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Erinnerungen an das Jahr 1956

JHK 2006 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 34-48 | Aufbau Verlag

Ein Gespräch mit Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano[1]

Im nachfolgend dokumentierten Gespräch blicken zwei Persönlichkeiten auf das Jahr 1956 zurück, die die totalitären Diktaturen und Ideologien dieses Jahrhunderts aus vielfältiger Perspektive erlebt haben. Der eine, 1921 geboren, ein Emigrant, wurde von seiner Mutter in jugendlichem Alter vor der nationalsozialistischen Diktatur in die vermeintliche Sicherheit der Stalinschen Sowjetunion gebracht. Der andere, zwei Jahre jünger, ein rassisch Verfolgter des Nationalsozialismus, überlebte die letzten Kriegsjahre vor seinen Häschern versteckt in »kellerdunkler Illegalität« in Hamburg: Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano.

Wolfgang Leonhard durchlief in den 30er und frühen 40er Jahren sowjetische Kaderschmieden, um dann im Frühjahr 1945 zu einer von drei Gruppen mit handverlesenen KPD-Emigranten zu zählen, die noch vor der Kapitulation in das kriegszerstörte Deutsche Reich eingeflogen wurden, um im Auftrag der Sowjets das zivile Leben neu zu organisieren – und dabei dem Vormachtsanspruch der Kommunisten den Boden zu bereiten. In den ersten Jahren der SBZ war Leonhard die agitatorisch-propagandistische Allzweckwaffe der SED-Führung. Schließlich verstand er es wie kaum ein anderer, ideologische Fragen verständlich in  Broschürenform aufzubereiten und mit Witz und Elan an den Partei- und Verbandsschulen Nachwuchskader zu unterrichten. 

Für Ralph Giordano wurde die Kommunistische Partei – der erklärte Hauptfeind des Nationalsozialismus – 1945 wie selbstverständlich zu seiner politischen Heimat. Giordano wurde Redakteur der kommunistischen Hamburger Volkszeitung, Autor der wieder gegründeten Weltbühne, Korrespondent der Berliner Zeitung, FDJler, KPD-Funktionär und schließlich im Herbst 1955 Student am neu  gegründeten Institut für Literatur in Leipzig, dessen Gründungsdirektor Alfred Kurella war. Damals waren die SED und ihre westdeutsche KPD paradoxerweise die einzige politische Bewegung, die in den ersten Jahren des geteilten Deutschlands gesamtdeutsch operieren konnte. 

Beide Männer brachen mit dem Kommunismus stalinistischer Prägung. Wolfgang Leonhard 1949, als er zunächst nach Jugoslawien floh, das sich seit dem Vorjahr gleichfalls dem Vormachtanspruch Moskau widersetzte. Leonhard wechselte 1950 in die Bundesrepublik, wo er zu den Mitbegründern der kurzlebigen Unabhängigen Arbeiterpartei zählte, die einen dritten Weg – zwischen Stalinismus und  Reformismus – zu beschreiten versuchte. Giordanos endgültige Abwendung von der Partei erfolgte im Verlauf des Jahres 1957. Und beide Männer setzten sich einige Jahre nach dem Verlust ihrer politischen Heimat und Gewissheiten an ihre Schreibmaschinen, um den schmerzlichen Prozess der politischen Abnabelung vom Kommunismus jeweils mit einem Buch abzuschließen: 

Die Revolution entlässt ihre Kinder von Wolfgang Leonhard wurde im vergangenen Jahr nach einem halben Jahrhundert vom Verlag Kiepenheuer & Witsch zum ungezählten Mal neu aufgelegt. So ungern wir Historiker es auch hören mögen: Vermutlich dürfte dieses Buch in den vergangenen fünf Jahrzehnten das Bild der Stalinschen Sowjetunion und der Sowjetischen Besatzungszone in der Öffentlichkeit nicht weniger beeinflusst haben, als all unsere Bücher dies getan haben. 

Ralph Giordanos Die Partei hat immer recht feiert in diesem Jahr ihren 45. Geburtstag. Auch dieses Buch hat bei Kiepenheuer & Witsch das »Licht der Welt erblickt« und mehrere Auflagen erfahren. 

Während Leonhard die Geschichte des kommunistischen Exils und der ersten Jahre der SBZ erzählt, ist Giordanos leidenschaftliche Selbstreflexion das wohl wichtigste Buch, um sich der vertrackten Geschichte des deutschen Kommunismus in den 50er Jahren anzunähern. 

Beide Männer haben es nicht mit ihrem politischen Lebensbericht bewenden lassen. Wolfgang Leonhard, der im April diesen Jahres seinen 85. Geburtstag feiern wird, hat als Professor in Yale (1966 bis 1987) sowie in unzähligen Publikationen über die Geschichte und die Politik der Sowjetunion und des Kommunismus gelehrt und geforscht. Und es waren wohl stets auch seine Fairness und sein von Eifer freier Grundton, die Leonhard seine besondere Glaubwürdigkeit verliehen. 

Ralph Giordano hat sich als Buchautor und Dokumentarfilmer unablässig gegen das Vergessen und das Verdrängen eingesetzt. Sein Name ist untrennbar und für immer mit der lange verhinderten und bis heute quälenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verbunden. Und dennoch hat Ralph Giordano wie kaum ein anderer seiner Mitstreiter (und Mitstreiterinnen) stets auch die anderen Anfechtungen der Humanitas im Blick behalten und gegeißelt. 

 

ULRICH MÄHLERT: Wolfgang Leonhard, im Frühjahr vor einem halben Jahrhundert befanden Sie sich selbst noch in einer Übergangszeit. Ihr Buch Die Revolution entlässt ihre Kinder war im September 1955 erschienen und hatte einen Widerhall gefunden, der nicht vorhersehbar war. Gleichzeitig waren Sie alles andere als im Westen wirklich »angekommen«. Liest man die damaligen Rezensionen Ihres Buches, dann wird Ihnen zumeist attestiert, dass Sie zwar ein herausragendes Buch vorgelegt hätten, indes noch marxistisch-leninistischen Denkmustern verhaftet seien. Ein Rezensent schrieb gar: »Im Ganzen ergibt sich aus dem fesselnden Buch: Geschulte Kommunisten vom Schlage Leonhards – bei seinem Weggang aus der DDR ein Mann von 27 Jahren – sind für das ›westliche Lager‹ verloren.« Anfang 1956 ahnte noch niemand, dass Sie schon bald nach Oxford eingeladen und schon zehn Jahre später die Elite des Westens in Yale unterrichten würden. Vielleicht erzählen Sie zu Beginn unseres Gesprächs, wie ihre persönliche Situation am Anfang des Jahres 1956 war und welche politischen Erwartungen und Hoffnungen der XX. Parteitag bei Ihnen und Ihrem Umfeld geweckt hat.

WOLFGANG LEONHARD: Im März 1949 – nach zehn Jahren Sowjetunion und vier Jahren Tätigkeit als zentraler Funktionär der SED und Lehrer der Parteihochschule – habe ich mich eigentlich nur mit dem Osten befasst. Ich kam gar nicht auf etwas anderes. Und ich wurde immer kritischer. Schon seit 1937, als ich die Massenverhaftungen erlebte, suchte ich nach Alternativen. Aber nicht nach Alternativen im Westen, sondern nach Alternativen im Rahmen des Kommunismus. Wie kann man das Ganze anders machen, besser, demokratischer und humaner? Ich wusste, dass die Menschen im Westen sagten, das reicht ihnen nicht. Aber ich wusste auch, das war sehr viel: Menschen, die in dem System selbst nach Alternativen suchten, es verändern wollten, verbessern, menschlicher gestalten wollten. Das war mein Anliegen. 

Und noch ein Anliegen hatte ich mit meinem Buch: Ich war ja schon seit 1950 im Westen, als ich das Buch schrieb, und ich las natürlich auch Bücher über die Sowjetunion. Damals war es etwa so: 95 Prozent totale Verurteilung ohne Wenn und Aber und fünf Prozent diese KPD-Bücher, in denen alles verherrlicht wurde. Ich dachte, so geht es nicht. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, so ehrlich wie möglich und vor allem, so differenziert wie möglich zu schreiben. Man musste doch einmal erklären, warum so viele Menschen in der Sowjetunion dafür waren und wieso es so lange dauert, ehe man sich von der stalinistischen Ideologie loslösen kann. Es war mir aber auch wichtig, meine persönlichen Lebenserfahrungen nicht losgelöst von ihren politischen Zusammenhängen darzustellen. Die eine Sorte Bücher über die Sowjetunion war mir zu abstrakt, in einer zu abstrakten Politikwissenschaft gehalten. Und die anderen waren nur subjektiv, ohne Bezugnahme auf die wirklichen Ereignisse. Ich denke, Die Revolution entlässt ihre Kinder ist wirklich eines der wenigen Bücher seiner Zeit, in dem man objektiv und sachlich die Widersprüche erkennen kann und nicht nur eine Totalverurteilung oder eine Totalverherrlichung. 

Die Herausgabe des Buches fiel in die Zeit der Vorbereitung des XX. Parteitags der KPdSU, der am 14. Februar 1956 begann. Meine ganzen Gedanken kreisten um die Frage, was auf diesem Parteitag geschehen werde. Damals begann für mich, hier im Westen, der Tag mit der Lektüre zweier Zeitungen, nämlich der sowjetischen Parteizeitung Pravda und dem SED-Organ Neues Deutschland. Beide hatte ich 1952 abonniert. Anfangs waren das Neue Deutschland und die Pravda inhaltlich identisch – bis zum 5. März 1953. Am Todestag von Stalin änderte sich das: Im Neuen Deutschland eine totale Verherrlichung von Stalin, in der Pravda nicht. Der Name Stalins verschwand ganz schnell aus der Zeitung. Ich unterstrich alle kritischen Sachen, die in der Pravda über Stalin zu finden waren. Danach las ich das Neue Deutschland, und die Hälfte der von mir begeistert angestrichenen Passagen existierten in der SED-Zeitung überhaupt nicht! Es gab einen unglaublichen Widerspruch zwischen der Pravda-Berichterstattung und dem Neuen Deutschland. Diese Tatsache war für mich das Interessanteste. So ahnte ich schon, dass man mit dem XX. Parteitag mit einer großen Abkehr von Stalin zu rechnen hatte. Und so trug schon mein erster Artikel in der Bundesrepublik Deutschland vom 28. Mai 1953, zwei Monate nach Stalins Tod, die Überschrift »Stalin ist abgemeldet!« Es wurde mit Einschränkung weder im Westen noch im

Osten erkannt, was sich da eigentlich in Moskau abspielte und auch die SEDFührung hat gar nicht so richtig mitbekommen, was das für den bevorstehenden Parteitag bedeutete. 

Im Dezember 1954 – ich arbeitete damals für die Zeitschrift SBZ-Archiv, das spätere Deutschland Archiv, eine Zeitschrift, die sich nur mit DDR-Fragen beschäftigte – sagte ich voraus, dass man vom Parteitag erwarten können wird, dass sich die sowjetische Führung unter Chruščev offen von Stalin lossagen und ihn schärfstens kritisieren wird. Bisher hat sie sich von Stalin lediglich entfernt, ohne ihn anzugreifen. Jetzt wird mit dem Angriff und mit der Distanzierung der entscheidende Schritt erfolgen. Und dann haben wir ja die Eröffnung des XX. Parteitags am 14. Februar erlebt und gesehen: Es gab keine Stalin-Bilder mehr. Auf einem sowjetischen Parteitag keine Stalin-Bilder – das war schon atemberaubend. Chruščev hatte Stalin als Person überhaupt nicht erwähnt. Lediglich ein Hinweis auf drei mittlerweile verstorbene führende Genossen: Kyuichi Tokuda in Japan, irgendjemand anderes und eben Stalin. Fertig, mehr nicht. Da wusste man natürlich sofort, wie die Entwicklung weiter gehen würde. Übrigens reden alle immer nur von Chruščevs Geheimrede vom 25. Februar, aber die offiziellen Verlautbarungen vom Parteitag, also die offiziellen Reden vom 14. bis 25. Februar sagten ebenso schon viel aus. Ich hoffe, dass man bald mal eine gründlichere Auswertung dieser Materialien vornehmen wird, wie über das Jahr 1956 überhaupt. Ich hoffe auch, dass man diese offiziellen Reden noch einmal richtig analysiert. Die tollsten Dinge wurden im Neuen Deutschland ja gar nicht gebracht, so dass die DDR-Bevölkerung die Bedeutung dieser Dinge gar nicht erkennen konnte. Und das sollte sie ja auch nicht. Mit dem Chruščevschen Geheimreferat war die Spitze erreicht. 

ULRICH MÄHLERT: Herr Leonhard, Sie sagten gerade, dass die DDRBevölkerung von den offiziellen Medien über die aktuellen Ereignisse bewusst völlig im Ungewissen gelassen wurde. Lassen Sie mich hier doch mal überleiten zu Herrn Giordano. Ralph Giordano, in Ihrem Buch Die Partei hat immer recht haben Sie beschrieben, wie Sie sich immer mehr an Ihrer Partei quälten und wie Sie schon 1955 mit großen Bauchschmerzen in die DDR gingen. Sie haben damals – vor dem gesamtdeutschen Bewusstsein – diese Entwicklung in der DDR miterlebt. Und fast auf den Tag genau vor 50 Jahren sind Sie vom vierten Deutschen Schriftstellerkongress in Berlin nach Leipzig zurückgekommen. Schildern Sie doch bitte einmal diese Situation Anfang 1956.

RALPH GIORDANO: Ich war vom Oktober 1955 bis Juni 1956 Student am Institut für Literatur in Leipzig. Meine Emanzipation von der Partei war damals weit fortgeschritten. Zur Erklärung muss ich sagen, dass ich nach meiner Befreiung am

4. Mai 1945 durch die 8. Britische Armee sehr bald Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands, Landesbezirk Hamburg, geworden bin, in der Annahme, dass die Feinde meiner Feinde auch meine Freunde sein müssen. – Das, ihr jungen Leute, ist ein großer Irrtum. Die Nazis hatten zwei Hauptfeinde: die Juden, das wa- ren wir selber, und die Roten, die Bolschewiki, das waren die Kommunisten. Mein Eintritt in die Kommunistische Partei war entsprechend meinem damaligen Erkenntnisstand verständlich. Im Laufe der Jahre erkannte ich jedoch, dass – um es mal vorsichtig auszudrücken – eine tiefe Kluft zwischen der kommunistischen Propaganda und der Wirklichkeit bestand. Das war ein langer und schmerzlicher Prozess, weil ich glaubte, nach den Jahren der Nazizeit, Zugehörigkeit gefunden zu haben. 

Im Februar 1956 erfuhren wir dann, was Chruščev auf dem XX. Parteitag gesagt hatte. Dass heißt dieser kleine Türspalt, den er geöffnet hatte, traf uns alle wie ein Schlag mit dem Vorschlaghammer vor die Stirn. Wir fielen vom Fleische, trotz der Emanzipation, der Distanzierung von der Partei, die wir schon vollzogen hatten; der Name Ulbricht z. B. durfte in unseren Kreisen nicht genannt werden. Nun war der Klassengegner in dem, was Chruščev über das System gesagt hatte bestätigt! Es war eine Situation, die schwer zu schildern ist. 

Zudem hatte ich noch meine persönliche Tragödie. Ich war in Hamburg eingesperrt worden, weil ich gegen die sozialdemokratische Regierung Hamburgs in einem Artikel in der Weltbühne Verbalinjurien gebraucht hatte. Das hat mir drei Monate Gefängnis in Hamburg-Bergedorf eingebracht. Über diese Gefängniszeit hatte ich ein Buch Entscheidung in Hamburg geschrieben, das im März 1956 erscheinen sollte. Nach dem XX. Parteitag, nach der Chruščev-Rede, rief mich der Leiter des Verlags Neues Leben an und sagte: »Genosse Giordano, wir müssen mal über dein Buch sprechen«. Und warum? Weil in meinem Buch ein Stalin-Bild vorkam. Das hatte ich 1953 als gläubiger Stalinist mit ins Gefängnis geschmuggelt und es dort versteckt. Und am 5. März 1953 starb Stalin.

Ich sage jetzt etwas, worüber ich mich nicht schämen will und es dennoch tue. Stalins Tod war für mich nicht so schlimm wie der Tod meines Vaters, aber es war doch ein Ereignis, das mir tief zu Herzen ging. An dem Morgen als Stalin gestorben war und wir davon erfuhren, hatte ich vor unserem Morgenrundgang das bis dahin unentdeckte Stalin-Bild hervor geholt und es unter das Fenster gehängt. Als wir dann vom Rundgang zurückkamen, war das Stalin-Bild weg. Daraufhin zertrümmerte ich die Einrichtung meiner Gefängniszelle, einschließlich des Klosetts, und kam in eine Strafzelle. Einzelhaft hatte ich sowieso, aber hier gab es Ratten, und die bissen mich auch. Ich hatte sie noch aus meiner Zeit der Illegalität während der Nazizeit gut in Erinnerung. Es war eine wirkliche Tortur. Und ich habe um Stalin gelitten. Jetzt plötzlich, in einem ganz anderen Stadium meiner Auseinandersetzung mit der Partei, nach der Chruščev-Rede war es nicht mehr möglich, ein Buch herauszubringen, in dem Stalin die Rolle spielt, die er in meinem Buch einnehmen sollte. Ich hatte das Bild da hinein genommen und nun stellte sich die Frage: Was jetzt? Ja, was jetzt? 

Alfred Kurella beschäftigte sich mit der Frage und auch Kuba (Kurt Barthel). Ich weiß nicht, wer von Ihnen sich noch an Kuba erinnert? Kuba kam ans Institut für Literatur und sagte: »Genosse Giordano, ich höre, Sie haben Schwierigkeiten mit dem Stalin-Bild? Das ist doch ganz einfach: Machen Sie doch Thälmann daraus.« Ausgerechnet Kuba sagte das, der gedichtet hatte: »Mutter von Gori, wie groß ist dein Sohn« und der für uns der Inbegriff der Stalin-Verherrlichung in der Literatur war. Ausgerechnet der sagte das! Ich dachte, wo bist du? Bist du unter die Räuber gefallen? Und morgen, wenn es anders käme, würde er sagen: ja, dann pack Stalin wieder rein! 

Also, das war ganz entscheidend für meine Emanzipation, für meine Befreiung von diesem politischen Irrtum. Es war nicht leicht. Zugehörigkeit bedeutet mir viel und ich glaubte, sie bei den Kommunisten gefunden zu haben. Weil sie die größten Blutopfer gebracht hatten nach 1933, daran gibt es gar keinen Zweifel. Außerdem, ich sagte es schon, sind wir zwar von der 8. Britischen Armee des Feldmarschalls Montgomery befreit worden, aber wir fühlten uns befreit von der Roten Armee. Sie hatte die größten Blutopfer gebracht, zehn Millionen Tote! Und unser Leben war ein Wettlauf zwischen der »Endlösung der Judenfrage« und dem Endsieg der Alliierten. Ohne, dass ich hier die Leistungen der Westalliierten unter den Scheffel stellen will, aber wir wussten, unser Überleben war abhängig davon, wie schnell die Rote Armee nach Berlin kommen und Hitler-Deutschland militärisch den Garaus machen würde. Das war ein entscheidendes Moment, das mich zur Kommunistischen Partei geführt hatte. Umso größer, umso schwerer war die persönliche Enttäuschung, und mehr noch, dass es dabei nicht geblieben ist. Es war ein langer Prozess, es ist viel Haut dabei abgegangen, aber es war wie eine zweite Befreiung. Ich hatte mich aus der Internationale der Einäugigen gelöst mit ihren beiden Fraktionen. Die eine ist auf dem rechten, die andere auf dem linken Auge blind und beide verteidigen in ihrem Teil der Welt das, was sie in dem anderen bekämpfen. Wir werden nicht geboren, die Humanitas unteilbar zu lassen. Das muss erkämpft und erlitten werden. Und die Auseinandersetzung mit der Kommunistischen Partei führte dazu, dass ich mich dieser Internationale der Einäugigen entrungen habe und zu einem Standpunkt gekommen bin, auf beiden Augen sehen zu können. Denn das wichtigste von allem ist: die Humanitas ist unteilbar.

ULRICH MÄHLERT: Wolfgang Leonhard, Sie kommen um die vorhin von mir gestellte Frage nicht herum, nämlich die nach ihrer eigenen politischen Einschätzung der damaligen Situation nicht nur als analytisch Handelnder, sondern auch als politisch handelnder und denkender Mensch. Waren Sie damals auch euphorisch und sahen die Sowjetunion plötzlich auf einem Weg, der vielleicht doch zu einem Sozialismus führt, den Sie ja selber in Jugoslawien gesucht und den Sie versucht hatten, in Westdeutschland aufzubauen? Wie war das mit ihren Freunden:

Gerhard Zwerenz, Hermann Weber, Ilse Spittmann? Die haben alle doch damals auch noch politische Vorstellungen gehabt, die mit dem XX. Parteitag doch irgendeinen Optimismus haben verbinden müssen. 

WOLFGANG LEONHARD: Es gibt Wünsche und Hoffnungen sowie objektive Analysen. Nicht nur Wolfgang Leonhard sondern auch andere, größere mischen das oft und nehmen ihre großen Hoffnungen als Realitäten und überschätzen die realen Möglichkeiten. Und das ist natürlich hier auch der Fall. Es gab nichts außer dem Kommunismus, was Ralph Giordano überzeugend erzählt hat: Wie lange er für Stalin war! Und bei mir gab es nichts, was ich mehr erhoffte und ersehnte. Ich bin ja nach Jugoslawien geflohen. Ich wollte jetzt einen Durchbruch: Weg von Stalin und neue Wege gehen. Das war meine Hoffnung. Und natürlich auch, dass Chruščev mit seiner Rede, mit der Entstalinisierung, mit der Loslösung vielleicht Dinge in Gang setzt, die dann auch Realität werden. Meine Freunde und ich, wir lebten doch alle in diesen Dingen. Das ging ja bis ins Private. Also geflohene, intellektuelle, ehemalige SED-Leute trafen sich zumeist in dem kleinen Ort Kasbach bei Linz am Rhein. Wir alle gingen dorthin. Richard Löwenthal, später Professor an der Freien Universität Berlin, fragte dort einmal die blühende, hübsche Frau Ingrid von Gerhard Zwerenz: »Seid wann seid ihr verheiratet?« Ich habe noch nie eine so glückliche junge Frau gesehen, und die Ingrid sagte: »Drei Wochen nach dem XX. Parteitag.« Das war die Welt, in der wir lebten! Wir hofften natürlich, und  diese Hoffnung war nicht vollkommen unbegründet. Chruščev ist ja einiges gelungen. 

Einmal darf ich daher dem sonst hoch verehrten Herrn Ilko-Sascha Kowalczuk widersprechen: Ich persönlich schätze diese Rede von Chruščev vom 25. Februar 1956 nicht als halbherzige Offenbarung ein, vielmehr war es die bedeutsamste Rede in der Geschichte des Kommunismus. Natürlich gab es Einseitigkeiten. Aber sie war, bei allen Mängeln, so weit gehend wie keine andere Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit – weder vor noch nach dieser Rede. Seit dem sind 50 Jahre vergangen. Es gibt keinen sowjetischen Kommunismus mehr, aber im heutigen Russland kann man so eine Rede nicht mehr verbreiten. Das ist vollkommen ausgeschlossen. Also ich plädiere dafür, die Mängel, die es bei Chruščev gibt, einzugestehen, aber sie sehr vorsichtig auszudrücken. Denn wenn man das heute liest und mit Russen darüber redet, ist es immer noch atemberaubend. 50 Jahre sind seit dem vergangen, und in den 50 Jahren ist nichts Wichtigeres und Neues geschehen in der Aufarbeitung! Und heute wäre das ein Traum, wenn man in Russland eine solche Rede drucken oder durch Rundfunk verbreiten könnte. Ich schätze also diese Rede sehr hoch ein. 

ULRICH MÄHLERT: Ralph Giordano, noch eine Nachfrage zu ihrer damaligen Wahrnehmung dieser Geheimrede. Sie haben beschrieben, wie Sie 1953 den Tod Stalins fassungslos erleben mussten und dass Ihr Ablösungsprozess zwischen

1953 und 1956 noch nicht abgeschlossen war. Inwieweit waren Sie von den Fakten dieser Rede, also den Millionen von Opfern, die die Stalinsche Sowjetunion in den 30er Jahren verzeichnete, überrascht bzw. inwieweit waren Sie, als zumeist in Hamburg lebender Journalist, aus anderen Quellen informiert und mochten diese Fakten vielleicht damals noch nicht glauben und konnten sie erst durch Chruščevs Rede bestätigt sehen? Erzählen Sie darüber doch etwas.

RALPH GIORDANO: Also, ich muss mir zum Vorwurf machen, warum gehörte ich dieser Internationale der Einäugigen an, also dieser linken Fraktion? Warum bist du denen ständig nachgegangen, obgleich die so genannte Presse des Klassengegners natürlich immer über diese ganzen Verbrechen geschrieben hatte. Ich kann mich also nicht damit herausreden, dass das ein Stoff war, von dem ich gar nichts wusste. Nein, das kann ich nicht. In meinem Buch Die Partei hat immer recht versuche ich aber zu erklären, warum dieses Defizit humaner Orientierung da war. Die Verdrängung, die ich den Nazis zum Vorwurf gemacht habe, traf für eine gewisse Periode meines Lebens auch auf mich selbst zu. Als dann allerdings diese Tür aufgemacht worden ist – und Chruščev mag vieles gesagt haben, aber zunächst gelangte davon nur wenig an die Öffentlichkeit – also als diese Schleusen geöffnet waren, musste ich die Genossen fragen, warum sie geschwiegen und warum sie nicht nachgefragt haben. 

Die Art, wie die KPD den XX. Parteitag ausgewertet hat, nämlich mit Verdrängung, wenn nicht gar Stillschweigen, was die Landesorganisation Hamburg anbetraf, war ein ganz entscheidendes Moment für meinen Lösungsprozess. Ich wusste: diese Leute wollen nicht die Wahrheit. Immerhin ging es um das Schicksal von Millionen! Von den Nazis kann man sagen, dass sie entsetzliche Dinge getan und Millionen Menschen umgebracht haben. Aber hier sind die eigenen Genossen umgebracht worden! Ich habe mich gefragt, was hat ein Mann wie Tuchačevskij gedacht, dem schwerste Vorwürfe gemacht wurden, alles auf Lügen basierend natürlich! Die ganzen Angeklagten in den Moskauer Prozessen von 1936 bis 1938 waren ja keine Verräter, sondern sie wurden umgebracht als Bolschewiki! Und die KPD wollte sich damit nicht auseinandersetzen! Ich sagte, in dieser Partei kannst du nicht bleiben. Diese Partei wird die Welt nicht bewohnbarer machen, weil sie nicht süchtig ist nach Wahrheit. Und nicht süchtig nach einer Wirklichkeit, in der es Millionen von Toten gegeben hat. Das war ein starker Impetus für mich, aus der Partei auszutreten. 

Die Partei hat immer recht ist nicht die Biografie eines enttäuschten Kommunisten, sondern eine Anatomie des Stalinismus, die erklärt, wie es dieser Partei gelang, einen Menschen mit meiner Biografie zu packen, zu fassen und eine Zeit lang zu halten. Aus den gleichen antifaschistischen und humanen Gründen, aus denen ich ihr beigetreten bin, habe ich sie dann auch wieder verlassen. Ein schwieriger Prozess, der auch noch seine eigene Entwicklung hatte. Es waren ja immer noch Rückstände da, eine gewisse Nibelungentreue, die erst ganz gebrochen werden musste. Wolfgang Leonhard wird es genau so gegangen sein. Natürlich war auch er verbunden mit Erinnerungen und mit Personen, die ihm teuer und wert waren. Und jeder wusste, wenn du mit der Partei brichst, dann stehen diese Menschen vor der Wahl: Entweder-oder. Weil die Partei auch die Seelen beanspruchte. Und so kam es dann auch, als ich mit der Partei brach. Das war nachdem Alfred Kantorowicz im August 1957 mit der Partei gebrochen und in der Welt dann seine Gründe für diesen Bruch veröffentlicht hatte. Das war für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Damals schrieb ich dem Verlag Neues Leben, es ist vorbei, zu Ende, es geht nicht mehr. Aber ich wusste, dass ich damit auch die Verbindung zu Menschen abschneide, die nicht so weit waren wie ich bei der Loslösung von der Partei, die mir aber dennoch teuer und kostbar waren. Und in der Tat ist es dann auch so gewesen: Es war absolutes Stillschweigen. Aber alle Freunde, auf die es mir ankam, sind im Lauf der Jahre doch wieder mit mir zusammen gekommen. Vor allem nachdem ich dann 1964 zum Westdeutschen Rundfunk kam, zum Fernsehen und auch Filme darüber machte und diesen Kampf auf einer anderen Ebene austrug, nämlich mit den Mitteln dieses modernen Mediums. Alle, alle Freunde sind lange vor 1989 auch wieder zu persönlichen Freunden geworden. Wir kommunizierten, hatten Kontakte und darüber war ich sehr glücklich. 

ULRICH MÄHLERT: Ich würde gern an den Sowjetologen Wolfgang Leonhard in Ergänzung zum Vortrag von Ilko-Sascha Kowalczuk eine Frage richten. Wir haben ja jetzt vor allem gehört, wie dieser Parteitag, wie diese Geheimrede für Verunsicherung und Instabilität sorgte. War denn nun dieser XX. Parteitag ein Parteitag der Schwäche oder der Stärke? Lapidar gefragt, was wollte Chruščev denn eigentlich Anfang 1956 mit der Entstalinisierung, mit diesem Schub?

WOLFGANG LEONHARD: Der Parteitag hat innerhalb der Marxisten, der langjährigen Kommunisten und Ex-Kommunisten total entgegen gesetzte Reaktionen ausgelöst. Wir, die wir etwas früher als mein Freund Ralph Giordano – etwas früher – die ganze Stalin- Problematik erkannt hatten, haben uns unbändig gefreut. Es war eine große Hoffnung. Ich kenne andere, die waren einfach entsetzt und hielten Chruščev für einen Verräter. Es gab also keine gemeinsame, sondern unglaublich unterschiedliche Sichten auf diese Dinge. 

Zu Chruščev. Er war ein eiserner, ein absolut eiserner Stalinist. Ich bin ja in der Sowjetunion aufgewachsen, und ich werde den 30. Januar 1937 nie vergessen. Ich war damals 15 ¾ Jahre alt. Chruščev sprach auf dem Roten Platz und an diesem Tag war ich dort. Er schrie: »Diese nichtsnutzigen Verbrecher, die erhoben ihre Hand gegen unseren Genossen Stalin, unseren Führer.« Ich war damals schon kritisch. Die Säuberung war ja bereits im Gange und meine Mutter schon ein halbes Jahr in Vorkuta, als ich das hören musste. Ich merkte: der ist absolut überzeugt. Chruščev war ein absolut überzeugter stalinistischer Kommunist. Erst als er in die Spitze und ins Politbüro kam und in die Umgebung Stalins aufrückte, erkannte Chruščev plötzlich die wirkliche Situation in der Sowjetführung. Und später wurde er dann kritisch und oppositionell. Das ging soweit, dass er nach Stalins Tod eine große Hoffnung hatte: Man muss den stalinschen Abschaum wegbringen, man muss die ursprüngliche kommunistische Reinheit wieder herstellen. Das war seine Idee. Man muss selbst alles offen aussprechen. Und indem man es offen ausspricht, wird die kommunistische Bewegung wieder stärker und überzeugender. Und es wird einen Aufschwung geben. Das war seine Hoffnung. Eine Hoffnung, die ja manche hatten. Der Kommunismus ohne diese StalinVerbrechen, das wird die Sache sein. Aber da hatte er sich verrechnet. 

Ich bin sehr froh, dass Herr Kowalczuk heute gesagt hat, was wir auch erst später erfuhren: Es gab keinen Beifall. Es wurde immer geschrieben, es gab Beifall. Es gab aber diesmal überhaupt keinen Beifall. Alle Teilnehmer an diesem 25. Februar waren entsetzt. Wahrscheinlich musste Chruščev in diesem Moment schon gemerkt haben, das schaffen wir nicht. Stalin war inzwischen schon so untrennbar mit Allem verbunden, dass nur eine Minderheit bereit war, den Versuch Chruščevs zu wagen, den Kommunismus von den Stalin-Verbrechen zu befreien. Es hat sich ja später gezeigt, dass es ein unglaublicher Kampf war, der sich in der Sowjetunion abspielte. Die Anhänger Chruščevs waren in der Minderheit. Es war zwar toll, dass das der erste Mann machte, aber es war die Minderheit, die dann einen entsetzlich langen Kampf führte. Aber bei aller Einseitigkeit, die es da manchmal gibt, bei allen Mängeln und Unzulänglichkeiten, bin ich der Meinung, dass das Chruščevsche Geheimreferat eine viel größere Bedeutung in der sowjetischen Geschichte hat, als es heute sogar von Nichtkommunisten und den PutinLeuten zugestanden wird. 

Ich bin beeindruckt von den Schlussfolgerungen Ralph Giordanos. Auch so ein kluger und gebildeter Ralph Giordano hat noch im Gefängnis in Hamburg an Stalin geglaubt und gibt es jetzt offen zu und versucht, es erklärlich zu machen! Ich finde, dass ist sehr wichtig. Ich habe nämlich große Bedenken gegenüber den patentierten Unfehlbarkeitsdemokraten. Es gibt Menschen, denen es gelungen ist, von Kindheit an gleich solche Demokraten zu sein, unfehlbare Demokraten, die dann immer Recht und für Nichts Verständnis haben. Ich bin auch für Demokratie, sogar sehr und habe größte Hochachtung vor Menschen, die als Demokraten geboren wurden und es seitdem immer sind – aber verbunden mit Kritik. Solange diese Unfehlbarkeitdemokraten überhaupt nicht begreifen, was sich da im kommunistischen Leben abspielte, wieso es Stalin gelang, so viele Leute so lange zu gewinnen – und nicht nur Dumme, es waren ja eine ganze Reihe Nobelpreisträger darunter, denn man fand ja damals kaum noch Schriftsteller, die nicht für Stalin gewesen waren! Darüber muss man doch nachdenken und tolerant sein und Leuten gestatten, in ihrer Einschätzung der Sowjetunion und Stalins Fehler gemacht zu haben. Es waren ja nicht alle patentierte Demokraten. Man muss deshalb Verständnis dafür haben, dass es Leute gibt, die etwas länger brauchen als die geborenen Demokraten, um darauf zu kommen. Man muss das differenziert betrachten, und ich meine, dass Ralph Giordanos Schicksal ein Aufruf ist zu neuen Methoden und zu einem neuen Denken darüber, wie es möglich war, dass diese Bewegung so viele Anhänger hatte. 

ULRICH MÄHLERT: Herr Giordano, bitte, Sie möchten hier etwas ergänzen?

RALPH GIORDANO: Was mich bewegt ist, diese Kritik heute darf sich nicht nur gegen dieses eine Mordsystem des 20. Jahrhunderts wenden, sondern muss sich auch gegen das andere richten. Was ich jetzt sage, soll keine Entschuldigung für meinen politischen Irrtum sein. Aber es ist eine Erklärung dafür, warum auch ich länger bei der Partei geblieben bin, als es vielleicht nötig gewesen wäre. Es war nämlich die Art und Weise, wie sich in der Bundesrepublik Deutschland und auch in der DDR mit der NS-Vergangenheit auseinander gesetzt wurde. Ich verlasse diesen Platz hier nicht ohne diese Kritik. Wir leben in einem Land mit dem größten in der Geschichte bekannten Verbrechen, mit Millionen von Opfern, die wie Insekten – wohlgemerkt hinter den Fronten – umgebracht worden sind. Das größte geeinigte Mittätervolk, was es je gegeben hat! Von Ausnahmen abgesehen, sind die Täter nicht nur straffrei davon gekommen, sondern sie konnten auch ihre Karrieren in der alten Bundesrepublik unbeschadet fortsetzen. Und in der DDR war es auch nicht sehr viel anders. Damit zu leben, das ist nicht leicht. 

Um nur ein Beispiel zu nennen: Es gab 32 000 aktenkundige politische Todesurteile – Kopf ab, Kopf ab – wegen nichts, wegen Bagatellen, weil jemand vielleicht nach einem Fliegeralarm eine Knackwurstdose aufgemacht hatte. Kein einziger dieser NS-Blutrichter und NS-Blutankläger ist je rechtskräftig verurteilt worden. Mir stockt der Atem, wenn ich Ihnen das mitteile – Sie wissen es vielleicht – aber mir stockt der Atem noch immer, obwohl es eine irreparable historische

Tatsache ist. In diesem Zusammenhang höre ich dann immer: Ja aber die NSProzesse vor bundesdeutschen Schwurgerichten seit 1958 mit Ausläufern bis in die Gegenwart. Ja, eine gewaltige Leistung der Justiz, die da vollbracht worden ist. Aber ich habe für den Zentralrat der Juden in Deutschland, für die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, als Fernsehjournalist und Essayist diesen Prozessen über Jahre, Jahrzehnte beigewohnt. Binnen Kurzem war klar, wer der hauptangeklagte Typus sein würde, nämlich die untersten Glieder in der Kette des industriellen Serien-, Massen -und Völkermordes, die kleinen Angestellten des Verwaltungsapparates, die Tötungsarbeiter selbst, die nicht mehr sagen konnten, sie haben von Nichts gewusst, weil sie mit ihren Stiefeln, Knüppeln und Pistolen gemordet haben. Ihre Vorgesetzten kamen nicht vor die Tore der bundesdeutschen Justiz. 

Ich habe das die zweite Schuld genannt. Vor jeder zweiten Schuld gibt es eine erste Schuld. Die erste Schuld ist die Schuld der Mehrheit der Deutschen unter Hitler und die zweite Schuld ist die Verdrängung und die Verleugnung dieser ersten Schuld nach 1945 und 1949. Und das nicht nur rhetorisch oder moralisch, sondern tief instituiert durch den großen Frieden mit den Tätern. Damit soll man als Überlebender des Holocaust leben, und das ist nicht leicht. 

Es war nicht leicht, nach Allem, was vor 1945 und danach gewesen ist, in diesem Deutschland zu bleiben. Ich bin trotzdem geblieben aus Gründen, die ich hier nicht weiter ausführen möchte. Ich habe es auch nicht bereut. Nur, mir sind die Leute verdächtig, die entweder nur den Stalinismus oder nur den Nationalsozialismus kritisieren. Die das tun, gehören zu den internationalen Einäugigen mit ihren zwei Fraktionen. Ich wiederhole das. Die einen sind auf dem rechten und die anderen auf dem linken Auge blind und verteidigen in dem einen Teil der Welt, was sie in dem anderen bekämpfen. Die einzigen Lehren, die wir aus all dem ziehen können, sind: solche Systeme dürfen ihre Macht gar nicht erst etablieren. Das ist das Entscheidende.

ULRICH MÄHLERT: Herr Giordano, ich möchte hier gleich anknüpfen. Sie haben in einer späteren Auflage ihres Buches Die Partei hat immer recht Ende der 70er Jahre geschrieben – und dies auf die K-Gruppler und DKPisten in der Bundesrepublik bezogen –, »die Aufdeckung der stalinistischen Großverbrechen und die Unfähigkeit der sowjetischen Staatsform, das Zwangsarbeitersystem zu überwinden, sind an dieser neuen Generation von Stalinisten ebenso spurlos vorüber gegangen, wie an manchen bundesdeutschen Patentdemokraten und einstigen Nazis die Enthüllungen über das Dritte Reich.« Wir sind jetzt hier zumeist ganz stark involviert in die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur, und wir haben hier seit 15 Jahren eine Konkurrenz mit der Vergangenheit, die teilweise sehr unangenehme und sehr unglückliche Dimensionen annimmt. Es gibt den Vorwurf der einen Seite, die NS-Verbrechen relativieren zu wollen durch den Verweis auf die stalinistischen Verbrechen und auf die Kriminalität in der SED-Diktatur. Und auf der anderen Seite steht der Vorwurf, dass ja die SED-Diktatur mit ihren Toten an der Mauer, mit ihren Häftlingen, mit ihrem Unrecht, das sie der Bevölkerung hat angedeihen lassen, bagatellisiert werden soll. Wie soll und kann man mit diesen beiden Diktaturen aus ihrer Sicht umgehen?

RALPH GIORDANO: Erst einmal möchte ich sagen, dass die Täter auch diesmal davon gekommen sind, und dass ich es irgendwie merkwürdig finde, dass die IM vor dem TV-Tribunal der Nation stehen – zurecht, nachdem, was sie gemacht haben – aber doch nicht ausschließlich! Was war denn mit den Führungsoffizieren, was war mit den OibE, was war mit denen, die die geistigen Wegbereiter dieses Systems waren? Die sind genauso schuldig wie die IM. Wie kommt es, dass das die einzig angeklagte Kategorie der Aufarbeitung ist? Nein, nein. Auch diese Aufarbeitung ist in Bezug auf die Täter fehlgeschlagen. Das bestätigt mir die schrecklichste Bilanz des vergangenen Jahrhunderts, die hoffentlich nicht die schrecklichste Bilanz dieses Jahrhunderts wird: Wenn ein Gewaltregime durch eine Demokratie abgelöst wird, kommen die Täter davon. Das gilt nicht nur für das Deutschland nach Hitler. Es gilt für das Italien nach Mussolini – abgesehen von einiger Selbstjustiz der Partisanen –, es gilt für das Spanien nach Franco, es gilt für das Portugal nach Salazar, es gilt für die ganzen faschistischen Regimes in Südamerika – Pinochet ist immer noch nicht im Gefängnis – und es gilt auch für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Die Leute, die normale Menschen in Geistesanstalten gesteckt haben, leben ja noch. Aber, die Bestrafung der Täter ist vollkommen tabuisiert. Das zu dieser Frage.

ULRICH MÄHLERT: Kann man  die Systeme gegenseitig zur Messlatte machen?

RALPH GIORDANO: Nein! Mir sträuben sich die Haare, wenn ich auf Leute treffe, die sagen, das war schlimmer als das. Zunächst einmal denke ich, ein so scheußliches System, wie das des real existierenden Sozialismus, wird ja nicht weniger scheußlich dadurch, dass es ein noch scheußlicheres gegeben hat. Natürlich ist das Kriminalgewicht des Holocauststaates ungleich größer als das des Hammer- und Zirkelstaates. In der DDR-Geschichte steckt nicht der Völkermord an den Juden durch Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Aber das Gesamtsystems des Sowjetkommunismus hat quantitativ genauso viele oder vielleicht noch mehr Opfer gefordert als das Dritte Reich, dessen Zeit beschränkt war – zwölf Jahre nur, aber zwölf Jahre zuviel. Die Wahrheit ist doch, dass hier zwei Mordregime gegen den Himmel stinken. Die Opfer von Auschwitz werden nicht getröstet durch die Opfer des Gulag, und die Opfer des Gulag werden nicht getröstet durch die Opfer von Auschwitz. Lassen Sie uns, um Gottes willen, nicht diese beiden Gewaltregime als Messmodelle aneinander halten, um dann zu dem Schluss zu kommen, das eine ist schrecklicher. Nein, beides ist furchtbar und darf sich nicht wiederholen! 

ULRICH MÄHLERT: Wolfgang Leonhard, vielleicht gleich im Anschluss, wie sollte man Ihrer Meinung nach heute mit der zweifachen Diktaturerfahrung und Diktaturgeschichte umgehen? 

WOLFGANG LEONHARD: Ich bin ganz Ralph Giordanos Meinung und glaube, dass es wünschenswert und notwendig wäre, ruhig und sachlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden. Ich spüre das besonders, denn ich habe zehn Jahre Sowjetunion unter Stalin gelebt und war in einer Komintern-Schule, wo wir so genau den Nationalsozialismus durchnahmen, dass ich keinen Nazi nach 1945 fand, der auch nur die Hälfte dessen wusste, was wir dort schon gelernt hatten. Ich habe da womöglich ein Patentrezept, denn bisher ist es das Schlimme: Entweder gibt es zwei Sätze in einer Talkshow oder es gibt 500 Seiten in einem Buch. Mein Traum wären Erklärungen über entscheidende Aspekte der Diktatur auf 30 Seiten. Auf 30 Seiten kann man alles Wichtige sagen. Mehr brauchen die meisten Menschen nicht, um über wichtige Fragen Bescheid zu wissen. Kein Gelaber in Talkshows oder dicke Bücher mit entsetzlich vielen Fußnoten. Das Zweite, was ich mir für den Umgang mit Diktaturen wünsche, sind positive Beispiele. Selbst ich, der nun unmittelbar betroffen ist, kann es manchmal nicht mehr ab, immer nur über Entsetzen und grauenvolle Dinge zu lesen. Ich wünsche mir, dass man mehr berichtet über die positiven Beispiele, über die mutigen Menschen in der Sowjetunion, in Nazi-Deutschland und im DDR-System. Es hat ja nicht nur IM gegeben, sondern sehr mutige Menschen, die sich weigerten, IM zu werden, und noch mehr mutige Menschen, die umringt waren von Agenten und das überstanden haben. Ich wünsche mir positive Beispiele, wie es mutige Menschen in Diktaturen geschafft haben, sich nicht einbringen zu lassen und es geschafft haben, nicht mehr als die allerkleinsten notwendigen Konzessionen zu machen, sondern als ehrliche Menschen aufrecht gewesen sind. Ich bin sehr für diese positive Darstellung, um Beispiele zu schaffen und die Idee des mündigen Bürgers deutlich werden zu lassen. In einer Demokratie möglichst viele mündige Bürger zu haben, die selbständig denken und frei diskutieren, ist das Entscheidende. Das wäre mein Wunsch für die Auseinandersetzungen mit den beiden Diktaturen. 

RALPH GIORDANO: Ich denke, etwas muss hier angesprochen werden, nämlich die Frage der Versöhnung und der Versöhnungsbereitschaft. Ohne in den Verdacht der Unbescheidenheit geraten zu wollen, möchte ich sagen: Ich werde mich von niemandem an Versöhnungsbereitschaft übertreffen lassen, aber die Voraussetzung dafür ist Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Wenn ich spüre, dass das bei meinem Gegenüber der Fall ist – ob er SED-Mann oder Nazi war – wenn das der Fall ist, gebe ich ihm oder ihr die Hand.

Auch die Korrekturen eines politischen Irrtums sind etwas, was gesehen werden muss. Ich denke, schlimmer als einen politischen Irrtum zu begehen, ist, keine Konsequenzen daraus zu ziehen. Und mir sind im Laufe meines Lebens, nach meiner Befreiung, viele – auch ehemalige Nazis – begegnet, die sich damit auseinandergesetzt haben, die sich gewandelt haben und denen ich unbefangen ins Auge sehen kann, weil sie wirklich mit ihrer Vergangenheit gebrochen haben. 

Leider, leider muss man sagen, dass das für eine bestimmte Generation offenbar nicht exemplarisch war. Die meisten der älteren Generation, also heute die Großväter, haben verdrängt, haben versagt, haben sich die Maske vors Gesicht gehalten, sind so ins Grab gesunken und haben sich – und das nehme ich ihnen übel – an der moralischen Klarsicht ihrer Kinder und Kindeskinder abermals vergangen. 

Und noch etwas ist wirklich wichtig, dass wir an Beispielen deutlich machen, dass es Menschen gegeben hat und gibt, die Mut und Zivilcourage bewiesen haben. Deshalb habe ich auch meinen Beschluss, in Deutschland zu bleiben, nie bereut, weil es solche Menschen gibt. Die Frau, die meine Familie und mich über lange Zeit in einem düsteren, feuchten und rattenverseuchten Keller versteckt hat – diese Frau, die wir in unserem akademischen Hochmut eine einfache Frau nennen – hat uns versteckt, als meine Mutter deportiert werden sollte. Ich hatte alles vorbereitet, und als ich sie dann fragte, ob wir uns bei ihr verstecken könnten, sagte sie ohne mich anzusehen nur ein Wort: natürlich. Und das, obwohl sie genau wusste, wenn wir entdeckt werden, ist ihr Leben genauso verwirkt, wie das unsrige. Das sind die wirklichen Helden jener Zeit gewesen. Es ist ganz wichtig, was Wolfgang Leonhard sagt, dass diese Beispiele genannt werden müssen und nicht untergehen in diesem Horror und Leichen-Himalaja. Also beides nicht verschweigen: Die positiven und die negativen Beispiele.

 


[1]  Das folgende Gespräch mit Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano wurde am 15. Januar 2006 im Rahmen der Veranstaltung »Die SED, ihr MfS und das Krisenjahr 1956« im Berliner Zeughauskino geführt. Die Moderation hatte Ulrich Mählert. Veranstalter waren die Stiftung Aufarbeitung, die Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen und das Deutsche Historische Museum. Für die Druckfassung wurde das Gespräch redaktionell bearbeitet. Dem Gespräch ging ein einführender Vortrag von Ilko-Sascha Kowalczuk voraus (siehe dieser JHK-Ausgabe Kolwalczuk, Ilko-Sascha: Zwischen Hoffnungen und Krisen: Das Jahr 1956 und seine Rückwirkungen auf die DDR). 

Inhalt – JHK 2006

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