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Außenseiter, Aufsteiger, Absteiger. Vom Angehörigen der Funktionselite zum »Funktionshäftling«. Eine biographische Studie

JHK 2008 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 183-196 | Aufbau Verlag

Autor/in: Ilko-Sascha Kowalczuk

Anfang Juli 1989, es ist ein kühler Tag, hin und wieder setzt Nieselregen ein. Die Temperaturen erreichen kaum 16 Grad. Im Norden Ost-Berlins steigen Franz Kniffel1 (Anfang 60), seine Ehefrau Mireille (Mitte 40) und deren minderjähriger Sohn in ihr Auto. Ihr Ziel: die Schweiz. Sie gehören zu den 125 000 »Antragsstellern«, die die Statistik für das Jahr 1989 ausweist. Bis September können knapp 40 000 die DDR verlassen. Hinzu kommen bis zum 9. November eine Viertelmillion Flüchtlinge, die 1989 glaubten, die DDR für immer hinter sich gelassen zu haben.

Kniffels Reise ist sorgfältig geplant und vorbereitet. Er und seine Frau sind mit dem SED-Regime fertig. Als sie gegen 16 Uhr an die Grenze zur ČSSR kommen, werden sie rasch abgefertigt. Ein paar Stunden später geschieht es ähnlich an der Grenze nach Österreich. Was die Reisenden nicht wissen können: Das Ministerium für Staatssicherheit hat zuvor dafür gesorgt, dass keine Kontrollen erfolgen. Erich Honecker genehmigte persönlich Mitte April 1989 ihre Ausreise. Noch einen Tag vor ihrem Aufbruch notiert ein ranghoher MfS-Offizier, die Kniffels seien so »diskreditiert«, dass sie im Ausland unmöglich »feindlich« gegen die DDR auftreten könnten. Mit dem Verlassen der DDR wollen sie einen Lebensabschnitt beenden und hoffen, in der Freiheit neu beginnen zu können.

Kindheit im Nationalsozialismus – Jugend in der Nachkriegszeit

Geboren wird Franz Kniffel Ende der zwanziger Jahre in Westfalen. Die Nationalsozialisten schließen 1934 die Arztpraxis des jüdischen Vaters. Franz ist als kleiner Junge antisemitischen Diskriminierungen ausgesetzt, Spielgefährten wenden sich von ihm ab. Seine Mutter, die keine Jüdin ist, schickt ihn 1938 nach Schweden. Vier Jahre bleibt er in der Emigration, weitgehend auf sich selbst gestellt. 1942 muss er nach Deutschland zurückkehren. Im Sommer 1944 rekrutiert ihn die Organisation Todt. Unter einem Vorwand erreicht er es, Weihnachten bei seiner Mutter und Großmutter verbringen zu können. Kniffel kehrt aus dem Kurzurlaub nicht zurück, sondern versteckt sich bis zum Kriegsende an verschiedenen Orten. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen bedeutet für Franz Kniffel eine echte Befreiung. Die Erfahrungen von Isolation, Verfolgung, Emigration, Demütigung und Ausgeschlossensein bewirken, dass er in den nachfolgenden Jahrzehnten nach außen hin scheinbar angepasst Karriere macht und dabei innerlich doch unabhängig bleibt. Die ihn umgebende Umwelt betrachtet ihn als einen unverbesserlichen Individualisten, eine Einschätzung, die im kollektivistischen Anstaltsstaat schnell in neuerliche Isolation münden kann. Kniffel wiederum verhält sich zu seiner Umwelt distanziert. Nach seinen Erfahrungen bis 1945 sind für ihn Grenzen – und davon gibt es in der DDR im doppelten Wortsinne mehr als genug – unerträglich.

Zunächst kämpft auch Franz Kniffel mit den schwierigen Lebensumständen der Nachkriegszeit, von seinem Vater fehlt zudem jedes Lebenszeichen. Neben den Versuchen, den komplizierten Alltag zu bewältigen, beginnt er, sich politisch zu engagieren. 1946 trifft er seinen Vater wieder, der eine Odyssee durch verschiedene Länder und Lager überlebt hat und nun am Neuaufbau mitwirken will. Als Mitglied der SED versucht der Vater sich einzubringen. 1950 flüchten Vater und Mutter in die Bundesrepublik, sie befürchten neuerliche Verfolgungen.

Franz Kniffel beginnt 1948 an einer Universität zu studieren, 1946 ist er bereits der FDJ und 1947 der SED beigetreten. Diese Mitgliedschaften entspringen weniger ideologischen Überzeugungen als vielmehr dem Wunsch, Gemeinschaften anzugehören. Er bekleidet ideologische Funktionen an der Universität und absolviert Lehrgänge der SED. Sein geisteswissenschaftliches Studium schließt er 1952 ab. Das Studium ist noch nicht von jener marxistisch-leninistischen Ausrichtung geprägt, wie sie nur wenig später üblich sein sollte. Kniffels wichtigste Lehrer aber sind größtenteils aus dem Exil zurückgekehrte Kommunisten.

Franz Kniffel bereitet sich auf eine wissenschaftliche Karriere vor. Er promoviert, habilitiert sich, wird Dozent und schließlich Lehrstuhlinhaber. Wissenschaftlich bewegt er sich im Rahmen dessen, was zu dieser Zeit in der DDR junge Geisteswissenschaftler produzieren. Zeitzeugen erinnern sich aber, dass Kniffels Lehrveranstaltungen nicht von jener doktrinären Enge geprägt waren, die sonst so typisch war. Er spielt sich weder als Parteitechnokrat noch als kommunistischer Ideologiepolizist auf. Zu seiner Beliebtheit bei den Studierenden trägt bei, dass er sich weltoffen verhält, andere Meinungen zulässt und akzeptiert und zudem modisch gekleidet ist. Dass er Abstand wahrt und Distanzen kultiviert, stört die meisten Studierenden nicht, viele seiner Kollegen legen ihm dies jedoch als arrogant aus. Ein Student erinnert sich, dass er, als er Anfang der siebziger Jahre aus politischen Gründen exmatrikuliert wurde, noch eine Prüfung bei Kniffel hatte. Der Student war mit seinen Gedanken woanders. Kniffel hörte sich das Gestammel ruhig an und meinte, das sei alles sehr gut gewesen. Dem Studenten ist nicht bekannt, ob Kniffel etwas von seinem Schicksal wusste, er hat es aber als Solidaritätsgeste empfunden – eine Geste, die nicht nur dieser Student Kniffel zutraute, die aber eher singulär denn typisch für die Universität war.

Ein denkwürdiges politisches Statement gibt Franz Kniffel nach der gescheiterten Revolution vom 17. Juni 1953 ab. Das ist eines der wenigen »offiziellen« Dokumente, die seine politische Haltung dokumentieren. Die meisten anderen wurden mit geheimpolizeilichen Überwachungsmethoden gewonnen, entstammen offiziellen Versammlungen oder Einlassungen, die unter Zwangsumständen erfolgten. Kurz nach dem 17. Juni schreibt Kniffel einen langen Brief an Ministerpräsident Otto Grotewohl. Obwohl Kniffel die offizielle Rede vom »faschistischen Putschversuch« aufgreift, stellt sein Schreiben eine schonungslose Abrechnung mit den Verhältnissen in der DDR und dem Gebaren der SED dar. Die Regierungsmethoden bezeichnet er als unwürdig. Im Einzelnen listet er viele gesellschaftliche Verhältnisse auf, die er als inakzeptabel brandmarkt. Dennoch sieht Kniffel in der DDR das bessere Deutschland. Fluchtgedanken kommen ihm nicht in den Sinn.

Aufstieg: Eine ungewöhnliche Karriere – Universität, MfS, Weltreisen

Im Januar 1957 werden er und seine Frau, die er im Studium kennengelernt hat, von der HV A (Hauptverwaltung Aufklärung) des MfS als GM (Geheime Mitarbeiter) geworben. Sie unterstehen direkt Markus Wolf. Diese Verbindung hält bis zum Mauerbau 1961, die Tätigkeit für das MfS dauert mit einigen Unterbrechungen zwei Jahrzehnte an. Kniffel schreibt eine Verpflichtungserklärung. Seine Berichte sind mit einem Decknamen gezeichnet. Neben einigen unbedeutenden Berichten über die Universität erstreckt sich seine GM-Tätigkeit vor allem auf die »Westarbeit«. Seine Verpflichtung ist mit dem Ziel verbunden, ihn als MfS-Werber einzusetzen. Die Unterlagen beinhalten keine Angaben darüber, was er als GM bis 1961 tatsächlich getan hat bzw. welche Aufgaben er übertragen bekam.

Franz Kniffel ist ein leidenschaftlicher Sporttaucher mit Ambitionen zur Tiefseetaucherei. Das ist ein Hobby, das sich in der DDR nicht verwirklichen lässt. Kniffel findet Mittel und Wege, dies mit der Hilfe des Kulturbundes, anderer Verbände und von Verlagen als kulturpolitische und sportjournalistische Aktivitäten dennoch zu bewerkstelligen. Dabei spielen seine MfS-Verbindungen ebenso nur eine marginale Rolle wie direkte SED-Eingriffe. Es sind halb privat, halb staatlich finanzierte Unternehmungen, die Kniffel als gesellschaftspolitisch relevant anzupreisen versteht. Zunächst organisiert er Ende der fünfziger Jahre eine mehrwöchige Tauchexpedition in die Sowjetunion. Das Interesse daran in der DDR-Bevölkerung bleibt begrenzt, eine einige Jahre später, nach dem Mauerbau organisierte weitere Expedition findet hingegen großen Anklang. Fast ein Jahr lang kann Kniffel mit einer kleinen Crew seinem Hobby an verschiedenen Orten Mittelamerikas nachgehen und agiert dabei offiziell als Kulturfunktionär der DDR.

Diese Tour prägt Kniffels Leben entscheidend. Als er zurückkommt, trennt sich seine Frau von ihm. Kurze Zeit später heiratet er erneut. Diese Ehe hält nur wenige Monate. Kniffel lebt nun einige Jahre fast einem Bohemien gleich. Durch seine zweite Frau schließt er Bekanntschaft mit oppositionellen Künstlern und Intellektuellen. Dem MfS bleibt das nicht verborgen. Er wird als GM reaktiviert und soll über diese Personenkreise berichten. Dem kommt er nicht nach, geschickt zieht er sich immer wieder aus der Affäre, bis das MfS ihn wieder in Ruhe lässt. Die Bekanntschaft mit diesen Intellektuellen bleibt eine Episode.

Weniger episodenhaft sind seine Ausflüge in die weite Welt. Noch in Mittelamerika überlegt er, dort zu bleiben und an einer Universität zu arbeiten, nicht als Flüchtling, sondern als DDR-Bürger. Das ist nicht möglich. Nach seiner Rückkehr in die DDR finden die Schilderungen seiner Abenteuer ein großes Publikum. Bücher, zahlreiche Beiträge und Artikelserien in Tages- und Wochenzeitungen flankieren mehrere Radiosendungen und vor allem eine erfolgreiche Fernsehserie. Er hält über 100 Lichtbildvorträge, die wohl auch bei Teilen seines Publikums die Sehnsucht nach Überwindung der Grenzen bedienen. Anders als seine Zuhörerinnen und Zuhörer kann er Ende der sechziger Jahre erneut eine Expedition unternehmen. Diesmal geht es nach Indien. Wieder liebäugelt er mit dem Gedanken, an einer dortigen Universität zu bleiben, und wiederum fährt er schweren Herzens zurück, um auch diese Reise publizistisch breit auszuwerten. Seine Wissenschaftskollegen zeigen sich neidisch, seine Popularität lässt seinen Beliebtheitsgrad im Kollegenkreis absinken. Nach der Rückkehr aus Asien heiratet er nun Kathrin.

Auch seine Berufung zum Professor und gelegentliche Auslandsreisen verhindern nicht, dass er sich wünscht, längere Zeit ins Ausland zu gehen. Ab Mitte der sechziger Jahre kann er offiziell in die Bundesrepublik reisen. Im Rahmen der Westarbeit des ZK der SED hält er mehrfach Vorträge, die HV A wird erneut auf ihn aufmerksam. Anfang der 1970er-Jahre intensiviert sich deshalb die Zusammenarbeit mit dem MfS, es kommt zu einer neuerlichen Verpflichtungserklärung. So wie seine erste weiß auch seine dritte Frau von seiner IM-Tätigkeit. Auch wenn Kniffel gelegentlich über die Universität berichtet, so liegt doch sein Haupteinsatzgebiet in der »Westarbeit«. Er liefert Analysen und Ausarbeitungen, wobei unklar ist, ob er diese exklusiv für das MfS anfertigte oder ob sie im Rahmen seiner offiziellen Forschungs- und Parteiarbeit entstanden. Kniffel selbst mag diese Zusammenarbeit als notwendiges Übel betrachtet haben, er wird kaum ein Selbstbild als »Agent« oder »Spitzel« gehabt haben, auch wenn er vom MfS finanziell belohnt wurde. Seine Erfahrungen als Verfolgter des NS-Regimes lassen ihn noch immer glauben, die DDR sei der deutsche Staat, in dem die »richtigen historischen Lehren« gezogen worden seien.

Karrierehöhepunkt: Aus der ostdeutschen Provinz auf die große Bühne der Weltdiplomatie

Der im Dezember 1972 in Kraft gesetzte deutsch-deutsche Grundlagenvertrag verändert Kniffels Lebensperspektiven unmittelbar. Der Grundlagenvertrag impliziert keine völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik, er überwindet aber die Hallstein-Doktrin und macht es anderen Staaten möglich, zur DDR diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Dies geschieht in einem rasanten Tempo, aus einem politischen Paria wird buchstäblich über Nacht ein gleichberechtigter Partner. Die DDR wird 1973 nicht nur gleichzeitig mit der Bundesrepublik Mitglied der UNO, sie tritt auch vielen UN-Spezialorganisationen bei. Die DDR sieht sich vor die Aufgabe gestellt, binnen kurzer Zeit Diplomaten zu rekrutieren, die sie in etwa 100 neue Botschaften und zahlreiche internationale Organisationen entsenden muss.

Für Franz Kniffel stellt sich diese Situation als persönlicher Glücksfall dar. Sprachgewandt, erfahren in längeren Auslandsaufenthalten, vertraut mit ganz unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen, einen bildungsbürgerlichen Hintergrund aufweisend, politisch die SED und ihre Ideologie vertretend, dem MfS geheim verbunden und nicht zuletzt so auftretend, dass er auf internationalem Parkett nicht als Vertreter der kommunistischen Betonkopffraktion wahrgenommen werden würde, ist er wiederum ein Glücksfall für die kommunistische Kaderpolitik. So treffen sich Kniffels Ambitionen, außerhalb der Universität, möglichst im Ausland, zu arbeiten, mit den staatlichen Erfordernissen, geeignete Kader für die neuen außenpolitischen Aufgaben zu gewinnen. Er bewirbt sich in Absprache mit dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, dem MfS und der Abteilung Internationale Verbindungen des ZK der SED mit Erfolg für einen ranghohen Posten in einer UN-Spezialorganisation. Zum Jahresbeginn 1975 nimmt er seine Tätigkeit in Genf auf. Die HV A versucht noch, ihn für den Auslandseinsatz zu instruieren, aber die Zeit ist zu knapp, sodass er lediglich eine dürftige Basisausbildung für Agenten im »Operationsgebiet« erhält. Er wird in der Schweiz keiner HV-A-Gruppe angeschlossen, sondern hat lediglich Kontakt mit einem für ihn zuständigen Residenten.

Franz Kniffel kann nach Genf seine Ehefrau und seine Tochter mitnehmen. Das Aufgabenfeld erweist sich als komplex und kompliziert. Es dauert einige Monate, ehe er sich eingearbeitet und eingelebt hat. Die UN-Organisation ist recht schnell mit dem weltweiten Wirken ihres Funktionärs sehr zufrieden. Kniffel und seine Frau genießen zudem das Leben im Westen mit vielen willkommenen Begleiterscheinungen. Die Welt ist klein für einen internationalen Spitzenbeamten, die Kontinente scheinen zusammenzurücken, Grenzen sind Probleme anderer.

Das bleibt der »DDR-Kolonie«, wie die DDR-Mitarbeiter von Botschaften und anderen Einrichtungen im Ausland genannt wurden, nicht verborgen. Die geforderte Beteiligung an den auch im westlichen Ausland üblichen Parteiritualen lässt beim Ehepaar Kniffel zu wünschen übrig. Offenbar schätzen sie die Freiheit so sehr, dass sie nicht einmal mehr Lust verspüren, wenigstens einige Stunden in der Woche in der Botschaft DDR-Alltag zu spielen. Die Kniffels wohnen nicht in einer zugewiesenen Neubaukasernenwohnung, sondern ziehen mehrfach um, bis sie in einer Vorortvilla ein Domizil finden, das ihren gehobenen Ansprüchen entspricht. Sie verfügen über zwei Autos, sodass beide mobil und immer weniger kontrollierbar sind. Das Tuscheln in der »DDR-Kolonie« über diesen für DDR-Bürger ungewöhnlichen Lebensstil können sie kaum überhört haben, es stört sie aber offenbar nicht. Miteinander sprechen sie nie offen über eine Nicht-Rückkehr. Franz Kniffel will kein Verräter sein, er glaubt immer noch an die Potenzen des Sozialismus. Am liebsten wäre ihnen, ihr Aufenthalt wäre offiziell zeitlich unbegrenzt, sodass sie jederzeit besuchsweise in die DDR einreisen und zugleich ihr eigentliches Leben in Freiheit verbringen könnten.

Kniffels Zusammenarbeit mit dem MfS gestaltet sich kompliziert. Seine MfS-Auftraggeber sind unzufrieden mit seinen geheimdienstlichen Tätigkeiten, und auch die sowjetischen Funktionäre und Geheimdienstoffiziere misstrauen Kniffel. Er ist ihnen zu »verbürgerlicht«, tritt auf wie ein westlicher Diplomat und lässt »Klassenverbundenheit« vermissen. Den KSZE-Prozess beurteile er anders als vorgegeben, die sozialistischen Staaten würden nun mit Problemen konfrontiert, die hausgemacht seien. Mehrfach beschweren sie sich bei anderen DDR-Funktionären und bei MfS-Offizieren. Die haben aber auch kaum noch Einfluss auf Kniffel. Immer wieder entzieht er sich ihren Aufträgen und Ansinnen mit dem Argument, er schaffe es zeitlich nicht. Einmal entgegnet er, er könne nicht »drei Herren« gleichzeitig dienen. Damit wertet er die MfS-Tätigkeit gegenüber der UN-Spezialorganisation und den Aufträgen der SED ab, was seinen Führungsoffizier veranlasst, ihm die Zusammenarbeit aufzukündigen. Kniffel lehnt das ab, was das MfS als »Treueschwur« akzeptiert. Wahrscheinlich glaubt Kniffel, ohne die Rückendeckung des MfS würde er aus Genf abgezogen werden. Tatsächlich gibt es immer wieder solche Überlegungen, aber diese werden vom Außenministerium, nicht vom MfS angestellt. Ab 1978 gibt es keine geheimdienstlichen Kontakte mehr zwischen dem MfS und Kniffel.

Die Tragödie beginnt: Im Visier des MfS

In diktatorischen Staaten mit dem Ansinnen, alles wissen und steuern zu wollen und jede individuelle und gesellschaftliche Regung als politisch relevant zu deuten, gibt es keine Privatsphäre im eigentlichen Sinne. Wie die überlieferten Akten totalitär verfasster Staaten immer wieder zeigen, ist Privatismus dort individuell zwar erlebbar, aber nicht garantiert und schon gar nicht so zu entfalten, dass er sich gegen die Herrschaftsansprüche der Machthabenden behaupten könnte. Die »Nischengesellschaft« hat es in geschlossenen Gesellschaften nie gegeben. Viele Menschen aber mögen empfunden haben, in einer »Nische« zu leben. Viele glaubten an diesen Schutzraum, der sie wenigstens partiell den Anmaßungen der Herrschenden entzog.

Das ist erwähnenswert, weil SED und ihr MfS bei Bedarf, und der war groß und permanent gegeben, das Private zum Öffentlichen machten. Wobei »öffentlich« in diesem System zumeist nicht hieß, Öffentlichkeit herzustellen. Vielmehr war oftmals »öffentlich«, was politisch, ideologisch, geheimpolizeilich, letztlich strafrechtlich genutzt und dementsprechend instrumentalisiert werden konnte. Das Interesse des MfS für das Private entsprang keinem uninspirierten Voyeurismus, sondern war Teil eines perfiden Überwachungssystems. Dieses war von der Wahnvorstellung geprägt, sogar Dinge wissen zu können, noch bevor der Überwachte selbst darauf kam. Der geheimpolizeiliche »lautlose Terror« (Jürgen Fuchs), die Zersetzung von Seelen und Körpern, sollte die Gleichschaltung der Gesellschaft absichern – »effektiv« und »erfolgsorientiert«.

Das »Private«, diese unbedingt schutzwürdigen Interessen, begegnet uns nicht selten in geheimpolizeilichen Akten als politisch Monströses. Darüber schreiben Historiker unbefangen, wenn die schutzwürdigen Interessen juristisch belanglos sind. In der wissenschaftlichen Zeitgeschichte ist nicht der berühmte Zeitzeuge der größte Feind des Historikers, sondern der Jurist und seine Adepten. Das ist kein Plädoyer gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung oder gegen schutzwürdige Interessen. Es ist aber ein Hinweis auf ein Dilemma, vor dem Historiker, die sich zeitgeschichtlich betätigen, nicht selten stehen.

Franz Kniffel und seine Familie werden zu Opfern des SED-Regimes nicht wegen konkreter Handlungen, nicht einmal wegen ihrer zunehmenden Distanz zum System, sondern wegen ihrer ganz privaten Probleme, die das MfS und die SED diktaturtypisch nutzen. Im Frühsommer 1979 fährt Kniffel seine Ehefrau zur Erholung ans Meer. Der Vielbeschäftigte lässt sie ein paar Tage dort allein. Sie lernt Horst Puppe kennen, einen etwas undurchsichtigen Geschäftsmann aus Stuttgart. Er ist gleich mehrfach aus der DDR geflüchtet: zuerst noch vor dem Mauerbau, er kehrte jedoch zurück; dann nochmals nach dem Mauerbau, und wieder kam er zurück. Das MfS nahm ihn fest, er saß eine Zeit lang im Gefängnis. Anschließend geht er zurück ins Schwabenland, nunmehr offiziell, wo er sich in einer kommerziellen Fluchthelferorganisation betätigt. Im Osten biedert er sich mehrfach dem MfS an, indem er buchstäblich an der MfS-Pforte in Ost-Berlin bimmelt und um Mitarbeit fleht. Die Genossen vom MfS trauen dem »Selbstanbieter« nicht. Mehrfach arbeitet er zwar aktiv für das MfS, aber ein Restargwohn bleibt stets. Das MfS vermutet, Puppe wolle mit ihm im Auftrag seiner Fluchthelferorganisation zusammenarbeiten. Ob es so war, lässt sich aus den Akten nicht belegen. Es ist möglich, aber dann wären einige Pannen nebst Festnahmen durch das MfS von Puppes Syndikat in Kauf genommen worden, was die Sache in keinem besseren Licht erscheinen ließe. Dem MfS erschien Puppe zu undurchsichtig, weshalb er ab 1977/78 dort eindeutig als »Feind« firmierte.

Die Liaison von Puppe und Kathrin Kniffel bleibt keine einmalige Episode. Sie schreibt nach einem ersten mündlichen Eingeständnis ihrem Mann einen Brief ins ferne Asien, wo er sich aufhält, und beteuert ihre Liebe zu ihm. Er glaubt ihr. Sie brauche aber ein letztes Treffen, so Kathrin, um sich von Puppe befreien zu können. Also nutzt das Ehepaar Kniffel eine Fahrt von Genf mit dem eigenen PKW in die DDR, um Kathrin, wie es im MfS-Jargon heißt, dem Horst »zuzuführen«: Franz Kniffel fährt seine Ehefrau zu einer Raststätte in der Bundesrepublik, wo er sie, wieder MfS-Jargon, dem Puppe »übergibt«.

Kathrin Kniffel und Horst Puppe fahren nach Stuttgart. Am Abend lädt Horst Kathrin in ein Restaurant ein. Als sie dort ankommt, sitzt neben Puppe bereits ein Dr. Brill, ein Mitarbeiter des BND, wie er Kathrin selbst anvertraut. Der nimmt an, dass Puppe MfS-Agent sei. Aber er glaubt auch, dass die Kniffels vom Kommunismus genug haben. Damit liegt er zwar richtig, aber Kathrin Kniffel will deshalb noch lange nichts mit dem BND zu tun haben. Das sagt sie auch, steht auf und geht. In Genf erzählt sie ihrem Mann von dieser Geschichte. Der ist erbost, aber aus Erfahrung ist er angstvoll genug, um zu wissen, dies dürfe nicht gemeldet werden. Dann wäre sein Einsatz sofort und unwiderruflich beendet. Das Ehepaar schwört Stillschweigen.

Der BND gibt aber nicht so schnell auf. Es kommt nun auch in Genf zu Telefongesprächen mit Kathrin Kniffel, auch zu einem direkten Kontakt mit BND-Vertretern. Franz ist nie dabei, mit dem BND will er nichts zu tun haben. Seine Frau auch nicht, aber Puppe geht ihr nicht aus den Kopf. Also tut sie einmal, worum dieser sie bittet. Sie kontaktiert einen Freund von Puppe, den dieser schon fast 20 Jahre kennt. Es ist Rainer Gär, ein Künstler aus dem Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg.

Dieser Mann ist eine Weltberühmtheit in seiner Szene, außerhalb dieser ist er unbekannt. Mehrfach schmieden Puppe und Gär Pläne, wie Puppes Organisation ihn »rausschaffen« könne. Es kommt immer etwas dazwischen. Ende 1979 wird ein neuer Plan entwickelt. Kathrin Kniffel ist gerade in Ost-Berlin. Sie trifft sich mit Rainer Gär und sagt ihm, er solle sich an einem Tag Mitte Januar 1980 in einem Hotel in Sofia aufhalten. Aus Genf schreibt sie ihm dann noch eine Karte: Sie bedauere, dass sie vergessen habe, ihm Geld zu geben. Wahrscheinlich hat sie es absichtlich unterlassen.

Die Fluchtorganisation steht längst im Fokus des MfS. Immer wieder gelingt es diesem, einzelne IM zu platzieren oder Fluchtwillige als IM anzuwerben. Um die MfS-Aktivitäten nicht zu dekonspirieren, lässt die Geheimpolizei immer wieder Fluchten zu, obwohl sie genau weiß, was wann und wie ablaufen wird. Rainer Gärs Fluchtabsichten werden verraten. Ein IM aus dem Bezirk Rostock gibt die notwendigen Informationen. Als Gär am Flughafen Schönefeld ankommt, um nach Sofia zu fliegen, wird er beim Check-in verhaftet. Noch bei seiner ersten Vernehmung bei der Polizei gesteht er alles. Das MfS nimmt auch seine Lebensgefährtin vorläufig fest, die von den Fluchtabsichten wusste, selbst aber nicht fliehen wollte. Bei ihrer zweiten Vernehmung erzählt sie, dass ihr Freund Rainer ein paar Mal Besuch von einer Frau namens »Katja« hatte. Diese sei DDR-Bürgerin, lebe aber in Genf, wo ihr Mann einen hohen Posten habe, und habe von den Fluchtabsichten gewusst.

Es dauert ein, zwei Tage, bis im MfS diese Information auf den Schreibtischen der Leiter der HV A, der Hauptabteilung (HA) II (Spionageabwehr) und des Ministerbüros landet. Die Alarmglocken schrillen. Rainer Gär und seine Freundin werden wenige Tage nach ihrer Verhaftung bzw. Festnahme »entlassen«, das gegen Gär angestrebte Verfahren wird niedergeschlagen – und beide werden »freiwillig« in ein konspiratives Objekt des MfS (HA II) in Fürstenwalde gebracht. Dort bleiben sie ein Vierteljahr, ohne dass irgendein Angehöriger weiß, wo sie sich befinden. Fingierte Briefe werden geschrieben, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Die beiden werden immer wieder zu Puppe und »Katja« befragt, deren wahre Identität sich schnell herausstellt, es handelt sich um Kathrin Kniffel. Gär und seine Freundin reden, sie wissen nicht viel, aber es reicht, um den Verdacht aufkommen zu lassen, Kathrin und Franz Kniffel seien vom BND angeworben worden. Gär und seine Freundin kommen im April frei. Er ist zuvor als IM angeworben worden und berichtet bis 1989 ausführlich und intensiv. Er wird zugleich überwacht, sein Telefon wird ebenso abgehört wie seine Wohnung. Seine Berichte sind deckungsgleich mit den Abhörprotokollen. Viel erbringt Gärs IM-Arbeit nicht, weil er über seinen Bekanntenkreis schweigt. Das hindert ihn nicht daran, sowohl künstlerische Werke für eine Kirche in Ost-Berlin als auch eine sehr gut dotierte Arbeit für das MfS anzufertigen.

An zwei Stellen in den Akten gibt es vage Hinweise, dass der HV A seit dem Frühsommer 1979 bekannt war, dass Kathrin Kniffel mit Horst Puppe Kontakt hatte. Was hinter den MfS-Kulissen wirklich ablief und bekannt war, lässt sich anhand der Aktenlage nicht vollständig verifizieren. Es gibt nur einen Hinweis von Kathrin Kniffel: Als sie Puppe erstmals am Strand erblickte, glaubte sie als seine Begleiterin eine Frau zu erkennen, die sie aus der DDR-Botschaft kannte. Deren Mann war Resident des MfS in der Schweiz. Ob es wirklich dessen Ehefrau war, kann weder Kathrin Kniffel hundertprozentig bestätigen, noch gibt es in den überlieferten Akten dafür Hinweise. Dies würde aber erklären, warum die HV A im März 1980 behauptet, sie hätte erste Erkenntnisse über die Verbindung von Puppe zu Kathrin Kniffel im Frühsommer 1979 gewonnen. Eine Tätigkeit von Puppe für das MfS zu diesem Zeitpunkt kann ausgeschlossen werden. Es ist aber auch möglich, dass die HV A dies im Frühjahr 1980 nur behauptete, um intern nicht als völlig ahnungslos in diesem Fall mit erheblichen internationalen Folgen zu gelten.

Absturz: Die Tragödie nimmt ihren Lauf

Die Strategen der HV A und der HA II ersinnen einen Plan, Franz Kniffel und seine Ehefrau unter einem Vorwand in die DDR zu holen. Das Außenministerium und das SED-Politbüro sind eingeweiht und stimmen in einer »Grundsatzentscheidung« dem Vorgehen zu. Der Plan geht nicht ganz auf, Franz fährt zwar widerwillig, aber Kathrin begleitet ihn nicht. So wird er nach einem konstruierten dienstlichen Termin im Außenministerium von zwei MfS-Mitarbeitern höflich gebeten, zu einem Gespräch mitzukommen.

Das MfS plant nicht, Franz Kniffel zu verhaften. Er wird mit den Vorwürfen konfrontiert, die er bestreitet. Weder er noch seine Frau hätten irgendwelche BND-Kontakte. Er spricht mit dem Selbstbewusstsein eines internationalen Diplomaten. Dann zeigen ihm die Offiziere die Postkarte von Kathrin an Rainer Gär. Franz Kniffel ist fassungslos. Er »vereinbart« mit dem MfS eine fingierte Krankheit. Das Ziel besteht darin, Kathrin in die DDR zu holen. Man sichert ihm keine Straffreiheit zu, aber seiner Frau. Nach Aktenlage waren dies keine hohlen Worte.

Kniffel wird ins Regierungskrankenhaus eingeliefert. Dort hat er einige Tage Bewegungsfreiheit, sein Zimmer wird aber ebenso abgehört wie seine Telefonleitung. Seine Schwiegermutter darf ihn besuchen und berichtet dann seiner Frau, Franz sei krank, sie müsse zu ihm kommen. Die Schwiegermutter weiß, was gespielt wird, denn sie selbst wird mehrere Tage in einem MfS-Objekt in Motzen festgehalten. Auch Franz Kniffel hat das wahre Spiel durchschaut. Er verlässt mehrfach das Krankenhaus, sucht eine öffentliche Telefonzelle auf und sagt seiner Frau, alles sei fingiert, sie solle unter keinen Umständen, was auch immer zukünftig von ihm zu hören sei, in die DDR zurückkommen. Sie könne ihm nur von Genf aus helfen. Zugleich schickt er an vier Adressen in der Schweiz Briefe, die seinem Chef vorgelegt werden sollen. Er hofft, wenigstens ein Brief würde ankommen. Darin schreibt er, dass er vom MfS festgehalten werde, aber niemals seine Stelle in Genf aufgeben werde, egal was in der nächsten Zeit für »offizielle« Schreiben, auch mit seiner Unterschrift, in Genf ankämen.

Kniffel weiß um seinen Status als Beamter einer UN-Spezialorganisation. Ähnliche Fälle in der Vergangenheit lösten sich zumeist glimpflich. Auch seine Frau weiß dies. Es geht darum durchzuhalten. Die DDR muss nachgeben, alles andere würde mit einem erheblichen internationalen Gesichtsverlust einhergehen.

Da auch dem MfS von Anfang an klar ist, dass weder Franz Kniffel noch seine Ehefrau BND-Agenten sind, räumt man ihm diese merkwürdige Bewegungsfreiheit ein. Markus Wolf ruft Franz Kniffel im Krankenzimmer an und ermuntert ihn, alles zu sagen, die Sache würde glimpflich ausgehen. Wichtig sei nur, dass seine Frau auch zurückkäme. Die denkt aber nach den Telefonaten gar nicht daran. Wenige Tage nach Kniffels Festsetzung wird in ihr Haus eingebrochen. Die Polizei nimmt an, dies sei vom MfS ausgegangen. Beweise gibt es nicht. Kathrin Kniffel lebt in Angst, eine Entführung durch das MfS sei nicht ausgeschlossen. Sie taucht unter. Die vielen, noch heute bewegenden Telefongespräche, die sie in den folgenden Monaten mit ihrer Mutter führt, führt sie von öffentlichen Telefonen aus. Die erste Zeit wohnt Kathrin bei Nachbarn, dann bei Bekannten und schließlich in einer neuen Wohnung. Finanzielle Sorgen hat sie nicht, weil die UN-Organisation Kniffels Gehalt weiterzahlt.

Die Postkontrolle des MfS versagt gründlich. Alle vier Briefe von Kniffel gelangen in den Westen. Anders als geplant, kommen allerdings nicht alle bei seinem Chef an, der solche Fälle gewohnt diplomatisch-diskret behandelt. Ein Adressat gibt den Brief nicht im Büro des Direktors ab. Stattdessen informiert er das Regionalbüro einer Menschenrechtsorganisation, das nun wieder – entgegen der eigenen Regel – nichts Besseres zu tun hat, als den Brief einer Tageszeitung zu geben, die daraus eine Story macht. Nur wenig später geben diese Nachricht viele Zeitungen weltweit wieder. Im MfS sind die Genossen entsetzt. Sie hatten Kniffel vertraut, er ihnen nicht. Aus dem Krankenhaus zunächst noch in ein konspiratives MfS-Objekt verfrachtet, wird Kniffel zehn Tage nach seiner Festsetzung förmlich verhaftet und in ein Untersuchungsgefängnis gebracht. Er braucht vier Tage, um zu begreifen, dass ihm nun eine hohe Haftstrafe droht – wegen Agententätigkeit, Duldung von Agententätigkeit, Nichtmeldung von Agententätigkeit. Alle paar Minuten geht nachts das Licht an, alle paar Minuten ist das scheppernde Geräusch zu hören, wenn das Metall am Spion bewegt wird. Der Häftling hat auf dem Rücken mit den Händen auf der Bettdecke zu »schlafen«. Diese Folter bricht Körper und Seele vieler Häftlinge, sie lässt auch Franz Kniffel reden und reden, schreiben und schreiben. Im Sinne der Anklage hat er zwar nichts zu sagen, aber er erzählt Details seines Lebens und schreibt darüber mit einer Emsigkeit, die nur jemand aufbringt, der seinen Kopf retten will. Zunehmend konzentriert sich seine Wut auf seine Ehefrau. Er sieht sich mehr als Opfer seiner Frau denn des Systems. Zumindest vorübergehend scheint dieses gewonnen zu haben.

Hauptziel des MfS ist es, Kathrin Kniffel nach Ost-Berlin zu holen. Im Ohr hat sie immer die Warnung ihres Mannes: Egal, was du hören wirst, komme nicht zurück. Das beherzigt sie auch dann noch, als ihr Mann im Knast längst das Gegenteil will. Woher soll sie auch wissen, dass sie straffrei geblieben wäre und womöglich ihren Mann vor einer Haftstrafe gerettet hätte? Woher soll sie wissen, dass ihr Mann jetzt tatsächlich ihre Rückkehr wünschte? Sie lebt verzweifelt und isoliert in Genf, er sitzt verzweifelt und isoliert in seiner Zelle beim MfS und verliert mehr und mehr jeden Glauben an seine Frau. Die private Krise wird zur lebensbestimmenden Tragödie.

Der Fall Kniffel schlägt derweil international hohe Wellen. Die UN-Organisation sieht sich in ihrem Selbstverständnis bedroht. Resolution folgt auf Resolution, die DDR gerät international in eine prekäre Situation. Vereinbarte Konferenzen in der DDR werden abgesagt. Diplomatische Verhandlungen verlaufen ergebnislos. Die UN-Organisation beharrt auf ihrer Position, Kniffel müsse in Genf die Sache erklären. Die DDR wiederum sagt, dies käme nicht in Frage, da Kniffel gegen DDR-Recht verstoßen habe und deshalb in der DDR zur Verantwortung gezogen werden müsse. Kniffel bleibt UN-Beamter und sitzt zugleich in MfS-Haft. MfS-Unterhändler, die als Rechtsanwälte oder Diplomaten arbeiten, versuchen in Genf UN-Beamte davon zu überzeugen, dass Kniffels Ehefrau mit ihrer Rückkehr in die DDR Franz Kniffel aus der Bredouille bringen könnte. Vergebens, keiner glaubt ihnen im Westen. Tatsächlich musste zu diesem Zeitpunkt Franz schon allein deshalb verurteilt werden, um den Anschein zu wahren, seine skandalöse Verhaftung sei irgendwie rechtens.

Mitte August 1980 wird Franz Kniffel zu drei Jahren Gefängnis wegen Unterlassung einer Anzeige (§ 225 StGB) in Verbindung mit § 98 (Spionage) und ungesetzlicher Verbindungsaufnahme (§ 219) verurteilt. Bereits im Mai war Kniffel aus der SED ausgeschlossen worden – Monate vor seiner strafrechtlichen Verurteilung. Wie konstruiert dieses Urteil ist, zeigt sich nicht nur an dem verhältnismäßig geringen Strafmaß. Die ganze Angelegenheit benötigt keine weitere strafhistorische Bewertung angesichts des Umstandes, dass eine Woche vor Prozessbeginn MfS-Minister Mielke nicht nur das Strafmaß bestätigt, sondern ebenso den Vorschlag abzeichnet, dass Kniffel relativ schnell auf Bewährung freikommen und dann entsprechend seiner Qualifikation in der DDR eine Arbeitsstelle erhalten solle. Er dürfe nicht mehr lehren, behalte aber seinen Professorentitel. Allen mit dem Fall befassten Geheimpolizisten, Juristen und SED-Funktionären bis hin ins Außenministerium, SED-Politbüro und selbst der Universität ist bewusst, dass weder Kniffel noch seine Frau mit dem BND zusammengearbeitet haben. Franz Kniffel wird aus höheren Erwägungen verurteilt, wird zum Opfer des Regimes, zu einem in neuem Wortsinne kommunistischen »Funktionshäftling«.

Eine zerstörte Biographie

Franz Kniffel ist so enttäuscht von seiner Ehefrau, dass er im Januar erklärt, keine Briefe von ihr mehr erhalten zu wollen, und jeden Kontakt zu ihr ablehnt. Im Sommer 1981 wird das Ehepaar in Abwesenheit geschieden. Kathrin steht dennoch zu ihrem Mann, weil sie glaubt, dies geschehe alles nur auf Druck des MfS hin. Kniffel selbst wendet sich mehrfach an den Direktor der UN-Organisation und erklärt, dass er sein Arbeitsrechtsverhältnis kündige. Dieser lehnt jeweils mit dem Hinweis ab, dies könne nur am Sitz der Organisation erfolgen.

Im Oktober 1981 beschließen Markus Wolf, Günther Kratsch (Leiter der HA II) und Erich Mielke, dass Kniffels Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt wird. Er beginnt in einem Forschungsinstitut zu arbeiten, wo er sich nie richtig einleben wird. Das MfS überwacht ihn weiterhin lückenlos. Er ist sehr ängstlich, selbst seine Telefongespräche mit Kathrin, mit der er nun wieder mehrfach Kontakt hat, bespricht er zuvor mit MfS-Offizieren. Er will keine neuen Fehler machen. Zum Jahresende fährt er allein in den Winterurlaub. Er traut niemandem. Nur mit einer Frau lässt er sich auf Gespräche ein. Das MfS hat sie als IM auf ihn angesetzt. Ihre Berichte zeigen, dass er mit dem Staat DDR endgültig fertig ist. In einem anderen IM-Bericht über ihn ist die Einschätzung zu lesen, dass er den Osten viel schlimmer als den Westen finde, dass er einen »Sozialismus« anstrebe, wie er in Schweden, der Schweiz oder Frankreich herrsche. Die DDR sei nicht verbesserungsfähig. Der Kommunismus sei von A bis Z verrottet, die Fehler hätten 1917 begonnen. Es deutet sich zudem an, was im Juli 1982 ein anderer IM explizit berichtet: Kniffel will die DDR verlassen.

Im August 1982 geschieht, woran weder Franz Kniffel noch das MfS glaubten: Kathrin kehrt in die DDR zurück. Kurz zuvor hatte sie ihren Vater, der überraschend besuchsweise in die Bundesrepublik fahren durfte, an der Nordsee getroffen. Als sie sich verabschieden, kommt es zu einer herzzerreißenden Szene zwischen Großvater und Enkelin. Kathrin Kniffel ruft ihren Rechtsanwalt in Ost-Berlin an: Er solle alles arrangieren, sie käme noch heute zurück. Dieser versucht, sie davon abzuhalten. Ihr Mann wolle von ihr nichts mehr wissen. Sie lässt sich nicht umstimmen. Der Anwalt sagt, wenn sie kommen wolle, dann solle sie kommen. Ihr würde Straffreiheit garantiert. In den folgenden Stunden fährt sie mit ihrem Auto immer wieder auf den Grenzübergang zu, dreht kurz vor Erreichen des Kontrollpunktes um und fährt wieder Dutzende Kilometer zurück. Das geht so stundenlang. Schließlich rollt sie über die innerdeutsche Grenze, wo sie bereits erwartet wird. Das MfS eskortiert Kathrins Wagen zu Franz Kniffel.

Der hatte nicht nur längst jede Hoffnung auf ihre Rückkehr aufgegeben, sondern mit Kathrin auch innerlich gebrochen. Die ersten Worte, die sie von Franz hört, lauten: »Was willst Du denn hier?« Eine Welt bricht zusammen, die Rückkehr stellt sich als neuerlicher Fehler heraus. Nun ist auch sie wieder »wohnhaft« in der DDR, kann die Grenzen nicht mehr überwinden, ist eingeschlossen und unglücklich. Wochenlang wird Kathrin täglich vom MfS befragt, aber sie kann jeden Tag nach Hause, das nicht mehr ihr Heim ist.

Franz Kniffel verschließt sich gegenüber allen und jedem, und wenn er sich einmal öffnet, wie einer Kollegin am Institut gegenüber, dann wird er neuerlich ans MfS verraten. Die Ehe mit Kathrin ist unwiderruflich vorbei. Schließlich findet Franz Kniffel neuen persönlichen Halt in Mireille, einer Frau, die auch ein Verfolgungsschicksal zu tragen hat. Nach der Heirat 1985 kann sie ihre Forschungsarbeiten nicht mehr fortsetzen. Die Ausreise aus der DDR erscheint immer logischer. Als sie ihnen schließlich gestattet wird, steht die DDR kurz vor ihrem historischen Aus.

Die Tragik dieser Biographien ist mit dem Mauerfall nicht beendet. Doch das wäre bereits eine andere Geschichte. Auch wenn die rekonstruierte Geschichte selbst singulär sein dürfte, die sichtbar gewordenen Herrschaftstechniken waren ebenso systemtypisch wie das Verhalten einzelner Personen in der Diktatur. Der Blick auf eine einzelne Biographie bewahrt zugleich davor, in der Diktaturanalyse mit simplen Mustern wie »böse« und »gut« oder »Täter« und »Opfer« zu agieren. Das mag geschichtspolitisch seine Berechtigung haben, in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung sind solche manichäistischen Perspektiven wenig erkenntnisfördernd. Die meisten Biographien sind von Brüchen gekennzeichnet, so war etwa fast niemand zeitlebens Widerständler oder Oppositioneller. Zu Opposition und Widerstand war es biographisch oft ein weiter Weg, und oft genug gab es Momente der Schwäche, des Zweifels. Dies galt ebenso für Menschen, die sich dem System verbunden fühlten. Auch bei ihnen konnte die Überzeugung in kritische Distanz bis hin zu innerer oder offener Ablehnung umschlagen. Dass dabei zum Teil Repressionen und Verfolgungen die Systemablehnung verstärkten, ist banal und oft behauptet worden, hier ist es in einem besonderen Fall aufgezeigt worden. Franz Kniffel war kein Oppositioneller, er übte keinen Widerstand aus. Nach den NS-Erfahrungen sah er im Kommunismusexperiment den richtigen Versuch, eine neue Gesellschaft zu etablieren. Er konnte rasch Karriere machen, genoss ungewöhnliche Privilegien, war viele Jahre als IM des MfS tätig – eine geradezu mustergültige Kaderbiographie, die keine Anzeichen eines tiefen Sturzes beinhaltete. Ist diese Biographie schon bis zur Verhaftung interessant, so erfährt sie für Historiker ihre besondere Brisanz gerade dadurch, dass ein Systemträger aufgrund einer privaten Affäre so tief fällt, dass er buchstäblich über Nacht ohne eigenes Zutun zum Opfer des Systems wird.

Diese Biographie zeigt so in ihrer Gesamtheit eine widersprüchliche Diktaturrealität, die oft genug von Analysen der großen Politik oder »eindeutig« konstruierter Biographien eher verschleiert denn konturiert wird. Franz Kniffels Leben und einzelne Lebensentscheidungen mögen die Leser unterschiedlich bewerten. Gewiss können etwa seine langjährige IM-Tätigkeit oder auch seine publizistischen Arbeiten in der DDR nicht aus der Perspektive seiner späteren Verhaftung und Verurteilung interpretiert werden. Aber ebenso wäre es wiederum problematisch, seine NS-Erfahrungen als Hintergrund seiner Parteinahme nicht zu berücksichtigen. Will man die Diktaturmechanismen begreifen, will man verstehen, warum so viele Menschen den Verlockungen der Diktatur erlagen, so erweisen sich biographische Annäherungen als sehr hilfreich. Die hier vorgelegte Skizze ist ein solcher Versuch der Annäherung, die sich gerade nicht Oral-History-Methoden bedient, nicht nach den Erfahrungen, Erinnerungs- und Verarbeitungsmustern fragt, sondern historische Prozesse, Machtmechanismen und individuelle Verhaltensmuster historisch zu rekonstruieren versucht. Aus vielen solcher exemplarischen Mosaiksteine lassen sich dereinst eventuell vielschichtige und mehrdimensionale Bilder zeichnen, die auch Nachgeborenen noch die Brutalität der Diktaturrealität vermitteln und vor allem veranschaulichen. Diese Skizze bietet keine neuen Erkenntnisse über Herrschaftsstrukturen und keine neuen Metaerklärungen an, sie liefert aber »Fleisch« für eine zu schreibende Diktaturgeschichte, um Herrschaft, Macht und Alltag plastisch rekonstruieren zu können.

Vielleicht kann sich »Franz Kniffel« doch noch einmal dazu aufraffen, seine Geschichte selbst zu erzählen. Denn sie ist in Wirklichkeit spannender, widersprüchlicher und tragischer, als sie hier skizziert werden konnte. Sie zeigt exemplarisch, über die Biographie hinaus, dass Diktaturgeschichte nicht nur über einen Ansatz rekonstruierbar und erklärbar ist, sondern gerade in der Verschränkung mehrerer Perspektiven, etwa von Herrschafts-, Biographie- und Alltagsgeschichte, zur vollen Entfaltung gelangt. Die Vergangenheit ist in der Gegenwart lebendig, lebendiger als zumeist vermutet und wahrgenommen.


1 Alle Namen wurden geändert; wesentliche Orte und einzelne Sachverhalte verfremde ich, um Rückschlüsse auf reale Personen zu verhindern. Bei meinen Recherchen habe ich einen »Operativen Vorgang« (13 Bände), drei »Untersuchungsvorgänge« (14 und je 3 Bände), etwa 20 IM-Vorgänge und 80 andere Akteneinheiten unterschiedlicher MfS-Abteilungen sowie mehrere Stunden Tonmaterial ausgewertet. Außerdem zog ich Material aus dem SED-Archiv (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv) heran. Weil ich die Anonymität der Personen ausdrücklich wahren möchte (und muss), ist dies auch die einzige Fußnote im Text. Würde ich Quellen angeben, würde diese Anonymität sofort durchbrochen sein. Das mag wissenschaftlich ungewöhnlich sein, ist aber juristisch (und moralisch) nicht anders zu handhaben. Vielleicht stößt der Beitrag nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen seiner Form eine Debatte an über die mannigfaltigen Begrenzungen, die wissenschaftlicher Zeitgeschichtsschreibung auferlegt sind.

Inhalt – JHK 2008

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