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JHK 2007

Inhaltsverzeichnis

JHK 2007

Kommunismus und Opposition in Laos

Volker Grabowsky

Unter den vier verbliebenen kommunistischen Regimen in Asien – d. h. neben China, Vietnam und Nordkorea – ist Laos das jüngste und international am wenigsten bekannte. Weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit beging die Laotische Volksdemokratische Republik (LVDR, Sathalanalat Pasathipatay Pasason Lao) am 2. Dezember 2005 den 30. Jahrestag ihrer Gründung. Obwohl der wirtschaftliche Reformprozess seit Ende der 1980er Jahre den südostasiatischen Binnenstaat schrittweise dem kapitalistischen Weltmarkt öffnete und die laotische Gesellschaft sich unter den Bedingungen der Globalisierung in einem raschen Tempo wandelt,[1] bleibt das Herrschaftsmonopol der marxistisch-leninistischen Laotischen Revolutionären Volkspartei (LRVP, Phak Pasason Pativat Lao) unangetastet. Als einzige zugelassene politische Partei übt sie die wirkliche Macht im Lande aus. In Artikel 3 der Verfassung von 1991 wird die LRVP mit Nachdruck als »führender Kern« (kaen nam) des politischen Systems bezeichnet. Trotz demonstrativ zur Schau gestellter Einigkeit der Partei- und Staatsführung werden Risse in der laotischen Gesellschaft sichtbar, die jedoch den Fortbestand des kommunistischen Systems zumindest in mittlerer Sicht nicht in Frage stellen. Dieser Beitrag skizziert zunächst in den Gründzügen die historische Entwicklung des laotischen Kommunismus, analysiert dann den Aufbau von Partei und Staat und wendet sich abschließend den Oppositionsbewegungen und -regungen zu, welche innerhalb des Landes den absoluten Machtanspruch der kommunistischen Staatspartei in Frage stellen. Der Weg an die Macht von 1930 bis 1975 Die im Jahre 1997 veröffentlichte offizielle Geschichte der Laotischen Revolutionären Volkspartei[2] führt die Ursprünge des Kommunismus in Laos auf die Anfang Februar 1930 in Hongkong gegründete Kommunistische Partei Vietnams zurück. Diese wurde im Oktober 1930 auf Geheiß der Komintern in Indochinesische Kommunistische Partei (IKP) umbenannt; denn aus der Sicht der Moskauer Zentrale bildeten die drei Länder Französisch-Indochinas einen einheitlichen »revolutionären Kampfplatz«.[3] Während der Parteiaufbau in Vietnam ungeachtet der Repressalien durch die französischen Kolonialbehörden bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges beachtliche Fortschritte machte, kämpften die Zellen der IKP in Kambodscha und Laos stets um ihr Überleben. Mitte 1934 schlossen sich sechs Zellen der IKP in Laos zu einer laotischen Sektion zusammen. Doch unter ihren 32 Vollmitgliedern befanden sich nur sehr wenige ethnische Lao.[4] Die weitaus meisten laotischen IKP-Mitglieder waren Vietnamesen, die unter den Angestellten und Arbeitern der Hauptstadt Vientiane und einiger Provinzstädte rekrutiert wurden.[5] Im Gegensatz zum benachbarten Vietnam existierte in Laos eine Arbeiterklasse allenfalls in rudimentärer Form, und auch die überwiegend für die eigene Subsistenz wirtschaftenden laotischen Bauern verschlossen sich der kommunistischen Agitation und Propaganda. Während des Zweiten Weltkrieges, als japanische Truppen in Indochina stationiert wurden und die vichyhörige französische Kolonialverwaltung stark geschwächt war, gelang den laotischen Kommunisten keine nennenswerte Mobilisierung der »Volksmassen«. Ein Pendant zur vietnamesischen Revolution vom August 1945 blieb aus. Die Unabhängigkeitserklärung vom 12. Oktober 1945 und die Bildung einer »Freien Lao-Regierung« – nur zwei Monate nach der bedingungslosen Kapitulation Japans und noch vor der Rückkehr französischer Streitkräfte – wurden vom nationalistischen Komitee Lao Itsala (Freies Laos) unter Prinz Phetsarat, dem Vizekönig von Luang Prabang, betrieben.[6] Kommunisten spielten in der laotischen Freiheitsbewegung des Jahres 1945 keine wahrnehmbare Rolle, auch wenn die offizielle Parteigeschichte die damaligen Ereignisse in »einen Sieg der Parteilinie, das Banner der nationalen Unabhängigkeit zu hissen«, verklärt.[7] Eine Gelegenheit, sich an die Spitze des antikolonialen Kampfes zu stellen, bot sich den laotischen Kommunisten indes schneller als erwartet. Im Mai 1946 flüchteten Prinz Phetsarat und fast das gesamte übrige Lao-Itsala-Kabinett vor den anrückenden französischen Truppen nach Thailand. Im thailändischen Exil kam es 1948/49 zu einer Spaltung der antikolonialen Freiheitsbewegung. Während die meisten Lao-Itsala-Führer im Juli 1949 nach Laos zurückkehrten, um die von den Franzosen angebotene Selbstverwaltung als ersten Schritt in Richtung vollständige Unabhängigkeit zu nutzen, entschloss sich eine Minderheit zur Fortsetzung des bewaffneten Kampfes im Bündnis mit den vietnamesischen Kommunisten, deren Guerillaverbände (Vietminh) bereits in mehreren nordostlaotischen Grenzprovinzen operierten. Anführer dieser Gruppe war Prinz Phetsarats Halbbruder Souphanouvong (1909 bis 1995), der nach seinem Studium in Frankreich viele Jahre als Ingenieur in Vietnam gearbeitet und dort auch eine vietnamesische Frau geheiratet hatte.[8] In den befreiten Gebieten Vietnams traf der »rote Prinz« Souphanouvong mit Ho Chi Minh, aber auch mit führenden laotischen Kadern der IKP zusammen. Die im August 1950 gegründete »Freie-Laos-Front« (Naeo Lao Itsala) vereinte Souphanouvongs Gefolgsleute aus der alten Lao-Itsala-Bewegung und die IKP-Kader laotischer Herkunft unter dem Banner des nationalen Befreiungskampfes. Die Mitglieder des neunzehnköpfigen Zentralkomitees der Front bildeten einen Führungskader, der über die nächsten vier Jahrzehnte mit einem hohen Maß an personeller Kontinuität die laotische Revolution lenkte. Dies ist umso bemerkenswerter, bedenkt man die höchst unterschiedliche soziale und politische Herkunft der beiden Gruppen laotischer Revolutionäre.[9] Doch ihr Zusammenwachsen zu einer einheitlich agierenden Führung vollzog sich offenbar ohne nach außen sichtbare Konflikte. Zur ersten Gruppe laotischer Revolutionsführer gehörten neben Prinz Souphanouvong vor allem der einflussreiche Chefideologe Phoumi Vongvichit (1909 bis 1994)[10] sowie Singkapo Sikhotchunnamali (geb. 1913) und Souk Vongsak (1915 bis 1983). Sie waren entweder hochgebildete Mitglieder der Aristokratie wie Souphanouvong und der einer Nebenlinie des Königshauses entstammende Souk Vongsak oder gehörten der gehobenen Beamtenschicht an wie Phoumi Vongvichit, der erst im Oktober 1945 als Gouverneur der Provinz Houa Phan zur Lao-Itsala-Bewegung gestoßen war.[11] Die zweite Gruppe umfasste Personen von bescheidenerer sozialer Herkunft. Nouhak Phoumsavan (geb. 1914), der »ewige zweite Mann« der laotischen Kommunisten, arbeitete zunächst als Lastwagenfahrer für einen reichen chinesischen Geschäftsmann, bevor er 1941 ein eigenes Kleinunternehmen gründete, das Güter zwischen seiner Heimatprovinz Savannakhet und Zentralvietnam transportierte. Irgendwann in den nächsten vier Jahren wurde Nouhak von den Vietminh für den antifranzösischen Widerstand rekrutiert, bevor er 1950 in die IKP eintrat. Nouhak schloss Freundschaft mit dem sechs Jahre jüngeren Kaysone Phomvihane, der ebenfalls aus Savannakhet stammte.[12] Der 1920 als Sohn eines vietnamesischen Verwaltungsbeamten und einer Laotin geborene Kaysone hatte bereits Anfang der 1940er Jahre während seines Jurastudiums an der Universität Hanoi Kontakte zur IKP geknüpft. Er avancierte zum wichtigsten Verbindungsmann der vietnamesischen Kommunisten in Laos, wobei die persönliche Freundschaft zu Vo Nguyen Giap, dem späteren Helden von Dien Bien Phu, hierfür ein auslösender Faktor gewesen sein mag. Im Januar 1949 wurde Kaysone als Vollmitglied in die Reihen der IKP aufgenommen und zum Führer der ersten regulären laotischen Kampfeinheit, der so genannten Rasavong-Brigade, ernannt.[13] Im Februar 1951 tagte der II. Parteitag der IKP. Er beschloss die Auflösung der Partei und die Neugründung ihrer vietnamesischen Sektion als Partei der Werktätigen Vietnams. Ein Beschluss über die Gründung einer eigenständigen laotischen Partei wurde verschoben. Von den 766 000 Mitgliedern der IKP waren kaum mehr als 2 000 in Laos organisiert, von denen wiederum nur 81 ethnische Lao waren.[14] Die übrigen Kader waren vorwiegend in Laos lebende Vietnamesen, die nach dem Genfer Abkommen von 1954 meist nach Nordvietnam übersiedelten. Unter diesen schwierigen Bedingungen verwundert es nicht, dass die Vorbereitungen für die Gründung einer eigenständigen laotischen kommunistischen Partei weitere vier Jahre in Anspruch nahmen. Vom 22. März bis 6. April 1955 fand in der von prokommunistischen Streitkräften kontrollierten Provinz Houa Phan[15] der Gründungsparteitag der Laotischen Volkspartei (LVP, Phak Pasason Lao) statt. Die Existenz der Partei wurde jedoch geheim gehalten und erst viele Jahre später enthüllt. Schenken wir der offiziellen Parteigeschichte Glauben, wählten 20 Delegierte, die knapp 400 Mitglieder vertraten, ein Zentralkomitee mit Kaysone Phomvihane als Generalsekretär und Nouhak Phoumsavan als seinem Stellvertreter.[16] Das Tandem Kaysone-Nouhak beherrschte die LVP, die erst 1972 in Laotische Revolutionäre Volkspartei (LVRP) umgetauft wurde, bis zu Kaysones Tod im November 1992. Die LRVP wirkte nach außen über ihre Frontorganisationen, vor allem über die 1956 ins Leben gerufene Naeo Lao Haksat (NLHS, Laotische Patriotische Front). Mit Hilfe der Frontorganisationen mobilisierte die Partei in der Zeit des bewaffneten Kampfes breite Bevölkerungsschichten. Unter dem Banner der nationalen Befreiung und der sozialen Emanzipation appellierte sie mit Geschick insbesondere an die von der königlichen Regierung vernachlässigte ländliche Bevölkerung und die zahlreichen ethnischen Minoritäten. Angehörige der Minderheiten, obwohl nur zwei Fünftel der Gesamtbevölkerung stellend,[17] füllten zu drei Vierteln die Reihen des Pathet Lao (Land Laos), wie die prokommunistischen Truppenverbände mitsamt ihres zivilen Apparates in den internationalen Medien landläufig hießen. In den Führungsgremien von Partei und Frontorganisationen waren die ethnischen Minderheiten hingegen unterrepräsentiert. Der HmongFührer Faidang Lobliayao und Sithon Kommadam, der Sohn eines Laven-Stammesfürsten aus Südlaos, blieben Ausnahmen.[18] An den drei laotischen Koalitionsregierungen der Jahre 1957, 1962 und 1973 beteiligte sich nicht die LRVP, deren Existenz im Verborgenen blieb, sondern die NLHS. Sie präsentierte sich als patriotische, der nationalen Einheit und Unabhängigkeit sowie dem sozialen Fortschritt verpflichtete Organisation. Ihr Aushängeschild war der eloquente Prinz Souphanouvong, der es aufgrund seiner Herkunft aus dem laotischen Königshaus mit Geschick verstand, die in der tieflandlaotischen Gesellschaft stark verwurzelten Patron-Klient-Beziehungen für die Sache der nationalen Befreiung zu nutzen. In allen drei Koalitionsregierungen waren Souphanouvong und der intellektuell gleichfalls bewegliche Chefideologe Phoumi Vongvichit als Minister vertreten. Sie waren gewissermaßen das Gesicht des Pathet Lao auch auf der internationalen Bühne. Die LRVP-Führer Kaysone und Nouhak zogen indessen im Hintergrund weiterhin die Fäden und bestimmten die politischen Richtlinien der Bewegung.[19] Der Erfolg dieser Strategie ließ nicht lange auf sich warten. Anders als im benachbarten Kambodscha, wo es dem charismatischen Prinzen Sihanouk frühzeitig gelang, die prokommunistische Volkspartei zu marginalisieren, gelang der NLHS schon 1958 ein beachtlicher Erfolg an den Wahlurnen. Nach der Legalisierung der Front im November 1957 und ihrer Regierungsbeteiligung wurden im Mai 1958 Nachwahlen für 21 von 59 Mandaten abgehalten. Von der Zersplitterung des Gegners profitierend, errang die NLHS im Bündnis mit der von Quinim Pholsena geführten linksneutralistischen Santiphap (Frieden) insgesamt 13 Parlamentssitze (davon 9 NLHS und 4 Santiphap).[20] Im Verlauf der 1960er Jahre konsolidierten die laotischen Kommunisten im Schulterschluss mit Nordvietnam ihre politische und militärische Kontrolle der östlichen Hälfte von Laos. Ende 1963 brach auch die zweite laotische Koalitionsregierung, in der Souphanouvong als Vizepremier und Minister für Wirtschaft und Planung vertreten war, zusammen. Zum Scheitern trug neben dem nur schwach ausgeprägten nationalen Verantwortungsbewusstsein der laotischen Elite vor allem die Eskalation des Krieges im benachbarten Vietnam bei. Die amerikanische Luftwaffe flog seit 1964 unablässig Einsätze gegen vermutete Stellungen und Nachschubwege des Pathet Lao und seiner nordvietnamesischen Verbündeten. Besonders der Südosten des Landes, wodurch ein wichtiger Abschnitt des Ho-Chi-Minh-Pfades verlief, und die strategisch wichtige »Ebene der Tonkrüge« wurden Schauplätze eines mit hohem Materialeinsatz geführten und bis 1970 geheim gehaltenen Bombenkrieges. Mehr als 200 000 Menschen verloren dabei ihr Leben, und ein Viertel der laotischen Bevölkerung wurde zu Flüchtlingen im eigenen Land.[21] Die Unterzeichnung des Pariser Abkommens für Vietnam im Januar 1973 beschleunigte die Verhandlungen zwischen den laotischen Konfliktparteien über die Wiederherstellung des Friedens in Laos. Noch im Februar des gleichen Jahres wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Eine paritätisch aus Pathet Lao und Nichtkommunisten gebildete Koalitionsregierung nahm im April 1974 ihre Tätigkeit auf. Ihre Erfolgsaussichten wurden jedoch von vornherein als gering bewertet, zumal die stark dezimierten neutralistischen Kräfte unter dem kränkelnden Souvanna Phouma[22] ihre Mittlerfunktion eingebüßt hatten. Die Eroberung Phnom Penhs durch die Roten Khmer am 17. April 1975 und der »Fall« Saigons zwei Wochen später ermunterten den Pathet Lao, der zu diesem Zeitpunkt bereits vier Fünftel des laotischen Territoriums beherrschte, auch in den Bevölkerungszentren entlang des Mekongtales allein die Macht zu übernehmen. In einer Kombination aus militärischem Druck und städtischen Massendemonstrationen erlangten die Kommunisten bis August den bestimmenden Einfluss in allen großen Städten. Ihre Gegner flüchteten zu Tausenden nach Thailand oder zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Am 2. Dezember 1975 schaffte ein Nationaler Kongress der Volksvertreter die Monarchie ab und proklamierte die Laotische Volksdemokratische Republik (LVDR). Erst jetzt trat die LRVP direkt an die Öffentlichkeit. Die Laoten und mit ihnen das Ausland erfuhren nun von der Existenz einer kommunistischen Partei und lernten deren wahre Führer kennen. Als Schlüsselfigur der Revolution offenbarte sich Parteichef Kaysone Phomvihane. Er war unter der breiten Masse der Bevölkerung, einschließlich der in den »befreiten Zonen« lebenden Menschen, kaum bekannt. Seinen Aufstieg zur unbestrittenen Autorität innerhalb der Partei verdankte Kaysone nicht zuletzt dem Umstand, dass er 1959/60 von Viang Say (Provinz Houa Phan) aus Partei und Armee erfolgreich reorganisierte, als die meisten anderen Pathet-Lao-Führer – einschließlich Souphanouvong und Nouhak – von rechtsgerichteten Militärs im Vientianer Stadtteil Phon Kheng vorübergehend in Haft gesetzt worden waren.[23] Die bereits in jungen Jahren errungene Führungsposition mag auch durch den Umstand verständlich werden, dass Kaysone in den Augen Hanois als absolut zuverlässiger Kader galt, der wie kein anderer die Ziele der laotischen Revolution mit den übergeordneten Interessen der »indochinesischen Solidarität« zu verknüpfen vermochte. Partei und Staat nach 1975 Die laotischen Kommunisten versuchten, die Radikalität des Bruches mit der monarchistischen Vergangenheit abzumildern, indem sie den abgedankten König zum Ratgeber von Staatspräsident Souphanouvong ernannten und auch mehreren Angehörigen des Königshauses zeremonielle Funktionen im neuen Staatswesen übertrugen. So avancierte Souvanna Phouma, der Premier des Ancien régime, zum Ratgeber des neuen Ministerpräsidenten Kaysone Phomvihane. Auch die Übernahme der alten, mit einigen Textänderungen versehenen Nationalhymne und der Lao-Itsala-Flagge von 1945 (weißer Vollmond auf blauem Grund, gesäumt von zwei roten Feldern) signalisierte Kontinuität. Die im Vergleich zu den Nachbarn Vietnam und Kambodscha in Laos unblutig verlaufene Machtübernahme der Kommunisten und eine relativ tolerante Haltung gegenüber dem buddhistischen Klerus haben das Klischee von einer »sanften Revolution« genährt. Dabei wird leicht der Umfang der politischen und sozialen Umwälzungen der Jahre 1976 bis 1980 unterschätzt. An der Spitze der LVDR steht der Staatspräsident (pathan pathet). Seine Aufgabenbereiche beschränken sich weitgehend auf repräsentative Pflichten, wenngleich Artikel 53, Absatz 3 der Verfassung ihm das Recht einräumt, den Ministerpräsidenten und andere Regierungsmitglieder mit anschließender Zustimmung der Nationalversammlung zu ernennen und zu entlassen.[24] Der erste Staatspräsident war bis 1991 Prinz Souphanouvong. Wegen schwerer Krankheit wurde er seit 1986 von Phoumi Vongvichit, innerhalb der LRVP für Kultur und Ideologie zuständig, vertreten. Nach dem V. Parteitag der LRVP wurde Regierungs- und Parteichef Kaysone Phomvihane neues Staatsoberhaupt, wobei er aber den Posten des Ministerpräsidenten an General Khamtay Siphandone, den Oberkommandierenden der Streitkräfte, abtrat. Als Kaysone am 21. November 1992 verstarb, folgte ihm sein Alter Ego Nouhak Phoumsavan als Staatsoberhaupt nach. Im Februar 1999 trat Nouhak aus Altersgründen zurück und machte dem zehn Jahre jüngeren Khamtay (geb. 1924) Platz. Wie einst Kaysone vereinte nun auch Khamtay das Amt des Staatspräsidenten mit dem des Parteivorsitzenden (letzteres seit Ende 1992). Zugleich war Khamtay auch Oberbefehlshaber der Armee. Die Wahl von Armeechef Choummaly Sainyasone (geb. 1936), einem engen Vertrauten Khamtays, zu dessen Nachfolger als LRVP-Generalsekretär und Staatspräsident (im Frühjahr bzw. Sommer 2006) hat dieses Arrangement weiter verfestigt. Die Legislative, die gegenwärtig aus 115 Abgeordneten zusammengesetzte Nationalversammlung, tagt in der Regel zweimal jährlich und wählt die Regierung. Die letzte Parlamentswahl fand am 30. April 2006 statt. Unter den 175 Kandidaten, darunter 40 Frauen, waren mehr als drei Viertel (133) ethnische Lao, »ein Spiegelbild der allgemeinen Marginalisierung vieler ethnischer Minderheiten«, wie Oliver Tappe in seiner Wahlanalyse feststellt.[25] Auch wenn die meisten gewählten Abgeordneten als Vertreter von Massenorganisationen kandidiert hatten, sind bis auf zwei Ausnahmen alle auch gleichzeitig Mitglieder der kommunistischen LRVP. Die Nationalversammlung wählt den Premierminister und die Regierung. Das Kabinett ist im Laufe des vergangenen Jahrzehnts stetig gewachsen und umfasst seit Juni 2006 unter dem für laotische Verhältnisse noch jungen Premier Bouasone Bouphavan (geb. 1954) insgesamt 28 Mitglieder, darunter 21 Minister und zwei Komiteevorsitzende im Ministerrang.[26] Seit Gründung der laotischen Volksrepublik wird die politische Macht von der LRVP monopolisiert. Ein von der Partei unabhängiger öffentlicher Raum besteht faktisch nicht. Wer in Laos politisch gestalten möchte, sieht sich zum Eintritt in die Partei gezwungen. Auch ein gesellschaftlicher Aufstieg ist ohne die Mitwirkung der LRVP schwer vorstellbar. Die Partei kontrolliert sogar den buddhistischen Mönchsorden (sangha) und selbst Besitzer mittlerer Wirtschaftsunternehmen benötigen die Patronage eines prominenten Parteimitglieds. Die Partei beruft sich wie die herrschenden Parteien in China und Vietnam auf den Marxismus-Leninismus; doch dies ist heutzutage kaum mehr als ein Lippenbekenntnis. Zwar werden pünktlich zu wichtigen nationalen Feiertagen wie dem Jubiläum der Staatsgründung (2. Dezember) oder den Jahrestagen der Gründung von Armee (20. Januar) und Partei (22. März) die Alleen der Hauptstadt Vientiane mit Nationalflagge und Parteifahne festlich geschmückt, aber ansonsten wird der aufmerksame Beobachter nur noch auf wenige Spuren kommunistischer Agitation stoßen. Die weitaus meisten Propagandatafeln haben die nationale Einheit und den wirtschaftlichen Fortschritt zum Thema. Die wenigen ins Lao übersetzten Werke der marxistisch-leninistischen Klassiker sind seit Mitte der 1990er Jahre fast vollständig aus öffentlichen Bibliotheken verschwunden. Der australische Historiker und Laos-Experte Martin Stuart-Fox charakterisiert Laos daher treffend als einen autoritären Ein-Parteien-Staat, »in which the Party presides over a relatively freemarket economy«[27]. Die LRVP durchdringt und beherrscht die drei Säulen des Staates: Regierung, Verwaltung und Armee. In all diesen Institutionen operieren Parteizellen, die dort Nachwuchs für die Partei werben. Auch die Massenorganisationen unterstehen der vollständigen Kontrolle durch die Partei. Es sind dies die Laotische Front für den Nationalen Aufbau (Naeo Lao Sang Sat), die Nachfolgeorganisation der Laotischen Patriotischen Front, sowie die Laotische Frauenorganisation, die Revolutionäre Jugendorganisation und der Laotische Gewerkschaftsverband.[28] Die Expansion der Parteiorganisation machte in den vergangenen drei Jahrzehnten beachtliche Fortschritte. Bei Proklamation der Volksrepublik zählte die Partei wahrscheinlich kaum mehr als 25 000 Mitglieder. Die Mitgliedstärke wuchs von Parteitag zu Parteitag kontinuierlich an (siehe Tabelle 1) und erreichte auf dem VIII. Parteitag im März 2006 den Höchststand von knapp 150 000 Mitgliedern. Damit sind inzwischen 2,5 Prozent der sechs Millionen Lao in der kommunistischen Partei organisiert. Dies ist zwar immer noch ein geringerer Anteil als in China (5 Prozent) und Vietnam (4 Prozent), jedoch ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den vorangegangenen Parteitagen. Tabelle 1:  Mitgliederentwicklung der Laotischen Revolutionären Volkspartei (LRVP)[29] Parteitag Jahr Zahl der Delegierten Zahl der Mitglieder Generalsekretär I. 1955 20 400 Kaysone Phomvihane II. 1972 125 20 000 Kaysone Phomvihane III. 1982 228 35 000 Kaysone Phomvihane IV. 1986 303 45 000 Kaysone Phomvihane V. 1991 367 60 000 Kaysone Phomvihane VI. 1996 381 78 000 Khamtay Siphandone VII. 2001 452 105 000 Khamtay Siphandone VIII. 2006 498 148 000 Choummaly Sayasone Die Zusammensetzung der auf dem VIII. Parteitag gewählten Gremien bot keine echten Überraschungen. Wie erwartet trat der inzwischen 82-jährige Parteichef Kamtay Siphandone von seinen Ämtern zurück, so dass für ihn und den verstorbenen Osakan Thammatheva zwei jüngere Politiker in das elfköpfige Politbüro nachrückten: Außenminister Somsavat Laengsavat (Rang 10) und Pany Yathothu (Rang 11) als einzige Frau und Vertreterin der Hmong-Minderheit. Auch das 55köpfige Zentralkomitee erfuhr nur geringe Veränderungen gegenüber dem vorangegangenen Parteitag im Jahre 2001. Für das Streben nach personeller und programmatischer Kontinuität spricht nicht nur die Wahl von Choummaly Sayasone zum neuen Generalsekretär, sondern auch die Ernennung des Khamtay-Protegé Bouasone Bouphaphan (Rang 7 im Politbüro) zum Regierungschef. Außerdem sitzen im Zentralkomitee der LRVP nun zwei Söhne des langjährigen Parteichefs Kaysone Phomvihane und ein Sohn von Khamtay Siphandone. Nach wie vor spielt die Laotische Volksarmee eine politische Schlüsselrolle; denn sieben der elf Mitglieder des Politbüros sind entweder aktive Militärs oder haben eine militärische Laufbahn durchlaufen. Opposition innerhalb des Landes Als der Pathet Lao im September 1973 die Bildung einer Koalitionsregierung mit der königlichen Regierung vereinbart hatte, erwartete er, dass diese Regierung eine Reihe von Jahren Bestand haben würde. Die laotischen Kommunisten wähnten die Zeit auf ihrer Seite. In einer längeren Übergangsphase hätte der Pathet Lao sein bislang illegales Organisationsnetz im dichter besiedelten Mekongtal ausbauen und unter der dort lebenden tieflandlaotischen Bevölkerung seinen politisch-ideologischen Einfluss systematisch stärken sollen. Der unerwartet rasche Zusammenbruch der antikommunistischen Regime in Kambodscha und Südvietnam im April 1975 zwang den Pathet Lao zur Beschleunigung eines Aktionsplans, der in der Ergreifung der »Volksmacht« gipfelte. Für eine feste Verankerung des Pathet Lao in den von königstreuen Kräften kontrollierten Zonen reichten die beiden Jahre zwischen Bildung der Koalitionsregierung und Proklamation der Volksrepublik aber nicht aus. Die anfängliche Begeisterung der laotischen Jugend über den Anbruch einer neuen Ära und die Erleichterung selbst vieler Kritiker des Pathet Lao über das Ende des innerlaotischen Bruderzwistes wichen sehr bald einer großen Ernüchterung. Abweichend von früheren Bekundungen forcierten die Kommunisten seit Herbst 1976 die Kollektivierung der Landwirtschaft, die sich ein Jahrzehnt später als ein Fiasko erwies und anschließend wieder rückgängig gemacht werden musste. Die Verstaatlichung des Handels traf vor allem das kleine sino-laotische Unternehmertum, deren Angehörige größtenteils die Flucht über den Mekong in das benachbarte Thailand antraten. Bereits vor dem 2. Dezember 1975 waren mehr als 50 000 Angehörige des alten Regimes – Militärs, Polizisten und zivile Beamte – mit ihren Familien nach Thailand geflohen. Die Sicherheitslage blieb in den ersten Monaten des Jahres 1976 prekär, da noch Reste der königlichen Armee und der mit ihnen verbündeten, vom CIA unterstützten Hmong-Truppen unter Vang Pao[30] im Untergrund operierten. Als politisch unzuverlässig eingeschätzte Personen wurden daher in geheimen Umerziehungslagern in der Provinz Houa Phan interniert, die man euphemistisch »Seminarzentren« nannte. Obwohl die meisten der 30 000 bis 50 000 »Seminarteilnehmer« bereits nach wenigen Wochen wieder entlassen wurden, dauerte für andere der unfreiwillige Aufenthalt bis zu 15 Jahren. Der letzte laotische König Savang Vatthana (geb. 1907), dem bei Gründung der Volksrepublik der rein symbolische und politisch völlig bedeutungslose Posten eines »Beraters« von Staatspräsident Souphanouvong verliehen worden war, lebte zunächst zurückgezogen mit seiner Familie im ehemaligen Königspalast von Luang Prabang. Im März 1977 wurde die Königsfamilie verhaftet und in ein Umerziehungslager gebracht, da die Kommunisten nach mehreren fehlgeschlagenen Attentaten auf Parteichef Kaysone Phomvihane fürchteten, der König könnte ein Symbol für einen antikommunistischen Volkswiderstand werden. Für viele Jahre war das weitere Schicksal der Königsfamilie ein absolutes Tabu in der laotischen Öffentlichkeit. Erst während eines Staatsbesuches in Frankreich im Dezember 1989 bestätigte Kaysone den Tod des Königs aufgrund seines hohen Alters. Glaubwürdigen Berichten zufolge soll Savang Vatthana jedoch am 13. Mai 1978 im »Lager Nr. 1« (bei Viang Say) an Unterernährung gestorben sein, nur neun Tage nach dem Tod seines Sohnes Kronprinz Say Vongsavang.[31] Eine weit verbreitete Furcht vor politischen »Seminaren« und die spürbare Verschlechterung der Lebensbedingungen ließen die Fluchtwelle in den Jahren 1976 bis 1980 dramatisch ansteigen. Ihren Höhepunkt erreichte der Exodus 1978, als nahezu 50 000 Tiefland-Lao ihrer Heimat den Rücken kehrten. Erst Anfang der 1980er Jahre kam der Exodus allmählich zum Versiegen. Zwischen Mai 1975 und April 1985 waren 309 700 laotische Flüchtlinge in Thailand registriert worden, darunter 115 500 Angehörige von Minderheiten, vor allem Hmong. Weitere 60 000 Personen, mehrheitlich ethnische Lao, tauchten ohne Registrierung durch den UNHCR in der thailändischen Gesellschaft unter.[32] Drei Viertel der  laotischen Flüchtlinge durften in so genannte Drittländer ausreisen. Die meisten von ihnen fanden in den USA eine neue Heimat. Der Verlust von einem Zehntel seiner Bürger durch Flucht ins Ausland innerhalb nur eines Jahrzehntes bedeutete für die LVDR zweifellos einen gewaltigen Aderlass, zumal vor allem die Angehörigen der städtischen Mittelschichten – Verwaltungsangestellte, Geschäftsleute, Ärzte und Ingenieure – das Land verließen. So sehr der Exodus Laos wertvolles Humankapital entzog, so erleichtert waren die kommunistischen Behörden über den Fortgang aktiver Regimegegner und ihrer Sympathisanten. Während realer und potentieller Widerstand unter den Tiefland-Lao bereits 1977 nahezu vollständig ausgeschaltet worden war, leisteten die Reste der Vang Pao loyal ergebenen Hmong-Truppen noch bis weit in das Jahr 1980 hinein im unwegsamen Hochland von Nordlaos Widerstand, der mit Unterstützung regulärer vietnamesischer Truppenverbände gebrochen werden musste. Dass bei diesen Kämpfen auf laotischer und vietnamesischer Seite auch Giftgas zum Einsatz kam, wie von Seiten der Hmong hartnäckig behauptet wurde, konnte nie bewiesen werden und wird von westlichen Experten bezweifelt.[33] Während des nationalen Befreiungskampfes hatten die laotischen Kommunisten eine umfangreiche militärische, politische, propagandistische und infrastrukturelle Hilfe von Seiten der Volksrepublik China und der Demokratischen Republik Vietnam (Nordvietnam) erhalten. Angesichts der Spannungen mit Thailand, das vor 1975 die antikommunistischen Kräfte in Laos unterstützt hatte, und des Wegfalls der amerikanischen Finanz- und Wirtschaftshilfen lag der enge Schulterschluss mit beiden sozialistischen »Bruderländern« im vitalen Interesse der LRVP. Die guten Beziehungen, die das Regime in Vientiane bis 1978 sowohl zu Beijing als auch zu Hanoi pflegte, beinhalteten indes nie eine strikte Äquidistanz. Dies wurde im Juli 1977 offenbar, als die laotische Regierung auf 25 Jahre einen »Vertrag über Freundschaft und Kooperation« mit der Sozialistischen Republik Vietnam abschloss. In diesem Vertrag wurden die »besonderen Beziehungen« und die »unverbrüchliche Solidarität« der Völker Indochinas hervorgehoben. Artikel 2 des Vertrages bildete die Grundlage für die Stationierung von mehr als 40 000 vietnamesischen Soldaten zur Abwehr »des Imperialismus und ausländischer reaktionärer Kräfte«[34]. Mitte 1978 verschlechterten sich die vietnamesisch-chinesischen Beziehungen dramatisch. Als im Februar 1979 chinesische Streitkräfte die vietnamesische Invasion in Kambodscha (Dezember 1978) durch eine »Strafexpedition« gegen Vietnam beantworteten, ergriff die laotische Führung – wenn auch zögernd – Partei für Hanoi und verurteilte den »chinesischen Hegemonismus und Expansionismus«.[35] Die politischen und wirtschaftlichen Folgen der offenen Parteinahme für Vietnam und des Bruches mit China wurden kompensiert durch eine verstärkte Hinwendung zur Sowjetunion und zum Comecon, der Laos einen Beobachterstatus einräumte. Innerhalb der LRVP war der provietnamesische und prosowjetische Kurs der Parteiführung kaum umstritten. Nur wenige Parteimitglieder wagten es, den Kurs grundsätzlich in Frage zu stellen. Im Gegensatz zu den Chinesen verfügten die Vietnamesen über ein dichtes Netz von Beratern in den laotischen Ministerien und auch auf der mittleren Verwaltungsebene. Dies erschwerte selbst behutsam vorgetragene Äußerungen, die als antivietnamesisch oder prochinesisch ausgelegt werden konnten. Wer dennoch auf seiner Kritik an dem Bündnis mit Hanoi beharrte, riskierte den Parteiausschluss oder die Entsendung in ein Umerziehungslager. Im Juli 1979 verließ der Herausgeber des Parteiorgans Siang Pasason (Stimme des Volkes) Sisanan Sayanouvong (Sainyanouvong) mit einigen anderen prochinesischen Parteimitgliedern Laos.[36] Ihm folgte im November 1981 Khamsaengkaeo Saengsathit, ein hoher Beamter im laotischen Gesundheitsministerium und Generalsekretär des laotischen Komitees der Organisation für afro-asiatische Solidarität. Sisanan und Khamsaengkaeo wurde in China politisches Asyl gewährt. Gemeinsam mit Kong Lae, dem Anführer des neutralistischen Putsches von 1960, organisierten sie von Yunnan aus Guerillaaktivitäten in der nordlaotischen Provinz Luang Namtha.[37] Doch Kong Laes Rückkehr nach Frankreich Ende 1983 signalisierte das militärische und politische Scheitern der Untergrundbewegung, die trotz logistischer Unterstützung aus China den laotisch-vietnamesischen Streitkräften nie ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten vermochte. Die Bewegung gewann offenbar auch keinen hinreichenden Rückhalt in der lokalen Bevölkerung. Im Jahre 1986 leitete der damalige Parteichef Kaysone unter dem Schlagwort chintanakan mai (Neues Denken) Wirtschaftsreformen ein, die neben einer Dekollektivierung der Landwirtschaft auch die Einführung marktwirtschaftlicher Mechanismen umfassten. Die ersten Reformerfolge, das Ende der sino-vietnamesischen Konfrontation und die verbesserten Beziehungen zwischen Vientiane und Bangkok entzogen dem militärischen Widerstand in Laos bis Ende der 1980er Jahre die Grundlage. Das Ende des Kalten Krieges, der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa und der Zerfall der Sowjetunion stellten die laotischen Kommunisten vor neue Herausforderungen. Während ein Leitartikel des Zentralorgans Pasason von Neujahr 1990 das zu Ende gegangene Jahr als »Albtraumjahr für den Sozialismus« bezeichnete[38] und die laotische Parteiführung das Tienanmen-Massaker vom Juni 1989 rechtfertigte, traf sich Anfang 1990 in Vientiane eine Gruppe von über 40 Intellektuellen zur Gründung eines »Sozialdemokratischen Klubs«. Dieser Klub stellte die Alleinherrschaft der LRVP in Frage, indem er nachdrücklich ein Mehrparteiensystem einforderte. Ähnliche Wünsche wurden von laotischen Studierenden in der ehemaligen DDR und Osteuropa erhoben.[39] Der Vizeminister für Wissenschaft und Technologie Thongsouk Saysangkhi stellte sich an die Spitze der Dissidenten und nannte in seinem offenen Rücktrittsgesuch an Ministerpräsident Kaysone die laotische Volksrepublik eine »kommunistische Monarchie«. Zu den Funktionären, die sich hinter Thongsouk stellten, gehörten Latsami Khamphoui, der Vizeminister für Wirtschaft und Planung, und Pheng Sakchittaphong, ein hoher Beamter aus dem Justizministerium. Die drei Politiker wurden im Oktober 1990 inhaftiert und im November 1992 zu Haftstrafen von jeweils 14 Jahren verurteilt. Die außergewöhnlich harten Urteile waren sicherlich dem Umstand zuzuschreiben, dass die Forderungen nach Demokratie, Meinungsfreiheit und einem Mehrparteiensystem nicht von »reaktionären« Anhängern des königlichen Regimes, sondern aus den eigenen Reihen kamen. Die Furcht der laotischen Führung vor einem Übergreifen des »osteuropäischen Bazillus« scheint 1990/91 durchaus real gewesen zu sein, wie Souphanouvongs damalige Bemerkung »Alles ist möglich.« verrät.[40] Anfang 1998 verstarb der Wortführer der Gruppe in einem Straflager in Houa Phan an unzureichender medizinischer Versorgung. Ungeachtet internationaler Appelle blieben Thongsouks Mitstreiter weiterhin in Haft, da sie sich weigerten, Reue zu zeigen und ihren demokratischen Idealen abzuschwören. Im Oktober 2004 wurden sie nach voller Verbüßung ihrer Strafen entlassen und durften zur medizinischen Behandlung nach Frankreich ausreisen.[41] Nach der Zerschlagung der parteiinternen Dissidentenbewegung von 1990/91 wurden fast ein Jahrzehnt lang in der Öffentlichkeit keine Positionen artikuliert, die das Machtmonopol der LRVP in Frage stellten. Korruption, soziale Missstände und die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise von 1997/98 auf die Lebensverhältnisse der breiten Massen führten zwar zu mannigfachen Unmutsbekundungen, die nicht nur im privaten Kreise, sondern auch öffentlich geäußert werden durften, doch zu einer fundamentalen Kritik am politischen System und der ihm zugrunde liegenden Ideologie kam es nur in seltenen Fällen. Am 26. Oktober 1999 hielt eine kleine Gruppe von Studenten und Dozenten der Nationalen Universität im Stadtzentrum von Vientiane eine friedliche Demonstration ab. In Spruchbändern verlangten die Demonstranten soziale Gerechtigkeit, die Bekämpfung der Korruption, demokratische Reformen und die Etablierung eines Mehrparteiensystems. Die drei Anführer der Gruppe wurden nach Angaben von Amnesty International zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.[42] Ein knappes Jahr später, im September 2000, bat der ehemalige Finanzminister Khamsay Souphanouvong, ein Sohn des »roten Prinzen«, in Neuseeland um politisches Asyl, doch dieser spektakuläre Schritt fand keinen besonderen Widerhall in der laotischen Öffentlichkeit.[43] In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre galt Laos als eines der sichersten Länder in Südostasien, insbesondere für die im Lande lebenden und arbeitenden Ausländer. In der Hauptstadt ebenso wie auf dem flachen Land war die Kriminalitätsrate niedrig, und Fremde hatten auf Reisen entlang der Nationalstraßen keine Überfälle zu befürchten. Das Gefühl von Ruhe und Sicherheit verschwand schlagartig am Abend des 30. März 2000, als eine Bombenexplosion das von Ausländern stark frequentierte Gartenrestaurant Khòpchai Doe (Herzlichen Dank!) erschütterte. Von einem vorbeifahrenden Motorrad aus war eine Plastikbombe über den Gartenzaun geschleudert worden. Unter den schwerer Verletzten befand sich auch ein deutscher Kurzzeitexperte, der umgehend zur medizinischen Versorgung in die nordostthailändische Stadt Udonthani transportiert werden musste.[44] Das nie aufgeklärte Attentat von Khòpchai Doe bildete den Auftakt zu einer Anschlagsserie, die bis Frühjahr 2001 andauerte. In dieser Zeit wurden nicht weniger als 14 Bombenattentate gezählt, von denen eines in der südlaotischen Provinzhauptstadt Pakse passierte. Planung und Durchführung der Anschläge waren meist dilettantisch; daher blieben glücklicherweise sowohl die Zahl der Todesopfer als auch der verursachte materielle Schaden gering. Insgesamt wurden vier Tote und mehr als 40 Verletzte beklagt.[45] Über die Hintergründe der Bombenanschläge gibt es unterschiedliche Hypothesen. Die laotische Regierung betrachtete die Attentate zunächst als das Werk krimineller Elemente und vermutete später als Drahtzieher nicht näher identifizierte »ausländische Kräfte«. Auch über Konflikte zwischen rivalisierenden Gruppen in der Geschäftswelt wurde spekuliert. Keines der Attentate war mit einer politischen Botschaft verbunden gewesen, auch gab es keine Bekennerschreiben. Außerdem gelang es den laotischen Sicherheitskräften nicht, einen oder mehrere Täter zu fassen und zu überführen. Dieses Unvermögen nährte die verwegene Hypothese, wonach zumindest einige der Anschläge von Kräften aus dem Sicherheitsapparat mit Billigung höchster Stellen geplant worden waren, um die Reformkräfte innerhalb von Partei und Regierung bloßzustellen und diese auf dem für März 2001 geplanten VII. Parteitag der LRVP entmachten zu können. Sogar über einen hinter den Kulissen stattfindenden Machtkampf zwischen der provietnamesischen Parteiführung und einer prochinesischen Reformfraktion um den fließend Mandarin sprechenden Außenminister Somsavat Laengsavat wurde gemutmaßt und mit der chinesischen Herkunft des aus Luang Prabang stammenden Somsavat begründet. In diese Argumentation spielte zudem ein regionalistisches Element hinein: Angeblich fühlte sich der am wachsenden Handel mit China profitierende Norden von den stärker mit Vietnam verbundenen südlichen Landesteilen benachteiligt.[46] Doch der am 12. März 2001 eröffnete VII. Parteitag offenbarte keinerlei Anzeichen für die vermuteten innerparteilichen Risse. Er verlief in gewohnter Harmonie und war auf personelle Kontinuität ebenso bedacht wie fünf Jahre später der VIII. Parteitag (18. bis 21. März 2006).[47] Die laotische Regierung hatte die Reisesaison 1999/2000 zum »Visit Lao Year« erkoren. Ziel war die Förderung des Tourismus als wesentlicher Wirtschaftssektor. Die Bombenattentate zielten zumeist gegen auch von Touristen frequentierte Orte wie Restaurants, Hotels, Busbahnhöfe und Märkte. Eine Verunsicherung westlicher Touristen und der im Lande lebenden ausländischen Experten mag durchaus ein plausibles Motiv für die Anschläge gewesen sein und war – zumindest vorübergehend – eine ihrer unmittelbaren Folgen. Bis heute bleibt umstritten, inwieweit die Attentatsserie in Vientiane als Ausdruck einer »widespread desparation among the population at large over deteriorating economic and social conditions« zu werten ist, wie Bertil Lintner meint,[48] oder doch eher von Kräften betrieben wurde, die vom benachbarten Thailand aus agierten. Für letztere Hypothese spricht der Umstand, dass unter den mehr als 30 Rebellen, die im Juli 2000 vom thailändischen Chong Mek (Provinz Ubon Ratchathani) aus den laotischen Grenzposten Wang Tao vorübergehend besetzten, elf thailändische Staatsbürger laotischer Herkunft waren. Die Rebellen hatten in Wang Tao mehrere Regierungsgebäude besetzt und die alte laotische Königsfahne gehisst. Laotischen Sicherheitskräften gelang nach wenigen Stunden die Rückeroberung des Grenzpostens. Bei den 28 nach Thailand entkommenen und dort festgenommenen Rebellen wurde umfangreiches Propagandamaterial sichergestellt, das auf eine Verwickelung royalistischer Exilkreise hinwies.[49] Tatsächlich hatte der in Frankreich residierende Prinz Soulivong Savang, der älteste Enkelsohn von König Savang Vatthana, in einem unmittelbar nach dem Überfall Radio France International gegebenen Interview die politischen Ziele der Rebellen – wie die Wiederherstellung der Monarchie – nachdrücklich unterstützt. Seine spätere Distanzierung von jeglicher Gewaltanwendung zur Durchsetzung politischer Ziele wurde von Beobachtern als wenig glaubwürdig eingeschätzt.[50] Eine direkte Verbindung zwischen der royalistischen Exilopposition in Frankreich und den USA und den Bombenattentätern in Laos, möglicherweise über Mittelsmänner in Thailand, konnte bislang nicht bewiesen werden, wäre aber eine durchaus plausible Erklärung für die Attentatsserie. Perspektiven Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Macht ist die führende Rolle der LRVP in Staat und Gesellschaft unangefochten. Marxismus-Leninismus und »demokratischer Zentralismus« bilden nach wie vor das ideologische und organisatorische Scharnier der Partei, auch wenn die Lehren der kommunistischen »Klassiker« in den offiziellen Verlautbarungen wie in der konkreten politischen Praxis nur noch eine marginale Rolle spielen. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die die Einheit von Partei, Staat und Armee in Frage stellen könnten, existieren nicht.[51] Auch besteht im ländlich geprägten Laos, das den niedrigsten Alphabetisierungsgrad in ganz Südostasien besitzt, kein städtisches intellektuelles Milieu, das wie in Osteuropa den Humus für eine Dissidentenbewegung bilden könnte. Die diversen exillaotischen Oppositionsgruppen, die teilweise eigene Internet-Webseiten unterhalten, finden im Lande selbst keine erkennbare Resonanz.[52] In dieser Konstellation können grundlegende Veränderungen im politischen System letztlich nur durch Kräfte innerhalb der LRVP initiiert werden. Derartige Veränderungen sind aber nur auf lange Sicht zu erwarten; denn sie werden entscheidend von politischen Prozessen in den kommunistisch regierten Nachbarländern China und Vietnam bestimmt. Ungeachtet der heute wieder als herzlich zu bezeichnenden Beziehungen zwischen Laos und China auf Partei- und Regierungsebene kommt dem Verhältnis zu Vietnam unverändert eine Schlüsselbedeutung zu.[53] Die erste Generation laotischer Kommunisten hatte ihre politische Sozialisation in engster Zusammenarbeit mit den vietnamesischen Kommunisten erfahren. Sie war sich bewusst, dass ohne die Unterstützung durch Hanoi der Sieg im Bürgerkrieg und die Konsolidierung der politischen Macht in den schwierigen Anfangsjahren der Volksrepublik kaum möglich gewesen wären. Auch die in Führungspositionen nachwachsenden Generationen bleiben mit Vietnam durch vielfältige Austauschprogramme – auf den Gebieten der Politik, des Militärs, der Kultur und der Bildung – eng verbunden. Solange die vietnamesische Partei an ihrem Machtmonopol festhält, wird die LRVP aller Voraussicht nach keine Veranlassung sehen, ihre Haltung in dieser zentralen Frage zu revidieren. Zu erwarten ist allenfalls eine weitere ideologische Aufweichung der Partei durch die seit Mitte der 1990er Jahre zu beobachtende Wiederbelebung nationaler Traditionen, wie sie u. a. in einer Neubewertung »progressiver« laotischer Könige der Lan- Sang-Epoche und der staatlichen Förderung buddhistischer Institutionen zum Ausdruck kommt.[54] Die Umformung der LRVP in eine primär nationalistische Partei würde allerdings die ethnischen Minderheiten, die mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen, marginalisieren und die Einheit des Landes gefährden.[55] [1] * Ich danke Herrn David Thanadabouth, Chef der laotischen Sektion von Radio France Internationale, für wertvolle Hintergrundinformationen über die Strukturen laotischer Exilorganisationen. Für hilfreiche Anregungen möchte ich ferner Oliver Tappe (Münster) danken. 1 Die Auswirkungen der Globalisierung auf Laos wird unter Heranziehung der soziologischen Theorien Pierre Bourdieus untersucht in Rehbein, Boike: Globalisierung in Laos. Transformation des ökonomischen Feldes, Münster 2004. Zu einer prägnanten Einschätzung der Entwicklungen in den vergangenen drei Jahrzehnten siehe Weggel, Oskar: Auferstanden aus Ruinen? – Die Laotische Demokratische Volksrepublik wird 30 Jahre alt, in: Südostasien aktuell 2006, H. 1, S. 31–43. [2] Pavatsat phak pasason pativat lao (dòi sangkhep) [Geschichte der Laotischen Revolutionären Volkspartei (Kurzfassung)], Vientiane 1997. [3]  Zur Frühphase der Indochinesischen Kommunistischen Partei siehe u. a. Pike, Douglas: History of Vietnamese Communism. Washington 1977, S. 10 ff.; Marr, David: Vietnamese Tradition on Trial, 1920–1945, Berkeley 1981, S. 368–400; Pham Hong Tung: Die Politisierung der Massen in Vietnam 1925–1939, Berlin 2002, S. 247–287. [4]  Der erste ethnische Lao, der 1934 in die Reihen der IKP aufgenommen wurde, war ein gewisser Khamsaeng (1913 bis 1963), ein niederer Beamter aus der zentrallaotischen Stadt Thakhaek. Zu Angaben über seine Person siehe Stuart-Fox, Martin: Historical Dictionary of Laos, 2. Aufl. Lanham, MD/London 2001, S. 152; Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2), S. 21. Siehe Stuart-Fox, Martin: Laos. Politics, Economics and Society, London 1986, S. 16. [5]  Im Jahre 1940 betrug der vietnamesische Anteil an der Bevölkerung der wichtigsten Städte – deren jeweilige Einwohnerzahl zwischen ca. 10 000 (Thakhaek) und 40 000 (Vientiane) Einwohner betrug – wie folgt: Vientiane: 53 Prozent, Pakse: 62 Prozent, Savannakhet: 80 Prozent, Thakaek: 85 Prozent und Luang Prabang: 30 Prozent. 1937 waren nur 54 Prozent der 286 Posten in der höheren und mittleren Kolonialverwaltung (mit Ausnahme des Protektoratsstatus besitzenden Luang Prabang) von ethnischen Lao besetzt. Siehe Stuart-Fox, Martin: A History of Laos, Cambridge 1997, S. 51 f. [6]  Die politischen Entwicklungen in Laos, die in die Unabhängigkeitsdeklaration vom Oktober 1945 mündeten, werden eindrucksvoll geschildert von Prinz Pethsarats persönlichem Sekretär Maha Sila Viravong in: Prinz Phetsarat: Ein Leben für Laos. Übers. u. hrsg. von Volker Grabowsky, Münster/Hamburg/London 2003, S. 111–144. [7]  Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2), S. 46. [8]  Eine konzise biographische Würdigung des »roten Prinzen« gibt Gunn, Geoffrey C.: Prince Souphanouvong: Revolutionary and Intellectual, in: Journal of Contemporary Asia 1992, H. 1, S. 94–103. Bernhard Dahm hält es im Hinblick auf Souphanouvongs spätere politische Radikalisierung für bedeutsam, dass seine Mutter – anders als die seiner älteren Halbbrüder Phetsarat und Souvanna Phouma – lediglich eine Nebenfrau des in Luang Prabang residierenden Vizekönigs Boun Khong war. Siehe Dahm, Bernhard: Die kommunistischen Bewegungen in Vietnam, Laos und Kambodscha, in: Draguhn, Werner/Schier, Peter: Indochina. Der permanente Konflikt?, Hamburg 1981, S. 61. [9]  Stuart-Fox, Martin: Buddhist Kingdom Marxist State, Bangkok 1986, S. 54. [10]  Aufschlüsse zum Werdegang des jungen Phoumi Vongvichit bietet dessen Autobiographie Khouam songcham khòng sivit hao [Meine Lebenserinnerungen], Vientiane 1987, S. 1–18. [11]  Zu den Biographien der beiden anderen Revolutionsführer siehe Stuart-Fox: Historical Dictionary (Anm. 4), S. 281 f. u. 299 f. [12]  Ebenda, S. 222 f. [13]  Ebenda, S. 143 f. Die Brigade wurde nach einem Sohn des laotischen Königs Chao Anu benannt, der im laotisch-siamesischen Krieg von 1826 bis 1828 mit wenigen Getreuen der Einkesselung und Gefangennahme durch den Feind entkommen konnte und im Gedächtnis der geschlagenen Lao als Freiheitsheld weiterlebte. [14]  Ebenda, S. 134. [15]  In Genf war die Provinz Houa Phan, auch Sam Neua genannt, ebenso wie die an China grenzende Provinz Phong Saly den Pathet Lao als Sammlungs- und Umgruppierungsgebiet zugestanden worden. [16]  Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2), S. 96. [17]  Dem Zensus von 1995 zufolge waren 52,5 Prozent der Bevölkerung ethnische Lao, weitere 13,7 Prozent waren Angehörige anderer taisprachiger Gruppen (wie Phuthai, Lü und Nyuan). Somit gehörten 66,2 Prozent der Bevölkerung zur politisch dominanten Gruppe der »Tiefland-Lao« (Lao Loum). Allerdings umfasst die Kategorie »Lao« auch die teilweise schon seit mehreren Generationen in Laos lebenden, urban geprägten und meist bilingualen Minderheiten der Vietnamesen und Chinesen (ca. 3 bis 4 Prozent der Gesamtbevölkerung). Ferner besteht für Angehörige ethnischer Minderheiten, die in einem städtischen Milieu leben, ein nicht unerheblicher Assimilierungsdruck, der bei der Interpretation der Zensusergebnisse zu berücksichtigen ist. Zu den Ergebnissen der Volkzählung von 1995 siehe State Planning Committee, National Statistical Office: Results from the Population Census 1995, Vientiane 1997. Einige in Laos arbeitende westliche Ethnologen schätzen die Gesamtstärke der nicht zur Sprachfamilie der Tai-Kadai zählenden ethnischen Gruppen (ohne Chinesen und Vietnamesen) auf ungefähr 40 Prozent. Unter ihnen sind die Khmu und die Hmong die größten Volksgruppen. Siehe Chazee, Laurent: Atlas des ethnies et des sous-ethnies du Laos, Vientiane 1995, S. 15 f.   [18]  Für neuere Darstellungen der innerlaotischen Auseinandersetzungen der Jahre 1955 bis 1973 siehe Stuart-Fox: A History (Anm. 5), S. 81–151; Evans, Grant: A Short History of Laos. The Land in Between, Bangkok 2002, S. 98–165; Schultze, Michael: Die Geschichte von Laos. Von den Anfängen bis zum Beginn der neunziger Jahre, Hamburg 1994, S. 132–173. [19]  Zu Organisationsstruktur und Entwicklung des Pathet Lao siehe u. a. Zasloff, Joseph J.: The Pathet Lao. Leadership and Organization. Lexington, Mass. 1973; Brown, MacAlister/Zasloff, Joseph J.: Apprentice Revolutionaries. The Communist Movement in Laos, 1930–1985, Stanford, CA 1986. [20]  Laut Deuve hatten der NLHS und seine Verbündeten »keine einzige Stimme verschenkt«. Aufgrund der hoffnungslosen Zersplitterung der Opposition und eines die relativ stärkste Kraft begünstigenden Mehrheitswahlrechts errangen die prokommunistischen Kräfte nahezu zwei Drittel der neu zu besetzenden Parlamentssitze, obwohl ihre Kandidaten insgesamt nur ein Drittel der Stimmen auf sich vereinigten. Wie Deuve feststellt, stimmte ein großer Teil dieser Wähler bewusst für die Linke. Eine weit verbreitete Unzufriedenheit über Korruption und den Missbrauch amerikanischer Hilfsleistungen durch die herrschende Administration hatte der NLHS Symphatisanten zugeführt. In Vientiane hatte Prinz Souphanouvong als NLHS-Kandidat 16 000 von 30 000 Stimmen errungen, was das beste Ergebnis in einer Wahl war. Siehe Deuve, Jean: Le Royaume du Laos, 1949–1965. Histoire événementielle de l’indépendence à la guerre américaine, Paris 1984, S. 110. Zu den Wahlergebnissen im Detail siehe die Statistiken bei ebenda, S. 300 f. [21]  Stuart-Fox: A History (Anm. 5), S. 144. [22]  Prinz Souvanna Phouma (1901 bis 1984) war der dritte Sohn von Vizekönig Boun Khong und Prinzessin Thongsy. Er war ein jüngerer Bruder von Prinz Phetsarat und der ältere Halbbruder von Prinz Souphanouvong. Wie seine Brüder wirkte er aktiv in der Lao-Itsala-Bewegung und war von 1956 bis 1958 Ministerpräsident von Laos. Nach dem zweiten Genfer Abkommen von 1962 wurde der neutralistisch gesinnte Souvanna Phouma erneut Premierminister und trat erst bei Machtergreifung der Kommunisten Ende 1975 von diesem Amt zurück. Zu einer konzisen Biographie des Prinzen siehe Stuart-Fox: Historical Dictionary (Anm. 4), S. 307–310. [23]  Die Inhaftierung der in Vientiane lebenden Pathet-Lao-Führer im Juni 1959 und ihre Flucht im Mai 1960, ermöglicht durch die Hilfe von Teilen der Wachmannschaften, werden in einem offiziellen kommunistischen Geschichtswerk in allen Einzelheiten geschildert. Siehe Ministerium für Information und Kultur: Pavatsat Lao Doekdamban–Pachuban [Geschichte von Laos von den Anfängen bis zur Gegenwart], Vientiane 2000, S. 876 f. [24]  Latthathammanun haeng sathalanalat pasathipatay pasason lao [Die Verfassung der Laotischen Volksdemokratischen Republik], Vientiane 1991, S. 1. [25]  Tappe, Oliver: Kontinuität und Konsolidierung. Laos zwischen Parteikongress und Parlamentswahlen, in: Südostasien 2006, H. 3, S. 13–16. [26]  Khaosan Pathet Lao, in: <http://www.kpl.net.la/english> am 26. September 2006. [27]  Stuart-Fox, Martin: Politics and Reform in the Lao People’s Democratic Republic (= Working Paper No. 126, Murdoch University), Perth 2005, S. 11. [28]  Für eine ausführliche Darstellung der Aufgaben der laotischen Frontorganisationen siehe Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 84–91. [29]  Quellen: Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2); Freeman, Nick J.: Laos. Sedately Seguing into the Twenty-first Century, in: Southeast Asian Affairs 2002, S. 145; Khaosan Pathet Lao (2006); in: <http://www.kpl.net.la/asenbly%20review/eng/edu8%2019306.htm> [30]  Während eine Minderheit der Hmong unter Faidang Lobliayao sich den Pathet-LaoStreitkräften anschloss, unterstützte wahrscheinlich eine Mehrheit unter dem aus Siang Khouang stammenden früheren Polizeioffizier Vang Pao (geb. 1931) die königlich-laotische Regierung. Mit Geldern der CIA rekrutierte Vang Pao eine »Geheimarmee« der Hmong, die ü ber eine hohe Kampfmoral verfügte und das militärische Rückgrat der Regierungsseite bildete. Nach dem kommunistischen Sieg von 1975 hielt die amerikanische Regierung ihr Versprechen, Vang Paos Kämpfern und ihren Familien eine neue Heimstätte in den USA zu geben. Mehr als 120 000 von ursprünglich 300 000 laotischen Hmong verließen Laos nach dem Sieg des Pathet Lao. Zwei Drittel von ihnen sind heute amerikanische Staatsbürger. Die Mehrheit der heute ca. 150 000 amerikanischen Hmong lebt in Minnesota, wo sie ein wichtiges Segment im Elektorat dieses Bundesstaates bilden. Siehe Stuart-Fox: Historical Dictionary (Anm. 4), S. 127 f. u. 341 f.   [31]  Königin Khamboui verstarb am 12. Dezember 1981. Auch ihr Schicksal wurde von Regierungsseite niemals offiziell bestätigt. Zum Schicksal der Königsfamilie siehe Laos – »seminar camps« and the death of King Savang Vatthana, Laos, in: <http://www.exploitz.com/Laosquotseminar-Campsquot-And-The-Death-Of-King-Savang-Vatthana-cg.php> am 30. September 2006. [32]  Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 53 [33]  Für eine derartige Skepsis siehe Evans, Grant: The Yellow Rainmakers: Are Chemical Weapons Being Used in Southeast Asia?, London 1983. Schätzungen der Hmong-Diaspora zufolge sollen sich bis heute etwa 15 000 bis 20 000 Hmong im laotischen Bergland versteckt halten. In der bis April 2006 für Ausländer gesperrten Sonder-Militärzone Saisombun nördlich von Vientiane sollen Reste der geschlagenen Hmong-Rebellen noch bis vor wenigen Jahren dem laotischen und vietnamesischen Militär erbitterten Widerstand geleistet haben. Erst im Januar 2003 hatten amerikanische Journalisten ein geheimes Dschungelcamp der Hmong in der Provinz Siang Khouang besucht und waren anschließend von laotischen Sicherheitskräften gefangen genommen worden. Die laotische Regierung bestreitet eine Unterdrückung der Hmong-Minorität und weist auf den im Vergleich zu anderen Minderheiten hohen Anteil von Hmong im politischen und gesellschaftlichen Leben des Landes hin. Siehe u. a. Die Hmong – noch immer gehetzt vom Vietnamkrieg, in: Neue Züricher Zeitung vom 7./8. Oktober 2006. [34]  Schultze: Die Geschichte von Laos (Anm. 18), S. 178. [35]  Im Gegensatz zu Vietnam hatte die laotische Regierung die diplomatischen Beziehungen mit der Regierung des Demokratischen Kampuchea bis zum Sturz des Pol Pot-Regimes (7. Januar 1979) nicht abgebrochen, obwohl die bilateralen Beziehungen zwischen Vientiane und Phnom Penh während des Jahres 1978 durch gelegentliche Grenzprovokationen der Roten Khmer gespannt waren. [36]  Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 92. [37]  Chanda, Nayan: A Defector’s Designs, in: Far Eastern Economic Review vom 26. März 1982, S. 44. Siehe Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 95. Die prochinesische Laotische Sozialistische Partei (Phak Sangkhom Ninyom Lao), die in den Jahren 1978 bis 1980 in Paris die bilinguale (laotisch-französische) Zeitschrift Sai Maenam Khòng (Strom des Mekong) herausgab, war für die chinesische Führung von geringem Interesse. Die ideologisch am Maoismus orientierte Gruppe, die vehement das Bündnis der »Kaysone-Clique« mit dem »sowjetischen Sozialimperialismus« verurteilte, bemühte sich, auch buddhistische Traditionalisten für eine antivietnamesische patriotische Front zu gewinnen. Siehe z. B. die diversen, dem Autor vorliegenden Beiträge in: Sai Maenam Khòng vom Juli 1978. [38]  Asia 1991 Yearbook (Far Eastern Economic Review), Hongkong 1992, S. 149. [39]  Eine ausführliche Würdigung der Protestaktionen laotischer Studenten in Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetuniuon gegen die Verhaftung der innerparteilichen Dissidenten im Juli/August 1991 findet sich in Norindr, Chou: Laos in the Deadlock. Would Socialism Survive?, in: Indochina Report 1992, H. 20, S. 5. Als Antwort auf die studentischen Proteste holte die Regierung 50 laotische Studierende aus der Sowjetunion und der Tschechoslowakei zurück. Es heißt, dass sie wegen ihrer politischen Haltung zeitweilig eine politische Umerziehung erhielten. [40]  Chronology for Hmong in Laos, in: <http://www.cidcm.umd.edu/inscr/mar/chronology.asp? groupId=81201> [41]  Amnesty International Report 2005–Laos, in: <http://www.unhcr.org/cgi-bin/texis/vtx/ rsd/rsddocview. html> am 25. September 2006. [42]  Amnesty International berichtet, dass einer der drei Inhaftierten 2001 an den Folgen der Folter verstorben sein soll. Siehe Amnesty International Report 2006 – Laos: <http://www.unhcr.org/ cgi-bin/texis/vtx/rsd/rsddocview.html>. Siehe auch Simulacre de procès pour Thongpaseuth Keuakoun et ses amis!, in: <http://mldh-lao.org/MLDH_Communique_proces _5_leaders_du_01_avril_2003.htm> am 25. September 2006. [43]  Khamsay verlor seinen Posten als Finanzminister im März 1995, nur wenige Monate nach dem Tode seines Vaters, dessen revolutionäre Dienste in der Folgezeit von der Parteiführung herabgewürdigt wurden. Die damit verbundenen Kränkungen mögen Khamsays innerliche Distanzierung vom herrschenden Regime beschleunigt haben. Siehe Lintner, Bertil: Laos: Signs of Unrest, in: Southeast Asian Affairs (Singapur) 2001, S. 179. [44]  Der Autor dieses Artikels hielt sich wenige Stunden vor dem Anschlag in unmittelbarer Nähe des Tatortes auf. Ein deutscher Bekannter, der Augenzeuge des Anschlages wurde, erläuterte ihm am Tag danach den Tathergang. [45]  Zu den Hintergründen der Bombenanschläge in Laos siehe u. a. Vientiane launches security crackdown after blast, in: Bangkok Post vom 31. Mai 2000; Bombs weaken Lao government credibility, in: The Nation vom 5. Juni 2000; Bomb blast in Pakse hotel lobby leaves 10 wounded, in: Bangkok Post vom 6. Juni 2000; One dead, 12 hurt in latest Vientiane bomb, in: The Nation vom 7. Juni 2000; Lao government vows to eliminate bombers, in: The Nation vom 9. Juni 2000; In Laos ist die Ruhe vorbei, in: Die Tageszeitung vom 2. August 2000. [46]  Behind the Bombing, in: Far Eastern Economic Review vom 27. Juli 2000. [47]  Zu den Ergebnissen des VIII. Parteitages siehe die Informationen der offiziellen laotischen Nachrichtenagentur Khaosan Pathet Lao (KPL), in: <http://www.kpl.net.la/english/service. htm> am 24. September 2006. [48]  Lintner: Laos (Anm. 43), S. 180. [49]  Thais involved in border raid, in: Bangkok Post vom 4. Juli 2000; Bordering on the ridiculous, in: Bangkok Post vom 9. Juli 2000. Die auf thailändisches Gebiet geflüchteten 16 laotischen Staatsbürger scheiterten 2002 mit ihrem Antrag auf Schutz durch den UNHCR; sie wurden im Juli 2004 an die laotischen Behörden ausgeliefert. Siehe Vientiane Dissidents. Thailand deports 16 to Laos, in: The Nation vom 7. Juli 2004. Einem anderen Bericht zufolge soll Sisouk Sainyasaeng alias Narong Suwanbuppha, ein Exillaote mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, der Chefplaner des Überfalls auf die Zollstation Vang Tao gewesen sein. Der mit einer aus Ubon Ratchathani stammenden Thai verheiratete Sisouk ist Führer einer Organisation namens Free Democratic People’s Government of Laos. Um seinen Geldgebern in den USA die Leistungskraft seiner Organisation unter Beweis zu stellen, sei der Überfall verübt worden, so lautet eine nicht verifizierbare These. Siehe Raid was a bid to revive revolt, in: Bangkok Post vom 5. Juli 2000. Auch hinter einem Anschlag auf das Siegesmonument (patou say) im Zentrum von Vien tiane im Oktober 2003 wurde Sisouks Organisation vermutet. Siehe eine Meldung der AFP vom 30. Oktober 2003. Die laotischen Behörden versuchten indes die Auswirkungen des Bombenattentats, das keine Opfer kostete, auf das bevorstehende buddhistische That Luang-Fest herunterzuspielen. Siehe Vientiane Times vom 4.–6. November 2006.   [50]  Thanadabouth, David: The Exiled Lao Royal Family and the Vangtao Incident, Radio France Internationale (Lao language section) vom 24. Juli 2000. [51]  Stuart-Fox, Martin: Politics and Reform (Anm. 27), S. 28 f. [52]  In den USA beheimatete Oppositionsgruppen, die vorgeben, Anhänger in Laos rekrutiert zu haben, sind die Lao Citizens Movement for Democracy, die von Hmong dominierte Fact Finding Commission (http://www.factfinding.org/media) und die von ehemaligen Offizieren der königlich-laotischen Armee gegründete Liberal Democratic Movment and Freedom Fighters in California (http://www.angelfire.com/in/Laos). Siehe Thayer, Carlyle A.: Laos in 2003. Counterrevolution Fails to Ignite, in: Asian Survey 2004, H. 1, S. 111 f. [53]  Die politische Ikonographie der laotischen Kommunisten, wie sie z. B. in der Darstellung der Partei- und Regierungsbeziehungen zwischen Laos und seinen beiden kommunistischen Nachbarn im Nationalmuseum von Vientiane sichtbar wird, lässt an der Vorrangstellung Vietnams keinen Zweifel. [54]  Im Januar 2003 wurde eine vier Meter hohe Statue des Reichsgründers von Lan Sang, König Fa Ngum (reg. 1353 bis 1373), auf einem dem Hotel Novotel vorgelagerten Platz errichtet. Siehe Freeman, Nick J.: Laos. Exiguous Evidence of Economic Reform and Development, in: Southeast Asian Affairs (Singapur) 2004, S. 129. Die Errichtung weiterer Statuen für »patriotische Könige« ist in Planung. Zu Einzelheiten über die geschichtspolitische Instrumentalisierung der monarchischen Vergangenheit von Laos durch die LRVP siehe Grabowsky, Volker: Becoming Lao: Projection and Reconstruction of Lao National Identity. Manuskript eines Vortrages gehalten auf dem IIAS (International Institute of Asian Studies) workshop »Nationalism in Mainland Southeast Asia«, Amsterdam am 17. Oktober 2005. [55]  In einer Presseerklärung vom 25. Mai 2006 kritisiert der von ethnischen Lao dominierte und in Frankreich beheimatete Mouvement Lao pour les Droits de l’Homme (MLDH), dass die Repräsentanz der Hmong in der im April 2006 gewählten neuen Nationalversammlung mit sechs von 115 Abgeordneten (5,2 Prozent) gegenüber der vorangegangenen Legislaturperiode, als von 109 Abgeordneten noch 10 Hmong (9,2 Prozent) waren, deutlich zurückgegangen sei. Siehe <www.mldh-lao.org/communiques.htm> am 30. September 2006. 

JHK 2007

Tod dem Roten Terror! Antikommunismus, gesellschaftlicher Konsens und Widerstand in Lettland 1943 bis 1946

Björn M. Felder

Feste Schläge hämmerten am Abend des 30. Oktober 1945 gegen die Haustür. Verschreckt öffnete der Leiter der Fischerbrigade des lettländischen Küstenortes Pilsberg (Jūrkalne). Der Fischer ahnte nichts Gutes, kannte er doch die willkürliche Gewalt der neuen sowjetischen Besatzer, die im Mai 1945 die männlichen Bewohner Kurlands kollektiv in so genannte »Filtrationslager« gesperrt hatten: Viele wurden dort misshandelt, tausende von dort nach Osten deportiert. Ein Trupp schwer bewaffneter Rotarmisten stürmte das Haus. Der Truppführer, ein Offizier in der Uniform der sowjetischen Staatssicherheit NKVD, schrie auf den Fischer in Russisch ein, ein Soldat übersetzte: Dies sei eine streng geheime Sonderoperation gegen »faschistische Banditen« – gemeint waren antisowjetische Partisanen. Er solle sofort ein Boot klarmachen, mit ausreichend Sprit versehen und die Soldaten aufs Meer fahren. Der Brigadeleiter folgte den Anweisungen. Wenig später schob sich das Boot mit dem Namen »Irbīte« an den Barrikaden vorbei, die den Hafen versperren und nahm Kurs auf das offene Meer. Erste Zweifel kamen dem Fischer, als sie weiter ab am offenen Strand weitere Menschen aufnahmen und der NKVD-Offizier anschließend befahl, nach Westen zu steuern. Am nächsten Morgen hatte die »Irbīte« die Ostsee überquert und die schwedische Insel Gotland erreicht.[1] Die Mitglieder der vermeintlichen NKVD-Spezialeinheit waren tatsächlich antisowjetische Partisanen. Sie waren Mitglieder der Organisation der lettischen Nationalpartisanen (Latvijas Nacionālo partizaņu organizācija, LNPO), der größten Vereinigung von Widerstandskämpfern in Kurland. Für mehrere der 17 Passagiere bedeutete die Überfahrt die Flucht in den freien Westen. Die LNPOMitglieder kontaktierten in Schweden den Lettischen Zentralrat (Latvijas Centrālā padome, LCP), um weitere Widerstandsaktionen zu koordinieren. Der Krieg in Europa war zwar offiziell zu Ende, doch im von Stalin eroberten Mittelosteuropa ging der bewaffnete Konflikt weiter. Zahlreiche Widerstandsgruppen widersetzten sich den neuen sowjetischen Herrschern. Vom Baltikum über die Ukraine bis nach Rumänien flammte 1944 ein Guerillakrieg auf, der bis in die 50er Jahren anhielt und von beiden Seiten erbarmungslos geführt wurde. Im Gegensatz zu den Volksaufständen in anderen Ländern, wie 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn, ist der baltische Widerstand nach 1945 im westlichen Europa kaum bekannt. Sieht man davon ab, dass das Baltikum ohnehin in Westeuropa bis 1991 kaum wahrgenommen wurde, lag dies zum einen daran, dass kaum Flüchtlinge von dort in den Westen gelangten. Die »Irbīte« war eines der letzten baltischen Flüchtlingsboote, die bis 1990 den Westen erreichten.[2] Der Eiserne Vorhang verlief direkt über die baltischen Küsten, die zum Sperrgebiet erklärt wurden und mit Wachtürmen, Grenzposten und Stacheldraht abgeriegelt waren. Zum anderen war dies ein Erfolg der sowjetischen Propaganda, die die baltischen Widerstandskämpfer kollektiv als »faschistische Agenten«, »Nazi-Kollaborateure« oder schlicht als »Banditen« diffamierte. Tatsächlich hatten sich einige Gruppen von den Deutschen ausrüsten lassen oder sich vor Ende des Krieges an deutschen Vorbereitungen für den Partisanenkrieg beteiligt, wie etwa die LNPO. Die baltischen Widerstandsgruppen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit rekrutierten ihre Mitglieder jedoch aus sämtlichen Bevölkerungsschichten und repräsentierten das gesamte politische Spektrum von der äußersten Rechten bis zu den Sozialdemokraten. Diese nationale »Volksfront« war gleichsam antikommunistisch wie antinazistisch und bestrebt, ein unabhängiges Lettland zu restituieren. Dieser nationale Konsens war eine Folge des Prozesses der starken politischen Ethnisierung in Mittelosteuropa. Seit der lettischen Staatsgründung 1918 und der Zurückschlagung der militärischen Intervention Sowjetrusslands war das nationale Selbstverständnis zum zentralen Moment der sozialen und politischen Integration geworden. Abgesehen davon, dass Lettland bis zum Zweiten Weltkrieg ein Agrarstaat war, betrachteten sich auch lettische Arbeiter immer zuerst als Letten. Die Entstehung des Antikommunismus war durch das Hervorgehen des lettischen Staates aus dem Kampf gegen die Rote Armee (1918 bis 1920) vorgezeichnet. Die sowjetische Besatzung 1940/41, von der lettischen Bevölkerung vor allem als Fremdherrschaft wahrgenommen, hatte zudem durch Terror und Massendeportationen sowohl den Antikommunismus als auch xenophobe Denkweisen in der Bevölkerung radikalisiert. So war der Partisanenkrieg im Baltikum von 1944 bis 1953 kein »Bürgerkrieg«, wie manche Historiker glauben,[3] also einer meist ideologischen Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien innerhalb einer Nation, sondern vielmehr ein Kampf zwischen der autochthonen Bevölkerung und der sowjetischen Besatzungsmacht, die sich offen als »russisch« bezeichnete und die auch, was die Machtinstanzen Partei, Militär und Staatssicherheit anging, zumeist aus Russen bestand. Die russische Minderheit Lettlands, die bereits vor 1940 dort lebte, war aus einer nationalistischen Disposition heraus in einem nicht unerheblichen Maße prosowjetisch, spielte aber in der neuen sowjetischen Verwaltung keine herausragende Rolle. Nach dem Zensus von 1935 waren von den 1,9 Mio Bewohnern Lettlands ca. 75,5 % Letten, 10 % Russen, 4,5 % Juden und 3,1 % Deutsche. Am Beispiel von drei bedeutenden Widerstandsorganisationen wird im Folgenden der nationale und antikommunistische Konsens der baltischen Widerstandsgruppen und ihrer Netzwerke im dargestellt. Bei den drei Organisationen handelt es sich um: 1. den überparteilichen, demokratischen Lettischen Zentralrat (LCP), 2. die nationalistischen Wächter Lettlands (Latvijas Sargi) und 3. die ursprünglich von der deutschen Besatzungsmacht initiierte Organisation der lettischen Nationalpartisanen (LNPO). Zuvor wird auf die bisherige Geschichtsschreibung zum Thema und auf den Antikommunismus in der lettischen Gesellschaft von 1918 bis Ende der 40er Jahre eingegangen. Zur Historiographie über die lettischen »Waldbrüder« Die Forschung zum Nachkriegswiderstand im Baltikum begann erst nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 und der Öffnung der Archive. Sie wurde zunächst hauptsächlich von baltischen Wissenschaftlern betrieben.[4] In den 80er Jahren war eine historische Gesamtdarstellung der baltischen Staaten vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart erschienen, die von baltisch-amerikanischen Wissenschaftlern in den USA verfasst worden war und dem Nachkriegswiderstand ein Kapitel widmete.[5] Während des Kalten Krieges war die Geschichtsschreibung eine wichtige Frontlinie. Für die Emigranten im Westen war der antisowjetische Widerstand ein wichtiges Argument gegen die sowjetische Propaganda von der »Befreiung« der baltischen Staaten, deren »freiwilligen« Beitritt zur Sowjetunion und den angeblich »demokratischen« Charakter der baltischen Sowjetrepubliken, so auch für Ādolfs Šilde in seinem Buch über die Nachkriegspartisanen, die im Baltikum als »Waldbrüder« bezeichnet werden.[6] Sonst erschienen aufgrund der fehlenden Informationen aus Sowjetlettland kaum Arbeiten. Diejenigen Widerständler, die nach dem Krieg verhaftet wurden und den Gulag überlebten, konnten erst seit den 70er Jahren in den Westen auswandern. Außerdem waren manche Emigranten in Aktionen westlicher Geheimdienste involviert, die zu Beginn der 50er den dortigen Widerstand zum Teil unterstützten und das Baltikum zur Einschleusung von Agenten in die Sowjetunion nutzten.[7] So sollte Freds Launags, ein Partisan, der an jenem Oktobertag 1945 mit der »Irbīte« über die Ostsee floh, später sowohl für schwedische und amerikanische Dienste als Ausbilder arbeiten.[8]  In der Lettischen SSR war das Thema des antikommunistischen Widerstandes bis in die Perestrojka-Zeit Tabu. Der Stalinsche Befreiungsmythos des «Großen Vaterländischen Krieges» und die sowjetische Staatsdoktrin ließen keinen Platz für Abweichungen.[9] Die antisowjetischen Partisanen kamen in der offiziellen Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg so gut wie nicht vor und wurden, wenn sie überhaupt erwähnt wurden, als »faschistische Banditen« dämonisiert.[10] Es war bis 1991 die Strategie Moskaus, das nationale Selbstverständnis der nichtrussischen Völker als »Nationalismus« oder »Faschismus« zu denunzieren und nur auf folkloristischem Niveau zu tolerieren. Als zur Zeit des »nationalen Erwachens« in den 80er Jahren in den baltischen Staaten Fürsprecher der Unabhängigkeitsbewegungen die Widerstandskämpfer aus den 40er Jahren zu neuen nationalen Ikonen erhoben, wurde dies von der sowjetischen Führung heftig bekämpft. Sie wurden kollektiv als »NS-Kollaborateure« und »faschistische Agenten« bezeichnet und für die Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten verantwortlich gemacht.[11] Der KGB recherchierte sogar in seinen Akten über Personen, die nach dem Krieg verurteilt worden waren, nach belastendem Material und führte erneut Verhöre durch.[12] Jānis Dzintars, Mitglied der Lettischen Akademie der Wissenschaften, verfasst für den lettischen KGB Propagandaschriften, die unter Titeln wie »Die lettische faschistische Bourgeoisie in der Knechtschaft der Hitlerischen Geheimdienste« den gesamten antisowjetischen Widerstand als von den Nationalsozialisten initiiert desavouieren sollten.[13] Dieses Bild wurde im Westen sehr häufig unreflektiert übernommen und spiegelte sich noch nach 1990 in der westlichen Berichterstattung über die Unabhängigkeitsbewegungen im Baltikum wider.  In der neuen Lettischen Republik von 1991 wurden die »Waldbrüder« zu einem wichtigen Teil des nationalen Selbstverständnisses. Ehemalige Mitglieder hatten nach Haft und jahrzehntelanger gesellschaftlicher Ächtung nun die Möglichkeit, ihre Erlebnisse offen zu artikulieren. Es entstanden Sammelbände, in denen Erinnerungen zusammen mit Quellen und Forschungsberichten publiziert wurden und die zum Teil eine undifferenzierte Sichtweise auf den antisowjetischen Widerstand aufweisen.[14] Doch entstand in Lettland seit 1991 keine staatliche Heldenverehrung wie der sowjetische Partisanenkult. Die Geschichtswissenschaft beschäftigte sich zunächst mit den Partisanengruppen der Nachkriegszeit und der Bekämpfung des Widerstandes durch die Sowjetmacht. Für zeitgenössische lettische Historiker kämpften die Widerständler für einen unabhängigen lettischen Staat. Die Lettische Historikerkommission (Latvijas Vēstures komisija), die 1998 zur Aufklärung der Verbrechen der totalitären Regime gegründet wurde, widmete sich auch dem Nachkriegswiderstand.[15] Heinrihs Strods schrieb ein umfangreiches Werk zu den Nachkriegspartisanen und gab zwei Quelleneditionen zum Partisanenkrieg heraus.[16] Strods sieht eine Kontinuität des antisowjetischen Widerstandes von 1944 bis 1990.[17] Sein deskriptiver Ansatz lässt wenig Raum für Analyse, wird dennoch oft in der lettischen Forschung übernommen.[18] Allgemein ist man bemüht, die Verbindungen des lettischen Widerstands und der Dienststellen der nationalsozialistischen Besatzer zu marginalisieren. Besonders Interesse gilt dem Lettischen Zentralrat (LCP), einem Zusammenschluss aus Mitgliedern der lettischen Vorkriegsparteien von 1943, der heute als demokratische Tradition des antisowjetischen Widerstands gesehen wird.[19] Zuletzt widmeten sich auch westliche Historiker wie Geoffrey Swain den Nachkriegspartisanen.[20] Auch der Autor hat bereits auf den pragmatischen Kurs des lettischen Widerstandes hingewiesen, der 1944 mit Organen des Reichssicherheitshauptamts kooperierte, um ihren antisowjetischen Widerstandes zu organisieren.[21] Lettische Gesellschaft und Antikommunismus Der antikommunistische Konsens innerhalb der lettischen Gesellschaft war ein entscheidender Faktor für die Entstehung des antisowjetischen Widerstandes seit 1944. Zum einen war dies Folge der Entwicklung des nationalen Selbstverständnisses seit 1918, das die lettische Nation und den lettischen Staat als höchsten Wert ansah und soziale Unterschiede in den Hintergrund drängte. So wurde beim sowjetischen Einmarsch im Juni 1940 die Rote Armee keineswegs von den lettischen Arbeitern als »Befreier« begrüßt. Auch der NKVD berichtete 1940 von einer »ungesunden Stimmung« innerhalb der lettischen Arbeiterschaft.[22] In der Tat wurde die sowjetische Besatzung von einer breiten lettischen Bevölkerungsmehrheit als politische und ethnische Fremdherrschaft wahrgenommen. Der lettische Staat mit seinen Institutionen wurde zerschlagen und der Staatsführer Kārlis Ulmanis in die Sowjetunion deportiert, wo er 1942 starb. Ulmanis, der 1918 eine führende Rolle bei der Gründung Lettlands gespielt hatte und später mehrmals Ministerpräsident des Landes gewesen war, hatte sich 1934 an die Macht geputscht und eine autoritäre, aber wenig gewaltsame Herrschaft aufgebaut. Gleichwohl verbanden viele Letten die Ulmanis-Diktatur mit ihrem Begriff von »Lettland«. Hinzu kam, dass sich 1940 die neuen Institutionen wie die Kommunistische Partei, Rote Armee und Staatssicherheit in der Mehrheit aus NichtLetten zusammensetzten. Die Kommunistische Partei Lettlands (LKP) bestand im Herbst 1940 nur zu einem Drittel aus ethnischen Letten, während sich die anderen Mitglieder zwei Drittel je aus Russen und Juden rekrutierten.[23] Für Stalin, der stark in ethnischen Kategorien dachte, galten Letten grundsätzlich als »konterrevolutionär«. 1937 hatte er die Letten in der Sowjetunion zur »Feindnation« erklärt und ließ sie die Partei von ihnen »säubern«. 1940 wurde folglich die Lettische SSR von Nicht-Letten kontrolliert und gegen die Titularnation ausgespielt.[24] Eine Strategie, die auch in den übrigen baltischen Staaten und den besetzten polnischen bzw. westukrainischen Gebieten zur Anwendung kam. Der sowjetische Terror und die Massendeportation vom Juni 1941, bei der etwa 15 400 Menschen, meist Angehörige der lettischen Elite, verschleppt wurden, steigerten den Antikommunismus der lettischen Bevölkerung noch mehr. Die furchtbaren Ereignisse wurden in der Bevölkerung damals als Genozid wahrgenommen. So bildeten sich nach dem deutschen Angriff am 22. Juni 1941 erste Partisanengruppen, die gegen die abrückenden Rotarmisten kämpften.[25] Viele Letten begrüßten die deutschen Besatzer als »Befreier«, wurden in ihren Erwartungen aber bereits binnen weniger Wochen enttäuscht. Weder erfüllte sich ihr Traum eines lettischen Freistaates, noch wurden Letten von den Nationalsozialisten als gleichwertige Partner anerkannt, vielmehr zeigte sich rasch der rassistische und kolonialistische Charakter des neuen Besatzungsregimes.[26] Bereits im Herbst 1941 formierten sich erste Widerstandsgruppen neu, die zumeist schon unter den Sowjets 1940 bestanden hatten. So verurteile etwa die Latviešu Nationalistu savienība (Vereinigung der lettischen Nationalisten) in ihrer Flugschrift Tautas balss (Volksstimme) nicht nur die Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung, sondern kritisiert auch, dass für diese Aktionen im Spätsommer 1941 von der deutschen Sicherheitspolizei vor allem lettische Polizisten abkommandiert worden waren, um den Erschießungen einen »lettischen« Anstrich zu geben.[27] Die Sowjets wurden von den Widerständlern zu »Todfeinden« erklärt.[28] Zugleich wollten zehntausende Letten freiwillig gegen Stalin kämpfen, wurden aber von den Nationalsozialisten selten an der Front eingesetzt, sondern in schlecht ausgerüsteten Polizeibataillonen im Partisanenkampf verheizt. Bis zur allgemeinen Zwangsmobilisierung der lettischen Bevölkerung im März 1943 hatten sich über 40 000 Männer aus einer Mischung aus Nationalismus und Antikommunismus freiwillig für den »Kreuzzug gegen den Bolschewismus« gemeldet.[29] Der Lettische Zentralrat (LCP) und der nationale Konsens von 1943 Als sich Anfang 1943 die Kriegswende abzeichnete, begann eine enge Zusammenarbeit der verschiedenen lettischen Untergrundgruppen. Die Niederlage der Achsenmächte bedeutete vor allem die Rückkehr der Sowjets, was von den meisten Letten mit einer nationalen Katastrophe gleichgesetzt wurde. Es zeichnete sich eine Allianz von der äußersten Rechten bis zu den Sozialdemokraten ab. Der Lettische Zentralrat (Latvijas Centrālā Padome, LCP) war Ausdruck dieses nationalen Konsenses zur Wiedererrichtung eines lettischen Nationalstaates. Dort fanden sich im Sommer 1943 Mitglieder der ehemaligen bürgerlichen Parteien, Beamten, Militärs und andere Systemträger der Lettischen Republik und des UlmanisRegimes unter der Leitung des Universitätsprofessors Konstantīns Čakste zusammen.[30] Sie lehnten die sowjetisch-russische Herrschaft ebenso ab wie die nationalsozialistisch-deutsche. Viele LCP-Mitstreiter hatten bis zu diesem Zeitpunkt Ämter in der lettischen Zivilverwaltung unter deutscher Kontrolle innegehabt. Čakste lehrte weiterhin an der Lettischen Universität in Riga. Alberts Klīve, vormals Staatspräsident der Lettischen Republik, wurde 1943 Generaldirektor für Justiz in der »Landeseigenen Verwaltung«.[31] Doch waren für ihr Engagement in der Zivilverwaltung mehr patriotische als opportunistische Motive ausschlaggebend. Bereits im Juni 1940, nach Beginn der sowjetischen Besatzung, hatten sich Čakste und sein Bruder Mintauts in bürgerlichen Kreisen für den antisowjetischen Widerstand stark gemacht. Zusammen mit anderen Intellektuellen gründeten sie den Demokratischen Block, der in der von den Sowjets ausgerufenen Wahl gegen den kommunistischen Einheitsblock antreten sollte. Da dies den Besatzern nicht in ihr Konzept der inszenierten Wahl passte, wurde die Wahlliste verboten und viele Mitglieder verhaftet.[32] Auch nach dem deutschen Einmarsch wurden die konspirativen Netzwerke aufrechterhalten. Die Mitglieder des LCP hofften vor allem auf westliche Unterstützung. Seit 1940 informierten sie über ihre ehemaligen Botschafter die Regierungen der USA und Großbritanniens über die Ereignisse in Lettland unter sowjetischer und nationalsozialistischer Besatzung.[33] 1943 versuchte der LCP bei den Westalliierten – die USA hatte die sowjetische Okkupation Lettlands nie anerkannt –, Hilfe für einen unabhängigen Nachkriegsstaat zu erhalten.  Die Widerständler des LCP versuchten eine breite antikommunistische Volksfront zu schmieden. Hierfür wurden sämtliche politischen und gesellschaftlichen Gruppen miteinbezogen oder zumindest angesprochen. Die Zusammenarbeit mit den Kommunisten aber, die als politische Kraft bis 1940 in Lettland bedeutungslos gewesen waren, nur aus einige hundert Anhänger bestanden und das Dasein einer fanatischen Sekte geführt hatten, wurde nach den jüngsten Erfahrung kategorisch von allen Beteiligten abgelehnt. Zudem kämpften die wenigen verbliebenen Kommunisten für die Rückkehr des Sowjetsystems. Trotzdem waren große ideologische Gräben und politische Konflikte zu überbrücken.[34] So mussten sich etwa die Mitglieder des Bauernbundes (Zemnieku Savienība) und ehemalige Beamte für die Unterstützung des Diktators Ulmanis rechtfertigen. Als schwierig erwies sich auch die Integration der Sozialdemokraten, deren Parteiführer wie Bruno Kalniņš und Fricis Cielēns seit Ende der 30er Jahre für ein Bündnis mit Moskau optiert und 1940 das sowjetische System unterstützt hatten. Manche hatten auch aktiv an der sowjetischen Gewaltpolitik beteiligt.[35] Durch die Erlebnisse unter sowjetischer Besatzung hatten sie sich jedoch einige von ihren stalinistischen Utopien distanziert und folgten im Juli 1941 der Roten Armee nicht nach Osten. Kalniņš wurde 1943 zu einer wichtigen Figur innerhalb der Führung des LCP.[36]  So bestanden etwa Kontakte zur bereits erwähnten konservativ bis nationalistischen Latviešu Nacionalistu savienība (Vereinigung lettischer Nationalisten).[37] Selbst der extremistische Pērkonkrusts (Donnerkreuz) wurde in die Koalition mit eingebunden. Ihr Führer Gustavs Celmiņš traf sich 1943 sogar persönlich mit dem Sozialdemokraten Kalniņš.[38] Noch in den 30er Jahren hatten sich die Donnerkreuzler und Sozialdemokraten blutige Straßenschlachten und Schießereien geliefert. Ein Teil der Ultranationalisten hatten sich bereits seit 1942 am Widerstand beteiligt, nachdem sie sich die Donnerkreuz-Bewegung erfolglos den Deutschen als »lettische Nationalsozialisten« angeboten hatten. Zwar hatten Adolfs Šilde und andere Donnerkreuz-Führer der deutschen Sicherheitspolizei (Sipo) im Juli 1941 geholfen, ein Hilfskommando aufzustellen, das bald darauf unter seinem Kommandeur Viktors Arājs traurige Berühmtheit für die Ermordung lettländischer Juden erlangen sollte. Die Donnerkreuz-Bewegung hatte jedoch auf die Aktivitäten dieser Einheit keinen Einfluss und wurde schon nach wenigen Wochen verboten.[39] Lediglich die Lettische Kartei, ein lettisches Informationsbüro des deutschen Sicherheitsdienstes (SD) konnte legal bis 1943 weiter bestehen.[40] Auch die Donnerkreuzler beteiligten sich seit 1942 an den Untergrundnetzwerken, und Donnerkreuz-Führer Celmiņš gab seit 1943 sein eigenes Untergrundflugblatt, die Brīvā Latvija (Das freie Lettland), heraus. Der überparteiliche LCP bemühte sich gegenüber internationalen Partnern, die enge Zusammenarbeit mit der Donnerkreuz-Fraktion unter Celmiņš, dem ehemaligen »blinden Vollstrecker der deutschen Politik«, zu rechtfertigen. Auf einem Treffen mit Vertretern litauischer Widerstandsgruppen im Januar 1944 betonten die LCP-Vertreter zwar, dass sich die verbündeten Donnerkreuzler nun als »demokratisch« bezeichneten, aber dennoch nicht in das »politische Zentrum« des Widerstandes aufgenommen worden seien.[41] Konstantīns Čakste beteuerte gegenüber dem ehemaligen lettischen Botschafter in Schweden Voldemārs Salnais, die Donnerkreuzler hätten sich gewandelt: »Ihre Führung hat erklärt, dass sie für eine parlamentarisch-demokratische Regierung stünde«.[42] Auch Celminš war bemüht, seine Anhänger in der Brīvā Latvija auf eine Allianz mit den ehemaligen Feinden einzuschwören.[43] Der politische Burgfriede im Zeichen des Antinazismus und des Antikommunismus sollte über das Kriegsende 1945 hinausreichen. Gegenüber den Westmächten versuchte der LCP als legitimer Vertreter Lettlands aufzutreten, um von dort Unterstützung für einen lettischen Staat zu erhalten, bevor die Sowjets zurückkehrten. Auch wurde versucht, Einfluss auf die von den Deutschen eingesetzte lettische »Landeseigene Verwaltung« auszuüben. Am 17. März 1944 unterschrieben 190 ehemalige Politiker, Beamte, Akademiker und andere Vertreter der lettischen Elite eine Deklaration, worin die Erneuerung der lettischen Souveränität der Verfassung, des Staatsapparates sowie der Armee gefordert wurde. Zudem wurde gegen die Besatzung des Landes durch sowjetische und nationalsozialistische Mächte protestiert, speziell gegen die Zwangsmobilisierung durch die deutschen Besatzer.[44] Die Deklaration wurde auch ehemaligen lettischen Militärs wie Bangerskis, Plensners, Silgailis und Veiss (seit 1943 Offiziere in der Waffen-SS) übergeben, die allerdings ihre Unterstützung verweigerten und weiterhin die deutschen Kriegsanstrengungen unterstützten wollten.[45] Die deutsche Sicherheitspolizei gelangte ebenfalls in Besitz des Dokuments. Als ihr im April 1944 in Estland ein Kurier des LCP in die Hände fiel, begann die Auflösung der Widerstandsorganisation: Die Brüder Čakste wurden am 29. April 1944 verhaftet, Konstantīns sollte die Haft im KZ Stutthof nicht überleben.[46] Viele Mitglieder flüchteten daraufhin nach Schweden, wo eine neue Zentrale der Organisation installiert wurde. In Schweden wurde der LCP v. a. als Flüchtlingshilfsorganisation aktiv, intensivierte aber gleichzeitig seine Gespräche mit den Westalliierten. Nachdem die Rote Armee im Sommer 1944 die lettische Ostgrenze erreicht hatte, dachten viele Letten daran, ihr Land zu verlassen. Als im August 1944 ein sowjetischer Panzerkeil von Litauen aus in Kurland einfiel und Riga kurzzeitig von der Westküste abschnitt, brach unter der Bevölkerung Panik aus, die in eine Massenflucht mündete. Die deutschen Besatzer unterbanden schließlich die allgemeine Fluchtbewegung vor allem deswegen, weil viele Letten nicht nach Deutschland, sondern nach Schweden flüchten. Vertreter des LCP in Windau (Ventspils), darunter der ehemalige Leiter des Historischen Museums in Riga, der Archäologe Valdis Ģinters, organisierten seit August 1944 einen illegalen Bootsverkehr zur schwedischen Insel Gotland und retteten so etwa 2 500 Menschen.[47] Im Oktober 1944 erreichte die Rote Armee Riga. Die Wehrmacht zog sich in das westlich gelegene Kurland zurück, wo die Armeegruppe Nord bis Kriegsende ausharrte. Der LCP hatte sich weitere Optionen offen gelassen, dazu gehörten auch militärische Aktionen. Schon 1943 hatte sich ein Gremium innerhalb des LCP gebildet, das einen militärischen Arm des Widerstandes aufbauen sollte. Als Leiter war der ehemalige General Jānis Kurelis mit seinem Adjutanten Kristaps Upelnieks vorgesehen. Trotz Verhaftungen und der Flucht der LCP-Führung nach Schweden entstand im Sommer 1944 die so genannte Kurelis-Armee.[48] Die Gruppe sollte einerseits die Deutschen an weiterer Demontage hindern, andererseits als Partisanen gegen die Rote Armee kämpfen. Versehen mit Ausweisen von Jānis Veide, dem lettischen Polizeichef von Riga, warb Kurelis im Juni 1944 in der Nähe von Riga Mitglieder für seine Einheit an. Gefördert wurde das Unternehmen durch die LCP-Führer in Schweden und die Versprechen englischer und schwedischer Regierungsstellen, einen entsprechenden lettischen Freiheitskampf militärisch zu unterstützen. Kurelis-Offiziere wie Upelnieks vertrauten auf die Angebote, die vorsahen, in nächtlichen Aktionen Waffen und Ausrüstung an die nordkurländische Küste zu transportieren. Upelnieks ging zudem davon aus, dass das sowjetische Imperium ebenso wie das Dritte Reich in kürzester Zeit zusammenbrechen würde. Ein lettisches Freikorps würde, wie im Jahre 1918, mit westlicher Hilfe den Kern einer lettischen Wehrmacht bilden und in Wiederholung der Ereignisse von vor 26 Jahren den lettischen Staat erkämpfen.[49] Angesichts der riesigen sowjetischen Streitmacht, die sich kontinuierlich ihren Weg westwärts erkämpfte, scheint dieses mit dem Mut der Verzweiflung geführte lettische Unternehmen grotesk.  Die Kurelis-Armee erhielt aber praktische Unterstützung allein von deutschen Dienststellen, die bemüht waren, möglichst viele Letten gegen die Sowjets zu mobilisieren. Das Kurelis-Unternehmen bot den Strategen im Stab »Fremde Heere Ost« und im Reichssicherheitshauptamt die Möglichkeit, die vielen tausend lettischen Deserteure und Wehrdienstflüchtigen zu erreichen.[50] Für die Militärs des LCP war diese Kooperation der einzige Weg, ihre Truppe auszurüsten und zu schulen. So wurden etwa 2 000 Mann bis Oktober 1944 von Offizieren der »Fremde Heere Ost« ausgebildet. Doch die politischen Gegensätze konnten nicht lange ausgeglichen werden, das tragische Schicksal dieser Soldaten war vorherbestimmt. Im November 1944 beschloss der Höhere Polizei- und SS-Führer (HPSSF) Friedrich Jeckeln, der im kurländischen Brückenkopf die politische Verwaltung übernommen hatte, die Auflösung der lettischen Einheit. Ihr Nationalismus und ihre Germanophobie machte sie in den Augen Jeckelns unkontrollierbar und gefährlich, zumal Kurelis über den LCP in Schweden immer noch mit westlichen Diensten in Verbindung stand.[51] Die meisten der Kurelis-Soldaten kamen in deutsche Konzentrationslager. Außer Kurelis wurden alle Offiziere von einem SS-Standgericht in Libau (Liepāja) zum Tode verurteilt und hingerichtet.[52] Einige leisteten gegen die Verhaftung Widerstand. Unter Leutnant Rubenis lieferten sich einige hundert Kurelis-Leute bis Ende Dezember 1944 schwere Gefechte mit den Besatzern. Bei den Kämpfen im nördlichen Kurland am Usmaitischen See (Uzmas ezers) wandten die deutschen Jagdkommandos die brutale Strategie an, die sie im Partisanenkampf in Weißrussland und der Ukraine entwickelt hatten. So ließ Jeckeln mehrere Dörfer niederbrennen und deren Einwohner ermorden. Etwa 70 Zivilisten kamen ums Leben.[53] Es ist bemerkenswert, dass sich die Kurelis-Partisanen nicht mit den ebenfalls in Nordkurland operierenden sowjetischen Partisanen der Gruppe Sarkanā Bulta (Der Rote Pfeil) verbündeten, obwohl die Kommunisten ihnen dies anboten. Erst nach der völligen Zerschlagung der Rubenis-Gruppe schlossen sich einige wenige Überlebende den sowjetischen Partisanen an, weniger aus politischer Überzeugung, als vielmehr aus reinem Überlebenstrieb.[54] Für den LCP wurden so die Pläne für den bewaffneten antisowjetischen Widerstand vorerst zunichte gemacht, doch bestanden in Kurland bis Kriegsende immer noch Netzwerke der Widerstandsorganisation, und man blieb auf der Suche nach neuen Verbündeten. Der Widerstand der Wächter Lettlands Der Widerstand und die nationalen und antikommunistischen Aktivitäten der chaotischen Wendezeit 1944 bis 1945 gingen nicht nur vom Lettischen Zentralrat aus. Ein Beispiel hierfür sind die Wächter Lettlands (Latvijas Sargi), die sich im Frühjahr 1944 formierten, deren Mitglieder, sowohl aus Studenten, urbaner Mittelschicht, aber auch aus Angestellten und Arbeitern zusammensetzten. Dies geht aus einer Fahndungsliste des lettischen NKVD vom März 1945 hervor, die 72 angebliche Mitglieder der Wächter Lettlands aufführt.[55] Laut Arnolds Avotiņš, der sich gegenüber der sowjetischen Staatssicherheit als Anführer ausgab und dafür im Sommer 1945 hingerichtet wurde, war die Organisation 1944 wiedergegründet worden, um sowohl gegen nationalsozialistische als auch sowjetische Besatzer zu kämpfen.[56]  Die Wächter Lettlands waren bereits 1926 als Veteranenorganisation des lettischen Unabhängigkeitskrieges (1918 bis 1920) gegründet worden. Sie entstand im Umfeld des Latviju Nacionālais klubs (Lettischer Nationalklub), führender Verfechter eines radikalen Nationalismus, der sich zum Teil am italienischen Faschismus orientierte und aus dem 1932 die rechtsradikale Donnerkreuz-Bewegung hervorging.[57] Schon 1940 hatten sich die Wächter Lettlands im antisowjetischen Widerstand organisiert und sie beteiligten sich auch nach dem deutschen Einmarsch am erfolglosen Versuch, eine lettische Regierung zu etablieren.[58] 1944 war die Gruppe immer noch militärisch organisiert und hatte hochrangige ehemalige Militärs als Leiter, wie den General Nikolajs Dūze und Oberst Robert Osis. Zudem behauptete Avotiņš, dass er in die Aktivitäten des LCP involviert gewesen sei. Er habe sogar an einer geheimen Zusammenkunft von Mitgliedern des Zentralrats und estnischer Widerstandsorganisationen im Frühjahr 1944 teilgenommen, auf der auch der LCP-Führer Konstantīns Čakste anwesend gewesen sei. Damals habe man die Organisation eines baltischen Untergrundnetzwerkes und der Vorbereitung von antisowjetischen Partisaneneinheiten besprochen. Auch habe Avotiņš mit Dūze Informationen über die Situation in Lettand gesammelt, die der LCP nach Westen weitergegeben habe. Ein Mitverschwörer bestätigte, dass Avotiņš Kontakte zum LCP gehabt hatte.[59] Tatsächlich war General Dūze einer der 190 Unterzeichner der Deklaration des Lettischen Zentralrates vom März 1944.[60] Kontakte zwischen dem demokratischen LCP und dem radikalen Avotiņš spiegeln durchaus die antikommunistische Volksfront jener Jahre wieder.  Nach dem deutschen Einmarsch war Avotiņš wieder Mitglied des Rigaer Polizeikorps geworden. Offensichtlich hatte er schon vor dem Krieg enge Kontakte zu nationalistischen Gruppen. So kannte er den Arzt und Schriftsteller Jānis Davis, der sich durch Veröffentlichung antisemitischer Bücher hervorgetan hatte. Über die Anti-Alkoholliga, die offensichtlich ein Treffpunkt lettischer Nationalisten war, lernte er 1941 den Pfarrer Hermanis Lūsis kennen.[61] Dieser war 1941 Donnerkreuz-Mitglied und publizierte in deren »Antisemitischen Institut« Propagandaschriften für die Nationalsozialisten.[62] Später wurde er als Mitglied einer lettischen Einheit der Sicherheitspolizei nach Weißrussland abkommandiert. Die lettische Einheit wurde dort zum Teil bei Erschießungen von Juden eingesetzt, ob Lūsis an solchen Aktionen beteiligt war, ist jedoch ungewiss.[63] 1944 jedenfalls kam er zur Organisation Līdumnieks (Pioniere), die 1943 vom deutschen Sicherheitsdienst etabliert wurde, um unter der lettischen Bevölkerung die nationalsozialistische Ideologie zu verbreiten.[64] Im Sommer 1944 wurde er in die Dienststelle des Unternehmens »Zeppelin« übernommen, die damals begann, antisowjetische Partisanen zu rekrutieren. 1944 wurde Lūsis Mitglied der Wächter Lettlands und führte im Herbst 1944 eine solche Partisanengruppe im östlichen Lettland. Er wurde von den Sowjets gefasst und im Januar 1946 erschossen.[65]  Auch Avotiņš war Mitarbeiter des Līdumnieks.[66] Dies belegen auch Dokumente des »Reichskommissariats Ostland« (der deutschen Zivilverwaltung), das ab Dezember 1941 die ehemaligen Staaten Lettland, Litauen, Estland sowie Weißrussland umfasste.[67] Unklar bleibt, ob die Wächter Lettlands ebenfalls auf Initiative des deutschen Sicherheitsdienstes entstanden. Dieser war damals bestrebt, so viel Letten wie möglich für den antisowjetischen Widerstand zu mobilisieren. Verschiedene Mitglieder des lettischen Untergrundes ließen sich damals von deutschen Dienststellen anwerben, um an finanzielle Mittel und Ausrüstung zu gelangen. Von den 72 Personen der NKVD-Fahndungsliste sollen aber nur 17 vormals Mitglieder des Līdumnieks gewesen sein.[68] Auch Jēkabs Sildegs-Milleris, der im August 1944 zu den Wächtern Lettlands stieß, dort eine Führungsposition einnahm und im Sommer 1945 hingerichtet wurde, stammte aus nationalistischen Kreisen. Er war Mitglied des Donnerkreuzes und der neuheidnischen Dievturi-Bewegung.[69] Sildegs war 1941 Mitarbeiter der Lettischen Kartei, die vom Donnerkreuz dominiert wurde, und tauchte 1942 unter, als er nach Weißrussland abkommandiert werden sollte. Spätestens seit 1944 wurde er von der deutschen Sicherheitspolizei steckbrieflich gesucht. Für die Sipo stand fest, dass er ein enger Vertrauter des Donnerkreuz-Führers Čelmiņš war, maßgeblich an der Herausgabe dessen illegaler Zeitung Brīvā Latvija beteiligt war und die Untergrundaktivitäten der Donnerkreuzler organisierte.[70] Seit 1943 gab er die Flugschrift Lāčplēsis (Bärentöter – eine literarische, lettischnationale Heldenfigur) heraus, die zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten und zum Boykott der Mobilisierung zur Waffen-SS aufrief. Sildegs war ein Radikalnationalist, für den Lettland weder eine Kolonie der deutschen Nationalsozialisten noch der russischen Sowjets werden sollte. Für die Erlangung seines Traums, des unabhängigen lettischen Staates, nützt er jegliche Möglichkeiten. 1943 soll er sich mit Čakste getroffen haben, dem Leiter des Zentralrates, um unter anderem Texte von Flugblättern zu besprechen.[71]  Doch engagierten sich nicht nur Nationalisten bei den Wächtern Lettlands. Die Mehrheit der einfachen Mitglieder hatte kein politisches Vorleben wie Avotiņš und Sildegs. Der Kunststudent Kārlis Dagda, ein Schulfreund von Sildegs, behauptete, bis 1934 Parteigänger der lettischen Sozialdemokraten gewesen zu sein.[72] In der antisowjetischen Stimmung jener Jahre war dies keine Seltenheit. Sildegs berichtete über Kontakte zu verschiedensten Gruppen und Personen, darunter auch Sozialdemokraten.[73] Auch das Adressbüchlein von Avotiņš dokumentiert Verbindungen in jene antikommunistischen Netzwerke, in die unterschiedlichste Personen involviert waren. Der unvorsichtige Widerständler hatte sowohl die Adressen seiner Mitverschwörer, als auch die Namen seiner Kontaktleute wie Konstantīns Čakste oder General Bangerskis, Leiter des lettischen Stabes der Lettischen Legion, festgehalten.[74] Dagda tauchte 1944 unter, um der Wehrpflicht zu entgehen. Er sah es als seine patriotische Pflicht an, sich am lettischen Widerstand zu beteiligen. Zusammen mit den Mitverschwörern Jānis Niedra, Visvaldis Garlājs gaben Dagda und Sildegs 1944 den Lāčplēsis und ab September die Flugschrift Par Latviju (Über Lettland) heraus, in denen sie zum Widerstand gegen die deutschen Besatzer und deren Mobilisierungspraxis aufriefen und eine »souveräne lettische Republik« forderten.[75] Nachdem die Rote Armee im Juli 1944 die lettische Grenze erreichte und dies unter der lettischen Bevölkerung Panik und Massenflucht auslöste, forderten sie ihre Landsleute mit Parolen wie »Letten, bleibt in eurem Land« zum Verbleib in der Heimat, und zum Kampf gegen die neuen Besatzer, die Sowjets, auf.[76] Die Gruppe sammelte Waffen und plante im Oktober 1944 sogar einen militärischen Aufstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer. Damals hatte die Wehrmacht das gesamte östliche Lettland geräumt und bereitete sich auf die Evakuierung Rigas vor. Die Wächter Lettlands planten im Zusammenspiel mit anderen Widerständlern und lettischen Offizieren einen Putsch. Die Soldaten in den lettischen Einheiten der Waffen-SS sollten sich gegen die deutschen Befehlshaber erheben, Riga besetzen, die Unabhängigkeit ausrufen und weiter gegen die Rote Armee kämpfen, doch der Plan scheiterte.[77] So erwarteten die Mitglieder die Rückkehr der Sowjets. Noch im September 1944 hatten sich die Wächter Lettlands Waffen organisiert, die sie über Netzwerke des lettischen Untergrundes aus Beständen des Unternehmens »Zeppelin« des Sicherheitsdienstes erhalten hatten.[78] Doch Gelegenheiten zum Partisanenkampf ergaben sich für die Wächter Lettlands kaum. Die sowjetische Staatsicherheit verhaftete noch vor Ende des Jahres 1944 die ersten Widerständler und rollte die Organisation anschließend auf. Im Juli 1945 wurde den Mitgliedern der Wächter Lettlands nach den üblichen stalinistischen Verfahrensweisen, also Geheimverfahren ohne Verteidiger, bei denen das Urteil von vornherein feststand, der Prozess gemacht. Diejenigen, die als Anführer ausgemacht wurden, erhielten wie üblich die Todesstrafe, die Übrigen wurden samt ihren Familienangehörigen zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt.[79] Noch 1989, ein Jahr vor dem Ende der UdSSR, bestätigte die Staatsanwaltschaft der Lettischen SSR die stalinistischen Strafen von 1945.[80] Die Partisanen in Kurland: die LNPO Überall artikulierten Einheimische nach dem Einmarsch der Roten Armee ihre antisowjetische Haltung und ihren Willen zur nationalen Selbstbestimmung.[81] Die bewaffnete Widerstandsbewegung erlebte bis zur Jahreswende 1946/47 ihren Höhepunkt, ließ dann aber nach, als Unterstützung aus dem Westen ausblieb. Sie verstärkte sich nochmals 1949 nach der Zwangskollektivierung und den Massendeportationen. Die meisten Gruppen wurden aber bis zu Beginn der 50er von der sowjetischen Staatssicherheit vernichtet.[82] Für Stalin und die sowjetische Führung war der baltischen Widerstand ein weiterer Beweis für die »konterrevolutionäre« Gesinnung der Bevölkerung. Es folgten Terror und Gewalt. Etwa 120 000 Menschen wurden laut Parteiberichten von 1944 bis zu Stalins Tod im Jahre 1953 allein aus Lettland deportiert, davon waren etwa 30 000 Mitglieder von Widerstandsgruppen.[83] Die Partisanen richteten ihre Angriffe gegen die Rote Armee und die Repräsentanten der neuen Besatzungsmacht auf dem Land (Miliz, NKVD und Partei). Da die »Waldbrüder« die lokalen Parteifunktionäre und teilweise deren Familien ermordeten, hatten die Sowjets in den ländlichen Gebieten bis 1946 große Schwierigkeiten beim Aufbau ihrer Strukturen. Die Gruppen beruhten auf spontanen Zusammenschlüssen. Nicht selten wurden die Partisanen von der ländlichen Bevölkerung unterstützt.  Die Organisation der lettischen Nationalpartisanen (Latvijas Nacionālo partizaņu organizācija, LNPO) war nicht unbedingt ein typisches Beispiel für eine damalige Widerstandsgruppe, doch kam ihr eine besondere Stellung im antisowjetischen Untergrund zu, da sie über die Ostsee die Verbindung zwischen dem Zentralrat in Schweden und anderen Organisationen in Lettland herstellte. Im Gegensatz zu anderen lettischen Partisanengruppen hatten bei Gründung der LNPO deutsche Dienststellen eine nicht unbedeutende Rolle gespielt.[84] Die Nationalsozialisten organisierten in der zweiten Jahreshälfte 1944 antisowjetische Partisanengruppen. Geleitet wurden diese Maßnahmen vom Reichssicherheitshauptamt, wo Walter Schellenberg im Sicherheitsdienst unlängst den Geheimdienst der Wehrmacht, das »Amt Abwehr«, übernommen hatte. Unter der Leitung von Otto Skorzeny wurden überall an der Ostfront und später auch an der Westfront, Widerstandsgruppen aufgebaut, ähnlich wie später der »Werwolf« in Deutschland.[85] In Lettland entstand offensichtlich das Politprojekt dieser »weißen« Partisanenaktion. Bereits im Sommer 1944 bildete der SD ein Partisanenzentrum in Riga.[86] Der Führungsstab des Unternehmens, das ab Oktober 1944 die Tarnbezeichnung »Wildkatze« trug, und dem SS-Jagdverband Ost zugeordnet wurde, waren zum Teil Letten, die seit 1941 in der Sicherheitspolizei und dem SD Dienst taten und als Exekutoren der Nationalsozialisten teilweise an Mordaktionen beteiligt waren.[87] Die Mehrheit der etwa 2 000 einfachen Mitglieder des SSJagdverbandes waren Letten im wehrpflichtigen Alter aus der Region Kurland. Doch arbeiteten dort auch Mitglieder aus dem antideutschen Widerstand. Teodors Jansons, Oskars Mitrevics, Romans Šternbergs und nicht zuletzt Freds Launags, ehemalige Mitarbeiter der Lettischen Kartei, die alle seit 1943 für ihre Widerstandsaktivitäten in Konzentrationslagern inhaftiert waren, wurden zur »Frontbewährung« für die Tätigkeit in jenem Unternehmen entlassen. Die Donnerkreuzler konnten auf diese Weise ähnlich wie der LCP mit der Kurelis-Armee Logistik und Ausrüstung der Nationalsozialisten für eigene Interessen nutzen und antisowjetische Widerstandsgruppen organisieren. Über die Ablehnung des deutschen Besatzungsregimes bestand kein Zweifel, zumindest was die Behandlung der lettischen Bevölkerung anging. Zur Jahreswende 1944/45 schrieb der Jansons-Stab, eine Nachrichtenabteilung innerhalb des SS-Jagdverbandes Ost, in einem Bericht für das RSHA in Berlin: »Für die Letten ist klar, dass die deutsche Zivilverwaltung der größte Feind unseres Volkes ist.«[88] Jene Donnerkreuzler galten innerhalb der lettischen Untergrundgruppen im Gegensatz zu den SDKräften nicht als »Volksfeinde«.[89] Zu ihren Kontakten gehörte etwa die KurelisArmee und auch die Wächter Lettlands wurden von ihnen ausgerüstet. Auch andere Widerständler wurden im Spätsommer und Herbst 1944 vom Jansons-Stab in die sowjetisch besetzen Teile des Landes entsandt wie Pēteris Supe, der in Lettgale die Vereinigung der lettischen Partisanen (Latvijas partizaņu apvienība) sowie die Vereinigung der Wächter des lettischen Vaterlands (Latvijas Tēvijas sargu apvienība) aufbaute, oder die Brüder Rusovs, die in Südlettland Partisanengruppen gründeten.[90] Der Jansons-Stab arbeitete bis Kriegsende die Struktur einer Partisanenorganisation LNPO aus, und am 8. Mai 1945 wurde aus dem SSJagdverband Ost tatsächlich die LNPO. Doch wurde die LNPO zu einer völlig neuen Organisation, die mehr einen losen Verband verschiedener Kleingruppen als eine monolithische Organisation darstellte. In ihren Grundsatzpapieren bekannte sich die Gruppe zu einem »unabhängigen Lettland mit demokratischer Ordnung«.[91] Vor allem in der Führung konnten sich die ehemaligen SDMitarbeiter nicht etablieren. In Nordkurland führte Miervaldis Ziedainis ab Sommer 1945 die Gruppen der LNPO, der zuvor Oberstleutnant in einer Fronteinheit der lettischen Waffen-SS gewesen war.[92] So bestand der Großteil der Partisanen in Kurland nach dem 8. Mai 1945 aus 4 000 bis 5 000 Mitgliedern der lettischen Division der Waffen-SS, die bis Kriegsende gegen die Rote Armee gekämpft hatten, oder seither desertierte waren und in den umliegenden Wäldern auf das Kriegsende gewartet hatten.[93] Zu ihnen gehörte auch Fricis Sirsniņš, der sich nach der Kapitulation mit Kameraden seiner Einheit von der Front nach Nordkurland abgesetzt hatte und sich dort einer Partisanengruppe anschloss, die zur LNPO gehörte.[94] Leonids Brombergs, ein ehemaliger Polizist, der in die Lettische Legion eingezogen wurde und 1944 während der chaotischen Verhältnissen in Kurland bei Bekannten untertauchte, kam ebenfalls zu einer Gruppe der LNPO. Er war einer der Passagiere auf dem eingangs erwähnten Boot »Irbīte«.[95] Die kleinen Gruppen der LNPO versteckten sich in den weiten Wald- und Sumpfgebieten Nordkurlands. Jansons war bereits im Mai 1945 bei einem Gefecht mit Rotarmisten ums Leben gekommen, so koordinierten nun Launags, Šternbergs und Krastiņš die Netzwerke der Gruppen in Nordkurland. Zusammen mit Ziedainis und anderen Widerständlern organisierten sie im September 1945 eine geheime Zusammenkunft nordkurländischer Partisanen im Wald bei Schlock (Zlēkas).[96] Launags und seine Freunde arbeiteten auch sehr eng mit den verbliebenen Mitgliedern des LCP zusammen, zu denen seit 1944 Kontakte bestanden. Im September 1944 half der Jansons-Stab bei der Organisation des Flüchtlingsbootsverkehrs nach Schweden. Nach der Auflösung der Kurelis-Armee versteckten sie deren Angehörige. So verhalf der Jansons-Stab dem Kurelis-Offizier Indulis Dišlers zu neuen Papieren und nahm über ihn Kontakt zum Zentralrat in Schweden auf. Dort war man sehr interessiert an der Arbeit des Stabes und versprach per Funk im März 1945, die zukünftige LNPO als offizielle Partisanenorganisation des LCP in Lettland anzuerkennen.[97] Daher waren nach Kriegsende die Netzwerke der LNPO und des LCP insbesondere in Nordkurland eng verflochten.[98] Man war nicht sehr wählerisch bei der Suche nach Verbündeten. So war praktisch jeder mit »nationaler« bzw. antikommunistischer Haltung in den Widerstandgruppen willkommen, was sich in ihren Parolen wie »Tod dem Roten Terror!« widerspiegelte.[99] So wurden auch ehemalige Mitarbeiter der Sicherheitspolizei aufgenommen, die als »Feinde des Lettischen Volkes« aber oft einen schweren Stand innerhalb der Widerstandgruppen hatten.[100]  Unterstützung erhielten die LNPO-Gruppen in Kurland vielfach von der Bevölkerung. So »legalisierte« sich Sirsniņš im Sommer 1945 und erhielt Arbeit in einem Sägewerk. Auch der Partisanenführer Ziedainis ging einer Tätigkeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb nach. Unterstützt wurde ihre Gruppe von Sympathisanten, die in der lokalen Parteiorganisation arbeiteten.[101] Doch wurden diese Netzwerke bald von den Sowjets aufgerollt. Die verbliebenen LNPO-Führer gingen dem NKVD bald ins Netz. Krastinš fiel Ende des Jahres in einem Gefecht und Šternbergs wurde im Januar 1946 verhaftet.[102] Launags dagegen avancierte nach seiner Flucht auf der »Irbīte« in Schweden unter dem Pseudonym Alfreds Vanags zum Leiter der »Kontaktgruppe für die Guerilla- und Widerstandgruppen in Lettland« innerhalb des LCP.[103] Die baltischen Emigranten suchten nun nach neuen Verbündeten, die den Widerstand im Baltikum unterstützen würden, und fanden sie zunächst im schwedischen Staat. Launags wurde bald »Agent« des schwedischen »T-Büros«, des Militärischen Nachrichtendienstes.[104] Ende der 40er Jahre begannen sich auch britische und US-Dienste für die Emigranten zu interessieren. Nun fuhren einige Emigranten wieder über die Ostsee zurück, im Auftrag britischer oder US-amerikanischer Dienste. Darunter LCP-Mitglieder wie Osvalds Bileskalns, der 1951 von der sowjetischen Staatssicherheit in Riga gefasst und erschossen wurde. Leonids Brombergs, der erst 1945 auf der »Irbīte« geflüchtet war, überquerte 1954 nochmals die Ostsee, wurde gefasst und verbrachte Jahrzehnte im sowjetischen Lagern.[105] Der Kalte Krieg hatte begonnen und mit ihm die westöstlichen Agentenspiele im Baltikum. Aufgrund der zögerlichen Unterstützung aus dem Westen und durch die radikale Bekämpfungsmaßnahmen der sowjetischen Machthaber war der Partisanenkrieg Anfang der 50er Jahre zu Ende. Doch resistente Haltungen, die eng mit dem ethnischen Selbstverständnis verbunden waren, sollten sich noch viel länger erhalten. Auch in der Emigration blieb der antikommunistische Konsens über die politischen Lager hinweg lange bestehen. [1]  Siehe Aussage von M. Ķirpe im NKVD-Verhör vom 2. März 1946, in: Latvijas Valsts Arhīvs/Lettisches Staatsarchiv (im Folgenden: LVA) 1986/1/28736, Bl. 20. Lasmane, Valentine (Hrsg.): Pāri jūrai 1944./1945.g. 130 liecinieku atmiņas sakārtojusi V. Lasmane [Übers Meer 1944– 1945. 130 Erinnerungen von Zeitzeugen gesammelt von V. Lasmane], Riga 1993, S. 255; Dziļums, Alfreds: Kurzemes sirds vēl dzīva [Das Herz von Kurland schlägt noch], Riga 1998, S. 306–317. Der Roman von Dziļums entstand auf der Grundlage der Erinnerungen von Beteiligten. [2]  Lasmane: Pāri jūrai (Anm. 1). [3]  Weiner, Amir: Between Two Seas: Sovereignty, Borders, and Violence Between the Baltic and the Black Seas, 1930s–50s. Vortrag auf der Konferenz: »Borderlands/Grenzländer im 19. und 20. Jahrhundert«, Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Eberhard-KarlsUniversität Tübingen, 12.–14. Mai 2006. [4]  Zu Estland siehe z. B. Laar, Mart: War in the Woods, Washington, D. C. 1992; Ders.: The Armed Resistance Movement in Estonia from 1944 to 1956, in: Anuškauskas, Aevydas (Hrsg.): The AntiSoviet Resistance in the Baltic States, Vilnius 2000, S. 209–241. Zu Litauen siehe z. B. Mekaitė, Rima (Hrsg.): War after War. Armed anti-Soviet Resistance in Lithuania in 1944–1953. Vilnius 2005. [5]  Misiunas, Romuald/Taagepera, Rein: The Baltic States. The Years of Dependence 1940–1980, Berkeley 1983. [6]  Šilde, Ādolfs: Resistance Movement in Latvia, Stockholm 1973. Šilde war führendes Mitglied der rechtsradikalen und antisemitischen Donnerkreuzler. Er wird weiter unten im Text erwähnt.  [7]  Brower, Tom: The Red Web, London 1989; Jürjo, Indrek: Operations of Western Intelligence Services and Estonian Refugees in Post-War Estonia and the Tactics of KGB Counterintelligence, in: Anušauskas, Aevydas (Hrsg.): The Anti-Soviet Resistance in the Baltic States, Vilnius 2000, S. 242–271.  [8]  Launags, Fredis: Latviešu Nacionālo partizānu organizācija (LNPO): Latviešu nacionālo partizānu pēckara karš [Organisation der lettischen Nationalpartisanen. Der Nachkriegskrieg der lettischen Nationalpartisanen], in: Archīvs. Raksti par latviskām problēmām 27 (1987), S. 184–191. Zu Launags Aktivitäten nach dem Krieg siehe Ērglis, Dzintars: Latvijas Centrālās Padomes vēstures nezināmās lappuses [Unbekannte Fakten über den Lettischen Zentralrat], Riga 2003.  [9]  Zur Stalinschen Umdeutung des Zweiten Weltkrieges siehe Weiner, Amir: Making Sense of War. The Second World War and the Fate of the Bolshevik Revolution, Princeton, Oxford 2001. [10]  Siehe Samson, Villis: Partizanskoe dviženie v severnoj Latvii v gody Velikoj Otečestvennoj vojny [Die Partisanenbewegung in Nordlettland in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges], Riga 1951; Ders.: Kurzemes katlā. Partizāņu un frontes izlūku cīņas 1944–1945 [Im Kessel von Kurland. Kampf der Partisanen und Frontaufklärer], Riga 1969; Ders.: Kurzemes meži šalc … Partizāņu un izlūku cīņa kara pēdējā gadā Kurzemē 1944–1945 [Kurlands Wälder rauschen … Kampf der Partisanen und Frontaufklärer im letzten Kriegsjahr in Kurland], Riga 1974; Dzintars, Jānis: Neredzamā fronte [Die unsichtbare Front ], Riga 1970. [11]  Dzintars, Jānis: Vai hitlerisko divesantu kaps ir tautas svētvieta [Ist das Grab von hitlerischen Diversanten ein Heiligtum des Volkes?], in: Padomu Jaunatne vom 1. Februar 1989, S. 2. [12]  Siehe die KGB-Untersuchungsakte von J. Aire, in: LVA, 1986/1/17022, Bl. 129–143. [13]  Dzintars, Jānis: Latviešu fašistiskā buržuāzija hitleriešu izlūkdienesta kalpībā [Die lettische faschistische Bourgeoisie in der Knechtschaft der Hitlerischen Geheimdienste], in: Latvijas PSR Zinātņu Akadēmijas Vēstis 10 (1984), H. 423, S. 52–69. Bereits früher hatte Dzintars die demokratische Widerstandsgruppe Lettischer Zentralrat als Organisation von Kriegsverbrecher denunziert. Ders.: Kāpēc Jekelns likvidēja paša izlolotos kureliešus? [Warum liqudierte Jekeln die Kurelis-Leute, nachdem er sie zuvor unterstützt hatte?], in: Dzimtenes Balss vom 9. September 1971. [14]  Kalvāns, Aleksanders (Hrsg.): Uz ežiņas galvu liku … [Auf den Feldrain bette ich mein Haupt …]. 2. Bde., Riga 1995; Aļķis, Ivars (Hrsg.): Pretestības kustība okupācijas varām Latvijā. Atmiņās un dokumentos no 1941. līdz 1956. gadam [Die Widerstandsbewegung gegen die Besatzungsmächte in Lettland. Erinnerungen und Dokumente von 1941 bis 1956], Riga 1997. [15]  Caune, Andris (Hrsg.): Nacionālā pretošanās komunistiskajiem režīmiem Austrumeiropā pēc Otrā pasaules kara: Starptautiskās konferences materiāli, 2005 gada 7.–8. jūnijs, Riga/The National Resistance to Communist Regimes in Eastern Europe after World War II: Materials of an International Conference 7–8 June 2005, Riga (= Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 17), Riga 2006. [16] Strods, Heinrihs: Latvijas Nacionālo partizāņu karš 1944–1956 [Der Krieg der lettischen Nationalpartisanen], Riga 1997; Ders. (Hrsg.): Latvijas Nacionālo partizāņu karš 1944–1956. Dokumenti un materiāli [Der Krieg der lettischen Nationalpartisanen. Dokumente und Materialien Teil II], Riga 1999; Strods, Heinrihs (Hrsg.): Latvijas Nationālo partizāņu karš III. Dokumenti, apcerējumi un atmiņas [Der Krieg der lettischen Nationalpartisanen. Dokumente, Abhandlungen und Erinnerungen Teil 3], Riga 2003. [17] Strods, Heinrihs: Resistance in Latvia 1944–1991, in: Nollendorfs, Valters /Oberländer, Er-win (Hrsg.): The Hidden and Forbidden History of Latvia under Soviet and Nazi Occupations 1940–1991. Selected Research of the Commission of the Historians of Latvia (= Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 14), Riga 2003, S. 286–297.   [18]  So z. B. Dreimane, Inese: Latvijas kristīgo konfesiju garīdznieki nacionālās pretošanās kustībā (1944–1953) [Geistliche der christlichen Konfessionen Lettlands in der Widerstandsbewegung], in: Caune, Andris (Hrsg.): Okupācijas režīmi Latvijā 1940.–1956. gadā. Latvijas Vēsturnieku komisijas 2001. gada pētījumi/Occupation Regimes in Latvia in 1940–1956: Research of the Commission of the Historians of Latvia (2001) (= Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 7), Riga 2002, S. 221–284. Turčinskis, Zigmārs: Ziemeļvidzemes nacionālie partizāni: 1945.–1953. gads [Nationale Partisanen in Nordlettland], in: Ebenda, S. 285–368; Jansons, Ritvars: Bruņotās pretošanās kustības Latvijā 1944.–1956. gadā: vēstures izpētes stāvoklis un tālākie pētniecības vierzieni [Die bewaffneten Widerstandsbewegungen in Lettland in den Jahren 1944 bis 1956: Stand der Forschung und zukünftige Forschungsrichtungen], in: Ebenda, S. 343–357. [19]  Siehe Ērglis: Latvijas Centrālās Padomes (Anm. 8); Andersons, Edgars/Siliņš, Leonids: Latvija un Rietumi. Latviešu nacionālā pretestības kustība 1943–1945 [Lettland und der Westen. Die nationale lettische Widerstandsbewegung], Riga 2002. [20]  Swain, Geoffrey: Between Stalin and Hitler. Class war and Race War on the Dvina, 1940–46, London/New York 2004. [21]  Felder, Björn: »Mit Lettland leben, mit Lettland sterben«. Der SS-Jagdverband Ost – Unternehmen »Wildkatze« und die Vorbereitung von antisowjetischen Partisanen in Lettland (1944– 1945), in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 54 (2005), H. 1, S. 98–127. Felder, Björn: Underground Networking. National and International Connections of the anti-Soviet Resistance in Latvia 1944–1950, in: Caune, Andris (Hrsg.): Nacionālā pretošanās komunistiskajiem režīmiem Austrumeiropā pēc Otrā pasaules kara: Starptautiskās konferences materiāli, 2005 gada 7.–8. jūnijs, Riga/The National Resistance to Communist Regimes in Eastern Europe after World War II: Materials of an International Conference 7–8 June 2005, Riga (= Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 17). Riga 2006, S. 124–135. [22] Dūra, Danute/ Gundare, Ieva/Zujeva, Dzidra: Okupācijas vara un Latvijas sabiedrība »Nationālās sardzes« dokumentos [Die sowjetische Besatzung und die lettische Gesellschaft in den Dokumenten der Organisation »Die nationale Wache«], in: Caune, Andris (Hrsg.): Okupācijas režīmi Latvijā 1940.–1956. gadā. Latvijas Vēsturnieku komisijas 2001. gada pētījumi. Occupation Regimes in Latvia in 1940–1956: Research of the Commission of the Historians of Latvia (2001) (= Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 7). Riga 2002, S. 80–106, hier S. 86.   [23] Siehe die Aufnahmeprotokolle des Zentralkommitees der LKP: LVA, PA–101/1/7, Bl. 1–300. [24] Siehe hierzu ausführlich Felder, Björn: Lettland im Ausnahmezustand. Sowjetische und nationalsozialistische Besatzung und die Reaktionen der Bevölkerung 1940–1946. Dissertation: Universität Tübingen, Tübingen 2006. [25]  Siehe Ciganovs, Juris: Pretošanas padomju okupācijas režīmam Latvijā 1940.–1941. gadā [Widerstand gegen das sowjetische Besatzungsregime in Lettland], in: Kaņepe, Vija (Hrsg.): Subjugation under Soviets and Nazis (= Yearbook of the Museum of Occupation of Latvija 2000), Riga 2001, S. 45–56; Viļums, Jānis: Pretošanas okupācijai Latvijā 1940.–1941. gadā [Widerstand gegen die Besatzung in Lettland], in: Strods, Heinrihs. (Hrsg.): Powers unleashed (= Yearbook of the Museum of Occupation of Latvia 2002), Riga 2003, S. 127–160. [26]  Siehe Ezergailis, Andrew: The Holocaust in Latvia 1941–1944. The Missing Center, Riga 1996. Bassler, P. Gerhard: Alfred Valdmanis and the Politics of Survival, Toronto/Buffalo/London 2000. [27]  Siehe die Tautas balss Nr. 7 vom 15. Juli 1942. Zum Holocaust in Lettland siehe Ezergailis: Holocaust (Anm. 26). Zum Judenmord wurden im Juli und August 1941 lettische Polizisten abkommandiert, später wurden die nationalsozialistischen Mordaktionen von dem so genannten Arājs-Kommando der Sicherheitspolizei und deutschem Personal durchgeführt. Für »spontane« Mordaktionen aus der lettischen Bevölkerung gibt es bisher keine Belege. Dies gilt auch für den Anteil der lettischen Zivilverwaltung, den Generaldirektorien, die allerdings die antijüdischen Anordnungen der Besatzer befolgten und versuchten, in den Besitz des enteigneten jüdischen Eigentums zu gelangen. [28] Tautas balss Nr. 3 vom 15. März 1942. [29]  Siehe die Statistik des Höheren Polizei und SS-Führers Ostland [September 1943], in: Latvijas Vēstures Valsts Arhīvs/Lettisches historisches Staatsarchiv (im Folgenden: LVVA), P–82/1/20, Bl. 16. Siehe auch Memorandum in Stichworten über den Arbeitseinsatz in Lettland vom 10. Mai 1944, in: Bundesarchiv Berlin (im Folgenden: BArch Berlin), R–92/18, Bl. 179 f. Im Januar 1943 waren allein 32 000 lettische Schutzleute im Einsatz. Protokoll einer deutsch-lettischen Sitzung vom 27. Januar 1943, in: Latvijas Zinātņu akadēmijas Centrālais arhīva/Zentralachiv der lettischen Akademie der Wissenschaften (im Folgenden: LZA CA), P–40/5/2, Bl. 120 f. [30]  Zum Lettischen Zentralerat (LCP) siehe Andersons/Siliņš: Latvija un Rietumi (Anm. 19), sowie Ērglis: Latvijas Centrālā Padome (Anm. 8). [31]  Andersons/Siliņš: Latvija un Rietumi (Anm. 19), S. 35. Die »Landeseigene Verwaltung« bildeten auf Anordnung der deutschen Besatzungsmacht seit Ende 1941 Teile ehemaliger Ministerien und untere Verwaltungsbehörden. Sie bestand bis zum Abzug der Wehrmacht als Verwaltungsvollzugsorgan und besaß keine Regierungsvollmachten. [32]  Ebenda, S. 18 f. [33]  Siehe etwa Statement on the Situation in Latvia and in other Baltic States, Latvian SocialDemocratic Labour Party [1943]: Hoover Institution of War, Revolution and Peace Archives (im Folgenden: Hoover), F. Cielens Collecton, Box 1, Folder 1, Bl. 30. Zu den Berichten der lettischen Diplomaten an alliierte Dienststellen während des Krieges siehe Ezergailis, Andrew: Stockholm Documents. The German Occupation of Latvia, 1941–1945. What did America know? (= Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 5), Riga 2002. [34]  Andersons/Siliņš: Latvija un Rietumi (Anm. 19), S. 35 f. [35]  Felder: Lettland im Ausnahmezustand (Anm. 24), S. 122–126. [36]  Andersons/Siliņš: Latvija un Rietumi (Anm. 19), S. 28 f. [37]  Atmiņas par okupācijas laiku, Erinnerungen von A. Neparts in: Latvijas Kara muzejs/Lettisches Kriegsmuseum (im Folgenden: LKM), 5–602–DK/p, II–24. [38]  Schreiben des Kommandeurs der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) Lettlands, Dr. Lange, an das RSHA, Amt IV vom 25. Januar 1944, in: LVVA, P–252/1/26, Bl. 10. [39]  Die Donnerkreuzler hatten als Organisation keinerlei Einfluss auf den Verlauf der Judenmordaktionen. Zur Verbindung zwischen Donnerkreuzler und Sicherheitspolizei im Juli 1941 siehe Felder: Lettland im Ausnahmezustand (Anm. 24), S. 226– 232. Zum lettischen Hilfskommando der Sicherheitspolizei siehe ausführlich bei Ezergailis: Holocaust (Anm. 26). [40]  Die Institution sollte dem Sicherheitsdienst Informationen über lettische Kommunisten liefern. Siehe Felder, Björn: »Die Spreu vom Weizen trennen …« Die Lettische Kartei – Pērkonkrusts im SD Lettland 1941–43, in: Nollendorfs, Valters (Hrsg.): Sphere of Influence (=Yearbook of the Museum of Occupation of Latvia 2003), Riga 2004, S. 47–68. [41]  Protokoll einer lettisch-litauischen Geheimkonferenz: Mitteilung über die vom 8. bis 9. Januar diesen Jahres [1944] in Riga stattgefundene Konferenz der Litauer und Letten, in: BArch Berlin, R–6/45, Bl. 30–37, hier Bl. 32. [42]  Zitiert nach Andersons/Siliņš: Latvia un Rietumi (Anm. 19), S. 64. [43]  Brīvā Latvija Nr. 3 vom 20. August 1943, in: LVVA, P–252/1/26, Bl. 41. [44]  Ein Faksimile der Erklärung findet sich bei Andersons/Siliņš: Latvia un Rietumi (Anm. 19), S. 420–434. [45]  Ebenda, S. 71. [46]  Ebenda, S. 81 f. Celmiņš war bereits im März 1944 verhaftet worden. Schreiben von Lange, 30. Mai 1944, in: LVVA, P–252/1/26, Bl. 133. [47]  Siehe dazu Andersons/Siliņš: Latvija un Rietumi (Anm. 19), S. 214–240; Lasmane: Pāri jūrai (Anm. 1). [48]  Siehe hierzu Andersons/Siliņš: Latvija un Rietumi (Anm. 19), S. 249–344. Biezais, Haralds: Kurelieši – Nacionālās pretestības liecinieki [Kurelisleute: Zeugen der nationalen Widerstandsbewegung], Ithaca 1991; Ērglis, Dzintars: Centrālā Padome un kurelieši [Der Lettische Zentralrat und die Kurelis-Leute], in: Latvijas Vēstures Institūta Žurnāls 33 (1999), H. 3, S. 84–103; Erglis: Latvijas Centrālā padome (Anm 8); Felder: »Mit Lettland leben […]« (Anm. 21), 114–117. Handrack, Hans-Dieter: Die Kurelis-Verbände, in: Jahrbuch des baltischen Deutschtums 25 (1978), S. 136–140. [49]  So charakterisierte A. Dravnieks die Motivation des Kurelis-Kommandeurs Upelnieks. Dravnieks, Arvīds: Es atceros, Latvijas skolas un skolotāji [Ich erinnere mich. Schulen und Lehrer in Lettland], o. O. 1970, S. 209. [50]  Felder: »Mit Lettland leben […]« (Anm. 21), S. 115 f. [51]  Siehe den Bericht Jeckelns über die Auflösung der Kurelis-Armee vom 25. November 1944, in: BArch Berlin, R–90/4, Bl. 8. [52]  Felder: »Mit Lettland leben […]« (Anm. 21), S. 155. [53]  Auszug aus dem »Bandenlagebericht« des Rückwärtigen Armeekommandos 584 vom 28. Dezember 1944, in: Bundesarchiv – Militärarchiv Freiburg, RH 20–116/614. [54]  Siehe dazu die Zeitzeugenaussagen der ehemaligen Rubenis-Partisanen V. Meliuss von 1960 und A. Štrauss von 1985, in: LZA CA, P–40/5/22. [55]  An alle Abteilungsleiter des NKVD der Lettischen SSR, Volkskommissar des Inneren A. Eglite vom 10. März 1945, in: Strods: Latvijas Nacionālo partizaņu karš, 1999 (Anm. 16), S. 138–146. [56]  Aussage im NKVD-Verhör vom 9. März 1945, in: LVA, 1986/1/62/1, Bl. 106–111. [57]  Siehe Krēsliņš, Uldis: Aktīvais nacionālisms Latvijā 1922–1934 [Der Aktive Nationalismus in Lettland], Riga 2005. [58]  Avotinš war am 12. Juli 1941 vom Zentralstab der Organisation in das nationale Zentrum abkommandiert worden. Dort versuchten verschiedene politische Parteien, eine lettische Regierung zu bilden, was von den deutschen Besatzern verhindert wurde. Aussage von Avotiņš vom 22. November 1944, in: LVA, 1986/1/62/1, Bl. 40. Zu den Ereignissen im Juli 1941 in Riga siehe Ezergailis: Holocaust (Anm. 26), S. 203–238. [59]  Aussage Avotiņš im NKVD-Verhör vom 9. März 1945, in: LVA, 1986/1/63/1, Bl. 111. Hermanis Lūsis behauptete, Avotiņš habe 1944 sowohl K. Čakste als auch Gustavs Zemgals, den ehemaligen lettischen Staatspräsidenen, getroffen. Ausage im NKVD-Verhör vom 23. März 1945, in: LVA, 1986/1/28579/1, Bl. 67. [60]  Faksimile der Erklärung in Andersons/Siliņš: Latvija und Rietumi (Anm. 19), S. 426. [61]  Aussage Avotiņš im NKVD-Verhör, 16. April 1945: LVA, 1986/1/62/1, Bl. 131. [62]  Ebenda. Zum Antisemitischen Institut siehe Dribins, Leo: Antisemītisms un tā izpausmes Latvijā [Antisemitismus und seine Ausprägung in Lettland] (= Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 4), Riga 2002, S. 120 f u. 125 f.; Felder: »Die Spreu vom Weizen trennen …« (Anm. 40), S. 53. [63]  Bericht von Lūsis für den NKVD vom 2. Oktober 1945, in: LVA, 1986/1/28579, Bl. 88–91. Er erwähnt keine Erschießungsaktionen. Zum Einsatz lettischer Hilfskräfte der Sipo siehe Ezergailis: Holocaust (Anm. 26). [64]  Zu Līdumnieks siehe Felder: » Mit Lettland leben […]« (Anm. 21), S. 110. [65]  Das Todesurteil vom 24. November 1945 gegen Lūsis findet sich in dessen NKVD-Akte, in: LVA 1986/1/28579, Bl. 282–284. [66]  Ansis Krūklis, ebenfalls ein Donnerkreuz-Mitglied und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes sagte aus, Avotiņš sei als Propagandaleiter ein Führungsmitglied des Līdumnieks gewesen. Aussage von Krūklis im NKVD-Verhör vom 16. Juni 1945, in: LVA, 1986/1/28579, Bl. 134. [67]  Schreiben von Avotiņš als Mitarbeiter des Lettischen Vereins Līdumnieks an die Propagandaabteilung des Generalkommissariats in Riga vom 12. Januar 1944, in: BArch Berlin, R–92/1/30. [68]  An alle Abteilungsleiter des des NKVD der Lettischen SSR, Volkskommissar des Inneren A. Eglite vom 10. März 1945, in: Strods: Latvijas Nacionālo partizaņu karš, 2003. (Anm. 16), S. 138–146 [69]  Zu Sildegs siehe Felder: »Die Spreu vom Weizen trennen …« (Anm. 40), S. 61 u. 63–65. Siehe auch dessen NKVD-Akte, in: LVA, 1986/1/62/1, Bl. 150–259. [70]  Schreiben von Dr. Lange, Kommandeur des SD und der Sicherheitspolizei in Lettland, 26. Januar 1944, in: LVVA, P–252/1/26, Bl. 7; Schreiben von Dr. Lange vom 30. Mai 1944, in: LVVA, P–252/1/26, Bl. 133. [71]  Erinnerung von Jānis Niedra, Mitglied der Latvijas Sargi vom 4. Mai 1998: LKM, 5–563–DK/p. [72] Aussage von Dagda im NKVD-Verhör vom 15. Februar 1945, in: LVA, 1986/1/62/1, Bl. 271. [73]  Aussage Sildegs im NKVD-Verhör vom 12. Februar 1945, in: LVA, 1986/1/62/1, Bl. 174–183. [74]  LVA, 1986/1/62/9, Bl. 611–679. Die Lettische Legion bezeichnete die lettischen Divisionen der Waffen-SS, war zugleich aber auch ein Sammelgriff für alle Letten in deutschen militärischen Diensten, Mitglieder der Polizeibataillone oder Wehrmachts-Hilfswillige (Hiwis). [75]  Siehe Par Latviju Nr. 2 vom September 1944. [76]  Par Latviju Nr. 1 vom September 1944. [77]  Aussage von Avotiņš im NKVD-Verhör vom 5. Januar 1945, in: LVA, 1986/1/62/1, Bl. 36. Ähnliches berichte auch J. Niedra: Erinnerungen vom 4. Mai 1998, in: LKM, 5–563–DK/p. [78]  Aussage Dagda im NKVD-Verhör vom 17. Februar 1945, in: LVA, 1986/1/62/1, Bl. 286. Von Seiten des SD bezeugte dies der lettische Kriminalbeamte Juris Aire, der Waffen und Ausrüstung lieferte. Siehe die NKVD-Aire, in: LVA, 1986/1/17922/1, Bl. 324–331. Auch Sildegs räumte dies später ein. Aussage im NKVD-Verhör o. D.: LVA, 1986/1/17022/1/, Bl. 171–173. [79]  Siehe das Urteil vom 3. August 1945, in: LVA, 1986/1/62/11, Bl. 250; Erinnerungen von J. Niedra vom 4. Mai 1998, in: LKM, 5–563–DK/p; V. Garlājs, von 1998: LKM, 5–555–DK/p. [80]  Abschlussbericht des Staatsanwalts der LSSR V. B. Daukšis vom 25. Oktober 1989, in: LVA, 1986/1/62/10, Bl. 79; das Urteil findet sich in: LVA, 1986/1/62/1, Bl. 92–96. [81]  Siehe den Bericht von Berija an Stalin Über den Kampf des NKVD mit bewaffneten Banditen in Lettland vom 5. August 1945, in: Library of Congress, Nachlass Dimitrij Volkogonov, Reel 14, Container 22. Zu Litauen siehe ein Schreiben von Berija an Stalin Über die antisowjetische nationalistische Bewegung in Litauen vom 30. Juli 1945, in: Ebenda. [82]  Für Lettland siehe auch Strods: Latvijas Nacionālo partizaņu karš, 1997 (Anm. 16); Swain: Between Stalin and Hitler (Anm. 20), S. 163–185. [83]  Rede des lettischen Parteisekretärs J. Kalnbērziņš vom 22. Juni 1953, in: LVA, PA– 101/16/10, Bl. 7. [84]  Andere Widerstandsgruppen wie etwa jene in Nordlettland entstanden ohne deutsches Zutun. Siehe Turčinskis: Ziemeļviedzemes nacionalie partizāni (Anm 18). [85]  Siehe Felder: » Mit Lettland leben […]« (Anm. 21), S. 106–110. Zur den Widerstandsgruppen an der Westfront siehe German Sty-Behind Plans in the Rhineland, France and the Low Countries, OSS Counter Intelligence Branch vom 9. Februar 1945, in: National Archives, Washington D. C., RG 226, Entry 210, Box 8, Folder 1. [86]  Felder: » Mit Lettland leben […]« (Anm. 21), S. 106–110. Im Unternehmen Zeppelin wurden in Nachahmung der sowjetischen Partisanen seit 1942 vom SD Sabotagetrupps aus russischen Kriegsgefangenen gebildet und in den Rücken der Roten Armee entsandt. Siehe Mallmann, Klaus-Michael: Der Krieg im Dunkeln. Das Unternehmen »Zeppelin« 1942–1945, in: Wildt, Michael (Hrsg.): Nachrichtendienst, politische Elite, Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, Hamburg 2003, S. 324–346. [87]  Felder: » Mit Lettland leben […]« (Anm. 21), S. 117 f. [88]  Bericht über die deutsch-lettischen Beziehungen vom Januar 1945, in: LZA CA, P–40/5/2, Bl. 61. [89]  So bezeichneten die Offiziere der Kurelis-Verbände lettische Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Siehe das Tagebuch des Kurelis-Adjutanten Gregors, in: Andersons/Siliņš: Latvija un Rietumi (Anm. 19), S. 336. [90]  Zu Supe siehe Felder: » Mit Lettland leben […]« (Anm. 21), S. 111. Zu Rusovs siehe die Erinnerungen von Kārlis Rusovs vom Juli 2000 in Strods: Latvijas Nacionālo partizaņu karš, 2003 (Anm. 16), S. 177–205. [91]  LNPO-Deklaration, in: LZA CA, P–40/5/2, Bl. 56. [92]  Ziedainis hatte zuvor keinen Kontakt zum SS-Jagdverband gehabt. Er wurde später durch den NKVD zum Tode verurteilt und erschossen. NKVD-Akte Ziedainis: LVA 1986/2/P–10905; »Abschluss der Anklage« im Verfahren gegen R. Šternbergs vom 11. Dezember 1946, in: LVA, 1986/1/41886/6, Bl. 201. Erinnerungen von F. Sirsniņš von 1992, in: LKM, 5–95–DK/p. [93]  Strods: Latvijas Nacionālo partizaņu karš, 1997 (Anm. 16), S. 163. [94]  Erinnerungen von Sirsniņš von 1992, in: LKM, 5–95–DK/p. [95]  Zu Brombergs siehe dessen CIA-Akte, in: National Archives, Washington D. C., RG–263, Personal Files, Box 8, Folder »Brombergs«. Seine Zugehörigkeit zur »Irbīte«-Mannschaft belegt das Dokument: Report by Albert Kalme, contact man in the USA of the Latvian resistance movement, to the Central Intelligence Agency of the US, in: Hoover, Jules Feldmanis Collection, Box 8, Folder 1. [96]  Erinnerungen von Sirsniņš von 1992, in: LKM, 5–95–DK/p. [97]  Aussage von Dišlers im NKVD-Verhör vom 5. Dezember 1945, in: LVA, 1986/1/781, Bl. 160–166. [98]  Ērglis: Latvijas Centrālā Padome (Anm. 8), S. 104–109. [99]  Die Parole stand am Ende eines Aufrufs, den lettische Emigrantenkreise im Umfeld des LCP mit einer »Anweisung des englischen Geheimdienstes« im Herbst 1945 nach Lettland vermittelt hatten, und der in verschiedenen Gruppen kursierte. LVA, 1986/1/41886/6, Bl. 196–222 u. LVA, 1986/1/30641/3, Bl. 76 f. [100]  So konnte Boris Jankvas, Leiter des SS-Jagdverbands Ost und ehemaliges Mitglied des Arājs-Kommandos, nach Kriegsende nicht Leiter der LNPO werden. Felder: » Mit Lettland leben […]« (Anm. 21), S. 125. [101]  Erinnerungen von Sirsniņš von 1992, in: LKM, 5–95–DK/p. [102]  Abschluss der Anklage vom 11. Dezember 1946, NKVD-Akte Šternbergs, in: LVA, 1986/1/41886/6, Bl. 200. [103]  Report by Albert Kalme, contact man in the USA of the Latvian resistance movement, to the Central Intelligence Agency of the US […], in: Hoover, Jules Feldmanis Collection, Box 8, Folder 1. [104]  Siehe Felder: Underground Networking (Anm. 21), S. 131. [105]  Der KGB hatte die baltischen Emigrantenkreise und den britischen Geheimdienst erfolgreich unterwandert. Ērglis: Latvijas Centrālā Padome (Anm. 8), S. 135–169; Brombergs KGB-Untersuchungsakte, in: LVA, 1986/1/40596. 

JHK 2007

Die Stalinisierung der KPD - Alte und neue Einschätzungen

Hermann Weber

 [1] Während meiner frühren Forschungen zur Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) konstatierte ich bereits 1959 eine »Stalinisierung« der Partei. Diese »Sektion« der Kommunistischen Internationale (Komintern) kopierte bis 1929 schrittweise die KPdSU und wurde »ein Anhängsel der stalinistischen Kommunistischen Partei der Sowjetunion«[2]. In der ersten umfänglichen Dokumentation zur Geschichte des deutschen Kommunismus von 1963 wurde dies ebenfalls als Ergebnis der Analyse festgehalten.[3]  Dass die Stalinisierung die ganze Komintern betraf, wurde 1966 (Kapitelüberschrift: Die Stalinisierung der Komintern) als Fazit notiert: Mit der »Bolschewisierung« der Komintern wies Moskau dieser eine neue Rolle zu, »ihre Politik orientierte sich nunmehr an den vermeintlichen Interessen des Sowjetstaates. Damit wurde die Komintern ein Instrument Stalins. Allerdings handelte es sich bei dieser Funktionsänderung nicht um einen einmaligen Akt, sondern um eine schrittweise Transformation. Stalin unterwarf die einzelnen kommunistischen Parteien – ebenso wie die KPdSU – ständigen Säuberungen.«[4] Schließlich habe ich 1969 die Stalinisierung der KPD für den Zeitraum 1924 bis 1929 umfassend beschrieben und analysiert.[5] An den damaligen Aussagen halte ich im Wesentlichen fest. Die Stalinisierung, die Wandlung des Kommunismus, hatte für die KPD gravierende Folgen: Sie entwickelte sich von einer Partei mit innerer Demokratie zu einer straff disziplinierten Organisation mit strikt zentralisierter Befehlsgewalt. Stalinisierung hieß Umgestaltung des inneren Aufbaus, Entstehung einer monolithischen, hierarchischen Partei. In ihr beherrschte die Spitze mit Hilfe des Funktionärs-Apparates (insbesondere der hauptamtlichen, von der Führung abhängigen Funktionäre) die Mitgliedschaft. Vor allem: Die Politik wurde allein im Sinne und entsprechend den Weisungen der Stalinschen KPdSU praktiziert. Damit änderten sich Charakter und Funktion der KPD. Die von Rosa Luxemburg begründete radikal-marxistische Partei entwickelte sich zur stalinistischen Apparatpartei, zur Hilfstruppe der UdSSR Stalins. Damals resümierte ich: »Schließlich änderte sich nicht nur die innere Struktur der KPD, sondern auch ihre Politik. Der deutsche Kommunismus entstand als Fortsetzung der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung, seine sozialistische Zielsetzung entsprach der Intention der radikalen Arbeiter und kommunistischen Intellektuellen, die klassenlose Gesellschaft zu errichten. Die Stalinisierung der KPD, die Beherrschung der Bewegung durch den Apparat und die völlige Abhängigkeit von der Stalin-Führung in Moskau, ließ diese Zielsetzung zur bloßen Ideologie erstarren und veränderte die Funktion der Partei. Statt der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse erstrebte sie nunmehr die Apparatherrschaft stalinistischer Prägung. Die Unterordnung unter die Politik Stalins und ihre Verteidigung waren ihr oberstes Gebot. Schließlich ermöglichte erst die Wandlung der KPD durch die Stalinisierung die ultralinke Politik der Partei von 1929 bis 1933, die wesentlich zum Untergang der Weimarer Republik beitragen sollte. […] Wenn die Stalinisierung in knapp fünf Jahren vollzogen werden konnte, so lassen sich die wesentlichen Triebkräfte der Wandlung des Kommunismus hier deutlicher als anderswo ablesen.«[6]  Aufgrund der jetzt vorliegenden Akten ist der Beginn der Stalinisierung etwas vorzudatieren. 1969 ging ich von der Zeit 1924 bis 1929 aus. Die schrittweise »Bolschewisierung« seit 1921/22 ist als wichtige Vorgeschichte dieser Stalinisierung der KPD anzusehen. Die Zentralisierung und die Abhängigkeit von der Sowjetunion waren schon größer als angenommen. Doch die folgende Stalinisierung besaß eine andere »Qualität«.   Voraussetzungen für die Stalinisierung Anhand der bereits vorhandenen Veröffentlichungen und der Archivalien, die im Westen damals zugänglich waren, versuchte ich 1969, vier wesentliche Bedingungen für die Stalinisierung der KPD zu thematisieren. Dabei wurde unterschieden zwischen zwei generellen und zwei speziellen Voraussetzungen. Erstens galt allgemein die Apparatherrschaft in Parteien als Zeiterscheinung, nämlich die Herrschaft des Apparats über die Organisation.[7] Zweitens betraf dies die strukturellen Probleme der KPD, die ihren ideologischen und politischen Standort zwischen Sozialdemokratie und Syndikalismus erst suchen musste, wobei wiederum dem Apparat mit seinen »Parteiangestellten« erhebliche Bedeutung zufiel. Wesentlich waren von den vier Faktoren schließlich zwei Besonderheiten, die ich seinerzeit so zusammenfasste: »Ohne Zweifel ist die Abhängigkeit der KPD von der Sowjetunion, die sich seit 1919 schrittweise vergrößerte, eine wichtige und die augenfälligste Voraussetzung der Stalinisierung. Der Apparat der KPD geriet – mehr noch als die eigentliche Partei – in eine zunehmende, nicht zuletzt auch finanzielle Abhängigkeit von der Moskauer Zentrale. Da die KPD lediglich als Sektion der Komintern galt und keine selbstständige Partei darstellte, war die Abhängigkeit formell sanktioniert. […] Da sich der Stalinismus in der Sowjetunion selbst zum herrschenden politischen System entwickelte, blieb nicht aus, daß sich der autoritäre Geist des sowjetischen Staatswesens über die russischen Führer der Komintern auf deren ausländische Sektionen ausbreitete. Das bedeutete nicht nur die Unterwerfung der KPD unter die sowjetische Staatspolitik, sondern auch Übernahme aller Formen der Apparatherrschaft.« Eine vierte Voraussetzung für die Stalinisierung lag in der – für die Situation der KPD in Deutschland nach 1924 charakteristischen – Diskrepanz zwischen den revolutionären Zielsetzungen der Partei und einer nichtrevolutionären Situation. Nach dem Ende der revolutionären Auseinandersetzungen und angesichts einer zunehmenden Passivität der Mitglieder wurde der Apparat zum beinahe einzigen aktiven Element in der schwungloser werdenden Partei, seine Macht wuchs enorm. Außerdem führte die restaurative Entwicklung der Weimarer Republik der KPD nicht nur Anhänger zu, sie drängte diese linken Kräfte vielmehr förmlich in ein gesellschaftliches und politisches ›Ghetto‹. Ihnen erschien die Sowjetunion als leuchtendes Idol.«[8] Es sollte nachgewiesen werden, dass das Zusammenfallen dieser vier Faktoren in wenigen Jahren zu einer extremen Abhängigkeit der KPD von der Sowjetunion, zu einer Durchsetzung der stalinistischen Strukturen der KPdSU und zu einer Apparatsherrschaft in der KPD führten. Die Entstehungsbedingungen, die ich seinerzeit herausarbeitete, sind heute etwas anders zu gewichten. Damals beschrieb ich deren Reihenfolge so: 1. die Apparatherrschaft als Zeiterscheinung, 2. die strukturellen Probleme der KPD, 3. die Abhängigkeit der KPD von Moskau und 4. die Situation der KPD in Deutschland. Meine Schlussfolgerung lautete, »daß das gleichzeitige Wirken dieser Faktoren im Zeitraum von fünf Jahren nicht nur zu einer straffen Disziplinierung und Zentralisierung, sondern zu einer drastischen Apparatherrschaft mit bürokratischer Entartung führte.« Der Faktor »Apparatherrschaft als Zeiterscheinung« hatte zwar Gewicht, wurde jedoch überschätzt, während anhand nun zugänglicher Dokumente noch deutlicher die Abhängigkeit der KPD von Moskau als Hauptbedingung zu erkennen ist. Insgesamt bestätigen diese Akten jedoch den Prozess der Stalinisierung.  Nach der Veröffentlichung meiner umfassenden Untersuchung der Wandlung 1969 gab es nur wenige Einwände.[9] Während die SED-Historiker wie üblich von »Webers Fälschungen«[10] sprachen, galten die Bände im Westen bald als Standardwerk.  Nach Öffnung der Archive fanden sich in den internen Quellen weitere Hinweise, und es folgten Veröffentlichungen zur Veränderung der Komintern[11] sowie der Stalinisierung und deren Folgen.[12] Soweit sich ehemalige DDR-Forscher der Geschichte der KPD annahmen, wird der Begriff Stalinisierung meist weiterhin vermieden, z. B. für die Jahre 1924 bis 1929 von »Revolutionärer Politik in nichtrevolutionärer Zeit« geschrieben.[13] Gab es keine Stalinisierung? Doch ein anderer Stellenwert der Faktoren ändert – auch nach der Einsicht in früher geheime Quellen – nichts an der grundsätzlichen Aussage zur Stalinisierung der KPD als ihrer entscheidenden Wandlung. Es bleibt mir ein Rätsel, wieso diese lange bekannten und von den Archivalien heute noch mehr als früher gestützten Stalinisierungsthesen ausgerechnet 1996 von Michael Mallmann mit überzogener Polemik und auf sehr schmaler Quellenbasis vehement bestritten wurden.[14] Er bringt etliche Probleme durcheinander, die Phasen der KPDEntwicklung werden von ihm nicht klar auseinander gehalten. Einige seiner Feststellungen, etwa dass die KPD breite Schichten der Arbeiter mobilisierte, sind bereits in der Wandlung des deutschen Kommunismus beschrieben worden. Doch wegen der straffen Zentralisierung, die mit der Stalinisierung erfolgte, konnten die unteren Einheiten, die Basis der KPD weder die »Politik vor Ort nach ihren eigenen Maßstäben gestalten«, noch – wie Mallmann naiv meint – gar »die Weisungen von oben ignorieren«. Insbesondere die Ausschlusswellen zeigen, wie die Strukturen nach 1929 und vor allem die »Säuberungen« solche unerwünschte Autonomie verhinderten. Wer dies leugnet, verharmlost nicht nur viele Mechanismen, sondern ignoriert auch die Dokumente in erst jetzt erschlossenen Archivbeständen. Die nunmehr zugänglichen Quellen belegen deutlich, wie im Zuge der Stalinisierung der KPdSU in den 20er Jahren in der Komintern erhebliche Veränderungen der Strukturen und des Personals erfolgten. Diese brachten eine drastische Abhängigkeit der einzelnen Sektionen von Moskau und insbesondere für die KPD sind sie als Wandlung der Partei zu charakterisieren.  Da inzwischen jedoch die Kommunismusforschung aufgrund der nun erstmals zugänglichen Akten vor allem die kommunistischen Herrschaftssysteme näher analysiert hat, ist der Terror in den Mittelpunkt der Untersuchungen gerückt, die Darstellung des Kommunismus, auch der KPD, als radikale soziale Bewegung weitgehend in den Hintergrund gedrängt.[15] Während die Veröffentlichungen über den Terror sowie über die diktatorischen Regime des Kommunismus gegenwärtig kaum zu überblicken sind, gingen die Publikationen über den Kommunismus als radikale soziale Bewegung erheblich zurück. Soll das »Wesen« des Kommunismus eingeschätzt werden, gilt es, seine Geschichte als radikale Arbeiterbewegung sowie die Ideologie und die in ihr enthaltenen utopischen Elemente zu berücksichtigen. Daher ist eine Differenzierung »des Kommunismus« nötig. Zu unterscheiden ist zwischen einerseits dem Kommunismus als Teil der sozialen Bewegung, die eine »bessere Welt« schaffen will, und andererseits den herrschenden kommunistischen Regimen, die ihre bereits eroberte Macht mit allen Mitteln, nicht zuletzt dem des Terrors, halten, festigen und absichern wollten. An der Stalinisierungsaussage ändert das nichts. Die Behauptung, es habe gar keine Stalinisierung stattgefunden, führte in der (inzwischen freilich relativ begrenzten) Forschung über die KPD-Geschichte nach 1996 zu einigen Debatten. Da Mallmann mit seinem »Generalangriff auf Webers Thesen«[16] keine schlüssige Konzeption vorlegte, geriet er selbst rasch in die Kritik, seine »analytischen, methodischen und interpretatorischen Schwächen« wurden von Wirsching dargestellt. Allerdings meldete dieser auch Zweifel an der Stalinisierungsthese an.[17] Weil die KPD-Geschichte indes in der Forschung wie gesagt nur noch wenig Interesse fand, gab es geringen Widerhall.  In einer kürzlich erschienenen Untersuchung »Stalin und die KPD in der Weimarer Republik« hat Bert Hoppe[18] erstaunlicherweise das Problem der Wandlung der KPD, ihre Stalinisierung in den 20er Jahren, nicht angesprochen, die Jahre 1924 bis 1928 nur am Rande erwähnt. Auf umfassendes Archivmaterial gestützt, prüft Hoppe vor allem die KPD in der Endphase der Weimarer Republik. Es geht um die Zeit 1929 bis 1932 mit dem Führungstrio Ernst Thälmann, Hermann Remmele und Heinz Neumann (die beiden letzteren, 1932 abgesetzt, starben ja als Opfer der Stalinschen »Säuberungen« 1939 bzw. 1937) und die Umsetzung der Stalin-Politik. Ohne die Stalinisierung wäre allerdings die bedingungslose Unterwerfung der Partei unter die ultralinke Linie Stalins (»Sozialfaschismus« usw.) nicht möglich gewesen. Hoppe beschreibt die Stalin-Methode der »personelle Netze« so: »Stalin verfügte über eine getreue Gefolgschaft, die er bei Bedarf vorschickte und der er im Gegenzug für ihre Dienste seine Protektion gewährte. Bucharin hatte dieses Prinzip klar erkannt, als er vor dem sowjetischen Politbüro feststellte, Stalin baue seine Macht vor allem auf die eigenen, verlässlichen Leute, wohingegen ihn deren tatsächliche Eignung weniger interessiere.«[19] Das gehörte aber schon vor 1929, bei der Wandlung der KPD, zur Machttechnik des Moskauer Diktators und unterstreicht die These von der Stalinisierung der KPD. Gerade diese Herrschaftspraxis führte, wie etwa Bayerlein zeigt, zu einer »Uniformierung des Parteilebens, Entmündigung der Parteimitgliedschaft und Liquidierung der innerparteilichen Demokratie«[20], also zur Stalinisierung. Die jüngste Darstellung über das Verhältnis des KPD-Führers Ernst Meyer zur innerparteilichen Demokratie 1921/22 von Florian Wilde,[21] eine auf empirische Untersuchung gestützte Arbeit, belegt nochmals das Stalinisierungspostulat. Wilde hält fest: »In der Summe muss also Mallmann widersprochen werden, wenn er von einem ›lange vor Stalin angelegten Prozess der Apparatherrschaft‹ schreibt […]. Die eklatanten Unterschiede zwischen dem oben skizzierten Ausmaß von parteiinterner Demokratie und Diskussionsfreiheit in der KPD unter Führung Ernst Meyers 1921/22 und dem vollständig entdemokratisierten Zustand in der stalinisierten KPD der späten 20er und 30er Jahre bleiben daher ohne die Annahme einer erst 1922 einsetzenden grundlegenden Wandlung des deutschen Kommunismus auch weiterhin nicht schlüssig erklärbar.« Folgen der Stalinisierung Tatsächlich entwickelte sich die KPD in den 20er Jahren zu einer »absolutistischen Integrationspartei« (so die Typologie von Sigmund Neumann)[22]. Daraus ergaben sich totalitäre Strukturen innerhalb der Organisation, die Umwandlung einer Bewegung in eine Art strengen »Orden«. Für kommunistische »Kämpfer« galt es im »Klassen-Weltkrieg« eine strikte, fast militärische Disziplin einzuhalten. Der »demokratische Zentralismus« erforderte, dass sie sich als treue Parteisoldaten bewusst und »freiwillig« der Führung unterordneten.  Da der Kommunismus einst als Strömung der Arbeiterbewegung entstanden war, konnte sich der Stalinismus nur etablieren, indem er die herkömmlichen demokratischen Traditionen völlig ausmerzte. Dies wurde erreicht einerseits durch den Ausschluss aller kritischen Kräfte, andererseits mit »ideologischem Terror« innerhalb der kommunistischen Organisationen. Damit gelang es der KPD-Führung, in ihren Reihen die Weisungen der Komintern rigoros durchzusetzen. Auch heute hält die Forschung mit Recht fest: »Als Stalin 1927 [in der UdSSR] triumphierte, brachte er auch die Komintern auf seinen fatalen Kurs.«[23] Das bedeutete nach 1929 für die KPD, die Sozialdemokraten als »Hauptfeinde« zu bekämpfen. Wie weit die KPD-Führung mit ihren Angriffen gegen die Sozialdemokratie in der Praxis ging, zeigt der Volksentscheid in Preußen im August 1931. Zunächst hatte die KPD-Spitze eine Beteiligung am Volksbegehren des rechtsradikalen Stahlhelm und dann am Volksentscheid von NSDAP und Deutschnationalen gegen die sozialdemokratisch geführte preußische Regierung Braun/Severing abgelehnt. Am 10. April wurde in der Roten Fahne noch gewarnt, kein Arbeiter dürfe sich dazu verleiten lassen, »gemeinsam mit den Mord- und Streikbrecherbanden der Nazis und des Stahlhelm, gemeinsam mit den Börsenfürsten, Junkern und Inflationsgewinnlern« aufzumarschieren. Doch genau das geschah, als die KPD im Sommer 1931 den NaziVolksentscheid plötzlich unterstützte. Über die Hintergründe geben zuvor geheim gehaltene Dokumente aus kommunistischen Archiven Auskunft. Am 15. Juli 1931 hatte Heinz Neumann einen »Sekretariatsbrief« an die Kominterführung geschickt und zunächst »unverbindlich« eine »Beteiligung« der KPD vorgeschlagen. Am 20. Juli 1931 schrieb Wilhelm Pieck, der KPD-Vertreter, aus Moskau an die Partei-Führung in Berlin: »In der Frage, ob sich die Partei an dem Volksentscheid über Auflösung des preuss. Landtages beteiligen soll oder nicht, ist hier unter den führenden Genossen nicht nur der Komintern, sondern auch der Partei die einmütige Auffassung vorhanden, dass die Partei sich unbedingt an der Abstimmung beteiligen muss, natürlich für die Auflösung«.[24] Schließlich musste sich die KPD am gemeinsamen Volksentscheid mit der NSDAP aktiv beteiligen (wenn auch erfolglos). Die KPD-Politik wurde von der Komintern in Moskau angeordnet und von der Führung in Berlin bereitwillig vollzogen. Die Stalinisierung, die völlige Ausschaltung jeder innerparteilichen Demokratie, ermöglichte es, dass die KPD selbst solche irrwitzigen Parolen übernahm. Nur so wurde die Linie vom »Hauptfeind SPD« weiterhin – bis 1933 – von einer großen Organisation ohne nennenswerten Widerspruch befolgt. In einem Telefongespräch übermittelte Wilhelm Pieck am 24. November 1931 dem Sekretär des Politbüros, Leo Flieg, die Weisung: »SPD bleibt soziale Hauptstütze der Bourgeoisie, verstärkt Kampf gegen SPD-Führung und ihre Politik.«[25] In ihrem Brief an die KPD hob die Kominternspitze in Moskau im Januar 1932 durch Unterstreichung hervor: »Der Kampf gegen Rechtsopportunisten, gegen die liberale parlamentarische Gegenüberstellung von Sozialdemokratie und Faschismus« sei nötig.[26] Das waren gravierende Folgen der Stalinisierung. Inzwischen ist durch ein biographisches Handbuch mit den Lebenswegen von 1 400 KPD-Führern[27] die Stalinisierungsthese ebenfalls untermauert. Die Oktroyierung der von Stalin in der KPdSU und der Komintern durchgesetzten Strukturen sowie seiner jeweiligen Strategie für die KPD ist somit auch personell belegt.  Entwicklung des deutschen Kommunismus Zur Aufhellung der Stalinisierung der KPD soll hier nochmals die Entwicklung des deutschen Kommunismus kurz skizziert werden (Die Wandlung des deutschen Kommunismus ist ja seit vielen Jahren vergriffen): Die kommunistische Bewegung in Deutschland entstand im Ersten Weltkrieg als Abspaltung von der klassischen Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie. Der Weltkrieg bedeutete indes nicht nur für die Arbeiterbewegung die tief greifende Katastrophe des 20. Jahrhunderts, sondern für die gesamte Gesellschaft. Für die äußerste Linke wurde dann die Oktoberrevolution der Bolschewiki 1917 zum Fanal. Während Rosa Luxemburg manche gewaltsame Aktion und die Diktatur der russischen Kommunisten noch ablehnte, andere Sozialisten eher reserviert blieben, setzte sich in Deutschland das bolschewistische Sowjetrussland als Idol der radikalen Linken rasch durch. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) war in der Weimarer Republik[28] Teil der deutschen Arbeiterbewegung. Sie wurde um die Jahreswende 1918/19 als Zusammenschluss kleiner Gruppen, des Spartakusbundes und der Internationalen Kommunisten, gegründet.[29] Unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (die beide schon am 15. Januar 1919 ermordet wurden) und ihren Nachfolgern war die junge Partei anfangs eine schwache Organisation, durch den Übertritt der linken USPD wurde sie Ende 1920 zur Massenpartei. Die Geschichte der KPD verlief entsprechend den drei Etappen der Weimarer Republik. Während der revolutionären Nachkriegsphase bis 1923 versuchte sie durch Aktionen und Aufstände an die Macht zu kommen. In der Stabilisierungsphase der Republik von 1924 bis 1929 waren die Aktivitäten der KPD vor allem auf die inneren Strukturen gerichtet, ihre Stalinisierung. Ab 1929 wuchs die KPD in der Krisensituation in Deutschland an. Sie folgte dem katastrophalen ultralinken Kurs Stalins (»Hauptfeind Sozialdemokratie«, als »Sozialfaschismus« diffamiert), womit sie zum Untergang der Weimarer Republik beitrug. Während der Stabilisierung der Weimarer Republik 1924 bis 1929 spielte die KPD in der deutschen Politik eine geringere Rolle als in den Phasen der Krise bis 1923 oder von 1929 bis 1933. Eine revolutionäre Politik war ihr aufgrund der objektiven Lage nicht möglich, und eine Tätigkeit nach parlamentarischen Spielregeln war nicht das eigentliche Anliegen der kommunistischen Partei, die ja die parlamentarische Demokratie stürzen wollte. Dennoch blieb die KPD auch in der Periode 1924 bis 1929 ein politischer Faktor von Gewicht, mit rund 100 000 Mitgliedern gehörte sie zu den großen deutschen Parteien jener Zeit. Teilgeschichte der Komintern Der deutsche Kommunismus war während seiner Existenz von zwei Faktoren determiniert, von der Politik und Realität in Deutschland und von den Vorgaben des Weltkommunismus, der Komintern, insbesondere der Sowjetunion. Die Geschichte der KPD als Sektion der Komintern ist in gewissem Sinne nur als Teilgeschichte der Komintern zu verstehen. Sowohl die Verbindungen von Komintern und KPD und die wachsende Abhängigkeit der deutschen Kommunisten von der Kominternzentrale als auch die Unterordnung des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) unter die sowjetischen Kommunisten sind durch zahlreiche Dokumentationen und Untersuchungen belegt. Die kommunistische Politik wurde über nationale Grenzen hinweg zwischen den beiden Weltkriegen von zwei »Institutionen« der kommunistischen Bewegung getragen, von der UdSSR als kommunistisch regiertem Staat einerseits und der Komintern als weltweitem Zusammenschluss aller kommunistischen Parteien andererseits.  Die Komintern mit ihren Sektionen war auf die technische und finanzielle Hilfe Russlands angewiesen. Vor allem aber galt Sowjetrussland den kommunistischen Parteien als unantastbares Vorbild. Das bedingte, dass der ideologische, personelle und materielle Einfluss der russischen Kommunisten in der Komintern unaufhaltsam wuchs. Die Sowjetunion diktierte ganz unverhohlen den Kurs und ordnete sämtliche kommunistischen Parteien ihren Interessen (oft sogar nur ihren vermeintlichen Interessen) unter. Die UdSSR und die KPdSU befanden sich inzwischen unter der Herrschaft des Diktators Stalins und von dessen Apparat. Entscheidend blieb das Axiom von der »führenden Rolle der Partei«, die Behauptung, diese habe »immer recht«, war Kern der Ideologie. Für die KPD bedeutete dies ab Mitte der 20er Jahre die bedingungslose Anerkennung der Dominanz der Stalinschen KPdSU und die kritiklose Übernahme sowohl von deren Politik als auch von deren Organisationsstrukturen. Parallel mit dieser Transformation der Funktion und des Aufbaus der Partei kam es zur Veränderung des Personalbestandes, einmal durch für die KPD typische ständige Fluktuation der Mitglieder und Funktionäre, zum anderen durch Auswechslung der Führungskader. Die Parteisäuberungen wurden weitgehend von der Komintern dirigiert.[30] Auch wenn damals kaum erkennbar hatte die KPD vor allem drei Probleme zu lösen: Erstens musste die junge Partei ihr Verhältnis zur Sowjetunion ordnen, maßgeblich war der Grad der Abhängigkeit vom Sowjetstaat; zweitens ging es um die Festigung der eigenen Parteistruktur, um das Maß innerparteilicher Demokratie und drittens schließlich um die Politik, die »Generallinie«: Sollte die Partei eine ultralinke intransigente oder eine realistische linksoppositionelle Politik gegenüber der Weimarer Republik und der SPD betreiben?  Letztlich drehten sich die Auseinandersetzungen in der KPD ständig um diese Grundfragen. Mit der Stalinisierung der Partei wurden die Probleme rigoros und einseitig gelöst: Nun war die KPD völlig von Moskau abhängig. Die innerparteiliche Demokratie wurde aufgehoben. Und ab 1929 steuerte die KPD einen ultralinken Kurs. Auswirkungen der Niederlage im »deutschen Oktober« 1923 Nachdem im Oktober 1923 der letzte Versuch der KPD, durch einen Aufstand an die Macht zu kommen, gescheitert war,[31] kam es zur extremen Stalinisierung der Partei. Ihr misslungener Aufstandsversuch hatte nach meiner heutigen Einschätzung drei generelle Folgen:  Die Vorherrschaft der Komintern über die KPD war damit besiegelt, die Stalinisierung der Partei vollendete dann bis 1929 die totale Abhängigkeit von Moskau. Funktionäre und Mitglieder wurden bedingungslos auf die Sowjetunion eingeschworen. Mit Stalins Befehl zur Wiedereinsetzung Ernst Thälmanns und der Ausschaltung der Rechten und Versöhnler nach der Wittorf-Affäre[32] 1928 fand dieser Prozess seinen Abschluss. Insofern ist die These, es habe noch 1928 eine Alternative bestanden[33], kaum haltbar. Denn während der 1925 beginnenden heftigen Fraktionskämpfe in der KPD konnte die Moskauer Führung sich die deutsche Sektion noch mehr gefügig machen. Der »deutsche Oktober« war schließlich (wie Paul Levi schon die MärzAktion 1921 bezeichnet hatte) ein Putschversuch, der den Interessen der Sowjetunion dienen sollte. Das zeigt, wie falsch die Auffassung ist, ein erfolgreicher »deutscher Oktober« hätte dem Weltkommunismus Perspektiven einer Demokratisierung geboten. Die jetzt zugänglichen Dokumente belegen, dass Moskau, das seine Diktatur ausdehnen wollte, schon damals bestimmte. Die Vormacht der KPdSU in der Komintern war bereits 1923 so umfassend, dass an der weiteren verhängnisvollen Entwicklung des Weltkommunismus und speziell der KPD prinzipiell nichts mehr zu ändern war.[34]  Funktion der KPD Dennoch besaß die KPD in der Weimarer Republik eine wichtige Funktion. Die Stärke des deutschen Kommunismus lag »in seiner Kritik an dem gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen System« und im Widerstand gegen »Möglichkeiten rechtsradikaler Vorstöße«, wie Sigmund Neumann konstatierte.[35] Darüber hinaus verstand es die KPD, breite Kreise der Arbeiterschaft zu mobilisieren, sie gab den ungelernten Arbeitern und vor allem den Erwerbslosen ein politisches Betätigungsfeld. Als Teil der Arbeiterbewegung zog sie überdies viele Kräfte an, die gegen die Restauration kämpfen wollten. Schließlich erzielte die KPD auch bei den Wahlen (an denen sie seit 1920 trotz ihres Antiparlamentarismus teilnahm) beachtliche Resultate. Sie bekam bei den Reichstagswahlen 1924 und 1928 über 3 Millionen Stimmen und wurde im November 1932 mit fast 6 Millionen Stimmen (nach NSDAP und SPD) zur drittstärksten deutschen Partei. Die politische Linie der KPD war widersprüchlich; sie steuerte 1924/25 unter Ruth Fischer, Arkadij Maslow, Werner Scholem und Ernst Thälmann einen ultralinken Kurs, betrieb 1926/27 unter Ernst Meyer und Thälmann eine gemäßigte Realpolitik und schwenkte 1928 unter Thälmann, Hermann Remmele und Heinz Neumann erneut um auf ultralinke Positionen. Bei jedem Kurswechsel kam es zu heftigen internen Kämpfen, aus denen jeweils der Apparat, der ja mehr war als Bürokratie der Organisation,[36] als Gewinner hervorging und bei denen permanent ein Austausch der Kader erfolgte. Die Stalinisierung ging nicht ohne heftige innere Auseinandersetzungen und damit verbundener Auswechslung des Leitungspersonals vor sich: Von den 16 Spitzenführern (Politbüro, damals Polbüro genannt) aus der Zeit 1923/24 befanden sich 1929 nur noch zwei (Ernst Thälmann und Hermann Remmele), im Polbüro, aber nicht weniger als elf waren inzwischen aus der KPD ausgeschlossen worden. Von den rund 250 Funktionären der Führungsmannschaft von 1924 waren im Laufe von fünf Jahren bereits 105 aus der Partei ausgeschlossen worden oder hatten sich von ihr getrennt, 1929 saßen nur noch 95 davon in Leitungspositionen. Von ihren zu den Reichstagswahlen 1924 nominierten 484 Kandidaten hatte die KPD 1930 lediglich 42 Personen – weniger als 10 Prozent – nochmals aufgestellt. Mit dem Kampf gegen »linke und rechte Abweichungen« veränderte sich die Zusammensetzung des Führungskorps drastisch. Innerhalb nur weniger Jahre schied ein nicht geringer Teil ihrer Führung aus. Die dabeigebliebenen Funktionäre und die neu aufgestiegenen Repräsentanten, die nun Karriere machten, wurden umgeformt und parteilich ausgerichtet zu indoktrinierten »Apparat«-Leuten. Vor allem die emotionale, geistige und materielle Abhängigkeit der Funktionsträger von der Partei und der Komintern begünstigte die weit reichende Durchsetzung der Stalinisierung. An die Stelle von Pluralismus, Selbständigkeit, Diskussion und Autonomie traten Ergebenheit, Gläubigkeit, Disziplin und Gehorsam. Gravierend war auch die ständige Fluktuation in der Gesamtpartei, z. B. gehörte von den Parteimitgliedern des Jahres 1927 nur etwa ein Viertel der KPD schon seit 1920 an. Das bedeutet, dass von den rund 360 000 Mitgliedern (Ende 1920) sieben Jahre später nur noch ein Zehntel, weniger als 40 000, in der Partei verblieben waren. Nach offiziellen Angaben betrug die Fluktuation 1931 38 Prozent und 1932 sogar 54 Prozent.[37] Auch im Funktionärskorps schwand die Kontinuität. Von 1 300 Delegierten des KPD-Parteitags Sachsen 1932 gehörten nur 55 der KPD seit ihrer Gründung an, von 970 Berliner Delegierten im Jahre 1932 waren 700 weniger als drei Jahre Mitglied der Partei.[38] Richtungen: Linke und Rechte Anfangs wirkten in der KPD verschiedene Richtungen nebeneinander. Generell existierten zwei Grundströmungen. Eine realpolitische wollte zuerst die Mehrheit der Massen erringen, ehe sie durch einen Aufstand die Macht zu erobern und die neue Gesellschaft aufzubauen gedachte. Sie tolerierte daher im Tageskampf Kompromisse und eine »Einheitsfront« mit den Führungen anderer Arbeiterorganisationen. Die radikale linke Strömung hingegen lehnte jeden Kompromiss ab. Diese Linken erstrebten direkt den revolutionären Aufstand und die rasche Machteroberung. Die Realpolitiker warfen den Vertretern des radikalen linken Flügels Putschismus und Utopismus vor und bekämpften diese als Ultralinke. Umgekehrt griffen die Linken die gemäßigten Kommunisten als Rechte an, beschuldigten sie des Verrats an den Grundsätzen und der Anpassung an die Sozialdemokratie. Die »zwei stets wirksamen Tendenzen« in der frühen KPD wurden 1932 beschrieben, nämlich der »ewige Zug nach links« in die direkte Parteiaktion und Isolierung und dann wiederum die Korrektur durch den rechten Kurs, der die Niederlage »wettmachen sollte«.[39] Das war nach der Stalinisierung der Partei fast bedeutungslos: »Die Generallinie jedoch, die ursprünglich Resultat des relativen Gleichgewichts des rechten und linken Flügels war, wurde in dem Maße, in dem die Partei ihre Flügel verlor und zu einer konformistisch-autoritären Organisation erstarrte, immer stärker von den Befehlen Moskaus abhängig, das schließlich die Wendung nur noch unter dem Gesichtspunkt seiner eigenen Interessen anordnete.«[40] Das Links-Rechts-Schema war bei Kommunisten der Weimarer Republik besonders ausgeprägt. Die Kämpfe innerhalb der Partei wurden vor allem in den 20er Jahren beinahe nur unter einem Gesichtspunkt geführt. Es galt, die jeweils »rechten« oder »linken« gegnerischen Gruppen in der Partei anzugreifen, zu besiegen und möglichst aus deren Reihen zu entfernen. Dies eskalierte, nachdem durch die Stalinisierung der KPdSU, der Komintern und auch der KPD »rechte« oder »linke« Abweichungen von der Generallinie als parteifeindlich diffamiert wurden. Beim Blick auf die Protagonisten der kommunistischen Bewegung wie auf Führer solcher »Rechtskommunisten« oder »Linkskommunisten« wird allerdings deutlich, dass diese Unterteilung eine Vereinfachung war, die inneren Streitigkeiten durchaus auch andere Beweggründe hatten. Richtungen in der KPD während der 20er Jahre waren:  Die Rechten: Die rechten Kommunisten unter Führung von Heinrich Brandler, August Thalheimer, Jakob Walcher, Paul Frölich hatten bis 1923 die Politik der KPD bestimmt. Sie wurden 1924 ausgeschaltet, die »Mittelgruppe« trennte sich von ihr und sie waren im Parteiapparat nur noch schwach vertreten. Hauptstützpunkte waren Sachsen und Thüringen. 1928/29 verließen fast alle Rechten die Partei oder wurden ausgeschlossen, sie bildeten die Kommunistische ParteiOpposition (KPO). Die Versöhnler: Ein Teil der »Mittelgruppe« unter Ernst Meyer führte 1924/25 die Opposition gegen Ruth Fischer weiter. 1926 bis 1928 stand diese Fraktion unter Ernst Meyer, Arthur Ewert, Hugo Eberlein, Gerhart Eisler zusammen mit den kominterntreuen Linken unter Ernst Thälmann an der Spitze der KPD. 1928/29 ausgeschaltet, kapitulierten die Versöhnler nach dem Tode von Meyer (1930) vor der Parteiführung, doch wirkten Reste der VersöhnlerGruppe illegal in der KPD weiter. Die Linken: 1924 bekannten sich fast drei Viertel der Mitglieder zu den linken Kommunisten. Mit Ruth Fischer, Arkadij Maslow, Werner Scholem, Ernst Thälmann und Paul Schlecht an der Spitze bestimmten sie 1924/25 die Politik der KPD. Im Herbst 1925 fiel die linke Mehrheit auseinander in die kominterntreue Linke (Ernst Thälmann, Ottomar Geschke, Ernst Schneller) und die neue linke Opposition (Ruth Fischer, Arkadij Maslow, Paul Schlecht). Versuche, die linke Opposition im »Leninbund« zu sammeln, schlugen fehl, dieser blieb eine Sekte. Die Ultralinken: Die Ultralinken unter den Zentrale-Mitgliedern Werner Scholem, Iwan Katz und Arthur Rosenberg trennten sich bereits im Frühjahr 1925 von den Linken; sie fanden Unterstützung bei intellektuellen Führern (Karl Korsch, Ernst Schwarz) und Arbeitervertretern (Hans Weber, Arthur Vogt). 1926 brachen die Ultralinken in divergierende Gruppen auseinander, sie wurden aus der KPD ausgeschlossen und hatten bis 1928 jeglichen Einfluss verloren. Da die KPD selbst ab 1929 einen ultralinken Kurs vertrat, war dieser Opposition die Basis entzogen. Apparat und Fachleute: Die bisher angeführten politisch-ideologischen Richtungen umreißen nicht die ganze Skala der in der KPD der Weimarer Republik vorhandenen Gruppierungen. Viele Funktionäre und vor allem Apparatangestellte bekannten sich immer zu der jeweils herrschenden Fraktion, ohne sich mit einer bestimmten Tendenz zu identifizieren. Die ausgesprochenen »Fachleute« im Apparat (viele Redakteure, Parlamentarier, Propagandisten, Agrarspezialisten, Kommunalpolitiker) bemühten sich sogar, nicht in die Fraktionskämpfe hineingezogen zu werden. Das gilt vor allem für die Apparat-Leiter, die an entscheidenden Machthebeln saßen, aber mehr im Hintergrund wirkten (Walter Ulbricht, Franz Dahlem). Die Zusammenarbeit der Gruppe der »Fachleute« mit der kominterntreuen Linken, schließlich die Verschmelzung dieser beiden Gruppen ab 1926 zur deutschen Stalin-Fraktion war eine wichtige Voraussetzung der Stalinisierung. Zentralisierung und Ende der innerparteilichen Demokratie Der weit reichende Umbau der Organisationsstruktur der KPD während der 20er Jahre forcierte vor allem die Zentralisierung der Partei: eine entsprechend vergrößerte Machtbefugnis der vom EKKI geleiteten Zentrale; eine straffere Anleitung des Apparates von oben; ein Meinungsmonopol der Führung durch Presse und Schulung; nicht zuletzt aber die Zerschlagung der Fraktionen und die Ausschaltung jeder legalen Opposition. Der Parteiideologe Lenz-Winternitz schrieb dazu bereits 1924: »Leninismus, das ist vor allem eiserne Disziplin seitens der Mitgliedschaft, das ist militärische Zentralisation.«[41] Die Komintern forderte: »Die Kommunistischen Parteien müssen aufgebaut werden als geistig absolut monolithe Organisationen.«[42] Parteikontrollen (später Generalmusterung genannt)[43] sollten nun in erster Linie Fraktionsbildungen verhindern. Zusammenschlüsse kritischer Funktionäre (selbst wenn sie nur lose oder informell waren) gegen die Parteilinie und gegen die Führung wurden unmöglich. Schrittweise wurde die Organisation auch praktisch den bolschewistischen »leninschen« Normen angepasst. Da die Übernahme des »demokratischen Zentralismus« durch die KPD aber zeitlich fast parallel mit der Stalinisierung der Partei erfolgte, etablierte sich ein übersteigerter, bürokratischer Zentralismus. Die gewählten Vorstände hatten geringe Machtbefugnisse, sie waren bestenfalls Kontrollorgane. Die immer straffer und bürokratischer werdende Anleitung der Organisation durch die Parteispitze dämpfte demokratische Impulse von unten. Der Einfluss der gewählten Funktionäre schwand auch in dem Maße, in dem der Vorrang der besoldeten Parteiangestellten zunahm. Seit 1926 leiteten die Sekretariate den Apparat straffer, und unumwunden wurde gefordert, »dass die Leitungen größere Machtbefugnisse haben müssen, als es bisher der Fall war«[44]. Die Parteiführung erblickte in der Befehlsgewalt der hierarchisch aufgebauten Instanzen einen Fortschritt. Ihr Ziel war es, mit Hilfe eines disziplinierten Apparats den Kurs allein zu befehlen. Zwar blieb die Zahl der hauptamtlichen Funktionäre in der Partei relativ klein, doch eine beachtliche Anzahl ehrenamtlicher Funktionäre arbeitete ohnehin in Parteibetrieben oder hatte die Arbeitsstelle durch Parteibeziehungen erhalten, sie gerieten dadurch in materielle Abhängigkeit von der KPD. Die Reichskontrolle 1927 ergab,[45] dass 2 348 Personen, also fast zwei Prozent der rund 140 000 Mitglieder, direkt bei der KPD beschäftigt waren. Der eigentliche Parteiapparat, d. h. die von der Partei bezahlten politischen Funktionäre, dürften davon etwa 500 Personen umfasst haben, die Mehrheit der Parteiangestellten setzte sich zusammen aus Arbeitern in den parteieigenen Druckereien und Verlagen, Stenotypistinnen usw. Weitere 3 736 Kommunisten arbeiteten bei Konsumgenossenschaften oder Sowjetinstitutionen in Deutschland. Die meisten dieser über 6 000 KPD-Mitglieder, die ihren Arbeitsplatz direkt oder indirekt der Partei verdankten, d. h. über 20 Prozent aller Funktionäre (also der etwa 20 000 bis 30 000 aktiven Kommunisten),[46] waren unmittelbar auf die KPD-Führung und die Komintern angewiesen.[47] Sie beherrschten das Parteileben, und die Spitze konnte mit deren Hilfe die Politik der Partei dirigieren und durchsetzen. Die daneben vorhandenen illegalen Apparate (M-Apparat für die militärische Organisation, Z-Apparat für die Zersetzung der Reichswehr, Kurierdienst usw.) unterstanden weitgehend dem EKKI in Moskau, aber auch durch sie verstärkten sich die Apparattendenzen in der KPD. Aus der Abhängigkeit der KPD von der Komintern und der KPdSU resultierte schließlich die kritiklose Übernahme stalinistischer Organisationspraktiken. Der Glaube, der Sieg der erstrebten Revolution sei nur mit »militärischer Disziplin« zu erreichen, spielte ebenso eine Rolle wie die Abgrenzung von der demokratischen SPD. Die Verhältnisse in Deutschland, die Ghetto-Situation der KPD, verschärfte die Lage. Im Gegensatz zu England, Frankreich oder Skandinavien gelang hier keine Integration der Kommunisten in die Gesellschaft. Die Verfolgung der KPD durch den Staatsapparat der Weimarer Republik dürfte dabei eine wesentliche Rolle gespielt haben.  Der hierarchische Zentralismus in der Partei verdrängte die traditionelle Demokratie. Das war ursprünglich ganz anders. Bei den fraktionellen Differenzen 1921 (nach der März-Aktion) herrschte noch breite innerparteiliche Demokratie: Erklärungen Oppositioneller wurden selbstverständlich in der Parteipresse abgedruckt, sie hielten Korreferate usw.[48] Ähnliche Möglichkeiten besaßen sie auch in den Jahren 1922 und 1923. Selbst nach der Oktoberniederlage 1923 spiegelte sich diese innerparteiliche Demokratie in den Fraktionsauseinandersetzungen: Rechte, Mittelgruppe und Linke traten auf allen Delegiertenkonferenzen, Bezirksparteitagen usw. mit eigenen Rednern und Plattformen auf, und die aktive Mitgliedschaft konnte ihren Willen äußern. Das Ziel der Linken nach 1924, durch die »Bolschewisierung« sämtliche Fraktionen zu liquidieren, wurde nicht erreicht, denn schon im Frühjahr 1925 bestand eine ultralinke Opposition und auch die gemäßigten Kräfte in der Partei arbeiteten mehr oder weniger fraktionell. 1926 führte die Eskalation der Auseinandersetzungen schließlich dazu, dass sich innerhalb und außerhalb der KPD fast ein Dutzend Fraktionen gegenüber standen[49] und die Partei zu zersplittern drohte. Das erleichterte es der Parteispitze und ihrem Apparat, bei den meisten Mitgliedern und Funktionären Abscheu vor jeder Fraktionstätigkeit zu erwecken, der Ruf nach Disziplin, nach einer »monolithischen« Partei wurde unterstützt. Schließlich basierte das Ziel der Einheitlichkeit auf dem gemeinsamen Anspruch, durch den Sturz der demokratischen Republik radikal die Gesellschaft zu verändern. Radikalismus und Gewalt Kennzeichnend für die KPD war ihr Radikalismus, der nach meiner heutigen Einschätzung die Stalinisierung förderte. Die Verhältnisse in Deutschland boten dafür manchen Anlass und viel Raum, Radikalität prägte die kommunistische Bewegung seit Beginn. Das Ziel – die sozialistische Gesellschaft – sollte schnell mit revolutionären, gewaltsamen Mitteln erreicht werden. Dass jedoch solche linksradikalen Tendenzen untauglich für die praktische Politik waren, konstatierte Rosa Luxemburg schon auf dem Gründungsparteitag der KPD am 30. Dezember 1918, als sie sich bei der Diskussion über die Wahlbeteiligung kritisch an die Mehrheit der Delegierten wandte: »Ich habe die Überzeugung, Ihr wollt Euch Euren Radikalismus ein bißchen bequem und rasch machen […].«[50]  Dass mit Radikalität in Krisenzeiten Anhänger zu gewinnen waren, aber damit keine dauerhafte Politik zu gestalten sei, bestätigte Curt Geyer in seiner Analyse 1923: Der Radikalismus »ist der Ausfluß der Ungeduld der Massen, die nicht auf allmähliches Wachsen von Organisationen und Wahlstimmen und allmählich sich auswirkende Ergebnisse parlamentarischer Reformarbeit warten wollen, sondern durch Willen und Ungestüm und Gewalt glauben, in der Gegenwart für die Gegenwart alles erreichen zu können.« Geyer folgerte daraus: »Der Radikalismus ist daher eine äußerst labile Bewegung. Er hängt ab von der momentanen Lage und Stimmung der Massen.«[51] Insbesondere mit der Stalinisierung des Kommunismus dominierte bei dessen Anhängern ein radikales, undifferenziertes Freund-Feind-Schema. Die Aggressivität steigerte sich, Organisationen wie der »Rote Frontkämpferbund« zeigten eine Militarisierung der Bewegung, die trotz dessen Verbot nach 1929 weiterging. Die Kommunisten, die sich an der bolschewistischen Revolution und dem russischen Bürgerkrieg orientierten, heroisierten Gewalt als notwendige politische Maßnahme. Im »Spartakus-Programm« der KPD von 1918 hatte Rosa Luxemburg noch geschrieben, die proletarische Revolution bedürfe keines Terrors, sie sei »kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln«; zugleich aber sollte »der Gewalt der bürgerlichen Gegenrevolution« die revolutionäre Gewalt des Proletariats entgegengestellt werden.[52] Und auch 1923 verkündete die KPD, »mit diktatorischer Gewalt alle Widerstände der Gegenrevolution« niederzuschlagen.[53]  Vor allem die Komintern bekannte sich eindeutig zur Gewalt. In ihrem Programm von 1928 wurde die »entschlossene Anwendung der Gewalt des Proletariats«, die »gewaltsame Vernichtung der bürgerlichen Macht« als notwendiges Vorgehen proklamiert.[54] Doch nicht nur das russische Vorbild, sondern ebenso die praktischen Revolutionserfahrungen in Deutschland nach 1918, die politischen Tumulte auf der Straße ab 1930, nicht zuletzt die spätere brutale Unterdrückung der Kommunisten durch den Terror der Nationalsozialisten hatte ihr Verhältnis zur Gewalt maßgeblich geprägt. Fixierung auf »Rußland« Gravierender für die Stalinisierung war indes der Verlust politischer Autonomie, bedingt durch die wachsende Abhängigkeit der KPD von der Sowjetunion. Denn auf die UdSSR waren die führenden deutschen Kommunisten immer fixiert und für ihre Kader wurde das Bekenntnis zu »Rußland« und die Ergebenheit zur jeweiligen Leitung der KPdSU schließlich ein Axiom. Schon im Dezember 1924 hatte eine KPD-Zeitung, die Sozialistische Republik in Köln, geschrieben, Kommunisten haben »nur ein Vaterland und eine Heimat, das ist Sowjetrußland«.[55] Die Rote Fahne unterstrich am 28. Januar 1927 unmissverständlich, die UdSSR »zu unterstützen« sei die »Hauptaufgabe der Komintern«. Für Thälmann war 1929 klar, die KPD benötige eine »feste, militärische« Disziplin zur »Verteidigung der Sowjetunion«[56].  Mit der Behauptung, die UdSSR sei von einem Krieg bedroht, wurden die Anhänger ständig mobilisiert und diszipliniert, zugleich »Abweichungen« kriminalisiert. Auf dem XII. Parteitag 1929 zog Thälmann sogar eine direkte Linie von der drohenden Kriegsgefahr zu seiner kurzzeitigen Absetzung im September 1928 (im Zusammenhang mit einer Unterschlagung, der so genannten WittorfAffäre)[57] durch Vertreter oppositioneller Gruppen der Rechten und der Versöhnler: »Nehmen wir nur den 26. September 1928. War nicht der Klassenfeind in unsere Organisation eingedrungen, hatten wir nicht vorübergehend die Partei dem Gegner ausgeliefert […]?«[58] Dieser XII. Parteitag proklamierte im Grußschreiben an das EKKI (als »Generalstab der Weltrevolution« apostrophiert): »Es lebe die UdSSR, das Vaterland des Proletariats.«[59] Der Opposition wurde nun entgegengehalten, es gelte das »höchste Gut« jedes Kommunisten zu wahren: die Sowjetunion.[60]  Das unkritische Verhältnis zur Sowjetunion entwickelte sich rasch dahingehend, dass sich die deutschen Kommunisten der sowjetischen Außenpolitik vollständig unterordneten und Stalin glorifizierten. Die KPD als stalinistische Organisation wurde auch auf seine Person eingeschworen. In einem Vorwort zur Lobesbroschüre für Stalin schrieb Heinz Neumann 1930, »alle Kommunisten« müssten »von Stalin lernen, fest zu sein wie Feuer, hart wie Stahl, kühn und siegessicher wie der Bolschewismus.«[61] Zur Herstellung »militärischer Disziplin« diente »ideologischer Terror«, d. h. jede Kritik an der UdSSR, der KPdSU, vor allem an Stalin, galt als »Abweichung«, als konterrevolutionär, klassenfeindlich, als Unterstützung der »imperialistischen Kriegstreiber«. Daher mussten Oppositionelle nicht nur ausgeschlossen, sondern »ausgemerzt« werden. Umgekehrt förderte die verstärkte Zentralisierung zugleich den Personenkult um den »Führer« Thälmann,[62] sogar Bezirksleiter wurden als »Führer der Bezirke« herausgestellt. Neben dem Dilemma, als deutsche Arbeiterpartei sowjetische Interessen vertreten zu wollen und zu müssen, existierte noch ein weiterer Grundwiderspruch: Als Massenpartei konnte sich die KPD nicht nur auf eine verbalradikale Revolutionsstrategie beschränken, sondern war darüber hinaus genötigt, praktische Tagespolitik zu betreiben. Diese Diskrepanz kennzeichnete immer wieder, insbesondere dann in der Weltwirtschaftskrise, die Situation der KPD. Die Parteiführung suchte die Identität im Radikalismus; Kompromisslosigkeit wurde zur politischen Tugend stilisiert, die Forderung des Alles oder Nichts schien allein angemessen. Damit blieb die strikte Abgrenzung von der SPD gewahrt, worauf sich die deutschen Kommunisten, die die SPD als Konkurrentin und Gegnerin ansahen, stets konzentrierten. Schließlich war es unverzichtbares Ziel der kommunistischen Zentrale, die Macht zu erringen, die Hegemonie in der Arbeiterbewegung, ja der gesamten Arbeiterschaft zu gewinnen. Über diese Absicht herrschte bei allen KPD-Kadern Einigkeit, unabhängig welcher innerparteilichen Richtung sie angehörten.  Ideologie Die Stalinisierung brachte sowohl die Veränderung der inneren Struktur der KPD von breiter innerer Demokratie zur hierarchischen Diktatur, als auch der Funktion der Partei von der radikalen deutschen Arbeiterpartei zur Hilfstruppe der Sowjetunion Stalins. Mit diesen strukturellen Wandlungen änderte sich auch die Ideologie, an die Stelle versuchter theoretischer Reflexionen traten ideologische Rechtfertigung und Verschleierung. Neben den politischen sind daher die ideologischen Einflüsse nicht zu unterschätzen, die die Stalinisierung begünstigten. Das Weltbild der deutschen Kommunisten vermittelte Optimismus und gab ihnen Siegesgewissheit (»Gesetzmäßigkeit der Geschichte«). Ihr Anspruch, im Besitz absoluter Wahrheit zu sein, sorgte bei der »Avantgarde« für elitäre Überheblichkeit und verursachte Realitätsverluste. Ihr »Marxismus-Leninismus« beruhte auf vereinfachten Thesen. Stalins primitive, aber recht einprägsame Doktrin (Über dialektischen und historischen Materialismus[63]) wirkte später jahrzehntelang als eine Art Pseudoreligion, Ansätze dazu gab es mit dem Bekenntnis zur »leninistischen Weltanschauung« bereits vorher. Es war nicht nur der Verlust herausragender Persönlichkeiten, der den programmatischen Niedergang des deutschen Kommunismus signalisierte, sondern die immer weiter verflachenden Klischees und Dogmen, die herkömmliche marxistische Konzeptionen verdrängten. Gerade die Ausschaltung der Opposition und damit die Verweigerung theoretischer Auseinandersetzungen brachten eine Dominanz des geistigen Mittelmaßes bei Parteileitungen und angepassten Funktionären. Weil im deutschen Kommunismus selbstständiges Denken und Kreativität verschwanden, forcierten kanonisierte Glaubenssätze die Arroganz der Macht, die freilich mit weit verbreitetem Untertanengeist gekoppelt war. Es wurde den Kadern nicht nur suggeriert, sie seien »Avantgarde«, »Vorhut« und »Elite«, sondern durch ständige Schulungen und selektive Faktenvermittlung galt es, diese Überheblichkeit im hierarchischen Funktionärskorps zu forcieren. Andauernde Indoktrinationen sollten ferner keinen Raum für Zweifel, Skrupel oder Skepsis lassen; so blieb als Ausflucht oft nur Zynismus. Die Ideologie diente stets sowohl der Täuschung wie der Selbsttäuschung. Doch sie blieb wichtiges Disziplinierungsinstrument. In Deutschland war es der Parteiführung nicht möglich, die Stalinisierung – wie in der Sowjetunion – mit Repressionen des Staates durchzusetzen. Die KPD war eine Massenpartei und keine Sekte wie etliche Sektionen der Komintern. Und sie konnte sich mehr oder weniger frei entwickeln und legal arbeiten, sie besaß eine Tradition innerer Demokratie. Dennoch gelang ihre rasche Umwandlung, es gab eine ganze Reihe von Ursachen und Motiven. Die scheinbar unveränderte Ideologie, der weiterhin bestehende revolutionäre Habitus, die Sehnsucht vieler Arbeiter nach sozialer Gerechtigkeit und schneller Errichtung einer »besseren Welt«, der Enthusiasmus für die russischen Bolschewiki sowie die Enttäuschung über die Demokratie der Weimarer Republik, das und vieles andere (schon seinerzeit in der Wandlung des deutschen Kommunismus beschrieben) erklärt die Transformation in so kurzer Zeit. Fazit Entscheidend für die Durchsetzung des Stalinismus blieb indes die Allmacht der Sowjetunion im Weltkommunismus: Deren materielle Unterstützung wie die emotionale Bindung aller Kommunisten zu diesem Idol, dem »Vaterland«, wirkten sich ebenso aus wie die vielfältigen Einflussmethoden der Komintern. Einerseits bestimmte die Sowjetunion die Wandlung des deutschen Kommunismus, andererseits forcierte die Stalinisierung die völlige Unterwerfung der Partei unter die Befehle Moskaus und Stalins.  Bei aller Berücksichtigung der anderen Bedingungen, der Situation in Deutschland, struktureller Probleme der KPD oder der Apparatherrschaft als Zeiterscheinung, gehe ich daher heute, nach Einsicht in relevante Quellen, davon aus, dass die weit reichende Abhängigkeit der KPD von der KPdSU, das heißt, zunehmend vom Diktator Stalin, als ausschlaggebendes Kriterium der Stalinisierung des deutschen Kommunismus zu benennen ist. [1]  Der Aufsatz ist die gekürzte deutsche Fassung des englischen Beitrags in LaPorte, Norman/Morgan, Kevin/Worley, Matthew (Hrsg.): Stalinisation and Beyond. Problems of Communist Historiography, 1917–1953, das Ende 2007 bei Palgrave Norwich erscheinen wird. [2]  Siehe Weber, Hermann: Von Rosa Luxemburg zu Walter Ulbricht. Wandlungen des deutschen Kommunismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage von Das Parlament, vom 29. Juli und 5. August 1959. Überarbeitete Fassung als Buch Weber, Hermann: Von Rosa Luxemburg zu Walter Ulbricht. Wandlungen des deutschen Kommunismus, Hannover 1961 (4. Aufl. 1970). [3]  Es hieß in der Einleitung: »Der Stalinismus, durch den Komintern-Kanal in die KPD importiert, hat den politischen Charakter und die geistige Führungspotenz der Partei vollends verdorben.« Weber, Hermann: Der deutsche Kommunismus. Dokumente, Köln 1963 (3. Aufl. 1973; Taschenbuchausgabe: Völker hört die Signale, München 1967). [4]  Weber, Hermann: Die Kommunistische Internationale. Eine Dokumentation. Hannover 1966, S. 19 f. [5]  Siehe Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. 2 Bde., Frankfurt a. M. 1969. 1971 erschien eine einbändige Studienausgabe. Neben ausländischen Übersetzungen (1979 italienisch) gab es »Raubdrucke«, z. B. in den Heften »Rote Texte« der Frankfurter »Reihe Arbeiterbewegung«. Siehe auch die Zusammenfassung in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage von Das Parlament, vom 11. Januar 1969. [6]  Weber: Die Wandlung (Anm. 5), S. 13 f. [7]  Ebenda, S. 10 ff. Siehe auch Weber, Hermann: Die Stalinisierung der KPD 1924–1929, in: Politische Vierteljahresschrift 9 (1968), H. 4, S. 519 ff, wiederabgedruckt in Ders.: Demokratischer Kommunismus?, Hannover 1969, S. 173 ff. [8]  Weber: Die Wandlung (Anm. 5), S. 11 f. [9]  Etwa die Kritik von K. H. Tjaden in: Das Argument 1971, H. 1/2, S. 42 ff. Siehe Weber, Hermann: Kommunismus in Deutschland 1918–1945 (Erträge der Forschung), Darmstadt 1983, S. 106. [10]  Siehe dazu Weber, Hermann/Weber, Gerda: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 360 ff. [11]  Siehe Watlin, Alexander: Die Komintern 1919–1929, Mainz 1993. Bergmann, Theodor/Kessler, Mario (Hrsg.): Aufstieg und Zerfall der Komintern, Mainz 1992; McDermott, Kevin/Agnew, Jeremy: The Comintern, London 1996;  Narinsky, Mikhail/Rojahn, Jürgen (Hrsg.): Centre and Periphery. The History of the Comintern in the Light of New Documents, Amsterdam 1996. Sowie die Standardwerke Broué, Pierre: Histoire de L’Internationale Communiste 1919–1943, Paris 1997 und Tosstorff, Reiner: Profintern. Die Rote Gewerkschaftsinternationale 1920–1937, Paderborn 2004. Siehe jetzt auch Kevin Murphy: Revolution and Counterrevolution, New York u. Oxford 2005. Zu den Sektionen der Komintern erschienen einige Quelleneditionen, etwa in Russisch und Deutsch, z. B. Leutner, Mechthild u. a. (Hrsg.): KPdSU, Komintern und die nationalrevolutionäre Bewegung in China. Bd. 1: 1920–1925, Paderborn 1996; Bd. 2: 1926–1927, Münster 1998. [12]  Plaggenborg, Stefan (Hrsg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1998; Fitzpatrick, Sheila: Stalinism, London 2000. Neuerdings auch Hoffmann, Davis L. (Hrsg.): Stalinism, Malden, Mass. 2003; Lewin, Moshe: The Soviet Century, London 2005. Siehe auch die Quellenhinweise in Weber, Hermann/Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 932 ff; Foitzik, Jan: Stalinismus und Totalitarismus in Theorie und Praxis der Geschichtsforschung, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1999, S. 371–377; Bayerlein, Bernhard H.: Das neue Babylon – Strukturen und Netzwerke der Kommunistischen Internationale und ihre Klassifizierung, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2004, S. 181–270. [13]  Kinner, Klaus: Der deutsche Kommunismus. Bd. 1: Die Weimarer Zeit, Berlin 1999. Meine Wandlung des deutschen Kommunismus erscheint dort nur in einer Fußnote: Zetkin und Thalheimer werden nach diesem Buch zitiert. Siehe auch Reuter, Elke u. a.: Luxemburg oder Stalin? Schaltjahr 1928, Berlin 2003. [14]  Mallmann, Klaus Michael: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996. Siehe auch meine Rezension in: Die Zeit vom 14. Juni 1996. [15]  Siehe Weber, Hermann: Zehn Jahre historische Kommunismusforschung. Leistungen, Defizite, Perspektiven, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), H. 4, S. 611–633. [16]  So Wirsching, Andreas: »Stalinisierung« oder entideologisierte »Nischengesellschaft«? Alte Einsichten und neue Thesen zum Charakter der KPD in der Weimarer Republik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), H. 3, S. 450. [17]  Ebenda, S. 462 ff. [18]  Hoppe, Bert: Stalin und die KPD in der Weimarer Republik, in: Zarusky, Jürgen (Hrsg.): Stalin und die Deutschen. Neue Beiträge der Forschung, München 2006, S.19–42. [19]  Ebenda, S. 36. [20]  Einzelheiten dazu bei Bayerlein, Bernhard H.: Ernst Thälmann. Vom »Fall« zur Parabel des Stalinismus?, in: Weber, Hermann/Bayerlein, Bernhard H. (Hrsg.): Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin (Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts, Bd. 2), Berlin 2003, S. 38. [21]  Wilde, Florian: »Diskussionsfreiheit ist innerhalb unserer Partei absolut notwendig« – Das Verhältnis des KPD-Vorsitzenden Ernst Meyer zur innerparteilichen Demokratie 1921/22, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2006, S. 168–184. [22]  Siehe Neumann, Sigmund: Die deutschen Parteien. Wesen und Wandel nach dem Kriege, Berlin 1932. [23]  Hildermeier, Manfred: Die Sowjetunion 1917–1991 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 31), München 2001, S. 34. Siehe auch Luks, Leonid: Geschichte Russlands und der Sowjetunion, Regensburg 2000.  [24]  Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO), Zentrales Parteiarchiv RY II 6/3/219, S. 68. [25]  SAPMO, Zentrales Parteiarchiv RY II 6/3/219. [26]  SAPMO, Zentrales Parteiarchiv RY II 6/3/230. [27]  Weber/Herbst (Anm. 12): Deutsche Kommunisten. [28]  Siehe zur Geschichte der KPD Flechtheim, Ossip K.: Die KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969. Die DDR-Version in Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Bd. 3 u. 4, Berlin (Ost) 1969. Zum Forschungsstand in den 80er Jahren Weber: Kommunismus in Deutschland (Anm. 9). Zur neueren Literatur Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik (Anm. 14); Kinner: Der deutsche Kommunismus (Anm. 13). [29]  Siehe Weber, Hermann (Hrsg.): Der Gründungsparteitag der KPD. Protokoll und Materialien, Frankfurt a. M. 1969; Ders.: Die Gründung der KPD, Berlin 1993. [30]  Siehe Weber, Hermann: Die KPD als Sektion der Kommunistischen Internationale – Politische Auswirkungen der Strukturprobleme auf die Linke im politischen System der Weimarer Republik, in: Albertin, Lothar/Link, Werner (Hrsg.): Politische Parteien auf dem Weg zur parlamentarischen Demokratie. Festschrift für Erich Matthias, Düsseldorf 1981, S. 177 ff. [31]  Siehe Bayerlein, Bernhard H. u. a. (Hrsg.): Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern (= Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts, Bd. 3), Berlin 2003; Wenzel, Otto: 1923. Die gescheiterte Deutsche Oktoberrevolution, Münster 2003; Jentsch, Harald: Die KPD und der »deutsche Oktober« 1923, Rostock 2005. [32]  Siehe Weber/Bayerlein: Der Thälmann-Skandal (Anm. 20). [33]  Siehe z. B. Reuter: Luxemburg oder Stalin (Anm. 13). [34]  Siehe Weber, Hermann: Vorwort, in: Bayerlein: Deutscher Oktober (Anm. 31). [35]  Neumann: Die deutschen Parteien (Anm. 22), S. 97. [36]  Siehe etwa Mayntz, Renate (Hrsg.): Bürokratische Organisationen, Köln 1968. [37]  Der Revolutionär. Organ für Mitglieder der KPD, Bezirk Niederrhein, Düsseldorf. Sondernummer Bezirksparteitag Dezember 1932. [38]  Zur Fluktuation siehe Weber, Hermann: Hauptfeind Sozialdemokratie. Strategie und Taktik der KPD 1929–1933, Düsseldorf 1982, S. 101 ff. Siehe auch Wunderer, Hartmann: Materialien zur Soziologie der Mitgliedschaft und Wählerschaft der KPD zur Zeit der Weimarer Republik, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie. Bd. 5, Frankfurt a. M. 1975, S. 257 ff. [39]  Riest, Walter: Die innere Krise der KPD, in: Neue Blätter für den Sozialismus Nr. 3 vom März 1932, S. 145. [40]  Flechtheim: Die KPD (Anm. 28), S. 336. [41]  Der Funke Nr. 15 vom 28. August 1924. Auch 1928 sprach er von »militärischer Disziplin« in der Partei. Siehe Die Rote Fahne vom 30. Dezember 1928. [42]  Die Komintern vor dem 6. Weltkongreß, Hamburg 1928, S. 13. [43]  »Generalmusterung unserer Partei« hieß ein Artikel Walter Ulbrichts (Die Rote Fahne vom 3. Januar 1930) in dem er eine Überprüfung der KPD ankündigte. Die Oppositionspresse schrieb über diese Methode sarkastisch: »KPD-Feldwebel Ulbricht, der neueste den Berlinern aufoktroyierte Feldwebel, hat zur Behebung der Mängel in der KPD Berlin-Brandenburg eine ›Generalmusterung‹ angeordnet […] Getreu dem alten Feldwebelgehirne sagt sich auch Ulbricht: wir haben einen großen Kaiser (Stalin), haben eine geniale Regierung (ZK), haben glänzende Generale (Merker, Dahlem, Ulbricht), doch wir haben bei den Mannschaften eine Sauschlamperei.« Gegen den Strom vom 14. Januar 1930. [44]  Westfälischer Kämpfer. Organ der KPD (Dortmund) vom 30. März 1926. [45]  Kaasch, Wienand: in: Die Kommunistische Internationale 1928, H. 19, S. 1052. [46]  Siehe Weber: Wandlung (Anm. 5), Bd. 1, S. 280 ff., hier S. 288. [47]  In Berlin war dieser Anteil höher. Nach offiziellen Angaben waren 1927 572 Mitglieder Angestellte der Partei und 438 bei Gewerkschaften, Genossenschaften usw. beschäftigt, also 1 010 Personen oder 7,2 Prozent aller Mitglieder. Eine Oppositionszeitung schätzte sogar, dass 1 300 Kommunisten in Parteibetrieben usw. arbeiteten, also fast 10 Prozent der Mitglieder oder etwa ein Drittel der Funktionäre. Die Kommunistische Politik hatte 1925 ähnliche Zahlen errechnet. In der Berliner Bezirksleitung (BL) waren 1926 nach offiziellen Angaben von 77 Mitgliedern 24 Parteiangestellte, 1928 von 104 BL-Mitgliedern 47 Parteiangestellte und 1929 31 Parteiangestellte. (Bericht BL Berlin-Brandenburg 1927, Berlin o. J., S. 106; Schacht und Hütte Nr. 7 vom 2. Dezember 1927; Staatsarchiv Oldenburg 86–132.) [48]  Nach der März-Aktion 1921 druckte die Parteipresse alle Erklärungen der Opposition, auch solche, in denen die Zentrale wegen der Aktion scharf angegriffen wurde. In der Roten Fahne vom 24. Dezember 1921 kamen z. B. nochmals 128 oppositionelle Funktionäre aus Berlin, Barmen, Hamborn, Remscheid, Königsberg usw. zu Wort. Sie veröffentlichte praktisch eine Fraktionsplattform. [49]  Das Mitteilungsblatt der linken Opposition zählte für Anfang 1927 zehn Fraktionsgruppen innerhalb und außerhalb der KPD auf:   »1. die offene Brandler-Fraktion mit Paul Böttcher, Jakob Walcher, Robert Siewert, Rosi Wolfstein, Arthur Rosenberg;  2.  die Ernst-Meyer-Fraktion, die Versöhnler; 4.      die Parteibeamten – Arthur Ewert, Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Hans Pfeiffer; die Thälmann-Fraktion mit Philipp Dengel, Heinz Neumann, Ernst Schneller, Theo Neubauer, Heinrich Süßkind, Karl Volk; 5.      die Chemnitzer linke Fraktion unter Führung von Paul Bertz, die auch Gruppen in Berlin und Mittelrhein hatte; 6.      die Pfälzer ultralinke Gruppe unter Führung von Hans Weber; 7.      eine ultralinke Gruppe unter Führung von Paul Kötter (Weddinger Linke); 8.      die linke Opposition unter Führung von Arkadij Maslow, Hugo Urbahns, Ruth Fischer; 9.      die ultralinke Gruppe von Karl Korsch; 10.   die ultralinke Gruppe von Ernst Schwarz.« Mitteilungsblatt. Linke Opposition der KPD Nr. 7 vom 15. März 1927. [50]  Weber, Hermann (Hrsg.): Die Gründung der KPD. Protokoll und Materialien des Grün-dungsparteitags der KPD, Berlin 1993, S. 99. [51]  Geyer, Curt: Der Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung. Ein soziologischer Ver-such, Jena 1923, S. 62. [52]  Weber: Die Gründung (Anm. 50), S. 296 f. [53]  Bericht über die Verhandlungen des III. (8:) Parteitages der KPD (Sektion der Kommunistischen Internationale). Abgehalten in Leipzig vom 28. 1. bis 1. 2. 1923, Berlin 1923, S. 417. [54]  Programm der Kommunistischen Internationale. Angenommen vom VI. Weltkongreß am 1. September 1928 in Moskau, Hamburg u. Berlin 1928, S. 36. Wieder vollständig abgedruckt in Weber: Kommunistische Internationale (Anm. 4), S. 165-265. [55]  Sozialistische Republik vom 10. Dezember 1924, ebenso bereits früher die KPD-Zeitung Freiheit (Düsseldorf) am 19. Mai 1924. [56]  Protokoll. 10. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, Juli 1929. Hamburg u. Berlin o. J. [1929], S. 560. [57]  Siehe jetzt Weber/Bayerlein: Thälmann-Skandal (Anm. 20). [58]  Geschlossene Sitzung des XII. Parteitages der KPD 1929, in: SAPMO, Zentrales Parteiarchiv RY1, 11/26, Bl. 506 f. [59]  Protokoll des XII. Parteitags der KPD, Berlin 1929, S. 12 u. 28. [60]  Staatsarchiv Bremen, IV 31, Bd. 2. [61]  J. W. Stalin. Vorwort Heinz Neumann. Hamburg u. Berlin 1930, S. 8 f. [62]  »Heute spricht unser Führer«, kündigte Die Rote Fahne vom 12. September 1930 eine Rede Thälmanns an. Der Personenkult um Thälmann ähnelte immer stärker dem Stalin-Kult und dem Hitler-Kult. [63]  Die später weit verbreitete Schrift erschien zuerst als Teil der Geschichte der KPdSU (B). Kurzer Lehrgang, Moskau 1939, S. 126–159. 

JHK 2007

Sowjetische Repressionen in den östlichen Gebieten der Zweiten Polnischen Republik (1939 bis 1941). Massenexekutionen, Verhaftungen, Zwangumsiedlungen und die nationale Zugehörigkeit der Opfer

Grzegorz Hryciuk

Am 17. September 1939 überschritten Einheiten der Roten Armee entsprechend den Vereinbarungen des geheimen Zusatzprotokolls zum deutsch-sowjetischen Nicht-Angriffs-Pakt vom August 1939 die Ostgrenze der Zweiten Polnischen Republik. Ohne auf ernsthafteren Widerstand polnischer Truppen zu stoßen, nahmen die sowjetischen Panzerspitzen bereits am nächsten Tag Wilna (litau.: Vilnius) ein und erreichten am 19. September Lemberg (ukrain.: L’viv). Der weitere Vormarsch in die Gebiete zwischen Bug und Weichsel wurde kurz darauf gestoppt. Die beiden Aggressoren – das Dritte Reich und die Sowjetunion – einigten sich bezüglich der territorialen Aufteilung Polens auf einen im Vergleich zu den vorangegangenen Vereinbarungen revidierten Grenzverlauf. Als Gegenleistung für die Eingliederung Litauens in das sowjetische Interessengebiet sollten die östlich der Weichsel gelegene Region Lublin sowie wesentliche Teile Masowiens und Podlasiens unter deutscher Okkupation verbleiben. Aufgrund des Verzichts auf diese mehrheitlich von polnischer Bevölkerung bewohnten Gebiete konnte die sowjetische Seite von den Plänen zur Errichtung einer Polnischen Sowjetrepublik im Rahmen der UdSSR absehen[1] und dadurch die Schaffung eines potentiellen Anlasses für Missverständnisse und Unstimmigkeiten im Verhältnis zum Dritten Reich verhindern. Nach der Übergabe des seit dem Ersten Weltkrieg Polen zugehörigen Wilnaer Gebietes an die bis zu ihrem »freiwilligen Beitritt« zur UdSSR im August 1940 formal unabhängige Republik Litauen befanden sich im Oktober 1939 rund 194 000 km2  polnischen Territoriums mit einer Bevölkerung von über 12,5 Millionen Menschen unter sowjetischer Besatzung.[2]  Die sowjetische Führung hatte bereits Mitte September 1939 Pläne zur Rechtfertigung der Eingliederung dieser polnischen Gebiete in die UdSSR ausgearbeitet. Das detaillierte Handlungsszenario wurde vom Politbüro des ZK der VKP (b) am 1. Oktober 1939 verabschiedet.[3] Die Angliederung der territorialen Neuerwerbungen an die Weißrussische und Ukrainische SSR, die Implementierung der sowjetischen Staatsform sowie die Nationalisierung der Großindustrien und des privaten Bauernbesitzes sollten angeblich auf Wunsch und mit Zustimmung der (»befreiten«) Bevölkerung vorgenommen werden. Als ausführende Organe würden lokale Bürgervertretungen fungieren, die im Zuge heimlicher, freier und demokratischer Wahlen zu bilden seien. Die am 22. Oktober 1939 gewählten Delegierten der Nationalversammlungen Westweißrusslands und der Westukraine beschlossen während ihrer Beratungen in Lemberg (26. bis 28. Oktober 1939) und Białystok (28. bis 30. Oktober 1939) die Einführung der Sowjetherrschaft in der Westukraine und Westweißrussland, den Beitritt zur Ukrainischen bzw. Weißrussischen SSR sowie die Nationalisierung von Industriebetrieben, Banken und des Großgrundbesitzes. Dieser von den Nationalräten der okkupierten Territorien gestellte Antrag auf Eingliederung in die UdSSR wurde vom Obersten Sowjet der UdSSR sowie von den Obersten Sowjets der Ukrainischen und Weißrussischen SSR auf Sondersitzungen im November 1939 angenommen. In Konsequenz dieser Rechtsakte erhielt die Bevölkerung Ostpolens per Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. November 1939 die sowjetische Staatsbürgerschaft. Im Dezember 1939 und im Januar/Februar 1940 wurde eine veränderte administrative Territorialstruktur eingeführt und der Grenzverlauf zwischen der Ukrainischen und Weißrussischen SSR neu festgelegt. Mit den Wahlen zu den Räten sämtlicher administrativer Ebenen – von den Gemeinden über die Landkreise (rajon) zu den Gebieten (oblast’) – galt die Annexion im Dezember 1940 staatsrechtlich endgültig als legitimiert. Zugleich fand mit der Errichtung dieser, den übrigen Gebieten der UdSSR entsprechenden, lokalen Verwaltungsstruktur die Anpassung an das sowjetische Herrschaftssystem ihren Abschluss.[4] Parallel zu diesen Veränderungen wurde die Anpassung im wirtschaftlichen Bereich vorangetrieben. Es kam zu einer breit angelegten Nationalisierung von Privatbesitz, und im Dezember 1939 wurde die polnische Währung endgültig aus dem Umlauf genommen. Das Genossenschaftswesen wurde sowjetischen Organisationen unterstellt und damit de facto verstaatlicht. Der gesamte Produktionssektor wurde dem staatlichen Wirtschaftsplan und damit der zentralen Lenkung unterworfen. In den Dörfern begann indes – wenn auch in der Regel auf dem »sanfteren« Wege der propagandistischen Agitation – die Kollektivierung bäuerlicher Privatbetriebe.[5] Die Vereinheitlichung erfasste auch die Bereiche Bildung und Kultur. Im Januar 1940 wurde das gesamte Schulwesen nach sowjetischem Muster umgestaltet und der Unterricht hatte ab sofort nach neuen Lehrplänen und mit sowjetischen Lehrbüchern zu erfolgen. Museen, Theater und wissenschaftliche Einrichtungen wurden der staatlichen Kontrolle unterworfen.[6]  Die Okkupationsmacht bemühte sich ebenfalls um eine Minimierung des Einflusses von Kirche und Religion. Wurde dabei auch vorerst von einem frontalen Angriff gegen die römisch- und griechisch-katholischen Kirchen abgesehen, so kam es doch zu finanziellen Schikanen sowie zur Verbreitung einer aktiven antireligiösen und atheistischen Propaganda. Durchaus erfolgreich waren demgegenüber die Bemühungen, die polnisch-orthodoxe Kirche der russisch-orthodoxen Hierarchie zu unterstellen.[7] Eines der wichtigsten Ziele der sowjetischen Führung war die Veränderung der Gesellschaftsstruktur. Eine wesentliche Rolle spielte in diesem Zusammenhang der Terror, dem nicht nur eine repressiv-vergeltende, sondern auch eine präventivwarnende Funktion zukam. Repression der Kriegsgefangenen: Die Massaker von Katyn’ und Zwangsarbeit Die erste Gruppe der ehemaligen polnischen Staatsbürger, welche die Repressalien seitens der sowjetischen Führung zu spüren bekam, waren die polnischen Soldaten, die im September und Oktober 1939 in sowjetische Gefangenschaft gerieten. Laut den triumphalen Meldungen sowjetischer Einheiten, Armeen und Fronten muss die ursprüngliche Zahl der Kriegsgefangenen 450 000 Personen überschritten haben.[8] Aufgrund einer unzureichenden Bewachung der Gefangenentransporte sowie des Befehls, die Bewohner der von der Roten Armee besetzten polnischen Ostgebiete aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zu entlassen, reduzierte sich die Anzahl polnischer Gefangener in sowjetischer Hand noch im Herbst 1939 auf rund 125 000, darunter v. a. Soldaten aus West- und Zentralpolen.[9] Entgegen den internationalen Konventionen wurden sie in Lagern festgehalten, die von Organen des NKVD geführt wurden.[10] Die Freilassung eines Großteils der einfachen Soldaten und Unteroffiziere dauerte bis Dezember 1939 an: Während etwa die Hälfte der aus dem deutsch besetzten Zentral- und Westpolen stammenden Gefangenen an das Dritte Reich ausgeliefert wurden (42 492 Personen), entließ man fast ebenso viele Personen (42 400) vor Ort in die Freiheit. Danach befand sich noch eine Gruppe von annähernd 39 000 polnischen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand:[11] 10 362 dieser gefangenen Soldaten und Unteroffiziere wurden zur Arbeit in Bergwerke geschickt, die dem Volkskommissariat für Eisenmetallurgie unterstanden, weitere 13 297 wurden beim »Bauvorhaben Nr. 1« (zum Bau der Straße von Lemberg nach Kiew) eingesetzt. Die übrigen 15 087 Berufs- und Reserveoffiziere jedoch wurden in den Lagern von Kozel’sk und Ostaškov (RSFSR), Starobel’sk (in der östlichen Ukraine, ukrain.: Starobil’s’k) sowie – anfangs – in Juhnov (RSFSR) festgehalten.[12] Den Unterlagen von Ende Februar 1940 zu Folge befanden sich unter den 4 486 Kriegsgefangenen im Lager Kozel’sk 4 347 Polen (daneben 89 Juden, 23 Weißrussen, 11 Deutsche, 8 Litauer, 6 Ukrainer, ein Tscheche und ein Georgier). Im Lager Starobel’sk waren 3 838 von 3 908 Gefangenen polnischer Nationalität (daneben 71 Juden, 4 Ukrainer sowie je ein Deutscher, ein Ungar, ein Litauer, ein Lette und ein Bulgare). Im Lager von Ostaškov befanden sich neben 6 013 gefangenen Polen 28 Weißrussen, 23 Ukrainer, 4 Deutsche, 2 Tschechen und 2 Russen).[13] Für den Bau der Straße von Lemberg nach Kiew wurden im Lager von Rovno (ukrain.: Rivne) sowie in den Arbeitslagern des Donbass insgesamt 23 184 Kriegsgefangene festgehalten, darunter 16 545 Polen, 892 Ukrainer, 641 Juden, 52 Russen, 51 Litauer, 5 Tataren, 2 Deutsche und je ein Lette und ein Tscheche.[14] In Ausführung eines entsprechenden Beschlusses des Politbüros des ZK der VKP (b) vom 5. März 1940 wurden im April/Mai 1940 in Ostaškov und Starobel’sk über 10 000 Kriegsgefangene ermordet. Die mehr als 4 300 Gefangenen aus Kozel’sk wurden nach Katyn’ (poln.: Katyń) geführt und dort erschossen.[15] Einzig 394 Gefangene, die in das Lager von Juchnov (und später nach Grjazovec) verlegt worden waren, entgingen den so genannten »Katyn’-Massakern« (307 Polen, 28 Juden, 22 Weißrussen, 22 Deutsche, 9 Russen und 6 Litauer).[16] Im Juli und August 1940, nach der Eingliederung der baltischen Staaten in die Sowjetunion, wurden 811 polnische Soldaten, die seit Herbst 1939 in Lettland interniert waren, und 4 379, die man in Litauen gefangen hielt, ins Innere der UdSSR deportiert. Sie wurden vorerst in die Lager von Kozel’sk (Offiziere und Polizisten) und Juchnov verbracht, wo sie wiederum die Mehrheit der Internierten stellten (in Kozel’sk waren 2 417 von 2 448 Gefangenen polnischer Nationalität, in Juchnov 2 675 von 2 752).[17] Die Unteroffiziere und Soldaten der in den baltischen Staaten internierten polnischen Armeeangehörigen (3 929 Personen) wurden 1941 von den Offizieren separiert und in das Lager von Ponoj (bei Murmans’k) gebracht, wo sie beim Bau eines Militärflugplatzes eingesetzt wurden.[18] Im Lager Sevžel’dorlag in der Komi ASSR lebten unter den schweren klimatischen Verhältnissen des hohen Nordens seit Mai 1940 an die 8 000 Kriegsgefangene, die aus den Lagern des Donec’k-Beckens hierher verlegt worden waren.[19] Überaus dramatisch gestaltete sich im Sommer 1941 das Los von rund 14 100 Kriegsgefangenen, die beim Straßenbau zwischen Lemberg und Rovno eingesetzt waren. Im Zuge der chaotischen Evakuierung nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gelang einem Teil von ihnen die Flucht – viele von ihnen starben jedoch bei deutschen Luftangriffen oder wurden von den vorrückenden deutschen Truppen ermordet. Die Verluste im Zuge der Evakuierungen betrugen zwischen 1 824 und 1 968 Personen.[20] Laut Daten vom 31. Juli 1941 befanden sich zu jenem Zeitpunkt 25 184 polnische Kriegsgefangene in sowjetischer Hand, unter ihnen 21 055 Polen, 526 Ukrainer, 2 384 Weißrussen, 726 Juden, 70 Russen, 100 Litauer, 342 Deutsche, 9 Tataren sowie je ein Georgier und ein Österreicher.[21] Nach Abschluss des polnisch-sowjetischen Abkommens vom 30. Juli 1941 und der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen verkündete die sowjetische Führung am 12. August 1941 eine Amnestie für die Kriegsgefangenen. Fast alle Internierten wurden freigelassen und den Einheiten einer neu gebildeten »Polnischen Armee in der UdSSR« zugeführt. Ausgenommen davon waren die im Lager Aktjubins’k verbliebenen 263 Kriegsgefangenen deutscher Herkunft sowie zwei Personen, die »aufgrund von Materialien der Sonderabteilung [des NKVD]« von der Musterung ausgenommen worden waren.[22] Der Beginn der Massenverhaftungen Von den Repressalien im sowjetisch besetzten Ostpolen waren keineswegs nur Angehörige der Armee betroffen. Spezielle Operativgruppen des NKVD, die im September 1939 im unmittelbaren Rückfeld der Roten Armee nach Polen einmarschiert waren, begannen sofort mit der Verhaftung polnischer, ukrainischer, weißrussischer wie auch nach Polen emigrierter sowjetischer politischer Aktivisten. Die Operativgruppen waren hierfür mit vorgefertigten Listen »verdächtiger« Personen ausgestattet, die ihnen vom sowjetischen Geheimdienst zugestellt worden waren.[23] Auch Sondereinheiten der Roten Armee führten Festnahmen durch. Bis Ende 1939 wurden an die 20 000 Personen inhaftiert,[24] wobei der Kreis der Verfolgten und Festgenommenen sukzessive ausgeweitet wurde. Die Fahndungslisten wurden unter Verwendung von Daten ergänzt, die aus den Archiven der polnischen Polizei und Spionageabwehr stammten. Der Analyse solcher Materialien widmete sich eine spezielle Operativgruppe des NKVD. Im Ergebnis wurde Ende Februar 1941 eine schwarze Liste mit den Namen von 3 168 Agenten und Mitarbeitern des polnischen Geheimdienstes und der Polizei sowie von 55 125 Mitgliedern »nationalistischer Organisationen und Polizisten« veröffentlicht, von denen bis Ende März 1941 bereits 2 101 Personen verhaftet worden waren.[25] Unter den Häftlingen befand sich eine ständig wachsende Anzahl an Mitgliedern der seit der Niederlage im September 1939 massenhaft gegründeten konspirativen Widerstandsgruppen. Sie machten einen wesentlichen Teil aller 1940 und 1941 verhafteten Polen aus. Insgesamt wurden gemäß sowjetischen Angaben von September 1939 bis Mai 1941 in den westlichen Gebieten der Weißrussischen und Ukrainischen SSR – zusammen mit den Festnahmen durch Sonderabteilungen der militärischen Sonderbezirke West und Kiew – 109 400 Personen verhaftet. Diese Zahl muss um mindestens 2 500 im Juni 1941 inhaftierte Personen erhöht werden. Ebenfalls mit einzubeziehen sind zudem 2 500 Gefangene aus den Gebieten, welche in die Litauische SSR inkorporiert wurden. Laut den oben genannten Unterlagen zum Zeitraum von September 1939 bis Mai 1941 befanden sich unter den 109 485 in den Gebieten des so genannten Westweißrussland und der Westukraine inhaftierten Personen 42 948 Polen (39,23 Prozent), 24 186 Ukrainer (22,09 Prozent), 8 091 Weißrussen (7,39 Prozent) und 23 590 Juden (21,55 Prozent). Da in diesen Zahlen mindestens 4 000 Personen – v. a. Ukrainer und Juden – mit einbezogen sind, die in den an die Ukrainische SSR angegliederten rumänischen Bezirken Czernowitz (ukrain.: Černivci), Izmail und Akerman gefangen genommen wurden, dürfte die tatsächliche Zahl an Verhaftungen in den besetzten Gebieten der Zweiten Polnischen Republik aller Wahrscheinlichkeit nach bei rund 110 000 gelegen haben, wobei der prozentuale Anteil an Ukrainern und Juden hier mit Sicherheit etwas geringer war als in den obigen Zahlen angegeben.[26] Von den rund 110 000 Gefangenen wurden 9 465 im Laufe der Ermittlungsverfahren freigelassen. 612 starben an den Folgen von Folter, schlechten Lebensbedingungen und Krankheiten. Nur 43 Personen gelang die Flucht aus den Gefängnissen. Bis Mai 1941 wurden 1 208 Todesurteile verhängt, von denen ein Teil bis zum 22. Juni 1941 vollstreckt wurde, der andere Teil hingegen unmittelbar nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Zu diesen Exekutionen müssen noch jene 7 305 Personen hinzugezählt werden, die bereits in Folge einer Entscheidung der speziellen »Trojka« der NKVD-Führung im Frühling 1940 in Katyn’ ermordet wurden.[27]  Aus der so genannten Westukraine wurden in der Zeit von September 1939 bis Juni 1941 rund 33 200 Häftlinge in die Tiefen der UdSSR deportiert, die Mehrheit von ihnen von einem Gericht dazu verurteilt. Von den (gemäß Angaben vom 10. Juni 1941) bei Kriegsbeginn in der Region verbliebenen 20 094 Gefangenen »evakuierten« die sowjetischen Behörden etwa 4 500 ebenfalls in Richtung Osten. Mehr als 8 700 Häftlinge wurden ermordet, während der Rest – mindestens 7 000 Personen, die meist einfacher Verbrechen verdächtigt worden waren – vor Ort blieb und freigelassen wurde. Aus den Gebieten des so genannten Westweißrussland wurden bis Juni 1941 rund 22 000 Personen in die UdSSR deportiert. Von den 16 375 in dieser Region verbliebenen Häftlingen wurden nach dem deutschen Angriff etwa 2 800 in den sowjetischen Osten gebracht. 700 Gefangene (in ihrer Mehrheit aus dem Gefängnis in Glubokoe) wurden ermordet, während der Rest, etwa 12 800 Personen, im Chaos der ersten Tage des deutsch-sowjetischen Krieges den Weg in die Freiheit fand.[28] Eine Analyse der nationalen Zugehörigkeit der von 1939 bis 1941 in den sowjetisch okkupierten Gebieten Polens inhaftierten Personen ergibt einen – im Verhältnis zur nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung – leicht überhöhten Anteil an Polen. Als überproportional hoch erweist sich demgegenüber die Zahl jüdischer Gefangener. Wenngleich der NKVD in den Jahren 1940/41 aktiv gegen jüdische nationalistische (zionistische) Organisationen vorging,[29] resultiert dieser hohe Anteil jedoch daraus, dass in den Angaben zur Gesamtzahl der Gefangenen auch tausende so genannte »Einzelgänger« (odinačky), d. h. flüchtige jüdische Männer ohne Familien, enthalten sind: Die sowjetischen Behörden evakuierten im Juni 1941 jüdische Flüchtlinge (bežency) aus dem deutsch besetzten Westpolen, die seit 1939 Zuflucht im sowjetischen Okkupationsgebiet gesucht hatten, in Richtung Osten. Während dieser Evakuierung verhafteten sie in der Ukraine 6 600, in Weißrussland 7 000 alleinstehende jüdische Männer, odinački.[30] Zwangsaussiedlungen  Neben den Verhaftungen stellten die Zwangsaussiedlungen das zweite zentrale Mittel im reichhaltigen Instrumentarium der sowjetischen Repression zur Zeit der Okkupation Ostpolens dar. Unter den unterschiedlichsten Kategorien von Feinden der sowjetischen Gesellschaftsordnung, gegen die nach dem Prinzip der Kollektivhaftung vorgegangen wurde, befanden sich ganz oben auf der Liste die so genannten »Siedler«: alle Personen, ungeachtet ihrer Nationalität, die im Zuge der Bodenreform in den östlichen Provinzen der Zweiten Polnischen Republik eigenes Land erworben hatten. Das gleiche galt (ebenfalls ungeachtet ihrer nationalen Zugehörigkeit) für die so genannten »Forstarbeiter«. Dabei handelte es sich um Menschen, die zur Beaufsichtigung und Bewirtschaftung privater wie auch der staatlichen Wälder angestellt waren. Die endgültige Entscheidung in Sachen »Siedler« fiel auf höchster sowjetischer Führungsebene Anfang Dezember 1939. Am 2. Dezember schlug Lavrentij Berija in einem Schreiben an Stalin und das ZK der VKP (b) vor, sämtliche »Siedler«Familien bis zum 15. Februar 1940 zwangsauszusiedeln. Am 4. Dezember wurde eine entsprechende Entscheidung vom Politbüro der VKP (b) gefasst, worauf der Rat der Volkskommissare der UdSSR am folgenden Tag den Erlass Nr. 2010-558 ss zur Aussiedlung der »Siedler« aus den westlichen Gebieten der Weißrussischen und Ukrainischen SSR unterzeichnete. In den letzten Tagen des Jahres 1939 fällten das Politbüro (21. und 28. Dezember) und der Rat der Volkskommissare (22. und 29. Dezember) eine Entscheidung bezüglich der weiteren Verwendung der von den »Siedlern« zurückzulassenden Güter sowie darüber, dass die »Waldaufsicht« in die Aussiedlung einzubeziehen sei. Die breit angelegte »Aktion« fand an dem »vom NKVD der UdSSR festgelegten Tag« statt, in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1940.[31] Die genaue Zahl der im Februar 1940 zwangsausgesiedelten Personen lässt sich nicht mehr feststellen. Geplant war die Deportation von insgesamt 17 753 Familien bzw. 99 065 Personen aus der Westukraine sowie 9 810 Familien bzw. 52 892 Personen aus den fünf westlichen Gebieten der Weißrussischen SSR, darunter 6 064 »Siedler«-Haushalte (34 203 Personen) und 3 746 »Forstarbeiter«Familien (16 689).[32] Tatsächlich wurde eine etwas kleinere Zahl an »Siedlern« ausgesiedelt als geplant. Im Februar 1940 wurden aus der Westukraine 17 206 Familien, 89 062 Personen, deportiert, aus Westweißrussland 9 584 Familien (50 732): In insgesamt 100 Eisenbahntransporten wurden demnach 26 790 Familien bzw. 139 794 Personen aus den durch die UdSSR okkupierten ostpolnischen Territorien in den Osten der Sowjetunion deportiert.[33] In den Dokumenten verschiedener Führungsebenen des NKVD finden sich an einigen Stellen andere Zahlen, die sich im Allgemeinen jedoch nur unwesentlich voneinander unterscheiden.[34] Laut den Unterlagen des NKVD waren von 139 299 Personen (28 553 Familien, das sind 1 763 mehr als in den Meldungen vom Februar 1940), die in der Registratur der Abteilung für Arbeitsansiedlung der Hauptverwaltung Lager (GULag) des NKVD für das erste Quartal 1940 geführt wurden, mindestens 88 262 aus der Ukrainischen und 49 239 aus der Weißrussischen SSR deportiert worden.[35] Möglicherweise resultieren die Differenzen – abgesehen von Ungenauigkeiten bei der Zählung – aus einer fehlenden Berücksichtigung der Todesfälle und Fluchten während des Transports. Zahlenmäßig dürften diese allerdings kaum ins Gewicht gefallen sein.[36] Die Wohnverhältnisse, die sanitären und die Versorgungsbedingungen sowie die auszehrende Arbeit bewirkten eine hohe Sterblichkeit unter den Umgesiedelten, die bereits nach etwas mehr als einem Jahr auf über 7,5 Prozent angestiegen war.[37] Unter den Deportierten befanden sich (laut Angaben vom 1. April 1941) 36 670 Männer über 16 Jahre (27,68 Prozent), 38 078 Frauen (28,75 Prozent), 11 329 Kinder im Alter von 14 bis 16 (8,55 Prozent) sowie 46 386 Kinder unter 14 Jahren (35,02 Prozent).[38] Charakteristisch für diese Gruppe von Verbannten waren die hohe durchschnittliche Kinderzahl je Familie (4,8 Personen je Familie) sowie auch der insgesamt hohe Kinderanteil (43,75 Prozent). Entgegen der Bezeichnung dieses Verbannten-Kontingents als »polnische Siedler« war seine Zusammensetzung uneinheitlich. Gemäß Angaben, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus der ersten Hälfte 1941 stammen, stellten die Polen lediglich 81,68 Prozent (109 233 Personen) der Deportierten, 8,76 Prozent (11 720) jedoch waren Ukrainer, 8,08 Prozent Weißrussen (10 802), 0,11 Prozent Deutsche (152) sowie 1,38 Prozent »andere« (1 835 Personen).[39] Diese Verteilung erklärt sich aus der Tatsache, dass sich unter den ausgesiedelten »Forstarbeiter«-Familien viele Weißrussen und Ukrainer befanden. Darüber hinaus wurden aus den mehrheitlich von Polen bewohnten Siedlungen und Kolonien in der Regel neben den polnischen Bauern auch deren weißrussische bzw. ukrainische Nachbarn deportiert. Sämtliche Deportierten hatten den Status von »Spezialumsiedlern« (specpereselency), der demjenigen der als »Arbeitsumsiedler« (trudposelency) in den Jahren 1930/31 deportierten »Kulaken« sehr ähnlich war.[40] Sippenhaft Das in der Sowjetunion praktizierte Prinzip der Kollektivhaftung entschied über das Los der Familienangehörigen von NKVD-Häftlingen und der Angehörigen von polnischen Kriegsgefangenen in den Lagern von Kozel’sk, Starobel’sk und Ostaškov. Die Entscheidung bezüglich ihrer Deportation wurde am 2. März 1940 vom Politbüro der VKP (b) und vom Rat der Volkskommissare der UdSSR gefällt (Beschluss Nr. 289-127 ss).[41] Fünf Tage nach dem Beschluss des Rates der Volkskommissare erließ Berija einen Befehl zur Bildung der so genannten Operativ-Trojkas als entscheidungsbefugte Exekutivorgane der NKVD-Abteilungen in den westlichen Gebieten der Ukraine und Weißrusslands.[42] In der ebenfalls am 7. März 1940 von Berija unterzeichneten Direktive Nr. 892/B des NKVD wurde der Befehl erlassen, bis zum 30. März (15 Tage vor Beginn der geplanten Aktion) alle zur Aussiedlung vorgesehenen Personen zu registrieren: Deportiert werden sollten die Ehefrauen und Kinder, wie auch die Eltern, Brüder und Schwestern, sofern sie »mit der Familie des Häftlings oder Kriegsgefangenen« zusammenlebten. Neben den Angehörigen von Häftlingen und Kriegsgefangenen »wurde die Gesamtzahl der auszusiedelnden Personen um die registrierten Familienmitglieder von Offizieren, Polizisten, Gefängniswärtern und anderen Berufsgruppen ergänzt, deren Familienoberhäupter zu unterschiedlichen Zeiten über die Grenze geflohen sind, sich verstecken oder auch […] gesucht werden«.[43]  Als so genannte gesellschaftliche Fremdkörper und gefährdende Elemente sollten zusammen mit den Familien inhaftierter oder gesuchter Personen auch Prostituierte aus den westlichen Gebieten der Ukrainischen und Weißrussischen SSR deportiert werden. Aus Westweißrussland wurden am 9. April 1940, drei Tage vor Beginn der eigentlichen »Aktion«, 307 Frauen und 35 Kinder abtransportiert.[44] Am 10. April 1940 bestätigte der Rat der Volkskommissare der UdSSR per Beschluss Nr. 497-177 ss die Durchführungsbestimmungen für die folgende Aussiedlung. Im Beschluss Nr. 497-177 ss wurde der Beginn der Deportationen auf die Nacht vom 12. auf den 13. April 1940 festgelegt.[45] Im April 1940 wurden in 51 Transporten »60 667 [gemäß anderen Angaben 61 092] Familienangehörige von Repressalien unterworfenen Mitgliedern aufständischer Organisationen, Offizieren der ehemaligen polnischen Armee, Polizisten, Vollzugsbeamten, Gendarmen, Gutsbesitzern, Fabrikanten und Beamten des ehemaligen polnischen Staatsapparates« aus den westlichen Gebieten der Ukrainischen und Weißrussischen SSR in die Kasachische SSR umgesiedelt[46]. Der rechtliche Status der im April 1940 Deportierten unterschied sich in einigen Punkten von dem der oben betrachteten »Siedler«. Sie galten formal lediglich als für den Zeitraum von 10 Jahren »administrativ Verbannte«, was bedeutete, dass sie ihre sowjetischen Bürgerrechte im Wesentlichen beibehielten. Sie lebten mit der lokalen Bevölkerung zusammen und wurden nicht in separaten Siedlungen isoliert. Lediglich ihren Wohnort durften sie nicht wechseln.[47] Gemäß unvollständigen Informationen zu den Deportierten vom April 1940 dürften die Polen rund 68,3 Prozent der Verbannten ausgemacht haben (41 000 Personen), die Ukrainer 13,5 Prozent (8 100), die Weißrussen 11,5 Prozent (6 900) und die Juden etwa 4,17 Prozent (2 500).[48] Die Deportation der Juden Die dritte Welle von Massendeportationen im Jahre 1940 betraf die so genannten Flüchtlinge (bežency): Polnische Staatsbürger, die aus den durch das Dritte Reich okkupierten westlichen Landesteilen Polens in die sowjetisch besetzten Gebiete geflohen waren und die von der durch die Deutschen (in Absprache mit der sowjetischen Führung) von April bis Juni 1940 durchgeführten »Repatriierung« von Flüchtlingen in ihre ursprünglichen Wohnorte [gezielt] nicht erfasst wurden.[49] Die Entscheidung in Sachen »Flüchtlinge«, denen eine Rückkehr an ihre ursprünglichen Wohnorte verwehrt war, während sie ihrerseits die Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft verweigerten, fiel im Politbüro bereits am 2. März 1940.[50] Per Beschluss Nr. 497-177 ss vom 10. April 1940 bekräftigte der Rat der Volkskommissare diese politischen Vorgaben und bestätigte zugleich die Anweisung des NKVD, wonach die »Flüchtlinge« in den Norden der Sowjetunion deportiert, in Spezialansiedlungen untergebracht und zur Arbeit in der Forstwirtschaft eingesetzt werden sollten. Es war vorgesehen, die Operation unmittelbar nach Beendigung der Arbeiten der deutschen Rückführungskommission und deren Rückkehr ins Dritte Reich durchzuführen.[51]  Die Umsiedlungsaktion wurde in der Nacht vom 28. zum 29. Juni 1940 durchgeführt.[52] Die genaue Anzahl der Betroffenen dieser Juni-Deportation ist umstritten. Gemäß Angaben des ukrainischen und weißrussischen NKVD wurden aus der Weißrussischen SSR 7 224 Familien (22 879 Personen) in die Verbannung verschickt, aus der Ukrainischen SSR 24 700 Familien (57 774 Personen). Das wären insgesamt 31 924 Familien bzw. 80 653 Personen.[53] Berechnungen auf Grundlage der Transportlisten, die den Kommandanten der 57 Wacheinheiten ausgehändigt wurden, ergeben eine Gesamtzahl von 76 246 Personen, darunter 52 617, die aus der Westukraine weggebracht wurden (allein aus Lemberg mehr als 30 000) sowie 23 629 aus Weißrussland.[54] Neben den Massendeportationen kam es Ende Juni 1940 zusätzlich zur Verhaftung von 16 617 Einzelpersonen, davon 9 275 in der Westukraine  und 7 342 im westlichen Weißrussland.[55] Gemäß Informationen aus dem zweiten Quartal des Jahres 1941 befanden sich unter den 76 113 Flüchtlingen 8 357 Polen (10,95 Prozent), 1 728 Ukrainer (2,26 Prozent), 186 Weißrussen (0,24 Prozent), 119 Deutsche (0,16 Prozent) und 1 396 Personen, deren Nationalität in den Unterlagen des NKVD nicht ausgewiesen wird. Die überwiegende Mehrheit jedoch, 64 533 Personen (84,56 Prozent), waren Juden, welche die Deutschen zuvor nicht ins Generalgouvernement zurückkehren ließen.[56] Das Kontingent der »Flüchtlinge« setzte sich weitgehend aus Kleinfamilien mit wenigen Kindern sowie vielen unvollständigen, durch den Krieg auseinander gerissenen bzw. bereits durch die Deutschen dezimierten jüdischen Familien zusammen (im Durchschnitt drei Personen pro Familie). Der Anteil der Erwachsenen lag höher als bei den »Siedlern« (laut Angaben vom 1. April 1941: 29 437 Männer und 26 459 Frauen, das sind zusammen rund 73,48 Prozent). Die Zahl der im Juni 1940 deportierten Kinder war verhältnismäßig gering. Mit 20 172 (4 131 im Alter zwischen 14 bis 16 Jahre, 16 041 jünger als 14) machten die Kinder rund ein Viertel (26,52 Prozent) der »Flüchtlinge« aus.[57] Die absolute Mehrheit der Deportierten war städtischer Herkunft und gehörte zu einem beträchtlichen Teil der Intelligencija an. Die sowjetischen Behörden registrierten 8 261 »Ärzte, Agronomen und Lehrer«, darunter 551 »hoch qualifizierte Spezialisten« und wissenschaftliche Mitarbeiter unterschiedlicher Institutionen.[58] Die letzte Welle der Zwangsumsiedlungen  Nach der Deportation der »Flüchtlinge« vom Juni 1940 begann eine elfmonatige Ruhepause. Im späten Frühjahr 1941 setzten die Massendeportationen jedoch erneut ein. Angesichts des sich abzeichnenden Krieges verabschiedeten das ZK der VKP (b) und der Rat der Volkskommissare der UdSSR am 14. Mai 1941 den gemeinsamen Beschluss NR. 1299-526 ss zur Durchführung einer »Säuberungsaktion« in den Grenzgebieten aller Territorien, die in den Jahren 1939/40 in die Sowjetunion eingegliedert worden waren.[59] Die Aktion fand in drei Etappen statt: Am 21. Mai 1941 unterschrieb Berija den Befehl zum Beginn der Zwangsaussiedlungen aus den Gebieten der Westukraine, worauf sich bereits am darauf folgenden Tag die ersten Transporte in Bewegung setzten.[60] Die Operation begann am 22. Mai 1941 und wurde bereits abends um 22 Uhr abgeschlossen.[61] Insgesamt wurden an diesem Tag 3 073 Familien deportiert (11 328 Personen). Diese Informationen weichen nur wenig von jenen aus den Transportlisten der Begleittruppen ab. Gemäß Letzteren verließen am 23. und 24. Mai 1941 zwölf Transporte mit 11 093 Zwangsaussiedlern das Gebiet der sechs westlichen Gebiete der Ukrainischen SSR. 589 Personen gelang es, sich den Transporten zu entziehen, während Operativgruppen des NKGB-NKVD im Gebiet Stanisławów (heute ukrain.: Ivano Frankivsk) 103 und im Gebiet Wolhynien 339 Personen an die Begleittruppen übergaben, die ursprünglich nicht zur Umsiedlung registriert worden waren.[62] Da diese Aussiedlungsaktion primär als Teil einer am 2. April 1941 begonnenen Operation gegen ukrainische Nationalisten geplant wurde,[63] stellten die Ukrainer die entschiedene Mehrheit der Deportierten. Es befanden sich unter ihnen jedoch auch Polen.  Drei Wochen später, am 14. Juni 1941, erreichte die Deportationswelle die baltischen Republiken, Litauen, Lettland und Estland.[64] Aus dem Territorium Litauens wurden 12 562 Personen weggebracht, unter ihnen mindestens 3 200 Personen aus jenen Gebieten, die vor 1939 der Zweiten Polnischen Republik angehört hatten, hauptsächlich Polen.[65] Kaum eine Woche nach Beginn der Umsiedlungsaktionen in den baltischen Ländern ereilten die Deportationen (in der Nacht vom 19. auf den 20. Juni) die polnische Bevölkerung des so genannten Westweißrussland. Tatsächlich betraf die im Juni 1941 durchgeführte Aussiedlungsaktion nicht nur die Bewohner polnischer Nationalität, sondern alle diejenigen, die von den Behörden als Feinde der Sowjetmacht eingestuft wurden. Insgesamt wurden 24 412 Personen mit Repressalien belegt: 2 029 wurden inhaftiert und 22 353 ausgesiedelt. Unter den Letzteren befanden sich 6 655 Familienangehörige von Personen, die im Juni 1941 inhaftiert und 1 239 Angehörige von Personen, die zum Tode verurteilt worden waren. Weiterhin 3 752 Angehörige von solchen, die sich vor den sowjetischen Behörden versteckt hielten, 7 105 Angehörige von Personen, die über die Grenze geflohen waren, 2 093 Angehörige von »Anführern und aktiven Mitgliedern konterrevolutionärer, aufständischer Organisationen, gegen welche Ermittlungen im Gange waren«, 47 Angehörige von inhaftierten Großgrundbesitzern, 231 Angehörige inhaftierter Gendarmen und Polizisten sowie 496 Angehörige verfolgter Offiziere der Polnischen Armee und ehemaliger höherer Beamte des polnischen Staates. Dazu kamen viele Händler u. a. zusammen mit ihren Familien (708). Die meisten, nämlich 11 405 Personen, wurden dabei aus dem Gebiet Białystok ausgesiedelt.[66] Insgesamt wurden in Weißrussland bis zum 22. Juni 1941 mindestens 20 Deportationszüge in Bewegung gesetzt. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion und die intensive Bombardierung von Eisenbahnknotenpunkten bewirkten, dass fünf Transporte bereits in oder vor Minsk stecken blieben. Etwa 10 bis 13 Prozent der betroffenen Zwangsumsiedler wurden bei den Luftangriffen getötet, weitere 12 bis 15 Prozent verletzt. Angesichts des schnellen Vorrückens der deutschen Armeen und der drohenden Einkesselung der sowjetischen Truppen vor Minsk wurden drei der Transporte durch die Begleittruppen aufgelöst, das Schicksal der beiden anderen bleibt im Dunkeln.[67] Aus anderen Quellen geht allerdings hervor, dass sämtliche Deportationszüge aus den westlichen Gebieten der Weißrussischen SSR das Innere der UdSSR erreicht hätten. Beträchtliche Differenzen ergeben sich auch aus einem Vergleich der Transportunterlagen mit Angaben zur Anzahl Personen, die am Zielort der Verbannung angesiedelt wurden. Gemäß den Unterlagen der Abteilung für Spezial- und Arbeitsansiedlungen des NKVD kamen 24 266 Personen aus Westweißrussland in der Verbannung an.[68] Diese Zahlen konnten bislang leider nicht nachgeprüft werden, doch muss die Tatsache, dass die Anzahl angesiedelter Menschen höher beziffert wird als die der ursprünglich aus Weißrussland Deportierten, Zweifel an der Richtigkeit dieser Angaben wecken. Die Zwangsumsiedler des Jahres 1941 wurden in der reichen sowjetischen Rechtsnomenklatur als »Verbannungssiedler« (ssylnoposelency) bezeichnet und für 20 Jahre in die entferntesten Gebiete der UdSSR verschickt. Der Status der »Verbannungssiedler« lag ungefähr zwischen dem der »Spezialumsiedlern« (specperesedlency) und dem der »freien Verbannten«, die auf administrativem Wege zur Umsiedlung gezwungen wurden. Den Deportierten des Jahres 1941 wurde in manchen Fällen die eigene Wahl des Wohnortes gewährt. Sie arbeiteten mehrheitlich in Sowchosen und lebten mit der örtlichen Bevölkerung zusammen.[69] Für die Zwangsumsiedler vom Februar und Juni 1940 war an solche Bedingungen nicht einmal zu denken. Unter den 22 353 im Juni 1941 aus den Gebieten des westlichen Weißrussland deportierten Personen befanden sich mindestens 13 200 Polen, 1 600 Juden, 700 Ukrainer und 5 500 Weißrussen.[70] Der Anteil der Weißrussen könnte jedoch in den offiziellen Dokumenten – auf Kosten der Polen – erhöht worden sein, denn die Zwangsaussiedlung war v. a. gegen die Familien inhaftierter oder gesuchter Mitglieder der im Herbst 1940 und Frühjahr 1941 zerschlagenen polnischen Unabhängigkeitsorganisationen gerichtet. Zwangsaussiedlungen im neuen Grenzgebiet Während des Jahres 1940 unternahm die sowjetische Führung Anstrengungen zur Sicherung der neuen Westgrenze des Imperiums. Bereits Anfang März 1940 wurde die Einrichtung eines rund 800 Meter messenden Grenzstreifens beschlossen, aus dem jegliche Bewohner entfernt werden sollten. Der Umfang der entsprechenden Zwangsumsiedlungen war gewaltig. In der Westukraine waren davon 21 942 Familien betroffen (100 050 Personen), von denen 4 870 (22 615 Personen) innerhalb ihres eigenen Dorfes, 17 072 Familien jedoch (77 485 Personen) in anderen Ortschaften desselben oder gar eines anderen Gebiets angesiedelt werden sollten.[71] Die Umsiedler waren mehrheitlich in den Häusern unterzubringen, die von Deutschen oder deportierten »Siedlern« und »Kolonisten« verlassen worden waren. Die Aktion begann im April 1940 und verlief nicht ohne Zwischenfälle: Der Widerstand der Bevölkerung konnte, beispielsweise in den Bergregionen des Gebiets Stanisławów (Ivano Frankivs’k), nur unter Anwendung von Gewalt gebrochen werden. Laut Unterlagen des NKVD von Anfang August 1940 lag die Zahl der umgesiedelten Familien um etwa 10 Prozent niedriger als ursprünglich geplant. Allerdings übertraf – gemäß anderen Informationen – die tatsächliche Zahl der betroffenen Personen die ursprünglichen Planungen und Schätzungen der Behörden sogar noch um 102 800.[72] In Weißrussland wurden 8 442 Haushalte umgesiedelt, die insgesamt 35 300 Personen umfassten (wobei in einem der NKVD-Dokumente gar die Zahl von 15 000 Haushalten angegeben wird). Fast die Hälfte der Betroffenen waren Weißrussen, doch auch der polnische Anteil war bedeutend (10 700 Personen, v. a. im Gebiet Białystok). Einen geringeren Anteil hatten Litauer (3 700 Personen), Juden und Ukrainer.[73] In Ergänzung dieser Aktion wurden zum Jahreswechsel 1940/1941 aus den grenznahen Bereichen der Gebiete Lemberg, Drohobycz und Wolhynien etwa 13 000 bis 16 000 Menschen nach Bessarabien umgesiedelt. Ihnen wurden die Höfe zugewiesen, die von deutschen Bauern bei ihrer Ausreise nach Deutschland aufgegeben worden waren. Von den 3 700 umgesiedelten Familien (ca. 20 bis 35 Prozent Polen und 65 bis 80 Prozent Ukrainer), stammten zwei Drittel (2 500) aus Ostgalizien. Im Rahmen derselben Umsiedlungsaktion wurden im Januar 1941 kraft eines Beschlusses des Rates der Volkskommissare der Ukrainischen SSR und des Politbüros der Ukrainischen Kommunistischen Partei vom 30. Dezember 1940 ebenfalls rund 2 300 Personen (462 mehrheitlich ukrainische Familien) im Gebiet Izmailovsk umgesiedelt. Sie stammten aus drei Dörfern, deren etwa 30 km2 großes Territorium an den sowjetischen Truppenübungsplatz von Javorov angegliedert worden war.[74] Ein Heer von mehreren zehntausend Flüchtlingen, v. a. Juden und Polen, sowie eine Gruppe in den annektierten Gebieten Ostpolens ansässiger Arbeitsloser (hauptsächlich Juden und Ukrainer) reisten zum Jahreswechsel 1939/40 auf der Suche nach Arbeit in den Donbass und andere industrielle Zentren der Sowjetunion.[75] Während des letzten Quartals des Jahres 1939 trafen 32 775 Flüchtlinge und etwa 15 000 Arbeitslose aus Ostpolen in den elf östlichen Gebieten der Ukrainischen SSR ein. Die Anwerbeaktion zur Arbeit in der Kohle- und Metallindustrie der Ostukraine und am Ural dauerte mindestens bis August 1940 an.[76] In einigen Regionen, so etwa im Gebiet Stanisławów, drängte die Parteiführung auf eine Weiterreise jeglicher Flüchtlinge ins Innere der UdSSR, weshalb sie versuchte, die Anwerbeaktion in eine Zwangsumsiedlung umzufunktionieren.[77] Die harten Lebensbedingungen bewirkten jedoch, dass ein bedeutender Teil dieser »Gastarbeiter« aus den Bergbaugebieten des Donec’k-Beckens nach Ostgalizien zurückkehrte.[78] Aus dem westlichen Weißrussland (wo die Aktion einen weitgehenden Zwangscharakter aufwies) wurden 1939, u. a. aus dem Gebiet Białystok, 22 731 Personen zwangsausgesiedelt.[79] Nachdem die Bewohner in den Ostgebieten der polnischen Zwischenkriegsrepublik die sowjetische Staatsbürgerschaft übernehmen mussten, wurden sie seit Herbst 1940 auch zum Militärdienst in der Roten Armee rekrutiert. In den Jahren 1940/41 wurden die Jahrgänge 1918 und 1919 sowie teilweise 1917 zur Musterung aufgeboten. Dies betraf ca. 150 000 Männer (38 Prozent Ukrainer, 33 Prozent Polen, 17 Prozent Weißrussen und knapp 10 Prozent Juden). Zu ihnen muss auch eine Gruppe von – wie es scheint – mindestens einigen zehntausend Reservisten dazugerechnet werden, die im Rahmen der Teilmobilmachung im Mai 1940 sowie dann im Juni 1941, bereits nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, in die Rote Armee übernommen wurden.[80] Bilanzen Aus den veröffentlichten Unterlagen des NKVD geht hervor, dass die sowjetischen Behörden im Laufe von 21 Monaten mindestens 315 000 ehemalige polnische Staatsbürger nach Kasachstan, Sibirien und in den hohen Norden verschickten. Unter den Deportierten überwogen die Polen, deren Zahl auf rund 181 200 geschätzt werden kann (57,5 Prozent). Die zweitgrößte Gruppe bildeten die Juden mit etwa 69 000 Personen (21,9 Prozent). Danach folgen 32 900 Ukrainer (10,44 Prozent) und 24 000 Weißrussen (7,62 Prozent). Es wurden auch einige tausend Deutsche, Litauer, Russen und Tschechen deportiert. Das bedeutet, dass aus den durch die Sowjetunion annektierten polnischen Ostprovinzen über vier Prozent der Einwohner polnischer Nationalität ins Innere der Sowjetunion verschleppt wurden, von den ortsansässigen Juden (die Flüchtlinge aus West- und Zentralpolen nicht eingerechnet) jedoch nur eine verschwindende Prozentzahl (0,18 Prozent). Darüber hinaus wurden mindestens 0,6 Prozent der Ukrainer und rund 1,09 Prozent der Weißrussen Richtung Osten deportiert.[81] Bis heute bleibt die Frage umstritten, von welchen Kriterien sich die sowjetischen Behörden bei der Auswahl hunderttausender Menschen zur Zwangsumsiedlung leiten ließen. Politische und soziale Aspekte scheinen die entscheidende Rolle gespielt zu haben: Es wurden Personen umgesiedelt, die Verbindungen zum ehemaligen polnischen Staatsapparat aufwiesen (zu denen man bis zu einem gewissen Grade – als Begünstigte – auch die »Siedler« rechnen kann). Sie wurden als potentielle Bedrohung für den nach der sowjetischen Okkupation eingeleiteten gesellschaftlichen und politischen Umgestaltungsprozess eingestuft. Eine überaus breite Interpretation dieses Bedrohungspotentials sowie die Anwendung des Prinzips der kollektiven Verantwortung waren keineswegs außergewöhnlich, sondern entsprachen der allgemeinen sowjetischen Praxis. Zusammen mit den Repräsentanten des so genannten polnischen Nationalismus fielen auch die ukrainischen (April 1940 und Mai 1941) und die jüdischen (April 1940) »Nationalisten« den Deportationen zum Opfer. Die Zwangsumsiedlung der »Flüchtlinge« kann man in Kategorien einer »Säuberung« des rückwärtigen Frontgebietes von problematischen »Fremden und Staatenlosen« interpretieren, die – der sowjetischen Definition gemäß – als Bürger eines nicht mehr existierenden Staates betrachtet wurden, welche die Übernahme der sowjetischen Staatsangehörigkeit verweigert hatten. Das Kriterium der Nationalität war dabei zweitrangig. Die absolute Mehrheit der Deportierten polnischer Nationalität resultierte vielmehr aus der Tatsache, dass die erwähnten gesellschaftlichen oder politischen Zugehörigkeiten sich teils tatsächlich, oft jedoch auch nur vermeintlich mit den entsprechenden nationalen Zugehörigkeiten der Bevölkerung dieser polnischen Ostprovinzen deckten.  In der Zeit vom Beginn der Besetzung Ostpolens durch die Rote Armee und seiner Eingliederung in die Sowjetunion im September 1939 bis zum Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 wurden rund 670 000 bis 720 000 Personen Opfer von Repressalien seitens der sowjetischen Behörden, die entweder mit dem Tod oder einer dauerhaften Zwangsaussiedlung aus den Ostgebieten der polnischen Zwischenkriegsrepublik endeten. Unter diesen Menschen befanden sich mindestens 150 000 bis 170 000 Personen, die vor Kriegsausbruch im September 1939 in Zentral- oder Westpolen gelebt hatten. [82] Bezieht man die polnischen Kriegsgefangenen in die Rechnung mit ein, erhöht sich letztere Zahl noch zusätzlich. Während unter denjenigen Verfolgten, die ihren ständigen Wohnsitz vor 1939 in den östlichen Provinzen Polens hatten, die Polen mit rund 220 000, also zwei Drittel der Inhaftierten und Deportierten, die größte Gruppe stellten, überwogen unter den verfolgten Flüchtlingen aus Zentral- und Westpolen die Juden (über 80 Prozent). Exaktere Angaben zur nationalen Zusammensetzung aller jener Menschen, die vom sowjetischen Verwaltungs- und Repressionsapparat erfasst wurden, sind bisher nicht zugänglich. Die Schwierigkeiten bei der Berechnung der Verluste, die den unterschiedlichen nationalen Gruppen in den von der Sowjetunion besetzten Gebieten der polnischen Zwischenkriegsrepublik zugefügt wurden, ergeben sich auch aus Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der sowjetischen Informationen: In den Dokumenten des NKVD wird der Anteil der Polen an der Gesamtbevölkerung der okkupierten Gebiete in manchen Fällen bis um ein Drittel zu niedrig angesetzt.[83] Übersetzung aus dem Polnischen von Lukas Imhof (Berlin) [1]  Gnatowski, Michał: W radzieckich okowach. Studium o agresji 17 września 1939 r. i radzieckiej polityce w regionie łomżyńskim w latach 1939–1941 [In sowjetischen Fesseln. Studie über die Aggression vom 17. September 1939 und die sowjetische Politik in der Region Łomża in den Jahren 1939–1941], Łomża 1997, S. 195–197. Die okkupierten polnischen Ostgebiete (außerhalb der Städte) wurden mehrheitlich von Ukrainern und Weißrussen bewohnt, deshalb konnte die UdSSR auf die Bildung einer Polnischen SSR verzichten.  [2]  Mały Rocznik Statystyczny Polski wrzesień 1939–czerwiec 1941 [Das kleine statistische Jahrbuch Polens, September 1939–Juni 1941], Warschau 1990, S. 4 u. 9; Łossowski, Piotr: Litwa a sprawy polskie 1939–1940 [Litauen und die polnischen Angelegenheiten 1939–1940], Warschau 1982, S. 56. Laut Berechnungen des polnischen Informationsministeriums aus dem Jahre 1941 befanden sich 201 015 km2 der Zweiten Polnischen Republik unter sowjetischer und litauischer (seit Juli 1940 dann alle Gebiete unter sowjetischer) Okkupation, die 1939 von rund 13 199 000 Menschen bewohnt wurden. 3      [3] Gnatowski: W radzieckich okowach (Anm. 1), S. 202–205.  [4] Głowacki, Albin: Sowieci wobec Polaków na ziemiach wschodnich II Rzeczypospolitej 1939– 1941 [Die Politik der Sowjets gegenüber den Polen in den Gebieten der Zweiten Polnischen Republik 1939–1941], Łódź 1997, S. 39–125. In der Region Wilna fanden die Anpassungsprozesse verspätet statt. Vor dem deutschen Angriff auf die UdSSR im Juni 1941 wurden am 12. Januar 1941 lediglich die Ergänzungswahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR durchgeführt. Siehe dazu ebenda, S. 125–128. [5]  Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 128–169; Gnatowski: W radzieckich okowach (Anm. 1), S. 68–87; Bonusiak, Andrzej: Polityka rolna władz radzieckich na terenie obwodu lwowskiego w latach 1939–1941 [Die Agrarpolitik der sowjetischen Behörden im Bezirk Lemberg in den Jahren 1939–1941], in: Sudoł, Adam (Hrsg.): Sowietyzacja kresów wschodnich II Rzeczypospolitej po 17 września 1939 [Die Sowjetisierung der Ostgebiete der Zweiten Polnischen Republik nach dem 17. September 1939], Bydgoszcz 1998, S. 133–146. [6]  Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 411–592; Kijas, Artur: Polityka kulturalna władz sowieckich wobec ziem wschodnich II Rzeczypospolitej w latach 1939–1941 [Die Kulturpolitik der sowjetischen Behörden gegenüber den Ostgebieten der Zweiten Polnischen Republik in den Jahren 1939–1941], in: Sudoł (Hrsg.): Sowietyzacja kresów wschodnich (Anm. 5), S. 183–198; Kalbarczyk, Slawomir: Polscy pracownicy nauki ofiary zbrodni sowieckich w latach II wojny światowej. Zamordowani, więzieni, deportowani [Polnische Wissenschaftler als Opfer sowjetischer Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges. Ermordet, inhaftiert, deportiert], Warschau 2001, S. 11–46. [7]  Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 603–611; Gnatowski, Michał: Antyreligijna działalność władz radzieckich w regionie białostockim w latach 1939–1941 w świetle dokumentów [Die antireligiöse Politik der sowjetischen Behörden in der Region Białystok in den Jahren 1939–1941. Dokumente], in: Studia Podlaskie (Białystok) 7 (1997), S. 149–249; Rudnyc’ka, Milena (Hrsg.): Zachidnјa Ukrajina pid bol’šewykamy IX 1939–VI 1941. Zbirnyk [Die Westukraine unter den Bolschewisten. September 1939–Juni 1941. 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Das Verbrechen in den Dokumenten], Bd. 1: Jeńcy nie wypowiedzianej wojny sierpień 1939–marzec 1940 [Die Kriegsgefangenen des nicht-erklärten Krieges von August 1939 bis März 1940], Warschau 1995, S. 125–137 u. 268. [10]  Ebenda, S. 76–83 u. 88–93. [11]  Katyń. Dokumenty zbrodni [Katyń. Das Verbrechen in den Dokumenten], Bd. 2: Zagłada marzec–czerwiec 1940 [Die Vernichtung von März bis Juni 1940], Warschau 1998, S. 410 f. [12]  Katyń. Dokumenty (Anm. 9), Bd. 1, S. 481.  [13]  Ebenda, S. 446 u. 451 f. [14]  Ebenda, S. 453 f. [15]  Lebedeva, Natalija: Katyn’: Prestuplenie protiv čelovečestva [Katyń: Verbrechen gegen die Menschheit], Moskau 1994, S. 134–235; Katyń. Dokumenty (Anm. 11), Bd. 2, S. 410 f.  [16]  Katyń. Dokumenty (Anm. 11), Bd. 2, S. 344, 351 f. u. 369. [17]  Katyń. Dokumenty zbrodni [Katyń. Das Verbrechen in den Dokumenten], Bd. 3: Losy ocalałych lipiec 1940–marzec 1943 [Das Los der Geretteten von Juli 1940 bis März 1943], Warschau 2001, S. 76, 140 u. 281 f. [18] Ebenda, S. 355, 387, 395 u. 413 f. [19]  Katyń. Dokumenty (Anm. 11), Bd. 2, S. 266–268 u. 341–343; Katyń. Dokumenty (Anm. 17), Bd. 3, S. 67–72. [20]  Katyń. Dokumenty (Anm. 17), Bd. 3, S. 409–412, 421 f., 429 f. u. 432. [21]  Ebenda, S. 427 f. [22]  Ebenda, S. 494. [23]  Organy gosudarstvennoj bezopasnosti SSSR v Velikoj Otečestvennoj vojne. Sbornik dokumentov [Die Organe der Staatssicherheitsdienste der UdSSR im Großen Vaterländischen Krieg. Gesammelte Dokumente], Bd. 1: Nakanune, Kniga vtoraja: 1 janvarja–21 ijunja 1941 g. [Am Vorabend, Zweites Buch: 1. Januar bis 21. Juni 1941], Moskau 1995, S. 131. 24        [24] Gorlanov, O. A./Roginskij, A. B.: Ob arestach v zapadnych oblastjach Belorussii i Ukrainy v 1939–1941 gg. [Zu den Verhaftungen in den westlichen Gebieten Weißrusslands und der Ukraine in den Jahren 1939–1941], in: Repressii protiv pol’akov i pol’skich graždan [Repressionen gegen Polen und polnische Staatsbürger], Moskau 1997, S. 98. [25] Polskie podziemie na terenach Zachodniej Ukrainy i Zachodniej Białorusi w latach 1939– 1941 [Die polnische Untergrundbewegung in den Gebieten der Westukraine und Westweißrusslands in den Jahren 1939–1941], Warschau u. Moskau 2001, Bd. 1, S. 655. [26] Gorlanov/Roginskij: Ob arestach (Anm. 24), S. 77–113.  [27]  Ebenda, S. 97; Lebedeva: Katyn’ (Anm. 15), S. 168–170 u. 216; Ukraiński ślad Katynia [Die ukrainische Spur nach Katyń], Warschau 1995. [28]  Gorlanov/Roginskij: Ob arestach (Anm. 24), S. 77–113; Popiński, Krzysztof/Kokurin, Aleksandr/Gurjanow, Aleksandr: Drogi śmierci. Ewakuacja więzień sowieckich z Kresów Wschodnich II Rzeczypospolitej w czerwcu i lipcu 1941 [Wege in den Tod. Die Evakuierung sowjetischer Häftlinge aus den Ostgebieten der Zweiten Polnischen Republik im Juni und Juli 1941], Warschau 1997, S. 68–181; Bilas, Ivan: Represyvno-karal’na systema w Ukrajini 1917– 1953. Suspil’no-polityčnyj ta istoryko-pravovyj analiz. U dwoch knihach [Das Repressions- und Strafsystem in der Ukraine 1917–1953. Eine gesellschaftlich-politische und historischrechtliche Analyse in zwei Bänden], Bd. 2, Kyjiv 1994, S. 222–275. [29]  Organy gosudarstvennoj bezopasnosti (Anm. 23), Bd. 1, S. 184–187 u. 232–234. [30]  Gorlanov/Roginskij: Ob arestach (Anm. 24), S. 88; Deportacje obywateli polskich z Zachodniej Ukrainy i Zachodniej Białorusi w 1940 roku [Deportationen polnischer Staatsbürger aus der Westukraine und Westweißrussland im Jahre 1940], Warschau u. Moskau 2003, S. 683. [31]  Gurjanov, A. E.: Pol’ske specpereselency v SSSR v 1940–1941 gg. [Polnische »Spezialumsiedler« in der UdSSR in den Jahren 1940–1941], in: Repressii protiv pol’akov i pol’skich graždan [Repressionen gegen Polen und polnische Staatsbürger], Moskau 1997, S. 117; Pawłow, J. S.: Represjonowanie polskich osadników w zachodnich obwodach Białorusi [Repressionen gegen polnische Siedler in den westlichen Bezirken Weißrusslands], in: Balcerak, Wiesław. (Hrsg.): Polska-Białoruś 1918–1945 [Polen und Weißrussland 1918–1945], Warschau 1994, S. 126; »Zachodnia Białoruś« 17 IX 1939–22 VI 1941. Deportacja Polaków z północno-wschodnich ziem II Rzeczypospolitej 1940–1941. Źródła do historii Polski XX wieku ze zbiorów Narodowego Archiwum Republiki Białoruś [»Westweißrussland« vom 17. September 1939 bis 22. Juni 1941. Die Deportation von Polen aus den nordöstlichen Gebieten der Zweiten Polnischen Republik 1940–1941. Quellen zur polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts aus den Beständen des Nationalarchivs der Republik Weißrussland], Bd. 2, Warschau 2001, S. 47; Parsadanova, Valentina S.: Deportacyja naselenija iz Zapadnoj Ukrainy i Zapadnoj Belorussii w 1939–1941 gg. [Die Deportation der Bevölkerung der Westukraine und Westweißrusslands in den Jahren 1939–1941], in: Novaja i novešaja istorija 1989, H. 2, S. 32. Siehe auch: Ciesielski, Stanisław/Hryciuk, Grzegosz/Srebrakowski, Aleksander: Masowe deportacje ludności w Związku Radzieckim [Massendeportationen der Bevölkerung in der Sowjetunion], Toruń 2003, S. 211–216. [32] Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 1, S. 149 f.; Chackiewicz, Aleksander F: Aresztowania i deportacje ludności zachodnich obszarów Białorusi (1939–1941) [Verhaftungen und Deportationen der Bevölkerung in den westlichen Bezirken Weißrusslands], in: Balcerak, W. (Hrsg.): Polska-Białoruś 1918–1945 [Polen und Weißrussland 1918–1945], Warschau 1994, S. 140; »Zachodnia Białoruś« (Anm. 31), S. 174.  [33] Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 1, S. 153; Chackiewicz: Aresztowania (Anm. 32), S. 146; »Zachodnia Białoruś« (Anm. 31), S. 175. [34] Gurjanow, A.: Cztery deportacje [Vier Deportationen], in: Karta 1994, H. 12, S. 119 u. 125. [35] Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 679. [36]  Kowalska, Ewa: Przeżyć, aby wrócić! Polscy zesłańcy lat 1940–1941 w ZSRR i ich losy do roku 1946 [Überleben um heimzukehren! Polnische Deportierte der Jahre 1940–1941 in der UdSSR und ihr Los bis zum Jahr 1946], Warschau 1998, S. 98. [37]  Ciesielski/Hryciuk/Srebrakowski: Masowe deportacje (Anm. 31), S. 237. [38]  Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 1, S. 195. [39]  Parsadanova: Deportacyja naselenija (Anm. 31), S. 32. [40]  Zemskov, Victor N.: Specposelency (po dokumentacyi NKVD-MVD SSSR) [»Spezialumsiedler« (in den Dokumenten des NKVD-MVD der UdSSR)], in: Socyologičeskie issledowanija 1990, H. 11, S. 3–5; Ders: »Kulackaja ssylka« nakanunie i v gody Velikoj Otečestvennoj Vojny [»Die Verbannung der Kulaken« am Vorabend und in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges], in: Socyologičeskie issledowanija 1992, H. 2, S. 3–5. [41]  Gurjanow: Pol’ske specpereselency (Anm. 31), S. 118. [42]  Ciesielski/Hryciuk/Srebrakowski: Masowe deportacje (Anm. 31), S. 239. [43]  Katyń. Dokumenty (Anm. 17), Bd. 2, S. 43–46.  [44]  Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 465–467.  [45]  Buhaj, Mikola F.: Deportaciji naselenija z Ukrajiny (30–50-ti roky) [Deportationen der Bevölkerung aus der Ukraine (30er bis 50er Jahre), in: Ukrajins’kyj istoryčnyj žurnal 1990, H. 10, S. 35; Gurjanov: Pol’ske specpereselency (Anm. 31), S. 120.  [46]  Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 681.; Gurjanow: Cztery deportacje (Anm. 34), S. 23, 125 u. 132–134.  [47]  Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 1, S. 155.  [48]  Schätzungen des Autors auf der Basis von Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 394–397 u. 410–413.  [49] Über 84 Prozent der Betroffenen waren Juden, darunter auch die oben genannten »odinačky«, welche die Deutschen nicht »zurückhaben« wollten. [50]  Katyń. Dokumenty (Anm. 9), Bd. 1, S. 461.  [51]  Gurjanov: Pol’ske specpereselency (Anm. 31), S. 118 u. 120.  [52]  Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 2, S. 149–158. [53]  Ebenda, S. 156; Chackiewicz: Aresztowania (Anm. 32), S. 153; Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 377; »Zachodnia Białoruś« (Anm. 31), S. 230; Polskie podziemie (Anm. 25), S. 655. [54]  Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 683; Gurjanow: Cztery deportacje (Anm. 34), S. 119, 125 u. 134 f. [55]  Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 683. Im Frühjahr 1941 sollte ein Teil der im Juni 1940 Inhaftierten aus den Lagern in Spezialsiedlungen verlegt werden (insgesamt 6 131 Flüchtlinge, darunter 806 Invaliden). Siehe Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 386. [56]  Parsadanova: Deportacyja naselenija (Anm. 31), S. 32. [57]  Ebenda, S. 28 u. 32; Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 2, S. 195. [58]  Buhaj: Deportaciji (Anm. 45), S. 113. [59]  Bugaj, N. (Hrsg.): »Specjalna teczka Stalina«: deportacje i reemigracja Polaków, [Die »Spezialakte Stalins«: Deporatationen und Reemigration von Polen], in: Zeszyty Historyczne 1994, H. 107, S. 107. [60]  Gurjanow: Cztery deportacje (Anm. 34), S. 124; Ders.: Masštaby deportacyi nasielenija v glub’ SSSR v maje-ijune 1941 g. [Die Dimension der Deportation der Bevölkerung ins Innere der UdSSR von Mai bis Juni 1941]: in: Repressii protiv pol’akov i pol’skich graždan [Repressionen gegen Polen und polnische Staatsbürger], Moskau 1997, S. 155 f. [61]  Organy gosudarstvennoj bezopasnosti (Anm. 23), S. 154–156.  [62]  Ebenda, S. 154. [63]  Ebenda, S. 192. [64]  Gurjanow: Masštaby (Anm. 60), S. 149–153. [65]  Lietuvos gyventojų trėmimai 1941, 1945–1952 m. Dokumentų rinkinys [Deportationen der Bewohner Litauens in den Jahren 1941, 1945–1952. Dokumentensammlung], Vilnius 1994, S. 52 f. [66]  Chackiewicz: Aresztowania (Anm. 32), S. 156; »Zachodnia Białoruś« (Anm. 31), S. 232–235. [67] Gurjanow: Cztery deportacje (Anm. 34), S. 120. [68]  Gurjanow: Masštaby (Anm. 60), S. 156 f. [69]  Buhaj: Deportaciji (Anm. 45), S. 35; Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 2, S. 135–138 u. 201–213. [70]  Schätzungen des Autors auf Grundlage von: Gorlanov/Roginskij, Ob arestach (Anm. 24), S. 88 f. [71]  Siehe dazu den Beschluss des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine und des Rates der Volkskommissare der Ukrainischen SSR vom 3. April 1940: »Über die Aussiedlung und Umsiedlung der Bewohner des 800 Meter breiten Grenzstreifens in den westlichen Bezirken der Ukraine sowie die Säuberung des Streifens von jeglicher Bebauung«, in: Central’nyj Deržavnyj Archiv Hromads’kych Objednan’ Ukrajiny/Zentrales Staatsarchiv für gesellschaftliche Organisationen der Ukraine, F-1, op. 16, s. 19, Bl. 170–174. [72]  Insgesamt wurden aus den sechs westlichen Gebieten der Ukrainischen SSR 20 524 Haushalte mit annähernd 95 000 Personen ausgesiedelt. Siehe Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 655–675 u. 685. [73]  Kostiuk, Michaił P.: Bol’ševistska sistema vlasti v Belorussii [Das bolschewistische Herrschaftssystem in Weißrussland], Moskau 2002, S. 220. [74] Hryciuk, Grzegorz: Przemiany narodowościowe i ludnościowe w Galicji Wschodniej i na Wołyniu w latach 1931–1948 [Nationale und demographische Veränderungen in Ostgalizien und Wolhynien in den Jahren 1931–1948], Toruń 2005, S. 176 f. [75] Kalenyčenko, Pawło M.: Pol’s’ka prohresyvna emihracija v SRSR v roki druhoji svitovoji vijny [Die fortschreitende polnische Einwanderung in die UdSSR in den Jahren des 2. Weltkrieges], Kiew 1957, S. 33. [76]  Information zum Verlauf der Rekrutierung von Arbeitskräften im Bezirk Lemberg, Stand 11. März 1940, in: Derżavnyj Archiv Lvivs’koji Oblasti/Bezirksstaatsarchiv Lemberg (im Folgenden: DALO), R-221, op. 1, s. 164, Bl. 7; Beschluss des Bezirksarbeiterrates Lemberg vom 14. März 1940 in Sachen Rekrutierung von Arbeitern für das Volkskommissariat für Stahlverhüttung der UdSSR, in: DALO, R–221, op. 1, s. 219, Bl. 60. Siehe auch Czerwony Sztandar [Die Rote Fahne] Nr. 60 vom 3. Dezember 1939; Nr. 73 vom 20. Dezember 1939; Nr. 75 vom 22. Dezember 1939; Nr. 85 vom 3. Januar 1940; Nr. 89 vom 8. Januar 1940; Nr. 96 vom 16. Januar 1940; Nr. 104 vom 27. Januar 1940; Nr. 126 vom 22. Januar 1940; sowie: Nr. 273 vom 15. August 1940. Siehe auch Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 2, S. 143 f. [77]  Stenogramm einer Beratung vom 3. Januar 1940 über den Stand der Anwerbung von Flüchtlingen, die zur Arbeit in andere Regionen der Sowjetunion umzusiedeln wünschen, in: Deržavnyj Archiv Ivano-Frankivs’koji Oblasti/Bezirksstaatsarchiv Ivano-Frankivs’k, F-1P, op. 1, s. 72, Bl. 1. [78]  Bericht von Dr. A. Muskat, in: Archiwum Zakładu Historii Ruchu Ludowego/Archiv des Instituts für die Geschichte der Bauernbewegung, Materialien von S. Kot, sygn. 97, Bl. 160; Beschluss des Bezirksarbeiterrates Lemberg vom 14. März 1940 in Sachen Rekrutierung von Arbeitern für das Volkskommissariat für Stahlverhüttung der UdSSR, in: DALO, R–221, op. 1, s. 219, Bl. 61. [79]  Boćkowski, Daniel: Masowe deportacje ludności polskiej z tak zwanej Zachodniej Białorusi jesienią 1939 roku [Massendeportationen der polnischen Bevölkerung aus dem so genannten Westweißrussland im Herbst 1939], in: Jasiewicz, Krzysztof: Europa nie prowincjonalna. Przemiany na ziemiach wschodnich dawnej Rzeczyopospolitej (Białoruś, Litwa, Łotwa, Ukraina, wschodnie pogranicze III Rzeczypospolitej Polskiej) w latach 1772–1999 [Keineswegs nur das provinizielle Europa. Veränderungen in den Gebieten der alten Republik Polen (Weißrussland, Litauen, Lettland, Ukraine und die östlichen Grenzbereiche der Dritten Polnischen Republik) in den Jahren 1772–1999], Warschau u. London 1999, S. 983–992. [80] Hryciuk: Przemiany narodowościowe (Anm. 74), S. 177 f. u. 196.   [81] Schätzungen des Autors auf der Basis von Mały Rocznik (Anm. 2), S. 10. In einer Notiz Berijas an Stalin vom 15. Januar 1943 über die sich auf dem Gebiet der UdSSR aufhaltenden Polen finden sich fragmentarische Angaben zur nationalen Zugehörigkeit polnischer Staatsbürger, die in den Jahren 1939 bis 1941 deportiert und inhaftiert wurden. Von den 356 012 in der Aufstellung erfassten polnischen Staatsbürgern waren 200 828 Polen (56,41 Prozent), 90 662 Juden (25,47 Prozent), 31 392 Ukrainer (8,82 Prozent), 27 418 Weißrussen (7,70 Prozent), 3 421 Russen (0,96 Prozent) sowie 2 291 Personen anderer Nationalität (0,64 Prozent). Leider lässt sich kaum feststellen, welche Gruppe in diesen Berechnungen, bei denen die Gesamtzahl der Betroffenen zu niedrig angesetzt wird, unberücksichtigt geblieben ist; eventuell die so genannten »Verbannungssiedler« (ssylnoposelency). Siehe Roszkowski, Wojciech: Z archiwów sowieckich [Aus den sowjetischen Archiven], Bd. 3: Konflikty polsko-sowieckie 1942– 1944 [Polnisch-sowjetische Konflikte 1942–1944], Warschau 1993, S. 34 f. [82] Siehe die allgemeinen Schätzwerte in: »Raport« Indeksu Represjonowanych [»Bericht« zum Verzeichnis der Verfolgten] von 2002 sowie die Teilberechnungen in: Ruchniewicz, Małgorzata u. a.: Represje sowieckie wobec Polaków i obywateli polskich [Sowjetische Repressionen gegen Polen und polnische Staatsbürger], Warschau 2002, S. 7–21; Ruchniewicz, M.: Stosunki narodowościowe w latach 1939–1948 na obszarze tzw. Zachodniej Białorusi ren 1939–1948], in: Ciesielski, Stanisław (Hrsg.): Przemiany narodowościowe na Kresach Wschodnich II Rzeczypospolitej 1931–1948 [Nationale Veränderungen in den Ostgebieten der Zweiten Polnischen Republik 1931–1948], Toruń 2003, S. 271–273. [Die nationalen Beziehungen auf dem Gebiet des so genannten Westweißrussland in den Jah- [83] Hryciuk: Przemiany narodowościowe (Anm. 74), S. 187 u. 196 f.; Eberhardt, Piotr: Przemiany narodowościowe na Białorusi [Nationale Veränderungen in Weißrussland], Warschau 1993, S. 78–83; Polskie podziemie (Anm. 25), S. 449; Gorlanov/Roginskij: Ob arestach (Anm. 24), S. 89.

JHK 2007

»Angeregt durch die Methode der Geschwister Scholl«. Ein Rückblick auf den Eisenberger Kreis aus dem Jahre 1965

Thomas Ammer

Der hier dokumentierte Text zum »Eisenberger Kreis« aus dem Jahr 1965 war ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Er sollte Ereignisse, Gedankengänge und Zusammenhänge so, wie sie kurz nach Haftentlassung der letzten Mitglieder des »Eisenberger Kreises« erinnerlich waren, fixieren. Die damalige Zurückhaltung hinsichtlich einer Veröffentlichung hatte zwei Gründe: Die den »Freikauf« vermittelnden Rechtsanwälte Alfred Musiolik und Wolfgang Vogel sowie Mitarbeiter des Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen baten die »Freigekauften« dringend, über den »Freikauf« und die Vorgänge, die zu den Verhaftungen und politischen Prozessen geführt hatten, zu schweigen, da zu befürchten sei, dass die DDR die »Freikauf«-Aktion andernfalls beenden würde. An diese Bitte haben sich die meisten der Betroffenen etwa zwei Jahre lang gehalten. Ein zweiter Grund für relatives Stillschweigen in der Öffentlichkeit, damals auch für vollständiges Verschweigen mancher Fakten und Zusammenhänge, war, dass von der Zerschlagung der Gruppe im Jahr 1958 bis zum Zeitpunkt der Freilassung der letzten Verurteilten 1964 »nur« sechseinhalb Jahre verstrichen waren und damit zu rechnen war, dass das MfS sich noch immer für den »Eisenberger Kreis« und sein Umfeld interessierte – ein Verdacht, der sich später bei der Durchsicht der MfS-Akten bestätigte. Die Sichtung des äußerst umfangreichen Aktenbestandes des MfS über den »Eisenberger Kreis« brachte vor allem Erkenntnisse über die Zerschlagung der Gruppe und über die Überwachung ihrer Mitglieder bis zum Ende der DDR. Das MfS hat im Zusammenhang mit dem »Eisenberger Kreis« eine solche Menge von Akten produziert, die zudem teilweise weit verstreut sind, dass sie von den Betroffenen schwerlich jemals vollständig erfasst werden können. Bestätigt hat sich der Verdacht, dass das MfS einen hauptamtlichen Geheimen Mitarbeiter (GM) als angeblichen Agenten des Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen in Jena auftreten ließ, der Kontakte zu Regimegegnern herstellen sollte, also eine so genannte »operative Kombination« durchführte. An der Planung wirkte auch ein sowjetischer »Berater« mit, wie es sie damals noch auf zentraler und mittlerer Ebene des MfS gab. Bei dem hauptamtlichen GM handelte es sich um Harry Schlesing, der in einer selten zu beobachtenden Aggressivität für das MfS etwa 1951 bis in die 60er Jahre in der DDR und in West-Berlin tätig war.[1] Dieser Schlesing ist nicht identisch mit dem im Dokument genannten Theologiestudenten Jürgen Keller, der allerdings Schlesings Kontakt zum »Eisenberger Kreis« herstellte. Schlesing war gezielt auf Keller angesetzt worden, weil das MfS vermutete, über ihn Zugang zu Regimegegnern in Jena zu bekommen. Der Kontakt zu Schlesing wurde der Gruppe in Anklageschrift und Urteil als »Spionage« für das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen angelastet, über die »operative Kombination« war nur Bezirksstaatsanwalt Paul Detzner, jedoch nicht das Bezirksgericht informiert. Aus den MfS-Akten ergibt sich eine sofort nach der Zerschlagung des »Eisenberger Kreises« 1958 einsetzende und bis zum Ende der DDR andauernde Verfolgungs- und Überwachungskampagne gegen nicht inhaftierte und haftentlassene Mitglieder der Gruppe. Dies begann im Frühjahr 1958 mit dem Plan einer Entführung von zwei ihrer führenden Mitglieder, Reinhard Spalke und Wilhelm Ziehr, die inzwischen in Tübingen und Marburg studierten, in die DDR (in den MfS-Akten nannte man das »in die DDR ziehen«). Mehrere GM wurden nach Tübingen und Marburg geschickt, um die dortigen Wohnverhältnisse der zu entführenden Personen und das Gelände im Umland zu erkunden. Erst 1960 wurde der Plan auf Veranlassung der MfS-Zentrale (des stellvertretenden Ministers Generalmajor Bruno Beater) aufgegeben. Das über nahezu alle Mitglieder der Gruppe und ihr Umfeld angelegte Überwachungsmaterial aus Berichten, Karteikarten, Formularen, Photos usw. reicht bis zum September 1989. Die Überwachungsaktionen ähneln zuweilen den Manöverspielen der FDJ gegen einen nicht existierenden Feind. Immer wieder glaubte das MfS, ein Fortwirken oder eine Wiederbelebung des »Eisenberger Kreises« zu erkennen. Man könnte die These wagen, dass der »Eisenberger Kreis« noch nach dem Ende seiner Existenz über Jahre hinweg ein beträchtliches Kräftepotential des MfS gebunden hat. In der DDR-Forschung und in der Publizistik der Bundesrepublik fand der »Eisenberger Kreis«, wie generell Opposition und Widerstand in der DDR, bis zur Wiedervereinigung kaum Berücksichtigung, ausgenommen die Monographien von Karl Wilhelm Fricke, der sich nahezu als einziger DDR-Forscher diesem Thema widmete. Mitglieder des »Eisenberger Kreises« behandelten die Gruppe gelegentlich in Vorträgen in kleinem Kreis und in Aufsätzen in größeren Zusammenhängen. Nach dem Untergang der DDR erschienen in der Bundesrepublik zahlreiche Veröffentlichungen über Opposition und Widerstand in der DDR, in denen auch der »Eisenberger Kreis« ausführlich berücksichtigt wurde, ebenso war er teilweise oder allein Gegenstand von Ausstellungen. Eine Gesamtdarstellung enthält die 1995 erschienene Monographie von Patrik von zur Mühlen Der Eisenberger Kreis. Jugendwiderstand und Verfolgung in der DDR, Bonn 1995. Das hier abgedruckte Dokument aus meiner Feder wurde später dem Gesamtdeutschen Archiv übergeben, das 1969 im Gesamtdeutschen Institut – Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben aufging. Zum Teil, soweit es um das Untersuchungs- und Strafverfahren geht, ist es in Auszügen in der Dokumentation von Karl Wilhelm Fricke Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945–1968, Köln 1979 (S. 384 ff.) veröffentlicht. Der Text gelangte später auch in andere Archive, u. a. das des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, der Robert-HavemannGesellschaft Berlin, und stand auch Patrik von zur Mühlen für seine Monographie von 1995 als Quelle zur Verfügung. Erstmals wird der Text hier vollständig publiziert. Dokument 1:[2] 1. Die Entstehung des »Eisenberger Kreises« und seine Tätigkeit bis zum Ende des  Jahres 1955. Eine der häufigsten Fragen, die den 1958 festgenommenen Mitgliedern und Sympathisierenden des »Eisenberger Kreises« in der Untersuchungshaft immer wieder gestellt wurden, bezog sich auf die »wirklichen« Gründe, die uns als Studenten, die doch in der »DDR« erhebliche materielle Vorteile genossen und denen scheinbar alle Wege offenstanden, zu erbitterten Feinden dieses Staates werden ließen. Es war auffällig, daß diejenigen MfS-Offiziere, die einige Fähigkeiten zu besitzen schienen und die sich mit den Problemen ihrer Arbeit etwas intensiver beschäftigten, an einer eingehenden und wahrheitsgemäßen Beantwortung dieser Frage besonders interessiert waren (ganz im Gegensatz zu den Richtern, Schöffen und Staatsanwälten, denen nur daran gelegen war, unsere Motive in das von der SED vorgezeichnete Schema vom »imperialistischen Agenten« einzuordnen). Auch im Strafvollzug konnten es sich einige durchaus überzeugte Gegner der Kommunisten nicht recht erklären, daß sich Studenten, die scheinbar vom SED-Regime bevorzugt wurden, aus innerer Überzeugung gegen dieses Regime zum Widerstand zusammenschlossen. Gelegentlich klingt diese Frage auch in Gesprächen mit Bundesbürgern an. Vor uns selbst stand schließlich das Problem, ob die staatliche Förderung den Studenten in der »DDR« nicht zur Zustimmung zur Regierungspolitik oder doch wenigstens zum Stillhalten verpflichte. Hierauf eine Antwort zu geben und einiges zu erläutern, was in der östlichen Propaganda bewußt verfälscht wurde und in der westlichen Presse auf Grund objektiver Schwierigkeiten nicht genau dargestellt werden konnte, ist das Ziel der folgenden Zeilen. Es waren Oberschüler im Alter von 16–18 Jahren, die sich im September 1953 in Gesprächen zusammenfanden und mit dem Problem befaßten, ob man in Zukunft dem Vorgehen der SED und der FDJ-Leitung an der Oberschule Eisenberg mit ruhigem Gewissen zusehen könnte und ob das Auftreten eines Einzelnen, der den Mut zur Opposition aufbringt, überhaupt sinnvoll wäre. Kaum vor drei Monaten hatten wir den Zusammenbruch einer gewaltigen, aber spontanen Volksaktion gegen die von der Sowjetregierung eingesetzte und gestützte SED-Herrschaft erlebt. Wenige Wochen vorher hatten wir die Kampagne der SED gegen die »Junge Gemeinde« über uns ergehen lassen müssen, auf deren Höhepunkt die meisten unter uns von den Funktionären so überspielt wurden, daß sie, trotz teilweise offenen Widerspruchs, auf der FDJ-Vollversammlung nicht gegen den Ausschluß ihrer Kameraden aus der FDJ (und damit aus der Oberschule) stimmten. Die Zivilcourage einzelner Oberschüler war nutzlos geblieben, weil der unorganisierten Mehrheit eine Minderheit gut aufeinander eingespielter Funktionäre gegenüberstand. Selbst seit einem Jahr FDJ-Funktionär, hatte ich mitbekommen, wie die Partei solche Aktionen organisiert, und ich hatte die traurigen Gestalten, die dabei eine Rolle spielten, zur Genüge kennengelernt. Um so größer war unsere Erbitterung, nachdem die Regierung, wenn auch aus taktischen Gründen, unserer Meinung in der Frage der »Jungen Gemeinde«, die wir nicht hatten durchsetzen können, recht zu geben schien. – Schließlich hatte sich seit 1952 die bis dahin (wenigstens im Unterricht) vorherrschende pazifistische Linie zu einem geradezu hysterischen FDJ-Militarismus gewandelt, der uns fürchten ließ, über kurz oder lang in einen Krieg gegen die eigenen Landsleute gehetzt zu werden. Der Entschluß, »etwas zu tun«, reifte schließlich auch auf einem Boden, den die SED durch ihre intensive Behandlung des antifaschistischen Widerstands mit vorbereitet hatte. Ich selbst war im Elternhaus im Sinne dieser Traditionen erzogen worden. Die Vorwürfe, die nach dem Zusammenbruch von 1945 auch gegen die Deutschen gerichtet wurden, die an den Untaten der Nazis nicht beteiligt waren, erinnerten uns an die eigene Verpflichtung, dem Unrecht, das wir als solches erkannt hatten, nicht tatenlos zuzusehen. Diese Überlegungen haben schon damals, wenn auch nicht in so klarer Form, für uns eine wesentliche Rolle gespielt. Neben vielen anderen Worten ist mir aus dieser Zeit auch die Äußerung eines unserer Lehrer in Erinnerung, der auf meine Frage, ob man denn weiteres »Wohlverhalten« noch verantworten könne, die müde-resignierende Antwort gab: »Mit Taschentüchern kann man nicht gegen Maschinengewehre angehen.« Beim Nachdenken über diese Worte kam ich allerdings nicht ganz zu dem Ergebnis, das dieser Lehrer vielleicht im Sinn hatte. Für meine persönliche Entscheidung spielte auch das Erlebnis eine Rolle, das mir die Lektüre von Wyschinskis »Gerichtsreden« vermittelte. Dieses Buch, das übrigens jedem zu empfehlen ist, der sich keine Originaltexte von Plädoyers heutiger SED-Staatsanwälte beschaffen kann, ist mir im Alter von knapp 16 Jahren in der Eisenberger Stadtbücherei in die Hände gefallen, und der »Geist« dieser Reden ist mir auch heute noch gegenwärtig, obwohl ich das Buch seitdem nicht wieder gesehen habe. Wir wußten, daß der Rückzug, den die Funktionäre nach der Verkündung des »Neuen Kurses« teilweise antreten mußten, ihre Wut nur gesteigert hatte, und daß sie die erste Gelegenheit zu einem noch härteren Vorgehen gegen mißliebige Personen an der Oberschule nutzen würden. Die Vorbereitungen eines organisierten Widerstandes gegen die von uns erwarteten neuerlichen Aktionen der Partei füllten in den ersten Monaten des Bestehens der Gruppe unsere Tätigkeit aus. Es gelang uns ohne allzu große Schwierigkeiten, die FDJ-Leitung mit unseren Freunden zu durchsetzen, denn die »Genossen« waren ja froh, daß überhaupt jemand diese unbeliebten Funktionen übernahm. Ebenso gewannen wir in jeder Klasse einige Vertrauensleute, auf die wir uns im Notfall verlassen konnten. Der Erfolg dieser Taktik war zufriedenstellend, denn die Tätigkeit der Partei- und FDJ-Leitung an der Schule konnte bis zum Beginn des Jahres 1956 weitgehend lahmgelegt werden. Ein gewisser Wendepunkt trat ein, als im Februar 1954 ein bei seinen Schülern außerordentlich beliebter Lehrer unter der Beschuldigung verhaftet wurde, er habe innerhalb der von ihm gegründeten NDPD-Gruppe an der Oberschule eine staatsfeindliche Tätigkeit betrieben. Die an dieser Angelegenheit beteiligten Denunzianten waren ebenfalls sehr rasch bekannt geworden. Unter dem Eindruck dieses erneuten Gewaltakts kamen die führenden Mitglieder der Gruppe zu der Ansicht, daß eine abwartende Haltung gegenüber der SED nun nicht mehr zu vertreten sei. Trotzdem beschränkten wir uns bis zum Herbst 1955 auf einige Probeaktionen propagandistischer Art mit relativ geringer Wirkung, auf die Verbreitung meist russischer Flugblätter, die wir in der Umgegend fanden, sowie auf die Entwendung einiger alter Schußwaffen aus dem Eisenberger Heimatmuseum. Die »Volkspolizei« hatte die Verschrottung dieser Waffen angeordnet, weil sie ihr irgendwie gefährlich erschienen, obwohl es sich, wie sich dann bei genauerer Besichtigung herausstellte, um Vorderlader aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts handelte. Bei den »Volkswahlen« im Oktober 1954 wurden die Schüler der höheren Klassen der Oberschule als Wahlhelfer eingesetzt, und wir hatten so Gelegenheit, die »Volksdemokratie« in Aktion zu sehen. Einen besonderen Beitrag zu unserer »Schulung« leistete die FDJ-Kreisleitung Eisenberg, der wir ein hektographiertes Formular entwenden konnten, auf dem die Wahlleiter u. a. aufgefordert wurden, jede Person namentlich aufzuführen, die die Wahlkabine zu benutzen wagte. Unter uns befaßten wir uns mit dem Austausch und der Verbreitung von Nachrichten westlicher Rundfunksendungen, mit Lektüre über den Widerstand in der NS-Zeit (besonders über die Ereignisse des 20. Juli 1944, soweit uns die Beschaffung derartiger Literatur möglich war). Daneben wurden Maßnahmen vorbereitet, um einer organisierten Zustimmung zur Schaffung einer »Volksarmee« und der eventuell damit verbundenen Wehrpflicht entgegentreten zu können.  Die theoretischen Überlegungen gingen damals nur wenig über die Forderung nach freien Wahlen hinaus (diese Grundforderung blieb auch später Hauptgegenstand aller Propagandaunternehmen). Nur in allgemeiner Form wurde über die Beseitigung der Allmacht der SED, die Ausschaltung des Staatssicherheitsdienstes und die Freilassung der politischen Gefangenen gesprochen. Wir waren damals überzeugt, daß durch freie Wahlen eine Wiedervereinigung ohne große Schwierigkeiten zu erreichen wäre. Die Losungen, die die Forderung nach freien Wahlen zum Inhalt hatten und die wir vor der Außenministerkonferenz im Oktober/November 1955 anbrachten, stellten nun keine Versuche mehr dar und wurden in der Öffentlichkeit in dem von uns gewünschten Umfang bekannt. Den Abschluß dieser Periode der Tätigkeit des »Eisenberger Kreises« bildete die im Dezember 1955 vollzogene Vereinigung mit einer zweiten, bisher selbständig existierenden Gruppe unter der Leitung des Mathematikstudenten Peter H e r r m a n n. 2. Die Ausdehnung und Intensivierung der Widerstandstätigkeit der Gruppe im Jahre 1956 und die Beziehungen der Gruppe zur allgemeinen studentischen Opposition in Jena. Das für die Welt so außerordentlich bedeutungsvolle Jahr 1956 begann für uns mit einer Aktion, die den bisherigen Rahmen sprengte. Wir setzten am 21. 1. 1956 das Gebäude des Eisenberger Schießstands, der von der GST [Gesellschaft für Sport und Technik], der VP und den Betriebskampfgruppen gemeinsam benutzt wurde, in Brand. Das Ziel dieser Unternehmung war nicht, dem Staat einen besonderen materiellen Schaden zuzufügen (er betrug etwa DM 2 000,–), sondern nachhaltig gegen die Schaffung der »Nationalen Volksarmee« (26. 1. 1956), mit der wir eine Einführung der allgemeinen Wehrpflicht erwarteten, zu protestieren. Auch in diesem Fall erreichten wir unser Ziel, indem die Zerstörung des Schießstandes in Eisenberg und der Umgegend bekannt wurde. Da die Behörden über ein Jahr mit der Wiederherstellung des Gebäudes, das vom Sportplatz etwa 100 m entfernt war, zögerten, hatten auch auswärtige Besucher Gelegenheit, die Ruine sich anzusehen. Der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 änderte die Situation schlagartig zuungunsten der SED. Unsere Einschätzung der »Diktatur des Proletariats« wurde in vollem Umfang bestätigt und der ideologische Zusammenbruch der Kommunisten löste eine Reihe von Ereignissen aus, die der Widerstandstätigkeit der Gruppe beträchtlichen Auftrieb gaben, uns aber auch veranlaßten, genauere Überlegungen über Nah- und Fernziele anzustellen und legale und illegale Methoden in sinnvoller Weise miteinander zu kombinieren. Das, was später in der östlichen und westlichen Presse unter dem Begriff »Konzeption« oder »Zehn-Punkte-Programm« auftauchte, ist damals entstanden, wenn auch (heute muß man sagen – leider –) nicht in der festen Form, in der es das MfS später sehen wollte. Erhebliche Schwierigkeiten bei der Schaffung eines Grundsatzprogramms ergaben sich schon deshalb, weil die der Gruppe fest angehörenden Personen sich in vielen Detailfragen nicht einig waren und weil sich eigentlich nur eine Art »Einheitsfront« aus zur Sozialdemokratie, zu christlichen Anschauungen oder nationalen Ansichten tendierenden Menschen gebildet hatte. Selbst über den Namen »Stauffenberg-Gruppe« ist keine volle Einigung zustande gekommen, da es die Meinung gab, daß dieser Name als charakteristisch für eine nationalistische und einer gewaltsamen Lösung anhängende Haltung angesehen werden könne. Dennoch gab es eine Anzahl von Punkten, in denen grundsätzliche Einigkeit bestand: a)    Neben der SED und den ihr angeschlossenen »Blockparteien« sollte mindestens einen Oppositionspartei, u. U. die SPD, zugelassen und der Anspruch der SED auf alleinige Machtausübung beseitigt werden. b)   Neben der FDJ sollte eine nichtkommunistische Studenten- oder Jugendorganisation zugelassen werden. c)    Die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit und die Freilassung aller politischen Gefangenen ist Grundvoraussetzung für die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse in Mitteldeutschland. d)   Auf wirtschaftlichem Gebiet sollte die Wiederherstellung der Privatwirtschaft auf den Gebieten des Einzelhandels, des Handwerks, sowie der kleineren und mittleren Industriebetriebe und die Auflösung unrentabler LPG (sofern deren Mitglieder des wünschen) erwogen werden. Die Großindustrie sollte unter staatlicher Kontrolle verbleiben und ihre Organisation nach jugoslawischem Vorbild umgewandelt werden. e)    Das obligatorische Studium der Gesellschaftswissenschaften und der russischen Sprache an den Universitäten sollte beseitigt sowie Lehre und Forschung von politischer Bevormundung befreit werden. f)    Die Reisebeschränkungen zwischen beiden Teilen Deutschlands müssen aufgehoben werden. g)   Die Pressefreiheit, ausgenommen für rechtsradikale oder faschistische Publikationen, muß wiederhergestellt werden. Die Rundfunkstationen und Nachrichtenagenturen sollen eine vollständige und objektive Information der Öffentlichkeit über das politische Geschehen gewährleisten. h)   Personen, die an politischen Verhaftungen und an Urteilen in politischen Prozessen maßgeblich mitgewirkt haben, sollen keinen Einfluß auf die zukünftige politische Entwicklung in Deutschland haben. Wenn diese Personen für Todesurteile in politischen Prozessen verantwortlich sind, müssen sie vor ordentliche Gerichte gestellt werden. i)     Eine Herauslösung der »DDR« aus dem Warschauer Vertrag und der Abzug der sowjetischen Streitkräfte auf Grund einer Vereinbarung der vier Großmächte ist anzustreben. Nach der Verwirklichung dieser Ziele in einer Übergangszeit sollte die Wiedervereinigung Deutschlands durch freie Wahlen vollzogen werden, die unter der Beobachtung der Vereinten Nationen abgehalten werden müßten, sofern die Gefahr einer ausländischen Einmischung noch bestand. Den Kommunisten sollten die gleichen Rechte und Chancen bei diesen Wahlen eingeräumt werden wie den übrigen demokratischen Parteien. Die spätere Behauptung der SED-Propaganda, es hätte eine genau ausgearbeitete »Plattform« der Widerstandsgruppe gegeben, entspricht leider nicht den Tatsachen. Die führenden Mitglieder der Gruppe waren sich zwar darin einig, daß die oben angeführten Punkte die wesentlichen Ziele unserer Tätigkeit darstellten, sie stellten jedoch kein schriftliches Programm zusammen. Deshalb war auch nur ein kleiner Kreis von Personen vom Inhalt dieser Ziele genau informiert. Allgemein bekannt war unter uns allen, daß die »Diktatur des Proletariats« in Mitteldeutschland abgeschafft werden sollte, wenn nötig, in Etappen, wobei als erster Schritt die unmittelbaren Auswirkungen des Personenkultes in der SED zu beseitigen gewesen wären. Durch eine möglichst intensive Propaganda mit allen der Gruppe zur Verfügung stehenden oder von ihr noch zu beschaffenden Mitteln sollte die Bevölkerung zum allgemeinen passiven Widerstand aufgefordert werden, wobei den Menschen besonders der Gedanke nahegebracht werden sollte, daß mit zunehmender Ausdehnung dieser Art des Widerstandes (etwa in der Form des Wahlboykotts, des Boykotts der Massenorganisationen, der offiziellen Versammlungen und Demonstrationen, der Verlangsamung des Arbeitstempos in den VEB usw.) es der Regierung immer schwerer und schließlich unmöglich werden würde, Repressalien durchzuführen. Es war nicht beabsichtigt, etwa einen Aufstand vorzubereiten oder eine gewaltsame Auseinandersetzung mit den Kommunisten zu provozieren, denn dies, darüber waren wir uns alle im klaren, würde große Menschenopfer kosten, ohne daß ein Erfolg zu erwarten gewesen wäre.  Die Tatsache, daß die Gruppe einige Waffen besaß und sich auch bemühte, weitere Waffen zu beschaffen, steht zu der Absicht, einen allgemeinen passiven Widerstand zu organisieren, nicht im Widerspruch. Da wir die Absicht hatten, unsere Aktionen auf mehrere mitteldeutsche Städte auszudehnen und überhaupt unsere Propagandaaktionen zu intensivieren, mußten wir auch die erhöhte Gefahr eines Zusammenstoßes mit Polizei- und SSD-Streifen bei der Durchführung unserer Unternehmungen einkalkulieren. Sehr ausführliche Beobachtungen hatten uns einen Einblick in die Aktivität der Sicherheitsorgane zur Zeit besonderer politischer Ereignisse, bei bevorstehenden »Volkswahlen« und vor Staatsfeiertagen gegeben, wobei die verstärkte Streifentätigkeit besonders wichtig war. Da wir eine aktive Tätigkeit unserer Gruppe gerade in politischen Krisenzeiten für notwendig hielten, sollte es unseren Mitgliedern möglich sein, sich zu verteidigen, wenn sie etwa bei der Verteilung von Flugblättern angegriffen würden. Bei den meisten Unternehmungen, die die Gruppe tatsächlich durchgeführt hat, waren die Ausführenden jedoch nicht bewaffnet, da die Gefahr einer unmittelbaren Überraschung relativ gering war. Nur in einigen wenigen Fällen wurden Gaspistolen mitgeführt, nie jedoch vollwertige Schußwaffen. Ein weiteres Argument, das für die Beschaffung von Waffen sprach, lag darin, daß es ja, unabhängig von den Zielen und der Aktivität der Gruppe, im Lauf einer politischen Krise doch zu einem Aufstand oder zu einem bewaffneten Vorgehen der Regierung gegen Demonstranten kommen konnte. In einem solchen Fall hätten wir kaum abseits gestanden, obwohl wir vom Erfolg eines gewaltsamen Vorgehens nicht überzeugt waren. Unter diesen Gesichtspunkten sind auch die Behauptungen Albert N o r d e n s in einer Rede im Jenaer Volkshaus am 23. X. 1958 zu werten, die Gruppe habe Anschläge auf militärische Objekte und auf Parteifunktionäre bis in die Einzelheiten vorbereitet und geplant[3]. Die Wahrheit ist, daß unter dem Eindruck der 1953 und 1954 gefällten politischen Todesurteile, der Gewaltmaßnahmen der Sowjetregierung in Ungarn nach der Niederschlagung des Aufstands und dem bisher ungeklärten Tod des Jenaer Studenten H a m m e r[4] im mitteldeutschen Strafvollzug einige Mitglieder der Gruppe der Meinung waren, man müsse mit gleicher Münze zurückzahlen und auch einige Vorschläge in dieser Hinsicht machten. Irgendwelche Auswirkungen auf die Zielsetzung und die Tätigkeit des »Eisenberger Kreises« hatten diese Diskussionen schon deshalb nicht, weil diejenigen, die ein gewaltsames Vorgehen gegen das SED-Regime erwogen hatten, von diesen Ansichten wieder abrückten, als sich die unmittelbare Erregung über die oben erwähnten Vorgänge legte. Allerdings hatte sich gegen Ende des Jahres 1956 unter den führenden Mitgliedern der Gruppe die Meinung durchgesetzt, daß nach dem, was in unmittelbarer Vergangenheit geschehen und aus der etwas weiter zurückliegenden Geschichte durch den XX. Parteitag der KPdSU bekannt geworden war, eine Diskussion mit Kommunisten nicht mehr möglich sei. Das Echo der Revolution[en] in Polen und Ungarn war an den Universitäten besonders deutlich spürbar. Nach kurzer Zeit war die SED-Universitätsparteileitung und die FDJ-Hochschulgruppenleitung nicht mehr Herr der Lage. Es ist keineswegs zutreffend, die zahlreichen turbulenten Studentenversammlungen dieser Tage, die Resolutionen gegen das obligatorische gesellschaftswissenschaftliche Studium und den obligatorischen Russischunterricht, die satirischen Programme des Physiker- und Chemikerballes Ende 1956 und die Aktionen zur Verteidigung der Akteure dieser Programme allein der Aktivität des »Eisenberger Kreises« zuzuschreiben, wie das in der SED-Presse und teilweise auch in westlichen Publikationen dargestellt wurde. Natürlich zahlte es sich jetzt in vollem Umfang aus, daß ich seit Herbst 1955 auch in Jena FDJ-Funktionär geworden und in der FDJ-Hochschulgruppenleitung tätig war, sodaß wir uns über die Absichten unserer Gegner weitgehend informieren konnten. An den Vorgängen in der Fachschaft Mathematik/Physik war von den führenden Mitgliedern der Gruppe nur der Mathematikstudent Peter H e r r m a n n unmittelbar beteiligt, indem er einen gewissen, jedoch keineswegs entscheidenden Einfluß auf den Inhalt der auf den Fachschaftsversammlungen beschlossenen Resolutionen hatte, bei ihrer Durchsetzung gegen die Manöver der FDJ-Leitung durch entschlossenes persönliches Auftreten mitwirkte und einen Teil des satirischen Programms auf dem Physikerball 1956 verfaßte und spielte[5]. Jeder Kenner der damaligen Verhältnisse (dazu gehören auch die Mitarbeiter der MfS-Bezirksbehörde in Gera) weiß aber, daß der jahrelange Zwang zur Lüge und das sowjetische Vorgehen in Ungarn das Entstehen einer erregten und erbitterten Stimmung unter der mitteldeutschen Bevölkerung bewirkten, sodaß es auch ohne unsere Tätigkeit zu heftigen Reaktionen unter der Jenaer Studentenschaft kommen konnte. Das Vorgehen der Medizinstudenten gegen den obligatorischen Russischunterricht, der Biologen gegen die Einführung einer nochmaligen Prüfung im Fach Gesellschaftswissenschaft bei Studienabschluß, die Saalausgestaltung beim Chemikerball 1956 und mehrere illegale Propagandaaktionen, die nach dem Eingreifen der sowjetischen Truppen in Ungarn in Jena festgestellt werden konnten – dies alles spielte sich ohne Mitwirkung und vorheriges Wissen der Mitglieder des »Eisenberger Kreises« ab. Gerade die Resolutionen mit der Forderung nach Abschaffung des obligatorischen Russischunterrichts sind eindeutig auf die im Herbst 1956 vorherrschende antisowjetische Stimmung zurückzuführen, eine Tatsache, die beiden Seiten damals wohlbekannt war, aber natürlich auch von beiden Seiten in Abrede gestellt wurde. Die wirkliche Situation wird am besten charakterisiert durch eine Äußerung des damaligen 1. Sekretärs der SED-Universitätsparteileitung, [Kurt] P ä t z o l d, auf einer Sitzung der FDJ-Hochschulgruppenleitung, April 1957, die besagte, daß nach seiner Meinung nur 150 Studenten an der Friedrich-Schiller-Universität (von damals 5500 immatrikulierten Studenten) fest zur »DDR« stehen würden. Das von mir angefertigte Stenogramm dieser Sitzung fiel später in die Hand des MfS, und die Offiziere behaupteten dann, daß der Parteisekretär die Lage »zu schwarz« gesehen habe. Der Wahrheitsgehalt des Stenogramms wurde jedoch vom MfS nie bezweifelt. In der 1958 vom MfS Gera durchgeführten Untersuchung wurde im völligen Widerspruch zu den Tatsachen versucht, die Einflußnahme einiger Gruppenmitglieder auf das Geschehen an der Universität Jena im Jahre 1956 anderen, allgemein oppositionell eingestellten Studenten in dem Sinne anzulasten, sie wären an der eigentlichen illegalen Tätigkeit der Gruppe beteiligt gewesen. Diese Linie wurde auch im Strafverfahren, besonders im 4. Prozeß verfolgt, denn nur auf diese Weise konnten einige Studenten für angebliche Straftaten noch 1958 verfolgt werden, die den Untersuchungsbehörden schon 1956 bekannt waren, weil die betreffenden Studenten gar keinen Wert auf eine Verschleierung ihrer Opposition gelegt hatten. Schließlich ist dem MfS auch genau bekannt, daß durch das provokatorische Auftreten einiger Parteifunktionäre völlig ohne Mitwirkung der aktiven Widerstandsgruppe eine so gespannte Situation entstand, daß es nur dem Eingreifen einiger einflußreicher Mitglieder des Lehrkörpers (u. a. des 1962 wegen angeblicher Vorbereitungen zur »Republikflucht« zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilten Direktors des Pharmakologischen Instituts, Prof. Dr. H o f f m a n n) zu verdanken ist, daß sich die Empörung der Studenten nicht in heftigen Reaktionen Luft machte. Die Widerstandsgruppe hat nichts gegen diese Vermittlungsaktionen der Professoren getan, weil wir uns über die möglicherweise katastrophalen Folgen einer Demonstration durchaus im klaren waren. Auch muß vermerkt werden, daß die über die westdeutschen Rundfunkstationen an die mitteldeutsche Bevölkerung ergangenen Aufforderungen, Ruhe zu bewahren, verbunden mit dem eindringlichen Hinweis auf die in der »DDR« stationierten sowjetischen Truppen, mit dazu beitrugen, daß es nicht zu heftigeren Auseinandersetzungen kam. Unsere aktive und völlig illegale Tätigkeit in Form der Verbreitung von Flugblättern und Losungen (besonders in der Nähe der Eisenbahnlinie Jena–Gera), die vor allem Solidaritätserklärungen mit der ungarischen und polnischen Revolution zum Inhalt hatten, wurde im Herbst 1956 verstärkt fortgesetzt. Die Gruppe erweiterte sich erheblich, unter teilweiser Nichtbeachtung der Konspiration, was auf die damals allgemein verbreitete Meinung zurückzuführen war, daß man sich in einer revolutionären Situation befinde, deren Klärung in unserem Sinne in absehbarer Zeit erwartet wurde. 3.  Das letzte Jahr des Bestehens des »Eisenberger Kreises«: der Untergang der Gruppe und seine Ursachen. Entgegen allen Erwartungen stabilisierten sich die Verhältnisse im Ostblock und damit auch in Mitteldeutschland in den ersten Monaten des Jahres 1957. Unter der Bevölkerung machte sich eine gewisse Resignation bemerkbar, die der verbreiteten Ansicht entsprang, daß der Westen in der Herbstkrise 1956 versagt und eine große Chance verpaßt habe, indem einige westliche Staaten sich gerade zu dieser Zeit auf die Verfolgung eng begrenzter nationaler Interessen beschränkten. Das Zurückbleiben der amerikanischen Raketenentwicklung hinter der sowjetischen verstärkte die Überzeugung, daß der Westen künftig nicht in der Lage sein werde, eine Befreiungsbewegung der Völker unter kommunistischer Herrschaft wirksam zu unterstützen. Die allgemeine Enttäuschung erfaßte auch mehr oder weniger die meisten Mitglieder unserer Gruppe. Die Belastung durch die Vorbereitung mehrerer umfangreicher Flugblattaktionen verteilte sich nun auf eine geringere Anzahl unserer Freunde als früher, und der Mangel an finanziellen und technischen Mitteln wurde immer fühlbarer. Die Anforderungen des Studiums an die Studenten unter uns wuchsen, und wir mußten berücksichtigen, daß wir ja keine »Berufsrevolutionäre« waren. Mir selbst fiel es immer schwerer, die seit über 3 Jahren übernommene Doppelrolle als aktiver Mitarbeiter des »Eisenberger Kreises« und als »zuverlässiger« FDJ-Funktionär zu spielen. Trotz dieser Schwierigkeiten setzten wir unsere Tätigkeit fort. Es wurden Vorbereitungen für die Verbreitung eines Aufrufs zum Boykott der »Gemeindewahlen« im Juni 1957 getroffen, die jedoch durch verschiedene Hindernisse nicht zur Ausführung kamen. Versuche, eine einheitliche Protestaktion gegen das Verbot von Westreisen für Studenten, das das Staatssekretariat für Hochschulwesen im Mai 1957 erlassen hatte, zu organisieren, brachten ebenfalls nicht den gewünschten Erfolg. Wir konnten feststellen, daß das MfS seine Überwachung der Universität erheblich verstärkt hatte, und es gelang uns die Beschaffung einiger genauerer Informationen über die Art und den Umfang dieser Maßnahmen des MfS. Die Tatsache, daß der Gegner zunächst keinerlei Erfolg zu haben schien und für die Verfolgung seiner Absichten denkbar ungeeignete und unfähige Personen einsetzte, führte unsererseits zu einer gewissen Unterschätzung des Staatssicherheitsdienstes. Weiter befaßten wir uns mit Versuchen zur Herstellung von Flugblattraketen sowie einer durch einen Säurezeitzünder ausgelösten Apparatur zum Auswurf von Flugblättern. Im letzteren Fall waren die Versuche erfolgreich, und einige Wochen vor unserer Verhaftung begann die Herstellung einer größeren Anzahl dieser Apparate. Sie kamen aber nicht mehr zum Einsatz, hätten jedoch die Verbreitung von Flugblättern zweifellos sehr erleichtert, da dem Verteiler die Zeit von einer Stunde oder mehr zur Verfügung gestanden hätte, ehe die Flugblätter überhaupt auftauchten. Im Herbst 1957 unternahmen wir außergewöhnliche Anstrengungen, um anläßlich des 1. Jahrestages der zweiten sowjetischen Intervention in Ungarn am 4. 11. 57 mehrere hundert Aufrufe an die Mitglieder des Lehrkörpers der Universitäten Leipzig und Jena mit der Post zu verschicken, angeregt durch die Methode der Geschwister Scholl, die sie bei ihren Aktionen 1943 angewendet hatten. Hierbei getroffene, teilweise sicherlich übertriebene Sicherheitsmaßnahmen (Beschaffung der Briefumschläge, des Papiers und der Briefmarken in mehreren, weit voneinander entfernten Städten, Benutzung einer etwa 50 Jahre alten Schreibmaschine, um der Gefahr einer Typenidentifizierung zu entgehen, usw.) sowie die geringe Zahl der erforderlichen Matrizen, die man damals bekommen konnte, führte dazu, daß der Termin nicht eingehalten werden konnte, obgleich schon eine Anzahl Abzüge des Aufrufs hergestellt waren. Auf einer Seite des Aufrufs war ein Auszug aus dem Schlußwort Prof. H u b e r s abgedruckt, der 1943 im Prozeß gegen die Geschwister S c h o l l zum Tode verurteilt wurde. Der von uns selbst verfaßte Text enthielt unter Hinweis auf die Ereignisse von 1956 und die Ergebnisse des XX. Parteitags der KPdSU die Aufforderung zum passiven Widerstand, der sich zunächst im Boykott kommunistischer Propagandaveranstaltungen und der »Volkswahlen« äußern sollte. Wir baten die Professoren und Dozenten, in ihren Lehrveranstaltungen in einer Weise, die sie nicht persönlich gefährdete, für die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse und gegen die Maßnahmen der SED-Diktatur einzutreten. – Dieser Aufruf wurde später vom MfS als das gefährlichste und bei erfolgter Ausführung folgenschwerste Unternehmen der Gruppe angesehen, und der Text wurde im späteren gerichtlichen Verfahren weitgehend geheimgehalten, den Akten, die den Anwälten zugänglich waren, lag er nicht bei. Im Gegensatz zu der internen Wertung dieses Unternehmens durch das MfS ließ die spätere offizielle Propaganda der SED-Presse diesen Aufruf fast völlig unter den Tisch fallen, da er ja als Beweis dafür hätte dienen können, daß wir Veränderungen in Mitteldeutschland mit Hilfe des passiven Widerstands und nicht durch gewaltsame Aktionen erreichen wollten. Bis zum Herbst 1957 waren wir uns darin einig, daß die Gruppe nicht mit westlichen Dienststellen oder Nachrichtendiensten zusammenarbeitet. Wir waren der Ansicht, daß diese Stellen teilweise erheblich vom Gegner unterwandert sind (unsere Erlebnisse in der Haft haben diese Meinung vielfach bestätigt), daß der Widerstand in Mitteldeutschland materiell vom Westen unabhängig und auch geistig weitgehend eigenständig sein sollte und daß nachrichtendienstliche Tätigkeit unserer Sache nicht entscheidend nützen und auch moralisch zweifelhaft sein würde. Es wurde lediglich etwas Literatur beim Ostbüro der SPD geholt, ohne daß durch uns dort etwas über unsere Tätigkeit bekannt wurde. Die spätere Unterstellung einer Verbindung der Gruppe mit dem Londoner Rundfunk durch die Untersuchungsbehörden hat keine andere Grundlage als einige Briefe, die ich persönlich mit einer Stellungnahme zu politischen Tagesfragen an BBC geschickt habe, ohne daß dort bis heute bekannt ist, wer der Absender dieser Briefe war. Im Herbst 1957 revidierte ich meine Meinung in dieser Frage teilweise, indem ich erwog, das mir durch meine FDJ-Funktion [zugängliche], teilweise politisch recht interessante Material und einige andere, allerdings unbedeutende militärische Angaben, die uns zufällig in die Hände geraten waren, einer westlichen Dienststelle zugänglich zu machen, um dafür einige technische Mittel, die die Gruppe dringend benötigte, zu erhalten. Im Einverständnis mit einigen anderen führenden Mitgliedern der Gruppe stellte ich dann im Oktober 1957 Kontakt zu einem angeblichen westdeutschen Journalisten her, der Jena besuchte und behauptete, technische Hilfsmittel aus Westdeutschland beschaffen zu können. Nach dem ersten Gespräch verschwand dieser Mann spurlos und wurde nie wieder gesehen. Die bald darauf folgenden Ereignisse begründen den Verdacht, daß es sich bei diesem »Journalisten« möglicherweise um einen agent provocateur des MfS gehandelt hat[6]. Wenige Monate später stellte sich heraus, daß es sich bei dem Theologiestudenten Jürgen K e l l e r, der den Kontakt vermittelt hatte, um eine Art Doppelagent gehandelt hatte, der aus offensichtlich materiellem Interesse für beide Seiten arbeitete. Einige Tage vor unserer Verhaftung begannen wir sein Doppelspiel zu durchschauen. Da wir erfuhren, daß das MfS nunmehr brauchbare Angaben über unsere Gruppe hatte, wurden Vorbereitungen zur Flucht einiger gefährdeter Personen getroffen, sie wurden aber nicht sofort ausgeführt, weil wir damit rechneten, daß das MfS mit der Verhaftung noch etwas zögern werde, um einen vollständigen Überblick über die Gruppe, den es damals noch nicht hatte, zu bekommen. K e l l e r stellte sich jedoch dem MfS, nachdem eine vermutlich von ihm begangene Unterschlagung von Kollektengeldern offenbar geworden war. Da er dem MfS auch angab, daß wir über die kritische Lage informiert waren und für einige Personen die Flucht vorbereiteten, verzichtete man auf weitere Beobachtung und begann mit den Verhaftungen am 13. Februar 1958. Die Mehrzahl der Mitglieder des »Eisenberger Kreises«, die das MfS ermitteln konnte, wurde bis Ende April 1958 festgenommen. Einzelne Verhaftungen im Zusammenhang mit diesem Komplex erfolgten noch bis Frühjahr 1960 und betrafen meist Menschen, die mit der Gruppe gar nichts zu tun hatten, von den Sicherheitsorganen aber als oppositionell angesehen und deshalb »beim allgemeinen Aufwaschen« mit verhaftet wurden. Insgesamt sind in dieser Sache etwa 35 bis 40 Personen verhaftet worden, von denen 24 im September/Oktober 1958 in 4 Prozessen vom I. Strafsenat des Bezirksgerichts [Gera] verurteilt wurden. Ein Jugendlicher, der im Januar 1958 in die BRD geflüchtet war, wurde im Juni 1958 nach Ostberlin gelockt und dort festgenommen, nach seiner Zeugenaussage auf dem 1. Prozeß jedoch wieder freigelassen. Der Theologiestudent K e l l e r, der durch seinen Verrat die Verhaftungen ausgelöst hatte, wurde bis zum Juni 1958 festgehalten. Einige der Verhafteten wurden schon nach einigen Tagen wieder entlassen, nachdem das MfS beim besten Willen gegen die Betreffenden nicht genügend belastendes Material zusammenbringen konnte, auch versuchte man anfangs, die Zahl der verhafteten Randfiguren nicht zu groß werden zu lassen, damit vor allem die westliche Öffentlichkeit nicht zu früh auf die Angelegenheit aufmerksam wurde. Einige der nicht verurteilten Verhafteten wurden erst freigelassen, nachdem sie im ersten Prozeß offensichtlich diktierte Zeugenaussagen gemacht hatten, die möglichst belastend ausfallen sollten. Wenn man die Ursachen untersucht, die zur Zerschlagung der Gruppe führten, so ist zunächst festzuhalten, daß der »Eisenberger Kreis« fast 4 ½ Jahre existierte und davon mindestens 3 Jahre auch äußerlich erkennbar aktiv tätig war. Bis Ende 1956 wurde das Prinzip streng eingehalten, daß kein Mitglied der Gruppe mehr Kenntnisse über andere Mitglieder und die Tätigkeit der Gruppe hatte, als für seine eigene Mitarbeit unbedingt notwendig war. Auch wurde jeder, der für die Gruppe gewonnen werden sollte, einer eingehenden Prüfung und Beobachtung unterzogen, bevor er für eine Mitwirkung angesprochen wurde. Unsere Unternehmungen wurden oft wochenlang vorbereitet, die örtlichen Bedingungen, die Erfordernisse der Absicherung und der Spurenbeseitigung genau untersucht und die nötigen Maßnahmen bis ins einzelne festgelegt (wobei sicherlich zuweilen zuviel des Guten getan wurde). Jedenfalls hat das MfS aus unseren Aktionen nie brauchbare Anhaltspunkte für seine Ermittlungen gewinnen können. Andererseits machten sich bei einigen unter uns durch die jahrelange Belastung und Anspannung gewisse Abnutzungserscheinungen bemerkbar. Dies zeigte sich einerseits in der Überbewertung einzelner Sicherheitsmaßnahmen, zum anderen in der mangelhaften Kontrolle des Kontakts einzelner Mitglieder der Gruppe untereinander und zu außenstehenden Personen. Im letzten Jahr des Bestehens der Gruppe entfalteten auch manche unserer Freunde eine zu große Eigenaktivität und Eigeninitiative, die sich z. B. in der Gewinnung ungeeigneter und nicht ausreichend geprüfter Menschen für die Widerstandstätigkeit auswirkte.  Die Gefährlichkeit des MfS wurde unterschätzt, da wir die Qualität seiner Mitarbeiter nach den Eigenschaften der uns täglich begegnenden SED- und FDJ-Funktionäre bewerteten, eine Einschätzung, die etwa bis 1955 zutreffend gewesen sein mag, den späteren (und natürlich den heutigen) Verhältnissen aber nicht mehr entsprach. Schließlich ergab sich im Verlauf der lebhaften Auseinandersetzungen des Jahres 1956 eine teilweise Vermischung der legalen und der illegalen Tätigkeit der Gruppe, sodaß sicherlich manches davon auch in Kreise durchsickerte, die nichts mit der Gruppe zu tun hatten. Damals beteiligten sich auch zeitweise Studenten an der Widerstandsarbeit, die durch den Schwung der Ereignisse mitgerissen wurden, auf die man aber in schwierigen Zeiten nicht so sicher rechnen konnte. Durch die Auswirkungen der ungarischen und polnischen Revolution wurden wir zeitweilig so in Anspruch genommen, daß die Konspiration nicht mehr genau beachtet wurde, zumal wir mit einem raschen Fortgang der Entwicklung rechneten. Die Zerschlagung der Widerstandsgruppe bestätigte jedenfalls meine spätere Überzeugung, daß sich eine kleinere, unabhängig arbeitende Gruppe bei ständiger Aktivität nicht auf die Dauer halten kann, da der Gegner ja nur auf Fehler, die nie ganz zu vermeiden sind, zu warten braucht und schließlich doch Gelegenheit findet, seine technischen Hilfsmittel und sein ausgebildetes Personal erfolgreich einzusetzen. 4. Untersuchungsverfahren und Prozesse. Die im Zusammenhang mit der Zerschlagung des »Eisenberger Kreises« Verhafteten waren nach meiner Kenntnis keinen körperlichen Mißhandlungen ausgesetzt. Haftverschärfungen über das in MfS-Untersuchungshaftanstalten übliche Maß hinaus wurden nur in einigen Fällen für kurze Zeit angeordnet, wogegen nachdrückliche Proteste durchaus nicht wirkungslos blieben. Man konnte die Feststellung machen, daß das MfS sehr nervös auf die Ankündigung oder Durchführung eines Hungerstreiks reagierte. Auf unmittelbare Gewaltanwendung konnten die Untersuchungsbehörden schon deshalb verzichten, weil sie nach kurzer Zeit einige der Verhafteten zur Kapitulation und zu ausgedehnten Geständnissen bringen konnten und es damit möglich wurde, diejenigen von uns einzukreisen, die nicht, unvollständig oder falsch aussagten. Es machte sich für uns sehr nachteilig bemerkbar, daß keines der Gruppenmitglieder über Vernehmungsmethoden ausreichend orientiert war und daß wir, entsprechend den unter der Bevölkerung umlaufenden Gerüchten und den von westlicher Seite kommenden Veröffentlichungen auf ein ausschließlich gewaltsames Vorgehen des MfS eingestellt waren. In Wirklichkeit waren jene völlig primitiven und unfähigen Elemente, die nur mit dem Gummiknüppel zu einem Ergebnis in der Vernehmung kommen konnten, schon damals aus den Vernehmungsabteilungen weitgehend herausgezogen worden, sodaß heute wahrscheinlich physische Gewaltmaßnahmen nur noch sehr selten und als »letztes Mittel« angewendet werden. Die falschen Vorstellungen führten bei einigen von uns, die nicht so »hart« waren, wie sie es vorher schienen, zu einem baldigen Nachgeben vor den Drohungen der ersten Vernehmungen, während andere, die fest geblieben waren, von der Taktik der Vernehmer und den uns weitgehend unbekannten Methoden der »Gehirnwäsche« überfahren wurden. Das MfS stellte sich nach kurzer Übergangszeit, in der »Schockvernehmungen« durchgeführt wurden, auf eine subtilere Art der »psychologischen Kriegführung« um. Man ließ Drohungen und Versprechungen, Wahrheit und Lüge, radikalste Ausdrucksweise und ausgesprochen friedfertige Unterhaltung in ständiger Abwechslung auf die Häftlinge einwirken. Beispielsweise stellte man mir in der gleichen Vernehmung einmal in Aussicht, mich im Strafvollzug in völlig isolierter Einzelhaft zu halten und bot mir andererseits an, daß ich, wenn ich dem MfS entgegen kommen würde, eine Arbeitsstelle als Pfleger im Haftkrankenhaus Klein-Meusdorf oder im Haftarbeitslager Berlin-Hohenschönhausen bekommen könnte. Ein beliebtes Mittel stellte auch die Drohung mit der Verhaftung der Angehörigen dar, was übrigens in bestimmter Hinsicht auch zur Ausführung kam. Man argumentierte mir gegenüber so, daß meine Mutter dadurch, daß ich in ihrem Haushalt lebte, als Mitwisserin feststehe und daß man meinen Bruder auf unbestimmte Zeit in einen Jugendwerkhof einweisen könne, da meine Mutter ihre Kinder ja nicht im Sinne »des Sozialismus« erziehe. Eine andere, etwas lächerlich klingende Erklärung war, daß das MfS dafür sorgen werde, daß gegen den Beschuldigten, der bei der Vernehmung Schwierigkeiten mache, ein zusätzliches Strafverfahren wegen »Behinderung der Tätigkeit der Staatsorgane« oder wegen »Widerstands gegen die Staatsgewalt« eingeleitet werde. Ein im Ergebnis sehr erfolgreicher Bluff wurde auf folgende Weise in Szene gesetzt: Einige Tage vor unserer Verhaftung war ein Klassenkamerad von mir aus der Grundschule durch Selbstmord ums Leben gekommen. Da in Eisenberg Gerüchte umliefen, der Tote habe Beziehungen zur Staatssicherheit unterhalten, behauptete man nun, Mitglieder der Gruppe hätten deshalb diesen Mann ermordet und man könne erforderlichenfalls hierfür die benötigten Beweise zusammenstellen. Einigen einfachen Mitgliedern der Gruppe wurde dann erklärt, die Anführer der Gruppe hätten diesen Mord begangen oder veranlaßt, und jeder der Verhafteten wäre dafür mit verantwortlich. Darauf glaubten einige der Beschuldigten, diese Gefahr nur durch ein lückenloses Geständnis abwenden zu können, da sich ja dann der Beweis ergeben würde, daß die Gruppe keine Anschläge gegen irgendwelche Personen durchgeführt hatte. Mit Versprechungen gingen die Vernehmer ebenfalls recht großzügig um, angefangen von dem absurden Angebot sofortiger Entlassungen sogar von Hauptbeschuldigten nach dem Prozeß über die Aussicht baldiger Strafaussetzung zur Bewährung (»Jedes Gesuch geht über unseren Schreibtisch.«) [bis] zur Schilderung des Strafvollzugs im günstigsten Licht. Das Solidaritätsgefühl, das unter den meisten Gefangenen erhalten blieb, versuchte man der Sache des MfS dadurch dienstbar zu machen, daß man versprach, minder Belastete je nach dem Verhalten der Hauptbeschuldigten milder oder härter zu bestrafen. Andererseits bemühte man sich, durch Weitertragen angeblicher belastender Aussagen und Äußerungen, einer moralisch positiven oder negativen Haltung und persönlicher Angelegenheiten die einzelnen Verhafteten gegeneinander auszuspielen. Weiter versuchten einige Offiziere den Eindruck zu erwecken, daß sie die Häftlinge wirklich überzeugen und ihnen »helfen« wollten, wobei festzuhalten ist, daß sich einige der intelligenteren und innerlich für das System engagierten Vernehmer tatsächlich Diskussionen unter vier Augen, die nicht protokolliert wurden, stellten, in denen beiden Seiten ohne Zurückhaltung, was allgemeine Dinge betraf, sprachen. Es kann nicht mit Sicherheit geklärt werden, ob diese Unterhaltungen vielleicht doch zuweilen einem echten Interesse entsprangen und ob es nicht damals in der MfSBezirksbehörde Gera eine Art »Wollweber-Fraktion«[7] gegeben hat. Jedenfalls wurden in einigen dieser Gespräche zuweilen Dinge zugegeben und Argumente durch den Vernehmer als berechtigt anerkannt, von denen das Regime offiziell nichts hören wollte. Ein weiteres Mittel der Beeinflussung bestand schließlich darin, einige politische Ereignisse, wie den damaligen Umsturz im Irak, die angebliche Aufhebung des Verbots der NSDAP in der Bundesrepublik oder die Verurteilung und Hinrichtung Imre Nagys[8] und seiner Minister durchzulassen, uns sonst aber natürlich keine Möglichkeit, irgendwelche Neuigkeiten zu erfahren, zu geben. Schließlich wurde auch versucht, durch fremde Mithäftlinge oder Klopfzeichen völlig falsche Nachrichten in Umlauf zu bringen, um die Reaktion der Gefangenen, für die man sich interessierte, zu testen. Es war im allgemeinen durchaus praktikabel für den Häftling, den gelegentlichen lautstarken Schimpfkanonaden in gleicher Weise zu antworten. Die Vernehmer schienen an harte Worte gewöhnt zu sein und eine derartige Reaktion nicht allzu übel zu nehmen, ausgenommen, wenn man etwa Zweifel an den »wirklich freien Volkswahlen« anmeldete und erklärte, daß doch nun niemand die 99,9 % Ja-Stimmen ernstnehmen könnte. Mit einer derartigen »Provokation« konnte man sein Gegenüber mit ziemlicher Sicherheit aus der Ruhe bringen. Schließlich wurde einige Male von MfS-Offizieren behauptet (u. a. mir gegenüber vom Leiter der Bezirksbehörde des MfS Gera, Oberstleutnant M i c h e l s b e r g e r ), daß es ohne weiteres möglich sei, die in die Bundesrepublik geflüchteten Mitglieder der Gruppe gewaltsam wieder nach Mitteldeutschland zurückzubringen, denn der Staatssicherheitsdienst könne seine Leute mit westdeutschen Kraftwagen ohne Schwierigkeiten in die Bundesrepublik schicken, und sie könnten dort tun, was sie wollten. Mit der Ankündigung derartiger Verschleppungen wollte man wahrheitsgemäße Aussagen über solche Angelegenheiten der Gruppe erzwingen, die nur oder überwiegend, außer dem unmittelbar Beschuldigten, den Flüchtlingen bekannt waren. Im Juni 1958 begrüßte mich dann eines Tages mein Vernehmer mit den Worten: »Sehnse, den ersten haben wir schon!« Da dies den Tatsachen entsprach[9], hatten wir natürlich in dieser Hinsicht zeitweise erhebliche Befürchtungen[10]. Außerhalb der eigentlichen Untersuchungen bemühte man sich teilweise, eine Art objektives »Feindbild« über die Gruppe, ihre Tätigkeit und Motive zu erhalten. Es wurde erklärt, diese Berichte, die dem Gericht nicht zugänglich waren, würden dem MfS Berlin und angeblich auch dem ZK der SED zur Verfügung gestellt, damit eventuell notwendige Schlußfolgerungen vor allem auf dem Gebiet der Hochschulpolitik gezogen werden könnten. Da sich ein Offizier vom MfS Berlin an den Vernehmungen beteiligte,[11] erschien der erste Teil der Behauptung durchaus plausibel. Natürlich konnte niemand erwarten, daß die SED ihre Haltung gegenüber der Jugend und besonders der Studentenschaft überprüfen würde. Der Inhalt der Vernehmungsprotokolle, die dem Gericht vorlagen, wurde mit allen möglichen Mitteln und Tricks verdreht, verfälscht, in den Motiven auf den Kopf gestellt. Es ergaben sich oft tagelange Auseinandersetzungen zwischen Vernehmer und Häftling um einzelne Formulierungen, da das MfS auf die Anwendung der üblichen kommunistischen Terminologien größten Wert legte. Über das Wachpersonal ist zu sagen, daß die Typen aus der schlimmsten Zeit des Staatssicherheitsdienstes zwar noch reichlich vorhanden waren, sich jedoch nicht mehr ganz ungehemmt betätigen konnten. Es sind mir aber auch einige Wachposten in durchaus angenehmer Erinnerung, denen anzumerken war, daß sie sich in ihrer Rolle nicht sehr wohlfühlten und die sich, teilweise entgegen den Anweisungen ihrer Vorgesetzten, so verhielten, daß wir ihnen kaum etwas vorzuwerfen haben. Die Vernehmungen wurden bis auf einige Randgebiete gegen Ende Mai 1958 abgeschlossen, und die Prozesse sollten am 23. 6. 58 beginnen. Aus Äußerungen der Vernehmer war zu entnehmen, daß wenigstens gegen die Hauptangeklagten ein Schauprozeß in Jena oder Gera, möglicherweise vor dem Obersten Gericht, stattfinden sollte. Die für den ersten Prozeß vorgesehenen Angeklagten konnten etwa eine Woche vorher erstmalig ihre Anwälte sprechen, auch wurden ihnen einige Hafterleichterungen gewährt (Bücher, regelmäßige Freistunde, etwas erhöhte Verpflegungsrationen), um sie in einen halbwegs präsentablen Zustand zu bringen. Es läßt sich heute nicht mit Sicherheit feststellen, welchen Wert die durchgesickerten Gerüchte hatten, nach denen Mitglieder der Bezirksleitung der SED Gera die Forderung nach wenigstens einem Todesurteil erhoben hätten. Der schon festgelegte Termin wurde plötzlich wieder aufgehoben, offensichtlich mit Rücksicht auf die bevorstehende 400-Jahr-Feier der Jenaer Universität und vielleicht auch auf den V. Parteitag der SED (10.-16.7.1958). Selbstverständlich wurde von den Offizieren in voller Einmütigkeit bestritten, daß dieser der Grund für die Verschiebung sei. Am 21. 8. 1958 flüchtete dann der Rektor der Friedrich-Schiller-Universität, Prof. Dr. Dr. h. c. H ä m e l, in die BRD, einige Tage vor Beginn der 400-Jahr-Feier der Universität. Kurze Zeit später war die Nachricht zu uns durchgedrungen, und sie bereitete uns nicht nur erhebliche Genugtuung, sondern gab uns auch die Sicherheit, daß die größte Gefahr für uns nun vorüber sei, was sich dann bestätigte.  Die wütende Reaktion des MfS war für mich natürlich ebenso erfreulich wie verständlich. Die vier Prozesse wurden in der Zeit vom 22. 9. bis 13. 10. im kleinen Saal des Bezirksgerichts Gera vor dem I. Strafsenat abgewickelt. Die ersten drei Prozesse waren nur ausgewählten Delegationen zugänglich, der Termin war unter der Bevölkerung kaum bekannt, und man bemühte sich im Gegensatz zum ursprünglichen Vorhaben, das Verfahren [tatsächlich: die Verfahren] möglichst in aller Stille ablaufen zu lassen, was allerdings gründlich mißglückte. Die wenigen offiziellen »Vertreter der Universität« setzten sich ausschließlich aus Angehörigen der oberen SED- und FDJ-Leitungen zusammen, weiter waren einige Betriebsdelegationen anwesend, und den restlichen Zuschauerraum füllten MfS-Angehörige in Zivil. Für jeden der Angeklagten war ein Angehöriger zugelassen worden. Lediglich im 4. Prozeß konnten sich einige Jenaer Dozenten und Studenten Zutritt verschaffen[12]. Obwohl die Justizbehörden vier Monate Zeit zur Bearbeitung der Akten hatten, brachten sie nicht einmal eine dem »Niveau« der Protokolle entsprechende Anklageschrift und Urteilsbegründung zusammen. In beiden »Werken« wurden die in den Akten enthaltenen Verdrehungen nicht nur nochmals verdreht, sondern auch der Ablauf der Ereignisse so durcheinander geworfen, reine Erfindungen hinzugefügt und eine solche Menge von Phrasen gedroschen, daß es selbst etlichen Vernehmern peinlich wurde. Als sich einer der Angeklagten über die Unsinnigkeiten der Anklageschrift bei einem Offizier beschwerte, antwortete dieser: »Erzählen Sie das nicht uns, dieses Pamphlet haben wir nicht verfaßt.« In diesem Gespräch war dann auch zu erfahren, daß der Text der Anklageschrift aus Berlin (vermutlich von der Generalstaatsanwaltschaft) gekommen sei. Die Urteilsbegründung enthielt dann auch solche Phantasieprodukte wie: »Die Angeklagten wollten wie die Konterrevolutionäre in Ungarn Menschen mit Benzin übergießen und verbrennen und durch Lastwagen zu Tode schleifen.« usw. Es wurde begründet, daß deshalb keine Todesstrafe ausgesprochen wurde, weil es sich noch nicht um »schwerste Verbrechen« gehandelt habe, man werde jedoch in einem solchen Fall die Todesstrafe unbedingt anwenden. Dann wurde begründet, daß man eine zeitliche Haftstrafe gewählt habe, weil es in der Vergangenheit vorgekommen sei, daß auch erbitterte Feinde schließlich noch zu Anhängern des »Sozialismus« geworden wären und weil die Verurteilten zur Zeit ihrer Entlassung dann in einem »sozialistischen Gesamtdeutschland« leben würden. Das Gericht blieb somit im Strafmaß im Rahmen des § 13 StEG[13] (Staatsverrat), obwohl sich die Anklage auch auf § 24 a–e StEG (Verschärfungsbestimmungen, die die Todesstrafe ermöglichen) erstreckt hatte. Für die Qualität der Arbeit, die das Bezirksgericht Gera leistete, ist kennzeichnend, daß der bei § 13 StEG zwingend vorgeschriebene Vermögensentzug [Vermögenseinzug] im Urteilsspruch vergessen und uns erst einige Wochen später in einem nachträglichen besonderen Gerichtsbeschluß mitgeteilt wurde. Die Verhandlung selbst lief teilweise in recht lautstarker und grober Form ab, Angeklagte und Verteidiger wurden vom Staatsanwalt mehrfach behindert. Während Bezirksstaatsanwalt [Paul] D e t z n e r, trotz radikaler Ausfälle, wenigsten noch einigermaßen beherrscht auftrat, wurde der Gerichtsvorsitzende, Oberrichter [Erich] F r e y b e r g [Freiberg], zuweilen zum Schüler Freislers und steigerte sich in einige Wutausbrüche hinein, die nicht gerade von einer heldenhaften Gesinnung zeugten (»Wir können uns schon denken, wie Sie mit uns verfahren wären, wenn es zu einer Konterrevolution in der DDR gekommen wäre!«)[14]. Sonst bemühte sich das Gericht nach Kräften um den Nachweis, daß es unmittelbar vor der Ausführung stehende Pläne der Gruppe über Gewaltakte gegen Funktionäre gegeben habe, wobei man so weit ging, daß mich der Vernehmer von entsprechenden Protesten mit den Worten abzuhalten suchte: »Nehmen Sie das nicht so ernst, man kann Sie ja nicht für Dinge verurteilen, die Sie nicht getan haben.« Die vom Gericht gewünschte Beweisführung wurde jedenfalls nicht zustandegebracht.  Die meisten Zeugenaussagen glichen einem Korreferat des Anklägers mit vorher auswendig gelerntem Text. Dabei ist festzuhalten, daß die Zeugen bis unmittelbar vor ihrem Auftritt ständig vom Vernehmer bearbeitet wurden. Als ich selbst als Zeuge geladen wurde, machten mich im Warteraum unmittelbar vor meiner Aussage zwei Offiziere darauf aufmerksam, daß etwaiger späterer Widerstand im Strafvollzug oder anderswo uns unbedingt den Kopf kosten würde. Entlastungszeugen gab es nicht, ich bin aber der Meinung, daß man als Zeuge, wenn man die Situation noch einigermaßen übersah, den Verteidigern mehr Argumente zuspielen konnte als dem Ankläger. Was die Verteidiger selbst betrifft, so kann man jedenfalls nicht behaupten, daß sie die Rolle eines 2. Staatsanwalts gespielt hätten, wie das in politischen Prozessen in Mitteldeutschland oft genug vorkommt. Die ausgesprochenen Strafen lagen zwischen 1 ½ und 15 Jahren Zuchthaus, die Gesamtsumme aller Strafen der 4 Prozesse betrug 114 Jahre. Die letzten Entlassungen erfolgten am 28. 8. 1964. Zur Zeit leben nach meiner Kenntnis 9 der damals Verurteilten in der Bundesrepublik. 5. Die SED-Propaganda über den »Eisenberger Kreis« und die Haltung der westdeutschen Öffentlichkeit. Das MfS versuchte die ganze Verhaftungsaktion zunächst nach Möglichkeit geheimzuhalten, und man beschränkte sich auf eine Art »psychologische Kriegführung« durch die Verbreitung von Gerüchten. So ließ man den Prorektor für Studentenangelegenheiten an der Universität Jena, Dr. [Otto] S t a m f o r t, und den Instrukteur im Prorektorat für Studentenangelegenheiten, S e s s i n g h a u s, erklären, daß die Gruppe auf einem Treff am Jenaer Nordfriedhof schwarze Listen über unbeliebte Funktionäre zusammengestellt habe, eine Behauptung, die weder im Untersuchungsverfahren noch im Prozeß jemals auftauchte.[15]  Die Eisenberger Bevölkerung suchte man mit etwas primitiveren Mitten zu beeinflussen, indem verbreitet wurde, es wären kistenweise Waffen, Munition und Sprengstoffe gefunden worden und die Gruppe hätte beabsichtigt, durch Vergiftung der Molkereimilch ein Massensterben in Eisenberg auszulösen. Soweit man heute übersehen kann, haben diese Schauermärchen der SED mehr als uns geschadet. Durch weitgehenden Ausschluß der Öffentlichkeit hoffte das MfS anfangs, daß nicht allzuviel über die Angelegenheit nach draußen dringen werde. Diese Erwartung wurde aber schon Ende September von BBC durchkreuzt, und so brachte das Organ der SED-Universitätsparteileitung der SED Jena am 8. 10. 58 einen Prozeßbericht, der sich ziemlich genau an die von der Anklagebehörde gegebene Darstellung hielt und in dem lediglich der Versuch auffällt, besonders zu betonen, daß das »entschlossene Auftreten der Professoren gegen alle feindlichen Umtriebe« die Gruppe von der Versendung der Aufrufe im November 1957 abgehalten habe. Der nicht genannte Verfasser der »redaktionellen Bemerkungen« wird die Wahrheit wohl ebenso wie wir und die Jenaer Studentenschaft kennen, sodaß sich weitere Kommentare hierzu erübrigen. Nachdem Einzelheiten über die Tätigkeit der Gruppe und die Geraer Prozesse in erheblichem Umfang in westlichen Veröffentlichungen auftauchten und sich die SED auf einigen »Wahlversammlungen« unangenehmen Fragen aus der Bevölkerung ausgesetzt sah, war eine Stellungnahme kaum mehr zu umgehen. Die Kampagne wurde nach einer Rede Albert N o r d e n s am 23. 10. 1958 im Jenaer Volkshaus ausgerichtet, alle weiteren Veröffentlichungen in Mitteldeutschland erschienen erst nach diesem Zeitpunkt. N o r d e n unterschlug in seiner Rede die aktive Tätigkeit der Gruppe vollkommen. Er behauptete, die Gruppe habe ausschließlich im Auftrage »westlicher Agentendienststellen« gearbeitet, was schon durch die Ausstellung des beschlagnahmten Materials beim ersten Prozeß und durch ähnliche spätere Ausstellungen untermauert werden sollte. Die ausgelegte »faschistische und militaristische Literatur« (so im Prozeß bezeichnet) bestand aus Büchern wie: »Die weiße Rose« von Inge Scholl, »Die neue Klasse« von Milovan Djilas, »1984« von Orwell, »Die Revolution entläßt ihre Kinder« von Wolfgang Leonhard, »Der Nationalsozialismus« von Walter Hofer u. a. sowie westdeutschen Zeitungen, auch einigen Exemplaren des »Sonntag«, des Organs des mitteldeutschen Kulturbundes, aus dem Jahre 1956 mit Auszügen aus Werken von Tibor Dery und Gyula Hay. – Weiter sprach N o r d e n von der beabsichtigten Sprengung der 1.-Mai-Tribüne in Jena 1957 (»Nur durch die Wachsamkeit unserer Staatsorgane konnte in letzter Minute ein Unglück, der Tod vieler Menschen verhindert werden.«). Ich nehme Herrn N o r d e n diese Verfälschung gar nicht so sehr übel, denn irgendwie mußte er sich ja aus der Affäre ziehen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß nur eine Brandlegung an der Stoffbespannung und Fahnendekoration der Tribüne für die Zeit von 1.00 bis 2.00 [Uhr] morgens vorbereitet worden war, und das wurde keineswegs durch die »Wachsamkeit der Staatsorgane«, sondern durch eine »in letzter Minute« versagende Zündschnur verhindert. Zu den weiteren Ausführungen N o r d e n s wurde schon weiter oben Stellung genommen[16]. Am 29. 10. 1958 wurde im Jahnsaal in Eisenberg ein von (nach Angaben der »Volkswacht«) 800 Einwohnern besuchter Justizausspracheabend, verbunden mit einer Ausstellung des beschlagnahmten Materials, durchgeführt, auf dem u. a. Bezirksstaatsanwalt D e t z n e r und die Schöffin [Lina] S i t t i c h auftraten. Die Veranstaltung bewegte sich in dem von N o r d e n vorgegebenen Rahmen, zeigte aber, daß es die SED nötig hatte, »Gerüchten, die der RIAS unter der Bevölkerung zu verbreiten suchte« (»Volkswacht« vom 31. 10. 1958), entgegenzutreten, was als Hinweis auf eine beträchtliche Unruhe unter der Einwohnerschaft betrachtet werden kann. Anfang November 1958 fand dann im Bühnensaal der Mensa in Jena eine Versammlung statt, zu der besondere Einladungen verschickt wurden und die nicht vorher angekündigt wurde. Hier wurde eine ganze Batterie von Funktionären aufgefahren, so der Bezirksstaatsanwalt D e t z n e r, Staatsanwalt [Rudi] S c h o e b e r, Bezirksgerichtsdirektor S c h m i e d e [r], Schöffin S i t t i c h, Schöffe H e y d r i c h, die SED-Universitätsparteileitung und die FDJ-Hochschulgruppenleitung. Der Bezirksstaatsanwalt hielt ein Referat, das, soweit zu erfahren war, in der Wiedergabe seines Plädoyers im Prozeß bestand. Bezirksgerichtsdirektor S c h m i e d e r soll darauf hingewiesen haben, daß eigentlich die Todesstrafe erforderlich gewesen sei, womit er »Drohbriefe« aus dem Westen beantworten wollte. Eine Diskussion war in der Versammlung nur vor dem Mikrophon möglich. Sogar zwei Jahre später wurde in Eisenberg die Propaganda in dieser Sache nochmals aufgenommen und eine erneute Ausstellung des Beweismaterials in einem VEB angekündigt. In der Bundesrepublik wurden die Verhaftungen zwar bald bekannt, zu Anfang hatten die inzwischen geflüchteten Mitglieder der Gruppe aber einige Schwierigkeiten, für ihre Nachrichten überhaupt Glauben zu finden. Als einzige öffentliche Registrierung der Verhaftungen vor dem Beginn der Prozesse liegt mir nur eine kurze Notiz des »Kurier« vom 3. 4. 1958 vor. Um so eindeutiger war die Reaktion in der BRD, als die Prozesse anliefen. Seit dem 26. 9. 1958 wurden Berichte eines Gewährsmannes über den Londoner Rundfunk gesendet, dem es irgendwie gelungen war, den ersten Prozeß mitzuerleben. Durch Berichte von Flüchtlingen hatte die Presse in der Bundesrepublik bald Gelegenheit, im Laufe des Oktober ausführlich über die Vorgänge zu berichten. Es kam zu einer Serie von Protesterklärungen der ASTA und von Studentenversammlungen vieler westdeutscher Hochschulen, zu Protesten des Landesverbandes der CDU Berlin, des Landtags von Rheinland-Pfalz (14. 10. 58), des Pressedienstes der SPD (17. 10. 58) und der Bundesregierung (Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung vom 17. 10. 58). In der westlichen Berichterstattung wurde besonders auf das Programm und die Zielsetzung der Gruppe eingegangen, weniger auf ihre tatsächliche Aktivität, da unsere in der BRD befindlichen Freunde ja nicht wissen konnten, was dem MfS schon bekannt war, sodaß in dieser Hinsicht Zurückhaltung geboten war. Die Grundsätze und Ziele des »Eisenberger Kreises« sind in den westlichen Pressveröffentlichungen im wesentlichen richtig wiedergegeben worden. Durch dieses Echo sah sich die SED dann wohl oder übel gezwungen, aus ihrer Reserve herauszugehen und ihre Sache mehr schlecht als recht zu vertreten. Als dann eine ähnliche Gruppe ein Jahr später in Dresden zerschlagen wurde, begann man wenige Tage nach der Verhaftung der Betreffenden mit Veröffentlichungen in allen mitteldeutschen Presseorganen, um der Gegenreaktion im Westen sofort den Wind aus den Segeln zu nehmen.[17] Das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen gab 1959 und 1960 eine Broschüre über den »Eisenberger Kreis« unter dem Titel »2 x 2 = 8« heraus, für die der Verfasser, Dr. Rainer H i l d eb r a n d t, das Material aus den in der BRD erhältlichen Einzelbruchstücken zusammensuchte. Auch in dieser Publikation entspricht die Darstellung der Grundtendenz der Gruppe sinngemäß der Wirklichkeit, was für einige Ergänzungen, die durch den oft fehlenden Zusammenhang des vorhandenen Materials erforderlich schienen, und für die Zitate aus den Gerichtsverhandlungen und aus einigen Gesprächen der Gruppenmitglieder untereinander nicht in vollem Maße gilt. Es wäre mir persönlich angenehmer gewesen, wenn der Verfasser auf diese Ergänzungen und eine gewisse romatisch-gefühlvolle Art der Beschreibung verzichtet hätte, selbst wenn dadurch ein nicht ganz vollständiges Bild entstanden wäre. Es ist aber auf jeden Fall zu begrüßen, daß einer großen Zahl von Menschen in westlichen Ländern auf diese Weise Kenntnisse über den Widerstand in Mitteldeutschland und die Bedingungen, unter denen dort gemeinsame Aktionen von Arbeitern und Studenten gegen den totalitären Staat zustande kommen, vermittelt wurden. Es ist unbestreitbar, daß die zahlreichen Protest- und Hilfsaktionen in der westlichen Welt von privater und amtlicher Seite, besonders auch die Bemühungen von »Amnesty international«, viel zur Erleichterung unserer Lage und zur vorfristigen Entlassung der meisten Verurteilten beigetragen haben. Es ist mir eine angenehme Pflicht, auch im Namen all derer, die dem »Eisenberger Kreis« angehörten oder nahestanden, den Menschen zu danken, die sich so einmütig für uns eingesetzt haben. 6. Bemerkungen zum Widerstand in Mitteldeutschland heute. In der Bundesrepublik ist jetzt oft die Meinung zu hören, die mitteldeutsche Bevölkerung habe sich mit dem SED-Regime arrangiert und sei ihm gegenüber heute weitgehend loyal. Sicherlich haben sich nach dem 13. 8. 1961 viele Menschen darauf eingerichtet, noch längere Zeit in einer »DDR« leben zu müssen. Die scharfe Absperrung trägt ebenfalls dazu bei, daß kaum etwas über Widerstandsaktionen in der »DDR« nach Westen dringt. Selbst vor dem Bau der Mauer ist vieles, was die Menschen gegen die Diktatur unternahmen, in der Bundesrepublik nicht bekannt geworden. Auch wird heute vielfach nicht mehr mit einer wirksamen westlichen Hilfe für die Unterdrückten in den kommunistisch regierten Staaten gerechnet, sodaß man oft darauf hofft, daß sich das System durch das Übergreifen der Unabhängigkeitsbestrebungen in Ostmitteleuropa auch auf Mitteldeutschland ändern werde, und man bemüht sich, jede hier sich bietende Chance zu nutzen und zu vergrößern. Es ist natürlich fraglich, ob sich diese Hoffnung einmal bestätigen wird. Der aktive Widerstand richtet sich jetzt vorwiegend auf das Ziel der »Republikflucht«, aber auch kleinere Widerstandsgruppen, die aktiv gegen das Regime vorgehen wollen, bilden sich immer wieder, was man durch Befragung der Neuzugänge im Strafvollzug feststellen kann. Allerdings hat das MfS seinen Apparat so gut ausgebaut und verbessert, daß ihm die Zerschlagung solcher Gruppen oft schon im Anfangsstadium gelingt. Gegen Menschen, die sich in der geistigen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus zusammenfinden und die sich dabei westliche Literatur beschaffen können, wird der Staatssicherheitsdienst jedoch kaum viel Erfolg haben. Ein vorübergehendes Nachlassen des staatlichen Zwanges zu ständigen politischen Bekenntnissen im Sinne der Partei mag die Gegenreaktion vor allem unter den Studenten ebenfalls etwas mildern. Es gibt aber in der letzten Zeit Anzeichen, daß die SED ihre Politik in dieser Hinsicht wieder verschärfen will. Die Feststellungen, die ich im Strafvollzug durch Beobachtung der politischen Häftlinge und der teilweise von ihnen geleisteten Widerstandsarbeit und der VP-Angehörigen treffen konnte, bestätigen meine Überzeugung, daß sich das SED-Regime auch heute nicht ohne sowjetische militärische Unterstützung halten könnte. Eine anständige Gesinnung macht schon längst nicht mehr vor der Uniform halt, und der »revisionistische Bazillus«, der Zweifel an dem Grundsatz, daß die Partei immer recht hat, hat viele von denen befallen, die sich noch vor 10 Jahren bedingungslos für die SED geschlagen hätten. Ulbricht und seine Anhänger werden auch in Zukunft mit der Ablehnung der von ihnen betriebenen Politik durch die von ihnen beherrschten Menschen rechnen müssen. [1]  Eisenfeld, Bernd/Kowalczuk, Ilko-Sascha/Neubert, Ehrhart: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004, S. 513 ff. u. 539 ff. [2]  Archiv Thomas Ammer. [3]  Neues Deutschland vom 23. Oktober 1958. [4]  Der Physikstudent Franz Hammer leitete eine von etwa 1949 bis 1954 in Jena bestehende Widerstandsgruppe. Es ist inzwischen erwiesen, dass er 1957 in der Strafvollzugsanstalt Waldheim durch Selbstmord ums Leben kam. [5]  Siehe Herrmann, Peter/Steudel, Heinz/Wagner, Manfred: Der Physikerball 1956. Vorgeschichte – Ablauf – Folgen, Jena 1995. [6]  Siehe die Vorbemerkung zu diesem Dokument. [7]  Ernst Wollweber, 1953 bis 1955 Staatssekretär im MfS, 1955 bis 1957 Minister für Staatssicherheit, erzwungener Rücktritt wegen angeblicher Vernachlässigung seiner Aufgaben im Kampf gegen »feindliche Agenten«, tatsächlich wegen Zugehörigkeit zu der in Opposition zu Ulbricht stehenden Gruppe um ZK-Sekretär Karl Schirdewan. [8]  Hingerichtet in Budapest am 16. Juni 1958. [9]  Siehe Abschnitt 3. in diesem Dokument.  [10]  Siehe die Vorbemerkung zu diesem Dokument. [11]  Werner Lonitz, 1989 MfS-Oberst in der Hauptabteilung XVIII »Schutz der Volkswirtschaft«. [12]  Im August 1960 hat das Bezirksgericht Gera drei Jenaer Studenten wegen der Weitergabe von Informationen über die Prozesse an einen inzwischen in der Bundesrepublik lebenden ehemaligen Jenaer Philosophiestudenten zu Freiheitsstrafen bis zu zweieinhalb Jahren verurteilt. Diese Informationen waren an die Westpresse und auch an das Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen gelangt. [13]  StEG – Strafrechtsergänzungsgesetz vom 11. Dezember 1957 (Gesetzblatt I, S. 643), gültig bis zum Inkrafttreten des Strafgesetzbuches der DDR vom 12. Januar 1968. [14]  Freiberg war 1957 selbst wegen ideologischer Abweichungen in Schwierigkeiten geraten und nicht, wie ursprünglich vorgesehen, Bezirksgerichtsdirektor geworden. Siehe Weber, Petra: Justiz und Diktatur. Justizverwaltung und politische Strafjustiz in Thüringen 1945–1961, München 2000, S. 222. [15]  Der damalige 1. Sekretär der SED-Universitätsparteileitung und spätere Historiker Kurt Pätzold verbreitete dieses Gerücht in Jena noch in den 90er Jahren. [16] Siehe Abschnitt 2 in diesem Dokument. [17]  Es handelte sich um den »Nationalkommunistischen Studentenbund«, eine Widerstandsgruppe von Studenten an der Technischen Hochschule Dresden, die von 1957 bis 1959 bestand und im Frühjahr 1959 vom Bezirksgericht Dresden verurteilt wurde. 

JHK 2007

Für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Autobiographien westdeutscher Linker und ihr Beitrag zur Geschichtsschreibung über die DDR

Hanno Müller

Weber, Hermann/Weber, Gerda: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin: Ch. Links Verlag 2006, 480 S., ISBN 978-3-86153-405-1 Seiffert, Wolfgang: Selbstbestimmt. Ein Leben im Spannungsfeld von geteiltem Deutschland und russischer Politik, Graz: Ares Verlag 2006, 216 S., ISBN 978-3-902475-20-6 Wilke, Manfred: Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen. Gesammelte Schriften. Zu seinem 65. Geburtstag zusammengestellt und hrsg. von Hans-Joachim Veen, Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2006, 340 S., ISBN 978-412-36005-4 In den 70er Jahren ging in der Bundesrepublik der Begriff von der »Tendenzwende« um. »Wir erleben in diesen Jahren einen politischen Klimawechsel«, schrieb der Politik- und Kulturwissenschaftler Martin Greiffenhagen 1975. »Der Zeitgeist weht nicht mehr von links, sondern von rechts. Wer heute in einem politischen Wahlprogramm der Bevölkerung ›mehr Demokratie‹ versprechen würde, hätte wenig Aussicht, damit Stimmen zu gewinnen. Das Wort ›konservativ‹, bis vor Kurzem von allen großen Parteien gemieden, gehört wieder zum politischen Wortschatz, nicht nur der Rechtsparteien, sondern auch der SPD.«[1] Greiffenhagen, selbst Jahrgang 1929 und 1991/92 Gründungsbeauftragter der Pädagogischen Hochschule Erfurt, registrierte damit wenige Jahre nach der für viele scheinbar »urplötzlich« über den Westen gekommenen, linken Studentenbewegung und den in der zweiten Hälfte der 60er Jahre verbreiteten Vorstellungen und Diskursen kapitalismuskritischen, sozialreformerischen und vielfach auch sozialistischen Inhalts geradezu einen neuen, neokonservativen Geist der Aussöhnung mit der Nachkriegs- und längst auch Nach-Adenauer-Republik. Was trieb Menschen in der Westhälfte Deutschlands nach 1945 dazu, nicht nur links zu denken, sondern sich zumindest vorübergehend sogar mit dem Kommunismus bzw. Stalinismus des Ostens zu identifizieren? Eine Antwort auf diese Frage suchen die drei hier besprochenen, mehr oder weniger autobiographischen Bücher. Sie können damit als Beitrag zur aktuellen Debatte darüber verstanden werden, was die DDR war. Die Bewertungen von Ereignissen und Akteuren fallen bei den Autoren der drei Werke erwartungsgemäß unterschiedlich und kontrovers aus.  Zufall oder nicht, die 70er Jahre sind auch die Zeit, die Hermann Weber (Jahrgang 1928) als Zäsur erlebt. Dass linkes Denken obsolet geworden sein könnte, würde Weber damals wie heute wohl nicht unwidersprochen gelassen haben. Dennoch ist es für den »Linken« und Kommunismusforscher Anfang der 70er immerhin an der Zeit,Frieden mit der Demokratie westlicher Prägung zu schließen. In seinem zweiten Memoiren- Band nach dem »Prinzip links« schereibt Weber:  »Das Ende der Adenauer-Ära wirkte dann wie der Aufbruch in eine moderne, tolerante Zeit, in den 60er Jahren und danach entstand eine normale westliche Demokratie und damit auch ein funktionierendes Parteiensystem.« Und weiter heißt es im Buch des einstigen SED-Parteihochschülers und Kaders der WestFDJ, der sich als »linker Antistalinist« verstand und zu dieser Zeit bereits einen Namen in der DDR-Forschung hatte: »Es wurde leichter, sich als Sozialdemokrat zu fühlen und sich mit der Bundesrepublik trotz aller Vorbehalte auszusöhnen.« Nach seinem Bruch mit der KPD war Weber – wie auch einige andere ehemalige kommunistische Funktionäre – bald der SPD beigetreten. Schon das erste Memoiren-Buch Hermann Webers hatte für Aufsehen gesorgt. In Damals als ich Wunderlich hieß[2] rechnete er mit seinen DDR-Illusionen ab. Während er dort schilderte, wie aus dem Arbeiterjungen und (seit 1945) Kommunisten an der SED-Parteihochschule »Karl Marx« in Kleinmachnow ein Antistalinist wurde, geht es im Fortsetzungsband nunmehr um die folgenden fünf Jahrzehnte, in denen der Journalist zum bekanntesten und wichtigsten DDR- und Kommunismusforscher der Bundesrepublik bzw. – wie es gelegentlich auch heißt – zum Nestor seiner Branche avancierte. Hermann Weber und seine Frau Gerda beschreiben gemeinsam die schwierige Zeit in der Bundesrepublik während des Bruchs mit der KPD und danach. Es ist auch ein Bruch mit den Realitäten des Sowjetsystems östlich der Elbe, dem »widerlichen, byzantinischen Personenkult um Stalin« sowie mit der kommunistischen Ideologie und Politik, die sich für die beiden Marxisten vom Sozialismus eines Marx und vom Ideal einer Gesellschaft ohne Klassen, Ausbeutung, Rassenhass und Krieg viel zu weit entfernt hatte. Der Name Hermann Weber steht heute auch für den Teil der Kommunismus- und DDR-Forschung, der in erheblichem Maße vom Aufarbeitungsdrang so genannter Überläufer und »Renegaten« befördert wurde. In den 50er Jahren liegt der Mannheimer da ganz auf der Linie eines Wolfgang Leonhard oder eines Ralph Giordano. Die Wurzeln der Hinwendung zum Kommunismus, wie sie Hermann Weber, Sohn eines von der Gestapo verfolgten und inhaftierten Kommunisten beschreibt, ähneln denen Leonhards oder Giordanos, seine Art des Bruches mit dem gelebten Irrtum ist allerdings eine andere. Auch Weber trat in die KPD ein, auch er sah in der sowjetisch besetzten Zone und der späteren DDR eine Alternative. Trotz der Abkehr von der eigenen Vergangenheit bekennt er aber, an Marxismus und Sozialismus festgehalten zu haben. Zwar hatte der als »Renegat« und Antikommunist verfemte Wissenschaftler frühzeitig nachgewiesen, dass es den Mächtigen in der DDR keineswegs um ein Gesellschaftsmodell auf marxistisch-leninistischer Grundlage ging, sondern dass die Klassiker allenfalls benutzt wurden, um den eigenen Herrschafts- und Unfehlbarkeitsanspruch zu legitimieren. Noch Anfang der 60er Jahre argumentiert der Mannheimer selbst aber weiter mit Marx und Lenin wider Stalinismus und SED, und das gegen den ausdrücklichen Widerstand des DVA-Verlages[3], wie er schreibt. Das »Prinzip links« definiert sich für Hermann Weber durch »soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit des Individuums in einem demokratischen Rechtsstaat, kurz, die Emanzipation des Menschen«. Auch wenn er die »leninistischen Eierschalen« später ablegte, beharrte Weber auf seiner Haltung als »sozialistischer Antistalinist« und auf der Vorstellung von der Möglichkeit eines »Dritten Weges«. Was er damit meinte, beschreibt der 78-Jährige so: »Die Position des ›Dritten Weges‹ war antistalinistisch, aber nicht antikommunistisch, lehnte den Kapitalismus ebenso ab wie die Praxis und die Herrschaftsstrukturen der DDR. Stattdessen wollte sie durch Reformen und Demokratisierung einen ›menschlichen Sozialismus‹ schaffen. […] Ein ›dritter Weg‹ war die Utopie von einer humanen Gesellschaft jenseits von Stalinismus und Kapitalismus. Er entsprach ja unserer damaligen eigenen Vision, allerdings lag im Nebel, wie das verwirklicht werden sollte.« Nicht die Idee des Sozialismus ist es also, was Weber kritisiert. In seinen Augen wurden die kommunistische Bewegung und ihre Akteure ihren Idealen untreu. Er weiß aus eigenem Erleben, wie im Stalinismus die eigenen Anhänger unter Druck gesetzt und verfolgt werden – ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch seine Forschungen zieht und in mehrere seiner viel beachteten Bücher über den Stalinschen Terror gegen die eigenen Kader einfloss.  Ebenfalls um Aussöhnung mit der Bundesrepublik geht es in den 70ern bei Wolfgang Seiffert (Jahrgang 1926). Auch er ist ein »Überläufer«, der 1956 in den Osten floh, dann aber 1978 nach 22 Jahren »freiwilligem Exil« in der DDR in den Westen zurückkehrte und dort bis 1989 die Rolle des aufmerksamen wie kritischen Dissidenten und Publizisten der deutschen Wiedervereinigung übernahm.[4]  Jetzt hat Wolfgang Seiffert seine Autobiographie Selbstbestimmt geschrieben. Als Freiwilliger und angehender Marineoffizier war der gebürtige Breslauer 1945 in russische Gefangenschaft geraten. Im Kriegsgefangenenlager, wo er sich 1947/48 einer Jugendgruppe des Nationalkomitees Freies Deutschland anschloss, sei ihm klar geworden, »dass man nach der Rückkehr in der Politik mitmischen musste, damit sich nicht wiederholte, was wir selbst erlebt und erfahren hatten«. Für Seiffert folgte daraus zunächst der Weg in ein Antifa-Schulungslager und – nach Freilassung und vergeblichem Versuch, in der DDR zu bleiben – in die Düsseldorfer West-FDJ. Wie Hermann Weber engagierte auch er sich Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre in der Bundesrepublik als FDJ-Funktionär und Chefredakteur der FDJ-Zeitung Das Junge Deutschland, ähnlich wie bei Weber schlossen sich nach dem FDJ-Verbot Verhaftung und Inhaftierung an. Seiffert allerdings floh 1956, ein Jahr nach seiner Verurteilung zu vier Jahren Gefängnis, spektakulär aus der Haft in die DDR, wo er in den 60ern eine steile Karriere als Wirtschafts- und Völkerrechtler sowie Honecker-Berater machte. Mitte der 70er Jahre sei dann allerdings die desolate politische wie wirtschaftliche Situation des inzwischen vom einstigen FDJ-Mitstreiter geführten Arbeiter- und Bauernstaates immer offensichtlicher geworden. Vor allem empfand Seiffert den SED-Plan, das Ziel Deutsche Einheit aus der DDR-Verfassung streichen zu lassen, als »Verrat an den Prinzipien, für die man angetreten« und für die er ins Gefängnis gewandert sei. Juristisch war seine Rückkehr in den Westen durch ein 1969 vom Bundestag erlassenes Straffreiheitsgesetz und die endgültige Streichung seiner Reststrafe durch den Bundespräsidenten möglich geworden.  Seifferts Einschätzung der West-FDJ Anfang der 50er Jahre unterscheidet sich grundlegend von der Hermann Webers oder anderer Historiker. In seiner Rückschau fungierte sie als »legaler, normaler Jugendverband«, so dass hinsichtlich des »Stalinisierungsprozesses, der damals in den kommunistischen Parteien und mit gewissen Abwandlungen auch in der SED sowie der DDR tatsächlich stattfand, nicht einfach und undifferenziert auf einen gleichen Vorgang in der westdeutschen FDJ« geschlossen werden könne. Die westdeutsche FDJ war für ihn »in jeder Hinsicht ein Produkt und ein Bestandteil der Gesellschaft, wie sie sich nach dem Krieg in den Westzonen Deutschlands herausbildete«. Schon dies habe Stalinisierungsversuchen Grenzen gesetzt. Dass sie letztlich unterging, legt Seiffert dem politischen Willen Adenauers und dessen politischen Freunden zur Last. Und so geht es weiter: Im Bau der Mauer – da lebt Wolfgang Seiffert bereits in der DDR, die den Überläufer als »Patriot« und »Friedensheld« feiern lässt – habe er persönlich »angesichts des anhaltenden Flüchtlingsstromes nach Westberlin eine Notwendigkeit gesehen, andererseits aber auch eine politische Niederlage des in der DDR etablierten politischen Systems, das so offensichtlich den Wettstreit mit dem System der Bundesrepublik nicht bestehen konnte«. Tatsächlich gewollt habe sie aber auch Ulbricht nicht und stattdessen ursprünglich andere politische Lösungen favorisiert. Ulbrichts viel zitierten Ausspruch »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten« wertet Seiffert nicht als Irreführung der Öffentlichkeit, sondern als Ausdruck von Ulbrichts Strategie für ein letztlich wiedervereinigtes Deutschland. Es sind die Erfahrungen und Bewertungen eines zweifellos deutsch-deutschen Sonderfalls, die die Lektüre von Seifferts Autobiographie ebenso anregend und aufschlussreich wie streitbar und schwierig machen. Probleme mit dem Stalinismus DDR-deutscher Prägung beschreibt der heute in Hamburg lebende WestOst-West-Flüchtling allenfalls am Rande. Seine Sicht auf die DDR ist ungeachtet gelegentlicher Differenzen und Auseinandersetzungen, die auch er im Osten auszufechten hatte und die schließlich den Ausschluss aus der SED und die Aberkennung der Professur nach sich zogen, dennoch die eines stets Privilegierten, der sich des Wohlwollens Erich Honeckers erfreute. Honeckers Unterstützung bediente er sich gelegentlich für seine Zwecke oder zur Fürsprache für andere. Sein Lebensbericht suggeriert so immerhin die Machbarkeit eines selbst bestimmten, nur der eigenen Überzeugung folgenden Lebens über die Systemgrenzen des geteilten Deutschlands hinweg. Selbst die letztlich legale Rückkehr des inzwischen hüben wie drüben angesehenen und gefragten Außenwirtschaftsrechtlers und Direktors des Instituts für Rechtsvergleichung an der Akademie für Staat und Recht der DDR in Potsdam in den Westen – um, wie es im Buch heißt, nicht zwischen die Fronten zu geraten und dem eigenen, selbst gewählten Weg treu bleiben zu können – bedarf lediglich einiger persönlicher Beziehungsspiele.  Entsprechend positiv fällt Wolfgang Seifferts Bilanz nach 22 Jahren DDR aus: »Ich hatte studiert, promoviert, hatte mich habilitiert, einen Lehrstuhl erhalten und ein Institut mit 40 Mitarbeitern aufgebaut, das anfing, sich auch international einen Namen zu machen. Meine zahlreichen Publikationen hatten in Fachkreisen – auch international – Anerkennung gefunden. Ich war Schiedsrichter in internationalen Wirtschaftsstreitigkeiten und Mitglied internationaler Organisationen wie der Internationalen Vereinigung für gewerblichen Rechtsschutz gewesen. Meine Kinder hatten, mit Ausnahme des jüngsten Sohnes, der noch zur Schule ging, einen Beruf erlernt und einen Arbeitsplatz gefunden. Meine Frau und der jüngste Sohn würden in Kürze nachkommen, daran gab es keinen Zweifel, und dies geschah auch. Ich hatte viele Freunde und auch Gegner gefunden.« Hermann Weber wie auch Wolfgang Seiffert sind einzigartige Jahrhundertzeugen, in ihren Erinnerungen und Einschätzungen über die DDR kommen sie aber mitunter zu geradezu diametralen Einschätzungen. Von Unterschieden in der Beurteilung der West-FDJ und ihrer Beeinflussung durch die Mutterorganisation im Osten war bereits die Rede. Ebenfalls signifikant sind die Differenzen bei der Betrachtung der Person Walter Ulbrichts und seiner Rolle während der 50er Jahre sowie später in der stabilisierten DDR nach dem Mauerbau. Sowohl Weber als auch Seiffert haben Ulbricht persönlich kennen gelernt.  In Hermann Webers Erinnerungen ist Walter Ulbricht vor allem als Prototyp des stalinistischen Apologeten und Nachahmers sowie als stalinistischer Geschichtsklitterer und Fälscher der Partei- und Kommunismusgeschichte Gegenstand von Erörterungen. Ulbrichts Regime repräsentiert für ihn die diktatorische Herrschaft einer Minderheit über die große Mehrheit der Bevölkerung. Webers 1964 veröffentliche, 180-seitige Polemik  Ulbricht fälscht Geschichte[5] dokumentierte neben nachweislichen SED-Legenden und Geschichtslügen in der DDR auch einige dreiste Bildfälschungen. Diese führten seinerzeit dazu, dass die DDROberen das Museum für Deutsche Geschichte in Ost-Berlin vorübergehend schließen mussten, um einige der manipulierten Bilder auszutauschen.  Geradezu milde ist das Resümee Seifferts, der das Bild, das vom fistelstimmigen Partei- und Staatschef in Literatur und Medien gezeichnet werde, als »wenig realistisch« bezeichnet. Zwar sei dieser ein ausgesprochener Stalinist gewesen, aber einer von Format. »Er hat sich zwar spät, nämlich erst 1961, von den Verbrechen Stalins distanziert. Doch er blieb bis zu seiner Verdrängung durch Honecker der zielstrebige politische Führer der DDR, der diesen Staat gegründet hatte und der in ihm ein Instrument zur Verwirklichung seiner ›nationalen Mission‹ in Deutschland sah. Nach ihm hat kein anderer Politiker der DDR wieder sein Niveau erreicht. Zu Recht sahen viele in ihm den eigentlichen Gegenspieler von Konrad Adenauer.«  In den Augen Seifferts steht Ulbricht nach dem Mauerbau bis zu seiner Entmachtung für eine Periode der Orientierung der DDR auf ein selbstständiges, von der Sowjetunion unabhängigeres Gesellschaftsmodell und die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit. In Ulbrichts als »Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft« (NÖSPL) bezeichneten Wirtschaftsreformen sieht Seiffert einen ernsthaften Versuch, »in Deutschland eine wirkliche Alternative, zumindest ein konkurrenzfähiges System zum ökonomischen und politischen System der Bundesrepublik zu errichten«. Im Abbruch der Ulbricht’schen Reformen während der Honecker-Ära erkennt der 70-Jährige den Anfang vom Untergang der DDR. »Die Aufgabe des von Ulbricht gewollten ›Neuen Ökonomischen Systems‹ unter Honecker, bei gleichzeitiger Proklamation der ›Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik‹, entzog solcher Politik die finanziellen Voraussetzungen, führte die DDR immer tiefer in die Schuldenkrise und schließlich in die wirtschaftliche Katastrophe.« Begegnet sind sich Weber und Seiffert sowohl während ihrer Zeit bei der West-FDJ und in der Chefredaktion der FDJ-Zeitung Das Junge Deutschland als auch später nach Seifferts Rückkehr in den Westen, u. a. während einer Radiodiskussion im Deutschlandfunk zur Frage der Wiedervereinigung. Die gegenseitigen Erwähnungen in den Memoiren wirken respektvoll, aber distanziert. Offensichtlich kannten beide Autoren, als sie ihre Erinnerungen schrieben, die des jeweils anderen nicht. Sonst wären manche Einschätzungen möglicherweise nicht unwidersprochen geblieben. Zu nicht minder unterschiedlichen Einschätzungen gelangen beide Autoren nämlich auch im Rückblick auf das, was die DDR letztendlich für sie war. Wie ernst Hermann Weber, der von 1981 an den Arbeitsbereich DDR-Geschichte an der Universität Mannheim aufbaute und diesen dann bis zu dessen Auflösung Ende der 90er Jahre leitete, den Gegenstand DDR schon sehr früh nahm, zeigt Mitte der 60er Jahre seine Haltung in der Frage, ob man DDR mit oder ohne Gänsefüßchen schreiben sollte. Konkret ging es um die erste von ihm verfasste historische Untersuchung der DDR-Geschichte mit dem Titel Von der SBZ zur DDR[6]. In Leben nach dem »Prinzip links«schreibt Weber: »Noch immer galt im offiziellen westdeutschen Sprachgebrauch, dass es die DDR nicht gab, sie zumindest in Anführungszeichen zu setzen war. Also wollten oder konnten die Landeszentralen für politische Bildung das Buch unter diesem Titel nicht übernehmen, und es kam 1965 zu Debatten. Selbstverständlich war die DDR keine demokratische Republik, dennoch schien es mir sinnvoll, die Eigenbezeichnung zu wählen. Anführungen hielt ich bestenfalls für kurios.« Beim ersten, 1966 erschienenen Band über die Zeit bis 1955 kann er sich damit noch nicht durchsetzen, doch schon beim nächsten Band 1968[7] sind die Gänsefüßchen passé und bleiben es. Neben der Geschichte des Kommunismus in der Weimarer Republik und der Entwicklung des Weltkommunismus sah Weber in der DDR fortan sein politikwissenschaftliches und zeithistorisches Hauptforschungsfeld. Dennoch musste er sich nach 1989 Kritik gefallen lassen, sein DDR-Bild sei zu neutral gewesen und habe der Unterdrückung und Kontrolle der Menschen zu wenig Beachtung geschenkt. In der Tat zeugt Webers Erinnerungsbuch, geschrieben aus der BiographiePerspektive West, von einer bis heute anhaltenden Irritation. Für das etwa von Wolfgang Seiffert registrierte Arrangement so vieler mit dem System gibt es bei ihm keine Nachsicht. So wundert sich der DDR-Forscher wiederholt und noch immer über Wissenschaftlerkollegen aus der DDR, die sich bei persönlichen Kontakten als aufgeschlossene Gesprächspartner erwiesen hätten, sich dann aber in Büchern oder Zeitschriftenartikeln systemkonform äußerten. Das kürzlich in der 10-teiligen MDR-Fernsehdokumentation »Damals in der DDR« thematisierte »Mitlaufen, das Abtauchen in Nischen, das Suchen nach dem ganz privaten Glück fern aller Ideologie inmitten einer oft als grau empfundenen Umwelt«, als »Versuch der Selbstverwirklichung in einem Staat, der eben dafür kaum Raum ließ«, findet bei Weber in Bezug auf die Historiker wenig Akzeptanz. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass zum Überleben hinter der Mauer das ständige Ausloten von Freiräumen gehörte bzw. das Anpassen und Nachgeben dort, wo es diese Freiräume nicht gab. Mit seiner kompromisslosen Haltung steht Weber konsequent im Kontext jener »Systemauseinandersetzung«, die er und sein Mitarbeiter Ulrich Mählert an der Universität Mannheim in einem Zeitungsbeitrag resümierten. Über die »gravierenden Unterschiede« in der deutsch-deutschen Zeitgeschichtsbetrachtung heißt es dort: »Während im Westen die kritische Sicht überwog, war den DDR-Historikern aufgetragen, die eigene Geschichte schönzufärben und an die jeweils gültige Parteilinie anzupassen. Denn die dortigen Chronisten hatten die SED-Generallinie zu rechtfertigen und das Axiom der stalinistischen Ideologie, die ›Partei‹ habe ›immer Recht‹, ›wissenschaftlich‹ zu untermauern. Ihnen fehlte die notwendige Unabhängigkeit, und es fehlte Pluralismus in der Forschung.«[8] Man vergesse freilich nicht: Die SED führte Hermann Weber als eines ihrer bevorzugten Feindbilder und »Persona non grata«. DDR-Boden konnte der bekannteste DDR-Forscher der Bundesrepublik erst kurz vor dem Ende der DDR wieder betreten, und das nur unter den Argusaugen des MfS. Das erklärt möglicherweise eine gewisse Alltagsferne des Autors. Einen anderen Zugang zur Frage, wie es Menschen in der DDR aushalten konnten, eröffnen neuere Forschungen zur Alltagsgeschichte, die das Wohnen, Sichkleiden und -ernähren ebenso einschließen wie das tägliche Sicharrangieren und -einrichten in den DDR-Verhältnissen. Möglicherweise ergeben sich daraus auch differenziertere Erklärungsansätze für das Fazit Wolfgang Seifferts, demzufolge in der DDR »Hunderttausende an die vorgegebenen Ideale einer neuen Gesellschaft glaubten und ihre Talente und Fähigkeiten für dieses Ziel einsetzten« und diese so letztlich »vierzig Jahre existiert und in vieler Hinsicht auch funktioniert« habe. Seiffert lobt Gesundheits- und Bildungssystem, den Sport, die praktizierte Gleichberechtigung der Frauen, die Versorgung im Alter. Nach 1989 hoffte er sogar, einen Teil seines einstigen DDR-Institutes samt ehemaligen Kollegen retten zu können. Sein Hinweis, »dass es in der DDR doch eine Reihe qualifizierter Rechtswissenschaftler gäbe«, fand kein Gehör. Das Max-Planck-Institut lehnte eine Übernahme ab. Die DDR bleibt für Wolfgang Seiffert der löbliche Beweis, dass es »auch anders geht«: »Befreit man das Bild der DDR von allen solchen Beschönigungsversuchen, einseitigen Blickwinkeln, ideologischen Überspanntheiten und stalinistischen Verzerrungen, dann war die DDR, und das ist es, was von ihr auf Dauer bleibt, der 40 Jahre währende Versuch, es in Deutschland auf allen Gebieten grundlegend ›anders zu machen‹. Anders als in der Vergangenheit, aber auch anders als in der westdeutschen Bundesrepublik.«  Nach seiner Emeritierung war Seiffert Gründungsmitglied des Instituts für deutsches Recht an der Universität Moskau. Als ehemaliger Spezialist für den RGW berät er heute deutsche Firmen, die in Russland tätig werden. Die aktuelle innenpolitische Entwicklung Russlands und die Präsidentschaft Vladimir Putins bewertet er ausgesprochen positiv. Zu Putin hatte er bereits im Jahr 2000 eine Biographie vorgelegt. [9] So sehr die Erinnerungsbücher Hermann Webers und Wolfgang Seifferts von der Auseinandersetzung mit dem östlichen Deutschland geprägt sind, als »Geschichtsbücher« bestätigen sie die Einschätzung, wonach es »über die DDR keineswegs konsensuale Urteile« gibt und die »Position der Zeitzeugen wie die der Geschichtsschreibung alles andere als einheitlich« ist[10].  Die gesammelten wissenschaftlichen und publizistischen Schriften von Manfred Wilke (Jahrgang 1941), in einer Auswahl erschienen anlässlich seines 65. Geburtstages, lesen sich dazu gerade so wie eine Art ordnende Klammer. Auch wenn es bei den ausschließlich nach 1989 verfassten wissenschaftlichen Texten immer auch um Biographisches und Porträts zur deutsch-deutschen Geschichte geht, fallen Wilkes Analysen und Darstellungen doch eher in den Bereich der zeithistorischen Forschung. Wilke verbinde »klassisch soziologische Fragestellungen nach der Macht, ihrer Eroberung, Erhaltung und ihrem Zerfall häufig mit historischen Forschungsmethoden und mit der Rekonstruktion politischer Biographien, mit der Fokussierung auf die Akteure, ihre Netzwerke, ihre Karrieren und ihre personalpolitischen und ideologischen Weichenstellungen«, würdigt Hans-Joachim Veen, Historiker und Leiter der Weimarer Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung, den Autor im Vorwort des von ihm herausgegebenen Schriftenbandes.  Wilke, Historiker, Soziologe sowie Mitbegründer und langjähriger Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, initiierte und gründete Ende 1976 mit Robert Jungk, Freimut Duwe und dem eben aus der DDR ausgebürgerten Wolf Biermann ein Schutzkomitee für infolge der Biermann-Proteste in der DDR Verhaftete, das unter dem bezeichnenden Namen »Freiheit und Sozialismus« agierte. Das sich westdeutsche Linke für DDRVerfolgte engagierten, war damals selbst für die DDR-Offiziellen ein Novum. »Wir wollten einen demokratischen Sozialismus in Ost und West und wir wollten die Blocklogik in der internationalen Solidarität überwinden.« So beschreibt Wilke das linke, im Nachhinein aber als »illusorisch« angesehene Selbstverständnis der Akteure in einem 25 Jahre später erschienenen Aufsatz »Das Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus« (S. 111–121).  Wen die Biographie Manfred Wilkes interessiert, der muss sich bis zu einem am Ende der Textsammlung abgedruckten Gespräch des Berliner Journalisten und langjährigen Kollegen beim Forschungsverbund SED-Staat, Hannes Schwenger, mit dem SED-Forscher durchblättern. Mit dem Thema Kommunismus wurde der 12-Jährige erstmals konfrontiert, als im Osten Deutschlands sowjetische Panzer den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 blutig niederschlugen. »An diesem Tag war ich nicht vom Radio fernzuhalten und habe sowohl die kurzzeitige Hoffnung, dass diese Volkserhebung gelingt, als auch ihre rasche Niederschlagung durch die sowjetische Besatzungsmacht schmerzhaft mitverfolgt.« Noch aber blieben diese Ereignisse ebenso wie die Ungarn-Revolution 1956 oder der Sieg der kubanischen Revolution unter Fidel Castro 1959 folgenlos für seinen eigenen politischen Weg. Zu einem Schlüsseljahr wird 1961, Wilke unterschrieb einen Solidaritätsaufruf des DGB zur Freilassung des 1961 von der DDR gekidnappten und zu 13 Jahren Haft verurteilten Heinz Brandt (dem einer seiner im Band zusammengestellten Aufsätze gewidmet ist), las Trockij, Traven und Luxemburg. In den 60er Jahren lernte er in der DDR Wolf Biermann und Robert Havemann kennen. Noch ist Westdeutschland »CDU-Staat«, im Zusammenhang mit den Studentenunruhen, Protesten gegen die Notstandsgesetze und dem Prager Frühling hatte Wilke auch Kontakt zur westdeutschen KPD. Über die prägenden Enttäuschungen von »1968« reflektiert Wilke im Interview mit Schwenger wie folgt: »Meine Hoffnungen in diesem Frühjahr verbanden sich mit dem ›Sozialismus mit menschlichem Antlitz‹, den die tschechoslowakischen Kommunisten in ihrem Land praktizieren wollten. Umso tiefer traf mich der Panzereinmarsch am 21. August 1968. Bei der Protestdemonstration über die Hamburger Kennedy-Brücke hatte ich das Gefühl, einen Epochenwechsel zu erleben. Ein Tor hatte sich für immer geschlossen. Breschnew beendete die Entstalinisierung und damit die Hoffnung auf Selbstreform des sowjetischen Kommunismus.«  Die Textsammlung enthält nur Beiträge der letzten 15 Jahre und lässt damit nur wenige Aufschlüsse über Wilkes unmittelbare Reflexionen in den 70ern zu. Erinnert sei aber an den Band Entstalinisierung[11] über den Ablauf der Geheimrede von Chruščev. Und über den gemeinsam mit Rudi Dutschke herausgegebenen Band über Aleksandr Sol’ženicyn[12] sagt Wilke: »Das Erscheinen des ›Archipel Gulag‹ führte damals in der westeuropäischen Linken zu einer erneuten Selbstprüfung ihres Verhältnisses zum Stalinismus und der Sowjetunion. Der von Rudi Dutschke und mir herausgegebene Band der Reihe rororo aktuell war in der Bundesrepublik singulär. Die deutsche Linke einschließlich der Sozialdemokraten zog das Schweigen vor, und die Kommunisten verwiesen ablenkend auf die nationalsozialistischen Verbrechen, um die Debatte in Keim zu ersticken.«  Der Schriften-Band präsentiert Manfred Wilke als Wissenschaftler, der beim gründlichen Erhellen, Aufdecken und Analysieren immer die Protagonisten und Akteure des Geschehens, vor allem aber Oppositionelle und Dissidenten in den Blick nimmt, von denen er viele persönlich kannte. Das macht ihn auch seit 1989/90 zu einem Mahner gegen Beschönigung und Vergessen. Zahlreiche Brüche in seinem politischen und beruflichen Leben, schreibt Hans-Joachim Veen einleitend, hätten dazu beigetragen, »dass er schon früh zu den Eckigen und Kantigen des politisch-wissenschaftlichen Diskurses gehörte, der oft unbequeme Ansichten vertrat und politisch nicht immer korrekt war, während eleganter Konformismus und rhetorisch unverbindliche Verbindlichkeiten ihm immer fremd geblieben sind.« Wilke trat 1994 nach 30-jähriger Mitgliedschaft aus der SPD aus, da er die heraufziehenden Koalitionen mit der PDS, die er als »Partei der inneren Spaltung« ansieht, nicht mittragen wollte. Sein Eintreten für die deutsche Einheit und seine persönlichen Verbindungen zu ehemaligen DDR-Oppositionellen führten ihn 1998 in die Berliner CDU, wo er seit 2005 auch Mitglied des Vorstandes ist. Auch wenn also, wie Manfred Wilke in der Festschrift zum 75. Geburtstag von Hermann Weber[13] feststellt, eine »Gesamtdarstellung der DDR-Geschichte aus historischem Abstand« noch aussteht, so steuern doch sowohl seine Arbeiten als auch die Erinnerungen Webers und Seifferts wichtige Kapitel dazu bei. Zu Weber konstatiert Wilke, »Renegaten« wie er hätten mit der öffentlichen Darlegung ihrer Gründe für ihren Bruch mit dem SED-Sozialismus geholfen, »dass – jenseits der Hoffnung auf Wiedervereinigung – die DDR als eigener Staat mit seinen spezifischen Konflikten im Westen wahrgenommen und als unerwünschte Realität anerkannt wurde«. Gegen den Selbstanspruch der SED vom Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft in der DDR, die historisch gesehen dem Kapitalismus in der Bundesrepublik eine Epoche voraus gewesen sei, habe Weber die Zerstörung der Utopie durch die Partei gesetzt. Den von Hermann Weber aufgebauten Mannheimer DDR-Forschungsbereich gibt es inzwischen nicht mehr – die Gründe dafür beschreibt der Mannheimer in seinem Buch. Immerhin bewahrten sich seine Frau Gerda und er im Festhalten am »Prinzip links« den Glauben an die Möglichkeit einer besseren und gerechteren Welt. Inwiefern diese bessere Welt nun tatsächlich ein ausschließlich linkes Projekt ist, sei dahingestellt. Dass sie möglich ist, darin dürften sich alle drei Autoren so oder so einig sein. [1]  Greiffenhagen, Martin: Freiheit gegen Gleichheit? Zur Tendenzwende in der Bundesrepublik, Hamburg 1975. [2]  Weber, Hermann in Zusammenarbeit mit Gerda Weber: Damals als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002. [3]  Weber, Hermann/Pertinax, Lothar: Schein und Wirklichkeit der DDR. 65 Fragen an die SED, Stuttgart 1958. [4]  Davon zeugen seine zahlreichen Veröffentlichungen u. a. Seiffert, Wolfgang: Das ganze Deutschland. Perspektiven der Wiedervereinigung, München 1986; ders.: Die Deutschen und Gorbatschow. Chancen für einen Interessenausgleich, Erlangen 1987; Berg, Hermann von/Loeser, Franz/Seiffert, Wolfgang.: Die DDR auf dem Weg ins Jahr 2000, Köln 1987. [5]  Weber, Hermann: Ulbricht fälscht Geschichte. Ein Kommentar mit Dokumenten zum »Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, Köln 1964. [6]  Weber, Hermann: Von der SBZ zur »DDR«. Bd. 1: 1945–1955, Hannover 1966.  [7] Weber, Hermann: Von der SBZ zur DDR 1945–1968, Hannover 1968. [8]  Weber, Hermann/Mählert, Ulrich: Auch in der Wissenschaft wird der Ost-West-Gegensatz schwächer, in: Frankfurter Rundschau vom 26. Juli 2001, S. 18. [9]  Seiffert, Wolfgang: Wladimir W. Putin. Wiedergeburt einer Großmacht?, München 2000. [10]  Faulenbach, Bernd: Nur eine »Fußnote der Weltgeschichte«? Die DDR im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts, in: Eppelmann, Rainer/Faulenbach, Bernd/Mählert, Ulrich (Hrsg.) im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung (Hermann Weber zum 75. Geburtstag), Paderborn 2003, S. 1–23. [11]  Wilke, Manfred/Crusius, Reinhard (Hrsg.): Entstalinisierung. Der XX. Parteitag der KPdSU und seine Folgen, Frankfurt a. M. 1977. [12]  Dutschke, Rudi/Wilke, Manfred (Hrsg.): Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke. Reinbek bei Hamburg 1975. [13]  Wilke, Manfred: Die DDR – Wandlungen der historischen Deutschung, in: Eppelmann/Faulenbach/Mählert: Bilanz und Perspektiven (Anm. 10), S. 27–37. 

JHK 2007

Editorial

Widerstandsgruppen, Oppositionelle und Dissidenten finden seit 1989/91 verstärkt das Interesse der Kommunismusforschung. Mit dem Schwerpunkt »Widerstand und Opposition gegen kommunistische Regime« greift das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung dieses Thema auf und nimmt zugleich die kommunistischen Regime Asiens in den Blick. Da die kommunistischen Parteien in China, Vietnam, Laos und anderen asiatischen Staaten bis heute an der Macht sind, ist die aktuelle Geschichtsschreibung dieser Länder von »weißen Flecken« und propagandistischer Schönfärberei geprägt. Felix Wemheuer behandelt ein solches tabuisiertes Thema: den Widerstand der Bauern in China gegen die kommunistische Landwirtschaftspolitik. Er schildert, wie brutal die Führung um Mao gegen die Bauern vorging, aber auch mit welchen Mitteln die Bauern die KPChdazu veranlassten, die radikalen Maßnahmen wegen des wirtschaftlichen Misserfolges  schrittweise zurückzunehmen. Martin Großheim beschreibt zwei Oppositionsströmungen in der kommunistischen Partei der Werktätigen im Nordvietnam der 50er und 60er Jahre. Die Parallelen zu den Prozessen in Ostmitteleuropa nach dem Tod Stalins 1953 sind beachtlich, auch wenn die Impulse für die vietnamesischen Reformversuche nicht von der Sowjetunion, sondern von China ausgingen. Die laotische kommunistische Bewegung war schwach und kam 1975 nur mit Hilfe Vietnams und Kambodschas an die Macht. Volker Grabowsky unternimmt in seinem Aufsatz erstmals den Versuch, diejenigen Gruppen in Laos zu beschreiben, die in der Laotischen Revolutionären Volkspartei gegen die offizielle Linie aufbegehrten oder sich außerhalb der Partei antikommunistisch positionierten. Der Beitrag von Botakoz Kassymbekova über die heutigen Erinnerungen an die Massenunruhen in den sowjetischen zentralasiatischen Städten Čimkent (Kasachstan) und Frunze (Kirgisien) 1967 runden den Blickpunkt Asien ab.  Ein unbekanntes Widerstandskapitel schlägt auch Olga Velikanova auf. Die Bewegung zur Bildung von Bauern-Gewerkschaften in der Sowjetunion der 20er Jahre hat bislang kaum Aufmerksamkeit in der Forschung gefunden. Velikanova führt die Analyse der Massenbewegung zur These, dass die 1929 von der KPdSU vom Zaun gebrochene Kollektivierung und »Entkulalakisierung« nicht zuletzt diese Emanzipationsbestrebungen der Bauern brechen sollten. Jean-Jacques Marie hat einen erschütternden Text über das Schicksal der Trotzkisten im Gulag verfasst. Sie opponierten 1937 mit einem zunächst erfolgreichen Hungerstreik gegen ihre Lagerhaft. Doch ihr Erfolg währte nur kurz: Das NKVD ermordete sie und ihre Familien während des »Großen Terrors« 1938. Einen weiteren Schwerpunkt des JHK 2007 bilden Kontext und Rezeption der der Oktoberrevolution. Anlass dafür ist ihr 90. Jahrestag. Alexander Vatlin zeichnet erstmals detailliert den außenpolitischen Strategiewechsel der Bolschewiki im Oktober 1918 nach. Dabei führt er zugleich den Nachweis, dass die sowjetischen Herausgeber der Lenin-Werke die Aussagen des marxistisch-leninistischen Klassikers in ihrem Sinne verfälschten. Gerrit Voermanschildert den Kampf zwischen den niederländischen und deutschen Kommunisten um die Vorherrschaft in  der kommunistischen Bewegung Westeuropas 1919/20; Hermann Weber unterzieht seine Thesen zur Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik im Lichte der neueren Veröffentlichungen und der seit 1989 zugänglichen Archivmaterialien einer Überprüfung.  Die Rubriken »Abhandlungen«, »Dokumentation« und »Sammelrezensionen« bieten wie in jeder Ausgabe Raum für die aktuellen Ergebnisse der Kommunismusforschung. Hervorzuheben ist dabei das Interview, das Manfred Wilke mit dem ehemaligen Dresdener Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer zur gescheiterten Reform der SED 1989/90 geführt hat. Das JHK enthält zudem den International Newsletter of Communist Studies XIII (2007), no 20, der von Bernhard H. Bayerlein herausgegeben und redaktionell betreut wird. Unser herzlicher Dank gilt der Herman-Weber-Stiftung in Mannheim sowie der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung in Berlin für die erneute finanzielle Förderung des Jahrbuchs. Im Jahrbuch haben einige personelle Veränderungen stattgefunden. Jan Foitzik, der dem Herausgeberkreis seit der JHK-Gründung 1993 angehörte, ist aufgrund zahlreicher Verpflichtungen im Sommer 2006 aus diesem Kreis ausgeschieden. Wir bedanken uns sehr herzlich für die langjährige produktive Zusammenarbeit und hoffen weiterhin auf Jan Foitziks Expertise und Rat. Ebenfalls gilt der Dank der Herausgeber den bisherigen Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirates, die mit dieser Ausgabe von ihrer Funktion entlastet worden sind. Herzlich willkommen werden die neuen Beiratsmitglieder geheißen, die fortan den Herausgeberkreis zu den Tendenzen der Kommunismusforschung in ihrem jeweiligen Land bzw. ihrer (Sprach-)Region beraten werden. Die Herausgeber freuen sich sehr, so namhafte Forscher für das Jahrbuch gewonnen zu haben und möchten zusammen mit ihnen den eingeschlagenen Weg der Internationalisierung der Themen und Autoren des Jahrbuchs fortsetzen.    Berlin, 29. Januar 2007                                                                 Die Herausgeber

JHK 2007

Memories of the Riots in Chimkent (Kazakh SSR) and Frunze (Kirghiz SSR) in 1967

Botakoz Kassymbekova

On May 17th 1967 hundreds of people rioted in the center of Frunze, the capital of Kirghiz SSR, during which they destroyed and put on fire militia and district departments, militia transport and assaulted militia workers. Just as in many other parts of the Soviet Union, the KGB reported that the riots were triggered by »hooligans«[1]. Barely a month later a much larger mass riot took place in neighboring Kazakh SSR in the city of Chimkent.[2] Again »hooligans« destroyed city militia departments and cars, just as the regional office of the Ministry for the Defense of Public Order, but also attempted to release prisoners from the symbolic investigative isolation cell in the center of the city.[3] Just as in other cities of the USSR, rioters in Frunze and Chimkent attacked exclusively militia workers and road police. To calm down the situation the Soviet administrators had to employ military troops of neighboring republics. Strict secrecy and silence followed the two uprisings. Vladimir Kozlov in his recent historical investigation of mass uprisings in the post-Stalin USSR has estimated the riots in Frunze and Chimkent to have been the largest mass uprisings of the entire Brezhnev Era.[4] The riots followed a typical scenario of many riots in other Soviet cities not least in that that they arose around important symbolic dates. 1967 was the year of the 50th anniversary of the October revolution. In Frunze, barely a week after the celebration of the World War II victory, two militiamen beat a soldier in public on a bus stop near a central market. The crowd at the bazaar, especially women, started shouting at the militiamen criticizing them for attacking the »defenders of the motherland«. Bazaar traders, some customers and passersby attacked these and other militiamen. Later that day a group of men attacked militia buildings and transport; burned furniture with documents in militia departments and, as an ex-KGB worker recalls, attempted to liberate prisoners from a jail.[5]  The procurator’s office concluded that hooliganism and distrust in militia’s actions were the main reasons of the »mass disorders«: »hooligans«, many of which were reported to be drunk, »destroyed in a barbarian way belongings, working documents and passports at the militia department, tore portraits from walls, broke desks, chairs, doors, telephone and radio equipment«[6]. An ex-KGB worker who was actively involved in investigating the riots remembered: »Well, after that [»mass disorders«] a process was started against youth. But who was the aim? We did not know. We took pictures of people. Then we figured out who was who. There was no planning (sgovor) of the riots, no leaders: someone had a brother in jail and wanted to free him, someone was sitting there before.«[7] Among the »evening« rioters were a carpenter, an unemployed wall painter, two unemployed military personnel and an ex-military man currently a musician,[8] they were Russians and Kyrgyz. Unlike rioters of other uprisings described by Kozlov, none hade been previously serving a sentence in prison.  In Chimkent, however, it was the death of a bus driver that triggered mass uprisings. On June 13th 1967, at about 1 a. m. Vasili Ostroukhov, a 29 year old employee of the regional autobus park, as officials reported back then, was taken off the city streets by a group of militiamen in drunken condition and brought to a sobering-up station. In the morning, around 6 a. m., during the next round check by the police, he was found dead on the same street. The medical doctor who conducted the post-mortem examination came to the preliminary conclusion that his death was caused by blood clots in his brain following excessive alcohol intake in combination with hypertonic illness. The director of the auto park and his drivers suspected that their colleague had died because of beatings in the center. After this version had reached employees of the automobile park, relatives and colleagues of Ostroukhov demanded another medical investigation with the participation of a specialist. At the same time, at 12 a. m., another group of drivers refused to start their work. Bus and taxi drivers blocked the traffic on the streets. In total 117 cars crowded together. Between 2 and 3 p. m. about 800 people approached the city’s militia department. On their way, a big group of people from the bazaars joined them. The movement swelled to 3 500 people, who burned the building of the city’s militia department, and who then went on to demolish the jail. They burned some parts of it, but the prisoners remained inside.[9] An ex-militiaman who experienced the events recalled: »The deputy head gave me some keys and ordered me to gather all the guns and to lock them away, so that protesters would not be able to get them. I noticed that, suddenly, he was not in the room anymore. In the meantime, the noise of a crowd could be heard and one could presume that the beating of militiamen had already started. The siege was in full blow. At this point, of course, we would have needed to take guns and defend ourselves. But following the order, we had given up the guns. Perhaps it helped. But some guns still fell into the hands of the people […]. Many militiamen tried to save themselves by jumping from the second floor. But they were caught, taken to the front of the buildings and just trampled over. I was able to run into the internal yard and found the clothes of a worker on a motorcycle. I changed clothes and survived. At this moment, the crowd rushed into the yard, but they beat up only those who were in uniform. However, they did not find any guns.«[10] Naturally, one wishes greater details of and reasons for these riots. Important archival material about the events, however, is still classified and historians are left to wait to learn more about them, especially the numbers of deaths they caused. Vladimir Kozlov has argued that the post-Stalin period uprisings in the USSR shared similar patterns and »were, no matter how paradoxical it sounds, evidence of the continued ideological stability of the [Communist] regime and of the still vibrant belief in ›real communism‹.« The persons who participated in uprisings, he explains, had personal reasons for revenge since many were exconvicts (often innocent) and had experienced the government’s brutality at first hand. Others were simply unemployed or poorly paid workers who had nothing to lose after their open protest against their living conditions and miserable lives. The author concludes that as a result of the wave of uprisings throughout the USSR, the state was frightened and became more flexible and attempted to satisfy the basic social groups economically.[11] In my case, due to refusal of KNB agencies (Committee for National Security, previously KGB) to disclose archival material both in Kyrgyzstan and Kazakhstan, this work is only partially based on written documents. The limitation, however, opens other, no less important opportunities to the study of these uprisings: the living memories, interpretations and meanings of those in contemporary Kyrgyzstan and Kazakhstan.  Mass media reports The events of 1967 were not mentioned in the newspapers back in 1967[12], no history textbook included information about them. And as Erlan Satyrbekov, a journalist of an independent Kyrgyzstani newspaper, wrote, »the government cleaned up everything the next day in order to erase the horrible event form people’s memories«. Journalists in Shymkent and Bishkek[13] report that »1 150 military personnel were sent to restore order in Chimkent«[14] and »some 6 000 personnel to restore order in Frunze.«[15] The government back then decided not to make these events public, so that they were officially »forgotten«. However, some journalists, both in Shymkent and Bishkek, started discussing the events after the collapse of the Soviet Union, usually blaming militiamen and the ex-Soviet system for the brutal riots that took place some four decades ago. In Bishkek, Alexander Tuzov writes in Vechernii Bishkek, a major daily newspaper in Kyrgyzstan, that in spring 1967 »the Soviet rule was abandoned, but the rioters did not put in place any other power and in few days the anarchy was stopped.«[16] He portrays the event as pointless and brutal revolutionary uprising against the Soviet rule.[17] However, the author notes, the citizens of Frunze, as usual, were mostly inactive and silent, so that the riot was suppressed the same day. He also draws attention to the fact that the Soviet government started holding military parades from November 7th 1967 on to demonstrate its power. Previously it had held only parades of workers. The noise of tanks and the brightness of rockets must have underlined the power of the rule of the Bolsheviks, who were celebrating in 1967 the 50th anniversary of the socialist Great October Revolution.[18] Erlan Satybekov in his article in the newspaper Delo # does not go so far as to proclaim the riot a revolutionary uprising, but instead links them to other events of 1967 that took place in the Soviet Union, among which were inter-ethnic conflicts in the Caucasus, student uprisings in Belarus SSR, workers’ boycott against growing prices, and so on.[19] For him, the many violently silenced riots were the results of rising repressiveness of the Soviet politics of the 1960s when »human suffering was not considered«. He notes that the reports characterize the »hooligans« as »alcoholics, drug addicts or those who did not participate in the social life of a community«. But those were only the leaders and starters, who were followed by people mainly with positive characteristics. Here, Satybekov suggests, is »where the trouble starts«[20]. He questions the fact »that the government did not find any ›politics‹ in these events, mere hooliganism in the framework of »mass disorders«. He also states that »these two days are included in teaching materials of the MVD and KGB of the USSR as the most typical examples of ›mass disorders‹ that take place according to a classical scheme«[21]. In another newspaper, the same author mentioning the same riots argues that the present government has not changed the core of the [Soviet] politics, but only the ideological direction.[22] A clear link between the past and the present is constantly articulated: authoritarian government, lack of freedom of speech, passive population. A change occurs only with March 2005 Kyrgyzstani »Tulip revolution« with an article describing Felix Kulov[23] – the prime minister who was liberated from prison during the events 2005 and was the »spiritual father« of the »revolution« – as a revolutionary hero who already in 1967 participated in uprisings in Frunze. Ironically, back then Kulov was a militiaman and was on the other side of the uprisings, his lasting heroism was dubiously explained by the journalist: Kulov warned about postSoviet uprisings[24] as an experienced person but the government did not listen to him.[25] In the article, then, the mass riots are seen both positively and negatively. On the one hand, innocent persons were suppressed, on the other hand riots are destructive and the government should prevent them. This dubiousness probably reflected the uncertain attitude towards the »Tulip revolution« of 2005 a year later, where many still could not decide whether it was destructive or constructive, right or wrong. In Kazakhstan the riots were looked at in a similar way. The journalists tell the readers stories of militia’s corruption and decadence and harshly criticize the past regime but also the present one. A journalist of Karavan, one of the most popular newspapers, wrote: »The exact number of people who were accused and executed was never officially proclaimed. And memory of these events was ›prohibited‹. However, in archives of Southern Kazakhstan we can notice a high rise of cases on articles such as ›evil hooliganism‹ and ›resistance to rules‹. As a matter of fact, all this ›hooliganism‹ is under a ›secret‹-stamp. The only thing that was possible to discover is that there are thousands of cases like these in courts for the period from September to December of 1967.«[26] The author draws attention to the fact that none of the participants of the riots were rehabilitated after the collapse of the Soviet Union, since all of them were accused of having conducted criminal acts and were executed by the court. The editor of this newspaper states that »at least back in Soviet years there was order«. He remarks that this popular argument does not take into account the fact that this »social order« killed people.[27] However, he continues his contradictory argument, although official explanations for disorders were »hooliganism« and »Western espionage«, on a nonofficial level militiamen were also punished since those were the main reason that led to such riots, whereas now in Kazakhstan brutality of militiamen goes mostly unpunished.[28] Journalists of the local Kazakh-language Shymkent newspaper Yakiha call people to remember past heroes, the ones who fought against militiamen and the system in 1967, since those understood back then that »the past [Soviet] politics was unable to offer opportunities for future development of the country«[29]. They regret, though, that local administration and militia workers did not help them with archival information, but instead asked to forget the riots since »those are in the past and do not need to be remembered«[30]. Divided memories: along the ethnic lines Memories of past events never live in a vacuum and are not unchangeable. Individual worries, interests, desires and fears are expressed through storytelling and remembering. »Incorrect« memories of past events are valuable in that they can help us explain the meanings of those events for the individuals and groups today.[31] What do riots mean for these people today, how do they understand the protests? Memories are always individual and peculiar to each person, but there are trends among individuals in how they remember certain events and thus build a certain identity around them. In recalling the 1967 uprisings in Frunze and Chimkent, the memories of the events were bright and diverse. There was a peculiar trend in narratives: those of »Slavic« background remembered the events differently from Kazaks and Kyrgyz. Both groups, however, linked the uprisings to other events and thus had their fears and aspirations about the great political and social transformations expressed in their memories. Marina Grigorievna[32], a fifty-four years old woman, citizen of Kyrgyzstan, ethnic Russian, who was eighteen years old when the riot took place recalled: »I was going to work this day, you know, I was working since I was 18 years old […]. Our trolleybus went down Sovetskaia street and was going through the green market. But this day it stopped just before the bazaar. We did not know what was going on and we had to go out. I did not get to work, I think we even did not work for two days because of this mess. When we came out I saw all these fruits lying on the floor: nuts, kuraga (dried apricots), raisins, all in the dirt, on the ground! It was so shocking. I remember Kyrgyz and Uzbeks fighting with each other. I remember all those tyubeteikas (traditional hats), a lot of noise. I saw a body near me and all that food lying around. This was the first time I saw a corpse. All this was dirty. I do not know what else they needed, but we [Russians] stayed out of the conflict. You know they [Kyrgyz and Uzbek] always had problems between each other. As during those Osh events[33] […]. It was so scary. What do they want, why do they fight? I do not understand. You know people just came down from the mountains and do not know what to do. People divide something and argue with each other. But we sit silently, because no one needs us.«[34] In the last sentence by »us« Marina Grigorievna meant »Russians«. What is striking about her narrative is that for her the riot was not an uprising against militiamen but a fight between Kyrgyz and Uzbek. Her event clustered around ethnicity and food. For her there was a clear link to the Osh events. Marina and her family were forced to migrate to Central Asia with the official mission to »civilize« the people of the region in 1940s, where she succeeded by becoming the head of a technical unit at a factory and could secure a stable and good living for her family. She worried about another »nationalist« uprising taking place in Kyrgyzstan that could force her to flee to Russia.[35] »Back then we had no nationality problems whatsoever, not like today!«[36] repeated Lyubov, a woman of Ukrainian origin, dozens of times. Always an activist worker, she was a Komsomol chair, then a district head (also in 1967) which she remained until today. But instead of recalling the 1967 riots she re-called her experience of the Osh events: »We, Russian old women [starushki], were riding on a bus when one young Kyrgyz man stopped the bus and asked us to get out. We were outside of the city. The driver, a good man, told him that he should show consideration since only old women were in the bus. Thus, he let us through. […] It was so awful, I was afraid that we [Russians] would have to leave [Kyrgyzstan].« Vasili, a Russian ex-militiaman, remembered the uprisings of Osh similarly and concluded that »the crowd is dangerous precisely because it does not have demands, as president Akaev[37] says […] it brings only violence.« Thus, as Marina, Vasili and Lyubov would go on talking about nationality problems, they would declare that they respect [former] president Askar Akaev, and add that only because of him Russians can live in Kyrgyzstan and therefore they want him to stay for longer. Their memories of the past, their fear of change of the contemporary situation and their personal experiences with nationalism in Bishkek influenced their voting behaviour in the constitutional referendum in 2003.[38]  Sapar, a Kyrygyz history professor in Bishkek, on the other hand, who was a married student in 1967, related the riots in Frunze to a different occurrence that took place in 1968, also in Frunze. He said that the riot of 1967 was, as any other riot, a struggle for scarce resources:  »In 1968, if one did not work in a factory, for the Ministry of Internal Affairs, or the KGB it was impossible to get land or an apartment. A lot of people as me were from rural areas and did not work in such places. I was a doctoral candidate. There was one unoccupied place in the town that is now near the Cancer Center; there we started building houses for ourselves. We knew no one would give us land. We were young Kyrgyz intelligentsia; we did not see any other prospects […]. When all the houses were finished militiamen came with tractors and started pulling them down. The houses were so beautiful, white. But militiamen did not care. There were 385 houses. We put our old grandmother in front of the house and they did not dare to drive over her. Thus, she saved some houses [laughing]. But somebody else put a pregnant woman in front of the house and militiamen did not care, they forced her into the car, but still destroyed their house.«[39] He talked about his experience with militia, not in the context of 1967, but against a different background. When I met Sapar the next time, his story changed radically: »Back then there were many ›mass disorders‹. We took them as hooliganism. But during this event [riots of 1967], we began to realize what life meant without militiamen. For about two days there was no militia on the streets. People, dangerous for society, felt like kings – tuniyadtsy [lazy people who live on the cost of society], bezdelniki [people who do nothing] – were hanging around the streets. They were lucky, they stole beer, and they felt good. It became dangerous [without militiamen]. Tuniyadtsy were those who did not get a job anywhere in the Union. Kyrgyzstan was one of the centers of all-Union construction works [vsesoyuznaya stroyka], thus we had tuniyadtsy from all places. Also, young people who did not enter colleges were becoming alcoholics. There was a peak of Issyk Kul opium culture. Opium was exported from the Republic in tons. Many people wanted to make money on that. Thus, if the events of 1967 were not the first democratic movement, then they were a criminal act. From May to September people produced opium in Issyk Kul. Those years a lot of people from Caucasus came […]. Thus it was an opium period. People gathered a certain amount of opium needed to get it out of the country unnoticed. Since there were many alcoholics, it was not difficult. They provoked the riot and when everyone was in shock they left the country with opium quite easy. What do you think? The Batken [event][40] is also a matter of narcotics. Every time there is a narco season, there are battles. Riots are often just a manoeuvre for taking away one’s [militia’s] attention.«[41] In his first interpretation Sapar tries to place himself as a Kyrgyz citizen in Kyrgyzstani history playing a role in the collapse of the Soviet Union. In the later interpretation, he is trying to link the events of 1967 to the Batken events and develops conspiracy theories. In his first narratives he shows himself as a citizen who came from a rural area to Frunze and contributed to the democratic development of Kyrgyzstan; in the second interpretation, he is explaining the riots as »dirty business« which he condemns and of which he was not a part. A similar account gives Murat, a Kazakh male citizen of Shymkent who also came from a village to become a journalist. He tried to explain the events of 1967 through the corrupted politics of the past and present administration, but also linked them to another nationalist rebellion in 1986 that took place in the capital of Kazakhstan: »These drivers did not rise in vain. Back then the director of the bus-station had to pay 10 000 rubles for his seat. It is like today; everyone has to pay for his or her position. The Party – as now does the clan – decided who would get what position. The director of the station could not gather 10 000 rubles any more, there was not enough money. And he planned the uprising. The only thing is that he planned to have it later. But here, by chance, a driver was killed and the drivers started it themselves […]. A Soviet man of the 1960s was a mature person: he knew all that structure of politics and did not need the Soviet Union anymore. Do not believe that the riots were simple ›mass disorders‹. You cannot have in one day, in one minute so many people protesting […]. It was also a national question. Back then the head of the regional Committee was Vladimir Nemencov, but if he were a Kazakh, then he would have been jailed. Nemencov was sent to Aktyubinsk, and here [in Chimkent] a Kazakh secretary was put in place. See, for Moscow the rioters were Kazakhs. The national question was not raised back then, but if the secretary were a Kazakh they would ask him ›Why do your people rebel?‹. It was just like in 1986, in Almaty. But there I was one of the organizers of the uprising. There we could not stand that our state secretary would be a Russian.«[42]  Murat saw clear links between nationalism, the party network and the events. The clan network – is what makes him feel dismal today. But he also links his story to 1986, the ethnic conflict in Almaty between the Kazakhs and the Russians, and his struggle with the past. However, what is similar in Murat’s and Sapar’s narratives is that they both try to set themselves as contributors to the Kyrgyz or Kazakh nation, but also criticize corruption as obstacles.  An ex-worker of the bus-station where the uprising started, Timur, ethnic Kazakh, remembers the events the following way: »No one taught us how to demonstrate – look, in the European Union they do it peacefully, in some frameworks. In 1967 everyone rioted not knowing what to do, they did it in despair. We jumped from feudalism to socialism and broke our leg, just like on the staircase. Here [in Chimkent 1967], the cup was too full and people went against militiamen. It was against their corruption. There was one auto-inspector, traffic regulator, uncle Styopa – Uzbek – no one touched him, because he did not take bribes, even if those were offered. Well he took bribes, but just a little bit, not like others […]. Drivers wanted to complain, but it did not work out. People thought that war had started. Military divisions were sent here. People died. KGB agents took pictures of those who participated and then put them in jails […]. Nevertheless, militiamen became more honest after all, we have achieved something […]. But the riots were only against militiamen, because those were taking bribes. People did not attack other officials. […] Militiamen were mainly Kazakhs from villages. They were uneducated, poor – second class citizens. Most Kazakhs were hired only for construction works: black people – black work. Russians had elite jobs; they could afford to be more honest. Today, for example, a smart Kazakh in power does not take as vice-chairs Kazakhs, but only Russians. This way one can get rid of the clan. A Kazakh vice-chair would hire everyone from his clan. Russians do not do it on clan structure […].«[43] Timur’s narrative is similar to Murat’s and Sapar’s in that it condemns clan structures and corruption of the past and of today. He sees himself as one of those who fought such a system before and how those in power can fight it today. In their narratives, Timur, Murat, and Sapar derive their sense of citizenship from their memories of certain events: for Sapar it is taking lands and for Murat it is riots in Chimkent and Almaty. On the other hand, they express their disappointment about the criminal element such as corruption, or a clan structure, destroying something that they were fighting for. Thus, Sapar and Murat are interested not so much in nationality problems (although they do complain about past problems), as are Lyubov, Marina and Vasili, but in the lack of government’s transparency and the overall political structures. To conclude, memories of events can give us alternative information that has not been reported by officials in a way that would demonize the protesters. However, memories do not simply give us »alternative« information about riots. Memories can help us understand people’s political imagination (how the state should function) and construction of national identities: how they put themselves as a Russian, a Kyrgyz or a Kazakh citizen in the course of a nation’s history. Their desires and fears can suggest their political behaviour: with the example of Marina, Vasili and Lyubov it becomes possible to explain the voting behaviour of the »Slavic« population, the second largest ethnic group, of Bishkek in the 2003 referendum. However, Kyrgyz and Kazakh voices also suggest that there are not simply »losers« or »winners« of the collapse of the Soviet Union. Kazakhs and Kyrgyz just as Russians live through difficult times of uncertainty: many are disappointed about corruption and authoritarianism of past and present governments.[44] But, as journalists were quick to point out, it is crucial to remember and discuss past protests and political problems. They are politically sensitive and bring up issues not only of the past, but also of the present and thus a dialogue with ourselves. [1]  Obvinitelnoe Zakluchenie [Charge], in: Archives of the National Security Service (SNB) of the Kyrgyz Republic, Archives of Criminal Processes, August 8th 1967, no 1714, p. 1. [2]  Post-Soviet names of the two town are Shymkent, Kazakhstan and Bishkek, Kyrgyzstan accordingly. [3]  A summary of the event was submitted to the Minister of Social Order of USSR Nikolai A. Shelokhov, signed by the Minister of Internal Affairs of the Kazakh SSR Shirakbek Kabylbaev. Cited in Khalmenov, Kulahmet: Vospominaniya Generala Milicii [Memories of a Militia General], Almaty 2001, p. 191–193. [4]  Kozlov, Vladimir: Mass Uprisings in the USSR: Protest and Rebellion in the post-Stalin Years. Armonk, NY/London 2002. [5]  Interview taken in Bishkek, September 2002. [6]  Obvinitelnoe Zakluchenie (footnote 1), p. 3. [7]  Interview taken in Bishkek, September 2002. [8]  Obvinitelnoe Zakluchenie (footnote 1), pp. 18–22. [9]  A summary of the event submitted to the Minister of Social Order of USSR Shelokhov (footnote 3), p. 191–193. [10]  Cited in Shemratov, Danil: Jarkoe Leto 1967 [The Hot Summer of 1967], in: Karavan, no 7 (665), February 14th 2003, p. 6. [11]  Kozlov: Mass Uprisings (footnote 4), p. 314. [12]  I have checked newspapers from 1967 in the archives of the Lenin Library in Bishkek. Journalist Erlan Satyrbekov, who investigated the events, also states that none of the newspapers mentioned the riots. Satybekov, Erlan: Bazarnyi Bunt: belie piatna nashei istorii (Market riot: white gaps in our history), in: Delo # May 28, 1997, p. 13. [13]  I am using these names to mark the period after collapse of the Soviet Union (see footnote 2). [14]  Cited in Khalmenov: Vospominaniya (footnote 3), p. 192. [15]  Satybekov: Bazarnyi Bunt (footnote 12). [16]  Tuzov, Alexander: Kyrgyzstan: XX vek … 1967 … 1968, in: Vechernii Bishkek, December 15th 2000, p. 9. [17]  Ibidem. [18]  Ibidem. [19]  Satybekov: Bazarnyi Bunt (footnote 12). [20]  Ibidem, p. 14. [21]  Ibidem, p. 14. [22]  Satybekov, Erlan in: Slovo Kyrgyzstana, no 27 (266), May 17th 1995, p. 6. [23]  Felix Kulov held various government positions both in Soviet and post-Soviet Kyrgyzstan.  [24]  Here the author refers to various riots in post-Soviet Kyrgystan. [25]  Tuzov, Alexander: Massovyi bunt, bessmyslennyi i besposhadnyi [The senseless and ruthless mass uprising], in: Vechernii Bishkek, no 65 (8739), April 8th 2005. [26]  Shemratov: Jarkoe Leto 1967 (footnote 10). [27]  Shuhov, Alexander (editor-in-chief): At least in Soviet years there was order!, in: Karavan, no 7 (665), Febuary 14th 2003, <http://www.caravan.kz/content.asp?pid=157&tid=4&aid =5810>. [28]  Ibidem. [29]  Abdikemuly, Mombek/Jomart, Atymtai: 1967 jylhy Shymkenttegi shopyrlar koterelisi [Shymkent drivers’ uprising in 1967], in: Yakiha, no 2 (2001), p. 16. [30]  Ibidem, p. 2. [31]  Thompson, Paul. The Voice of the Past: Oral history. Oxford 2000. [32]  All names are changed. [33]  The »Osh event« was an ethnic conflict between Kyrgyz and Uzbek in southern Kyrgyzstan that occurred shortly after the collapse of the Soviet Union. [34]  Interview in Bishkek, November 2002. [35]  Marina left for Russia before the Kyrgyzstani »Tulip revolution«. [36]  Interview in Bishkek, March 2003. [37]  President of Kyrgyzstan 1991–2005. [38]  The Constitutional referendum of 2003 was coupled with the »vote for the president«. Amidst instable political situation in Kyrgyzstan with various parties demonstrating against the president, the president Akaev announced that those who will vote for the constitution will also vote symbolically for the president and entrust him to lead the country. This referendum was seen by some people as a rehearsal before the real presidential elections in 2005. [39] Interview held in Bishkek, March 2003. [40]  The Batken events were generally portrayed as defence war of the Kyrgyz border against Islamic extremists (usually native Uzbeks) coming from Afghanistan into Uzbekistan through Kyrgyzstan. [41]  Interview held in Bishkek, March 2003. [42]  Interview held in Shymkent, November 2002. [43]  Interview held in Shymkent, February 2003. [44]  The interviews were held in 2002 und 2003, with the »Tulip revolution« the attitude seems to change. 

JHK 2007

Wechselseitige Dynamisierung von Protest und Repression: Die Auseinandersetzung um die Emigration sowjetischer Juden (1969 bis 1971)

Kerstin Armborst

An der Frage der Emigrationsmöglichkeit für sowjetische Bürger entzündeten sich bis zum Zerfall der UdSSR immer wieder Konflikte. Obwohl die Sowjetunion das Recht auf Freizügigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Unterzeichnung internationaler Vereinbarungen wie der Deklaration der Menschenrechte, des Paktes über bürgerliche und politische Rechte und der Helsinki-Schlussakte anerkannt hatte, handhabten die sowjetischen Behörden die Frage der Ausreise bis in die zweite Hälfte der 1980er Jahre restriktiv. Das Ein- und Ausreiseverfahren regelte eine Verordnung des Ministerrates, die eine Emigration aus der Sowjetunion von der Genehmigung durch die zuständigen Organe abhängig machte, die Entscheidungskriterien aber offen ließ.[1] Somit besaßen die Sowjetbürger keinen Anspruch auf Ausreise und konnten das ihnen durch internationale Vereinbarungen zugestandene Recht auf Freizügigkeit nicht einklagen, sondern sie waren, wenn sie das Land verlassen wollten, der Willkür der sowjetischen Behörden ausgesetzt. Die Erteilung einer Ausreisegenehmigung erfolgte sozusagen als ein Zugeständnis der Behörden, das von verschiedenen außenpolitischen und innenpolitischen Faktoren abhängig war. Die Ablehnung eines Antrags, die oft mündlich und ohne Begründung übermittelt wurde, ging häufig einher mit dem Versuch, die Antragsteller durch Druck dazu zu bewegen, ihre Emigrationsbemühungen einzustellen.  Dennoch setzten seit den späten 1960er Jahren mehr und mehr jüdische Sowjetbürger auf die Option zur Emigration nach Israel und beantragten die Ausreisegenehmigung, die zunächst nur in seltenen Fällen erteilt wurde. Wer zur Gruppe der otkazniki, der abgelehnten Ausreisewilligen, gehörte, hatte sich bei Fortsetzung der Ausreisebemühungen grundsätzlich zwischen zwei Alternativen zu entscheiden: entweder sich still zu verhalten und nach einiger Zeit einen neuen Antrag zu stellen in der Hoffnung auf eine zwischenzeitliche Veränderung der Voraussetzungen, oder aber gegen die Ablehnung zu protestieren und auf diese Weise zu versuchen, doch noch eine positive Entscheidung über den Ausreiseantrag zu erwirken. Da die Erklärung des Ausreisewunsches für die Betroffenen bereits häufig Repressalien wie etwa Schikanen am Arbeitsplatz bis hin zur Entlassung, die Relegation von der Universität oder den Ausschluss aus der KPdSU und dem Komsomol zur Folge haben konnte, sahen viele otkazniki angesichts ihrer Situation nur den Weg des Protestes. Die Proteste gegen die Verweigerung einer Ausreisegenehmigung, die ganz unterschiedliche – sowohl legale als auch illegale – Formen annahmen, riefen seitens der sowjetischen Behörden Gegenreaktionen hervor, die erahnen ließen, welche Bedeutung die sowjetischen Machtorgane dem Widerspruch beimaßen, und die ihrerseits oft erneut Anlass zu Protesten gaben.  Verhaftungen von Aktivisten, d. h. Ausreisewilligen, die gegen die Verweigerung der Genehmigung protestierten, gab es bereits in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. In einzelnen Fällen folgten ein Prozess und die Verurteilung zu einigen Jahren Lagerhaft wegen »antisowjetischer Agitation« oder »Verleumdung«.[2] Einen Höhepunkt erreichte die Konfrontation zwischen jüdischen Ausreisewilligen und den sowjetischen Sicherheitsorganen jedoch im Frühsommer 1970. Anlass war der Plan einer kleinen Gruppe, ein Flugzeug gewaltlos nach Stockholm zu entführen, um dort in einer Pressekonferenz über die restriktive Ausreisepolitik der Sowjetunion zu berichten. Bevor es jedoch zur Tat kam, nahmen die sowjetischen Sicherheitsorgane die Gruppe am 15. Juni 1970 am Flughafen Smol’nyj in Leningrad und in einem Wald nahe der Stadt Priozersk fest. Außerdem verhaftete die Miliz am selben Tag acht Mitglieder einer jüdischen Gruppe in Leningrad, einige Wochen später folgten Verhaftungen in Riga und Kišinev (moldauisch/ rumänisch: Chişinău). In mehreren sowjetischen Städten wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt und dabei Bücher zu jüdischen Themen, Hebräisch-Lehrbücher, Kopien von Briefen an die Behörden und andere Papiere konfisziert, die in Zusammenhang mit dem Ausreiseantrag standen, jedoch keinerlei Verbindung zum Entführungsplan aufwiesen. Betroffen waren vor allem Antragsteller, die Petitionen verfasst oder sich an Samizdat-Publikationen beteiligt hatten. Die Durchsuchungen und Verhöre dauerten den Sommer und Herbst hindurch an. Vom 15. bis 24. Dezember 1970 fand der so genannte Erste Leningrader Prozess gegen die »Flugzeugentführer« statt, die unter anderem des »Verrats«, der »Verantwortung für die Vorbereitung einer Straftat und für eine versuchte Straftat«, des »Diebstahls von Staats- und Gesellschaftseigentums in besonders großem Ausmaß«, der »antisowjetischen Agitation und Propaganda«, der »organisatorischen Aktivität, die auf die Begehung besonders gefährlicher Verbrechen gegen den Staat gerichtet ist«, sowie der »Teilnahme an antisowjetischen Organisationen« beschuldigt wurden. Obwohl der Entführungsplan nicht einmal ansatzweise ausgeführt worden war, lauteten die Urteile auf Haftstrafen zwischen vier und fünfzehn Jahren, in zwei Fällen wurde die Todesstrafe verhängt, die jedoch nach Protesten im In- und Ausland in langjährige Haftstrafen umgewandelt wurden.[3] Der Erste Leningrader Prozess, dem drei weitere Gruppenprozesse in Leningrad[4], Riga[5] und Kišinev[6] folgten, gab dem Kampf um die Ausreisegenehmigung einen neuen Impuls: Die Verhaftungen und Verurteilungen bewirkten nicht die von den sowjetischen Behörden beabsichtigte Eindämmung der Emigrationsbewegung, sondern führten im Gegenteil unter den zur Auswanderung entschlossenen Juden zu einer Intensivierung der Bemühungen um die Ausreisegenehmigung und zu einer verstärkten Aufmerksamkeit im Ausland. Etwa zehn Jahre später stellte David Prital im Vorwort zum Sammelband In Search of Self. The Soviet Jewish Intelligentsia and the Exodus fest, »the Leningrad Trials […] initiated a new chapter in the history of the Soviet aliya movement and its struggle to realize the rights of Soviet Jewry to immigrate to Israel«.[7] William Orbach wertete die Bedeutung der Prozesse mit Blick auf die Außenwahrnehmung der jüdischen Proteste: »The Leningrad arrests and subsequent trial of a number of Soviet Jews in 1970 catapulted the movement into the international limelight.«[8] Die in der Forschung unbestrittene Einschätzung der Prozesse als Impetus sowohl für die innersowjetische jüdische Protestbewegung als auch für die Entstehung einer internationalen Bewegung zur Unterstützung der jüdischen Proteste in der UdSSR wirft die Frage nach den Ursachen dieser Eskalation in der Auseinandersetzung zwischen Ausreisewilligen und Behörden auf, fordert aber auch eine genaue Untersuchung der Frage, weshalb die Verhaftungen und Prozesse eine derartige Dynamik innerhalb der jüdischen Bewegung freisetzten, die einerseits zu einer Ausweitung der Proteste und andererseits zu einem schlagartigen Anstieg der erteilten Ausreisegenehmigungen für sowjetische Juden führte. Während die Entwicklung der jüdischen Protestbewegung vor allem anhand von Samizdat-Dokumenten und Berichten der Beteiligten bereits gut erforscht werden konnte, war die Untersuchung der innerhalb der sowjetischen Machtorgane geführten Diskussionen über die jüdische Emigrations- und Protestbewegung und der Hintergründe der Emigrationspolitik bis zur Öffnung der sowjetischen Archive im Jahr 1991 kaum möglich. Da der Zugang zu den Archiven Mitte der 1990er Jahre erneut reglementiert wurde und viele Bestände der Forschung weiterhin unzugänglich sind, lassen sich diese Zusammenhänge noch immer nicht lückenlos erforschen. Allerdings gelang es dem Cummings Center for Russian and Eastern European Studies an der Universität Tel Aviv im Rahmen verschiedener Archivprojekte zwischen 1994 und 1997, eine bedeutende Zahl von Dokumenten zur Frage der jüdischen Emigration in verschiedenen russischen Archiven zu sichten und zu publizieren. Diese von Boris Morozov herausgegebene Edition[9] enthält zahlreiche Dokumente vor allem aus dem Archiv des ZK der UdSSR,[10] die näheren Aufschluss über den Umgang der Machtorgane mit der Emigrationsfrage, über ihre Einschätzung der Proteste der Ausreisewilligen und über taktische Überlegungen und Pläne für Gegenmaßnahmen geben. Während bislang hinsichtlich der Strategien der Machtorgane zur Reaktion auf die Emigrationsbewegung in wichtigen Punkten nur Vermutungen angestellt werden konnten, lassen sich nun anhand der internen, bis Anfang der 1990er Jahre geheimen Dokumente viele Zusammenhänge deutlicher fassen. Im Folgenden soll daher auf der Grundlage der bisherigen Forschungsergebnisse zur Anfangsphase der jüdischen Emigrationsbewegung, anhand der im Samizdat publizierten Zeitschriften, der editierten Briefe und Petitionen jüdischer Ausreisewilliger[11] und unter Heranziehung der bei Morozov veröffentlichten Dokumente untersucht werden, wie es zu der oben dargestellten Eskalation zwischen den Ausreisewilligen und den sowjetischen Machtorganen kam und welche Faktoren für die wechselseitige Dynamisierung von Protestbewegung und staatlichen Repressionen Anfang der 1970er Jahre eine Rolle spielten. Vom Ausreisewunsch zum Protest  Bereits in den 1950er und 1960er Jahren bildeten sich innerhalb der jüdischen Bevölkerung in mehreren sowjetischen Städten kleine private Gruppen, die sich mit dem Studium der hebräischen Sprache und der jüdischen Kultur beschäftigten, jüdische Literatur lasen, sie im Samizdat verbreiteten und bemüht waren, auf diese Weise das durch die Schließung jüdischer kultureller und religiöser Institutionen seit der Stalinzeit von offizieller Seite geschaffene Vakuum wenigstens in Ansätzen zu füllen. Diese im Zuge des »nationalen Erwachens« nach der Staatsgründung Israels entstandenen Gruppen lassen sich zum großen Teil durchaus als zionistisch orientiert bezeichnen, jedoch zielte ihre Arbeit zunächst noch nicht auf die Emigration aus der UdSSR.[12] Eine Welle von Ausreiseanträgen erreichte die sowjetischen Behörden 1967, nachdem der Vorsitzende des Ministerrates, Aleksej Kosygin, im Dezember 1966 im Rahmen seines Parisbesuchs erklärt hatte, die UdSSR werde die Emigration zum Zwecke der Familienzusammenführung nicht behindern.[13] Jedoch nach dem Ausbruch des Sechstagekrieges und dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel im Sommer 1967 nahmen die zuständigen sowjetischen Behörden keine Ausreiseanträge für Israel mehr an und stellten die Bearbeitung bereits vorliegender Gesuche vollständig ein. Der Ausgang des Sechstagekrieges und die von sowjetischen Medien betriebene umfangreiche antizionistische und antisemitische Propaganda gaben neue Impulse zur (Wieder-)Entdeckung der eigenen jüdischen Identität. Am deutlichsten zeigte sich die wachsende Hinwendung vieler sowjetischer Juden zum jüdischen Volk und zu Israel an den jüdischen Feiertagen, wenn zahlreiche Menschen an den Synagogen zusammenkamen – misstrauisch beobachtet vom sowjetischen Geheimdienst.[14] Um den Druck im Innern zu mindern und vor allem um Kritik von außen zu entkräften, riet der KGB dem ZK im Juni 1968, im laufenden Jahr wieder eine begrenzte Ausreise nach Israel zuzulassen: »Die Entscheidung der Frage über die Wiederzulassung der Ausreise sowjetischer Bürger nach Israel aus Gründen der Zusammenführung von durch den Krieg zerrissenen Familien kann in den Augen der Weltöffentlichkeit eine positive Bewertung als humanitärer Akt erhalten, eine solche Entscheidung erlaubt es, sich von nationalistisch gesinnten Personen und religiösen Fanatikern zu befreien, die einen schädlichen Einfluss auf ihre Umgebung ausüben.«[15] Das ZK legte daraufhin in einer geheimen Verordnung fest, dass, wie vom KGB empfohlen, die Ausreise von Sowjetbürgern zur ständigen Wohnsitznahme in Israel noch 1968 wieder zugelassen werden solle; die Ausreisegenehmigungen sollten etwa 1 500 überwiegend ältere Menschen ohne höhere oder mittlere Bildung erhalten. Hinsichtlich der Ausreisequoten für 1969 und die folgenden Jahre sollten KGB und Innenministerium zu einem späteren Zeitpunkt unter Berücksichtigung der Lage Vorschläge machen.[16] Als die zuständigen Behörden im Herbst 1968 Erkundigungen einholten, ob die Antragsteller der bereits vorliegenden Ausreisegesuche noch immer den Wunsch hätten, die UdSSR zu verlassen, lösten diese Signale eine erneute Antragsflut aus. In den letzten vier Monaten des Jahres 1968 reichten etwa 7 000 jüdische Sowjetbürger die notwendigen Unterlagen ein, und auch die Zahl derer, die aus Israel die für das Stellen des Ausreiseantrags erforderliche Anforderung (vyzov) erbaten, schnellte in die Höhe.[17] Die gelockerte Ausreisepolitik der sowjetischen Regierung schlug sich erstmals in den Emigrationszahlen von 1969 sichtbar nieder, jedoch entsprach die Zahl der erteilten Genehmigungen nur einem Bruchteil der seit Herbst 1968 gestellten Ausreiseanträge.[18] Die von KGB und ZK als Ventil gedachte quotierte Erteilung von Ausreisegenehmigungen bewirkte keine Beruhigung innerhalb der jüdischen Bevölkerung, sondern hatte vielmehr einen Dammbrucheffekt zur Folge. Dieser zeigte sich nicht nur in der stetig ansteigenden Zahl der Ausreiseanträge. Auch die Entschlossenheit der jüdischen Gruppen und vieler Einzelpersonen, sich aktiv für das Recht auf Emigration einzusetzen, wuchs deutlich an und äußerte sich in unterschiedlichen Formen. Die bereits in verschiedenen Städten bestehenden Zusammenschlüsse widmeten sich nicht mehr ausschließlich dem Studium der hebräischen Kultur und Sprache sowie der Verbreitung jüdischer Literatur im Samizdat, sondern suchten nun verstärkt nach Möglichkeiten, eine städteübergreifende jüdische Bewegung zu etablieren. Vertreter dieser Gruppen bildeten im August 1969 das »Allunions-Koordinationskomitee«, in dem über eine organisierte Zusammenarbeit auf kulturellem Gebiet und bei der Intensivierung der Ausreisebemühungen beraten wurde. Aus Furcht vor repressiven Maßnahmen der sowjetischen Behörden lehnte die Mehrheit der Beteiligten die Gründung einer Organisation mit formaler Mitgliedschaft ab, beschlossen wurde jedoch unter anderem die Gründung eines eigenen Presseorgans.[19] In der zweiten Jahreshälfte 1969 weiteten jüdische Emigrationswillige ihren Protest gegen die Ablehnung der Ausreiseanträge aus, indem sie in Schreiben an sowjetische Machtorgane und Politiker, aber auch an ausländische Adressaten ihren Entschluss, das Land zu verlassen, demonstrierten und um eine erneute Überprüfung und positive Entscheidung der Anträge baten.[20] Im November 1969 verlas die israelische Premierministerin Golda Meir in Abweichung von dem bis dahin von der israelischen Regierung hinsichtlich der Unterstützung sowjetischer Juden verfolgten Kurs der »stillen Diplomatie«[21] einen Brief von achtzehn jüdischen Familien aus Georgien in der Knesset. In diesem Schreiben schilderten die Unterzeichner, die für ihren Ausreisewunsch vor allem religiöse Gründe angaben, ihre langjährigen Ausreisebemühungen, in deren Verlauf sie Hunderte von Briefen an die Behörden geschickt hätten. Die Verfasser forderten die UNOMenschenrechtskommission auf, bei der sowjetischen Regierung für sie eine Ausreisegenehmigung zu erwirken.[22] Nach der Veröffentlichung des Briefes setzte sich der israelische UNO-Botschafter dafür ein, den Brief als UNO-Dokument zu verbreiten. Gleichzeitig forderte die Knesset die Parlamente der befreundeten Staaten auf, die Emigration der sowjetischen Juden zu unterstützen.[23] Die große Beachtung des Schreibens in Israel und die zunehmende Unterstützung der Ausreisebemühungen durch verschiedene Organisationen in den USA bewirkten, dass sowjetische Juden sich in der folgenden Zeit vermehrt mit ihren Forderungen und Protesten an ausländische Adressaten wandten. Durch die ausländischen Reaktionen auf die jüdischen Proteste herausgefordert, antworteten die sowjetischen Machtorgane mit einer Ende November 1969 einsetzenden Pressekampagne, die sich gegen die »antisowjetischen Kampagnen der westlichen Propagandadienste« und die »provokative Kampagne« der »zionistischen Organisationen« richten sollte.[24] Eröffnet wurde die Pressekampagne mit einer Reportage in der Pravda über Briefe aus Israel, deren Verfasser – angeblich emigrierte georgische Juden – das schreckliche Leben in Israel schilderten und vor der Emigration warnten.[25] Weitere Artikel attackierten den Zionismus und die Emigration nach Israel, stellten eine Analogie zwischen Zionisten und Verrätern des sowjetischen Staates her und leugneten die Existenz von Antisemitismus in der UdSSR.[26] Höhepunkt der Kampagne war schließlich eine Pressekonferenz am 4. März 1970 in Moskau, bei der Personen jüdischer Herkunft auftraten, die wichtige Posten in der Politik, beim Militär oder im sowjetischen Wissenschafts- und Kulturleben bekleideten. Die Propagandaabteilung des ZK hatte drei Punkte vorgegeben, die bei dieser Veranstaltung verurteilt werden sollten:  »- die aggressive Politik der rechten Kreise in Israel gegen die Länder des Nahen Ostens;  - die Versuche des internationalen Zionismus, als Vortrupp des Imperialismus aufzutreten;  - die Versuche, in verschiedenen Ländern der Welt und vor allem in der UdSSR auf die so genannte ›jüdische Frage‹ zu spekulieren«[27]. Eine im Namen von 52 Unterzeichnern auf der Pressekonferenz verlesene Erklärung wandte sich mit scharfen Worten gegen den Zionismus und die israelische Außenpolitik, vor allem aber betonten die Verfasser ihren engen Bezug zur Sowjetunion als Heimatland der sowjetischen Juden. In diesem Zusammenhang wiesen sie alle Behauptungen bezüglich der Diskriminierung von Juden in der UdSSR zurück und stellten dagegen die Auszeichnungen sowjetischer Juden für ihre Verdienste um das Heimatland heraus. In den folgenden Tagen erschienen in den sowjetischen Medien weitere Stellungnahmen prominenter Personen jüdischer Herkunft und von Rabbinern aus verschiedenen sowjetischen Städten, die die Kernaussagen der Pressekonferenz wiederholten und das Verhalten der israelischen Premierministerin Golda Meir verurteilten.[28]  Mit dieser Kampagne, welche die Hintergründe der Ausreisebemühungen und des Protests sowjetischer Juden weitgehend ignorierte und die ausländische Unterstützung der Emigrationswilligen nicht als Reaktion auf deren Hilfegesuche betrachtete, sondern vielmehr als gegen den sowjetischen Staat gerichtete Propaganda wertete, deren Bestreben die Instrumentalisierung der sowjetischen Juden für israelische und zionistische Ziele sei, etablierten die sowjetischen Machtorgane eine Argumentationsstruktur, auf deren Grundlage in den kommenden Jahren die Proteste jüdischer Ausreisewilliger offiziell, aber auch intern im Schriftwechsel zwischen KGB und ZK beurteilt wurden. Diese von den sowjetischen Propagandaorganen offensiv vorgebrachten und massiv im In- und Ausland verbreiteten Interpretationen riefen jedoch deutlichen Widerspruch hervor: In Leserbriefen,[29] in Briefen an die Autoren der Artikel und an die Teilnehmer der Pressekonferenz distanzierten sich jüdische Sowjetbürger von den vorgebrachten Argumentationen, sie widersprachen der Behauptung, die Unterstützung der Ausreisewilligen durch die Knesset und die israelische Regierung sei Teil einer antisowjetischen Kampagne, sie äußerten ihre Zweifel an der Vertrautheit der Autoren und Teilnehmer der Pressekonferenz mit der jüdischen Kultur und sprachen ihnen das Recht ab, sich als Vertreter der in der Sowjetunion lebenden Juden in der Öffentlichkeit zu äußern.[30] Vierzig Moskauer Juden protestierten in einem Brief an den Leiter der Presseabteilung des sowjetischen Außenministeriums gegen die Einseitigkeit der Pressekonferenz. Ziel dieser Veranstaltung sei es gewesen zu demonstrieren, dass Juden herausragende Positionen in der sowjetischen Gesellschaft erreichen könnten, doch sei es zweifelhaft, ob die Teilnehmer der Pressekonferenz noch einen Bezug zum Judentum hätten. Die Probleme der sowjetischen Juden bestünden aber gerade in der Schwierigkeit der Bewahrung der nationalen Eigenart und der fehlenden Gleichberechtigung. Die Unterzeichner wandten sich gegen jede Art von Bevormundung und demonstrierten ihre Entschlossenheit: »Wir werden auf unserem Recht bestehen, unser Schicksal selbst zu bestimmen, die Wahl der Staatsangehörigkeit und des Aufenthaltslandes eingeschlossen. Wir sind in der Lage, die uns möglicherweise erwartenden Schwierigkeiten selbst zu bewerten, die mit den Kriegsereignissen, der Klimaveränderung oder dem veränderten Gesellschaftssystem zusammenhängen. […] Das jüdische Volk hat viele Verfolgungen und Leiden, viele bösartige oder wohlwollende Assimilationskampagnen erduldet und vermochte doch eigenständig zu bleiben. Wir glauben, dass die Juden auch heute nicht mit Selbstverleugnung auf die antiisraelische Kampagne reagieren werden, sondern dass sie im Gegenteil im Stolz auf ihr Volk noch gefestigt werden und ausrufen: ›Nächstes Jahr in Jerusalem‹.«[31] Die Tatsache, dass einerseits die sowjetischen Behörden wieder – wenn auch in nur sehr geringem Umfang – Ausreisegenehmigungen erteilten, sich andererseits die Propaganda gegen Israel und den Zionismus verstärkte und die jüdischen Ausreisewilligen in der Konsequenz als Vaterlandsverräter hingestellt wurden, aber gleichzeitig aus dem Ausland zunehmend Unterstützung für ihre Emigrationsbestrebungen erhielten, weckte und verstärkte bei vielen Menschen den Ausreisewunsch. Parallel zum Verfassen von Petitionen und Protestbriefen[32] entwickelten jüdische Emigrationswillige zunehmend auch andere Strategien, um ihren Willen zum Verlassen des Landes zu bekunden; eine wichtige Rolle spielte dabei die Verbreitung von Publikationen unter Umgehung der sowjetischen Zensur. Unter dem Titel Iton (hebr. Zeitung) erschien im Februar 1970 eine russischsprachige Gemeinschaftspublikation mehrerer zionistischer Gruppen in verschiedenen Städten, die zwar nur in sehr kleiner Auflage und ohne Nennung der Herausgeber in Umlauf kam, aber dennoch zum Symbol für die entstehende jüdische Nationalbewegung in der Sowjetunion wurde.[33] Während die erste Nummer, Iton Alef[34], überwiegend Texte über Israel enthielt, hinsichtlich der Darstellung der Situation der sowjetischen Juden noch Zurückhaltung zeigte und sich eher indirekt zur Frage der Emigration äußerte, berichtete das zweite Heft, Iton Bet[35], bereits offen über die Proteste jüdischer Ausreisewilliger in der UdSSR und veröffentlichte zahlreiche Briefe von Antragsstellern an sowjetische Zeitungen, sowjetische Politiker und ausländische Adressaten.[36] Dieser Charakterwandel des jüdischen Samizdat war für die Entwicklung der Emigrationsbewegung von entscheidender Bedeutung: »Iton bet initiates a more militant phase in the Jewish movement. […] The editors assert Soviet Jews’ determination and right to seek repatriation to Israel and to overcome any official obstacles in their way.«[37] Die seit Frühjahr 1970 in Moskau erscheinende Samizdat-Zeitschrift Ischod (russ.: Auszug, Exodus) war bereits vollständig dem Kampf der sowjetischen Juden um die Ausreisegenehmigung gewidmet. Sie dokumentierte nicht nur die Proteste Ausreisewilliger und die Reaktionen der sowjetischen Machtorgane, sondern publizierte auch einschlägige Gesetzestexte und Verordnungen.[38]         Bedeutsam waren die Samizdat-Publikationen nicht nur deshalb, weil sie die Proteste und ihre Folgen im In- und Ausland publik machten. Vielmehr verdeutlichten sie auch, dass die Ausreisewilligen keine Einzelkämpfer gegen Behördenwillkür, sondern mit ihren individuellen Ausreisebemühungen Teil einer sich mehr und mehr formierenden Emigrationsbewegung waren, die sich in den Kontext des Kampfes für die Einhaltung der Menschenrechte in der UdSSR einfügte. Die sowjetischen Machtorgane nahmen die unter den jüdischen Ausreisewilligen entstehende Bewegung schon frühzeitig wahr. Jedoch konzentrierten sie sich auf die Interpretation, das Ziel der einzelnen Gruppen sei es, innerhalb der jüdischen Bevölkerung der UdSSR die Emigrationsstimmung zu schüren. Die Samizdat-Publikationen werteten sie pauschal als zionistische Propaganda. Beispielhaft findet sich diese Argumentationsweise in einem KGB-Bericht, der das ZK der KPdSU Ende April 1970 über die Existenz einer zionistischen Organisation in Leningrad und deren Tätigkeit informiert.[39] Statt die Entstehung der organisatorischen Struktur als Folge einer wachsenden Emigrationsstimmung unter der jüdischen Bevölkerung zu erkennen und nach den innersowjetischen Ursachen für die Proteste und den sich verbreitenden Wunsch nach Ausreise zu fragen, stellte der KGB die Gruppen als auf den finanziellen Gewinn ausgerichtete Propagandaorganisationen dar.[40] Weder berücksichtigten die sowjetischen Machtorgane die Einbettung der sich formierenden Gruppen in die breite Basis der jüdischen Emigrationsbewegung, noch rechneten sie mit der großen Entschlossenheit derer, die ihren Wunsch nach Ausreise bereits durch einen entsprechenden Antrag bekundet hatten. Akute Konfrontation und hartes Durchgreifen der Sicherheitsorgane Mit der Ausweitung der Bewegung stellte sich den Beteiligten immer drängender die Frage, welche Aktionsformen im Kampf um die Ausreisegenehmigung angemessen waren und den größten Erfolg versprachen. Im städteübergreifenden Komitee der jüdischen Gruppen gab es dazu ganz unterschiedliche Standpunkte. Einige Mitglieder forderten angesichts der fehlenden positiven Ergebnisse eine Intensivierung der Aktivitäten, manche sprachen sich für die Durchführung von Demonstrationen und Hungerstreiks aus.[41] Als Anfang 1970 der Plan einer Flugzeugentführung im Komitee kontrovers diskutiert wurde,[42] einigten sich die Mitglieder schließlich darauf, israelische Regierungskreise entscheiden zu lassen, ob der Plan durchgeführt werden sollte. Da die israelische Regierung eine Flugzeugentführung ebenso wie die Durchführung einer Demonstration in Leningrad kategorisch ablehnte, verwarfen die Mitglieder des Komitees die Entführungspläne. Eine kleine Gruppe von Aktivisten aus Leningrad und Riga, die sich zum Teil schon seit Jahren vergeblich um die Ausreisegenehmigung bemühten, ignorierte jedoch die Bedenken des Komitees und der israelischen Regierung und entwickelte einen neuen Plan. Dem KGB war spätestens seit April 1970 bekannt, dass die jüdischen Gruppen über eine besondere »Aktion« diskutierten. Seit wann der Geheimdienst darüber informiert war, dass es sich dabei um eine Flugzeugentführung handeln sollte, ist jedoch unklar. Dem ZK berichtete der KGB am 30. April 1970, es werde streng geheim gehalten, worum es bei dieser »Aktion« gehen solle. Allerdings hatte der KGB Kenntnis davon, dass die Durchführung der »Aktion« unter den Mitgliedern der Gruppen umstritten war und die jüdischen Aktivisten israelische Regierungskreise um eine Stellungnahme zu ihrem Plan bitten wollten, und er kündigte eine verstärkte Beobachtung sowie die Vereitlung der möglicher Aktivitäten an.[43] Zweifellos lagen dem KGB im Frühsommer 1970 Informationen darüber vor, dass der Plan nur noch von einer kleinen Gruppe getragen wurde, die die Flugzeugentführung im Alleingang und am Allunions-Koordinationskomitee vorbei durchführen wollte.[44] Dennoch nahmen die Behörden die Aktion zum Anlass für einen umfassenden Schlag gegen jüdische Emigrationswillige. Bei ihren Ermittlungen bemühten sich die Sicherheitsorgane, eine städteübergreifende Verschwörung der jüdischen Ausreisewilligen gegen den sowjetischen Staat nachzuweisen. Kontakte jüdischer Aktivisten zu Gleichgesinnten in anderen sowjetischen Städten wurden als »antisowjetische zionistische Tätigkeit« gewertet und vom KGB genauestens erforscht und dokumentiert.[45] Zwar stellte das Allunions-Koordinationskomitee seine Tätigkeit nach den Verhaftungen ein, jedoch brachen die Beteiligten damit ihr Engagement für die Emigration keineswegs ab. In ihren Briefen an sowjetische Machtorgane und ausländische Adressaten protestierten Ausreisewillige nun auch gegen Rechtsverstöße in der Untersuchungsführung der sowjetischen Behörden und benannten die umfassenden Ermittlungen der sowjetischen Sicherheitsorgane mit Durchsuchungen, Verhaftungen und Verhören ausdrücklich als Repressionen gegen ausreisewillige Juden, die in keinem Zusammenhang zur »Flugzeugentführung« mehr stünden, sondern einzig der Einschüchterung der Betroffenen, der Abschreckung potentieller Antragsteller sowie der Zerschlagung der Ausreisebewegung dienen sollten.[46] Die Verfasser der Briefe bekräftigten ihre Entschlossenheit, die Sowjetunion zu verlassen und kündigten an, sich durch nichts von diesem Bestreben abbringen zu lassen.[47]  Die im November 1970 erschienene dritte Ausgabe der Samizdat-Zeitschrift Ischod veröffentlichte kollektive und individuelle Bitt- und Protestbriefe von jüdischen Ausreisewilligen aus der zweiten Jahreshälfte 1970, Protokolle von Hausdurchsuchungen sowie eine Chronik der Festnahmen, Durchsuchungen und Verhöre von Juden zwischen dem 15. Juni und dem 11. November 1970.[48] Diese Form der Berichterstattung war um so bedeutsamer, als die sowjetischen Zeitungen über die Untersuchungen schwiegen. Durch ihre Samizdat-Aktivitäten und das Verfassen von Petitionen erreichten die jüdischen Aktivisten, dass den bevorstehenden Prozessen im Ausland große Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Unter den ausreisewilligen Juden in der UdSSR hatte das harte Durchgreifen der sowjetischen Sicherheitsorgane Unruhe verbreitet und bewirkt, dass viele Antragsteller angesichts der Repressionen, der gegen sie gerichteten Propaganda und der immer deutlicher werdenden Rechtlosigkeit der Ausreisewilligen die Flucht nach vorne antraten und sich an Protesten beteiligten. Neue Dynamik der Proteste nach dem Ersten Leningrader Prozess  Die Prozessführung und die harten Urteile des Ersten Leningrader Prozesses sorgten unter den Ausreisewilligen für heftigen Widerspruch. In schriftlichen Protesten beklagten sie, das Gericht habe nicht nach den tatsächlichen Gründen für die »Tat« gesucht und weder die Verzweiflung der Angeklagten infolge der langjährigen vergeblichen Ausreisebemühungen berücksichtigt noch in Betracht gezogen, dass die »Tat« nicht begangen worden sei. Die grausamen Urteile seien eine schonungslose Abrechnung mit den Angeklagten für ihr Bestreben, die UdSSR zu verlassen. Mit Blick auf die noch bevorstehenden Gruppenprozesse in Leningrad, Kišinev und Riga wurde der Prozess im Dezember 1970 als Anfang einer Reihe »gerichtlicher Inszenierungen« bezeichnet, von der niemand wisse, wie lang sie sei.[49] Unterstützung erhielten die Proteste in der Sowjetunion von Organisationen und Politikern aus dem Ausland: bei Solidaritätskundgebungen, Demonstrationen vor den sowjetischen Botschaften und in Briefen an die sowjetische Regierung wurde gegen den Prozess protestiert und die Milderung der Urteile gefordert.[50] Mit der Umwandlung der Todesstrafen in fünfzehnjährige Haftstrafen und der Reduzierung von drei der verhängten Haftstrafen am 30. Dezember 1970 konnten die Proteste einen ersten Erfolg verzeichnen. Auch sah sich das ZK durch den massiv vorgebrachten Vorwurf, die Sowjetunion versage den Juden das Recht auf Ausreise aus der UdSSR, zur Gegendarstellung gezwungen und ordnete die Veröffentlichung von Namen und Zahlen der Ausgereisten der letzten Dekade an.[51] Des Weiteren reagierten die sowjetischen Machtorgane auf die Proteste im In- und Ausland mit einer weit reichenden Pressekampagne. Diese wurde vor allem mit Blick auf die Konferenz jüdischer Weltorganisationen und Gemeinden, die im Februar 1971 in Brüssel stattfand und auf der 760 Delegierte aus 38 Ländern die Lage der sowjetischen Juden und Möglichkeiten zu ihrer Unterstützung erörterten, in der zweiten Februarhälfte noch intensiviert.[52] Den Druck im Innern konnte ein solches Vorgehen jedoch nicht mindern. Vielmehr verstärkten abgelehnte Antragsteller ihre Proteste, wobei sie neben einer Ausweitung der bereits erprobten nun auch neue Protestformen anwendeten. Die im Februar 1971 erschienene vierte Ausgabe der Samizdat-Zeitschrift Ischod veröffentlichte zahlreiche Dokumente, die in Zusammenhang mit dem Ersten Leningrader Prozess standen: Reaktionen auf den Prozess in Form von Telegrammen, Briefen und Appellen sowie einen ausführlichen Bericht über die sieben Prozesstage, der zwar im sachlichen Stil eines Protokolls abgefasst war, aber in den Anmerkungen auf Rechtsverstöße und Widersprüche in der Prozessführung hinwies.[53] Die erstmals im Frühjahr 1971 erschienene Zeitschrift Vestnik Ischoda (Bote des Exodus)[54] berichtete umfassend über Protestaktionen, über die neuen Prozesse und zunehmend auch über Repressionen gegen einzelne Ausreisewillige. Insgesamt vermittelten die drei 1971 publizierten Ausgaben, die auch nach Israel gelangten,[55] ein detailliertes Bild vom Kampf der sowjetischen Juden um die Ausreisegenehmigung sowie von der wachsenden Konfrontation mit den sowjetischen Behörden. Der schriftliche Protest zeigte bereits jetzt zwei Tendenzen, die sich im Laufe der folgenden Jahre noch stärker ausprägten: Einerseits argumentierten die Ausreisewilligen in ihren Briefen immer häufiger mit rechtlichen Faktoren – mit bestimmten Paragraphen der sowjetischen Verfassung, des Strafgesetzbuchs oder mit internationalen Vereinbarungen –, um den sowjetischen Behörden ein ungesetzliches Vorgehen nachzuweisen,[56] andererseits wurde die Liste der Adressaten – vor allem jener im westlichen Ausland – ausgeweitet; immer häufiger versandten Ausreisewillige ihre Schreiben gezielt zu bestimmten Anlässen, wie dem XXIV. Parteitag der KPdSU im März/April 1971, dem Jahrestag des Urteilsspruchs im Ersten Leningrader Prozess, oder zu Besuchen ausländischer Politiker in der UdSSR.[57] Eine neue Form des kollektiven Protests stellten die von den Aktivisten pochody (Märsche) genannten kollektiven Vorsprachen bei sowjetischen Behörden und Regierungsstellen dar.[58] In größeren Gruppen suchten abgelehnte Antragsteller die Empfangszimmer der Staats- und Parteiorgane vor allem in Moskau auf, übergaben Schriftstücke mit ihren Forderungen und zahlreichen Unterschriften und baten darum, von den Verantwortlichen empfangen zu werden. Mit Sitzblockaden und Hungerstreiks forderten sie die Ausreisegenehmigung, schriftliche Begründungen der meist nur mündlich mitgeteilten Ablehnungen sowie die Beendigung gerichtlicher und außergerichtlicher Verfolgungen der Ausreisewilligen. Die Reaktionen der Behörden auf diese Gruppenvorsprachen waren sehr unterschiedlich. Manchmal empfingen Behördenvertreter Repräsentanten der Gruppe, in anderen Fällen wurde die gesamte Gruppe festgenommen und zur örtlichen Miliz gebracht.[59] Spektakuläre Versammlungen dieser Art, an denen sich zeitweise mehr als 100 jüdische Ausreisewillige aus verschiedenen Städten beteiligten, fanden etwa im Februar und März 1971 im Gebäude des Präsidiums des Obersten Sowjets, des ZK, des Innenministeriums und der Generalstaatsanwaltschaft der UdSSR in Moskau statt. Die sowjetischen Sicherheitsorgane werteten diese Aktionen als »antigesellschaftliche« Provokationen, betrachteten die Beteiligten als »Extremisten« und verhängten gegen einige von ihnen kurzfristige Haftstrafen, in manchen Fällen ordneten sie die Einweisung in die Psychiatrie an.[60] Allerdings erreichten viele der an den Märschen im Februar und März 1971 Beteiligten letztendlich doch, dass ihre Ausreisegesuche erneut geprüft wurden und ihnen kurze Zeit später die Ausreisegenehmigung erteilt wurde.[61] Seit 1971 wählten jüdische otkazniki auch das Mittel der Demonstration vor öffentlichen Gebäuden in Moskau, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Zwar wurden die Demonstrationen in der Regel nach wenigen Minuten von der Miliz aufgelöst und die Teilnehmer meist festgenommen, aber dank des Netzwerks der jüdischen Ausreisewilligen, das Kontakte zu sowjetischen Menschenrechtlern und ausländischen Journalisten aufbaute, erreichten die Nachrichten über die Demonstrationsversuche oft kurze Zeit später das westliche Ausland.[62] Die Bekämpfung jeglicher Beschäftigung mit der jüdischen Kultur und der hebräischen Sprache durch die sowjetischen Machtorgane und die pauschale Verurteilung entsprechender Literatur als »zionistische Propaganda«, die sich ganz deutlich in den Konfiszierungen während der Hausdurchsuchungen im Sommer/Herbst 1970 gezeigt hatte, riefen unter den Abgelehnten wachsenden Widerstand hervor. In den kommenden Jahren bauten sie ihre inoffiziellen Kulturaktivitäten weiter aus. Nach dem Einreichen des Ausreiseantrags arbeitslos gewordene Ausreisewillige, häufig sehr gut qualifizierte Wissenschaftler, erteilten privaten Hebräischunterricht, in vielen Städten gründeten Aktivisten Seminare zur jüdischen Kultur und Geschichte und setzten sich damit erneut der staatlichen Verfolgung aus.[63] Je mehr Ausreisewillige inhaftiert und vor Gericht gestellt wurden, desto stärker demonstrierten Gleichgesinnte in Protestaktionen ihre Solidarität mit den Häftlingen. Seit 1971 fanden Solidaritätshungerstreiks zum Jahrestag des Ersten Leningrader Prozesses am 24. Dezember statt, die von jüdischen Antragstellern in verschiedenen Städten durchgeführt wurden. Die ein- bis dreitägigen Proteste wurden meist in Briefen an die sowjetische Führung sowie an ausländische Adressaten angekündigt, in denen gleichzeitig die Freilassung der wegen ihrer Auswanderungsbemühungen inhaftierten Juden gefordert wurde.[64]  Die Spirale von Protest und Repression im Kontext der sowjetischen  Emigrationspolitik  Was zunächst als Protest gegen die Verweigerung der Ausreisegenehmigung begonnen hatte, entwickelte sich im Laufe des Jahres 1970 immer stärker zu einem intensiven Kampf um die Rechte der jüdischen Antragsteller. Die Rechtsverletzungen seitens der sowjetischen Behörden führten den Ausreisewilligen drastisch den Widerspruch zwischen verfassungsmäßigem Recht und internationalen Vereinbarungen einerseits und der Rechtswirklichkeit in der Sowjetunion andererseits vor Augen und festigten den Wunsch, das Land zu verlassen. Zudem wirkten die von der staatlichen Propaganda veröffentlichten Interpretationen der jüdischen Ausreisebemühungen, die Angriffe gegen Israel und die pauschalen Beschuldigungen der Ausreisewilligen auf die Aktivisten eher provozierend als einschüchternd. Die Eskalation der Situation mit den Verhaftungen in der zweiten Jahreshälfte 1970 und dem Ersten Leningrader Prozess gab der Protestbewegung schließlich eine ganz neue Dynamik, denn angesichts der Erkenntnis ihrer eigenen unsicheren Lage und der drohenden Verhaftung gingen viele Aktivisten nun in die Offensive. In der angespannten Atmosphäre im Winter 1970 und unter Beobachtung durch das westliche Ausland wirkten die harten Urteile im Ersten Leningrader Prozess, insbesondere die Verhängung der beiden Todesstrafen, wie ein Zündfunke. Explosionsartig entlud sich der Unmut der Antragsteller in Protesten unterschiedlicher Form, die sich im Laufe der kommenden Monate verstetigten. Diese Dynamik und das tatsächliche Ausmaß der jüdischen Emigrationsbewegung scheinen von den sowjetischen Machtorganen nicht rechtzeitig erkannt und der Sachlage angemessen bewertet worden zu sein. Die Propaganda etablierte bereits früh ein festes Argumentationsmuster, das einerseits die angeblich bestehende Ausreisefreiheit und die Zufriedenheit der jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion hervorhob und andererseits die Emigrationsstimmung auf zionistische, antisowjetische Propaganda aus dem Ausland zurückführte. Dieser Argumentation, die sich der Anerkennung des innersowjetischen Ursprungs der Emigrationsbewegung verweigerte, folgten offensichtlich auch wichtige Linien der internen Kommunikation. Die hier untersuchten Dokumente wichen der Frage nach den tatsächlichen Hintergründen der Protestbewegung aus, indem sie die von den Antragstellern vorgebrachte und aus dem Ausland unterstützte Kritik am sowjetischen Umgang mit den jüdischen Ausreisewilligen und an der Situation der jüdischen Bevölkerung in der UdSSR als gegen den sowjetischen Staat gerichtete Verleumdung betrachteten, deren Ziel die »Erschütterung der politischen Grundlagen des sowjetischen Staates« sei,[65] und mit Gegenpropaganda, Repression und mit strafrechtlichen Mitteln auf die Proteste reagierten. Nur vereinzelt regten Stimmen innerhalb der Führungsriege an, nach den Ursachen der zunehmenden Emigrationsstimmung zu forschen oder sich mit den Argumentationen der Antragsteller und Aktivisten auseinanderzusetzen. Im Februar 1971 verfasste der stellvertretende Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR, Veniamin Dymšic, ein Papier für das ZK, in dem er die Bedrohung der UdSSR durch die »zionistische Propaganda und das verbrecherische Rowdytum der zionistischen Organisationen« als sehr hoch einschätzte. Zwar äußerte auch er seine Zweifel an der Richtigkeit der von der »zionistischen Propaganda« genannten Zahl von Zehntausenden von ausreisewilligen Familien, doch hielt er eine Überprüfung dieser Behauptung für erforderlich. Neben Maßnahmen zur Gegenpropaganda und zur »Enttarnung des Zionismus« schlug er daher auch eine eingehende Beschäftigung mit den Ausreisewilligen und den Gründen für ihren Wunsch, das Land zu verlassen, vor: »Ich denke, dass diese [Untersuchung] bedeutende Resultate hervorbringt und dass dann klar wird, über welche Anzahl von Menschen, die tatsächlich ausreisen wollen, wir sprechen, aus welchen Gründen sie ausreisen wollen, wie man mit ihnen umgehen kann und wen man tatsächlich wegschicken muss, damit er uns nicht beim Leben und Arbeiten stört.«[66] Zwar griff die Propaganda-Abteilung des ZK laut Aktennotiz von Februar 1972 viele der von Dymšic unterbreiteten Vorschläge auf, jedoch scheint die Empfehlung der Erforschung der tatsächlichen Ausreisegründe und der Ermittlung der Zahl der Ausreisewilligen keine Berücksichtigung gefunden zu haben.[67] In der Reaktion der sowjetischen Machtorgane auf die wachsende Zahl der Antragsteller und die sich intensivierenden Proteste nicht nur von Seiten der jüdischen Ausreisewilligen, sondern auch aus dem Ausland verband sich in der folgenden Zeit die Fortsetzung des harten Kurses gegen jüdische Aktivisten mit einer erhöhten Erteilung von Ausreisegenehmigungen. Während 1970 nur ca. 1 050 Visa ausgestellt worden waren, erhielten 1971 über 14 300 sowjetische Juden die Genehmigung zur Emigration nach Israel, und 1972 waren es bereits doppelt so viele.[68] Gleichzeitig stieg die Zahl derer, die einen Ausreiseantrag einreichten, so dass die Quote der abgelehnten Ausreisegesuche noch immer sehr hoch war.[69] Wie die von Morozov publizierten Dokumente zeigen, beschäftigten sich die Machtorgane seit Mitte der 1960er Jahre sehr intensiv mit der Bekämpfung der Proteste der Ausreisewilligen sowie mit der Frage der Emigration nach Israel, die immer wieder auch Gegenstand außenpolitischen Kalküls war.[70] Eine eingehendere Auseinandersetzung mit den Hintergründen der jüdischen Emigrationsbewegung findet sich jedoch erst in einem Dokument, das der Berater der Propagandaabteilung des ZK, Leon Onikov, 1974 verfasste:[71] Auf Grund der Tatsache, dass die wachsende Zahl der Emigranten von der antisowjetischen Propaganda als Bankrotterklärung der sowjetischen Nationalitätenpolitik gewertet werde und die Emigration der Juden einen negativen Einfluss auf die Stimmung anderer Nationalitäten in der UdSSR ausübe, seien Gegenmaßnahmen erforderlich, deren Ausarbeitung jedoch die Erforschung der Gründe voraussetze, welche den Ausreisewunsch entstehen ließen. Zwar gelingt auch Onikov keine unvoreingenommene Analyse der Gründe, jedoch enthalten seine auf dieser Grundlage entwickelten Gegenmaßnahmen beispielsweise Vorschläge, Publikationen gegen den Zionismus einer kritischen Kontrolle zu unterziehen und die jüdische Kultur in der UdSSR in bestimmten Bereichen zu fördern. Selbst wenn diese Vorschläge Berücksichtigung gefunden hätten, wären derartige Maßnahmen wenig geeignet gewesen, um eine Emigrationsbewegung aufzuhalten, als deren Motor abgelehnte Antragsteller fungierten, die auf Grund ihrer Erfahrungen mit den sowjetischen Behörden und dem sowjetischen Rechtssystem um so stärker entschlossen waren, für ihre Rechte und die anderer Ausreisewilliger bis zum Erhalt der Genehmigung zum Verlassen des Landes zu kämpfen. [1]  Luchterhandt, Otto: UN-Menschenrechtskonventionen. Sowjetrecht – Sowjetwirklichkeit. Ein kritischer Vergleich, Baden-Baden 1980, S. 271 f. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Emigration aus der Sowjetunion in der Regel nur auf der Grundlage der »Familienzusammenführung« gestattet. [2]  Siehe dazu Armborst, Kerstin: Ablösung von der Sowjetunion. Die Emigrationsbewegung der Juden und Deutschen vor 1987, Münster u. a. 2001, S. 141–143 u. 357 f. [3]  Einzelheiten zum Entführungsplan, den Verhaftungen und Verurteilungen siehe Armborst: Ablösung von der Sowjetunion (Anm. 2), S. 156–159. [4]  Im Zweiten Leningrader Prozess vom 11. bis 20. Mai 1971 standen neun führende Aktivisten der Leningrader Bewegung vor Gericht. Ihnen wurde vorgeworfen, Kontakte zu zionistischen Zirkeln in Israel unterhalten zu haben und aktiv in Aktionen verwickelt gewesen zu sein, die die sowjetische Innen- und Außenpolitik verleumdet und die Emigrationsstimmung unter den sowjetischen Juden geschürt hätten. Obwohl die Angeklagten die Idee der Flugzeugentführung mehrheitlich von Anfang an verurteilt hatten, wurde ihnen eine Beteiligung an den Planungen zur Last gelegt. Trotz unsicherer Beweislage erhielten sie teilweise langjährige Haftstrafen. Siehe A Chronicle of Current Events Nr. 20 vom 2. Juli 1971, S. 214–220. [5]  In Riga fand vom 24. bis 27. Mai 1971 ein Prozess statt, bei dem vier junge Aktivisten der Rigaer Bewegung wegen »antisowjetischer Agitation und Propaganda« und zwei von ihnen zusätzlich wegen »gegen den Staat gerichteter organisierter Tätigkeit« angeklagt und zu ein- bis dreijährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Ebenda, S. 220–225. [6]  Der Prozess in Kišinev (Ende Juni 1971), bei dem neun Angeklagte vor Gericht standen, sollte u. a. die Zusammenarbeit zwischen jüdischen Aktivisten in Leningrad und Kišinev, die Mitbeteiligung der Angeklagten an der »Flugzeugentführung« sowie an der Verbreitung von »antisowjetischer Literatur« beweisen. Die Urteile lauteten auf Haftstrafen zwischen einem Jahr und fünf Jahren. Ebenda, S. 226–228. [7]  Prital, David (Hrsg.): In Search of Self. The Soviet Jewish Intelligentsia and the Exodus, Jerusalem 1982, S. 9. [8]  Orbach, William W.: The American Movement to Aid Soviet Jews, Amherst 1979, S. VII. [9]  Morozov, Boris (Hrsg.): Evrejskaja Ėmigracija v svete novych dokumentov [Die jüdische Emigration im Licht neuer Dokumente], Tel Aviv 1998. [10]  Heute Rossijskij gosudarstvennyj archiv novyjšej istorii (RGANI, Russisches Staatsarchiv für neuere Geschichte). Es beherbergt überwiegend Dokumente aus den Jahren 1952 bis 1991. Die Bestände des RGANI sind zum größten Teil noch nicht zugänglich. [11]  Für die Untersuchung wurden vor allem folgende Quelleneditionen herangezogen. Redlich, Shimon (Hrsg.): Peticii, pis’ma i obraščenija evreev SSSR [Petitionen, Briefe und Appelle von Juden in der UdSSR]. Bd. 1 u. 2, Jerusalem 1973, Ben-Arie, A. (Hrsg.): Peticii, pis’ma i obraščenija evreev SSSR [Petitionen, Briefe und Appelle von Juden in der UdSSR]. Bd. 3, Jerusalem 1974; Radio Liberty Committee (Hrsg.): Sobranie dokumentov Samizdata [Sammlung von Samizdat-Dokumenten]. 30 Bde, München 1973–1978. Zudem wurde das Archiv Samizdata/Samizdat Archives von Radio Free Europe/Radio Liberty München, das sich heute in den Open Society Archives in Budapest befindet, konsultiert.  [12]  Gelfond, Meir: Illegal Zionist Activity in the Soviet Union in the 1950s–1960s, in: Prital: In Search of Self (Anm. 7), S. 35–45, hier S. 37–39. [13]  Salitan, Laurie P.: Politics and Nationality in Contemporary Soviet-Jewish Emigration, 1968– 89, New York 1992, S. 28. [14]  Der KGB berichtete etwa im November 1967 an das ZK der KPdSU, zum Feiertag Simchat Tora (Freude der Tora) am 26./27. Oktober 1967 hätten sich mehrere Tausend Juden, überwiegend junge Leute ohne Bezug zum jüdischen Glauben, an der Moskauer Synagoge versammelt und ihrer Sympathie für Israel Ausdruck verliehen. Eine ähnliche Zusammenkunft habe in Leningrad stattgefunden. Schreiben des Vorsitzenden des KGB, Andropov, an das ZK der KPdSU vom 17. November 1967, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 12, S. 60 f. [15]  Schreiben von Andropov und Gromyko an das ZK der KPdSU vom 10. Juni 1968, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 13, S. 62. [16]  Verordnung des ZK der KPdSU: Über die Wiederzulassung der Ausreise sowjetischer Bürger zur ständigen Wohnsitznahme in Israel, o. D., registriert am 10. Juni 1968, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 13, S. 63. [17]  Zaslavsky, Victor/Brym, Robert J.: Soviet-Jewish Emigration and Soviet Nationality Policy, London 1983, S. 34. [18]  Zwischen September 1968 und Anfang 1970 wandten sich ca. 34 000 Juden aus der Sowjetunion mit der Bitte um Zusendung einer Anforderung an Adressaten in Israel. Nezer, Zvi: The Emigration of Soviet Jews, in: Soviet Jewish Affairs 15 (1985), H. 1, S. 17–24, hier S. 19). Im gesamten Jahr 1969 emigrierten jedoch nur etwa 3 000 sowjetische Juden. Alexander, Zvi: Immigration to Israel from the USSR, in: Israel Yearbook on Human Rights 7 (1977), S. 268– 335, hier S. 321. [19]  Gelfond: Illegal Zionist Activity (Anm. 12), S. 41 f. [20]  Siehe z. B. Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 1, Nr. 13–34. [21]  Siehe dazu Freedman, Robert O.: Soviet Jewry as a Factor in Soviet-Israeli Relations, in: Ders. (Hrsg.): Soviet Jewry in the 1980s. The Politics of Anti-Semitism and Emigration and the Dynamics of Resettlement, Durham/London 1989, S. 77 f. [22]  Archiv Samizdata Budapest (Samizdat-Archiv Budapest, im Folgenden: AS) 268. [23] Orbach: The American Movement (Anm. 8), S. 45. [24]  Schreiben des stellvertretenden Leiters und des leitenden Sekretärs der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU an das ZK der KPdSU: Über Gegenmaßnahmen zur antisowjetischen Kampagne der zionistischen Organisationen vom 12. Januar 1970, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 14, S. 64 f. [25]  Documents of the Campaign, in: Bulletin on Soviet and East European Jewish Affairs 1970, H. 5, S. 14–32, hier S. 14 f. [26]  Ebenda, S. 15–22. [27]  Schreiben des Leiters der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU an das ZK der KPdSU vom 3. März 1970, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 15, S. 66. [28]  Die Erklärung und die Stellungnahmen der Teilnehmer der Pressekonferenz wurden am 5. März 1970 in der Pravda veröffentlicht. Der Artikel ist abgedruckt in Documents of the Campaign (Anm. 25), S. 22–28. [29]  Diese Briefe wurden nicht veröffentlicht, aber die politische Führung nahm sie sehr genau zur Kenntnis, wie ein von der Propagandaabteilung des ZK im April 1970 angefertigter Bericht beweist. Schreiben der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU an das ZK der KPdSU: Überblick über die bei den Redaktionen der zentralen Zeitungen in Verbindung mit der aggressiven Politik Israels und den Aktivitäten des internationalen Zionismus eingegangenen Briefe vom 22. April 1970, in: Morozov: Evrejskaja Emigracija (Anm. 9), Dok. 16, S. 71–75. [30]  Siehe etwa Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 1, Nr. 32, 35, 39, 45, 61, 63, 73, u. Bd. 2, Nr. 261. [31]  Der Brief ist in der ersten Ausgabe der Samizdat-Zeitschrift Ischod enthalten. AS 420, S. 17– 20, Zitat S. 20. [32]  Siehe die Briefe aus den Monaten Januar bis Mai 1970 in Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 1, Nr. 37–117. [33]  Lazaris, Vladimir: Dissidenty i evrei: Kto porval železnyj zanaves? [Dissidenten und Juden: Wer zerriss den eisernen Vorhang?], Tel Aviv 1981, S. 95. [34]  »Alef« ist der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets. Das Heft ist abgedruckt in der Quellenedition Centre for Research and Documentation of East European Jewry, Hebrew University of Jerusalem (Hrsg.): Evrejskij Samizdat [Jüdisches Samizdat], Jerusalem 1974, Bd. 1, S. 1–45. [35]  »Bet« ist der zweite Buchstabe des hebräischen Alphabets. Das Heft ist enthalten in: Ebenda, S. 49–119. [36]  Ebenda, S. 89–119. [37]  Hoffman, Stefani: Jewish Samizdat and the Rise of Jewish National Consciousness, in: Ro’i, Yaacov/Beker, Avi (Hrsg.): Jewish Culture and Identity in the Soviet Union, New York/London 1991, S. 88–111, hier S. 98. Die dritte Ausgabe, Iton Gimel, wurde im Sommer 1970 kurz vor dem geplanten Erscheinungstermin von den Behörden konfisziert. Die meisten der an der Herstellung Beteiligten wurden verhaftet und 1971 wegen der Vorbereitung und Verteilung von zionistischer, antisowjetischer Literatur zu Haftstrafen unterschiedlicher Länge verurteilt. Siehe Editors’ Note, in: Centre for Research: Evrejskij Samizdat, (Anm. 34), S. III. [38]  Insgesamt erschienen vier Ausgaben dieser Zeitschrift. Sie sind archiviert in AS 420, AS 426, AS 600 und AS 601. [39]  Schreiben des Vorsitzenden des KGB, Andropov, an das ZK der KPdSU vom 30. April 1970, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 17, S. 76–77. [40]  Unter den angeblichen Hauptzielen der Leningrader Organisation nennt der KGB die »Vermehrung der Geldmittel […] der Organisation durch Beiträge der Beteiligten und den Umsatz der gedruckten Materialien«. Ebenda, S. 76. Morozov merkt dazu an, dass die Geldein nahme keineswegs Selbstzweck der Organisation gewesen sei, vielmehr hätten die SamizdatAktivitäten und die Durchführung des Hebräischunterrichtes einen monatlichen Mitgliedsbeitrag erforderlich gemacht. Druckschriften hätten die Mitglieder kostenlos verteilt; lediglich für ein Hebräischlehrbuch sei ein Unkostenbeitrag erhoben worden, der jedoch nicht einmal die Herstellungskosten gedeckt habe. Ebenda, S. 77, Anm. 4.   [41] Gelfond: Illegal Zionist Activity (Anm. 12), S. 44. [42] In der Diskussion des Plans wurden moralische und ethische Bedenken geäußert, die sich vor allem um die Frage drehten, ob ihre Situation ihnen das Recht gebe, ein Flugzeug zu entführen, um auf das Schicksal der ausreisewilligen Juden aufmerksam zu machen. Butman, Hillel: From Leningrad to Jerusalem. The Gulag Way, Berkeley 1990, S. 83–85. [43]  Schreiben des Vorsitzenden des KGB, Andropov, an das ZK der KPdSU vom 30. April 1970, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 17, S. 76 f. [44]  Einer der Beteiligten berichtete rückblickend: »We knew that the KGB had been watching the Leningrad organization for a year before June 15 – from the spring of 1969. Since they had the Leningrad organization under surveillance, they soon learned of the hijacking discussion. They knew of the plans and preparations and were just waiting to arrest people.« Zitiert nach Schroeter, Leonhard: The Last Exodus, 2. Aufl. Washington 1979, S. 180. [45]  Davon zeugt etwa der Bericht des stellvertretenden Vorsitzenden des KGB, V. Čebrikov, an das ZK der KPdSU vom 14. Januar 1971, in dem die Untersuchungsergebnisse zum Fall des in Riga angeklagten Arkadij Špilberg dargelegt werden. Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 18, S. 79–82. [46]  Allein die Sammlung Peticii, pis’ma i obraščenija evreev SSSR, Bd. 1–3 (Anm. 11) enthält über 80 Schriftstücke, die zwischen Ende Juni und Mitte Dezember 1970 von größeren Gruppen und Einzelpersonen an in- und ausländische Adressaten gesandt wurden. Viele der Verfasser beklagten sich über den repressiven Umgang der sowjetischen Behörden und Sicherheitsorgane mit Ausreisewilligen, sie schilderten ihre eigenen langjährigen vergeblichen Ausreisebemühungen und die ihrer inhaftierten Freunde und Bekannten und protestierten gegen das ihrer Meinung nach ungesetzliche Vorgehen der Miliz und des KGB. [47]  Siehe etwa Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 1, Nr. 141, 171 u. Bd. 2, Nr. 209. [48]  AS 600. [49]  Siehe Brief von Meir Gel’fond an Amnesty International, Moskau vom 26. Dezember 1970, in: Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 2, Nr. 212; Appell von 59 Moskauer Juden an die UNO-Menschenrechtskommission, Moskau vom 27. Dezember 1970, in: Ebenda, Nr. 213; Appell von 10 Juden aus Minsk an den Generalstaatsanwalt der UdSSR, R. A. Rudenko, Minsk vom 28. Dezember 1970, in: Ebenda, Nr. 214. [50] Orbach: The American Movement (Anm. 8), S. 54–56. [51]  Schreiben des Stellvertretenden Vorsitzenden der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU, G. Smirnov, an das ZK der KPdSU vom 25. Januar 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 19, S. 83. [52]  Schreiben des Vorsitzenden der Leitung der Presseagentur Novosti, I. Udal’cov, an das ZK der KPdSU vom 27. Januar 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 20, S. 84–87. [53]  AS 601. [54]  AS 1390. [55]  Schroeter: The Last Exodus (Anm. 44), S. 101. [56]  Siehe z. B. Ben-Arie: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 3, Nr. 86. [57]  Detaillierter zum schriftlichen Protest bei Armborst: Ablösung von der Sowjetunion (Anm. 2), S. 199–212. [58]  Näheres dazu siehe Lazaris: Dissidenty i evrei (Anm. 33), S. 73. Der kollektive Besuch einer Regierungsstelle oder Behörde galt als effektives Mittel, die Arbeit der Behörden zu blockieren, ohne die Gesetze zu verletzen. [59]  Zu den Einzelheiten siehe Armborst: Ablösung von der Sowjetunion (Anm. 2), S. 212–218. [60]  Bericht von Andropov, Rudenko und Ščelokov an das ZK der KPdSU vom 28. März 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 23, S. 97–99; Bericht des stellvertretenden Innenministers der UdSSR, Šumilin, und des stellvertretenden Vorsitzenden des KGB, Čebrikov, an das ZK der KPdSU, o. D., in: Ebenda, Dok. 28, S. 111 f. [61]  AS 1390, S. 40. Später hatten die Teilnehmer an derartigen Aktionen weniger Erfolg; offensichtlich erkannten die sowjetischen Behörden, dass die Erteilung von Ausreisegenehmigungen an Protestierende immer mehr Menschen zu öffentlichen Aktionen motivierte. [62]  Genauer bei Alexeyeva, Ludmilla: Soviet Dissent. Contemporary Movements for National, Religious, and Human Rights, Middletown 1985, S. 176–179; Armborst: Ablösung von der Sowjetunion (Anm. 2), S. 218–224. [63]  Siehe dazu ebenda, S. 259–264. [64]  Rutman, Roman: Jews and Dissenters: Connections and Divergences, in: Soviet Jewish Affairs 3 (1973), H. 2, S. 26–37, hier S. 31. [65]  Bericht des KGB an das ZK der KPdSU vom 17. Mai 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 27, S. 104–110. [66]  Schreiben von Veniamin Ė. Dymšic an das ZK vom 26. Februar 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 21, S. 88–94, Zitat S. 91. [67]  Ebenda, S. 92 f. [68]  Alexander: Immigration to Israel from the USSR (Anm. 18), S. 319. [69]  Bland-Spitz, Daniela: Die Lage der Juden und die jüdische Opposition in der Sowjetunion 1967–1977, Diessenhofen 1980, S. 405 f. [70]  Für den Zusammenhang von Emigrations- und Entspannungspolitik, der in der Forschung bereits vielfach untersucht worden ist, liefern die bei Morozov veröffentlichten Dokumente kaum neue Erkenntnisse. Mehrere Schriftstücke geben jedoch Aufschluss darüber, wie stark die Sowjetunion seit Ende 1971 die Reaktion der befreundeten arabischen Staaten mitberücksichtigte, die in einer jüdischen Massenemigration die Gefahr einer Stärkung des israelischen Staates und vor allem eine Erhöhung des militärischen Potentials Israels sahen. Siehe Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 37, S. 130 u. Dok. 38, S. 131–133. [71]  Leon A. Onikov, Berater der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU, Über die Ausreise eines Teils der jüdischen Bevölkerung aus der UdSSR, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 57, S. 199–204. 

JHK 2007

Dänemark und die Oktoberrevolution

Thomas Wegener Friis/Jesper Jørgensen

Die »Große Sozialistische Oktoberrevolution« war auch für Dänemark ein entscheidendes historisches Ereignis. Sie brachte im Ostseeraum ein revolutionäres Regime an die Macht und erschütterte die Bourgeoisie der skandinavischen Länder bis ins Mark. Zudem war die Revolution Ausgangspunkt für die Spaltung der skandinavischen Arbeiterbewegung in einen revolutionär-kommunistischen und einen reformorientierten, sozialdemokratischen Teil. In Dänemark und den übrigen nordischen Ländern prägten v. a. die Sozialdemokraten die Art und Weise, wie die Oktoberrevolution wahrgenommen und beurteilt wurde. Sie dominierten die politische Szene ab den 20er Jahren, als sie dauerhaft Regierungsverantwortung übernahmen und in eine staatstragende Funktion hineinwuchsen. Zunächst begrüßten die Sozialdemokraten die russische Revolution als Sturz des nichtreformierbaren Zarismus und als sozialistisches Experiment. Die Sympathie verflog jedoch rasch. Nach der von den Bolschewiki gewaltsam erzwungenen Auflösung der verfassungsgebenden Versammlung im Januar 1918 sah man das sowjetrussische Regime kritisch, weil es einen Bruch mit der sozialdemokratischen Tradition der Demokratie und des Mehrparteiensystems vollzog. In Dänemark unterstützte in der Folge nur eine kleine linksradikale Gruppe innerhalb des sozialdemokratischen Jugendverbandes das revolutionäre Russland. Diese Gruppe bildete 1920 den Kern der als Sektion der Dritten Internationale gegründeten Kommunistischen Partei Dänemarks. In der Zwischenkriegszeit spielte sie in Dänemark allerdings nur eine untergeordnete Rolle.  Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs genossen die Kommunisten v. a. auf Grund ihres maßgeblichen Beitrages zum Widerstandskampf für kurze Zeit breitere Zustimmung. Sie vermochten dabei nicht, ihre Einschätzung der Oktoberrevolution zu popularisieren. Der Beginn des Kalten Krieges und Dänemarks außenpolitischen Neuorientierung, die zur Aufgabe der Jahrhunderte alten Neutralität und dem NATO-Beitritt führten, verstärkten die negative Interpretation der Oktoberrevolution. Die sozialdemokratischen Regierungen betrachtete diese Revolution als Wurzel des Bösen.  Aus diesem Grund wurde das Werk Pest over Europa (Pest über Europa) des sozialdemokratischen Ideologen Hartvig Frisch aus dem Jahr 1933 erneut aufgelegt. In diesem Buch beschreibt er das russische Regime als terroristisch und setzt es mit den faschistischen und nazistischen Diktaturen in Italien und Deutschland gleich. In seinem Nachwort von 1950 merkte Frisch an, dass die Welt (und die Arbeiterbewegung) sich weiterhin in einer schweren Auseinandersetzung zwischen Parlamentarismus und Diktatur befände.[1]  Seit den 50er Jahren entstanden in Dänemark neben den Kommunisten weitere größere Parteien links von der Sozialdemokratie: die Sozialistische Volkspartei (gegründet 1959), die Linkssozialisten (1967 bis 1998) und die rot-grüne Partei Enhedslisten (Einheitsliste, gegründet 1989). Daneben existierten kleinere linke Gruppen u. a. maoistischer und trockistischer Prägung: die Dänische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten, die Sozialistische Arbeiterpartei, die Kommunistische Arbeiterpartei, Fælles Kurs (Gemeinsamer Kurs) und die Kommunistische Partei in Dänemark. Diese Parteien hielten auf unterschiedliche Weise Distanz zu den sozialistischen Regimen Osteuropas. Auch wenn sie keine Marxisten Moskauer Prägung waren, so verfügten sie doch über ein positives Bild von der Oktoberrevolution. Ihr Einfluss erhöhte sich in den 60er und 70er Jahren beträchtlich, nicht zuletzt weil sich viele linksintellektuelle Künstler, Akademiker und andere Persönlichkeiten zur »Neuen Linken« bekannten. Hinzu kam die Propaganda der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Staaten. Sie versuchten mit so genannten »Auslandsinformationen« das Bild der Oktoberrevolution sowie der sozialistischen Staaten im Westen zu beeinflussen. Diese Bestrebungen erhielten mit der Annäherung von Ost und West in den 70er Jahren bessere Rahmenbedingungen. Die sozialistischen Staaten waren zudem bestrebt, ein Monopol über zugängliche Informationen zur Geschichte ihrer Gesellschaften auszuüben, was ihnen teilweise auch gelang.  Die Oktoberrevolution an den dänischen Schulen Das Ergebnis des Interpretationswettbewerbs zur Oktoberrevolution lässt sich an den dänischen Schullehrbüchern vom Ende der 70er Jahre sehr gut zeigen. Zu diesem Zeitpunkt gab der renommierte Schulbuchverlag Munksgaard eine Serie des sozialliberalen Politikers und Journalisten Sven Skovmand über die Sowjetunion heraus, die für die Grundschule konzipiert war. Skovmands Bild von der Sowjetunion war in der Tendenz positiv. Er erkannte zwar an, dass die sowjetische Gesellschaft einige Defizite aufwies, zum Beispiel die Einschränkung der Meinungsfreiheit. Auf der anderen Seite hob er – analog den offiziellen sowjetischen Darstellungen – die Mängel in den westlichen Gesellschaften hervor. So schrieb er zum Beispiel »sind die meisten Betriebe in Dänemark in Privatbesitz. Das macht es für den Staat schwierig, Arbeitsplätze zu schaffen. Deshalb können die Russen mit einem gewissen Recht behaupten, dass ihre Verfassung die Bürger besser sichert als zum Beispiel die dänische.«[2] 60 Jahre nach der Oktoberrevolution betrachtete Skovmand das Sowjetsystem als legitimes Gesellschaftsmodell, das ungeachtet seiner Mängel dem sowjetischen Volk viele Errungenschaften gebracht hätte. Diese grundlegende Auffassung prägte auch sein Revolutionsbild. Das zaristische Russland stellte er als eine Gesellschaft dar, die unreformierbar war. Die russische Landwirtschaft war »hoffnungslos vernachlässigt« und viele Bauern standen »unter dem Einfluss der Kulaken«. Unter dem Ministerpräsidenten der Provisorischen Regierung Aleksandr Kerenskij war »das russische Reich eine verrottete Tür. Sie wartete nur darauf, eingetreten zu werden«.[3] Die Oktoberrevolution kam deswegen wie eine Befreiung über das Land. Dazu schildert Skovmand Erleichterung nach der Machtübernahme: »Als Lenin die Nachricht erhielt, dass der Winterpalast gefallen sei, trug er eine Perücke, eine Brille und hatte seinen Bart abrasiert. Er musste ja vermeiden von Kerenskijs Spionen entdeckt zu werden. Nun zog er die Perücke ab. ›Bitte gib sie mir. Es kann sein, dass du sie wieder brauchst‹, sagte ihm sein Begleiter. Viele Jahre hatten die Kommunisten die Regierung bekämpft und wurden von der Polizei verfolgt. Auf einmal stellten sie die Regierung und sollten Entscheidungen fällen. Es war ein fast unglaublicher Gedanke.«[4] Laut Skovmand begrüßten auch die Arbeiter die Revolution, denn sie »übernahmen alle Betriebe, Eisenbahnen und Minen in Russland. Sie wünschten sich nämlich, dass das ganze Volk und nicht nur eine kleine Anzahl reicher Leute sie besitzen sollten.«[5] Lenins Machtübernahme war so gesehen ein fast demokratischer Akt. Dass sie legitim war, geht auch aus Skovmands Beschreibung der Gegner der Revolution hervor. Sie bestanden aus Ausländern, die über die Enteignungen entsetzt waren, sowie aus Konterrevolutionären, obwohl er diesen spezifischen Begriff selbst nicht verwendet. Diese Zuschreibung wird jedoch aus der Beschreibung der unmittelbaren Reaktion auf den bolschewistischen Putsch deutlich: »Schon einige Tage nach der Revolution versuchten führende Offiziere die Regierung zu stürzen. Diese Rebellion wurde jedoch schnell niedergeschlagen.«[6] Die angebliche Legitimität der bolschewistischen Regierung lässt sich hier nicht zuletzt an der Wortwahl erkennen. Waren die Gegner Lenins Rebellen, dann musste er der rechtmäßige Staatschef sein.  Eine Revolution lässt sich nicht mit Glacéhandschuhen gewinnen, das ist bei Sven Skovmand erkennbar. So beschreibt er, wie Feliks Dzeržinskij durch ein Missverständnis 1 500 Gefangene hinrichten ließ. Dies relativiert der Verfasser jedoch gleich wieder durch eine Bildlegende, in der er Dzeržinskij wie folgt beschreibt: »[…] ein harter Mann. Er war schuld am Tod vieler Menschen, aber auch als Ehrenmann bekannt. Er setzte sich sehr dafür ein, elternlosen Kindern zu helfen. Deshalb brachte man 1962 diese Briefmarke [mit Dzeržinskij Kontervei] heraus. Auch einer der berühmten Moskauer Plätze ist nach ihm benannt, an dem das Kinderkaufhaus Detskij Mir liegt.«[7] Auch an den dänischen Gymnasien wurden ab Ende der 60er Jahre die Oktoberrevolution und die Geschichte der Sowjetunion gelehrt. Von den 70ern bis in die 90er Jahre war die russische Revolution fester Bestandteil des dreijährigen Geschichtslehrplans der dänischen Gymnasialausbildung.  Es gab zwei Ursachen für die Positionierung im Gymnasiallehrplan. Erstens änderte sich der Inhalt des Geschichtsunterrichts in der Nachkriegszeit. Es wurde weniger Wert auf das Lehren »historischer Fakten« gelegt, stattdessen entwickelte sich das Fach in eine diskursive und methodische Richtung. Zugleich änderte sich die zeitliche Schwerpunktsetzung: Zeitgeschichte und Gesellschaftskunde spielten eine größere Rolle. Die Schüler sollten so in die Lage versetzt werden, die Gegenwart zu verstehen. Zweitens prägte diese Zeit in Dänemark und Westeuropa ein revolutionärer Romantismus, der den Umbrüchen von 1968 folgte. Das Interesse am Marxismus und seinen verschiedenen Manifestation in Osteuropa und in der Dritten Welt verstärkte sich beträchtlich. Der Kapitalismus befand sich in einer scheinbaren Krise, was der Suche nach gesellschaftlichen Alternativen Auftrieb gab. Das bedeutete nicht, dass sich die Vertreter dieser Strömungen mit dem Sowjetsozialismus identifizierten. Sie waren aber der Meinung, aus den historischen Lehren und praktischen Fehlern der KPdSU und ihrer »Bruderparteien« etwas lernen zu können. Die Darstellung der Oktoberrevolution und der Sowjetunion folgte v. a. dem gymnasialen Standardwerk Sovjetunionens historie (Geschichte der Sowjetunion) von Erik Bach Nielsen. Es erschien zum ersten Mal 1980. Bis 1990 folgten mehrere Auflagen, und das Werk wurde bis in die 90er Jahre im Unterricht verwendet. Das Buch vertrat keine radikalen Deutungen, sondern stellte in vielerlei Hinsicht den historisch-politischen Mainstream dar. Es versuchte die Sowjetunion »objektiv« zu bewerten, indem es den Staat nicht besonders rühmte, andererseits jedoch bestrebt war, das Land in keinem allzu schlechten Licht erscheinen zu lassen. Damit sollte es die Diskussion unter den Schülern fördern. Diese Linie erwies sich jedoch als problematisch. In dem Streben, die Sowjetunion gerecht zu behandeln, ging das Buch den gleichen Weg wie die Werke von Skovmand. Zwar werden die offensichtlichen Nachteile des sowjetischen Systems benannt, die Darstellung ist aber so aufgebaut, dass andere Schwerpunkte diese Mängel überdecken. Auch Bach Nielsen beschreibt das Russland der Romanovs als »failed state« mit einem wirkungslosen Parlament. Dazu bringt er ein Beispiel für die Brutalität des Zarenregimes, das 250 Arbeiter während eines Streiks in Sibirien ermordete. Die Sowjetunion wird zudem als föderativer Staat, vergleichbar den USA oder der Bundesrepublik Deutschland, charakterisiert. Der Oberste Sowjet ist das wichtigste zentrale Staatsorgan, als Antwort auf die Kritik von Menschenrechtlern am Sowjetsystem wird die sowjetische Verfassung zitiert. Lenin wird als positive politische Persönlichkeit dargestellt, die Tscheka als Garant für den Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg kurz erwähnt. Die Repression der Geheimpolizei tritt indes nur als Randphänomen auf. Auffallend bei dem Werk von Bach Nielsen ist die Wortwahl bei der Beurteilung der politischen Folgen der Revolution. Der Autor sät Zweifel am diktatorischen Charakter des Regimes und dessen Illegitimität, indem er schreibt: »Manche westliche Historiker behaupten, dass die Diktatur des Proletariats sich zur Diktatur der Bolschewiki entwickelte und die Räte nur einen Deckmantel für die Machtausübung der Bolschewiki darstellten. Hiergegen ist es die Auffassung der sowjetischen Historiker, dass sich Sozialrevolutionäre und Menschewiki durch die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien kompromittiert hatten.«[8] Besonders sprechend ist, dass die sowjetischen Historiker eine Auffassung vertreten, während manche im Westen etwas behaupten. Eine andere charakteristische Wortwahl ist die Beschreibung der Zwangsrequirierung von Getreide durch die Sowjetregierung. Sie wird als notwendige Maßnahme gegenüber den Bauern bezeichnet, weil diese den Städten die Nahrungsmittellieferungen verweigerten. Sie verzehrten die Früchte ihrer Arbeit stattdessen selbst oder lagerten sie ein. Seine Beschreibung der Beschlagnahme stellt nicht die Lebensverhältnisse der verarmten Landbevölkerung in den Mittelpunkt, sondern ihre Rebellion gegen die Sowjetmacht. Um die Legitimität der Regierung zu unterstreichen, werden die Widerstandsorganisationen der Bauern als »Bauernbanden« bezeichnet.[9]  Skovmand und Bach Nielsen äußern sich kritisch zur Stalinzeit, d. h. zu Zwangskollektivierung und »Großem Terror« 1937/38. Beide Verfasser heben hervor, dass Lenin vor Stalin in seinem Testament gewarnt hat und dass Stalins Tod 1953 einen Wendepunkt in der sowjetischen Geschichte darstellte. Es entsteht der Eindruck, Stalin sei – im Gegensatz zu Lenin – ein unglückliches Missverständnis der sowjetischen Geschichte gewesen. Beide Verfasser relativieren jedoch ihr Urteil über Stalin durch weitere Fakten: So rehabilitiert Skovmand Stalin, weil er dessen Herrschaft als Vorraussetzung für den Sieg über Hitlerdeutschland deutet.[10] Auch Bach Nielsen folgt dieser Argumentation, indem er schreibt, dass »keiner bestreiten würde, dass dies [Stalins Industrialisierung und Kollektivierung] die Gründe dafür waren, dass die Sowjetunion Hitlerdeutschland standhalten konnte.«[11] Außerdem ist Bach Nielsen relativ zurückhaltend, wenn er zum »typisch« westlichen Urteil über die StalinEpoche Stellung nimmt: »Die klassische Frage westlicher Darstellungen ist: War es die Opfer wert? Hierzu möchte ich anmerken: Die Industrialisierung verlief nun [einmal] in der Geschwindigkeit und auf eine solche Art und Weise, wie sie eben in der Sowjetunion gewählt wurde, und deshalb ist es nutzlos, die Frage zu diskutieren. Gleichwohl werden wir nie eine Antwort darauf erhalten, ob eine Generation großes Leid tragen muss, damit zukünftige Generationen besser leben können.«[12] Dass der Verfasser sich weigert, die »klassische Frage« zu stellen, hat Konsequenzen für seine Darstellung. So erkennt er an, dass der Lebensstandard der Sowjetbevölkerung in Stadt und Land in den 30er Jahren sank. Zugleich betont er, dass Stalin den Gesundheitssektor stärkte und eine bessere Sozialversicherung einführte. Er beseitigte auch die Arbeitslosigkeit. Sklavenwirtschaft und Zwangsarbeit spielen bei Bach Nielsen keine Rolle. In Bezug auf die Zwangskollektivierung nennt er kurz und unkommentiert eine Zahl zu den Menschen, die »vermutlich deportiert wurden«: 1 bis 10 Millionen. Dazu ergänzt er Folgendes: »Die Bauern reagierten sehr scharf auf die Kollektivierungen. Sie zogen es vor, die Haustiere zu schlachten, anstatt sie an die Kolchosen abzutreten […]. Mangel an Futter und Verwahrlosung in den Kolchosen könnten dafür eine Ursache sein. Besonders schlecht verlief sie [die Kollektivierung] in Kasachstan. Hier sank der Bestand an Scharfen und Ziegen von 19,2 Millionen 1928 auf 2,6 Millionen 1935. Erst 1940 erreichte der Bestand wieder 7 Millionen.«[13] Diese Beschreibung der Folgen der Zwangkollektivierung ist illustriert mit einem sowjetischen Propagandabild, auf dem ein Parteiaktivist einer Gruppe wohlgenährter und gut gekleideter Baumwollpflücker die sowjetische Verfassung erläutert.  Die Abrechnung mit dem Stalinismus in den 80er Jahren Die Herrschaft Stalins wurde in den 80er Jahren Ausgangspunkt für eine Debatte über das Sozialismusbild in Dänemark. Anlass war das Buch Stalinismens fascination og de danske venstreintellektuelle (Die Faszination des Stalinismus und die dänischen Linksintellektuellen) des den bürgerlichen Parteien nahestehenden Professors Bent Jensen (damals Odense Universität). In seinem Buch nahm Jensen, wie der Titel andeutet, äußerst kritisch zum Mitläufertum derjenigen Intellektuellen Stellung, die die Sowjetunion in den 30er, 40er und 50er Jahren unterstützt hatten. Zweierlei ist charakteristisch für Jensens Kritik. Erstens richtete sie sich gegen die organisierten Sowjetbefürworter in der dänischen KP und in der dänischsowjetischen Freundschaftsgesellschaft. Zweitens griff Jensen den Teil der sowjetischen Geschichte auf, bei dessen Verurteilung bereits ein gewisser Konsens bestand. Es war sicherlich ein bewusster Schritt, dass Jensen Stalin und nicht Lenin oder die Oktoberrevolution kritisierte, die für viele immer noch ein Tabu darstellte. Wie die oben genannten Zitate zeigen, blieb aber selbst Kritik an der StalinÄra nicht unwidersprochen. Jensen wusste, dass er sich mit den Gebrauch von Begriffen wie »Massenmord« und »Vernichtungslager« auf ein vermintes Gelände wagte. Deshalb leitete er sein Buch mit den Worten ein: »Manche werden dieses Buch als einseitig und ungerecht empfinden«. Die Kritik Jensens war ein prinzipieller Angriff auf das sowjetische Projekt, seine Legitimität und die »sozialistische Revolution«. So schrieb er u. a.: »Lenin und Stalin formten den klassischen Marxismus in ein ideologisches Werkzeug für die radikale Umgestaltung der russischen Gesellschaft durch eine totalitäre Partei um.«[14] In seinem Buch Ny Ruslandshistorie (Neue Russlandgeschichte) von 1992 kritisierte Jensen Lenin direkt. Er charakterisierte ihn als fanatischen, gläubigen Marxisten. Die Oktoberrevolution stellte er als Putsch und Ursprung allen Übels dar. Mit ihr begannen die Planwirtschaft, das Lagerregime und die Verfolgung von angeblichen »Volksfeinden« und »Schädlingen«. Auch Lev Trockij, der einigen als bessere Alternative zu Stalin galt, brandmarkte Jensen als ideologischen Hardliner und Befürworter der Zwangsarbeit. Zudem wandte sich Jensen auch gegen den Mythos von der Revolution als Befreiung der Völker des russischen Imperiums. In seiner Interpretation folgte dem zaristischen das sowjetische Imperium nach, das jede Selbstständigkeitsbestrebung der anderen Nationen und Nationalitäten niederwarf.  Aufgrund seines Bruches mit dem politisch-historischen Konsens der 80er Jahre geriet Bent Jensen zunächst in eine isolierte Forschungsposition. Dies wurde durch seine Neigung zu moralisieren verstärkt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging er jedoch als Sieger aus der Auseinandersetzung hervor. Er ist heute einer der profiliertesten Historiker im öffentlichen Leben Dänemarks. Politisch steht Jensen der aktuellen bürgerlichen Minderheitsregierung nahe, die im Parlament von der rechtsnationalen Dänischen Volkspartei gestützt wird. Wohin mit der Lenin-Statue?  Die Oktoberrerolution erhielt vor wenigen Jahren erneut politische Brisanz, als das Kopenhagener Arbejdermuseet (Arbeitermuseum) zum Schauplatz für eine hitzige Diskussion um die Person Lenins wurde. Aus verschiedenen Gründen griffen die Medien die Tatsache auf, dass seit 1998 eine Lenin-Statue am Eingang des Museums stand. Die Statue, geschaffen von dem lettischen Bildhauer Otto Kaleis, kam 1985 als Geschenk der Sowjetunion an die Gewerkschaft der Seemänner nach Dänemark. Diese Gewerkschaft war eine der wenigen nichtsozialdemokratischen Gewerkschaften im dänischen Gewerkschaftsbund. Die Seemänner stellten Lenin an ihrer Ausbildungsstätte Tidens Højskole (Volkshochschule der Zeit) in Hörsholm, nördlich von Kopenhagen, auf. Dort stand sie, bis die Schule Anfang der 90er Jahre verkauft wurde. Die Statue war jedoch vom Verkauf ausgeschlossen worden, und das Arbeitermuseum erhielt sie Mitte der 90er Jahre als Geschenk. Ab 1998 war sie Teil der Dauerausstellung »Folkets århundrede« (Das Jahrhundert des Volkes). Erst im Sommer 2004 forderten mehrere namhafte Politiker der Sozialdemokratie und der bürgerlichen Parteien sowie ihnen nahestehende Persönlichkeiten, dass die Statue entfernt werden müsste, und zwar mit der Begründung, Lenin hätte die Ideen der Demokratie und des Sozialismus verraten. Alternativ schlugen sie vor, sollte der Statue ein Text mit der Aussage beigefügt werden, dass Lenin wie Stalin und Hitler ein Massenmörder gewesen sei. Die Kritiker waren sich einig, dass es »abstoßend« sei, dass »einer der größten Henker der Geschichte« in einem staatlich geförderten Museum ausgestellt wird. Die Kritik barg den Vorwurf in sich, das Museum würde mit der Statue der Person Lenin huldigen. Die den sozialdemokratischen Gewerkschaften nahestehende Museumsleitung widerstand jedoch dem Druck und entschied, dass allein das Museum seine Ausstellungspolitik festlegt. Als kleines Zugeständnis wurde ein erklärender Text neben der LeninStatue angebracht. Zudem entschied das Museum, dass die Statue nicht Bestandteil der neuen, 2007 zu eröffnenden Dauerausstellung werden soll.  Das Museum erhielt aus den fachhistorischen und juristischen Kreisen Unterstützung für sein Argument, dass es selbst seine Ausstellungen zusammenstellt und die Ausstellungstexte verfasst. Aus einer Forschungsperspektive ist es jedoch interessant, dass sich in der Diskussion verschiedene politisch-historische Deutungen klar voneinander abgrenzten. Museumsdirektor Peter Ludvigsen vertrat in diesem Zusammenhang eine traditionelle Deutung, indem er sagte: »Wir wollen selbstverständlich sowohl die Geschichte der Statue als auch die Lenins erzählen. Er wird als derjenige beschrieben, der die russische Revolution einleitete, und als derjenige, der einen Bürgerkrieg einleitete, der so grausam wie blutig war. Er wird jedoch nicht als Massemörder und Henker bezeichnet. Ich glaube, dass Louise Frevert [Parlamentarierin der Dänischen Volkspartei und Teilnehmer in der Diskussion] Lenin mit Stalin verwechselt. Wenn wir herablassende Begriffe verwenden, verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit. Im Bürgerkrieg hat man sich gegenseitig umgebracht.«[15] Diese Auffassung von Lenins historischer Rolle ist die Fortsetzung der Auslegung der Oktoberrevolution in den 80er Jahren. Das erklärt, warum Peter Ludvigsen mit seinem Leninbild in der Debatte allein blieb. Seine Äußerungen wurden vehement, teilweise in heftigem Ton, von vielen Seiten kritisiert. Diejenigen, die fachlich-historische Argumente in der Debatte vorbrachten, betonten den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Lenin und Stalin. Stalins »Großer Terror« und der Gulag waren demnach eine Folge des Putsches vom Oktober 1917 und der Errichtung der Diktatur des Proletariats durch die Bolschewiki.  Die Diskussion um die Lenin-Statue veranschaulicht damit, wie sich das allgemein verbreitete Bild der Oktoberrevolution in den letzten 25 Jahren erheblich verändert hatte. Wurde die Revolution früher als Anfang eines (zwar missglückten) Versuchs des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft angesehen, betrachtete man sie am Anfang des neuen Jahrtausends vornehmlich als den Beginn eines Terrorregimes. Wer behandelt die Oktoberrevolution heute?  Die Antwort auf diese Frage lautet: Niemand. Ein entscheidender offizieller Schritt in diese Richtung wurde mit der Ausblendung der Revolution aus dem so genannten Geschichtskanon vom Juni 2006 gemacht. Der Kanon war Teil eines Berichts über die Arbeit des Fachausschusses zur Stärkung der Geschichte in der Grundschule. Wie der Name andeutet, war der Ausschuss von der Regierung gebildet worden, um eine mögliche Antwort darauf zu geben, wie das Geschichtsverständnis der dänischen Jugend verbessert werden könnte. Der Ausschuss wählte 29 so genannte Kanonpunkte der Geschichte von der Ertebölle-Kultur (5400 bis 3900 v. Chr.) bis zur Globalisierung aus. Diese Punkte sollen die Basis für den zukünftigen Geschichtsunterricht bilden.[16] Dieses staatliche Gremium stufte die Oktoberrevolution als Ereignis ein, das für die heranwachsende Generation nicht mehr von Bedeutung sein soll.  Das ist ein Novum in der dänischen Schule. Früher stellte die Revolution einen wichtigen Punkt im Lehrplan sowohl in der Grundschule als auch im Gymnasium dar. Und dies scheinbar mit Erfolg. In einer der wenigen Analysen zur Nachhaltigkeit des Geschichtsunterrichts wurden 15-Jährige zu ihrem historischen Wissen befragt. Sie wurden gebeten, fünf historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts zu benennen. Eines davon war – die Oktoberrevolution. Mit 30,6 Prozent Erinnerungsquote wurde die Revolution nur durch den Zweiten Weltkrieg mit 36,6 Prozent übertroffen, was von einer guten Kenntnis der Oktoberrevolution und von einer Sonderposition im Unterricht zeugt.[17] Als der Bericht des Ausschusses veröffentlicht wurde, hagelte es Kritik von Historikern und Politikern. Der Unmut konzentrierte sich auf die Ereignisse, die nicht in den Kanon aufgenommen worden waren. Besonders hervorgehoben wurde das Fehlen des Ersten Weltkrieges, der Oktoberrevolution, des Nationalsozialismus und des Holocaust. Bei einer Durchsicht der Debatten fällt auf, dass bei der Kritik am Fehlen der Oktoberrevolution kein einziges Argument aufgeführt wurde, warum sie dennoch in den Kanon aufgenommen werden sollte. Hier liegt vermutlich der Grund dafür, warum die Oktoberrevolution nicht mehr als wichtiges historisches Ereignis betrachtet wird. Heute, fast 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges, wird es zunehmend schwieriger, den Aktualitätsbezug der Oktoberrevolution zu erkennen.  Dies kann sich möglicherweise wieder ändern, aber die Öffentlichkeit nimmt Lenins Revolution heute nur noch am Rande wahr. Die Schwächung der Bedeutung der Oktoberrevolution verläuft parallel zum fast vollständigen Verschwinden der russischen Sprache aus den dänischen Gymnasien. Zudem ist es symptomatisch, dass die Sowjetunion nur eine kleine Rolle in der regen dänischen Debatte über den Kalten Krieg gespielt hat. Die Position der Sowjetunion als Exponent der sozialistischen Länder ist im Wesentlichen von der DDR übernommen worden, was selbstverständlich auch der großen sprachlichen und geografischen Nähe sowie dem leichteren Quellenzugang zuzuschreiben ist.  [1]  Frisch, Hartvig: Pest over Europa. Bolschevisme – Fascisme – Nazisme, 2. Aufl. Kopenhagen 1950, S. 328.  [2]  Skovmand, Sven: Sovjetunionen. USSR 2, Kopenhagen 1979, S. 75. [3]  Ebenda, S. 116. [4]  Skovmand, Sven: Marx, Lenin og Stalin. USSR 5, Kopenhagen 1979, S. 42. [5]  Ders.: Sovjetunion – en supermagt. USSR 6, Kopenhagen 1979, S. 13. [6] Skovmand: Marx, Lenin og Stalin (Anm. 4), S. 42. [7]  Ebenda, S. 49. [8]  Bach Nielsen, Erik: Sovjetunionens historie, Kopenhagen 1980, S. 37. [9]  Ebenda, S. 48.  [10]  Skovmand: Marx, Lenin og Stalin (Anm. 4), S. 64.  [11]  Bach Nielsen: Sovjetunionens historie (Anm. 8), S. 87. [12]  Nielsen: Sovjetunionens historie (Anm. 8), S. 87. [13] Ebenda, S. 90.  [14]  Jensen, Bent: Stalinismens fascination og de danske venstreintellektuelle, Kopenhagen 1984, S. 12. [15]  Jyllands-Posten vom 27. April 2004. [16]  Rapport fra Udvalget til styrkelse af historie i folkeskolen. Undervisningsministeriet juni 2006, Kopenhagen 2006. [17]  Angvik, Magne/Nielsen, Vagn Oluf (Hrsg.): Ungdom og historie i Norden, BergenSandviken 1999; Angvik, Magne/Borries, Bodo von (Hrsg.): Youth and History. A Comparative European Survey on Historical Consciousness and Political Attitudes among Adolescents, Hamburg 1997.  

JHK 2007

Gulag und Laogai: das sowjetische und das chinesische Lagersystem im Vergleich

Dieter Heinzig

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob die Systeme Gulag und Laogai einander ähnlich, wenn nicht gleich seien: Ein totalitärer Staat sperrt Millionen seiner Bürger ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren in Lager ein, wo sie viele Jahre oder sogar Jahrzehnte ohne oder gegen extrem niedrige Bezahlung unter Lebensbedingen arbeiten müssen, die so miserabel sind, dass viele von ihnen an Hunger oder Krankheit sterben, manche an den Folgen von Folter oder durch Hinrichtung. Wenn man aber die beiden Systeme näher betrachtet, erkennt man Unterschiede, die nicht vernachlässigt werden dürfen. Im Folgenden sollen Ähnlichkeiten und Unterschiede des sowjetischen und des chinesischen Konzentrationslagersystems anhand von ausgewählten Kriterien herausgearbeitet werden.  Der historische Hintergrund beider Systeme  Zwangsarbeit und Verbannung haben in Russland als in China eine lange Tradition. Im zaristischen Russland wurden seit dem 17. Jahrhundert Zwangsarbeitertrupps nach Sibirien geschickt. Stalin bewunderte Peter den Großen, der Leibeigene und Gefangene einsetzte, um riesige Bauprojekte wie z. B. die Gründung von St. Petersburg durchzuführen. Zusätzlich zu diesem Zwangsarbeitssystem, das man katorga nannte, gab es Zwangsansiedlung (poselenie): Menschen wurden gezwungen, oft zusammen mit ihren Familien, sich lebenslänglich in öden Landstrichen niederzulassen, meist im russischen Norden oder in Sibirien. Sie wurden zwar nicht eingesperrt, mussten aber ein entbehrungsreiches Leben führen. Schließlich gab es noch die Verbannung (ssylka), die üblicherweise nicht von einem Gericht, sondern von einer Verwaltungsbehörde verhängt wurde. Sie galt als eine vergleichsweise milde Strafe und richtete sich in der Regel gegen Intellektuelle und Politiker, die sich kritisch geäußert hatten. Als Beispiele seien die Dekabristen, Aleksandr Puškin und Fëdor Dostoevskij genannt ebenso wie prominente Bolschewisten wie Lenin, Trockij und Stalin. Letztere lebten in der Verbannung meist unter vergleichsweise günstigen Lebensbedingungen. Sie durften Bücher lesen, und Lenin konnte sogar die Neue Zürcher Zeitung abonnieren. Hingegen wurden im kaiserlichen China viele Großbauprojekte wie die Große Mauer seit der QinDynastie und das Kanalsystem während der Sui-Dynastie unter Einsatz von Sklaven durchgeführt. Zwangsarbeit und Verbannung für Gefangene waren ebenfalls üblich. Nach dem Strafgesetzbuch (lü) der Gesetze und Statuten der MandschuDynastie (Da Qing lü li) galt Verbannung in Verbindung mit Zwangsarbeit als eine mittlere Strafe. Es gab zwei Arten: »interne Verbannung« innerhalb der Grenzen derselben Provinz bis zu drei Jahren (tu) für Vergehen wie Inzest, Abtreibung oder Vergewaltigung und lebenslange »Verbannung in ferne Gebiete« (liu) für Verbrechen wie Ehebruch, Entführung oder Mordversuch. Ein umfassendes Geständnis des Angeklagten war als Voraussetzung für eine Verurteilung von großer Bedeutung. Die Folter war erlaubt, um ein Geständnis zu erzwingen. »Politische Verbannung« war in China hingegen weniger verbreitet als in Russland.[1] In China gab es das System des kommunistischen Terrors nicht erst seit der Gründung der Volksrepublik 1949. Es hatte Vorläufer: zum einen das entsprechende System in der Räterepublik der zentralchinesischen Provinz Jiangxi, wo zwischen 1927 und 1934 fast 200 000 politische Gegner liquidiert wurden und wo Zwangsarbeit eine übliche Strafe war. Zum anderen wurde ab 1936 in Yenan das Unterdrückungssystem verfeinert, und Mao Zedong und seine Anhänger setzten eine »Rektifizierungsbewegung« (zhengfeng yundong) in Gang, entwickelten die Idee der »Gedankenreform« (sixiang gaizao) und führten die Methode von Zwangsgeständnissen ein. So bereiteten sie den Boden für alle Arten von psychischem Terror, der als »Umerziehung« bekannt geworden ist und im Laogai-System der Volksrepublik China eine wichtige Rolle spielen sollte. Es ist hinreichend belegt, dass Spezialisten der sowjetischen Geheimdienste (OGPU, NKVD, MGB, KGB etc.) den chinesischen Genossen halfen, ihr Unterdrückungssystem zu entwickeln. [2]  Welche sozialen Gruppen wurden interniert oder deportiert?   Die Gruppen wechselten entsprechend dem Auf und Ab der sozio-politischen Geschichte der beiden Länder und abhängig davon, wen das Regime als Gegner ausmachte. Nach dem bolschewistischen Putsch vom 7. November 1917, den man später »Große Sozialistische Oktoberrevolution« nannte, erfanden die neuen Herrscher eine neue Kategorie von Kriminellen: den »Klassenfeind« (meist als kollektives Nomen benutzt) oder »die Feinde der Revolution«. Es gab keinerlei Versuche zu definieren, was das bedeutete. Es war schlicht ein Terminus, der dem bolschewistischen Denken in den Kategorien von Freund und Feind (kto kogo?, wörtlich »Wer wen?«) entsprang. Der Klassenfeind konnte ein früherer zaristischer Offizier sein, ein Adliger, ein Kulak, ein »Bourgeois«, ein »Spekulant«, ein Priester oder ein oppositioneller Politiker. Er konnte praktisch jeder sein, den man verdächtigte, er sei »unzuverlässig« (ein Ausdruck, den Lenin im August 1918 verwendete). Unter der Politik des Roten Terrors sollten solche Menschen getötet, ins Gefängnis geworfen oder, wie Lenin es ausdrückte, »in einem Konzentrationslager außerhalb der Stadt eingesperrt« werden.[3]  Ab 1929 wurden neue Häftlingskategorien eingeführt, die für die ökonomischen Pannen herhalten mussten. Man nannte sie »Schädlinge«, »Saboteure« oder auch »sozial fremde Elemente«. Betroffen waren Ingenieure, Techniker, Unternehmer, Ladenbesitzer und Handwerker. Den höchsten Preis aber zahlten die Bauern. Sechs Millionen Bauern fielen dem Großen Hunger (Golodomor) zum Opfer, mehr als zwei Millionen wurden deportiert, von denen wiederum Hunderttausende zu Tode kamen. Sie wurden als »Kulaken« verfolgt, d. h. als Großgrundbesitzer und reiche Bauern, während die meisten von ihnen in Wirklichkeit Bauern mit einem mittleren Einkommen und arme Bauern waren. Sie wurden bestraft, weil sie sich der Zwangskollektivierung und der raskulačivanie (Entkulakisierung) widersetzt hatten. Sie bildeten die große Mehrheit im Gulag der 30er Jahre. Während der »Großen Säuberung« (bol’šaja čistka) zwischen 1936 und 1938 traf es massenhaft Angehörige der Parteielite, darunter viele ausländische Kommunisten, und des Generalstabs, die als »Trockijsten« oder als »Rechtsabweichler« rubriziert wurden, aber auch Opfer mit einem beliebigen anderen sozialen Hintergrund. 1937 und 1938 wurden Angehörige bestimmter Nationalitäten zu Hunderttausenden unter dem Verdacht der Spionage oder »Subversion« entweder sofort liquidiert oder in den Gulag verbracht: Polen, Japaner, Deutsche, Finnen, Rumänen, Letten, Litauer, Türken, Griechen. Seit 1939 kamen u.a. Karelier, Tschetschenen und Krimtataren hinzu, während des Krieges »Verräter«, d. h. Rotarmisten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, und schließlich, vor Stalins Tod, auch Juden. Insgesamt gehörten die meisten Häftlinge nicht zur Intelligenz, sondern waren Bauern und Arbeiter.[4] In China wurden die politischen Gefangenen in den Lagern meist unter dem Begriff »Konterrevolutionäre« zusammengefasst. Zu ihnen gehörten in den 50er Jahren Kuomintang-Beamte, Fabrikbesitzer oder Ladeneigentümer, Großgrundbesitzer, wohlhabende Bauern, Christen und »Spione« (meist Ausländer), seit 1957 »Rechte« oder »Rechtsrevisionisten«, in den späten 70er Jahren Bürgerrechtsaktivisten, 1989 und danach Studenten der Tiananmen-Bewegung sowie seit 1999 Falungong-Anhänger. Andere Begriffe wie »ideologische Reaktionäre« (vor der Kulturrevolution) oder »antisozialistische Elemente« (danach) bezeichneten Menschen, die ihre Unzufriedenheit mit der offiziellen politischen Linie zum Ausdruck gebracht, dies aber in ihrer Privatsphäre getan hatten. Ihre Aktivitäten wurden als weniger bedrohlich betrachtet.[5] Im Verhältnis zu den »gewöhnlichen Kriminellen« war der Anteil der politischen Gefangenen Mitte der 50er Jahre am höchsten, nämlich etwa 80 Prozent. Er fiel in den 60ern auf 50 Prozent und am Ende der 70er auf ein rundes Drittel.[6] Obwohl sich die sozialen Gruppen, die von politischen Inhaftierung und Deportation betroffen wurden, in beiden Ländern voneinander unterschieden und die Gruppen auch unterschiedlich bezeichnet wurden, lässt sich dennoch feststellen, dass sie eine Gemeinsamkeit aufwiesen: Die Machthaber stuften sie als Regimegegner ein oder betrachteten sie zumindest als unzuverlässige Personen. Es sei indes auf zwei Unterschiede hingewiesen. Zum einen: Wenn auch in China zwischen 1949 und 1952 im Zuge der Landreform vier bis sechs Millionen Bauern in den Laogai geschickt wurden, entging die ländliche Bevölkerung in der Folgezeit diesem Schicksal – ein erheblicher Unterschied zur Sowjetunion, wo in den 30er Jahren wahrscheinlich mehr als 70 Prozent der im Gulag Inhaftierten Bauern waren.[7] Zum anderen: Wie schon erwähnt, wurden in der Sowjetunion zusätzlich zu der üblichen Kategorie des »Volksfeinds« Menschen auch auf Grund ethnischer Kriterien verfolgt. Dies hatte zum Teil damit zu tun, dass die Sowjetarmee zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ausländische Gebiete besetzte (Ostpolen, die baltischen Staaten, Teile Rumäniens und Finnlands), aber auch damit, dass in sowjetischen Territorien, die nach 1941 von der deutschen Wehrmacht besetzt wurden, nichtrussische Nationalitäten tatsächlich oder vermeintlich mit den Deutschen kollaborierten. In China gab es keine vergleichbare Situation. Zudem beliefen sich in China die Nicht-Han-Nationalitäten nur auf etwa 6 Prozent der Gesamtbevölkerung, während in der Sowjetunion die Nichtrussen etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachten. Es gab also in China keine breit angelegte Verfolgung von Minderheiten. Die Hauptausnahme bilden die Tibeter. Im Zuge des Massenterrors nach dem tibetischen Aufstand von 1959 wurden Hunderttausende von Tibetern in mehr als 150 Laogai-Lager mit strengstem Regime eingewiesen. Es gibt Hinweise, wonach nur etwa 2 Prozent von ihnen überlebten. Verfolgt werden bis heute Uighuren in der Provinz Xinjiang (Sinkiang) und Mongolen in der Inneren Mongolei, die sich einer Sinisierung widersetzen und denen man – teilweise zu Recht – Separatismus vorwirft.[8] Werden unterschiedliche Häftlingskategorien in unterschiedlichen Lagertypen inhaftiert?  Nachdem die Bolschewisten in Petrograd die Macht ergriffen hatten, sperrten sie alle Häftlinge in die Gefängnisse ein, die das zaristische System hinterlassen hatte, und unterstellte sie 1922 dem Volkskommissariat für Justiz.[9] Doch schon im Sommer 1918 beschloss man, die politischen Gefangenen, d. h. »die Bourgeoisie« (Trockij) oder »die Unzuverlässigen« (Lenin), in Konzentrationslager (konclagerja) einzuweisen. Diese Häftlinge wurden üblicherweise nicht durch ordentliche Gerichte verurteilt, falls sie überhaupt ein Gerichtsverfahren erhielten. Die Konzentrationslager entwickelten sich oft aus ehemaligen Kriegsgefangenenlagern, die im Sommer 1918 geräumt und der Tscheka (russ.: ČK), dem Geheimdienst, übergeben wurden. Dies war de facto der Anfang des Gulag. Die Lager wurden 1919 offiziell in »Zwangsarbeitslager« (lagerja prinuditel’nych rabot) umbenannt[10] und erhielten später die Bezeichnung »Sonderlager« oder »Speziallager« (osobye oder special’nye lagerja). Als Reaktion auf die Androhung eines westlichen Boykotts von Waren, die in Zwangsarbeitslagern hergestellt wurden, benannte man seit 1930 die Konzentrationslager in »Besserungsarbeitslager« (ispravitel’notrudovye lagerja, russ. Abk.: ITL)[11] um. Wegen der wachsenden Zahl der Lager wurde bei der OGPU, der Nachfolgerin der Tscheka, 1930 eine neue Abteilung, die Hauptverwaltung Lager, eingerichtet, die man abgekürzt GULag nannte und die für die meisten Besserungsarbeitslager verantwortlich war.[12] In den 20er Jahren bestanden formal beide Gefängnissysteme − ein »reguläres« System für kriminelle und ein »spezielles« für politische Häftlinge − nebeneinander. Im ersten großen Lager des Gulag, dem Soloveckij-Lager im Weißen Meer, waren zwischen 1923 und 1925 nicht nur politische Häftlinge, sondern auch gewöhnliche Kriminelle zu finden.[13] Offenbar war der Unterschied zwischen den beiden Häftlingskategorien bis zum Zerfall der Sowjetunion vage. Als das Soloveckij-Experiment einen großen wirtschaftlichen Erfolg zu versprechen schien, beschloss das Politbüro am 27. Juni 1929, den formalen Unterschied zwischen den beiden Systemen abzuschaffen und ein einheitliches System unter der Aufsicht der OGPU einzurichten.[14] Dass bedeutete, dass seit 1929 kriminelle und politische Gefangene zusammen in einem riesigen Lagersystem untergebracht wurden.  Zur selben Zeit entstand der Gedanke, administrative und wirtschaftliche Maßnahmen zu ergreifen, um entlassene Häftlinge dazu zu zwingen, ständig in dem Gebiet zu verbleiben, in dem ihr ehemaliges Lager gelegen war.[15] Auf diese Weise wurden die Lager sozusagen erweitert. Eine zweite Opferkategorie waren die »Spezialumsiedler« (specpereselency oder specposelency), d. h. die Zwangsumsiedler. Diese wurden, in den 30er Jahren meist als »Kulaken« und in den 40er Jahren auf Grund ihrer nationalen Zugehörigkeit, in weit entfernte, unterbevölkerte Gebiete deportiert, die man wegen ihrer ökonomischen Bedeutung ausgewählt hatte. Sie mussten unter äußerst harten Bedingungen vegetieren, oft in »Spezialsiedlungen« (specpereselenija oder specposelenija) oder in »Arbeitssiedlungen« (trudovye poselenija), die entweder in einem eigenen Gebiet errichtet wurden oder einem Lager des Gulag angeschlossen waren. Zwischen 1934 und 1944 standen diese Siedlungen unter der Aufsicht von GULag; anschließend wurden sie einer anderen Abteilung des NKVD unterstellt. In den 50er Jahren gab es etwa gleich viele Zwangsumsiedler wie Gulag-Häftlinge.[16] In China wurden politische Gefangene und gewöhnliche Kriminelle sowohl in den Gefängnissen als auch im Lagersystem des Laogai von Anfang an gemeinsam untergebracht. Laogai ist die Abkürzung von laodong gaizao und bedeutet »Umerziehung durch Arbeit«. Harry Wu unterscheidet drei Hauptkategorien von Laogai im weiteren Sinne: laogai im engeren Sinne, laojiao und jiuyue.[17]  Laogai im engeren Sinne war von Anfang an die verbreitetste Form der Zwangsarbeit und − wie auch die beiden anderen Formen − immer mit dem Bemühen verbunden, die Gefangenen umzuerziehen. Praktisch jeder, von dem man annahm, er sei ein Gegner des Regimes oder zumindest unzuverlässig, konnte ein Laogai-Häftling werden. Nach dem Gesetz hätte er von einem ordentlichen Gericht verurteilt werden müssen. Aber dies geschah oft in seiner Abwesenheit oder es geschah gar nicht, weil der Richter einfach die Entscheidung der Staatssicherheitsorgane bestätigte.[18] Laojiao, die Abkürzung von laodong jiaoyang (Erziehung durch Arbeit), wurde im August 1957 eingeführt. Diese Strafe verhängte man anfangs hauptsächlich gegen mehrere Hunderttausende von »Rechten«, die sich als Reaktion auf Mao Zedongs »Hundert-Blumen-Kampagne« kritisch geäußert hatten, aber auch gegen Menschen, denen man geringere Vergehen anlastete oder die gewöhnliche Diebe und Betrüger waren. Nach Angaben des ehemaligen Laojiao-Häftlings Pasqualini (Bao Ruowang) hatten laogai-Gefangene »Verbrechen«, laojiao-Gefangene »Fehler« begangen. Das gesamte Verfahren wurde von der Staatssicherheit betrieben. Rein rechtlich war kein Gerichtsurteil erforderlich, eine Entscheidung der Sicherheitsorgane reichte aus. Danach wurden die Gefangenen in die Lager transportiert, die man mit der Zeit immer häufiger − im Jahre 1980 zu 70 Prozent − mit den laogai-Lagern zusammenlegte. Anders als ihre laogai-Mithäftlinge wurden die laojiao-Gefangenen für ihre Arbeit bezahlt, wenn auch miserabel. Am Anfang wurde die Dauer ihrer Haft nicht begrenzt; erst ab 1961 wurde sie auf drei Jahre festgelegt. Ungeachtet dessen wurden viele Häftlinge nach Ablauf dieser Zeit nicht entlassen. Theoretisch behielten die laojiao-Gefangenen ihre Bürgerrechte. Doch allmählich näherten sich die Haftbedingungen der beiden Kategorien immer mehr aneinander an.[19] Jiuye, die Abkürzung von liuchang jiuye (etwa »Zwangsrekrutierung«) stellt die dritte Hauptkategorie der Zwangsarbeit dar, die durch ein vergleichsweise liberales Regime gekennzeichnet war. Der hiervon betroffene Personenkreis, auch »freie Arbeiter« genannt, bestand zumeist aus ehemaligen laogai- oder laojiaoHäftlingen, die ihre Strafe abgesessen hatten und somit hätten entlassen werden müssen, die aber dennoch in den Lagern oder in deren Nähe weiter festgehalten wurden. Nach einem Regierungsbeschluss von 1953 sollten etwa 70 Prozent entlassen und 30 Prozent weiter festgehalten werden; doch der Prozentsatz der Festgehaltenen war offenbar viel höher.[20] Dieser Prozentsatz nahm in den 80er Jahren ab und wurde nach einer Schätzung am Ende auf 10 Prozent reduziert.[21] Häftlinge mit einem jiuye-Status genossen einige Privilegien. Sie wurden besser untergebracht und etwas besser entlohnt als die laojiao-Gefangenen. Sie durften das Lager verlassen, um in den Dörfern einkaufen zu gehen. Einigen wurde es gestattet, einmal oder zweimal im Jahr ihre Familien zu besuchen, ihre Familien auf Dauer in das Lager zu holen oder im Lager zu heiraten. Insgesamt aber war ihre Lage kaum weniger deprimierend als die der anderen, da sie in den Lagern oder in deren Nähe auf unbestimmte Zeit festgehalten wurden.[22] Wenn wir zusammenfassend die verschiedenen Häftlingskategorien vergleichen, die in den beiden Ländern existierten, so gab es in der Sowjetunion zumindest in den 20er Jahren zwei getrennte Systeme: ein reguläres für »kriminelle« und ein spezielles für »politische« Gefangene, während das chinesische Regime von Anfang an ein integriertes System einführte. In beiden Systemen bedeutete Strafe Zwangsarbeit. Andererseits gab es in der Sowjetunion kein System, das aus drei Kategorien bestand wie in China laogai, laojiao und jiuye, obwohl der sowjetische Geheimdienst wie in China Angehörige verschiedener sozialer Gruppen verhaftete. In der Sowjetunion ging man nicht so weit wie in China, wo man viele Häftlinge, die ihre Lagerstrafe abgesessen hatten, als Zwangsrekrutierte (jiuye) in den Lagern behielt. Aber der NKVD hielt häufig entlassene Gefangene vor Ort in der Nähe der Lager weiter fest. Eine andere Kategorie von sowjetischen Zwangsarbeitern, die es in China nicht gab, kann man allerdings bis zu einem gewissen Grad mit dem jiuye-Status vergleichen: die Spezialumsiedler die oft in der Nähe von Lagern leben mussten. Die sowjetische Praxis, Dissidenten für unbestimmte Zeit in psychiatrische Kliniken (im sowjetischen Jargon psichuški) einzuweisen, anstatt sie in normalen Gefängnissen – der Gulag existierte damals nicht mehr - wegzusperren, war in China nicht so verbreitet. In den frühen 80er Jahren gab es in der Sowjetunion etwa 85 psychiatrische Haftanstalten. In China sind bis zur Kulturrevolution nur zwei vergleichbare Fälle von politisch begründeter psychiatrischer Haft bekannt geworden. In den 70er und 80er Jahren kam die psychiatrische Verfolgung häufiger vor. Insbesondere wurden solche Menschen in psychiatrische Kliniken eingesperrt, die sich der »Gedankenreform« widersetzt hatten.[23] In diesem Zusammenhang sind zwei andere Aspekte zu erwähnen, unter denen sich die beiden Systeme unterscheiden. In China wandte die Lagerleitung im Allgemeinen nicht die sowjetische Methode an, gewöhnliche Kriminelle zu benutzen, um die politischen Gefangenen zu kontrollieren.[24] Auf der anderen Seite setzte man üblicherweise die Ehepartner von Gulag-Häftlingen nicht unter Druck, sich von den Gefangenen zu trennen. In China war dies ganz normal. Demzufolge ließen sich die meisten Ehepartner von laogai- und laojiaoGefangenen scheiden. Deren Familienangehörige und Verwandte wurden ständig überwacht und hatten unter allen möglichen Schikanen zu leiden. Ihre Kinder konnten von der Schule oder der Universität relegiert werden.[25] Soweit bekannt, wurden solche Instrumente der Repression in der Sowjetunion seltener eingesetzt. Eine wichtige Ausnahme in dieser Hinsicht stellt die »Großen Säuberung« in den Jahren 1936 bis 1938 dar, als auf Grund eines NKVD-Befehls Ehefrauen und Kinder von »Volksfeinden« verhaftete werden konnten. Man erfand für sie sogar eine offizielle Bezeichnung mit einer offiziellen Abkürzung: »Familienmitglied eines Feindes des Volkes« (člen semi vraga naroda; russ. Abk.: ČSVN).[26]  Die Zweckbestimmung der Lagerhaft In der Sowjetunion verfolgte man mit den Lagern nicht immer denselben oder überhaupt keinen klar erkennbaren Zweck. Obwohl es bereits Versuche gab, die Arbeitskraft der Häftlinge zu nutzen, standen anfangs offenbar Bestrafung, Prävention und Umerziehung im Vordergrund. Doch ab Ende der 20er Jahre, mit dem Beginn des ersten Fünfjahresplans (1928 bis 1932), wurde allmählich der Gulag als ökonomischer Faktor immer bedeutsamer, so dass das Lagersystem zwischen 1928/29 und Mitte der 50er Jahre zwei Hauptzielen diente: erstens, auf sozio-politischem Gebiet, Kriminelle wegzusperren, wirkliche oder vermeintliche politische Gegner zu isolieren sowie die Bevölkerung einzuschüchtern und die kommunistische Herrschaft zu konsolidieren, und zweitens, auf ökonomischem Gebiet, die Arbeitskraft der Gefangenen für die zentral geplante Wirtschaft zu nutzen. Die Lager spielten eine wichtige Rolle bei der Beschleunigung der ökonomischen Entwicklung, besonders bei der Industrialisierung, als es erforderlich war, Naturschätze auszubeuten wie auch gleichzeitig unterentwickelte Gebiete zu erschließen. So gesehen war der Gulag in dieser Periode sowohl ein Instrument der politischen Unterdrückung als auch eine Komponente der wirtschaftlichen Entwicklung.[27] In der Wissenschaft gibt es einen wachsenden Konsens darüber, dass Stalin bis zu seinem Lebensende fest an die Effizienz der Zwangsarbeit glaubte. Tatsächlich spielte das Gulag-System bei der Erschließung Sibiriens, des Fernen Ostens und des russischen Nordens eine enorme Rolle. Seit 1930 war die OGPU mit dem GULag für einen erheblichen Teil der ökonomischen Entwicklung des Landes verantwortlich. In den 30ern bauten Häftlinge so riesige Projekte wie den Ostsee-Weißmeer-Kanal, den Moskau-Wolga-Kanal und die Transsibirische Eisenbahn vom Baikal zum Amur (BAM). Am Ende des Jahrzehnts hatte sich der Gulag über die gesamte Sowjetunion ausgebreitet, und um 1950 spielte er mit seinen Gefangenen, die in praktisch allen Industriezweigen eingesetzt wurden, eine entscheidende Rolle in der sowjetischen Wirtschaft. Auf der anderen Seite war Gulag-Arbeit unrentabel. Der Grund ist offensichtlich: Zwang in Verbindung mit niedrigen Löhnen führt zu Ineffizienz. Schon in den 20er Jahren waren Großprojekte wie z. B. das Soloveckij-Lager nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen. Während der »Großen Säuberung« in den Jahren 1936 bis 1938 fiel die Produktivität vieler Lager ab. In den frühen 50ern musste der Staat wegen der nachlassenden Arbeitsdisziplin die Lager in zunehmendem Maße subventionieren, und zwar mit mehr als 16 Prozent seines Haushalts. Valery Lazarev stellt hierzu lapidar fest, das Ende des Gulag könne als eine Bankrotterklärung im streng wirtschaftlichen Sinne betrachtet werden.[28] Fast alles, was zur Zweckbestimmung des Gulag festgestellt wurde, kann auch zu derjenigen des Laogai gesagt werden. Die Lager waren dafür gedacht, zu bestrafen, Opposition zu verhindern, umzuerziehen und die Arbeitskraft der Häftlinge auszubeuten. Wie man in einem Handbuch des chinesischen Justizministeriums lesen kann, ist es die Aufgabe von Laogai, »1. die Gefangenen zu bestrafen und sie unter Aufsicht zu stellen, 2. die Verbrecher umzuerziehen, 3. die Arbeit und die Produktionstätigkeit der Verbrecher zu organisieren […]«[29]. Der Laogai war offenbar weniger bedeutsam für die Gesamtwirtschaft als der Gulag. Angesichts ihrer bekannten Unzuverlässigkeit können offizielle statistische Daten im wirtschaftlichen Bereich, wenn überhaupt, nur unter großem Vorbehalt benutzt werden. Wenn wir sie für bare Münze nehmen, trug der Laogai zur Industrieproduktion nur in den 50er Jahren erheblich bei, als viele schwierige Bauvorhaben mit primitiven technischen Mitteln bewältigt werden mussten. Im allgemeinen war es der Vorteil des Laogai, billige Arbeitskräfte für harte, unvorteilhafte Arbeit zur Verfügung zu stellen, so in Bergwerken, in Steinbrüchen und beim Bau von Straßen, von Eisenbahnen (wie der Qinghai-TibetLinie oder der zur kirgisischen Grenze führenden »Freundschaftseisenbahn«) und von Dämmen (z. B. an den Flüssen Huai und Huanghe). Es scheint, dass die Frage nach der Rentabilität des Laogai ganz allgemein nicht günstiger zu beantworten ist als im Falle von Gulag. Offenbar finanzierte sich die Mehrheit der laogai- und der laojiao-Lager nicht selbst und arbeitete ineffizient. Infolge der zunehmenden Zahl von älteren Häftlingen, der abnehmenden Disziplin in den Lagern und der Modernisierung der Wirtschaft wurde Laogai in den 70er und 80er Jahren zu einem wirtschaftlich peripheren Phänomen. Ob China durch den in neuerer Zeit zu beobachtenden Export von Gütern, die im Laogai-System hergestellt werden, einen erheblichen Gewinn erwirtschaftet, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen.[30] Der Hauptunterschied im Hinblick auf den Inhaftierungszweck von Gulag und Laogai ist im Bereich der Umerziehung zu suchen. Wie schon erwähnt, war in der Sowjetunion der 20er Jahre − zumindest theoretisch − Umerziehung eines der Ziele der Inhaftierung, doch dieses Ziel trat in dem Maße zurück, in dem wirtschaftliche Erwägungen in den Vordergrund rückten. In China aber war Umerziehung immer eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Zweckbestimmung der Einweisung ins Laogai-System. Der zentrale Begriff war hierbei die »Gedankenreform« (sixiang gaizao). Dies bedeutet vor allem die totale Unterwerfung unter den Willen der Partei, d. h. der jeweiligen Parteiführung. Das Ziel war, den Willen des Menschen zu brechen, seine Persönlichkeit zu zerstören. Auf dem Wege zur Unterwerfung gibt es mehrere Stufen: Zuerst muss man seine Verbrechen oder Fehler gestehen, dann mündlich oder schriftlich Selbstkritik üben (ziwo piping), um schließlich Reue zu zeigen und »die Regeln zu befolgen«. Wenn man nicht bereit ist, seine Verbrechen zu gestehen, wird man zur Zielscheibe von »Kampfsitzungen« (douzheng huiyi) gemacht, während derer die Haftgefährten einen heftig kritisieren, oft auch verprügeln. Als Zeichen der Reue wird erwartet, dass man seinerseits seine Haftkameraden krititsiert und denunziert, um so seine Loyalität gegenüber der Regierung zu beweisen. Das Regime ist bemüht, eine Situation herzustellen, in der jeder jeden kontrolliert. In den schlimmsten Zeiten mussten sich alle Häftlinge täglich nach einem harten Arbeitstag am Abend zwei Stunden lang der Tortur der Gedankenreform unterziehen. Allerdings ist zu beobachten, dass sich das System der Umerziehung seit den 70er Jahren allmählich abgeschwächt hat.[31] Auch in der Sowjetunion wurde auf Gefangene psychischer Druck ausgeübt, um Geständnisse zu erzwingen, doch üblicherweise nur während der Untersuchungshaft. Nachdem der Häftling im Gulag angekommen war, erlebte er – abgesehen von der Zeit bis Mitte der 30er Jahre – kaum Versuche einer Umerziehung. Ähnlich verhielt es sich − mit Ausnahme der ersten Jahre − in Nazi-Deutschland, in den kommunistisch regierten Ländern Osteuropas und in Kuba, während in Nordvietnam und in Nordkorea Methoden der Gedankenreform häufig angewandt wurden. Möglicherweise übernahmen die vietnamesischen und koreanischen Kommunisten die Idee der Umerziehung von ihren chinesischen Genossen. Hat die Gedankenreform in China ihre Ziele erreicht? Die Frage ist nicht mit Ja oder Nein zu beantworten. Wenn es eines ihrer Ziele war, politische Gefangene zu überzeugten Marxisten-Leninisten-Maoisten zu machen, so dürfte dies wohl nur in wenigen Fällen gelungen sein. Viele, wenn nicht die meisten politischen Häftlinge waren der Überzeugung, dass sie schuldlos in den Laogai geworfen wurden. Wie sollten sie sich mit einem System identifizieren können, das ihnen bitteres Unrecht zugefügt hatte? Wenn aber das Hauptziel die Unterwerfung war, dann wurde es wahrscheinlich bei den meisten Gefangenen erreicht. Sie hatten erlebt, dass es unmöglich war, dem Terror des Regimes zu widerstehen, weil es unbesiegbar war. Das Ergebnis war Angst, das Bemühen, sich regimekonform zu verhalten, alles zu tun, um einen erneuten Zusammenstoß mit diesem gefährlichen System zu vermeiden.[32]  Die Lebensbedingungen in den Lagern, Folter, Hinrichtungen, Sterblichkeit und die Anzahl der Häftlinge  Wenn wir die allgemeinen Lebensbedingungen in Gulag und Laogai betrachten, lassen sich keine großen Unterschiede erkennen. In beiden Fällen führten die Gefangenen ein erbärmliches Leben und wurden menschenunwürdig behandelt. Extrem harte körperliche Arbeit, mangelhafte Ernährung, unvorstellbare hygienische Zustände, Krankheiten, Epedemien, fehlende oder unzureichende medizinische Behandlung, mangelhafte Bekleidung, die Rohheit des Wachpersonals und Pessimismus oder Hoffnungslosigkeit auf Grund der Ungewissheit, wie lange de facto die Lagerhaft dauern würde – all das galt für beide Systeme. In China kam noch die erniedrigende Tortur der »Gedankenreform« hinzu.[33]  In sowjetischen Gefängnissen und Lagern war die Folter sehr verbreitet. Das Wachpersonal folterte die Häftlinge physisch, manchmal auch psychisch, um ein Geständnis zu erpressen, sie aus irgend einem Grund zu bestrafen oder einfach aus Sadismus. 1937 erlaubte Stalin persönlich physischen Druck gegenüber »Volksfeinden […], die monatelang kein Geständnis ablegen […]«[34]. Die physische Folter umfasste alle Arten des Verprügelns. Man brach den Gefangenen Hände oder Füße, zog sie mit hinter dem Rücken gebundenen Händen nach oben und ließ sie lange so hängen. Man ließ sie tagelang ohne Essen, Trinken und Schlafen stehen. Zur psychischen Folter gehörte der Entzug von Annehmlichkeiten, nicht zuletzt Schlafentzug. Nach Stalins Tod verbot Berija die Anwendung von Gewalt gegenüber Häftlingen und setzte somit der Folter im Gulag ein Ende. Doch wurden raffinierte Formen der Folter, die man als Strafen bemäntelte, noch in den 70er Jahren, als es den Gulag schon nicht mehr gab, gegenüber Dissidenten angewandt.[35]  In China war zwar die psychische Folter gesetzlich verboten. Sie wurde aber in den frühen 50er Jahren auf äußerst brutale Weise eingesetzt, und zwar meist gegenüber Untersuchungsgefangenen, um ein Geständnis zu erzwingen. Die Foltermethoden waren ähnlich wie in Sowjetrussland, wenn nicht sogar grausamer. Hierzu gehörte ebenfalls Schlafentzug, in einzelnen Fällen bis zu 30 Tagen und Nächten. Seit Mitte der 50er Jahre wurde diese Folter durch raffinierte Arten von physischer Bestrafung und psychischem Druck ersetzt. Zu allen Zeiten war die Einzelhaft eine besonders brutale Strafe. Während der Kulturrevolution wurde die Folter wieder stärker angewandt und von intensivierten Methoden der »Gedankenreform« begleitet. Zwischen 1979 und 1982 folgte eine liberalere Periode, in der die Erzwingung von Geständnissen durch Folter öffentlich kritisiert wurde. Aber die Niederschlagung des Tiananmen-Aufstands im Jahre 1989 führte zu einer erneuten Anwendung von ausgewählten Foltermethoden. Obwohl man seit 1979 etliche Versuche unternahm, einige Elemente der Rechtsstaatlichkeit einzuführen, ist in China die Folter bis zum heutigen Tag nicht gänzlich verschwunden.[36] In beiden Systemen wurden Häftlinge hingerichtet. Wir wissen von Massenexekutionen, die in den 20er Jahren im ersten Lager des Gulag, auf den Soloveckij-Inseln, durchgeführt wurden, aber auch von solchen in Vorkuta, in den Lagern des Ostsee-Weißmeerkanals und im Uchtpečlag der Komi ASSR. Die Orgie von Erschießungen, die während der »Großen Säuberung« 1936 bis 1938 in den Gefängnissen stattfand, wirkte sich abgeschwächt auch auf den Gulag aus. Auch danach noch erschosss das Wachpersonal in den Lagern immer wieder Häftlinge, die rebellierten, zu fliehen versuchten oder auf dem Marsch in ein neues Lager vor Schwäche zusammenbrachen.[37] In China waren war die Lage weit schlechter. Massenexekutionen gehören hier zur kommunistischen Tradition und sind schon seit 1927 nachweisbar. Anfang der 50er Jahre wurden auf dem Lande während der Bodenreform mindestens zwei bis drei Millionen Großgrundbesitzer und wohlhabender Bauern, in den Städten einige 100 000 »aktiver Oppositioneller« und »portentieller Feinde« getötet. Dies geschah in den Gefängnissen und Lagern, aber auch öffentlich. Während die sowjetischen Henker ihre Opfer gewöhnlich im Geheimen liquidierten, veranstalteten − und veranstalten bis heute − die chinesischen Kommunisten häufig öffentliche Exekutionen als eine Art Volksbelustigung und gleichzeitig zur Abschreckung. In diesem Zusammenhang wird in China gern das Sprichwort zitiert: »Man tötet das Huhn, um den Affen zu erschrecken.«[38] Zwischen 1949 und 1952 wurden in China nach vorsichtigen Schätzungen etwa vier Millionen Menschen hingerichtet. Doch auch danach erschoss das Wachpersonal in den Laogai-Lagern immer wieder Häftlinge,  weil sie z. B. ein Geständnis verweigerten, zu fliehen versuchten, eine Grenzlinie überschritten oder einfach nicht hart genug arbeiteten. Massenweise starben Häftlinge, als nach Mao Zedongs Tod Aufstände in den Lagern niedergeschlagen wurden. Ein besonders widerwärtiger Aspekt der Exekutionen in China ist die Tatsache, dass den Delinquenten häufig Organe entnommen werden, offenbar in der Regel ohne ihre Zustimmung und bisweilen sogar vor der Hinrichtung, die entweder Privilegierten in China oder zahlungskräftigen Ausländern, meist Auslandschinesen, transplantiert werden. Da uns keine umfassenden Statistiken zur Verfügung stehen, ist es unmöglich, die beiden Systeme im Hinblick auf die Zahl der Hinrichtungen zu vergleichen. Der Tod im Lager hatte viele Gesichter. In beiden Systemen starben die Häftlinge an Krankheiten, Unterernährung, Unterkühlung, durch Arbeitsunfälle (meist auf Grund mangelhafter Sicherheitsvorkehrungen), wegen Überarbeitung, katastrophaler hygienischer Verhältnisse, fehlender oder ungenügender medizinischer Betreuung, durch grausame Bestrafung und Folter oder durch Hinrichtung.[39] Obwohl uns seit der teilweisen Öffnung der sowjetischen Archive eine erhebliche Menge an Daten zur Verfügung steht, kann die Frage, wie viele Menschen im Gulag starben, bis heute nicht befriedigend beantwortet werden. Sie ist in der Wissenschaft umstritten. Alle Zahlen, die wir bekommen, müssen mit äußerster Zurückhaltung betrachtet werden. Nach einer vorsichtigen Schätzung von Anne Applebaum starben im Gulag einschließlich der Spezialsiedlungen in der Stalinzeit zwischen 1929 und 1953 mindestens 2,8 Millionen. Diese Zahl schließt nicht diejenigen etwa 800 000 Opfer ein, die außerhalb der Lager, meist in den Wäldern, in Massenexekutionen erschossen wurden. Hinzuzurechnen sind diejenigen, die zwischen 1918 und 1928 umkamen − mindestens einige Zehntausend, vor allem im Soloveckij-Lager. Auf der Grundlage von umfassenden NKVD-Statistiken lässt sich feststellen, dass die Sterblichkeit allein in den Lagern, d. h. ohne die Spezialsiedlungen, zwischen 1930 und 1953 zwischen 25 Prozent im Jahre 1942 und 0,7 Prozent im Jahre 1953 variierte. Die durchschnittliche jährliche Sterblichkeit in den Lagern (ohne die Spezialsiedlungen) lag bei etwa 5,5 Prozent.[40]  Bei weitem unzuverlässiger sind die Zahlen, die für den Laogai vorliegen. Ausländer haben keinen Zugang zu den einschlägigen chinesischen Archiven, und selbst für Chinesen ist er nahezu unmöglich. Daher basieren alle unsere Zahlen auf Schätzungen und Hochrechnungen. Jean-Luc Domenach schätzt die Sterblichkeit zwischen 1949 und 1952 auf über 5 Prozent, zwischen 1953 und 1957 auf etwa 3,5 Prozent. Wegen des »Großen Sprungs nach vorn« und der darauf folgenden drei Hungerjahre (san ku nian) stieg sie zwischen 1959 und 1962 auf die Rekordhöhe von 10 Prozent an. Für die folgenden Jahre präsentiert Domenach keine umfassenden Zahlen und stellt lediglich fest, die Sterblichkeit sei zwischen 1962 und 1971 zurückgegangen. Er nimmt an, dass die durchschnittliche jährliche Sterblichkeit zwischen der Mitte der 50er und dem Ende der 70er Jahre etwa zwischen 2 und 3,5 Prozent lag. Wenn dies zutrifft, so kann man bei aller notwendigen Vorsicht annehmen, dass die Sterblichkeit im Laogai etwas niedriger lag als im Gulag.[41]  Stellen wir am Ende die Frage, wie viele Menschen im Gulag und im Laogai inhaftiert waren. Für den Gulag im engeren Sinne stehen uns heute ziemlich solide NKVD-Statistiken zur Verfügungen, die auf den regelmäßigen Meldungen der Lagerleitungen beruhen. Die zuverlässigsten Zahlen finden sich in Anne Applebaums Buch, wo sie, geordnet nach Häftlingskategorien, im einzelnen aufgelistet werden. Wenn wir diese Daten addieren, kommen wir auf fast 28,7 Millionen Häftlinge (einschließlich fünf Millionen Kriegsgefangener), die den Gulag durchlaufen haben oder dort verstorben sind.[42] Wie schon im Falle der Sterblichkeit sind wir auch im Hinblick auf die Zahl der Inhaftierten im Laogai dazu gezwungen, aus Mangel an zuverlässigen Daten Schätzungen vorzunehmen, die aus Hochrechnungen resultieren. Aus eben diesem Grund ist Jean-Luc Domenach, der einzige Wissenschaftler, der sich hiermit intensiv und methodisch befasst hat, nicht in der Lage, Aussagen über die Fluktuation der Häftlinge zu machen. Domenach präsentiert lediglich Schätzungen der Gefangenenzahlen für bestimmte Jahre. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Laogai-Population zwischen 1952 und 1977 ziemlich konstant zehn oder elf Millionen betrug und sich bis 1986 auf etwa fünf Millionen verringerte. Wenn man die von Domenach angegeben Zahlen mit Chinas Gesamtbevölkerung vergleicht, dann ergibt sich, dass zwischen 1952 und 1986 jährlich maximal 1,75 und minimal 0,4 Prozent aller Chinesen im Laogai saßen. Legt man Anne Applebaums Daten zugrunde, so kommt man für den Gulag − einschließlich der Spezialsiedlungen − zwischen 1929 und 1953 jährlich auf maximal 4,8 Prozent (im Jahre 1951) und minimal 0,1 Prozent (im Jahre 1930).[43]  Das Ende des Gulag − kein Ende des Laogai? In diesem Artikel wurde der Versuch unternommen nachzuweisen, dass die beiden Konzentrationslagersysteme ähnlich, aber nicht gleich sind, dass beide zu den widerwärtigsten, menschenunwürdigsten Merkmalen des totalitären Staates gehören und dass Laogai in mindestens einer Hinsicht schlimmer war als Gulag: Laogai unterwarf die Häftlinge nicht nur extremen physischen Strapazen bis zu Folter und Hinrichtung, sondern war auch entschlossen, durch die »Gedankenreform« ihre Selbstachtung zu untergraben, ihre Seelen zu zerstören. Es fällt auf, wie eng die beiden Systeme mit den beiden Diktatoren verbunden sind. Als Stalin im März 1953 gestorben war, fing der Gulag an, mit bemerkenswerter Geschwindigkeit zu verfallen. Drei Wochen nach seinem Tod meldete die Prawda eine erste Amnestie, und kurz darauf wurden etwa 1,2 Millionen Häftlinge, also fast die Hälfte der Gefangenen, aus den Lagern und Spezialsiedlungen entlassen. Ein Jahr später wurde in den Lagern der AchtstundenArbeitstag eingeführt, und den Häftlingen wurde gestattet, mit ihren Familien zu korrespondieren und von ihnen Pakete zu erhalten. Chruščevs Geheimrede über Stalins Verbrechen im Februar 1956 war ein psychologischer Durchbruch. Die Entlassungen erfolgten immer häufiger, Rehabilitierungen fanden in großem Umfang statt. GULag, die Zentrale für alle Lager und Spezialsiedlungen, wurde aufgelöst, und ab 1957 wurden die Lager eines nach dem anderen geschlossen, angefangen mit den größten, so dass der Gulag spätestens 1960 aufhörte zu bestehen.[44] Doch diejenigen, die für die Grausamkeiten des Gulag-Systems verantwortlich waren, sind bis heute strafrechtlich nicht belangt worden. Die Eliten Russlands und der meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind bis heute nicht gewillt, sich dem kriminellen Charakter der kommunistischen Vergangenheit ihrer Länder mit der notwenigen Offenheit zu stellen. Dies ist bitter für die Opfer, nicht zuletzt für die ehemaligen Häftlinge des Gulag. Obwohl die Verbindung des Laogai mit Mao Zedong ähnlich eng war wie diejenige Stalins mit dem Gulag, führte Maos Tod im September 1976 nicht zur Auflösung der Lager. Immerhin aber bewirkte der Beginn der Reformpolitik Deng Xiaopings nach dem Dezember 1978 eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Laogai-Häftlinge in den Bereichen Ernährung, Hygiene und medizinische Betreuung. Ab 1978 wurden fast alle Opfer der Kulturrevolution und anderer maoistischer Kampagnen entlassen, so dass nur noch etwa 100 000 politische Gefangene in den Lagern des Laogai verblieben. In der ersten Hälfte der 70er Jahre verlor die »Gedankenreform« allmählich ihre frühere Bedeutung. Im September 1981 beschloss eine »Nationale Laogai-Konferenz«, Häftlinge künftig nach Verbüßung ihrer Strafe nach Hause zu schicken und jiuye-Zwangsrekrutierte freizulassen. Nach dem Tiananmen-Aufstand vom Juni 1989 nahm der Druck auf die Häftlinge in den Lagern allerdings wieder zu, und die politische Umerziehung fing an, wieder eine größere Rolle zu spielen. In den Jahren 1990/91 belief sich die Zahl der Laogai-Häftlinge offenbar auf vier bis fünf Millionen − mehr als 1988. Und 1999 schuf das Regime eine neue Kategorie von politischen Verbrechern, die es zu Zehntausenden in die Gefängnisse und ins Laogai warf: die Mitglieder der religiösen Organisation Falungong.[45] Wie wir sehen, gibt es Laogai noch. Und es ist kein ernsthafter Versuch des Regimes zu erkennen, sich mit der verbrecherischen Vergangenheit des chinesischen Kommunismus auseinanderzusetzen. Den Opfern ist es nicht möglich, ihre Peiniger vor Gericht zu stellen. Dies ähnelt der Situation in den meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Doch es gibt auch einen Unterschied: Anders als in diesen Staaten, in denen eine öffentliche Diskussion über die Verbrechen Stalins möglich ist, lässt das Regime in China nicht zu, dass Mao Zedong und die Verbrechen seiner Epoche in der Öffentlichkeit kritisiert werden. [1]  Der vorliegende Artikel verfolgt nicht den Zweck, durch Auswertung von Primärquellen neue Erkenntnisse zu Gulag und Laogai zu gewinnen. Beabsichtigt ist vielmehr, die beiden Systeme zu vergleichen und sich dabei hauptsächlich auf neuere, autoritative westliche Sekundärliteratur zu stützen. Zu diesem Absatz Applebaum, Anne: Gulag. A History, London 2004, S. 3, 15–17 u. 68 f.; Rossi, Jaques: The Gulag Handbook, New York 1989, S. 429; Couling, Samuel: The Encyclopedia Sinica, Shanghai 1917, S. 292 f.; Domenach, Jean-Luc: Der vergessene Archipel. Gefängnisse und Lager in der Volksrepublik China, Hamburg 1995, S. 28–31; Williams, Philip F./Wu, Yenna: The Great Wall of Confinement. The Chinese Prison Camp through Contemporary Fiction and Reportage, Berkeley/Los Angeles/London 2004, S. 17–49.  [2]  Courtois, Stéphane u. a.: The Black Book of Communism. Crimes, Terror, Repression, Cambridge, Mass./London 1999, S. 470–476 u. passim; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 35–45, 74–77 u. 96–97; Heinzig, Dieter: The Soviet Union and Communist China 1945–1950: The Arduous Road to the Alliance, Armonk, NY/London, S. 9 f.  [3]  Lenin, V. I.: Polnoe sobranie sočinenij [Vollständige Werkausgabe]. Bd. 50, Moskau 1965, S. 143 f. [4]  Conquest, Robert: The Soviet Deportation of Nationalities, London 1960; Naimark, Norman: Fires of Hatred. Ethnic Cleansing in Twentieth-Century Europe, Cambridge/London 2001, Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 146, 168–170 u. 193; Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 29, 35, 63 f., 103 f. u. 270. [5]  Wu, Hongda Harry: Laogai. The Chinese Gulag, Boulder/San Francisco/Oxford 1992, S. 23–26. [6]  Zu diesem Absatz Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 498; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 139, 249 u. 455–457. [7]  Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 445; Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 479. [8]  Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 545; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 442 f. Siehe den Bericht einer tibetischen Überlebenden Adhe, Ama: The Voice that Remembers, Summerville, MA 1997. [9]  Hierzu und zum restlichen Absatz Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 30–35. 1919 bis 1922 unterstanden sie dem NKVD der RSFSR. [10]  Stettner, Ralf: »Archipel GULag«. Stalins Zwangslager, München/Wien/Zürich 1996, S. 124 f.  [11]  Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 75. [12]  Der vollständige Terminus war Glavnoe upravlenie ispravitel’no-trudovych lagerej i trudovych poselenij (Hauptverwaltung für Besserungsarbeitslager und Arbeitssiedlungen). Siehe Rossi: The Gulag Handbook (Anm. 1), S. 92; Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 10), S. 124 f. In dem vorliegenden Beitrag wird die Schreibweise GULag verwendet, wenn die Hauptver waltung als Behörde gemeint ist, und die Schreibweise Gulag, wenn es um das gesamte Konzentrationslagersystem innerhalb und außerhalb der Lager geht. [13]  Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 44. [14]  Ebenda, S. 65 f. Siehe auch Hedeler, Wladislaw: Die monumentale siebenbändige Dokumen-tenedition zur Geschichte des Gulag, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2006, S. 359–378, hier S. 368.  [15]  Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 66. [16]  Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 10), S. 129, 146–148, 156 f., 205, 211 f., 224 u. 384; Rossi: The Gulag Handbook (Anm. 1), S. 418; Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 12 f., 94 f., 403, 416 u. 517 f. [17]  Wu: Laogai (Anm. 5), S. 1. In dem vorliegenden Artikel wird für Laogai im weiteren Sinne die Schreibweise Laogai verwendet, für Laogai im engeren Sinne die Schreibweise laogai. [18]  Ebenda, S. 54–80; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 166–170. [19]  Bao Ruo-Wang [Pasqualini, Jean]/Chelminski, Rudolph: Prisoner of Mao, New York 1973, S. 11 (Fußnote); Wu: Laogai (Anm. 5), S. 18; Wu, Harry: Nur der Wind ist frei, Frankfurt a. M./ Berlin 1994, besonders S. 49, 51–53, 99, 241–243 u. 289; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 111–115. [20]  Harry Wu schätzt ihren Anteil in den 50er und 60er Jahren auf 95 Prozent. Siehe Wu: Laogai (Anm. 5), S. 111. [21]  Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 434. Harry Wu geht von 50 Prozent für laogai-Häftlinge und von 20 bis 30 Prozent für laojiao-Häftlinge aus. Siehe Wu: Laogai (Anm. 5), S. 113. [22]  Wu: Laogai (Anm. 5), S. 108–118; Wu: Nur der Wind (Anm. 19), S. 297–314; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 98–100, 137 f., 228, 286–288, 345 f., 357–358 u. 434 f.; Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 500; Bao Ruowang/Chelminski: Prisoner of Mao (Anm. 19), S. 266. [23]  Bukowski, Wladimir: Wind vor dem Eisgang, Frankfurt a. M. 1978; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 391 f. [24]  Ebenda, S. 456; Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 263.  [25]  Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 132–135. [26]  Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 111 f. Viele Familienmitglieder und Verwandte der höchstrangigen »Volksfeinde« wurden erschossen. Siehe ebenda, S. 104 u. 109. Siehe auch die Studie Hedeler, Wladislaw: Sippenhaft im »Großen Terror« 1937/38: Das »Akmolinsker Lager für Ehefrauen von Vaterlandsverrätern« (ALŽIR) und seine deutschen Häftlinge, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2005, S. 81–101. [27]  Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 32–35; Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 10), S. 364–366. [28]  Gregory, Paul/Lazarev, Valery (Hrsg.): The Economics of Forced Labor. The Soviet Gulag, Stanford, Cal. 2003, passim, besonders S. 193–197; Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 4, 49 f., 68, 70, 76–82 u. 86–89; Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 10), S. 214–240. Siehe auch Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 366. [29]  PRC Ministry of Justice, Laogai Bureau: Criminal Reform Handbook, Shaanxi People’s Publishing House 1988, zitiert nach: What is the economic significance of Laogai?, in: Laogai Research Foundation (LRF) and Harry Wu (English), February 11, 2006, <http://www.igfmmuenchen.de/china/Laogai/Laojiao-laogai.html#LaogaiFoundation> am 23. April 2006.  [30]  Domenach: Gulag (Anm. 1) S. 366–376. Domenach führt zahlreiche statistischen Daten an, bezweifelt aber deren Zuverlässigkeit. Siehe auch Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 499; Wu, Harry/Vescey, George: Troublemaker. One Man’s Crusade against China’s Cruelty, London 1996, S. 138. [31]  Zu diesem und zum folgenden Absatz Wu: Laogai (Anm. 5), S. 28–32, 144; Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 501–507; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 6, 141, –175, 283–288, 358–362, 388–391; Williams/Wu: The Great Wall (Anm. 1), S. 107–109; Hawk, David, U. S. Committee for Human Rights in North Korea: The Hidden Gulag. Exposing North Korea’s Prison Camps. Prisoners’ Testimonies and Satellite Photographs, Washington, DC o. J.   [32]  Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 174–176. [33]  Kizny, Tomasz: Gulag, Hamburg 2004, S. 10; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 115, 180–198 u. 281 f.; Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 88 u. 179–370 (passim); Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 154 f. u. 545; Williams/Wu: The Great Wall (Anm. 1), S. 62–106. [34]  Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 143 f.; Meinhard Stark, Frauen im Gulag. Alltag und Überleben 1936–1956, München 2003, passim.  [35]  Zu diesem Absatz Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 45 f., 114 f., 141–146, 150, 431, 482 u. 486 f. [36]  Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 85 f., 160 f., 258 f., 280, 308, 331 u. 349 f.; Wu: Laogai (Anm. 5), S. 68–70; Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 508 f.; Williams/Wu: The Great Wall (Anm. 1), S. 128–134. [37]  Conquest, Robert: The Great Terror. A Reassessment, London 1992; Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 46, 104–106, 109, 114–117, 254, 356 f., 375–377, 379, 389 f. u. 442 f.; Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 184–202. Jaques Rossi geht davon aus, dass annähernd 1,5 Millionen Menschen während der »Großen Säuberung« erschossen wurden. Siehe Rossi: The Gulag Handbook (Anm. 1), S. 226. [38]  Hierzu und zum folgenden Absatz Domenach: Der vergessenen Archipel (Anm. 1), S. 40, 42, 58 f., 63–68, 83, 115, 156, 234–237, 239 f., 297 f., 316–318 u. 329 f.; Wu: Laogai (Anm. 5), S. 3, 57, 66 f., 69–71, 73, 79 f., 117, 129 u. 139; Wu/Vescey: Troublemaker (Anm. 30), S. 148– 156. Harry Wu gibt − ohne Quellenbelege − an, dass auf Grund von Verordnungen aus dem Jahre 1951 zwischen 10 und 15 Millionen Menschen hingerichtet wurden. Wu: Laogai (Anm. 5), S. 70. Zu den Organentnahmen siehe The Laogai Research Foundation (Hrsg.): Communist Charity. A Comprehensive Report on the Harvesting of Organs from the Executed Prisoners of the People’s Republic of China, Washington, DC 2001. [39]  Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 23 f., 45, 79, 88 f., 99, 101, 114, 123, 306–315, 376, 381 f., u. 410; Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 10), S. 188; Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 203–215 u. 497–513; Domenach: Der vergessene Archipel, passim. Es gibt Berichte über Kannibalismus sowohl im Gulag als auch im Laogai. Siehe Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 115; Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 214; Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 154 f. u. 545; Werth, Nikolas: Insel der Kannibalen. Stalins vergessener Gulag, München 2006. [40]  Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 518–520; Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 10), S. 188 f. Frühere Schätzungen waren bisweilen extrem hoch und gingen sogar von 15 oder 20 Millionen Opfern zwischen 1937 and 1953 aus, so Andrej Sacharov in den 60er Jahren. Siehe Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 10), S. 190. Noch im Jahre 2005 behauptete Overy, die Sterblichkeit im Gulag habe bei etwa 14 Prozent gelegen. Overy, Richard: Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Russland, München 2005, zit. nach Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Oktober 2005, S. 8.  [41]  Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 1), S. 83, 193 f., 214 f., 218 f., 257, 282 u. 437; Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 498. [42]  Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 515–518 (mit zahlreichen Quellenangaben); Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 10), S. 187 f. u. 376–399. [43]  Domenach: Der vergessenen Archipel (Anm. 1), S. 431–439; Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 515–518. [44]  Courtois: The Black Book (Anm. 2), S. 278–284; Applebaum: Gulag (Anm. 1), S. 428–434, 454–458 u. 465. [45]  Zu diesem und zum folgenden Absatz Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 2), S. 283–285, 303, 308, 310–312, 324, 335, 338 u. 357; Wu: Nur der Wind (Anm. 19), S. 327; Rainald Simon, Der chinesische Gulag. Lager, Gefängnisse, staatliche Repression und politische Opposition, Hamburg 1996, passim. 

JHK 2007

»Wenn wir die Partei retten wollen, brauchen wir Schuldige«. Der erzwungene Wandel der SED in der Revolution 1989/90 Interview mit Wolfgang Berghofer

Manfred Wilke

MANFRED WILKE: Herr Berghofer, am 8. Oktober 1989 hatten Sie, damals Oberbürgermeister von Dresden, als erster SED-Funktionär den Mut mit der oppositionellen Gruppe der 20 in einen Dialog über die Situation in ihrer Stadt und im Land einzutreten. Das war ein historischer Schritt, der eine dynamische Veränderung der Kräfteverhältnisse in der DDR einleitete. Welche Entwicklungen führten zu dieser Entscheidung?[1] WOLFGANG BERGHOFER: Die Partei war mit Honeckers Krebserkrankung seit August 1989 faktisch führungslos. Es kamen von der Zentrale keine klaren Vorgaben mehr, die die Realität im Lande widerspiegelten. Die Staats- und Parteiführung machte einfach weiter wie bisher. Das Motto lautete: »Wir feiern jetzt mit großem Pomp den 40. DDR-Geburtstag, und dann sehen wir weiter«. Aber große Teile der einfachen SED-Mitglieder fingen an zu revoltieren. Nicht wenige von ihnen waren am Ende die Demonstranten auf der Straße oder saßen in der Gruppe der 20 mit am Verhandlungstisch. Sie waren im Grunde genommen bereits zu »Gegnern« geworden, weil sie verstanden hatten, dass es mit dem Sozialismus in der DDR zu Ende ging. Es gab auch in der mittleren Ebene der Partei, vor allem aber unter den Wirtschaftsfunktionären, heftige Diskussionen. Ich habe beispielsweise im Herbst 1988 anlässlich der Leipziger Messe mit Alexander Schalck-Golodkowski die Frage diskutiert, ob ein Putsch gegen die Gerontokraten im Politbüro erfolgreich sein könnte, denn dort sahen wir das Problem. Die Antwort war eindeutig: Jeder derartige Versuch endet in Bautzen, für einen solchen Lösungsansatz fehlten uns die strukturellen Möglichkeiten. Die zweite Option, die ich ins Auge fasste, war in den Westen zu gehen. Es gab gut bezahlte Angebote, so z. B. von dem Hamburger Maschinenfabrikanten Kurt A. Körber. Aber dieser Weg kam für mich moralisch nicht in Frage. Also blieb nur, aus der Misere das Beste zu machen. Das war die bequemste der drei Optionen und scheinbar die einzig machbare. Diese Ausgangslage innerhalb der SED erklärt unter anderem auch, warum es in der DDR während des Umbruchs 1989 nicht zu Blutvergießen kam. Große Teile des Machtgefüges übten gegenüber der Führung selbst Veränderungsdruck aus und verlangten: Hier muss etwas passieren, so kann es nicht weitergehen. Auf Grund der politischen und ökonomischen Fehlentwicklung hatte die Fluchtbewegung solche Ausmaße angenommen, dass wichtige und sensible Bereiche einer Stadt wie Dresden zusammenbrachen. So gab es z. B. fast keine Augenärzte mehr. Es brach Panik unter der Bevölkerung aus. Man fragte sich: Was wollen wir denn noch hier? Und unter dem Motto »Wir wollen hier raus!« erhielt die Entwicklung eine nicht mehr einzudämmende Dynamik. Nehmen Sie beispielsweise die Bausubstanz Dresdens, Leipzigs oder Bautzens. So wie deren historische Gebäude verfielen, so verfielen auch Identität und Bindung an die Heimat. Hoffnungslosigkeit machte sich breit. Im Grunde genommen haben sie 1989 kaum noch jemanden getroffen, der leistungsfähig war und der nicht sagte: Es ist Schluss, ich gehe. WILKE: Wie haben Sie die oppositionellen Gruppen wahrgenommen? Zum Beispiel den heutigen Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz? BERGHOFER: Die Opposition habe ich bis zum Oktober 1989 überhaupt nicht wahrgenommen. Herrn Vaatz kannte ich nicht. Meine westlichen Gesprächspartner, z. B. Klaus von Dohnanyi, der ehemalige 1. Bürgermeister Hamburgs, und sein Nachfolger im Amt Henning Vorscherau, haben mich bei unseren Treffen nie gefragt, ob Gespräche mit Oppositionellen möglich seien. Die so genannten Dissidenten, die mir durch die Polizeirapporte und Stasi-Berichte bekannt waren, machten außer Propaganda und negativen Redensarten eigentlich nichts »staatsfeindliches«. Als reale wirkungsvolle Opposition waren für mich im Grunde genommen nur einzelne Persönlichkeiten der evangelischen Kirche erkennbar, allerdings nicht im politischen Sinne des heutigen Oppositionsbegriffes. Sie widersprachen in wichtigen gesellschaftlichen Konfliktfeldern, beispielsweise der demokratischen Entwicklung, der offiziellen Linie der SED. Mit den wichtigsten Personen, dem Landesbischof Johannes Hempel sowie dem Superintendenten und Pfarrer der Dresdener Kreuzkirche Christof Ziemer, hatte ich ein sehr gutes Verhältnis, das von beiderseitiger Achtung getragen war. Deshalb habe ich auch akzeptiert, dass sie mir schonungslos die Wahrheit ins Gesicht sagten. So hat mir Herr Ziemer schon im Mai 1989 unmittelbar nach den Kommunalwahlen gesagt: »Herr Berghofer, die Wahlen sind gefälscht. Sagen Sie mir ehrlich wie!« Natürlich konnte ich darauf nicht antworten und schwieg. Herr Ziemer sagte daraufhin: »Ihr Schweigen sagt mir, was ich zu entnehmen habe. Sie werden das bitter bezahlen«, womit er letztlich Recht behalten hat. Aber auch diese Kräfte hatten kein Interesse an staatlichen Veränderungen im Sinne einer Wiedervereinigung, sie wollten eine andere DDR.  Hierzu noch eine Anmerkung. Ich erhielt von der MfS-Bezirksverwaltung ausgewählte Berichte über die politische Situation im Bezirk Dresden. Das war ungewöhnlich, denn meine Informations- und Entscheidungsebene war die Stadt. Für diese war die MfS-Kreisdienststelle zuständig, mit der ich aber kaum Kontakt hatte. Der MfS-Bezirkschef Generalmajor Horst Böhm veranlasste das, immer mit dem Vermerk »Lesen und sofort zurückgeben!«. Ich stand nicht auf dem Verteiler, damit ich nicht das gleiche Wissen wie Hans Modrow, der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, hatte. Das war – Wissen ist Macht – einer der Machterhaltungsgrundsätze in der SED. Warum Böhm, der dann nach seiner Entlassung im Februar 1990 Selbstmord beging, das getan hat, weiß ich nicht. Ich vermute, dass er in mir einen der Hoffnungsträger von übermorgen sah und sich auf diese Weise eine gute persönliche Beziehung aufbauen wollte. In diesen MfS-Berichten war von Opposition bis Mitte 1989 nicht die Rede, sondern nur von Rand- und Splittergruppen der Gesellschaft, die den Eindruck hinterließen, dass ihre Mitglieder in keiner Gesellschaft zurecht kommen und deshalb nicht ernst zu nehmen seien. Die eigentliche Opposition, wie sie heute mitunter verklärt dargestellt wird, entstand aus meiner Sicht erst unmittelbar um den 7. Oktober 1989 herum. Ab da nahm sie schrittweise organisatorisch klare Formen an: die Gruppe der 20 in Dresden, der Demokratische Aufbruch, die SDP in der DDR usw.  WILKE: Die Oktobertage in Dresden haben für das Thema Umwandlung der SED in die PDS, d. h. das Ende der Diktaturpartei und den Übergang zu einer parlamentarischen Wettbewerbspartei, eine unmittelbare Bedeutung. Sie begann mit der abenteuerlichen Entscheidung von Honecker, die Botschaftsflüchtlinge aus Prag über den Dresdener Hauptbahnhof in den Westen zu schicken, damit die 40-Jahr-Feier nicht gestört wird. Es gab auf dem Dresdner Hauptbahnhof Versuche von Ausreisewilligen auf die Züge aufzuspringen. Die Polizei ging dagegen gewaltsam vor. Die Bezirkseinsatzleitung, die aus den führenden Partei-, Staats- und Sicherheitsfunktionären des Bezirkes Dresden bestand, übernahm das Kommando über die Sicherheitskräfte vor Ort, um die Unruhen zu beenden. Inwieweit waren Sie als Oberbürgermeister involviert? BERGHOFER: Am 3. Oktober, als das Drama in Dresden losging, rief mich Modrow an. Zu ihm hatte ich ein relatives Vertrauensverhältnis aufgebaut, das auf Gegenseitigkeit beruhte. Modrow sagte: »Ich übernehme jetzt über die Bezirkseinsatzleitung die Führung der Prozesse zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit in der Stadt. Du gehörst nicht dazu. Du kümmerst dich ausschließlich um eine reibungslose Versorgung der Bevölkerung und vor allem um die Vorbereitung des 40. Jahrestages!« So wurde ich aus der Arbeit der Bezirkseinsatzleitung während der Flüchtlingskrise völlig herausgehalten und erhielt auch keine detaillierten Informationen mehr. Das hatte den Vorteil, dass ich Zeit hatte, nachzudenken: Was mache ich; und wie gehe ich mit der ganzen Sache um. Was die Bezirkseinsatzleitung wirklich entschieden bzw. was sie nicht entschieden hat und was die Sicherheitsorgane selbst entschieden haben, ist bis heute strittig. Modrow stellt es so dar, als hätte die Bezirkseinsatzleitung nie getagt, und alle sicherheitsrelevanten Entscheidungen wären selbständige Entscheidungen der Polizeieinsatzkräfte und der Staatssicherheit gewesen. Also er war nicht verantwortlich und konnte demnach nicht in Verantwortung genommen werden. Dafür hat ihn Böhm, der MfS-Chef des Bezirkes, gehasst, weil diese Version natürlich nicht stimmte. WILKE: Dann kommt das schon erwähnte Ereignis, dass einen hohen Stellenwert in Bezug auf den Prozess der Differenzierung in der SED hat, nämlich Ihre Entscheidung vom 8. Oktober; dem Rat von Christof Ziemer zu folgen, mit den Demonstranten das Gespräch aufzunehmen und die Gruppe der 20 zu empfangen. Das ist ein prinzipieller Bruch mit der damaligen Parteilinie, die für den 9. Oktober vorsah, die Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Städten ein für alle Mal zu beenden. Sie wussten, dass eine der Möglichkeiten, die dieser Schritt barg, Ihre Verhaftung war, und Sie gaben Ihrer Frau den Rat, sich an den Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau zu wenden, falls das geschieht. Dass heißt, Sie forderten sie zur »ungesetzlichen Verbindungsaufnahme« auf. Diese Entscheidung veränderte Sie in dieser Situation, Sie wurden ein anderer. Sie waren an einem Punkt angelangt, an dem Sie sich die Frage stellten: Geht das gewaltsam aus, oder gibt es den Weg einer friedlichen Lösung? BERGHOFER: Die Demonstranten wie auch die Polizeieinsatzkräfte waren am Abend des 8. Oktober in einer emotionalen Verfassung, in der man mit allem rechnen musste. In dieser Situation führte ich auf Bitten von Landesbischof Hempel und Superintendent Ziemer ein folgenschweres Gespräch mit der Dresdner Kirchenspitze. Die Herren Hempel und Ziemer erschienen gegen 21.10 Uhr im Rathaus und wurden vom Oberkirchenrat Fritz begleitet. Sie kamen direkt von den Demonstranten in der Prager Straße, die mit Polizeikordons eingekesselt waren. Sie wirkten höchst angespannt und befürchteten eine Katastrophe.  WILKE: Sprich, Pekinger Lösung.  BERGHOFER: Ja. Meinerseits hatte ich den stellvertretenden Oberbürgermeister für Inneres Hans Jörke beauftragt, an diesem Gespräch teilzunehmen. Nun kann man heute über mögliches Blutvergießen spekulieren, wie man will. Ich war damals der Auffassung, wenn man jetzt nicht handelt, dann kann das passieren. Nur eine falsche Bewegung, ein Polizist verliert die Nerven oder ein Demonstrant wirft einen Stein, und es geht los. Ziemer schilderte die Situation auf der Prager Straße und schlug vor: »Herr Oberbürgermeister Berghofer, können Sie sich vorstellen, eine Abordnung der Demonstranten zu empfangen? Dann könnten wir dafür sorgen, dass sich die Demonstration friedlich auflöst.« Natürlich konnte ich mir das vorstellen. Das wäre ein Signal! Ziemer entwarf einen Text, den er auf der Prager Straße vorlesen wollte. Ich habe dies mit wenigen Änderungen akzeptiert. Er lautete sinngemäß, der Oberbürgermeister sei bereit, am nächsten Morgen eine Abordnung von etwa 20 Leuten zu empfangen und mit ihnen über die anstehenden Probleme zu reden, wenn die Demonstranten die Demonstration friedlich beendeten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich etwa noch tausend Leute im Polizeikessel. Als wir uns einig geworden waren, sagte ich: »Meine Herren, Sie werden verstehen, dass das eine sehr weit reichende Entscheidung ist, die weit über meine Kompetenzen hinausgeht. Gestatten Sie mir eine fünfminütige Pause.« Ich ging in mein Dienstzimmer, um Hans Modrow anzurufen, den einzigen befugten Entscheidungsträger im Bezirk Dresden. Aber ich bekam nur subalterne Funktionäre an den Apparat. Modrow saß zu dieser Zeit in der Semperoper bei der zweiten Premiere der »Fidelio«-Inszenierung. Es gab daher keine Rückendeckung für mich Ich musste selbst entscheiden. Mir war klar, dass im Falle eines Scheiterns mein politisches Ende besiegelt wäre. Denn ich bewegte mich nun am Rande des Hochverrats. Jeglicher Kontakt mit oppositionellen Gruppen war den Mitarbeitern der Staatsorgane bis dahin strikt verboten. Ich kehrte in den Sitzungsraum zurück und ließ noch Peter Klotzsche, Ratsmitglied für Verkehr, hinzubitten. Jörke und Klotzsche wies ich an, die Kirchenmänner mit meinem Dienstwagen zum Ort der Demonstration zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie die Prager Straße ungehindert betreten konnten. Jörke hatte schon während des Gesprächs in telefonischem Kontakt zu Oberst Schlaak gestanden, dem diensthabenden Offizier der Bezirksbehörde der Volkspolizei, der seinerseits den Einsatzleiter auf der Straße, Major Prager, von unserer Absicht informierte. Nun hätte dieser sagen können, das interessiert mich überhaupt nicht, ich habe andere Befehle, aber sagte, weil er es genauso sah wie ich: »Wenn die Herren auf der Prager Straße eintreffen und das Verhandlungsergebnis verkünden, handeln wir entsprechend. Ehe die drei Unterhändler das Rathaus verließen, fragte mich Landesbischof Hempel: »Herr Berghofer, hat das alles einen Sinn, was wir hier machen?« Ich habe lange überlegt. Konnte ich dem Kirchenmann vertrauen? Ich entschied mich für schonungslose Offenheit. »Herr Bischof, wenn der Druck auf der Straße nicht größer wird, ändert sich nichts. Sie wissen gar nicht, wie schlecht die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation wirklich ist. Der Außenhandel mit der Sowjetunion funktioniert nicht mehr. Die sowjetische Wirtschaft ist in großen Schwierigkeiten. Deshalb ist auch die DDR im Grunde genommen pleite. Es muss sich etwas ändern, vieles sogar.« Der Bischof hörte aufmerksam zu, mir schien, als sei er betroffen, solche Worte von einem namhaften SED-Mann zu hören. Er schwieg. Dieses Eingeständnis hatte er nicht erwartet. Was weiter geschah, war durch das Fenster meines Arbeitszimmers zu hören, da der Ort der Handlung nur etwa 500 Meter vom Rathaus entfernt war. Plötzlich trat Ruhe ein, dann hörte man eine Männerstimme, das war Ziemer. Zehn Minuten später kam die Mitteilung, die Polizeikordons haben sich zurückgezogen und die Demonstration hat sich aufgelöst. Die heikle, gefährliche Situation war beendet.  Kurz vor Mitternacht, als ich schon zu Hause war, rief Modrow an. Ich setzte ihn kurz über das Gespräch und dessen Ergebnis ins Bild. Er hörte aufmerksam zu und sagte: »In Ordnung. Komm bitte morgen früh um 6.30 Uhr in die Bezirksleitung. Bis dahin lasse ich einen Text vorbereiten, den du dort verkünden musst. Ich werde die anwesenden Sekretariatsmitglieder zusammenrufen und sehen, ob wir deine Entscheidung legitimieren können.« Ich bin am 9. Oktober früh um sechs in die SED-Bezirksleitung gefahren. Dort hatte Modrow, wie angekündigt, einen Mitarbeiter beauftragt, eine dreiseitige Erklärung aufzusetzen, die ich zu Beginn dieses Dialogs mit den Demonstranten vortragen sollte. Er hatte zu einer Sondersitzung die Mitglieder des SEDBezirkssekretariats, die im Haus waren, eingeladen. Modrow sagte: »Der Oberbürgermeister hat gestern Abend entschieden, mit den Vertretern der Demonstranten Gespräche aufzunehmen. Das ist eine weit reichende Entscheidung, die meine Zustimmung findet. Für euch besteht die Möglichkeit, diese Entscheidung mitzutragen oder euch aus der Sache herauszuhalten.« So eine Rede hatte es bis dahin in der SED nicht gegeben. Es entschied sich niemand dagegen. Es herrschte Schweigen. Ich war erleichtert, denn ich hatte nun sogar ein Mandat für das Gespräch.  Ich nahm das vorgeschriebene Redemanuskript und fuhr abschließend ins Rathaus. Den vorgegebenen Text konnte ich nur teilweise verwenden, das war ein Honecker-Elaborat. Ich habe wesentliche Teile gekürzt, einige weggelassen und den Rest überarbeitet. Um 9 Uhr habe ich dann die 20 Abgeordneten der Demonstranten zum Gespräch im Ratssitzungssaal empfangen. Sie waren kreidebleich und voller Spannung. Sie fühlten sich nicht als Sieger. Es waren unterschiedliche Personen, die, mit wenigen Ausnahmen, im Verlauf der revolutionären Veränderungen aus der Gruppe der 20 ausgeschieden sind, darunter auch ein SED-Mitglied. Sie waren natürlich nicht organisiert und nicht in der Lage, bereits jetzt einen gemeinsamen Standpunkt vorzutragen. Aber sie hatten endlich einmal einen bekannten SED-Funktionär gezwungen, mit ihnen zu sprechen. Das war ja schon sehr viel. Meine Befindlichkeiten spielten da überhaupt keine Rolle, das konnten diese Menschen sich sicherlich nicht vorstellen. Ich habe zu diesem Gespräch mehrere meiner Ratsmitglieder hinzugezogen. Vor allem die Jüngeren, darunter der LDPD-Stadtrat für Energie Axel Viehweger, der spätere Bauminister in der Regierung Lothar de Maizière, haben mit mir versucht, die Atmosphäre zu vermenschlichen. Ungemein wichtig war die Rolle Ziemers als Moderator, ohne ihn wäre das alles gar nicht gegangen. Also wenn man jemandem ein Denkmal setzen wollte, dann ihm. Aber Ziemer ist heute in seiner Kirche verfemt, ich weiß nicht warum.  Für mich selbst war klar: Wenn du diesen Schritt gehst, der nicht der offiziellen Linie der Parteiführung entsprach, dann ist der Ausgang ungewiss. Aber ich hatte keine Angst. Das war ja auch etwas Eigenartiges, ich stand gewissermaßen neben mir und agierte nach dem Motto: Wir müssen das jetzt machen. Ich war allein, denn ich hatte auch mein Netzwerk in Berlin im großen Parteihaus[2] nicht gefragt. Das habe ich dann erst nach dem Gespräch getan. Mir wurde hinterbracht, was Stoph gesagt hat: »Verräter«. Diese Position aus Berlin war zu erwarten, aber es geschah anschließend nichts. Mein Schritt hatte nicht die befürchteten Konsequenzen. Beim zweiten Gespräch mit der Gruppe der 20 am 16. Oktober war die SED mit Modrow an der Spitze schon wieder soweit zu sagen, jetzt drehen wir das Ganze um und vereinnahmen es. Modrow schickte ein Fernschreiben nach Berlin, in dem stand, dass wir den Dialog begonnen haben und es ein zweites Rathausgespräch mit Berghofer gibt. In diesem Gespräch würden die Positionen der SED wie Frieden und Sozialismus – also die üblichen Worthülsen – dargelegt. Er übermittelte das an das Politbüromitglied Joachim Herrmann, so dass man nach oben abgesichert war. Aber diese eine Woche später, Leipzig war ja vorbei und die Leute wussten, dass sie gewonnen hatten, ließen sie sich keine Parteiparolen mehr unter die Nase reiben, zumal auch ich dazu überhaupt kein Verhältnis mehr hatte.  WILKE: Es war also die Emanzipation des Funktionärs zum Bürger. BERGHOFER: So kann man das sagen. Allein, mit wem wollte man darüber reden? WILKE: Trotzdem, diese Schritte müssen ja noch einmal in sich bewertet werden. Ist denn die Gesprächsaufnahme in Dresden am Morgen des 9. Oktober, an dem Tag, als die entscheidende Konfrontation in Leipzig stattfinden sollte, über die Medien schon veröffentlicht worden? BERGHOFER: Ja, auf der Kreisseite der Regionalzeitung, d. h. auf der letzten Seite, mit einem nichtssagenden Satz. Wenn Sie sich die regionalen Tageszeitungen vom 9. Oktober ansehen, gab es den Leitartikel, der auf den Platz des Himmlischen Friedens mit der Krenz-Position verwies: Wir werden mit allen Mitteln den Sozialismus verteidigen. Das hieß auf Deutsch: Wir werden schießen. Und irgendwo ganz am Ende stand verklausuliert, so, dass es keiner kapierte, da hat irgendein Blödmann in Dresden ein Gespräch begonnen. Ich übersetze das mal so profan. WILKE: Gut, aber es gab die westdeutschen Korrespondenten.  BERGHOFER: Die haben darüber schon berichtet. WILKE: Und die haben an dem Tag umfangreich berichtet, denn das ist ja insofern von Bedeutung, weil dann abends in Leipzig eine vergleichbare Entwicklung einsetzte: SED-Bezirkssekretäre verfassten zusammen mit dem Leiter des Gewandhausorchesters Kurt Masur den prägenden Aufruf »Keine Gewalt!« Das war ja auch bei Ihnen im Grunde der Schlüsselsatz.  BERGHOFER: In diesem Gespräch am Morgen des 9. Oktober schlug einer der Beteiligten vor, anschließend nach Leipzig zu fahren, um den Kollegen dort zu empfehlen, das genauso zu machen. Ich wurde gebeten, mit meinem Leipziger Amtskollegen, Bernd Seidel, Kontakt aufzunehmen und ihm zu empfehlen, dasselbe zu tun. Als das Gespräch im Dresdner Rathaus zu Ende war, fuhr tatsächlich einer aus der Gruppe der 20 nach Leipzig und teilte den Organisatoren in der Nikolai-Kirche mit, wie man es machen könnte. Und ich habe Seidel so gegen 12 Uhr angerufen. Wir kannten uns gut, er war meine Generation: »Bernd, ich schildere dir jetzt mal, wie wir das in Dresden gemacht haben. Modrow hat dem zugestimmt.« Er entgegnete: »Das kannst du vergessen, das ist in Leipzig alles überhaupt nicht möglich. Wenn ich mit so einem Vorschlag zur Bezirksleitung komme, fliege ich achtkantig raus oder geh gleich in den Kahn. Das geht nicht, also ich warte ab.« Der Modrow gleichgestellte Parteifunktionär in Leipzig war ein Hardliner. Die Veränderungen in Leipzig haben jüngere Kader eingeleitet, Roland Wötzel und Co, die erkannt hatten, wie es gehen könnte, um das Schlimmste zu verhindern. Das Problem für den Historiker heute ist, sie können das alles nicht belegen. Honecker hat hundertprozentig einen Schießbefehl und die entsprechende Direktive dazu erlassen. Auf der mittleren Ebene der Partei und der Sicherheitsorgane finden Sie die Anschlussdokumente, aus denen man ableiten kann, da muss doch vorher irgendjemand oben etwas von sich gegeben haben. WILKE: Es ist interessant, dass in Leipzig die Unterlagen der Bezirkseinsatzleitung zufällig für Oktober fehlen. BERGHOFER: Das ist meines Wissens auf allen Bezirksebenen der Fall. Auf der Ebene der Kreisdienststellen sowie einzelner Einheiten der Armee, der Polizei sowie des MfS sieht man aber, dass irgendwelche zentralen Direktiven erlassen worden sein müssen. Ich kann mich erinnern, dass ich am 9. Oktober nach dem Gespräch mit der Gruppe der 20 noch einmal in der SED-Bezirksleitung war, um mit Modrow abzustimmen, wie wir weitermachen. Da war ein so genannter Instrukteur des Zentralkomitees anwesend, Genosse Winkler. Man stritt sich. Modrow erklärte, das kann man doch nicht machen, und gab dann das als streng geheime Kommandosache gekennzeichnete Papier an den Instrukteur zurück. Ich nehme an, das war der entscheidende Befehl.  Dazu müssen Sie folgendes wissen, denn das ist nicht aufgearbeitet, und es gibt dazu auch nichts an Belegen und Beweisen. – Die SED-Führung stand immer vor dem Dilemma, Dinge zu tun, die nicht mit der Verfassung in Übereinstimmung und gesetzwidrig waren oder die man aus propagandistischen Gründen nicht veröffentlichen wollte. Das heißt, sie konnte wichtige Instruktionen und Befehle nicht schriftlich festhalten, sondern nur zum Lesen und zum Vernichten weitergeben. Zu diesem Zweck gab es auf der kompletten Führungsebene der Partei und des Staates die Instrukteure. Für jede Bezirksleitung der SED gab es einen Instrukteur des Zentralkomitees, der unterstand dem Generalsekretär, also Honecker. Er wurde in der praktischen Arbeit durch das Politbüromitglied Horst Dohlus, verantwortlich für die Parteiorgane, in Bewegung gesetzt, aber disziplinarisch und inhaltlich Honecker unterstellt. Diese Instrukteure, 15 Leute, die muss es alle noch geben, waren relativ jung. Sie wissen im Grunde genommen alle Antworten auf die Fragen, die die Historiker nicht oder nur ungenau beantworten können. Man müsste sie wieder ausfindig machen und wenigstens einen zum Reden bewegen. Die ZK-Instrukteure waren in der Regel einmal in der Woche in ihrem Bezirk, meistens schlossen sich dann der 1. Sekretär und der Befehlsübermittler ein. Es folgte ein mehrstündiges Gespräch und dann wusste in unserem Falle Modrow, was der große Meister aus Berlin von ihm erwartete. Brachte der Instrukteur Dokumente mit, z. B. für die Vorbereitung der Wahlen, dann durfte der 1. Sekretär das Papier lesen, quittierte, und der Instrukteur nahm es wieder mit. Solche Dokumente wurden in Berlin gesondert archiviert. In der Übergangsphase, als ich dem Arbeitsausschuss zur Vorbereitung des SED-Sonderparteitages vom 8./9. Dezember und 16./17. Dezember 1989 angehört habe, habe ich mich natürlich dafür interessiert. Da war aber schon alles vernichtet. Insofern ist das Instrukteursystem des ZK meines Erachtens der eigentliche Schlüssel zur Ermittlung der sensibelsten Wahrheit: Was hätte die Führung unternommen, um die Macht zu erhalten, wenn man noch handlungsfähig gewesen wäre, also wenn Honecker noch bei Kräften gewesen wäre.  WILKE: Jedenfalls begann nach dem 9. Oktober in Leipzig die Phase der Veränderung mit dem Wechsel von Honecker zu Krenz. Als Krenz nach seiner Wahl zum Generalsekretär am 18. Oktober eine »Wende« der Parteipolitik versprach, mutierte das riskante Unternehmen in Dresden vom 8. Oktober plötzlich zu einem herausragenden Beispiel der Dialogbereitschaft der SED. BERGHOFER: Das hatte man natürlich ganz schnell erkannt unter dem Motto: Wir müssen die Demonstranten von der Straße kriegen, wir müssen das in tausend vielfältige Einzelgespräche auflösen und die Kraft der Straße brechen, dann können wir – natürlich über eine Konsolidierungsphase – wieder fest im Sattel sitzen und mit neuen Gesichtern weitermachen wie bisher. Das war zusammengefasst die Strategie von Krenz und in Variation auch die von Modrow. Also man war nicht bereit zu akzeptieren, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit ganz andere Veränderungen verlangte, vor allen Dingen wirtschaftliche. Es schossen überall von der SED organisiert Runde Tische aus dem Boden, und auch der Zentrale Runde Tisch in Berlin war zunächst von Krenz in die Diskussion gebracht worden, um wieder Herr des Verfahrens zu werden.  WILKE: Die entscheidende Zäsur für die weitere Entwicklung ist der 9. November, der Mauerfall. Krenz hat an diesem Tag vor dem ZK – als er das Reisegesetz verlas und abnicken ließ – gesagt: Gleichgültig was die SED tut, sie macht einen Fehler. Die Öffnung der Grenze war ja auch nicht so vorgesehen, wie sie verlief. Nach dem Mauerfall, am 10. November, nominierte das ZK Modrow als Ministerpräsident der DDR, und er bildete am 17. November erstmals in der DDR eine Koalitionsregierung. In dieser Situation gab es eine bemerkenswerte und gegen die Geschichte der SED verlaufende Neuverteilung der Macht. Das einzige handlungsfähige Instrument, über das die SED noch verfügte, war der Staatsapparat. Nicht mehr das Politbüro mit Krenz, sondern Modrow wurde zur eigentlichen Zentrale der SED-Herrschaft in der DDR. Wie wurde das von Ihnen aufgenommen, reflektiert, und was hatte Modrow in dieser Situation mit seinem Oberbürgermeister vor? BERGHOFER: An dem Tag des endgültigen Sturzes des Politbüros, am 3. Dezember, einem Sonntag, rief mich Modrow in Dresden an und sagte: »Komm bitte sofort nach Berlin. Richte dich auf einen längeren Aufenthalt ein.« Also habe ich mich von meiner Frau im Lada nach Berlin ins Haus des ZK kutschieren lassen. Ich hörte dort, dass Herbert Kroker,[3] der ehemalige Generaldirektor des Erfurter Mikrotechnologiekombinates einen Arbeitsausschuss leitete. Es konnte mir niemand sagen, wer ihn beauftragt und legitimiert hatte.  WILKE: Zu diesem Zeitpunkt wussten Sie, dass das Zentralkomitee geschlossen zurücktreten ist, dass Krenz nicht mehr Generalsekretär war und die SED von einem Arbeitsausschuss geleitet wurde? BERGHOFER: Geleitet werden sollte! Und ich kam in Berlin an, als sich der Tagungsraum leerte, offensichtlich hatte es noch zwei, drei Stunden nach der Verkündung der Beschlüsse in den Foyers Diskussionen gegeben, und es rannte alles wild durch einander. Die meisten handelnden Personen kannte ich. Kroker kannte ich nicht persönlich, der war in schon relativ fortgeschrittenem Alter. Modrow sagte mir, es sei ein Arbeitsausschuss berufen worden, dem ich angehören solle. Dieser Arbeitsausschuss hat die Aufgabe, einen Sonderparteitag vorzubereiten und die Übergangslinie für die Parteiarbeit festzulegen. Wir müssen uns jetzt hinsetzen und überlegen, was zu tun ist.  In dem großen Chaos habe ich versucht, im Hause des ZK jemanden zu finden, der sich auskannte. Man muss sich die Atmosphäre vorstellen, der alte Parteiapparat hatte zur Kenntnis genommen: Unsere Führung ist entmachtet, unsere Abteilungsleiter sind entlassen. Und was wird jetzt aus uns? Werden wir alle aufgehängt? 6 000 hauptamtliche Funktionäre im großen Haus standen plötzlich vor dem Nichts, und jeder versuchte zu retten, was zu retten ist. Zudem saß man auf hochbrisanten Archiven, jede Abteilung für sich! Man sah Leute mit Papieren durch die Gänge flitzen, man sah die grauen Gestalten, die entmachtet worden waren, in Dreiergruppen zusammenstehen, und dazwischen bewegten sich nun die Mitglieder des neuen Arbeitsstabes. Zum Beispiel Heinz Vietze[4]. Ich fragte ihn: »Was machst du denn hier?« »Na, ich bin jetzt 1. Sekretär der SEDBezirksleitung Potsdam. Wir sollen hier irgendwas erfinden.« Also Chaos, Konzeptionslosigkeit. Dann gab es die erste Zusammenkunft dieser Truppe. Da saßen Kroker, Modrow, Gregor Gysi, Markus Wolf und der Rest der Mannschaft.[5] Wolf überreichte mir bei der Gelegenheit sein Buch Die Troika mit der Widmung: »Für Werner Berghofer«. So hatte ich gleich meinen Decknamen. Kroker sagte: »Genossen, wir sollen einen Sonderparteitag vorbereiten, aber damit hier gleich klar ist: Ich stehe nicht für eine herausragende Funktion zur Verfügung. Ich leitete diesen Arbeitsausschuss, bis er seinen Auftrag erfüllt hat, und dann gehe ich zurück nach Erfurt.« Von da an tagten wir permanent, rund um die Uhr, verschwitzt, im Sitzungssaal des Politbüros. Von überall kamen die Mitteilungen, da sind der und der zurückgetreten und dort ist wieder eine Demonstration. Die Ereignisse der Revolution im Lande stürzten auf die Mannschaft ein: Dort revoltieren die Mitarbeiter der Kreisdienststelle des MfS. »Markus, da muss’de hin und schlichten.« Hinzu kam die krampfhafte Suche nach der Antwort auf die Frage, wie es weitergehen soll. Also als erstes war die Frage zu klären, wer soll auf dem Sonderparteitag für welche Funktion kandidieren. Im Vorfeld hatte es ein Gespräch mit Modrow und Wolfgang Herger[6] gegeben. Herger kannte ich aus der FDJ-Zeit, da war er 2. Sekretär des Zentralrats. Sie sagten: »Genosse, du musst jetzt die Führung der SED übernehmen, du bist der Bekannteste, du bist populär, die Leute vertrauen dir.« Und ich habe gesagt: »Könnt ihr vergessen, ich stehe für eine hauptamtliche Funktion als Parteifunktionär hier genauso wenig wie in Dresden zur Verfügung. Das ist nicht meine Welt. Im besten Fall übernehme ich eine ehrenamtliche Funktion.« Na gut, das war erledigt. Aber im Arbeitsausschuss wiederholte sich das Ganze, weil nämlich alle 23 Personen stundenlang auf mich einredeten und sagten: »Du musst, weil …« Bis Gysi sich erhob und eine zündende Rede hielt, perfekt, wie er das kann, und die Begründungen lieferte, warum ich das machen soll. Ich hab dann gesagt: »Gregor, hervorragende Rede, setz deinen Namen ein, und dann stimmt alles.« Woraufhin Gysi sagte: »Ok, dann mach ich das.« Damit war die Machtfrage personell geregelt. WILKE: Gysi behauptet, er habe darauf bestanden, dass er nur den Vorsitz übernimmt, wenn Sie sein Stellvertreter werden. BERGHOFER: Ja, richtig. Er hat gesagt, er macht das unter den Bedingungen, dass die wichtigsten Personen an diesem Tisch dabei sind und das Verhältnis Staat und Partei ordentlich geklärt wird. WILKE: Damit sind wir bei einer weiteren gravierenden Veränderung, nämlich die Staatspartei muss sich von dem Wunschbild jeder bolschewistischen Politik verabschieden: der ungeteilten Macht. Der Parteiführung war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass sie sich in Konkurrenz zu anderen Parteien Wahlen würde stellen müssen und dass sie die künftige DDR-Regierung mit Sicherheit nicht mehr führen würde.  BERGHOFER: Das ist aus der Nachbetrachtung sicherlich richtig. In dem Moment der emotional aufgeladenen Diskussionen und der rasanten Veränderungen hat keiner in der Runde – vielleicht Modrow, aber er hat darüber nicht gesprochen – das so strategisch klar und deutlich formuliert. Modrows Grundposition war, ich leite die Regierung, ich werde es nicht dulden, dass eine neue Parteiführung in meine Regierungsarbeit hineinregiert, deshalb muss die Trennung von Partei und Staat sein. WILKE: Muss man das so verstehen, dass Modrow als erfahrener Parteifunktionär sich sagte, der Apparat hat sowieso versagt und es kann nicht mehr geduldet werden, dass die Parteisekretäre die Regierungsarbeit kommandieren? BERGHOFER: Das glaube ich nicht. Ich denke, Modrow hat vor allem an die Sicherung seiner eigenen Interessen gedacht. Er wurde oft unterschätzt. Meistens versteckte er sich hinter einer Leidensmine und seinem proletarischen Habitus. Im Kampf um die Macht hatte er seine eigene Strategie entwickelt. Ich habe mit ihm an mehreren Auseinandersetzungen mit unserer Obrigkeit teilgenommen. Allerdings musste ich erleben, dass wir den jeweiligen Streit mit dem Politbüro bzw. dem Ministerrat gemeinsam begannen. Wenn die Sache jedoch politisch gefährlich wurde, stand ich allein. Man musste bei ihm immer damit rechnen: Wenn es gut geht, ist er der Sieger, und wenn es schlecht geht, bin ich der Verlierer. Das werfe ich ihm vor, das ist sein eigentliches Problem, dieses Doppelspiel. In dieser Phase ging es Modrow in allererster Linie um die Sicherung seiner Interessen. Das setzte voraus, dass alle störenden Elemente weg mussten. Erstens Krenz, der war zur Belastung geworden.  Zweitens, er wird als Ministerpräsident nicht in irgendeinem Parteigremium über seine Regierungsarbeit Bericht erstatten. Er wird ab und zu informieren, denn er brauchte die SED, um nach unten etwas durchzusetzen. Für ihn war die SED der verlängerte Arm der Regierung. Es war genau so, wie Sie es sagen, das Machtmonopol wurde umgedreht und von der Partei auf den Staatsapparat verschoben. Das wurde ganz schnell praktisch sichtbar. So nahm er beispielsweise nicht mehr ständig an den Arbeitsausschusssitzungen teil. WILKE: Der dritte Faktor, der verschwinden musste, war die Belastung durch das MfS. BERGHOFER: Und das möglichst mit großer Distanz und mit dem Weichmacher Markus Wolf, der in bestimmten Kreisen der Intellektuellen und auch innerhalb der Partei mit seinem angeblichen Widerstand gegen Mielke als Perestrojkaner akzeptiert war.  Es war am 3. Dezember 1989, unmittelbar vor dem Weggang von Schalck in dem Westen. Modrow lud zum Gespräch ins Haus des Ministerrates, in sein Arbeitszimmer. Eingeladen waren Xxxx, Berghofer, Wolf und Wolfgang Pohl. Kurze Beratung, keiner wusste, worum es eigentlich geht, das war auch ein Novum: Bis dato hatten ja Parteifunktionäre die Staatsfunktionäre zum Gespräch eingeladen. Es war das erste Mal, dass führende Parteifunktionäre zum Ministerrat gingen. Modrow sagte: »Genossen, wenn wir die Partei retten wollen, brauchen wir Schuldige!« Ich fragte: »Wie stellst du dir das vor? Die Schuldigen sind wir.« »Nein, das kann man so nicht sehen. Wir brauchen Verantwortliche, zu denen es in der Gesellschaft schnell einen Konsens gibt und die Massen sagen, jawohl, das sind die Schuldigen. Das kann nicht die SED sein.« »Wer soll das sein?« »Das Ministerium für Staatssicherheit«, sagte er. Daraufhin sprang Wolf in die Höhe und sagte: »Hans, wir – Schild und Schwert der Partei – haben doch nie etwas ohne Befehle von Euch gemacht.« »Ja«, sagte er, »Mischa, bleib ruhig. Die Aufklärung des MfS halten wir selbstverständlich aus dieser Einschätzung heraus.« »Ach so.« Wolf setzte sich wieder hin und war einverstanden.[7] Dann sagte Modrow: »Wir brauchen natürlich auch eine hauptverantwortliche Person für die Misere. Das kann nicht Honecker sein, denn er steht für die Partei. Wir müssen uns hier nicht streiten über dessen Rolle. Wir brauchen einen Schuldigen, bei dem das Volk sagt, der hat auf unsere Kosten gelebt.« »Und wer ist das?« »Das ist Alexander Schalck-Golodkowski. So wurde es verkündet. So fing die neue Partei an zu agieren. Natürlich will das heute keiner mehr wahr haben. Man findet aber in den damals nachfolgenden Aktivitäten den Beweis. WILKE: Das DDR-Fernsehen berichtete am 2. Dezember über das Waffenlager der KoKo-Firma IMES in Kavelstorf. Damit begann die öffentliche Skandalisierung Schlacks. Nach seinem Übertritt in den Westen wurde Schlack dann am 6. Dezember wie besprochen zum Schuldigen erklärt. BERGHOFER: Das Waffenlager wurde nicht zufällig entdeckt, das wusste doch jeder von denen da oben. Das hatte Modrow in Gang gesetzt. Das ModrowGespräch war natürlich inoffiziell. Dennoch hat sich dieser Schachzug von Modrow zur Rettung der SED als genial erwiesen, weil er funktioniert hat und bis heute funktioniert. Schuld an der Misere und dem Untergang der DDR sind scheinbar das MfS und die Figur, die am meisten Unheil angerichtet hat und auf Kosten des Proletariats in Saus und Braus gelebt hat. Daneben gab es noch ein paar Trottel in der Parteiführung, aber die waren alt und nicht mehr zurechnungsfähig. Die eigentlichen Machtstrukturen sind alle aus dem Bewusstsein verschwunden, niemand kennt sie mehr. WILKE: So hat Modrow die MfS-Frage – wie bereits andere Fragen zuvor – taktisch gelöst, ausgehend von der Maxime: Das MfS können wir sowieso nicht mehr halten. Die Fixierung auf das MfS hatte, beginnend mit den Montagsdemonstrationen in Leipzig, seinen realpolitischen Sinn in der Erfahrung der Demonstranten. Sie wussten, wenn es nicht gelingt, der SED dieses Instrument zu entwinden und einsatzunfähig zu machen, dann kann es keine wirkliche Änderung geben. Sollte es zum Eingreifen der Sowjets kommen, was zu dem Zeitpunkt im Oktober noch nicht wirklich klar war, dann würde die Rache furchtbar werden. Dieser Druck von unten und die Umkehrung von Mielkes Frage »Wer war Wer?« in der DDR zum »Wer waren die Spitzel unter uns?« waren das, was Modrow trieb. Er nutzte diesen Druck ebenso wie Krenz den Dresdener Dialog nutze, um sich als Moderator zu stilisieren.  BERGHOFER: Ich möchte noch etwas zu Wolfgang Pohl bemerken: Eine wichtige Entscheidung, neben mir einen zweiten Stellvertreter zu etablieren, war der Tatsache geschuldet, dass sich jemand um die Finanzen, also um den parteiinternen Bereich kümmern musste. Ich habe von Vorhinein abgelehnt eine solche Aufgabe zu übernehmen, weil das nicht meinem Naturell entspricht. Ich bin kein Bürokrat. Gysi, der – wie Insider sagten – nicht in der Lage war, eine Reisekostenabrechnung auszufüllen, das soll für ihn in seiner aktiven Anwaltszeit Lothar de Maizière gemacht haben, lehnte das ebenfalls ab. Pohl war in der Bezirksleitung Magdeburg 2. Sekretär. WILKE: Und er war gerade kurz zuvor Nachfolger von Werner Eberlein als 1. Sekretär in Magdeburg geworden. BERGHOFER: Richtig. Als 2. Sekretär hatte u. a. er die Verantwortung für die Finanzen und brachte also eine gewisse Kompetenz mit. Wie man dann später hörte, hat er die auch schamlos genutzt. Ich kann mich vor allem an eine Episode erinnern: Mich rief Außenwirtschaftsminister Gerhard Beil an, der bis dato nie auch nur ein Wort mit mir gewechselt hatte: »Wolfgang! Kannst du nicht mal in mein Büro Unter den Linden kommen? Es gilt, eine wichtige Frage zu klären.« Also großer Honigpinsel. Ich fragte zurück: »Worum geht’s, sag mal ein Stichwort.« »Es geht um Geld.« Ich sagte ok, und Pohl und ich gingen zu ihm hinüber. Wir haben uns in Beils Arbeitszimmer gesetzt, er holte aus der Aktentasche eine blassrosa Mappe und sagte: »Also, Genossen, ich habe hier eine Bilanz über Auslandsguthaben in Höhe von 8 Mio. DM und darüber hinaus einen Depotschein über 21 Tonnen Gold. Was wollen wir denn damit machen?« Darauf habe ich gesagt: »Genosse Beil«, »ich empfehle, wenn wir jetzt das Büro hier verlassen, diesen Sachverhalt dem Vorsitzenden des Ministerrates, mitzuteilen, damit das Geld in den Staatshaushalt eingestellt wird, wie sich das gehört. Wir als Parteifunktionäre können damit gar nichts machen.« Ich habe ihn richtig abfahren lassen, habe mich erhoben und bin mit Wolfgang Pohl wieder zu Fuß Unter den Linden zurückgegangen. Dieses Gespräch war für mich ein wesentlicher Punkt bei der Antwort auf die Frage: »Wo soll meine eigene zukünftige Position in der Partei sein. Zu Wolfgang Pohl sagte ich: »Genosse Pohl, nun müssen wir uns entscheiden. Wollen wir mitschuldig werden, oder wollen wir unsere Verantwortung wahrnehmen und die Partei tatsächlich verändern?« WILKE: Wie stand es um die Finanzen in der Partei? BERGHOFER: Als Arbeitsausschussmitglied fing ich an die Leute über die Finanzen zu befragen. Die meisten der Finanzverantwortlichen und der für die Innereien der SED zuständigen Funktionäre der zweiten Reihe kannte ich. Sie hatten vorher, wie ich, ihre Karriere im Zentralrat der FDJ begonnen und versuchten nun Antworten zu finden: Über welche Finanzen verfügt die SED? Die erste Erkenntnis war, das kann dir keiner sagen. Es gibt die offizielle Abteilung Finanzen und Parteibetriebe, die Parteibeiträge eingenommen und die Gewinne der meisten Verlage in der DDR verwaltet hat. Aber dann kam sofort die Mitteilung, überprüfen könnten wir nichts mehr, weil die komplette zentrale Mitgliederkartei schon vernichtet worden sei. »Wer hat Euch damit beauftragt und warum?« Die Antwort lautete: »Als Schutz vor möglicher politischer Verfolgung – man kann ja nie wissen.« Es waren also Tatsachen ohne politische Entscheidungen geschaffen worden. Die zweite Erkenntnis: es gab die Westabteilung des ZK, die zu dieser Zeit als Nachfolger des 1985 geschassten Herbert Häber mein ehemaliger Chef aus der Westabteilung des FDJ-Zentralrats, Gunter Rettner, leitete. Sie verfügte völlig konspirativ über ein eigenes Budget, da hatte keine Revisionskommission und kein sonstiges Kontrollorgan Einblick. Daraus wurden u. a. Zahlungen an die befreundeten Parteien und Organisationen im Westen geleistet. WILKE: DKP, SEW. BERGHOFER: DKP, SEW, SDAJ, MSB Spartakus u. a. sowie entsprechende wirtschaftliche Strukturen. Niemand konnte also feststellen, wer sich dort wie bedient hatte. Überprüfbare Buchführung war nicht üblich. Man konnte bestenfalls nur feststellen, wieviel Geld per anno zur Verfügung stand, und das waren zweistellige Millionenbeträge. Darüber hinaus gab es noch die Abteilung Verkehr. Kein Mensch wäre darauf gekommen, dahinter eine Finanzabteilung zu vermuten. Mein Freund Dieter Berneking, früher Mitarbeiter in der Westabteilung des Zentralrats (Zentrale Auswertungsgruppe, ZAG), war dort tätig. Das war im Grunde die Abteilung, die Honeckers Sonderfinanzen verwaltete. Ein streng geheimer Feuerwehrfonds, falls Honecker irgendwo eingreifen wollte. Hier hatten selbst Politbüromitglieder keinerlei Einblick. Zudem existierte noch eine kleine Truppe, die sich »Sonderfinanzen« nannte. Diese leitete Ende der 80er Jahre Karl-Heinz Rümmler, genannt »Mecki«. Er war vorher Abteilungsleiter für Finanzen im Zentralrat, daher kannte ich ihn. Den Wahrheitsgehalt der folgenden Geschichte, die ich bei der Befragung gehört habe, konnte ich nie überprüfen. »Mecki« Rümmler, so wurde von ZK-Mitarbeitern gesagt, nahm zum Beispiel eine Million DDR-Mark, ging damit zur Staatsbank der DDR und ließ sie sich 1:1 in D-Mark umtauschen. Das war so vereinbart. Danach fuhr er mit einer Million Westmark nach Westberlin und tauschte sie dort zum geltenden Wechselkurs in DDR-Mark um. So erhielt er mindestens 4 Mio. Mark oder mehr. Dieses Spiel ließ sich endlos fortsetzen. Der Parteiapparat plünderte auf diese Weise mit Billigung der SED-Führung den Staatshaushalt aus, natürlich ohne Beleg. Das konnte ja keiner aufschreiben, es hätte jeder sofort die kriminellen Dimensionen erkannt. Schon bei meinen Fragen vermuteten alle im SED-Finanzreich Verrat und schrieen Zeter und Mordio. Es wurden schnell alle Spuren verwischt. Ich denke, vier Leute – Heinz Wildenhain Leiter der Abteilung Finanzen und Parteibetriebe, Karl-Heinz Rümmler, der stellvertretende Leiter der Abteilung Finanzen und Parteibetriebe Wolfgang Langnitschke und der Abteilungsleiter Verkehr Julius Cebulla – wussten über den Vermögenszustand der SED Bescheid. Ich glaube nicht, dass diese Leute Gysi die ganze Wahrheit gesagt haben. Sie haben immer nur Teilwissen, das ohnehin bekannt war, preisgegeben. WILKE: Nämlich das, was zu beweisen war. BERGHOFER: So war das in allen Bereichen. Es hat mich immer die Tatsache belastet, du bist verantwortlich für die Fälschung der Kommunalwahlen am 6. Mai 1989 in Dresden. Klar war, die Wahlen waren in jeder Stadt, in jedem Kreis gefälscht und die Verantwortung dafür sollte auf die lokalen Verantwortungsträger abgeschoben werden. Die Hintergründe und die zentrale Verantwortung für die Wahlfälschungen in der DDR wollte ich Anfang Dezember im Arbeitsausschuss aufklären. Ich habe einen der wichtigsten Kader in der Abteilung Staat und Recht des ZK, die Krenz unterstand und von Dr. Klaus Sorgenicht geleitet wurde, meinen vermeintlichen Freund Günter Böhme darauf angesetzt. Er war früher Sekretär im FDJ-Zentralrat, ein ehrlicher proletarischer Typ, auf den ich mich verlassen habe. Ich habe gesagt: »Günter, du musst mir helfen. Ich will alle Belege für Wahlfälschungen haben. Welche Rolle haben der Staatsrat, der Ministerrat, das Politbüro, die einzelnen Politbüromitglieder und Eure Abteilung dabei gespielt? Wie viel Zeit brauchst du dafür?« »Vier Wochen.« Ab und zu habe ich nachgefragt, wie es läuft. Die Antwort: »Ja, ja.« Als die vier Wochen um waren, meldete sich Böhme nicht. Ich versuchte, ihn ausfindig zu machen. Er wich mir aus. Als ich ihn endlich zur Rede stellen konnte, stellte er sich unwissend. Angeblich hatte er nichts gefunden, weil es nichts gäbe. Es war klar, ich hatte den Bock zum Gärtner gemacht. Böhme hat die vier Wochen genutzt – ich hab ihn später dann noch einmal ergebnislos befragt – um alle Spuren und Beweise zu beiseitigen. Und so war das überall, wo man auch hingriff: Jeder fühlte sich schuldig. Ja, wir waren schuldig! Jeder hatte Angst vor möglichen juristischen Auseinandersetzungen, jeder dachte nur an sich. Der Höhepunkt in dieser Findungsphase war für mich, als Modrow zu mir kam und sagte: »Du hast doch nicht etwa die Absicht, mich in die Wahlfälschungsprobleme hineinzuziehen!« Ich entgegnete: »Du hast mir doch den Auftrag dazu gegeben!« »Das musst du anders sehen! Das eine ist die persönliche Problematik, und das andere ist die Partei, die Zukunft des Sozialismus!« An diesem Punkt zerbrach unsere Liaison. Im Grunde genommen war es fast ausnahmslos in allen Bereichen das gleiche. Wahrscheinlich sind Menschen, die sich schuldig fühlen, so. Es war niemand bereit, die Wahrheiten offenzulegen, um darüber Veränderungen zu bewirken und Versöhnung zu ermöglichen. WILKE: Als die Bürgerkomitees sich das MfS vornahmen, um dort die Aktenvernichtung zu beenden, war das für den Parteiapparat ein willkommenes Ablenkungsmanöver, um die SED-Geheimnisse vor ihrer Offenlegung zu schützen? BERGHOFER: Die Aktenvernichtung war exemplarisch für alle Bereiche, wohl überlegt und wohl dosiert. Das hatte der hauptamtliche Kader der Partei von der Pike auf gelernt, er war mit Verweis auf die Geschichte der kommunistischen Partei immer auf die Illegalität vorbereitet. Die Schlagworte: »Genosse, du musst revolutionäre Wachsamkeit üben!« wurden jeden Tag dreimal formuliert und bedeuteten: Keine Information an Fremde, kein Zugriff des Gegners auf sensible Wahrheiten, nichts zu Papier bringen, was nicht unbedingt zu Papier gebracht werden muss, jedem nur soviel Wissen, wie er für die Erfüllung seiner Aufgabe braucht. Das schloss die Nutzung des erwähnten Instrukteurssystems und natürlich propagandistischer Ablenkungsmanöver, wo erforderlich, ein. Das ganze wurde theoretisch mit Lenin begründet, so dass es auch moralisch für den Einzelnen akzeptabel war. WILKE: Die Wandlung der SED zur PDS ist eine von außen – im weitesten Sinne des Wortes – in Gang gesetzte Entwicklung, wo im Grunde im Zusammenbruch die Einen versuchten, ihre private Existenz zu retten und ein Teil des Apparates und der Parteifunktionäre, vor allen Dingen aus dem Staatsbereich, die sagten: Na, lass uns einen Neuanfang probieren. Kann man das so zusammenfassen? BERGHOFER: Ja. WILKE: Gysi, Berghofer und Modrow waren in dieser Konstellation Anfang Dezember die geeigneten Führungspersönlichkeiten, weil sie gesprächsfähig gegenüber den neuen Parteien und den Bürgerbewegten waren und in der DDR Positionen der sich wandelnden SED »rüberbringen« konnten. Warum wurde Wolfgang Pohl überhaupt mit in die Führungsriege aufgenommen? BERGHOFER: Für die neue Führung gab es kein klares Personalkonzept. Personen der ersten Reihe, wie Markus Wolf, erklärten, dass sie nicht zur Verfügung standen. Jüngere Politbüromitglieder, wie Jochen Willerding und Wolfgang Herger waren an der Parteibasis nicht mehr akzeptabel. Es musste also in der zweiten Reihe nach Newcomern gesucht werden. WILKE: Das hat Modrow in seiner Parteitagsrede auch so gesagt: Es ist die zweite und dritte Reihe gefragt.  BERGHOFER: In dieser Zeit, als die Personalentscheidungen für den Sonderparteitag vorbereitet wurden, musste auch eine neue strategische Linie und ein Programm auf der Basis der Analyse der Situation erstellt werden. Daraus abgeleitet gab es für alle Mitglieder des Arbeitsausschusses differenzierte Aufgaben. Ich war verantwortlich für Fragen des politischen Systems. Wie soll die DDR in Zukunft aussehen, wie soll sie geführt werden? Ich war verantwortlich für Sicherheitsfragen, also welche Rolle sollten die Sicherheitsorgane, Polizei, Armee spielen – damit habe ich mich aber kaum beschäftigt – und ich war verantwortlich, weil sich alle davor drückten, für den Sonderparteitag ein Referat vorzubereiten, dass einer von uns, es stand nicht fest wer, halten sollte. Bei der Ausarbeitung dieser grundsätzlichen Dokumente begannen natürlich sofort, schon im engsten Zirkel des Arbeitsstabes, inhaltliche Auseinandersetzungen, ein Richtungsstreit, wo soll’s denn hingehen? Ich hatte z. B. alle mir bekannten Generaldirektoren und Leiter volkseigener Güter zu einem Gespräch eingeladen und habe die Frage gestellt: Wie könnte das Wirtschaftssystem einer zukünftigen DDR aussehen? Geht das mit Planwirtschaft weiter, oder werden marktwirtschaftliche Elemente eingeführt? Und von den rund 100 Kombinatsdirektoren, mit denen ich gesprochen habe, waren 99 für marktwirtschaftliche Öffnung – ohne zu definieren, was das im Einzelnen bedeutete. Das waren klare Verhältnisse. Bei dem Versuch, das Ergebnis in Form eines Referats zu Papier zu bringen, verloren wir uns in endlosen Debatten rund um die Uhr, es war einfach kein Ergebnis zu fixieren. WILKE: Wer formulierte die Linie des Neuanfangs? BERGHOFER: Zunächst darf man sich nicht vorstellen, dass es in dieser Zeit eine strategische Linie der Gruppe Modrow-Gysi-Berghofer gab. Gysi wäre am liebsten ohne Referat in den Parteitag gegangen und hätte die politische Orientierung aus dem Stehgreif gemacht. Am Ende war es ja fast so: Er hatte ein Referat, das las er vielleicht eine Viertelstunde vor, dann regte sich Unmut im Saal, er legte das Manuskript beiseite und entwickelte spontan seine Prognosen. Das kam natürlich an, obwohl inhaltlich dabei außer dem Satz »Wir müssen das Eigentum unserer Partei retten.« im Grunde genommen nichts Substantielles herüberkam. Die Auseinandersetzung um das zukünftige Statut fand erst mit Beginn der ersten Sitzung des Sonderparteitages statt. Es wurden Arbeitsgruppen gebildet, die entsprechende Vorschläge sammelten. Damit wurde Pohl beauftragt. Eigentlich war er dafür gar nicht prädestiniert. Es war eine personelle Notlösung, denn einer musste es schließlich machen. WILKE: Boshaft gesagt, gab es ja eine Vorlage, das Statut der SPD. BERGHOFER: Alles Mögliche gab es. Alles, was bis dahin in der SED unterdrückt worden war, drang nun an die Oberfläche, und alle Dissidenten meldeten sich zu Wort. Tonnen von Papier landeten auf unseren Schreibtischen und sollten nun kanalisiert und berücksichtigt werden. Bei dem Versuch, mit ein paar noch klarblickenden Leuten des Apparats im Zentralkomitee ins Gespräch zu kommen, war ganz schnell klar, die Jungs wollen überhaupt nichts Neues. Es wurde alles sabotiert. Ich bekam keine Einblicke in Archive, Ich bekam keine Antworten auf gezielte Fragen zur Situation. Es wurde immer klarer, der überwiegende Teil des Parteiapparates wollte keine Veränderung im Sinne von Erneuerung. Das Handlungsmotiv dieser Zeit lautete »Wir müssen die Bevölkerung beruhigen und Zeit gewinnen« oder anders formuliert »Mit dem Gesicht zum Volke und mit dem Arsch an die Wand«. Zwar hat sich eine kleine Gruppe der zweiten und dritten Reihe bemüht. Sie fand aber nicht die Antworten, die ich mir vorgestellt habe: a) wahrheitsgetreue Abrechnung mit unserer Geschichte, um überhaupt glaubwürdig zu werden und b) daraus die schrittweise Entwicklung einer neuen Konzeption. Dieser Prozess hat sich bei mir innerhalb von vier Wochen abgespielt, mit wenig Schlaf und Arbeit rund um die Uhr. Als ich desillusioniert die Vergeblichkeit des Projekts der Parteierneuerung erkennen musste, habe ich entschieden, Leute, ich gehe zurück nach Dresden, ich stehe dafür nicht mehr zur Verfügung. Ich habe den ersten Parteitagstag noch geleitet. Als mir aber ein Berliner MfS-Oberst am Rande des Parteitages bei einer scharfen inhaltlichen Auseinandersetzung zu Schuld- und Verantwortungsfragen auch noch sagte, du wirst so lange machen, bis du einen Busunfall erleidest, war meine Entscheidung klar. WILKE: Dresden ging im Dezember 1987 eine Städtepartnerschaft mit Hamburg ein. Der sozialdemokratische Bürgermeister Hennig Voscherau unterbreitete Ihnen einen Vorschlag, um die SED-Reform voranzubringen: Er schlug vor den Gründungsbeschluss vom SED-Vereinigungsparteitag 1946 wieder aufzuheben, um anschließend wieder KPD und SPD zu gründen. BERGHOFER: Ich hatte mit wenigen Leuten, die die Tragweite erkannten, darüber gesprochen, z. B. mit Jochen Willerding, der gerade als Politbüromitglied zurückgetreten war und der mich in meiner Dresdner Wohnung besuchte. Wir kannten uns von der FDJ, er war Sekretär für Internationale Arbeit, ein guter, kluger Mann. Er sagte: »Ich recherchiere mal herum, sehe aber wenig Chancen.« Ich hab noch mit weiteren Leuten, vor allem aus der Wirtschaft gesprochen, im Grunde genommen hat die Tragweite und die Möglichkeit dieser Erwägungen keiner der von mir Angesprochenen verstanden. Es sprang einfach niemand darauf an, es hat niemand abgelehnt, aber auch keiner zugestimmt. Am Rande des Sonderparteitages, in einer Tagungspause, hatten wir noch ein Treffen mit Voscherau, der von mir natürlich wissen wollte, ob diese Idee, den Gründungsparteitagsbeschluss aufzuheben, tragfähig wäre. Modrow, der sich sofort wachsam einklinkte und genau verfolgte, was wir beiden da bereden wollten, verbreitete Nebel. Voscherau reiste enttäuscht ab.  WILKE: Eine der Entscheidungen des Arbeitsausschusses war die Einrichtung eines Ältestenrates. Die wirkliche Funktion des Ältestenrates in der Partei blieb aber unklar. Muss man den Ältestenrat als die Fortsetzung dieser konspirativen Tradition der kommunistischen Partei verstehen, dass man Entscheidungsgremien installiert, die nach außen nicht so benannt und nicht als solche angesehen werden sollen? BERGHOFER: Man muss diesem Ältestenrat zwei Funktionen zuordnen. Der Arbeitsausschuss war keine homogene Truppe, in der Arbeitsteilung und Hierarchie klar waren. Es etablierten sich in dem chaotischen Prozess hin zur ersten und zweiten Sitzung des Sonderparteitages natürlich Interessensgruppen: die einen wollten die Finanzen verschleiern, die anderen die Archive plündern, die dritten wollten wirklich etwas bewegen, ehrliche Reformen in Gang setzen und die vierten mit der strategischen Ausrichtung von Modrow, das Machtgefüge von der Partei auf den Staatsapparat verlagern. Zum Schutz letzterer Interessen sollten möglichst Verbündete wie die Blockparteien eingebunden, d. h. also Demokratie gespielt werden. Und da musste man Leute fernhalten oder eben einbinden, über die die wichtigsten Strippen in das Gestern hinein weiter funktionierten. Es war völlig klar, das Erpressungspotential des MfS war unendlich. Mischa Wolf zu verprellen und ins Abseits zu stellen, wäre natürlich nach hinten losgegangen. Die Konsequenz war: Wir binden ihn ein. Für eine offizielle Parteifunktion wollte er sich, wie gesagt, nicht zur Verfügung stellen, verständlicherweise. WILKE: Das hat er bei der großen Demo am 4. November auf dem Alexanderplatz gemerkt, dass das nicht geht. BERGHOFER: Und das hat er an vielen anderen Stellen gemerkt, auch im Dialog mit seinen eigenen Truppen. Deshalb übernahm er eine neutrale Position im Ältestenrat. Diese hatte etwas Repräsentatives und bot ihm die Plattform, als erfahrener und weiser Gutmensch entsprechende Ratschläge zu erteilen. Des Weiteren konnte man über diesen Weg, ohne irgendwelche großartigen Beschlüsse zu fassen, wichtige Dinge kanalisieren und auch veranlassen, dass sie umgesetzt werden. Es wurden für die Einrichtung des Ältestenrates fadenscheinige Begründungen ins Feld geführt: Wir brauchen einen Ältestenrat für die Veteranen der Partei, die jetzt alle nicht mehr klarkommen und die zum Teil entwurzelt sind. Auch um deren Renten müssen wir uns kümmern. Die scheinbar ehrliche Fürsorge wurde zum offiziellen Aufhänger. Das akzeptierte natürlich jeder, aber der eigentliche Hintergrund waren die Fäden ins Gestern. Der Ältestenrat verschwand sehr schnell aus dem Blickfeld des Arbeitsausschusses. Danach saßen die Alten bei Gysi oder bei Modrow, und der Arbeitsausschuss hat davon nichts mehr erfahren, das war erledigt. WILKE: Ihre Formulierung finde ich geradezu genial treffend, das waren die Verbindungen in das Gestern, die aber gebraucht wurden, um das Morgen überhaupt möglich zu machen. Auf der Tagesordnung der ersten Sitzung des Parteitages standen drei Themen: Erstens wollte Modrow die DDR als eigenständigen Staat retten; zweitens um dieses Ziel zu erreichen, musste die Auflösung der Partei unter allen Umständen verhindert werden; und drittens– auch hier war das Gestern gegenwärtig – für die Zukunft von Staat und Partei brauchte die SED weiter die Sowjetunion.  BERGHOFER: Diese Zielsetzung muss man noch fortführen. Weil sie eindeutig war, standen wir vor der Frage, sollte man die SED umbenennen, um sich so formal vom Makel des Gestern zu befreien – was Modrow nicht wollte, er hätte sie weiter SED genannt. Das vierte Ziel: Es muss alles daran gesetzt werden, die Leute von der Straße zu kriegen. Wenn Sie sich ansehen, was damals entschieden wurde, dann waren das alles keine grundsätzlichen Entscheidungen, um die Wirtschaft in Gang zu kriegen oder die Staatsverschuldung abzubauen, sondern es waren politisch-ideologische Erwägungen. Wie wird die Stimmung beruhigt, wie kanalisiert man den Unmut der Leute, wie wird an runden Tischen und sonstigen Dialogveranstaltungen die Demonstrationsbereitschaft der Bürger zerfasert. Was die SU betrifft kann ich mich an einen wichtigen Kontakt mit sowjetischem Führungspersonal in der Zeit nach dem ersten Sonderparteitags erinnern. Die rechte Hand von Gorbatschow, sein wichtigster Berater, das Politbüromitglied Alexander Jakowlew, besuchte uns in der Parteizentrale. Er hatte lange Gespräche mit Gysi und auch mit mir und Jochen Willerding. Mein Russisch ist nicht so gut, dass ich ein kompliziertes politisches Gespräch führen konnte, deswegen hat Willerding als Dolmetscher fungiert. Jakowlew hat klipp und klar gesagt: Genossen, Ihr seid auf dem richtigen Weg. Wir billigen die Reformansätze zur Erneuerung einer sozialistischen Partei. Die Frage, wie sich die Sowjetunion zu den Entwicklungen in der DDR verhält, war für mich in den Oktober/Novembertagen bis zur Öffnung der Mauer unklar, danach jedoch eindeutig. Ich hatte zudem auch mit meinem Amtskollegen in Leningrad gesprochen, der sagte, ein militärisches Eingreifen sei ausgeschlossen. Die politische Führung unter Gorbatschow will das nicht. Das sahen die Sicherheitskräfte – Armee, KGB, der Militärgeheimdienst GRU usw. – zwar anders, weil das für sie nicht nur eine Machtfrage, sondern eine Frage der Ehre war. Die Helden des Krieges, die zu Göttern hochstilisiert worden waren, fühlten sich 40 Jahre nach dem Krieg als Verlierer. Das ist immer gefährlich.  WILKE: Nachdem sich die SED/PDS auf dem Sonderparteitag theatralisch beim Volk, für alles, was angerichtet wurde, entschuldigt hatte, war die neue Parteiführung der Meinung, man habe die Lage stabilisiert und könne die historische Defensive, in der man seit dem September gewesen ist, durch eine Ersatzoffensive überwinden. Ich denke an die Vorgänge im Treptower Park, als am 28. Dezember 1989 Hakenkreuze und andere Schmierereien, die auf NeonaziAktivitäten hinwiesen, am sowjetischen Ehrenmal gefunden wurden. Das war eine Provokation an dem symbolischen Ort, um die sowjetische Aufmerksamkeit zu erregen. Am Runden Tisch sind dann zwei Dinge diskutiert worden. Zum einen antifaschistische Aktionsbündnisse, also im Prinzip Wiederbelebung des DDR-Antifaschismus. Zum zweiten war mit der »Neonazi-Bedrohung« ein Argument gefunden, um das MfS, das damalige Amt für Nationale Sicherheit, in einen Verfassungsschutz umzuwandeln.  BERGHOFER: Ich saß damals mit am Runden Tisch, als die Wogen hochschlugen. Gysi war der Hauptredner zum Thema Treptow. Seine Ausführungen waren klar strukturiert, d. h. er war nicht unvorbereitet zu diesem Thema. Daraus schloss ich, er hatte sich schon länger damit beschäftigt. Ich wusste davon überhaupt nichts, es war völlig an mir vorbeigegangen, und ich habe sofort gefragt: Sind das wirklich Neonazis oder sind das die Abgesandten der Stasi, die eine Situation schaffen wollen, um Moskau zu aktivieren und uns die Plattform zu geben, wieder zurückzuschlagen. Ich habe empfohlen: »Gregor, halt dich raus, das kann nicht gut gehen. Wir stellen alles, was jetzt an Reformschrittchen eingeleitet worden ist, damit in Frage!« »Nein, das darfst du nicht so sehen. Das ist echt, nazistisches Gedankengut. Hier soll versucht werden, die Stimmung im Volke so aufzuheizen, dass es doch noch zur Gewalt kommt.« Dann erhob er sich, mitten in der Debatte, verließ den runden Tisch und begab sich nach Treptow zu der Protestdemonstration. Die Berichte, die er dann gab, was sich dort abgespielt hatte, waren für mich eindeutig. Das war eine Provokation der eigenen Truppen aus der Normannenstraße. Das war ein weiterer wesentlicher Punkt zu sagen: Das kann doch wohl nicht wahr sein! Es sind von Oktober 1989 bis Januar 1990 wenige Monate vergangen. Nach der tiefen Depression und ohne Lösungen für die tatsächlichen Probleme tun wir plötzlich wieder so, als wäre das jetzt vorbei und wir reißen wieder die Herrschaft über den öffentlichen Diskurs an uns: Seht ihr, das ist die Konsequenz, ihr lieben Bürger der DDR, wenn ihr uns nicht habt, dann erhebt der Faschismus das Haupt. Das führte natürlich sofort zu verheerenden Reaktionen der politischen Gegner, die das durchschauten. Treptow war für mich der letzte organisierte Versuch der Gestrigen, das Ganze noch einmal umzudrehen und es war der letzte Punkt, der mich schließlich bewogen hat zu sagen, macht euren Dreck alleine weiter. Ich steh nicht mehr zur Verfügung. WILKE: Diese Entscheidung von Ihnen, am 20. Januar 1990 mit anderen aus der SED/PDS auszutreten, fiel ungefähr mit dem Sturm auf die MfS-Zentrale in der Normannenstraße am 15. Januar zusammen, als die Bürgerbewegung durchsetzte, das alle Spielchen, das MfS weiterzuführen, zu Ende sind. Danach fiel der Auflösungsbeschluss. Ihr Austritt war ein Signal, dass auch eine Erneuerung der SED/PDS zu einer demokratisch-sozialistischen Partei für Sie gescheitert war. Es gab dazu noch ein Nachspiel. In dem Gespräch mit Gorbatschow am 2. Februar berichtete Gysi, dass Ihr Austritt der Partei schweren Schaden zugefügt habe. Er sagte nicht, worin der bestand. Gorbatschows Gegenfrage ist besonders interessant: Steckt hinter dieser Geschichte eine Absprache zwischen Berghofer und der SPD? BERGHOFER: Ich habe für diesen Schritt lange gebraucht und muss dazu etwas zu meiner Biographie ausführen. Ich war immerhin 25 Jahre SED-Mitglied, und ich bin nicht Parteimitglied aus Karrieregründen geworden. Ich war ein junger Facharbeiter im Betrieb, ohne politische Ambitionen, das hat sich alles schrittweise entwickelt. Eigentlich war ich von meiner Biographie her überhaupt nicht geeignet, SED-Kader zu werden, denn wenige Monate, nachdem ich 18 Jahre alt geworden war, verließ meine Mutter die DDR über die noch offene Grenze nach Westberlin. Aber nicht, weil sie etwas gegen die DDR hatte, sondern weil sie schon immer im Westteil der Stadt gewohnt hatte. Ein Teil unserer Verwandtschaft war in Berlin zu Hause. So habe ich meine großen Ferien im Sommer und die Weihnachtszeit immer in Berlin-Kreuzberg, im Kietz Lübbener Straße, Skalitzer Straße, Schlesisches Tor, verbracht, habe aber damals nie eine Bindung an den Moloch Berlin gefunden. Ich bin bei der Großmutter auf dem Dorf groß geworden und um nichts in der Welt hätte ich hierher gewollt. Mit dem Weggang meiner Mutter waren zunächst alle Karrieremöglichkeiten in der DDR beendet. Ich hatte mich freiwillig zur Armee gemeldet. Die NVA wollte mich nun nicht mehr. Ich war ausgebildet als Auslandsmonteur, in einem volkseigenen Betrieb der polygraphischen Industrie. Auslandsmontage konnte ich vergessen. Ich war plötzlich der letzte Dreck, so dass mir eigentlich gar nichts weiter übrigblieb, als in allen Bereichen, in denen ich tätig war, im Sport, im Betrieb, in der FDJ immer der Beste zu sein, damit ich wenigstens als Mittelmaß akzeptiert wurde. Ich bin dann aus tiefer Überzeugung in die SED gegangen, denn die Leute, die mich dazu bewegt haben, waren keine Parteiapparatschiks, vertrauensvolle Fachleute im Betrieb, die stets sagten: Wenn du was ändern willst, womit du nicht einverstanden bist, dann musst du natürlich mitmachen. So bin ich langsam hineingewachsen. Am Ende durfte ich als Abteilungsleiter des FDJ-Zentralrats oder Oberbürgermeister Einsicht in viele Staatsgeheimnisse nehmen. Dabei erlebte ich den allseitigen Widersinn der DDR-Wirklichkeit. Ich musste erklären, dass ich zu meiner Mutter keinen Kontakt mehr pflegte. Das fiel mir nicht schwer, denn ich habe ihren Weggang natürlich nicht begrüßt, er war für mich nur von Nachteil.  WILKE: Sie waren im FDJ-Zentralrat u. a. der Organisator von Massenveranstaltungen, z. B. der Weltfestspiele der Jugend 1973. Ab 1976 nahmen Sie diese Aufgabe dauerhaft wahr. Zu diesem Zeitpunkt, 1976, tat sich in der DDR ideologisch eine Menge. Die Ausbürgerung von Wolf Biermann, eine Konferenz kommunistischer Parteien in Ost-Berlin, auf der der Vorsitzende der schwedischen Linkspartei vom sowjetischen Partei- und Staatschef Breschnew und den anderen KP-Führern die Demokratisierung der sozialistischen Staaten einforderte, weil die Zukunft des Sozialismus davon abhängen würde. Das war im Neuen Deutschland nachzulesen. Diese Kritik nahm Robert Havemann auf und schrieb ein Aktionsprogramm für die Demokratisierung der DDR. Nach der Biermann-Ausbürgerung gab es den Protest von namhaften parteitreuen Schriftstellern, die die Partei mit der Austreibung der Künstler-Elite aus der DDR beantwortete. Diese Vorgänge müssen jemanden wie Sie beschäftigt haben. BERGHOFER: Da muss ich antworten: wenig. Damit hatte ich als Cheforganisator großer Veranstaltungen nichts zu tun, aber selbstverständlich hat mich die Entscheidung dazu erreicht, zumal ich ja in meinen ersten Jahren im Zentralrat Westarbeit gemacht habe und dadurch Zugang zu allen Medien des Westens hatte, also relativ viel wusste. Aber, ich muss heute ehrlich sagen, es hat mich damals nicht wirklich innerlich berührt. Es gab andere Prioritäten, Dinge die wichtiger erschienen. Die Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung waren bekannt. Aber meine Generation hatte in den 70ern zumindest mit dem Machtantritt von Honecker das Gefühl, die Entwicklung in den Griff zu bekommen. Wir regeln unsere Probleme erfolgreich selbst. Die Biermänner und die Havemänner sind nur störendes Beiwerk. Die gesamte Dialektik des Problems dieser Menschen haben wir gar nicht wahrgenommen, damit habe ich mich erst Mitte der 80er Jahre beschäftigt. Was hat der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Bahro denn eigentlich Schlimmes verbrochen, das uns veranlasst hat, ihn so zu verdammen. Nichts. Er hat die Dinge ziemlich unmissverständlich beim Namen genannt. Aber das hat mich damals, in den 70er Jahren, nicht ernsthaft berührt. Zur Beschäftigung mit diesen Fragen hat auch ein Erlebnis mit Horst Sindermann, Mitglied des Politbüros und Präsident der Volkskammer der DDR, 1982 in Görlitz am Rande des Treffens junger Parlamentarier der DDR und der VR Polen beigetragen. Wir kamen ins Gespräch, ich, der junge FDJ-Funktionär, Ende 30, und er, der gestandene SED-Funktionär. Sindermann fing an zu reden, monologisierte über den Zustand des Sozialismus und sagte, der Sozialismus ist in großer Gefahr. Er ist in Ungarn kurz vor dem Scheitern, er ist in Polen gefährdet und in Rumänien bedroht. Er ging alle Bruderländer durch. Der letzte Hort des Sozialismus war die DDR. Das wirkte geradezu depressiv. Und dann erinnerte sich Sindermann plötzlich, dass ich ja mit am Tisch saß, beendete den Monolog und ging. Es hat mich tief bewegt und beeindruckt. Also meines Erachtens wussten die »führenden Genossen« vom Politbüro, wie die Lage war, international, im Rahmen des Warschauer Vertrages, und sie kannten auch die in der DDR. WILKE: Wer entschied dann: Berghofer wird Oberbürgermeister von Dresden? BERGHOFER: Ich stand am 8. Mai 1985 vor dem Palast der Republik, im Blauhemd, also schon als »alter Mann« immer noch Berufs-FDJler. Krenz lief vorbei und sagte: »Wie lange willst du denn noch im Blauhemd rumlaufen, du gehst nach Dresden!« Sagte es und verschwand. Nun, wusste ich nicht warum und was ich in Dresden sollte, aber so lief das eben, in der Diktatur. Danach wurde alles entsprechend den geltenden Formalien vorbereitet, im Politbüro beschlossen und Anfang 1986 trat ich das Amt des Dresdner Oberbürgermeisters an. Die Freude über diese scheinbar attraktive Aufgabe hielt nur kurze Zeit an. Je tiefer ich in die Probleme einer DDR-Großstadt eindrang, um so widersprüchlicher wurde das Verhältnis zwischen Realität und Parteipolitik. Um so komplizierter wurde es aber auch, sich selbst zu motivieren. Schon nach wenigen Monaten in Dresden war mir klar, die Probleme der Stadt sind mit den ökonomischen und finanziellen Mitteln der DDR nicht lösbar.  Ich habe Ende 1989/Anfang 1990 wochenlang überlegt, was die Alternative zur SED ist. Ich habe nicht nur mit Hennig Voscherau, sondern auch mit Egon Bahr darüber gesprochen, macht es Sinn die SED zu verlassen und in die SPD einzutreten. Leute, die mich kannten, wie diese beiden und Klaus von Dohnanyi hätten das unterstützt. Bahr allerdings mit dem Hinweis: Überlegen Sie sich das genau. Sehen Sie sich die Parallelen in der Geschichte an, z. B. Herbert Wehner. Wenn Sie das machen, gelten Sie in Deutschland als Wendehals.  Ich habe auch mit Ibrahim Böhme gesprochen, da wusste ich noch nicht, dass der auf der falschen Seite kämpft, der sagte, ja, Sie würden wir gerne nehmen. Er hat mich dann auch mal mit Markus Meckel und Martin Gutzeit und anderen über dieses Thema im Gartenhaus von Manfred von Ardenne reden lassen. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass ein Eintritt von mir in die SPD automatisch dazu führen wird, dass große Teile der SED, die sich zur SPD hingezogen fühlen, das Gleiche tun werden, d. h. ein großer Teil der SED/PDS-Mitglieder wird mit mir die Partei verlassen – was mit 500 000 SED-Mitgliedern tatsächlich der Fall war – und wiederum ein großer Teil davon wird an einer Mitgliedschaft in der SPD interessiert sein. Die Botschaft an mich lautete: Wenn Sie allein kommen würden, kann man darüber reden, wenn der Austritt jedoch mit einem Aufruf an die SED/PDS-Mitglieder verbunden ist, dann haben wir kein Interesse. Die Frage eines möglichen Übertritts löste innerhalb der SPD eine Grundsatzdebatte aus. Der damalige Parteivorsitzende der SPD Hans-Jochen Vogel lehnte meinen Beitritt aus Gründen der politischen Hygiene ab. Auch innerhalb der SPD der DDR wurde dies für undurchführbar gehalten, mit der Erklärung: Wenn das passiert, dann sitzen ja wieder Kompetenzträger in unseren Reihen, die in kurzer Zeit die Schaltstellen erobern, und wir haben wieder nichts zu sagen. Unter meinen politischen Gefährten in Dresden, z. B. Friedrich Wokurka, Jochen Hahn, dem Nachfolger von Modrow als 1. Sekretär der SED/PDS-Bezirksleitung, und den anderen, die mit mir geschlossen aus der Partei austraten, gab es natürlich auch solche Überlegungen. Uns war klar, dass der geschlossene Austritt aus der SED/PDS die Partei schwer erschüttern und dazu führen wird, dass ein großer Teil ihrer Mitglieder diesen Anlass nutzen wird, den gleichen Weg zu gehen. Denn damit war die moralische Auflassung erteilt, »die Treue zur Partei der Arbeiterklasse« zu kappen. Ich hörte damals oft und viele schrieben mir: Wenn du gehst, dann sind wir auch moralisch berechtigt zu gehen. Heute ist es überhaupt kein Problem, eine Partei zu verlassen und in die nächste einzutreten. Nach dem Wertekatalog der SED war das höchster Verrat. Das konnte ich dann auch jeden Tag in meinem Briefkasten lesen: »Arbeiterverräter, wir hängen dich auf!« Die das schrieben, waren SED-Mitglieder, die völlig die Fassung verloren haben. Gysi fühlte sich verraten, Modrow hielt sich zurück. Er hat diesen Schritt nie zum Gegenstand einer Auseinandersetzung gemacht, was seine politische Cleverness unterstreicht. Ich hab mich schließlich entschieden, und entsprechend war unser Statement zum Austritt formuliert: Wir streben nicht nach Mitgliedschaft in einer anderen Partei, wir streben nicht nach politischen Ämtern. Wir haben nur begriffen, dass die Erneuerung der SED/PDS gescheitert ist, und deshalb haben wir keine Motivation mehr, dabeizubleiben. WILKE: Herr Berghofer, ich danke Ihnen für das Gespräch. Das Gespräch fand am 16. und 17. August 2006 in Berlin statt. [1]  Das Gespräch bezieht sich auf den Zeitraum von Oktober 1989 bis Januar 1990. Es behandelt im Wesentlichen die Transformation der SED. Zudem geht Wolfgang Berghofer auf seine politischen Werdegang als SED-Funktionär in den 70er und 80er Jahren ein.  [2]  Parteijargon für den Sitz des ZK der SED in Berlin. [3]  Kroker war im November zum 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Erfurt gewählt worden.  [4]  Heute parlamentarischer Geschäftsführer der Linkspartei/PDS im Brandenburger Landtag. [5]  Heinz Albrecht, Hans-Jürgen Audehm, Lothar Bisky, Ellen Brombacher, Roland Claus, Hans- Joachim Hahn, Klaus Höpcke, Dagmar Hülsenberg, Norbert Kertscher, Dieter Klein, Herbert Kroker, Eva Maleck-Lewy, Bernd Meier, Peter Pechauf, Ulrich Peck, Wolfgang Pohl, Erich Postler, Gerd Schulz, Wolfgang Thiel, Roland Wötzel und Brigitte Zimmermann. [6]  Leiter der ZK-Abteilung Sicherheitsfragen, im November/Dezember 1989 Mitglied des letzten Politbüros und ZK-Sekretär für Recht und Sicherheit, danach bis 1990 Mitarbeiter des SED/PDS-Parteivorstandes.  [7]  In seiner Rede auf dem Sonderparteitag nahm Gysi genau diese Differenzierung vor. Er führte aus: »Wie stehen wir zum Amt für Nationale Sicherheit? Es gilt festzustellen, dass […] [es] auch Aufgabenstellungen gab, ja, die unvertretbar sind und die erklären, wie es zur gegenwärtigen, demonstrativen Ablehnung dieser Einrichtung kommt. Die Aufgabenstellung umfasste die Abwehr der ideologischen Diversion. Weil diese nach den vorgegebenen Maßstäben über Funk und Fernsehen praktisch in jedem Haushalt stattfindet, musste dies zu einer flächendeckenden Tätigkeit führen, die die Menschen als Bespitzelung empfanden. Die große Macht dieser Einrichtung führte bei einem Teil der Mitarbeiter auch zu einem entsprechenden Auftreten.« Außerordentlicher Parteitag der SED/PDS. Partei des Demokratischen Sozialismus. 8./9. Dezember und 16./17. Dezember 1989. Materialien, Berlin 1990, S. 26. 

JHK 2007

Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung

The International Newsletter of Communist Studies   Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung   Le newsletter international  des recherches sur le communisme   Международные исследования по коммунизму   Edited by Bernhard H. Bayerlein   Published by  The European Workshop of Communist Studies   jointly with Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung   Vol. XIII (2007) no 20   Printed with support of The Mannheim Center for European Studies (MZES),  University of Mannheim, Germany   ISSN Y503-1060 Executive Editor: Bernhard H. Bayerlein, Köln-Cologne/Mannheim  Assistant Editor: Gleb Albert, Cologne   Editorial Board/Correspondents: Aldo Agosti (Torino) agosti@cisi.unito.it, Leonid Babicenko (Moscow), Claus Baumgart (Leipzig) Douaiado@aol.com, Lars Björlin (Stockholm) lars.bjorlin@swipnet.se, Cosroe Chaqueri (Paris), Sonia Combe (Paris) Sonia.Combe@u-paris10.fr, Putnik Dajic (Belgrade) putnikd@eunet.yu, Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds) Gerard.Donze@ne.ch, Jean-François Fayet (Geneva) jean-francois.fayet@lettres.unige.ch, Jan Foitzik (Berlin) foitzik@ifz-muenchen.de, José Gotovitch (Bruxelles) jgotovit@ulb.ac.be, Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta) sobhanlal@dataone.in, Gabriella Hauch (Linz) Gabriella.Hauch@jk.uni-linz.ac.at, John Haynes (Washington) jhay@loc.gov, Victor Heifets (St. Petersburg) world@rosbalt.ru, Gerd-Rainer Horn (Coventry) g.r.horn@hud.ac.uk, Peter Huber (Geneva) Peter.Huber@unibas.ch, Fritz Keller (Vienna) ug@ug-oegb.at, Klaus Kinner (Leipzig) RosaLuxemburg-Stiftung.Sachsen@t-online.de, Todor Kuljic todorunbg@ptt.yu, Avgust Lesnik (Ljubljana) avgust.lesnik@guest.arnes.si; Roland Lewin (Grenoble) infodoc@iep.upmf-grenoble.fr, Marcel van der Linden (Amsterdam) mvl@iisg.nl, Aurelio Martin Najera (Madrid) fpi@infornet.es, Kevin McDermott (Sheffield) K.F.McDermott@shu.ac.uk, Barry McLoughlin (Vienna) barry.mcloughlin@chello.at, Kevin Morgan (Manchester) Kevin.Morgan@man.ac.uk, Jorge Nóvoa (Salvador, Bahia) jlbnovoa@hotmail.com, oficihis@ufba.br, Alexander Pantsov (Columbus, Ohio) apantsov@capital.edu, Maria de Fátima Patriarca (Lisbon), José Pacheco Pereira (Lisbon-Brussels) estudossobrecomunismo@yahoo.com, Tauno Saarela (Helsinki) tauno.saarela@helsinki.fi, Wolfgang Schlott (Bremen) schlott@osteuropa.uni-bremen.de, Daniela Spenser (México DF) spenser@servidor.unam.mx, Dubravka Stajic (Belgrade) ies@eunet.yu, Brigitte Studer (Berne) brigitte.studer@hist.unibe.ch, Frantisek Svátek (Prague) frantisek.svatek@cuni.cz, Carola Tischler (Berlin) Carola.Tischler@Geschichte.HU-Berlin.de, Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main) rtosstorff@hotmail.com, Feliks Tych (Warsaw) tych@it.com.pl, Berthold Unfried (Vienna) berthold.unfried@univie.ac.at, Zdenek Vasicek (Prague) vasicek@bet.iline.cz, Aleksandr Vatlin (Moscow), Gerrit Voerman (Groningen) voerman@ub-mw.ub.rug.nl, Marc Vuilleumier (Genève) mvuilleu@cui.unige.ch, Markus Wehner (Berlin), Rolf Wörsdörfer (Darmstadt)   Advisory Board: Prof. Dr. Marjan Britovsek, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué †, Grenoble; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Rein van der Leeuw, Amsterdam; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris-Berlin; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon   Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Universität Mannheim, Postfach, 68131 Mannheim, Germany  Postal Address: Arnulfstr. 14, 50937 Köln/Cologne, Germany Phone: 0049 (0) 221/42 27 06 – Fax: 0049 (0) 221/42 28 66 E-Mail: Dr.Bayerlein@Uni-Koeln.de – Bernhard.Bayerlein@mzes.uni-mannheim.de Homepage: http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/JHK-news Communist Studies Newsletter/Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter Table of Contents   Section I: The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New issues. Selected Items. Communist History Network Newsletter, Manchester. Estudos sobre o Comunismo, Lisbon. HNet Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington D.C. London Socialist Historians Group Newsletter, London. Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Stiftung Aufarbeitung der DDR- Diktatur, Berlin.    Section II: News on Archives, Fonds and Institutions. NS archive in Bad Arolsen to be opened for researchers. Bulgaria: more communist archives declassified. Victor-Serge-Library in Moscow reopens. Wilhelm-Reich-Archive to be opened late 2007. Vademekum Contemporary History Hungary published by Stiftung Aufarbeitung, Berlin. Comintern-Online, Moscow-Amsterdam: 100000 additional pages digitized. IDC Publishers, Amsterdam: Comintern files concerning Mexico released. The Guidebook on the Archives in Russia: new archival database. Communist Regimes research programme, Sweden. Neuer Online-Katalog des Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquier-das en la Argentina, Buenos Aires. Freddy Litten, Munich: Microfilms for Communist Studies at the Bayerische Staatsbibliothek. Vladimir P. Kozlov, Moscow: Ergebnisse und Perspektiven der Erstellung russischer Dokumen-tenpublikationen.   Section III: Projects – Work in Progress. Sean McMeekin, Ankara: Bolshevik Gold. The Nature of a Forgotten Problem. Fredrik Petersson, Åbo: „We are no Visionaries and Utopian Dreamers“ – The Network of the Axis League against Imperialism, Comintern, and the Anti-Imperialist Struggle, 1924–1933. Joachim Schröder, Düsseldorf: Internationalismus nach dem Krieg. Die Beziehungen zwischen deutschen und französischen Kommunisten (1918–1923). Frank Wolff, Cologne: Individualisierte Erinnerung und politische Bewegung. Die Autobiogra-phik des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds. Forschungsschwerpunkt „Geschichte der Sowjetunion“ am Deutschen Historischen Institut Moskau. Section IV: Materials for Biographical, Regional and Institutional Studies. Section IV.1: Biographical Materials and Studies. Nachtrag zur Biographie Dmitrij Moiseenko. Section IV.2: Regional Materials and Studies. Avgust Lešnik, Ljubljana: Le Parti communiste yougoslave et la Guerre civile espagnole (1936–1939). Section IV.3: Institutional Matirials and Studies. „Kultintern – Cultintern – Культинтерн“. Beiträge zur Allunions-Gesellschaft für kulturelle Zusammenarbeit (VOKS), zum Internationalen Frauensekretariat der Komintern, zur Liga gegen den Imperialismus und zur Roten Sportinternationale. Jean-François Fayet, Geneva: La VOKS. La Société pour les échanges culturels entre l’URSS et l’étranger. André Gounot, Strasbourg: Die Rote Sportinternationale. Bernhard H. Bayerlein, Mannheim: Das Internationale Frauensekretariat und die Frauenabtei-lung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. Fredrik Petersson, Åbo: The League against Imperialism: The Most Valuable Organizational Tool for Bolshevik Propaganda in the „Imperialist” and Colonial World during the Interwar Era?  Section V: New Publications – Reports and Reviews. Section V.1: Reviews. Droit, Emmanuel; Kott, Sandrine (eds.): Die ostdeutsche Gesellschaft. Eine transnationale Per-spektive, Berlin, Ch. Links, 2006. 299 p. (Renate Hürtgen, Berlin). Kondakova, I.A. (ed.): Otkrytyj archiv-2. Spravočnik sbornikov dokumentov, vyšedšich v svet v otečestvennych izdatel’stvach v 1917-2000 gg., Moskva, ROSSPEN, 2005. 432 p. (Gleb Albert, Cologne). Foitzik, Jan; Timofejewa, Natalja P. (Bearb.): Die Politik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Kultur, Wissenschaft und Bildung 1945-1949. […] München, K.G. Saur, 2005, 468 p. (Anne Hartmann, Bochum). Murphy, Kevin: Revolution and Counterrevolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory, New York, Berghahn, 2005. 234 p. (International Studies in Social History. 6). (Gleb Albert, Cologne). Renkama, Jukka: Ideology and Challenge of Political Liberalisation in the USSR. 1957-1961. Otto Kuusinen’s „Reform Platform“, the State Concept and the Path to the 3rd CPSU Programme, Helsinki, SKS, 2006. 396 p. (Tauno Saarela, Helsinki). Wettig, Gerhard: Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963. Drohpolitik und Mauerbau, München, Oldenbourg, 2006, 312 p. (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. 67). (Rolf Steininger, Innsbruck). Selezneva, G.N. e.a. (eds.): Rasstrel’nye spiski. Moskva 1935-1935. Donskoe kladbišče (Donskoj krematorij). Kniga pamjati zertv politiceskich repressij. Obščestvo Memorial, Moskva, Izd. Zvenja e.a., 2005. 596 p. (Robert Otte, Berlin). Gorjačev, Ju.V. (ed.): Central’nyj komitet KPSS, VKP(b), RKP(b), RSDRP(b).  Istoriko-biografičeskij spravočnik, Moskva, Parad, 2005. 496 p. (Robert Otte, Berlin). Forthcoming Reviews. Section V.2: Presentations and Publishers’ Announcements. Datta Gupta, Sobhanlal: Comintern and the Destiny of Communism in India. 1919-1943. Dialectics of real and a possible History, Calcutta, Seribaan, 2006. XXI + 329 p. Krekola, Joni: Stalinin lyhyt kurssi. Suomalaiset Moskovan Lenin-koulussa 1926-1938, Helsinki, SKS, 2006. 445 p. Saarela, Tauno: Kansan Tahto. Pohjolan työtätekevien lehti, Jyväskylä, Gummerus Oy, 2006. 448 p. Bayerlein, Bernhard H.: „Der Verräter, Stalin, bist Du!“. Vom Ende der linken Solidarität. Sow-jetunion, Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941. […] Berlin, Aufbau, 700 p.  Weissman, Susan: Dissident dans la révolution. Victor Serge. Une biographie politique, Paris, Syllepse, 2006. 440 p.   Section VI: Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2006-2008. Past Meetings and Conferences 2006. Meetings and Conferences 2007.  Meetings and Conferences 2008. Section VII: The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2006. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert.   Section VIII: Directory of Periodicals for Historical Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services. Section IX: Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies. Newsletters and Blogs.  Resources. Section X: Cultural and Artistic Performances Concerning History of Communism. Sacco and Vanzetti. New documentary coming up. Olga Benario honored in Brazilian movie and opera. „Le Brahmane du Komintern“. New documentary on M. N. Roy. New film on the Katyn massacre by Andrzej Wajda in production. Movie on Malayan communist leader gets banned in Malaysia. „Das Leben der Anderen“. Movie about the Stasi becomes Golden Globe nominee. Opera about Karl Radek premiered in Austria. Section XI: Discussions, Debates and Historical Controversies. „Archival counterrevolution“ or archival progress? Russian periodicals on the state of Russian archives. Section I:  The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New Issues. Selected Items.   COMMUNIST HISTORY NETWORK NEWSLETTER, MANCHESTER, U.K. http://les1.man.ac.uk/chnn/ Issue 19, Spring 2006:  Announcements: CPGB-BP tapes deposited at British Library * Estudos Sobre Comunismo, Lisbon Conference Report: Labour biographies and prosopography (Bruno Groppo).  Features: Did James Barke join the Communist Party? (John Manson) * Was Grassic Gibbon a Communist Party member? (John Manson).  Reviews: Hermann Weber and Bernhard H. Bayerlein (eds), Der Thälmann Skandal: Geheime Korrespondenz mit Stalin (Norman La Porte) * Heinz Deutschland (ed), ‘Ich kann nicht durch Morden mein Leben erhalten’: Briefwechsel zwischen Käte und Hermann Duncker 1915 bis 1917 (Jörn Janssen) * Ivo Banac (ed), The Diary of Georgi Dimitrov, 1933-49 (Archie Potts).   ESTUDOS SOBRE O COMUNISMO: NOTAS, ARTIGOS, INVESTIGAÇÕES SOBRE O COMUNISMO, OS MOVIMENTOS RADICAIS E A OPOSIÇÃO.  Editor: José Pcheco Pereira, Lisbon, Portugal.  http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com/.   Arquivos, Bibliotecas, Fundos: Textos de P. Broué no Arquivo Marxista a Internet em portugues Textos de P. Broué no Arquivo Marxista da Internet em Português * Inventário do Espólio de Manuel Sertório no Cd 25 De Abril * Hemeroteca de Lisboa digitaliza Imprensa Académica Portuguesa (1933–1974). Bibliografia: Sobre O Dossier Tarrafal * Lançamento do Livro Portugal Now na Fnac (Fernando Rosas, José Neves) * Jean-Pierre Barou: Sartre, Le Temps des Révoltés, Paris, Stock, 2006 * Número especial da Gazeta de Matemática sobre Ruy Luís Gomes * Memórias de Vasco Paiva, Dirigente Estudantil e Militante Comunista * Biografias de Comunistas Latino-Americanos: Anita Leocádia Prestes: Luiz Carlos Prestes – Patriota, Revolucionário, Comunista; Alder Júlio Ferreira Calado: Gregório Bezerra – Um Lutador Do Povo; Leila Escorsim: Mariátegui: Vida E Obra * Révolution, Lutte Armée et Terrorisme. Informação do Editor sobre Dissidences. Révolution, Lutte Armée et Terrorisme, La Brèche, 2005. Biografía De Alvaro Cunhal: Carta Inédita de Cunhal de 1966 * Documentário sobre Cunhal em DVD: Álvaro Cunhal – A Vida de um Resistente – Cunhaldvd.Jpg * Na Fnac Chiado um Debate com José Pacheco Pereira, Odete Santos, João Madeira e Joaquim Vieira * Vidas Paralelas do Comunismo Europeu: Cunhal e Togliatti * Apresentação da Biografia de Cunhal em Bruxelas * Rodrigues Da Silva: Entrevista no Jornal de Letras * António Vilarigues: Os Equí vocos de Pacheco Pereira (Parte Ii) * António Vilarigues: Esclarecimento a Luís Filipe Rocha. Biografás, Vidas: Alfredo Pereira Gomes (1919-2006) * Centenário Do Nascimento de Flausino Torres (1906-1974) * Flausino Torres (1906-1974) – Documentos e Fragmentos Biograficos de um Intelectual Antifascista * Miguel Torga Preso no Aljube em 1939 * Jorge Borges De Macedo, 10 Anos Depois (1996-2006) Na Hemeroteca De Lisboa * Irene Pimentel – Alguns Dados Para Uma Biografia de António Rosa Casaco * Morreu Vasco de Carvalho (1910-2006) * Extrema Esquerda e Porte na Polícia – Uma Polémica * Adesão à União Nacional de José Carlos Rates * Biografia de Francisco De Paula Oliveira / „Pável” no Dicionário De Escritores Mexicanos * Albertina Marques Teixeira Recebe Galardão „Barreiro Reconhecido”. Censura: Exposição Sobre a Censura em Vila Do Conde * Debates sobre a Censura na Hemeroteca Municipal de Lisboa. Meetings: Colóquio Internacional sobre Salazarismo, Tarrafal E Guerra De Espanha * Colóquio Internacional Movimento Estudantil – Dilemas e Perspectivas. Estudos: Vanessa De Almeida – „Mobilizemos as Mulheres”. A Questão Feminina No PCP – Anos 40. Abordagem a uma Cultura de Resistência * Vanessa Almeida – Questão Feminina no PCP * Júlia Coutinho – José Dias Coelho. A Coerência Do Ser E Do Fazer * Paulo Guinote – A Revolução de Outubro (Novembro) de 1917 nos Jornais portugueses: A Surpresa anunciada. Estudos Locais: „Passeios Alves Redol” em Vila Franca de Xira. Extrema Esquerda – História: Extrema Esquerda e Porte na Polícia – Uma Polémica sobre o Livro Conquistadores De Almas de Pinto de Sà. Guerra Colonial – Colonialismo, Anti-Colonialismo: Um Blogue sobre a Guerra Colonial na Guiné (Luis Graça & Camaradas da Guiné). Iconografia: Exposição de Fotografia „Voz Do Silêncio – Prisões Politicas Portuguesas“ de Pedro Medeiros. Movimento Comunista Internacional: No Museu da República e da Resistência: Colóquio «Nos 50 Anos do Relatório Krutshev». Oradores: Carlos Brito, Fernando Rosas e Raimundo Narciso * Textos em Português no Arquivo Marxista na Internet. Museus: Debate Sobre o Museu do Neo-Realismo * Para um Museu do Século XX Português (e da Resistência). Notas: Apelo – Necessidade de um Dicionário Biográfico do Movimento Operário Português. Publicações Especializadas: Novo Número de The International Newsletter Of Communist Studies em Linha * Novo Número da Communist History Network Newsletter em Linha * American Comunist History, Volume 4, Number 2 * Revolutionary History. Reçensões Críticas: Revista Estudos sobre o Comunismo * Os novos Estudos sobre o Comunismo.   HNET DISCUSSION NETWORK: H-HOAC. HISTORY OF AMERICAN COMMUNISM, WASHINGTON DC, US.   This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. Contributions to the list editor: H-HOAC-ED-JEH haynes@MAIL.H-NET.MSU.EDU. Website: http://www.h-net.org/~hoac/.   LONDON SOCIALIST HISTORIANS GROUP NEWSLETTER – IRSH@IISG.NL. LONDON SOCIALIST HISTORIANS GROUP, LONDON, U.K.  http://www.londonsocialisthistorians.org/   Issue 26, Lent 2006: Articles: Editorial, 1956 and All That * Writing Socialist Biography (Ian Birchall) * A truly mass demonstration unearthed: Newcastle October 1819 (John Charlton) * Review of Barry Johnson, Nine Days That Shook Mansfield (Keith Flett). Seminars and conferences: New Socialist Approaches to History * Writing Class: Representations of Working-Class Spaces in Modern Britain * Children’s Literature – Some Marxist Perpectives.   Issue 27, Summer 2006: Articles: The General Strike Eighty Years On (Keith Flett) * Review of Kevin Murphy, Revolution and Counterrevolution – Class Struggle in a Moscow Metal Factory (Terry Ward). Appeal: The Katherine Bruce Glasier Memorial. Seminars and conferences: The Brian Manning Memorial Lecture * New Socialist Approaches to History * Radicalism Conference * Landslide! The 1906 Election and the Legacy of the Last Liberal Governments. Publications: Revolutionary History.   Issue 28, Autumn 2006: Articles: Revisionism and the New Imperialism (Neil Faulkner) * An Anarchist-led Mass Movement in Britain. Review of Willima J. Fishman, East End Jewish Radicals 1875-1914 and Rudolf Rocker, The London Years (Tobias Abse) * Not Quite the Full Picture. Review of Dave Renton, „When We Touched the Sky“ (Geoff Brown). * Editorial, The war Goes On. Seminars and meetings: New Socialist Approaches to History. Autumn 2006 programme * Iran: Regime Change, Resistance and International Solidarity. Organised by the Socialist History Society. * The New Left Fifty Years On. Organised by the Raymond Williams Society and the Marx memorial Library. Call for Papers: The Cold War Sixty Years On.   AKTUELLES AUS DER DDR-FORSCHUNG. EIN NEWSLETTER DER STIFTUNG AUFARBEITUNG DER SED-DIKTATUR, BERLIN, GERMANY.  Redaktion: Ulrich Mählert.  http://www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php   Ausgabe 1/2006: Neues aus der Wissenschaft: Forschungsprojekt „Zwischen religiöser Tradition, kommunistischer Prägung und kultureller Umwertung: Transnationalität in den Erinnerungskulturen Ostmitteleuropas“, Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Leipzig. * Forschungsauftrag „Geschichte und Bedeutung des Nationalen Olympischen Komitees der DDR im Kontext des Sportsystems der DDR“ vergeben.  Ausstellungen und Museen: Gedenkstätte „Roter Ochse“ in Halle mit zwei neuen Dauerausstellungen * Grenzmuseum „Schifflersgrund“, Dauerausstellung „Das Grüne Band – Flora und Fauna im Grenzgebiet“ * Wanderausstellung „Wo das Unrecht alltäglich ist, wird Widerstand zur Pflicht – Opposition und Widerstand in der DDR unter besonderer Berücksichtigung Thüringens“ * Berliner Jugendklub „An der Weißenseer Spitze“ geschlossen. * Ausstellung „Rock! Jugend und Musik in Deutschland“ im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig * Wanderausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig „Damals in der DDR – 20 Geschichten aus 40 Jahren“ im Stadtmuseum Erlangen * Städtische Galerie Dresden, Sonderausstellung „Willy Wolff zum Hundertsten. Malerei, Collagen, Zeichnungen, Walzungen und Monotypien, Objekte“ * Rathaus der Hansestadt Rostock, Ausstellung der BStU „,Ich wurde mutiger.’ Der Pankower Friedenskreis im Fokus der Staatssicherheit“ * Ausstellung „Literarische Gegenwelten“, Kultur- und Bildungszentrum Burg-Beeskow * Ausstellung „Bittersüß. Geschichten des Hungers. Zuckerdosen aus dem sowjetischen Speziallager Nr. 7 in Sachsenhausen 1945-1950“, Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen * Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Eisenhüttenstadt, Ausstellung „KONSUM – Konsumgesellschaften in der DDR“.  Publikationen: DVD „Die SED, ihr MfS und das Krisenjahr 1956“ * Auswahlbibliographie „Antitotalitärer Widerstand und kommunistische Repression“ * „Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien“ * Sonderheft der Zeitschrift „Film History“ (Bd. 18 / Nr. 1) „Cold-War German Cinema“ * Dokumentation „Die Stasi im Jahr 1989“ auf CD * Joachim Granzows Erlebnisbericht „Die Löwengrube. Als Arzt in DDR-Haftanstalten Mitte der 50er Jahre“ * Handbuch „Anatomie der Staatssicherheit. Geschichte – Struktur – Methoden“ (Teil III/14) * Broschüre „Der Wandel Robert Havemanns vom Inoffiziellen Mitarbeiter zum Dissidenten im Spiegel der StasiAkten“ * Unterrichtsmaterial für Schüler und Lehrer „Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der DDR unter besonderer Berücksichtigung der Ereignisse in der südlichen Oberlausitz“ * Dezember-Ausgabe 2005 der Zeitschrift „Zeitgeschichte regional“ * Publikation „Rückwärts immer. Deutsches Erinnern“ * „Teilung und Integration“ (Schriftenreihe Bd. 482), von Christoph Kleßmann und Peter Lautzas * „Deportationen von deutschen Frauen und Mädchen in die Sowjetunion“. Archive und Bibliotheken: Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP) * Projekt „Demontagen in der SBZ und Berlin 1945-1948 – Sachthematisches Inventar“ * „Vorläufiges Findbuch zur Abteilung X: ‘Internationale Verbindungen’ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ * Findbuch „Sekretariat des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR“ * Beitrag „Opfer des Faschismus gleich Opfer des Antifaschismus? Oder: Wer durfte Opfer des Faschismus sein?“ * Bestände des Archivs der Stiftung Aufarbeitung www.stiftungaufarbeitung.de/dokumentation/archiv.php Online-Präsentation * SAPMO Bibliotheksbriefe. Termine: Workshop „Zum Stand der Erforschung der DDR-Geschichte. Ergebnisse und Defizite“ * Konferenz „Opfergeschichten – Opfergeschichte: Politische Verfolgung unter NSHerrschaft und Stalinismus“ * Vortragsreihe „Geschichte und Lebensgeschichte im Jahrhundert der Ideologien. Die biographische Verarbeitung politischer Umwälzungen im 20. Jahrhundert“ * IV. Potsdamer Doktorandenforum „Europäischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert“ * XVII. Bautzen-Forum „Demokraten im Unrechtsstaat. Das Parteiensystem der SBZ/DDR zwischen Zwangsvereinigung und Nationaler Front“ * Hörspiel „Sommerwind und andere Kreise“ * Podiumsdiskussion „Fußball-Grenzgänger im Abseits – Seitenwechsel und geteilte Fußballwelten im Kalten Krieg“ * 10. Kongress der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und der Stiftung Aufarbeitung * Symposium „Nachbilder. Photographie in der DDR“ * „Promovierendentage zur deutschen Zeitgeschichte. Methoden, Inhalte und Techniken im Umgang mit ‘Streitgeschichte’“ * Ausbildungs-Workshops im Rahmen der EU: Marie Curie Conference and Training Series zur Thematik „European Protest Movements since the Cold War: The Rise of a (Trans-)national Civil Society and the Transformation of the Public Sphere“ * Veranstaltungen der Stiftung Aufarbeitung. * Termine der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) * Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Zeitgeschichte im Internet: Ungarn 1956 – Geschichte und Erinnerung. Sonstiges: Plakatwettbewerb >>geschichts-codes<<: „grenzen-los!“ * Gerda-Henkel-Preis * „Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt“.    Ausgabe 2/2006: Ausstellungen und Museen: Museum zur DDR-Alltagsgeschichte in Berlin eröffnet * Ausstellung „Entrissene Heimat“ des Bürgerkomitees Sachsen-Anhalt e. V. * Ausstellung „Doppelpässe – Wie die Deutschen die Mauer umspielten“, Prenzlauer Berg Museum, Berlin * Sonderausstellung „Paneuropäisches Picknick ‘89“, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Berlin * BStU-Ausstellung „Pflanzzeit“, Rostock * Ausstellung „‘Erschossen in Moskau…’ Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950-1953“, Gedenkstätte „Roter Ochse“, Halle * Wanderausstellung „Die Rückkehr der Demokratie. Die demokratischen Revolutionen in Ostmitteleuropa von 1989 bis 1991“ * Ausstellung „Männerbilder“, Museum Junge Kunst, Frankfurt/Oder * Foyerausstellung „STASI – secret rooms“, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig * Wanderausstellung „Kirchen und Krisen im Kommunismus“. Publikationen: DVD „DDR – Was war das?“ * DVD „Die Blues-Messen 1979-1986“ * Bibliographie zur „Wissenschafts- und Hochschulgeschichte der SBZ, DDR und Ostdeutschlands 1945-2000“ auf CD-ROM * Beratungsbroschüre „Übersicht über Beratungsangebote für Opfer politischer Verfolgung in der SBZ/DDR“ * Wegweiser „Geschichte erleben®“ * Zeitschrift „Horch und Guck“ (Ausgabe 1-2006), Einfluss der östlichen Nachbarstaaten auf die DDR * Publikationen der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen * „Jahresbericht 2005“ des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung * Zeitschrift „Totalitarismus und Demokratie“, Heft 1/2006 * Dietmar Kausch, „,… sie wollten sich nicht verbiegen lassen’. Repressalien – Widerstand – Verfolgung an den Oberschulen Bad Doberan, Bützow, Grevesmühlen, Ludwigslust und Rostock 1945-1989“ * Ausstellungsführer „Der Rote Ochse Halle (Saale). Politische Justiz 1933-1945“ * „Jahresbericht 2004-2005“ des Duitsland Instituut an der Universität Amsterdam * Helmut M. Artus, „‘VEB Horch & Guck’ – Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, genannt Stasi“ * Gerhard Finn, „Mauern, Gitter, Stacheldraht“ * Heinrich Best, Joachim Heinrich und Heinz Mestrup, „Geheime Trefforte des MfS in Erfurt“ * Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ * Architekturführer „Berliner Mauer“ * „FDGB-Lexikon. Funktion, Struktur, Kader und Entwicklung einer Massenorganisation der SED (1945-1990)“ * „Die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte in der politischen Erwachsenenbildung“ * Hans-Heinrich Nolte, „Kleine Geschichte Russlands“. Archive und Bibliotheken: Archiv für Christlich-Demokratische Politik * Gunter Holzweißig „Quellenkundliche Anmerkungen zur DDR-Historiografie“ * Bibliotheksbriefe SAPMO 2006/3. Termine: Veranstaltungen der Gedenkstätte „Roter Ochse“, Halle * Interdisziplinäres Forschungskolloqium Protestbewegungen, Heidelberg „Between the ‚Prague Spring’ and the ‚French May’: Transcultural Exchange and National Recontextualization of Protest Cultures in 1960/70s Europe“ * Lesung „Der fremde Vater“ * Konferenz „Die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik“ * Tagung „Vorwärts in die Vergangenheit? Leben in der DDR“ * Zentrale Feierlichkeiten zum „Tag der Deutschen Einheit“ * Konferenz „Die ungarische Revolution 1956: Kontext, Wirkung und Mythos“ * Symposium „Erfahrung Exil. Dissidenten im geteilten Europa“ * Vortragsreihe „Politik in Stein. Architektur und Macht in Berlin und Brandenburg im 20. Jahrhundert“ * Tagung „Die SED-Diktatur – Herrschaft, Alltag, widerständiges Verhalten“ * Tagung „Die DDR in der gemeinsamen deutschen Nachkriegsgeschichte“ * Tagung „Archiv, Forschung, Bildung“ * Termine der Stiftung Aufarbeitung * Veranstaltungen der BStU. Zeitgeschichte im Internet: „Russian Analytical Digest“ * Modell-Projekt „Das Leben vor 1989 beiderseits der Grenze“. Sonstiges: „Einheitspreis 2006 – Bürgerpreis zur Deutschen Einheit“ * „Rock! Jugend und Musik in Deutschland“.   Section II:           News on Archives, Fonds and Institutions.   NS archive in Bad Arolsen to be opened for researchers. The competent eleven countries have finally agreed on opening up the files of the NS-Archive in Bad Arolsen/Germany for researchers. The biggest nazi-archive worldwide contains personal files of 17.5 millions prisoners, displaced persons and forced labourers, including the famous „Schindler list“. Previously the archive was accessed exclusively by the Red Cross International Tracing Service. The final agreement on the opening of the archives was preceeded by a long struggle based on the conflict between the rights on information and personal rights.   Bulgaria: more communist archives declassified. On November 13, 2006, more than 7200 pages archival material of the Bulgarian secret service were declassified and opened for research. The materials cover the period between 1944 and 1990 and concern the country’s communist past. This is part of the Bulgarian government’s effort since May 2006 to ease up accessability of archival material.   Victor-Serge-Library in Moscow reopens. After a relocation, the Victor-Serge-Library opened its doors again on November 22nd, 2006. The library, maintained by the „PRAKSIS“ research society, is specialized in left-wing antitotalitarian movements in Russia and the world, hosting over 4000 books and brochures, many of them unique and not to be found in any other library on Russian territory. The new address is: Meščerskij pereulok, d. 2, korp. 5, pod’ezd 6. The library is open on Mondays between 15:00 and 20:00, on Wednesdays between 10:00 and 15:00 and on Saturdays between 13:00 and 18:00. It can be reached under +7-8-906-756-48-18. Further information is available at  http://www.praxiscenter.ru   Wilhelm-Reich-Archive to be opened late 2007. When Wilhelm Reich, founder of the Sexual Liberation movement within the German communist party and Freud scholar, died in 1957, he determined concerning his archive that „…nothing whatsoever must be changed in any of these documents and that they should be put away and stored for 50 years to secure their safety from destruction and falsification by anyone interested in the falsification and destruction of historical truth.“ The archive is nowadays located in the Rare Books and Special Collections at the Francis A. Countway Library of Medicine at Harvard University and comprises well over 200 archive boxes of materials. The Wilhelm Reich Museum in Rangeley, Maine has now announced that according to Reich’s will, the archive will be opened for scholars in late 2007 or early 2008. It is doubtful though, whether the opening of this archive will surface materials concerning Reich’s actvities in the European communist movement during the 1920s and 1930s. See: http://www.wilhelmreichmuseum.org Vademekum Contemporary History Hungary published by Stiftung Aufarbeitung, Berlin. The German Foundation for the Reappraisal of the SED-Dictatorship (Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur) has published another volume of their „Vademekum Contemporary History“ archival guidebooks, this time concerning archives and institutions in Hungary. This guidebook, compiled by Janos M. Rainer, Judit M. Topits and Ulrich Mählert, may be ordered for 6 Euros from http://www.stiftung-aufarbeitung.de   Comintern-Online, Moscow-Amsterdam: 100 000 additional pages digitized. The Comintern Online Database, the biggest archival ressource on communist history in the web, has been enriched in Summer 2006 by the addition of three newly digitized fonds, including approx. 100 000 pages. These three fonds now include are the Balkan Ländersekretariat (f. 495.69), the Eastern Ländersekretariat (f. 495.154) and the South American Bureau of the ECCI (f. 503.1).   IDC Publishers, Amsterdam: Comintern files concerning Mexico released. The Dutch publishing house IDC Publishers has released the files of the Communist Party of Mexico covering the period 1919-1940 in a microform edition. They include extensive documentation of the relations between the Comintern and its counterparts in Mexico and other countries in Latin America. Many documents in this collection are unique.   The Guidebook on the Archives of Russia: new archival database. A new data-base called „The Guidebook on the Archives of Russia“ is now available on the Rosarchiv portal „Archivy Rossii“ at http://guides.rusarchives.ru. It includes 60 reference books arranged in the form of a guidebook – 20 of them are about the federal archives and 40 about the regional ones, published from 1987 to 2004. The database comprises the description of more than 100000 archive collections.   Communist Regimes research programme, Sweden. The Swedish Research Council’s final report on research within the programme about „Communist Regimes“, according to its government assignment as defined in the official appropriation document for 2006, is now available online at http://www.vr.se/download/18.65bf9bc10cd31363a180001074/communism.pdf.   Neuer Online-Katalog des Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en la Argentina, Buenos Aires. Als Fortschreibung des 2000 erschienenen Katalogs der Veröffentlichungen der argentinischen politischen Linken (1890-2000)[1] ist nun der auch als Internetressource nutzbare bibliographische Katalog der sozialen Bewegungen Argentiniens (1890-2005) erschienen (http://www.cedinci.org/ catalogos.html). Das vom IISG Amsterdam unterstützte, fast 300-seitige Werk ist in die Sparten Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, Studentenbewegung, Menschenrechtsbewegungen, Antifaschismus und Antirassismus untergliedert. Es enthält Kapitel über die Versammlungsbewegung („movimiento de asambleas“), Demonstrationsbewegung („piqueteros“) und die ökologischen Widerstandsgruppen. Der Katalog zeigt das andere Argentinien, das sich selbstständig und kollektiv seit dem Ausgang des XIX. Jahrhunderts zusammenschloss und eine für Lateinamerika einzigartige Kultur der Linken, allerdings auch einen einzigartigen Flickenteppich der Organisationen und Strömungen prägte. Das Zentrum hat sich seit seiner Gründung 1998 die Rekonstruktion der kollektiven Erinnerung zur Aufgabe gemacht. Neben der Herausgabe der Kataloge wurde ein Archiv aufgebaut, das bereits ca. 2200 Zeitschriftensammlungen, mehrere Tausend Flugblätter und entsprechende Materialien auf Betriebsebene, 20 000 Bücher, Interviewaufnahmen, Schallplatten und Filme aus den Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre umfasst. In der Hauptsache wird das linke Spektrum von Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten, Trotzkisten, Radikalen und Peronisten bis zur „neuen Linken“ und den alternativen und Frauenbewegungen abgedeckt. Ein laufendes, u.a. von der Harvard-Universität unterstütztes Microfilmprojekt hilft entsprechende Bestände zu sichern. Für die laufende Aktivität ist das Zentrum auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen.  Im Online-Katalog der sozialen Bewegungen werden Materialien der folgenden kommunistischen oder kommunistisch beeinflussten Organisationen u. a. aufgeführt: • Movimiento Pro Democratización e Independencia de los Sindicatos (1949). • 62 Organizaciones (1957). • MUCS – Movimiento de Unidad y Coordinación Sindical (1958). • Movimiento Nacional Intersindical (1970). Über Organisationen der 20er und dreißiger Jahre finden sich Materialien zu: • La Internacional Sindical Roja (ISR). • La Confederación Sindical Latinoamericana CSLA (1929). • Confederación de Trabajadores de América Latina CTAL (1938). • Central Latinoamericana de Trabajadores [CLAT]. • Liga Antiimperialista (Sección Argentina) [Chispista]. • Liga Antiimperialista (Sección Argentina de la Liga Mundial contra el Imperialismo) [Comunista]. • Ligas Antiimperialistas de América Latina.  Contact: Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en la Argentina Fray Luis Beltrán 125, (C1406BEC) Ciudad de Buenos Aires, Argentina, Tel./Fax: +54 11 46318893 informes@cedinci.org, cedinci@speedy.com.ar, www.cedinci.org   Freddy Litten, Munich: Microfilms for Communist Studies at the Bayrische  Staatsbibliothek.   The Bayerische Staatsbibliothek (BSB; Bavarian State Library) in Munich possesses one of the largest collections of books and periodicals on and from Eastern Europe (including Russia/the Soviet Union) in Europe, if not the world. It is also taking a leading role in Germany in providing electronic databases and resources for the research community, e.g. through the internet portal „ViFaOst“ (http://www.vifaost.de). However, it is often overlooked that the BSB also holds an enormous amount of microfilmed archival documents and publications of importance for historical studies of all kinds, among them many that are useful for Communist studies. Since it is impossible to detail all those collections here, I will only touch on some of the highlights and refer to the „Directory of microforms for historical research in the BSB“ („Verzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der BSB“, http://www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htm) for a complete overview. The numbers in italics given below also refer to the entry numbers in that directory. The largest single microform collection from Eastern Europe is entitled „Archives of the Soviet Communist Party and Soviet State“, in short „Soviet Archives“ (69). This is the result of a microfilming project by the Hoover Institution in Stanford/California, the then British publisher Chadwyck-Healey, and three of the major archives in Moscow: the Russian State Archive of Contemporary History (RGANI), the Russian State Archive for Socio-Political History (RGASPI) and the State Archive of the Russian Federation (GARF) – to give only their current names. Since there are more than 10,000 reels of microfilm in this collection alone, I can again only point out a few interesting sub-collections. From RGANI there is the quite small, but important and well-indexed filming of fond 89, called „The Communist Party on Trial“. (Information on guides, indexes, etc. can be found in the „Verzeichnis“.) This fond contains documents assembled for the trial of the Communist Party of the Soviet Union under Boris Yeltsin. From RGASPI there are several fond containing documentation of the congresses and conferences of the Communist Party, as well as the large fond 17 which contains large quantities of information on the CPSU throughout much of its existence and which is also well-served by an electronic guide. GARF holdings take up the larger part of the „Soviet Archives“, and the „NKVD fond“ r-393 is responsible for much of it. However, they do not cover the infamous intelligence and repression service, but those of the „People’s Commisariat for Internal Affairs“ of the 1920s. Yet, there is also much on the GULag and internal repression under Stalin to be found in the GARF fond. An invaluable guide to these microfilmed holdings is vol. 7 of the „Istoriya Stalinskogo Gulaga“ (published in Moscow in 2005)[2] which everyone contemplating use of these materials simply has to consult. Smaller collections by other publishers cover many more topics, from documents of the Red and White armies during the Civil War in the Russian State Military Archives (RGVA; http://www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htm#RGVA) to papers of the apparatus of the Central Committee of the CPSU in the 1950s and 60s in RGANI (http://www.bsbmuenchen.de/mikro/litten.htm#RGANI). In recent years, while microfilming in Russia has somewhat subsided, it has expanded in Poland (with selected holdings of the KARTA Center in Warsaw; 456) and especially in Ukraine. One quite interesting collection concerns the „Holodomor“ (430), the devastating famine in the early 1930s, and presents contemporary records by the Central Committee of the Ukrainian CP. Yet, the internal view of these countries is not the only perspective offered by the BSB’s holdings. Practically all commercially filmed records of the US State Department on Eastern European countries, held in original form at the US National Archives, are also available in Munich, often up to 1963, in the case of the USSR even up to 1969 (http://www.bsb- muenchen.de/mikro/litten.htm#RG 59). Moreover, the same kind of records are available for Germany and France, and to a lesser degree for Italy, Austria and Switzerland. For Communist studies those records are interesting, too: they illustrate relations between, e.g., Germany and Czechoslovakia after the Second World War; and they contain information on Communism in, e.g., France itself. One especially noteworthy „American“ source for research on Communism and related ideologies in Eastern Europe (and beyond) in the first half of the 20th century is the Boris I. Nicolaevsky Collection from the Hoover Institution, which has been filmed in 796 reels and is also available in Munich (269). Again, an excellent guide eases use of this collection enormously, for example covering the Trotsky-Sedov correspondence. Many smaller collections from US archives and libraries provide documentation for interesting studies, from the „Diplomatic Papers of David Francis Rowland, 1916-1918“ (262), the US ambassador to Russia at the time, to the „National Security Files“ of the Kennedy, Johnson and Nixon administrations on the Soviet Union and Eastern Europe (212, 215, 391) and, for most of the 1960s, concerning the whole world. Recent reports by American think-tanks and governmental organizations as well as graduation theses from military colleges can be found in the blandly titled „Special Studies Series: Foreign Nations“ (291), in part up to 2002, again for the whole world. While much less numerous than the American filmings, some British government document collections are no less important. Especially the filmings of the Foreign Office records on Russia and the Soviet Union until 1948 (18) and again for 1960 (364; with more to come) provide a complement to both the American reporting and the Soviet internal view. As should be obvious even from this brief account, the Bayerische Staatsbibliothek has much to offer to researchers of the history of Communism in Europe in the 20th century, thanks also to the financial support of the Deutsche Forschungsgemeinschaft (German Research Council). While a visit to Munich is always worthwhile, all film reels, microfiches and guides listed in the „Verzeichnis“ are also available via inter-library loan within Germany.   Dr. Freddy Litten, Bayerische Staatsbibliothek. freddy.litten@bsb-muenchen.de; http://litten.de   Vladimir Petrovič Kozlov, Moskau: Ergebnisse und Perspektiven der Erstellung  russischer Dokumentenpublikationen.   Die Erstveröffentlichung dieses Artikels in russischer Sprache erfolgte in „Novaja i Novejšaja Istorija“ Nr. 4 (2006), S. 27-34. Die Übersetzung wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors durch Gleb Albert, Köln, erledigt. Vladimir P. Kozlov ist Vorsitzender des Föderalen Archivdienstes der Russischen Föderation.   Zunächst eine vorangestellte Erläuterung: Die im Folgenden geschilderten Sachverhalte betreffen sowohl die Archivinstitutionen der Russischen Föderation als auch die Organisationen der Russischen Akademie der Wissenschaften (Rossijskaja Akademija Nauk, RAN) und andere Forschungs- und Lehrorganisationen. Seit den 1990er Jahren allerdings übernahm das Rosarchiv die Koordination und in zunehmender Weise die Organisationsarbeit zur Vorbereitung von Dokumentenpublikationen. Dies geschah dadurch, dass das Rosarchiv, als Verwalter von Russlands mächtigstem Informationsmassiv, in den 1990er Jahren im zunächst spontanen, später organisierten Deklassifizierungsprozess der vorher unzugänglichen Masse an Dokumenten eine Führungsrolle übernahm.[3] Die Einführung dieser Dokumente in den Forschungsdiskurs, unter anderem durch Vorbereitung und Veröffentlichung von Dokumentenpublikationen, verlangte eine gewisse Reglementierung sowie eine Koordination verschiedener Institutionen. Den organisatorischen Beginn dieses Vorhabens markierte der erste Einheitsplan zur Vorbereitung und Veröffentlichung von Dokumentenpublikationen für die Jahre 1992 bis 2002, welcher im Jahre 1992 vom Büro der Abteilung für Geschichte der RAN und dem Kollegium des Rosarchiv festgelegt wurde. Dieser Plan beinhaltete 157 Titel für Dokumenteneditionen, gegliedert in 15 thematische Abschnitte, welche die russische und internationale Geschichte vom Mittelalter an bis zum 20. Jahrhundert umfassten. Heute kommt man nicht umhin, Elemente einer Politisierung im Hinblick auf die Thematik einer Reihe von in diesem Plan beinhalteten Publikationen festzustellen, was vor allem die Geschichte des 20. Jahrhunderts betrifft. Allerdings zielte dieser Plan auch darauf ab, neue, früher unzugängliche Dokumentenkomplexe zu erschließen, denen aus ideologischen Gründen keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Jedoch nicht dieser Umstand bereitete den Beteiligten zum Zeitpunkt der Beschlussfassung Sorgen. Zahlreiche Mitglieder des Kollegiums des Rosarchiv und des Büros der Abteilung für Geschichte der RAN äußerten ihre aufrichtigen Zweifel an der Realisierbarkeit dieses Vorhabens. Gründe für die Zweifel gab es. So erschienen in Russland zur Sowjetzeit im Durchschnitt 15-20 Archiveditionen im Jahr, berücksichtigt man die Veröffentlichung der Zentralen Staatsarchive der UdSSR, sogar 25-30. Am Anfang der 1990er Jahre jedoch wurden den Archiven und den Forschungs- und Lehrinstitutionen, infolge der Kommerzialisierung von Herausgebertätigkeiten und der Kürzung der Budgets, die Publikationslimits faktisch unmöglich gemacht, womit die Publikation von Archivdokumenten in Russland insgesamt halbiert wurde, und zahlreiche sich in Vorbereitung befindenden Editionen eingestellt werden mussten. Im September 2000 allerdings, als über die Erfüllung dieses Plans Rechenschaft abgelegt wurde, wurde die Historikergemeinschaft angenehm überrascht. Bis zu diesem Zeitpunkt waren 108 Publikationstitel erschienen, was 70% des 1992 festgelegten Plans ausmachte. In den Jahren 20012005 wurde auch die Mehrheit der übrigen im Plan festgelegten Publikationen herausgegeben, was Grund zur Annahme gibt, den Plan als realisiert zu betrachten – umso mehr, als zahlreiche Publikationen die Planzahlen übertrafen. Es erschienen 9 Ausgaben der „Chronik der Arbeiterbewegung in Rußland“,[4] 3 Bände der Dokumentenpublikation „Die Menschewiki im Jahre 1917“,[5] 3 Bände der „Dekrete der Sowjetmacht“,[6] 3 Bände der „Befehle des Volkskomissars für Verteidigung der UdSSR“.[7] Außerdem sind in diesen Jahren über 40 Dokumentenpublikationen außerhalb des Plans herausgegeben worden, von denen eine Anzahl Seriencharakter annahm, so zum Beispiel „Das Dorf in der Wahrnehmung der VČK-OGPU-NKVD“[8], „Rußland. Das 20. Jahrhundert. Dokumente“[9] und viele andere. Gleichzeitig erlangte nach vielen Schwierigkeiten die wiederbelebte Zeitschrift „Istoričeskij Archiv“ Ansehen in der Wissenschaft – eine Zeitschrift, die ausschließlich der Publikation von bis dahin unveröffentlichten Archivdokumenten gewidmet ist. Im letzten Jahr erblickte die 75. Ausgabe dieser Zeitschrift das Licht der Welt.  Bereits Mitte der 1990er Jahre sprach man von einer „archäographischen Explosion“ in Rußland. Auf die Gründe werde ich später zurückkommen – zunächst aber sei daran erinnert, daß das Kollegium des Rosarchiv und das Büro der Abteilung für Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften im September 2000 einen zweiten Einheitsplan über Dokumentenpublikationen für die Jahre 2001–2005 festgelegt haben. Dieser Plan sah eine Edierung von über 300 Titeln vor, die nach sieben thematischen Abschnitten gegliedert waren: vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte.  Im Dezember 2005 haben wir die Ergebnisse der Verwirklichung des Einheitsplans begutachtet und erfreuten uns an dem erfolgreichen Lauf der Dinge. Es sind ca. 160 Titel erschienen, was 60% des Plans ausmacht. Der Großteil der restlichen Publikationen ist bereits im Erscheinen begriffen oder wartet noch auf die Verleger. Die Gesamtzahl der Dokumentenpublikationen in Rußland in den Jahren 2001–2005 hat jedoch insgesamt den Plan bedeutend übertroffen und beläuft sich auf über 400 Titel. Somit kann festgestellt werden, daß während wir in den Jahren 1992–2000, gemessen am Jahresdurchschnitt, bei der Herausgabe von Dokumentenpublikationen auf dem Niveau der Sowjetzeit verblieben, in den Jahren 2001–2005 dieses Niveau um mehr als das Doppelte übertroffen wurde. Das biblioraphische Verzeichnis „Das Offene Archiv-2“ [10], das die in der UdSSR und in Rußland zwischen 1917 und 2000 erschienenen Dokumentenpublikationen auflistet, führt 5445 Titel auf. In den Jahren 1992–2000 erschienen 996 Dokumentenpublikationen – fast ein Fünftel des Gesamtkorpus, und dies ist ein eindeutiger Beleg für die „archäographische Explosion“ in unserem Land. Selbstverständlich ist dies nur ein formaler Faktor. Viel wichtiger ist der inhaltliche Aspekt des beschriebenen Phänomens, auf den ich nun eingehen werde. Zunächst stellt sich die Frage, inwiefern dieses Publikationsmassiv von einem einheitlichen konzeptionellen Zugang zur dokumentarischen Beleuchtung der Vergangenheit durchdrungen ist, inwiefern die Quellenbasis systematisch bereichert wird, und wie bedeutend das Element des Chaotischen und des Zufalls die Vorbereitung von Dokumentenveröffentlichung der vergangenen Jahre geprägt hat. […] Read the full translated article (10 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Section III:  Projects – Work in Progress.   Sean McMeekin, Ankara:  Bolshevik Gold. The Nature of a Forgotten Problem. Report on a book in progress.[11] In the mid-1990s, a series of sensational reports appeared on the subject of looted Nazi gold laundered in Switzerland during World War II. Helped along by the war’s fiftieth anniversary, a Freedom of Information Act lawsuit filed in Washington by the World Jewish Congress, and nationally televised hearings on Holocaust survivors’ claims against Swiss banks chaired by U.S. senator Alphonse D’Amato, „Nazi gold” became first-page news. „The greatest theft in history,” proclaimed the BBC. The New York Times denounced the „Goblins of Zurich.” Ambitious journalists turned out books with sensational titles like Hitler’s Secret Bankers: How Switzerland Profited from Nazi Genocide. Without „the considerable efforts of Swiss bankers,” declared Adam Lebor, „the Second World War could have ended several years earlier.”[12] Given the stonewalling of Swiss bank directors when faced with intrusive queries by lawyers and journalists, such heady claims made for good copy. But this was not really a new story. Nazi looting of central banks in occupied countries, the macabre retrieval of gold jewelry and teeth from Holocaust victims, incurious Swiss bankers laundering Nazi gold — all these themes were long familiar to historians. If there was anything novel in the 1990s craze for exposés on Nazi war booty, it lay in the declassification of U.S. intelligence on Nazi gold movements gathered by Operation Safehaven during the war.[13] One might expect that this fruitful archival coup would have prompted historians to explore the theme of gold movements further, say, by examining the role of „neutral” bankers in prolonging the First World War, or in facilitating the advent and spread of Bolshevism. […] Read the full article (6 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Fredrik Petersson, Åbo:  „We are no Visionaries and Utopian Dreamers” – The Network of the Axis League against Imperialism, Comintern, and the Anti-Imperialist Struggle, 1924-1933. Doctoral thesis project. The League against Imperialism and for National Independence (LAI) was founded as a result of the „First International Congress in Support of the Oppressed Peoples in the Colonies” in Brussels 10-15/2-1927. No such event had taken place before where the situation in the colonial world was put on top of the agenda. With delegations representing European working class organizations, radical and pacifist intellectuals active either as artists or scientists, and representatives from the colonial world, the congress even surprised the chief architects, namely the Communist International (more known as Comintern, or the Third International, 1919-1943)[14] and the German communist and main man in charge of various propaganda operations and relief actions in Europe during the Inter-war era, Willi Münzenberg (1889-1940).[15] The twist with organising the congress was to keep the communist links of the LAI hidden and secret, all guided after principles decided upon a year earlier in Moscow.[16] Hence, the LAI was from the very beginning constructed as a genuine front and idealist non-party organization, existing under communist surveillance and monitored by Comintern headquarters in Moscow. In its initial phase, the LAI stirred up a huge amount of attention among its sympathizers, but also fear among actors (mainly the „Imperialist” nations), who did knot now how to approach and treat such a dubious and subversive organization as the LAI. The general concern during LAI’s first phase was primarily to act as a nursery for colonial freedom fighters. For example, India’s first Prime Minister Jawaharlal Nehru and Mohammad Hatta, one of the driving forces behind the formation of Indonesia in the 1940s were particularly active in the organization. Other fellow travelling celebrities as scientist Albert Einstein, French authors Henri Barbusse and Romain Rolland were members. History is often judged and written by the winners and the Comintern case has been perceived by many as a failure (Jane Degras, 1965: ix). […] Read the full article (6 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Joachim Schröder, Düsseldorf:  Internationalismus nach dem Krieg. Die Beziehungen zwischen deutschen und französischen Kommunisten (1918-1923). Dissertationsprojekt. Die Kommunistische Internationale (Komintern) war ein originäres Produkt des Weltkriegs. Die neue „Internationale der Tat“, wie sie sich selbst bezeichnete, erforderte auch einen neuen Internationalismus. Die vorliegende Studie untersucht Realität, Funktion und Praxis dieses neuen Internationalismus am Beispiel der deutschen und französischen Kommunisten. Den Hintergrund bildet die nationalistisch aufgeladene Atmosphäre der ersten Jahre der Nachkriegszeit (19181923), die von schweren wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen sowie von einem immer weiter eskalierenden, „offiziellen“ deutsch-französischen Gegensatz geprägt waren.  Die Studie zeigt, dass bezüglich der Beziehungen zwischen deutschen und französischen Kommunisten weder von einem „Hohelied des Internationalismus“ (so der DDR-Historiker Heinz Köller) noch pauschal von einem „impossible internationalism“ (Jolyon Howorth) gesprochen werden kann. Die Analyse der nach dem Krieg entstehenden Netzwerke („Begegnungsorte“) deutscher und französischer Kommunisten (anfangs: Sozialisten), die nach den Bol’seviki die größten Sektionen innerhalb der Komintern stellten, legt vielmehr ein komplexeres Urteil nahe. Die Intensität der Beziehungen war nicht gleichbleibend, sie nahm bis 1923 stetig zu. Dabei waren sie nicht frei von Friktionen und teilweise von Stereotypen aus der Vorkriegszeit geprägt. Neben „traditionellen“ Formen internationalistischen Handelns rückten dabei auch solche in den Vordergrund, die neu und durchaus charakteristisch waren für die „Internationale der Tat“, wie etwa das System der Instrukteure und Emissäre, die zugleich als Vermittler zwischen Peripherie und Zentrum und als Kontrolleure fungierten.  Das ereignisreiche Jahr 1923, geprägt von der Eskalation des deutsch-französischen Reparationskonflikts sowie von dem letzten kommunistischen Aufstandsversuch in Europa („deutscher Oktober“), war der Höhepunkt der Zusammenarbeit deutscher und französischer Kommunisten; es zeigte aber auch deren Grenzen auf. Das Ende der revolutionären Hoffnungen in Europa markierte zugleich einen Wendepunkt in der Geschichte des kommunistischen Internationalismus. Anstelle der Vorbereitung der Weltrevolution bestand nunmehr die oberste Pflicht eines „Internationalisten“ in der Verteidigung des „Vaterlands der Werktätigen“.   Frank Wolff, Köln:  Individualisierte Erinnerung und politische Bewegung. Die Autobiographik des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds. Dissertationsprojekt. „[T]he labor movement offered its members a completely new way of life, a new framework of conventions within which to live and work, a world unlike anything they had previously experienced.“[17]   Diese neue Welt, so Ezra Mendelsohn weiter, äußerte sich zuvorderst nicht in ideologischen Debatten oder parteilicher Politik, sondern in der praktizierten Kultur, da die Gewinne an der angeblich existenten „kulturellen Front“ langlebiger gewesen seien. Der aufklärerische Bruch mit der Tradition erscheint daher in der jüdischen Arbeiterbewegung als vollzogen. Wenn der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund aber neuartige Existenzen ermöglichte, drängen sich Fragen nach Gestalt, Tiefenwirkung und Lebenskraft der Ideenwelt geradezu auf. Dennoch ignoriert die Forschung die kulturelle Komponente bundistischer Arbeit weitgehend und konzentriert sich auf Strukturgeschichte, wobei in den letzten Jahren eine Verschiebung des Interesses von der Organisationsgeschichte des Bund[18] und vom Verhältnis zwischen diesem und der russischen Sozialdemokratie[19] in Richtung einer Beziehungsgeschichte zu kleineren, nicht minder wichtigeren Parteien erkennbar ist.[20] Letzten Endes kulminiert aber jede dieser Studien in einer Erörterung der unterschiedlichen Standpunkte zur Nation.[21] Die Vogelperspektive beherrscht somit nach wie vor die Betrachtungsweise. Was aber nahmen einzelne jüdischen Sozialisten jenseits einer diskursbestimmenden Führungsschicht als „das Neue“ wahr? Wie gingen sie damit um und welche Ideen überdauerten die einschneidenden Brüche im „Zeitalter der Extreme“? Was blieb Idee und was wurde Praxis? Was war daran identitätsgenerierend und was wurde fallen gelassen? An diesem Punkt setze ich mit meinem Dissertationsprojekt ein. Der Bund hinterließ aufgrund seiner kulturellen Orientierung eine beträchtliche Zahl Erinnerungsschriften […]. Read the full article (4 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Forschungsschwerpunkt Geschichte der Sowjetunion am Deutschen Historischen Institut Moskau.  (117418 Moskau / RF, Nachimovskij Prospekt, 51 /21. Tel.: (+7-499) 744-4781, Fax: (+7-495) 120-5213; dhi@dhi-moskau.org).  Im Rahmen des Schwerpunkts plant das Institut für 2006/2007 die Herausgabe eines Sammel-bandes mit dem Arbeitstitel „Die Sowjetunion. Ein Rückblick auf ihre Geschichte“. Sechs russische Historiker (V. Buldakov, Revolution und Bürgerkrieg; O. Khlevniuk, Stalin und Stalinismus; E. Zubkova, Der sowjetische Privatmensch; S. Kudryashov, Der Zweite Weltkrieg und die Sowjetunion; G. Kostyrchenko, Die UdSSR und die „jüdische Frage“; V. Pechatnov, Die sowjetische Außenpolitik), und drei deutsche Historiker (S. Merl, Die sowjetische Wirtschaft; B. Bonwetsch, Einleitung und Die Perestroika und das Ende der UdSSR; M. Hildermeier; Das Sowjetsystem in vergleichender Perspektive) sollen hierin zu Kernfragen der Sowjetgeschichte Stellung beziehen und sich auf Kolloquien des DHI dazu äußern.  in Zusammenarbeit mit der von der Verwaltung des Präsidenten herausgegebenen Zeitschrift „Rodina“ will das DHI Dokumente aus dem Präsidentenarchiv zugänglich machen. Geplant ist die jährliche an Personen oder Themen orientierte Publikation eines Bandes. 2006 soll der Band „Leonid Brežnev als Generalsekretär der KPdSU. Dokumente aus dem Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation. Persönliches Archiv L. I. Brežnevs“ erscheinen, der 51 bisher unveröffentlichte Dokumente enthält und von Sergei Kudrjašov herausgegeben wird.  Zur Bearbeitung auch durch eigene Forschungen vorgesehen sind weiterhin Teilbereiche der sowjetischen Geschichte wie die Repression als wesentlicher Aspekt des Stalinismus, der „Grosse Vaterländische Krieg“, die Nachkriegsgesellschaft sowie die „deutsche Frage“ bzw. sowjetische Deutschlandpolitik.      Section IV:  Materials for Biographical, Regional and  Institutional Studies.  Section IV.1  Biographical Materials and Studies.   Nachtrag zur Biographie Dmitrij Moiseenkos (INCS 2006, S. 434-436).   Dr. Freddy Litten, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bayrischen Staatsbibliothek München, schickte wichtige ergänzende Angaben zum Beitrag über Dmitrij Moiseenko zu (siehe: Dmitrij Moiseenko, Gleb Albert, Bernhard H. Bayerlein: Jimmy, Jacob oder Dmitrij? Portrait einer Kominternfamilie, INCS, 2006, S. 434-436). Er weist auf die folgende Literatur hin, die die Moiseenko-Biographie erhellt und – wie besonders der Aufsatz in „The China Quarterly“ – die „NoulensAffaire“ grundsätzlich behandelt:    Fritz Nicolaus Platten: „Ein Kampf um Leben und Tod“. Die Affäre Ruegg 1931. In: Schweize-rische Zeitschrift für Geschichte, vol. 41, 1991, 52-62. Frederick S. Litten: The Noulens Affair. In: The China Quarterly, no. 138, 1994, 492-512. • VKP(b), Komintern i Kitaj: Dokumenty. Tom 3; 4. Moskva 1999, 2003.     Section IV.2  Regional Materials and Studies.   Avgust Lešnik, Ljubljana:  Le Parti communiste yougoslave et la Guerre civile espagnole (1936–1939).   No pasáran. C’est un fait connu que la Guerre civile espagnole – qui a officiellement duré 986 jours (du 17 juillet 1936 au 1er avril 1939) et fait plus d’un million de victimes – a profondément polarisé l’opinion publique mondiale. Cependant, pour comprendre ce vaste théâtre d’hostilités entre forces progressistes, antifascistes et forces réactionnaires, il est important d’avoir à l’esprit les principaux groupes socio-économiques et politiques de l’Espagne des années trente (renforcement du mouvement démocratique républicain, résolution de la question agraire et de la question nationale, de celle des rapports entre travail et capital, de celle du standard de vie de larges couches de la population active et les besoins de leur éducation, le front populaire). Le coup d’État militaire du général Franco ne fut en fait que le processus final, le point le plus saillant du conflit, le règlement de compte radical et définitif entre les „deux Espagnes“ – celle des masses prolétarisées des classes ouvrière et paysanne, ainsi que les milieux démocratiques acquis à leurs causes d’une part, et celle des classes dominantes de l’oligarchie foncière, de la bourgeoisie, du clergé, des monarchistes, des militaristes et des fascistes, de l’autre. En Espagne, il ne pouvait plus y avoir de place pour ces deux courants, celui d’une Espagne traditionnelle et celui d’une révolution sociale d’orientation républicaine et prolétaire. Lorsqu’au printemps et à l’été 1936 la droite eût achevé son projet contre la République, la scission de la gauche et les insurmontables divisions du socialisme espagnol constituèrent l’élément déterminant de la vulnérabilité du mouvement démocratique. La rébellion des généraux contre la République n’a pas fait que marquer le début de ce que fut appelé la „guerre civile“, mais également celui de ce qu’Antonio Ramos Oliveira désigne par le concept de subguerra civil, c’est-àdire l’affrontement – allant jusqu’à l’extermination – entre socialistes, républicains, communistes, anarchistes, anarcho-syndicalistes et d’autres représentants de la gauche. L’Espagne fut la première à vivre les violences brutales et soutenues des militaristes. Elle fut exposée aux attaques des forces conjuguées des généraux insurgés, du nazisme allemand et du fascisme italien. La guerre que le fascisme international avait entrepris contre le peuple espagnol, le bombardement de villes ouvertes, la destruction de monuments culturels, la mort de nombreux innocents furent la première étape de l’agression fasciste, un observatoire, à la veille de la Deuxième Guerre mondiale, des réactions du monde et des États d’Europe à la violence et à l’agression militaires. Cette guerre a également illustré l’impuissance de la Société des Nations, à régler de manière plus radicale les questions de la souveraineté d’État et de l’intégrité territoriale de ses membres et des États en général. […] Read the full article (38 pages), including the full list of Yugoslav participants in the Spanish Civil War, in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Section IV.3  Institutional Materials and Studies. Projekt „Kultintern – Cultintern – Культинтерн“.  Beiträge zur Allunions-Gesellschaft für kulturellen Austausch mit dem Ausland (VOKS), zur Roten Sportinternationale, zum Internationalen Frauensekretariat der Komintern und zur Liga gegen den Imperialismus. Die folgenden institutionellen Synopsen von Jean-Francois Fayet, André Gounot und Bernhard H. Bayerlein (die vollständigen Beiträge siehe: The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007) integrieren sich in das international vergleichende Forschungsprojekt „Kultintern“ – „Cultintern“ – „Культинтерн“. Der Beitrag von Fredrik Petersson ist im Rahmen des  finnischen Forschungsprojekts „Comintern and African Nationalism 1921–1935“ an der Universität Åbo entstanden. Im Rahmen der sog. Einheitsfronpolitik der Komintern kam seit 1921/1922    zeitweilig eine Harmonisierung der Kurzzeitziele sowjetischer Außenpolitik zustande,  die eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen der Komintern und dem Volkskommissariat für Äußeres förderte. Sie? war Ausgangspunkt für die Geburt eines neuen Typs hybrider Organisationen, der sog. „Massenorganisationen“, die auch „Ligen“ oder „Fronten“ genannt wurden. Neu an ihnen war ihr politisch mehr oder weniger neutraler oder  nach der entsprechenden Formel „überparteilicher“ Charakter; ihre Mission bestand darin, auf die nichtkommunistischen Massen sowie die Mitglieder der „kleinbürgerlichen Intelligenz“ einzuwirken, um dem Sowjetstaat den Wiederaufbau der Wirtschaft und die Wiederherstellung seiner diplomatischen Glaubwürdigkeit zu ermöglichen. Das auffälligste Beispiel für diesen neuen Organisationstyp ist die „Internationale Arbeiterhilfe“ (Mežrabpom / IAH) Willi Münzenbergs. Die sowjetische „Gesellschaft für kulturelle  Zusammenarbeit mit dem Ausland“ (VOKS), setzte diese „kulturelle Arbeit“ in Richtung auf die Mitglieder der liberalen Berufe und der fortschrittlichen Bourgeoisie fort, um für sich „ein Ressort und einen Raum für die Sympathie außerhalb der traditionellen Milieus kommunistischer Verwurzelung“ zu schaffen,[22] häufig in Zusammenarbeit mit den Gesellschaften der „Freunde der Sowjetunion“.[23] Weiterhin ermutigte die Komintern ihre Sektionen, die kommunistischen Parteien, dazu, innerhalb der zahlreichen internationalen Arbeitervereine und -verbände kommunistische Fraktionen aufzubauen. Als Beispiele seien hier nur die Proletarischen Freidenker, die Proletarischen Esperantisten,[24] die Frontkämpferverbände, die proletarischen Sportorganisationen („Sportintern“)[25] und die proletarischen Wehrverbände / genannt. Auch ihre  Aktivitäten wurden im herrschenden sowjetischen Sprachgebrauch als „kulturelle“ bezeichnet. Während das Gros der KominternSympathisantenorganisationen in der Epoche des stalinistischen Terrors als potentiell bedrohlich für die sowjetische Führung aufgelöst wurde, blieben die meisten der unmittelbar sowjetischer Kontrolle unterliegenden Organisationen beibehalten. So verfügte die UdSSR außer den klassischen staatlichen Instrumenten der Außenpolitik (dem diplomatischen und konsularischen Apparat) und einem internationalen Netz politischer Parteien (Komintern) über ein weit gefächertes Mosaik von Organisationen und Schaltstellen politischkultureller oder Solidaritätsarbeit, das als „zweites Standbein“ (Hans Hecker) zur Verteidigung sowjetischer Interessen im Ausland oder auch als ein „neues Babylon“ (Bernhard H. Bayerlein) bezeichnet wurde,[26]  das sich seit den zwanziger Jahren zu einem national und international unterschiedlich ausgeprägten  kulturell-ästhetischen, lebensweltlichen und weithin mentalitätsprägenden „Zwischenreich“ (Karl Schlögel)  entwickelte. Das Gesamtphänomen dieser sogenannten „kulturellen“ Organisationen kann unter der Bezeichnung „Kultintern“ zusammengefaßt, definiert und aufgrund der neuen deklassifizierten Dokumente typologisiert und analysiert werden. Im Rahmen des vergleichenden Forschungsprojekts „Kultintern“ wird die „kulturelle“ Pléjade der Komintern und der sowjetischen Außenpolitik ausgelotet, empirisch aufgearbeitet und auf  Inhalte und Anspruch der Kulturvermittlung hinterfragt.   Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung, Universität Mannheim; Jean-François Fayet, Département d’histoire générale, Université de Genève; Anne Hartmann, Lotman-Institut für russische und sowjetische Kultur, Ruhr-Universität-Bochum. Jean-Francois Fayet, Genève:  La VOKS. La Société pour les échanges culturels entre l’URSS et l’étranger.   Traditionnellement qualifiée de „double politique” en référence à sa double vocation révolutionnaire et diplomatique, la politique extérieure soviétique s’enrichit à partir de 1925 d’un troisième volet, officiellement orienté vers la culture, dont l’instrument institutionnel est la VOKS, la Société pour les échanges culturels entre l’URSS et l’étranger. Le but affiché de la VOKS consistait à „aider l’étranger à connaître la culture soviétique et à informer l’URSS des principaux événements culturels étrangers”. Mais un rapport interne de son président, daté de 1931, révèle que la VOKS avait aussi d’autres ambitions, plus politiques:  „Si, dans ses objectifs et ses buts politiques, notre travail ne se distingue en rien de celui du Comintern et du Profintern, il est notablement plus complexe dans sa forme. […] Sans se faire d’illusions sur les perspectives à long terme, ni sur la solidité politique de ces couches fragiles, instables, que sont les membres de l’intelligentsia petite-bourgeoise, la VOKS a pour tâche de neutraliser les campagnes les plus nuisibles contre nous dans ces masses, par une bonne propagande sur la construction socialiste soviétique.”[27] Ce travail s’inscrit dans un projet cohérent d’élaboration et de diffusion d’une image positive et contrôlée de l’URSS à l’étranger, dont l’enjeu est de lui permettre de rétablir sa crédibilité diplomatique et de reconstruire son économie. Cette double ambition de la VOKS — à la fois culturelle et politico-diplomatique — est confirmée par l’analyse de l’organigramme de son personnel qui peut être divisé entre une façade culturelle et des rouages plus traditionnellement communistes. Les dirigeants successifs de la VOKS[28], les représentants plénipotentiaires et les responsables des contacts avec l’extérieur sont des personnalités peu marquées politiquement, souvent formées dans l’émigration, ayant une formation universitaire et parlant plusieurs langues. La direction de la VOKS intègre aussi les principaux acteurs étatiques de la culture soviétique comme les Commissaires du peuple à l’instruction publique et à la santé publique, les représentants des institutions scientifiques et culturelles (Musées, Académies, Universités), des Editions d’Etat, des trusts photographiques et cinématographiques soviétiques. Mais en tant qu’“organisme social”, la VOKS est aussi soumise au double contrôle de l’Etat et surtout du parti. Cette caractéristique explique que figurent aussi parmi les membres fondateurs de la VOKS, et dans toutes ses sections ou bureaux, d’autres personnalités moins „culturelles”, mais plus caractéristiques de l’univers communiste. Ces hommes d’appareil, souvent spécialistes de l’agitprop, sont délégués auprès de la VOKS par la direction centrale de la censure d’Etat (Glavlit), par le Commissariat à la planification (Gosplan), par le Commissariat du peuple aux affaires étrangères (NKID), par le département de propagande du Comité exécutif de l’Internationale communiste (CEIC), ou directement par le Comité central (CC) du PCUS. Enfin, la VOKS collabore activement avec le NKID […].  Read the full article (4 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  André Gounot, Strasbourg:  Die Rote Sportinternationale (RSI).[29] Die Gründung der Roten Sportinternationale (RSI) am 23. Juli 1921 in Moskau erfolgte auf Initiative von N. Podvojskij, des Vorsitzenden der sowjetrussischen Organisation für vormilitärische Ausbildung, sowie unter Beteiligung von Kommunisten aus acht weiteren Ländern. Von Beginn an verstand sich die RSI als Massenorganisation der Komintern (KI); sie wollte eine Gegenkraft zur Luzerner Sportinternationale (LSI) herstellen und die Aktivitäten der Arbeitersportler in eine revolutionäre Richtung lenken. Zu keinem Zeitpunkt geriet allerdings die Vormachtstellung der LSI (die sich 1928 in Sozialistische Arbeitersport-Internationale, SASI, umbenannte) im europäischen Arbeitersport ernsthaft in Gefahr. Auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung um 1931 zählten die RSI-Verbände (den staatlichen Sowjetsport ausgenommen) nicht mehr als 280.000 Mitglieder. Ihre relative Autonomie verlor die RSI bereits im Februar 1923, als der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) die führende Rolle in der kommunistischen Sportarbeit zugeschrieben und zugleich festgelegt wurde, dass die Exekutive der formal als „unabhängige Organisation“ weiter bestehenden „Sportintern“ nach den politischen Direktiven der KI zu arbeiten habe. Im Zusammenhang mit der Volksfront-Politik der KI wich der zuvor klassenkämpferische Sportdiskurs 1935 einer pazifistischen Haltung und dem plötzlichen Bekenntnis zum „olympischen Gedanken“ Pierre de Coubertins. Zugleich umrahmte der sportideologische Wandel die sich immer konkreter abzeichnenden Tendenzen des Sowjetsports, sich in die offiziellen („bürgerlichen“) Fachverbände des internationalen Sports zu integrieren. Im April 1937 wurde die RSI qua Beschluss des Präsidiums der Komintern aufgelöst. Versuche der RSI, eine eigene, politisch definierte „proletarische Körperkultur“ zu entwickeln, standen in einem Spannungsverhältnis zu ihrem Auftrag der Masseneroberung und ließen sich daher schwer realisieren. Die fortwährenden Interessenkonflikte zwischen Sowjetsport und europäischem Arbeitersport lähmten dabei neben der rigiden Anwendung des Prinzips der Parteidisziplin zusätzlich die Organisationsaktivitäten und förderten die passiven Tendenzen unter den Führungskräften der RSI und ihrer Sektionen. Als wichtigste Persönlichkeiten der Sportinternationale können der Berliner Fritz Reußner, der Tscheche Karel Aksamit sowie I. Šeldak (UdSSR) angesehen werden, die vor ihrem Engagement für die RSI wichtige Ämter in der kommunistischen Jugendbewegung bekleidet hatten.   Im vierseitigen Artikel in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007 werden Tabellen über die „RSI-Kongresse und Plenarsitzungen“, „Mitgliederzahlen der Arbeitersportverbände 1931“, sowie „Verbände und Mitgliederstärke der internationalen Arbeitersportbewegung 1935“ publiziert. Bernhard H. Bayerlein, Mannheim: Internationales Frauensekretariat und Frauenpolitik der Komintern.[30]   Das IFS bildete eine der ersten sogenannten „internationalen Zentralleitungen“ der Komintern, die (siehe die Kommunistische Jugendinternationale) im internationalen und/oder nationalen Umfeld als Massenorganisationen für einen breiteren Kreis von Sympathisanten ausgebaut werden sollten.[31] Im Gegensatz zu ihrer Rolle in der bolschewistischen Partei wurden Frauenkultur und Frauenpolitik in der III. Internationale kaum neu erforscht, bisher fehlte häufig der Blick von ganz oben. Die Geschichte der kommunistischen Frauenbewegung in der Weimarer Republik (bspw. des Roten Frauen- und Mädchenbunds (RFMB) als bedeutendste nationale kommunistische Frauenorganisation) beleuchtet, daß ohne den Blickwinkel von der Spitze aus national- und sozialgeschichtliche Phänomene nicht verortet werden können. In Teil I der Synopse liegt der Schwerpunkt auf der politischen Institutionengeschichte bis zum Beginn der 30er Jahre, ergänzt durch biographische Aspekte. In Teil II[32] wird die Chronologie fortgeführt und dabei ausführlicher auf die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte eingegangen.  Die erste Generation der Frauen der Komintern geriet – vielleicht mit der Ausnahme von Clara Zetkin und Alexandra Kollontaj – als internationalistische Frauenavantgarde größtenteils in Vergessenheit. Zu ihr gehörten bspw. die englisch-australische Frauenrechtlerin und Suffragette Dora Montefiore, die französischen Lehrerinnen Marthe Bigot und Lucie Colliard, die holländische Dichterin Henriette Roland-Holst, die Russinnen Varsenika Kasparova und Klavdija Nikolaeva, die Finnin Hanna Malm, die deutsche Politologin Edith Schumann.  Die international vergleichende Betrachtung von Inhalten und Umsetzungen deckt exorbitante Widersprüche der „Frauenpolitik“ der Komintern auf, die in unterschiedlichen geographischen Räumen, nationalen kommunistischen Bewegungen unterschiedlich gefiltert werden und auf die sowjetische Generallinie zurückzuführen sind. Aktionstypen reichen von der weltweiten Kampagne für die Freigabe der Abtreibung zum Verzicht auf diese Forderung, nicht nur in der Sowjetunion, sondern bspw. auch in Frankreich im Volksfrontjahr 1936; vom Engagement für das Frauenwahlrecht bis zum Verzicht auf seine Durchsetzung (so durch die KP Frankreichs), von der Kollontaj’schen freien Liebe, Wilhelm Reichs Engagement gegen die „Sexualnot“ und die bürgerliche Sexualmoral („Sexpol“) oder der Sexualreform Magnus Hirschfelds bis zur Förderung traditioneller Großfamilien im Namen der Stärkung der („sozialistischen“) Nation, von der Kollektivierung der Erziehung zur Beschränkung der Frau auf die Familie und der Förderung einer konservativen Moral. Das aufopferungsvolle Engagement der Frauen – von denen einige zu „stalinistischen Heldinnen“ hochstilisiert wurden, führte auch dazu, daß sie ihre Entrechtung im Stalinismus nicht hinnahmen, offen für sozialistische Positionen Partei ergriffen (und dies mit dem Tod in den „Säuberungen“ bezahlten). Nicht zuletzt die Betrachtung der Frauen, die sich vom Mainstream der Komintern abwandten, erbringt wichtige Aufschlüsse für die vergleichende biographische Frauenforschung und die Gender Studies insgesamt. Read the article in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.   Fredrik Petersson, Åbo:  The League against Imperialism: The Most Valuable Organizational Tool for Bolshevik Propaganda in the „Imperialist” and Colonial World during the Interwar Era? Synopsis of a doctoral thesis. On the 21 of February 1927, German Communist Willi Münzenberg, main man in charge of constructing different front organizations and other propaganda manoeuvres within the Communist International (Comintern) organisational apparatus in Europe,[33] sent the Secretariat of the Executive Committee (ECCI) in Moscow a letter, informing on the unexpected success of the „First International Congress in Support of the Oppressed Peoples in the Colonies” in Brussels, Belgium (10-15/2-1927). Münzenberg claimed that it was now only a matter of creating a large organization and for it to remain „steady in our [Comintern] hands”.[34] The item to remain „steady” was the League against Imperialism and for National Independence (LAI). Two and half years later, in the aftermath of the Second International LAI Congress in Frankfurt am Main, Germany 2031/7-1929, the situation looked somewhat different, leaving no traces of enthusiasm. The Eastern Secretariat of the ECCI concluded that the Congress „did not reflect a historical fact of world importance and failed to give it a definite organisational form”.[35] A point of view Münzenberg at first did not share, on the contrary, he argued on the one hand that the Congress was a „powerful demonstration” against the imperialist system and in support of the Soviet Union. On the other hand, a considerable organisational improvement was evident.[36] A state of conflict and tension in the network between Münzenberg, LAI’s International Secretariat in Berlin, and Comintern headquarters in Moscow was a common feature, as it has turned out, throughout its existence.  The LAI has been constructed and controlled under communist influence during the years 19271933. After the Reichstag fire in Berlin 27 of February 1933 the entire anti-imperialist network was shredded to pieces, and as a consequence, proved too difficult to mend by its chief architect Münzenberg. Reginald Bridgeman, English Socialist and Secretary of the English Section of the LAI received authority from Moscow to run the League.[37] […] Read the full article (7 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Section V:           New Publications – Reports and Reviews   Section V.1:  Reviews.   Droit, Emmanuel; Kott, Sandrine (eds.): Die ostdeutsche Gesellschaft. Eine transnationale Perspektive, Berlin, Ch.Links, 2006. 299 p. (Rezensiert von Renate Hürtgen, Berlin). Kommunismusforschung „à la française“. Die französische DDR-Forschung wurde bis 1989 bekanntermaßen in enger Verbindung zur Kommunistischen Partei und hier bevorzugt von Germanisten betrieben. Obwohl die kommunistische Bewegung in Frankreich nicht isoliert am Rande der Gesellschaft existierte und auch ihre Kommunismusforschung durchaus gebührenden Platz darin fand, blieb letzterer nach 1989 das Ende nicht erspart.[38] Aber was trat an diese Stelle oder bedeutete es das Aus für die Forschung, war das Interesse am „Osten“ in Frankreich erlahmt? Mitnichten. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es über 50 Dissertationen und Habilitationen, die sich mit der DDR und den neuen Bundesländern befassen, Seminare und Zeitschriften widmen sich in Frankreich diesem Thema, etwa 25 Neuerscheinungen wurden inzwischen veröffentlicht, und nicht zuletzt ist die Gründung einer Forschungsgruppe 1996 am Berliner Centre Marc Bloch, die sich der DDR und den neuen Bundesländern widmet, ein beredter Ausdruck dieses Interesses. Die Wissenschaftler/innen kommen nicht mehr nur aus der Germanistik, sondern aus der Politikwissenschaft, der Soziologie, Geschichte, Geographie, der Ethnologie, der Anthropologie oder der Wirtschaftswissenschaften. Wer seine Ignoranz gegenüber diesem Prozeß einer Art Neuformierung der französischen Kommunismusforschung überwinden und sich auf anregende Weise mit den Ergebnissen der jüngsten französischen DDR-Forschung vertraut machen möchte, der sollte diesen von Sandrine Kott und Emmanuel Droit herausgegebenen Band lesen, der ein im März 2005 in Berlin veranstaltetes Kolloquium in deutscher Sprache dokumentiert. Er findet darin Dreierlei: 1. Zwölf Beiträge von jungen französischen Wissenschaftler/innen aller genannten Disziplinen, die hier ihre Forschungsergebnisse vorstellen, 2. vier diese Beiträge kommentierende Texte von deutschen und anglophonen Wissenschaftler/innen (Jens Gieseke, Thomas Lindenberger, Ralph Jessen, May Fulbrook) sowie 3. fünf Beiträge von „gestandenen“ französischen Wissenschaftler/innen, die jeder auf seine Weise Einblick in den differenzierten Stand der französischen DDR-Forschung und darüber hinaus der Sozialgeschichtsforschung in Frankreich geben. […] Read the full article (3 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.    Kondakova, I.A. (ed.): Otkrytyj archiv-2. Spravočnik sbornikov dokumentov, vyšedšich v svet v otečestvennych izdatel’stvach v 1917-2000 gg., Moskva, ROSSPEN, 2005. 432 p. (Rezensiert von Gleb Albert, Köln). Die „Archivrevolution“ im postsowjetischen Rußland öffnete nicht nur neue Horizonte für die Geschichtsforschung, sondern schlug sich auch auf dem Buchmarkt nieder. Seit den frühen 1990er Jahren erschienen weltweit Hunderte von Dokumentenbänden, welche die Bestände sowjetischer Archive der Öffentlichkeit präsentieren. Dabei erweist sich Rußland mit Abstand als führend in der Publikation. Die Aufarbeitung der archivalischen Hinterlassenschaften des Sowjetstaates ist nicht nur ein nach Plan ausgeführtes Anliegen staatlicher Forschungsinstitutionen (siehe den Artikel von Vladimir P. Kozlov in der vorliegenden Ausgabe), sondern steht im Zentrum des intellektuellen Diskurses des Landes und wird von zahlreichen nichtstaatlichen Institutionen vorangetrieben. Dabei begann die groß angelegte Veröffentlichung von Archivprovenienzen und anderen dokumentarischen Quellen nicht etwa erst mit dem Fall der Sowjetunion. Dies widerlegt eindruckvoll das im letzten Jahr erschienene bibliographische Verzeichnis aller Dokumentenpublikationen zwischen 1917 und 2000.  Während sich die erste Ausgabe der Bibliographie „Otrytyj archiv“ („Offenes Archiv“) mit Dokumentenpublikationen in sowjetischen bzw. russischen historischen Zeitschriften von 1985 bis 1996 befaßte, konzentriert sich „Otkrytyj archiv-2“ nun auf Editionen, die über den gesamten Zeitraum der Existenz des Sowjetstaates einschließlich der Russischen Föderation bis 2000 in sowjetischen bzw. russischen Verlagen erschienen sind. Dabei werden keine Einschränkungen hinsichtlich Epochen und Quellentypen getroffen, und die Art der publizierten Dokumente reicht von bürokratischer Korrespondenz bis zu privaten Tagebüchern. Das Verzeichnis beinhaltet (bis 1991) auf dem gesamten Territorium der Sowjetunion erschienene Sammelbände, so daß sowohl die russische Provinz als auch die Unionsrepubliken mit ihren Publikationen vertreten sind. Thematisch offenbart sich ein äußerst breites Spektrum – neben den, zweifellos dominierenden, Veröffentlichungen zur Innen- und Außenpolitik findet sich hier eine Vielzahl von Publikationen zur Kultur- und Alltagsgeschichte. Zu einem unerläßlichen Werkzeug der Geschichtsforschung wird die Bibliographie vor allem durch einen ausführlichen, über 60 Seiten umfassenden Register-Anhang. Dieser verweist unmittelbar auf die individuell durchnummerierten Publikationen; es existieren eigene Register für Personennamen, inhaltliche Schlagworte, Organisationen und Parteien, Archive, geographische Bezeichnungen, Verlage und sogar chronologische Zeiträume. Die umfassende Berücksichtigung der Publikationstitel jenseits jeglicher Auswahlkriterien sowie ihre systematische Erfassung durch die Register machen „Otkrytyj archiv-2“ zu einem unverzichtbaren Handwerkzeug. Schnell und gründlich lassen sich hier die bereits erschlossenen Quellenbestände zu einem Thema überblicken; eine Konsultierung des Verzeichnisses sollte idealerweise vor jeder Arbeit in den russischen Archiven erfolgen. Darüber hinaus lassen sich anhand dieser Bibliographie wichtige Einschätzungen zu Wissenschaft, Verlagswesen und Propaganda in der Sowjetunion vornehmen. Read a more circumstancial Review in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.    Foitzik, Jan; Timofejewa, Natalja P. (Bearb.): Die Politik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Kultur, Wissenschaft und Bildung 1945-1949. Ziele, Methoden, Ergebnisse. Dokumente aus russischen Archiven. (Rezensiert von Anne Hartmann, Bochum).[39]  Diese Dokumentation ist eine Fundgrube für die Forschung! – künftig unverzichtbar für jede wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sowjetischen Besatzungszone, aber auch ergiebig für einen quellengestützten Unterricht an Schulen und Hochschulen. Zeitzeugen wie der evangelische Bischof Otto Dibelius hatten schon 1949 festgestellt, „daß unser öffentliches Leben bisher unter der alleinigen Herrschaft und Verantwortung der Besatzungsmacht stand“ (S. 37). Die umfassende Lenkungsfunktion der SMAD nicht nur zu behaupten, sondern sie dokumentarisch nachzuweisen und damit zu den konkreten Mechanismen von Politik und Herrschaftsausübung durch die sowjetische Besatzungsmacht vorzustoßen, wurde erst möglich, seitdem der früher geheime Aktenbestand in den russischen Archiven – zumindest größtenteils – zugänglich wurde. Im Rahmen eines deutsch-russischen Kooperationsprojekts wurden ca. 12.000 Aktenbände im Staatsarchiv der Russischen Föderation ausgewertet; die Ergebnisse sind in einer russischen Ausgabe (320 Dokumente) und einer parallelen, aber weniger umfangreichen deutschen Edition (150) publiziert worden. Der Historiker Jan Foitzik, der 1999 bereits eine große Studie zu „Struktur und Funktion“ der SMAD vorgelegt hat, und seine russische Kollegin Natalja Timofejewa präsentieren reichhaltiges Material zur Vorgehensweise der SMAD in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Bildung.  Der erste Abschnitt „Kontrolle und Lenkung“ versammelt Dokumente, die die Rahmenbedin- gungen erkennbar machen, vom Aufbau des Apparats über die Beschlagnahmung nazistischer Literatur und die Säuberung von Bibliotheken bis zu Verbots- und Zensurmaßnahmen gegenüber Parteien, Vereinigungen, Medien und Kirchen. Aus der Spannbreite der Texte und Themen wird ersichtlich, wie vielfältig die Bereiche waren, in denen die Instanzen der SMAD Regulierungsbedarf sahen. Der zweite Teil „Bildung und Wissenschaft“ dokumentiert ihren ordnungspolitischen Zugriff gegenüber Schulen, Hochschulen, Forschung und Volksbildung, aber auch die Versorgungslage und politische Stimmung innerhalb der Intelligenz. Auch die „Kulturpropaganda“, über die der dritte Teil informiert, war vornehmlich präskriptiv angelegt, um – besonders durch die Kulturabteilung der SMAD, das Haus der Kultur der Sowjetunion in Berlin und die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion – gezielt und offensiv für das sowjetische Politik-, Wissenschafts- und Kulturmodell zu werben. Die mit Einleitungen der beiden Bearbeiter und – in der deutschen Fassung – vorbildlichen „Editorischen Vorbemerkungen“ versehene Quellenedition ermöglicht bemerkenswerte Einblicke in das innere Getriebe der SMAD und hinter die Fassade der ritualisierten Hilfs- bzw. Freundschaftsbekundungen. Gerade die dirigistischen Züge der sowjetischen Kulturpolitik treten scharf hervor, doch wird auch erkennbar, dass Ordnungswahn und umfassende Propagandaplanung letztlich kontraproduktiv wirkten. Die Herausgeber gehen davon aus, dass das „vorgestellte Quellenmaterial die Fachdiskussion mehr anregt als klärt“ (S. 40). Es ist zu wünschen, dass viele dieser Einladung folgen und diese verdienstvolle Edition nutzen.  Read a 7 Pages Review in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.    Murphy, Kevin: Revolution and Counterrevolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory, New York, Berghahn, 2005. 234 p. (International Studies in Social History. 6). (Rezensiert von Gleb Albert, Köln). Daß die Arbeiter in der als „Arbeiter- und Bauernstaat“ proklamierten Sowjetrepublik durchaus nicht immer den Staatskurs unterstützten, sondern den Kampf um ihre Rechte auch gegen diesen fortsetzten, ist mittlerweile Forschungskonsens. Das Wesen dieses Kampfes ist allerdings bislang nur kursorisch untersucht worden. Die vor der „Archivrevolution“ verfaßten westlichen Studien zu Arbeiterleben und Arbeiterkonflikt in der frühen Sowjetunion[40] konnten zum größten Teil nur auf öffentliche Quellen zurückgreifen. Nachdem im Laufe der letzten Jahre die allgemeine Geschichte der frühsowjetischen Arbeiterproteste von neuem in Angriff genommen werden konnte,[41] liegt nun mit der Monographie von Kevin Murphy eine der ersten detaillierten Analysen zur Rolle der Arbeiter im frühen Sowjetstaat in Form einer fabrikbezogenen Fallstudie vor.[42]  Die mit dem Isaac & Tamara Deutscher Memorial Prize ausgezeichnete Untersuchung zielt darauf ab, anhand des Beispiels der Moskauer Metallfabrik „Serp i Molot“ („Hammer und Sichel“) die Beziehungen zwischen den Arbeitern und dem Staat zu untersuchen und die Entwicklung von der durch die Arbeiter mitgetragenen Revolution 1917 hin zur Epoche des Ersten Fünf-JahresPlans als „Konterrevolution“ nachzuzeichnen. Das Moskauer Metallwerk des französischstämmigen Industriellen Julij Gužon, welches nach der Oktoberrevolution umbenannt wurde, war bereits im späten Zarenreich Kulminationspunkt der Moskauer Arbeiterbewegung. Eine dezidiert marxistische Position einnehmend und sich auf Trockij und Tony Cliff berufend, widerspricht Murphy sowohl dem Diskurs des Kalten Krieges, nach dem sich die Arbeiter vollständig dem Sowjetregime ergeben hätten, wie auch der „postmodernen“ Wahrnehmung von Klasse als konstruierte Identität. Für Murphy besteht eine Kontinuität zwischen dem Arbeiterkampf, der zur Oktoberrevolution führte, und dem Konfliktpotential zwischen Arbeitern und Sowjetstaat – ein anhaltender Klassenkampf also, der erst mit dem Sieg des stalinistischen Produktivitätsethos zum Erliegen kam. Es gelingt dem Autor nicht immer, diese Kontinuität plausibel nachzuweisen, dennoch offenbart die vorliegende Untersuchung vor allem durch das reichhaltig konsultierte Archivmaterial viele neue Einblicke. Die Perspektive „von unten“ wird durch die Hinzuziehung von Quellen wie Mitschriften von Versammlungen und Arbeiter-Memoiren bewahrt. Read a circumstancial 4 Pages Review in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Renkama, Jukka: Ideology and Challenge of Political Liberalisation in the USSR. 19571961. Otto Kuusinen’s „Reform Platform“, the State Concept and the Path to the 3rd CPSU Programme, Helsinki, SKS, 2006. 396 p. (Reviewed by Tauno Saarela, Helsinki). Otto Ville Kuusinen’s reputation as a significant international and Soviet politician was based on his activities as secretary of the Communist International in 1921-39 and as member of the leadership of the Communist Party of the Soviet Union (CPSU) at the end of the 1950s and the beginning of the 1960s. Jukka Renkama in his recent dissertation has studied the later phase, during which Kuusinen tried to liberalise the ideological stands of the CPSU. His contributions to that liberalisation consisted of some proposals concerning the notion of the „dictatorship of the proletariat“ in 1957 and also the programme of the CPSU in 1961. During that time he was involved in editing the book The Fundamentals of Marxism-Leninism. The effort of liberalisation concerned mainly the question how the state could be characterised in the Soviet Union in the late 1950s. Kuusinen still shared the opinion that the communists, after the take-over of the power, had to establish a dictatorship of the proletariat, but he did not want to state that there existed a dictatorship of the proletariat in the Soviet Union. This choice was guided by the wish to express a vast support of socialism in the Soviet Union but also by the fear of recurrence of the violent past.  Renkama’s book is an excellent study in the history of ideas. It consists mainly of the comparison of various ideas and concepts. Renkama performs that comparison very well, but it might have been possible to pay more attention to the situation in which the texts were written. To speak about the character of the state was not the same issue for those who reached out for power as for those who already held the power, that is, it was not the same issue for Marx and Engels as it was for Kuusinen in the 1950s. Considering this would have given some possibilities to the author to shorten and combine the analysis of various concepts and ideas. Renkama relates Kuusinen’s thinking to other contemporary contributions by studying the programmatic texts written in Hungary, Yugoslavia and China. Thus he aptly reveals the internationalism of the communist movement. That internationalism would also have given reasons to ponder on the possible challenge the Western communist parties posed the CPSU after the Hungarian events in 1956, in particular. Renkama does not consider Kuusinen and the other communists so almighty that he would not dare to consider the inherent contradictions in their thinking. Kuusinen, for instance, opted for the development of a self-government but on the other hand considered self-evident that the communist party continues to have a leading position. The analysis of contradictions deriving from that is carried out in an excellent way.  Renkama brings up the questions concerning the relationship existing between general ideological statements and the practical political and economic issues. For instance, the idea that capitalist countries were to attack socialist countries could be a reason to argue for strong repression apparatus or the developement of war industry. […] Read the full article (2 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Wettig, Gerhard: Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963. Drohpolitik und Mauerbau, München, Oldenbourg, 2006, 312 p. (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. 67). (Rezensiert von Rolf Steininger, Innsbruck). In der Nacht zum 13. August 1961, einem Sonntag, begann jene Aktion, die zu den einschneidendsten Ereignissen der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte gehört: SED-“Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, Volkspolizei und Einheiten der Nationalen Volksarmee – mit strategischer Rückendeckung der Roten Armee – riegelten die 110 km lange Außengrenze zwischen West-Berlin und der DDR sowie die 45 km lange Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin mit Stacheldraht ab. In den folgenden Wochen und Monaten wurde aus dem Stacheldrahtverhau eine Mauer – Symbol für den Kalten Krieg und den OstWest-Konflikt. Der Mauerbau war der Höhepunkt einer Krise, die der sowjetische Führer Nikita Chruschtschow im Herbst 1958 ausgelöst hatte und die erst 1963 endete. Sie gehört zu den gefährlichsten Zuspitzungen des Kalten Krieges und war nach Einschätzung des damaligen stellvertretenden US-Verteidigungsministers Paul Nitze gefährlicher als die Kuba-Krise 1962: wegen der Gefahr von Fehleinschätzungen, insbesondere auf sowjetischer, aber auch auf westlicher Seite. Der Mauerbau war denn auch so etwas wie das Sujet célèbre der Zeithistoriker, wobei der Zugang zu den Quellen ein besonderes Problem darstellte. Im Lauf der Jahrzehnte standen allerdings auf westlicher Seite immer mehr Akten zur Verfügung, sodass wir zum 40jährigen „Jubiläum“ des Mauerbaus ziemlich genau über die Politik der Westmächte Auskunft geben konnten. Mit Blick auf die Sowjetunion und die DDR gab es allerdings nach wir vor mehr Fragen als Antworten. Weshalb löste Chruschtschow die Krise aus? Warum in Form eines Ultimatums? Welche Rolle spielte die SED-Führung, allen voran Walter Ulbricht? Wann wurde die Entscheidung für den Bau der Mauer getroffen, und wer traf sie? War der Mauerbau der Höhepunkt der Krise? Und was die Konfrontation am Checkpoint Charlie im Oktober anging: Geschah dies mit Zustimmung von US-Präsident Kennedy oder war dies eine einsame Entscheidung seines Repräsentanten in West-Berlin, General Lucius D. Clay? Und was bewegte Chruschtschow beim Rückzug der sowjetischen Panzer? Bei allen diesen Fragen waren wir größtenteils auf Spekulationen angewiesen, trotz einiger neuer Dokumente aus der ehemaligen DDR. Einer der besten Kenner der sowjetischen Deutschlandpolitik nach 1945, Gerhard Wettig, ehemals Forschungsbereichsleiter am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln und Chefredakteur der Zeitschrift „Außenpolitik“, gibt in seiner neuen Arbeit Antworten auf einige dieser Fragen. Wettig hat sowjetische Dokumente auswerten können, in erster Linie Bestände des Archivs des russischen Außenministeriums und des russischen Staatsarchivs für Neueste Geschichte, dem ehemaligen Archiv des ZK der KPdSU. Ergänzend dazu hat er Material aus Archiven der ehemaligen DDR benutzt. Keinen Zugang hatte er zum Präsidentenarchiv in Moskau erhalten, dem zweifellos wichtigsten Archiv in der russischen Hauptstadt, in dem selbst russische Forscher nur in seltenen Ausnahmen arbeiten können.  Read the full review (2 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.    Forthcoming Reviews The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007 shall contain the circumstancial versions of the reviews published here and in addition, the following new reviews: Moullec, Gael (ed.): Dimitrov, Georgi. Journal 1933 – 1949. Version intégrale et annotée par Gael Moullec. Avec la collaboration de Jordan Baev, Tamara V. Domratcheva, Zoia K. Vodopianova. Traduction de l’allemand par Anne Castagnos-Sen, traduction du russe par Tatiana Zazerskaia, traduction du bulgare par Assia Stantcheva, Paris, Belin, 2005. 1505 p. (reviewed by Bernhard H. Bayerlein).   Hürtgen, Renate: Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Vertrauensleute des FDGB im DDR-Betrieb, Köln-Weimar-Wien, Böhlau Verlag, 2005 (reviewed by Mathieu Denis).   Pereira, José Pacheco: Alvaro Cunhal, uma biografia política. Volume I: „Daniel“, o jovem revo-lucionário (1913–1941), Lisbon, Temas e Debates, 1999. 477 p.; Volume II: „Duarte“, o dirigente clandestino (1941–1949), Lisbon, Temas e Debates, 2001. 872 p.; Volume III: O Prisioneiro (1949-1960), Lisbon, Temas e Debates, 2005. 748 p. Introductory note by José Pacheco Pereira (reviewed by Bernhard H. Bayerlein).   Scheil, Stefan: Fünf plus Zwei. Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die ver-einte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, Berlin, Duncker & Humblot, 2. Aufl. 2004. 533 p. (Zeitgeschichtliche Forschungen. 18).   Selezneva, G.N. e.a. (eds.): Rasstrel’nye spiski. Moskva 1935-1935. Donskoe kladbišče (Donskoj krematorij). Kniga pamjati zertv politiceskich repressij. Obščestvo Memorial, Moskva, Izd. Zvenja e.a., 2005. 596 p. (reviewed by Robert Otte, Berlin).   Gorjačev, Ju.V. (ed.): Central’nyj komitet KPSS, VKP(b), RKP(b), RSDRP(b). Istorikobiografičeskij spravočnik, Moskva, Parad, 2005. 496 p. (reviewed by Robert Otte, Berlin). Section V.2:  Presentations and Publishers’ Announcements.   Datta Gupta, Sobhanlal: Comintern and the Destiny of Communism in India. 1919-1943. Dialectics of real and a possible History, Calcutta, Seribaan, 2006. XXI + 329 p.   The book is the culmination of the author’s research for more than a decade on one of the most debatable and sensitive issues concerning the history of the Left and communist movement in India. The opening up of the Comintern archives in Moscow in the 90s has now made it possible for the scholars to have the first glimpse of how the destiny of the Communist Parties of’ the world in the inter- War period was defined by politics inside the Comintern which, in turn, were predominantly shaped by the struggle for power inside the Soviet Communist Party after Lenin’s death. With the accessibility of the Comintern archives a massive literature has emerged in the West (primarily in Russian and German, besides English), leading to a reinterpretation of the understanding of Comintern as a historiographical problem in the light of these new sources. The book, based on these materials (archival and non-archival), provides for the first time an entirely new analysis of Comintern’s impact on the shaping of Indian communism and argues about the alternative possibilities of the Left and communist movement in India in the light of documents which were suppressed or unknown till now. This reinterpretation of the role of Comintern (1919-1943), which masterminded the beginning and shaping of communism in India, will contribute to a refreshingly new understanding of the problems, complexities and crisis that communism in India has encountered in its long history.  Besides the Comintern archives, the book is based on materials from the archives of the Communist Party of Great Britain (CPGB), which include the papers of Rajani Palme Dutt, Harry Pollitt, Ben Bradley, the stenographic records of the Central Committee, Politbureau and the Party Congresses of the CPGB, all relating to the links between the CPGB, India and Comintern, papers from the Public Records Office, UK and the Private Papers of Horst Krueger in Berlin.    The book has the following chapters. Chapter I: Comintern: the new historiography. Chapter II: The colonial question and India in the Lenin era: 1919-1923. Chapter III: India and the East in the period of’ „Bolshevization“ and „Third Period“: 1924-1934. Chapter IV: The Indian question in the era of United Front and War: 1935-1943. Chapter V: Comintern and the Indian revolutionaries in Russia. Chapter VI: Indian communism: Dialectics of real and a possible history.   Krekola, Joni: Stalinin lyhyt kurssi. Suomalaiset Moskovan Lenin-koulussa 1926-1938, Helsinki, SKS, 2006. 445 p.   The study of the Finns at the International Lenin School (ILS) reflects the history of the Soviet Union during Stalin’s era, the history of the Communist International (Comintern) as well as the history of Finnish communism. The life span of the ILS (1926–1938) coincides with the creation and the establishing of the power structures of Stalinism. Both the ILS and Finnish Communism in the USSR became casualties of the Great Terror (1937–1938). After the WW2, however, the Soviet education was appreciated inside the Communist Party of Finland (CPF).  The Finnish teachers of the ILS, altogether numbered 26, were usually leaders of the CPF that was headquartered in Moscow. At the ILS studied in total 141 Finnish communists. The purpose of the ILS was to educate the communist parties’ leading stratum of functionaries by combining the theory of Marxism-Leninism with practices of party work. The students were supposed to internalize current values, methods and discipline of the Bolsheviks. The study evaluates the effects of the total school experience on the Finns that often ended in another total institution in Finland: prison.  The Finnish sector at the ILS started in the autumn of 1930 when communism in Finland was forced underground. In the 1930s, most of the Finns studied using their own language at the ILS short courses that lasted from nine months to two years. After the first term, the graduates were usually sent back to party work as district organisers in Finland. When having carried out the illegal work in hard conditions successfully, they were offered another year at the ILS advanced course. The Finnish state police, however, succeeded in arresting most of the Soviet educated students, preventing the circulation of cadres from running smoothly. Despite the strict control at ILS, an informer infiltrated the Finnish sector in 1934. He revealed the secrets of the ILS during the police interrogations right after returning back to Finland. The curricula of the ILS consisted of theory of Marxism-Leninism, party history, political economics and other subjects concerning the campaigns of Stalinism. The Finnish students participated in military training, and they learned techniques of illegal party work. The ILS year included participation in Bolshevik party life and practical work. During summer excursions (praktikas) the students could acquaint themselves with building of socialism in the Soviet Republics. At the ILS, the intention to ideological moulding was not hidden. The students were supposed to adopt the Stalinist identity of the professional revolutionaries of the era. The disintegration of the ILS started already in the mid-1930s after the 7th Comintern congress. The new tactics of the people’s front combined with increasing pressure on the foreigners inside the USSR contributed to reserving the ILS for students from illegal parties only. Since the breakout of the Spanish civil war in summer of 1936, only few new students were accepted. The final shutdown followed in early 1938 when the Comintern workers including the Finnish ILS teachers were severely hit by Stalinist terror. The last Finnish students had to witness the disappearance of their leaders in Moscow. After a curious additional year, the majority of the graduates was sent back to Finland in the autumn of 1938. Read a more circumstancial presentation (2 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Saarela, Tauno: Kansan Tahto. Pohjolan työtätekevien lehti, Jyväskylä, Gummerus Oy, 2006. 448 p. Newspapers have been important for the Finnish labour movement. The first labour newspaper was founded in Helsinki in 1886 and by the end of the century there were three papers in the country. An actual wave of foundation took place in 1905-06 when labour associations in various towns started their own newspapers. That coincided with the dramatic increase in the membership of the labour movement as the ban on the creation of new organisations issued in 1899 by the Russian authorities had been abolished after the general strike in November 1905. The general strike also made the tsar to give a promise to establish a new unicameral parliament based on universal suffrage in Finland. Many of those newspapers born after the general strike have disappeared but Kansan Tahto (Will of the People), which started in Oulu in the beginning of February 1906, is still alive. […] Kansan Tahto began its life as an organ of the Social Democratic Party (SDP). The abortive revolution and the Civil War in 1918 and the orientation after them created basis for the division of the labour movement in Finland. In spring 1920 Kansan Tahto decided to leave the SDP which was re-founded in spring 1918 by those who had not participated in the revolution and to become an organ of the Socialist Workers’ Party of Finland (SSTP). Thus Kansan Tahto wanted to belong to the left of the Finnish labour movement which, besides the SSTP, consisted of the Communist Party of Finland (SKP) founded by the Red refugees in Moscow in August 1918 and forbidden in Finland up to autumn 1944. At that time the left of the Finnish labour movement was reorganised as the SKP became public and a new organisation, The People’s Democratic League of Finland (SKDL), was founded. Kansan Tahto was an organ of the latter from 1945 to its dissolution in 1990 and since then an organ of the Left Union. Thus Kansan Tahto has contributed to the large support of the leftist labour movement in Northern Finland and its past is an essential part of the history of that movement in the area. […] New communist doctrine could achieve strong influence, and in the end of the 1920s Kansan Tahto was very eager to propagate the ideas of the new revolutionary period. It was, however, the general commitment to the communist movement which contributed to the ban of the newspaper from summer 1930 to autumn 1945. The same kind of strong commitment was evident as Kansan Tahto started to appear after the long interval in 1945 […].  Kansan Tahto started rebellion against the narrow-mindedness and orthodoxy of the communist movement in October 1964. The actual starting point was the dismissal of Nikita Khrushchev after which the newspaper started a new section for readers’ discussion unusual in the labour newspapers at that time. […] Thus Kansan Tahto, contrary to the leadership of the SKDL and SKP, did not strongly criticise the occupation of Czechoslovakia in 1968 and did not allow the criticism of the Soviet Union on its pages. In the internal disputes of the Finnish communist movement it, however, followed the majority line, though it was not very enthusiastic about the deals made between the majority and minority and considered them dangerous for the rules of the party. During its hundred years Kansan Tahto has filled its promise to be the organ of the poor in Northern Finland in a splendid way. […] Read the full article (4 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Bayerlein, Bernhard H.: „Der Verräter, Stalin, bist Du!“. Vom Ende der linken Solidarität. Sowjetunion, Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939 – 1941. Unter Mitarbeit von Natal’ja Lebedeva, Michail Narinskij und Gleb Albert. Mit einem Zeitzeugenbericht von Wolfgang Leonhard. Vorwort von Hermann Weber, Berlin, Aufbau-Verlag, 2006, 700 p. Das als historische Collage angelegte Buch beleuchtet erstmals systematisch und international vergleichend das traumatische Ende des Antifaschismus und einer Kultur der linken Solidarität als unmittelbare Folge des Nichtangriffs- und Freundschaftsvertrags zwischen Stalin und Hitler. Es enthält die Chronik eines politischen und kulturellen Bruchs mit unabsehbaren Folgen, der aufgrund der Dokumentenlage bisher kaum beschrieben und historisch eingeordnet werden konnte. Dabei werden eine Reihe sich hartnäckig bis heute haltende Tabus gebrochen und der Ursprungsmythos des Antifaschismus zerstört.  Der siegreiche Einsatz der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg verdrängte im historischen Diskurs die „dunklen Jahre“ der Kooperation der Diktatoren von 1939 bis 1941, kann sie jedoch nicht ungeschehen machen. Ausgehend von der Anklage des genialen und aufrechten antifaschistischen Propagandisten, Willi Münzenberg „Der Verräter, Stalin, bist Du!“, illustrieren Dokumente der Staats- und Parteiführungen, der Instrukteure der Komintern, der KPD und der kommunistischen Parteien in Moskau, Berlin, Paris, Amsterdam, Sofia …, was bisher nicht umfassend nachgewiesen werden konnte: Die politischen Instruktionen, Mechanismen, Propagandastrategien, Umdeutungen, chaotischen Wendungen, rhetorischen Bemäntelungen und zynischen Rechtfertigungen, mit denen, im Namen eines linken Diskurses und der Verteidigung der Sowjetunion in Wahrheit der antifaschistische Grundkonsens aufgekündigt wurde.  In Deutschland weitgehend unbekannte Dokumente aus Berliner, Moskauer und Pariser Archiven, Kommentare, Chroniken sowie ein Zeitzeugenbericht von Wolfgang Leonhard belegen: Die offizielle, mit dem Stalin-Hitler-Pakt besiegelte Freundschaft zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion zwang im September 1939 die kommunistische Bewegung zur Absage an Internationalismus und Solidarität. Stalins bisher kaum nachvollziehbare Doppelstrategie eines längerfristigen Bündnisses mit Hitler und der neo-imperialen bzw. -zaristischen Ausrichtung wird in der Rückschau plausibler, ihr Scheitern gegenüber Hitlers „Plan Barbarossa“ noch dramatischer. Die willkürlichen Neuaufteilungszenarien der Welt gemeinsam mit dem verbrecherischen HitlerRegime und die Instrumentalisierung der Komintern und der kommunistischen Parteien für solche Ziele, werden systematisch rekonstruiert – allerdings auch Opposition und Widerstand von Parteimitgliedern und Intellektuellen. Das Buch illustriert zugleich die Niederlage einer Politik, die den inneren Verrat zum Gestaltungsprinzip erhoben hatte. Im letzten Werk vor seinem Tod schrieb Walter Benjamin stellvertretend für eine Linke, die sich ihr Denkvermögen und ihre Würde bewahrt hatte: Es sei nun eine Situation eingetreten, in der „(…) die Politiker, auf die die Gegner des Faschismus gehofft hatten, am Boden liegen und ihre Niederlage mit dem Verrat an der eigenen Sache bekräftigen“. Read more about this book in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Weissman, Susan: Dissident dans la révolution. Victor Serge. Une biographie politique, Paris, Syllepse, 2006. 440 p. Victor Serge a été le témoin des grandes tragédies et des espoirs qui ont marqué le 20e siècle. Susan Weissman s’attache dans cette biographie à nous faire découvrir un Serge inattendu: elle nous fait suivre pas à pas le développement de la pensée et de l’action de l’auteur de „S’il est minuit dans le siècle“.  Russe élevé en Belgique, son parcours se poursuit à Paris où l’entraînent ses convictions anarchistes. Il y fréquente la célèbre bande à Bonnot et, après une lourde condamnation, il rejoint Barcelone où couve l’insurrection. Attiré comme par un aimant par la révolution des soviets, il gagne Petrograd où il découvre une révolution en danger. Il devient rapidement proche des bolcheviks dont il rencontre les plus éminents dirigeants, Lénine et Trotski notamment, et participe à la lutte désespérée de cette révolution pour briser son isolement et son étranglement.  Victor Serge est aussi le témoin accusateur de la montée victorieuse du cancer bureaucratique stalinien, qui détruit de l’intérieur la Russie soviétique et la révolution. Arrêté en Union Sovietique, déporté, il est sauvé d’une mort certaine grâce à une campagne internationale pour sa libération. Exilé à Paris, il est pris dans la tourmente du Front populaire, de la révolution espagnole et des procès de Moscou. Quand les chars nazis déferlent sur la France, il prend la route de son dernier exil: le Mexique.  Révolutionnaire épris de liberté et d’humanisme, Victor Serge a développé une vision critique, voire iconoclaste, du processus soviétique, ce qui l’a conduit à de nombreux désaccords avec Trotski dont il partageait le combat pour un socialisme démocratique dans la Russie stalinienne et dans le monde capitaliste. Section VI:  Meetings and Conferences Concerning Communist Studies.     Past Meetings and Conferences 2006.   Nottingham, United Kingdom, 3–5 January 2006: Study Group on the Russian Revolution 32nd conference. http://www.basees.org.uk/sgrusrev.html#XXXII. London, United Kingdom, 4 February, 2006: Conference on 1956: The year of Khruschev’s se-cret speech, the year of the Russian invasion of Hungary and the Anglo-French invasion of Suez. Socialist Historians Group. conference2006@londonsocialisthistorians.org. Dresden, Germany, 7 – 9 February 2006: Konferenz Totalitarismus und Literatur. Über Rolle und Funktion von Literatur in totalitären Systemen. Veranstalter: Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung. www.stiftung-aufarbeitung.de. Amsterdam and Leiden, The Netherlands, 9–11 February 2006: Maoist Insurgencies in Asia and Latin America, Workshop organized by International Institute of Asian Studies, Leiden & International Institute of Social History, Amsterdam and Leiden. www.iisg.nl/news/maoist.php. Berlin, 22 – 24 February 2006: .hist 2006. Geschichte im Netz, Praxis, Chancen. Visionen. Ta-gung des Kooperationsverbundes Clio-online an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. http://www.clio-online.de/hist2006/ • Bergamo, Italy, 3–4 March 2006: Madeleine Rébérioux et l’histoire sociale entre la France et l’Italie. Seminaire à l’hommage de Madeleine Rébérioux (1920-2005), Université de Bergamo. http://www.ialhi.org/news/i0602_7.html Berlin, 3 – 4 March 2006: Rosa Luxemburg und die Diskussionen der Linken in der Gegenwart. Internationale Konferenz, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin.  http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=10933&type=0 Stuttgart, Germany, 11 – 12 March 2006: Workshop zum 90. Geburtstag von Theodor Berg-mann. Contact: Dr. Florian Weis, Tel: 030–44310 164. The Hague, The Netherlands, 22–25 March 2006: European Social Science History Conference, International Institute of Social History. www.iisg.nl/esshc. Leipzig, Germany, 24 – 25 March 2006: Linke Utopien – die Zukunft denken. Das Krisenjahr 1956. VI. Rosa-Luxemburg-Konferenz, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. Mona, Jamaica, 31 March 2006: Society, Culture and Politics, 7th Symposium of the The Social History Project, University of the West Indies, Mona, Jamaica.  http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=146705 Urbana Illinois, USA, 7–8 April 2006: Boundaries of Democracy: Civil Rights, Grass Roots Poli-tics, and Spaces of Resistance. The 2006 Midwest Labor and Working Class History Colloquium. The University of Illinois, Urbana-Champaign. http://www.iisg.nl/~w3vl/conference_4388.html • Coimbra, Portugal, 27 – 29 April 2006: O artista como intelectual. No centenário de Fernando Lopes-Graça, Congresso Internacional, Centro de Estudos Interdisciplinares do Século XX da Universidade de Coimbra, Grupo de Investigação sobre Correntes Artísticas e Movimentos Intelectuais. Keele, United Kingdom, 6 May 2006: The History of Strikes, Lock-Outs and General Strikes. Society for the Study of Labour History and Historical Studies in Industrial Relations, Keele University, Staffordshire. Contact: J.E.Murden@liverpool.ac.uk. Aix-en-Provence, France, 30 – 31 May, 2006: International Conference Labour and Organisa-tion: Research combining History and Ethnography. Maison mediterraneenne des sciences de l’Homme e.a. Organising Committee: Anne-Marie Arborio, Université de Provence/LEST, Yves Cohen, EHESS/CRH, Pierre Fournier, Université de Provence, LAMES, Nicolas Hatzfeld, Universite du Val d’Essonne/ IDHE, Cedric Lomba, CNRS/CSU.  http://www.mmsh.univ-aix.fr/lames/ index.htm. Berlin, Germany, 30 – 31 May 2006: V. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung. Historische Alternativen zur Stalinisierung des deutschen Kommunismus. Die Chance der Volksfront, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Helle Panke e.V. Contact: Dr. Cornelia Domaschke, Tel: 030 44310 151, Fax: 030 44310 222. Svetlogorsk, Russia, 7–8 June 2006: Conference: Russia and the West: A historical experience of 19-20 centuries, University of Kaliningrad, Institute for World History, Russian Academy of Sciences. Bristol, United Kingdom, 17 – 19 July 2006: La Guerre sans limite. L’Espagne de 1936 à 1939 et au delà. Group for War and Culture Studies (GWACS), Universities of Westminster and Bristol. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4236&view=print. Johannesburg, South Africa, 28 – 31 July 2006: Conference: Rethinking Worlds of Labour. South-ern African labour history in international context. History Workshop, University of Witwatersrand. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=5042&count=301&recno=9&sortz=datum&order=down Stuttgart, Germany, 11 – 12 March 2006, Clara Zetkin. Symposium zum 90. Geburtstag von Theodor Bergmann.  Kochel am See, Germany, 08–10 September 2006: Workshop Historische Spanienforschung. Veranstalter: Martin Baumeister (München), Walther L. Bernecker (Nürnberg), Christian Windler (Bern). http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4450&view=print Zürich, Switzerland, 6 – 9 September, 2006: IALHI’s XXXVII Conference, International Association of Labour History Associations. Schweizerisches Sozialarchiv. http://www.ialhi.org/iconf.html#37 • Linz, Austria, 14–17 September 2006: 42. International Conference of Labour and Social History, ArbeiterInnenbewegung und Rechtsextremismus / Labour and right-wing extremism / Mouvement ouvrier et extrême droite. Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH). Coordination: Prof. Dr. Jürgen Hofmann, Berlin, Dr. Thomas Hellmut, Institut für Zeitgeschichte, Univ. Linz, Univ.-Doz. Dr. Paul Pasteur, CERA, Université de Haute Normandie, Rouen, Prof. Dr. Michael Schneider, Friedrich Ebert-Stiftung Bonn. http://www.ith.or.at/konf_e/ueberblick_2006_e.htm Konstanz, Germany, 19 – 22 September 2006: Deutscher Historikertag, Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD). www.historikertag.de Interesting Panels for Communist Studies (Sektionen Neue Geschichte): Berlin, Germany, 4–6 October 2006: Internationale wissenschaftliche Konferenz. Die Ungari-sche Revolution 1956: Kontext, Wirkung, Mythos, Collegium Hungaricum, Berlin, Zentrum für zeithistorische Forschung, Potsdam, Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, BBAW, Gendarmenmarkt.  Salamanca, Spain, 5-7-10.2006: Congreso Internacional „Las Brigadas Internacionales: 70 Años De Memoria Histórica”, Universidad de Salamanca, Ministerio de Cultura, Dirección General del Libro, Archivos y Bibliotecas-Subdirección General de los Archivos Estatales, en colaboración con la AABI (Asociación de Amigos de las Brigadas Internacionales) y el CEDOBI (Centro de Estudios y Documentación de las Brigadas Internacionales, de la Universidad de Castilla-La Mancha). http://www.usal.es/~brigadas/ Paris, France, 6–7 October 2006: Les socialistes et le mariage. Socialisme et sexualité. Conference at the Laboratoire de Démographie historique de l’Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS -Paris). Colorado Springs, Colorado, USA, 12–15 October 2006: Society for Utopian Studies 31st An-nual Conference. http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=148542. Cambdrige MA, USA, 19–22 October 2006: International History and Legacy of the Gulag Conference. Davis Center for Russian and Eurasian Studies at Harvard University. http://www.ialhi.org/news/i0508_08.html Wellington, New Zealand, 4–5 November 2006: Seminar New Zealand’s involvement in the Spanish Civil War. The Trade Union History Project, with support of the History Department, Victoria University and the NZ Film Archive. Coordinator: Mark Derby, markderby@paradise.net.nz. Bad Wiessee, Germany, 23 – 26 November 2006: Von der „europäischen Stadt“ zur „sozialistischen Stadt“ und zurück? Urbane Transformationen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts. Jahrestagung des Herder Forschungsrates und des Collegium Carolinum. http://hsozkult.geschichte.huberlin.de/termine/id=4962&view=print  Madrid, Spain, 27 – 29 November 2006: International Confernce on the Spanish Civil War. The State Society for Cultural Commemorations, assigned to the Spanish Ministry of Culture. Coordination: Prof. Santos Julià. Coordinadora técnica: Rosario González Martinez, Sociedad Estatal de Conmemoraciones Culturales. rgonzalez@secc.es. http://www.congresoguerracivil.es Moscow, Russia, 30 November–2 December 2006: Conférence: 1956 dans l’histoire de l’URSS, Centre franco-russe en sciences humaines et sociales de Moscou, Société Internationale Memorial, à l’INION. Genshagen, Germany, 1–2 December 2006: Tagung Russlandbilder in Europa, Berlin-Brandenburgisches Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in Europa/Stiftung Genshagen. http://www.bbi-genshagen.de/. Tampere, Finland: 1–2 December 2006: Re-Calling the Past – Collective and Individual Memory of World War II in Russia and Germany, University of Tampere, German Language and Culture, Slavonic Philology (School of Modern Languages and Translation Studies, University of Tampere) and the Aleksanteri Institute (University of Helsinki).  http://www.uta.fi/laitokset/kielet/yht/tutkimus/Re-Calling%20the%20Past.html. Leuven, Belgium, 7–8 December 2006: Solidarity? Western Trade Unions and Solidarnosc. Coordination: Idesbald Goddeeris, Idesbald.Goddeeris@arts.kuleuven.ac.be. Berlin, Germany, 14–16 December 2006: Global Labor History and the Question of Freedom and Unfreedom, Wissenschaftskolleg zu Berlin, Prof. Dr. Jürgen Kocka (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung), Prof. Dr. Andreas Eckert (Universität Hamburg), Berlin, WZB. Graz, Austria, 16 December 2006: Sowjetische Zwangsarbeiter und ihr Nachkriegsschicksal, In-stitut für Wirtschafts, Sozial- und Unternehmensgeschichte, Universität Graz, LudwigBoltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau. Meetings and Conferences 2007.   Aberdeen, U.K., 4–6 January 2007: XXXIII Annual Conference BASEES Study Group on the Russian Revolution, University of Aberdeen http://www.basees.org.uk/sgrusrev.html. Berlin, Germany, 13 January 2007: XII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz, Mensa der Technischen Universität Berlin, Hardenbergstrasse http://www.rosa-luxemburg-konferenz.de. Bochum, Germany, 25 – 27 January 2007: Approaching European History from Southeast European Perspectives. Comparing Social Movements and Social Change in the 19th and 20th Centuries, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum. sabine.rutar@ruhr-unibochum.de.  Melbourne, Australia, 29–30 January 2007: 8th Biennial Conference of the Australasian Associa-tion for Communist and Post-Communist Studies, University of Melbourne. Millicent.Vladivglover@arts.monash.edu.au, lth@politics.unimelb.edu.au (Prof. Lesley Holmes). London, U.K., 3 February 2007: Conference: The Cold War, Institute of Historical Research, London Socialist Historians Group, Senate House, London.  ttp://www.londonsocialisthistorians.org. Genshagen, Germany, 9–10 February 2007: Der kalte Krieg. Deutsch-französisch-polnische Ta-gung für Geschichtslehrer und Historiker, Berlin-Brandenburgisches Institut für DeutschFranzösische Zusammenarbeit in Europa/Stiftung Genshagen. http://www.bbi-genshagen.de/. New Haven, CT, USA: 23–25 March 2007: Dissertation Development Workshop: Violence in Eurasia: Historical and Contemporary Approaches, Eurasia Program, Social Science Research Council, Yale University. eurasia@ssrc.org. Ksiaz, Poland, 10–12 April 2007: Weder Ost noch West. Intellektuelle in Europa im Zeitalter der Blockkonfrontation (1945-1989), Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam), Europäisches Zentrum (Ksiaz), Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (Dresden), Masaryk-Universität (Brno), Ksiaz (Polen). euv42109@student.euv-frankfurt-o.de. Durham, NC, USA, 17 May 2007: The Labor and Working Class History Association. Confe-rence at Duke University. www.lawcha.edu. Paris, France, 21–22 May 2007: Politische Praxis kommunistischer Parteien in Westeuropa und den Volksdemokratien, Deutsch-französische Gruppe für vergleichende Sozialgeschichte, Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin, Fakultät für Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld, Centre de recherches historiques [EHESS/CNRS], Fondation Maison des Sciences de l’Homme Paris, Paris, Maison des Sciences de l’Homme. Deadline: 31.01.2007. Honolulu, Hawaii, 30 May–2 June, 2007: 6th Annual Hawaii International Conference on Social Sciences, University of Louisville – Center for Sustainable Urban Neighborhoods, Waikiki Beach Marriott Resort & Spa, Honolulu Hawaii, USA. Submission Deadline: January 24, 2007. http://www.hicsocial.org Moscow, Russia, 31 May–2 June 2007: Prag ’68. Die UdSSR, Österreich und die internationale Krise 1968, Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau. Hanover, Germany, 1–2 July 2007: Avantgarden und Politik. Jahrestagung der Sektion Kultur-soziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Sektion Kultursoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), Prof. Dr. Lutz Hieber, PD Dr. Stephan Moebius, Sprengel Museum Hannover. Sofia, Bulgaria, 5–7 July 2007: Political Culture and Cultural Politics in Central and South East Europe, 1850-1950, Institute of Balkan Studies with the Bulgarian Academy of Sciences  Research Group in European Urban Culture Newcastle, UK, Sofia Dobrinka Parusheva. Deadline: 05.01.2007. clio_dp@yahoo.co.uk. Hamburg, Germany, 5–7 September 2007: Politics of Fear in the Cold War. Part IV of a Con-ference Series „Between ‘Total War’ and ‘Small Wars’: Studies in the Societal History of the Cold War“, Hamburg Institute for Social Research. uta.balbier@his-online.de. Szklarska Poreba, Poland, 26–29 September 2007: International scholarly conference – The communist movement, 1944 to 1956, Institute of National Remembrance, Warsaw. anna.piekarska@ipn.gov.pl. Vienna, Austria, 13–16 December 2007: Workshop: Utopien, Menschenrechte und Geschlecht im Europa des 20. Jahrhunderts, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien in Verbindung mit dem Freud Museum, Wien, und Cooper Union, New York, Wien. Ort: Freud-Museum. Deadline: 31.01.2007. Konzept: Prof. Dr. Atina Grossmann, Cooper Union, New York und Prof. Dr. Carola Sachse, Universität Wien. irene.maria.leitner@univie.ac.at.   Meetings and Conferences 2008.   Lisbon, Portugal, 27 February–1 March 2008: European Social Science History Conference (ESSHC), International Institute of Social History, Amsterdam. Deadline: 01.04.2007. Vienna, Austria, 26–31 May 2008: Abschlusskonferenz (Arbeitstitel: „Prager Frühling“) 1968-2008, Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften.   Additional information and links may be consulted through specific websites, as for example:  Agenda Asia (http://www.iias.nl/gateway/news/agasia/). A database of Asian Studies confer-ences, workshops and seminars.  Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements.  Clio-Online http://www.clio-online.de H-Net Academic Announcements http://www2.hnet.msu.edu (Academic conferences, calls for papers, programs and others announcements in the humanities and social sciences). * History Conferences Worldwide From Conference Alerts • HUMANITIES – SOZIAL- UND KULTURGESCHICHTE. H-SOZ-U-KULT – http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de * News and Events List of upcoming events organized or co-organized by the International Institute of Social History • www.virtual library.labour history.   Section VII:  The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2006. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert.   Up to December 2006, the 2006 issue of the International Bibliography, compiled by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert spreads over 40 pages and will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online. It includes 584 new publications and covers 42 countries. Hereby we renew our call to correspondents and readers to share the titles of new publications with the editors.    Up to December 2006, the bibliography includes titles from the following countries:   Albania, Argentina, Austria, Azerbaijan, Belarus, Belgium, Brazil, Bulgaria, Canada, Cape Verde, Croatia, Czech Republic, Estonia, Finland, France, Germany, Hungary, India, Indonesia, Italy, Ireland, Jamaica, Latvia, Lithuania, Malaysia, Mexico, The Netherlands, Nepal, New Zealand, Norway, Poland, Portugal, Romania, Russia, Spain, Sweden, Switzerland, Turkey, Ukraine, United Kingdom, United States of America, Uzbekistan. Section VIII: Directory of Periodicals for Historical Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion lists, Bulletins and Services.   This directory compiled by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert listing more than 200 periodical publications from 23 countries concerning communist studies in a broad sense. It aims to provide access to these sometimes disperse and ephemere sources of contemporary history including all periods, regions and fields of speciality. The directory allows to go directly to the Internet portals and sites and to browse the tables of contents. Suggestions for completing and updating this directory are always welcome.  The main portals consulted are:  IALHI Serials Service (IAHLHI). http://serials.ialhi.org/ This service covers 113 serials in the field of labour history and communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service http://serials.ialhi.org/alerting_services.asp Historical Journals (HJG). http://www.history-journals.de/ Maintained by Sven Blascke is the most complete portal for all kind of historical journals indicating the respective home- or other pages for the tables of contents.    Up to December 2006, Periodicals from the following countries are listed: Australia, Austria, Belgium, Brazil, Canada, Czech Republic, Denmark, France, Germany, Hungary, India, Italy, Netherlands, Norway, Poland, Portugal, Russia, Spain, Sweden, Switzerland, Ukraine, United Kingdom, United States of America.   Section IX:          Internet Resources. Websites Relevant for Communist  Studies.  This commented list regularly published in The International Newsletter of Communist Studies contains the web addresses and allows to go directly to the respective Internet sites.    Newsletters and Blogs Aktuelles aus der DDR-Forschung, Berlin. Communist Chronicles, Stavanger, Norway – Communist History Network, Manchester, UK.  Estudos sobre a Guerra Civil Espanhola, Portugal – Estudos sobre o Comunismo, Lisbon – E-studios sobre la historia del movimiento comunista en España, Madrid, Spain. HNet Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism. Labnet, Labour History Net, Amsterdam – London Socialist Historians Group Newsletter The International Newsletter of Communist Studies.    Resources 100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte, Munich, Germany. • Annals of Communism. Yale University Press – Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in der DDR • ArcheoBiblioBase: Archives in Russia and Ukraine, Harvard University, US – Archivy Belarusi – Archvy Rossii. Archives in Russia. • Bibliographie zur Geschichte des deutschen Widerstands gegen die NS-Diktatur 1938-1945 – Bibliothek deutscher Kämpfer für den Sozialismus. • Center for Working-Class Studies, Youngstown – Centre d’Etudes et de Recherches sur les Mouvements Trotskyste et Révolutionnaires Internationaux, Paris – Centre des Archives Communistes en Belgique – Centro de Estudios y Documentación de las Brigadas Internacionales (CEDOBI) – Centro de Documentação 25 de Abril, Portugal – Cold War International History Projec, Washington DC – Collectif Smolny, Paris – Comintern-Online – „Communism“ • Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus – Dictionary of Labour Biography, University of York, UK – Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod. • Fondazione Istituto Gramsci, Rome. • Guia da história das esquerdas brasileiras, Universidad Federal Rio de Janeiro • geschichte.transnational. • H-Net Humanities & Social Sciences – H-Soz-u-Kult, Germany. • Harvard Project on Cold War Studies – Hoover Institution, Stanford University, US.• International Association of Labour History Institutions. • International Institute of Social History, Amsterdam • Internet Modern History Sourcebooks Socialism. • Italians in the Gulag, Milano-Moscow. • Kansan Arkisto, Helsinki – Klassiker des Marxismus-Leninismus – Knowledge Base Social Sciences in Eastern Europe – Kurasje, Council Communist Archive. • Libertarian Communist Library. Historical essays on Libertatian Communism. • Marxists Internet Archive – Memorial Association, Russia. • Stalin Werke und Texte im Internet • Stalin-Era Research and Archives Project, Toronto • The Truth about Kronstadt. • Verzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der Bayerischen Staatsbibliothek, Munich. • Virtual Gulag Museum • Virtual Library Labor History, Amsterdam • Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa, Germany • ViFaOst Fachdatenbanken, Germany. • Žurnal’nyj zal, Moscow. Section X:           Cultural and Artistic Performances Concerning History of Communism. Sacco and Vanzetti. New documentary coming up. The New-York-based director Peter Miller produced a new documentary „Sacco and Vanzetti“ (USA, 80min), dealing with the famous case of the two Italian anarchists who got executed in 1927, and offering insights into present-day issues of civil liberties and the rights of immigrants. While the theatrical release is planned in early 2007, several pre-screenings have been taken place on different occasions all over the US. More information under http://www.willowpondfilms.com/sacco_and_vanzetti.html.   Olga Benario honored in Brazilian movie and opera. „Olga“, the 2004 movie by Brazilian filmmaker Jayme Monjardim deals with the biography of Olga Benario Prestes, the German wife of the Brazilian communist leader Luis Carlos Prestes, who was, after the failed Brazilian communist uprising in 1935, incarcerated and deported to Germany, where she died in a concentration camp. The most expensive brasilian film up to now, covering Benario’s whole life, including her early engagement in the German communist movement and her time in the Comintern apparatus, had three winnings and six more nominations at the Cinema Brazil Grand Prize in 2005. In late 2006 it was screened in selected cinemas in Germany. In 2006 as well, an opera about her life by Jorge Antunes premiered on October 14 at the Theatro Municipal in São Paulo, Brazil.   „Le Brahmane du Komintern.“ New documentary on M. N. Roy. The French filmmaker Vladimir Léon recently released a documentary entitled „Le Brahmane du Komintern“, dealing with the life of M. N. Roy, early Indian communist, Comintern activist in Mexico and theorician of the South- and Middle-Asian workers’ movement. More information can be found at http://www.imdb.com/title/tt0832439/.   New film on the Katyn massacre by Andrzej Wajda in production. The internationally acknowledged film director Andrzej Wajda is currently working on a new movie under the title „Post Mortem – Opowiesc Katynska“. The filming of this movie, dedicated to the massacre of Polish officers by Soviet troops in Katyn, has started in October 2006, the release has been announced for 2008. More information at  http://www.imdb.com/title/tt0879843/.   Movie on Malayan communist leader gets banned in Malaysia. „Lelaki Komunis Terahkir“ („The Last Communist“) is described by director Amir Muhammad as a „semi-musical documentary“. It deals with the exiled leader of the Malayan Communist Party Chin Peng and the Malayan Emergency, the communist insurrection in Malaysia which lasted between 1948 and 1960. The movie, following Chin Pengs life and interluded with propagandastyled songs, had its premiere at the 2006 Berlin Filmfestival and was screened on various other festivals worldwide. In Malaysia though, the film was banned by the government’s Home Affairs ministry. The official homepage for the movie is reachable under http://www.redfilms.com.my/lelakikomunis.htm.   „Das Leben der Anderen“. Movie about the Stasi becomes Golden Globe nominee. The 2006 German movie „Das Leben der Anderen“ („The Life of the Others“) tells the story of a Stasi officer who is ordered to surveil cultural activities in East Berlin in the 1980s and gets drawn to the world of cultural dissent. The film, after having a enormous acclaim by critics and the general public, and after having received various European awards, is now nominated for the Golden Globe in the category „best foreign movie“.    Opera about Karl Radek premiered in Austria At the „Bregenzer Festspiele“ festival on August 12th 2006, the composer Richard Dünser and the librettist Thomas Höft presented the opera „Radek“, based on the biography of the famous Soviet and Comintern activist. For some scenes, Höft has quoted various archival documents to reconstruct the dialogues of Radek, Lenin, Trockij and others. Section XI:          Discussions, Debates and Historical Controversies   The Russian weekly humanities review „Novoe Literaturnoe Obozrenie“ (NLO) has triggered off a discussion about the accessability of Russian archives in present time. Issue no 74 (August 2005) was largely dedicated to a „system crisis“ of Russian archives and libraries and the worsening of working conditions for historians and other scientists, some authors even speaking of an „archival counterrevolution“ (N. P. Petrov). The various authors consider the restrictive archival policies counterproductive and even dangerous, as they alter historical memory.  As a sort of reply, the bi-monthly official periodical of the Russian archive administration, „Otečestvennye Archivy“, dedicated a large part of the no 1 (2006) issue to this question. Referring directly to the NLO publication, the authors appreciate the general interest of intellectuals in the fate of the Russian archives, but all in all they contradict the tenor of the „archival counterrevolution“ and accuse the NLO authors of sensationalism and unnecessary panic.  The debate can be followed on the internet, since both issues are available online (in Russian language).   Novoe Literaturnoe Obozrenie (2005), 74: http://magazines.russ.ru/nlo/2005/74/   Otečestvennye Archivy (2006), 1: http://www.rusarchives.ru/publication/otecharh/061.shtml   Gleb Albert, Cologne [1]  Catálogo de Publicaciones Políticas de las Izquierdas de la Argentina (1890-2000). Con el apoyo de SEPHIS (South-South Exchange Programme for Research on the History of Development).  [2] Ju. N. Afanas’ev e.a. (ed.): Istorija stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch - pervaja polovina 1950ch godov. Sobranie dokumentov v semi tomach. VII, Moskva 2005. [3]  Siehe hierzu: Kozlov, V.P.: „Problemy dostupa v archivy i ich ispol’zovanija“, Novaja i Novejšaja Istorija (2003), 5. [4]  Rabočee dviženie v Rossii. 1895 - fevral’ 1917 g. Chronika, vols. I-IX, Moskva 1992-2005. [5]  Men’ševiki v 1917 godu. 3 vols., Moskva 1994-1997. [6]  Dekrety Sovetskoj vlasti. Sbornik. Vol. XIV, Moskva 1997; Vol. XV, Moskva 1999; Vol. XVI, Moskva 2004. [7] Russkij archiv. Velikaja Otečestvennaja. Vol. XIII (2-1). Prikazy Narodnogo komissara oborony SSSR. 1937-21 ijunja 1941 g., Moskva 1997; Vol. XIII (2-2). 1943-1945 gg., Moskva 1997. [8] Sovestkaja derevnja glazami VčK-OGPU-NKVD. 1918-1939. Dokumenty i materialy, vols. IIII, Moskva 1998-2003. [9] Katyn. Plenniki neob’javlennoj vojny, Moskva 1997; Kronštadt. 1921, Moskva 1997; Lubjanka. VčK-OGPU-NKVD-MGB-MVD-KGB. 1917-1960. Spravočnik, Moskva 1997; Filipp Mironov. Tichij Don v 1917-1921 gg., Moskva 1997; Molotov. Malenkov. Kaganovič. 1957. Stenogramma ijul’skogo plenuma CK KPSS i dr. materialy, Moskva 1998; 1941 god, 2 vols., Moskva 1998; Vlast’ i chudožestvennaja intelligencija. Dokumenty CK RKP(b)-VKP(b)-VčKOGPU-NKVD o kul’turnoj politike. 1917-1953 gg., Moskva 1999; Lavrentij Berija. 1953. Stenogramma ijul’skogo plenuma CK KPSS i drugie dokumenty, Moskva 1999; Nadzornye proizvodstva prokuratury SSSR po delam ob antisovetskoj propagande. Mart 1953-1958, Moskva 1999; Rossija i SšA. Diplomatičeskie otnošenija. 1900-1917, Moskva 1999; Ekologija i vlast’. 1917-1990, Moskva 1999; GULAG. 1917-1960, Moskva 2000; Kak lomali NEP. Stenogrammy plenuma CK VKP(b). 1928-1929 gg., 5 vols., Moskva 2000; Reabilitacija. Kak eto bylo. Dokumenty Presidiuma CK KPSS i dr. materialy. Mart 1953-fevral’ 1956, Moskva 2000; Georgij žukov. Stenogramma oktjabr’skogo (1957 g.) plenuma CK KPSS i dr. materialy, Moskva 2001; Sibirskaja Vandeja. Dokumenty, 2 vols., Moskva 2000-2001; Deti GULAGa. 1918-1956, Moskva 2002; Sovetsko-amerikanskie otnošenija. 1918-1926, Moskva 2002; Bližnevostočnyj konflikt. Iz dokumentov Archiva vnešnej politiki Rossijskoj Federacii. 1947-1967, 2 vols., Moskva 2003; Delo generala L.G. Kornilova, 2 vols., Moskva 2003; Lubjanka. Organy VčK- OGPU-NKVD-MGB-MVD-KGB. 1917-1991, Moskva 2003; Lubjanka. Stalin i VčK-OGPUNKVD. Janvar’ 1922-dekabr’ 1936, Moskva 2003; Process nad kolčakovskimi ministrami. Maj 1920, Moskva 2003; Sovetsko-amerikanskie otnošenija. 1934-1939, Moskva 2003; Lubjanka. Stalin i Glavnoe upravlenie gosudarstvennoj bezopasnosti NKVD. 1937-1938, Moskva 2004; Sovetsko-amerikanskie otnošenija. 1945-1948, Moskva 2004; Bol’šaja cenzura. Pisateli i žurnalisty v Strane Sovetov. 1917-1956, Moskva 2005; Gosudarstvennyj antisemitizm v SSSR. Ot načala do kul’minacii. 1938-1953, Moskva 2005; Stalin i kosmopolitizm. Dokumenty Agitpropa CK KPSS. 1945-1953, Moskva 2005; Stalinskie strojki GULAGa. 1930-1953, Moskva 2005.   [10]  Otkrytij archiv-2. Spravočnik sbornikov dokumentov, vyšedšich v svet v otečestvennych izdatel'stvach v 1917-2000 gg., Moskva 2005. [11]  History’s Greatest Heist. The Looting and Laundering of Russia’s National Patrimony by the Bolsheviks, 1917-1922. Submitted to Yale University Press, 2006, and currently under review. [12]  Adam Lebor, Hitler’s Secret Bankers: How Switzerland Profited from Nazi Genocide (London: Simon & Schuster Pocket Books, 1999; first published 1997), p. xvii. See also Tom Bower, Nazi Gold. The Full Story of the Fifty-Year Swiss-Nazi Conspiracy to Steal Billions from Europe’s Jews and Holocaust Survivors (New York: Harper Collins, 1997). For a sampling of media reactions to the controversy, see „The greatest theft in history“, BBC online, 1 December 1997; Steve Hurst, „,Harsh Report’ critical of Swiss-Nazi gold,“ CNN online, 6 May 1997; David E. Sanger, „Goblins of Zurich,“ New York Times Sunday Book Review, 22 June 1997; „Study: Swiss bank stashed gold taken from Nazi camp victims,“ CNN online, 25 May 1998. [13]  The best overview of Operation Safehaven is contained in the 1997 U.S. government „Report on Looted Gold and German Assets,“ also known as the „Eizenstat report,“ which can be viewed online at http://www.usembassy-israel.org.il/publish/report [14]  The Communist International was founded on initiative by Lenin, and the first congress was held in Moscow 2-6/4-1919. The Comintern was dissolved in 1943.  [15] The most valuable interpretation on Willi Münzenberg’s life and career as a communist and in the Comintern is still the work compiled by his wife Babette Gross, Willi Münzenberg. Eine politische Biographie. Mit einem Vorwort von Arthur Koestler (Stuttgart, 1967). Other examples are Sean McMeekin’s The Red Millionaire (Yale University Press, 2003) and Stephen Koch in Double Lives (London, 1995), but in one way or the other these two have failed to put forward a coherent picture. Instead, see Michael Scammell’s article „The Mystery of Willi Münzenberg“ in New York Review of Books, 3/11-2005, and Thomas Kampen’s „Solidarität und Propaganda: Willi Münzenberg, die Internationale Arbeiterhilfe und China“ in Zeitschrift für Weltgeschichte, Jahrgang 5, Heft 2 (Herbst 2004), pp. 99-106 for a justified and complex analysis on the nature of Münzenberg. The Brussels Congress was visited by 174 delegates, representing 104 organizations, both colonial and European.  [16]  Rossiisky Gosudarstvenny Arkhiv Sotsialnoi i Politicheskoi Istorii (RGASPI), Fond 542/1/3, pp. 15-17, Instructions from ECCI Secretariat in Moscow to Münzenberg in Berlin, 2/7-1926. The quote illustrates this further: „While influencing and directing the entire work of the League, the Communist Fraction should try to remain as much as possible in the background, so that neither the League nor the Congress is too obviously identified with the Communists.“ [17]  Ezra Mendelsohn: Class Struggle in the Pale, Cambridge 1970, S. 153. [18] Henry J. Tobias Jewish Bund in Russia from Its Origins to 1905, Paolo Alto 1972;  [19] Siehe z.B.: Jacob S. Hertz The Bund’s Nationality Program and Its Critics in the Russian, Polish and Austrian Socialist Movements, in: YIVO Annual of Jewish Social Science, 14 (1969), S. 53-67; Mario Kessler Parteiorganisation und nationale Frage - Lenin und der jüdische Arbeiterbund 1903-1914, in: Theodor Bergmann (Hg.) Lenin. Theorie und Praxis in historischer Perspektive, Mainz 1994, S. 219-231; Gertrud Pickhan Gegen den Strom. Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund „Bund“ in Polen 1918-1939, Stuttgart u.a. 2001. [20]  Zuletzt: Yosef Gorny Converging Alternatives. The Bund and the Zionist Labor-Movement, Albany 2006; Joshua D. Zimmerman Poles, Jews, and the Politics of Nationality. The Bund and the Polish Socialist Party in Late Tsarist Russia, 1892-1914, Madison, Wisc. 2004. [21]  Jüngst: Roni Gechtman „Yidisher Sotsialism“: The Origin and Context of the Jewish Labor Bund’s National Program, Univ. Diss. New York 2005; bedeutend weiterhin: Jonathan Frankel Prophecy and Politics. Socialism, Nationalism, and the Russian Jews, 1862-1917, Cambridge 1984; Yoav Peled Class and Ethnicity in the Pale. The Political Economy of Jewish Workers’ Nationalism in Late Imperial Russia, New York 1989; eine Ausnahme bilden Untersuchungen zur Publizistik des Bund, siehe z.B.: Susanne Marten-Finnis The Bundist Press: a Study of Political Change and the Persistence of Anachronistic Language during the Russian Periode, in: Jack Jacobs (Hg.) Jewish Politics in Eastern Europe. The Bund at 100, Palgrave 2001, S. 13-27. [22]  Siehe: Jean-François Fayet: «La VOKS: la société pour les échanges culturels entre l’URSS et l’étranger», in Relations internationales, Paris, 2003, n°114/115. [23]  Siehe: Anne Hartmann, Wolfram Eggeling,: Die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Zum Aufbau einer Institution in der SBZ/DDR zwischen deutschen Politikzwängen und sowjetischer Steuerung, Berlin, 1993. Die DSF ist eine Nachkriegsorganisation. Siehe zudem: Rolf Elias: Die Gesellschaft der Freunde des Neuen Rußland. Mit vollständigem Inhaltsverzeichnis aller Jahrgänge der Zeitschrift „Das neue Rußland“ 1923-1932, . Köln, 1985.  [24]  Siehe hierzu den Aufsatz von Jean-François Fayet im vorliegenden Jahrbuch für historische Kommunismusforschung über die Internationale Bewegung der Esperantisten. J.-F. Fayet: Eine internationale Sprache für eine weltweite Revolution? Die Komintern und die Esperanto-Frage, Jahrbuch für historische Kommunismusforschung, 2007. [25]  Siehe: André Gounot: Die Rote Sportinternationale 1921-1937. Kommunistische Massenpolitik im europäischen Arbeitersport, Münster-Hamburg-London, LIT Verlag, 2002. 268 p. (Schriften zur Körperkultur, 38). [26]  Siehe die Beschreibung des Gesamtnetzwerks und den Versuch einer Typologisierung in: Bernhard H. Bayerlein: Das neue Babylon - Strukturen und Netzwerke der Kommunistischen Internationale und ihre Klassifizierung. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, 2004, S. 181-270. [27]  Bilan de prévision de la VOKS, F.N. Petrov, 4.2.1931, RGASPI, F.495/99/26, pp.11-20.  [28]  O.D. Kameneva: 1925-1929, F.N. Petrov: 1929-1932, E.O. Lerner: 1933, A.Ia. Arossiev: 1934-1940, V.S. Kemenov: 1941-1948, A.I. Denissov: 1948-1955, V.G. Iakovlev: 1956, N.V. Popova: 1957. [29]  Die hier dargestellten Fakten stützen sich in erster Linie auf Quellen aus dem Bestand „Sportintern“ (f. 537)im Russischen Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte, Moskau (Rossijskij gosudarstvennyj archiv social ‘no-politiceskojstorii, RGASPI). Ausführlich zur Organisationsgeschichte der RSI siehe Gounot, André: Die Rote Sportinternationale 1921-1937. Kommunistische Massenpolitik im europäischen Arbeitersport. Münster, LIT, 2002. [30]  Siehe: Bernhard H. Bayerlein: Zwischen Internationale und Gulag. Präliminarien zur Geschichte der internationalen kommunistischen Frauenbewegung (1919-1945). Teil 1. In: The International Newsletter of Communist Studies Online, 2006, S. 27-40. [31]  Siehe hierzu: Bernhard H. Bayerlein: „Das neue Babylon. Strukturen und Netzwerke der Kommunistischen Internationale und ihre Klassifizierung“, Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (2004), 181-270. [32]  Teil II wird veröffentlicht in: The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  [33]  For Münzenberg see Babette Gross, Willi Münzenberg. Eine politische Biographie Mit einem Vorwort von Arthur Koestler, Stuttgart, 1967, a book that still can be regarded as the most informative source on Münzenberg’s life. See also Hermann Weber & Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten – Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin, 2004, pp. 521-522. Another personal account worth checking out is Babette Gross sister Margarete Buber-Neumann. See: Von Potsdam nach Moskau – Stationen eines Irrweges (Stuttgart, 1957) and Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919-1943 (Stuttgart, 1967).  [34]  RGASPI 542/1/7, pp.120-123, Letter from Münzenberg in Berlin to ECCI Secretariat in Moscow, 21/2-1927. [35]  RGASPI 495/20/722, pp.100-105, Draft resolution on results of the II World Congress of the LAI and its immediate tasks (passed by the Eastern Secretariat), 27/8-1929. [36]  RGASPI 542/1/30, pp.82-84, Letter from Willi Münzenberg to „Sch“ [Wi/Sch.], Berlin 12/8-1929. [37]  RGASPI 542/1/59, p.45, Letter from Münzenberg in Paris to Ludwig in Moscow, 8/6-1933; RGASPI 542/1/58, pp.31-33, Instructions to R. Bridgeman from unknown author in Moscow, 15/9-1933. [38]  Vgl. Kott, Sandrine: Die DDR-Forschung in Frankreich, in: Deutschland Archiv 6/1997, S. 1029-1031. [39]  Im Auftrag der Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch- russischen Beziehungen hrsg. von Horst Möller und Alexandr O. Tschubarjan in Zusammenarbeit mit Wladimir P. Koslow, Sergei W. Mironenko und Hartmut Weber, München, K.G. Saur, 2005, 468 p. (Texte und Materialien zur Zeitgeschichte. 15).  [40]  Zum Beispiel Sibylle Plogstedt: Arbeitskämpfe in der sowjetischen Industrie. 1917-1933, Frankfurt am Main 1980; Donald Filtzer: Soviet Workers and Stalinst Industrialization. The Formation of Modern Soviet Production Relations, London 1986; William J. Chase: Workers, Society and the Soviet State. Labor and Life in Moscow. 1918-1929, Urbana 1987. [41]  Siehe u.a.: Jonathan Aves: Workers against Lenin. Labour Protest and the Bolshevik Dictatorship, London 1996; Dmitrij Čurakov: Revoljucija, gosudarstvo, rabočij protest. Formy, dinamika i priroda massovych vystuplenij rabočich v Sovetskoj Rossii. 1917-1918 gody, Moskva 2004. [42]  Für eine weitere (wenn auch v.a. alltagsgeschichtliche) fabrikbezogene Untersuchung siehe: Sergej Žuravlev, Michail Muchin: Krepost’ socializma. Povsednevnost’ i motivacija truda na sovetskom predprijatii. 1928-1938 gg., Moskva 2004. 

JHK 2007

Die Waffen der Schwachen: Alltäglicher Widerstand der chinesischen Bauern in der Ära der kollektiven Landwirtschaft (1953 bis 1982)

Felix Wemheuer

Oben gibt es die politischen Richtlinien, unten die Gegenmaßnahmen.[1] Lange war im Westen der Mythos verbreitet, China habe unter Mao Zedong ein bauernfreundliches Modell des Sozialismus entwickelt. Waren viele Sinologen bis Anfang der 60er Jahre unter dem Einfluss der Totalitarismus-Theorie blind für die chinesischen Besonderheiten, übersahen in den 70er Jahren viele westliche Beobachter des neuen Paradigmas »Wir machen das anders als Moskau«[2] die Gemeinsamkeiten von Maos und Stalins Modell. Nicht nur im Westen, sondern auch in vielen Ländern der »Dritten Welt« war der Glaube verbreitet, dass beim chinesischen Weg die Entwicklung der ländlichen Gebiete im Vordergrund stand. In Maos China sei jeder Chinese durch die »eiserne Reisschüssel« abgesichert gewesen und keiner habe gehungert. Heute wird die Frage erneut aufgeworfen, ob sich das Wirtschaftsmodell und das politische System der Mao-Ära (1949 bis 1976) überhaupt grundlegend von ihren Vorbildern in der Sowjetunion unterschieden oder ob es sich um eine Art »chinesischen Stalinismus« handelte.[3] Wie in der Sowjetunion wurde in China die Industrialisierung durch die »Ausbeutung« der Bauern finanziert. Von 1953 bis Mitte der 80er Jahre mussten die Bauern dem Staat Getreide und andere Agrarprodukte zu Dumpingpreisen verkaufen. Der Staat konnte auf diese Weise die Industrialisierung finanzieren, die auch in China unter dem Primat der Schwerindustrie forciert wurde. Außerdem konnten die Löhne der Arbeiter in den staatlichen Arbeitseinheiten auf niedrigem Niveau gehalten werden. Aus den Erfahrungen der Hungernöte in der Sowjetunion 1932/33 und 1946/47 lernten die chinesischen Kommunisten wenig. Durch den »Großen Sprung nach vorne« (1958 bis 1961) wurde eine Hungersnot ausgelöst, durch die 15 bis 45 Millionen Menschen starben.[4] Der Mythos vom großen Bauernfreund Mao ist nur vor dem Hintergrund der chinesischen Revolutionsgeschichte zu verstehen: Im Unterschied zu Russland stützte sich die chinesische Revolution in erster Linie auf die ländlichen Gebiete und die Bauern. »Vom Land die Städte einkreisen« war die Strategie der KPCh, die sie 1949 an die Macht brachte. Umstritten ist heute allerdings, in wel- chem Ausmaß die chinesischen Bauern die Volksbefreiungsarmee unterstützen. Lu- cien Bianco wies darauf hin, dass sich viele der unabhängigen Bauernbewegungen in den 30er und 40er Jahren nicht von den Kommunisten vereinnahmen ließen.[5] Johnson stellte die These auf, dass erst durch die existenzielle Bedrohung des japanischen Einmarsches nach 1937 die KPCh die Bauern unter dem Banner des Nationalismus gewinnen konnten.[6] Dem widersprach Mark Selden, der die Attraktivität des Modells in dem roten Stützpunkt im Gebiet von Yan’an als Hauptgrund für den Erfolg Maos ansieht.[7] Dort hatten die Kommunisten auf eine radikale Revolution verzichtet und stattdessen eine Pachtreduzierung für die Bauern durchgesetzt und auch private Kleinunternehmer in die Einheitsfront gegen Japan eingebunden. Einige unkonventionelle Wissenschaftler aus der Volksrepublik China beginnen nun den Mythos von der Bodenreform (1947 bis 1950) als große Bauernbefreiung in Frage zu stellen. Gemäß dem offiziellen Kanon befreite die KPCh die Bauern von der »halbfeudalen« Herrschaft der Großgrundbesitzer. Durch die Neuverteilung von 43 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche seien die Bauern zu loyalen Anhängern der Partei geworden. In den neueren Untersuchungen erscheint die Bodenreform nicht mehr nur als Sozialreform, sondern als brutale Vernichtung der ländlichen Elite und der Selbstorganisation des Dorfes. In jedem Dorf mussten »Großgrundbesitzer« gefunden werden, selbst wenn es nach der Definition der Partei keine gab, da sonst keine Mobilisation der armen Bauernstattfinden konnte.[8] Chinesische Forscher, die Zugang zu Kreisarchiven hatten, berichten von über tausend Toten in einem Kreis.[9] Die Bodenreform stand im Zusammenhang mit den Kampagnen zur »Ausrottung der Banditen und Konterrevolutionäre«.  Im Unterschied zur Sowjetunion, wo die ländliche Elite der Kulaken und die Dorfkirchen im Zuge der Kollektivierung von 1929 bis 1932 liquidiert wurden, vernichtete die KPCh die ländliche Elite schon mit der Bodenreform. In Form der Parteikomitees wurde zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte der Staat auf den Dörfern etabliert. Im Kaiserreich war der Kreis die unterste Ebene des Staatsapparates. Die chinesischen Kommunisten waren schon vor der Kollektivierung stärker auf dem Dorf verankert als ihre russischen Genossen. Während der Bodenreform wurde der Klassenstatus der Dorfbewohner festgelegt (Großgrundbesitzer, reicher Bauer, Mittelbauer, armer Bauer oder Landarbeiter), der bis Ende der 70er Jahre die Stellung des Einzelnen in der Dorfhierarchie bestimmen sollte und nur in seltenen Fällen geändert werden konnte.[10] Bevor zwischen 1953 bis 1956 die Kollektivierung in China im Vergleich zur Sowjetunion relativ friedlich durchgeführt werden konnte, hatte die Kommunistische Partei den Machtkampf auf den Dörfern bereits für sich entschieden. In diesem Artikel soll untersucht werden, wie die Bauern auf die Kollektivierung der Landwirtschaft reagierten. Wie sahen alltägliche Widerstandsformen der Bauern in den Kollektiven aus und wie kämpften sie während der Hungersnot in den Volkskommunen ums Überleben? Schon Stalin hatte befürchtet, dass die Kolchosen sich in Organisationen der Bauern gegen den Staat verwandeln könnten. Deswegen sollen hier auch die Gegenmaßnahmen des Staates gegenüber den Bauern analysiert werden. Der Artikel konzentriert sich auf die Zeit vom Beginn der Kollektivierung 1953 bis zur Dekollektivierung Anfang der 80er Jahre.  Da alltägliche Widerstandsformen häufig verdeckt und heimlich praktiziert wurden und die Bauern in der offiziellen Geschichtsschreibung Chinas nur als gesichtslose Masse auftreten, ist es schwierig, anhand von offiziellen Dokumenten den Umfang dieses Widerstandes in der VR China einzuschätzen. Dieser Artikel setzt sich deshalb in erster Linie mit regionalen Beispielen auseinander, die in Feldstudien oder Oral-History-Projekten untersucht wurden. Da in der MaoÄra die Gesellschaft auf einer strikten Trennung zwischen Stadt und Land beruhte, steht die Erforschung der hidden transcripts[11] der ländlichen Gesellschaft in China erst am Anfang. Relativ gut dokumentiert wurde von staatlicher Seite dagegen der offene Widerstand der Bauern gegen die Kollektivierung in der Krise von 1956/57. Widerstand gegen den staatlichen Getreideaufkauf 1954/55 Die erste große Veränderung im Leben der Bauern nach dem Abschluss der Bodenreform war die Einführung des staatlichen Zwangsaufkaufs von Getreide (tonggou tongxiao), der mit dem 1. Fünfjahresplan 1953 etabliert wurde. Vor allem die Preispolitik führte zu Spannungen zwischen Staat und Bauern. Der führende Wirtschaftsexperte und Finanzminister, Chen Yun, gab auf der Allchinesischen Getreidekonferenz offen zu, dass der Zwangsaufkauf die Bauern an die Maßnahme der japanischen Besatzer erinnern würde.[12] Chen machte sich Sorgen, dass ohne den Zwangsaufkauf die Städte und die Armee nicht mehr ernährt werden könnten.[13] China werde sich weiterhin auf einen Mangel an Getreide einstellen müssen. Das Land war Anfang der 50er Jahre noch viel ärmer als die Sowjetunion am Vorabend der Kollektivierung 1928. Der Ertrag der chinesischen Getreideproduktion pro Einheit belief sich nur auf die Hälfte des sowjetischen.[14]  Li Huaiyin untersuchte die Reaktionen der Bauern auf die Einführung des staatlichen Getreidemonopols in den Kreisen Dongtai und Songjiang in der Provinz Jiangsu in Ostchina. Da 1953/54 vom Staat zunächst keine festen Abgabequoten festgelegt wurden, hatten die Bauern das Gefühl, den gesamten Überschuss ihrer Produktion abliefern zu müssen. Im Kreis Dongtai reagierten Parteikader mit einer doppelten Buchführung, wodurch die tatsächliche Produktion vor den höheren Stellen geheim gehalten wurde.[15] In Songjiang, wo die Kader weniger flexibel reagierten, kam es 1955 zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Hunderte Bauern zogen mehrfach zu den Gemeindebehörden und verprügelten Kader. Die Partei zog in dieser Auseinandersetzungen die Lehre, dass sie den Widerstand gegen den staatlichen Aufkauf von Getreide, an dem sich in erster Linie arme Bauern und Mittelbauern beteiligten, nicht wie während der Bodenreform mit einer Inszenierung eines Klassenkampfes gegen die »Großgrundbesitzer« brechen konnte. Diese Einsicht mündete 1956 schließlich in Mao Zedongs Theorie von den nicht antagonistischen Widersprüchen innerhalb des Volkes, die durch Erziehung und Propaganda und nicht durch Gewalt gelöst werden sollten.[16] Der junge chinesische Historiker Tian Xiquan wertete die Dokumente des Kreises Tanghe in der Provinz Henan aus und entdeckte vielfältige Widerstandsformen gegen das staatliche Getreidemonopol: Bauern und Kader organisierten Schwarzmärkte.[17] Andere versuchten alles aufzuessen, was sie noch hatten. Über 800 Menschen bettelten. Kam es zu Naturkatastrophen, übertrieben die Bauern die Schäden, um eine Senkung der Quoten zu erreichen. Mit ihren permanenten Klagen über ihre schlechte Lage setzten sie die Parteikader unter Druck. Die übergeordneten Partei- und Staatsorgane konnten nur schwer in Erfahrung bringen, ob diese Klagen berechtigt waren. Da 1957 der staatliche Aufkaufsplan für Getreide bei weitem nicht erfüllt werden konnte, wurde der gesamte Parteiapparat mobilisiert. In Tanghe wurde die Bürokratie massiv ausgedehnt, und die Aktivsten der Getreidebeschaffung erhielten Waffen.[18] Schon 1954 erhielten die Forderungen nach Erfüllung der Quoten einen stark moralisierenden und politischen Unterton. Der Aufkauf sei für die Unterstützung der Industrialisierung der Gebiete, die von Naturkatastrophen getroffen waren und für die Befreiung von Taiwan.[19] Damit wurde die Erfüllung der Quoten zur Frage von Revolution und Konterrevolution. Die Parteiführung gelangte zu der Erkenntnis, dass der Widerspruch zwischen der staatlichen Planwirtschaft und der kleinbäuerlichen Privatwirtschaft auf Dauer nicht tragbar sei. Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde daher als Möglichkeit gesehen, das Dorf besser in das staatliche Wirtschaftssystem zu integrieren und den Widerstand gegen das staatliche Getreidemonopol zu brechen. Die Bewegungen der Massenaustritte aus den Kollektiven (1956/57) Nach dem Abschluss der Bodenreform plante die KPCh zunächst die Landwirtschaft Schritt für Schritt zu kollektiveren. In insgesamt drei Fünfjahresplänen sollte die Bauernschaft über die »Gruppen zur gegenseitigen Hilfe« (huzhuzu) und die halbsozialistische Genossenschaft (chujishe), in der eingebrachter Boden und die Arbeitsgeräte bei der Lohnauszahlung einflossen, in sozialistische Genossenschaften (gaojishe) überführt werden. Diese Strategie war nicht nur eine Lehre aus der Kollektivierung der Sowjetunion, sondern auch Resultat der negativen Erfahrungen, die die KPCh mit radikalen Kollektivierungsversuchen in den roten Stützpunkt-Gebieten in Südchina Anfang der 30er Jahren gemacht hatte. Anfang 1955 kam es nach Naturkatastrophen in der Provinz Zhejiang und anderen Gebieten zum Zusammenbruch des Genossenschaftswesens. Der Agrarexperte der Zentralregierung, Deng Zihui, forderte die Festigung des Bestehenden und die Verlangsamung des sozialistischen Aufbaus. Bei der Gründung von Genossenschaften müsse die Partei sich strikt an das Freiwilligkeitsprinzip halten.[20] Bis Mai 1955 unterstützte Mao noch diese Politik. Nichtfunktionierende Genossenschaften sollten aufgelöst und die funktionierenden gefestigt werden. Im Zuge dieser Politik nahm die Zahl der Genossenschaften um 20 000 ab, davon wurden allein in Zhejiang über 15 000 aufgelöst. Außerdem kam es im Frühjahr 1955 in 15 Gemeinden zu mehr als 60 Massenaufständen.[21] Mit der Einführung der vollsozialistischen Genossenschaften 1955/56 mussten die Bauern entschädigungslos ihr Eigentum an Arbeitsgeräte und Tiere aufgeben. Der eingebrachte Boden spielte keine Rolle mehr. Das Einkommen der »reichen Bauern« und auch vieler »Mittelbauern« nahm in der Folge ab. Mit dieser Offensive gab die Partei das ursprüngliche Stufenmodell auf. Da sich im Juni 1955 noch 85 Prozent der Haushalte nur zu »Gruppen zur gegenseitigen Hilfe« zusammengeschlossen hatten, übersprangen viele Dörfer einfach die Stufe der halbsozialistischen Genossenschaften und stiegen »mit einem Schritt in den Himmel« (yi bu deng tian) auf, d. h. sie gründeten die vollsozialistischen Genossenschaften sofort.[22] Der Plan zur schrittweisen Kollektivierung wurde aufgegeben. Zu offenen Auseinandersetzungen zwischen Partei und Bauern kam es wieder im Winter 1955/56, als in vielen Provinzen tausende Bauern von ihrem Austrittsrecht Gebrauch machten und die Kollektive verließen. Die Partei hatten ihnen die Freiwilligkeit der Teilnahme und somit auch das Austrittsrecht zugesichert. Viele »reiche Bauern« und »Mittelbauern« traten aus den Genossenschaften aus, weil ihr Einkommen sank. Das Ziel, alle Genossenschaftsmitglieder auf das Niveau der ehemaligen Mittelbauern zu heben, konnte die KPCh nicht erreichen. Aber auch Handwerker, Einzelhändler und »arme Bauern« verließen die Genossenschaften. Viele leitende Parteikader waren mit dem Management überfordert. Nach dem »sozialistischen Aufschwung« im Sommer, der die Austritte wieder rückgängig machte, sah sich die Partei im Winter 1956 erneut mit einer riesigen Austrittswelle in wichtigen Provinzen konfrontiert.[23] In der Provinz Zhejiang wollten in einigen Gebieten über 20 Prozent der Bauern aus den Kollektiven austreten.[24] In der Provinz Guangdong verließen ca. 70 000 Bauern die Genossenschaften.[25] Ähnliche Berichte kamen auch aus den Provinzen Henan und Liaoning. Der Parteiführer von Henan, Pan Fusheng, sagte 1957 bezüglich der Bauern-Unruhen, die Partei sitze auf einem Vulkan.[26] Lokale Kader reagierten auf die Krise in der Provinz Zhejiang im Kreis Yongjian mit der Einführung eines neuen Agrarsystems. Der Boden und die Produktionsmittel blieben Kollektiveigentum, aber die Verantwortung für die Erfüllung der staatlichen Getreidequote wurde auf die Familien übertragen und diese wurden entsprechend der Ablieferung entlohnt. Dieses System (baochan daohu), das nach 1982 in ganz China eingeführt wurde, verurteilte das Zentralorgan der Partei Renmin ribao im November 1957 als Wiedereinführung der kapitalistischen Kleinbauernwirtschaft.[27] Der verantwortliche Parteikader Li Yun musste dafür 20 Jahre Zwangsarbeit leisten.[28] Im Juli 1957 leitete die Kommunistische Partei die »Antirechtskampagne« ein, die in den Städten in erster Linie gegen Intellektuelle gerichtet war. Die KPCh reagierte zugleich auf die Welle der Genossenschaftsaustritte auf dem Land mit einer Gegenoffensive. Der staatliche An- und Verkauf wurde auf fast alle Agrarprodukte ausgedehnt, die private Nutzung von Parzellen (ziliudi) eingeschränkt und freie Märkte geschlossen. Den freien Verkauf oder die Zurückhaltung von Getreide stellte die Partei unter schwere Strafe. Gleichzeitig beschloss das ZK die Einbeziehung der gesamten Landbevölkerung in diese »Sozialistische Erziehungskampagne«. Fortan war es unmöglich, aus den Genossenschaften auszutreten, und wer bereits ausgetreten war, war gezwungen, erneut Mitglied werden. Der Umfang der Repressionen ist leider wenig erforscht. In der Provinz Guangdong wurden während dieser Kampagne 16 000 Menschen verurteilt.[29] 1957 während der Sozialistischen Erziehungskampagne kritisierte die Partei in der nationalen Presse, Klagen über zu wenig zu essen als rechte Abweichung. Das Getreideproblem sei in Wirklichkeit ein ideologisches Problem.[30] So entwickelte sich eine mörderische Dynamik. Als während des »Großen Sprungs« die Hungersnot ausbrach, konnte niemand den Mangel an Nahrungsmitteln ansprechen, ohne als «Rechtsopportunist» gebrandmarkt zu werden. Um die Landflucht der Bauern in die Städte zu verhindern, führte der Staat 1958 ein Haushaltsregister-System (hukou) ein. Den Bauern war deshalb bis Anfang der 80er Jahre verboten, ihr Dorf ohne Erlaubnis zu verlassen. Da die Zuteilung von Getreidekarten, die es nur für die Stadtbevölkerung gab, an den hukou gebunden war, konnte sich ein illegaler Stadtbewohner nicht versorgen. Die Getreideproduktion nahm immer langsamer zu. 1957 stieg sie nach offiziellen Angaben nur um 1,2 Prozent. 1956 waren es noch 4,8 Prozent gewesen. Der Viehbestand nahm um 4,5 Prozent ab, da viele Bauern ihr Vieh aus Protest gegen die Kollektivierung schlachteten oder es wegen schlechten Managements im Kollektiv einging. Die sozialistische Landwirtschaft steckte 1957 in einer tiefen Krise. Nicht zu vergessen ist, dass 1956/57 nicht nur die Bauern gegen die Partei rebellierten. Viele Intellektuelle hatten die »Hundert-Blumen-Kampagne« zu einer grundsätzlichen Kritik an der Partei genutzt. Außerdem erlebte die Volksrepublik die größte Streikwelle ihrer Geschichte.[31]Vor dem Hintergrund der Aufstände in Ungarn und Polen 1956 musste die Regierung um die Stabilität des Systems fürchten.  »Weniger berichten, um heimlich zu verteilen«: Organisierte Unterschlagung  Zum offenen Widerstand der Bauern mit Aufständen und Massenaustritten aus den Kollektiven wie 1956/57 sollte es später nicht mehr kommen. Im Alltag der Genossenschaften und der späteren Volkskommunen spielte jedoch versteckter Widerstand eine wichtige Rolle, besonders wegen des staatlichen Getreideaufkaufs. Vom Abschluss der Kollektivierung 1956 bis zur Auflösung der Volkskommune Anfang der 80er Jahre hatte die KPCh, mit dem Problem »Weniger berichten, um heimlich zu verteilen« (manchan sifen) zu kämpfen. Jeder über 30-jährige chinesische Dorfbewohner weiß sofort, was damit gemeint ist: Der oberen Ebene, der Brigade, wurde ein zu niedriges Produktionsergebnis gemeldet und der Rest heimlich unter den Familien verteilt oder in »schwarzen« Speichern angelegt (hei ku). Die unterste Ebene des Kollektivs, die Produktionsgruppe, inklusive der Kader, musste zusammenhalten, sonst konnte es nicht durchgeführt werden. Im Gegensatz zu den Parteikadern auf Kreisebene wurden die Kader der Produktionsgruppe nicht vom Staat bezahlt und konnten die Interessen der Bauern, die schließlich ihre Nachbarn und Verwandten waren, nicht vollständig ignorieren. Wie Gao Wangling zeigt, war diese Form des Widerstandes 1956/57 in vielen Provinzen weit verbreitet.[32] Die Sozialistische Erziehungskampagne von 1957 versuchte durch politischen Druck diese Praxis zu unterbinden, was aber nur teilweise gelang.   Der Überlebenskampf der Bauern  während der »Großen Sprung«-Hungersnot (1958 bis 1961) Mit dem »Großen Sprung nach vorne« trat Mao 1958 die Flucht aus der Krise an. Der Staat ließ innerhalb weniger Monate die gesamte Bauernschaft in Volkskommunen organisieren. Mit Hilfe der militarisierten, bäuerlichen Arbeitsarmee sollte eine ländliche Industrialisierung durchgeführt und durch den Bau neuer Dämme und Bewässerungssysteme die ständige Gefahr von Naturkatastrophen beseitigt werden. Die größte Veränderung brachte die Einführung der Volksküchen mit sich, in denen alle Dorfbewohner essen mussten. Die Parzellen zur privaten Nutzung und die Vorräte wurden eingezogen und die Bauern verloren so ihre Subsistenzgrundlage. Damit wurden sie vollständig von der Versorgung durch die Kommune abhängig. Niemals war die Macht der Kader so groß wie in den Jahren 1958 bis 1961, weil die Lebensmittelversorgung in ihrer Hand war.  Im Frühjahr 1959 brach in einigen Gebieten Chinas eine Hungersnot aus, die 1960 ihren Höhepunkt erreichen sollte. Heute ist selbst in China unter führenden Parteihistorikern unbestritten, dass die Politik des Staates und nicht die Naturkatastrophen der Hauptgrund für die 15 bis 40 Millionen Toten waren. Schon 1962 sagte der damalige Präsident Liu Shaoqi, dass die Krise zu 70 Prozent von Menschen und nur zur 30 Prozent von der Natur verursacht sei.[33] Die Faktoren, die die Hungersnot auslösten, sind vielfältig: Der Staat zog von den Dörfern zuviel Getreide ab, durch die Stahlkampagne wurde die Landwirtschaft vernachlässigt, unsinnige Anbaumethoden führten zu Ernteausfällen, und in den Volksküchen wurde Getreide verschwendet. Auch hier entwickelte sich eine Dynamik, die 1959/60 die Hungersnot verstärkte. Aufgrund von Falschmeldungen über angebliche Rekordernten setzte der Staat die Aufkaufsquoten in die Höhe. In den Jahren 1959/60 war die staatliche Aufkaufsquote von Getreide die höchste seit 1953, die tatsächliche Produktion pro Kopf aber die niedrigste seit Jahren.[34] Da die Bauern die Quoten nicht erfüllen konnten, vermutete der Staat, sie würden das Getreide verstecken. Bei der Kampagne gegen »Weniger berichten, um heimlich zu verteilen« wurde den Bauern in einigen Gebieten der Provinz Henan sogar das Viehfutter und Saatgetreide abgenommen.[35] Die Städte sowie Parteikader und Intellektuelle, zwei Gruppen die ohnehin privilegiert waren, wurden vom Staat bei der Lebensmittelversorgung bevorzugt. Die Millionen Opfer der Hungersnot waren in erster Linie Bauern. Wie Mao später eingestand, hatte man den Teich ausgetrocknet, um die Fische zu fangen.[36] Da die Forschung in China sich auf die Politik des Staates gegenüber den Bauern konzentriert und nicht auf die Bauern selbst, müssen wir bei der Untersuchung des Überlebenskampfes auf den Dörfern auf Oral History zurückgreifen. 2005 interviewte ich in Dörfern der Provinz Henan über 30 Bauern und lokale Kader. Die Oral-History-Forschung von Thaxton im Norden Henans bestätigt, dass diese Widerstandsformen auch in anderen Dörfern weit verbreitet waren.[37]  Eine alltägliche Maßnahme im Überlebenskampf war Diebstahl. Die Bauern gingen nachts auf die Felder und stahlen unreifes Getreide, das sie häufig roh verzehrten (chiqing) oder an Ort und Stelle gegrillten. Die Kader versuchten die Ernte zu schützen. In der Regel wurden die Diebe an einem Seil aufgehängt und geschlagen, wie der spätere Parteikader der Produktionsgruppe Chen Chuwu berichtete. Er erinnerte sich: »Auch wenn du Angst hattest, musstest du trotzdem stehlen. Damals stahlen alle. Wer nicht stahl, verhungerte. Damals war jeder ein Dieb, egal ob Alt oder Jung.« Auf die Frage, ob sich die Menschen in der Not gegenseitig geholfen hätten, antwortete Chen: »Wer hätte sich um so etwas kümmern können. Jeder musste sich selbst helfen.«[38] Die Menschen bestahlen sogar ihre eigenen Familienmitglieder. Wie andere Interviewpartner auch berichtete die alte Bäuerin Li Xiaoliang, dass sie damals Angst hatte, im eigenen Haus Feuer zu machen. Entdeckten die Kader Rauch, seien sie gleich gekommen, um die Wohnung nach versteckten Lebensmitteln zu durchsuchen. Dorfbewohner, die als Verwalter oder Köche in den Volksküchen arbeiteten, nutzten ihren Zugriff auf die Vorräte aus und zweigten für ihre eigenen Familien etwas ab. Li erinnerte an ein Sprichwort der damaligen Zeit: »Auch wenn der Himmel drei Jahre lang trocken bleibt, verhungert der Küchenchef nicht«.[39] Bei den Interviews gaben einige Kader offen zu, dass sie sich satt aßen und zugleich den Hunger als Waffe einsetzten. Die häufig schon kranken Bauern schickten sie zum Arbeiten auf die Felder.[40]  Thaxton behauptet sogar, der Diebstahl von unreifem Getreide und Gemüse habe auf den Feldern ein solches Ausmaß angenommen, dass der Staat 1960 nur durch die Einführung eines neuen Verantwortlichkeitssystems wieder die Kontrolle über die Ernte erlangte. Mit dem System der Familienverantwortlichkeit, das 1960/61 wieder in einigen Provinzen eingeführt wurde, ließ sich der Diebstahl besser unterbinden, da die Bauernfamilien selbst für die Erfüllung der Quoten haftbar gemacht werden konnten.[41] Traditionelle Reaktionen auf Hungersnöte, wie Flucht oder Betteln, versuchte der Staat zu unterbinden. Das hukou-System verbot den Bauern das Dorf zu verlassen. Ganze Regionen wurden abgeriegelt und an allen wichtigen Verkehrsknotenpunkten die Volksmiliz stationiert. Im Süden Henans, im Xinyang-Gebiet, war die Hungersnot jedoch so schlimm, dass in dem Dorf, in dem ich Interviews durchführte, die Bauern und Kader der Produktionsgruppe gemeinsam nach Westchina in die abgelegene Provinz Qinghai geflohen waren. Dort konnten sie Brachland urbar machen und überleben. Die Frauen, Kinder und Alten ließen sie zurück. Nach ihren Aussagen verhungerte die Hälfte der Dorfbewohner.[42] Erst als die Männer in Qinghai 1961 hörten, dass in ihrer Heimat die private Nutzung von Parzellen wieder zugelassen wurde, kamen sie zurück. Die Hungersnot nahm in abgelegenen Regionen, die keiner starken Kontrolle des Staates unterworfen waren, häufig ein geringeres Ausmaß an. Ein Kader einer Produktionsgruppe aus Osthenan berichtete, dass er zeitweise in die Berge geflohen war.[43] In dieser Region existierte sogar noch ein Schwarzmarkt. Die Maßnahmen des Staates gegen die Landflucht scheinen während der Hungersnot nicht erfolgreich gewesen zu sein. Die Stadtbevölkerung wuchs 1960 auf über 40 Prozent an. Zwar hatten die ländlichen Arbeitskräfte keinen Anspruch auf Getreidekarten, sie konnten jedoch auf den gigantischen Baustellen und Industrieprojekten des »Großen Sprungs nach vorn« als Tagelöhner oder kurzfristig Beschäftigte arbeiten. 1962 wurden die häufig gescheiteren Industrieprojekte eingestellt und Millionen Menschen wieder zurück auf die Dörfer geschickt. Ein Anreiz nach Hause zurückzukehren, war die schon erwähnte Wiederzulassung der Parzellen zur privaten Nutzung. Es wäre falsch, die Bauern zu Widerstandkämpfern zu stilisieren. Während der Hungersnot hatten sie keine Wahl. Wenn sie ihr Leben retten wollten, mussten sie Regeln übertreten. Überlebenskampf kann auch sehr egoistische Züge annehmen, wie die Flucht der Männer zeigt, die ihre Frauen, Kindern und Eltern zum Sterben zurückließen. Die Millionen toter Bauern kann man auch als Ausdruck der Auseinandersetzung zwischen Staat und Landbevölkerung um Getreide und Ressourcen betrachten. Zwar gelang es dem Staat 1959/60 den Bauern Rekordquoten bei der Ablieferung von Getreide zu diktieren, doch auf Dauer ließen sich die Bauern weder die Militarisierung der Arbeit noch die »kommunistische« Volkskommune von 1958 aufzwingen, in der es fast kein Privateigentum mehr gab. Wie schon 1920 in Russland scheiterte in China das Experiment des Kriegskommunismus. Die Antwort der Bolschewiki war die NÖP (Neue Ökonomische Politik), in China hingegen folgte auf die Hungersnot eine Phase der Neuorientierung. Die Zementierung des Status quo: Die Volkskommune von 1962 bis 1982 Die chinesische Regierung beschloss 1961 einen Kurswechsel. Die neue Ordnung auf dem Land wurde in der 60-Punkte-Verfassung der Volkskommune festgeschrieben: Die Kommunen wurden verkleinert und entsprachen nun der Größe eines Dorfes. Die Brigade wurde zum entscheidenden Eigentümer und Grundlage des Organisationsaufbaus. Eine Produktionsgruppe, die unterste Einheit der Volkskommune, setzte sich aus mehreren Bauernfamilien zusammen. Die Parzellen zur privaten Nutzung und die Bauernmärkte wurden wieder zugelassen. Die Volksküchen schaffte man ab, die Bauern durften wieder zu Hause essen. Der »Große Sprung« hatte den traditionellen Strukturen des Dorfes und der Familie den Krieg erklärt und wollte die »natürlichen« Grenzen aufheben. Die neue Volkskommune musste nun wieder auf der Familie und dem traditionellen Dorf (ziran cun) aufbauen. Die Volkskommune, die in China in dieser Form zwischen 1962 bis 1982 existierte, unterschied sich damit grundlegend von der »kommunistischen« Volkskommune der Jahre 1958 bis 1961 und ähnelte der sozialistischen Genossenschaft. Die Agrarpreise wurden um 20 Prozent erhöht und die staatliche Aufkaufspolitik gelockert. Den Produktionsgruppen verbot die Regierung zeitweise, den Volkskommunen sogar ganz, Stahlproduktion zu betreiben, da die Ernte vernachlässigt worden war. Erst Anfang der 70er Jahre wurde die ländliche Industrialisierungsstrategie wieder forciert. Während der Hungersnot exportierte China Rekordmengen ins Ausland,[44] nun wurde zur Ernährung der Bevölkerung Getreide sogar importiert. Das Streben nach Autarkie gab die KPCh auf. Da die Bauern wieder über ihre eigene Subsistenzgrundlage verfügten und die Volksküchen abgeschafft wurden, gab es größere Spielräume für die alltäglichen Formen des Widerstandes. Seit 1962 nahm die Praxis des »Weniger berichten, um heimlich zu verteilen« wieder zu. Gao Wangling hat errechnet, dass es den Bauern von Anfang der 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre gelang, etwa 20 Prozent der Getreideproduktion zu unterschlagen.[45] Auch Diebstahl von Getreide, einige Bauern nannten es »Stibitzen«, gehörte in diesem Zeitraum zum Alltag. Diebstahl war im Dorf moralisch jedoch nur solange akzeptiert, wie es sich um Eigenbedarf handelte.  Mit der Zementierung der Volkskommune der 60-Punkte-Verfassung war der Weg zu einer »höheren Eigentumsform« versperrt. Zwischen Staat und Bauernschaft bestand von 1962 bis 1979 eine Patt-Situation. Der Staat war nicht in der Lage den Status quo aufzubrechen und die Bauernschaft war zu schwach, um die unbeliebte Volkskommune abzuschütteln. Eine effektive staatliche Kontrolle der Produktion war in der Volkskommune nach 1962 nicht mehr möglich, weil die Dominanz der Verwandtschafts- und Familienbeziehungen nicht überwunden werden konnte. In den Auseinandersetzungen Anfang der 60er Jahre hatte Mao eine defensive Position eingenommen. Nach der Hungersnot stellte er die Volkskommune nicht in Frage und wagte keine radikale Umwälzung des Dorfes mehr. Die Partei traute sich vor Maos Tod nicht mehr, die bestehende Form der Eigentumsverhältnisse anzutasten. Auch während der »Kulturrevolution« (1966 bis 1976) versuchte die KPCh nur in einigen Modell-Dörfern den Status quo aufzuheben.[46] Während der »Kulturrevolution« stellte sich Mao – zumindest in der Landwirtschaftspolitik – gegen die Ultralinken in der Partei.[47] In vielen Volkskommunen gab es während der »Kulturrevolution« zudem eine ständige Auseinandersetzung zwischen Bauern und Kadern um die Größe der Parzellen zur privaten Nutzung und die Frage, ob das Kollektiv oder die Familien das Brachland urbar machen durften.[48] Die »Kulturrevolution« war in erster Linie eine urbane Bewegung, in der die Dörfer nur eine geringe Rolle spielten. Im Gegensatz zu den urbanen Intellektuellen stellte deshalb für die Bauern nicht die »Kulturrevolution«, sondern der »Große Sprung nach vorne« die größte Katastrophe dar. Der in den USA unterrichtende chinesische Forscher Han Dongping geht sogar soweit zu behaupten, dass die Bauern von der »Kulturrevolution« profitierten, weil die Dörfer während des Machtkampfes in den Städten und des zeitweiligen Zusammenbruches der staatlichen Ordnung neuen Freiraum erhielten.[49] Bauern mit anerkanntem Klassenstatus nutzten das Vokabular der »Kulturrevolution« wie die Kritik an den »Machthabern des kapitalistischen Weges«, um korrupte Parteikader zu kritisieren. Besonders die »armen und unteren Mittelbauern« lernten die maoistische Symbolik einzusetzen und als »revolutionärste Elemente» des Dorfes ihre eigenen Interessen ins Spiel zu bringen. Thaxton zeigt in seiner Oral-History-Untersuchung in einem Dorf in der Provinz Henan, dass die Bauern während der »Kulturrevolution« die Gunst der Stunde nutzten, um sich an den Kadern zu rächen, die während der Hungersnot des »Großen Sprungs« korrupt waren und den Verhungernden nicht halfen.[50] In den meisten ländlichen Gebieten Chinas war die »Kulturrevolution« im Gegensatz zu den Städten eher eine Periode der wirtschaftlichen Stabilität und schließlich der Stagnation. Dekollektivierung von unten oder oben? Nach Maos Tod 1976 hielt die KPCh zunächst an der Volkskommune fest. Selbst die berühmt-berüchtigte 3. Plenarsitzung des XI. Parteitages im Dezember 1978, auf der Deng Xiaoping die Reformpolitik einleitete, verbot ausdrücklich die Auflösung der Volkskommunen durch die Einführung der Familienverantwortlichkeit. Umstritten ist in der westlichen Forschung, ob der spontane Widerstand der Bauern zur Dekollektivierung führte oder ob sie von oben durch die Zentralregierung eingeleitet wurde. Daniel Kelliher und Kate Zhou vertreten die These, dass die Bauern in einer stillen Revolution von unten nach 1979 spontan die Volkskommunen auflösten. Gedeckt von lokalen Funktionären erfuhr das System der Familienverantwortlichkeit eine Wiederbelebung, das schon 1957, 1959 und 1962 zeitweise in einigen Gegenden erprobt, aber von der Zentralregierung immer wieder verurteilt wurde.  Die Partei unter Führung von Deng Xiaoping stellte sich schließlich an die Spitze der Umwälzung von unten.[51] Die Familienverantwortlichkeit wurde in ganz China als verpflichtendes System etabliert. Jonathan Unger bestreitet hingegen nicht, dass in einigen Gegenden die Volkskommunen von unten aufgelöst wurden, er verweist jedoch darauf, dass es auch Widerstand von unten gegen die Dekollektivierung gab – besonders in funktionierenden Volkskommunen, die bereits Mitte der 70er Jahre florierende Nebengewerbe aufgebaut hatten.[52]  Wenn die These von Zhou und Kelliher zutrifft, hieße das, dass die versteckten Widerstandsformen der Bauern schließlich zu offenen übergingen und einen Systemwechsel herbeiführen konnten. Ohne die Unentschlossenheit der Zentralregierung und die Unterstützung durch Parteikader – die bekanntesten sind die Provinzführer von Anhui, Wang Li, und Sichuan, Zhao Ziyang – wäre die Auflösung von Volkskommunen durch die Bauern kaum möglich gewesen. Ein Element der Familienwirtschaft existierte bereits zuvor. In Form der privaten Nutzung von Parzellen war sie seit 1962 innerhalb der Volkskommune vorhanden. Die Dekollektivierung könnte man daher auch als weitere Ausdehnung dieses Elements betrachten. Die Marktwirtschaft auf dem Boden einer egalitären Agrarordnung, die Mitte der 80er Jahre etabliert wurde, hatte mit klassischem Sozialismus nichts mehr zu tun. Mao Zedongs Konzeption einer kollektiven Landwirtschaft wurde Geschichte. Die KPCh lernte aus ihrer Niederlage und bezeichnete das System der Familienwirtschaft auf staatlichem Boden als »Sozialismus mit chinesischer Besonderheit« (zhongguo tese shehuizhuyi). Eine Bilanz der kollektiven Landwirtschaft Zieht man vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Staat eine Bilanz der Ära der kollektiven Landwirtschaft, so kommt man zu einem sehr durchwachsenen Ergebnis. In der Zeit von 1952 bis 1978 wurde die Getreideproduktion von ca. 327 auf 609 Milliarden Pfund gesteigert. Die Produktion hatte sich damit fast verdoppelt, aber nicht in wenigen Jahren, wie die KPFührer Mitte der 50er annahmen, sondern innerhalb eines Viertel Jahrhunderts.  Relativ erfolgreich war das Modell der kollektiven Landwirtschaft bei dem Transfer von Ressourcen vom Dorf in die Stadt – allerdings mit abnehmender Tendenz. Der Agrarexperte Wen Tiejun stellt folgende Rechnung auf: Von 1959 bis 1984 kaufte der Staat von den Bauern 1,25 Billionen Kilo Getreide. Die Preisdifferenz zwischen dem staatlichen Preis und dem Marktpreis lag bei 250 Milliarden Yuan. Der Staat investierte in diesen 25 Jahren 220 Milliarden Yuan in die Landwirtschaft.[53] Deshalb konnte er allein aus dem Getreideaufkauf 30 Milliarden Yuan einnehmen und für andere Zwecke einsetzen. Der Staat konnte aber nach dem »Großen Sprung« den Bauern nie mehr so einen großen Anteil der Ernte abnehmen wie in den 50er Jahren. Nachdem die Steuerlast in den ersten Jahren der Hungersnot des »Großen Sprunges« 1959 ca. 14 Prozent des Einkommens der Bauern betrug, sank dieser Anteil bis Ende der 60er Jahre auf 6,7 und Mitte der 70er Jahre sogar auf 4,9 Prozent.[54] Die Bauern taugten immer weniger als »Melkkühe« für den Aufbau des Sozialismus und der Schwerindustrie. Die Höhe der Steuerlast sowie der staatlichen Aufkaufsquote von Getreide, kann als Barometer für das Kräfteverhältnis zwischen Staat und Bauern gelten. Der Produktionsfortschritt wurde außerdem vom Bevölkerungswachstum »aufgefressen«. Die Landbevölkerung wuchs im Zeitraum von der Staatsgründung bis Ende der 70er Jahre von ca. 500 auf 840 Millionen und die Gesamtbevölkerung auf 960 Millionen. Der Getreidekonsum pro Kopf und Jahr steigerte sich nur von 302 (1957) auf 317 Kilogramm (1978).[55] Somit hatten die Chinesen 1978 kaum mehr zu essen als 1957, als die sozialistische Kollektivierung der Landwirtschaft vollständig abgeschlossen war. Die Produktivitätsrate in der Landwirtschaft und die Produktionsmenge sanken in diesem Zeitraum sogar.[56] Letztendlich konnte keines der erprobten Entlohnungssysteme den Bauern im Kollektiv einen Arbeitsanreiz bieten. Die Strategie, durch die Steigerung der Arbeitsintensivität und Heranziehung der Frauen in die Agrarproduktion, sprich durch harte körperliche Arbeit – der Armut zu entkommen, passte zu den rückständigen Dörfern im Norden Chinas, schreibt Gao Wangling. In entwickelteren Gebieten im Süden sei das Nebengewerbe schon seit langem die Haupteinnahmequelle der Bauern gewesen, meint der Experte für die Geschichte der Qing-Dynastie.[57] Für diese Gebiete besaß die KPCh keine Strategie. Mit der Kollektivierung zerfielen der Sektor des Nebengewerbes und die Kreisstädte als Marktzentren regelrecht. Auch wenn es nach dem Ende des »Großen Sprungs« kein Massensterben mehr gab, lebte die Mehrzahl der Bauern bis Mitte der 80er Jahre in Armut. Dadurch fehlte auch der Leichtindustrie ein Markt. So war es kein Wunder, dass Deng Xiaoping die Erhöhung der Einkommen der Bauern zum Hauptziel der ländlichen Reformen erklärte. Die Hektarerträge stiegen mit der Verbesserung der Bewässerungssysteme und der Anbaumethoden. Die Ernteerträge bei Getreide stiegen von 1952 bis 1978 von 1,32 auf 2,54 t/ha.[58] Diese Entwicklung verdeutlicht die neue Organisationsstärke des Staates seit der Gründung der Volksrepublik. Die Kommunisten waren in der Lage, die Bauern zu Arbeitseinsätzen zu mobilisieren. In dem Zeitraum vom Beginn der Reformen 1978 bis zum Jahr 1997 wuchs der Ernteertrag je Hektar weiter.[59]  Die Einführung der Kollektivwirtschaft verband Mao mit der rationalen Verwendung von landwirtschaftlichen Maschinen. Erst während der »Kulturrevolution« (1966 bis 1976) konnte der Staat den Bauern jedoch in nennenswertem Umfang Maschinen liefern. Von 1965 bis 1978 wuchs die mit Maschinen bestellte Fläche um ca. 266 Prozent.[60] Trotz der beeindruckenden Vermehrung der landwirtschaftlichen Maschinen, darf man nicht vergessen, dass die Mechanisierung nicht zur Steigerung der Produktivität insgesamt führte. Vor der Kollektivierung hatten die Kommunisten für die Bewertung der Modernisierung der Gesellschaft zwei Maßstäbe gesetzt: Die Verstädterung der Gesellschaft und die Verwandlung von Bauern in Arbeiter. Nur so konnte das Proletariat zur Mehrheit der Gesellschaft werden und die politisch für unzuverlässig gehaltenen Bauern ersetzen. Seit dem »Großen Sprung nach vorne« setzte Mao auf eine ländliche Industrialisierung. Nach diesen Maßstäben scheiterte die Modernisierung völlig. Das Verhältnis von Stadt und Land sowie von Arbeitern und Bauern änderte sich von 1957 bis 1978 nicht dauerhaft und verharrte im Verhältnis von ca. 20 zu 80. Durch das hukou-System wurden die Bauern an das Dorf gefesselt und die traditionellen Strukturen damit konserviert. Erst mit den Reformen und der Auflösung der Volkskommune erlebten ländliche Unternehmen, die die von der Landwirtschaft freigesetzten Arbeitskräfte aufsogen, einen Boom. Durch massenhaftes Abwandern in die Städte unterhöhlten die bäuerlichen Wanderarbeiter das hukou-System und setzten so eine Mobilität der Arbeitskraft durch, die für die Entwicklung des Kapitalismus unabdingbar ist. Die Waffen der Schwachen gestern und heute Das Bild, das Jung Chang und Jon Halliday in ihrem Weltbestseller[61] zeichnen, wird in diesem Artikel grundsätzlich in Frage gestellt. Es war keineswegs so, dass auf der einen Seite der Herrscher Mao stand und auf der anderen Seite ein gleichgeschaltetes wehrloses chinesisches Volk. Die Bauern waren sehr geschickt, die Regierungspolitik von unten zu hintertreiben und den Staat zu hintergehen. Durch diese subversiven Verhaltensweisen, die oft Ausdruck eines nackten Überlebenskampfes war, musste die Partei nicht selten ihre Politik neu ausrichten oder korrigieren. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Oben gibt es die politischen Richtlinien, unten die Gegenmaßnahmen«. Menschen, die in Diktaturen leben und damit keine Möglichkeit zur offenen Demonstrationen oder zur Abwahl einer Regierung haben, entwickeln verdecktere Formen von Widerstand im Alltag. Ein sozialistischer Staat ist dafür besonders anfällig, da sich die Produktionsmittel und der Grund und Boden in seinen Händen befinden. Arbeiter, die durch Bummelei die Produktivität senken, können nicht einfach entlassen werden.  Der Staat kann den Bauern zwar die Privatwirtschaft verbieten, er ist aber von der Ernte der Kollektive abhängig. Senken die Bauern mangels Arbeitsanreizes die Produktion, kann der Staat entweder mit Terror oder Propaganda reagieren. Beide haben selten Erfolg. Die Formen von Bummelei (moyanggong) und »so tun, als ob man arbeitet« waren bei den chinesischen Bauern sehr vielfältig. Diebstahl und Unterschlagung konnten nur schwer verhindert werden, wenn die vom Staat geschaffenen kollektiven Organisationen, wie die Produktionsgruppen, zusammenhielten. Enteignungen und Verstaatlichung hatten den Respekt vor privatem Eigentum erschüttert. Ein tschechisches Sprichwort besagt: »Wer nicht stiehlt, der stiehlt sich von seiner Familie weg«. Milos Forman hat darüber 1967 während des Prager Frühlings die Satire »Hoři, má panenko« (The Firemen’s Ball) gedreht. Er zeigt, wie im Laufe des Balls der Feuerwehrmänner fast alle Tombola-Preise gestohlen werden.  Können alltägliche Handlungen wie Diebstahl und Unterschlagung von Getreide überhaupt als Widerstand bezeichnet werden?[62] Diese Maßnahmen waren weder dorfübergreifend organisiert, noch hatten sie das Ziel, die Macht der KPCh zu stürzen. Die alltäglichen Widerstandshandlungen waren vielmehr Teil des Überlebenskampfes der Bauern in der Volkskommune, die weder die Versorgungsmängel beseitigen konnte, noch Arbeitsanreize schuf. In der Summe fügte die tausendfache Unterschlagung von Getreide dem Staat großen Schaden zu. Es wäre allerdings einseitig, Kader und Bauern als Feinde darzustellen. Ohne die Unterstützung der Kader auf der untersten Ebene, deren eigenes Einkommen und Ansehen im Dorf von der Produktionsgruppe abhing, konnten die Formen des alltäglichen Widerstandes nicht erfolgreich sein.  So paradox es scheinen mag, nach der Auflösung der Volkskommune haben die Bauern in der Auseinandersetzung mit dem Staat an Einfluss verloren – die Unterschlagung von Getreide hat in einer Marktwirtschaft keinen Sinn mehr. Eine absichtliche Senkung der Produktivität trifft in erster Linie die Bauern selbst. Die relativ homogene Masse der Bauern in den Produktionsgruppen ist nun in atomisierte Familien zerfallen. Die Bauern sind heute vom Staat unabhängiger und sie schätzen es sehr, dass sie über eine eigene Subsistenzgrundlage verfügen. In den Interviews bezeichneten sie das heutige Agrarsystem zwar als frei.[63] Neue effektive Formen des Widerstands müssen aber erst noch gefunden werden. Die Erfahrung mit Hungersnot und Volkskommune prägen noch immer das Verhältnis zwischen Bauern und Staat. Bis heute reagieren die Bauern mit tiefem Misstrauen auf alle Versuche des Staates, wieder stärker in die Dörfer einzugreifen. Während arbeitslose Arbeiter vom Staat erwarten, dass er ihnen hilft, wollen die meisten Bauern von ihm in Ruhe gelassen werden. So sind z. B. alle Bemühungen der Regierung, in den letzten Jahren auf den Dörfern wieder eine kollektive Gesundheitsversorgung einzuführen, nicht zuletzt an diesem Misstrauen gescheitert.  Die Expansion der Bürokratie, hohe Abgaben und Schulgebühren, illegaler Landverkauf und Korruption führen im heutigen China immer wieder zu lokalen Aufständen. Aufgrund der Abwesenheit eines Sozialstaates auf den Dörfern verteidigen die Bauern ihr Nutzungsrecht des Bodens energisch, da es praktisch ihre Lebensversicherung ist. Entschädigungslose Landnahme durch Kader ist der häufigste Grund für diese lokalen Bauernaufstände. Die Ein-Kind-Politik des Staates wird aus den gleichen Gründen sabotiert und ist auf den Dörfern nicht durchzusetzen. Viele Bauernfamilien verloren in der »Großen Sprung«-Hungersnot ihre Kinder. Bei mehreren Kindern haben sie eine größere Absicherung gegen Unglücksfälle oder eine erneute Hungersnot.[64] Heute können die Bauern gegenüber dem Staat nur zu offenen Widerstandsformen greifen. Im Gegensatz zum versteckten Widerstand in der Ära der kollektiven Landwirtschaft, laufen die Bauern dabei allerdings Gefahr, eine gewaltsame Reaktion der Repressionsapparate des Staates auszulösen. Die KPCh hat diese Gefahr mittlerweile erkannt, denn sie weiß: Wer die Bauern verliert, der verliert China. [1]  Chinesisches Sprichwort. Es lautet im Original: Shangmian you zhengce, xiamian you duice.  [2]  Stellvertretend für dieses Paradigma ist Martin, Helmut (Hrsg.): Mao Tse-tung: Das machen wir anders als Moskau – Kritik an der sowjetischen Politikökonomie, Reinbek bei Hamburg 1975. [3]  Meliksetov, Arlen/Pantsov, Alexander: The Stalinization of the People’s Republic, in: Kirby, William C. (Hrsg.): Realms of Freedom in Modern China, Stanford 2004, S. 198–233. [4]  Zur Debatte um die Todesziffern siehe Wemheuer, Felix: Chinas »Großer Sprung nach vorne« (1958–1961): Von der kommunistischen Offensive in die Hungersnot – Intellektuelle erinnern sich, Münster 2004, S. 26–28. [5]  Bianco, Lucien: Peasant Responses to CCP Mobilization Policies, 1937–1945, in: Saich, Tony/ van de Ven, Hans (Hrsg.): New Perspectives on the Chinese Communist Revolution, New York 1995. [6]  Johnson, Clamers: Peasant Nationalism and Communist Power, Stanford 1962. [7]  Selden, Mark: The Yenan-Way in Revolutionary China, Cambridge 1971. Eine kritischere Darstellung bei Chen, Yung-fa: Suspect History and the Mass Line: Another Yan’an Way, in: Wasserstrom, Jeffrey (Hrsg.): Twenty-Century China – New Approaches, London 2003. [8]  Huang, Philip C. C.: Rural Class Struggle in the Chinese Revolution, in: Modern China 21 (1995), H. 1, S. 115 f. [9]  Luo, Pinghan: Tudi gaige yungdong shi [Die Geschichte der Bodenreform-Kampagne], Fuzhou 2005, S. 198. [10]  Zhang, Xiaojun: Land Reform in Yang Village – Symbolic Capital and Determination of Class Status, in: Modern China 30 (2004), H. 1, S. 15. [11]  Zu den theoretischen Grundlagen der Debatte um alltäglichen Widerstand von Bauern allgemein siehe Scott, James C.: The Weapons of the Weak – Everyday Forms of Peasants Resistance, New Haven 2005; Scott, James C.: The Moral Economy of the Peasant: Rebellion and Subsistence in Southeast Asia, New Haven 1976. [12]  Chen, Yun: Shixing liangshi tonggou tongxiao [Verwirklicht den einheitlichen An- und Verkauf von Getreide durch den Staat], in: Zhonggong zhongyang wenxian yanjiushi [Forschungsbüro des ZK der KPCh für Dokumente] (Hrsg.): Jianguo yilai zhongyao wenjian xuanbian [Eine Auswahl wichtiger Dokumente seit der Staatsgründung], Beijing 1993, Bd. 4, S. 452. [13]  Ebenda, S. 447. [14]  Becker, Jasper: Hungry Ghosts – China’s Secret Famine, London 1996, S. 55. [15]  Li, Huaiyin: The First Encounter: Peasant Resistance to State Control of Grain in East China in the Mid-1950, in: China Quarterly 2006, H. 185, S. 149. [16]  Ebenda, S. 161 f. [17]  Tian, Xiquan: Liangshi gouxiao zhidu de xingcheng jiqi zai tanghe xian de yunzuo [Die Etablierung des Ein- und Verkaufssystems von Getreide im Kreis Tanghe]. Unveröffentlichte Doktorarbeit an der Fudan University, Shanghai 2004, S. 113 f. [18]  Ebenda, S. 86. [19]  Ebenda, S. 89. [20]  Bo, Yibo: Ruogan zhongshi dayueci yu shijian de huigu [Ein Rückblick auf einige wichtige Entscheidungen und Ereignisse], Beijing 1993, Bd. 1, S. 353. [21]  Yang, Dali L.: Calamity and Reform in China, Stanford 1996, S. 27. [22]  Durau, Joachim: Arbeitskooperation in der chinesischen Landwirtschaft, Bochum 1983, S. 338. [23]  Zhonghua renmin gongheguo guojia nongye weiyuanhui bangongting [Staatliches Büro des Komitees für Landwirtschaft der Volksrepublik China] (Hrsg.): Nongye jitihua zhongyao wenjian huibian [Sammlung wichtiger Dokumente zur Kollektivierung der Landwirtschaft], Beijing 1981, Bd. 1, S. 655–657 sowie S. 676–680. [24]  Ebenda, S. 655. [25]  Ebenda, S. 649. [26]  Zhongzhou pinglun [Kommentare aus Zhongzhou] Nr. 2 vom 1. August 1958, S. 5. [27]  Renmin ribao [Volkszeitung] vom 26. November 1956. [28]  Xu, You: Baochan daohu [Die Produktionsquoten auf Grundlage der einzelnen Haushalte festlegen], Hainan 1998, S. 50. [29]  Dangdai Zhongguo nongye hezuohua bianjishi [Redaktionsbüro zur Kollektivierung der Landwirtschaft im Modernen China] (Hrsg.): Zhongguo hezuohua lishi ziliao [Materialien zur Geschichte der Kollektivierung in China], Beijing 1987, Bd. 1, S. 34. [30]  Liangshi wenti he sixiang wenti [Das Getreideproblem und ideologische Probleme], in: Renmin Ribao [Volkszeitung] vom 5. August 1957. [31]  Siehe Perry, Elizabeth: Challenging the Mandate of Heaven, Social Protest and State Power in China, New York 2002, S. 206–237. [32]  Gao, Wangling: Tou yu manchan sifen – Jitihua shidai Zhongguo nongmin fanxingwei de diaocha yu sikao [Diebstahl und Weniger berichten, um heimlich zu verteilen – Untersuchungen und Überlegungen zu alltäglichen Widerstandsformen der chinesischen Bauern in der Epoche der Kollektivierung]. Paper presented on the International Conference »As China meets the World«, Vienna 17–19 May 2004, S. 4 f. [33]  Bo: Ruogan zhongshi dayueci (Anm. 20), Bd. 2, S. 1023. [34]  Walker, Kenneth R.: Food Grain Procurement and Consumption in China, Cambridge 1984, S. 167. [35]  Deng, Liqun/An, Pingsheng: Dangdai Henan jianshi 1949–1998 [Kurze Geschichte des modernen Henan 1949–1998], Beijing 1999, S. 136. [36]  Walker: Food Grain Procurement (Anm. 34), S. 155. [37]  Thaxton, Ralph: China’s Hidden Crisis: Memory, Voice and Contention in the Aftermath of the Catastrophe of Maoist Rule, im Druck. [38]  Interview des Autors in Baotou (Henan) am 12. Februar 2005. [39]  Interview des Autors in Baotou (Henan) am 13. Februar 2005. [40]  Interview des Autors in Baotou (Henan) am 11. Februar 2005.   [41]  Thaxton: China’s Hidden Crisis (Anm. 37). [42]  Interview des Autors in Judong (Henan) am 8. August 2005. [43]  Interview des Autors in Wangcun (Henan)am 13. Februar 2005. [44]  Kraus, Willy: Wirtschaftliche Entwicklung und sozialer Wandel in der Volksrepublik China, Berlin 1979, S. 543. [45]  Gao: Tou yu manchan sifen (Anm. 32), S. 9. [46]  Yang: Calamity and Reform (Anm. 22), S. 101. [47]  Zweig, David: Agrarian Radicalism in China 1968–1981, London 1989, S. 33. [48]  Zweig, David: Struggling over Land in China: Peasant Resistance after Collectivization 1966– 1986, in: Colburn, Forrest D.: Everyday Form of Peasant Resistance, New York 1989, S. 157 f. [49]  Siehe Han, Dongping: The Unknown Cultural Revolution: Educational Reforms and Their Impact on China's Rural Development, 1966–1976, New York 2002. [50]  Thaxton: China’s Hidden Crisis (Anm. 37). [51]  Zur Debatte siehe Kelliher, Daniel: Peasant Power in China – The Era of Rural Reform, 1979–1989, Yale 1993 und Zhou, Kate Xiao: How the Farmers Changed China: Power of the People, Boulder 1996. [52]  Unger, Jonathan: The Transformation of Rural China, New York 2002, S. 95–118. [53]  Wen, Tiejun: Zhongguo nongcun jiben jingji zhidu yanjiu [Forschungen zum wirtschaftlichen Grundsystem des chinesischen Dorfes], Beijing 2000, S. 175. Unklar an dieser Rechnung ist allerdings, wie der Marktpreis bestimmt wird, wenn es zeitweise gar keinen Markt gibt. [54]  Jiang, Dongping: Zhongguo nongmin fudan lishi [Die Geschichte der Lasten der chinesischen Bauern], Beijing 1994, Bd. 4, S. 411. [55]  Hermann-Pillath, Carsten/Lackner, Michael (Hrsg.): Länderbericht China, Bonn 1998, S. 616. [56]  Ling, Zhijun: Lishi bu zai paihuai – renmingongshe de xingqi he shibai [Die Geschichte wird nicht wieder zaudern – Aufstieg und Niedergang der Volkskommune], Beijing 1996, S. 323 und Xin, Yi: Shilun remmingongshe de lishi diwei [Über die geschichtliche Stellung der Volkskommune], in: Dangdai Zhongguo shi yanjiu [Forschungen zur Geschichte des modernen Chinas] vom Mai 2001, S. 37. [57]  Gao, Wangling: Zhengfu zouyong he juese wenti de lishi kaocha [Untersuchung zur Geschichte des Problems von Funktion und Rolle der Regierung], Beijing 2002, S. 226. [58]  Ash, Robert: Getreide, in: Staiger, Brunhild/Friedrich, Stefan/Schütte, Hans-Wilm (Hrsg.): Das große China-Lexikon, Darmstadt 2003, S. 261. [59]  Ebenda, S. 261. [60]  Xin, Yi: Shilun remmingongshe de lishi diwei (Anm. 56), S. 33. [61]  Chang, Jung/Halliday, Jon: Mao: Das Leben eines Mannes und Schicksaal eines Volkes, München 2005. [62]  Debatte siehe Scott, James: Everyday Forms of Resistance, in: Colburn, Forrest D.: Everyday Form of Peasant Resistance, New York 1989, S. 21 f. [63]  Interview des Autors in Baotao (Henan) im Februar 2005 und in Judong (Henan) im August 2005.  [64]   Thaxton: China’s Hidden Crisis (Anm. 37).

JHK 2007

The Peasant Union Movement. The Quest for the Political Organization of Peasants in the Soviet Union in the 1920s

Olga Velikanova

[1] Documents from the Soviet archives show that a powerful peasant movement for the creation of a Peasant Union (PU, krestsoiuz) existed in the 1920s. While opposing the Bolsheviks’ policies in the countryside, peasants developed and articulated specific demands for representation – in the form of a Peasant Union – to defend their political and economic interests. Though this movement failed to develop into a full-scale political institution, to a considerable extent due to repression by the Soviet authorities, its history reveals a great potential of the peasants to oppose the regime and the growing class consciousness among peasants during this period. The movement for the PU in the 1920s has yet to be explored by scholars,[2] and this article is the attempt to draw attention of scholars to the new characteristic of the social landscape in the Soviet countryside of the 1920s.  The primary sources for this essay are documents reflecting the political moods of peasantry: particularly letters they wrote to the authorities and newspapers. Along with complaints, such letters often included practical suggestions and discussions of various political topics. Another kind of letters used in this essay is private correspondence which was secretly intercepted by the VChK-OGPUNKVD. In comparison with the letters to the authorities, private letters are more sincere and open-minded documents, mostly unaffected by attempts of selfrepresentation. The OGPU and party reviews (svodki) of the public’s moods comprise the third source for this study. Usually they include analysis and statistics, in addition to quotations from conversations and other utterances – both formal and informal. Memoirs complement this corpus of sources. These documents provide the historian with a source of first-hand information for analyzing peasants’ views.[3] From these reports, letters and memoirs we can determine how peasants perceived themselves in relation to the authorities and other social classes. The sources show that peasant beliefs and representations were in flux. However, familiarity with the complete mass of this documentation provides an impression of some of the dominant trends, patterns of perception and demands in the countryside in the 1920s. Among various different trends, the scholar meets very powerful narratives, which have not yet been described in full in historical writings and which reflect the peasants’ growing self-identification embodied in the movement for PU. Because of the serial character of the sources, I do not cite all available material from the documents. They are often repetitive. Instead I will support my theses by focusing on the most representative quotations from this serial material.  The Peasant Unions, 1905–1921 The three Russian revolutions produced several political institutions that represented, or pretended to represent the interests of the country’s most numerous class, the peasants, who quickly entered the world of politics: the Party of the Social-Revolutionaries and the All-Russian Congress of Soviets of Peasant Deputies. The Constituent Assembly was another institution which potentially could have reflected the interests of the peasants. The Bolshevik dictatorship destroyed all these bodies.[4] The attempt of the peasants to create a Peasant Union as an allRussian class organization was the last in a series of remarkable political acts, which reflected the growing class awareness of the peasantry, their strive for independent representative institution strengthened in opposing to the Bolsheviks’ policies. The All-Russian Peasant Union (PU) arose spontaneously in the fall of 1905 during the first Russian Revolution. At its peak it had more than 200,000 members in 111 counties and 359 villages.[5] In late December 1905, the Tsarist government crushed the movement with the imposition of martial law. The Peasant Unions reemerged between 1918 and 1920 in order to fight the policies of the Bolsheviks[6]. As in 1905, these unions were started by the Social-Revolutionary party. During the peasant uprisings of 1918–1919 against War Communism, the peasantry advanced their demands, which were surprisingly homogeneous and politically mature. Besides demanding the abolition of requisitions, and the state’s monopoly on trade, the main demand everywhere was for self-government – either in the form of communist-free soviets, the traditional rural gatherings (obshchina)[7], or through the organization of Peasant Unions. The 1918 alternative to the soviets was the Constituent Assembly. It became a consolidating slogan in some areas – in Volga, where the Committee for Constituent Assembly was created and in the North-West of Russia. Facing hunger, requisitions and conscriptions in 1918, many peasants referred to Constituent Assembly as a benevolent provider of better life and blamed Bolsheviks for its dissolution. In 1919 the power of this consolidating symbol waned.[8] Also as in 1905, 1919–1921 the Peasant Unions managed to take administrative control of vast areas under rebellion, including the Voronezh, Tambov, Kuban, Tobol’sk, Volga, and Siberian provinces. They cooperated with military formations of peasant rebels and were exceptionally successful. They ceased to exist in 1921 when the Bolsheviks suppressed the rebellions. All in all, the peasant resistance was one of the major factors that caused the Bolsheviks to change the policies of War Communism for those of New Economic Policy (NEP). However, this halfhearted concession to the village did not meet the peasants’ expectations in full. Peasants’ Activism The ideas of social equality and classless society formed the foundation of the official socialist myth. The Bolsheviks’ official declaration of social peace and unification with the peasantry (smychka) promulgated during NEP, was, in reality, contradictory to the de facto policy of discrimination of the peasants. In public transcript[9] authorities described their relationship with the peasantry in terms like unification (smychka) or »facing the village«. At the same time, the hidden transcripts of the authorities revealed distrust and wariness towards the peasants as a dangerous and backward class of »petty bourgeoisie«. In public transcript the policy toward peasantry was called »modernizing«, in hidden transcript it targeted »taking grain«. Peasants also expressed a similar suspicion towards »aliens« – be they city folk, representatives of the authorities, or bureaucrats. This suspicion was reinforced by the authorities’ confiscation of grain during the Civil War, the war against religion and, of course, collectivization. Hopes that soviets, as government of the working classes, would guard the interests of the peasants, although initially sparked by the decree on land, soon diminished.[10]  This essay deals with the period in which the illusions originally created by NEP began to erode in the minds of the peasants reflecting reaction to government efforts to control market and grain prices undertaken in the mid 1920s in response to urban dissatisfaction and the Left Opposition debates. According to Graziosi, in letters from peasants to Mikhail Kalinin at the height of NEP, the initial positive criticism yields to increasingly bitter and pessimistic appraisals of the politics of the authorities in the village.[11] The same change in the mood scholars can see in letters to Krestianskaia Gazeta and private correspondence. A 1925 private letter written by a peasant and secretly intercepted by OGPU stated: »The sternness of the authorities towards the working population is unprecedented. They [the officials] fine us mercilessly […]. They blew smoke into our eyes, saying that they had reduced the direct tax, but in a roundabout way we paid twice as much. Here you go peasant, live like this. Can he look favorably at the Soviet authority like at a protector? No, [he cannot]. He is extremely angry with it.«[12] The remarkable political and social activism of the peasants was a feature of the 1920s. The liberalization of the economy during NEP fueled peasant political participation. In 1924 Felix Dzerzhinski recognized the rise of peasant political culture. »They acquired an ability to understand their particular interests and deliberately defend them, opposing the policy of Soviet power.«[13] The peasant activism of the 1920s represented a continuation of their longstanding political quest for autonomy that began at the end of the 19th century[14]. The peasants’ activism on the basis of realization of their own particular interests and role in society is especially impressive when weighed against the parallel disintegration of the workers as a political class in the 1920s.[15]  The main motivation for all forms of peasant political mobilization in the 1920s was the desire to attain power and to control their own lives. Again and again in their letters to the authorities and newspapers, peasants demanded equal representation within the power structures of the dictatorship of the proletariat. »Through our own representatives we must organize peasant committees, here in the villages, as well as in uezds and provinces. Through these committees we will enter into the authorities’ structure […]. Insofar as our state is made up of peasants and workers, it must be governed by them via elections, but not through appointed people from the party or wherever.«[16] In order to achieve this, they attempted to utilize existing political institutions – the party and the soviets. One peasant wrote: »There is concern among the peasants that the people who are sitting in VIKs [Local Executive Committee][17] are not ours, they don’t know the peasants’ needs. Since the appointed people filled all of the senior positions, in order to solve a question about land distribution, we need to enter the [Communist] party and take the positions that are rightfully ours as we are the real workers of the land.«[18] The »Stepsons« of the Soviet power The serial documents allow us to identify several narratives that dominated in peasants’ discourse. First of all, peasants regarded themselves as the class the furthest removed from the power structure: »Do the Soviet authorities consider peasants people?« and »Are we not part of the Soviet republic? […] Rural Communists don’t regard us as humans.«[19] Voices filled with dignity and self-respect came from the villages, testifying to the peasants’ increasing realization of their role in society. »The government works for us, we are its masters, so the authorities must listen to us.«[20] Peasants perceived themselves as masters, as »the salt of the earth«, without whose products society would cease to exist. In the years of post-revolutionary chaos and the disintegration of government and economy, Russia saw how true such claims really were. It was during the civil war that the city-folk abandoned the towns for the countryside to find food. Instinctively, peasants understood the city’s dependence on countryside, and sometimes used their self-sufficiency as a means to apply political pressure. Prosperous farmers wrote anonymous letters threatening to reduce land under cultivation, and consequently, reducing the future supply of grain. They warned: »We would have held out for a year without your manufactured goods but you would not have had bread […].«[21] The emerging consciousness amongst peasants of their own distinctiveness can be explained by the growing mobility of the population during the revolutions and wars, along with interactions and conflicts with other social groups. The economic revival of the village during NEP contributed to the rapid growth of peasant self-consciousness and esteem. Simultaneously, pressure from the authorities stimulated greater solidarity among them. In the mid 1920s an intense social conflict emerged between the city and the countryside. Urban unemployment (a rise from 1,344,000 to 3,000,000 in 1927 according to different sources) during the NEP deepened workers’ hostility toward peasant in-migration. According to Douglas Weiner the otkhod involved 3,25 million peasants in 1925/26. More than 2 million settled permanently in the cities in 1926/27.[22] Workers also expressed discontent for villagers selling their products above the price level of state stores. From the peasants’ point of view, the hostile urban world included not only the Bolsheviks, but also factory workers, since the latter theoretically held power. The main source of envy was the higher level of life in the city. A poor peasant’s average annual income of 128 rubles in 1927 was only 35 percent of the average urban worker’s.[23] This hatred caused tension even among Party and Komsomol cadres. For example, in 1925, during a plenum of rural party organizations in the Nikolaevski district of the Odessa province, rural communists’ hatred of those from the city was expressed openly and with vigor,[24] as the participant Kondrashov wrote a report to Stalin.  The peasants’ discontent with the material and political inequality with the workers was the overarching theme in their mood. Their longing for equality was reinforced and justified by official socialist narrative of social equality and a classless society. Feelings of discrimination fueled the peasants’ demand for justice. As James Scott writes, »The essence of peasant moral standards is a crude notion of equality and stressing of justice.«[25] The utopian revolutionary slogan of equality corresponded to the old peasants’ ideal. One peasant author in the newspaper Bednota, contemplating the reasons for this inequality, opposed both community and capitalist values, when he wrote that inequality arises when people begin to work not for the general good but for the individual or family good.[26]  Equality was often understood by peasants in a very simplistic way. Here is a 1927 letter from a Don peasant, Ivan Khomich, to the newspaper Krasnoe Priazov’e: »As a community of peasants and community of workers, we exchange goods. A worker should work for food and clothes and the rest should go to the government. And I, the peasant, give the extra bread, onions, potatoes, eggs, and butter to the government. Just give us boots, a hat, a jacket, a shirt, or some pants in exchange […]. Give [to the peasants] industrial goods; take the bread [in exchange]. Where is equality, where is brotherhood? Down with taxes, down with wages, down with money inside Russia. Long live socialism!«[27] In private conversations and correspondence, and in official complaints, peasants persistently compared the conditions of life in the villages with those in the cities. Their main complaints revolved around the higher salaries earned by workers, and the fact that workers were not subjected to taxes, while the peasants were burdened by high taxes. Moreover, peasants also believed that their access to education, culture, and medical assistance was quite limited compared with that of city workers. »The village lives with the discussion that workers live better than peasants, they earn more but work less, and they have social insurance, schools, hospitals, resorts, while the authorities give none of that to the peasantry. Peasants pay taxes, but workers do not.«[28]  »Peasants are unclothed, barefoot and hungry; workers are eating eggs, butter and meat […]. We were fighting together, but the kingdom goes to workers, while peasants are alone in defeat. Every peasant knows that the worker is our enemy […]. Be condemned today and forever the peasants’ enemy – a worker.«[29] »It is often heard in the factories that peasants should not be employed there. Where is the [declared] union with the peasants on such case? The peasants are so offended, industrial products are much more expensive than agricultural products. The peasants should organize and not give the workers their output.«[30] Peasants had many reasons to complain. Their lives were much harder than that of workers. In 1926, 55 % of peasants were illiterate and 40 % of peasant children did not attend elementary schools. For every seven hundred people in the countryside there was one teacher, and for every seventeen thousand – one doctor.[31] Egalitarianism was fueled by the abrasive force of envy.[32] The peasants were envious of the more prosperous urban population. They called for real equality, lamenting: »Even out the situation in the villages and the cities and spread the weight around equally between peasants and workers […]. Workers should bear the same burden that peasants do, i. e. work more than 8 hours, and have a salary that is not so rewarding […].«[33] The Manifesto of the All-Union Central Executive Committee of the Soviets (VTsIK) on the 10th anniversary of the October revolution in 1927 caused an explosion of protests and grievances from deprived peasants, who were upset that the Manifesto gave workers many privileges, as they believed, at their expense[34]. The demand for equality also drew upon references to official rhetoric, which peasants regarded as government promises. It is surprising how actively and skillfully the peasants employed the party’s official rhetoric on »the union of laborers« – a worker-peasant alliance. The peasants constantly used the authorities’ slogan, »face to face with the village« as argument in their letters. They quoted Communist party documents, articles from Pravda, the works of Lenin, articles of the Constitution and referred to the decrees of the Soviet government, indicating the discrepancy between official rhetoric and action, and demanding that the authorities fulfill their promises and implement the laws they had issued[35].  The demand for social equality with workers was often based on the peasantry’s numerical predominance as well as on their active participation in the revolution and civil war. Peasants argued that workers and peasants had fought side by side[36], they had suffered the same losses, and together, therefore, they should enjoy the results of their struggle. In appealing back to the state’s myth, peasants complained over and over again that the revolution, despite its promises, had brought material and political benefits only to the workers, while the peasantry »did not see anything good from the revolution. The authorities only look after the workers; the government is like a mother to the workers and like a stepmother to the peasants all at the price of the peasants’ misery.« Metaphors such as »sons« and »stepsons« dominated the peasants’ discussion of Soviet social policies. Since the family was the basic unit of peasant life, this model was transmitted to the state level, and peasants seemed to act within this social frame of reference.[37] The letter from the Smolensk province depicted an epic image of two fighters, the peasant and the worker, who had struggled and suffered together for the better future; but when »the mansion of life« was ready, the worker became its superintendent, and the peasant only a tenant without any rights. The worker, advanced leader, who became the superintendent of the building, was unable to improve the life of his fellow comrades in this building. The letter went on to note that »Soviet authorities elevated workers to the status of the masters of Russia and made them guardians, superiors to the peasants; it is time to realize once and for all, who exactly made the revolution possible; if it was not for the peasants in the army, the revolution could not have been successful, what would the workers have been able to do – absolutely nothing.«[38]  Envy of workers reached such a level that the peasants distributed leaflets calling for the removal of the proletariat from power, and calling that peasants take power into their own hands. These leaflets demanded: »Let’s take part in the Dictatorship of the Proletariat!«, and »Long Live Peasant Power!«[39] Peasants’ hatred and envy was one of the sources for class self-identification. Apart from resentment towards the workers, another stimulus for consolidation was the Bolsheviks’ political attempt to differentiate the countryside. Marxists considered the polarization of the countryside into capitalist owners and a rural proletariat to be inevitable. In the 1920s, the Bolsheviks counted on the support of the poor, a split among middle peasants, and the isolation of the kulaks. Y. Sverdlov warned soon after the revolution that the Soviet regime would survive »only if we can split the village into two irreconcilably hostile camps, if we succeed in raising the village poor against the village bourgeoisie.«[40] Peasants vigorously rejected this policy: »[…] we are being divided: You are kulak, you are seredniak [middle peasant], you are poor […] With such a division of peasants one cannot even speak of socialism […]. Peasants should not be separated into classes«.[41] The peasantry belonged to a different frame of reference, primarily fixed in terms of the traditional world of land commune. For the Bolsheviks, the term kulak meant enemy. From the peasants’ perspective, the world, the rural society and the notion of the enemy appeared quite differently.[42] The documents reviewed by the author in the archives provide a lot of evidence that from the peasants’ perspective, hostile forces were still often seen as coming from outside the community and included the workers, Bolsheviks, and the cities in general: »In our village, there are no kulaks, but there are plenty of Soviet kulaks in the city, those who carry a briefcase and get 200 rubles in salary.« »Why did the Party speak so much about the danger of the kulaks during the congress and not even notice the bourgeoisie in the city?«[43] As Lynne Viola has concluded, many peasants believed that the town – rather than the kulak – was the real exploiter.[44] This clash of hierarchical categories reflected the confrontation between the peasants’ communal world-view and the Bolsheviks’ class-based perspective.  Hatred towards workers molded the feeling of distinctiveness which echoed in the consolidation of peasants against the urban world and the superficial categories that were forced upon them. Many peasants viewed the Bolshevik policies of economic differentiation as intended to tear up the social communal fabric in order to exploit the people.[45] In their deliberate resistance to the Bolsheviks’ policies of differentiation in the countryside, the peasants proved that communal cohesiveness was very often stronger than class polarization.[46] Search for an agency to protect peasants’ interests All these narratives mirrored the peasants’ growing self-awareness, and resulted in demands and actions to find the agency to protect and advocate their interests to the Soviet authorities. The more Bolsheviks sought increasingly to control the market and regulate grain prices, the more the countryside consolidated in its demand for peasant organization. By the mid-1920s, numerous complaints, letters to the administration, and resolutions passed by peasants’ meetings concluded with demands such as the following: »Give peasants their own union! Why did all those posh officials and creators of the Soviet Republic rise as one against the peasantry and try to drain the last bit of blood out of them? Remember, there is an end to everything, and there will be an end to the peasants’ yoke.«[47] The experience gained from the Peasant Unions of 1905 and 1917–1920 was not lost – neither the peasantry nor the authorities would forget this. The OGPU noted that the instigators of the movement in the 1920s had often participated in the Peasant Unions of 1905–1906 and 1917–1920.[48] Though many local OGPU authorities were prone to ascribe the growth of the PU to the intrigues of former socialist-revolutionaries, the reasons were much more complex. During the first three years of NEP the terms of exchange between industry and agriculture were quite favorable to the countryside. In 1923 (the scissors crisis) and in 1925 again the official agencies made a concession to the peasantry, increased the price of grain and forced the industrial prices down. These three years of NEP improved the economy of countryside. As soon as a peasant became wealthier, he now had to pay higher taxes, and became the target of political discrimination as a kulak. It fueled discontent in the village. Discontent grew when government stopped concessions and turned to curtailing NEP. For example, when in 1927 price divergence arose again, the state’s low price of grain was kept stable. Under the new circumstances, the peasants’ infringed interests caused them to promote the idea of a union. At that moment they saw the PU as the only channel able to communicate their genuine needs. What other channels were available? What place did Peasant Unions occupy among other local, traditional, as well as political institutions in the countryside in the 1920s? By that time, the Soviet government had created a whole spectrum of organizations that, in theory, dealt with the peasants’ various interests and needs – soviets, cooperatives (co-ops), Committees of Peasants’ Social Mutual Aid (KKOV), and credit funds. The most important among them were the soviets.  The peasant masses initially believed in the soviets, which attracted them first and foremost as potential instruments of autonomous self-governance. Despite the discrimination against prosperous peasants in favor of the poor in the local soviets, the former nonetheless attempted to use soviets for their own purposes throughout the 1920s. Though the authorities controlled the local soviets through their nominees (Party members, outsiders from the working class, or poor villagers), and excluded kulaks from the elections by disfranchising them, nonetheless the middle and even wealthy peasants fairly successfully used the 1925, 1927 and 1928/29 election campaigns to put their representatives in the local soviets.[49] An anonymous peasant wrote: »There were elections to the soviet. Do you know that the peasants organized themselves and did not let any Communist and Komsomol (VLKSM) member enter the soviet, [but] only old and experienced people passed. Now we have a soviet composed of non-party men. In the village Khoroshee all the non-party men were elected as well; in short, everywhere in our district the non-party men have entered the soviets. The peasants woke up. Here at the bottom, the [Communist] party of course is defeated, because the Communists were the chairmen and mismanaged [the whole affair].«[50] In 1928 the OGPU mentioned »the seizure of the local soviet and co-operative apparatus by the kulaks as one of the main features of anti-soviet activity in the countryside along with counter-revolutionary agitation, dissemination of leaflets, demands for a PU, kulak agitation and kulak terror.«[51] Disfranchised wealthier peasants demanded voting rights in exchange for selling grain to the authorities at state-established prices. They stated, »we’ll bring grain, but in exchange you restore our voting rights and announce in your newspapers that we are […] helping [the Soviet power] to reconstruct the economy«[52]. The desire of middle and wealthier peasants to participate in the soviets is evident in their demands for the equal representation of all strata of the peasantry and of political parity between peasants and the proletariat.[53] Peasants even referred to the Constitution: »Examining the Constitution, one inevitably comes upon Article 9, in which any person from the city is given more privileges than a peasant; it reads that [factory] workers have one representative to the Congress [of Soviets] for every 25,000 people, whereas peasants have the same one representative for every 125,000 people. For me, a peasant, this seems very odd. I am thinking that there are sons there and stepsons here.«[54] Peasants often demanded changes to the Constitution and free multi-candidate elections.[55] They rejected the workers’ and communists’ nominees appointed from above, as well as poor villagers, whom they considered ill equipped to rule the village. They promoted their own peasant candidates from the bottom and, overall, used all means they could to influence the elections. Wealthy and middle villagers bought votes, formed voting blocks, held boycotts, and canvassed electors using all possible methods of political pressure in order to represent their interests. The fact that throughout the 1925–1929 election campaigns the local soviets remained predominantly peasant (non-workers) and non-party[56] made the authorities constantly worry about the »contamination« of the soviets by »enemy elements.« Meanwhile, the peasants were gradually coming to the realization that the soviets had no real power in comparison to the Communist Party. »Why are you shouting about elections to the soviet? The authorities bypass the soviets and this is not likely to change.«[57] The disproportionate representation of diverse strata of the village in the local soviet organs, as well as their pursuit of party interests instead of the peasants’, repelled the majority of the countryside from this form of local governance.[58]  On the national level, the People’s Commissariat of Agriculture of the Russian Republic pretended to be a state agency representing the interests of the peasantry and helping peasants to modernize their life. However, the Commissariat found itself in between the official goals of transformation of the village according to the socialist project, as the Communist party understood it, and Commissariat’s adherence to the NEP policy. It lead to ineffectiveness of this mediating body and it vanished in 1929 when NEP was abandoned. Peasants’ promotees could not function effectively in this body and were neglected by the bosses.[59]  Apart from the soviets, a number of bottom ground organizations existed formally to aid the peasantry, including cooperatives (co-ops), Committees of Peasants’ Social Mutual Aid (KKOV), and credit funds.[60] Officially these organizations represented the interests of the poor, but in reality they very often reflected the exploitative interests of the Soviet authorities. The People’s Commissariat of Workers’ and Peasants’ Inspection reported in 1925: »Local soviets have provided good implementation of tax-collection work for the higher authorities, but independent work done by them in serving the basic needs of the village is negligible«. Commenting on that quote, Teodor Shanin adds: »This seems equally applicable to all the rural organisations of the plenipotentiary outsiders.«[61] The performance of these organizations, designed by the authorities to mediate between the village and the state, remained poor because the Soviet government’s interests conflicted with those of the majority of peasants. Even the poor peasants were often dissatisfied with the performance of these organizations, and they frequently shut down the KKOVs. Instead, the peasants – wealthy, middle and poor – suggested their own intermediary institution: a Peasant Union. Not accidentally, pro-PU agitation increased dramatically during the election periods for the Soviets, co-ops, and, especially, the KKOVs.[62]  At the same time, in the villages, the communal system, as the traditional, most significant form of local self-government, remained functioning and was even on the rise.[63] According to Shanin, Male and Heinzen, communes and village gatherings, not soviets, were the real coordinators of rural life and possessed far more substantial budgets that the soviets.[64] Among other functions, communes organized saving banks and apportioned all taxes.[65] Unlike in the soviets, all strata of the peasantry were represented in the local village communal gatherings, including wealthy farmers, who were banned by law from participation in the soviets. However, the communal system’s confined structure could not match the demands of modern life. As Male put it: »There was no official machinery for presenting directly the views of the commune on national issues […].«[66] The increasingly complex arrangement of contacts with the outside world led to demands for representational institution with advanced bureaucratic functions. While a whole host of institutions claimed to reflect and protect the interests of the countryside, in practice they did not work well. There are many reasons for their failure, including obsoleteness (in case of the obshchina) and/or the incompatibility of the actual interests of the Soviet authorities and the bulk of peasantry. This failure was yet another reason why the peasants strove to create their own institution, independent of the authorities.  Goals, participants, and geographic coverage of the PU movement Attempts to organize Peasant Unions locally were undertaken beginning in 1924.[67] Usually they occurred at meetings of peasants or rural communal gatherings (skhod). »Having heard: the information from comrade Golubkov about the organization of the Peasant Union. Decreed: by the common opinion of the gathered to acknowledge the necessity of the organization of the PU by the type of the workers’ trade unions. (Uglich uezd, Yaroslavl guberniia, January 1929).« The OGPU summary includes the statement by a member of the party on the meeting in the village Okulino, Burlakinskaia volost, Yaroslav guberniia (1929): »To better arrange [our] own life, we need to organize our own Peasant Union. The worker is organized, he lives better, and we need to organize [ourselves] to live like the workers […]. With every day our life becomes worse and worse. The union is necessary to us also so that the peasant will be more closely allied and organized, and will not experience the pressure from the side of the Soviet authorities, which he feels now.«[68] The question of the projected functions of a Peasant Union was somewhat ambiguous. Both political and economic functions were incorporated into a single initiative. Chart (1) illustrates the objectives of the PU.  Chart (1):  Goals of the Peasant Union in 1926 and 1927[69]   Objectives/Goals/Demands Percent To change the price ratio between agricultural and industrial goods 38 To organize the PU based on the model of trade union 21 To decrease the agricultural tax 17 To further peasants’ political demands 15 To replace the KKOVs 1 Other Demands 8   The economic objectives included balancing agricultural and industrial prices, changing existing tax policies, and allowing free access to outside markets. Overall these objectives equaled 56 % of the total objectives. The political objectives encompassed the demands to create an independent peasant party and the intent to oppose the Soviet authorities in general. In addition, the peasants defended their election rights and their right of education. Overall, these objectives accounted for 15 % of the goals. The initiative for the PU to operate as a peasant trade union was also widespread. Together with the political demands it accounted for 36 % of the total goals. This categorization, of course, is very relative. First of all, every pro-PU debate included a wide spectrum of demands. The analysts from the Central Committee (TsK) and OGPU usually selected one central theme for each of the public debates and addresses. Secondly, the above classification of the PU’s objectives was determined by the OGPU’s staff, or party analysts who interpreted the peasants’ demands in accordance with official policies. Finally, the peasants themselves, in their demands, for example, that the PU take the form of a trade union, loosely understood the functions of the latter, and included in their mandate both economic and political objectives. Such an amalgamation of objectives into a single concept of a »trade union« can be found in many of the pro-PU programs. For example, one of these programs, approved by the electoral congress in the Vasilievskaya district in the Samara region, declared: »To organize the PU based on the model of a trade union and include in its functions:  To attain an equal distribution of wealth between the workers and the peasantry (an extended working day for the [factory] workers, wage cuts for the proletariat, the transfer of the valuables from clubs in the cities to the villages in order to organize narodom[70], etc).  To increase the percentage of peasants attending universities and colleges by decreasing the percentage of workers attending these institutions.[71]  To achieve political equality and amend the Constitution regarding the participation of peasants in the soviets. There is to be one candidate per 25,000 people instead of one per 125,000.«[72] In the OGPU’s summations, this program was most likely categorized as »the PU as a peasant trade union«, even though the program’s directives extended beyond the traditional economic functions of a trade union and covered mostly social and political rights. Economical demands, which were mostly protests against economic discrimination, inevitably acquired political coloring in party or police discourse. The prevalence of one or another of these demands varied according to agricultural region. The central provinces with surplus peasant populations more often insisted on organizing a PU on the model of a peasant trade-union, with the goal of improving access of peasants to jobs in industry. Up to 50 % of such demands came from the centre and North-West of Russia, where peasants traditionally went away to work in industry to supplement their agricultural income. But they were unable to do this as easily in the 1920 as before the revolution because of high unemployment in the cities. When peasants saw that access to jobs in the cities was opened only for the members of workers’ trade-unions, they demanded to create their own peasant trade-union. In these provinces the middle and poor peasants took a very active part in the movement. In the producing provinces, where wealthy peasants dominated, the purposes of a PU more often included balancing prices for industrial and rural products, taxes and access to external markets. In Ukraine and the Caucasus these kinds of economic demands were advocated by up to 60 % of the peasants. The data on the supposed functions of the PU in an OGPU report from 1928 (chart 2) largely coincide with that of chart 1.  Chart (2):  Supposed functions of the PU according to an OGPU in 1926 and 1927[73]   Function 1926 1927 Political function 17,5 22,6 To balance prices 34,8 33,1 Trade-union functions 29,3 30,7 To regulate taxes 17,7 11,5 Other 0,7 2,1   Which groups in the village were the most active PU advocates? To answer this question we encounter the problem of the vague boundaries of social categorization. Terms and labels imposed from above on the village often did not coincide with social identity as it was perceived from below. The vagueness of the social boundaries and the arbitrariness of imposing the categories or labels make it difficult to distinguish the origin of that or another narrative in the situation of social conflict in the village. While some part of the village was allied with the Bolsheviks, the documents I have studied give evidence that the pro-PU campaign represented the majority of the peasantry. This is demonstrated by the following statistics. Chart 3 and 4 follow the OGPU’s socio-political classification of the participants in the movement for the Peasant Union in the USSR in 1926 and 1927.[74] Chart (3):  Social composition of the movement for the Peasant Union in Percent   Social status 1926 1927 Peasants:           Kulaks 39,1 36,3           Seredniaks (Middle) 51,2 52,5           The poor 9,7 11,2 Total Peasants 72,2 82,0 Workers of the lower Soviet apparatus and co-operation 2,9 1,3 The village intelligentsia 4,2 2,7 Handicraftsmen and craftsmen 1,4 1,5 Workers 1,0 0,6 Others and unidentified 18,3 11,9 Total 100,0 100,0   Chart (4):  Socio-political status of Peasant Union supporters in Percent     Socio-political status           1926 1927 Members of VKP (b) and VLKSM            0,9 0,8 Former Members of VKP (b) and VLKSM              1,5 0,9 Workers in public organizations, village correspondents, and soviet members    5,1 3,6 People with an anti-Soviet past    11,3 1,2   I discussed earlier the fact that this official categorization was biased. Again, authorities always blamed »kulaks« (identified as enemies in public transcript) for initiating the Peasant Union movement as an opposition to soviets. However, even the biased OGPU records confirm that the demands to create a Peasant Union were often initiated by the poor or the middle peasants. This table indicates that many local Soviet personnel as well as Party and Komsomol members spoke in support of the PU.[75] Chart (5) shows the participants of the movement in Ukraine in 1927. To summarize the data on the social base of PUs, even following the official biased classification, we can say that the demands for their creation came from all strata,[76] with wealthier and middle-income peasants as the prime advocates, and the poor peasants’ following their lead. Chart (5):  The participants of the PU movement in Ukraine in 1927.[77]   Socio-political status Total Percent Kulaks and wealthy peasants 80 41,4 Middle peasants (seredniaks) 61 31,6 The poor (bedniaks) 22 11,4 Others  30 15,6 Chart (6):  Geographic coverage of the pro-Peasant Union campaigns (Total from the period of January 1, 1924–January 1, 1928)[78]   Regions 1924 1925 1926 1927 Total Central   34  210  578  857  1679 North-West  4  25  99  97  225 West  29  65  90  117  301 Ukraine  1  50  338  478  867 The Crimea  2  4  22  65  93 Northern Caucasus  9  93  279  274  655 Volga region  39  43  123  125  330 Ural  6  8  20  48  82 Siberia  7  29  97  151  284 Far East  8  16  30  100  154 Total  139  543  1676  2312  4670   Pro-PU campaigns took place throughout the USSR, including even the Far East. According to a report from the Information Department of the Central Committee on April 3, 1929, »there is no region left where this demand, in some form or another, had not been brought forward«.[79] In this regard, the most active areas were in the Central region and the Ukraine. The following chart (6) provides an account of the geographic coverage of the pro-PU campaigns. Demands for renaming the party and the government  The peasants’ campaign for equal rights can be seen in one more discourse. This longing for equality resonated in numerous demands from the village to change the official name of the government from »the state of workers and peasants« to that »of peasants and workers«. These demands were complemented by peasants’ petitions to the government and the press to change the official slogan »Workers of the world, unite!« to »Workers and peasants of the world, unite!« For example, S. Gogoi, a peasant, wrote to Stalin: »Our outpost supervisor said that the slogan cannot be changed, that the proletariat would [fare] better in establishing and upholding the Soviet rule in other countries than the peasants, because the latter are considered petty proprietors. From the above, one conclusion is drawn, that peasants can surely doubt their equality […] Peasants are unhappy that our government is described as ›of workers and peasants‹ and not ›of peasants and workers‹.«[80] There were also demands to »rename the Party, to call it the Russian Party of Workers and Peasants.«[81]  The interest in slogans and names was by no means accidental. As semioticians have shown, in mass consciousness, an identification between a word (sign) and its meaning takes place. A new condition of thing is reflected in a new name and vise versa. Since the name reflects the very essence of an object, a change of name is considered to be a total transfiguration of an object. The peasants’ demands to change the name of the government and the party referred to very deep archetypal layers of mass consciousness discussed by Youri Lotman and Boris Uspensky. Renaming was interpreted in this frame of mind as transfiguration.[82] However, the idea to change the name of the government was articulated not only at the bottom of society but also among the party elite. In 1923 (not later than June 10) Grigori Zinoviev, a chair of Comintern, forwarded to Stalin the project of address at the extended meeting of the Execution Committee of the Comintern on the need to change the title of »Workers Government« into »Workers and Peasants Government«. He criticized the »social-democratic« attitude among the parties of the Communist International towards the peasantry, which was that peasants were allegedly unable to comprehend and accept socialism. He argued that the new title would neutralize the peasants’ antipathy towards the Bolsheviks, and would enable them to begin feeling sympathy towards the communists. According to Zinoviev, the new motto would also serve to distract middle and poor peasants from the kulak peasants’ parties, which were attempting to create a »Green International«. Though the leader of the Comintern referred to the political practice in foreign countries, he concluded his proposal with the remark that »this new motto of workers and peasants government is applicable in agitation everywhere, where this question arises as actual problem.« He emphasized that it was very important to let peasants know that communists rise this question.[83] Supposedly Zinoviev’s suggestion was not only a reflection of the popular moods, but also partially a response to the growing peasant party movement in the West and a reflection of the struggle inside the RKP (b) regarding NEP. The available documents do not give us any evidence of the immediate consequences of Zinoviev’s project. However, continued discussions and pressure from the bottom forced Stalin finally to react. In 1927, Stalin published an article in the magazine Bolshevik, in response to a letter by a certain A. K. Dmitriev, who asked about the »social essence of our government and the state« – whether it was the state of workers or workers and peasants. Stalin answered with a play on words. He repeated several times on five pages of his article the need for a union of the proletariat and peasantry, and the leading role of the workers in this union. He stressed several times the necessity for the proletariat to govern the peasant masses.[84] Behind their questioning of the government’s name and description lay the Russian peasantry’s extreme discontent with their current deprived situation, their lack of rights, and their desire to defend their own interests. The reaction of the party: repression and cover-ups Documents in my possession provide little evidence as to how PUs functioned. It is the subject of further investigation. According to some estimates, between 1924 and 1927, 3,000 to 4,600 public demands for a PU were made.[85] Their work was limited by local frameworks. For example, one such organization, the Soiuz Khleborobov, existed in the village of Gavrilovka, Dzhetysuisk gubernia, Taldy-Kurgan region (Kazakhstan) for three years (1924–1926).[86] Its relative longevity proved to be an exception; for the most part the PUs were short-term endeavors that tended to be liquidated by the OGPU almost upon their creation. Because of that, the PUs often functioned semi-legally under the umbrella of existing legal institutions – circles of mutual aid, or circles of agriculture (in the Moscow district, North Caucuses) or agricultural societies (in the Volga district), which often possessed a large number of participants and a membership fee.[87] The OGPU called such organizations »surrogates of the PU«. Some of them established loan and grant foundations that offered interest-free loans to the poor in times of emergency.[88]  In the same way the attempts to build the central organ of the Peasants Union that would coordinate the local organizations were quickly destroyed by the OGPU. Whenever such entities arose, the OGPU reported to the central authorities in Moscow about the existence of such clandestine central organizations which tried to coordinate the network of local PUs. Among these higher level organizations were the South-Eastern Committee in Kuban’ and Stavropol’ districts in 1925, the Ukrainian Peasant Union, eliminated by OGPU in 1926, the Ukrainian Peasant (Muzhitskaya) Party in Khar’kov (1925–1927), eliminated by OGPU in 1927, the Golovko and Shchadilov group in the Ukrainian Beet Co-Operative Society in 1927, and the Union of Peasant Self-Defense in the Moscow district (1927–1928). In May 1927 the OGPU destroyed an organizational group for the All-Russian Peasant Union established in Moscow by L. I. Batai and N. A. Malinovski, who were urban intellectuals and former members of the Socialist Revolutionary party. They worked to create a program and rules, issued questionnaires, and relied on local village co-operatives as their base.[89]  These central bodies were more vulnerable than their local counterparts, as the OGPU immediately suspected that their intention was to create a counterrevolutionary party, and arrested the organizers. Therefore, all these attempts to build the center and to coordinate the local organizations were quickly destroyed by the OGPU. The information about coordinating centers comes exclusively from two documents from the OGPU, which certainly could have ascribed conspiratorial intentions to them.[90] However, if we trust this information, these attempts to build up the PUs’ hierarchy in combination with other more radical peasant groups (according to the OGPU – Peasant Russia and the journal Stremlenie[91]) demonstrate the strength of the peasant movement. According to the OGPU report, surveillance, recruiting (verbovka) and demoralization (razlozhenie) as well as arrests were the methods of OGPU to control peasants’ independent organizations.[92] Probably, together with more general factors, which can explain the failure of the movement – for example, variety of local and social interests, difficulties of communication, organizational weakness, lack of leadership, spontaneous rather than rational behavior of the peasants and so on – OGPU repression was one of the main reasons why this movement failed to be successful.  Important evidence we posses about the party authorities’ reactions. The problem of the PU was discussed twice at the very top levels of the government in 1921. In May-June 1921 the deputy commissar for agriculture, V. V. Ossinski (V. Obolenski), applied to the Central Committee with a letter claiming a need for organizing a Peasant Union within the Soviet system. Although, according to Viktor Danilov, Lenin had positive attitude, it was rejected by the majority of the Central Committee. During the discussion, Mikhail Kalinin, who paradoxically was perceived by many peasants as their defender, said that such an organization would unite the kulaks and their supporters, and that it »contradicts the interests of Communism«. Another member, E. Yaroslavski, was afraid that a PU as a class organization might compete with the Communist party.[93] In December 1921, the Plenum of the TsK discussed it and rejected it again. The logic of the leaders is revealed in a statement Stalin made in 1928 at the Plenum of TsK: »The peasants, encouraged by the kulaks […] might request from us freedom to organize ›the Peasant Union‹. But then we would have to declare freedom to political parties and lay a foundation for a bourgeois democracy.«[94] Such an outcome was incompatible with the monopoly of the Communist party.   In order to prevent its promotion and diminish the scope of the movement, authorities tried to suppress any information about the PU movement in public transcript. A 1926 secret letter from the North-Caucasus Party Committee to local party organizers, entitled »On the Peasant Union (synopsis of arguments)«, consciously underestimated the significance of the movement and explained: »Since this slogan is being advocated only in some regions and does not have extensive cross-country support, it would be a political mistake for us to begin a public and media campaign against it, because this would inevitably make such demands popular in regions, where they are not being raised and are not supported by the local peasants.«[95] In spite of a policy of cover-ups and secrecy, the scope of the spontaneous union movement grew. Local party committees tackled the problem on their own. At the end of 1926, Party Committees in the Saratov, Stavropol, and Voronezh regions dedicated special plenums to debate ways to combat demands for PUs. Special secret letters of the North-Caucasus and Zaporozhski Krai Committees explained the Party’s negative position on Peasant Unions and provided party functionaries with rhetorical arguments against PUs. The Party’s main argument was that institutions had already been established for the peasantry in the form of soviets and co-ops, through which peasants were expected to promote their interests. Local officials were told to revive the soviets, co-ops, credit associations, and other rural institutions, and to supply additional goods to local stores, as well as to escalate the OGPU repressions against the »instigators.«[96] Occasionally, to combat the peasants’ envy and hatred towards the workers, local party committees organized excursions to plants and factories in order to allow the peasants to see the conditions of workers’ labor. After one such trip to Shakhty’s mines, peasants from the Salski region had a chance to see that »the life of a miner is as hard as the life of a convict (slave laborer) [katorzhnik].«[97] In general, however, repression and coverups were the strategies chosen by the Party to undermine the peasants’ growing desire to create and control their own political union. To sum up, the notion of a Peasant Union endured throughout the Russian revolutions of 1905 and 1917 and the Civil war, and persisted during the 1924– 1929 period. The movement finally dissipated only after it was suppressed by terror during de-kulakization and collectivization. Nevertheless, in 1936, during the public discussion on the Constitution, some peasants returned to the idea of a union once more, arguing that it was necessary »to give to all kolkhozes and individual peasants the right to organize a local Peasant Union within every rural soviet«[98]. As with the discussions of the Peasant Union in the mid-1920s, the 1936 debate centered around the issue of inequality between workers and peasants. »Why have we ended up here, in the USSR, with two classes – one liberated, and one oppressed? The state buys from us cheaply, and sells to us at great cost […]. Workers, employees [sluzhashchie], farmers – we are all toilers; a kolkhoznik is also a human being; he also needs to eat well.«[99] In their demands for equality, peasants referred to Chapter 10 of the new Constitution »The citizens’ rights and responsibilities«, which alone received 53 % of all public comments in the all-union discussion. This persistence proves that the idea of a Peasant Union was an expression of the growing self-awareness among Russian peasants that they were a separate class with specific needs. The process of modernization, Bolshevik socialist rhetoric, and the illusions of NEP all triggered an identity search within the peasantry. The entire period of the 1920s was dominated by the movement for a PU among all strata of the village and throughout all geographic regions. The roots of this desire lay in the Soviet policy of economic exploitation, and the political deprivation of the peasantry. As a means of opposing this policy, those peasants who were not satisfied with Soviet power advocated for a Peasant Union. The lack of evidence of practical functioning of PUs does not devaluate the significance of the story. For example, the collective representations and expectations remain rightful historical evidence in the cultural realm. The movement for PU – arguments, behavior, different forms (petitions, meetings and creation of local organizations) – exposed the peasants’ specific cultural patterns and the process of peasants’ self-identification. The story of the Peasant Union movement in the 1920s provides new evidence to the historiography approach of the last decade debunking the widely accepted depiction of the peasantry as having comparatively low class consciousness or as politically weak and passive. The same way as in 1905, when peasantry demonstrated active and flexible political interactions with the outside world, its ability to organize itself as a political class, and its responsiveness rather than isolation,[100] in the 1920s once again it demonstrated ability for class formation by responding actively to the challenges of modernization in political terms. They realized the necessity to create their own nation-wide organization. The Peasant Union movement also shows that the peasantry was not only an object of manipulation, but could independently express its interests through political actions. We can see this in the peasants’ attempts to deliberately use the local soviets in order to promote their goals,[101] in their resistance to collectivization,[102] and in the fact of oppositional Peasant Union movement. The movement, perceived as a threat by authorities, might have contributed strongly in their decision to start the collectivization in 1929. [1]  The idea of this article came from Lynne Viola and her works. I appreciate very much her professional guidance in the field of peasant studies. She read the early version of the manuscript and gave me very valuable critique and comments. I perceive as blessing the encouragement to write this article from the late V. P. Danilov that he gave me in our meeting in summer 2003. The work greatly benefited from the discussions at the meeting of the Canadian Association of Slavists in 2003 and then at the 2004 convention of the American Association for Advancement of Slavic Studies. The article is a part of a project supported by the Social Science and Humanities Research Council of Canada and the University of Toronto. My special thanks go to Mikhail Iakovlev, Rachel Applebaum and Ilona Kosova, who helped to prepare the manuscript for publication. [2]  It was briefly described by Brovkin, Vladimir: Russia after Lenin: Politics, Culture and Society, London/New York 1998, pp. 68–71. [3]  Analysis of these documents, possible approaches to interpretation, problems of their representativeness can be found in comments to the numerous collections of documents published in recent years Berelovich, Alexei/Danilov, Viktor: Sovetskaia derevnia glazami VChK-OGPU-NKVD. Dokumenty i materialy [The Soviet village with the eyes of the VChK-OGPU-NKVD. Documents and materials]. vol. 2: 1928, Moscow 1998; Livshin, A./Orlov, I. (eds.): Pis’ma vo vlast’, 1917–1927 [Letters to the Rulers], Moscow 1998; Viola, Lynne (ed.): Ryazanskaya Derevnia v 1929 –1930 gg. Khronika golovokruzhenia. Dokumenty i materialy [The village of Ryazan in 1929– 1930. Documents and Materials], Moscow 1998 and many others. See also of Holquist, Peter: »Information Is the Alfa and Omega of Our Work«. Bolshevik Surveillance in its Pan-European Context, in: Journal of Modern History, no 69 (September 1997); the special issue of Russian History/Histoire Russe 24 (1997), no 1/2 and the work of Sarah Davies, based on svodki, Popular Opinion in Stalin’s Russia. Terror, Propaganda and Dissident, 1934–1941, Cambridge 1997. My contribution to the discussion is in Welikanowa, Olga: Berichte zur Stimmungslage. Zu den Quellen politischer Beobachtung der Bevölkerung in der Sowjetunion, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 47 (1999), no 2, pp. 227–243 and in the chapter on sources in Velikanova, Olga: The Public Perception of the Cult of Lenin Based on the Archives, New York 2001, pp. 9–41. [4]  The Constituent Assembly was driven away in January 1918 because of the prevalence of Socialist-Revolutionaries in it. In 1922 the Social-Revolutionary party itself was eradicated. The I Extraordinary, II and III All-Russian Congresses of Peasant Soviets (1917–1918) undertook attempts to limit the dictatorship of the proletariat, and to transform it into a democratic and Soviet multi-party authority, by combining the Soviet and parliamentary political systems. The Bolsheviks, who did not wish to share their power, used rhetorical tricks to close the last AllRussian congress of peasant Soviets (January 13, 1918), hinder the convocation of the new congress and dispossess the local peasant soviets of their authority. The liquidation of the executive committee (ispolkom) of the congress and the peasant section of the All-Union Central Executive Committee of the Soviets (VTsIK) meant the abolition of the national class organization of the peasants. See Lavrov, V. M.: »Krestianski Parlament« Rossii (Vserossiiskie s’ezdy sovetov krestianskikh deputatov v 1917–1918 godakh) [The »Parliament of the Peasants« of Russia. All-Russian congresses of the Soviets of Peasant Deputies], Moscow 1996, p. 5. [5]  Seregny, Scott J.: A Different Type of Peasant Movement: The Peasant Unions in the Russian Revolution of 1905, in: Slavic Review 47 (1988), no 1, p. 53.  [6]  Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), p. 630. See also Brovkin, Vladimir: Be-hind the Front Lines of the Civil War: Political Parties and Social movements in Russia, 1918– 1922, New Jersey 1994, Chapters 10 and 11. The programme of the Union of Toiling Peasants in Tambov (December 1920) can be found at <http://www.uea.ac.uk/his/webcours/russia/ documents/trud-krestyane.shtml>. [7]   Graziosi, Andrea: The Great Soviet Peasant War. Bolsheviks and Peasants, 1917–1933, Cam-bridge, Mass 1996, pp. 24 f.   [8]  Yarov, Sergei: Krestianin kak politik. Krestianstvo Severo-Zapada Rossii v 1918–1919 gg. Poli-ticheskoe myshlenie i massovyi protest, [The Peasant as politician. The peasants in North-West Russia 1918–1919. Political thought and mass protest], St. Petersburg 1999, pp. 14–21. [9]  Public transcript is a kind of discourse, a conversation that was meant [by authorities] for public promulgation. Hidden transcript is a discourse, orderly expression of thoughts, that was not meant for public declaration. See Scott, James: Domination and the Arts of Resistance: Hidden Transcripts, New Haven 1990. [10] The decree about the socialization of land passed on February 9, 1918, and the following VTsIK order regarding redistribution of land and shift towards socialist farming, passed in February 1919, declared all land property of the state and sovkhozy and kolkhozy to be the central forms of farming. [11]  Graziosi: The Great Soviet Peasant War (footnote 7), p. 42. [12] Survey of correspondence (April 1925). Tsentral’nyi gosudarstvennyi arkhiv istorikopoliticheskikh dokumentov Sankt-Peterburga/Central State Archives of Historical-Political documents St. Petersburg (hereafter: TsGAIPD SPb), f. 16, op. 6, d. 6938, l. 174. [13]  Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), p. 15. [14]  See recent studies Graziosi: The Great Soviet Peasant War (footnote 7), pp. 9 f.; Lavrov: »Krestianski Parlament« (footnote 4); Seregny: A Different Type (footnote 5); Seregny, Scott J.: Peasants and Politics: Peasant Unions During the 1905 Revolution, in: Kingston-Mann, Esther et al (eds.): Peasant Economy, Culture, and Politics of European Russia, 1800–1921, New Jersey 1991; Figes, Orlando/Kolonitski, Boris: Interpreting the Russian Revolution: The Language and Symbols of 1917, New Haven 1999; Brovkin: Behind the Front lines (footnote 6); Brovkin: Russia after Lenin (footnote 2); Male, Donald J.: Russian Peasant Organization before Collectivisation. A Study of Commune and Gathering, 1925–1930, Cambridge 1971. [15]  Suny, Ronald Grigor: The Soviet Experiment: Russia, the USSR, and the Successor States, Oxford 1998, p. 176. [16]  Letter from peasant A. N. Krutasov, Verkhne-Kamskaia Volost’, village Nizkoe, to Leningradskaia Pravda, 1924, in: TsGAIPD SPb, f. 16, op. 5, d. 5335, l. 87. [17]  Volostnoi Ispolnitel’nyi Komitet (VIK). They became major centers of local Soviet power in the countryside. See Shanin, Teodor: The Awkward Class: Political Sociology of Peasantry in a Developing Society: Russia 1910–1925, Oxford 1972, p. 193. [18]  TsGAIPD SP f. 16, op. 6, d. 6916, l. 80 (1925). [19]  Osokina, Elena: Za fasadom »Stalinskogo izobiliia«: Raspredelenie i rynok v snabzhenii naseleniia v gody industrializatsii, 1927–1941 [Behind the facade of »Stalin’s opulances«. Distribution and market in the years of industrialization, 1927–1941], Moscow 1998, p. 120; Krukova, Svetlana (ed.): Krestianskie istorii [Peasant stories], Moscow 2001, p. 110 (1925). [20]  Rossiiski gosudarstvennyi arkhiv sotsial’no-politicheskoi istorii/Russian State Archives of Social-Political History (hereafter: RGASPI), f. 17, op. 85, d. 16, l. 31, and 52 (1926).  [21]  RGASPI f. 17, op. 85, d. 318, l. 5. These threats were very widespread according to the correspondence received by Krestianskaia Pravda and Krasnaia Derevnia in the period from March to June 1928; Brovkin: Russia after Lenin (footnote 2), p. 75. [22]  Weiner, Douglas R.: »Razmychka?« Urban Unemployment and Peasant In-migration as Sources of Social Conflict, in: Fitzpatrick, Sheila et al: Russia in the Era of NEP. Explorations in Soviet Society and Culture, Bloomington 1991, pp. 145 f. [23]  Ibidem. [24]  Krukova: Krestianskie istorii (footnote 19), p. 121.  [25]  Scott, James: Peasant Moral Economy as a Subsistence Ethics, in: Shanin, Teodor (ed.): Peasants and Peasant Societies: Selected Readings, Oxford/New York, p. 307.  [26]  Viola, Lynne: The Peasants’ Kulak. Social Identities and Moral Economy in the Soviet Countryside in the 1920s, in: Canadian Slavonic Papers, 42 (2000), no 4, p. 446.  [27]  RGASPI f. 17, оp. 16, d. 16, l. 244 (1927). [28]  RGASPI f. 17, op. 84, d. 916, l. 2–7. [29]  RGASPI f. 17, op. 85, d. 16, l. 243 (1927). See similar comments in Viola: Ryazanskaya Derevnia (footnote 3), pp. 14 f. [30]  RGASPI, f. 17, op. 86, d. 95, l. 18. Summary of notes given to the presidiums at the Guberniya congresses of trade unions. Organizational department, Information subdivision, Moscow Committee of VKP (b). October 1927.  [31]  Suny: The Soviet Experiment (footnote 15), p. 179. [32]  Scott: Peasant Moral Economy (footnote 25), p. 306. [33]  Krukova: Krestianskie istorii (footnote 19), p. 80. Letter by N. Ezhov, Yaroslavl guberniya, selo Gregorievskoe to M. I. Kalinin, January 1927 [34]  Danilov, Viktor et al (eds.): Tragediia Sovetskoi derevni: Kollektivizatsiia i raskulachivanie: dokumenty i materialy v 5 tomakh, 1927–1939, [The tragedy of the Soviet village. Collectivization and de-kulakization. Documents and materials in 5 volumes, 1927–1939], Moscow 1999–2000, v. 1, pp. 124 f., 131, and 134. In due course, this increased the number of demands to create a PU. [35]  »Peasants carry the newspapers with speeches of party leaders and the government, in which they laid out their political course, in their pockets, and often stick them in the noses of poor Party men, showing them that newspapers write one thing, and yet they do altogether something different.« See Ryazantsev, N. P.: Nastroeniya Rossiskogo krestiyanstva na vyborakh v soviety v seredine 20h godov [Moods of the Russian peasants in the elections to the Soviets in the middle of the 20s], in: Istoria Rossiyskoy Povsednevnosti [The History of every day life in Russia], St. Petersburg 2002, p. 202. [36]  Peasantry comprised about 77 % of the Red Army during the Civil War. [37]  Shanin: The Awkward Class (footnote 17), p. 205. [38]  RGASPI f. 17, op. 84, d. 916, l. 7 (1924). [39]  Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), pp. 15, and 619. [40]  MacKenzie, David/Curran, Michael W.: A History of Russia. The Soviet Union, and Beyond. 4th edition, Belmont, CA 1993, pp. 569–570. [41]  Letter from Afanasi K. N. O., poselok Lugovoi, Ivanovsky rayon, Melitopol’ski okrug USSR, February 22, 1927, in: Kozlov, V. A. (ed.): Neizvestnaia Rossiia, XX vek [Unknown Russia, the 20th century]. vol. 3, Moscow 1993. p. 215. Similar comments see Krukova: Krestianskie istorii (footnote 19), p. 208; RGASPI f. 17, op. 85, d. 508, l. 24 (1927); Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, pp. 485, and 575; RGASPI f. 17, op. 21, d. 3075, l. 15 (1929). [42]  For how peasants interpreted the notion of kulak, see Viola: The Peasants’ Kulak (footnote 26), pp. 431–460. [43]  TsGAIPD SPb f. 24, op. 5, d. 1323, l. 40 (1929); RGASPI f. 17, op. 85, d. 16, l. 30 (January 1926). [44]  Viola, Lynne: Peasant Rebels under Stalin: Collectivization and the Culture of Peasant Resistance, Oxford 1999, p. 30. [45]  As Viola put it, analyzing Soviet countryside relationships: »Rural divisions and conflict derived not from capitalist class formations but instead were based on pre- or even noncapitalist social relations.« Viola: The Peasants’ Kulak (footnote 26), p. 435. [46]  In debates on social tensions in peasantry the foundations for interpretations in favor of the relative cohesiveness of the peasantry as a class were laid by Shanin: The Awkward Class (footnote 17) and Lewin, Moshe: Russian Peasants and Soviet Power: A Study of Collectivization, New York 1975. The opposite view emphasizing social differentiation dominated in Soviet historiography and is presented in a recent study by Hughes; James: Stalinism in a Russian Province: A Study of Collectivization and Dekulakization in Siberia, Houndmills/Basingstoke 1996 and his article Re-evaluating Stalin’s Peasant Policy in Transforming Peasants: Society, State and the Peasantry, 1861–1930, in: Pallot, Judith (ed.): Transforming Peasants. Society, State and the Peasantry, 1861–1930, Houndmills/Basingstoke 1998, pp. 244–245. The movement for the Peasant Union adds new evidence in the support of peasants’ class solidarity. [47]  Letter of F. Morozov to Krestianskaia Gazeta in: Sokolov, Andrei (ed.): Golos Naroda: Pis’ma i Otkliki Riadovykh Sovetskikh Grazhdan o Sobytiiakh 1918–1932 godov [The voice of the people. Letters and reaction of ordinary Soviet citizens about the events of 1918– 1932], Moscow 1998, p. 124 (1925); RGASPI, f. 17, op. 86, d. 95, l. 3 (December 1927). [48]  Survey from Stavropol’skii region, RGASPI f. 17, op. 85, d. 16, l. 251; f. 17, op. 85, d. 71, l. 4; Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), pp. 630, 786, and 787. [49]  See Brovkin: Russia after Lenin (footnote 2), pp. 164–168, and 170.  [50]  Survey of private correspondence (April, 1925), in: TsGAIPD SPb f. 16, op. 6, d. 6938, l. 166. [51]  Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), pp. 626–627. [52]  Ibidem, p. 667. [53]  Krukova: Krestianskie istorii (footnote 19), pp. 209, and 577–578. [54]  Letter from I. L. Chibutkin, village Efremovo, Yaroslavl’ region to the Congress of Soviets, 1927, in: Sokolov: Golos Naroda (footnote 47), pp. 129–130. Similar demands see in the summary of OGPU, RGASPI f. 17, op. 84, d. 916, l. 2–7.  [55]  RGASPI f. 17, op. 21, d. 3075, l. 20 (1929); Krukova: Krestianskie istorii (footnote 19), pp. 208–209; Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, p. 577. [56]  See McGury, Melissa: Protecting Local Interests: Peasant Administrators’ Strategies for Obstructing Soviet Collectivization, Manuscript presented at the 2002 AAASS Convention, Pittsburgh, PA 2002, p. 10. [57]  Brovkin: Russia after Lenin (footnote 2), p. 74.  [58]  Male: Russian Peasant Organization (footnote 14), p. 99. [59]  Heinzen, James: Inventing a Soviet Countryside: State Power and the Transformation of Rural Russia, 1917–1929. Commissariat of Agriculture. Pittsburgh, Pa. 2004, pp. 1–10, and 128. It is interesting that in 1926 Andrei Platonov worked as an inspector of Commissariat in the Tambov region, area heavily inflicted by peasants’ uprising and its suppression during the Civil War. His experience as a representative of authorities made him go through an internal crisis in 1927. He returned to Moscow to write his famous novels Chevengur and The Foundation Pit. [60]   Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, pp. 771, and 774. [61]  Shanin: The Awkward Class (footnote 17), p. 194. [62]  On Krestsoiuz. Informational Department of TsK VKP, in: RGASPI f. 17, op. 85, d. 16, l. 249; Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, pp. 120, 123, 134, and 135. [63]  The policy of the Bolsheviks in restricting the functions of the obshchina, the division of it, completed the liquidation of it in the progress of collectivization. See Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, pp. 55–56. [64]  In 1927 the budgets of the rural soviets were only 16 per cent of the recorded budgets of the peasant communes. Shanin: The Awkward Class (footnote 17), pp. 165–167. Male discusses the interlocking of functions of soviets and commune. Male: Russian Peasant Organization (footnote 14), pp. 97–99. According to Heinzen »Commune remained by far the most widespread form of land tenure […]. In 1927 peasants still held 97 % of agricultural land in the RSFSR in repartitional tenure.« Heinzen: Inventing a Soviet Countryside (footnote 59), p. 143. [65]  Male: Russian Peasant Organization (footnote 14), p. 98. [66]   Ibidem, p. 97. [67]  RGASPI f. 17, op. 84, d. 916, l. 2–7. [68]  Khrestomatiia po otechestvennoi istorii, 1914–1945 [Reader for Russian history], Moscow 1996, pp. 373–374. [69]  The chart summarizes data from four different archive sources. OGPU review (May–December 1926), in: RGASPI f. 17, op. 85, d. 16, l. 253; TsK VKP review on public moods in May 1927, Gosudarstvennyi arkhiv Rossiiskoi Federatsii/State Archives of the Russian Federation (hereafter: GARF), f. 374, op. 27, d. 1211, l. 137; RGASPI f. 17, op. 85, d. 71, l. 13; Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, pp. 72, 75, 121, and 125. These data collected by the author from various OGPU and Party sources can be compared with the table compiled by OGPU and published in Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), pp. 1028–1029. [70]  Narodnye doma (people’s houses) – enlightenment institutions for the public created at the beginning of the 20th century.  [71]  The quota of students from different population groups was pre-determined by the state. [72]   RGASPI f. 17, op. 85, d. 16, l. 254 (June 1926). [73]  Iz dokladnoi zapiski informotdela OGPU ob antisovietskikh proiavlenijakh v derevne za 1925–1927 gg. [From the report protocol of the information department of the OGPU about the anti-soviet activities at the countryside, 1925–1927], in: Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), p. 632. [74]  Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), p. 1027. See also pp. 633, and 787. The composition varied in different agricultural regions.   [75]   Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, p. 122. [76]  An OGPU report stated: »All population [of the Shakhtinsko-Donetski district] consider organization of the PU to be necessary.«, in: Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, p. 77.  [77]  Information summary N 16, TsK KPU from May 6, 1927, in: GARF, f. 374, op. 27, d. 1211, l. 137. [78]  Iz dokladnoi zapiski informotdela OGPU ob antisovietskikh proiavlenijakh v derevne za 1925–1927 gg. [Report protocoll of the information department of the OGPU about antiSoviet appearances at the countryside in 1925–1927], in: Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), p. 631.  [79]  Ibidem, p. 575. [80]  Sokolov: Golos Naroda (footnote 47), p. 127 (June 13, 1926); see also the letter by Kondrashov, in: Krukova: Krestianskie istorii (footnote 19), p. 122 (1925). [81]  GARF f. 324, op. 27, d. 1211, l. 139 (1927). [82]  Lotman, Y./Uspensky, B.: Mif – Imya – Kultura [Myth – Name – Culture], in: Trudy po znakovym systemam (Tartu) 6 (1973), pp. 283–303. [83]  RGASPI, f. 17, op. 86, d. 30, l. 2–6. [84]  K voprosu o raboche-krest’ianskom pravitel’stve [Zur Frage der Arbeiter-und-Bauern-Regierung], in: Bol’shevik, no 6 (1927), pp. 96–102.  [85]  Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, p. 768; Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), p. 786. [86]  Dokladnaya zapiska V. Molotovu o Soyuse Khleborobov [Report to V. Molotov about the Union of Peasants] [1927], in: RGASPI, f. 17, op. 85, d. 170, l. 120–130. [87]  RGASPI f. 17, оp. 84, d. 916, l. 2–7; Danilov: Tragediia Sovetskoi derevni (footnote 34), vol. 1, p. 575; Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), p. 635. [88]  Ibidem, p. 788. [89]  Ibidem, pp. 634, and 789–791. [90] At the time when facts about the local PU can be rechecked through sources of various origin – party or police svodki and letters, data about attempts of organizing central organs of PU are known exclusively from two summarizing materials of the OGPU, which were prepared for the leadership of the country. These two documents require caution in interpretation, since the practice of creating invented cases or processes for the punishment of potential enemies is known.  [91]  Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), pp. 791–802. [92]  Ibidem, pp. 635–636. [93]  Kukushkin, U. S.: Sel’skie soviety I klassovaia bor’ba v derevne, 1921–1932 [The village society and the class conflict at the countryside, 1921–1932], Moscow 1968, p. 53; Berelovich/ Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), p. 18. I very much appreciate these important references and other comments, that the late V. P. Danilov gave me in our talk in summer 2003. [94]  Berelovich/Danilov: Sovetskaia derevnia (footnote 3), p. 19.  [95]  RGASPI f. 17, d. 85, op. 71, l. 5.  [96]  RGASPI f. 17, op. 85, d. 16, l. 257–258. [97]  RGASPI f. 17, op. 85, d. 71, l. 14. [98]  Letter from I. A. Tushin from the kolkhoz Voskhod of the Breitovsk district, Yaroslav province in: Sakharov, A. N.: Obshchestvo i Vlast’: rossiiskaia provintsiia, 1917–1980-e gody v trekh tomakh [Society and Government: The Russian province, 1917–1980 in three volumes], Moscow 2002, p. 149. [99]  Ibidem, p. 134. The letter is signed »Collective farmer-widow, half-hungry, I am crying while writing this« (1936). [100]  Seregny: Peasants and Politics (footnote 14), pp. 342 f. [101]  McGury: Protecting Local Interests (footnote 56). [102]  Viola: Peasant Rebels under Stalin (footnote 44).

JHK 2007

Im zweiten Oktober. Lenin, die Niederlage des Deutschen Reiches und die außenpolitische Strategiewende der Bolschewiki

Alexander Vatlin

»Soyons forts et accélérons la révolution en Allemagne.«  Lenin am 18. Oktober 1918 In den letzten Septembertagen des Jahres 1918 war die Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg unabwendbar geworden. Bulgarien schied aus der Koalition der Mittelmächte aus, die deutsche Heeresleitung bemühte sich um Friedensverhandlungen mit der Entente, und Reichskanzler Georg Graf von Hertling reichte seinen Rücktritt ein. Die bolschewistische Führung in Sowjetrussland verfolgte diese Entwicklungen mit großem Interesse. Die Frage, welche Rolle dem revolutionären Regime bei der Gestaltung einer neuen internationalen Ordnung zukommen sollte, beschäftigte Lenin und seine Umgebung genau so sehr wie der russische Bürgerkrieg und die Bekämpfung des Hungers. Die Bolschewiki hegten die Hoffnung, zum ersten Jahrestag ihrer Machtergreifung könnte in Deutschland eine revolutionäre Umgestaltung einsetzen, die den Auftakt zu einer weltweiten proletarischen Revolution darstellten würde.  Das Interesse an den Ereignissen in Deutschland beruhte auf geopolitischen Erwägungen. Zur Erhaltung ihrer Macht waren die Bolschewiki gezwungen gewesen, am 3. März 1918 mit den Mittelmächten den »schändlichen« Friedensvertrag von Brest-Litovsk zu schließen. Er bedeutete große Gebietsabtretungen und machte die Bolschewiki faktisch zu Vasallen Deutschlands. Das nahende Kriegsende eröffnete Russland nicht nur die Möglichkeit, seine imperialen Grenzen wiederzugewinnen, sondern auch seine internationale Isolation zu überwinden und in den Kreis der Großmächte zurückzukehren. Im Folgenden soll es um den Prozess gehen, wie die Bolschewiki im Oktober 1918 ihre neue außenpolitische Linie formulierten. Die Begrenzung der Darstellung auf die Ereignisse eines Monats kann dabei als Mutwilligkeit des Autors kritisiert werden, aber zu ihren Gunsten spricht die Schwindel erregende Schnelligkeit, in der sich die internationale Situation in den letzten Wochen des Ersten Weltkriegs veränderte. Die außenpolitische Wende im Oktober 1918 wurde von Historikern bislang übergangen.[1] Gründe hierfür können vor allem in dem Umstand gesehen werden, dass die Ausarbeitung der neuen Außenpolitik und die sie begleitenden Konflikte nicht in Zeitungen oder auf den Rednertribünen von Parteiversammlungen ausgetragen wurden, sondern hinter verschlossenen Türen. Die den Lesern hier vorgestellte Argumentation hat den Charakter eines Diskussionsbeitrags. Wegen der beschränkten Quellenbasis haben einige Schlussfolgerungen hypothetischen Charakter. Der Autor hofft dennoch, der Forschungsdiskussion einen neuen Anstoß geben zu können, um unsere Vorstellungen von der Wende in der außenpolitischen Strategie der Bolschewiki im Oktober 1918 zu konkretisieren und zu vervollständigen. Sowjetrussland nach dem Friedensvertrag von Brest-Litovsk Der Friedensschluss von Brest brachte für das nun aus dem Krieg ausscheidende Sowjetrussland eine Atempause. Doch es war ein Frieden auf dem Papier, denn große Teile des europäischen Russland waren von ausländischen Streitkräften besetzt. Im Land selbst begann der Bürgerkrieg. Durch die großen Zugeständnisse an die deutsche Seite gewannen die Bolschewiki Zeit, ihr diktatorisches Regime zu festigen und die Schlagkraft der Roten Armee zu stärken. Deutschland konnte seinerseits bedeutende Kräfte an der Westfront konzentrieren und hatte gleichzeitig im Osten Zugang zu Bodenschätzen und landwirtschaftlichen Produkten. Von einem gewissen Zeitpunkt an erinnerten Russland und Deutschland an zwei Duellanten, die beide aus dem Duell schwer verletzt hervorgegangen waren und sich nun gegenseitig den »letzten Halt« gaben. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach dem Brester Frieden charakterisierte Karl Radek in einem Brief an den englischen Journalisten Alfred Ransom mit den Worten: »Die Deutschen haben verstanden, dass nach Russland gehen bedeuten würde, 25 ArmeeKorps in den russischen Sumpf zu schicken und nichts zu erreichen. Verständlich, dass sie in jedem für uns kritischen Moment davor zittern, dass wir untergehen, und sich auf die Besetzung russischer Gebiete vorbereiten. Aber wir schlagen uns durch und sie atmen erneut erleichtert auf.«[2] Ein wichtiges Ergebnis der Brester Verhandlungen war die Eröffnung einer sowjetrussischen Botschaft in Berlin, deren Leitung Adol’f Ioffe übernahm. Die Vertretung war für die Bolschewiki das »Fenster nach Europa«. Sie erfüllte diplomatische und propagandistische Aufgaben und sollte zudem als Koordinationszentrum für diejenigen revolutionären Kräfte dienen, die Deutschland nach dem Vorbild der russischen Revolution umgestalten wollten. Ioffes Berichte und Briefe, die sowohl an das Volkskommissariat für Äußeres als auch an Lenin persönlich gerichtet waren, stellen eine herausragende Quelle dar, die jedoch nur teilweise publiziert vorliegt.[3] In einem dieser Briefe nach Moskau schilderte Ioffe seine schwierige Tätigkeit als revolutionärer Diplomat: »Wenn ich anfange, über die Gerichte in Dänemark zu sprechen oder die Geschichten in Pskov, halten sie mir Artikel aus der Izvestija unter die Nase oder eine Meldung darüber, dass das Zentrale Exekutivkomitee beschlossen habe, Agitatoren zu organisieren, die mit viel Geld ausgestattet nach Europa geschickt werden sollen.«[4] Neben der diplomatischen Vertretung gab es in Berlin seit August 1918 ein Pressebüro des Zentralen Exekutivkomitees, das unter der Leitung von Tovja Aksel’rod stand. Es stellte ein tägliches Bulletin über die Ereignisse in Deutschland zusammen, das Grundlage für die Deutschland-Berichterstattung der sowjetischen Presse war. Ferner unterhielt es Kontakte zu den linken Sozialisten in Deutschland.[5] Diese fanden in der russischen Botschaft, die im Herzen Berlins lag, ein Refugium und finanzielle Hilfe. Sie wurden außerdem mit Informationen für die Propagandaarbeit versorgt. Dabei wurde auf höchste Geheimhaltung geachtet. Ioffe schrieb am 10. Juli 1918 an Lenin: »Meine illegalen Dienste gehen das Kommissariat für Äußeres nichts an und darüber gebe ich nur Ihnen persönlich Bericht.«[6] Lenin forderte seinerseits, nicht mit Geld zu sparen, wenn es um die Verbreitung revolutionärer Ideen ging: »Man muss hundertmal so viel drucken. Geld ist da. Übersetzer einstellen. Aber wir tun gar nichts. Ein Skandal …«.[7] In seinen Berichten trat Ioffe in der Rolle des unverbesserlichen Pessimisten auf, der den Hoffnungen seiner Moskauer Mitstreiter auf das Nahen eines revolutionären Umsturzes in Deutschland ein ums andere Mal eine Absage erteilte. Dabei stellte er nicht die politische Krise, sondern die Schwäche der eigenen Kräfte in den Vordergrund. In Erwiderung auf Lenins Vorwürfe schrieb er: »Sie sorgen sich umsonst, dass ich mehr Geld brauche, ich gebe ihnen [den linken Sozialisten, Anm. d. A.] so viel wie nötig und bestehe immer wieder darauf, dass sie mehr nehmen. Aber man kann gar nichts machen, wenn alle Deutschen so hoffnungslos sind: Zur illegalen Arbeit in unserem revolutionären Sinn sind sie einfach nicht fähig, weil sie zum größten Teil politische Spießer sind, die sich hier eingerichtet haben, um nicht zur Armee eingezogen zu werden, und sich daran festkrallen. Aber Revolution machen sie nur in ihren Reden am Biertisch.«[8] In seinem Bericht über eine Tagung der parlamentarischen Fraktion der USPD zeichnete Volkskommissar für Justiz Petr Stučka im September 1918 für Lenin ein ähnliches Bild.[9] Die Meldungen aus Berlin zeugen davon, dass die sich zuspitzende deutsche Krise im Herbst 1918 keineswegs Folge eines wie auch immer gearteten Revolutionsexports aus Russland war (auch wenn es diese Versuche gab). Die Darstellung des amerikanischen Historikers Richard Pipes, es hätte ein bolschewistisches Komplott mit der sowjetischen Vertretung im Zentrum gegeben (»ganz Deutschland war überzogen von einem Netz illegaler revolutionärer Organisationen; hunderttausende revolutionäre Flugblätter und Proklamationen wurden im Land und an der Front gedruckt und verteilt«[10]), passt schlecht zu den Ergebnissen der Forschung, die sich mit der Tätigkeit der radikalen Sozialisten in den letzten Monaten des Kaiserreichs befasst hat.[11] Zugleich sollte die revolutionierende Wirkung des russischen Oktobers nicht unterschätzt werden. Hier erwies die deutsche Militärzensur der Politik einen Bärendienst, denn je nebelhafter und spärlicher die Nachrichten der deutschen Zeitungen über die Diktatur der Bolschewiki wurden, desto mehr beschäftigte die Revolution die Vorstellungen der Volksmassen, die nach vier Kriegsjahren hoffnungslos und verzweifelt waren.  Lenins Meinungswandel in Gorki am 1. Oktober 1918 In den letzten Kriegwochen beschränkte sich das Handeln der deutschen Regierungsstellen auf die »Abwehr von äußeren Schlägen« und auf pragmatische Reaktionen auf Ereignisse im Inneren. Die deutschen Kriegsgegner agierten demgegenüber immer ungehinderter. Sie konnten wählen, welche Strategie ihnen für die Beendigung des Krieges optimal erschien. Der herbstliche »Notenkrieg« zwischen den Ländern der Entente und Deutschland war ein sichtbarer Ausdruck der Suche nach einem diplomatischen Weg. Diese Tatsache entging auch der sowjetrussischen Führung nicht. Lenin hatte während seines Genesungsaufenthalts auf dem Gut Gorki in der Nähe Moskaus (wo er wegen seines sich verschlechternden Gesundheitszustands am 25. September eintraf)[12] Muße, über die mögliche Entwicklung der internationalen Lage nachzudenken. Seine wichtigste Informationsquelle waren dabei Moskauer Zeitungen, da ausländische Presserzeugnisse nur phasenweise und immer mit erheblicher Verspätung in Russland eintrafen. Im Unterschied zu den ausländischen Zeitungen, die v. a. Meldungen und Berichte druckten, dominierten in den bolschewistischen Presseorganen weitschweifige Kommentare, in denen die Position des revolutionären Regimes zu diesem oder jenem Ereignis dargelegt wurde. Als Experten für Deutschlandfragen galten Publizisten, die Lenin persönlich kannte und schätzte – bei der Pravda N. Osinskij (Valerijan V. Obolenskij) und bei der Izvestija Karl Radek (unter dem Pseudonym Viator). Letzterer leitete auch die Zentraleuropa-Abteilung des Volkskommissariats für Äußeres. Doch dieses Amt war lediglich eine Tarnung für seine eigentliche Aufgabe: Er organisierte die kommunistische Propaganda im Ausland und unter den Kriegsgefangenen in Russland. Obwohl Radek einer der Propheten der proletarischen Weltrevolution war, zählten die deutschen Diplomaten in Moskau ihn zu den Vertretern der »germanophilen« Linie innerhalb der Parteiführung der RKP (b).[13]  Im September waren die zentralen sowjetischen Zeitungen sehr vorsichtig in ihrer Einschätzung eines möglichen revolutionären Umbruchs in Deutschland. »Die Geschichte hat noch nie gesehen, dass die herrschende Klasse ohne den Druck einer großen Volksbewegung real etwas von ihrer Macht abgegeben hätte. Diese Volksbewegung gibt es in Deutschland bisher nicht.«[14] Doch der Ton der Moskauer Presse veränderte sich nach dem Kriegsaustritt Bulgariens radikal. Ein Leitartikel der Pravda zeichnete für die kommenden weltbewegenden Ereignisse folgendes Szenario: Nach dem Zusammenbruch der Koalition der Mittelmächte würde die Revolution in Deutschland und Österreich unausweichlich sein, aber dies würde die Entente nicht aufhalten. Die deutsche Arbeiterklasse würde ihr eigenes Brest nicht akzeptieren und gemeinsam mit Sowjetrussland einen Revolutionskrieg gegen die Mächte der Entente führen. Der Klassencharakter dieses Kriegs wäre so augenfällig, dass er noch vor den ersten ernstzunehmenden Zusammenstößen zur Selbstauflösung der Entente-Armeen führen würde.[15] Diese und ähnliche Theorien lassen bei aller Phantastik die Hoffnungen der ersten Monate der bolschewistischen Diktatur wieder aufscheinen – nur dass nun die Weltrevolution nicht vom russischen Funken, sondern vom deutschen Brand erzeugt werden sollte. Dabei ging es hintergründig um die Zurückschlagung des »linken Kommunismus«, der während der Diskussionen über die Unterzeichnung des Brester Friedens im Februar und März die Partei fast gespalten hätte. Stück für Stück kamen in den Zeitungskommentaren dann auch pragmatischere Erwägungen zum Vorschein, in denen es vor allem um das Schicksal des Brester Vertrages ging. Die Lage war extrem widersprüchlich. Einerseits verwandelte die Niederlage Deutschlands Russland von einem Objekt zu einem Subjekt der internationalen Beziehungen. Sie eröffnete einen Weg zur Wiederherstellung der verloren gegangenen Positionen in Osteuropa. Andererseits war die Zeit des Lavierens zwischen den beiden Kriegskoalitionen nun vorbei. Die Mächte der Entente erhielten freie Hand nicht nur in Beziehung auf Deutschland, sondern auch in Beziehung auf Russland. Die geopolitische Situation der beiden »Kandidaten für die Verbannung« beförderte ihre Annährung hinreichend, aber gleichzeitig störte die gegenläufige Legitimation ihrer politischen Regime den Annährungsprozess. In diesen Tagen dachte Lenin nicht nur über eine unabdingbare außenpolitische Wende nach, sondern auch über die Autorität der eigenen Macht. Das Fehlen funktionierender Entscheidungsstrukturen unter den Bedingungen der Parteidiktatur führte innerhalb der Partei beständig zu neuen Erschütterungen. Die Diskussion um den Brester Frieden hatte gezeigt, wie ineffektiv die Verlagerung von Arbeitsmethoden aus dem Untergrund auf die Regierungsebene war. Bis zum Sommer 1918 war es Lenin zwar gelungen, eine im Großen und Ganzen funktionierende Machtvertikale aufzubauen. Alle Informationskanäle liefen bei ihm zusammen, er sanktionierte jedwede Entscheidung. Allmählich traten jedoch die Nachteile dieses Systems zutage, denn alle Machtorgane wandten sich an Lenin wie an einen Obersten Gerichtshof. Er aber schaffte es einfach nicht mehr, auf jede einzelne Anfrage zu reagieren. Der zeitweilige Rückzug Lenins von den Regierungsgeschäften, der durch seine Attentatsverletzung bedingt war, stimulierte gleichzeitig Machtkämpfe in seiner Umgebung. Der bekannteste dieser Konflikte brach zwischen Stalin und Trockij um die Carycin-Front aus und dauerte auch nach Lenins Rückkehr an das Staatsruder an. Wie die Quellen zeigen, war Ende September und Anfang Oktober 1918 auch die Außenpolitik ein Thema, das Anlass zu innerparteilichen Auseinandersetzungen hätte geben können. Zweifellos war Lenin nicht an einer Wiederholung der Diskussion um den Brester Friedensschluss interessiert, die ihn gezwungen hatte, sein persönliches Ansehen vollständig in die Waagschale zu werfen. Während er sich zur Erholung in Gorki befand, sah er sich unfreiwillig in die Lage eines außen stehenden Beobachters gebracht, wogegen sich sein tatkräftiger Charakter auflehnte. Wer war es, der in diesen Tagen entscheidenden Einfluss auf den Führer der Bolschewiki hatte? Wer, um es in heutiger Sprache auszudrücken, war der wichtigste Lobbyist bei außenpolitischen Entscheidungen? Die Antwort auf diese Frage ist nur auf den ersten Blick unkompliziert. Denn das Volkskommissariat für Äußeres wickelte zwar die operativen Vorgänge ab, strategische Initiative besaß es allerdings nicht. Unter den herrschenden revolutionären Bedingungen erschien das Kommissariat als ein Überbleibsel aus alten Tagen, als eine unvermeidliche Schnittstelle für die Kommunikation mit den bourgeoisen Staaten. Seine Mitarbeiter wurden nicht selten beschuldigt, sie würden leichtfertig die Normen und Regeln der Diplomatie der Bourgeoise übernehmen. Tatsächlich zwang ihre spezifische Tätigkeit die sowjetischen Diplomaten dazu, existierende Realitäten anzuerkennen, die Unabdingbarkeit diplomatischen Vorgehens zu unterstreichen sowie die Vorteile und negativen Wirkungen der revolutionären Propaganda zu benennen. Der Volkskommissar für Äußeres, Georgij Čičerin, trat öffentlich mehrfach für eine vorsichtigere und sogar »defensive Außenpolitik« ein.[16] Lenin misstraute den Initiativen des Außenkommissariats. Er bewertete das diplomatische Kompromissstreben als »Menschewismus«. Auch erwies sich, dass die Diplomaten – und dies galt insbesondere für Ioffe – sich nicht unter ständiger Kontrolle der Parteiführung befanden und sie ihre Handlungsfreiräume auch nutzten. Die »Widerspenstigkeit« des Berliner Vertreters hatte den im Briefwechsel mit Lenin ausgetragenen Konflikt vorprogrammiert, der bereits im Sommer 1918 – begleitet von Rücktrittsdrohungen Ioffes – kulminiert war.[17] Jedoch beharrte die erste sowjetische Diplomaten-Generation auf ihrer eigenen Sicht der internationalen Lage. Ioffe machte Lenin in seinen Briefen mehrfach Vorwürfe: »Das hypothetische Nahen der deutschen Revolution – unterbewerten Sie alles andere nicht zu sehr?« Im selben Brief bestand er auf der Teilnahme Russlands an der Friedenskonferenz über die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs: »Wenn Sie auf eine andere Idee kommen, wo wir als revolutionäre und revolutionierende Kraft, und auch als staatliche Macht, auftreten können, dann würde ich darauf nicht bestehen.«[18] Nach der negativen Reaktion Lenins zu urteilen, bewertete er diese Sicht als Kompromissbereitschaft gegenüber der Entente. Zwischen dem diplomatischen Korps und der Moskauer Führung kam es beständig zu Meinungsverschiedenheiten, die durch das Fehlen einer klaren Kompetenzverteilung und persönliche Profilierungsversuche potenziert wurden. Was in der sowjetischen Hauptstadt als Selbstverständlichkeit erschien, sah aus der Perspektive ausländischer Hauptstädte oft ganz anders aus. Die Berliner Vertretung wirkte als ein Magnet für Altbolschewiki, die es sich nicht verwehren wollten, ihre revolutionären Erfahrungen weiterzugeben. Der sowjetische Generalkonsul (und OGPU-Chef der 20er Jahre) Vjačeslav Menžinskij verteidigte in einem Brief an Lenin den Berliner Vertreter, der in einem Klima von Intrigen und ohne volles Vertrauen Moskaus arbeiten müsse. »Ioffes Gesundheit hält die angespannte Arbeit, die er durchführen muss, kaum aus, wo jedes seiner Worte Russland teuer zu stehen kommen kann, wenn jeder Genosse aus Russland, ja wenn jeder Brief irgendeinen dummen Konflikt bringt. […] Jeder, angefangen bei Radek und seiner Frau und endend beim Ehepaar Larin, denkt, dass er besser unterrichtet sei als Ioffe.«[19] Leider lassen uns die wenigen erhaltenen Quellenbestände keine Möglichkeit, den Meinungskampf innerhalb RKP (b) während des Herbstes 1918 vollständig zu rekonstruieren. Es gab aber auch unter den Nichtdiplomaten Befürworter eines vorsichtigeren Kurses in der internationalen Arena, z. B. Lev Kamenev. Dies ist aus einem Antwortbrief Lenins ersichtlich, der wahrscheinlich Ende September geschrieben wurde. Lenin sprach sich kategorisch dagegen aus, Hoffnungen auf Verhandlungen mit der Entente zu setzen. »Aber unsere Wirklichkeit hat sich verändert, denn wenn Deutschland besiegt ist, dann wird Lavieren nicht mehr möglich sein, weil es nicht zwei Kriegsparteien gibt, zwischen denen wir lavieren!! […] Meiner Meinung nach sollten wir keine Verhandlungen über die Revision von Brest beginnen, weil das jetzt voreilig sein würde … Man muss abwarten.«[20] In diesem Brieffragment zeigen sich schon einzelne Elemente der neuen taktischen Linie. Doch die Schlüsselentscheidungen traf Lenin am 1. Oktober 1918. An diesem Tag meldeten die Zeitungen den Rücktritt von Reichskanzler Hertling. Auch für Außenstehende wurde damit klar, dass Deutschland nicht nur kurz vor der militärischen Niederlage, sondern auch vor einer politischen Katastrophe stand. In der Pravda merkte Bucharin an, dass die führenden Kreise in Deutschland zwischen der Einbeziehung der Opposition in die Regierung und der Herstellung einer offenen Militärdiktatur schwankten.[21] Ein Artikel in der Izvestija zog Parallelen zwischen den Ereignissen in Deutschland und der Situation Russlands kurz vor dem Sturz des Zaren. In diesem Artikel startete Karl Radek einen Versuchsballon, als er an Deutschland gerichtet vorschlug, einen »klugen Schritt« zu machen und die Lage Russlands zu erleichtern, damit es in die Lage komme, »die Schritte des anglo-französischen Kapitals zu paralysieren, eine Ostfront gegen Deutschland zu eröffnen«[22]. Eine Übertragung dieser unbeholfenen Formulierung in die Alltagssprache bedeutete, dass Russland im Falle einer Revision des Brester Vertrags die Verpflichtung übernehmen könnte, eine Landung von Entente-Streitkräften in der Ukraine und im Baltikum zu unterbinden. Solch ein Vorschlag sah wie ein diplomatisches Phantasiespiel aus, wurde aber im deutschen Konsulat ernst genommen, das wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalm griff.[23]  Die Berichte aus Berlin, die Schreiben seiner Berater und vor allem die Kommentare der Presse stellten jene kritische Masse an Information dar, aufgrund derer Lenin eine eigenständige Politiklinie formulieren konnte. Die Energie des politischen Führers, vermehrt durch die Euphorie eines Genesenden, führte ihn zu radikalen Schlussfolgerungen. An Radeks Artikel imponierte Lenin nicht nur die Parallele zu den Ereignissen des Februars 1917, sondern auch die These, dass das russische Volk den deutschen Leiden wenig Positives abgewinnen könne und einen Sieg des anglo-französischen Imperialismus nicht befürworte.  Radek als Lenins propagandistisches Sprachrohr  Mit dem Vorschlag »abzuwarten« gewann Lenins Konzeption Gestalt, zu beiden Kriegsparteien den gleichen Abstand zu bewahren. Damit einher ging die Ablehnung eines Kompromisses zur Revision des Brester Friedensvertrags mit der Entente, die noch vor der vollständigen Niederlage Deutschlands beschlossen wurde. Lenin hatte die begründete Vermutung, dass die Entente sich nicht auf einen Kompromiss einlassen und Sowjetrussland nicht am Konferenztisch der Friedenskonferenz zulassen würde. Das bedeutete jedoch keineswegs, dass man den Revisionsvorschlag nicht aus propagandistischen Erwägungen hätte vorbringen können. Aus Lenins Sicht war jedoch ein solches diplomatisches Manöver nutzlos, da seiner Meinung nach der Schüssel zum neuen internationalen System weder in London noch in Paris, sondern in Berlin lag. Gerade das deutsche Volk, das sich gegen einen von der Entente aufgezwungenen ungerechten Friedensschluss auflehnen würde (die bolschewistische Presse sprach von einem »zweiten Brest«), sollte die proletarische Revolution durchführen und Russland freundschaftlich die Hand reichen.  Diese neuen Aspekte der Außenpolitik bedeuteten die Suche nach neuen tatkräftigen Verbündeten, denn Ioffes »diplomatische Kombinationen« gefielen Lenin offenbar nicht. Es kam die Zeit der Tribunen, die den Mangel an revolutionären Kadern in Deutschland ausgleichen sollten. Am 1. Oktober fand ein zweistündiges – wahrscheinlich telefonisches – Gespräch Lenins mit Radek statt. Radek bezog sich in der Folge mehrfach darauf.[24] Es kostete Lenin nicht viel Mühe, seinen Gesprächspartner zu überzeugen, dass die große Stunde gekommen sei und es nicht lohne, weiterhin mit den Deutschen zu kokettieren. Lenin spielte mit der Eigenliebe Radeks und machte ihn zu seinem Verbündeten. Zugleich übernahm Radek die Aufgabe in Moskau das propagandistische Sprachrohr Lenins zu sein. Diese plötzliche Erhöhung des Ratgebers – entgegen allen Gepflogenheiten der Hierarchie – kennzeichnete den Führungsstil Lenins, der ihm im Kampf um die Macht beständig den Erfolg sicherte.  Als er seine Entscheidung getroffen hatte, begann Lenin eine rastlose Tätigkeit. Noch am selben Tag sandte er Sverdlov und Trockij eine Notiz, aus der hervorging, dass die in Moskau verbliebenen Parteiführer die entscheidende Wendung der internationalen Lage verschlafen hätten: »Die Entwicklung in Deutschland hat sich so ›beschleunigt‹, dass wir nicht zurückbleiben dürfen. Aber am heutigen Tag liegen wir schon zurück.« Die Revolution in Deutschland wurde als sich vollziehendes Ereignis und zugleich als ehrenvolle Aufgabe des Bolschewismus betrachtet: »Wir werden alle dafür sterben, den deutschen Arbeitern in der Sache der beginnenden Revolution in Deutschland voran zu helfen.«[25]  Der Grundton dieser Notiz Lenins vom 1. Oktober bedeutete den faktischen Verzicht auf die Dienste des Volkskommissariats für Äußeres; der Volkskommissar für Äußeres Čičerin wurde nicht informiert. Es gab in der Notiz keine Erwägung einer Revision des Brester Vertrags; weitere Verhandlungen mit der deutschen Regierung wurden auf Eis gelegt. Die praktischen Vorschläge Lenins aus der Notiz lagen auf der propagandistischen und organisatorisch-technischen Ebene: Es sollten Getreidevorräte angelegt werden (»alle Vorräte auskehren für uns und für die deutschen Arbeiter«) und die Rote Armee sollte bis zum Frühjahr 1919 auf drei Millionen Soldaten aufgestockt werden, um die internationalen Arbeiterrevolution zu unterstützen.  Beide Punkte Lenins bedürfen einer Kommentierung. Die Getreidefrage stellte eine einfache Übertragung der russischen Erfahrung auf die internationale Bühne dar. Mit der Einführung der Getreiderequirierung auf dem Land, um die städtischen Arbeiter mit Brot zu versorgen, hatten die Bolschewiki im Sommer 1918 den Bürgerkrieg vorab für sich entschieden. Nun sollte mit russischem Getreide auch der Sieg des deutschen Proletariats bezahlt werden. Die Aufgabe, drei Millionen Mann in der Roten Armee zu bewaffnen, war von geopolitischen Erwägungen geleitet. Denn es ging um die riesigen Gebiete des östlichen Europas, die zu diesem Zeitpunkt noch von deutschen Truppen besetzt waren. Da Lenin nicht glaubte, die Entente würde damit einverstanden sein, diese Gebiete an Russland zurückzugeben, setzte er auf die gewaltsame Lösung des Problems, auch wenn es dabei eine wichtige Einschränkung gab: Von sich aus würde Russland die Deutschen nicht aus der Ukraine vertreiben. Ein Kampf mit der Entente schien ihm also unumgänglich, auch wenn Lenin nicht daran glaubte, dass Streitkräfte der Entente schon im Winter im nördlichen Schwarzmeerraum landen würden. Die Umsetzung dieser Vorstellungen bedeutete für Russland neue militärische und außenpolitische Erschütterungen, aber sie war keineswegs einfach ein Rückfall in den »linken Kommunismus«. Dieses Mal ging man davon aus, dass die Deutschen selbst die Revolution beginnen würden. Die Maxime, von beiden Kriegsparteien gleichermaßen Abstand zu halten, erlaubte es Russland, sich die unabdingbare Handlungsfreiheit zu erhalten. Einige Tage später legte Radek den Gedankengang Lenins folgendermaßen dar: »Wir schauen auf Deutschland wie auf eine Mutter, die eine Revolution gebiert, und sollten uns die Deutschen nicht dazu zwingen, werden wir nicht die Waffen gegen sie erheben, ehe das Kind geboren ist.«[26] Jedoch waren die Bolschewiki zum Schutz der »Gebärenden« bereit, eine Auseinandersetzung mit den Siegermächten des Ersten Weltkriegs zu riskieren. Die Notiz Lenins an Sverdlov und Trockij endete mit der Bitte Lenins, ihm ein Auto nach Gorki zu schicken, damit er am folgenden Tag auf der gemeinsamen Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees, des Moskauer Stadtsowjets und der Arbeiterorganisationen der Hauptstadt sprechen könne. Allerdings wurde am 2. Oktober die Frage nach der Unterstützung der deutschen Revolution dann nur im ZK der RKP (b) behandelt. Im Sitzungsprotokoll findet sich die kurze Notiz: »Lenin beauftragen, im Namen der Regierung eine Erklärung zu schreiben und sie auf der Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees zu verlesen.«[27] Aus dieser Formulierung ist nicht ersichtlich, ob Lenin dies persönlich tun sollte. Seine Mitstreiter erlaubten ihm jedenfalls nicht, nach Moskau zurückzukehren. Der Historiker Jurij Fel’štinskij hat das Bild der entstandenen Situation etwas verzeichnet: »Während Lenin am 3. Oktober den ganzen Tag über auf einer Anhöhe saß, von der aus man die Straße einsehen konnte, und auf das ihm versprochene, aber nie abgeschickte Auto wartete, wurde im Zentralkomitee gegen seinen Willen der Beschluss zur Unterstützung der deutschen Revolution gefasst, die am folgenden Tag begann […].«[28] In Wirklichkeit war die Lage eine ganz andere. Auch wenn Lenin sich außerhalb Moskaus aufhielt, war er dazu in der Lage, seine Mitstreiter »aufzubauen« und brachte sie dazu, seinen eigenen Standpunkt zu dem ihrigen zu machen. Auf der gemeinsamen Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees, des Moskauer Stadtsowjets und der Arbeiterorganisationen der Hauptstadt wurde sein Brief verlesen, der am Beginn und nicht am Ende der formalen Beschlussfassung gestanden hatte. In ihm wurde der Standpunkt systematisiert, den Lenin zuerst am 1. Oktober formuliert hatte: Die Regierungskrise in Deutschland bedeute den Beginn der Revolution, und die deutsche Bourgeoise könne sich weder durch eine Koalition mit den Sozialdemokraten noch durch eine Militärdiktatur retten. Bis sich die Macht in den Händen des deutschen Proletariats befände, würde Russland die Neutralität bewahren. »Die Sowjetmacht denkt nicht daran, den deutschen Imperialisten durch Versuche zu helfen, den Brester Frieden zu untergraben«,[29] denn dieser Schritt würde den Wechsel Russlands auf die Seite der Entente bedeuten. An diesem Punkt war Lenin völlig unversöhnlich und er gestattete seinen Beratern in dieser Frage nicht einmal hypothetische Überlegungen. Das Kernreferat auf der Sitzung vom 3. Oktober hielt Radek, der zwar formal Mitarbeiter des Volkskommissariats für Äußeres war, aber nach dem Willen Lenins von nun an in der ersten Reihe der Vorkämpfer für die deutsche Revolution stehen sollte. Da alles Wesentliche schon in Lenins Brief gesagt worden war, brauchte Radek nicht zu diskutieren und ihm blieb, das Pathos zu beschwören. Die anwesenden Befürworter einer diplomatischen Revision des Brester Vertrags im Großen Saal des Bol’schoj-Theaters, in dem die Sitzung stattfand, blieben unsichtbar. Davon zeugt der Redebeitrag Trockijs. Voller Reue für die Fehler, die er während der Verhandlungen in Brest begangen hatte, legte er gewissenhaft die Konzeption Lenins aus: Beide imperialistischen Lager seien gleichartig in ihrer Gegnerschaft zu Sowjetrussland, »und jetzt, mit der radikalen Aufdeckung der vor sich gehenden Veränderungen, sind wir von einem Bündnis mit dem anglofranzösischen Imperialismus genau so weit entfernt, wie wir gestern weit entfernt vom deutschen Imperialismus waren.« Früher oder später würde die deutsche Arbeiterklasse den Brester Vertrag selbst revidieren und bis dahin »werden wir die Initiative nicht an uns reißen und diesen oder jenen schädlichen und abenteuerlichen Schritt machen wie eine Kriegserklärung an Deutschland im Bündnis mit England und Frankreich.«[30] Die Resolution, die auf der Sitzung beschlossen wurde, unterstrich den historischen Charakter der vollzogenen Wendung und stellte sie in eine Reihe mit der Machtergreifung der Bolschewiki. »Jetzt, genau wie im Oktober des vergangenen Jahres und während der Verhandlungen in Brest-Litovsk, baut die Sowjetmacht ihre gesamte Politik auf der Aussicht auf die soziale Revolution in beiden imperialistischen Lagern.« Der deutsche Journalist Alfons Paquet, der am Abend des 3. Oktober mit Radek im Hotel »Metropol’« zu Abend aß, notierte in sein Tagebuch, dass sein Gesprächspartner äußerst erregt war und völlig ernsthaft über ein gemeinsames Vorgehen Russlands und des revolutionären Deutschlands gegen die Entente nachdachte. Eine zweite Beobachtung Paquets verdient ebenfalls Aufmerksamkeit: »Auffallend, wie wenig Diskussion. Alles wird von wenigen besorgt. In der heutigen Sitzung [dominierte, Anm. d. A.] absolut das Dreigestirn Lenin, Radek, Trockij«.[31] Diese Aussage ist ein Indiz dafür, wie sich der politische Prozess im nachrevolutionären Russland immer mehr zu einem abgeschlossenen System entwickelte. Sverdlov vergaß keinen einzigen Punkt von Lenins Anweisung. Im Zusammenhang mit der unabdingbaren »Anwesenheit einer sehr verantwortungsvollen und autoritativen Person in Berlin« sollte nun Grigorij Zinov’ev dorthin entsandt werden.[32] Am 4. Oktober wurden in ganz Moskau Versammlungen zum Thema »Krieg und Weltbolschewismus« veranstaltet. Bei der Publikation und Kommentierung des Sitzungsstenogramms des Zentralen Exekutivkomitees unterstrichen die zentralen Zeitungen die Neuartigkeit der Situation. Es sollten keine Konzessionen mehr an die deutsche Bourgeoisie gemacht werden, denn ihre Tage seien gezählt. Die Weltrevolution ziehe schon am Horizont herauf und jedwede Annährung an den Imperialismus der Entente, nur um den Brester Friedensvertrag zu revidieren, würde die Revolution aufhalten. Und sicherlich ging ein Seufzer des Erleichterung durch die Reihen der Parteipropagandisten: Die Masken konnten fortgeworfen und die strategischen Ziele des Bolschewismus offen diskutiert werden. Von nun an agierte man im Ausland ohne Rücksicht auf die Großmächte: »Jetzt sind wir nicht mehr Moskowien und nicht mehr Sovdepija [abwertender russischer Begriff für »Land der Sowjets«], sondern die Avantgarde der Weltrevolution.«[33] Die Pravda baute die Parallele zwischen den beiden Oktobern 1917 und 1918 weiter aus und geizte dabei nicht mit Emotionen: »Wie damals im Smol’nyj der Revolutionsstab tagte, so tagt heute im Bol’schoj-Theater der Stab der Avantgarde der europäischen Revolution. Er ist im Namen der Verwirklichung der Oktober-Ideale im Weltmaßstab bereit zum Kampf mit dem bis an die Zähne bewaffneten Weltimperialismus.« Auch wurde auf die praktischen Folgen der gefassten Beschlüsse eingegangen: »Genosse Lenin schlägt vor, in jedem großen Lagerhaus (Getreidelager) einen besonderen Fond anzulegen, einen Getreidevorrat, der zur Ernährung der deutschen Arbeiter vorgesehen ist. Am zweiten Tag nach der Revolution werden wir ihn nach Deutschland schicken.«[34] Karl Radek, der seinen Artikel zum ersten Mal ohne Pseudonym publizierte, versteckte seine Schadenfreude nicht: »Der Sieger von Brest steht heute vor seinem eigenen Brest.«[35] Er berauschte sich an der Rolle des Enfant terrible. Er erschreckte die ausländischen Journalisten mit der Ankündigung eines Angriffs der Roten Armee auf Deutschland nach dessen vollständiger militärischer Niederlage[36] und hausierte mit Plänen, persönlich als Verhandlungsführer der Regierung nach Deutschland zu reisen.[37]  Währenddessen erreichte der Aktionsradius des Volkskommissariats für Äußeres seinen historischen Tiefpunkt. In seinen Berichten aus Berlin schrieb Ioffe nach dem obligatorischen Lob auf die Resolution des Zentralen Exekutivkomitees, dass sie der diplomatischen Arbeit in der Zukunft schaden würde und dass sie »in Berliner Regierungskreisen Verärgerung hervorgerufen« hätte.[38] Die Deutschen nahmen von Waffenlieferungen nach Russland Abstand und begannen, die ukrainische Regierung unter Pavel’ Skoropadskij aktiv zu unterstützen. Das hatte man in Moskau allerdings einkalkuliert.[39] Den Diplomaten blieb nur übrig, die revolutionäre Klassensprache der Resolution vom 3. Oktober in Formulierungen einzukleiden, die für die deutschen Partner besser verständlich waren. Ein Bündnis beider Staaten »ist so lange unmöglich, wie es in Deutschland eine imperialistische Führung gibt, aber Russland wird sich niemals auf die Seite der Entente stellen und ist, sofern möglich, bereit, Deutschland wie ehedem mit Nahrungsmitteln zu unterstützen.«[40] Diese Mitteilung erleichterte die Situation der deutschen Führung, denn sie erlaubte es, die letzten verbleibenden Kräfte im Westen zu konzentrieren. All dies verlängerte die Agonie des Kaiserreichs allerdings nur um wenige Tage. Keine Verhandlungen mit der Entente  Am 14. Oktober kehrte Lenin nach Moskau zurück und nahm die Tagesgeschäfte wieder auf. Seine Aufmerksamkeit wurde insbesondere von den Bürgerkriegsereignissen in Anspruch genommen. Zu diesem Zeitpunkt, als das Chaos an der südlichen und der östlichen Front seinen Höhepunkt erreichte, musste Lenin wieder einmal einen Streit zwischen Stalin und Trockij schlichten.[41] Darüber vergaß er die kommende Weltrevolution nicht. Am nächsten Tag wurde eine Anweisung nach Bern und Berlin geschickt, Artikel aus der Tagespresse zu senden, die Russland und die sozialistischen Parteien aller Länder behandelten, und auf den Zusammenschluss des linken Flügels der sozialistischen Bewegung hinzuarbeiten.[42] Dabei konnte Lenin nicht übersehen, wie wenig die Berichte der Diplomaten zu den Publikationen in den sowjetischen Zeitungen passten. Letztere berichteten begeistert von einer illegalen Konferenz der Spartakisten, die am 7. Oktober in Erfurt stattfand.[43] Sie wurde als Gründung der deutschen Kommunistischen Partei beschrieben; von nun an »existiert der Bolschewismus in Deutschland, er ist eine Kraft, die ideenmäßig alles übersteigt, was die Feinde in den Händen haben«[44]. Ioffes Berichte zeichneten ein anderes Bild. Am 13. Oktober teilte er Lenin in einem Brief über die Erfurter Konferenz mit, dass es »mir nur mit großer Mühe gelungen ist, ihre Zustimmung zu einer Proklamation zu erlangen, die ich geschrieben hatte und anbei mitschicke«[45]. Die Linkssozialisten konzentrierten ihre Propaganda auf einen baldigen Friedensschluss und dachten überhaupt nicht an einen bewaffneten Aufstand. Sie lehnten die finanzielle Unterstützung Russlands ab und »selbst für ihre Bewaffnung wollen sie nicht mehr nehmen, als sie schon genommen haben.«[46] Aufforderungen, die russischen Ereignisse nachzuahmen und also faktisch einen Bürgerkrieg anzuzetteln, hatten für die deutschen Arbeiter keine besondere Anziehungskraft, da sie vor allem einen schnellen Friedensschluss wünschten. Aus diesem Grund widmeten die sowjetischen Zeitungen der Organisation der Linkssozialisten in einer eigenständigen Partei besondere Aufmerksamkeit und forderten den Bruch der Spartakisten mit der USPD.[47] So argumentierte auch ein anderer hochrangiger Vertreter der bolschewistischen Führung in Berlin, Vladimir Miljutin. Bei einem Vergleich der Bolschewiki und der Spartakisten zog er den unerfreulichen Schluss, dass letztere »einen bemitleidenswerten Eindruck machen«. Sie hätten keinen Kontakt zu den Arbeitern, und ihre Zeitungen erschienen in einer miserablen Auflagenstärke.[48] Am 15. Oktober schrieb Miljutin aus Berlin an Lev Kamenev: »Die Stimmung hier ist sehr ›passend‹! Die Organisation schwach. Aber ich denke, die Massen werden bald zum Handeln übergehen. Ganz nach den Gesetzen der Physik: Jede Aktion ruft eine Reaktion hervor. Daraus kann nichts als nur Gutes entstehen. Die Deutschen müssen ›aufgerüttelt‹ werden. Das ist die Hauptsache.« Man müsse die Deutschen auf eine Art und Weise unterstützen, dass die Regierung nichts davon erführe, und nicht wie Radek und Zinov’ev viel Lärm um Kleinigkeiten machen. »Sollen sie sich doch an die Bedingungen der illegalen Arbeit erinnern und nicht vor der Zeit sprechen, wovon man nicht sprechen soll. Das verdirbt die Sache nur.«[49] Während Miljutin im Einverständnis mit Lenin auf die organisatorischtechnische Vorbereitung der deutschen Revolution setzte, forderte Ioffe dazu auf, nicht nur einzelne Mitstreiter, sondern die politische Gesamtsituation »aufzurütteln«. »Im taktischen Sinn habe ich ihm [Miljutin] vorgeschlagen, irgendeine günstige Situation auszunutzen und die deutsche Regierung zu Repressionen gegen das Proletariat zu provozieren«, schrieb Ioffe am 13. Oktober an Lenin.[50] Eine Woche später legte er noch einmal den Finger in die Wunde: »Sie werden vielleicht sagen, dass dies ein menschewistisches Überbleibsel ist, aber ich messe nach wie vor der breiten politischen Aktion wesentlich mehr Bedeutung zu als der illegalen Arbeit, die man in Deutschland, Österreich und in der Ukraine machen kann und muss.«[51] Am Ausgang des Ersten Weltkriegs war die Ukraine ein Gefangener der deutsch-sowjetischen Beziehungen sowie auch der globalen Politik. Als die Sowjetführung Verhandlungen über das weitere Schicksal der Ukraine mit der Entente und mit Deutschland abgelehnt hatte, befürchtete die bolschewistische Führung nicht ohne Grund, dass sich die beiden Seiten miteinander ins Benehmen setzen und die deutsche Besatzung in der Ukraine gegen englische und französische Soldaten austauschen könnten.[52] Allerdings waren solche Absprachen erst nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstands an der Westfront möglich, und der sich hinziehende Krieg stärkte somit die außenpolitische Position Sowjetrusslands. Doch früher oder später mussten die Kanonen verstummen. Im ungünstigsten Fall könnten sich Sieger und Besiegte zu einem »Kreuzzug gegen den Bolschewismus« vereinigen. Was hätten die Bolschewiki Weltkriegssiegern entgegenzusetzen gehabt, die die Besiegten ohne Mühe auf ihre Seite hatten herüberziehen können? Über dieses Szenario sprachen seit Anfang Oktober alle Parteipublizisten. Mit verschiedenen Akzenten suchte man Rettung entweder bei der Roten Armee oder in der europäischen Revolution. Diplomatische Mittel bezog man in die Überlegungen überhaupt nicht ein und die Meinung der Mitarbeiter des Volkskommissariats für Äußeres interessierte fast niemanden. Ioffe schrieb am 17. Oktober an Lenin und Čičerin: »die Übereinkunft aller kämpfenden [Parteien, d. h. von Entente und Mittelmächten] hat in Russland bereits stattgefunden, wenn nicht formal, so doch faktisch. Dagegen ist nichts zu machen und es ist unabdingbar, dass wir die begonnene Politik noch schärfer betreiben. Und meiner Meinung nach wäre es noch besser, wenn sie nicht nur mit den Mitteln der Agitation, sondern auch mit diplomatischen Methoden betrieben werden würde.«[53] Der Berliner Botschafter stellte wieder und wieder die Frage nach Russlands Teilnahme am internationalen Friedenskongress. In seiner Antwort lehnte Lenin die »Diplomatiererei« als Politik einseitiger Zugeständnisse ab, die dem Land schon den schmachvollen Brester Frieden eingebracht hätte. Von nun an könne man keine Konzessionen an den Feind mehr machen, denn die Zeit des letzten und entscheidenden Kampfes sei gekommen. Während der Verhandlungen mit Deutschland im Februar 1918 »hatten wir die Möglichkeit, Zeit zu gewinnen, indem wir Land abtraten. Jetzt gibt es diese Möglichkeit nicht.«[54] Und Lenin fuhr fort: »Das heißt, wir haben keine Wahl. Soyons forts et accélérons la révolution en Allemagne. Eine andere Wahl gibt es nicht.«[55]  Diese letzten drei Sätze erschienen den Herausgeber der Lenin-Werke zu scharf, so dass sie bei der Publikation dieses Briefes stets gestrichen wurden. Der Sinn solcher Auslassungen ist nicht schwer zu erschließen. Indem er diplomatische Mittel verwarf, forderte der Führer der Bolschewiki faktisch zum Export der Revolution nach Deutschland auf und zum Krieg zu ihrer Verteidigung, wenn die Revolution stattfinden würde. Lenin, der sich in diesem Moment als Vollstrecker der Geschichte fühlte, wurde zum Gefangenen seiner eigenen Doktrin und zum Hasardeur. Später, am Ende seines Lebens, hatte er sich mit der Unabdingbarkeit von Kompromissen abgefunden. Im Unterschied zur Situation während der Brester Verhandlungen bewertete Lenin die Macht der Bolschewiki im Herbst 1918 als gefestigt genug, um einen Umschwung nach links zu vollziehen, die »Atempause« zu beenden und zu den strategischen Zielsetzungen zurückzukehren. Wenn die deutsche Arbeiterklasse die Abrechnung mit ihrem Imperialismus beginnen würde, wäre, um einen Sieg im globalen Maßstab zu erringen, ein neuer Krieg unumgänglich. Darüber sprach der Kreml ganz offen.  Als Karl Radek Ransom, dem Korrespondenten des Manchester Guardian in Stockholm, das Wesen der neuen Politik der Bolschewiki erklärte, schwang er sich zu globalen Verallgemeinerungen auf. Von nun an seien die Mächte der Entente der neue Hauptfeind, »weil erstens Deutschland für sie keine Gefahr mehr darstellt und zweitens die deutsche Revolution, die im Gange ist, für sie die allergrößte Gefahr darstellt. Wir werden als Partei nun im globalen Maßstab spielen. Was wir für Russland waren, muss erweitert werden, und ich bin überzeugt, dass nicht einmal ein halbes Jahr vergehen wird, ehe unsere Leute in allen europäischen Hauptstädten an der Spitze revolutionärer Bewegungen stehen. Solange die europäische Bewegung noch keine eigene Erfahrung hat, werden wir ihr die Offiziere geben. Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Stimmung hier in den Volksmassen ist. Die Masse fühlt die Revolution mit einem Instinkt wie der Geier das Aas.«[56] Das Nahen der Revolution in Deutschland brachte selbst die konsequentesten Skeptiker zum Verstummen. Ioffe bekannte Ende Oktober, dass all seine kleinen diplomatischen Erfolge nichts seien gegen den Sieg des Proletariats. »Solange Wilhelm herrscht, und wir in unserer Politik auf Liebknecht bauen, liegt ihr praktischer Misserfolg von selbst auf der Hand. Aber da es nach meiner Meinung weitaus wichtiger ist, dass Liebknecht zu herrschen beginnt, als dass wir unsere Lokomotiven bekommen, darum werde ich diese Politik weiterführen.«[57] Es gelang dem Führer der Bolschewiki also, diejenigen Berater seinem Willen unterzuordnen, die ihm zugeredet hatten, nicht auf die Methoden der »bourgeoisen« Diplomatie zu verzichten.  Nach den Gesetzen der diplomatischen Kunst war nun der Zeitpunkt gekommen, sich der stärkeren der Krieg führenden Parteien anzunähern, um mit möglichst geringen eigenen Verlusten etwas von den Früchten des Siegs abzubekommen. Im Herbst 1918 hätte diese Taktik für die Bolschewiki bedeutet, schrittweise die Erfüllung des Brester Friedens auszusetzen und die Kontaktkanäle in Richtung Entente zu öffnen. Solche Erwägungen schafften es sogar auf die Seiten sowjetischer Zeitungen. Lenin, der sich kategorisch gegen die »Diplomatiererei« ausgesprochen hatte, begrenzte damit den außenpolitischen Manöverraum auf ein Minimum. Das Schicksal der europäischen Völker sollte nicht ein Friedenskongress, sondern die Weltrevolution entscheiden. Eine Zustimmung Russlands zu einem »zweiten Brest«, das die Entente dem besiegten Deutschland aufzwingen würde, hätte taktische Vorteile gehabt, die aber sicherlich in eine strategische Niederlage umgeschlagen wären. Das Proletariat im Ausland hätte sich von den Idealen des »Weltbolschewismus« abgewandt, da es schlussfolgern müsste, die Sowjetmacht hätte sich in die Reihe der Kriegsgewinnler eingereiht. Das hätte den Verlust der revolutionären Ideale bedeutet, und die Parteidiktatur in Russland selbst würde sich nicht mehr lange halten können. Die Feststellung »Lenin […] enthielt sich jeden Versuchs, der deutschen und internationalen Revolution auf die Sprünge zu helfen«[58] ist also so nicht aufrecht zu erhalten. Am 28. Oktober schrieb Ioffe in einem seiner letzten Berichte aus Berlin, dass man auch jetzt die Beziehungen zu Deutschland nicht abbrechen lassen solle, weil »das überall so aufgenommen werden würde, als ob wir uns wie Bulgarien auf die Seite des Stärkeren stellen wollten, und das würde uns im Sinne der Entfesselung der Weltrevolution nur schaden.«[59] Tatsächlich hätte diplomatischer Druck seitens Sowjetrusslands kaum die heraufziehende Revolution in Deutschland aufgehalten, aber er hätte die Chancen gemindert, dass sie sich »nach russischen Vorbild« entwickeln würde. Das Szenario einer demokratischen Revolution in den besiegten Staaten mit dem Übergang zu parlamentarischen Systemen war für Lenin und seine Vertrauten undenkbar. Dies hieße, die einmalige Chance des »Sprungs in die Zukunft«, die der Weltkrieg für die gesellschaftlichen Unterschichten eröffnet hatte, zu verspielen. Als Lenin auf der gemeinsamen Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees, des Moskauer Stadtsowjets und der hauptstädtischen Arbeiterorganisationen am 22. Oktober sprach, äußerte er sich zu dieser Frage kategorisch. Die politische Wende in Deutschland reift nicht in Tagen, sondern in Stunden heran, »das sagen alle, und alle sprechen deshalb davon, weil die Volksrevolution in Deutschland unausweichlich ist, und weil sie nur eine proletarische Revolution sein kann.«[60] Bei der späteren Publikation dieser Rede wurde eine maßgebliche Veränderung vorgenommen. Lenin sprach nun nicht mehr von der Unausweichlichkeit, sondern nur noch von der Möglichkeit einer proletarischen (das heißt bolschewistischen) Revolution in Deutschland.[61] Die Machtübernahme Liebknechts bleibt aus Heute ist offensichtlich, dass das Konzept, revolutionäre Distanz zu allen Krieg führenden Seiten zu halten, den nationalen Interessen Russlands nicht entsprach. Aber wer hätte diese Interessen damals, im Herbst 1918, formulieren können? Unter den Bedingungen des Bürgerkriegs und des Aufbaus einer grundlegend neuen Staatsform war der entscheidende Faktor der Außenpolitik die neue Utopie und nicht die Tradition der Diplomatie. Dabei passten die Bolschewiki geschickt Strukturen und Mechanismen an ihre Ziele an, die noch vor kurzem der »Klassenherrschaft der Bourgeoisie« gedient hatten. Der Aufruf Lenins, bis zum Frühjahr 1919 die Rote Armee mit drei Millionen Soldaten aufzustellen, bedeutete keineswegs, dass die Sowjetmacht bis zu diesem Zeitpunkt auf Angriffshandlungen verzichten wollte.[62] Der kurze Zeit später einsetzende Versuch der Sowjetisierung des Baltikums zeigt anschaulich, dass in der Parteiführung die Linie Lenins gesiegt hatte. Sie war zu diesem Zeitpunkt die radikalste der zur Verfügung stehenden außenpolitischen Optionen. Radek, der propagandistischer Waffenträger, sah es so: »Wir stehen am Rande einer Epoche, in der man alles riskieren muss, um alles zu gewinnen.«[63] Gegen Ende Oktober 1918 wurde die Orientierung auf eine Revolution in Deutschland zum gemeinsamen Nenner, der die Führung der RKP (b) einte. Umso bitterer war das Erwachen, als diese nicht nach dem geplanten Szenario verlief und nicht mit der »Herrschaft Liebknechts«, also mit einer Diktatur der Linkssozialisten, endete. Aus dieser offensichtlichen Niederlage wurden jedoch nur taktische Schlussfolgerungen gezogen. Keiner der Vertrauten Lenins konnte sich entschließen, die Strategie des »Weltbolschewismus« in Frage zu stellen. Während das größte Geschenk des europäischen Proletariats zum ersten Jahrestag der Revolution die Beseitigung der Hohenzollernmonarchie war, feierten die Bolschewiki den zweiten Jahrestag im Oktober 1919 nur noch in einem kleinen Kreis Gleichgesinnter, die in der Kommunistischen Internationale vereinigt waren.  Übersetzung aus dem Russischen von Christian Teichmann (Berlin) [1]  Das Thema wird in einigen Arbeiten gestreift, die die deutsch-sowjetischen Beziehungen in größerer Breite darstellen. Siehe Baumgart, Winfried: Deutsche Ostpolitik 1918. Von Brest-Litovsk bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Wien 1966; Linke, Horst Günther: Deutsch-sowjetische Beziehungen bis Rapallo. Köln 1970; Fel’štinskij, Jurij: Krušenie mirovoj revoljucii. Očerk pervyj: Brestskij mir. Oktjabr’ 1917–nojabr’ 1918 [Der Zusammenbruch der Weltrevolution. Erster Abschnitt: Der Brester Frieden. Oktober 1917 bis November 1918], London 1991.  [2]  Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj Istorii/Russisches Staatsarchiv für sozial-politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 495, o. 157, d. 3, Bl. 5. Die Fond 495 (f. 495) ist der Bestand des Exekutivkomitees der Komintern. In diesem Artikel wird aus fol genden Überlieferungen zitiert: Persönlicher Bestand Lenins: f. 2; Sekretariat Lenins: f. 5. Alle anderen RGASPI-Angaben beziehen sich auf die personenbezogenen Bestände der zitierten Personen im RGASPI.    [3]  Wulff, Dietmar: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918. Unveröffentlichte Dokumen-te (Teil 1: Mai 1918), in: Berliner Jahrbuch für Osteuropäische Geschichte 2 (1995), H. 1, S. 209–247; Ders.: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918. Unveröffentlichte Dokumente (Teil 2: Mai–Juni 1918), in: Ebenda 2 (1995), H. 2, S. 223–266; Ders.: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918. Unveröffentlichte Dokumente (Teil 3: Juli 1918), in: Ebenda 3 (1996), H. 2, S. 267–304. [4]  Archiv vnešnej politiki Rossijskoj Federacii/Archiv der Außenpolitik der Russischen Föderati-on (im Folgenden: AVP RF), f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 73. Der Fond 4 (f. 4) ist der persönliche Bestand Čičerins.  [5]  Siehe den Brief von T. Aksel’rod an Lenin vom 15. August 1918, in: RGASPI f. 5, o. 1, d. 3080, Bl. 5–8.   [6]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 27.   [7]  Lenin, Vladimir: Polnoe sobranie sočinenij [Vollständige Werkausgabe]. Bd. 50, Moskau 1982, S. 195. [8]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 32.  [9]  RGASPI, f. 5, o. 3, d. 255, Bl. 1–4. [10]  Pajps, R. [Pipes, Richard]: Russkaja revoljucija. Čast’ vtoraja [Die russische Revolution. Band zwei], Moskau 1994, S. 299. Anm. des Übersetzers: In der deutschen Ausgabe ließ sich das Zitat nicht auffinden. Dafür findet sich folgende Aussage: »Deutschland hatte Gründe genug, mit Moskau zu brechen, vor allem da Joffe, der bereits im Frühjahr und Sommer auf deutschem Boden Subversion betrieben hatte, nunmehr offen zum revolutionären Umsturz aufrief.« Pipes, Richard: Die russische Revolution. Bd. 2: Die Macht der Bolschewiki, Berlin 1992, S. 552. [11]  Siehe die Literaturhinweise bei Winkler, Heinrich August: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Berlin 1984, S. 19. [12]  V. I. Lenin. Biografičeskaja chronika [V. I. Lenin. Biographische Chronik]. Bd. 6, Moskau 1975, S. 145. [13]  Der deutsche Konsul in Moskau, Herbert Hauschild, berichtete am 2. Oktober 1918 nach Berlin: »Halte es bei augenblicklicher Situation, soweit von hier aus zu beurteilen, für sehr bedeutsam, daß Radek, der zweifellos sehr starken Einfluß besitzt, wenn auch von bolschewistischem Standpunkt urteilend, entschieden Verständnis für deutschen Charakter besitzt und daß bei ihm der Gedanke deutsch-russischer Interessengemeinschaft starke Stütze findet.« Zi tiert nach Baumgart, Winfried (Hrsg.): Von Brest-Litovsk zur Deutschen Novemberrevolution. Aus den Tagebüchern und Briefen von Alfons Paquet, Wilhelm Groener, Albert Hopman. März bis November 1918, Göttingen 1971, S. 171 (Anm. 701). [14] Viator: Germanija na rasput’e [Deutschland am Scheideweg], in: Izvestija vom 27. September 1918. [15] Mirovyj perelom [Weltweiter Umbruch], in: Pravda vom 29. September 1918. [16