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»Großer Terror« und Stalin-Kult. Anmerkungen zur Durchsetzung der Stalinschen Herrschaft

JHK 2006 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 267-289 | Aufbau Verlag

Autor/in: Leonid Luks

 

Der »Große Terror« von 1936 bis 1938 gehört, trotz der partiellen Öffnung der russischen Archive, zu den rätselhaftesten Phänomenen der neuesten Geschichte. Zwar erinnert diese Tragödie äußerlich an die Vorgänge in Frankreich zur Zeit der jakobinischen Diktatur. Damals lehnten sich die Vertreter der bedrohten jakobinischen Elite jedoch bereits nach zwei Jahren gegen den Tyrannen Robespierre auf und bereiteten am 9. Thermidor 1794 seiner Schreckensherrschaft ein Ende. In der Sowjetunion hingegen fand eine Art »Thermidor« – die partielle Abrechung mit dem Tyrannen – erst postum statt, auf dem XX. Parteitag der KPdSU.

Die moralische Degradierung der »Lenin-Garde«

Für Lev Trockij ereignete sich der »sowjetische Thermidor« indes viel früher. Er hielt bekanntlich das stalinistische System für die Folge einer »thermidorianischen Entartung« der bolschewistischen Führung.[1] Damit verkannte Trockij das Wesen der 1929/30 begonnenen Stalinschen Revolution von oben und des damals errichteten Systems. Denn im Gegensatz zum »Thermidor« handelte es sich beim Stalinismus keineswegs um einen Versuch, der doktrinär-terroristischen Phase der Revolution ein Ende zu setzen. Im Gegenteil, gerade Stalin führte diese Entwicklungslinie der russischen Revolution auf ihren Höhepunkt.[2] So ist die These Trockijs von einer »thermidorianischen Entartung« keineswegs dazu geeignet, das Phänomen »Stalin« und das mit ihm untrennbar verbundene Phänomen des »Großen Terrors« zu erklären.

Eine andere Erklärung für den Großen Terror gibt der »Brief eines alten Bolschewiken«, den der russische Sozialdemokrat Boris Nikolaevskij 1936 in der Exilzeitschrift Socialističeskij vestnik veröffentlichte und der im Wesentlichen auf den Gesprächen Nikolaevskijs mit Nikolaj Bucharin basiert. Hier wird Stalins Absicht, einen Vernichtungsfeldzug gegen die bolschewistische Elite zu beginnen, folgendermaßen begründet: Stalin habe erkannt, dass die alten Bolschewiki sich nie mit seiner Diktatur abfinden würden. Sie seien in der Atmosphäre des Kampfes und des Widerstandes gewachsen, sie seien durchweg nonkonformistisch und kritisch. Diese Eigenschaften halte Stalin aber für destruktiv. Er sei daher zu einem kühnen Entschluss gelangt: Wenn die alte Generation der Bolschewiki, aus der sich die sowjetische Regierungselite rekrutiere, für eine »konstruktive« Arbeit nicht geeignet sei, solle sie beseitigt und durch eine neue Elite ersetzt werden.[3]

Wenn man allerdings das tatsächliche Verhalten der alten Bolschewiki während des »Großen Terrors« näher betrachtet, so entdeckt man, wenn man von einigen Ausnahmen absieht, nicht allzu viel Kritik bzw. Nonkonformismus, kaum etwas von dem, was der Verfasser des »Briefes eines alten Bolschewiken« so stark hervorhebt. Der polnische Dichter Aleksander Wat, der einige Jahre im Gulag verbracht hatte, schreibt: Keine andere Opfergruppe habe sich in den stalinistischen Gefängnissen so unwürdig verhalten wie die der »alten Bolschewiki«, diese einstigen Helden der Revolution und des Bürgerkrieges. Kaum jemand habe vor den Terrororganen so schnell kapituliert wie sie.[4]

Dieses Verhalten überrascht, wenn man bedenkt, dass noch einige Jahre zuvor die Partei keineswegs ein willenloses Werkzeug in den Händen der Führung darstellte. Auch nach der Zerschlagung der »Rechten« im Jahre 1929 – der letzten großen Opposition – hörte der Widerstand gegen die »Generallinie« der Führung nicht auf. Nach dem Beginn der Kollektivierung der Landwirtschaft waren viele Parteifunktionäre von der Unmenschlichkeit, mit der das Regime gegen die wehrlose Bauernschaft vorging, erschüttert. Viele fühlten sich vom apodiktischen Stil Stalins herausgefordert und strebten nach der Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie, die ihrer Ansicht nach in den 20er Jahren noch in der Partei geherrscht habe.[5]

Gegen die Stalin-Diktatur kämpfte in der Partei die Gruppe um den Altbolschewiken Martem’jan Rjutin besonders konsequent. Sie verfasste zu Beginn der 30er Jahre eine Reihe von Schriften, die sich äußerst scharf mit dem neuen politischen Kurs auseinandersetzten.[6] Die alte Partei habe im Sterben gelegen, schrieb der aus der Sowjetunion emigrierte Historiker Abdurachman Avtorchanov über die Lage in der Partei in den Jahren 1930 bis 1933, dies sei allerdings kein natürlicher Tod gewesen. Die Partei habe einen ununterbrochenen Widerstand geleistet. Kaum, dass es Stalin gelungen sei, eine Opposition zu beseitigen, sei sofort eine neue entstanden.[7]

Dieser Widerstand hat sich bekanntlich sogar auf dem XVII. Parteitag der Bolschewiki vom Januar 1934 – dem »Parteitag der Sieger« – unterschwellig geäußert, als eine Reihe der Delegierten sich weigerte, bei den Wahlen zum Zentralkomitee für Stalin zu stimmen. Von den stimmberechtigten 1 225 Kongressteilnehmern haben nach einigen Quellen etwa 125, nach anderen beinahe 300 gegen Stalin gestimmt.[8] Warum vermochte dann Stalin einige Jahre später etwa die Hälfte der Delegierten dieses widerspenstigen Kongresses zu vernichten? Warum hatten sich viele von ihnen während der Schauprozesse derart erniedrigen lassen? Warum hatten sie, von einigen Ausnahmen abgesehen (so z. B. Nikolaj Krestinskij während des Prozesses vom März 1938),[9] nicht versucht, zumindest den Rest ihrer Menschenwürde zu bewahren? Diese Fragen stellte Aleksander Wat dem langjährigen Chefredakteur der Zeitung Izvestija Jurij Steklov, den er im Gefängnis von Saratov traf. Die Antwort Steklovs unterschied sich wesentlich von derjenigen, die Arthur Koestler in seinem Roman Sonnenfinsternis liefert. Nicht der Glaube an die »höhere Vernunft« der Partei habe sie zur Selbstaufgabe veranlasst, sondern vielmehr eine weitgehende moralische Degradierung. Die verhafteten Helden der Revolution seien selbst an derart vielen Verbrechen beteiligt gewesen, an ihren Händen habe so viel Blut geklebt, dass sie nicht die moralische Kraft gehabt hätten, sich der Terrormaschinerie zu widersetzen, die sie selbst mitentwickelt hatten, als diese Maschinerie sich gegen ihre Urheber wandte.[10]

Insbesondere die Methoden, die die Partei während der Kollektivierung der Landwirtschaft angewandt hatte, trugen zu der von Steklov erwähnten moralischen Degradierung bei. Und Boris Nikolaevskij, der Autor des »Briefes eines alten Bolschewiken«, fügt hinzu, dass der während der Kollektivierung entwickelte organisierte Terror mit dem Terror aus der Zeit des Bürgerkrieges wenig gemein gehabt hätte. Damals hätten die Bolschewiki um ihr Überleben gekämpft, und der Gegner sei nicht weniger rücksichtslos gewesen. Demgegenüber begann die Partei 1929/30 ihren Bürgerkrieg in einer Zeit, in der das Machtmonopol der Bolschewiki nicht im Mindesten gefährdet war und in der der Gegner über keine Verteidigungsmittel verfügte.[11] 

Das würdelos scheinende Verhalten der Vertreter der »Lenin-Garde« während der Schauprozesse war in vielen Fällen auch die Folge unvorstellbarer Foltern, denen sie ausgesetzt waren und die von der Parteiführung ausdrücklich verordnet waren: »Das ZK der KPdSU stellt klar, daß die Anwendung physischen Drucks seit 1937 aufgrund einer Genehmigung des ZK der KPdSU zulässig ist«, so lautete die von Nikita Chruščev auf dem XX. Parteitag der KPdSU zitierte Verordnung Stalins vom Januar 1939.[12]

Trockij nahm in seiner im Februar 1937 in New York gehaltenen Rede über die Moskauer Schauprozesse seine ehemaligen Gefährten in Schutz: »Die Prozesse der GPU sind durch und durch von inquisitorischem Charakter, darin liegt das simple Geheimnis der Geständnisse! […] Vielleicht gibt es in der Welt viele Helden, die jegliche Folter […] an sich selbst, ihren Frauen und Kindern ertragen können […]. Ich weiß es nicht […]. Meine persönlichen Beobachtungen sagen mir, daß das Widerstandsvermögen der menschlichen Nerven begrenzt ist […]. Die Moskauer Prozesse entehren die alte Generation der Bolschewiki nicht: sie zeigen nur, daß auch Bolschewiki aus Fleisch und Blut sind und daß sie es nicht endlos ertragen können, wenn über ihren Köpfen jahrelang das Todespendel schwebt. Die Moskauer Prozesse entehren das politische Regime, das sie erzeugt hat«.[13]

Trockijs Erklärungen gelten allerdings nur für diejenigen alten Bolschewiki, die sich erst nach Anwendung von unerträglichem physischem Druck mit der Rolle der Marionetten im Stalinschen Marionettentheater abfanden.[14] Das Verhalten der noch nicht verhafteten Kommunisten, die im »vorauseilenden Gehorsam« dieselbe Sprache wie die Stalinschen Henker sprachen, muss mit ganz anderen Maßstäben bewertet werden. So verlangten viele ehemalige Parteioppositionelle (Karl Radek, Kristijan Rakovskij, Vladimir Antonov-Ovseenko, Nikolaj Pjatakov u. a.) während des ersten Moskauer Schauprozesses vom August 1936 eine schonungslose Abrechnung mit den Angeklagten. Pjatakov schrieb am 21. August in der Pravda: »Man findet keine Worte, um den Unwillen und den Abscheu völlig auszudrücken. Diese Leute haben die letzte Ähnlichkeit mit Menschen verloren. Sie müssen beseitigt werden wie Aas, das die reine erfrischende Luft des Landes der Sowjets verpestet«.[15] Und Nikolaj Bucharin schrieb kurz nach der Hinrichtung seiner ehemaligen Gefährten im Brief an einige Politbüromitglieder: »Ich bin außerordentlich froh, dass man diese Hunde erschossen hat. Durch diesen

Prozess ist Trockij politisch vollkommen erledigt.«[16]

Aus Angst um ihr Leben verrieten viele alte Bolschewiki ihre langjährigen Kameraden, manchmal ihre engsten Freunde und sogar Familienangehörige. Dies waren die gleichen Menschen, die noch einige Jahre zuvor ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, um eine völlig neue, aus ihrer Sicht gerechtere Welt ohne Ausbeutung, ohne »bürgerliche« Lüge und Heuchelei zu erschaffen. Nun verabschiedeten sie sich nicht nur von der so genannten bürgerlichen Moral, sondern von den elementarsten Anstandsregeln, gerieten in ein ethisches Vakuum, in dem die universalen, in der zivilisierten Welt allgemein akzeptierten Verhaltensnormen nicht mehr galten.

Kein einziges Attentat auf den Urheber der »Stalinščina«

Die würdelos scheinenden Auftritte der ehemaligen Helden der bolschewistischen Revolution während der Schauprozesse kommentierte der Exilhistoriker Georgij Fedotov wie folgt: »Ihre Erniedrigung erfüllt mich nicht mit Schadenfreude. Ich bin erniedrigt ebenso wie sie. Denn ihre Schande ist letztendlich auch die Schande Russlands. Denn seinerzeit bezwangen diese Menschen Russland, sie waren stärker als alle anderen Führer des Landes. Sie hatten sich mit ihrem unbezwingbaren ›bolschewistischen‹ Willen gebrüstet, und nun platzte ihr angeblicher Wille wie eine Seifenblase.«[17]

Die Tatsache, dass die Angeklagten sich während der Prozesse so »würdelos« verhielten, führt Fedotov auf Lenin zurück: »Lenin hat eine Generation von Politikern erzogen, die durch ihren prinzipiellen Amoralismus, durch ihre Ablehnung von persönlicher Ehre und Würde die Entstehung aller edlen Regungen im Bolschewismus im Keime erstickte. Er erzog Henker und keine Helden. Und dieser Menschentyp schuf ein neues Russland, das dazu prädestiniert war, von Stalin versklavt zu werden.«[18]

Die Versuche der sowjetischen Oligarchie, den gegen sie gerichteten Vernichtungsfeldzug aufzuhalten, hatten einen zaghaften und völlig unbeholfenen Charakter. So protestierten z. B. einige ZK-Mitglieder auf dem ZK-Plenum vom Juni 1937 gegen die Forderung Nikolaj Ežovs nach einer Verschärfung des Kampfes gegen die »Volksfeinde«. Der Volkskommissar für Gesundheitswesen Grigorij Kaminskij soll gesagt haben: »Auf diese Weise werden wir die gesamte Partei erschießen!« Unterstützt wurde Kaminskij von Osip Pjatnickij.[19] Dieser Protest zeitigte aber keinerlei Folgen. Kaminskij und Pjatnickij wurden bald nach dem Plenum verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der Terror ging unaufhaltsam weiter und erreichte gerade nach dem Plenum vom Juni 1937 seinen Höhepunkt.

Zu einer verbreiteten Form des Protestes gegen die Willkür des Regimes wurden Selbstmorde einer Reihe prominenter Parteiführer – wie z. B. Michail Tomskij, Sergo Ordžonikidze, Jan Gamarnik u. a. Stalin ließ sich durch solche Verzweiflungsakte seiner engsten Gefährten nicht erweichen. So bezeichnete er auf dem ZK-Plenum vom Dezember 1936 die Selbstmörder als besonders raffinierte Parteifeinde, die die Partei durch ihren Freitod bespucken und in eine heikle Lage bringen wollten.[20]

Von einem systematischen Widerstand der sowjetischen Machtelite gegen den Tyrannen kann also keine Rede sein. Sogar innerhalb der Roten Armee entdeckten die Forscher keine Anzeichen für einen organisierten Widerstand. Mehr noch: Viele Militärführer hatten am Stalinschen Vernichtungsfeldzug gegen ihre langjährigen Gefährten und Freunde sogar mitgewirkt. Ihr Verhalten wird von den russischen Militärhistorikern Vitalij Rapoport und Jurij Alekseev folgendermaßen kommentiert: »Es standen ihnen mehrere Optionen zur Wahl: passiver Widerstand, offener Protest und sogar die Beseitigung Stalins […]. Sie haben sich aber für den sklavischen Gehorsam entschieden. Kurz danach blieben nur wenige von ihnen am Leben.«[21]

So unterschied sich das Verhalten der bolschewistischen Machtelite grundlegend von demjenigen der sowjetischen Bauernschaft, die sich gegen ihre Enteignung zur Zeit der Kollektivierung der Landwirtschaft verzweifelt gewehrt hatte.[22] Diese unterschiedlichen Haltungen lassen sich in erster Linie dadurch erklären, dass die bolschewistische Oligarchie sich mit dem Staat, der einen erbarmungslosen Terrorfeldzug gegen sie führte, viel stärker identifizierte als dies bei den Bauern der Fall gewesen war.

Angesichts des geschilderten Sachverhaltes ist es völlig verfehlt, die Stalinschen Terrormaßnahmen gegen die »Lenin-Garde« auf ihren angeblichen Hang zum Nonkonformismus und zur Kritik zurückzuführen, wie dies Nikolaevskij tut. Im Gegenteil, ihr unterwürfiges Verhalten zeigt, dass Stalin von ihnen kaum etwas zu befürchten hatte.[23] Ihre im Wesentlichen passive Hinnahme des gegen sie gerichteten Vernichtungsfeldzugs trug lediglich zur Stabilisierung der neuen Despotie bei.

Die bolschewistischen Opfer Stalins fühlten sich in der Regel dem in der Lenin-Zeit entstandenen »bolschewistischen Ehrenkodex« verpflichtet, der es verbot, mit Gewalt gegen innerparteiliche Gegner vorzugehen. Dieser Tradition blieb die Mehrheit von ihnen auch während des »Großen Terrors« treu. Dies ungeachtet der Tatsache, dass Stalin bei der Bekämpfung seiner Parteigefährten absolut keine Tabus respektierte. Die Trotzkistin Safonova, die den Terror der 30er Jahre wie durch ein Wunder überlebte, sagte später: »Wir lehnten prinzipiell den Terror ab und verübten [im Kampf gegen Stalin] keinen einzigen Gewaltakt«.[24]

Dabei darf man nicht vergessen, dass es sich bei den alten Bolschewiki bekanntlich nicht um Gewalt verabscheuende Pazifisten handelte. Sie hatten absolut keine Bedenken, im Kampfe gegen die so genannten »Klassengegner« Terrormaßnahmen brutalster Art anzuwenden. Stalin in die Kategorie der »Klassengegner« einzuordnen, waren sie jedoch außerstande. Das Revolutionsschema, in dem sie verfangen waren, ließ eine derartige Betrachtung nicht zu. Der Stalin-Biograph Anton Antonov-Ovseenko schrieb in diesem Zusammenhang: »Hatte es wirklich keinen einzigen Attentatsversuch auf Stalin gegeben? […] Nein, in der Tat […]. Es gab bei uns keine Verschwörer, weil man mit dem Namen Stalin bereits zu Beginn der 30er Jahre alle Siege des sozialistischen Aufbaus verknüpfte. Die physische Beseitigung Stalins stand für die Opposition nicht zur Debatte.«[25]

Dieses Verhalten erinnert in verblüffender Weise an die Haltung der alten deutschen Eliten gegenüber Hitler. Die Mehrheit der deutschen Konservativen lehnte das gewaltsame Vorgehen gegen die Hitlersche Tyrannei kategorisch ab und berief sich dabei, ebenso wie die alten Bolschewiki, auf einen »Ehrenkodex« – in ihrem Fall war dies der Eid, den sie auf den »Führer des Deutschen Reiches und Volkes« geleistet hatten. Abgesehen davon wandten sie sich gegen die gewaltsame Abschaffung des bestehenden Systems aus Angst vor Anarchie und Kommunismus. Die bolschewistischen Kritiker Stalins wiederum lehnten die Anwendung von Gewalt gegen das bestehende System nicht zuletzt deshalb ab, weil sie Angst vor einer Restauration des Kapitalismus hatten. Stalin und Hitler wussten von den moralischen Tabus ihrer Opponenten. Der Hitler-Biograph Konrad Heiden sagte über Hitler, dieser habe seine Gegner besser gekannt als diese sich selbst, weil er sie aufmerksam beobachtet habe und weil die Ausnutzung fremder Blößen sein Lebenselement gewesen sei.[26] Diese Worte Heidens lassen sich auch auf Stalin anwenden. 

In Anlehnung an den sowjetischen Militärtheoretiker A. Todorskij bezeichnet Roj Medvedev den »Großen Terror« als eine Art »Master-Plan« Stalins zur Vernichtung der Partei- und Militärführung. Dieser Plan sei einem Mobilisierungsplan einer großen Armee nicht unähnlich gewesen. Er sei sorgfältig konzipiert und meisterhaft durchgeführt worden.[27]

J. Arch Getty lehnt hingegen die These von einem sorgfältig durchdachten Terrorfeldzug rundweg ab: »[Stalin] was not a master planner […]. There was certainly repression, but there is no evidence of a planned straight line to it. There was, on the other hand, considerable indecision, ad hoc campaigns, false starts, and retreats.«[28]

Gehören aber gelegentliche Rückzüge nicht zum Bestandteil einer wohl überlegten Taktik? Stalin beherrschte meisterhaft die Kunst eines vorübergehenden Rückzugs, um Kräfte für einen erneuten Angriff zu sammeln. Die plötzliche Verlangsamung der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft im März 1930 (»Vor Erfolgen von Schwindel befallen«) stellt ein besonders anschauliches Beispiel für diese Vorgehensweise dar.

Anders als für Getty und seine »revisionistischen« Mitstreiter (z. B. für Robert W. Thurston) besteht für die Mehrheit der westlichen und russischen Stalinismusforscher kein Zweifel daran, dass Stalin den Vernichtungsfeldzug von 1936 bis 1938 sowohl initiierte als auch weitgehend kontrollierte. Die Symbolfigur des »Großen Terrors«, der Volkskommissar für Inneres, Ežov, sei im Wesentlichen eine Marionette Stalins gewesen: »Die Ežovščina [die Amtszeit von Ežov als NKVD-Chef 1936 bis 1938, Anm. der Redaktion] könnte mit gleichem Recht auch Stalinščina heißen«, sagt in diesem Zusammenhang Manfred Hildermeier.[29]

Entstehung und Funktion des Stalin-Kults

Untrennbar mit dem »Großen Terror« war ein hysterischer Stalin-Kult verbunden, an dessen Entwicklung sich viele Vertreter der »Lenin-Garde« maßgeblich beteiligten.[30] Einige Autoren, insbesondere in der Zeit der Gorbačevschen Perestrojka, neigen dazu, das Aufkommen des Stalin-Kultes durch die Rückständigkeit Russlands zu erklären. Die Oktoberrevolution und der Bürgerkrieg hätten die alten russischen Bildungsschichten weitgehend dezimiert, sie seien durch politisch unerfahrene, ungebildete Emporkömmlinge abgelöst worden, die die Anordnungen von oben widerspruchslos akzeptierten und zur unkritischen Anbetung der Obrigkeit neigten. Der Publizist Otto Lacis hielt den Führerkult für ein Attribut eines frühen Sozialismus, der auf einer unerfahrenen und rückständigen Arbeiterklasse gründete.[31] Auch Trockij führte die Entstehung des stalinistischen Regiments und des Stalin-Kultes auf die Tatsache zurück, dass die politisch orientierungslosen Schichten in einem immer stärkeren Ausmaß die politische Kultur des Landes und den Charakter der Partei zu prägen begannen. Die internationalistisch gesinnte, vielseitig gebildete Parteielite sei diesen Gruppen, die nun im Parteiapparat dominierten, verhasst gewesen. Stalin habe deren antielitäre Emotionen in seinem Kampf um die Alleinherrschaft geschickt ausgenutzt.

Vieles scheint in der Tat für diese Theorie zu sprechen. Stalin appellierte wiederholt an antiintellektuelle und antielitäre Ressentiments, die sowohl in der bolschewistischen Partei als auch in den anderen Sektionen der Kommunistischen Internationale stark verbreitet waren: »Wir wollen keine Adeligen in der Partei haben«, verkündete er im Dezember 1927 auf dem XV. Parteitag der Bolschewiki, und dieser Appell fand ein beachtliches Echo bei den Parteimassen.[32] Als sich die Ernst-Thälmann-Fraktion innerhalb der KPD Mitte der 20er Jahre gegen ihre intellektuell versierten Gegner durchsetzte, wandte sich Stalin scharf gegen die KPD-Opposition, und zwar mit folgenden Argumenten: »Bei einigen Intellektuellen werden Stimmen laut, daß der Mangel an Intellektuellen im ZK dessen Arbeit beeinträchtige. Ich halte dergleichen Ausfälle für eine Kampfesweise der Intellektuellen, die unwürdig sind, sich Kommunisten zu nennen. Man sagt, das heutige ZK sei arm an Theoretikern; das ist noch kein großes Unglück, sofern nur eine richtige Politik vorhanden ist.«[33]

Die These vom Aufstand der Ungebildeten gegen die Gebildeten, der Massen gegen die Elite als Voraussetzung für die Verwandlung der ursprünglich ideokratischen bolschewistischen Partei und der kommunistischen Weltbewegung in eine Führerpartei bzw. -bewegung scheint durch diese Aussagen Stalins, die eine große Resonanz bei den Angesprochenen fanden, bestätigt. Bei einer näheren Betrachtung verliert sie allerdings an Überzeugungskraft. Die Entstehung des Stalinschen »Kommandosystems« und des mit ihm eng verknüpften Stalin-Kultes vollzog sich in der Zeit, als die Partei noch kein willfähriges Organ in den Händen Stalins war, sondern einen ausgesprochen oligarchischen Charakter hatte. Die Generallinie der Partei bestimmte damals die siegreiche Stalinsche Fraktion, die keineswegs aus Kreaturen Stalins bestand. Solche bolschewistischen Führer wie Sergej Kirov, Grigorij Ordžonikidze oder Valerian Kujbyšev gehörten der alten Garde der Bolschewiki an. Sie verdankten ihren Aufstieg keineswegs Stalin. Sie waren aber der Meinung, dass die neue Phase der Klassenkämpfe neuer Führermethoden und neuer Führer bedürfe. Man benötigte jetzt keine Volkstribunen und brillante Theoretiker, sondern Männer der Tat. Und Stalin galt in ihren Augen als solcher. Deshalb unterstützten sie vorbehaltlos sein voluntaristisches Industrialisierungs- und Kollektivierungsprogramm. Die Anwendung des Terrors gegen die sich verzweifelt wehrenden Bauern hielten sie für durchaus legitim, denn diese klammerten sich ihrer Ansicht nach an die bereits überlebte »kleinbürgerliche« Wirtschaftsordnung. Die Bolschewiki bezeichneten sich stolz als Träger der größten Revolution in der Geschichte der Menschheit. Ihnen schwebte eine umfassende Veränderung der Welt und nicht eine Anpassung an die politische Realität vor. Diese voluntaristischutopistischen Energien des Bolschewismus waren selbstverständlich während der Periode der Neuen Ökonomischen Politik (NĖP, 1921 bis 1928) nicht erloschen. An diese Energien, die zur Zeit des russischen Bürgerkrieges bzw. des Kriegskommunismus zur vollen Entfaltung gekommen waren, appellierte Stalin nun. 

Mit der Anlehnung an die Methoden des Kriegskommunismus, die etwa 1929/30 in der Sowjetunion erfolgte, kann man allerdings die Entstehung des Führersystems und des Stalin-Kultes nur bedingt erklären. Denn während des russischen Bürgerkrieges, selbst zur Zeit der akutesten Krisen, hatte die Partei nicht aufgehört zu diskutieren, der offizielle Kurs wurde immer wieder von unten in Frage gestellt. Die Bolschewiki, die damals die Gesellschaft einem brutalen Zwangssystem unterwarfen, pflegten im Umgang miteinander einen ganz anderen Stil.

So kann man mit der Wiederanknüpfung an die Methoden des Bürgerkrieges zwar die Rückkehr der Bolschewiki zum Massenterror (1930), nicht aber die Verwandlung der Partei in eine Marionette der Führung und genauso wenig die Entstehung des Stalin-Kultes erklären.[34] Abgesehen davon sind all diese Konzepte, insbesondere die »Rückständigkeitsthese«, viel zu russozentrisch. So lässt die letztere Erklärung außer Acht, dass Anfang der 30er Jahre das mächtigste Industrieland Europas, dessen Bildungssystem vielen Staaten als Vorbild gedient hatte, ebenfalls einem Führer-Wahn erlag. Das deutsche Beispiel zeigt, dass der Sturz in die Barbarei von jeder Entwicklungsstufe aus möglich ist.

Nach all diesen unbefriedigenden Erklärungsversuchen möchte ich mich nun mit den Hypothesen von Richard Pipes befassen, der die Entstehung des Stalinschen Systems auf folgende Ursachen zurückführt: 

Das Scheitern des bolschewistischen Versuchs, die Weltrevolution auf den industriell hoch entwickelten Westen auszudehnen.

Die Ausweitung der Kontrolle der allein herrschenden Partei auf beinahe alle Lebensbereiche des Sowjetstaates, die zur Entstehung eines gigantischen bürokratischen Parteiapparats führte.

Die Auflehnung der Arbeitermassen – der wichtigsten Basis der Partei – gegen die Herrschaft der in der Partei dominierenden Intellektuellen.[35]

Von der geschickten Ausnutzung der bei den breiten Parteimassen tief verankerten antiintellektuellen Ressentiments durch Stalin war in diesem Beitrag bereits die Rede. Deshalb möchte ich vor allem auf die beiden ersten Erklärungsmodelle von Richard Pipes etwas genauer eingehen.

Die Bolschewiki hatten im Oktober 1917 in Russland – dem »schwächsten Glied der Kette des Weltkapitals« – die Macht mit dem Ziel erobert, die ganze Kette durch die Weltrevolution zu beseitigen. Ihren Kampf um die Macht in Russland fassten sie zunächst ausschließlich als Dienst an der Weltrevolution, nicht als Selbstzweck auf. Sie strebten eine weltweite Verwirklichung solcher marxistischen Postulate wie die Abschaffung des Privateigentums und die Aufhebung der Klassenherrschaft an. Dergleichen ist aber den Bolschewiki in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution weder im internationalen noch im nationalen Rahmen gelungen. Die proletarische Revolution erwies sich, vor allem nach dem Scheitern des »deutschen Oktobers« im Jahre 1923 als eine Chimäre und auch in Russland musste die so genannte proletarische Offensive nach dem Misserfolg des kriegskommunistischen Experiments im Jahre 1921 vorübergehend gestoppt werden. Der freie Markt und private Eigentumsverhältnisse wurden nun zum Entsetzen der überwältigenden Mehrheit der Parteimitglieder zumindest partiell rehabilitiert.[36]

Die immer größer werdende Kluft zwischen der bolschewistischen Doktrin und der Realität war mit einer immer stärkeren Erosion der Partei als Institution verknüpft, in der ein erbitterter Kampf um die Nachfolge Lenins ausbrach. Die Erosion von Institutionen führt aber nicht selten zu einer Aufwertung von Personen, mit denen man Heilserwartungen unterschiedlichster Art verknüpft. In der frühsowjetischen Zeit verkündeten viele Bolschewiki wiederholt: »Die Partei hat immer recht«. So äußerte sich z. B. Trockij auf dem XIII. Parteitag, als er von der überwältigenden Mehrheit der Delegierten für seine angeblichen Irrtümer verurteilt wurde.[37] Die Metapher »Die Partei hat immer recht« blieb aber zunächst unverbindlich und verminderte in keiner Weise erbitterte Fraktionskämpfe, die die gesamte Entwicklung des Regimes in den 20er Jahren begleiteten. Nach der Verwandlung der Bolschewiki in eine Führerpartei bekam indes der Satz »Die Partei hat immer recht« einen völlig neuen Charakter. Nun verkörperte Stalin den Willen und die Vernunft der Partei. Und jede Infragestellung seiner Unfehlbarkeit stellte ein kriminelles Delikt dar, das mit Repressalien unterschiedlichster Art bestraft wurde.

Der bolschewistische Typ ändere sich, schrieb 1932 Georgij Fedotov. Für die Parteiführung sei nun die bedingungslose Erfüllung der »Generallinie« viel wichtiger geworden als die freiwillige Anerkennung der bolschewistischen Ideen. Die Parteidisziplin werde höher eingestuft als der revolutionäre Idealismus.[38] Was hätte der von Fedotov angesprochenen Disziplinierung der Partei besser dienen können als die Errichtung eines Führersystems mit einem unfehlbaren Führer an der Spitze? Viele Vertreter der »alten« bolschewistischen Elite beteiligten sich maßgeblich an der Errichtung dieses Systems. Was veranlasste sie zu diesem »Verrat« an den ursprünglichen bolschewistischen Idealen? Etwas Licht in ihre Motive bringt die Aussage Michail Kalinins – nominell der erste Mann im Staate –, die von der Witwe Bucharins, Anna Larina (Bucharina), zitiert wurde. Etwa zu Beginn der 30er Jahre erklärte Kalinin dem kurz zuvor unterlegenen Bucharin, der für die Fortsetzung der NĖP plädiert hatte: »Sie, Nikolaj Ivanovič, sind völlig im Recht. Wir haben allerdings die Macht verloren. Und es gibt nichts nützlicheres als die Geschlossenheit der Partei.«[39]

Man darf nicht vergessen, dass diese Worte einige Jahre nach dem Ausbruch des zermürbenden Kampfes um die Nachfolge Lenins fielen. Die Partei hatte in dieser Periode eine Zerreißprobe nach der anderen erlebt. Um das Regime nicht weiter zu gefährden, waren nun Teile der regierenden Elite bereit, ihre eigenen Überzeugungen preiszugeben und sich einem Führer zu unterwerfen.

Nun möchte ich noch auf die vorrevolutionären Ursprünge des Stalin-Kultes eingehen, auf die Frage, wie eng er mit den Besonderheiten der historischen Entwicklung und der politischen Kultur Russlands verbunden war. Stalin selbst behauptete im Gespräch mit seinem Schwager Svanidze 1934, das russische Volk benötige den Glauben an den Zaren, es sei »zarentreu« veranlagt.[40] Wollte Stalin durch den Führerkult dieser angeblichen Sehnsucht der Russen nach einem strengen Zaren entgegenkommen? Dies ist nicht ausgeschlossen. Die von der Propaganda millionenfach wiederholten Lobeshymnen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Große Teile der indoktrinierten Bevölkerung begannen allmählich das von oben verordnete Stalin-Bild zu verinnerlichen.

Der russische Literaturhistoriker Natan Ėjdel’man spricht in diesem Zusammenhang von einer »Stalin-Hypnose«, die die sowjetische Bevölkerung Mitte der 30er Jahre erfasst und praktisch bis zum Tode des Diktators angedauert habe. Dieser wahnhafte Zustand habe zu einer vollkommen verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit geführt. Nur deshalb, so Ėjdel’man, habe ein Despot, der für die Ermordung von Millionen verantwortlich war, in den Augen der Bevölkerungsmehrheit als Sinnbild der Vollkommenheit gelten können.[41]

Diese von Ėjdel’man geschilderte Stalin-Hypnose wird von vielen Autoren auf die Eigenart der russischen Mentalität wie auch des historischen Weges Russlands zurückgeführt. So weisen z. B. Robert C. Tucker und Mosche Lewin auf erstaunliche Parallelen zwischen dem Stalinschen Regime und dem Herrschaftssystem Ivans des Schrecklichen bzw. Peters des Großen hin.[42]

Der Vergleich mit dem deutschen »Führerstaat« 

Diese Erklärung der Ursprünge des Stalinismus lässt allerdings die Tatsache unberücksichtigt, dass zur gleichen Zeit Deutschland ebenfalls von einem FührerWahn erfasst wurde. Es ist richtig, dass das Führersystem in Deutschland eine ganz andere Entstehungsgeschichte hatte als in der Sowjetunion. Auch die wirtschaftlichen und sozialen Funktionen der beiden Führersysteme unterschieden sich grundlegend voneinander. In Deutschland sollte es, wie bereits erwähnt, die angeblich von links gefährdete bestehende wirtschaftliche und soziale Ordnung schützen, in der Sowjetunion hingegen eine »Restauration des Kapitalismus« verhindern. Die Liste der Unterschiede ließe sich unendlich fortsetzen. Aber auch die Ähnlichkeiten waren verblüffend. Der Führer-Glaube zeugte sowohl in Deutschland als auch in Russland vom Ausbruch der Irrationalität und der Massenpathologie, und zwar in einem beispiellosen Ausmaß, in einem angeblich aufgeklärten Zeitalter – mit verheerenden Folgen für die Betroffenen.

Ähnlich wie in der Sowjetunion war das Führersystem auch in Deutschland nicht nur dem Fanatismus der Führergläubigen, sondern auch dem machiavellistischen Kalkül der alten Eliten entsprungen, die mit seiner Hilfe die bestehenden Herrschaftsverhältnisse stabilisieren wollten. Die Weimarer Demokratie verkörperte für sie Zerrissenheit und Dekadenz. Sie verklärten die alte patriarchalische Ordnung, wussten aber zugleich, dass ihr restauratives Programm im Zeitalter der Massen und in einer politisierten Gesellschaft keine Verwirklichungschance hatte. Das Führerprinzip schien hier einen idealen Ausweg zu bieten. Es band einerseits die politisierten Massen und zerstörte zugleich die pluralistische Herrschaftsordnung, die das konservative Establishment radikal ablehnte. Übersehen wurde sowohl in Deutschland als auch in Russland, dass das Führersystem per definitionem eine uneingeschränkte Willkür verkörperte, die sich zwangsläufig auch gegen seine Mitgestalter wenden musste.

Beide Führerstaaten, die in den 30er Jahren entstanden, waren die Folge einer beispiellosen Identitätskrise – einer ungefestigten Demokratie in dem einen und einer verunsicherten »Partokratie« (Richard Pipes) im anderen Fall, deren ideologische Ziele sich als Chimären erwiesen.

Parallel zu dieser Desillusionierung fand in der Sowjetunion, wie Pipes in seinem Erklärungsmodell hervorhebt, eine umfassende Bürokratisierung des gewaltigen Parteiapparates statt, die zu erheblichen Veränderungen der bis dahin üblichen Herrschaftstechnik führte. Stalin konnte sich in diese neue Phase des sowjetischen Totalitarismus wesentlich besser einfühlen als seine Kontrahenten, wie z. B. Trockij, die den weltrevolutionären Zielsetzungen immer noch die höchste Priorität beimaßen und die in romantischen Erinnerungen an den Frühbolschewismus schwelgten.

Abdurachman Avtorchanov schreibt in diesem Zusammenhang: Als Revoluti- onsführer sei Trockij ein Gigant, als Machttechniker hingegen bloß ein Zwerg gewesen. Bei Stalin hätten sich die Dinge genau umgekehrt verhalten.[43] Die Zwangskollektivierung stellte demnach die erste »Bewährungsprobe« des bereits von Stalin geprägten Machtapparates dar. Die im Allgemeinen als undurchführbar eingestufte Aufgabe der Enteignung von mehr als 100 Millionen Bauern sei durch Stalin »bewältigt« worden. 

Die ungelöste Agrarfrage bildete seit Generationen den gefährlichsten Sprengstoff Russlands. Erst der Stalinschen Führung ist es gelungen, die Bauernschaft zu »zähmen« und ihr Rückgrat zu brechen. Privateigentum und freier Markt – die zentralen Hassobjekte der orthodoxen Marxisten – wurden nun in der Sowjetunion infolge der Stalinschen Revolution von oben weitgehend abgeschafft. Jetzt konnte das Regime das gesamte Wirtschaftspotential des Landes, alle seine materiellen und menschlichen Ressourcen direkt kontrollieren und lenken. Dies war das wichtigste Ergebnis der Kollektivierung der Landwirtschaft und nicht, wie zunächst erhofft, eine Steigerung der Erträge. Erst jetzt konnten die Verfechter der zentralen Planwirtschaft in Moskau zum Zuge kommen. Der äußerst komplizierten Koexistenz des staatlichen und des privaten Wirtschaftssektors, die außerordentlich viele Spannungen und Konflikte verursacht hatte, wurde nun ein Ende gesetzt. Das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte, das in den Augen der marxistischen Dogmatiker als die Verkörperung des Chaos galt, wurde nun durch den staatlichen Dirigismus abgelöst.

Einige Gefährten Stalins meinten nach der Bezwingung der sowjetischen Bauernschaft (etwa 1933/34), man könne den 1929/30 betretenen Pfad der uferlosen Gewalt wieder verlassen, da das Ziel, für das sie angewandt worden war, erreicht worden sei. Damit verkannten sie aber die Eigendynamik der von ihnen selbst ausgelösten Prozesse völlig. Denn das zu Beginn der 30er Jahre errichtete System stellte einen permanenten Ausnahmezustand dar und räumte diejenigen Kräfte, die sich gegen seine »Logik« wehrten, aus dem Weg.

So bezeichnete Stalin diejenigen Bolschewiki, die meinten, der Klassenkampf könne angesichts der erfolgreich abgeschlossenen sozialistischen Offensive abgemildert werden, als »Entartete, die man aus der Partei verjagen muß«. »Die Aufhebung der Klassen wird nicht durch das Erlöschen des Klassenkampfes, sondern durch seine Verstärkung erreicht«, verkündete Stalin im Januar 1933 diesen eigentlich absurden, aber für die »Stalinsche Logik« so typischen Satz.[44] 

Ein Jahr später, auf dem XVII. Parteitag der Bolschewiki, beklagte sich Stalin über das »falsche Bewusstsein« mancher Kommunisten, über die Überreste oppositionellen, »antileninistischen« Denkens. Als Beispiel für den »Wirrwarr« in den Köpfen mancher Kommunisten nannte Stalin die These vom spontanen Hineinwachsen der Sowjetunion in eine klassenlose Gesellschaft: »Sie geraten in höchste Verzückung in Erwartung dessen, daß es bald keine Klassen mehr geben werde – also auch keinen Klassenkampf, also auch keine Sorgen und Aufregungen, daß man also die Waffen beiseite legen und sich getrost schlafen legen könne in Erwartung der klassenlosen Gesellschaft.«[45]

Zunächst war es nicht ganz klar, mit welchen Mitteln Stalin das »falsche Bewusstsein« vieler Kommunisten bekämpfen wollte. Erst 1936 klärte sich diese Frage allmählich auf – die Überwindung des »falschen Bewusstseins« wurde im Wesentlichen durch die Beseitigung seiner Träger erzielt.

Glaubte Stalin 1936/37, als er den Vernichtungsfeldzug gegen seine ehemaligen Gefährten initiierte, an deren Verschwörungspläne, wie dies Robert W. Thurston suggeriert?[46] Wenn man bedenkt, dass diese Pläne in der Regel von den NKVDFolterern, also von Marionetten Stalins, fabriziert und den Folteropfern in den Mund gelegt wurden, klingt die These Thurstons wenig überzeugend. Mitte der 30er Jahre war Stalins Macht weder von oben noch von unten gefährdet, wie dies Evan Mawdsley mit Recht hervorhebt.[47] Man kann aber annehmen, dass Stalin an »potentielle« Verschwörungen und »potentielle« Gefahren glaubte, die sein persönliches Regiment bedrohten. Und diese »potentiellen« Gefahrensituationen waren in seinen Augen gegeben, so lange die sowjetische Machtelite – die letzte politische Gruppe im Lande, die über ein gewisses Eigengewicht verfügte – nicht den Rest ihrer Eigenständigkeit verloren hatte, so lange die Bande der Solidarität innerhalb verschiedener Segmente der herrschenden Schicht nicht gänzlich zerstört worden waren. Hermann Weber schreibt in diesem Zusammenhang: »In der rigorosen Vernichtung jeder potentiellen Opposition gegen das Stalin-Regime lag eine entscheidende Funktion des Terrors.«[48]Barry McLoughlin bezeichnet seinerseits den Kampf der Stalin-Riege gegen »potentielle Gefahren« als eine Art »geschichtliche Prophylaxe«[49].

Stalin hielt anscheinend sein Regime nur dann für stabil und sicher, wenn sich niemand in seinem Machtbereich, seine engsten Gefährten eingeschlossen, sicher fühlte. Dies betraf auch den von ihm weitgehend abhängigen Sicherheitsapparat, der während des »Großen Terrors« mehrmals gründlich »gesäubert« wurde. Wahrscheinlich war Stalin der Meinung, dass die Terrororgane – das Schwert der Partei – nach einigen Jahren stumpf würden; dass man für Massenmorde immer wieder neue Vollstrecker brauchte. Er wollte auch, dass seine »willigen Vollstrecker«, die im ganzen Land Angst und Schrecken verbreiteten, selbst in Angst und

Schrecken lebten. So waren sie leichter zu disziplinieren.[50]

Infolge der Terroroperationen des NKVD von 1937/38 wurden nach offiziellen Angaben 1 372 392 Menschen verhaftet und 682 692 hingerichtet, »nur« 116 885 von ihnen waren Parteimitglieder bzw. Parteikandidaten.[51] So handelte es sich bei der überwältigenden Mehrheit der Ermordeten um Opfer aus anderen Bevölkerungsschichten (»Kulaken« – 386 798, Angehörige so genannter »feindlicher Nationalitäten«: Polen – 111 091, Deutsche – 41 898, Letten – 16 753, Griechen – 9 450, Finnen – 5 224, Esten – 4 672, Rumänen – 4 021 u. a.).[52] Das Ziel Stalins und seiner Komplizen war also eine völlige Atomisierung sowohl der unterdrückten Gesellschaft als auch der Unterdrücker – des herrschenden Apparats. Dieses Ziel ist während des »Großen Terrors« im Wesentlichen erreicht worden. Nun bestand das gesamte Sowjetreich lediglich aus den »Rädchen« eines totalitären Mechanismus.[53] Dies war vielleicht die größte Zäsur in der Geschichte des Landes, dessen Freiheitsdrang weder von den Zaren noch von Lenin erstickt werden konnte.[54] Erst Ende 1938 – nach der Ablösung Ežovs durch den nicht weniger berüchtigten Lavrentij Berija – ließ der Terror etwas nach. Dies hatte aber wenig mit dem Widerstand der Opfer zu tun. Die Stalin-Riege hielt nun die Fortsetzung des uferlosen Terrors, der alle Säulen des Partei- und Staatsapparates zu destabilisieren drohte, nicht mehr für opportun.[55]

Die Stimme des Gewissens als Ausweg

Der bereits erwähnte polnische Dichter Aleksander Wat spricht von einer »anthropologischen« Revolution, die die Stalin-Riege in der Sowjetunion infolge des »Großen Terrors« durchführte. Um einen neuen Menschen zu kreieren, habe sie eine fiktive Welt errichtet, in der die Gesetze der »alten«, so genannten »objektiven« Welt nicht mehr galten, eine Welt »jenseits von Wahrheit und Lüge«. Hier wurde eine monströse Tyrannei als das »freieste Land auf Erden«, der brutale Despot als Wohltäter der Menschheit und als Sinnbild des Fortschritts bezeichnet usw.[56] Wat ist davon überzeugt, dass es sich bei den Urhebern der stalinistischen Schreckensherrschaft um äußerst intelligente Kenner der menschlichen Psyche wie auch der Pavlovschen Reflextheorie handelte. Sie seien sicher auch mit den orientalischen Denkmodellen gut vertraut gewesen, in denen Paradoxien und schockierende Sinnwidrigkeiten eine außerordentlich wichtige »erzieherische« Rolle spielten.[57] 

Diese Theorie von »dämonischen Übermenschen«, die angeblich die absurde stalinistische Welt konzipiert und errichtet hätten, stimmt indes mit einer anderen Aussage Wats nicht überein. Er spricht nämlich von einer permanenten Degradierung des intellektuellen Niveaus der Herrschenden, von der stalinistischen Hofkamarilla, in der die Mittelmäßigkeit, Plattheit und feige Niedertracht dominierten.[58] So kann man, wenigstens in Bezug auf die engste Umgebung Stalins, eher von der »Banalität« als von der »Dämonie des Bösen« sprechen.

Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass in der von der Außenwelt abgeschotteten und terrorisierten sowjetischen Gesellschaft die von Wat beschriebene Plattheit und Mittelmäßigkeit, die die Stalin-Clique auszeichneten, kein wesentliches Hindernis für die Verbreitung der von Natan Ėjdel’man oben geschilderten Stalin Hypnose darstellte. Warum wurden aber auch unzählige westliche Sympathisanten der Sowjetunion, auch viele bedeutende Intellektuelle, vom Stalin-Wahn erfasst? Dies ungeachtet der Tatsache, dass sie, im Gegensatz zu den sowjetischen Verehrern Stalins, durchaus imstande waren, sich über die erschreckenden Details der Stalin-Despotie zu informieren.[59]

Hier spielte die seit 1930 immer größer werdende nationalsozialistische Gefahr sicher eine zentrale Rolle. Die stalinistische Sowjetunion galt vielen westlichen Gegnern Hitlers (bis zur Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes vom August 1939) als die einzige noch verbliebene antifaschistische Bastion in Europa. Deshalb bewahrten sie ihr ungeachtet all der Scheußlichkeiten der Kollektivierung, der Moskauer Schauprozesse und des »Großen Terrors« die Treue. Der Ausbruch aus diesem Rechts-Links-Schema erforderte in den 30er Jahren, als die Auseinandersetzung zwischen dem rechten und dem linken Totalitarismus ihren Höhepunkt erreichte, eine außerordentliche Selbstüberwindung. Nur wenige waren dazu in der Lage. Zu diesen Wenigen gehörte der Schriftsteller Manès Sperber, der sich 1937 – zur Zeit der Moskauer Schauprozesse – vom Kommunismus abwandte. Er spricht von qualvollen Selbstzweifeln, die ihn plagten, als er sich zu diesem Entschluss durchrang: »Nur durch eine einzige Tür verläßt man die Revolution, sie öffnet sich ins Nichts«.[60] Dieser schmerzliche innere Kampf war nicht zuletzt damit verknüpft, dass damals jede Kritik an der Generallinie der Partei innerhalb der kommunistischen Bewegung als eine indirekte Unterstützung des Nationalsozialismus aufgefasst wurde. Sperber schreibt, Stalins Propagandisten hätten verkündet: »Wer es wagt, die Kollektivierung, die Unterdrückung der Opposition, […] die Moskauer Prozesse [zu kritisieren], der stellt sich damit hinter […] Hitler und gegen seine Opfer in Dachau, Oranienburg und Buchenwald.«[61]

Das Beispiel Sperbers zeigt, dass totalitär gesinnte Menschen eine Chance haben, aus der totalitären Sackgasse herauszufinden. Dies kann aber nur dann geschehen, wenn sie über ein sensibles Gehör verfügen, das ihnen ermöglicht, die Stimme des Gewissens, die die totalitäre Ideologie zu betäuben versucht, zu vernehmen. Denn das Gewissen des »alten«, von der jüdisch-christlichen Ethik geprägten Menschen ist der größte Widersacher des Totalitarismus. Und an dessen Hürde sind die totalitären Regime, die sich heute vor 70 Jahren als Sieger der Geschichte wähnten, letztendlich zerbrochen.

 

 


[1] Siehe u. a. Trotzki, Leo: Schriften. Bd. 1/1: Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur (1929–1936), Frankfurt a. M. 1988, S. 47 ff, 227 ff, 403 ff, 581 ff.

[2] Isaac Deutscher, der die Ansicht Trockijs in Bezug auf den »thermidorianischen« Charakter des stalinistischen Regimes im Grunde teilt, vertritt zugleich eine These, die dieser Ansicht widerspricht und das Wesen der stalinistischen Epoche wohl zutreffender beurteilt. Die stalinistische Umwälzung war seiner Meinung nach noch tief greifender als diejenige vom Oktober 1917. Erst Stalin habe eine Situation in Russland geschaffen, aus der eine Rückkehr zu den vorrevolutionären Verhältnissen unmöglich geworden sei. Deutscher, Isaac: Russia after Stalin. With a Postscript on the Beria Affair, 2. Aufl. London 1953, S. 97 f.

[3] Nikolaevsky, Boris: Power and the Soviet Elite. »The letter of an old Bolshevik« and other essays. Hrsg. von V. J. Zagoria, New York 1965, S. 60 f. Siehe dazu auch Fel’štinskij, Ju. G.: Dva ėpizoda iz istorii vnutripartijnoj bor’by i konfedencial’nye besedy Bucharina [Zwei Episoden aus der Geschichte des innerparteilichen Kampfes und die vertraulichen Gespräche Bucharins], in: Voprosy filosofii 1991, H. 2/3 S. 187 ff.

[4] Wat, Aleksander: Mój wiek. Pamiętnik mówiony [Mein Jahrhundert. Ein mündliches Tagesbuch]. 2 Bde., Warschau 1998, hier Bd. 2, S. 149 u. 164. Siehe dazu auch Weber, Hermann: Bemerkungen zu den kommunistischen Säuberungen, in: Weber, Hermann/Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn u. a. 1998, S. 1–31, hier S. 1. 

[5] Siehe dazu u. a. Chlevnjuk, O. V.: Politbjuro. Mechanizmy političeskoj vlasti v 1930-e gody [Das Politbüro. Mechanismen der politischen Macht in den 1930er Jahren], Moskau 1996, S. 17–79; Košeleva, L. u. a. (Hrsg.): Pis’ma I. V. Stalina V. M. Molotovu 1925–1936 gg. Sbornik dokumentov [Die Briefe I. V. Stalins an V. M. Molotov 1925–1936. Dokumentenband], Moskau 1995, S. 177–237.

[6] Siehe u. a. Protokol No. 4 zasedanija kommissii CK KPSS po dopolnitel’nomu izučeniju materialov svjazannych s repressijami imevšimi mesto v period 30–40-ch i načala 50-ch godov [Protokoll Nr. 4 der Sitzung der Kommission des ZK der KPdSU zur zusätzlichen Untersuchung von Materialien, die mit den Repressionen, die in der Periode von den 30er/40er bis zum Beginn der 50er Jahre stattfanden, verbunden waren], in: Izvestija CK KPSS 1989, H. 5, S. 67–83, hier S. 74; »O dele tak nazyvaemogo Sojuza marksistov-lenincev« [»Zur Sache des so genannten Bundes der Marxisten-Leninisten«], in: Izvestija CK KPSS 1989, H. 6, S. 103–115; Platforma »Sojuza Marksistov-Lenincev« (»Gruppa Rjutina«) [Die Plattform des »Bundes der Marxisten-Leninisten« (die »Gruppe Rjutin«), in: Izvestija CK KPSSS 1990, H. 8, S. 200–207 u. 1990, H. 9, S. 160–183; Chlevnjuk: Politbjuro (Anm. 5), S. 69–77; »Vse čto govorit Radek – ėto zlostnaja kleveta« [»Alles, was Radek sagt, ist eine böswillige Verleumdung«], in: Istočnik 2001, H. 1, S. 63–77, hier S. 71 f. u. 74; »Ni razu ne govorilos’ otnositel’no terrora« [»Kein einziges Mal wurde vom Terror gesprochen«], in: Istočnik 2001, H. 2, S. 89–110, hier S. 99 f. u. 102 f.; Dve »besedy« s professorom V. N. Slepkovym [Zwei »Gespräche« mit Professor V. N. Slepkov], in: Istoričeskij Archiv 2003, H. 5, S. 62–92; Getty, J. Arch/ Naumov, Oleg V.: The Road to Terror. Stalin and the SelfDestruction of the Bolsheviks, 1932–1939, Yale 1999, S. 54–63.

[7] Avtorchanov, Abdurachman: Technologija vlasti [Technologie der Macht], München 1959, S. 210. Siehe dazu auch Chlevnjuk, O. u. a. (Hrsg.): Stalinskoe politbjuro v 30ye gody. Sbornik dokumentov [Das Stalinsche Politbüro in den 30er Jahren. Dokumentenband], Moskau 1995, S. 88 f. u. 96–112; Košeleva: Pis’ma I. V. Stalina (Anm. 5), S. 188 f., 218 f. u. 235 f.; Kvašonkin, A. V. u. a. (Hrsg.): Sovetskoe rukovodstvo. Perepiska 1928–1941 [Die sowjetische Führung. Korrepondenz 1928–1941], Moskau 1999, S. 196 u. 201 f.; Getty/Naumov: The Road to Terror (Anm. 6), S. 74–102.

[8] Siehe dazu Conquest, Robert: Am Anfang starb Genosse Kirow. Säuberungen unter Stalin, Düsseldorf 1970, S. 56; Medwedew, Roy A.: Die Wahrheit ist unsere Stärke. Geschichte und Folgen des Stalinismus, Frankfurt a. M. 1973, S. 177; Kulešov, S. V. u. a.: Naše otečestvo. Opyt političeskoj istorii [Unser Vaterland. Versuch einer politischen Geschichte], 2 Bde., Moskau.1991, hier Bd. 2, S. 307; Mikojan, A. I.: V pervyj raz bez Lenina [Das erste Mal ohne Lenin], in: Ogonek 1987, H. 50, S. 5–7, hier S. 6; Montefiore, Simon Sebag: Stalin. Am Hof des Roten Zaren, Frankfurt a. M. 2005, S. 151.

[9] Conquest: Am Anfang starb Genosse Kirow (Anm. 8), S. 448–460; Medwedew: Die Wahrheit (Anm. 8), S. 197 ff.

[10] Wat: Mój wiek (Anm. 4), Bd. 2, S. 225 f. Siehe dazu auch Ders.: Dziennik bez samogłosek [Tagebuch ohne Vokale], London 1986, S. 210.

[11] Nikolaevsky: Power (Anm. 3), S. 18 f.

[12] Chruschtschows historische Rede, in: Ost-Probleme Nr. 25/26 vom 22. Juni 1956, S. 867–897, hier S. 880. Siehe dazu auch Artizov, A. u. a. (Hrsg.): Reabilitacija. Kak ėto bylo. Dokumenty prezidiuma CK KPSS i drugie materialy. Mart 1953–fervral’ 1956 [Rehabilitation. Wie es war. Dokumente des Präsidiums des ZK der KPdSU und andere Materialien. März 1953 bis Februar 1956], Moskau 2000, S. 333 f. u. 347; Jakowlew, Alexander: Die Abgründe meines Jahrhunderts. Eine Autobiographie, Leipzig 2003, S. 219 f., 240 u. 276 f.; Müller, Reinhard: NKWD-Folter. Terror-Realität und Produktion von Fiktionen, in: Hedeler, Wladislaw (Hrsg.): Stalinscher Terror. Eine Forschungsbilanz, Berlin 2002, S. 133–158; Parrish, Michael: The Lesser Terror: Soviet State Security 1939–1953, Westport, Conn. u. a. 1996, S. 31. 

[13] Trotzki, Leo: Schriften. Bd. 1/2: Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur (1936–1940), Frankfurt a. M. 1988, S. 1033 u. 1035.

[14] Einige weigerten sich allerdings bis zuletzt, trotz Folter, die von ihren Peinigern »konzipierten« Geständnisse zu unterzeichnen, so die Politbüromitglieder Robert Ėjche und Jan Rudzutak oder der Militärtheoretiker Svečin. Siehe Jakowlew, Alexander: Die Abgründe (Anm. 12), S. 269 u. 277; Artizov: Reabilitacija (Anm. 12), S. 308 u. 360 ff; Litvin, Alter/Keep, John: Stalinism. Russian and Western Views at the Turn of the Millenium, London/New York 2004, S. 8. 

[15] Zitiert nach Conquest, Robert: Am Anfang starb Genosse Kirow (Anm. 8), S. 140. Siehe dazu auch Hedeler, Wladislaw: Neue Archivdokumente zur Biographie von Grigori Jewsejewitsch Sinowjew, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1999, S. 297–316, hier S. 314; Kvašonkin: Sovetskoe rukovodstvo (Anm. 7), S. 342.

[16] Zitiert nach Volkogonov, Dmitrij: Triumf i tragedija [Triumpf und Tragödie], in: Oktjabr’, 1988, H. 12, S. 119. Zur Selbsterniedrigung Bucharins siehe auch »U menja odna nadežda na Tebja. Poslednie pis’ma N. I. Bucharina I. V. Stalinu [Ich setze eine Hoffnung in Dich. Der letzte Brief N. I. Bucharins an I. V. Stalin], in: Istoričeskij Archiv 2001, H. 3, S. 47–85, insbesondere S. 72–75.

[17] Fedotov, Georgij: Šestnadcat’ [Sechzehn], in: Ders.: Polnoe sobranie sočinenij [Gesamtausgabe der Werke]. Bd. 4: Zaščita Rossii [Die Verteidigung Russlands], Paris 1988, S. 53.

[18] Ebenda.

[19] Žavoronkov, G. N./Porijskij, V. I.: Skazavšij budet uslyšan [Derjenige, der gesprochen hat, wird gehört werden], in: Afanas’ev, A. V. (Hrsg.): Oni ne molčali [Sie haben nicht geschwiegen], Moskau 1991, S. 199–214; Starkov, B. A.: Ar’ergardnye boi staroj partijnoj gvardii [Die Nachhutgefechte der alten Parteigarde], in: ebenda, S. 215–225; Ders.: Letzter Kampf eines Kominternsekretärs: Osip Pjatnickij und der Moskauer Prozeß gegen die Komintern, in: The International Newsletter of Historical Studies on Comintern, Communism and Stalinism 1 (1993/94), Nr. 3/4, S. 41–43; Pjatnickij, V. I.: Golgofa [Golgatha], St. Petersburg 1993; Artizov: Reabilitacija (Anm. 12), S. 372; Parrish: The Lesser Terror (Anm. 12), S. 2.

[20] Fragment stenogrammy dekabr’skogo plenuma CK VKP (b), [Fragment des Stenogramms des Dezemberplenums des ZK der VKP (b)], in: Voprosy istorii 1995, H. 1, S. 11.

[21] Rappoport, Vitalij/Alekseev, Jurij: Izmena rodine. Očerki po istorii Krasnoj Armii [Der Verrat der Heimat. Skizzen zur Geschichte der Roten Armee], London 1988, S. 370. Erschütternde Beispiele mangelnder Solidarität innerhalb der Militärführung enthält die Dokumentensammlung Cristiani, Antonella/Michaleva, Vera M.: Repressii v Krasnoj Armii (30-e gody). Sbornik dokumentov iz fondov Rossijskogo Gosudarstvennogo Voennogo Archiva [Die Repressionen in der Roten Armee (30er Jahre). Dokumentensammlung aus den Fonds des Staatlichen Russischen Militärarchivs], Neapel 1996. Siehe dort auf S. 192–199 dazu insbesondere den Bericht des Oberkommandierenden des Belorussischen Militärbezirks I. Belov an K. Vorošilov vom 14. Juli 1937. Der Berliner Historiker Frank Schauff schreibt in diesem Zusammenhang: »Die Offiziere kannten offensichtlich keine Solidarität miteinander. Niemand sprang dem anderen zur Seite, wenn er angegriffen wurde. Es zögerte offensichtlich niemand, wenn er zur Demontage eines Kollegen aufgefordert wurde.« Schauff, Frank: Der Begleitchor des Terrors. Der Militärrat der dreißiger Jahre – die Rote Armee zwischen dem XVII. und XVIII. Parteitag der Bolschewiki, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 2 (1998), H. 1, S. 71-116, hier S. 116. Siehe dazu auch Jakowlew: Die Abgründe (Anm. 12), S. 240; Sud’ba Fedora Raskol’nikova [Das Schicksal von Fedor Raskol’nikov], in: Nedelja 1988, H. 3, S. 9 f., hier S. 10.

[22] Zum bäuerlichen Widerstand siehe u. a. Sovetskaja derevnja glazami VČK-OGPU-NKVD 1918–1939. Dokumenty i materialy v 4 tomach [Das sowjetische Dorf mit den Augen der VČK-OGPU-NKVD. Dokumente und Materialien in 4 Bänden]. Hrsg. von Berelowitsch, A./Danilov, V. Bd. 2: Sovetskaja derevnja glazami OGPU 1923–1929. Dokumenty i materialy [Das russische Dorf mit den Augen der OGPU 1923–1929. Dokumente und Materialien], Moskau 2000, S. 950–965, 980–1110 u. 1014–1021; Werth, Nicolas: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion, in: Courtois, Stéphane u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München/Zürich 1997, S. 167 ff; Kvašonkin: Sovetskoe rukovodstvo (Anm. 7), S. 28–41, 106 f.

u. 132; Kulešov, Naše otečestvo (Anm. 8) Bd. 2, S. 259 f.; Viola, Lynne: Peasant Rebels under Stalin: Collectivization and the Culture of Peasant Resistance, New York 1996; Dies.: Popular Resistance in the Stalinist 1930s. Soliloquy of a Devil’s Advocate, in: Dies. (Hrsg.): Contending with Stalinism. Soviet Power and Popular Resistance in the 1930s, Ithaca/London 2002, S. 17–43; McDonald, Tracy: A Peasant Rebellion in Stalin’s Russia. The Pitelinskii Uprising, Riazan 1930, in: ebenda, S. 84–108. 

[23] Angesichts dieser Unterwürfigkeit der überwiegenden Mehrheit der alten Bolschewiki während des »Großen Terrors« ist die These von J. A. Getty, der damalige Vernichtungsfeldzug sei vor allem die Folge der panischen Angst Stalins gewesen, seine Herrschaft könnte bedroht werden, wenig überzeugend. Siehe Getty, J. Arch: Afraid of Their Shadows: The Bolshevik Recourse to Terror, 1932–1938, in: Hildermeier, Manfred (Hrsg.): Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg: Neue Wege der Forschung, München 1998, S. 169–191.

[24] Feofanov, Jurij: My dumali, čto tak nado [Wir dachten, das muss so sein], in: Nedelja 1988, H. 41, S. 11 u. 13.

[25] Antonov-Ovseenko, A.: Stalin i ego vremja [Stalin und seine Zeit], in: Voprosy Istorii 1989, H. 10, S. 10. Siehe dazu auch Volkogonov, Dmitrij: Sem’ voždej. Galereja liderov SSSR v 2-ch knigach. Kniga 1. Vladimir Lenin, Iosif Stalin, Nikita Chruščev [Sieben Führer. Eine Galerie der Führer der UdSSR in zwei Büchern. Buch 1. Lenin, Iosif Stalin, Nikita Chruščev], Moskau 1995, S. 274; Šatunovskaja, Lidija: Žizn’ v Kremle [Das Leben im Kreml], New York 1982, S. 153; Chlevnjuk: Politbjuro (Anm. 5), S. 141–266.

[26] Heiden, Konrad: Adolf Hitler. Zweiter Band. Ein Mann gegen Europa, Zürich 1937, S. 266.

[27] Mevedev, Roj: O Staline i stalinizme. Istoričeski očerki [Zu Stalin und dem Stalinismus. Historische Skizzen], in: Znamja 1989, H. 4, S. 165–203, hier S. 171.

[28] Getty, J. Arch: The Politics of Repression Revisited, in: Getty, J. Arch/Manning, Robert T. (Hrsg.): Stalinist Terror. New Perspectives, Cambridge 1993, S. 40–62, hier S. 59 u. 62. Siehe dazu auch Getty, J. Arch: Origins of the Great Purges. The Communist Party Reconsidered, 1933–1938, Cambridge 1985, S. 3, 5 f., 126 f., 135, 177 u. 195; Thurston, Robert W.: Life and Terror in Stalin’s Russia, 1934–1941, Yale 1996, S. XX, 57, 134 f. u. 227; Getty/Naumov: The Road to Terror (Anm. 6), S. 9, 264 u. 578 f.; Rittersporn, Gábor T.: Stalinist Simplifications and Soviet Complications. Social Tensions and Political Conflicts in the USSR 1933–1953, Chur 1991, S. 77, 113, 170 f. u. 184 f.

[29] Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, München 1998, S. 452. Siehe dazu auch Volkogonov: Triumf (Anm. 16) S. 154; Starkov, Boris: Narkom Ezhov, in: Getty/Manning: Stalinist Terror (Anm. 28), S. 21–39, hier S. 21; Šepilov, D. T.: Vospominanija [Erinnerungen], in: Voprosy Istorii 1998, H. 4, S. 3–25, hier S. 6 f.; Massovye repressii opravdany byt’ ne mogut [Die Massenrepression können nicht gerechtfertigt werden], in: Istočnik 1995, H. 1, S. 117–132, hier S. 124; Wehner, Markus: Stalinismus und Terror, in: Plaggenborg, Stefan (Hrsg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1998, S. 365–390, hier S. 388 f.; Knight, Amy: Beria. Stalin’s First Lieutenant, Princeton, N. J. 1996, S. 88 ff; Jakowlew: Die Abgründe (Anm. 12), S. 276–279; Chlevnjuk, O. V. u. a. (Hrsg.): Stalin i Kaganovič. Perepiska 1931–1936 [Stalin und Kaganovič. Korrespondenz 1931–1936], Moskau 2001, S. 19 f., 620 ff, 634, 636, 642, 664 f. u. 683; Artizov: Reabilitacija (Anm. 12), S. 346, 364 u. 368; Kvašonkin: Sovetskoe rukovodstvo (Anm. 7), S. 333; Werth, Nicolas: Ein Staat gegen sein Volk, München/Zürich 2002, S. 212 f. u. 224; Mikojan, Anastas I.: Tak bylo. Razmyšlenija o minuvšem [So war es. Reflexionen über das Vergangene], Moskau 1999, S. 318; Mawdsley, Evan: The Stalin Years. The Soviet Union, 1929-1953, Manchester, N. Y. 1998, S. 114; Baberowski, Jörg: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, 2. Aufl. München 2004, S. 177; Litvin/Keep: Stalinism (Anm. 14), S. 99; Löwe, Heinz-Dietrich: Stalin. Der entfesselte Revolutionär, 2 Bde., Göttingen/Zürich 2002, hier Bd. 2, S. 260–280; McLoughlin, Barry: »Vernichtung des Fremden«: Der »Große Terror« in der UdSSR 1937/38. Neue russische Publikationen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2000/2001, S. 50–88, hier S. 85; Montefiore: Stalin (Anm. 8), S. 213, 217 f., 221 f., 245, 266 f. u. 271.

[30] Benno Ennkner schreibt in diesem Zusammenhang: »Die meisten Protagonisten [des StalinKultes] konnten auf eine fast seit der Jahrhundertwende dauernde Parteimitgliedschaft sowie die Tätigkeit als Berufsrevolutionär teils in der Emigration, teils im Untergrund zurückblicken.« Ennkner, Benno: Politische Herrschaft und Stalinkult 1929–1939, in: Plaggenborg: Stalinismus (Anm. 29), S. 151–182, hier S. 155. Dmitrij Volkogonov fügt hinzu, dass 80 Prozent der Delegierten auf dem XVII. Parteitag der Bolschewiki (Januar 1934), der den Stalin-Kult quasi offiziell etablierte, vor 1921 in die Partei eingetreten seien. Volkogonov: Triumf (Anm. 16), S. 131.

[31] Lacis, Otto: Perelom [Die Wende], in: Znamja 1988, H. 6, S. 124–178; Ders.: Stalin protiv Lenina [Stalin gegen Lenin], in: Kobo, Ch. (Hrsg.): Osmyslit’ kul’t Stalina [Den Stalin-Kult begreifen], Moskau 1989, S. 215–246.; O Staline i stalinizme. Beseda s D. A.Volkogonovym i R. A. Medvedevym [Zu Stalin und dem Stalinismus. Ein Gespräch mit D. A.Volkogonov und R. A. Medvedevym], in: Istorija SSSR 1989, H. 4, S. 89–108, hier S. 103. Siehe dazu u. a. auch Gill, Graeme: The Origins of the Stalinist political System, Cambridge 1990, S. 16.

[32] Pjatnadcatyj s-ezd VKP (b). Stenografičeskij otčet [Der XV. Parteitag der VKP (b). Stenographischer Bericht], Moskau 1961, S. 89 f.

[33] Stalin, Iosif: Zur Deutschen Frage, in: Die Kommunistische Internationale vom März 1926,

S. 284 f.

[34] Autoren, die den Stalinismus auf das Bürgerkriegssyndrom zurückführen, lassen diesen Sachverhalt oft außer Acht. Siehe dazu u. a. Baberowski: Der Rote Terror (Anm. 29), S. 36, 39 u. 53. Abgesehen von dem Bürgerkriegserbe erklärt Baberowski die Stalinsche Vernichtungspolitik u. a. auch durch den Kult der Gewalt, der in den Reihen der Stalinisten verbreitet war: »Für den stalinistischen Funktionär war die Gewalt das Lebenselixier« (S. 53). Siehe dazu auch Plaggenborg, Stefan: Stalinismus als Gewaltgeschichte, in: Ders. (Hrsg.): Stalinismus (Anm. 29), S. 71–112; Ders.: Gewalt im Stalinismus. Skizzen zu einer Tätergeschichte, in: Hildermeier/Müller-Luckner: Stalinismus (Anm. 23), S. 193–208; Litvin/Keep, Stalinism (Anm. 14), S. 170. Stellte aber die Verklärung der Gewalt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht ein allgemeineuropäisches Phänomen dar? Es genügt hier auf das Buch von Georges Sorel Über die Gewalt (1908), auf die Ästhetisierung des Kriegserlebnisses durch die deutsche »Konservative Revolution« oder auf das offene Bekenntnis der faschistischen und der nationalsozialistischen Kampfverbände zur Gewalt hinzuweisen. Siehe dazu u. a. Talmon, Jacob: The Myth of the Nation and the Vision of Revolution. The Origins of Ideological Polarisation in the Twentieth Century, London 1981, S. 206–215, 516–534 u. 548; Ders.: The Legacy of Sorel, in: Encounter vom Februar 1970; Sontheimer, Kurt: Der Tatkreis, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 7 (1959), H. 3, S. 229–260; Ders.: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik, München 1968; Goldhagen, Erich: Zum Antisemitismus der nationalsozialistischen Führungsschicht, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 24 (1976), S. 379–408; Kedward, Henry R.: Fascism in Western Europe 1900–1945, Glasgow 1969; Nolte, Ernst: Der Faschismus in seiner Epoche, München 1963; Ders.: Die faschistischen Bewegungen. Die Krise des liberalen Systems und die Entwicklung der Faschismen, München 1966; Tasca, Angelo: Glauben, Gehorchen, Kämpfen. Aufstieg des Faschismus, Wien 1969; Lyttelton, Adrian: The Seizure of Power. Fascism in Italy 1919–1929, London 1973.

[35] Pipes, Richard: Tri počemu russkoj revoljucii [Die drei Warum der russischen Revolution], in: Ders.: Rossija pri starom režime [Russland unter dem alten Regime], Moskau 2004, S. 479.

[36] Für viele bolschewistische Kritiker der NĖP, z. B. für den Vertreter der »Arbeiteropposition« Lutovinov, versinnbildlichte die Neue Ökonomische Politik die Restauration des kapitalistischen Systems. Es habe keinen Sinn, so Lutovinov, diese Entwicklung zu verharmlosen und das neue System als eine Art Staatskapitalismus zu bezeichnen: »Von wegen Staatskapitalismus! Das, was bei uns entsteht, ist [ganz gewöhnlicher] unternehmerischer Kapitalismus, den wir uns eigenständig geschaffen haben«. Kulešov: Naše otečestvo (Anm. 8), Bd. 2, S. 169. 

[37] Trinadcatyj s’’ezd RKP (b). Stenografičeskij otčet [Der XIII. Parteitag der RKP (b). Stenographischer Bericht], Moskau 1963, S. 158.

[38] Fedotov, Georgij: Pravda pobeždennych [Die Wahrheit der Besiegten], in: Sovremennye zapiski 1932, H. 51, S. 360–385.

[39] Larina, Anna: Nezabyvaemoe [Das Unvergessliche], Moskau 1989, S. 350.

[40] Tucker, Robert C.: Stalin in Power. The Revolution from above 1929-1941, New York 1990, S. 329; Medvedev: O Staline (Anm. 27) S. 170; Montefiore, Stalin (Anm. 8), S. 204 f.

[41] Ėjdel’man, Natan: Stalinskij gipnoz [Die Stalin-Hypnose], in: Moskovskie novosti vom

[42] Tucker, Robert C.: Stalinism as Revolution from above, in: Ders. (Hrsg.): Stalinism. Essays in Historical Interpretation, New York 1977, S. 96–100; Lewin, Mosche: The Social Background of Stalinism, in: ebenda, S. 124–130.

[43] Avtorchanov, Abdurachman: Proischoždenie partokratii [Die Entstehung der Partokratie], 2 Bde., Frankfurt a. M. 1973, hier Bd. 2, S. 37. Zur Bürokratisierung der Partei siehe auch Weber: Bemerkungen (Anm. 4), S. 4 f. u. 10.

[44] Stalin, Josef: Werke. 13 Bde., Berlin 1952 ff, hier Bd. 13, S. 189.

[45] Ebenda, S. 311.

[46] Thurston: Life and Terror (Anm. 28), S. 52–57, 135 u. 227.

[47] Mawdsley, Even: The Stalin Years: The Soviet Union 1929–1953, Manchester 2003, S. 102.

[48] Weber: Bemerkungen (Anm. 4), S. 17. Siehe dazu auch Ders.: Zur Rolle des Terrors im Kommunismus, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1999, S. 39–62, hier S. 56; Montefiore: Stalin (Anm. 8), S. 279 f.

[49] McLoughlin, Barry: Die Massenoperationen des NKWD – Dynamik des Terrors, in: Hedeler: Stalinscher Terror (Anm. 12), S. 33–50, hier S. 50. Vjačeslav Molotov und Lazar’ Kaganovič, die 1936 bis 1938 zu den engsten Komplizen Stalins zählten, bestätigen in ihren Stellungnahmen zum »Großen Terror« im Grunde die These, dass die damaligen Massenmorde in erster Linie »potentielle« und nicht reelle Gegner des Regimes beseitigen sollten: »Das Jahr 1937 war unerläßlich«, sagte Molotov im Gespräch mit dem Journalisten Feliks Čuev. »Dem Jahr 1937 verdanken wir, dass wir während des Krieges keine fünfte Kolonne hatten« (Čuev, Feliks: Sto sorok besed s Molotovym [Hundertvierzig Gespräche mit Molotov], Moskau 1991, S. 390. Siehe auch ebenda S. 338, 392–395, 415 ff, 428 f., 420 f., 438–441; Dve besedy s L. M. Kaganovičem [Zwei Gespräche mit L. M. Kaganovič], in: Novaja i Novejšaja Istorija 1999, H. 2, S. 101–121, hier S. 113 f.; Čuev, Feliks: Tak govoril Kaganovič. Ispoved’ stalinskogo apostola [So sagte es Kaganovič. Die Beichte eines Stalinschen Apostels], Moskau 1992, S. 36, 45, 56 u. 139 f.). Georgi Dimitrov zitiert seinerseits in seinen Tagebüchern eine Aussage Stalins vom November 1937, in der ebenfalls von einem Kampf gegen »potentielle« Gegner die Rede war: »Wir werden jeden der Feinde vernichten, sei er auch ein alter Bolschewiki, wir werden seine Sippe, seine Familie komplett vernichten. Jeden, der mit seinen Taten und in Gedanken [sic! – Anm. d. A.] einen Anschlag auf die Einheit des sozialistischen Staates unternimmt, werden wir erbarmungslos vernichten.« Dimitroff, Georgi: Tagebücher 1933–1943. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000, S. 162.

[50] Zur Dezimierung des NKVD-Apparates von Genrich Jagoda (1934 bis 1936) und Nikolaj Ežov (1936 bis 1938) siehe u. a. Petrov, Nikita: Die Kaderpolitik des NKWD während der Massenrepressalien 1936–1939, in: Hedeler: Stalinscher Terror (Anm. 12), S. 11–32; Petrov, Nikita: Die wichtigsten Veränderungen im Kaderbestand der Organe der sowjetischen Staatssicherheit in der Stalin-Zeit, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 5 (2001), H. 2, S. 91–120, hier S. 91–114; Knight: Beria (Anm. 29), S. 88 ff; Getty/Naumov: The Road to Terror (Anm. 28), S. 275 f., 420 f. u. 529 ff.

[51] Massovye repressii (Anm. 29), S. 120. Der vor kurzem verstorbene Aleksandr Jakovlev, der jahrelang an der Spitze der Präsidial-Kommission zur Rehabilitierung der Opfer politischer Verfolgungen stand, hält die offiziell angegeben Opferzahlen für zu niedrig. Siehe Jakowlew, Die Abgründe (Anm. 12), S. 270. Zur Zahl der Opfer während des »Großen Terrors« siehe auch Getty, J. Arch/Rittersporn, Gábor T./Zemskov, Viktor N.: Victims of the Soviet Penal System in the Pre-war Years: A First Approach on the Basis of Archival Evidence, in: American Historical Review 98 (1993), H. 4, S. 1017–1049, hier insbesondere S. 1021–1025; Nove, Alec: Victims of Stalinism: How Many, in: Getty/Manning: Stalinist Terror (Anm. 28),

S. 261–274, hier insbesondere S. 270 f.; Werth: Ein Staat gegen sein Volk (Anm. 29), S. 206– 225; Wehner, Markus: Stalinistischer Terror. Genese und Praxis der kommunistischen Gewaltherrschaft in der Sowjetunion 1917–1953, in: Aus Politik und Zeitgeschichte H. 37/38 vom 6. September 1996, S. 25–28, hier S. 22–26. 

[52] Siehe dazu u. a. McLoughlin: »Vernichtung des Fremden« (Anm. 29), S. 58; Artizov: Reabilitacija (Anm. 12), S. 322; Ochotin, Nikita/Roginski, Arseni: Zur Geschichte der »Deutschen Operation des NKWD 1937–1938«, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2000/2001, S. 89–125; Vatlin, Aleksandr: Die Erfindung des »Bundes der Polnischen Patrioten« (1937–1938). Aus den Archiven des NKVD, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 2 (1998), H. 1, S. 117–139.

[53] Siehe dazu u. a. Chlevnjuk, Oleg: Stalin und das Amt des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare (1930/1941) – ein Beitrag zu den Entscheidungsfindungen in der sowjetischen Führung, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 3 (1999), S. 137–158, hier S. 149–158; Vatlin, Aleksandr: Iosif Stalin auf dem Weg zur absoluten Macht. Neue Dokumente aus Moskauer Archiven, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4 (2000), H. 2, S. 75–107, S. 106; Uhl, Matthias: »Und deshalb besteht die Aufgabe darin, die Aufklärung wieder auf die Füße zu stellen« – Zu den Großen Säuberungen in der sowjetischen Militäraufklärung, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2004, S. 80–97, hier S. 97.

[54] Mit welcher Konsequenz Stalin die Zerstörung von Institutionen und Gruppierungen mit eigenem Gewicht betrieb, lässt sich am Schicksal der Roten bzw. Sowjetischen Armee ablesen, die nach der Bezwingung des Dritten Reichs über eine beispiellose Popularität im Lande verfügte. Die aufwendige Siegesparade vom 24. Juni 1945 wurde zu Lebzeiten Stalins nicht mehr in einem vergleichbaren Umfang wiederholt. Bereits einige Monate nach dem Sieg begannen Repressalien und Verleumdungskampagnen gegen hochrangige Militärführer, nicht zuletzt gegen den populärsten von ihnen – Marschall Georgij Žukov. Siehe dazu Pichoja, Rudolf: Sovetskij Sojuz. Istorija vlasti 1945–1991 [Die Sowjetunion. Geschichte der Macht 1945– 1991], Moskau 1998, S. 41–55; siehe dazu auch Zubkova, E. Ju.: Obščestvo i reformy 1945– 1964 [Gesellschaft und Reformen 1945–1965], Moskau 1993, S. 52 f. Erst zwölf Jahre nach dem Tode Stalins, im Jahre 1965, wurde der 9. Mai zu einem offiziellen Feiertag in der Sowjetunion erklärt. Siehe Pichoja: Sovetskij Sojuz (Anm. 54), S. 285.

[55] Der bekannte sowjetische Flugzeug-Ingenieur A. Jakovlev zitiert folgende Worte Stalins über Ežov, von dem sich Stalin heuchlerisch zu distanzieren suchte: »Ežov war ein Schuft. 1938 hat er viele unschuldige Menschen vernichtet. Wir haben ihn deshalb erschossen.« Siehe Volkogonov: Triumf (Anm. 16), S. 161.

[56] Wat: Mój wiek (Anm. 4), Bd. 1, S. 361, Bd. 2, S. 44. Zum Stalinschen Fiktionalismus siehe

u. a. auch Studer, Brigitte/Unfried, Berthold: Der stalinistische Parteikader. Identifikationsstiftende Praktiken und Diskurse in der Sowjetunion der dreißiger Jahre, Köln 2001, S. 21 ff, 43, 62 ff, 82–87, 103, 106–111, 151, 168 ff u. 181–191; Petrov: Die Kaderpolitik des NKWD (Anm. 50), S. 20–23; Ders.: Die wichtigsten Veränderungen (Anm. 50), S. 106; Vatlin, Aleksandr: Untersuchungsakten der NKVD-Verwaltung des Gebiets Moskau als Quelle zur Geschichte des Massenterrors von 1937–1938, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 8 (2004) H. 1, S. 53–76; Baberowski: Der rote Terror (Anm. 29), S. 135 f.; Luks, Leonid: Die »Logik« des Stalinismus, in: Meier-Walser, Reinhard C./Rill, Bernd (Hrsg.): Rußland. Kontinuität, Konflikt und Wandel, München 2002, S. 158–165.

[57] Wat: Mój wiek (Anm. 4), Bd. 1, S. 236, 301, 364 u. Bd. 2, S. 114.  

[58] Ebenda, Bd. 2, S. 166 u. 364.

[59] Siehe dazu u. a. Dwars, Jens-Fietje: Deutungsmuster des stalinschen Terrors, in: Hedeler: Stalinscher Terror (Anm. 12), S. 299-309; Wat: Mój wiek (Anm. 4); Wehner: Stalinistischer Terror (Anm. 51), S. 25 f.

[60] Sperber, Manès: Zur Analyse der Tyrannis, Wien 1977, S. 12.  

[61] Ebenda, S. 15.

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