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Flucht über die Balkonmauer. Politische Biographie des Kommunisten Josef Schlaffer

JHK 2008 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 310-318 | Aufbau Verlag

Autor/in: Kurt Schilde

Josef Schlaffer gehört zu den Funktionären des Führungskorps der Kommunistischen Partei Deutschlands, die von Hermann Weber in Die Wandlung des deutschen Kommunismus vorgestellt werden. Er wird auch in dem von Weber mit Andreas Herbst publizierten Handbuch Deutsche Kommunisten berücksichtigt.1 An diese beiden Darstellungen knüpft diese politische Biographie an und führt sie punktuell fort.

Es wird das Leben eines Mannes skizziert, dessen politische Biographie durch die deutsche Arbeiterbewegung und ihre Organisationen – die Sozialistische Arbeiterjugend und die Sozialdemokratische Partei, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, die Kommunistische Partei Deutschlands sowie die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – beeinflusst wurde. Als kommunistischer Politiker war Josef Schlaffer wiederholt in Führungspositionen zu finden. Dennoch sind von ihm nur wenige politisch bedeutsame öffentliche Äußerungen bekannt. Sie stimmen meist mit der jeweiligen Parteilinie überein. Schlaffer hat sich oft in Gefahr befunden – nicht nur verursacht durch Polizei und Justiz, sondern auch durch die eigenen Genossen – und konnte ihr manches Mal nur knapp entgehen. Eine Episode, die sein Sohn Kurt Schlaffer überliefert hat, ist exemplarisch für sein Leben: »Mein Vater […] konnte sich in der Nacht des Reichstagsbrandes nur durch die Flucht über unsere Balkonmauer der Verhaftung […]
entziehen.«2

Georg Josef Schlaffer3 wird am 27. März 1891 in Kallmünz, Bezirksamt Burglengenfeld, bei Regensburg als Sohn des Gendarmeriewachtmeisters Josef Schlaffer und dessen Ehefrau Magdalene geboren, er hat vier jüngere Brüder: Anton wird 1893, Johann 1895, Aloysius 1896 und Heinrich 1903 geboren.4 Die Familie ist arm und leidet unter ihren schwierigen Verhältnissen. 19175 heiratet er die ein Jahr jüngere Maria Eichhammer, die ebenfalls aus Kallmünz stammt. Der erste Sohn, Kurt6, kommt 1919 zur Welt, zwei Jahre später der Sohn Rolf, beide in München. Die Ehe wird 1938 / 39 geschieden.7 Seit 1937 lebt Josef Schlaffer mit der sehr viel jüngeren Erna Lehmann zusammen, deren 1937 geborenen Sohn Alfred er als seinen Pflegesohn bezeichnet.8

Josef Schlaffer hat die Verbindung zu seiner bayerischen Heimat nie ganz verloren. So meldet der Kallmünzer Volksbote im November 1932: »Vergangenen Samstag weilte dahier der kommunistische Reichstagsabgeordnete und Führer verschiedener kommunistischer Organisationen Herr Josef Schlaffer, der es wohl von allen uns bekannten lebenden geborenen Kallmünzern, trotz seiner Jugend, am weitesten gebracht hat. Schlaffer ist der kommunistische Agitator, der auch bei seinen Gegnern die meisten Sympathien hat. Er steht vor einer Russlandreise und hat vorher noch seine Mutter und seine Kallmünzer Schulkameraden und Bekannten aufgesucht.«9

Von der Sozialdemokratischen zur Kommunistischen Partei

Als Kind besucht Josef Schlaffer die Volksschule, absolviert anschließend eine Fortbildungsschule und ein Technikum. Er lernt bis 1907 in Regensburg Maschinenschlosser und tritt in den Deutschen Metallarbeiterverband ein. Er lebt und lernt in Kallmünz, Regensburg und Nürnberg.10 Nach Beendigung der Lehre geht der Sechzehnjährige auf Wanderschaft, 1909 wird der Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend. 191111 wird er zur Kaiserlichen Marine eingezogen und dort als Heizer eingesetzt. Während des ersten Weltkriegs dient er als Matrose auf einem Unterseeboot. Nach dem Matrosenaufstand 1918 wird er Vorsitzender des Soldatenrats einer U-Boot-Flottille, die in Brunsbüttelkoog (Schleswig-Holstein) stationiert ist – es ist seine erste Führungsposition. Er klettert schnell weiter nach oben und wird Vorsitzender des Soldatenrats von Brunsbüttel. Nach Bayern zurückgekehrt, arbeitet er als Maschinenbautechniker in der Münchner Eisenbahn-Hauptwerkstätte und wird Betriebsratsvorsitzender der städtischen Eisenbahnbetriebe.

Seit 1910 gehört Schlaffer – neben seiner Mitgliedschaft in der Sozialistischen Arbeiterjugend – der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an, ab 1918 ist er auf dem linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) zu finden, der 1920 mit der KPD zur Vereinigten Kommunistischen Partei verschmolzen wird. Er engagiert sich im Roten Frontkämpferbund, in der Roten Hilfe Deutschlands und weiteren kommunistischen Organisationen.12

Josef Schlaffer ist einer der Kommunisten, die am 6. April 1924 in den Bayerischen Landtag gewählt werden, und avanciert zum Fraktionsvorsitzenden. Ihre »politische Sicht« auf die parlamentarische Demokratie demonstrieren die KPD-Abgeordneten am 3. Juni, als der neu gewählte Landtag zusammentritt: Sie spazieren »im Gänsemarsch quer durch den Sitzungssaal. Vor dem Tisch des Präsidenten heben sie die Faust und bringen Hochrufe auf die Partei, auf die politischen Gefangenen und die Kommunistische Internationale aus. Auch auf der Besuchertribüne stimmten Kommunisten in die Hochrufe mit ein.«13 Seit dem 9. Parteitag der KPD vom 7. bis 10. April 1924 in Frankfurt am Main gehört Schlaffer dem Zentralausschuss bzw. Zentralkomitee an, seinem Lebenslauf nach ununterbrochen bis zur »Brüsseler Konferenz« der KPD 1935.14 Im Juli 1924 fährt er als Delegierter des V. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale nach Moskau. Er wird regelmäßig wiedergewählt und übt diverse Funktionen aus. Im Februar 1926 schickt ihn die Partei erneut zur Komintern nach Moskau. Seit 1928 übt er als Parteisekretär15 unterschiedliche Funktionen in verschiedenen Regionen Deutschlands aus, unter anderem ist er von 1929 an Pol-Leiter in Württemberg. Wegen der Niederlage der KPD bei den Kommunalwahlen in Württemberg 1931 wird er im Januar 1932 vom ZK-Beauftragten Ulbricht abgesetzt.16 Von September 1930 bis November 1932 ist Josef Schlaffer für die KPD Mitglied des Deutschen Reichstags.17

Reichsleiter des Kampfbundes gegen den Faschismus

Josef Schlaffer wird im September 1932 von Walter Ulbricht als Reichsleiter des Kampfbundes gegen den Faschismus nach Berlin geholt.18 In seinen Erinnerungen hält Schlaffer fest, dass »diese Organisation faktisch nur auf dem Papier bestand«.19 Als er die Leitung übernimmt, ist der Kampfbund politisch und organisatorisch »ein Sauhaufen«.20 Daran dürfte der im Juli 1932 von Schlaffer veröffentlichte Artikel »Wir greifen an!« in Die Fanfare, dem »Organ der antifaschistischen Massenbewegung Deutschlands«, wenig geändert haben. Zweckoptimistisch schreibt er: »Wir sind in der Lage, haben die Mittel, kennen den Weg und sind stark genug den Faschismus zu schlagen. […] Aber nur gemeinsam, nur mit einander und nur zusammen, nicht gegen und ohne einander werden wir diesen Sieg erfechten.«21 Einen Monat darauf verkündet er als eine neue Strategie der »Abwehr gegen den faschistischen Mordterror« die »Aufgaben des roten Massenselbstschutzes im Kampf gegen den Faschismus«22 und fordert alle Antifaschisten auf, sich hier über alle parteipolitischen Grenzen hinweg zusammenzuschließen und gegen den Faschismus zu kämpfen. »Der Kampfbund unterstützte aktiv den Aufbau des Massenselbstschutzes der 1932 geschaffenen Antifaschistischen Aktion.«23

Zu Werbezwecken wird eine Schallplatte mit einem »Kampfaufruf der Reichsleitung des Kampfbundes«, vorgetragen vom »Reichsführer des Kampfbundes gegen den Faschismus, Kamerad Schlaffer, Berlin«, hergestellt: »Aus der kapitalistischen Sklaverei gibt es nur einen Ausweg: Das ist der Sozialismus!«24 Auf der Rückseite der Scheibe befindet sich das »Kampflied gegen den Faschismus«, gedichtet von Erich Weinert, komponiert von Hanns Eisler und gesungen von Ernst Busch. Pro Stück kostet die Platte zwei Reichsmark.25 Aber weder Rede noch Lied haben Erfolg. Der Kampfbund ist und bleibt ohne sonderlichen Einfluss, und Anfang Dezember 1932 wird Schlaffer die Reichsleitung wieder entzogen. Wie sein Vorgänger Hermann Remmele kann auch sein Nachfolger Oskar Müller wenig erreichen. In den folgenden zwölf Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft hat Schlaffer keine politische Führungsfunktion mehr inne.

Immer wieder im Gefängnis

Seit September 1932 lebt Josef Schlaffer in der »Weißen Stadt« in Berlin-Reinickendorf. Am Abend des 30. Januar 1933 beobachtet er in der Innenstadt den pompösen Fackelzug der Nationalsozialisten. Er trifft zufällig Hermann Remmele, es gelingt beiden, unterzutauchen. Nach dem Reichstagsbrand kann Schlaffer mit Hilfe seines Sohnes Kurt der geplanten Verhaftung entgehen.26 Damit gehört er zu den Mitgliedern des ZK der KPD, die zu Beginn der NS-Zeit noch in Freiheit sind.

Das Glück ist jedoch nicht immer auf seiner Seite gewesen, denn er verbrachte eine lange Zeit seines Lebens im Gefängnis. Er selbst hat sich einmal als »der am meisten eingesperrte Gen[osse] unserer Partei«27 bezeichnet.

Als er im Herbst 1925 im Strafvollstreckungsgefängnis München »wegen Hochverrats« einsitzt, plant er einen Ausbruch. Allerdings findet ein Aufseher in seiner Zelle verdächtige Spuren, und »Schlaffer gesteht zu, Vorbereitungen zu einem gewaltsamen Ausbruch aus seiner Zelle getroffen zu haben.«28 Es werden vier Sägen gefunden, die in Broten zu ihm gelangt waren. Sie sind aber ebenso unbrauchbar wie eine Eisen auflösende Säure zur Zerstörung des Zellengitters: »Eine Semmel, in der das Säurefläschchen verborgen war, wurde in der Zelle Schlaffers gefunden.«29 Nachdem er tagelang heimlich versucht hat, das Zellengitter zu zerstören, fertigt er eine Zeichnung an, nach der er eine funktionsfähige Säge bauen will. Detailliert wird in einem abgefangenen Kassiber beschrieben, welche Sägeblätter besorgt werden sollen und wie groß der Bügel der Säge sein soll: »Sicher bekommt Ihr diesen auch in einem Geschäft zu kaufen.«30 In einer Befragung zu seinen Ausbruchsbemühungen »führt der Gefangene an, er befinde sich in Notwehr, da seine Festhaltung ungesetzlich sei«.31 Als Disziplinarstrafe bekommt er 14 Tage Arrest. Arbeit, Bett und Bewegung im Freien werden ihm entzogen und seine Kost wird auf Wasser und Brot beschränkt.

Illegalität und Legalität im Nationalsozialismus

Zu Beginn der NS-Herrschaft lebt Schlaffer unter den falschen Namen Kurt Hagert und Oswald Jaeschke in Berlin in verschiedenen Quartieren. Er greift nicht auf Parteikontakte zurück, sondern auf Verbindungen seines Bruders Anton, der in Berlin-Neukölln eine Bäckerei und Konditorei betreibt. Eine Zeit lang lebt er zusammen mit Remmele in einer Hinterhauswohnung in der Charlottenburger Uhlandstrasse 24,32 dann in einem Quartier in der Reichenberger Straße 168 in Berlin-Kreuzberg,33 wo unter anderem auch Remmeles Sohn Helmut unterkommt.34 Obwohl er mit Haftbefehl gesucht wird, ist Schlaffer mit falschen Papieren als Kaufmann tätig. Gemeinsam mit einem Kompagnon vertreibt er ein von ihm erfundenes Mehl sparendes Backpulver. Er lebt bis Ende Mai 1935 in der Illegalität und versucht vergeblich, wieder Kontakt zur illegalen KPD zu bekommen,35 bis er »bei einem etwas leichtsinnigen Besuch in meiner früheren Wohnung«36 von der Gestapo verhaftet wird. Er kommt wieder frei, wird in der Folgezeit mehrmals erneut inhaftiert und jeweils wieder freigelassen; ein letztes Mal, als er nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 von der Aktion »Gewitter« erfasst wird – nach zwei Tagen im Gefängnis Alexanderplatz ist er wieder draußen.

Bis Josef Schlaffer 1942 »als Sanitätspolizist beim Luftschutz«37 in Berlin-Tegel eingesetzt wird, arbeitet er in verschiedenen Berufen. In den zwölf Jahren der NS-Zeit lebt er insgesamt 28 Monate illegal und ist achteinhalb Monate inhaftiert. Im April 1945 gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Präsidenten- und Direktorenposten in der sowjetischen Besatzungszone

Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft arbeitet Josef Schlaffer in der sowjetischen Besatzungszone: »Nach meiner Entlassung im September 1945 meldete ich mich im neuen ZK der KPD bei Franz Dahlem, der wie früher die Org[anisations]abteilung der Partei und damit die Kaderabteilung der KPD wieder übernommen hatte. Mit Dahlem war ich gut befreundet. Dahlem schickte mich sofort zur sowjetischen Militärverwaltung nach Karlshorst. Dort wurde ich von General Gorochow beauftragt, eine neue Zentralverwaltung für die Umsiedlung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten östlich der Oder-Neiße-Linie zu bilden.«38 Vorher hat er bereits kurze Zeit im Hauptamt für Sozialwesen der Stadt Berlin in der Abteilung für Ausgewiesene und Heimkehrer Erfahrungen gesammelt.39 Er ist seit 1945 wieder Mitglied der KPD und wird nach der »Zwangsvereinigung« in die SED übernommen.

Als Direktor – späterer Titel: Präsident – der Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler bekommt er nach zwölf Jahren Pause wieder eine führende Position. Die von ihm geleitete Zentralverwaltung betreut die nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge – Umsiedler genannt. Er ist nur sehr kurze Zeit, vom 15. September bis 15. Dezember 1945, Präsident und wird nach Differenzen mit der Kommandantur-Dienstverwaltung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) entlassen. Diese führt alle Missstände auf Versagen der deutschen Behörden – also auf ihn – zurück.40

Nach dem Scheitern seines Engagements in der Flüchtlingsfrage betätigt er sich bis Ende 1947 als technischer Direktor der Industrieverwaltung Eisen und Metall von Brandenburg in Potsdam.41 Dort wird ihm allerdings bescheinigt: »Die Beurteilung endet mit der Feststellung, dass Sch[laffer] auf allen Gebieten versagt und nicht der Mensch ist, für den er sich hält.«42 Dann geht er als Direktor zum Volkseigenen Betrieb Hüttenwerk Hennigsdorf. Aber auch hier ist man nicht mit ihm zufrieden, er wird als »Phantast und schlechter Organisator« bezeichnet.43 Es stellt sich die Frage, was hinter diesen extrem negativen Beurteilungen steckt. Zu vermuten ist, dass parteipolitische Probleme ihre Ursache sind, wofür seine nächste und letzte Gefangennahme zu sprechen scheint.

»Mysteriöse Verhaftung«

Unter dieser Überschrift meldet Der Kurier: »Am 24. August 1948 war der frühere Direktor der Hüttenwerke Hennigsdorf, Joseph [sic] Schlaffer, vom Vorsitzenden der ›Deutschen‹ Wirtschaftskommission, Heinrich Rau, nach Hennigsdorf bestellt worden, um sein restliches Gehalt abzuholen. Dort wurde er auf Veranlassung des NKWD-Majors Poppow aus Nauen durch den deutschen Kriminalkommissar Beater verhaftet. […] Gründe der Verhaftung sind bisher noch nicht bekanntgegeben worden.«44

Die Gründe sind unklar geblieben. Erst nach über einem halben Jahr Freiheitsentzug kommt es am 14. März 1949 zur Entlassung.45 Schlaffers Lebensgefährtin bat unter anderem Geschke und Dahlem um Hilfe, doch offenbar setzten sich seine Freunde und Genossen nicht für ihn ein.46

Ausschluss aus der SED und Rehabilitierung

Am 19. Januar 1949 wird Josef Schlaffer aus der SED ausgeschlossen. Es dauert bis Januar 1957, bis er von der Zentralen Partei-Kontrollkommission unter der Leitung von Hermann Matern parteipolitisch rehabilitiert wird. In der Begründung heißt es: »Eine bedeutende Rolle bei seinem Ausschluß aus der Partei spielte seine Verbindung zu der fraktionellen Gruppe Neumann / Remmele im Jahr 1932. Die erneute Überprüfung des Ausschlusses ergab, daß für eine Tätigkeit oder Verbindung des Gen. Schlaffer zur Gestapo keine Beweise vorliegen. Eine in den Jahren 1948 / 49 wegen dieser Vorwürfe erfolgte gerichtliche Untersuchung hatte ebenfalls keinerlei Ergebnisse. Die Verbindung des Gen. Schl. zur fraktionellen Gruppe Neumann / Remmele kann heute als Ausschlußgrund nicht mehr aufrechterhalten werden, da seit diesem Zeitpunkte rund 23 Jahre vergangen sind. Seit seinem Ausschluß hat Gen. Schl., der in Westberlin wohnhaft ist, an keiner gesellschaftspolitischen Arbeit teilgenommen. Er ist jedoch gegen die Partei in keiner Weise aufgetreten.«47

Lebensabend in Westberlin

Josef Schlaffer verbringt die letzten Jahre seines Lebens in Westberlin. In seinem Haus in Reinickendorf erhält er wenige Wochen nach seiner Rehabilitation im Frühjahr 1957 Besuch vom »Sekretär des Bezirksvorstandes der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft«. Ernst Wiese will den Leser des Neuen Deutschland, der Einheit und des Neuen Weg für eine Funktion in der DSF gewinnen. Er unterbreitet ihm »den Vorschlag, doch die DSF Gruppe in Heiligensee zu übernehmen und diese wieder arbeitsfähig zu machen. Gen. Schlaffer antwortete wörtlich, das ist ein verlockender Gedanke, er will sich das einmal durch den Kopf gehen lassen.«48 Aber der Genosse hat offenbar kein Interesse an dieser »Führungsposition« und lässt nichts mehr von sich hören.

Einer der wenigen Besucher ist im Herbst 1961 Hermann Weber: »Am Gartenzaun vor seinem kleinen Haus gab es keine Klingel, und als ich rüttelte, kamen zwei riesige Schäferhunde bellend angerannt.«49 Durch sie fühlt sich Schlaffer geschützt, der »Angst vor einer Entführung«50 hat. Später überlässt er dem Besucher Material über seine Lebensgeschichte und gibt im Briefwechsel einige den Historiker interessierende Informationen.

Bis zu seinem Tod lebt Josef Schlaffer in der General-Barby-Straße 47 b. Er stirbt am 26. April 1964 an einem Herzinfarkt. Seine Beisetzung erfolgt auf dem Friedhof in der Sandhauser Straße in Heiligensee.51


1 Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1969, S. 272–274; ders. / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 662–664.

2 Eidesstattliche Erklärung Kurt Schlaffers vom 3.7.1956, Entschädigungsamt Berlin, Akte Nr. 220319.

3 Laut Staatsangehörigkeits-Ausweis, Freistaat Bayern, vom 18. 5. 1931, in: Bundesarchiv Berlin, R 3003, 
Az. 14 a J 59 / 31 – Bd. 1, Bl. 60.

4 Siehe Schreiben des Standesamtes Kallmünz vom 27. März 2003 an den Verfasser.

5 Württembergisches Landgericht, Untersuchungssache gegen Josef Schlaffer, Befragung der persönlichen Verhältnisse am 30.4.1931, in: Bundesarchiv Berlin, R 3003, Az. 14 a J 59 / 31 – Bd. 1, Bl. 46 RS.

6 Kurt Schlaffer ist mein leiblicher Vater. Die Suche nach Informationen über ihn hat zur Entdeckung meines »roten Großvaters« geführt.

7 Von den Geschiedenen gibt es unterschiedliche Angaben. Josef Schlaffer nennt 1938, während Maria Schlaffer 1939 angibt. Siehe Entschädigungsamt Berlin, Akte Nr. 220 319.

8 Siehe ebenda.

9 Kallmünzer Volksbote 7 (1932), Nr. 46 vom 17. November 1932, S. 360. Hervorhebung im Original. Über die genannte Russlandreise konnten keine weiteren Informationen gefunden werden. Ich danke Erich Laßleben, Kallmünz, für den Hinweis.

10 Siehe die für Hermann Weber verfasste Biographie Josef Schlaffers vom 10. September 1956. Eine Kopie hat mir Professor Weber im Februar 2000 überlassen, wofür ich mich herzlich bedanke.

11 Württembergisches Landgericht (Anm. 5), Bl. 46 RS.

12 Siehe zu den Daten den Fragebogen zur Registrierung der Parteiarbeiter vom 14. 2. 1933, in: Rossijskij gosudarstvennyi archiv social’no-političeskoj istorii / Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), Bestand 495, Verzeichnis 205, Akte 8196, Bl. 7 f. Der Fond 495 ist der Bestand des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. Für die Einsicht danke ich Alexander Vatlin, Moskau.

13 Gerstenberg, Günther: Rosa Aschenbrenner – ein Leben für die Politik, München 1998, S. 19.

14 Siehe Biographie Schlaffers (Anm. 10), S. 8.

15 Württembergisches Landgericht (Anm. 5), Bl. 47.

16 Siehe Weber, Hermann: Aufbau und Fall einer Diktatur. Kritische Beiträge zur Geschichte der DDR, Köln 1991, S. 214.

17 Siehe Schumacher, Martin (Hrsg.): M. d. R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933–1945. Eine biographische Dokumentation, 3., erheblich erweiterte und überarbeitete Aufl. Düsseldorf 1994, S. 422.

18 Siehe Schreiben Josef Schlaffers an Walter Ulbricht vom 28.1.1949, in: Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (im Folgenden: BStU), Archiv der Außenstelle Potsdam, KD PDM 2025, S. 56.

19 Zitiert nach der Biographie Schlaffers (Anm. 10), S. 23.

20 So die Formulierung in einem Schreiben »Betreff: Einwendungen – Kritik und Richtigstellungen zum Parteiverfahren der LKK Brandenburg vom 3. 5. 49 gegen mich in Potsdam« an das Polit-Büro bzw. das Sekretariat der SED vom 6. 6. 1949, S. 6. Eine Kopie dieses Schreibens hat mir Hermann Weber 2000 zur Verfügung gestellt.

21 Schlaffer, Josef: Wir greifen an!, in: Die Fanfare. Organ der antifaschistischen Massenbewegung Deutschlands 3 (Juli 1932), H. 12.

22 Schlaffer, Josef: Aufgaben des roten Massenselbstschutzes im Kampf gegen den Faschismus, in: Die Fanfare. Organ der antifaschistischen Massenbewegung Deutschlands 3 (August 1932), H. 13 / 1.

23 Doehler, Edgar: Beitrag: Kampfbund gegen den Faschismus (Kampfbund), unveröffentlichtes Manuskript, S. 2. Der Text war ursprünglich vorgesehen für ein Lexikon der Organisationen der Arbeiterklasse, welches Kurt Finker um 1985 herausgeben wollte. Ich danke Professor Finker für die Überlassung des Manuskripts.

24 Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, Wiesbaden, DRA-Nr. 2 803 724 und 2 925 479. Ich danke Herrn Georg Vorwerk, der mir eine Kopie dieser Aufnahmen zur Verfügung gestellt hat.

25 Siehe die Werbeanzeigen in: Die Fanfare. Organ der antifaschistischen Massenbewegung Deutschlands 3 (Juni 1932), H. 9 ff.

26 Siehe Funkspruch vom 28. Februar 1933, die Mitglieder des ZK der KPD festzunehmen. Faksimile in: Kühnrich, Heinz: Die KPD im Kampf gegen die faschistische Diktatur 1933 bis 1945, Berlin (Ost) 1983, S. 32 f.

27 Siehe Schreiben Schlaffers (Anm. 18), S. 62.

28 Protokoll einer Vernehmung von Schlaffer vom 23.10.1925, in: Bundesarchiv Berlin, R 3003, 14 a J 22 / 25, Bd. 10, Bl. 212.

29 Abschrift eines Kassibers, in: Bundesarchiv Berlin, R 3003, 14 a J 22 / 25, Bd. 10, Bl. 217.

30 Ebenda.

31 Protokoll einer Vernehmung von Schlaffer (Anm. 28), Bl. 212.

32 Siehe Schreiben Schlaffers (Anm. 18), S. 58.

33 Siehe Biographie Schlaffers (Anm. 10), Seitenzahl nicht lesbar.

34 Siehe Schreiben Schlaffers (Anm. 18), S. 58.

35 Siehe ebenda, S. 59.

36 Zitiert nach Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, Bd. 2 (Anm. 1), S. 273. Die Angaben zur Haftzeit beruhen auf dem Schreiben »Zusammenstellende Angaben über meine Haftzeit«, das Schlaffer am 25. August 1949 für die Versicherungsanstalt Berlin anfertigte, in: Entschädigungsamt Berlin, Akte 
Nr. 220 319.

37 Zitiert nach einem Verhandlungsprotokoll des Entschädigungsamtes vom 12. September 1955, in: Entschädigungsamt Berlin, Akte Nr. 220 319.

38 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, Bd. 2 (Anm. 1), S. 273. Siehe Schneider, Dieter Marc: Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler, in: Broszat, Martin / Weber, Hermann (Hrsg.): SBZ-Handbuch, München 1990, S. 239–243.

39 Siehe Wille, Manfred (Hrsg.): Die Vertriebenen in der SBZ / DDR. Dokumente. Bd. I: Ankunft und Aufnahme 1945, Wiesbaden 1996, S. 231.

40 Ebenda, S. 328.

41 Siehe Schreiben der Volkseigenen Betriebe Brandenburg an Schlaffer vom 15. 11. 1947, Entschädigungsamt Berlin, Akte Nr. 220 319.

42 Bericht der Hauptabteilung K, Referat K 5 vom 21.3.1949, in: BStU, MfS AS 566 / 67, S. 50.

43 Ebenda.

44 Zitiert nach BStU, Archiv der Außenstelle Potsdam, KD PDM 2025, S. 7. Zu Bruno Beater siehe Müller-Enbergs, Helmut / Wielgohs, Jan / Hoffmann, Dieter (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon, Berlin 2000, S. 29.

45 Siehe BStU, Archiv der Außenstelle Potsdam, KD PDM 2025, S. 143.

46 Siehe Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, Bd. 2 (Anm. 1), S. 274.

47 »Aus den Parteiunterlagen der B[ezirks]L[eitung] der Partei / BPKK«, in: BStU, Archiv der Zentralstelle, Nr. 22 / 67, S. 247–248 (handschriftlich). Bereits 1935 wurde Schlaffer bescheinigt, er »steigerte seine fraktionistische Einstellung bis hin zur offenen Parteifeindlichkeit«, so im Bericht von »Adam« vom 12. 2. 1935, in: RGASPI, Bestand 495, Verzeichnis 205, Akte 8196, Bl. 20.

48 »Betr.: Genosse Josef Schlaffer« (Berlin, den 19. 2. 1958), in: BStU, Archiv der Zentralstelle, Nr. 22 / 67, S. 250.

49 Weber, Hermann und Gerda: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 288.

50 Ebenda, S. 289.

51 Das Grab, in dem auch seine bereits 1956 verstorbene Lebensgefährtin Erna Lehmann und deren Mutter Emmy Noez beerdigt waren, befand sich in der Abt. 27, Reihe 16, Nr. 1+2. Das Nutzungsrecht für diese Grabstätte ist im Mai 1988 abgelaufen. Inzwischen wurde das Grab eingeebnet und die Stelle neu belegt.

Inhalt – JHK 2008

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