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Eine internationale Sprache für die Weltrevolution? Die Komintern und die Esperanto-Frage

JHK 2008 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 9-23 | Aufbau Verlag

Autor/in: Jean-François Fayet

»›Proletarier aller Länder, vereinigt euch‹, so der Aufruf von Marx. Die esperantistischen Kommunisten fügen hinzu: Um sich zu vereinigen, müssen sie sich verstehen können, und Esperanto ist dieses zur Verständigung notwendige Mittel.«1

»Unsere Lage weist tragikomische Züge auf: Einerseits wird anerkannt, dass wir wertvolle Arbeit im Sinne der kommunistischen Internationale leisten – wir werden im Übrigen aufgrund dieser Arbeit von den Faschisten und der Polizei als ›Hilfssektion der III. Internationale‹ verfolgt –, andererseits gesteht man uns keine konkrete Abteilung und Unterstützung zu, denn niemand will Verantwortung für ideologische Belange der proletarischen Esperantisten-Bewegung übernehmen.«2

Einleitung

Das Jahr 1917 war für die Esperantisten Russlands ein Jahr der Hoffnung, trotz des Todes Ludwik Lejser Zamenhofs, der 30 Jahre zuvor in Warschau das Erste Buch (Unua Libro) seiner Lingvo Internacia (internationalen Sprache, LI) unter dem Pseudonym Doktoro Esperanto (Doktor der Hoffnung) veröffentlicht hatte.3 Die Ereignisse von 1917 erschienen den zahlreichen Esperantisten Russlands nach Jahrzehnten der Zensur, Polizeischikanen und Isolierung, die durch den Krieg noch verstärkt wurden, wie ein Glücksfall. Denn obwohl die Sprache in Russland aufgekommen war, hatte Esperanto sehr schnell Misstrauen und offene Feindschaft beim Regime hervorgerufen – nicht zuletzt aufgrund des Interesses, das ihm Leo Tolstoj und, nach der Revolution von 1905, verschiedene politische, gegen den Zar gerichtete Strömungen entgegenbrachten.4 Ohne selbst Bolschewiki zu sein, begrüßten deshalb viele Esperantisten die Verkündung des Friedensdekrets durch den Rat der Volkskommissare. Sie sahen sich auch in Einklang mit dem proklamierten Internationalismus der neuen Machthaber. Die Übereinstimmung der Ziele von Esperantisten und Kommunisten erschien so natürlich, dass in den ersten Jahren des neuen Regimes Gerüchte über die offizielle Einführung von Esperanto im sowjetischen Russland kursierten. 
Während des Bürgerkriegs entstand eine Vielzahl von esperantistischen Gruppen, insbesondere bei den internationalistischen Bataillonen5 und den Transportarbeitern.

Bestärkt durch diese Begeisterung begannen die Esperanto-Vereinigungen, Anfragen an verschiedene Volkskommissariate zu richten. Anfänglich boten sie meist lediglich Unterstützung an, die esperantistische Gesellschaft Moskau schlug etwa dem Volkskommissariat für Auswärtiges (NKID) vor, ein Übersetzungsbüro für Esperanto zu eröffnen.6 Mit der Zeit wurden die Eingaben fordernder und bedrängten die Kommunistische Internationale (KI), Bedingungen für einen effektiven proletarischen Internationalismus zu schaffen: »Wir erwarten vom Kongress der III. Internationale, dass er seiner Aufgabe angemessen handelt und dass anlässlich des 3. Jahrestages der Großen Oktoberrevolution im roten Russland, dem Vaterland der kommunistischen Revolution und des Esperanto, auf die Frage nach einer internationalen Sprache nicht durch eine platonische Sympathie-Erklärung, sondern mit konkreten Maßnahmen zur Umsetzung geantwortet wird.«7 1919 hatte sich die Esperantista Sekcio de Komunista Internacio (Esperantistische Sektion der Kommunistischen Internationale, ESKI) konstituiert. Deren Statuten erklärten, dass »die internationale Sprache eine Forderung und eine Folge der internationalen Bewegung des Proletariats« sei und sie allein »das Mittel für wirkungsvolle Beziehungen mit den revolutionären Massen verschiedener Länder« werden könne.8 Für die esperantistischen Kommunisten sollte die LI also das bevorzugte »Instrument« für die Verbreitung der Weltrevolution werden, was ein konkretes Engagement der III. Internationale voraussetzte.

Im Vorfeld des zweiten Kongresses der KI verstärkte die ESKI die Aufrufe in dieser Richtung und machte darauf aufmerksam, dass es die Diskussionen verlängere und, was noch schwerer wiege, verfälsche, »wenn die Delegierten verschiedener Länder sich wie Freunde verstehen«9, während der Sitzungen aber auf Übersetzer zurückzugreifen sei.10 Vor allem war die Übersetzungsfrage untrennbar verbunden mit der Dominanz polyglotter Intellektueller im Apparat der Internationale, die von den Esperantisten kritisiert wurde. Von der Kritik an den Intellektuellen, die »durch die Beherrschung einiger Sprachen für sich beanspruchen könnten, die KI zu führen«11, gingen die Esperantisten zur Kritik an der Führung der kommunistischen Bewegung über, indem sie mit Worten, die an die Arbeiteropposition erinnerten, darauf verwiesen, dass »die Anführer den Massen und nicht die Massen den Anführern folgen«12 sollten. Hinter der – anscheinend sekundären – Frage der LI13 stand demnach die Frage nach der Kontrolle des internationalen Kommunismus. Aber diese berührte zu sehr den Kern der proklamierten Ideale der Bewegung, um Gegenstand offener Debatten zu werden.

Die Strategie der KI-Exekutive den Esperantisten gegenüber würde von nun an darin bestehen, auf vielfältige Weise deren Arbeit zu blockieren und so die Einführung einer LI innerhalb der internationalen kommunistischen Bewegung zu verhindern, ohne jemals offiziell Esperanto oder die Esperantisten zu verurteilen.

Die Kommission zur Einführung einer internationalen Hilfssprache in der KI

Als die Anfrage der russischen Esperantisten bei der KI vom Vertreter des CNT (Confederación Nacional del Trabajo) Nuñez Pestaña (1886–1938) und durch einen von 23 ausländischen Delegierten unterzeichneten Brief aufgegriffen wurde, die die Exekutive der KI aufforderten, »sich dieser Frage anzunehmen«14, geriet das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) in Verlegenheit. Es ließ sechs Monate verstreichen, bevor es am 12. Januar 1921 die Schaffung einer Kommission zur Einführung einer LI in der KI ankündigte.15 Die genaue Betrachtung der Kommissionsmitglieder und vor allem der Frage, die sie beantworten sollten, lässt die Falle erahnen, die damit den Esperantisten gestellt wurde. Der Auftrag der Kommission bestand darin, in Erfahrung zu bringen, ob »die Einführung einer LI [ohne expliziten Verweis auf Esperanto] schon praktisch möglich ist« und wie ihre Anwendung erreicht werden könne.

Esperanto war weder der erste noch der einzige Versuch, eine internationale Hilfssprache zu schaffen. Hunderte von internationalen Sprachen, darunter das berühmte, 1879 von Martin Schleyer erfundene Volapük, waren vom Ende des 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert entstanden, allerdings hatte Esperanto innerhalb weniger Jahre alle konkurrierenden Systeme verdrängt. Lediglich Ido, das mit einigen Veränderungen im Alphabet und in den Wortableitungen auf Esperanto basierte, behielt weiterhin einflussreiche Anhänger. Obwohl es – gerade in Russland – nicht sehr viele Idisten gab,16 waren diese, durch die Gunst des Sekretariats von Zinov’ev, sehr stark in der Kommission vertreten. Der Vorsitz wurde Jószef Pogány (1886–1937) anvertraut. Als Volkskommissar der kurzlebigen Räterepublik Ungarns hatte er bei der Akademie in Budapest eine Studie über die Einführung einer LI an Schulen in Auftrag gegeben, die mit einer Empfehlung zugunsten von Ido abgeschlossen wurde.17 Da er aber von Februar 1921 an nach Deutschland geschickt worden war, konnte sich Pogány nicht an der Arbeit der Kommission beteiligen. Ihr Sekretär war der Idist Hans Itschner (1887–1962). Er war 1920 nach Russland geflohen, um der Strafverfolgung in der Schweiz wegen revolutionärer Umtriebe zu entkommen, und arbeitete zu jener Zeit als Übersetzer beim EKKI.18 Schließlich nahm die Kommission Henri Guilbeaux (1884–1938) auf, einen polyglotten Schriftsteller und Journalisten, den Lenin nach Russland eingeladen und gebeten hatte, seine Rede auf dem 2. Kongress der KI vom Deutschen ins Französische zu übersetzen. Das Fehlen von Dokumenten die Arbeit der Kommission betreffend, das Verschwinden von zwei Mitgliedernamen19 und vor allem die Tatsache, dass ihr Vorsitzender während der gesamten Zeit auf Mission in Deutschland war, lassen Zweifel an ihrer Arbeit aufkommen. Aber schon aufgrund ihrer Zusammensetzung war es schwer vorstellbar, dass die Kommission zugunsten von Esperanto Position beziehen würde. Ihr einziger Bericht, datiert vom Juni 1921, erklärte , dass die LI von »großem Nutzen für die Arbeit der KI« sein könne und dass »einige der bestehenden Projekte, wie Esperanto und Ido, allen praktischen Erfordernissen der internationalen Kommunikation gerecht werden können«. Ohne Partei zu ergreifen merkte die Kommission jedoch an, dass »sehr große Schwierigkeiten«, vorwiegend ideologischer Art, dem »tatsächlichen Gebrauch der Hilfssprache« noch entgegenstünden und dass in dieser Hinsicht systematische Propagandaanstrengungen notwendig seien. Zuvor müsse aber erst geklärt werden, »ob wirklich zu rechtfertigen ist, dass derartige Anstrengungen unternommen werden« und ob es denkbar sei, dass »in einem Zeitraum von drei bis vier Jahren von der Phase der Propaganda für das eine oder andere LI-System zur praktischen und allgemeinen Anwendung des endgültig beschlossenen Systems übergegangen werden kann«.

Die Kommission schob ihre Entscheidung hinaus, indem sie die Kommunistischen Parteien und vor allem die der KI angegliederten Massenorganisationen aufforderte, in der LI-Frage Position zu beziehen.20 Mehrere Organisationen bekundeten Interesse an dieser Frage und sprachen sich in der Tat für Esperanto aus – so die Internationale der Kriegsopfer und der ehemaligen Frontkämpfer, der internationale Verband der Transportarbeiter21, der British Trade-Union Congress22 –, während u. a. die KP der Tschechoslowakei, Luxemburgs, Mexikos, die Sportintern23 für Ido Partei ergriffen und andere wiederum für – Englisch24 votierten! Dieser Abstimmungsprozess, dessen Ende nicht genau festgelegt war, und weitere Manipulationen des EKKI sollten zur Verschärfung der Rivalität zwischen den beiden Gruppen führen. Die esperantistische Sektion der KI (ESKI) wurde, ohne viel Aufhebens darum zu machen, von den kommunistischen Machthabern im Dezember 1921 aufgelöst, während das Sekretariat der Komunista Ido-Federuro Internaciona (= Internationaler Kommunistischer Ido-Verband, Kifintern25) Fritz I. Milter (1890–1938) übertragen wurde, einem Esten, der seit 1905 Bolschewik war und für die Informationsabteilung der Tscheka und das Büro für internationale Beziehungen der KI arbeitete, und 1922 von Paris nach Moskau in Räumlichkeiten der KI verlegt wurde! Dadurch bestärkt, starteten die Idisten mit Unterstützung des Kommissionssekretärs eine regelrechte Kampagne in kommunistischen Kreisen und erweckten mit Hilfe offiziell wirkender Dokumente den Eindruck, die Kommission habe sich für Ido ausgesprochen. Gestützt auf diese vorgeblichen »Empfehlungen der Kommission« kündigte W. Münzenberg an, die Internationale Arbeiter-Hilfe (IAH) werde sich für Ido einsetzen.26 Auf Beschwerden von Esperantisten antwortete M. Rákosi im Namen des EKKI mit einem Dementi: Die Kommission sei aufgelöst worden, nachdem sie ihre Dokumente dem Exekutivkomitee übergeben habe. Dieses habe bislang keine Entscheidung getroffen. Doch einige Monate später wurden die Esperantisten ihrerseits aufgerufen, der Verleumdungskampagne gegen die von der Kommission geleistete Arbeit ein Ende zu setzen!

Die Idisten warfen den Esperantisten vor, eine »bürgerliche Bewegung« und dabei »konservativ« und »anarchistisch« zu sein,27 während die Esperantisten in ihren Rivalen »Spalter« sahen, die es »auszuschalten« gelte.28 Da es die lähmenden Folgen dieses Bruderkriegs einkalkulierte, sah das EKKI ganz bewusst davon ab, direkt einzugreifen, und beschränkte sich auf die episodische Abgabe zurückhaltender Dementis und vage Aufrufe zur Einheit, später zur Vereinigung beider Gruppen. Indem es so die Gegensätze zwischen den Esperantisten und den eigentlich »viel weniger einflussreichen Idisten«29 instrumentalisierte, konnte es das Problem der Einführung einer LI »auf Eis legen«, ohne dafür offen die Verantwortung übernehmen zu müssen.

Die Situation der Esperantisten war in der Schwebe: Einerseits erhielten sie Unterstützung von Persönlichkeiten wie I. Erenburg, L. B. Krasin, S. Katayama30, dem georgischen Linguisten N. I. Marr31 und in den dreißiger Jahren von S. A. Lozovskij32, D. Z. Manuil’skij33 und H. Barbusse. Auf der anderen Seite fehlte ihnen jedoch Rückhalt durch die Institutionen. Anlässlich ihres 6.34 und des 7. und letzten Kongresses richteten sie weiterhin Aufrufe an die KI. Aber zu keinem Zeitpunkt haben eine zentrale Instanz der KI oder einer ihrer Führer in der LI-Frage offiziell Position bezogen. Stets hieß es, es handle sich um eine »Frage von sekundärer Bedeutung«, es sei niemand »kompetent« und es liege »keine Entscheidung der KPDSU« vor.35 Die Esperantisten waren, nach eigener Aussage, in einem »Teufelskreis« gefangen: »im Ausland warten alle auf eine Entscheidung aus der UdSSR, und hier heißt es, die LI müsse zuerst von den ausländischen Massen getragen werden«.36

Esperanto im Klassenkampf

Lokale Arbeiter-Esperanto-Vereinigungen, genannt Laboristaj Esperanto-Asocioj (LEA), waren vor dem Krieg in Schweden, Großbritannien, Deutschland37, Frankreich, Ungarn und in den Niederlanden entstanden.38 Auch mehrere internationale Organisationen, darunter die 1906 in Paris gegründete Internacia Asocio Paco-Libereco (= Internationale Vereinigung für Frieden und Freiheit) und die Organisation Liberiga Stelo (= Befreiungsstern),39 hatten sich vor dem Krieg darum bemüht, Esperanto in den internationalistischen Arbeiterkreisen zu verbreiten. Aber die Mehrheit der esperantistischen Arbeiter war in der neutralen Bewegung verblieben, der 1908 in Genf von Hector Hodler mit dem Einverständnis Zamenhofs gegründeten Universala Esperanto Asocio (= Universelle Esperanto-Vereinigung, UEA), in der sie zwei Drittel der Mitglieder stellten und eine eigene Laborista Fako (= Arbeiter-Sektion) bildeten. Der Erste Weltkrieg unterbrach den Differenzierungsprozess der internationalen esperantistischen Arbeiterbewegung. Erst im Umkreis von Eugène Adam, genannt Lanti (1879–1947),40 einem französischen Tischler, der zunächst Anarchist war und sich 1917 den Bolschewiki anschloss, kam 1919 erneut die Idee einer internationalen esperantistischen Proletarierorganisation auf.

Als Redakteur der Zeitschrift Le travailleur espérantiste, später Esperantista Laboristo (= Der esperantistische Arbeiter), des Organs des Liberiga Stelo, entwickelte Lanti unter dem Pseudonym Sennaciulo (= der keine Nationalität hat) seine Vorstellung von einer »anationalen« und antikapitalistischen esperantistischen Arbeiterbewegung, was den Bruch mit den neutralen Esperantisten der UEA unausweichlich werden ließ. Als Sprache der Revolution sollte Esperanto die Arbeiter aus ihren nationalen, aber auch parteilichen Strukturen befreien. Dies führte zwangsläufig zu Differenzen mit den sowjetischen Genossen der Sovjetlanda Esperanta Unuigho (SEU), der Esperantisten-Union sowjetischer Länder, später Republiken, die 1921 unter Maßgabe programmatischer Loyalität gegenüber der Sowjetmacht gegründet wurde. Im August 1921 spalteten sich 79 revolutionäre Esperantisten aus 15 Staaten – darunter Lanti –, die zum 13. Kongress nach Prag gekommen waren, von der UEA ab und gründeten die Sennacieca Asocio Tutmonda (= Anationale Weltvereinigung, SAT), eine Vereinigung, die die Anwendung einer LI für Klassenkampfziele des Weltproletariats zum Ziel hatte und das Prinzip einer überparteilichen revolutionären Organisation zugrunde legte.41

Kein einziger sowjetischer Vertreter hatte am Gründungskongress der SAT teilgenommen, aber im August 1922 war Lanti für drei Wochen ins sowjetische Russland gereist, wo er von einem Kreis aktiver SEU-Mitglieder, darunter dem Präsidenten Ernest V. Dresen (1892–1937)42, empfangen wurde.43 Lanti traf auch das Mitglied des Exekutivkomitees Rákosi, der ihm das Fehlen einer Entscheidung der KI in der LI-Frage bestätigte und ihn vor den Esperantisten warnte, von denen »viele Konterrevolutionäre sind«. Er scheint nach seiner Rückkehr die Zukunft der UdSSR pessimistisch beurteilt zu haben, und die Meinungsverschiedenheiten mit Dresen sollten ihre künftigen Beziehungen prägen. Dass die SAT auf dem Prinzip des individuellen Beitritts beruhte, schränkte das Gewicht der SEU ein, die auf Grund ihrer Mitgliederzahl die Führungsrolle in der Bewegung für sich hätte beanspruchen können. Dresen und mit ihm die sowjetische Führung warfen Lanti vor allem den überparteilichen Charakter seiner Organisation vor. Lanti zeigte sich seinerseits erstaunt darüber, dass Dresen nach der Zerschlagung der neutralen esperantistischen Gruppen in der UdSSR im Ausland weiter mit der UEA zusammenarbeiten wollte, während die SAT seit 1922 beschlossen hatte, die doppelte Mitgliedschaft zu verbieten. Abgesehen von taktischen Divergenzen, waren die beiden Organisationen auch aus soziologischer Sicht sehr verschieden. Die SAT war eine proletarische Organisation, deren Gründer aus dem revolutionären Syndikalismus hervorgegangen waren, während die SEU eine Bewegung ohne Bezug zu den Massen war und sich »aus Intellektuellen oder Halbintellektuellen« zusammensetzte.44

Dennoch begünstigten die Verabschiedung und die Bestätigung der Einheitsfront auf dem 3., 4. und 5. Kongress der KI einige Jahre lang die Koexistenz der Positionen der beiden Organisationen. Die SEU forderte im März 1923 die esperantistischen Kommunisten in der ganzen Welt auf, der SAT beizutreten, und Dresen hielt auf dem 3. Kongress in Kassel (1923) eine begeisterte Rede. Schnell wurde ein Großteil der Aktivitäten der SAT, den Vorstellungen Dresens entsprechend, der Kontrolle der Leipziger Kommunisten unterstellt. Die Verwaltung der SAT wurde einem Parteilosen, Lerchner, übertragen. Dieser arbeitete jedoch eng mit Norbert Barthelmess zusammen, einem aktiven KPD-Mitglied und seit 1924 Chefredakteur der Wochenschrift Sennaciulo, ebenso mit Otto Bässler, dem Sekretär der kommunistischen Fraktion, der auch den Pressedienst der SAT leitete, und mit F. C. Richter, ebenfalls Mitglied der kommunistischen Fraktion. Somit enthielten die Veröffentlichungen der SAT viele »rein kommunistische«, aber »keinen einzigen antikommunistischen Artikel«.45 Dass die SAT-Presse so auf Linie gebracht wurde, führte zu einem starken Rückgang der Abonnements und zu Spannungen innerhalb der Leitung. Eine anarchistische Gruppe spaltete sich ab, um die Organisation Tutmonda Ligo de Esperantistoj Senstatanoj (= Weltunion esperantistischer Anarchisten) zu gründen.46 Da man befürch-tete, eine Reihe von Spaltungen werde zu einem Einflussverlust der Kommunisten bei den esperantistischen Massen führen, wurde die Redaktion des Sennaciulo schließlich einer Gruppe übertragen, die die unterschiedlichen Strömungen repräsentierte. Die Zeitschrift blieb jedoch – dank der Aktivität der kommunistischen Parteigänger – genauso kommunistisch, wie sie es zur Zeit von Barthelmess war. Der wachsende Einfluss der Kommunisten spiegelte sich in vielen Bereichen wider: 1924 mussten bei den Kongressen der SAT die rein esperantistischen Hymnen – La Espero (= Die Hoffnung) und Fratoj al sun (= Brüder zur Sonne) La Internacio (der Internationale) weichen. Und die Parolen des politischen Programmentwurfs, der auf dem 5. Kongress in Wien (1925) ausgearbeitet wurde, glichen stark denen der KI.

In dem Bestreben, diese kommunistische Ausrichtung noch zu verstärken, rief Dresen die SAT auf, ihren 6. Kongress (1926) in Leningrad abzuhalten, einige Tage nach dem Kongress der SEU. Die Esperantisten wurden sogar eingeladen, sich im folgenden Jahr in der UdSSR einigen Tausend ausländischen Delegierten anzuschließen, die eine Erkundungsreise aus Anlass des 10. Jahrestages der Oktoberrevolution unternahmen, die im 1. Kongress der Freunde der Sowjetunion (FSU) ihren Abschluss fand. Der FSU-Kongress steckte deutlich die Grenzen ab, die das EKKI und die sowjetischen Organisationen den Esperantisten setzen wollten. Die Esperantisten hatten angesichts von Übersetzungsschwierigkeiten aufgrund der Anwesenheit von Delegierten aus 43 Ländern einmal mehr eine Petition in Umlauf gebracht, in der sie die Einführung von Esperanto forderten. Diese brachte es in zwei Tagen auf 250 Unterschriften – ein Viertel der Delegierten – und wurde dem Präsidium weitergeleitet, aber nie dem Kongress zur Beratung vorgelegt!47 Wie die Agitprop-Abteilung des EKKI ab 1925 verlautbaren ließ, war »die Frage heute nicht so sehr die einer Anerkennung einer LI, als vielmehr die organisatorische Angleichung und Kontrolle ihrer Arbeit durch uns«.48

Die führenden Kommunisten hatten ihre Meinung zur Frage der Einführung einer LI nicht geändert – was sie nicht daran hinderte, sich der esperantistischen Bewegung zu Propagandazwecken zu bedienen.

Von der kommunistischen Fraktion zur Internacio de Proleta Esperantistaro

Es grenzt an Ironie, dass die kommunistische Fraktion – O. Bässler, N. Barthelmess, F. C. Richter, E. Lanti und L. Revo49 – von Lanti 1923 gegründet worden war, um in ihr die Diskussion über einen möglichen Beitritt der SAT zur III. Internationale zu begrenzen.50 Später agierte diese Fraktion, der es gelungen war, in der SAT »alle Leitungspositionen zu besetzen«51 und die Kongressresolutionen und Zeitschrifteninhalte zu kontrollieren, jedoch trotz wiederholter Anfragen ohne jede Unterstützung oder Direktive des EKKI. Für das Führungsorgan der KI war die SAT nur eine von vielen sogenannten kulturellen Arbeiter- und Massenorganisationen zur »Gewinnung der Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung für die Ziele der Kommunistischen Parteien«.52 Mehrere Jahre lang gelang es der SAT durch die mal von oben, mal von unten durchgesetzte Taktik der Einheitsfront, in ihrer Organisation Sozialdemokraten (35 Prozent der Mitglieder), Parteilose (20 Prozent) und Kommunisten (45 Prozent) zu vereinen. Doch als die KI 1928 auf ihrem 6. Kongress die Taktik »Klasse gegen Klasse« beschloss und sich die Parole vom »Sozialfaschismus« durchsetzte, bekam die esperantistische Arbeiterbewegung, wie alle anderen überparteilichen Arbeiterorganisationen, die Spaltungsbemühungen ihrer kommunistischen Fraktion zu spüren. Der 8. SAT-Kongress in Göteborg, nur wenige Wochen nach dem der KI, war von ersten Spaltungsdrohungen begleitet. In seiner Rede betonte Dresen, dass »vielleicht ein Zeitpunkt kommen wird, da wir die SAT verlassen müssen, oder alle Anhänger anderer Strömungen die SAT verlassen werden«. Lantis Antwort erfolgte in Form eines Zusatzes zu den Statuten, in dem daran erinnert wurde, dass »die SAT, die keine Organisation mit dem Charakter einer politischen Partei ist«, davon ausgehe, dass »ihre Mitglieder sich verständnisvoll und tolerant den politischen und philosophischen Systemen gegenüber zeigen, auf die sich die verschiedenen im Klassenkampf aktiven Arbeiterparteien und gewerkschaftlichen Bewegungen stützen«.53 Dieser erste Schlagabtausch führte zur Zersplitterung der kommunistischen Fraktion. Nach Revo54, der in der UdSSR die Niederlage der von Trockij und Zinov’ev angeführten Vereinigten Opposition erlebt hatte, verließen Lanti und N. Barthelmess, gefolgt von L. Glodeau (1891–1956), einem weiteren Gründungsmitglied der SAT, ihre jeweilige KP oder wurden ausgeschlossen. So war im Ergebnis des 9. Kongresses von Leipzig (1929) die Führung der SAT nach den Worten Dresens unter die Kontrolle »rechter Opportunisten« geraten.55 Der auf internationaler Ebene vorübergehend gestoppte Aufspaltungsprozess weitete sich nunmehr ausgehend von den nationalen proletarischen Esperantisten-Verbänden aus. Nach der SEU, die 192856 16 000 Mitglieder meldete, war die zweitwichtigste Organisation die Laborista Esperanto-Asocio por la Germanlingvaj Regionoj (= Arbeiter-Esperanto-Bund für die deutschen Sprachgebiete, LEAGR), die 1930 4000 in 206 Gruppen unterteilte Mitglieder zählte.57 Nach dem Jahreskongress von Essen im April 1930 gelangte der Kommunist W. Wildebrand aus Berlin in die Führungsspitze der LEAGR, während O. Bässler, der neue Sekretär der kommunistischen Fraktion der SAT, die Redaktion ihres Organs Arbeiter-Esperantist übernahm. Die Sowjets erhöhten den Druck, indem sie allen nationalen Organisationen empfahlen, »dem deutschen Beispiel zu folgen«58, und vor allem indem sie das Vermögen der SAT in der UdSSR, etwa 15000 Reichsmark aus Mitgliedsbeiträgen und Zeitschriftenabonnements, einfroren, unter dem Vorwand modifizierter Regeln für den Geldtransfer ins Ausland.59

Von nun an organisierten sich die Kommunisten, deren Ziel die Schaffung einer »neuen revolutionären Esperanto-Vereinigung« war, autonom innerhalb der SAT. Im Oktober 1930 erschien in Berlin unter Leitung von József Batta, einem ehemaligen IAH-Mitar-beiter, den Dresen mit dem Einverständnis des EKKI60 nach Deutschland geschickt hatte, die erste Nummer ihrer Zeitschrift Internaciisto (= Internationalist). Im darauffolgenden Monat wurde in Leipzig, unter der Leitung von W. Kampfrad, eine Verlagskooperative für revolutionäre Esperanto-Literatur gegründet (= Eldon-Kooperativo por Revolucia Esperanto-Literaturo, EKRELO), die deutsche Filiale des SEU-Verlags, die neben Werken über Esperanto auch außerhalb der UdSSR, »hinter der Fassade eines neutralen Verlags«61, Texte von Stalin, Molotov, Radek u. a. in Esperanto vertreiben sollte. Die Kommunisten riefen zudem dazu auf, den Sennaciulo und andere SAT-Publikationen zu boykottieren, die in der UdSSR bereits verboten waren. Diese Entwicklung führte im Frühjahr 1931 zum Ausschluss der Kommunisten O. Bässler, J. Batta, W. Kampfrad, H. Muravkin, F. C. Richter, W. Wildebrandt und F. Wolff aus der SAT. Als sich die übrige kommunistische Minderheit beim 11. Kongress in Amsterdam aus der Bewegung zurückzog, stand die SAT, die mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder verloren hatte, am Rande des Bankrotts.

Im August 1932 wurde in Berlin die Internacio de Proleta Esperantistaro (Internationale der proletarischen Esperantisten, IPE) gegründet. Dank des kollektiven Beitritts der Einzel-LEA der Sowjetunion, Deutschlands, Bulgariens, Japans und der Vereinigten Staaten, bald gefolgt von Sektionen in China, Großbritannien, Belgien, Frankreich, der Tschechoslowakei, den Niederlanden und anderen lokalen Gruppen, nahm diese für sich in Anspruch, 18 000 Proletarier aus 18 Ländern mit mehr als 30 Zeitschriften zu repräsentieren.62 Aber kaum ein halbes Jahr nach ihrer Gründung verlor sie aufgrund der Machtergreifung Hitlers ihre wichtigste nationale Sektion außerhalb der UdSSR, ihr Internationales Büro in Berlin und ihr internationales Verlagszentrum in Leipzig. In einem an die KI gesandten Bericht schrieb Dresen im März 1933, dass die deutsche Organisation und die Zeitschrift Arbeiter-Esperantist seit Januar verboten waren und dass »die politische Situation in Deutschland so ist, dass jede Kontaktmöglichkeit mit Moskau ausgeschlossen ist. […] Maßnahmen zur Rettung wichtiger Dokumente wurden getroffen, aber die reguläre Arbeit ist von neuen Schlägen bedroht. […] Die Schnelligkeit, mit der das neue Regime in Deutschland Fuß fasste, hat uns die Möglichkeit genommen, den Umzug des Zentrums vorzubereiten.«63 Nach der Verhaftung Kampfrads im März 1933 im Leipziger EKRELO-Verlag entschied die IPE, den Redakteur August Schwenk nach Amsterdam zu schicken, um ein Ersatzsekretariat und ein neues Zentrum für den Literaturvertrieb einzurichten. Die stärkste Sektion in Europa war von nun an die Fédération française des espérantistes prolétariens (Französischer Verband proletarischer Esperantisten, FEP), aber dem IPE-Sekretär zufolge »war sie in organisatorischer und finanzieller Hinsicht zu schwach, um die Führungsrolle in der Bewegung einzunehmen«.64 Mit dem Eintreffen Herbert Muravkins vom Berliner internationalen Büro in der UdSSR wurde in Moskau ein »provisorisches« IPE-Büro eröffnet, das im Jahr darauf nach Leningrad umzog und in dem neben 
Muravkin die sowjetischen Mitglieder des Exekutivkomitees der IPE vertreten waren. Seit 1933 wurde zudem die Zeitung der SEU Sur Posteno (= Auf dem Posten) anstelle der Zeitschrift Internaciisto zum Organ der IPE. Die Leitung des internationalen Pressedienstes der IPE wurde ebenso wie »die technische Hilfe für die UdSSR«65 der von KP-Funktionären geleiteten englischen Sektion übertragen. Der Vertrieb der EKRELO-Publikationen wurde jetzt direkt von der UdSSR aus organisiert, außer für Korrespondenten faschistischer Länder, die über Frankreich gehen mussten. Dieser »geordnete Rückzug« der IPE-Aktivitäten auf das Gebiet der UdSSR wurde im folgenden Jahr noch durch die Verhaftung der führenden Persönlichkeiten der proletarischen Esperanto-Vereine in Japan, China und der Mehrzahl der Staaten Mitteleuropas und des Balkans verstärkt, wo die esperantistischen Verbände oft als Tarnung für kommunistische Organisationen dienten.66

Nicht einmal zwei Jahre nach ihrer Gründung stützte sich die IPE somit fast ausschließlich auf die Hilfe sowjetischer Esperantisten. Nun führte allerdings die SEU, die dramatische Einbrüche in der Mitgliederzahl während des ersten Fünfjahrplans hinnehmen musste67, nach eigenem Eingeständnis »die Existenz eines Enterbten«. Nicht nur dass die SEU keine finanzielle Unterstützung bekam, sie war auch von der Papierverteilung ausgeschlossen worden, was ihre verlegerische Aktivität nahezu zum Erliegen brachte.68 Im März 1934 hatte Dresen daher Manuil’skij, den Sprecher der KPdSU im EKKI, gebeten, »uns [der IPE] die nötigen Mittel zu geben, um Ihnen [der KI] nützlich zu sein«.69 Das Präsidium der KI beschloss in seiner Sitzung vom 15. Mai 1934, die Arbeit der IPE zu unterstützen, das kam jedoch nur in einer Direktive zum Ausdruck, in der die Kommunistischen Parteien aufgefordert wurden, bei der Bildung kommunistischer Fraktionen »die esperantistischen Organisationen zu benutzen [sic]«!70 Die IPE erhielt keine materielle Hilfe als Gegenleistung. Anstelle eines geplanten 2. Kongresses in Moskau organisierte sie daher im August 1934 eine internationale Konferenz in Lille, an der weder die Vertreter der SEU, die seit 1929 nicht mehr auf einem Kongress im Ausland zugegen gewesen waren, noch Muravkin, der das provisorische Büro der IPE leitete, teilnahmen.71 Ein sowjetischer Gewerkschaftsfunktionär schlug die Auflösung der IPE vor.72 Seinem Antrag folgten die 70 Teilnehmer, vorwiegend Kommunisten aus Westeuropa, jedoch nicht, sondern sie verfassten eine Resolution, in der sie die mangelnde Ernsthaftigkeit der sowjetischen Genossen kritisierten. Dieser Ablauf schien sich im August 1935 beim 2. Kongress, der in Antwerpen stattfand – wieder in Abwesenheit von Sowjetvertretern und Muravkin – fast zu wiederholen. Diesmal setzten aber die Delegierten selbst die Frage der Wiedervereinigung der esperantistischen Arbeiterbewegung auf die Tagesordnung. Die durch Abwesenheit und Untätigkeit der SEU hervorgerufenen Spannungen und Verärgerungen wuchsen. Die Delegierten kritisierten das unregelmäßige Erscheinen des IPE-Organs Sur Posteno und beklagten die Nichteinhaltung von finanziellen Zusagen durch die SEU. »Tatsache ist«, schrieb M. Boubou, Sekretär der FEP, »dass die IPE, die für die Verteidigung der UdSSR gegründet wurde und lebt, dabei ist, an den fehlenden internationalen Aktivitäten der sowjetischen Genossen zu sterben.«73 Im August 1937, auf ihrem 3. Kongress in Paris, erklärte die IPE, sie habe keinen Kontakt mehr mit dem Leningrader Sekretariat und ihrer Kenntnis nach übe die SEU keine organisierte Tätigkeit mehr aus. »Wir müssen eingestehen«, so A. Schwenk vom internationalen Sekretariat in Amsterdam, der mittlerweile nach Frankreich geflohen war, »dass unsere sowjetischen Genossen Schwierigkeiten haben, über die wir Vermutungen anstellen können, aber keine Informationen haben.«74

Schluss

Von Beginn an war offensichtlich, dass es bei dem Projekt Zamenhofs um mehr ging als nur die Verbreitung eines praktischen Mittels der internationalen Kommunikation, nämlich um ein Ideal universeller Brüderlichkeit, welches die Esperantisten »die innere Idee« ihrer Sprache nannten. Wenngleich in laizistischer und proletarischer Form, hatte Lanti dieses Ideal in seiner Doktrin des Sennaciismo festgeschrieben. In den Augen der führenden Figuren der SAT war der Anationalismus der Arbeiter synonym mit dem proletarischen Internationalismus der Kommunisten, zumindest bevor sich dieser offen mit der bedingungslosen Verteidigung der UdSSR, als »Vaterland des Proletariats«, identifizierte. Eine Broschüre der SAT von 1928, in der Lanti die Theorie seiner Sennaciismo-Doktrin entwickelte, ließ jedoch noch vor der Spaltung 1931 die Unvereinbarkeit der beiden Formen des Internationalismus offen zutage treten. Im Gegensatz zu den »Renegaten« der SAT verkörperte die IPE den »proletarischen Internationalismus« in seiner stalinistischsten Ausrichtung. Aber die Verbissenheit, mit der die sowjetischen Esperantisten die »innere Idee« verurteilten und »eine marxistische Theorie der internationalen Sprache ausarbeiten«75 wollten, bereitete den Verdächtigungen, die sie bei der Führung der KI auslösten, keineswegs ein Ende. Manuil’skij hatte 1934 bei einer Präsidiumssitzung der KI vorgeschlagen, erneut die Frage nach der praktischen Anwendung der LI zu stellen. B. Bortnowski-Bronkowski (1894–1938) »wandte sich dagegen, indem er erklärte, das EKKI könne nicht für die Ideologie der IPE einstehen, da niemand diese Sprache verstehe und ihre Probleme begreife«.76 Die LI war problematisch, weil sie »niemand« unter den kommunistischen Führern verstand, das bedeutete: Der Machtapparat konnte den Inhalt der in Esperanto ausgetauschten Informationen nicht kontrollieren. Der Informationsaustausch im Rahmen der »Supranation«, die vom internationalen Netzwerk der Proletaj Esperanto-Korespondantoj (Proletarische Esperanto-Korrespondenten, PEK) gebildet wurde, machte den Hauptanteil der Aktivitäten der esperantistischen Bewegung aus. Solange die Situation der sowjetischen Arbeiter sich im Vergleich zu der ihrer Genossen in Westeuropa, die von Inflation und Arbeitslosigkeit betroffen waren, verbesserte, hatten die sowjetischen Machthaber zu propagandistischen Zwecken die Korrespondenz sowjetischer Esperantisten mit denen im Ausland gefördert. Als aber die dramatischen Auswirkungen der überstürzten Industrialisierung und Zwangskollektivierung in der Bevölkerung spürbar wurden, zeigte sie sich besorgt angesichts dieses internationalen Netzwerks, das sowjetischen Staatsangehörigen außerhalb jeder Überwachung Austausch mit dem Ausland ermöglichte. 1932 wurden daher die internationalen Korrespondenzen in Form von kollektiven Korrespondenzen reorganisiert, was einem Verbot individuellen Austauschs gleichkam und die PEK der direkten Aufsicht der SEU unterstellte. Doch selbst innerhalb dieser Restriktionen, denen sich anzuschließen die SAT sich weigerte und die auch die Kritik esperantistischer Kommunisten im Westen auf den Plan riefen, blieben die PEK Grund zur Sorge für den Machtapparat. So schrieb A. S. Ščerbakov, Verantwortlicher für Kulturarbeit beim ZK der KPdSU, 1936 in einem der SEU gewidmeten Bericht, dass esperantistische Zellen »in einigen Kriegsfabriken und, was wichtiger ist, Verteidigungsbetrieben, zum Beispiel in Sebastopol, Leningrad und Moskau organisiert« wurden. »Die Arbeit der esperantistischen Zellen in diesen Betrieben bedarf einer genauen Überwachung, besonders bei ihren Verbindungsaktivitäten mit dem Ausland.«77 Denselben Berichterstatter beunruhigte, dass »die Korrespondenz sowjetischer Esperantisten mit dem Ausland ein relativ großes Ausmaß angenommen hat«, besonders in den Grenzregionen zu Weißrussland und der Ukraine. Zwar sei es Aufgabe der SEU, diesen Austausch zu überprüfen, doch wegen der Desorganisation ihrer Lokalsektionen sei dieser »ohne jede Kontrolle«, und viele sowjetische Esperantisten tauschten sich weiterhin individuell mit Anhängern der SAT aus. Die KPdSU vertraute den Mitgliedern der SEU zudem nicht, »deren Stand und soziale Herkunft nicht überprüft worden sind und über deren Sprachkenntnisse wir ebenso wenig wissen wie über ihre politische Eignung«.78 Die kommunistischen Esperantisten nährten selbst noch das Misstrauen der sowjetischen Machthaber, indem sie den zuständigen Stellen die zahlreichen Fälle »von Klassenfeinden, die Esperanto benutzten, um sich mit feindlichen Kreisen im Ausland in Verbindung zu setzen«, meldeten.79

Die SEU richtete weiterhin Aufrufe an die Instanzen der KI, welche sie schon automatisch an das ZK der KPdSU verwiesen, das wiederum eine Stellungnahme mit der Begründung verweigerte, die Frage betreffe in erster Linie die Komintern.80 Erschöpft von diesem Pingpong-Spiel, das seit »mehr als 14 Jahren« andauerte, verfassten Dresen und Muravkin im März 1936 ihren wahrscheinlich letzten Brief an Stalin: »Es scheint uns – angesichts ihres Nutzens, insbesondere für die Verteidigung der UdSSR –, dass die SEU sich in einer wenn nicht besseren, so doch wenigstens im Vergleich mit den Arbeitsbedingungen kapitalistischer Länder normalen Lage befinden sollte. Die Situation ist jedoch so, dass unsere Feinde im Ausland beginnen, Parallelen zwischen den Arbeitsbedingungen der Esperantisten in der UdSSR und im faschistischen Deutschland zu ziehen.« In Anbetracht der Tatsache, dass es »politisch inakzeptabel [ist], dass in der UdSSR eine Organisation mit Verbindungen zum Ausland besteht, die zugleich offiziell ist und deren Situation halb legal ist«, forderten sie abschließend ihren Adressaten auf, »die Lösung unserer Fragen nicht länger auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben«!81 Die Antwort kam in Form eines neuen Vorschlags, ausgearbeitet vom Präsidium des EKKI: Vom Sekretariat der SEU wurde »die formelle Auflösung der IPE« gefordert, deren internationales Verlagsbüro nach Paris verlegt werden sollte, während sich die nationalen Sektionen mit den neutralen, der UEA angegliederten Esperantisten-Organisationen vereinen sollten.82 Nachdem er den Vorschlag als »unpassend«83 beurteilt hatte, trat Dresen im August 1936 von seinem Posten an der Spitze der SEU zurück. Verhaftet am 17. April 1937, unter Anklage gestellt wegen Spionage und konterrevolutionärer Aktivität, wurde er am 27. Oktober 1937 erschossen. Nach der Mehrheit der Führungspersönlichkeiten der SEU waren die an der Basis aktiven Mitglieder an der Reihe sowie zahlreiche ausländische Esperantisten, die in die UdSSR geflüchtet waren, wie J. Batta und H. Muravkin. Dieses tragische Schicksal betraf allerdings nichts nur die Esperantisten, es ereilte auch ihre »Rivalen«, die »polyglotten Intellektuellen« der Komintern, die aufgrund ihrer vielen Kontakte mit dem Ausland angeklagt wurden. Die SEU, die nach einer im Sur Posteno im Februar 1938 erschienenen Information ihre Arbeit auf »neuen Grundlagen« fortsetzte, verzeichnete sogar eine gewisse Intensivierung ihrer Aktivitäten während des Spanienkriegs und erließ noch im September 1938 einen Aufruf zur Einheit auf der minimalen gemeinsamen Grundlage des Kampfs »gegen den Faschismus, für den Frieden und die Demokratie«. Im Oktober 1938 wurde ein Rundschreiben verbreitet, in dem erneut die kommunistischen Esperantisten aufgerufen wurden, die IPE aufzulösen, doch die Mehrheit der Sektionen und der Mitglieder an der Basis waren dagegen. Die IPE ließ noch drei Ausgaben ihrer Zeitschrift erscheinen, bevor der Stalin-Hitler-Pakt und der Beginn des Zweiten Weltkriegs der kommunistischen Esperantisten-Organisation den Gnadenstoß versetzten – ohne allerdings der Aktivität ihrer Mitglieder ein Ende zu bereiten.84


1 A. Lanti, November 1924, in: Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte, Moskau (im Folgenden: RGASPI) 495/99/70, 71.

2 H. Muravkin an D. Manuil’skij, 1934, in: RGASPI 495/99/84, 26.

3 Centassi, René/Masson, Henri: L’homme qui a défié Babel. Ludwik Lejzer Zamenhof, Paris 2001, S. 113 f.

4 Tutanova, A. S.: Samoderžavie i obščestvennye organizacii v Rossii. 1905–1917 gody, Tambov, Izd. Deržavina, 2002, S. 239 f.

5 RGASPI 495/99/66, 18.

6 RGASPI 495/99/66, 7.

7 RGASPI 495/99/66, 27 f.

8 RGASPI 495/99/66, 6–12.

9 RGASPI 495/99/66, 13.

10 Seit ihrem 2. Kongress, der 217 Delegierte aus 37 Ländern versammelte, war die KI tatsächlich mit dem Übersetzungsproblem konfrontiert. Die wichtigsten Dokumente wurden in vier verschiedenen Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch – vorgelegt, doch die Beiträge wurden nicht simultan gedolmetscht, was die Diskussionsmöglichkeiten einschränkte. Oft waren Übersetzungen, die Unterbrechungen nicht berücksichtigten, lediglich Zusammenfassungen, während manche Übersetzer – wie Angelica Balabanoff (Ma vie rebelle, Paris 1981, S. 267) – ohne Notizen und länger als der Redner sprachen, was Zweifel an der Authentizität der Übersetzung aufkommen ließ (Humbert-Droz, Jules: Mon évolution du tolstoïsme au communisme. 1891–1921, Neuchâtel 1969, S. 365). Es kam bald auch zu Fällen, in denen die Exekutive verdächtigt wurde, die Übersetzung eines Redebeitrags auf Kosten eines anderen aus Tendenzgründen begünstigt zu haben. Nach dem 5. Kongress (1924) wurde statt Deutsch Russisch als Komintern-Sprache immer wichtiger und einer der Schlüssel, um im Apparat aufzusteigen. Die offiziellen Sprachen der Kominform waren Russisch und Französisch, aber mit Ausnahme des Franzosen trugen alle Delegierten der ersten Sitzung ihre Berichte auf Russisch vor! Procacci, Guliano (Hrsg.): The Cominform. Minutes of the Three Conferences 1947/1948/1949, Mailand 1994, S. 41, 423.

11 RGASPI 495/99/66, 8.

12 RGASPI 495/99/66, 27 f.

13 Sie wird übrigens – außerhalb esperantistischer Kreise– in Arbeiten zur Geschichte des Kommunismus nie erwähnt. Siehe Markov, Anne-Sophie: Le mouvement international des travailleurs espérantistes, 1918 – 1939 (Magisterarbeit), Université de Versailles/Saint-Quentin-en-Yvelines 1999; Samodaj, 
Vladimir: Ne nur legendoj, ne nur pri SEJM. Homoj kai epizodoj, Moskau 1999; Bronstejn, Mikaelo: Legendoj pri SEJM, Moskau 1998; Schwarz, Adolf: Survoje al Internacio de Proleta Esperantistaro. Faktoj, dokumentoj, rememoroj, Sofia 1992; Lins, Ulrich: Die gefährliche Sprache: Die Verfolgung der Esperantisten unter Hitler und Stalin, Gerlingen 1988.

14 RGASPI 495/99/66, 24.

15 RGASPI 495/99/67, 2.

16 Ido hatte 25 Prozent der Führer der Bewegung, dagegen nur 3 bis 4 Prozent der Gesamtzahl der Esperantisten überzeugt.

17 Archives de la Bibliothèque de documentation internationale et contemporaine (BDIC), Nanterre, Frankreich, F. Delta 1487: Emancipanta Stelo, Les Soviets et la langue internationale, S. 3.

18 Jost, Hans-Ulrich: Linksradikalismus in der deutschen Schweiz 1914–1918, Bern 1973, S. 117–120.

19 In ihrer ersten Fassung waren in der Kommission auch Wach und Krilenko vertreten, doch ihre Namen tauchten nie wieder auf.

20 RGASPI 495/99/67, 21.

21 RGASPI 495/99/70, 13.

22 RGASPI 495/99/75, 22.

23 RGASPI 495/99/68, 4.

24 RGASPI 495/99/70, 3.

25 Die 1922 auf dem 2. Kongress der internationalen Idisten-Organisation Emancipanta Stelo (Gründungskongress 1921 in Wien) gegründete Kifintern gab von 1922 bis 1924 die Zeitschrift Nia Standardo heraus; Forster, Peter G.: The Esperanto Movement, Den Haag, Paris u. a. 1982, S. 194.

26 Die Weltsprache im Dienste der Russlandhilfe, in: Sowjetrussland im Bild, Nr. 11, 1922.

27 RGASPI 495/30/168, 14 und 33–35.

28 RGASPI 495/99/78, 1.

29 RGASPI 495/30/168, 14.

30 Lins: Die gefährliche Sprache (Anm. 13), S. 145.

31 Laurat, Lucien: Staline, la linguistique et l’impérialisme russe, Paris 1951, S. 26.

32 RGASPI 495/99/85, 10.

33 RGASPI 495/99/84, 12.

34 RGASPI 495/99/78, 16–22.

35 RGASPI 495/99/85, 10.

36 RGASPI 495/99/84, 26.

37 Noltenius, Rainer (Hrsg.): Den Arbeitern aller Länder eine Sprache! Illustrierte Geschichte der Arbeiter-Esperanto-Bewegung (= Informationen des Fritz-Hüser-Instituts 37/93), Dortmund 1993, S. 33–43; Glier, Willi / Weissbach, Willy/Müller, Alfred/Conrad, Max: Zur Geschichte der Arbeiter-Esperanto-Bewegung im Bezirk Erzgebirge-Vogtland 1907–1933, Karl-Marx-Stadt 1976, S. 8 und 13.

38 Forster: The Esperanto Movement (Anm. 25), S. 189.

39 Markov: Le mouvement international (Anm. 13), S. 10–13.

40 Sein Ruf als Häretiker und seine Daueropposition in den Versammlungen verhalfen ihm zum Pseudonym »l’Anti«, aus dem in Esperanto Lanti (= der dagegen ist) wurde. Seine Lebensgefährtin, die Suffragette Ellen Kate Limouzin (1879–1950), war eine Tante von George Orwell.

41 Mitgliederzahl der SAT: 1922: 1064, 1926: 2960, 1927: 5216, 1929: 6500 (Lins: Die gefährliche Sprache [Anm. 13], S. 141 f.).

42 Nach seinem Ingenieurabschluss am Polytechnischen Institut Sankt Petersburg hatte Dresen verschiedene Posten in der neuen sowjetischen Verwaltung und in der Roten Armee inne. Er arbeitete auch für das NKID und das Komitee für ein neues Alphabet und lehrte dann als Professor an der Moskauer Staatlichen Universität sowie am Institut für KfZ-Mechanik.

43 Markov, Le mouvement international (Anm. 13), S. 83.

44 Hervé Guiheneuf, Un ouvrier intellectuel d’origine anarchiste en URSS: le cas d’Yvon (Robert Guiheneuf 1899–1986), Diss. Université Paris X, Nanterre 1995, S. 57 f. und 86.

45 RGASPI 495/99/70, 55.

46 Forster: The Esperanto Movement (Anm. 25), S. 195.

47 Gosudarst’vennyj Archiv Rossijskoj Federacii (GARF) 5383/8/26, 4, 12.

48 RGASPI 495/30/168, 4.

49 Es handelt sich um Othon (Otto) Maschl (1898–1973), einen österreichischen Kommunisten, der 1920 nach Frankreich gekommen war und dann in Moskau als Übersetzer, als Professor an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens (Kommunističeskij Universitet Trudjaščichsja 
Vostoka / KUTV) und unter dem Pseudonym Revo (= Traum) als Humanité-Korrespondent arbeitete.

50 Markov: Le mouvement international (Anm. 13), S. 100.

51 RGASPI 495/99/70, 55

52 RGASPI 495/30/243, 95.

53 Zit. nach Markov: Le mouvement international (Anm. 13), S. 105 f.

54 Nach dem Verlassen der UdSSR ließ sich Revo in Paris nieder, wo er unter dem Namen L. Laurat mit

B. Souvarine und P. Naville zusammenarbeitete.

55 RGASPI 495/99/80, 4.

56 RGASPI 495/99/86, 42.

57 Glier et al.: Zur Geschichte der Arbeiter-Esperanto-Bewegung (Anm. 37), S. 9.

58 RGASPI 495/99/80, 4.

59 Lins: Die gefährliche Sprache (Anm. 13), S. 170 f.

60 RGASPI 495/99/80, 6.

61 RGASPI 495/99/82, 18 f.

62 RGASPI 495/99/83, 12.

63 RGASPI 495/99/83, 1.

64 RGASPI 495/99/83, 14.

65 RGASPI 495/99/86, 55.

66 RGASPI 495/99/84, 16.

67 Von 16 000 im Jahr 1928 waren sie auf 3200 1932 gesunken. RGASPI 495/99/86, 42.

68 RGASPI 495/99/86, 45.

69 RGASPI 495/99/84, 12.

70 RGASPI 495/99/84, 41.

71 RGASPI 495/99/86, 25.

72 Lins: Die gefährliche Sprache (Anm. 13), S. 180.

73 RGASPI 495/99/87, 37.

74 Markov: Le mouvement international (Anm. 13), S. 197.

75 RGASPI 495/99/84, 18.

76 RGASPI 495/99/85, 10.

77 RGASPI 495/99/87, 6.

78 RGASPI 495/99/87, 7.

79 RGASPI 495/99/86, 45 f.

80 RGASPI 495/99/85, 10.

81 RGASPI 495/99/87, 51–53.

82 RGASPI 495/30/1157, 18–22.

83 RGASPI 495/30/1157, 6.

84 Lins: Die gefährliche Sprache (Anm. 13), S. 183–185.

Inhalt – JHK 2008

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