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Das einzige Vaterland des Proletariats - die Sowjetunion: Ob gut oder schlecht, sie ist mein Land!

JHK 2008 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 24-31 | Aufbau Verlag

Autor/in: Jerzy Holzer

Die Haltung der kommunistischen Bewegung gegenüber der Sowjetunion kam viele Jahre dem Axiom nahe: »Our country, right or wrong« (Carl Schurz, 1899). Wann tauchte eigentlich die Formel von der Sowjetunion als Vaterland aller Kommunisten und des gesamten internationalen Proletariats auf? Schon während des Gründungskongresses der Komintern mangelte es nicht an Erklärungen, die die bolschewistische Hegemonie anerkannten oder sie postulierten. Die finnischen Kommunisten Sirola und Kuusinen betrachteten Sowjetrussland als Vorbild für alle Kommunisten; Kuusinen sah in ihm die Idee der Kommunistischen Internationale bereits verwirklicht. Der französische Delegierte Sadoul prognostizierte, Russisch werde zur gemeinsamen Sprache des internationalen Kommunismus. Der österreichische Delegierte Steinhardt (Deckname Gruber) verkündete, die russischen Kommunisten hätten eine neue Epoche der Weltgeschichte eröffnet.1

Solche stark emotional gefärbten Äußerungen kamen allerdings gerade nicht von den russischen Genossen. Die These von einer Musterrolle Russlands tauchte erst wenige Wochen vor dem 2. Kominternkongress in Lenins Schrift »Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit des Kommunismus« und während des 2. Kominternkongresses im Referat des Vorsitzenden Sinowjew auf. Er betrachtete die Partei als ein Heiligtum und verkündete, darin solle »die Arbeiterklasse der ganzen Welt der russischen folgen«.2 Diese Idee war Ausdruck der Überzeugung, das bolschewistische Parteimodell sei für einen siegreichen Vormarsch des Kommunismus unentbehrlich.

Während jenes Kongresses im Juli und August 1920 kam es zu regelrechten Liebeserklärungen an Sowjetrussland und die Bolschewiken, auch von Personen, die früher oder später die Reihen der kommunistischen Bewegung verlassen sollten. Rosmer erklärte im Namen der französischen Delegation, dass in Sowjetrussland »für die gemeinsame Sache der ganzen Welt gerungen und gestorben wird«. Seratti beantragte, einen Appell an die Rote Armee zu richten, der u. a. den Satz enthielt: »Ihr kämpft nicht nur für die Interessen Sowjetrusslands, sondern auch für die Interessen der ganzen werktätigen Menschheit, für die Kommunistische Internationale.«3

Ebenso emphatisch wie die Reden waren die Berichte einzelner schon existierender oder in Gründung befindlicher Parteien. In einem der Berichte dürfte die Formel »das Vaterland des Proletariats« geprägt worden sein. Die jugoslawischen Kommunisten können für sich in Anspruch nehmen, sie erstmals verwendet zu haben. Sie beendeten ihren Bericht mit Rufen, unter anderem der Exklamation: »Es lebe die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, das erste Vaterland des internationalen Proletariats.«4 Ob dies eine bewusste Polemik gegen die Ideologie der Nationalstaaten war, welche gerade ihre Blütezeit erlebte, lässt sich schwer sagen. Die Formel der jugoslawischen Kommunisten fand jedoch zunächst keinen Widerhall. Im Allgemeinen bedeuteten damals solche Liebeserklärungen an Russland noch nicht, dass die Furcht vor einer Unterwerfung der internationalen kommunistischen Bewegung durch die Bolschewiken verschwunden war. Es dauerte noch mehrere Jahre, bis in der Komintern bezüglich der Bewertung der Rolle der Sowjetunion Übereinstimmung herrschte.

Es ist bekannt, dass die Kominterngründung selbst gewisse Kontroversen hervorrief. Besonders die deutschen Kommunisten befürchteten, die Komintern könnte zu einer Dominanz der Interessen von Bolschewiken, die in ihrem Lande schon die Macht im Staate ausübten, führen.5 Während des 2. Kongresses der Komintern äußerten sich der niederländische Delegierte Wijnkoop und der Deutsche Levi kritisch zur Beibehaltung ihres Sitzes in Moskau.6 Später wurden solche Stimmen auch deshalb immer seltener, weil die eher kritischen kommunistischen Parteiführer entweder selbst die Partei verließen oder unter Moskauer Druck ausgeschlossen wurden.

Als Beispiel kann die Situation in der polnischen Partei dienen. Einerseits enthielt eine Resolution über die internationale Lage, welche die 1. Konferenz der Kommunistischen Arbeiterpartei Polens im April 1920 billigte, die Formel »Sowjetrussland, Bahnbrecher der Arbeiterrevolution«.7 Andererseits beschuldigte während der 3. Konferenz dieser Partei im April 1922 das bisherige ZK-Mitglied Władysław Kowalski Sowjetrussland, es wolle der Komintern seine Interessen aufzwingen. Obwohl er stark kritisiert wurde, durfte er weiter in der Partei bleiben.8 Zu einem Haltungswandel in dieser Frage kam es, als in der internationalen kommunistischen Bewegung klar anerkannt wurde, dass diese vorrangig den Interessen des sowjetischen Staates dienen sollte, weil dadurch langfristig Interessen der gesamten Komintern bzw. – wie man es entsprechend der Ideologie formulierte – des Weltproletariats realisiert würden. Weber sieht in Bucharin den Initiator dieser These, Humbert-Droz schreibt Sinowjew diese Rolle zu. Beide berufen sich auf die Referate des 4. Kongresses der Komintern im November 1922.9 Ganz sicher wurde die These den anderen Kommunisten von den russischen nicht nur aufgezwungen. Die europäische Revolution war im ersten Anlauf gescheitert, und für einen neuen, hoffentlich baldigen, brauchte man eine feste Basis. In dieser Hinsicht waren russische und andere Kommunisten ähnlicher Meinung.

Während des 5. Kongresses der Komintern im Juni und Juli 1924 wurde zwar nicht die Formel vom sowjetischen Vaterland, aber die ebenso emotionale vom Heimatland vielfach ausgesprochen. Der deutsche Delegierte Geschke sagte, dass jeder Delegierte »hier nach Rußland, nach Moskau, nach seinem Heimatland kommt«, dass er »entsandt wird von dem revolutionären Proletariat nach seiner Heimatstadt, nach Moskau« und »daß er mit seinem Leben einsteht für sein Heimatland, für Sowjetrußland«. Die erweiterte Exekutive fasste gleich nach dem Kongress auf Antrag von Thälmann einen Beschluss, in dem die Rote Armee als »der Schild der Unterdrückten und das Schwert der Enterbten« bezeichnet wurde.10

Immerhin verhinderten die Emotionen nicht, dass Thalheimer, der kritisierte und abgeschobene Führer der deutschen Kommunisten, auftrat und indirekt die Hegemonie der Bolschewiken in der Komintern kritisierte. Er erkannte zwar die führende Rolle der russischen Partei an, widersprach jedoch der Entmündigung der westeuropäischen Parteien mit dem Argument, er könne sich »nicht vorstellen, daß Parteien, die sozusagen noch den Gummilutscher im Munde haben, im Westen die Revolution machen werden, sondern sie müssen vom Kinderalter ins Mannesalter übergehen«.11 Sogar noch Anfang 1926, während einer Sitzung der Kominternexekutive, widersetzte sich (übrigens in seinem letzten Auftritt vor dem Auschluss aus der kommunistischen Bewegung) der Führer der italienischen Kommunisten Bordiga der Hegemonie der russischen Partei.12

Nach dem 4. Kominternkongress findet sich erstaunlicherweise mehrere Jahre lang in keinem Text der führenden polnischen Kommunisten die Formel von der Sowjetunion als Vaterland oder Heimatland des Proletariats. Es gab verschiedene Deklarationen über die Musterrolle und »Mission« der Sowjetunion, aber gerade die Formulierung, die bei den Kommunisten in anderen Ländern schon üblich war, fehlte.13 Man könnte annehmen, dass sich alle der Meinung der sogenannten Rechten, mit Koszutska als Führerin, anschlossen, die die polnische Unabhängigkeit betonten und an den polnischen Patriotismus appellierten. Doch damals steuerten zeitweise Vertreter einer anderen Gruppe, die sogenannten Linken, die Partei, und auch sie vermieden in den Parteidokumenten solche Formeln.

Wahrscheinlich wollten weder die Rechten noch die Linken, oder jedenfalls kaum jemand von ihnen, in interne Streitereien der Bolschewiken hineingezogen werden, und manche sympathisierten sogar mit den oppositionellen Fraktionen der sowjetischen Partei. Vermutlich nahmen die polnischen Kommunisten auch Rücksicht auf die außerordentliche Sensibilität der Bevölkerung, wenn es um die Unabhängigkeit des Landes ging, und auf die Stärke des polnischen Patriotismus. Sie sahen eben doch einen Widerspruch zwischen den Ideen eines nationalen Vaterlandes und eines »Vaterlandes des Weltproletariats«.

In den offiziellen Publikationen der Komintern wurde die Losung »Das internationale Proletariat verteidigt sein Vaterland« erst im Mai 1927 gebraucht, und zwar in Thesen der Exekutive über die Kriegsgefahr.14 In offiziellen Dokumenten der Kommunistischen Partei Polens war zum ersten Mal im September 1927, im Beschluss über die Hauptaufgaben der Partei, von der »Verteidigung der Sowjetunion als des internationalen proletarischen Vaterlandes« die Rede.15 Eine ähnliche Formulierung findet sich im Beschluss des 6. Plenums des ZK der Partei vom August 1929: Man müsse »eine unlösbare Verbindung zwischen der Verteidigung des Vaterlandes des internationalen Proletariats – der Sowjetunion – und dem Kampf um die lebenswichtigsten Interessen der polnischen arbeitenden Massen aufzeigen«.16 Auch in den Beschlüssen des 5. Parteitages der KPP im September 1930 taucht die Losung von der Sowjetunion als Vaterland des Proletariats auf.17

Im Programm der Komintern, beschlossen auf dem 6. Kongress im Sommer 1928, wurde die Sowjetunion als das »wahre Vaterland des Proletariats« proklamiert: »In der Sowjetunion erkämpft sich das Proletariat zum erstenmal in der Geschichte sein Vaterland. [...] Die Sowjetunion ist das wahre Vaterland des Proletariats, die festeste Stütze seiner Errungenschaften und der Hauptfaktor seiner internationalen Befreiung; das verpflichtet das internationale Proletariat, dem sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion zum Erfolge zu verhelfen und das Land der proletarischen Diktatur mit allen Mitteln gegen die Angriffe der kapitalistischen Mächte zu verteidigen.«18

In der polnischen Partei griff Julian Brun als Erster diese Losung auf. In der 1929 publizierten Broschüre »Was verteidigen wir?« verwendete er in der Einführung die traditionelle Formel, und im Schlusswort nannte er die Sowjetunion das »einzige Vaterland der Arbeiter und Bauern der ganzen Welt«.19 In die offiziellen Dokumente der Partei fand diese Formulierung erst während des 6. Parteitages im November 1932 Eingang. Im damaligen Programmentwurf hieß es, die Sowjetunion sei »das einzige Vaterland des Proletariats, das einzige Vaterland aller Unterdrückten und Ausgebeuteten«.20 Dass dieser Sowjet-Patriotismus mehr als nur eine Parole war, davon zeugen die Erinnerungen des ehemaligen österreichischen Kommunisten Ernst Fischer. Er beschreibt seine Ankunft in der Sowjetunion 1934 mit den Worten: »Wir kommen nicht als Gäste, wir kommen als Menschen, die ihre Heimat besuchen.«21

Beide Formulierungen, sowohl die gemäßigtere als auch die extreme, verschwanden jedoch seit 1935 wieder aus den offiziellen kommunistischen Dokumenten. Wegen der neuen politischen Linie der Volksfront ging es darum, den Kampf gegen den Faschismus und die Verteidigung der Unabhängigkeit des eigenen Landes zu betonen. Das eigene Land existierte wieder als Vaterland. Die Sowjetunion wurde besonders häufig als ein Hort bezeichnet – Hort des internationalen Proletariats, des Friedens oder der Freiheit.22 In Polen betonten die Kommunisten auch die Rolle der Sowjetunion als Verteidiger der polnischen Unabhängigkeit.23 Schon anachronistisch wirkte ein Text von Brun, der im August 1935, die Verhandlungen des 7. Kongresses der Komintern und die proklamierte Linie der Volksfront rekapitulierend, schrieb: »Dort spürten die führenden Kämpfer des Weltproletariats aus allen Nationen und Rassen vollkommen die lebendige Wahrheit und die historische Bedeutung der Worte: die Sowjetunion – das Vaterland des internationalen Proletariats.«24 Andererseits waren der sowjetische Quasipatriotismus und die mit ihm eng verbundene Stalinverehrung in den kommunistischen Parteien bereits tief verwurzelt, selbst wenn aus taktischen Gründen die Formel vom sowjetischen Vaterland nicht weiter verkündet wurde.

Historiker sollten aber auch nach den Gründen für eine solche Beziehung zu Sowjet-russland und später zur Sowjetunion fragen, nach den Gründen für einen sowjetischen Patriotismus, den man bei vielen kommunistischen Intellektuellen und Politikern wahrnehmen konnte. Mehrere Faktoren, so scheint es, spielten dabei eine Rolle, die größte Bedeutung hatten die folgenden drei:

Am wichtigsten war eine eigenartige, um nicht zu sagen manichäische Weltvorstellung: Das Gute kämpft gegen das Böse, und der Weg führt in eine wunderbare Zukunft, selbst wenn dabei Fehler oder sogar Verbrechen vorkommen. Der zweite Faktor war die organisatorische und finanzielle Abhängigkeit der kommunistischen Bewegung von der Sowjetunion. Schließlich wurde die geradezu hagiographische Einstellung zur Sowjetunion instrumentalisiert, sowohl in der Zeit vor Stalins Diktatur als auch besonders unter seiner Herrschaft. Diese drei Aspekte sollen im Folgenden genauer beleuchtet werden.

Schon seit dem November 1917 war das Verhältnis der internationalen kommunistischen Bewegung (oder ihrer Vorgänger) zu Sowjetrussland und später zur Sowjetunion von dem Eindruck geprägt, dass sich die Welt oder Europa polarisierten. Die Bolschewiken wurden als »die Unseren« betrachtet, mit einer besonderen Schuld ihnen gegenüber, weil sie die schwere Last eines Protagonisten der Weltrevolution auf sich genommmen hatten. Anfänglich stand das nicht im Widerspruch zu kritischen Ansichten über manche bolschewistische Aktivitäten, aber es gab zumindest Befürchtungen wegen negativer Auswirkungen öffentlicher Kritik. Wie man das komplizierte Schicksal des Rosa-Luxemburg-Textes über die russische Revolution auch beurteilen mag: Es scheint unbestreitbar zu sein, dass sie befürchtete, damit Sowjetrussland zu schaden, und deswegen die Veröffentlichung vermied.25

Aus solchen Vorbehalten resultieren wohl auch die bereits häufig interpretierten Äußerungen Maria Koszutskas während der Sitzung der Polnischen Kommission des 5. Kongresses der Komintern im Jahre 1924. Meistens richtete sich besonderes Augenmerk auf ihren Widerspruch gegen die damals angewandten Methoden der Bolschewisierung. Hier interessiert aber mehr, wie Koszutska die Notwendigkeit der Unterordnung gegenüber den Bolschewiken begründete: »Wenn die Sache auf des Messers Schneide stünde, wenn ihr den Arbeitern in Polen sagtet, sie sollten zwischen euch und uns wählen, was, denkt ihr, würden wir dann tun? Eben, uns bliebe nichts anderes übrig, als ihnen zu sagen, sie sollten mit euch gehen. [...] Jede ernstere Dissonanz, jeder Streit mit der russischen Partei und dem russischen ZK bedeutet für die Partei eine große ideologische Gefahr und muß auf starken Widerstand stoßen, weil wir in einem durch die Bourgeoisie und Versöhnler verursachten Klima glühenden Hasses gegen Sowjetrussland handeln.«26

Der während der Säuberungen ermordete führende deutsche Kommunist Heinz Neumann hatte im Februar 1922 in einem Artikel in der »Kommunistischen Internationale« verkündet: »das Schicksal Sowjetrußlands ist das Schicksal des Weltproletariats«.27 Er hat seine Meinung nicht geändert. Noch im Jahre 1934 erklärte er, »daß er sich trotz aller Zweifel, trotz aller Kritik an der Linie der Komintern nach dem Scheitern seiner Opposition unterwerfen müsse, sonst werde er zum Feind der Sowjetunion, der einzigen wahrhaft antifaschistischen Macht in der Welt«.28 Ähnlich äußerte sich damals auch Ernst Fischer: »Die Sowjetunion ist, so gut oder schlecht sie sein mag, das einzige Land des Sozialismus, jeder Schlag gegen sie ist ein Schlag gegen den Sozialismus.«29

Nachdem er sich von der kommunistischen Bewegung gelöst hatte, schrieb der langjährige schweizerische Politiker Jules Humbert-Droz seine Erinnerungen. Selbst unter diesen Umständen verzichtete er auf Kritik an der Sowjetunion: »La Révolution russe, malgré sa dégénérescence bureaucratique et ses difficultés intérieures, restait l’événement le plus considérable du siècle [...]. Pouvais-je critiquer la dégénérescence de l’URSS de l’extérieur, en livrant des arguments à la contre-révolution et à laq meute des chacals réactionnaires aux chausses de la Révolution russe?«30

Stellvertretend für jene Kommunisten, die der Überzeugung waren, dass die Gründung des sowjetischen Staates eine epochale Bedeutung hatte, seien hier Georg Lukács und Ernst Fischer zitiert. Lukács schrieb, dass »das russische Volk – als erstes in der Welt – aus der Vorgeschichte der Menschheit heraustritt und […] ihre wahre Geschichte, den Sozialismus, beginnt«31. Ernst Fischer erinnerte sich an den Beginn der Zwanzigerjahre, als er selbst noch linker Sozialist war: »Was dort in Moskau geschah, war die Zukunft, die Antwort, nicht nur die politische des Sozialismus, sondern das Ganze, das andere, die Erneuerung aus dem Grunde unseres Herzens.« Er zitiert auch aus einem Artikel, den er im Januar 1930 geschrieben hatte: »Das Werk der Revolution – lebt, wächst, entfaltet sich riesenhaft, und ob das im Namen Trotzkis oder im Namen Stalins geschieht – das ist für die Arbeiterklasse nicht das Entscheidende.«32

Vielleicht am schockierendsten sind die Äußerungen von zwei kommunistischen »Häretikern«, Heinrich Brandler und Isaac Deutscher, in ihrer Korrespondenz im Laufe der Fünfzigerjahre. Deutscher schrieb 1953 an Brandler: »The only credit which one must and ought to give Stalinism is that it has been creating in Russia and in the countries of the Soviet orbit the material and organizational preconditions of socialism.« In einem Brief von Brandler an Deutscher heißt es 1955: »Wir [Brandler und Thalheimer – JH] sahen darin ein unvermeidliches Durchgangsstadium, in dem nicht nur die wirtschaftlichen Grundlagen, sondern auch der sozialistische Mensch geschaffen wurde, der die Bürokratie überflüssig macht.« Ein Jahr später schrieb Brandler in einem Brief an den dänischen Sozialisten Boserup über seine Erfahrungen in der Sowjetunion: »Das machte mir die Gedanken zum Axiom, daß solange die Grundlagen der Oktoberrevolution – Vergesellschaftung der Produktionsmittel und ihre planmäßige Anwendung – nicht beseitigt werden, alle Fehler, auch die vermeidbaren Grausamkeiten, letzten Endes die Grundmauern der S. U. festigen und den sozialistischen Mensch herausbilden, ohne den es keine sozialistische Produktion gibt.«33

Doch sollte auch die finanzielle Abhängigkeit der kommunistischen Parteien von der Moskauer Zentrale berücksichtigt werden. Im Bericht der Exekutive der Komintern zu deren 2. Kongress stand: »Schon während der ersten Sitzung der Kommunistischen Internationale wurde festgestellt, daß jede Partei und Organisation, welche an der III. Internationale teilnimmt, der Exekutive der Internationale entsprechende Beiträge bezahlen sollte. Während dieser ersten Sitzung, an der mehrere Genossen aus verschiedenen Ländern teilnahmen, beschloß man jedoch, sich an die Russische Kommunistische Partei zu wenden mit dem Vorschlag, sie sollte momentan die Hauptlast der Kosten, welche im Zusammenhang mit der Tätigkeit der Exekutive stehen, übernehmen. [...] Die Russische Kommunistische Partei betrachtete es als ihre Ehrenverpflichtung, diesen Vorschlag anzunehmen.« Aus dem Bericht geht im Weiteren klar hervor, dass nicht nur die Kominternexekutive, sondern auch die einzelnen Parteien für die Tätigkeit in ihren Ländern finanzielle Hilfe bekamen.34 Sinowjew sprach dies in seiner Schlussrede auf dem 2. Kongress nochmals an: »Wir wünschen unseren Genossen Mut zu diesem Kampfe, und wir bitten sie, in den schweren Augenblicken daran zu denken, daß die Sowjetrepublik bereit ist, alles, was sie besitzt, mit ihnen zu teilen. Die Kommunistische Partei Rußlands hält es für ihre Ehrenpflicht, allen Brüderparteien mit allem, was sie hat, zu Hilfe zu kommen.«35

Schließlich sei darauf verwiesen, dass die Charakterisierung der Sowjetunion als »das Vaterland des Proletariats« oder »das einzige Vaterland des Proletariats« ideologisch instrumentalisiert wurde, um die internationale kommunistische Bewegung von der Moskauer Zentrale abhängig zu machen. Sie gehörte also zu einem ideologischen Zwangskorsett. Als auf dieses Instrument aus taktischen Gründen verzichtet wurde, schien es politisch nicht mehr erforderlich. Der Grad der Abhängigkeit war so hoch, dass die sowjetische Partei scheinbar die Situation völlig beherrschte. Erst mehr als ein Jahrzehnt später, nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges in Jugoslawien, und dann nach der Entstehung der zweiten kommunistischen Großmacht in China erwies sich diese Annahme als falsch.


1 Der I. Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen in Moskau vom 2. bis zum 19. März 1919, Hamburg 1921, S. 33, 62, 98, 104.

2 Der Zweite Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen vom 19. Juli in Petrograd und vom 23. Juli bis 7. August 1920 in Moskau, Hamburg 1921, S. 75.

3 Ebenda, S. 40–42.

4 Berichte zum Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale, Hamburg 1921, S. 161.

5 Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der 
Weimarer Republik, Bd. 1, Frankfurt 1969, S. 29.

6 Lazitch, Branko / Drachkovitch, Milorad M.: Lenin and the Comintern, v. 1, Stanford 1972, S. 194. Siehe auch Der Zweite Kongress (Anm. 2), S. 583 (Rede von Wijnkoop).

7 KPP. Uchwały i rezolucje [KPP. Beschlüsse und Resolutionen], Bd. 1, Warszawa 1953, S. 89. Diese Publikation ist reich an Auslassungen und Fälschungen, sie betreffen jedoch nicht die ausgewählten Zitate.

8 Koszutska, Maria / Kostrzewa, Wera: Pisma i przemówienia [Schriften und Reden], Bd. 2, Warszawa 1961, S. 37. Siehe auch ein Brieffragment der Kominternexekutive an die polnische Partei vom Dezember 1922 r., KPP, Bd. 1, S. 181.

9 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 5), S. 33; Humbert-Droz, Jules: De Lenine à Staline. Dix ans au service de l’Internationale Communiste 1921–1931, Neuchâtel 1971, S. 126.

10 Protokoll des V. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, Bd. 1 [Hamburg 1924], Erlangen 1971 (Reprint), S. 25 f., 381, 1045.

11 Ebenda, S. 241.

12 Buber-Neumann, Margarete: Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919–1943, Stuttgart 1967, S. 164.

13 Koszutska, Maria / Kostrzewa, Wera: Pisma i przemówienia, Bd. 3, Warszawa 1962, S. 32, 177, 419; KPP, Uchwały i rezolucje, Bd. 2, Warszawa 1955, S. 257. Siehe auch Nollau, Günther: Die Internationale. Wurzeln und Erscheinungsformen des proletarischen Internationalismus, Köln 1959, S. 70.

14 Weber, Hermann: Kommunistische Bewegung und realsozialistischer Staat. Beiträge zum deutschen und internationalen Kommunismus, Köln 1988, S. 231.

15 KPP, Bd. 2 (Anm. 13), S. 437.

16 Ebenda, S. 527.

17 KPP. Uchwały i rezolucje, Bd. 3, Warszawa 1956, S. 158.

18 Programm der Kommunistischen Internationale, angenommen vom VI. Weltkongress am 1. September 1928 in Moskau, Hamburg / Berlin 1928, S. 67, 69.

19 Brun, Julian: Pisma wybrane [Ausgewählte Schriften], Bd. II, Warszawa 1956, S. 5, 12.

20 KPP. Uchwały i rezolucje, Bd. 3 (Anm. 17), S. 400.

21 Fischer, Ernst: Erinnerungen und Reflexionen, Hamburg 1969, S. 291.

22 KPP. Uchwały i rezolucje, Bd. 3 (Anm. 17), S. 639.

23 Ebenda, S. 534 f., 549, 565; Leński, Julian: O Front Ludowy w Polsce 1934–1937. Publicystyka [Über die Volksfront in Polen 1934–1937. Publizistik], Warszawa 1956, S. 145, 223.

24 Brun: Pisma wybrane, Bd. 2 (Anm. 19), S. 347.

25 Siehe Nettl, Peter: Rosa Luxemburg, Köln / Berlin 1965, S. 680; Badia, Gilbert: Rosa Luxemburg. Journaliste, Polémiste, Révolutionnaire, Paris 1975, S. 288 f.

26 Koszutska: Pisma i przemówienia, Bd. 2 (Anm. 8), S. 296.

27 Zitiert nach Buber-Neumann: Kriegsschauplätze der Weltrevolution (Anm. 12), S. 68.

28 Ebenda, S. 407.

29 Fischer: Erinnerungen und Reflexionen (Anm. 21), S. 300.

30 Humbert-Droz: De Lenine à Staline (Anm. 9), S. 461.

31 Zitat nach Fetscher, Iring: Von Marx zur Sowjetideologie, IX. Aufl., Frankfurt a. M. 1963, S. 135.

32 Fischer: Erinnerungen und Reflexionen (Anm. 21), S. 115, 228.

33 Weber, Hermann (Hrsg.): Unabhängige Kommunisten. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Brandler und Isaac Deutscher 1949 bis 1967, Berlin 1981, S. 90, 144, 255.

34 Dokumenty z historii III Międzynarodówki Komunistycznej [Dokumente aus der Geschichte der III. Kommunistischen Internationale], Heft 2, Warszawa 1962 , S. 108 f.

35 Berichte zum Zweiten Kongreß (Anm. 4), S. 13.

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