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Im zweiten Oktober. Lenin, die Niederlage des Deutschen Reiches und die außenpolitische Strategiewende der Bolschewiki

JHK 2007 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 180-200 | Aufbau Verlag

Autor/in: Alexander Vatlin

»Soyons forts et accélérons la révolution en Allemagne.« 

Lenin am 18. Oktober 1918

In den letzten Septembertagen des Jahres 1918 war die Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg unabwendbar geworden. Bulgarien schied aus der Koalition der Mittelmächte aus, die deutsche Heeresleitung bemühte sich um

Friedensverhandlungen mit der Entente, und Reichskanzler Georg Graf von Hertling reichte seinen Rücktritt ein. Die bolschewistische Führung in Sowjetrussland verfolgte diese Entwicklungen mit großem Interesse. Die Frage, welche Rolle dem revolutionären Regime bei der Gestaltung einer neuen internationalen Ordnung zukommen sollte, beschäftigte Lenin und seine Umgebung genau so sehr wie der russische Bürgerkrieg und die Bekämpfung des Hungers. Die Bolschewiki hegten die Hoffnung, zum ersten Jahrestag ihrer Machtergreifung könnte in Deutschland eine revolutionäre Umgestaltung einsetzen, die den Auftakt zu einer weltweiten proletarischen Revolution darstellten würde. 

Das Interesse an den Ereignissen in Deutschland beruhte auf geopolitischen Erwägungen. Zur Erhaltung ihrer Macht waren die Bolschewiki gezwungen gewesen, am 3. März 1918 mit den Mittelmächten den »schändlichen« Friedensvertrag von Brest-Litovsk zu schließen. Er bedeutete große Gebietsabtretungen und machte die Bolschewiki faktisch zu Vasallen Deutschlands. Das nahende Kriegsende eröffnete Russland nicht nur die Möglichkeit, seine imperialen Grenzen wiederzugewinnen, sondern auch seine internationale Isolation zu überwinden und in den Kreis der Großmächte zurückzukehren. Im Folgenden soll es um den Prozess gehen, wie die Bolschewiki im Oktober 1918 ihre neue außenpolitische Linie formulierten. Die Begrenzung der Darstellung auf die Ereignisse eines Monats kann dabei als Mutwilligkeit des Autors kritisiert werden, aber zu ihren Gunsten spricht die Schwindel erregende Schnelligkeit, in der sich die internationale Situation in den letzten Wochen des Ersten Weltkriegs veränderte. Die außenpolitische Wende im Oktober 1918 wurde von Historikern bislang übergangen.[1] Gründe hierfür können vor allem in dem Umstand gesehen werden, dass die Ausarbeitung der neuen Außenpolitik und die sie begleitenden Konflikte nicht in Zeitungen oder auf den Rednertribünen von Parteiversammlungen ausgetragen wurden, sondern hinter verschlossenen Türen. Die den Lesern hier vorgestellte Argumentation hat den Charakter eines Diskussionsbeitrags. Wegen der beschränkten Quellenbasis haben einige Schlussfolgerungen hypothetischen Charakter. Der Autor hofft dennoch, der Forschungsdiskussion einen neuen Anstoß geben zu können, um unsere Vorstellungen von der Wende in der außenpolitischen Strategie der Bolschewiki im Oktober 1918 zu konkretisieren und zu vervollständigen.

Sowjetrussland nach dem Friedensvertrag von Brest-Litovsk

Der Friedensschluss von Brest brachte für das nun aus dem Krieg ausscheidende Sowjetrussland eine Atempause. Doch es war ein Frieden auf dem Papier, denn große Teile des europäischen Russland waren von ausländischen Streitkräften besetzt. Im Land selbst begann der Bürgerkrieg. Durch die großen Zugeständnisse an die deutsche Seite gewannen die Bolschewiki Zeit, ihr diktatorisches Regime zu festigen und die Schlagkraft der Roten Armee zu stärken. Deutschland konnte seinerseits bedeutende Kräfte an der Westfront konzentrieren und hatte gleichzeitig im Osten Zugang zu Bodenschätzen und landwirtschaftlichen Produkten. Von einem gewissen Zeitpunkt an erinnerten Russland und Deutschland an zwei Duellanten, die beide aus dem Duell schwer verletzt hervorgegangen waren und sich nun gegenseitig den »letzten Halt« gaben. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach dem Brester Frieden charakterisierte Karl Radek in einem Brief an den englischen Journalisten Alfred Ransom mit den Worten: »Die Deutschen haben verstanden, dass nach Russland gehen bedeuten würde, 25 ArmeeKorps in den russischen Sumpf zu schicken und nichts zu erreichen. Verständlich, dass sie in jedem für uns kritischen Moment davor zittern, dass wir untergehen, und sich auf die Besetzung russischer Gebiete vorbereiten. Aber wir schlagen uns durch und sie atmen erneut erleichtert auf.«[2]

Ein wichtiges Ergebnis der Brester Verhandlungen war die Eröffnung einer sowjetrussischen Botschaft in Berlin, deren Leitung Adol’f Ioffe übernahm. Die Vertretung war für die Bolschewiki das »Fenster nach Europa«. Sie erfüllte diplomatische und propagandistische Aufgaben und sollte zudem als Koordinationszentrum für diejenigen revolutionären Kräfte dienen, die Deutschland nach dem Vorbild der russischen Revolution umgestalten wollten. Ioffes Berichte und Briefe, die sowohl an das Volkskommissariat für Äußeres als auch an Lenin persönlich gerichtet waren, stellen eine herausragende Quelle dar, die jedoch nur teilweise publiziert vorliegt.[3] In einem dieser Briefe nach Moskau schilderte Ioffe seine schwierige Tätigkeit als revolutionärer Diplomat: »Wenn ich anfange, über die Gerichte in Dänemark zu sprechen oder die Geschichten in Pskov, halten sie mir Artikel aus der Izvestija unter die Nase oder eine Meldung darüber, dass das Zentrale Exekutivkomitee beschlossen habe, Agitatoren zu organisieren, die mit viel Geld ausgestattet nach Europa geschickt werden sollen.«[4] Neben der diplomatischen Vertretung gab es in Berlin seit August 1918 ein Pressebüro des Zentralen Exekutivkomitees, das unter der Leitung von Tovja Aksel’rod stand. Es stellte ein tägliches Bulletin über die Ereignisse in Deutschland zusammen, das Grundlage für die Deutschland-Berichterstattung der sowjetischen Presse war. Ferner unterhielt es Kontakte zu den linken Sozialisten in Deutschland.[5] Diese fanden in der russischen Botschaft, die im Herzen Berlins lag, ein Refugium und finanzielle Hilfe. Sie wurden außerdem mit Informationen für die Propagandaarbeit versorgt. Dabei wurde auf höchste Geheimhaltung geachtet. Ioffe schrieb am 10. Juli 1918 an Lenin: »Meine illegalen Dienste gehen das Kommissariat für Äußeres nichts an und darüber gebe ich nur Ihnen persönlich Bericht.«[6] Lenin forderte seinerseits, nicht mit Geld zu sparen, wenn es um die Verbreitung revolutionärer Ideen ging: »Man muss hundertmal so viel drucken. Geld ist da. Übersetzer einstellen. Aber wir tun gar nichts. Ein Skandal …«.[7]

In seinen Berichten trat Ioffe in der Rolle des unverbesserlichen Pessimisten auf, der den Hoffnungen seiner Moskauer Mitstreiter auf das Nahen eines revolutionären Umsturzes in Deutschland ein ums andere Mal eine Absage erteilte. Dabei stellte er nicht die politische Krise, sondern die Schwäche der eigenen Kräfte in den Vordergrund. In Erwiderung auf Lenins Vorwürfe schrieb er: »Sie sorgen sich umsonst, dass ich mehr Geld brauche, ich gebe ihnen [den linken Sozialisten, Anm. d. A.] so viel wie nötig und bestehe immer wieder darauf, dass sie mehr nehmen. Aber man kann gar nichts machen, wenn alle Deutschen so hoffnungslos sind: Zur illegalen Arbeit in unserem revolutionären Sinn sind sie einfach nicht fähig, weil sie zum größten Teil politische Spießer sind, die sich hier eingerichtet haben, um nicht zur Armee eingezogen zu werden, und sich daran festkrallen. Aber Revolution machen sie nur in ihren Reden am Biertisch.«[8] In seinem Bericht über eine Tagung der parlamentarischen Fraktion der USPD zeichnete Volkskommissar für Justiz Petr Stučka im September 1918 für Lenin ein ähnliches Bild.[9]

Die Meldungen aus Berlin zeugen davon, dass die sich zuspitzende deutsche Krise im Herbst 1918 keineswegs Folge eines wie auch immer gearteten Revolutionsexports aus Russland war (auch wenn es diese Versuche gab). Die Darstellung des amerikanischen Historikers Richard Pipes, es hätte ein bolschewistisches Komplott mit der sowjetischen Vertretung im Zentrum gegeben (»ganz Deutschland war überzogen von einem Netz illegaler revolutionärer Organisationen; hunderttausende revolutionäre Flugblätter und Proklamationen wurden im Land und an der Front gedruckt und verteilt«[10]), passt schlecht zu den Ergebnissen der Forschung, die sich mit der Tätigkeit der radikalen Sozialisten in den letzten Monaten des Kaiserreichs befasst hat.[11] Zugleich sollte die revolutionierende Wirkung des russischen Oktobers nicht unterschätzt werden. Hier erwies die deutsche Militärzensur der Politik einen Bärendienst, denn je nebelhafter und spärlicher die Nachrichten der deutschen Zeitungen über die Diktatur der Bolschewiki wurden, desto mehr beschäftigte die Revolution die Vorstellungen der Volksmassen, die nach vier Kriegsjahren hoffnungslos und verzweifelt waren. 

Lenins Meinungswandel in Gorki am 1. Oktober 1918

In den letzten Kriegwochen beschränkte sich das Handeln der deutschen Regierungsstellen auf die »Abwehr von äußeren Schlägen« und auf pragmatische Reaktionen auf Ereignisse im Inneren. Die deutschen Kriegsgegner agierten demgegenüber immer ungehinderter. Sie konnten wählen, welche Strategie ihnen für die Beendigung des Krieges optimal erschien. Der herbstliche »Notenkrieg« zwischen den Ländern der Entente und Deutschland war ein sichtbarer Ausdruck der Suche nach einem diplomatischen Weg. Diese Tatsache entging auch der sowjetrussischen Führung nicht. Lenin hatte während seines Genesungsaufenthalts auf dem Gut Gorki in der Nähe Moskaus (wo er wegen seines sich verschlechternden Gesundheitszustands am 25. September eintraf)[12] Muße, über die mögliche Entwicklung der internationalen Lage nachzudenken. Seine wichtigste Informationsquelle waren dabei Moskauer Zeitungen, da ausländische Presserzeugnisse nur phasenweise und immer mit erheblicher Verspätung in Russland eintrafen. Im Unterschied zu den ausländischen Zeitungen, die v. a. Meldungen und Berichte druckten, dominierten in den bolschewistischen Presseorganen weitschweifige Kommentare, in denen die Position des revolutionären Regimes zu diesem oder jenem Ereignis dargelegt wurde.

Als Experten für Deutschlandfragen galten Publizisten, die Lenin persönlich kannte und schätzte – bei der Pravda N. Osinskij (Valerijan V. Obolenskij) und bei der Izvestija Karl Radek (unter dem Pseudonym Viator). Letzterer leitete auch die Zentraleuropa-Abteilung des Volkskommissariats für Äußeres. Doch dieses Amt war lediglich eine Tarnung für seine eigentliche Aufgabe: Er organisierte die kommunistische Propaganda im Ausland und unter den Kriegsgefangenen in Russland. Obwohl Radek einer der Propheten der proletarischen Weltrevolution war, zählten die deutschen Diplomaten in Moskau ihn zu den Vertretern der »germanophilen« Linie innerhalb der Parteiführung der RKP (b).[13] 

Im September waren die zentralen sowjetischen Zeitungen sehr vorsichtig in ihrer Einschätzung eines möglichen revolutionären Umbruchs in Deutschland. »Die Geschichte hat noch nie gesehen, dass die herrschende Klasse ohne den Druck einer großen Volksbewegung real etwas von ihrer Macht abgegeben hätte. Diese Volksbewegung gibt es in Deutschland bisher nicht.«[14] Doch der Ton der Moskauer Presse veränderte sich nach dem Kriegsaustritt Bulgariens radikal. Ein Leitartikel der Pravda zeichnete für die kommenden weltbewegenden Ereignisse folgendes Szenario: Nach dem Zusammenbruch der Koalition der Mittelmächte würde die Revolution in Deutschland und Österreich unausweichlich sein, aber dies würde die Entente nicht aufhalten. Die deutsche Arbeiterklasse würde ihr eigenes Brest nicht akzeptieren und gemeinsam mit Sowjetrussland einen Revolutionskrieg gegen die Mächte der Entente führen. Der Klassencharakter dieses Kriegs wäre so augenfällig, dass er noch vor den ersten ernstzunehmenden Zusammenstößen zur Selbstauflösung der Entente-Armeen führen würde.[15]

Diese und ähnliche Theorien lassen bei aller Phantastik die Hoffnungen der ersten Monate der bolschewistischen Diktatur wieder aufscheinen – nur dass nun die Weltrevolution nicht vom russischen Funken, sondern vom deutschen Brand erzeugt werden sollte. Dabei ging es hintergründig um die Zurückschlagung des »linken Kommunismus«, der während der Diskussionen über die Unterzeichnung des Brester Friedens im Februar und März die Partei fast gespalten hätte. Stück für Stück kamen in den Zeitungskommentaren dann auch pragmatischere Erwägungen zum Vorschein, in denen es vor allem um das Schicksal des Brester Vertrages ging. Die Lage war extrem widersprüchlich. Einerseits verwandelte die Niederlage Deutschlands Russland von einem Objekt zu einem Subjekt der internationalen Beziehungen. Sie eröffnete einen Weg zur Wiederherstellung der verloren gegangenen Positionen in Osteuropa. Andererseits war die Zeit des Lavierens zwischen den beiden Kriegskoalitionen nun vorbei. Die Mächte der Entente erhielten freie Hand nicht nur in Beziehung auf Deutschland, sondern auch in Beziehung auf Russland. Die geopolitische Situation der beiden »Kandidaten für die Verbannung« beförderte ihre Annährung hinreichend, aber gleichzeitig störte die gegenläufige Legitimation ihrer politischen Regime den Annährungsprozess.

In diesen Tagen dachte Lenin nicht nur über eine unabdingbare außenpolitische Wende nach, sondern auch über die Autorität der eigenen Macht. Das Fehlen funktionierender Entscheidungsstrukturen unter den Bedingungen der Parteidiktatur führte innerhalb der Partei beständig zu neuen Erschütterungen. Die Diskussion um den Brester Frieden hatte gezeigt, wie ineffektiv die Verlagerung von Arbeitsmethoden aus dem Untergrund auf die Regierungsebene war. Bis zum Sommer 1918 war es Lenin zwar gelungen, eine im Großen und Ganzen funktionierende Machtvertikale aufzubauen. Alle Informationskanäle liefen bei ihm zusammen, er sanktionierte jedwede Entscheidung. Allmählich traten jedoch die Nachteile dieses Systems zutage, denn alle Machtorgane wandten sich an Lenin wie an einen Obersten Gerichtshof. Er aber schaffte es einfach nicht mehr, auf jede einzelne Anfrage zu reagieren. Der zeitweilige Rückzug Lenins von den Regierungsgeschäften, der durch seine Attentatsverletzung bedingt war, stimulierte gleichzeitig Machtkämpfe in seiner Umgebung. Der bekannteste dieser Konflikte brach zwischen Stalin und Trockij um die Carycin-Front aus und dauerte auch nach Lenins Rückkehr an das Staatsruder an. Wie die Quellen zeigen, war Ende September und Anfang Oktober 1918 auch die Außenpolitik ein Thema, das Anlass zu innerparteilichen Auseinandersetzungen hätte geben können. Zweifellos war Lenin nicht an einer Wiederholung der Diskussion um den Brester Friedensschluss interessiert, die ihn gezwungen hatte, sein persönliches Ansehen vollständig in die Waagschale zu werfen. Während er sich zur Erholung in Gorki befand, sah er sich unfreiwillig in die Lage eines außen stehenden Beobachters gebracht, wogegen sich sein tatkräftiger Charakter auflehnte.

Wer war es, der in diesen Tagen entscheidenden Einfluss auf den Führer der Bolschewiki hatte? Wer, um es in heutiger Sprache auszudrücken, war der wichtigste Lobbyist bei außenpolitischen Entscheidungen? Die Antwort auf diese Frage ist nur auf den ersten Blick unkompliziert. Denn das Volkskommissariat für Äußeres wickelte zwar die operativen Vorgänge ab, strategische Initiative besaß es allerdings nicht. Unter den herrschenden revolutionären Bedingungen erschien das Kommissariat als ein Überbleibsel aus alten Tagen, als eine unvermeidliche Schnittstelle für die Kommunikation mit den bourgeoisen Staaten. Seine Mitarbeiter wurden nicht selten beschuldigt, sie würden leichtfertig die Normen und Regeln der Diplomatie der Bourgeoise übernehmen. Tatsächlich zwang ihre spezifische Tätigkeit die sowjetischen Diplomaten dazu, existierende Realitäten anzuerkennen, die Unabdingbarkeit diplomatischen Vorgehens zu unterstreichen sowie die Vorteile und negativen Wirkungen der revolutionären Propaganda zu benennen.

Der Volkskommissar für Äußeres, Georgij Čičerin, trat öffentlich mehrfach für eine vorsichtigere und sogar »defensive Außenpolitik« ein.[16] Lenin misstraute den Initiativen des Außenkommissariats. Er bewertete das diplomatische Kompromissstreben als »Menschewismus«. Auch erwies sich, dass die Diplomaten – und dies galt insbesondere für Ioffe – sich nicht unter ständiger Kontrolle der Parteiführung befanden und sie ihre Handlungsfreiräume auch nutzten. Die »Widerspenstigkeit« des Berliner Vertreters hatte den im Briefwechsel mit Lenin ausgetragenen Konflikt vorprogrammiert, der bereits im Sommer 1918 – begleitet von Rücktrittsdrohungen Ioffes – kulminiert war.[17] Jedoch beharrte die erste sowjetische Diplomaten-Generation auf ihrer eigenen Sicht der internationalen Lage. Ioffe machte Lenin in seinen Briefen mehrfach Vorwürfe: »Das hypothetische Nahen der deutschen Revolution – unterbewerten Sie alles andere nicht zu sehr?« Im selben Brief bestand er auf der Teilnahme Russlands an der Friedenskonferenz über die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs: »Wenn Sie auf eine andere Idee kommen, wo wir als revolutionäre und revolutionierende Kraft, und auch als staatliche Macht, auftreten können, dann würde ich darauf nicht bestehen.«[18] Nach der negativen Reaktion Lenins zu urteilen, bewertete er diese Sicht als Kompromissbereitschaft gegenüber der Entente.

Zwischen dem diplomatischen Korps und der Moskauer Führung kam es beständig zu Meinungsverschiedenheiten, die durch das Fehlen einer klaren Kompetenzverteilung und persönliche Profilierungsversuche potenziert wurden. Was in der sowjetischen Hauptstadt als Selbstverständlichkeit erschien, sah aus der Perspektive ausländischer Hauptstädte oft ganz anders aus. Die Berliner Vertretung wirkte als ein Magnet für Altbolschewiki, die es sich nicht verwehren wollten, ihre revolutionären Erfahrungen weiterzugeben. Der sowjetische Generalkonsul (und OGPU-Chef der 20er Jahre) Vjačeslav Menžinskij verteidigte in einem Brief an Lenin den Berliner Vertreter, der in einem Klima von Intrigen und ohne volles Vertrauen Moskaus arbeiten müsse. »Ioffes Gesundheit hält die angespannte Arbeit, die er durchführen muss, kaum aus, wo jedes seiner Worte Russland teuer zu stehen kommen kann, wenn jeder Genosse aus Russland, ja wenn jeder Brief irgendeinen dummen Konflikt bringt. […] Jeder, angefangen bei Radek und seiner Frau und endend beim Ehepaar Larin, denkt, dass er besser unterrichtet sei als Ioffe.«[19]

Leider lassen uns die wenigen erhaltenen Quellenbestände keine Möglichkeit, den Meinungskampf innerhalb RKP (b) während des Herbstes 1918 vollständig zu rekonstruieren. Es gab aber auch unter den Nichtdiplomaten Befürworter eines vorsichtigeren Kurses in der internationalen Arena, z. B. Lev Kamenev. Dies ist aus einem Antwortbrief Lenins ersichtlich, der wahrscheinlich Ende September geschrieben wurde. Lenin sprach sich kategorisch dagegen aus, Hoffnungen auf Verhandlungen mit der Entente zu setzen. »Aber unsere Wirklichkeit hat sich verändert, denn wenn Deutschland besiegt ist, dann wird Lavieren nicht mehr möglich sein, weil es nicht zwei Kriegsparteien gibt, zwischen denen wir lavieren!! […] Meiner Meinung nach sollten wir keine Verhandlungen über die Revision von Brest beginnen, weil das jetzt voreilig sein würde … Man muss abwarten.«[20] In diesem Brieffragment zeigen sich schon einzelne Elemente der neuen taktischen Linie.

Doch die Schlüsselentscheidungen traf Lenin am 1. Oktober 1918. An diesem Tag meldeten die Zeitungen den Rücktritt von Reichskanzler Hertling. Auch für Außenstehende wurde damit klar, dass Deutschland nicht nur kurz vor der militärischen Niederlage, sondern auch vor einer politischen Katastrophe stand. In der Pravda merkte Bucharin an, dass die führenden Kreise in Deutschland zwischen der Einbeziehung der Opposition in die Regierung und der Herstellung einer offenen Militärdiktatur schwankten.[21] Ein Artikel in der Izvestija zog Parallelen zwischen den Ereignissen in Deutschland und der Situation Russlands kurz vor dem Sturz des Zaren. In diesem Artikel startete Karl Radek einen Versuchsballon, als er an Deutschland gerichtet vorschlug, einen »klugen Schritt« zu machen und die Lage Russlands zu erleichtern, damit es in die Lage komme, »die Schritte des anglo-französischen Kapitals zu paralysieren, eine Ostfront gegen Deutschland zu eröffnen«[22]. Eine Übertragung dieser unbeholfenen Formulierung in die Alltagssprache bedeutete, dass Russland im Falle einer Revision des Brester Vertrags die Verpflichtung übernehmen könnte, eine Landung von Entente-Streitkräften in der Ukraine und im Baltikum zu unterbinden. Solch ein Vorschlag sah wie ein diplomatisches Phantasiespiel aus, wurde aber im deutschen Konsulat ernst genommen, das wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalm griff.[23] 

Die Berichte aus Berlin, die Schreiben seiner Berater und vor allem die Kommentare der Presse stellten jene kritische Masse an Information dar, aufgrund derer Lenin eine eigenständige Politiklinie formulieren konnte. Die Energie des politischen Führers, vermehrt durch die Euphorie eines Genesenden, führte ihn zu radikalen Schlussfolgerungen. An Radeks Artikel imponierte Lenin nicht nur die Parallele zu den Ereignissen des Februars 1917, sondern auch die These, dass das russische Volk den deutschen Leiden wenig Positives abgewinnen könne und einen Sieg des anglo-französischen Imperialismus nicht befürworte. 

Radek als Lenins propagandistisches Sprachrohr 

Mit dem Vorschlag »abzuwarten« gewann Lenins Konzeption Gestalt, zu beiden Kriegsparteien den gleichen Abstand zu bewahren. Damit einher ging die Ablehnung eines Kompromisses zur Revision des Brester Friedensvertrags mit der Entente, die noch vor der vollständigen Niederlage Deutschlands beschlossen wurde. Lenin hatte die begründete Vermutung, dass die Entente sich nicht auf einen Kompromiss einlassen und Sowjetrussland nicht am Konferenztisch der Friedenskonferenz zulassen würde. Das bedeutete jedoch keineswegs, dass man den Revisionsvorschlag nicht aus propagandistischen Erwägungen hätte vorbringen können. Aus Lenins Sicht war jedoch ein solches diplomatisches Manöver nutzlos, da seiner Meinung nach der Schüssel zum neuen internationalen System weder in London noch in Paris, sondern in Berlin lag. Gerade das deutsche Volk, das sich gegen einen von der Entente aufgezwungenen ungerechten Friedensschluss auflehnen würde (die bolschewistische Presse sprach von einem »zweiten Brest«), sollte die proletarische Revolution durchführen und Russland freundschaftlich die Hand reichen. 

Diese neuen Aspekte der Außenpolitik bedeuteten die Suche nach neuen tatkräftigen Verbündeten, denn Ioffes »diplomatische Kombinationen« gefielen Lenin offenbar nicht. Es kam die Zeit der Tribunen, die den Mangel an revolutionären Kadern in Deutschland ausgleichen sollten. Am 1. Oktober fand ein zweistündiges – wahrscheinlich telefonisches – Gespräch Lenins mit Radek statt. Radek bezog sich in der Folge mehrfach darauf.[24] Es kostete Lenin nicht viel Mühe, seinen Gesprächspartner zu überzeugen, dass die große Stunde gekommen sei und es nicht lohne, weiterhin mit den Deutschen zu kokettieren. Lenin spielte mit der Eigenliebe Radeks und machte ihn zu seinem Verbündeten. Zugleich übernahm Radek die Aufgabe in Moskau das propagandistische Sprachrohr Lenins zu sein. Diese plötzliche Erhöhung des Ratgebers – entgegen allen Gepflogenheiten der Hierarchie – kennzeichnete den Führungsstil Lenins, der ihm im Kampf um die Macht beständig den Erfolg sicherte. 

Als er seine Entscheidung getroffen hatte, begann Lenin eine rastlose Tätigkeit. Noch am selben Tag sandte er Sverdlov und Trockij eine Notiz, aus der hervorging, dass die in Moskau verbliebenen Parteiführer die entscheidende Wendung der internationalen Lage verschlafen hätten: »Die Entwicklung in Deutschland hat sich so ›beschleunigt‹, dass wir nicht zurückbleiben dürfen. Aber am heutigen Tag liegen wir schon zurück.« Die Revolution in Deutschland wurde als sich vollziehendes Ereignis und zugleich als ehrenvolle Aufgabe des Bolschewismus betrachtet: »Wir werden alle dafür sterben, den deutschen Arbeitern in der Sache der beginnenden Revolution in Deutschland voran zu helfen.«[25] 

Der Grundton dieser Notiz Lenins vom 1. Oktober bedeutete den faktischen Verzicht auf die Dienste des Volkskommissariats für Äußeres; der Volkskommissar für Äußeres Čičerin wurde nicht informiert. Es gab in der Notiz keine Erwägung einer Revision des Brester Vertrags; weitere Verhandlungen mit der deutschen Regierung wurden auf Eis gelegt. Die praktischen Vorschläge Lenins aus der Notiz lagen auf der propagandistischen und organisatorisch-technischen Ebene: Es sollten Getreidevorräte angelegt werden (»alle Vorräte auskehren für uns und für die deutschen Arbeiter«) und die Rote Armee sollte bis zum Frühjahr 1919 auf drei Millionen Soldaten aufgestockt werden, um die internationalen Arbeiterrevolution zu unterstützen. 

Beide Punkte Lenins bedürfen einer Kommentierung. Die Getreidefrage stellte eine einfache Übertragung der russischen Erfahrung auf die internationale Bühne dar. Mit der Einführung der Getreiderequirierung auf dem Land, um die städtischen Arbeiter mit Brot zu versorgen, hatten die Bolschewiki im Sommer 1918 den Bürgerkrieg vorab für sich entschieden. Nun sollte mit russischem Getreide auch der Sieg des deutschen Proletariats bezahlt werden. Die Aufgabe, drei Millionen Mann in der Roten Armee zu bewaffnen, war von geopolitischen Erwägungen geleitet. Denn es ging um die riesigen Gebiete des östlichen Europas, die zu diesem Zeitpunkt noch von deutschen Truppen besetzt waren. Da Lenin nicht glaubte, die Entente würde damit einverstanden sein, diese Gebiete an Russland zurückzugeben, setzte er auf die gewaltsame Lösung des Problems, auch wenn es dabei eine wichtige Einschränkung gab: Von sich aus würde Russland die Deutschen nicht aus der Ukraine vertreiben. Ein Kampf mit der Entente schien ihm also unumgänglich, auch wenn Lenin nicht daran glaubte, dass Streitkräfte der Entente schon im Winter im nördlichen Schwarzmeerraum landen würden.

Die Umsetzung dieser Vorstellungen bedeutete für Russland neue militärische und außenpolitische Erschütterungen, aber sie war keineswegs einfach ein Rückfall in den »linken Kommunismus«. Dieses Mal ging man davon aus, dass die Deutschen selbst die Revolution beginnen würden. Die Maxime, von beiden Kriegsparteien gleichermaßen Abstand zu halten, erlaubte es Russland, sich die unabdingbare Handlungsfreiheit zu erhalten. Einige Tage später legte Radek den Gedankengang Lenins folgendermaßen dar: »Wir schauen auf Deutschland wie auf eine Mutter, die eine Revolution gebiert, und sollten uns die Deutschen nicht dazu zwingen, werden wir nicht die Waffen gegen sie erheben, ehe das Kind geboren ist.«[26] Jedoch waren die Bolschewiki zum Schutz der »Gebärenden« bereit, eine Auseinandersetzung mit den Siegermächten des Ersten Weltkriegs zu riskieren. Die Notiz Lenins an Sverdlov und Trockij endete mit der Bitte Lenins, ihm ein Auto nach Gorki zu schicken, damit er am folgenden Tag auf der gemeinsamen Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees, des Moskauer Stadtsowjets und der Arbeiterorganisationen der Hauptstadt sprechen könne. Allerdings wurde am 2. Oktober die Frage nach der Unterstützung der deutschen Revolution dann nur im ZK der RKP (b) behandelt. Im Sitzungsprotokoll findet sich die kurze Notiz: »Lenin beauftragen, im Namen der Regierung eine Erklärung zu schreiben und sie auf der Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees zu verlesen.«[27] Aus dieser Formulierung ist nicht ersichtlich, ob Lenin dies persönlich tun sollte. Seine Mitstreiter erlaubten ihm jedenfalls nicht, nach Moskau zurückzukehren.

Der Historiker Jurij Fel’štinskij hat das Bild der entstandenen Situation etwas verzeichnet: »Während Lenin am 3. Oktober den ganzen Tag über auf einer Anhöhe saß, von der aus man die Straße einsehen konnte, und auf das ihm versprochene, aber nie abgeschickte Auto wartete, wurde im Zentralkomitee gegen seinen Willen der Beschluss zur Unterstützung der deutschen Revolution gefasst, die am folgenden Tag begann […].«[28] In Wirklichkeit war die Lage eine ganz andere. Auch wenn Lenin sich außerhalb Moskaus aufhielt, war er dazu in der Lage, seine Mitstreiter »aufzubauen« und brachte sie dazu, seinen eigenen Standpunkt zu dem ihrigen zu machen. Auf der gemeinsamen Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees, des Moskauer Stadtsowjets und der Arbeiterorganisationen der Hauptstadt wurde sein Brief verlesen, der am Beginn und nicht am Ende der formalen Beschlussfassung gestanden hatte. In ihm wurde der Standpunkt systematisiert, den Lenin zuerst am 1. Oktober formuliert hatte: Die Regierungskrise in Deutschland bedeute den Beginn der Revolution, und die deutsche Bourgeoise könne sich weder durch eine Koalition mit den Sozialdemokraten noch durch eine Militärdiktatur retten. Bis sich die Macht in den Händen des deutschen Proletariats befände, würde Russland die Neutralität bewahren. »Die Sowjetmacht denkt nicht daran, den deutschen Imperialisten durch Versuche zu helfen, den Brester Frieden zu untergraben«,[29] denn dieser Schritt würde den Wechsel Russlands auf die Seite der Entente bedeuten. An diesem Punkt war Lenin völlig unversöhnlich und er gestattete seinen Beratern in dieser Frage nicht einmal hypothetische Überlegungen.

Das Kernreferat auf der Sitzung vom 3. Oktober hielt Radek, der zwar formal Mitarbeiter des Volkskommissariats für Äußeres war, aber nach dem Willen Lenins von nun an in der ersten Reihe der Vorkämpfer für die deutsche Revolution stehen sollte. Da alles Wesentliche schon in Lenins Brief gesagt worden war, brauchte Radek nicht zu diskutieren und ihm blieb, das Pathos zu beschwören. Die anwesenden Befürworter einer diplomatischen Revision des Brester Vertrags im Großen Saal des Bol’schoj-Theaters, in dem die Sitzung stattfand, blieben unsichtbar. Davon zeugt der Redebeitrag Trockijs. Voller Reue für die Fehler, die er während der Verhandlungen in Brest begangen hatte, legte er gewissenhaft die Konzeption Lenins aus: Beide imperialistischen Lager seien gleichartig in ihrer Gegnerschaft zu Sowjetrussland, »und jetzt, mit der radikalen Aufdeckung der vor sich gehenden Veränderungen, sind wir von einem Bündnis mit dem anglofranzösischen Imperialismus genau so weit entfernt, wie wir gestern weit entfernt vom deutschen Imperialismus waren.« Früher oder später würde die deutsche Arbeiterklasse den Brester Vertrag selbst revidieren und bis dahin »werden wir die Initiative nicht an uns reißen und diesen oder jenen schädlichen und abenteuerlichen Schritt machen wie eine Kriegserklärung an Deutschland im Bündnis mit England und Frankreich.«[30]

Die Resolution, die auf der Sitzung beschlossen wurde, unterstrich den historischen Charakter der vollzogenen Wendung und stellte sie in eine Reihe mit der Machtergreifung der Bolschewiki. »Jetzt, genau wie im Oktober des vergangenen Jahres und während der Verhandlungen in Brest-Litovsk, baut die Sowjetmacht ihre gesamte Politik auf der Aussicht auf die soziale Revolution in beiden imperialistischen Lagern.« Der deutsche Journalist Alfons Paquet, der am Abend des 3. Oktober mit Radek im Hotel »Metropol’« zu Abend aß, notierte in sein Tagebuch, dass sein Gesprächspartner äußerst erregt war und völlig ernsthaft über ein gemeinsames Vorgehen Russlands und des revolutionären Deutschlands gegen die Entente nachdachte. Eine zweite Beobachtung Paquets verdient ebenfalls Aufmerksamkeit: »Auffallend, wie wenig Diskussion. Alles wird von wenigen besorgt. In der heutigen Sitzung [dominierte, Anm. d. A.] absolut das Dreigestirn Lenin, Radek, Trockij«.[31] Diese Aussage ist ein Indiz dafür, wie sich der politische Prozess im nachrevolutionären Russland immer mehr zu einem abgeschlossenen System entwickelte.

Sverdlov vergaß keinen einzigen Punkt von Lenins Anweisung. Im Zusammenhang mit der unabdingbaren »Anwesenheit einer sehr verantwortungsvollen und autoritativen Person in Berlin« sollte nun Grigorij Zinov’ev dorthin entsandt werden.[32] Am 4. Oktober wurden in ganz Moskau Versammlungen zum Thema »Krieg und Weltbolschewismus« veranstaltet. Bei der Publikation und Kommentierung des Sitzungsstenogramms des Zentralen Exekutivkomitees unterstrichen die zentralen Zeitungen die Neuartigkeit der Situation. Es sollten keine Konzessionen mehr an die deutsche Bourgeoisie gemacht werden, denn ihre Tage seien gezählt. Die Weltrevolution ziehe schon am Horizont herauf und jedwede Annährung an den Imperialismus der Entente, nur um den Brester Friedensvertrag zu revidieren, würde die Revolution aufhalten. Und sicherlich ging ein Seufzer des Erleichterung durch die Reihen der Parteipropagandisten: Die Masken konnten fortgeworfen und die strategischen Ziele des Bolschewismus offen diskutiert werden. Von nun an agierte man im Ausland ohne Rücksicht auf die Großmächte: »Jetzt sind wir nicht mehr Moskowien und nicht mehr Sovdepija [abwertender russischer Begriff für »Land der Sowjets«], sondern die Avantgarde der Weltrevolution.«[33]

Die Pravda baute die Parallele zwischen den beiden Oktobern 1917 und 1918 weiter aus und geizte dabei nicht mit Emotionen: »Wie damals im Smol’nyj der Revolutionsstab tagte, so tagt heute im Bol’schoj-Theater der Stab der Avantgarde der europäischen Revolution. Er ist im Namen der Verwirklichung der Oktober-Ideale im Weltmaßstab bereit zum Kampf mit dem bis an die Zähne bewaffneten Weltimperialismus.« Auch wurde auf die praktischen Folgen der gefassten Beschlüsse eingegangen: »Genosse Lenin schlägt vor, in jedem großen Lagerhaus (Getreidelager) einen besonderen Fond anzulegen, einen Getreidevorrat, der zur Ernährung der deutschen Arbeiter vorgesehen ist. Am zweiten Tag nach der Revolution werden wir ihn nach Deutschland schicken.«[34] Karl Radek, der seinen Artikel zum ersten Mal ohne Pseudonym publizierte, versteckte seine Schadenfreude nicht: »Der Sieger von Brest steht heute vor seinem eigenen Brest.«[35] Er berauschte sich an der Rolle des Enfant terrible. Er erschreckte die ausländischen Journalisten mit der Ankündigung eines Angriffs der Roten Armee auf Deutschland nach dessen vollständiger militärischer Niederlage[36] und hausierte mit Plänen, persönlich als Verhandlungsführer der Regierung nach Deutschland zu reisen.[37] 

Währenddessen erreichte der Aktionsradius des Volkskommissariats für Äußeres seinen historischen Tiefpunkt. In seinen Berichten aus Berlin schrieb Ioffe nach dem obligatorischen Lob auf die Resolution des Zentralen Exekutivkomitees, dass sie der diplomatischen Arbeit in der Zukunft schaden würde und dass sie »in Berliner Regierungskreisen Verärgerung hervorgerufen« hätte.[38] Die Deutschen nahmen von Waffenlieferungen nach Russland Abstand und begannen, die ukrainische Regierung unter Pavel’ Skoropadskij aktiv zu unterstützen. Das hatte man in Moskau allerdings einkalkuliert.[39] Den Diplomaten blieb nur übrig, die revolutionäre Klassensprache der Resolution vom 3. Oktober in Formulierungen einzukleiden, die für die deutschen Partner besser verständlich waren. Ein Bündnis beider Staaten »ist so lange unmöglich, wie es in Deutschland eine imperialistische Führung gibt, aber Russland wird sich niemals auf die Seite der Entente stellen und ist, sofern möglich, bereit, Deutschland wie ehedem mit Nahrungsmitteln zu unterstützen.«[40] Diese Mitteilung erleichterte die Situation der deutschen Führung, denn sie erlaubte es, die letzten verbleibenden Kräfte im Westen zu konzentrieren. All dies verlängerte die Agonie des Kaiserreichs allerdings nur um wenige Tage.

Keine Verhandlungen mit der Entente 

Am 14. Oktober kehrte Lenin nach Moskau zurück und nahm die Tagesgeschäfte wieder auf. Seine Aufmerksamkeit wurde insbesondere von den Bürgerkriegsereignissen in Anspruch genommen. Zu diesem Zeitpunkt, als das Chaos an der südlichen und der östlichen Front seinen Höhepunkt erreichte, musste Lenin wieder einmal einen Streit zwischen Stalin und Trockij schlichten.[41] Darüber vergaß er die kommende Weltrevolution nicht. Am nächsten Tag wurde eine Anweisung nach Bern und Berlin geschickt, Artikel aus der Tagespresse zu senden, die Russland und die sozialistischen Parteien aller Länder behandelten, und auf den Zusammenschluss des linken Flügels der sozialistischen Bewegung hinzuarbeiten.[42] Dabei konnte Lenin nicht übersehen, wie wenig die Berichte der Diplomaten zu den Publikationen in den sowjetischen Zeitungen passten. Letztere berichteten begeistert von einer illegalen Konferenz der Spartakisten, die am 7. Oktober in Erfurt stattfand.[43] Sie wurde als Gründung der deutschen Kommunistischen Partei beschrieben; von nun an »existiert der Bolschewismus in Deutschland, er ist eine Kraft, die ideenmäßig alles übersteigt, was die Feinde in den Händen haben«[44].

Ioffes Berichte zeichneten ein anderes Bild. Am 13. Oktober teilte er Lenin in einem Brief über die Erfurter Konferenz mit, dass es »mir nur mit großer Mühe gelungen ist, ihre Zustimmung zu einer Proklamation zu erlangen, die ich geschrieben hatte und anbei mitschicke«[45]. Die Linkssozialisten konzentrierten ihre Propaganda auf einen baldigen Friedensschluss und dachten überhaupt nicht an einen bewaffneten Aufstand. Sie lehnten die finanzielle Unterstützung Russlands ab und »selbst für ihre Bewaffnung wollen sie nicht mehr nehmen, als sie schon genommen haben.«[46] Aufforderungen, die russischen Ereignisse nachzuahmen und also faktisch einen Bürgerkrieg anzuzetteln, hatten für die deutschen Arbeiter keine besondere Anziehungskraft, da sie vor allem einen schnellen Friedensschluss wünschten. Aus diesem Grund widmeten die sowjetischen Zeitungen der Organisation der Linkssozialisten in einer eigenständigen Partei besondere Aufmerksamkeit und forderten den Bruch der Spartakisten mit der USPD.[47]

So argumentierte auch ein anderer hochrangiger Vertreter der bolschewistischen Führung in Berlin, Vladimir Miljutin. Bei einem Vergleich der Bolschewiki und der Spartakisten zog er den unerfreulichen Schluss, dass letztere »einen bemitleidenswerten Eindruck machen«. Sie hätten keinen Kontakt zu den Arbeitern, und ihre Zeitungen erschienen in einer miserablen Auflagenstärke.[48] Am 15. Oktober schrieb Miljutin aus Berlin an Lev Kamenev: »Die Stimmung hier ist sehr ›passend‹! Die Organisation schwach. Aber ich denke, die Massen werden bald zum Handeln übergehen. Ganz nach den Gesetzen der Physik: Jede Aktion ruft eine Reaktion hervor. Daraus kann nichts als nur Gutes entstehen. Die Deutschen müssen ›aufgerüttelt‹ werden. Das ist die Hauptsache.« Man müsse die Deutschen auf eine Art und Weise unterstützen, dass die Regierung nichts davon erführe, und nicht wie Radek und Zinov’ev viel Lärm um Kleinigkeiten machen. »Sollen sie sich doch an die Bedingungen der illegalen Arbeit erinnern und nicht vor der Zeit sprechen, wovon man nicht sprechen soll. Das verdirbt die Sache nur.«[49]

Während Miljutin im Einverständnis mit Lenin auf die organisatorischtechnische Vorbereitung der deutschen Revolution setzte, forderte Ioffe dazu auf, nicht nur einzelne Mitstreiter, sondern die politische Gesamtsituation »aufzurütteln«. »Im taktischen Sinn habe ich ihm [Miljutin] vorgeschlagen, irgendeine günstige Situation auszunutzen und die deutsche Regierung zu Repressionen gegen das Proletariat zu provozieren«, schrieb Ioffe am 13. Oktober an Lenin.[50] Eine Woche später legte er noch einmal den Finger in die Wunde: »Sie werden vielleicht sagen, dass dies ein menschewistisches Überbleibsel ist, aber ich messe nach wie vor der breiten politischen Aktion wesentlich mehr Bedeutung zu als der illegalen Arbeit, die man in Deutschland, Österreich und in der Ukraine machen kann und muss.«[51]

Am Ausgang des Ersten Weltkriegs war die Ukraine ein Gefangener der deutsch-sowjetischen Beziehungen sowie auch der globalen Politik. Als die Sowjetführung Verhandlungen über das weitere Schicksal der Ukraine mit der Entente und mit Deutschland abgelehnt hatte, befürchtete die bolschewistische Führung nicht ohne Grund, dass sich die beiden Seiten miteinander ins Benehmen setzen und die deutsche Besatzung in der Ukraine gegen englische und französische Soldaten austauschen könnten.[52] Allerdings waren solche Absprachen erst nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstands an der Westfront möglich, und der sich hinziehende Krieg stärkte somit die außenpolitische Position Sowjetrusslands.

Doch früher oder später mussten die Kanonen verstummen. Im ungünstigsten Fall könnten sich Sieger und Besiegte zu einem »Kreuzzug gegen den Bolschewismus« vereinigen. Was hätten die Bolschewiki Weltkriegssiegern entgegenzusetzen gehabt, die die Besiegten ohne Mühe auf ihre Seite hatten herüberziehen können? Über dieses Szenario sprachen seit Anfang Oktober alle Parteipublizisten. Mit verschiedenen Akzenten suchte man Rettung entweder bei der Roten Armee oder in der europäischen Revolution. Diplomatische Mittel bezog man in die Überlegungen überhaupt nicht ein und die Meinung der Mitarbeiter des Volkskommissariats für Äußeres interessierte fast niemanden. Ioffe schrieb am 17. Oktober an Lenin und Čičerin: »die Übereinkunft aller kämpfenden [Parteien, d. h. von Entente und Mittelmächten] hat in Russland bereits stattgefunden, wenn nicht formal, so doch faktisch. Dagegen ist nichts zu machen und es ist unabdingbar, dass wir die begonnene Politik noch schärfer betreiben. Und meiner Meinung nach wäre es noch besser, wenn sie nicht nur mit den Mitteln der Agitation, sondern auch mit diplomatischen Methoden betrieben werden würde.«[53] Der Berliner Botschafter stellte wieder und wieder die Frage nach Russlands Teilnahme am internationalen Friedenskongress. In seiner Antwort lehnte Lenin die »Diplomatiererei« als Politik einseitiger Zugeständnisse ab, die dem Land schon den schmachvollen Brester Frieden eingebracht hätte. Von nun an könne man keine Konzessionen an den Feind mehr machen, denn die Zeit des letzten und entscheidenden Kampfes sei gekommen. Während der Verhandlungen mit Deutschland im Februar 1918 »hatten wir die Möglichkeit, Zeit zu gewinnen, indem wir Land abtraten. Jetzt gibt es diese Möglichkeit nicht.«[54] Und Lenin fuhr fort: »Das heißt, wir haben keine Wahl. Soyons forts et accélérons la révolution en Allemagne. Eine andere Wahl gibt es nicht.«[55] 

Diese letzten drei Sätze erschienen den Herausgeber der Lenin-Werke zu scharf, so dass sie bei der Publikation dieses Briefes stets gestrichen wurden. Der Sinn solcher Auslassungen ist nicht schwer zu erschließen. Indem er diplomatische Mittel verwarf, forderte der Führer der Bolschewiki faktisch zum Export der Revolution nach Deutschland auf und zum Krieg zu ihrer Verteidigung, wenn die Revolution stattfinden würde. Lenin, der sich in diesem Moment als Vollstrecker der Geschichte fühlte, wurde zum Gefangenen seiner eigenen Doktrin und zum Hasardeur. Später, am Ende seines Lebens, hatte er sich mit der Unabdingbarkeit von Kompromissen abgefunden. Im Unterschied zur Situation während der Brester Verhandlungen bewertete Lenin die Macht der Bolschewiki im Herbst 1918 als gefestigt genug, um einen Umschwung nach links zu vollziehen, die »Atempause« zu beenden und zu den strategischen Zielsetzungen zurückzukehren. Wenn die deutsche Arbeiterklasse die Abrechnung mit ihrem Imperialismus beginnen würde, wäre, um einen Sieg im globalen Maßstab zu erringen, ein neuer Krieg unumgänglich. Darüber sprach der Kreml ganz offen. 

Als Karl Radek Ransom, dem Korrespondenten des Manchester Guardian in Stockholm, das Wesen der neuen Politik der Bolschewiki erklärte, schwang er sich zu globalen Verallgemeinerungen auf. Von nun an seien die Mächte der Entente der neue Hauptfeind, »weil erstens Deutschland für sie keine Gefahr mehr darstellt und zweitens die deutsche Revolution, die im Gange ist, für sie die allergrößte Gefahr darstellt. Wir werden als Partei nun im globalen Maßstab spielen. Was wir für Russland waren, muss erweitert werden, und ich bin überzeugt, dass nicht einmal ein halbes Jahr vergehen wird, ehe unsere Leute in allen europäischen Hauptstädten an der Spitze revolutionärer Bewegungen stehen. Solange die europäische Bewegung noch keine eigene Erfahrung hat, werden wir ihr die Offiziere geben. Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Stimmung hier in den Volksmassen ist. Die Masse fühlt die Revolution mit einem Instinkt wie der Geier das Aas.«[56]

Das Nahen der Revolution in Deutschland brachte selbst die konsequentesten Skeptiker zum Verstummen. Ioffe bekannte Ende Oktober, dass all seine kleinen diplomatischen Erfolge nichts seien gegen den Sieg des Proletariats. »Solange Wilhelm herrscht, und wir in unserer Politik auf Liebknecht bauen, liegt ihr praktischer Misserfolg von selbst auf der Hand. Aber da es nach meiner Meinung weitaus wichtiger ist, dass Liebknecht zu herrschen beginnt, als dass wir unsere Lokomotiven bekommen, darum werde ich diese Politik weiterführen.«[57] Es gelang dem Führer der Bolschewiki also, diejenigen Berater seinem Willen unterzuordnen, die ihm zugeredet hatten, nicht auf die Methoden der »bourgeoisen« Diplomatie zu verzichten. 

Nach den Gesetzen der diplomatischen Kunst war nun der Zeitpunkt gekommen, sich der stärkeren der Krieg führenden Parteien anzunähern, um mit möglichst geringen eigenen Verlusten etwas von den Früchten des Siegs abzubekommen. Im Herbst 1918 hätte diese Taktik für die Bolschewiki bedeutet, schrittweise die Erfüllung des Brester Friedens auszusetzen und die Kontaktkanäle in Richtung Entente zu öffnen. Solche Erwägungen schafften es sogar auf die Seiten sowjetischer Zeitungen. Lenin, der sich kategorisch gegen die »Diplomatiererei« ausgesprochen hatte, begrenzte damit den außenpolitischen Manöverraum auf ein Minimum. Das Schicksal der europäischen Völker sollte nicht ein Friedenskongress, sondern die Weltrevolution entscheiden. Eine Zustimmung Russlands zu einem »zweiten Brest«, das die Entente dem besiegten Deutschland aufzwingen würde, hätte taktische Vorteile gehabt, die aber sicherlich in eine strategische Niederlage umgeschlagen wären. Das Proletariat im Ausland hätte sich von den Idealen des »Weltbolschewismus« abgewandt, da es schlussfolgern müsste, die Sowjetmacht hätte sich in die Reihe der Kriegsgewinnler eingereiht. Das hätte den Verlust der revolutionären Ideale bedeutet, und die Parteidiktatur in Russland selbst würde sich nicht mehr lange halten können. Die Feststellung »Lenin […] enthielt sich jeden Versuchs, der deutschen und internationalen Revolution auf die Sprünge zu helfen«[58] ist also so nicht aufrecht zu erhalten.

Am 28. Oktober schrieb Ioffe in einem seiner letzten Berichte aus Berlin, dass man auch jetzt die Beziehungen zu Deutschland nicht abbrechen lassen solle, weil »das überall so aufgenommen werden würde, als ob wir uns wie Bulgarien auf die Seite des Stärkeren stellen wollten, und das würde uns im Sinne der Entfesselung der Weltrevolution nur schaden.«[59] Tatsächlich hätte diplomatischer Druck seitens Sowjetrusslands kaum die heraufziehende Revolution in Deutschland aufgehalten, aber er hätte die Chancen gemindert, dass sie sich »nach russischen Vorbild« entwickeln würde.

Das Szenario einer demokratischen Revolution in den besiegten Staaten mit dem Übergang zu parlamentarischen Systemen war für Lenin und seine Vertrauten undenkbar. Dies hieße, die einmalige Chance des »Sprungs in die Zukunft«, die der Weltkrieg für die gesellschaftlichen Unterschichten eröffnet hatte, zu verspielen. Als Lenin auf der gemeinsamen Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees, des Moskauer Stadtsowjets und der hauptstädtischen Arbeiterorganisationen am 22. Oktober sprach, äußerte er sich zu dieser Frage kategorisch. Die politische Wende in Deutschland reift nicht in Tagen, sondern in Stunden heran, »das sagen alle, und alle sprechen deshalb davon, weil die Volksrevolution in Deutschland unausweichlich ist, und weil sie nur eine proletarische Revolution sein kann.«[60] Bei der späteren Publikation dieser Rede wurde eine maßgebliche Veränderung vorgenommen. Lenin sprach nun nicht mehr von der Unausweichlichkeit, sondern nur noch von der Möglichkeit einer proletarischen (das heißt bolschewistischen) Revolution in Deutschland.[61]

Die Machtübernahme Liebknechts bleibt aus

Heute ist offensichtlich, dass das Konzept, revolutionäre Distanz zu allen Krieg führenden Seiten zu halten, den nationalen Interessen Russlands nicht entsprach. Aber wer hätte diese Interessen damals, im Herbst 1918, formulieren können? Unter den Bedingungen des Bürgerkriegs und des Aufbaus einer grundlegend neuen Staatsform war der entscheidende Faktor der Außenpolitik die neue Utopie und nicht die Tradition der Diplomatie. Dabei passten die Bolschewiki geschickt Strukturen und Mechanismen an ihre Ziele an, die noch vor kurzem der »Klassenherrschaft der Bourgeoisie« gedient hatten. Der Aufruf Lenins, bis zum Frühjahr 1919 die Rote Armee mit drei Millionen Soldaten aufzustellen, bedeutete keineswegs, dass die Sowjetmacht bis zu diesem Zeitpunkt auf Angriffshandlungen verzichten wollte.[62] Der kurze Zeit später einsetzende Versuch der Sowjetisierung des Baltikums zeigt anschaulich, dass in der Parteiführung die Linie Lenins gesiegt hatte. Sie war zu diesem Zeitpunkt die radikalste der zur Verfügung stehenden außenpolitischen Optionen. Radek, der propagandistischer Waffenträger, sah es so: »Wir stehen am Rande einer Epoche, in der man alles riskieren muss, um alles zu gewinnen.«[63]

Gegen Ende Oktober 1918 wurde die Orientierung auf eine Revolution in Deutschland zum gemeinsamen Nenner, der die Führung der RKP (b) einte. Umso bitterer war das Erwachen, als diese nicht nach dem geplanten Szenario verlief und nicht mit der »Herrschaft Liebknechts«, also mit einer Diktatur der Linkssozialisten, endete. Aus dieser offensichtlichen Niederlage wurden jedoch nur taktische Schlussfolgerungen gezogen. Keiner der Vertrauten Lenins konnte sich entschließen, die Strategie des »Weltbolschewismus« in Frage zu stellen. Während das größte Geschenk des europäischen Proletariats zum ersten Jahrestag der Revolution die Beseitigung der Hohenzollernmonarchie war, feierten die Bolschewiki den zweiten Jahrestag im Oktober 1919 nur noch in einem kleinen Kreis Gleichgesinnter, die in der Kommunistischen Internationale vereinigt waren. 

Übersetzung aus dem Russischen von Christian Teichmann (Berlin)


[1]  Das Thema wird in einigen Arbeiten gestreift, die die deutsch-sowjetischen Beziehungen in größerer Breite darstellen. Siehe Baumgart, Winfried: Deutsche Ostpolitik 1918. Von Brest-Litovsk bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Wien 1966; Linke, Horst Günther: Deutsch-sowjetische Beziehungen bis Rapallo. Köln 1970; Fel’štinskij, Jurij: Krušenie mirovoj revoljucii. Očerk pervyj: Brestskij mir. Oktjabr’ 1917–nojabr’ 1918 [Der Zusammenbruch der Weltrevolution. Erster Abschnitt: Der Brester Frieden. Oktober 1917 bis November 1918], London 1991. 

[2]  Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj Istorii/Russisches Staatsarchiv für sozial-politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 495, o. 157, d. 3, Bl. 5. Die Fond 495 (f. 495) ist der Bestand des Exekutivkomitees der Komintern. In diesem Artikel wird aus fol genden Überlieferungen zitiert: Persönlicher Bestand Lenins: f. 2; Sekretariat Lenins: f. 5. Alle anderen RGASPI-Angaben beziehen sich auf die personenbezogenen Bestände der zitierten Personen im RGASPI. 

 

[3]  Wulff, Dietmar: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918. Unveröffentlichte Dokumen-te (Teil 1: Mai 1918), in: Berliner Jahrbuch für Osteuropäische Geschichte 2 (1995), H. 1, S. 209–247; Ders.: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918. Unveröffentlichte Dokumente (Teil 2: Mai–Juni 1918), in: Ebenda 2 (1995), H. 2, S. 223–266; Ders.: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918. Unveröffentlichte Dokumente (Teil 3: Juli 1918), in: Ebenda 3 (1996), H. 2, S. 267–304.

[4]  Archiv vnešnej politiki Rossijskoj Federacii/Archiv der Außenpolitik der Russischen Föderati-on (im Folgenden: AVP RF), f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 73. Der Fond 4 (f. 4) ist der persönliche Bestand Čičerins. 

[5]  Siehe den Brief von T. Aksel’rod an Lenin vom 15. August 1918, in: RGASPI f. 5, o. 1, d. 3080, Bl. 5–8.

 

[6]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 27.

 

[7]  Lenin, Vladimir: Polnoe sobranie sočinenij [Vollständige Werkausgabe]. Bd. 50, Moskau 1982, S. 195.

[8]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 32. 

[9]  RGASPI, f. 5, o. 3, d. 255, Bl. 1–4.

[10]  Pajps, R. [Pipes, Richard]: Russkaja revoljucija. Čast’ vtoraja [Die russische Revolution. Band zwei], Moskau 1994, S. 299. Anm. des Übersetzers: In der deutschen Ausgabe ließ sich das Zitat nicht auffinden. Dafür findet sich folgende Aussage: »Deutschland hatte Gründe genug, mit Moskau zu brechen, vor allem da Joffe, der bereits im Frühjahr und Sommer auf deutschem Boden Subversion betrieben hatte, nunmehr offen zum revolutionären Umsturz aufrief.« Pipes, Richard: Die russische Revolution. Bd. 2: Die Macht der Bolschewiki, Berlin 1992, S. 552.

[11]  Siehe die Literaturhinweise bei Winkler, Heinrich August: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Berlin 1984, S. 19.

[12]  V. I. Lenin. Biografičeskaja chronika [V. I. Lenin. Biographische Chronik]. Bd. 6, Moskau 1975, S. 145.

[13]  Der deutsche Konsul in Moskau, Herbert Hauschild, berichtete am 2. Oktober 1918 nach Berlin: »Halte es bei augenblicklicher Situation, soweit von hier aus zu beurteilen, für sehr bedeutsam, daß Radek, der zweifellos sehr starken Einfluß besitzt, wenn auch von bolschewistischem Standpunkt urteilend, entschieden Verständnis für deutschen Charakter besitzt und daß bei ihm der Gedanke deutsch-russischer Interessengemeinschaft starke Stütze findet.« Zi tiert nach Baumgart, Winfried (Hrsg.): Von Brest-Litovsk zur Deutschen Novemberrevolution. Aus den Tagebüchern und Briefen von Alfons Paquet, Wilhelm Groener, Albert Hopman. März bis November 1918, Göttingen 1971, S. 171 (Anm. 701).

[14] Viator: Germanija na rasput’e [Deutschland am Scheideweg], in: Izvestija vom 27. September 1918.

[15] Mirovyj perelom [Weltweiter Umbruch], in: Pravda vom 29. September 1918.

[16]  O’Connor, T. Ė. [O’Connor, Timothy]: Georgij Čičerin i sovetskaja vnešnjaja politika 1918– 1930 [Georgij Čičerin und die sowjetische Außenpolitik 1918–1930]. Moskau 1991, S. 81.

[17]  Siehe Wulff: A. A. Joffe (Anm. 3).

[18]  AVP RF, f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 14.

[19]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 1197, Bl. 6.

[20]  Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 50 (Anm. 7), S. 185.

[21]  Bucharin, Nikolaj: Koalicija ili voennaja diktatura [Koalition oder Militärdiktatur], in: Pravda vom 1. Oktober 1918.

[22]  Viator: Ten’ Rossii [Der Schatten Russlands], in: Izvestija vom 1. Oktober 1918.

[23]  Koenen, Gerd: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München 2005, S. 167.

[24]  Am 2. Oktober berichtete Hauschild nach Berlin über sein Gespräch mit Radek. »Er hatte gestern wieder zweistündige Konferenz mit Lenin, mit dem er auch heute wieder die Lage bespricht und auf den er offensichtlich Einfluss hat.« Zitiert nach Baumgart: Von BrestLitovsk (Anm. 13), S. 171 (Anm. 701).

[25]  Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 50 (Anm. 7), S. 185 f. 

[26]  RGASPI, f. 495, o. 157, d. 3, Bl. 10.

[27]  Dejatel’nost’ Central’nogo Komiteta Partii v dokumentach (sobytija i fakty). Sentjabr’ 1918– Janvar’ 1919 [Die Tätigkeit des Zentralkomitees in Quellen (Ereignisse und Fakten). September 1918 bis Januar 1919], in: Izvestija CK KPSS 6 (1989), S. 158.

[28]   Fel’štinskij: Krušenie mirovoj revoljucii (Anm. 1), S. 525. Die Vorlage zu dieser Dramatisierung lieferten die Erinnerungen von Nadežda Krupskaja: »Iljitsch wusste, dass sie ihm kein Auto schicken würden, doch trotzdem saß er den ganzen Tag an der Straße und wartete.« Zitiert nach V. I. Lenin. Biografičeskaja chronika (Anm. 12), S. 151.

[29]  Lenin, Vladimir: Polnoe sobranie sočinenij [Vollständige Werkausgabe]. Bd. 37, Moskau 1969, S. 98.

[30]  Siehe Sitzungsstenogramm in Pravda vom 4. Oktober 1918 u. Izvestija vom 4. Oktober 1918.

[31]  Baumgart: Von Brest-Litovsk (Anm. 13), S. 177.

[32]  RGASPI, f. 86, o. 1, d. 35, Bl. 88.

[33]  Reč’ Karla Radeka na mitinge na zavode Michel’sona [Karl Radeks Rede auf der Versammlung in den Michelson-Werken], in: Pravda vom 6. Oktober 1918.

[34]  N. Osinskij: Vse na mesta! [Alle auf die Plätze!], in: Pravda vom 4. Oktober 1918.

[35]  Radek, Karl: Kruščenie germanskogo imperializma [Der Kollaps des deutschen Imperialismus], in: Izvestija vom 4. Oktober 1918.

[36]  »Wenn es keine Überfälle der Alliierten auf uns gäbe, hätten wir gegenüber Deutschland freie Hand«, schrieb Karl Radek im Oktober 1918. RGASPI, f. 495, o. 157, d. 3, Bl. 6.   

[37] Baumgart: Von Brest-Litovsk (Anm. 13), S. 172.

[38]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 41. Ioffe kam in seinen Berichten beständig auf das Thema zu sprechen, welche Wirkung die Resolution auf die deutschen Regierungskreise hatte. Am 21. Oktober schrieb er: »Die Resolution des CIK [Zentralen Exekutivkomitees] wurde von allen (und auch von der Regierung) so verstanden, dass wir die Armee und Lebensmittelvorräte vorbereiten, um dem deutschen Proletariat gegen den deutschen Imperialismus zu helfen. Und ich tue alles, um zu zeigen, dass die Grundidee eine andere war: die Unterstützung des siegreichen deutschen Proletariats gegen den Imperialismus der Entente im Fall eines Andauerns des Krieges und nach der deutschen Revolution. Aber sie glauben mir nicht und sagen, dass das nicht in der Resolution steht.« AVP RF, f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 58.

[39]  In einer Versammlungsrede am 4. Oktober bekannte Radek: Als die Resolution beschlossen wurde, »haben wir ein wenig geschwankt«, ob sie in Deutschland nicht starke Proteste hervorrufen würde. Reč’ Karla Radeka na mitinge na zavode Michel’sona [Karl Radeks Rede auf der Versammlung in den Michelson-Werken], in: Pravda vom 6. Oktober 1918.

[40]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 43.

[41]  Siehe Bol’ševistskoe rukovodstvo. Perepiska 1912–1927 [Die bolschewistische Führung. Briefwechsel 1912–1927], Moskau 1996, S. 46–62.

[42]  Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 50 (Anm. 7), S. 192–195.

[43]  Pravda vom 20. Oktober 1918. Tatsächlich fand die Konferenz am 12. Oktober 1918 in Berlin statt und die Materialien wurden über diplomatische Kanäle nach Moskau gesendet.

[44]  Radek, Karl: Kommunističeskaja partija Germanii [Die Kommunistische Partei Deutschlands], in: Pravda vom 23. Oktober 1918.

[45]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 41. Aufruf auch publiziert in Pravda vom 19. Oktober 1918.

[46]  Ebenda.

[47]  N. Osinskij: Mir i revolujucionnoe oborončestvo v Germanii [Frieden und revolutionäre Verteidigung in Deutschland], in: Pravda vom 6. Oktober 1918.

[48] RGASPI, f. 5, o. 1, 1204, Bl. 1.

[49]  RGASPI, f. 323, o. 1, d. 06, Bl. 1.

[50]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 41.

[51]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 51.

[52]  »Die deutsche Bourgeoisie spielt jetzt auf eine Atempause, und darum sollten wir darauf vorbereitet sein, dass die ›Verbündeten‹ sich auf ein Geschäft mit den Deutschen einlassen«, schrieb Osinskij. Prvada vom 16. Oktober 1918.

[53]  AVP RF, f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 49.

[54]  Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 50 (Anm. 7), S. 195. 

[55]  RGASPI, f. 2, o. 1, d. 7265, Bl. 1. Tatsächlich schrieb Lenin anscheinend nur fehlerhaft Französisch. Das Original lautete: »Soyons fortes et accelerons la revolution in Allemagne.«

[56]  RGASPI, f. 495, o. 157, d. 3, Bl. 7.  

[57] RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 74.

[58]  Bonwetsch, Bernd: Lenin und Deutschland, in: Herrmann, Dagmar (Hrsg.): Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht 19./20. Jahrhundert. Von den Reformen Alexanders II. bis zum Ersten Weltkrieg, München 2006, S. 280–305.

[59]  AVP RF, f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 96.

[60]  RGASPI, f. 2, o. 1, d. 7284, Bl. 3.

[61]  »Das sagen alle, die die Lage der Dinge kennen: wie unausweichlich eine Volksrevolution in Deutschland ist, und vielleicht eine proletarische Revolution.« Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 37 (Anm. 29), S. 113.

[62]  Fel’štinskij kommt zu einer anderen Einschätzung: »Lenin hatte für das nächste halbe Jahr nicht vorgehabt, sie zu unterstützen.« Fel’štinskij: Krušenie mirovoj revoljucii (Anm. 1), S. 525.

[63]  Radek, Karl: Kruščenie germanskogo imperializma [Der Kollaps des deutschen Imperialismus], in: Izvestija vom 4. Oktober 1918. 

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