgeht.« Die falsche Position bestehe darin, dass seine Darstellung »im Grunde auf eine Polemik mit dem Zentralkomitee und seinem Generalsekretär hinausläuft, unsere Erfolge negiert und Pessimismus ausdrückt, wozu es nicht den geringsten Grund gibt. Genosse Pisnik betonte, daß dies nicht seine Absicht war. Er erklärte, daß Probleme nicht überbetont werden dürfen, sondern, daß alle Anstrengungen zu unternehmen sind, um sie im Vorwärtsschreiten zu lösen.«[51] Die Information der Abteilung Parteiorgane, am 12. Januar 1979 vom Abteilungsleiter Horst Dohlus an Erich Honecker weitergeleitet und tags darauf von diesem den Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros zugänglich gemacht, lobte den »konstruktiven und selbstkritischen Gedankenaustausch« und die »neuen Überlegungen und konkreten Maßnahmen, wie durch die Nutzung der Potenzen und Ausschöpfung der Reserven des Bezirkes, der Kreise und Betriebe, die Aufgaben des Volkswirtschaftsplanes erfüllt und überboten werden können.«[52] Insofern konnte Alois Pisnik hoffen, mit seiner Selbstkritik die Parteiführung zufrieden gestellt und beruhigt zu haben. Dem war aber nicht so. Das SED-Politbüro hatte es sich nicht nehmen lassen, zum im Falle regiona ler Unbotmäßigkeit bewährten Disziplinierungsmittel zu greifen: Die am 19. Dezember beschlossene Arbeitsgruppe wurde in den Bezirk Magdeburg entsandt. Als Leiter fungierte der in diesen Sachen bewährte Günter Mittag. Am 19. Januar 1979 fand in Magdeburg eine Beratung dieser Arbeitsgruppe mit dem Sekretariat der Bezirksleitung statt. Zugegen waren neben Mittag auch Alfred Neumann, Mitglied des Politbüros und 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates, und Werner Jarowinsky, Kandidat des Politbüros und ZK-Sekretär für Handel und Versorgung. Mittag sprach hier in bewusstem Gegensatz zu Alois Pisnik von der Pflicht, »bei allen Bürgern noch stärker den Stolz auf die Deutsche Demokratische Republik, auf ihr sozialistisches Vaterland auszuprägen.« Es gebe in der DDR einen hohen Lebensstandard, und man dürfe »niemandem gestatten, an dieser Wahrheit herumzunörgeln.« Mittag wurde noch deutlicher. »Vom Standpunkt des Pessimismus jedoch kann man keine erfolgreiche Parteiarbeit organisieren.« Ein direkter Affront gegen den 1. Bezirkssekretär war der folgende Satz: »Probleme, Genossinnen und Genossen, lassen sich überall finden und in manchen Fällen sogar erfinden. […] Die Lösungsvorschläge sind dagegen dürftig.«[53] Der Ton gegenüber Alois Pisnik hatte sich merklich verschärft. Überliefert sind auch Auszüge aus den Stellungnahmen der Mitglieder des Sekretariats der Bezirksleitung. Es überrascht nicht, dass alle ihre »volle Übereinstimmung mit der zusammenfassenden Einschätzung der Abteilungen des ZK« gaben und betonten, dass damit »eine große Hilfe für die weitere Arbeit der Bezirksparteiorganisation vom Politbüro gegeben worden ist«.[54] Der 2. Sekretär Walter Kirnich ließ es sich angelegen sein, die anwesenden Genossen der Parteiführung persönlich zu loben, indem er ausführte, dass »das Politbüro, Genosse Erich Honecker persönlich, Genosse Mittag, Genosse Neumann und Genosse Werner Jarowinsky bereits seit Jahren der Entwicklung des Bezirkes Magdeburg eine besonders große Unterstützung gegeben hätten.«[55] Der Wirtschaftssekretär Heinz Herzig fand, es hätte »eine so gründliche und prinzipielle Analyse der Entwicklung und der Arbeit des Bezirkes in der Vergangenheit noch nie gegeben.«[56] Kritisiert wurde von den Sekretären, »daß die Kollektivität des Sekretariats eingeschränkt war« und »nur geringer Kontakt zum 1. Sekretär« bestand. »Der 1. Sekretär hat zwischen sich und die Sekretäre seine Mitarbeiter geschaltet.«[57] Der Vorsitzende der Bezirksparteikontrollkommission, Gerhard Frost, unterstrich die partiell eigenständige Haltung Pisniks, indem er betonte, »daß in den letzten Jahren sich der Subjektivismus breitgemacht hat.« Wörtlich sagte er zu seinem 1. Sekretär: »Deine Ausführungen haben mich nicht überzeugt, daß Du das änderst.«[58] Diese Ausführungen werden in den Akten des Büros Mittag wie folgt charakterisiert: »Es zeigte sich ein großer Unterschied zwischen der prinzipiell selbstkritischen Position der Sekretäre, die die Grundfrage der bedingungslosen Durchführung der Beschlüsse des ZK erkannt haben, und den Äußerungen des Genossen Pisnick [sic!], der sich auf die Abrechnung einzelner Punkte in den Materialien der Arbeitsgruppe konzentrierte. Er gab zwar eine allgemeine Erklärung ab, in der er die Übereinstimmung mit der Einschätzung und den Schlußfolgerungen betonte, und sprach dann über einzelne Fragen. Zum Teil ging das wieder in eine Richtung, die grundsätzliche Feststellung aufzuheben.«[59] Alois Pisnik, der auf dieser Beratung »immer wieder die hohe Kampfkraft der Kommunisten und der Parteiorganisationen« betont hatte, ergriff nach den »massiven kritischen Einschätzungen der Sekretäre« noch einmal das Wort. Nachdem er sein Einverständnis damit bekräftigt und sich als »den eigentlichen Hauptverantwortlichen« bezeichnet hatte, wendete er sich gegen seine Sekretariatskollegen, als er sagte, »daß die Diskussion unserer Genossen noch nie so war, außer der einen Sekretariatssitzung im Dezember. Die Genossen hätten das früher auf den Tisch legen müssen. Das wäre für seine Arbeit günstig gewesen.«[60] Am Ende dieser für ihn unerfreulichen Sitzung musste Pisnik eine ihm drohende Amtsenthebung befürchten. Noch war er jedoch bereit, für seinen Verbleib in der Funktion zu kämpfen. Mit Blick auf die anwesenden Genossen aus Berlin stellte er die Frage, »ausgehend von der Bemerkung des Genossen Frost, ob er die Dinge verändern könne«, und beantwortete sie auch gleich: »Wenn die Genossen des Politbüros der Meinung seien, er schaffe es nicht, dann muß man an der Spitze des Bezirkes verändern. Er möchte jedoch sagen, daß er der Meinung ist, es könnte ihm gelingen, denn das ganze wäre auch eine Erziehung.«[61] Vorderhand wurde hierüber noch nicht entschieden. Schon bald danach, am 30. Januar 1979, befasste sich auch das Politbüro mit der »Zusammenfassenden Einschätzung« zu »einer Reihe grundsätzlicher Fragen der Durchführung der Beschlüsse des IX. Parteitages im Bezirk Magdeburg«. Zunächst wurde auch vom Politbüro bestätigt, dass der Bezirk Magdeburg »hervorragende Ergebnisse« bei der »Durchführung des Wohnungsbauprogramms« erzielt habe und hier über dem DDR-Durchschnitt liege. Dennoch gebe es noch »bedeutende Reserven«. [62] Offenbar als Reaktion auf die in den Monatsberichten erwähnten, vom Bezirk Magdeburg zu erbringenden Berlin-Aufgaben stellte die Arbeitsgruppe des Politbüros fest: »Es widerspricht auch den Tatsachen, daß der Bezirk in Fragen der Versorgung gegenüber anderen Bezirken benachteiligt sei, wie Genosse Pisnik schon seit längerem behauptet.«[63] Der Bezirksleitung wird vorgeworfen, den konkreten Bedarf an Konsumgütern im Bezirk zugrunde zu legen und sich nicht um den zentral ausgearbeiteten Plan zu scheren. Sie betrachte »Bedarf und Bedarfsdeckung meist losgelöst vom Versorgungsplan und oft auch subjektiv«, also eigenständig, und der vorgegebene »Plan wird ungenügend zur Grundlage der Arbeit«.[64] Das Ausmaß der geschilderten Probleme wird negiert, es handele sich vielmehr um eine »fehlende sachliche gründliche Analyse und Einschätzung und subjektivistisches Herangehen durch unzulässiges Verallgemeinern von Einzelerscheinungen.«[65] Es folgte in der Einschätzung der Arbeitsgruppe der Vorwurf mangelnder Parteidisziplin durch das Sekretariat der Bezirksleitung Magdeburg. Dieses hätte nämlich die Beschlüsse des Politbüros, des ZK und des ZKSekretariats »zum Teil mit außerordentlich niedriger Disziplin behandelt.«[66] Schuld daran trügen weniger die Sekretariatsmitglieder, als vielmehr der 1. Sekretär selbst, wurde doch bisher »die persönliche Verantwortung der Sekretäre der Bezirksleitung dadurch zu wenig gefördert, daß Genosse Pisnik der Kollektivität in der Tätigkeit des Sekretariats zu wenig Beachtung geschenkt hat.«[67] Nochmals wurde darauf verwiesen, dass Pisnik in seinem Schlusswort auf der Tagung der Bezirksleitung »keine richtige Orientierung zur Auswertung der 9. Tagung des Zentralkomitees und zur Entwicklung einer klaren Kampfposition für die Lösung der vor dem Bezirk stehenden Aufgaben« gegeben hat.[68] Wohin diese Kritik zielte, muss Alois Pisnik als alt gedientem SED-Funktionär klar geworden sein. Wer mit dem unerhörten Vorwurf »außerordentlich niedriger« Parteidisziplin belegt und des Fehlens einer »klaren Kampfposition« bezichtigt wurde, musste mit einer Abberufung aus seiner Funktion rechnen. Dies erkannte auch Alois Pisnik, und so verfasste er am Tage nach der Politbüro-Sitzung, am 31. Januar 1979 und wieder zurück in Magdeburg, einen Brief an Erich Honecker, in dem er sich auf diese Sitzung und auf ein kurz vorher stattgefundenes Gespräch mit seinem Generalsekretär bezog. Nach einleitenden Bemerkungen, die seinen Werdegang resümieren und Loyalität zu seiner Partei und ihrem Generalsekretär bekunden, kommt Pisnik auf den eigentlichen Punkt, wenn er schreibt: »Ich werde natürlich auch weiter meine Person und Kraft für unsere große Sache einsetzen. Ich darf aber darauf verweisen, daß die vergangenen großen Anstrengungen sich doch auch auf meine Gesundheit ausgewirkt haben und ich möchte daher bitten, mich bei der kommenden Bezirksdelegiertenkonferenz nicht mehr als Kandidaten für den 1. Sekretär der Bezirksleitung aufzustellen.«[69] Damit war klar, dass die nächste Bezirksdelegiertenkonferenz das Ende der über 26-jährigen Ära Pisnik in Magdeburg mit sich bringen würde. Diese Konferenz fand nicht einmal zwei Wochen später, am 10. und 11. Februar 1979, in Magdeburg statt. Das ZK entsandte hierzu eine Delegation, die unter Leitung von Günter Mittag stand. Prominente Mitglieder dieser Delegation waren weiter die Genossen Herbert Häber, Leiter der Westabteilung bzw. der Abteilung Internationale Politik und Wirtschaft, Fritz Müller, Leiter der Abteilung Kader, und Kurt Tiedke, Leiter der Abteilung Propaganda im ZK. Schließlich waren auch sechs Mitglieder der Arbeitsgruppe des ZK aus den Abteilungen Parteiorgane, Maschinenbau und Metallurgie, Landwirtschaft und Sozialistische Wirtschaftsführung zugegen.[70] Das Hauptreferat hielt wieder Günter Mittag. Zunächst wurde das Plenum davon informiert, dass Alois Pisnik in einem Schreiben an den Generalsekretär darum gebeten hat, »aus gesundheitlichen Gründen« nicht erneut für die Funktion des 1. Sekretärs der Bezirksleitung Magdeburg zu kandidieren. Sodann wurde dem »lieben Alois« der Dank des Politbüros für seine »jahrzehntelange aufopferungsvolle Arbeit als 1. Sekretär« gedankt und alles Gute gewünscht. Mit der Überreichung eines Blumenstraußes endete die Amtszeit Alois Pisniks, die vor über einem Vierteljahrhundert begonnen hatte.[71] Zum neuen 1. Sekretär wurde mit Kurt Tiedke ein Funktionär gewählt, der als langjähriger Leiter der Abteilung Propaganda im ZK zwar über eine große Parteierfahrung, aber über keine Kenntnisse des Bezirks Magdeburg verfügte.[72]  Günter Mittag ließ es sich nicht nehmen, auf der Bezirksdelegiertenkonferenz noch einmal scharfe Kritik an der Bezirksleitung Magdeburg und ihrem ausgeschiedenen 1. Sekretär zu üben und so indirekt auch die Notwendigkeit des Eingreifens der Parteiführung zu bekräftigen. Mittag zählte die Versäumnisse des Bezirks auf: Die Leistungen des Bezirks würden »in nicht genügendem Maße für den Volkswirtschaftsplan entwickelt«, es seien noch »große Reserven vorhanden«, und die »Aufgaben für die Durchführung der zentralen, die ganze Republik und die ganze Volkswirtschaft betreffenden Objekte« würden »unzureichend [ge]löst«.[73] Erneut wurden die in der Magdeburger Parteiführung aufgetretenen »subjektivistischen Einschätzungen« angeprangert, könne im Gegenteil die Aufgabe doch nur »darin bestehen, die Politik der Partei und darin eingeschlossen  ihre Wirtschaftspolitik entsprechend den Beschlüssen Punkt für Punkt durchzuführen und nicht eine eigene subjektivistische Auslegung dieser Politik vorzunehmen. Das zu gewährleisten, darin besteht auch die hohe Verantwortung der Bezirksleitung.«[74] Die bisherige Informationspolitik qualifizierte Mittag kurzerhand ab. »Natürlich muß man über heranreifende Fragen informieren, auch über Stimmungen und Meinungen. Das muß jedoch sorgfältig geschehen, unter Abwägung all dessen, was wirklich zentral zu regeln ist, und was die eigene Verantwortung ist. Vor allen Dingen darf das Suchen nach Problemen nicht die Organisierung der Kampfposition in der Parteiarbeit verdrängen. Und diese Gefahr ist entstanden. Das führt zu einer Fehleinschätzung der Lage, das führt dazu, daß die Kräfte der Partei auf die Lösung von Einzelfragen zersplittert werden.«[75] Die Probleme, die der Bezirk Magdeburg im wirtschaftlichen Bereich hatte, waren demnach entweder hausgemacht oder Produkt eigenen Schwarzmalens und eigener Fehleinschätzungen. Darum musste die Parteiführung handeln, und darum musste der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Magdeburg abgelöst werden. Die Parteiführung, selbst nicht verantwortlich für die Probleme, hatte durch ihr Eingreifen, folgt man der Diktion Mittags, die Kastanien für den Bezirk Magdeburg aus dem Feuer holen müssen. Die Motive für die Ablösung von Alois Pisnik Es stellt sich abschließend die Frage, inwieweit die offizielle Diktion die wahren Gründe für die Ablösung Alois Pisniks wiedergibt, oder ob nicht andere Motive hier eine Rolle gespielt haben mögen. Alois Pisnik war zum Zeitpunkt der ergriffenen Maßnahmen nicht krank. Dies bezeugt ein früherer Sekretariatskollege[76], und auch die einschlägigen Akten enthalten keine Hinweise auf eine Krankheit. Den Brief an Honecker mit der Bitte, nicht wieder als 1. Sekretär zu kandidieren, schrieb Pisnik vielmehr aus anderen Gründen. »Er wollte nicht, daß man einen anderen Grund nannte. Es war natürlich auch für ihn günstig zu sagen: ›Ich bin nicht aus Mängeln der Leitungstätigkeit oder aus Widersprüchen in der Einschätzung der Lage gegenüber dem Genossen Mittag von dieser Funktion abgelöst worden, sondern es war auch mein eigener Wunsch.‹«[77] Alois Pisnik,  Jahrgang 1911, war der mit Abstand älteste 1. Sekretär einer SED-Bezirksleitung und am längsten, seit Bildung der Bezirke 1952, in dieser Funktion. Bis auf die Amtskollegen aus Suhl und Erfurt waren alle anderen 1. Sekretäre der Bezirksleitungen mindestens zehn Jahre bis knapp 20 Jahre jünger als er, und nur Alois Bräutigam in Erfurt war auch schon in den 1950er Jahren in dieses Amt gelangt. Alle anderen hatten 1979 eine mehr als zehn Jahre kürzere Amtsdauer.[78] Es könnte daher sein, dass aus Alters- und Verschleißgründen – Pisnik war Anfang 1979 immerhin schon 67 Jahre alt – eine Ablösung erfolgt ist. Zumindest zum Teil hält dies der frühere Kultursekretär für möglich. »Man muß aber auch dazu sagen, daß Alois Pisnik zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr der Jüngste war. Ein altersbedingtes Nachlassen der Konzen-trationsfähigkeit und der richtigen Einordnung der Probleme machten sicherlich auch Mängel in seiner Leitungstätigkeit sichtbar, die den Prozeß der Ablösung begünstigten.«[79] Das kann aber nicht der alleinige Grund gewesen sein, war Erich Honecker als die maßgebliche Instanz in Kaderfragen[80] doch dafür bekannt, »in der Parteiführung Kommunisten alter Prägung zu versammeln.«[81] Ein solcher war Alois Pisnik. Er war nur ein Jahr älter als dieser, entstammte also der gleichen Generation, und hatte sich zudem Verdienste im Kampf gegen den Nationalsozialismus erworben. Außerdem scheute sich Honecker nicht, 1983, nur ein paar Jahre später, den 63jährigen Werner Eberlein als neuen 1. Bezirkssekretär nach Magdeburg zu berufen[82], ein weiterer Beleg dafür, dass Honecker Altersfragen weniger wichtig waren. Der Schlüssel zum Verständnis für die Entwicklungen im Bezirk Magdeburg Ende 1978/Anfang 1979 liegt offenbar doch in den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, über die Pisnik in seinen Monatsberichten informierte. Einmal gehörte dies zu seinen ihm obliegenden Aufgaben, zum anderen erhoffte er sich mangels bezirklicher Möglichkeiten Hilfe aus Berlin. Die deutliche Herausstellung der Probleme etwa im Bauwesen, der Werterhaltung und der Konsumgüterproduktion zeigt aber auch, wie stark Pisnik als von der Bevölkerung wahrgenommener Repräsentant der Staatspartei im Bezirk unter dem Druck der Basis stand. Die Bevölkerung wandte sich zunehmend häufiger mit Eingaben an die örtlichen Räte, die ihrerseits die Unzulänglichkeiten weitergaben. Pisnik musste als 1. Sekretär von Magdeburg handeln. Es war nicht allein die Tatsache, dass er in seinem Monatsbericht mannigfaltige Probleme benannte – das taten andere 1. Bezirkssekretäre auch –, sondern der Umstand, dass Pisnik zentrale Entscheidungen in Frage stellte, was höheren Orts auf großen Widerwillen stieß. Auch die im Monatsbericht geschilderten Probleme in der Konsumgüterproduktion entsprachen der Wahrheit. Es war seit einigen Jahren die Taktik der SED, die wachsende Kaufkraft der Bevölkerung abzuschöpfen, indem man »neue Produkte in anderer Verpackung oder mit verändertem Namen, die angeblich eine bessere Qualität hatten und deswegen auch mehr kosteten«, lieferte. Die »billigeren Varianten verschwanden dann nach und nach vom Markt.«[83] Im Laufe des Jahres 1977 war es wegen der Erhöhung der Verkaufspreise bei Baumwollerzeugnissen und Kaffee zu »erheblicher Unruhe und Gerüchten«[84] in der Bevölkerung gekommen. Unter diesem Druck stand auch Alois Pisnik, zumal Eingaben zu Wohnungsfragen seit Mitte der 1970er Jahre »auch mit der Forderung nach Übersiedlung in die Bundesrepublik gekoppelt wurden«.[85] Dabei waren Mittag die in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zunehmenden ökonomischen Probleme durchaus klar. Im März 1977 hatte er gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission Gerhard Schürer in einem Brief an Honecker formuliert: »Erstmals sind wir in akuten Zahlungsschwierigkeiten.«[86] Die sehr unwirsche Reaktion Honeckers veranlasste Mittag offenbar, in Zukunft derart schlechte Nachrichten von diesem fernzuhalten.[87]  Und hier liegt auch der Schlüssel zum Verständnis der Ablösung von Alois Pisnik. Auszüge aus seinen Monatsberichten leitete Honecker an Mittag weiter. Dieser musste sich bei der Darstellung ökonomischer Probleme in seiner Eigenschaft als ZK-Sekretär für Wirtschaft angegriffen fühlen. Er entsandte eine Arbeitsgruppe unter seiner Leitung nach Magdeburg. Diese Arbeitsgruppe, so das Empfinden des Kultursekretärs Winnig, hatte das Ziel nachzuweisen: »Wenn die in Magdeburg meckern, dann sollen sie sich doch erst mal auf ihre eigenen Reserven besinnen.«[88] Nachdem auch seine Sekretäre ihn im Stich gelassen hatten und die mangelnde Kollektivität in der Führung beklagten[89] und Pisnik »taktisch unklug« vorging, indem er zur Kritik der ZK-Arbeitsgruppe »wenig Einsicht gezeigt« hat[90], nachgerade »aufmüpfig«[91] gewesen ist, war der Weg zu seiner Ablösung frei. Zudem war es für Mittag ein Leichtes, die von Pisnik geäußerten Versorgungsschwierigkeiten mit Magdeburger Betrieben selbst zu erklären, die – aus welchen Gründen auch immer – ihre Planauflagen nicht erfüllten.[92]  Auf einen weiteren Aspekt macht Helmuth Winnig, seinerzeit Sekretär für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur in Magdeburg, aufmerksam. »Der Rat des Bezirkes war für die bezirksgeleiteten Betriebe und für die kommunalen Bereiche verantwortlich, jedoch nicht für die zentral geleiteten Betriebe. Er hatte aber fortwährend mit ihnen zu tun, weil von dort aus Anforderungen an die bezirksgeleiteten Betriebe bzw. an die kommunale Ebene gerichtet wurden, welche diese zu erbringen hatten. […] Es gab nun für die Lösung dieser Probleme keine Querschnittsleitung staatlicherseits im Bezirk. Die einzige Möglichkeit, hier im Querschnitt Verbindungen herzustellen, war die Bezirksleitung der Partei. Dort lief vieles zusammen, was eigentlich in die Kompetenz der staatlichen Leitung gehörte. Der Genosse Pisnik hatte sich Instrumente geschaffen, sogenannte Arbeitskreise oder Arbeitsgruppen, die diese koordinierende Funktion ersetzen sollten. In diesen Arbeitskreisen waren wiederum die zentral geleiteten Betriebe durch ihre jeweiligen Leiter vertreten, das heißt in der Regel durch die Generaldirektoren, die jedoch eigentlich in einer direkten Leitungslinie von Günter Mittag angeleitet wurden und abhängig waren. So mußte es zwangsläufig Reibungen geben. Es gab nun sicherlich auch einige, die ihren Direktkontakt auf dieser Ebene und auch außerhalb dieser Ebene zum Genossen Pisnik nutzten, um ihre Probleme an den Mann zu bringen. Wer nun diese Probleme aufnahm und sie nach oben weitergab, der erntete nicht immer Sympathie. […] Das hat offenbar bewirkt, daß zwischen Alois Pisnik und dem Bereich des Genossen Mittag ein gewisses Spannungsfeld entstand.«[93] Nach dem, was über die Persönlichkeit Mittags bekannt ist[94], ist es durchaus denkbar, dass sich Mittag durch die Bildung dieser Arbeitsgruppen übergangen, vielleicht auch hintergangen, und in seiner Kompetenz nicht gebührend gewürdigt sah. Dies mochte ihm einen weiteren Grund liefern, den Magdeburger Konkurrenten ins Visier zu nehmen. Gerade in Bezug auf Kritik in ökonomischen Fragen war die Parteiführung im Zusammenhang mit der krisenhaften Entwicklung ab Ende der 1970er Jahre zunehmend dünnhäutiger geworden. Am Beispiel Pisniks ist den SED-Funktionären verdeutlicht worden, wie mit auch eigenständigen Genossen umgegangen werden konnte. Es ist möglich, dass der Fall Alois Pisnik auch ein Exempel darstellen sollte. Es war daher das »Betreiben Günter Mittags«[95], das die Ablösung Pisniks bewirkte.  Alois Pisnik hatte in seinen Monatsberichten eine Warnung der Abteilung Parteiorgane aus dem Jahre 1961 beherzigt: »Schönfärberei fügt jedoch der Partei großen Schaden zu. […] Die Information, die Mängel umgeht, Fehler verheimlicht und vertuscht, die Wirklichkeit beschönigt, führt dazu, die Lage falsch einzuschätzen und unrichtige Beschlüsse zu fassen.«[96] Honecker dankte dies jedoch nicht, den Schaden hatte Pisnik. Ganz ließ der Generalsekretär ihn jedoch nicht fallen. Um den Schein eines planmäßigen Funktionswechsels zu wahren, vielleicht auch, um das kritische Potential Pisniks einzudämmen, wurde er auf der 11. Tagung der Volkskammer am 3. Juli 1980 zum Mitglied des Staatsrates berufen. Wie sich die Ausübung dieser Funktion allerdings mit dem angeblich angegriffenen Gesundheitszustand des vormaligen 1. Bezirkssekretärs vertragen sollte, wurde nicht erklärt. Alois Pisnik jedenfalls blieb in seinem Bezirk Magdeburg wohnhaft und füllte seine Funktion als Mitglied des Staatsrates bis zu den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990 aus. [1]  Der Text stellt ein überarbeitetes Kapitel aus der Habilitationsschrift zum Thema »Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952 bis 1989« dar, die der Verfasser im September 2005 der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock eingereicht hat. [2]  Protokoll des Gesprächs mit Ulrich Schlaak (Belzig), 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Potsdam 1976 bis 1989, vom 5. März 2003, S. 4. Dieses und die im Weiteren zitierten Gesprächsprotokolle befinden sich sämtlich im Privatarchiv des Verfassers. Ein Interview mit Alois Pisnik zur Thematik dieses Artikels erbrachte keine weiterführenden Erkenntnisse.  [3] Ebenda. [4]  Kleines Politisches Wörterbuch. Neuausgabe 1988, Berlin (Ost) 1989, S. 179. Siehe auch Dohlus, Horst: Der demokratische Zentralismus – Grundprinzip der Führungstätigkeit der SED bei der Verwirklichung der Beschlüsse des Zentralkomitees, Berlin (Ost) 1965 u. Schüßler, Gerhard u. a.: Der demokratische Zentralismus. Theorie und Praxis, Berlin (Ost) 1981. [5]  Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des III. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 20. bis 24. Juli 1950 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, Berlin (Ost) 1951, Bd. 2, S. 307–321, hier S. 313. [6]  Siehe Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des IX. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Palast der Republik in Berlin, 18. bis 22. Mai 1976, Berlin (Ost) 1976, Bd. 2, S. 267–298, hier S. 279. [7]  Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 6. April 1968, Berlin (Ost) 1968, S. 46. [8]  Protokoll des Gesprächs mit Hans Modrow (Berlin), 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden 1973 bis 1989, vom 6. September 2002, S. 7. Siehe auch Protokoll des Gesprächs mit Günter Schabowski (Berlin), 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin 1985 bis 1989, vom 24. Juli 2003, S. 5 u. Protokoll des Gesprächs mit Johannes Chemnitzer (Lichtenberg), 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg 1963 bis 1989, vom 7./8. Mai 2003, S. 24. [9]  Protokoll des Gesprächs mit Helmut Müller (Berlin), 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin 1971 bis 1989, vom 21. Februar 2003, S. 16. [10]  Hierzu hat Beatrix Bouvier eine Fülle von Eingaben aus der Bevölkerung ausgewertet. Bouvier, Beatrix: Die DDR – ein Sozialstaat? Sozialpolitik in der Ära Honecker, Bonn 2002. [11]  Protokoll des Gesprächs mit Erich Postler (Berlin), 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Schwerin 1981 bis 1989, vom 12. März 2003, S. 8. [12]  So Roland Wötzel in: Protokoll der 26. Sitzung. »Die Machthierarchie der SED«, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland« (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), Baden-Baden/Frankfurt a. M. 1995, Bd. 2/1, S. 609. [13]  Protokoll des Gesprächs mit Postler (Anm. 11), S. 9. [14]  Ein Schreiben des Bezirksvorstandes Magdeburg des Verbandes Bildender Künstler der DDR an Alois Pisnik vom 8. Juni 1979 illustriert dies. Darin heißt es: »›Dann müssen wir eben ’mal wieder zu Alois Pisnik gehen.‹ Ein Ausspruch von Vertrauen und Tragweite. In den Anfangsjahren unseres Bezirkes und somit auch in den Anfangsjahren unseres Bezirksverbandes ein oft und oft geäußertes Wort«, in: Privatarchiv Pisnik (Rostock).  [15]  Im SED-Statut von 1954 wurde die Berichtspflicht festgelegt. Siehe Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des IV. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 30. März bis 6. April 1954 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, Berlin (Ost) 1954, Band 2, S. 1115–1141, hier S. 1132. Das ZK-Sekretariat legt später eine 14-tägige Berichtspflicht fest. Siehe Protokoll Nr. 11/58 der Sitzung des Sekretariats des Zentralkomitees vom 10. April 1958, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30/J IV 2/3A/ 604. Später wurde es üblich, »in der Regel einmal im Monat« einen »persönlichen Rapportbrief an den Generalsekretär« zu schreiben. Krenz, Egon: Wenn Mauern fallen. Die friedliche Revolution: Vorgeschichte, Ablauf, Auswirkungen, Wien 1990, S. 26. [16]  Janson, Carl-Heinz: Totengräber der DDR. Wie Günter Mittag den SED-Staat ruinierte, Düsseldorf/Wien/New York 1991, S. 196. [17]  Koehne, Ludwig/Sieren, Frank (Hrsg.): Günter Schabowski: Das Politbüro. Ende eines Mythos. Eine Befragung, Reinbek 1991, S. 40. [18]  Ebenda. [19]  SAPMO-BArch, DY 30/2270, Bl. 15. [20] Ebenda, Bl. 30. [21]  SAPMO-BArch, DY 30/2270, Bl. 33. [22]  Ebenda, Bl. 45. [23] Ebenda. [24]  SAPMO-BArch, DY 30/2270, Bl. 58. [25]  Ebenda. [26]  Ebenda, Bl. 59. [27] Ebenda, Bl. 60. [28]  »Politische Berichterstattung« an den »Genossen Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED« vom 29. November 1978, in: SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 186. [29]  Ebenda. [30]  Ebenda, Bl. 187. [31]  Ebenda, Bl. 186 f. [32]  Ebenda, Bl. 189. [33] Ebenda, Bl. 190. [34]  Pisnik wies wiederholt auf die Belastungen seines Bezirks hin, die durch so genannten Sonderbedarf und das Berlin-Programm entstanden waren. Unter »Sonderbedarf I« fielen hier die »Organe der Verteidigung und Sicherheit« (der Bezirk Magdeburg besaß die längste Grenze zur Bundesrepublik unter allen Bezirken), unter »Sonderbedarf II« der »Bedarf der Sowjetarmee und dann der Parteien, der Sondervorhaben sowie der Bedarf der Massenorganisationen wie FDGB, FDJ und andere.« Siehe die Ausführungen von Gerhard Schürer in: Wir waren die Rechner, immer verpönt. Gespräch mit Dr. Gerhard Schürer und Siegfried Wenzel, Berlin 25. 2. 1993 und 21. 5. 1993, in: Pirker, Theo u. a.: Der Plan als Befehl und Fiktion. Wirtschaftsführung in der DDR. Gespräche und Analysen, Opladen 1995, S. 67–120, hier S. 108. [35]  »Politische Berichterstattung« an den »Genossen Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED« vom 29. November 1978, in: SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 190. [36]  Ebenda, Bl. 192. [37]  Siehe SAPMO-BArch, DY 30/2270, Bl. 66–72. [38]  SAPMO-BArch, DY 30/IV B 2/5/1159. [39] Ebenda. [40]  Ebenda. [41]  Ebenda. [42]  SAPMO-BArch, DY 30/IV B 2/5/1197. [43] Ebenda. [44]  SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 139 u. SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1757. [45]  SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 140 f. [46]  Ebenda, Bl. 141. [47]  Ebenda. [48]  Ebenda. In seinem Brief an den Generalsekretär vom 29. November 1978 hatte Pisnik unter anderem ausgeführt, dass allein im Kreis Wernigerode für insgesamt 46 Gaststätten Auflagen der Bauaufsicht und der Hygiene bestünden, die nicht zu realisieren seien. 16 Gaststätten müssten demnach in den Jahren 1979 und 1980 geschlossen werden. Siehe SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 192. [49] SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/50/17. [50] Ebenda. [51] Ebenda. [52] Ebenda. [53]  SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1763, Bl. 68, 74 u. 82. [54]  SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 102. [55]  Ebenda. [56]  Ebenda. [57]  Ebenda, Bl. 103. [58] Ebenda. [59]  Ebenda, Bl. 104. [60] Ebenda. [61]  Ebenda, Bl. 105. [62]  SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1763, Bl. 10 u. 14. . [63] Ebenda, Bl. 26 [64]  Ebenda, Bl. 27. [65]  Ebenda, Bl. 28. [66]  Ebenda, Bl. 32. [67]  Ebenda, Bl. 37. [68]  Ebenda, Bl. 39. [69]  Brief an Erich Honecker vom 31. Januar 1979, in: Privatarchiv Pisnik (Rostock). [70]  Siehe SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 100 f. [71]  SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 233. [72]  Kurt Tiedke übte seine neue Funktion nur gut vier Jahre aus. Mitte 1983 wurde er Direktor der Parteihochschule »Karl Marx«, und Werner Eberlein, Stellvertretender Leiter der Abteilung Parteiorgane im ZK und zunächst ebenso wenig mit den Magdeburger Verhältnissen vertraut, folgte ihm im Amt. Er war bis 1989 1. Sekretär des Bezirks Magdeburg.   [73] SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 254. [74]  Ebenda, Bl. 275 f. [75]  Ebenda, Bl. 276. [76]  Siehe Protokoll des Gesprächs mit Helmuth Winnig (Magdeburg), Sekretär für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur der SED-Bezirksleitung Magdeburg 1967 bis 1989, vom 9. Juli 2003, S. 8. [77] Ebenda. [78]  Die 1979 jüngsten 1. Bezirkssekretäre waren Günther Jahn und Siegfried Lorenz, beide 1930 geboren. Alois Bräutigam, seit 1958 1. Sekretär in Erfurt, ist Jahrgang 1916, Hans Albrecht (Suhl) Jahrgang 1919. Die 1. Sekretäre mit der nach Pisnik und Bräutigam längsten Amtsdauer waren Johannes Chemnitzer in Neubrandenburg und Herbert Ziegenhahn in Gera. Beide hatten 1963 die Funktion übernommen. Alle Angaben aus: Herbst, Andreas/Stephan, Gerd-Rüdiger/Winkler, Jürgen (Hrsg.): Die SED. Geschichte, Organisation, Politik. Ein Handbuch, Berlin 1997. [79]  Protokoll des Gesprächs mit Winnig (Anm. 76), S. 8. [80]  Siehe hierzu Schabowski, Günter: Der Absturz, Reinbek 1992, S. 114 f. [81]  Interview von Brigitte Zimmermann und Hans-Dieter Schütt mit Werner Eberlein vom 17. Dezember 1991, in: Schütt, Hans-Dieter/Zimmermann, Brigitte (Hrsg.): ohnMacht. DDRFunktionäre sagen aus, Berlin 1992, S. 44–65, hier S. 46. [82]  Siehe Eberlein, Werner: Geboren am 9. November. Erinnerungen, Berlin 2000, S. 410–414. [83]  Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989, Bonn 1998, S. 197. [84]  Ebenda. Siehe auch ebenda, S. 198–201. [85]  Bouvier: Die DDR (Anm. 10), S. 197. [86]  Zitiert bei Hertle, Hans-Hermann: Die Diskussion der ökonomischen Krisen in der Führungsspitze der SED, in: Pirker: Der Plan (Anm. 34), S. 309–345, hier S. 314.  [87]  Erich Honecker reagierte so: »Wir können doch nicht von heute auf morgen die ganze Politik ändern. Was vorgeschlagen wird, bedeutet tiefe Einschnitte in die Politik. Wir müßten vor’s ZK gehen und sagen: Wir haben das nicht vorausgesehen oder wir haben Euch belogen.« Ebenda, S. 315. Allein Schürer schlug im Mai 1978 erneut Alarm und sagte für das Jahresende eine Schuldenhöhe von 21,3 Milliarden Valutamark voraus. Ebenda, S. 317. [88]  Protokoll des Gesprächs mit Winnig (Anm. 76), S. 8. [89]  Diese Kritik hielt Helmuth Winnig im Gespräch nach wie vor aufrecht: »Im Unterschied zu Alois Pisnik lief es bei Werner Eberlein so ab, daß er, wenn er einen Brief schreiben sollte, vorher gefragt hat: ›Der Termin ist fällig. Wie schätzt ihr die Lage ein? Was soll ich schreiben?‹ Und wir wußten dann Bescheid. Der Genosse Pisnik hat das im Alleingang gemacht. Worüber er da wirklich berichtete, das wußten wir nicht. Das ist natürlich kritikwürdig.« Ebenda, S. 8. [90]  Ebenda, S. 9. [91]  So die Einschätzung des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung Dresden, Hans Modrow. Protokoll des Gesprächs mit Modrow (Anm. 8), S. 19. [92]  Hierzu Helmuth Winnig: »Es war doch ein Leichtes – wenn man das Beispiel Strickwaren nimmt – zu sagen: ›Und was macht euer Strickwarenbetrieb Ilsenburg? Erfüllen sie den Plan oder übererfüllen sie ihn?‹ Viele dieser Betriebe waren ja im Bezirk Magdeburg selbst angesiedelt. Damit war das natürlich ein Bumerang, der auf den Bezirk zurückgehen konnte.« Protokoll des Gesprächs mit Winnig (Anm. 76), S. 9. [93]  Ebenda, S. 7 f.  [94]  Siehe etwa die Erinnerungen seines Abteilungsleiters Janson: Totengräber der DDR (Anm. 16). [95]  So Richard Wilhelm, von 1960 bis 1990 LDPD-Volkskammerabgeordneter und seit 1962 Mitglied des Bezirksausschusses Magdeburg der Nationalen Front. Wilhelm, Richard: »Soviel Lichter müssen uns noch aufgehen«, in: Hoffmann, Gertraude/Höpcke, Klaus (Hrsg.): »Das Sicherste ist die Veränderung«. Hans-Joachim Hoffmann: Kulturminister der DDR und häufig verdächtigter Demokrat, Berlin 2003, S. 71–75, hier S. 74. Auch der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg, Johannes Chemnitzer, führt Pisniks Ablösung »ganz eindeutig auf [das] Betreiben von Mittag« zurück. Protokoll des Gesprächs mit Chemnitzer (Anm. 8), S. 18. [96]  Information über den Erfahrungsaustausch der Abteilung Parteiorgane beim ZK über die Durchführung der Richtlinien des ZK zu den Aufgaben der Parteiinformation am 9. Juni 1961, in: SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/3A/752, Bl. 17. 

JHK 2006

»Großer Terror« und Stalin-Kult. Anmerkungen zur Durchsetzung der Stalinschen Herrschaft

Leonid Luks

Der »Große Terror« von 1936 bis 1938 gehört, trotz der partiellen Öffnung der russischen Archive, zu den rätselhaftesten Phänomenen der neuesten Geschichte. Zwar erinnert diese Tragödie äußerlich an die Vorgänge in Frankreich zur Zeit der jakobinischen Diktatur. Damals lehnten sich die Vertreter der bedrohten jakobinischen Elite jedoch bereits nach zwei Jahren gegen den Tyrannen Robespierre auf und bereiteten am 9. Thermidor 1794 seiner Schreckensherrschaft ein Ende. In der Sowjetunion hingegen fand eine Art »Thermidor« – die partielle Abrechung mit dem Tyrannen – erst postum statt, auf dem XX. Parteitag der KPdSU. Die moralische Degradierung der »Lenin-Garde« Für Lev Trockij ereignete sich der »sowjetische Thermidor« indes viel früher. Er hielt bekanntlich das stalinistische System für die Folge einer »thermidorianischen Entartung« der bolschewistischen Führung.[1] Damit verkannte Trockij das Wesen der 1929/30 begonnenen Stalinschen Revolution von oben und des damals errichteten Systems. Denn im Gegensatz zum »Thermidor« handelte es sich beim Stalinismus keineswegs um einen Versuch, der doktrinär-terroristischen Phase der Revolution ein Ende zu setzen. Im Gegenteil, gerade Stalin führte diese Entwicklungslinie der russischen Revolution auf ihren Höhepunkt.[2] So ist die These Trockijs von einer »thermidorianischen Entartung« keineswegs dazu geeignet, das Phänomen »Stalin« und das mit ihm untrennbar verbundene Phänomen des »Großen Terrors« zu erklären. Eine andere Erklärung für den Großen Terror gibt der »Brief eines alten Bolschewiken«, den der russische Sozialdemokrat Boris Nikolaevskij 1936 in der Exilzeitschrift Socialističeskij vestnik veröffentlichte und der im Wesentlichen auf den Gesprächen Nikolaevskijs mit Nikolaj Bucharin basiert. Hier wird Stalins Absicht, einen Vernichtungsfeldzug gegen die bolschewistische Elite zu beginnen, folgendermaßen begründet: Stalin habe erkannt, dass die alten Bolschewiki sich nie mit seiner Diktatur abfinden würden. Sie seien in der Atmosphäre des Kampfes und des Widerstandes gewachsen, sie seien durchweg nonkonformistisch und kritisch. Diese Eigenschaften halte Stalin aber für destruktiv. Er sei daher zu einem kühnen Entschluss gelangt: Wenn die alte Generation der Bolschewiki, aus der sich die sowjetische Regierungselite rekrutiere, für eine »konstruktive« Arbeit nicht geeignet sei, solle sie beseitigt und durch eine neue Elite ersetzt werden.[3] Wenn man allerdings das tatsächliche Verhalten der alten Bolschewiki während des »Großen Terrors« näher betrachtet, so entdeckt man, wenn man von einigen Ausnahmen absieht, nicht allzu viel Kritik bzw. Nonkonformismus, kaum etwas von dem, was der Verfasser des »Briefes eines alten Bolschewiken« so stark hervorhebt. Der polnische Dichter Aleksander Wat, der einige Jahre im Gulag verbracht hatte, schreibt: Keine andere Opfergruppe habe sich in den stalinistischen Gefängnissen so unwürdig verhalten wie die der »alten Bolschewiki«, diese einstigen Helden der Revolution und des Bürgerkrieges. Kaum jemand habe vor den Terrororganen so schnell kapituliert wie sie.[4] Dieses Verhalten überrascht, wenn man bedenkt, dass noch einige Jahre zuvor die Partei keineswegs ein willenloses Werkzeug in den Händen der Führung darstellte. Auch nach der Zerschlagung der »Rechten« im Jahre 1929 – der letzten großen Opposition – hörte der Widerstand gegen die »Generallinie« der Führung nicht auf. Nach dem Beginn der Kollektivierung der Landwirtschaft waren viele Parteifunktionäre von der Unmenschlichkeit, mit der das Regime gegen die wehrlose Bauernschaft vorging, erschüttert. Viele fühlten sich vom apodiktischen Stil Stalins herausgefordert und strebten nach der Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie, die ihrer Ansicht nach in den 20er Jahren noch in der Partei geherrscht habe.[5] Gegen die Stalin-Diktatur kämpfte in der Partei die Gruppe um den Altbolschewiken Martem’jan Rjutin besonders konsequent. Sie verfasste zu Beginn der 30er Jahre eine Reihe von Schriften, die sich äußerst scharf mit dem neuen politischen Kurs auseinandersetzten.[6] Die alte Partei habe im Sterben gelegen, schrieb der aus der Sowjetunion emigrierte Historiker Abdurachman Avtorchanov über die Lage in der Partei in den Jahren 1930 bis 1933, dies sei allerdings kein natürlicher Tod gewesen. Die Partei habe einen ununterbrochenen Widerstand geleistet. Kaum, dass es Stalin gelungen sei, eine Opposition zu beseitigen, sei sofort eine neue entstanden.[7] Dieser Widerstand hat sich bekanntlich sogar auf dem XVII. Parteitag der Bolschewiki vom Januar 1934 – dem »Parteitag der Sieger« – unterschwellig geäußert, als eine Reihe der Delegierten sich weigerte, bei den Wahlen zum Zentralkomitee für Stalin zu stimmen. Von den stimmberechtigten 1 225 Kongressteilnehmern haben nach einigen Quellen etwa 125, nach anderen beinahe 300 gegen Stalin gestimmt.[8] Warum vermochte dann Stalin einige Jahre später etwa die Hälfte der Delegierten dieses widerspenstigen Kongresses zu vernichten? Warum hatten sich viele von ihnen während der Schauprozesse derart erniedrigen lassen? Warum hatten sie, von einigen Ausnahmen abgesehen (so z. B. Nikolaj Krestinskij während des Prozesses vom März 1938),[9] nicht versucht, zumindest den Rest ihrer Menschenwürde zu bewahren? Diese Fragen stellte Aleksander Wat dem langjährigen Chefredakteur der Zeitung Izvestija Jurij Steklov, den er im Gefängnis von Saratov traf. Die Antwort Steklovs unterschied sich wesentlich von derjenigen, die Arthur Koestler in seinem Roman Sonnenfinsternis liefert. Nicht der Glaube an die »höhere Vernunft« der Partei habe sie zur Selbstaufgabe veranlasst, sondern vielmehr eine weitgehende moralische Degradierung. Die verhafteten Helden der Revolution seien selbst an derart vielen Verbrechen beteiligt gewesen, an ihren Händen habe so viel Blut geklebt, dass sie nicht die moralische Kraft gehabt hätten, sich der Terrormaschinerie zu widersetzen, die sie selbst mitentwickelt hatten, als diese Maschinerie sich gegen ihre Urheber wandte.[10] Insbesondere die Methoden, die die Partei während der Kollektivierung der Landwirtschaft angewandt hatte, trugen zu der von Steklov erwähnten moralischen Degradierung bei. Und Boris Nikolaevskij, der Autor des »Briefes eines alten Bolschewiken«, fügt hinzu, dass der während der Kollektivierung entwickelte organisierte Terror mit dem Terror aus der Zeit des Bürgerkrieges wenig gemein gehabt hätte. Damals hätten die Bolschewiki um ihr Überleben gekämpft, und der Gegner sei nicht weniger rücksichtslos gewesen. Demgegenüber begann die Partei 1929/30 ihren Bürgerkrieg in einer Zeit, in der das Machtmonopol der Bolschewiki nicht im Mindesten gefährdet war und in der der Gegner über keine Verteidigungsmittel verfügte.[11]  Das würdelos scheinende Verhalten der Vertreter der »Lenin-Garde« während der Schauprozesse war in vielen Fällen auch die Folge unvorstellbarer Foltern, denen sie ausgesetzt waren und die von der Parteiführung ausdrücklich verordnet waren: »Das ZK der KPdSU stellt klar, daß die Anwendung physischen Drucks seit 1937 aufgrund einer Genehmigung des ZK der KPdSU zulässig ist«, so lautete die von Nikita Chruščev auf dem XX. Parteitag der KPdSU zitierte Verordnung Stalins vom Januar 1939.[12] Trockij nahm in seiner im Februar 1937 in New York gehaltenen Rede über die Moskauer Schauprozesse seine ehemaligen Gefährten in Schutz: »Die Prozesse der GPU sind durch und durch von inquisitorischem Charakter, darin liegt das simple Geheimnis der Geständnisse! […] Vielleicht gibt es in der Welt viele Helden, die jegliche Folter […] an sich selbst, ihren Frauen und Kindern ertragen können […]. Ich weiß es nicht […]. Meine persönlichen Beobachtungen sagen mir, daß das Widerstandsvermögen der menschlichen Nerven begrenzt ist […]. Die Moskauer Prozesse entehren die alte Generation der Bolschewiki nicht: sie zeigen nur, daß auch Bolschewiki aus Fleisch und Blut sind und daß sie es nicht endlos ertragen können, wenn über ihren Köpfen jahrelang das Todespendel schwebt. Die Moskauer Prozesse entehren das politische Regime, das sie erzeugt hat«.[13] Trockijs Erklärungen gelten allerdings nur für diejenigen alten Bolschewiki, die sich erst nach Anwendung von unerträglichem physischem Druck mit der Rolle der Marionetten im Stalinschen Marionettentheater abfanden.[14] Das Verhalten der noch nicht verhafteten Kommunisten, die im »vorauseilenden Gehorsam« dieselbe Sprache wie die Stalinschen Henker sprachen, muss mit ganz anderen Maßstäben bewertet werden. So verlangten viele ehemalige Parteioppositionelle (Karl Radek, Kristijan Rakovskij, Vladimir Antonov-Ovseenko, Nikolaj Pjatakov u. a.) während des ersten Moskauer Schauprozesses vom August 1936 eine schonungslose Abrechnung mit den Angeklagten. Pjatakov schrieb am 21. August in der Pravda: »Man findet keine Worte, um den Unwillen und den Abscheu völlig auszudrücken. Diese Leute haben die letzte Ähnlichkeit mit Menschen verloren. Sie müssen beseitigt werden wie Aas, das die reine erfrischende Luft des Landes der Sowjets verpestet«.[15] Und Nikolaj Bucharin schrieb kurz nach der Hinrichtung seiner ehemaligen Gefährten im Brief an einige Politbüromitglieder: »Ich bin außerordentlich froh, dass man diese Hunde erschossen hat. Durch diesen Prozess ist Trockij politisch vollkommen erledigt.«[16] Aus Angst um ihr Leben verrieten viele alte Bolschewiki ihre langjährigen Kameraden, manchmal ihre engsten Freunde und sogar Familienangehörige. Dies waren die gleichen Menschen, die noch einige Jahre zuvor ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, um eine völlig neue, aus ihrer Sicht gerechtere Welt ohne Ausbeutung, ohne »bürgerliche« Lüge und Heuchelei zu erschaffen. Nun verabschiedeten sie sich nicht nur von der so genannten bürgerlichen Moral, sondern von den elementarsten Anstandsregeln, gerieten in ein ethisches Vakuum, in dem die universalen, in der zivilisierten Welt allgemein akzeptierten Verhaltensnormen nicht mehr galten. Kein einziges Attentat auf den Urheber der »Stalinščina« Die würdelos scheinenden Auftritte der ehemaligen Helden der bolschewistischen Revolution während der Schauprozesse kommentierte der Exilhistoriker Georgij Fedotov wie folgt: »Ihre Erniedrigung erfüllt mich nicht mit Schadenfreude. Ich bin erniedrigt ebenso wie sie. Denn ihre Schande ist letztendlich auch die Schande Russlands. Denn seinerzeit bezwangen diese Menschen Russland, sie waren stärker als alle anderen Führer des Landes. Sie hatten sich mit ihrem unbezwingbaren ›bolschewistischen‹ Willen gebrüstet, und nun platzte ihr angeblicher Wille wie eine Seifenblase.«[17] Die Tatsache, dass die Angeklagten sich während der Prozesse so »würdelos« verhielten, führt Fedotov auf Lenin zurück: »Lenin hat eine Generation von Politikern erzogen, die durch ihren prinzipiellen Amoralismus, durch ihre Ablehnung von persönlicher Ehre und Würde die Entstehung aller edlen Regungen im Bolschewismus im Keime erstickte. Er erzog Henker und keine Helden. Und dieser Menschentyp schuf ein neues Russland, das dazu prädestiniert war, von Stalin versklavt zu werden.«[18] Die Versuche der sowjetischen Oligarchie, den gegen sie gerichteten Vernichtungsfeldzug aufzuhalten, hatten einen zaghaften und völlig unbeholfenen Charakter. So protestierten z. B. einige ZK-Mitglieder auf dem ZK-Plenum vom Juni 1937 gegen die Forderung Nikolaj Ežovs nach einer Verschärfung des Kampfes gegen die »Volksfeinde«. Der Volkskommissar für Gesundheitswesen Grigorij Kaminskij soll gesagt haben: »Auf diese Weise werden wir die gesamte Partei erschießen!« Unterstützt wurde Kaminskij von Osip Pjatnickij.[19] Dieser Protest zeitigte aber keinerlei Folgen. Kaminskij und Pjatnickij wurden bald nach dem Plenum verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der Terror ging unaufhaltsam weiter und erreichte gerade nach dem Plenum vom Juni 1937 seinen Höhepunkt. Zu einer verbreiteten Form des Protestes gegen die Willkür des Regimes wurden Selbstmorde einer Reihe prominenter Parteiführer – wie z. B. Michail Tomskij, Sergo Ordžonikidze, Jan Gamarnik u. a. Stalin ließ sich durch solche Verzweiflungsakte seiner engsten Gefährten nicht erweichen. So bezeichnete er auf dem ZK-Plenum vom Dezember 1936 die Selbstmörder als besonders raffinierte Parteifeinde, die die Partei durch ihren Freitod bespucken und in eine heikle Lage bringen wollten.[20] Von einem systematischen Widerstand der sowjetischen Machtelite gegen den Tyrannen kann also keine Rede sein. Sogar innerhalb der Roten Armee entdeckten die Forscher keine Anzeichen für einen organisierten Widerstand. Mehr noch: Viele Militärführer hatten am Stalinschen Vernichtungsfeldzug gegen ihre langjährigen Gefährten und Freunde sogar mitgewirkt. Ihr Verhalten wird von den russischen Militärhistorikern Vitalij Rapoport und Jurij Alekseev folgendermaßen kommentiert: »Es standen ihnen mehrere Optionen zur Wahl: passiver Widerstand, offener Protest und sogar die Beseitigung Stalins […]. Sie haben sich aber für den sklavischen Gehorsam entschieden. Kurz danach blieben nur wenige von ihnen am Leben.«[21] So unterschied sich das Verhalten der bolschewistischen Machtelite grundlegend von demjenigen der sowjetischen Bauernschaft, die sich gegen ihre Enteignung zur Zeit der Kollektivierung der Landwirtschaft verzweifelt gewehrt hatte.[22] Diese unterschiedlichen Haltungen lassen sich in erster Linie dadurch erklären, dass die bolschewistische Oligarchie sich mit dem Staat, der einen erbarmungslosen Terrorfeldzug gegen sie führte, viel stärker identifizierte als dies bei den Bauern der Fall gewesen war. Angesichts des geschilderten Sachverhaltes ist es völlig verfehlt, die Stalinschen Terrormaßnahmen gegen die »Lenin-Garde« auf ihren angeblichen Hang zum Nonkonformismus und zur Kritik zurückzuführen, wie dies Nikolaevskij tut. Im Gegenteil, ihr unterwürfiges Verhalten zeigt, dass Stalin von ihnen kaum etwas zu befürchten hatte.[23] Ihre im Wesentlichen passive Hinnahme des gegen sie gerichteten Vernichtungsfeldzugs trug lediglich zur Stabilisierung der neuen Despotie bei. Die bolschewistischen Opfer Stalins fühlten sich in der Regel dem in der Lenin-Zeit entstandenen »bolschewistischen Ehrenkodex« verpflichtet, der es verbot, mit Gewalt gegen innerparteiliche Gegner vorzugehen. Dieser Tradition blieb die Mehrheit von ihnen auch während des »Großen Terrors« treu. Dies ungeachtet der Tatsache, dass Stalin bei der Bekämpfung seiner Parteigefährten absolut keine Tabus respektierte. Die Trotzkistin Safonova, die den Terror der 30er Jahre wie durch ein Wunder überlebte, sagte später: »Wir lehnten prinzipiell den Terror ab und verübten [im Kampf gegen Stalin] keinen einzigen Gewaltakt«.[24] Dabei darf man nicht vergessen, dass es sich bei den alten Bolschewiki bekanntlich nicht um Gewalt verabscheuende Pazifisten handelte. Sie hatten absolut keine Bedenken, im Kampfe gegen die so genannten »Klassengegner« Terrormaßnahmen brutalster Art anzuwenden. Stalin in die Kategorie der »Klassengegner« einzuordnen, waren sie jedoch außerstande. Das Revolutionsschema, in dem sie verfangen waren, ließ eine derartige Betrachtung nicht zu. Der Stalin-Biograph Anton Antonov-Ovseenko schrieb in diesem Zusammenhang: »Hatte es wirklich keinen einzigen Attentatsversuch auf Stalin gegeben? […] Nein, in der Tat […]. Es gab bei uns keine Verschwörer, weil man mit dem Namen Stalin bereits zu Beginn der 30er Jahre alle Siege des sozialistischen Aufbaus verknüpfte. Die physische Beseitigung Stalins stand für die Opposition nicht zur Debatte.«[25] Dieses Verhalten erinnert in verblüffender Weise an die Haltung der alten deutschen Eliten gegenüber Hitler. Die Mehrheit der deutschen Konservativen lehnte das gewaltsame Vorgehen gegen die Hitlersche Tyrannei kategorisch ab und berief sich dabei, ebenso wie die alten Bolschewiki, auf einen »Ehrenkodex« – in ihrem Fall war dies der Eid, den sie auf den »Führer des Deutschen Reiches und Volkes« geleistet hatten. Abgesehen davon wandten sie sich gegen die gewaltsame Abschaffung des bestehenden Systems aus Angst vor Anarchie und Kommunismus. Die bolschewistischen Kritiker Stalins wiederum lehnten die Anwendung von Gewalt gegen das bestehende System nicht zuletzt deshalb ab, weil sie Angst vor einer Restauration des Kapitalismus hatten. Stalin und Hitler wussten von den moralischen Tabus ihrer Opponenten. Der Hitler-Biograph Konrad Heiden sagte über Hitler, dieser habe seine Gegner besser gekannt als diese sich selbst, weil er sie aufmerksam beobachtet habe und weil die Ausnutzung fremder Blößen sein Lebenselement gewesen sei.[26] Diese Worte Heidens lassen sich auch auf Stalin anwenden.  In Anlehnung an den sowjetischen Militärtheoretiker A. Todorskij bezeichnet Roj Medvedev den »Großen Terror« als eine Art »Master-Plan« Stalins zur Vernichtung der Partei- und Militärführung. Dieser Plan sei einem Mobilisierungsplan einer großen Armee nicht unähnlich gewesen. Er sei sorgfältig konzipiert und meisterhaft durchgeführt worden.[27] J. Arch Getty lehnt hingegen die These von einem sorgfältig durchdachten Terrorfeldzug rundweg ab: »[Stalin] was not a master planner […]. There was certainly repression, but there is no evidence of a planned straight line to it. There was, on the other hand, considerable indecision, ad hoc campaigns, false starts, and retreats.«[28] Gehören aber gelegentliche Rückzüge nicht zum Bestandteil einer wohl überlegten Taktik? Stalin beherrschte meisterhaft die Kunst eines vorübergehenden Rückzugs, um Kräfte für einen erneuten Angriff zu sammeln. Die plötzliche Verlangsamung der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft im März 1930 (»Vor Erfolgen von Schwindel befallen«) stellt ein besonders anschauliches Beispiel für diese Vorgehensweise dar. Anders als für Getty und seine »revisionistischen« Mitstreiter (z. B. für Robert W. Thurston) besteht für die Mehrheit der westlichen und russischen Stalinismusforscher kein Zweifel daran, dass Stalin den Vernichtungsfeldzug von 1936 bis 1938 sowohl initiierte als auch weitgehend kontrollierte. Die Symbolfigur des »Großen Terrors«, der Volkskommissar für Inneres, Ežov, sei im Wesentlichen eine Marionette Stalins gewesen: »Die Ežovščina [die Amtszeit von Ežov als NKVD-Chef 1936 bis 1938, Anm. der Redaktion] könnte mit gleichem Recht auch Stalinščina heißen«, sagt in diesem Zusammenhang Manfred Hildermeier.[29] Entstehung und Funktion des Stalin-Kults Untrennbar mit dem »Großen Terror« war ein hysterischer Stalin-Kult verbunden, an dessen Entwicklung sich viele Vertreter der »Lenin-Garde« maßgeblich beteiligten.[30] Einige Autoren, insbesondere in der Zeit der Gorbačevschen Perestrojka, neigen dazu, das Aufkommen des Stalin-Kultes durch die Rückständigkeit Russlands zu erklären. Die Oktoberrevolution und der Bürgerkrieg hätten die alten russischen Bildungsschichten weitgehend dezimiert, sie seien durch politisch unerfahrene, ungebildete Emporkömmlinge abgelöst worden, die die Anordnungen von oben widerspruchslos akzeptierten und zur unkritischen Anbetung der Obrigkeit neigten. Der Publizist Otto Lacis hielt den Führerkult für ein Attribut eines frühen Sozialismus, der auf einer unerfahrenen und rückständigen Arbeiterklasse gründete.[31] Auch Trockij führte die Entstehung des stalinistischen Regiments und des Stalin-Kultes auf die Tatsache zurück, dass die politisch orientierungslosen Schichten in einem immer stärkeren Ausmaß die politische Kultur des Landes und den Charakter der Partei zu prägen begannen. Die internationalistisch gesinnte, vielseitig gebildete Parteielite sei diesen Gruppen, die nun im Parteiapparat dominierten, verhasst gewesen. Stalin habe deren antielitäre Emotionen in seinem Kampf um die Alleinherrschaft geschickt ausgenutzt. Vieles scheint in der Tat für diese Theorie zu sprechen. Stalin appellierte wiederholt an antiintellektuelle und antielitäre Ressentiments, die sowohl in der bolschewistischen Partei als auch in den anderen Sektionen der Kommunistischen Internationale stark verbreitet waren: »Wir wollen keine Adeligen in der Partei haben«, verkündete er im Dezember 1927 auf dem XV. Parteitag der Bolschewiki, und dieser Appell fand ein beachtliches Echo bei den Parteimassen.[32] Als sich die Ernst-Thälmann-Fraktion innerhalb der KPD Mitte der 20er Jahre gegen ihre intellektuell versierten Gegner durchsetzte, wandte sich Stalin scharf gegen die KPD-Opposition, und zwar mit folgenden Argumenten: »Bei einigen Intellektuellen werden Stimmen laut, daß der Mangel an Intellektuellen im ZK dessen Arbeit beeinträchtige. Ich halte dergleichen Ausfälle für eine Kampfesweise der Intellektuellen, die unwürdig sind, sich Kommunisten zu nennen. Man sagt, das heutige ZK sei arm an Theoretikern; das ist noch kein großes Unglück, sofern nur eine richtige Politik vorhanden ist.«[33] Die These vom Aufstand der Ungebildeten gegen die Gebildeten, der Massen gegen die Elite als Voraussetzung für die Verwandlung der ursprünglich ideokratischen bolschewistischen Partei und der kommunistischen Weltbewegung in eine Führerpartei bzw. -bewegung scheint durch diese Aussagen Stalins, die eine große Resonanz bei den Angesprochenen fanden, bestätigt. Bei einer näheren Betrachtung verliert sie allerdings an Überzeugungskraft. Die Entstehung des Stalinschen »Kommandosystems« und des mit ihm eng verknüpften Stalin-Kultes vollzog sich in der Zeit, als die Partei noch kein willfähriges Organ in den Händen Stalins war, sondern einen ausgesprochen oligarchischen Charakter hatte. Die Generallinie der Partei bestimmte damals die siegreiche Stalinsche Fraktion, die keineswegs aus Kreaturen Stalins bestand. Solche bolschewistischen Führer wie Sergej Kirov, Grigorij Ordžonikidze oder Valerian Kujbyšev gehörten der alten Garde der Bolschewiki an. Sie verdankten ihren Aufstieg keineswegs Stalin. Sie waren aber der Meinung, dass die neue Phase der Klassenkämpfe neuer Führermethoden und neuer Führer bedürfe. Man benötigte jetzt keine Volkstribunen und brillante Theoretiker, sondern Männer der Tat. Und Stalin galt in ihren Augen als solcher. Deshalb unterstützten sie vorbehaltlos sein voluntaristisches Industrialisierungs- und Kollektivierungsprogramm. Die Anwendung des Terrors gegen die sich verzweifelt wehrenden Bauern hielten sie für durchaus legitim, denn diese klammerten sich ihrer Ansicht nach an die bereits überlebte »kleinbürgerliche« Wirtschaftsordnung. Die Bolschewiki bezeichneten sich stolz als Träger der größten Revolution in der Geschichte der Menschheit. Ihnen schwebte eine umfassende Veränderung der Welt und nicht eine Anpassung an die politische Realität vor. Diese voluntaristischutopistischen Energien des Bolschewismus waren selbstverständlich während der Periode der Neuen Ökonomischen Politik (NĖP, 1921 bis 1928) nicht erloschen. An diese Energien, die zur Zeit des russischen Bürgerkrieges bzw. des Kriegskommunismus zur vollen Entfaltung gekommen waren, appellierte Stalin nun.  Mit der Anlehnung an die Methoden des Kriegskommunismus, die etwa 1929/30 in der Sowjetunion erfolgte, kann man allerdings die Entstehung des Führersystems und des Stalin-Kultes nur bedingt erklären. Denn während des russischen Bürgerkrieges, selbst zur Zeit der akutesten Krisen, hatte die Partei nicht aufgehört zu diskutieren, der offizielle Kurs wurde immer wieder von unten in Frage gestellt. Die Bolschewiki, die damals die Gesellschaft einem brutalen Zwangssystem unterwarfen, pflegten im Umgang miteinander einen ganz anderen Stil. So kann man mit der Wiederanknüpfung an die Methoden des Bürgerkrieges zwar die Rückkehr der Bolschewiki zum Massenterror (1930), nicht aber die Verwandlung der Partei in eine Marionette der Führung und genauso wenig die Entstehung des Stalin-Kultes erklären.[34] Abgesehen davon sind all diese Konzepte, insbesondere die »Rückständigkeitsthese«, viel zu russozentrisch. So lässt die letztere Erklärung außer Acht, dass Anfang der 30er Jahre das mächtigste Industrieland Europas, dessen Bildungssystem vielen Staaten als Vorbild gedient hatte, ebenfalls einem Führer-Wahn erlag. Das deutsche Beispiel zeigt, dass der Sturz in die Barbarei von jeder Entwicklungsstufe aus möglich ist. Nach all diesen unbefriedigenden Erklärungsversuchen möchte ich mich nun mit den Hypothesen von Richard Pipes befassen, der die Entstehung des Stalinschen Systems auf folgende Ursachen zurückführt:  Das Scheitern des bolschewistischen Versuchs, die Weltrevolution auf den industriell hoch entwickelten Westen auszudehnen. Die Ausweitung der Kontrolle der allein herrschenden Partei auf beinahe alle Lebensbereiche des Sowjetstaates, die zur Entstehung eines gigantischen bürokratischen Parteiapparats führte. Die Auflehnung der Arbeitermassen – der wichtigsten Basis der Partei – gegen die Herrschaft der in der Partei dominierenden Intellektuellen.[35] Von der geschickten Ausnutzung der bei den breiten Parteimassen tief verankerten antiintellektuellen Ressentiments durch Stalin war in diesem Beitrag bereits die Rede. Deshalb möchte ich vor allem auf die beiden ersten Erklärungsmodelle von Richard Pipes etwas genauer eingehen. Die Bolschewiki hatten im Oktober 1917 in Russland – dem »schwächsten Glied der Kette des Weltkapitals« – die Macht mit dem Ziel erobert, die ganze Kette durch die Weltrevolution zu beseitigen. Ihren Kampf um die Macht in Russland fassten sie zunächst ausschließlich als Dienst an der Weltrevolution, nicht als Selbstzweck auf. Sie strebten eine weltweite Verwirklichung solcher marxistischen Postulate wie die Abschaffung des Privateigentums und die Aufhebung der Klassenherrschaft an. Dergleichen ist aber den Bolschewiki in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution weder im internationalen noch im nationalen Rahmen gelungen. Die proletarische Revolution erwies sich, vor allem nach dem Scheitern des »deutschen Oktobers« im Jahre 1923 als eine Chimäre und auch in Russland musste die so genannte proletarische Offensive nach dem Misserfolg des kriegskommunistischen Experiments im Jahre 1921 vorübergehend gestoppt werden. Der freie Markt und private Eigentumsverhältnisse wurden nun zum Entsetzen der überwältigenden Mehrheit der Parteimitglieder zumindest partiell rehabilitiert.[36] Die immer größer werdende Kluft zwischen der bolschewistischen Doktrin und der Realität war mit einer immer stärkeren Erosion der Partei als Institution verknüpft, in der ein erbitterter Kampf um die Nachfolge Lenins ausbrach. Die Erosion von Institutionen führt aber nicht selten zu einer Aufwertung von Personen, mit denen man Heilserwartungen unterschiedlichster Art verknüpft. In der frühsowjetischen Zeit verkündeten viele Bolschewiki wiederholt: »Die Partei hat immer recht«. So äußerte sich z. B. Trockij auf dem XIII. Parteitag, als er von der überwältigenden Mehrheit der Delegierten für seine angeblichen Irrtümer verurteilt wurde.[37] Die Metapher »Die Partei hat immer recht« blieb aber zunächst unverbindlich und verminderte in keiner Weise erbitterte Fraktionskämpfe, die die gesamte Entwicklung des Regimes in den 20er Jahren begleiteten. Nach der Verwandlung der Bolschewiki in eine Führerpartei bekam indes der Satz »Die Partei hat immer recht« einen völlig neuen Charakter. Nun verkörperte Stalin den Willen und die Vernunft der Partei. Und jede Infragestellung seiner Unfehlbarkeit stellte ein kriminelles Delikt dar, das mit Repressalien unterschiedlichster Art bestraft wurde. Der bolschewistische Typ ändere sich, schrieb 1932 Georgij Fedotov. Für die Parteiführung sei nun die bedingungslose Erfüllung der »Generallinie« viel wichtiger geworden als die freiwillige Anerkennung der bolschewistischen Idee