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Zwischen Hoffnungen und Krisen: Zum Abschied von Eugen Leviné (1916 bis 2005)

JHK 2006 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 15-33 | Aufbau Verlag

Autor/in: Ilko-Saschga Kowalczuk

Zwischen Hoffnungen und Krisen:

Das Jahr 1956 und seine Rückwirkungen auf die DDR[1]

Die Sonderstellung einzelner historischer Ereignisse oder einzelner Jahre ist zumeist den Interessen, Perspektiven oder Fragen des Betrachters geschuldet. »1956« zählt im 20. Jahrhundert zu jenen Jahren, die in ihren direkten und unmittelbaren Wirkungen vielfach spezifisch regionale und nationale, darüber hinaus aber auch gesamteuropäische und globale Bedeutungszuschreibungen erfahren haben. In Anlehnung an die inzwischen in der europäischen Sozial- und Politikgeschichtsschreibung gemeinhin übliche Charakterisierung des 19. Jahrhunderts als »lang« (1789 bis 1914) und des 20. Jahrhunderts als »kurz« (1914 bis 1989) könnte gefragt werden, ob »1956« eher ein »langes« oder eher ein »kurzes« Jahr war. Eine eindeutige Antwort darauf ist wiederum nicht möglich, weil sie erneut von der Fragestellung abhängt. Für die sowjetische Luxuslimousine »Wolga« etwa dauerte das Jahr 1956 fünfzig Jahre – so lange wurde sie hergestellt. Für József Kardinal Mindszenty, Primas von Ungarn, dagegen dauerte das Jahr, je nach Betrachtung, dreieinhalb Tage oder 15 Jahre. Nach 8-jähriger Gefangenschaft kehrte er am 31. Oktober 1956 umjubelt nach Budapest zurück, in der Nacht vom 3. auf den 4. November musste er sich angesichts einer drohenden neuerlichen Verhaftung in Sicherheit bringen. Er fand mit Billigung des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhowers in der Botschaft der USA Zuflucht. Das Exil im eigenen Land auf exterritorialem Gebiet endete erst am 28. September 1971 als er die US-Botschaft in Richtung Westen verlassen konnte.[2] 

Diese Beispiele verdeutlichen, dass eine Betrachtung eines einzelnen Jahres ganz unterschiedlich erfolgen kann. Die folgenden Ausführungen versuchen nun, vor dem Hintergrund weltpolitischer Entwicklungen zu skizzieren, wie die DDRBevölkerung und die SED-Führung auf die Herausforderungen und Krisen des Jahres 1956 reagierten. Dabei geht es sowohl um die Frage, wie die SED-Führung ihren Machterhalt sicherte und festigte als auch darum, wie die DDR-Bevölkerung die Erschütterungen des Jahres 1956 wahrnahm. 

Schlaglichter eines welthistorischen Jahres: Suez-Krieg,  Rock ’n’ Roll und Fernsehen

Am 10. Mai 1956 nahm Winston Churchill in der westlichsten deutschen Großstadt, in Aachen, den Karlspreis entgegen. In seiner Dankesrede führte der frühere britische Premierminister aus: »Die NATO ist eine ungewöhnliche Leistung und der Ausdruck der Entschlossenheit einer kriegsmüden Welt […] Eine neue Frage ist durch die kürzliche Entthronung Stalins in Russland aufgetaucht. Wenn sie aufrichtig gemeint ist, haben wir es mit einem neuen Russland zu tun, und ich selbst erblicke keinen Grund, warum, wenn dem so ist, das neue Russland sich nicht dem Geiste dieses feierlichen Abkommens anschließen sollte.«[3] Der 81jährige, der ein Jahr zuvor seine zweite Amtszeit als Premier beendet hatte, hatte seine Rede mit dem amtierenden Ministerpräsidenten Anthony Eden abgestimmt.[4] Sie war keiner Laune des alten Mannes entsprungen, sie entsprach einer Aufbruchstimmung in Europa, die die erste Jahreshälfte 1956 charakterisierte. Als das Jahr zu Ende ging, war von dieser Stimmung nichts mehr zu spüren. Die Fronten waren verhärtet, nicht nur neuerlich zwischen Ost und West, auch in den beiden großen Allianzen waren die Spannungen noch längst nicht überwunden, die einerseits durch das kurze Tauwetter[5] mit seinen Folgen und andererseits durch den Suez-Krieg aufgetreten waren.[6] Eine Rückkehr zum Status quo ante, wie er zum Jahreswechsel herrschte, war nicht mehr möglich. Im Osten nicht, weil die halbherzigen Offenbarungen Chruščevs auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar, der Posener Volksaufstand im Juni und schließlich die gescheiterte ungarische Revolution im Oktober/November weder aus dem kollektiven Gedächtnis noch aus der künftigen Politik wegzudenken waren.[7] Im Westen nicht, weil der zunehmende Zerfall des europäischen Kolonialreiches nicht nur weitere Fortschritte erzielt hatte, sondern weil zugleich der gescheiterte Angriffskrieg von Israel, England und Frankreich gegen Ägypten die weltweiten Unabhängigkeitsbewegungen stärkte, auch wenn sich die beiden europäischen Großmächte etwa in Kenia, in Algerien, auf Zypern und anderswo verzweifelt und mit mörderischen Mitteln dagegen zu wehren suchten. Es war nicht nur vergebens, sie verloren auch erheblich an Unterstützung, insbesondere dadurch, dass die USA sich gegen den Suez-Krieg gewandt hatten. Durch den Entkolonisierungsprozess nahm die Welt ein neues Antlitz an, und die Bewegung der Blockfreien wurde alsbald zu einem wichtigen Faktor in der Weltpolitik.[8]

Doch nicht nur weltpolitische Entwicklungen prägten das Jahr 1956. Drei andere mit weit reichenden politischen und kulturellen Folgen seien exemplarisch erwähnt: Die McCarthy-Ära war in den USA eben zu Ende gegangen,[9] da erging im August 1956 in der Bundesrepublik das umstrittene KPD-Verbot, geradezu eine Steilvorlage für die kommunistische Propaganda im Osten. Nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution gerieten dann die mächtigen, aber moskautreuen Kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich in eine tiefe Krise. Brennende Parteihäuser in Paris und Rom und Tote in Paris waren dafür Anfang November nur die sichtbarsten Zeichen, der Eurokommunismus Jahre später eine langfristige Folge.[10]

In der DDR nahm der Deutsche Fernsehfunk am 3. Januar 1956, dem 80. Geburtstag Wilhelm Piecks, seinen regulären Sendebetrieb auf, nachdem am 21. Dezember 1952, dem 73. Geburtstag Stalins, ein Testbetrieb gelaufen war. Zunächst freilich kamen nur wenige in den Fernsehgenuss, weil 1956 nicht einmal zwei von hundert Haushalten ein – kaum erschwingliches – Gerät ihr Eigen nennen konnten. Das Fernsehen hat die Kultur des Zusammenlebens, aber auch die Informationsdichte erheblich verändert. Wie tief dieser Einschnitt kulturell wog, zeigt eine Episode vom Jahresbeginn. Mehrere Bundestagsabgeordnete hatten beantragt, Fernsehdirektübertragungen aus dem Bundestag zu untersagen, weil sich bei laufenden Kameras die Abgeordneten nicht frei entfalten könnten und sich »beengt« fühlten.[11] Die Bedeutung der Fernsehnachrichtensendung »Tagesschau«, die seit Herbst 1956 täglich werktags ausgestrahlt wurde, war damals für die politische Kultur der Bundesrepublik noch nicht absehbar. Und kaum zu beantworten ist die Frage, was gewesen wäre, wenn 1953 oder 1956 das Land flächendeckend mit Fernsehgeräten und Fernsehsendern bestückt gewesen wäre und Live-Bilder von den Aufständen in der DDR, in Polen und Ungarn zu sehen gewesen wären.[12] Für die europäische Revolution von 1989/91 jedenfalls erlangte das Fernsehen eine überragende Bedeutung.

Schließlich, ein drittes Beispiel: Auch der weltweite Siegeszug des Rock ’n’ Roll, der 1956 mit Elvis Presley seine Gallionsfigur erhielt, war noch nicht absehbar. Presleys erstmaliges Auftreten im US-Fernsehen am 9. September 1956 erreichte eine Einschaltquote von über 80 Prozent. Was die bürgerliche Welt da zur Kenntnis nehmen musste, rief weltweit Sittenwächter und Moralapostel auf den Plan. Vergebens, denn die scheinheiligen Sitten und die heuchlerische Moral, die sie zu schützen vorgaben, wurden von ihren Kindern abgelehnt. Die »Halbstarken«[13] gehörten in Moskau und Washington, in Bonn und Berlin, in Paris und Warschau zum öffentlichen Ärgernis. 1956 jagten noch in Ost wie West aufgebrachte Spießbürger Rock ’n’ Roll-Fans, und im Osten kamen nicht wenige als angebliche Verbreiter US-amerikanischer Ideologien ins Gefängnis, ein Schicksal, dass auch exponierte Jazz-Fans teilten.[14] 

»Wir wollen keinen Pieck und Grotewohl und Ulbricht, wir wollen Rock ’n’ Roll«, so oder ähnlich lauteten die Parolen von hunderten so genannten Jugendbanden in der DDR, die sich »Vorposten der freien Welt«, »Texas-Bande«, »NiethosenBande«, »Lederjackenmeute«, »Klub der Unterwelt« oder schlicht »Elvis-PresleyVerehrer« nannten. Sahen die Fotos der angeblichen faschistischen Provokateure, die nach der gescheiterten Revolution vom »17. Juni 1953« die SED verbreitet hatte, nicht genauso aus wie diese »Halbstarken«? War es nur ein Zufall, dass SED und MfS immer wieder protokollieren mussten, dass solche »Banden« Losungen verbreiteten wie »Wir warnen, ein neuer 17. Juni steht bevor«[15]? Was blieb den Herrschenden angesichts einer solchen Programmatik anderes – herrschaftslogisch gesehen – übrig, als die Gruppenmitglieder zu verfolgen, zu drangsalieren und notfalls einzusperren? 

Die ostdeutschen Kommunisten hatten ihre Lehre verstanden, die ihnen am »17. Juni 1953« erteilt wurde, als sich in über 700 Städten und Gemeinden etwa eine Million Menschen gegen die kommunistische Diktatur erhoben,[16] und erwiesen sich machttechnisch gesehen als lernfähig:[17] Das hieß, niemals wieder wie im Vorfeld des »17. Juni« gemachte Fehler einräumen und die bislang betriebene Politik als fehlerhaft darstellen. Den geringsten ideologischen Abweichungen entgegentreten, auch wenn sie sich unter Jazz- oder Rock ’n’ Roll-Masken tarnen mögen. Ein offenkundiger Missstand, eine Krise, eine unhaltbare Situation in der Diktatur wird erst dann zu einem Aufstand, zu einer offenen Krise führen, wenn die Machthabenden Missstand, Krise, Schuld und Fehler öffentlich einräumen. Dies erzeugt im Apparat Handlungsunfähigkeit und Unsicherheit, in der Gesellschaft hingegen neue Hoffnungen und Mut. Der »17. Juni« war ein Paradebeispiel dafür, aber auch alle nachfolgenden Aufstände – wie eben 1956 im Juni in Posen (Poznań) und dann im Oktober/November in Ungarn – haben sich in einem Umfeld ereignet, in dem die Herrschenden sich für einen Kurswechsel bereit zeigten, ihn aber nur halbherzig, zögerlich oder nicht weit gehend genug verfolgten. Eine augenblickliche Schwäche des Regimes, oft verbunden mit einem Machtvakuum, ließ die Gesellschaft eruptiv aus ihrem Zwangsschlaf erwachen und zum handelnden Subjekt werden. Selbst die mehrtägigen Unruhen Anfang März 1956 in Georgien, mit offenbar Hunderten von Toten allein in Tbilisi, entstanden in einer solchen Situation. Chruščevs Enthüllungen über Stalin, der drei Jahre zuvor gestorben war, stießen in Georgien auf keine Gegenliebe, vor allem viele Jungendliche wollten sich ihren Gottvater nicht nehmen lassen. Die georgische Führung war zwischen Nationalstolz und Parteigehorsam gegenüber Moskau hin und her gerissen, erwies sich als nicht handlungsfähig und konnte den Aufstand für Stalin zunächst nicht unterbinden.[18]

Was ist am schwersten am Kommunismus vorauszusehen?

Gerade weil die SED-Führung im Gegensatz zu anderen Ostblockstaaten ihrer Politik prinzipiell treu blieb, war 1956 die Gefahr, dass Walter Ulbricht seinen Posten verlieren oder gar einer neuer Aufstand die SED-Diktatur beseitigen würde, relativ gering.[19] Der Prozess der »inneren Staatsgründung« ist 1956 kaum gefährdet, in der Folge von 1956 hingegen verstärkt und intensiviert worden.[20] Dabei war die Situation kompliziert genug. Auch in der DDR schien die Gesellschaftskrise mit den Händen greifbar, zumal sich die soziale Notlage und die permanent schlechte Versorgung als Ausgangspunkte politischer Unruhen eigneten.

Als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass die Regierung die Gründung einer »Nationalen Volksarmee« beabsichtige, konnte die Ablehnung durch die Gesellschaft eindeutiger kaum ausfallen. Sämtliche Stimmungsberichte zeugen davon.[21] Die Ablehnung erwies sich als so massiv, dass die SED es tunlichst vermied, eine kontroverse Debatte zu diesem Thema in der Öffentlichkeit zu zulassen. Ihr Angebot, westdeutschen Wehrdienstverweigerern »politisches Asyl« anzubieten, ist weithin als lächerliches Propagandaschauspiel abgetan worden.[22]

Die Offenbarungen Chruščevs in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag Ende Februar 1956 konnte die SED allerdings nicht mehr stillschweigend übergehen. In den letzten Jahren hat die Forschung rekonstruieren können, wie es zu dieser Geheimrede kam.[23] Auch wenn Chruščevs innerparteiliche Gegenspieler anfangs versuchten, eine Debatte über Stalin zu unterbinden, so beugten sie sich doch letztlich kurz vor Beginn des Parteitages dem Willen des Lagers um Chruščev. Allen war die Bedeutung dieser Enthüllungen von vornherein bewusst und alle wussten, dass sie sich als Gefährten Stalins vielen unangenehmen Fragen aussetzen würden. Sie selbst waren alle unmittelbar an den Massenverbrechen beteiligt gewesen. Der Kommissionsbericht von Anfang Februar 1956, der der Chruščev-Rede zugrunde lag, war weitaus genauer und weit reichender als die Ausführungen, die der Parteichef tatsächlich vortrug. Stalin wurde zwar als einer der größten Verbrecher aller Zeiten hingestellt, aber zugleich nahm Chruščev alle lebenden Personen von einer Kritik aus, und er sprach im Übrigen auch nur über die kommunistischen Opfer, d. h. über eine Minderheit. Seine Rede war unaufrichtig und diente der eigenen Machtsicherung, ein Vorgang, der nach dieser Rede längst nicht abgeschlossen war.[24] Stalins einbalsamierter Leichnam ist erst Mitte 1961 aus dem Moskauer Mausoleum entfernt worden, auch die meisten StalinDenkmäler sind erst nach dem XXII. Parteitag der KPdSU im Oktober/November 1961 geschleift worden.

Die Geheimrede von 1956 blieb nur wenige Tage geheim, am 16. März ist sie, vermittelt durch einen polnischen Funktionär, in New York teilweise und am 20. März in Jugoslawien komplett veröffentlicht worden. Die Nachrichtenagenturen auf der gesamten Welt verbreiteten die Sensationsmeldung. Die westliche Fassung, wie sie am 4. Juni 1956 vollständig von der New York Times publiziert worden ist, weist einen Unterschied zu den wenigen bekannten Erinnerungen von Teilnehmern dieser geschlossenen Sitzung auf. Immer wieder sind Beifallsbekundungen und andere Reaktionen vermerkt,[25] die publizierten Erinnerungen aber bezeugen absolute Stille im Saal, nicht einmal den üblichen Schlussapplaus soll es gegeben haben.[26] Dies scheint glaubwürdig. Auch die SED-Politbüromitglieder 

Walter Ulbricht, Karl Schirdewan, Alfred Neumann und Otto Grotewohl, denen in der Nacht vom 25. zum 26. Februar 1956 die Rede ein sowjetischer Funktionär in Moskau auf Deutsch vortrug, waren erstarrt, fassungs- und regungslos.[27] Als Schirdewan in Ost-Berlin auf dem Flughafen ankam, sagte er nur einen einzigen Satz zu seiner auf ihn wartenden Ehefrau: »Stalin ist für die Geschichte gestorben.«[28]

Zu diesem Zeitpunkt wusste die Welt noch nichts von Chruščevs Geheimrede, aber bereits Mikojans und Chruščevs Bemerkungen in ihren offiziellen Reden hatten aufhorchen lassen. In der DDR setzte eine ausführliche Diskussion ein, als Ulbricht am 4. März 1956 im Neuen Deutschland erklärte, Stalin sei kein Klassiker des Marxismus-Leninismus. Dieser Aufsatz war vom Politbüro genehmigt worden. Wie überraschend diese Erklärung kam, zeigt eine Anekdote aus der Universität Greifswald, wo am Morgen des 5. März Studierende ihren Dozenten für Gesellschaftswissenschaften fragten, warum Stalin ein ML-Klassiker sei. Dieser erklärte das pflichtgemäß und ausführlich. Die Studierenden applaudierten lebhaft und zeigten ihm erst dann Ulbrichts Artikel, der einen Tag zuvor abgedruckt worden war.[29] Der Dozent ging anschließend zur Parteileitung und zeigte sich wegen ideologischer Mängel selbst an.[30] In diesem historischen Umfeld ist einer der berühmtesten Witze im Ostblock entstanden: Frage: »Was ist am schwersten am Kommunismus vorherzusehen? Antwort: Seine Vergangenheit!«

Durch die Veröffentlichung der Geheimrede in den westlichen Medien sah sich das SED-Politbüro gezwungen, ohne Rückendeckung Moskaus zu handeln. Ulbricht selbst ging spontan am 17. März zur Berliner SED-Bezirksdelegiertenkonferenz und referierte über den XX. Parteitag, ohne auf Details der Geheimrede einzugehen. Er erklärte ausführlich, warum Stalin kein ML-Klassiker sei. Seine Rede war an Zynismus kaum zu überbieten. Erklärte er doch, dass die Unsicherheit der jungen Parteimitglieder bezogen auf Stalin damit zusammenhänge, »dass sie bestimmte Dogmen gut auswendig gelernt haben. Sie wissen über die Biographie des Genossen Stalin mehr und Genaueres als das ganze Politbüro. Sie kennen die Zahlen und alles auswendig!« Den Stoß, den die SED vom XX. Parteitag erhalten habe, bezeichnete er als »für uns sehr gesund«.[31]

Erst am 21. März 1956 erhielt das SED-Politbüro offiziell den Text der Geheimrede aus Moskau.[32] Am nächsten Tag fand eine ZK-Tagung statt, auf der Schirdewan diesen Text vortrug.[33] Otto Buchwitz, seit der Jahrhundertwende politisch aktiv, fasste die Emotionen prägnant zusammen: »In uns ist etwas zerbrochen.«[34] Buchwitz war fassungslos, wie er sagte, dass Genossen Genossen gefoltert und umgebracht hätten. Dieses teuflische Prinzip hatte der Volksmund in vielen Witzen verewigt, wobei solche Witze davon zeugen, dass die Gesellschaft über die Verbrechen natürlich Bescheid wusste und die Sensation der Geheimrede nicht in den dargelegten Fakten, sondern in dem Eingeständnis dieser durch die oberste Parteiführung bestand: »In einem Zug werden Häftlinge nach Sibirien verbracht. Nach einer Woche fragt einer den neben ihm sitzenden: ›Warum bist du hier?‹ ›Ich war gegen Alexejevič als er noch mächtig war.‹ Eine Woche später fragt dieser zurück: ›Und warum bist hier?‹ ›Ich war für Alexejevič als er schon ohnmächtig war.‹ Noch eine Woche später fragen sie beide einen ihnen gegenüber sitzenden Mann: ›Und Du, warum bist hier?‹ ›Ich bin Alexejevič.‹«

Der Minister für Staatssicherheit Ernst Wollweber und sein Staatssekretär Erich Mielke, die auf der erwähnten ZK-Tagung über das MfS sprachen, verteidigten ihre bisherige Arbeit und erklärten wahrheitswidrig, es habe beim MfS keine Willkür bei Verhaftungen oder Folter in den Untersuchungshaftanstalten gegeben.[35] Ulbricht erklärte, die Parteibasis würde über die Rede informiert »und die ganze Sache wird in Ordnung gehen«.[36] Tatsächlich sind im April Parteiversammlungen abgehalten worden, in denen nicht die Rede vorgelesen, aber wesentliche Aussagen referiert worden sind.[37] Außerdem erklärte Ulbricht, eine Kommission würde die Inhaftierten überprüfen und eine ganze Anzahl freilassen: »Bitte schön, sollen sie draußen verfaulen. Warum müssen sie bei uns im Gefängnis verfaulen?«[38] All dies aber bedeute keinen Verzicht auf den Klassenkampf, denn dieser sei vorhanden. »Das machen wir ein bisschen ruhiger vielleicht.«[39] Tatsächlich kamen bis zum Herbst 1956 21 000 politische Häftlinge frei, außerdem sind mehrere Hundert kommunistische Opfer rehabilitiert worden.[40]

Ende März fand die 3. SED-Parteikonferenz statt, auf der Schirdewan die neue Sicht auf Stalin sehr vorsichtig begründete,[41] aber auch die Geheimrede komplett vortrug,[42] und auf der Minister Wollweber neuerlich die Arbeit des MfS verteidigte.[43] All das ist in der Bevölkerung sehr aufmerksam verfolgt worden. Dabei kristallisierte sich seit Mitte Februar, als der XX. Parteitag noch lief, immer stärker heraus, dass die Diskussionen um Stalin die Menschen – unabhängig von einer Parteizugehörigkeit – in drei Lager spalteten. Das erste, das kleinste sah in Stalin weiterhin den Götzen, zu dem er sich selbst mithilfe von Funktionären wie Ulbricht gemacht hatte. Typisch waren Äußerungen wie: »Ich lasse nicht von Stalin!«[44] Auch wenn die Freude über Stalins Tod 1953 und seine erste öffentlichkeitswirksame Entthronung 1956 überwog,[45] der »Stalin-Kult« hatte einen Teil der Gesellschaft auch in der DDR erheblich geprägt und beeinflusst.[46] Eine zweite, zahlenmäßig größere Gruppe war geschockt und regelrecht gelähmt, schwenkte aber recht schnell auf den neuen Kurs ein. Die absolut größte Gruppe aber war weder überrascht noch geschockt, sondern sah ihr Wissen lediglich bestätigt. Die zweite und dritte Gruppe waren sich in einer Forderung einig: Walter Ulbricht, der »Stalin der DDR«, wie es immer wieder hieß, müsse zurücktreten. Ein Witz aus jenen Tagen kolportiert nicht nur diese Erwartungshaltung, sondern zugleich die gesellschaftliche Atmosphäre: »Die Häftlinge des Zuchthauses Bautzen müssen antreten. Der Direktor erklärt ihnen, dass morgen der erste Sekretär des ZK der SED, Walter

Ulbricht käme. Da raunt ein Häftling zum anderen: ›Das wurde aber auch Zeit …‹« 

Ulbricht bleibt, Mielke kommt: Das Ende der Entstalinisierung in der DDR

Ulbricht kannte die Stimmungsberichte.[47] Er wusste, dass es in der Gesellschaft rumorte, dass er persönlich weithin verhasst war und dass die permanenten Drohungen, ein neuer »17. Juni« stünde bevor, bei einer allzu großzügigen Lockerung schnell Realität werden könnten. Die blutigen Unruhen in Posen Ende Juni 1956 mit über 50 Toten und die ungarische Oktoberrevolution mit Tausenden von Toten[48] sind in der DDR überwiegend als »polnischer bzw. ungarischer 17. Juni« angesehen worden – und zwar sowohl von der kleinen Gruppe, die den »17. Juni« als faschistischen Putschversuch verurteilte, als auch von der Mehrheit, die im »17. Juni« einen berechtigten Kampf für Freiheit, Einheit und soziale Gerechtigkeit sah.[49]

Schon im Frühjahr und Frühsommer begann sich jedoch im Unterschied zu 1953 abzuzeichnen, dass die aufziehende Krise in der DDR andere Formen annahm. Zwar nahmen Streiks zu, vor allem dann auch im Herbst 1956, auch Losungen und selbst gefertigte Flugblätter, die sich gegen das Regime wendeten und »Freie Wahlen« und »Sturz der SED-Regierung« forderten, tauchten immer häufiger auf. Ein untrügerisches Anzeichen für die Krise in der geschlossenen Gesellschaft waren die im ganzen Land rapide anwachsenden Gerüchte, die Ulbricht mal im Gefängnis, mal erschossen, mal auf der Flucht sahen. Die eigentliche Gefahr aber drohte, so glaubte die SED-Spitze, diesmal nicht aus den Betrieben, sondern aus den Universitäten und Hochschulen sowie aus der Partei selbst. Im Herbst 1956 sah sich die SED-Führung in dieser Annahme noch bestätigt, weil der polnische Herbst auf Druck der Gesellschaft hin von Parteikadern entfacht wurde und weil die ungarische Revolution nicht nur in der neuen reformfreudigen KP-Spitze, sondern eben auch an den Universitäten und innerhalb der Intellektuellen ihre wichtigsten Ausgangspunkte hatte. In der DDR begann sich 1956 eine neue, sozialistische Opposition herauszubilden, die im Gegensatz zum antikommunistischen Widerstand nicht mehr die Systemfrage stellte, sondern eine Demokratisierung des ostdeutschen Kommunismus anstrebte.[50]

Als die sowjetischen Panzer in der ersten Novemberhälfte die ungarische Revolution zusammenschossen, entwickelten SED-Politbüro, Innenministerium und MfS einen gestuften Abwehrplan für eventuelle Aufstände oder bürgerkriegsähnliche Zustände in der DDR. Die Kampfgruppen und andere militärische Formationen übten schon seit dem Sommer verstärkt Häuser- und Straßenkampf. Diese Präventionspläne waren seit Sommer 1953 entwickelt,[51] sind aber unter dem Eindruck der Herbstereignisse forciert worden und schlugen sich u. a. in einem Politbürobeschluss im November 1956 nieder.[52] Nichts sollte dem Zufall überlassen bleiben.

Im Oktober 1957 wird Ulbricht dann auf dem 33. ZK-Plenum erklären, dass der Gegner Anfang November 1956 die Medizinische und Veterinärmedizinische Fakultät der Humboldt-Universität Berlin zum Ausgangspunkt der Konterrevolution machen wollte.[53] Hier war es zu erheblichen Unruhen, zu Verhaftungen und zu einer größeren Protestdemonstration am 5. November 1956 gekommen.[54] Allerdings, auch wenn die allgemeine Unruhe erheblich, die gesellschaftliche Missstimmung unübersehbar und die überwiegende politische Ablehnung des Systems eindeutig war – die SED-Führung und ihr MfS waren zu keinem Zeitpunkt 1956 ähnlich kopf- und konzeptionslos wie noch im Frühjahr 1953. Ganz im Gegenteil, sie hatten die Situation fest im Griff und konnten agieren, reagieren und waren kaum in der Situation, einer Entwicklung hinterher eilen zu müssen. Die sowjetischen Panzer in Ungarn festigten das Machtgefüge Ulbrichts.[55] 

Ulbricht und sein Weggefährte Mielke nutzten die 29. ZK-Tagung am 12. und 13. November, um die Parteiführung auf die nachfolgende Politik einzustimmen. Sie erklärten, dass in der DDR ein vom Westen inszenierter Putsch geplant sei.[56] Außerdem werden die stillen Gegner in der SED, wie Mielke zu berichten wusste, »aufgefordert, nicht aus der Partei auszutreten, sondern in der Partei zu bleiben und noch größeren Einfluß zu bekommen«[57]. Sie sollen einen Umsturz bewirken. Verschleiert würde dies mit der Forderung, alle Stalinisten abzulösen.[58] Der Gegner tarne sich als Kabarettist, als Student, als Redakteur, als Philosoph. Wer heute eine Losung male, so Mielke, würde morgen mit der Waffe in der Hand gegen uns kämpfen.[59] Als in Ungarn die Panzer rollten, mussten in der DDR, so Mielke weiter, Konzessionen gemacht werden, um Ruhe zu bewahren.[60] Oppositionelle Studentenversammlungen in Berlin erinnerten Alfred Neumann an Naziversammlungen,[61] und Ulbricht, Mielke und Neumann waren sich auch einig, dass die Drohung eines Kampfgruppenkommandeurs, den Studenten die Knochen brechen zu wollen,[62] als proletarischer Ausdruck der Bereitschaft zum Klassenkampf berechtigt gewesen sei. 

Es kam nicht dazu. Aber nur wenige Tage später, am 29. November 1956, setzte mit der Verhaftung Wolfgang Harichs die auf dieser Tagung angekündigte Repressions-, Disziplinierungs- und Verhaftungswelle ein, die die DDR bis 1958 beschäftigen sollte.[63] Nicht nur Ulbricht ging aus dieser Situation gestärkt hervor, auch das Ministerium für Staatssicherheit, dem seit November 1957 Mielke als Minister vorstand, erfuhr als Säule der SED-Herrschaft einen erneuten Bedeutungszuwachs.[64] Der ab Jahresende forcierte Kampf gegen den so genannten Revisionismus, der zu vielen politischen Prozessen führte, war mehr eine Präventionsmaßnahme als ein Abwehrkampf. Die von SED und MfS vielfach konstruierten sozialistischen Oppositionsgruppen existierten zumeist nur in der Fiktion der Herrschenden. Um die Abschaffung der SED-Herrschaft ging es Harich 1956 genauso wenig wie Walter Janka, Erich Loest oder einem der in diesem Zusammenhang verurteilten Studenten. Die antikommunistischen Widerstandsgruppen, die das aber genau anstrebten, waren 1956 denselben harten Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt wie in der Zeit vor und nach dem so genannten Tauwetter. Das Tauwetter war in der DDR nicht kräftig und lang genug, um den Frost wirklich zu vertreiben. Und ab Herbst 1956 überzog dann bereits eine neue Kälteperiode das Land.

Über eines waren sich Ulbricht und Mielke gerade auch 1956 nur zu bewusst. Sie regierten gegen die Mehrheit der Bevölkerung. In einer etwas übertriebenen Form kursierte auch darüber ein Witz: »Ulbricht ist zu Besuch bei Mao Tse-tung und fragt ihn, ob er auch eine Opposition habe. ›Ja‹, antwortet Mao, ›so etwa 17 Millionen sind noch gegen uns.‹ ›Ach‹, meint Ulbricht erleichtert, ›in der DDR sind es auch nicht mehr!‹«

Das Jahresende 1956: Eine Welt in Waffen veranstaltet Olympische Spiele

Die Hoffnungen, die das Jahr 1956 zunächst weltweit geweckt hatte, waren spätestens mit der blutigen Niederschlagung der ungarischen Revolution und dem zeitgleich entfachten Suez-Krieg weltweiten Befürchtungen gewichen, dass ein neuer Weltkrieg bevorstünde. So zumindest haben es damals viele Menschen empfunden. Deshalb haben es auch viele Menschen in der westlichen Welt, zumal in der Bundesrepublik, als richtig angesehen, dass die westliche Allianz militärisch nicht in Ungarn eingriff und den Revolutionären zu Hilfe eilte.[65] Deren tiefe Enttäuschung darüber ist vielfach belegt.[66] Das kommunistische System in Europa erfuhr in Folge der Ereignisse von 1956 hingegen eine Stabilisierung. Noch am 31. Oktober 1956 glaubte Rudolf Augstein wie auch viele andere, dass »Europa« nun wieder bis Brest reiche und das Ende der deutschen Spaltung bevorstünde.[67] Nur wenige Tage später »sandte der Chefredakteur der ungarischen Nachrichtenagentur MIT«, wie Milan Kundera in seinem berühmten Essay »Die Tragödie Mitteleuropas« 1984 einleitend festhielt, »kurz bevor sein Büro von der Artillerie dem Erdboden gleichgemacht wurde, per Fernschreiben die verzweifelte Botschaft an die ganze Welt, dass der russische Angriff auf Budapest begonnen habe. Das Fernschreiben endetet mit den Worten: ›Wir sterben für Ungarn und für Europa.‹«[68] Diese Botschaft steht sinnbildlich für alle Aufstände gegen die kommunistische Herrschaft. Ihre Erfüllung fand sie erst, nach einer Reihe weiterer Aufstände, mit der europäischen Revolution von 1989/91.[69] 1956 war dieser europäische Umbruch ebenso in weite Ferne gerückt wie zuvor 1953 oder später 1968, 1970 oder 1980/81. Das Jahr 1956 ging vielmehr mit düsteren Zukunftsaussichten zu Ende.

Symbolisch standen dafür die XVI. Olympischen Sommerspiele. Es passte zu diesem Jahr, dass die Sommerolympiade im australischen Melbourne zu einer Zeit stattfand, als in Europa nicht nur der politische, sondern auch der meteorologische Frost regierte. Aufgrund der klimatischen Verhältnisse in Australien hatte das IOC die Olympiade auf den Zeitraum vom 22. November bis 8. Dezember 1956 anberaumt. 

Versöhnlich aus deutscher Sicht war noch, dass wie zu den Winterspielen in Italien eine gesamtdeutsche Mannschaft an den Spielen teilnahm, hinter einer schwarz-rot-goldenen Fahne mit den fünf olympischen Ringen einmarschierte und bei Siegerehrungen Beethovens »Freude schöner Götterfunken« statt einer Nationalhymne erklang. Die Australier konnten nur vier Mal diese Hymne hören, mehr Goldmedaillen errangen die Deutschen nicht, darunter als erster DDRSportler der Boxer Wolfgang Behrendt.[70] Hatte es bereits im Vorfeld erhebliche politische Auseinandersetzungen um die Mannschaft gegeben,[71] so setzte sich der innerdeutsche Zwist im fernen Australien fort. Andere Länder wie Ägypten, Israel, Kambodscha, der Irak und der Libanon blieben wegen des Suez-Krieges den Spielen fern, noch andere wie die Niederlande, die Schweiz oder das faschistische Spanien kamen wegen der sowjetischen Invasion in Ungarn erst gar nicht. Taiwan wiederum fuhr aus Protest wegen der Teilnahme Festland-Chinas nicht, China wiederum reiste ab, weil im Olympiadorf statt der eigenen Fahne die von Taiwan gehisst worden war. Damit nicht genug. 

Auf einem sowjetischen Dampfer fuhren ungarische und sowjetische Funktionäre Ende Oktober/Anfang November gemeinsam zu den Spielen ins ferne Australien. Der Kapitän hatte ganz bewusst keine Nachrichten ausgegeben, und so erfuhren die Ungarn erst nach ihrer Ankunft im Blitzlichtgewitter der Weltpresse, was die Russen in ihrer Heimat angestellt hatten. Das Entsetzen war riesengroß: »Ich will mit diesen Mördern nie wieder etwas zu tun haben«, lautete ein ungarischer Kommentar. Beim Einmarsch der Olympioniken während der Eröffnungsfeier erhielt dann die ungarische Mannschaft noch größeren Applaus als die einheimische, das gesamte Stadion erhob sich und übte Solidarität mit den Ungarn. Es war eine herbe Niederlage für die Sowjetunion unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Als dann auch noch die sowjetischen Wasserballer im Spiel gegen die beste Mannschaft der Welt, gegen die Ungarn, unsportliche, rüde Mittel einsetzten und ein ungarischer Sportler blutüberströmt aus dem Wasserbecken genommen werden musste, das Spiel beim Stand von 4:0 für die Ungarn abgebrochen wurde und die Ungarn später die Goldmedaille gewannen – da hatte die weltweit bejubelteste Goldmedaille ihre würdigsten Träger gefunden. Viele Ungarn fuhren anschließend nicht mehr nach Hause und flüchteten, wie es bereits Zehntausende vor ihnen getan hatten. 

Eine weitere bewegende Szene dieser Olympiade spielte sich zwischen einer Ungarin und einer Russin ab. Die 34-jährige Ágnes Keleti und die 21-jährige Larisa Latynina, die erfolgreichsten Olympioniken von 1956, teilten sich die Goldmedaille im Bodenturnen. Beide zählen zu den erfolgreichsten Turnerinnen aller Zeiten. Während der Wettkämpfe erfuhr Keleti, dass ihre Mutter bei der sowjetischen Invasion in ihrer Heimat ums Leben gekommen war. Als ihre Nationalflagge emporstieg und die ungarische Hymne bei der Siegerehrung erklang, ergriff Keleti zögerlich die Hand ihrer neben ihr stehenden russischen Konkurrentin und beide standen Hand in Hand im Angesicht der ungarischen Flagge, die zum Symbol des Freiheitswillens der unterdrückten Menschen im Ostblock geworden war. Ágnes Keleti kehrte nicht nach Ungarn zurück und emigrierte nach Israel. 

Es passte im Übrigen zur Atmosphäre des Jahres 1956, dass bei der Abschlussfeier erstmals bei einer Olympiade die Salutschüsse aus schweren Geschützen inmitten des Stadions erfolgten. Die australischen Artilleristen Ihrer Majestät standen, so könnte man deuten, symbolisch für das Jahr 1956, weil sie ganz unverblümt ihre Waffen zeigten. Ihre Botschaft schien zu lauten: Die alte Welt könne nur mit Waffengewalt behauptet werden. Dieses Unterfangen gelang historisch jedoch weder den Kolonialmächten noch den kommunistischen Staaten.

 

 


[1]  Der folgende Beitrag basiert auf einem Einführungsvortrag zu einem Zeitzeugengespräch mit Wolfgang Leonhard, Ralph Giordano und Ulrich Mählert am 15. Januar 2006 im Berliner Zeughaus (siehe die Dokumentation »Erinnerungen an das Jahr 1956. Ein Gespräch mit Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano« in diesem JHK). Die Veranstaltung »Die SED, ihr MfS und das Krisenjahr 1956« wurde von der Stiftung Aufarbeitung, der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und dem Deutschen Historischen Museum organisiert. Der Aufsatz stellt eine leicht erweiterte und um Anmerkungen ergänzte Fassung des Vortrages dar. 

[2]  Siehe Mindszenty, József Kardinal: Erinnerungen, Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1974.

[3]  Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen an Sir Winston S. Churchill am 10. Mai 1956. Rede von Sir Winston S. Churchill, in: <http://www.karlspreis.de>.

[4]  Churchill-Rede, in: Der Spiegel Nr. 21 vom 23. Mai 1956, S. 11.

[5]  Dass das »Tauwetter« schon vor 1956 in der Sowjetunion begonnen hatte, ist von Wolfgang Leonhard früh analysiert worden. Siehe Leonhard, Wolfgang: Kreml ohne Stalin, Köln 1959. Der Begriff »Tauwetter« geht auf den gleichnamigen Roman von Il’ja Ėrenburg zurück, den er 1953 zu schreiben begonnen hatte, und der 1954/55 zunächst in Fortsetzungen erschien. In deutscher Sprache brachte den Roman erstmals der Ostberliner Verlag Kultur und Fortschritt 1957 heraus. Eine Lizenzausgabe davon erschien noch im selben Jahr in Wien. Siehe Ehrenburg, Ilja: Über Literatur: Essays, Reden Aufsätze. Tauwetter: Roman, Berlin 1986. Ein weiterer berühmter »Tauwetter«-Roman war Dudinzew, Wladimir: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, 5. Aufl. Hamburg 1957. In der Sowjetunion erschien er 1956. Siehe in zeitgenössischer Perspektive zur sowjetischen Literatur: Shabinsky, Vladimir: Ostlicht. Russische Lyrik und Prosa 1956 und 1957, München/Berlin 1958.

[6]  Aus der Literatur siehe z. B. Heinemann, Winfried/Wiggershaus, Norbert (Hrsg.): Das Internationale Krisenjahr 1956. Polen, Ungarn, Suez, München 1999; Mastny, Vojtech/Schmidt, Gustav: Konfrontationsmuster des Kalten Krieges, München 2003. Speziell zur Haltung der SED-Führung siehe Lorenzen, Jan N.: Die Haltung der DDR zum Suez-Krieg. Das Jahr 1956 als Zäsur in der Nahost-Politik der DDR, in: Deutschland Archiv 28 (1995), H. 3, S. 278–285.

[7]  Hinzu kam als Folge des XX. Parteitages, was hier ausgeblendet bleiben muss, aber für die kommunistische Weltbewegung von enormer Bedeutung war: die faktische Spaltung des Kommunismus in mehrere »nationalkommunistische« Lager mit zum Teil antisowjetischer Ausrichtung.

[8]  Aus der umfangreichen Literatur siehe Rothermund, Dietmar: Delhi, 15. August 1947. Das Ende kolonialer Herrschaft, München 1998; Marx, Christoph: Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn u. a. 2004; Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt 1945– 1991, München 2004; Judt, Tony: Postwar. A History of Europe Since 1945, New York 2005, S. 278–323.

[9]  Siehe Schrecker, Ellen: Many Are the Crimes. McCarthyism in America, Princeton, N. J. 1998; Mergel, Thomas: »The Enemy in Our Midst«. Antikommunismus und Amerikanismus in der Ära McCarthy, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 51 (2003), H. 3, S. 237–257.

[10]  Siehe etwa Furet: Das Ende der Illusion (Anm. 7); Ackermann, Ulrike: Sündenfall der Intellektuellen. Ein deutsch-französischer Streit von 1945 bis heute, Stuttgart 2000; Der arme Mitläufer Jean-Paul [gemeint ist Jean-Paul Sartre, Anm. d. A.], in: Der Spiegel Nr. 49 vom 5. Dezember 1956, S. 30–39. Anders als Sartre hingegen z. B. Camus, Albert: Fragen der Zeit, Reinbek bei Hamburg 1960, S. 232–248 u. Aron, Raymond: Opium für Intellektuelle oder Die Sucht nach Weltanschauung, Köln/Berlin 1957. Schließlich ist exemplarisch für die westliche Rezeption hinzuweisen auf Arendt, Hannah: Die ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus, München 1958.

[11]  Fernseh-Übertragungen, in: Der Spiegel Nr. 9 vom 29. Februar 1956, S. 15.

[12]  Siehe etwa Fernsehgeschichte als Zeitgeschichte – Zeitgeschichte als Fernsehgeschichte, Potsdam 2004.

[13]  Grotum, Thomas: Die Halbstarken. Zur Geschichte einer Jugendkultur der 50er Jahre. Frankfurt a. M./New York 1994.

[14]  Siehe etwa Rudorf, Reginald: Jazz in der Zone, Köln/Berlin 1964; Poiger, Uta G.: Jazz, Rock and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Germany, Berkeley/Los Angeles/London 2000; Bratfisch, Rainer (Hrsg.): Freie Töne. Die Jazzszene in der DDR, Berlin 2005; Lücke, Martin: Verfemt, verehrt, verboten. Jazz im Stalinismus zwischen Repression und Freiheit, in: Osteuropa 55 (2005), H. 11, S. 67–77.

[15]  ZK-Abt. Org.-Instrukteure, Vorlage an das Sekretariat, Einschätzung der gegenwärtigen Bandentätigkeit vom 4. Dezember 1959, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30, IV 2/ 16/ 230.

[16]  Siehe Engelmann, Roger/Kowalczuk, Ilko-Sascha (Hrsg.): Volkserhebung gegen den SEDStaat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953, Göttingen 2005; Kowalczuk, Ilko-Sascha:

[17]  Siehe Eisenfeld, Bernd/Kowalczuk, Ilko-Sascha/Neubert, Ehrhart: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004.

[18]  Siehe Kozlov, Vladimir A.: Mass Uprisings in the USSR. Protest and Rebellion in the PostStalin Years, Armonk, N. Y./London 2002, S. 112–135; Gerber, Jürgen: Georgien: Nationale Opposition und kommunistische Herrschaft seit 1956, Baden-Baden 1997, S. 33–60.

[19]  Eine besonders plastische Darstellung der Vorgänge in der DDR findet sich bei Mitter, Armin/Wolle, Stefan: Untergang auf Raten. Unbekannte Kapitel der DDR-Geschichte, München 1993.

[20]  Siehe ausführlich Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die innere Staatsgründung. Von der gescheiterten

Revolution 1953 zur verhinderten Revolution 1961, in: Diedrich, Torsten/Kowalczuk, IlkoSascha (Hrsg.): Staatsgründung auf Raten? Zu den Auswirkungen des Volksaufstandes 1953 und des Mauerbaus 1961 auf Staat, Militär und Gesellschaft der DDR, Berlin 2005, S. 341– 378.

[21]  Siehe etwa Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (im Folgenden: BStU), MfS, AS 78/59 u. SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 5/ 282.

[22]   In der Bundesrepublik ist am 21. Juli 1956, in der DDR nach dem Mauerbau zum 1. Januar 1962 die Wehrpflicht eingeführt worden. 

[23]  Siehe Aksjutin, Jurij: Der XX. Parteitag der KPdSU, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1996, S. 36–68; Naumov, Vladimir: Zur Geschichte der Geheimrede N. S. Chruščevs auf dem XX. Parteitag der KPdSU, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeit geschichte 1 (1997), H. 1, S. 137–177; Taubman, William: Khrushchev. The Man and his Era, New York 2003, S. 270–289; Werth, Nicolas: Histoire d’un »pré-rapport secret«. Audaces et silences de la Commission Pospelov janvier–février 1956, in: Communisme 2001, H. 67/68 S. 9–38.

[24]  Siehe nur Holzer, Jerzy: Der Kommunismus in Europa. Politische Bewegung und Herrschaftssystem, Frankfurt a. M. 1998; Malia, Martin: Vollstreckter Wahn. Russland 1917–1991, Stuttgart 1994; Furet: Das Ende der Illusion (Anm. 7).

[25]  Siehe die deutsche Übersetzung: Die Entlarvung des Stalin-Terrors. Wortlaut der Rede Chruščevs auf dem XX. Parteitag der KPdSU. Hrsg. vom SPD-Ostbüro (= Tarnschrift für die DDR: Sonderausgabe der Zeitschrift Einheit), Bonn 1956.

[26]  Siehe Jakowlew, Alexander N.: Ein Jahrhundert der Gewalt in Sowjetrussland, Berlin 2004, S. 32; Talbott, Strobe/Crankshaw, Edward (Hrsg.): Chruščev erinnert sich. Die authentischen Memoiren, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 328. Auch in der 1989 in der Sowjetunion offiziell publizierten »Geheimrede« sind nur ganze wenige Regungen aus dem Saal überliefert. Siehe Über den Personenkult und seine Folgen. Rede N. S. Chruščevs in der internen Sitzung des XX. Parteitages der KPdSU, 25. Februar 1956, in: SED und Stalinismus. Dokumente aus dem Jahre 1956, Berlin 1990, S. 8–68, hier S. 21 f. u. 24. Der Spiegel wusste noch zu berichten, dass 30 Delegierte ohnmächtig aus dem Saal getragen werden mussten und Chruščev während seiner Rede viermal in Tränen ausgebrochen sein soll. Chruschtschew-Rede, in: Der Spiegel Nr. 13 vom 28. März 1956, S. 27.

[27]  Siehe Schirdewan, Karl: Aufstand gegen Ulbricht. Im Kampf um politische Kurskorrektur, gegen stalinistische, dogmatische Politik, Berlin 1994, S. 77 f.

[28]  Ders.: Ein Jahrhundert Leben. Erinnerungen und Visionen. Autobiographie, Berlin 1998, S. 252.

[29]  MfS, Abt. Information: Neue Argumente zum XX. Parteitag der KPdSU (5. Bericht) vom 14. März 1956, in: BStU, MfS, AS 89/59, Bl. 134.

[30]  Christoph Hein schilderte in seiner Erzählung Der Tangospieler aus dem Jahr 1989 eine ähnliche Begebenheit vom Morgen des 21. August 1968. Studierende konfrontierten ihren Dozenten mit der Behauptung, Warschauer-Pakt-Truppen seien in die ČSSR einmarschiert. Dieser, er hatte keine Westnachrichten gehört und der Ostfunk schwieg noch, wies solche Behauptungen als Feindpropaganda brüsk zurück. Kurz darauf zeigte er sich bei der Parteileitung an.

[31]  Neues Deutschland vom 18. März 1956.

[32]  Ulbricht erklärte am 22. März auf der 26. Tagung des ZK der SED: »Den Text [der Geheimrede, Anm. d. A.], der dazu notwendig war, konnte ich gestern Abend dem Genossen Schirdewan übergeben.« SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 1/ 156, Bl. 134.

[33]  Das wird allerdings nicht aus dem überlieferten Protokoll, sondern aus den Reaktionen der Teilnehmer deutlich.

[34]  Stenografische Niederschrift der 26. Tagung des ZK der SED vom 22. März 1956, in: SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 1/ 156, Bl. 69.

[35]  Ebenda, Bl. 59–61 u. 111–117.

[36]  Ebenda, Bl. 137.

[37]  Eine solche Rededisposition für leitende Parteikader ist überliefert. Brief des Genossen Chruščev an die Delegierten des XX. Parteitages über den Personenkult und seine Auswirkungen, in: BStU, MfS, Ast. Berlin, ZPL A 1314/7, Bl. 3–16. Ziel war es, wie es hieß, »dieses Material […] unter dem Gesichtspunkt der Wiederherstellung der leninschen Parteinormen« auszuwerten«. Ebenda, Bl. 16.

[38]  Stenografische Niederschrift der 26. Tagung des ZK der SED vom 22. März 1956, in: SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 1/ 156, Bl. 138.

[39]  Ebenda, Bl. 139.

[40]  Siehe die Dokumentationen: SED und Stalinismus (Anm. 26); Zur Entlassung werden vorgeschlagen … Wirken und Arbeitsweise der Kommission des ZK zur Überprüfung von Angelegenheiten von Parteimitgliedern 1956; Berlin 1991; Klein, Thomas: »Für die Einheit und Reinheit der Partei«. Die innerparteilichen Kontrollorgane der SED in der Ära Ulbricht, Köln/Wiemar/Wien 2002.

[41]  Protokoll der Verhandlungen der 3. Parteikonferenz der SED, 24. März bis 30. März 1956, Berlin 1956, S. 305–320.

[42]  Das wird aber wiederum aus dem offiziellen Protokoll nicht ersichtlich. Schirdewan schrieb später: »Ich hatte auf der Parteikonferenz auch die Aufgabe, den Wortlaut der uns zur Verfügung gestellten Geheimrede vorzutragen.« Schirdewan: Aufstand gegen Ulbricht (Anm. 27) S. 85.

[43]  Protokoll der Verhandlungen der 3. Parteikonferenz (Anm. 41), S. 947–958.

[44]  SED-Parteileitung, Humboldt-Universität zu Berlin, Informationsbericht über Diskussionen zum XX. Parteitag der KPdSU vom 2. März 1956, in: SAPMO-BArch, BPA IV 4/12/052.

[45]  Siehe etwa Schmidt, Karl-Heinz: Als Stalin starb. Die Reaktion des SED-Regimes und der Bevölkerung im Spiegel interner Berichte, in: Schroeder, Klaus (Hrsg.): Geschichte und Transformation des SED-Staates. Beiträge und Analysen, Berlin 1994, S. 84–111.

[46]  Siehe zum »Stalin-Kult« Heller, Klaus/Plamper, Jan (Hrsg.): Personality Cults in Stalinism – Personenkulte im Stalinismus, Göttingen 2004; Apor, Balázs u. a. (Hrsg.): The Leader Cult in Communist Dictatorships. Stalin and the Eastern Bloc, Basingstoke/New York 2004. Als Erinnerungsbericht beeindruckend Giordano, Ralph: Die Partei hat immer recht, Köln/Berlin 1961. Siehe auch Becher, Johannes R.: Selbstzensur, in: Sinn und Form 40 (1988), S. 543–551.

[47]  Die zahlreichen überlieferten Stimmungs- und Lageberichte von SED und MfS aus dem Jahre 1956 erweisen sich in ihren Grundaussagen als deckungsgleich.

[48]  Aus der Literatur ist hinzuweisen auf folgende Dokumentationen, die die Ereignisse in Polen bzw. Ungarn spiegeln. Békés, Csaba/Byrne, Malcolm/Rainer, János M. (Hrsg.): The 1956 Hungarian Revolution: A History in Documents, Budapest/New York 2002; Györkei, Jenő/Horváth, Miklós (Hrsg.): Soviet Military Intervention in Hungary 1956, Budapest 1999; Zinner, Paul E. (Hrsg.): National Communism and Popular Revolt in Eastern Europe. A Selection of Documents on Events in Poland and Hungary, February-November 1956, New York 1956; Die ungarische Revolution. Rundfunk-Dokumente, München 1957; Die ungarische Revolution. Ost-westliche Presseschau, München 1957; Siegler, Heinrich: Die Ereignisse in Polen und Ungarn, Bonn/Wien/Zürich 1957. Außerordentlich aufschlussreich ist zudem Der Volksaufstand in Ungarn. Bericht des Sonderausschusses der Vereinten Nationen. Untersuchungen, Dokumente, Schlussfolgerungen, Bonn 1957. Für die Vorgeschichte der ungarische Revolution aufschlussreich Mevius, Martin: Agents of Moscow. The Hungarian Communist Party and the Origins of Socialist Patriotism 1941–1953, Oxford 2005; Borhi, László: Hungary in the Cold War 1945–1956. Between the United States and the Soviet Union, Budapest/New York 2004; Rainer, János M.: Der »Neue Kurs« in Ungarn 1953, in: Kleßmann, Christoph/ Stöver, Bernd (Hrsg.): 1953 – Krisenjahr des Kalten Krieges in Europa, Köln/Weimar/Wien 1999, S. 71–92. Die historische Forschung zu beiden Ereignissen hat sich mittlerweile erheblich ausdifferenziert und ist nur noch schwer zu überschauen. Siehe als Beispiele Heinemann, Wiggershaus (Hrsg.): Das Internationale Krisenjahr 1956 (Anm. 6); Litván, György/Bak, János M. (Hrsg.): Die ungarische Revolution 1956. Reform – Aufstand – Vergeltung, Wien 1994; Hahn, Hans Henning/Olschowsky, Heinrich (Hrsg.): Das Jahr 1956 in Ostmitteleuropa, Berlin 1996; Hegedüs, András B./Wilke, Manfred (Hrsg.): Satelliten nach Stalins Tod. Der »Neue Kurs«. 17. Juni 1953 in der DDR. Ungarische Revolution 1956, Berlin 2000; Heller, Agnes/Fehér, Ferenc: Ungarn ’56. Geschichte einer antistalinistischen Revolution, Hamburg 1982; Alföldy, Géza: Ungarn 1956. Aufstand, Revolution, Freiheitskampf, Heidelberg 1997; Foitzik, Jan (Hrsg.): Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953–1956. Vom 17. Juni bis zum ungarischen Volksaufstand. Politische, militärische, soziale und nationale Dimensionen, Paderborn u. a. 2001; Kircheisen, Inge (Hrsg.): Tauwetter ohne Frühling. Das Jahr 1956 im Spiegel blockinterner Wandlungen und internationaler Krisen, Berlin 1995; Lemberg, Hans (Hrsg.): Zwischen »Tauwetter« und neuem Frost. Ostmitteleuropa 1956–1970, Marburg 1993; Timmermann, Heiner/Kiss, László (Hrsg.): Ungarn 1956: Reaktionen in Ost und West, Berlin 2000; Beyrau, Dietrich/Bock, Ivo (Hrsg.): Das Tauwetter und die Folgen. Kultur und Politik in Osteuropa nach 1956, Bremen 1988. Auswirkungen des Jahres 1956 auf die polnische Geheimpolizei sind analysiert bei Dudek, Antoni/Paczkowski, Andrzej: Poland, in: Persak, Krzysztof/Kamiński, Łukasz (Hrsg.): A Handbook of the Communist Security Apparatus in East Central Europe, 1944–1989, Warschau 2005, S. 221–283.

[49]  Dafür finden sich sowohl in den Hinterlassenschaften der SED als auch des MfS zahlreiche Belege. Die Wahrnehmung der polnischen Ereignisse durch ostdeutsche Schriftsteller ist analysiert von Brandt, Marion: Für eure und unsere Freiheit? Der Polnische Oktober und die Solidarność-Revolution in der Wahrnehmung von Schriftstellern aus der DDR, Berlin 2002.

[50]  Siehe Kowalczuk, Ilko-Sascha: Frost nach dem kurzen Tauwetter: Opposition, Repressalien und Verfolgungen 1956/57 in der DDR. Eine Dokumentation des Ministeriums für Staatssicherheit, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1997, S. 167–215.

[51]  Siehe Eisenfeld/Kowalczuk/Neubert: Die verdrängte Revolution (Anm. 17); Lindenberger, Thomas: Volkspolizei. Herrschaftspraxis und öffentliche Ordnung im SED-Staat 1952–1968, Köln/Berlin/Wien 2003; Diedrich, Torsten/Wenzke, Rüdiger: Die getarnte Armee. Geschichte der Kasernierten Volkspolizei der DDR 1952–1956, Berlin 2001.

[52]  Siehe Krüger, Joachim: Votum für bewaffnete Gewalt. Ein Beschluss des Politbüros vom November 1956, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 34 (1992), H. 4, S. 75–85.

[53]  Überarbeitetes Protokoll des 33. Plenums des ZK der SED vom 16. bis 19. Oktober 1957, SAPMO-BArch, IV 2/1/187, Bl. 97.

[54]  Siehe dazu ausführlich Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die Niederschlagung der Opposition an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin in der Krise 1956/57, Berlin 1997; Ders.: Geist im Dienste der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin 2003.

[55]  Siehe Mitter/Wolle: Untergang auf Raten (Anm. 19); Engelmann, Roger/Schumann, Silke: Kurs auf die entwickelte Diktatur. Walter Ulbricht, die Entmachtung Ernst Wollwebers und die Neuausrichtung des Staatssicherheitsdienstes 1956/57 (= BStU. Abt. Bildung und Forchung: BF informiert, H. 1/95), Berlin 1996.

[56]  Stenografische Niederschrift der 29. Tagung des ZK der SED vom 12. bis 13. November 1956, in: SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 1/ 166, Bl. 102–103.

[57]  Ebenda, Bl. 104.

[58]  Ebenda, Bl. 107.

[59]  Ebenda, Bl. 111.

[60]  Ebenda, Bl. 114.

[61]  Ebenda, Bl. 215.

[62]  Siehe das entsprechende Dokument bei Kowalczuk: Die Niederschlagung der Opposition (Anm. 54), S. 36.

[63]  Siehe Kowalczuk: Frost nach dem kurzen Tauwetter (Anm. 50).

[64]  Siehe Engelmann/Schumann: Kurs auf die entwickelte Diktatur (Anm. 55).

[65]  Der Spiegel Nr. 48 vom 28. November 1956, S. 14 f.

[66]  Siehe zusätzlich zu der bereits erwähnten Literatur Stöver, Bernd: Die Befreiung vom Kommunismus. Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947–1991, Köln/Weimar/Wien 2002.

[67]  Daniel, Jens [Pseudonym von Augstein, Rudolf]: Europa reicht wieder bis Brest, in: Der Spiegel Nr. 44 vom 31. Oktober 1956, S. 10 f.

[68]  Kundera, Milan: Die Tragödie Mitteleuropas, in: Busek, Erhard/Wilflinger, Gerhard (Hrsg.): Aufbruch nach Mitteleuropa. Rekonstruktion eines versunkenen Kontinents, Wien 1986, S. 133.

[69]  Siehe Dahrendorf, Ralf: Betrachtungen über die Revolution in Europa in einem Brief, der an einen Herrn in Warschau gerichtet ist 1990, Stuttgart 1990; Ders./Furet, François/Geremek, Bronisław: Wohin steuert Europa? Ein Streitgespräch, Frankfurt a. M./New York/Paris 1993; Dahrendorf, Ralf: Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak. Reden und Aufsätze, München 2004. Siehe auch Kowalczuk, Ilko-Sascha: 1989 in Perspektive: Ralf Dahrendorfs Antiutopismus, in: Merkur 59 (2005), H. 1, S. 65–69.

[70]  Bei den Winterspielen 1956 hatte der Skispinger Harry Glaß eine Bronzemedaille, die erste Olympiamedaille für die DDR überhaupt, gewonnen.

[71]  Siehe Blasius, Tobias: Olympische Bewegung, Kalter Krieg und Deutschlandpolitik 1949– 1972, Frankfurt a. M. 2001. 

Inhalt – JHK 2006

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