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Ungarn im Schatten der Sowjetunion 1944 bis 1990: Determinanten und Spielräume

JHK 2006 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 66-92 | Aufbau Verlag

Autor/in: János M Rainer

[1] Die Kriegsniederlage Ungarns und die darauf folgende sowjetische Besetzung haben von 1944 bis zum Ende der 80er Jahre die ungarische Innen- und Außenpolitik wie die auch soziale und ökonomische Entwicklung des Landes geprägt. Der politische Wille der Sowjetunion kam in all jenen Fragen zur Geltung, die nach Moskauer Einschätzung die militärischen und Sicherheitsinteressen bzw. die kurz- oder langfristigen politischen Perspektiven der Sowjetunion berührten. Ein politischer Spielraum existierte für Ungarn nur insofern, als sich dessen Bestrebungen innerhalb dieses Beziehungssystems bewegten, mit diesem harmonierten oder sich eventuell neben den sowjetischen Interessen durchsetzen konnten. Im Falle eines Konflikts zwischen beiden hatten die sowjetischen Interessen immer absolute Priorität.

Im letzten Jahrzehnt sind eine Reihe hervorragender Überblicksdarstellungen über die Geschichte Ungarns von den 40er Jahren bis 1990 entstanden. Deshalb ist es nicht notwendig, in diesem Aufsatz einen weiteren Überblick über viereinhalb Jahrzehnte ungarischer Geschichte unter dem Einfluss sowie der Interessen- und Entscheidungshoheit der Sowjetunion zu geben, wie etwa der Titel dieses Aufsatzes verspricht. Nach einer skizzenhaften historiographischen Zusammenfassung dieser Epoche wird das Augenmerk vielmehr auf einigen Fragen liegen, die die Diskussion zur ungarischen Zeitgeschichte voran bringen und für spätere ausführlichere Analysen nützlich sein können. Die erste berührt die Grundzüge sowjetischer Politik gegenüber Ungarn. Die zweite Frage stellt sich hinsichtlich der sozialen, politischen, ökonomischen usw. Strukturen Ungarns und dem Maß ihrer Determinierung durch die sowjetische Interessensphäre. Als Drittes wird die Frage nach der sich wandelnden Dynamik und den Methoden dieser   Determinierung aufgeworfen werden, wie auch nach der Rezeption dieses Umstands durch die ungarische politische Elite: Gab es bzw. konnte es überhaupt eine ungarische Politik gegenüber der Sowjetunion geben? Viertens ist zu untersuchen, welche Reaktionen die sowjetische Besatzung in der ungarischen Gesellschaft hervorrief und welchen Einfluss die Fremdbestimmung durch die Sowjetunion auf die am Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre stattfindenden Veränderungen hatte.

Historiographische Skizze

Vor 1989 wurde die Nachkriegsgeschichte der Beziehungen zwischen Ungarn und der Sowjetunion fast ausschließlich im Westen analysiert, und zwar in erster Linie mit Methoden der Politikwissenschaft und der so genannten »Kremlastrologie«, die den bestimmenden Einfluss der Sowjetunion auf Ungarn als evident betrachtete.[2] Als nach 1989 in den Archiven endlich Dokumente zu den ungarisch-sowjetischen Beziehungen partiell zugänglich wurden, erschienen mehrere Quelleneditionen. Es wurden jedoch hauptsächlich sowjetische Dokumente publiziert, obwohl sich der Zugang zu den ungarischen Quellen wesentlich gün stiger gestaltete. Das Interesse konzentrierte sich selbstverständlich auf die Anfänge der »Beziehungen«, auf die Jahre 1944/45 als Periode der kommunistischen Machtübernahme,[3] auf die ersten Jahre nach Stalins Tod, die Zeit 1953 bis 1955[4], und vor allem auf die Revolution von 1956 sowie deren unmittelbare Vorgeschichte.[5] Zur Periode nach 1956 wurden in Ungarn bisher nur sehr wenige Dokumente publiziert.[6]

Mitte der 90er Jahre, als die Zugangsbedingungen zu den nur wenige Jahre  zuvor geöffneten Moskauer Archiven wieder eingeschränkt wurden, begann man auch in Russland Dokumente der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg systematisch zu erforschen und herauszugeben. Die so entstandenen Sammelbände zur sowjetischen Osteuropapolitik von 1944 bis 1953 enthalten auch zahlreiche interessante Dokumente zu Ungarn, viele dieser Materialien sind allerdings bereits früher auf Ungarisch erschienen sind.[7] Eine der repräsentativen russischen Quelleneditionen ist der Band von E. Orechova, Vjačeslav Sereda und Aleksandr Stykalin zur ungarischen Revolution von 1956, dessen Auswahlprinzip und Kommentierung als beispielhaft gelten kann.[8] Die systematische Aufarbeitung der Geschichte der ungarisch-sowjetischen Beziehungen nach 1945 auf der Grundlage archivarischer Quellen steht noch aus. Einige Studien zu Teilaspekten, einige Kapitel in diplomatiegeschichtlichen bzw. allgemeingeschichtlichen Gesamtdarstellungen – das ist alles, was, verständlicherweise, bisher entstanden ist.[9] Solange die systematische Erschließung und Edition der Quellen nicht ein bestimmtes Maß erreicht hat, wird sich an dieser Situation wohl kaum etwas ändern.

Die »Ungarnpolitik« des Imperiums

Die Politik der Sowjetunion in Bezug auf Ungarn wurde bislang in der internationalen Fachliteratur in erster Linie im Kontext des Kalten Krieges untersucht. Unter dem Gesichtspunkt dieser internationalen Zusammenhänge wird der Anschein vermittelt, es habe für das sowjetische Imperium bis auf wenige Ausnahmemomente gar keine spezifische Politik gegenüber Ungarn gegeben,  etwa im Sinne einer sowjetischen Deutschlandpolitik oder auch einer Politik  gegenüber Polen. Das ungarisch-sowjetische Verhältnis wurde in Moskau von   regionalen und internationalen Gesichtspunkten bestimmt. An erster Stelle stand dabei die Überlegung, dass Ungarn, als ein an die Sowjetunion angrenzendes und mit dem Westen in Kontakt stehendes Land, im Rahmen der sich Ende der 40er Jahre entwickelnden Kalten-Kriegs-Konfrontation zu einem wichtigen Bestandteil der sowjetischen militärischen Sicherheitszone, des »cordon sanitaire«, geworden war. Deshalb konnte nicht zugelassen werden, dass in Budapest eine gegenüber der Sowjetunion feindliche oder auch nur eine zwischen West und Ost »ausgleichende« Regierungspolitik zum Tragen kommt. Im Zweiten Weltkrieg war für Ungarn, genau wie für die Tschechoslowakei, Polen oder den östlichen Teil Deutschlands, »das Blut sowjetischer Soldaten vergossen worden«. Daraus resultierte die sowjetische Überzeugung, dass diese Gebiete in einem möglichen Krieg als Vorfeldverteidigung für die sowjetischen Territorien dienen würden. Diesen Gebieten konnte daher weder eine Westorientierung noch ein Neutralitätsstatus zugestanden werden. Parallel zu der sich verschärfenden Konfrontation im Kalten Krieg nahm die »Toleranz« des sowjetischen Sicherheitsdenkens weiter ab, und eine mögliche Abweichung der Gesellschaftsordnungen vom sowjetischen Modell in den »Frontstaaten« wurde zunehmend als Risikofaktor gesehen. In diesem Moment, etwa Ende der 40er Jahre, trafen die beiden die sowjetische Außenpolitik bestimmenden Faktoren zusammen: der die Sicherheitsinteressen priorisierende, defensiv »imperiale« Faktor und der den Ausschließlichkeitsanspruch der kommunistischen Ideologie betonende, offensiv »revolutionäre« Faktor.[10]

In dieser allumfassenden Struktur gab es tatsächlich nicht allzu viele Gründe dafür, dass Ungarn von Moskau als eine besondere, für das Imperium existentiell wichtige Region behandelt werden sollte. Und dennoch hat es den Anschein, dass in der Sowjetunion bis zuletzt Überlegungen existierten, die eine »besondere Behandlung« Ungarns notwendig erscheinen ließen, auch wenn diese von Zeit zu Zeit modifiziert wurden. So traten auch die politischen Entscheidungsträger der Sowjetunion in die alten Fußstapfen des Russischen Reiches und verfolgten somit traditionelle Expansionsrichtungen und Einflusszonen. Unter dem Gesichtspunkt der Expansion stand Ungarn nicht unbedingt im »Fadenkreuz«. Da es aber in beiden Weltkriegen an der Seite Deutschlands gegen Russland bzw. die Sowjetunion gekämpft hatte, bedeutete seine »Schwächung« auch eine Einschränkung der Ambitionen Deutschlands, jener Großmacht, welche die mitteleuropäische Region traditionell dominiert hatte. Besonders in den späten Jahren der StalinHerrschaft, als die Führung mit dem großrussischem Nationalismus liebäugelte, schien in gleicher Weise die strengere Kontrolle Ungarns auch dadurch begründet, dass der nicht-slawische Staat aus dem Meer der slawischen Verbündeten als »Insel« heraus stach. Die Rolle Ungarns im Zweiten Weltkrieg, seine Teilnahme an der Eroberung und Besetzung sowjetischer Gebiete war in den Augen Moskaus ein weiterer Legitimationsfaktor für die Besetzung und Kontrolle des Landes. In den Jahren nach dem Krieg zeigte Moskau ein besonderes Interesse an einigen strategisch wichtigen Rohstoffen Ungarns, wie Öl, Uran und Bauxit.[11] Aus diesem Grund stand die Einflussnahme auf die Wirtschaft und die damit verbundene ökonomische Ausbeutung Ungarns noch weit vor der Umgestaltung der politischen Strukturen. Der in den 40er Jahren ausbrechende Konflikt mit Jugoslawien erhöhte Ungarns militärstrategische Bedeutung. Später jedoch, als parallel zur Entschärfung dieses Konflikts 1955 der Staatsvertrag mit Österreich geschlossen wurde, verringerte sich das Gewicht dieses Faktors beträchtlich, so dass die sich im Rüstungswettlauf mit Interkontinentalraketen an die Spitze setzende Chruščev-Führung im Jahr 1958 sogar einen Vorschlag zur Beendigung der Truppenstationierung in Ungarn unterbreitete.[12]

In die Kette von geschichtlichen Determinanten fügte sich auch die Revolution von 1956 ein. In der Periode von 1945 bis 1989 war dieses Ereignis wohl die größte Herausforderung, der sich die Sowjetunion in ihrem osteuropäischen Machtbereich zu stellen hatte. Das Jahr 1956 verband sich mit den dynamischsten Perioden des Entstalinisierungsprozesses in der sowjetischen Hemisphäre, der Zeit von 1953 bis 1956 und von 1961 bis 1964. Angenommen, man wollte in Moskau keine vollständige Restalinisierung durchführen – und das planten auch die einflussreichsten Gruppen nie –, so mussten der militärischen Intervention zur Niederschlagung der ungarischen Revolution notwendigerweise auch politische »Zugeständnisse« folgen. Die relative sowjetische Toleranz gegenüber den Wirtschaftsreformen der 60er Jahre war zu einem nicht geringen Maß auch auf jenen Lehren begründet, die man in Moskau aus den Ereignissen im Herbst 1956 gezogen hatte. Mit der Zeit überlagerten sich die verschiedenen Überlegungen. Ungarn, das von der Sowjetunion aufgrund der Erfahrungen 1956 mit einer vergleichsweise großen Toleranz behandelt wurde, hatte im Ergebnis der ökonomischen Reformen auf unterschiedlichen Gebieten große Erfolge aufzuweisen, die auch für die Sowjetunion von Interesse waren. So erweiterten sich seit den 60er Jahren die Wirtschaftsbeziehungen Ungarns mit dem Westen sehr dynamisch, woran die Sowjets durch diverse Transferverfahren ebenfalls partizipieren konnten. Ende der 70er Jahre, in der Phase einer gewissen Abkühlung der internationalen Beziehungen, konnte die Sowjetunion Ungarn wegen seiner hohen Akzeptanz im Westen für gewisse vermittelnde politische Diskurse »benutzen«. Trotz der relativen Abgeschlossenheit der sozialistischen Wirtschaftsregion, in der Rückständigkeit in jedem ihrer Segmente konserviert blieb – und das in erster Linie in der Sowjetunion –, wurde letztlich die seit den frühen 60er Jahren virulente Wirtschaftskrise der im Wettbewerb der Systeme zunehmend zurückbleibenden Sowjetunion auch durch das »sozialistische Wirtschaftsgebiet« abgemildert, zu dessen wichtigen Bestandteilen Ungarn gehörte. 

In der letzten Phase der Systemkrise des sowjetischen Imperiums erfuhr Ungarn eine beträchtliche Aufwertung und wurde als eine Art »Musterstaat« den geplanten Gorbačevschen Reformen voran gestellt. In diesem positiven Kontext tauchte das ungarische »Beispiel« Ende der 80er Jahre in Gorbačevs Rhetorik auf, wie auch in jenen Moskauer Analysen, welche die langfristigen Ziele einer »sozialistischen Marktwirtschaft« behandelten.[13]

Während der gesamten Epoche blickte die Sowjetführung ganz selbstverständlich auf Ungarn wie auf einen entfernten Vasallenstaat, mit dessen »größeren Angelegenheiten« man sich selbstredend in Moskau befasste. Die anschließend übermittelten »Empfehlungen« betrachtete man im Wesentlichen als verbindliche Anweisungen – aber wie gesagt: nur im Wesentlichen. Diese Überzeugung bedeutete jedoch niemals – selbst zu Stalins Zeiten nicht –, dass Moskau alles entscheiden wollte und konnte. Ungarns jeweilige Führung besaß durchaus Spielräume, die keinesfalls gering waren, wenn auch deren Grenzen, der Grad der Freiheiten und das Ausmaß ihrer aktuellen Betätigungsfelder veränderlich waren. Diese Spielräume bedeuteten nicht immer nur ein Handlungsfeld im Rahmen des Reagierens, ganz im Gegenteil: Sie erlaubten der ungarischen Seite auch, Initiativen zu ergreifen – mit teilweise beträchtlichem Erfolg –, die auch gegen Moskauer Intentionen durchgesetzt werden konnten.

Die spezifischen Felder und Methoden der Determinierung

Die wichtigste Konsequenz, die sich aus der sowjetischen Besatzung ergab, war ohne Zweifel der Umstand, dass Ungarn ab dem letzten Drittel der 40er Jahre gezwungen wurde, die soziale, politische und ökonomische Ordnung sowjetischen Typs zu übernehmen. Ob es diesbezüglich einen vorherigen »Plan« gab, ist bis heute Gegenstand von Kontroversen. Der sowjetische Einfluss auf Ungarn wurde anfänglich durch die Dominanz der Sowjets beim Waffenstillstandsabkommen und in der Alliierten Kontrollkommission gesichert, das wirtschaftliche Eindringen durch die Reparationsleistungen, den Unterhalt der hier stationierten Truppen, die Inbesitznahme deutschen Eigentums als Kriegsbeute usw. Eine wichtige Rolle bei der wirtschaftlichen Infiltration spielte das bilaterale Handels- und Wirtschaftsabkommen von 1945. Die totale gesellschaftspolitische Gleichschaltung geschah jedoch erst einige Jahre später, in erster Linie mit der Zerschlagung der Unabhängigen Partei der Kleinen Landwirte im Jahre 1947,[14] bzw. nach der Gründung des Kominform im selben Jahr.[15] Die wenigen Dokumente aus den Anfängen der Besatzungszeit, wie die programmatischen Unterredungen der ungarischen KP-Führung in Moskau,[16] deren Beratungen mit Stalin im Dezember 1944,[17] der so genannte Majskij-Plan[18] usw. scheinen eher darauf hinzudeuten, dass Stalin keineswegs plante, alle Länder dieser Region einer totalen Sowjetisierung zu unterwerfen – auch Ungarn nicht. Noch deutlicher als dies ist zugleich der Umstand, dass man in Moskau anfangs gar nicht daran dachte, dem Wortlaut des Abkommens von Jalta gemäß das Schicksal der in Rede stehenden Staaten durch »freie Wahlen« bestimmen zu lassen – wobei der Begriff »Wahl« hier nicht nur im engeren politischen Sinne zu verstehen ist. Den auch von den Westalliierten akzeptierten und benutzten Termini, wie »Interessensphäre« oder »Sicherheitsaspekte«, wurden von Stalin und seinen Mitarbeitern ein völlig anderer Sinn beigemessen. Allerdings wurde diese semantische Differenz gerade vom Westen eine Zeit lang einfach nicht wahrgenommen. Betrachten wir die Situation unter diesem Gesichtspunkt, dann existierte natürlich ein »Plan«, auch wenn bisher kein entsprechendes konkretes Schriftstück an die Öffentlichkeit gelangt ist. In diesem »Plan« musste auch Ungarn als Teil des »Cordon sanitaire« figurieren. Veränderungen konnte es eher in den Akzentuierungen innerhalb einzelner Kapitel dieses »Plans« geben, in der zeitlichen Abfolge einzelner Schritte usw. Wie im Folgenden noch auszuführen sein wird, sind die für die Sowjetisierung entscheidenden Determinanten in der Rolle der lokalen Führungen zu sehen, sowie im Apparat der Vermittlung imperialer Bestimmungen bzw. der dabei benutzten Methoden. An dieser Stelle muss jedoch festgehalten werden, dass die gewaltsame Veränderung der organisch gewachsenen Strukturen in Ungarn in gewisser Weise den Absichten der obersten sowjetischen Führung entsprach. Dort nämlich, wo es diese Intentionen nicht gab (wie etwa in Finnland oder für gewisse Zeit in Ostdeutschland), erfolgten – allem Eifer lokaler KP-Führer zum Trotz – solche Veränderungen nicht.

Etwa ab Ende der 40er Jahre wurden die Existenz der ungarischen Gesellschaft und deren institutionelle Systeme vom Primat der Politik bestimmt: Mal außerordentlich eng, mal etwas weiter gefasst, mal extrem zentralisiert, mal mit einer größeren Liberalität gegenüber den unterstellten Institutionen und Selbstverwaltungen, mal monolithisch geschlossen, mal einen gewissen institutionellen Pluralismus zulassend – letztendlich entschied in allen Fragen die politische Führung. Das bestimmende Wesensmerkmal bestand also im totalitären Charakter des nach sowjetischem Muster gestalteten politischen Systems, welches die Gesellschaft in Gang hielt. Obwohl sich dieses System im klassischen Wortsinn nur für sehr kurze Zeit in seiner Totalität entfalten konnte (hauptsächlich zwischen 1949 und 1953, zu einem gewissen Grad im Jahr 1955, und eventuell von November 1956 bis 1958), muss es als totalitär angesehen werden, weil das entsprechende Instrumentarium und institutionelle Gefüge der politischen Führung durchgehend zur Verfügung standen. (Es ist eine andere Frage, dass die Führung diese Mittel aufgrund bestimmter Einsichten im überwiegenden Teil ihrer Herrschaftszeit nicht benutze.)

Es gibt unter den enger gefassten Subsystemen solche, bei denen die sowjetische Dominanz vollkommen oder beinahe umfassend war.[19] Ein solcher Bereich war während der gesamten Epoche der Verteidigungssektor. Obwohl dieser im Rahmen des Warschauer Vertragssystems erst relativ spät, im Jahr 1955, institutionalisiert wurde, waren die ungarischen Streitkräfte bereits durch den 1948 abgeschlossenen zwischenstaatlichen Freundschafts- und Beistandspakt sowie durch das unmittelbar darauf breit ausgebaute System sowjetischer Berater der sowjetischen Militärführung unterstellt worden. Auf einer Beratung in Moskau im Januar 1951 hatte Stalin nicht nur die Initiative zur abgestimmten und stark forcierten Entwicklung der Armeen ergriffen, sondern auch die Entwicklung der Rüstungsproduktionen der Ostblockstaaten festgelegt. Auf dieser Beratung entstand auch ein Koordinierungsausschuss auf höchster Ebene, der als Vorläufer des Politischen Beratenden Ausschusses des Warschauer Vertrags angesehen werden kann.[20] Die ungarische Armee war ab 1955 auch formal dem sowjetischen Oberkommando (dem Oberkommandierenden der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrags) unterstellt, ihre Organisationsstruktur, ihr Aufbau sowie ihre militärischen Dienstanweisungen folgten sowjetischen Mustern und Zielen.

Bis zum Jahr 1947 – bis zur Unterzeichnung und Ratifizierung des Friedensvertrages mit Ungarn – existierte so etwas wie eine ungarische Außenpolitik – wenn leider auch mit minimalem Spielraum. Das hauptsächliche Bestreben dieser Außenpolitik war es, die Ungerechtigkeit des 1920 unterzeichneten Friedensvertrags von Trianon durch den neuen Friedensvertrag wenigstens teilweise zu korrigieren. Dafür gab es von Anfang an kaum reale Chancen – das wenige, was es tatsächlich an Spielräumen gab, wurde durch die Erwägungen der sowjetischen Außenpolitik zunichte gemacht.[21] Der bilaterale Staatsvertrag von 1948, in welchem auf sowjetischen Druck – und nach dem Muster ähnlicher Verträge, die mit den anderen Ländern der Region abgeschlossen wurden – die Formel von der gemeinsamen Antwort nicht nur auf eine deutsche Bedrohung, sondern auf jedwede Bedrohung hineingeschrieben wurde, beendete die ungarische Außenpolitik. Der in Opposition zur Partei stehende Imre Nagy wies zur Jahreswende 1955/56 auf die Notwendigkeit einer eigenständigen ungarischen Außenpolitik hin. In seiner Zeit als Ministerpräsident hatte er keine wesentlichen Schritte in diese Richtung unternommen. Erst während der Revolution 1956 gelang dann auch unter extrem ungünstigen Bedingungen für sehr kurze Zeit eine autonome Politik, die von der Konzeption der »Blockfreiheit/Neutralität« geprägt war.[22] Von diesem Moment abgesehen, blieb die ungarische Diplomatie während der gesamten Epoche Erfüllungsgehilfin der abgestimmten Außenpolitik des sowjetischen Blocks. Charakteristische Beispiele dafür waren der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel 1967, Ungarns militärische und politische Teilnahme an der Besetzung der Tschechoslowakei 1968 oder das Fernbleiben von den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984. In all diesen Fällen verstieß die Politik der Partei gegen die elementaren politischen und sonstigen Interessen des Landes. Dessen ungeachtet tauchten mit Beginn der 70er Jahre gewisse Elemente einer eigenständigen ungarischen Außenpolitik auf. Sobald die Wirtschaftsbeziehungen Ungarns zum Westen wiederhergestellt waren und sich dann zunehmend erweiterten, konnte Ungarn keine Politik mehr betreiben, die sich der Rhetorik des Kalten Krieges bediente und auf die Aufrechterhaltung der Spannungen baute. Sicherlich erst nach vorheriger Abstimmung mit den Sowjets kam es dann doch zu einer Regelung der Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland, wodurch Ungarn einen ersten Schritt in Richtung seiner traditionellen außenpolitischen Orientierung tat. In den 80er Jahren zeigte sich, wenn auch zunächst recht zaghaft, eine andere Richtung ungarischer Außenpolitik mit Tradition: zuerst auf dem diplomatischen Parkett Moskaus, dann auf dem des sowjetischen Blocks, später auch auf internationalen Foren, wo Ungarn sich für den Schutz und die Interessen der in den Nachbarstaaten lebenden ungarischen Minderheiten einsetzte. (Hier sei nur der Verweis darauf gestattet, dass wenn es überhaupt eine ungarische Außenpolitik für die gesamte Epoche von 1948 bis 1989 gegeben hat, so war dies in erster Linie eine Politik der Beziehungen zur Sowjetunion – auch davon handelt der folgende Punkt.)

Die Determiniertheit kam in erster Linie in der nach 1948 errichteten politischen Struktur zur Geltung, in deren Rahmen nicht einmal die sich der kommunistischen Dominanz unterwerfenden Pseudoparteien einen Platz erhielten – im Unterschied etwa zu Polen oder der Tschechoslowakei – und deren charakteristisches Merkmal die Parallelstrukturen von Staat und Partei waren. Die verhältnismäßig schwache Verwurzelung der ungarischen Kommunisten im eigenen Land und die nach der Machtergreifung gewonnenen gesellschaftspolitischen Erfahrungen veranlassten die Machthaber von Zeit zu Zeit, eine Art »streng überwachten Pluralismus« einzuführen. Bereits Imre Nagy hatte mit ähnlichen Ansätzen im Jahr 1954 experimentiert, und auch die Kádár-Führung erwog nach 1956 eine Zeit lang die wie auch immer geartete Legalisierung der Bauern-Parteien aus der Koalitionsregierung von 1945. Auch in der ungarischen Reform von 1968 war ursprünglich eine gewisse Öffnung in Richtung der Etablierung eines Institutionssystems ökonomischer und, in wesentlich zaghafterer Weise, auch politischer Interessenvertretung vorgesehen. Von diesen Initiativen wurde fast nichts verwirklicht.[23] An der Wende der 70er und 80er Jahre experimentierten die ungarischen Machthaber erneut mit bestimmten Elementen der Arbeiterselbstverwaltung. Und schließlich gelangten die so genannten Reformer in der Partei in den 80er Jahren erneut zu der Ansicht, dass die adäquateste Erscheinungsform für diesen Pluralismus die Patriotische Volksfront sei – so wie schon die Gruppe um Imre Nagy drei Jahrzehnte zuvor. In der Revolution von 1956 waren die Kommunisten für einen Moment bereit, als Kompromiss die parlamentarische Demokratie anzuerkennen (es war dies die kurzzeitig von Imre Nagy und János Kádár gemeinsam geführte, neu gegründete Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei, MSZMP)[24]. Doch von dieser Ausnahme abgesehen blieb das nach sowjetischem Muster gestaltete politische System mit axiomatischer Gültigkeit bis Ende der 80er Jahre bestehen.

Die Umgestaltung der Wirtschaft nach sowjetischem Vorbild wurde in großem Maße durch die seit Ende der 30er Jahre stark anwachsende staatliche Einflussnahme und den Übergang zur Kriegswirtschaft erleichtert.[25] Die nach dem Krieg entstandenen demokratischen Parteien stimmten im Wesentlichen der Beibehaltung dieser staatlichen Rolle zu, nun jedoch motiviert durch die ökonomischen Sachzwänge des Wiederaufbaus. Die ökonomische Struktur und Wirtschaftspolitik sowjetischen Typs wurde im Wesentlichen durch den 1950 beginnenden ersten Fünfjahrplan etabliert. Die Erhöhung der Planvorgaben im Jahre 1951 stellte die ungarische Wirtschaft in den Dienst der sowjetischen Kriegsvorbereitungen. Verglichen damit, dass sich dieser wirtschaftspolitische Kurs nur einige Jahre lang ungebrochen behaupten konnte (zu ersten Korrekturen kam es bereits 1953/54), erwies er sich als außerordentlich wirkungsmächtig, denn seine Folgen waren bis Ende der 80er Jahre in Form des Bergbau-, Hütten- und Schwerindustriekomplexes sichtbar.[26] In Ungarn erlangte der militärisch-industrielle Komplex jedoch nie einen solchen politischen Einfluss, wie in der Sowjetunion. Das Streben nach einer Rückkehr zur ungarischen Autonomie, zur Vorgeschichte der organischen Entwicklung erwies sich als äußerst hartnäckig, und hat sich seit 1953 über die gesamte Zeit, wenn auch nicht gleichmäßig, neben dem ideologischen Paradigma der sozialistischen Industrieentwicklung erfolgreich durchsetzen können. Die Unternehmensgröße, die Produktionskultur, die Industriestruktur zeigten im überwiegenden Teil dieser Epoche starke Abweichungen vom sowjetischen Vorbild. Die Autonomie der Wirtschaftseinheiten und gewisse Marktelemente der Reform von 1968 wurden »beibehalten«, obwohl zahlreiche ihrer Initiativen wenige Jahre später zurückgenommen wurden. Trotz des Strebens nach Autarkie Anfang der 50er Jahre blieb die ungarische Wirtschaft mit der Weltwirtschaft in Verbindung. Und obwohl bereits damals die Sowjetunion zum wichtigsten Außenhandelspartner Ungarns geworden war, »versteinerte« die ungarische Wirtschaft nicht in einer gesonderten sozialistischen »Weltwirtschaft«.

Die Landwirtschaft wurde nach dem Krieg in erster Linie nicht durch den sowjetischen Einfluss, sondern als Ergebnis der Bodenreform des Jahres 1945 auf einen neuen Weg gebracht. Die Folgen dieser großen Veränderung, welche eine breite Schicht von Kleinbauern hervorbrachte, konnten sich jedoch kaum entfalten, denn einige Jahre später war es zunächst die Industrialisierung, dann die nach sowjetischem Vorbild erfolgende Kollektivierung, welche die Agrarentwicklung in neue Bahnen lenkte. Geprägt wurde diese Umgestaltung, die sich bis zum Anfang der 60er Jahre erstreckte, letztendlich nicht durch das reine sowjetische Genossenschaftsmodell, welches sich auf die Kolchosbauern und die Schicht der ärmsten Bauernschaft stützte, sondern durch die mit dem Namen Lajos Fehér (Politbüromitglied 1957 bis 1975 und ZK-Sekretär für Landwirtschaft 1959 bis 1962) verbundene spezifisch ungarische Genossenschafts- und Agrarpolitik, die unausgesprochen auf den ursprünglich von Imre Nagy entwickelten Überlegungen basierte. Diese Politik verschmolz erfolgreich Elemente der ungarischen Kleingewerbetradition mit denen der kollektiven Wirtschaftsführung. Die Produktionsgenossenschaften erwiesen sich im Allgemeinen als erfolgreich, und nach Meinung vieler Experten war es lediglich eine Folge politischer Entscheidungen der Nachwendezeit, dass sie die Veränderungen nicht in modifizierter Form überlebten.[27]

Der Versuch einer Umgestaltung und Sowjetisierung der ungarischen Kultur, der in grober und gewaltsamer Weise Anfang der 50er Jahre unternommen wurde, kam nur wenige Jahre lang voll zur Geltung. Außer einigen mit der Zeit nur noch grotesk wirkenden Klischees hatte dieser Versuch keinerlei Folgen für die ungarische Eliten- und Massenkultur. Der obligatorische Russischunterricht beispielsweise hat sich trotz aller Anstrengungen, die man vier Jahrzehnte lang unternahm, als relativ wirkungslos erwiesen – und das galt bereits in der Mitte des sozialistischen Zeitalters als eine kaum verhüllte Binsenwahrheit. Literatur und Kunst »verließen« nach einem wenige Jahre dauernden Intermezzo die als sozialistischer Realismus firmierende, aus der Sowjetunion importierte höfische Kunstrichtung (einige ihrer Vertreter lebten in Einsprengseln isoliert noch einige Zeit fort) und entwickelten sich wieder in den Bahnen der großen internationalen Strömungen und Richtungen. Nach 1956 gab es so gut wie keine derartigen Ambitionen der Kulturpolitik mehr. Die Zugehörigkeit zum sowjetischen Imperium wurde lediglich durch verschiedene, kaum beachtete Organisationen und Institutionen symbolisiert, von der Gesellschaft für Ungarisch-Sowjetische Freundschaft, über die Zeitschrift Lányok, Asszonyok (dt.: Mädchen und Frauen) bis zum Wettbewerb »Wer weiß mehr über die Sowjetunion?«. Ansonsten war die durch den Kulturpolitiker György Aczél verkörperte Gnadenpolitik eher bestrebt, die traditionelle politische Rolle der Künste, in erster Linie der Literatur, zu kontrollieren bzw. unliebsame Erscheinungen auszuschalten.[28] Die ungarische Massenkultur begann sich Anfang der 60er Jahre vollständig von den sowjetischen Vorbildern zu lösen, deren kampagneartige Propagierung in den 50er Jahren inzwischen zum Gegenstand allgemeiner Lächerlichkeit geworden war. Sie wandte sich mit vergleichsweise großer Freiheit dem Westen zu, von wo die gerade aktuellen kulturellen Modeströmungen mit ein paar Jahren Verspätung (die ständig geringer wurde) in Ungarn Einzug hielten. Eine »Kultur des Imperiums« konnte sich trotz aller darauf gerichteten Bestrebungen nicht etablieren, zumindest blieb Ungarn davon unberührt.

Dieses Phänomen hängt mit einer der wichtigsten Einschränkungen der Determinierung zusammen. Ohne Zweifel war infolge des sowjetischen Einflusses der allgemeine Grad der Freiheit in Ungarn unvergleichlich geringer als in den westlichen Demokratien und blieb wahrscheinlich wesentlich hinter dem der Zwischenkriegszeit zurück, etwa hinsichtlich der Pressefreiheit. In dieser Hinsicht bestimmte die Zugehörigkeit zur sowjetischen Einflusszone grundsätzlich und bis zuletzt den Alltag des Einzelnen. Bestimmte Fragen konnten nicht gestellt werden, bestimmte Antworten konnten nicht formuliert werden. Der sozialen, geografischen und gedanklichen Mobilität des einzelnen Menschen wurden vom System Schranken gesetzt. Anfangs wollte das System sogar noch mehr als das: Die Verhältnisse von Knechtschaft und Tyrannei sollten auf kollektiver und individueller Ebene von jedermann als eine Art höhere, freiwillig gewählte, ja sogar gewollte »Freiheit« erlebt werden. Diese ideologische Bestimmung der Politik war in Ungarn jedoch niemals vorherrschend, insofern konnte sich auch der Totalitarismus nie vollkommen entfalten. Die Gesellschaft erlernte die Diktion dieser Ideologie, sie »verstand« die Festtagsreden und offiziellen Kommentare, sie nahm zur Kenntnis, wann, mit wem und worüber man nicht sprechen konnte, aber die Ideologie machte sie sich nicht zu eigen. Sie nahm zur Kenntnis, dass der »oben« geführte Diskurs in dieser ideologischen Sprache stattfindet, aber ansonsten war sie bestrebt, ihre eigene Sprache und Kultur sowie ihr kollektives Gedächtnis zu bewahren. Jene traditionellen Phänomene, die in der Epoche des sowjetischen Einflusses verschwanden (etwa die einheitliche bäuerliche Lebensform und Kultur) wären vermutlich mehr oder weniger genauso in anderen, etwas freieren Varianten industrieller Modernisierung verschwunden. Gleichzeitig blieben jedoch dieser Ideologie radikal entgegen gesetzte Mentalitäten und Bestrebungen, wie etwa die Ver(klein-)bürgerlichung nahezu unbeschadet bestehen, ja sie entwickelten in der Kádár-Epoche (1956 bis 1988) sogar neue Formen.[29] Natürlich beeinflusste und verzerrte der Mangel an Freiheit alle sozialen Verhältnisse. So entwickelte sich etwa eine zum Teil erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber den öffentlichen Angelegenheiten, mit manchmal bis zur Devianz gehender negativer Einstellung. Es stimmt aber auch, dass einzelne Elemente der Ideologie langsam in die Verhaltens- und Denkkultur des Alltags einsickerten, wie die unreflektierte Sympathie für den Egalitarismus, die Ohnmacht der Untertanen, die Erwartungshaltung gegenüber dem Staat und anderen »Versorgungsinstitutionen« usw. All dies beweist zum Teil nur, dass die Zielvorstellungen dieser aggressiven Ideologie falsch waren und dass sich die Überzeugung, Gesellschaften könnten in kürzester Zeit radikal umgestaltet werden, als gewaltiger Trugschluss erwies. In der ungarischen Variante wurde dies auch von der nach 1956 an die Macht gelangten politischen Führung erkannt, und mit fortschreitender Zeit wurden die ideologischen Lehrsätze und Zielvorstellungen für sie immer weniger richtungweisend. Was blieb, war der Pragmatismus der beschränkten Freiheit, der an keinerlei Utopie mehr glaubte, dessen Ziel nur mehr in der Bewahrung der Macht und in der Anpassung an das Imperium bestand.[30]

Dynamik, Methoden und Rezeption der Determinierung

Aus dem bisher Gesagten ist vielleicht deutlich geworden, dass sowohl der sowjetische Determinierungswille, als auch die entsprechende ungarische »Empfänglichkeit« bzw. der Sowjetisierungseifer der heimischen Führung im Verlauf der Zeit von sehr unterschiedlicher Intensität waren, mit zum Teil auffälligen Phasenverschiebungen. In den Jahren unmittelbar nach Kriegsende bestritten auch die sich am linken Rand des politischen Spektrums etablierenden Kommunisten energisch, dass sie vorhätten, das sowjetische System einzuführen. Durch die Alliierte Kontrollkommission hielt die Sowjetunion das politische Leben Ungarns unter Kontrolle wie auch die ungarische Wirtschaft durch das Waffenstillstandsabkommen und den dort festgelegten Reparationsleistungen. Ein direktes sowjetisches Eingreifen geschah jedoch nur im Fall jener Bodenreform (durch Drängen auf schnelle Umsetzung), bei der innerhalb der Koalition weitestgehende politische Übereinstimmung herrschte. Es gibt auch Beispiele dafür, dass die ungarische Politik sich relativ erfolgreich sowjetischen Eingriffen widersetzen konnte, z. B. in der Frage einer gemeinsamen Koalitionsliste bei der Wahl von 1945. In den Jahren der Koalition hatte die ungarische Politik selbstverständlich die sowjetischen Sicherheitsansprüche zur Kenntnis genommen (was hätte sie auch anderes tun können), und es hatte den Anschein, dass der sowjetische Einfluss über diese – die ungarische Souveränität zwar stark einschränkenden – Sicherheitsansprüche nicht hinausgehen würde. (Die Einschränkung der Souveränität wurde im Übrigen nach dem verlorenen Krieg in mehrseitigen internationalen Abkommen vorgeschrieben.)

Zum Zeitpunkt der Entfaltung des Kalten Krieges war die Sowjetunion bestrebt, die autonomen Sphären in den besetzten Gebieten zu beschneiden, da sie diese als Risikofaktoren betrachtete. Allem Anschein nach hätte man sich anfangs mit der Beseitigung des politischen Pluralismus begnügt. Ein Indiz dafür war in Ungarn die sowjetische »Assistenz« bei der Zerschlagung der Kleinlandwirtepartei. Zudem wäre die strengere Institutionalisierung früherer Kontrollmechanismen ausreichend gewesen. Doch Rákosi und andere KP-Führer wollten die gegebenen Möglichkeiten so schnell und so weitgehend wie möglich ausnutzen, wobei sie mehrfach über die immer mit einer gewissen Vorsicht gepaarte Stalinsche Expansionspolitik hinausschossen. So erhielten sie zunächst keine Erlaubnis zur bereits im Jahre 1947 geplanten Inszenierung groß angelegter Schauprozesse (die dann erst Anfang 1949 mit dem Prozess gegen Kardinal József Mindszenty und Ende 1949 mit dem Rajk-Prozess stattfanden) oder zu einer gewaltsamen Machtübernahme durch eine künstlich geschürte Massenbewegung. Diesen Umständen ist es zu verdanken, dass die Nachkriegsdemokratie Ungarns in einigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ein paar Jahre Aufschub erhielt. Mit der Verschärfung des Kalten Krieges wurde selbst die Abweichung vom sowjetischen Modell zu einem Risikofaktor, und so erhielt die ungarische Seite bei der gesellschaftlichen Umwälzung freie Hand. Es ist durchaus vorstellbar, dass Stalin in der Anfangszeit, also 1948 bis 1950, Rákosi tatsächlich nicht instruiert hat – das war auch gar nicht notwendig. Die aus dem Typ des »Homo cominternicus« zusammengesetzte ungarische Parteiführung handelte einfach aufgrund ihrer zur ideologischen und kulturellen Routine gewordenen Vorbilder. Sie kannten nur die sowjetische Methode, wie Gesellschaften zu organisieren sind, in allen anderen Systemen bewegten sie sich als Fremde und standen diesen feindlich gegenüber. Dies war selbst dann so, als sie von nicht unbedeutenden sozialen Gruppen, wie einem Teil der Arbeiterschaft in den Großbetrieben, vielen politisch und rassisch Verfolgten des vorangegangenen Regimes und den im östlichen Landesteil lebenden armen und besitzlosen Bauern mehr oder weniger unterstützt wurden – wie dies ab 1945 für eine kurze Zeit der Fall war – und von noch größeren Bevölkerungsteilen zumindest als Realität akzeptiert wurden. Die Sowjetisierung hingegen musste ihre Anhänger, von denen nur wenige zu Macht und Aufstiegsmöglichkeiten gelangten, enttäuschen und die schlimmsten Befürchtungen der »Realisten« Wirklichkeit werden lassen.

Das frühe sowjetische System in Ungarn kann auch als System des Misstrauens und des Schreckens beschrieben werden. Die Gesellschaft war voller Misstrauen und lebte in ständiger Furcht, welche Schicksalsschläge wohl der nächste Tag für sie bereithalten mochte. Die kommunistische Führung fürchtete sich gleichzeitig vor dem Widerstand des Volkes als auch vor dem Zorn Moskaus, der sich in Säuberungen entladen konnte, wenn irgendein Fehler gemacht worden war. Der Führer des Imperiums wiederum traute überhaupt niemandem vorbehaltlos, selbst einem solch loyalen Führer wie Rákosi nicht.[31] Mit diesem Misstrauen und dieser Furcht kann (auch) erklärt werden, warum die Sowjetunion auch in Ungarn zwischen 1948 und 1950 einen solch außergewöhnlich breit angelegten und feingliederigen Kontroll- und Überwachungsapparat aufbaute. Neben der »normalen« diplomatischen Vertretung und der bestehenden militärischen Besatzung sowie neben den intensiver werdenden Parteibeziehungen infiltrierten die Sowjets die staatlichen Strukturen und die Wirtschaft, aber vor allem die Armee und die Staatssicherheit mit ihren legalen Beratern und illegalen Agenten. Die Maschinerie, die Motoren und einzelnen Schräubchen brauchte Stalin auch im Falle Ungarns nicht unmittelbar anzuleiten und zu steuern. Das taten solche Menschen, die von den schematisierten Vorbildern, ideologischen Werten und kulturellen Determinanten der bolschewistischen Bewegung geleitet wurden. Die Berater eigneten sich diese Kultur an, ergänzten sie mit sowjetischem Überlegenheitsbewusstsein und militärischer Disziplin.[32]

Auf paradoxe Weise wurde die sowjetische Einmischung nach Stalins Tod eher noch intensiver. Das hätte noch nicht als ungewöhnliche Entwicklung gegolten, denn die Institutionen und die Aufnahmebereitschaft waren ja gleichermaßen gegeben – als ungewöhnlich galten vielmehr die aus Moskau kommenden Anweisungen für »Korrekturen«, die Rákosi und seine Gefährten im Juni 1953 in Moskau fassungslos zur Kenntnis nahmen. Die nach Stalins Tod aufscheinende Krisengefahr und die einsetzenden Machtkämpfe führten im Falle Ungarns zu jenem seltenen Ergebnis, dass ein direkter sowjetischer Eingriff für die große Mehrheit der ungarischen Gesellschaft eindeutig positive Veränderungen zur Folge hatte. Die Korrekturen wiederum waren von der Absicht einer Stabilisierung des Imperiums geleitet, daher konnte das Paradigma einer »positiven Intervention« zu keiner bleibenden Erscheinung werden. Jene, die in den Korrekturen eine Art »kommunistischer Aufklärung« sahen, wie Imre Nagy 1953/54 oder wie die ungarische Parteiopposition nach dem XX. Parteitag der KPdSU, wurden enttäuscht. Die Rücknahme der Korrekturen löste in Ungarn eine politische Krise aus, und dies führte beim Zusammentreffen mit dem gesamtgesellschaftlichen Widerstand zur Revolution von 1956.

Am 4. November 1956 und in den unmittelbar darauf folgenden Wochen sank Ungarn im wortwörtlichen Sinne auf das Niveau einer Kolonie herab. Seine führenden Politiker wurden in Moskau ernannt, das Land wurde eine Zeit lang von sowjetischen Partei- und Staatsfunktionären durch Handsteuerung geführt,[33] die ungarischen Streitkräfte wurden von den Sowjets entwaffnet usw. Das Jahr 1956 führte dennoch zur Ableitung neuer Erkenntnisse im institutionellen Gefüge der Determinierung und in deren »Philosophie«. Zumindest war das Bestreben der Sowjetunion, eine Wiederholung der ungarischen Krise von 1956 zu vermeiden, in gleichem Maße ausgeprägt, wie diese Überlegung bei allen Entscheidungen János Kádárs und seiner Gefolgsleute immer präsent war.

Nach der Revolution und der Pazifisierungsphase wurden die auffälligsten Einrichtungen sowjetischer Einflussnahme und Kontrolle abgebaut. Mit Ausnahme von Staatssicherheit und Armee wurden die sowjetischen Berater abgezogen, über die Stationierung der Besatzungstruppen wurde ein »normaler« zwischenstaatlicher Vertrag abgeschlossen. Nach 1956 sah Moskau die Sicherheit seiner imperialen Zone jenseits der militärischen Stärke vor allem durch lokale Führer und Führungen gewährleistet, die sich der Sowjetunion gegenüber absolut loyal verhielten, gleichzeitig jedoch die lokalen Besonderheiten genauestens kannten, verstanden und zu vertreten in der Lage waren. János Kádár entsprach diesen Ansprüchen in außergewöhnlicher Weise. Er verkörperte gleichsam den Archetyp des idealen Partners für die poststalinistische Führung der Sowjetunion. Ab dieser Zeit verfolgte die sowjetische Einflussnahme in Ungarn kaum noch strategische Ziele, man richtete sich darauf ein, das Erreichte zu bewahren. Es ist unwahrscheinlich, dass die sowjetische Führung versucht hat, die der Niederschlagung der Revolution folgende Politik der Vergeltung grundlegend zu beeinflussen (das gilt auch in gewissem Grad bereits für den Fall Imre Nagy in den Jahren 1957/58), und sie akzeptierte auch die ungarischen Experimente mit ökonomischen Reformen. Sicher ist dagegen, dass Moskau eine überwiegend negative Meinung hinsichtlich der Reform des ökonomischen Mechanismus hatte und im Zusammenhang mit einigen außenpolitischen Ereignissen Druck ausübte (siehe weiter unten), aber von nun an keinen grundlegenden Wandel mehr in der ungarischen Politik bewirkte.

Für die geistige Beschaffenheit der grauen Bürokratenfigur eines Leonid Brežnev wirkten vermutlich selbst die bescheidenen Abweichungen in der Farbschattierung, wie sie von der ungarischen Führung vertreten wurden, als viel zu grell. Brežnev misstraute Kádár zu Anfang vermutlich aus mehreren Gründen. In erster Linie wohl, weil dieser der »Mann« seines Vorgängers Chruščev war, aber auch weil er aus politischen Gründen inhaftiert worden war, wegen seiner »Schwankungen« im Jahr 1956 usw. Nichtsdestotrotz stellte sich in diesen Jahren ein annäherndes Gleichgewicht zwischen sowjetischer Einflussnahme und dem Ausnutzen des Spielraums durch die Ungarn ein. János Kádár achtete mit äußerster Sorgfalt darauf, bei seinen Auftritten vor dem sowjetischen Politbüro einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und tatsächlich gelang ihm in vielen Dingen, dass die sowjetischen Genossen seine bittere Arznei »schluckten«. Er versuchte in gleicher Weise, wie das schon Rákosi getan hatte, seine Kontakte und Verbindungen zur sowjetischen Führung zu monopolisieren. Mitte der 70er Jahre war ihm das auch weitgehend gelungen. Bis dahin hatte er seine QuasiRivalen (die Politbüro- und Sekretariatsmitglieder Zoltán Komócsin, Béla Biszku und Árpád Pullai), die für ihre Nachfolgeambitionen in Moskau um Unterstützung buhlten, aus der Führung gedrängt. »Wir haben das, bitte schön, ihm überlassen«, lautete die Antwort des Politbüromitglieds und Gewerkschaftschefs Sándor Gáspár, einer der charakteristischsten Figuren aus der obersten Kádár-Führung, auf die nach 1989 gestellte Frage nach den sowjetischen Implikationen der Angelegenheit Imre Nagy.[34] Vermutlich hat Gáspár hier sehr genau formuliert. Der von Kádár hervorgerufene gute Eindruck bestand unter anderem darin, dass er sogar seinen anfangs relativ eng bemessenen Spielraum mit einer Art »Selbstbeschränkung« nutzte. Nicht nur, dass er sich den sowjetischen Intentionen nicht widersetzte, ganz im Gegenteil: Vielfach gelang es ihm mit Erfolg »herauszufinden«, was möglicherweise Spannungen oder sogar Konflikte verursachen könnte – und diese brachte er dann auch nicht zur Sprache. In erster Linie ist hier an das Problem der ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten zu denken. Kádar betonte auch stets in der Öffentlichkeit wie gegenüber der sowjetischen Führung, dass die innenpolitische Lage in Ungarn stabil sei – womit er sich vorteilhaft von seinem Vorgänger Rákosi abhob, der als permanenter »Initiator« bei der Gesellschaftsgestaltung die Reinheit der kommunistischen Ideologie mit gewöhnlichem Abenteurertum vermischte. Quasi »im Gegenzug« dafür waren Kádár und seine Mitstreiter ständig bestrebt, für die ungarische Wirtschaft so viele Vorteile als möglich herauszuschlagen – und reagierten gleichzeitig mit bescheidener Zurückweisung, wenn das Ideologie-Sekretariat der KPdSU die ungarischen »Abweichungen« beanstandete.[35]

Dieser Gleichgewichtszustand wurde im letzten Drittel der 80er Jahre gestört, als sich Michail Gorbačev nach Konstanin Černenkos Tod 1985 die Alleinherrschaft sicherte. Das Erscheinen eines Reformers in Moskau hätte man in Ungarn, dem Musterstaat der sozialistischen »Reform«, eigentlich nur begrüßen können. Tatsächlich zerstörte das Gorbačev-Phänomen jedoch eher nur jene frühere Ausgewogenheit von Determiniertheit und Spielraum – ohne dafür ein neues Paradigma zu entwickeln.

Der sowjetische Führer hatte keineswegs die Absicht, das bisherige Verhältnis von Patron und Klient zu beseitigen. Im Gegenteil: Er versuchte beispielsweise den Rückzug Kádárs in Gang zu setzen, und vermutlich hatte er auch seinen Anteil daran, dass die alte Parteiführung schließlich die Waffen streckte.[36] Er setzte harte, fast nur den Gesetzen des freien Marktes gehorchende Verhandlungen auf jener anderen Seite in Gang, auf der sich bisher die ungarischen Interessen durchsetzen konnten. Selbstkritisch analysierte er die Vergangenheit der »Beziehungen«, sprach von tatsächlicher Gleichberechtigung, behandelte aber das wirtschaftliche Krisenmanagement Ungarns sowie dessen Beziehungen zum Westen mit Sorge und Misstrauen. Öffentlich trat er während dieser Zeit mit reformerischen Reden in Erscheinung, und im engsten Kreis sprach er in gleicher Weise über den idealen Sozialismus und die Methoden seiner Verwirklichung. Die Sowjetunion und ihr Führer, dieses jahrzehntelang unverrückbar erscheinende Phänomen, wurden plötzlich unberechenbar.

Die ungarischen Führungspolitiker, die im Mai 1988 nach Kádár kamen, waren im Gegensatz zu Gorbačev weder Idealisten noch ideologisch gebunden. MSZMPGeneralsekretär und Minsterpräsident Károly Grósz interessierte sich vielleicht tatsächlich für das verschwommene Programm namens Perestrojka, doch war er viel zu sehr mit den eigenen innenpolitischen Kämpfen, den damit verbundenen Machtspielen beschäftigt, vor allem jedoch mit dem Steuern der ungarischen Wirtschaft auf den Gewässern der Stagflation. In der Art gut ausgebildeter Außenhändler war die ungarische Führung bemüht, mit den Abkommen im Finanz- und Warenverkehr für Ungarn so viele Vorteile wie möglich herauszuholen. Andererseits versuchte sie ebenfalls in der Art von erprobten Machttechnikern die Positionen der ungarischen Parteielite in jenem kommenden System zu bewahren, welches 1988/89 als »neues Modell des Sozialismus« firmierte, kurze Zeit später jedoch in bezeichnender Weise – nun ohne jegliche Perspektive – in »Prozess des Modellwechsels« umgetauft wurde. Darüber hinaus versuchte die neue Führung jene in den Jahrzehnten der Kádár-Epoche unantastbaren Tabus etwas aufzulösen, um so die traditionellen Defizite der ungarischen Partei hinsichtlich nationaler Themen zu verringern. Károly Grósz, sein Nachfolger als Ministerpräsident Miklós Németh, das Politbüromitglied Rezsö Nyers sowie die ab Herbst 1988 in der sowjetischen Hauptstadt eintreffenden ungarischen Politiker der zweiten Garnitur brachten neue Themen auf den Tisch: die Neubewertung von 1956, die Frage der ungarisch-rumänischen Beziehungen und die Lage der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen sowie den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn. Das Einbringen der ersten beiden Fragenkomplexe auf die Tagesordnung der Moskauer Verhandlungen war in erster Linie durch den gesellschaftlichen Druck erzwungen worden. Der dritte Komplex dagegen ergab sich aus den Möglichkeiten von Gorbačevs außenpolitischen Offensiven, und die ungarische Führung versuchte diese Möglichkeiten maximal zu nutzen. Die Vergangenheit war aber auch hier präsent. Jene Einstellung, die allen gesellschaftlichen Bewegungen als »Faktoren der Instabilität« gegenüber abgeneigt ist, eine Einstellung die, beginnend mit János Kádár, von allen in Moskau vorsprechenden führenden ungarischen Politikern in ähnlicher Weise »kommuniziert« wurde, hat vielleicht nicht unwesentlich zu jener Nachgiebigkeit und jenem illusorischen Zukunftsbild beigetragen, mit dem Gorbačev die Umwälzungen betrachtete.[37] Diese »Nachtblindheit« hat möglicherweise beim friedlichen Charakter der demokratischen Transformationen eine Rolle gespielt.

Die Besatzung und die ungarische Gesellschaft: eine Bilanz

Im Bild der 1944/45 in das ungarische Staatsgebiet einbrechenden sowjetischen Truppen begegnete die ungarische Gesellschaft zum ersten Mal der Realität der kommenden Ordnung. Das Verhalten der marodierenden Besatzungstruppen löste einen wahrhaft nationalen Schock aus, und als Kulturschock kann ebenfalls der Zeitraum bezeichnet werden, in dem das Sowjetsystem eingeführt wurde. Die Mehrzahl der Menschen machte für alles, zwar nicht ohne Grund, aber auch nicht sehr differenziert, die sowjetische Besatzung verantwortlich: für den Massenterror, für die explosionsartigen sozialen Veränderungen, für die Lebensmittelzwangsabgaben der Bauern, für die Kulakenlisten, für jede Erniedrigung und alles Elend. Gleichzeitig fasste jedoch die Mehrheit den »Kommunismus« vermutlich als einen vorübergehenden Zustand auf und hoffte auf dessen schnelles Ende. Bis dahin passte man sich zähneknirschend der neuen Ordnung an und hoffte auf den Einzug der amerikanischen Truppen. In diesem Zeitraum verknüpfte sich der undifferenzierte Antikommunismus mit der Sowjetfeindschaft. Zum doppelten Emblem beider Einstellungen wurde der die Frauen vergewaltigende russische Besatzer von 1945 sowie der (heimische) kommunistisch-terroristische Stasiknecht. Selbst die zahlenmäßig nicht allzu große Anhängerschaft des sich neu etablierenden Systems war von der sklavisch-unterwürfigen Nachahmung und der nationalen Erniedrigung, die für die ersten Jahre der Übernahme des sowjetischen Musters so charakteristisch waren, irritiert. An dieser Gesinnung konnte auch die erste Regierungszeit von Imre Nagy 1953 bis 1955 nicht viel ändern, wie die in der Revolution von 1956 an die Oberfläche drängenden elementaren Gefühlsausbrüche zeigten. 

Der 4. November 1956, der Zusammenbruch der Revolution und des Freiheitskampfes, die anschließende Niederlage des Widerstandskampfes und das allgemeine Gefühl, von der (westlichen) Welt im Stich gelassen worden zu sein, bedeuteten erneut einen tiefen Schock. Die ungarische Gesellschaft konnte sich nur sehr schwer mit dieser Niederlage abfinden, doch dann gewann erneut die Einsicht die Oberhand: »von denen kann man sich nicht befreien«. Die Repressionen schalteten einen großen Teil der potenziellen und symbolischen Führer aus. Nicht nur die Führungspersonen gingen verloren, dramatisch sank auch die Zahl von dynamischen Individuen und Gruppen, die mit ihren gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten wichtig für die Orientierung und öffentliche Meinungsbildung waren. Ein beträchtlicher Teil von ihnen verließ das Land – die Emigrationswelle erreichte gerade Ende November/Anfang Dezember 1956 ihren Höhepunkt. Die Menschen begannen sich damit abzufinden, dass die »Sache« von 1956 verloren sei, und was jetzt herrsche, eingeschlossen die sowjetischen Besatzer und das Sowjetsystem, werde mit großer Wahrscheinlichkeit so bestehen bleiben. Mit der Waffe in der Hand, mit landesweiten Streiks, am Verhandlungstisch und mit feurigen Reden tat die Gesellschaft das, was sie tun konnte, und darüber hinauszugehen war – so hatte es den Anschein – unmöglich. Die gesamtnationale Frustration begann die Geschehnisse rückwirkend um- und abzuwerten (»Es war doch sowieso fast alles eine Illusion …«), und ließ das Verlangen nach einer wie auch immer gearteten Normalität stark ansteigen. In dieser Lage wurden nun all jene Maßnahmen aufgewertet, die man trotz allem auf den Oktober 1956 zurückführen konnte (»Etwas haben wir doch erreicht, vielleicht war nur soviel möglich …«): die Aufhebung der Zwangsabgaben, die Beschlüsse zur Anhebung des Lebensniveaus, das Ausbleiben der unberechenbaren, massenhaften und alle Lebensbereiche erfassenden Säuberungen. Mehr noch, all dies konnte man auch der neuen Kádár-Regierung zugute halten.

Nach 1956 wurden in der ungarischen Gesellschaft die Haltungen jener Gruppen bestimmend, die die anderthalb Jahrzehnte bis zur Wende der 50er/60er Jahre schon weitgehend als Erwachsene erlebt hatten, die sich aber im Jahr 1956 (ja selbst in der Zeit bis dahin) nicht in der »ersten Reihe« und nicht sehr intensiv politisch betätigt oder sich überhaupt aus der Politik herausgehalten hatten. Eine der zentralen Lehren ihres bisherigen Lebens – und das Jahr 1956 hatte dies noch mal untermauert – bestand darin, dass in der Zeit, wo verschiedene einander abwechselnde politische Strömungen und Kurse ihr Schicksal grundlegend beeinflusst hatten, sich ihre persönlichen Intentionen meist nicht verwirklichen ließen. Nach einer Periode mit derartigen Erfahrungen wurden Begriffe wie Berechenbarkeit und Planbarkeit ungeheuer aufgewertet – und dabei war das Kádár-Regime selbst in seiner Phase der Vergeltung und Repression wesentlich berechenbarer als das Rákosi-Regime und blieb es auch später. Diese Gruppen sowie maßgebliche Gruppen der ungarischen Intelligenz akzeptierten die Kádársche »LebensstandardAbmachung« und enthielten sich jeglicher politischen Aktivität. Dabei spielte zweifellos der Umstand eine Rolle, dass Kádár nach 1956 sehr darauf bedacht war, den Charakter des Systems als Satellitenstaat sowjetischen Typs soweit wie möglich zu verschleiern. Bei einem Treffen im Jahre 1985 erzählte Kádár Michail Gorbačev die Geschichte seines Lebens und seiner Zeit. Über die Periode nach dem 4. November 1956 sagte Kádár: »Ich bat zum Beispiel darum, die sowjetischen Truppen nicht auf den Straßen patrouillieren zu lassen und sie nicht an der Wiederherstellung der Ordnung zu beteiligen. Für welchen ungarischen Bürger auch immer – es ist doch angenehmer, wenn er von einem Ungarn einen Hieb auf den Kopf bekommt, als von einem anderen. Er wird danach heimkehren und wird dies nicht als Verletzung seiner nationalen Ehre ansehen können.«[38] Diese Formel, deren Zynismus nur noch von ihrer Primitivität übertroffen wird, funktionierte über weite Strecken der Kádár-Ära ausgezeichnet. Die sowjetische Besatzung war eine jener Evidenzen, über die jeder Bescheid wusste, über die jedoch niemand außerhalb der engeren familiären Öffentlichkeit sprach – oder selbst dort nicht.

János Kádár hatte bereits auf der Tagung der MSZMP vom Juni 1957 verkündet: Die große Mehrheit der Menschen interessiere sich nicht für Fragen der großen Politik, sondern sei in erster Linie an der Mehrung der eigenen materiellen Güter interessiert. Die Gesellschaft, welche gerade die Erschütterungen der Niederlage durchlebte, nahm die Anzeichen kleinerer Freiheiten und Möglichkeiten tatsächlich mit großer Freude auf: das gegenüber den 50er Jahren wesentlich breitere Warenangebot, der zu Reisen in den Westen berechtigende Touristen-Reisepass für 70 Dollar, die Streichung der sozialen Herkunft als Kategorie bei der Zulassung zu einem Universitätsstudium usw. Die Einmischung des Staates in das Privatleben wurde reduziert oder hörte ganz auf. Das Polit-Seminar, die halbe Stunde zum Studium der Parteizeitung Szabad Nép oder der rhythmische Beifall waren nun nicht mehr obligatorisch. Die Übereinstimmung mit dem System musste nicht mehr beteuert werden. Mit einer an entsprechender Stelle (also nicht im staatlichen Sektor) und mit entsprechender (selbstausbeuterischer, nicht selten selbst zerstörerischer) Intensität geleisteten Arbeit konnte jeder sichergehen, dass sich sein Lebensstandard »kalkulierbar« erhöhen würde. Der Preis für all das war die Entstehung jener Haltung, die der Psychologe Ferenc Mérei als »gesamtnationale Verdrängung« charakterisiert hat. Niemand sprach mehr von der Revolution, von der Niederlage – man nahm weder Notiz von den Eingekerkerten, noch von den Freigelassenen, und im Allgemeinen »ließ man die Finger von der Politik«. Der so gewonnene »Friede« eröffnete den Weg individueller Aufstiegsmöglichkeiten, aber er zerstörte gleichzeitig das Netz gesellschaftlicher Solidarität – also gerade das, was sich in den Tagen der Revolution und des Widerstandskampfes mit solcher Kraft manifestiert hatte. Nach 1956 wies die ungarische Gesellschaft für lange Zeit nicht mehr jene so offensichtlichen Zeichen seelischer »Gesundheit« auf, die sie in der Zeit vor 1956 auszeichneten. Dagegen machen sich ihre Krankheitssymptome (wahrhafte Volkskrankheiten als auch Mentalitäten) bis zum heutigen Tag sehr intensiv bemerkbar.

Als das System Ende der 70er Jahre in eine spürbare Krise geriet, wurde der Mangel an Freiheiten lediglich von einer schmalen intellektuellen Schicht, der demokratischen Opposition, zur Sprache gebracht. Die große Mehrheit befürchtete in erster Linie das Ende jenes erwähnten Lebensstandard-Abkommens, und als sich deren böse Vorahnungen in den 80er Jahren bewahrheiteten, entzog sie dem Kádár-System ihre stillschweigende Unterstützung. Realität und Geschichte der sowjetischen Besatzung wurde von der Opposition zwar zum Gegenstand des politischen Diskurses gemacht, doch hütete sie sich davor, deren Beseitigung als politische Zielvorgabe zu formulieren. Der überwiegende Teil der ungarischen Gesellschaft glaubte wohl selbst 1989/90 noch nicht, dass »die Russen tatsächlich abziehen«.

Im überwiegenden Teil der Kádár-Ära war nicht die Besatzung jene dominierende Erfahrung, von der die Haltung der Gesellschaft bestimmt wurde – und das, obwohl nach wie vor letztendlich alles darauf zurückgeführt werden konnte. Mit der zeitlichen (geschichtlichen) und räumlichen (gegenüber anderen Satellitenstaaten) Relativierung konnte das System eine vergleichsweise günstige Beurteilung seiner selbst erreichen sowie eine durch Errungenschaften gestützte Legitimität. Interessanterweise wurden »die Russen« kaum in das kollektive Bewusstsein der ungarischen Gesellschaft integriert, und es scheint wenig riskant zu prophezeien, dass die Kenntnisse über sie in einigen Jahrzehnten auf das Niveau und die Zahl der Stereotype des vorigen Jahrhundertbeginns zurückfallen werden – ergänzt vielleicht nur noch durch das Bild der »Russen-Mafia« bzw. der Gestalt des »russischen Mafioso«. Wenn etwas in der Erinnerung bleiben wird, dann nicht das Bild des Eroberers, sondern eher das des schlichten (und deshalb manchmal auch sympathischen), unkultivierten Menschen, den man ein wenig bedauern kann, aber wohl doch eher verachtet. Es gehört wohl zu einem der vielen erfolgreichen Tricks des Kádár-Regimes, das Bild des Besatzers in Vergessenheit geraten zu lassen in einer Zeit, in der die Besatzung noch Realität war.

 

Übersetzung aus dem Ungarischen von Bernd-Rainer Barth (Berlin)

 

 


[1] Anmerkung der Redaktion: Der Aufsatz stellt eine leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags dar, den der Autor János M. Rainer auf der 3. ungarischen Landeskonferenz für Zeitgeschichte in Debrecen (29. bis 31. August 2000) gehalten hat. Da der Aufsatz auf breiter Quellen- und Literaturgrundlage die ungarische Nachkriegsgeschichte fundiert skizziert, haben Herausgeber und Redaktion des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung den Aufsatz aus Anlass des 50. Jahrestages der ungarischen Revolution ins Deutsche übersetzen lassen. Herausgeber und Redaktion danken dem Historiker und Übersetzer Bernd-Rainer Barth (Berlin) für den Hinweis auf den Aufsatz. Herr Barth hat den Kontakt zum Autor hergestellt, den Aufsatz übersetzt und den Text redaktionell mitbetreut.

[2] Das herausragende Werk zu dieser Epoche ist Gati, Charles: Magyarország a Kreml árnyékában [Ungarn im Schatten des Kreml], Budapest 1990. Die Originalausgabe erschien in den USA. Ders.: Hungary and the Soviet Bloc, Durham, N. C. 1986. Siehe auch Romsics, Ignác (Hrsg.): Magyarország és a nagyhatalmak a 20. században. Tanulmányok [Ungarn und die Großmächte im 20. Jahrhundert. Studien], Budapest 1995, S. 185–245 sowie die englischsprachige Ausgabe ders.: 20th Century Hungary and the Great Powers, Highland Lakes, N. J. 1995.

[3] Majszkij, Ivan M.: A jövendő világ kívánatos alapelveiről (1944) [Über die erstrebenswerten Grundsätze der zukünftigen Welt (1944)]. Hrsg. von Magdolna Baráth, in: Külpolitika, N. S. 2 (1996), H. 3/4, S. 154–245; Vida, István: Orosz levéltári források az 1944 őszi kormányalakítási tárgyalásokról, az Ideiglenes Nemzetgyűlés összehívásáról és az Ideiglenes Nemzeti Kormány megválasztásáról [Russische Archivquellen über die Verhandlungen zur Regierungsbildung im Herbst 1944, über die Einberufung der Provisorischen Nationalversammlung sowie die Wahl der Provisorischen Nationalen Regierung], in: Az Ideiglenes Nemzetgyülés és az Ideiglenes Nemzeti Kormány 1944–1945 [Die Provisorische Nationalversammlung und die Provisorische Nationale Regierung 1944–1945], Budapest 1995, S. 52–107; Ders.: Az Ideiglenes Nemzeti Kormány átalakítása 1945 júliusában és a szovjet diplomácia [Die Bildung der Provisorischen Nationalen Regierung im Juli 1945 und die sowjetische Diplomatie], in: Vissza a történelemhez. Emlékkönyv Balogh Sándor 70. születésnapjára [Zurück zur Geschichte. Festschrift zum 70. Geburtstag von Sándor Balogh], Budapest 1996, S. 389–417; Ders.: K. J. Vorosilov marsall jelentései a Tildy-kormány megalakulásáról [Marschall K. J. Vorošilovs Berichte über die Bildung der Tildy-Regierung], in: Társadalmi Szemle 51 (1996), H. 2, S. 80– 94; Békés, Csaba: Dokumentumok a magyar kormánydelegáció 1946. áprilisi moszkvai tárgyalásairól [Dokumente über die Moskauer Verhandlungen der ungarischen Regierungsdelegation im April 1946], in: Régio 3 (1992), H. 3, S. 161–172; Izsák, Lajos/Kun, Miklós (Hrsg.): Moszkvának jelentjük … Titkos dokumentumok 1944–1948 [Wir melden nach Moskau … Geheime Dokumente 1944–1948], Budapest 1994.

[4] Varga, György T. (Hrsg.): Jegyzőkönyv a szovjet és a magyar párt- és állami vezetők tárgyalásairól (1953. június 13–16.) [Protokoll der Verhandlungen zwischen der sowjetischen und ungarischen Partei- und Staatsführung (13. bis 16. Juni 1953)], in: Múltunk 37 (1992), H. 2/3, S. 234–269; Baráth, Magdolna (Hrsg.): Kiszeljov három beszélgetése Nagy Imrével 1953 nyarán [Drei Gespräche J. Kiselev mit Imre Nagy im Sommer 1953], in: Társadalmi Szemle 53 (1998), H. 3, S. 103–117; Dies.: Kiszeljov szovjet nagykövet beszélgetései Nagy Imrével és Ger Ernővel 1954. elején [Die Gespräche des sowjetischen Botschafters Kiselev mit Imre Nagy und Ernő Gerő Anfang 1954], in: Múltunk 43 (1998), H. 1, S. 218–241; Dies.: A szovjet nagykövet 1954. öszi beszélgetései [Die Gespräche des sowjetischen Botschafters vom Herbst 1954], in: Évkönyv 1998, S. 119–141; János, Rainer M./Urbán, Károly: »Konzultációk«. Dokumentumok a magyar és szovjet pártvezetők két moszkvai találkozójáról 1954-1955-ben [»Konsultationen«. Dokumente zu den zwei Moskauer Treffen der ungarischen und sowjetischen Parteiführer in den Jahren 1954 und 1955], in: Múltunk 37 (1992), H. 4, S. 124–148

[5] Gál, Éva u. a. (Hrsg.): A »Jelcin-dosszié«. Szovjet dokumentumok 1956-ról [Das »JelzinDossier«. Sowjetische Dokumente zum Jahr 1956], Budapest 1993; Szereda, Vjacseszlav u. a: Hiányzó lapok 1956 történetéböl. Dokumentumok a volt SZKP KB levéltárából [Fehlende Seiten aus der Geschichte von 1956. Dokumente aus dem Archiv des ehemaligen ZK der KPdSU], Budapest 1993; Szereda, Vjacseszlav/Rainer M., János (Hrsg.): Döntés a Kremlben 1956. A szovjet pártelnökség vitái Magyarországról [Entscheidung im Kreml 1956. Die Debatten im sowjetischen Parteipräsidium über Ungarn], Budapest 1996; Varga, László: Andropov jelenti. A Szovjetunió budapesti nagykövetének tárgyalásai vezető magyar politikusokkal 1956. április 18.–szeptember 3. [Andropov meldet. Die Verhandlungen des sowjetischen Botschafters in Budapest mit führenden ungarischen Politikern zwischen dem 18. April und 3. September 1956.], in: Levéltári Szemle 47 (1997), H. 1, S. 9–31; Szereda, Vjacseszlav/Vida, István: Andropov és Gerő két beszélgetése 1956. júliusában [Zwei Gespräche zwischen Andropov und Gerő im Juli 1956], in: Tekintet 32 (1994), H. 3/4, S. 128–144; Morozova, Irina/Vida, István (Hrsg.): Újabb részletek Rákosi Mátyás lemondatásáról [Neue Details zur Entmachtung von Mátyás Rákosi], in: Társadalmi Szemle 51 (1996), H. 3, S. 76–94.

[6] In erster Linie zu nennen ist hier – neben verstreuten anderen Veröffentlichungen – die Quellenpublikation von Békés, Csaba: Magyar-szovjet csúcstalálkozók 1957–1965 [Ungarischsowjetische Gipfeltreffen 1957–1965], in: Évkönyv 1998, S. 143–184.

[7] Volokitina, Tatjana V./Islamov, T. M./Muraško, Galina P. (Hrsg.): Vostočnaja Evropa v dokumentach rossijskich archivov 1944–1953 gg. [Osteuropa in Dokumenten russischer Archive der Jahre 1944–1953] 2 Bde., Moskau/Novosibirsk 1997 u. 1998; Volokitina, Tatjana V. (Hrsg.): Sovjetskij faktor v Vostočnoj Evrope 1944–1953. Tom 1: 1944–1948. Dokumenty [Der sowjetische Faktor in Osteuropa. 1944–1953. Bd. 1: 1944–1948. Dokumente], Moskau 1999.

[8] Orechova, E. D./Sereda, Vjačeslav T./Stykalin, Aleksandr S. (Hrsg.): Sovetskij Sojuz i vengerskij krizis 1956 goda. Dokumenty [Die Sowjetunion und die Ungarn-Krise 1956], Moskau 1998.

[9]  Die Einführungskapitel der Quellenwerke, die in den vorangegangenen Fußnoten genannt wurden, enthalten reichhaltiges Material zur Geschichte der ungarisch-sowjetischen Beziehungen. Die wichtigsten Gesamtdarstellungen sind: Fülöp, Mihály/Sipos, Péter: Magyarország külpolitikája a XX. században [Die Außenpolitik Ungarns im 20. Jahrhundert], Budapest 1998; Romsics, Ignác: Magyarország története a XX. században [Die Geschichte Ungarns im 20. Jahrhundert], Budapest 1999. Die englischsprachige Ausgabe erschien unter dem Titel Hungary in the Twentieth Century, Budapest 1999. Unter den Studien zu einzelnen Perioden sind erwähnenswert Baráth, Magdolna: Pártközi kapcsolatok (MKP–SZK(b)P) [Parteibeziehungen (KP Ungarn – KPdSU (B)], (Manuskript) Budapest 1996; Hajdu, Tibor: Szovjet diplomácia Magyarországon Sztálin halála előtt és után [Sowjetische Diplomatie in Ungarn vor und nach Stalins Tod], in: Romsics: Magyarország (Am. 2), S. 195–201; Rainer, János M.: A magyarországi fordulatok és a szovjet politika [Die Umbrüche in Ungarn und die sowjetische Politik, 1944–1948], in: A fordulat évei. Politika, képzőmüvészet, építészet, 1947–1949 [Die Jahre des Umbruchs. Politik, bildende Kunst, Architektur 1947–1949], Budapest 1998, S. 17–39; Urbán, Károly: Sztálin halálától a forradalom kitőréséig. A magyar-szovjet kapcsolatok története (1953–1956) [Von Stalins Tod bis zum Ausbruch der Revolution. Die Geschichte der ungarisch-sowjetischen Beziehungen (1953–1956)], (Manuskript) Budapest 1996; Békés, Csaba: A kádári külpolitika 1956–1968 [Die kádársche Außenpolitik 1956–1968], in: Rubicon 9 (1998), H. 1, S. 19–22; Musatov, Valerij: Predvestniki buri. Političeskie krizisy v Vostočnoj Evrope (1956–1981) [Vorboten des Sturms. Politische Krisen in Osteuropa (1956–1981)], Moskau 1996; Stikalin, Aleksandr: Stalinskaja kulturno-ideologičeskaja ekspansija i poslevojennaja Vengrija [Die Stalinsche kulturell-ideologische Expansion und Nachkriegs-Ungarn], in: Gibjanskij, Leonid (Hrsg.): U istokov »socialističeskogo sodruzestva« [An den Quellen der »sozialistischen Gemeinschaft«], Moskau 1995, S. 149–175; Huszár, Tibor: 1968. Budapest – Prága – Moszkva. Kádár János és a csehszlovákiai intervenció [1968. Budapest – Prag – Moskau. János Kádár und die tschechoslowakische Invasion], Budapest 1998. 

[10] Gaddis, John Lewis: We Now Know. Rethinking Cold War History, Oxford 1997; Mastny, Vojtech: The Cold War and Soviet Insecurity: The Stalin Years, New York 1996; Zubok, Vladislav/Pleshakov, Constantine: Inside the Kremlin’s Cold War: From Stalin to Khrushchev, Cambridge, Mass. 1996. Eine ausführliche Darstellung der in den Vereinigten Staaten und anderenorts laufenden Kalten-Kriegs-Debatte verbunden mit einer großen Literaturübersicht bietet Leffler, Melvyn P.: The Cold War: What Do »We Now Know«?, in: The American Historical Review 104 (1999), H. 2, S. 501–524. Siehe auch Békés, Csaba: A hidegháború eredete [Der Ursprung des Kalten Krieges], in: Évkönyv 1999: Magyarország a jelenkorban [Ungarn in der Gegenwart], Budapest 1999, S. 217–226.

[11] Diesen Faktor hat besonders László Borhi hervorgehoben, siehe seine Studie Borhi, László: A kremli kalmárok [Die Krämer des Kreml], in: ders.: A vasfüggöny mögött. Magyarország a nagyhatalmi erőtérben 1945–1968 [Hinter dem Eisernen Vorhang. Ungarn im Kräftefeld der Großmächte 1945–1968], Budapest 2000, S. 5–70. Siehe auch ders.: Megalkuvás és eröszak. Az Egyesült Államok és a szovjet térhódítás Magyarországon 1944–1949 [Opportunismus und Gewalt. Die Vereinigten Staaten und die sowjetische Expansion in Ungarn 1945–1949], Debrecen 1997.

[12]  Rainer, János, M.: Hruscsov Budapesten, 1958 április. Egy látogatás anatómiája [Chruščev in Budapest, April 1958. Anatomie eines Staatsbesuchs], in: Budapesti Negyed 4 (1994), H. 2, S. 159–190.

[13] Siehe Békés, Csaba: Vissza Európába. A magyarországi rendszerváltás nemzetközi háttere, 1988–1990 [Zurück nach Europa. Der internationale Kontext des Systemwechsels in Ungarn 1988–1990], in: A rendszerváltás forgatókönyve. Kerekasztal-tárgyalások 1989-ben. 7. kötet: Alkotmányos forradalom [In: Das Drehbuch des Systemwechsels. Die Verhandlungen am Runden Tisch. Band 7: Die verfassungsmäßige Revolution], Budapest 2000, S. 792–825.

[14] Csicsery-Rónay, István/Cserenyey, Géza: Koncepciós per a Független Kisgazdapárt szétzúzására 1947 [Konzeptioneller Prozess zur Zerschlagung der Unabhängigen Partei der Kleinen Landwirte im Jahr 1947], Budapest 1998.

[15] Adibekov, Grant M.: Kominform i poslevoennaja Evropa [Das Kominform und das Nachkriegseuropa], Moskau 1994, S. 23; Gibanskij, Leonid: Kak voznik Kominform. Po novym archivnym materialam [Wie das Kominform entstand. Auf Grundlage neuer Archiv-

materialien], in: Novaja i novejšaja istorija 21 (1993) H. 4, S. 131–152; Adibekov, Grant: How the First Conference of the Cominform Came About. In: The Cominform. Minutes of the Three Conferences 1947/1948/1949. Mailand 1994, S. 3–9; Di Biagio, Anna: The Establishment of the Cominform, in: Ebenda, S. 11–34.

[16] Korom, Mihály: A magyar kommunista emigráció 1944. őszi megbeszélései a programkészítésről [Die Besprechungen der ungarischen kommunistischen Emigration zur Programmgestaltung im Herbst 1944], in: Múltunk 38 (1993), H. 1, S. 114–133; Gati, Charles: Magyarország a Kreml árnyékában [Ungarn im Schatten des Kreml], Budapest 1991, S. 40–43.

[17] Ernő Gerős Notiz zu Stalins Wortmeldungen, in: Politikatörténeti Intézet Levéltára (Archiv des Instituts für Politikgeschichte) 274 f. 7/8. ő. e., Bl. 1–3.

[18] Majszkij: A jövendő világ (Anm. 3).

[19] Okváth, Imre: Bástya a béke frontján. Magyar haderő és katonapolitika 1945–1956 [Eine Bastion an der Friedensfront. Ungarische Streitkräfte und Militärpolitik 1945–1956], Budapest 1998.

[20] Zu dieser Beratung am 8. Januar 1951 im Kreml siehe ausführlicher Rákosi, Mátyás: Visszaemlékezések, 1940–1956 [Erinnerungen 1940–1956]. Hrsg. von István Feitl, Márta Lázár Gelleriné, Levente Sipos, Budapest 1997, Bd. 2, S. 860–861. Siehe auch Mátyás Rákosis Telegramm an Nikolai Bulganin vom 26. Januar 1951, in: Magyar Országos Levéltár [Ungarisches Staatsarchiv], M-KS 276 f. 65/390. ő. e.

[21] Balogh, Sándor: Magyarország külpolitikája 1944–1950 [Ungarns Außenpolitik 1945–1950], Budapest 1987.

[22] Siehe Rainer, János M.: Nagy Imre. Politikai életrajz [Imre Nagy Politische Biographie]. Bd. 2: 1953–1958, Budapest 1999, passim.

[23] Siehe Ferber, Katalin/Rejtő, Gábor: Reform(év)fordulón [Zum Reformjahrestag, zur Reformwende], Budapest 1988.

[24] Anm. des Übersetzers: Die Auflösung der MDP und die Gründung der MSZMP wurde am Abend des 1. November 1956 in einer (am Morgen aufgezeichneten) Radio-Ansprache von János Kádár bekannt gegeben. Kádár befand sich zum Zeitpunkt der Ausstrahlung dieser Rede nicht mehr in Budapest, sondern bereits auf dem Weg nach Moskau, von wo aus er vier Tage später als Kopf einer von den Sowjets eingesetzten Marionettenregierung nach Ungarn zurückkehrte.

[25] Szabó, Miklós: Az aranytojást tojó tyúk történetéhez [Zur Geschichte des goldene Eier legenden Huhns], in: Medvetánc 1 (1981), H. 1, S. 101–109; Lengyel, György: Irányított gazdaság és tervgazdaság [Gelenkte Wirtschaft und Planwirtschaft], in: ebenda, S. 109–119; Kovácsy, Tibor: Az utasításos gazdálkodásról [Über das administrative Wirtschaften], in: Történelmi Szemle 23 (1981), H. 2, S. 191–202.

[26] Zur Ökonomie siehe Kornai, János: A szocialista rendszer. Kritikai politikai gazdaságtan [Das sozialistische System. Eine kritische politische Ökonomie], Budapest 1993; Pető, Iván/Szakács, Sándor: A hazai gazdaság négy évtizedének története 1945–1985. I. köt: Az újjáépítés és a tervutasításos irányítás időszaka [Vier Jahrzehnte ungarischer Wirtschaftsgeschichte, 1945–1985. Bd. 1: Der Wiederaufbau und die Epoche der Lenkung durch Planadministration], Budapest 1985.

[27] Orbán, Sándor: Két agrárforradalom Magyarországon [Die zwei Agrarrevolutionen in Ungarn], Budapest 1972; Donáth, Ferenc: Reform és forradalom [Reform und Revolution], Budapest 1977; Varga, Zsuzsanna: Politika, paraszti érdekérvényesítés és szövetkezetek Magyarországon 1956–1967 [Politische Sphäre, bäuerliche Interessenvertretung und Genossenschaften in Ungarn 1956–1967], Budapest 2001, S. 58–81.

[28] Révész, Sándor: Aczél és korunk [Aczél und unsere Epoche], Budapest 1997.

[29] Gerő, András: 1984: szekrénysor, Lada, víkendház [1984: Schrankwand, Lada, Wochenendhaus], in: Beszélő 4 (1999), H. 4, S. 57–65.

[30] Zu letzterem siehe Kovács M., Mária: Forradalom náthával? [Revolution mit Schnupfen?], in: BUKSZ 3 (1990), H. 4, S. 445 f.

[31] Siehe Volokitina/Islamov/Muraško: Vostočnaja Evropa (Anm. 7), Bd 1, S. 802–806 u. Bd. 2, S. 95–98. Siehe auch Volokitina, Tatjana V./Muraško, Galina P./Pokivajlova, Tatjana A. (Hrsg.): Moskva i Vostočnaja Evropa: Stanovlenie političeskich režimov sovetskogo tipa; 1949–1953. Očerki istorii [Moskau und Osteuropa: Die Errichtung politischer Regime sowjetischen Typs; 1944–1953. Grundriss der Geschichte], Moskau 2002, S. 339–342.

[32] Den Ausbau dieser Maschinerie beschreiben in hervorragender Weise Naimark, Norman M.: The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of Occupation, 1945–1949, Cambridge, Mass., 1995 u. Foitzik, Jan: Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945–1949. Struktur und Funktion, Berlin 1999.

[33] Die in Anm. 5 u. 8 angeführten Quellenwerke illustrieren dies hervorragend.

[34] A Kádár-rendszer tanúi [Die Zeugen des Kádár-Systems]. Regie: László Vitézy. Ungarisches Fernsehen (MTV), 1989/90.

[35] Die oben gemachten, teilweise hypothetischen Ausführungen harren noch ihrer quellengestützten Bestätigung. Ihre Formulierung wurde u. a. durch die Analyse der Aufzeichnungen möglich, die von den Verhandlungen zwischen Michail Gorbačev und ungarischen Spitzenpolitikern von 1985 bis 1989 angefertigt wurden. Siehe Baráth, Magdolna/Rainer, János M. (Hrsg.): Gorbacsov tárgyalásai magyar vezetőkkel. Dokumentumok az egykori SZKP és MSZMP archívumaiból 1985–1991 [Gorbačevs Verhandlung mit ungarischen Spitzenpolitikern. Dokumente aus den ehemaligen Archiven der MSZMP und der KPdSU 1985–1991], Budapest 2000. 

[36] Bestätigt wird dies sowohl durch Gorbačevs eigene Erinnerungen (Gorbačev, Michail: Žizn i reformy [Leben und Reformen], Moskau 1993, S. 311–335), als auch durch die Erinnerungen anderer Beteiligter. Zum Beispiel Medvedev, Vadim: Raspad: kak on nazreval v »mirovoj sisteme socializma« [Der Zerfall: Wie er im »Weltsystem des Sozialismus« heranreifte], Moskau 1994, S. 118–136.

[37] Zu den Dokumenten des Jahres 1989 siehe Bozóki, András (Hrsg.): A rendszerváltás forgatókönyve. Kerekasztal-tárgyalások 1989-ben [Das Drehbuch des Systemwechsels. Die Verhandlungen am Runden Tisch im Jahr 1989]. 6 Bde., Budapest 1999 u. 2000; »Az idő nem nekünk dolgozik«. Magyar és szovjet pártdokumentumok [»Die Zeit arbeitet nicht für uns«. Ungarische und sowjetische Parteidokumente], in: Beszélő 4 (1999), H. 10, S. 82–100.

[38] Kádár János és M. Sz. Gorbacsov találkozója Moszkvában, 1985. szeptember 25-én [Das Treffen von János Kádár und M. S. Gorbačev in Moskau am 25. September 1985], in: Baráth, Magdolna/Rainer, János M. (Hrsg.): Gorbacsov tárgyalásai magyar vezetőkkel. Dokumentumok az egykori SZKP és MSZMP archívumaiból 1985–1991 [Gorbačevs Verhandlungen mit ungarischen Spitzenpolitikern. Dokumente aus den ehemaligen Archiven der MSZMP und der KPdSU 1985–1991], Budapest 2000, S. 43–77, hier S. 50. Zuerst veröffentlicht in Történelmi Szemle 34 (1992), H. 1/2, S. 133–149.  

Inhalt – JHK 2006

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