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JHK 2008

Inhaltsverzeichnis

JHK 2008

Das einzige Vaterland des Proletariats - die Sowjetunion: Ob gut oder schlecht, sie ist mein Land!

Jerzy Holzer

Die Haltung der kommunistischen Bewegung gegenüber der Sowjetunion kam viele Jahre dem Axiom nahe: »Our country, right or wrong« (Carl Schurz, 1899). Wann tauchte eigentlich die Formel von der Sowjetunion als Vaterland aller Kommunisten und des gesamten internationalen Proletariats auf? Schon während des Gründungskongresses der Komintern mangelte es nicht an Erklärungen, die die bolschewistische Hegemonie anerkannten oder sie postulierten. Die finnischen Kommunisten Sirola und Kuusinen betrachteten Sowjetrussland als Vorbild für alle Kommunisten; Kuusinen sah in ihm die Idee der Kommunistischen Internationale bereits verwirklicht. Der französische Delegierte Sadoul prognostizierte, Russisch werde zur gemeinsamen Sprache des internationalen Kommunismus. Der österreichische Delegierte Steinhardt (Deckname Gruber) verkündete, die russischen Kommunisten hätten eine neue Epoche der Weltgeschichte eröffnet.1 Solche stark emotional gefärbten Äußerungen kamen allerdings gerade nicht von den russischen Genossen. Die These von einer Musterrolle Russlands tauchte erst wenige Wochen vor dem 2. Kominternkongress in Lenins Schrift »Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit des Kommunismus« und während des 2. Kominternkongresses im Referat des Vorsitzenden Sinowjew auf. Er betrachtete die Partei als ein Heiligtum und verkündete, darin solle »die Arbeiterklasse der ganzen Welt der russischen folgen«.2 Diese Idee war Ausdruck der Überzeugung, das bolschewistische Parteimodell sei für einen siegreichen Vormarsch des Kommunismus unentbehrlich. Während jenes Kongresses im Juli und August 1920 kam es zu regelrechten Liebeserklärungen an Sowjetrussland und die Bolschewiken, auch von Personen, die früher oder später die Reihen der kommunistischen Bewegung verlassen sollten. Rosmer erklärte im Namen der französischen Delegation, dass in Sowjetrussland »für die gemeinsame Sache der ganzen Welt gerungen und gestorben wird«. Seratti beantragte, einen Appell an die Rote Armee zu richten, der u. a. den Satz enthielt: »Ihr kämpft nicht nur für die Interessen Sowjetrusslands, sondern auch für die Interessen der ganzen werktätigen Menschheit, für die Kommunistische Internationale.«3 Ebenso emphatisch wie die Reden waren die Berichte einzelner schon existierender oder in Gründung befindlicher Parteien. In einem der Berichte dürfte die Formel »das Vaterland des Proletariats« geprägt worden sein. Die jugoslawischen Kommunisten können für sich in Anspruch nehmen, sie erstmals verwendet zu haben. Sie beendeten ihren Bericht mit Rufen, unter anderem der Exklamation: »Es lebe die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, das erste Vaterland des internationalen Proletariats.«4 Ob dies eine bewusste Polemik gegen die Ideologie der Nationalstaaten war, welche gerade ihre Blütezeit erlebte, lässt sich schwer sagen. Die Formel der jugoslawischen Kommunisten fand jedoch zunächst keinen Widerhall. Im Allgemeinen bedeuteten damals solche Liebeserklärungen an Russland noch nicht, dass die Furcht vor einer Unterwerfung der internationalen kommunistischen Bewegung durch die Bolschewiken verschwunden war. Es dauerte noch mehrere Jahre, bis in der Komintern bezüglich der Bewertung der Rolle der Sowjetunion Übereinstimmung herrschte. Es ist bekannt, dass die Kominterngründung selbst gewisse Kontroversen hervorrief. Besonders die deutschen Kommunisten befürchteten, die Komintern könnte zu einer Dominanz der Interessen von Bolschewiken, die in ihrem Lande schon die Macht im Staate ausübten, führen.5 Während des 2. Kongresses der Komintern äußerten sich der niederländische Delegierte Wijnkoop und der Deutsche Levi kritisch zur Beibehaltung ihres Sitzes in Moskau.6 Später wurden solche Stimmen auch deshalb immer seltener, weil die eher kritischen kommunistischen Parteiführer entweder selbst die Partei verließen oder unter Moskauer Druck ausgeschlossen wurden. Als Beispiel kann die Situation in der polnischen Partei dienen. Einerseits enthielt eine Resolution über die internationale Lage, welche die 1. Konferenz der Kommunistischen Arbeiterpartei Polens im April 1920 billigte, die Formel »Sowjetrussland, Bahnbrecher der Arbeiterrevolution«.7 Andererseits beschuldigte während der 3. Konferenz dieser Partei im April 1922 das bisherige ZK-Mitglied Władysław Kowalski Sowjetrussland, es wolle der Komintern seine Interessen aufzwingen. Obwohl er stark kritisiert wurde, durfte er weiter in der Partei bleiben.8 Zu einem Haltungswandel in dieser Frage kam es, als in der internationalen kommunistischen Bewegung klar anerkannt wurde, dass diese vorrangig den Interessen des sowjetischen Staates dienen sollte, weil dadurch langfristig Interessen der gesamten Komintern bzw. – wie man es entsprechend der Ideologie formulierte – des Weltproletariats realisiert würden. Weber sieht in Bucharin den Initiator dieser These, Humbert-Droz schreibt Sinowjew diese Rolle zu. Beide berufen sich auf die Referate des 4. Kongresses der Komintern im November 1922.9 Ganz sicher wurde die These den anderen Kommunisten von den russischen nicht nur aufgezwungen. Die europäische Revolution war im ersten Anlauf gescheitert, und für einen neuen, hoffentlich baldigen, brauchte man eine feste Basis. In dieser Hinsicht waren russische und andere Kommunisten ähnlicher Meinung. Während des 5. Kongresses der Komintern im Juni und Juli 1924 wurde zwar nicht die Formel vom sowjetischen Vaterland, aber die ebenso emotionale vom Heimatland vielfach ausgesprochen. Der deutsche Delegierte Geschke sagte, dass jeder Delegierte »hier nach Rußland, nach Moskau, nach seinem Heimatland kommt«, dass er »entsandt wird von dem revolutionären Proletariat nach seiner Heimatstadt, nach Moskau« und »daß er mit seinem Leben einsteht für sein Heimatland, für Sowjetrußland«. Die erweiterte Exekutive fasste gleich nach dem Kongress auf Antrag von Thälmann einen Beschluss, in dem die Rote Armee als »der Schild der Unterdrückten und das Schwert der Enterbten« bezeichnet wurde.10 Immerhin verhinderten die Emotionen nicht, dass Thalheimer, der kritisierte und abgeschobene Führer der deutschen Kommunisten, auftrat und indirekt die Hegemonie der Bolschewiken in der Komintern kritisierte. Er erkannte zwar die führende Rolle der russischen Partei an, widersprach jedoch der Entmündigung der westeuropäischen Parteien mit dem Argument, er könne sich »nicht vorstellen, daß Parteien, die sozusagen noch den Gummilutscher im Munde haben, im Westen die Revolution machen werden, sondern sie müssen vom Kinderalter ins Mannesalter übergehen«.11 Sogar noch Anfang 1926, während einer Sitzung der Kominternexekutive, widersetzte sich (übrigens in seinem letzten Auftritt vor dem Auschluss aus der kommunistischen Bewegung) der Führer der italienischen Kommunisten Bordiga der Hegemonie der russischen Partei.12 Nach dem 4. Kominternkongress findet sich erstaunlicherweise mehrere Jahre lang in keinem Text der führenden polnischen Kommunisten die Formel von der Sowjetunion als Vaterland oder Heimatland des Proletariats. Es gab verschiedene Deklarationen über die Musterrolle und »Mission« der Sowjetunion, aber gerade die Formulierung, die bei den Kommunisten in anderen Ländern schon üblich war, fehlte.13 Man könnte annehmen, dass sich alle der Meinung der sogenannten Rechten, mit Koszutska als Führerin, anschlossen, die die polnische Unabhängigkeit betonten und an den polnischen Patriotismus appellierten. Doch damals steuerten zeitweise Vertreter einer anderen Gruppe, die sogenannten Linken, die Partei, und auch sie vermieden in den Parteidokumenten solche Formeln. Wahrscheinlich wollten weder die Rechten noch die Linken, oder jedenfalls kaum jemand von ihnen, in interne Streitereien der Bolschewiken hineingezogen werden, und manche sympathisierten sogar mit den oppositionellen Fraktionen der sowjetischen Partei. Vermutlich nahmen die polnischen Kommunisten auch Rücksicht auf die außerordentliche Sensibilität der Bevölkerung, wenn es um die Unabhängigkeit des Landes ging, und auf die Stärke des polnischen Patriotismus. Sie sahen eben doch einen Widerspruch zwischen den Ideen eines nationalen Vaterlandes und eines »Vaterlandes des Weltproletariats«. In den offiziellen Publikationen der Komintern wurde die Losung »Das internationale Proletariat verteidigt sein Vaterland« erst im Mai 1927 gebraucht, und zwar in Thesen der Exekutive über die Kriegsgefahr.14 In offiziellen Dokumenten der Kommunistischen Partei Polens war zum ersten Mal im September 1927, im Beschluss über die Hauptaufgaben der Partei, von der »Verteidigung der Sowjetunion als des internationalen proletarischen Vaterlandes« die Rede.15 Eine ähnliche Formulierung findet sich im Beschluss des 6. Plenums des ZK der Partei vom August 1929: Man müsse »eine unlösbare Verbindung zwischen der Verteidigung des Vaterlandes des internationalen Proletariats – der Sowjetunion – und dem Kampf um die lebenswichtigsten Interessen der polnischen arbeitenden Massen aufzeigen«.16 Auch in den Beschlüssen des 5. Parteitages der KPP im September 1930 taucht die Losung von der Sowjetunion als Vaterland des Proletariats auf.17 Im Programm der Komintern, beschlossen auf dem 6. Kongress im Sommer 1928, wurde die Sowjetunion als das »wahre Vaterland des Proletariats« proklamiert: »In der Sowjetunion erkämpft sich das Proletariat zum erstenmal in der Geschichte sein Vaterland. [...] Die Sowjetunion ist das wahre Vaterland des Proletariats, die festeste Stütze seiner Errungenschaften und der Hauptfaktor seiner internationalen Befreiung; das verpflichtet das internationale Proletariat, dem sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion zum Erfolge zu verhelfen und das Land der proletarischen Diktatur mit allen Mitteln gegen die Angriffe der kapitalistischen Mächte zu verteidigen.«18 In der polnischen Partei griff Julian Brun als Erster diese Losung auf. In der 1929 publizierten Broschüre »Was verteidigen wir?« verwendete er in der Einführung die traditionelle Formel, und im Schlusswort nannte er die Sowjetunion das »einzige Vaterland der Arbeiter und Bauern der ganzen Welt«.19 In die offiziellen Dokumente der Partei fand diese Formulierung erst während des 6. Parteitages im November 1932 Eingang. Im damaligen Programmentwurf hieß es, die Sowjetunion sei »das einzige Vaterland des Proletariats, das einzige Vaterland aller Unterdrückten und Ausgebeuteten«.20 Dass dieser Sowjet-Patriotismus mehr als nur eine Parole war, davon zeugen die Erinnerungen des ehemaligen österreichischen Kommunisten Ernst Fischer. Er beschreibt seine Ankunft in der Sowjetunion 1934 mit den Worten: »Wir kommen nicht als Gäste, wir kommen als Menschen, die ihre Heimat besuchen.«21 Beide Formulierungen, sowohl die gemäßigtere als auch die extreme, verschwanden jedoch seit 1935 wieder aus den offiziellen kommunistischen Dokumenten. Wegen der neuen politischen Linie der Volksfront ging es darum, den Kampf gegen den Faschismus und die Verteidigung der Unabhängigkeit des eigenen Landes zu betonen. Das eigene Land existierte wieder als Vaterland. Die Sowjetunion wurde besonders häufig als ein Hort bezeichnet – Hort des internationalen Proletariats, des Friedens oder der Freiheit.22 In Polen betonten die Kommunisten auch die Rolle der Sowjetunion als Verteidiger der polnischen Unabhängigkeit.23 Schon anachronistisch wirkte ein Text von Brun, der im August 1935, die Verhandlungen des 7. Kongresses der Komintern und die proklamierte Linie der Volksfront rekapitulierend, schrieb: »Dort spürten die führenden Kämpfer des Weltproletariats aus allen Nationen und Rassen vollkommen die lebendige Wahrheit und die historische Bedeutung der Worte: die Sowjetunion – das Vaterland des internationalen Proletariats.«24 Andererseits waren der sowjetische Quasipatriotismus und die mit ihm eng verbundene Stalinverehrung in den kommunistischen Parteien bereits tief verwurzelt, selbst wenn aus taktischen Gründen die Formel vom sowjetischen Vaterland nicht weiter verkündet wurde. Historiker sollten aber auch nach den Gründen für eine solche Beziehung zu Sowjet-russland und später zur Sowjetunion fragen, nach den Gründen für einen sowjetischen Patriotismus, den man bei vielen kommunistischen Intellektuellen und Politikern wahrnehmen konnte. Mehrere Faktoren, so scheint es, spielten dabei eine Rolle, die größte Bedeutung hatten die folgenden drei: Am wichtigsten war eine eigenartige, um nicht zu sagen manichäische Weltvorstellung: Das Gute kämpft gegen das Böse, und der Weg führt in eine wunderbare Zukunft, selbst wenn dabei Fehler oder sogar Verbrechen vorkommen. Der zweite Faktor war die organisatorische und finanzielle Abhängigkeit der kommunistischen Bewegung von der Sowjetunion. Schließlich wurde die geradezu hagiographische Einstellung zur Sowjetunion instrumentalisiert, sowohl in der Zeit vor Stalins Diktatur als auch besonders unter seiner Herrschaft. Diese drei Aspekte sollen im Folgenden genauer beleuchtet werden. Schon seit dem November 1917 war das Verhältnis der internationalen kommunistischen Bewegung (oder ihrer Vorgänger) zu Sowjetrussland und später zur Sowjetunion von dem Eindruck geprägt, dass sich die Welt oder Europa polarisierten. Die Bolschewiken wurden als »die Unseren« betrachtet, mit einer besonderen Schuld ihnen gegenüber, weil sie die schwere Last eines Protagonisten der Weltrevolution auf sich genommmen hatten. Anfänglich stand das nicht im Widerspruch zu kritischen Ansichten über manche bolschewistische Aktivitäten, aber es gab zumindest Befürchtungen wegen negativer Auswirkungen öffentlicher Kritik. Wie man das komplizierte Schicksal des Rosa-Luxemburg-Textes über die russische Revolution auch beurteilen mag: Es scheint unbestreitbar zu sein, dass sie befürchtete, damit Sowjetrussland zu schaden, und deswegen die Veröffentlichung vermied.25 Aus solchen Vorbehalten resultieren wohl auch die bereits häufig interpretierten Äußerungen Maria Koszutskas während der Sitzung der Polnischen Kommission des 5. Kongresses der Komintern im Jahre 1924. Meistens richtete sich besonderes Augenmerk auf ihren Widerspruch gegen die damals angewandten Methoden der Bolschewisierung. Hier interessiert aber mehr, wie Koszutska die Notwendigkeit der Unterordnung gegenüber den Bolschewiken begründete: »Wenn die Sache auf des Messers Schneide stünde, wenn ihr den Arbeitern in Polen sagtet, sie sollten zwischen euch und uns wählen, was, denkt ihr, würden wir dann tun? Eben, uns bliebe nichts anderes übrig, als ihnen zu sagen, sie sollten mit euch gehen. [...] Jede ernstere Dissonanz, jeder Streit mit der russischen Partei und dem russischen ZK bedeutet für die Partei eine große ideologische Gefahr und muß auf starken Widerstand stoßen, weil wir in einem durch die Bourgeoisie und Versöhnler verursachten Klima glühenden Hasses gegen Sowjetrussland handeln.«26 Der während der Säuberungen ermordete führende deutsche Kommunist Heinz Neumann hatte im Februar 1922 in einem Artikel in der »Kommunistischen Internationale« verkündet: »das Schicksal Sowjetrußlands ist das Schicksal des Weltproletariats«.27 Er hat seine Meinung nicht geändert. Noch im Jahre 1934 erklärte er, »daß er sich trotz aller Zweifel, trotz aller Kritik an der Linie der Komintern nach dem Scheitern seiner Opposition unterwerfen müsse, sonst werde er zum Feind der Sowjetunion, der einzigen wahrhaft antifaschistischen Macht in der Welt«.28 Ähnlich äußerte sich damals auch Ernst Fischer: »Die Sowjetunion ist, so gut oder schlecht sie sein mag, das einzige Land des Sozialismus, jeder Schlag gegen sie ist ein Schlag gegen den Sozialismus.«29 Nachdem er sich von der kommunistischen Bewegung gelöst hatte, schrieb der langjährige schweizerische Politiker Jules Humbert-Droz seine Erinnerungen. Selbst unter diesen Umständen verzichtete er auf Kritik an der Sowjetunion: »La Révolution russe, malgré sa dégénérescence bureaucratique et ses difficultés intérieures, restait l’événement le plus considérable du siècle [...]. Pouvais-je critiquer la dégénérescence de l’URSS de l’extérieur, en livrant des arguments à la contre-révolution et à laq meute des chacals réactionnaires aux chausses de la Révolution russe?«30 Stellvertretend für jene Kommunisten, die der Überzeugung waren, dass die Gründung des sowjetischen Staates eine epochale Bedeutung hatte, seien hier Georg Lukács und Ernst Fischer zitiert. Lukács schrieb, dass »das russische Volk – als erstes in der Welt – aus der Vorgeschichte der Menschheit heraustritt und […] ihre wahre Geschichte, den Sozialismus, beginnt«31. Ernst Fischer erinnerte sich an den Beginn der Zwanzigerjahre, als er selbst noch linker Sozialist war: »Was dort in Moskau geschah, war die Zukunft, die Antwort, nicht nur die politische des Sozialismus, sondern das Ganze, das andere, die Erneuerung aus dem Grunde unseres Herzens.« Er zitiert auch aus einem Artikel, den er im Januar 1930 geschrieben hatte: »Das Werk der Revolution – lebt, wächst, entfaltet sich riesenhaft, und ob das im Namen Trotzkis oder im Namen Stalins geschieht – das ist für die Arbeiterklasse nicht das Entscheidende.«32 Vielleicht am schockierendsten sind die Äußerungen von zwei kommunistischen »Häretikern«, Heinrich Brandler und Isaac Deutscher, in ihrer Korrespondenz im Laufe der Fünfzigerjahre. Deutscher schrieb 1953 an Brandler: »The only credit which one must and ought to give Stalinism is that it has been creating in Russia and in the countries of the Soviet orbit the material and organizational preconditions of socialism.« In einem Brief von Brandler an Deutscher heißt es 1955: »Wir [Brandler und Thalheimer – JH] sahen darin ein unvermeidliches Durchgangsstadium, in dem nicht nur die wirtschaftlichen Grundlagen, sondern auch der sozialistische Mensch geschaffen wurde, der die Bürokratie überflüssig macht.« Ein Jahr später schrieb Brandler in einem Brief an den dänischen Sozialisten Boserup über seine Erfahrungen in der Sowjetunion: »Das machte mir die Gedanken zum Axiom, daß solange die Grundlagen der Oktoberrevolution – Vergesellschaftung der Produktionsmittel und ihre planmäßige Anwendung – nicht beseitigt werden, alle Fehler, auch die vermeidbaren Grausamkeiten, letzten Endes die Grundmauern der S. U. festigen und den sozialistischen Mensch herausbilden, ohne den es keine sozialistische Produktion gibt.«33 Doch sollte auch die finanzielle Abhängigkeit der kommunistischen Parteien von der Moskauer Zentrale berücksichtigt werden. Im Bericht der Exekutive der Komintern zu deren 2. Kongress stand: »Schon während der ersten Sitzung der Kommunistischen Internationale wurde festgestellt, daß jede Partei und Organisation, welche an der III. Internationale teilnimmt, der Exekutive der Internationale entsprechende Beiträge bezahlen sollte. Während dieser ersten Sitzung, an der mehrere Genossen aus verschiedenen Ländern teilnahmen, beschloß man jedoch, sich an die Russische Kommunistische Partei zu wenden mit dem Vorschlag, sie sollte momentan die Hauptlast der Kosten, welche im Zusammenhang mit der Tätigkeit der Exekutive stehen, übernehmen. [...] Die Russische Kommunistische Partei betrachtete es als ihre Ehrenverpflichtung, diesen Vorschlag anzunehmen.« Aus dem Bericht geht im Weiteren klar hervor, dass nicht nur die Kominternexekutive, sondern auch die einzelnen Parteien für die Tätigkeit in ihren Ländern finanzielle Hilfe bekamen.34 Sinowjew sprach dies in seiner Schlussrede auf dem 2. Kongress nochmals an: »Wir wünschen unseren Genossen Mut zu diesem Kampfe, und wir bitten sie, in den schweren Augenblicken daran zu denken, daß die Sowjetrepublik bereit ist, alles, was sie besitzt, mit ihnen zu teilen. Die Kommunistische Partei Rußlands hält es für ihre Ehrenpflicht, allen Brüderparteien mit allem, was sie hat, zu Hilfe zu kommen.«35 Schließlich sei darauf verwiesen, dass die Charakterisierung der Sowjetunion als »das Vaterland des Proletariats« oder »das einzige Vaterland des Proletariats« ideologisch instrumentalisiert wurde, um die internationale kommunistische Bewegung von der Moskauer Zentrale abhängig zu machen. Sie gehörte also zu einem ideologischen Zwangskorsett. Als auf dieses Instrument aus taktischen Gründen verzichtet wurde, schien es politisch nicht mehr erforderlich. Der Grad der Abhängigkeit war so hoch, dass die sowjetische Partei scheinbar die Situation völlig beherrschte. Erst mehr als ein Jahrzehnt später, nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges in Jugoslawien, und dann nach der Entstehung der zweiten kommunistischen Großmacht in China erwies sich diese Annahme als falsch. 1 Der I. Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen in Moskau vom 2. bis zum 19. März 1919, Hamburg 1921, S. 33, 62, 98, 104. 2 Der Zweite Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen vom 19. Juli in Petrograd und vom 23. Juli bis 7. August 1920 in Moskau, Hamburg 1921, S. 75. 3 Ebenda, S. 40–42. 4 Berichte zum Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale, Hamburg 1921, S. 161. 5 Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, Bd. 1, Frankfurt 1969, S. 29. 6 Lazitch, Branko / Drachkovitch, Milorad M.: Lenin and the Comintern, v. 1, Stanford 1972, S. 194. Siehe auch Der Zweite Kongress (Anm. 2), S. 583 (Rede von Wijnkoop). 7 KPP. Uchwały i rezolucje [KPP. Beschlüsse und Resolutionen], Bd. 1, Warszawa 1953, S. 89. Diese Publikation ist reich an Auslassungen und Fälschungen, sie betreffen jedoch nicht die ausgewählten Zitate. 8 Koszutska, Maria / Kostrzewa, Wera: Pisma i przemówienia [Schriften und Reden], Bd. 2, Warszawa 1961, S. 37. Siehe auch ein Brieffragment der Kominternexekutive an die polnische Partei vom Dezember 1922 r., KPP, Bd. 1, S. 181. 9 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 5), S. 33; Humbert-Droz, Jules: De Lenine à Staline. Dix ans au service de l’Internationale Communiste 1921–1931, Neuchâtel 1971, S. 126. 10 Protokoll des V. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, Bd. 1 [Hamburg 1924], Erlangen 1971 (Reprint), S. 25 f., 381, 1045. 11 Ebenda, S. 241. 12 Buber-Neumann, Margarete: Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919–1943, Stuttgart 1967, S. 164. 13 Koszutska, Maria / Kostrzewa, Wera: Pisma i przemówienia, Bd. 3, Warszawa 1962, S. 32, 177, 419; KPP, Uchwały i rezolucje, Bd. 2, Warszawa 1955, S. 257. Siehe auch Nollau, Günther: Die Internationale. Wurzeln und Erscheinungsformen des proletarischen Internationalismus, Köln 1959, S. 70. 14 Weber, Hermann: Kommunistische Bewegung und realsozialistischer Staat. Beiträge zum deutschen und internationalen Kommunismus, Köln 1988, S. 231. 15 KPP, Bd. 2 (Anm. 13), S. 437. 16 Ebenda, S. 527. 17 KPP. Uchwały i rezolucje, Bd. 3, Warszawa 1956, S. 158. 18 Programm der Kommunistischen Internationale, angenommen vom VI. Weltkongress am 1. September 1928 in Moskau, Hamburg / Berlin 1928, S. 67, 69. 19 Brun, Julian: Pisma wybrane [Ausgewählte Schriften], Bd. II, Warszawa 1956, S. 5, 12. 20 KPP. Uchwały i rezolucje, Bd. 3 (Anm. 17), S. 400. 21 Fischer, Ernst: Erinnerungen und Reflexionen, Hamburg 1969, S. 291. 22 KPP. Uchwały i rezolucje, Bd. 3 (Anm. 17), S. 639. 23 Ebenda, S. 534 f., 549, 565; Leński, Julian: O Front Ludowy w Polsce 1934–1937. Publicystyka [Über die Volksfront in Polen 1934–1937. Publizistik], Warszawa 1956, S. 145, 223. 24 Brun: Pisma wybrane, Bd. 2 (Anm. 19), S. 347. 25 Siehe Nettl, Peter: Rosa Luxemburg, Köln / Berlin 1965, S. 680; Badia, Gilbert: Rosa Luxemburg. Journaliste, Polémiste, Révolutionnaire, Paris 1975, S. 288 f. 26 Koszutska: Pisma i przemówienia, Bd. 2 (Anm. 8), S. 296. 27 Zitiert nach Buber-Neumann: Kriegsschauplätze der Weltrevolution (Anm. 12), S. 68. 28 Ebenda, S. 407. 29 Fischer: Erinnerungen und Reflexionen (Anm. 21), S. 300. 30 Humbert-Droz: De Lenine à Staline (Anm. 9), S. 461. 31 Zitat nach Fetscher, Iring: Von Marx zur Sowjetideologie, IX. Aufl., Frankfurt a. M. 1963, S. 135. 32 Fischer: Erinnerungen und Reflexionen (Anm. 21), S. 115, 228. 33 Weber, Hermann (Hrsg.): Unabhängige Kommunisten. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Brandler und Isaac Deutscher 1949 bis 1967, Berlin 1981, S. 90, 144, 255. 34 Dokumenty z historii III Międzynarodówki Komunistycznej [Dokumente aus der Geschichte der III. Kommunistischen Internationale], Heft 2, Warszawa 1962 , S. 108 f. 35 Berichte zum Zweiten Kongreß (Anm. 4), S. 13.

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Der Rote Frontkämpfer und der militante Gewerkschafter: Konstruktionen der proletarischen Führerfigur in Deutschland und Großbritannien

Norman LaPorte / Kevin Morgan

1 Nichtdeutschen Lesern begegnet der Name Hermann Weber am häufigsten in Verbindung mit der Stalinisierungstheorie, die erstmals in seinem bahnbrechenden Werk Wandlung des deutschen Kommunismus aus dem Jahre 1969 veröffentlicht wurde. Wie jedes historische Konzept wurde die Stalinisierungstheorie durch ihre Entstehungszeit geprägt. Nicht selten wird sie mit den Trennlinien des Kalten Krieges identifiziert, die die desaströsen Folgen der stalinistischen Politik in Deutschland besonders schmerzhaft spürbar machten. Als wir kürzlich über einen neuen internationalen Sammelband zur Kominternperiode diskutierten, an dem wir als Autoren beteiligt sind, trat die Stalinisierung als ein gestaltendes Moment hervor, dessen analytische Implikationen nicht annähernd erschöpft sind.2 Insbesondere eröffnen die Stringenz und die Präzision des Modells einer vergleichenden Forschung, die über die spezifische Situation Deutschlands hinausblickt, Möglichkeiten, die Reichweite, Intensität und Periodisierung der beabsichtigten Gleichschaltung der Komintern in unterschiedlichsten Kontexten zu analysieren. Ein Gesichtspunkt, der in Webers ursprünglichem Konzept nur eine marginale Rolle spielt, ist der für die stalinistische Partei charakteristische Führungskult. Dies ist verständlich, denn obgleich sich der Stalinkult in den 1920er-Jahren bereits ankündigte, wird seine volle Ausprägung selbst für die UdSSR gewöhnlich auf das Jahr 1929 oder sogar später datiert.3 Wenn man unter Stalinisierung die Generalisierung des sowjetischen Modells sowie die politische Unterordnung der kommunistischen Parteien versteht, werden die Führungskulte weniger mit dem Stalinisierungsprozess verknüpft, den Weber im Zeitraum von 1924 bis 1929 verortet, als vielmehr mit dessen Kulmination in vollständig stalinisierten Parteien in den 1930er- und 1940er-Jahren. In dieser Phase brachte auch die Komintern in der Gestalt Dimitroffs eine Galionsfigur hervor, die unter den farblosen Funktionären der 1920er-Jahre ihresgleichen suchte. Als Figuren wie Dimitroff an der Spitze der Nachkriegs-volksdemokratien installiert wurden, erreichte der mimetische Kult einen Höhepunkt. Die jüngsten Debatten um die stalinistische Führung haben sich insbesondere auf diese spätere Periode konzentriert.4 Führungskulte werden bisher eher als Ausdruck, Stütze und Legitimierung der stalinisierten Partei untersucht, weniger als eines der Instrumente zur Verankerung ihrer charakteristischen Machtstrukturen. Zu dieser Thematik gibt es umfangreiche Literatur, insbesondere über Maurice Thorez und die KPF (Kommunistische Partei Frankreichs), die in vielerlei Hinsicht beispielhaft für den Volksfront-Stalinismus sind5 – jedoch nicht über die KPD, die in dem von Weber skizzierten Stalinisierungszeitraum eine ähnlich exemplarische Rolle spielte. Dessen ungeachtet kann gerade in Deutschland, in der Figur des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, eine der frühesten Manifestationen des Phänomens nachgewiesen werden. Anhand von Thälmann und dem Generalsekretär der CPGB (Communist Party of Great Britain / Kommunistische Partei Großbritanniens) Harry Pollitt, den man als eine Art britisches Pendant zu ihm betrachten kann, versuchen wir derzeit, einige Aspekte der Stalinisierung vergleichend zu untersuchen. Ein Ziel besteht darin herauszuarbeiten, inwieweit die von Weber herausgestellten politischen Charakteristika allgemeine Imperative kommunistischer Politik widerspiegeln und inwieweit sie von gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Spezifika des deutschen Kommunismus geprägt sind. Ein weiteres Ziel ist es nachzuprüfen, ob die Stalinisierung lediglich die Übernahme eines russischen oder bolschewistischen Modells bedeutete oder ob sie ebenso Ausdruck der Dominanz von strategischen Perspektiven und Formen der Mobilisierung innerhalb der Komintern war, die in den 1920er-Jahren auf Deutschland fokussiert waren. Die Stalinisierung, wie auch der Bolschewismus, war keineswegs nur ein russisches Phänomen, sondern wurde ebenfalls durch transnationale Einflüsse und das internationale politische Umfeld geformt, am stärksten zweifellos durch Deutschland – besonders durch das Organisationsmodell der Vorkriegssozialdemokratie und die Zentralität von Weimar-Deutschland für eine zukünftige europäische Revolution. Mit Sicherheit ist die Stalinisierung der CPGB ab 1929 nur schwer von der im Vergleich deutlich größeren symbolischen, ideologischen und organisatorischen Macht zu trennen, derer sich die KPD zu dieser Zeit erfreute. Trotz der Unterordnung der KPD unter Moskau war die Stalinisierung in mancher Hinsicht ein Zeichen für die herausragende Stellung der KPD unter den nichtregierenden kommunistischen Parteien. Dementsprechend stellten jedoch der Niedergang und die Diskreditierung dieses Vorbilds – nach 1923 und nachdrücklicher nach 1933 – auch viele Wesensmerkmale dieses Modells kommunistischer Politik stark infrage. Im Folgenden diskutieren wir diese Themen im Hinblick auf die beiden Spitzenorganisationen, mit denen Thälmann und Pollitt hauptsächlich identifiziert wurden: den Roten Frontkämpferbund (RFB) und das National Minority Movement (NMM). Dies bietet sich für einen direkten synchronischen Vergleich an, da das fünfjährige Bestehen des RFB fast genau mit Pollitts Amtszeit als Generalsekretär des NMM zusammenfiel und zu der Periode zählt, in der nach Weber die Stalinisierung stattfand. Andererseits wurde Pollitt erst gegen Ende dieser Periode Generalsekretär seiner Partei und erst nach Thälmanns Inhaftierung durch die Nazis zum Gegenstand eines einsetzenden Führungskults. Die zeitliche Dimension, die man so in den Vergleich einführt, ermöglicht die Überlegung, inwieweit das Stalinisierungsnarrativ auf die veränderten politischen Prioritäten und den dezimierten Kominternapparat der späten 1930er-Jahre anwendbar ist. In der kritischen Betrachtung seines Vier-Punkte-Modells der Stalinisierung gestand Weber kürzlich angesichts nun verfügbarer Dokumente der Abhängigkeit von Moskau ein noch größeres Gewicht zu, und bezüglich einer Reihe von Schlüsselfragen liegt er damit sicher richtig.6 Vergleichend betrachtet bleibt jedoch der vierte und am wenigsten bedeutsame seiner Erklärungsfaktoren – die Rolle der jeweiligen nationalen Bedingungen für die Entfaltung des Stalinismus – zentral für die Erklärung der unterschiedlichen Gesichter, die der Kommunismus in den verschiedenen politischen Kontexten zeigte, bis hin zu so existentiellen Variablen wie kontinuierlicher Legalität und systematischer Unterdrückung. »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft« Wenn eine Institution den militanten und aggressiven Charakter des Weimarer Kommunismus verkörperte, dann war dies der RFB.7 Er wurde im Juli / August 1924 als legale Organisation gegründet, die die »Proletarischen Hundertschaften« ersetzen sollte. Diese hatten eine herausragende Rolle während der turbulenten Ereignisse des vorangegangenen Herbstes gespielt. Ein Auslöser war die Gründung des Reichsbanner-Bundes, einer von der SPD dominierten republikanischen »Verteidigungsorganisation«. Ein weiterer war die regelmäßige Demonstration von Stärke seitens der extremen Rechten in Form der sogenannten »Deutschen Tage«. Die Zusammenstöße mit dem Staat erreichten mit dem Tod von acht kommunistischen Demonstranten in Halle im Mai 1924 einen dramatischen Höhepunkt. Nicht nur die Polarisierung, sondern auch die Militarisierung der politischen Kultur in der Weimarer Republik begünstigte das unerschütterliche Vertrauen in Gewalt als legitimes Mittel des politischen Kampfes. Selbst in den Jahren der sogenannten »relativen Stabilisierung« marschierten junge Männer in Uniform durch die Straßen, um ihre lokale Macht zu demonstrieren. Wenn Kolonnen dieser »politischen Soldaten« aufeinandertrafen, waren Schlägereien, bisweilen mit tödlichem Ausgang, an der Tagesordnung. Jede große politische Bewegung hatte ihre paramilitärische Organisation; es erstaunt nicht, dass die KPD mit ihrem Bekenntnis zum revolutionären Klassenkampf keine Ausnahme darstellte. Innerhalb der Parteiführung widersetzten sich dennoch einige der Gründung des RFB aus antimilitaristischen Gründen.8 Ruth Fischer wurde, nach ihrer Absetzung als exponierteste KPD-Führerin im Herbst 1925, von Sinowjew bestraft, weil sie sich über das »Soldatspielen« lustig gemacht hatte.9 Thälmann andererseits fühlte sich sowohl politisch als auch charakterlich zu genau solch einem Politikstil hingezogen. Thälmann, der seine politische Karriere als Gelegenheitsarbeiter im Hamburger Hafen begonnen hatte, war zu keinem Zeitpunkt ein aktiver Gegner des Ersten Weltkriegs. Seine Unzufriedenheit mit der Sozialdemokratie setzte erst nach dem Ende des Kriegs ein. Auch wurde er, im Gegensatz zur offiziellen Mythologie, nicht als Kommunist erzogen. Sein Vater war vielmehr ein Mitglied diverser bürgerlicher und militärischer Organisationen, Thälmann selbst hatte an der Westfront gekämpft und das Eiserne Kreuz erhalten. Enttäuscht von der Sozialdemokratie nach der fälschlicherweise sogenannten deutschen Revolution, gehörte er zu denjenigen, die ihren Weg zum Kommunismus über die abtrünnige USPD fanden. Sein untheoretischer und aggressiver Ultraradikalismus fand bei Teilen der kommunistischen Basis starken Widerhall. Nachdem Moskau auf ihn aufmerksam geworden war, berief man Thälmann im Februar 1925 zum Vorsitzenden des RFB, der dabei war, sich zur wichtigsten paramilitärischen Organisation der KPD mit fast 100 000 Mitgliedern zu entwickeln. Sechs Monate später wurde er, nach Fischers Absetzung, Vorsitzender der KPD. Fortan verschmolzen die beiden Rollen miteinander: Der Kämpfer, den Thälmann als Parteiführer darstellte, wurde untrennbar vom RFB-Führer. Dass diese Bewegung in Deutschland solche Bedeutung erlangte, lässt sich zum Teil auf die gesellschaftlichen Veränderungen zurückführen. Als viele Opfer der intensivierten Rationalisierung und strukturellen Arbeitslosigkeit dem RFB beitraten, zwang der zunehmende Ausschluss der KPD aus den Betrieben und den Gewerkschaften die Partei auf die Straße, die am einfachsten zugängliche Bühne des politischen Kampfes. Der RFB hatte entscheidenden Anteil an der Mobilisierung von vor allem jungen, männlichen und ungelernten Unterstützern für Kampf- und Demonstrationsformen, die auf die Feind-Freund-Dichotomie der Kriegsjahre zurückgingen.10 Mit Musikzügen und Fackelumzügen erinnerte er an Jahrestage wie den der Russischen Revolution, der Gründung der Roten Armee, des Ausbruchs des imperialistischen Krieges oder der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht – all dies diente dazu, den Bruch mit der Sozialdemokratie zu unterstreichen.11 Thälmann verkörperte diese Haltung. Im personalisierten Präsidentschaftswahlkampf von 1925 wurde er als die »eiserne rote Faust« dargestellt, welche die Feinde der Arbeiter zerschmettern würde.12 Seine viel gerühmte Rolle im sogenannten »Hamburger Aufstand« von 1923 hatte großen Anteil an dieser Konstruktion. Thälmann beschrieb ungeniert die Situation des RFB als den »Beginn, unsere Waffen zu polieren […] für den großen Tag der befreienden Revolution«.13 Sich als der »militärische Befehlshaber« der Bewegung präsentierend, mit der RFB-üblichen Leninmütze, feldgrüner Uniformjacke und Reithosen, leitete er Massenkundgebungen, die mit Trommelwirbel und in Megaphone gebrüllten politischen Slogans eröffnet wurden. Wenn Aufmärsche in Thälmanns dramatischem Auftritt gipfelten, riss dieser sich, getragen von der »starken Faust« des RFB, in einer routinierten Inszenierung die Krawatte vom Hemd, und jedes Wort traf »wie ein Faustschlag«.14 Ein anderer Höhepunkt im Parteikalender war die jährliche RFB-Kundgebung in Berlin: eine öffentliche Zurschaustellung kommunistischer Stärke, die mehr als 50 000 Teilnehmer anzog und deren militaristische Ausrichtung 1926 durch den Auftritt von mehr als 21 000 »Frontkämpfern« in militärischer Formation unterstrichen wurde.15 Neben diesen größeren Spektakeln stand der RFB Mitte der 1920er-Jahre im Zentrum der politischen Kampagnen der KPD, von Agitprop-Gruppen, die aufs Land geschickt wurden, bis zur Verteidigung der Straßen gegen nationalistische paramilitärische Organisationen. Das Ziel war, »die Faschisten zu schlagen, wo man sie traf«, wie der damalige Slogan lautete. Damit akkumulierte Thälmann so viel symbolisches Kapital, dass ihm der RFB selbst während seiner Führungskrise 1928 großzügig Rückendeckung bot.16 Infolge des aufgeheizten politischen Klimas in den späten 1920er-Jahren gestalteten sich die Zusammenstöße zwischen dem RFB und den »feindlichen« Formationen zunehmend gewalttätig. Die RFB-Kundgebung im Jahr 1928 endete in einer bis spät in die Nacht andauernden Schlacht mit dem Stahlhelm und der Polizei, an der 3000 Personen beteiligt waren.17 Im darauffolgenden Jahr führten die Gefechte am 1. Mai in Berlin zu mehr als 30 Toten – die Severing-Regierung nutzte diese Chance, den RFB zu verbieten. Für die Kommunisten war dies eine große symbolische Niederlage. Die Nachfolgeorganisation des RFB, der Kampfbund gegen den Faschismus, übte niemals die gleiche militaristische Faszination aus. Trotzdem war es gelungen, erfolgreich ein prägendes Image und Ethos des deutschen Kommunismus zu etablieren. Zwei Jahre später brachte der britische Daily Worker zum Antikriegstag auf seiner Titelseite ein Foto, das die nun illegalen Roten Frontkämpfer in militärischer Formation und mit geballter Faust zeigte. »Wir sind bereit«, so die Bildunterschrift, »das sowjetische Deutschland gegen den imperialistischen Krieg zu verteidigen!«18 Aus britischer Perspektive kann man die Bedeutung solcher Bilder kaum überbewerten. Über verschiedene direkte Formen der Anleitung und Überwachung hinaus war die KPD ein politisches Vorbild, das stark die unzufriedenen jüngeren Kommunisten ansprach. Sie übernahmen den Gruß mit geballter Faust, Zusammenstöße mit der Polizei waren ihnen willkommen. In ruhigeren Momenten lasen sie Bücher wie Barricades in Berlin oder Storm over the Ruhr in Ermangelung einer eigenen »proletarischen« Literatur.19 Nur die ganz Jungen zogen Uniformen in Erwägung, aber die Botschaften aus dem Ausland beflügelten sie. »Wir waren uns sicher, dass der großdeutsche Staat […] der Partei in den Schoß fallen würde«, erinnerte sich ein Kommunist in seinen Memoiren und verweist damit auf das Image der Roten Frontkämpfer in der Parteipresse.20 Als Deutschland stattdessen Hitler in den Schoß fiel, saß der Schock tief. »Ein Kamerad aus Deutschland hatte mir erst im […] Februar gesagt, dass der Faschismus in Deutschland niemals siegen kann […], dass die Arbeiterbewegung niemals unterdrückt werden könnte«, so der Generalsekretär Pollitt im März 1933. Die Prägung, die die CPGB durch Pollitt erfahren sollte, ist stark durch seine Korrektur dieser Auffassung gekennzeichnet. »Ertränkt die Blackshirts in einem Meer organisierter Aktivität« Während eines kommunistischen Spektakels in der Londoner Empress Hall sechs Jahre später wurden 9000 Zuschauer Zeuge von Pollitts triumphalem Einzug; er trat nicht kostümiert auf wie seine radikalen Vorläufer, entfaltete aber seine »ganze heroische Präsenz« als die Krönung der Sehnsüchte des britischen Volkes in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Da Labour durch parlamentarische Arithmetik zu scheinbarer Passivität verurteilt war, schien Pollitt eine militantere und engagiertere Antwort auf die Herausforderungen durch Faschismus und Krieg zu verkörpern. Noch 1934 hatte ihn Rajani Palme Dutt gedrängt, die »ganze Thälmann’sche Haltung« als Personifikation kommunistischer Führung in diesem Kampf zu übernehmen. Mit Auftritten wie dem in der Empress Hall schien Pollitt dies erreicht zu haben.21 Was die Thälmann’sche Haltung erforderte, war jedoch ein gänzlich anderer Führungsstil, der den unterschiedlichen Erfahrungen und Möglichkeiten Pollitts nicht entsprach. Während beide Parteiführer die für Bolschewisten unumgängliche Voraussetzung einer proletarischen Herkunft teilten, war Pollitt weit mehr als Thälmann in den Werten und Strukturen der organisierten Arbeiterbewegung verwurzelt. Von Haus aus Sozialist, von Beruf Kesselschmied, erinnerte er sich noch lange an die Einweihung in die exklusivste aller Handwerkskünste – daran, »dass er nun eins war mit all den Männern, die stark und fachlich erfahren waren, und dass er nun Seite an Seite mit ihnen an der Werkbank stehen würde«.22 Pollitt engagierte sich nur begrenzt für die Revolution, die das Ziel einer Minderheit war, aufgrund seines Gespürs für die Wichtigkeit des Zusammenschlusses mit der Mehrheit der Arbeiterklasse, die dieses Engagement erst in der Zukunft teilen würde. Dies wird durch seine Mitwirkung im National Minority Movement illustriert. Das NMM wurde wie der RFB im August 1924 gegründet. Es war ebenfalls eine Bewegung von vorwiegend jungen, männlichen Arbeiterklasseaktivisten, deren Archetyp Pollitt verkörperte. An diesem Punkt jedoch endet die Ähnlichkeit. Wie der Name suggeriert, war es das Ziel des NMM, Militante innerhalb der existierenden Bewegung zu mobilisieren, nicht, diese von ihr abzuspalten. Pollitt gestand später aus diesem Grund seine Abneigung gegen das deutsche Muster einer »revolutionären gewerkschaftlichen Opposition« ein. Anstatt eine Masse von individuellen Mitgliedern zu versammeln, bildete das NMM Fraktionen innerhalb bestehender Gewerkschaften und Parteien. Seine Konferenzen, die auf Delegiertenbasis organisiert wurden, folgten den etablierten gewerkschaftlichen Konventionen. Eine war die anständige Kleidung der qualifizierten Arbeiter, die Pollitt, der sich niemals seine Krawatte heruntergerissen hätte, immer stolz trug. Eine weitere war die geteilte Verantwortung für die Führung der Partei, sodass stets Pollitt und der alterfahrene NMM-Vorsitzende Tom Mann im Licht der Öffentlichkeit standen. Mann war, wie Pollitt, Metallfacharbeiter. Ingenieure bildeten die größte Berufsgruppe unter den NMM-Führungskräften und auf den frühen Zusammenkünften. Dies ist ebenfalls auf die Erfahrungen im Krieg zurückzuführen – jedoch nicht auf die an der Front, sondern auf gemeinsame Erlebnisse während des »Krieges in den Produktionsbetrieben«, die die zutiefst zivile Haltung der Mehrheit der CPGB-Gründergeneration prägten. Der Ort dieser Politik waren nicht die Straßen, sondern die Gewerkschaftsverbände und Fabriken; der Erfolg des NMM wurde an der Kampfbereitschaft der Gewerkschaften gemessen. »Nicht als außen stehende, grölende, kleine, inoffizielle Organe«, beschrieb Pollitt ihre Rolle, »sondern als gut organisierter, interner und integraler Bestandteil der Bewegung, der alle Kanäle der gewerkschaftlichen Maschinerie und Organisation nutzt«.23 Obgleich der NMM der Exklusivität und Unterteilung der etablierten Gewerkschaften kritisch gegenüberstand, musste er große Zugeständnisse machen im Hinblick auf gemeinsame Werte, Konventionen und Formen des Kampfes. Pollitt versuchte zumeist, rituelle Formen der Konfrontation zu vermeiden, und bemühte sich stattdessen um symbolische Formen des Zusammenschlusses.24 Er warnte ausdrücklich vor persönlichen Angriffen auf politische Gegner. Als ein bekennender rechter Funktionär des TUC (Trades Union Congress) den Organisator der Clydeside-Unruhen Willie Gallacher abmahnte, weil dieser einen solchen Ton anschlug, entschuldigte sich Gallacher wortreich und versprach, »keinen weiteren Anlass zur Beschwerde« zu geben.25 Als der gleiche Funktionär Pollitt eine Unterredung verweigerte, erinnerte dieser ihn an eine Versammlung im Jahre 1912, bei der beide als Redner aufgetreten waren – und erreichte prompt sein Ziel.26 In Reden und Aufsätzen benutzte Pollitt die gängige Anrede Mister, selbst wenn er Gewerkschaftsführer als Verräter beschuldigte. Bis 1927 nahm er an den Konferenzen des TUC und der Labour-Partei als Delegierter der Kesselschmiede teil und wurde allgemein herzlich willkommen geheißen, trotz seiner manchmal extremen Äußerungen.27 Der Londoner Korrespondent der SPD drückte sein Erstaunen über die »unverbindliche Zuneigung« zu den kommunistischen Delegierten aus.28 Walter Citrine, ein weiterer TUC-Funktionär und leidenschaftlicher Antikommunist, milderte seine feindseligen Betrachtungen in seiner Autobiographie durch eine unverhohlene Hommage an Pollitts Anstand und politische Intelligenz ab – »außer, wenn das kommunistische Dogma [ihn] verwirrte«.29 Das kommunistische Dogma verwirrte ihn oft, und manchmal tat es das unbarmherzig. Dennoch unterschieden sich die Räume, die dem britischen Kommunismus zur Verfügung standen, und die Kultur, in der er sich formierte, deutlich von den Gegebenheiten in Deutschland. Symptomatisch dafür war das Anglo-Russian Joint Advisory Committee (ARJAC), dessen Gründung zeitlich mit den ersten Jahren der NMM zusammenfiel. Durch den umfassenden Einheitsdiskurs des Komitees wurden die sowjetischen Gewerkschaften von den britischen Gewerkschaftern akzeptiert. Als Citrine sie anhielt, sich zu waschen und bessere Kleidung anzuziehen, bevor sie vor dem TUC ihre Reden hielten, taten sie dies und waren zweifellos sehr von den guten Ergebnissen angetan, die sie so leicht erzielt hatten. Deutsche Gewerkschafter reagierten, wie auch andere auf dem Kontinent, mit Zorn und Ungläubigkeit.30 Für die Kommunisten allerdings symbolisierte der Wechsel in den 1920er-Jahren von links nach rechts und wieder zurück in mancher Hinsicht genau die Verlagerung von Deutschland nach Großbritannien als unmittelbare strategische Priorität und Schlachtfeld. Anders als Thälmann verband Pollitt diese umfangreicheren Verantwortlichkeiten nicht mit der Führung seiner Partei. 1929, als er für eine solche Position vorgeschlagen wurde, hatte sich der ARJAC in gegenseitigen Schuldzuweisungen aufgerieben und aufgelöst. Kommunisten wie Pollitt hatten keine Delegiertenanrechte auf den Konferenzen der Arbeiterbewegung. Pollitt war nun der Verfechter einer unabhängigen kommunistischen Führung, der in den Wahlen von 1929 gegen Labour-Führer MacDonald antrat. Die Funktionen, denen Pollitt jetzt nachkommen musste, verlangten andere Qualitäten, von denen die Akzeptanz der internationalen Disziplin die wichtigste war. Auf dem ersten Parteikongress, dessen Vorsitz er innehatte, war die eigentliche Leitfigur Walter Ulbricht. Man stimmte überein, dass dies entmutigend war, denn die Methoden, die in Deutschland einige Resonanz fanden, stießen kaum auf Zuspruch in Großbritannien. Im darauffolgenden Jahr sank die Mitgliederzahl der CPGB auf den historischen Tiefstand von 2500. Wenn Pollitt und seine Partei in der Folge ihre Stellung zurückgewannen, so geschah dies durch den Einsatz von Strategien, die eine Rückkehr zur organisierten Arbeiterschaft, zur Souveränität der Gewerkschaften und der Legitimität ihrer Verhaltenscodes darstellten. Als Mosleys Blackshirts nach 1933 versuchten, Hitlers Erfolge in Großbritannien zu wiederholen, wurden auch die britischen Kommunisten mit dem brutalen Kampf um den öffentlichen Raum konfrontiert. Viele von ihnen, insbesondere in den jüdischen Bezirken, wollten die Faschisten schlagen, wo sie sie trafen, und übernahmen den Slogan auf lokaler Ebene.31 Pollitts Instinkt jedoch war gegen eine Reduzierung des Antifaschismus auf das, was er als Prügeleien in den Straßen betrachtete. Für die erste große Londoner Gegendemonstration im September 1934 gaben die Kommunisten aus diesem Grund eine andere Losung heraus: »Ertränkt die Blackshirts in einem Meer organisierter Aktivität der Arbeiterklasse.«32 Die Demonstration, die weitgehend ohne Vorfälle verlief, war ein triumphaler Erfolg, und der Slogan wurde im ganzen Land aufgegriffen. Selbst die sogenannte »Schlacht in der Cable Street«, bei der es keine Toten gab, hatte den Charakter einer Volkskundgebung, die erst durch das Eingreifen von Polizei und Faschisten zur körperlichen Auseinandersetzung geriet. Durch die starke Arbeiterbewegung und eine relativ unbedeutende faschistische Bewegung konnte eine einflussreiche kommunistische Präsenz in Großbritannien erst etabliert werden, als die CPGB sich am politischen und kulturellen Mainstream orientierte. Pollitt legte Wert darauf, in seiner Autobiographie Serving My Time (1940), in der diese Haltung geradezu klassisch zum Ausdruck kommt, sowohl seine Ablehnung des Slogans »Rotfront!« und des Arbeitergrußes mit geballter Faust zu erwähnen, als auch seine Akzeptanz der Konventionen des politischen Lebens in Großbritannien zu betonen. Überlegungen Im Rahmen dieses kurzen Essays können wir hier lediglich auf die potenzielle Bedeutung des von uns verfolgten Forschungsansatzes hinweisen. In einem weiteren Artikel zum Vergleich von Thälmann und Pollitt haben wir gezeigt, wie Pollitts Verankerung in der Welt der Arbeiterorganisationen, illustriert durch seine Rolle im National Minority Movement, ihn mit persönlichem politischem Kapital und einer Klassenidentität versorgte, die nicht auf seine Identität als Kommunist zu reduzieren war. Da er sich darauf in parteiinternen Debatten stützte und sich seine öffentliche Person, die er über die winzige Parteibasis hinaus repräsentierte, daraus speiste, schlagen wir vor, Pollitt als eine Art Mobilisierungsfigur zu betrachten. Thälmann andererseits wird richtigerweise als eine kommunistische Integrationsfigur angesehen.33 Es ist unbestreitbar, dass die KPD besonders aufgrund des Aufstiegs der Nazis versuchte, sich durch die Entwicklung einer Art Führerkult34 mit einem eigenen »starken Mann« als Führerfigur auszustatten. Trotzdem bestand in der stark fraktionalisierten Welt des deutschen Kommunismus, die zentral für Webers Erklärung der Stalinisierung ist, die wirkliche Bedeutung von Thälmanns Führung darin, dass sie gleichermaßen Triumph und Überwindung des Dissenses durch die eindeutige Herrschaft von Stalins Epigonen versprach. Wie der RFB selbst, so diente Thälmanns Führung dazu, die Anhänger der Partei zu sammeln. Sie war jedoch nicht sehr erfolgreich in der Erweiterung ihres Einflusses. Während man bei Pollitt vielfach beobachtete, dass seine Glaubwürdigkeit die seiner Partei übertraf, erzielte Thälmann in den Präsidentschaftswahlen von 1925 und 1932 schlechtere Wahlergebnisse als seine Partei in vergleichbaren Wahlkämpfen. Wenn die wichtigste Aufgabe des Führungskults eher in der Mobilisierung als in der Integration bestand, gab es keinen wesentlichen Grund, diesen auf ein einzelnes Individuum zu fokussieren. In Pollitts Fall wurde nicht nur das Beiwerk eines solchen Kults, inklusive eines beispielhaften Parteilebens, mit anderen führenden Kommunisten geteilt, sondern Pollitt wurde selbst nach seiner Absetzung als Generalsekretär zur Zeit des Hitler-Stalin-Pakts gefördert.35 Verstärkt in den Jahren vor dem Pakt, allerdings nicht danach, versorgte die breite Glaubwürdigkeit, die Pollitt in der Labour-Bewegung genoss, ihn ebenfalls mit einer entscheidenden psychologischen Ressource, die sich in der außerordentlichen Offenheit innerhalb der Parteiführung widerspiegelte.36 Deren Höhepunkt bildete Pollitts Auflehnung gegen die veränderte Kominternhaltung während des Kriegs, als er energisch das Verschwinden des Internationalismus aus den sowjetischen Äußerungen beklagte. Es mag seinem späteren Aufstieg in die Parteiführung oder den Privilegien, die er als Generalsekretär geltend machte, oder dem persönlichen Kapital, das er in diese Stellung einbrachte, geschuldet sein, dass Pollitt zu eindrucksvollen Posen fähig war, für die die Führerfigur Thälmann keine Entsprechung bot. Es wird deutlich, dass die diachronische Dimension ein entscheidender Faktor in jeglichem sinnvollen Vergleich zwischen diesen beiden Parteiführern und ihren Parteien sein muss. Ob als Ursache oder Wirkung, der weniger umstrittene Charakter des britischen Kommunismus kann nicht getrennt von seinen höchst erfolgreichen Rekrutierungsjahren während der Volksfront betrachtet werden; so wie der unerbittliche und kämpferische Charakter des deutschen Kommunismus sowohl die Atmosphäre des schwelenden Bürgerkriegs während der Weimarer Jahre widerspiegelte, wie er auch gleichzeitig zu ihr beitrug. Der Vergleich von Thälmann und Pollitt bringt somit wichtige Unterschiede zwischen den verschiedenen politischen Kulturen zum Vorschein, in denen diese beispielhaften Parteibiographien konstruiert wurden. Andererseits ist die bloße Existenz solch klar artikulierter Führerkulte für die allgemeine politische Kultur des Stalinismus bezeichnend. In ihrem vor einigen Jahren erschienenen Vergleich von Stalinismus und Nationalsozialismus bevorzugten Ian Kershaw und Moshe Lewin das Konzept des »common ground« [Gemeinsamkeiten; gemeinsame Basis] gegenüber dem von »sameness« [Gleichheit].37 Die Stalinisierung gehörte zu den Gemeinsamkeiten in der Entwicklung des internationalen Kommunismus in den 1920er-Jahren. Der Stalinisierungsprozess verlief jedoch nicht einheitlich und stellt für sich genommen nur einen Teilaspekt kommunistischer Politik dar. Eine gründliche vergleichende Forschung sollte diese Gemeinsamkeit berücksichtigen, jedoch daraus nicht auf »Gleichheit« schließen. Aus dem Englischen übersetzt von Diana Jahn. 1 Die Autoren möchten der British Academy und dem Barry Amiel and Norman Melburn Trust für die Förderung von Forschungsprojekten danken, auf denen dieser Artikel basiert. 2 LaPorte, Norman / Morgan, Kevin / Worley, Matthew (Hrsg.): Bolshevisation, Stalinisation and Beyond, Basingstoke 2008 (in Druck). 3 Siehe z. B. Brandenberger, David: Stalin as Symbol: A case study of the cult of personality and its construction, in: Davies, Sarah / Harris, James (Hrsg.): Stalin: A New History, Cambridge 2005, S. 249–270. 4 Siehe z. B. Apor, Balasz / Behrends, Jan C. / Jones, Polly / Rees, Arfon (Hrsg.): The leader cult in communist dictatorships. Stalin and the Eastern Bloc, Basingstoke 2004. 5 In der umfangreichen Literatur siehe z. B.: Sirot, Stéphane: Maurice Thorez, Paris 2000; Pennetier Claude / Pudal, Bernard: Stalinisme, culte ouvrier et culte des dirigeants, in: Dreyfus, Michel / Groppo, Bruno / Ingerflom, Claudio-Sergio / Lew, Roland / Pennetier, Claude / Pudal, Bernard / Wolikow, Serge (Hrsg.): Le siècle des communismes, Paris 2000, S. 369–376. 6 Siehe Webers Beitrag in LaPorte / Morgan / Worley: Bolshevisation, Stalinisation and Beyond (Anm. 2). 7 Für Darstellungen zu Thälmanns Beziehung zum RFB siehe Levine-Meyer, Rosa: Inside German Communism, London 1977, S. 71–72; Fischer, Ruth: Stalin and German Communism, Cambridge / Mass. 1948, S. 606 ff. 8 Schuster, Kurt G. P.: Der Rote Frontkämpferbund 1924–1929, Düsseldorf 1975, S. 23 ff. 9 Reichskommissar für die Überwachung der öffentlichen Ordnung (im Folgenden RKO): Bericht, 26. Januar 1926, in: Bundesarchiv Berlin (im Folgenden BArch), R 1507 / 103, Bl. 8f. 10 Reuter, Gerd: KPD-Politik in der Weimarer Republik, Hannover 1982, S. 104 ff. 11 Siehe Ehls, Marie-Luise: Protest und Propaganda: Demonstrationen in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik, Berlin 1977, S. 310 ff. 12 Schuster: Der Rote Frontkämpferbund (Anm. 8), S. 57 f. 13 RKO: Bericht, 20. Februar 1929 und 1. April 1926, in: BArch, R 1507 / 149–151, Bl. 77 und 104 f. 14 Buber-Neumann, Margarete: Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges, München 2002, S. 108 ff.; Reuter: KPD-Politik (Anm. 10), S. 93. 15 Schuster: Der Rote Frontkämpferbund (Anm. 8), S. 41 ff. 16 Der RFB zum »Fall Thälmann«, in: Die Rote Front (Oktober 1928), S. 1. 17 RKO: Bericht, 19. Juni 1928, in: BArch, R 1507, Bl. 18. 18 Daily Worker vom 1. August 1931. 19 Im Original: Neukrantz, Klaus: Barrikaden am Wedding, Berlin 1931; Marchwitza, Hans: Sturm auf Essen, Berlin 1930. Die englischen Übersetzungen der Romane wurden im »Partei«-Verlag Martin Lawrence veröffentlicht. 20 Hyde, Douglas: I Believed, London 1951, S. 55. 21 Wallis, Mick: Heirs to the Pageant: Mass Spectacle and the Popular Front, in: Croft, Andy (Hrsg.): A Weapon in the Struggle, London 1998, S. 61–63; Rajani Palme Dutt an Harry Pollitt, 20. Juli 1934, in: Dutt-Papers, British Library, Cup 1262 K4. 22 Pollitt, in: Acland, Richard (Hrsg.): Why I am a Democrat, London 1939, S. 138. 23 Pollitt, Harry: The Edinburgh congress, in: Labour Monthly (Oktober 1927), S. 592. 24 Inprecorr, 15. Oktober 1925, S. 1099 f. 25 Willie Gallacher an Fred Bramley, 23. Januar 1924, in: TUC-Archiv, Universität Warwick, 292 / 270 / 1. 26 Pollitt, Harry: Serving My Time, London 1941, S. 51. 27 Siehe z. B. Wilkinson, Ellen in: Lansbury’s Labour Weekly vom 16. Oktober 1926. 28 Wertheimer, Egon: Portrait of the Labour Party, London 1929. 29 Citrine, Walter: Men and Work, London 1964, S. 267 ff. 30 Zu diesem Thema siehe Morgan, Kevin: Workers of All Countries? Syndicalism, Internationalism and the Lost World of A. A. Purcell, London (in Druck). 31 Für entgegengesetzte Ansichten siehe Piratin, Phil: Our Flag Stays Red, London 1948; Jacobs, Joe: Out of the Ghetto, London 1978. 32 Siehe Hutt, Allen: The Post-War History of the British Working Class, London 1937, S. 257. 33 Es ist eine der klassischen Funktionen charismatischer Führung, gespaltenen oder unbeständigen Gesellschaften oder Parteien eine Integrationsfigur anzubieten. Eine weitere Funktion ist es, eine Mobilisierungsfigur zu stellen, um Unterstützung für ein Regime oder Regierungssystem zu sammeln oder den Konkurrenzkampf zwischen Parteien zu personalisieren. Obwohl jeder kommunistische Führungskult eine Kombination aus beidem war, war Thälmann stärker als Pollitt eine Integrationsfigur. Pollitt hingegen war eher eine Mobilisierungsfigur, denn sein wichtigster Beitrag zum britischen Kommunismus war nicht, dessen Zusammenhalt zu stärken, sondern dessen politische Glaubwürdigkeit. Siehe LaPorte, Norman / Morgan, Kevin: »Kings among their subjects?« Ernst Thälmann, Harry Pollitt and the leadership cult as stalinization, in: LaPorte / Morgan / Worley (Hrsg.): Bolshevisation, Stalinisation and Beyond (Anm. 2). 34 Im Original deutsch. 35 Für eine kontrastierende Betrachtung der Situation in Frankreich siehe Morgan, Kevin: Ainsi pour Gallacher? Quelques regards sur la construction de la vie communiste modèle en Grande Bretagne, in: Communisme 87 (2006), S. 29–46. 36 Für eine Diskussion des politischen Kapitals und der kritischen Distanz in Bezug auf Pollitt siehe Morgan, Kevin: Labour Legends and Russian Gold. Bolshevism and the British Left, Teil I, London 2006, S. 246–255. 37 Kershaw, Ian / Lewin, Moshe: Introduction: The regimes and their dictators: Perspectives of comparison, in: dies. (Hrsg.): Stalinism and Nazism: Dictatorships in Comparison, Cambridge 1997, S. 4 f.

JHK 2008

Der »Fall Lohagen« und der Machtkampf im SED-Politbüro zur Jahreswende 1951/52

Ulrich Mählert

Als die Zentrale Parteikontrollkommission (ZPKK) am 4. April 1952 nach fünfwöchiger Pause zu ihrer 51. Sitzung zusammentrat, waren die Grundsätze der eigenen Arbeit der erste Tagesordnungspunkt. Angesichts der permanenten Säuberungen seit 1948 und zahlloser Parteiverfahren stellte die Diskussion dazu die bisherige Praxis der Parteikontrolle grundsätzlich in Frage.1 Noch nie hatten sich die führenden Parteikontrolleure derart selbstkritisch zu ihrer Arbeit geäußert.2 »Bei uns wird noch zu viel in den Parteistrafen die Vergeltung angewandt. Das drückt sich auch darin aus, daß fast alle Menschen, die gestrichen oder ausgeschlossen wurden, von ihren Arbeitsplätzen entfernt wurden. Eine solche Methode in der Partei ist falsch«, erklärte ZPKK-Chef Herrmann Matern in seinem einleitenden Referat. Die Parteikontrolle sei »keine juristische Einrichtung, sondern eine politische«, und ihre Arbeit müsse darauf ausgerichtet sein, nicht nur die Mitglieder zu erziehen, sondern auch »das betroffene Parteimitglied von der Richtigkeit der Parteientscheidung zu überzeugen«. Andernfalls ziehe man »zig-Tausende Feinde« heran, was man sich »nicht leisten« könne. Nur wenn jedes Parteimitglied davon überzeugt sei, »daß die Partei in jedem Falle richtig entscheidet«, würde man der Parteikontrolle wieder vertrauen, würde sie ihren Charakter als »Schreckgespenst« verlieren. Der »Fall Lohagen« Der selbstkritische Tenor der 51. ZPKK-Sitzung war der Tribut der »Parteipolizei« an eine Kampagne, die das Funktionärkorps der SED seit dem Jahreswechsel 1951/52 in Unruhe versetzte. Angefangen hatte alles am 20. Dezember 1951. An diesem Tag erschien in der sowjetischen Tageszeitung für Deutschland Tägliche Rundschau ein Leitartikel unter der Überschrift »Genosse Lohagen unterdrückt die Selbstkritik«. Darin wurde dem Vorsitzenden der Nationalen Front in Sachsen, Ernst Lohagen, vorgeworfen, einen Mitarbeiter seiner Landesleitung entlassen zu haben, weil dieser im Herbst 1951 Interna über die mangelhafte Arbeit der Nationalen Front einem Korrespondenten des Blattes zugespielt hatte.3 Zehn Tage später reagierte Lohagen mit einer öffentlichen Selbstkritik im Neuen Deutschland. Pflichtschuldig gelobte er, fortan »jedwede Regung der Unterdrückung von Kritik und Selbstkritik« zu vermeiden.4 Doch anders als sonst sollte es damit nicht sein Bewenden haben. Die Angelegenheit schien längst vergessen, da veröffentlichte die Tägliche Rundschau am 22. Januar 1952 unvermittelt eine heftige Polemik gegen Lohagen: »Deine Antwort ist enttäuschend, sie ist nicht vorbildlich und macht Dir wenig Ehre, geschweige denn der Partei«, musste dieser sich in einem offenen Brief vorhalten lassen, der tags darauf auch vom Neuen Deutschland abgedruckt wurde. Zeitgenössischen politischen Beobachtern war klar, dass es sich bei der Publikation der mit »Annemarie Allgeyer, Bibliothekarin, Beierfeld / Erzgebirge« unterzeichneten Stellungnahme um ein Politikum ersten Ranges handelte.5 Denn Ernst Lohagen war kein beliebiger Provinzfunktionär. 1897 geboren, seit 1919 hauptamtlicher KPD-Funktionär, hatte er sich bereits 1920 in der Führung der »Roten Ruhrarmee« seine Sporen verdient. 1938 war Lohagen für seinen Widerstandskampf vom Volksgerichtshof zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nach Kriegsende stand er dem Leipziger KPD- bzw. ab Frühjahr 1946 SED-Kreisverband vor und rückte 1948 an die Spitze des sächsischen Landesverbandes. Seit 1950 gehörte Lohagen dem ZK an und galt als scharfer Verfechter der Stalinisierung der SED.6 Rasch sollte deutlich werden, dass es um mehr als nur um Lohagen ging. Tatsächlich war die Veröffentlichung des Leserbriefs der Beginn einer weitreichenden Kampagne. Diese Kampagne war einerseits Teil der kontinuierlichen »Parteisäuberung«, die die SED – wie alle anderen kommunistischen Parteien –  seit 1948 durchlief. Andererseits entwickelte sie sich – wie in diesem Beitrag aufgezeigt werden soll – zu einem Machtkampf innerhalb der SED-Führung, in dem die Vormachtstellung Walter Ulbrichts gebrochen werden sollte. Machtkampf in der SED? Am 25. Januar 1952 rückte ein Leitartikel im Parteiorgan Neues Deutschland die großen und kleinen Protagonisten der Apparateherrschaft in den Mittelpunkt der »Kritik und Selbstkritik«-Kampagne.7 Der Beitrag war namentlich nicht gekennzeichnet und hatte somit als Stellungnahme der Parteiführung zu gelten. »Der Fall Lohagen«, so hieß es da, habe »die zwielichtige Situation in unserer Partei« »blitzartig« erhellt. »Mit ihm steht die entscheidende innerparteiliche Frage zur Diskussion, die Frage der innerparteilichen Demokratie.« Diese sei »unentwickelt« wie auch die Wirklichkeit in der DDR nicht »dem demokratischen Charakter« der eigenen Gesetze entspreche. Demokratie sei jedoch die Voraussetzung für »jene Atmosphäre der Aufgeschlossenheit und des freudigen Vorwärtsdrängens aller«, die aus der Gewissheit resultiere, »daß jede nützliche Initiative gefördert wird, und daß unfehlbar jeder recht erhält, wer recht hat«. Diese Atmosphäre »herrscht noch nicht bei uns«, heißt es im Zentralorgan apodiktisch, »nicht in der Partei, nicht im Staat«. An die Adresse des eigenen Funktionärskorps gewandt, warnte das Neue Deutschland: »Versucht erst nicht, uns weiszumachen, daß ihr nicht wüßtet, wo das Recht gebeugt wird, wo die Initiative der Massen erstickt wird, wo das Prinzip der kollektiven Arbeit verletzt wird, wo Sekretariate oder einzelne Mitglieder von ihnen ein Araktschejew-Regime8 führen und wie sie das machen.« Stattdessen wollte die Parteiführung die »Massen innerhalb und außerhalb [!] unserer Partei« gegen den eigenen Apparat mobilisieren: »Heraus mit der Sprache! Zeigt uns unsere Schwächen, und wir werden unsere ganze Kraft daransetzen, sie zu beheben. Fürchtet keine Nackenschläge von der Seite oder von hinten.« Demonstrativ wurde die Kritik an Lohagen auch auf Karl Mewis und Bernard Koenen ausgeweitet. Mewis, SED-Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern, hatte am 20. Januar in der Täglichen Rundschau »einige Schwächen der Parteiarbeit« eingestanden.9 Auch der schon oft gescholtene Koenen, Parteichef in Sachsen-Anhalt, hatte öffentlich »unzulängliche Durchführung der Beschlüsse« und mangelhafte Anleitung der nachgeordneten Parteileitungen eingeräumt. Lohagen, Mewis und Koenen wurde vorgeworfen, sie hätten versucht, »die Diskussion auf Nebengleise zu verschieben«, zu »diplomatisieren« und lieber einen »bestehenden unbefriedigenden Zustand zu erhalten, als ihn zu ändern«. Die Vorwürfe dürften jedoch nicht auf einzelne Personen beschränkt werden: »Wir sind schuld, die Parteiorganisation von unten bis oben. Und je weiter nach oben, desto mehr –  !« Angesichts der massiven öffentlichen Kritik an drei von sechs Ersten Sekretären der Landesebene konnte dies als unverhohlene Aufforderung gelesen werden, auch in der Parteispitze nach Verantwortlichen für die Misere zu suchen. Damit war der Artikel eine kaum verhüllte Kampfansage an den Generalsekretär der SED Walter Ulbricht, dessen zunehmende Machtfülle auch auf den unteren Parteiebenen nicht verborgen geblieben und dessen selbstherrliche Amtsführung im Verlauf des Jahres 1951 innerhalb der Parteispitze auf Widerspruch gestoßen war. »Machtkämpfe in der SED-Führung« titelte die Frankfurter Neue Zeitung am 6. März 1952 und konstatierte »Spaltungserscheinungen« im ZK der SED. Dort hätten sich »zwei Gruppen herausgebildet [...], von denen sich die eine um den SED-Generalsekretär und stellvertretenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht zu sammeln beginnt, während die andere sich um den Staatssicherheitsminister Wilhelm Zaisser gruppiert«. Die Krise in der SED sei »auf die Unzufriedenheit der Sowjets mit der Partei zurückzuführen, die ihre ›Massenbasis‹ verloren und die verfolgten wirtschaftlichen und politischen Ziele nicht im gewünschten Maße erreicht habe. Vor allen Dingen sei es der SED nicht gelungen, die Bevölkerung in der Sowjetzone für ihre Nationale-Front-Propaganda zu gewinnen«. Nach Informationen des Münchner Merkur konnten sich Ulbricht und Zaisser »in Moskau auf eine annähernd gleich starke Gruppe höchster Sowjetfunktionäre stützen, die sich in gleicher Weise befeinden«. Es sei zu erkennen, »daß Zaisser offensichtlich von seiner Moskauer Gruppe mit der Überwachung beauftragt worden war, während umgekehrt Ulbricht das Gegengewicht zu Zaisser bilden sollte. Die beiden ›starken Männer‹ in der SED-Führung haben innerhalb des Obersten Parteigremiums je eine Gruppe hinter sich.«10 Nach heutigem Kenntnisstand muss die Vorstellung der damaligen Kremlastrologen verworfen werden, dass es im sowjetischen Machtzentrum unter Stalin zwei autonome, miteinander konkurrierende Gruppen gegeben habe. Personalien dieser Tragweite bedurften der expliziten Zustimmung Stalins. Dieser war immer darauf bedacht gewesen, die Macht Ulbrichts einzugrenzen. Zu Stalins Lebzeiten war im engsten Führungszirkel der KPD / SED stets für Personalkonstellationen gesorgt, die eine Machtbalance gewährleisteten: mit Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl als paritätische Parteivorsitzende, außerdem anfänglich mit Franz Dahlem und ab 1950 mit Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt, die – sieht man von Grotewohl ab – gleich Ulbricht allesamt über exzellente Beziehungen nach Moskau verfügten. Wilhelm Zaisser, der auf ausdrückliche Order Moskaus Minister für Staatssicherheit geworden war, hatte bereits im Oktober 1951 gegen den Arbeitsstil im Politbüro protestiert.11 An seiner Seite stand Rudolf Herrnstadt, ebenfalls seit 1950 Kandidat des Politbüros, Chefredakteur des Neuen Deutschlands und Autor des bemerkenswerten Leitartikels vom 25. Januar.12 Zaisser hatte bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1947 20 Jahre im Dienst der sowjetischen Partei und ihres Geheimdienstes gestanden, für dessen militärischen Zweig auch Rudolf Herrnstadt seit 1930 gearbeitet hatte.13 Diese Vorkehrungen dürfen nicht als Ausdruck eines besonderen Misstrauens Stalins gegenüber Ulbricht missverstanden werden. Es entsprach Stalins Herrschaftspraxis, dass sich seine Vasallen seiner Gunst nie sicher fühlen konnten. Ihnen war stets gegenwärtig, dass Konkurrenten bereitstanden, das Zepter im Auftrag Stalins zu übernehmen. Am Vorabend einer neuen Parteisäuberung? Waren die Sowjets also um den Jahreswechsel 1951/1952 von Walter Ulbricht abgerückt, der doch gemeinhin als getreuer – und selbstbewusster – Interpret und Exekutor des Kremls in Deutschland galt? Kein kommunistischer Spitzenfunktionär konnte sich damals seiner Position sicher fühlen. Bereits 1949 hatten Schauprozesse in Ungarn und Bulgarien die kommunistische Welt erschüttert. Damals waren Parteiführer ins Visier geraten, die die nationalsozialistische Diktatur und Besatzungsherrschaft im Untergrund, im Zuchthaus, Konzentrationslager oder im westlichen Exil überlebt hatten. Im Gefolge der Prozesse, die mit Todesurteilen endeten, war es in allen kommunistischen Staaten zu Parteisäuberungen gekommen. Auch in der DDR waren damals Schauprozesse gegen namhafte KPD- und SED-Führer vorbereitet worden.14 Nach einer kurzen Atempause deutete zum Jahreswechsel 1951/52 alles darauf hin, dass die Sowjetunion eine weitere Runde in den osteuropäischen Schauprozessen einleitete, die sich nun auch gegen Spitzenkader richten würde, die während der Zeit des Dritten Reiches im Moskauer Exil waren. In der Tschechoslowakei war der ehemalige Generalsekretär der KPTsch (Kommunistischen Partei Tschechiens) und Moskauremigrant Rudolf Slánský am 24. November 1951 verhaftet worden. Im Januar 1952 legte der sowjetische Außenminister Andrej Wyschinski, Chefankläger in den Moskauer Schauprozessen der dreißiger Jahre, auf seiner Rückreise von der UNO-Vollversammlung in Paris in Prag, Berlin und Warschau Zwischenstopps ein.15 Seine Gesprächspartner und -inhalte in Ost-Berlin sind nicht bekannt. Im Neuen Deutschland fand der Staatsbesuch keinerlei Erwähnung.16 Zu diesem Zeitpunkt überschlugen sich jedoch in diesen Ländern die Ereignisse. Am Ankunftstag Wyschinskis in Prag trat der tschechische Minister für Nationale Sicherheit, Ladislav Kopřiva17, »auf eigenen Wunsch« zurück.18 Anfang Februar meldete der DDR-Botschafter aus Prag die Verhaftung bzw. Absetzung weiterer tschechischer und slowakischer Spitzenfunktionäre. In der DDR wurde die »Kritik und Selbstkritik«-Kampagne forciert, und in Polen wurden die Verhöre des im August 1951 verhafteten ehemaligen Generalsekretärs Władisław Gomułka wieder aufgenommen.19 Schauprozesse und Parteisäuberungen waren seit dem Großen Terror in der Sowjet-union der dreißiger Jahre ein Herrschaftsinstrument, das gleichermaßen dazu diente, die tatsächliche oder vermeintliche Opposition zu zerschlagen, die Partei und die Gesellschaft gleichzuschalten und für die politischen und ökonomischen Ziele der Führung zu mobilisieren.20 Letzteres geschah durch Terror und Druck, aber auch durch die mit den Säuberungen verbundenen Aufstiegsmöglichkeiten – auch wenn sich die Dimensionen des Terrors in der Nachkriegszeit von denen der dreißiger Jahre beträchtlich unterschieden.21 Die Kampagnen folgten stets der gleichen Inszenierung: Die Parteispitze forderte die Basis dazu auf, »Feinde« in den eigenen Reihen zu entlarven, gegen Korruption und Klüngelwirtschaft vorzugehen. So lässt sich das Paradoxon verstehen, dass die Parteipropaganda diese Kampagnen als Reinigungsprozess und Ausdruck eines »Demokratisierungsprozesses« charakterisierte.22 In ihrem Ergebnis rückten junge, unbedarfte, lenk- und formbare Mitglieder in die Positionen auf, die im Rahmen der Säuberungen unter tätiger eigener Mithilfe frei geworden waren. Die Säuberungen hatten somit immer auch den Charakter einer von oben gesteuerten Revolution der Jungen gegen die Alten, schufen gleichermaßen Opfer und Profiteure. Insofern dürfen die Wortmeldungen Rudolf Herrnstadts im Neuen Deutschland nicht dergestalt missverstanden werden, dass in diesem Konflikt demokratische Kommunisten dogmatischen Stalinisten gegenüberstanden. Tatsächlich kämpften auf beiden Seiten Stalinisten um den Führungsanspruch in der Partei, die sich vor allem im Grad ihrer Eloquenz, ihrer Flexibilität und in den Vorstellungen unterschieden, wie sich die DDR im Systemwettstreit mit dem Westen präsentieren sollte. Die Grundsätze der »bürgerlichen Demokratie« im westlichen Verständnis stießen bei beiden Seiten gleichermaßen auf Ablehnung, wie für sie der Führungsanspruch der SED unantastbar war. In allen Säuberungskampagnen wurden Sündenböcke für gesellschaftliche Widersprüche und wirtschaftliche Schwierigkeiten präsentiert – und die waren Anfang der fünfziger Jahre im Ostblock und nicht zuletzt in der DDR allgegenwärtig. Was die Kampagne gegen Walter Ulbricht betraf, so kommt hinzu, dass sich offenbar das Verhältnis zwischen dem Politischen Berater der Sowjetischen Kontrollkommission in Ost-Berlin, Wladimir Semjonow, und dem SED-Generalsekretär zunehmend getrübt hatte. In seinen Memoiren berichtet der Diplomat, dass er zwischen Herbst 1951 und Anfang 1952 eine »recht scharfe Auseinandersetzung« mit Ulbricht hatte, dem er Insubordination vorwarf.23 Der Umstand, dass Władisław Gomułka in Polen im August 1951 und Rudolf Slánský in Prag im November 1951 verhaftet worden waren, spricht dagegen, die Ursachen für die neuerliche Säuberungswelle im besonderen Maße in der DDR zu suchen. Dennoch dürften auch die Prioritäten der sowjetischen Deutschlandpolitik einen Wechsel an der SED-Spitze empfohlen haben. Anfang 1952 stand die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und deren Einbindung in das westliche Paktsystem unmittelbar bevor. Nach den Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges hatte für die Sowjetunion das Ziel der langfristigen Sicherheit vor Deutschland oberste Priorität. Die politische und militärische Integration des größeren und bevölkerungsreicheren Teils Deutschlands in die westliche Allianz erschien somit als unmittelbare Bedrohung der eigenen Macht- und Sicherheitsinteressen.24 Die Versuche der SED, die Bevölkerung in Ost und West dagegen zu mobilisieren, hatten jedoch nicht den gewünschten Erfolg gebracht. In dem von Herrnstadt im Neuen Deutschland gezeichneten Bild hatten »die Massen« in Ost und West in der Stunde der Not ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und den »Kampf« gegen die neue Kriegsgefahr begonnen. Dabei gehe es nicht um Sozialismus, die Errungenschaften der DDR oder die führende Rolle der Sowjetunion, sondern um »das nackte Leben, um das Stückchen Brot, um das Recht der Deutschen, sich frei zu entwickeln, einen eigenen demokratischen wohlhabenden Staat errichten zu können«.25 Indirekt warf Herrnstadt nun ausgerechnet im Neuen Deutschland die Frage auf, ob die DDR dabei überhaupt den Anspruch erheben konnte, Modell für ganz Deutschland zu sein. Zwar existiere östlich der Elbe »ein deutscher Staat, der seinen Gesetzen nach so demokratisch ist wie kein deutscher Staat der Geschichte. Hier ist eine deutsche Partei, die ihrem Statut nach so demokratisch ist, wie keine andere. Es gibt also in Deutschland einen Staat und eine Partei, auf welche die Volksmassen den Blick lenken können, um sich [...] Beispiel und Mut zu holen. Und sie richten ihren Blick tatsächlich immer brennender auf diesen Staat und diese Partei, werten jede Erscheinung bei uns mit der Qual des Zweifelnden, dem Vorurteil des Belogenen, dem Sehnen des Bedürftigen. Und was sehen sie?« Herrnstadts bereits zitierte Antworten auf diese Frage waren Ausdruck der Überzeugung, dass mit der DDR Walter Ulbrichts kein Staat zu machen war, dass sie auf die »Massen« im Westen keine Ausstrahlungskraft besaß. Das Politbüro vor dem Umsturz? Nur wenige Mosaiksteine stehen dem Historiker zur Verfügung, um die damaligen Machtkonstellationen im SED-Politbüro zu durchschauen und die Absichten und das Vorgehen der Widersacher zu rekonstruieren. Fest steht, dass das Scherbengericht gegen Lohagen mit all seinen Weiterungen von der sowjetischen Besatzungsmacht ausging. Als Vertreter der SKK (Sowjetischen Kontrollkommission) bei einem Gespräch mit Wilhelm Pieck am 12. Dezember 1951 eine Kritik an Ernst Lohagen ankündigten,26 konnte der SED-Vorsitzende nicht ahnen, dass der Artikel, der am 20. Dezember 1951 in der Täglichen Rundschau erschien, Ausgangspunkt einer Kampagne werden sollte, die die SED erschütterte. Was in der historischen Rückschau auf den ersten Blick wie eine von Beginn an konzertierte Aktion Herrnstadts, Zaissers und der Sowjets gegen Ulbricht und seine Anhänger erscheint, erweist sich allerdings auf den zweiten Blick als weitaus komplizierter und schwerer zu durchschauen. Nachdem die Kritik an Lohagen erschienen war, forderte die SED-Führung Lohagen zu einer raschen Selbstkritik auf, die dieser pflichtbewusst am 30. Dezember im Neuen Deutschland vollzog. Als Lohagen Wilhelm Pieck am 3. Januar 1952 in Berlin zum Geburtstag gratulierte, dankte dieser ihm für den »Dienst«, den er der Partei mit seiner Selbstkritik erwiesen habe. Auch Ulbricht erklärte sich mit der Selbstkritik einverstanden. Die Sache schien ausgestanden. Bis zum 13. Januar, als jene bereits erwähnte Bibliothekarin Annemarie Allgeyer auf einer Parteiaktivtagung in Schwarzenberg (Sachsen) den offenen Brief verlas, der am 22. Januar in der Täglichen Rundschau erscheinen sollte, und damit Ernst Lohagen frontal angriff. In jenen Tagen war das SED-Politbüro nach Berlin-Karlshorst, dem Sitz der SKK, einbestellt worden und musste dort gegenüber den Sowjets scharfe Selbstkritik üben, weil es sich »ein ernsthaftes Versäumnis [...] zuschulden kommen lassen« habe, indem es nicht sofort zur Kritik an Lohagen Stellung genommen hatte. Rudolf Herrnstadt wurde beauftragt, mit Beiträgen im Neuen Deutschland zum Problem der »Kritik und Selbstkritik« Stellung zu nehmen.27 Die Lohagen-Kampagne entwickelte nun eine unerwartete Dynamik. Der brillant formulierende Journalist Herrnstadt forderte mit seinen Leitartikeln derart leidenschaftlich und grundsätzlich zu einer Umwälzung in der SED auf, dass die Kampagne in aller Augen als gegen Ulbricht gerichtet erscheinen musste.28 Dem Generalsekretär und seinen Anhängern waren die Hände gebunden. Jeder Versuch, die von Herrnstadt ausgearbeiteten Leitartikel zu verhindern, hätte sie nicht nur dem Vorwurf ausgesetzt, die »Selbstkritik« zu »unterdrücken«, sondern auch in den Widerspruch zur Besatzungsmacht geführt. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Jetzt schien die Stunde der parteiinternen Konkurrenten Walter Ulbrichts geschlagen zu haben. Am 2. Februar 1952 erschienen unter der Überschrift »Heraus mit der Sprache!« im Neuen Deutschland die ersten Wortmeldungen der Basis, die die Kritik an Funktionären und Parteileitungen konkretisierten. Das SED-Zentralorgan wurde zum Sprachrohr der in dieser Form wohl ad hoc formierten Anti-Ulbricht-Fronde. In immer neuen Artikeln gerieten Parteileitungen, Ministerien und Massenorganisationen ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik.29 Für die Protagonisten dieses Machtkampfes war klar, dass für den Verlierer mehr auf dem Spiel stand als »nur« die Vormachtstellung innerhalb der SED-Führung. Schließlich deuteten die Nachrichten aus der benachbarten CSSR auf eine neue Schauprozesswelle hin. Leicht konnten die Verlierer der Lohagen-Kampagne zu den Hauptangeklagten des immer wieder aufgeschobenen »deutschen Schauprozesses« werden. Am 10. Februar erschien im Neuen Deutschland unter der Losung »Jetzt muß gesprungen werden!« ein weiterer namentlich nicht gekennzeichneter Leitartikel aus der Feder Herrnstadts. Schonungslos sezierte der Parteipropagandist bestehende Demokratiedefizite: Noch wirke der im Kapitalismus entstandene Ballast »des preußisch-deutschen Miefs, Anpassung auf der einen Seite und Furcht auf der anderen, Duckmäusertum, Kanzleikannibalismus usw. usw.« fort. Jetzt sei der Punkt gekommen, »daß wir alle das bestehende Niveau der Demokratisierung des Lebens in Partei und Staat als unzulänglich empfinden und das neue, höhere Niveau fordern. [...] Jetzt muß gesprungen werden! Jetzt muß der ganze Restbestand entwürdigender, von der Vergangenheit erzeugter und ihr gemäßer Eigenschaften überwunden werden, das bängliche Schwanken in der Vertretung des Rechts, der Zweifel am Sieg des richtigen Standpunktes, die kleinbürgerliche Furcht vor ›dunklen Gewalten‹, die engstirnige Freude am Kommandieren usw. usw.« Der fast beschwörende Tonfall des Artikels wies auf die Achillesferse der »Kritik und Selbstkritik«-Kampagne: Wenn es nicht gelang, die »Massen« an der Basis zur konstruktiven Kritik und zur systemloyalen Mitarbeit zu mobilisieren, drohte die Kampagne angesichts des – zunächst noch – passiven Widerstands des Apparates zu erlahmen und schließlich im Sande zu verlaufen. Und so rief Herrnstadt »den nicht wenigen Menschen, die heute noch in unserer Republik um ihr Recht auf Entfaltung und ihre Würde ringen, zu: Ihr seid nicht hilflos! Ihr kommt durch! Niemandem, wer es auch sei, ist erlaubt, Unrecht zu tun oder Unrecht gelassen mit anzusehen. [...] Wir können euch nicht versprechen, dass von morgen ab Erscheinungen von Nichtachtung der Initiative der Massen, von Verletzung der Würde des einzelnen schlagartig verschwunden sein werden. [...] Aber wir können euch versprechen und tun es: daß wir entschlossen sind, das neue Verhältnis zum Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik durchzusetzen, und daß wir die Kräfte dazu besitzen.« Doch das von oben propagierte Aufbegehren der Basis war nur die Begleitmusik zu der in Vorbereitung befindlichen Palastrevolution. Am Beispiel der Zentralen Parteikontrollkommission wird deutlich, dass Teile des Parteiapparats wie ein Seismograph auf die sich abzeichnende Machtverschiebung an der SED-Spitze reagierten und – wenn auch zögerlich – damit begannen, die künftigen Herren mit Material zu versorgen. So diskutierte die ZPKK Ende Februar einen Untersuchungsbericht über die Arbeit der SED-Landesleitung Sachsen-Anhalt, der nicht nur der gesamten Landesleitung und ihrem Sekretariat eine »falsche Arbeitsweise«, die »Nichtdurchführung von Parteibeschlüssen«, eine unzureichende Kritik und Selbstkritik sowie »starkes Versöhnlertum« vorhielt, sondern auch gegen den Landesvorsitzenden Bernard Koenen schwere Vorwürfe erhob. Der Moskauremigrant habe im Vorjahr eine »kritische Bewertung« der Kaderpolitik durch die entsprechende Überprüfungskommission verhindert. 30 Alles schien auf einen Showdown während der 8. Tagung des SED-Zentralkomitees zuzulaufen, dessen Mitglieder sich vom 21. bis 23. Februar 1952 in Ost-Berlin zusammenfanden. Dem ZK-Plenum schien eine Signalwirkung zugedacht gewesen zu sein, die den Einheitswillen der SED über die Grenzen der DDR hinaus dokumentieren sollte. Das ZK würde für Juli eine Parteikonferenz einberufen, die das Parteistatut für die Beratung von »dringenden Fragen der Politik und Taktik der Partei« vorbehielt, und deren Vorbereitung ganz in den Dienst des »Kampfes« um die deutsche Einheit und gegen die militärische und politische Integration der Bundesrepublik in den Westblock stellen. So würde sich die Generallinie nahtlos in die deutschlandpolitische Initiative der Sowjetunion einfügen: Am 13. Februar bat die DDR-Regierung alle Siegermächte um die »Beschleunigung« des Abschlusses eines Friedensvertrages mit Deutschland. Sieben Tage später kündigte Moskau neue Bemühungen an und überraschte schließlich am 10. März die Westmächte mit dem Vorschlag, die »schleunigste Bildung« einer gesamtdeutschen Regierung einzuleiten. Die als Stalin-Note in die Geschichte eingegangene Initiative sah ein neutralisiertes Deutschland in den Grenzen von 1945 vor, aus dem sich die Siegermächte ein Jahr nach Abschluss des Friedensvertrages zurückziehen würden. »Dem deutschen Volk müssen die demokratischen Rechte gewährleistet sein, damit alle [...] die Menschenrechte und die Grundfreiheiten genießen, einschließlich der Redefreiheit, der Pressefreiheit, des Rechts der freien Religionsausübung, der Freiheit der politischen Überzeugungen und der Versammlungsfreiheit [...]«, hieß es in den politischen Leitsätzen der diplomatischen Note. Diesem Postulat sollte nicht nur die im Januar 1952 eingeleitete »Kritik und Selbstkritik«-Kampagne gesamtdeutsch Glaubwürdigkeit verleihen: Auf dem 8. Plenum würde die SED-Führung neu aufgestellt werden und Ulbricht aus der Führung verdrängt oder zumindest stärker als bisher eingebunden werden. Doch es sollte anders kommen. Die Palastrevolution wird abgeblasen Für jene Zeitgenossen, die von den Ränken innerhalb der SED-Führung wussten, reichte allein die Berichterstattung über das 8. Plenum, um einen plötzlichen politischen Umschwung zu registrieren. Nachdem Walter Ulbricht mit dem Beginn der »Kritik und Selbstkritik«-Kampagne de facto aus den Spalten des Zentralorgans verschwunden war,31 demonstrierte er mit seinem Grundsatzreferat über die »ideologisch-politisch-organisatorische Arbeit der Partei und die Vorbereitung der II. Parteikonferenz« seinen neuen, alten Führungsanspruch. Das Referat, das in seiner epischen Länge am 26. und 27. Februar im Neuen Deutschland abgedruckt wurde, rückte das politische Selbstverständnis der »führenden Partei« wieder in die alten Koordinaten. Im ersten Teil32 hob Ulbricht die deutschlandpolitischen Anstrengungen der DDR und der Sowjetunion hervor, die bis zur II. Parteikonferenz noch verstärkt werden würden. Derweil reife in Westdeutschland eine »Krise« heran, die mit einer »Änderung im politischen Kräfteverhältnis« einhergehe. Sie finde Ausdruck im »wachsenden Widerstand der Arbeiterklasse, der übrigen Werktätigen und der patriotisch gesinnten Kreise des Bürgertums gegen die Adenauer-Regierung«. Denn die habe längst »den Weg der Vorbereitung eines Bruderkrieges und der imperialistischen Ausbeutung« beschritten. Anders als Herrnstadt, der die DDR-Realität einer systemimmanenten Selbstkritik unterzog, bewegte sich Ulbrichts Forderung nach »Kritik und Selbstkritik« auf der Folie der deutsch-deutschen Blockkonfrontation. Vor diesem Hintergrund war Kritik an bestehenden Herrschaftsstrukturen allenfalls in homöopathischen Dosen zulässig. Hatte Herrnstadt besonders »die Frage der innerparteilichen Demokratie«33 zur Diskussion gestellt, war für Ulbricht der »Bürokratismus, die Gleichgültigkeit, die Verantwortungslosigkeit« vieler Funktionäre »der größte Mangel«34. So reduzierte sich die Kampagne auf einen bloßen »Hebel für die Überwindung von Rückständigkeit und Bürokratismus«35, um das Bestehende zu optimieren: »Entschiedene Kritik ohne Ansehen der Person ist das Mittel, zu erziehen, zu helfen, zu korrigieren, die Moral zu heben und unfähige Elemente aus den leitenden Funktionen des Staatsapparates, des Parteiapparates und der Massenorganisationen zu entfernen. Die Kritik von unten ist der starke Hebel im Kampfe um die Verbesserung der Arbeit der Parteiorgane, des Staatsapparates und der Organe der demokratischen Massenorganisationen.« Hatte die »Kritik und Selbstkritik«-Kampagne unter Herrnstadts Federführung durchaus antiautoritäre Züge, war von diesen nach der Rückkehr Ulbrichts auf die politische Bühne nichts mehr zu spüren. Mehr noch, Herrnstadt sah sich auf dem ZK-Plenum heftiger Kritik ausgesetzt. Nach Ansicht des ZK-Sekretärs Paul Wandel hatte die Aufforderung »Jetzt muss gesprungen werden!« zur Desorientierung beigetragen. Karl Mewis, der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Rostock, der zuvor selbst ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war, warf gar die Frage auf, ob das Neue Deutschland nicht seine Kompetenzen überschritten habe. Herrnstadt konterte in scharfer Form, was nichts daran änderte, dass die Kampagne »Heraus mit der Sprache!« vom Neuen Deutschland wenige Tage später eingestellt werden musste. Auf den ersten Blick schien ausgerechnet Walter Ulbricht Herrnstadt in dieser Debatte zur Seite zu stehen. Doch waren seine Wortmeldungen bei genauerem Hinsehen nicht mehr als Lippenbekenntnisse über die Notwendigkeit, »die Freiheit der innerparteilichen Kritik zu sichern«. Die »Kritik und Selbstkritik« geriet zum Instrument der Parteileitungen, das deren personellen und inhaltlichen Eingriffen auf den nachgeordneten Parteiebenen eine Pseudolegitimität verleihen sollte. Realiter entschied jedoch auch weiterhin nicht die Grund-, Kreis- oder Landesorganisation, die einen in die Kritik geratenen Funktionär zuvor »gewählt« hatte, über dessen Verbleib in der jeweiligen Position, sondern die übergeordnete Parteiebene. Dies demonstrierte auch das Schicksal Lohagens, der von der 8. ZK-Tagung als 1. Sekretär des sächsischen SED-Landesverbandes abgelöst und aus dem ZK ausgeschlossen wurde.36 Er war der Bauer, den Ulbricht gerne zu opfern bereit war, um sich im Kampf um seine Stellung in der Parteiführung behaupten zu können. Da nützte Lohagen auch seine zweite, noch demütigere Selbstkritik nichts mehr, die am 21. Februar, dem Tag, als das 8. Plenum zusammentrat, im Neuen Deutschland abgedruckt wurde.37 Der eingeschränkte Zugang zu den sowjetischen Quellen erlaubt lediglich Mutmaßungen über die Gründe für den plötzlichen Kurswechsel im Vorfeld der 8. ZK-Tagung. Schenkt man den Erinnerungen Semjonows Glauben, hatte ihm Stalin im Verlauf des Jahres 1952 unter vier Augen versichert, dass er bei aller Kritik an Ulbricht diesen dennoch als seinen fähigsten Vasallen in Deutschland schätzte.38 Dies hätte Stalin jedoch zweifellos kaum daran gehindert, den SED-Generalsekretär fallen zu lassen, wenn es seiner Deutschlandpolitik zuträglich gewesen wäre. Wie dem auch sei: Offenbar hatten die Sowjets ihre Protegés in letzter Minute im Stich gelassen. Noch zehn Jahre später schwingt in einem Schreiben des längst entmachteten Herrnstadt an Wladimir Semjonow die Bestürzung über den abrupten Sinneswandel mit: »Sie, Genosse Semjonow, waren über diese Auseinandersetzungen zu jedem Zeitpunkt informiert. Zeitweise haben Sie an unserem Kampf für die Einhaltung der Lenin’schen Normen des Parteilebens teilgenommen, gelegentlich sogar sehr aktiv (z. B. im Fall Lohagen). Dann wieder wurde die große Mehrheit des Politbüros aus Gründen, die niemand verstand, von Ihnen im Stich gelassen (wie im Fall der Resolution des 8. Plenums des ZK im Februar 1952).«39 Pattsituation im Politbüro Doch Ulbricht war aus der 8. ZK-Tagung nur auf den ersten Blick als uneingeschränkter Sieger hervorgegangen. Wer auch immer beschlossen hatte, das bereits in die Wege geleitete Revirement der SED-Führung in letzter Minute abzubrechen, spielte auf Zeit. Tatsächlich war Ende Februar 1952 lediglich der Status quo ante – und der zunächst auch nur formal – wiederhergestellt worden. Ulbricht konnte sich als Generalsekretär behaupten, doch auch seine Widersacher verblieben in der Parteiführung. Und dort schien man sich im Frühjahr 1952 darüber einig zu sein, dass die Zusammenarbeit von Politbüro und ZK-Sekretariat zu wünschen übrig ließ. Wie groß der Unmut unter den Parteiführern war, machte Zaissers Wortmeldung auf der Politbürositzung am 4. März deutlich. Der Stasi-Chef rügte die Selbstherrlichkeit des ZK-Sekretariats, das die politische Leitung des Politbüros unterlaufe. Zaisser mahnte eine kollektive Leitung in den Gremien an. Das Politbüro sei zur »repräsentativen Körperschaft« geworden, die »automatisch die Beschlüsse des Sekretariats« bestätige. Es habe sich eine formale Leitung (Politbüro) und eine tatsächliche (Sekretariat) herausgebildet. Zweifellos erkläre sich diese Erscheinung aus der politischen Nachkriegsentwicklung: »1946 oder 1947 konnten wohl aus den Bedingungen der Zeit, Labilität der Lage, die Parität etc. – nicht alle Entscheidungen vor das Politbüro [sic!] gebracht werden. Häufig mag es notwendig und richtig gewesen sein, wichtige Entscheidungen im kleineren Kreis zu treffen, aber 1952 ist nicht 1947.« Das Politbüro müsse wieder ein kollektives Organ – »ohne Furcht und ohne Einschüchterung« – werden.40 Alle diese Vorwürfe richteten sich gegen Walter Ulbricht, der dem Sekretariat und damit dem Parteiapparat vorstand. Trotz seines Comebacks war die Position des Generalsekretärs in der Parteiführung offensichtlich geschwächt. Doch die Tatsache, dass Walter Ulbricht den Vorsitz ausgerechnet der Kommission übernehmen konnte, die eine Vorlage zur Verbesserung der Arbeit des Politbüros ausgearbeitet hatte, zeigte, dass die Sowjets nicht bereit waren, dem Generalsekretär ihre schützende Hand zu entziehen. Die Zusammensetzung dieser vierköpfigen Kommission spiegelte die Pattsituation im Politbüro wider. Den ZK-Sekretär für Propaganda, Fred Oelßner, wird man auf Ulbrichts Seite vermuten dürfen, während Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt dessen schärfste Kritiker waren. Was auch immer die Kommission in den Tagen nach der ZK-Sitzung ausgearbeitet hatte, wurde vom Politbüro am 4. März im Wesentlichen bestätigt.41 Auch der Umstand, dass Wilhelm Zaisser auf derselben Politbürositzung die mangelhafte Arbeit seines Staatssicherheitsministeriums rechtfertigen musste42, deutet darauf hin, dass die Sowjets zu diesem Zeitpunkt keineswegs an einer Umkehrung der Kräfteverhältnisse in der SED-Führung interessiert waren. Beide Spitzenfunktionäre hatten zum Jahresanfang 1952 die Grenzen ihrer Handlungsspielräume aufgezeigt und in unterschiedlichem Ausmaß einen »Schuss vor den Bug« gesetzt bekommen. Die Pattsituation zwischen Walter Ulbricht und seinen Gefolgsleuten auf der einen Seite und Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt auf der anderen Seite sollte mehr als ein Jahr Bestand haben, bis im Juni 1953 der Konflikt wieder mit neuer Macht und grundsätzlicher denn je eskalieren sollte. Aus dieser Auseinandersetzung sollte Walter Ulbricht als Sieger hervorgehen, während Wilhelm Zaissers und Rudolf Herrnstadts politische Karriere in jenen Tagen endete. Doch dies ist eine andere Geschichte, über die Gerhard Wettig43 in diesem Jahrbuch zu berichten weiß. 1 * Der Autor dankt Wilfriede Otto, Andreas Malycha und Gerhard Wettig für hilfreiche Anmerkungen zum Text. Zu den Parteisäuberungen in der SED siehe Mählert, Ulrich: »Die Partei hat immer recht!« Parteisäuberungen als Kaderpolitik in der SED (1948–1953), in: Weber, Hermann / Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, erweiterte Sonderausgabe, Paderborn 2001, S. 351 ff. Zur Geschichte der SED siehe Malycha, Andreas: Die SED. Geschichte ihrer Stalinisierung 1946–1953, Paderborn 2000. 2 Alle nachfolgenden Zitate siehe Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30: IV 2/44/442, Bl. 101 ff. 3 Auf der Grundlage dieser Informationen war am 29. September 1951 in der Täglichen Rundschau ein kritischer Artikel über die Arbeit der Nationalen Front in Sachsen erschienen. 4 Lohagen, Ernst: Die Kritik der »Täglichen Rundschau«, eine Lehre und Hilfe für mich, in: Neues Deutschland vom 30. Dezember 1951. 5 Der Historiker Helmut Müller-Enbergs hat in seiner herausragenden Studie »Der Fall Rudolf Herrnstadt. Tauwetterpolitik vor dem 17. Juni«, die bereits im Mai 1991 im Berlin Linksdruck Verlag (heute Ch. Links Verlag) erschienen ist, den »Fall Lohagen« und die damit verbundene Kampagne ausführlich beschrieben, ohne indes ihre Weiterungen herausgearbeitet zu haben, die Gegenstand dieses Beitrages sind. Im Neuen Deutschland vom 4. Mai 1993 schilderte der leider schon 1998 verstorbene Historiker Wolfgang Kießling die Lohagen-Affäre – zum Teil aus eigenem Erleben: »…Du hast gewiss nicht nur einmal ›gemüllert‹. Der Fall des SED-Funktionärs Ernst Lohagen und das Prinzip der Kritik und Selbstkritik – Ein Lehrstück perfider Polit-Technologie«. 6 Zur Biographie von Ernst Lohagen siehe Weber, Hermann / Herbst, Andreas (Hrsg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 464 f. 7 Herrnstadt, Rudolf: »Heraus mit der Sprache! Zur Kritik am Genossen Lohagen«, in: Neues Deutschland vom 25. Januar 1952. 8 Alexej Andrejewitsch Araktschejew hatte als Günstling des russischen Zaren Alexander I. die berüchtigten russischen Soldatenkolonien geschaffen. 9 Mewis, Karl: SED-Landesleitung Mecklenburg über einige Schwächen der Parteiarbeit, in: Tägliche Rundschau vom 20. Januar 1952. 10 »Krise im Sowjetzonen-Kabinett. Eingreifen des Moskauer Politbüros erwartet – Kein Regierungsmitglied auf seinem Posten sicher«, in: Münchner Merkur vom 6. März 1952. Derlei Artikel wurden in der SED-Führung offenbar aufmerksam gelesen, siehe etwa die im Nachlass Grotewohls befindlichen Zeitungsausschnitte aus dieser Zeit, in: SAPMO-BArch, DY 30: NY 4090, Bd. II/303. 11 Das Beschlussprotokoll des Politbüros vom 23. Oktober 1951 verzeichnete als Tagesordnungspunkt 6: »Einspruch des Genossen Zaisser gegen den Arbeitsstil des Politbüros: Das Politbüro beschließt in einer seiner nächsten Sitzungen bei Anwesenheit aller Mitglieder des Politbüros eine Besprechung über den Arbeitsstil des Politbüros durchzuführen«, in: SAPMO-BArch, DY 30: J IV 2/2/172. 12 Herrnstadt: »Heraus mit der Sprache!« (Anm. 7), S. 125. 13 Zu Wilhelm Zaisser schließen derzeit Wilfriede Otto und Helmut Müller-Enbergs eine umfängliche Biographie ab. Zur Biographie Rudolf Herrnstadts siehe insbesondere Müller-Enbergs: Der Fall Rudolf Herrnstadt (Anm. 5). 14 Siehe dazu Weber, Hermann: Warum fand in der DDR kein Schauprozess statt?, in: Foitzik, Jan / Künzel, Werner / Leo, Annette / Weyrauch, Martina (Hrsg.): Das Jahr 1953. Ereignisse und Auswirkungen, Potsdam 2004 sowie Otto, Wilfriede: Erinnerung an einen gescheiterten Schauprozess in der DDR, in diesem Jahrbuch. 15 Der DDR-Botschafter in Prag, Fritz Große, erwähnt diese Besuche in einem Schreiben an Anton Ackermann vom 24. Januar 1952, in: Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (im Folgenden: MFAA), A 15.655. 16 Am 25. Januar 1952 berichtete Neues Deutschland unter der Überschrift »Wyschinski in Nürnberg stürmisch umjubelt«, dass der Außenminister zwei Tage zuvor auf seiner Rückreise nach Moskau einen zwanzigminütigen Aufenthalt auf dem Nürnberger Bahnhof hatte. 17 In einem Schreiben vom 24. Januar 1952 informierte Fritz Große Anton Ackermann sowohl über den sowjetischen Staatsgast als auch über den Rücktritt Kopřivas, in: MFAA, A 15.655. 18 Siehe die Meldung »Umbesetzung von Ministerien in Prag. Entlassung Koprivas«, in: Mittagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 24. Januar 1952. 19 Siehe Hodos, Georg Hermann: Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948–54, Berlin 1990, S. 209 ff. 20 Siehe Mählert, Ulrich: Schauprozesse und Parteisäuberungen in Osteuropa nach 1945, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 37/38 (1998), S. 38 ff. 21 Zum Terror in den 30er-Jahren siehe Weber, Hermann / Mählert, Ulrich (Hrsg.): Verbrechen im Namen der Idee. Terror im Kommunismus 1936–1938, Berlin 2007. 22 Siehe die Einschätzung der »von oben inszenierten Säuberungsattacke« von Thomas Klein in: ders.: »Für die Einheit und Reinheit der Partei«. Die innerparteilichen Kontrollorgane der SED in der Ära Ulbricht, Köln / Weimar 2002, S. 152 ff. 23 Siehe Semjonow, Wladimir S.: Von Stalin bis Gorbatschow. Ein halbes Jahrhundert in diplomatischer Mission 1939–1991, Berlin 1995, S. 273 f. 24 Siehe Loth, Wilfried: Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte, Berlin 1994, S. 13 ff. 25 Neues Deutschland vom 25. Januar 1952. 26 Siehe Badstübner, Rolf / Loth, Wilfried (Hrsg.): Wilhelm Pieck – Aufzeichnungen zur Deutschlandpolitik 1945–1953, Berlin 1994, S. 380. 27 Siehe dazu Kießling: »…Du hast gewiss nicht nur einmal ›gemüllert‹.« (Anm. 5). Kießling datiert das Gespräch in Karlshorst nur vage, sodass es denkbar ist, dass an diesem Treffen auch Wyschinski teilgenommen hat, der in jenen Tagen einen Zwischenstopp in Ost-Berlin einlegte. 28 Ich danke Helmut Müller-Enbergs für den Hinweis auf diese Problemlage. 29 Im SED-Zentralorgan Neues Deutschland erschienen u. a. folgende einschlägige Artikel: »Wenn Minister und BGL-Funktionäre sich von den Massen lösen ...«, 25. Januar 1952; Wandel, Paul: »Über Mängel der Arbeit in der allgemeinbildenden Schule. Zur Arbeit der Genossen im Ministerium für Volksbildung«, 27. Januar 1952; Pfannstiel, Margot: »Vom Klassenkampf auf der Weberwiese«, 26. Januar 1952; »Stellungnahme des Sekretariats der Landesleitung Groß-Berlin der SED zu dem Artikel ›Vom Klassenkampf auf der Weberwiese‹ im Zentralorgan der Partei vom 26. Januar 1952«, 10. Februar 1952; Maron, Karl: »Erfolge und Schwächen in der Arbeit der Deutschen Volkspolizei«, 12. Februar 1952; Munschke, Ewald: »Ernste Fehler in der Arbeit der Genossen Personalleiter in den Ministerien«, 14. Februar 1952; »Wichtige Erklärung des Zentralrats der FDJ: ›Vergeßt das frohe Jugendleben nicht!‹«, 16. Februar 1952; »Rottet den Bürokratismus in den Gewerkschaften aus! Entschließung der 8. Tagung des Bundesvorstandes des FDGB«, 17. Februar 1952; »Befreit die Gewerkschaften vom bürokratischen Rost!«, Leitartikel, 19. Februar 1952; »Deutscher Sportausschuß unterdrückt Kritik«, 26. Februar 1952. 30 Siehe den Bericht Herta Geffkes über die Überprüfung der Landesleitung Sachsen-Anhalt, Anlage zum Protokoll der 50. Tagung der Zentralen Parteikontrollkommission vom 29. Februar 1952, in: SAPMO-BArch, DY 30: IV 2/4/442, Bl. 75 ff. 31 Lediglich am 14. Februar 1952 erschienen im Neuen Deutschland unter der Überschrift »Die Deutschen wollen endlich einen Friedensvertrag!« Auszüge einer Ulbricht-Rede, die dieser anlässlich des 7. Jahrestages der Zerstörung Dresdens gehalten hatte. 32 »Die gegenwärtige Lage in Westdeutschland und der Kampf um einen Friedensvertrag für Deutschland«, in: Neues Deutschland vom 26. Februar 1952. 33 Neues Deutschland vom 25. Januar 1952. 34 Neues Deutschland vom 27. Februar 1952. 35 Der zweite Teil des Ulbricht-Referats war mit »Die Entfaltung der Kritik und Selbstkritik als Hebel für die Überwindung von Rückständigkeit und Bürokratismus« überschrieben, in: Neues Deutschland vom 27. Februar 1952. 36 Siehe das »Kommuniqué der 8. Tagung des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands«, in: Neues Deutschland vom 24. Februar 1952. 37 »Stellungnahme des Genossen Lohagen zu seiner Selbstkritik vom 30. Dezember 1952«, in: Neues Deutschland vom 21. Februar 1952. 38 Siehe Semjonow: Von Stalin bis Gorbatschow (Anm. 23), S. 279. Semjonow zufolge sagte Stalin im Oktober 1952 über den SED-Generalsekretär: »Ulbricht ist ein treuer und konsequenter Kommunist. Er ist ein wirklicher Freund der Sowjetunion. Daran gibt es keinen Zweifel, und wir haben auch keinen Grund, ihm zu mißtrauen. Sie haben darauf aufmerksam gemacht, daß er eine schwere Faust hat. Wenn er sie auf den Tisch legt, ist sie größer als sein Kopf. Bemühen Sie sich, ihm in allem zu helfen, insbesondere aber in konzeptioneller und theoretischer Hinsicht. Ihm zu helfen – das ist Ihre Aufgabe.« 39 Schreiben von Rudolf Herrnstadt an W. S. Semjonow vom 28. November 1962, abgedruckt in: Stulz-Herrnstadt, Nadja (Hrsg.): Das Herrnstadt-Dokument. Das Politbüro der SED und die Geschichte des 17. Juni 1953, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 271. 40 Die Zitate und Informationen stammen aus einem 39 Seiten umfassenden Memorandum, das Else Zaisser im Juli 1958 an den V. Parteitag der SED gesandt hatte. Darin verwahrte sie sich gegen neuerliche Diffamierungen ihres wenige Monate zuvor verstorbenen Mannes und forderte dessen politische Rehabilitierung. Der Abschnitt über die Politbürositzung beruhte auf handschriftlichen Notizen Zaissers über einen Redebeitrag im Politbüro von März 1952. Das Dokument wurde erstmals veröffentlicht von Otto, Wilfriede: Dokumente zur Auseinandersetzung in der SED 1953, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 32 (1990), H. 5, S. 655 ff. 41 Die von der Kommission ausgearbeitete Vorlage lag dem Protokoll Nr. 98 der Sitzung des Politbüros des ZK am 4. März 1952 nicht bei, in: SAPMO-BArch, DY 30: IV 2/2/198. 42 Protokoll Nr. 98 der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees am 4. März 1952, in: SAPMO-BArch, DY 30: IV 2/2/198. Unter dem Tagesordnungspunkt 5 verzeichnet das Protokoll: »Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeit des Apparates der Staatssicherheit (Berichterstatter: Zaisser): Der Bericht wird zur Kenntnis genommen. Genosse Zaisser wird beauftragt, dem Politbüro zur nächsten Sitzung eine Beschlußvorlage einzureichen.« Am 18. März verabschiedete das Politbüro eine Entschließung, die dem MfS »noch eine Reihe ernsthafter Mängel und Schwächen« attestierte. Die Entschließung ist in Auszügen abgedruckt bei Hoffmann, Dierk / Schmidt, Karl-Heinz / Skyba, Peter: Die DDR vor dem Mauerbau. Dokumente zur Geschichte des anderen deutschen Staates 1949–1961, Berlin / Zürich 1993, S. 104. 43 Siehe Wettig, Gerhard: Der Kreml und die Machtkämpfe in der SED-Führung 1953–1958, in diesem Jahrbuch.

JHK 2008

Außenseiter, Aufsteiger, Absteiger. Vom Angehörigen der Funktionselite zum »Funktionshäftling«. Eine biographische Studie

Ilko-Sascha Kowalczuk

Anfang Juli 1989, es ist ein kühler Tag, hin und wieder setzt Nieselregen ein. Die Temperaturen erreichen kaum 16 Grad. Im Norden Ost-Berlins steigen Franz Kniffel1 (Anfang 60), seine Ehefrau Mireille (Mitte 40) und deren minderjähriger Sohn in ihr Auto. Ihr Ziel: die Schweiz. Sie gehören zu den 125 000 »Antragsstellern«, die die Statistik für das Jahr 1989 ausweist. Bis September können knapp 40 000 die DDR verlassen. Hinzu kommen bis zum 9. November eine Viertelmillion Flüchtlinge, die 1989 glaubten, die DDR für immer hinter sich gelassen zu haben. Kniffels Reise ist sorgfältig geplant und vorbereitet. Er und seine Frau sind mit dem SED-Regime fertig. Als sie gegen 16 Uhr an die Grenze zur ČSSR kommen, werden sie rasch abgefertigt. Ein paar Stunden später geschieht es ähnlich an der Grenze nach Österreich. Was die Reisenden nicht wissen können: Das Ministerium für Staatssicherheit hat zuvor dafür gesorgt, dass keine Kontrollen erfolgen. Erich Honecker genehmigte persönlich Mitte April 1989 ihre Ausreise. Noch einen Tag vor ihrem Aufbruch notiert ein ranghoher MfS-Offizier, die Kniffels seien so »diskreditiert«, dass sie im Ausland unmöglich »feindlich« gegen die DDR auftreten könnten. Mit dem Verlassen der DDR wollen sie einen Lebensabschnitt beenden und hoffen, in der Freiheit neu beginnen zu können. Kindheit im Nationalsozialismus – Jugend in der Nachkriegszeit Geboren wird Franz Kniffel Ende der zwanziger Jahre in Westfalen. Die Nationalsozialisten schließen 1934 die Arztpraxis des jüdischen Vaters. Franz ist als kleiner Junge antisemitischen Diskriminierungen ausgesetzt, Spielgefährten wenden sich von ihm ab. Seine Mutter, die keine Jüdin ist, schickt ihn 1938 nach Schweden. Vier Jahre bleibt er in der Emigration, weitgehend auf sich selbst gestellt. 1942 muss er nach Deutschland zurückkehren. Im Sommer 1944 rekrutiert ihn die Organisation Todt. Unter einem Vorwand erreicht er es, Weihnachten bei seiner Mutter und Großmutter verbringen zu können. Kniffel kehrt aus dem Kurzurlaub nicht zurück, sondern versteckt sich bis zum Kriegsende an verschiedenen Orten. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen bedeutet für Franz Kniffel eine echte Befreiung. Die Erfahrungen von Isolation, Verfolgung, Emigration, Demütigung und Ausgeschlossensein bewirken, dass er in den nachfolgenden Jahrzehnten nach außen hin scheinbar angepasst Karriere macht und dabei innerlich doch unabhängig bleibt. Die ihn umgebende Umwelt betrachtet ihn als einen unverbesserlichen Individualisten, eine Einschätzung, die im kollektivistischen Anstaltsstaat schnell in neuerliche Isolation münden kann. Kniffel wiederum verhält sich zu seiner Umwelt distanziert. Nach seinen Erfahrungen bis 1945 sind für ihn Grenzen – und davon gibt es in der DDR im doppelten Wortsinne mehr als genug – unerträglich. Zunächst kämpft auch Franz Kniffel mit den schwierigen Lebensumständen der Nachkriegszeit, von seinem Vater fehlt zudem jedes Lebenszeichen. Neben den Versuchen, den komplizierten Alltag zu bewältigen, beginnt er, sich politisch zu engagieren. 1946 trifft er seinen Vater wieder, der eine Odyssee durch verschiedene Länder und Lager überlebt hat und nun am Neuaufbau mitwirken will. Als Mitglied der SED versucht der Vater sich einzubringen. 1950 flüchten Vater und Mutter in die Bundesrepublik, sie befürchten neuerliche Verfolgungen. Franz Kniffel beginnt 1948 an einer Universität zu studieren, 1946 ist er bereits der FDJ und 1947 der SED beigetreten. Diese Mitgliedschaften entspringen weniger ideologischen Überzeugungen als vielmehr dem Wunsch, Gemeinschaften anzugehören. Er bekleidet ideologische Funktionen an der Universität und absolviert Lehrgänge der SED. Sein geisteswissenschaftliches Studium schließt er 1952 ab. Das Studium ist noch nicht von jener marxistisch-leninistischen Ausrichtung geprägt, wie sie nur wenig später üblich sein sollte. Kniffels wichtigste Lehrer aber sind größtenteils aus dem Exil zurückgekehrte Kommunisten. Franz Kniffel bereitet sich auf eine wissenschaftliche Karriere vor. Er promoviert, habilitiert sich, wird Dozent und schließlich Lehrstuhlinhaber. Wissenschaftlich bewegt er sich im Rahmen dessen, was zu dieser Zeit in der DDR junge Geisteswissenschaftler produzieren. Zeitzeugen erinnern sich aber, dass Kniffels Lehrveranstaltungen nicht von jener doktrinären Enge geprägt waren, die sonst so typisch war. Er spielt sich weder als Parteitechnokrat noch als kommunistischer Ideologiepolizist auf. Zu seiner Beliebtheit bei den Studierenden trägt bei, dass er sich weltoffen verhält, andere Meinungen zulässt und akzeptiert und zudem modisch gekleidet ist. Dass er Abstand wahrt und Distanzen kultiviert, stört die meisten Studierenden nicht, viele seiner Kollegen legen ihm dies jedoch als arrogant aus. Ein Student erinnert sich, dass er, als er Anfang der siebziger Jahre aus politischen Gründen exmatrikuliert wurde, noch eine Prüfung bei Kniffel hatte. Der Student war mit seinen Gedanken woanders. Kniffel hörte sich das Gestammel ruhig an und meinte, das sei alles sehr gut gewesen. Dem Studenten ist nicht bekannt, ob Kniffel etwas von seinem Schicksal wusste, er hat es aber als Solidaritätsgeste empfunden – eine Geste, die nicht nur dieser Student Kniffel zutraute, die aber eher singulär denn typisch für die Universität war. Ein denkwürdiges politisches Statement gibt Franz Kniffel nach der gescheiterten Revolution vom 17. Juni 1953 ab. Das ist eines der wenigen »offiziellen« Dokumente, die seine politische Haltung dokumentieren. Die meisten anderen wurden mit geheimpolizeilichen Überwachungsmethoden gewonnen, entstammen offiziellen Versammlungen oder Einlassungen, die unter Zwangsumständen erfolgten. Kurz nach dem 17. Juni schreibt Kniffel einen langen Brief an Ministerpräsident Otto Grotewohl. Obwohl Kniffel die offizielle Rede vom »faschistischen Putschversuch« aufgreift, stellt sein Schreiben eine schonungslose Abrechnung mit den Verhältnissen in der DDR und dem Gebaren der SED dar. Die Regierungsmethoden bezeichnet er als unwürdig. Im Einzelnen listet er viele gesellschaftliche Verhältnisse auf, die er als inakzeptabel brandmarkt. Dennoch sieht Kniffel in der DDR das bessere Deutschland. Fluchtgedanken kommen ihm nicht in den Sinn. Aufstieg: Eine ungewöhnliche Karriere – Universität, MfS, Weltreisen Im Januar 1957 werden er und seine Frau, die er im Studium kennengelernt hat, von der HV A (Hauptverwaltung Aufklärung) des MfS als GM (Geheime Mitarbeiter) geworben. Sie unterstehen direkt Markus Wolf. Diese Verbindung hält bis zum Mauerbau 1961, die Tätigkeit für das MfS dauert mit einigen Unterbrechungen zwei Jahrzehnte an. Kniffel schreibt eine Verpflichtungserklärung. Seine Berichte sind mit einem Decknamen gezeichnet. Neben einigen unbedeutenden Berichten über die Universität erstreckt sich seine GM-Tätigkeit vor allem auf die »Westarbeit«. Seine Verpflichtung ist mit dem Ziel verbunden, ihn als MfS-Werber einzusetzen. Die Unterlagen beinhalten keine Angaben darüber, was er als GM bis 1961 tatsächlich getan hat bzw. welche Aufgaben er übertragen bekam. Franz Kniffel ist ein leidenschaftlicher Sporttaucher mit Ambitionen zur Tiefseetaucherei. Das ist ein Hobby, das sich in der DDR nicht verwirklichen lässt. Kniffel findet Mittel und Wege, dies mit der Hilfe des Kulturbundes, anderer Verbände und von Verlagen als kulturpolitische und sportjournalistische Aktivitäten dennoch zu bewerkstelligen. Dabei spielen seine MfS-Verbindungen ebenso nur eine marginale Rolle wie direkte SED-Eingriffe. Es sind halb privat, halb staatlich finanzierte Unternehmungen, die Kniffel als gesellschaftspolitisch relevant anzupreisen versteht. Zunächst organisiert er Ende der fünfziger Jahre eine mehrwöchige Tauchexpedition in die Sowjetunion. Das Interesse daran in der DDR-Bevölkerung bleibt begrenzt, eine einige Jahre später, nach dem Mauerbau organisierte weitere Expedition findet hingegen großen Anklang. Fast ein Jahr lang kann Kniffel mit einer kleinen Crew seinem Hobby an verschiedenen Orten Mittelamerikas nachgehen und agiert dabei offiziell als Kulturfunktionär der DDR. Diese Tour prägt Kniffels Leben entscheidend. Als er zurückkommt, trennt sich seine Frau von ihm. Kurze Zeit später heiratet er erneut. Diese Ehe hält nur wenige Monate. Kniffel lebt nun einige Jahre fast einem Bohemien gleich. Durch seine zweite Frau schließt er Bekanntschaft mit oppositionellen Künstlern und Intellektuellen. Dem MfS bleibt das nicht verborgen. Er wird als GM reaktiviert und soll über diese Personenkreise berichten. Dem kommt er nicht nach, geschickt zieht er sich immer wieder aus der Affäre, bis das MfS ihn wieder in Ruhe lässt. Die Bekanntschaft mit diesen Intellektuellen bleibt eine Episode. Weniger episodenhaft sind seine Ausflüge in die weite Welt. Noch in Mittelamerika überlegt er, dort zu bleiben und an einer Universität zu arbeiten, nicht als Flüchtling, sondern als DDR-Bürger. Das ist nicht möglich. Nach seiner Rückkehr in die DDR finden die Schilderungen seiner Abenteuer ein großes Publikum. Bücher, zahlreiche Beiträge und Artikelserien in Tages- und Wochenzeitungen flankieren mehrere Radiosendungen und vor allem eine erfolgreiche Fernsehserie. Er hält über 100 Lichtbildvorträge, die wohl auch bei Teilen seines Publikums die Sehnsucht nach Überwindung der Grenzen bedienen. Anders als seine Zuhörerinnen und Zuhörer kann er Ende der sechziger Jahre erneut eine Expedition unternehmen. Diesmal geht es nach Indien. Wieder liebäugelt er mit dem Gedanken, an einer dortigen Universität zu bleiben, und wiederum fährt er schweren Herzens zurück, um auch diese Reise publizistisch breit auszuwerten. Seine Wissenschaftskollegen zeigen sich neidisch, seine Popularität lässt seinen Beliebtheitsgrad im Kollegenkreis absinken. Nach der Rückkehr aus Asien heiratet er nun Kathrin. Auch seine Berufung zum Professor und gelegentliche Auslandsreisen verhindern nicht, dass er sich wünscht, längere Zeit ins Ausland zu gehen. Ab Mitte der sechziger Jahre kann er offiziell in die Bundesrepublik reisen. Im Rahmen der Westarbeit des ZK der SED hält er mehrfach Vorträge, die HV A wird erneut auf ihn aufmerksam. Anfang der 1970er-Jahre intensiviert sich deshalb die Zusammenarbeit mit dem MfS, es kommt zu einer neuerlichen Verpflichtungserklärung. So wie seine erste weiß auch seine dritte Frau von seiner IM-Tätigkeit. Auch wenn Kniffel gelegentlich über die Universität berichtet, so liegt doch sein Haupteinsatzgebiet in der »Westarbeit«. Er liefert Analysen und Ausarbeitungen, wobei unklar ist, ob er diese exklusiv für das MfS anfertigte oder ob sie im Rahmen seiner offiziellen Forschungs- und Parteiarbeit entstanden. Kniffel selbst mag diese Zusammenarbeit als notwendiges Übel betrachtet haben, er wird kaum ein Selbstbild als »Agent« oder »Spitzel« gehabt haben, auch wenn er vom MfS finanziell belohnt wurde. Seine Erfahrungen als Verfolgter des NS-Regimes lassen ihn noch immer glauben, die DDR sei der deutsche Staat, in dem die »richtigen historischen Lehren« gezogen worden seien. Karrierehöhepunkt: Aus der ostdeutschen Provinz auf die große Bühne der Weltdiplomatie Der im Dezember 1972 in Kraft gesetzte deutsch-deutsche Grundlagenvertrag verändert Kniffels Lebensperspektiven unmittelbar. Der Grundlagenvertrag impliziert keine völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik, er überwindet aber die Hallstein-Doktrin und macht es anderen Staaten möglich, zur DDR diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Dies geschieht in einem rasanten Tempo, aus einem politischen Paria wird buchstäblich über Nacht ein gleichberechtigter Partner. Die DDR wird 1973 nicht nur gleichzeitig mit der Bundesrepublik Mitglied der UNO, sie tritt auch vielen UN-Spezialorganisationen bei. Die DDR sieht sich vor die Aufgabe gestellt, binnen kurzer Zeit Diplomaten zu rekrutieren, die sie in etwa 100 neue Botschaften und zahlreiche internationale Organisationen entsenden muss. Für Franz Kniffel stellt sich diese Situation als persönlicher Glücksfall dar. Sprachgewandt, erfahren in längeren Auslandsaufenthalten, vertraut mit ganz unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen, einen bildungsbürgerlichen Hintergrund aufweisend, politisch die SED und ihre Ideologie vertretend, dem MfS geheim verbunden und nicht zuletzt so auftretend, dass er auf internationalem Parkett nicht als Vertreter der kommunistischen Betonkopffraktion wahrgenommen werden würde, ist er wiederum ein Glücksfall für die kommunistische Kaderpolitik. So treffen sich Kniffels Ambitionen, außerhalb der Universität, möglichst im Ausland, zu arbeiten, mit den staatlichen Erfordernissen, geeignete Kader für die neuen außenpolitischen Aufgaben zu gewinnen. Er bewirbt sich in Absprache mit dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, dem MfS und der Abteilung Internationale Verbindungen des ZK der SED mit Erfolg für einen ranghohen Posten in einer UN-Spezialorganisation. Zum Jahresbeginn 1975 nimmt er seine Tätigkeit in Genf auf. Die HV A versucht noch, ihn für den Auslandseinsatz zu instruieren, aber die Zeit ist zu knapp, sodass er lediglich eine dürftige Basisausbildung für Agenten im »Operationsgebiet« erhält. Er wird in der Schweiz keiner HV-A-Gruppe angeschlossen, sondern hat lediglich Kontakt mit einem für ihn zuständigen Residenten. Franz Kniffel kann nach Genf seine Ehefrau und seine Tochter mitnehmen. Das Aufgabenfeld erweist sich als komplex und kompliziert. Es dauert einige Monate, ehe er sich eingearbeitet und eingelebt hat. Die UN-Organisation ist recht schnell mit dem weltweiten Wirken ihres Funktionärs sehr zufrieden. Kniffel und seine Frau genießen zudem das Leben im Westen mit vielen willkommenen Begleiterscheinungen. Die Welt ist klein für einen internationalen Spitzenbeamten, die Kontinente scheinen zusammenzurücken, Grenzen sind Probleme anderer. Das bleibt der »DDR-Kolonie«, wie die DDR-Mitarbeiter von Botschaften und anderen Einrichtungen im Ausland genannt wurden, nicht verborgen. Die geforderte Beteiligung an den auch im westlichen Ausland üblichen Parteiritualen lässt beim Ehepaar Kniffel zu wünschen übrig. Offenbar schätzen sie die Freiheit so sehr, dass sie nicht einmal mehr Lust verspüren, wenigstens einige Stunden in der Woche in der Botschaft DDR-Alltag zu spielen. Die Kniffels wohnen nicht in einer zugewiesenen Neubaukasernenwohnung, sondern ziehen mehrfach um, bis sie in einer Vorortvilla ein Domizil finden, das ihren gehobenen Ansprüchen entspricht. Sie verfügen über zwei Autos, sodass beide mobil und immer weniger kontrollierbar sind. Das Tuscheln in der »DDR-Kolonie« über diesen für DDR-Bürger ungewöhnlichen Lebensstil können sie kaum überhört haben, es stört sie aber offenbar nicht. Miteinander sprechen sie nie offen über eine Nicht-Rückkehr. Franz Kniffel will kein Verräter sein, er glaubt immer noch an die Potenzen des Sozialismus. Am liebsten wäre ihnen, ihr Aufenthalt wäre offiziell zeitlich unbegrenzt, sodass sie jederzeit besuchsweise in die DDR einreisen und zugleich ihr eigentliches Leben in Freiheit verbringen könnten. Kniffels Zusammenarbeit mit dem MfS gestaltet sich kompliziert. Seine MfS-Auftraggeber sind unzufrieden mit seinen geheimdienstlichen Tätigkeiten, und auch die sowjetischen Funktionäre und Geheimdienstoffiziere misstrauen Kniffel. Er ist ihnen zu »verbürgerlicht«, tritt auf wie ein westlicher Diplomat und lässt »Klassenverbundenheit« vermissen. Den KSZE-Prozess beurteile er anders als vorgegeben, die sozialistischen Staaten würden nun mit Problemen konfrontiert, die hausgemacht seien. Mehrfach beschweren sie sich bei anderen DDR-Funktionären und bei MfS-Offizieren. Die haben aber auch kaum noch Einfluss auf Kniffel. Immer wieder entzieht er sich ihren Aufträgen und Ansinnen mit dem Argument, er schaffe es zeitlich nicht. Einmal entgegnet er, er könne nicht »drei Herren« gleichzeitig dienen. Damit wertet er die MfS-Tätigkeit gegenüber der UN-Spezialorganisation und den Aufträgen der SED ab, was seinen Führungsoffizier veranlasst, ihm die Zusammenarbeit aufzukündigen. Kniffel lehnt das ab, was das MfS als »Treueschwur« akzeptiert. Wahrscheinlich glaubt Kniffel, ohne die Rückendeckung des MfS würde er aus Genf abgezogen werden. Tatsächlich gibt es immer wieder solche Überlegungen, aber diese werden vom Außenministerium, nicht vom MfS angestellt. Ab 1978 gibt es keine geheimdienstlichen Kontakte mehr zwischen dem MfS und Kniffel. Die Tragödie beginnt: Im Visier des MfS In diktatorischen Staaten mit dem Ansinnen, alles wissen und steuern zu wollen und jede individuelle und gesellschaftliche Regung als politisch relevant zu deuten, gibt es keine Privatsphäre im eigentlichen Sinne. Wie die überlieferten Akten totalitär verfasster Staaten immer wieder zeigen, ist Privatismus dort individuell zwar erlebbar, aber nicht garantiert und schon gar nicht so zu entfalten, dass er sich gegen die Herrschaftsansprüche der Machthabenden behaupten könnte. Die »Nischengesellschaft« hat es in geschlossenen Gesellschaften nie gegeben. Viele Menschen aber mögen empfunden haben, in einer »Nische« zu leben. Viele glaubten an diesen Schutzraum, der sie wenigstens partiell den Anmaßungen der Herrschenden entzog. Das ist erwähnenswert, weil SED und ihr MfS bei Bedarf, und der war groß und permanent gegeben, das Private zum Öffentlichen machten. Wobei »öffentlich« in diesem System zumeist nicht hieß, Öffentlichkeit herzustellen. Vielmehr war oftmals »öffentlich«, was politisch, ideologisch, geheimpolizeilich, letztlich strafrechtlich genutzt und dementsprechend instrumentalisiert werden konnte. Das Interesse des MfS für das Private entsprang keinem uninspirierten Voyeurismus, sondern war Teil eines perfiden Überwachungssystems. Dieses war von der Wahnvorstellung geprägt, sogar Dinge wissen zu können, noch bevor der Überwachte selbst darauf kam. Der geheimpolizeiliche »lautlose Terror« (Jürgen Fuchs), die Zersetzung von Seelen und Körpern, sollte die Gleichschaltung der Gesellschaft absichern – »effektiv« und »erfolgsorientiert«. Das »Private«, diese unbedingt schutzwürdigen Interessen, begegnet uns nicht selten in geheimpolizeilichen Akten als politisch Monströses. Darüber schreiben Historiker unbefangen, wenn die schutzwürdigen Interessen juristisch belanglos sind. In der wissenschaftlichen Zeitgeschichte ist nicht der berühmte Zeitzeuge der größte Feind des Historikers, sondern der Jurist und seine Adepten. Das ist kein Plädoyer gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung oder gegen schutzwürdige Interessen. Es ist aber ein Hinweis auf ein Dilemma, vor dem Historiker, die sich zeitgeschichtlich betätigen, nicht selten stehen. Franz Kniffel und seine Familie werden zu Opfern des SED-Regimes nicht wegen konkreter Handlungen, nicht einmal wegen ihrer zunehmenden Distanz zum System, sondern wegen ihrer ganz privaten Probleme, die das MfS und die SED diktaturtypisch nutzen. Im Frühsommer 1979 fährt Kniffel seine Ehefrau zur Erholung ans Meer. Der Vielbeschäftigte lässt sie ein paar Tage dort allein. Sie lernt Horst Puppe kennen, einen etwas undurchsichtigen Geschäftsmann aus Stuttgart. Er ist gleich mehrfach aus der DDR geflüchtet: zuerst noch vor dem Mauerbau, er kehrte jedoch zurück; dann nochmals nach dem Mauerbau, und wieder kam er zurück. Das MfS nahm ihn fest, er saß eine Zeit lang im Gefängnis. Anschließend geht er zurück ins Schwabenland, nunmehr offiziell, wo er sich in einer kommerziellen Fluchthelferorganisation betätigt. Im Osten biedert er sich mehrfach dem MfS an, indem er buchstäblich an der MfS-Pforte in Ost-Berlin bimmelt und um Mitarbeit fleht. Die Genossen vom MfS trauen dem »Selbstanbieter« nicht. Mehrfach arbeitet er zwar aktiv für das MfS, aber ein Restargwohn bleibt stets. Das MfS vermutet, Puppe wolle mit ihm im Auftrag seiner Fluchthelferorganisation zusammenarbeiten. Ob es so war, lässt sich aus den Akten nicht belegen. Es ist möglich, aber dann wären einige Pannen nebst Festnahmen durch das MfS von Puppes Syndikat in Kauf genommen worden, was die Sache in keinem besseren Licht erscheinen ließe. Dem MfS erschien Puppe zu undurchsichtig, weshalb er ab 1977/78 dort eindeutig als »Feind« firmierte. Die Liaison von Puppe und Kathrin Kniffel bleibt keine einmalige Episode. Sie schreibt nach einem ersten mündlichen Eingeständnis ihrem Mann einen Brief ins ferne Asien, wo er sich aufhält, und beteuert ihre Liebe zu ihm. Er glaubt ihr. Sie brauche aber ein letztes Treffen, so Kathrin, um sich von Puppe befreien zu können. Also nutzt das Ehepaar Kniffel eine Fahrt von Genf mit dem eigenen PKW in die DDR, um Kathrin, wie es im MfS-Jargon heißt, dem Horst »zuzuführen«: Franz Kniffel fährt seine Ehefrau zu einer Raststätte in der Bundesrepublik, wo er sie, wieder MfS-Jargon, dem Puppe »übergibt«. Kathrin Kniffel und Horst Puppe fahren nach Stuttgart. Am Abend lädt Horst Kathrin in ein Restaurant ein. Als sie dort ankommt, sitzt neben Puppe bereits ein Dr. Brill, ein Mitarbeiter des BND, wie er Kathrin selbst anvertraut. Der nimmt an, dass Puppe MfS-Agent sei. Aber er glaubt auch, dass die Kniffels vom Kommunismus genug haben. Damit liegt er zwar richtig, aber Kathrin Kniffel will deshalb noch lange nichts mit dem BND zu tun haben. Das sagt sie auch, steht auf und geht. In Genf erzählt sie ihrem Mann von dieser Geschichte. Der ist erbost, aber aus Erfahrung ist er angstvoll genug, um zu wissen, dies dürfe nicht gemeldet werden. Dann wäre sein Einsatz sofort und unwiderruflich beendet. Das Ehepaar schwört Stillschweigen. Der BND gibt aber nicht so schnell auf. Es kommt nun auch in Genf zu Telefongesprächen mit Kathrin Kniffel, auch zu einem direkten Kontakt mit BND-Vertretern. Franz ist nie dabei, mit dem BND will er nichts zu tun haben. Seine Frau auch nicht, aber Puppe geht ihr nicht aus den Kopf. Also tut sie einmal, worum dieser sie bittet. Sie kontaktiert einen Freund von Puppe, den dieser schon fast 20 Jahre kennt. Es ist Rainer Gär, ein Künstler aus dem Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg. Dieser Mann ist eine Weltberühmtheit in seiner Szene, außerhalb dieser ist er unbekannt. Mehrfach schmieden Puppe und Gär Pläne, wie Puppes Organisation ihn »rausschaffen« könne. Es kommt immer etwas dazwischen. Ende 1979 wird ein neuer Plan entwickelt. Kathrin Kniffel ist gerade in Ost-Berlin. Sie trifft sich mit Rainer Gär und sagt ihm, er solle sich an einem Tag Mitte Januar 1980 in einem Hotel in Sofia aufhalten. Aus Genf schreibt sie ihm dann noch eine Karte: Sie bedauere, dass sie vergessen habe, ihm Geld zu geben. Wahrscheinlich hat sie es absichtlich unterlassen. Die Fluchtorganisation steht längst im Fokus des MfS. Immer wieder gelingt es diesem, einzelne IM zu platzieren oder Fluchtwillige als IM anzuwerben. Um die MfS-Aktivitäten nicht zu dekonspirieren, lässt die Geheimpolizei immer wieder Fluchten zu, obwohl sie genau weiß, was wann und wie ablaufen wird. Rainer Gärs Fluchtabsichten werden verraten. Ein IM aus dem Bezirk Rostock gibt die notwendigen Informationen. Als Gär am Flughafen Schönefeld ankommt, um nach Sofia zu fliegen, wird er beim Check-in verhaftet. Noch bei seiner ersten Vernehmung bei der Polizei gesteht er alles. Das MfS nimmt auch seine Lebensgefährtin vorläufig fest, die von den Fluchtabsichten wusste, selbst aber nicht fliehen wollte. Bei ihrer zweiten Vernehmung erzählt sie, dass ihr Freund Rainer ein paar Mal Besuch von einer Frau namens »Katja« hatte. Diese sei DDR-Bürgerin, lebe aber in Genf, wo ihr Mann einen hohen Posten habe, und habe von den Fluchtabsichten gewusst. Es dauert ein, zwei Tage, bis im MfS diese Information auf den Schreibtischen der Leiter der HV A, der Hauptabteilung (HA) II (Spionageabwehr) und des Ministerbüros landet. Die Alarmglocken schrillen. Rainer Gär und seine Freundin werden wenige Tage nach ihrer Verhaftung bzw. Festnahme »entlassen«, das gegen Gär angestrebte Verfahren wird niedergeschlagen – und beide werden »freiwillig« in ein konspiratives Objekt des MfS (HA II) in Fürstenwalde gebracht. Dort bleiben sie ein Vierteljahr, ohne dass irgendein Angehöriger weiß, wo sie sich befinden. Fingierte Briefe werden geschrieben, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Die beiden werden immer wieder zu Puppe und »Katja« befragt, deren wahre Identität sich schnell herausstellt, es handelt sich um Kathrin Kniffel. Gär und seine Freundin reden, sie wissen nicht viel, aber es reicht, um den Verdacht aufkommen zu lassen, Kathrin und Franz Kniffel seien vom BND angeworben worden. Gär und seine Freundin kommen im April frei. Er ist zuvor als IM angeworben worden und berichtet bis 1989 ausführlich und intensiv. Er wird zugleich überwacht, sein Telefon wird ebenso abgehört wie seine Wohnung. Seine Berichte sind deckungsgleich mit den Abhörprotokollen. Viel erbringt Gärs IM-Arbeit nicht, weil er über seinen Bekanntenkreis schweigt. Das hindert ihn nicht daran, sowohl künstlerische Werke für eine Kirche in Ost-Berlin als auch eine sehr gut dotierte Arbeit für das MfS anzufertigen. An zwei Stellen in den Akten gibt es vage Hinweise, dass der HV A seit dem Frühsommer 1979 bekannt war, dass Kathrin Kniffel mit Horst Puppe Kontakt hatte. Was hinter den MfS-Kulissen wirklich ablief und bekannt war, lässt sich anhand der Aktenlage nicht vollständig verifizieren. Es gibt nur einen Hinweis von Kathrin Kniffel: Als sie Puppe erstmals am Strand erblickte, glaubte sie als seine Begleiterin eine Frau zu erkennen, die sie aus der DDR-Botschaft kannte. Deren Mann war Resident des MfS in der Schweiz. Ob es wirklich dessen Ehefrau war, kann weder Kathrin Kniffel hundertprozentig bestätigen, noch gibt es in den überlieferten Akten dafür Hinweise. Dies würde aber erklären, warum die HV A im März 1980 behauptet, sie hätte erste Erkenntnisse über die Verbindung von Puppe zu Kathrin Kniffel im Frühsommer 1979 gewonnen. Eine Tätigkeit von Puppe für das MfS zu diesem Zeitpunkt kann ausgeschlossen werden. Es ist aber auch möglich, dass die HV A dies im Frühjahr 1980 nur behauptete, um intern nicht als völlig ahnungslos in diesem Fall mit erheblichen internationalen Folgen zu gelten. Absturz: Die Tragödie nimmt ihren Lauf Die Strategen der HV A und der HA II ersinnen einen Plan, Franz Kniffel und seine Ehefrau unter einem Vorwand in die DDR zu holen. Das Außenministerium und das SED-Politbüro sind eingeweiht und stimmen in einer »Grundsatzentscheidung« dem Vorgehen zu. Der Plan geht nicht ganz auf, Franz fährt zwar widerwillig, aber Kathrin begleitet ihn nicht. So wird er nach einem konstruierten dienstlichen Termin im Außenministerium von zwei MfS-Mitarbeitern höflich gebeten, zu einem Gespräch mitzukommen. Das MfS plant nicht, Franz Kniffel zu verhaften. Er wird mit den Vorwürfen konfrontiert, die er bestreitet. Weder er noch seine Frau hätten irgendwelche BND-Kontakte. Er spricht mit dem Selbstbewusstsein eines internationalen Diplomaten. Dann zeigen ihm die Offiziere die Postkarte von Kathrin an Rainer Gär. Franz Kniffel ist fassungslos. Er »vereinbart« mit dem MfS eine fingierte Krankheit. Das Ziel besteht darin, Kathrin in die DDR zu holen. Man sichert ihm keine Straffreiheit zu, aber seiner Frau. Nach Aktenlage waren dies keine hohlen Worte. Kniffel wird ins Regierungskrankenhaus eingeliefert. Dort hat er einige Tage Bewegungsfreiheit, sein Zimmer wird aber ebenso abgehört wie seine Telefonleitung. Seine Schwiegermutter darf ihn besuchen und berichtet dann seiner Frau, Franz sei krank, sie müsse zu ihm kommen. Die Schwiegermutter weiß, was gespielt wird, denn sie selbst wird mehrere Tage in einem MfS-Objekt in Motzen festgehalten. Auch Franz Kniffel hat das wahre Spiel durchschaut. Er verlässt mehrfach das Krankenhaus, sucht eine öffentliche Telefonzelle auf und sagt seiner Frau, alles sei fingiert, sie solle unter keinen Umständen, was auch immer zukünftig von ihm zu hören sei, in die DDR zurückkommen. Sie könne ihm nur von Genf aus helfen. Zugleich schickt er an vier Adressen in der Schweiz Briefe, die seinem Chef vorgelegt werden sollen. Er hofft, wenigstens ein Brief würde ankommen. Darin schreibt er, dass er vom MfS festgehalten werde, aber niemals seine Stelle in Genf aufgeben werde, egal was in der nächsten Zeit für »offizielle« Schreiben, auch mit seiner Unterschrift, in Genf ankämen. Kniffel weiß um seinen Status als Beamter einer UN-Spezialorganisation. Ähnliche Fälle in der Vergangenheit lösten sich zumeist glimpflich. Auch seine Frau weiß dies. Es geht darum durchzuhalten. Die DDR muss nachgeben, alles andere würde mit einem erheblichen internationalen Gesichtsverlust einhergehen. Da auch dem MfS von Anfang an klar ist, dass weder Franz Kniffel noch seine Ehefrau BND-Agenten sind, räumt man ihm diese merkwürdige Bewegungsfreiheit ein. Markus Wolf ruft Franz Kniffel im Krankenzimmer an und ermuntert ihn, alles zu sagen, die Sache würde glimpflich ausgehen. Wichtig sei nur, dass seine Frau auch zurückkäme. Die denkt aber nach den Telefonaten gar nicht daran. Wenige Tage nach Kniffels Festsetzung wird in ihr Haus eingebrochen. Die Polizei nimmt an, dies sei vom MfS ausgegangen. Beweise gibt es nicht. Kathrin Kniffel lebt in Angst, eine Entführung durch das MfS sei nicht ausgeschlossen. Sie taucht unter. Die vielen, noch heute bewegenden Telefongespräche, die sie in den folgenden Monaten mit ihrer Mutter führt, führt sie von öffentlichen Telefonen aus. Die erste Zeit wohnt Kathrin bei Nachbarn, dann bei Bekannten und schließlich in einer neuen Wohnung. Finanzielle Sorgen hat sie nicht, weil die UN-Organisation Kniffels Gehalt weiterzahlt. Die Postkontrolle des MfS versagt gründlich. Alle vier Briefe von Kniffel gelangen in den Westen. Anders als geplant, kommen allerdings nicht alle bei seinem Chef an, der solche Fälle gewohnt diplomatisch-diskret behandelt. Ein Adressat gibt den Brief nicht im Büro des Direktors ab. Stattdessen informiert er das Regionalbüro einer Menschenrechtsorganisation, das nun wieder – entgegen der eigenen Regel – nichts Besseres zu tun hat, als den Brief einer Tageszeitung zu geben, die daraus eine Story macht. Nur wenig später geben diese Nachricht viele Zeitungen weltweit wieder. Im MfS sind die Genossen entsetzt. Sie hatten Kniffel vertraut, er ihnen nicht. Aus dem Krankenhaus zunächst noch in ein konspiratives MfS-Objekt verfrachtet, wird Kniffel zehn Tage nach seiner Festsetzung förmlich verhaftet und in ein Untersuchungsgefängnis gebracht. Er braucht vier Tage, um zu begreifen, dass ihm nun eine hohe Haftstrafe droht – wegen Agententätigkeit, Duldung von Agententätigkeit, Nichtmeldung von Agententätigkeit. Alle paar Minuten geht nachts das Licht an, alle paar Minuten ist das scheppernde Geräusch zu hören, wenn das Metall am Spion bewegt wird. Der Häftling hat auf dem Rücken mit den Händen auf der Bettdecke zu »schlafen«. Diese Folter bricht Körper und Seele vieler Häftlinge, sie lässt auch Franz Kniffel reden und reden, schreiben und schreiben. Im Sinne der Anklage hat er zwar nichts zu sagen, aber er erzählt Details seines Lebens und schreibt darüber mit einer Emsigkeit, die nur jemand aufbringt, der seinen Kopf retten will. Zunehmend konzentriert sich seine Wut auf seine Ehefrau. Er sieht sich mehr als Opfer seiner Frau denn des Systems. Zumindest vorübergehend scheint dieses gewonnen zu haben. Hauptziel des MfS ist es, Kathrin Kniffel nach Ost-Berlin zu holen. Im Ohr hat sie immer die Warnung ihres Mannes: Egal, was du hören wirst, komme nicht zurück. Das beherzigt sie auch dann noch, als ihr Mann im Knast längst das Gegenteil will. Woher soll sie auch wissen, dass sie straffrei geblieben wäre und womöglich ihren Mann vor einer Haftstrafe gerettet hätte? Woher soll sie wissen, dass ihr Mann jetzt tatsächlich ihre Rückkehr wünschte? Sie lebt verzweifelt und isoliert in Genf, er sitzt verzweifelt und isoliert in seiner Zelle beim MfS und verliert mehr und mehr jeden Glauben an seine Frau. Die private Krise wird zur lebensbestimmenden Tragödie. Der Fall Kniffel schlägt derweil international hohe Wellen. Die UN-Organisation sieht sich in ihrem Selbstverständnis bedroht. Resolution folgt auf Resolution, die DDR gerät international in eine prekäre Situation. Vereinbarte Konferenzen in der DDR werden abgesagt. Diplomatische Verhandlungen verlaufen ergebnislos. Die UN-Organisation beharrt auf ihrer Position, Kniffel müsse in Genf die Sache erklären. Die DDR wiederum sagt, dies käme nicht in Frage, da Kniffel gegen DDR-Recht verstoßen habe und deshalb in der DDR zur Verantwortung gezogen werden müsse. Kniffel bleibt UN-Beamter und sitzt zugleich in MfS-Haft. MfS-Unterhändler, die als Rechtsanwälte oder Diplomaten arbeiten, versuchen in Genf UN-Beamte davon zu überzeugen, dass Kniffels Ehefrau mit ihrer Rückkehr in die DDR Franz Kniffel aus der Bredouille bringen könnte. Vergebens, keiner glaubt ihnen im Westen. Tatsächlich musste zu diesem Zeitpunkt Franz schon allein deshalb verurteilt werden, um den Anschein zu wahren, seine skandalöse Verhaftung sei irgendwie rechtens. Mitte August 1980 wird Franz Kniffel zu drei Jahren Gefängnis wegen Unterlassung einer Anzeige (§ 225 StGB) in Verbindung mit § 98 (Spionage) und ungesetzlicher Verbindungsaufnahme (§ 219) verurteilt. Bereits im Mai war Kniffel aus der SED ausgeschlossen worden – Monate vor seiner strafrechtlichen Verurteilung. Wie konstruiert dieses Urteil ist, zeigt sich nicht nur an dem verhältnismäßig geringen Strafmaß. Die ganze Angelegenheit benötigt keine weitere strafhistorische Bewertung angesichts des Umstandes, dass eine Woche vor Prozessbeginn MfS-Minister Mielke nicht nur das Strafmaß bestätigt, sondern ebenso den Vorschlag abzeichnet, dass Kniffel relativ schnell auf Bewährung freikommen und dann entsprechend seiner Qualifikation in der DDR eine Arbeitsstelle erhalten solle. Er dürfe nicht mehr lehren, behalte aber seinen Professorentitel. Allen mit dem Fall befassten Geheimpolizisten, Juristen und SED-Funktionären bis hin ins Außenministerium, SED-Politbüro und selbst der Universität ist bewusst, dass weder Kniffel noch seine Frau mit dem BND zusammengearbeitet haben. Franz Kniffel wird aus höheren Erwägungen verurteilt, wird zum Opfer des Regimes, zu einem in neuem Wortsinne kommunistischen »Funktionshäftling«. Eine zerstörte Biographie Franz Kniffel ist so enttäuscht von seiner Ehefrau, dass er im Januar erklärt, keine Briefe von ihr mehr erhalten zu wollen, und jeden Kontakt zu ihr ablehnt. Im Sommer 1981 wird das Ehepaar in Abwesenheit geschieden. Kathrin steht dennoch zu ihrem Mann, weil sie glaubt, dies geschehe alles nur auf Druck des MfS hin. Kniffel selbst wendet sich mehrfach an den Direktor der UN-Organisation und erklärt, dass er sein Arbeitsrechtsverhältnis kündige. Dieser lehnt jeweils mit dem Hinweis ab, dies könne nur am Sitz der Organisation erfolgen. Im Oktober 1981 beschließen Markus Wolf, Günther Kratsch (Leiter der HA II) und Erich Mielke, dass Kniffels Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt wird. Er beginnt in einem Forschungsinstitut zu arbeiten, wo er sich nie richtig einleben wird. Das MfS überwacht ihn weiterhin lückenlos. Er ist sehr ängstlich, selbst seine Telefongespräche mit Kathrin, mit der er nun wieder mehrfach Kontakt hat, bespricht er zuvor mit MfS-Offizieren. Er will keine neuen Fehler machen. Zum Jahresende fährt er allein in den Winterurlaub. Er traut niemandem. Nur mit einer Frau lässt er sich auf Gespräche ein. Das MfS hat sie als IM auf ihn angesetzt. Ihre Berichte zeigen, dass er mit dem Staat DDR endgültig fertig ist. In einem anderen IM-Bericht über ihn ist die Einschätzung zu lesen, dass er den Osten viel schlimmer als den Westen finde, dass er einen »Sozialismus« anstrebe, wie er in Schweden, der Schweiz oder Frankreich herrsche. Die DDR sei nicht verbesserungsfähig. Der Kommunismus sei von A bis Z verrottet, die Fehler hätten 1917 begonnen. Es deutet sich zudem an, was im Juli 1982 ein anderer IM explizit berichtet: Kniffel will die DDR verlassen. Im August 1982 geschieht, woran weder Franz Kniffel noch das MfS glaubten: Kathrin kehrt in die DDR zurück. Kurz zuvor hatte sie ihren Vater, der überraschend besuchsweise in die Bundesrepublik fahren durfte, an der Nordsee getroffen. Als sie sich verabschieden, kommt es zu einer herzzerreißenden Szene zwischen Großvater und Enkelin. Kathrin Kniffel ruft ihren Rechtsanwalt in Ost-Berlin an: Er solle alles arrangieren, sie käme noch heute zurück. Dieser versucht, sie davon abzuhalten. Ihr Mann wolle von ihr nichts mehr wissen. Sie lässt sich nicht umstimmen. Der Anwalt sagt, wenn sie kommen wolle, dann solle sie kommen. Ihr würde Straffreiheit garantiert. In den folgenden Stunden fährt sie mit ihrem Auto immer wieder auf den Grenzübergang zu, dreht kurz vor Erreichen des Kontrollpunktes um und fährt wieder Dutzende Kilometer zurück. Das geht so stundenlang. Schließlich rollt sie über die innerdeutsche Grenze, wo sie bereits erwartet wird. Das MfS eskortiert Kathrins Wagen zu Franz Kniffel. Der hatte nicht nur längst jede Hoffnung auf ihre Rückkehr aufgegeben, sondern mit Kathrin auch innerlich gebrochen. Die ersten Worte, die sie von Franz hört, lauten: »Was willst Du denn hier?« Eine Welt bricht zusammen, die Rückkehr stellt sich als neuerlicher Fehler heraus. Nun ist auch sie wieder »wohnhaft« in der DDR, kann die Grenzen nicht mehr überwinden, ist eingeschlossen und unglücklich. Wochenlang wird Kathrin täglich vom MfS befragt, aber sie kann jeden Tag nach Hause, das nicht mehr ihr Heim ist. Franz Kniffel verschließt sich gegenüber allen und jedem, und wenn er sich einmal öffnet, wie einer Kollegin am Institut gegenüber, dann wird er neuerlich ans MfS verraten. Die Ehe mit Kathrin ist unwiderruflich vorbei. Schließlich findet Franz Kniffel neuen persönlichen Halt in Mireille, einer Frau, die auch ein Verfolgungsschicksal zu tragen hat. Nach der Heirat 1985 kann sie ihre Forschungsarbeiten nicht mehr fortsetzen. Die Ausreise aus der DDR erscheint immer logischer. Als sie ihnen schließlich gestattet wird, steht die DDR kurz vor ihrem historischen Aus. Die Tragik dieser Biographien ist mit dem Mauerfall nicht beendet. Doch das wäre bereits eine andere Geschichte. Auch wenn die rekonstruierte Geschichte selbst singulär sein dürfte, die sichtbar gewordenen Herrschaftstechniken waren ebenso systemtypisch wie das Verhalten einzelner Personen in der Diktatur. Der Blick auf eine einzelne Biographie bewahrt zugleich davor, in der Diktaturanalyse mit simplen Mustern wie »böse« und »gut« oder »Täter« und »Opfer« zu agieren. Das mag geschichtspolitisch seine Berechtigung haben, in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung sind solche manichäistischen Perspektiven wenig erkenntnisfördernd. Die meisten Biographien sind von Brüchen gekennzeichnet, so war etwa fast niemand zeitlebens Widerständler oder Oppositioneller. Zu Opposition und Widerstand war es biographisch oft ein weiter Weg, und oft genug gab es Momente der Schwäche, des Zweifels. Dies galt ebenso für Menschen, die sich dem System verbunden fühlten. Auch bei ihnen konnte die Überzeugung in kritische Distanz bis hin zu innerer oder offener Ablehnung umschlagen. Dass dabei zum Teil Repressionen und Verfolgungen die Systemablehnung verstärkten, ist banal und oft behauptet worden, hier ist es in einem besonderen Fall aufgezeigt worden. Franz Kniffel war kein Oppositioneller, er übte keinen Widerstand aus. Nach den NS-Erfahrungen sah er im Kommunismusexperiment den richtigen Versuch, eine neue Gesellschaft zu etablieren. Er konnte rasch Karriere machen, genoss ungewöhnliche Privilegien, war viele Jahre als IM des MfS tätig – eine geradezu mustergültige Kaderbiographie, die keine Anzeichen eines tiefen Sturzes beinhaltete. Ist diese Biographie schon bis zur Verhaftung interessant, so erfährt sie für Historiker ihre besondere Brisanz gerade dadurch, dass ein Systemträger aufgrund einer privaten Affäre so tief fällt, dass er buchstäblich über Nacht ohne eigenes Zutun zum Opfer des Systems wird. Diese Biographie zeigt so in ihrer Gesamtheit eine widersprüchliche Diktaturrealität, die oft genug von Analysen der großen Politik oder »eindeutig« konstruierter Biographien eher verschleiert denn konturiert wird. Franz Kniffels Leben und einzelne Lebensentscheidungen mögen die Leser unterschiedlich bewerten. Gewiss können etwa seine langjährige IM-Tätigkeit oder auch seine publizistischen Arbeiten in der DDR nicht aus der Perspektive seiner späteren Verhaftung und Verurteilung interpretiert werden. Aber ebenso wäre es wiederum problematisch, seine NS-Erfahrungen als Hintergrund seiner Parteinahme nicht zu berücksichtigen. Will man die Diktaturmechanismen begreifen, will man verstehen, warum so viele Menschen den Verlockungen der Diktatur erlagen, so erweisen sich biographische Annäherungen als sehr hilfreich. Die hier vorgelegte Skizze ist ein solcher Versuch der Annäherung, die sich gerade nicht Oral-History-Methoden bedient, nicht nach den Erfahrungen, Erinnerungs- und Verarbeitungsmustern fragt, sondern historische Prozesse, Machtmechanismen und individuelle Verhaltensmuster historisch zu rekonstruieren versucht. Aus vielen solcher exemplarischen Mosaiksteine lassen sich dereinst eventuell vielschichtige und mehrdimensionale Bilder zeichnen, die auch Nachgeborenen noch die Brutalität der Diktaturrealität vermitteln und vor allem veranschaulichen. Diese Skizze bietet keine neuen Erkenntnisse über Herrschaftsstrukturen und keine neuen Metaerklärungen an, sie liefert aber »Fleisch« für eine zu schreibende Diktaturgeschichte, um Herrschaft, Macht und Alltag plastisch rekonstruieren zu können. Vielleicht kann sich »Franz Kniffel« doch noch einmal dazu aufraffen, seine Geschichte selbst zu erzählen. Denn sie ist in Wirklichkeit spannender, widersprüchlicher und tragischer, als sie hier skizziert werden konnte. Sie zeigt exemplarisch, über die Biographie hinaus, dass Diktaturgeschichte nicht nur über einen Ansatz rekonstruierbar und erklärbar ist, sondern gerade in der Verschränkung mehrerer Perspektiven, etwa von Herrschafts-, Biographie- und Alltagsgeschichte, zur vollen Entfaltung gelangt. Die Vergangenheit ist in der Gegenwart lebendig, lebendiger als zumeist vermutet und wahrgenommen. 1 Alle Namen wurden geändert; wesentliche Orte und einzelne Sachverhalte verfremde ich, um Rückschlüsse auf reale Personen zu verhindern. Bei meinen Recherchen habe ich einen »Operativen Vorgang« (13 Bände), drei »Untersuchungsvorgänge« (14 und je 3 Bände), etwa 20 IM-Vorgänge und 80 andere Akteneinheiten unterschiedlicher MfS-Abteilungen sowie mehrere Stunden Tonmaterial ausgewertet. Außerdem zog ich Material aus dem SED-Archiv (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv) heran. Weil ich die Anonymität der Personen ausdrücklich wahren möchte (und muss), ist dies auch die einzige Fußnote im Text. Würde ich Quellen angeben, würde diese Anonymität sofort durchbrochen sein. Das mag wissenschaftlich ungewöhnlich sein, ist aber juristisch (und moralisch) nicht anders zu handhaben. Vielleicht stößt der Beitrag nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen seiner Form eine Debatte an über die mannigfaltigen Begrenzungen, die wissenschaftlicher Zeitgeschichtsschreibung auferlegt sind.

JHK 2008

»Antikommunismus« als Problem der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Skizze über einen ungeklärten Begriff der Nachkriegsepoche

Bernd Faulenbach

»Antikommunismus« gehört sicherlich zu den umstrittensten Begriffen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei bezieht sich die Auseinandersetzung sowohl darauf, was unter Antikommunismus zu verstehen ist, als auch auf die Bewertung des jeweils so Bezeichneten. Der Ausdruck »Antikommunismus« umfasst sehr unterschiedliche Phänomene, die lediglich das »Anti« gemeinsam zu haben scheinen: Sie richten sich gegen den Kommunismus, wobei dieser meist als Sowjetkommunismus gefasst worden ist. Doch diese Ablehnung kann pauschal oder differenziert, emotional oder rational begründet sein und sich mit sehr unterschiedlichen Positionen verbinden. Formen des Antikommunismus, die spezifische eigene Interessen verfolgen, können sogar selbst den Charakter einer Ideologie annehmen. In den 70er- und 80er-Jahren wurden Phänomene, die man unter dem Begriff »Antikommunismus« fasst, in den öffentlichen Diskursen in der Bundesrepublik Deutschland und in anderen westlichen Ländern zunehmend negativ konnotiert. Die durch das Ende des Sowjetkommunismus entstandene veränderte weltpolitische Konstellation macht nicht nur eine neue Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und seinen verschiedenen Varianten nötig – sie ist inzwischen vielfältig im Gange –, sondern auch eine neuerliche Beschäftigung mit den verschiedenen Ausprägungen des Antikommunismus. Dazu einige skizzenhafte Überlegungen, die das Forschungsproblem umreißen sollen. I Der Antitotalitarismus der frühen Nachkriegszeit, der im Grundgesetz der Bundesrepublik seinen Niederschlag fand, war gleichermaßen gegen den Nationalsozialismus wie gegen den Kommunismus gerichtet. Die unmittelbare Gefährdung schien allerdings bald vorrangig vom Kommunismus Stalins auszugehen, deshalb war der Antitotalitarismus vor allem ein Antikommunismus. Manche Beobachter schreiben ihm geradezu den Charakter einer »staatsreligiösen Weltanschauung« zu,1 was indes noch einmal genauer auszuleuchten wäre. Gleichzeitig wurde in der SBZ / DDR der Antifaschismus neben bzw. verbunden mit dem Marxismus-Leninismus zur Ideologie ausgebaut. So könnte man sagen, dass Antifaschismus und Antikommunismus in der Nachkriegszeit in mancher Hinsicht als Gegenbegriffe zu betrachten sind. Während sich der Antifaschismus gegen den Faschismus und sein Erbe wandte, richtete sich der Antikommunismus gegen die kommunistischen Bewegungen und Systeme.2 Beide Haltungen waren auf komplizierte Weise miteinander verschränkt: Dem Antifaschismus wurde oft eine Nähe zu kommunistischen Bewegungen, dem Antikommunismus eine zu rechten Bewegungen unterstellt. Im Westen wurde der Antifaschismus linker Provenienz zunehmend an den Rand gedrängt und ein gegen Faschismus und Kommunismus gerichteter Antitotalitarismus proklamiert. Im Osten aber waren Personen und Gruppen, die sich gegen den Kommunismus wandten, brutaler Verfolgung ausgesetzt. Die schwierige Wechselbeziehung bedarf einer näheren Ausleuchtung in der wissenschaftlichen Diskussion. Eine mögliche Hypothese könnte sein, dass der Antikommunismus in den Nachkriegsjahren im Westen eine dem Antifaschismus im Osten in mancher Hinsicht vergleichbare Funktion hatte. II Antikommunismus war in den 50er-Jahren und darüber hinaus in den politischen Führungsgruppen und in der öffentlichen Meinung der westlichen Länder die vorherrschende Haltung, sie wurde stark gefördert durch die Expansion des sowjetischen Herrschaftsbereichs und durch die stalinistische Politik der Sowjetunion und der kommunistischen Parteien, deren terroristische Komponente in der Nachkriegszeit unübersehbar war. Der Antikommunismus nahm dabei nationale Einfärbungen an, wie etwa die Kampagne des amerikanischen Senators McCarthy zeigt, die »unamerikanische« Umtriebe verfolgte. Die antikommunistische Haltung der Nachkriegszeit war außen- und sicherheitspolitisch gegen die Sowjetunion und das kommunistische Lager, innenpolitisch aber gegen die kommunistischen Parteien und mit ihnen – vermeintlich oder realiter – sympathisierende Gruppen gerichtet. »Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau« – dieses CDU-Wahlplakat richtete sich 1953 keineswegs nur gegen die Kommunisten, vielmehr auch gegen die Sozialdemokraten. Diese sollten in die Nähe der Kommunisten gerückt werden, obwohl die SPD zu diesem Zeitpunkt nur noch bedingt eine marxistische Partei war, an ihrer antikommunistischen Haltung kein Zweifel sein konnte und sie im kommunistischen Herrschaftsbereich verfolgt wurde. Teilweise war Antikommunismus während der 50er-Jahre eine Einstellung, die sich gegen jede gesellschaftsverändernde Politik wendete.3 Zugleich war er in Deutschland nicht selten amalgamiert mit einer Haltung, in der die antibolschewistische Politik des Nationalsozialismus ebenso weiterwirkte wie eine spezifische Verarbeitung von Kriegserfahrungen im Osten oder von Erfahrungen der Menschen in SBZ und DDR. Der gemeinsame »Antikommunismus« verband so entschiedene Demokraten und frühere NS-Anhänger, die sich der Demokratie anpassten. Der »bürgerliche« Antikommunismus der Nachkriegszeit ist bisher nur unzureichend erforscht und dargestellt worden. III Der sozialdemokratische Antikommunismus hatte seine Wurzeln in der Weimarer Zeit, als die KPD sich mit der parlamentarischen Republik nicht abfinden wollte und die Sozialdemokraten als Sozialfaschisten attackierte.4 Nach dem Zweiten Weltkrieg sah Kurt Schumacher, die dominierende Persönlichkeit der SPD in der damaligen Zeit, in der KPD lediglich eine Hilfstruppe sowjetischer Außenpolitik.5 Zudem waren Sozialdemokraten, die ihre Identität in SBZ und DDR zu wahren suchten, der Verfolgung durch die Besatzungsmacht und die SED-Organe ausgesetzt. »Sozialdemokratismus« wurde hier kriminalisiert – eine Erfahrung, die die Sozialdemokraten in ihrer antikommunistischen Haltung bestätigten.6 Es war nicht vorrangig die Eigentumsfrage, sondern der Gegensatz von Demokratie und Diktatur sowie die Bindung der Kommunisten an die Sowjetunion (gerade auch in der Stalinzeit), die die Sozialdemokraten von den Kommunisten trennte und den Antikommunismus der SPD nährte. Dieser unterschied sich von dem bürgerlichen insofern, als er eine gesellschaftsverändernde Politik nicht ausschloss. Als einer der besonders entschiedenen Gegner der Kommunisten trat in der Nachkriegszeit Herbert Wehner auf, der selbst Kommunist gewesen war und sich in einem schmerzhaften Prozess von seinen früheren Überzeugungen gelöst hatte. Er berief sich in seiner Ablehnung des Kommunismus auf diese Erfahrung: »Glaubt einem Gebrannten.« Auf einer Bildungsveranstaltung im Oktober 1946 erklärte er: »Derjenige, der nur die deutschen Erfahrungen hat, hat vom Totalitarismus nur 49 % erfahren. Wenn er 100 % erfahren will, muß er die 51 % des russischen Totalitarismus kennenlernen.«7 Ungeachtet seiner in den 50er- und 60er-Jahren dezidiert antikommunistischen Positionen wurde Wehner wegen seiner Vergangenheit häufig massiv, teilweise kampagnenartig, attackiert. Dabei wurde ihm vielfach unterstellt, dass er im Kern Kommunist geblieben sei. Der Antikommunismus der SPD hinderte bürgerliche Kräfte nicht, die Sozialdemokratie in die Nähe der Kommunisten zu rücken. IV In der Nachkriegszeit gab es mancherlei antikommunistische Organisationen in Westdeutschland und Westberlin. Eine besondere Rolle spielte der »Kongreß für kulturelle Freiheit«, der von US-amerikanischer Seite gefördert wurde. Mit der in Deutschland erscheinenden Zeitschrift »Der Monat« bot er linken, jedoch sowjetkritischen Intellektuellen ein Forum. In ihm spielten – neben sozialdemokratischen Politikern wie Carlo Schmid und Willy Brandt – Intellektuelle eine Rolle, die Kommunisten gewesen waren, doch ihre Erfahrungen mit dem Stalinismus gemacht hatten und – als »Renegaten«8 – zu seinen Feinden geworden waren. Zu den prominenten Repräsentanten dieser Gruppe gehörten Arthur Koestler und Margarete Buber-Neumann, die Autorin des Buches »Gefangene bei Stalin und Hitler«, die unermüdlich über Jahrzehnte über den Kommunismus aufzuklären suchte und schließlich selbst die neue Ostpolitik Willy Brandts heftig bekämpfte.9 Durch Michael Hochgeschwenders Arbeit Freiheit in der Offensive? ist der Kongreß für kulturelle Freiheit gut aufgearbeitet.10 V Kritik am »Antikommunismus« gab es die ganze Nachkriegszeit über. Naturgemäß attackierten die Kommunisten ihre Gegner und hatten einen gewissen Erfolg damit, Antikommunismus mit Reaktion, Klassenherrschaft, Kaltem Krieg usw. zu identifizieren. Zweifellos versuchten Parteigänger der Kommunisten, Kritik an der sowjetischen und allgemein an kommunistischer Politik durch den Antikommunismus-Vorwurf zu diskreditieren. Tatsächlich bot der Antikommunismus durchaus Ansatzpunkte für Kritik, etwa wenn er mit ausgesprochen rechten Positionen verknüpft war, die nicht alle innerhalb des demokratischen Verfassungsbogens lagen. Nicht nur Kommunisten und ihre Sympathisanten, sondern auch Linksliberale und unabhängige Köpfe im Umfeld der Sozialdemokratie kritisierten seit den 50er-Jahren den Antikommunismus. Aus der Sicht Gustav Heinemanns und seiner Anhänger in der GVP lief während der 50er-Jahre der Antikommunismus Gefahr, durch Übereifer in der Ausgrenzung von Kommunisten und auch in der Praxis, mit der das KPD-Verbot durchgesetzt wurde, elementare demokratische Rechte zu verletzen.11 Vertretern des Antikommunismus wurde, verstärkt seit den 60er-Jahren, eine Diffamierung linken Denkens, pauschale Verurteilung des Kommunismus und Verkennung des ursprünglich humanen Kerns des Kommunismus vorgeworfen. Es wäre interessant, diese im Laufe der 60er-Jahre wachsende Kritik am Antikommunismus einmal im Zusammenhang darzustellen. VI Eine neue Konstellation entstand in Deutschland, als im Kontext der Anpassung an europäische Trends 1968 die Wiedergründung der kommunistischen Partei ermöglicht wurde, die sich als DKP formal auf den Boden des Grundgesetzes stellte. Die neue Ostpolitik, die gegen den Widerstand der CDU / CSU und von größeren Teilen der Öffentlichkeit, nicht zuletzt der Springer-Presse, durchgesetzt wurde, zielte ein verändertes Verhältnis zu den kommunistischen Ländern Osteuropas an. Mit ihnen wurden Verträge im beiderseitigen Interesse abgeschlossen, was westlicherseits die Nebenabsicht einschloss, Reformen der kommunistischen Systeme zu fördern.12 Die entschieden antikommunistischen Kräfte – u. a. wesentliche Teile der CDU / CSU, die Vertriebenenorganisationen und die konservative Presse – haben diese Politik als Unterwerfung unter die kommunistische Politik attackiert und die sozial-liberale Koalition, insbesondere aber Willy Brandt, Herbert Wehner und Egon Bahr erbittert bekämpft. Antikommunistische Positionen bildeten den emotionalen Hintergrund für eine Opposition, die es 1972 ihrem Vorsitzenden Rainer Barzel schwer machte, mit der Regierung die aus seiner Sicht nötigen Kompromisse über die Ostverträge zu schließen. Antikommunismus wurde somit in den frühen 70er-Jahren erneut eine bedeutsame Komponente der politischen Auseinandersetzung, die insbesondere auf die Sozialdemokratie zielte. Die Parole »Freiheit statt Sozialismus« in den Bundestagswahlkämpfen versuchte den Antikommunismus zu instrumentalisieren, um Wähler zu Gunsten der CDU / CSU zu mobilisieren. Die Auseinandersetzung um die Ostverträge ist alles in allem gut aufgearbeitet, die antikommunistische Strömung bedürfte jedoch einer genaueren Ausleuchtung. Die Position der sozialdemokratischen Führung wurde in dieser Zeit insofern schwierig, als sie sich nicht nur mit Kritik von rechts, sondern auch von links auseinandersetzen musste. VII Innerhalb der Sozialdemokratie kam es in den frühen 70er-Jahren zu teils heftigen Auseinandersetzungen. Unter anderem zur Absicherung der neuen Ostpolitik setzte die Parteiführung 1971 einen Beschluss durch, mit dem sich die SPD klar von kommunistischen Positionen, von Teilen der radikalen Studentenbewegung und den sich nun herausbildenden K-Gruppen abgrenzte. Darin wurde erneut der Gegensatz in der Demokratiefrage herausgearbeitet; die kommunistischen Parteien galten weiterhin als Repräsentanten bzw. Verfechter totalitärer Diktatur.13 Teile der Jusos und der Linken liefen geradezu Sturm gegen diesen Abgrenzungsbeschluss. Der Antikommunismus hatte aus ihrer Sicht jede konsequent sozialistische Politik in der Bundesrepublik unmöglich gemacht. Jetzt galt nicht nur die Zurückdrängung des Antikommunismus als progressiv, sondern manche sahen sogar im Bündnis mit kommunistischen Gruppen eine Voraussetzung sozialistischer Politik – eine Position, die auf heftigen Widerspruch der großen Mehrheit der Partei stieß und Parteiausschlussverfahren zur Konsequenz hatte. Auf der anderen Seite gab es aber auch innerparteiliche Kritik namentlich von Mitarbeitern und Anhängern des früheren Ostbüros und der Vertriebenenorganisationen. Diese unübersichtlichen Auseinandersetzungen sind nur teilweise aufgearbeitet.14 VIII Die westliche DDR-Forschung machte seit den 60er-Jahren wesentliche Fortschritte; die politisch-gesellschaftliche Realität im SED-Staat wurde nun wesentlich präziser analysiert. Dies lockerte das bisherige DDR-Bild auf und förderte eine kritische Beurteilung des Antikommunismus. Insbesondere im akademischen Bereich wurde »Antikommunismus« so seit den 60er-Jahren ein Begriff, der eine überholte oder ideologische Haltung kennzeichnete. Sicherlich bejahte man dabei in der Regel nicht die kommunistische Herrschaftspraxis, wollte jedoch die real-sozialistischen Systeme differenziert betrachten, was sich teilweise mit dem politischen Ziel verband, durch den Aufbau von Beziehungen im Kontext der Entspannungspolitik sogar zu deren Veränderung beizutragen. Die Kritik am Antikommunismus nahm im Laufe der Zeit ihrerseits gelegentlich dogmatische Züge an. Sie zeigte hier und da die Tendenz, die Schattenseiten der kommunistischen Systeme in den Hintergrund zu stellen, sie mitunter sogar auszublenden. Es ist eine Aufgabe künftiger Forschung, den Weg von der Zurückdrängung antikommunistischer Positionen bzw. ihrer Auflockerung durch eine differenziertere Sicht zu einer selbst wieder klischeehaften Kritik am Antikommunismus seit den 60er-Jahren nachzuzeichnen. Allerdings gab es neben dem Anti-Antikommunismus eben doch auch Versuche, Formen einer geregelten Auseinandersetzung mit den Kommunisten zu finden. Das 1987 vorgelegte sogenannte Streitpapier von SPD und SED (Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit) ist dafür das herausragende Beispiel. Es ging aus der Sicht von Antikommunisten in der Anerkennung der Gleichrangigkeit kommunistischer Positionen und Friedensfähigkeit entschieden zu weit.15 Es spricht vieles für die These, dass der Abbau der scharfen Ost-West-Konfrontation, eben auch die Zurückdrängung des Antikommunismus, die Erosion der kommunistischen Systeme, die zu ihrer Legitimation ein Feindbild brauchten, stark gefördert hat. Demnach wäre es gerade nicht der militante Antikommunismus, der den Kommunismus in Osteuropa überwunden hat, sondern die Entspannungspolitik mit ihrer partiellen Zusammenarbeit über die Systemgrenzen hinweg. IX In bestimmten Bereichen gewannen seit den 70er-Jahren DKP-orientierte, häufig die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap) vertretende Kräfte beachtlichen Einfluss. Dies gilt insbesondere für die Gewerkschaften und ihr kulturelles Umfeld, wobei manche Einzelgewerkschaft stärker, manche schwächer betroffen war. Dieser Trend wurde nicht nur auf der Rechten, sondern auch innerhalb der undogmatischen Linken nachdrücklich kritisiert. So publizierte 1980 Ossip Karl Flechtheim u. a. als Taschenbuch unter dem Titel Der Marsch der DKP durch die Institutionen. Sowjetkommunistische Einflußstrategien und Ideologien eine scharfe Auseinandersetzung mit dieser Richtung.16 Unübersehbar gab es nicht nur einen rechten, sondern auch einen linken Antikommunismus, der sich gegen den Kommunismus Moskauer Prägung wandte. Eine monographische Studie dieser Richtung steht noch aus. *** Die Umwälzung 1989 / 90 und das Ende der kommunistischen Systeme, auch die Beschäftigung mit den von ihnen verübten Verbrechen und der Rolle der Staatssicherheitssysteme, haben nicht nur die Schattenseiten der Geschichte des Kommunismus in den Blick gerückt, sondern auch den Antikommunismus erneut stimuliert. Überpointiert kann man von einem Antikommunismus nach dem Ende des Kommunismus, von einem postmortalen Antikommunismus sprechen. Allerdings lässt sich fragen, ob das totalitäre Denken tatsächlich endgültig an sein Ende gekommen ist. Jedenfalls hat sich ein antitotalitärer Konsens herausgebildet, in den Konsequenzen aus der Geschichte des Kommunismus eingegangen sind.17 Heftig war nach 1990 die Kritik am Anti-Antikommunismus seit den 60er-Jahren, der pauschalisierend als Verharmlosung und Schönfärberei gewertet wurde.18 Die relative Berechtigung der Kritik an bestimmten Erscheinungsformen des Antikommunismus der Nachkriegszeit wurde dabei nicht gesehen, die Kritik am Anti-Antikommunismus wurde teilweise ihrerseits extrem zugespitzt und ungerechtfertigt auf große Teile der DDR-Forschung ausgedehnt. Inzwischen sollte die wissenschaftliche Diskussion in der Lage sein, Kommunismus, Antikommunismus und auch Anti-Antikommunismus zu historisieren. Der Philosoph Paul Ricœur hat formuliert: »Urteil und Strafe sind Sache des Richters; der Kampf gegen das Vergessen und für eine wahrhafte Erinnerung ist Sache des Bürgers; dem Historiker bleibt es vorbehalten, zu verstehen, ohne zu verurteilen und ohne zu entschuldigen.«19 Bezogen auf den Kommunismus, den Antikommunismus und den Anti-Antikommunismus, so ist deutlich geworden, haben die Historiker noch viel Arbeit vor sich. Es ist genauer zu bestimmen, was »Antikommunismus« jeweils war bzw. ist, wie der situative Kontext aussah und welche Interessen mit dem Antikommunismus verbunden waren, inwieweit Antikommunismus also primär Auseinandersetzung mit kommunistischer Politik oder aber Ideologie war. Am Ende der Diskussion könnte eine Typologie des Antikommunismus stehen. 1 Formulierung bei Jürgen Leinemann: Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker, München 2006, S. 115. 2 Siehe Furet, François: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München / Zürich 1995, S. 273 ff. 3 Siehe dazu: Vilmar, Fritz: Antikommunismus. In: Meyer, Thomas u. a. (Hrsg.): Lexikon des Sozialismus, Köln 1986, S. 30. 4 Siehe Faulenbach, Bernd: Zur Rolle von Totalitarismus- und Sozialfaschismus-Theorien im Verhältnis von Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Republik, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2004, S. 98–110. 5 Siehe dazu: Schumacher, Kurt: Reden – Schriften – Korrespondenzen 1945–1952. Hrsg. von Willy Albrecht. Berlin / Bonn 1985; Merseburger, Peter: Der schwierige Deutsche. Kurt Schumacher. Eine Biographie, Stuttgart 1995, insbes. S. 240 ff. 6 Siehe dazu Bouvier, Beatrix: Ausgeschaltet! Sozialdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR 1945–1953, Bonn 1996. 7 Wehner, Herbert: Selbstbestimmung und Selbstkritik. Erfahrungen und Gedanken eines Deutschen. Hrsg. von August Hermann Leugers-Scherzberg, Köln 1994, S. 252. Siehe auch Faulenbach, Bernd: Der Umgang mit Emigrationserfahrungen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit – die Beispiele Margarete Buber-Neumann und Herbert Wehner, in: Kolloquium der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Berlin 2006. Demnächst in den Berichten der deutsch-russischen Historikerkommission. 8 Siehe Rohrwasser, Michael: Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommunisten, Stuttgart 1991. 9 Siehe Buber-Neumann, Margarete: Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Eine Welt im Dunkel, 2. Aufl., Berlin 1997; dies.: Plädoyer für Freiheit und Menschlichkeit, Berlin 1999. Dazu Wissmann, Anja: Erinnerung und Neuanfang. In: apropos Margarete Buber-Neumann, Frankfurt a. M. 2001, S. 92–98. 10 Hochgeschwender, Michael: Freiheit in der Offensive? Der Kongreß für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998. 11 Posser, Dieter: Anwalt im Kalten Krieg. Deutsche Geschichte in politischen Prozessen 1951–1968, Bonn 2000; Weber, Hermann und Gerda: Leben nach dem »Prinzip Links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 140 ff. 12 Siehe dazu Niedhart, Gottfried: Revisionistische Elemente und die Initiierung friedlichen Wandels in der neuen Ostpolitik 1969–1974, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 233–266. 13 Zum Verhältnis von Sozialdemokratie und Kommunismus. Entschließung des Parteirates am 26. 2. 1971. Abgedruckt in: SPD-Jahrbuch 1970–1972, Bonn o. J., S. 557–564. 14 Siehe dazu Gebauer, Annekatrin: Der Richtungsstreit in der SPD. Seeheimer Kreis und Neue Linke im innerparteilichen Machtkampf. Wiesbaden 2005; Koenen, Gerd: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Köln 2001. 15 Der Titel des Papieres lautete: Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit. Siehe dazu Miller, Susanne: Die Gespräche der Grundwertekommission der SPD mit der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und das »gemeinsame Papier«, in: Rudolph, Karsten / Wickert, Christl (Hrsg.): Geschichte als Möglichkeit. Über die Chancen von Demokratie. Festschrift Helga Grebing. Essen 1995, S. 354–368; Giebeler, Karl / Geisel, Alfred (Hrsg.): Das SPD-SED-Dialogpapier. Ist mit der Ideologie auch der Streit erledigt? Bad Boll 2003. 16 Flechtheim, Ossip K. / Rudzio, Wolfgang / Vilmar, Fritz / Wilke, Manfred: Der Marsch der DKP durch die Institutionen. Sowjetmarxistische Einflußstrategien und Ideologien, Frankfurt a. M. 1980. 17 Zum Begriff des »antitotalitären Konsenses« siehe Jürgen Habermas: Die Bedeutung der Aufarbeitung der beiden Diktaturen für die demokratische Kultur in Deutschland, in: Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur«, Baden-Baden 1995, S. 686–694. 18 Siehe Hacker, Jens: Deutsche Irrtümer. Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen, Berlin, Frankfurt a. M. 1992. 19 Ricœur, Paul: L’écriture de l’histoire et la représentation du passé. In: Annales. Histoire, Sciences Sociales 55 (2000), H. 4, S. 731–747, hier S. 744. Zitiert nach François, Etienne: Meistererzählungen und Dammbrüche. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zwischen Nationalisierung und Universalisierung, in: Flacke, Monika (Hrsg.): Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, Bd. I. Mainz 2004, S. 13–28, hier S. 25.

JHK 2008

Alternativen zum Reformismus? Zur linken Gewerkschaftskritik und kommunistischen Gewerkschaftspraxis in Deutschland

Klaus Schönhoven

Seit ihrer Gründung in der Übergangsphase zwischen der Stände- und der Industriegesellschaft ist die Gewerkschaftsbewegung von ideologischer, politischer und organisatorischer Vielfalt gekennzeichnet. Die unterschiedlichen programmatischen Akzentuierungen, binnengewerkschaftlichen Differenzierungen und richtungsgewerkschaftlichen Fragmentierungen spiegeln konkrete historische Entstehungsbedingungen und nationale Entwicklungsvarianten wider, zugleich drücken sich in ihnen für alle modernen Industriestaaten typische sozioökonomische Konstellationen aus, die für den Antagonismus von Kapital und Arbeit bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts konstitutiv waren und die diesen strukturellen Dauerkonflikt bis heute prägen. Auf die immer wieder gestellte Frage, welche Funktionen Gewerkschaften als solidarische Zusammenschlüsse von Arbeitnehmern und als autonome Akteure im System der industriellen Beziehungen eigentlich wahrzunehmen hätten, wurden bekanntlich im Laufe der mittlerweile mehr als anderthalb Jahrhunderte langen Existenz von Gewerkschaftsverbänden sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Die Bandbreite der Zuschreibungen reicht von Positionen, die den Gewerkschaften eine systemsprengende Mission als programmatische Richtmarke setzen, bis hin zu Konzepten, die ihre systemimmanente Ordnungsfunktion in der Marktwirtschaft betonen und ihre Rolle als Sozialpartner der Arbeitgeber hervorheben. In Deutschland wurden die sozialistischen Gewerkschaften schon in ihrer Gründungsphase in richtungspolitische Auseinandersetzungen verwickelt. Man stritt darüber, ob ihre Tätigkeit letztlich nicht nur ein Kampf gegen Windmühlenflügel sei, eine Sisyphosarbeit, deren vermeintlicher Ertrag immer wieder aufs Neue durch die Intensivierung der Arbeit, die zunehmende Konzentration des Kapitals und eine sinkende Lohnquote verloren gehe. Am Beginn dieser jahrzehntelang andauernden Diskussionen über die spezifische Rolle der Gewerkschaften im Rahmen des Emanzipationskampfes der Arbeiterbewegung stand das dialektische Diktum von Karl Marx, die Gewerkschaften müssten einerseits den alltäglichen und unvermeidlichen Kleinkrieg im bestehenden Lohnsystem führen, andererseits müssten sie aber auch eine organisierte Kraft zur Beseitigung der Kapitalherrschaft sein. Diese Akzentuierung des Doppelcharakters der Gewerkschaftsarbeit löste zwischen den sozial-demokratischen Parteiintellektuellen, aber auch zwischen ihnen und den gewerkschaftlichen Pragmatikern jahrzehntelange Grundsatzkontroversen aus, die sich in der Begriffstrias Reformismus, Revisionismus und Revolution theoretisch verdichteten. Dabei stellte sich bereits im späten Kaiserreich heraus, dass die sozialrevolutionären Zielsetzungen der marxistischen Theorie mit der sozialreformerischen Tagesarbeit der Gewerkschaften nicht auf Dauer zur Deckung gebracht werden konnten. Eine Opposition aus Prinzip gegen die privatkapitalistische Marktwirtschaft hätte die Solidarität der gewerkschaftsgebundenen Arbeitnehmer überfordert, deren Herz vielleicht für den sozialistischen Zukunftsstaat schlug, deren reale Existenz aber von messbaren Erfolgen im Verteilungskampf zwischen Kapital und Arbeit im Gegenwartsstaat abhing. Deshalb sahen die Gewerkschaften die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen als ihre Hauptaufgabe an und konzentrierten sich darauf, im bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem das sozial Erreichbare durchzusetzen. Die ihnen von der marxistischen Theorie abgeforderte grundsätzliche antikapitalistische Konfliktorientierung spielte in den gewerkschaftlichen Strategiedebatten keine prominente Rolle. Geradezu zwangsläufig entstand so ein ideologischer Zwiespalt zwischen den Gewerkschaften und den marxistischen Gralshütern in der Sozialdemokratie, der bis zum Ende des Kaiserreichs für die ideologischen Differenzen in den Reihen der deutschen Arbeiterbewegung kennzeichnend blieb. Nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes und der Rückkehr der SPD in die Legalität war in der Partei zunächst die Meinung weit verbreitet, dass nur der politische Kampf erfolgreich sein könne und die Gewerkschaftsbewegung keine großen Zukunftschancen besäße. Vor dem Hintergrund gewerkschaftlicher Streikniederlagen und sozialdemokratischer Wahlerfolge machte sich August Bebel im Jahrzehnt nach 1890 zum Wortführer einer gewerkschaftskritischen Haltung in der politischen Arbeiterbewegung. Seine Attacken gegen die gewerkschaftlichen Reformer und seine Hoffnungen auf einen baldigen Zusammenbruch der bestehenden wirtschaftlichen und staatlichen Ordnung entsprachen dem vulgärmarxistischen Optimismus vieler seiner Parteigenossen, die – wie ihr Parteivorsitzender – die Gewerkschaften allenfalls als Rekrutenschulen der Sozialdemokratie akzeptieren wollten und an der Vorrangstellung der politischen Bewegung keinen Zweifel aufkommen ließen. Für ihre Strategie der kleinen Schritte innerhalb des kapitalistischen Systems bekamen die Gewerkschaftsführer in diesen Jahren keine theoretische Rückendeckung in der Sozialdemokratie. Dies sollte sich erst ändern, als die gewerkschaftlichen Organisationserfolge die der Partei deutlich übertrafen und als mit Eduard Bernstein ein Parteitheoretiker die politische Bühne betrat, der die Zusammenbruchstheorie, die den baldigen Kollaps des Kapitalismus prognostizierte, in Frage stellte. Die Revolutionshoffnungen der sozialdemokratischen Parteiführung spielten in seinem strategischen Denken nur eine periphere Rolle. Der von Bernstein entfachte Revisionismusstreit, den Rosa Luxemburg unmittelbar vor der Jahrhundertwende auf die Alternativen »Sozialreform oder Revolution« zuspitzte, tangierte den Kern des gewerkschaftlichen Selbstverständnisses. Die von Luxemburg formulierte These, die Tätigkeit von Gewerkschaften in der bürgerlichen Gesellschaft sei letztlich eine überflüssige Flickarbeit zur Rettung der kapitalistischen Ordnung, rückte die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung in die Nähe der Gegner der Sozialdemokratie. Nicht zufällig tauchten dann auch in der sozialdemokratischen Presse Stimmen auf, die vor einer »Vergewerkschaftung« oder »Versumpfung« der politischen Arbeiterbewegung warnten. Doch mit dem Revisionismusstreit begann auch die Suche nach einer neuen Strategie für die von der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung angestrebte fundamentale Veränderung der bestehenden Gesellschaftsordnung. Je mehr sich alle Spekulationen über einen baldigen »Kladderadatsch« des Kapitalismus als falsch erwiesen, desto stärker musste man sich auf einen längeren Weg bis zur Verwirklichung des angestrebten sozialistischen Endziels einrichten. Dabei rückte immer mehr die Frage in den Vordergrund, ob durch reformerische Alltagsarbeit der Transformationsprozess vom Kapitalismus zum Sozialismus angebahnt werden könne und ob ein politischer Generalstreik die schärfste Waffe der Arbeiterbewegung sei. Nun richteten die sozialdemokratischen Strategen ihren Blick auf den Zusammenhang von Aktion und Organisation, wobei sie die Vetoposition der Gewerkschaften in Rechnung stellen mussten, deren Mitgliederpotenzial das der Partei weit überflügelt hatte. Karl Kautsky, der programmatische Vordenker in der SPD, kam zu der Schlussfolgerung, dass die sozialdemokratische Bewegung ihre Emanzipationsstrategie auf Sand baue, wenn sie diese ohne die Kerntruppen der Gewerkschaften plane. Nur die Gewerkschaften seien in der Lage, die organisierbaren und kampffähigen Massen des Proletariats auf Dauer an sich zu binden und für einen politischen Massenstreik zu mobilisieren. Mit ihrer auf dem Mannheimer Parteitag 1906 verabschiedeten Resolution zog die SPD die Konsequenz aus der realen Entwicklung: Die Sozialdemokratie gab ihren Primatsanspruch auf, akzeptierte die gewerkschaftliche Autonomie bei Auseinandersetzungen auf dem Arbeitsmarkt und erkannte eine gemeinsame Verantwortung von politischer und gewerkschaftlicher Arbeiterbewegung bei der Verwirklichung der sozialistischen Zielvorstellungen an. Die Einsicht, dass ohne den organisatorischen Rückhalt der Gewerkschaften ein politisch motivierter Generalstreik scheitern musste, gehörte seit dem Abschluss des Mannheimer Abkommens zu den gemeinsamen Überzeugungen der sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsführer – sieht man einmal davon ab, dass Rosa Luxemburg an ihrer Position festhielt und auf die Spontaneität der Massen setzte, wenn es zu einer revolutionären Eskalation in Deutschland kommen sollte. Der das politische Denken und Handeln der Vorkriegssozialdemokratie bestimmende Dualismus von reformerischer Praxis und revolutionärer Ideologie konnte nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht länger die strategische Leitlinie der deutschen Arbeiterbewegung sein. SPD und Gewerkschaften standen nun vor dem Problem, ihre attentistische Position preisgeben zu müssen. Sie hatten sich zwischen einer radikalen Antikriegspolitik und dem Burgfrieden mit dem Kaiserreich zu entscheiden. Das gewerkschaftliche Votum für die Vaterlandsverteidigung und die sozialdemokratische Zustimmung zu den Kriegskrediten beinhalteten eine programmatische Festlegung auf ein reformistisches Konzept. Die Befürworter eines Schulterschlusses zwischen Arbeiterbewegung und Monarchie verfolgten damit keine strategielose Anpassungspolitik an den kaiserlichen Obrigkeitsstaat. Vielmehr setzten sie auf dessen Reformfähigkeit während des Krieges und plädierten auch deshalb für eine Einbindung der Arbeiterbewegung in die nationale Einheitsfront. Hierbei gingen die Gewerkschaften am weitesten, die sich mit ihrer Zustimmung zum Hilfsdienstgesetz die staatliche Anerkennung erwarben. Doch die politischen Reformhoffnungen der Linken wurden enttäuscht. Nicht zuletzt deshalb kam es zu einer Spaltung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung im Krieg. Die innerparteilichen Frontlinien zwischen einem reformerischen und einem revolutionären Politikverständnis brachen endgültig auf, nach 1918 konnten sie nicht mehr überbrückt werden. Fortan fielen der gewerkschaftliche Pragmatismus und das von Lenin ideologisch inspirierte kommunistische Avantgardedenken auseinander. Während der revolutionären Übergangsphase zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik entfaltete sich in Deutschland aber nicht nur eine kommunistische Bewegung, die sich in ihrem Partei- und Gewerkschaftsverständnis am Leninismus orientierte. Regionalen Widerhall fanden jetzt zeitweise auch anarchistisch-syndikalistische Strömungen, deren organisatorische und ideologische Heimat eigentlich in den romanischen Ländern lag und die bis dahin in Deutschland nur auf wenig Interesse gestoßen waren. Ideen des französischen Syndikalismus, vor allem sein antiparlamentarischer Aktivismus und seine versammlungsdemokratischen Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen, hatten zwar schon vor 1914 im gewerkschaftlichen Lokalismus einzelner Berufe und Branchen Nachahmung gefunden, doch diese unabhängig von den etablierten Dachverbänden der Richtungsgewerkschaften operierenden Gruppen waren im Kaiserreich eine Randerscheinung geblieben. Syndikalistische Aktions- und Organisationsformen wurden überwiegend von einer jüngeren Generation getragen, die sich den Disziplinbegriffen der traditionellen Gewerkschaftsbewegung entzog, militante kollektive Verhaltensformen propagierte und die »direkte Aktion« zu ihrer Kampfstrategie machte. Sie breiteten sich dann während der Gründungsphase der Weimarer Republik vor allem im rheinisch-westfälischen Industriegebiet aus und gewannen für die Radikalisierung der Bergarbeiter an Rhein und Ruhr eine große Bedeutung. Trotz seiner regionalen Resonanz im »wilden Westen« des Ruhrgebiets und in den mitteldeutschen Industriezonen gelang es dem Syndikalismus jedoch nicht, in den Gewerkschaften fest Fuß zu fassen. Die syndikalistischen Arbeiterorganisationen blieben im Vergleich zu den gewerkschaftlichen Zentralverbänden bescheidene Ansätze einer organisatorischen und programmatischen Alternative mit begrenzter Ausstrahlungskraft. Auch die von heterogenen linksradikalen Gruppen gegründete Kommunistische Partei konnte keinen Massenzulauf aus den Gewerkschaften verbuchen. Da man die Arbeiterklasse als ein revolutionäres Subjekt definierte und in der frühen Weimarer Republik auf einen unmittelbar bevorstehenden und erfolgreichen bolschewistischen »Generalaufstand« setzte, erschien den Protagonisten der KPD die Vertretung von tagespolitischen Interessen als eine der historischen Umbruchsituation nicht angemessene Ablenkung. In ihren innerparteilichen Kämpfen, in denen es um die Suche nach einem eigenen Standort zwischen Syndikalismus und Sozialdemokratie ging, korrigierte die KPD zwar nach dem Abebben der revolutionären Nachkriegswelle ihre antigewerkschaftliche Ausrichtung, doch von den Irrungen und Wirrungen eines putschistischen und utopischen Arbeiterradikalismus hat sie sich während der Weimarer Republik nie völlig frei machen können. Gleichzeitig wurde der Bewegungsspielraum des deutschen Kommunismus im von der Moskauer Komintern-Führung geschnürten ideologischen Korsett des Marxismus-Leninismus immer enger und seine Abhängigkeit vom schwankenden Kurs der stalinistischen Realpolitik immer größer. Die kommunistische Gewerkschaftspolitik war während der Zeit der Weimarer Republik von einer verwirrenden Abfolge von strategischen Wendungen und taktischen Manövern geprägt. Diese spiegelten zum einen die permanenten Führungskämpfe und häufigen Richtungswechsel in der KPD wider, zum anderen wurde aber bei der Beantwortung der Gewerkschaftsfrage auch das ideologische Grunddilemma der KPD als marxistisch-leninistischer Klassenpartei sichtbar. Sie verstand sich als die einzige theoretisch legitimierte Sachwalterin der politischen und sozialen Interessen der Arbeiterklasse, und sie orientierte ihre Gewerkschaftspolitik am Modell des revolutionären Weges, dessen Verlauf in der Theorie des Kommunismus alternativlos vorgezeichnet war. Aus dem scheinbar wissenschaftlich felsenfest untermauerten Wahrheitsanspruch dieser Theorie ergaben sich verbindliche Prinzipien für das Verhältnis der KPD zu den Gewerkschaften, die nicht in Frage gestellt werden konnten: Die Partei besaß die strategische Hegemonie in allen zu entscheidenden Fragen, der sich auch die Gewerkschaften zu unterwerfen hatten. Ihr politisches Ziel, die revolutionäre Realisierung der Zukunftsgesellschaft, hatte stets Priorität gegenüber der gewerkschaftlichen Gegenwartsarbeit. Der von Marx formulierte dialektische Dualismus zwischen der Arbeit in der Klassengesellschaft und der Überwindung der Klassengesellschaft wurde also um seine alltags- und interessenpolitische Komponente immer dann verkürzt, wenn – wie zunächst am Anfang und dann am Ende der Weimarer Republik erneut – die proletarische Revolution auf der Tagesordnung des Kommunismus stand. Ferner verkörperte die Kommunistische Partei die proletarische Klasse und duldete deshalb neben sich weder eine programmatische noch eine organisatorische Konkurrenz in der Arbeiterbewegung. »Revolutionäre Gewerkschaftspolitik« nach bolschewistischem Vorbild kannte also keine Gleichberechtigung von Partei und Gewerkschaften, sondern unterwarf die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung dem Primat der Politik. Sowohl die 1921 in Moskau gegründete Rote Gewerkschaftsinternationale (RGI), die sich als Gegenspielerin des sozialdemokratisch beeinflussten Internationalen Gewerkschaftsbundes mit Sitz in Amsterdam verstand, wie auch die 1929 von der KPD im Vollzug eines RGI-Beschlusses ins Leben gerufene Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO) zielten mit ihren verbalradikalen Mobilisierungskampagnen und ihren organisatorischen Spaltungsversuchen auf eine Zerschlagung des gewerkschaftlichen Reformismus. Beide Gründungen waren nicht das Ergebnis von Basisbewegungen in den Gewerkschaften, mit denen sich eine revolutionär stimulierte Arbeiterschaft neu formierte, sondern sie erfolgten auf Geheiß der internationalen und nationalen kommunistischen Führungsgremien, die auf die Karte der Konfrontation setzten. In Deutschland scheiterte die RGO-Politik mit ihren weit gesteckten revolutionären Zielen während der Weltwirtschaftskrise, die man in der Moskauer Zentrale des Kommunismus als finale Krise des Kapitalismus fehldeutete. In keiner Branche konnte die RGO eine Mehrheitsposition erringen, und ihr gewerkschaftlicher Einfluss blieb sogar innerhalb des kommunistischen Lagers sektoral und betrieblich begrenzt. Auch die Geschichte der Roten Gewerkschaftsinternationale endete nach 1933 in der Isolation. Aufgeschreckt vom Triumph des Nationalsozialismus in Deutschland verabschiedete sich die Sowjetunion nämlich von ihrer transnationalen Konfrontationspolitik gegen den sozialdemokratischen Reformismus und liquidierte auch auf der internationalen Ebene ihre kommunistischen Parallelgewerkschaften. Doch die Phase der Einheitsfrontpolitik war nur ein Zwischenspiel, dessen definitives Ende der Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes im August 1939 markierte. Nach der Niederwerfung des Nationalsozialismus durch die west-östliche Anti-Hitler-Koalition kehrten mit Beginn des Kalten Krieges die Konstellationen und Konfrontationen der Vorkriegszeit auf die nationale und transnationale Gewerkschaftsebene zurück. Dies dokumentieren die Entwicklung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Sowjetischen Besatzungszone und die erneute Spaltung der internationalen Gewerkschaftsbewegung, in der parallel zur Blockbildung zwischen Ost und West die ideologischen, politischen und organisatorischen Flügelkämpfe von Kommunisten, Sozialisten und Christen wieder auflebten. Nachdem die kommunistische Gewerkschaftspolitik in der Weimarer Republik nur einen geringen organisatorischen Widerhall in der Arbeiterschaft gefunden und ihre strategischen Ziele weit verfehlt hatte, eröffnete sich ihr nach 1945 im »realsozialistischen« Lager des Ostblocks und auch im geteilten Deutschland eine zweite Chance. Die Geschichte der DDR als erfolglose Gegengesellschaft zur Bundesrepublik ist jedoch auch aus der gewerkschaftlichen Perspektive zu einer Geschichte des Scheiterns geworden. Selbst wenn der 1946 gegründete FDGB nicht von Anfang an eine kommunistisch gelenkte Kaderorganisation war, sondern zunächst auch an die sozialdemokratisch-freigewerkschaftliche Praxis der Zwanzigerjahre anknüpfen und die dort tradierten Aufgaben der Interessenvertretung übernehmen wollte, vollzog sich unter der Regie der sowjetischen Siegermacht innerhalb weniger Jahren seine Umwandlung in eine von der SED bevormundete und gesteuerte Massenorganisation. Drahtzieher in diesem Prozess waren immer wieder ehemalige RGO-Funktionäre, die bereits im Mai 1945 in Berlin als Gewerkschaftsgründer aktiv geworden waren. Die im Zuge der kommunistischen Entmündigung einer freien Gewerkschaftsbewegung in der SBZ und DDR eingesetzten Instrumente von Druck und Drohung, aber auch von Werbung und Verlockung wirkten auf die zur führenden Klasse geadelte Arbeiterschaft widersprüchlich. Da sie von der tonangebenden Monopolpartei der DDR ideologisch privilegiert wurde, erwartete sie sich vom Realsozialismus auch größere materielle Zuwendungen, als dieser in den Notjahren der unmittelbaren Nachkriegszeit unter sowjetischer Regie zu erwirtschaften vermochte. Bereits in der frühen Phase der DDR-Geschichte offenbarte sich auch in Deutschland, dass der Stalinismus mit vielfältigen Methoden und Mitteln der Indoktrination in seinem Machtbereich operierte und nicht davor zurückschreckte, Terror und Gewalt einzusetzen, um seine Herrschaft abzusichern. Wie wenig Rücksicht kommunistische Parteiführer im Konfliktfall auf Arbeiterinteressen nahmen, offenbarte sich während und nach dem Juniaufstand von 1953 in aller Deutlichkeit. Zur Vorgeschichte und zum Verlauf dieses Aufstandes gehörte aber auch die Tatsache, dass sich auf den unteren Funktionärsebenen des FDGB und vor allem an seiner Basis viel Unmut über die Wirtschafts- und Sozialpolitik der SED angesammelt hatte: Zwischen der von der Staatspartei geforderten Regimeloyalität und dem in der Arbeiterschaft lebendig gebliebenen traditionellen Gewerkschaftsverständnis bestand immer noch eine tiefe Kluft. So streikten viele Mitglieder des FDGB im Juni 1953, während dessen Führungsapparat als Streikbrecherzentrale operierte. Die anschließenden ideologischen Attacken der SED-Führung gegen den »Opportunismus« und »Sozialdemokratismus« in der Arbeiterbewegung und die von ihr im Gewerkschaftsapparat vorgenommenen personellen »Säuberungen« sind Belege dafür, dass das Projekt einer kommunistisch durchherrschten Gesellschaft in der DDR längst noch nicht verwirklicht war. Der schon in der Zwischenkriegszeit immer wieder aufgebrochene Gegensatz zwischen der leninistischen Gängelung der Gewerkschaften und den materiellen Interessen der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft konnte auch unter den Systembedingungen des Staatssozialismus nicht eingeebnet werden. Obwohl der absolute Herrschaftsanspruch der SED, die sich wie alle kommunistischen Parteien als Avantgardepartei der Arbeiterklasse verstand, in der Mangelgesellschaft der DDR immer wieder an Grenzen der kollektiven Hinnahme oder des individuellen Eigen-Sinns stieß und in der Praxis des Regimealltags häufig auf dem Prüfstand stand, ließ das Prinzip des Primats der Partei keinen großen Spielraum für konkurrierende Ideen und anders akzentuierte Konzepte aus den Reihen des FDGB. Aus ideologischer Perspektive hatten die Gewerkschaften als Transmissionsriemen der Partei zu fungieren und waren als »Schulen des Sozialismus« für eine flächendeckende Indoktrination und die Vermittlung der SED-Politik zuständig. Als breit in der Gesellschaft verankerte Massenorganisation, deren Arbeitsfelder von der Sozialpolitik bis zur Freizeitgestaltung reichten, hatte der FDGB aber auch eine wichtige Integrationsfunktion im staatssozialistischen System zu erfüllen. Er war nämlich Ansprechpartner der Betriebsbelegschaften in ihrem Arbeitsalltag, er fungierte zugleich als sozialpolitischer Akteur und er organisierte auch die Freizeit und den Urlaub in der DDR. Und schließlich war er noch ein Instrument der Kontrolle bei der Disziplinierung der Erwerbsbevölkerung, denn die Gewerkschaftsfunktionäre hatten die Staatsorgane ausführlich über die Stimmung am Arbeitsplatz sowie über »besondere Vorkommnisse« im Arbeitsalltag zu informieren. Ihr eigenes Sanktionspotenzial war mit dem der SED und dem der Staatssicherheit wechselseitig vielfach vernetzt. Hinzu kamen die systemtypischen Machtressourcen von linientreuen Gewerkschaftsfunktionären, die über die berufliche Weiterbildung und die betrieblichen Aufstiegschancen ihrer Arbeitskollegen entschieden und sich bei der Verteilung von Privilegien als Gönner in Szene setzen konnten. Bestrafung und Belohnung gehörten zu ihren Herrschaftsmitteln und zu ihrer Herrschaftspraxis. Die Verstaatlichung der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung erwies sich in der Geschichte des gesamten Ostblocks als eine Fehlkonstruktion mit fatalen Folgen. Denn mit ihr brachte man die Gewerkschaften in eine schizophrene Situation. Sie sollten als Akteure des Staatssozialismus auftreten und zugleich für die Interessen der Erwerbstätigen eintreten. Diesen Widerspruch vermochte der Marxismus-Leninismus in seiner ideologischen Welt zwar dialektisch zu ummanteln, in seiner »realsozialistischen« Welt konnte er ihn aber nicht auflösen. Politisch brisant wurde der Widerspruch immer wieder bei Arbeitskonflikten. Sie waren in der DDR und in den anderen Ostblockstaaten nie nur Verteilungskonflikte, bei denen es um mehr Lohn und um weniger Arbeitszeit ging. Sie waren immer auch Systemkonflikte, denn sie erschütterten die Architektur der sozialen Beziehungen zwischen dem Regime und der Gesellschaft und stellten den Führungsanspruch der Staatspartei im kommunistischen Herrschaftsgefüge in Frage. Und sie konnten zu Aufständen eskalieren. Dies ließe sich am Beispiel des Juniaufstandes von 1953 in der DDR ebenso dokumentieren wie an der erstickten Revolution in Ungarn im Herbst 1956, am Prager Frühling von 1968 oder am Streik der Danziger Werftarbeiter und der Konfliktgeschichte der Gewerkschaft Solidarność in Polen zu Beginn der 1980er-Jahre. In seiner Ideologie und politischen Praxis negierte der Kommunismus eine fundamentale Erkenntnis der nichtkommunistischen Arbeiterbewegung, wonach eine Verstaatlichung der Produktionsmittel allein noch keine ausreichende Garantie für eine am Prinzip der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit orientierte Politik war. Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung wollte deshalb die Unabhängigkeit der Gewerkschaften gegenüber dem Staat und der politischen Arbeiterbewegung auch nach der Verwirklichung des demokratischen Sozialismus unbedingt bewahren. Garanten dieser Autonomie sollten das Koalitions- und Streikrecht sowie die gewerkschaftliche Selbstbestimmung als Arbeitsmarktpartei sein. Auf diese Prinzipien hatte sich im Sommer 1919 bereits der Gründungskongress des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes verständigt, dessen reformistisch orientierte Delegierte folgende programmatische Leitlinie festlegten: Der Sozialismus kann nur durch die Demokratie und nicht durch die Diktatur des Proletariats verwirklicht werden. An dieser Leitlinie orientierte sich nach 1945 auch der gewerkschaftliche Wiederaufbau in den drei Westzonen. Er vollzog sich unter dem Vorzeichen der Einheit und zielte auf die Zusammenführung der kommunistischen, sozialdemokratischen, christlichen und liberalen Richtungsgewerkschaften unter einem gemeinsamen Dach ab. Doch dieser Gründungskonsens erwies sich von Anfang an als nicht besonders belastbar, blickt man auf die Rolle der Kommunisten in der neu entstehenden Gewerkschaftsbewegung im Westen. Da das geteilte Deutschland bereits vor der doppelten Staatsgründung in Bonn und Ostberlin zum Kerngebiet des Kalten Krieges wurde, gerieten auch die Gewerkschaften und ihre politischen Mentoren in den verschiedenen Parteien sehr schnell in den Sog der Systemkonfrontation des Ost-West-Konflikts. Namentlich die kommunistischen Gewerkschafter, die nach Kriegsende vor allem im Ruhrgebiet über einen beachtlichen Rückhalt in den Belegschaften verfügten, standen schon bald zwischen den Fronten der Partei- und der Gewerkschaftsloyalität. Da die kommunistischen Gewerkschaftsfunktionäre in den Westzonen nicht auf die fürsorgliche Unterstützung der Besatzungsmächte rechnen konnten, die ihnen in der Ostzone gleichzeitig so überreich zuteil wurde, mussten sie prinzipiell die Frage klären, wie sie mit dem Faktum einer Hegemonie der sozialdemokratischen Gewerkschafter in den Betrieben und den Führungsgremien der im Westen Deutschlands entstehenden Verbände umgehen sollten. Zunächst orientierte man sich an der Devise der »Einheit der Arbeiterklasse« und suchte in den Gewerkschaften die Zusammenarbeit mit allen Nicht-Kommunisten. Doch parallel zur Eskalation des Kalten Krieges entwickelte sich auch in den Gewerkschaften eine scharfe Parteienkonkurrenz von KPD und SPD, die schließlich in einem offenen Konflikt mündete. Zum Katalysator des Zerfalls der überparteilichen Aktionseinheit wurde 1947 der Marshall-Plan, für dessen Annahme die sozialdemokratischen Gewerkschafter nach langen Diskussionen fast einhellig optierten, während die kommunistischen Gewerkschafter ihn als Kapitulation vor dem Dollar-Imperialismus kompromisslos ablehnten. Sie schlossen sich mit diesem Votum der Generallinie der Kominform an und folgten fortan den ihnen über Ostberlin aus Moskau übermittelten Weisungen. Gleichzeitig mit der kommunistischen Selbstisolierung in den westdeutschen Einheitsgewerkschaften forcierten die SPD und die ihr loyal verbundenen Gewerkschaftsfunktionäre die Ausgrenzung von Kommunisten aus den Verbandsführungen und der Betriebsarbeit in den Westzonen. Nach der Währungsreform und der Berlin-Blockade, als Deutschland zum Brennpunkt des Kalten Krieges wurde, und nach der Gründung der beiden deutschen Staaten erreichte die innergewerkschaftliche Konfrontation von Kommunisten und Sozialdemokraten ihren Höhepunkt. Während die KPD nun zum dogmatischen Rigorismus der Zwischenkriegszeit zurückkehrte und den »Kampf gegen die Kapitalistenklasse« und gegen die »rechten Gewerkschaftsführer« auf ihre Fahnen schrieb, koordinierte die SPD ihre antikommunistische Gewerkschaftsarbeit auf allen Organisationsebenen immer intensiver. Als die KPD zu Beginn der 50er-Jahre endgültig auf das klassische Arsenal von ideologischen Formeln und taktischen Anweisungen zurückgriff, dabei die Spaltertaktik der RGO in den Gewerkschaften wiederzubeleben versuchte und den sozialdemokratischen Reformismus als Verrat an der Arbeiterklasse attackierte, war auch für den DGB die Toleranzschwelle für parteipolitische Meinungsvielfalt in der Einheitsgewerkschaft definitiv überschritten: Er und seine Mitgliederverbände suchten nun die kompromisslose Auseinandersetzung mit der kommunistischen Gewerkschaftspolitik und leiteten eine rigorose personelle Säuberung ihrer hauptamtlichen Kader ein. Wer sich nicht von der KPD distanzierte, wurde entlassen. Das Ergebnis war für die Kommunisten katastrophal. Sie wurden so gut wie völlig aus gewerkschaftlichen Funktionsstellen in der Bundesrepublik verdrängt. Auf der Ebene der Betriebe hinterließ die demonstrative Ausgrenzung der Kommunisten ebenfalls ihre Spuren, auch wenn die Marginalisierung und Isolierung von kommunistischen Strömungen an der Gewerkschaftsbasis nicht überall restlos gelang. Doch von den wenigen Stützpunkten in einigen Traditionsgebieten an Rhein und Ruhr aus konnten die Kommunisten in der Folgezeit weder außerparlamentarische Massenbewegungen organisieren noch soziale Konflikte schüren. Das Verbot der KPD durch das Bundesverfassungsgericht richtete sich 1956 gegen eine Partei, die sich selbst bereits vorher politisch und gewerkschaftlich als westdeutsche Außenstelle der SED im Kalten Krieg ruiniert hatte. In der Ära des Wirtschaftswunders kam es dann zu einer spürbaren Anpassung der bundesrepublikanischen Gewerkschaften an die Spielregeln des »rheinischen Kapitalismus« und zu einem weitgehenden Bedeutungsverlust von basisorientierten oder revolutionären Konzepten in der praktischen Gewerkschaftsarbeit. Die völlige Stilllegung des betrieblichen Eigen-Sinns und Syndikalismus in den zentral gesteuerten DGB-Gewerkschaften wurde lediglich am Ende der 1960er- und zu Beginn der 1970er-Jahre durch spontane Streiks in verschiedenen Industriezweigen unterbrochen. Zwei Streikwellen im September 1969 und im Sommer 1973 signalisierten eine wachsende Unzufriedenheit der Beschäftigten mit der Tarifpolitik der Verbände in der Metall-, Stahl- und Textilindustrie sowie im Steinkohlenbergbau. Diese bis dahin in der Gewerkschaftsgeschichte der Bundesrepublik unbekannte »Rebellion« gegen die Organisationsdisziplin weitete sich jedoch nicht zu einem antigewerkschaftlichen Flächenbrand aus, denn die betroffenen Industrieverbände reagierten auf die Unzufriedenheit an der Basis mit einer Intensivierung ihrer Interessenpolitik beim Streit um mehr Lohn und weniger Arbeitszeit mit den Arbeitgebern. Aus heutiger Sicht waren die spontanen Streiks am Beginn der sozial-liberalen Ära zugleich erste Anzeichen einer tiefen Vertrauenskrise zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften. Mit dem sich anbahnenden Wandel der industriellen Arbeitsgesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft, mit den Diskussionen über die ökologischen Grenzen des Wirtschaftswachstums, mit dem Anstieg der Massenarbeitslosigkeit und der Staatsverschuldung stand eine kontinuierliche Ausweitung der sozialstaatlichen Sicherheit nicht mehr auf der politischen Agenda, sondern es ging um ihre Begrenzung auf einem kalkulierbaren Niveau. Fortan wurde die Loyalität vieler Gewerkschafter zur regierenden Sozialdemokratie einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt, weil zwischen den Maximen der gewerkschaftlichen Interessenpolitik und den Notwendigkeiten der staatlichen Konsolidierungspolitik nur noch mühsam ein für beide Seiten akzeptabler Kompromiss zu finden war. Dieser Dissens überdauerte die sozial-liberale Koalition und dramatisierte sich dann während der rot-grünen Regierungszeit vor und nach der Jahrhundertwende, als die SPD unter seelenlos-technokratischen Formeln wie Agenda 2010 oder Hartz I bis IV den Umbau des Sozialstaates vorantrieb und die Parole »Fordern und Fördern« zu ihrem Maßstab machte. Die jüngsten Entwicklungen sind geprägt von der Renaissance alter Gegensätze zwischen Reformismus und Radikalismus. Dazu gehört, dass ausgerechnet am Vorabend des 17. Juni 2007 linientreue Altkommunisten aus dem Osten und frustrierte Sozialisten aus dem Westen eine gesamtdeutsche Linkspartei gründeten. Dazu gehören die dramatischen Mitgliederverluste, die sowohl die SPD wie auch die Gewerkschaften in den letzten Jahren verzeichnen mussten. Zurzeit sehen sie manchmal wie gealterte Riesen aus, die immer mehr an Kraft und Jugendlichkeit verlieren – wie in der späten Weimarer Republik. Wenn sich aber der Volkstribun der Linkspartei, der ehemalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine, auf das Vorbild von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Willy Brandt beruft, dann verbeugt er sich vor Leitfiguren und Leitideen, die nicht einmal virtuell in einer historischen Einheitsfront vereint werden können. Zwischen dem revolutionär-kommunistischen Erbe der Spartakisten Liebknecht und Luxemburg aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und den demokratisch-sozialistischen Positionen der Sozialdemokratie, die Brandt verkörperte, besteht nach wie vor eine nicht zu überbrückende Distanz. Ein Spagat zwischen diesen grundverschiedenen Orientierungen ist schon einmal misslungen, blickt man auf die ebenso kurze wie verworrene Geschichte der USPD zwischen 1917 und 1922 zurück. Derzeit findet die Wiederbelebung des milieuzentrierten Traditionalismus der alten Arbeiterbewegung und die Inszenierung eines symbolischen Aktionismus mit roten Fahnen, Trillerpfeifen und Transparenten als nostalgische Suche nach der verlorenen Zeit auch in den Gewerkschaften viel Zustimmung. Doch sollten sich deren Mitglieder und Funktionäre dessen bewusst sein, dass sie sich heute in einer Welt behaupten müssen, die sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert hat. Diese Welt ähnelt kaum mehr der Welt, in der die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert entstand. Wer über eine neue Kultur der Solidarität nachdenkt, muss auch über alte Grundwerte neu nachdenken und deren Verhältnis zueinander neu definieren. Überzeugungskraft gewinnt man auf Dauer nicht mit dem Dogmatismus von gestern. Wenigstens diese Lehre aus der Geschichte der gescheiterten kommunistischen Gewerkschaftsbewegung sollte die neu gegründete Linkspartei beherzigen. Demonstration der RGO in der Endphase der Weimarer Republik

JHK 2008

Heinz Neumanns Bußrituale - auch ein Nachtrag zum Protokoll der »Brüsseler Konferenz« der KPD

Reinhard Müller

Im Inneren Gefängnis der Moskauer Lubjanka verfasste am 1. November 1937 der KPD-Funktionär Heinz Neumann eine 30-seitige Eingabe »Über die konterrevolutionäre bucharinistisch-trotzkistische Organisation Pieck–Ulbricht«.1 Mit diesem Text reproduzierte Neumann das monströse Konstrukt eines »Antikomintern-Blocks in der Komintern«2, das dem Volkskommissariat des Inneren (NKWD) 1937 als Verschwörungsszenario für einen geplanten Schauprozess gegen zahlreiche Komintern- und KPD-Funktionäre diente. Nach sechsmonatiger Haft in einer Massenzelle betonte Neumann demonstrativ seine »begeisterte Haltung zu jener Reinigungsoperation«, die das »bolschewistische NKWD in diesen Monaten im Auftrage Stalins und Jeshows gegen alle konterrevolutionären Schurken und Verräter im Namen des Sozialismus und der Weltrevolution, darunter auch im Namen der deutschen Revolution betreibt«. Vertraut seit den Zwanzigerjahren mit der Exegese der jeweiligen »Generallinie«, konnte der in mehreren Folterverhören gebrochene Berufsrevolutionär Neumann noch in der Lubjanka die jüngsten Moskauer Schauprozesse mit der Geschichte der stalinisierten Komintern und KPD3 instrumentell verknüpfen. Für sein Verschwörungskonstrukt nutzte er sowohl das stalinistische Feindbild der »maskierten Doppelzüngler« wie auch seine Kenntnisse der Cliquenkämpfe, Intrigen und Häresien in den Führungen von KPdSU, KPD und Komintern. Neumanns paranoides Schreckensgemälde folgt in den Grundmustern jener in der Sowjetunion der Dreißigerjahre propagierten »Wachsamkeitsparanoia«, deren Feindbilder sich Neumann zuletzt 1936 als Übersetzer des Protokolls des Schauprozesses gegen das »trotzkistisch-sinowjewistische terroristische Zentrum« angeeignet hatte. Als stalinistischer »Glaubensvirtuose«4 kannte er auch die selbstreferentielle Technik der »Kontaktschuld«, die sowohl in innerparteilichen Ritualen der »Selbstkritik«5 wie in den Folterverhören und Anklagekonstrukten des NKWD verwandt wurde. Die Bußrituale, denen sich Heinz Neumann seit 1932 in Beichtverfahren und Exerzitien mehrmals unterworfen hatte, gipfeln in einer verzweifelten Identifikation mit dem Aggressor. Wie kein anderer KPD-Funktionär hatte Neumann einen kometenhaften Aufstieg als »Wunderkind der Komintern« hinter sich. Geboren 1902 in einer gutbürgerlichen jüdischen Berliner Kaufmannsfamilie, trat er 1919 der KPD bei und versuchte seine »nichtproletarische Herkunft« als radikaler Berufsrevolutionär zu kompensieren. In seiner »allzu schnellen Parteikarriere« (Margarete Buber-Neumann) wurde er bereits 1920 Redakteur der »Roten Fahne«. Häufig illegal im »Auftrag des ZK« unter zahlreichen Decknamen tätig und nach Inhaftierungen nahm er 1924 als Dolmetscher am 5. Weltkongress teil und besuchte im gleichen Jahr auch die Militärschule der Komintern in Moskau. Mit seinen russischen Sprachkenntnissen konnte er persönliche Verbindungen zu führenden KPdSU- und Kominternfunktionären und auch zu Stalin herstellen, den er mehrmals im Moskauer Kreml wie auch auf der Krim besuchte. Als Vertreter der KPD beim Exekutivkommitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) nahm er seit 1925 an Parteitagen der KPdSU teil. Neumann galt als »Einpeitscher Stalins« in der KPD, verfasste als ideologischer Tugendwächter zahlreiche Beiträge gegen den »westeuropäischen Kommunismus« und trat auf Plenartagungen des EKKI gegen Trotzki wie gegen Bucharin auf. 1929 schrieb er »im Auftrag des ZK der KPdSU« die Resolution des KPD-Parteitags gegen die »rechte Abweichung« der »Versöhnler«. Gemeinsam mit dem Moskauer Emissär Lominadse, mit dem ihn eine Freundschaft und die gemeinsame Komintern-Mission des »Kantoner Aufstands« (1927) verbanden, arbeitete er in Deutschland bis Anfang 1927 illegal in der KPD und für die Disziplinierung der Funktionäre des Parteiapparats. Als Delegierter der KPD nahm er am VI. Weltkongress der Komintern teil und wurde 1931 zum Mitglied des Exekutivkomitees und zum Kandidaten des Präsidiums der Komintern kooptiert. In Kenntnis der Personalpolitik Stalins verteidigte Neumann 1928 in der Wittorf-Affäre6 den vom ZK der KPD abgesetzten Parteivorsitzenden Thälmann, der nach einer Intervention Moskaus erneut als Vorsitzender installiert wurde. Seit 1929 bildete Neumann zusammen mit Thälmann und Hermann Remmele die Führungsspitze in der KPD, gehörte dem ZK, als Kandidat dem Politbüro und dem Sekretariat des ZK an. In einer Stalin-Geburtstagsschrift feierte er 1930 den »Führer des Weltbolschewismus« und vermeinte, dass die KPD in Deutschland zum »entscheidenden Schlag, zum größten Vorstoß gegen den konterrevolutionären Sozialfaschismus« aushole. 1930 wurde er als Abgeordneter der KPD in den Reichstag gewählt und schrieb als Chefredakteur zahlreiche Leitartikel für die »Rote Fahne«. Nicht nur für Margarete Buber-Neumann galt der »radikale Intellektuelle« als der »wendigste und intelligenteste Kopf« innerhalb der »Dreimännerherrschaft« der KPD-Führung. Da Neumann der »proletarische Heiligenschein« Thälmanns fehlte und er mit seiner physischen Statur auch nicht dem in den Komintern-Parteien installierten Typus des »Arbeiterführers« entsprach, konnte er seine Ambitionen in der KPD-Spitze nicht verwirklichen. Thälmanns autokratischer Führungsanspruch, den er durch Prügelandrohungen, Bespitzelung7 und Klientelwesen durchsetzte, aber auch der sich ausbreitende Personenkult um den überforderten »Führer des deutschen Proletariats« stießen zunehmend auf den Widerspruch von Neumann, Remmele und Leo Flieg. In Briefen an Remmele, die vom Spitzelapparat der KPD abgefangen wurden, kritisierte Neumann den »Byzantinismus« Thälmanns und attestierte dem KPD-Vorsitzenden »Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn«.8 Mit der durch einen angeblichen »Sekretariatsbrief« eingefädelten Rückversicherung in Moskau setzten Neumann und Remmele 1931 die Beteiligung der KPD am preußischen Volksentscheid durch. Herbert Wehner hielt später fest, dass Neumann keine abweichende »politische Meinung« vertrat, sondern dass er versuchte, »den ersten Platz zu bekommen, indem er ›drüben‹ zu beweisen versuchte, er könne die angewiesene Linie besser und konsequenter durchführen, als es Thälmann zu tun verstehe«.9 Auf Betreiben Thälmanns wurde Neumann auf einer Sitzung des Politsekretariats des EKKI im Mai 1932 aus der »deutschen Arbeit« entfernt und für die »internationale Arbeit« bestimmt.10 Obwohl ihm anfangs nur »prinzipienloser Gruppenkampf« vorgeworfen wurde, fasste man seine allenfalls graduellen Abweichungen von der »Generallinie« in einem parteiamtlichen Sündenregister11 zusammen. In der offiziösen Sprachregelung der KPD und in denunziatorischen Meldungen12 galt Neumann seit 1935 als politischer Alleinverantwortlicher für die »Provokation« am Berliner Bülowplatz, d. h. für die Ermordung zweier Polizisten, an der Erich Mielke als Täter beteiligt war. Bereits während der Unterwerfungsrituale der »Selbstkritik« wurde der bolschewistische »Kader«, politisch an den wechselhaften Verlauf der »Generallinie« und finanziell an die aus Moskau gespeiste Parteikasse gebunden, immer wieder durch öffentliche Erniedrigungen und nachfolgende Exerzitien diszipliniert. Durch das Abfassen von Autobiografien und bußfertigen Unterwerfungserklärungen sollte der Parteisoldat13 zugerichtet werden. In der Parteipresse veröffentlichte Kapitulationen und Bewährungseinsätze an der Basis gehörten zum innerparteilichen Bußritual, das auf Parteitagen und Konferenzen der KPD als Beichtzeremonie und Straftheater aufgeführt wurde. Am 15. November 1932 richtete Neumann aus Moskau an Thälmann einen Brief 14, in dem er die »unbedingte und vollständige Einstellung« seines »unprinzipiellen Gruppenkampfes« versprach und Thälmann als »Träger« der »richtigen politischen Linie« apostrophierte. Nach einer Aussprache wurde Neumann durch den EKKI-Sekretär Pjatnitzki 1933 zur KP in Spanien kommandiert. Am 7. März 1933 sandte er von dort an das Politbüro-Mitglied Remmele einen Brief 15, der von der KPD-und Komintern-Führung als Aufruf zur Parteispaltung interpretiert wurde. Herbert Wehner, der nachträglich beide als »moralisch verkommene, hemmungslose Karrieristen« bezeichnete, hatte eine Durchsuchung der illegalen Wohnung Remmeles angeordnet und reichte Neumanns Brief an die Moskauer Instanzen weiter, die ihn während des 13. Plenums des EKKI veröffentlichten.16 Nachdem Neumann in einer Entschließung des ZK der KPD17 als »hinterhältiger Trotzkist«, als »Putschist« und als »direkter Helfer des Faschismus« bezeichnet wurde, den die Arbeiterklasse »ausmerzen« müsse, protestierte er im Juni 1933 mit Briefen an das Politsekretariat des EKKI und auch an Stalin. Im September 1933 distanzierte er sich demonstrativ von den »falschen und defaitistischen Auffassungen« Remmeles. Nach seiner Ablösung am 7. November 1933 in Spanien richtete Neumann aus Amsterdam am 14. Januar 1934 eine Erklärung an Pjatnitzki und bat ihn um eine »ganz bescheidene Arbeit« an »irgendeinem Platz dieser Erde«.18 In einem Brief an Kuusinen ironisierte Neumann jedoch diese Bußrituale: »Nun bin ich also glücklich in dem tragikomischen Zyklus der reumütigen russischen Oppositionellen von Tomsky und Rykow bis Sinowjew und Kamenew angelangt.«19 Seine in der »Rundschau« abgedruckte Reueerklärung20 wurde von Margarete Buber-Neumann nachträglich als »Dokument der Selbsterniedrigung« gewertet, da Neumann »trotz dieser Erklärung in allen Gesprächen seinen von der Linie der Komintern abweichenden Standpunkt vertrat«.21 Zusammen mit seiner Frau flüchtete Neumann über Frankreich in die Schweiz, wo er für einen Komintern-Verlag eine Geschichte der KPdSU übersetzte. In mehreren Briefen verurteilte er 1934 »bedingungslos« seine Fraktionsarbeit, sein »gesamtes oppositionelles Verhalten« und hoffte, seine »Sünden vor der Partei zu sühnen«.22 Bereits in der Schweiz äußerte er in persönlichen Gesprächen seine politische Desillusionierung; er bezeichnete die KPdSU als »halbfaschistische Partei« und Stalin als »Halbfaschisten«.23 Eine in Moskau orchestrierte Protestkampagne verhinderte nach seiner Verhaftung in Zürich die Auslieferung nach Deutschland. Nach sechsmonatiger Gefängnishaft konnte Neumann mit seiner Frau in die Sowjetunion einreisen. Dort kam er entgegen seinen Befürchtungen sogar im Hotel »Lux« unter. Hier zweifelte er »nicht nur an der Politik der Komintern, sondern auch am Sowjetregime selbst«.24 In einem Brief beschwerte er sich bei Georgi Dimitroff über seine Isolierung und die über ihn umlaufenden Diffamierungen. Seine Bitte an Dimitroff, auf der »Brüsseler Konferenz« der KPD auftreten zu dürfen, wies dieser in einer Notiz an Togliatti zurück: »Ich bin der Meinung, Neumann kann sich mit einer schriftlichen Erklärung an die Konferenz wenden«.25 Neumann verfasste eine entsprechende Erklärung, diese wurde jedoch nach einem Beschluss des Politbüros der KPD nicht in das Protokoll der Brüsseler Konferenz aufgenommen: »4. Parteikonferenz der KPD 4. Sitzungstag, 6. Sitzung6. 10. 35 Vorsitzende Liesbeth Schneider: Genossen, unsere heutige Sitzung ist eröffnet. Bevor wir in die Diskussion eintreten, würde ich eine Erklärung vorlesen, die Heinz Neumann an die Parteikonferenz gesandt hat. (Es folgt die Vorlesung)«26 Der Text von Neumanns Erklärung lautete: »An die Parteikonferenz der KPD.Werte Genossen! Ich halte es für meine Pflicht, der gegenwärtig tagenden Konferenz unserer Partei eine klare Stellungnahme zu den von mir begangenen Fehlern und zu den jetzigen Fragen unserer Politik zu unterbreiten. Die Konferenz zieht die Bilanz aus einer ganzen Etappe unserer Parteientwicklung. Daher erscheint es mir notwendig, erneut eine selbstkritische Überprüfung meiner politischen Haltung in den letzten Jahren vorzunehmen, um damit zugleich den Schlussstrich unter meine früheren Fehler zu ziehen. Der VII. Weltkongress der Komintern hat vor alle Kommunisten eine Fülle neuer Aufgaben von geschichtlicher Tragweite gestellt und volle Klarheit über die Lehren der Vergangenheit geschaffen. Genosse Dimitroff stellte auf dem Weltkongress die Frage: ›Warum und wie konnte der Faschismus in Deutschland siegen?‹ Er gab darauf die Antwort: der Faschismus konnte vor allem deshalb zur Macht kommen, weil die Arbeiterklasse durch die Politik der sozialdemokratischen Führer gespalten und gegenüber der angreifenden Bourgeoisie entwaffnet war. Unser Kampf gegen den Faschismus und gegen die Spaltung der Arbeiterklasse wurde aber – wie Genosse Dimitroff weiter ausführt – gehemmt und erschwert durch Fehler in den eigenen Reihen der Kommunisten. Genosse Dimitroff hat dabei mit Recht die sektiererische Einstellung kritisiert, die ich selbst in der Zeit vor Hitlers Machtergreifung vertreten habe. In diesem Zusammenhang muss ich offen und rückhaltlos feststellen, dass ich die Hauptverantwortung für die sektiererischen Fehler trage, die damals in der deutschen Partei begangen wurden. Als der Faschismus in Deutschland immer mehr zur Massenbewegung wurde, als er seine terroristischen Vorstöße gegen das Proletariat eröffnete und unverhüllt um die Staatsmacht kämpfte, stand vor unserer Partei die Aufgabe, die veränderte Lage richtig einzuschätzen und eine entschlossene Wendung unserer Taktik vorzunehmen, ohne sich an veraltete Schemen festzuklammern, die in früheren Zeiten Gültigkeit hatten, aber der neuen Situation nicht mehr entsprechen. Es war Genosse Thälmann, der an den wichtigsten Wendepunkten (Reichstagswahlen vom September 1930, Leipziger Parteitag der SPD 1931, Februar-Plenum vor den Präsidentenwahlen 1932) das Kräfteverhältnis der Klassen nüchtern und zutreffend beurteilte, das sprunghafte Anwachsen der Hitlerbewegung in Rechnung stellte und daraus die richtige Schlussfolgerung zog: Der Faschismus wird zur Hauptgefahr für das deutsche Proletariat, wir müssen unsere Taktik ohne jedes Zögern umstellen und das Schwergewicht unserer gesamten Tätigkeit auf die Herstellung der Einheitsfront mit den sozialdemokratischen Arbeitern verlegen. Genosse Thälmann stellte vollkommen richtig die Frage, nicht nur wie früher zwischen den sozialdemokratischen Führern als ganzes und den sozialdemokratischen Arbeitern zu unterscheiden, sondern auch eine Differenzierung zwischen den reaktionären Elementen und den linken, sich revolutionierenden Teilen innerhalb der sozialdemokratischen Führerschaft selbst vorzunehmen, sowie auf die Bildung einer kommunistisch-sozialdemokratischen Einheitsfront gegen den Faschismus auch von Organisation zu Organisation in den Bezirken und im Reich hinzuarbeiten. Dieser taktischen Neuorientierung setzte ich bei den verschiedensten Anlässen einen Widerstand entgegen, der auf einer falschen sektiererischen Grundeinstellung beruhte und die Wirklichkeit unseres Kampfes gegen die faschistische Gefahr abschwächen musste. Ich ließ in der ›Roten Fahne‹, deren Chefredakteur ich damals war, eine Reihe von linken Abweichungen in der Frage der Einheitsfront zu, was sich auch auf die Gewerkschaftspolitik, das brennendste Problem unserer Parteiarbeit, und auf die Verankerung der Partei in den Betrieben schädlich auswirken musste. Ich habe gleichzeitig den Versuch gemacht, durch organisierte Gruppenarbeit einen Druck auf die Parteiführung im Sinne meiner sektiererischen Auffassungen auszuüben. Gerade dieser Umstand musste auch nach meinem Ausscheiden alle sektiererischen Stimmungen fördern, die am Vorabend und in der ersten Zeit nach der Machtergreifung Hitlers innerhalb der Partei zutage traten. Meine Abweichung von der richtigen Linie unserer Parteiführung begann im Jahre 1930 mit der Verteidigung der Losung: ›Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!‹ Diese Losung war in doppelter Hinsicht schädlich: einerseits leistete sie denjenigen Stimmungen Vorschub, die an die Stelle des politischen Massenkampfes gegen die drohende faschistische Gefahr lediglich den physischen Kampf setzen wollten, andererseits erschwerte sie die Unterscheidung zwischen den faschistischen Führern, dieser Stosstruppe des Finanzkapitals, und der Masse ihrer einfachen werktätigen Anhänger, die durch die soziale und nationale Demagogie des Faschismus irregeführt waren und nur mit Hilfe einer systematischen ideologischen Aufklärungsarbeit auf unsere Seite herübergezogen werden konnte. Als die Brüning-Regierung durch ihre Dezember-Notverordnung von 1930 zur brutalen Offensive gegen die Lebenshaltung der Arbeiter schritt, erklärte ich in der ›Roten Fahne‹: ›Brüning ist die Regierung der faschistischen Diktatur‹. Diese Auffassung war ein schwerer Fehler, denn sie verwischte den Unterschied zwischen der bürgerlichen Demokratie und dem Faschismus, die zwar beide die Klassendiktatur der Bourgeoisie verkörpern, aber als Herrschaftsmethoden, als Staatsformen der bürgerlichen Diktatur wesentlich voneinander verschieden sind. Gerade in jener Zeit, als die Brüning-Regierung den Staatsapparat immer stärker faschisierte und durch ihre Notverordnungspolitik Hitler den Weg zur Macht bereitete, galt es, die Massen zur Verteidigung der letzten Reste der bürgerlichen Demokratie in den Kampf zu führen und alle Kräfte der Arbeiterklasse gegen die faschistische Hauptgefahr zu konzentrieren. Die Erfüllung dieser Aufgabe wurde durch meine falsche Stellungnahme erschwert. Ein weiterer Fehler von mir war, dass ich im Frühjahr 1931 die Meinung vertrat: ›Der Faschismus hat seinen Höhepunkt überschritten‹ und entsprechende Agitationsformeln gebrauchte wie: ›Das Dritte Reich wird 1½ Meter unter der Erde liegen‹. Dieser Standpunkt bedeutete eine Überschätzung unserer eigenen Kräfte, eine krasse Unterschätzung des faschistischen Klassenfeindes, eine gefährliche Verwechslung der eigenen Wünsche mit der politischen Wirklichkeit. Selbstverständlich vollzog der deutsche Faschismus in den Jahren vor Hitlers Machtergreifung keinen gleichmäßigen, ununterbrochenen Vormarsch, sondern erlebte er seine Rückschläge und Krisenerscheinungen unter dem Druck des von unserer Partei geleiteten Widerstandes der Arbeiterklasse. Aber es widersprach der marxistischen Dialektik, auf Grund dieser zeitweiligen Schwierigkeiten der Nationalsozialisten die unrichtige Meinung aufkommen zu lassen, als sei dem Faschismus durch unsere Gegenaktion der Weg zur Macht in Deutschland versperrt. Dieser Fehler lief in der Praxis auf eine Verringerung unserer Wachsamkeit gegenüber der faschistischen Gefahr hinaus. Die logische Folge und zugleich den Abschluss der erwähnten Fehler bildete meine Stellungnahme zur Machtergreifung Hitlers im Januar / Februar 1933. Ich begriff damals nicht, dass ein bewaffneter Widerstand seitens unserer Partei nur bedeutet hätte, die Vorhut der deutschen Arbeiterklasse allein in den Kampf zu führen, zu einem Zeitpunkt, als sie infolge der sozialdemokratischen Politik von der Mehrheit des Proletariats und seinen natürlichen Verbündeten isoliert war. Es besteht kein Zweifel, dass alle diese Fehler, von denen ich nur die wichtigsten, grundlegendsten aufgezählt habe, in einem inneren Zusammenhang miteinander stehen und eine fortlaufende Kette bilden. Ich erblicke die gemeinsame politische Wurzel dieser Fehler in einem sektiererischen Abgleiten vom breiten Weg unserer bolschewistischen Massenpolitik in einer doktrinären Verkennung der tatsächlichen Kräfteverhältnisse, einer wortradikalen Übertreibung des Grades der Revolutionierung der Massen und ihrer Abkehrung vom Reformismus, in einem mangelndem Verständnis für die große Lenin-Stalinsche Wahrheit, dass Propaganda und Agitation allein nicht imstande sind, den Massen die eigene politische Erfahrung zu ersetzen, sonder dass nur durch zähe Tagesarbeit und eine richtige Massenpolitik das Vertrauen der Arbeiterklasse erobert werden kann. Sektiererisch war die Losung ›Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft‹, die falsche Einschätzung der Brüning-Regierung als faschistische Diktatur, die Illusion vom Rückgang der faschistischen Welle im Jahre 1931, die Unterschätzung der Einheitsfronttaktik, das Eintreten für den bewaffneten Kampf im Jahre 1933. Die Wurzel meiner Fehler war – um es mit einem Wort zu sagen – eben jene sektiererische Einschätzung, die in den Beschlüssen des VII. Weltkongresses und in der Rede des Genossen Dimitroff unter schärfstes Feuer genommen wurde. Meine falsche politische Einstellung trieb mich auf den Weg des Gruppenkampfes gegen die deutsche Parteiführung, eines Kampfes, den ich erst im April 1933 einstellte, nachdem ich mich endgültig von der Fehlerhaftigkeit meiner Position und von der Richtigkeit der Parteilinie überzeugt hatte. Ich verweise hinsichtlich dieser Gruppenarbeit auf meine Erklärung vom Februar 1934, die mit Zustimmung des Zentralkomitees in der Parteipresse veröffentlicht wurde. Seit der Resolution des EKKI zur deutschen Frage vom Jahre 1933 hatte ich keine Differenzen mehr mit der Linie unserer Partei und unternahm keinerlei Versuche mehr, ihr eine eigene politische Linie entgegenzustellen. Ich habe mich bemüht und werde weiterhin alles tun, was in meinen Kräften steht, um die Politik und die Führung der KPD auf jede Weise zu unterstützen, ganz gleich auf welchen Kampfposten mich meine Partei und die Kommunistische Internationale stellen wird. Ich bin mir bewusst, dass Worte und Erklärungen nicht genügen, sondern ich nur durch längere praktische Arbeit den vollen Beweis vor der Partei führen kann, dass ich meine Fehler nicht nur restlos erkannt, sondern sie auch durch die Tat korrigiert habe. Ich bin tief überzeugt, dass die Stalin-Dimitroffsche Linie des VII. Weltkongresses die einzig richtige revolutionäre Politik für einen ganzen Abschnitt der geschichtlichen Entwicklung darstellt. Es zeigt sich mit jedem Tag deutlicher, dass wir entscheidenden Ereignissen und großen Kämpfen entgegengehen. Die ungeheure Zuspitzung der Kriegsgefahr stellt den Kampf des deutschen Proletariats gegen die faschistische Diktatur stärker denn je in den Mittelpunkt der gesamten Weltpolitik. Die Beschlüsse des VII. Kongresses und der jetzigen Parteikonferenz eröffnen unserer Partei neue, verheißungsvolle Möglichkeiten zur Vereinigung breitester Massen in der entstehenden antifaschistischen Volksfront. Indem unsere Partei die Politik der proletarischen Einheitsfront in einer veränderten Lage auf neue Art anwendet und neue Formen des Übergangs zur proletarischen Revolution herausarbeitet, indem sie die Arbeit in den faschistischen Massenorganisationen zum Kernstück ihrer Tätigkeit macht, indem sie alle halblegalen und legalen Arbeitsmöglichkeiten ausnutzt, erhebt sie die Fahne für die demokratischen Freiheiten, für die Lebensforderungen der Arbeiter und aller Werktätigen, für den Sturz des barbarischen Hitlerregimes. Die gestählten Kader unserer Partei, die unter dem grauenhaftesten Terror des Klassenfeindes Wunder von Heldenmut, Standhaftigkeit und revolutionärer Initiative an den Tag legen, werden diese Taktik erfolgreich in die Tat umsetzen. In unversöhnlichem Kampf gegen das Sektierertum und gegen den rechten Opportunismus ist unsere Partei herangewachsen und erstarkt. Sie arbeitet unter den schweren Bedingungen der faschistischen Illegalität als die führende Kraft der Einheitsfrontbewegung, als die starke, erfahrene und wahrhaft bolschewistische Partei, die – nach den Worten Stalins – allein imstande ist, den Sieg der proletarischen Revolution vorzubereiten und zu erkämpfen. Es kann für jeden Kommunisten, der dieses Namens würdig ist, nichts anderes geben, als bedingungslos und mit ganzer Kraft die Politik des VII. Kongresses und der Parteikonferenz der KPD zu unterstützen. 5. 10. 1935 Heinz Neumann«27 Gegen die Annahme dieser Erklärung wandten sich Wehner und andere KPD-Funktionäre, da »diesen Beteuerungen Neumanns kein Vertrauen entgegenzubringen sei«.28 In seiner Erklärung bekannte Neumann alle seine Parteisünden und Abweichungen. Virtuos übernahm er nicht nur die neue taktische »Linie« der Einheitsfrontpolitik, die Dimitroff 1935 verkündet hatte, sondern machte Thälmann bereits vor 1933 zum Verfechter einer »kommunistisch-sozialdemokratischen Einheitsfront gegen den Faschismus«. Unter den KPD-Funktionären herrschte in Moskau ein Klima des wechselseitigen Verdachts, das sich durch persönliche Rivalitäten, alte Fraktionskämpfe und denunziatorische Meldungen noch verschärfte. Helmuth Remmeles ausführliche Denunziation über »parteizersetzende Bemerkungen«29 und häufige Treffen seines Vaters mit Neumann führten am 17. November 1935 zu einer »strengen Rüge« der Internationalen Kontrollkommission. In offiziellen Broschüren der Komintern30 sah sich Neumann 1935 ebenso diskreditiert wie in Artikeln der »Humanité«, die ihn nach dem Schauprozess im August 1936 als »Komplizen der Sinowjewbande« brandmarkte. Obwohl so stigmatisiert, wurde Neumann im Frühjahr 1936 zusammen mit dem früher von ihm bekämpften »Versöhnler« Heinrich Süßkind, mit Fritz David und Werner Hirsch von der Moskauer KPD-Führung für den Entwurf eines Volksfrontprogramms31 herangezogen. Im Hotel Lux hatte Neumann 1936 sogar freundschaftliche Verbindungen mit Süßkind, der am 9. August 1936 vom NKWD verhaftet wurde, geknüpft. Neumanns persönliche Beziehungen, die frühere Freundschaft mit dem verhafteten Lominadse und all seine früheren »Abweichungen« listete Werner Hirsch32, ehemals enger Mitarbeiter Thälmanns, in mehreren Dossiers33 auf. Angesichts der Verhaftungswellen intervenierte Neumann bei der Internationalen Kontrollkommission, suchte Gespräche mit dem EKKI-Sekretär Moskwin und schrieb Briefe an den Leiter der Kaderabteilung Alichanow. Hier plädierte er für »allerhöchste Wachsamkeit« und klagte, dass er sich »innerhalb der Partei in einem Zustand der Isolierung, des Boykotts, ja geradezu der gesellschaftlichen Ächtung«34 befinde. Am 27. April 1937 wurde Neumann, der Anfang September 1936 auf einer Liste »schlechter Elemente« von der Kaderabteilung an das NKWD vermeldet wurde, im Hotel Lux verhaftet. Im Todesurteil des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR gegen den »Doppelzüngler« Heinz Neumann heißt es, dass er »seinerzeit die parteifeindliche Opposition in der KPD anleitete, 1932 Verbindung zu den Führern der antisowjetischen terroristischen Organisation Pjatnitzki und Knorin hergestellt hat, in deren Auftrag er eine illegale Organisation für den Kampf gegen die Komintern und die KPdSU(B) im Auftrag des Faschismus gebildet hat«.35 Das Urteil wurde am 26. November 1937 vollstreckt. 1 Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands, Nr. 33 543, Bd.1, Bl. 200 – 230. 2 Siehe Müller, Reinhard: Der Fall des Antikomintern-Blocks – ein vierter Moskauer Schauprozeß? in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1996, S. 187–214. 3 Zur Stalinisierung siehe Weber, Hermann: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, S. 221– 244. 4 Siehe dazu Riegel, Klaus-Georg: Der Marxismus-Leninismus als »politische Religion«, in: Besier, Gerhard / Lübbe, Hermann (Hrsg.): Politische Religion und Religionspolitik. Zwischen Totalitarismus und Bürgerfreiheit, Göttingen 2005, S. 15 – 48. 5 Siehe Unfried, Berthold: »Ich bekenne«. Katholische Beichte und sowjetische Selbstkritik, Frankfurt 2006; Müller, Reinhard (Hrsg.): Die Säuberung. Moskau 1936. Georg Lukács, Johannes R. Becher, Friedrich Wolf u. a. Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, Reinbek 1991. 6 Siehe Weber, Hermann / Bayerlein, Bernhard (Hrsg.): Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin 2003. 7 Siehe die Sammlung vertraulicher Berichte im Archiv Thälmanns, Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (im Folgenden RGASPI), f. 526, op. 1, d. 89. 8 Verweis auf die letzten drei Worte in Friedrich Engels’ »Anti-Dühring« in einem abgefangenen Brief Neumanns an Leo Flieg, 25. Mai 1931, RGASPI, f. 495, op. 19, d. 703, Bl. 19. 9 Herbert Wehner: Zeugnis, hrsg. von Gerhard Jahn, Köln 1982, S. 57. 10 RGASPI, f. 495, op. 4, d. 191, Bl. 1. 11 Abweichungen Neumann (10 Punkte), RGASPI, f. 495, op. 293, d. 92, Bl. 68 –70. 12 Siehe Werner Hirsch, Material für die Untersuchung der trotzkistisch-sinowjewistischen Verbindungen in der KPD, 8. September 1936, RGASPI, f. 495, op. 205, d. 6185 a, Bl. 37– 62, hier Bl. 40. 13 Siehe Müller, Reinhard: Permanenter Verdacht und »Zivilhinrichtung«. Zur Genesis der »Säuberungen« in der KPD, in: Weber, Hermann / Staritz, Dietrich (Hrsg.): Kommunisten verfolgen Kommunisten. Stalinistischer Terror und »Säuberungen« in den kommunistischen Parteien seit den dreißiger Jahren, Berlin 1993, S. 243–264. 14 RGASPI, f. 495, op.19, d. 527a, Bl. 122–123. 15 Maschinenschriftliche Abschrift, RGASPI, f. 495, op. 293, d. 90, Bl. 2. 16 Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung 3 (1934), Nr. 11, S. 419. 17 Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung 2 (1933), Nr. 17, S. 542. 18 RGASPI, f. 495, op. 19, d. 706, Bl. 34–35. 19 Brief Neumann an Kuusinen, 23. Februar 1934, RGASPI, f. 495, op. 19, d. 706, Bl. 9. 20 Rundschau über Politik Wirtschaft und Arbeiterbewegung 3 (1934), Nr. 25, Bl. 942. 21 Buber-Neumann, Margarete: Kriegsschauplätze der Weltrevolution, Stuttgart 1967, S. 406. 22 Brief an Knorin, 2. Januar 1934, RGASPI, f. 495, op. 293, d. 92, Bl. 27– 30. 23 So zitiert in einem Brief von Karl Volk an Wilhelm Pieck, 11. November 1936, SAPMO / BA RY1 / 83, Bl. 23. 24 Buber-Neumann: Kriegsschauplätze (Anm. 21), S. 408. 25 RGASPI, f. 495, op. 205, d. 6185, Bl. 83. 26 In der Einleitung zur Edition des Protokolls der »Brüsseler Konferenz« heißt es, dass Neumanns Erklärung weder in Berlin noch in Moskau aufgefunden werden konnte. Protokoll der »Brüsseler Konferenz« der KPD 1935. Reden, Diskussionen und Beschlüsse, Moskau vom 3.–15. Oktober 1935, hrsg. von Erwin Lewin, Elke Reuter und Stefan Weber, München 1997, S. 40. 27 Erklärung Heinz Neumann, RGASPI, f. 495, op. 205, d. 6185, Bl. 65 –72; Stellungnahme Wilhelm Pieck, Bl. 73. 28 Wehner: Zeugnis (Anm. 9), S. 149. 29 RGASPI, f. 495, op. 205, d. 6185, Bl. 89 f. 30 Koch, Josef [Sepp Schwab]: Der Kampf gegen Spitzelei und Provokation, Moskau / Leningrad 1935, S. 53 u. 59. 31 Abgedruckt in Langkau-Alex, Ursula: Deutsche Volksfront 1932 – 1939, Berlin 2005, Bd. 3, S. 143 – 154. 32 Siehe Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001, S. 351–376. 33 Hirsch, Werner: Material für die Untersuchung der trotzkistisch-sinowjewistischen Verbindung in der KPD, 8. 9. 1936, RGASPI, f. 495, op. 205, d. 6185 a, Bl. 37– 62. 34 Ders., Betrifft: Heinz Neumann, 9. September 1936, RGASPI, f. 495, op. 205, d. 6185 a, Bl. 173. 35 Anklageschrift und Urteil abgedruckt bei Platten, Fritz N. / Neumann, Heinz: Vom Zürcher Regen in die Moskauer Traufe, in: Weber, Hermann / Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936 –1953, Paderborn 1998, S. 180 – 185.

JHK 2008

Jiří Pelikán: Die Wandlung eines tschechischen Kommunisten

Manfred Wilke

Jiří Pelikán wohnte im römischen Exil direkt am Pantheon, dem Zeugnis antiker Baukunst, das zugleich bis heute an den Untergang des römischen Weltreichs erinnert. Der junge Zar Iwan der Schreckliche sagt in Sergej Eisensteins gleichnamigen Film: »Moskau ist das dritte Rom, und ein viertes wird es nicht geben!« Dieses dritte Rom hat das Leben des tschechischen Kommunisten Jiří Pelikán entscheidend geprägt. In seiner Jugend setzte er seine Hoffnung auf diese Bastion der Weltrevolution und sah in ihr den Garanten der sozialistischen Zukunft der Menschheit. Später gehörte Pelikán zu den tschechischen und slowakischen Reformkommunisten, die das in der ČSSR herrschende sowjetische Sozialismus-Modell verändern wollten. Sie wollten der Allmacht des kommunistischen Parteiapparates über Staat und Gesellschaft Grenzen setzen. Die militärische Intervention von fünf Armeen des Warschauer Pakts unterdrückte gewaltsam diese Selbstreform und zugleich das Selbstbestimmungsrecht der Tschechen und Slowaken. Nach dem 21. August 1968 bekämpfte Pelikán die Kommunistische Partei der Sowjetunion und trug damit aktiv zum Ende der Sowjetunion bei. Von der Wandlung dieses Kommunisten im Kontext der Zäsuren der Geschichte seines Landes handelt dieser Beitrag: Kommunist wurde er aus Protest gegen den Verrat der westlichen Demokratien an seinem Land 1938, seine Trennung von der KPTsch erfolgte im Kampf um das Selbstbestimmungsrecht seiner Partei und seines Landes gegen Moskau nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1968. I. Ein Thema im wissenschaftlichen Werk von Hermann Weber ist die Wandlung des Kommunismus. Sie betraf die Partei und die Menschen, die ihr folgten. Webers Standardwerk behandelt die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik.1 Er beschrieb präzise die politischen und personellen Brüche der KPD, die als Sektion der Kommunistischen Internationale erst »bolschewisiert« und dann »stalinisiert« wurde. Am Ende der ersten Republik hatte sich in der KPD ein Generationswechsel vollzogen. Schon zehn Jahre nach ihrer Gründung waren die Angehörigen der Generation, die 1918 mit der Sozialdemokratie brach, nur noch vereinzelt in Führungspositionen zu finden. Viele von ihnen hatten die Partei verlassen oder waren ausgeschlossen worden. Bis 1953 waren die Linienwechsel in KPD und SED auch immer mit »Parteisäuberungen« verbunden, sie gehörten zum Ritual einer stalinistischen Partei. Erst mit der Entstalinisierung – der nächsten, grundlegenden Wandlung im Weltkommunismus – wurde diese Praxis in der SED eingeschränkt. Hermann Weber konzentrierte sich vor allem auf die Geschichte des Kommunismus in Deutschland. Seine Arbeit kann aber auch zur Analyse der Entwicklung der KPTsch (Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei) beitragen, wie die 1968 von ihm publizierte Geschichte der DDR2 zeigt, die vor der Niederschlagung des Prager Frühlings erschien. In ihr setzte er sich auch mit den Folgen der Entstalinisierung für den SED-Staat auseinander. Auf die Beschlüsse des XX. Parteitags der KPdSU 1956 reagierte die SED-Spitze nicht mehr einheitlich. Hinter den Kulissen bahnte sich ein Machtkampf innerhalb ihrer Führung an. In der Partei nahmen die Stimmen zu, die die Ablösung von Walter Ulbricht als Erster Sekretär des ZK der SED forderten. In der zweiten Hälfte der 50er-Jahre war es damit in der DDR zu Entwicklungen gekommen, die sich in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre in der ČSSR wiederholten. Beide Male wurde die Forderung nach einer Reform der Partei und der Zentralverwaltungswirtschaft erhoben. In beiden Staaten wurden intellektuelle und künstlerische Freiheit, die Rehabilitierung der Opfer stalinistischer Repressionen und Rechtssicherheit eingefordert. In der DDR gewann Ulbricht 1956 / 57 den innerparteilichen Machtkampf und zerschlug nach der Niederlage der ungarischen Revolution auch die intellektuelle Opposition in der DDR. Anders entwickelte sich die Situation in der ČSSR der 60er-Jahre. Webers Geschichte der DDR erschien im Vorfeld der Ostverträge der Bundesrepublik, als um die Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik heftig gestritten wurde. Der Autor war für eine neue Ostpolitik und die Anerkennung des SED-Staates und begründete seine Position mit der Hoffnung auf die Wandlungsfähigkeit des Kommunismus. Er schrieb: »Wir sollten den Kommunismus erkennen als ein sich wandelndes Phänomen unserer Welt. Wir müssen einsehen, dass der Kommunismus von heute nicht mehr identisch ist mit dem der Stalin-Ära. Er ist sicherlich auch in Zukunft Wandlungen unterworfen. Auch im deutschen Kommunismus stehen sich zwei Welten gegenüber, personifiziert etwa durch den demokratischen Kommunisten Havemann und den stalinistischen Kommunisten Fröhlich.3 Gelingt es den Kräften, die den demokratischen Kommunismus wollen, sich durchzusetzen, werden die Probleme für den Westen zwar nicht einfacher, aber das Leben der Menschen im Osten wird leichter.«4 Weber konstatierte, dass die Kräfte eines reformerischen Kommunismus noch schwach waren, aber er hoffte, dass sie nach dem Stalinismus mehr Rücksicht nehmen würden auf die Wünsche der Bürger. Die Demokratisierung des Kommunismus, speziell in der DDR, hätte nach Weber Folgendes bedeutet: »Die Massen erhalten Selbstbestimmung, das Monopol der Einheitspartei wird gebrochen und den Staatsbürgern werden die vollen Grundrechte zugestanden.«5 All diese Probleme waren für Pelikán 1968 Gegenstand praktischer Politik. Sein Handeln war bestimmt vom Kampf mit den stalinistischen Kommunisten, den er und seinesgleichen am 21. August verloren. II. Jiří Pelikán wurde 1939 als 16-jähriger Schüler Kommunist. Er trat in eine illegale Partei im »Protektorat Böhmen und Mähren« ein. 1938 hatten Großbritannien und Frankreich in München ihren tschechoslowakischen Verbündeten Hitlers Eroberungspolitik ausgeliefert. Die Hoffnung vieler Tschechen richtete sich nach dieser Enttäuschung auf die Sowjetunion, diese schien aber mit Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes die Souveränität der Tschechen und Slowaken ebenfalls aufzugeben. Der Krieg des Deutschen Reiches gegen Polen schuf eine neue Konstellation. Pelikáns älterer Bruder erklärte ihm nun den »klugen Schachzug« Stalins, der die Sowjetunion durch den Pakt mit Hitler aus dem Krieg der Westmächte gegen Deutschland herausgehalten habe. Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941 beseitigte alle Zweifel, dass Moskau die Tschechoslowakei befreien würde. 1940 wurde Jiří nach dem Verteilen von Flugblättern verhaftet, seit 1942 lebte er illegal. Seine Eltern wurden als Geiseln festgenommen, die Mutter starb in einem deutschen Lager. Auch sein Bruder wurde verhaftet, der ihn das Glaubensbekenntnis stalinistischer Kommunisten gelehrt hatte: »Die Partei ist Träger der kollektiven Vernunft, sie weiß mehr als irgendjemand sonst. Vergiss nicht, dass Intellektuelle sich gern von anderen abheben. Doch um ein guter Revolutionär zu sein, muss man diesen Wunsch, sich von anderen zu unterscheiden, aus seinem Herzen reißen. Höre also auf, dir mehr Fragen zu stellen als die anderen, und akzeptiere die Entscheidung der Partei.«6 Ab der Befreiung seines Landes von der deutschen Okkupation war Jiří Pelikán Parteifunktionär: In seiner Heimatstadt Olmütz baute er den Jugendverband der KPTsch auf, dann ging er zum Studium nach Prag und wurde dort Präsident des Nationalen Studentenbundes. Von 1948 bis 1951 war er zugleich Vorsitzender der KPTsch-Hochschulorganisation in Prag. In dieser Funktion war Pelikán aktiv an der kommunistischen Machtübernahme im Jahre 1948 beteiligt. Er war an der Karlsuniversität verantwortlich »für das, was in den Fakultäten vorging. Die Studenten hatten hier eine Art ›Sowjet‹ gegründet, ein Aktionskomitee, das über die Berufung und Abberufung der Professoren sowie über die Säuberung unter den Studenten entschied.«7 Zu dieser Zeit war Antonín Novotný Sekretär der KPTsch-Bezirksleitung von Prag und Pelikáns Vorgesetzter. 1948 wurde Pelikán der jüngste Abgeordnete in der Nationalversammlung, der er bis 1969 angehörte. 1953 wurde er Generalsekretär und 1955 Präsident des Internationalen Studentenbundes, diese Funktion übte er bis 1963 aus. Danach wurde er Generaldirektor des tschechoslowakischen Fernsehens und Mitglied der ideologischen Kommission beim ZK der KPTsch. Der Konflikt Stalins mit Jugoslawien, die darauf folgenden politischen Prozesse gegen führende Kommunisten in Ungarn und der Tschechoslowakei nach 1948 – am Schauprozess gegen den früheren Generalsekretär der KPTsch Rudolf Slánský in Prag 1952 nahm er als Zuschauer teil – und schließlich der XX. Parteitag der KPdSU 1956 waren Ereignisse, die bei Pelikán Fragen bezüglich der Parteigeschichte und Zweifel am Wahrheitsmonopol der kommunistischen Ideologie auslösten. Nach der Verurteilung Stalins durch Nikita S. Chruschtschow stellte sich für die Kommunisten in der ČSSR die Frage der Rehabilitierung der vom eigenen Sicherheitsapparat verfolgten und getöteten Genossen. Damit stand die Partei vor einem moralisch-politischen Problem, das auch Pelikán betraf. Als seinerzeit die eigenen Genossen in die Parteisäuberungen gerieten, hatte sich keine Hand zu ihrer Verteidigung gerührt. Pelikán zählte als Nachwuchskader nicht allein zu den Zeugen des Terrors, der die KPTsch damals prägte, sein Aufstieg fand in seinem Schatten statt. In seinen Erinnerungen berichtet er, dass Antonin Novotný, 1951 zum ZK-Sekretär aufgestiegen, persönlich seine Teilnahme als Zuschauer im Slánský-Prozess organisierte.8 Pelikán erlebte die Demütigungen des früheren Generalsekretärs der KPTsch Rudolf Slánský und seiner Mitangeklagten durch den Generalstaatsanwalt mit.9 Die meisten Angeklagten wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Nach Stalins Tod 1953 begann in Prag quälend langsam die Überprüfung der Urteile der politischen Prozesse, und es kam zu ersten Rehabilitierungen. Die aus dem öffentlichen Leben Verschwundenen kehrten zurück. 1956 begegnete Pelikán Arthur London,10 einem der wenigen Überlebenden des Slánský-Prozesses. Auf Pelikáns Fragen verwies London zunächst auf das Schweigegebot, das er bei seiner Entlassung unterschreiben musste, um ihm dann schließlich doch noch zu antworten. In Pelikáns Erinnerungen steht darüber zu lesen, London habe ihm die »Technik der Prozesse« dargelegt, »das ganze Räderwerk«.11 Wie sehr Pelikán von diesem Teil seiner Parteigeschichte umgetrieben war, zeigte sich im Exil nach 1969. Er publizierte die geheimen parteiinternen Untersuchungsberichte über die Prozesse gegen Funktionäre der KPTsch und deren selektive und halbherzige Rehabilitierung durch die Partei.12 III. Um das gesellschaftliche und politische Gewicht der Rehabilitierungen und der Wiedergutmachung des geschehenen Unrechts zu ermessen, muss man sein Ausmaß kennen: Es traf nach 1948 Widerstandskämpfer mit westlicher Orientierung, Geistliche und Gläubige, Bauern, die sich gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft wehrten, ebenso wie Mitglieder der kommunistischen Partei. »Insgesamt wurden über 200 000 Personen in Haft genommen, 190 Todesurteile gefällt und davon 148 vollzogen […]. Mehr als 2 Millionen Menschen wurden in diesen Jahren in der Tschechoslowakei Opfer von Willkürakten.«13 Diese Repressionen konzentrierten sich auf wenige Jahre, Stalins Tod beendete sie auch in der ČSR. Ihre Schrecken gruben sich aber tief ins Bewusstsein der Bevölkerung ein. Zu den ersten Debatten und Reformen 1968 gehörte die Rehabilitierung der Opfer politischer Willkürherrschaft. Sowohl die öffentliche Auseinandersetzung als auch die Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen im Parlament unterschieden diesen Vorgang von der üblichen Praxis im sozialistischen Lager.14 Der DDR-Botschafter in Prag, Peter Florin, vermeldete am 10. März 1968 nach Berlin: »Unter dem Motto ›Kampf gegen den Konservatismus‹ und für eine uferlose ›Demokratie‹ wird offen die Absetzung des Präsidenten der Republik, des Ministers für Nationale Verteidigung, des Vorsitzenden der Gewerkschaften u. a. Genossen gefordert. Die Bevölkerung wird systematisch aufgewiegelt in Briefen an die Parteiführung (die alle veröffentlicht werden) und auf andere Art und Weise diesen Forderungen einen größeren Nachdruck zu verleihen. Dabei spielt die Forderung nach Rehabilitierung aller in der Vergangenheit abgelehnten Personen und die Bestrafung der Schuldigen für die Ablehnung eine wachsende Rolle […]. Neu ist, dass in diesem Zusammenhang bereits Forderungen laut werden, an Stelle der gegenwärtig führenden Genossen rehabilitierte Personen einzusetzen«.15 Der Prager Frühling ging somit auch mit einer innerparteilichen Auseinandersetzung zwischen kommunistischen Opfern und stalinistischen Tätern einher. Auf dem Januar-Plenum des ZK der KPTsch 1968 wurde deren Erster Sekretär Novotný zum Rücktritt von seiner Parteifunktion gezwungen, weil er in die Verbrechen der fünfziger Jahre involviert gewesen war. Novotný blieb zunächst Staatspräsident. Sein Nachfolger an der KPTsch-Spitze wurde der Erste Sekretär der slowakischen KP, Alexander Dubček. Einer der entschiedensten Befürworter dieses Wechsels war der Präsident der Nationalversammlung Josef Smrkovský. Seine Rede war vom Gespür für die historische Stunde getragen. Für ihn stand die entscheidende Weichenstellung in seiner Partei an, der er seit 37 Jahren angehörte. Im Verlauf seiner Rede erinnerte er auch an fünf Tage im August 1954, die ihn selbst betrafen: »Das war mehr als ein Jahr nach dem Tode Stalins und der Verurteilung Berijas, wo ich nach 31/2 jähriger Untersuchungshaft darauf wartete, ob der Staatsanwalt vor Gericht die vorgeschlagene Todesstrafe für mich durchsetzen wird. Damals wurde bei uns noch hingerichtet.«16 Er forderte, der Personenkult an der Spitze der Partei müsse ebenso ein Ende haben wie die Praxis der selektiven Rehabilitierung. Welche Hoffnungen Kommunisten wie Smrkovský damals mit ihrer Politik verbanden, drückten sie in einem Versprechen aus: Sozialismus mit menschlichem Gesicht. Der im April 1968 berufene Innenminister Josef Pavel zählte zu jenen Rehabilitierten, die nun Regierungsverantwortung im Reformprozess übernahmen. Pavel, Absolvent der Lenin-Schule in Moskau, Kommandeur der tschechoslowakischen Freiwilligen im spanischen Bürgerkrieg, 1947 / 48 Leiter der Sicherheitsabteilung beim ZK der KPTsch, war 1951 als stellvertretender Innenminister verhaftet und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden, 1955 wurde er frei gelassen. Empört notierte eine Delegation des DDR-Innenministeriums nach einem Gespräch mit ihm im Juni 1968: »Er selbst sieht weder im westdeutschen Imperialismus noch in den antisozialistischen Kräften in der ČSSR, sondern in den eigenen Fehlern eine ernste Gefahr.«17 Nach der Besetzung des Landes wurde Pavel abgesetzt und 1970 aus der KPTsch ausgeschlossen. IV. Auf Veranlassung von Dubček wurde am 4. März in der ČSSR die Zensur abgeschafft. Mit dieser folgenreichsten innenpolitischen Entscheidung erkannte die neue Parteiführung die bereits entstandene von der Partei unabhängige Öffentlichkeit an. Sie hob die Parteikontrolle über die Presse und die elektronischen Medien auf. Für Jan Pauer wandelte sich mit diesem Schritt die öffentliche Meinung zu einer kritischen Instanz, »der sich die politische Herrschaft fortan verantworten musste.«18 Dies sah DDR-Botschafter Florin in seinem Bericht ähnlich, als er den Verlust des Meinungsmonopols der KPTsch nach Berlin meldete und konstatierte: »Die Presse im allgemeinen, zumindest die zentrale Presse, der Fernsehfunk, der Rundfunk, [die Nachrichtenagentur] CTK und einer Reihe Zeitschriften befinden sich in den Händen der gegnerischen Kräfte.«19 In den Reformen des Prager Frühlings kulminierte eine Entwicklung, die nach dem Tod Stalins begonnen hatte, das »Tauwetter« in Kunst und Kultur. Die erste Periode wurde von oben gleichsam per Dekret in Form der Entstalinisierung verordnet. Auf kulturellem Gebiet geschah vieles, »was noch kurz zuvor undenkbar erschienen wäre. Nach und nach trat der Mensch auf, in der Literatur, im Theater, im Film, in der gesellschaftlichen Sphäre. Die Geschichte wurde nicht mehr mit Resolutionen geschrieben, die Philosophen konnten öffentlich und in den Universitäten über die herrschende Ideologie – allerdings nur in diesem Rahmen – diskutieren.«20 Antonín J. Liehm, der zu den publizistischen Wegbereitern dieses Frühlings gehört, fasst die Ergebnisse des gesellschaftlichen Prozesses in der These zusammen, dass man in der ČSSR zehn Jahre gebraucht habe, um die »Ideologie, ihre Dogmen und Hüter«21 zu besiegen. Die Schriftsteller und Künstler handelten in diesem poststalinistischen Tauwetter auf eigene Verantwortung und nicht mehr im Auftrag der Partei. Die Werke, die in diesen sechziger Jahren im »sozialistischen Lager« entstanden, erstaunten damals die Welt und repräsentieren einen großen Moment europäischer Kulturgeschichte. Es war diese – auch kulturelle – Freiheit, die der stalinistisch sozialisierte DDR-Botschafter Florin als Beginn der »Konterrevolution« wahrnahm. In seinem Weltbild konstruierte er ein gegnerisches Zentrum, das die »Konterrevolution« lenkte und zu deren Mitgliedern er auch Pelikán zählte: »Eindeutig wird sichtbar, dass die gegnerischen Kräfte zentral gesteuert werden. Wahrscheinlich besteht sowohl ein offenes Zentrum als auch ein illegales Zentrum. Zu den Persönlichkeiten des offenen Zentrums sind heute schon zu zählen Smrkovsky (Mitglied des ZK der KPTsch und Minister für Forstwirtschaft), Sik (Mitglied des ZK), Goldstücker (Prof. der Karlsuniversität und Vorsitzender des Schriftstellerverbandes), Pelikan (Direktor des staatlichen Fernsehens), Kohout (Schriftsteller) […]. Bisher entwickelt sich die Lage so, wie am Vorabend des konterrevolutionären Putsches 1956 in Ungarn.«22 Vor den Panzern kam das Wort »Konterrevolution«, aus dem der Einsatzbefehl erwuchs – Florin war einer der Schreibtischtäter, die es lieferten. Im April verabschiedete die KPTsch ihr Aktionsprogramm, in dem sie die Parteikonzeption veränderte. Ausdrücklich verurteilte sie die falsche These, »die Partei sei das Instrument der Diktatur des Proletariats«.23 Damit niemand missverstand, was damit gemeint war, hieß es ausdrücklich: »Das Ziel der Partei ist nicht, zum universellen Verwalter der Gesellschaft zu werden, alle Organisationen und jeden Schritt im sozialen Leben an ihre Direktive zu binden.«24 Für die SED gab damit die KPTsch ihren Charakter als marxistisch-leninistische Partei auf. Die bulgarische KP informierte die SED im April, dass im ZK der KPTsch und ihrem Präsidium ein »›zweites Zentrum‹ existiert, das in der Tat die Lage in seinen Händen hat und lenkt«.25 Der Terminus »zweites Zentrum« behauptet die Existenz einer Verschwörung in der Spitze der KPTsch, und er weckt Erinnerungen an den zweiten Moskauer Schauprozess von 1937. Die Bulgaren behaupteten, der Kern dieser Gruppe bestehe aus Juden, geleitet, so glaubten sie, werde sie von František Kriegel. Pelikán wurde ihr ebenso zugerechnet wie Smrkovský und Ota Šik, der Planer der Wirtschaftsreformen. Damit standen die Schuldigen an der Entwicklung in der ČSSR für die regierenden Parteien der fünf Warschauer- Pakt-Staaten bereits fest, deren Armeen im August einmarschierten.26 V. Die Entscheidung, mit Truppen des Warschauer Pakts in der ČSSR die »Konterrevolution« von außen zu stoppen, fiel im Grundsatz auf der gemeinsamen Tagung der Partei- und Staatsführungen der Sowjetunion, Bulgariens, Polens, Ungarns und der DDR am 14. Juli in Warschau. Breschnew erklärte, »das Land sei im Stadium der Konterrevolution und verlasse das sozialistische Lager«.27 Bei allem, was folgte, setzten die »Warschauer Fünf« auf die – euphemistisch formuliert – »gesunden Kräfte« innerhalb der KPTsch-Führung, d. h. den konservativen Flügel der Partei unter Führung von Vasil Bil’ak, dem Nachfolger von Dubček als Erster Sekretär der slowakischen KP, der im Präsidium der KPTsch noch immer die Mehrheit hatte. Am 17. August gab das Politbüro der KPdSU den Militärs grünes Licht für den Einmarsch. Einen Tag später versammelten sich die Parteiführungen aus Bulgarien, Ungarn, Polen und der DDR in Moskau, um diese Entscheidung zu beraten. Leonid I. Breschnew informierte auf diesem geheimen Gipfeltreffen über den Ablauf der Operation. Sie hatte einen militärischen und einen politischen Teil, für dessen Gelingen die »gesunden Kräfte« in Prag verantwortlich waren.28 Der Plan war einfach: Auf der Tagung des KPTsch-Präsidiums sollte sich die konservative Mehrheit am Abend des 20. August die sowjetische Kritik an der politischen Entwicklung in der ČSSR zu eigen machen, die angelaufene Intervention als »brüderliche Hilfe« zur Rettung des Sozialismus begrüßen und die Führung von Partei und Regierung übernehmen. Bereits am Nachmittag des 20. August setzte – wie es Jan Pauer schildert – die Phase der aktiven Vorbereitung der Intervention ein. Der stellvertretende Innenminister und Chef des Staatssicherheitsdienstes beauftragte Oberstleutnant Rypl, »eine Reihe profilierter Reformpolitiker (Pavel, Kriegel, Smrkovský, Šik, Císař,29 Pelikán u. a.) in ›Schutzhaft‹ zu nehmen […]. Die Verhaftungsformel lautete: ›Im Namen der revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung‹.«30 Mit dieser Formel wurden in den Morgenstunden des 21. August auch Dubček und Ministerpräsident Oldřich Černík festgenommen, ohne »auf die gleiche Feindstufe« wie die Radikalreformer gestellt zu werden. Dubček sollte als Kommunist behandelt werden, dessen Willensschwäche von »Feinden des Sozialismus« ausgenutzt wurde.31 Der Plan der Moskautreuen, die Parteiführung zu übernehmen, scheiterte. Statt den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes zu begrüßen, beschloss das Präsidium mit sieben gegen vier Stimmen einen von ZK-Sekretär Zdeněk Mlynář verfassten Aufruf, in dem die Intervention verurteilt wurde. Das Präsidium forderte die Bürger auf, den einmarschierenden Truppen keinen Widerstand zu leisten, da die Verteidigung der Grenze »unmöglich« sei. Die Intervention selbst stehe im Widerspruch »zu den grundsätzlichen Prinzipien der Beziehungen zwischen sozialistischen Staaten« und sei eine Verletzung »der Grundnormen des Völkerrechts«.32 Dieser Aufruf wurde vom tschechoslowakischen Rundfunk am 21. August um 1:00 Uhr ausgestrahlt. Den prosowjetischen Kräften war es nicht gelungen, Rundfunk und Fernsehen in ihre Gewalt zu bekommen. Pelikán berichtete: »Die Journalisten und besonders die Techniker im Rundfunk spielten in dieser Nacht eine entscheidende Rolle. Wenn es den Verrätern gelungen wäre, ihren ›Appell‹ auszustrahlen und somit den Anschein zu erwecken, als drücke er die Meinung der Parteiführung aus, hätte das unser Land und sogar das Ausland in große Verwirrung gestürzt.«33 Der Rundfunk informierte das Land, dass seine Führer nach Moskau entführt wurden, und entwickelte sich zum Organisator des Widerstandes des ganzen Volkes gegen die Okkupation. Pelikán fragt zu Recht: »Welches Schicksal hätte Dubček und seine Genossen erwartet, wenn es den Sowjets gelungen wäre, in Prag eine ›Revolutionsregierung‹ unter Indra34 einzusetzen? Wäre ihnen dasselbe Los zuteil geworden wie einem Imre Nagy oder Slánský?«35 VI. Pelikán schreibt, Dubček hätte erst am 20. August, als die Truppen die Grenze überschritten hatten, begriffen, »dass die Sowjetunion dabei war, den Versuch einer Erneuerung des Sozialismus im Keim zu ersticken«.36 Er protestierte »in großer Würde«, aber er brachte nicht den Mut auf, sich der sowjetischen Partei entgegenzustellen, »er beugte sich. Das zeigt, wie stark diese Unterwerfung unter die Sowjetunion in der Mentalität der Kommunisten verankert ist.«37 Pelikán selbst war gewillt, diese Nabelschnur zu Moskau nun zu durchtrennen. Er tat dies auf dem XIV. Parteitag38, dessen bereits gewählte Delegierte über den Rundfunk nach Prag einberufen worden waren und am 22. August im Arbeitervorort Vysocany zusammentraten. »So etwas hatte es in der Geschichte der kommunistischen Bewegung noch niemals gegeben: Dass der Parteitag einer regierenden kommunistischen Partei in einem sozialistischen Land, der ordnungsgemäß nach dem Parteistatut einberufen worden war, im Untergrund tagen musste, weil die Panzer eines anderen sozialistischen Landes ihn daran hinderten, öffentlich zusammenzutreten.«39 Vor den Delegierten umriss Pelikán die Aufgaben, die der Parteitag zu lösen hatte: »Ich glaube, wir sind verpflichtet, zwei Dinge zu tun. Erstens bekannt zu geben, dass der Parteitag zusammengetreten ist und dass er die legale Vertretung der Partei darstellt, und kurz zu dieser Situation Stellung zu nehmen. Zu Ruhe aufrufen, aber auch zu Entschlossenheit und Einheit. Und zweitens glaube ich, gerade in dieser Lage warten die Menschen darauf, wer ihr Sprecher ist. In dieser Zeit, da die Handlungsfähigkeit der Regierung paralysiert ist und der Staatspräsident nicht handeln kann, da, so glaube ich, ist es nötig, dass dieser Parteitag ein Zentralkomitee wählt, das so zusammengesetzt ist, dass es maximal dem heutigen Denken der Mehrheit der Parteimitglieder oder der Delegierten entspricht.«40 Die Wahl war entscheidend, um zu verhindern, dass »eine Schattenregierung oder ein Schat-ten-ZK«41 gebildet wurde, wie es in der sowjetischen Botschaft zeitgleich versucht wurde. Der Parteitag wählte ein neues ZK ohne Kollaborateure und bestätigte das Mandat von Dubček und den anderen internierten Parteiführern. Er forderte ihre Freilassung und »den Abzug der fremden Truppen«.42 Das neu gewählte ZK nahm seine Führungsaufgabe wahr und warnte Partei und Volk, »dass die Okkupanten nun versuchen würden, Verräter aus den Reihen einiger ehemaliger Funktionäre anzuwerben.«43 Der Generalstreik im Lande, dieser Parteitag, die internationale Reaktion und die völlige Isolierung der prosowjetischen Funktionäre zwang die sowjetische Führung, über den Ausweg aus der entstandenen Lage mit Dubček zu verhandeln. Die Internierten wurden in Moskau nun wieder als führende Funktionäre einer »Bruderpartei« behandelt. Die Moskauer Verhandlungen wurden am 26. August mit der Unterzeichnung eines 15 Punkte umfassenden Rahmenabkommens abgeschlossen. Allein František Kriegel verweigerte auf der tschechoslowakischen Seite seine Unterschrift. Punkt zwei betraf die Annullierung des XIV. Parteitags und Punkt sieben, der auf Verlangen des polnischen Parteichefs Władisław Gomułka eingeführt worden war, betraf den Schutz der prosowjetischen Fraktion: »Die Vertreter der KPTsch erklären, dass kein Parteifunktionär, der für eine Stärkung des Sozialismus gegen antisozialistische Kräfte und für freundschaftliche Beziehungen zur UdSSR gekämpft habe, deswegen aus Funktionen entfernt oder gar Repressionen ausgesetzt werden darf«.44 Die Anwesenheit fremder Truppen wurde akzeptiert und die Massenmedien erneut der Kontrolle der Partei unterworfen. In der Sache war dieser Vertrag ein sowjetisches Diktat. Es war die Tragik von Dubček, dem Idol der Hoffnung auf einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht, dass er nun, darauf hoffend, das Schlimmste zu verhindern, begann, die Macht des Parteiapparates zu restaurieren. Die Restauration begann mit der Plenarsitzung des alten Zentralkomitees am 31. August, auf der die KPTsch das Moskauer Diktat umzusetzen begann, einschließlich der geforderten Kaderveränderungen. Pelikán und Hejzlar wurden sofort ihrer Funktionen enthoben, die Zensur wurde erneut eingeführt. Noch während der Sitzung des Zentralkomitees bekam Pelikán seine Kaderbeurteilung durch Breschnew mitgeteilt: »Breschnew ist wütend auf dich und auf den Direktor des Rundfunks, Hejzlar, auch auf den Genossen Pavel, den Innenminister und den Außenminister Hájek, der vor der UNO unsere Sache verteidigt hat. Ihr müsst also einen Monat Urlaub nehmen, dann werden wir weitersehen.«45 Auf Beschluss der Parteiführung sollte Pelikán Diplomat werden und als Botschaftsrat an die Botschaft in Rom gehen. In dieser Phase des Übergangs wollte er Dubček keine Schwierigkeiten bereiten und nahm an. Den Schmerz, sein Land auf lange Zeit verlassen zu müssen, hat er in seinen Erinnerungen festgehalten. VII. Am 17. April 1969 löste Gustáv Husák Dubček an der Spitze der Partei ab, am 20. August machte er die Verurteilung der sowjetischen Intervention durch die KPTsch rückgängig. Der Kurs der »Normalisierung« und der »Säuberung« der Partei, des Staatsapparates und der gesellschaftlichen Institutionen wie z. B. der Gewerkschaften von Anhängern des Prager Frühlings begann. Pelikán wurde nach Prag zurückbeordert, er entschied sich für das Exil. Am 1. Oktober 1969 publizierte er in der Londoner Times seine Erklärung, warum er nicht nach Prag zurückgekehrt war. Wenige Tage später wurde er vom Sekretariat des ZK der KPTsch aus der Partei ausgeschlossen. »Ein seltsames Zusammentreffen, denn das geschah am 30. Oktober 1969, also genau 30 Jahre nach meinem Eintritt in die KPTsch. Ich hatte nicht mehr dieselben Gefühle wie die Kommunisten der fünfziger Jahre, für die der Verlust des Parteiausweises dem Verlust ihrer Person und des Sinnes in ihrem Leben gleichkam. Denn ich spürte bereits, dass ich mich mit dieser deformierten Partei nicht mehr identifizieren konnte […]. Mein Platz war außerhalb dieser Partei – bei den 500 000 ausgeschlossenen Kommunisten, – also in der sozialistischen Opposition, wo ich den ›Prager Frühling‹ gegen die immer ungeheuerlicher werdenden Verleumdungen verteidigen konnte.«46 Im Februar 1970 wurde Pelikán die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft entzogen. Um die Freiheit seines Landes gegen die deutsche Okkupation zu verteidigen, war er Kommunist geworden, die sowjetische von 1968 zwang ihn zum Bruch. 1 Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, 2 Bde., Frankfurt am Main 1969; siehe auch ders. / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten, Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004; sowie Weber, Hermann: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, S. 221–244. 2 Weber, Hermann: Von der SBZ zur DDR 1945–1968, Hannover 1968. 3 Paul Fröhlich (1913–1970) war 1. Sekretär der Bezirksleitung Leipzig der SED von 1952 bis 1970, ab 1963 Mitglied des Politbüros des ZK der SED. 4 Weber: Von der SBZ zur DDR (Anm. 2), S. 239. 5 Ebenda, S. 240. 6 Pelikán, Jiří: Ein Frühling, der nie zu Ende geht. Erinnerungen eines Prager Kommunisten, Frankfurt a. M. 1975, S. 82 f. 7 Ebenda, S. 76. 8 Siehe Hodos, George Hermann: Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948–1954, Berlin 2001, S. 182 ff. 9 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 108 ff. 10 Arthur London, Spanienkämpfer, Mitglied der französischen Résistance, wurde 1951 als stellvertretender Außenminister verhaftet und hat den Ablauf des Prozesses beschrieben: Ich gestehe. Der Prozess um Rudolf Slánský, Hamburg 1970. 11 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 156. 12 Siehe Pelikán, Jiří (Hrsg.): Das unterdrückte Dossier. Bericht der Kommission des ZK der KPC über politische Prozesse und ›Rehabilitierungen‹ in der Tschechoslowakei, Wien 1970 sowie ders. (Hrsg.): Pervertierte Justiz, Wien 1972. 13 Prieß, Lutz / Kural, Vaclav / Wilke, Manfred: Die SED und der »Prager Frühling« 1968, Berlin 1996, S. 27. 14 Siehe Pauer, Jan: Prag 1968. Der Einmarsch des Warschauer Paktes, Bremen 1995, S. 25. 15 Florin, Peter: Zur gegenwärtigen Situation in der ČSSR – 10. März 1968, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 303616, S. 2. 16 Rede des Genossen Josef Smrkovský auf der Plenarsitzung des ZK der KPTsch vom 3. bis 5. Januar 1968, in: SAPMO-BArch, DY 303616, S. 1. Die internationale Abteilung des ZK der SED legte diese deutsche Übersetzung Walter Ulbricht am 1. Februar vor und dieser entschied, sie an die Mitglieder des Politbüros zu verteilen. 17 Prieß / Kural / Wilke: Die SED und der »Prager Frühling« (Anm. 13), S. 150. 18 Pauer: Der Einmarsch (Anm. 14), S. 25 f. 19 Florin: Zur gegenwärtigen Situation in der ČSSR (Anm. 15), S. 4. 20 Liehm, Antonin J.: Vom Tauwetter zu den sechziger Jahren, unveröffentlichtes Manuskript 2007, S. 2 f. 21 Ebenda, S. 3. 22 Florin: Zur gegenwärtigen Situation in der ČSSR (Anm. 15), S. 5. 23 Zitiert nach: Hejzlar, Zdenek: Reformkommunismus. Zur Geschichte der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Köln 1976, S. 194. 24 Ebenda. 25 Prieß / Kural / Wilke: Die SED und der »Prager Frühling« (Anm. 13), S. 113. 26 Zwei Divisionen der NVA wurden mobilisiert, aber nicht eingesetzt. Es war eine Moskauer Entscheidung, gegen die die SED-Spitze protestierte. 27 Prieß / Kural / Wilke: Die SED und der »Prager Frühling« (Anm. 13), S. 190. 28 Siehe ebenda, S. 235 f. 29 Čestmír Císař war 1968 Sekretär des ZK der KPTsch und Präsident des Tschechischen Nationalrats. 30 Pauer: Der Einmarsch (Anm. 14), S. 235 f. 31 Siehe ebenda, S. 236. 32 Mitteilung des ZK der KPTsch: An das gesamte Volk der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, in: Marx, Werner / Wagenlehner, Günther (Hrsg.): Das tschechische Schwarzbuch. Die Tage vom 20.–27. August 1968, Stuttgart 1969, S. 16. 33 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 270. 34 Alois Indra, Sekretär des ZK der KPTsch, gehörte zusammen mit Bilak und Drahmir Kolder zu den Organisatoren der pro-sowjetischen Kräfte im Präsidium, er stimmte wie die anderen gegen den Aufruf am 20. August 1968. 35 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 271. 36 Ebenda, S. 102. 37 Ebenda, S. 103. 38 Er sollte im September 1961 stattfinden. 39 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 275. 40 Pelikán, Jiří (Hrsg.): Panzer überrollen den Parteitag. Protokoll und Dokumente des XIV. Parteitags der KPTsch am 22. August 1968, Wien 1969, S. 47. 41 Ebenda, S. 47. 42 Ebenda, S. 102. 43 Ebenda, S. 108. 44 Pauer: Der Einmarsch (Anm. 14), S. 330. 45 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 283. 46 Ebenda, S. 293 f.

JHK 2008

Tabula Gratulatoria und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2008

Gunther Adler, Berlin Prof. Dr. Hans Albert, Heidelberg Wolfgang Alles, Speyer Prof. Dr. Helmut Altrichter, Erlangen Thomas und Vera Ammer, Euskirchen / Flamersheim Gerd Andres MdB, Hannover Prof. Dr. Werner T. Angress, Berlin Dr. Kerstin Armborst, Mainz Prof. Dr. Hans-Wolfgang Arndt, Mannheim Prof. Dr. Rolf Badstübner, Berlin Dr. Peter Barker, Reading Bernd-Rainer Barth, Berlin Dr. Bernhard H. Bayerlein, Köln Dr. Klaus J. Becker, Ludwigshafen Michael Beleites, Dresden Prof. Dr. Wolfgang Benz, Berlin Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf, Bonn Prof. Dr. Dr. Gerhard Besier, Dresden Asst. Prof. Dr. Bülent Bilmez, Istanbul Marianne Birthler, Berlin Dr. Lars Björlin, Huddinge Prof. Dr. Dr. em. Wilhelm Bleek,Toronto Prof. Dr. Peter Bohley, Tübingen Prof. Dr. Alfred Bohnen, Osthofen Marcel Bois, Hamburg Prof. Dr. Bernd Bonwetsch, Moskau Prof. Dr. Ulrich Borsdorf, Essen Prof. Dr. Beatrix Bouvier, Trier Prof. Dr. Werner Bramke, Leipzig Prof. Dr. Peter Brandt, Hagen PD Dr. Ulf Brunnbauer, Berlin Dr. Matthias Buchholz, Berlin Dr. Günter Buchstab, Sankt Augustin Prof. Dr. Michael Buckmiller, Hannover Dr. Klaus Burkhardt, Amman Prof. Dr. Clemens Burrichter, Berlin Prof. Dr. Helmut Dahmer, Wien Prof. Dr. Horst Dähn, Berlin Dr. Barbara Distel, Dachau Prof. Dr. Dieter Dowe, Bonn Prof. Dr. Rainer Eckert, Leipzig Oberst Dr. Hans Gotthard Ehlert, Potsdam Prof. Dr. Wolfgang Eichwede, Bremen Jan Emendörfer, Rostock Dr. Heinrich Eppe, Kirchberg / Jagst Rainer Eppelmann, Berlin Prof. Dr. Walter Euchner, Göttingen Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Bochum Dr. Jean-François Fayet, Genf Dr. Tilman P. Fichter, Berlin-Charlottenburg Prof. Dr. Helmut Fleischer, Hambüren Dr. Jan Foitzik, Berlin Dr. h. c. Karl Wilhelm Fricke, Köln Dr. Thomas Wegener Friis, Odense Prof. Dr. Alexander Gallus, Rostock Staatssekretär a. D. Prof. Dr. Hansjörg Geiger, Berlin Dr. h. c. Ralph Giordano, Köln Iris Gleicke MdB, Schleusingen Dr. Hans-Georg Golz, Bonn Prof. Dr. Helga Grebing, Göttingen Dr. Robert Grünbaum, Berlin Prof. Dr. Antonia Grunenberg, Oldenburg Hans-Joachim Hacker, Schwerin Heiko Hänsel, Berlin Dirk Hansen, Lüneburg Prof. Dr. Heiko Haumann, Basel PhD John Earl Haynes, Washington, DC Helen Heberer MdL, Mannheim Manfred Heckenauer, Berlin Dr. Wladislaw Hedeler, Berlin PD Dr. Siegfried Heimann, Berlin Dr. Thomas Heimann, Speyer Prof. Dr. Manfred Heinemann, Hannover Oberst Dr. Winfried Heinemann, Potsdam Hans-Otto Hemmer, Berlin Prof. Dr. Klaus-Dietmar Henke, Dresden Andreas Herbst, Berlin Prof. Dr. Günther Heydemann, Leipzig PD Dr. Götz Hillig, Marburg Stephan Hilsberg, Berlin Prof. Dr. Jürgen Hofmann, Berlin Dres. Brigitte und Klaus Hohlfeld, Mannheim Prof. Dr. Jerzy Holzer, Warszawa Dr. Gunter Holzweißig, Kleinmachnow Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber, Berlin Christian W. Hübel, Mannheim Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Bonn Dr. Jens Hüttmann, Berlin Prof. Dr. Martin Irle, Weinheim Ursula Irle-Böhnisch, Weinheim Prof. Dr. Narihiko Ito, Kamakura-City Lutz Jahre, Mannheim Prof. Dr. Eckhard Jesse, Chemnitz Prof. Dr. Ralph Jessen, Köln Matthias Jung, Mannheim Gustav Just, Prenden Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Max Kaase, Berlin Friedrich P. Kahlenberg, Boppard Josef Kaiser, Ludwigshafen Dr. Anna Kaminsky, Berlin Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner, Graz Dr. Hans-Georg Kiera, Niestetal Staatsrätin Dr. Kerstin Kießler, Berlin Prof. Makio Kimura, Kagoshima Prof. Dr. Endre Kiss, Budapest Staatssekretärin Barbara Kisseler, Berlin Prof. Dr. Dr. h. c. Fritz Klein, Berlin Rainer E. Klemke, Berlin Prof. Dr. Christoph Kleßmann, Potsdam Silke Klewin, Bautzen Prof. Dr. Volkhard Knigge, Weimar-Buchenwald Dr. Manfred Koch, Karlsruhe-Pfinztal Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Jürgen Kocka, Berlin Dr. Gerd Koenen, Frankfurt a. M. Prof. Dr. Eberhard Kolb, Bad Kreuznach Klaus Kordon, Berlin Bürgermeister a. D. Hans Koschnick, Bremen Hartmut Koschyk, Berlin Dr. Till Kössler, München Dr. Paul Koszuszeck, Frankfurt Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk, Berlin Christine Krauss, Berlin Dr. Günter Kröber, Leipzig Eberhard Kuhrt, Berlin Dr. Johannes L. Kuppe, Bad Honnef Dr. Ursula Langkau-Alex, Amsterdam Dr. Norman LaPorte, Pontypridd Dr. Peter Joachim Lapp, Ölsen Dr. Hannes Leidinger, Wien Prof. Dr. Michael Lemke, Berlin Dr. Annette Leo, Berlin Prof. Dr. h. c. Wolfgang Leonhard, Manderscheid / Eifel Dr. Wolfgang Levermann, Hannover PD Dr. Thomas Lindenberger, Potsdam Christoph Links, Berlin Dr. h. c. Erich Loest, Leipzig Prof. Dr. Siegfried Lokatis, Leipzig Prof. Dr. Einhart Lorenz, Oslo Prof. Dr. Wilfried Loth, Essen Ottokar Luban, Berlin Bernd Lüdkemeier, Magdeburg Leonid Luks, Eichstätt Dr. Ulrich Mählert, Berlin Dr. Andreas Malycha, Berlin Lothar Mark, Berlin und Mannheim Prof. Dr. Inge Marszolek, Bremen Prof. Dr. Peter Maser, Bad Kösen Prof. Dr. Martin McCauley, London Dr. Kevin McDermott, Sheffield Markus Meckel MdB, Berlin Prof. Dr. Vojtech Mencl, Praha Dr. jur. Wilhelm Mensing, Bonn Dr. Gerhard Mersmann, Mannheim Prof. Dr. Sigrid Meuschel, Leipzig Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Möller, München Dr. Kevin Morgan, Manchester Dr. Verena Moritz, Wien Prof. Dr. Günter Morsch, Oranienburg Jörn Mothes, Schwerin Dr. Fred Mrotzek, Rostock Reinhard Müller, Hamburg Prof. Dr. Dres. h. c. Walter Müller, Mannheim Prof. Dr. Werner Müller, Dannstadt-Schauernheim Prof. Dr. Wolfgang C. Müller, Mannheim Dr. Helmut Müller-Enbergs, Berlin Dr. Helmut Münch, Mannheim Prof. Norman M. Naimark, PhD, Stanford Dr. Detlef Nakath, Potsdam Dr. Ehrhart Neubert, Erfurt Hildigund Neubert, Erfurt Prof. Dr. Gottfried Niedhart, Mannheim Dr. Ulrich Nieß, Mannheim Dr. Ingeborg Nikitopoulos, Mannheim Bischof Axel Noack, Magdeburg Günter Nooke, Berlin Prof. Dr. Dr. h. c. Heinrich Oberreuter, Tutzing / Passau Dr. Marc-Dietrich Ohse, Hannover Fred S. Oldenburg, Köln Dr. Wilfriede Otto, Berlin Prof. Dr. Hans Ottomeyer, Berlin Martin-Michael Passauer, Berlin Prof. Dr. Andreas E. Pehnke, Greifswald Prof. Dr. Ulrich Pfeil, Saint Étienne Dr. Alexander von Plato, Stade Gerd Poppe, Berlin Ulrike Poppe, Berlin Dr. Heinrich Potthoff, Königswinter Prof. Dr. Jacques Poumet, Lyon Bürgermeister Lothar Quast, Mannheim Dr. Hermann Rappe, Hannover Prof. Dr. Lutz R. Reuter, Hamburg Dr. Manfred Rexin, Berlin Prof. Dr. Klaus-Georg Riegel, Trier Prof. Dr. Berthold Rittberger, Mannheim Prof. Dr. Rupprecht Rohr, Mutterstadt Dr. Sabine Roß, Berlin Dr. Heidi Roth, Leipzig Dr. Krzystof Ruchniewicz, Wroclaw Dr. Michael Rudloff, Leipzig Dr. Hermann Rudolph, Berlin PD Dr. Karsten Rudolph, MdL, Bochum Dr. Peter Ruggenthaler, Graz Prof. Dr. Akira Saitô, Saitama-Ken (†) Prof. Dr. Hermann Schäfer, Berlin Dr. Annette Schavan, Berlin Dr. Joachim Scherrieble, Marienborn Dr. Dieter Schiffmann, Mainz Dr. Kurt Schilde, Siegen Prof. Dr. Axel Schildt, Hamburg Dr. Mike Schmeitzner, Dresden Staatssekretär André Schmitz, Berlin Hubertus Schmoldt, Hannover Prof. Dr. Michael Schneider, Bonn Prof. Dr. Klaus Schönhoven, Reichenberg Michael Schröder, Mannheim Prof. Dr. Richard Schröder, Blankenfelde Dr. Jörn Schütrumpf, Berlin Dr. Peter Schütt, Hamburg Werner Schulz, Berlin Prof. Dr. Gesine Schwan, Berlin Rolf Schwanitz, Plauen Dr. Thomas A. Seidel, Erfurt Dr. Michael Seidl, Freiburg Prof. Dr. Wolfgang Seiffert, Hamburg Jörg Siegmund, München Dr. Henryk Skrzypczak, Berlin Prof. Dr. Hartmut Soell, Heidelberg Renate und Heribert Späh, Mannheim Prof. Dr. Rainer Specht, Schriesheim Ilse Spittmann-Rühle, Köln Staatssekretär Martin Stadelmaier, Mainz Prof. Dr. Peter Steinbach, Karlsruhe Prof. Dr. Rolf Steininger, Innsbruck Gerd-Rüdiger Stephan, Berlin / Johannesburg Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte Prof. Dr. Brigitte Studer, Bern Dr. Siegfried Suckut, Berlin Dr. Frantisek Svátek, Praha Prof. Dr. Gábor Szekely, Budapest Prof. Dr. Klaus Tenfelde, Bochum Dr. h. c. Wolfgang Thierse, Berlin Dr. Heinz Timmermann, Köln PD Dr. Reiner Tosstorff, Cardiff Prof. Dr. Stefan Troebst, Berlin Dr. Helmut Trotnow, Berlin Dr. Oldrich Tuma, Praha Prof. Dr. Feliks Tych, Warszawa Prof. Dr. Alexander Jurjewitsch Vatlin, Moskau Prof. Dr. Hans-Joachim Veen, Weimar Siegfried Vergin, Mannheim Werner Vitt, Isernhagen Dr. Gerrit Voerman, Groningen Dr. Bernhard Vogel, Berlin / Sankt Augustin Dr. Hans-Jochen Vogel, München Dr. h. c. Jürgen Walter, Neustadt Prof. Dr. Hartmut Weber, Koblenz / Berlin Dr. Konstanze Wegner, Mannheim Reinhard Weißhuhn, Berlin Prof. Gert Weisskirchen, Berlin Prof. Dr. Hermann Wentker, Berlin Dr. Rüdiger Wenzke, Potsdam Prof. Dr. Gerhard Werle, Berlin Dr. Gerhard Wettig, Kommen Oberbürgermeister a. D. Gerhard Widder, Mannheim Prof. Dr. Irmgard Wilharm, Hannover Prof. Dr. Manfred Wilke, Berlin Prof. Dr. Heinrich August Winkler, Berlin Klaus Wolfram, Berlin Prof. Dr. Samon Yamamoto, Kokkaido Uwe Ziegler, Berlin Prof. Dr. Klaus Ziemer, Warschau Rainer Zunder, Dortmund Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2008 Bernhard H. Bayerlein Dr. phil., geb. 1949, Historiker und Romanist, tätig am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), lebt in Köln. Veröffentlichungen u. a.: Hrsg.: Archives de Jules Humbert-Droz, Amsterdam 1983 – 2001; Hrsg.: Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Mithrsg.: Moscou – Paris – Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern, Paris 2003; Mithrsg.: Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Mithrsg.: Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin 2003; Der Verräter, Stalin, bist Du! Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939 – 1941, Berlin 2008; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung; Hrsg.: The International Newsletter of Communist Studies. Lars Björlin Geboren 1940 in Stockholm. Einer Promotion entsprechender Hochschulabschluss 1971, danach bis 1983 Lektor im Fach Geschichte an der Universität Stockholm. Bis 1999 Mitarbeiter verschiedener Archive in Stockholm, u. a. 1994 – 1999 am Stockholmer Reichsarchiv im Rahmen des Forschungsprojekts »Schweden in russischen Archiven«. Bis Juni 2007 Lektor und Forscher an der Hochschule Södertörn in Huddinge bei Stockholm. Forschungsberichte und Publikationen u. a.: Arbeiterbewegung und Sprache, Stockholm 1996; Schweden in russischen Archiven. Verzeichnis russischer Quellen zur schwedischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Teil I und II, Stockholm 1999 (zusammen mit Helene Carlbäck); H. Blomqvist & L. Ekdahl (Hrsg.): Der Kommunismus, Bedrohung und Versprechen. Die Arbeiterbewegung im Schatten der Sowjetunion 1917 – 1991, 2003 (alle schwedisch). Marcel Bois M. A., geb. 1978 in Bonn, 1998 bis 2004 Studium der Geschichtswissenschaft, Soziologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Konstanz und Hamburg, seit 2004 Promotion an der Universität Hamburg zum Thema »Gegen Hitler und Stalin. Linksoppositionelle Kommunisten in der Weimarer Republik«; seit 2005 Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung, im Februar 2007 Forschungsaufenthalt an der Harvard University, Cambridge, Ma., USA. Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von 360 Grad. Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft. Veröffentlichungen u. a.: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? Der Heidelberger Parteitag der KPD 1919, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 6. Jg., 2007, H. 2, S. 33 – 46 (zusammen mit Florian Wilde). Bernd Bonwetsch Prof. Dr. Dr. h.c. mult., geb. 1940, seit 1980 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum (zurzeit beurlaubt), 2003 Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts Moskau, Arbeiten zur russischen und sowjetischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Veröffentlichungen u. a.: Die russische Revolution 1917, Darmstadt 1991; Mithrsg.: Sowjetische Politik in der SBZ 1945 – 1949, Bonn 1998; Mithrsg.: The People’s War. Responses to World War II in the Soviet Union, Urbana 2002; Stalin und die Vorbereitung des 3. Parteitags der SED, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 51 (2003), H. 4, S. 575 – 607; Mithrsg.: Osmanismus, Nationalismus und der Kaukasus. Muslime und Christen, Türken und Armenier im 19. und 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2005. Horst Dähn Prof. Dr., geb. 1941, 1973 Promotion, 1981 Habilitation, seit 1987 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart; langjährige Mitarbeit am früheren Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim, seit 1994 ehrenamtlicher Leiter des Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Das politische System der DDR, Berlin 1985; Die Rolle der Kirchen in der DDR, München 1993; Mithrsg.: Luther und die DDR, Berlin 1996; Mithrsg.: Staat und Kirchen in der DDR, Frankfurt a. M. u. a. 2003; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943, Historiker am Forschungsinstitut Arbeit, Bildung, Partizipation in Recklinghausen und an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Vorsitzender der Historiker-Kommission beim Parteivorstand der SPD, 1992 bis 1998 Mitglied der Enquêtekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, seit 1998 stellvertretender Vorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Halbherziger Revisionismus. Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München u. a. 1996; Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989 / 90, Essen 2001; Mithrsg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Jean-François Fayet Dr. Litt., Master Assistent an der Universität Genf, geb. 1965 in Genf, Studium der politischen Geschichte am Institut d’Études Politiques de Paris, der Anthropologie an der Universität Paris VIII und der sowjetischen Geschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, EHESS Paris. Veröffentli-chungen u. a..: Karl Radek (1885 – 1939): biographie politique, Bern, 2004; »Paul Levi and the Turning Point of 1921: Bolshevik Emissaries and International Discipline in the Time of Lenin«, in: Norman LaPorte, Matthew Worley & Kevin Morgan (Hrsg.), Stalinisation and beyond: Problems in the History of International Communism, Basingstoke 2008; »The VOKS: The third dimension of the Soviet foreign policy«, in: Jessica C. E. Gienow-Hecht & Mark C. Donfried (Hrsg.), Searching for a Cultural Diplomacy, Oxford, New York 2008, S. 32 – 53; Mithrsg.: Archives d’histoire, histoires d’archives, Lausanne 2006; Cahiers d’histoire du mouvement ouvrier, n°23: Les solidarités internationales, Lausanne 2007; Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse, Zürich 2008. Jan Foitzik Dr. phil., geb. 1948, 1976 bis 1978 am Institut für Zeitgeschichte München, 1978 bis 1993 an der Universität Mannheim (Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR), seit 1994 am Institut für Zeitgeschichte München und Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Zwischen den Fronten. Zur Politik, Organisation und Funktion linker politischer Kleinorganisationen im Widerstand 1933 – 1939 / 40 unter besonderer Berücksichtigung des Exils, Bonn 1986; Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945 – 1949, Berlin 1999; Hrsg.: Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953 – 1956, Paderborn 2001; Mithrsg.: Begegnungen in Workuta, 2. Aufl. Leipzig 2003; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Karl Wilhelm Fricke Dr. h.c., geb. 1929, Publizist. 1955 nach kritischer Berichterstattung über die DDR vom MfS aus Westberlin entführt. Nach seiner Haftentlassung aus Bautzen wirkte er ab 1959 als freier Journalist und Publizist zunächst in Hamburg. Von 1970 bis 1994 Leitender Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln. In den 1990er-Jahren sachverständiges Mitglied der beiden Enquetekommissionen des Deutschen Bundestags zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur, Vorsitzender des Beirats der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und des Fachbeirats Gesellschaftliche Aufarbeitung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u .a.: Warten auf Gerechtigkeit. Kommunistische Säuberungen und Rehabilitierungen, Köln 1971; Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945 – 1968, Köln 1979; Die DDR-Staatssicherheit. Entwicklung, Strukturen, Aktionsfelder, Köln 1989; Akten-Einsicht. Rekonstruktion einer politischen Verfolgung, Berlin 1996; Der Wahrheit verpflichtet – Texte aus fünf Jahrzehnten zur Geschichte der DDR, Berlin 2000. Wladislaw Hedeler Dr. phil., geb. 1953, Historiker, Übersetzer und Publizist. Arbeiten zur Geschichte der KPdSU(b) und der Komintern. Veröffentlichungen u. a.: Übersetzer (mit Birgit Schliewenz): Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933 – 1943. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000; mit Nadja Rosenblum: 1940 – Stalins glückliches Jahr, Berlin 2001; Hrsg.: Stalinscher Terror 1934 – 41, Berlin 2002; Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938. Planung, Inszenierung und Wirkung, Berlin 2003; Übersetzer: Alexander Vatlin: Tatort Kunzewo. Opfer und Täter des Stalinschen Terrors 1937 / 38, Berlin 2003; Mithrsg.: Nikolai Bucharin: Philosophische Arabesken. Dialektische Skizzen, Berlin 2005. Andreas Herbst Jahrgang 1955, Diplom-Historiker. 1977 – 82 Studium der Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, bis 1990 wissenschaftlicher Assistent / Oberassistent am Museum für Deutsche Geschichte, danach Mitarbeiter der Historischen Kommission zu Berlin bzw. der Stiftung Gesellschaftsanalyse und Politische Bildung e.V., bis 2001 Mitarbeiter am Forschungsprojekt »Biographisches Handbuch des deutschen Kommunismus 1918 – 1945« an der Universität Mannheim, seit 2001 Mitarbeiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Publikationen: Mithrsg.: So funktionierte die DDR, 3 Bde., Hamburg 1994 ; Mithrsg.: Die SED. Geschichte – Organisation – Politik. Ein Handbuch, Berlin 1997; Mithrsg.: Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch, Berlin 2002; mit Hermann Weber: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004; Mithrsg.: Wer war wer in der DDR?, Berlin 2006. Jerzy Holzer Prof. Dr., geb. 1930 in Warschau, 1950 – 1954 Studium der Geschichte, 1960 Promotion, 1969 Habilitation. Assistent, Dozent, 1989 – 2000 Professor am Historischen Institut der Universität Warschau. Seit 1989 auch am Institut für Politische Studien, Polnische Akademie der Wissenschaften, bis 2006 Leiter der Abt. für Deutschlandforschung, 2000 – 2004 Direktor. Mehrmals Gastprofessor in Deutschland, Visiting Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin 1984 / 85 und am Institut für die Wissenschaften vom Menschen Wien 1990 / 91. 1977 – 1989 in der polnischen demokratischen Opposition aktiv. 1989 – 1994 Ko-Vorsitzender im Forum Polen–Deutschland. Veröffentlichungen u. a.: Parteien und Massen. Politische Krise in Deutschland 1928 – 1930, Wiesbaden 1970; Solidarność 1980 – 1981, illegal Warschau 1984 (deutsch: München 1985); Der Kommunismus in Europa, Frankfurt 1998; Polen und Europa, Bonn 2007; Europa der großen Kriege (Warschau, im Druck). Jens Hüttmann Dr. phil, geb. 1975 in Hamburg; 1995 bis 2001 Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und VWL an der Universität Leipzig, von 2003 bis 2005 Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft, 2007 Promotion. Von 2001 bis 2007 Mitarbeiter am Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg, seit 2007 Mitarbeiter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Projektbüro »20 Jahre friedliche Revolution«. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg. DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung, Berlin 2004; Mithrsg. Bildung und Wissenschaft in Wittenberg nach 1945, Wittenberg 2004; DDR-Geschichte und ihre Forscher. Akteure und Konjunkturen der bundesdeutschen DDR-Forschung vor und seit 1989, Berlin 2008. Stefan Karner Prof. Dr., geb. 1952, Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz / Wien / Klagenfurt, Österreichischer Vorsitzender der Österreichisch-Slowenischen Historikerkommission. Veröffentlichungen u. a.: Die Steiermark im Dritten Reich 1938 – 1945. Aspekte ihrer politischen, wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Entwicklung, 3. Aufl. Graz 1994; Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941 – 1956, Wien / München 1995; Die deutschsprachige Volksgruppe in Slowenien 1939 – 1997, Klagenfurt / Ljubljana / Wien 1998; Mithrsg.: Kalter Krieg. Beiträge zur Ost-West-Konfrontation 1945 bis 1990, Graz 2002. Christoph Kleßmann Prof. Dr. phil, geb. 1938. Studium der Geschichte, Klassischen Philologie und Politik in Göttingen, München und Tübingen. 1967 bis 1970 wiss. Mitarbeiter des Ostkollegs, Köln; 1970 bis 1976 wiss. Assistent an der Ruhr-Universität Bochum; 1977 bis 1992 Professor für Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld, seit 1993 an der Universität Potsdam. Von 1996 bis 2004 Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, Potsdam. Veröffentlichungen u. a.: Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870 – 1945, Göttingen 1978; Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945 – 1955, 5., erw. Aufl. Bonn 1991; Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955 – 1970, 2., erw. Aufl. Bonn 1998; Hrsg. mit B. Stöver: 1953 – Krisenjahr des Kalten Krieges in Europa, Köln 1999; Hrsg.: The Divided Past, Oxford 2001; Wiedervereinigung und neue Geschichtsschreibung (korean.), Seoul 2004; Arbeiter im »Arbeiterstaat« DDR, Bonn 2007; Zahlreiche Aufsätze zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Ilko-Sascha Kowalczuk Dr. phil., geb. 1967, Studium der Geschichte in Berlin, 1995 bis 1998 Mitglied der Enquetekommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit«, 1998 bis 2000 Mitarbeiter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, seit 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstands und der Opposition in der DDR, Berlin 1995; Legitimation eines neuen Staates. Parteiarbeiter an der historischen Front. Geschichtswissenschaft in der SBZ / DDR 1945 bis 1961, Berlin 1997; Roter Stern über Deutschland. Sowjetische Truppen in der DDR, Berlin 2001; Geist im Dienste der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ / DDR 1945 bis 1961, Berlin 2003. Norman LaPorte PhD (Stirling), geb. 1964 in Edinburgh. Seit 2000 Fellow in History an der Universität Glamorgan in Wales. Veröffentlichungen u. a.: The German Communist Party in Saxony, 1924 – 1933, Bern 2003; Hrsg. (mit Stefan Berger): The Other Germany. Perceptions and Influence in British-East German Relations, 1945 – 1990, 2005; Hrsg. (mit Stefan Berger): Friendly Enemies. Britain and the GDR, 1945 – 90, Oxford, im Druck; Hrsg. (mit Kevin Morgan und Matthew Worley): Bolshevism, Stalinism and the Comintern: Perspectives on Stalinisation, Basingstoke 2008. Mitglied des Wiss. Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung; Mitglied des Beirats von Socialist History; Mithrsg.: Communist History Network Newsletter. Hannes Leidinger Dr., geb. 1969, studierte Geschichte, Archäologie und Ur- und Frühgeschichte, Lehrtätigkeit am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Veröffentlichungen u. a.: Netzwerke der Weltrevolution. Die Auswirkungen der Kriegsgefangenen-Heimkehrer-Problematik auf die Entwicklung der kommunistischen Bewegung in Mittel- und Osteuropa (Dissertation), Wien 2001; mit Verena Moritz: Gefangenschaft, Revolution, Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917 – 1920, Wien u. a. 2003; mit Verena Moritz: Russisches Wien. Begegnungen aus vier Jahrhunderten, Wien u. a.. 2004. Ottokar Luban geb. 1937, Berlin; Studium der Geschichte, Pädagogik, Psychologie und Sonderpädagogik an der Päda-gogischen Hochschule Berlin-Lankwitz und der Freien Universität Berlin; Lehrer, Sonderschullehrer (pens.); (ehrenamtl.) Sekretär der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft; Veröffentlichungen zum Kreis um Rosa Luxemburg, z.B. biografische Studien zu Mathilde Jacob, Leo Jogiches, Fanny Jezierska-Thomas (1993, 1995, 2002, 2003); »Rosa Luxemburg und die KPD-Führung im Januaraufstand 1919« (1999), 2004 auch auf Englisch: »Rosa at a Loss«; eigene Beiträge und Mitherausgeberschaft: Rosa Luxemburg im internationalen Diskurs, Berlin 2002; China entdeckt Rosa Luxemburg, Berlin 2007; detaillierte Angaben sowie weitere Veröffentlichungen unter: http://freenet-homepage.de/Ottokar.Luban Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm, 1987 bis 1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus, seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Die Freie Deutsche Jugend 1945 – 1949, Paderborn 1995; Hrsg.: Vademekum DDR-Forschung, Berlin 2002; Mithrsg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Kleine Geschichte der DDR, 5. Aufl. München 2007; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Kevin McDermott Senior Lecturer für Zeitgeschichte an der Universität Sheffield in England. Publikationen zur Geschichte der tschechischen Gewerkschaftsbewegung, der Komintern und des Stalinismus, u. a.: Koautor: The Comintern: A History of International Communism from Lenin to Stalin, Macmillan 1996; Mithrsg.: Stalin’s Terror: High Politics and Mass Repression in the Soviet Union, Palgrave 2003; Mithrsg.: Revolution and Resistance in Eastern Europe: Challenges to Communist Rule, Berg 2006; Stalin: Revolutionary in an Era of War, Palgrave 2006. McDermott arbeitet derzeit an einem Buch über den stalinistischen Terror in Osteuropa und recherchiert für eine Monographie über die Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg. Kevin Morgan Dr. phil., geb. 1961 in Birmingham, 1979 bis 1987 Studium der Politik und Geschichte an der Universität Manchester; Professor für Politik und Zeitgeschichte an der Universität Manchester. Veröffentlichungen u. a.: Against fascism and war: ruptures and continuities in British communist politics 1935 – 41, Manchester 1989; Harry Pollitt, Manchester 1993; Labour Legends and Russian Gold: Bolshevism and the British Left (Bd. 1), London 2006; The Webbs and Soviet Communism: Bolshevism and the British Left (Bd. 2), London 2006; mit Gidon Cohen und Andrew Flinn: Communists and British Society 1920 – 90, London 2007; 1999 – 2005 Hrsg.: Socialist History; 1996 – 2007 Hrsg. bzw. Mithrsg.: Communist History Network Newsletter; Mitglied des Beirats von 20th Century British History, International Newsletter of Communist Studies und Socialist History. Verena Moritz Dr., geb. 1969, Geschichts- und Slawistikstudium, Lektorin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Veröffentlichungen u. a.: Zwischen allen Fronten. Die russischen Kriegsgefangenen in Österreich im Spannungsfeld von Nutzen und Bedrohung 1914 – 1921 (Dissertation), Wien 2001; mit Hannes Leidinger: Gefangenschaft, Revolution, Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917 – 1920, Wien 2003; mit Hannes Leidinger: Russisches Wien. Begegnungen aus vier Jahrhunderten, Wien 2004. Reinhard Müller geb. 1944 in Chotischau, 1966 – 1974 Studium der Geschichte, Germanistik und Soziologie in München, Regensburg und Hamburg, bis 1989 Mitarbeiter in der Ernst Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg, seit 1991 wiss. Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, Arbeitsbereich: Theorie und Geschichte der Gewalt. Veröffentlichungen: Hrsg.: Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, Reinbek 1991; Die Akte Wehner – Moskau 1937 – 1941, Berlin 1993; mit Jakov Rokitjanskij: Krasnyi dissident: akademik Rjasanov – opponent Lenina, žertva Stalina, Moskau 1996; Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001; Herbert Wehner – Moskau 1937, Hamburg 2004; Aufsätze über stalinistischen Terror, Komintern und KPD, Exil deutscher Schriftsteller, Walter Benjamin u. a.. Bibliographie: www.his-online.de Werner Müller Prof. Dr., geb. 1946, 1976 Promotion in Bonn, 1977 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Hochschulassistent in Mannheim, 1986 Habilitation, seit 1994 Professor für Zeitgeschichte an der Universität Rostock. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des deutschen Kommunismus, der DDR, von Parteien und Gewerkschaften. Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940, Theologiestudium in Jena, 1964 bis 1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984 bis 1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR; 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, seit 1997 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), seit 2005 in Pension. Veröffentlichungen u. a.: Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997; Mithrsg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin / München 2000; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Wilfriede Otto Dr. phil., geb. 1933, Studium der Geschichte an der Universität Leipzig, dort 1957 bis 1964 wiss. Assistentin, 1964 bis 1991 wiss. Mitarbeiterin am Institut für Marxismus-Leninismus (seit 1990 Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung), seit 1991 freischaffende Historikerin. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Visionen. Repression und Opposition in der SED 1949 – 1989, Frankfurt (Oder) 1996; Erich Mielke. Aufstieg und Fall eines Tschekisten, Berlin 2000; Die SED im Juni 1953. Interne Dokumente, Berlin 2003. Andreas Eckhard Pehnke geb. 1957, Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule Leipzig, 1984 Promotion, 1990 Habilitation mit Reformpädagogik-Themen, war als Erziehungswissenschaftler zunächst in Leipzig, Berlin und Halle / S. tätig, bevor er 1993 auf den o. g. Lehrstuhl an der Universität seiner Geburtsstadt Greifswald berufen wurde. Veröffentlichungen vor allem zum didaktisch-methodischen Gehalt der historischen Reformpädagogik und deren Rezeption in den internationalen Schulreformbestrebungen bis in die Gegenwart sowie zum Transformationsprozess in der deutschen Pädagogik, u. a.: Reformpädagogik aus Schülersicht. Dokumente eines spektakulären Chemnitzer Schulversuchs der Weimarer Republik [Bd. 43 der Grundlagen der Schulpädagogik], Baltmannsweiler 2002; »Ich gehöre auf die Zonengrenze!« Der sächsische Reformpädagoge und Heimatforscher Kurt Schumann (1885–1970), Beucha (bei Leipzig) 2004. Peter Ruggenthaler Dr. phil., geb. 1976, Studium der Geschichte und Slawistik in Graz und St. Petersburg, seit 1998 Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz, Promotion 2003, Veröffentlichungen u. a.: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde: Sowjetische Österreich-Politik 1945 bis 1953 / 55, in: Stefan Karner / Barbara Stelzl-Marx (Hrsg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945 – 1955. Beiträge. Graz / Wien / München 2005, S. 649 – 726; mit Stefan Karner: Zwangsarbeit in der Land- und Forstwirtschaft auf dem Gebiet des heutigen Österreich 1939 – 1945, Wien / München 2004. Kurt Schilde Dr. phil., geb. 1947 in Berlin-Weißensee, 1972 bis 1975 Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1975 bis 1981 Soziologiestudium an der Freien Universität Berlin, 1981 bis 1986, 1991 / 92 sowie 1994 bis 1997 freischaffender Sozialhistoriker, als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig von 1987 bis 1990 sowie 1993 / 94 in Berliner Heimatmuseen, 1991 / 92 in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 1997 bis 1999 im Zentrum für Antisemitismusforschung, 1999 bis 2005 an der Universität Siegen. 1994 Promotion in Neuerer Geschichte an der Technischen Universität Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Kampfname Ruth Fischer. Wandlungen einer deutschen Kommunistin, Frankfurt a. M., 1995; Die Rote Hilfe – die Geschichte der internationalen kommunistischen »Wohlfahrtsorganisation« und ihrer sozialen Aktivitäten in Deutschland (1921 – 1941), Opladen 2003 (beides mit Sabine Hering). Mike Schmeitzner Dr. phil., geb. 1968 in Dresden, 1988 – 1994 Studium der Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaft an PH und TU Dresden, 1994 Magister Artium, 1994 – 1997 Graduiertenstipendiat der FES, 1999 Promotion, seit 1998 wiss. Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden. Veröffentlichungen u. a.: Alfred Fellisch 1884 – 1973. Eine politische Biographie, Köln / Weimar / Wien, 2000; Schulen der Diktatur. Die Kaderausbildung der KPD / SED in Sachsen 1945 – 1952, Dresden, 2001; mit Stefan Donth: Die Partei der Diktaturdurchsetzung. KPD / SED in Sachsen 1945 – 1952, Köln / Weimar / Wien 2002; Im Schatten der FDJ. Die »Junge Union« in Sachsen 1945 – 1950, Göttingen 2004 (mit einem autobiographischen Essay von Wolfgang Marcus); Mithrsg.: Von Macht und Ohnmacht. Sächsische Ministerpräsidenten im Zeitalter der Extreme 1919 – 1952, Beucha 2006; Mithrsg.: Sowjetisierung oder Neutralität? Optionen sowjetischer Besatzungspolitik am Beispiel Deutschlands und Österreichs 1945 – 1955, Göttingen 2006; Hrsg.: Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2007. Klaus Schönhoven Prof. Dr. phil., geb. 1942 in Würzburg, 1963 – 1971 Studium der Geschichte, Germanistik und Politischen Wissenschaft, 1971 Promotion, 1979 Habilitation, 1984 – 2007 Professor für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. Veröffentlichungen u. a.: Expansion und Konzentration. Studien zur Entwicklung der Freien Gewerkschaften im Wilhelminischen Deutschland 1890 – 1914, Stuttgart 1980; Die deutschen Gewerkschaften, Frankfurt a. M. 1987; Reformismus und Radikalismus. Gespaltene Arbeiterbewegung im Weimarer Sozialstaat, München 1989; Arbeiterbewegung und soziale Demokratie in Deutschland, Bonn 2002; Wendejahre. Die SPD in der Zeit der Großen Koalition 1966 – 1969, Bonn 1969; Mithrsg.: Sozialismus und Kommunismus im Wandel, Köln 1993; Mithrsg.: Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert. Peter Steinbach Prof. Dr., geb. 1948 in Lage (Lippe), Wissenschaftlicher Leiter der Zentralen Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Karlsruhe. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Lexikon des Widerstandes 1933 – 1945, 2. Aufl. München 1998; Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001; Mithrsg: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002; Mithrsg.: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933 – 1945 (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 438), Bonn 2004; Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München 2004. Brigitte Studer Prof. Dr., seit 1997 Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte am Historischen Institut der Universität Bern. Studium (dt. und frz.) der Schweizer Geschichte, Neueren Geschichte und Anglistik an der Universität Freiburg, 2001 – 2004 Visiting Professor an der University of Strathclyde, Glasgow. Veröffentlichungen u. a.: mit Berthold Unfried: Der stalinistische Parteikader. Identitätsstiftende Praktiken und Diskurse in der Sowjetunion der dreißiger Jahre, Köln, Weimar, Wien 2001; mit Bernhard H. Bayerlein, Mikhaïl Narinski und Serge Wolikow: Moscou – Paris – Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern (1939 – 1941), Paris 2003; Hrsg. (mit Heiko Haumann): Stalinistische Subjekte, Individuum und System in der Sowjetunion und der Komintern, 1929 – 1953, Zürich 2006. Siegfried Suckut Dr. rer. pol., geb. 1945, 1964 – 66 Panzerjägerlehrkompanie 70, Münster, Leutnant. Studium der Politischen Wissenschaft in West-Berlin und Hannover, 1978 Promotion, 1978 – 92 wiss. Mitarbeiter am Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR, Universität Mannheim. Forschungsprojekte zur Geschichte der Ost-CDU, zur DDR-Frühgeschichte und zur Entwicklung des Parteiensystems in der DDR. 1992 Mitbegründer der Abteilung Bildung und Forschung in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Fachbereichsleiter, 1997– 2005 Leiter der Abteilung. Zurzeit Projekt zu den Meldungen der Stasi an die SED-Führung in den 70er-Jahren. Veröffentlichungen vor allem zur Betriebsrätebewegung in der SBZ, zur Geschichte der Blockparteien und zur Funktion des MfS in der DDR, zuletzt: Hrsg. (mit Jürgen Weber): Stasi-Akten zwischen Politik und Zeitgeschichte. Eine Zwischenbilanz, München 2003. Gábor Székely Prof. Dr., geb. 1942 in Budapest, 1961 bis 1966 Studium der Geschichte, Russischen Sprache und Literatur, 1966 – 2000 Mitarbeiter des Instituts für Parteigeschichte (später Institut der Geschichte der Politik), Budapest, Dozent an der József-Attila-Universität, Szeged, seit 2000 Prof. an der Eötvös-Lóránd-Universität, Budapest. Seit 1974 Teilnahme an den Konferenzen der ITH (Linz) und an Komintern-Projekten (Amsterdam, Moskau, Budapest), 1978 – 1989 Mitglied der deutsch-ungarischen Historikerkommission. Veröffentlichungen u. a.: Béke és háború. A nemzetközi békeszervezetek története (Frieden und Krieg. Die Geschichte der internationalen Friedensorganisationen 1814 – 1996). Napvilág Kiadó 1998. Profintern-krónika (Profintern – eine Chronik). Népszava 1982. A Komintern és a fasizmus, 1921 – 1929, Kossuth Könyvkiadó 1980. Stefan Troebst Prof. Dr., geb. 1955 in Heidelberg, Studium der Geschichte, Slawistik, Balkanologie und Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin sowie an den Universitäten in Tübingen, Sofia (Bulgarien), Skopje (Jugoslawien, heute Makedonien) und an der Indiana University in Bloomington USA, 1984 Promotion zum Thema »Mussolini, Makedonien und die Mächte 1922 – 1930. Die ›Innere Makedonische Revolutionäre Organisation‹ in der Südosteuropapolitik des faschistischen Italien«, 1995 Habilitation mit dem Thema »Handelskontrolle – ›Derivation‹ – Eindämmung. Schwedische Moskaupolitik 1617 – 1661«. Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, stellv. Direktor des GWZO Leipzig, Veröffentlichungen u. a.: Das makedonische Jahrhundert, München 2007; Postkommunistische Erinnerungskulturen im östlichen Europa, Wrocław 2005; mit Farimah Daftary: Radical Ethnic Movements in Contemporary Europe, New York, Oxford 2003. Alexander Vatlin Prof. Dr., geb. 1962, Studium der Geschichte, Aspirantur und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Moderne Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität, 1988 bis 1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Geschichte der Komintern am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, 1997 Dozent am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität, 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«. Professor an der Lomonossow-Universität. Veröffentlichungen u. a.: Die Komintern 1919 – 1929, Mainz 1993; Mithrsg.: Das erste Tribunal. Das Moskauer Parteiverfahren gegen Brandler, Thalheimer und Radek, Mainz 1993; Germanija v XX. veke (Deutschland im 20. Jahrhundert), Moskau 2002; Mithrsg.: Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Tatort Kunzewo. Opfer und Täter des Stalinschen Terrors 1937 / 38, Berlin 2003; Mithrsg.: Piggi Foxy and the Sword of Revolution. Bolshevik Self-Portraits, New Haven / London 2006. Gerhard Wettig Dr. phil., geb. 1934 in Gelnhausen, 1966 bis 1999 zunächst Referent, dann Leiter des Forschungsbereichs Außen- und Sicherheitspolitik am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln, 1990 bis 1999 Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Außenpolitik, 1998 bis 2003 Mitglied der Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Zahlreiche Veröffentlichungen über die sowjetische Deutschland-Politik seit dem Zweiten Weltkrieg, über die innerdeutschen Beziehungen in der Zeit der nationalen Spaltung und über Probleme des Kalten Kriegs in Europa. Jüngste Veröffentlichungen: Bereitschaft zu Einheit in Freiheit? Die sowjetische Deutschland-Politik 1945 bis 1955, München 1999; Chruschtschows Berlin-Krise 1958 – 1963. Drohpolitik und Mauerbau, München 2006. Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941, 1976 Promotion zum Dr. rer. pol., 1976 bis 1980 Wiss. Assistent an der TU Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer und bis 2006 Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU. 1992 bis 1998 sachverständiges Mitglied der Bundestagsenquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Entstalinisierung. Der 20. Parteitag und seine Folgen, Frankfurt a. M. 1977; Mithrsg.: Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED contra Polen 1980 / 81, Berlin 1995; Hrsg.: Anatomie der Parteizentrale, Berlin 1998; Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004; Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen, Weimar 2006. Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.

JHK 2008

Editorial

1993, im selben Jahr, in dem sich der Nestor der historischen Kommunismus- und DDR-Forschung in Deutschland, der Mannheimer Zeithistoriker und Politikwissenschaftler Professor Dr. Dr. h. c. Hermann Weber, emeritieren ließ, erschien die erste Ausgabe des von ihm an der Universität Mannheim begründeten Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung (JHK). Unter seiner Ägide wurde das Jahrbuch rasch zu dem wichtigsten deutschsprachigen Forum einer international und interdisziplinär ausgerichteten Forschung über die Geschichte der kommunistischen Bewegungen, Parteien und Regime im 20. Jahrhundert. Diese Forschungslandschaft hatte durch die Öffnung der Archive in Russland und den anderen ostmitteleuropäischen Staaten, für die sich Hermann Weber dezidiert und erfolgreich eingesetzt hatte, starken Auftrieb und wichtige Impulse erhalten. Seit 1993 sind im Jahrbuch auf nunmehr gut 6500 Druckseiten rund 500 Abhandlungen, Miszellen, biographische Skizzen, Quellendokumentationen, Forschungsberichte und Rezensionen erschienen. Sie berührten nicht nur die großen, sondern ebenso oftmals übersehene, »kleine« Ereignisse der Kommunismusgeschichte. Immer wieder wurden neben prominenten auch unbekanntere Akteure und Funktionäre in den Blick genommen; die Studien beschränkten sich dabei keineswegs auf Deutschland und die Sowjetunion. Wer die Jahrbücher zur Hand nimmt, betritt eine Forschungslandschaft, die sich seit der ersten Ausgabe gleichermaßen im Hinblick auf Zeiten und Räume weitet. Die Beiträge spannen einen Bogen von den Anfängen der kommunistischen Bewegung, die im Völkergemetzel des Ersten Weltkriegs ihren Ausgang nahm, bis zum Ende des »kurzen« 20. Jahrhunderts, als überwiegend friedlich verlaufende Revolutionen die im Namen des »realen Sozialismus« herrschenden Diktaturen überwanden. Zugleich öffnen die Artikel die Augen für die höchst unterschiedlichen Ausformungen, die diese Bewegung in jenen gut sieben Jahrzehnten kennzeichneten. Die Jahrbücher erschließen die Geschichte des Kommunismus in ihrer ganzen Ambivalenz. Aus unterschiedlichsten Perspektiven versuchen viele Beiträge zu beleuchten, wie der Kommunismus Legitimation totalitärer Regime in der Sowjetunion, in ihren »Satellitenstaaten« oder auch auf dem asiatischen Kontinent sein konnte, deren Opfer viele Millionen zählen. Andere Texte zeigen, dass die kommunistische Bewegung andernorts und bisweilen gleichzeitig emanzipatorische politische Ziele verfolgen konnte, die Intellektuelle und Arbeiter gleichermaßen in ihren Bann zogen und im Kampf gegen soziale und politische Ungerechtigkeit einten. Auf welche Weise dieser emanzipatorische Impetus schließlich fast immer und überall von Ideologien und »Ismen« im Namen eines Stalin, Mao oder von deren Epigonen zersetzt, überformt und ausgeschaltet wurde, durchzieht als zentrale Fragestellung die Jahrbücher wie ein roter Faden. Immer wieder aufs Neue beleuchtet das Jahrbuch, wie aus einer emanzipatorischen Idee und aus leidenschaftlichen Revolutionären, die die Arbeiterklasse von Ausbeutung befreien wollten, Stalinisten, Bürokraten, Menschenschinder und auch -mörder wurden und wie dieselben kommunistischen Funktionäre, die vor dem »Klassenfeind« Heldenmut bewiesen, sich wenig später bedingungslos einer Parteilinie unterwarfen. Und immer wieder lenkt das Jahrbuch die Aufmerksamkeit auf die innerkommunistische Opposition und den Widerstand gegen den Stalinismus, der von diesem mit unerbittlicher Härte bekämpft und liquidiert wurde. All dies sind Fragen, die Hermann Weber als Begründer des Jahrbuchs, der mittlerweile auf ein halbes Jahrhundert eigene Kommunismusforschung zurückblickt, nicht loslassen. Hermann Webers gesamtes publizistisches und wissenschaftliches Wirken war und ist »darauf gerichtet, der Quasi-Annexion der Geschichte der modernen sozialen Bewegungen durch die Stalinisten und Poststalinisten zu widersprechen, die ›Säuberung‹ der Vergangenheit aufzudecken und auf diese Weise einen grundlegenden, niemals aufzuhebenden Widerspruch des kommunistischen Etatismus ins öffentliche Bewusstsein zu heben«, wie es Peter Brandt unlängst so treffend formulierte. Hermann Weber hat mit der Veröffentlichung des Jahrbuchs 2007 sein Ausscheiden aus dessen Herausgeberkreis erklärt. In den Jahren zuvor hatte er die Zukunft seines Jahrbuches gesichert, indem er die materielle Verantwortung in die Hände der Bundesstiftung Aufarbeitung legte und jüngere Kollegen für die Herausgeberschaft gewinnen konnte. Die Herausgeber des Jahrbuchs wie auch die Bundesstiftung Aufarbeitung kamen rasch überein, das JHK 2008 seinem Begründer zu widmen, der im August des Erscheinungsjahres seinen 80. Geburtstag feiern wird. Für das Jahrbuch 2008 haben 35 namhafte Historikerinnen und Historiker aus dem In- und Ausland Beiträge verfasst, die auf vielfältige Weise die verschiedenen »Lebensthemen« Hermann Webers aufgreifen und fortschreiben. Allein sieben Artikel widmen sich der Geschichte der Komintern und der kommunistischen Bewegung in der Vorkriegszeit. Die sowjetische Hegemonialpolitik in der Nachkriegszeit, die Transformation der SED zur stalinistischen Staatspartei sowie Fragen der DDR-Geschichte werden in acht Studien thematisiert. Zu beiden Themenkomplexen hat Hermann Weber seit den fünfziger Jahren bahnbrechende Abhandlungen vorgelegt, die bis heute Bestand haben. Seine Weiterentwicklung der »Stalinisierungsthese« der kommunistischen Bewegung seit Ende der zwanziger Jahre zu einem grundlegenden Konzept der Analyse bestimmt die historische Kommunismusforschung bis in die Gegenwart, wie der dritte Themenblock des Jahrbuchs deutlich macht. Hier finden sich sechs Beiträge, die sich direkt und indirekt mit Webers Erklärungsansätzen auseinandersetzen und diese fortschreiben. Dass die Auseinandersetzung mit der Kommunismusgeschichte stets eine politische Dimension in sich trug – und weiter trägt –, zeigen sowohl der Artikel, der Hermann Webers Rolle in der bundesdeutschen DDR-Forschung gewidmet ist, als auch jener, der die aktuelle geschichtsrevisionistische Offensive ehemaliger MfS-Kader beschreibt. Die in der Rubrik Forum publizierten zeithistorischen Essays resümieren die Geschichte des deutschen Kommunismus und dessen Wechselverhältnis zur Gewerkschaftsbewegung von den Anfängen bis in die Gegenwart. Auch im Jahrbuch 2008 nimmt der biographische Zugang zur Geschichte mit acht (kollektiv-)biographischen Studien wieder breiten Raum ein. Nicht von ungefähr behandeln vier der Beiträge politische Lebenswege, die in der kommunistischen Bewegung ihren Ausgang nahmen und in der Sozialdemokratie ihren Abschluss fanden, ist doch der Begründer des Jahrbuchs eben diesen Weg gegangen. Vier biographische Skizzen sind den Opfern der kommunistischen Säuberungen gewidmet, denen Hermann Weber schon immer große Aufmerksamkeit schenkte. Der von Mitherausgeber Bernhard H. Bayerlein herausgegebene Internationale Newsletter der Kommunismusforschung informiert wie gewohnt über Neuerscheinungen, Konferenzen und aktuelle Forschungsvorhaben. Eine ausführlichere Fassung des Newsletters findet sich zudem als Online-Zeitschrift im Internet. Die Herausgeber danken den Autorinnen und Autoren des Jahrbuches 2008 für ihre instruktiven Beiträge. Dank gilt auch den internationalen Beiräten des Jahrbuches, die seine Erarbeitung engagiert befördert haben. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat auch 2007 / 2008 die finanziellen Voraussetzungen für das Jahrbuch geschaffen, das wiederum mit Mitteln der Hermann-Weber-Stiftung (Mannheim) sowie der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung (Berlin) finanziell unterstützt wurde. Allen Institutionen sei hiermit herzlich und ausdrücklich gedankt! Unser Dank geht auch an Heiko Hänsel, der das Jahrbuch bis einschließlich der Ausgabe 2007 als Redakteur fachkundig betreute und sich nun neuen beruflichen Aufgaben zugewandt hat. Das Lektorat des JHK 2008 wurde von Karin Jaeger exzellent besorgt, die dabei von der Lektorin des Aufbau-Verlags, Maria Matschuk, mit weit mehr Engagement begleitet wurde, als dies im heutigen Verlagsgewerbe sonst üblich ist. Den Satz des Jahrbuchs übernahm Thomas Klemm in Leipzig. Ihnen allen sei hier ausdrücklich gedankt. Vor allem möchten die Herausgeber jedoch Hermann Weber ihren großen Respekt und Dank bekunden – er gilt einem halben Jahrhundert engagierten Forschens und Lehrens auf den Gebieten Kommunismus- und DDR-Forschung! Hermann Weber hat dieses Feld wie kein anderer geprägt, ein außergewöhnliches wissenschaftliches Oeuvre und mit dem Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung ein Forum geschaffen, das auch in Zukunft garantiert, dass die Forschungen seines Gründers weiterwirken und noch lange aufgegriffen werden. Die Herausgeber sind sich der Aufgabe bewusst, die eingeschlagenen Pfade zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Die Herausgeber, Beiräte, Autorinnen und Autoren des Jahrbuchs wie auch die Unterzeichner der Tabula Gratulatoria am Ende dieses Bandes sind dem Wissenschaftler und dem Menschen Hermann Weber auf unterschiedlichste Weise verbunden. Sie alle wünschen ihm eine glückliche Vollendung seines 80. Lebensjahres und ihm und seiner Frau Gerda alles erdenklich Gute, anhaltende Gesundheit und Schaffensfreude! Berlin, den 20. Dezember 2007 Die Herausgeber

JHK 2008

Die Finanzierung der illegalen Antikriegsflugschriften im Ersten Weltkrieg: Spartakusgruppe und linksbürgerliche Pazifisten im Bund »Neues Vaterland«

Ottokar Luban

In der Woche vom 28. Januar bis 3. Februar 1918 fand mit über einer halben Million streikender Arbeiter, vor allem in den Munitionsfabriken Berlins,1 die größte Massenaktion für den Frieden in Deutschland während des Ersten Weltkrieges statt. Sie wurde organisatorisch meist von den oppositionellen Betriebsvertrauensleuten der Gewerkschaften, den späteren ›Revolutionären Obleuten‹, getragen und gleichzeitig propagandistisch von einer massiven illegalen Flugblattagitation vorbereitet und begleitet. Zum einen hatte die USPD ein von allen ihren Reichstagsabgeordneten unterzeichnetes Flugblatt mit einem indirekten Aufruf zum Handeln an die Arbeiterschaft »in vielen Orten in großen Mengen« verbreiten lassen.2 Zum anderen hatte die der USPD angehörende linksradikale Spartakusgruppe, der Kreis um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, in der Zeit der Vorbereitung und Durchführung des Munitionsarbeiterstreiks acht Flugschriften mit einer Auflage von »25 000 – 100 000« herausgebracht.3 Angesichts der hohen Papier- und Druckkosten waren erhebliche Geldmittel für die illegalen Druckschriften aufzubringen, wie auch die Politische Polizei in Berlin im Februar 1918 feststellte. Sie vermutete »Gelder von bürgerlichen Friedensfreunden«, möglicherweise sogar aus dem feindlichen Ausland, dahinter.4 Konkrete gerichtsverwertbare Erkenntnisse über die Geldgeber konnten die Strafverfolgungsbehörden bei ihren Ermittlungen wegen versuchten Landesverrats gegen die an der illegalen revolutionären Flugschriftenagitation Beteiligten aber nicht erlangen. Erst durch Veröffentlichungen in der Zwischenkriegszeit sind hierzu einige wenige Angaben ans Licht der Öffentlichkeit gekommen.5 »[…] 30 000 Mark sind in Berlin innerhalb weniger Tage für die Verbreitung illegaler geheimer Flugschriften gesammelt worden, die dem Kampf gegen die Generäle und der Unterstützung der Friedensbestrebungen dienen sollen.« Diese Information über die massive finanzielle Unterstützung aus dem linken bürgerlich-pazifistischen Lager, offensichtlich für die agitatorische Vorbereitung des geplanten Massenstreiks gedacht, vertraute Geheimrat Richard Witting, Aufsichtsratsvorsitzender der Darmstädter und Nationalbank und einer der führenden Linkspazifisten der Kriegszeit,6 am 10. Januar 1918 während einer Unterredung in Berlin dem gleich gesinnten Hans Peter Hanssen, einem Reichstagsabgeordneten der dänischen Minderheit, an. 1924 wurde diese Äußerung durch die in Kopenhagen publizierten Tagebücher Hanssens bekannt.7 1928 beschrieb der sozialistische Schriftsteller Arthur Holitscher die politischen Aktivitäten des im November 1914 gegründeten, von Witting mitgeprägten Bundes »Neues Vaterland« (BNV), dem er selbst angehörte.8 Er charakterisierte – weitgehend überzogen – diese »im Geiste der Unabhängigen [Sozialdemokratischen Partei]« agierende, aber »fast ausschließlich« aus bürgerlichen Intellektuellen bestehende linkspazifistische Gruppierung als »das bürgerlich-sozialistische Hauptquartier der werdenden Revolution [vom November 1918]«.9 Bereits 1926 wies der ebenfalls in diesem Kreis mitarbeitende Journalist Hellmut von Gerlach außerdem darauf hin, dass der BNV in der Kriegszeit zusammen mit der Spartakusgruppe die sogenannte Lichnowsky-Broschüre herausgebracht und verbreitet hatte, einen kritischen Bericht des vor Kriegsausbruch in London tätigen deutschen Botschafters Fürst von Lichnowsky über die kriegsfördernde Politik der kaiserlichen Regierung.10 Unter Berufung auf die Angaben Wittings und Holitschers und ohne zusätzliche Quellen anzugeben, konstatierte der politisch rechts stehende Archivar des Reichsarchivs Hans Thimme 1932 zusammenfassend: Aus dem Kreise um Witting »wurde die Presse und Propaganda der Unabhängigen Sozialdemokratie mit Geld, und zwar mit sehr beträchtlichen Summen, unterstützt, auch der politische Streik im Januar des Jahres 1918 gefördert. Illegale Literatur wurde von hier aus systematisch verbreitet.«11 Seitdem hat die bemerkenswerte Tatsache einer Zusammenarbeit linksbürgerlicher pazifistischer Kräfte mit der sozialistischen Linken im Ersten Weltkrieg und die umfangreiche Finanzierung der linksradikalen Antikriegsflugschriften durch bürgerliche Pazifisten kaum noch Beachtung durch die historische Forschung gefunden, weder in der Zwischenkriegszeit noch nach dem Zweiten Weltkrieg. Lediglich die DDR-Historiker Erwin Gülzow und Dieter Fricke haben sich dieses Themas angenommen, Gülzow 1969 in einer bisher unveröffentlichten umfangreichen Dissertation, Fricke 1983 in einem Handbuchbeitrag, wobei beide in Bezug auf die Finanziers der Flugschriftenagitation nur geringfügig über den Erkenntnis- und Quellenstand von Thimme hinausgelangen.12 Unterdessen lassen neu erschlossene archivalische Quellen eine detaillierte Darstellung der Finanzierung der Spartakusflugschriften sowie der Zusammenarbeit der linken Kräfte zu, wenn auch nicht alle Einzelheiten geklärt werden können. Aufgrund von Notizen des Leiters der Spartakusgruppe Leo Jogiches13 über die 1917 und Anfang 1918 bei seiner illegalen politischen Arbeit14 angefallenen Einnahmen und Ausgaben und weiterer archivalischer Quellen schälen sich zwei Schlüsselfiguren heraus, die als Verbindungsleute zwischen der Spartakusführung und dem linken bürgerlichen Lager und für den Geldtransfer dienten: der Kaufmann und Druckereibesitzer Julius Gerson sowie der Kunst- und Kulturhistoriker, Schriftsteller und Kunstsammler Eduard Fuchs, beide in Berlin. Der Spendensammler Julius Gerson Julius Gerson, geboren am 28. Juli 1868, war zusammen mit seinem Bruder Martin Besitzer der Steindruckerei Pittius in Berlin, Köpenicker Str. 110. Die Familien wohnten auf zwei einander benachbarten Grundstücken im vornehmen Villenviertel in Berlin-Dahlem. Ihre Häuser dienten wie die »Salons« in den Wohnungen anderer gut situierter Pazifisten als Treffpunkte für Persönlichkeiten aus dem Spektrum des linken Bürgertums und des linken Flügels der Sozialdemokratie, ob bei geselligen Gelegenheiten oder aus Anlass von offiziellen Sitzungen des BNV. Julius Gerson gehörte zu jenem Typus des wohlhabenden Geschäftsmannes, der die republikanischen und sozialen Ziele der Sozialdemokratie voll unterstützte, und zwar nicht nur seit 1898 als SPD-Mitglied (ab 1917 USPD), sondern auch als großzügiger Spender sowohl für Parteizwecke wie für bedürftige Genossinnen und Genossen. Die Politische Polizei registrierte seine freundschaftlichen Kontakte zu linken Sozialdemokraten wie dem Parteiführer Hugo Haase, dem Reichstagsabgeordneten Wilhelm Dittmann und dem bekannten Partei- und Literaturhistoriker Franz Mehring,15 die alle offenbar genauso Gast in seinem Hause waren wie Clara Zetkin und Rosa Luxemburg.16 Wahrscheinlich war es Julius Gerson, der im ersten Kriegsjahr dem langjährigen Kampfgefährten Rosa Luxemburgs Leo Jogiches, der von seinen Einkünften aus dem Familienvermögen in Wilna abgeschnitten war, eine Beschäftigung und Verdienstmöglichkeit im Büro der Druckerei Pittius verschaffte.17 Auf Vermittlung von Luise Kautsky, Karl Kautskys Ehefrau, gewährten Julius und Martin Gerson der Familie Duncker humanitäre Hilfe: Käte Duncker, die – mit einigen Unterbrechungen – seit August 1916 zusammen mit Leo Jogiches die illegale Arbeit der Spartakusgruppe leitete und diesen Kreis zeitweise auch nach außen offiziell vertrat, war durch die Mehrfachbelastung – Haushalt, Erziehung ihrer drei Kinder, intensive politische Betätigung – gesundheitlich stark angeschlagen. Um ihr etwas Erholung zu verschaffen und den Kindern eine bessere Ernährung zu bieten, wurde Karl, der damals 13-jährige Sohn von Käte und Hermann Duncker, später auch dessen 7-jähriger Bruder Wolfgang zeitweise bei den Gersons aufgenommen.18 Käte Duncker lernte bei dieser Gelegenheit Anfang Oktober 1916 die Gersons erstmals persönlich kennen und empfand sofort Sympathie: »Sie stehen ganz auf unserem Boden, sind nette, gebildete Leute.«19 In der Folgezeit wurden diese Kontakte intensiver und familiärer, auch zwischen den Gersons und Hermann Duncker nach dessen Rückkehr von der Front Ende 1917. Sie dauerten bis mindestens 1919 fort, wobei die Briefe der Dunckers – schon aus konspirativen Gründen – keine Angaben über die Beteiligung Julius Gersons an der illegalen Flugschriftenherstellung enthalten.20 Man kann aber fest davon ausgehen, dass es in den Gesprächen der Ehepaare auch um die illegale Spartakusarbeit und deren finanzielle Unterstützung durch die linken Pazifisten ging. Höchstwahrscheinlich hat es auch direkte Kontakte zwischen Julius Gerson und Leo Jogiches anlässlich der Geldübergaben gegeben, da in Jogiches’ Notizen Julius Gerson als »Jul.« bzw. einmal (am 18. 2. 1918) als »J.« im Zusammenhang mit folgenden Zahlungseingängen21 auftaucht: • 500 Mark am 8. 12. 1917, • 500 Mark am 14. 1. 1918 »(à conto Ly [Lichnowsky-Broschüre])«, • 800 Mark »(à conto Flbl. [Flugblatt])« am 24. 1. 1918, • 615 Mark »(davon 500.– Rest für Ly, 115.– Beilage)« am 31. 1. 1918, • 900 Mark »(800.– Matr. + 100.– gesammelt)« am 2. 2. 1918, • 1500 Mark »1000 (+ 500. T.)« am 18. 2. 1918, also zusammen 4815 M, davon 1000 M für die Lichnowsky-Broschüre. Einmal, im Oktober 1917, ging ein Betrag von 500 M an »J.«, möglicherweise für das »Konto G [Gerson?]«, das einige Male in Jogiches’ Notizen auftaucht. Auffällig ist, dass die Geldbeträge von Julius Gerson gerade in der Zeit um den Massenstreik vom 28. Januar bis 5. Februar 1918 an Jogiches übergeben werden, was mit der zitierten Aussage Wittings vom Januar 1918 über die von den linken bürgerlichen Pazifisten gesammelten Gelder korrespondiert. Wie stark Gerson in die Logistik der Streikbewegung vom Januar / Februar 1918 involviert war, zeigt ein Schreiben aus Berlin an Kurt Eisner in München, in dem um Antwort über die dortige Streikbeteiligung an die Telegrammadresse »Pittius cand Berlin« gebeten wird.22 Gerson wurde von der Politischen Polizei als »Geldgeber, resp. Hintermann« für den Vertrieb der Lichnowsky-Broschüre verdächtigt, 23 für einige Tage inhaftiert,24 aber in einem Kriegsgerichtsverfahren am 11. Februar 1918 freigesprochen.25 Mit der Verhaftung von Leo Jogiches am 24. März 1918 war zwar die Verbindung Gersons zu diesem führenden Spartakusmitglied abgebrochen, seine Beziehungen zur Leitung der Gruppe, zu der 1918 beide Dunckers gehörten, wurden aber fortgesetzt. In der Korrespondenz des Ehepaares Duncker werden im Juli und August 1918 Beträge von 100 und 300 Mark erwähnt, die von »Julius« gekommen seien, wahrscheinlich für politische Zwecke, möglicherweise aber auch zur Unterstützung der Dunckers,26 die nach dem Krieg die Verbindung mit Gerson aufrecht erhielten.27 Aus all diesen Fakten ergibt sich eine beträchtliche Mitwirkung Julius Gersons an der illegalen Arbeit der Spartakusgruppe. Arthur Holitscher beschreibt die »Gebrüder G[erson]« bzw. »G« [Julius Gerson] als aktive Mitglieder des Bundes »Neues Vaterland« und großzügige Spender.28 Julius Gersons Villa in Berlin-Dahlem diente den führenden BNV-Mitgliedern häufig als Besprechungsort. Gemeinsam mit der – trotz Verbots einer politischen Betätigung durch die Politische Polizei – weiterhin aktiven früheren Sekretärin des BNV Lili Janasch und ihrer Nachfolgerin Elsbeth Bruck war Gerson an der Herstellung und dem Vertrieb der Lichnowsky-Broschüre maßgeblich beteiligt.29 Nach dem Krieg gehörten die Gebrüder Gerson in den 1920er-Jahren zum Vorstand der »Deutschen Liga für Menschenrechte«, der Nachfolgeorganisation des BNV. Julius Gerson konnte 1933 noch rechtzeitig den rassistischen Verfolgungen in Deutschland durch Emigration nach Frankreich entkommen. Dort wurde er 1942 auf die Polizeipräfektur von Nizza bestellt und ist nicht mehr zu seiner Familie zurückgekehrt. Höchstwahrscheinlich wurde er in ein Vernichtungslager deportiert und dort ein Opfer des Holocaust.30 Der Spendensammler Eduard Fuchs Der am 31. Januar 1870 in Göppingen geborene, in Stuttgart aufgewachsene, den schwäbischen Dialekt seiner Heimat nie ablegende Eduard Fuchs31 war eine für die Sozialdemokratie äußerst ungewöhnliche Persönlichkeit. Nach Betätigung in anarchistischen Kreisen trat er Ende der 1880er-Jahre der SPD (1917 USPD, 1919 KPD) bei und wirkte unter dem Sozialistengesetz an der illegalen Verbreitung der SPD-Schriften mit. Ab 1890 in München, profilierte er sich schnell als kulturell progressiver, experimentierfreudiger und politisch eindeutig links stehender Redakteur der satirischen Zeitschrift »Süddeutscher Postillon« und der »Münchner Post«. Die Satire in Wort und Bild war sein Spezialgebiet. 1900 nach Berlin übergesiedelt, konnte er sein künstlerisches Gespür und Engagement, gekoppelt mit großem organisatorischem Geschick, in den Jahren 1901 bis 1907 als Herausgeber der beim Vorwärts-Verlag erschienenen Festschriften der Sozialdemokratie – vor allem zum 1. Mai – beweisen. Auf Parteitagen dieser Zeit verteidigte er sein modernes Kunstverständnis. Nachdem er aus der Herausgeberschaft der Festschriften hinausgedrängt worden war, widmete er sich verstärkt der Publikation kultur- und kunstgeschichtlicher Bücher, vor allem von Karikaturensammlungen, sowie mehrerer Werke zur Sittengeschichte und gelangte bald zu Wohlstand. Seine Wohnung bzw. ab 1921 sein von Mies van der Rohe entworfenes Haus im gut situierten Vorort Berlin-Zehlendorf barg viele Kunstschätze und vor allem die größte Privatsammlung von Graphiken des französischen Künstlers Honoré Daumier.32 Parteipolitisch ist Fuchs seit 1908 kaum mehr öffentlich hervorgetreten, beteiligte sich aber bereits in der Vorkriegszeit mit der ihm eigenen Verve an humanitären Vereinigungen und Aktionen. Gleich nach Kriegsbeginn wurde er Vorstandsmitglied eines Hilfskomitees zur Betreuung russischer Zivilisten und Kriegsgefangener in Deutschland und erhielt für dieses humanitäre Engagement sogar einen Orden für Zivildienst. Wie schon in den Vorkriegsjahren verkehrte der autodidaktische Kunstexperte und hochgebildete agile Publizist während des Ersten Weltkrieges sowohl in Künstlerkreisen wie in den Salons des linken Bildungsbürgertums. Auch bei Treffen der linken Sozialdemokraten von mehr privater Natur war er ein willkommener Gast. Dabei beeindruckte er seine Gesprächspartnerinnen und -partner mit seinem konsequenten Bekenntnis zu den sozialistischen Ideen wie mit seinen Ausführungen zu Kunst und Ästhetik.33 Auch wenn er in den Vorkriegsjahren und während der Kriegszeit offensichtlich kaum an Parteiversammlungen teilnahm, pflegte Fuchs die Kontakte mit den führenden linken und linksradikalen Sozialisten im kleinen informellen Kreise. Eine enge Freundschaft verband ihn mit Franz Mehring, der ihn zum Verwalter seines geistigen Nachlasses einsetzte.34 Mit dem Ehepaar Duncker sowie mit Karl Liebknecht und seiner Frau Sophie stand er genauso in Verbindung wie mit Rosa Luxemburg und dem ebenfalls zur Spartakusführung gehörenden jungen Vorwärts-Redakteur Ernst Meyer.35 Wahrscheinlich war es Fuchs, der Leo Jogiches schon seit dem zweiten Kriegsjahr als »Privatsekretär und literarische Hilfskraft an einem kulturgeschichtlichen Werk« bis zu seiner Verhaftung beschäftigte.36 Fuchs gehörte damit zu den engsten Vertrauenspersonen der Gruppierung um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, ab 1916 Spartakusgruppe, und diente ihr mehrfach als Nachrichtenübermittler im Inland wie im Ausland. Als bekannter international aktiver Kunstsammler und vor allem als führendes Mitglied des Hilfskomitees zur Betreuung russischer Zivilisten und Kriegsgefangener in Deutschland hatte er keine Schwierigkeiten, während der Kriegszeit ins neutrale Ausland wie 1915 und Anfang 1917 in die Schweiz und im Spätsommer 1917 nach Schweden zu reisen. Dabei ist er wohl jedes Mal im Auftrage der Spartakusführung mit linken Sozialdemokraten, auch mit Radek und den Bolschewiki, in Kontakt getreten und hat Anfang September 1917 an der III. Zimmerwalder Konferenz in Stockholm teilgenommen.37 Da seine Tätigkeit als Kunstsammler und Schriftsteller und sein humanitäres Engagement eine gute Tarnung für die vielen Reisen und Treffen im In- und Ausland abgaben, geriet er während der Kriegszeit nicht in das Fadenkreuz der Politischen Polizei, zumal er offensichtlich seine politischen Aufträge sehr konspirativ ausführte.38 Seine bekannteste Mission für die Spartakusführung spielte sich in der Revolutionszeit ab, als er mit einem Schreiben von Rosa Luxemburg an Lenin und mündlichen Botschaften der Spartakuszentrale Ende Dezember 1918 nach Moskau reiste.39 Als Mitglied des Bundes »Neues Vaterland« beteiligte er sich sowohl an Diskussionen auf dessen Sitzungen40 als auch an Gesprächen im informellen Kreise mit einzelnen führenden Mitgliedern.41 Im Frühsommer 1915 besuchte Fuchs im Auftrage des BNV den französischen Pazifisten und Schriftsteller Romain Rolland in Genf,42 wobei er höchstwahrscheinlich auch Kontakte zu schweizerischen Sozialisten und zu russischen Genossen aufnahm. Im BNV galt er als Verbindungsmann zur Luxemburg-Liebknecht-Gruppe.43 Schon 1915 war er für sie als Geldsammler tätig, indem er erfolgreich bei dem BNV-Mitglied und reichen SPD-Genossen Hugo Simon um finanzielle Unterstützung für die Herausgabe des Liebknecht-Flugblattes »Der Hauptfeind steht im eigenen Land!« warb.44 Im Jogiches-Notizbuch kann anhand der Einträge über die Einzahlungen von »Ed.« oder »E.« vom März 1917 bis März 1918 nachgewiesen werden, dass Eduard Fuchs bei den linken bürgerlichen Pazifisten kontinuierlich erhebliche Spendenbeträge für die Antikriegsagitation der Spartakusgruppe eingesammelt hat: • 200 Mark im März 1917 (ohne Tagesdatum), • 100 Mark am 12. 5. 1917 mit dem Zusatz »(April)«, • 50 Mark am 27. 5. 1917, • 100 Mark am 5. 6. 1917, • 100 Mark am 25. 6. 1917, • 250 Mark mit dem Zusatz »(von Konto G.)« im Juni 1917 (ohne Tagesdatum), • 48 Mark mit dem Zusatz »(Rest)« im September 1917 (ohne Tagesdatum), • 1500 Mark am 17. 10. 1917, • 500 Mark am 5. 11. 1917, • 270 Mark mit dem Zusatz »(7.)« [Spartakusbrief Nr. 7] am 10. 11. 1917, • 600 Mark mit dem Zusatz »(für Br. 100 [Lichnowsky-Broschüre?])« am 8. 12. 1917, • 150 Mark mit dem Zusatz »für Br.« im Dezember 1917 (undatiert, aber zwischen Eintragungen dieses Monats notiert), • 1500 Mark am 4. 1. 1918, • 1500 Mark mit dem Zusatz »(extra)« am 25. 1. 1918, • 1000 Mark am 5. 3. 1918. Nicht eindeutig ist die Bedeutung einer Eintragung vom 2. 2.1918 »Ed. - 1000.– (für Febr.)«, da das Minuszeichen eigentlich bedeutet, dass der Betrag von Jogiches an Eduard Fuchs ausgezahlt worden ist, die Notiz »(für Febr.)« aber auf eine regelmäßige Einzahlung wie in den vorangegangenen Monaten hindeutet. Insgesamt hat Eduard Fuchs von März 1917 bis März 1918 eine Summe von 7868 bzw. 8868 Mark (bei Einberechnung der 1000 vom 2. 2.1918) für die Antikriegsagitation gesammelt, davon 750 Mark für die Lichnowsky-Broschüre. Wie Julius Gerson hat auch er Geld aus der Jogiches-Kasse erhalten, wahrscheinlich um selbst in Einzelfällen den Druck von Flugschriften zu organisieren, und zwar 150 Mark am 9.6.1917 und 205 Mark am 6. 1. 1918. Bei letzterem Posten ist durch den Zusatz »(8)« klar, dass der Betrag für den Druck des Spartakusbriefes Nr. 8 vom Januar 1918 gedacht war.45 Von Fuchs gingen auch monatlich 200 Mark für Rosa Luxemburgs Ausgaben während ihrer Haftzeit (für die Aufrechterhaltung der Berliner Wohnung und für Zusatzkost) an Mathilde Jacob. Fuchs konnte dabei offensichtlich auf regelmäßige Spenden von Tilla Durieux, der bekannten Schauspielerin und Ehefrau des Kunsthändlers Paul Cassirer, zurückgreifen.46 Diese Beträge liefen jedoch nicht im Notizbuch von Jogiches auf, der nur seine gelegentlichen Zahlungen an Mathilde Jacob anlässlich ihrer Gefängnisbesuche bei Rosa Luxemburg vermerkte. Die von Julius Gerson und Eduard Fuchs für die illegale Antikriegsagitation gesammelten Beträge summierten sich auf 13 683 Mark. Wahrscheinlich stammen weitere Einzahlungen in Höhe von insgesamt 1640,60 Mark von einem von mir nicht identifizierten »Ottoni« sowie 500 Mark vom »Konto G.« im Juli 1917 ebenfalls aus Pazifistenkreisen, sodass für die Herstellung von illegalen Flugschriften durch die Spartakusgruppe von linken Bürgerlichen insgesamt 15 823,00 Mark gespendet wurden. Davon waren 1750 Mark für die Lichnowsky-Broschüre bestimmt. Doch auch in Arbeiterkreisen kam für den Zeitraum März 1917 bis März 1918 durch Sammlungen in Berlin und im übrigen Reichsgebiet die beachtliche Summe von ca. 6160 Mark für die Spartakusagitation zusammen. Beim Vergleich der beiden Beträge wird allerdings klar, dass die Spartakusgruppe ihre Flugblattherstellung in diesem Umfange ohne die massive finanzielle Unterstützung durch die BNV-Gruppierung nicht hätte verwirklichen können. Andererseits war das Ziel des linksbürgerlichen Pazifistenkreises, der »Kampf gegen die Generäle« und die »Unterstützung der Friedensbestrebungen«,47 nur durch die Spartakusgruppe wirkungsvoll zu realisieren, da die Pazifisten keinen eigenen effektiven Apparat für die Herstellung und den Vertrieb der Flugschriften zur Verfügung hatten. Das besondere Verdienst von Eduard Fuchs besteht darin, dass er zusammen mit Julius Gerson – in dauernder enger Verbindung mit dem Spartakusführer Leo Jogiches – kontinuierlich, mindestens in dem vom Jogiches-Notizbuch abgedeckten Zeitraum März 1917 bis März 1918, mit einer Steigerung zum Januarstreik 1918, die finanzielle Grundlage für die Herstellung der Spartakusflugschriften abgesichert hat, jedenfalls zu einem beträchtlichen Teil. Dieser wichtige Beitrag Eduard Fuchs’ zur Antikriegsarbeit der Spartakusgruppe und des Pazifistenkreises um Richard Witting wurde bisher mangels entsprechender Quellen weder in der ausführlichen Eduard-Fuchs-Biographie von Ulrich Weitz noch in anderen relevanten Publikationen gewürdigt.48 Nach der Verhaftung von Jogiches Ende März 1918 konnte Fuchs gleich Anfang April 1918 durch die wichtigste Assistentin der Spartakusführung Mathilde Jacob wieder für die Beteiligung an der illegalen Arbeit gewonnen werden.49 Aus den Quellen geht jedoch nicht sicher hervor, ob er dabei erneut als Spendensammler tätig wurde. Auf jeden Fall wirkte er in den Monaten vor der Novemberrevolution und in den Revolutionstagen im Umkreis der Spartakusführung weiterhin an der politisch-organisatorischen Arbeit mit. Beispiele sind der Empfang für den amnestierten Karl Liebknecht Ende Oktober 1918 in der Russischen Botschaft und der aus technischen Gründen gescheiterte Versuch, Rosa Luxemburg nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis in Breslau am 8. / 9. November 1918 in einem Armeelastwagen nach Berlin zu bringen.50 Nach der Rückkehr von seiner Moskauer Mission Anfang 1919 beteiligte sich Fuchs einige Zeit an der Arbeit des westeuropäischen Büros der Komintern, gehörte – zusammen mit mehreren linksbürgerlichen Mitgliedern des BNV (ab 1922 Deutsche Liga für Menschenrechte) – zum Vorstand der von ihm 1923 mitbegründeten »Gesellschaft der neuen Freunde Russlands«, wirkte maßgeblich an der Gründung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main mit und baute in Berlin im Zusammenhang damit ein sozialwissenschaftliches Archiv auf. Von der von ihm geplanten Herausgabe des Gesamtwerks Franz Mehrings konnte er in den Jahren 1929 bis 1933 nur sechs von zwölf Bänden und zusätzlich die Karl-Marx-Biographie realisieren. Dies ist nur ein Teil seiner vielfältigen politischen, publizistischen und humanitären Aktivitäten, die er nicht einschränkte, als er 1928 die KPD verließ und zur KPO überging. Um als Sozialist und Jude den Unterdrückungsmaßnahmen der Nazis zu entgehen, floh er 1933 über die Schweiz nach Paris. Dort starb er wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag am 26. Januar 1940.51 Die weitere Zusammenarbeit nach dem Januarstreik 1918 Auch nach der Beendigung des Munitionsarbeiterstreiks am 5. Februar 1918 gingen noch Geldspenden aus Pazifistenkreisen bei Jogiches ein, und zwar am 18. Februar 1918 von »J. 1000.– (+ 500 T.)« sowie am 5. März von „Ed. 1000«. Offenbar wollten der fast immer zweckoptimistische Spartakusführer Jogiches wie auch die linksbürgerlichen Spender für den Fall eines erneuten Auflebens der Massenaktionen die finanzielle Grundlage für eine intensive Flugschriftenagitation gesichert haben.52 Doch die Verhaftung von Jogiches und seiner Helfergruppe Ende März sowie die anschließenden umfangreichen Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden legten den gesamten Propagandaapparat der Spartakusgruppe lahm. Erst Anfang Mai 1918 fand sich ein Nachfolger für Jogiches, und zwar der als Soldat desertierte Arbeitersekretär Karl Schulz. Die Aushebung der Spartakusdruckerei im Juni 1918 und die Verhaftung von Schulz zusammen mit zwei Helfern Mitte August 1918 unter Beschlagnahme des Spartakus-Adressenmaterials verhinderten jedoch bis Anfang Oktober 1918 den Wiederaufbau einer effektiven Herstellungs- und Vertriebsorganisation.53 Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass nach der Jogiches-Verhaftung noch weiterhin größere Geldsummen aus Pazifistenkreisen an die Spartakusgruppe übermittelt wurden. Vor allem stand mit der ab Ende April 1918 eingerichteten russisch-bolschewistischen Botschaft in Berlin ein anderer großzügiger Geldgeber zur Verfügung. Doch selbst diese Geldquelle konnte wegen des desolaten Zustandes der Spartakusorganisation und des dadurch bedingten Fehlens von Vertriebsmöglichkeiten für Flugschriften nur wenig genutzt werden, wie der russische Botschafter Joffe mehrfach nach Moskau berichten musste.54 Als dem im November 1914 gegründeten Bund »Neues Vaterland« Anfang 1916 von den Militärbehörden jede weitere Tätigkeit untersagt worden war, fanden weiterhin – überwiegend im Rahmen privater Zusammenkünfte in den »Salons« der wohlhabenden Pazifisten – Besprechungen statt. Im linken Pazifistenkreis traten nun jedoch zeitweise Unentschlossenheit und Zaghaftigkeit zu Tage, z. B. als die von Hugo Simon vorgeschlagenen Solidaritätsadressen für Karl Liebknecht und den ersten Verbreiter der Lichnowsky-Broschüre, den inhaftierten Hauptmann von Beerfelde, von der Gruppierung abgelehnt wurden.55 Unter dem Einfluss Wittings wurde die Haltung spätestens Ende 1917 aktionsbereiter.56 Doch eine Reihe von staatlichen Repressionsmaßnahmen in den ersten Monaten des Jahres 1918 übten auf die linksbürgerlichen Pazifisten eine stark einschüchternde Wirkung aus: das Kriegsgerichtsverfahren am 11. Februar 1918 gegen Julius Gerson (auch wenn es mit einem Freispruch endete), die monatelange Inhaftierung von Jogiches und seinen Helfern, die Aufnahme eines Ermittlungsverfahrens gegen Fürst von Lichnowsky und seine Vernehmung Ende März 1918, auch Vorhaltungen aus dem Vorstand der Nationalbank gegenüber Witting mit nachfolgenden Angriffen der Konservativen im Hauptausschuss des Reichstages gegen ihn.57 Witting, der bis zum Januarstreik 1918 eine dominierende, vorwärtstreibende Rolle im internen BNV-Kreis eingenommen hatte, zog sich nunmehr weitgehend aus der pazifistischen Arbeit zurück.58 Nichtsdestoweniger wurden die Kontakte zwischen den führenden Personen der beiden politischen Gruppierungen nach der Jogiches-Verhaftung fortgesetzt. Mit Susanne Leonhard wurde im Sommer 1918 eine aus dem linkspazifistischen Lager stammende Person in die Arbeit der Spartakuszentrale einbezogen, ihr wurden sogar die Kontaktadressen der Anhänger anvertraut.59 Die junge Mathematikstudentin, geboren 1895, hatte an der Universität Göttingen eine »Freistudentengruppe« gegründet und dort die Spartakusflugschriften bekannt gemacht. Im Juli 1918 stand ihr Name auf der Liste der Referentinnen und Referenten der Deutschen Friedensgesellschaft. Nach dem Wechsel an die Berliner Universität im Frühjahr oder Sommer 1918 war sie – wahrscheinlich über Mitglieder des Berliner BNV-Kreises – mit der Spartakusgruppe in Kontakt gekommen.60 In den vorrevolutionären Monaten trübten sich die Beziehungen zwischen den Angehörigen der Spartakusgruppe und einem Teil der BNV-Gruppierung. Bei privaten Zusammenkünften, auf denen u. a. Hermann Duncker, Fuchs, die Gersons sowie auch russische Sozialisten vertreten waren, kam es zu äußerst kontroversen Diskussionen über die Politik der Bolschewiki.61 Fuchs verteidigte mehrfach die russischen Genossen bei Begegnungen mit Hugo Simon und prophezeite dabei den bevorstehenden Umsturz in Deutschland unter Führung Karl Liebknechts.62 Nach Simon lehnte ein beträchtlicher Teil des engeren BNV-Kreises die bolschewistische Politik ab, vor allem eine Umsetzung der sozialistischen Ziele in Deutschland.63 Auch Holitscher beobachtete Ähnliches: »Die Radikalität des russischen Beispiels stand drohend am östlichen Horizont, Sozialisierung und Preisgabe des bürgerlichen Wohlstandes erweckten Furcht und Widerstand.«64 Für die Monate vor der Novemberrevolution 1918 kam eine ähnlich intensive Zusammenarbeit zwischen der Spartakusgruppe und dem BNV-Kreis wie bei der Vorbereitung und Durchführung des Munitionsarbeiterstreiks trotz der weiterhin bestehenden Kontakte nicht mehr zustande. In die Vorbereitungen für einen Aufstand, den die revolutionären Obleute zusammen mit einzelnen Vertretern der linken USPD und – ab Ende Oktober 1918 – unter Einbeziehung von Angehörigen der Spartakusführung betrieben, waren die linksbürgerlichen Pazifisten überhaupt nicht involviert. Zwar kam es in den 1920er-Jahren mehrfach zur Kooperation von Kommunisten, Sozialisten und linken Bürgerlichen bei einzelnen politischen und humanitären Unternehmungen bzw. Vereinigungen. Aber die zwischen linksradikalen Sozialdemokraten und linksbürgerlichen Pazifisten praktizierte quasi revolutionäre Koalition für einen Massenstreik zur Herbeiführung von Frieden und Demokratie im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges blieb eine einmalige Episode. 1 Bieber, Hans-Joachim: Gewerkschaften in Krieg und Revolution. Arbeiterbewegung, Industrie, Staat und Militär in Deutschland, 1914 –1918, Teil I, Hamburg 1981, S. 442. 2 Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde [BArch Berlin-Lichtf.], R 3003, C 20/18, Nr. 1, Bl. 5. 3 Der interne Streikbericht der Spartakusgruppe, höchstwahrscheinlich vom Spartakusführer Leo Jogiches für Rosa Luxemburg bestimmt (da ihr ansonsten unbekannter Deckname Maciej R. darin vorkommt), ist u. a. abgedruckt in: Bartel, Walter: Die Linken in der deutschen Sozialdemokratie im Kampf gegen Militarismus und Krieg, Berlin [Ost] 1958, S. 593 –598, Zitat: S. 597. 4 Landesarchiv Berlin (LArch Berlin), A Pr. Br., Rep. 030, Nr. 15 967, Bl. 208 (Entwurf eines Schreibens der [Politischen] Polizei Berlin, o. D., als Reaktion auf einen Rundbrief des Stellv. Generalstabs der Armee, Abt. III b vom 4. 2. 1918). 5 Aus politischen Gründen hatten später weder die beteiligten oder informierten Kommunisten noch die linken Bürgerlichen ein Interesse daran, diesen gemeinsamen illegal-revolutionären Kampf einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Erleichtert wurde dieses weitgehende Stillschweigen noch dadurch, dass nur ein ganz kleiner Kreis von Eingeweihten von der Finanzierung der Spartakusflugschriften durch linkspazifistische Bürgerliche wusste. 6 Richard Witting (1856 –1923), 1891–1902 Oberbürgermeister von Posen, ab 1902 Direktor, ab 1911 Aufsichtsratsvorsitzender der Darmstädter und Nationalbank, 1908–1913 Abgeordneter der Nationalliberalen Partei im preußischen Landtag, unter dem Einfluss seines Freundes Fürst Lichnowsky im Weltkrieg Wendung zum entschiedenen Pazifismus, nach dem Krieg weitgehend passives Mitglied der neu gegründeten Deutschen Demokratischen Partei (DDP); siehe: [Kurzbiographie] Richard Witting, in: Donat, Helmut / Holl, Karl (Hrsg.): Die Friedensbewegung. Organisierter Pazifismus in Deutschland, Österreich und in der Schweiz (Hermes Handlexikon), Düsseldorf 1983, S. 420 – 422. 7 Hanssen, Hans Peter: Diary of a Dying Empire, hrsg. von Ralph H. Lutz, Bloomington [USA] 1955 [nach der dänischen Erstausgabe: Hanssen, Hans Peter: Fra Krigstiden, 2 Bde., Kopenhagen 1924], S. 256 f., Tagebucheintragung vom 10. Januar 1918 (Übersetzung aus dem Englischen durch den Verf.). 8 Holitscher, Arthur: Mein Leben in dieser Zeit. Der »Lebensgeschichte eines Rebellen« zweiter Band (1907–1925), Potsdam 1928, S. 130. 9 Ebenda, S. 131. Dem BNV gehörten – im Gegensatz zu dem von Holitscher vermittelten Eindruck – überwiegend progressive bürgerliche Parteilose, aber auch Mitglieder der sozialdemokratischen und liberalen Parteien an. Holitscher (ebenda, S. 130 f.) berichtete zur Einschätzung der politischen Lage ab 1917 durch den Witting-Kreis etwas übertrieben (vor allem im Widerspruch zu entgegengesetzten Äußerungen an anderer Stelle seiner Memoiren): »Daß der Krieg mit einer Revolution enden würde, war uns allen klar bewusst […]. Schon im Spätherbst 1917 galt daher in diesem Kreise […] das bevorstehende Ende des Kaiserreiches als ausgemachte Sache.« 10 Gerlach, Hellmut von: Die große Zeit der Lüge, [Berlin-]Charlottenburg 1926, S. 102; Die Schuld der deutschen Regierung am Kriege. Meine Londoner Mission, 1912 –1914, von Fürst von Lichnowsky, ehemaliger deutscher Botschafter in England. Mit einem Nachwort der Herausgeber, Görlitz o. J. [1918 illegal erschienen]; auch als Flugschrift des BNV Nr. 7/8 in überarbeiteter Fassung: Fürst Lichnowsky: Meine Londoner Mission, 1912 –1914, und Eingabe an das Preußische Herrenhaus, Berlin 1919. 11 Thimme, Hans: Weltkrieg ohne Waffen. Die Propaganda der Westmächte gegen Deutschland, ihre Wirkung und ihre Abwehr, Stuttgart / Berlin 1932, S. 85. 12 Gülzow, Erwin: Der Bund »Neues Vaterland«. Probleme der bürgerlich-pazifistischen Demokratie im ersten [sic!] Weltkrieg (1914 –1918), [phil.] Diss., Sektion Geschichte der Humboldt-Universität Berlin [Ost] 1969, Bd. II, S. 377– 380, insbes. S. 380 (Gülzow legt einige neue Untersuchungsergebnisse für die Zeit von 1915 bis 1916 vor); Fricke, Dieter: Bund Neues Vaterland (BNV), 1914 –1922, in: ders. (Hrsg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789 –1945), Leipzig 1983 – 1986, 4 Bde.; hier Bd. 1, Alldeutscher Verband − Deutsche Liga für Menschenrechte, Leipzig 1983, S. 351– 360. Zur Einordnung des BNV in die Friedensbewegung: Holl, Karl: Pazifismus in Deutschland, Frankfurt am Main 1988, S. 113 –127 u. S. 135 – 137. 13 Kurzbiographie in: Weber, Herrmann / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch, Berlin 2004, S. 346 – 348; Ottokar Luban: Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden gegen Mathilde Jacob und Leo Jogiches (1915 – 1918). Ergänzungen zu ihren politischen Biographien, in: IWK 31 (1995), H. 3, S. 307– 331. 14 BArch Berlin-Lichtf., R 3003, C 83 /18, Nr. 15, Bl. 16 – 22 (in Hülle mit Kennzeichnung als Bl. 8). Ein Schriftsachverständiger hielt Jogiches für den Verfasser der Notizen (Ebenda, Bl. 31 und 42). Auch aus inhaltlichen Gründen ist diese Zuordnung zwingend. 15 BArch Berlin-Lichtf., R 3003, C 83 /18, Nr. 18, Bl. 110; LArch Berlin, Rep. 200, Acc. 1180, Nr. 211, unp. (Einladung zu einer BNV-Besprechung am 30. 07. 1916 bei Julius Gerson in Berlin-Dahlem, Im Dol 23); Elsbeth Bruck: Ein Leben für den Frieden [Maschinenschriftliches Manuskript], S. 57 u. S. 62, in: Nachlass Claire Jung, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Sammlung historischer Dokumente. 16 Als Rosa Luxemburg bei einem Besuch in Gersons Haus ein von Clara Zetkins Ehemann Friedrich Zundel gemaltes Bild bewunderte, überließ ihr Gerson das Gemälde. Nach der Ermordung Luxemburgs riet Zetkin der Nachlassverwalterin Mathilde Jacob, das Gemälde an Julius Gerson zurückzugeben (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde [SAPMO-BArch Berlin-Lichtf.], NY 4005, Nr. 79, Bl. 45: Brief Zetkins an M. Jacob, 21. 2. 1919). 17 Jogiches gab gegenüber dem Untersuchungsrichter an, im Krieg zunächst »ein Jahr kaufmännisch auf einem Fabrikbüro gearbeitet« zu haben (BArch Berlin-Lichtf., R 3003, C 83 /18, Nr. 1, Bl. 12 Rücks.). Im Sommer 1918 war Gerson auf Bitten des BNV-Mitgliedes Hugo Simon sogar bereit, einen Deserteur in seinem Betrieb zu beschäftigen (Simon, Hugo: Seidenraupen [Maschinenschriftliches Manuskript], S. 1284, in: Archiv der Hamburger Arbeitsstelle für Exilliteratur, Universität Hamburg). 18 SAPMO-BArch Berlin-Lichtf., NY 4445, Nr.136, Bl. 4, Käte an Hermann Duncker, 1. 10. 16. 19 Ebenda. 20 Ebenda, Nr. 136 –141, z. B: Briefe K. Dunckers an H. Duncker, 22. 4., 27. 4., 15. 5. 17, in: ebenda, Nr. 138, Bl. 53, 72, 138 (K. Duncker hatte jeweils bei den Gersons ihren Sohn Wolfgang besucht und war jedes Mal zu längeren Gesprächen dort geblieben). 21 BArch Berlin-Lichtf., R 3003, C 83 /18, Nr. 15, Bl. 16 Rücks., Bl. 17, Bl. 22 [alles in Hülle mit Kennzeichnung Bl. 8]. 22 BArch Berlin-Lichtf., R 3003, C 24 /18, Nr. 10, Hülle 48 (darin Bl. 2: Brief vom 30. 1. 1918). Als Kurt Eisner Anfang 1918 einen Einschreibbrief an »Pittius« in Berlin abschickte, identifizierte die Politische Polizei in Berlin den Adressaten sofort als Julius Gerson (Korrespondenz zwischen Untersuchungsrichter Schraub, München, und Polizeipräsident Berlin, Abt. V, 17. bzw. 25. 5. 1918, in: Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte, Moskau (RGASPI), f. 528, op. 2, d. 366, Bl. 214 – 216). 23 LArch Berlin, A Pr. Br., Rep. 030, Nr. 16354, Bl. 240 (Polizeibericht Berlin, 8. 2. 1918). 24 Ebenda, Bl. 243. 25 Ebenda, Bl. 71/ 72 (Abschrift des Kriegsgerichtsurteils vom 11. 2. 1918). 26 SAPMO-BArch Berlin-Lichtf., NY 4445, Nr. 141, Bl. 47 (K. an H. Duncker, Juli 1918) bzw. Bl. 62 (H. an K. Duncker, 3. 8. 18). 27 SAPMO-BArch Berlin-Lichtf., NY 4445, Nr. 142, Bl. 57 (H. an K. Duncker, 24. 4. 1919). 28 Holitscher: Mein Leben (Anm. 8), S. 133 (»die ausgezeichneten, menschlich zuverlässigen Brüder G.«), S. 157 (sein »Dahlemer Freund G.«); siehe auch Gülzow: Der Bund »Neues Vaterland« (Anm. 13), Bd. II, S. 497 (Mitgliederliste). 29 Bruck: Ein Leben für den Frieden (Anm. 15), S. 64. 30 Kolb, Annette / Schickele, René: Briefe im Exil, 1933 –1944, in Zusammenarbeit mit Heidemarie Gruppe hrsg. von Hans Bender, Mainz 1987, S. 138 u. S. 409 f. 31 Weitz, Ulrich: Eduard Fuchs. Sammler, Sittengeschichtler, Sozialist, Stuttgart 1991, S. 13. 32 Ebenda, S. 296–301, S. 303 –306 u. S. 342; [Kurzbiographie] Eduard Fuchs, in: Weber / Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 13), S. 225 f. 33 Simon: Seidenraupen (Anm. 17), S. 926–929, S. 955–958 u. S. 1132; Weitz: Eduard Fuchs (Anm. 31), S. 382. 34 Siehe Korrespondenz Eduard Fuchs – Rjassanov, Ende der 1920er-Jahre, zur Herausgabe der Werke Mehrings, einschließlich weiterer Materialien, wissenschaftliche Bearbeitung: August Thalheimer, in: RGASPI, f. 71, op. 50, d. 138; Weitz: Eduard Fuchs (Anm. 31), S. 496 (alle Titel der von Fuchs herausgegebenen Mehring-Werke). 35 SAPMO, BArch Berlin-Lichtf., NY 4445, Nr. 133, Bl. 349: K. an H. Duncker, Mitte Juni 1916; ebenda, Nr. 134, Bl. 30/31: K. an H. Duncker, 16. 7. 1916; Weitz: Eduard Fuchs (Anm. 31), S. 382 u. S. 392. 36 BArch Berlin-Lichtf., R 3003, C 83 /18, Nr. 1, Bl. 12 Rücks. (Aussage Jogiches’ vor dem Untersuchungsrichter Holthöfer, 4. 5. 1918). 37 In einem Bericht des österreichischen Botschafters in Stockholm vom 7. Oktober 1917 wird Fuchs neben den USPD-Reichstagsabgeordneten Haase, Ledebour, Stadthagen und Hofer sowie [Käte] Duncker auf der »Liste der namhafteren Delegierten, welche an der III. Zimmerwalder Konferenz teilgenommen haben« als USPD-Vertreter aus Deutschland aufgeführt (Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien, PA I, Karton 960, Faszikel 9867, Beilage), wobei Fuchs offensichtlich nur als passiver Zuhörer beteiligt war. 38 Es gibt für die Kriegszeit weder in den Polizei- noch in den Reichsgerichtsakten Vorgänge über Eduard Fuchs. In den Listen der [Politischen] Polizei Berlin über die in der Stadt und Umgebung wohnenden Pazifisten bzw. »namhaften Vertreter des Radikalismus« ist sein Name nicht enthalten (Dokumente aus geheimen Archiven. Berichte des Berliner Polizeipräsidenten zur Stimmung und Lage der Bevölkerung in Berlin, bearbeitet von Ingo Materna und Hans-Joachim Schreckenbach unter Mitarbeit von Bärbel Holtz, Weimar 1987, S. 243 f. u. S. 266 – 269). 39 Weitz: Eduard Fuchs (Anm. 31), S. 386 – 388 u. S. 406 f. 40 LArch Berlin, Rep. 200, Acc. 2326, Nr. 19, Protokoll einer vertraulichen Versammlung im »Russischen Hof« (Berlin) am 28. August 1915, Bericht Fuchs’ – als Diskussionsbeitrag – über seine Eindrücke beim Schweizbesuch. 41 Simon: Seidenraupen (Anm. 17), S. 1190–1192, S. 1243 a, S. 1367 f. 42 Weitz: Eduard Fuchs (Anm. 31), S. 386; LArch Berlin, Rep. 200, Acc. 2326, Nr. 26, Ernst Reuter [für den BNV] an Romain Rolland, 26. 5. 1915 (Abschrift) mit der Ankündigung von Fuchs’ Kommen. 43 Ebenda, Nr. 24, unp., Otto Lehmann-Rußbüldt (Interview durch Harold Hurwitz, Juli 1954). 44 Simon: Seidenraupen (Anm. 17), S. 1207. 45 BArch Berlin-Lichtf., R 3003, C 83 /18, Nr. 15, Bl. 16–22 (in Hülle mit Kennzeichnung als Bl. 8). 46 Mathilde Jacob an Clara Zetkin, September 1917, in: RGASPI, f. 528, op. 1, d. 1052, Bl. 3. Der Brief ist undatiert, muss aber vom September 1917 stammen, da M. Jacob in einem Schreiben vom 7. 10. 1917 an C. Zetkin von einem vorangegangenen »ganz langen und ausführlichen Brief« spricht (SAPMO-BArch Berlin-Lichtf., NY 4005, Nr. 78, Bl. 80). Durieux, Tilla: Eine Tür steht offen. Erinnerungen, Berlin [Ost] 1965, S. 204 f. 47 Hanssen: Diary (Anm. 7), S. 257 (Tagebucheintragung vom 10. Januar 1918). 48 Ulrich Weitz schildert ausführlich Fuchs’ politische Aktivitäten im Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit, erwähnt aber nicht seine Rolle als Spendensammler (Weitz: Eduard Fuchs [Anm. 31], S. 386 – 389, S. 392 f., S. 398 – 401 u. S. 406 – 408). 49 Luban, Ottokar: Die »innere Notwendigkeit mithelfen zu dürfen«. Zur Rolle Mathilde Jacobs als Assistentin der Spartakusführung bzw. der KPD-Zentrale, in: IWK – Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 29 (1993), H. 4, S. 445 f. 50 Weitz: Eduard Fuchs (Anm. 31), S. 393 u. S. 400. 51 Ebenda, S. 409– 425. 52 Bei der Verhaftung der Jogiches-Helfer-Truppe wurden Tausende von Flugblättern, der Druckstock der illegalen Zeitschrift Spartacus Nr. 8 und bei Jogiches 1931 M beschlagnahmt (Polizeibericht vom 3. 4. 1918, in: BArch Berlin-Lichtf., R 3003, C 83 /18, Nr. 18, Bl. 5 –7). 53 Luban: Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden (Anm. 13), S. 328 f. 54 Joffe an das russische Außenministerium, o. D. [vermutlich 7. oder 8. Mai 1918], Joffe an Lenin, 1. – 6. 6. 1918, Joffe an Lenin, 24. 6. 1918, in: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Dietmar Wulff, in: Berliner Jahrbuch für osteuropäische Geschichte, 1995/1, S. 232 f. bzw. ebenda, 1995/ 2, S. 236 f. u. S. 259. 55 Simon: Seidenraupen (Anm. 17), S. 1276 –1279. 56 Hanssen: Diary of a Dying Empire (Anm. 7), S. 254 (Tagebuch, 6. 1. 1918). 57 LArch Berlin, A Pr. Br., Rep. 030, Nr. 16354, Bl. 269 – 272 Rücks., Bl. 463; BArch Berlin-Lichtf., R 3003, 106/18, Nr. 5, Bl. 29 (Abschrift des Vernehmungsprotokolls), Bl. 34 f. (Abschrift eines Berichtes von Witting für das Auswärtige Amt). 58 Holitscher: Mein Leben (Anm. 8), S. 131 f. 59 Luban: Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden (Anm. 13) , S. 328 f. 60 Susanne Leonhard: Einleitung zu: dies. (Hrsg.): Unterirdische Literatur im revolutionären Deutschland während des Weltkrieges, Frankfurt a. M. 1968, S. II–VIII; Liste der Referentinnen und Referenten der Deutschen Friedensgesellschaft, in: BArch Berlin-Lichtf., R 1501, Nr. 12 296, Bl. 30. 61 SAPMO, BArch Berlin-Lichtf., NY 4445, Nr. 141, Bl. 12 f., Bl. 21 f. (Briefe H. Dunckers an K. Duncker, 11. 7. und 13. 7. 1918). 62 Simon: Seidenraupen (Anm. 17), S. 1367 f. 63 Ebenda, S. 1274–1276. 64 Holitscher: Mein Leben (Anm. 8), S. 133.

JHK 2008

Stalin, Tito und die Österreichfrage. Zur Österreichpolitik des Kreml im Kontext der sowjetischen Jugoslawienpolitik 1945 bis 1949

Stefan Karner / Peter Ruggenthaler

Die Nachkriegsplanungen der Alliierten, insbesondere der Sowjetunion, zielten auf eine Zerteilung des Deutschen Reiches ab. Damit bestand – spätestens seit 1943 – auch die Chance auf eine Wiedererrichtung Österreichs, gegen dessen »Anschluss« an Hitler-Deutschland 1938 neben Mexiko auch die Sowjetunion protestiert hatte.1 Danach galt Österreich für die sowjetische Außenpolitik einmal als Teil des verbündeten Hitler-Deutschlands (1939), ein anderes Mal bezeichnete Stalin den »Anschluss« Österreichs als einen weiteren Schritt im »Sammeln deutscher Länder« (1941).2 Innerhalb der Komintern tröstete man die österreichischen Genossen 1940 (als Molotov bei Hitler in Berlin war und die KPÖ bereits einen hohen Blutzoll im Widerstand gegen die Nationalsozialisten erbracht hatte)3 mit der allgemeinen Floskel, dass die NS-Politik imperialistisch und kolonialistisch sei.4 Eine Abtrennung Österreichs vom Deutschen Reich nach einem für die Alliierten erfolgreichen Ende des Krieges dürfte spätestens seit der militärischen »Wende« vor Moskau Ende 1941 als Möglichkeit erwogen worden sein. Ab diesem Zeitpunkt zementierte Stalin die sowjetische Position zur Österreichfrage. Er konfrontierte den britischen Außenminister Anthony Eden im Mai 1942 im Zuge der Verhandlungen über den militärischen Bündnisvertrag mit der Forderung, dass Österreich als unabhängiger Staat wiederhergestellt werden sollte. Eden bestätigte, dass die britische Regierung »unter allen Umständen für die Unabhängigkeit Österreichs« eintrete.5 Die Wiederherstellung Österreichs als ein sowjetisches Kriegsziel In der Moskauer Deklaration über Österreich hatten die Alliierten zum Abschluss der Außenministerkonferenz Ende Oktober 1943 die Wiederherstellung eines freien und unabhängigen Österreich zu einem ihrer Kriegsziele erklärt. Bei der Moskauer Deklaration handelte es sich zwar um die erste schriftliche Festlegung der Alliierten zu einer Wieder-errichtung Österreichs, sie entsprach jedoch nur dem »kleinsten gemeinsamen Nenner«6. In welchen Grenzen Österreich wiederhergestellt werden sollte, blieb unausgesprochen. Im Vorfeld der Konferenz in Moskau hatte Molotov schon im Juni 1943 die noch immer diskutierten britischen Planungen bezüglich einer möglichen Donaukonföderation mit Wien als Hauptstadt abgelehnt,7 weil es für den Kreml sicher schien, dass »die Föderation mit einem solchen Kern leicht gegen unsere Interessen benutzt werden könnte«.8 Zudem wurde die wirtschaftliche Lebensfähigkeit Österreichs einer »stichhaltigen Kritik« unterzogen und bestätigt.9 In der Folge bekräftigte Stalin gegenüber den Alliierten seine Haltung zu Österreich. So hob er in Teheran zum Jahresende 1943 gegenüber US-Präsident Roosevelt und dem britischen Premierminister Churchill die Österreicher als »Ausnahmen« innerhalb der Wehrmacht hervor: Während »alle deutschen Soldaten wie Teufel kämpften, sind die Österreicher eine Ausnahme«. Diese Privilegierung der Österreicher diente ihm gegenüber den Westmächten als Argument für die Wiederherstellung eines eigenen österreichischen Staates, welche eine nachhaltige Schwächung Deutschlands garantieren würde.10 Bis Anfang Februar 1944 erörterten die Alliierten in der Europäischen Beratenden Kommission (European Advisory Commission / EAC) in London lediglich die künftige Besatzung Deutschlands. Am 18. Februar 1944 brachte schließlich die Sowjetunion erstmals ihre Vorstellungen für Österreich ein. Demnach sollte das Land dreifach besetzt werden.11 US-Präsident Roosevelt musste von der Notwendigkeit der Errichtung einer US-Besatzungszone erst überzeugt werden.12 Und auch der Kreml hatte nicht unbedingt eine militärische Präsenz vorgesehen! Die Vorošilov-Planungskommission war zumindest nicht von einer Beteiligung sowjetischer Streitkräfte an einer militärischen Besetzung ausgegangen, die Demarkationslinie sollte entlang der tschechoslowakischen Grenze bis Bratislava und anschließend entlang der Donau verlaufen.13 Die gemeinsame Besatzung Österreichs regte schließlich wohl Stalin selbst gegenüber den angloamerikanischen Alliierten als »Kompensation« für seine Ablehnung einer gemischten Besatzung Schleswig-Holsteins und Hamburgs an.14 Möglicherweise blieb eine sowjetische Besetzung von Teilen Österreichs für Stalin auch in der Folge lediglich eine Variante im Verhandlungspoker um die Teilung des Kontinents in Einflusssphären.15 Die generelle Linie des Kreml, Österreich als unabhängigen Staat wiederherzustellen, ist durch sowjetische Quellen seit dem Jahre 1941 belegt.16 Die sowjetische Haltung zur Gestaltung der Nachkriegsgrenzen Österreichs, Italiens und Jugoslawiens Bei der Klärung der Frage der künftigen österreichischen Südgrenze war vor allem die sowjetische Haltung gegenüber Jugoslawien relevant. Auch hier war Stalin offiziell schon sehr früh positioniert, als er im Dezember 1941 Eden gegenüber bemerkte, dass Jugoslawien »in seinen alten Grenzen wiedererrichtet und ein wenig auf Kosten Italiens (Triest, Fiume, Inseln in der Adria usw.) erweitert werden soll«.17 Die Grenze zu Österreich wurde nicht erwähnt. In Jalta versuchte Eden eine Zustimmung Molotovs zur österreichisch-jugoslawischen Vorkriegsgrenze zu erreichen. Nachdem sich Molotov auf keine Grenzfestlegung eingelassen hatte18 und Moskau kurz darauf in der EAC seinen Entwurf eines Zonenabkommens eingebracht hatte, wurde die Österreichfrage auf die lange Bank geschoben,19 obwohl vor allem die Briten auf eine Regelung drängten. Nach mehreren ergebnislosen Versuchen mit Moskau über die österreichisch-jugoslawische Grenze ins Gespräch zu kommen,20 verhandelten die Briten in Belgrad Ende Februar 1945 mit Tito. Dieser zeigte sich kompromissbereit und befürwortete, im Bewusstsein, dass die jugoslawischen Verbände Triest ohnehin nicht vor den Westmächten erreichen würden, eine Aufteilung des Triestiner Hinterlandes in zwei Zonen.21 Intern erwog die sowjetische Führung auch, Österreich mittels einer Internationalisierung Triests einen Zugang zum Meer zu ermöglichen. Molotov erklärte sich mit dem Vorschlag Litvinovs einverstanden, Stalin aber wohl nicht. Er forcierte diese Variante bekanntermaßen nie.22 Als Stalin im April 1945 Georgi Dimitrov mit der Auswahl möglicher künftiger österreichischer Regierungschefs beauftragte, erklärte er diesem, Österreich solle in seinem Status quo von 1938 wiederhergestellt werden.23 Später versicherte Stalin noch dem von ihm auserwählten Staatskanzler Renner schriftlich, »Österreich in seiner Gänze« bewahren zu wollen.24 Er sah, dass die Westmächte nicht bereit sein würden, jegliche Änderungen der österreichisch-jugoslawischen Vorkriegsgrenze zu Ungunsten Österreichs zu akzeptieren.25 Der britische Widerstand war zu groß. Großbritannien hatte sich bereits vor Jalta festgelegt, eine Gebietsforderung Jugoslawiens an Österreich unter keinen Umständen zu akzeptieren. Eden und US-Außenminister Stettinius hatten Tito schon im Vorfeld der Jalta-Konferenz schriftlich informiert, dass die Grenzfrage erst auf einer Friedenskonferenz eigens zu regeln wäre.26 Den jugoslawischen Anspruch auf Triest unterstützte Stalin aus zwei Gründen. Erstens wollte er Italien »bestrafen« und es zweitens im Verhandlungspoker nutzen, »um die Alliierten an einer Einmischung in Osteuropa zu hindern«.27 Die besorgten italienischen Kommunisten beruhigte Stalin jedoch. Eine Regelung der jugoslawischen Gebietsansprüche an Nachbarstaaten verschob er auf eine künftige Friedenskonferenz und erklärte den Jugoslawen, es sei nötig, »dass diese Gebiete selbst ihren Anschluss an Jugoslawien forderten« und dass sie »lärmten«. 28 Bezüglich Italiens, vor allem Triests, stießen die Jugoslawen in Moskau auf offene Ohren. Stalin unterstützte Tito dabei auch noch 1946, ebenso in der Frage einer Einverleibung Albaniens. Der sowjetische Diktator kritisierte zwar die aus seiner Sicht übertriebenen jugoslawischen Forderungen, schwächte seine Kritik jedoch ab, nachdem die Jugoslawen ihre Gebietsforderungen an Ungarn (über die Grenzen von 1920) fallen gelassen hatten.29 In der Frage der österreichisch-jugoslawischen Grenzziehung legte sich der Kreml nicht vorzeitig fest, wie dies vor allem von den Briten während und nach der Jalta-Konferenz vehement gefordert wurde. So erscheinen die nach dem Bruch Stalins mit Tito von jugoslawischer Seite gegenüber Moskau öffentlich geäußerten Vorwürfe plausibel, die UdSSR sei von Anfang an prinzipiell gegen jede Grenzänderung gewesen.30 Sowjetische Zonenpläne für Österreich Ende März 1945 arbeitete die für Österreich zuständige 3. europäische Abteilung des sowjetischen Außenamtes intern eine neue Variante aus, die alle bisherigen Zonenpläne auf den Kopf stellte. Ihr Abteilungsleiter, Andrej Smirnov, war der Ansicht, dass die sowjetische Zone in Österreich »nach Möglichkeit sowohl an Jugoslawien als auch an die Tschechoslowakei grenzen sollte«. Zudem soll er Stalin dazu gedrängt haben, die Rote Armee auf zu Kriegsschluss eroberten und besetzten Gebieten zu belassen, um sie als Druckmittel gegenüber den West-Alliierten einsetzen zu können. Stalin soll dies kategorisch abgelehnt haben.31 Dies überrascht wenig, weil Stalin für die Nachkriegszeit von einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den West-Alliierten ausging.32 Smirnov bevorzugte eine sowjetische Besatzungszone im Süden Österreichs. Die sowjetische Seite sollte dem Ende Jänner 1945 vorgebrachten und in der EAC diskutierten britischen Zonenplan einer vierfachen Besetzung Österreichs33 nur dann zustimmen, wenn der UdSSR »die südliche Zone, die zur Gänze Steiermark und Kärnten« umfasste, zugewiesen würde.34 Die sowjetischen Diplomaten sprachen sich aus mehreren Gründen für eine sowjetische Besatzungszone im Süden Österreichs aus: »Wir, und nicht die Briten, werden an Jugoslawien und Italien grenzen. [...] auf diese Weise verringern wir die Möglichkeit einer britischen Einmischung in jugoslawische Angelegenheiten und gleichzeitig gewährleisten wir den Jugoslawen reale Chancen, eine kleine [Besatzungs-]zone im Süden Österreichs zu erhalten bzw. zumindest an der Besatzung Österreichs auf dem Wege einer Stationierung kleiner symbolischer Kontingente jugoslawischer Truppen in diesen Bezirken teilzuhaben.«35 Darüber hinaus sah Smirnov in einer sowjetischen Besatzung Südösterreichs die Möglichkeit, »noch mehr unseren Einfluss in diesem Teil der Balkanhalbinsel [zu] verfestigen und automatisch die die Briten schon jetzt beunruhigende Frage über die Gebietsforderungen Jugoslawiens an Österreich aufzuheben«. Die Pläne blieben jedoch intern. Stalin griff sie nie auf. Wenige Tage später, am 4. April 1945, forderte der sowjetische Delegierte in der EAC für die UdSSR darüber hinaus das Mühlviertel und das südliche Burgenland. Über Kärnten und die Steiermark wurde nicht mehr debattiert.36 Die diskutierte Variante einer sowjetischen Besetzung Südösterreichs, um mehr Einfluss auf Titos Jugoslawien zu nehmen bzw. dessen Gebietsforderungen an Österreich mit Rücksicht auf die Briten zu neutralisieren, ist von großem Interesse. Warum wurde sie von Stalin nicht in Betracht gezogen? Hätte sich Stalin für eine sowjetische Besatzungszone in Südösterreich entschieden, wäre dies wohl kaum bei den Briten durchzusetzen gewesen und wäre zudem einer Brüskierung Titos gleichgekommen, der ja selbst den Süden Österreichs als jugoslawische Besatzungszone für sich reklamiert hatte. So aber konnte Stalin Tito im April 1945 hinhalten und die Unterstützung einer eigenen jugoslawischen Besatzungszone zumindest pro forma aufrechterhalten. Jugoslawien hatte am 2. April 1945 eine Teilnahme an der Besetzung Österreichs gefordert, war jedoch auf den zähen Widerstand der Briten gestoßen.37 Jugoslawische Forderungen an Österreich und Triest Wenige Tage später traf Tito mit einer Delegation zu einem Besuch in Moskau ein.38 In einer Unterredung mit Molotov brachte der jugoslawische Außenminister Ivan Šubašić die Gebietsforderungen seines Landes an Österreich zur Sprache: »Die Ansprüche Jugoslawiens [haben] mit Istrien und den an Jugoslawien grenzenden Bezirken Österreichs und Ungarns ihr Bewenden.«39 Nach dem Besuch Titos verlautbarte das offizielle Organ des sowjetischen Volkskommissariats für Verteidigung, Triest werde ein Teil Jugoslawiens werden.40 Diese sowjetische Positionierung dürfte jedoch von dem Motiv geleitet gewesen sein, wegen Triest keinen Krieg mit den Westmächten zu riskieren.41 Stalin wollte und konnte (noch) nicht die Beziehungen zum Westen vergiften, auch wenn er sie in Zusammenhang mit der Besetzung Österreichs in mehreren Fragen heftig strapazierte. London trat in der Folge vehement gegen eine jugoslawische Beteiligung an der Besatzung Österreichs auf und sprach offen die Vermutung aus, dass Jugoslawien durch die Einnahme der von ihm reklamierten österreichischen Gebiete vollendete Tatsachen schaffen würde. Molotov solle die österreichisch-jugoslawische Grenze als »provisorische Demarkationslinie« betrachten.42 Nachdem die Rote Armee Mitte April 1945 Wien eingenommen hatte, verweigerte Stalin den Briten und Amerikanern die Erlaubnis, ein militärisches Vorkommando nach Wien zu entsenden.43 Zudem hatte er den Westen und die österreichischen Kommunisten mit der Etablierung der provisorischen Regierung Renner Ende April völlig überrumpelt44 und forderte nun von den Westmächten deren Anerkennung.45 Die Forderung der Jugoslawen nach ihrer eigenen Besatzungszone in Österreich konnte Stalin gegenüber den West-Alliierten allerdings nicht durchsetzen. Es bleibt offen, ob er dies überhaupt gewollt hätte. Stalin unternahm einen Spagat und erklärte sich bereit, jugoslawische Truppen in Österreich unter das Oberkommando der Roten Armee zu stellen. Am 19. April 1945 teilte die UdSSR der jugoslawischen Regierung mit, dass sie bereit sei, »den Einzug der jugoslawischen Armee in die Zone Österreichs, die von den militärischen Kräften der Sowjetunion besetzt wird, zu erlauben«, und dass »die Meinung der sowjetischen Regierung in dieser Frage den Regierungen der Alliierten mitgeteilt« werde.46 Wenige Tage später erklärte Tito, dass Jugoslawien nun die Bedingungen für die »Teilnahme an allen internationalen Konferenzen« erfüllt habe. »Unsere Einheiten werden einen Teil Österreichs besetzen. […] Wir müssen Kandidaten für Istrien, Triest, Kärnten und andere österreichische Bezirke, die an diesen Orten Posten von Bezirkskommandanten, Stadtkommandanten und Kommandoaufgaben im Hinterland übernehmen, auswählen.«47 Am 28. April nahm Tito die Unterstellung unter das sowjetische Oberkommando zur Kenntnis. Schon zuvor, am 20. April 1945, hatte der oberste sowjetische Kriegsrat, die Stavka, dem Oberkommandierenden der 3. Ukrainischen Front, Marschall Fedor I. Tolbuchin, grünes Licht für die erbetene Ausgabe von Munition für die Jugoslawen gegeben.48 Die Triest-Krise bzw. das Ringen in der Kärnten-Frage und der Disput über den Zutritt der Westmächte zum sowjetisch besetzten Wien waren die ersten internationalen Konfliktherde, die offen militärisch-politische Gegensätze innerhalb der Anti-Hitler-Koalition aufzeigten.49 Die Besetzung Kärntens durch Briten, Jugoslawen und Bulgaren Am 7. Mai 1945 erreichten die ersten britischen Einheiten Kärnten.50 Am Tag darauf folgte das Gros der Truppen, das den Tito-Partisanen beim Einmarsch in Klagenfurt um drei Stunden zuvorkam.51 In der Folge ergriffen die Briten alle Möglichkeiten, Tito zum Abzug aus Kärnten zu bewegen. Doch zunächst schienen die Jugoslawen weiterhin die militärische Besetzung ganz Kärntens anzupeilen. Titos Verbände hatten den klaren Befehl, es dauerhaft zu besetzen und zumindest Teile zu annektieren. Dies fand auch deutlich Ausdruck in den ersten jugoslawischen Proklamationen und Bekanntmachungen an die Kärntner Bevölkerung.52 Neben den Tito-Partisanen sahen sich die Briten aber noch mit einer weiteren Besatzungsmacht in Kärnten konfrontiert. Bei Völkermarkt tauchten plötzlich bulgarische Einheiten auf, die erklärten, auf Befehl Tolbuchins Klagenfurt einnehmen zu sollen.53 Erste Gespräche zwischen den Briten und Bulgaren verliefen ergebnislos. Die Bulgaren beharrten darauf, den Befehl Tolbuchins vom 10. Mai,54 bis nach Völkermarkt und St. Andrä im Lavanttal vorzustoßen, ausführen zu wollen.55 Schon am 11. Mai hatten sie über Lavamünd Kärnten erreicht.56 Warum die Bulgaren nach Kärnten marschierten, bleibt rätselhaft. Vermutlich erteilte Stalin den Vormarschbefehl, um gegenüber den Jugoslawen die Ernsthaftigkeit seiner Unterstützungsabsicht zu untermauern. Die Rote Armee selbst konnte er kaum nach Kärnten vorrücken lassen, um die Briten, deren Truppen noch in Oberitalien in Kämpfe verwickelt waren, nicht zu brüskieren. Den Briten blieb angesichts des großen Truppenaufkommens in Kärnten nichts anderes übrig, als den militärischen Status quo hinzunehmen und die schon mit der Roten Armee vereinbarte Demarkationslinie zu akzeptieren. Die Bulgaren hielten in der Folge fast zwei Wochen lang den östlichen Teil des Lavanttales südlich von St. Stefan bei Wolfsberg besetzt und zogen – unter dem Vorwand, nach Waffen zu suchen – plündernd durch die Dörfer.57 Auch größere Teile der Weststeiermark standen unter bulgarischer Besatzung, anfänglich auch Teile der ehemaligen Untersteiermark.58 Am 20. Mai verließen die Bulgaren Kärnten wieder,59 tags darauf wurden sie von sowjetischen Vertretern in Graz feierlich aus Österreich verabschiedet.60 Der Beginn des Kalten Krieges oder erfolgreiche Konfliktprävention? Die Krisenherde Kärnten und Triest im Frühsommer 1945 Am 15. Mai 1945 richteten London und Washington identische Noten an die Regierung Jugoslawiens. Sie forderten darin Belgrad zur Zusammenarbeit in der Frage der Besatzung Triests auf. Bis dahin war Moskau zwar formal nicht in die Triest-Krise eingebunden, vom Westen aber zusehends verdächtigt worden, sein Handeln mit Tito abgestimmt zu haben,61 was teilweise auch zutraf. Erst nach der Demarche der Westmächte an Tito sah sich Stalin genötigt, Position zu beziehen. Am 18. Mai konferierte Stalin mit dem jugoslawischen Botschafter in Moskau, Popović, Molotov und Vyšinskij. Stalin gab die Formulierung der Position vor, die seiner Meinung nach die jugoslawische Seite einnehmen sollte.62 Er interpretierte die Note der Westmächte als Konzession und schlug vor, ihnen entgegenzukommen, wenn die jugoslawischen Truppen in Triest verblieben und die jugoslawische Zivilverwaltung aufrechterhalten werde. Der Kreml drängte damit die Jugoslawen zu einem Kompromiss mit den Westmächten. Tito, der diesen bereits am Vortag, dem 17. Mai, geantwortet und vorgeschlagen hatte, die jugoslawischen Truppen unter britisches Kommando zu stellen,63 nötigte die Direktive aus Moskau zur Änderung seiner Position. Er war mit der Vorgabe nicht zufrieden,64 das Telegramm Stalins und Molotovs brachte ihn in eine schwierige Lage. Noch am 18. Mai erlaubte Stalin den Westmächten den Zutritt nach Wien.65 Tito ließ nun (zwischen dem 20. und 24. / 25. Mai) seine Truppen aus Kärnten abziehen,66 jedoch noch nicht aus Triest. In der Steiermark verblieben jugoslawische Verbände unter sowjetischem Oberkommando noch bis zur Übergabe des zweitgrößten österreichischen Bundeslandes an die Briten im Juli 1945. Der enorme britische Druck und großzügige wirtschaftliche Zusagen hatten Tito in der Kärnten-Frage zum Einlenken gebracht. An dieser Stelle ist auch auf die Übergabe Zehntausender jugoslawischer Bürger durch die Briten an die Tito-Partisanen hinzuweisen. Sie hatten auf die Zusage einer britischen Kriegsgefangenschaft hin ihre Waffen niedergelegt. Tausende der Ausgelieferten wurden in der Folge auf jugoslawischem Gebiet niedergemetzelt.67 Die Südsteiermark verblieb nach dem Abzug der Bulgaren weiter unter jugoslawischer Besatzung.68 Die letzten jugoslawischen, schon unter sowjetischem Oberkommando stehenden Besatzungssoldaten verließen Österreich am 24. Juli 1945, als die Briten die ganze Steiermark als Besatzungszone übernommen hatten.69 Ende Mai 1945 spitzte sich die Triest-Krise weiter zu. Der neue US-Präsident Truman sandte Stalin eine Note, in der er auf dem unbedingten Einverständnis Belgrads beharrte. Stalin reagierte und »empfahl« Tito unmissverständlich, sofort Schritte zur Konfliktlösung zu unternehmen. In Belgrad verstand man die »Empfehlung« Stalins, die freilich als ultimative Forderung zu verstehen war, als »russische Unterstützung«. In der Folge trat Stalin offen für die jugoslawische Position ein, forderte dies auch von der KPI (Kommunistischen Partei Italiens) und empfahl, im Gegenzug von den USA zusätzliche wirtschaftliche Konzessionen zu fordern.70 Stalin lenkt ein Doch Truman blieb hart. Am 6. Juni 1945 soll Tito schließlich ein Telegramm Stalins erhalten haben, in dem die Jugoslawen aufgefordert wurden, innerhalb von 48 Stunden ihre Truppen aus Triest abzuziehen. Stalin war anscheinend zur Einsicht gelangt, der Westen würde nicht nachgeben.71 Er konnte nur bis Ende Mai die Einwände Londons gegen die jugoslawische Mitbesatzung der Steiermark zurückweisen. Leonid Gibianskij vertritt die Meinung, dass nach Abzug der Truppen der Osvobodilna Fronta (»Befreiungsfront Slowenisch-Kärntens«) aus Kärnten auch eine jugoslawische Besatzung in der Steiermark sinnlos geworden sei und dieser Umstand Stalin in der Triest-Frage beeinflusst haben könnte. Nicht zu vergessen ist dabei auch die Einhaltung der britischen Zusage in Jalta, die nach Kärnten gekommenen Kosaken und Angehörigen der Vlasov-Armee der Sowjetunion auszuliefern.72 Für die Beziehungen zwischen Belgrad und Moskau waren die Triest-Krise und die Kärntner Frage eine folgenschwere Belastung. Ende Mai 1945 kritisierte Tito die Position des Westens. Stalin las jedoch die Kritik als zwischen den Zeilen auch auf seine Person bezogen und ließ bei Tito nachfragen, wie seine Aussagen zu verstehen seien. Noch gab Tito klein bei und versicherte, er habe nur den Westen gemeint. Doch Stalin schenkte ihm keinen Glauben mehr. In seiner Replik bezeichnete er Titos Aussagen als »unfreundlichen Ausfall« und drohte im Falle ihrer Wiederholung mit entsprechenden Stellungnahmen in der sowjetischen Presse.73 Die sowjetische Haltung zu den Staatsvertragsverhandlungen War Stalin tatsächlich bereit, Tito mit einem Teil Südösterreichs zu belohnen, oder war die Unterstützung der jugoslawischen Gebietsforderungen bei den österreichischen Staatsvertragsverhandlungen von Anfang an nichts anderes als diplomatisches Geplänkel? Im sowjetischen Volkskommissariat für auswärtige Angelegenheiten diskutierte man zumindest über mögliche kleinere Grenzveränderungen, und zwar zugunsten Österreichs! Neben Passau und dem Berchtesgadener Land, auf das Österreich »berechtigte Ansprüche« habe, wurde kurz auch eine Rückgabe Südtirols erwogen, doch sei dies »mit der Frage der Behandlung Italiens verbunden«, so die sowjetischen Diplomaten.74 Karl Renners eindringliche briefliche Forderung der Rückgabe Südtirols wurde von Stalin nie unterstützt.75 Der Abschluss des österreichischen Staatsvertrages wurde nicht wegen Unstimmigkeiten im Verhandlungsprozess um einzelne Artikel verzögert, sondern wegen der Haltung der alliierten Besatzungsmächte, vor allem der USA und der Sowjetunion.76 Vieles spricht dafür, dass die Sowjetunion bereits 1946 kein Interesse an der Aufnahme von Staatsvertragsverhandlungen mit Österreich hatte,77 um sich nicht der Möglichkeit der Truppenstationierung in Ungarn und Rumänien zu berauben, die ihr zum Nachschub in den Friedensverträgen mit diesen beiden Ländern zugestanden wurde.78 1947 versicherte Molotov dem ungarischen Kommunistenführer Mátyás Rákosi, dass »ein Vertrag mit Österreich zweifelsohne nicht dieses Jahr unterzeichnet werde, sondern im besten Fall Anfang nächsten Jahres«. Molotov weiter: »[…] und weil sich unsere Truppen in Österreich befinden werden, heißt das, dass sich sowohl in Ungarn als auch in Rumänien sowjetische Truppen befinden werden. Sogar nach der Ratifizierung des [Friedens-]Vertrages mit Ungarn wird ein Teil der sowjetischen Truppen in Ungarn bleiben. Auf diese Weise wird der Status quo über das ganze Jahr 1947 hin so sein wie jetzt.«79 Waren die USA vor dem Beginn der Staatsvertragsverhandlungen 1947 noch ernsthaft am Abschluss eines Staatsvertrages und an dem damit verbundenen Abzug ihrer Truppen aus dem Alpenraum interessiert, änderte sich dies unter der neuen Doktrin der Eindämmung des Kommunismus sehr bald. Sie waren nun nicht mehr bereit, ihre wenigen noch verbliebenen Truppen aus Österreich abzuziehen.80 Die Briten bedrängten in der Folge die Amerikaner, von ihrer Position abzurücken und dem Abschluss eines österreichischen Staatsvertrages eine Chance zu geben. Sie beabsichtigten damit vor allem eine Zurückdrängung des sowjetischen Einflusses aus Mittelosteuropa, dem Balkan (Ungarn, Rumänien) und aus der Nähe Tito-Jugoslawiens,81 das im Begriff war, sich an den Westen anzunähern. Zum Abschluss der Außenminister-Konferenz in Paris verlautbarten die vier Großmächte am 20. Juni 1949, den österreichischen Staatsvertrag bis zum 1. September unterschriftsreif machen zu wollen. Auch der neue sowjetische Außenminister Andrej Vyšinskij äußerte sich in dieser Hinsicht positiv.82 Die UdSSR schien nun tatsächlich bereit zu sein, Österreich zu verlassen. Als nahezu alle Artikel des Staatsvertrages bis auf Kleinigkeiten im Laufe des Jahres ausverhandelt waren und sich auch Truman im Oktober 1949 gegen den Widerstand der Militärs dazu durchgerungen hatte, »grünes Licht« für einen Abschluss zu geben, war es jedoch zu spät. Nun war Stalin nicht mehr bereit, die sowjetischen Truppen aus Österreich abzuziehen. Der Kreml war intern im Herbst 1949 zur »Einsicht« gekommen, dass er sich selbst des Rechtes berauben würde, auch weiterhin seine Truppen in Ungarn und Rumänien belassen zu können. Bei Stalin schrillten die Alarmglocken, als ihm über den augenscheinlich großen Abschlusswillen der Westmächte berichtet wurde. Er vermutete darin eine offen zur Schau gestellte Unterstützungsmaßnahme des Westens für Tito.83 Das wollte Stalin, der in der Folge sogar Mordpläne gegen Tito schmiedete,84 nicht zulassen. Österreich galt für Stalin im Ernstfall als Aufmarschgebiet gegen die abtrünnigen Jugoslawen. Die sowjetische Position zu den jugoslawischen Gebietsforderungen und die Entstehung des Artikels 7 des Österreichischen Staatsvertrags vor dem Hintergrund des Bruchs zwischen Stalin und Tito Der Artikel 7 über den Minderheitenschutz in Österreich war einer von vielen Verhandlungspunkten, die im Sommer 1949 abgehakt wurden. Die sowjetische Seite tat sich ihrerseits nach dem »Bruch« zwischen Tito und Stalin leichter, Zugeständnisse zu machen, auch wenn man von einer Unterstützung der jugoslawischen Gebietsforderungen unter Rücksichtnahme auf die slawischen »Brudervölker« nur allmählich abgehen konnte, um nicht das »Gesicht zu verlieren«. Seit der Außenminister-Konferenz in Paris unterstützte die sowjetische Seite die Gebietsforderungen Titos an Österreich nicht mehr. Bereits wenige Wochen nach Beginn der Staatsvertragsverhandlungen bemerkten die Westmächte und die österreichische Delegation auf der Konferenz des Rates der Außenminister in Moskau im Frühjahr 1947, dass die UdSSR nicht so vehement für die jugoslawischen Gebietsforderungen eintrat, wie man dies allgemein erwartet hatte. Die österreichische Delegation unter Außenminister Karl Gruber vernahm erfreut die offenbar gewordene Haltungsänderung der UdSSR in dieser Frage.85 Dennoch stand bis zum Frühjahr 1949 die Grenzfrage an oberster Stelle der Agenda der Staatsvertragsverhandlungen. Die Beratungen drohten immer wieder zu scheitern, hatten doch die Westmächte diese Frage »bewusst hochgespielt, um der sowjetischen Seite den ›Schwarzen Peter‹ zuzuspielen«.86 Moskau begann zusehends, die jugoslawischen Gebietsforderungen an Österreich und Italien (unter anderem Triest) als Druckmittel im frühen Kalten Krieg einzusetzen, um seine eigene Position zu stärken. Spätestens in Moskau 1947 war dies auch den Westmächten klar.87 Die Klagen der Jugoslawen wegen »angeblich ungenügender Hilfe« der UdSSR in vielen Fragen waren schlussendlich auch mit ein Grund für den Bruch zwischen Moskau und Belgrad.88 Tito hatte immer stärker die mangelnde Unterstützung der nationalistischen kommunistischen Bewegungen (v. a. in der griechischen Frage) kritisiert. Ursprünglich sollten die Jugoslawen diesbezüglich bereits auf der Gründungskonferenz des Kominform im September 1947 verurteilt werden.89 Obwohl man dies dort vermieden hatte,90 verschlechterten sich die sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen 1948 zusehends. Ein Hauptgrund dafür war der Vorwurf, Jugoslawien habe die KPÖ zu einer Teilung Österreichs gedrängt.91 Die angeblich eigenmächtigen Aktionen Titos und seiner bulgarischen Genossen in der Frage der Bildung einer Balkan-Föderation und die von Stalin nicht gebilligte militärische Unterstützung Jugoslawiens für die kommunistischen Rebellen in Griechenland führten schließlich auf der zweiten Konferenz des Kominform Ende Juni 1948 zum Bruch mit Moskau.92 Am 10. Februar 1948 war die jugoslawische Führung zum letzten Mal mit Stalin zusammengetroffen. Stalin tadelte sie wegen ihres nicht mit dem Kreml abgesprochenen Vorgehens in der Frage der Balkanföderation mit Bulgarien – die Stalin übrigens in früheren Jahren befürwortet hatte – und ihrer Intervention in Albanien (Stalin hatte Jugoslawien dazu zuvor freie Hand gelassen) sowie der jugoslawischen Einmischung im griechischen Bürgerkrieg.93 Die Fragen Triest und Kärnten wurden nicht angesprochen.94 Drei Tage später wurde die Führung der KPÖ zu einer Unterredung mit ZK-Sekretär Ždanov gerufen.95 Die KPÖ hatte zuvor über Teilungsabsichten Österreichs spekuliert.96 Die jugoslawische Führung hatte sie dazu ermuntert,97 dies lief jedoch den Intentionen des Kreml zuwider. Für die KPÖ-Führung kam der Besuch in Moskau einem Canossa-Gang gleich.98 Sie bedankte sich artig bei Ždanov für die Klarstellungen und flüchtete sich in Ausreden, die Jugoslawen hätten der KPÖ nach der ersten Kominform-Konferenz zu dieser Strategie geraten.99 Dieses aus der Sicht Stalins unverfrorene Auftreten der Jugoslawen fand umgehend Eingang in die Anklageschrift des geheimen Gedächtnisprotokolls des ZK vom 18. März 1948.100 Zurück zu den Staatsvertragsverhandlungen: Jugoslawien stand unter Zugzwang. Erstmals war Tito 1948 in Anbetracht der geringen Erfolgsaussichten bereit, die Gebietsforderungen an Österreich zu reduzieren – wenn auch zunächst nur in geringem Ausmaße.101 Bereits nach der Außenministerkonferenz in Moskau 1947 hatte der jugoslawische Außenminister Kardelj Vyšinskij in einer Note mitgeteilt, dass Jugoslawien nur mehr Anspruch auf die beiden Wasserkraftwerke Schwabegg und Lavamünd erheben werde. Im Juni 1947 gestand Tito sogar öffentlich ein, dass die Chancen gering seien, »dass wir alles bekommen werden, was wir gefordert haben«. Völlig unverständlich bleiben jedoch noch die Hintergründe, warum 1947 / 48 die jugoslawische Führung der KPÖ die Teilung Österreichs empfohlen hatte. Es erscheint sehr plausibel, dass Moskau Belgrad im November 1947 den Rat gab, seine territorialen Gebietsforderungen nicht [!] zu reduzieren.102 Dies diente – aus der Sicht Stalins – wohl weniger dazu, Tito weiterhin Unterstützung zu leisten, sondern – ganz im Gegenteil – dazu, die Sturheit der Jugoslawen gegenüber den Westmächten aufzuzeigen und Tito mit seinen Forderungen gegen die Wand laufen zu lassen sowie schlussendlich zu gewährleisten, dass das Haupthindernis für den Abschluss des österreichischen Staatsvertrages 1947 noch nicht aus dem Weg geräumt und eine Annäherung Titos an den Westen zumindest verzögert bzw. behindert würde. Bei den Verhandlungen der Sonderbeauftragten für den österreichischen Staatsvertrag von Ende Februar bis Anfang Mai 1948 unterstützte der Kreml weiterhin die jugoslawischen Gebietsforderungen. Am 28. April 1948 legte Jugoslawien ein neues Memorandum vor, in dem es erstmals seine Gebietsansprüche wesentlich reduzierte.103 Einerseits verlangte Tito nach wie vor die volle sowjetische Unterstützung für die jugoslawischen Gebietsforderungen an Österreich, andererseits hatte er bereits Mitte 1947 den Briten zu verstehen gegeben, dass er die Forderungen letztlich auf die zwei Draukraftwerke beschränken würde.104 Angesichts der nun offiziell ausgesprochenen jugoslawischen Gesprächsbereitschaft erhielt die sowjetische Delegation am 3. Mai 1948 neue Instruktionen. Darin hieß es, »dass die sowjetische Delegation die [...] Variante der jugoslawischen Forderungen105 an Österreich unterstützen, es dabei jedoch nicht auf ein Scheitern der Konferenz anlegen soll, falls die Anglo-Amerikaner diese ablehnen, und dass zudem Platz für einen Kompromiss auf Basis kleinerer Forderungen Jugoslawiens eingeräumt werden muss«.106 Das taktische Kalkül der Westmächte war in dieser Phase der Staatsvertragsverhandlungen jedoch längst nur mehr darauf ausgelegt, so die treffende Wortwahl von Gerald Stourzh, den sowjetischen Delegierten als »Verfechter einer Grenzrevision zugunsten Jugoslawiens« bloßzustellen.107 Und dies war auch Moskau klar. Trotzdem gelang es der sowjetischen Delegation nicht, den »Schwarzen Peter« in London dem Westen zuzuschieben. Der Leiter der 3. Europäischen Abteilung des sowjetischen Außenministeriums, Andrej Smirnov, rechtfertigte sich wenige Tage nach Abbruch der Verhandlungen am 6. Mai in London in einem internen Dossier gegenüber dem stellvertretenden Außenminister Vyšinskij: »Obwohl sich unsere Delegation genau an diese Weisung gehalten und bei der Erörterung der jugoslawischen Forderungen zu verstehen gegeben hat, dass die Möglichkeit eines Kompromisses in diesen Fragen nicht ausgeschlossen ist, ist es ihr dennoch nicht gelungen, das Scheitern der Konferenz abzuwenden. Die Delegationen Großbritanniens und der USA teilten mit, dass von ihnen, solange die Frage der jugoslawischen Forderungen nicht in der von ihnen gewünschten Form gelöst sei, eine Fortsetzung der Konferenz als nicht möglich erachtet werde.«108 Die Staatsvertragsverhandlungen fielen nun in eine Phase sich stetig zuspitzender internationaler Spannungen.109 In der österreichischen Presse wurde offen der Sowjetunion die Schuld am Verhandlungsabbruch gegeben. Außenminister Gruber lieferte sich heftige Wortgefechte mit dem sowjetischen Politvertreter in Österreich. Gruber warf der sowjetischen Seite vor, Österreich »zerstückeln zu wollen«.110 Dem war allerdings nicht so:111 Die Unterstützung der Gebietsforderungen war für die UdSSR nichts anderes als ein »Verhandlungspolster« und vermutlich auch ein Vorwand, um 1947 und 1948 den österreichischen Staatsvertrag nicht abschließen zu müssen. Sie wollte sich wohl – wie für 1949 belegbar112 – das Recht der Truppenpräsenz in Ungarn und Rumänien erhalten, um die ab 1947 mit Vehemenz verfolgte Konsolidierung des Ostblocks nicht zu gefährden. Dennoch schien auch der Sowjetunion eine weitere Unterstützung der jugoslawischen Gebietsforderungen in dem Maße, wie es im jugoslawischen Memorandum gefordert wurde, wenig erfolgversprechend. Zudem hatte Stalin ohnedies kein Interesse, Tito in irgendeiner Weise entgegenzukommen. Die lästige Kärnten-Frage wurde nun im Kreml zu einem großen Problem. Wie konnte man einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation finden? Der sowjetische Spitzendiplomat Smirnov stellte diesbezüglich bald nach Abbruch der Verhandlungen im Mai 1948 fest: »Eine weitere Unterstützung der jugoslawischen Gebietsforderungen [...] gibt uns keine Perspektiven zu deren Genugtuung und setzt uns in eine unvorteilhafte Lage, die den westlichen Staaten den Anlass gibt, uns bei einer absichtlichen Verzögerung des österreichischen Staatsvertrages die Schuld zu geben.«113 Die jugoslawischen Forderungen im bisherigen Ausmaß weiter zu vertreten war umso schwieriger, als die Westmächte wussten, dass die Abtretung der zwei Draukraftwerke Lavamünd und Schwabegg Jugoslawien zufriedenstellen würde. Smirnov empfahl seinem Außenminister Vyšinskij, nur noch diese »Minimalforderungen« zu unterstützen, weil »die Sowjetunion nicht die Verantwortung für eine Verzögerung des österreichischen Vertrages durch eine weitere Unterstützung der jugoslawischen Forderungen auf sich nehmen« könne.114 Kurz darauf hielt die Welt ein anderes Ereignis in Atem. Am 24. Juni 1948 ließ Stalin die Zufahrtswege nach Berlin blockieren. Der Kalte Krieg trat in eine heiße Phase, die aus der Sicht der UdSSR zumindest gewährleistete, dass man in der Österreichfrage nicht weiterverhandeln musste. Die Staatsvertragsverhandlungen waren nunmehr für unabsehbare Zeit unterbrochen. Wie gezeigt wurde, sollte die jugoslawische Österreich-Politik dazu herhalten, aufzuzeigen, dass Belgrad die UdSSR auf dem diplomatischen Parkett angeblich hinterging: Sie hatte angeblich ohne Rücksprache mit Moskau – was nicht den Tatsachen entsprach – ihre Gebietsansprüche an Kärnten reduziert und sich diesbezüglich dem Westen gegenüber verhandlungsbereit gezeigt. Auf der zweiten Konferenz des Kominform in Bukarest 1948, an der die KP-Chefs aller Ostblockstaaten – mit Ausnahme Jugoslawiens115 – teilnahmen, waren sich die Parteiführer darin einig, dass das Vorgehen Jugoslawiens in der Kärntner Frage antisowjetisch sei.116 Der rumänische KP-Chef Vasile Luca hob hervor, dass die Rumänische Arbeiterpartei »mit besonderer Empörung […] die doppelzüngige Politik der Jugoslawen in internationalen Angelegenheiten aufgenommen« habe. Er nannte Triest, Kärnten und Albanien.117 Bemerkenswert erscheint zudem, dass sich ein sowjetischer Diplomat gegenüber der britischen Botschaft in Rom zu den Hintergründen des Bruchs Stalins mit Tito äußerte, indem er darauf verwies, dass »the real quarrel with Tito was on account of the latter’s insistence on running too independent a foreign policy«.118 Gestützt wird dies durch einen weiteren Hinweis. Im Juli 1949 wies Vladimir Semenov in einem Gespräch mit Wilhelm Pieck darauf hin, dass die Kärntenfrage einen Versuch Titos darstelle, separate Politik mit den Briten zu betreiben.119 Oder war dies nicht mehr als eine Warnung an die SED-Genossen, außenpolitisch keine selbstständigen Schritte zu machen und alle Fragen mit Moskau abzustimmen? Der Bruch zwischen Stalin und Tito ließ in der Folge die österreichischen Politiker hoffen, die Sowjetunion würde die österreichische Südgrenze nun endlich anerkennen und die Staatsvertragsverhandlungen nicht noch länger blockieren. Nachdem die Sonderbeauftragten für den österreichischen Staatsvertrag ihre Arbeit in London im Februar 1949 endlich wieder aufgenommen hatten, unterstützte die UdSSR die jugoslawischen Gebietsforderungen an Österreich tatsächlich nicht mehr. Damit war ein wichtiger Stein auf dem Weg zu einem Staatsvertrag aus dem Weg geräumt. Die Grenzen bleiben unverändert Nachdem sich die jugoslawischen Gebietsansprüche gegenüber Österreich stetig reduziert hatten,120 legte der stellvertretende jugoslawische Außenminister Aleš Bebler bei den Staatsvertragsverhandlungen im Februar 1949 ein Vier-Punkte-Programm vor. Die Gebietsforderungen wurden auf ein »Minimalprogramm« beschränkt (Draukraftwerke Schwabegg und Lavamünd), die bei Österreich verbleibenden Teile Kärntens sollten politische, wirtschaftliche und kulturelle Autonomie erhalten. Neben den weiteren Forderungen nach angemessenen Reparationen forderte die jugoslawische Seite nun erstmals eine Festschreibung der Minderheitenrechte der außerhalb der geforderten autonomen Zone lebenden südslawischen Minderheiten.121 Die USA lehnten Gebietsabtretungen, Autonomieregelungen und Reparationszahlungen ab, sicherten Jugoslawien aber die Aufnahme eines Kataloges von Minderheitenrechten in den Staatsvertrag zu: eine entsprechende Gesetzgebung auf dem Bildungssektor, die Anerkennung des Slowenischen als Amtssprache, das Recht auf Gründung slowenischer Vereine und Genossenschaften sowie die Sicherstellung bürgerlicher und politischer Rechte der Minderheiten.122 Auf der ab 23. Mai 1949 für einen Monat anberaumten Außenminister-Konferenz in Paris wurde in der letzten Woche schließlich auch über Österreich und den Staatsvertrag debattiert. Der längst für seine prowestliche Ausrichtung von Moskau angeprangerte Außenminister Gruber versuchte sich der Unterstützung seines sowjetischen Amtskollegen Vyšinskij zu vergewissern und erklärte ihm, dass viele Fragen nicht gelöst werden könnten, solange Gefahren für die Grenzen Österreichs drohten. Vyšinskij versicherte Gruber, dass die Grenzfrage nicht von der Sowjetunion, sondern von Jugoslawien gestellt worden sei, und antwortete diplomatisch: »Diese Forderungen fanden bei uns Unterstützung, weil sie ja die Rechte einer slawischen Minderheit betreffen.«123 Der Weg für den Abschluss des österreichischen Staatsvertrages schien geebnet.124 Die jugoslawische Regierung reagierte nur wenige Tage später offiziell und legte am 24. Juni 1949 im sowjetischen Außenministerium in Moskau energischen Protest ein.125 Außenminister Vyšinskij erklärte in einem Pravda-Interview, dass im Österreich-Vertrag auch die Rechte der Minderheiten in Kärnten, der Steiermark und im Burgenland gesichert würden. In Südkärnten kam es nach der Erklärung von Paris zu mehreren von der Osvobodilna Fronta organisierten örtlichen Protestaktionen.126 Sie blieben aber ohne nennenswerte Auswirkungen. Es bleibt die Frage, ob die Unterstützung der jugoslawischen Gebietsforderungen von Anfang an der geradezu ideale Vorwand für den Kreml war, den österreichischen Staatsvertrag nicht abschließen zu müssen, um auf Österreich nicht als Legitimationsmittel für die Truppenstationierung in Ungarn und Rumänien als wesentlichen Konsolidierungsfaktor des Ostblocks bzw. als mögliches Aufmarschgebiet gegen Jugoslawien verzichten zu müssen. Einerseits zeigen die internen Direktiven zwar, dass in der Grenzfrage keine Eskalation herbeigeführt werden sollte,127 andererseits empfahl der Kreml Belgrad noch Ende 1947, den territorialen Anspruch nicht zu reduzieren. Brachte vor allem die Außenpolitik Titos Stalin in Rage und hier besonders Titos Entgegenkommen gegenüber den Westmächten in der Kärntenfrage im Frühjahr 1948, als dieser erstmals die jugoslawischen Gebietsansprüche an Österreich reduzierte? Hätte Stalin Tito auf der zweiten Sitzung des Kominform im Juni 1948, wie in den Vorbereitungen in Erwägung gezogen, nicht wegen ideologischen Abweichlertums geächtet, sondern wegen seiner Außenpolitik, wäre das Haupthindernis, die Grenzfrage, in den Verhandlungen um den österreichischen Staatsvertrag bereits Mitte 1948 aus dem Weg geräumt gewesen. So aber blieb dem Kreml Zeit, die Unterstützung für die jugoslawischen Gebietsforderungen stufenweise und schließlich in Paris 1949 gänzlich fallen zu lassen. Es bleibt zu hoffen, dass weitere sowjetische Akten Aufschluss darüber geben werden, inwiefern der Verhandlungsprozess um Artikel 35 (Auslegung des Vertrages) und der Kompromiss beim Cherrière-Plan128 zur Regelung der Frage des »Deutschen Eigentums« in Österreich lediglich den Eindruck schaffen sollten, die UdSSR sei 1947 / 48 tatsächlich an einem Abschluss des österreichischen Staatsvertrages interessiert gewesen. Der diplomatische Kompromiss: Artikel 7 Die UdSSR blieb in der Folge bei ihrem langsamen Abgehen von der Unterstützung der jugoslawischen Gebietsansprüche. Der sowjetische Sonderbeauftragte Georgij Zarubin legte Ende Juli 1949 ein Memorandum vor, demzufolge »der Vertrag mit Österreich Bestimmungen für die Garantie der Rechte der slowenischen und kroatischen Minderheiten in Österreich enthalten« müsse. Die Westmächte hatten dagegen keine Einwände. In einer kurzen Diskussion meinte der britische Außenminister, dass ein Hinweis auf Österreichs Verpflichtung zum Schutz der Minderheitenrechte genügen würde. Der französische Vertreter schlug vor, die Bestimmungen im Hinblick auf den Minderheitenschutz in den Entwurf des Artikels 7, der sich zu diesem Zeitpunkt nur den Menschenrechten allgemein widmete, hineinzunehmen. Erstaunlicherweise stimmte dem der sowjetische Außenminister zu, denn Anfang Juli, knapp zwei Wochen nach dem Ende der Konferenz des Rates der Außenminister in Paris, legte der sowjetische Sonderbeauftragte bei der Konferenz der Sonderbeauftragten für den österreichischen Staatsvertrag in London (1. Juli bis 1. September 1949) einen eigenen Entwurf eines Minderheitenschutzartikels vor.129 Die Initiative war folglich von der Sowjetunion ausgegangen. Nach dem Tito-Stalin-Bruch musste Moskau nach einem Kompromiss suchen, wollte es diplomatisch nicht sein Gesicht verlieren. Obwohl der Kreml Belgrad nun nicht mehr unterstützte, konnte man früher selbst vorgebrachte sachliche Argumente nicht plötzlich als ungültig erscheinen lassen. Zusammenfassung Das Verhalten Belgrads in der Kärntner Frage dürfte ein Mitauslöser für den Bruch mit Tito gewesen sein. Auf der zweiten Konferenz des Kominform im Juni 1948 sollte Jugoslawien ursprünglich wegen seines zu eigenständigen politischen Kurses geächtet werden. An erster Stelle findet sich im Entwurf der Anklagerede Ždanovs die Kärntner Frage. Schlussendlich wurde Tito jedoch wegen ideologischen Abweichlertums gebrandmarkt. Aus welchen Gründen wollte Stalin Belgrad nicht offiziell aufgrund der jugoslawischen Außenpolitik anklagen? Die Gründe hierfür waren vermutlich eng mit der sowjetischen Österreich- bzw. Osteuropapolitik verbunden. Hätte Stalin Tito im Juni 1948 wegen seiner zu eigenständigen Außenpolitik geächtet, wäre bereits Mitte 1948 der Abschluss des österreichischen Staatsvertrages kaum mehr zu verhindern gewesen. Das Haupthindernis, die Grenzfrage, wäre aus dem Weg geräumt gewesen. So aber musste der Kreml nach Abbruch der Staatsvertragsverhandlungen Anfang Mai 1948 keinerlei Initiative übernehmen. Erst im Frühjahr 1949 kamen die Außenminister der vier Großmächte in Paris überein, den österreichischen Staatsvertrag nunmehr abschließen zu wollen. Der UdSSR war Zeit geblieben, langsam von ihrer starren Position abzurücken und die Unterstützung für Belgrad stufenweise zurückzunehmen. Um auf dem diplomatischen Parkett das Gesicht zu wahren, konnte die sowjetische Seite nach dem Bruch Titos mit Stalin nicht von heute auf morgen die Unterstützung für die jugoslawischen Gebietsforderungen fallen lassen, hatte sie doch immer wieder erklärt, dass sie vor allem deshalb bei der Sowjetunion auf offene Ohren gestoßen waren, weil sie die Rechte slawischer Völker betrafen.130 1 Anschluß 1938: Protokoll des Symposiums in Wien am 14. und 15. März 1978, Wissenschaftliche Kommission zur Erforschung der österreichischen Geschichte der Jahre 1918 bis 1938, Veröffentlichungen 7, Wien 1981. Die Sowjetunion protestierte nur gegenüber den Westmächten. Mexiko hatte als einziges Land offiziellen Protest vor dem Völkerbund eingelegt. Müller, Stefan A.: Die versäumte Freundschaft. Österreich-Mexiko 1901–1956. Von der Aufnahme der Beziehungen bis zu Mexikos Beitritt zum Staatsvertrag. Lateinamerikanistik, Bd. 3, Wien 2006. 2 So Stalin in einer Rede am 6. November 1941. Laufer, Jochen: Der Friedensvertrag mit Deutschland als Problem der sowjetischen Außenpolitik. Die Stalin-Note vom 10. März 1952 im Lichte neuer Quellen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 52 (2004), H. 1, S. 103 f. 3 Zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Österreich zuletzt Karner, Stefan / Duffek, Karl (Hrsg.): Widerstand in Österreich 1938–1945. Die Beiträge der Parlaments-Enquete 2005. Veröffentlichung des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Sonderband 7, Graz / Wien 2007. Luža, Radomír: Der Widerstand in Österreich 1938–1945, Wien 1985. Zu Widerstand und Verfolgung in den einzelnen österreichischen Bundesländern (ausgenommen Kärnten und die Steiermark) siehe: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in den österreichischen Bundesländern 1934–1945. Eine Dokumentationsreihe (bisher 6 Bde.), Wien 1975 u. a. 4 Narinskij, Michail M.: Sovetskaja vnešnjaja politika i Komintern 1939–1941 [Die sowjetische Außenpolitik und das Komintern 1939–1941], in: Čubarjan, Aleksandr O. (Hrsg.): Vojna i Politika 1939–1941 [Krieg und Politik 1939–1941], Moskau 1999, S. 38–49, hier S. 43. 5 Filitov, Aleksej: Sowjetische Planungen zur Wiedererrichtung Österreichs 1941–1945, in: Karner, Stefan / Stelzl-Marx, Barbara (Hrsg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955. Beiträge. Veröffentlichung des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Sonderband 4, Graz / Wien / München 2005, S. 27–37. 6 Beer, Siegfried: Die »Befreiungs- und Besatzungsmacht« Großbritannien in Österreich, 1945–1955, in: Rauchensteiner, Manfried / Kriechbaumer, Robert (Hrsg.): Die Gunst des Augenblicks. Neuere Forschungen zu Staatsvertrag und Neutralität, Wien / Köln / Weimar 2005, S. 23–74, hier S. 34. Günter Bischof wendet sich gegen die Überbewertung der Moskauer Deklaration als einer Art »Magna Charta« durch die Westalliierten in der Österreichfrage: Bischof, Günter: Austria in the First Cold War 1945–55, London / New York 1999, S. 20–29. Ähnlich Robert H. Keyserlingk, der der Meinung ist, die Moskauer Deklaration hätte in puncto Österreich v. a. der Propaganda gedient: Keyserlingk, Robert H.: Austria in World War II. An Anglo-American Dilemma, Kingston / Montreal 1988, hier S. 144–148. Zu den sowjetischen Vorbereitungen zur Außenministerkonferenz im Herbst 1943 und zum Bemühen, Österreich eine Mitverantwortungsklausel aufzuerlegen, siehe Stourzh, Gerald: Um Einheit und Freiheit. Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs 1945–1955, Wien / Köln / Graz 1998, S. 20–23. 7 Beer: Die »Befreiungs- und Besatzungsmacht« Großbritannien in Österreich (Anm. 6), S. 34. 8 Siehe dazu im Detail Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 18 f. 9 Filitov, Aleksej: Die sowjetischen Planungen zu Österreich 1941 bis 1945, in: Karner, Stefan / Stangler, Gottfried: Österreich ist frei. Der österreichische Staatsvertrag 1955. Beitragsband zur Ausstellung auf Schloss Schallaburg, Horn / Wien 2005, S. 5–8, hier S. 5. 10 Bischof: Austria in the First Cold War (Anm. 6), S. 43. 11 Wagnleitner, Reinhold: Großbritannien und die Wiedererrichtung der Republik Österreich, Phil.-Diss., Salzburg 1975, S. 50. 12 Bischof: Austria in the First Cold War (Anm. 6), S. 28. Die Briten sollen aus folgendem Grund die Teilnahme der USA an der Besatzung Österreichs begrüßt haben: »to bring the United States into that area«. Wagnleitner: Großbritannien und die Wiedererrichtung der Republik Österreich (Anm. 11), S. 51 f. 13 Auch eine Militärpräsenz in Westungarn war demnach Anfang Februar 1944 nicht in Erwägung gezogen worden. Filitov: Die sowjetischen Planungen zu Österreich (Anm. 9), S. 5 f. 14 Laufer, Jochen: Die UdSSR und die Zoneneinteilung Deutschlands (1943 / 44), in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43 (1995), S. 329 f. 15 Pfaff, Ivan: Die Legende von Jalta, in: Lobkowicz, Nikolaus / Luks, Leonid / O’Sullivan, Donal / Rybakov, Alexei (Hrsg.): Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 2004, H. 2, S. 53–112. 16 Filitov: Sowjetische Planungen zur Wiedererrichtung Österreichs (Anm. 5), S. 27–37; ders.: Die sowjetischen Planungen zu Österreich (Anm. 9), S. 5–8. Wolfgang Mueller meint, die »Angabe Filitovs, dass die Haltung der sowjetischen Führung zum Nachkriegsstatus Österreichs ›bereits im frühesten Stadium des Zweiten Weltkrieges [...] definiert‹ worden sei, [wäre] zu relativieren«, bringt selbst jedoch kaum stichhaltige Argumente vor. Die späte Gründung der österreichischen »Antifa« (ABÖK, Antifaschistisches Büro österreichischer Kriegsgefangener) kann jedenfalls nicht als Gegenargument zu Filitov gelten. Mueller, Wolfgang: Die sowjetische Besatzung in Österreich 1945–1955 und ihre politische Mission, Wien / Köln / Weimar 2005, hier S. 19. Zur Gesamtproblematik der österreichischen Antifa siehe Karner, Stefan: Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941–1956, Kriegsfolgen-Forschung, Bd. 1, Wien / München 1995, S. 94–104; McLoughlin, Barry / Schafranek, Hans / Szevera Walter: Aufbruch. Hoffnung. Endstation. Österreicherinnen und Österreicher in der Sowjetunion 1925–1945 [Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 64], Wien 1997, hier S. 596–604; zuletzt Morré, Jörg: Umerziehung in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft. Deutsche und Österreicher in der »Antifa«, in: Bischof, Günter / Karner, Stefan / Stelzl-Marx, Barbara (Hrsg.): Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges. Gefangennahme – Lagerleben – Rückkehr, Kriegsfolgen-Forschung, Bd. 4, Wien / München 2005, S. 152–166, hier: S. 162–164. 17 Niederschrift des Gesprächs Stalins und Molotovs mit Eden, 16.12.1941, in: Archiv Vnešnej Politiki Rossijskoj Federacii / Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation (im Folgenden: AVP RF), f. 048, op. 48, p. 431, d. 10, Bl. 34–50. Abgedruckt in: Kynin, Georgij P. / Laufer, Jochen (Hrsg.): SSSR i germanskij vopros, T. 1: 22 ijunija 1941 g. – 8 maja 1945 [Die UdSSR und die Deutsche Frage, Bd. 1: 22. Juni 1941 bis 8. Mai 1945], Moskau 1996, S. 125. 18 Rauchensteiner, Manfried: Der Sonderfall. Die Besatzungszeit in Österreich 1945 bis 1955, 2. Aufl., Wien 1995, S. 41. Eden übergab Molotov am 10. Februar 1945 eine kurze Denkschrift zur österreichisch-jugoslawischen Grenze. Molotov gab Eden zu verstehen, man könne diese Frage in der EAC stellen. Siehe Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR (Hrsg.): Die Sowjetunion auf internationalen Konferenzen während des Großen Vaterländischen Krieges 1941 bis 1945, Bd. 4. Die Krim(Jalta)konferenz der höchsten Repräsentanten der drei alliierten Mächte – UdSSR, USA und Großbritannien (4.–11. Februar 1945). Dokumentensammlung, Moskau / Berlin 1986, S. 162, 167 f., 202. 19 Aichinger, Wilfried: Sowjetische Österreichpolitik 1943–1945. Materialien zur Zeitgeschichte, Bd. 1, Wien 1977, S. 99–102. Aichinger zog den Schluss, man hätte sich in dieser Phase zumindest über die Vorkriegsgrenzen geeinigt. Die Einigung auf die Verwendung der Landesgrenzen anstelle der Gaugrenzen als Zonengrenzen kam jedoch nicht einer Einigung auf die Staatsgrenzen gleich. Ebenda, S. 100. 20 Kerr an Molotov, Moskau, 26. 3. 1945 u. 12. 4. 1945, in: AVP RF, f. 066, op. 25, p. 118a, d. 1, Bl. 1–3. Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR: Die Sowjetunion auf internationalen Konferenzen (Anm. 18), S. 212; Stanley, Guy David Douglas: Great Britain and the Austrian Question 1938–1945, London 1973, S. 258. 21 Gibianskij, Leonid Ja.: Stalin i triestskoe protivostojanie 1945g.: za kulisami pervogo meždunarodnogo krizisa cholodnoj vojny [Stalin und die Triest-Konfrontation 1945: hinter den Kulissen der ersten internationalen Krise des Kalten Krieges], in: Čubar’jan, Aleksandr O. (Hrsg.): Stalin i cholodnaja vojna [Stalin und der Kalte Krieg], Moskau 1998, S. 44–62, hier S. 45–47. 22 Dimitrov an Molotov, 21. 2. 1945, Litvinov an Molotov, 1. 3. 1945, Dimitrov an Molotov, 6. 3. 1945, in: Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Social’no-Političeskoj Istorii / Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 82, op. 2, d. 1232, Bl. 1–3. 23 Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 45–47. Die Rückkehr zu den Verhältnissen von »1938« wurde schließlich in Proklamationen an die österreichische Bevölkerung von der sowjetischen Besatzungsmacht kundgetan. Dass darin der Status quo von 1938 angesprochen wurde, lässt darauf schließen, dass wohl auch die Grenzen und die Größe Österreichs ins Auge gefasst wurden. Eine Restauration des Ständestaates lag freilich nie im Interesse des Kreml. Siehe Rauchensteiner, Manfried: Nachkriegsösterreich 1945, in: Österreichische Militärische Zeitschrift 6 (1972), S. 407–421, hier: S. 413. 24 Suppan, Arnold: Die Kärntner Frage in den österreichisch-jugoslawischen Beziehungen 1945–1955, in: Inzko, Valentin / Waldstein, Ernst (Hrsg.): Das gemeinsame Kärnten. Skupna Koroška. Dokumentation des deutsch-slowenischen Koordinationsausschusses der Diözese Gurk, Bd. 11, Klagenfurt 1985, S. 187–235, hier S. 191. 25 Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 56. 26 Wagnleitner: Großbritannien und die Wiedererrichtung der Republik Österreich (Anm. 11), S. 325 f. 27 Subok, Wladislaw / Pleschakow, Konstantin: Der Kreml im Kalten Krieg. Von 1945 bis zur Kubakrise, Hildesheim 1997, S. 184. 28 Gibianskij, Leonid: Triestskij vopros v konce Vtoroj Mirovoj vojny (1944–1945) [Die Triest-Frage am Ende des Zweiten Weltkrieges], in: Slavovedenie 3 (2001), S. 17 f.; ders.: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 45 f. Eine sehr weitreichende Interpretation der Aussagen Stalins in Bezug auf die jugoslawischen Gebietsforderungen findet sich bei O’Sullivan, Donal: Stalins »Cordon sanitaire«. Die sowjetische Osteuropapolitik und die Reaktionen des Westens 1939–1949, Paderborn 2003, S. 277–279. 29 Gibianskij, Leonid: Poslednij vizit J. Broz Tito k I. V. Stalinu [Der letzte Besuch J. Broz Titos bei I.V. Stalin], in: Istoričeskij Archiv [Historisches Archiv], S. 16–35, hier S. 23, 26. Ob beim letzten Besuch Titos in Moskau auch über die Grenze zu Österreich debattiert wurde, bleibt unklar. Zumindest dürfte diese Frage nicht von immenser Bedeutung gewesen sein, sonst wäre sie wohl aktenkundig geworden. 30 Zu den Mutmaßungen über den Wahrheitsgehalt der jugoslawischen Propaganda nach dem Stalin-Tito-Bruch siehe Knight, Robert: Die Kärntner Grenzfrage und der Kalte Krieg, in: Carinthia I, 175 (1985), S. 323–340, hier S. 327. 31 Filitov: Die sowjetischen Planungen zu Österreich (Anm. 9), S. 7 f. 32 Subok / Pleschakow: Der Kreml im Kalten Krieg (Anm. 27). Zu den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen im Zweiten Weltkrieg zuletzt Pečatnov, Vladimir O.: SSSR i SŠA v 1939–1945 godach. Novye dokumenty [Die UdSSR und die USA in den Jahren 1939–1945. Neue Dokumente], in: Novaja i novejšaja istorija [Neue und Zeitgeschichte] 5 (2005), S. 156–162. Pečatnov meint, dass die jüngst freigegebenen Dokumente des sowjetischen Außenministeriums eher jenen Historikern Recht geben, die den Standpunkt vertraten, dass die Hauptinitiative zum Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den USA und der UdSSR zu Kriegsende nicht von Moskau ausgegangen war. 33 Siehe dazu Aichinger: Sowjetische Österreichpolitik (Anm. 19), S. 101–103. 34 A. Smirnov u. a. an A. Vyšinskij, 29. 3. 1945, in: AVP RF, f. 07, op. 10, p. 159, d. 13, Bl. 1–3. 35 Ebenda. 36 Aichinger: Sowjetische Österreichpolitik (Anm. 19), S. 102. 37 Stanley: Great Britain and the Austrian Question (Anm. 20), S. 281; Suppan: Die Kärntner Frage (Anm. 24), S. 191. 38 Über den Inhalt der Gespräche mit der jugoslawischen Führung ist bis heute noch nicht viel mehr bekannt als durch die Veröffentlichungen von Milovan Đjilas bzw. durch die Reden Titos vor den jugoslawischen Kommunisten nach seiner Rückkehr. Siehe dazu Gibianskij: Triestskij vopros (Anm. 28). 39 Niederschrift des Gesprächs Molotovs mit Šubašić, 6. 4. 1945, in: Ministerstvo inostrannych del Rossijskoj Federacii, Ministerstvo inostrannych del Sojuznoj Respubliki Jugoslavii [Außenministerium der Russischen Föderation, Außenministerium der Bundesrepublik Jugoslawien (im Folgenden: MID RF, MID SRJu)] (Hrsg.): Otnošenija Rossii (SSSR) s Jugoslaviej 1941–1945gg. Dokumenty i materialy [Die Beziehungen Russlands (der UdSSR) zu Jugoslawien 1941–1945. Dokumente und Materialien], Moskau 1998, S. 427–430. 40 Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 47. 41 Pons, Silvio: Sumerki Kominforma [Die Dämmerung des Kominform], in: Adibekov, Grant M. (Hrsg.): Soveščanija Kominforma. 1947, 1948, 1949. Dokumenty i materialy [Dokumente und Materialien], Moskau 1998, S. 374–398, hier S. 377. Leonid Gibianskij vertritt ebenso die Meinung, dass Stalin wegen Triest »keinen Dritten Weltkrieg« riskieren wollte. Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 56. Gibianskij wirft ferner die Frage auf, ob der Artikel in der »Krasnaja zvezda« nicht zum Zweck diente, Reaktionen der amerikanischen, britischen und eventuell italienischen Regierung zu bewirken und diese zu sondieren. Gibianskij: Triestskij vopros (Anm. 28), S. 23. 42 Kerr an Molotov, 12. 4. 1945, in: AVP RF, f. 066, op. 25, p. 118a, d. 1, Bl. 3. 43 Zum Ringen um den Einzug der Westalliierten in Wien siehe Rauchensteiner: Der Sonderfall (Anm. 18), S. 103–105. 44 Am 4. April 1945 entschied sich Stalin für Renner. Am 8. April 1945 verließ die KPÖ-Spitze Moskau Richtung Wien. Vor dem Abflug wurden die österreichischen Kommunisten noch instruiert, jedoch nicht über Renner informiert. In Wien angekommen, wurden die KPÖ-Führer vor vollendete Tatsachen gestellt. Über die Entscheidung Stalins für Renner zeigten sie sich sehr überrascht. Karner, Stefan / Ruggenthaler, Peter: Unter sowjetischer Kontrolle: Zur Regierungsbildung in Österreich 1945, in: Karner / Stelzl-Marx: Die Rote Armee in Österreich (Anm. 5), S. 109 f. Wolfgang Mueller hingegen meint, in Unkenntnis der Aktenlage, eine Rückstufung der österreichischen Kommunisten sei aktenmäßig nicht belegt. Siehe dazu Mueller: Die sowjetische Besatzung in Österreich (Anm. 16), S. 81 bzw. Karner, Stefan: Zu den Anfängen der sowjetischen Besatzung in Österreich 1945 / 46, in: Rauchensteiner / Kriechbaumer: Die Gunst des Augenblicks (Anm. 6), S. 142 f. 45 Siehe dazu im Detail Karner, Steffen / Ruggenthaler, Peter: Unter sowjetischer Kontrolle: Zur Regierungsbildung in Österreich 1945, in: Karner / Stelzel-Marx: Die Rote Armee in Österreich (Anm. 5), S. 97–140. Zur Errichtung provisorischer Regierungen unter pseudodemokratischen Rahmenbedingungen in den von der Roten Armee besetzten Ländern siehe v. a. Gibianskij, Leonid: Osteuropa: Sicherheitszone der UdSSR, sowjetisiertes Protektorat des Kreml oder Sozialismus »ohne Diktatur des Proletariats«? Zu den Diskussionen über Stalins Osteuropa-Politik am Ende des Zweiten Weltkrieges und am Anfang des Kalten Krieges: Frage der Quellen und ihrer adäquaten Interpretation, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 2 (2004), S. 113–137, hier S. 126. 46 MID RF, MID SRJu: Otnošenija Rossii (SSSR) s Jugoslaviej (Anm. 39), S. 442. 47 Ebenda, S. 443 f. Gibianskij wertet die Befürwortung der Teilnahme der Jugoslawen an der Besatzung Österreichs als sowjetische Unterstützung der jugoslawischen Gebietsforderungen an Österreich. Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 47. 48 MID RF, MID SRJu: Otnošenija Rossii (SSSR) s Jugoslaviej (Anm. 39), S. 442. Telegramm an das Kommando der 3. Ukrainischen Front, 20. April 1945. 49 Darauf hat Günter Bischof in seinen einschlägigen Publikationen u. E. stets zu Recht hingewiesen. Siehe Bischof: Austria in the First Cold War (Anm. 6), S. 30–51; Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 44 f. Gibianskij verweist an dieser Stelle nicht explizit auf Kärnten, berücksichtigt jedoch in seinen Ausführungen die Gebietsforderungen Jugoslawiens an Kärnten. Felix Schneider charakterisiert die Ereignisse in Kärnten 1945 als Vorboten des Kalten Krieges. Siehe Schneider, Felix: »Freeborn« und »Coldstream« – Vorboten des Kalten Krieges in Österreich und Venezia Giulia 1945, in: Karner, Stefan / Reiter, Erich / Schöpfer, Gerald (Hrsg.): Kalter Krieg. Beiträge zur Ost-West-Konfrontation 1945 bis 1990. Unserer Zeit Geschichte, Bd. 5, Graz 2002, S. 115–129. 50 Wadl, Wilhelm: Das Jahr 1945 in Kärnten. Ein Überblick, Klagenfurt 1985, S. 29–44. Rauchensteiner, Manfred: Der Krieg in Österreich 1945, Wien 1995, S. 355–361. 51 Schneider, Felix: Operation »Freeborn«. Okkupation und Kontrolle insbesondere Österreichs durch die britische 8. Armee, Planung und Operationsphase 1943–1945, Phil.-Diss., Graz 1997, S. 164. 52 Ebenda, S. 33. Portisch, Hugo: Österreich II. Die Geschichte Österreichs vom 2. Weltkrieg bis zum Staatsvertrag, Bd. 1: Am Anfang war das Ende, München 1993, S. 363–386. 53 Mitteilungen des bulgarischen militärischen Aufklärungsdienstes, 12. 5. 1945, in: Centralen Voenen Archiv / Zentrales Militärarchiv (der Republik Bulgarien, im Folgenden: CVA), f. 3, op. 9, a e 24, Bl. 76. Walzl, August: Kärnten 1945. Vom NS-Regime zur Besatzungsherrschaft im Alpen-Adria-Raum, Klagenfurt 1995, S. 192 f. 54 Am 10. Mai »befahl der Stab der 3. Ukrainischen Front der [bulgarischen] Armee den Vormarsch nördlich der Drau in Hauptstoßrichtung Klagenfurt fortzusetzen, um die linke Flanke der Front abzusichern und dem Gegner nördlich der Drau kein Überqueren zu ermöglichen.« Tagesbericht der 1. Bulgarischen Armee, 10. 5. 1945, in: CVA, f. 49, op. 2, a e 2, Bl. 192. 55 Die Briten hielten den Befehl Tolbuchins an die bulgarische Armee anscheinend für ein Missverständnis. Siehe Schneider: »Freeborn« und »Coldstream« (Anm. 49), S. 116 u. 127. 56 »In den letzten 24 Stunden entwickelten sich die Dinge wie folgt: […] so rasch wie möglich österreichisches Territorium zu erreichen.« Tagesbericht der 1. Bulgarischen Armee vom 11. 5. 1945, in: CVA, f. 49, op. 2, a e 2, Bl. 194. Mit den Bulgaren sollen auch vereinzelt sowjetische Soldaten nach Kärnten gelangt sein. Wadl: Das Jahr 1945 in Kärnten (Anm. 50), S. 36. 57 Ruggenthaler, Peter: Ettendorf im Lavanttal. Eine kleine Kärntner Landgemeinde zur Zeit des Nationalsozialismus: gesellschaftspolitische Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur 1938–1945, in: Knoll, Harald / Ruggenthaler, Peter / Stelzl-Marx, Barbara (Hrsg.): Konflikte und Kriege im 20. Jahrhundert. Aspekte ihrer Folgen, Veröffentlichung des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Sonderband 3, Graz / Wien / Klagenfurt 2002, S. 237–262, hier S. 259 f. 58 Auf Befehl des Oberkommandierenden der 3. Ukrainischen Front, Tolbuchin, mussten die Bulgaren am 11. Mai 1945 abends Maribor den Jugoslawen übergeben. Der Verlauf der Mur bis Mureck galt in der Folge als Demarkationslinie zwischen der 1. bulgarischen und der 3. jugoslawischen Armee. Weitergabe des Befehls Tolbuchins an Tito durch Generaloberst S. P. Ivanov an Tito v. 11. 5. 1945 abgedruckt in: MID RF, MID SRJu: Otnošenija Rossii (SSSR) s Jugoslaviej (Anm. 39), S. 451 f. 59 Stieber, Gabriela: Die Briten als Besatzungsmacht in Kärnten 1945–1955, Klagenfurt 2005, S. 53. 60 Tagesmeldungen der 1. Bulgarischen Armee, 18.–23. 5. 1945, in: CVA, f. 49, op. 2, a e 2, Bl. 202–204. 61 Dies wies Tito bereits nach seinem Bruch mit Stalin 1948 zurück. Demnach hätte Moskau den Jugoslawen nicht einmal moralische Unterstützung gegeben. Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 48. 62 Ebenda, S. 49. 63 Stanley: Great Britain and the Austrian Question (Anm. 20), S. 284. 64 Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 49 f. 65 Rauchensteiner: Der Sonderfall (Anm. 18), v. a. S. 103–105. 66 Wadl: Das Jahr 1945 in Kärnten (Anm. 50), S. 42. Suppan, Arnold: Kärnten und Slowenien: Die Geschichte einer schwierigen Nachbarschaft im 20. Jahrhundert, in: Karner, Stefan / Stergar, Janez (Hrsg.): Kärnten und Slowenien – »Dickicht und Pfade«. [Kärnten und die nationale Frage, Bd. 5], Klagenfurt 2005, S. 9–69, hier S. 47. 67 Zur Thematik siehe Karner, Stefan: Die deutschsprachige Volksgruppe in Slowenien. Aspekte ihrer Entwicklung 1939–1997, Klagenfurt / Ljubljana / Wien 1998, S. 123 sowie zuletzt Stieber: Die Briten als Besatzungsmacht in Kärnten (Anm. 59), S. 57–59. Stieber verwendet erstmals einschlägige britische Dokumente über die Auslieferungen der Briten an Tito. Bis Ende Mai sollen demnach ca. 26 000 Personen ausgeliefert worden sein. Die Briten lieferten zudem ca. 10 000 slowenische Heimwehrsoldaten aus. 68 MID RF, MID SRJu: Otnošenija Rossii (SSSR) s Jugoslaviej (Anm. 39), S. 455. Direktive der Stavka an den Oberkommandierenden der 3. Ukrainischen Front v. 15. 5. 1945. 69 Bischof: Austria in the First Cold War (Anm. 6), S. 48. 70 Gibianskij, Leonid: The Trieste Issue and the Soviet Union in the 1940s, in: Pirjevec, Jože / Bajc, Gorazd / Klabjan, Borut (Hrsg.): Vojna in mir na Primorskem. Od kapitulacije Italije leta 1943 do Londonskega Memoranduma leta 1954 [Krieg und Frieden in Primorje. Von der Kapitulation Italiens im Sommer 1943 bis zum Londoner Memorandum 1954], Koper 2005, S. 357–390, hier S. 378. 71 Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 56. Bis heute liegt allerdings noch keine dokumentarische Grundlage vor, die die Existenz dieses Telegramms beweist. Wir danken an dieser Stelle Leonid Gibianskij, Moskau, für diesen Hinweis. 72 Karner: Im Archipel GUPVI (Anm. 16), v. a. S. 20–24. 73 Gibianskij: Stalin i triestskoe protivostojanie (Anm. 21), S. 56–58. 74 Bischof: Austria in the First Cold War (Anm. 6), S. 20–29. Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 18. 75 Schreiben Renners an Stalin, 6.2.1946, S. 25–31, Memorandum »Österreich, Europa und Deutschsüdtirol«, S. 32, Anweisung Molotovs an Konev, im Auftrag Stalins ein Schreiben an Renner zu richten und mitzuteilen, »dass die Frage über Südtirol Gegenstand der Erörterung im Außenministerrat [in Paris] im Zusammenhang mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Italien sein wird.«, in: AVP RF, f. 06, op. 8, p. 22, d. 305, Bl. 23 f. 76 Generell zur Thematik Bischof: Austria in the First Cold War (Anm. 6) und Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6). Zur sowjetischen Position siehe Karner, Stefan / Ruggenthaler, Peter: Stalin und Österreich. Sowjetische Österreich-Politik 1938 bis 1953, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2005, Berlin 2005, S. 102–140. 77 Mueller, Wolfgang: Anstelle des Staatsvertrages: Die UdSSR und das Zweite Kontrollabkommen 1946, S. 314. 78 Ruggenthaler, Peter: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde: Sowjetische Österreich-Politik 1945 bis 1953 / 55, in: Karner / Stelzl-Marx: Die Rote Armee in Österreich (Anm. 5), S. 649–726. 79 Niederschrift des Gesprächs zwischen Molotov und Rákosi, 29. 4. 1947, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1151, Bl. 71–93, hier Bl. 75. Die Unterredung wird erwähnt bei Subok / Pleschakow: Der Kreml im Kalten Krieg (Anm. 27), S. 149. 80 Bischof, Günter: Die Amerikaner als Besatzungsmacht in Österreich, 1945–1955, in: Rauchensteiner / Kriechbaumer: Die Gunst des Augenblicks (Anm. 6), S. 75–111, hier S. 87–89. 81 Cronin, Audrey Kurth: Eine verpasste Chance? Die Großmächte und die Verhandlungen über den Staatsvertrag im Jahre 1949, in: Bischof, Günter / Leidenfrost, Josef (Hrsg.): Die bevormundete Nation, Innsbruck 1988, S. 355 f. 82 Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 151, 154 f. 83 Ausführlicher Ruggenthaler: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde (Anm. 78), S. 674–686. 84 Erstmals publiziert in der »Izvestija« am 11. Juni 1993; in englischer Sprache: Stalin’s Plan to Assassinate Tito, in: Woodrow Wilson International Center for Scholars (Hrsg.): Cold War International History Project (CWIHP), Bulletin 10, Washington 1998, S. 137. 85 Gruber berichtete diesbezüglich nach Wien, dass die jugoslawischen Gebietsforderungen »offenbar kein erstrangiges Interesse« auf sowjetischer Seite hervorriefen. Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 84; Entwurf von Direktiven zu Österreich betreffenden Fragen, Molotov an Stalin, Moskau, 27. 3. 1947, in: AVP RF, f. 06, op. 9, p. 29, d. 402, Bl. 2. 86 Zur Entstehungsgeschichte des Artikels 7 auf der Basis österreichischer und westlicher Dokumente siehe die präzise Darstellung bei Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 136. 87 So generell die Einschätzung Londons. Zur Haltung der Westmächte siehe Knight: Die Kärntner Grenzfrage und der Kalte Krieg (Anm. 30), S. 331. Zur wirtschaftlichen Bedeutung der jugoslawischen Gebietsforderungen für die österreichische Volkswirtschaft nach dem Krieg siehe Karner, Stefan: Kärntens Wirtschaft 1938–1945. Unter besonderer Berücksichtigung der Rüstungsindustrie. Wissenschaftliche Veröffentlichung d. Landeshauptstadt Klagenfurt, Bd. 2, Klagenfurt 1976, S. 112–119. 88 Subok / Pleschakow: Der Kreml im Kalten Krieg (Anm. 27), S. 195. 89 Pons: Sumerki Kominforma (Anm. 41), S. 375, 380. 90 Adibekov, Grant M.: Das Kominform und Stalins Neuordnung Europas, Frankfurt 2002, S. 149. 91 Pons: Sumerki Kominforma (Anm. 41), S. 375. 92 Subok / Pleschakow: Der Kreml im Kalten Krieg (Anm. 27), S. 196 f. 93 Pons: Sumerki Kominforma (Anm. 41), S. 380 f.; Adibekov: Das Kominform und Stalins Neuordnung Europas (Anm. 90), S. 150. Zum griechischen Bürgerkrieg und Stalins Verhalten siehe Subok / Pleschakow: Der Kreml im Kalten Krieg (Anm. 27), S. 76, 184. 94 Pons: Sumerki Kominforma (Anm. 41), S. 381 f. 95 Die Unterredung Ždanovs mit der KPÖ-Führung analysierte erstmals Silvio Pons: The Twilight of the Cominform, in: Procacci, Giulano / Adibekov, Grant M. / Di Biagio, Anna / Gibianskii, Leonid / Gori, Francesca / Pons, Silvio (Hrsg.): The Cominform. Minutes of the Three Conferences 1947 / 1948 / 1949, Mailand 1994, S. 483–503, hier S. 489 f. bzw. überarbeitet in der russischen Ausgabe des zuletzt zitierten Werkes: Pons: Sumerki Kominforma (Anm. 41), S. 382. Dieser wichtigste Quellenbeleg in der Frage der Haltung der UdSSR zu der immer wieder kolportierten Teilung Österreichs fand jedoch bis vor Kurzem keinen Eingang in die österreichische Historiographie. Zur Bedeutung der Unterredung für die sowjetische Österreich-Politik siehe ausführlicher Ruggenthaler: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde (Anm. 78), S. 669–673; Mueller, Wolfgang: Die Teilung Österreichs als politische Option für KPÖ und UdSSR 1948, in: Zeitgeschichte 32 (2005), H. 1, S. 47–54. 96 Mueller: Die sowjetische Besatzung in Österreich (Anm. 16), S. 194. 97 Gibianskij, Leonid: Kominform v dejstvii. 1947–1948gg. Po archivnym dokumentam [Das Kominform in Aktion. 1947–1948. Nach Archivdokumenten], in: Novaja i novejšaja istorija 1 [Neue und Zeitgeschichte] (1996), S. 149–170; ebd., 2 (1996), S. 157–172, hier S. 164. 98 Ruggenthaler: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde (Anm. 78), S. 672. 99 Niederschrift des Gesprächs Ždanovs mit der KPÖ-Führung, 13. 2. 1948, in: RGASPI, f. 77, op. 3, d. 100, Bl. 9–16. 100 Pons: Sumerki Kominforma (Anm. 41), S. 382. Auch Manfred Mugrauer interpretiert die Moskau-Reise der KPÖ-Führer »möglicherweise weniger vor dem Hintergrund der notwendigen Klärung Österreich-politischer Fragen, sondern im Zusammenhang mit dem sich abzeichnenden sowjetisch-jugoslawischen Konflikt«. Mugrauer, Manfred: »Teilungspläne« und »Putschabsichten«. Die KPÖ im Gedankenjahr 2005, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 4 (2005), S. 8–15, hier S. 12. 101 Suppan, Arnold / Burz, Ulfried: »Fremdes wollen wir nicht, Eigenes geben wir nicht!« Jugoslawiens Ansprüche auf Kärnten und Triest 1945–1955, in: Karner / Stangler: »Österreich ist frei!« (Anm. 9), S. 278. 102 Die diesbezügliche Konsultation des sowjetischen Botschafters mit der jugoslawischen Regierung wurde von den Jugoslawen nach dem Bruch mit Stalin im August 1949 veröffentlicht. Am 11. August 1949 wurde diese sowjetische Note in der »New York Times« publiziert. Knight: Die Kärntner Grenzfrage und der Kalte Krieg (Anm. 30), S. 332. Dies geschah wohl, um dem Westen zu verdeutlichen, Stalin habe die Jugoslawen zu einer starren Haltung in der Kärntner Frage gedrängt. Tatsächlich signalisierten sie den Briten bereits Mitte 1947 Gesprächsbereitschaft. 103 Ebenda. 104 Knight: Die Kärntner Grenzfrage und der Kalte Krieg (Anm. 30), S. 328; Suppan: Kärnten und Slowenien (Anm. 66), S. 44. 105 Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 82 f., 147; Karner: Kärntens Wirtschaft 1938–1945 (Anm. 87), S. 112–119. 106 Bericht Smirnovs »über die Positionierung der sowjetischen Delegation zur Konferenz der Stellvertreter zum österreichischen Vertrag«, an Vyšinskij, Moskau, [nach dem 6. Mai 1948], in: AVP RF, f. 066, op. 29, p. 136, d. 10, Bl. 40–42. Aus dem Bericht gehen die am 3. Mai 1948 an die sowjetische Delegation übermittelten Anweisungen hervor. 107 Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 136 f. 108 Bericht Smirnovs (Anm. 106). 109 Bischof: Die Amerikaner als Besatzungsmacht in Österreich (Anm. 80), S. 88 f. 110 Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 138 f. 111 Ruggenthaler: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde (Anm. 78), S. 670–673. Mueller: Die sowjetische Besatzung in Österreich (Anm. 16). 112 Ruggenthaler: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde (Anm. 78), S. 680. 113 Bericht Smirnovs (Anm. 106). 114 Ebenda. 115 Pons: Sumerki Kominforma (Anm. 41), S. 390. Nachdem die Jugoslawen im Vorfeld der Konferenz die Einladung bereits ausgeschlagen hatten, lehnten sie auch die zu Beginn der Konferenz wieder ausgesprochene »Einladung« erneut ab. Adibekov: Das Kominform und Stalins Neuordnung Europas (Anm. 90), S. 160. 116 Pons: Sumerki Kominforma (Anm. 41), S. 427. 117 Adibekov: Das Kominform und Stalins Neuordnung Europas (Anm. 90), S. 175. 118 Zit. n. Stourzh, Gerald: Der österreichische Staatsvertrag in den weltpolitischen Entscheidungsprozessen des Jahres 1955, in: Suppan, Arnold / Stourzh, Gerald / Mueller, Wolfgang (Hrsg.): Der österreichische Staatsvertrag 1955. Internationale Strategie, rechtliche Relevanz, nationale Identität. The Austrian Treaty 1955. International Strategy, Legal Relevance, National Identity [= Archiv für österreichische Geschichte, Bd. 140], Wien 2005, S. 966–995, hier S. 969. 119 Pieck notierte sich: »Kärnten – Versuch mit Tito separat mit Engl.« Badstübner, Rolf / Loth, Wilfried (Hrsg.): Wilhelm Pieck – Aufzeichnungen zur Deutschlandpolitik 1945–1953, Berlin 1994, S. 288. 120 Bericht Kiselëvs über den Verhandlungsverlauf zum österreichischen Staatsvertrag v. 3. 2. – 8. 4. 1949 an Vyšinskij, in: AVP RF, f. 066, op. 30, p. 141, d. 12, Bl. 14. Bei den Verhandlungen über den österreichischen Staatsvertrag durch die Stellvertreter der Außenminister vom 9. Februar bis zum 8. April 1949 in London widmeten sich 23 der insgesamt 42 Sitzungen ausschließlich den jugoslawischen Gebiets- und Reparationsforderungen. 121 Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 135 f., S. 147. Jugoslawien verzichtete im April 1948 auf das untere Gailtal und einige weitere Gemeinden. 122 Bericht der sowjetischen Delegation über das Ergebnis der Verhandlungen zum österreichischen Staatsvertrag vom 9. 2. bis 8. 4. 1949 in London, in: AVP RF, f. 066, op. 30, p. 141, d. 12, Bl. 13–15. Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 147 f. 123 Gesprächsnotiz aus dem Tagebuch Vyšinskijs, 9.6.1949, in: AVP RF, f. 066, op. 30, p. 140, d. 4, Bl. 11–15. 124 Ruggenthaler: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde (Anm. 78), S. 674 f. 125 Protestnote Jugoslawiens v. 24.6.1949, in: AVP RF, f. 66, op. 30, p. 143, d. 30, Bl. 30–32. 126 Suppan: Die Kärntner Frage (Anm. 24), S. 220. 127 Karner, Stefan / Ruggenthaler, Peter: »Eine weitere Unterstützung der jugoslawischen Gebietsforderungen bringt uns in eine unvorteilhafte Lage«. Der Artikel 7 des Österreichischen Staatsvertrags als diplomatischer Kompromiss mit Österreich und den Westmächten, in: Karner, Stefan / Moritsch, Andreas (Hrsg.): Aussiedlung – Verschleppung – nationaler Kampf. Kärnten und die nationale Frage, Bd. 1, Klagenfurt 2005, S. 99–118, hier S. 99. 128 Zum Verhandlungsprozess siehe Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 113–121; Bischof: Austria in the First Cold War (Anm. 6), S. 104–123. 129 Stourzh: Um Einheit und Freiheit (Anm. 6), S. 155 f. 130 Die Forschungen zum Beitrag wurden am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz / Wien / Klagenfurt (www.bik.ac.at), Geschichte-Cluster, auf der Basis des vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur der Republik Österreich geförderten Projektes »Die Rote Armee in Österreich 1945–1955« durchgeführt.

JHK 2008

Der Kreml und die Machtkämpfe in der SED-Führung 1953–1958

Gerhard Wettig

Hintergrund und Fragestellung Als die politische Opposition in den Volksdemokratien und in der SBZ ausgeschaltet war, ging die Verfolgung weiter. Sie richtete sich nunmehr gegen kommunistische Funktionäre. Während die unteren, teils auch mittleren Ränge von für unzuverlässig erachtetem Personal gesäubert wurden, sahen sich höhere Kader, vor allem oberste Führungsmitglieder, massiven Anklagen ausgesetzt. Stalin bestimmte in allen diesen Fällen Anschuldigung, Vorgehen und Urteil.1 Die Informationen, auf die er sich stützte, kamen aus dem Zentralen Parteiapparat in Moskau und/oder gingen auf Denunziationen auswärtiger Spitzenfunktionäre zurück, die sich ihrer Rivalen entledigen wollten. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 und weiteren Entwicklungen wie dem 17. Juni wurden die vorbereiteten Säuberungen und Schauprozesse abgeblasen. Die internen Machtkämpfe in Mittel- und Osteuropa waren damit nicht zu Ende. Ihr Ausgang hing weiter vom Kreml ab, für den fortan nicht mehr die Zuschreibung zurückliegenden »Verrats«, sondern der Vorwurf aktueller Verfehlungen maßgebend war. In der DDR entzündeten sich die innerparteilichen Konflikte an Ulbricht, der mit harter Politik, eigenmächtig-arrogantem Führungsstil und dem Streben nach alleiniger Herrschaft sowohl in der SED als auch im Kreml immer wieder Ablehnung hervorrief. Seine Widersacher waren Spitzenfunktionäre, die eine andere politische Sozialisation erfahren hatten. Wilhelm Zaisser, Rudolf Herrnstadt und Ernst Wollweber waren zwar »Moskau-Kader« wie Ulbricht, hatten aber in der UdSSR nicht im Parteiapparat, sondern im Geheimdienst gearbeitet. Herrnstadt war unter anderem Mitarbeiter des militärischen Nachrichtendienstes und des Generalstabes der UdSSR gewesen. Zaisser hatte sich große Verdienste als geheimdienstlicher Emissär in China in den Zwanzigerjahren, als »General Gomez« in Spanien und Lehrer an sowjetischen Antifa-Schulen erworben. Er wurde statt des Ulbricht eng verbundenen Erich Mielke, der die Konstituierung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Januar 1950 maßgeblich mit vorbereitet hatte, an dessen Spitze gestellt. Als Vertrauensmann des Kreml trat er Ulbricht mit großem Selbstbewusstsein und mehrfach deutlich artikulierter Kritik gegenüber. Franz Dahlem, Leiter des Sekretariats für Organisations- und Kaderpolitik, der nach dem Parteisekretariat wichtigsten Position, hatte, ehe ihn Hitlers Geheimpolizei 1942 in Haft nahm, in Frankreich Aufträge des Kreml ausgeführt. Als früheres Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale verfügte er über eigene Autorität in der Partei; mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (hinter der das Gewicht der einflussreichen Spanienkämpfer stand) hatte er eine Machtbasis, die unabhängig vom Parteiapparat war. Alle diese Spitzenfunktionäre standen mithin selbst in enger Verbindung zur Besatzungsmacht; manche hatten in Anerkennung ihrer Verdienste die sowjetische Staatsbürgerschaft erhalten. Karl Schirdewan konnte sich zwar nicht auf alte Kontakte zur UdSSR stützen, blickte aber als in Deutschland gebliebener und inhaftierter Altkommunist ebenfalls auf eine andere Biographie zurück als Ulbricht. Diese Konstellation war kein Zufall. Von Anfang an war der Kreml darauf bedacht gewesen, kein Machtmonopol in der seine Politik exekutierenden Partei zuzulassen. Unter anderem sollte ein System der Gegengewichte die Kontrolle über die SED sichern. Gemäß Stalins Praxis in der UdSSR, Rivalitäten unter den leitenden Apparatschiki zu fördern, um sie in maximale Abhängigkeit zu versetzen, wurden Ulbricht Leute zur Seite gestellt, die nicht nur aufgrund der ihnen zugewiesenen Positionen, sondern auch aufgrund ihrer Vorprägungen in Gegensatz zu ihm standen. Besonders erwünscht waren dabei persönliche Spannungen zum ostdeutschen Parteichef. In den Studien über die internen Konflikte in der SED fehlt bisher eine systematische Untersuchung der Frage, wie die sowjetische Führung auf deren Verlauf einwirkte und zu welchen Resultaten das führte. Das zu klären, ist das Ziel der folgenden Ausführungen. Dabei wird insbesondere herauszufinden sein, wie es kommt, dass Ulbricht, der immer wieder den Unmut auch maßgeblicher Kremlpolitiker auf sich zog, dennoch den Sieg über seine Rivalen davontrug. Die Ausschaltung Dahlems Der Schauprozess gegen den ungarischen Spitzenfunktionär Lászlo Rajk Ende 1949 wurde zum Ausgangspunkt der Machtkämpfe in der SED. Vom ZK-Sekretariat der KPdSU war zunächst Parteichef Mátyás Rákosi der Illoyalität verdächtigt worden, doch dieser hatte daraufhin seinen Hauptrivalen Rajk wegen Verrats an der sowjetischen Sache denunziert. Als Kronzeugen für diese dem Kreml zuerst wenig einleuchtende Umkehrung der Anschuldigung benannte er Noël Field, der während der NS-Zeit für eine religiöse amerikanische Hilfsorganisation von der Schweiz aus kommunistische Emigranten in Westeuropa betreut hatte (was die Rote Hilfe in Moskau gerne akzeptiert hatte). Als er nach dem Krieg seine berufliche Existenz im Westen verlor, suchte er seine Kontakte für einen Neubeginn in Osteuropa zu nutzen. Seine Verbindungen zu vielen dortigen Spitzenfunktionären aufgrund der ihnen früher gebotenen Hilfe ließen seine »Entlarvung« als Agent der USA bestens geeignet scheinen, zahllose Parteikader des Verrats zu zeihen. Auf Rákosis Betreiben und mit Zustimmung sowjetischer Geheimdienstoffiziere in Budapest2 wurde Field im Mai 1949 in Prag festgenommen und an Ungarn ausgeliefert. In Verhören wurde er zu der Falschaussage3 veranlasst, führende Kommunisten für den amerikanischen Geheimdienst angeworben zu haben.4 Das erste Opfer war Rajk, der im Dezember 1949 mit einer Reihe von Mitangeklagten zum Tode verurteilt wurde. Stalin, der nach Titos Abfall überall nationalistische Tendenzen vermutete, verlangte Fortsetzungen. Rákosi sorgte zusammen mit dem sowjetischen Geheimdienst dafür, dass die Verfolgung durch neue Geständnisse Fields und durch ihn Belasteter weiter ausgedehnt wurde.5 In der SBZ/DDR drang die Besatzungsmacht schon seit 1948 auf Ausmerzung aller noch unbekannten »Verräter«. Ulbricht ließ prominente Funktionäre verhaften und bereitete einen Schauprozess vor.6 Mielkes Untersuchungsorganen gelang es jedoch nicht, die nötigen Geständnisse zu erwirken. Die sowjetische Seite leitete daraufhin im März 1951 mit eigenem Personal verschärfte Ermittlungen und Repressionen ein.7 Eine neue Phase der Verfolgung in der SED begann im November 1951 mit Anklage und Todesurteil gegen Parteichef Rudolf Slánský und andere prominente Prager Kommunisten aufgrund von »Geständnissen« Fields und durch ihn belasteter Funktionäre. Politbüromitglied Paul Merker, der dabei genannt worden war, wurde verhaftet. SKK-Funktionär Vladimir Semenov verlangte die »Entlarvung« weiterer Feinde in der Partei. Auch in der DDR müsse ein Schauprozess stattfinden. Dies forderte der Kreml bis zu Stalins Tod immer wieder als »Lehre aus dem Fall Slánský«.8 Nun geriet Ulbricht analog zu seinem Prager Pendant in das Visier der sowjetischen Sicherheitsorgane.9 Wie Rákosi wendete er die Verfolgung von sich ab auf einen Rivalen: Franz Dahlem. Dieser genoss aber aufgrund jahrzehntelanger Geheimdiensttätigkeit für die UdSSR Vertrauen im Kreml; zudem war er 1945 als Gegengewicht zu Ulbricht in die Parteiführung berufen worden. Dem SED-Chef kam jedoch zustatten, dass Dahlem als überzeugter Antifaschist 1939 zunächst nicht mit dem Hitler-Stalin-Pakt einverstanden gewesen war, dann als Leiter der kommunistischen Emigration in Paris Anweisungen der Regierung befolgt hatte und später als deren Gefangener der Gestapo übergeben wurde.10 Zwar gab es keine Aussagen, die Dahlem (dem Stalin 1945 in Moskau ausdrücklich Loyalität bescheinigt hatte) mit Field assoziierten, doch genügte – zumal angesichts seiner jüdischen Herkunft – der Hinweis, nach dem Krieg habe er diesen bei dem Bemühen unterstützt, in Osteuropa Fuß zu fassen. Ulbricht konnte Dahlem so des Verrats zugunsten der USA beschuldigen und einen Schauprozess vorbereiten. Um sich zu wehren, richtete Dahlem Anfang Januar 1953 ein Schreiben an Semenov. Er hielt sich an das ungeschriebene Gesetz, die Schuld nie der sowjetischen Parteiführung zu geben, und erklärte daher nicht, dass sein Verhalten in Frankreich, von seiner ersten Reaktion auf den Pakt mit Hitler abgesehen, Instruktionen aus Moskau entsprochen hatte. Er machte stattdessen seine seinerzeit »schwierige Lage« geltend, räumte frühere »unrichtige Handlungen« ein, bezeichnete das negative Urteil darüber als »notwendig und richtig« und versicherte, er wolle vor der Partei »offen und selbstkritisch« zu seinen »schweren politischen Fehlern« Stellung nehmen. Einige der gegen ihn angeführten Gründe seien ihm jedoch unklar. Zum Erweis seiner Rechtschaffenheit führte er an, dass er nach der Befreiung aus deutschem Konzentrationslager 1945 als Erstes nach Moskau geflogen sei, um sich dort wegen seines früheren Verhaltens zu beraten. Auch jetzt suche er bei den sowjetischen Genossen Rat: Wie könne er die »schwierige Aufgabe« (seiner Verteidigung) als Kommunist und im Interesse der Partei am besten lösen?11 Semenov ignorierte den Brief. Ulbricht konnte die Verfolgung ungehindert fortsetzen. Der parteiinterne Hinweis auf das Schicksal Slánskýs schreckte alle SED-Funktionäre davon ab, sich mit Dahlem zu solidarisieren. Am 17. März 1953 beschloss das Politbüro einstimmig eine Untersuchung. Die damit verbundene Suspendierung von allen Funktionen nahm Dahlem die Möglichkeit zur Verteidigung. Nachdem auf der 13. Tagung des ZK am 14. Mai die Anklage bestätigt worden war, wandte er sich an das Präsidium der KPdSU. Der Vorwurf sei unbegründet, er habe »in der Vergangenheit eine feindliche Verbindung mit dem amerikanischen Agenten Noël Field gehabt«. Er sei zutiefst daran interessiert, dass die vorgesehene »Untersuchung rasch und auf sorgfältigste Weise durchgeführt« werde und sich so die Haltlosigkeit der Anschuldigungen herausstelle. Angesichts der Methoden bei den Vernehmungen könne er freilich nicht mehr an eine objektive Untersuchung glauben. Im Interesse der Partei, das mit seinen eigenen Interessen als deren Mitglied zusammenfalle, bitte er darum, sowjetische Genossen als Beobachter abzuordnen, ihnen das Recht zu seiner Befragung zu geben und ihm Gespräche mit ihnen zu ermöglichen. Dahlem begründete sein Ersuchen damit, dass er dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale angehört, lange Zeit die sowjetische Staatsbürgerschaft besessen, fast 40 Jahre als Parteisekretär in führenden Positionen gewirkt und weithin Aufgaben im Kader- und Verteidigungsbereich, in der Westarbeit und auf dem Feld der internationalen Verbindungen wahrgenommen habe. Da von Semenov keine Antwort gekommen sei, sehe er sich dazu veranlasst, seine Bitte unmittelbar an das Parteipräsidium in Moskau zu richten.12 Sie wurde kurz abgelehnt. Daher konnte Ulbricht seinen Rivalen auf der 15. ZK-Tagung der SED Mitte Juli 1953 endgültig ausschalten. Der zunächst geplante Schauprozess nach Prager Vorbild fand jedoch nicht statt. Nach dem 17. Juni hielt die sowjetische Führung eine derartige Veranstaltung nicht mehr für opportun.13 Wie man die Dinge im Apparat der KPdSU sah, zeigt ein internes Papier der zuständigen ZK-Abteilung vom Herbst: Dahlem habe nach dem abschließenden Schuldspruch »zahlreiche denunziatorische Briefe« an verschiedene Instanzen der DDR und an das Hochkommissariat gerichtet, »alle der unrichtigen Beurteilung seines Falles beschuldigt und gedroht«, »sich in dieser Frage an die internationale Juristenorganisation zu wenden«. Dieses Negativurteil über Dahlem solle Ulbricht und Semenov zur Kenntnis gebracht werden.14 Es dürfte nicht zuletzt auf den Einfluss Aleksandr Korotkovs zurückgehen, der aufgrund enger Ostberliner Zusammenarbeit in der frühen Nachkriegszeit Ulbricht freundschaftlich verbunden war und mittlerweile eine wichtige Rolle in der sowjetischen Auslandsaufklärung, vor allem in der Berichterstattung über die DDR, spielte. Ulbrichts Bedrängnis und Sieg im Sommer 1953 Noch bevor das letzte Wort über Dahlem gesprochen war, sah Ulbricht seine Position in Frage gestellt. Nach Stalins Tod war die Unzufriedenheit der Bevölkerung in Ost- und Mitteleuropa mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen deutlich zutage getreten. Im Mai 1953 kam es in Pilsen zu offenem Aufruhr. Die Machthaber stellten die Lage mit Waffengewalt wieder her, doch war der Kreml über die Entwicklungen in der DDR und in Ungarn zunehmend besorgt. Mit Blick auf Ostdeutschland machte das sowjetische Parteipräsidium in Ulbrichts Kurs des forcierten Sozialismus eine entscheidende Ursache für die sich anbahnende Krise aus; es beschloss, diese Politik zu widerrufen, und oktroyierte der Ostberliner Führung Anfang Juni den »Neuen Kurs«.15 Als die Mitglieder des SED-Politbüros daraufhin die Modalitäten erörterten, kritisierten fast alle den Parteichef heftig, ließen aber offen, welche personellen Konsequenzen sie ziehen wollten. Wie es schien, hielten sie Ulbricht für weiterhin notwendig, suchten aber seine Macht irgendwie zu begrenzen und ihn dauerhaft auf einen Reformkurs zu verpflichten. Zur Klärung, welche Änderungen nötig seien, setzte man Kommissionen ein. Herrnstadt übernahm den Auftrag, eine Liste von Desiderata auszuarbeiten und zur Diskussion zu stellen. Die Vertagung bindender Beschlüsse ist angesichts des politischen Rückenwinds aus Moskau schwer zu verstehen. Zwar wussten die Kritiker nicht, wie negativ man sich im Kreml zu Ulbricht und seiner Politik geäußert hatte,16 doch ließen das sowjetische Dokument über den »Neuen Kurs« und Semenovs Drängen auf einen sofortigen drastischen Politikwechsel17 dessen Sympathien deutlich erkennen. Dazu kam das Vertrauen, das die Hauptwidersacher des Parteichefs in Moskau genossen.18 Durch den 17. Juni änderte sich die sowjetische Haltung nicht. Eine Woche später empfahl Semenov, der ein feines Gespür für die politische Wetterlage im Kreml hatte, zusammen mit Marschall Sokolovskij und Pavel Judin am Ende eines Berichts über den Aufstand, Ulbricht die Funktion des stellvertretenden Ministerpräsidenten zu nehmen. Er solle sich auf die Arbeit im ZK-Apparat konzentrieren, dem allein die Behandlung von Parteiangelegenheiten zugedacht war. In der Regierung als dem eigentlichen Machtzentrum sollten die Ministerien des Innern und für Staatssicherheit nach sowjetischem Vorbild vereinigt werden.19 Das entsprach Berijas Vorstellungen, dessen Abgesandte nach Ostberlin gekommen waren, um die Fusion mit den Leitern des MfS zu erörtern. Dabei war klar, dass Zaisser an die Spitze gestellt werden sollte.20 Der Sturz Berijas am 26. Juni machte nicht nur dieses Vorhaben hinfällig. Es setzte auch ein allgemeiner politischer Umschwung ein. Schon vorher hatte die amtliche sowjetische These, der Aufstand in der DDR sei kein spontanes Geschehen, sondern ein auf westliche Anstiftung zurückzuführender »faschistischer Putsch« gewesen, Zaissers Autorität geschwächt. Die Annahme, es habe ein geheimes Aktionszentrum des Feindes in der DDR gegeben, das die Staatssicherheitsorgane zu entdecken versäumt hätten, ließ ihn als Versager erscheinen. Er stimmte zwar der These aus propagandistischen Motiven zu, veranlasste aber seine Leute zur Suche nach Beweisen dafür, dass der Vorwurf gegen das MfS unberechtigt sei. Die Ursache des Aufstandes liege vielmehr in Fehlern des Parteiapparats.21 Zaisser geriet unter Druck, als in Moskau sein funktionales Pendant und faktischer Vorgesetzter entmachtet und des Verrats an der UdSSR und der DDR (die angeblich dem Westen ausgeliefert werden sollte) beschuldigt wurde. Erklärte sich das Versagen am 17. Juni vielleicht damit, dass er mit Berija unter einer Decke steckte? Zaisser war sich freilich der akuten Gefahr nicht bewusst, ehe er durch die offizielle Unterrichtung einer nach Moskau gebetenen SED-Delegation am 9. Juli Kenntnis von der Anklage gegen Berija erhielt. Ulbricht dagegen erfuhr rasch davon – entweder durch Moskauer Kontakte (wie Korotkov) oder über Semenov (der die eingeleitete Entwicklung ahnen mochte, als in seinem Büro zwei Vertrauensleute Berijas festgenommen wurden). Der SED-Chef erkannte sofort, dass ihm die Anklage gegen Berija die Chance bot, Zaisser als Komplizen dieses »Verräters« zu denunzieren. Es war aber nicht einfach, die Sieger im Kreml von Zaissers Schuld zu überzeugen. Hilfreich war, dass Berija zum Zeitpunkt des Juni-Aufstandes eine Reorganisation der sowjetischen Sicherheitsorgane in Ostberlin eingeleitet und wichtige Geheimdienstkader nach Moskau zurückberufen hatte. Das wurde ihm nun als absichtliche Schwächung der Sicherheitskräfte und Förderung des »faschistischen Putschversuchs« ausgelegt.22 Da lag es nahe, Zaissers angebliches Versäumnis, die Aufstandsvorbereitungen des Westens in der DDR aufzudecken, damit in Zusammenhang zu bringen. Ulbricht dürfte sich auch der Thesen bedient haben, die er später auf dem 15. ZK-Plenum vortrug: Zwischen Zaisser und dem »Verräter« Dahlem habe es ein enges Einvernehmen gegeben; das Faktum der – angeblich ihm gegenüber verheimlichten, tatsächlich jedoch in Mielkes Beisein geführten – Gespräche Zaissers mit zwei »Sonderbeauftragte[n] von Berija« zeige deren Verschwörungscharakter; zwischen den Positionen Zaissers, Berijas und Churchills (der sich für ein demokratisch wiedervereinigtes neutrales Deutschland ausgesprochen hatte) bestehe eine »nicht zufällige« völlige Übereinstimmung.23 Den Quellen ist nicht zu entnehmen, wie sich der Haltungswechsel im Kreml vollzog. Sicher erscheint, dass Ulbrichts Verbindungen in Moskau, vielleicht auch Semenov (bei dem sich auffallend früh ein Positionswandel abzeichnete), eine wichtige Rolle spielten. Ulbrichts Mann im MfS, Mielke, dem Zaisser die operativen Dinge überließ, könnte seine Arbeitskontakte zu den »Tschekisten« der UdSSR genutzt haben. Wie aus sowjetischen Akten hervorgeht, fälschte er Dokumente, um den Verrat seines Ministers zu beweisen.24 Else Zaisser hatte den Eindruck, dass die Behauptung, ihr Mann habe »den Kapitalismus wiederherstellen wollen« und »kein Vertrauen zur Sowjetunion gehabt«, von Mielke »konstruiert« wurde.25 Obwohl Hermann Matern die parteiamtliche Verurteilung Zaissers formuliert hatte, musste er gegenüber dessen Frau zugeben, dass es keine sicheren Beweise gab.26 Möglicherweise lag der Haltung Moskaus weniger gemutmaßte Verratsabsicht als die Sorge zugrunde, Zaisser wolle in der Frage der deutschen Einheit allzu weit gehen.27 Nach dem 17. Juni schien es angebracht, in Ostberlin einen Mann zu haben, dessen unbedingtes Eintreten für das Regime außer Zweifel stand – und das war Ulbricht. Dieser legte ab Anfang Juli in den Führungsgremien der SED wachsende Zuversicht an den Tag, ohne freilich seine Trümpfe aufzudecken. Seine Kritiker merkten erst später, dass sich darin – ebenso wie in einer gegen Zaisser gerichteten scharfen Äußerung Semenovs – ein Wandel der sowjetischen Haltung ankündigte.28 Erst nach der Unterrichtung der SED-Führung durch den Kreml wandte sich Ulbricht offen gegen seine Kritiker und wischte ihre Argumente mit dem Hinweis weg, Moskau stehe hinter ihm.29 Die Vorwürfe gegen Zaisser wurden durch die These, er habe mit Herrnstadt eine »Fraktion« gebildet, auf diesen ausgedehnt. Der Gebrauch dieses Terminus bedeutete zudem, dass parteifeindliche Ziele verfolgt worden waren. Daher seien beide nicht nur ungeeignet, politische Funktionen wahrzunehmen, sondern auch der Parteimitgliedschaft nicht würdig. Durch den darauf gegründeten Schuldspruch Mitte Juli brachte Ulbricht die Kritik zum Schweigen und entledigte sich seines mächtigsten Rivalen. Er musste sich aber dem Verlangen des Kreml beugen, die Machtbalance in den Leitungsgremien auch künftig zu wahren. Er wurde von diesem dazu veranlasst, Schirdewan in der Nachfolge Dahlems mit dem Sekretariat für Kaderfragen zu betrauen und ins Politbüro aufzunehmen. Nicht Mielke, sondern Wollweber, der in den Dreißigerjahren als Agent der UdSSR Sabotageakte im Westen verübt hatte, wurde zum Leiter der Staatssicherheitsorgane bestellt. Ulbrichts Versuch, diese durch ein Statut der uneingeschränkten Kontrolle seines Parteisekretariats zu unterwerfen, scheiterte am Einspruch des Ostberliner KGB-Residenten, Evgenij Pitovranov.30 Ulbrichts Auseinandersetzung mit Schirdewan und Wollweber In den folgenden Jahren erlangte Ulbricht durch Gefolgsleute die Mehrheit im Politbüro und bemühte sich zunächst, primär Grotewohl als früheren Sozialdemokraten von öffentlichem Gewicht auszuschalten. Dessen Rückhalt in Moskau veranlasste ihn dann aber, das Bemühen einzustellen.31 Das schwächte jedoch seine Position kaum: Grotewohl schreckte davor zurück, dem SED-Chef entgegenzutreten, sobald es ernst wurde. Einen weiteren Rivalen sah Ulbricht in Wollweber. Ende 1954 suchte er Pitovranov von dessen mangelnder Fähigkeit zur Leitung der Sicherheitsorgane und von der Notwendigkeit seiner Ersetzung zu überzeugen, fand aber kein Gehör.32 Sein Hauptrivale wurde Schirdewan, der sich als reformerische Alternative zu profilieren suchte und dabei fest mit Moskauer Rückhalt gerechnet zu haben scheint.33 Nach Chruščevs Rede gegen Stalin auf dem XX. Parteitag erhielt er Auftrieb durch heftige innerparteiliche Kritik an Ulbrichts bagatellisierender Reaktion und die Zustimmung des Kremlchefs hierzu.34 In der Führungsfrage wartete er, wie es scheint, auf eine Entscheidung in Moskau. Im Herbst 1956 ergriff Ulbricht angesichts der Geschehnisse in Polen und Ungarn die Initiative. Mit einer Kombination aus Sozialpolitik und »Maßnahmen zur Unterdrückung konterrevolutionärer Aktionen« hielt er die DDR ruhig.35 Zur gleichen Zeit änderten sich die Prioritäten im Kreml. Durch den Ungarn-Aufstand sah sich Chruščev zu der internen Äußerung bewogen, man hätte doch lieber einige Leute rechtzeitig einsperren sollen.36 Er stellte seine bisherige Sympathie für die Befürworter einer milderen Politik wie Schirdewan und Wollweber unter den Vorbehalt, man müsse wachsam sein gegenüber denjenigen, »die unter der Maske der Freundschaft und unter dem Banner des Kampfes für den Sozialismus versuchen, die sozialistischen Reihen zu zersetzen, und damit bewusst oder unbewusst den Interessen des Imperialismus dienen, deren Ziel es ist, die revolutionären Kräfte zu zerschlagen«.37 Wie die nächsten Jahre zeigen sollten, wollte er die kommunistischen Regime in seinem Machtbereich nicht zuletzt dadurch festigen, dass er ihnen die Regelung ihrer inneren Angelegenheiten so weit wie möglich selbst überließ. Vor diesem Hintergrund wandte sich Ulbricht zunächst gegen Wollweber als Schirdewans innerparteiliche Stütze. Der Beschluss über die Maßnahmen gegen die »konterrevolutionäre« Gefahr sah ein einheitliches Kommando über die einzusetzenden Kräfte vor, das diesem als Befehlshaber des stärksten Teils, der MfS-Einheiten, zufiel. Als Wollweber einen Einsatz auch der Betriebskampfgruppen ablehnte, setzte der SED-Chef sich nicht nur durch, sondern erreichte auch, dass alle vorgesehenen Truppen einschließlich derjenigen des MfS dem Innenminister zugeordnet wurden. Er warf Wollweber fehlende Entschlossenheit gegenüber den Staatsfeinden vor, griff an ihm vorbei auf Unterlagen der Staatssicherheit zu, leitete gegen sein Votum den Prozess gegen Wolfgang Harich ein und erklärte ihn zum bloß ausführenden Instrument. Auf diese Provokationen hin verbot Wollweber nach Erörterung mit den sowjetischen Beratern im MfS, die zwar Bedenken geäußert, aber keinen Einspruch erhoben hatten, seinen Mitarbeitern eigene dienstliche Kontakte mit der Parteispitze.38 Im folgenden Konflikt war er zum Nachgeben genötigt und konnte nur mit Mühe sein Gesicht wahren. Ende 1956 war die Lage im Politbüro so gespannt, dass Mikojan nach Ostberlin kam, um sich ein Bild des Konflikts zu machen.39 Es folgte eine Einladung der SED-Führung nach Moskau vom 4. bis 10. Januar 1957. Wie sich Schirdewan erinnert, überraschte Grotewohl vor der entscheidenden Unterredung seine Kollegen mit der Mitteilung, Mikojan habe ihn gefragt, ob man sich denn nicht untereinander verständigen könne. Auch an der Spitze der UdSSR habe man interne Probleme und wolle nicht noch durch solche der SED belas-tet werden. Daraufhin sei er (Schirdewan) mit einem Diskussionsverzicht einverstanden gewesen. Im folgenden Gespräch jedoch habe Chruščev die Führungsfrage von sich aus angesprochen und sei über das folgende betretene Schweigen sehr verwundert gewesen. Seine Nachfrage habe Ulbricht mit dem Hinweis abgeschnitten, man wolle die Differenzen selbst klären.40 Anscheinend gab es aus Moskau weiter Kritik an Ulbricht,41 doch gewiss keine Parteinahme zugunsten seiner Opponenten. Wollte Chruščev, der sich im Juni 1957 gegen seine Gegner in der Führung durchsetzte, auch in der DDR klare, nicht durch ein Hin und Her an der Spitze in Frage gestellte Verhältnisse? Das würde erklären, wieso er Ulbricht trotz aller Vorbehalte als »bewährten Führer« und »treuen Kämpfer für Demokratie und Sozialismus« lobte und mit Genugtuung feststellte, dass die SED-Führung alle Versuche zur Revision leninistischer Grundsätze entschieden abgewehrt habe.42 Im ersten Halbjahr 1957 wurden die Vertreter der UdSSR aus Ostberlin abberufen, die Schirdewan und Wollweber unterstützt und Ulbricht Paroli geboten hatten: Am 20. Februar wurde Botschafter Puškin durch Michail Pervuchin ersetzt;43 Ende Juni trat an die Stelle von KGB-Resident Pitovranov Ulbrichts alter Freund Korotkov.44 Mit dessen Rückhalt demontierte der SED-Chef beide innerparteiliche Gegner systematisch. Dass deren Niederlage bevorstand, wurde deutlich, als er im Herbst Schirdewan von einer Moskau-Reise ausschloss und ihm damit nicht nur die Gelegenheit zu Gesprächen mit der sowjetischen Seite nahm, sondern auch aller Welt zeigte, dass er nicht mehr zur Führung gehörte. 1 Luks, Leonid: Zum Stalinischen Antisemitismus – Brüche und Widersprüche, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1997, S. 44 (zum Slánský-Prozess); Noskova, A. F.: Moskva i vostočnaja Evropa. Stanovlenie političeskich režimov sovetskogo tipa. 1949–1953. Očerki istorii, Moskau 2002, S. 515–519 (detaillierte Angaben insbesondere zum Prozess gegen Trajčo Kostov in Sofia im September 1949). Noskovas Ausführungen beruhen auf Akten des Außenministeriums in Moskau. 2 Rákosi konnte die Notwendigkeit, Field als Feind der UdSSR in Gewahrsam zu nehmen, damit begründen, dass dieser 1943 die Arbeit für den sowjetischen Geheimdienst abgelehnt hatte (für den er in den Dreißigerjahren tätig gewesen war). 3 Im November 1954 gab die ungarische Regierung Fields Entlassung aus der Haft bekannt mit der Begründung, die Beschuldigungen hätten sich als haltlos erwiesen. 4 Noskova, Moskva (Anm. 1), S. 519–527, S. 537 f. 5 Ebenda, S. 527–537. 6 Weber, Hermann: Warum fand in der DDR kein Schauprozess statt?, in: Foitzik, Jan u. a. (Hrsg.): Das Jahr 1953. Ereignisse und Auswirkungen, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung o.J. [2004], S. 70–80; Bordjugow, Gennadij: Das ZK der KPdSU(B), die SMAD und die SED (1945–1951), in: Weber, Hermann/Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998, S. 301–308. 7 Bauer, Leo: »Die Partei hat immer recht«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament«, 4.7.1956, S. 412– 414. 8 Weber: Warum (Anm. 6), S. 80–85; Weber, Hermann: Einleitung, in: Weber/Mählert: Terror (Anm. 6), S. 26–31; Mählert, Ulrich: »Die Partei hat immer recht!« Parteisäuberungen als Kaderpolitik in der SED (1948–1953), ebenda, S. 429–438. 9 Aussage Honeckers in: Andert, Reinhold/Herzberg, Wolfgang: Der Sturz. Erich Honecker im Kreuzverhör, Berlin–Weimar 1990, S. 232, bestätigt durch den Bericht von Leo Bauer (Anm. 7), S. 414. 10 Schumann, Frank (Hrsg.): Anton Ackermann. Der deutsche Weg zum Sozialismus. Selbstzeugnisse und Dokumente eines Patrioten, Berlin 2005, S. 84 f., S. 253–255. Vgl. Bayerlein, Bernhard H./Narinski, Mikhail/Studer, Brigitte/Wolikow, Serge (Hrsg.): Moscou–Paris–Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern (1939–1941), Paris 2003, S. 45–57. 11 Franz Dahlem an V. S. Semenov (russ. Übersetzung), 5. 1. 1953, Rossijskij gosudarstvennyj archiv novejšej istorii (Russisches Staatsarchiv für Zeitgeschichte, fortan RGANI), 5, 28, 59, Bl. 4 f. 12 Franz Dahlem an das Präsidium des ZK der KPdSU (russ. Übersetzung), 1.4.1953, RGANI, 5, 28, 59, Bl. 194 f. 13 Siehe Beschluss des SED-Politbüros vom 22.7.1953, wiedergegeben in: Otto, Wilfriede: Die SED im Juni 1953. Interne Dokumente, Berlin 2003, S. 285 f. 14 I. Vinogradov/Ivan Kabin an Michail A. Suslov, 7.10.1953, RGANI, 5, 28, 59, Bl. 196. 15 Text bei Otto: Die SED (Anm. 13), S. 38–43. 16 Kramer, Mark: The Early Post-Stalin Succession Struggle and Upheavals in East-Central Europe (Part I), in: Journal of Cold War Studies, 1. Jg., H. 1 (Winter 1999), S. 23–27; Rodovič, Jurij f.: Germanskaja problema v 1945–1955gg. i pozicija SSSR. Koncepcija i istoričeskaja praktika, Tula 1997, S. 135–141. 17 Herrnstadt, Rudolf: Das Herrnstadt-Dokument. Das Politbüro der SED und die Geschichte des 17. Juni 1953, hrsg., eingel. und bearb. von Nadja Stultz-Herrnstadt, Reinbek 1991, S. 74. 18 Helmut Müller-Enbergs: »Der Tag X hat nicht stattgefunden«. Wirken und Sturz Wilhelm Zaissers (1945–1953), in: Roger Engelmann/Ilko-Sascha Kowalczuk (Hrsg.): Volkserhebung gegen den SED-Staat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953, Göttingen 2005, S. 147–150. 19 Memorandum von Vasilij Sokolovskij/Vladimir Semenov/Pavel Judin, 24.6.1953, in: Christian F. Ostermann (Hrsg.): Uprising in East Germany. The Cold War, the German Question, and the First Major Upheaval Behind the Iron Curtain, Budapest/New York 2001, S. 281 f. 20 Wilhelm Zaisser an Otto Grotewohl, 13.7.1953, in: Otto: Die SED (Anm. 13), S. 250 f. 21 Protokoll der erweiterten Kreisleitungssitzung [des MfS] am 19.8.1953, BStU, MfS, SED-KL 236, Bl. 25; Müller-Enbergs: »Der Tag X hat nicht stattgefunden« (Anm. 18), S. 167 f. 22 Bailey, George/Kondraschow, Sergej A./Murphy, David E.: Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 1997, S. 206–209; Kondraschow, Sergej: Die Ereignisse des Jahres 1953 und deren Bewertung von Aufklärungsdiensten, in: Timmermann, Heiner (Hrsg.): Juni 1953 in Deutschland, Münster 2003, S. 29. 23 Schlusswort W. Ulbrichts, 26.7.1953, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden SAPMO-BArch), DY 30/IV 2/1/120, Bl. 186, 182, 184. Die beiden Emissäre Berijas waren zu Beratungen über eine Fusion von Innen- und Staatssicherheitsministerium nach Ostberlin gekommen, an denen auch Mielke beteiligt war. Von einer Geheimhaltung gegenüber Ulbricht konnte daher keine Rede sein. 24 Filitov, Aleksej M.: Germanskij vopros – ot raskola k ob-edineniju, Moskau 1995, S. 155. 25 Russische Zusammenfassung ihres Memorandums an den V. SED-Parteitag, 10.6.1958, RGANI, 5, 49, 94, Bl. 66. 26 Else Zaisser an Nikita S. Chruščev, 10.6.1958, RGANI, 5, 49, 94, Bl. 96. 27 Auf sowjetische Vorbehalte gegenüber der Verratsthese könnte hindeuten, dass Ulbricht Zaisser nicht direkten Verrat, sondern nur »kapitulantenhafte Politik« vorwarf, die in der Konsequenz zur Wiedervereinigung unter kapitalistischen Bedingungen geführt hätte. 28 Siehe die Unterlagen über die Sitzungen des SED-Politbüros am 3. und 8.7.1953, in: Otto: Die SED (Anm. 13), S. 237–244; Herrnstadt: Das Herrnstadt-Dokument (Anm. 17), S. 97–130, S. 136–139. 29 Schirdewan, Karl: Aufstand gegen Ulbricht. Im Kampf um politische Kurskorrektur, Berlin 1994, S. 59. 30 Engelmann, Roger: Diener zweier Herren. Das Verhältnis der Staatssicherheit zur SED und den sowjetischen Beratern 1950–1959, in: Suckut, Siegfried/Süß, Walter (Hrsg.): Staatspartei und Staatssicherheit. Zum Verhältnis von SED und MfS, Berlin 1997, S. 55–58; Bailey/Kondraschow/Murphy, Der Krieg der Geheimdienste (Anm. 22), S. 187. 31 Schirdewan: Aufstand (Anm. 29), S. 98 f.; Prokop, Siegfried: 1956 – DDR am Scheideweg. Opposition und neue Konzepte der Intelligenz, Berlin 2006, S. 121; Bailey/Kondraschow/Murphy: Der Krieg der Geheimdienste (Anm. 22), S. 457. 32 Ebenda, S. 387 f. 33 Grieder, Peter: Eine unabhängige britische Sicht auf die Konflikte im SED-Politbüro 1956–1958, in: Klein, Thomas/Otto, Wilfriede/Grieder, Peter: Visionen, Repression und Opposition in der SED (1949–1989), Teil II, Frankfurt/Oder 1997, S. 589 f.; Brandt, Heinz: Ein Traum, der nicht entführbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West, Frankfurt/Main 1985, S. 328. 34 Schirdewan, Karl: Ein Jahrhundert Leben. Erinnerungen, Visionen, Autobiographie, Berlin 1998, S. 256. 35 Beschlüsse des SED-Politbüros, 8.11.1956, SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/511, Bl. 5–16. 36 Schirdewan: Aufstand (Anm. 29), S. 256. 37 Interview N. S. Chruschtschows zum Jahreswechsel, in: Neues Deutschland, 1.1.1957. 38 Amos, Heike: Politik und Organisation der SED-Zentrale 1949–1963, Münster 2003, S. 463– 469; Wollweber, Ernst: Aus Erinnerungen. Ein Porträt Walter Ulbrichts, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiter-bewegung, 3/1990, S. 366–369; Engelmann, Roger: Ernst Wollweber (1898–1967). Chefsaboteur der Sowjets und Zuchtmeister der Stasi, in: Krüger, Dieter/Wagner, Armin (Hrsg.): Konspiration als Beruf. Deutsche Geheimdienstchefs im Kalten Krieg, Berlin 2003, S. 200–204. 39 Schirdewan: Aufstand (Anm. 29), S. 114 f. 40 Ebenda, S. 122 f. 41 Schirdewan: Ein Jahrhundert (Anm. 34), S. 254 f.; Wollweber: Aus Erinnerungen (Anm. 38), S. 374 f.; Falin, Valentin: Politische Erinnerungen, München 1993, S. 335. 42 Jänicke, Martin: Der dritte Weg. Die antistalinistische Opposition gegen Ulbricht seit 1953, Köln 1964, S. 88 (Anm. 90). 43 Meldung in: Neues Deutschland, 21. 2. 1957. Zu Puškins Haltung siehe Ju. V. Andropov an das ZK der KPdSU, 30.1.1958, RGANI, 5, 49, 76 (rolik 8873), o. Bl.; Aus den persönlichen Tagebüchern des sowjetischen Diplomaten V. S. Semenov, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 2/2004, S. 255. 44 Fricke, Karl Wilhelm / Engelmann, Roger: »Konzentrierte Schläge«. Staatssicherheitsaktionen und politi-sche Prozesse in der DDR 1953–1956, Berlin 1998, S. 235; Kiselev, A. V.: Stalinskij favorit s Ljubjanki, Sankt-Petersburg 2003, S. 103 f.; Bailey/Kondraschow/Murphy: Der Krieg der Geheimdienste (Anm. 22), S. 388 f.; Otto, Wilfriede: Erich Mielke – Biographie. Aufstieg und Fall eines Tschekisten, Berlin 2000, S. 237 f., 280 f.; Engelmann, Roger/Schumann, Silke: Kurs auf die entwickelte Diktatur. Walter Ulbricht, die Entmachtung Ernst Wollwebers und die Neuausrichtung des Staatssicherheitsdienstes 1956/57, in: BF informiert, 1/1995, S. 15.

JHK 2008

Hermann Webers Konzept der »Stalinisierung« der KPD und der Komintern. Eine kritische Bewertung

Kevin MC Dermott

Im Jahre 1969 veröffentlichte Hermann Weber seine bahnbrechende Arbeit Die Wandlung des deutschen Kommunismus, die die Forschung zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und zur Kommunistischen Internationale (Komintern) revolutionierte.1 In dem umfangreichen zweibändigen Werk legte er die Theorie der »Stalinisierung« der KPD im Zeitraum von 1924 bis 1929 dar, ein Konzept, das alsbald zum Standard für viele westliche und, seit den Glasnost-Jahren, russische Forscher auf dem Gebiet des internationalen Kommunismus wurde. Bis auf den heutigen Tag findet es Nachhall: 2008 wird in Großbritannien eine Anthologie zum Thema Stalinisierung mit Beiträgen profilierter Historiker erscheinen.2 Dessen ungeachtet wurde Hermann Webers Interpretation kontrovers diskutiert und vielfach infrage gestellt, um ihre Grenzen aufzuzeigen. Dieser kurze Artikel versucht, die Stalinisierungstheorie zu erläutern, ihre zahlreichen Stärken zusammenzufassen sowie die Kritik an dieser Theorie angesichts jüngster archivalischer Entdeckungen und neuer Forschungsansätze zur KPD und Komintern zu bewerten. Im Wesentlichen suchte das Stalinisierungskonzept den Prozess zu erklären, durch den die KPD – und implizit auch alle anderen kommunistischen Parteien sowie die Komintern selbst – von einer relativ demokratischen und unabhängigen Massenorganisation, die unmittelbar aus der deutschen Arbeiterbewegung hervorgegangen war, in eine hierarchische, monolithische und geradezu militarisierte Organisation umgewandelt wurde, die ihren stalinistischen Gebietern in Moskau uneingeschränkt verbunden war und zunehmend den sowjetischen politischen und diplomatischen Interessen untergeordnet wurde. Wie Weber es im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007 formuliert: »Die von Rosa Luxemburg begründete radikal-marxistische Partei entwickelte sich zur stalinistischen Apparatpartei, zur Hilfstruppe der UdSSR Stalins. […] An die Stelle von Pluralismus, Selbstständigkeit, Diskussion und Autonomie traten Ergebenheit, Gläubigkeit, Disziplin und Gehorsam.«3 Bereits 1969 hatte Weber resümiert, die weitreichendste Bedeutung der Stalinisierung der KPD liege darin, dass sie »schließlich […] erst die ultralinke Politik 1929 bis 1933 [ermöglichte], die wesentlich zum Untergang der Weimarer Republik beitragen sollte«4. Erweitert man den Gedanken, dann hatte die Stalinisierung bedeutenden Anteil an der Machtergreifung der Nazis, indem sie Hürden für deren Aufstieg aus dem Weg räumte. Webers These, die wesentlich komplexer ist, als diese Kurzdarstellung nahelegt, wägt umsichtig endogene und exogene Fakten ab. Sie basiert auf vier Grundbedingungen, von denen zwei spezifisch für die Situation der KPD in den 1920er-Jahren sind und zwei allgemeinere Phänomene darstellen:5 • der Herrschaft des Apparats in modernen politischen Parteien; • den strukturellen und ideologischen Problemen der KPD, die nach einem eigenen Weg zwischen Sozialdemokratie und Syndikalismus suchte; • der zunehmenden Abhängigkeit der KPD – finanziell, ideologisch und organisa- torisch – von der Komintern und der Sowjetunion, die selbst durch den autoritären Charakter des aufkommenden Stalinismus deformiert wurden; • der Diskrepanz zwischen den revolutionären Zielen der KPD und dem nichtrevolu- tionären Kontext, in dem sie in den Jahren nach 1923 operierte. Der erste Gesichtspunkt ist Robert Michels’ These vom »eisernen Gesetz der Oligarchie« aus dem Jahre 1911 entlehnt. 6 Nach diesem Organisationsprinzip sind politische Parteien durch fortlaufende Bürokratisierung und die Tendenz zur Schwächung der einfachen Parteimitglieder und lokalen Funktionäre zugunsten des professionellen »Apparats« gekennzeichnet. Diese für moderne Industriegesellschaften typische Entwicklung schien ausgesprochen gut anwendbar auf die KPD mit ihrem enormen Zuwachs an Kadern, zentralen Institutionen und geheimen Netzwerken. Die Hauptschlussfolgerung war, dass die KPD trotz ihres Massencharakters und ihrer wachsenden Unterstützung durch die Wähler politisch im Grunde schwach war und die Formen ihres Aktivismus chronisch degenerierten. Der zweite Faktor charakterisiert treffend die relativ prekäre strukturelle und ideologische Position der KPD zwischen der zahlenmäßig stärkeren Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) mit ihrem Rückhalt in der qualifizierten Arbeiterschaft und ihrer fest verankerten »reformistischen« Praxis auf der einen Seite und der kleineren, aber dennoch starken syndikalistischen Bewegung auf der anderen Seite, die die revolutionäre Rhetorik der KPD in den Schatten zu stellen und deren radikalere Anhänger abzuwerben drohte. Angesichts dieses ideologischen und organisatorischen Dilemmas geriet der Apparat zum Instrument für die Schaffung der Parteieinheit und setzte diese mit geradezu militärischen Disziplinierungsmaßnahmen durch. Die dritte These ist in vielerlei Hinsicht zentral für Webers Konzept: In Anbetracht der wachsenden Zentralisierung, Bürokratisierung und »Bolschewisierung« der Komintern nach 1924 musste die KPD fast zwangsläufig in die selbstzerstörerischen innerparteilichen Machtkämpfe der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) verwickelt und stark vom aufkommenden »Stalinismus« beeinflusst werden, der die bolschewistische politische Kultur umgestaltete und ihr ein autoritäreres Gepräge gab. Zur gleichen Zeit führten die finanzielle Schwäche und das Unvermögen der KPD, eine proletarische Revolution zum Erfolg zu bringen, dazu, dass die Partei auf das sogenannte »Moskauer Gold« angewiesen war. Als Folge agierte die KPD im Laufe der 1920er-Jahre immer weniger autonom und wurde mehr und mehr von der politischen, organisatorischen und strategischen Führung durch Moskau abhängig. Der letzte Einflussfaktor beschreibt das Dilemma einer erklärtermaßen revolutionären Partei, die nach dem gescheiterten Umsturz im Herbst 1923 und der zögernden Stabilisierung des politischen und ökonomischen Systems der Weimarer Republik im Morast einer nicht-revolutionären Epoche feststeckte. Wie sollte man das Steuer ausrichten zwischen der ultralinken Scylla in Form des revolutionären Romantizismus, der die Partei von den arbeitenden Massen zu entfremden drohte, und der reformistischen Charybdis in Gestalt des Schulterschlusses mit den Sozialdemokraten in Gewerkschaften und anderen betrieblichen Vereinigungen, der die revolutionäre Kraft und Identität der Partei schwächte? Für die von massiver Fluktuation gezeichnete KPD war keine befriedigende indigene Lösung in Sicht. Ihre Mitglieder wurden dadurch zunehmend passiv, somit vom Parteiapparat abhängig und empfänglich für die Ausstrahlung der erfolgreichen bolschewistischen Revolutionäre. Für Weber bestand die entscheidende Folge dieser vier Entwicklungslinien in der extremen Abhängigkeit der KPD von der Sowjetunion und ihren stalinistischen Strukturen. In den späten 1920er-Jahren hatte sich eine hochgradig autoritäre stalinistische politische Kultur in der Partei durchgesetzt, die nun gänzlich der Herrschaft des Apparats anheimfiel. Dies bedeutete wiederum die Beschneidung der innerparteilichen Demokratie und die Unterdrückung unabhängigen Denkens. Das Endergebnis war eine starre Diktaturpartei7, die darüber hinaus 1933, vor allem infolge ihrer Stalinisierung, faktisch dezimiert war. Webers Konzept erwies sich als außerordentlich überzeugend. Weshalb? Weil es entscheidende Entwicklungen in der KPdSU, der KPD, der Komintern und der breiteren internationalen kommunistischen Bewegung greifbar machte. Selbst heute würden nur wenige Historiker, wenn überhaupt, das Ausmaß der Kontrolle der zentralen Kominterngremien durch die stalinistische Führung der KPdSU anzweifeln. Keine Innovation auf strategischer Ebene, organisatorische Initiative oder bedeutende personelle Veränderung konnte ohne die Zustimmung des Politbüros, und das bedeutete unweigerlich Stalin höchstpersönlich, verfügt werden.8 Darüber hinaus herrscht allgemeine Übereinstimmung darüber, dass Strategien, Politik und Strukturen der nationalen kommunistischen Parteien zunehmend durch das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) in Moskau bestimmt wurden, das seinerseits unter dem wachsenden Einfluss seiner KPdSU-Delegation stand. Das deutlichste Beispiel ist die Etablierung des »Sozialfaschisten«-Kurses in den Jahren 1928/29. Danach war der Spielraum für selbstständiges Handeln und Denken massiv eingeschränkt, wenn nicht gar beseitigt. Es ist ebenfalls wahrscheinlich, dass die von den sowjetischen Behörden über die geheimen Kurierdienste der Komintern geleistete finanzielle Unterstützung viele Parteien zahlungsfähig hielt und eine weitere machtvolle Kontrollhandhabe Moskaus darstellte. Viele Dokumente, die seit der teilweisen Öffnung der KPdSU-Archive in den frühen 1990er-Jahren verfügbar sind, belegen die stalinistische Dominanz innerhalb der Komintern und somit der internationalen kommunistischen Bewegung insgesamt.9 Die positive Rezeption der Stalinisierungstheorie resultierte auch aus der Menge empirischer Belege, die Weber zu ihrer Untermauerung zusammengetragen hatte. Was Stalins persönliche Verstrickung in KPD-Angelegenheiten betrifft, verwies er auf die berüchtigte »Wittorf-Affäre« im Herbst 1928. Im September des Jahres beschloss das Zentralkomitee, Ernst Thälmann, einen überzeugten Stalinisten und loyalen Kominternjünger, seiner Funktion als Parteiführer zu entheben, da er die Unterschlagung von 3000 Mark in seinem Hamburger Parteibezirk durch dessen Leiter John Wittorf vertuscht hatte. Die Ausmaße dieses Skandals gingen jedoch weit über finanzielle Unregelmäßigkeiten hinaus. Thälmanns Amtsenthebung war Teil einer Kampagne gemäßigter KPD-Führer. Sie wollten der »ultralinken Wende« in der Komintern entgegenwirken, die man mit dem Schlagwort »sozialfaschistisch« und dem Kurs »Klasse gegen Klasse« verbindet. Dies stellte in der Tat einen Angriff auf die junge revolutionäre Strategie der Komintern und damit eine Bedrohung der stalinistischen Orthodoxie dar. Bemerkenswert ist, dass Stalin selbst schnellstens aktiv wurde, um die Entscheidung des Zentralkomitees rückgängig zu machen. Neue archivalische Dokumente belegen, dass der sowjetische Parteichef die offiziellen Wege in Komintern und KPD umging und stattdessen ein geheimes Netzwerk persönlicher Kontakte nutzte, das Wjatscheslaw Molotow, Ossip Pjatnitzki, Heinz Neumann, Hermann Remmele und Walter Ulbricht einschloss.10 Weber zufolge markieren die daraus resultierende einhellige Entscheidung für Thälmanns Wiedereinsetzung und der nachfolgende Ausschluss der »Rechten« und »Versöhnler« die letzte Stufe der Stalinisierung der KPD. Sie sicherten den Siegeszug der fatalen »Sozialfaschisten«-Rhetorik, welche nicht den Nazismus, sondern die Sozialdemokratie als Hauptfeind des Kommunismus darstellte. Doch schon lange vor dem »Thälmann-Skandal« hatte Moskau mit eiserner Hand Einfluss auf die internen politischen und Fraktionsangelegenheiten der KPD ausgeübt. Der fehlgeschlagene Aufstand in Sachsen und Hamburg im Oktober 1923 – der sogenannte »Deutsche Oktober« – wurde direkt von den sowjetischen Oberherren der Komintern angeregt und organisiert; die Beseitigung der »rechten« Führer Heinrich Brandler und August Thalheimer, die den Kopf für die schmachvolle Niederlage von 1923 hinhalten mussten, war sorgfältig von Grigori Sinowjew, dem damaligen Vorsitzenden der Komintern, inszeniert worden; die neuen »links orientierten« Führer Ruth Fischer, Arkadij Maslow und Thälmann schuldeten einen großen Teil ihrer Autorität in der Partei der Identifizierung mit der »Bolschewisierung« der Komintern, bevor die beiden Erstgenannten Stalins Feldzug gegen die »Sinowjewisten« in KPdSU und Komintern zum Opfer fielen; die »ultralinke« Fraktion der KPD um Werner Scholem, Arthur Rosenberg und Karl Korsch übte am unverhohlensten Kritik an der sowjetischen Dominanz in der Komintern, daraufhin wurden viele ihrer Mitglieder in den Jahren 1926 und 1927 ausgeschlossen; und Thälmanns Aufstieg zum Parteiführer war eine direkte Konsequenz seiner Pro-Komintern-Haltung und engen Bindung an die triumphierende stalinistische Fraktion in Moskau – er war »Stalins Mann«. Auch organisatorisch begann die KPD, die Eigenschaften einer »bolschewisierten« Partei anzunehmen. In den Jahren 1924 und 1925 startete das Exekutivkomitee der Komintern eine »Bolschewisierungskampagne«. Deren vordergründiges Ziel war es, die organisatorischen Strukturen der kommunistischen Parteien anhand des bolschewistischen Modells neu auszurichten; das heißt, sie sollten echte Massenparteien werden, mit Basis in den Betriebszellen und nicht in den Wohnorten. Fraktionen, abweichende Meinungen oder Gruppierungen erlaubte das Modell nicht. In Wirklichkeit bezeichnete die »Bolschewisierung« unter den Bedingungen der mittleren und späten 1920er-Jahre die zunehmende »Russifizierung« der Komintern und ihrer Mitgliedsparteien sowie die Schaffung streng zentralisierter und disziplinierter leninistischer Organisationen, die absolut loyal zur stalinistischen Mehrheit in der KPdSU standen.11 Dieser Prozess war in der KPD sicher einschneidender als in den anderen kommunistischen Parteien. Zum Beispiel existierte neben der offenen legalen Organisationsstruktur ein geheimes Netzwerk illegaler In7titutionen mit speziellen Funktionen. »Die Apparate […] (M-Apparat für die militärische Organisation, Z-Apparat für die Unterwanderung der Reichswehr, Kurierdienst usw.) unterstanden weitgehend dem EKKI in Moskau, aber auch durch sie verstärkten sich die Apparattendenzen in der KPD. Aus der Abhängigkeit der KPD von der Komintern und der KPdSU resultierte schließlich die kritiklose Übernahme stalinistischer Organisationspraktiken.«12 Zusammengefasst bedeutet dies: »Der hierarchische Zentralismus in der Partei verdrängte die traditionelle Demokratie.« Die Existenz aggressiver Organisationen wie des Roten Frontkämpferbunds sowie die Verherrlichung von Gewalt verdeutlichen die »Militarisierung der Bewegung«.13 Ein weiterer maßgeblicher Grund für die hohe Akzeptanz von Webers Analyse ist ihr komparatives Potenzial. Das Konzept der Stalinisierung ließ sich nicht nur auf die KPD beziehen, sondern auch auf die anderen kommunistischen Parteien, die Komintern und ihre diversen »Front«-Organisationen wie die Profintern, die Rote Gewerkschafts-Internationale (RGI). Die Ereignisse in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPČ) sind hierfür bezeichnend. Wie in der KPD waren in der Zeit von Ende 1928 bis Anfang 1929 die amtierenden gemäßigten Parteiführer starkem Druck aus Moskau ausgesetzt. Sie wurden schließlich aus der Partei und den roten Gewerkschaften ausgeschlossen, um durch die »Jungs von Karlín« – Klement Gottwald, Rudolf Slánský und andere, die absolut loyal zu Stalin und dessen Fraktion innerhalb der KPdSU standen – ersetzt zu werden. Ähnliche Entwicklungen gab es in den kommunistischen Parteien der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens usw. Innerhalb der Komintern kulminierte der Stalinisierungsprozess 1928 / 1929 im Fall und in der Entfernung von Nikolai Bucharin und dessen Unterstützern vom »rechten Flügel«. Diese Entwicklung war eng mit den innerparteilichen Auseinandersetzungen in der KPdSU über die Zwangskollektivierung und die rasante Industrialisierung verknüpft. Die bedrohliche Atmosphäre im Kominternhauptquartier wurde treffend vom italienischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti charakterisiert, der Ende 1928, als er die folgenden Worte niederschrieb, ein zögerlicher Anhänger der neuen stalinistischen Linie war: »[...] das innere Regime der Komintern ist allgemein [...] schlecht und wird sich weiter verschlimmern. Die Auseinandersetzungen von Gruppierungen und Fraktionen nehmen zu und erstrecken sich auf alle Parteien. Die Entfesslung der Fraktionskämpfe bedeutet das Ende der innerparteilichen Demokratie. Diese Phänomene pervertieren die Entwicklung unserer Parteien und verhindern zugleich ein klares Verständnis der politischen Probleme.«14 Das alltägliche Management der Internationale hatte sich ebenfalls verschlechtert. Es wurde die Domäne hart arbeitender, doch intellektuell zweitrangiger Bolschewiken wie Dmitri Manuilski, Pjatnitzki, Otto Kuusinen und Alexander Losowski. Die bestimmenden Figuren blieben aber weiterhin Stalin, Molotow und andere sowjetische Politbüro-Leuchten. Es wäre kaum übertrieben zu behaupten, dass Ende 1929 die gesamte internationale kommunistische Bewegung »stalinisiert« war. Mit dem Aufkommen des »Stalinkults« in der UdSSR sollte es auch nicht mehr lange dauern, bis Kommunisten weltweit dem »Großen Führer« huldigen würden. Webers klar formulierter analytischer Bezugsrahmen schien diese Entwicklungen bewundernswert auf den Punkt zu bringen. Doch nicht alle Experten pflichteten dieser Theorie bei. Viele beurteilten die Ansicht, die Stalinisierung habe einer »demokratischen« und pluralistischen Anfangsphase der KPD brutal ein Ende gesetzt, skeptisch. Es wurde darauf hingewiesen, dass zentralistische Tendenzen, Säuberungen und intolerante Haltungen bereits vor dem Einsetzen des »Stalinismus« in der Partei vorherrschend waren. Die wichtigste Herausforderung stellte jedoch das Aufkommen der Sozialgeschichte in den 1970er- und 1980er-Jahren und deren Betonung der »Geschichte von unten« dar. Für die neuen Sozialhistoriker gehörte Webers Ansatz einer relativ veralteten »Geschichte von oben« an, die die große Politik, die parteiinternen Machtkämpfe und die Fähigkeit Moskaus, die Entwicklungen in den nationalen kommunistischen Parteien zu gestalten, überbewertete und die endogenen Quellen der kommunistischen Aktivitäten und Strategien unterschätzte. Die »Zentrum-Peripherie-Debatte« begann in der Kominternforschung Fuß zu fassen. Die Hauptaussage der neuen Denkrichtung bestand darin, dass kommunistische Parteien in spezifischen nationalen, regionalen und lokalen Kontexten operieren – in Kontexten also, die die Formulierung und Umsetzung von Strategien sowie die Reaktionen der Basis beeinflussen müssen. Dieser Auffassung nach war die Komintern bei Entscheidungen nur einer von vielen Einflussfaktoren, und nicht unbedingt der wichtigste. Der Bezugsrahmen einer »Geschichte von unten« wurde klar von Fraser Ottanelli in dessen Buch zur Kommunistischen Partei der USA (CPUSA) in den 1930er- und 1940er-Jahren umrissen: »[...] die Aktivitäten der Partei konzentrierten sich auf ein endogenes Streben nach politischen Inhalten, Organisationsformen, Sprache und übergreifenden kulturellen Formen, die den Radikalismus der Kommunisten an die örtlichen Gegebenheiten und politischen Traditionen anpassen würden. [...] Der Kurs der CPUSA war [somit] sowohl durch die Suche nach einem politischen Kurs bestimmt, der sie zu einem integralen Bestandteil der Gesellschaft des Landes machen würde, als auch durch die Direktiven der Kommunistischen Internationale.«15 Die kommunistischen Parteien hätten nicht nur versucht, ihre Politik in diversen nationalen Gefügen jeweils spezifisch zu verankern. Ihre Politik sei auch längst nicht so katastrophal gewesen, wie sie die Weber’sche Argumentation darstellt. Dies gelte sogar für das »sozialfaschistische« Intermezzo, das bis dahin allgemein als eine Katastrophe für die KPD, die Komintern und all ihre Mitgliedsparteien angesehen wurde. Sozialhistoriker begründeten dies mit den vernünftigen Beweggründen und den Errungenschaften der kommunistischen Gewerkschaft und der sozialen und kulturellen Aktivitäten der Kommunisten in den frühen 1930er-Jahren. Die aus dem Boden schießenden Arbeiter- und Werkszeitungen, die Entstehung von proletarischen Theatern, Sport- und Freizeitgruppen sowie ihr Einsatz für die Interessen von Frauen und Jugendlichen hoben die Kommunisten, so wurde argumentiert, von ihren trägen und ideologisch kraftlosen sozialdemokratischen Rivalen ab. In bestimmten Kohlerevieren und Textilzentren in Wales und Schottland, den sogenannten »Little Moscows«, erlangten die Kommunisten aufgrund ihrer harten Arbeit und ihres Engagements gegen lokale Probleme und Missstände starken Rückhalt in der Bevölkerung.16 Die »Revolution« in der Sozialgeschichte hatte auch großen Einfluss auf die wissenschaftliche Forschung zur KPD. Unter den nicht-deutschen Wissenschaftlern veröffent-lichten James Wickham und Eric D. Weitz überzeugende Arbeiten, die bedeutende Defizite der Stalinisierungstheorie aufzeigten. Wickham entdeckte für die massive Konkurrenz zwischen KPD und SPD machtvolle endogene Ursachen jenseits des Drucks aus Moskau. Seit 1923/24 hatte die ökonomische Rationalisierung zu struktureller Arbeitslosigkeit und sozialer Fragmentierung in den urbanen Gegenden Deutschlands geführt. Die Mehrheit der arbeitslosen ungelernten Arbeiter stellte sich auf die Seite der KPD, während die erwerbstätigen Facharbeiter meist weiterhin loyal zur SPD standen. Überdies spielten offenbar Konflikte auf Gewerkschafts- und kommunaler Ebene die kommunistischen Arbeiter und Aktivisten gegen die sozialdemokratischen Funktionäre sowie die Justiz- und Sicherheitsbehörden aus. Die SPD als »Hauptfeind« anzusehen erschien so vielen radikalisierten desillusionierten Kommunisten gerechtfertigt.17 Weitz fügte eine neue Dimension hinzu: die Idee vom »politischen Raum«. Für ihn drängten Rationalisierung und hohe Arbeitslosigkeit die KPD vom Arbeitsplatz auf die Straßen. Diese »wurden zunehmend zum ausschlaggebenden Ort für das politische Engagement der KPD. Dort versammelte die Partei ihre Unterstützer in Demonstrationen und kämpferischen Zusammenstößen mit der Polizei, faschistischen Organisationen und sogar der Sozialdemokratischen Partei [...] sowie berufstätigen Arbeitern. [...] die Straßen [...] trugen zur Entstehung einer Parteikultur bei, die männliche Körperstärke als die ultimative revolutionäre Eigenschaft hochhielt.« Nach Weitz’ Ansicht halfen diese spezifisch deutschen Erfahrungen, die »Sozialfaschisten«-Linie unter den KPD-Mitgliedern zu etablieren. Weitz sieht in ihr die »logische Schlussfolgerung« aus der alten Feindseligkeit der KPD gegenüber der SPD.18 Endogene sozioökonomische und kulturelle Faktoren waren demnach für die Entwicklung der kommunistischen Parteipolitik genauso bedeutend wie die »Moskauer Zentrale«. Unlängst wandte Norman LaPorte in seiner detaillierten Untersuchung zur KPD in Sachsen einen, in seinen Worten, »post-revisionistischen« Ansatz an. Dieser versucht, die »Geschichte von oben« mit der »Geschichte von unten« zu verschmelzen, indem er zwischen der »Stalinisierung« der Partei per se und den einfachen Parteimitgliedern unterscheidet, die in ihrer unmittelbaren Umgebung verwurzelt blieben. LaPorte akzeptiert bereitwillig, dass »die Parteipolitik in Moskau formuliert wurde, die Positionen der Parteiführer vom Wohlwollen der Komintern abhängig waren und die Reorganisation der KPD nach dem Vorbild des bolschewistischen ›Demokratischen Zentralismus‹ Teil eines hierarchischen Kontrollsystems war. Jedoch konnte auf lokaler Ebene die breite Masse der Mitglieder zu keinem Zeitpunkt dazu gezwungen werden, einer politischen Linie zu folgen, die nicht imstande war, die Realitäten ihres eigenen spezifischen politischen Umfelds zu berücksichtigen.« In seiner Diskussion des Schlüsselproblems Fraktionalismus innerhalb der KPD, den er als organisierte lokale Antworten auf die zentralen Parteidirektiven definiert, argumentiert LaPorte, dass der Fraktionalismus in Sachsen »nicht einfach die aus Sowjetrussland importierten Debatten widerspiegelte, sondern eher von der Basis ausging in Opposition gegen unangemessene Verbote seitens der Zentrale«. In Sachsen verlief die Trennlinie zwischen denen, die die »Einheitsfront«-Taktik befürworteten und innerhalb der sozialdemokratischen Gremien arbeiten wollten, und jenen eingefleischten »Ultralinken«, die einen brudermörderischen Bürgerkrieg gegen die SPD anstrebten. LaPortes Meinung zufolge sind diese polarisierten Positionen mindestens ebenso sehr den sozioökonomischen Spezifika wie den Anweisungen aus Moskau geschuldet.19 Kurz gesagt stellen LaPortes Schlussfolgerungen eine maßvolle Kritik der Stalinisierungstheorie dar, indem sie die vielfältigen Reaktionen auf die Politik der Zentrale in der bedeutenden Industrieregion Sachsen rekonstruieren. Die schärfste Kritik an Webers Arbeit kommt jedoch aus seinem näheren Umfeld. Einige deutsche Historiker, die sich mit der Geschichte der KPD befassen, widersprechen der Stalinisierungstheorie ausdrücklich, insbesondere Klaus-Michael Mallmann.20 Seine Schlussfolgerungen beruhen hauptsächlich auf Material aus dem Saarland. Mallmann ficht in der Tat das gesamte Konzept an: Er wertet den Einfluss des kontrollierenden Arms Moskaus ab und charakterisiert den deutschen Kommunismus während der Weimarer Republik »als eine relativ autonome gesellschaftliche Massenbewegung, die ihre Wurzeln in einer Vielzahl lokaler Bedingungen hatte«.21 Während er einräumt, dass KPD und SPD in bestimmten Regionen eine Kluft trennte, identifizierte Mallmann ein von ihm so bezeichnetes »linksproletarisches Milieu«: eine Weiterführung der SPD-»Nischengesellschaft« der Wilhelminischen Ära, in der Kommunisten und Sozialdemokraten auf lokaler Ebene – in den Gewerkschaften, in Sport- und kulturellen Organisationen – über die Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiteten. Er lehnt damit die bis dahin einhellige Annahme einer konstanten binären Opposition zwischen KPD und SPD ab. Mallmanns umstrittenstes Ergebnis ist jedoch, dass das auf geteilten gesellschaftlichen Moralvorstellungen und einer klassenorientierten Ideologie basierende »linksproletarische Milieu« einen Raum für die kommunistische Basis schuf, in dem diese die zentralen Parteidirektiven neu interpretieren, die Politik an der Basis mitformen und somit den lokalen Bedingungen anpassen konnte. Diese Sichtweise suggeriert beinahe, dass die Diktate aus Moskau und Berlin im Grunde ignoriert werden konnten. Mallmanns Kritiker, unter ihnen kaum überraschend Hermann Weber, wiesen auf zahlreiche Fehler in seiner Analyse und der Verwendung von Quellen hin. Nicht zuletzt habe er übersehen, dass die »›demokratisch-zentralistische‹ Organisation der Partei maßgeblich dafür verantwortlich war, dass die Führung die Partei auf lokaler Ebene von Dissidenten säubern konnte«. Überdies wurde Mallmann vorgehalten, Beobachtungen zu pauschalisieren, die auf dem »Spezialfall« Saarland basierten und nach Meinung seiner Kritiker atypisch für den Rest Deutschlands waren.22 Hintergrund der Debatte um die »Stalinisierung« sind radikal unterschiedliche Auffassungen über Methoden der historischen Untersuchung und der Verwendung von Dokumenten. Sollte die Quintessenz der Vorkriegsgeschichte einer kommunistischen Partei vorrangig in ihrer Unterordnung unter die Vorgaben der Komintern und des sowjetischen Staats gesehen werden oder in ihrem Einsatz für national-, regional- und lokalpolitische Ziele? Waren diese Parteien so monolithisch zusammengeschweißt und hierarchisch geordnet, wie es die Stalinisierungstheorie nahelegt, oder gab es Handlungsspielraum für relativ autonome Bestrebungen »von unten«? Waren äußere politisch-ideologische Faktoren die Hauptdeterminanten der Parteipolitik oder endogene soziokulturelle Prozesse? Wie im Fall des historiografischen Dissens über das Wesen des stalinistischen Terrors23 suggerieren auch bezüglich der Meinungsverschiedenheiten über KPD und Komintern archivalische Quellen aus den Moskauer und Berliner Zentralen die Allgegenwart einer reibungslos funktionierenden Führung. Hingegen zeichnen regionale Überlieferungen ein Bild der Desorganisation, Konfusion und, vor allem, des Strebens nach lokalen Antworten auf lokale Probleme, selbst im Angesicht des Drucks aus der Zentrale. Nur eine detaillierte empirische Forschung auf allen Ebenen – zentral, regional und lokal – und nicht nur zur KPD kann die relative Bedeutung und das Erklärungspotenzial dieser beiden rivalisierenden Methodologien herausarbeiten. Die bleibende Stärke der Stalinisierungstheorie von Professor Weber liegt in ihrer überzeugenden Beschreibung wichtiger historischer Entwicklungen in den Zentren der Macht und ihrer gleichzeitigen Sensibilität für endogene Entwicklungen. Sie ist weiterhin das bestimmende Konzept für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der KPD und der Komintern in den 1920er- und 1930er-Jahren. Aus dem Englischen übersetzt von Diana Jahn. 1 Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1969. 2 LaPorte, Norman / Morgan, Kevin / Worley, Matthew (Hrsg.): Stalinisation and Beyond: Problems in Communist History, 1917–53, Basingstoke (in Druck). In Anbetracht der internationalen Bedeutung von Webers Werk ist es umso erstaunlicher, dass dies die erste englischsprachige Studie zur Stalinisierungstheorie ist. 3 Weber, Hermann: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, S. 221–244, hier S. 222 u. 234. 4 Weber: Die Wandlung (Anm. 1), S. 13 f. 5 Teile meiner Analyse von Webers vier Grundbedingungen wurden aus LaPorte, Norman / Morgan, Kevin / Worley, Matthew: Stalinisation and Communist Historiography, in: LaPorte / Morgan / Worley: Stalinisation and Beyond (Anm. 2) entnommen. Ich danke den Autoren für die Erlaubnis, ihre Beiträge hier zu zitieren. 6 Siehe Michels, Robert: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, Leipzig 1911. 7 Im Original deutsch. 8 Zu Stalins direkter Einflussnahme auf Kominternangelegenheiten siehe: Firsov, F. I.: Stalin i Komintern (Teil 1), in: Voprosy istorii 8 (1989), S. 3–23, sowie Firsov, F. I.: Stalin i Komintern (Teil 2), in: Voprosy istorii 9 (1989), S. 3–19. Siehe ebenfalls Banac, Ivo (Hrsg.): The Diary of Georgi Dimitrov, 1933–1949, New Haven/London 2003. 9 Für eine ausgeglichene Bewertung der archivalischen Entdeckungen siehe: Studer, Brigitte/Unfried, Berthold: At the Beginning of History: Visions of the Comintern after the Opening of the Archives, in: International Review of Social History 42 (1997), S. 419–446. 10 Für neue Dokumente und Kommentare zur Wittorf-Affäre siehe: Weber, Hermann/Bayerlein, Bernhard H. (Hrsg.): Der Thälmann-Skandal: Geheime Korrespondenz mit Stalin, Berlin 2003. 11 Für Details zum Thema »Bolschewisierung« siehe: McDermott, Kevin / Agnew, Jeremy: The Comintern: A History of International Communism from Lenin to Stalin, Basingstoke 1996, S. 41–58. 12 Weber: Die Stalinisierung der KPD (Anm. 3), S. 239. 13 Ebenda, S. 239, 241. 14 Zitiert in: Carr, E. H.: Foundations of a Planned Economy, 1926–1929, London 1976, Bd. 3, Teil II, S. 554. 15 Ottanelli, Fraser M.: The Communist Party of the United States: From the Depression to World War II, New Brunswick 1991, S. 4 f. 16 Für Details siehe: Worley, Matthew: Class against Class: The Communist Party in Britain between the Wars, London 2000; sowie Macintyre, Stuart: Little Moscows: Communism and Working-Class Militancy in Inter-War Britain, London 1980. 17 Wickham, James: Social Fascism and the Division of the Working-Class Movement: Workers and Political Parties in the Frankfurt Area 1929/1930, in: Capital and Class 7 (1979), S. 1–34; Wickham, James: Working-Class Movement and Working-Class Life: Frankfurt am Main during the Weimar Republic, Social History 8 (1983), S. 315–43. 18 Weitz, Eric D.: Creating German Communism, 1890–1990: From Popular Protests to Socialist State, Princeton 1997, S. 6–7 und 269 f.; siehe auch: Rosenhaft, Eve: Beating the Fascists? The German Communists and Political Violence, 1929–1933, Cambridge 1993. 19 LaPorte, Norman: The German Communist Party in Saxony, 1924–1933: Factionalism, Fratricide and Political Failure, Bern 2003, Zitate auf S. 31 f. und 361. 20 Mallmann, Klaus-Michael: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996. 21 LaPorte, Norman / Morgan, Kevin / Worley, Matthew: Stalinisation and Communist Historiography, in: LaPorte / Morgan / Worley: Stalinisation and Beyond (Anm. 2). 22 Meine Zusammenfassung von Mallmanns Werk basiert weitestgehend auf: LaPorte: The German Communist Party (Anm. 18), S. 28–30. 23 Siehe: McLoughlin, Barry/McDermott, Kevin (Hrsg.): Stalin’s Terror: High Politics and Mass Repression in the Soviet Union, Basingstoke 2003, S. 1–18; Ilič, Melanie (Hrsg.): Stalin’s Terror Revisited, Basingstoke 2006.

JHK 2008

Stalinismus / Entstalinisierung als Geschichtstypus und Periodisierungsmerkmal. Anmerkungen zur semantischen Begriffsdifferenz

Jan Foitzik

I. Massenmedien bereiten die Schlagworte Totalitarismus, Stalinismus, Sowjetisierung, Entstalinisierung, Poststalinismus, Neostalinismus keine Schwierigkeiten. Offenbar taugen sie, wie auch etwa die Kurzformeln Trotzkismus, Titoismus oder Maoismus, zur allgemeinen Orientierung. Diese in die Umgangssprache eingegangenen Sprachkonventionen übernahm nach 1989/90 auch die postkommunistische Geschichtsschreibung. In der ersten Dekade nach 1990 wurde in Osteuropa Stalinismus noch mit »totalitäre Diktatur«, »totalitäres politisches System«, »bürokratisches Kommandosystem«, »autoritäres Regime« und vielem anderen mehr synonym benutzt. Die Argumente dafür lauteten, dass der Stalinismus mit dem sowjetischen System identisch sei und auch der Reformkommunismus eine Variante des Chruschtschow’schen Stalinismus sei; in Polen habe auch Gomułkas »polnischer Weg zum Sozialismus« ein »stalinistisches System« repräsentiert. In den letzten Jahren ist in der osteuropäischen Geschichtsschreibung jedoch eine Verengung der Begrifflichkeit auf die »westlichen Standards« zu beobachten. Unverkennbar ist dabei allerdings, dass die Termini inhaltlich national sehr unterschiedlich ausgelegt werden und generell bisweilen bittere Kritik an der im Westen ignorierten »semantischen Differenz« und »semantischen Toleranz« der Kategorien sowie an der analytischen Explorationsschwäche der dahinterstehenden Deutungsmodelle geübt wird. Doch massive Kritik an Konzepten der historischen Kommunismusforschung war schon vor einem Jahrzehnt vernehmbar. Jacques Rupnik monierte damals, dass es sich bei Begriffen wie Stalinismus, Sowjetisierung, Totalitarismus um deskriptive Klischees ohne analytische Prägnanz handle, um »subjektive« Begriffe, die auf einem Werturteil beruhen. Sie stünden nicht auf dem Fundament eines wissenschaftlichen Konzepts, das mit objektiven Kriterien beschrieben werden könne.1 Ähnlich argumentierte Manfred Hildermeier: Der Stalinismus sei ein weltanschaulich geprägtes und am stärksten von der Totalitarismustheorie beeinflusstes Konzept, das sich je nach Kontext ändere. Seine statische Konzeption lege den Schwerpunkt auf Herrschaftsverfassung und Regellosigkeit des Verfahrens, sie vernachlässige die historisch-genetische Dimension und ihre dynamischen Komponenten. Wiederholt konstatiert Hildermeier, dass vom Konzept desto weniger übrig geblieben sei, je genauer Empiriker und Spezialisten nachgefragt hätten.2 Es springt sofort ins Auge, dass alle kritisierten Aspekte ja selbst Gegenstand der Geschichtsschreibung sind, und auch die Lautstärke der Kritik sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Auseinandersetzung mit Modellen, Konzepten und Typologien in der Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert die Geschichte des Faches prägt, das sich auf diese Weise von anderen politik- und sozialwissenschaftlichen Fachdisziplinen abzugrenzen und eine eigene Methodologie zu entwickeln versucht.3 Allgemein gilt als unstrittig, dass der Terminus Stalinismus genetisch wertig belastet ist. Seine »Verwissenschaftlichung« im Westen basierte ursprünglich auf Trotzkis Deutung der Politik Stalins als »Deformation des Leninismus«, als »Sieg der Bürokratie über die Massen« in einem »totalitär bürokratischen Staat«.4 Trotz dieser genetischen Belastung entfaltete der Begriff historische Wirksamkeit, und dies, obwohl er nach 1956 semantisch gleich auf dreierlei Weise gefüllt war: kritisch in der westlichen Sprachdiktion, positiv in Osteuropa – zumindest bis 1956 als Bezeichnung für die theoretischen und praktischen »Lehren Stalins«5 und noch auf eine dritte Weise: In der UdSSR drückte das im Westen gebräuchliche Gegensatzpaar Stalinismus und Antistalinismus keinen Widerspruch aus. Stalin blieb, zumindest für Chruschtschow persönlich, der »vorbildliche Marxist-Leninist und Revolutionär«6, wie der jugoslawische Botschafter in Moskau bezeugte. Heute sind in Russland »Stalinist« und »Stalinismus« als wertneutrale Differenzierungsbegriffe in Gebrauch.7 Meistens kanalisieren sie nur politische und historische Leidenschaften, ohne sie zu verändern. Die Zahl der Apologeten Stalins scheint zu wachsen. Doch selbst ohne diese semantische Mehrdeutigkeit und Ambivalenz bleibt der Stalinismus als Deutungskonzept oder Periodisierungsmerkmal vage. In der Fachliteratur werden unterschiedliche chronologische Zäsuren angeboten: Der »sowjetische Stalinismus« begann 1921 mit der Einführung des Einparteien-Systems und dem innerparteilichen Oppositionsverbot (X. Parteitag), 1924 mit dem Tod Lenins, 1928/29 mit dem Anlaufen des ersten sowjetischen Fünfjahrplans bzw. mit der offiziellen Feier des 50. Geburtstages Stalins, 1930 (XVI. Parteitag) oder erst 1934 (XVII. Parteitag, der »Parteitag der Sieger«, »Kirow-Mord«). Mit Blick auf den internationalen Kommunismus wären auch die schon 1920 formulierten 21 »Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale« zu beachten, weil sie von den nationalen Parteien verlangten, sich der Internationale auf der Grundlage des »demokratischen Zentralismus« als unselbstständige Sektionen zu unterwerfen, einschließlich einer »strengen zentralen Kontrolle« ihrer Tätigkeit. Ähnlich unscharfe Zäsuren grenzen die Entstalinisierung ein. Für manche begann sie mit dem Tod Stalins 1953, sie beschränkte sich auf die geschichtspolitische Entsorgung singulärer personengebundener Ereignisse auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956,8 einige Autoren reduzieren sie auf die Jahre 1956–58,9 andere lassen sie mit der Absetzung Chruschtschows 1964 enden, um in die Phase des Breschnew’schen Neostalinismus überzugehen. Entstalinisierung kann sich aber auch auf den Zeitabschnitt »vom Tod des Tyrannen, unterdrückt durch das Oktober-Plenum (1964) des ZK der KPdSU [d. i. Chruschtschows Ablösung durch Breschnew], bis zur Intervention in der CSSR 1968« erstrecken.10 Oder sie kann sich sogar bis zum Zusammenbruch des Kommunismus hinziehen bzw. darüber hinaus.11 Ein nicht minder ausgefranstes Bild bietet die Behandlung des Stalinismus als Systemtypus. Hildermeier stellt fünf methodische Varianten des Stalinismus vor:12 Das politikgeschichtliche Konzept einer »Revolution von oben« (1) konkurriert mit der von der sozialhistorischen Forschung vertretenen Auffassung eines »Totalitarismus von unten« (2). Empirisch überholt sei ebenfalls die Vorstellung von einer totalen politischen und sozialen Kontrolle, stattdessen konstatiert man Wirrwarr oder ein »unterreguliertes« System (3). Auch der Terror war nicht zentralistisch organisiert, wie die klassische Totalitarismustheorie annahm (4). Stärkere Beachtung findet, konstatiert Hildermeier, ebenfalls die alltags- und mentalitätsgeschichtliche Sicht des Stalinismus (5). Das alte Konzept der »Revolution von außen«, ursprünglich als Bolschewisierung, Sowjetisierung und Stalinisierung vorgestellt, das die Übertragung des in der Sowjetunion entstandenen Ordnungsmodells und seiner Funktionsweisen auf andere Länder beinhaltet, bezieht Hildermeier nicht ein. In den baltischen Ländern etwa hat es heute eine herausragende Bedeutung, und auch in Polen wurde es zu Beginn der 1990er-Jahre – unter Einbeziehung der Folgen der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg – intensiv diskutiert. Insgesamt könnte man aus der Fachliteratur bestimmt einige Dutzend weitere historische und moderne Typenmodelle zusammentragen. Erwähnung verdient zumindest die extreme Deutung von Buldakow,13 der indirekt Kritik an den üblicherweise eurozentristischen Konzepten übt, indem er auf einen internen Konflikt zwischen »moslemischer« und »europäischer« Mentalität im System der soziokulturellen Spaltung zwischen Gesellschaft und Herrschaft insistiert. II. Das in der postkommunistischen Geschichtsschreibung Osteuropas feststellbare Unbehagen an westlichen Deutungskonzepten liegt – neben allgemeiner Kritik an der semantischen Differenz der im Westen verwendeten Begriffe14 – sicherlich zum einen in der spezifischen begriffsimmanenten Bedeutungsambivalenz begründet. Ausschlaggebend sind jedoch zum anderen wissenschaftspolitische Gründe, denn mehrheitlich wird der Kommunismus in Osteuropa als eine »historische Einheit« wahrgenommen, innerhalb derer die individuelle Handschrift seiner historischen Abschnitts- und epigonalen Unter-Führer zwar erkennbar, aber (noch) nicht systematisch erklärbar ist. Die erkenntnisleitenden Interessen der Geschichtsaufarbeitung bestimmen dort auch nicht typologische Modelle, sondern die Bewältigung unaufschiebbarer rechtlicher und politischer Probleme der Herrschaftslegitimation und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen der Diktatur. Daher geht man auch stärker ein auf die internationale institutionelle Dimension des Stalinismus als einer »Revolution von außen«, als einer »fremden Geschichte«. Hervorgehoben werden dabei etwa die »harten Formen« der militärischen Kommandostruktur des Warschauer Paktes. Doch bereits die nationale Problematik weist unmittelbar auf Variation und Inkongruenz der historischen Entwicklungsprozesse wie der Diskurse darüber hin. Die aktuelle Ost-West-Diskussion ist ebenfalls historisch durch die Kritik belastet, die in den 1970er-Jahren im osteuropäischen Untergrund an westlichen Konzepten geübt wurde. Ihre Argumentation verdient besonders deshalb noch heute Interesse, weil sie die »verschütteten« Konfliktlinien zwischen der lebenswirklichen und der akademischen Rezeption markiert. Gegen die Konzentration des westlichen Stalinismus-Konzepts auf den Terroraspekt wurde damals eingewandt, dass die Haupteigenschaft des »postterroristischen Totalitarismus« oder der »totalitären Normalität« in seiner Macht bestand, autonome soziale Aktionen permanent einzuschränken.15 Diese Macht bleibt auch dann »totalitär«, wenn die Repressionsformen sich ändern, weniger sichtbar oder nur als Bedrohungspotenz vorhanden sind. Oder in pointierter Form: Die politische Macht wird erst totalitär, wenn die terroristische Phase zu Ende ist und die Subjekte ihre Autonomie verloren haben. Naturgemäß ist das Thema emotional stark aufgeladen, und allein der Hinweis, dass in der polnischen Geschichtsdebatte 1989/90 kurzfristig das Schlagwort von der »zweiten deutschen Schuld«16 auftauchte (und mit der Wiedervereinigung wieder aus dem öffentlichen Raum verschwand), sollte genügen, um im Diskurszusammenhang an die historische Relevanz von Schonhaltung und Verdrängung zu erinnern. Vielfach reflektieren sie Einflüsse der Geschichtspolitik auf die Auseinandersetzung mit der erfahrenen Vergangenheit. Auch vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass der polnische Historiker Jerzy Holzer 1990 die Bezeichnung Stalinismus ablehnte, weil es sich lediglich um eine politische Kampfparole der regierenden Kommunisten gehandelt habe, die das von ihnen geschaffene System nicht als »authentischen Kommunismus«, als »Kommunismus als solchen«, sondern als fehlerhafte Entartung erkannten in dem Moment, als sie selbst von der Repression betroffen waren.17 Denn Entstalinisierung habe »nicht die Natur des Regimes verändert, sondern nur die Spielregeln zwischen Herrschaft und Gesellschaft«18, schrieb man in Russland. Die Institutionen des Systems blieben nach Stalins Tod stabil, meint konsequent auch der Pole Wojciech Roszkowski. Geändert hätten sich nur die Methoden der Machtausübung, nicht die Struktur der Machtmechanismen und ihre Legitimation. Die kommunistische Partei agierte weiterhin als einzige autonome Organisation in einem System, in dem ihr alle anderen staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen untergeordnet waren. Der neue »Gesellschaftsvertrag« garantierte Sicherheit für Gehorsam und Unterwerfung, für Selbstzensur und Selbstkontrolle, die an die Stelle der zentralen Kontrolle traten.19 Eine typologische Differenz zwischen einer totalitären und einer posttotalitären Phase in nichtdemokratischen Systemen sei nicht in der Struktur der geschichtlichen Entwicklung zu entdecken, sondern auf die normativ-statische Definition von Idealtypen und Untersuchungskritierien zurückzuführen, argumentierte der tschechische Zeithistoriker Oldřich Tůma: »Der Unterschied zwischen dem Verlust des Lebens und des Arbeitsplatzes ist zwar ein existentieller, aber kein systematischer.«20 In der modernen russischen Historiographie lässt man Entstalinisierung, in russischer Diktion auch: Chruschtschow’sche »Reformation« als »administrative Mobilisierung«, »Modernisierung« oder »Liberalisierung« »von oben«, nur zur Beschreibung einer Etappe der Regression des Stalinismus gelten, spricht ihm also ebenfalls eigenständige typologische Merkmale ab. Zur Begründung wird darauf hingewiesen, dass die Degradation des Stalin’schen Systems in den 1950er- und 1960er-Jahren mit der grundsätzlichen Umkehrbarkeit der Chruschtschow’schen Reform unter Breschnew zu verbinden sei.21 Einen systemischen Unterschied zwischen Stalin und Chruschtschow sieht der russische Sozialhistoriker Axjutin auch deshalb nicht, weil er die Chruschtschow’sche Reform zur Modernisierung des Systems bei Beibehaltung der alten Regelungsfunktionen grundsätzlich auch Stalin zutraut.22 Neu waren vor dem Hintergrund eines beschleunigten gesellschaftlichen Wandels nur die Veränderungen in den Reaktionsweisen der gesellschaftlichen Gruppen auf die statische Herrschaftsform, die die frühere monolithische Einheit zugunsten eines sozialen Pluralismus aufgelöst und damit die Partei- und Staatskontrolle mittelbar geschwächt hätten.23 Ähnlich argumentiert Stefan Plaggenborg, wenn er resümiert: »Es ist deswegen gerechtfertigt, von einer stalinistischen Strukturkontinuität bis in die Zeit der Perestrojka hinein zu sprechen.« Und er fährt fort: »Der stalinistischen Strukturkontinuität entspricht deshalb als Parallelerscheinung die asynchrone Entstalinisierung.«24 In Osteuropa sind vereinzelt noch radikalere Stimmen zu vernehmen: Das nach dem sowjetischen Muster gestaltete politische System blieb danach im Grundsatz bis zum Ende der 1980er-Jahre axiomatisch gültig. Der unterschiedliche Grad der strukturellen Resistenz der »Peripherie« gegenüber dem »Zentrum«, die reale historische Dynamik und Vielgestaltigkeit der Binnengeschichte der nationalen Systeme wie auch der einzelnen historischen Phasen des Stalin’schen Ur-Modells selbst werden bei solchen Überlegungen nicht übersehen. Nur noch wenige Forscher isolieren den Stalinismus als singuläre, zeit- und personenbezogene sowie räumlich auf die UdSSR begrenzte historische Erscheinung. Stellvertretend sei Jörg Baberowski genannt, der den Stalinismus als »imperiales Phänomen« auf der Grundlage des Konflikts zwischen Modernisierung und Traditionalismus, zwischen Zentrum und Peripherie auf den exterminatorischen Terrorexzess reduziert.25 In der russischen Geschichtsschreibung wird der Terror nicht als konstitutiv für Stalins Herrschaft angesehen, weil er schon davor institutionalisiert worden war, und in Ostmitteleuropa sorgt zudem der Terror der deutschen Besatzungszeit für Probleme bei der Historisierung. Insgesamt vermitteln die Stalinismus-Debatten den Eindruck, dass sie als Projektionsflächen dienen. Historiker reiben sich kritisch an den als schillernd charakterisierten Konzepten und polieren auf diese Weise einzelne von deren zahlreichen Facetten. Dies begünstigt eine Verinselung der akademischen Jargone, die aus den frei gewordenen Quellenmassen scheinbar alle empirisch »belegt« werden können. Versteht man unter Typen aber nur »Merkmale, die einer Gruppe von Personen oder Dingen gemeinsam sind«, so funktionieren Typologien und Modelle in erster Linie als heuristische und ordnende Hilfsmittel zur Reduzierung der Komplexität der empirischen Einzelerscheinungen und transportieren nicht unmittelbar oder nicht gleich »die ganze« historische Wahrheit. Insofern ist die von Hermann Weber vorgenommene Unterscheidung zwischen »Stalinismus im engeren oder speziellen Sinne – dies war Willkürherrschaft und brutaler Terror« – und »Stalinismus in seiner weiteren oder allgemeineren Einschätzung als gesellschaftspolitisches System«, das bis zum Ende des SED-Staates 1989 existierte,26 allein deshalb sehr wertvoll, weil sie bestimmt und klar ist. III. Die unmittelbar evidenten gesellschaftlichen Auswirkungen des Zusammenbruchs des Kommunismus eröffnen vielfach neue Sichtweisen auf das historische Phänomen. In Ungarn fiel etwa die Selbstmordrate, die nach dem Trauma von 1956 drei Jahrzehnte an der Spitze der Weltstatistik stand, seit 1989 um ein Drittel27, allgemein stieg in Ostmitteleuropa nach 1989 die allgemeine Lebenserwartung deutlich. In Russland sank sie jedoch, und bei der Zahl der Selbstmorde führt heute Litauen die Weltstatistik an. Es geht hier aber nicht darum, auf »harte« soziale Folgen des Systemstresses aufmerksam zu machen, die schon in den 1980er-Jahren »informelle« oder sogar offizielle Diskursthemen waren, sondern auf die Tatsache, dass sich nicht nur die Vergangenheit heteronom präsentiert, sondern dies ebenso für die Gegenwart gilt. Dies schafft verschiedene gesellschaftliche Voraussetzungen und eine unterschiedliche Dringlichkeit für Geschichtsdiskurse. So fällt in der deutschen Diskussion schon aufgrund der westdeutschen semantischen Definitionsmacht einiges unter den Tisch und noch einiges mehr infolge des genetischen Kausalnexus zwischen der nationalsozialistischen und der kommunistischen Diktatur. Der nationalsozialistische Völkermord ließ sich in Deutschland (und auch in Österreich) als Tabu und »absoluter Zivilisationsbruch« einkapseln und sogar strafrechtlich bewehren, auf europäischer Ebene gelang dies jedoch nicht im gleichen Maße, und die osteuropäische Geschichtsschreibung kommt einfach nicht umhin, dieses Tabu zu berühren. Ein anderes Extrem stellt heute Russland dar, wo im Jahr 2007 in Befragungen 35 Prozent das »Sowjetsystem« für das am besten geeignete politische System halten28 und 47 Prozent der Bevölkerung Stalin eine »positive Rolle in der Geschichte Russlands« bescheinigen.29 Und was die zeitliche Perspektive der Transformation angeht, so wäre etwa daran zu erinnern, dass in Deutschland erst im Jahr 2007 die Entschädigung von Opfern politischer Verfolgung in der DDR beschlossen werden konnte, oder daran, dass die »Bewältigung der Folgen der ersten deutschen Diktatur« noch heute Gerichte und Öffentlichkeit beschäftigt. Hinsichtlich der zeitlichen Perspektive der Vergangenheitsbewältigung gilt es aber vor allem auf eine unterbelichtete oder sogar verdrängte Dimension des Stalinismus aufmerksam zu machen: auf den kulturellen oder auch gesellschaftlichen Stalinismus, wie die entsprechenden älteren Kampfausdrücke lauteten. Gemeint ist der »strukturelle Stalinismus«, der seinen Ausdruck fand im »Primat der Ideologie als institutionalisierter Lüge«, wie Jacques Rupnik formulierte30, oder sich im »kognitiven Privileg«31 der kommunistischen Partei als kognitiver Mechanismus manifestierte, in dem unter dem Begriff der Dienstbarkeit der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge verloren geht, der Mensch seine Subjektivität verliert. Auf seine sprachzerstörenden Wirkungen wurde schon sehr früh von Czesław Miłosz und immer wieder von Aleksander Wat, Leszek Kolakowski oder Václav Havel hingewiesen.32 Die Bewältigung des »Stalinismus« wird also noch einige Zeit dauern, denn die in der Gegenwart noch lebende Vergangenheit gebiert in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit noch immer neue semantische Kreuzungs- und Mutationsformen, sogar die Umgangssprache ist gleich mehrfach überformt worden. Sprachverwirrung wird sich auch deshalb nicht vermeiden lassen, weil historische Ereignisse in nationalen Quellen bisweilen eine völlig andere quantitative und qualitative Faktographie haben als in analogen so-wjetischen »Kontrollberichten«. Kommunikationsprobleme resultieren daraus, dass viele der im Westen üblichen fachwissenschaftlichen Termini nicht deckungsgleich in andere Fremdsprachen übersetzt werden können und oft schon im nationalen Sprachraum die Übernahme von Fachausdrücken aus anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen zu Missdeutungen führt. Erinnert sei nur an das Schicksal der von dem Soziologen Peter Christian Ludz vorgestellten soziolinguistischen »Immanenz-Theorie«, die von einigen Historikern in völliger Verkehrung der eigentlichen Intention als »neues Deutungskonzept« angenommen wurde. Der Weg zur Historisierung des Kommunismus wird also mit einem längeren Kommunikationsprozess verbunden sein. Sicher ist nur, dass er mit der positivistischen Kompilation empirischer Daten beginnen und ständig von ihr begleitet sein muss, offen bleibt, wie die nationalgeschichtlichen Deutungen in ein zivilisatorisches Gesamtkonzept eingefügt werden können. Auf typologische Hilfskonstruktionen, ob sie nun explizit vorgestellt oder nur implizit angewandt werden, kann dabei schon aus arbeitsökonomischen Gründen nicht verzichtet werden, um die Komplexität der empirischen Einzelbefunde beherrschen zu können. Die Methoden und Hilfsmittel der generalisierenden Geschichtsschreibung bleiben schließlich ebenfalls unmittelbar Gegenstand des Diskurses und nicht nur die Geschichte als isolierte nationale Erfahrung. 1 Rupnik, Jacques: Der Totalitarismus aus der Sicht des Ostens, in: Jesse, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, Bonn 1996, S. 389–415, hier S. 391. 2 Siehe Hildermeier, Manfred: Interpretationen des Stalinismus, in: Historische Zeitschrift 264 (1997), S. 655–674. 3 Siehe dazu: Lessing, H.-U.: Typos, Typologie, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Band 10, Darmstadt 1998, Sp. 1587–1607, insbes. Sp. 1602 ff. 4 Siehe Trotzki, Leo: Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie? Paris 1936. Auch der politische Emigrant aus der UdSSR G. P. Fedotow beispielsweise veröffentlichte 1936/37 in Paris Analysen, in denen von einer »Stalinschen Revolution gegen den Leninismus« (und Marxismus) etwa ab 1925, der Errichtung eines »persönlichen Regimes Stalins« und einer »Stalinokratie« die Rede ist, wobei die Ermordung Kirows im Dezember 1934 als zäsurbildend bezeichnet wird. Als Merkmale nannte Fedotow u. a. »die Erschießung von Parteimitgliedern« und »Liquidierung fiktiver politischer Opposition«. 5 Ob es sich beim Stalinismus genetisch auch um eine Eigenbezeichnung handelt, die etwa Mitte der 1930er-Jahre in der UdSSR entstanden ist und die sich in der Nachkriegszeit etwa bei Schdanow belegen lässt, ist wegen des Übersetzungsproblems nicht eindeutig zu belegen. Der Ausdruck wurde jedoch nicht öffentlich gebraucht. 6 In den Jahren 1956–58 betrachtete Chruschtschow die in Westeuropa und Jugoslawien gängigen Ausdrücke »Stalinist« und »Antistalinist« nicht als widersprüchlich und bezeichnete sich selbst als »Stalinisten«. Siehe Mićunović, Veljko: Moscow Diary, London 1980, hier insbes. S. 26, S. 168, S. 187, S. 196, S. 431. Zitat auf S. 196. 7 Nach 1991 bezeichneten sich auch frühere führende Opponenten der Gorbatschow-Politik vielfach als »Stalinisten«. Ob der Ausdruck rückwirkend angewandt wurde, ist nicht eindeutig feststellbar. 8 In systematischer Absicht könnte dazu auch die jugoslawische Entwicklung gezählt werden, denn dort wurde im Sommer 1948 kurzfristig eine »Entstalinisierung« geleistet. 9 So beispielsweise Rupnik, Jacques: Der Totalitarismus aus der Sicht des Ostens, in: Jesse: Totalitarismus im 20. Jahrhundert (Anm. 1), S. 391. 10 Tschuprinin, Sergei, in: Otepel 1953–62. Stranizi ruskoi, sowetskoi literatury [Tauwetter 1953 – 62. Seiten der russischen, sowjetischen Literatur], 3 Bde., Moskau 1989–1990, hier Bd. 1, S. 10. 11 Zu den »nationalen Amplituden« der »Entstalinisierung« in einzelnen ostmitteleuropäischen Ländern siehe Vykoukal, Jiří / Litera, Bohuslav / Tejchman, Miroslav: Východ. Vznik, vývoj a rozpad Sovětského bloku 1944–1989 [Der Osten. Entstehung, Entwicklung und Zusammenbruch des Sowjetblocks 1944–1989], Prag 2000, S. 297 f. 12 Hildermeier: Interpretationen des Stalinismus (Anm. 2), S. 655–674. 13 Buldakow, W. P.: XX wek rossijskoi istorii i postkommunistitscheskaja sowjetologia [Das XX. Jahrhundert der russischen Geschichte und die postkommunistische Sowjetologie], in: Bordjugow, G. A. (Hrsg.): Rossijskaja imperija, SSSR, Rossijskaja Federazija: Istorija odnoi strany? [Das Russische Imperium, die UdSSR, die Russische Föderation: Geschichte eines Landes?], Moskau 1993, S. 5–56. 14 So machte beispielsweise ein ungarischer Historiker im Zusammenhang mit der Zentrum-Peripherie-Diskussion darauf aufmerksam, dass »Plan« in der westlichen Begriffswelt eine andere Bedeutung habe als in der in Osteuropa gemachten empirischen Erfahrung. Hier bestand der tatsächliche Plan nicht aus einem »konkreten Schriftstück«, sondern aus der Summe vielzähliger Veränderungen und Modifikationen, die oft mit dem ursprünglichen »Schriftstück« nichts mehr gemein hatten. 15 Siehe dazu Mlynář, Zdeněk: Krize v sovětských systemech od Stalina ke Gorbačovi [Krisen in Sowjetsystemen von Stalin bis Gorbatschow], Prag 1991. 16 Es beinhaltete den Vorwurf, mangelnden Widerstand gegen den Kommunismus geleistet zu haben, meinte also nach »deutscher Rechnung« die »dritte Schuld«. Der Text wurde veröffentlicht, aus Diskretionsgründen wird aber auf den Beleg verzichtet. 17 Holzer, Jerzy: Solidarność 1980–1981. Geneza i historia [Solidarność 1980–1981. Entstehung und Geschichte], Warschau 1990. In den »neuen« Programmen der postkommunistischen »kommunistischen« Parteien wird das System bis zum Zusammenbruch 1989/91 in der Regel als »stalinistisch« apostrophiert. 18 So stellvertretend für viele: Koslow, Wladimir A./Mironienko, Sergei W. (Hrsg.): Kramola. Inakomyslije w SSSR pri Chruschtschewe i Breschnewe 1953–1982gg [Aufruhr. Andersdenkende in der UdSSR unter Chruschtschow und Breschnew in den Jahren 1953–1982], Moskau 2005, S. 29. 19 Siehe Rupnik, Jacques: Der Totalitarismus aus der Sicht des Ostens, in: Jesse: Totalitarismus im 20. Jahrhundert (Anm. 1), S. 397. 20 Tůma, Oldřich: Poznámka k typologii komunistických režimů [Bemerkung zur Typologie der kommunistischen Regime], in: Soudobé dějiny 3/4 (1997), S. 534–537, hier S. 537. 21 Siehe dazu: Affanasjew, Juri N. (Hrsg.): Sowjetskaja istoriografija [Die sowjetische Historiographie], Moskau 1996. 22 Axjutin, Juri: Chruschtschowskaja »ottepel« i osbschestwennyje nastrojenija w SSSR w 1953–1964gg [Das Chruschtschow’sche »Tauwetter« und gesellschaftliche Stimmungen in der UdSSR in den Jahren 1953– 64], Moskau 2004, S. 479. 23 Ebenda, S. 484. 24 Plaggenborg, Stefan: Sowjetische Geschichte nach Stalin, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 1/2 (2005); siehe auch: Plaggenborg, Stefan (Hrsg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1998. 25 Siehe u. a. Baberowski, Jörg: Stalinismus an der Peripherie: Das Beispiel Azerbajdžan, in: Hildermeier, Manfred (Hrsg.): Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg. Neue Wege der Forschung, München 1998, S. 307–335. 26 Weber, Hermann: Aufbau und Fall einer Diktatur, Köln 1991, S. 64 ff. 27 Ungarn hatte ab 1960 die höchste Selbstmordrate in der Weltstatistik. Siehe Valuch, Tibor: Magyarország társadalomtörténete a XX. század második felében [Die Sozialgeschichte Ungarns in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts], Budapest 2001, S. 361. Siehe auch: Duval, Alexandre: Der Selbstmord in Europa, in: <http://www.arte.tv/de/suche/770118.html> am 20. Juni 2007. 28 Ein Viertel präferiert das »Putin’sche System« und 16 Prozent präferieren die Demokratie nach westlichem Vorbild. Die Angaben von 1600 Befragten stammen aus einer 2007 veröffentlichten Umfrage des unabhängigen russischen Levada Centers im Auftrag des EU-Russia Centers. 29 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. März 2005. 30 Rupnik, Jacques: Der Totalitarismus aus der Sicht des Ostens, in: Jesse: Totalitarismus im 20. Jahrhundert (Anm. 1), S. 398. 31 Kolakowski, Leszek, in: Urban, R. G. (Hrsg.): Stalinism: Its Impact on Russia and the World, London 1982, S. 250. 32 Hierzu beispielsweise Rupnik, Jaques, in: Jesse: Totalitarismus im 20. Jahrhundert (Anm. 1); Spiewak, Pawel (Hrsg.): Anti-Totalitarismus. Eine polnische Debatte, Frankfurt am Main 2003; sowie Havel, Václav: Versuch, in der Wahrheit zu leben. Von der Macht der Ohnmächtigen, Reinbek bei Hamburg 1980.

JHK 2008

Proletarische Diktatur oder freiheitliche Demokratie? Die Wandlungen des Curt Geyer

Mike Schmeitzner

Trotz seiner Bedeutung als »Wanderer zwischen den Welten« innerhalb der Weimarer Linken, seiner für die Frühzeit der Weimarer Republik so bedeutenden Autobiographie und seiner programmatischen Impulse nach 1933 ist Curt Geyer (1891–1967) nur wenigen Historikern ein Begriff geblieben. Lediglich Hermann Weber und Rainer Behring haben immer wieder Anläufe unternommen, ihn dem Vergessen zu entreißen.1 Dabei hatte der Politiker als Revolutionsführer 1918/19, als USPD-Funktionär, Mitbegründer der vereinigten KPD und der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft (KAG) und nicht zuletzt auch als einer der glänzendsten Journalisten und Buchautoren zu den bekanntesten Linken der Weimarer Zeit gezählt. Im Folgenden soll seine Wandlung vom intransigenten Anhänger einer „Diktatur des Proletariats“ zum Verfechter der parlamentarischen Demokratie, ja sogar zu einem Totalitarismuskritiker par excellence im Vordergrund stehen. Wie also wurde aus dem Feuerkopf der »Weltrevolution« ein demokratischer Sozialist? Stand dahinter eigene Erkenntnis oder nur politischer Opportunismus? Der Sohn des bekannten sächsischen Reichstagsabgeordneten, SPD-Politikers und Zigarrenfabrikanten Friedrich Geyer kam in den Genuss einer gediegenen Ausbildung. Auf den Besuch der Bürgerschule, der Real- und Oberrealschule folgte 1911 das Studium der Geschichte und Volkswirtschaft an der Universität Leipzig, das Geyer im Juni 1914 mit der Promotion über Politische Parteien und öffentliche Meinung während der Revolution in Sachsen 1848/49 abschloss. Bereits in dieser Zeit und verstärkt während seines Redaktionsvolontariats bei der sozialdemokratischen Leipziger Volkszeitung (LVZ) entwickelte er sich zum vielseitig belesenen Verfechter der Marx’schen Orthodoxie. Diese Grundüberzeugung und ein starker Hang zum Volontarismus führten ihn als Redakteur verschiedener fränkischer sozialdemokratischer Zeitungen früh in das Lager der SPD-Linken und der USPD. Wegen seiner »Linksabweichung« und seiner pazifistischen Haltung wurde er noch 1917 vom SPD-Parteivorstand als Redakteur des Fränkischen Volksfreunds in Würzburg entlassen. In der USPD-Hochburg Leipzig fand er als Redakteur der LVZ eine neue berufliche Existenz; hier avancierte der gerade 27-Jährige schnell zu einem der bekanntesten radikalen linken Funktionäre.2 Der Durchbruch zum politischen Führer gelang Geyer allerdings erst nach Beginn der Novemberrevolution. Auch wenn er zuerst noch keine herausragende Position bekleidete, zeigt die Aufstellung der USPD-Kandidaten für die Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 eindrücklich seine neue innerparteiliche Stellung: Friedrich Geyer, der schon dem alten Reichstag angehört hatte, kam wieder auf Platz eins der Liste. Dies war nicht erstaunlich, dass aber dessen Sohn den langjährigen Bezirksvorsitzenden der Partei, den als gemäßigt und bedächtig geltenden Richard Lipinski, vom zweiten Listenplatz verdrängte, durfte schon als Sensation gelten3 und sagt etwas aus über die revolutionäre Massenstimmung dieser Wochen, und auch über das rhetorische Talent des 27-Jährigen, der – angesichts der sowjetrussischen Erfahrungen – die Revolution in eindeutig rätesozialistische Bahnen treiben wollte. Die Leipziger USPD schien damals fest in den Händen der Familie Geyer: Vater und Sohn waren seit dem 19. Januar 1919 Abgeordnete der Nationalversammlung, Curts Frau Anna, die ihm in intellektueller und rhetorischer Begabung kaum nachstand, bekleidete seit den Wahlen zur sächsischen Volkskammer (2. Februar 1919) ebenfalls ein Mandat. Ende Februar 1919 avancierte Curt Geyer noch zusätzlich zum Vorsitzenden des engeren Leipziger Arbeiter- und Soldaten-Rates. Es gab jedoch zwei Hürden, die den Geyers, vor allem Curt, im Weg standen: Da war einerseits das ältere Parteiestablishment, das – geprägt vom kautskyanischen Attentismus – immer noch eher eine Kombination von Parlamentarismus und Rätesystem anstrebte als eine räteorganisierte Diktatur des Proletariats. Ein Weitertreiben der Revolution und die politische und ökonomische Ausschaltung des Bürgertums stand nicht auf seiner Agenda und schon gar nicht auf derjenigen der mehrheitssozialistischen Landesregierung in Dresden, die – andererseits – zu einer militärischen Lösung entschlossen war. Insofern war die Radikalisierung der Sozialisierungs- und Streikbewegung, die jüngere Führer der USPD wie Curt Geyer und Paul Böttcher seit März 1919 in Leipzig betrieben, ein Vabanque-Spiel, das nur mit einer breiten Solidaritätsbewegung in Mitteldeutschland zu einem revolutionären Erfolg hätte geführt werden können. Der Zusammenbruch der Leipziger »Räte-Republik« und die widerstandslose Besetzung der Stadt durch Regierungstruppen General Maerckers im Mai 1919 besiegelten das Ende der revolutionären Phase.4 Obwohl Curt Geyers Traum von der Räterepublik gescheitert war (nach Ansicht des amerikanischen Historikers Sean Dobson hatte er durch sein zögerliches Verhalten sogar entscheidenden Anteil daran5), glaubte der 28-Jährige keineswegs an eine endgültige Befriedung der revolutionären Stimmung. Die blutigen Zusammenstöße vor dem Berliner Reichstag im Januar 1920 und die Kämpfe während des Kapp-Putsches drei Monate später bestärkten ihn darin. Und auch der Vormarsch der radikalen Kräfte in der USPD beförderte seine Hoffnung, dass Deutschland vor neuen revolutionären Kämpfen stünde und die USPD zur entscheidenden Kraft der Arbeiterbewegung heranwachsen würde. Obgleich sich eine solche Entwicklung tatsächlich abzuzeichnen begann und die USPD bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 fast zu den Mehrheitssozialisten aufschließen konnte, dachte die Leipziger USPD-Führung nach ihrer Mai-Niederlage nicht daran, sich auf neue revolutionäre Abenteuer einzulassen. In diesem Punkt hatte sich bis Ende 1919 eine deutliche Differenz zwischen der Leipziger Organisation der USPD und der Reichspartei herauskristallisiert, die immer stärker einen radikalen Kurs verfolgte. Geyer selbst gehörte in Leipzig wie auf Reichsebene zu jenen Führern der Partei, die sich weiterhin in einer »Revolutionsepoche« wähnten und deshalb die »Diktatur des Proletariats« als »Gegenwartsforderung« postulierten. Seiner Meinung nach hatte sich die USPD als »revolutionäre Kampfpartei« von »opportunistischen Tendenzen« zu trennen, da für »Kompromisse« kein Platz mehr sei. In der von Marx definitorisch begründeten und von Lenin als Herzstück proletarischer Herrschaft verstandenen »Diktatur des Proletariats« sah er die »notwendige Vorbedingung für die Verwirklichung des Sozialismus«, wie sie bereits die »Programmatische Kundgebung« der USPD im März 1919 beschrieben hatte. Anders als gemäßigte USPD-Vertreter wie Karl Kautsky oder Richard Lipinski verstand Geyer allerdings die Diktatur nicht als eine von der Mehrheit des Volkes oder wenigstens der Mehrheit der Arbeiterschaft getragene Herrschaft: Man könne eine Revolution nicht erst dann beginnen lassen, wenn die Mehrheit der Arbeiterschaft hinter ihr steht.6 In einem Leitartikel für die LVZ, der auch in der Zeitschrift Die Kommunistische Internationale, dem Sprachrohr der im März 1919 gegründeten Moskauer Institution, nachgedruckt wurde,7 beschrieb Geyer seine Interpretation der »Diktatur des Proletariats«: »Ist aber einmal die offene Revolution da, so ist die einzige Möglichkeit, sie zum Erfolg zu führen, die Diktatur des Proletariats, sei es zunächst auch nur eine Minderheit des Proletariats. Revolutionen sind noch nie durch große Mehrheiten, sondern immer durch entschlossene Minderheiten geführt worden. Nur im revolutionären Kampf, nur durch die Anwendung der Diktatur, durch die entschlossene Ausnutzung des Erfolges können die Vorderreihen des kämpfenden Proletariats die Mehrheit mit sich reißen.«8 Die an Lenin erinnernde Avantgarde-Theorie und die für Geyer feststehende »vorrevolutionäre« Situation in Deutschland schlossen eine Beteiligung an Parlamentswahlen oder gar an Regierungen mit der MSPD kategorisch aus. Die USPD habe in »bürgerlichen Parlamenten nichts zu suchen«; sie dürfe auch keine Regierungsbündnisse mit den Rechtssozialisten eingehen, da diese »nichts anderes als eine bürgerliche Reformpartei«, ja sogar eine »bürgerlich-kapitalistische Partei« sei.9 Eine Synthese aus Rätesystem und bürgerlichem Parlamentarismus müsse abgelehnt, stattdessen die reine Räteherrschaft begründet werden. Aus Geyers und Böttchers Sicht gab es seit Spätsommer 1919 nur eine Alternative: den Anschluss an die Kommunistische Internationale in Moskau. Die beiden jungen Leipziger Führer konnten sich jedoch in der eigenen Regionalorganisation nicht durchsetzen. Die Mehrheit der Leipziger Parteifunktionäre war weder bereit, einen Anschluss an die Moskauer Komintern zu tolerieren, noch auf ein Regierungsbündnis mit der MSPD zu verzichten, da doch beide Parteien gerade in Sachsen über eine absolute parlamentarische Mehrheit verfügten. In einer Urabstimmung der Leipziger Mitglieder mussten sich Geyer und Böttcher im Herbst 1919 knapp geschlagen geben.10 Zwar vermochte Geyer auf dem außerordentlichen USPD-Reichsparteitag Anfang Dezember 1919 gegen die gemäßigten Leipziger zu triumphieren und gemeinsam mit jüngeren Führern wie Walter Stoecker ein neues Aktionsprogramm zu beeinflussen, das stärker seiner politisch-programmatischen Sicht entsprach.11 Dennoch hatte die Leipziger Niederlage für ihn Konsequenzen: Nach heftigen Rückzugsgefechten verließ Geyer im ersten Halbjahr 1920 die Redaktion der LVZ und übernahm die viel radikalere Hamburger Volkszeitung der USPD als Chefredakteur. In den folgenden Monaten zählte er zu den reichsweit einflussreichsten Verfechtern einer kommunistischen Transformation der USPD. Auf der Reichskonferenz in Berlin Anfang September 1920 forderte der 29-Jährige in gewohnt apodiktischer Form den Anschluss an die Komintern; älteren USPD-Führern wie Wilhelm Dittmann warf er mit argumentativem Rückgriff auf Lenin und Trotzki vor, der »Zuspitzung der politischen Verhältnisse« auszuweichen, die »gegenwärtige Situation für ungünstig für den Entscheidungskampf hinzustellen« und so die »Machteroberung des Proletariats« und dessen Diktatur aufschieben zu wollen.12 Wie Geyer dort die 21 Beitrittsbedingungen der Komintern und den erhofften künftigen Einfluss der USPD in diesem Gremium bewertete, das zeugt von einem hohen Maß an revolutionärer Illusion. Ohne auch nur ansatzweise auf die Bedingungen einzugehen, erklärte er, in der »Epoche des Bürgerkrieges« und der »aktiven, proletarischen Weltpolitik« seien die von Moskau diktierten Bedingungen eine »Kampfesnotwendigkeit für die proletarischen Parteien«, ja eine »historische Notwendigkeit der Weltrevolution«. Den darin geforderten Ausschluss der gemäßigten innerparteilichen Kräfte kommentierte er mit dem Hinweis, dass eine »sachliche Reinigung unserer Partei« notwendig sei. Er persönlich finde es »richtig, dass eine jede Partei, die sich heute unter solchen Bedingungen der dritten Internationale anschließt, ein Stück ihrer Autonomie, ein Stück ihrer Selbstständigkeit aufgibt«.13 Auf empörte Zwischenrufe von Delegierten, dass doch die Partei mit dieser Unterwerfung »sich selbst« aufgebe, antwortete Geyer mit der ihm eigenen revolutionären Zuversicht: »Dafür aber, werte Genossen, gewinnen Sie auf der anderen Seite durch die Vertretung im Exekutivkomitee nicht nur Einfluss auf die eigene Taktik, sondern Einfluss zugleich auf die Taktik der Parteien, die der dritten Internationale angeschlossen sind.« Nach einem erneuten Zuruf »Sind Sie so naiv oder geben Sie sich so naiv?« verstieg sich Geyer sogar zu der Feststellung, wenn die USPD als »große führende deutsche Massenpartei der dritten Internationale« Mitglied der Komintern geworden sei, werde »das Schwergewicht des Exekutivkomitees von Moskau nach Berlin wandern« [!]; so wie »heute bereits das Schwergewicht der Weltrevolution von Russland nach Deutschland gewandert ist«. Es ist schwer zu beurteilen, ob Geyer daran wirklich glaubte, oder ob er lediglich wankelmütige Delegierte beeinflussen wollte. Einen Teil der (gemäßigten) Delegierten, die diese Verkündigungen mit »Heiterkeit« und »Gelächter« quittierten, hatte er allerdings nicht erreichen können.14 Eine völlige Unterordnung der USPD unter die Moskauer Komintern-Regie scheint er nicht befürwortet zu haben; die Hoffnung auf ein Berliner statt ein Moskauer Revolutionszentrum spricht jedenfalls für diese Annahme. Auf dem Hallenser Reichsparteitag der USPD Mitte Oktober 1920, der die Entscheidung über den Komintern-Anschluss bringen sollte, sprach Geyer auffälligerweise nicht. Obwohl er – laut Selbststilisierung in seinen Erinnerungen – als der »weitaus beste und geschickteste Redner« der linken Gruppe galt,15 habe er sich zurückgehalten, weil er erstens als Hassfigur des gemäßigten USPD-Flügels kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen wollte und zweitens bereits damals »düsterer Ahnungen voll« über die spätere Stellung der USPD innerhalb der Komintern gewesen sein will.16 Seine wenig glückliche Rede auf der Reichskonferenz in Berlin und der weitaus wichtigere Auftritt Grigori Sinowjews, des Generalsekretärs der Komintern, dürften für diese Entscheidung wohl ebenfalls maßgeblich gewesen sein. Die Mehrheit der Delegierten entschied sich bekanntermaßen für die 21 Bedingungen und damit für den Anschluss an die Komintern; die linke Führung konnte jedoch die Mehrheit der Mitglieder nicht für den folgenden Zusammenschluss mit der wesentlich kleineren KPD gewinnen. Curt Geyer, der einen nicht geringen Beitrag zur Spaltung der Massenpartei USPD geleistet hatte, avancierte zu einem der fünf Mitglieder des ZK der linken USPD und Wochen später der vereinigten KPD (VKPD).17 In der neuen Partei musste Geyer schon nach wenigen Monaten erkennen, dass seine Vorstellung von der Verschiebung des Machtzentrums von Moskau nach Berlin reine Illusion gewesen war. Statt Einfluss auf die Entscheidungen der Komintern-Zentrale zu erlangen, sahen sich Geyer, Däumig, Düwell, aber auch der VKPD-Vorsitzende Paul Levi, der intellektuelle Nachlassverwalter Rosa Luxemburgs, mit einer immer stärkeren Bolschewisierungsstrategie der Komintern konfrontiert. Dieser hatten sie nichts oder nur wenig entgegenzusetzen, da die Moskauer Zentrale aufgrund ihrer finanziellen und materiellen Ressourcen fast beliebig in die Zuständigkeit der Partei einzugreifen vermochte. Als Geyer im Frühjahr 1921 für drei Monate als Vertreter der VKPD-Zentrale zum Exekutivbüro der Komintern nach Moskau entsandt wurde, erlebte er sein persönliches Damaskus: die Formierung eines diktatorisch-zentralistischen Herrschaftssystems, das sich von den Vorstellungen der von Geyer verehrten Rosa Luxemburg immer weiter entfernte, die blutige Niederschlagung des Kronstadter Aufstandes, einen X. Parteitag der Bolschewiki, der ein Fraktionsverbot innerhalb der Partei festlegte und die unübersehbaren Folgen des »Kriegskommunismus« mit einer »Neuen Ökonomischen Politik« einzudämmen versuchte, und schließlich die Zumutung an Geyer selbst, einen Putsch in Deutschland mit in die Wege zu leiten, um von der eigenen tiefen Krise abzulenken.18 Zurück in Deutschland, sah sich Geyer einer veränderten Situation gegenüber: Die Führung der VKPD war angesichts ihrer vergeblichen Versuche, die eigene Autonomie und die anderer westeuropäischer sozialistischer Parteien zu bewahren und den von der Komintern beschlossenen deutschen Aufstand abzuwenden, zurückgetreten. Seine Sympathien für die ausgeschiedenen Levi, Däumig und Braß und deren politische Vorstellungen ließen Geyer endgültig zu der Erkenntnis kommen, dass sein Traum von der »Weltrevolution« mit dieser Komintern und der eigenen deutschen Partei nicht zu verwirklichen war. Geyers Votum gegen die März-Aktion war auch der Erkenntnis geschuldet, dass die Zeit für eine erfolgreiche deutsche Revolution vorbei war. Anfang Mai 1921 wurde er genauso zum Rücktritt aus der Zentrale gezwungen wie vordem Levi; als er im Sommer 1921 in der von Levi herausgegeben Zeitschrift Unser Weg veröffentlichte, erfolgte sein Parteiausschluss.19 Mit seiner weiteren politischen Entwicklung über Levis KAG, den gemeinsamen Wiedereintritt in die Rest-USPD (Februar 1922) und schließlich in die vereinigte SPD (September 1922) ging freilich kein abrupter weltanschaulicher Stellungswechsel einher. Geyers Überwindung des linken Radikalismus, seine Hinwendung zum demokratischen Sozialismus und – noch weitergehend – die Ablehnung der Marx’schen Orthodoxie nahm mehrere Jahre in Anspruch und fand wohl ihren Abschluss mit der Veröffentlichung seines Werkes Führer und Masse in der Demokratie (1926). Geyers Abfall vom Radikalismus lässt sich bereits vor dem Erscheinen seines entsprechenden Buches (1923) anhand mehrerer Artikel für die Zeitschrift Unser Weg verfolgen. Schon im Sommer 1921 war seine Ernüchterung angesichts der ausgebliebenen »Weltrevolution« deutlich zu spüren: Der Vormarsch der gegenrevolutionären Kräfte (vor allem in Bayern) veranlasste Geyer dazu, sich nicht mehr auf den »Sieg der Arbeiterklasse auf der ganzen Linie« zu versteifen, sondern die Niederringung der Reaktion als einen Schritt »auf dem Wege zur Diktatur des Proletariats« zu betrachten.20 Zwei Monate später, nach dem Festhalten der neuen VKPD-Führung an »Offensivtheorie« und »Anarchismus«, sprach er bereits von der Existenzaufgabe der kommunistischen Partei. Ihre Beschlüsse müssten notwendigerweise »zum Verbluten aktiver, revolutionärer Proletarier, losgelöst von den Massen« führen. Angesichts der Vorstöße des Unternehmertums sei die »Geschlossenheit« des Proletariats das oberste Gebot, um sich selbst zu behaupten [!].21 Gerade weil Geyer erkannte, dass das Proletariat immer mehr in die »Defensive« geriet, plädierte er Ende 1921 sogar erstmals für eine »sozialistische Regierung« als »Schutzwall der proletarischen Massen«, die er 1919 noch vehement abgelehnt hatte.22 Nachdem der ehemalige VKPD-Funktionär nun selbst eine neue Ära der Sammlung (statt immer neuer Spaltungen) verkündet und Anfang 1922 eine Befreiung »aus den Fesseln des Dogmatismus« und von der »starren Auffassung absoluter Gesetzmäßigkeiten auf dem Gebiet der Natur wie der Gesellschaft« gefordert hatte,23 legte er 1923 sein Buch Der Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung24 vor, das nicht nur einen »soziologischen Versuch« darstellte, sondern auch einen Selbstversuch, nämlich eine Analyse der eigenen radikalen »Erhitzung«.25 Als deren wesentliche Elemente nannte Geyer die Adaption sowjetrussischer Revolutionsvorstellungen, die »radikalisierende Wirkung des Anfangserfolges«, die »Idee der Weltrevolution, die Einschätzung der Massenaktion als des einzigen Hebels des gesellschaftlichen Fortschrittes, die Verwerfung der praktischen Tätigkeit«, den »Ruf nach der Offensive« und schließlich die »Flucht in das Dogma der Weltrevolution«. Er machte aber auch das »geschlossene System der radikalen Doktrin«, den Glauben an die »absolute Wahrheit« und die Überzeugung, dass die »Entwicklung der sozialen Welt sich durch den Umschlag der bürgerlichen Ordnung in die sozialistische vollziehen werde«, für den Radikalismus verantwortlich.26 Mit dieser Analyse hatte Geyer einen Gutteil der Marx’schen Orthodoxie überwunden und sich grundsätzlich auf reformsozialistisches Terrain vorgewagt. Ja, mehr noch: Als er 1924 die wiedererstarkte Macht der deutschen Konzerne und ihre kriegerische Revisionsbereitschaft konstatierte, zog er folgende Konsequenz: »Staatskontrolle der großen Konzerne, Dienstbarmachung ihres Reichtums für den Staat, gerechte, unter sozialem Gesichtspunkt geführte Finanzpolitik, Sorge für Kultur und Wohlfahrt der arbeitenden Massen, Bereitschaft zur internationalen Verständigung«. Statt einer »Diktatur des Proletariats« rückte nun die »Idee der Freiheit und der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit« in den Vordergrund seiner Überlegungen.27 Solche Vorstellungen dürften auch durch seine Tätigkeit als Abgeordneter des Reichstags (1920–1924) mit veranlasst worden sein. In seiner 1924 beginnenden Redakteurstätigkeit für den Vorwärts, das Zentralorgan der SPD,28 trat er endgültig auf den Boden der sozialen Demokratie und der deutlicheren Marx-Revision. Als 1926 Geyers Buch Führer und Masse in der Demokratie erschien, reagierten einstige Freunde und Weggefährten, die ebenfalls den »langen Marsch« durch die Parteiinstitutionen angetreten hatten, allerdings mit wachsender Skepsis. Nicht nur, dass Geyers Bruch mit der Marx’schen Orthodoxie nun vollends zum Vorschein kam und erstmals ethisch-sozialistische Überlegungen dominierten – das im parteieigenen Dietz-Verlag veröffentlichte Werk war zugleich der erste Band der neuen Reihe »Schriften zur Zeit«, die von ethischen Sozialisten wie Gustav Radbruch, Karl Bröger und August Rathmann herausgegeben wurde. Bernhard Düwell, Geyers einstiger Freund aus USPD, VKPD, KAG und Unser Weg, attackierte dessen Bekenntnis zur Demokratie und zur staatspolitischen Verantwortung der SPD sowie seine Kritik an der »intransigenten Oppositionspolitik« der innerparteilichen Linkssozialisten29 scharf. Da war vom »plötzlich so ministerialisierenden Freund«, vom Marxtöter und auch vom »Büßer« die Rede, »der sich im Fegefeuer begnadeter Vernunft fühlt und dreimal wehe über die schreckliche Vergangenheit und ihre Sünden schreit«.30 Gewiss hatte sich Geyer für jene angreifbar gemacht, die gleichfalls 1922 in die Reihen der vereinigten SPD zurückgefunden hatten, aber wie Bernhard Düwell keinesfalls das marxistische Dogma aufzugeben bereit waren. Ihnen musste der nunmehrige Vorwärts-Redakteur als besonders eifriger Renegat erscheinen, gerade weil er als früherer USPD-Funktionär nun für eine Relativierung des Marxismus eintrat.31 Wie richtig Geyer jedoch mit seinen Ansichten lag, zeigte bald die Tragödie der von der SPD und ihrem »demokratischen Führer« Hermann Müller gelenkten Großen Koalition im Reich (1928–1930), die fast vom ersten Tag an von den innerparteilichen Linkssozialisten mit kompromisslosem orthodox-marxistischem Glaubenseifer bekämpft wurde.32 In der noch größeren Tragödie, die sich für die deutsche Sozialdemokratie und das deutsche Volk seit 1933 abspielte, sollte Geyer eine innerparteiliche Bedeutung zukommen, die seine frühe Wirkung (1919/21) deutlich übertraf. Gemeint ist seine Schlüsselstellung im Prager Exilvorstand der SPD (SOPADE), zuerst als Redakteur des Neuen Vorwärts und ab 1935 (nach dem Ausscheiden Friedrichs Stampfers) als Chefredakteur (bis 1940).33 Mit seinen zahlreichen Artikeln und Schriften avancierte Geyer zumindest in der ersten Phase der Emigration neben Rudolph Hilferding zu einem der maßgeblichen »Vordenker« der Exil-Sozialdemokratie, wie Rainer Behring jüngst zu Recht betonte.34 Noch 1933 begann Curt Geyer mit zwei Schriften in der SOPADE-Reihe »Probleme des Sozialismus« Akzente zu setzen und den programmatischen Kurs des Prager Exilvorstandes zu bestimmen. In Revolution gegen Hitler und Volk in Ketten machte er deutlich, dass »der Faschismus national zum Untergang Deutschlands führen muss, dass er Volk und Land in die Katastrophe stürzt«. Die Weltanschauung des Nationalsozialismus – die »kriegerische Grundauffassung« und die »faschistische Ideologie vom totalen Staat« – sei die »geistige Vorbereitung zum Kriege«, deshalb müsse die deutsche Opposition den Sturz der »nationalsozialistischen Despotie« herbeiführen. Allerdings dürfe dieser nicht mit der Einführung eines bolschewistischen Systems verknüpft werden. An die Stelle des faschistischen dürfe nicht das »bolschewistische Arbeiterzuchthaus« treten und damit lediglich die »Vorzeichen der Sklaverei« vertauscht werden. Anders als die Kommunisten müssten die Sozialdemokraten in ihrem Widerstand gegen Hitler darauf abzielen, die »Fesseln der Sklaverei abzuwerfen und die Freiheit wieder zu erobern«.35 Mit dieser grundsätzlichen Positionierung setzte sich Geyer spätestens 1934 in Widerspruch zu zeitweilig stärker werdenden Tendenzen innerhalb des sozialdemokratischen Exils und der sozialdemokratischen Illegalität. Nach dem Scheitern der Weimarer Republik und ihrer wesentlichen demokratischen Stütze, der SPD, forderten sogar illegale Kreise in zuvor nicht gerade als linkssozialistisch bekannten Parteibezirken die Errichtung einer »Diktatur des Proletariats« und einen rücksichtslosen Kampf gegen Bürgertum und Kirche.36 Analoge Vorstellungen formulierte ein Teil der SOPADE, vornehmlich der »Arbeitskreis Revolutionäre Sozialisten«, in einer »Plattform« noch im Herbst 1934.37 Gerade weil Geyer zwischen 1919 und 1921 zu den glühendsten Verfechtern einer »Diktatur des Proletariats« gezählt hatte und erst durch die Berührung mit den Moskauer Realitäten zur Einsicht gebracht worden war, sah er sich nun zu einer weithin sichtbaren Entgegnung aufgerufen. Der Schlüsselsatz in der »Plattform«, wonach die »geeinte revolutionäre Partei« die »Trägerin der Diktatur« werde, »unter deren Führung die von Werktätigen gewählten Räte die Macht ausüben«, ließ ihn zu dem Ergebnis kommen, dass hier der »Weg der Verwirrung« und der Vergangenheitsfixierung beschritten werde. Die »Plattform« verwische die »tiefgehenden ideellen Unterschiede zwischen dem demokratischen Sozialismus und dem Kommunismus russischer Prägung«; sie sei eine »glatte Kapitulation vor dem kommunistischen Programm«. In seinen von den »Plattform«-Verfassern heftig bekämpften Ausführungen38 erinnerte er daran, dass aus solchen programmatischen Vorstellungen in Russland »mit Notwendigkeit erst der Cäsarismus eines Zentralkomitees und später der Cäsarismus eines einzelnen« hervorgegangen sei. Aus der »Diktatur des Proletariats« habe sich die »Diktatur eines roten Zaren« entwickelt, daraus ergebe sich eine »geschichtliche Warnung [...] für alle, die heute der Demokratie abschwören, um die Diktatur des Proletariats und die Räteherrschaft anzubeten«.39 Dass die »Plattform«-Positionen im Exil keine Mehrheit fanden, dafür sorgten nicht zuletzt die Moskauer Prozesse und Säuberungswellen, die Geyer als Chefredakteur fundamentaler Kritik unterzog. In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre erblickte er in der »Idee der Freiheit«, im »Freiheitswillen« und »Freiheitskampf« gegen Hitler und Stalin den stärksten Antrieb sozialdemokratischer Widerstandshaltung.40 In seiner Schrift Die Partei der Freiheit, die 1939 erschien, konzipierte er die Sozialdemokratie als politische Kraft, die an die Stelle der nationalsozialistischen Despotie die »uneingeschränkteste breiteste Demokratie, die Freiheit der öffentlichen Meinung« setzen müsse. Sie habe gegen die »Totalitätsidee« und jede Form der Diktatur zu kämpfen. Das »System der Totalität« solle von einem »Mehrparteiensystem abgelöst« werden; dabei gehe es um die »Sammlung der deutschen Opposition zum Kampfe für die Wiederherstellung der Grundlagen der europäischen Zivilisation in Deutschland«. Für die Revitalisierung eines »orthodoxen Marxismus« oder einer »proletarischen Diktaturpartei« sei kein Platz mehr, gerade weil das »totale System« in der »bisherigen Geschichtskonstruktion des Marxismus nicht vorgesehen war und auch dort nicht hineinpasste«.41 Mit diesen Vorstellungen war der vormalige Räterevolutionär seiner eigenen Partei um genau 20 Jahre vorausgeeilt. Dass Geyer trotz seiner »Vordenker«-Funktion in der Nachkriegssozialdemokratie keine Rolle mehr spielte und auch als Wegbereiter des Godesberger Programms der SPD (1959) ausfiel, war auf innersozialdemokratische Auseinandersetzungen im Londoner Exil zurückzuführen, die sein Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie allerdings nicht berührten. Als Kritiker eines organisatorischen Bündnisses mit linkssozialistischen Gruppen machte er sogar 1941 gegen einen sozialdemokratischen Linksruck Front. Der Bruch mit der SOPADE kam ein Jahr später an einem anderen Punkt: Im März 1942 stellten Geyer und fünf weitere frühere SPD-Funktionäre in einer Erklärung den »deutschen aggressiven Nationalismus« als die »mächtigste politische Kraft im deutschen Volk« dar und prangerten eine vorgebliche »nationalistische Tendenz« in der deutschen Sozialdemokratie seit 1914 an.42 Mit dieser – sehr weitreichenden – Interpretation der jüngsten deutschen Geschichte und Hitlers »Zustimmungsdiktatur« lösten sie zugleich die Bande zur Exil-SPD, die doch für sich selbst in Anspruch nahm, das »andere Deutschland« zu verkörpern. Die engen Kontakte zu Lord Vansittart, dem britischen »Deutschenhasser« par excellence, taten ein Übriges zur Isolierung der sechs SPD-Dissidenten. Nach dem Krieg kritisierte Geyer von London aus die nationale Haltung der West-SPD Kurt Schumachers. Sie sei mehr eine »nationale Widerstandsbewegung als eine Partei, die im Zusammenwirken mit den Alliierten eine Politik im Interesse des Volkes betreibe«. Das »selbst verschuldete Dilemma der Sozialdemokraten bestehe darin, dass sie, um Mehrheitspartei zu werden, der nationalistischen Stimmung in der Bevölkerung immer nachgeben« werde.43 Geyer zog daraus eigene Konsequenzen und nahm schließlich die britische Staatsbürgerschaft an. Als London-Korrespondent arbeitete er lange – von 1947 bis 1963 –  für die Süddeutsche Zeitung. 1 Zur aktuellen Auseinandersetzung siehe Weber, Hermann / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 243 f.; Rainer Behring: Option für den Westen. Rudolf Hilferding, Curt Geyer und der antitotalitäre Konsens. In: Schmeitzner, Mike (Hrsg.), Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2007, S. 135–160. 2 Zur Entwicklung des jungen Geyer siehe die – allerdings hagiographisch geprägten – Memoiren: Curt Geyer: Die revolutionäre Illusion. Zur Geschichte des linken Flügels der USPD, hrsg. von Wolfgang Benz und Hermann Graml, mit einem Vorwort von Robert F. Wheeler, Stuttgart 1976. 3 Das Ergebnis war mit 235 zu 232 knapper als von Geyer angegeben. Siehe Wheeler, Robert F.: Vorwort: Curt Geyer und die USPD. In: ebd., S. 20. 4 Zur revolutionären Entwicklung in Leipzig und Sachsen seit der Jahreswende 1918/19 siehe Rudolph, Karsten: Die sächsische Sozialdemokratie vom Kaiserreich zur Republik 1871–1923, Köln 1995, S. 217 ff. 5 Siehe vor allem die Kapitel »Geyer’s Intentions« und »The impending Invasion of Leipzig« in: Dobson, Sean: Authority and Upheaval in Leipzig 1910–1920. The Story of a Relationship, New York 2001, S. 257–261. 6 Geyer, Curt: Zur Reichskonferenz. In: Leipziger Volkszeitung vom 6. 9. 1919. 7 Geyer, Curt: Die Unabhängige Sozialdemokratie Deutschlands und die Diktatur des Proletariats. In: Die Kommunistische Internationale. Organ des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, November / Dezember 1919, Nr. 7/8, S. 58–63. 8 Geyer: Zur Reichskonferenz (Anm. 6). 9 So Geyer auf dem außerordentlichen Landesparteitag der USPD Sachsens am 10./11. August 1919. In: Dowe, Dieter (Hrsg.): Protokolle der Landesversammlungen der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Sachsens 1919–1922, Berlin / Bonn 1979, S. 101. 10 Siehe Wheeler: Vorwort (Anm. 3), S. 14. 11 Auf dem außerordentlichen Reichsparteitag der USPD vom 30. 11. bis 6. 12. 1919 gehörte Geyer neben Stoecker u. a. zur Redaktionskommission, die den Programmentwurf bearbeitete. Im Programm selbst wurde nun die Zertrümmerung des bürgerlichen Staates und die Aufrichtung einer Diktatur des Proletariats gefordert. Siehe Aktionsprogramm der USPD, beschlossen auf dem außerordentlichen Parteitag in Leipzig 1919. In: Dowe, Dieter / Klotzbach, Kurt (Hrsg.): Programmatische Dokumente der deutschen Sozialdemokratie, Bonn 2004, S. 182 f. 12 Protokoll der Reichskonferenz der USPD vom 1. bis 3. September 1920, Berlin 1920, S. 77. 13 Ebd., S. 78 f. 14 Ebd., S. 79. Zu den Intentionen Geyers auf der Reichskonferenz im Rückblick: Geyer, Die revolutionäre Illusion (Anm. 2), S. 215. 15 Ebd., S. 224. 16 Ebd., S. 223 f. 17 Siehe Wheeler, Robert F.: USPD und Internationale. Sozialistischer Internationalismus in der Zeit der Revolution, Frankfurt a. M. 1975, S. 259 ff.; Wheeler: Vorwort (Anm. 3), S. 17 ff. 18 Siehe Geyers ausführliche und plastische Schilderung seiner Moskauer Eindrücke in: Geyer: Die revolutionäre Illusion (Anm. 2), S. 250–277. 19 Siehe Wheeler: Vorwort (Anm. 3), S. 18. 20 Geyer, Curt: Zur inneren Politik. In: Unser Weg 3 (1921), H. 5, S. 133–137, hier S. 134 f. 21 Ders.: Das Jena der VKPD. In: ebd., H. 10, S. 272–275, hier S. 274. 22 Ders.: Partei von heute oder von übermorgen? Zur Frage der sozialistischen Regierung. In: ebd., H. 15, S. 426–432, hier S. 429. 23 Ders.: Naturgesetz und gesellschaftliches Gesetz. In: ebd. 4 (1922), H. 3/4, S. 65–70, hier S. 70. 24 Geyer, Curt: Der Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung. Jena 1923. 25 In das Widmungsexemplar für den politischen Weggefährten Reinhold Schönlank aus Halle schrieb Geyer: »Reinhold Schönlank zur Erinnerung an gemeinsamen jungen Radikalismus«. Ich danke meinem Kollegen Dr. Michael Rudloff für den Hinweis auf das in seinem Besitz befindliche Widmungsexemplar. 26 Geyer: Der Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung (Anm. 24), S. 35, 49, 53 u. 77. 27 Ders.: Drei Verderber Deutschlands. Ein Beitrag zur Geschichte Deutschlands und der Reparationsfrage von 1920 bis 1924, Berlin 1924, S. 229 f. 28 Geyer »komplettierte« ab 1924 das Innenressort des Vorwärts, dem seit 1922 auch ehemalige politische Weggefährten aus der KPD und KAG wie Ernst Reuter angehörten. Siehe Hermann Schueler: Trotz alledem. Der Vorwärts – Chronist des anderen Deutschland, Berlin 2006, S. 375. 29 Geyer, Curt: Führer und Masse in der Demokratie, Berlin 1926, S. 3 ff., 125 ff. 30 Düwell, Bernhard: Demokratischer Führer oder Führerfaschismus? In: Chemnitzer Volksstimme vom 7. 8. 1926. 31 Mit Blick auf das wieder stärker marxistisch geprägte Programm von Heidelberg (1925) monierte Geyer z. B. das dort nur lieblos abgelegte Bekenntnis zur politischen Demokratie. Siehe Geyer: Führer und Masse in der Demokratie (Anm. 29), S. 3. 32 Siehe u. a. Protokoll über die Verhandlungen der Landesversammlung der sächsischen SPD in Leipzig am 12. / 13.1.1929, Dresden 1929, S. 12 ff., 28 f., 33 ff. 33 Andere zeitliche Zuordnungen und die immer wieder behauptete Kooptation Geyers in den Exil-Vorstand der SPD entsprechen nicht den Tatsachen. Siehe Buchholz, Marlis / Rother, Bernd (Hrsg.): Der Parteivorstand der SPD im Exil. Protokolle der Sopade 1933–1940 (Archiv für Sozialgeschichte, Beiheft 15), Bonn 1995, S. XIX, XXV. 34 Behring: Option für den Westen (Anm. 1), S. 143. Schueler (Trotz alledem, Anm. 28, S. 539) kommentiert dagegen in seiner Vorwärts-Geschichte Geyers Redaktionsarbeit nach 1933 mit einem einzigen [!] lapidaren Satz: »Mit Stampfer, der immer mehr politische Aufgaben übernahm, besorgte alsbald in steigendem Maße Curt Geyer die Redaktion des Neuen Vorwärts.« 35 Zit. nach Behring: Option für den Westen (Anm. 1), S. 140 f. 36 Siehe z. B. die Berichte von Vertretern aus den Bezirken Pfalz, Baden, Württemberg, Hessen-Offenbach in: Bericht über die Neunkirchner Konferenz vom 2. bis 4. Juni 1934. In: Buchholz / Rother: Der Parteivorstand der SPD im Exil (Anm. 33), S. 439–454, hier S. 441 ff. 37 Der Weg zum sozialistischen Deutschland. Eine Plattform für die Einheitsfront. Zur Diskussion gestellt von einem Arbeitskreis revolutionärer Sozialisten. In: Zeitschrift für Sozialismus 1 (1934), H. 12/13, S. 375–409. 38 In einer SOPADE-Vorstandssitzung versuchten die Vorstandsmitglieder und »Plattform«-Verfasser Karl Böchel und Siegfried Aufhäuser, Geyers Artikel, der unmittelbar nach der »Plattform« abgedruckt werden sollte (und auch wurde), zu hintertreiben. Der entschlossene Widerstand Siegfried Crummernels, Friedrichs Stampfers und Otto Wels’ verhinderte dies. Siehe Protokoll der Parteivorstandssitzung am 19. Oktober 1934. In: Buchholz / Rother: Der Parteivorstand der SPD im Exil (Anm. 33), S. 65–74, hier S. 73 f. 39 Geyer, Curt: Der Weg zur Verwirrung. Arbeitervereinigung durch Unklarheit? In: Zeitschrift für Sozialismus 1 (1934), H. 12/13, S. 409–422, hier S. 409 u. 415. 40 Klinger, Max [Curt Geyer]: Gegen die Diktatur der Lüge. In: Neuer Vorwärts Nr. 210 vom 20. 6. 1937; ders.: Gesundungsprozess. Die Renaissance des Freiheitswillens. In: ebd. Nr. 218 vom 15. 8. 1937. 41 Geyer, Curt: Die Partei der Freiheit [1939]. In: Klotzbach, Kurt (Hrsg.), Drei Schriften aus dem Exil, Bonn 1974, S. 303 u. 354. 42 Später, Jörg: Vansittart. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902–1945, Göttingen 2003, S. 289. 43 Zit. nach: ebd., S. 420.

JHK 2008

Béla Kun, György Lukács, Imre Nagy und die Säuberungen in Moskau

Gabor Székely

 Am Rande einer Diskussion  Im April 2004 fand in Hannover eine internationale Konferenz mit dem Titel »Die Kommunistische Internationale. Personen, Apparate und Strukturen« statt. Die meisten Historiker, die sich auf die Geschichte der Komintern spezialisiert haben, nahmen daran teil. Das größte Interesse fanden bei den Forschern aus verschiedenen Ländern, die mit der Thematik vertraut waren, offenbar neuere Sammelbände über Personen, die für die Komintern arbeiteten. Ich präsentierte meine Studie Hungarians in the Comintern1 und beteiligte mich an der Diskussion, die sich über die Beziehung zwischen NKWD (Narodny Komissariat Wnutrennich Del / Volkskommissariat für Inneres) und Komintern entwickelte, insbesondere über die Berichte Herbert Wehners für das NKWD sowie Wehners Verantwortung. Es wurden zwei divergente Ansichten vertreten, die eine durch Hermann Weber, die andere durch Reinhard Müller und dessen Arbeit zu Wehner.2 Anhand des verfügbaren Materials zu den ungarischen Erfahrungen unterstützte ich Webers Standpunkt. Ich teilte seine Auffassung, dass bei der Bewertung Herbert Wehners die zeitgenössischen Umstände nicht genug Berücksichtigung erfahren. Anhand einer detaillierten Auflistung Hunderter Dokumente und der Beschreibung der Schicksale zahlloser Menschen zeichnet Müller ein Bild von Terror und Entwürdigung. Dabei bleibt er jedoch an der Oberfläche, denn der wesentliche Punkt, der Grund, weshalb sich Menschen unter diesen Umständen so verhalten haben, wird nicht untersucht. Es werden nur die bloßen Fakten präsentiert, die Ereignisse beschrieben und einige »Verräter« verdammt sowie behauptet, dass diese selbst zu ihrem Untergang und dem ihrer Landsleute beigetragen hätten. Im Gegensatz zu dieser Meinung, und in Übereinstimmung mit Weber, vertrete ich die Ansicht, dass die unablässig diskutierten beiden wichtigsten Standpunkte nicht die richtigen Aspekte in den Mittelpunkt stellen. Die eine Seite betont, dass die Henker jederzeit zu Opfern werden konnten und umgekehrt. Die andere ist der Meinung, dass das Opfer seine Hinrichtung oder die Deportation in den GULag hinausschieben konnte, indem es ein falsches Geständnis ablegte oder bereit war, falsche Anschuldigungen zu erheben. Beide stehen im Widerspruch zu dem Hauptgrund, aus dem diese Schauprozesse veranlasst wurden. Es ist eine groteske Verzerrung der Geschichte, dass nach einem halben Jahrhundert die Fälle Herbert Wehner und Imre Nagy in das aktuelle politische Kreuzfeuer geraten sind. Während der Wahlen im Jahre 1994 wurde Wehner wegen seines früheren Handelns in Moskau scharf kritisiert,3 zweifellos zum Schaden der SPD. Im Fall Imre Nagys, der von 1953 bis 1955 sowie während des Aufstands von 1956 Premierminister Ungarns war und 1958 hingerichtet wurde, dauert die Kontroverse über dessen Moskauer Aktivitäten unvermindert an. Die Dokumente aus der Zeit seines Exils wurden nach Ungarn geschickt, um den Anti-Reform-Flügel der Partei darin zu unterstützen, die demokratische Umwandlung der ungarischen Regierung aufzuhalten oder sogar zu Fall zu bringen.4 Während der Diskussionen auf der Konferenz in Hannover war meine Hauptthese – die meine Forschung überzeugend stützt –, dass Geständnisse den Inhaftierten weder halfen noch eine Erschwernis für sie darstellten. Es spielte keine Rolle, ob jemand die erfundenen Anschuldigungen gestand oder nicht. Dies war denjenigen, die sich für oder gegen ein Geständnis entschieden, bekannt. Ihnen war klar, dass, während man sie aufforderte oder zwang zu gestehen, anderswo über ihr Schicksal entschieden wurde und diese Entscheidung oftmals bereits gefallen war. Wir wissen, dass Geständnisse nur geringe Auswirkungen hatten und nur dann manchmal etwas veränderten, wenn der Beschuldigte vor Gericht gestellt wurde. Dies war selten der Fall, und nur »akzeptable« Geständnisse und Untersuchungsberichte nahm man in die Gerichtsakten auf. Die erfundenen Anklagepunkte bestimmten das Schicksal der Beschuldigten. Die belastenden Dokumente, Geständnisse, Untersuchungsberichte und andere Beweismittel waren bloße Formalitäten. Wir wissen, dass die Verurteilungen nicht auf den Geständnissen basierten. Es war genau umgekehrt: Die Geständnisse wurden auf vorher beschlossene Anklagepunkte zugeschnitten.5 Es ist ebenfalls bekannt, dass nur eine kleine Minderheit der Opfer überhaupt einen Prozess bekam. Nach unseren Informationen wurde von den Tausenden ungarischer Opfer, die hingerichtet oder deportiert wurden, nur eines vor Gericht gestellt und bekam einen Anwalt zugewiesen. Es handelte sich um László Rudas, einen bekannten Philosophen, der nicht verurteilt wurde und die Zeit in Moskau überlebte. Die große Mehrheit bekam keinen Prozess. Eine »Troika«, eine aus drei Mitgliedern bestehende »Spezialkommission« des NKWD, entschied über deren Schicksal. Die Betreffenden wurden entweder in den GULag geschickt oder durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Eine ähnliche Militärkommission war für Armeeangehörige zuständig. Das Kollegium für Militärstraf-sachen am Obersten Gericht der UdSSR befasste sich mit hochrangigen Militärs. Schuld-eingeständnisse hatten keinen Einfluss auf die Entscheidungen der »Spezialkommissionen«. Häufig fanden die Menschen erst dann heraus, dass sie verurteilt waren, wenn sie vor einem Erschießungskommando standen oder man ihnen befahl, sich zur Deportation in den GULag zu melden.6 In Ungarn ist viel über den Ablauf der Schauprozesse oder genauer über diese »konzeptuellen« Verfahren geschrieben worden. Wir kennen die Umstände und die Vorgänge, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Verhaftung führten. Es war in praktisch jedem Fall möglich, die Gründe für die Inhaftierung des Einzelnen offenzulegen. Darüber hinaus waren wir in den meisten Fällen in der Lage, die jeweiligen erfundenen Anklagepunkte gegen die NKWD-Opfer aufzudecken. Der Terror war insofern irrational, als die Opfer keine Spione, Mörder oder ausländischen Agenten waren; selbst unbedeutende Polizeiinformanten waren nur selten unter ihnen. Im Kontext der Zeit jedoch war er durchaus rational, denn Stalins Herrschaft benötigte konkrete innere und äußere Feinde, um zu beweisen, dass der Klassenkampf andauerte und sich weiter verschärfte. Dies war ein elementarer Aspekt des politischen Systems. Es war insbesondere erforderlich, kontinuierlich innere Feinde zu entlarven, die das sowjetische System stürzen wollten. Dies war notwendig, um die politische Spannung und die uneingeschränkte Autorität des Regimes aufrechtzuerhalten. Die Verschwörungen und Verschwörer mussten irgendwo »hervorgezaubert« werden. Seit Mitte der 1930er-Jahre war dies die Hauptmission des NKWD. Sie wurde mit methodischer Präzision durchgeführt, der Ablauf folgte einer Choreographie. Der erste Schritt bestand darin, eine Liste mit Empfehlungen zu erstellen, auf der diejenigen standen, die man verhaften wollte. Auf der Liste war auch jeweils bereits die vorgesehene Kategorie vermerkt. In der ersten Kategorie waren diejenigen erfasst, die sofort zu verhaften und, nach einer Überprüfung, zu erschießen waren. Die zweite Kategorie listete diejenigen auf, die als weniger aktiv eingestuft wurden und zu 8 bis 10 Jahren Haft oder Arbeitslager verurteilt werden sollten. Die Listen wurden vom Chef des NKWD, Nikolai Jeschow, persönlich genehmigt. Er bestimmte auch, wie viele Personen auf jeder Liste in jeder Kategorie stehen sollten. Es war möglich, Leute zu rekategorisieren und so von einer Gruppe in die andere zu schieben.7 Für die Betroffenen schien der Selektionsprozess keine rationale Basis zu haben, als geschehe er aus einer Laune heraus. Den ungarischen Emigranten war es unmöglich herauszufinden, wodurch man die Aufmerksamkeit des NKWD erregte und weshalb man verhaftet, angeklagt und schuldig gesprochen wurde. Sie wussten nicht, welche Auswirkungen – wenn überhaupt – Schuldeingeständnisse oder andere an das NKWD gelieferte Informationen auf den Verlauf der Ereignisse hatten. Welche Folgen dies für das Gewissen der Betroffenen hatte, ist eine andere Frage. Vielfach war ein und dieselbe Person zugleich Ankläger und Angeklagter. In jedem Fall war sie jedoch ein Opfer der Säuberungen und nicht derjenige, der sie durchführte. Die Stalin’schen Säuberungen und ihre ungarischen Opfer Es ist allgemein bekannt, dass der Zweck der ersten Welle der Säuberungen darin bestand, die »führende alte Garde der Bolschewiki« auszulöschen. In der ungarischen Parteiführung gab es nur vier Personen, die zu dieser Gruppe gerechnet werden konnten: Béla Kun (1886–1938), der Gründer der Kommunistischen Partei Ungarns, der international anerkannte Philosoph György Lukács (1885–1971), Mátyás Rákosi (1892–1971), Sekretär der Komintern in der ersten Hälfte der 1920er-Jahre und einer der Führer der Kommunistischen Partei Ungarns, sowie der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Jenő (Eugen) Varga (1879–1964). Alle vier waren Weggefährten Lenins. Die Sterbedaten zeigen, dass alle außer Béla Kun die Ära der »konzeptuellen« Verfolgung überlebten. Béla Kun – eine Symbolfigur der internationalen Arbeiterbewegung Béla Kun war die mit Abstand respektierteste Gestalt unter ihnen. Er war einer der Gründer der Komintern8 und der Kommunistischen Partei Ungarns. Er war der Führer der Ungarischen Sowjetrepublik, die vier Monate existierte, länger als jede andere in Europa. Er war der Anführer des bewaffneten Widerstandes gegen die Entente-Kräfte sowie ein respektierter Verbündeter und Diskussionspartner Lenins. Aus diesen Gründen musste er, gemäß der den Säuberungen zugrunde liegenden Idee, liquidiert werden. Der Umstand, dass zwischen Kun und Stalin niemals eine Feindschaft existiert hatte, machte keinen Unterschied; vielmehr verdeutlicht er den rigiden Charakter der Säuberungen. Ihre Wege haben sich nie gekreuzt. Die Situation war nicht die gleiche wie bei Sinowjew, Kamenew, Bucharin und Radek. Von Historikern wird nur selten hervorgehoben, dass Stalin die Säuberungen keineswegs aus persönlichen Motiven etablierte und durchführte. Im Fall der alten Bolschewiki war nur eines von Bedeutung: Es durfte keiner, der Einfluss hatte und möglicherweise die Autorität des sowjetischen Systems destabilisieren konnte, am Leben bleiben. Stalin war der Meinung, dass diese Personen für die »Sache« liquidiert werden mussten. Er glaubte, sie würden seine Machtposition, die er mit der Macht des sowjetischen Staates und den hart erkämpften Errungenschaften der Revolution gleichsetzte, unterminieren. Natürlich wusste er, dass sie keine Terroristen oder Agenten einer ausländischen Macht waren. Sie waren seine ehemaligen Kameraden oder sogar Freunde (Bucharin). Er betrachtete sie dennoch als »illegale Organisatoren der Konterrevolution«. Und nicht nur sie, sondern ebenso ihre Verbündeten und Freunde. Je höher eine Person in der Organisation angesiedelt war und je mehr Beziehungen sie hatte, umso weiter spannte man das Netz. Béla Kun war ein unabhängiger Denker mit vielen Beziehungen. Der Prozess seines Ausschlusses begann bereits im Sommer 1935, zur Zeit des VII. Komintern-Kongresses. Kun wurde nicht in das Präsidium berufen. Im Jahr darauf, am 5. September 1936, wurde er auf der Zusammenkunft des Zentralkomitees des Politbüros all seiner offiziellen Funktionen enthoben. Er wurde beschuldigt, eine »Kampagne gegen die Leitprinzipien und die Führung der Komintern« sowie Maßnahmen zur Zersetzung der Emigrantengemeinschaft unternommen zu haben. Diese Anklagepunkte rechtfertigten keine Hinrichtung – möglicherweise empfahlen Dimitroff und Manuilski die weniger schweren Anschuldigungen. Kun antwortete Dimitroff zwei Tage später. Er wies die Anklage zurück, obgleich er seine Enthebung von den offiziellen Ämtern akzeptierte. Er beendete seinen Brief mit folgenden Worten: »Ich bitte Dich, mir zu glauben, dass ich mir Dein Vertrauen, egal welche Aufgabe Du mir überträgst, verdienen werde, sodass es Dir möglich sein wird, mich wieder mit den ungarischen und internationalen Angelegenheiten zu betrauen.«9 Wahrscheinlich wurde zu diesem Zeitpunkt entschieden, ihn zu verhaften, obwohl er zum Direktor eines einflussreichen Verlags, des Verlags Gesellschaft und Ökonomie (SZOCEKGIZ), ernannt worden war. Die einzige offene Frage war, auf welcher Grundlage er verhaftet werden sollte. Wir wissen, dass ihm ursprünglich öffentlich der Prozess gemacht werden sollte. Jedoch passte sein Fall weder zu Sinowjew noch zu Bucharin. Schon seit den 1920er-Jahren gab es zwischen ihm und beiden scharfe Differenzen. Die Befehle waren jedoch deutlich, und so wurde entschieden, gegen ihn wegen eines Vergehens der Kategorie eins Anklage zu erheben. Er wurde schließlich am 29. Juni 1937 verhaftet. Bei den anfänglichen Befragungen war noch nicht entschieden, wessen er angeklagt werden sollte, aber dass er hingerichtet werden sollte, war bereits beschlossene Sache. Dies wird durch detaillierte Dokumente belegt. Daraus können wir ersehen, dass er dazu gebracht wurde zuzugeben, der Führer »einer illegalen konterrevolutionären Gruppierung« zu sein, zu deren Mitgliedern unter anderem seine Frau sowie der bekannte kommunistische Autor Antal Hidas zählten. Weil man für ihn keinen Part in den bereits geplanten Schauprozessen finden konnte und den Plan aufgegeben hatte, ihn separat vor Gericht zu stellen, schoss man ihn einfach in den Kopf.10 Ein ähnliches Schicksal erfuhren diejenigen, die er genannt hatte; einige von ihnen wurden in den GULag geschickt, egal ob sie andere mit hineinzogen oder nicht. Unter ihnen findet sich der Dichter und Schriftsteller József Lengyel, der ebenfalls im Kun-Prozess angeklagt war. Aus seinem Geständnis vom 8. September 1938 – nach Kuns Hinrichtung – können wir die Fragen der Vernehmer ableiten: 1. Wer hat dich überredet, bei der konterrevolutionären Verschwörung mitzumachen? 2. Worin bestand deine Aufgabe als Journalist? 3. Wer waren die Anführer der Verschwörung? 4. Mit welchen Methoden sicherte Kun seine führende Rolle? 5. Was waren die Ziele der Verschwörung? 6. Was waren seine konkreten terroristischen Aufgaben? Lengyel nannte einige Namen (insgesamt 19), räumte seine Schuld aber nur zum Teil ein. Interessant sind die letzten Worte seines Geständnisses: »Ich halte mich nicht für einen üblen Sünder. Ich würde mich gern bemühen und beweisen, dass mich mehr die Umstände zu einem Sünder gemacht haben als feindliche Absichten.«11 György Lukács – eine bizarre Geschichte In einer autobiographischen Skizze schrieb György Lukács, international eher bekannt unter dem Namen Georg Lukács, es sei nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass er während der »Großen Kadersäuberungen« nicht verhaftet und nach seiner Verhaftung im Jahre 1941 nicht getötet wurde. Wir konnten über diesen Fall Genaueres herausfinden, auch wenn die Dokumente nur teilweise zugänglich waren.12 Für die aktuelle Diskussion liefern diese Unterlagen wichtige Daten. Lukács wurde am 29. Juli 1941 verhaftet, eine Woche nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion. In der Lubjanka wurden mehrere Anklageversionen gegen ihn verfasst, deren Kern der erste Abschnitt des Paragraphen 58 war: Spionage und Verrat, die Strafe dafür war Tod durch Erschießen. Später wurde der Vorwurf – wahrscheinlich wegen einiger Bittgesuche – in »feindliche Aktivitäten in Emigrantenkreisen« umgewandelt. Die mögliche Strafe dafür war »nur« der GULag. Da die Vernehmer nicht in der Lage waren, ihre Vorwürfe auf die bei Lukács selbst konfiszierten Dokumente zu gründen, zwangen sie einen ungarischen Emigranten, gegen ihn auszusagen. Das Verfahren war vollkommen absurd. Lukács und andere bewiesen, dass er diese Person niemals zuvor getroffen hatte. Die Gegenüberstellung wurde abgesagt, weil der »unbrauchbare« Zeuge bereits während der Untersuchung gegen Lukács erschossen worden war. Wissenschaftler, die mit den Umständen nicht sehr vertraut sind, könnten dies als Beweis für die Bedeutung von Geständnissen werten, da scheinbar der Zusammenbruch der Anklage zu Lukács’ Entkommen führte. Aber das Gegenteil ist der Fall! Diese Geschichte beweist gerade die Bedeutungslosigkeit von Geständnissen: Die Anklagepunkte gegen ihn waren nicht weniger begründet als die gegen Sinowjew, Bucharin oder Radek, was Lukács sehr genau wusste. Des Weiteren ist aus dem Geständnis von István Timár, einem ungarischen Sozialdemokraten, der die Grenze im Sommer 1940 überquerte, ersichtlich, dass dieser Lukács, auf Empfehlung eines kommunistischen Kameraden, in Moskau kontaktieren wollte. In dem vom NKWD erwirkten Geständnis war nur ein »winziger Punkt« falsch: dass Timár von der ungarischen Polizei geschickt wurde und seine Aufgabe darin bestand, Lukács als Moskauer Vertreter jener Polizei zu kontaktieren und ihn bei seinen Spionageaktivitäten zu unterstützen. Ähnliche Geschichten waren hinlänglich aus den Moskauer Prozessen bekannt. Lukács wusste anscheinend, dass der Fakt, Timár nicht zu kennen, nicht ausreichen würde, um der Anklage zu entgehen. Er hatte sehr viel Glück –  wie er später schrieb –, dass die Vernehmer ihn nicht in eine Situation drängen wollten, in der er alles unterschrieben und alle Punkte der Anklage zugegeben hätte. Er machte sich keine Illusionen und wusste, dass sowohl Sinowjew als auch Bucharin sowie später die meisten ungarischen Staatsbürger auf Grundlage ihrer eigenen Geständnisse verurteilt wurden, und alle wurden darüber hinaus gezwungen, die Namen anderer zu nennen. Unter seinen engen Freunden geschah dies im Fall des hingerichteten Béla Kun sowie bei József Kelen, dem Volkskomissar der Ungarischen Räterepublik,13 Lajos Magyar, dem China-Experten der Komintern, dem Schriftsteller Frigyes Karikás, der im GULag ums Leben kam, oder Gyula Sas, alias Giulio Aquila, einem Kollegen von Willi Münzenberg und Autor der ersten Faschismus-Analyse. Lukács hatte schon während der Moskauer Prozesse das Wesentliche der Situation erkannt. Er nahm die Gefahr wahr und suchte nach Möglichkeiten zu überleben. Lukács war unter den ersten, die öffentlich und pathetisch Sinowjew und Kamenew denunzierten – natürlich erst zehn Tage nach dem Ende des Prozesses. Des Weiteren veröffentlichte er einen Artikel in der bedeutenden Zeitschrift Literaturnaja Gaseta, in dem er der Protesterklärung der Sozialistischen Internationale widersprach. Der Titel seines Artikels, der erst nach der Hinrichtung von Sinowjew und Kamenew veröffentlicht wurde, lautete »Schande den Verrätern«. Gleichzeitig jedoch nahm er einige inhaftierte Personen in Schutz, obwohl er sich der Gefahr durch solche Aktionen bewusst war. Unter den von ihm Verteidigten war der Schriftsteller Andor Gábor (der später freigelassen wurde)14 sowie József Kelen, in dessen Angelegenheit er persönlich die Lubjanka aufsuchte – allerdings erfolglos.15 Auch Reinhard Müller untersucht in seinem Buch Lukács’ Verhaftung unter dem Vorwurf der Spionagetätigkeit im Jahre 1941, er beschreibt jedoch nicht die tatsächlichen Zusammenhänge. Nach wenigen einleitenden Zeilen zitiert Müller vorwurfsvoll eine längere Textpassage, in der Lukács – trotz allem, suggeriert Müller – die sowjetische Verfassung als den Sieg der Freiheit und des befreiten Volkes preist.16 Diese hymnischen Sätze von Lukács waren allerdings fünf Jahre früher, im Juni 1936, vor der Zeit des Großen Terrors veröffentlicht worden – zwischen Aufsätzen von anderen Kadern, die alle auf positive Veränderungen durch die Verfassung hofften. Selbst wenn er dies später geschrieben hätte, dann nicht aus Heuchelei. Dies werde ich detailliert in der Zusammenfassung ausführen. Imre Nagy – Henker oder Opfer? Die nachträgliche feierliche Beisetzung des kommunistischen Premierministers Imre Nagy, der 1958 im Auftrag János Kádárs hingerichtet und in einem anonymen Grab bestattet wurde, stellte ein richtungsweisendes Moment für das sich verändernde ungarische System dar. Kádár ertrug den Druck nicht und verstarb am gleichen Tag, dem 6. Juli 1989, an dem das Gericht Imre Nagy rehabilitierte. In jenen Tagen traf in Budapest ein Dossier zu den Aktivitäten Imre Nagys als Agent ein, das von Wladimir A. Krjutschkow, dem Chef des KGB, verfasst worden war. Von ungarischer Seite hatte man um diese Materialien gebeten, und das Politbüro der KPdSU hatte dem Versand zugestimmt.17 Die Dokumente wurden von Károly Grósz, dem Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP), im September 1989 der Öffentlichkeit präsentiert. Ziel dessen war, den Einfluss derjenigen zu brechen, die einen Systemwechsel forderten und das Andenken Imre Nagys hochhielten. Was aber war der Inhalt des Dossiers? Die Dokumente beweisen, dass Nagy seit 1933 unter dem Namen »Wolodja« Agent der OGPU (Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung), der sowjetischen Geheimpolizei, war und Berichte über seine Bekannten anfertigte. In diesen Berichten soll er ca. 150 Namen erwähnt und die meisten dieser Personen antisowjetischer oder sogar terroristischer Aktivitäten bezichtigt haben. Unter den Dokumenten findet sich allerdings kein einziger von Imre Nagy persönlich verfasster Bericht, der solche Anschuldigungen enthält. Bei den meisten Dokumenten handelt es sich um Berichte von NKWD-Funktionären über die Aktivitäten von »Wolodja«. Eines der letzten Dokumente ist das kompromittierendste: Es enthält ca. 200 Namen von Personen, die, so die Berichtverfasser, durch Nagys Beitrag zum Tode oder zur Deportation verurteilt wurden. Dieses Dokument wurde beinahe zweifelsfrei erst 1989 geschrieben. Jenseits der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über den Ursprung der Dokumente – welche davon echt und zeitgenössisch sind und bei welchen es sich um Fälschungen18 handelt – ist, vom Standpunkt unserer jüngsten Untersuchungen betrachtet, nur eine Frage von Bedeutung: War Imre Nagy wirklich für das tragische Schicksal von 200 Menschen verantwortlich? Es gilt als sicher, dass Nagy, wie alle Moskauer Emigranten, einschließlich Wehner, bereit war, mit dem NKWD zu kooperieren, wenn er dazu aufgefordert, oder brutaler, wenn er gefangen genommen wurde. Sie sahen in dieser Organisation, oder vielmehr in der Hauptverwaltung für Staatssicherheit (GUGB) des NKWD, die Faust des Kommunismus, die den Feind zerschlägt – selbst wenn der Schlag manchmal das Ziel verfehlte. Die Gefangenen versuchten, ihre Vernehmer davon zu überzeugen, die vormals Einflussreichen wandten sich sogar an Stalin. Diejenigen, die sich über die Situation im Klaren waren, wählten eine subtilere Taktik. Präventiv »folgten sie der Linie« und verfassten leidenschaftliche Berichte oder Darstellungen über die »Verräter«, wussten aber sehr genau, dass sie damit das Schicksal der Beschuldigten nicht weiter verschlimmern konnten. Es ist unmöglich, dass sie im Fall Sinowjew, im Fall Kamenew oder Bucharin nicht wussten: die Anklagepunkte waren erfunden. Anders war allerdings die Situation für die, die selbst hineingezogen oder inhaftiert wurden. Der Fall Imre Nagy ist ein gutes Beispiel dafür. Laut einem Dokument aus dem Dossier wurde Nagy in der Nacht zum 4. März 1938 inhaftiert und drei Tage später freigelassen. Es gibt kein Dokument über die Ereignisse dieser wenigen Tage, nur einige kurze Sätze darüber, dass Nagy früher »schon interessante Informationen über die antisowjetischen Aktivitäten zahlreicher Mitglieder der ungarischen Emigration« geliefert habe und durch das wohlwollende Gesuch von Hauptmann Altman, dem Chef einer anderen GUGB-Abteilung des NKWD, freigekommen sei. Imre Nagy, der unter permanenter Beobachtung stand, verfasste während und nach seiner Inhaftierung wieder Berichte. An der Spitze seiner Listen standen selbst 1940 noch die Namen von bereits hingerichteten ungarischen Kommunistenführern: Béla Kun, Frigyes Karikás, Lajos Magyar und andere. Er wollte diesen Aufgaben jedoch entfliehen und hatte damit Erfolg, als er 1941 in die Armee eintrat. Zusammenfassung Die Dokumente beweisen, dass sich sowohl die Informanten als auch diejenigen, die sich schuldig bekannten, in einer Zwickmühle, einer Art »Menschenfalle« befanden. Die Verhaftungen im Lande zeigten ihnen, dass die ungarische Polizei ihre Agenten in die illegale Partei einschmuggeln konnte. (Einer von ihnen wurde mit Hilfe der OGPU identifiziert: József Oancz kam nach Moskau, um 1930 am Kongress der ungarischen Partei teilzunehmen.) In den Fraktionskämpfen glaubte eine große Zahl von Kommunisten, dass sie von Spionen umzingelt waren. Sie wollten die Partei von Verrätern säubern und sahen die Folgen nicht voraus. Den ersten Schritt machte Béla Kun, der sich mit Hilfe des ungarischen NKWD-Obersts Béla Bíró gegen die jungen Delegierten aus Ungarn stellte, weil diese seine Politik kritisierten.19 Nach 1936 änderte sich die Situation, und die Falle schnappte zu. Jeder wurde zu einem potenziellen Opfer. Dies bestimmte ihre Psyche und ihr Leben stark. Sie wussten sehr gut – wie in Hunderten von ungarischen Memoiren zu lesen ist – ,20 dass die schwarze Limousine jeden von ihnen abholen konnte. Niemand war sicher, und genau das war die Essenz des Stalin’schen Systems. Den Emigranten war dies seit den Jahren 1937 / 1938 klar. Selbst die Feinde aus den Fraktionskämpfen versuchten nur solche Personen zu erwähnen, deren Situation sich nicht weiter verschlechtern konnte. Uns ist kein einziger Fall bekannt, in dem der Beschuldigte nicht wusste, dass sein inhaftierter »Ankläger« in derselben Falle saß. Diejenigen, die weitsichtiger waren – Kun, Lukács, Nagy –, erkannten sogar, dass sie nach und nach zu Marionetten Stalins werden würden. Ihr Schicksal und das ihrer Kameraden hing nicht von Geständnissen ab – entscheidend war der Plan, die Vorgabe, die es zu erfüllen galt. Sie wussten, dass der Plan von Stalin vorgegeben wurde und dass die Verhaftungen und Hinrichtungen der wahren Bolschewiken keine Zufälle waren. Sie verstanden, was sich dem normalen Emigranten nicht erschloss: Stalin glaubte fest, dass die Denker der alten Lenin’schen Garde »objektiv« zu seinen Feinden würden. Darüber hinaus war er der Ansicht, dass die Feinde in den alten Brigaden und in seiner eigenen Partei die gefährlichsten waren und ihre Liquidierung seine Aufgabe als der große Führer der russischen und der Weltrevolution war. Kun und Lukács konnten sich an einen Artikel Stalins erinnern, der 1924 in der Zeitschrift Bolschewik erschien. Darin behauptete Stalin, dass »die Sozialdemokratie der objektiv gemäßigtere Flügel des Faschismus« sei.21 Demzufolge war die Sozialdemokratie, wie der Faschismus, Knecht des Kapitalismus und Imperialismus und musste genauso leidenschaftlich bekämpft werden. Die Theorie von der Verschärfung des Klassenkampfes geriet zur Grundlage der Intensivierung und Ausweitung des Terrors. Für diejenigen, die im Zentrum des Terrors standen, war die Möglichkeit zu entfliehen durch das Glück bestimmt und nicht durch Geständnisse, Ankläger und Zeugen. Aus dem Englischen übersetzt von Diana Jahn. 1 Székely, Gabor: Hungarians in the Comintern, Manuskript, Budapest / Hannover 2004. Die englische Version des Textes findet sich unter <www.szekely.fw.hu>. 2 Müller, Reinhard: Die Akte Wehner. Moskau 1937 bis 1941, Berlin 1993. 3 Siehe Weber, Hermann: Immer wieder Legenden über Herbert Wehner, in: Mengersen, Oliver v. / Friese, Matthias / Kempter, Klaus / Lauterer, Heide-Marie / Schober, Volker (Hrsg.): Personen – soziale Bewegungen – Parteien. Beiträge zur neuesten Geschichte, Heidelberg 2004, S. 146–148. 4 Rainer, János M.: Nagy Imre. Politikai életrajz vol. I. 1956-os Intézet, Budapest 1996, S. 200 [dt.: Imre Nagy – Vom Stalinisten zum Märtyrer des ungarischen Volksaufstands. Eine politische Biographie 1896 – 1958. Paderborn 2006]. Wir wissen nicht genau, wer diese Dokumente im Sommer 1989 anforderte. Da die Transaktion von Wladimir Krjutschkow, dem Leiter des KGB, genehmigt wurde, war möglicherweise Kàroly Gròsz, Generalsekretär der MSZMP [Magyar Szocialista Munkáspárt, Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei] der Unterzeichner. (Der Reformist Reszö Nyers, Vorsitzender der Partei, wusste nichts über die Anfrage und wurde von Gròsz über die Dokumente informiert.) Archiv des Instituts für Politikgeschichte Budapest (im Folgenden PIL), 960. f. 1. öe. 1.l. 5 Illés, László: KGB akták vallomása a magyar írói sorsokról, in: Üzenet Thermopüléből, Budapest 1999, S. 104 f. 6 Petrák, Katalin: Magyarok a Szovjetunióban 1922–1945. Politikatörténeti Füzetek, Budapest 2000, S. 282 f. 7 Der Chef des NKWD, Nikolai Iwanowitsch Jeschow, genehmigte in seiner Anordnung Nr. 00447 vom 30. Juli 1937 die Verhaftung von 4000 Menschen der ersten und 10 000 der zweiten Kategorie durch die Leningrader Abteilung des NKWD. Dies war nach dem 7. August 1937 das Szenario für die landesweiten Verhaftungen. Siehe Leningradsky Martirolog 1937 – 38, Bd. 1, St. Petersburg 1995, S. 41–44. 8 Es ist nicht allgemein bekannt, dass Kun zu den Mitbegründern der Komintern gehörte. Sein programmatischer Artikel »Future International« wurde am 3. Februar 1918 in der Prawda veröffentlicht. Siehe Székely, Gábor: Kun Béla a Kominternben, in: Kun Béláról. Tanulmányok, Budapest 1988, S. 484. 9 PIL, 500. f. 4 / 9. 10 Über die Hinrichtung Kuns wurde kein Kommuniqué veröffentlicht. Der ungarische Botschafter in Moskau, Mihály Jungerth-Arnóthy, berichtete 1939, dass Kun zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. In den offiziellen Rehabilitierungsunterlagen wird der 9. August 1938 als Hinrichtungsdatum genannt. Hidas und seine Familie konnten erst Mitte der 1950er-Jahre, nach der Rehabilitierung Kuns, nach Ungarn zurückkehren. Petrák: Magyarok a Szovjetunióban (Anm. 6), S. 294. 11 Memorial, f. op. 4. d. 73079. Lengyel wurde in den GULag geschickt. Erst 1955 wurde er rehabilitiert und konnte nach Ungarn zurückkehren. 12 Diese Dokumente wurden zuerst auf Russisch veröffentlicht und später auf Ungarisch vervollständigt. Russisch: Besedi na Lubjanke. Sledstwennoje dielo Djordja Lukatscha. Materiali k biografii, Moskau 2001. Ungarisch: Vallatás a Ljubljankán. Lukács György vizsgálati iratai. Életrajzi dokumentumok, Budapest: Argumentum – Lukács Archivum 2002, S. 247. 13 Nach dem Zusammenbruch der Räterepublik wurde Kelen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Selbst Albert Einstein protestierte gegen dieses Urteil. Kelen wurde 1922 im Rahmen eines ungarisch-sowjetischen Gefangenenaustausches freigelassen. 1938 wurde er in Moskau verhaftet und hingerichtet. 14 Vallatás a Ljubljankán (Anm. 12), S. 277. 15 Ebenda, S. 10. 16 Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001, S. 23. 17 Rainer: Nagy Imre (Anm. 4), S. 200. 18 PIL, 960. f. 1–10. In seinem oben zitierten Buch (Anm. 4) analysiert János M. Rainer Dokumente, die auf anderen Quellen basieren. Aus meiner Sicht handelt es sich bei diesen Dokumenten um Originale. 19 Kun sah in ihnen Spione. Der 27-jährige Parteifunktionär Sándor Szerényi wurde 1933 festgenommen. Er überlebte den GULag und starb im April 2007 in Budapest im Alter von 102 Jahren. Béla Bíró teilte bald das Schicksal Kuns. 20 Am Institut für die Geschichte der Partei in Budapest arbeitete lange vor dem Zeitalter der Oral History eine »Gruppe zur Sammlung von Lebenserinnerungen«. Sie veröffentlichte 14 umfangreiche Bände mit Biographien (Tanuságtevők) – sie sind ein wenig oberflächlich, geben jedoch die Ereignisse gut wieder. 21 Bolschewik, 1924, Nr. 11, S. 9.

JHK 2008

Stand und Perspektiven der historischen Kommunismusforschung. Protokoll eines internationalen Forschungskolloquiums am 17. April 2007 in Berlin

Stand und Perspektiven der historischen Kommunismusforschung waren Thema eines Rundtischgesprächs, das auf Initiative der Herausgeber des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am 17. April 2007 in der Vertretung des Freistaates Thüringen beim Bund in Berlins Mitte stattfand. Anlass war die Präsentation der Ausgabe 2007 des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Bülent Bilmez (Türkei), Stefan Karner (Österreich), Norman LaPorte (Großbritannien), Krisztián Ungváry (Ungarn), Krzysztof Ruchniewicz (Polen), Brigitte Studer (Schweiz), Oldřich Tůma (Tschechien), Alexander Vatlin (Russland) und Thomas Wegener Friis (Dänemark) – allesamt Mitglieder des neu berufenen internationalen wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs – berichteten über Forschungstendenzen und -kontroversen in ihren Ländern. Moderiert wurde das Gespräch, zu dem namhafte Kolleginnen und Kollegen als Gäste und Mitdiskutanten eingeladen waren, von Ulrich Mählert. Das nachfolgende Protokoll der Diskussion wurde für die Veröffentlichung geringfügig bearbeitet und gekürzt. Dr. Ulrich Mählert: Ich möchte Sie alle recht herzlich im Namen des Herausgeberkreises und des Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung wie auch im Namen der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur begrüßen, in deren Auftrag das Jahrbuch seit 2004 erscheint. Wir haben in die Landesvertretung Thüringen zu einem Kolloquium eingeladen, um uns über aktuelle Tendenzen der Kommunismusforschung auszutauschen. Die Teilnehmer sind auf den unterschiedlichsten Feldern der Kommunismusforschung tätig, und wir freuen uns darauf, mit Ihnen diese Diskussion führen zu können. Das Ganze ist als ein informelles Rundtischgespräch geplant, es gibt kein Podium im klassischen Sinne. In der ersten Stunde sollen zunächst einmal die Beiräte des Jahrbuchs zu Wort kommen. Die Veranstaltung soll auch dazu dienen, das aktuelle Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung vorzustellen, dem wir eine möglichst große Verbreitung wünschen. Bei der Vorbereitung der heutigen Gesprächsrunde wurde mir die Disparität des Begriffs »Kommunismusforschung« wiederum deutlich. Wer vor 15 oder 20 Jahren gefragt worden wäre, was er unter Kommunismusforschung verstehe, hätte wohl zumeist die Erforschung der Geschichte des Kommunismus als Ideologie, als politische Bewegung, als Herrschaftsform oder aber als politische Opposition vor allem für die Zeit vor 1945 genannt – und ich vermute, viele würden heute noch eine ähnliche Antwort geben. Also angefangen vom Frühkommunismus, von der Geschichte des Marxismus, der Abspaltung von der Sozialdemokratie über die Oktoberrevolution, die Sowjetunion – und auch da vermutlich eher bis zum Beginn des Kriegs –, die Geschichte der Komintern, die Geschichte der kommunistischen Parteien und Bewegungen, natürlich auch die Geschichte des kommunistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. All diese Facetten der Kommunismusgeschichte hätte man vermutlich im Wesentlichen mit der traditionellen Kommunismusforschung verbunden. Demgegenüber wäre bis in die neunziger Jahre der Blick auf die real existierende Herrschaft des Kommunismus in Ostmitteleuropa nach 1945 vermutlich nur von einer Minderheit so ohne Weiteres der Kommunismusforschung zugeschrieben worden. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat hier ein Wandlungsprozess eingesetzt. Mit dem JHK wollen wir ganz bewusst diese Perspektiverweiterung befördern. Die Geschichte der kommunistischen Diktaturen in Ostmitteleuropa nach 1945 muss in die Geschichte der kommunistischen Bewegungen vor dieser Zäsur eingeordnet werden. Sie sind Teile des Ganzen. Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung soll die Plattform einer sich wandelnden Forschungslandschaft sein, die seit den friedlichen Revolutionen 1989 in Ostmitteleuropa und der damit einhergehenden »Archivrevolution« ungemein produktiv war und die am Anfang von Historisierungsprozessen steht, was die Zeit nach 1945 betrifft. Bei unserer heutigen Diskussionsrunde werden wir das Thema über die durch unsere Beiräte vertretenen Länder bzw. Sprachräume angehen. Mit Brigitte Studer, Nory LaPorte und Thomas Wegener Friis sind die Schweiz, Großbritannien und Dänemark vertreten – Länder, in denen der Kommunismus bzw. die kommunistische Bewegung zwar durchaus auf eine Tradition zurückblicken kann, jedoch nie eine wirklich prägende Kraft entfalten oder gar politische Herrschaft ausüben konnte. Demgegenüber waren die Kommunisten in Frankreich, das hier ebenfalls durch Brigitte Studer repräsentiert werden soll, über einen langen Zeitraum hinweg ein wichtiger politischer Faktor. Mit Deutschland und Österreich sind wiederum heute Länder vertreten, in denen es vor 1933 bzw. 1938 eine starke kommunistische Bewegung und nach 1945 ein sowjetisches Besatzungsregime, wenn auch von höchst unterschiedlicher Dauer und Qualität, gab. Polen, Tschechien und Ungarn, für die Krzysztof Ruchniewicz, Oldřich Tůma und Krisztián Ungváry stehen, sind Länder, in denen Kommunismusgeschichte vor allem mit der Diktaturgeschichte nach 1945 verbunden wird; selbst wenn es dort vor dem Zweiten Weltkrieg bereits – wenn auch unterschiedlich starke – kommunistische Bewegungen gegeben hat. Die historische Kommunismusforschung wird in den verschiedenen Ländern und Sprachräumen stark vom Erfahrungshintergrund der jeweiligen Gesellschaften geprägt. Natürlich blicken Forscher in postkommunistischen Staaten anders auf den Kommunismus, haben andere Interessen als Forscher in Westeuropa oder Nordamerika. Dort fällt eine historisierende Betrachtung des Kommunismus als einer sozialen Bewegung mit all ihren – zum Teil schrecklichen – Transformationen leichter. Die unterschiedlichen Perspektiven ergeben sich nicht zuletzt aus den jeweiligen Forscherbiografien – was auch im Wissenschaftlichen Beirat des JHK deutlich wurde. Wir haben die Situation, dass der ungeheure Boom, den die Kommunismusforschung nach 1989 mit der Öffnung der Archive in Ostmitteleuropa erfahren hat, die Ergebnisse von vor 1989 zum Teil überlagert hat. Zeitweilig – und zu Recht – war Kommunismusforschung in den neunziger Jahren die wissenschaftliche und publizistische Auseinandersetzung mit den Massenverbrechen im sowjetischen Stalinismus. Hier sei das Schwarzbuch in Erinnerung gerufen, das für große Debatten sorgte. Interessant scheint mir, dass die historische Kommunismusforschung stark von Personen geprägt wurde, die selbst einst Teil dieser Bewegung gewesen waren und mit ihr später gebrochen hatten. Nach 1989 war zumindest zeitweilig eine (selbst)kritische Auseinandersetzung mit den »weißen Flecken« in der Kommunismusgeschichte durch Historiker in Ostmitteleuropa und in der DDR zu verzeichnen, die bis 1989 Geschichtswissenschaft im Dienste der führenden Partei betrieben hatten. Schließlich konnte man in den neunziger Jahren am Beispiel der Kommunismusforschung erleben, wie leicht zeithistorische Diskurse zu tagesaktuellen Kontroversen werden können. Manchmal erschien die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kommunismus wie eine Verlängerung des bis 1989 herrschenden Ost-West-Konflikts über das Jahr 1989 hinaus. Wer sich in den neunziger Jahren mit der DDR-Geschichte beschäftigte, wird sich noch gut (und schaudernd) an die Debatten darüber erinnern, wer überhaupt zu forschen und publizieren berechtigt ist, welche Deutungen und Lesarten akzeptabel sind etc. Was sind die Fragestellungen, die Perspektiven, die wir heute hier erörtern wollen? Wir wollen fragen: Wie entwickelte sich die Kommunismusforschung und auf welchem Stand ist sie? Wie es Frau Studer in einem Papier zur Vorbereitung umrissen hat: Ist sie noch immer eher die klassische Politikgeschichte, ist sie eher Institutionen- und Parteiengeschichte oder geht sie jetzt stärker in pluralistische geschichtliche Fragestellungen über, die Milieus, Kollektivbiografien und Ähnliches betreffen? Inwieweit ist das Jahr 1945 immer noch die große Wasserscheide, widmet sich die Forschung entweder Entwicklungen, die 1945 vermeintlich oder tatsächlich enden, oder solchen, die danach beginnen? Welche Bedeutung haben sozialgeschichtliche Ansätze? Welche Themen und Fragestellungen befinden sich im Ab-, welche im Aufschwung? Wie sieht die Archivsituation aus? Wer interessiert sich eigentlich für dieses Thema? Bevor in der ersten Runde die Beiräte zu Worte kommen, möchte ich jetzt Professor Weber bitten, ein paar Stichworte zum Stand und zu den Perspektiven der Kommunismusforschung in Deutschland zu geben. Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber: Ich werde lediglich ein paar Anmerkungen machen. Nicht nur, weil ich eben so höflich darum gebeten wurde, sondern auch, weil ich vor fünf Jahren in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte bereits den Versuch unternommen habe, die Kommunismusforschung speziell in Deutschland darzustellen. Außerdem sollten wir rasch zur Diskussion kommen. Entscheidend ist für mich – Ulrich Mählert hat sie zu Recht genannt – die alte Kommunismusforschung, oder besser gesagt, was wir als Kommunismusforschung verstanden haben: die Analyse der Entwicklung der kommunistischen Bewegung als einer radikal-sozialen Bewegung, ihre Ideologie, ihre Vorstellungswelt, die Art und Weise, wie sie später Herrschaftsmethoden entwickelt hat. Das ist in jüngster Zeit etwas in den Hintergrund getreten, auch in Deutschland, wo die Erforschung der SED-Diktatur sehr breiten Raum einnahm. Wichtig ist dabei, dass sich ab Mitte der neunziger Jahre (das sage ich auch als Zeitzeuge) der Schwerpunkt der gesamten Kommunismusforschung veränderte. Bereits vor dem Ende der kommunistischen Regime, noch während der »Perestrojka« gab es einen Paradigmenwechsel: Anstelle der Analyse der kommunistischen Bewegung oder der Herrschaftssysteme rückte nun der Terror in den Mittelpunkt der Forschungen. Eine Diskrepanz kam auf zwischen einerseits der Untersuchung des kommunistischen Terrors – ein Riesenfeld, wie sich gezeigt hat – und andererseits klassischen Studien zur traditionellen kommunistischen Bewegung. Während zum Terror beträchtlich publiziert wurde – im bereits genannten Schwarzbuch ist viel nachgewiesen worden, darunter zum Teil so Schreckliches, dass man sich nur schwer damit befassen kann –, ist auf dem Gebiet der eigentlichen, ursprünglichen Kommunismusforschung, also zur Bewegung, zur Ideologie, ein starker Rückgang zu verzeichnen. Die Aspekte Terror und diktatorische Herrschaftssysteme sind seither gut erforscht, doch bleiben die radikale soziale Bewegung und ihre Entwicklung insgesamt unterbelichtet. Das scheint sich in Deutschland im Moment wieder zu ändern. Erfreulicherweise beschäftigen sich jüngere Forscher auch wieder mit der Bewegung. Aber insgesamt stehen im Mittelpunkt (durch neu in den Archiven entdeckte Fakten) Darstellungen, wie der Terror tatsächlich ausgesehen hat. Diese gehen weit über das hinaus, was Forscher vorher feststellen konnten. Es bleibt dennoch notwendig, kommunistische Bewegungen, ihre Entwicklung als radikal-soziale Strömung, wieder stärker zu untersuchen. Das ist ein Anliegen des Jahrbuchs. Es bedeutet, den Kommunismus nicht auf Terror zu reduzieren, aber diesen Terror natürlich als Teil des Kommunismus zu sehen. Dazu gibt es zwei gegensätzliche Einschätzungen. Die einen tun so, als sei alles halb so schlimm gewesen, und die anderen sagen, es gab nur Terror. Beides ist in dieser Einseitigkeit falsch und muss berichtigt werden. Und da verweise ich auf das Jahrbuch. Es liegen jetzt 13 Bände vor, genau genommen 14, denn 2000 / 01 war ein Doppelband. Wenn man da reinschaut, dann sieht man, dass differenziert gearbeitet wurde. Die meisten, die hier sitzen, waren ja Autoren. Die Entwicklung hat dazu geführt, dass die Aspekte Terror und diktatorische Kommunismusherrschaft sehr viel breiter in der Literatur zu finden sind als die Geschichte der Bewegung. Ulrich Mählert hat heute Morgen in der Pressekonferenz zu Recht gesagt, dass es eigentlich immer noch keine Geschichte der SED gibt. Aber die SED war es, die die Diktatur in der DDR ausgeübt hat. Die Stasi war ja bekanntlich nur deren »Schild und Schwert«, wie sie sich nannte. Und wenn wir heute noch keine Gesamtgeschichte der SED haben, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, dann zeigt das, dass es selbst in dieser DDR-Forschung immer noch wesentliche Desiderate gibt und die Arbeit noch lange nicht abgeschlossen ist. Mir scheint, als Fazit der bisherigen Forschung ist festzuhalten: Die Kommunismusforschung hat in den letzten 15 Jahren inhaltlich gute Fortschritte gemacht. Auch die personelle Neuformierung der Historiographie ist erfolgreich verlaufen. Es gab und gibt eine produktive Entwicklung der historischen Kommunismusforschung. Sie wurde auch vorangetrieben durch den Pluralismus in der Forschung. Wir haben erfreulicherweise nicht den bestimmenden »Mainstream«, sondern eine beeindruckende Vielfalt von Methoden und Bewertungen und daher günstige Voraussetzungen für eine innovative Fortentwicklung. Die Kommunismusforschung ist auch deshalb entwicklungsfähig, weil jetzt Archivmaterial vorhanden ist und man sich nicht, wie es früher der Fall war, mit veröffentlichten Unterlagen oder Zeitzeugenberichten begnügen muss. Ebenso gehört dazu, dass noch ausreichendes Interesse am Thema besteht. Die Forschung hat etliche Möglichkeiten, weiterzukommen, und sie hat dabei zweierlei zu beachten. Da ist einmal die Diskrepanz, der Unterschied zwischen DDR-Forschung und allgemeiner Kommunismusforschung. Die DDR-Forschung ist in Deutschland gut vorangekommen, es fehlt aber eine gewisse Koordinierung. Sie ist recht gut organisiert, dagegen kaum verknüpft mit den Forschungsanstrengungen zur deutschen kommunistischen Bewegung vor dem Zweiten Weltkrieg, zum Widerstand gegen Hitler, zur Kommunistischen Internationale. Noch wichtiger ist eine länderübergreifende Vernetzung. Wir versuchen in die Richtung zu steuern, doch die Realität der deutschen Kommunismusforschung ist, dass die Erforschung der Entwicklungsgeschichte der Bewegungen bis hin zur Komintern sehr im Schatten der DDR-Forschung steht. Das ist, glaube ich, nicht nur ein deutsches Problem. Das sieht anderswo ähnlich aus. Die zweite Voraussetzung dafür, dass diese Forschung Zukunft hat, ist die weitere wissenschaftliche Fundierung. Es sieht zwar heute besser aus, gemessen an dem, was Anfang der Neunziger alles so ins Kraut geschossen war. Aber es fehlt die Verbindung zu den sogenannten Mutterwissenschaften, insbesondere zur Zeitgeschichte. Der derzeit aktuelle Zugang zur Zeitgeschichte, etwa die Erinnerungskultur, kann auch für die Kommunismusforschung fruchtbar gemacht werden. Notwendig sind zudem klarere Differenzierungen, fundiertere Wertungen, die Berücksichtigung verschiedener Zeitperioden, der Rahmenbedingungen und der Motive der Akteure – kurzum, die gültigen Standards der Wissenschaft sind zu beachten. Es sollte nicht allzu schwer sein, diese Voraussetzungen zu erfüllen. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo absehbar ist, dass eine gewisse Historisierung des Kommunismus denkbar und möglich ist. Pauschal wurde das für die NS-Zeit ja schon relativ früh angesprochen. Damit ist nicht gemeint, die Schreckenszeit zu verharmlosen oder gar vergessen zu machen. Im Gegenteil, Historisierung bedeutet Einbettung in die Geschichte, heißt, Vorurteile, Schwarz-Weiß-Malerei, Emotionen ebenso zu überwinden wie Rechtfertigungen und Verzerrungen. Wahrscheinlich wird es nur so und erst dann möglich sein, die zentrale Frage zu beantworten, wieso die kommunistische Bewegung trotz des sowjetischen Beispiels und trotz des blutigen Terrors immer wieder in aller Welt neue Anhänger gefunden hat. Eine Historisierung hätte meiner Meinung nach zu prüfen, warum es möglich war, dass die kommunistische Bewegung auch in den Zeiten, in denen stalinistische Terrorregimes die schreckliche Realität zeigten, immer noch Massen von Mitgliedern, Massen von Funktionären gewinnen konnte. Das gilt nicht für alle, aber für viele Länder. Ich nenne nur Frankreich und Italien. Es gilt also, den Blick sowohl auf die Diktaturen und den Terror zu richten als auch auf die Frage der Traditionen. Und dann wird man sehr rasch merken: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen. Einer dieser Gründe ist mit Sicherheit das Gegenmodell, der Kapitalismus. Das kann Folgen für die Zukunft haben. Wenn dieser Kapitalismus sich so entwickeln sollte wie aktuell in Russland, wird er radikale Gegenströmungen auslösen. Dort soll es 400 Milliardäre geben, deren Reichtum genauso groß ist wie derjenige der gesamten übrigen Bevölkerung. Ob das, als der Zar und dann die Kerenski-Regierung gestürzt wurden und die Bolschewiki, die Kommunisten, an die Macht kamen, auch schon so fatal war, ist mir nicht bekannt. Aber es spricht dafür, dass der Kommunismus nicht eine ideologische Raffinesse von Einpeitschern gewesen ist, sondern dass es für sein Aufkommen reale Gründe gab. Als überzeugter Demokrat bin ich der Meinung, nur Demokratie kann eine Gesellschaft voranbringen. Wer soziale Gerechtigkeit will, der muss bei der Kommunismusforschung – da stimme ich Ulrich Mählert voll zu – den eigenen Standpunkt klar zeigen. Aber ich muss natürlich in der Beschreibung, in der Analyse in der Lage sein, objektiv an das Ganze heranzugehen. Das ist die Schwierigkeit, auf die ich hier noch einmal hinweisen will. Mir ist nicht bange, dass die positiven Forschungsergebnisse in den nächsten Jahren und vielleicht auch den nächsten Jahrzehnten ausgebaut werden. Es sind dabei jedoch einige Voraussetzungen zu erfüllen. Eine Historisierung wäre immer noch die große Chance. Es ist wohl 30 Jahre her, dass Martin Broszat die Historisierungsthese für den Nationalsozialismus aufgestellt hat. Wir haben es zwar immer noch nicht geschafft (das ist meine Meinung), doch wir haben uns sehr stark an die Historisierung der Nazidiktatur angenähert. Wenn es gelingt, in zehn oder zwanzig Jahren auf dem Gebiet der Kommunismusforschung ebenso weit zu sein, dann haben wir vielleicht alle mit unseren Beiträgen als Forscher, und auch ein kleines bisschen mit dem Jahrbuch, dazu beigetragen. Mählert: Vielen Dank, Hermann Weber. Ich möchte Alexander Vatlin jetzt nicht fragen, ob er einen der 400 Milliardäre kennt, der die Kommunismusforschung in Moskau finanzieren könnte, sondern ihn hier nur ganz kurz vorstellen. Alexander Vatlin feiert in diesem Jahr seinen 45. Geburtstag. Er hat 1987 an der Lomonossow-Universität in Moskau promoviert, hat sich 1998 habilitiert und ist dort heute Professor für Zeitgeschichte. Seine Themen waren immer die Komintern, die Säuberungen im Kommunismus, die Entwicklung der kommunistischen Bewegungen, das Verhältnis zu Deutschland, das Exil in der Sowjetunion. Er zählt zu den Kollegen, die wirklich von Anfang an dabei waren. Von 1988 bis 1991 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Geschichte der Komintern am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU gewesen. Er hat die heißeste Zeit erlebt, was die Öffnung der Archive betrifft: das Tilgen weißer Flecke. Allein darüber kann er mittlerweile als Zeitzeuge erzählen. Was uns interessiert: Welchen Stellenwert hat die historische Kommunismusforschung im heutigen Russland? In der Vorbereitung hat er eine kurze Anekdote zu diesem Thema aufgeschrieben. Bitte fang damit an und erzähl uns, ob es im heutigen Russland im universitären Raum überhaupt noch eine freie Auseinandersetzung mit diesem Thema gibt. Prof. Dr. Alexander Vatlin: Danke für diesen Hinweis, aber ich glaube, das wäre schon wieder ein Thema für die nächste Konferenz. Zur Kommunismusforschung in Russland: Ich meine, dieses Thema wäre, besonders für Russland, ein Projekt, dem auch von unserem Staat entsprechendes Interesse entgegengebracht werden sollte. Das Problem beginnt jedoch schon damit, dass wir keine Kommunismusforschung als Schwerpunkt an den Universitäten haben. Weiterhin ist die Situation in Russland ganz anders als für unsere Kollegen in anderen osteuropäischen Ländern, die auch eine kommunistische Phase gehabt haben. Was es jetzt an jeder Universität gibt, ist die Zeitgeschichte, und daneben haben wir die Heimatgeschichte, d. h. Geschichte Russlands. Damit verschwindet die kommunistische Epoche, der entsprechende Lehrstuhl heißt Heimatgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und weil die russische Revolution 17 Jahre nach dem Beginn des Jahrhunderts stattfand, ist die Sache besonders kompliziert. Was haben wir für strategische Perspektiven? Wir haben den Kommunismus als eine europäische Bewegung im 19. Jahrhundert. Dann teilt sich die Geschichte in eine »falsche« kommunistische Bewegung in Europa und eine »richtige« in Russland. »Falsch« in Eu-ropa, weil dort Erscheinungen wie Revisionismus, Opportunismus und sozialer Faschismus auftraten; »richtig« in Russland, weil hier ein Experiment gewagt wurde. Das war sozusagen der »Russische Weg« ins 20. Jahrhundert. Das war eine ideologische Strömung, die 1917 geboren wurde und auch 1991 in Russland nicht zugrunde ging, weil sie nicht wirklich eliminiert, sondern nur in den Hintergrund gedrängt wurde. Andererseits dient die Kommunismusforschung bei uns der Legitimierung von staatlichen Interessen in der heutigen Situation. Immer häufiger wird zum Beispiel Stalin als der erfolgreichste Politiker Russlands des vorigen Jahrhunderts genannt. Ich würde mir auch eine Historisierung wünschen, aber es gibt, glaube ich, bei uns kaum die Möglichkeit, an Historisierung zu denken, weil die russische Geschichte bis heute in den Dienst aller möglichen Interessen gestellt wird. Ich brauche wohl keine Beispiele dafür zu nennen, es ist zweifelsohne so. In unserer öffentlichen Meinung wird kommunistische Ideologie nur als schöne Verpackung rezipiert, die es der zentralen Macht ermöglicht hat, das Vielvölkerreich vor dem Auseinanderfallen zu bewahren. Dabei wird die Erweiterung der sowjetischen Einflusszone nach 1945 eher negativ bewertet, als Überdehnung, die den Kollaps nach sich gezogen hat. Durch die Konfrontation mit dem Westen und den Rüstungswettlauf ist demnach der national gefärbte Modernisierungsversuch zugrunde gegangen. Das ist wirklich das große Problem, diese Trennung zwischen staatlichen und nationalen Interessen und Gefühlen einerseits und Kommunismus als internationaler Entwicklung andererseits. Wer studiert bei uns Kommunismus als internationale Entwicklung? Wirklich niemand. Wenn ich nun trotzdem noch weiter über die russische Kommunismusforschung spreche, dann meine ich die Forschung zur Geschichte Sowjetrusslands, der Sowjetunion, als der Kommunismus ein Staatsgebilde war. Welche Tendenzen lassen sich nennen? Erstens: die Fragmentierung sowie der nicht vorhandene komparative Ansatz. Wir haben wirklich kein gemeinsames Bild von unserer Epoche, der Zeit zwischen 1917 und 1991. Was für die SED zutrifft, betrifft ebenso die KPdSU. Die Forscher sind entweder auf Revolutionsgeschichte spezialisiert oder auf den Stalinismus. Aber den Kommunismus übergreifend darzustellen oder gar mit osteuropäischen Ländern oder China und Kuba zu vergleichen, damit sind wir erst bei den Anfängen. Dabei würde ich mir wünschen, dass wir in zehn Jahren im Jahrbuch auch einen komparativen Ansatz vorweisen können. Das Interesse der Kommunismus- oder Sowjetunionforschung verteilt sich bei uns sehr ungleichmäßig auf die verschiedenen Probleme und Zeitperioden. Ich habe manchmal das Gefühl, wir sitzen in einer Zeitmaschine und sind gerade in der frühen Nachkriegsgeschichte angekommen. Die hat gerade ganz stark Konjunktur: Die Sowjetunion nach dem Krieg und ihre Einflussnahme auf Osteuropa, die Besatzungszeit in der späteren DDR, aber auch in Österreich – das alles ist jetzt ganz groß, und wir sind, wenn wir uns weiter diese Zeitmaschine denken, gerade im Jahr 1953. Obwohl wir das Jubiläum des XX. Parteitags hinter uns haben, ist es eigentlich zu früh gekommen. Die Geschichte der Entstalinisierung hat nur in einigen Ansätzen Forschungsinteresse hervorgerufen, hier fehlt auch ein Vergleich in Zusammenarbeit mit Kollegen aus ost- und mitteleuropäischen Ländern.Die spätere Zeit – die sogenannte Erstarrungsepoche – ist total unbelichtet. Das liegt vor allem an den Archivquellen, die Deklassifizierung der Breschnew-Dokumente kommt sehr schleppend voran. Genauso schade ist es, dass die dreißiger Jahre, die Terror-Jahre, die schlimmsten Jahre für Russland im 20. Jahrhundert, langsam in Vergessenheit geraten, sowohl in der historischen Forschung wie in der öffentlichen Meinung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Fragmentierung des Gesamtbilds der kommunistischen Epoche in Russland. Man sieht das, was man sehen will, und das ist einer Historisierung gerade entgegengesetzt. Man erforscht die Mikrogeschichte anhand eines Betriebs, einer Schule oder sonst was, was eigentlich kein schlechter Ansatz ist. Und mit dieser Mikrogeschichte kann man alles Mögliche untermauern. Das führt zu einer Pragmatisierung der Geschichtsforschung. Man kann aus diesen ganz kleinen Bausteinen entweder ein Mausoleum aufbauen oder die Basilius-Kathedrale, ganz nach dem jeweiligen politischen Interesse und dem Hintergrund des jeweiligen Forschers. Was ich positiv erwähnen möchte, ist: Wir betrachten den Kommunismus nicht mehr nur als Herrschaftspraxis oder als Repressionssystem, sondern nehmen zunehmend auch die mentale Geschichte des Kommunismus als gesellschaftliches System in den Blick und versuchen, die neuen Methoden der westlichen Geschichtsschreibung anzuwenden. Der Blick von oben wird durch den Blick von unten ergänzt, man versucht, die Rolle der sozialen Träger des Systems zu erforschen, z. B. die Veränderung der Lebensweise infolge der Industrialisierung und Urbanisierung oder den Einfluss der öffentlichen Meinung auf die Entscheidungen im Kreml. Es entstehen neue Biografien der führenden Kader, der Leute um Stalin, sie werden nicht als Machtmaschinen gesehen, sondern als Menschen mit eigenen Gefühlen, Interessen und Neigungen. Mithilfe neuer, etwa anthropologischer, kulturhistorischer Forschungsmethoden kommen die Forscher zu einem Bild der Epoche, das ihnen durch klassische Quellen verwehrt blieb. Durch diese »revisionistische« Wende bekommt das System in gewissem Sinne menschliche Züge, das schwarz-weiße Bild wird mehrfarbig. Es ist ein Schritt vorwärts im Vergleich zur Dämonisierung des Kommunismus, die wiederum zum Beispiel Anfang der neunziger Jahre politisch ihren Wert hatte. Mählert: Vielen Dank! Wir wollen jetzt den Blick weiter nach Westen, nämlich nach Ungarn richten. Krisztián Ungváry vertritt János M. Rainer, den Direktor des »Instituts für die Geschichte der Ungarischen Revolution in Budapest 1956«. Die Forschungsschwerpunkte des Kollegen Ungváry am Institut sind Militärgeschichte, die ungarische Staatssicherheit zwischen 1956 und 1990, Antisemitismus, Nationalismus und Zwangsemigration im 20. Jahrhundert. Die Zahl der Publikationen geht in die Hunderte. Wir haben in Deutschland im letzten Jahr durch den 50. Jahrestag des Aufstands von 1956 vergleichsweise viel über die ungarische Zeitgeschichte gehört und dadurch auch einiges über Institutionen, die sich mit Zeitgeschichte beschäftigen: Das »Haus des Terrors« ist zumindest in Kollegenkreisen als durchaus streitbare Institution bekannt. Man hat also mitbekommen, ohne es im Detail zu wissen, dass Zeitgeschichte in Ungarn auch Streitgeschichte ist, und sicher ist es so, dass gerade in den Ländern, die auf eine kommunistische Diktatur zurückblicken, die Perspektive auf die Kommunismusgeschichte eine andere ist als beispielsweise in Frankreich oder Großbritannien. Wie würden Sie die Kommunismusgeschichte in Ungarn in knappster Weise umreißen? Und welche politischen und kulturellen Hintergründe sind dabei besonders zu benennen? Dr. Krisztián Ungváry: Prof. Weber hat darauf hingewiesen, dass die Historisierung der Kommunismusforschung so eine Sache sei. Ich glaube, das ist in Ungarn das größte Problem der Kommunismusforschung. Hier findet Historisierung überhaupt nicht statt. Das beschränkt natürlich ganz extrem die Möglichkeiten des Forschers, solche Forschungsprojekte in der heutigen Politik durchzusetzen. Ich möchte betonen, dass das nicht unbedingt mit der jeweiligen Regierung zusammenhängt. Es geht in den Diskussionen weniger um allgemeine Fragestellungen zur Kommunismusforschung als vielmehr darum, herauszufinden, wer zur Stasi gehörte und wer IM war. Aber auch das wird nicht so gemacht, wie es in der Bundesrepublik mit der DDR möglich war. Die Politisierung zeigt sich auch in der Institutionslandschaft. Das »Terror-Haus« bspw. wird von Frau Mária Schmidt geleitet. Sie sagt ganz klar, es sei notwendig, neue Institutionen zu schaffen, wenn die alten aus mannigfaltigen Gründen nicht in der Lage sind, das Thema umfassend zu erforschen. Sie hat mit diesem Standpunkt durchaus Recht. Andererseits betreibt gerade das »Terror-Haus« gar keine Forschung. Es verlegt nicht einmal Jahrbücher, was sehr wünschenswert wäre. Es gibt drei Institutionen: das Politikgeschichtliche Institut, das aus dem Institut für Parteigeschichte der früheren Staatspartei (heute Sozialisten) hervorgegangen ist, die Institution von Frau Schmidt für die Fidesz und das erwähnte 1956er-Institut, das allerdings nicht von Parteien ins Leben gerufen, sondern in Paris gegründet wurde, also unabhängig von jeglichen ungarischen Regierungen. Ich glaube, ich habe damit die Probleme angedeutet. Wenn es in Deutschland keine Geschichte der SED zu lesen gibt, dann kämpfen die Ungarn mit dem gleichen Problem. Die führenden Persönlichkeiten der Staatspartei sitzen wieder in der Regierung, und es gibt keine Geschichte über ihre eigene Partei. Mählert: Wenn ich es richtig verstanden habe, beschränkt sich die ungarische Kommunismusforschung tatsächlich auf die kommunistische Diktatur nach 1945. Spielt der Zeitraum vor 1945 überhaupt keine Rolle? Ungváry: Ja, selbst die Zeit zwischen 1945 und 1956 wird nicht mehr so intensiv erforscht, aber was 1919 oder die frühere KP betrifft, darüber gibt es überhaupt nichts. Die Forschung über die Räterepublik ist gleich null – weil die Räterepublik ja schon früher erforscht wurde und sich die neueren Quellen, die für eine weitere Forschung notwendig sind, in Moskau befinden. Ungarische Forscher fahren kaum nach Russland, um nach Quellen zu forschen. Was auch noch wichtig ist: Die Öffentlichkeit interessiert sich nicht für diese Fragen. Was interessiert wen an der Räterepublik? Für die Antisemiten ist interessant, dass ihre Führer jüdischer Abstammung waren, für die Kommunisten ist interessant, dass nach der Räterepublik in der Zeit des Weißen Terrors soundso viele Menschen umgebracht wurden. Das ist so ungefähr das Niveau, und da hört es dann auch schon auf. Dr. Walter Süß: Wie sieht es mit der universitären Zeitgeschichtsforschung aus? Ungváry: An den Universitäten findet eine Kommunismusforschung nicht statt. Ein Beispiel kann ich aus meinem eigenen Studium erzählen. Das ist im Jahre 1998 passiert, und das ist ja noch nicht so lange her. Ich musste als ungarischer Stipendiat eine Schulung besuchen, die von dem früheren Leiter des Historischen Instituts abgehalten wurde, der inzwischen von uns gegangen ist. Er nahm mit uns die Geschichte Ungarns von 1945 bis 1948 durch, und wir mussten aus einem Text, der im Jahre 1955 erschienen ist, Passagen vorlesen. Die hat er dann kommentiert, denn er hatte dieses Buch 1955 mitgeschrieben. Das war die Unterrichtsstunde. Ich habe diese Veranstaltung aus verständlichen Gründen nur ein einziges Mal besucht. Aber unter solchen Umständen kann man ja nicht von einer historischen Kommunismusforschung an einem Lehrstuhl sprechen. Daran hat sich bis heute, auch was das Personal betrifft, nichts geändert, und das behindert natürlich auch die Erforschung dieses Themas. Mählert: Von Ungarn jetzt direkt nach Tschechien. Herr Tůma, in Ihrer Biografie ist interessanterweise zu lesen, dass Sie sich mit byzantinistischen Studien befasst haben. Und 1989, im Jahr des großen Umbruchs, als senior research fellow am »Institut für klassische Studien der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik« in Prag tätig waren. Von dort ging es 1992 an das neu gegründete »Institut für Zeitgeschichte«, dessen Direktor Sie seit 1998 sind. Also immerhin ein Sprung von mindestens anderthalb Jahrtausenden. Sie haben in Tschechien eine ähnliche Situation wie in Ungarn. Auch dort gab es eine kurze Phase von »guten« Kommunisten. Eine solche Unterscheidung wird man für Russland nicht so richtig hinbekommen und für die DDR-Geschichte nur mit den allergrößten Verbiegungen nachträglich konstruieren können. Aber mit Imre Nagy in Ungarn und mit dem »Prager Frühling« 1968 in der Tschechoslowakei gäbe es zumindest in diesen beiden Ländern die Möglichkeit, im Nachhinein von einer kurzen Phase des »liberalen« Sozialismus zu sprechen, dessen »hoffnungsvolle Ansätze« von Moskau zerschlagen wurden. Inwieweit spielen eigentlich Kontroversen, die aus der Bewertung von 1968 resultieren, in der aktuellen Debatte eine Rolle, und inwieweit dürfen wir im Hinblick auf das Jahr 2008 mit Kontroversen in der zeitgeschichtlichen Forschung Tschechiens rechnen? Dr. Oldřich Tůma: Das ist sehr interessant. 1990 / 91 und1992 war dies tatsächlich der Fall. Damals kam es in Bezug auf das Jahr 1968 zu Kontroversen. Viele der 68er, Dubček und andere, waren nach dem November 1989 in die Politik zurückgekehrt und von der neuen Rechtspartei kritisiert worden, und damit auch ihre Geschichte. In den Medien und im politischen Diskurs gab es in den neunziger Jahren eine Kontroverse zwischen diesen und anderen Kommunisten. Das ist jetzt vorbei. Und etwas Ähnliches geschah auch mit der Regimeopposition wie Charta 77 usw. Sie war auch nicht politisch zu instrumentalisieren. Diese aktuell-politische Debatte hatte auch etwas zu tun mit der Instrumentalisierung der Geschichte. Nach 30 Jahren hatten wir jetzt eine große Konferenz zur Charta 77, und mir scheint, dass die Debatte, die in den Medien und auch zwischen Historikern stattfand, ohne diese Politisierung verlief wie in Russland oder vielleicht auch in Ungarn. In unserem Fall ist es so, dass die Zeit des Kommunismus in der Tschechoslowakei mehr oder weniger identisch ist mit unserer Zeitgeschichte als solcher. Die tschechoslowakische Geschichte nach 1948 ist auch die Geschichte des Kommunismus. Zeithistorische Forschung im eigentlichen Sinne gibt es bei uns erst seit relativ kurzer Zeit, vor dem Jahr 1989 gab es sie fast überhaupt nicht. Im Unterschied zu Deutschland war die Zeitgeschichte ein Gegenstand von ideologischer und politischer Manipulation und Indoktrination, es gab auch keine ČSSR-Forschung oder KPČ-Forschung im Ausland, im Exil oder auch im Samisdat. Die Forschung, die in der Opposition und im Samisdat stattfand, bezog sich nur auf die neueste Geschichte. Wir hatten auch keinen Zugriff auf die Akten und Dokumente. Aber nach dem Umsturz im November 1989 gab es das Konzept, dass schnell eine Institution für Zeitgeschichte entstehen müsse. Es waren revolutionäre Zeiten! Von der Idee der historischen Kommission des bürgerlichen Forums Ende 1989 bis zur Entstehung des Instituts für Zeitgeschichte im Februar 1990 verstrichen nur wenige Wochen. Aber, wieder im Gegensatz zu Deutschland: Bei uns fehlten die Experten. In der Historiografie des Kommunismus gab es drei Generationen. Diejenigen, die professionell forschen konnten, kamen mit 60 Jahren aus dem Exil oder aus anderen Berufen zurück wie z. B. Karel Kaplan. Dann gab es die mittlere Generation, der z. B. ich angehöre: Leute, die Anfang der neunziger Jahre von anderen Gebieten zur Kommunismusforschung übergegangen sind. Und dann gab es die junge Generation: Leute mit einem normalen Hochschulabschluss und mit verschiedenen Möglichkeiten, aber auch mit verschiedenen Ansichten. So war es kein Wunder, dass sich die ersten Forschungsprojekte vor rund 15 Jahren auf die weißen Flecken in der politischen Geschichte konzentrierten, also z. B. auf die Machtübernahme 1948, auf den »Prager Frühling« von 1968, auf die folgende Opposition und dann auf die Revolution Ende der achtziger Jahre. Ein Schwerpunkt waren Dokumenteneditionen. Ende der neunziger Jahre setzte ein Nachdenken über weitere Themen ein, und so entstanden Projekte zur Kulturgeschichte, der Oral History, zu politischen Biografien der Funktionäre und der Dissidenten etc. Die Forschung über den kommunistischen Zeitraum der tschechischen Geschichte findet sich momentan an einer Wegscheide, scheint mir. In den letzten Jahren hat sich das Interesse der Medien an gewissen Aspekten dieser Geschichte wesentlich erhöht, wobei aber die Differenz des Vergangenheitsbilds zwischen den Medien und der Historiografie fast atemberaubend ist. Die Medien ignorieren vieles, und man muss als Historiker gleichsam immer wieder von Neuem beginnen. Das ist zweifellos mit der Entwicklung der politischen Szene verbunden, in der die Kommunistische Partei versucht, ihre politische Isolation, in der sie sich schon seit 17 Jahren befindet, zu überwinden. Wir haben heute in der Tschechischen Republik die Situation, dass die Sozialdemokratische Partei mehr oder weniger mit der Kommunistischen Partei zusammenarbeitet. In diesem Zusammenhang spielt die Instrumentalisierung der Geschichte eine Rolle. Es gibt jetzt von einigen Regierungspolitikern und Historikern Bemühungen zur Schaffung einer vom Staat kontrollierten großen Institution, die sich mit der Rolle der Repressionsorgane, insbesondere der Staatssicherheit und deren Akten, beschäftigen soll. Dieses neue Institut soll insbesondere das kriminelle Wesen des kommunistischen Regimes untersuchen und Verzeichnisse von Agenten und Offizieren der Staatssicherheit anlegen sowie die Rolle der Personen untersuchen, die im heutigen politischen Leben tätig sind. Die Regimeforschung ist zu einem permanenten Bestandteil der politischen Auseinandersetzung geworden, um damit die Kommunistische Partei, aber auch die Sozialdemokratische Partei zu diskreditieren. Eine andere Möglichkeit für unsere weitere Entwicklung ergibt sich aus der akademischen Diskussion, die darauf abzielt, ein genaueres Bild über das Funktionieren des Systems zu erhalten. Dabei geht es darum, zu erforschen, wie stark das System verwurzelt war, wie weit das Regime die Gesellschaft durchdringen konnte, und das nicht nur mit Repressionen. Auch hier gibt es Inspirationen aus der deutschen Historiografie, z. B. der Mikrogeschichte usw. Mit Ausnahme der Oral History gab es bisher keine Biografieforschung, es gab z. B. keine Biografie von Husak, Nowotny und anderen. Bisher reduzierte sich die Kommunismusforschung zu sehr auf das Täter-Opfer-Verhältnis. Zum Schluss einige Bemerkungen zur institutionellen Gewährleistung der Fachrichtung. Die Infrastruktur der Kommunismusforschung wird durch das »Institut für Zeitgeschichte« gesichert. Es gibt schon seit 17 Jahren eine Zeitschrift und Dokumentationen heraus. Für die Zukunft gibt es zwei Wege: eine Monopolisierung und Vereinheitlichung der Forschung im Rahmen einer zentralen Institution »Gedächtnis des Volkes« oder eine Diversifikation und Pluralität in verschiedenen Zentren an den Universitäten. Mählert: Vielen Dank. Jetzt geht es weiter nach Polen, zu unserem östlichen Nachbarn, der sich ja in der Aufarbeitung als extremistisches Land zu etablieren droht. Nachdem am Anfang der große Strich gezogen wurde und man sich offenbar gesellschaftlich darüber einig war, bestimmte Fragen gar nicht erst zu stellen, geschweige denn zu beantworten, liest man jetzt in den Zeitungen von neuen Lustrationsanläufen, von einer reichlich aufgeheizten Debatte. Gleichzeitig weiß ich von keinem anderen ostmitteleuropäischen Land außer Polen, dass es eine Initiative zur Gründung eines Museums namens »Stiftung Sozland« gibt – wobei die Gründer meinen, die junge Generation bekomme man nur mit so etwas wie Disneyworld ins Museum. So soll die Volksdemokratie nachvollziehbar gemacht werden in Form eines kommerziell betriebenen Museums. Es gibt offensichtlich eine höchst vielfältige Kommunismusforschung bzw. Auseinandersetzung mit der sogenannten Volksdemokratie in Polen, und ich bin jetzt gespannt darauf, wie Krysztof Ruchniewicz die gegenwärtigen Trends umreißt. Krysztof wurde 1967 geboren und leitet jetzt schon seit knapp fünf Jahren das damals neu gegründete »Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław«. Er hat auch den Lehrstuhl für Geschichte an diesem Zentrum inne und ist Mitglied der deutsch-polnischen Schulbuchkommission. Wie würdest du die heutige Kommunismusforschung in Polen charakterisieren? Dr. Krystof Ruchniewicz: Vielleicht als Einstieg etwas zur Erheiterung. Ein bekannter polnischer Dramatiker hat vor vielen Jahren einmal versucht, die Geschichte Polens in einem Satz zusammenzufassen. Dieser Satz lautete: »Im Jahre 966 wurden wir getauft, im Jahre 1792 wurden wir geteilt, aber der richtige Zirkus ging erst nach 1945 los.« Vor einer ähnlichen Aufgabe stehe ich jetzt auch, wenn ich daran denke, was Uli Mählert hier von mir fordert. Aber nun im Ernst. 1956 / 57 erschien ein Roman von einem Autor, der bis dahin als Stalinist galt, unter dem seltsamen Titel Mutter der Königin. Es ist die Geschichte einer Arbeiterfamilie, die in den dreißiger Jahren einsetzt und zunächst vom Kampf dieser Familie gegen das Piłsudski-Regime erzählt. Während des Zweiten Weltkriegs standen sie auf der richtigen, sprich kommunistischen Seite. Aber dann erfahren wir etwas Neues, etwas Interessantes, nämlich dass einer der Nachkommen der Familie den Krieg überlebt hat und dann im Knast sitzt mit einem Nazi – einem Offizier, der an der Bekämpfung des Ghetto-Aufstands teilgenommen hatte. Und dieser Nazi und der Kommunist führen nun in der Zelle ein Gespräch. Sie erzählen sich unterschiedliche Geschichten, bis es mit einem Mal auf den Punkt gebracht wird: An allem war die Partei schuld. Und so ist es auch in Polen nach 1956 gesehen worden: An allem, was nach 1945 passierte, war die Partei schuld. So könnte man sagen, dieser stalinistische Autor hat das für alle Polen auf den Punkt gebracht. Sicher, es gab bis 1989 alle möglichen Institute für die Geschichte der Arbeiterbewegung, und es gab entsprechende Zeitschriften wie z. B. Aus dem Feld des Kampfes. Alle diese Institute und Zeitschriften sind nach 1989 aufgelöst worden. Sie sind nicht wie in der DDR abgewickelt, sondern einfach aufgelöst worden. Einige dieser Forscher sind dann in privaten Hochschulen gelandet. Und einige sind nach wie vor tätig, de facto als Überbleibsel. Gleichzeitig aber setzte auch die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein. Impulse kamen von den Überlegungen der ersten Regimekritiker im Exil, die zunächst selber der Kommunistischen Partei angehört und sich dann von ihr gelöst hatten. Sie haben einige grundlegende Werke vorgelegt. Zu den Impulsen gehörten auch die Samisdat-Publikationen aus der Solidarność-Zeit, sie spielten eine große Rolle. Es ging um bestimmte Bereiche, die für die Nationalgeschichte von großer Bedeutung waren, vor allem um weiße Flecken und bisherige Tabuthemen, z. B. die Säuberungen in der polnischen Kommunistischen Partei in der Sowjetunion. Auch Arbeiten zum Hitler-Stalin-Pakt waren von größter Bedeutung für die Polen – sie betrachten ihn als die »vierte Teilung« Polens. Später hat man sich auch mit der Okkupation durch den Einzug der sowjetischen Truppen und mit den ersten Deportationen von Polen ins Landesinnere beschäftigt. So entstand langsam ein Bild nicht nur vom System selbst, sondern auch vom Terrorapparat, und man konnte jetzt auch von Dingen lesen, die bisher nicht bekannt gewesen waren bzw. nur in den Familien tradiert worden waren. In die Zeit nach der Erklärung des Ausnahmezustands fällt auch die Gründung der bekannten Initiative Charta, die bis heute existiert. Ihre Wurzeln hat sie schon in den achtziger Jahren als eine Bürgerinitiative von Laienhistorikern, die sich der Erforschung der weißen Flecken widmete. Sie gründeten damals nicht nur Zeitschriften, sondern veranstalteten auch verschiedene Wettbewerbe. Das hat dazu geführt, dass Charta gerade nach 1989, inzwischen zur Institution geworden, auch zu den ersten bürgerlichen Initiativen gehörte, die das andere Bild zeigten. Natürlich hat auch die Forschung in Polen von der Zäsur 1989 profitiert. Mit dem Wegfallen der Zensur und der Öffnung der Archive gab es wirklich neue Möglichkeiten. Und Arbeiten, die bisher entweder unter Pseudonym oder im Untergrund entstanden waren, konnten erst jetzt öffentlich erscheinen. Das beste Beispiel ist ein Buch über die Etablierung der kommunistischen Macht in Polen in den ersten Nachkriegsjahren. Es war zunächst in London gedruckt worden, später im Untergrund und schließlich in Polen 1989. Dieses Buch ist zwar langweilig, aber sehr detailliert und kenntnisreich. Es war lange Zeit eine der wichtigsten Grundlagen, um Wissen über die Anfänge des Regimes zu erhalten. Es war in Polen auch nicht notwendig, die Historischen Institute abzuwickeln. Der Großteil der dort beschäftigten Kollegen konnte seine Arbeit ungehindert fortsetzen. So ist auch zu erklären, dass in der ersten Phase, in den neunziger Jahren, sehr schnell sehr viele Arbeiten vorgelegt worden sind: zu den polnisch-sowjetischen Beziehungen, zur Situation in Polen nach dem Einmarsch der Roten Armee, zu den Deportationen usw. Man sieht aber eine bestimmte Tendenz: Gerade diese alte Kommunismusforschung ist nach und nach untergegangen bzw. wurde nicht mehr so stark berücksichtigt, wie das vordem war. Heute ist die Situation so, dass keiner sich mehr dafür interessiert; nur bei der ältesten Generation der Historiker kommt das noch ab und zu vor. Auch große Projekte wie ein Lexikon der polnischen Kommunisten, das noch vor 1989 auf die Beine gestellt werden sollte, sind nicht abgeschlossen worden. Sehr viele Projekte wurden nicht wieder aufgenommen oder wurden einfach abgebrochen. In den neunziger Jahren hat man sehr heiß über die vergangene Epoche diskutiert: Wie ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einzuordnen? Was war die Volksrepublik Polen? War das ein Teil polnischer Geschichte, oder war es eine fremde Geschichte? War Polen okkupiert oder war es selbstständig? Gab es Zeitabschnitte, in denen doch größere Freiheitsräume existiert haben? Diese Diskussionen dauern noch an. Sie sind wahrscheinlich deshalb nicht abgeschlossen, weil immer wieder neue Dinge zutage treten und neue Bereiche diskutiert werden, wie etwa neulich die Frage der Katholischen Kirche, die bisher in Polen eigentlich tabu war, weil die Kirche als Hort des Antikommunismus galt. Jetzt gibt es auch darüber eine Diskussion. Die Situation veränderte sich grundlegend im Jahre 1999 mit der Gründung des »Instituts für Nationales Gedenken«, das ist quasi unsere Gauck-Behörde, erweitert um die Aufgabe der staatsanwaltschaftlichen Verfolgung von Verbrechen an der polnischen Nation. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Aufbau des Instituts entwickelte es sich rasch zu einem der bedeutendsten Institute in ganz Polen. Es beschäftigt über 200 Historiker, die eine sehr detaillierte Forschung betreiben und einen riesigen Output an Veröffentlichungen haben. Es werden neben den Forschungen zum System jetzt auch und vor allem Forschungen zur Oppositionsgeschichte betrieben. Inzwischen liegen mehrere Lexika zur polnischen antikommunistischen Opposition vor. Da das Institut fünf regionale Filialen im Land besitzt, werden auch viele regionale Studien publiziert. Und da es auch über die Akten des Staatssicherheitsdienstes verfügt, ist zu erwarten, dass demnächst entsprechende Arbeiten veröffentlicht werden. Allerdings gibt es auch einige Schnellschüsse, die kaum wissenschaftlich untermauert sind. Sie erregen zwar großes Aufsehen, aber man fragt sich in der Tat ab und zu, ob sie wissenschaftlich gut genug sind. Ein Beispiel möchte ich nennen. Vor wenigen Tagen war ein Jahrestag der ersten Deportation von Polen in die Sowjetunion. Es wurde im 1. Fernsehprogramm erstens eine falsche Zahl genannt – es war von 1,5 bis 2 Millionen Menschen die Rede, wohingegen es in Wirklichkeit 200 000 bis 400 000 Menschen waren. Dann kam ein Zeitzeuge zu Wort, der beschrieb, wie schlimm das alles war, und dann folgte ein Historiker, der behauptete, dieses Thema sei nach wie vor unerforscht und dass es noch sehr viele Fragen gebe. Aber das stimmt so eben nicht, denn das sind längst erforschte Dinge. Ich möchte noch ein Problem ansprechen, das in unserem Kreis hier noch nicht erwähnt worden ist: die Geschichtspolitik. Der Umgang mit der Geschichte des Kommunismus wird zum Instrument der Geschichtspolitik gemacht, zu einem Machtinstrument überhaupt. Man sieht schon an dem letztgenannten Beispiel, wie die heutige Regierung von diesem Instrument auch Gebrauch macht. Mählert: Vielen Dank. Wir könnten uns jetzt ins Boot setzen und von Danzig nach Kopenhagen fahren. Wir setzen uns aber ins Flugzeug und fliegen nach Istanbul, wo Bülent Bilmez am Lehrstuhl zur Geschichte der modernen Türkei forscht und lehrt. Bülent hat sich mit der modernen osmanischen Geschichte beschäftigt, er hat in Ankara studiert und an der Humboldt-Universität promoviert. Und wir haben ihn sehr herzlich in unseren Beirat eingeladen, weil er nicht nur die Türkei in den Blick rücken kann, sondern auch Spezialist für Albanien ist, sich für südosteuropäische Geschichte interessiert und auch ein bisschen Persisch kann. Die Türkei kann auf keine ausgeprägte kommunistische Geschichte verweisen. Die Türkische Kommunistische Partei war praktisch zeit ihrer Existenz verboten. Die Anknüpfungspunkte für unsere Forschungsinteressen liegen nicht zuletzt darin, dass die TKP ihr Exil in Leipzig und in Ostberlin hatte. Interessant ist auch die jüngere Geschichte der linken Bewegung in der Türkei in den letzten 15 bis 20 Jahren. Der Umbruch des Jahres 1989 hat dort unter den Linken merkwürdige Transformationsprozesse angestoßen. Viele Protagonisten marschierten stramm nach rechts und finden sich heute in nationalchauvinistischen Milieus wieder. Bülent Bilmez wird uns jetzt ein paar Worte zu der sehr disparaten Forschungssituation zur Geschichte des Kommunismus in der Türkei sagen. Dr. Bülent Bilmez: Zuerst möchte ich erzählen, warum ich hier bin. Vorhin hatte Herr Vatlin gesagt, dass es in Russland den Begriff Kommunismusforschung gibt. Den gibt es in der Türkei auch, aber Forschung dazu gibt es leider kaum. Der Einzige, der wirklich dazu wissenschaftlich und akademisch geforscht und dem Thema seine akademische Karriere gewidmet hat, ist Herr Mete Tunçay, der Direktor unseres Departments. Er kann aber kein Deutsch – das ist der Grund, warum ich hier bin. Ich wurde eingeladen, weil ich angefangen habe, mit Herrn Tunçay über die Geschichte der Linken in der Türkei zu arbeiten und weil ich einigermaßen Deutsch kann – ich habe in Berlin an der Humboldt-Universität promoviert. Das war aber vor mehr als zehn Jahren. Ich habe gleich danach für drei Jahre an einer albanischen Universität Geschichte auf Deutsch unterrichtet, aber in den letzten sechs Jahren habe ich kaum Gelegenheit gehabt, deutsch zu sprechen. Deswegen entschuldige ich mich gleich für mein schlechtes Deutsch. In der Türkei wird die Geschichte des Kommunismus eher zur Forschung über die Geschichte der Linken und die Geschichte der Arbeiterbewegung gerechnet. Deshalb würde man unter der »historischen Forschung zum Kommunismus« in der Türkei nicht nur die historische Forschung zu den kommunistischen (und sozialistischen) Bewegungen verstehen, sondern auch zur Arbeiterbewegung, zu den Gewerkschaften und zur Linken im Allgemeinen. Der Stand und die Perspektiven der historischen Forschung zu den kommunistischen Bewegungen in der Türkei könnten unter verschiedenen Aspekten diskutiert werden: a) Verschiedene Perioden der Bewegung als Fokus der Forschung b) Verschiedene Themen als Fokus der Forschung c) Wer betreibt diese Forschungen? Ich möchte hier ein paar Sachen über die Periodisierung der kommunistischen Geschichte in der Türkei erzählen, weil diese stark die Forschung beeinflusst: Die erste Periode wäre die Vorgeschichte der kommunistischen Bewegungen – die Anfänge der Linken und der Arbeiterbewegung im Osmanischen Reich bis 1919. Man kann kaum von einer wirklich sozialistischen / kommunistischen Bewegung in dieser Periode sprechen, und das erste Auftauchen von linken Ideen ist wissenschaftlich noch kaum studiert. Informationen darüber sind nur in den Einführungen oder den Kapiteln zur Vorgeschichte in den Büchern über die allgemeine Geschichte der Linken zu finden (z. B. von Aclan Sayılgan, Kerim Sadi [A. Cerrahoğlu], Mete Tunçay, Fethi Tevetoğlu, İlhan Darendelioğlu). Über die Geburt der kommunistischen Bewegung im Osmanischen Reich im 20. Jahrhundert und besonders über die Beziehungen zwischen den Kemalisten, den Gründern der türkischen Republik, und den Bolschewiken sowie über die Gründung der Türkischen Kommunistischen Partei (TKP) in dieser Zeit wurde viel geschrieben (insbesondere von Mete Tunçay, Emel Akal, Feridun Kandemir, Rasih Nuri İleri und Kerim Sadi [A. Cerrahoğlu]). Dann kommt eine lange Zeit, wo alle kommunistischen oder linken Bewegungen verboten waren. Das ging bis in die sechziger Jahre. Man muss aber sagen, dass akademisch nicht viel darüber geforscht worden ist. Wie ich vorhin bereits gesagt habe, gibt es nicht viele wissenschaftliche Werke über die Geschichte der sozialistischen / kommunistischen Bewegung in dieser Zeit (1925 – 1960), sondern eher über die Geschichte der Moskau-orientierten TKP, die im Ausland aktiv war, und ihre (meistens illegalen) Zweige in der Türkei. Die Autoren sind vor allem Leute, die an dieser Bewegung selbst beteiligt waren und über ihre eigene Geschichte und damit eher biografische Werke geschrieben haben. Die nächste Periode (1960 – 1968) ist die der Aktivitäten der illegalen kommunistischen Bewegung im Ausland und der ersten kommunistischen Massenbewegungen mit verschiedenen Gruppen / Parteien, vornehmlich der Arbeiterpartei der Türkei (TİP), in einer demokratischen (und seit 1950 multiparteilichen) Türkei: In den sechziger Jahren war TİP sehr erfolgreich und stellte 16 Mitglieder im Parlament. Über diese Zeit wurde mehr geforscht. Dazu sind mehrere Monografien entstanden, und auch Materialien über diese Zeit wurden veröffentlicht (z. B. die Werke von Artun Ünsal, Mehmet Ali Aybar, Nihat Sargın und Sadun Aren). Die nächste Periode umfasst die siebziger Jahre – die Zeit der Splitterungen und Radikalisierung bis zum Militärputsch 1980. Es ist kaum möglich, mehr als nur ein oberflächliches Bild der verschiedenen Gruppierungen und Aktivitäten in der Phase von 1968 – 1980 zu zeichnen. Diese Periode war wirklich eine Zeit, in der es eine sehr starke kommunistische Massenbewegung gab, doch die TKP hatte sich nicht geöffnet und war daher ziemlich klein. Aber die maoistische und andere radikale kommunistische Bewegungen waren sehr stark. Die Geschichte all dieser Bewegungen, von denen viele immer noch illegal sind, ist schwer zu erzählen, denn sie sind noch nicht Geschichte geworden. Ich meine, man kann nicht von einer Historisierung dieses Themas sprechen: Diese Periode wird von vielen noch nicht als »Vergangenheit« gesehen. Es gibt darüber mittlerweile eine allmählich steigende Zahl von populären Werken (z. B. von Turan Feyzioğlu, Ergun Aydınoğlu and Hakkı Öznur). Die letzte Periode wäre die Zeit der linken Bewegungen unter dem Druck der fortdauernden Militärregimes in einer postmodernen Welt (1980 bis heute). Von einer Historisierung, also einer Geschichtsschreibung über diese Zeit kann noch nicht gesprochen werden. Ein Sonderfall ist die TKP: Sie hat sich nach 1989 aufgelöst und die »Stiftung zur Erforschung der Sozialgeschichte in der Türkei« (Türkiye Sosyal Tarih Araştırma Vakfı, TÜSTAV) gegründet. Das ist wirklich eine vorbildliche Entwicklung. Ehemalige KP-Mitglieder arbeiten dort, aber auch viele Akademiker. Dokumente aus verschiedenen Ländern und aus der Türkei, die natürlich nicht komplett sind, werden in Istanbul gesammelt. Das sind meist keine Originaldokumente, sondern Mikrofiches und kopierte Dokumente von Behörden, denn man kann dem türkischen Staat nicht so weit trauen, dass man davon ausgehen kann, dass die Originaldokumente immer zugänglich sein werden. Die Mehrheit dieser Materialien stammt aus dem International Institute of Social History in Amsterdam. Dort gibt es seit 1987 eine Abteilung über die Türkei, mit Materialien nicht nur über die TKP, sondern auch über andere kommunistische Bewegungen. Das sind allerdings nur Archive, in denen die Materialien gesammelt werden. Leider gibt es weder eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe, die diese Materialien systematisch bearbeitet, noch eine Institution – weder in Amsterdam noch in Istanbul –, wo man z. B. Doktoranden oder junge Akademiker zusammenbringen und motivieren kann, die darüber forschen. Da bleiben nur die Universitäten übrig – man könnte annehmen, dass sie sich mit dem Thema befassen. Es gibt aber an keiner Universität der Türkei eine Abteilung oder Forschungsgruppe, die über die Geschichte des Kommunismus wissenschaftlich arbeitet. Wir sprechen hier von den letzten ca. 80 Jahren, in denen die kommunistische Bewegung entstanden ist. Dazu erschienen bisher nur drei Monografien, die die Zeit bis zu den sechziger Jahren umfassen (von İlhan Darendelioğlu, Fethi Tevetoğlu und Aclan Sayılgan). Sie wurden von Antikommunisten geschrieben, die auch Zugang zu manchen Materialien der türkischen Polizei und des Geheimdiensts hatten. Ende der sechziger Jahre ist das Buch von Mete Tunçay herausgekommen, es ist immer noch das einzige wissenschaftliche Werk, in dem die Entstehung und Entwicklung der TKP und der Splitterungen dieser Partei im Detail beschrieben sind. Herr Tunçay hat später mehrere erweiterte und bearbeitete Ausgaben davon und weitere Artikel und Bücher mit zusätzlicher Information herausgebracht. Zum Schluss ist noch das Buch von einem Kommunisten, Kerim Sadi (A. Cerrahoğlu), als ein erfolgreiches Beispiel zu nennen, in dem neue Materialien und Erkenntnisse über die Geschichte der kommunistischen Bewegungen zu finden sind. Welche Tendenzen für die Zukunft gibt es? Ich würde sagen, es bestehen jetzt mehr Möglichkeiten, dass sich türkische Studierende und Doktoranden im Ausland auch für diese Themen interessieren. Es gibt in der Türkei jetzt auch eine unabhängige Stiftung für Sozialgeschichte (Türkiye Tarih Vakfı), die von Linken nach der Wende gegründet wurde – ich meine damit die türkische Wende, die Herr Mählert vorhin erwähnte, die ziemlich parallel zur Wende in Deutschland und Osteuropa stattfand. Dort betreiben jetzt mehrere junge Akademiker Forschung über die Geschichte der linken Bewegung. Was noch fehlt, ist eine Initiative zur Bildung einer akademischen Arbeitsgruppe. Junge türkische Akademiker nutzen jetzt auch insbesondere die Archive in Russland. In den letzten drei Jahren erschienen einige Bücher und Artikel, die auf solchen Materialien beruhen. Ich persönlich denke, es gibt durchaus eine Chance, dass man sich in der Türkei von den alten Denkmustern distanziert, über Kommunismusgeschichte als »unsere« Geschichte oder »ihre« Geschichte zu reden. Man könnte sie als ein Feld sehen, das mittlerweile von immer mehr Akademikern als ein normales Forschungsthema akzeptiert wird. Mählert: Vielen Dank. Wir werden jetzt weiter im Zickzack durch Europa schreiten. Von der Türkei direkt nach Schottland, wo Norman LaPorte an der University of Glamorgan lehrt und ganz im Sinne dessen, was Hermann Weber ganz zu Anfang unseres Seminars gesagt hat, antizyklisch forscht. Während sich in Deutschland alle Forscher auf die Geschichte der DDR konzentrierten und sich dabei gegenseitig die Archivbestände blockierten, ist er aus Schottland angereist, um die Geschichte der KPD in Sachsen zu erforschen, und hat mit diesem Thema wahrscheinlich gleichermaßen Verwunderung in Sachsen wie in Schottland erregt. Ich gebe ihm das Wort für einige Stichpunkte zum Thema historische Kommunismusforschung in Großbritannien. Dr. Norman LaPorte: Was ich sagen werde, behandelt vor allem die Forschungen zur britischen Partei. Wie gesagt: Mein eigentliches Thema ist die Deutsche Kommunistische Partei, aber da ich mit Kollegen zur vergleichenden Geschichte arbeite, kenne ich auch die Tendenzen der Historiografie über den Kommunismus in Großbritannien. Als Erstes möchte ich erwähnen, dass der Kommunismus in Großbritannien sehr unbedeutend für die nationale Geschichte war. Die KP hatte in der Zwischenkriegszeit vier Abgeordnete. Einige Führer, z. B. in Südwales oder in Schottland, hatten eine relativ starke Präsenz in den Gewerkschaften, besonders unter den Bergarbeitern, aber im Vergleich zu Deutschland war auch das nur gering und unbedeutend. Und deswegen gibt es keine spezielle wissenschaftliche Zeitschrift, in der Akademiker über die Geschichte des Kommunismus veröffentlichen können. Die dennoch veröffentlichten Beiträge erscheinen in ganz normalen wissenschaftlichen Journalen. Aber zurzeit gibt es richtig kräftige Debatten. Historiker stehen wirklich richtig auf Kriegsfuss miteinander, wenn es um die Positionen der Partei geht. War die Partei stalinisiert, oder folgte sie eher den inländischen Entwicklungen? Die Partei war eigentlich so winzig, dass einige Historiker sich sogar gezwungen fühlten, zu erklären, warum es sich dennoch lohnt, über die Geschichte des britischen Kommunismus zu schreiben. Die meisten dieser Historiker beschäftigen sich ansonsten mit der Geschichte der breiteren Arbeiterbewegung. Deshalb gibt es auch den Trend, die Kommunistische Partei als Teil der Arbeiterbewegung und als eine ganz normale Partei zu sehen. Das ist der Trend seit den achtziger Jahren, und an dieser Forschungsrichtung hat sich seitdem nichts geändert. Nach 1990, als die neuen Akten in Moskau zugänglich waren, entstand etwas, das ich als Revisionismus bezeichnen würde – als »Revisionismus von oben«: Man erforschte die Beziehungen zwischen Moskau und London. Es dauerte zehn Jahre nach Öffnung der neuen Quellen, bis der erste Band herauskam, in dem die Beziehungen der britischen Partei zur Komintern erforscht wurden. Andrew Thorpe ist ein Forscher, der das Parteiensystem untersucht hat. Er hat über die konservative, über die liberale Partei, die Labourpartei und auch über die kommunistische Partei geschrieben. Sein Buch folgte ganz dem Trend, indem er als Hauptthese vertrat, dass die Beziehung zu Moskau keine Einbahnstraße war. Es gab Fehler Moskaus, es gab Dialog und Verhandlungen. Und in der Folge kam dann die Meinung auf, die KP sei den inländischen Bedingungen gefolgt. Natürlich bin ich nicht dieser Meinung, aber das ist der Trend. Es gibt auch eine andere Art von Revisionismus, so eine Art »Revisionismus von unten«, eine soziale Geschichte des Kommunismus. In unserer englischen Kommunismusforschung wird der Kontrollmechanismus des demokratischen Zentralismus zwar erwähnt, die meisten Wissenschaftler setzen sich aber nicht gründlich damit auseinander, wie der demokratische Zentralismus als Kontrollmechanismus von stark zentralistischen Parteien funktioniert. Stattdessen heißt es immer, die Parteibasis macht eigentlich, was sie will. So wurden Wunschbilder beschrieben, etwa dass führende britische Kommunisten wie z. B. Harry Pollitt oder John Campbell die Bestrebungen nach Autonomie von Moskau unterstützt hätten. Aber das ging in die falsche Richtung und stimmt überhaupt nicht. Ich bin mit vielen dieser Leute befreundet. Wir sind ein ganz kleiner Kreis von Akademikern, aber ich möchte hier weiter keine Namen nennen, denn das wäre wie ein Angriff. So viel zum »Revisionismus von oben«, Parteigeschichte, und »Revisionismus von unten«, Sozialgeschichte. Zu den zentralen Fragestellungen, die die Forschung der vergangenen zwei Jahrzehnte bestimmten, zählte die Frage nach dem Grad der Unabhängigkeit der kommunistischen Bewegung in Großbritannien. 1980 gab es die erste bahnbrechende Studie von Stuart Macintyre Little Moscows: Communism and Working-Class Militancy in the Inter-War Britain. Das war ein Versuch, die Partei in einigen kleinen Bruchstücken, in Einzelheiten zu erforschen. Diese Richtung ähnelt der Erforschung der KPD in einzelnen Betrieben und Gewerkschaften. Ab Mitte der neunziger Jahre gab es über den Kommunismus in der Zwischenkriegsphase eine richtig starke Debatte, in der von den Historikern sehr unwissenschaftliche Begriffe verwendet wurden. Vor allem Trotzkisten, die es bei uns im Allgemeinen nicht so häufig gibt, die aber unter den Historikern vertreten sind, die sich mit der KPD-Geschichte beschäftigten, machten viel Krach. Meist treten zwei Historiker gegen diese Positionen auf – Alan Campbell und John McIlroy. Sie haben viele Aufsätze über den britischen Kommunismus veröffentlicht und haben nachgewiesen, dass die Befehle aus Moskau von den britischen kommunistischen Führern als normal betrachtet wurden. Manchmal waren zwar einige dagegen, aber letztendlich haben sie immer mitgemacht. Das gilt vor allem für Harry Pollitt. In den dreißiger Jahren hat die Partei viel Propaganda für eine stalinistische Diktatur gemacht. Und dabei erwähnten sie den Gulag, den Großen Terror oder den Hitler-Stalin-Pakt nicht, sondern ließen dies im Hintergrund. Sie wollten letztendlich eine stalinistische Diktatur in Großbritannien erreichen. Immer größere Aufmerksamkeit finden mentalitätsgeschichtliche sowie biografische Fragestellungen. Erwähnt sei ein riesengroßes Projekt an der Universität Manchester, das unter anderem von Dr. Kevin Morgan geleitet wird. Man versucht dort, die Debatte weiter in Richtung Kommunismus als einer Bewegung, die zwar Befehle aus Moskau entgegennahm, aber auch irgendwie zur Gesellschaft gehörte, zu bringen. Sie war in den Zwischenkriegsjahren auch eine radikale soziale Bewegung. Es wird auch versucht, die Identität dieser Bewegung herauszuarbeiten. Falls sich jemand für die neuere Geschichte ab 1945 interessiert: Da habe ich selbst das Thema der Beziehungen zwischen der britischen KP und der DDR untersucht. Was ich bemerkt habe, ist, dass auch die Eurokommunisten Interesse an der DDR hatten. Dass darüber hinaus der Kommunismus so in den Vordergrund getreten ist, war einigen Historikern zu verdanken. Der bekannteste Historiker unter uns ist Eric Hobsbawm. Ich denke, er hat faktisch niemals seine marxistische Prägung hinter sich gelassen. Zum Beispiel hat er neulich über den Spanischen Bürgerkrieg im Guardian geschrieben, und auch dieser Beitrag war etwas stalinistisch ausgerichtet. Diese Historiker haben das Journal Past and Present gegründet. Sie haben die Professionalisierung der Geschichtsschreibung weitergebracht. Es ist jetzt bei uns ein Top-Journal, und ich denke, es fördert das Bild, dass die Kommunisten unter uns ganz normale Leute sind, manchmal ein bisschen exzentrisch, aber sonst einfach englisch. Eine neue Generation von Forschern, die den Kalten Krieg nicht mehr erlebt hat und meiner Meinung nach die Bedeutung des Marxismus-Leninismus nicht versteht, beschäftigt sich mit dem Thema, was es bedeutet, Kommunist und englisch zu sein. Das finde ich nun wieder exzentrisch. Mählert: Wir springen jetzt auf der Karte nach Dänemark, und ich gebe Herrn Friis das Wort. Dr. Thomas Wegener Friis: Ich werde mich ganz kurz fassen. Ich sage etwas zur Kommunismusforschung ganz generell, denn die ist in Dänemark sehr lebendig, vor allem die nationale Kommunismusforschung, also die Forschung über die dänischen Kommunisten. Das ergibt sich einfach daraus, dass die Arbeitergeschichte und die Geschichte der Arbeiterbewegung in Dänemark doch einen sehr zentralen Platz einnehmen – dadurch, dass die Sozialdemokratie über 70 Jahre in der Politik völlig dominant war, dadurch, dass wir sehr starke Gewerkschaften hatten und dass linke Intellektuelle in der Universitätsforschung sehr dominant waren. Dazu kommt, dass unser Archivzugang, besonders zu linken Parteien, zu den Gewerkschaftsverbänden und den parteinahen Organisationen wie z. B. den Freundschaftsgesellschaften zur Sowjetunion oder zur DDR oder dem »Ständigen Komitee der Arbeiterkonferenz der Ostseeländer, Norwegens und Islands« in Dänemark sehr gut ist. Wir können also die Akten der Kommunisten und der Sozialdemokraten bis zur Mitte der neunziger Jahre einsehen. Das ist ein großer Vorteil. Die Kommunismusforschung in Dänemark kann man eigentlich in drei Gruppen einteilen. Die eine ist die Restgruppe der Osteuropaforscher der siebziger und achtziger Jahre – Experten, die sich mit Ostblockgeschichte beschäftigen. Dann haben wir eine Gruppe, die auf eine Tradition aus den sechziger bis achtziger Jahren aufbaut, die sich mit der Arbeiterbewegung als soziale Bewegung befasst. Und dann gibt es noch eine dritte, relativ neue Gruppe, die sich vor allem aus jüngeren Kollegen zusammensetzt, und das sind die, die sich mit Kommunismus im Rahmen des Kalten Kriegs befassen. Da geht es um die Verbindungen der dänischen Kommunisten zu den sozialistischen Ländern und um die schon erwähnten nahestehenden Organisationen. Es geht um die Spionage der sozialistischen Länder, die Außenpolitik der sozialistischen Länder gegenüber Dänemark und letztendlich auch um die Bekämpfung der Kommunisten in Dänemark. Dazu möchte ich ein kurzes Beispiel bringen, weil es zeigt, was Kommunismusforschung auch sein kann. Wir machen gerade ein Buch über den sozialdemokratischen Nachrichtendienst, den es lange Jahre gab – einen privaten Nachrichtendienst, der relativ eng mit staatlichen Organen zusammenarbeitete, die die vornehmliche Rolle hatten, die kommunistische Partei und die kommunistischen Verbände zu unterwandern. Ich glaube, auch das gehört zur Kommunismusforschung. Die Dominanz der Arbeiterbewegungsforschung zeigt sich auch darin, dass unsere wichtigste Zeitschrift für Zeitgeschichte zurzeit die Zeitschrift für die Geschichte der Arbeiterbewegung ist. Das wesentliche Problem der Kommunismusforschung in Dänemark sehe ich darin, dass der Horizont ein wenig fehlt. Sie haben es sicher bereits bemerkt: Ich habe jetzt schon mindestens 30-mal »Dänemark« gesagt. Es bleibt also immer im nationalen Rahmen. Es fehlt uns gewissermaßen der internationale Horizont und vor allem auch die Kooperation mit dem deutschen Raum. Mählert: Herzlichen Dank, Thomas Friis. Thomas Friis ist Jahrgang 1975 und vertritt damit quasi die nächste Generation unseres Jahrbuchs. Er ist Historiker und Netzwerkkoordinator des neu gegründeten »Zentrums für Studien des Kalten Krieges« an der süddänischen Universität Odense und hat 2003 seine Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und dessen Arbeit in Richtung Dänemark geschrieben. Wir kommen nun aber nach Österreich. Lieber Herr Karner, Sie leiten das »Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung«, und ich möchte Sie bitten, hier auf die unmittelbaren Kriegsfolgen für Österreich einzugehen, das ja ebenfalls in Besatzungszonen eingeteilt war, von denen eine von den Sowjets verwaltet wurde. Darüber hinaus interessieren uns natürlich die gesamten Aspekte der gegenwärtigen Kommunismusforschung in Österreich. Prof. Dr. Stefan Karner: Das ist nicht leicht für Österreich, weil wir tatsächlich eine Fülle von Initiativen und Ergebnissen haben, eine Fülle von Literatur. Etwas ist in Österreich bemerkenswert: Die Kommunistische Partei hat in Österreich in den parlamentarischen Vertretungen nie einen besonderen Stellenwert gehabt. In der Ersten Republik war sie überhaupt nicht präsent und in der Zweiten Republik nur über wenige Jahre; und dort auch nur mit vier bis fünf Abgeordneten. Und einen kommunistischen Minister gab es bei uns nur zwei Jahre, ehe er 1947 aus der Regierung ausgeschieden ist. Warum haben die Kommunisten bei uns nie richtig Fuß gefasst in der Ersten Republik? Das hing damit zusammen, dass die Sozialdemokraten die Rätebewegung, die es auch in Österreich gegeben hat, und zwar sehr stark – wie 1918 / 19 in Ungarn mit Béla Kun oder in Bayern usw. kalt geschluckt haben. Die Räte sind dann irgendwie kanalisiert worden, wie wir es sagen, zum Schluss sind sie in der Sowjetunion im Roten Terror gewesen, Hotel Lux usw., und dann sind sie zum Teil mit Hitlerdeutschland ausgetauscht worden. Nach dem Krieg sind sie teilweise als Trotzkisten noch einmal in die Sowjetunion gekommen. Das sind auch Forschungsthemen, die es bei uns gibt und die ich dann noch ansprechen werde. Die Rätebewegung ist bei uns ein neues Forschungsthema. Was noch weithin unbekannt ist an der Räteentwicklung 1918 / 19: 800 000 Österreicher haben bei den Räteparlamentswahlen mitgemacht, das war ein Drittel der Parlamentswähler. Das ist schon ziemlich viel. Österreich hat eine ziemlich lange Tradition der marxistischen Theorie, des Austro-Marxismus. Dazu gibt es eine Fülle von Arbeiten, aber auf die gehe ich nicht ein. Auf der anderen Seite gibt es in Ostösterreich, wie Herr Mählert schon einleitend gesagt hat, eine zehnjährige Erfahrung mit sowjetischer Herrschaft: die Besatzungszeit mit Demontagen, mit Ausbeutung, mit sowjetischem Eigentum – 450 Großbetriebe Österreichs waren sowjetisches Eigentum –, und es gibt natürlich auch schreckliche Schicksale, die auch in der politischen Arena sehr stark wirkten. Es gab Tausende nachgewiesene, amtlich dokumentierte Vergewaltigungen, aber die Dunkelziffer ist sicher viel größer. Auch die wirken nach. Dann gab es Menschenraub. Auf der anderen Seite fand in den sowjetischen Betrieben in diesen zehn Jahren natürlich eine gewerkschaftliche Mobilisierung statt, und es stellt sich immer die Frage: Wann wäre das denn gekippt, wenn es länger gedauert hätte? Wir wollen mal nicht so tun, als ob die Österreicher resistent dagegen gewesen wären. Da bin ich sehr, sehr vorsichtig. Wir haben in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung lange Jahre nur die Erste Republik gesehen. Wir haben uns lange Jahre anderen Dingen zugewendet. Warum? Weil wir in Österreich auch in der historischen Forschung eine sehr starke Westorientierung hatten, weil wir den Eisernen Vorhang lange als Grenze hatten und weil die Kommunisten eine kleine Partei waren und politisch kein besonderes Thema. Damit überspringe ich den riesigen Zeitraum bis etwa 1990. Ab 1990 haben wir neue Themen: Nun wurden die österreichische Emigration in die Sowjetunion, die politischen Stalin-Opfer und die Kriegsgefangenen erforscht. Wir haben, das möchte ich betonen, einen fragmentarischen Quellenzugang in Moskau, und wir haben eine teilweise Öffnung der russischen, ehemals sowjetischen Archive. Ich betone dieses »teilweise«. Sie kennen alle die Matrjoschka, und ich kenne die Archive ganz gut, aber ich weiß nicht, was noch alles drin ist. Das ist jetzt nicht nur so für die Öffentlichkeit gesagt, es ist tatsächlich so. Wer von ihnen war im KGB-Archiv? Nicht in der Lubjanka! Im Süden der Stadt, wie die Russen sagen. Aber man muss mal in die tatsächlichen Archive im Süden der Stadt kommen, dann wird man sehen, was dort ist. Wer war im Archiv des Generalstabs? Wer war in Podolsk? Zehn Hektar Archive! Man sagt, es sei alles offen. Da bin ich sehr vorsichtig. In Österreich beschäftigen sich Institutionen und private Forscher mit Kommunismusforschung. Es gibt staatliche und private Institutionen. Ich möchte diese kurz vorstellen, nur mit den Namen. Privat ist die Alfred Klahr Gesellschaft in Wien – ich verzichte darauf, alles vorzustellen, was dort erforscht wird. Ein Forschungsschwerpunkt ist die Politik der KPÖ in der Nachkriegszeit, dazu gibt es Publikationen in großer Zahl. Ein zweites großes Forschungsthema der Alfred Klahr Gesellschaft ist der KP-Widerstand gegen den Nationalsozialismus, und schließlich ist die Nachkriegsjustiz zu nennen, die Täterforschung und darin impliziert auch die Opferforschung. Die Gesellschaft hat eine Publikationsreihe Quellen und Studien, die sich großen Interesses erfreut, und sie verwaltet das Archiv der KPÖ. Staatlich ist das Center Austria an der Universität in New Orleans. Dieses Center untersucht österreichische Zeitgeschichte, richtet den Blick aber in dem Zusammenhang auch nach Osteuropa. Es gibt die Publikationsreihe Contemporary Austrian Studies heraus. Dann möchte ich auf eine private Einrichtung kommen. Man kann noch nicht sagen, das ist eine Forschungseinrichtung, aber es wird vielleicht eine werden: die Erzdiözese Wien. Dort beschäftigt sich Frau Dr. Fenzl, eine ausgewiesene Historikerin, sehr stark mit der Ostpolitik des Vatikan, und zwar im Zusammenhang mit der Karl-König-Stiftung. Kardinal König war ein wesentlicher Mann der vatikanischen Ostpolitik der sechziger und siebziger Jahre. Das ist noch wenig erforscht. Was allgemein bekannt ist, ist die Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung in Linz, viele von uns waren dabei. Dann ist noch das »Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes« zu nennen: Wolfgang Neugebauer, Brigitte Bailer-Galanda und andere. Forschungsschwerpunkte sind Widerstand und Verfolgung, Gedenken und Mahnen, aber auch Österreicher im Exil – das macht Herr Dr. Barry McLoughlin, ein Landsmann von Herrn LaPorte – oder die Volksgerichtsbarkeit nach 1945. Ein aktuelles Forschungsprojekt ist ein Biographisches Handbuch der österreichischen Opfer des Stalinismus (bis 1945), unter anderem mit Hans Schafranek und Walter Szevera. Es gibt eine Publikationsreihe Österreicher im Exil und noch vieles andere mehr. Worauf ich hinweisen möchte: Die Republik hat aus den Restgeldern der Zwangsarbeiterentschädigung einen Fonds eingerichtet. Da ist Geld übrig geblieben in Österreich. Mit diesem Geld können wir forschen. Dieser »Zukunftsfonds der Republik Österreich« vergibt Projekte im weitesten Feld, zwar kleine, aber wichtige Anstoßprojekte, z. B. über die Situation der repatriierten Sowjetbürger nach 1945 in der Sowjetunion. Das ist ein ganz heißes Thema, aber das machen die. Staatlich ist dann das Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Es ist allgemein bekannt und macht relativ viel, aber das ist das Traditionelle, was wir schon gehört haben, eben auch gerade von meinem Vorredner, Herrn Friis. Man schreibt dort die Geschichte des Ostblocks. Dann haben wir staatlich noch die Institute für Zeitgeschichte – ich erwähne hier Innsbruck mit Prof. Rolf Steininger, aber auch mit Prof. Michael Gehler, der jetzt in Hildesheim ist. Die Institute für Zeitgeschichte in Wien, in Graz und Linz brauche ich jetzt nicht weiter zu beschreiben. Dann haben wir noch ein interessantes Projekt, in dem ich mit im Leitungsgremium bin: das »Haus der Geschichte der Republik Österreich«, das wir konzipieren und wo auch in der Vermittlung gerade diese Themen vorkommen werden. Wir haben sie ja bereits inhaltlich konzipiert. Und schließlich als Letztes – nur weil die Zeit es nicht anders ermöglicht – das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, auf das Herr Mählert bereits eingangs hingewiesen hat. Wir bemühen uns hier wirklich, ein paar Forschungsschwerpunkte durchzuziehen. Ausgegangen sind wir von der Kriegsgefangenenforschung, und zwar für Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Italien und für Österreich klarerweise. Inzwischen haben wir viel gemacht zur Zwangsarbeit, auch gemeinsam mit der österreichischen Historikerkommission. Wir untersuchen die sowjetische Besatzungszeit oder z. B. zusammen mit den Letten den lettischen Widerstand gegen die Sowjetherrschaft. Wir kooperieren viel mit den Weißrussen, und hier in Minsk mit dem weißrussischen KGB, was sehr interessant ist. Wir widmen uns Aspekten des Kalten Krieges, z. B. dem frühen Kalten Krieg oder aktuell dem »Prager Frühling« mit einem Projekt, das 2008 – hoffe ich – fertig sein wird. Wir machen Ausstellungen, die diese Themen entsprechend darstellen. Die Staatsvertragsausstellung hatte im Vorjahr immerhin 230 000 Besucher. Wir betreiben aber auch Lokalgeschichte usw. Aktuelle Forschungsprojekte sind zusätzlich die Besatzungswirtschaft, konkret die Mineralölverwaltung – Österreich hatte damals das drittgrößte Erdölvorkommen in Europa – und die sowjetische Strafjustiz in Österreich und in der Sowjetunion. Und etwas ganz Neues – dazu wird jetzt demnächst publiziert werden: die sowjetische Genforschung. Genforschung aber jetzt nicht aktuell bis 1990, sondern in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren am Beispiel der Pflanzengenetik. Vavilov ist der Hauptvertreter. Wir untersuchen auch die sowjetische Deutschlandpolitik. Zur Stalinnote erscheint jetzt ein Buch von Peter Ruggenthaler als Sonderband des Instituts für Zeitgeschichte, München. Wir haben auch selber einige Publikationsreihen. Insgesamt also ein buntes Bild, das Österreich auf dem Gebiet dieser Forschung bietet. Man könnte noch einiges über Tendenzen und Richtungen sagen, aber ich mache jetzt Schluss. Mählert: Herzlichen Dank, Herr Karner. Ich muss jetzt noch dazu sagen, dass er nicht nur das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung leitet, sondern bislang auch das Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz. Angesichts dieser Forschungsbreite wundert es nicht, dass Herr Karner 1995 – so kann man es im Internet erfahren – österreichischer »Wissenschaftler des Jahres« geworden ist. Die Kollegen und Kolleginnen schauen nicht auf die Uhr in Gedanken an die Kaffeepause, sondern sie schauen jetzt gebannt auf Frau Studer und überlegen, wie man als Moderator so unhöflich sein kann, der einzigen Kollegin im Kreis des Beirates als Letzter die Möglichkeit zu geben, das Wort zu ergreifen, wenn die Konzentration am geringsten ist. Aber erstens bin ich davon überzeugt, dass man Ihnen, liebe Frau Studer, die größte Konzentration entgegenbringen wird. Und zweitens schien mir diese Reihenfolge auch deshalb sinnvoll, weil aus Ihrem Papier und unserem gestrigen Gespräch sehr deutlich wurde, dass in der Schweiz, wo man sich Lenins bereits 1917 entledigt hatte, die Historisierungstendenzen in Bezug auf die Kommunismusgeschichte ganz offenkundig viel weiter fortgeschritten sind als in den anderen Ländern. Frau Studer arbeitet zu Themen der Sozial- und Kulturgeschichte des Kommunismus und Stalinismus, zu Selbst und Subjektivität im Stalinismus sowie zur Historiografie des Stalinismus und Totalitarismus. Sie sind Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern, und ich möchte Sie bitten, vor der Pause zu umreißen, wie die historische Kommunismusforschung aussehen könnte, wenn die Schweiz das Vorbild wäre. Prof. Dr. Brigitte Studer: Ich dachte schon, die Reihenfolge wäre dadurch bedingt, dass die Schweiz halt doch nicht ganz zu Europa gehört. Ich möchte nicht nur über die Schweiz sprechen, sondern werde auch die französische Kommunismusforschung einbeziehen. Das hat inhaltliche und forschungspraktische Gründe. Nur über die Schweiz zu sprechen, wäre als Beitrag zu dünn, obschon wir heute hier nur wenig Zeit zur Verfügung haben. Allerdings wäre ein richtiger Forschungs-überblick über Frankreich dann auch schon wieder zu viel, denn die Kommunismusforschung in Frankreich ist seit Ende der Siebziger / Anfang der Achtziger äußerst produktiv und natürlich sehr viel breiter als in der Schweiz. Ich nenne ein paar Stichworte zur Kommunismusforschung in diesen beiden Ländern. Ich werde davon Abstand nehmen, einzelne Titel oder einzelne Forscher zu nennen, ich werde nur versuchen, eine Periodisierung vorzunehmen. Aber zuvor noch kurz zu den Orten, an denen geforscht wird: In der Schweiz gibt es kein universitäres Zentrum für Kommunismusforschung, wie man sich vielleicht auch denken kann. Die zu diesem Thema Forschenden sind an einer Hand abzuzählen, und es wird dort über den Kommunismus geforscht, wo diese Forschenden auch lehren. Es existiert außerdem eine Stiftung, die »Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung« in Zürich, die unabhängig von akademischen Kreisen auch Forschung zum Kommunismus betrieben hat und zum Teil noch betreibt. In Frankreich ist die Kommunismusforschung zweigeteilt. Die Spaltung hat sich durch das Schwarzbuch des Kommunismus ergeben. Es gibt sozusagen zwei Welten. Die eine Welt ist in der Nachfolge von Annie Kriegel um die Zeitschrift Communisme versammelt. Die zweite Seite der Kommunismusforschung ist um das Centre Malher gruppiert, das an der Universität Paris 1 (früher Sorbonne) situiert und mit weiteren Forschern in Nanterre und an der Universität Dijon vernetzt ist. Nun habe ich gesagt, dass die Zusammenarbeit der Schweiz mit Frankreich inhaltliche Gründe hat, aber auch forschungspraktische Gründe. Die meisten Forschungen in der Schweiz zum Kommunismus stehen in engem Zusammenhang mit der französischen Kommunismusforschung, und es gibt da verschiedene Forschungsverbünde. Wie hat sich die Kommunismusforschung nun in diesen beiden Ländern seit Öffnung der Archive in der ehemaligen Sowjetunion entwickelt? Es gab in beiden Ländern schon vorher eine mehr oder weniger entwickelte Kommunismusforschung, in Frankreich freilich viel ausgeprägter als in der Schweiz. Aber ich konzentriere mich nun auf die Zeit nach 1992 / 1993, als die ersten Publikationen nach Öffnung der russischen Archive erschienen sind. Diese Jahre bilden meines Erachtens die erste Phase der Kommunismusforschung auf sowjetischer Quellenbasis, eine Phase, in der sehr viele Forschungen entstanden und publiziert wurden. Es war eine wirklich intensive Forschungsphase, aber auch eine Zeit heftiger Kontroversen, zudem mit großem Medieninteresse. Es gab nicht nur Arbeiten wissenschaftlichen Typs, sondern auch viele publizistische Veröffentlichungen. Die Erkenntnisinteressen waren jedoch sehr stark – ich sage das etwas schematisch – auf Lückenfüllung hin orientiert. Es ging in erster Linie darum, Fragen zu beantworten über Bereiche, über die man bislang nichts oder zu wenig wusste – so in Bezug auf die Parteien und Herrschaftsstrukturen, die Kominternstrukturen. Daneben ist über die wichtigen Personen intensiv biografisch gearbeitet worden, und es entstanden auch erste Forschungen zum Terror, aber es ging darin vorwiegend um Opferzahlen. Ich möchte diese erste Phase, vielleicht ein bisschen polemisch, als die sowjetische Phase der Kommunismusforschung bezeichnen, insofern als große Männer, Macht, Herrschaft und Institutionen bearbeitet wurden. Von den Gegenständen und auch von den Ansätzen her ist es, denke ich, eine Phase historistischer Geschichtsschreibung gewesen. Höhepunkt, oder vielleicht besser Wendepunkt dieser ersten Phase war das Schwarzbuch des Kommunismus, das die Forschungslandschaft gespalten und sehr viele Kontroversen provoziert hat. Aber das natürlich nicht nur in Frankreich und in der Schweiz. Und dann gibt es eine zweite Phase, die sich gegen Ende der neunziger Jahre entwickelt hat. Diese Phase dauert meines Erachtens bis heute an. Da ging es und geht es inhaltlich noch immer sehr stark um biografische Forschungen. Allerdings hat sich das Interesse etwas verschoben in Richtung kollektivbiografischer Forschung. Es sind auch einzelne Nachschlagelexika erschienen. Daneben ist das Thema Terror und Repressionen weiterhin ein wichtiger Forschungsbereich geblieben, aber das Erkenntnisinteresse und die Fragestellungen haben sich geändert. Es geht seither weniger um die Opferzahlen und die Personen als um die Mechanismen des Terrors, die Hintergründe des Terrors. Organisationsgeschichtlich hat sich das Interesse von den Hauptorganisationen – den Parteien, der Komintern – mehr zu Nebenorganisationen hin verschoben. Bearbeitet wurden nun auch kulturelle Interventionen, Aktionen und Orientierungen der kommunistischen Organisationen und Parteien. Und dann haben sich auch neue Thematiken entwickelt, insbesondere zu den Lebensbedingungen im Kommunismus. So wurde etwa gefragt, welche Erfahrungen die westeuropäischen Kommunisten, die in der Sowjetunion gelebt haben, gemacht haben. Ein wichtiges neues Thema bildete die Frage der kommunistischen oder stalinistischen Identität. Welche Faktoren und Einflüsse haben die Identitätsbildung orientiert, welche sozialen und kulturellen Praktiken haben die Lebenswelt Kommunismus geprägt, und welche Differenzierungen und Erfahrungen ergaben sich im internationalen Milieu der Komintern? (Diese Fragen stellen sich im Übrigen auch für die Phase nach 1945. Vor allem für die Nachkriegszeit gibt es allerdings bislang nur für die französische KP erste Forschungen.) Gab es vielleicht unterschiedliche Prägungen durch das jeweilige Milieu, durch das politische und kulturelle Leben des eigenen Landes? Oder waren die gemeinsamen politischen Interessen und die intensiven Transfers zwischen den beiden Ländern und den Organisationen stärker, dominierten die Verflechtungen, die sich dabei ergaben? Umgekehrt stellt sich die Frage der Aneignung von kulturellen Denkmustern aus der Sowjetunion in den kommunistischen Parteien in Frankreich und in der Schweiz. Hier hat sich eine methodologisch-konzeptionelle Verschiebung ergeben in Richtung einer kulturwissenschaftlich orientierten respektive einer sozialhistorisch und historisch-anthropologisch orientierten Geschichtsschreibung. Das zeigt sich sowohl in den Herangehensweisen an die Gegenstände als auch in den Fragenstellungen. Um es wiederum ein wenig schematisch auszudrücken: Man könnte sagen, dass wir jetzt in einer »annalistischen« Phase der Geschichtswissenschaft stehen, nicht mehr in der dritten, sondern der vierten Generation der »Annales«, nicht mehr in der mentalitätsgeschichtlichen, sondern in der kulturgeschichtlichen Phase. In dieser Phase hat sich die Herangehensweise von deskriptiven Verfahren weg und stärker in Richtung rekonstruktiver Verfahren verändert. Das war zum Teil auch dadurch bedingt, dass neue Quellen »entdeckt«, respektive alte Quellen erst kürzlich beachtet worden sind – Quellen, die man neu gelesen hat. Ich denke an die Quellen des Typus »Egodokumente«. Die Sowjetunion ist in dieser Hinsicht ein Spezialfall. Es finden sich nämlich nicht nur »klassische« Egodokumente wie Tagebücher und Korrespondenzen usw., die in den letzten Jahren zum Teil auch durch die russische, die osteuropäische Geschichte erschlossen worden sind, sondern auch spezifische Egodokumente wie die zahlreichen Dokumente aus den Parteisitzungen, aber auch aus Unternehmen: Gruppendiskussionen und Selbstberichte, Selbstkritiken, Autobiografien kollektiver Art. All diese Quellen sind in den letzten Jahren vermehrt genutzt worden. In diesem Sinne möchte ich auch sagen, dass das, was Hermann Weber eingangs angesprochen hat, nämlich die Notwendigkeit der Historisierung der Kommunismusforschung, ein Stück weit, meine ich, in der französischen und schweizerischen Kommunismusforschung umgesetzt worden ist. Auch mit der Intention, den Kommunismus stärker in die allgemeine Geschichte einzuschreiben, sozusagen als Spezialgebiet zu entgrenzen. Ob das wirklich gelungen ist, kann heute wohl nicht definitiv gesagt werden, aber ich denke, es hat sich doch etwas verändert. Ein Hinweis, dass es der historischen Kommunismusforschung zumindest in Ansätzen gelungen ist, aus ihrer selbst produzierten historiografischen Isolation auszubrechen, kann sicher darin gesehen werden, dass die kognitiv-theoretischen Bezüge der Kommunismusforschung sich auch im Zusammenhang mit der Entwicklung der Geschichtswissenschaft allgemein in Richtung einer mehr kulturwissenschaftlich orientierten Sozialgeschichte, einer erneuerten politischen Geschichte verändert haben, dass sich eine gewisse Verschiebung in der Betrachtungsweise politischer Organisationen, kommunistischer Organisationen ergeben hat. Mählert: Herzlichen Dank, Frau Studer. Herzlichen Dank an alle Referenten und Gäste, die jetzt schon über zwei Stunden mit gleichbleibender Konzentration den elf Beiträgen zugehört haben. Gestern hat der Herausgeberkreis getagt. Gegenstand der Beratung war nicht nur die Zukunft des Jahrbuchs, auch die inhaltlichen Perspektiven und die Zusammenarbeit mit dem neu gegründeten Beirat standen auf der Tagesordnung. Es gab auch weitere Personalien, die für das Jahrbuch von großer Bedeutung sind und die einerseits jemanden betreffen, der unmittelbar neben mir sitzt, und andererseits zwei Herren, die heute nicht hier sein können. Hermann Weber hat das Jahrbuch 1993 gegründet und hat es zu dem gemacht, was es heute ist. Er hat uns schon vor zwei Jahren gewarnt, dass er die Arbeit am Jahrbuch nicht so lange fortzusetzen gedenkt, bis die Leute sagen, jetzt sei es aber Zeit, dass er sich zurückzieht. Und so hat Hermann Weber entschieden, mit dieser Ausgabe aus dem Herausgeberkreis auszuscheiden. In der nächsten und allen weiteren Ausgaben des JHK wird dann an prominenter Stelle vermerkt, wer dieses Jahrbuch begründet hat. Und dort, wo jetzt noch u. a. sein Name steht, werden dann Peter Steinbach und Stefan Troebst als neue Mitherausgeber benannt sein. Wir freuen uns auf unsere neuen Mitstreiter im Herausgeberkreis und darauf, dass Hermann Weber unserer Arbeit weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen wird. • Mählert: Wir sind jetzt im zweiten Teil des heutigen Nachmittags angelangt. Das Wort haben zuerst unsere Gäste. Es gibt eine Reihe von Kollegen, die bereits angekündigt haben, dass sie unter Umständen Anknüpfungspunkte nutzen wollen, um über Kommunismusforschung in anderen Regionen oder zu speziellen Themen etwas beizutragen. Herr Wilfried Jilge hat jetzt als Erster das Wort. Wilfried Jilge: Mein Name ist Wilfried Jilge. Ich komme vom »Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas« an der Universität Leipzig. Ich möchte anknüpfen an die Dinge, die zum Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung gesagt wurden, das sich ja – wenn ich es richtig verstanden habe – öffnen will für den osteuropäi-schen Kontext und die doch sehr unterschiedlichen Entwicklungen im postsowjetischen Raum in den Blick nehmen will. Wir haben ja eben von Herrn Vatlin eine Zusammenfassung gehört, und da ist mir doch aufgefallen – ich beschäftige mich vor allem mit der Aufarbeitung des Totalitarismus in der Ukraine –, dass es in den einzelnen postsozialistischen Ländern natürlich viele Ausgangsvoraussetzungen gibt, die ähnlich sind, aber dass die dortige historische Forschung beginnt, sich stark auszudifferenzieren. Was mir konkret am Herzen liegt, das sind Anknüpfungspunkte thematischer Art, die die DDR-Forschung oder die Frage der Aufarbeitung der Vergangenheit der DDR-Forschung unmittelbar thematisch mit einem Land wie z. B. der Ukraine verbindet. Beispielsweise die sehr unterschiedlich verlaufende regionale Aufarbeitung, die in der Ukraine keineswegs in einer Ost-West-Spaltung aufgeht, sondern sich in drei, vier Erinnerungsregionen des Landes ausdifferenziert und sich teilweise sehr kontrovers darstellt. Und hier bietet sich vielleicht ein Erfahrungsaustausch an, denn in gewisser Weise betrifft dieses Problem ja auch das vereinigte Deutschland. Der nächste Punkt betrifft den Dialog zwischen den Erinnerungskulturen. Wir haben ja eben noch gesagt, dass der Blick auf die einzelnen Länder und der Diskurs mit den dortigen Partnern vielleicht auch unsere Zugänge und Periodisierungen ändern wird. Und ich denke, wichtige Themen werden jetzt aufkommen, die die Erinnerung an den Totalitarismus auch im westlichen Europa verändern werden. In der Ukraine steht die Debatte über die eigene Vergangenheit sehr stark unter legitimationswissenschaftlichen Vorzeichen. Ein Beispiel ist die Debatte über die große Hungersnot 1932 / 1933. Die Forderung ukrainischer Historiker und Politiker (z. B. des Präsidenten) nach internationaler Anerkennung der Hungersnot als »Genozid am ukrainischen Volk« lässt sich jedoch nicht nur unter der Rubrik »interne Geschichtspolitik« verbuchen, sondern drückt auch das Bedürfnis nach größerer Anerkennung eigener totalitärer Erfahrung aus. Ich denke, dass dieses Thema auch über die Europäische Union, jetzt auch in Wissenschaftsprojekten gefördert, Teil unserer Debatte wird, so könnte ein Jahrbuch mit diesem Renommee auch ein Forum sein, um sich schon im Vorhinein – wenn die großen emotionalen Debatten vielleicht noch nicht ganz ausgebrochen sind und einen ernsthaften Dialog erschweren – mit diesen Fragen zu beschäftigen und Meinungen und Kontroversen abbilden. Denn es geht ja hier einerseits um Versuche der Konstruktion eines »ukrainischen Holocaust« oder osteuropäi-schen Holocaust, andererseits um eine zentrale Vernichtungserfahrung in der Geschichte des sowjetischen Staates, die in »westlichen Erinnerungskulturen« immer noch unterbelichtet ist. Mählert: Das ermuntert mich, hier ausdrücklich zu sagen, dass solche Texte natürlich willkommen sind. Weber: Es war ein spannendes Forum von Anfang an und es ist geradezu geschaffen für solche Dinge. Jilge: Also es geht nicht nur um die Diskussion von Kontroversen, sondern um eine stärkere wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas, aber auch um eine intensivere Auseinandersetzung mit den Forschungsleistungen osteuropäischer Kollegen wie z. B. der ukrainischen Historiker. Ich denke, da gibt es immer noch ein Defizit. Das Thema ist ja auch bei uns nicht ganz ohne geschichtspolitische Vorzeichen, und ich denke, es wird sehr wichtig werden. Dr. Jan Foitzik: Ich wollte generell auf die Spaltung aufmerksam machen, die in den Berichten erkennbar wurde. Im Grunde ist in Osteuropa die Kommunismusgeschichte in den Nationalgeschichten geronnen, während in Westeuropa ein kulturologischer Zugang zu dieser Geschichte dominiert. Wie kann man die beiden vereinen? Geht das? Wir haben die gleiche Diskussion in Deutschland. Die Richtungen entwickeln sich inzwischen unabhängig nebeneinander. Man könnte auch sagen, dass die alte Kommunismusgeschichte an der Vielzahl der Fakten in gewissem Sinne gescheitert ist. Wir kommen mit den Einzelphänomenen nicht zurecht und versuchen, das irgendwie theoretisch zu kompensieren. Diese theoretische Aufbereitung kann man vielleicht für die Schweiz und für Frankreich machen, wo es keine Brüche in der historischen Entwicklung gibt. Jedenfalls nicht solche starken oder existenziell bedeutsamen Brüche wie in Osteuropa. Die »westlichen« Methoden kann man nicht generell auf Osteuropa anwenden. Ja, aber wie bringt man die beiden Geschichten, die Kommunismusgeschichten, zusammen? Ist das möglich? Was ist nötig, um zu einer Verständigung zwischen den Schulen zu kommen? Sie werden jetzt vielleicht sagen, dass ich polemisieren will, wenn ich nur kurz rhetorisch frage: Wie kann man einen Osteuropäer dazu bringen, Baberowski zu lesen? Jilge: Ich möchte das nur noch einmal unterstreichen, denn es geht genau in meine Richtung. Ich würde nur massiv die These in Frage stellen, dass wir hier in Westeuropa mit den kulturologischen, metahistorischen Instrumenten herangehen, und in Osteuropa ist das alles schön Nationalgeschichte. Foitzik: Das meine ich nicht in dieser Entschiedenheit. In Tschechien spielt beispielsweise die französische Geschichtsdiskussion eine sehr große Rolle, und sie ist dort viel intensiver rezipiert worden als z. B. in Deutschland. Darin sehe ich das Problem – ein allgemeines, dass die einzelnen Forschungsrichtungen schon heute kaum miteinander kommunizieren können, und ein spezielles: Die Forschungslage ist äußerst komplex, und wir sollten sie hier nicht weiter zerbröseln. Dr. Wilfriede Otto: Ich begrüße, was Prof. Weber in Bezug auf die Vernetzung angesprochen hat. Das ist natürlich sehr schwierig im Konkreten. Für den Charakter des Jahrbuchs und dessen Ausstrahlungskraft müsste man überlegen, bei welchen Themen man Osten und Westen vergleichen könnte. Z. B. wenn man an die Parteienproblematik denkt. Da gibt es Grundzüge, die stimmen zwischen den West- und Ostparteien überein. Ich meine Themen, wo man solche Grundzüge und gleichzeitig Unterschiede herausarbeiten kann, um verständlich zu machen, wie was aufeinander einwirkte und in welcher Zeit. Das wäre meines Erachtens auch für die Aufbereitung weiterer Erkenntnisse in Bezug auf die Kommunismusforschung und ihre Ausstrahlungskraft auf Debatten wichtig. Es müsste allerdings bewusst angedacht und organisiert werden, wenn ich z. B. an die Beziehungen zwischen KPdSU und SED oder, wie jetzt hier erwähnt wurde, zwischen der DDR und Dänemark denke. Hier handelte es sich zwar um die staatliche Ebene, aber möglicherweise lassen sich auch Schwerpunktthemen für ein vergleichendes Herangehen finden. Die andere Sache, die ich sehr begrüße, ist der Blick auf die mentale Geschichte. Mein Eindruck aus verschiedenen Diskussionen ist, dass es Auffassungen gibt, die mentale Geschichte oder eine Historisierung der Kommunismusforschung pauschal als Ablenkungsmanöver verstehen. Warum? Da würde angeblich beschönigt, von Grundrichtungen oder von dieser oder jener Problematik abgelenkt. Ich denke, dem ist nicht so, weil es ein viel komplizierterer Vorgang ist, Prozessen konkret historisch nachzugehen und in diesem Sinne Grundelemente widerzuspiegeln, anstatt sich von vornherein auf bestimmte Thesen und Einschätzungen festzulegen. Mentale Forschungen und Historisierung erweitern das Blickfeld, lenken auf viel mehr Details und Widersprüchlichkeiten, für die man Erklärungen finden kann oder auch nicht, die man bewertend bzw. distanzierend behandeln kann. Insofern polemisiere ich gegen Meinungen, dass solche Forschungen eine Beschönigung der Vergangenheit, der ernsthaften Probleme der kommunistischen Bewegung und ihrer stalinistischen Entwicklung seien. Mein anderer Punkt ist eine Frage, die schon Prof. Weber aufgeworfen hat: Warum haben eigentlich die Massen trotz Terroropfern immer noch zu den kommunistischen Regimen gehalten? Das ist eine Kernfrage, die für die einzelnen Länder unterschiedlich zu beantworten ist und die vermutlich aus theoretischer Sicht und unter sozialen Aspekten betrachtet werden muss. Denn keine geschichtliche Entwicklung vollzieht sich ohne eine gewisse Berücksichtigung sozialer Belange. Mich bewegt diese Frage im Zusammenhang mit Personen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, sich aber nie lossagten – weder von der stalinisierten Kommunismusidee noch von der Partei. Eine Antwort darauf zu finden ist schwer, wenn man einen konkreten Fall untersucht. Könnte hier nicht auch eine Rolle gespielt haben, dass die Stalinisierung, der Stalinismus und alles, was unter diesem Begriff historisch zu fassen ist, eben auch deshalb wachsen konnte, weil sie auf dem Boden marxistischer Auffassungen standen, die im 19. Jahrhunderte geboren wurden, die mit der sozialen Grundidee zusammenhingen und einleuchtend waren aufgrund konkreter historischer Bedingungen? Die aber dann missbraucht und in stalinistische Dogmen transformiert wurden, denen ein marxistisches Mäntelchen umgehängt wurde, das die Menschen nach wie vor faszinierte, auch unter besonders repressiven Unterdrückungsbedingungen. Da ist für mich die Frage, ob eine gewisse Grundlage vorhanden war, die umgemünzt werden konnte und Menschen einfing, ohne die Stalin’sche Linie, das Stalin’sche Konzept nahtlos von Marx bzw. aus dem Kommunistischen Manifest herzuleiten. Mählert: Vielen Dank, Wilfriede Otto. Du hast eine Frage gestellt und auch gleich beantwortet. Oberst Dr. Winfried Heinemann: Ich würde jetzt inhaltlich in eine ganz andere Richtung gehen wollen und die Frage nach dem Kalten Krieg und die Frage der Sicherheitspolitik ansprechen. Ich stehe ja, wie man sieht, dafür. Ich fand das jetzt in zweierlei Hinsicht sehr interessant. Auf der einen Seite ist mir aufgefallen, dass eine ganze Reihe Beiträge eigentlich den Kalten Krieg nur so als Folie sehen, vor der sich Kommunismusgeschichte in irgendeiner Weise entwickelt und die eigentlich nur einen Hintergrund bildet, den man zur Not auch noch ausblenden kann. Das halte ich für ein bisschen problematisch, weil es ja auch die Frage ausblendet, ob vielleicht umgekehrt der Kalte Krieg auch die Frucht einer ideologischen Auseinandersetzung ist. Diese Frage, inwieweit es ein ideologisch begründeter Krieg war, der 50 Jahre angedauert hat, also die Georges-Soutou-These, die fällt in der sicherheitspolitischen Debatte – Herr Friis, ich weiß nicht, ob Sie mir da zustimmen würden, aber das ist so meine Konzeption – doch etwas hinten rüber in den letzten Jahren. Die sicherheitspolitische Debatte nähert sich mehr der These an, das sei eine geostrategische Auseinandersetzung, sie ist in meiner Wahrnehmung erstaunlich entideologisiert. Und da, finde ich, wäre es auch eine wichtige Aufgabe für das Jahrbuch, diese ideologische Dimension zumindest als offene Frage wieder einzubringen. Ich behaupte jetzt hier nicht, dass es eine rein ideologische Auseinandersetzung gewesen ist zwischen dem Kommunismus und der freien Welt. Aber die Frage, inwieweit es das eine und inwieweit es das andere gewesen ist, diese Frage muss immer wieder gestellt werden, und ein Jahrbuch, das sich die Kommunismusforschung als Schwerpunkt setzt, könnte sie immer wieder einmal stellen. Mählert: Wir haben das Glück, dass wir Martin Großheim in unserem Kreis haben, der, wie er mir gerade erzählte, über Bayern direkt aus Vietnam hierher gekommen ist und zu den wenigen Kollegen zählt, die sich mit der Zeitgeschichte des südostasiatischen Raums auskennen. Ich fände es ganz interessant, wenn Sie mal in Ergänzung dessen, was wir heute in den ersten zwei Stunden gehört haben, ein paar Stichpunkte geben würden, wie sich die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus dort eigentlich entwickelt. Dr. Martin Großheim: Vielen Dank. Also Vietnam ist natürlich insofern ein Sonderfall, als die Kommunistische Partei in Vietnam noch an der Macht ist. Aber es gibt in den letzten Jahren, um es genau zu sagen, in den letzten 20 Jahren ganz interessante Entwicklungen. Das hängt damit zusammen, dass Vietnam sich seit 1986 geöffnet hat. Seitdem finden in Vietnam Wirtschaftsreformen statt, ähnlich wie in China, nur etwas zeitversetzt. Die damit verbundene Öffnung des Landes hat zur Folge, dass ausländische Forscher in Vietnam auch bessere Forschungsbedingungen haben, sprich Zugang zu Archiven, und auch die Möglichkeit, mit Vietnamesen Interviews zu führen. Außerdem haben Vietnamforscher seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten auch Zugang zu den Archivbeständen in Moskau oder hier in Berlin. Vor diesem Hintergrund sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe von interessanten Biografien entstanden, wie beispielsweise die Biografie von Ho Chi Minh, die seine Rolle ganz neu bewertet. Oder, was jetzt vielleicht etwas mehr auf die Fragestellung Kalter Krieg eingeht, es gibt eine ganze Reihe neuer Studien über die Beziehungen zwischen Vietnam, oder besser gesagt Nordvietnam, und der Volksrepublik China während des Kalten Krieges. Und es gibt neue Studien über die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Nordvietnam vor dem Hintergrund des sowjetisch-chinesischen Konflikts. Darüber hinaus sind eine Reihe weiterer neuer Untersuchungen über innenpolitische Probleme in Vietnam erschienen. Als Beispiel sei hier 1956 genannt. Das war auch für Nordvietnam ein Schicksalsjahr, ein Krisenjahr, denn es gab dort auch so etwas Ähnliches wie die »100-Blumen-Bewegung« in China, die sogenannte Nhan-Van-Giai-Pham-Affäre, und es gab eine Landreform, die aus dem Ruder gelaufen ist. Dazu liegt jetzt auch eine ganze Reihe von neueren Untersuchungen vor, weil, wie ich vorhin schon gesagt habe, ausländische Forscher in Vietnam mittlerweile Interviews führen können und Zugang zu neuen Quellen haben. Vielleicht kurz zum Abschluss: Was die Forschung in Vietnam selber angeht, so muss man sagen, dass sich die vietnamesische Geschichtswissenschaft noch nicht an solche Tabuthemen heranwagt. Das hängt damit zusammen, dass es laut vietnamesischer Verfassung bzw. Strafgesetz unter Strafe steht, sogenannte revolutionäre Errungenschaften infrage zu stellen. Es ist also z. B. ein Straftatbestand, wenn historische Persönlichkeiten wie Ho Chi Minh angeschwärzt werden. Das kann sogar so weit gehen, dass es ein ganz eklatantes Tabu ist, wenn z. B. jemand behauptet, dass Ho Chi Minh verheiratet gewesen sei, weil die Legende eine andere ist. Es heißt, Ho Chi Minh habe sein ganzes Leben der vietnamesischen Revolution geopfert, aber Fakt ist, das wissen auch die meisten Vietnamesen, dass er mindestens einmal verheiratet war. In Vietnam kann man aber so etwas nicht offen sagen. Es gibt also immer noch Tabuthemen, ich habe ja schon das Stichwort 1956, die vietnamesische »100-Blumen-Bewegung«, genannt. Die Schriftsteller, die damals verhaftet bzw. mit einem Berufsverbot belegt wurden, sind mittlerweile wieder rehabilitiert, aber in der neuen vierbändigen vietnamesischen Geschichte, die bald herauskommt, findet man nach wie vor orthodoxe Darstellungen über diese Vorgänge. Da hat sich noch nichts Neues getan bzw. nur ganz wenig in Ansätzen. Das Bild ist also ambivalent: auf der einen Seite Neuentwicklungen in der Forschung über Vietnam im Ausland, auf der anderen Seite in Vietnam selbst nur ein ganz zaghafter Beginn. Mählert: Es hat sich Herr Luban zu Wort gemeldet. Ottokar Luban: Wir haben in China zwei Tagungen der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft gehabt, 1994 und 2004. Die Teilnehmer, die sowohl auf der ersten wie auf der zweiten Tagung dabei waren, haben den großen Gegensatz gespürt. Das zweite Mal gab es eine freie Diskussion. Das konnte auch im Rahmen der Zielsetzungen der chinesischen KP geschehen, die die Demokratisierung, in einem bestimmten Rahmen natürlich, offiziell im neuesten Programm als eine der wichtigsten Aufgaben proklamiert, vor allem auch als ein Mittel, um die Korruption zu bekämpfen. Im Rahmen dieser Tagung von 2004 wurde ganz offen alles, was mit Mao und der Kulturrevolution zu tun hatte, heftigst kritisiert. Die freie Diskussion war auch das Kennzeichen einer internationalen Konferenz im vergangenen Jahr an der Huanzhong Normal University von Wuhan, wo man sich stärker den nationalökonomischen Arbeiten Rosa Luxemburgs widmete. Es war dort auch festzustellen, dass die Auffassungen von Gramsci und Lukácz an den Universitäten, jedenfalls von Doktoranden und fortgeschrittenen Studenten, sehr intensiv untersucht werden und dass versucht wird, ihre Auffassungen mit der Ideologie der chinesischen KP zusammenzubringen. Hier besteht also eine Forschung über den europäischen Kommunismus, die sehr unorthodox ist, nicht in den erwarteten orthodoxen Bahnen verläuft. Und das alles unter der offiziellen Ägide des Parteiinstituts in Peking, das auch sehr frei damit umgeht. In den Gesprächen mit deren Vertretern wurde gleichzeitig deutlich, dass sie sich darüber im Klaren sind, dass in den einzelnen Provinzen die wissenschaftliche Diskussion ganz anders ablaufen kann, noch freier als in Peking am Parteiinstitut oder auch wesentlich eingeschränkter. Hier wäre es einmal sehr interessant, einen Überblick im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung zu geben. Mählert: Vielen Dank. Jetzt hat Walter Süß das Wort. Dr. Walter Süß: Ich habe eine Frage an die Kollegen (eine Kollegin ist ja wieder nicht mit dabei) aus den ehemals kommunistischen Staaten. Sie ist zwar zum Teil von Herrn Vatlin schon für Russland beantwortet worden, aber mich würde generell interessieren: Inwieweit gibt es eine Diskussion über diese zeitgeschichtlichen Aufarbeitungsinitiativen in den ehemaligen Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes? Gibt es da überhaupt ein Bedürfnis und Interesse? Vom Gegenstand her – soweit man Kommunismusforschung betreibt – wäre es schon methodisch zwingend, sich auf eine solche Diskussion einzulassen. Das heißt aber nicht, dass sie auch automatisch stattfindet. Wenn sie also nicht stattfindet, denke ich, könnte auch das Jahrbuch dazu zumindest einen Beitrag leisten. Ruchniewicz: Ich muss auch die Ansätze erwähnen, die es in den letzten Jahren gab, dass wir die Forschung über den Ostblock, die im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des Ostblockstaatensystems steht, doch in etwas größerem Rahmen sehen. Genauso war das in Bezug auf die DDR. Da haben wir immer Probleme mit der deutschen Historiografie – der bundesdeutschen bzw. der der DDR – gehabt, die die DDR als innerdeutsche Angelegenheit gesehen hat, selbst noch in den 90er-Jahren. Damit tun wir uns nach wie vor schwer. Es hieß vorher Arbeiteraufstand und später Volksaufstand. Wir haben nach wie vor diesen Volksaufstand mehr oder weniger als Volksaufstand innerhalb des Ostblocks gesehen und nicht in dem deutschen Kontext. Zum Beispiel habe ich vor wenigen Jahren mit zwei anderen Kollegen über das widerständige Verhalten am Beispiel Polens im Vergleich mit der DDR und der Tschechoslowakei gearbeitet. Wir wollten ursprünglich auch Ungarn mit einbeziehen. Ich kannte damals Herrn Ungváry noch nicht, aber wir haben einen anderen Kollegen gefunden – János Tischler –, der sich sehr ausgiebig mit den polnisch-ungarischen Beziehungen beschäftigt hatte. Das Buch ist schon vor Jahren erschienen, aber ich kenne keine deutsche Zeitschrift, die darauf aufmerksam gemacht hat. Ich würde also sagen, dass sehr viele Vergleichsstudien gemacht worden sind. Allerdings gibt es, wenn man die deutsche Forschung nimmt, zwar inzwischen sehr viele bilaterale Studien zu den deutsch-polnischen Beziehungen oder besser den Beziehungen Polen-DDR. Auf dieser Konferenz haben wir heute auch schon davon gehört, auch von den Beziehungen DDR – Großbritannien, aber es gibt von der deutschen Seite wenig Ansätze, das im größeren Komplex zu sehen: von der deutschen Geschichte wegzugehen und sich auf den Ostblock zu konzentrieren, also die Vorgänge in der sowjetischen Besatzungszone bzw. in der DDR als Teil des Ostblocks zu sehen. Darin sehe ich schon ein Problem, und das ist wahrscheinlich der Grund, warum wir nicht so gut kommunizieren können. Dazu kommt noch, dass man auf deutschen Tagungen auch erlebt, es gibt die sogenannten DDR-Spezialisten und es gibt Kollegen, die sich für die Geschichte Deutschlands interessieren. Aber die sprechen nicht miteinander. Das ist interessant zu beobachten. Das heißt, man redet sehr oft aneinander vorbei. Die DDR wurde nicht als Teil des Ostblocks gesehen – und da haben wir dann auch z. B. in Polen Probleme, polnische Kollegen zur Mitarbeit an solch einem geschichtlichen Thema bewegen zu können. Doch das Interesse ist vorhanden, und das Gespräch ist notwendig. Mählert: Erhart Neubert drängt es zu einem Zwischenruf. Dr. Erhart Neubert: Ja, Herr Ruchniewicz, das stimmt nicht ganz. Denn es gibt eine Buchveröffentlichung, die komparatistisch angelegt ist, wo die DDR-Geschichte und vor allem die Widerstandsgeschichte ausdrücklich in den osteuropäischen Kontext gestellt werden. Ich mache hier nochmals aufmerksam auf das Buch über die Rezeptionsgeschichte des 17. Juni, das wir mit Ilko-Sascha Kowalczuk zusammen gemacht haben. Da haben wir das ausdrücklich in den Kontext der osteuropäischen Aufstandsgeschichte seit 1945 gestellt. Ruchniewicz: Das habe ich mit meinen Kollegen gemacht, aber das hat kein deutscher Kollege gemacht. In Deutschland ist niemand auf die Idee gekommen, die polnischen Akten mit einzubeziehen und selber als Deutscher darüber zu forschen. Das ist der Unterschied. Deswegen habe ich den Text mit meinen Kollegen geschrieben. Nur ich meine, um jetzt auf der anderen Seite Verständnis zu wecken, Sie können weder Polnisch noch Ungarisch sprechen, und deswegen ist es ganz wichtig, dass man weg ist von der deutschen Geschichte und in die jeweilige nationale Geschichte geht und versucht, diese bilaterale bzw. multilaterale Schiene einfach stärker zu berücksichtigen. Das habe ich gemeint. Mählert: Welchen Band meinten Sie jetzt? Großheim: Den Band, den Kowalczuk über den Volksaufstand und zur Rezeption des kommunistischen Volksaufstands herausgegeben hat: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte. Das war ein Tagungsband, an dem ich auch mitgewirkt habe. Das haben Sie wahrscheinlich gemeint. Neubert: Nein, das ist kein Tagungsband, sondern es gibt eine Monografie, die ausdrücklich nur die Rezeptionsgeschichte behandelt. Wenn Sie da einmal hereinschauen, dann sehen Sie, dass das natürlich auch in diesen osteuropäischen Kontext hineingehört. Mählert: Es wurde jetzt ein Kardinalproblem unserer Forschungslandschaft angesprochen: das Sprachproblem. Viele DDR-Forscher sind kaum in der Lage, englische Diskussionen zu verfolgen, geschweige denn polnische oder tschechische. Das lässt sich zum Teil biografisch erklären. Auch die formalen russischen Kenntnisse sind nicht gut genug, um russische Beiträge ausreichend zur Kenntnis zu nehmen. Und dass dann wiederum in Ungarn, Tschechien und Polen die Sprachkompetenz besser entwickelt ist, hat natürlich auch mit der Größe der Länder zu tun. Aber Sascha Vatlin wollte noch einmal etwas zu dieser Zusammenarbeit sagen. Vatlin: Ich bedauere wirklich, dass wir diesen komparatistischen Ansatz zumindest im osteuropäischen Bereich nicht haben. Vielleicht einige Sätze dazu, warum das so ist. Ich würde sagen, in den gesellschaftlichen Initiativen der Aufarbeitung klappt es viel besser – Beispiel Memorial, Beispiel Karta –, für die Historiker ist es aber offensichtlich schwieriger. Wir haben auch mit osteuropäischen Kollegen unsere Probleme. Das gilt für die sowjetische und die russische Geschichtsschreibung. Stefan Karner hat gerade dieses Matrjoschka-Beispiel angeführt. Also jetzt entpuppt sich die Matrjoschka in eine andere Richtung, was das sowjetische Imperium betrifft. Die anderen Länder wechseln die Fronten, wenn man es stark vereinfacht, und die Matrjoschka wird einfach kleiner. Und viele Historiker – in Russland meine ich jetzt, ich spreche für die russischen Historiker – sind wirklich nicht in der Lage, diese Geschichte so schnell zu verarbeiten; gerade was ich über die Heimatgeschichte erzählt habe. Jetzt gibt es bei uns Streit bei Lehrstuhlbesetzungen: Was macht man mit den früheren Sowjetrepubliken? Welchem Forschungsschwerpunkt werden sie zugeordnet? Wo findet man jetzt die Ukraine, wo findet man jetzt Usbekistan? In dem Fall, über den ich gerade in der Pause gesprochen habe, wird bei uns der Lehrstuhl »Blischnije zarubeschje« eingeführt, wörtlich Lehrstuhl für »näheres Ausland«. Die ost-europäischen Länder liegen gerade dazwischen, zwischen näherem Ausland, d. h. früheren Sowjetrepubliken, und dem »richtigen« Westen. Was soll man sagen? Bei vielen Kollegen, gerade bei denen, die in der slawischen Abteilung arbeiten, gibt es gewisse Ressentiments. Unsere frühere Solidarität ist jetzt vorbei, es ist so eine Art Scheidungsprozess gewesen. Man muss das einfach erleben und überleben, und gerade die neuen nationalen Töne in den osteuropäischen Ländern stoßen bei manchem Kollegen auf eine gewisse Intoleranz – sagen wir es so. Es wird immer wieder polemisiert, und deshalb habe ich gesagt, dass es mit der Historisierung schwierig sein wird. Und Historiker haben immer das Problem, dass sie der Macht viel näher sind als die gesellschaftlichen Initiativen wie Memorial und viele, viele andere. Das ist der jetzige Standpunkt der russischen Historiker. Mählert: Herr Tůma wollte sich in dieser Sache noch äußern. Tůma: Sie haben von Sprachproblemen gesprochen. Deutsch ist mein Sprachproblem, aber ich will es versuchen. Vor zehn oder zwölf Jahren waren es vor allem amerikanische Wissenschaftler, die uns zusammenbrachten und multilaterale Kooperationen anbahnten. Jetzt tragen auch das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung und die Stiftung Aufarbeitung dazu bei, gemeinsame Projekte zu initiieren und die Forscher verschiedener Länder zusammenzubringen. Manchmal sind bilaterale Kooperationen geradezu unerlässlich; etwa wenn es darum geht, die Geschichte des Prager Frühlings zu erforschen. Das ist ohne Zusammenarbeit mit russischen Kollegen und Archivaren nicht möglich. Wir sammeln seit acht Jahren unsere Erfahrungen in einem solchen gemeinsamen Projekt. Geplant ist eine Dokumentenedition, aber dies gestaltet sich so kompliziert, und es geht so langsam voran – es kann passieren, dass zwei bis drei Jahre gar nichts passiert. Manchmal erscheint mir dann die Zusammenarbeit mit russischen Historikern und mit den dortigen Archiven wie ein permanenter Kleinkrieg. Ungváry: Ich habe inzwischen auch über die Frage nachgedacht, und in meinem Referat habe ich ja auch beschrieben, wie es bei uns um die Politisierung der Geschichtswissenschaft steht. Es ist ja um gewisse Diskrepanzen gegangen. Unsere Wissenschaft war einmal die freieste im Ostblock: In den achtziger Jahren oder Anfang der achtziger Jahre ist z. B. schon erörtert worden, dass das Horthy-Regime nicht faschistisch war. Selbst zu 1956 sind schon vor der Wende ganz unterschiedliche Bücher erschienen, und es gibt auch sicher sehr interessante und gute Sachen, die auf dem wissenschaftlichen Niveau des Westens waren, schon zur Wendezeit. Ich dachte darüber nach, warum und ab wann bei uns dann die Komparatistik fast zu 100 Prozent fehlt. Dass der Vergleich zur Tschechoslowakei oder zu Rumänien fehlt, mag auch an Sprachproblemen liegen. Wir sind zwar Nachbarn, aber trotzdem gibt es da bestimmte Probleme. Aber gerade die DDR-Forschung könnte ein Ansatzpunkt sein, denn es sprechen doch viele Ungarn Deutsch, und es gibt eigentlich auch Mittel, zumindest von deutscher Seite. Trotzdem ist das total untergegangen. Das geht so weit, dass es bei den 56er-Feierlichkeiten in Ungarn völlig unbekannt ist, dass in Berlin einige Jahre davor etwas passiert ist – und es ist deshalb völlig unbekannt, weil die Wissenschaftler darüber nie etwas geschrieben haben. Nicht einmal in einer Tageszeitung. Ich glaube, da kann das Jahrbuch sicher sehr viel beitragen, denn es müssen noch potenziell Leute in Ungarn vorhanden sein, die diese Komparatistik machen könnten. Wir haben nicht diese Strukturprobleme wie z. B. Bulgarien oder andere Länder, wo diese Forschungen nicht gediehen sind. Es gibt geschulte Leute, aber wir haben so etwas trotzdem nicht gemacht. Ich verstehe das auch nicht. Mählert: Ich glaube, im Hinblick auf komparatistische Perspektiven und die Zusammenarbeit zwischen den Ländern kann man das Glas entweder als halb voll oder als halb leer bezeichnen. Wenn man konkret darüber nachdenkt, kann man sehr viele Beispiele für bilaterale Zusammenarbeit nennen. Ich verweise nur auf das an der Uni Mannheim in den neunziger Jahren realisierte Projekt über Parteisäuberungen im Kommunismus, in dem wir mit Karel Kaplan, mit František Svátek und mit russischen Kollegen zusammengearbeitet haben. Denken Sie an die großen Konferenzen, die unter Federführung des IPN in den vergangenen Jahren organisiert wurden, über die Geschichte von Geheimdiensten im Kommunismus. Die Liste solcher Kooperationen würde recht lang werden, denken Sie allein an die vielen Veranstaltungen aus Anlass des 50. Jahrestags des Ungarnaufstands. Wahrscheinlich ist die Situation besser, als es jetzt einen Moment lang den Eindruck erweckte, als du dich zu Wort gemeldet hattest. Im Endeffekt gilt für komparatistische Perspektiven in diesem Forschungsfeld das Gleiche wie für alle komparatistischen Perspektiven. Sie sind schnell eingefordert, aber schwer realisiert. Ich möchte daran erinnern, wie wir in den neunziger Jahren in den Debatten über die Notwendigkeit gesprochen haben, auch mal einen Diktaturenvergleich zwischen dem Nationalsozialismus und der DDR zu machen. Das wurde im Großen und Ganzen ja bejaht, dass man das machen sollte, bei allen Unterschieden der Systeme. Aber wenn man mal genau hinschaut, wie viel im eigenen Sprachraum zu einem doch so naheliegenden Thema tatsächlich gemacht wurde, dann ist es doch ziemlich kläglich. Das zeigt einfach, dass komparatistische Ansätze nicht so stark verbreitet sind, wie man es sich wünscht und wie man es proklamiert. Und wenn es dann noch internationale Zusammenarbeit betrifft – das hat Herr Tůma schon gesagt –, kostet es eben in der Regel viel, viel Kraft. Es ist schon anstrengend genug, im eigenen Institut zusammenzuarbeiten – und umso mehr über die Landesgrenzen hinweg. Aber jetzt, glaube ich, sollten wir Herrn Hedeler die Möglichkeit geben, vielleicht ein neues Thema aufzugreifen. Dr. Wladislaw Hedeler: So neu ist das Thema nicht. Ich würde gerne auf die hier von vielen Kollegen angesprochene Öffnung der Archive zurückkommen, die als eine sehr positive Entwicklung wahrgenommen und eingeschätzt worden ist. Die Probleme und Schwierigkeit treten deutlicher hervor, wenn man nicht nur die Erfahrung der Arbeit in den russischen Metropolen, sondern auch die in der russischen Provinz einbezieht. In den letzten fünf Jahren habe ich in Archiven in Russland, aber auch in Kasachstan und in der Ukraine arbeiten können. Die Situation in der Ukraine und in Kasachstan ist ein Thema für sich. In der russischen Provinz wird man oft mit Bedingungen konfrontiert, die Forschung und Recherchen auf einem Stand, der dem der großen Moskauer Dokumenteneditionen nahekommt, unmöglich machen. Auch deswegen plädiere ich dafür, dass im Jahrbuch Berichten und Skizzen über die Forschungen und die Forschungsergebnisse in den russischen Regionen und den Nachfolgestaaten der GUS weiterhin ein wichtiger Stellenwert beigemessen und mit der guten, in den vorhergehenden Bänden gepflegten Tradition nicht gebrochen wird. Erinnert sei an die Berichte von Jan Foitzik und Elke Scherstjanoi über die Archivsituation in Russland. Forschungen zu vielen Themen, von denen hier heute die Rede war, finden in der russischen Provinz nicht oder nur in Ausnahmefällen statt. Diese Feststellung mündet u. a. in die beunruhigende Frage, wie lange wir von dem zehren können, was die Moskauer Kollegen in Gestalt der von Memorial besorgten Publikationen oder der von Alexander Jakowlew initiierten Reihe bis auf den heutigen Tag produziert haben. Irgendwann ist auch dieser Fundus erschöpft. Er bedarf der Ergänzung durch vor Ort recherchierte regionale Studien. Mählert: Ich habe zum jetzigen Zeitpunkt niemanden auf der Rednerliste stehen. Ich weiß aber, dass Bernhard Bayerlein mich vorhin gefragt hat, wann denn Wortmeldungen möglich sind. Hast du etwas auf dem Herzen? Dr. Bernhard H. Bayerlein: Ich habe eigentlich immer etwas auf dem Herzen. Wenn ich jetzt als Mitherausgeber des Jahrbuchs und vor allen Dingen in diesem Falle, auch in Bezug auf die letzte Frage, als Mitherausgeber des Internationalen Newsletter der Kommunismusforschung etwas sagen darf: Sicherlich ist die Archivsituation ambivalent, und unsere Aufgabe ist, sie auch in Zukunft in dieser Ambivalenz entsprechend zu spiegeln. Nur, was die Konsequenzen für die Historiografie angeht, würde ich doch schon eher für Foitzik Partei ergreifen, der vorhin die etwas provokante These aufgestellt hat, dass einfach so viele Sachen da sind, dass wir mit den Mitteln, d. h. auch mit bestimmten Methoden der Historiografie gar nicht mehr so richtig klar kommen mit dieser Fülle. Ich glaube, beide Aspekte sind wichtig. Was die Informationen angeht: Zumindest im International Newsletter haben wir uns ständig bemüht, über neue Archivprojekte zu berichten, und tun es auch weiterhin. Wir haben immerhin das größte internationale Kooperationsprojekt der Russischen Föderation auf internationaler Ebene mitinitiiert, die Komintern-Onlinedatenbank, die an fast allen Universitäten Deutschlands zugänglich ist. Sie ist zwar noch verbesserungsbedürftig, aber es ist ein erster Schritt. Um das jetzt nicht zu verlängern: Nur in der letzten, der laufenden Ausgabe haben wir einen Artikel von Herrn Koslow, dem Leiter des Komitees für Archivwesen der Russischen Föderation, abgedruckt, der zwar sehr amtsrussisch daherkommt, der aber eine positive Bilanz der russischsprachigen Editionen zieht, der sogenannten Archiveditionen. Er dokumentiert laut der Planungen die Archiveditionen in der russischen Föderation von 1992 bis 2005, also in einer sehr wichtigen Phase. Ich bitte Sie, das zur Hand zu nehmen – Sie werden feststellen, welche inhaltlichen Reserven man noch immer hat in Bezug auf einzelne Veröffentlichungen. Das ist auch ein Beitrag zu dem, was Alexander Vatlin gesagt hat: Es sind in diesem Zeitraum fast tausend Dokumenteneditionen erschienen, 980 ungefähr, wie Sie auch im Übrigen noch einmal in der entsprechenden russischen Spezialliteratur nachlesen können. Es ist also doch einiges passiert. Der zweite Punkt, auf den ich eingehen will, ist die Frage der vergleichenden Perspektive. Ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind, die Grundfragen des Kommunismus bzw. die historische Bilanz des Kommunismus, die Frage, was war der Kommunismus im 20. Jahrhundert, beantworten zu können oder zumindest einen Schritt in diese Richtung zu tun, wenn wir weiterhin diese internationale, vergleichende, transnationale Perspektive, auch mit allen Schwierigkeiten, die hier zum Ausdruck gekommen sind, verfolgen. Die Frage des kommunistischen Subjekts, der kommunistischen Struktur oder des kommunistischen Systems lässt sich meiner Meinung nach auf eine simple Formel reduzieren: Der Kommunismus war im Unterschied zu anderen Phänomenen des 20. Jahrhunderts eine kongenial internationale Bewegung. Und wenn uns dies aus dem Gesichtsfeld gerät, so wie es eben nationalgeschichtlich im Augenblick aufgrund bestimmter politischer Bedingungen außer Acht gelassen wird, werden wir weder was die kulturalistische noch die systemische Betrachtungsweise des Kommunismus angeht, die noch lange nicht am Ende ist und für deren Fortsetzung ich natürlich ganz vehement auch in meinen Publikationen plädiere, viel erreichen können. Diese Internationalität der kommunistischen Bewegung können wir auch mit soziologischen, Max Weber’schen idealtypischen Begriffen sehr wohl umschreiben – diese kommunistische Besonderheit, die sich bis hin auf die unterste Ebene widerspiegelt, die jedem Individuum, egal ob in der englischen kommunistischen Partei oder in der vietnamesischen, einen Platz zugewiesen hat im Rahmen eines internationalen Kosmos, der idealtypisch sehr wohl analysiert werden kann. Max Weber und auch Karl Marx haben dazu entsprechende Analyserahmen und Hilfsmittel entwickelt, um das Phänomen des Internationalismus als solches theoretisch zu durchdringen. Das wäre mein Plädoyer. Ich kann jetzt hier nicht in Einzelheiten gehen, ich versuche dies in meiner Habilitationsschrift aufzuzeigen. Insofern glaube ich, dass wir unter Beachtung dieser Gesichtspunkte und mit dem Versuch der Annäherung doch auf einem sehr guten Weg sind. Mählert: Thomas Friis hat das Wort. Friis: Ich wollte nur kurz auf Herrn Heinemann eingehen, und zwar auf die Frage der Entideologisierung. Das ist nicht unbedingt die Erfahrung bei uns. Diese Sichtweise auf den Kalten Krieg und auf den Kommunismus findet man besonders in einer bestimmten Gruppe, und zwar in der Gruppe der Sicherheitsexperten der achtziger Jahre. Es war damals eben die Mode, und das versucht man jetzt wieder zu beleben. Bei der neuen Geschichtsschreibung geht es eher in eine andere Richtung, und zwar dahin, dass man die Ideologisierung des Kalten Krieges im Inneren wie auch im Äußeren fokussiert, also auf jeden Fall bei uns, wodurch das Thema eigentlich auch viel relevanter wird. Da machen wir nicht nur Geschichte für Marginalgruppen, also sprich für Diplomaten zum Beispiel, sondern eine breitere Geschichte für die Bevölkerung. Was bedeutet jetzt der Kalte Krieg in den Betrieben oder in der öffentlichen Debatte? Und da sieht man eigentlich schon die Kommunismusforschung auch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Auch im Äußeren, wenn wir jetzt die Verbindungen zwischen unserem Land und den sozialistischen Ländern betrachten, da blickt man auch eher nicht auf die staatliche Ebene, weil sich da relativ wenig bewegte. Die Positionen kannte man schon, und man hatte auch nicht die Hoffnung, dass sich da etwas großartig änderte. Deshalb guckt man darauf, was denn z. B. seitens der DDR gegenüber Parteien und Gruppen in der Bevölkerung passierte – sprich Verbesserung des Sozialismusbildes – und welche Versuche es gab, die Zusammenarbeit mit nongovernment groups zu verbessern. Ich glaube, das macht es auch wesentlicher für die breite Bevölkerung, und jedenfalls bei uns in den nordischen Ländern gibt es doch großes Interesse an Fragen des Kalten Kriegs. Man sucht eben Erklärungen für das, was man damals erlebt hat. Heinemann: Das ist nach meiner Wahrnehmung eher unterentwickelt in Deutschland. Ich habe den Eindruck, hier wird die Geschichte des Kalten Krieges weit überwiegend von den Sicherheitsexperten gemacht, die ihn in anderen Kategorien wahrnehmen. So ist das. Mählert: Das ist praktisch ein Appell für einen Forumsbeitrag im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. So war das doch gemeint? Hermann Weber steht hier als Letzter mit einem Schlussstatement. Weber: Ich bin froh und vor allem stolz auf unseren neuen Beirat, denn gemeinsam haben wir es verstanden, hier unser Gesichtsfeld etwas zu erweitern. Wer kennt schon Details über Vietnam? Ein Buch ist gerade herausgekommen, Heinz Schütte aus Paris schrieb über die frühe Phase einiger Deutscher beim Viet Minh, aber das sind Ausnahmen. Wir leben heute nicht nur in einer Informationsgesellschaft, sondern wir werden mit Informationen überschüttet, auch in der Wissenschaft. Wer kann schon von sich behaupten, dass er jedes wissenschaftlich wichtige Buch tatsächlich von vorn bis hinten lesen kann. Aus zeitlichen Gründen schaut man leider oftmals nur selektiv rein. Das bedeutet, dass man sich darüber klar sein muss, dass ein Jahrbuch Vor- und Nachteile hat. Der Vorteil ist, dass es einmal im Jahr herauskommt und damit überblicksartig diese und jene Analyse, Dokumente, konzentrierte Berichte bringen kann. Ein Nachteil ist, dass noch von so vielem anderen im Jahrbuch zu berichten wäre, so dass es ins Unermessliche ausgedehnt werden müsste, aber das geht ganz einfach nicht. In der Diskussion gab es einige sehr interessante Vorschläge, wie z. B. der Informationsaustausch zu verbessern ist. Herr Bayerlein hat ja auf den Newsletter verwiesen, dessen Aufgabe innerhalb des Jahrbuchs es ist, spezielle Mitteilungen zu bringen und auf Erfahrungen vor allem in anderen Ländern aufmerksam zu machen, und das können wir natürlich im Jahrbuch nicht noch einmal wiederholen. Es gibt feste Rubriken, die wir brauchen, sowie Schwerpunkte, die wir für das Jahrbuch jeweils setzen. Gestern haben wir uns im Beirat über die Schwerpunkte der nächsten Jahre verständigt. Und dann merkt man schon, dass Konzentration nötig ist, dies bedeutet, der Inhalt ist irgendwo zu begrenzen. Diese Arbeitsteilung muss natürlich beibehalten werden, reine Informationen gehören in den Newsletter. Doch ansonsten ist das Jahrbuch ein wissenschaftliches Projekt, in dem Diskussionen angeregt und Informationen verarbeitet werden und natürlich Analysen erfolgen. Ich will auch sagen, dass die Rolle dieses Periodikums nicht überschätzt werden sollte. Manchmal gibt es z. B. die Vorstellung, wenn das Jahrbuch die Komparatistik verstärkte, dann wären wir in der Wissenschaft viel weiter, dann könnten andere das auch machen. Aber solch einen Vorbildcharakter beanspruchten wir in den 14 Jahren nicht und werden das in den nächsten 14 Jahren vermutlich auch nicht tun können, wir müssen »auf dem Boden bleiben«. Doch ist das Besondere und das Schöne eines solchen Jahrbuchs: Mit ihm ist immer die Möglichkeit öffentlicher Diskussion gegeben. Deswegen verweise ich noch mal auf die Rubrik »Forum«, dieses Forum muss wieder verstärkt werden, um die Debatte weiterzuführen. Damit komme ich zum Inhaltlichen. Es sind hier mit Recht eine Reihe von Bemerkungen gemacht worden über die Kommunismusforschung und auch über Fragen des Inhalts dieser Kommunismusforschung. Was verstehen wir eigentlich unter Kommunismusforschung? Ulrich Mählert hat am Anfang schon gesagt, was »klassische« Kommunismusforschung hieß: die kommunistische Bewegung, ihre Entwicklung als Weltorganisation, die Komintern mit einzelnen Parteien, die Biografien ihrer handelnden Leute usw. Die Kommunismusforschung wurde inzwischen im Wesentlichen eine Analyse der Herrschaftssysteme, sie wird jetzt überlagert von der Untersuchung des kommunistischen, oder genauer gesagt des stalinistischen Terrors. Wie Kommunismusforschung generell zu definieren ist, das ist eine der Fragen, die im Forum des Jahrbuchs diskutiert werden könnten. Was versteht man tatsächlich unter dieser Forschung? Es sind hier viele Begriffe gefallen, aber diese schöne Begriffswelt! Das ist recht und gut, und über alles ist zu diskutieren. Ich bin ein altmodischer Mensch, bleibe lieber auf empirischem Boden und versuche, daraus theoretische Schlussfolgerungen zu ziehen. Derzeit zeigen sich in der Kommunismusforschung gerade bei den generellen Einschätzungen beträchtliche Probleme. Monokausale Erklärungen für komplexe Vorgänge mögen in der Öffentlichkeit »gefragt« sein, der Historiker hat tunlichst eine kritische Differenzierung vorzunehmen. Anstelle simpler Schwarz-Weiß-Malerei sind die »Grautöne«, die »Zwischentöne« nicht zu vernachlässigen. Die Wissenschaft muss sich deswegen vor der Vereinnahmung durch die Politik ebenso hüten wie vor der dem jeweiligen »Zeitgeist«. Wichtig für die Kommunismusforschung ist heute, dass wir wieder mehr zur Differenzierung gelangen. Und da komme ich auf Frau Ottos Frage zurück. Natürlich habe ich mir oft Gedanken gemacht, jedoch bis heute keine vernünftige Antwort gefunden, wie es möglich war (es war z. B. unser Thema, als Andreas Herbst und ich uns ans Biographische Handbuch der deutschen Kommunisten machten), dass eine Bewegung mehr ihrer eigenen Führer und Funktionäre umbrachte, als es ihre Feinde getan haben? Das ist eine Besonderheit des Stalinismus in der Geschichte, und die ist zu erklären. Woran liegt das? Mancher meint, das sei furchtbar schwer zu erklären, weil das Rationale – vor allem bei Stalin selber – mit dem Irrationalen verknüpft ist. Das ist zunächst eine empirische Tatsache, die ist festzuhalten. Dann ist zu versuchen, mit einer Analyse einen Schritt vorwärtszukommen. Das gilt wahrscheinlich für alle Gebiete, und da sind wir heute doch schon weit. Die eigentliche Kommunismusforschung in den verschiedenen erwähnten Bereichen ist noch einigermaßen überschaubar. Allerdings kommen die Sprachprobleme hinzu. Also ich gestehe, Ungarisch ist mir nach wie vor fremd, obwohl ich in Ungarn Freunde habe und wir miteinander über die alten Zeiten sprachen. Denn zum Glück konnten sie sehr gut Deutsch. Damit ist auf ein Problem hingewiesen – bleibt die Frage, welche Rolle und welche Mittel das Jahrbuch hat, um über diese Hürde zu springen. Die Hauptsprache ist Deutsch und daneben Englisch. Im Newsletter taucht auch schon immer häufiger Französisch auf. Aber wir müssen einsehen, mehr geht nicht. Es ist daher viel zu übersetzen, und es ist ein Fortschritt, dass wir inzwischen im Jahrbuch aus allen möglichen Sprachen Übersetzungen bringen können. Zurück zur Forschung. Ich meine, das Entscheidende ist in der Tat die Frage einer Historisierung. Ich bin nun nicht so naiv, zu glauben, dass wir in den nächsten zehn Jahren bereits eine Historisierung erreichen. Was heißt Historisierung? Es gibt den weiten Begriff schon lange, und was darunter alles verstanden wird, ist hier nicht zu diskutieren. Ich fasse ihn ganz im Sinne von Martin Broszat auf, der das für den Nationalsozialismus sinnvoll erarbeitet hat – ich kann das im Einzelnen hier nicht ausführen, aber klar ist, dass damit nicht an eine Verharmlosung, Verniedlichung oder Beschönigung des Schreckensregimes gedacht ist. Erforderlich ist vielmehr, das Ganze viel stärker zu differenzieren, wegzukommen von der Schwarzweißmalerei, die wir auch in der Wissenschaft haben. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Nötig ist die differenzierte Sicht, die aufgrund empirischer Belege Analysen erstellt. So ist die Historisierung des Kommunismus zu sehen, sie braucht noch eine Weile, aber sie ist erreichbar. Gerade bei der Historisierung ist ein zentraler Punkt zu klären: Wie war es möglich, dass der Kommunismus, selbst während der stalinistischen Barbarei, immer wieder so viele Anhänger fand in aller Welt? Bei der Anhängerschaft in den Diktaturen selbst waren Angst und Druck bestimmend oder Privilegien und ideologische Versprechungen. Aber im Westen gilt die gleiche Frage. In Deutschland bis 1933: Wieso wird die KPD drittstärkste Partei? In Frankreich und Italien gab es bedeutende KPen. Gleich nach 1945 existierten in Belgien, selbst in Luxemburg und anderswo starke KPen. Sie merken also schon, ich kann keine generelle Erklärung finden, sondern muss jeweils den Zeitabschnitt berücksichtigen. Gestatten Sie, dass ich versuche, dafür einige Beispiele zu bringen. Während der Weltwirtschaftskrise im Westen festigte Stalin seine schon damals barbarische Diktatur, gleichzeitig verkündete er aber den Fünfjahrplan. Massen von Bauern zogen in die Städte, neue Fabriken wurden errichtet. Im Westen ging es abwärts: In Deutschland war fast jeder Zweite arbeitslos, in Amerika herrschte die Katastrophe. Ja, ist es dann ein Wunder, wenn seinerzeit viele sagten: Das Zukunftsland ist die UdSSR, da geht es aufwärts, bei uns geht es abwärts. Das nutzte der kommunistischen Agitation, die vom »Vaterland der Werktätigen« sprach. Als der Nationalsozialismus in Deutschland herrschte, waren es die Intellektuellen, die erschraken und meinten, jetzt kommt die braune Barbarei, da muss man natürlich für Stalin sein. Während Stalin anfing, seine Barbarei zu praktizieren ab 1934, wurden manche Leute auf einem Auge blind. Viele – das kann man ja heute nachlesen – unter den Dichtern, den Künstlern, den Philosophen, ob ich Bloch oder Brecht oder wen auch immer nehme von den ganz großen Namen, kamen zum Schluss: Ich darf Stalin selbst jetzt nicht kritisieren, weil ich sonst Hitler unterstütze. Das ist natürlich eine absurde »Logik«, aber so dachte man damals, und ihre Folge war eine zunehmende Anhängerschaft, und sie schrien eben »Heil Moskau«. Das habe ich als kleiner Junge auch schon geschrien, weil mein Vater, ein kommunistischer Arbeiter, mich Ende 1932 mal zu einer Nazidemonstration mitnahm und mir eingeimpft hatte, was ich zu brüllen hatte: »Heil Moskau, Hitler ist ä Drecksau«. Das zeigt, es war auch immer die politische Gegenseite, die bei der Verteidigung von Stalins Diktatur eine Rolle spielte. Wir leben nicht im luftleeren Raum, es sind die Rahmenbedingungen zu prüfen, um zu erkennen, was die Stärke des Kommunismus in verschiedenen Zeiten ausmachte. 1945 schien der Stalinismus am Ende. War er aber nicht. Früher hatten die Kommunisten in Deutschland natürlich abgewehrt: Das ist Nazipropaganda, was die über die Stalin’sche Barbarei schreiben. Sie haben es einfach nicht glauben wollen. Als nach 1945 eine freie Presse mit Enthüllungen kam, hätten sie es doch merken müssen. Aber nein: Stalin stand als Sieger über Hitler glänzend da. Er galt nicht als der große Massenmörder, der er tatsächlich war, sondern als siegreicher Kriegsheld. Wobei wir heute wissen, auch das war Legende. Nach Stalins Tod kam die große Hoffnung: Jetzt ändert sich das System. Als Chruschtschow erklärte, was für ein Verbrecher Stalin war, glaubten viele, jetzt kommt die neue Zeit, wird der Kommunismus demokratischer. Erst nach der Zerschlagung der demokratischen Ansätze in der Tschechoslowakei 1968 äußerten kommunistische Intellektuelle grundsätzliche Kritik. Aber viele verwiesen auf die Kriegsgefahr: Inzwischen ist die Sowjetunion die zweite Weltmacht, und wir stehen am Rande eines Kriegs, eines Atomkriegs mit der Gefahr des Untergangs zumindest der Zivilisation. Darf man jetzt dauernd kritisieren? Wieder wurde der Stalinismus bagatellisiert. Es war nicht mehr die stalinistische Barbarei, aber es war eine harte Diktatur, und die wurde verharmlost. In Frankreich, Italien und anderen Ländern hatte diese Meinung eine Massenbasis. Was will ich damit sagen? Es gibt noch keine generalisierende These, warum in den schlimmsten Zeiten der Barbarei des Stalinismus immer neue Anhänger zum Kommunismus stießen. Es hing jedoch weniger von der (verleugneten) stalinistischen Barbarei ab als von den Realitäten in der nichtkommunistischen Welt. Für mich ist eine solche Antwort deshalb wichtig, weil daraus resultiert, dass das politische Versagen, selbst demokratischer Staaten, Parteien und Gesellschaften, sehr leicht ideologische Verwirrung stiften kann. Allerdings existiert ideologische Verwirrung bei den Kommunisten selbst. Was sich da in China als Kommunismus etabliert hat (in Marx’ Namen), dieser brutale Kapitalismus, ist nur ideologisch verbrämt. Auch das zeigt wieder die Gefahr der Demagogie – die war auch ein Teil des Stalinismus. Diese Gefahr gibt es nicht nur auf der sogenannten linken Seite. Übrigens war dieser Kommunismus gar nicht links, wie Sie in unserem Buch Leben nach dem »Prinzip Links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten nachlesen können. Wenn die sogenannte Linke abgewirtschaftet hat, kommt es, wenn die Demokratie nicht gefestigt ist, logischerweise zum Rechtsruck. Das mag zunächst mit unserem Jahrbuch wenig zu tun haben. Doch Wissenschaft lebt nicht im luftleeren Raum, und Kommunismuswissenschaft schon gar nicht. Sie muss neben der strengen Forschung, die versucht objektiv zu sein – alle wissen, reine Objektivität gibt es nicht, aber als Anspruch wenigstens –, immer die Frage stellen: In welchem Umfeld passiert dies? Hier war hochinteressant, was unsere Kollegen aus Osteuropa zu berichten wussten, wie die Geschichte des Kommunismus als Instrument der Tagespolitik wieder eine Rolle spielt. Das ist für uns Wissenschaftler ein Alarmzeichen, das Letzte, was Wissenschaft gebrauchen kann. Auch hier bedeutet Historisierung wegzukommen von jeder Instrumentalisierung. Das habe ich hier nicht näher ausgeführt und verweise noch einmal auf die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Forschung wird immer nur dann in Medien wie Fernsehen usw. wahrgenommen, wenn etwas Spektakuläres passiert. Leider ist es inzwischen auch in der Wissenschaft so. Sie müssen nur eine sensationelle These aufstellen, die unmöglich erscheint, das bringen dann die Medien, auch wenn sie als Wissenschaftler feststellen, das haben doch schon unsere Vorfahren in der Forschung längst dargestellt, das ist doch gar nichts Neues. Darin liegen unsere besonderen Schwierigkeiten, und daran können wir weder mit unseren Jahrbüchern noch anderen Forschungsorganen etwas ändern. Doch können wir mehr Druck machen, vor allem – das freut mich am meisten – wenn sich plötzlich wieder junge Wissenschaftler finden, die an dieser historischen Problematik Interesse haben. Nun noch zu einem anderem Punkt, nämlich der Frage, in welcher Reihenfolge und nach welcher Systematik Kommunismusforschung vorgeht. Natürlich ist es klar, dass auch hier zunächst nach wie vor die Herrschaftssysteme im Mittelpunkt stehen werden. Die Regime haben tiefe Spuren hinterlassen. Doch nicht nur die stalinistische Barbarei ist zu prüfen, sondern ebenso die sozialen und radikalen Bewegungen im Westen oder anderswo. Um das »Wesen« des Kommunismus einschätzen zu können, sind auch seine Geschichte als radikale Arbeiterbewegung sowie die Ideologie und die in ihr enthaltenen utopischen Elemente zu berücksichtigen. Eine andere Unterteilung »des Kommunismus« ist nötig. Unterschieden werden sollte zwischen dem Kommunismus als Teil der sozialen Bewegung, die eine »bessere Welt« schaffen will, und den herrschenden kommunistischen Regimen, die ihre bereits eroberte Macht mit allen Mitteln, nicht zuletzt des Terrors, halten, festigen und absichern wollten. Das wird folglich auch weiterhin einen Schwerpunkt im Jahrbuch bilden müssen. Der Terror bleibt im Vordergrund und ist nicht wegzudiskutieren. Wir können doch nicht so tun, als ob dieser Terror ein zweitrangiges Element der Herrschaft war. Dazu kommt die Ideologie. Ich bin dankbar, dass Sie den Begriff überhaupt wieder erwähnt haben. Sie war eine Stütze der stalinistischen Herrschaft. Bei der Frage, warum die Stalinisten Anhänger im Westen hatten, hatte natürlich die ideologische Vorstellung, die Verheißung eines besseren Lebens, große Bedeutung. Damit sind wir wieder bei der sozialen Bewegung – also mit anderen Worten der Geschichte kommunistischer Bewegungen und Parteien. Deren Entwicklungen wurden zum Teil lange vor 1989 aufgearbeitet, interessanterweise besonders in Amerika. Das ist so ein Witz der Weltgeschichte, dass da, wo der Kalte Krieg tobt, die Wissenschaftler Geschichtsbände vorlegen, die auch heute noch Bestand haben. Aber dann hat sich diese Forschung irgendwie aufgelöst und ist ab 1989 fast verschwunden. Die KPen haben ihre Historie selbst beschrieben und eigene Geschichtsdarstellungen herausgebracht. Die KPdSU war immer »Vorbild«. Bei der Forschung kann diese offizielle kommunistische Darstellung als reine Legitimationswissenschaft außer Betracht bleiben, auch wenn es z. B. zur KPdSU oder SED umfängliche Untersuchungen gab und andere Parteien ihre Geschichte skizzierten, etwa 1975 die KP Bulgariens. Noch 1991 kam in Peking die History of the Chinese Communist Party heraus. In der seriösen westlichen Forschung gab es einerseits die Untersuchungen der historischen Entwicklung der kommunistischen Bewegung weltweit (auch der Komintern) und der einzelnen Länder und andererseits der kommunistischen Systeme in den von kommunistischen Parteien beherrschten Staaten. Diese Kommunismusforschung, auf die man heute noch bauen kann, ist in Westeuropa und in Amerika entstanden. Nur sieht es inzwischen anders aus, und das hat auch mit diesem Fundus zu tun, mit den Archivalien. Nach dem Untergang des Kommunismus ist dieser zu einem historischen Forschungsgegenstand geworden. Dies beruht gegenwärtig auf zwei Voraussetzungen: dem beachtlichen Forschungsstand bis 1990 und den seither zugänglichen Archivalien mit früher geheim gehaltenen Materialien. Die Folge ist, dass in den letzten 15 Jahren eine riesige Zahl von Publikationen zum Thema Kommunismus erschien. Niemand, der sich mit Zeitgeschichte beschäftigt – ich auf jeden Fall nicht – wäre auf die Idee gekommen, noch zu erleben, dass man an Archive rankommt, die praktisch einen ganzen Staat wie z. B. die DDR vollständig erfassen. Und so kann man heute als Ergebnis erfreut feststellen, dass es eine Flut von Sachliteratur gibt. Und da kommt es jetzt darauf an, dafür zu sorgen – das wäre meines Erachtens eine der Aufgaben des Jahrbuchs – dass dies weiter so vernünftig läuft und etwas dazu beiträgt, zur Historisierung zu kommen. Unsere Zusammenkunft hat mir gezeigt, dass es richtig von mir war, als Herausgeber des Jahrbuchs ab nächstem Jahr auszuscheiden – denn ich kann sagen, das kriegt ihr gut hin, das ist jetzt so positiv angelaufen. Den nächsten 14 Bänden wünsche ich heute schon viel Glück und Erfolg. Ihnen allen danke ich sehr für Ihr Kommen. Für mich war es – und ich hoffe für Sie auch – eine hochinteressante Tagung. In der Kürze lag wirklich die Würze in diesem Falle. Und wir werden jetzt ja – das haben wir gestern besprochen – jedes Jahr eine Konferenz machen, an der der Beirat beteiligt ist. Diese Möglichkeit besteht, und sie zeigt den Vorteil dessen, dass wir von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und nicht mehr von der »armen« Universität Mannheim »gesponsert« werden. Mir bleibt nur zu sagen: Ich bedanke mich ganz herzlich.

JHK 2008

Wer gründete die Komintern? Zur Geschichte einer Fotografie

Wladislaw Hedeler / Alexander Vatlin

Um die Gründungsgeschichte der Komintern in Moskau ranken sich bis auf den heutigen Tag zahlreiche Legenden. Deren Nährboden war und ist neben dem konspirativen Charakter der Tätigkeit der Weltorganisation die lückenhafte Überlieferung ihrer Doku-mente. Die 1929 aus Anlass des zehnten Jahrestages der Gründung herausgegebene Dokumentation leiteten A. Tivel’ und Mauno Heimo mit der Feststellung ein: »Wir verfügen noch nicht über eine Geschichte der Komintern.«1 Mit Blick auf ihren ersten Kongress trifft diese Aussage auch heute noch zu. Ein vollständiges Protokoll der rückwirkend zum Gründungskongress erklärten und damit aufgewerteten internationalen kommunistischen Konferenz im Kreml ist nicht erhalten. Im Kominternarchiv, das heute im Russischen Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (RGASPI)2 in Moskau aufbewahrt wird, sind lediglich Stenogramme einiger Reden sowie Protokollnotizen überliefert.3 Bei den russischsprachigen Ausgaben des Protokolls4 handelt es sich um eine Anfang der 30er-Jahre erweiterte und redigierte Fassung der deutschsprachigen, 1919 in Wien und 1920 in Petrograd erschienenen Publikation.5 Über die Gründung einer neuen, »vom Opportunismus gereinigten Internationale« sprachen die Bolschewiki schon seit Beginn des Ersten Weltkrieges. Nach der Oktoberrevolution sollte diesen theoretischen Überlegungen die praktische Umsetzung folgen. Doch der Bürgerkrieg und die Isolierung Sowjetrusslands von den europäischen Staaten verhinderten vorerst die angestrebte Einberufung eines Gründungskongresses. Erst am 28. September 1918 beschlossen die sowjetischen Parteiführer, einen internationalen Kommunistenkongress vorzubereiten und dafür Kontakte »zu allen großen ausländischen sozialistischen Parteien, die auf dem Boden unserer Plattform stehen«, aufzunehmen.6 Lenin drängte auf die Durchführung eines Kongresses in allernächster Zeit. Er ließ keinen Zweifel daran, dass das entscheidende Kriterium für die Auswahl der Delegierten deren solidarische Haltung zur russischen Revolution sein würde: Sie müssten dafür eintreten, schrieb er an Georgij Čičerin, »dass der Typus der Sowjetmacht höher und dem Sozialismus näher ist«.7 Im Brief benannte Lenin die anzuschreibenden Parteien und Organisationen. Die nachfolgende Vorbereitungsarbeit hatte zwei Schwerpunkte: Zum einen wurden die notwendigen programmatischen Dokumente vorbereitet und zum anderen die Delegierten ausgewählt. Dabei traten besondere Schwierigkeiten auf, denn Sowjetrussland war isoliert, und außer in Deutschland und Österreich gab es keine handlungsfähigen kommunistischen Parteien. Die im Kominternarchiv aufbewahrten Dokumente beleuchten schlaglichtartig die Extremsituation und die Umstände, unter denen Lenins Forderungen umgesetzt wurden. Ende Januar 1919 nahmen einige ausländische Verbündete der Bolschewiki an der Vorbereitungstagung des Ersten Kongresses in Russland teil und warteten dann in Moskau auf dessen Eröffnung. So lebten z. B. der Schweizer Fritz Platten und der Norweger Emil Stang im Kreml. Die Bolschewiki taten alles, »damit die Ausländer sich wohl- und als willkommene Gäste fühlen«.8 Schwieriger stand es jedoch um jene Delegierten, die aus dem Ausland erwartet wurden. Es gelang nur dem Berliner Hugo Eberlein und dem Wiener Karl Steinhardt, sich bis Moskau durchzuschlagen, um am Kominternkongress teilzunehmen. Dessen gesamte Vorbereitung oblag dem Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten (VKAA), welches von Čičerin geleitet wurde. Er schickte im Vorfeld Telegramme an die Gremien der kommunistischen bzw. anderer linker Parteien in den an Russland grenzenden Staaten und forderte die Entsendung von verantwortlichen Genossen. Doch die Antworten waren beunruhigend. Als Vertreter der Finnen und Esten trafen Emigranten ein, die sich bis dahin in Petersburg aufgehalten hatten. Lettland – die Sowjetrepublik lag hier in den letzten Zügen – schickte eine Absage, sodass kurzerhand der in Moskau lebende Mitarbeiter des Volkskommissariats für Nationalitätenfragen Karl Gajlis als lettischer Vertreter ernannt wurde. In Moskau befand sich auch der Litauer Kazimir Gedris9, der Litauen und Weißrussland vertreten sollte. Józef Unšlicht, einer der Führer der kurzlebigen Litauisch-Weißrussischen SSR, nahm am Kongress als Abgesandter der polnischen Kommunisten teil. Christian Rakovskij, der Führer der Sowjetukraine, ein Bulgare, sollte die Balkanstaaten vertreten. Am 26. Februar telegrafierte er aus Char’kov, dass »es keinerlei Möglichkeit gibt, die Genossen vom Balkan zu informieren«, und dass er selbst wegen des Parteitags der KP(B)U nicht vor dem 10. März in Moskau eintreffen könne. Nach Lenins Intervention fand man einen Kompromiss, Rakovskij reiste zur Eröffnung der Konferenz mit einem Sonderzug nach Moskau und kurz darauf zurück, um am 6. März wieder in Char’kov zu sein.10 Am 28. Februar hatte die Vorbereitungskommission unter Wahrung aller Regeln der Konspiration das endgültige Programm beschlossen. Im Beschluss ist nachzulesen: »Die ersten Sitzungen der Konferenz sollen geheim bleiben. Eine öffentliche Feierlichkeit zu Ehren der Konferenz soll am Ende stattfinden ... Die Beschlüsse der Konferenz können erst veröffentlicht werden, wenn alle Delegierten zu Hause sind.«11 Da keine Hoffnung auf die Anreise von Delegierten aus weit entfernten Staaten bestand, mussten sie durch in Russland lebende Kommunisten unterschiedlicher Nationalität ersetzt werden. Die entscheidende Rolle fiel der Föderation der ausländischen Gruppen beim ZK der KPR(B) sowie dem Zentralbüro der kommunistischen Organisationen der Völker des Ostens (ZVO) zu. Darüber berichtet Aino Kuusinen, die Ehefrau des finnischen Delegierten Otto Kuusinen: »Das Ergebnis dieser vorbereitenden Zusammenkunft war, dass Lenin Anfang 1919 eine größere Gruppe in Moskau einberief, um die Gründung einer Dritten Internationale zu besprechen. Mit Ausnahme von Hugo Eberlein aus Deutschland, einem Österreicher und ein paar Russen waren alle Teilnehmer an dieser Konferenz politische Flüchtlinge oder Verbannte aus dem Ausland, die im Augenblick in der Sowjetunion lebten oder sich auf der Durchreise befanden. Eberlein war der einzige bevollmächtigte Vertreter einer kommunistischen Organisation ausserhalb der Sowjetunion. Ausser ihm hatte keiner der ausländischen Teilnehmer das Recht oder die Vollmacht, für irgendjemand anderen als für sich selbst zu sprechen. Einmal erwähnte Kuusinen mir gegenüber die Komik, die darin bestand, dass einige dieser sogenannten Abgeordneten das Land, das sie angeblich vertraten, nie gesehen hatten.«12 Wie dem auch sei, die Konferenz nahm jedenfalls am 2. März 1919 ihre Arbeit auf und fasste am 4. März den Beschluss, sich als Gründungskongress der Kommunistischen Internationale zu konstituieren. Dafür stimmten alle Delegierten mit beschließender Stimme. Insgesamt nahmen – laut Protokoll – 52 Delegierte an den Beratungen teil. Was die Anstrengungen der mit der Suche nach geeigneten Delegierten beauftragten Institutionen letztendlich bewirkten, hält das zum Abschluss des Kongresses aufgenommene Gruppenbild fest. Auf dem im Tagungsraum vom Fotografen Jakov Štejnberg (1880–1942) am 6. März 1919 geschossenen Foto sind 55 Personen zu sehen.13 Überliefert ist die Beteiligung von 60 Personen (siehe die Aufstellung am Ende des Artikels). Es ist nicht das einzige Foto des Kongresses, außer Štejnberg hatten auch andere Fotografen14 den Auftrag, ihn im Bild festzuhalten. Ihre Fotos fanden Aufnahme in die Publikationen zur Geschichte der Komintern. Dagegen ist das Gruppenbild, das eigentlich das Paradefoto der neuen Weltorganisation darstellen sollte, schnell in Vergessenheit geraten. Erst in den Jahren der Perestrojka wurde es wieder veröffentlicht; namentliche Erwähnung fanden dabei nur 14 Personen, die in Lenins Nähe standen.15 Doch wer ist auf diesem Foto abgebildet? Obwohl nur wenige biographische Quellen vorhanden sind, konnten Angaben zu 41 Personen ermittelt werden. 36 der 55 Abgelichteten, darunter acht Mitarbeiter, wurden bisher identifiziert (ihre Namen sind in der Aufstellung am Ende des Aufsatzes kursiviert).16 Auf dem Foto sind drei Frauen zu sehen. Nachweislich nahmen mindestens vier Frauen am Kongress teil: Angelica Balabanoff, Léonie Kascher-Lichtenstein, Aleksandra Kollontaj und Serafima Gopner. Als das Foto aufgenommen wurde, war Gopner bereits abgereist. Zu 24 Abgebildeten gibt es in der Fachliteratur eher lückenhafte Angaben. Auf den ersten Blick scheint dies unerklärlich, denn gerade die Anwesenheit der Delegierten wurde stets – nicht zuletzt in der Debatte um den richtigen oder verfrühten Zeitpunkt der Gründung der Komintern – als Beweis für die Internationalität der Organisation angeführt. Dieses große Gruppenbild der Komintern-Gründer wurde unseres Erachtens u. a. nur deshalb selten veröffentlicht, weil viele der auf dem Bild abgelichteten Personen später dem Großen Terror zum Opfer fielen. Nachweislich wurden 21 Teilnehmer des Gründungskongresses in den Jahren des Terrors in der UdSSR verfolgt, eingesperrt oder umgebracht. Doch kann dies allein die Nichtverbreitung des Fotos nach dem Dritten Kongress 1921 nicht hinreichend erklären. Relevanter erscheint uns, dass gerade dieses Gruppenbild die sowjetrussische Dominanz des Gründungskongresses belegt und vor allem die führenden Repräsentanten der später in der Komintern vertretenen Parteien fehlten. Von den auf dem Foto zu sehenden und im Stenogramm des Ersten Kongresses genannten Personen verließen später zwei die Kommunistische Internationale, 15 von ihnen arbeiteten nachweislich zum Zeitpunkt des Gründungskongresses bzw. danach im Partei- oder Staatsapparat bzw. in der politischen Polizei der Sowjetunion. Über die meisten der im Protokoll des Ersten Kongresses erwähnten im Kreml vertretenen 35 Organisationen aus 21 Ländern liegen nur spärliche Informationen vor. Isaac Deutscher vermutete, dass es sich bei den Gründungsvätern der Komintern um Vertreter kleiner marxistischer oder pazifistischer Sekten handelte, »die in den Winkeln und Ritzen der europäischen Arbeiterbewegung nisteten«.17 Die Materialien der Mandatsprüfungskommission des Kongresses erlauben uns, die reale Situation zu rekonstruieren. Der Löwenanteil der Mandate wurde von ausländischen Gruppen gestellt, die der russischen KP angeschlossen waren. So delegierte z. B. die ungarische Gruppe den Kommunisten Endre Rudnyánszky zum Kongress, ohne dafür irgendwelche Vollmachten zu haben. Nach demselben Muster wurde mit dem Koreaner Jakov Kajn und dem Tschechen Jaroslav Handlir verfahren.18 Eine weitere Gruppe bildeten die Vertreter des ZVO. Als solche nahmen Magomet Al’temirov, Miržafar Bagirov, Chusain Bekentaev, Mirza Gusejnov, Gaziz Jalymov, Kasim Kasimov und Burhan Mansurov am Gründungskongress teil. In diesem Zusammenhang sind auch der türkische Kriegsgefangene Mustafa Subhi und der Georgier Tengis Žgenti zu nennen.19 Alle Mandate für die hier genannten Delegierten unterschrieb Stalin persönlich, denn das Zentralbüro gehörte zu dem vom ihm geleiteten Volkskommissariat für Nationalitätenfragen. Seine Unterschrift findet sich auch auf den Mandaten der Vertreter der KPR(B) Nikolaj Bucharin, Čičerin, Lev Trockij, Vaclav Vorovskij und Grigorij Zinov’ev20 sowie auf dem auf seinen Namen ausgestellten. Dort hatte er handschriftlich hinzugefügt »mit beschließender Stimme«.21 Stalin nahm jedoch nicht am Kongress teil, vielleicht weilte er zu dieser Zeit an der Front. Auffällig ist, und die bislang im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung über die Komintern veröffentlichten Artikel bestätigen die These, dass die Geschichtsschreibung der Weltorganisation genau genommen nicht mit dem Ersten Kongress, sondern in der Regel mit dem Zweiten oder Dritten Kongress einsetzt. Sowohl die Zeitgenossen Lenins als auch die das Ereignis kommentierenden Historiker wiesen und weisen darauf hin, dass es trotz anhaltender Anstrengungen »nicht gelungen war, wirklich repräsentative Delegierte zur Anreise zu bewegen«,22 und heben die Bedeutung des Ereignisses hervor: »Für Lenin jedoch war es ein Triumph, in seiner Vorstellung von nicht geringerer historischer Bedeutung als die bolschewistische Machtergreifung in Russland. Das eine wie das andere Ereignis war seiner Idee entsprungen und durch seine Willenskraft zur Tat geworden. Beide hatten ihre Wurzel im Grundgedanken seiner Theorie der Revolution als das Werk einer revolutionären Elite.«23 In der Vorstellungswelt der Bolschewiki konnte allein diese revolutionäre Elite die bevorstehende Revolution kommandieren. So sah das auch Karl Radek, der im Oktober 1918 an Alfred Ransom in Stockholm schrieb: »Wir werden jetzt die Rolle einer Partei im Weltmaßstab spielen. Das, was wir für Russland waren, muss jetzt auf eine breitere Basis gestellt werden. Und ich bin mir sicher, dass kein halbes Jahr vergehen wird, bis unsere Leute die Führung der Bewegung in allen europäischen Hauptstädten innehaben werden. Solange die europäische Bewegung nicht über eine eigene Erfahrung verfügt, werden wir ihr die Offiziere stellen. Sie haben keine Vorstellung von der Stimmung der Volksmassen hier. Die Masse spürt instinktiv die Revolution, so, wie der Geier das Aas.«24 Im März 1919 schien das noch eine reale Perspektive zu sein. Denn die Volksmassen waren nach dem barbarischen Ersten Weltkrieg in Bewegung, eine proletarische Armee stand bereit, und russische Kommissare gab es genug – es fehlte lediglich der Generalstab der bevorstehenden Weltrevolution. Und der wurde nun in Moskau in Gestalt der Komintern geschaffen. Von Symbolwert für die damalige Situation sind Plattens Worte zum Ende der Sitzung am 5. März: »Ich muss bitten pünktlich zu sein, denn Genosse Lenin bemerkt eben, dass die Sitzung morgen um 11 beginnt, unabhängig davon, ob alle da sind oder nicht.«25 Im Streben, den »stinkenden Leichnam der Zweiten Internationale« (Lenin) hinter sich zu lassen, erblickte in Moskau ein weiteres Produkt des ruhelosen Lenin’schen Schöpfertums das Licht der Welt. Und dabei war es Lenin letztendlich egal, ob die Leute aus der europäischen Arbeiterbewegung anwesend waren oder nicht. Teilnehmer am Gründungskongress der Komintern 1919 Ajkuni, Gurgen (1889 – 1966) – Delegierter der KP Armeniens. Al’temirov, Magomet (*1891) – Deleg. der Sektion der Kaukasusvölker des ZVO. Bagirov, Miržafar (1895 – 1956) – Deleg. der Azerbajdžaner Sektion des ZVO. Balabanoff, Angelica (1878 – 1965) – Deleg. der Zimmerwalder Kommission. Bekentaev, Chusain (1896 – 1937) – Deleg. der kirgisischen Sektion des ZVO. Bucharin, Nikolaj (1888 – 1938) – Deleg. der KPR(B). Čičerin, Georgij (1872 – 1936) – Deleg. der KPR(B). Dshorow, Stojan (1878 – 1950) – Deleg. der bulgarischen kommunistischen Gruppe. Eberlein, Hugo (1887 – 1941) – Deleg. der KPD. Fineberg, Joseph (1886 – 1957) – Deleg. der englischen kommunistischen Gruppe. Frejlich, M. – Deleg. der KP Ost-Galiziens. Gajlis, Karl (1888 – 1960) – Deleg. der KP Lettlands. Gedris, Kazimir (1891 – 1926) – Deleg. der KP Litauens und Weißrusslands. Gopner, Serafima (1880 – 1966) – Deleg. der KP der Ukraine (B). Grimlund, Otto (1893 – 1969) – Deleg. der Linken sozialdemokratischen Partei Schwedens. Guilbeaux, Henri (1884 – 1938) – Französischer Vertr. der Zimmerwalder Linken. Gusejnov, Mirza (1894 – 1938) – Deleg. der persischen Sektion des ZVO. Handlir, Jaroslav (1888 – 1942) – Deleg. der tschechischen kommunistischen Gruppe. Iochel’, Josif (1894 – 1927) – Mitarbeiter des VKAA. Jakubovič, Ignatij (*1881) – Mitarbeiter des VKAA. Jalymov, Gaziz (1885 – 1937) – Deleg. der Turkestaner Sektion des ZVO. Kajn, Jakov (*1894) – Deleg. der Koreanischen Arbeiterunion. Kamenev, Lev (1883 – 1936 ) – Vors. d. Moskauer Rates der Stadt. Kantorovič, Boris (*1891) – Mitarbeiter des VKAA. Kascher-Lichtenstein, Léonie (1890 – 1957) – Deleg. der Schweizer kommunistischen Gruppe. Kasimov, Kasim – Deleg. der baškirischen Sektion der ZVO Russlands. Klinger, Gustav (1876 – 1943) – Deleg. der Sektion der Russlanddeutschen in der KPR(B). Kollontaj, Aleksandra (1872 – 1952) – Dolmetscherin. Mitglied des ZK der KPR(B). Kuusinen, Otto (1881–1964) – Deleg. der KP Finnlands. Lenin, Vladimir (1870 – 1924) – Deleg. der KPR(B). Liu Shaozhou (1892 – 1970) – Vors. des ZEK des Bundes chinesischer Arbeiter in Petrograd. Manner, Kullervo (1880 – 1936) – Deleg. der KP Finnlands. Mansurov, Burhan (1889 – 1943) – Deleg. der Sektion der Volga-Tataren der ZVO Russlands. Milkić, Ilija (1884 – 1968) – Deleg. der jugoslawischen kommunistischen Gruppe. Obolenskij, Valerian Valerianovič (1887 – 1938) – Deleg. der KPR(B). Pascal, B. – Mitarbeiter. Pögelmann, Hans (1875 – 1938) – Deleg. der KP Estlands. Petin, Karl (*1887) – Deleg. der Sektion der Russlanddeutschen in der KPR(B). Piljavskij – Mitarbeiter. Platten, Fritz (1883 – 1942) – Deleg. der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (Opposition). Rachja, Ivan (1887 – 1920) – Deleg. der KP Finnlands. Rachja, Ėjno (1885 – 1936) – Deleg. der KP Finnlands. Rakovskij, Christian (1873 – 1941) – Deleg. der Revolutionären sozialdemokratischen Balkanföderation (Bulgarische Engherzige und KP Rumäniens). Rejnštejn, Boris (1866 – 1947) – Deleg. der American Socialist Propaganda League. Rudnyánszky, Endre (1884 – 1943) – Deleg. der KP Ungarns. Rutgers, Sebald (1879 – 1961) – Deleg. der holländischen sozialdemokratischen Gruppe, American Socialist Propaganda League. Sadoul, Jacques (1881 – 1956) – Deleg. der französischen kommunistischen Gruppe. Sirola, Yrio (1876 – 1936) – Deleg. der KP Finnlands. Šklovskij, Grigorij (1875 – 1937) – VKAA. Skrypnik, Nikolaj AlekseeviČ (1872 – 1933) – Deleg. der KP der Ukraine (B). Stange, Emil (1882 – 1964) – Deleg. der Sozialdemokratischen Partei Norwegens. Steinhardt, Karl (1875 – 1963) – Deleg. der KP Deutsch-Österreichs. Steklov, Jurij (1873 – 1941) – Chefredakteur der Zeitung »Izvestija«. Subhi, Mustafa (1883 – 1921) – Deleg. der türkischen Sektion des ZVO. Trockij, Lev (1879 – 1940) – Deleg. der KPR(B). Unszlicht, Józef (1879 – 1938) – Deleg. der KP Polens. Vorovskij, Vaclav (1871 – 1923) – Deleg. der KPR(B). Žgenti, Tengis (1887 – 1937) – Deleg. der Georgischen Sektion des ZVO. Zhang Yongkui (1893 – 1977) – Sekr. der Union der chinesischen Bürger in Russland. Zinov’ev, Grigorij (1883 – 1936) – Deleg. der KPR(B). 1 Tivel’, Aleksandr / Chejmo, Mauno (Hrsg.): 10 let Kominterna v rešenijach i cifrach, Moskva 1929, S. 5. 2 Siehe hierzu das Findbuch des Russischen Staatsarchivs für soziale und politische Geschichte Moskau (RGASPI) und das von Grant M. Adibekov, Ėleonora N. Šachnazarova und Kiril K. Širinja herausgegebene Handbuch: Organizacionnaja struktura Kominterna 1919–1943, Moskva 1997. Die lückenhafte Überlieferung trifft auch für das erste Jahr des Bestehens zu. Bis Dezember 1919 wurden z. B. keine Protokolle der Sitzungen des Kleinen Büros des EKKI angefertigt. Siehe hierzu: Adibekov, Grant M. / Adibekova, Žana G. / Rogovaja, Larissa A. / Širinja, Kiril K. (Hrsg.): Politbjuro CK RKP(b)-VKP(b) i Komintern 1919–1943. Dokumenty, Moskva 2004, S. 30. 3 Mehr oder weniger vollständig erhalten sind die Protokolle der Sitzungen am 4. und 5. März. RGASPI. F. 488. Op. 1. D. 7, 8. 4 Pervyj kongress Kommunističeskogo Internacionala. Protokoly zasedanij v Moskve s 2 po 6 marta 1919 goda. Petrograd 1921; Pervyj kongress Kominterna. Mart 1919, Moskva 1933. 5 Die Gründung der Dritten Internationale. Erste Konferenz der Kommunistischen Internationale in Moskau, abgehalten vom 2. bis 6. März 1919. Herausgegeben von der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs, Wien 1919. 6 RGASPI. F. 17. Op. 84. D. 1. L. 1. 7 W. I. Lenin an G. W. Tschitscherin. 27. oder 28.12.1918. In: Lenin: Briefe. Bd. V. 1917–1919, Berlin 1968, S. 221–224, hier S. 222. 8 RGASPI. F. 488. Op. 1. D. 2. L. 14. 9 Ebenda. L. 7, 21. 10 Ebenda. L. 9, 15. 11 Ebenda. L. 23. 12 Kuusinen, Aino: Der Gott stürzt seine Engel, Wien 1972, S. 43. 13 Erstveröffentlichung in: Kommunističeskij Internacional, Petrograd 1919, Nr. 2, S. 193. 14 Den Verlauf des Kongresses fotografierten auch Viktor Bulla (1883–1944) und Mosej Nappel’baum (1869–1958). 15 Izvestija CK KPSS 1989, 3, S. 124 f. 16 Einen bedeutenden Anteil an der Identifizierung der Personen auf dem Foto hatte M. P. Eremin, der in den 50er-Jahren Teilnehmer und Zeitzeugen befragte. RGASPI. F. 488. Op. 2. D. 38. 17 Deutscher, Isaac: Trotzki. I. Der bewaffnete Prophet, Suttgart 1972, S. 424. 18 RGASPI. F. 488. Op. 1. D. 11. L. 6, 8, 9, 36. 19 Ebenda, L. 11, 21–30. 20 RGASPI. F. 488. Op. 1. D. 11. L. 14–18. 21 Ebenda, L. 13. 22 Broué, Pierre: Trotzki. Eine politische Biographie. Bd. 1, Köln 2003, S. 374. 23 Braunthal, Julius: Geschichte der Internationale, Hannover 1963, Bd. 2, S. 180. 24 Zit. nach: Vatlin, Alexander: Im zweiten Oktober. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, S. 180–200, hier S. 198. 25 RGASPI. F. 488. Op. 1. D. 8. L. 38. Im 1933 veröffentlichten Protokoll auf S. 160. Die Tagung begann am darauffolgenden Tag um 11:30 Uhr.

JHK 2008

Kommunismusbekämpfung. Das Wiener Beispiel 1918–1921

Verena Moritz / Hannes Leidinger

Auf den nachfolgenden Seiten wird der Versuch unternommen, die von den militärischen und polizeilichen Behörden in Wien ausgehenden antikommunistischen bzw. antibolschewistischen Maßnahmen im letzten Jahr des Bestehens der Habsburgermonarchie und in den ersten drei Jahren der (deutsch)österreichischen Republik1 zu skizzieren und insbesondere im Zusammenhang mit den offiziellen Beziehungen zu Sowjetrussland zu betrachten. Dabei werden nicht zuletzt personelle Kontinuitäten im Auge behalten. Insbesondere sollen die Rollen des Wiener Polizeipräsidenten Johann Schober und von Maximilian Ronge, dem letzten Chef des Nachrichtendienstes der k. u. k. Armee, beleuchtet werden.2 Letzte Abwehrmaßnahmen Den beiden freundschaftlich miteinander verbundenen Männern war schon vor Kriegsausbruch im Sommer 1914 die intensivierte Zusammenarbeit zwischen militärischem Geheimdienst und Polizei ein Anliegen gewesen. Dabei ging es unter anderem um die Frage der systematischen Erfassung spionageverdächtiger und anderer als staatsfeindlich eingestufter Personen sowie um den diesbezüglichen Informationsaustausch zwischen militärischen und zivilen Behörden.3 Die Notwendigkeit hierzu schien sich erst recht in Anbetracht der im Oktober bzw. November 1917 in Russlands Hauptstadt erfolgten Umwälzung zu bestätigen. Schon die ersten offiziellen Gespräche mit den neuen Machthabern in Petrograd ließen bei den Wiener Zentralstellen wenig Zweifel daran, dass die Bol´ševiki nicht zögern würden, die Bevölkerung der Donaumonarchie »mit ihren revolutionären Ideen zu verseuchen«.4 Ronge und Schober waren demgemäß der Meinung, dass auch nach einem mit Lenin und seinen Anhängern ausgehandelten Frieden der Abwehr »staatsfeindlicher Umtriebe« besondere Beachtung zu schenken sei.5 Die Befürchtung, die Ereignisse in Russland könnten sich in ähnlicher Weise im Habsburgerreich wiederholen, bestand bereits seit der Februarrevolution. Angesichts der weltrevolutionären Bestrebungen der Bol´ševiki ging freilich von Lenins Regime ungleich mehr Gefahr aus als zuvor von der gestürzten Provisorischen Regierung in Petrograd. Dass im Zuge der Jännerstreiks 1918 von Demonstranten Parolen der Bol´ševiki aufgegriffen worden waren, die über die Forderung nach einem sofortigen Frieden mit Sowjetrussland hinausgingen, hatte verdeutlicht, dass der Oktober 1917 durchaus eine konkrete und beispielgebende Wirkung auf die Arbeiterschaft des Habsburgerreiches hatte. Zwar war die mit der Entstehung von Räteorganen einhergehende Streikbewegung von den Sozialdemokraten »in geregelte Bahnen« gelenkt worden;6 die von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAPÖ) betriebene Deeskalation war aber nach Einschätzung der Wiener Zentralbehörden keineswegs ein Grund, Entwarnung zu geben. Im Gegenteil. In den kommenden Monaten befürchtete man weitere, vielleicht noch umfangreichere »staatsfeindliche Umtriebe«, als die Jännerstreiks es gewesen waren. In diesem Zusammenhang bereitete speziell der im Brester Frieden am 3. März 1918 festgelegte Gefangenenaustausch den Wiener Zentralstellen Kopfzerbrechen. Die bevorstehende Heimkehr hunderttausender Kriegsgefangener aus dem ehemaligen Zarenreich veranlasste die k. u. k. Beamten zu raschem Handeln.7 Als »Zeugen des Umsturzes« wurden die Heimkehrer, von denen viele den Indoktrinierungsversuchen der Kommunistischen Partei Russlands (KPR[b]) ausgesetzt gewesen waren, durch ein engmaschiges Kontrollsystem geschleust. Unter der Leitung des Generalobersten Josef Ritter Roth von Limanowa-Lapanonow erfolgte die Wiedereingliederung früherer Gefangener in die k. u. k. Armee in mehreren Etappen.8 Entlang der gesamten Ostfront errichtete die österreichisch-ungarische Heeresverwaltung 24 Übernahmestationen, in der die sogenannten »Rückläufer« gleichsam wie am Fließband abgefertigt wurden. Entlausung, erste Präsentierung, ärztliche Untersuchung, Perlustrierung – all das sollte innerhalb eines Tages geschehen.9 Der routinemäßigen, von vielen Betroffenen als unangemessen empfundenen »Begrüßung« folgten die im Normalfall auf zwei bzw. drei Wochen anberaumte medizinische Beobachtung und Ausbildungserneuerung in einem der insgesamt 53 Heimkehrerlager.10 Hier kam der Militärgeheimdienst ins Spiel. Sein Leiter, Oberst Maximilian Ronge, wurde zu einer Schlüsselfigur der österreichischen Kommunismusbekämpfung. 1918 war es die Aufgabe Ronges und seiner Mitarbeiter, die Heimkehrer neben einer »sanitären« auch einer »moralischen Quarantäne« zu unterziehen.11 Im Klartext hieß das Überwachung, Protokollaufnahme, ständige Exerzier- und Appellübungen sowie »weltanschauliche Erziehung« im Rahmen einer »Vaterländischen Bildungsarbeit« der »Feindespropaganda-Abwehrstelle«.12 Dass in Anbetracht der allgemeinen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage die Anstrengungen von Erfolg gekrönt sein könnten, glaubte indes nicht einmal der überzeugte Monarchist und Spionageexperte Max Ronge. »Es ist einleuchtend«, schrieb er später, »dass die Feststellung der wahren Gesinnung der Heimkehrer nicht leicht war, dass gerade die gefährlichsten es sehr wohl verstanden, sich zu verbergen, um dann auf Urlaub oder bei den Ersatzkörpern zersetzend zu wirken.«13 Einige taten das tatsächlich. In mehreren Orten der Donaumonarchie kam es unter den Ersatztruppenkörpern zu Erhebungen, im Zuge derer auch Offiziere getötet wurden. Die russische Revolution galt als Vorbild, zumindest manchen der »Meuterer«, die Ende Mai 1918 in Kraguejevac, Judenburg, Murau, Radkersburg, Rumburg und Pécs aufbegehrten.14 In Kragujevac wurden in der Folge 44 Männer, fast alle Russlandheimkehrer, hingerichtet. Sie seien, hieß es, von den »bolschewikischen Ideen« derart »besessen«, dass sie ihren dem Kaiser gegenüber geleisteten Treueid »schmählich« vergessen hätten.15 Nachrichten (N)-Offiziere wussten hingegen, dass die Rebellionen nicht nur ideologische Ursachen hatten. Die Versorgungsengpässe in den Heimkehrerlagern und später bei der Truppe empfanden viele Soldaten als besonders bedrückend: Selbst in russischer Gefangenschaft sei es ihnen besser ergangen als in der Heimat. Hinzu kamen der militärische Drill, der Argwohn und die schlechte Behandlung. Man verfahre mit den Heimkehrern, erklärte ein sozialdemokratischer Reichsratsabgeordneter im Wiener Parlament, wie mit »Verbrechern«.16 Aber obwohl Ronges Evidenzbüro über die Hintergründe der sogenannten »Unruhen und Exzesse« Bescheid wusste, änderte sich nichts an den Gepflogenheiten des »k. u. k. Heimkehrwesens«.17 Die Strenge und Uneinsichtigkeit der österreichisch-ungarischen Generalstabsführung, behaupteten nach dem Ersten Weltkrieg selbst ehemalige hohe k. u. k. Beamte, habe mit zur bereits deutlich wahrnehmbaren Auflösung der Habsburgermonarchie beigetragen.18 Verschätzt hatten sich deren Repräsentanten, Diplomaten ebenso wie Militärs, nicht nur hinsichtlich der Lebens- bzw. Überlebensfähigkeit des eigenen Reiches, sondern auch in der Beurteilung der Lebenschancen von Lenins Regime. Nicht nur aus Sorge um eine mit der Ankunft eines sowjetrussischen Botschafters in der Donaumonarchie zu erwartende »revolutionäre Propagandatätigkeit«, sondern auch im Glauben an eine baldige Änderung der Machtverhältnisse im ehemaligen Zarenreich räumte man in Wien der Aufnahme geregelter diplomatischer Beziehungen mit Räterussland keinerlei Priorität ein. In diesem Sinne begannen die für die Durchführung des Gefangenenaustauschs zuständigen und nach Russland geschickten Offiziere des k. u. k. Kriegsministeriums im Sommer 1918 Kontakte zu Vertretern der früheren, also vorrevolutionären russischen Rotkreuzgesellschaft herzustellen, da man in ihnen künftige Kooperationspartner erblickte. Die Beziehungen zur mittlerweile nach Moskau übersiedelten Regierung unter Lenin und ihren mit Gefangenenangelegenheiten befassten Behörden blieben demgegenüber distanziert, um, wie es hieß, beim erwarteten Machtwechsel »nicht kompromittiert« zu sein.19 Doch die Prophezeiungen über das Ende von Lenins Herrschaft erfüllten sich nicht. Daran änderte auch der Umstand nichts, dass Wien beabsichtigte, die Heimkehr antibolschewistischer russischer Kriegsgefangener in ihre Heimat zu begünstigen, um jene Kräfte in Russland zu unterstützen, die sich gegen die Bol´ševiki gewandt hatten. Überdies musste befürchtet werden, dass die als antibolschewistisch eingestuften Gefangenen sich eventuell als »ententefreundlich« erweisen könnten.20 Auch die Strategie, die Aufnahme geregelter diplomatischer Beziehungen auf Grundlage eines Austauschs von Botschaftern hinauszuzögern, ging nur begrenzt auf. Zwar konnte vermieden werden, dass ein sowjetrussischer Gesandter nach Wien kam. Nicht zu verhindern war allerdings das Eintreffen einer Kriegsgefangenenfürsorgemission21 aus Moskau, der nolens volens ein quasi-diplomatischer Status zu bescheinigen war. Diese Mission, die im August 1918 ihre Tätigkeit in Österreich-Ungarn aufnahm, bestätigte die Befürchtungen der Wiener Behörden. Ihre Mitglieder, allen voran der Leiter Jakov Berman, widmeten sich bei Weitem nicht nur karitativen Aufgaben zugunsten der in der Donaumonarchie befindlichen russischen Kriegsgefangenen. Abseits der sogenannten Visitationen verschiedener Gefangenenlager waren laut den Überwachungsprotokollen der Wiener Polizei Treffen mit Vertretern linksradikaler Kreise ebenso an der Tagesordnung wie Besprechungen mit Persönlichkeiten aus der österreichischen Sozialdemokratie.22 Nur wenige Tage nach Ankunft der Mission riet Johann Schober daher dem k. u. k. Ministerium des Äußern, von Moskau die Abberufung Bermans zu fordern. Vergeblich. Die Bol´ševiki ignorierten den Wunsch der österreichisch-ungarischen Diplomaten und schickten vielmehr weitere Delegierte nach Wien, diesmal angeführt von einem Arzt mit Namen Boris Vejsbrod, dessen Aktivitäten sich kaum von jenen Jakov Bermans unterschieden. Letzterer hatte schließlich wesentlichen Anteil an der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs (KPDÖ) Anfang November 1918. Der Polizeipräsident wies Berman auch eine Schlüsselrolle im Zusammenhang mit den blutigen Ausschreitungen vor dem Parlament in Wien am Tag der Ausrufung der Republik zu.23 Ausgewiesen wurde die Mission Berman – Vejsbrod, die sich nach Schobers Urteil beinahe ausschließlich »bolschewistischer Propaganda« gewidmet hatte, erst im Jänner 1919, und zwar auf Betreiben des sozialdemokratischen Staatssekretärs des Äußern Otto Bauer.24 Kooperationen Während Schober sein Hauptaugenmerk auf die Aktivitäten Bermans und Vejsbrods richtete, war Maximilian Ronge bis zur endgültigen Auflösung des Habsburgerreiches bemüht, die Kommunismusbekämpfung auf eine breitere Basis zu stellen. Am 29. Oktober 1918 fuhr der Oberst nach München, um gemeinsame Maßnahmen von k. u. k. sowie deutschem Geheimdienst zur Abwehr der aus Russland importierten revolutionären Kräfte zu erörtern. Dass Kaiser Karl bereits das Bündnis mit dem Deutschen Reich aufgekündigt hatte, hinderte den Spionagechef nicht an diesem Schritt. Als Ronge aber am 30. Oktober nach Wien zurückkam, war die Lage bereits dramatisch verändert, das Auseinanderbrechen der Donaumonarchie nicht mehr zu verhindern. Jetzt, meinte er resigniert, müss-ten all die entstandenen bzw. im Entstehen begriffenen »Kleinstaaten« allein gegen den Bolschewismus vorgehen.25 Dass Ronge in seinen Befürchtungen bezüglich eines raschen Vordringens des Bolschewismus nicht übertrieb, schienen die Meldungen, die in diesen letzten Tagen des Bestehens der Habsburgermonarchie in Wien eintrafen, zu bestätigen. »Einer aus verläßlicher Quelle stammenden Meldung zufolge sollen revolutionäre Aktivitäten demnächst mit verstärkter Kraft einsetzen«, hieß es in einer Benachrichtigung des k. k. Ministeriums des Innern durch das österreichisch-ungarische Außenministerium vom 11. November 1918. »4000 von den in Rußland zurückgebliebenen Kriegsgefangenen, für welche eigene Propagandakurse eingerichtet wurden«, so das Schreiben weiter, »sollen teils zu unseren Truppen in der Ukraine, teils nach dem Alföld geschmuggelt werden, um die Zersetzungsarbeit zu beginnen.«26 Waren die Zahlen auch übertrieben, trafen die Angaben ansonsten durchaus zu. Hunderte Mitglieder der Zentralen Föderation ausländischer Gruppen bei der KPR(b), des Kerns der späteren Komintern, der Kommunistischen oder III. Internationale, waren von Lenin beauftragt worden, in ihre Heimatländer zurückzukehren und den Umwälzungen in Mitteleuropa ihren Stempel aufzuprägen. KP-Organisationen entstanden, kurzfristige Räterepubliken wurden sowohl in München als auch in Budapest ausgerufen. Der Druck auf Wien verstärkte sich. Dort kam es im April und im Juni 1919 zu blutigen Unruhen.27 Die damals in der Presse als »Kommunistenkrawalle« bezeichneten Ausschreitungen alarmierten auch die Westmächte – umso mehr, als im Falle des Erfolges eines kommunistischen Putschs in Österreich ein Zusammenschluss mit der benachbarten, zu dieser Zeit noch existenten ungarischen Räterepublik zu befürchten war. Lediglich die damals noch in Wien befindliche Elfriede Friedländer (Ruth Fischer) gab sich überzeugt, die Entente werde gegebenenfalls eine österreichische Räterepublik dulden. Ihrer Einschätzung konnten sich allerdings nicht einmal die optimistischsten Parteigenossen anschließen.28 Indes waren ehemalige k. u. k. Beamte immer noch damit beschäftigt, die Aufgabenbereiche der alten, aufgeblähten Bürokratie der Habsburgermonarchie den Bedürfnissen der kleinen Republik anzupassen. Viele Dienststellen aber wurden überhaupt »liquidiert«. Maximilian Ronge, der den Untergang des Habsburgerreiches zeitlebens nicht verwand, war allerdings über seinen Auftrag, den k. u. k. Militärgeheimdienst aufzulösen, hinausgegangen. Bis zur endgültigen »Liquidierung« des alten Apparates – Nachrichtenabteilung und Evidenzbüro –, der offiziell am 12. Juli 1919 die Arbeit einstellte, gelangte er weiterhin in den Besitz von ausführlichen Darstellungen über den »Bolschewismus« auf dem Gebiet des ehemaligen Zarenreiches, den Kommunismus in Europa und nicht zuletzt in Österreich.29 Ronge und seine Mitarbeiter waren damit zum Teil mit ähnlichen Aufgaben befasst wie das »neue Evidenzbüro«, die Abteilung 1/N des deutschösterreichischen Staatsamtes für Heerwesen, deren Nachrichtenstellen zur gleichen Zeit Akten über den »russischen Bürgerkrieg« und die »kommunistische Bewegung in Ungarn und Jugoslawien« anlegten.30 Nachdem aber das Staatsamt auch die Abteilung 1/N mit Wirkung vom 1. April 1920 für aufgelöst erklärt hatte, mussten neue Wege gefunden werden, um »staatsgefährdenden Bewegungen« entgegenzutreten.31 Maximilian Ronge blieb mit seinen N-Offizieren in Kontakt. Der vitale Personenverband stand bald in Verbindung mit antimarxistischen beziehungsweise legitimistischen Geheimbünden.32 Der ehemalige k. u. k. Evidenzbürochef selbst bot sich mit Unterstützung enger Vertrauter dem christlichsozialen Parteisekretariat an, für das er gleichfalls nachrichtendienstlich tätig wurde.33 Wichtiger aber waren Ronges Getreue für den ambitionierten Wiener Polizeipräsidenten und zeitweiligen Bundeskanzler Johann Schober. Chiffrespezialisten des alten Militärgeheimdienstes stellten sich Schober zur Verfügung, dessen Apparat den Systemwechsel verhältnismäßig unbeschadet überstanden hatte. Umso glaubhafter verkörperte die Exekutive den einzigen Ordnungsgaranten in der unruhigen Zeit der frühen Republik – und zwar nicht allein in den Augen des Bürgertums, sondern anfangs auch aus der Sicht der Sozialdemokratie.34 Deren Parteispitze und insbesondere der SP-Staatssekretär des Innern, Matthias Eldersch, ließ beispielsweise die »Schoberpolizisten« gewähren, als sie Mitglieder der KPDÖ und »Emissäre« Béla Kuns während der innenpolitischen Spannungen vom Juni 1919 verhafteten. Gegen Gewalt müsse man mit Gewalt vorgehen, argumentierte man in der SDAPÖ, die auch die österreichische Rätebewegung und die von ihr dominierte Volkswehr auf antisowjetischen Kurs brachte.35 Parallel dazu legte die Polizei eine härtere Gangart ein. Verdächtige Ausländer, allen voran Linkssozialisten und Kommunisten, wurden bei kleinsten Delikten ausgewiesen, »abgeschafft«, bereits am Grenzübertritt gehindert oder sogar an das autoritäre Horthy-Regime in Ungarn ausgeliefert.36 Noch vor Ende der ungarischen Räterepublik hatte zwischen der Wiener Polizei und gegenrevolutionären ungarischen Kräften ein »vertrauensvolles Verhältnis« bestanden, »das auf die Bekämpfung des gemeinsamen Feindes, des Bolschewismus, gegründet war«.37 Obwohl sich ab August 1919 die Situation im Nachbarland grundlegend änderte, blieb die Wiener Polizei wachsam; umso mehr, als einige hochrangige Repräsentanten der ungarischen Räterepublik nach Österreich geflohen waren. Vor diesem Hintergrund strengte Johann Schober eine Reorganisation des österreichischen Sicherheitswesens an. Die Sozialdemokraten stimmten zu, als Schober, in Anlehnung an »altösterreichische« Traditionen, eine der Wiener Polizeidirektion angeschlossene »Politische Zentralevidenzstelle«, kurz ZESt, schuf. Ihr Wirkungskreis erstreckte sich auf das gesamte Bundesgebiet, auf In- und Ausländer, auf »Bedrohungen« dies- und jenseits der Landesgrenzen. Vom Prinzip einer totalen, wenn auch schwer durchführbaren Kontrolle ausgehend, wurde die seit Jahresmitte 1920 arbeitende ZESt, die für einige Jahre auch das militärische Kundschaftswesen »in den an die Republik Österreich unmittelbar angrenzenden Nachbarstaaten übernehmen« sollte, zur Zentralinstanz des Schober’schen Überwachungsapparates. Dementsprechend waren alle Behörden angehalten, der »Zentralevidenzstelle« zuzuarbeiten.38 In der Praxis zeigten sich jedoch nicht alle Behörden vorbehaltlos kooperationsbereit – ganz anders als das »Kriegsgefangenen- und Zivilinternierten-Amt« mit seinem stellvertretenden Leiter, der seit März 1920 Maximilian Ronge hieß.39 Offiziell vor allem mit der Repatriierung von Gefangenen befasst, konnte der frühere k. u. k. Geheimdienstchef so auch weiterhin, ebenso wie in den letzten Monaten der Donaumonarchie, die weltanschauliche Position der Heimkehrer überprüfen. Zudem gelangte das Kriegsgefangenen-Amt in den Besitz unzähliger Informationen zur Entwicklung Sowjetrusslands. Solche Papiere wurden dann an die Wiener Polizeidirektion weitergeleitet, deren Kontrollapparat in der Praxis hauptsächlich gegen die »Linke« eingesetzt wurde. Dabei gehörte die Abhaltung von »Internationalen Nachrichtenkonferenzen zum Zwecke gemeinsamer Bekämpfung des Bolschewismus« ebenso zu den Präventivmaßnahmen wie etwa die Observierung sogenannter »lästiger Ausländer« und verdächtiger »Russlandheimkehrer«.40 Dass er nicht eben erwünscht war, spürte auch der Lenin-Vertraute Mieczysław Bronski-Warszawski, der als Folge des im Juli 1920 zwischen Österreich und Sowjetruss-land geschlossenen Vertrages von Kopenhagen nach Wien kam.41 Hier sollte er, nachdem die österreichisch-sowjetrussischen Beziehungen seit der Ausweisung der Mission Berman–Vejsbrod de facto zum Erliegen gekommen waren, den Abtransport der sich noch in Österreich aufhaltenden russischen Gefangenen aus dem Weltkrieg organisieren. Die »Heimkehrerfrage« hatte sich in Österreich zu einem innenpolitischen Dauerthema ausgewachsen. In Anbetracht des wachsenden Drucks der Bevölkerung, die eine endgültige Lösung des Problems forderte, hatte sich die österreichische Regierung entschlossen, vertragliche Abmachungen mit Sowjetrussland zu treffen. Maximilian Ronge erkannte bald, dass sich der Elan Bronskis und seiner Mitarbeiter, die Heimkehr der Kriegsgefangenen rasch in die Wege zu leiten, in Grenzen hielt. Schober, der Bronski rund um die Uhr observieren ließ, dürfte kaum überrascht gewesen sein, als sich offenbarte, dass der nunmehrige Missionsleiter, ebenso wie seine Vorgänger Berman und Vejsbrod, vor allem an der Entfaltung sogenannter »bolschewistischer Propaganda« interessiert war. Bronskis Tätigkeit, die unter anderem die Unterstützung von Aktivitäten der Komintern in Wien umfasste, weckte auch die Aufmerksamkeit der Repräsentanten der Westmächte, die im Übrigen der österreichischen Regierung ihre ablehnende Haltung im Zusammenhang mit dem Kopenhagener Vertrag deutlich zu erkennen gegeben hatten. Im August 1920 kommentierte Johann Schober die Entwicklung folgendermaßen: »Hieramts ist nun bekannt geworden, dass die Wiener Ententemissionen […] dem Verhalten Dr. Warszawski-Bronski’s in Wien ein lebhaftes Interesse zuwenden und zweifellos auch dessen Beobachtung durch dessen Organe beziehungsweise Vertrauensmänner veranlasst haben. Es muss nun schon jetzt der Erwägung der massgebenden Faktoren anheimgestellt werden, ob und inwieweit Dr. Warszawski-Bronski innerhalb der Grenzen seines Aufgabenbereiches bleibt, welche Wirkungen seine Tätigkeit auf die Gestaltung der innenpolitischen Verhältnisse ausüben kann und inwieweit sie geeignet ist, das für Österreich so notwendige Vertrauen der Westmächte zu beeinträchtigen.«42 Bronskis Stellung blieb allerdings unverändert. Nicht zuletzt, weil seine Abberufung die Heimkehr der noch in Sowjetrussland befindlichen Gefangenen nach Österreich gefährdet hätte. Als dann im Dezember 1921 ein Zusatzvertrag zum Kopenhagener Abkommen geschlossen wurde, der die beiderseitigen Kriegsgefangenmissionen in Wien und Moskau in den Rang bevollmächtigter Vertretungen mit konsularischen Befugnissen erhob, war es ausgerechnet der nunmehrige Bundeskanzler Johann Schober, der für Österreich seine Unterschrift unter die Vereinbarung setzte. Für Räterussland unterzeichnete Mieczysław Bronski. Der gebürtige Pole, dessen Aktivitäten Schober so scharf verurteilt hatte, wurde der erste offizielle Repräsentant Moskaus in Österreich. Ausblick Als die Repatriierungsarbeit des österreichischen Kriegsgefangenenwesens weitgehend abgeschlossen war und Maximilian Ronge neuerlich seine Arbeitsstelle wechseln musste, sorgte Johann Schober in Hinblick auf die bisherige Praxis der Kommunismusbekämpfung für Kontinuität. Als Innenminister und Bundeskanzler holte Schober den Verbündeten und Freund zu sich in sein Ressort. Beim Bundesministerium des Innern und später im Bundeskanzleramt wurde Ronge zum Jahreswechsel 1921/22 die Leitung des Militärmatrikenwesens anvertraut.43 Tatsächlich aber fungierte das unscheinbare Büro als Tarnadresse. Der ehemalige k. u. k. Spionagechef war weiterhin nachrichtendienstlich tätig und interessierte sich auch jetzt noch für Spätheimkehrer aus der Sowjetunion, die tatsächlich oder vermeintlich Sympathie für die KPR(b) gezeigt hatten.44 In dieser Funktion wurde das »Matrikenamt« auch Anlaufstelle für Diplomaten und Sicherheitsbehörden mittelost- und südosteuropäischer Länder, die sich bei der »Abwehr des Bolschewismus« besonders hervortaten. Speziell die rumänische Regierung bat diesbezüglich um eine Intensivierung der bilateralen staatspolizeilichen Kooperation.45 Ähnliche Bemühungen gab es seitens der jugoslawischen und ungarischen Behörden, die wiederum vor den Gefahren einer verstärkten Kominternaktivität in Wien warnten und auf die »Wühlarbeit« sowjetischer Auslandsdienste und kommunistischer Emigranten hinwiesen. Gerüchte über eine »Bolschewikenzentrale« in der österreichischen Bundeshauptstadt kursierten in Bukarest, Budapest und Belgrad, schließlich auch in Prag und London. Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitungen drohten das Image der ZESt frühzeitig zu ramponieren. Dennoch waren Schober, seinen Beamten und Verbündeten in gewisser Weise die Hände gebunden. Österreich bemühte sich um internationale Neutralität und war an Wirtschaftskontakten mit der UdSSR interessiert. 1924 nahmen die beiden Länder reguläre diplomatische Beziehungen auf.46 In der Wiener Polizeidirektion am Schottenring registrierte man bald darauf irritiert und mit Sorge die hohe Zahl an Beschäftigten in der Sowjetgesandtschaft und in der sowjetischen Handelsvertretung. Dass sich diese als Ausführende der sogenannten »Moskauer Propaganda« betätigen würden, stand außer Zweifel. Doch die Würfel waren gefallen. Von nun an mussten beim Kampf gegen den Kommunismus auch die diplomatischen Konsequenzen in den Beziehungen zur Sowjetunion beachtet werden. 1 Die ursprüngliche Bezeichnung »Deutschösterreich« wurde 1919 im Friedensvertrag von Saint Germain untersagt. 2 Johann Schober (1874–1832) wurde 1918, noch vor dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie, Wiener Polizeipräsident und war zweimal österreichischer Bundeskanzler, das erste Mal von Juni 1921 bis Mai 1922, das zweite Mal von September 1929 bis September 1930. Über Schober siehe Hubert, Rainer: Schober. »Arbeitermörder« und »Hort der Republik«. Biographie eines Gestrigen, Wien/Köln 1992. Maximilian Ronge (1874–1953) trat 1907 ins k. u. k. Evidenzbüro ein. Ab 1917 war er Chef der Nachrichtenabteilung des k. u. k. Armeeoberkommandos sowie des Evidenzbüros. In der Zwischenkriegszeit blieb Ronge in verschiedenen Funktionen für die Spionageabwehr zuständig. 1938 wurde er im Rahmen des ersten »Österreichertransportes« nach Dachau verbracht. Es folgten mehrere Wochen »Schutzhaft« in München. Mitte August 1938 wurde er entlassen. Nach 1945 war Ronge am Aufbau eines Militärgeheimdienstes des neuen österreichischen Bundesheeres beteiligt. Zu seiner Biografie siehe Moritz, Verena / Leidinger, Hannes / Jagschitz, Gerhard: Im Zentrum der Macht. Die vielen Gesichter des Geheimdienstchefs Maximilian Ronge, St. Pölten / Salzburg 2007. 3 Moritz / Leidinger / Jagschitz, Im Zentrum der Macht (Anm. 2), S. 117. 4 Moritz, Verena / Leidinger, Hannes: Zwischen Nutzen und Bedrohung. Die russischen Kriegsgefangenen in Österreich 1914–1921, Bonn 2005, S. 248. 5 Verschiedene Protokolle interministerieller Konferenzen betreffend Spionageabwehr und kommunistische Propaganda im Jahr 1918, in: Österreichisches Staatsarchiv (im Folgenden: ÖSTA)/Kriegsarchiv (im Folgenden: KA), Nachlass (im Folgenden: NL) Maximilian Ronge: B/126:2, S. 207–222, 273, 281, 406–411. 6 Zit. nach Hautmann, Hans: Geschichte der Rätebewegung in Österreich 1918–1924, Wien / Zürich 1987, S. 158. 7 Zur Regelung der Kompetenzverteilung bei Fragen des Gefangenenaustausches und der Heimkehrerbehandlung im Frühjahr 1918, in: ÖSTA/KA, Kriegsministerium (im Folgenden: KM)/10. Abt./Kgf. 1918: 10–20/1–12; Befugnisse und Personalauswahl für das Heimkehrwesen, Februar/März 1918, in: ÖSTA/KA, Armeeoberkommando (im Folgenden: AOK)/Op. Abt., Hk.-Grp. 1918: Op. Nr. 131657. 8 Generaloberst Roth, Aufgaben des Heimkehrwesens, in: ÖSTA/KA, NL Roth-Limanowa: B 14:12. 9 Przybilovski, Inge: Die Rückführung der österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen aus dem Osten in den letzten Monaten der k. u. k. Monarchie, Diss. Wien 1965, S. 78–87. 10 Ebenda, S. 90; Plaschka, Richard G. / Haselsteiner, Horst / Suppan, Arnold: Innere Front. Militärassistenz, Widerstand und Umsturz in der Donaumonarchie 1918, Wien 1974, Bd. 1, S. 281 f. 11 Ronge, Max: Kriegs- und Industrie-Spionage. Zwölf Jahre Kundschafterdienst, Wien / Leipzig 1930, S. 328. 12 Druckschriften der Vaterländischen Bildungsarbeit bei Feindespropaganda-Abwehrstelle, Frühjahr 1918, in: ÖSTA/KA, AOK/Evidenzbüro des Generalstabs (im Folgenden: Evb. d. Gstbs.)/Nachrichtenabteilung des AOK (im Folgenden: NA d. AOK), Vaterländische Bildungsarbeit, F.A.St., Karton 3825 und 3836; Ronge, Kriegs- und Industrie-Spionage (Anm. 11), S. 328. 13 Ronge, Kriegs- und Industrie-Spionage (Anm. 11), S. 329. 14 In den Verdacht, die aufbegehrenden k. u. k. Soldaten ideologisch zu beeinflussen, gerieten auch die in der Donaumonarchie befindlichen Gefangenen aus dem ehemaligen Zarenreich. Die österreichisch-ungarische Militärverwaltung vermutete damals, dass etwa die Meuterer in Judenburg von russischen Kriegsgefangenen, die in einem nahe gelegenen Lager konzentriert waren, »aufgehetzt« worden waren. Dazu siehe Wassermaier, Otto: Die Meuterei der Heimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft bei den Ersatzkörpern der k. k. Armee, Diss. Wien 1968, S. 179. 15 Zit. nach Hautmann: Geschichte der Rätebewegung (Anm. 6), S. 180 f. 16 Stenographische Protokolle des Hauses der Abgeordneten des Reichsrates (12. Wahlperiode) XXII. Session (letzte Session des Reichsrates vom 30.5.1917 bis 12.11.1918): 81. Sitzung vom 24. Juli 1918, Bd. 385a. 17 Moritz / Leidinger / Jagschitz: Im Zentrum der Macht (Anm. 2), S. 167. 18 Ebenda. 19 Moritz / Leidinger: Zwischen Nutzen und Bedrohung (Anm. 4), S. 249. 20 Ebenda, S. 255–260. 21 Die Bezeichnung »Mission« entspricht dem in den Quellen vorherrschenden Begriff. 22 Dazu Moritz, Verena/Leidinger, Hannes: Otto Bauer 1914–1919. Kriegsgefangenschaft und Heimkehr als Problem einer Biographie, in: Wiener Geschichtsblätter, Jg. 54, Heft 1 (1999), S. 1–21. 23 Botz, Gerhard: Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße, Putschversuche, Unruhen in Österreich 1918 bis 1934, München 1976, S. 32–36. 24 Moritz / Leidinger: Zwischen Nutzen und Bedrohung (Anm. 4), S. 299–303. 25 Moritz / Leidinger / Jagschitz: Im Zentrum der Macht (Anm. 2), S. 170. 26 Mitteilung des k. u. k. Außenministeriums an das k. k. Ministerium des Innern v. 11. November 1918, in: ÖSTA / Allgemeines Verwaltungsarchiv, Ministerium des Innern/Präs. 1918: Fasz. 2080. 22. Unruhen und Exzesse, Zl. 24717. 27 Leidinger, Hannes / Moritz, Verena: Gefangenschaft, Revolution, Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917–1920, Wien / Köln / Graz 2003, S. 528, 567, 580 und 589–619. 28 Zit. nach Hautmann: Geschichte der Rätebewegung (Anm. 6), S. 375. 29 Berichte über die Kommunistische Bewegung in Österreich, Mittel- und Osteuropa 1919–1921, in: ÖSTA/KA, Neue Feldakten/AOK, Evidenzbüro/Nachrichtenabt., Karton 3678 und Liquidierendes Evb., Nr. 633. 30 Dossier über die Aufgaben des Militärischen Nachrichtendienstes der deutschösterreichischen Republik vom 1. Dezember 1918, in: ÖSTA/Archiv der Republik (im Folgenden: AdR), Landesverteidigung/StA. F. HW., 1918/19, Abt. 1/N, Zl. 162. 31 Staatsamt für Heerwesen am 11. Dezember 1919 an das Staatsamt des Äußern über die »Einschränkung des militärischen Nachrichten- und Evidenzdienstes« ÖSTA/AdR, Bundesministerium für Äußeres (im Folgenden: BMfA)/Neues Politisches Archiv (im Folgenden: NPA), Politische Akten, Kt. 377, Liasse Österreich 31/II, Zl. 7338, fol. 202.; Max Ronge über das Ende des liquidierenden Evidenzbüros im Juli 1919, in: Privater Nachlass Ronge (im Folgenden: PNL Ronge), Tagebuch (im Folgenden: TB), Notiz vom 12. Juli 1919. 32 Moritz / Leidinger / Jagschitz: Im Zentrum der Macht (Anm. 2), S. 197 f. 33 Niederschrift des Oberleutnants Alfred Bauer vom 3. November 1920, in: Bundesarchiv, Berlin, NS 026/000649, Fol. 13. 34 Jagschitz, Gerhard: Die Politische Zentralevidenzstelle der Bundespolizeidirektion Wien, in: Jahrbuch für Zeitgeschichte 1978, S. 49–95, S. 60 und 76. 35 Hautmann: Geschichte der Rätebewegung (Anm. 6), S. 334 f. 36 Heiss, Gernot: Ausländer, Flüchtlinge, Bolschewiken: Aufenthalt und Asyl 1918–1933, in: ders./Rathkolb, Oliver (Hrsg.): Asylland wider Willen. Flüchtlinge in Österreich im europäischen Kontext seit 1914, Wien 1995, S. 86–108, hier S. 98. 37 Brandl, Franz: Kaiser, Politiker und Menschen. Erinnerungen eines Wiener Polizeipräsidenten, Leip-zig/Wien 1936, S. 329. Es sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1919 eine Gruppe ungarischer Offiziere bei Bruck an der Leitha die Grenze zu Ungarn überschreiten wollte, um in Westungarn zu putschen und eine Gegenregierung zu bilden. Sie wurden an der Grenze mit Gewehrfeuer empfangen, zurückgeschlagen und daraufhin von der österreichischen Volkswehr verhaftet, um kurze Zeit später wieder freigelassen zu werden. »Über ihrem Haupte« schwebte, so der ungarische Offizier Anton Lehár, Schober als »Schutzengel«. – Lehár, Anton: Erinnerungen. Gegenrevolution und Restaurationsversuche in Ungarn 1918–1921, Wien 1973, S. 71 f. 38 Abschrift der Bundespolizeidirektion Wien über die »Schaffung einer Politischen Zentralevidenzstelle« vom 19. Dezember 1919, in: ÖSTA/AdR, BMfA/NPA, Politische Akten, Kt. 377, Liasse Österreich 31/II, Zl. 7310, Fol. 192 ff.; Jagschitz: Die Politische Zentralevidenzstelle (Anm. 34), S. 60; Hubert: Schober (Anm. 2), S. 68–85. 39 Max Ronge über die Arbeit im Kriegsgefangenenwesen der österreichischen Republik, in: PNL Ronge, TB, Notiz vom 29. September 1919; Ronge, Max: Das Kriegsgefangenen- und Zivilinternierten-Amt und der Heimtransport der österreichischen Kriegsgefangenen, in: In Feindeshand. Die Gefangenschaft im Weltkriege in Einzeldarstellungen, Bd. 2, Wien 1931, S. 336. 40 Moritz / Leidinger / Jagschitz: Im Zentrum der Macht (Anm. 2), S. 204 ff. 41 Im Zuge dieses Vertrages war auch die Erlaubnis zur Abreise Béla Kuns nach Russland gegeben worden. Kun hatte sich seit dem Zusammenbruch der ungarischen Räterepublik in Österreich aufgehalten und war hier an verschiedenen Orten interniert gewesen. 42 Bericht der Wiener Polizeidirektion betreffend die Überwachung von Missionschef Warszawski-Bronski, 18. August 1920, in: Niederösterreichisches Landesarchiv (im Folgenden: NÖLA)/Präs. »P«s 1920: Z. 1160/I/1. In den Quellen ist der Doppelname Bronski-Warszawski meist umgestellt, also als Warszawski-Bronski geschrieben. 43 Referentenerinnerung des Bundesministeriums für Inneres und Unterricht vom 31. Dezember 1921 bezüglich der Errichtung des Militärmatrikenamtes unter Max Ronge, in: PNL Ronge, Verschiedene Archivalien vom Kriegsarchiv. 44 Moritz / Leidinger / Jagschitz: Im Zentrum der Macht (Anm. 2), S. 209. 45 Österreichische Gesandtschaft in Bukarest am 17. Oktober 1925 bezüglich einer Unterredung mit dem Generaldirektor der rumänischen Staatspolizei, in: ÖSTA/AdR, BMfA/NPA, Gesandtschaft Bukarest, Zl. 15999; Unterredung des österreichischen Bundeskanzlers mit dem königlich rumänischen Gesandten am 28. November 1927, in: ÖSTA/AdR, BMfA/NPA, Politische Akten, Kt. 240, Liasse Österreich 5/20, Zl. 25426; Kontakt mit rumänischen Diplomaten 1925, in: PNL Ronge, TB, Notiz v. 13. August 1925. 46 1924 sprach Österreich gegenüber der Sowjetunion ebenso wie andere westeuropäische Staaten die sogenannte »De jure-Anerkennung« aus. Über die Entwicklung der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Sowjetrussland beziehungsweise der Sowjetunion siehe insbesondere Haider, Edgard: Die österreichisch-sowjetischen Beziehungen 1918–1938, Diss. Wien 1975. Außerdem: Moritz, Verena / Leidinger, Hannes: Der Weg zur Anerkennung. Die Beziehungen zwischen Wien und Moskau 1918 bis 1924, in: Österreichische Osthefte, Jg. 46, Heft 3 (2004), S. 361–390 und Mueller, Wolfgang / Leidinger, Hannes: Tiefes Misstrauen – begrenztes Interesse: Die österreichisch-sowjetischen Beziehungen 1918 bis 1955, in: Koch, Klaus / Rauscher, Walter / Suppan, Arnold / Vyslonzil, Elisabeth: Von Saint-Germain zum Belvedere. Österreich und Europa 1919–1955, München 2007, S. 70–114.

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Die Stalin-Note 1952 – kein Ende der Debatte

Bernd Bonwetsch

Am 1. April 1952 wurde das Dreigestirn Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht zu einem der seltenen Besuche bei Stalin im Kreml empfangen. Sie suchten Rat und Hilfe im Hinblick auf die II. Parteikonferenz und hatten ihm die Lage in Deutschland und der Welt aus Pankower Sicht schildern dürfen. Eine Woche darauf, am 7. April, wie üblich zu später Stunde, empfing sie Stalin erneut und legte ihnen nun seinerseits die Lage in Deutschland und der Welt aus der Warte Moskaus dar. Dabei sagte er zu den Perspektiven Deutschlands angesichts der sowjetischen Friedensinitiative vom 10. März 1952, dass »die Westmächte, welche Vorschläge wir auch immer zur deutschen Frage machten, ihnen nicht zustimmen und sowieso nicht aus Westdeutschland weggehen würden. Zu glauben, daß ein Kompromiß herauskommt oder daß die Amerikaner den Entwurf des Friedensvertrages annehmen, wäre ein Irrtum.« Weiter erklärte er: in Westdeutschland werde ein selbstständiger Staat geschaffen und auch die SED müsse »ihren eigenen Staat gründen«. Die wichtigsten Themen, die dazu besprochen wurden, waren die Schaffung einer Armee und der Aufbau des Sozialismus »ohne Geschrei«. Als Otto Grotewohl gegen Ende des Gespräches fragte, ob angesichts dieser Beurteilung der Lage in Deutschland an der Argumentation der SED »zu Fragen der Einheit Deutschlands und in der offiziellen Haltung der Regierung der DDR zur Frage der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands« Änderungen vorgenommen werden müssten, verneinte dies Stalin und betonte: »Die Propaganda für die Einheit Deutschlands muß weiter fortgesetzt werden. Das hat große Bedeutung für die Beeinflussung des Volkes in Westdeutschland […] Auch wir werden weiterhin Vorschläge zu Fragen der Einheit Deutschlands machen, um die [Politik der] Amerikaner zu entlarven.«1 Diese und auch einige andere Aussagen während des Gesprächs scheinen zu dem Schluss zu zwingen, dass Stalin nicht mit einer Bereitschaft der Westmächte rechnete, auf die sowjetische Note vom 10. März einzugehen. Implizit könnte man die Äußerungen sogar als Beleg dafür werten, dass die Note nur dazu hatte dienen sollen, die Politik der Amerikaner zu »entlarven«. Dennoch dürfte es aufgrund einiger Indizien zu früh für ein endgültiges Urteil über die sowjetischen Absichten sein. Die Analyse der Äußerungen Stalins und die nachfolgenden Schritte bis zur II. Parteikonferenz der SED veranlassten den Verfasser und seinen russischen Kollegen Sergej Kudrjašov bei der Veröffentlichung des betreffenden Gesprächs-protokolls vielmehr zu der Prognose, dass die Auseinandersetzung um die Frage, ob man 1952 tatsächlich eine Chance zur Wiedervereinigung »verpasst« oder ob sich lediglich die »Legende einer verpassten Chance« herausgebildet habe, mit Recht weitergehen werde.2 Und sie geht weiter – zumeist in den schon seit 1952 bekannten, einander entgegengesetzten Richtungen. Denn die Protagonisten haben seit 1952 zwar gewechselt, die Argumente aber sind – wenn auch auf einer inzwischen sehr viel besseren, aber keineswegs einfacheren Quellengrundlage – letztlich gleich geblieben. Die eine Seite beurteilt die Stalin-Note als ernstes Angebot mit Bereitschaft zu wirklichen Kompromissen im Interesse der Nichteinbeziehung Westdeutschlands in das westliche Militärbündnis, die andere als bloßes Propagandamanöver, das die Westintegration der Bundesrepublik angesichts der bevorstehenden Unterzeichnung des Generalvertrages stören und von den Sowjetisierungsmaßnahmen in der DDR ablenken sollte. Die heutigen Hauptkontrahenten, Wilfried Loth auf der einen und Gerhard Wettig auf der anderen Seite, fühlen sich beide durch neu zugänglich gewordene Dokumente bestätigt. So konstatiert Wilfried Loth in einer 2007 erschienenen Sammlung eigener Aufsätze, dass neu erschlossene Quellen russischer Provenienz seine im Wesentlichen auf DDR-Quellen beruhenden Befunde zur sowjetischen Deutschlandpolitik nach 1945 »in der Hauptsache bestätigen«.3 Loth hatte 1994 insbesondere auf der Basis privater Notizen Wilhelm Piecks gemeint nachweisen zu können, dass Stalin 1945 für ganz Deutschland eine bürgerlich-demokratische Zukunft nach Weimarer Vorbild mit sehr vager Sozialismus-Perspektive im Sinn gehabt habe. Die kompromisslose »Abschottungspraxis« des Westens auf der einen und der »revolutionäre Eifer« eines Walter Ulbricht, der von Oberst Sergej Tjul’panov, dem Chef der Propaganda- bzw. Informationsverwaltung der SMAD (Sowjetischen Militäradministration) in Karlshorst unterstützt wurde, auf der anderen Seite hätten die Verwirklichung dieser Vorstellung jedoch verhindert und 1949 zur Bildung des sozialistischen Separatstaates als eines »ungeliebten Kindes« geführt.4 Loths Interpretation der Stalin-Note vom 10. März 1952 liegt auf dieser Linie: Er sieht in ihr ein ernst gemeintes Angebot mit Kompromissbereitschaft im Hinblick auf freie Wahlen, Abzug der Besatzungsmächte, Bildung eigener Streitkräfte u. a. m. Gegenüber den Westmächten, den formellen Adressaten der Note, sei die Sowjetregierung zur Prüfung anderer Möglichkeiten bereit gewesen – selbst hinsichtlich des alten Streitpunkts, der Bildung einer gesamtdeutschen Regierung auf der Grundlage freier Wahlen, wie man in der zweiten Note vom 9. April »nachgeschoben« habe.5 Stützte sich Loth in der Studie von 1994 im Wesentlichen auf deutsche bzw. westliche Quellen, wie sie auch schon Rolf Steininger mit dem gleichen Ergebnis verwendet hatte,6 so gelang es ihm mit Hilfe des russischen Kenners der sowjetischen Deutschlandpolitik Aleksej Filitov, die Entstehung der Stalin-Note auf der Basis der Überlieferung des Moskauer Außenministeriums zu dokumentieren.7 Dabei stellte sich heraus, dass im Außenministerium seit Februar 1951 an dem Projekt gearbeitet worden war, es sich also nicht nur um eine kurzfristige Reaktion auf westliche Schritte handelte. Loth zieht daraus das Fazit, dass »Stalin wirklich wollte, was er sagte: ein vereinigtes Deutschland außerhalb des westlichen Blocks«. Daran könne »kein Zweifel mehr sein«.8 Erst die ablehnende westliche Reaktion habe ihn dem Druck der Ulbricht’schen SED-Führung nachgeben und auf »Sozialismus statt Einheit« setzen lassen, wie es auf der II. Parteikonferenz dann öffentlich zum Ausdruck kam. Die »gesamtdeutsche Perspektive« sei jedoch auch von 1952 bis 1955 in der sowjetischen Politik »präsenter« gewesen, als man nach der »Enttäuschung« Stalins über die Ablehnung seiner Deutschlandnote vom 10. März 1952 »vermuten durfte«.9 Ob Stalin enttäuscht über die westliche Reaktion auf seine Note war, ob es eines Ulbricht bedurfte, um ihn dazu zu bringen, in der DDR auf »Sozialismus statt Einheit« zu setzen – so eindeutig, wie Loth meint, ist das kaum festzustellen.10 Aus den Gesprächen zwischen Stalin und den »deutschen Freunden« am 1. und 7. April 1952 scheint eher hervorzugehen, dass Stalin die ablehnende Reaktion der Westmächte erwartet hat. Seine Vorschläge für den Ausbau der Eigenstaatlichkeit der DDR, für den Aufbau einer ostdeutschen Armee von 30 Divisionen und für die Befestigung der Grenze zu Westdeutschland sowie die überraschende Aufforderung an die »Freunde«, die de facto vorhandenen sozialistischen Elemente in ihrer Gesellschaft stärker zum Ausdruck zu bringen und in der Landwirtschaft auch Kolchosen einzurichten – all dies müsste im Rahmen der Interpretation Loths erst einmal erklärt werden. Zu dieser Interpretation ließe sich manches sagen – Zustimmendes ebenso wie Kritisches. Das meiste ist dazu schon gesagt worden, zum Teil sehr emotional, heftig und sogar bissig – schließlich gehört die Stalin-Note zu den umstrittensten deutschlandpolitischen Themen der letzten fünfzig Jahre, und nun kam ein Nichtspezialist daher und wollte die russische Politik erklären.11 Gerhard Wettig, sein Hauptkontrahent, kritisiert Wilfried Loth aufgrund langjähriger Beschäftigung und als wirklicher Kenner der Materie. Er hat sich seit dem Ende der Sowjetunion intensiv um die Sichtung der sowjetischen Dokumente bemüht, wobei die Mitgliedschaft in der Gemeinsamen Historikerkommission zur Erforschung der jüngeren Vergangenheit der deutsch-russischen Beziehungen ihm den Zugang erheblich erleichtert hat. Ob man mit seiner Interpretation dieser Dokumente einverstanden ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Dazu sollte man wissen, dass die unterschiedliche Interpretation der Stalin-Noten und der in ihren engeren Kontext gehörenden Dokumente bei beiden Autoren auf einer divergierenden Sicht der gesamten sowjetischen Deutschlandpolitik nach dem Kriege beruht. War für Loth in der sowjetischen bzw. Stalin’schen Politik immer die Präferenz für die Einheit bei Bereitschaft zur Preisgabe von Sozialismus-Elementen in Deutschland vorhanden, so ist es bei Wettig genau umgekehrt: Er hält die sowjetische Besatzungszone und dann die DDR für ein Feld der systematischen Einführung des Gesellschaftssystems der Sowjetunion und zugleich für ein »ausführendes Instrument ihrer Deutschland-Politik« mit dem Ziel, ganz Deutschland zu sowjetisieren. Die Initiative geht also für beide Autoren von unterschiedlichen Seiten aus: Ist es bei Wilfried Loth insbesondere Ulbricht, der jede Gelegenheit nutzte, um die SBZ und dann die DDR in sozialistischem Sinne zu transformieren, so ist es bei Gerhard Wettig Stalin, der die Sowjetisierung dort nach Maßgabe der gebotenen Rücksichtnahme auf den Westen vorantrieb und dem »Ziel sozialistischer Transformation den Vorrang vor dem Postulat eines gesamtdeutschen Staates« gab.12 Seine Vorarbeiten zu diesem Thema hatte Wettig Ende der 90er-Jahre in einer Monographie zusammengefasst.13 Auch er fühlt sich durch neue Dokumente in seiner Sicht der Stalin’schen Deutschlandpolitik bestätigt. Diese Sicht hat er in einem aktuellen Buch über den Kalten Krieg erneut knapp dargelegt.14 Im Wesentlichen werden die alten Fakten und Argumente vorgetragen, was bei einem schon so lange erörterten Thema völlig normal ist. Als wichtigstes neues Argument für die These, dass die Stalin-Note nur ein Propagandaunternehmen war, das die Sowjetisierung der DDR verdecken und aufgrund der innenpolitischen Lage in der Bundesrepublik womöglich sogar zum Sturz des Bundeskanzlers Adenauer führen sollte, verweist Wettig nun auf den Wehrbeitrag, den die DDR nach den Vorstellungen Moskaus im Rahmen des Ostblocks zu leisten hatte. Besonderes Gewicht hat hier »Stalins Aufrüstungsbeschluss«,15 der im Zusammenhang mit dem Koreakrieg den osteuropäischen Staaten bei einem geheimen Treffen in Moskau im Januar 1951 ein großes Rüstungsprogramm aufzwang. In allgemeiner Form war dieser Beschluss zwar schon seit einer Publikation Karel Kaplans von 1978 bekannt, aber er ist eigentlich nie sonderlich beachtet worden.16 Erst die Veröffentlichung der Notizen eines rumänischen Teilnehmers des Moskauer Treffens hat Wettig und andere auf dessen Bedeutung aufmerksam gemacht. Rolf Steininger nennt das Programm vom Januar 1951 »so etwas wie das kommunistische Gegenstück zu NSC 68«, dem gewaltigen Rüstungsprogramm des Nationalen Sicherheitsrates der USA vom April 1950.17 Wettig ist jetzt überzeugt, dass die Sowjetunion auf diesen Wehrbeitrag ebenso wenig verzichten wollte wie zumindest die USA und England auf den westdeutschen. Zudem sei die UdSSR für ihr Atomprogramm völlig vom sächsischen Uranerz abhängig gewesen und habe allein schon deshalb hinsichtlich der DDR auch nicht die »geringste Ungewissheit über ihre Kontrolle zulassen« können.18 All dies bestätigt für ihn, dass es sich bei der Stalin-Note nicht um ein ernsthaftes Angebot gehandelt habe. Auch zu dieser Auslegung der Fakten und Dokumente ließe sich vieles sagen – Zustimmendes wie auch Kritisches. So wie Loth eine plausible Antwort auf die von Julij Kvicinskij kolportierte Äußerung Vladimir Semenovs geben müsste, dass Stalin der Note erst zugestimmt habe, nachdem deren Initiatoren ausdrücklich versichert hatten, dass ihre Ablehnung durch die Westmächte garantiert sei, so müsste Wettig auf die Bemerkung Valentin Falins reagieren, dass Inhalt und Text der Note absichtlich nicht mit der DDR-Führung abgesprochen waren, weil Stalin »freie Hand« bei der »Formulierung der eventuellen Lösung« haben wollte.19 Anders als Semenov ist Falin zwar kein direkter Zeitzeuge, aber er hat sich doch in seiner privilegierten politischen Stellung um Klärung des Sachverhaltes bemüht. Nun sind nicht nur die genannten, sondern auch viele, ja die meisten der im Zusammenhang mit den Stalin-Noten verwendeten Dokumente direkt widersprüchlich oder zumindest unterschiedlich auszulegen. Es sollte nachdenklich stimmen, dass beide Kontrahenten sich letztlich auf dieselben Quellen stützen. So versteht es sich beinahe von selbst, dass Wilfried Loth den »Aufrüstungsbeschluss« und die im Zusammenhang damit stehenden Rüstungsmaßnahmen ohne wirkliche Probleme in sein Interpretationsmuster einfügen kann.20 Es gibt praktisch keine Quelle, die sich nur zum Beleg der einen oder der anderen Interpretation eignet. Dieses Problem muss entweder durch neue Interpretationen oder durch neue, eindeutige Quellen gelöst werden, sofern es überhaupt zu lösen ist. Die beiden dargestellten Interpretationen sind auch nicht die einzigen. So ist insbesondere Aleksej Filitov der Auffassung, dass Stalin den Berliner »Freunden« mit der raffinierten Initiative ganz einfach die »Folterwerkzeuge« für den Fall zu großer Selbstständigkeitstendenzen gegenüber der Sowjetunion zeigen wollte – nämlich die Möglichkeit, sich mit dem Gegner auf ihre Kosten einigen zu können.21 Zu derartiger Raffinesse war Stalin durchaus fähig. Aber man fragt sich, warum die DDR-Führung auf so komplizierte Weise in die Schranken verwiesen werden sollte. Man fragt sich auch, warum an der Formulierung der Note, wenn es eine bloße Propagandaaktion war, monatelang intensiv gefeilt wurde. Der Verfasser selbst kommt immer mehr zu der Überzeugung, dass die vielen widersprüchlichen oder unterschiedlich zu interpretierenden Quellenaussagen von der Tatsache herrühren, dass in Moskau, auch bei Stalin selbst, keine Klarheit über den in Deutschland einzuschlagenden Kurs herrschte, dass nicht zu vereinende Alternativen verfolgt wurden und dass man vielleicht deshalb zu keiner wirklichen Richtungsentscheidung kam.22 Angesichts dieser Sachlage durfte man sehr gespannt auf die neue Dokumentensammlung Peter Ruggenthalers zur Stalin-Note sein, die schon im Titel Eindeutigkeit signalisiert: »Stalins großer Bluff«.23 Die Dokumente stammen aus dem Bestand Molotov im Russischen Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (RGASPI). Da das Archiv des Außenministeriums weiterhin nicht frei zugänglich ist, sind diese Dokumente grundsätzlich von großer Bedeutung. Molotov war auch nach seiner Ablösung durch Vyšinskij als Außenminister 1949 für die Entscheidungen auf höchster Ebene nach Stalin die wichtigste Figur. Schließlich entschied er, ob ein Vorschlag zur Überarbeitung zurückgegeben wurde oder ob und wann die Sache tatsächlich an die »Instanz«, d. h. Stalin, bzw. das Politbüro weiterging. Molotov wurde ferner regelmäßig über Erkenntnisse des Auslandsnachrichtendienstes informiert. Aus den außenpolitischen Dokumenten und zusammenfassenden Berichten des Auslandsnachrichtendienstes, die sich im Molotov-Fonds befinden, hat Peter Ruggenthaler seine Dokumentation in drei Teilen zusammengestellt. Der erste Teil fasst 50 Dokumente unter »Entstehungsgeschichte« der Stalin-Note zusammen, der zweite, etwas überraschend, 25 Dokumente unter »Der österreichische ›Kurzvertrag‹ vom 13. März 1952« und der dritte 66 Dokumente unter »Deutschlandpolitik nach der Stalin-Note«. Die 141 Dokumente, darunter auch einige allseits bekannte, decken in sehr unterschiedlicher zeitlicher und inhaltlicher Dichte die Periode vom 5. Februar 1951 bis zum 15. Oktober 1952 ab.24 Bei zwei Drittel aller Dokumente handelt es sich um unkommentierte, kurze nachrichtendienstliche Zusammenfassungen bzw. Auszüge aus Zusammenfassungen über die politische Lage im westlichen Ausland.25 Weitere Memoranden unterschiedlicher Provenienz geben – wenn auch nicht systematisch – Auskunft darüber, was die sowjetische Führung ihrerseits über die SPD, die KPD, die Bewegung zur Neutralisierung und gegen die Remilitarisierung in Westdeutschland, über gemeinsame Pläne und divergierende Interessen der Westmächte in Bezug auf Deutschland, über die westdeutschen Reaktionen auf Vorschläge der SED und über westliche Reaktionen auf die sowjetischen Deutschland-Noten erfuhr. Welche Schlussfolgerungen aus den Informationen gezogen wurden, sagen die Dokumente nicht. Den Zusammenhang der Stalin-Note mit dem österreichischen »Kurzvertrag«, einer Episode auf dem Weg zum österreichischen Staatsvertrag, sieht der Autor dadurch gegeben, dass die Westmächte nach seiner Auffassung mit ihrem lange vorbereiteten Angebot vom 13. März 1952 »Stalin daraufhin abtesten« wollten, »ob er tatsächlich in der deutschen Frage gesprächsbereit war«. Die Sowjetunion aber reagierte nicht. Sie konnte nach Ansicht Ruggenthalers 1952 auch nicht über Österreich und dessen Neutralisierung verhandeln, weil sie sich damit in Bezug auf Deutschland unter Zugzwang gesetzt und die »Existenz der DDR ernsthaft gefährdet« hätte. Die Konsolidierung der DDR als Teil des sowjetischen Machtbereichs sei das primäre Ziel gewesen.26 Ob diese Interpretation richtig ist und die Dokumente in den Zusammenhang der Stalin-Note gehören, ist eine Frage, über die sich diskutieren lässt. Aus den wiedergegebenen Dokumenten selbst geht dies, wenn überhaupt, so auf keinen Fall zwingend hervor. Es ist vielmehr Ruggenthalers Grundüberzeugung über das Streben und die Interessen der UdSSR, die ihn die spärlichen politischen Dokumente so interpretieren lässt. Das Gleiche gilt auch für die von ihm vorgelegten Dokumente zur sowjetischen Politik im Zusammenhang mit den Stalin-Noten. Sie können die von Wilfried Loth veröffentlichten Dokumente in einigen Punkten ergänzen, obwohl sich auch dann immer noch kein geschlossenes Bild ihrer Entstehung ergibt – weder der ersten noch der anderen Noten. Was andere Instanzen dachten und taten, bleibt ohnehin im Dunkeln. Nichtsdestoweniger ist es erfreulich, dass jetzt ein früher Entwurf der zweiten Stalin-Note mit Anstreichungen Molotovs vorliegt.27 Der endgültige Notenentwurf vom 7. April mit interessanten Änderungen Stalins ist leider nicht abgedruckt. Er wurde vermutlich kaum mehr als eine halbe Stunde vor dem eingangs erwähnten, zweiten Besuch der SED-Führung im Kreml bei Stalin erörtert und abschließend formuliert, ohne dass den deutschen »Freunden« ein Sterbenswörtchen davon mitgeteilt wurde.28 Dieser Hinweis ist deshalb angebracht, weil Ruggenthaler von völliger Gemeinsamkeit der Parteiführungen in Berlin und Moskau ausgeht und sogar meint, dass »Ulbricht die ›geistige Vaterschaft‹ der Stalin-Note, das heißt, jener deutschlandpolitischen Strategie, der sich der Kreml 1951 / 52 bediente«, zuzuschreiben ist.29 Diese Strategie lief nach Ruggenthaler darauf hinaus, einen im Grunde viel zu attraktiven deutschlandpolitischen Vorschlag zu machen, der aber deshalb risikolos war, weil man sich in Moskau sicher war, dass die Westmächte entschlossen die wirtschaftliche und militärische Westintegration der Bundesrepublik betrieben und keine Neutralisierung Deutschlands zulassen würden. Einen weiteren Beweis für den Propagandacharakter der Note sieht er darin, dass der Aufbau des Sozialismus und die Aufrüstung der DDR schon vor der Antwort der Westmächte auf die erste Stalin-Note geplant und beim Moskau-Besuch der SED-Führung Anfang April 1952 in Einzelheiten beschlossen wurden. Deshalb druckt Ruggenthaler auch einige Dokumente zur II. Parteikonferenz der SED ab. Für ihn gehören der Beschluss zum Aufbau des Sozialismus, die Aufrüstung und die Noten-Kampagne als begleitende »deutschlandpolitische Propagandaaktion des Kremls«30 direkt zusammen. Die Nähe zur Argumentation Wettigs ist nicht zu übersehen. Neu sind z. T. die Dokumente, die Ruggenthaler zur Zeit nach dem 10. März 1952 zusammengestellt hat. Aber auch hier ist zu konstatieren, dass die Dokumente selbst seine Interpretation, wenn überhaupt, nicht zwingend stützen. Das gilt in vollem Umfang auch für die geheimdienstlichen Informationen, die er anführt. Alles lässt sich ohne Gewalt auch anders interpretieren. Ruggenthalers Sicht der Dinge basiert vor allem auf seiner als angeblich erwiesen dargelegten Überzeugung, dass die Sowjetunion die SBZ bzw. die DDR in einem geteilten Deutschland von Anfang an unterwerfen und sowjetisieren wollte.31 Die Stalin-Noten hatten für ihn in diesem Zusammenhang von vornherein den Zweck, die Lage der Westmächte und Adenauers hinsichtlich der Wiederaufrüstung der Bundesrepublik zu erschweren und hinter propagandistischem Sperrfeuer die eigene Entschlossenheit zur Aufrüstung und sozialistischen Umgestaltung der DDR zu verbergen. Die von Ruggenthaler zusammengestellten Dokumente sind für sich genommen vielfach interessant. Sie taugen jedoch nicht zum Beweis einer Tendenz und schon gar nicht zu der Feststellung, dass die »hier analysierten und erstmals abgedruckten Dokumente zeigen, dass es doch deutliche Beweise aus Moskauer Archiven gibt, die […] endgültig klarstellen, dass das ›Neutralisierungsangebot‹ Stalins nicht ernst gemeint war und anderen Zwecken diente«.32 Es lässt sich vielmehr ohne große Prophetie feststellen, dass die Stalin-Noten als kontroverses Thema ihre Zukunft noch nicht hinter sich haben. 1 * Hermann Weber, dem die Beiträge dieses Bandes in kollegialer Verbundenheit zugeeignet sind, hat sich selbst nie ausführlich zur »deutschen Frage« oder speziell zur Stalin-Note geäußert und in der Kontroverse auch nie Partei ergriffen. Aus gutem Grund, will es scheinen – weist seine Biographie ihn doch in gewissem Sinne selbst als Teil der »deutschen Frage« aus. Befangenheit hat hier zu Zurückhaltung geführt, die zu der Achtung beigetragen hat, die ihm in der »Zunft« auch bei inhaltlichen Differenzen entgegengebracht wird. Der nachstehende kleine Beitrag will dieser Achtung Ausdruck verleihen. 1 Bonwetsch, Bernd / Kudrjašov, Sergej: Stalin und die II. Parteikonferenz der SED. Ein Besuch der SED-Führung in Moskau, 31. März – 8. April 1952, und seine Folgen (Dokumentation), in: Zarusky, Jürgen (Hrsg.): Stalin und die Deutschen. Neue Beiträge zur Forschung, München 2006, S. 173–206, hier S. 199, 206. Der Verfasser hatte die Gesprächsaufzeichnung bereits auf Russisch veröffentlicht: »Skostit’ polovinu summy reparacii ... my možem.« Vstreči Stalina s rukovodstvom SEPG [»Um die Hälfte können wir die Summe der Reparationen ... herabsetzen.« Treffen Stalins mit der SED-Führung], in: Istočnik. Vestnik Archiva Prezidenta Rossijskoj Federacii (2003), Nr. 3, S. 100–128. 2 Ebenda, S. 179. 3 Loth, Wilfried: Die Sowjetunion und die deutsche Frage. Studien zur sowjetischen Deutschlandpolitik, Göttingen 2007, S. 8. 4 Loth, Wilfried: Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte, Berlin 1994, Zit. S. 10. 5 Ebenda, S. 175–184. 6 Steininger geht zwar auch von der Ernsthaftigkeit des sowjetischen Angebots aus, ihm ist aber in erster Linie der Nachweis wichtig, dass die Nichtauslotung des Angebots vor allem auf Adenauer zurückgeht: Steininger, Rolf: Eine vertane Chance. Die Stalin-Note vom 10. März 1952 und die Wiedervereinigung, Bonn 1985; ders.: Deutsche Geschichte, Bd. 2: 1948–1955, München 2002 (nach der erw. Neuausgabe von 1996), S. 175–215. 7 Loth, Wilfried: Die Entstehung der Stalin-Note. Dokumente aus Moskauer Archiven, in: Zarusky, Jürgen (Hrsg.): Die Stalin-Note vom 10. März 1952. Neue Quellen und Analysen, München 2002, S. 19–115 (Einführungsteil wiederabgedruckt in: Loth: Die Sowjetunion und die deutsche Frage [Anm. 3], S. 101–157). 8 Loth: Die Entstehung der Stalin-Note (Anm. 7), S. 62. 9 Loth: Stalins ungeliebtes Kind (Anm. 4), S. 185–192; ders.: Die Sowjetunion und die deutsche Frage (Anm. 3), S. 8. 10 Im Zusammenhang mit der Verkündung des »Aufbaus des Sozialismus« in der DDR auf der II. Parteikonferenz spricht Loth sogar von einem »Erpressungsversuch« Ulbrichts: Loth: Stalins ungeliebtes Kind (Anm. 4), S. 188. 11 Jürgen Zarusky gibt in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Band »Die Stalin-Note vom 10. März 1952« (Anm. 7) einen räsonierenden Überblick über die Kontroverse. Loth selbst geht in seiner Aufsatzsammlung »Die Sowjetunion und die deutsche Frage« (Anm. 3) ausführlich auf die Kritik ein und kritisiert seinerseits die Kritiker. 12 Wettig, Gerhard: Die Note vom 10. März 1952 im Kontext von Stalins Deutschlandpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg, in: Zarusky: Die Stalin-Note (Anm. 7), S. 139–196, Zitat S. 192. 13 Wettig, Gerhard: Bereitschaft zu Einheit in Freiheit? Die sowjetische Deutschland-Politik 1945–1955, München 1999. 14 Wettig, Gerhard: Stalin and the Cold War in Europe. The Emergence and Development of East-West Conflict, 1939–1953, Lanham 2008. 15 Siehe Wettig, Gerhard: Stalins Aufrüstungsbeschluss. Die Moskauer Beratungen mit den Parteichefs und Verteidigungsministern der »Volksdemokratien« vom 9. bis 12. Januar 1951, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53 (2005), S. 635–650. 16 Kaplan, Karel: Dans les archives du Comité Central. Trente ans des secrets du Bloc soviétique, Paris 1978, S. 162–166. 17 Steininger, Rolf: Der vergessene Krieg. Korea 1950–1953, München 2006, S. 183, 192. 18 Wettig: Stalin and the Cold War (Anm. 14), S. 212–240, Zitat S. 218. 19 Semjonow, Wladimir S.: Von Stalin bis Gorbatschow, Hamburg 1995, S. 392 (Nachwort von Juli Kwizinski [Julij Kvicinskij]); Falin, Valentin: Politische Erinnerungen, München 1993, S. 310. 20 Loth: Die Sowjetunion und die deutsche Frage (Anm. 3), S. 215–235, bes. S. 221–225. 21 Filitov, Aleksej: Die Note vom 10. März 1952. Eine Diskussion, die nicht endet, in: Zarusky: Stalin und die Deutschen (Anm. 1), S. 159–172. 22 Bonwetsch / Kudrjašov: Stalin und die II. Parteikonferenz (Anm. 1), S. 184–186; Bonwetsch, Bernd: Einführung, in: Bonwetsch, Bernd / Bordjugov, Gennadij / Naimark, Norman M. (Hrsg.): Sowjetische Politik in der SBZ 1945–1949. Dokumente zur Tätigkeit der Propagandaverwaltung (Informationsverwaltung) der SMAD unter Sergej Tjul’panov, Bonn 1997, bes. S. XXXII–XXXIX. 23 Ruggenthaler, Peter: Stalins großer Bluff. Die Geschichte der Stalin-Note in Dokumenten der sowjetischen Führung, München 2007. 24 Ein Dokument zur Frage der Neutralität Österreichs stammt vom 28. Februar 1950. 25 96 von insgesamt 141 Dokumenten (Teil I: 25 von 50, Teil II: 20 von 25, Teil III: 51 von 66). 26 Ruggenthaler: Stalins großer Bluff (Anm. 23), S. 125, 131. 27 Ebenda, S. 184–186. 28 Der Entwurf mit den Änderungen Stalins und Molotovs: Politbjuro CK VKP(B) i Sovet Ministrov SSSR 1945–1953 [Das Politbüro des ZK der VKP(B) und die Ministerräte der UdSSR 1945 – 1953], Moskau 2002, S. 117–119. Zum formellen Beschluss vom 9. April siehe: Politbjuro CK RKP(b) – VKP(b). Povestki dnja zasedanij, Bd. III: 1940–1952 [Das Politbüro des ZK der RKP(b) – VKP(b). Die Tagesordnung der Sitzungen. Bd. III: 1940–1952], Moskau 2001, S. 883. 29 Ruggenthaler: Stalins großer Bluff (Anm. 23), S. 14–17, 23–31, 151–169, Zitat S. 16. 30 Ebenda, S. 15. 31 Ruggenthaler: Stalins großer Bluff (Anm. 23), S. 11–14. 32 Ebenda, S. 21.

JHK 2008

Gewerkschaften im Prozess der »Volksdemokratisierung« - vergleichende Aspekte zu Polen und zur SBZ/DDR

Christoph Kleßmann

Gewerkschaften haben in den untergegangenen kommunistischen Systemen eine merkwürdige Doppelrolle gespielt: Als größte Massenorganisation und eigentliche Arbeitervertretung waren sie ein Schlüssel zur Eroberung, Stabilisierung und Sicherung der politischen Macht. Gleichzeitig trugen sie seit Lenin den Makel, ohne Führung durch eine revolutionäre Avantgarde im Ökonomismus und »Nur-Gewerkschaftertum« zu verharren und gegenüber dem Gift des »Sozialdemokratismus« nicht immun zu sein. Darin steckte stets der nicht unbegründete Verdacht, Arbeiterinteressen würden auf eine Weise vertreten, die nicht in das politische Konzept der Führung passte. Konsequenterweise wurde den Gewerkschaften die Rolle eines »Transmissionsriemens« zugedacht. Entsprechend dieser marxistisch-leninistischen Theorie von den Gewerkschaften als »Transmissionsriemen« des politischen Willens der führenden Partei war die Machtfrage erst gelöst, wenn die Verankerung des politischen Führungsanspruchs in der wichtigsten Massenorganisation der Arbeiterschaft gesichert schien. Darin unterschied sich die politische Ordnung der »Volksdemokratie« in Ostmitteleuropa nicht vom Sowjetsystem in Moskau. Die Anstrengungen aller kommunistischen Parteien richteten sich neben der Fusion mit Sozialdemokraten bzw. Sozialisten mit großem Nachdruck auf den Wiederaufbau und die politische Steuerung der Gewerkschaften. Das Organisationsmodell der zentralistischen Einheitsgewerkschaft und des Aufbaus von oben nach unten sollte diese Zielsetzung sichern. Für die SBZ / DDR sollte aufgrund der Sondersituation des besetzten Deutschlands zunächst die »Volksdemokratie« nicht als Orientierungsmaßstab gelten,1 de facto aber lief der Umgestaltungsprozess nach ähnlichem Muster ab, auch wenn anfangs gesamtdeutsche Rücksichten eine Rolle spielten. Die Anfänge der Gewerkschaftsgeschichte sollen hier in vergleichender Perspektive für zwei Länder skizziert werden, die im sowjetischen Herrschaftsbereich eine herausgehobene Rolle spielten: die SBZ / DDR und Polen. Beide zeigten viele Ähnlichkeiten in der Entwicklung, wiesen vom sozialökonomischen Profil her aber auch deutliche Kontraste auf. Für das künftige sowjetische Imperium nach Kriegsende besaßen beide Länder eine vergleichbar hohe politische und militärische Bedeutung. Ohne Herrschaftssicherung in Polen war der Außenposten SBZ / DDR gefährdet, und ohne Stabilisierung der DDR konnte das sowjetische Vorfeld in Polen in Gefahr geraten. Polen gehörte formal zu den Siegermächten, dennoch fielen dort die sowjetischen Eingriffe de facto nur graduell geringer aus als in der SBZ. In der Anfangsphase aber schienen die Handlungsspielräume in Polen größer als in der unter Militärverwaltung stehenden SBZ. Das Hauptproblem bestand in der unübersehbaren Schwäche der polnischen Kommunisten, die dieses Defizit – anders als die vergleichsweise starke KPD – durch ein besonders rigides Vorgehen zu kompensieren versuchten. Ziel dieser Vergleichsskizze Polen – SBZ / DDR ist es, • die Nachkriegsplanung und die spezifischen Schwierigkeiten des Gewerkschaftsaufbaus im Umbruch bei Kriegsende zu beleuchten, • die Formen und die Reichweite der von Moskau gewünschten Sowjetisierung gegenüber eigenständigen Traditionen anzudeuten und Unterschiede der Entwicklungs- linien zu erklären.2 Die Gewerkschaftspolitik bildete dabei eine wichtige Ergänzung zum keineswegs nach einem vorgegebenen Plan und einheitlich abgelaufenen Prozess der Gleichschaltung der politischen Parteien.3 Politische Planungen und frühe Versuche zur Positionssicherung Die KPD hatte nach ihrer Stalinisierung in der Weimarer Republik mit der internationalen Volksfrontstrategie 1934/35 einen Weg eingeschlagen, der die Spaltung der Arbeiterbewegung überwinden, den Kommunisten nach Kriegsende aber eine Schlüsselposition sichern sollte.4 Diese Strategie wurde jedoch nicht durchgehalten. Erst nach dem Ende des Hitler-Stalin-Paktes und dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion propagierte man sie wieder. Die Exil-KPD in Moskau entwickelte seit 1943 umfangreiche programmatische Konzepte für den Wiederaufbau. Sie waren in den Grundzügen mit den sowjetischen Genossen abgestimmt oder antizipierten sowjetische Wünsche. Sie waren zugleich Elemente einer internationalen kommunistischen Nachkriegsplanung, für die es zumindest einige generelle Eckwerte gab.5 In diesen Plänen spielten die Gewerkschaften eine herausgehobene Rolle. Zwar war vom kommunistischen Politikverständnis her klar, dass die Partei die Führungsfunktion besitzen sollte, doch das volksdemokratische Modell in seiner Frühphase ließ diese noch nicht offen erkennen. Die tatsächliche politische Machtverteilung wurde bewusst kaschiert. »Der Wiederaufbau der Gewerkschaften ist von erstrangiger politischer Bedeutung«, resümierte Hermann Matern eine Diskussion der Arbeitskommission des Zentralkomitees (ZK) der KPD in Moskau. »Die Gewerkschaften sind eine entscheidende Transmission der Partei in der Arbeiterklasse. Im Kampf um die Gewinnung der Arbeiterklasse ist die Gewerkschaftspolitik der Partei von großer Bedeutung.« Nach außen hin sollte aber, um die Funktionsfähigkeit dieser Massenorganisation sicherzustellen, die parteipolitische und konfessionelle Neutralität sowie ein »demokratischer Zentralismus mit weitgehender innerorganisatorischer Demokratie und Toleranz« propagiert werden.6 In Polen lässt sich eine ähnliche Konstellation beobachten. Die Geschichte der Gewerkschaften in Polen war geprägt von der langen Teilung des Landes und den unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den jeweiligen Teilgebieten.7 Angesichts des faktischen Verbots während der Besatzungszeit waren programmatische Planungen nur im Untergrund oder im Exil in London möglich. Die tiefe politische Spaltung des linken Lagers seit 1943 führte dazu, dass Sozialisten und Kommunisten unabhängig voneinander Konzepte entwickelten, die sich inhaltlich durchaus ähnelten, aber auf unterschiedlichen politischen Prämissen beruhten. Die Programmatik der sozialistischen PPS (Polska Partia Socialistyczna / Polnische Sozialistische Partei), die im Untergrund WRN (Wolność, Równość, Niepodłeglość / Freiheit, Gleichheit, Unabhängigkeit) hieß und sich der Londoner Exilregierung unterordnete, orientierte sich an radikalisierten Vorkriegstraditionen. Die Sozialisten waren in der Industriearbeiterschaft der polnischen Gewerkschaftsbewegung die stärkste Kraft und vertraten ein dezidiert antikapitalistisches, demokratisch-sozialistisches Programm.8 Die im Untergrund neu gegründete kommunistische PPR (Polska Partia Robotników / Polnische Arbeiterpartei) betonte in einer eigenen Programmerklärung vom Oktober 1943 zu den Gewerkschaften deren besondere Bedeutung für den Neuaufbau. Dabei sollte die frühere Spaltung in Richtungsgewerkschaften überwunden werden. Organisatorisch sollten Fabrikkomitees eine zentrale Rolle spielen.9 Die von Moskau 1944 geförderte Abspaltung eines mit den Kommunisten im »Lubliner Komitee« oder Komitee der Nationalen Befreiung (PKWN – Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego) kooperierenden Flügels der Sozialisten machte die politischen Konfliktlinien noch komplizierter. Der Dissens zwischen Kommunisten und Sozialisten war damit aber keineswegs aufgehoben, wie sich nicht zuletzt an der Gewerkschaftsentwicklung zeigte. Da den polnischen Kommunisten ihre geringe Resonanz in der Bevölkerung bewusst war, erhielten die Gewerkschaften als Medium zur Gewinnung der Arbeiterschaft ein großes Gewicht. Formal knüpfte man zwar an Vorkriegstraditionen an, aber als Ziel stand eine primär von der PPR beeinflusste Einheitsgewerkschaft fest. Bereits im November 1944 wurde in den schon befreiten Gebieten eine provisorische Zentralkommission der Gewerkschaften (TKCZZ) gegründet, die eine starke kommunistische Dominanz aufwies und in deren Präsidium die PPR mit drei, die Sozialisten mit zwei Repräsentanten vertreten waren.10 Dieses »Lubliner Modell« sollte auch in den übrigen Gebieten Polens durchgesetzt werden. Das gelang jedoch nur begrenzt und erst spät. Bereits auf dem vorläufigen Gewerkschaftskongress im März 1945 vor der regulären Gründung wurde die rücksichtslose Strategie der PPR deutlich, möglichst schnell ihre dominierende Rolle in der Gewerkschaftsspitze zu sichern. Völlig ausgeschaltet blieben zu diesem Zeitpunkt die christlichen Gewerkschaften, die über eine beträchtliche Anhängerschaft verfügten. Aber nicht nur an der Spitze, auch an der Basis wollte die PPR ihre Position stärken. Durch eine offensive Politik der Förderung der in der Umbruchsituation massenhaft entstandenen Fabrikräte oder Betriebsräte hoffte sie, dieses Ziel zu erreichen. Mit dem im Februar 1945 gewissermaßen als Flucht nach vorn erlassenen Betriebsrätegesetz, dessen komplizierte Vorgeschichte hier nicht dargestellt werden kann,11 versuchte der noch nicht international anerkannte, kommunistisch dominierte Landesnationalrat (KRN – Krajowa Rada Narodowa), die politisch unkontrollierte Bewegung in den Griff zu bekommen. Taktisch gestand man den Betriebsräten zunächst weitreichende Kompetenzen zu, um sie für die eigene Sache zu gewinnen. Diese Phase dauerte aber nur kurz, denn die Betriebs- oder Fabrikräte entwickelten teilweise eine Eigendynamik, die kaum mit den politischen Konzepten der PPR vereinbar war. Bereits im Juni 1945 wurden ihre Befugnisse faktisch auf soziale Belange reduziert. Stattdessen sollten die zentralistisch konzipierten Gewerkschaften gestärkt werden und die Unterordnung der Mitglieder unter die Partei sichern. 12 Diese Konstellation wies deutliche Ähnlichkeiten zur Umbruchsituation in der SBZ auf, wo ebenfalls in herrenlosen Betrieben Ansätze einer Betriebsrätebewegung entstanden.13 Formal lassen sich zudem Parallelen zum Weimarer Betriebsrätegesetz von 1920 und zum Alliierten Kontrollratsgesetz von 1946 in Deutschland aufzeigen. In allen drei Fällen sollte eine Kanalisierung der Betriebsräte durch enge Bindung an die Gewerkschaften erreicht werden. Es ist schwierig, den Charakter dieser Bewegungen und Konflikte zutreffend zu beurteilen, wenn man sich die chaotischen Umstände ihrer Entstehung vor Augen führt. Die Charakteristika der Zusammenbruchsgesellschaft in Deutschland sind oft und eingehend beschrieben worden. In Polen war der Grad materieller Zerstörung und systematischer Demontage geringer, aber dennoch beträchtlich, die Zahl kurzzeitig herrenloser Betriebe ebenfalls. Arbeiterinitiativen während dieser Umbruchsituation in beiden Ländern sollten daher nicht mit zu großem revolutionstheoretischem Anspruch befrachtet werden. Vielfach ging es hier um elementare Sicherungsaktionen, um »Organisieren« und Durchkommen in einer völlig unübersichtlichen Situation. Dennoch bildeten die Existenz der Betriebsräte und die Auseinandersetzung mit ihnen einen wichtigen Ansatzpunkt für die Organisation der Gewerkschaften und damit für einen Aspekt der kommunistischen Machtsicherung. Falsch wäre es auch, nur die Spannungen zwischen Gewerkschaften und Betriebsräten zu betonen. Häufig waren sie in der Praxis auf der untersten Organisationsebene faktisch identisch oder kooperierten miteinander. Die Integration der Betriebsräte in die Gewerkschaften war in beiden Ländern Teil der kommunistischen Strategie, spontane Organisationsansätze und »Abweichungen« auszuschalten bzw. den eigenen Interessen gemäß zu steuern. Die Entwicklung verlief jedoch weder in Polen noch in Deutschland geradlinig. Aus übergeordneten politischen Gründen waren in Polen nach der Bildung der Provisorischen Regierung im Juni 1945 gewisse innenpolitische Konzessionen und Tarnungsmanöver erforderlich. So kamen kurzzeitig auch andere politische Kräfte wieder zum Zuge. Der erste reguläre polnische Gewerkschaftskongress im November 1945 praktizierte dementsprechend eine Art Blockpolitik und konzedierte den christlichen Gewerkschaften eine Repräsentation in der Zentralkommission der Gewerkschaften (CKZZ – Centralna Komisja Związków Zawodowych). Aber auch das war nur ein kurzes Zwischenspiel. Durch Repression und Abspaltungen wurden sie dezimiert und ausgeschaltet. Anders die PPS. Sie entwickelte sich nach der anfänglichen Unterordnung vom ehemals gefügigen politischen Bündnispartner zu einer in den Betrieben und Gewerkschaften oft gut verankerten Gegenkraft zur PPR und wurde so zum einzigen wirklichen Konkurrenten. Es entstünde daher ein schiefes Bild, wenn in der »Lubliner« PPS gerade im gewerkschaftlichen und betrieblichen Bereich nur noch Hilfstruppen der Kommunisten gesehen würden.14 Heftige Auseinandersetzungen, die sich u. a. in den Ergebnissen der Betriebsräte- und Gewerkschaftswahlen niederschlugen, kennzeichneten die Frühgeschichte der polnischen Gewerkschaften. Sie dauerten länger und fielen erheblich schärfer aus als die parallelen Konflikte zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten in der sowjetzonalen Gewerkschaftsbewegung. Nach offiziellen Statistiken stellten 1946 landesweit die PPS 38,4 Prozent, die PPR 31 Prozent und andere Parteien 3,5 Prozent der Betriebsratsmitglieder, 27,1 Prozent waren parteilos. Die PPS besaß ein Übergewicht in acht von elf Industriebranchen, darunter in so wichtigen wie dem Bergbau, der Metall- und der Textilindustrie. Entsprechend gingen die Gewerkschaftswahlen 1947 mit empfindlichen Niederlagen für die Kommunisten aus.15 Diese Ergebnisse mussten für die polnischen Kommunisten eine Herausforderung sein, um die Bemühungen um die politische Gleichschaltung der Gewerkschaften und die Integration der Betriebsräte zu forcieren. Ein wirksames Instrument dafür war die Infiltration der Leitungsstrukturen der PPS mit Agenten des Sicherheitsdienstes UB (Urząd Bezpieczeństwa). Insgesamt sollen im Herbst 1947 unter den 634 Mitgliedern der PPS in den Woiwodschaftsleitungen 90 Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes gewesen sein. »Man kann sich nicht darauf beschränken, Alarm zu schlagen«, erklärte eine Mitarbeiterin der Staatssicherheit. »Man muss mit Hilfe von PPS-Leuten selbst die Unbequemen eliminieren.«16 Neben Wahlmanipulationen und offener Repression war diese Methode relativ effektiv. Bis zur Fusion der Sozialisten und Kommunisten im Dezember 1948, bei deren Vorbereitung die Gewerkschaften eine Schlüsselrolle spielten, wurde in einer veränderten politischen Großwetterlage der hartnäckige Widerstand der PPS weitgehend ausgeschaltet. In der SBZ tolerierte anfangs nicht nur der schon im Juni 1945 gegründete FDGB (Freie Deutsche Gewerkschaftsbund) die unübersichtliche Betriebsrätebewegung, sondern auch die SMAD (Sowjetische Militäradministration) konzedierte erstaunlicherweise nach einem ersten gescheiterten Anlauf zur Auflösung zunächst ihre Existenz.17 Zwar begannen die Bemühungen um ihre Integration in die »von oben« gegründete Zentralgewerkschaft frühzeitig, aber erst mit der Bitterfelder Konferenz vom November 1948 verschwanden eigenständige Betriebsräte. Sie wurden gewissermaßen »unschädlich gemacht«, indem sie in der untersten gewerkschaftlichen Organisationseinheit, der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL), aufgingen. Damit glichen die organisatorischen Strukturen denen in Polen, wo bereits die im Januar 1947 novellierte Fassung des Betriebsrätegesetzes von 1945 eine solche Festlegung traf. Dieser Prozess verlief in der SBZ ohne großen Widerstand. Ein wesentlicher Grund dafür dürfte in der unmittelbaren Präsenz der SMAD und im Übergang der wichtigsten Betriebe in sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) liegen. Es gab auch starke personelle Kontinuitäten. So saßen in ca. 50 000 BGL, die in rund 140 000 Betrieben gewählt wurden, 12 000 ehemalige Betriebsratsvorsitzende.18 In der SBZ lassen sich – anders als in Polen – in den 40er-Jahren kaum Streiks und offene Formen von Widerstand registrieren. Es gab durchaus erhebliche Spannungen, diese wurden aber primär innerhalb der schon 1946 geschaffenen Einheitspartei und des FDGB ausgetragen. Im Vorfeld der Zwangsvereinigung hatte die SMAD befürchtet, die SPD verschaffe sich in der wichtigsten Massenorganisation eine Bastion. »Die Sozialdemokraten entfalten eine energische Tätigkeit und versuchen, sich die Gewerkschaften zu unterwerfen«, stellte warnend ein Informationsbericht der SMAD im November 1945 fest.19 Auch in der SBZ wurde daher die kommunistische Dominanz zumindest in der Organisationsspitze frühzeitig rigide mit direkten Eingriffen und Wahlmanipulationen durchgesetzt. Dennoch konnte die SED-Führung die Wünsche der sowjetischen Besatzungsmacht zunächst nicht ohne Weiteres über das Instrument gefügiger Gewerkschaften durchsetzen. So bat 1948 das Zentralsekretariat der SED die SMAD, nach Möglichkeit auf »die bisher in Deutschland üblichen Prinzipien der Tarifsvertragspolitik und der gewerkschaftlichen Arbeit« Rücksicht zu nehmen, um nicht »das Vertrauen der werktätigen Bevölkerung zum FDGB« zu erschüttern.20 Das war ein deutlicher Rekurs auf Traditionen, deren Gewicht sich nicht einfach ignorieren ließ. In Polen waren die Konfliktlinien diffuser und der Widerstand gegen die Dominanz der PPR heftiger. Dieser Widerstand lässt sich jedoch nicht nur auf politische Motive zurückführen, sondern speiste sich auch und vor allem aus der wachsenden Unzufriedenheit über die miserable Versorgungslage. Unter diesem Gesichtspunkt sind die zahlreichen Streiks und andere Verweigerungsformen (Absentismus, Verweigerung des Gewerkschaftsbeitrags, Fluktuation) in den Jahren 1945–1948 einzuordnen, die die PPR in große Unruhe versetzten. Streiks, Propagierung höherer Arbeitsnormen und Kampf gegen sozialistische Traditionen Chumiński hat erstmals versucht, den Umfang der Streiks in Polen wenigstens annähernd aus den Quellen zu rekonstruieren.21 1945 fanden sie noch sporadisch statt. Insgesamt waren es mindestens 143, davon über die Hälfte in der Woiwodschaft Łódź mit einer langen Tradition der Arbeiterbewegung. Auslöser waren zumeist die äußerst niedrigen Löhne und die schlechte Versorgung. Im folgenden Jahr stieg die Gesamtzahl der Streiks auf 244 mit mehreren Zehntausend Teilnehmern an. Dabei wiesen Textilindustrie und Bergbau die höchste Beteiligung auf. Bei den Versuchen einer Verhinderung oder Eindämmung spielten die Sicherheitsorgane eine wichtige Rolle. Gewaltsame Auseinandersetzungen, Verhaftungen und hohe Strafen für Verurteilte trugen zur Politisierung der Streiks bei, obwohl sie überwiegend auf die schlechten materiellen Lebensbedingungen zurückgingen. Trotz massiver Eingriffe ließen auch 1947 die Streiks nur geringfügig nach. Einer der größten in der Geschichte Volkspolens fand im September 1947 in 17 Textilbetrieben in Łódź statt, es beteiligten sich rund 26 000 Beschäftigte daran.22 Zu den vielfältigen Ursachen und Anlässen gehörte auch die Aktivistenkampagne mit dem Bergmann Wincenty Pstrowski, dem polnischen Gegenstück zu »Kumpel Hennecke«. Auf beiden Seiten förderten Gewaltakte, aufgebauschte Informationen und Gerüchtebildung die Eskalation mit blutigen Zusammenstößen und zahlreichen Verhaftungen. Neben PPS-Mitgliedern waren auch PPR-Anhänger am Streik beteiligt. Parteien, Sicherheitsapparat, Gewerkschaften und Betriebsverwaltungen schoben sich gegenseitig die Verantwortung für die prekäre Lage zu. Der Vorsitzende der Textilarbeitergewerkschaft brachte sich schließlich um jeden Kredit, als er vorschlug, alle Streikenden zu entlassen, die bis zu einem festgesetzten Termin nicht zur Arbeit erschienen. Eine der »Lehren« aus diesem Streik bestand für die Machthaber darin, dass künftig der Sicherheitsapparat präventiv tätig werden sollte, wenn es um die Einführung unpopulärer Maßnahmen ging. Die Analyse der Streiks legt, so bruchstückhaft die Daten im Einzelnen auch sind, die Hypothese nahe, dass vor allem in traditionsreichen Betrieben mit einer qualifizierten Arbeiterschaft die Solidarität ausgeprägt und die Ablehnung der »neuen Ordnung« besonders verbreitet war.23 Daraus ergab sich – ähnlich wie in der SBZ / DDR – für die neuen Machthaber der Zwang zum ständigen Kampf gegen diese Variante des »Sozialdemokratismus«. Hinter dem Widerstand und dem ideologischen »Zurückbleiben« der Arbeiter gegenüber den neuen Anforderungen vermutete die kommunistische Führung – neben dem politischen Hauptfeind Mikołąjczyk und seiner PSL (Polskie Stronnictwo Ludowe / Polnische Volkspartei) – vor allem den Einfluss der PPS. »Der Angriff der PPS auf die Gewerkschaften«, stellte der Gewerkschaftsvorsitzende Witaszewski, der auch die Gewerkschaftsabteilung im ZK der PPR leitete, im Oktober 1946 fest, »äußert sich auf allen Gewerkschaftsebenen. Sie sind überall bemüht, ihre Leute einzusetzen, und wälzen zugleich die Verantwortung für die Schwierigkeiten und die komplizierte Lage auf die PPR-Leute ab.«24 Das war im Kern richtig. Die Kommunisten machten es allerdings nicht anders, nur die Methoden unterschieden sich erheblich. Auffallend war das rüde Vorgehen der Sicherheitsorgane, um den Widerstand aus den Reihen der PPS zu brechen. Im Juli 1947 wurden etwa 400 PPS-Mitglieder »wegen Verbreitung staatsfeindlicher Gerüchte« verhaftet. Drakonische Urteile folgten. Dabei diente oftmals die Konstruktion als Vorwand, es handle sich um »Reaktionäre« aus dem Umfeld der WRN (d. h. der früheren, londontreuen PPS der Untergrundbewegung).25 Im Zuge der gravierenden innenpolitischen Machtverschiebung (Ablösung Gomułkas als Generalsekretär der PPR) und der Verschärfung des Kalten Krieges 1948 nahmen die Streiks an Häufigkeit, Dauer und Teilnehmerzahl deutlich ab. Die massive Intervention der Staatssicherheit dämpfte derartige Aktionen, konnte sie allerdings nicht ganz verhindern. Trotz der permanenten Bedrohung wurden von 1949 bis 1952 mindestens 224 Streiks gemeldet. Es handelte sich ähnlich denen in der DDR um kurze Arbeitsniederlegungen mit relativ wenig Beteiligten.26 Als Symptom für Unzufriedenheit und Konfliktbereitschaft wirkten sie jedoch alarmierend. Ein besonders spektakuläres Beispiel war der Streik, der am 3. April 1951 im Dąbrowa-Becken ausbrach, nachdem die Partei die Verlängerung der Arbeitszeit im Bergbau um eine Stunde beschlossen hatte.27 Massive Repressionen stellten schließlich Ruhe und Ordnung wieder her. Die tieferen Ursachen dieses Streiks hat einer derjenigen, die an der Beendigung beteiligt waren, später wohl zutreffend benannt: »Die Gruben im Dąbrowa-Becken«, schrieb Edward Gierek, damals Sekretär des Woiwodschaftskomitees der PVAP (Polnische Vereinigte Arbeiterpartei) in Kattowitz, »hatten alte, noch aus der Vorkriegszeit stammende Belegschaften. Hinzu kam, dass unter ihnen die PPS Einfluss hatte und deren Mitglieder die Entstehung der PVAP im Grunde mit der Liquidierung der PPS gleichsetzten. Sie hatten wirksamen Einfluss auf die Belegschaft – die neue Partei hassten sie ›aus ganzer Seele‹.«28 Wenig erfolgreich war in beiden Ländern der Kampf um höhere Arbeitsnormen. In der polnischen Kohleindustrie wurden im Rahmen einer im Januar 1949 eingeführten Lohnreform die Normen um 24,4 Prozent erhöht, in der Metallbranche um 35 Prozent, in der Textilindustrie sogar um bis zu 50 Prozent. Die Partei befürchtete Widerstand und wies das Ministerium für Innere Sicherheit an, sich einzuschalten, »um eine normale Arbeit in den Industriebetrieben zu gewährleisten, bevor Versuche zu Streikaufrufen und feindlichen Auftritten zu verzeichnen sind«.29 Die Normerhöhung erwies sich jedoch als kontraproduktiv: Die Produktivität ging im Jahr 1949 zurück, in einigen Branchen beträchtlich. In etlichen Betrieben, in denen der verdeckte Widerstand besonders heftig war, entschlossen sich daher die Betriebsleitungen zu Konzessionen in Form von verschiedenartigen Zuschlägen oder Ausgleichszahlungen und unterliefen damit die Normerhöhung. Lassen sich in der SBZ für die 40er-Jahre kaum Parallelen zum Ausmaß der Konflikte in Polen aufzeigen, so gab es in den frühen 50er-Jahren etliche, z. T. scharfe Auseinandersetzungen, die sich gegen die Strategie der schleichenden Normerhöhungen richteten, die dann im Betriebskollektivvertrag (BKV), den der FDGB durchzusetzen hatte, ihren ersten Höhepunkt fand. Während die gewaltsamen Unruhen in Saalfeld 1951 eher in die Tradition von sozialen Krawallen in Betrieben mit extremen Arbeitsbedingungen einzuordnen sind,30 häuften sich nach der Verschärfung der ökonomischen Lage durch die 2. Parteikonferenz der SED 1952 Fälle von Arbeitsniederlegungen und Protesten. Der dort beschlossene forcierte »Aufbau des Sozialismus« mit beginnender Kollektivierung der Landwirtschaft, bevorzugter Förderung der Schwerindustrie und »Verschärfung des Klassenkampfes« schuf bald eine krisenhafte Situation. Es gelang den SED-Funktionären häufig nur mühsam, den aufgestauten Unmut, der die gravierende Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse insgesamt zum Hintergrund hatte, zu besänftigen. Der nach sowjetischem Vorbild umfassend konzipierte BKV regelte nicht mehr wie die alten Tarifverträge die Arbeits- und Lohnbedingungen, sondern war primär ein Instrument der Planerfüllung. Das sächsische Stahlwerk Riesa fungierte als Beispielbetrieb, dort wurde nach wochenlangen Beratungen und Diskussionen am 21. Mai 1951 in Anwesenheit des Bundesvorstandes des FDGB und von Gewerkschaftsleitungen aus 150 Betrieben der erste BKV »einstimmig angenommen«. Etwa 5000 Verträge folgten im Lauf des Jahres 1951.31 Die quantitativen Erfolgsbilanzen konnten aber die massiven Auseinandersetzungen um die Einführung der BKV nicht verdecken. Im Leunawerk bei Merseburg kam es sogar zu gewaltsamen Zusammenstößen, bei denen Volkspolizei und sowjetisches Militär einschritten.32 In Polen begann die Einführung der BKV später als in der DDR, verlief aber prinzipiell vergleichbar und musste gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt werden.33 Die Grundkonstellation und die »objektiven« Probleme waren somit ähnlich: Um schnelle Produktionssteigerungen und den Aufbau der Planwirtschaft durchzusetzen, sollten die Bastionen der alten Arbeiterbewegungstraditionen geschleift werden. In Polen begann man damit früher und unter massiver Einschaltung der Sicherheitsorgane. Die Verankerung neuer Arbeitsnormen in Form von BKV blieb in beiden Ländern ein schwieriges Geschäft. Da die Gewerkschaften bei ihrer Durchsetzung die Hauptlast tragen mussten, büßten sie weiter an Glaubwürdigkeit als Interessenvertretung ein. Insbesondere die mittleren und unteren Kader der Gewerkschaften saßen zwischen den Stühlen: Sie gerieten ins Schussfeld der Parteikritik, da von ihnen die Umsetzung der Anweisungen »von oben« verlangt wurde. Zugleich waren sie aber unmittelbar mit den Erwartungen der Arbeiter konfrontiert, die sich an traditioneller Interessenvertretung orientierten. Aus diesem Dilemma haben sich Gewerkschaften im »Realsozialismus« nie befreien können. Fazit Ein systematischer Vergleich müsste umfassender, als es hier möglich war, verschiedene zusätzliche Ebenen einbeziehen. Aber schon bei einem oberflächlichen Blick auf die Rolle von Gewerkschaften im Prozess der »Volksdemokratisierung« werden grundsätzliche Ähnlichkeiten und beträchtliche Differenzen zwischen den beiden Staaten erkennbar. 1. Die kommunistischen Planungen im Exil bzw. im Untergrund fielen für Deutschland und Polen ähnlich aus. Die Einheitsgewerkschaft als Ziel kam in beiden Fällen zwar einem verbreiteten Wunsch der Arbeiter im linken Spektrum entgegen, sie war für die Kommunisten aber vor allem ein Hebel zur Ausschaltung der Sozialisten bzw. Sozialdemokraten. Die KPD konnte sich dabei neben der Besatzungsmacht immerhin auf eine starke eigene Tradition stützen. Für die PPR galt das allenfalls ansatzweise in wenigen Regionen wie Oberschlesien oder Łódź. Sie stieß als Neugründung im Untergrund auf massive Vorbehalte einer nationalbewussten, stark katholisch geprägten und nur in Teilen industrialisierten Gesellschaft, die durch die Folgen der Okkupation zudem völlig aus den Fugen geraten war. 2. Die strukturelle Ambivalenz von sozialer Interessenvertretung und Transmissionsriemen charakterisierte besonders die Anfangsphase in beiden Ländern, auch wenn der Wille zur Gleichschaltung und politischen Funktionalisierung bereits deutlich sichtbar wurde. In der SBZ war diese Ambivalenz aufgrund starker sozialdemokratischer Traditionen deutlicher ausgeprägt als in Polen, wo die PPR ihre schwache Verankerung in der Arbeiterschaft durch besonders hartes Vorgehen gegen alle »Gegner« wettzumachen versuchte. In Polen wurden die Gewerkschaften daher früher und konsequenter auf Parteilinie gebracht als in der SBZ. Die PPR erlitt dabei jedoch zunächst erhebliche Rückschläge, da die Fusion von Kommunisten und Sozialisten noch nicht vollzogen war. Auf diese Weise blieb der Konflikt mit der PPS bis 1948 / 49 brisant, während er sich in der SBZ in schwächerer Form innerhalb der Einheitspartei und des von ihr gesteuerten FDGB abspielte. 3. In der Haltung gegenüber den Betriebsräten zeichneten sich deutliche Unterschiede ab. Die PPR instrumentalisierte die Räte anfänglich offensiv zur Sicherung der eigenen Machtposition, in der SBZ wurden sie dagegen zunächst nur toleriert. Auch auf diesem Feld intervenierte die PPR jedoch früher als die SED mit dem Ziel, die Betriebsräte als unterste Organisationseinheit in die Gewerkschaften zu integrieren. 4. Die Auseinandersetzungen um Produktivitätssteigerungen durch »Aktivisten« und kollektive Regelungen der Arbeitsbeziehungen gehörten zu den länderübergreifenden Schlüsselproblemen. Das Grundmuster des Widerstandes gegen Leistungslöhne, neue Normen und detaillierte Festlegungen im BKV lässt sich in der SBZ / DDR besonders gut aufzeigen. Hier spricht zudem viel für die These, dass die nachhaltige Erfahrung von Egalität und solidarischem Zusammenhalt in den chaotischen ersten Nachkriegsjahren die Formen der Ablehnung prägte. Streikaktionen blieben in diesem Kontext in Polen stärker ausgeprägt als in der DDR, wo das Risiko erheblich höher war. Dennoch lassen sich auch hier Parallelen aufzeigen. 5. Warum es in Polen trotz verbreiteten Widerstands nicht ähnlich wie in der DDR schon bald nach Stalins Tod, sondern erst 1956 zum »großen Kladderadatsch« kam, ist nicht leicht zu erklären. Ein wichtiges Moment könnte sein, dass hier – anders als schließlich 1953 in der DDR – die immer wieder bekämpften Normerhöhungen gestaffelt in verschiedenen Branchen und zu verschiedenen Zeitpunkten durchgesetzt wurden, sodass der Unwille dagegen verstreut blieb und sich nicht in geballter Form Luft machte. Zudem griffen die Sicherheitsorgane besonders massiv ein. Das Thema blieb jedoch in beiden Staaten auf der Tagesordnung, und die politisch angepassten Gewerkschaften gerieten 1956 in Polen umso schärfer unter Druck, als sie mit neuen Arbeiterräten konfrontiert wurden, die an Traditionen der ersten Nachkriegsmonate anknüpften. 1 So Otto Grotewohl 1949. Protokoll der Ersten Parteikonferenz der SED, Berlin 1949, S. 334 f. 2 Diese Skizze verzichtet auf eine Vielzahl von Einzelnachweisen. Sie fußt für Polen vor allem auf einem seinerzeit von der VW-Stiftung geförderten Projekt, aus dem die Habilitationsschrift von Jędrzej Chumiński hervorgegangen ist: Ruch zawodowy w Polsce w warunkach kszałtującego się systemu totalitarnego [Die Gewerkschaftsbewegung in Polen unter den Bedingungen der Ausbildung des totalitären Systems], Wrocław 1999. Eine gekürzte ungedruckte Fassung in deutscher Übersetzung trägt den Titel: Gewerkschaften und Arbeiterinteressen in Polen 1944–1956, Potsdam 2000. Exemplare davon sind in den Bibliotheken des Zentrums für Zeithistorische Forschung ZZF, Potsdam, und des Herder-Instituts, Marburg, zugänglich. Im Folgenden beziehe ich mich auf die deutsche Fassung. Für die DDR verweise ich auf die entsprechenden Kapitel meiner Monographie, in der die einschlägigen Quellen und Literatur verarbeitet sind: Kleßmann, Christoph: Arbeiter im »Arbeiterstaat« DDR. Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell und westdeutsches Magnetfeld, Bonn 2007. Ferner ist für das Thema die (allzu) voluminöse organisationsgeschichtliche Arbeit von Stefan Paul Werum zu nennen: Gewerkschaftlicher Niedergang im sozialistischen Aufbau: der FDGB 1945–1953, Göttingen 2005. 3 Siehe dazu die auf neuem Material basierende Publikation von Creutzberger, Stefan / Görtemaker, Manfred (Hrsg.): Gleichschaltung unter Stalin? Die Entwicklung der Parteien im östlichen Europa 1944–1949, Paderborn 2002. Generell wichtig: Kersten, Krytyna: The Establishment of Communist Rule in Poland, 1943–1948, Berkeley 1991. 4 Siehe Weber, Hermann (Hrsg.): Der deutsche Kommunismus. Dokumente, Köln 1963, S. 377. Siehe auch die Beiträge von Klaus Schönhoven und Werner Müller in diesem Band. 5 Siehe Erler, Peter / Laude, Horst / Wilke, Manfred (Hrsg.): »Nach Hitler kommen wir«. Dokumente zur Programmatik der Moskauer KPD-Führung 1944 / 45 für Nachkriegsdeutschland, Berlin 1994, S. 41 ff. 6 Ebenda, S. 200, 207. 7 Siehe dazu meinen Artikel »Polen« in Mielke, Siegfried (Hrsg.): Internationales Gewerkschaftshandbuch, Opladen 1983. 8 Siehe Dunin-Wasowicz, Krzysztof: Polski Ruch Socjalistyczny 1939–1945 [Die polnische sozialistische Bewegung 1939–1945], Warschau 1993. 9 O odbudowę zwiazków zawodowych [Über den Aufbau von Gewerkschaften], in: Zaklad Historii przy KC PZPR (Hrsg.): Ksztąltowanie się podstaw programowych Polskiej Partii Robotniczej w latach 1942–1945 [Die Gestaltung der programmatischen Grundlagen der Polnischen Arbeiterpartei], Warschau 1958, S. 132 ff. 10 Chumiński: Gewerkschaften und Arbeiterinteressen (Anm. 2), S. 17 f. Siehe generell auch die materialreiche, wenn auch in der Interpretation problematische Arbeit von Ratyński, Władysław: Partia i związki zawodowe w Polsce Ludowej [Partei und Gewerkschaften in Volkspolen], Warschau 1977, hier S. 90. 11 Siehe dazu meinen Aufsatz: Betriebsräte, Gewerkschaften und Arbeiterselbstverwaltung in Polen (1944–1958), in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 29 (1981), S. 185–214. 12 Chumiński: Gewerkschaften und Arbeiterinteressen (Anm. 2), S. 75–84. 13 Dazu grundlegend Suckut, Siegfried: Die Betriebsrätebewegung in der Sowjetisch Besetzten Zone Deutschlands (1945–1948), Frankfurt am Main 1982. 14 So zu Recht Reynolds, Jaime: Communists, Socialists and Workers. Poland 1944–1948, in: Soviet Studies 30 (1978), S. 516–539, hier S. 518. 15 Chumiński: Gewerkschaften und Arbeiterinteressen (Anm. 2), S. 96, 108. 16 Zit. ebenda, S. 105. 17 Suckut: Die Betriebsrätebewegung (Anm. 13), S. 163 f., 236 f., 307. 18 Brunner, Detlev: Sozialdemokraten im FDGB. Von der Gewerkschaft zur Massenorganisation, 1945 bis in die frühen 1950er Jahre, Essen 2000, S. 207. 19 Zit. bei Kleßmann: Arbeiter im »Arbeiterstaat« DDR (Anm. 2), S. 105. 20 Zit. bei Brunner: Sozialdemokraten im FDGB (Anm. 18), S. 179. 21 Chumiński: Gewerkschaften und Arbeiterinteressen (Anm. 2), S. 135–158. 22 Ebenda, S. 147 ff.; Reynolds: Communists, Socialists and Workers (Anm. 14), S. 528 ff. 23 Ebenda, S. 155. 24 Zit. bei Chumiński: Gewerkschaften und Arbeiterinteressen (Anm. 2), S. 92 f. 25 Ebenda, S. 102 f. 26 Ebenda, S. 210. Chumiński verweist auf einen Fall, der vermutlich nur im katholischen Polen möglich war: Eine handgreifliche Aktion wegen religiöser Symbole, die Arbeiterinnen im Betrieb aufgehängt hatten. Diese Symbole wurden von Parteifunktionären entfernt, mussten aber nach heftigem Protest wieder aufgehängt werden. Ebenda, S. 152 f. 27 Ebenda, S. 210 f. 28 Zit. ebenda. 29 Zit. ebenda, S. 203. 30 Siehe dazu Port, Andrew: Der erste Arbeiteraufstand in der DDR. Die Proteste der Wismut-Arbeiter im thüringischen Saalfeld 1951, in: Deutschland Archiv 40 (2007), S. 605–613. 31 Keller, Dietmar: Lebendige Demokratie. Der Übergang von der antifaschistischen zur sozialistischen Demokratie in der volkseigenen Industrie der DDR 1948–1952, Berlin (Ost) 1971, S. 202 f. 32 »Telegraf« vom 1. Juni 1951 (»Schwere Unruhen im Leuna-Werk«). 33 Chumiński: Gewerkschaften und Arbeiterinteressen (Anm. 2), S. 188 f.

JHK 2008

»Erfahrungsgesättigte Rationalität«. Hermann Weber im Feld der bundesdeutschen DDR-Forschung seit den 1950er-Jahren

Jens Hüttmann

DDR-Geschichte – ein neues »Aufgabenfeld« für Historiker nach 1990?1 Die »Bonanza historiographischer Zeitgeschichtsforschung« – so nannte der Bonner Historiker Hans-Peter Schwarz 2003 in einem Aufsatz die Geschichte der DDR.2 Er spielte damit auf den »Forschungsboom« an, der in den 1990er-Jahren innerhalb der bundesdeutschen DDR-Forschung zu beobachten war: Erst nach ihrem Untergang sah eine rasch wachsende Zahl von Forscherinnen und Forschern die SED-Diktatur als ein attraktives Thema an – seitdem wurden circa 1500 Projekte durchgeführt.3 Allein die beiden Enquetekommissionen des Deutschen Bundestags legten 1995 und 1999 unter den Titeln »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur« und »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der Deutschen Einheit« in ihren Abschlussberichten 27 000 Druckseiten und zahlreiche neue Erkenntnisse vor.4 Auf diese Weise konnten Forschungsfelder neu vermessen werden – insbesondere das vor 1989 lange vernachlässigte Themengebiet Repression, Opposition und Widerstand –, aber auch alltags-, sozial- und wirtschaftshistorische Fragestellungen gerieten seit 1990 verstärkt in das Blickfeld der Wissenschaftler. Voraussetzung für all dies war die fast uneingeschränkte Öffnung der ostdeutschen Archive.5 Parallel zur Aktenöffnung wurden im Osten wie im Westen Deutschlands zahlreiche Institutionen der ›alten‹ DDR-Forschung abgewickelt. Gleichzeitig entstand eine Vielzahl von neuen Einrichtungen. Eine Besonderheit des Feldes ist seit 1990 zudem die außerordentliche Produktivität der gesellschaftlichen Aufarbeitung. Zahlreiche zeitgeschichtliche Vereine, Initiativen und Institutionen haben die DDR-Forschung seit 1990 um ihren jeweils spezifischen Blick auf die Diktaturgeschichte bereichert. Schließlich betrat eine neue Generation von Wissenschaftlern die Bühne. So wurde die Geschichte der DDR in den 90er-Jahren zu einem begehrten Promotionsthema, circa 500 Dissertationen wurden seit 1990 geschrieben. All dies erweckte mancherorts den Eindruck, in der Bundesrepublik sei Anfang der 90er eine ganze Forschungslandschaft quasi neu erfunden worden. Von einem »neuen Aufgabenfeld«6 lässt sich aber nicht sprechen, da sich bereits seit Ende der 40er-Jahre eine Community von etwa 300 Wissenschaftlern in der ›alten‹ Bundesrepublik etabliert hatte, die die DDR zu ihrem Thema gemacht hatte. Das von ihnen erarbeitete Wissen wurde nach 1990 nicht selten ignoriert, obwohl die Ergebnisse breit dokumentiert sind. Die »De-De-Errologen«, wie der FAZ-Redakteur Ernst-Otto Maetzke sie 1967 anlässlich der ersten offiziellen DDR-Forschertagung in Tutzing nannte,7 arbeiteten ab 1945 vor allem in West-Berlin, aber auch in Bielefeld, Bonn, Erlangen, Köln, Mannheim, Marburg, München und Tübingen – und an vielen anderen Orten. Seit den 70er-Jahren existierten zudem DDR-Forschungszentren außerhalb der Bundesrepublik, etwa in Großbritannien, Frankreich und den USA.8 1986 dokumentierte eine Bibliographie die beeindruckende Quantität an Ergebnissen.9 Längst war auch der explizit zeithistorische Zweig der DDR-Forschung etabliert. 1981 hatte der Mannheimer »Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR« offiziell seine Arbeit aufgenommen, der bereits seit Anfang der 70er-Jahre unter der Leitung des Mannheimer Politikwissenschaftlers und Zeithistorikers Hermann Weber dafür gesorgt hatte, dass die ›alte‹ DDR-Forschung historische Fragen nicht ausklammerte. Weber zählt zu den wenigen aktiven Forschern, die das Feld gleichermaßen vor und seit 1989 maßgeblich bestimmten bzw. bestimmen. Mit Blick auf den Generationswechsel seit 1990 ist seine akademische Karriere in zweierlei Hinsicht aufschlussreich: Erstens zeigt sie die enge Verflechtung von lebensgeschichtlicher Erfahrung und wissenschaftlicher Laufbahn. Das, was für Webers Generation so charakteristisch war, das persönliche Betroffensein durch den Gegenstand, der verobjektiviert werden sollte, fehlt den seit 1990 nachfolgenden Forscherkohorten. Zweitens waren alle Akteure seit den 50er-Jahren mit der Anforderung konfrontiert, sich etablieren und professionalisieren – also »verwissenschaftlichen« – zu müssen. Anhand der Biografie Webers kann dieser Prozess mustergültig nachvollzogen werden. Auf welche Weise ging Weber mit dem scheinbaren Gegensatz zwischen seiner eigenen Standortgebundenheit und wissenschaftsinternen Anforderungen um? Wie gelang es ihm, seine akademische Ausnahmekarriere zu begründen? Um diese Fragen beantworten zu können, sollen im Folgenden zunächst die spezifischen Bedingungsfaktoren der ›alten‹ bundesdeutschen DDR-Forschung skizziert werden, in deren Rahmen Weber sein für das Feld gleichermaßen typisches wie auch in entscheidenden Punkten vom Mainstream abweichendes Handeln als Wissenschaftler entfaltete. Bedingungsfaktoren einer »Sonderdisziplin«: Das wissenschaftliche Feld der bundesdeutschen DDR-Forschung vor 1989 Ernst Richert, der 1976 gestorbene Mitbegründer der sozialwissenschaftlichen DDR-Forschung in der Bundesrepublik, verwies 1967 auf ein grundlegendes Dilemma, das diese bis 1989 entscheidend bestimmte: »Die westdeutsche DDR-Forschung […] ist in ungleich höherem Maß als die Erforschung anderer Staatsgebilde – auch in Europa – von der Problematik der Wertunterworfenheit bzw. Wertfreiheit betroffen. Denn ihr Objekt ist aus dem deutschen Traditionsraum hervorgewachsen, das Maß an Unbefangenheit und – selbst wohlwollender – Distanziertheit, mit dem wir anderen nahen wie fernen Ländern gegenüberzutreten in der Lage sind, ist hier jedenfalls nur schwer herzustellen.«10 Seither wurde darüber gestritten, wie weit die eigene Standortgebundenheit der Wissenschaftler ihre Herangehensweise und ihre Ergebnisse beeinflussen durfte – eine Frage, die bis heute ein konstitutives Element der DDR-Forschung darstellt.11 Tatsächlich war der Einfluss lebensgeschichtlicher Erfahrungen von Anfang an charakteristisch für das wissenschaftliche Feld. Die Protagonisten der DDR-Forschung vor 1989 waren im besonderen Maße durch biografische Nähe zu ihren Gegenständen geprägt – man denke nur an die vielen Journalisten, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Soziologen und Politikwissenschaftler in der alten Bundesrepublik, die die DDR in den 50er-Jahren verlassen und zuvor zum Teil anfänglich der SED angehangen hatten. Die biografische Bandbreite reichte von so unterschiedlichen Akteuren wie Max Gustav Lange, Ernst Richert, Otto Stammer und Carola Stern, die alle 1949 / 50 aus der »Zone« geflüchtet waren, über Arcadius R. L. Gurland, der in Moskau geboren und in Berlin aufgewachsen war, mit seiner Familie 1933 vor den Nazis fliehen musste und seit 1952 am Institut für politische Wissenschaft der FU Berlin wirkte, bis zu Wissenschaftlern wie Karl Christian Thalheim, der seit 1931 als Privatdozent an der Handelshochschule Leipzig gelehrt und sich im Verlauf der 30er-Jahre als NSDAP-Mitglied immer stärker der nationalsozialistischen Weltanschauung angepasst hatte. Thalheim wurde 1951 Professor am Osteuropa-Institut der FU.12 Als »zusätzliches Handicap« machte Richert aus, dass »ein Arbeiten im Land zwischen Elbe und Oder selbst, also an Ort und Stelle, kaum und ganz und gar nicht in hinreichendem Umfang möglich ist«.13 Westdeutsche Wissenschaftler konnten nicht in der DDR selbst forschen – und waren generell mit immensen Materialproblemen konfrontiert, die alle Forschenden gleichermaßen betrafen: Zu bedenken war stets, dass die SED-Informationspolitik systematisch verzerrt war und in offiziellen genauso wie in wissenschaftlichen Publikationen vor sinnentstellenden Auslassungen bis hin zu Fälschungen nicht zurückschreckte.14 Bis zum Mauerbau boten immerhin zumeist auf illegalem Wege durchgeführte Meinungsumfragen, Interviews mit DDR-Bürgern, Beobachtungen und Erfahrungen eine Vielzahl von inoffiziellen Informationen. Ab 1961 mussten sich die »De-De-Errologen« jedoch damit begnügen, Presseerzeugnisse, DDR-Literatur, offizielle Parteiprogramme der SED und ihrer Blockparteien, Zeitungen, wissenschaftliche Zeitschriften wie etwa die Einheit, DDR-Statistiken, Gesetzestexte und weitere Materialien auszuwerten. Da das Archivgut der ostdeutschen Nachkriegsentwicklung den bundesdeutschen Forschern bis 1989 völlig verschlossen war und auch osteuropäische Wissenschaftler die Archive kaum nutzen konnten, fehlte eine zumal für Historiker unersetzliche Quelle. Insgesamt waren die Bedingungen, um DDR-Forschung in der Bundesrepublik durchzuführen, schlecht.15 Einen dritten charakteristischen Punkt benannte Ernst Richert ebenfalls 1967 in der Wochenzeitung Die Zeit, als er darauf hinwies, dass die DDR-Forschung vor 1989 im Wissenschaftssystem der Bundesrepublik insgesamt wie auch innerhalb der bundesdeutschen Sozial- und Geschichtswissenschaften eine Außenseiterrolle einnahm: Die »De-De-Errologie« war eine »Sonderdisziplin«16 innerhalb der westdeutschen scientific community. Dies hatte einerseits einen wissenschaftsexternen Grund: Die DDR-Forschung seit dem Mauerbau besaß mentalitätsgeschichtlich betrachtet eine geringere Bedeutung für das Selbstverständnis der Bundesrepublik als die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus.17 Andererseits war der besondere Status auf wissenschaftsinterner Ebene begründet: In Relation zu ihren »Mutterwissenschaften« wie Soziologie, Politologie und Geschichtswissenschaft standen die »De-De-Errologen« eher am Rande, ihr Prestige war – ähnlich dem der »Sowjetologen«18 – gering. An den westdeutschen Hochschulen war die Disziplin mit einigen Ausnahmen nur wenig institutionalisiert. Dieser besondere Status prägt sie bis heute.19 Um eine eigenständige und anerkannte sozialwissenschaftliche Disziplin werden zu können, musste sich die DDR-Forschung verwissenschaftlichen. Eine damit verbundene Forderung lautete seit den 60er-Jahren: Abkehr von der Betroffenheit und den normativen Anfängen der Disziplin, die etwa durch den Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung beim Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen repräsentiert waren.20 Vielmehr sollten nach Ansicht von jüngeren, im Feld zunehmend reüssierenden Wissenschaftlern wie Peter Christian Ludz und Hartmut Zimmermann Distanz, Sachlichkeit, Nüchternheit und Wertfreiheit die Leitlinien der neuen Forschung sein. Es sollte sich ein Stil durchsetzen, der durch sprachliche Askese, Abstraktion und die strikte Trennung von Beschreibungs- und Quellenebene seine Distanz zur Wertgebundenheit unter Beweis stellt. Das Feld der DDR-Forschung entwickelte fortan eine eigentümliche Distanz zu seinen »erfahrungsgesättigten« Anfängen. Seit den 60er-Jahren war die Trennlinie zwischen »wissenschaftlicher« und »nicht-wissenschaftlicher« Auseinandersetzung mit der DDR in den Köpfen vieler Forscher gleichbedeutend mit der Grenze zwischen Objektivität und Subjektivität. Damit war eine Entwertung von Erfahrungen und qualitativen Daten generell sowie von subjektiv geprägten Arbeiten verbunden, die als »Erlebnisberichte« abqualifiziert wurden. Als frühe explizite Kritik an »zu viel« Erfahrung in der DDR-Forschung konstatierte etwa Zimmermann in einem ansonsten bis heute für aktuelle Fragestellungen anregenden Aufsatz über die »Analyse bolschewistischer Gesellschaftssysteme« von 1961: »Die verwandten Kategorien werden nicht aus dem sozialen Phänomen ›Bolschewistische Gesellschaft‹ abgeleitet, sondern einem anderen, Erfahrungszusammenhang entnommen. So nimmt es nicht wunder, daß die Forschung leicht in die Gefahr einer verzerrenden Überbewertung von Einzelphänomenen, einer eigenartigen Personifizierung von Entwicklungstendenzen und innergesellschaftlichen Widersprüchen kommt.«21 Dass sich persönliche Betroffenheit und wissenschaftliche Objektivität produktiv verbinden lassen, zeigt hingegen die Forscherkarriere Hermann Webers.22 Weber ist bis heute als Wissenschaftler und als Zeitzeuge gleichermaßen glaubwürdig. Im Folgenden wird argumentiert, dass die Überzeugungskraft, die ihm quer durch die politischen Lager zugesprochen wurde und wird,23 mit der ihm eigenen und konsequent verfolgten »erfahrungsgesättigten Rationalität« zusammenhängt.24 Sein Werdegang zeigt das »Potenzial« von Zeitzeugenschaft für gute wissenschaftliche Forschung – seine eigenen lebensgeschichtlichen Erfahrungen schützten ihn mehr als alle methodischen und theoretischen Bezugspunkte vor Fehldeutungen und Irrtümern, die charakteristisch für Teile der ›alten‹ DDR-Forschung sind. Hierin liegt ein wichtiger Grund dafür, dass eine Vielzahl von Veröffentlichungen Webers vor 1989 auch nach der friedlichen Revolution weiterhin Bestand haben und er zu den wenigen Akteuren gehört, die in den 90er-Jahren nicht zur Zielscheibe der Kritik an der ›alten‹ bundesdeutschen DDR-Forschung wurden.25 Die Begründung einer Forscherkarriere: Hermann Webers »lupenreine Herkunft« und sein Bruch mit dem Stalinismus Willi Hoss, westdeutscher ehemaliger Kommunist und Mitgründer der Grünen, beschrieb in seiner Autobiografie seine Begegnung mit Hermann Weber an der SED-Parteihochschule in Kleinmachnow so: »An Kursteilnehmer von westdeutscher Seite erinnere ich mich an Leute wie Hermann Weber und Herbert Mies […] Weber gehörte zum Zweijahreslehrgang 1948 / 49, der sich mit meinem Lehrgang überlappte. […] Herbert Mies ist später ein sehr dogmatischer Typ geworden, der keine Fragen mehr an sich herangelassen hat, falls er überhaupt welche hatte. […] Hermann Weber hingegen ist ein sehr guter Historiker geworden. Er ist früh schon abgesprungen.«26 Hermann Weber besitzt, wie er selbst es ausdrückt, eine »lupenreine Herkunft« aus der kommunistischen Arbeiterbewegung. Sein Vater widmete seinen Alltag der kommunistischen Parteiarbeit und war zeitweise unter den Nazis als Widerstandskämpfer inhaftiert. Er war es, der kritisches Denken und eine oppositionelle Haltung vermittelte, die seinen Sohn Hermann bis heute prägen.27 Nach Kriegsende trat der 17-Jährige der wieder zuge-lassenen KPD bei. 1946 besuchte er den ersten Lehrgang der FDJ-Hochschule am Bogensee bei Berlin und nahm am I. FDJ-Parlament im Juni 1946 in Brandenburg teil. Danach war er Mitglied des hauptamtlichen Parteiapparats der KPD und wurde zur von Willi Hoss erwähnten SED-Parteihochschule »Karl Marx« delegiert, wo er die Stalinisierung der Partei miterlebte. Hier lernte Weber 1949 auf einem zweijährigen Lehrgang auch Wolfgang Leonhard, den Autor des 1955 veröffentlichten Bestsellers Die Revolution entlässt ihre Kinder, kennen.28 Weber, der in Kleinmachnow von seinen Lehrern den Decknamen »Wunderlich« verordnet bekommen hatte, blieb während des Lehrgangs ein nicht unkritischer, aber gläubiger Kommunist.29 Starke Zweifel an der offiziellen Lesart kommunistischer Parteigeschichte, die Weber später – erstmals 1964 in Ulbricht fälscht Geschichte, später besonders in seinen berühmten Weißen Flecken – zum großen Ärger der SED immer wieder offen benannte,30 kamen ihm allerdings bereits in der Bibliothek der SED-Parteihochschule, als er sich mit den Protokollen der Moskauer Schauprozesse der 30er-Jahre vertraut machte und auf diese Weise erstmals auf die stalinistischen Verbrechen aufmerksam wurde. Auf der Parteihochschule hatte Weber seine Frau Gerda kennengelernt. Nach dem Schulbesuch wurden sie beide in Westdeutschland eingesetzt: Gerda als 1. Sekretärin des westdeutschen Demokratischen Frauenbundes (DFD), einem West-Ableger der SED-Frauenorganisation, Hermann als Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitung Das Junge Deutschland. Als er 1952 ein Grußtelegramm Stalins nicht als Aufmacher abdruckte, wurde er von Honecker seiner Funktion enthoben und in die zweite Reihe degradiert.31 Die Situation verschärfte sich: Gerade in dem Moment, als Hermann und Gerda Weber gemeinsam den Bruch mit dem Stalinismus vollzogen hatten und die KP-Zeitung Badisches Echo am 22. September 1954 mit Weber als »Agenten« und »Parteifeind« abrechnete, standen beide gleichzeitig im Verdacht illegaler kommunistischer Tätigkeit in der Bundesrepublik und kamen dafür – ohne Verurteilung – ins Gefängnis: »Unsere Situation erschien mir verrückt. Mit dem Stalinismus hatte ich längst gebrochen, saß dennoch bereits über ein halbes Jahr als kommunistischer Rädelsführer im Gefängnis.«32 Die Verfahren wurden erst 1958 eingestellt. Weil es zunächst darum ging, zu überleben, erhielt die Freundschaft zu Wolfgang Leonhard große Bedeutung für das Ehepaar Weber, die beide nach ihrer fast zweijährigen Haft wegen »illegaler Tätigkeit« für die FDJ »finanziell auf dem Hund« waren.33 Leonhard vermittelte Hermann Weber an das SBZ-Archiv, das spätere Deutschland Archiv, zu dessen regelmäßigen Autoren er bald zählte. Weber publizierte dort als Vorsichtsmaßnahme unter dem – ziemlich leicht durchschaubaren – Pseudonym »W. Hermann«, da das Verfahren wegen seiner FDJ-Tätigkeit noch nicht abgeschlossen war. Er verfasste zudem seit Ende der 50er-Jahre mehrere Schriften für die Landeszentralen für politische Bildung. Bereits 1955 hatte er bei einem Wettbewerb der Evangelischen Akademie für eine Arbeit über »Die Stellung von Friedrich Engels in der Frühgeschichte des Marxismus« einen Preis erhalten, der ihn darin bestärkte, seine Kenntnisse auszubauen und weiterzuvermitteln. Nur aufgrund dieser publizistischen Betätigungsfelder waren die Existenzsicherung und das berufliche Weiterkommen überhaupt möglich. Dennoch war die Situation weiterhin schwierig, weil Hermann und Gerda Weber im Kalten Krieg zwischen den Stühlen saßen. Einerseits gerieten beide durch ihre mit der Zeit immer öffentlichkeitswirksamere Kritik am Stalinismus und dem Sozialismus der SED immer wieder ins Visier Ost-Berlins. Im zweiten Band der Weber’schen Erinnerungen wird unter der Überschrift »SED-Feindbild Hermann Weber« beschrieben, auf welch perfide Weise die SED und das MfS ihn als »Verräter« und »Renegat«, später als »Rechtsaußen« der »liberalen Richtung« bekämpften.34 Andererseits waren Konzeptionen eines »Dritten Wegs« und Parolen wie »Weder Ost noch West« – denen beide anhingen – unvereinbar mit dem politischen Konsens der jungen Bundesrepublik. Viele jener »entzauberten Revolutionäre«35 hatten nicht einen »sich links drapierenden stalinistischen« Kommunismus im Sinn, sondern strebten einen demokratischen Sozialismus an: »In der breit gefächerten – wenn auch zahlenmäßig nur kleinen – Linken gab es keine einheitliche Programmatik, nur ansatzweise politische Strategien und kaum feste organisatorische Bindungen. […] Wir redeten uns die Köpfe heiß über die Aufgaben der Linken, suchten einen ›dritten Weg‹ jenseits von Kommunismus und restaurativem Kapitalismus.«36 Weber engagierte sich in unterschiedlichen gewerkschaftlichen Gruppierungen und später vor allem in der SPD. Aufgrund alter und neuer Kontakte und Freundschaften zu anderen ehemaligen Kommunisten und linken Sozialdemokraten, die mit dem Stalinismus gebrochen hatten, bewegte sich Weber in einem Netzwerk von Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie er gemacht hatten. Ein wichtiger Publikationsort war die von 1959 bis 1964 erschienene Zeitschrift Der Dritte Weg. Diskussionsforum für modernen Sozialismus, die von Heinz Lippmann, bis 1953 Honeckers Stellvertreter in der FDJ, redaktionell geleitet und – wie heute bekannt ist – vom Verfassungsschutz finanziert wurde.37 Wiederum Leonhard hatte Weber mit Lippmann bekannt gemacht. Unter der Mitarbeit von Jürgen Rühle und Jo Schölmerich schrieben Weber und Lippmann ein kritisches Buch über die SED, das Weber offiziell mit einem gewissen »Lothar Pertinax« veröffentlichte – dem Pseudonym für alle drei Mitautoren. In den 65 Fragen an die SED wurde herausgearbeitet, dass die SED-Politik und -Ideologie die Grundlagen des wissenschaftlichen Marxismus längst verlassen hatte. Der Band erschien 1958 in der Deutschen Verlagsanstalt unter dem Titel Schein und Wirklichkeit in der DDR.38 Der Beitrag des Mannheimer Arbeitsbereichs zur »Verwissenschaftlichung« der bundesdeutschen DDR-Forschung Noch 1967 hatte Ernst Richert in seiner Zustandsbeschreibung der DDR-Forschung in der Zeit geschrieben: »Politologie und Soziologie haben sich indes (obwohl es hier am nächsten gelegen hätte und am fruchtbarsten gewesen wäre) fast nirgendwo außerhalb Westberlins mit der DDR befasst. Von der Germanistik, insbesondere der Literaturwissenschaft, und dem Komplex Zeitgeschichte gilt im wesentlichen das Gleiche, rundum Negative.«39 Als Richert die Defizite der zeitgeschichtlichen Forschung in Bezug auf die DDR beklagte, hatte Weber neben Schein und Wirklichkeit 1961 bereits Von Rosa Luxemburg zu Walter Ulbricht (vierte Auflage 1970) und 1964 sein Buch über Konflikte im Weltkommunismus publiziert.40 Er hatte zu dieser Zeit seinen Einstieg in die junge Disziplin auch ohne akademische Weihen bereits gefunden. Um seine Ausnahmekarriere aber tatsächlich weiterverfolgen zu können, bedurfte es des Anstoßes eines Universitätsprofessors: Es war der Mannheimer Zeithistoriker Erich Matthias, der Hermann Weber ermutigte, eine akademische Laufbahn einzuschlagen, und ihn dabei unterstützte.41 1966 begann Hermann Weber im Alter von 38 Jahren sein Studium in Mannheim, das er bereits 1968 mit einer Promotion abschloss, auf die zwei Jahre später die Habilitation folgte. 1975 wurde Weber Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. In knapp zehn Jahren wurde so aus dem »älteren Erstsemester« ein »ordentlicher Professor«.42 Neben seiner eigenen wissenschaftlichen Qualifizierung hatte Weber für eine dauerhafte Finanzierung seiner Forschungen durch das Volkswagenwerk gesorgt und eine erstaunliche Produktivität entfaltet. 1976 begann das DFG-Projekt »Entstehung, Entwicklung und Funktion des Parteiensystems der DDR«, das sowohl die Geschichte der SED und ihrer Blockparteien und Massenorganisationen als auch die Transformation der SBZ / DDR zur Diktatur in den Blick nahm. Schließlich wurde am 1. April 1981 offiziell der »Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim« gegründet. Weber beschreibt in seinen Erinnerungen die Motivlage für seine Anstrengungen so: »Es war wie verrückt. Legenden und Lügen der offiziellen DDR-Darstellungen fanden damals in billigen Lizenzausgaben zunehmend im Westen Verbreitung. Doch bis in die 80er-Jahre ignorierten die westdeutschen Zeithistoriker in ihrer übergroßen Mehrheit die Geschichte der DDR. Deshalb suchte ich nach Wegen, das zu ändern, und setzte alles daran, in Mannheim die seriöse, kritische Analyse der DDR-Geschichte voranzutreiben.«43 Da Weber diesen Vorsatz auf bemerkenswerte Weise auch umsetzte, ist es unzureichend, die DDR-Forschung vor der friedlichen Revolution als bloßen Gegensatz zweier Gruppierungen zu beschreiben, die entweder mit dem Totalitarismus-Modell arbeiteten oder aber dieses kritisierten. Auf diese Weise – »hier die konservativen, wertgebundenen Forscher, da die wertneutralen, objektivitätsorientierten Forscher«44 – wird die Vielfalt der Forschungslandschaft, die zum Beispiel durch den Mannheimer Arbeitsbereich repräsentiert wird, verdeckt. Denn die dort entstandenen Konzepte und Ergebnisse besitzen eine originäre Stellung,45 die sich parallel zur heftig umstrittenen Entfaltung »kritisch-immanenter Ansätze«, die etwa mit den Arbeiten von Peter Christian Ludz in den 60er- und 70er-Jahren verbunden ist, entwickelte.46 Weber beschrieb 1973, ein Jahr nach dem »Grundvertrag«, in einem Artikel für das Deutschland Archiv sein Selbstverständnis so: Auch er wolle den Ruf der DDR-Forschung, ein Produkt des Kalten Krieges zu sein, zu überwinden helfen, indem er versuche, in seiner Arbeit »jede Einseitigkeit, alle Spekulationen und jeden Propagandaverdacht [zu] vermeiden«.47 Diese »Wissenschaftlichkeit« schloss aber aus Sicht von Weber und anderen Akteuren, zum Beispiel Karl-Wilhelm Fricke, nicht aus, auch eigene normative Standpunkte in die Darstellung mit einfließen zu lassen. Die Position ist also nicht zu verwechseln mit apolitischer Sachlichkeit. Dabei wurde methodologischen Fragen nicht so viel Raum gegeben, wie es etwa am Arbeitsbereich »DDR-Forschung« am ZI 6 der FU Berlin unter Leitung von Hartmut Zimmermann damals Tradition war. Mit einfachen, aber wesentlichen Fragestellungen wurden Grundtatsachen der politischen und historischen Entwicklung in einer klaren Auseinandersetzung mit der kommunistischen Ideologie dargestellt. Daraus ergab sich eine Unabhängigkeit von den Konjunkturen methodisch-theoretischer Kontroversen. Am Beispiel der Untersuchungen zur politischen Institutionengeschichte, zum SED-Geschichtsbild und der Einbettung dieser Analysen in die Geschichte der kommunistischen Bewegung und ihrer Akteure lassen sich drei getrennte und dennoch deutlich miteinander in Beziehung stehende Fragestellungen nachzeichnen. Sie zeigen die Tragfähigkeit der von Weber und seinen Mitarbeitern erzielten Ergebnisse in Bezug auf den gegenwärtigen Wissensstand zur DDR, die damit verbundene besondere Mischung von Sachlichkeit und politischem Engagement und die Innovationskraft der in Mannheim geprägten Perspektiven: (1) Aus heutiger Sicht zeigt etwa das vielfach aufgelegte und auch häufig für Zwecke der politischen Bildung genutzte Von der SBZ zur DDR (erstmals 1968) genauso wie der 1976 erstmals erschienene Grundriss der Geschichte, dass wesentliche Elemente und Einsichten einer politischen Herrschaftsgeschichte der DDR in den 90er-Jahren längst vorhanden waren: »Nach dem Willen von Staatspartei und Verfassung soll die DDR den Sozialismus verwirklichen, doch wird darunter tatsächlich verstanden, das Modell der Sowjetunion zu realisieren. Unter dieser Zielsetzung ist im Herrschaftssystem der DDR die verfassungsrechtlich abgesicherte ›führende Rolle‹ der SED von zentraler Bedeutung. Der Führungsanspruch der Partei erstreckt sich auf alle Lebensbereiche.«48 Die Geltungskraft solcher Einsichten veranschaulicht der Grundriss genauso wie die in diversen Auflagen erschienene Geschichte der DDR. Während der Grundriss 1976 noch mit 211 Seiten auskam, lag 1985 erstmals die Geschichte der DDR vor, die wesentlich erweitert auf 540 Seiten kam (dritte Auflage 1988).49 2000 erschien, um die Funde aus den nunmehr geöffneten Archiven ergänzt, in der Reihe Oldenbourgs Grundriss der Geschichte der Band Die DDR 1945–1990.50 Letzteres illustriert gleichzeitig die erfolgreichen Bemühungen um Beziehungen zur universitären Geschichtswissenschaft und zu außeruniversitären Forschungseinrichtungen an anderen Orten. So fand bereits 1980 am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) München das Kolloquium mit dem Titel Der Weg nach Pankow statt, an dem neben Weber Wolfgang Leonhard, Alexander Fischer, Hermann Rudolph und Horst Möller teilnahmen.51 Mitte der 80er-Jahre begann die Arbeit am gemeinsam mit Martin Broszat und dem IfZ herausgegebenen SBZ-Handbuch, das bis heute als das Standardwerk gilt – obwohl es vor Öffnung der Archive erarbeitet wurde.52 Der Historiker Rudolf Morsey rezensierte es seinerzeit mit der Bemerkung, es müsse nach der Wiedervereinigung keine Zeile verändert werden.53 Zudem wurde Weber in dieser Zeit Mitglied des wissenschaftlichen Beirats am IfZ. (2) Mit Webers Büchern und Aufsätzen wurde ein dezidiertes Gegengewicht zur DDR-eigenen Verbreitung eines Geschichtsbildes geschaffen, in dem alle konstruktiven und progressiven Elemente der deutschen Geschichte dem sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat DDR zugeschrieben wurden. Als Grundlage der immanenten Analyse dienten vor allem Texte, die von der DDR-Geschichtsschreibung selbst produziert worden waren. Die geschichtspolitischen Konsequenzen dieser Anstrengungen zeigen sich etwa darin, dass Webers Buch Ulbricht fälscht Geschichte dem Namensgeber in Ost-Berlin höchst selbst zur Kenntnisnahme vorgelegt wurde.54 Auch die 1989 erschienenen Weißen Flecken hatten eine politische Stoßrichtung: Auf den ersten Blick handelte es sich nicht um mehr als die Sammlung von 250 Biografien kommunistischer Funktionäre aus der Weimarer Republik, die im sowjetischen Exil während der stalinistischen Säuberungen umgebracht wurden.55 Obwohl es in der DDR nicht verfügbar war, sorgte das Buch jedoch bereits vor der friedlichen Revolution und besonders unter den SED-Parteihistorikern für Furore und konnte bald nicht mehr unterdrückt werden.56 Während man in der Sowjetunion unter Gorbatschow damit begann, die stalinistischen Verbrechen erstmals aufzuarbeiten, verharmloste und verleugnete die SED ihre verschwiegenen Traditionen. Webers in zwei rasch aufeinanderfolgenden Auflagen erschienene Dokumentation der deutschen Opfer des Stalinterrors hatte wesentlichen Anteil daran, die DDR-Geschichtswissenschaft zu delegitimieren. Gleichzeitig war es nach 1990 Hermann Weber, der jüngere ostdeutsche Wissenschaftler in vielfältiger Hinsicht dabei unterstützte, auf der Grundlage der nun geöffneten Archive DDR-Geschichte auf neue Weise zu erforschen. (3) Ihre besondere Reichweite besitzt Webers Perspektive, weil es ihm stets darum geht, die Geschichte der SED-Diktatur in die Geschichte des deutschen Kommunismus zu integrieren. Thema waren stets die Wechselbeziehungen zwischen Ideologie und Organisationsstruktur. So lautete der Titel von Webers Habilitation Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. Am Beispiel der Stellung der KPD im Weimarer Parteiengefüge, insbesondere ihres Verhältnisses zur SPD, wird geschildert, wie aus der revolutionären Partei ein bürokratischer Apparat wurde, dem terroristische Methoden nicht fremd waren. Analysiert werden die internationale Einwirkung und die Finanzierung der KPD durch Moskau und die Komintern sowie die innerparteilichen Auseinandersetzungen und »Säuberungen« der Partei, von denen auch die intellektuellen Linken, die Rechtsabweichler und die Trotzkisten betroffen waren.57 Ihre besondere Innovationskraft gewann die Studie nicht zuletzt dadurch, dass sie zusätzlich eine gruppenbiografische Dokumentation und Analyse von 504 Funktionären des KPD-Führungskorps enthielt.58 Diese Beispiele verdeutlichen, dass Hermann Weber neben der Geschichte der Institutionen und dem SED-Geschichtsbild stets die historischen Akteure interessieren – er unternimmt den Versuch, die Wechselbeziehungen zwischen objektiven Lebenslagen und subjektivem Wahrnehmen und Handeln als Kernfrage der politologisch-historischen Arbeit ernst zu nehmen. Die Perspektiven insbesondere der kommunistischen Täter und Opfer – besonders, wenn es sich dabei um dieselben Personen handelte – fanden gleichermaßen sein Interesse. Erst so wird das Geschehen als Ganzes deutlich. Die Opfer sind dabei keine bloßen »Objekte«, sondern sind zum Teil selbst tief verstrickt in die historischen Ereignisse, besitzen Namen und eine eigene individuelle Lebensgeschichte. Dabei geht es um Persönliches wie Unpersönliches, immer aber auch um das Leid und die Schicksale konkreter Einzelmenschen, ihre Lebensläufe und Erfahrungen. Hermann Weber ist in seinen kritischen Analysen immer sehr deutlich, aber er hat nie das Verständnis dafür verloren, unter welchen komplizierten historischen Umständen sich Menschen der Bewegung anschlossen. Insofern geht es bei Weber immer auch darum, am Forschungsgegenstand »Anteil zu nehmen«.59 Fazit »Die vergangene Zukunft als solche in den Blick zu nehmen, sie nicht immer schon ex post mit dem zu verrechnen, was dann tatsächlich geschah, fällt den Nachgeborenen in der Regel schwer.«60 Mit den Worten des Geschichtstheoretikers Lucian Hölscher lässt sich ermessen, weshalb Weber als Begründer der ›alten‹ DDR-Forschung auch nach dem Mauerfall und dem Generationswechsel nicht nur innerhalb der Disziplin ein enormes Prestige zugemessen wird: Gerade während und nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989/1990 war er einer der gefragtesten Experten nicht nur der bundesdeutschen, sondern auch der internationalen Medienlandschaft.61 Weber wurde 1993 emeritiert, seine Überzeugskraft als ein in allen politischen Lagern anerkannter Wissenschaftler blieb ungebrochen. Dies zeigte sich nicht zuletzt während der Enquetekommissionen und ihrer zum Teil heftigen Konfrontationen, die er als »Brückenbauer« nicht selten zum Ausgleich führen konnte. Dies gilt auch für seine Arbeit in der von der Bundesregierung berufenen »Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen«, in der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD und im Stiftungsrat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Bis 2007 war er Herausgeber des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Schließlich wird Webers Bedeutung in den 90er-Jahren auch durch die Tatsache unterstrichen, dass es in Mannheim beschäftigte Politikwissenschaftler und Historiker, etwa Günter Braun, Horst Dähn, Jan Foitzik, Ulrich Mählert, Werner Müller, Siegfried Suckut sowie Dietrich Staritz waren, die nach 1990 die ›neue‹ DDR-Forschung maßgeblich mittragen sollten. Voraussetzung für all dies ist Webers »erfahrungsgesättigte Rationalität«. Sie umfasst entscheidende historische Ereignisse wie »die erneute Stalinisierung der kommunistischen Bewegung, den sich verschärfenden Kalten Krieg, die Spaltung Deutschlands und den schrittweisen Aufbau der SED-Herrschaft«.62 Die Doppelperspektive von Erfahrung und wissenschaftlichem Erkenntnisdrang war der wesentliche Antrieb seines Engagements seit Ende der 50er-Jahre. An der akademischen Biographie Hermann Webers wird deshalb deutlich, dass es nicht plausibel ist, einen diametralen Gegensatz zwischen Zeitzeuge und Historiker, zwischen »Erfahrung« – und damit verbundenen Emotionen – und »Rationalität« zu ziehen. Zu häufig noch gelten Emotionen als zu überwindende Störfaktoren im Analyseprozess.63 Wissen und Erinnerungen an selbst erlebte historische Abläufe sind bei ihm fest miteinander verwoben, ohne identisch zu sein. Seinen eigenen Blickwinkel hat Weber dabei stets reflektiert. Sein Lebensweg spiegelt auch die Desintegration eines Teils des ›alten‹ kommunistischen Milieus und dessen Entradikalisierung seit Mitte der 50er-Jahre wider.64 Der Bruch mit der Partei war für Weber nie ein Bruch mit dem »Prinzip Links«, seinem früh geprägten Leitbild, in dessen Zentrum Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit stehen. Daraus ist sein Lebensthema entstanden, das er in einem Interview so beschrieb: »Ich habe erlebt, wie aus dem Traum ein Albtraum wurde. Mich hat interessiert, warum.«65 1 Der Text ist ein eigenständiger Beitrag, der auf den Ergebnissen meiner Arbeit über die Geschichte der DDR-Forschung in der Bundesrepublik aufbaut. Siehe Hüttmann, Jens: DDR-Geschichte und ihre Forscher. Akteure und Konjunkturen der bundesdeutschen DDR-Forschung vor und seit 1989, Berlin 2008. 2 Schwarz, Hans-Peter: Die neueste Zeitgeschichte, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (2003), H. 1, S. 5–28, hier S. 18. 3 Mählert, Ulrich: Vademekum DDR-Forschung. Ein Leitfaden zu Archiven, Forschungsinstituten, Bibliotheken, Einrichtungen der politischen Bildung, Vereinen, Museen und Gedenkstätten, Berlin 2002, S. 9. Mählert gibt 2002 bereits 1200 Forschungsprojekte an, sodass fünf Jahre später mit Blick auf den von ihm herausgegebenen »Newsletter DDR-Forschung«, der seit 1994 im Deutschland Archiv erscheint, die genannte Zahl von 1500 Forschungsprojekten nicht übertrieben sein dürfte. Siehe auch Hüttmann, Jens: Die »Gelehrte DDR« und ihre Akteure. Strategien, Inhalte, Motivationen: Die DDR als Gegenstand von Lehre und Forschung an deutschen Universitäten, Wittenberg 2004. 4 Siehe Deutscher Bundestag (Hrsg.): Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland«. 9 Bde. in 18 Teilbdn., Baden-Baden 1995; sowie Deutscher Bundestag (Hrsg.): Materialien der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit«, Baden-Baden 1999. 5 Siehe dazu und zum Folgenden die Expertise für die Enquete von Ulrich Mählert: Analyse der zur Zeit in Arbeit befindlichen und der bereits abgeschlossenen Forschungsarbeiten zur DDR-Geschichte, in: Deutscher Bundestag: Materialien der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur« (Anm. 4), Bd. VII, S. 857–887. 6 So Ulrich Herbert: Nach den Katastrophen. Entwicklungsstand und Perspektiven der deutschen Zeitgeschichtsforschung. Vortrag zur Feier des 75. Gründungstags des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte in Münster am 18. März 2004, in: <http://www.lwl.org/LWL/Kultur/WIR/aktuelles/1096532755/index2_html> am 2. März 2005, S. 4 f. 7 Maetzke, Ernst-Otto: Die »De-De-Errologen« sind unfreundlich zueinander. Vorwürfe und Rechtfertigungen auf einer Zonen-Forschungstagung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. September 1967, S. 2. 8 Für Großbritannien siehe: Wallace, Ian: DDR-Forschung in Großbritannien, in: Glaeßner, Gert-Joachim (Hrsg.): Die DDR in der Ära Honecker, Opladen 1988, S. 140–150. Siehe auch Golz, Hans-Georg: Von East Germany zur GDR. DDR-Forschung in Großbritannien vor 1990, in: Deutschland Archiv (2003), H. 1, S. 12–25; für Frankreich siehe: Pfeil, Ulrich: Die ›anderen‹ deutsch-französischen Beziehungen, Köln / Weimar / Wien 2004, S. 414–428; einen Überblick für die USA gibt: Krisch, Henry: DDR-Forschung in Nordamerika 1983–2002, in: Berliner Debatte Initial (2003), H. 2, S. 23–27; siehe auch den älteren Text von Thomas A. Baylis: Amerikanische Studien über die DDR. Eine kritische Einschätzung, in: Deutschland Archiv (1986), H. 8, S. 823–831. 9 Völkel, Walter: Systematische Bibliographie von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der SBZ / DDR seit 1945, Opladen 1986. 10 Richert, Ernst: Möglichkeiten und Grenzen der DDR-Forschung, in: Deutschland Archiv (1968), H. 2, S. 144–148, hier S. 144. 11 Siehe etwa die Beiträge und Diskussionen zum Bericht der Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes »Aufarbeitung der SED-Diktatur«, in: Sabrow, Martin / Eckert, Rainer / Flacke, Monika / Henke, Klaus-Dietmar / Jahn, Roland / Klier, Freya / Krone, Tina / Maser, Peter / Poppe, Ulrike / Rudolph, Hermann (Hrsg.): Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Bonn 2007. 12 Siehe Buchstein, Hubertus: Politikwissenschaft und Demokratie. Wissenschaftskonzeption und Demokratietheorie sozialdemokratischer Nachkriegspolitologen in Berlin, Baden-Baden 1992; ders.: Totalitarismus und empirische Politikforschung – Die Wandlung der Totalitarismuskonzeption in der frühen Berliner Politikwissenschaft, in: Söllner, Alfons / Walkenhaus, Ralf / Wieland, Karin (Hrsg.): Totalitarismus. Eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, Berlin 1997, S. 239–266. Zu Thalheim siehe Haffner, Friedrich: Prof. Karl C. Thalheim zum 90. Geburtstag, in: Deutschland Archiv (1990), H. 5, S. 663 ff; ders.: Zum Tod von Karl C. Thalheim, in: Deutschland Archiv (1993), H. 6, S. 640 ff. 13 Richert: Möglichkeiten und Grenzen der DDR-Forschung (Anm. 10), S. 144. 14 Dies war sogleich auch das Thema des frühen Bandes von Hermann Weber: Ulbricht fälscht Geschichte. Ein Kommentar mit Dokumenten zum »Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, Köln 1964. 15 Der Begründer der wirtschaftswissenschaftlichen DDR-Forschung, Karl C. Thalheim, formulierte deshalb 1983 für die Frühphase der Auseinandersetzung mit der Wirtschaft der SBZ: »Jüngere Wissenschaftler von heute können sich wahrscheinlich kaum vorstellen, unter wie primitiven Voraussetzungen damals ›geforscht‹ wurde.« Thalheim, Karl C.: Zur Entwicklung und Gegenwartslage der wirtschaftswissenschaftlichen DDR-Forschung, in: Zieger, Gottfried (Hrsg.): Recht, Wirtschaft, Politik im geteilten Deutschland. Festschrift für Siegfried Mampel zum 70. Geburtstag am 13. September 1983, Köln / Berlin / Bonn / München 1983, S. 251–270, hier S. 252. Siehe hierzu auch die ständigen Mahnungen Ernst Richerts an die Deutschlandpolitiker in der Bundesrepublik und der DDR, die Bedingungen für wissenschaftliche Forschung zu verbessern: Richert, Ernst: Das zweite Deutschland. Ein Staat, der nicht sein darf, Frankfurt a. M. 1966; ders.: Möglichkeiten und Grenzen der DDR-Forschung, in: Deutschland Archiv (1968), H. 2, S. 144–148. Siehe auch Pollack, Detlef: Zum Stand der DDR-Forschung, in: Politische Vierteljahresschrift 34 (1993), S. 119–139, hier S. 120 ff. 16 Faulenbach, Bernd: Die DDR als Gegenstand der Geschichtswissenschaft, in: Hüttmann, Jens / Pasternack, Peer / Mählert, Ulrich (Hrsg.): DDR-Geschichte vermitteln, Berlin 2004, S. 65–81, hier S. 66; Richert, Ernst: Wissen, was »drüben« ist. Wer kümmert sich bei uns noch um die DDR-Forschung? Solange der Kalte Krieg dauerte, wurde der SED-Staat gründlich analysiert – heute fehlt das Geld dafür, in: Die Zeit vom 28. April 1967, S. 31. 17 Siehe zum Beispiel die Analysen der historischen Kontroversen und ihrer Implikationen für das Selbstverständnis der Bundesrepublik bei Klaus Große-Kracht: Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945, Göttingen 2005; vgl. auch Sabrow, Martin / Jessen, Ralph / Kracht, Klaus (Hrsg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945, München 2003. 18 Friedrichs, Jürgen / Lepsius, M. Rainer / Mayer, Karl-Ulrich: Diagnose und Prognose in der Soziologie, in: dies., Die Diagnosefähigkeit der Soziologie, Opladen 1998, S. 9–33, hier S. 13. 19 Wie Jürgen Kocka 2004 im Festvortrag zum 75. Geburtstag Hermann Webers anmerkte, fehlt der DDR-Forschung auch heute noch der »Blick über den Tellerand«: Im Vergleich zu ihren Mutterdisziplinen sei sie »weitgehend isoliert und um sich selbst kreisend«. Kocka, Jürgen: Der Blick über den Tellerrand fehlt. DDR-Forschung – weitgehend isoliert und zumeist um sich selbst kreisend, in: Deutschland Archiv (2003), H. 5, S. 764–769. 20 Der Forschungsbeirat besaß eine klare antikommunistische Ausrichtung und den politischen Auftrag, im Rahmen der Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung der DDR wirtschaftspolitische Empfehlungen für den Fall der Wiedervereinigung auszuarbeiten. Siehe Wöller, Roland: Der Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands 1952–1975, Düsseldorf 2004; Gloe, Markus: Planung für die deutsche Einheit: der Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands 1952–1975, Wiesbaden 2005. 21 Zimmermann, Hartmut: Probleme der Analyse bolschewistischer Gesellschaftssysteme. Ein Diskussionsbeitrag zur Frage der Anwendbarkeit des Totalitarismusbegriffs, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 12 (April 1961), S. 193–206, Zitat S. 198. 22 Zur Produktivität von Zeitzeugen in der Kommunismusforschung – auch am Beispiel seiner eigenen Erfahrungen – vgl. seinen jüngst erschienenen Aufsatz: Weber, Hermann: Zwischen Autobiographie und archivalischem Zeugnis – Quellenproblematik in der Kommunismusforschung. Zeitzeuge und Erforscher des internationalen Kommunismus, in: Buckmiller, Michael / Meschkat, Klaus (Hrsg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale. Ein deutsch-russisches Forschungsprojekt, Berlin 2007, S. 74 – 90, S. 84 ff. 23 Siehe Teufel, Erwin: Zum Geleit, in: Eppelmann, Rainer / Faulenbach, Bernd / Mählert, Ulrich (Hrsg.): Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn 2003, S. XVII. Siehe auch den Text seines Freundes, des Sozialdemokraten Markus Meckel, den er in den 90er-Jahren während der gemeinsamen Arbeit in den Enquetekommissionen des Deutschen Bundestags kennenlernte: Meckel, Markus: Hilfe beim Verständnis der eigenen Vergangenheit – Hermann Weber zum Fünfundsiebzigsten, in: ebenda, S. 429–434. 24 Ich habe mir diesen Begriff bei einem Klassiker der Alltagsgeschichte entliehen: Lüdtke, Alf: Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen, Frankfurt a. M. / New York 1989, S. 28. Dort mit Verweis auf E. P. Thompsons Studien zur englischen Arbeiterbewegung im 18. Jahrhundert. 25 Hüttmann, Jens: »De-De-Errologie« im Kreuzfeuer der Kritik. Die Kontroversen um die ›alte‹ bundesdeutsche DDR-Forschung vor und nach 1989, in: Deutschland Archiv (2007), H. 4, S. 671–681. 26 Hoss, Willi: Komm ins Offene, Freund. Autobiographie, hrsg. von Peter Kammerer, Münster 2004, S. 39. 27 Weber, Hermann: Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002, S. 19 ff., Zitat S. 19. Vgl. auch Mählert, Ulrich: Hermann Weber zum 70. Geburtstag, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung IWK (1998), H. 3 / 4, S. 497–502; Möller, Horst: Hermann Weber und die Kommunismus-Forschung in Deutschland, in: Verleihung der Ehrendoktorwürde an Herrn Prof. Dr. Hermann Weber. Universität Rostock, Philosophische Fakultät, Dokumentationszentrum des Landes für die Opfer deutscher Diktaturen, Rostock 2003, S. 14–24. 28 Leonhard, Wolfgang: Die Revolution entlässt ihre Kinder, Köln 1990. 29 »Mir wurde der Name Wunderlich verpasst, was mir überhaupt nicht gefiel. […] Niemand dürfe die richtige Identität erfahren, und in Westdeutschland solle nicht bekannt werden, dass ich auf der SED-Parteihochschule sei, sondern nur, dass ich in Berlin studiere.« Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß (Anm. 27), S. 15. 30 Weber: Ulbricht fälscht Geschichte (Anm. 14); Weber, Hermann: »Weiße Flecken« in der Geschichte: Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung, Frankfurt a. M. 1989. 31 Weber, Hermann / Weber, Gerda: Leben nach dem »Prinzip Links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 59 ff. Dort der Abschnitt »Degradiert wegen ›Beleidigung‹ des ›genialen‹ Stalin«. 32 Ebenda, S. 52. 33 Ebenda, S. 132. 34 Ebenda, S. 358 ff., 372 ff. 35 Krüger, Horst: Das Ende einer Utopie. Hingabe und Selbstbefreiung früherer Kommunisten, Olten / Freiburg 1963, hier S. 8. Darin Hermann Weber als »Fall 5«, S. 111 ff. 36 Weber / Weber: Leben nach dem »Prinzip Links« (Anm. 31), S. 179, 182, siehe auch S. 201 ff. Siehe zum »Dritten Weg« auch Richert, Ernst: Die radikale Linke von 1945 bis zur Gegenwart, Berlin 1969, S. 74 ff. 37 Siehe zu Lippmanns Leben und zum »Dritten Weg« und seinen Netzwerken: Herms, Michael: Heinz Lippmann. Porträt eines Stellvertreters, Berlin 1996, S. 207 ff. Das Buch enthält auch ein persönliches, ausführliches Vorwort Hermann Webers über seine Freundschaft zu Lippmann. Siehe ebenda, S. 9–17. Weber hat später festgestellt, dass die Arbeit des im Geheimen operierenden Verfassungsschutzes mit seinem wissenschaftlichen Selbstverständnis unvereinbar ist – trotz der Finanzierung betont Weber die autonome redaktionelle Arbeit, die dennoch möglich war. Siehe ebenda, S. 12 ff. 38 Weber, Hermann / Pertinax, Lothar: Schein und Wirklichkeit in der DDR: 65 Fragen an die SED, Stuttgart 1958. 39 Richert: Wissen, was »drüben« ist (Anm. 16), S. 31. 40 Weber, Hermann: Von Rosa Luxemburg zu Walter Ulbricht, Frankfurt a. M. 1961; ders.: Konflikte im Weltkommunismus: eine Dokumentation zur Krise Moskau–Peking, München 1964. 41 Weber / Weber: Leben nach dem »Prinzip Links« (Anm. 31), S. 235 ff. 42 Ebenda, S. 238 ff. 43 Ebenda, S. 321. 44 Hamacher, Heinz-Peter: DDR-Forschung und Politikberatung 1949–1990. Ein Wissenschaftszweig zwischen Selbstbehauptung und Anpassungszwang, Köln 1991, S. 8. Siehe ähnlich wie Hamacher argumentierend auch Gransow, Volker: Konzeptionelle Wandlungen der Kommunismusforschung. Vom Totalitarismus zur Immanenz, Frankfurt a. M. 1980; Glaeßner, Gert-Joachim: Sozialistische Systeme. Einführung in die Kommunismus- und DDR-Forschung, Opladen 1982. 45 Nicht in Mannheim angesiedelt war die breit angelegte Untersuchung von Fischer und Heydemann: Fischer, Alexander / Heydemann, Günther (Hrsg.): Geschichtswissenschaft in der DDR, Bd. I: Historische Entwicklung, Theoriediskussion und Geschichtsdidaktik, Berlin 1988; dies. (Hrsg.): Geschichtswissenschaft in der DDR, Bd. II: Vor- und Frühgeschichte bis Neueste Geschichte, Berlin 1990. Siehe auch Heydemann, Günther: Geschichtswissenschaft im geteilten Deutschland. Entwicklungsgeschichte, Organisationsstruktur, Funktionen, Theorie- und Methodenprobleme in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR, Frankfurt a. M. 1980. Dieses Werk wurde mit dem Ernst-Richert-Preis des Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen ausgezeichnet. 46 Zu Ludz siehe Kuppe, Johannes L.: Peter Christian Ludz: Zur Funktion von Ideologien in Geschichte und Gegenwart, in: Rupp, Hans Karl / Noetzel, Thomas (Hrsg.): Macht, Freiheit, Demokratie, Bd. 2: Die zweite Generation der westdeutschen Politikwissenschaft, Marburg 1994, S. 111–128. 47 Weber, Hermann: Die DDR-Forschung nach dem Grundvertrag, in: Deutschland Archiv (1973), H. 6, S. 587–594. Siehe für eine Einschätzung nach knapp zehn Jahren: Staritz, Dietrich / Koch, Manfred: Anmerkungen zur jüngsten DDR-Kritik an der bundesdeutschen DDR-Forschung, in: Deutschland Archiv (1982), H. 4, S. 370 ff. 48 Weber, Hermann: DDR. Grundriß der Geschichte 1945–1976, Hannover 1976, S. 9 f. 49 Siehe Weber, Hermann: Geschichte der DDR, München 1985. Siehe auch seit 1990: ders.: Die DDR 1945–1990, München 1993 – wie die anderen genannten Titel in mehreren Auflagen. 50 Weber, Hermann: Geschichte der DDR, München 2000. 51 Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Der Weg nach Pankow: zur Gründungsgeschichte der DDR, München 1980. 52 Broszat, Martin / Weber, Hermann (Hrsg.): SBZ-Handbuch: Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftliche Organisationen und ihre Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945–1949, München 1990. 53 Nach Möller, Horst: Hermann Weber und die Kommunismus-Forschung in Deutschland (Anm. 27), S. 21. 54 Weber: Ulbricht fälscht Geschichte (Anm. 14). Siehe dazu Lokatis, Siegfried: Parteigeschichte als Chefsache. Hermann Weber als Antipode des ›Historikers‹ Ulbricht, in: Danyel, Jürgen / Kirsch, Jan-Holger / Sabrow, Martin (Hrsg.): 50 Klassiker der Zeitgeschichte, Göttingen 2007, S. 80–83. 55 Bereits in »Ulbricht fälscht Geschichte« (Anm. 14) hatte Weber nach dem Schicksal der von Stalin ermordeten KPD-Führer gefragt, siehe ebenda, S. 68 ff. 56 Siehe das Vorwort zur DDR-Ausgabe vom April 1990: Weber: »Weiße Flecken« in der Geschichte (Anm. 30), S. 7–11. 57 Siehe dazu auch Weber, Hermann / Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953«, Paderborn 1998. 58 Siehe dazu das an Webers Habilitation anknüpfende und wesentlich erweiterte biographische Handbuch von Hermann Weber und Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004. Eine zweite, überarbeitete und deutlich erweiterte Auflage erscheint im Jahr 2008. 59 Obwohl bei Weber stets die politische Geschichte der DDR im Vordergrund steht, zeigen sich hier Parallelen zum Selbstverständnis alltagshistorischer Perspektiven: »Wer Anteil nimmt, will den oder die anderen nicht ändern, sondern versucht vielmehr, ihn oder sie – aber auch sich selbst zu verstehen.« Siehe Lüdtke: Alltagsgeschichte (Anm. 24), S. 31. 60 Hölscher, Lucian: Neue Annalistik. Umrisse einer Theorie der Geschichte, Göttingen 2003, S. 46. 61 Ein enger Mitarbeiter, Ulrich Mählert, berichtete zu Webers 70. Geburtstag: So »brach am ›Lehrstuhl Weber‹, wie der kleine Wissenschaftsbetrieb im (West-)Plattenbau auf einer Mannheimer Verkehrsinsel im internen Sprachgebrauch hieß, hektische Betriebsamkeit aus. Fernsehkameras und Rundfunkjournalisten drückten sich die Klinke in die Hand, um Kommentare zu den Entwicklungen im Osten zu erhalten.« Mählert, Ulrich: Hermann Weber zum 70. Geburtstag (Anm. 27), S. 500. 62 Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß (Anm. 27), S. 9. 63 Siehe für den konzeptuellen Umgang mit Emotionen Lüdtke, Alf: Emotionen und Politik – zur Politik der Emotionen, in: Sozialwissenschaftliche Informationen 30 (2001), H. 3, S. 4–13. 64 Kössler, Till: Abschied von der Revolution: Kommunisten und Gesellschaft in Westdeutschland 1945 – 1968, Düsseldorf 2004. 65 Zit. nach dem Ausstellungskatalog »Ein Mannheimer Leben nach dem ›Prinzip Links‹. Hermann Weber, Kommunismusforscher«, in: Mein Mannheim. Außen- und Innenansichten einer Stadt in Gesprächen und Bildern, Katalog zur gleichnamigen Outdoor-Ausstellung, Mannheim 2007.

JHK 2008

Desinformation und selektive Wahrheit. Stasi-Geschichtsrevisionismus in der Offensive

Karl Wilhelm Fricke

Je weiter die Realität der DDR-Staatssicherheit der Gegenwart entrückt ist, desto unverfrorener werden die Legenden, desto dreister erscheinen die Halb- und Unwahrheiten, mit denen die Geschichte des unsäglichen Überwachungs- und Unterdrückungsapparates der zweiten deutschen Diktatur verklärt, verharmlost und verfälscht wird. Ehemalige Spitzenkader des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) melden sich immer häufiger und mit zunehmender Vehemenz öffentlich zu Wort. Sie praktizieren gleichsam, was ehedem im MfS unter »Desinformation« verstanden wurde, nämlich die »bewusste Verbreitung von den Tatsachen grundsätzlich oder teilweise widersprechenden Informationen in Wort, Schrift, Bild und Handlungen« mit dem Ziel, »feindliche Kräfte über die eigenen Pläne, Absichten und Maßnahmen zu täuschen und eigene Kräfte, Mittel und Methoden zu konspirieren«.1 Mutatis mutandis halten es die einstigen DDR-Tschekisten – wie sich die hauptamtlichen Mitarbeiter des MfS zu ihrer Zeit selber genannt haben – heute noch so. Tatsächlich hat, wer Rang und Namen in der Staatssicherheit hatte, in den letzten Jahren Memoiren, Erlebnisberichte, Rechtfertigungsschriften und seriös aufgemachte Sachbücher aller Art sowie politische Pamphlete in kaum noch überschaubarer Zahl publiziert. Die Zeit, da ehemalige MfSler politisch irritiert und zutiefst verunsichert waren, ist längst vorbei; nun verspüren sie den Drang, aus der Anonymität herauszutreten und über die Medien die Öffentlichkeit zu suchen. Ausgestattet mit opulenten Renten einschließlich erklecklicher Nachzahlungen vom früheren »Klassenfeind« und wohl wissend, dass sie kein juristisches Risiko eingehen, wenn sie ihre Verbrechen leugnen, geben sie sich mit wieder erlangtem Selbstbewusstsein als ehemalige Generäle und Obristen der Staatssicherheit offen zu erkennen, ebenso übrigens ihre einstigen Inoffiziellen Mitarbeiter, ehemalige Spione und Agenten im Sold des MfS, die sich vorzugsweise als »Kundschafter an der unsichtbaren Front« gerieren. Sie alle sagen in provokanter Manier Ja zu ihrer Vergangenheit und haben partout nichts zu bereuen. Wissenschaftlicher Diskurs mit Stasi-Veteranen? Selbst wissenschaftliche Kontakte suchen ehemalige MfSler für ihre Zwecke zu nutzen. Als der dänische Historiker Thomas Wegener Friis, Leiter des Zentrums für Studien des Kalten Krieges an der Universität Odense, ausgerechnet zum 16./17. Juni vorigen Jahres, dem 54. Jahrestag des Aufstands in Ost-Berlin und der DDR, eine Konferenz zur Geschichte der MfS-Hauptverwaltung Aufklärung in Berlin vorbereitete, verweigerten sie ihre Mitwirkung nicht. Natürlich nicht. So durfte im Tagungsprogramm eine Reihe früherer Schlüsselfiguren und Spitzenagenten der Stasi-Spionage im Westen als Referenten und Zeitzeugen angekündigt werden, unter ihnen Werner Großmann, der sich gern als Generaloberst a. D. und als letzter Chef der DDR-Auslandsaufklärung in der Nachfolge von Markus Wolf präsentiert. Erst nachdem sich die Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) einer Teilnahme versagt hatte und nach öffentlichen Protesten vornehmlich von Opferverbänden wurde die Tagung kurzfristig abgeblasen. Grund zum Verzicht war das für die »Stasi-Aufklärer« von einst mitnichten, im Gegenteil, sie akzeptierten einen neuen Termin fünf Monate später, sodass die Konferenz am 17./18. November nachgeholt werden konnte – allerdings in Dänemark, auf dem Campus der Süddänischen Universität Odense auf Fünen. Unter den ca. 250 Teilnehmern waren annähernd hundert ehemalige hauptamtliche Mitarbeiter der »Aufklärung«, darunter ein paar Generale sowie höhere Offiziere der HV A, einige ihrer früheren Spione und Sympathisanten, die geschlossen in zwei Bussen aus Berlin angereist waren – ausgenommen Großmann, der krankheitshalber fernbleiben musste. Sein Referat zu Geschichte und Aufgaben der HV A wurde von Horst Vogel verlesen, einst Generalmajor und Leiter des Sektors Wissenschaft und Technik im Stasi-Spionageapparat. Auch aus weiteren zehn Statements der präsenten Alt-Kader waren wesentliche Erkenntnisse oder gar grundstürzende Neuigkeiten nicht zu entnehmen. Aufklärungswille war nicht erkennbar. Angesagt war Selbstverklärung und Eigenlob. »Ich bin stolz auf unsere Arbeit mit herausragenden Ergebnissen. Ich würde heute nichts anders machen«, erklärte der frühere Oberst Ralf-Peter Devaux, der seinerzeit zuständig war für die »operative Bearbeitung« der Bonner Regierung.2 Zum Beweis dessen, dass ein Diskurs mit Stasi-Rentnern als »Zeitzeugen« wenig Erkenntnis fördernd ist, hätte es dieser Konferenz nicht bedurft. Darauf hatten schon diverse Elaborate aus dem Stasi-Milieu schließen lassen: Sie beinhalten weithin Apologetik und Legenden, allenfalls selektive Wahrheiten. Großmann hat sich im Übrigen als Zeitzeuge selber disqualifiziert. Als er sich kritisch mit einer Expertise aus der BStU-Forschungsabteilung über die sogenannten »Rosenholz-Dateien«3 auseinandersetzte, erkannte er ihr nicht nur rundheraus jede Wissenschaftlichkeit ab, sondern attestierte ihr »Scharlatanerie«, »Stückwerk«, »Mutmaßungen« und »Brunnenvergiftung« und hielt den Verfassern vor, sie hätten »keine Ahnung« von der Stasi-Aufklärung. Er fügte ausdrücklich hinzu: »Und diejenigen, die es wirklich wissen, sagen es nicht. Heute nicht und später auch nicht. Das erfordert ihr Ehrenkodex.«4 Bei einer solchen Verweigerungshaltung ist ein Dialog unmöglich. Eine deutliche Zäsur in dieser Entwicklung markiert die Edition des zweibändigen Kompendiums Die Sicherheit im Jahre 2002, in dem elf ehemalige Generäle, fünf Obristen und vier Oberstleutnants in achtzehn Kapiteln die »Abwehrarbeit« des MfS aus der Perspektive der Staatssicherheit darstellen.5 Die Herausgeber und Verfasser waren durchweg nicht lediglich Helfershelfer und Handlanger, sondern ehemals hohe Entscheidungsträger der Staatssicherheit. Von vornherein konnte daher nur eine parteiliche, keine wissenschaftliche, geschweige denn eine kritische Aufarbeitung der Stasi-Geschichte erwartet werden. Vage Andeutungen von Kritik und Selbstkritik werden in diesem opus magnum überlagert von Schönfärberei, Verharmlosung, Verschleierung, propagandistischer Selbstverklärung und politischer Rechtfertigung. Exemplarisch dafür sind die beiden Kapitel über die Tätigkeit der Untersuchungsorgane des MfS und den Untersuchungshaftvollzug, die von Karli Coburger und Dieter Skiba bzw. von Siegfried Rataizik verfasst wurden – drei Ex-Kader mit typischen Biographien und Karriereverläufen.6 Karrieren im Dienst des Unrechtsregimes Coburger, Jahrgang 1929, absolvierte nach dem Besuch einer Wirtschaftsoberschule die Deutsche Verwaltungsakademie »Walter Ulbricht« in Forst Zinna. Mitglied der SED seit 1949, arbeitete er als Betriebsassistent, bis er 1952 als hauptamtlicher Mitarbeiter in das MfS eintrat. Zunächst in der Bezirksverwaltung Leipzig tätig, wechselte er 1953 in die Zentrale, wo er in der Hauptabteilung IX als Vernehmungsoffizier eingesetzt wurde. Er »bewährte« sich in den 1950er-Jahren als gnadenloser Untersuchungsführer, der ausweislich entsprechender Stasi-Akten in seinen Vernehmungen mit Psycho-Folter durch Schlafentzug und Isolationshaft gegen politische Häftlinge vorging, um belastende Geständnisse aus ihnen herauszupressen und sie für politische Schau- und Geheimprozesse zu präparieren. Zum Beispiel bearbeitete Coburger den Fall Karl-Albrecht Tiemann. Von Beruf ursprünglich Bankkaufmann, nach 1945 als Verwaltungsangestellter in Cottbus ansässig, wurde er nach seiner Flucht aus der DDR am 1. August 1954 aus West-Berlin entführt und in einem manipulierten Geheimprozess, in dem elementare Rechtsgrundsätze missachtet wurden, unter dem Vorwurf der Spionage vom Bezirksgericht Cottbus am 3. März 1955 zum Tode verurteilt. Das Urteil, das vom Politbüro der SED vor dem Gerichtstermin quasi präjudiziert wurde, ist am 26. Juli 1955 durch Enthauptung in Dresden vollstreckt worden.7 Ebenso war Coburger als Vernehmungsoffizier auf die frühere Chefsekretärin Elli Barczatis angesetzt, die nach wochenlangen Verhören am 23. September 1955 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Dr. Karl Laurenz vom Obersten Gericht der DDR zum Tode verurteilt wurde. Am 23. November 1955 wurden beide hingerichtet.8 Zwei Fälle, nicht die einzigen, an denen Coburger als Vernehmungsoffizier verantwortlich beteiligt war – und dieser Mann schreibt heute über die vermeintliche Respektierung von Recht und Gesetz im Untersuchungsverfahren des MfS. Zitat: »Der Verlauf der Vernehmung war objektiv und möglichst ablaufgetreu im Protokoll festzuhalten. Das Recht des Beschuldigten, das Protokoll zu lesen, Streichungen, Veränderungen oder Zusätze zu machen und eigenhändige Stellungnahmen zu verfassen, trug dazu bei, die Untersuchungsergebnisse zu präzisieren, und belegten dem Staatsanwalt, dem Verteidiger und den Richtern das ordnungsgemäße Zustandekommen der Aussagen und deren Fixierung. (…) Ein unkorrekt gefertigtes Protokoll hätte außerdem vom Beschuldigten in der im Regelfall vom Staatsanwalt nach Abschluss der Untersuchung geführten Vernehmung oder durch Zeugen und Angeklagte in der gerichtlichen Hauptverhandlung beanstandet werden können, sodass sich auch von daher ein wie immer motivierter Versuch zur Fertigung eines unrichtigen Protokolls von selbst verboten hätte. In gleicher Weise hätten übrigens beim Staatsanwalt und schließlich auch in der gerichtlichen Hauptverhandlung Beschwerden über ungesetzliche Vernehmungsmethoden, Misshandlungen usw. zur Sprache gebracht werden können.«9 Diese formalistisch spitzfindigen Auslassungen Coburgers wie auch seine Behauptung, dass »zu den grundlegenden Aufgaben des Untersuchungsführers im Ermittlungsverfahren die Beweisführung gehörte« mit dem Ziel, einen gegebenen Verdacht »allseitig und unvoreingenommen« aufzuklären, und zwar »in be- und entlastender Hinsicht«10 müssen als absolut wirklichkeitsfern, um nicht zu sagen: wahrheitswidrig qualifiziert werden. Der Untersuchungsführer sah im Beschuldigten den Feind. Seine Vernehmungsprotokolle wurden nach einem Frage-Antwort-Schema verfasst, wobei er nicht nur die Fragen, sondern auch die Antworten, die Aussagen des Beschuldigten selber formulierte, und zwar in eine Art Stasi-Sprache umgewandelt, die in ihrer Diktion negativ und belastend gehalten war. Weigerte sich der Beschuldigte, das Protokoll zu unterzeichnen, wurde er massiv unter Druck gesetzt. Im Falle eines Widerrufs vor dem Staatsanwalt oder vor Gericht unter Verweis auf bei der Vernehmung ausgeübte Zwänge riskierte er eine Bestrafung wegen »Verleumdung des Untersuchungsorgans«. Selten fand einer der zumeist total eingeschüchterten Häftlinge den Mut zum Widerspruch. Coburger wurde in den 1970er-Jahren zu einem Fernstudium an der Humboldt-Universität Berlin zugelassen und legte ein Examen als Diplom-Kriminalist ab. 1976 promovierte ihn die Juristische Hochschule Potsdam-Eiche, die Kaderschmiede des MfS, zusammen mit zwei anderen Stasi-Offizieren auf der Basis einer sogenannten Kollektiv-Dissertation zum Dr. jur.11 Nach seiner Versetzung aus der Untersuchungsabteilung leitete er von 1984 bis 1989 die für Beobachtungen und Ermittlungen zuständige Hauptabteilung VIII. 1990 wurde er, inzwischen Generalmajor, entlassen. Sein Koautor Dieter Skiba, Jahrgang 1938, ursprünglich Landwirt und Agronom-Assistent von Beruf, wurde 1958 hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS. Im selben Jahr trat er der SED bei. Er begann seine Dienstlaufbahn in der Kreisdienststelle Oranienburg, Bezirk Potsdam. Als »entwicklungsfähiger Kader« qualifizierte er sich durch Fernstudium an der Juristischen Hochschule des MfS zum »Diplom-Juristen«. Im Dezember 1968 wurde er zur Abteilung IX/11 versetzt, wo er vorwiegend mit der Fahndung nach ehemaligen Nazi-Aktivisten befasst gewesen sein will. Das schloss gelegentlich »operative Arbeit« gegen Andersdenkende durchaus nicht aus. 1984 wurde er z. B. wegen seines »vorbildlichen tschekistischen Einsatzes« gegen Bürgerrechtler ausgezeichnet. 1990 schied er als Oberstleutnant aus dem Amt für Nationale Sicherheit aus Siegfried Rataizik schließlich, Jahrgang 1931, ursprünglich Klempner, danach Kraftfahrer, verdankt seinen sozialen Aufstieg ebenfalls dem Dienst im MfS, in das er 1950 eintrat. Ein Jahr später wurde er als Wachtmeister in das zentrale Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen versetzt, das dem MfS 1951 von der Ostberliner Dependance der sowjetischen Geheimpolizei überlassen worden war. Rataizik, seit 1951 auch Mitglied der SED, absolvierte in den Sechzigerjahren ebenfalls ein Fernstudium der Kriminalistik an der Humboldt-Universität. Auch er wurde 1984 mit einer gemeinsam mit drei anderen MfS-Offizieren verfassten Kollektiv-Dissertation von der Juristischen Hochschule Potsdam zum Dr. jur.12 promoviert. Mit diesen Voraussetzungen avancierte er zum Leiter der für den Untersuchungshaftvollzug zuständigen Abteilung XIV im MfS, letzter Dienstgrad Oberst. Zugleich war er in dieser Funktion Leiter der zentralen Stasi-Untersuchungshaftanstalt I in Berlin-Hohenschönhausen. Er weiß folglich um die menschenverachtende Realität in diesem Gewahrsam, er kennt sich aus in den Schikanen und Drangsalierungen, denen die Häftlinge unter dem von ihm durchgesetzten Haftregime in den Fünfzigerjahren unterlagen. Rataizik trat auch als einer der Wortführer jener Stasi-Veteranen hervor, die sich am 14. März 2006 anlässlich einer öffentlichen Veranstaltung zur Aufstellung von Informationstafeln im früheren Sperrgebiet Hohenschönhausen im Berliner Bezirk Lichtenberg versammelt hatten, um mit provozierenden Wortmeldungen und lautstarken Zwischenrufen die Diskussion zu stören. Seine Äußerungen entsprachen dem Argumentationsmuster, das er schon anderweitig strapaziert hatte: »Politiker und Journalisten sowie Vertreter von ›Opferverbänden‹ werden nicht müde zu behaupten, das MfS habe Inhaftierte gefoltert und misshandelt. Lügen werden aber selbst durch stete Wiederholung nicht zu Wahrheiten.«13 Isolationsfolter in Hohenschönhausen Die Realität sah anders aus. Das Gefängnis in Hohenschönhausen wurde 1946 von der sowjetischen Geheimpolizei im Keller eines zweistöckigen Gebäudes, einer früheren Großküche, errichtet. Es umfasste 60 Zellen sowie einige Arrestzellen. Außerdem existierten acht Einzelzellen im Hochparterre. 1951 übernahm das MfS das bunkerähnliche Verlies von den Russen und nutzte es als Untersuchungshaftanstalt bis 1960/61. Erst zu diesem Zeitpunkt gab die Staatssicherheit das wegen seiner engen fensterlosen Gänge von den Gefangenen »U-Boot« genannte Gewahrsam auf und wechselte in einen relativ modernen Neubau, den sie am selben Ort von Strafgefangenen hatte errichten lassen. Das neue Gefängnis verfügte über 102 Zellen und 120 Vernehmungszimmer, in denen mehrere Hundert Mitarbeiter der für Untersuchungen zuständigen Hauptabteilung IX des MfS ihrem fatalen Handwerk nachgingen.14 Von den Kellerzellen im »U-Boot« besaßen lediglich die an Außenwände grenzenden »Verwahrräume« ein kleines vergittertes Fenster mit blinden Scheiben, die Mehrzahl der Zellen war fensterlos. Sie wurden Tag und Nacht von einer vertikal über der Zellentür in die Innenwand eingebauten vergitterten Lampe ausgeleuchtet. Bei ihren Kontrollen in Abständen von wenigen Minuten machten sich die Posten jeweils an der Zellentür bemerkbar – nicht laut, aber unüberhörbar, sodass der Häftling, zumeist in Einzelhaft, den Posten unablässig wahrnahm. Er sollte sich dadurch der eigenen »ausweglosen« Situation permanent bewusst sein. Die Staatssicherheit begriff diese Schikane als »psychologische Einkreisung«. Der Häftling sollte nervlich zermürbt werden, damit er das erwünschte Geständnis ablegte. Die repressive Wirkung wurde dadurch verstärkt, dass der Untersuchungshäftling bis hinein in die 1960er-Jahre von der Außenwelt völlig isoliert wurde – Isolationsfolter in Hohenschönhausen. Der Gefangene blieb monatelang, zum Teil jahrelang ohne persönliche oder briefliche Verbindung zu seinen Angehörigen, ohne Kontakt zu einem Anwalt. Auch bekam er, jedenfalls in den Fünfzigerjahren, in der U-Haft keinerlei Lektüre, kein Buch, keine Zeitung zu Gesicht. Beweiskräftige Erlebnisberichte ehemaliger Gefangener liegen zur Genüge vor.15 Das alles verschweigt Rataizik, ebenso übrigens den Fakt, dass in Hohenschönhausen bis in die Achtzigerjahre hinein sogenannte Nummern-Häftlinge isoliert gehalten wurden, verurteilte Gefangene, die aus konspirativen Gründen nicht in den allgemeinen Strafvollzug verbracht wurden, weil sie anderen Strafgefangenen nicht begegnen sollten. Auch Rataiziks pauschale Verunglimpfung, dass »der Hauptteil der Beschuldigten solche Straftaten begangen« hätte »wie Spionage- und Agententätigkeit, Diversion und Sabotage, Menschenhandel, Schleusertätigkeit und andere Bandenkriminalität, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, terroristische Handlungen u. a. m.«16, ist ebenso unverschämt wie wahrheitswidrig. Die Liste der politischen Gefangenen in Hohenschönhausen reicht von Heinz Brandt bis Wolfgang Harich, von Walter Janka bis Jürgen Fuchs. Zu den Häftlingen, die dort in den Fünfzigerjahren drangsaliert wurden, zählte Dr. Dr. Helmut Brandt, einst Staatssekretär im DDR-Justizministerium. Er war vom 6. September 1950 bis 14. Juni 1954 in Untersuchungshaft, mithin über drei Jahre und neun Monate. Weitere prominente Beispiele sind Fritz Sperling, zuletzt 2. Vorsitzender der KPD, blieb in Untersuchungshaft vom 26. Februar 1951 bis 18. März 1954, Paul Merker, ehedem Mitglied des Politbüros der SED, vom 2. Dezember 1952 bis 30. März 1955, Dr. Karl Hamann, ehemals Minister für Handel und Versorgung, vom 11. Dezember 1952 bis 24. Juli 1954, Georg Dertinger, erster Außenminister der Regierung Grotewohl, vom 15. Januar 1953 bis 4. Juni 1954, Max Fechner, erster Justizminister und einst Mitbegründer der SED, vom 14. Juli 1953 bis 24. Mai 1955.17 Alles Agenten und Spione? Es steht außer Frage, dass die Haft in Hohenschönhausen unter den gegebenen Bedingungen einer psychischen Qual gleichkamen, während physische Misshandlungen zur Geständniserpressung nach 1953 – nach dem Tod Josef Stalins und dem Sturz Lawrentij Berijas – ersetzt wurden durch die »subtile Repression« der angewandten »operativen Psychologie«.18 Dieser Wandel rechtfertigt selbstverständlich nicht, dem Haftregime in Hohenschönhausen Normalität zu bescheinigen, wie Rataizik das versucht und wie das auch in einem Buch geschieht, das der aus Österreich stammende Autor Hannes Sieberer gemeinsam mit Herbert Kierstein, Ex-Oberstleutnant in der Hauptabteilung IX, veröffentlicht hat. Sieberer, ein ehemaliger CIA-Agent, der 1982 in der DDR verhaftet, zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und nach zweieinhalb Jahren ausgetauscht wurde, lernte Kierstein in Hohenschönhausen kennen. Dieser war nach der Verhaftung sein Vernehmungsoffizier. Jahrgang 1938, Eintritt in das MfS 1958, Diplom-Jurist, war Kierstein über dreißig Jahre lang als Untersuchungsführer im MfS tätig. Ein ehemaliger Häftling und ein ehemaliger Stasi-Offizier im Schulterschluss – kein ungeschickter Coup, zumal Sieberer ihm allzeit korrektes Verhalten bescheinigt. Als individuelle Erfahrung mag das sogar zutreffen, aber in der Verallgemeinerung auf vier Jahrzehnte Stasi-Repression in der U-Haft läuft es auf eine völligen Verzerrung der Realität hinaus. »Was wir taten, war rechtens!« Von gleichem Zuschnitt ist, was ein Ex-Oberst namens Peter Pfütze zu Papier gebracht hat.19 Seine Stasi-Karriere begann 1953 mit 20 – sie endete im Dezember 1989. Bis 1967 war er als Vernehmungsoffizier in Rostock und Berlin in Ermittlungsverfahren gegen Menschen tätig, die er als »Spione«, »Menschenhändler«, »Grenzverletzer« und »Brandstifter« abstempelt. Danach wurde er mit der Rückführung verhafteter DDR-Bürger aus dem sozialistischen Ausland betraut. Ab 1974 nahm er im MfS die Organisation von Besuchen westlicher Diplomaten zur Betreuung von Bundesbürgern und West-Berlinern in DDR-Gefängnissen wahr. Dass die »Diplomatensprecher«, wie die Besuchstermine im Gefängnisalltag genannt wurden, illegal abgehört und für die »politisch-operative Arbeit« ausgewertet wurden – entsprechende Niederschriften finden sich bei den MfS-Akten in den Archiven –, verschweigt Pfütze geflissentlich. Ungerührt schließt er sein Buch mit einem Satz, der seine Grundtendenz auf einen Nenner bringt: »Was wir taten, war rechtens.«20 Originell ist der Satz nicht. Schon 1992 hat Mielke in einem Interview zu Protokoll gegeben: »Wir haben kein Recht gebrochen.«21 Ein Argumentationsklischee wird durch Wiederholung nicht zur Wahrheit. In Wirklichkeit haben die DDR-Tschekisten nicht einmal die Gesetze des eigenen Staates respektiert – von internationalen Normen und Menschenrechten ganz zu schweigen. Sie haben, wofür unschwer Nachweise zu erbringen sind, ihr eigenes Recht missachtet oder gebrochen, wenn sie »Beweise« brauchten. Vernehmer der Staatssicherheit haben fragwürdige Geständnisse erpresst, Beweismittel gefälscht, Belastungszeugen »getürkt« und selbst die eigenen Gerichte durch Falschbekundungen hinters Licht geführt. Die Strafprozessordnung der DDR haben sie mit Füßen getreten, wenn dies im politischen Interesse der Herrschenden lag. Ein letztes Zitat aus Die Sicherheit: Coburger sucht darin die Präjudizierung politischer Strafurteile durch die Staatssicherheit als »ganz normal« zu bagatellisieren. Es bezieht sich auf den Schlussbericht, zu dem der Untersuchungsführer das Ermittlungsergebnis zusammenzufassen hatte. Nach Coburgers Darstellung sollte der Schlussbericht es dem Staatsanwalt einfach erleichtern, die Anklageschrift zu fertigen: »Der Umstand, dass Formulierungen aus dem Schlussbericht in der Anklage auftauchten, nahm mancher als Beleg dafür, dass die Staatsanwaltschaft vom Untersuchungsorgan, also vom MfS, gelenkt wurde. Das ist haltlos. Warum sollte ein Staatsanwalt sachlich richtige und treffende Formulierungen des Untersuchungsorgans nicht in seine Anklage übernehmen?«22 Erfahrungsgemäß übernahm jeder DDR-Staatsanwalt in einer politischen Strafsache den Schlussbericht unkritisch in die Anklageschrift, was ermessen lässt, wie nachhaltig die Untersuchungsorgane des MfS ein Strafverfahren prägen konnten – stets allerdings mit Wissen oder auf Weisung der Politbürokratie. In politisch brisanten Verfahren war der Schlussbericht sogar mit dem Politbüro abgestimmt, ehe er der Staatsanwaltschaft zuging. Kein Geringerer als Ernst Melsheimer, weiland DDR-Generalstaatsanwalt, postulierte daher 1956 auf einer Konferenz von Richtern und Staatsanwälten in Ost-Berlin unmittelbar nach der 3. Parteikonferenz der SED, man müsse »endlich wegkommen von den üblen Angewohnheiten der Vergangenheit, dass der Staatsanwalt den Schlussbericht des Untersuchungsorgans unbesehen zur Anklage verdichtet.«23 Die Forderung hinderte denselben Melsheimer freilich nicht, in der Strafsache Wolfgang Harich und andere die Anklageschrift dem Leiter der Abteilung Staats- und Rechtsfragen im Zentralkomitee der SED, Klaus Sorgenicht, vor der Gerichtsverhandlung vorzulegen mit der Versicherung: »Sie hält sich eng an den Schlussbericht des Ministeriums für Staatssicherheit, der, wie mir Genosse Mielke mitteilte, vom Politbüro gutgeheißen wurde.«24 Nur Coburger gibt sich ahnungslos. Das Image der »Aufklärer« Zeitgleich mit dem Zweibänder der »Abwehr« erschien ein Sammelband, in dem frühere »Spitzenquellen« der Stasi-Spionage in Erinnerungen an ihre Geheimdienstarbeit schwelgen, zugleich aber auch in Larmoyanz verfallen, soweit sie nach 1990 strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurden: Kundschafter im Westen.25 Bewusst unterschlagen wird in diesem Band, dessen Informationsgehalt als minimal einzustufen ist, dass die sogenannte Aufklärung des MfS mit ihren Diensteinheiten auch in die geheimpolizeiliche Repression der »Abwehr« eingebunden war, wo es operativ zweckdienlich und möglich war. »Aufklärung« und »Abwehr« stellten einander ergänzende und sich gegenseitig unterstützende Kompetenzbereiche ein- und desselben Staatssicherheitsdienstes dar, sie unterstanden der Befehlsgewalt desselben Ministers, seine Richtlinien, Befehle und Dienstanweisungen hatten für »Abwehr« und »Aufklärung« grundsätzlich in gleicher Weise Geltung, wenn sie auch entsprechend deren jeweiligen Aufgaben verschiedene Bestimmungen enthielten. Zweierlei Recht gab es nicht im MfS. Markus Wolf und Werner Großmann, die ehemaligen Chefs der »Aufklärung«, ließen ihre hauptamtlichen wie ihre Inoffiziellen Mitarbeiter gemäß der Doktrin vom »abwehrmäßigen Denken der Aufklärer« handeln, was konkret Unterstützung der »Abwehr« durch die »Aufklärung« bedeutete. Umgekehrt konnte die »Aufklärung« jederzeit der Zuarbeit durch die »Abwehr« sicher sein. Wie und in welchem Umfang sie einander ergänzten, u. a. auch in der sogenannten Westarbeit des MfS, hat in jüngster Zeit Georg Herbstritt aktengestützt untersucht.26 Stasi-Agenten im Westen haben nicht gezögert, zur politischen Verfolgung im Osten beizutragen, z. B. durch Beschaffung von Belastungsmaterial oder durch Zeugenaussagen in Strafverfahren vor DDR-Gerichten. Das konnte Gotthold Schramm, einst Oberst in der Hauptverwaltung Aufklärung, nicht hindern zu erklären: »Es gibt da, was unsere Tätigkeit betrifft, überhaupt nichts zu bereuen. Das ist ehrenhaft, was wir getan haben […] Und ich habe auch gar keinen Grund, mich zu entschuldigen dafür.«27 Imagepflege und Selbstglorifizierung der »Aufklärer«, kombiniert mit aggressiver Agitation gegen die »BRD« und ihre Geheimd