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Kommunismus und Opposition in Laos

JHK 2007 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 58-79 | Aufbau Verlag

Autor/in: Volker Grabowsky

Unter den vier verbliebenen kommunistischen Regimen in Asien – d. h. neben China, Vietnam und Nordkorea – ist Laos das jüngste und international am wenigsten bekannte. Weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit beging die Laotische Volksdemokratische Republik (LVDR, Sathalanalat Pasathipatay Pasason Lao) am 2. Dezember 2005 den 30. Jahrestag ihrer Gründung. Obwohl der wirtschaftliche Reformprozess seit Ende der 1980er Jahre den südostasiatischen Binnenstaat schrittweise dem kapitalistischen Weltmarkt öffnete und die laotische Gesellschaft sich unter den Bedingungen der Globalisierung in einem raschen Tempo wandelt,[1] bleibt das Herrschaftsmonopol der marxistisch-leninistischen Laotischen Revolutionären Volkspartei (LRVP, Phak Pasason Pativat Lao) unangetastet. Als einzige zugelassene politische Partei übt sie die wirkliche Macht im Lande aus. In Artikel 3 der Verfassung von 1991 wird die LRVP mit Nachdruck als »führender Kern« (kaen nam) des politischen Systems bezeichnet. Trotz demonstrativ zur Schau gestellter Einigkeit der Partei- und Staatsführung werden Risse in der laotischen Gesellschaft sichtbar, die jedoch den Fortbestand des kommunistischen Systems zumindest in mittlerer Sicht nicht in Frage stellen.

Dieser Beitrag skizziert zunächst in den Gründzügen die historische Entwicklung des laotischen Kommunismus, analysiert dann den Aufbau von Partei und Staat und wendet sich abschließend den Oppositionsbewegungen und -regungen zu, welche innerhalb des Landes den absoluten Machtanspruch der kommunistischen Staatspartei in Frage stellen.

Der Weg an die Macht von 1930 bis 1975

Die im Jahre 1997 veröffentlichte offizielle Geschichte der Laotischen Revolutionären Volkspartei[2] führt die Ursprünge des Kommunismus in Laos auf die Anfang Februar 1930 in Hongkong gegründete Kommunistische Partei Vietnams zurück. Diese wurde im Oktober 1930 auf Geheiß der Komintern in Indochinesische Kommunistische Partei (IKP) umbenannt; denn aus der Sicht der Moskauer Zentrale bildeten die drei Länder Französisch-Indochinas einen einheitlichen »revolutionären Kampfplatz«.[3] Während der Parteiaufbau in Vietnam ungeachtet der Repressalien durch die französischen Kolonialbehörden bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges beachtliche Fortschritte machte, kämpften die Zellen der IKP in Kambodscha und Laos stets um ihr Überleben. Mitte 1934 schlossen sich sechs Zellen der IKP in Laos zu einer laotischen Sektion zusammen. Doch unter ihren 32 Vollmitgliedern befanden sich nur sehr wenige ethnische Lao.[4] Die weitaus meisten laotischen IKP-Mitglieder waren Vietnamesen, die unter den Angestellten und Arbeitern der Hauptstadt Vientiane und einiger Provinzstädte rekrutiert wurden.[5] Im Gegensatz zum benachbarten Vietnam existierte in Laos eine Arbeiterklasse allenfalls in rudimentärer Form, und auch die überwiegend für die eigene Subsistenz wirtschaftenden laotischen Bauern verschlossen sich der kommunistischen Agitation und Propaganda. Während des Zweiten Weltkrieges, als japanische Truppen in Indochina stationiert wurden und die vichyhörige französische Kolonialverwaltung stark geschwächt war, gelang den laotischen Kommunisten keine nennenswerte Mobilisierung der »Volksmassen«. Ein Pendant zur vietnamesischen Revolution vom August 1945 blieb aus. Die Unabhängigkeitserklärung vom 12. Oktober 1945 und die Bildung einer »Freien Lao-Regierung« – nur zwei Monate nach der bedingungslosen Kapitulation Japans und noch vor der Rückkehr französischer Streitkräfte – wurden vom nationalistischen Komitee Lao Itsala (Freies Laos) unter Prinz Phetsarat, dem Vizekönig von Luang Prabang, betrieben.[6] Kommunisten spielten in der laotischen Freiheitsbewegung des Jahres 1945 keine wahrnehmbare Rolle, auch wenn die offizielle Parteigeschichte die damaligen Ereignisse in »einen Sieg der Parteilinie, das Banner der nationalen Unabhängigkeit zu hissen«, verklärt.[7]

Eine Gelegenheit, sich an die Spitze des antikolonialen Kampfes zu stellen, bot sich den laotischen Kommunisten indes schneller als erwartet. Im Mai 1946 flüchteten Prinz Phetsarat und fast das gesamte übrige Lao-Itsala-Kabinett vor den anrückenden französischen Truppen nach Thailand. Im thailändischen Exil kam es 1948/49 zu einer Spaltung der antikolonialen Freiheitsbewegung. Während die meisten Lao-Itsala-Führer im Juli 1949 nach Laos zurückkehrten, um die von den Franzosen angebotene Selbstverwaltung als ersten Schritt in Richtung vollständige Unabhängigkeit zu nutzen, entschloss sich eine Minderheit zur Fortsetzung des bewaffneten Kampfes im Bündnis mit den vietnamesischen Kommunisten, deren Guerillaverbände (Vietminh) bereits in mehreren nordostlaotischen Grenzprovinzen operierten. Anführer dieser Gruppe war Prinz Phetsarats Halbbruder Souphanouvong (1909 bis 1995), der nach seinem Studium in Frankreich viele Jahre als Ingenieur in Vietnam gearbeitet und dort auch eine vietnamesische Frau geheiratet hatte.[8] In den befreiten Gebieten Vietnams traf der »rote Prinz« Souphanouvong mit Ho Chi Minh, aber auch mit führenden laotischen Kadern der IKP zusammen. Die im August 1950 gegründete »Freie-Laos-Front« (Naeo Lao Itsala) vereinte Souphanouvongs Gefolgsleute aus der alten Lao-Itsala-Bewegung und die IKP-Kader laotischer Herkunft unter dem Banner des nationalen Befreiungskampfes. Die Mitglieder des neunzehnköpfigen Zentralkomitees der Front bildeten einen Führungskader, der über die nächsten vier Jahrzehnte mit einem hohen Maß an personeller Kontinuität die laotische Revolution lenkte.

Dies ist umso bemerkenswerter, bedenkt man die höchst unterschiedliche soziale und politische Herkunft der beiden Gruppen laotischer Revolutionäre.[9] Doch ihr Zusammenwachsen zu einer einheitlich agierenden Führung vollzog sich offenbar ohne nach außen sichtbare Konflikte.

Zur ersten Gruppe laotischer Revolutionsführer gehörten neben Prinz Souphanouvong vor allem der einflussreiche Chefideologe Phoumi Vongvichit (1909 bis 1994)[10] sowie Singkapo Sikhotchunnamali (geb. 1913) und Souk Vongsak (1915 bis 1983). Sie waren entweder hochgebildete Mitglieder der Aristokratie wie Souphanouvong und der einer Nebenlinie des Königshauses entstammende Souk Vongsak oder gehörten der gehobenen Beamtenschicht an wie Phoumi Vongvichit, der erst im Oktober 1945 als Gouverneur der Provinz Houa Phan zur Lao-Itsala-Bewegung gestoßen war.[11] Die zweite Gruppe umfasste Personen von bescheidenerer sozialer Herkunft. Nouhak Phoumsavan (geb. 1914), der »ewige zweite Mann« der laotischen Kommunisten, arbeitete zunächst als Lastwagenfahrer für einen reichen chinesischen Geschäftsmann, bevor er 1941 ein eigenes Kleinunternehmen gründete, das Güter zwischen seiner Heimatprovinz Savannakhet und Zentralvietnam transportierte. Irgendwann in den nächsten vier Jahren wurde Nouhak von den Vietminh für den antifranzösischen Widerstand rekrutiert, bevor er 1950 in die IKP eintrat. Nouhak schloss Freundschaft mit dem sechs Jahre jüngeren Kaysone Phomvihane, der ebenfalls aus Savannakhet stammte.[12] Der 1920 als Sohn eines vietnamesischen Verwaltungsbeamten und einer Laotin geborene Kaysone hatte bereits Anfang der 1940er Jahre während seines Jurastudiums an der Universität Hanoi Kontakte zur IKP geknüpft. Er avancierte zum wichtigsten Verbindungsmann der vietnamesischen Kommunisten in Laos, wobei die persönliche Freundschaft zu Vo Nguyen Giap, dem späteren Helden von Dien Bien Phu, hierfür ein auslösender Faktor gewesen sein mag. Im Januar 1949 wurde Kaysone als Vollmitglied in die Reihen der IKP aufgenommen und zum Führer der ersten regulären laotischen Kampfeinheit, der so genannten Rasavong-Brigade, ernannt.[13]

Im Februar 1951 tagte der II. Parteitag der IKP. Er beschloss die Auflösung der Partei und die Neugründung ihrer vietnamesischen Sektion als Partei der Werktätigen Vietnams. Ein Beschluss über die Gründung einer eigenständigen laotischen Partei wurde verschoben. Von den 766 000 Mitgliedern der IKP waren kaum mehr als 2 000 in Laos organisiert, von denen wiederum nur 81 ethnische Lao waren.[14] Die übrigen Kader waren vorwiegend in Laos lebende Vietnamesen, die nach dem Genfer Abkommen von 1954 meist nach Nordvietnam übersiedelten. Unter diesen schwierigen Bedingungen verwundert es nicht, dass die Vorbereitungen für die Gründung einer eigenständigen laotischen kommunistischen Partei weitere vier Jahre in Anspruch nahmen. Vom 22. März bis 6. April 1955 fand in der von prokommunistischen Streitkräften kontrollierten Provinz Houa Phan[15] der Gründungsparteitag der Laotischen Volkspartei (LVP, Phak Pasason Lao) statt. Die Existenz der Partei wurde jedoch geheim gehalten und erst viele Jahre später enthüllt. Schenken wir der offiziellen Parteigeschichte Glauben, wählten 20 Delegierte, die knapp 400 Mitglieder vertraten, ein Zentralkomitee mit Kaysone Phomvihane als Generalsekretär und Nouhak Phoumsavan als seinem Stellvertreter.[16] Das Tandem Kaysone-Nouhak beherrschte die LVP, die erst 1972 in Laotische Revolutionäre Volkspartei (LVRP) umgetauft wurde, bis zu Kaysones Tod im November 1992.

Die LRVP wirkte nach außen über ihre Frontorganisationen, vor allem über die 1956 ins Leben gerufene Naeo Lao Haksat (NLHS, Laotische Patriotische Front). Mit Hilfe der Frontorganisationen mobilisierte die Partei in der Zeit des bewaffneten Kampfes breite Bevölkerungsschichten. Unter dem Banner der nationalen Befreiung und der sozialen Emanzipation appellierte sie mit Geschick insbesondere an die von der königlichen Regierung vernachlässigte ländliche Bevölkerung und die zahlreichen ethnischen Minoritäten. Angehörige der Minderheiten, obwohl nur zwei Fünftel der Gesamtbevölkerung stellend,[17] füllten zu drei Vierteln die Reihen des Pathet Lao (Land Laos), wie die prokommunistischen Truppenverbände mitsamt ihres zivilen Apparates in den internationalen Medien landläufig hießen. In den Führungsgremien von Partei und Frontorganisationen waren die ethnischen Minderheiten hingegen unterrepräsentiert. Der HmongFührer Faidang Lobliayao und Sithon Kommadam, der Sohn eines Laven-Stammesfürsten aus Südlaos, blieben Ausnahmen.[18]

An den drei laotischen Koalitionsregierungen der Jahre 1957, 1962 und 1973 beteiligte sich nicht die LRVP, deren Existenz im Verborgenen blieb, sondern die NLHS. Sie präsentierte sich als patriotische, der nationalen Einheit und Unabhängigkeit sowie dem sozialen Fortschritt verpflichtete Organisation. Ihr Aushängeschild war der eloquente Prinz Souphanouvong, der es aufgrund seiner Herkunft aus dem laotischen Königshaus mit Geschick verstand, die in der tieflandlaotischen Gesellschaft stark verwurzelten Patron-Klient-Beziehungen für die Sache der nationalen Befreiung zu nutzen. In allen drei Koalitionsregierungen waren Souphanouvong und der intellektuell gleichfalls bewegliche Chefideologe Phoumi Vongvichit als Minister vertreten. Sie waren gewissermaßen das Gesicht des Pathet Lao auch auf der internationalen Bühne. Die LRVP-Führer Kaysone und Nouhak zogen indessen im Hintergrund weiterhin die Fäden und bestimmten die politischen Richtlinien der Bewegung.[19]

Der Erfolg dieser Strategie ließ nicht lange auf sich warten. Anders als im benachbarten Kambodscha, wo es dem charismatischen Prinzen Sihanouk frühzeitig gelang, die prokommunistische Volkspartei zu marginalisieren, gelang der NLHS schon 1958 ein beachtlicher Erfolg an den Wahlurnen. Nach der Legalisierung der Front im November 1957 und ihrer Regierungsbeteiligung wurden im Mai 1958 Nachwahlen für 21 von 59 Mandaten abgehalten. Von der Zersplitterung des Gegners profitierend, errang die NLHS im Bündnis mit der von Quinim Pholsena geführten linksneutralistischen Santiphap (Frieden) insgesamt 13 Parlamentssitze (davon 9 NLHS und 4 Santiphap).[20]

Im Verlauf der 1960er Jahre konsolidierten die laotischen Kommunisten im Schulterschluss mit Nordvietnam ihre politische und militärische Kontrolle der östlichen Hälfte von Laos. Ende 1963 brach auch die zweite laotische Koalitionsregierung, in der Souphanouvong als Vizepremier und Minister für Wirtschaft und Planung vertreten war, zusammen. Zum Scheitern trug neben dem nur schwach ausgeprägten nationalen Verantwortungsbewusstsein der laotischen Elite vor allem die Eskalation des Krieges im benachbarten Vietnam bei. Die amerikanische Luftwaffe flog seit 1964 unablässig Einsätze gegen vermutete Stellungen und Nachschubwege des Pathet Lao und seiner nordvietnamesischen Verbündeten. Besonders der Südosten des Landes, wodurch ein wichtiger Abschnitt des Ho-Chi-Minh-Pfades verlief, und die strategisch wichtige »Ebene der Tonkrüge« wurden Schauplätze eines mit hohem Materialeinsatz geführten und bis 1970 geheim gehaltenen Bombenkrieges. Mehr als 200 000 Menschen verloren dabei ihr Leben, und ein Viertel der laotischen Bevölkerung wurde zu Flüchtlingen im eigenen Land.[21]

Die Unterzeichnung des Pariser Abkommens für Vietnam im Januar 1973 beschleunigte die Verhandlungen zwischen den laotischen Konfliktparteien über die Wiederherstellung des Friedens in Laos. Noch im Februar des gleichen Jahres wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Eine paritätisch aus Pathet Lao und Nichtkommunisten gebildete Koalitionsregierung nahm im April 1974 ihre Tätigkeit auf. Ihre Erfolgsaussichten wurden jedoch von vornherein als gering bewertet, zumal die stark dezimierten neutralistischen Kräfte unter dem kränkelnden Souvanna Phouma[22] ihre Mittlerfunktion eingebüßt hatten.

Die Eroberung Phnom Penhs durch die Roten Khmer am 17. April 1975 und der »Fall« Saigons zwei Wochen später ermunterten den Pathet Lao, der zu diesem Zeitpunkt bereits vier Fünftel des laotischen Territoriums beherrschte, auch in den Bevölkerungszentren entlang des Mekongtales allein die Macht zu übernehmen. In einer Kombination aus militärischem Druck und städtischen Massendemonstrationen erlangten die Kommunisten bis August den bestimmenden Einfluss in allen großen Städten. Ihre Gegner flüchteten zu Tausenden nach Thailand oder zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Am 2. Dezember 1975 schaffte ein Nationaler Kongress der Volksvertreter die Monarchie ab und proklamierte die Laotische Volksdemokratische Republik (LVDR).

Erst jetzt trat die LRVP direkt an die Öffentlichkeit. Die Laoten und mit ihnen das Ausland erfuhren nun von der Existenz einer kommunistischen Partei und lernten deren wahre Führer kennen. Als Schlüsselfigur der Revolution offenbarte sich Parteichef Kaysone Phomvihane. Er war unter der breiten Masse der Bevölkerung, einschließlich der in den »befreiten Zonen« lebenden Menschen, kaum bekannt. Seinen Aufstieg zur unbestrittenen Autorität innerhalb der Partei verdankte Kaysone nicht zuletzt dem Umstand, dass er 1959/60 von Viang Say (Provinz Houa Phan) aus Partei und Armee erfolgreich reorganisierte, als die meisten anderen Pathet-Lao-Führer – einschließlich Souphanouvong und Nouhak – von rechtsgerichteten Militärs im Vientianer Stadtteil Phon Kheng vorübergehend in Haft gesetzt worden waren.[23] Die bereits in jungen Jahren errungene Führungsposition mag auch durch den Umstand verständlich werden, dass Kaysone in den Augen Hanois als absolut zuverlässiger Kader galt, der wie kein anderer die Ziele der laotischen Revolution mit den übergeordneten Interessen der »indochinesischen Solidarität« zu verknüpfen vermochte.

Partei und Staat nach 1975

Die laotischen Kommunisten versuchten, die Radikalität des Bruches mit der monarchistischen Vergangenheit abzumildern, indem sie den abgedankten König zum Ratgeber von Staatspräsident Souphanouvong ernannten und auch mehreren Angehörigen des Königshauses zeremonielle Funktionen im neuen Staatswesen übertrugen. So avancierte Souvanna Phouma, der Premier des Ancien régime, zum Ratgeber des neuen Ministerpräsidenten Kaysone Phomvihane. Auch die Übernahme der alten, mit einigen Textänderungen versehenen Nationalhymne und der Lao-Itsala-Flagge von 1945 (weißer Vollmond auf blauem Grund, gesäumt von zwei roten Feldern) signalisierte Kontinuität. Die im Vergleich zu den Nachbarn Vietnam und Kambodscha in Laos unblutig verlaufene Machtübernahme der Kommunisten und eine relativ tolerante Haltung gegenüber dem buddhistischen Klerus haben das Klischee von einer »sanften Revolution« genährt. Dabei wird leicht der Umfang der politischen und sozialen Umwälzungen der Jahre 1976 bis 1980 unterschätzt.

An der Spitze der LVDR steht der Staatspräsident (pathan pathet). Seine Aufgabenbereiche beschränken sich weitgehend auf repräsentative Pflichten, wenngleich Artikel 53, Absatz 3 der Verfassung ihm das Recht einräumt, den Ministerpräsidenten und andere Regierungsmitglieder mit anschließender Zustimmung der Nationalversammlung zu ernennen und zu entlassen.[24] Der erste Staatspräsident war bis 1991 Prinz Souphanouvong. Wegen schwerer Krankheit wurde er seit 1986 von Phoumi Vongvichit, innerhalb der LRVP für Kultur und Ideologie zuständig, vertreten. Nach dem V. Parteitag der LRVP wurde Regierungs- und Parteichef Kaysone Phomvihane neues Staatsoberhaupt, wobei er aber den Posten des Ministerpräsidenten an General Khamtay Siphandone, den Oberkommandierenden der Streitkräfte, abtrat. Als Kaysone am 21. November 1992 verstarb, folgte ihm sein Alter Ego Nouhak Phoumsavan als Staatsoberhaupt nach. Im Februar 1999 trat Nouhak aus Altersgründen zurück und machte dem zehn Jahre jüngeren Khamtay (geb. 1924) Platz. Wie einst Kaysone vereinte nun auch Khamtay das Amt des Staatspräsidenten mit dem des Parteivorsitzenden (letzteres seit Ende 1992). Zugleich war Khamtay auch Oberbefehlshaber der Armee. Die Wahl von Armeechef Choummaly Sainyasone (geb. 1936), einem engen Vertrauten Khamtays, zu dessen Nachfolger als LRVP-Generalsekretär und Staatspräsident (im Frühjahr bzw. Sommer 2006) hat dieses Arrangement weiter verfestigt.

Die Legislative, die gegenwärtig aus 115 Abgeordneten zusammengesetzte Nationalversammlung, tagt in der Regel zweimal jährlich und wählt die Regierung. Die letzte Parlamentswahl fand am 30. April 2006 statt. Unter den 175 Kandidaten, darunter 40 Frauen, waren mehr als drei Viertel (133) ethnische Lao, »ein Spiegelbild der allgemeinen Marginalisierung vieler ethnischer Minderheiten«, wie Oliver Tappe in seiner Wahlanalyse feststellt.[25] Auch wenn die meisten gewählten Abgeordneten als Vertreter von Massenorganisationen kandidiert hatten, sind bis auf zwei Ausnahmen alle auch gleichzeitig Mitglieder der kommunistischen LRVP. Die Nationalversammlung wählt den Premierminister und die Regierung. Das Kabinett ist im Laufe des vergangenen Jahrzehnts stetig gewachsen und umfasst seit Juni 2006 unter dem für laotische Verhältnisse noch jungen Premier Bouasone Bouphavan (geb. 1954) insgesamt 28 Mitglieder, darunter 21 Minister und zwei Komiteevorsitzende im Ministerrang.[26]

Seit Gründung der laotischen Volksrepublik wird die politische Macht von der LRVP monopolisiert. Ein von der Partei unabhängiger öffentlicher Raum besteht faktisch nicht. Wer in Laos politisch gestalten möchte, sieht sich zum Eintritt in die Partei gezwungen. Auch ein gesellschaftlicher Aufstieg ist ohne die Mitwirkung der LRVP schwer vorstellbar. Die Partei kontrolliert sogar den buddhistischen Mönchsorden (sangha) und selbst Besitzer mittlerer Wirtschaftsunternehmen benötigen die Patronage eines prominenten Parteimitglieds. Die Partei beruft sich wie die herrschenden Parteien in China und Vietnam auf den Marxismus-Leninismus; doch dies ist heutzutage kaum mehr als ein Lippenbekenntnis. Zwar werden pünktlich zu wichtigen nationalen Feiertagen wie dem Jubiläum der Staatsgründung (2. Dezember) oder den Jahrestagen der Gründung von Armee (20. Januar) und Partei (22. März) die Alleen der Hauptstadt Vientiane mit Nationalflagge und Parteifahne festlich geschmückt, aber ansonsten wird der aufmerksame Beobachter nur noch auf wenige Spuren kommunistischer Agitation stoßen. Die weitaus meisten Propagandatafeln haben die nationale Einheit und den wirtschaftlichen Fortschritt zum Thema. Die wenigen ins Lao übersetzten Werke der marxistisch-leninistischen Klassiker sind seit Mitte der 1990er Jahre fast vollständig aus öffentlichen Bibliotheken verschwunden. Der australische Historiker und Laos-Experte Martin Stuart-Fox charakterisiert Laos daher treffend als einen autoritären Ein-Parteien-Staat, »in which the Party presides over a relatively freemarket economy«[27].

Die LRVP durchdringt und beherrscht die drei Säulen des Staates: Regierung, Verwaltung und Armee. In all diesen Institutionen operieren Parteizellen, die dort Nachwuchs für die Partei werben. Auch die Massenorganisationen unterstehen der vollständigen Kontrolle durch die Partei. Es sind dies die Laotische Front für den Nationalen Aufbau (Naeo Lao Sang Sat), die Nachfolgeorganisation der Laotischen Patriotischen Front, sowie die Laotische Frauenorganisation, die Revolutionäre Jugendorganisation und der Laotische Gewerkschaftsverband.[28]

Die Expansion der Parteiorganisation machte in den vergangenen drei Jahrzehnten beachtliche Fortschritte. Bei Proklamation der Volksrepublik zählte die Partei wahrscheinlich kaum mehr als 25 000 Mitglieder. Die Mitgliedstärke wuchs von Parteitag zu Parteitag kontinuierlich an (siehe Tabelle 1) und erreichte auf dem VIII. Parteitag im März 2006 den Höchststand von knapp 150 000 Mitgliedern. Damit sind inzwischen 2,5 Prozent der sechs Millionen Lao in der kommunistischen Partei organisiert. Dies ist zwar immer noch ein geringerer Anteil als in China (5 Prozent) und Vietnam (4 Prozent), jedoch ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den vorangegangenen Parteitagen.

Tabelle 1:  Mitgliederentwicklung der Laotischen Revolutionären Volkspartei (LRVP)[29]

Parteitag

Jahr

Zahl der Delegierten

Zahl der Mitglieder

Generalsekretär

I.

1955

20

400

Kaysone Phomvihane

II.

1972

125

20 000

Kaysone Phomvihane

III.

1982

228

35 000

Kaysone Phomvihane

IV.

1986

303

45 000

Kaysone Phomvihane

V.

1991

367

60 000

Kaysone Phomvihane

VI.

1996

381

78 000

Khamtay Siphandone

VII.

2001

452

105 000

Khamtay Siphandone

VIII.

2006

498

148 000

Choummaly Sayasone

Die Zusammensetzung der auf dem VIII. Parteitag gewählten Gremien bot keine echten Überraschungen. Wie erwartet trat der inzwischen 82-jährige Parteichef Kamtay Siphandone von seinen Ämtern zurück, so dass für ihn und den verstorbenen Osakan Thammatheva zwei jüngere Politiker in das elfköpfige Politbüro nachrückten: Außenminister Somsavat Laengsavat (Rang 10) und Pany Yathothu (Rang 11) als einzige Frau und Vertreterin der Hmong-Minderheit. Auch das 55köpfige Zentralkomitee erfuhr nur geringe Veränderungen gegenüber dem vorangegangenen Parteitag im Jahre 2001. Für das Streben nach personeller und programmatischer Kontinuität spricht nicht nur die Wahl von Choummaly Sayasone zum neuen Generalsekretär, sondern auch die Ernennung des Khamtay-Protegé Bouasone Bouphaphan (Rang 7 im Politbüro) zum Regierungschef. Außerdem sitzen im Zentralkomitee der LRVP nun zwei Söhne des langjährigen Parteichefs Kaysone Phomvihane und ein Sohn von Khamtay Siphandone. Nach wie vor spielt die Laotische Volksarmee eine politische Schlüsselrolle; denn sieben der elf Mitglieder des Politbüros sind entweder aktive Militärs oder haben eine militärische Laufbahn durchlaufen.

Opposition innerhalb des Landes

Als der Pathet Lao im September 1973 die Bildung einer Koalitionsregierung mit der königlichen Regierung vereinbart hatte, erwartete er, dass diese Regierung eine Reihe von Jahren Bestand haben würde. Die laotischen Kommunisten wähnten die Zeit auf ihrer Seite. In einer längeren Übergangsphase hätte der Pathet Lao sein bislang illegales Organisationsnetz im dichter besiedelten Mekongtal ausbauen und unter der dort lebenden tieflandlaotischen Bevölkerung seinen politisch-ideologischen Einfluss systematisch stärken sollen. Der unerwartet rasche Zusammenbruch der antikommunistischen Regime in Kambodscha und Südvietnam im April 1975 zwang den Pathet Lao zur Beschleunigung eines Aktionsplans, der in der Ergreifung der »Volksmacht« gipfelte. Für eine feste Verankerung des Pathet Lao in den von königstreuen Kräften kontrollierten Zonen reichten die beiden Jahre zwischen Bildung der Koalitionsregierung und Proklamation der Volksrepublik aber nicht aus.

Die anfängliche Begeisterung der laotischen Jugend über den Anbruch einer neuen Ära und die Erleichterung selbst vieler Kritiker des Pathet Lao über das Ende des innerlaotischen Bruderzwistes wichen sehr bald einer großen Ernüchterung. Abweichend von früheren Bekundungen forcierten die Kommunisten seit Herbst 1976 die Kollektivierung der Landwirtschaft, die sich ein Jahrzehnt später als ein Fiasko erwies und anschließend wieder rückgängig gemacht werden musste. Die Verstaatlichung des Handels traf vor allem das kleine sino-laotische Unternehmertum, deren Angehörige größtenteils die Flucht über den Mekong in das benachbarte Thailand antraten. Bereits vor dem 2. Dezember 1975 waren mehr als 50 000 Angehörige des alten Regimes – Militärs, Polizisten und zivile Beamte – mit ihren Familien nach Thailand geflohen. Die Sicherheitslage blieb in den ersten Monaten des Jahres 1976 prekär, da noch Reste der königlichen Armee und der mit ihnen verbündeten, vom CIA unterstützten Hmong-Truppen unter Vang Pao[30] im Untergrund operierten. Als politisch unzuverlässig eingeschätzte Personen wurden daher in geheimen Umerziehungslagern in der Provinz Houa Phan interniert, die man euphemistisch »Seminarzentren« nannte. Obwohl die meisten der 30 000 bis 50 000 »Seminarteilnehmer« bereits nach wenigen Wochen wieder entlassen wurden, dauerte für andere der unfreiwillige Aufenthalt bis zu 15 Jahren. Der letzte laotische König Savang Vatthana (geb. 1907), dem bei Gründung der Volksrepublik der rein symbolische und politisch völlig bedeutungslose Posten eines »Beraters« von Staatspräsident Souphanouvong verliehen worden war, lebte zunächst zurückgezogen mit seiner Familie im ehemaligen Königspalast von Luang Prabang. Im März 1977 wurde die Königsfamilie verhaftet und in ein Umerziehungslager gebracht, da die Kommunisten nach mehreren fehlgeschlagenen Attentaten auf Parteichef Kaysone Phomvihane fürchteten, der König könnte ein Symbol für einen antikommunistischen Volkswiderstand werden. Für viele Jahre war das weitere Schicksal der Königsfamilie ein absolutes Tabu in der laotischen Öffentlichkeit. Erst während eines Staatsbesuches in Frankreich im Dezember 1989 bestätigte Kaysone den Tod des Königs aufgrund seines hohen Alters. Glaubwürdigen Berichten zufolge soll Savang Vatthana jedoch am 13. Mai 1978 im »Lager Nr. 1« (bei Viang Say) an Unterernährung gestorben sein, nur neun Tage nach dem Tod seines Sohnes Kronprinz Say Vongsavang.[31]

Eine weit verbreitete Furcht vor politischen »Seminaren« und die spürbare Verschlechterung der Lebensbedingungen ließen die Fluchtwelle in den Jahren 1976 bis 1980 dramatisch ansteigen. Ihren Höhepunkt erreichte der Exodus 1978, als nahezu 50 000 Tiefland-Lao ihrer Heimat den Rücken kehrten. Erst Anfang der 1980er Jahre kam der Exodus allmählich zum Versiegen. Zwischen Mai 1975 und April 1985 waren 309 700 laotische Flüchtlinge in Thailand registriert worden, darunter 115 500 Angehörige von Minderheiten, vor allem Hmong. Weitere 60 000 Personen, mehrheitlich ethnische Lao, tauchten ohne Registrierung durch den UNHCR in der thailändischen Gesellschaft unter.[32] Drei Viertel der  laotischen Flüchtlinge durften in so genannte Drittländer ausreisen. Die meisten von ihnen fanden in den USA eine neue Heimat.

Der Verlust von einem Zehntel seiner Bürger durch Flucht ins Ausland innerhalb nur eines Jahrzehntes bedeutete für die LVDR zweifellos einen gewaltigen Aderlass, zumal vor allem die Angehörigen der städtischen Mittelschichten – Verwaltungsangestellte, Geschäftsleute, Ärzte und Ingenieure – das Land verließen. So sehr der Exodus Laos wertvolles Humankapital entzog, so erleichtert waren die kommunistischen Behörden über den Fortgang aktiver Regimegegner und ihrer Sympathisanten. Während realer und potentieller Widerstand unter den Tiefland-Lao bereits 1977 nahezu vollständig ausgeschaltet worden war, leisteten die Reste der Vang Pao loyal ergebenen Hmong-Truppen noch bis weit in das Jahr 1980 hinein im unwegsamen Hochland von Nordlaos Widerstand, der mit Unterstützung regulärer vietnamesischer Truppenverbände gebrochen werden musste. Dass bei diesen Kämpfen auf laotischer und vietnamesischer Seite auch Giftgas zum Einsatz kam, wie von Seiten der Hmong hartnäckig behauptet wurde, konnte nie bewiesen werden und wird von westlichen Experten bezweifelt.[33]

Während des nationalen Befreiungskampfes hatten die laotischen Kommunisten eine umfangreiche militärische, politische, propagandistische und infrastrukturelle Hilfe von Seiten der Volksrepublik China und der Demokratischen Republik Vietnam (Nordvietnam) erhalten. Angesichts der Spannungen mit Thailand, das vor 1975 die antikommunistischen Kräfte in Laos unterstützt hatte, und des Wegfalls der amerikanischen Finanz- und Wirtschaftshilfen lag der enge Schulterschluss mit beiden sozialistischen »Bruderländern« im vitalen Interesse der LRVP. Die guten Beziehungen, die das Regime in Vientiane bis 1978 sowohl zu Beijing als auch zu Hanoi pflegte, beinhalteten indes nie eine strikte Äquidistanz. Dies wurde im Juli 1977 offenbar, als die laotische Regierung auf 25 Jahre einen »Vertrag über Freundschaft und Kooperation« mit der Sozialistischen Republik Vietnam abschloss. In diesem Vertrag wurden die »besonderen Beziehungen« und die »unverbrüchliche Solidarität« der Völker Indochinas hervorgehoben. Artikel 2 des Vertrages bildete die Grundlage für die Stationierung von mehr als 40 000 vietnamesischen Soldaten zur Abwehr »des Imperialismus und ausländischer reaktionärer Kräfte«[34]. Mitte 1978 verschlechterten sich die vietnamesisch-chinesischen Beziehungen dramatisch. Als im Februar 1979 chinesische Streitkräfte die vietnamesische Invasion in Kambodscha (Dezember 1978) durch eine »Strafexpedition« gegen Vietnam beantworteten, ergriff die laotische Führung – wenn auch zögernd – Partei für Hanoi und verurteilte den »chinesischen Hegemonismus und Expansionismus«.[35]

Die politischen und wirtschaftlichen Folgen der offenen Parteinahme für Vietnam und des Bruches mit China wurden kompensiert durch eine verstärkte Hinwendung zur Sowjetunion und zum Comecon, der Laos einen Beobachterstatus einräumte. Innerhalb der LRVP war der provietnamesische und prosowjetische Kurs der Parteiführung kaum umstritten. Nur wenige Parteimitglieder wagten es, den Kurs grundsätzlich in Frage zu stellen. Im Gegensatz zu den Chinesen verfügten die Vietnamesen über ein dichtes Netz von Beratern in den laotischen Ministerien und auch auf der mittleren Verwaltungsebene. Dies erschwerte selbst behutsam vorgetragene Äußerungen, die als antivietnamesisch oder prochinesisch ausgelegt werden konnten. Wer dennoch auf seiner Kritik an dem Bündnis mit Hanoi beharrte, riskierte den Parteiausschluss oder die Entsendung in ein Umerziehungslager. Im Juli 1979 verließ der Herausgeber des Parteiorgans Siang Pasason (Stimme des Volkes) Sisanan Sayanouvong (Sainyanouvong) mit einigen anderen prochinesischen Parteimitgliedern Laos.[36] Ihm folgte im November 1981 Khamsaengkaeo Saengsathit, ein hoher Beamter im laotischen Gesundheitsministerium und Generalsekretär des laotischen Komitees der Organisation für afro-asiatische Solidarität. Sisanan und Khamsaengkaeo wurde in China politisches Asyl gewährt. Gemeinsam mit Kong Lae, dem Anführer des neutralistischen Putsches von 1960, organisierten sie von Yunnan aus Guerillaaktivitäten in der nordlaotischen Provinz Luang Namtha.[37] Doch Kong Laes Rückkehr nach Frankreich Ende 1983 signalisierte das militärische und politische Scheitern der Untergrundbewegung, die trotz logistischer Unterstützung aus China den laotisch-vietnamesischen Streitkräften nie ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten vermochte. Die Bewegung gewann offenbar auch keinen hinreichenden Rückhalt in der lokalen Bevölkerung.

Im Jahre 1986 leitete der damalige Parteichef Kaysone unter dem Schlagwort chintanakan mai (Neues Denken) Wirtschaftsreformen ein, die neben einer Dekollektivierung der Landwirtschaft auch die Einführung marktwirtschaftlicher Mechanismen umfassten. Die ersten Reformerfolge, das Ende der sino-vietnamesischen Konfrontation und die verbesserten Beziehungen zwischen Vientiane und Bangkok entzogen dem militärischen Widerstand in Laos bis Ende der 1980er Jahre die Grundlage.

Das Ende des Kalten Krieges, der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa und der Zerfall der Sowjetunion stellten die laotischen Kommunisten vor neue Herausforderungen. Während ein Leitartikel des Zentralorgans Pasason von Neujahr 1990 das zu Ende gegangene Jahr als »Albtraumjahr für den Sozialismus« bezeichnete[38] und die laotische Parteiführung das Tienanmen-Massaker vom Juni 1989 rechtfertigte, traf sich Anfang 1990 in Vientiane eine Gruppe von über 40 Intellektuellen zur Gründung eines »Sozialdemokratischen Klubs«. Dieser Klub stellte die Alleinherrschaft der LRVP in Frage, indem er nachdrücklich ein Mehrparteiensystem einforderte. Ähnliche Wünsche wurden von laotischen Studierenden in der ehemaligen DDR und Osteuropa erhoben.[39] Der Vizeminister für Wissenschaft und Technologie Thongsouk Saysangkhi stellte sich an die Spitze der Dissidenten und nannte in seinem offenen Rücktrittsgesuch an Ministerpräsident Kaysone die laotische Volksrepublik eine »kommunistische Monarchie«. Zu den Funktionären, die sich hinter Thongsouk stellten, gehörten Latsami Khamphoui, der Vizeminister für Wirtschaft und Planung, und Pheng Sakchittaphong, ein hoher Beamter aus dem Justizministerium. Die drei Politiker wurden im Oktober 1990 inhaftiert und im November 1992 zu Haftstrafen von jeweils 14 Jahren verurteilt. Die außergewöhnlich harten Urteile waren sicherlich dem Umstand zuzuschreiben, dass die Forderungen nach Demokratie, Meinungsfreiheit und einem Mehrparteiensystem nicht von »reaktionären« Anhängern des königlichen Regimes, sondern aus den eigenen Reihen kamen. Die Furcht der laotischen Führung vor einem Übergreifen des »osteuropäischen Bazillus« scheint 1990/91 durchaus real gewesen zu sein, wie Souphanouvongs damalige Bemerkung »Alles ist möglich.« verrät.[40] Anfang 1998 verstarb der Wortführer der Gruppe in einem Straflager in Houa Phan an unzureichender medizinischer Versorgung. Ungeachtet internationaler Appelle blieben Thongsouks Mitstreiter weiterhin in Haft, da sie sich weigerten, Reue zu zeigen und ihren demokratischen Idealen abzuschwören. Im Oktober 2004 wurden sie nach voller Verbüßung ihrer Strafen entlassen und durften zur medizinischen Behandlung nach Frankreich ausreisen.[41]

Nach der Zerschlagung der parteiinternen Dissidentenbewegung von 1990/91 wurden fast ein Jahrzehnt lang in der Öffentlichkeit keine Positionen artikuliert, die das Machtmonopol der LRVP in Frage stellten. Korruption, soziale Missstände und die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise von 1997/98 auf die Lebensverhältnisse der breiten Massen führten zwar zu mannigfachen Unmutsbekundungen, die nicht nur im privaten Kreise, sondern auch öffentlich geäußert werden durften, doch zu einer fundamentalen Kritik am politischen System und der ihm zugrunde liegenden Ideologie kam es nur in seltenen Fällen. Am 26. Oktober 1999 hielt eine kleine Gruppe von Studenten und Dozenten der Nationalen Universität im Stadtzentrum von Vientiane eine friedliche Demonstration ab. In Spruchbändern verlangten die Demonstranten soziale Gerechtigkeit, die Bekämpfung der Korruption, demokratische Reformen und die Etablierung eines Mehrparteiensystems. Die drei Anführer der Gruppe wurden nach Angaben von Amnesty International zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.[42] Ein knappes Jahr später, im September 2000, bat der ehemalige Finanzminister Khamsay Souphanouvong, ein Sohn des »roten Prinzen«, in Neuseeland um politisches Asyl, doch dieser spektakuläre Schritt fand keinen besonderen Widerhall in der laotischen Öffentlichkeit.[43]

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre galt Laos als eines der sichersten Länder in Südostasien, insbesondere für die im Lande lebenden und arbeitenden Ausländer. In der Hauptstadt ebenso wie auf dem flachen Land war die Kriminalitätsrate niedrig, und Fremde hatten auf Reisen entlang der Nationalstraßen keine Überfälle zu befürchten. Das Gefühl von Ruhe und Sicherheit verschwand schlagartig am Abend des 30. März 2000, als eine Bombenexplosion das von Ausländern stark frequentierte Gartenrestaurant Khòpchai Doe (Herzlichen Dank!) erschütterte. Von einem vorbeifahrenden Motorrad aus war eine Plastikbombe über den Gartenzaun geschleudert worden. Unter den schwerer Verletzten befand sich auch ein deutscher Kurzzeitexperte, der umgehend zur medizinischen Versorgung in die nordostthailändische Stadt Udonthani transportiert werden musste.[44] Das nie aufgeklärte Attentat von Khòpchai Doe bildete den Auftakt zu einer Anschlagsserie, die bis Frühjahr 2001 andauerte. In dieser Zeit wurden nicht weniger als 14 Bombenattentate gezählt, von denen eines in der südlaotischen Provinzhauptstadt Pakse passierte. Planung und Durchführung der Anschläge waren meist dilettantisch; daher blieben glücklicherweise sowohl die Zahl der Todesopfer als auch der verursachte materielle Schaden gering. Insgesamt wurden vier Tote und mehr als 40 Verletzte beklagt.[45]

Über die Hintergründe der Bombenanschläge gibt es unterschiedliche Hypothesen. Die laotische Regierung betrachtete die Attentate zunächst als das Werk krimineller Elemente und vermutete später als Drahtzieher nicht näher identifizierte »ausländische Kräfte«. Auch über Konflikte zwischen rivalisierenden Gruppen in der Geschäftswelt wurde spekuliert. Keines der Attentate war mit einer politischen Botschaft verbunden gewesen, auch gab es keine Bekennerschreiben. Außerdem gelang es den laotischen Sicherheitskräften nicht, einen oder mehrere Täter zu fassen und zu überführen. Dieses Unvermögen nährte die verwegene Hypothese, wonach zumindest einige der Anschläge von Kräften aus dem Sicherheitsapparat mit Billigung höchster Stellen geplant worden waren, um die Reformkräfte innerhalb von Partei und Regierung bloßzustellen und diese auf dem für März 2001 geplanten VII. Parteitag der LRVP entmachten zu können. Sogar über einen hinter den Kulissen stattfindenden Machtkampf zwischen der provietnamesischen Parteiführung und einer prochinesischen Reformfraktion um den fließend Mandarin sprechenden Außenminister Somsavat Laengsavat wurde gemutmaßt und mit der chinesischen Herkunft des aus Luang Prabang stammenden Somsavat begründet. In diese Argumentation spielte zudem ein regionalistisches Element hinein: Angeblich fühlte sich der am wachsenden Handel mit China profitierende Norden von den stärker mit Vietnam verbundenen südlichen Landesteilen benachteiligt.[46] Doch der am 12. März 2001 eröffnete VII. Parteitag offenbarte keinerlei Anzeichen für die vermuteten innerparteilichen Risse. Er verlief in gewohnter Harmonie und war auf personelle Kontinuität ebenso bedacht wie fünf Jahre später der VIII. Parteitag (18. bis 21. März 2006).[47]

Die laotische Regierung hatte die Reisesaison 1999/2000 zum »Visit Lao Year« erkoren. Ziel war die Förderung des Tourismus als wesentlicher Wirtschaftssektor. Die Bombenattentate zielten zumeist gegen auch von Touristen frequentierte Orte wie Restaurants, Hotels, Busbahnhöfe und Märkte. Eine Verunsicherung westlicher Touristen und der im Lande lebenden ausländischen Experten mag durchaus ein plausibles Motiv für die Anschläge gewesen sein und war – zumindest vorübergehend – eine ihrer unmittelbaren Folgen. Bis heute bleibt umstritten, inwieweit die Attentatsserie in Vientiane als Ausdruck einer »widespread desparation among the population at large over deteriorating economic and social conditions« zu werten ist, wie Bertil Lintner meint,[48] oder doch eher von Kräften betrieben wurde, die vom benachbarten Thailand aus agierten. Für letztere Hypothese spricht der Umstand, dass unter den mehr als 30 Rebellen, die im Juli 2000 vom thailändischen Chong Mek (Provinz Ubon Ratchathani) aus den laotischen Grenzposten Wang Tao vorübergehend besetzten, elf thailändische Staatsbürger laotischer Herkunft waren. Die Rebellen hatten in Wang Tao mehrere Regierungsgebäude besetzt und die alte laotische Königsfahne gehisst. Laotischen Sicherheitskräften gelang nach wenigen Stunden die Rückeroberung des Grenzpostens. Bei den 28 nach Thailand entkommenen und dort festgenommenen Rebellen wurde umfangreiches Propagandamaterial sichergestellt, das auf eine Verwickelung royalistischer Exilkreise hinwies.[49] Tatsächlich hatte der in Frankreich residierende Prinz Soulivong Savang, der älteste Enkelsohn von König Savang Vatthana, in einem unmittelbar nach dem Überfall Radio France International gegebenen Interview die politischen Ziele der Rebellen – wie die Wiederherstellung der Monarchie – nachdrücklich unterstützt. Seine spätere Distanzierung von jeglicher Gewaltanwendung zur Durchsetzung politischer Ziele wurde von Beobachtern als wenig glaubwürdig eingeschätzt.[50] Eine direkte Verbindung zwischen der royalistischen Exilopposition in Frankreich und den USA und den Bombenattentätern in Laos, möglicherweise über Mittelsmänner in Thailand, konnte bislang nicht bewiesen werden, wäre aber eine durchaus plausible Erklärung für die Attentatsserie.

Perspektiven

Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Macht ist die führende Rolle der LRVP in Staat und Gesellschaft unangefochten. Marxismus-Leninismus und »demokratischer Zentralismus« bilden nach wie vor das ideologische und organisatorische Scharnier der Partei, auch wenn die Lehren der kommunistischen »Klassiker« in den offiziellen Verlautbarungen wie in der konkreten politischen Praxis nur noch eine marginale Rolle spielen. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die die Einheit von Partei, Staat und Armee in Frage stellen könnten, existieren nicht.[51] Auch besteht im ländlich geprägten Laos, das den niedrigsten Alphabetisierungsgrad in ganz Südostasien besitzt, kein städtisches intellektuelles Milieu, das wie in Osteuropa den Humus für eine Dissidentenbewegung bilden könnte. Die diversen exillaotischen Oppositionsgruppen, die teilweise eigene Internet-Webseiten unterhalten, finden im Lande selbst keine erkennbare Resonanz.[52]

In dieser Konstellation können grundlegende Veränderungen im politischen System letztlich nur durch Kräfte innerhalb der LRVP initiiert werden. Derartige Veränderungen sind aber nur auf lange Sicht zu erwarten; denn sie werden entscheidend von politischen Prozessen in den kommunistisch regierten Nachbarländern China und Vietnam bestimmt. Ungeachtet der heute wieder als herzlich zu bezeichnenden Beziehungen zwischen Laos und China auf Partei- und Regierungsebene kommt dem Verhältnis zu Vietnam unverändert eine Schlüsselbedeutung zu.[53] Die erste Generation laotischer Kommunisten hatte ihre politische Sozialisation in engster Zusammenarbeit mit den vietnamesischen Kommunisten erfahren. Sie war sich bewusst, dass ohne die Unterstützung durch Hanoi der Sieg im Bürgerkrieg und die Konsolidierung der politischen Macht in den schwierigen Anfangsjahren der Volksrepublik kaum möglich gewesen wären. Auch die in Führungspositionen nachwachsenden Generationen bleiben mit Vietnam durch vielfältige Austauschprogramme – auf den Gebieten der Politik, des Militärs, der Kultur und der Bildung – eng verbunden. Solange die vietnamesische Partei an ihrem Machtmonopol festhält, wird die LRVP aller Voraussicht nach keine Veranlassung sehen, ihre Haltung in dieser zentralen Frage zu revidieren. Zu erwarten ist allenfalls eine weitere ideologische Aufweichung der Partei durch die seit Mitte der 1990er Jahre zu beobachtende Wiederbelebung nationaler Traditionen, wie sie u. a. in einer Neubewertung »progressiver« laotischer Könige der Lan- Sang-Epoche und der staatlichen Förderung buddhistischer Institutionen zum Ausdruck kommt.[54] Die Umformung der LRVP in eine primär nationalistische Partei würde allerdings die ethnischen Minderheiten, die mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen, marginalisieren und die Einheit des Landes gefährden.[55]

 

 


[1] * Ich danke Herrn David Thanadabouth, Chef der laotischen Sektion von Radio France Internationale, für wertvolle Hintergrundinformationen über die Strukturen laotischer Exilorganisationen. Für hilfreiche Anregungen möchte ich ferner Oliver Tappe (Münster) danken.

1 Die Auswirkungen der Globalisierung auf Laos wird unter Heranziehung der soziologischen Theorien Pierre Bourdieus untersucht in Rehbein, Boike: Globalisierung in Laos. Transformation des ökonomischen Feldes, Münster 2004. Zu einer prägnanten Einschätzung der Entwicklungen in den vergangenen drei Jahrzehnten siehe Weggel, Oskar: Auferstanden aus Ruinen? – Die Laotische Demokratische Volksrepublik wird 30 Jahre alt, in: Südostasien aktuell 2006, H. 1, S. 31–43.

[2] Pavatsat phak pasason pativat lao (dòi sangkhep) [Geschichte der Laotischen Revolutionären Volkspartei (Kurzfassung)], Vientiane 1997.

[3]  Zur Frühphase der Indochinesischen Kommunistischen Partei siehe u. a. Pike, Douglas: History of Vietnamese Communism. Washington 1977, S. 10 ff.; Marr, David: Vietnamese Tradition on Trial, 1920–1945, Berkeley 1981, S. 368–400; Pham Hong Tung: Die Politisierung der Massen in Vietnam 1925–1939, Berlin 2002, S. 247–287.

[4]  Der erste ethnische Lao, der 1934 in die Reihen der IKP aufgenommen wurde, war ein gewisser Khamsaeng (1913 bis 1963), ein niederer Beamter aus der zentrallaotischen Stadt Thakhaek. Zu Angaben über seine Person siehe Stuart-Fox, Martin: Historical Dictionary of Laos, 2. Aufl. Lanham, MD/London 2001, S. 152; Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2), S. 21. Siehe Stuart-Fox, Martin: Laos. Politics, Economics and Society, London 1986, S. 16.

[5]  Im Jahre 1940 betrug der vietnamesische Anteil an der Bevölkerung der wichtigsten Städte – deren jeweilige Einwohnerzahl zwischen ca. 10 000 (Thakhaek) und 40 000 (Vientiane) Einwohner betrug – wie folgt: Vientiane: 53 Prozent, Pakse: 62 Prozent, Savannakhet: 80 Prozent, Thakaek: 85 Prozent und Luang Prabang: 30 Prozent. 1937 waren nur 54 Prozent der 286 Posten in der höheren und mittleren Kolonialverwaltung (mit Ausnahme des Protektoratsstatus besitzenden Luang Prabang) von ethnischen Lao besetzt. Siehe Stuart-Fox, Martin: A History of Laos, Cambridge 1997, S. 51 f.

[6]  Die politischen Entwicklungen in Laos, die in die Unabhängigkeitsdeklaration vom Oktober 1945 mündeten, werden eindrucksvoll geschildert von Prinz Pethsarats persönlichem Sekretär Maha Sila Viravong in: Prinz Phetsarat: Ein Leben für Laos. Übers. u. hrsg. von Volker Grabowsky, Münster/Hamburg/London 2003, S. 111–144.

[7]  Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2), S. 46.

[8]  Eine konzise biographische Würdigung des »roten Prinzen« gibt Gunn, Geoffrey C.: Prince Souphanouvong: Revolutionary and Intellectual, in: Journal of Contemporary Asia 1992, H. 1, S. 94–103. Bernhard Dahm hält es im Hinblick auf Souphanouvongs spätere politische Radikalisierung für bedeutsam, dass seine Mutter – anders als die seiner älteren Halbbrüder Phetsarat und Souvanna Phouma – lediglich eine Nebenfrau des in Luang Prabang residierenden Vizekönigs Boun Khong war. Siehe Dahm, Bernhard: Die kommunistischen Bewegungen in Vietnam, Laos und Kambodscha, in: Draguhn, Werner/Schier, Peter: Indochina. Der permanente Konflikt?, Hamburg 1981, S. 61.

[9]  Stuart-Fox, Martin: Buddhist Kingdom Marxist State, Bangkok 1986, S. 54.

[10]  Aufschlüsse zum Werdegang des jungen Phoumi Vongvichit bietet dessen Autobiographie Khouam songcham khòng sivit hao [Meine Lebenserinnerungen], Vientiane 1987, S. 1–18.

[11]  Zu den Biographien der beiden anderen Revolutionsführer siehe Stuart-Fox: Historical Dictionary (Anm. 4), S. 281 f. u. 299 f.

[12]  Ebenda, S. 222 f.

[13]  Ebenda, S. 143 f. Die Brigade wurde nach einem Sohn des laotischen Königs Chao Anu benannt, der im laotisch-siamesischen Krieg von 1826 bis 1828 mit wenigen Getreuen der Einkesselung und Gefangennahme durch den Feind entkommen konnte und im Gedächtnis der geschlagenen Lao als Freiheitsheld weiterlebte.

[14]  Ebenda, S. 134.

[15]  In Genf war die Provinz Houa Phan, auch Sam Neua genannt, ebenso wie die an China grenzende Provinz Phong Saly den Pathet Lao als Sammlungs- und Umgruppierungsgebiet zugestanden worden.

[16]  Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2), S. 96.

[17]  Dem Zensus von 1995 zufolge waren 52,5 Prozent der Bevölkerung ethnische Lao, weitere 13,7 Prozent waren Angehörige anderer taisprachiger Gruppen (wie Phuthai, Lü und Nyuan). Somit gehörten 66,2 Prozent der Bevölkerung zur politisch dominanten Gruppe der »Tiefland-Lao« (Lao Loum). Allerdings umfasst die Kategorie »Lao« auch die teilweise schon seit mehreren Generationen in Laos lebenden, urban geprägten und meist bilingualen Minderheiten der Vietnamesen und Chinesen (ca. 3 bis 4 Prozent der Gesamtbevölkerung). Ferner besteht für Angehörige ethnischer Minderheiten, die in einem städtischen Milieu leben, ein nicht unerheblicher Assimilierungsdruck, der bei der Interpretation der Zensusergebnisse zu berücksichtigen ist. Zu den Ergebnissen der Volkzählung von 1995 siehe State Planning Committee, National Statistical Office: Results from the Population Census 1995, Vientiane 1997. Einige in Laos arbeitende westliche Ethnologen schätzen die Gesamtstärke der nicht zur Sprachfamilie der Tai-Kadai zählenden ethnischen Gruppen (ohne Chinesen und Vietnamesen) auf ungefähr 40 Prozent. Unter ihnen sind die Khmu und die Hmong die größten Volksgruppen. Siehe Chazee, Laurent: Atlas des ethnies et des sous-ethnies du Laos, Vientiane 1995, S. 15 f.

 

[18]  Für neuere Darstellungen der innerlaotischen Auseinandersetzungen der Jahre 1955 bis 1973 siehe Stuart-Fox: A History (Anm. 5), S. 81–151; Evans, Grant: A Short History of Laos. The Land in Between, Bangkok 2002, S. 98–165; Schultze, Michael: Die Geschichte von Laos. Von den Anfängen bis zum Beginn der neunziger Jahre, Hamburg 1994, S. 132–173.

[19]  Zu Organisationsstruktur und Entwicklung des Pathet Lao siehe u. a. Zasloff, Joseph J.: The Pathet Lao. Leadership and Organization. Lexington, Mass. 1973; Brown, MacAlister/Zasloff, Joseph J.: Apprentice Revolutionaries. The Communist Movement in Laos, 1930–1985, Stanford, CA 1986.

[20]  Laut Deuve hatten der NLHS und seine Verbündeten »keine einzige Stimme verschenkt«. Aufgrund der hoffnungslosen Zersplitterung der Opposition und eines die relativ stärkste Kraft begünstigenden Mehrheitswahlrechts errangen die prokommunistischen Kräfte nahezu zwei Drittel der neu zu besetzenden Parlamentssitze, obwohl ihre Kandidaten insgesamt nur ein Drittel der Stimmen auf sich vereinigten. Wie Deuve feststellt, stimmte ein großer Teil dieser Wähler bewusst für die Linke. Eine weit verbreitete Unzufriedenheit über Korruption und den Missbrauch amerikanischer Hilfsleistungen durch die herrschende Administration hatte der NLHS Symphatisanten zugeführt. In Vientiane hatte Prinz Souphanouvong als NLHS-Kandidat 16 000 von 30 000 Stimmen errungen, was das beste Ergebnis in einer Wahl war. Siehe Deuve, Jean: Le Royaume du Laos, 1949–1965. Histoire événementielle de l’indépendence à la guerre américaine, Paris 1984, S. 110. Zu den Wahlergebnissen im Detail siehe die Statistiken bei ebenda, S. 300 f.

[21]  Stuart-Fox: A History (Anm. 5), S. 144.

[22]  Prinz Souvanna Phouma (1901 bis 1984) war der dritte Sohn von Vizekönig Boun Khong und Prinzessin Thongsy. Er war ein jüngerer Bruder von Prinz Phetsarat und der ältere Halbbruder von Prinz Souphanouvong. Wie seine Brüder wirkte er aktiv in der Lao-Itsala-Bewegung und war von 1956 bis 1958 Ministerpräsident von Laos. Nach dem zweiten Genfer Abkommen von 1962 wurde der neutralistisch gesinnte Souvanna Phouma erneut Premierminister und trat erst bei Machtergreifung der Kommunisten Ende 1975 von diesem Amt zurück. Zu einer konzisen Biographie des Prinzen siehe Stuart-Fox: Historical Dictionary (Anm. 4), S. 307–310.

[23]  Die Inhaftierung der in Vientiane lebenden Pathet-Lao-Führer im Juni 1959 und ihre Flucht im Mai 1960, ermöglicht durch die Hilfe von Teilen der Wachmannschaften, werden in einem offiziellen kommunistischen Geschichtswerk in allen Einzelheiten geschildert. Siehe Ministerium für Information und Kultur: Pavatsat Lao Doekdamban–Pachuban [Geschichte von Laos von den Anfängen bis zur Gegenwart], Vientiane 2000, S. 876 f.

[24]  Latthathammanun haeng sathalanalat pasathipatay pasason lao [Die Verfassung der Laotischen Volksdemokratischen Republik], Vientiane 1991, S. 1.

[25]  Tappe, Oliver: Kontinuität und Konsolidierung. Laos zwischen Parteikongress und Parlamentswahlen, in: Südostasien 2006, H. 3, S. 13–16.

[26]  Khaosan Pathet Lao, in: <http://www.kpl.net.la/english> am 26. September 2006.

[27]  Stuart-Fox, Martin: Politics and Reform in the Lao People’s Democratic Republic (= Working Paper No. 126, Murdoch University), Perth 2005, S. 11.

[28]  Für eine ausführliche Darstellung der Aufgaben der laotischen Frontorganisationen siehe Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 84–91.

[29]  Quellen: Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2); Freeman, Nick J.: Laos. Sedately Seguing into the Twenty-first Century, in: Southeast Asian Affairs 2002, S. 145; Khaosan Pathet Lao (2006); in: <http://www.kpl.net.la/asenbly%20review/eng/edu8%2019306.htm>

[30]  Während eine Minderheit der Hmong unter Faidang Lobliayao sich den Pathet-LaoStreitkräften anschloss, unterstützte wahrscheinlich eine Mehrheit unter dem aus Siang Khouang stammenden früheren Polizeioffizier Vang Pao (geb. 1931) die königlich-laotische Regierung. Mit Geldern der CIA rekrutierte Vang Pao eine »Geheimarmee« der Hmong, die ü ber eine hohe Kampfmoral verfügte und das militärische Rückgrat der Regierungsseite bildete. Nach dem kommunistischen Sieg von 1975 hielt die amerikanische Regierung ihr Versprechen, Vang Paos Kämpfern und ihren Familien eine neue Heimstätte in den USA zu geben. Mehr als 120 000 von ursprünglich 300 000 laotischen Hmong verließen Laos nach dem Sieg des Pathet Lao. Zwei Drittel von ihnen sind heute amerikanische Staatsbürger. Die Mehrheit der heute ca. 150 000 amerikanischen Hmong lebt in Minnesota, wo sie ein wichtiges Segment im Elektorat dieses Bundesstaates bilden. Siehe Stuart-Fox: Historical Dictionary (Anm. 4), S. 127 f. u. 341 f.

 

[31]  Königin Khamboui verstarb am 12. Dezember 1981. Auch ihr Schicksal wurde von Regierungsseite niemals offiziell bestätigt. Zum Schicksal der Königsfamilie siehe Laos – »seminar camps« and the death of King Savang Vatthana, Laos, in: <http://www.exploitz.com/Laosquotseminar-Campsquot-And-The-Death-Of-King-Savang-Vatthana-cg.php> am 30. September 2006.

[32]  Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 53

[33]  Für eine derartige Skepsis siehe Evans, Grant: The Yellow Rainmakers: Are Chemical Weapons Being Used in Southeast Asia?, London 1983. Schätzungen der Hmong-Diaspora zufolge sollen sich bis heute etwa 15 000 bis 20 000 Hmong im laotischen Bergland versteckt halten. In der bis April 2006 für Ausländer gesperrten Sonder-Militärzone Saisombun nördlich von Vientiane sollen Reste der geschlagenen Hmong-Rebellen noch bis vor wenigen Jahren dem laotischen und vietnamesischen Militär erbitterten Widerstand geleistet haben. Erst im Januar 2003 hatten amerikanische Journalisten ein geheimes Dschungelcamp der Hmong in der Provinz Siang Khouang besucht und waren anschließend von laotischen Sicherheitskräften gefangen genommen worden. Die laotische Regierung bestreitet eine Unterdrückung der Hmong-Minorität und weist auf den im Vergleich zu anderen Minderheiten hohen Anteil von Hmong im politischen und gesellschaftlichen Leben des Landes hin. Siehe u. a. Die Hmong – noch immer gehetzt vom Vietnamkrieg, in: Neue Züricher Zeitung vom 7./8. Oktober 2006.

[34]  Schultze: Die Geschichte von Laos (Anm. 18), S. 178.

[35]  Im Gegensatz zu Vietnam hatte die laotische Regierung die diplomatischen Beziehungen mit der Regierung des Demokratischen Kampuchea bis zum Sturz des Pol Pot-Regimes (7. Januar 1979) nicht abgebrochen, obwohl die bilateralen Beziehungen zwischen Vientiane und Phnom Penh während des Jahres 1978 durch gelegentliche Grenzprovokationen der Roten Khmer gespannt waren.

[36]  Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 92.

[37]  Chanda, Nayan: A Defector’s Designs, in: Far Eastern Economic Review vom 26. März 1982, S. 44. Siehe Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 95. Die prochinesische Laotische Sozialistische Partei (Phak Sangkhom Ninyom Lao), die in den Jahren 1978 bis 1980 in Paris die bilinguale (laotisch-französische) Zeitschrift Sai Maenam Khòng (Strom des Mekong) herausgab, war für die chinesische Führung von geringem Interesse. Die ideologisch am Maoismus orientierte Gruppe, die vehement das Bündnis der »Kaysone-Clique« mit dem »sowjetischen Sozialimperialismus« verurteilte, bemühte sich, auch buddhistische Traditionalisten für eine antivietnamesische patriotische Front zu gewinnen. Siehe z. B. die diversen, dem Autor vorliegenden Beiträge in: Sai Maenam Khòng vom Juli 1978.

[38]  Asia 1991 Yearbook (Far Eastern Economic Review), Hongkong 1992, S. 149.

[39]  Eine ausführliche Würdigung der Protestaktionen laotischer Studenten in Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetuniuon gegen die Verhaftung der innerparteilichen Dissidenten im Juli/August 1991 findet sich in Norindr, Chou: Laos in the Deadlock. Would Socialism Survive?, in: Indochina Report 1992, H. 20, S. 5. Als Antwort auf die studentischen Proteste holte die Regierung 50 laotische Studierende aus der Sowjetunion und der Tschechoslowakei zurück. Es heißt, dass sie wegen ihrer politischen Haltung zeitweilig eine politische Umerziehung erhielten.

[40]  Chronology for Hmong in Laos, in: <http://www.cidcm.umd.edu/inscr/mar/chronology.asp? groupId=81201>

[41]  Amnesty International Report 2005–Laos, in: <http://www.unhcr.org/cgi-bin/texis/vtx/ rsd/rsddocview. html> am 25. September 2006.

[42]  Amnesty International berichtet, dass einer der drei Inhaftierten 2001 an den Folgen der Folter verstorben sein soll. Siehe Amnesty International Report 2006 – Laos: <http://www.unhcr.org/ cgi-bin/texis/vtx/rsd/rsddocview.html>. Siehe auch Simulacre de procès pour Thongpaseuth Keuakoun et ses amis!, in: <http://mldh-lao.org/MLDH_Communique_proces _5_leaders_du_01_avril_2003.htm> am 25. September 2006.

[43]  Khamsay verlor seinen Posten als Finanzminister im März 1995, nur wenige Monate nach dem Tode seines Vaters, dessen revolutionäre Dienste in der Folgezeit von der Parteiführung herabgewürdigt wurden. Die damit verbundenen Kränkungen mögen Khamsays innerliche Distanzierung vom herrschenden Regime beschleunigt haben. Siehe Lintner, Bertil: Laos: Signs of Unrest, in: Southeast Asian Affairs (Singapur) 2001, S. 179.

[44]  Der Autor dieses Artikels hielt sich wenige Stunden vor dem Anschlag in unmittelbarer Nähe des Tatortes auf. Ein deutscher Bekannter, der Augenzeuge des Anschlages wurde, erläuterte ihm am Tag danach den Tathergang.

[45]  Zu den Hintergründen der Bombenanschläge in Laos siehe u. a. Vientiane launches security crackdown after blast, in: Bangkok Post vom 31. Mai 2000; Bombs weaken Lao government credibility, in: The Nation vom 5. Juni 2000; Bomb blast in Pakse hotel lobby leaves 10 wounded, in: Bangkok Post vom 6. Juni 2000; One dead, 12 hurt in latest Vientiane bomb, in: The Nation vom 7. Juni 2000; Lao government vows to eliminate bombers, in: The Nation vom 9. Juni 2000; In Laos ist die Ruhe vorbei, in: Die Tageszeitung vom 2. August 2000.

[46]  Behind the Bombing, in: Far Eastern Economic Review vom 27. Juli 2000.

[47]  Zu den Ergebnissen des VIII. Parteitages siehe die Informationen der offiziellen laotischen Nachrichtenagentur Khaosan Pathet Lao (KPL), in: <http://www.kpl.net.la/english/service. htm> am 24. September 2006.

[48]  Lintner: Laos (Anm. 43), S. 180.

[49]  Thais involved in border raid, in: Bangkok Post vom 4. Juli 2000; Bordering on the ridiculous, in: Bangkok Post vom 9. Juli 2000. Die auf thailändisches Gebiet geflüchteten 16 laotischen Staatsbürger scheiterten 2002 mit ihrem Antrag auf Schutz durch den UNHCR; sie wurden im Juli 2004 an die laotischen Behörden ausgeliefert. Siehe Vientiane Dissidents. Thailand deports 16 to Laos, in: The Nation vom 7. Juli 2004. Einem anderen Bericht zufolge soll Sisouk Sainyasaeng alias Narong Suwanbuppha, ein Exillaote mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, der Chefplaner des Überfalls auf die Zollstation Vang Tao gewesen sein. Der mit einer aus Ubon Ratchathani stammenden Thai verheiratete Sisouk ist Führer einer Organisation namens Free Democratic People’s Government of Laos. Um seinen Geldgebern in den USA die Leistungskraft seiner Organisation unter Beweis zu stellen, sei der Überfall verübt worden, so lautet eine nicht verifizierbare These. Siehe Raid was a bid to revive revolt, in: Bangkok Post vom 5. Juli 2000. Auch hinter einem Anschlag auf das Siegesmonument (patou say) im Zentrum von Vien tiane im Oktober 2003 wurde Sisouks Organisation vermutet. Siehe eine Meldung der AFP vom 30. Oktober 2003. Die laotischen Behörden versuchten indes die Auswirkungen des Bombenattentats, das keine Opfer kostete, auf das bevorstehende buddhistische That Luang-Fest herunterzuspielen. Siehe Vientiane Times vom 4.–6. November 2006.

 

[50]  Thanadabouth, David: The Exiled Lao Royal Family and the Vangtao Incident, Radio France Internationale (Lao language section) vom 24. Juli 2000.

[51]  Stuart-Fox, Martin: Politics and Reform (Anm. 27), S. 28 f.

[52]  In den USA beheimatete Oppositionsgruppen, die vorgeben, Anhänger in Laos rekrutiert zu haben, sind die Lao Citizens Movement for Democracy, die von Hmong dominierte Fact Finding Commission (http://www.factfinding.org/media) und die von ehemaligen Offizieren der königlich-laotischen Armee gegründete Liberal Democratic Movment and Freedom Fighters in California (http://www.angelfire.com/in/Laos). Siehe Thayer, Carlyle A.: Laos in 2003. Counterrevolution Fails to Ignite, in: Asian Survey 2004, H. 1, S. 111 f.

[53]  Die politische Ikonographie der laotischen Kommunisten, wie sie z. B. in der Darstellung der Partei- und Regierungsbeziehungen zwischen Laos und seinen beiden kommunistischen Nachbarn im Nationalmuseum von Vientiane sichtbar wird, lässt an der Vorrangstellung Vietnams keinen Zweifel.

[54]  Im Januar 2003 wurde eine vier Meter hohe Statue des Reichsgründers von Lan Sang, König Fa Ngum (reg. 1353 bis 1373), auf einem dem Hotel Novotel vorgelagerten Platz errichtet. Siehe Freeman, Nick J.: Laos. Exiguous Evidence of Economic Reform and Development, in: Southeast Asian Affairs (Singapur) 2004, S. 129. Die Errichtung weiterer Statuen für »patriotische Könige« ist in Planung. Zu Einzelheiten über die geschichtspolitische Instrumentalisierung der monarchischen Vergangenheit von Laos durch die LRVP siehe Grabowsky, Volker: Becoming Lao: Projection and Reconstruction of Lao National Identity. Manuskript eines Vortrages gehalten auf dem IIAS (International Institute of Asian Studies) workshop »Nationalism in Mainland Southeast Asia«, Amsterdam am 17. Oktober 2005.

[55]  In einer Presseerklärung vom 25. Mai 2006 kritisiert der von ethnischen Lao dominierte und in Frankreich beheimatete Mouvement Lao pour les Droits de l’Homme (MLDH), dass die Repräsentanz der Hmong in der im April 2006 gewählten neuen Nationalversammlung mit sechs von 115 Abgeordneten (5,2 Prozent) gegenüber der vorangegangenen Legislaturperiode, als von 109 Abgeordneten noch 10 Hmong (9,2 Prozent) waren, deutlich zurückgegangen sei. Siehe <www.mldh-lao.org/communiques.htm> am 30. September 2006. 

Inhalt – JHK 2007

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