...

 

Zwischen Sozialdemokratie und Bolschewismus - Der schwedische Politiker Zeth Höglund

JHK 2008 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 296-309 | Aufbau Verlag

Autor/in: Lars Björlin

Einführung

Als Zeth Höglund im Herbst 1950 im Alter von 66 Jahren die öffentliche Bühne verließ, war er in der schwedischen und internationalen Arbeiterbewegung fast 50 Jahre lang politisch aktiv gewesen. In der schwedischen Arbeiterbewegung hatte er in diesen Jahren eine Reihe von Führungsposten innegehabt: in der sozialdemokratischen Jugendbewegung, in den sozialdemokratischen, linkssozialistischen und kommunistischen Parteien und ihren lokalen Organisationen sowie in mehreren Zeitungen. Er war außerdem mehrmals Mitglied des schwedischen Reichstags gewesen. Als Finanzstadtrat von Stockholm schloss er seine politische Laufbahn ab.

Zeth Höglund gehört zu jener Gruppe schwedischer Politiker, die nicht nur aufgrund ihrer Rolle in der nationalen Arbeiterbewegung, sondern auch infolge eines starken internationalen Engagements große Aufmerksamkeit erfahren hat. Höglund hatte sich innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung früh links positioniert. Von 1910 an war er Führungsmitglied der Sozialistischen Jugendinternationale. Er nahm am oppositionellen Treffen der sozialistischen Gruppen im September 1915 in Zimmerwald teil und wirkte 1919 daran mit, die schwedische linkssozialistische Bewegung in die Kommunistische Internationale (KI) zu führen. Als Vorsitzender der Schwedischen Kommunistischen Partei: Sektion der Dritten Internationale war er zu Beginn der 1920er-Jahre kurze Zeit Mitglied des Exekutivkomitees der KI mit Sitz in Moskau. Nachdem er 1924 als »Renegat« aus der KI ausgeschlossen worden war, kehrte er wenig später zur Sozialdemokratie zurück.

Zeth Höglunds politische Laufbahn mag auf den ersten Blick inkonsequent erscheinen, vielleicht sogar haltlos. Seine Position ist aber nicht einzigartig: Mehrere international beachtete skandinavische Linkspolitiker bewegten sich in jener Zeit im politischen Raum zwischen der reformistischen Sozialdemokratie und dem Bolschewismus, etwa Ernst Christiansen in Dänemark und Martin Tranmæl in Norwegen, die später in ihren Heimatländern führende Politiker wurden. Man findet solche politischen Biographien auch in den großen Arbeiterparteien in Europa, zum Beispiel beim jungen Anton Pannekoek,1 dem jungen Willi Münzenberg2, dem jungen Karl Liebknecht3, bei Paul Levi4 und führenden Gestalten in der deutschen USPD.

Die bisherige Forschung zu Zeth Höglund berücksichtigt meist zu wenig den zeitgenössischen Kontext, sie bietet vorwiegend Ex-post-Erklärungen.5 Seine Rolle in den linkssozialistischen und kommunistischen Bewegungen in Schweden ist Gegenstand einer eingehenden Untersuchung gewesen, die aber, abgesehen von der Forschung Alexander Kans, hauptsächlich von schwedischem Quellenmaterial ausgeht.6 Die Akten zu den schwedischen politischen Bewegungen links der Sozialdemokratie in den russischen, deutschen und nordischen Archiven sind noch nicht in vollem Umfang herangezogen worden. In diesem Aufsatz möchte ich die Motive hinter Zeth Höglunds politischer Wegwahl bis Mitte der 1920er-Jahre beleuchten, mit besonderem Schwerpunkt auf der Zeit bis 1917. Wie kann man Höglunds politische Positionen charakterisieren? War er ein revolutionärer Politiker, der rastlos neue Machtpositionen suchte, als sich seine politischen Ziele innerhalb der Sozialdemokratie als unerreichbar erwiesen? Was führte ihn über die linkssozialistische Bewegung in die kommunistische Weltbewegung? Und welche Motive trieben ihn zum Jahreswechsel 1925 / 26 zurück in die Sozialdemokratische Partei Schwedens?

Demokratie, Parlamentarismus und Antimilitarismus

Als Zeth Höglund in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in die Politik eintrat sowie seine journalistische Laufbahn innerhalb der schwedischen Arbeiterbewegung begann, hatte die sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Schweden ihre Aufbau- und Agitationsphase gerade überwunden. Die SAP (Sveriges Socialdemokratiska Arbetareparti / Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens) hatte sich mit der kapitalistischen Gesellschaft arrangiert, das parlamentarische System war akzeptiert, die Partei war auf dem Weg in eine Phase der größeren gesellschaftlichen Verantwortung. Ihre Mitgliederzahl stieg: Beim Parteitag 1905 waren es fast 70 000, zehn Jahre später bereits 114 450 Mitglieder. Bei der Wahl zur Zweiten Kammer des schwedischen Reichstags im September 1905 ließen die Stimmenzahlen die sozialdemokratische Gruppe im Reichstag auf 13 Personen anwachsen. Die Stärke der Sozialdemokratie lässt sich auch an der steigenden Zahl der Mitglieder der Gewerkschaftsbewegung ablesen.7 Mit der zunehmenden Unterstützung verloren die Aktionsformen aus der Phase der außerparlamentarischen Agitation bald an Bedeutung. Die Themen Demokratie, Parlamentarismus und Wohlfahrt rückten in den Vordergrund. Die Reformpolitik im Schwedischen Reichstag ergänzte den Streik als politisches Instrument, um ihn später in immer größerem Ausmaß zu ersetzen.8 Organisation und Arbeitsformen der Partei wurden auf das parlamentarische System abgestimmt.9 Damit waren die linken Organisationen innerhalb der Sozialdemokratie gezwungen, sich anzupassen oder die Partei zu verlassen. Die früheste Jugendorganisation innerhalb der SAP, die sogenannten Jungsozialisten, wurde wegen ihrer politischen Propaganda in zwei Etappen – 1906 und 1908 – aus der Partei gedrängt. Aber bereits bevor diese anarchistisch inspirierte Gruppe die SAP verließ, hatte der Sozialdemokratische Jugendverband Schwedens (Sveriges Socialdemokratiska Ungdomsförbund / SDUF), gegründet 1903, eine deutlichere Linkspolitik signalisiert, als sie die sozialdemokratische Parteiführung im Parlament in enger Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Linken vertrat.10

Zeth Höglund begann seine politische Karriere im SDUF. Er machte sich bald einen Namen als streitbare und charismatische Führergestalt, auch über die Landesgrenzen hinaus. In der politischen Agitation propagierte er früh eine republikanische Staatsform und ein parlamentarisches Einkammersystem, basierend auf allgemeinem Wahlrecht für Männer und Frauen. Diese Standpunkte waren auch im sozialdemokratischen Parteiprogramm verankert,11 es fällt jedoch auf, dass Höglund ihnen schon früh eine höhere Dringlichkeit als seinerzeit üblich gab. Die großen Themen des Parteiprogramms sollten auf längere Sicht im Rahmen der parlamentarischen Zusammenarbeit zwischen SAP und bürgerlicher Linken umgesetzt werden. Höglund betonte dagegen ihre tagespolitische Relevanz und drängte darauf, sie schon in der nahen Zukunft zu verwirklichen. Mit diesem politischen Profil wurden er und die Gruppe junger Sozialdemokraten, die er um sich versammelte, zu einer Bedrohung für die Zusammenarbeit zwischen der SAP und der bürgerlichen Linken.

Die zunehmenden außenpolitischen Spannungen und die wachsenden nationalistischen Strömungen waren der Ausgangspunkt jenes Antimilitarismus, der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auch die schwedische sozialdemokratische Jugendbewegung prägte. Unbestritten spielte Karl Liebknechts Buch Militarismus und Antimilitarismus, 1908 ins Schwedische übersetzt, für den Jugendverband eine wichtige Rolle. In der Zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte indessen die antimilitaristische Agitation innerhalb der Arbeiterbewegung für die SAP auf innenpolitischer eine größere Bedeutung als auf außenpolitischer Ebene. Bei seinem Kongress im Sommer 1905 brachte der Jugendverband einen antimilitaristischen Aufruf in Umlauf – »Nieder mit den Waffen« –, für den Zeth Höglund die Verantwortung übernahm. Es war ein Beitrag im Kampf gegen den drohenden Krieg zwischen Schweden und Norwegen, seit man von norwegischer Seite eine Auflösung der seit 1814 bestehenden Union zwischen beiden Ländern gefordert hatte. Die schwedische Arbeiterbewegung unterstützte die Auflösung der Union in friedlicher Form, als Verantwortlicher für den Aufruf wurde Höglund jedoch zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, die er im Herbst 1906 absaß.12

Der Kampf gegen den Militarismus und die Armee war an und für sich kein neuer Programmpunkt in der sozialdemokratischen Agitation. Die Konsequenzen des Vorstoßes des Jugendverbandes im Sommer 1905 hingen vielmehr damit zusammen, dass Schweden in diesem Herbst seine erste liberale Regierung erhielt. Da diese im Rahmen des parlamentarischen Systems von der SAP Unterstützung erwartete, wurde der laute Antimilitarismus des sozialdemokratischen Linksflügels zu einer Bedrohung nicht nur für den Zusammenhalt der SAP, sondern auch für die regierende bürgerliche linke Partei, die Liberale Sammlungspartei (Liberala Samlingspartiet). Deren Rechtsflügel kämpfte für die Verteidigung des Landes. Wenn der Linksflügel der Sozialdemokratie seinen Antimilitarismus nicht zurückschraubte, konnte er die Voraussetzungen der liberalen Regierung untergraben und damit wichtige Reformen verzögern, nicht zuletzt die Umsetzung von Demokratie und allgemeinem Wahlrecht. Vor diesem Hintergrund wurden, wie bereits erwähnt, die Jungsozialisten aus der SAP getrieben, und vor ebendiesem Hintergrund war der Standpunkt, den Zeth Höglund vertrat, ein unerwünschter, fast bedrohlicher Aspekt in der innenpolitischen Debatte Schwedens.13

Zeth Höglund kam dennoch schnell voran, im Herbst 1909 wurde er Vorsitzender des sozialdemokratischen Jugendverbands. Gleichzeitig behielt er seinen Posten als Chefredakteur der Zeitung Stormklockan (»Sturmglocke«), die er selbst seit dem vorausgehenden Jahr herausgab – trotz der Missbilligung mehrerer Mitglieder der Verbandsleitung. Die Gegensätze innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung verstärkten sich zu dieser Zeit, in vielen Arbeiterparteien wandten sich radikale gegen die dominierenden reformistischen Gruppierungen. Stormklockan wurde in Schweden das Organ der Opposition auf der innenpolitischen Bühne. Höglund vertrat eine Politik, die auf einer Linie mit dem Parteiprogramm lag, einschließlich der seit dem Parteitag von 1908 geltenden Haltung zur Militärfrage, die auf die Abrüstung der schwedischen Armee zielte. Das parlamentarische System hielt er für ein wichtiges politisches Instrument in der Situation, in der sich die schwedische Arbeiterklasse befand. Die parlamentarischen Arbeitsformen schlossen aber in seinem Konzept außerparlamentarische Aktionen nicht aus, um radikale Lösungen in der Politik zu befördern.

Mit dem Jugendverband als organisatorischer Basis schuf Höglund nach und nach ein Netzwerk, von dem ausgehend die wachsende Linksopposition innerhalb der schwedischen Arbeiterbewegung arbeiten konnte. Gleichzeitig bahnte er sich seinen Weg zu leitenden Funktionen in der SAP. Hier war er während einer Kongressperiode (1908–1911) Teil der Parteiführung, und in einem kurzen Zeitraum nahm er eine leitende Position beim Hauptorgan der Partei Socialdemokraten (»Der Sozialdemokrat«) ein. 1913 weitete er sein politisches Engagement auf die parlamentarische Bühne aus, er wurde in die beschluss-fassende Versammlung der Stadt Stockholm gewählt. 1915 erhielt er einen Sitz in der Zweiten Kammer des Reichstags.

Der Jugendkongress im Herbst 1909, bei dem Höglund zum Vorsitzenden gewählt wurde, erwies sich als Wendepunkt in der politischen Entwicklung des Jugendverbands. Statt interner Organisationsfragen stellte der Verband einige für die sozialdemokratische Bewegung wichtige innenpolitische Fragen in den Vordergrund. Es wurde betont, dass man die sozialdemokratische Politik stärker am Programm der SAP orientieren wollte, als man es bei der Parteileitung und der Fraktion im Parlament beobachtete. Die Verfassungsfrage mit der Forderung nach einer Republik und einem Einkammersystem wurde diskutiert, ebenso sozialpolitische Themen, unter anderem die Arbeitslosigkeit, Importzölle, die Alkoholpolitik sowie die Rolle der Religion in Schule und Ausbildung. Man debattierte darüber, wie die Möglichkeiten der Arbeiterklasse verbessert werden könnten, auf die Politik Einfluss zu nehmen und bessere Lebensbedingungen zu erhalten.

Für die SAP waren die wichtigsten Themen indessen die Verteidigung des Landes und die Frage, ob und unter welchen Bedingungen sie Teil einer Regierung gemeinsam mit einer bürgerlichen Partei sein könnte. Die entsprechenden Forderungen der Sozialdemokratie wurden in das sozialdemokratische Parteiprogramm aufgenommen. Während die Parteiführung bei vielen dieser Fragen allerdings nicht nach unmittelbaren Lösungen suchte, brachten Zeth Höglund und die Linksopposition sie in die Tagespolitik ein.

Eine mögliche Regierungsbeteiligung der SAP war seit dem Parteitag 1908 aktuell gewesen. Aber erst beim Parteitag im Herbst 1914 war die Führung der SAP bereit, vor der kommenden Regierungsbildung mit der bürgerlichen Linken Verhandlungen über Sachfragen zu führen. Die Gespräche erbrachten allerdings keine konkreten Resultate. Eine Zusammenarbeit wurde unter Verweis auf den Weltkrieg auf die Zukunft verschoben.14 Erst im Herbst 1917 traten die Sozialdemokraten in eine sozial-liberale Koalitionsregierung ein.

Die parlamentarische Staatsform war zu diesem Zeitpunkt in der schwedischen Arbeiterbewegung gut etabliert. Auch die Opposition innerhalb der Partei sah den Parlamentarismus als ein wichtiges Instrument, um Reformen zu erreichen, die die Arbeiterklasse stärkten. Zeth Höglund argumentierte kraftvoll für die parlamentarische Staatsform, er wurde selbst 1915 Mitglied des Reichstags, wenn auch nicht in erster Linie, um Reformpolitik zu betreiben, sondern um »von innen« die Linie der Partei nach links zu verschieben.15 Eine Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratie schien ihm indessen nicht erstrebenswert. Die SAP war nach der Wahl zur zweiten Kammer des Reichstags im Herbst 1914 noch immer eine Partei in der Minderheit, der Anzahl der Mandate in beiden Kammern nach. Sozialdemokratische Mitwirkung in der Regierung, so argumentierte Höglund, setzte Kompromisse mit dem bürgerlichen Regierungspartner voraus. Unter dieser Prämisse könnte die SAP nicht ihre eigene Politik verfolgen, die Resultate, nach denen man strebte, würden ausbleiben, und die Partei würde riskieren, ihre Wähler zu enttäuschen.

In diesen Diskussionen spielte die Verteidigungsfrage eine sehr bedeutende Rolle. Im Herbst 1913 hatte Zeth Höglund gemeinsam mit dem Sekretär der SAP Fredrik Ström und dem sprachkundigen Slawisten Hannes Sjöld eine Broschüre mit dem Titel Das befestigte Armenhaus, mit großer Wahrscheinlichkeit inspiriert von Karl Liebknechts Militarismus und Antimilitarismus, herausgegeben, eine Kampfschrift gegen den Militarismus. In den Diskussionen um eine sozialdemokratische Regierungsbeteiligung konstatierte der Parteivorsitzende Hjalmar Branting, wolle man »die Partei außer Spiel setzen und aus taktischer Sicht alles verlieren«, d. h. jede Möglichkeit zur politischen Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Linken vertun, dann könne man dem antimilitaristischen Standpunkt des Jugendverbandes folgen.16 Dessen Agitation gab der bürgerlichen Presse die Möglichkeit, der sozialdemokratischen Parteiführung eine Art Ultimatum zu stellen: So machte beispielsweise die bürgerliche Zeitung Dagens Nyheter, die der Liberalen Sammlungspartei nahestand, geltend, dass eine politische Zusammenarbeit zwischen der Sozialdemokratie und der bürgerlichen Linken eine klare Abgrenzung gegenüber der Linken innerhalb der SAP erfordere. Die Vorstöße der bürgerlichen Linkspresse können kaum anders gedeutet werden als eine Aufforderung an die sozialdemokratische Führung, mit ihrem Linksflügel ins Gericht zu gehen.

In Zeth Höglunds Konzept war der Militarismus indessen kein taktischer Spielstein in der inneren Tagespolitik. Er sah in ihm eine tragende Säule der kapitalistischen Gesellschaft. Damit in der Klassengesellschaft eine durchgreifende Veränderung zugunsten der Arbeiterklasse zustande kommen konnte, war es aus Höglunds Sicht notwendig, die Macht der Armee in der Gesellschaft einzuschränken. Befürchtungen, dass seine antimilitaristischen Vorstöße auch in der Jugendbewegung Probleme hervorrufen könnten,17 hinderten ihn nicht daran, seine politische Linie weiter zu verfolgen.

Auf der internationalen Bühne

Zeth Höglund führte bis 1914 eine kraftvolle Agitation gegen den Militarismus, so kraftvoll, dass sie zuweilen von seinen Gesinnungsgenossen als hemmend für die selbstständige Entwicklung des Jugendverbandes angesehen wurde. Im Spätherbst des Jahres wirkte Höglund daran mit, den Kampf gegen den Militarismus auf eine stabilere Grundlage zu stellen, indem er die Aktivitäten des schwedischen Jugendverbandes mit der antimilitaristischen Agitation der dänischen und norwegischen Jugendverbände zusammenführte, um dann Verbindung mit der Sozialistischen Jugendinternationale aufzunehmen. Der Kriegsausbruch schränkte jedoch die Möglichkeiten ein, innerhalb der Zweiten Internationale Kontakte zwischen den nationalen sozialdemokratischen Parteien aufzubauen. Die Internationale löste sich zwar nicht auf, verpuppte sich aber gewissermaßen.

Zeth Höglund gehörte zu jenen, die sich früh dafür aussprachen, die Internationale wieder aufzubauen. Er wollte eine rekonstruierte Internationale sehen, »weit umfassender und stärker als zuvor«.18 Der Aufbau einer neuen Internationale wurde in Debatten wiederholt gefordert, auch vonseiten russischer Politiker.19 Diese frühen Äußerungen zielten kaum auf jene Internationale, die im März 1919 unter der Führung der russischen Bolschewisten Form annahm. Fredrik Ström, 1915 noch Sekretär der SAP und Zeth Höglunds Freund und Gesinnungsgenosse, sprach etwa von der Notwendigkeit einer neuen Internationale, mit festerer Organisation als die alte, mit Statuten, Richtlinien und einem einheitlichen Programm, das unter anderem einen »Kampfplan, der darauf zielte, Krieg zu verhindern«, enthalten sollte sowie eine einheitliche und »kräftigere Führung«.20 Deren radikalen Charakter wollte Ström betonen, indem er seinen Vorschlag einer neuen Internationale mit dem Namen Karl Liebknecht verknüpfte, mit der deutschen Parteiopposition. Die neue Internationale sollte ein internationaler antimilitaristischer Zusammenschluss sein.

Bereits im Herbst 1914 wurde indessen aus einer anderen Richtung die Initiative ergriffen, um innerhalb der Jugendinternationale wieder eine funktionierende internationale Zusammenarbeit zustande zu bringen: In Bern fanden im Frühjahr 1915 die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz und die Internationale Sozialistische Jugendkonferenz statt, beide mit dem Ziel, Voraussetzungen für Frieden zu schaffen. Ihre Organisation wird Willi Münzenberg, mit Unterstützung der schweizerischen sozialdemokratischen Jugendbewegung, zugeschrieben. Zum gleichen Zeitpunkt, im Spätherbst 1914, wurde die internationale Zusammenarbeit auch in Skandinavien diskutiert, in der Führung des dänischen Jugendverbandes in Kopenhagen. Dessen Vorsitzender Ernst Christiansen nahm gemeinsam mit dem schwedischen und dem norwegischen Verband Kontakt mit Robert Danneberg, dem Sekretär der Sozialistischen Jugendinternationale in Wien, auf, um eine internationale Jugendkonferenz anzuregen.21 Danneberg wies den Vorschlag ab, informierte aber gleichzeitig über die Arbeit Willi Münzenbergs in Wien. Christiansens Initiative wurde beim Kongress der skandinavischen Jugendverbände in Stockholm in den letzten Dezembertagen 1914 verankert. Der skandinavische Vorschlag wurde zeitgleich mit der Einladung der sozialistischen Jugendbewegung in der Schweiz zu einer Konferenz in Bern versandt, die vorläufig für Mai 1915 geplant war.22 Die beiden Initiativen, neues Leben in die internationale sozialistische Zusammenarbeit zu bringen, wurden bald gebündelt und mündeten in die internationale Jugendkonferenz in Bern im März 1915.23 Zeth Höglund, der zusammen mit Hannes Sköld angemeldet war, konnte aufgrund eines kurzfristig aufgekommenen Streits innerhalb der SAP-Fraktion im Reichstag allerdings nicht teilnehmen.

Die Bolschewiki unter Lenin, noch im Schweizer Exil, waren über die Konferenzpläne gut informiert, Münzenberg und Lenin standen in engem Kontakt.24 Offenbar versuchte Lenin, die Pläne in eine radikale Richtung zu treiben. Er suchte den Kontakt zu radikaleren Gruppierungen innerhalb der nationalen Parteien. Neben Münzenberg nahm er Kontakt zu Serrati in Italien auf, gleichzeitig bat er Alexander Schljapnikow, zu diesem Zeitpunkt in Schweden aktiv, mit Zeth Höglund in Verbindung zu treten. Lenin wollte wissen, ob es ideo-logische Berührungspunkte zwischen den Bolschewiki und der schwedischen Opposition gab. Schljapnikow sollte Höglund den Gedanken vortragen, den herrschenden Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln.25 Es ist anzunehmen, dass Schljapnikow Höglund aufsuchte, um dieses bemerkenswerte Ersuchen zu diskutieren. Es deutet allerdings nichts darauf hin, dass Lenin bei Höglund Berührungspunkte hätte finden können, denn diesem ging es um einen innenpolitischen und internationalen Kampf gegen Militarismus und Krieg.

Lenin und der Kreis um ihn hatten im Vorfeld der Konferenz der Jugendinternationale mit ihrem Vorschlag keinen Erfolg gehabt, unmittelbar den Grundstein für eine Dritte Internationale zu legen.26 Im Juli 1915 nahm Lenin deshalb Kontakt mit Alexandra Kollontai in Kristiania (heute Oslo) auf. Durch Schljapnikow wusste er, dass man von ihr Sympathien erwarten durfte. Eine zweite und entscheidende Konferenz stehe bevor, und die Standpunkte, die er vertrete, fänden Gehör, schrieb Lenin in einem Brief an Kollontai. Sie wurde gebeten, Kontakt mit den linken Gruppen in Schweden und Norwegen aufzunehmen und zu versuchen, diese für das »Handlungsprogramm« zu gewinnen, das Lenin ihr zugeschickt hatte: Es forderte die bedingungslose Verurteilung der »Sozialchauvinisten und Opportunisten« und ein revolutionäres Aktionsprogramm – ob man es nun Bürgerkrieg oder revolutionäre Massenaktion nenne, spiele keine Rolle, schrieb Lenin. Im dritten Punkt wurde gefordert, die Vaterlandsverteidigung abzulehnen.27 Am 28. Juli behandelte die Führung des schwedischen Jugendverbandes eine »vertrauliche Anfrage«, an einer Konferenz in Bern teilzunehmen. Die Einladung kam von der »Leningruppe« in Petrograd. Der Gedanke hinter der geplanten internationalen sozialistischen Konferenz war, die »soz.dem. Linksrichtungen in verschiedenen Ländern und […] der internationalen Jugendbewegung« zu versammeln, um eine »gemeinsame Plattform für den Kampf gegen den Krieg, den Chauvinismus und den Militarismus zu vereinbaren sowie die Richtlinien für die neue Internationale zu diskutieren«. Zeth Höglund fuhr nach Kristiania, um mit der Führung des norwegischen Jugendverbandes und »anderen anwesenden Repräsentanten« über eine gemeinsame Repräsentation in Bern zu beraten.28 Die vorsichtige Formulierung zielt auf Alexandra Kollontai, die Höglund Anfang August traf. Offenbar konnte Kollontai Höglund überzeugen, sich hinter Lenins Programmpunkte zu stellen.29 In der Sache muss es für Zeth Höglund möglich gewesen sein, die Punkte 1 und 3 des »Handlungsprogramms« zu akzeptieren. Es bleibt jedoch die Frage, auf welcher Basis sich die Repräsentanten 
Skandinaviens hinter Lenin und den Bolschewiki, hinter dem Programm der sogenannten Zimmerwalder Linken sammelten. Eine Antwort kann hier nur angedeutet werden.

Die Zimmerwaldbewegung soll hier nicht näher behandelt werden, ihre Geschichte ist bekannt. Es soll jedoch kurz auf die Diskussion eingegangen werden, die über die Teilnahme der skandinavischen Jugendverbände in Zimmerwald und die weitere Funktion der Zimmerwaldbewegung für den SDUF und die Linksopposition innerhalb der SAP geführt wurde.

Zeth Höglund verließ Schweden gemeinsam mit dem schwedischen Redakteur Ture Nerman, der den norwegischen Jugendverband vertrat, bereits, bevor die Führung des SDUF beschlossen hatte, sich bei der Konferenz in Bern repräsentieren zu lassen. Die beiden Skandinavier schlossen sich dem Kreis um Lenin und die Bolschewiki an. Aber welche Rolle spielten sie bei den Gesprächen in Zimmerwald? Ture Nerman behauptete 1924, zu einem Zeitpunkt, als Höglund bereits wieder aus der kommunistischen Weltbewegung herausmanövriert wurde, die beiden hätten sich nur die Gespräche angehört, still und zurückhaltend. Eine eigene Auffassung darüber, wie die internationale Arbeit gegen den Krieg organisiert werden sollte, scheinen sie nicht präsentiert zu haben.30 Auch sollte keiner von ihnen als Lenins Mitstreiter in der konkreten Politik in Erscheinung treten.

Als Höglund nach Schweden zurückkehrte, war er über Überlegungen zu Revolution und Bürgerkrieg gut informiert,31 er präsentierte jedoch das Programm der Zimmerwalder Linken nie in der Zeitung des Jugendverbandes. Nur das Manifest, das die Mehrheit erarbeitet hatte, war am 25. September in der Stormklokkan zu lesen, einmütig angenommen, wie Höglund in einem Kommentar schreibt. In seiner Agitation im Herbst 1915 streifte er bei einigen Gelegenheiten Standpunkte der Zimmerwaldbewegung, jedoch in abgeschwächter Form, an die Debatte innerhalb der SAP angepasst.32 Beim zweiten Kongress der Zimmerwaldbewegung im Februar 1916 wurden die skandinavischen Jugendverbände vom norwegischen Bevollmächtigten Eugen Olausen vertreten. Aber auch die Resolutio-nen von Kienthal fanden keinen großen Widerhall bei der schwedischen Arbeiterbewegung. Es ist fraglich, ob die Resolutionen der Zimmerwaldbewegung zu jenem Zeitpunkt innerhalb der schwedischen Linksopposition überhaupt eine Rolle spielten.

Im Frühjahr 1916 drohte die Einheit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Schweden zu zerbrechen. Als Abgeordneter hatte Zeth Höglund im Frühjahr 1915 im Reichstag die Monarchie scharf angegriffen, indem er forderte, die Apanage des Königshauses einzuschränken. Er sah in der Monarchie eine undemokratische Institution, die zugunsten einer republikanischen Staatsform abgeschafft werden sollte. Dass Höglund gegen die in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion üblichen Formen der Debattenführung verstieß, vertiefte die Gegensätze innerhalb der Sozialdemokratie. Als unmittelbare Folge seines Vorstoßes wurden innerhalb der Fraktion die Möglichkeiten eingeschränkt, frei individuelle Standpunkte in der Kammer vortragen zu können. Das Bekanntwerden des Programms der Konferenz in Zimmerwald nach dem 25. September trieb die Gegensätze auf die Spitze.

Der Jugendverband lud auf nationaler und internationaler Ebene zu einer größeren Arbeiterkonferenz am 18. und 19. März 1916 ein, um in Bezug auf Militarismus und schwedischen Kriegsaktivismus Stellung zu beziehen. Ziel war, soweit man es anhand des zugänglichen Quellenmaterials beurteilen kann, zusammen mit der SAP, der Führung der schwedischen Gewerkschaftsbewegung Landsorganisationen (LO) und weiteren Organisationen der Bedrohung entgegenzutreten, dass Schweden in den Krieg gezogen werden könnte. Aus innenpolitischen und internen parteipolitischen Gründen lehnte die Parteiführung jegliche Zusammenarbeit ab. Es stellt sich die Frage, ob dieser Kongress, der später Friedenskongress genannt wurde, nicht zu den internationalen Versuchen gezählt werden kann, die Arbeiterklasse gegen Militarismus und Krieg zu mobilisieren, in einer Linie mit den in Bern, Zimmerwald und Kienthal gefassten Beschlüssen. Die Annahme einer Kontinuität zwischen den drei internationalen Konferenzen und dem Friedenskongress wird dadurch untermauert, dass sowohl die Führung der UI als auch das Exekutivorgan der Zimmerwaldbewegung, die Internationale Sozialistische Kommission, eingeladen waren und sich beim Kongress vertreten ließen, ebenso Abgesandte aus Dänemark und Norwegen.33

Es gab, soweit man das heute beurteilen kann, auch außerhalb des SDUF eine merkbare Stimmung gegen Militarismus und Krieg. Doch als die beiden Hauptorganisationen – SAP und LO – es ablehnten, am Kongress teilzunehmen, handelten die Organisatoren unprofessionell. In einem »geheimen« Rundbrief wurden die Organisationen der Arbeiterbewegung dazu eingeladen, sich beim Kongress repräsentieren zu lassen. Der Rundbrief wurde bekannt, und der Kongress vertiefte so die Gegensätze innerhalb der Arbeiterbewegung.

Hier ist nicht genug Platz, um die Debatte während der zwei Kongresstage näher zu untersuchen. Man kann indessen konstatieren, dass unter den 240 Repräsentanten die Ansichten breit gefächert waren. Indem man darauf verwies, wie Parlamentsfraktionen radikaler Gruppierungen und Parteien in Europa in Fragen der jeweiligen Landesverteidigung und des Militarismus agierten, gab man der schwedischen sozialdemokratischen Reichstagsfraktion eine klare Anweisung, wie sie mit diesen Fragen auch in Schweden umgehen sollte – es wurde internationalem Klassenkampf und Völkerverbrüderung das Wort geredet. Höglund, selbst Mitglied des Reichstags, verteidigte seinen im Herbst 1915 eingenommenen Standpunkt, dass außerparlamentarische Mittel ausprobiert, etwa Streik als politische Waffe diskutiert werden müssten. »Frieden um jeden Preis!« lautete die Botschaft des Kongresses. Die außerparlamentarische Massenaktion wurde als ein Mittel, Kriegsplänen zu begegnen, gebilligt. Der Kongress einigte sich zudem darauf, dass die Aktionen gegen den Militarismus auch deutlich zugespitzteren Charakter annehmen könnten als bisher.

Es muss betont werden, dass es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass man mit diesem Friedenskongress darauf zielte, die SAP zu spalten. Höglunds Absicht war es vielmehr, die Partei von innen zu erobern. Dass die Linksopposition in der Reichstagsfraktion zu Diskussionen einlud, eine selbstständige Gruppe innerhalb der Partei zu bilden,34 und dass seit Mai 1916 die von der Opposition geführte Zeitung Politiken (»Die Politik«) herauskam, während sich gleichzeitig die Opposition vor dem nahenden Parteitag konstituierte,35 zeigt indess, dass diese Taktik stärker organisierter Formen bedurfte.

Zeth Höglunds Politik bis zur Spaltung der SAP im Februar 1917 war in der schwedischen Innenpolitik verankert. Von einer revolutionären Politik im Lenin’schen Sinne kann nicht gesprochen werden, Höglunds Ansichten lagen vielmehr links im sozialdemokratischen Feld. Er wollte die SAP von innen erobern, ihre Organisation und politische Struktur beibehalten, strebte also eine Organisation mit starker zentraler Führung an. Die nach der Spaltung der SAP gegründete lose strukturierte SSV (Sveriges Socialdemokratiska Vänsterparti / Schwedens Sozialdemokratische Linkspartei) scheint für ihn nie eine tragfähige politische Alternative gewesen zu sein. Er orientierte sich nach der Parteispaltung recht schnell in die bolschewistische Richtung.36

In Höglunds politischer Orientierung von 1919 an gibt es indessen einige interessante Punkte, die möglicherweise der Sicht auf ihn als einen »Heimatbolschewiken« einige Nuancen hinzufügen könnten. Sie sollen hier kurz angedeutet werden. Auf diesem Gebiet ist die Forschung noch nicht abgeschlossen.

Zeth Höglund war ein überzeugter Anhänger der Zimmerwaldbewegung – auch, nachdem diese formell bei der Konstituierung der Kommunistischen Internationale im März 1919 aufgelöst worden war. Einige undeutliche Formulierungen in einem Brief von Angelica Balabanova, der Sekretärin der sozialistischen Kommission, die formal die Zimmerwaldbewegung in die Komintern einführte, an Zeth Höglund lassen ahnen, dass Balabanova beim Konstituierenden Kongress der KI andere Motive vorschwebten.37 Gab es da den Gedanken, eine stärker am Westen orientierte Einstellung zu formen und die führende Rolle der Bolschewiken in der neuen Internationale einzuschränken? Bei der skandinavischen Arbeiterkonferenz im Dezember 1919 plädierte Höglund für einen breiten skandinavischen Anschluss an die KI. Er wollte, wie er es ausdrückte, »alle revolutionären Kräfte […] um die nächste Forderung einer proletarischen Diktatur versammelt« sehen, »und damit eine Zusammenarbeit zwischen unseren unterschiedlichen Richtungen auf den Weg bringen«.38 In den Erklärungsentwürfen bezüglich »der skandinavischen Arbeiterorganisationen und der Weltrevolution«, die Höglund vorzog, wurde ein Anschluss an die Dritte Internationale vorgeschlagen mit einem kleinen, aber bedeutenden Vorbehalt: »als Wegweiser für die kommende Tätigkeit der revolutionären skandinavischen Arbeiterklasse«.39 Es ging also nicht um eine Unterwerfung unter die KI. Als die 21 Bedingungen für eine Mitgliedschaft in der KI im Spätsommer 1921 in Schweden bekannt wurden, erklärte Höglund, dass er nicht bereit sei, sie zu akzeptieren. Es war in seinen Augen völlig inakzeptabel, die Macht über die eigene Organisation, die Macht, die eigene Politik zu formen, abzutreten – eine Auffassung, die die Führung der DNA (Det Norske Arbejderparti / Norwegische Arbeiterpartei) teilte, eine der wenigen großen Parteien in der KI. Es stand früh fest, dass die schwedische SSV (seit 1921 umbenannt in Schwedische Kommunistische Partei: Sektion der Kommunistischen Internationale) und die norwegische DNA jeden Gedanken an eine Unterordnung unter das Exekutivkomitee der Komintern nach den 21 Bedingungen für eine Mitgliedschaft ablehnten.40 Das führte wiederum dazu, dass Höglund selbst und sein norwegischer Kollege Martin Tranmæl früh Gegenstand einer eingehenden Untersuchung durch die KI wurden.41

Angesichts dessen stellt sich natürlich die Frage, warum Zeth Höglund, der die grundlegenden Bedingungen für eine Mitgliedschaft in der Komintern nie akzeptierte, trotzdem entschied, die schwedische kommunistische Politik innerhalb der KI zu führen. Die materiellen Zuschüsse für die schwedische Partei waren bedeutend,42 und Höglund hatte eine Zeit lang eine herausgehobene Position im skandinavischen Sekretariat der KI. Seine starke politische Stellung in Skandinavien bedingte vermutlich auch, dass man vonseiten der KI versuchte, ihn in der kommunistischen Weltbewegung zu halten.

Zeth Höglund positionierte sich indessen rechts innerhalb der kommunistischen Weltbewegung. Seine Zeit in der KI war kurz. Seinem Versuch, einen Kommunismus auf Schwedisch zu formen, wurde in Moskau entgegengearbeitet, er endete in einem langen Konflikt mit der KI-Führung. Im August 1924 wurde Höglund aus der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen.43

Nur drei Wochen nach dem Bruch mit der KI gründete er gemeinsam mit weiteren aus der KI Ausgeschlossenen eine neue Partei. Knapp zwei Jahre konnte die neue kommunistische Partei arbeiten, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, »alle kommunistischen Arbeiter auf dem Grunde des Kommunismus« zu versammeln. Die SKP(h) (Schwedische Kommunistische Partei [Höglund]) war jedoch aus dem Konflikt mit der Komintern zu zerrissen hervorgegangen. Hinter Höglund versammelte sich nur eine Minderheit der ehemaligen Parteimitglieder, und seine Politik verlor weiter an Unterstützung, als die Mitgliederzahlen der SKP(h) kontinuierlich sanken. Zudem musste die Partei ohne finanzielle Unterstützung aus Moskau auskommen. Die Finanzierung der neuen Zeitung Den Nya Politiken (Die neue Politik) sowie weitere ökonomische Probleme, die mit der Abspaltung zusammenhingen, wurden zu einer schweren Belastung. Die Partei war zu schwach, um neue Mitglieder zu erobern und sich auf innenpolitischer Ebene als Alternative zur SAP zu positionieren. Höglunds Versuche, eine skandinavische und internationale Zusammenarbeit zu etablieren, waren erfolglos. Die SKP(h) stand zwischen den beiden Internationalen und wurde langsam zermahlen.

Zeth Höglund muss angesichts dieser äußeren Umstände seine politischen Einflussmöglichkeiten schrumpfen gesehen haben. Sein Kampf, eine selbstständige schwedische kommunistische Partei zu organisieren, hatte in eine Sackgasse geführt. Im August 1925 verhandelte er mit der SAP über eine Wiedervereinigung der beiden Parteien. Eins seiner Motive dafür war sicher, dass er keine andere Wahl zu haben meinte. Er konnte nicht nach Moskau zurückkehren, diese Tür hatte sich geschlossen: In den Augen Moskaus war Höglund ein Renegat. Die eigene Partei hatte weder die Kraft noch die Mittel, um eine neue Organisation aufzubauen und den Kampf gegen die SAP aufzunehmen. In dieser Situation war die SAP für ihn die einzige Möglichkeit, seine politische Karriere fortzusetzen. Zum Jahreswechsel 1925 / 26 kehrte Zeth Höglund zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zurück. Innerhalb kurzer Zeit etablierte er sich wieder im linken Flügel der schwedischen Sozialdemokratie.

Aus dem Englischen übersetzt von Diana Jahn.


1 Bock, Hans Manfred: Anton Pannekoek in der Vorkriegs-Sozialdemokratie, in: Pozzoli, Claudio (Hrsg.): Die Linke in der Sozialdemokratie, Frankfurt a. M. 1975, S. 103 ff.

2 McMeekin, Sean: The Red Millionaire. A Political Biography of Willi Münzenberg, Moscow’s Secret Propaganda Tsar in the West, New Haven 2003, Kap. 2.

3 Trotnow, Helmut: Karl Liebknecht. Eine politische Biographie, Köln 1980, Kap. 3 und 4.

4 Beradt, Charlotte: Paul Levi. Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969; dies. (Hrsg.): Paul Levi. Zwischen Spartakus und Sozialdemokratie. Schriften, Aufsätze, Reden und Briefe, Frankfurt a. M. 1969.

5 Für eine allgemeine Beurteilung der Forschungslage über die linkssozialistische Bewegung, innerhalb derer Zeth Höglund eine herausgehobene Rolle spielte, siehe Tomas Jonsson: »Att anpassa sig efter det möjliga«. Utsugningsbegreppet och SAP:s ideologiska förändringar 1911–1944 [»Sich den Möglichkeiten anpassen«Der Begriff der Ausbeutung und die ideologischen Veränderungen der SAP 1911–1944], Göteborg 2000, S. 103 ff. Siehe auch z. B. Lindgren, John: Per Albin i svensk demokrati [Per Albin (Hansson) in der schwedischen Demokratie], Stockholm 1950; Lindblom, Tage: Den socialdemokratiska ungdomsrörelsen i Sverige. En historik [Die sozialdemokratische Jugendbewegung in Schweden. Eine geschichtliche Übersicht], Stockholm 1945.

6 Gröning, Lotta: Vägen till makten. SAP: s organisation och dess betydelse för den politiska verksamheten 1900–1933 [Der Weg zur Macht. Die Organisation der SAP und ihre Bedeutung für die politische Arbeit 1900–1933], Uppsala 1988, insbesondere Kapitel 5; Schmidt, Werner: Kommunismens rötter i första världskrigets historiska rum. En studie kring arbetarrörelsens misslyckande [Die Wurzeln des Kommunismus im historischen Raum des Ersten Weltkriegs. Eine Studie über das Scheitern der Arbeiterbewegung], Stockholm 1996, insbesondere Kapitel 5 f.; Bolin, Jan: Parti av ny typ? Skapandet av ett svenskt kommunistiskt parti 1917–1933 [Partei neuen Typs? Die Schaffung einer schwedischen kommunistischen Partei 1917–1933], Stockholm 2004. Aleksander Kan schildert in seiner großartigen Arbeit »Hemmabolsjevikerna. Den svenska socialdemokratin, ryska bolsjeviker och mensjevikerna under världskriget och revolutionsåren 1914–1920« [Die Heimatbolschewiken. Die schwedische Sozialdemokratie, russische Bolschewiken und Menschewiken während des Weltkriegs und der Revolutionsjahre 1914–1920], Stockholm 2005, seine Forschungen über die Beziehungen zwischen schwedischer und russischer Arbeiterbewegung während der Kriegsjahre und weiter bis 1920. Seine These von den immer besseren Verbindungen zwischen schwedischer und russischer Arbeiterbewegung und dem schwedischen Linkssozialismus als »Hausbolschewismus«, als schwedischer Außenposten in Skandinavien für die russischen Bolschewiken, habe ich in anderem Zusammenhang diskutiert. Siehe meine Rezension in Arbetarhistoria [Arbeitergeschichte] 30 (2006), H. 1, S. 48–50. Zeth Höglunds Rolle in der schwedischen kommunistischen Bewegung im Zeitraum von 1921 bis 1924 hat Erland F. Josephson in der Arbeit »SKP och Komintern 1921–1924. Motsättningar inom Sveriges Kommunistiska Parti och dess relationer till den Kommunistiska Internationalen« [SKP und Komintern 1921–1924. Gegensätze innerhalb Schwedens Kommunistischer Partei und ihre Beziehungen zur Kommunistischen Internationale], Uppsala 1976, erörtert. Josephson engagierte sich seinerzeit sehr dafür, neues Quellenmaterial zur Problematik heranzuziehen, die russischen Archive waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht zugänglich. In seiner Studie konzentriert er sich indessen auf die internen Gegensätze, die tiefer liegenden Gründe für die Konflikte bleiben weitgehend unbeachtet.

7 Gröning: Vägen till makten (Anm. 6), S. 43.

8 Jonsson: »Att anpassa sig efter det möjliga« (Anm. 5), S. 45 ff.

9 Gröning: Vägen till makten (Anm. 6), S. 22 f.

10 Siehe z. B. verschiedene Beiträge in der Zeitung der SDUF, Fram [Vorwärts], 1903–1906.

11 Zu den sozialdemokratischen Parteiprogrammen von 1897 bis 1905 siehe Socialdemokratins program 1897–1990 [Die Programme der Sozialdemokratie 1897–1990], hrsg. vom Arbetarrörelsens Arkiv och bibliotek [Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung], Stockholm (im Folgenden: ArAB) 2001, S. 11 ff.

12 Isaksson, Anders: Per Albin. Vägen mot folkhemmet [Per Albin. Der Weg zum Volksheim], Stockholm1985, S. 68 ff.

13 Siehe Gröning: Vägen till makten (Anm. 6), S. 148 ff.

14 Östberg, Kjell: Byråkrati och reformism. En studie av svensk socialdemokratis politiska och sociala integrering fram till första världskriget [Bürokratie und Reformismus. Eine Studie zur politischen und sozialen Integration schwedischer Sozialdemokratie bis zum Ersten Weltkrieg], Lund 1990, S. 310 ff.

15 Z. Höglund an T. Nerman 1914, in: ArAB, T. Nermans arkiv.

16 Protokoll der sozialdemokratischen Zeitungsleitung vom 15. Oktober 1913, in: ArAB, Socialdemokratens arkiv.

17 K. Kilbom an F. Ström 1912, in: F. Ströms arkiv, Universitätsbibliothek Göteborg.

18 Stormklockan vom 12. September 1914. Im Herbst 1915, zurück vom Kongress in Zimmerwald, sprach Höglund, wahrscheinlich inspiriert von den Stellungnahmen der sogenannten Zimmerwalder Linken, von einer neuen Internationale, der »dritten Internationale«.

19 Siehe Kollontay, Alexandra: Kriget och våra närmaste uppgifter [Der Krieg und unsere nächstliegenden Aufgaben], in: Försvarsnihilisten [Der Verteidigungsnihilist] vom November 1914.

20 Stormklockan vom 21. August 1915.

21 Sozialdemokratischer Jugendverband in Dänemark. Verhandlungsprotokoll 28. 11. 1914, 22. 12. 1914, 4. 1. 1915, in: Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv / Bibliothek und Archiv der Arbeiterbewegung (im Folgenden: ABA), Kopenhagen.

22 E. Christiansen an R. Danneberg 1. 12. 1914, in: Archiv der Jugendinternationale, Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis IISG, Amsterdam; Sozialdemokratischer Jugendverband in Dänemark. Verhandlungsprotokoll 28. 11. 1914, 22. 12. 1914, 4. 1. 1915, in: ABA.

23 E. Christiansen an R. Danneberg 1. 12. 1914, in: Archiv der Jugendinternationale, Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis IISG, Amsterdam. Willi Münzenberg spricht davon, dass die ersten Versuche, die internationale Arbeit wieder aufzunehmen, bereits im Oktober 1914 unternommen wurden. Siehe Münzenberg, Willi: Die dritte Front. Berlin 1930, S. 154.

24 McMeekin: The Red Millionaire (Anm. 2), S. 27 ff.

25 V. I. Lenin an A. Schlojapnikov 27. 10. 1914, in: Lenin, Vladimir I.: Werke, Bde. 1–40, Berlin 1961, hier Bd. 21.

26 »Sie ist nicht tot!« Bericht über die internationale Konferenz der sozialistischen Jugendorganisationen. Abgehalten zu Bern am 4., 5. und 6. April 1915, in: Schweizerisches Sozialarchiv Zürich, Ar 5.40.2.

27 V. I. Lenin an A. Kollontai, 26. 7. 1915, in: Lenin, Wladimir I.: Briefe, Bd. 4, August 1914 – Oktober 1917, Berlin 1967, hier: Brief Nr. 99.

28 SDUF VU-Protokoll 28. 7. 1915, in: ArAB, Archiv des SDUF.

29 In Jugend-Internationale Nr. 1 von 1915 schrieb Alexandra Kollontai über die Rolle der Jugend in der neuen Internationale, die gebildet werden sollte, und die drei Punkte, die Lenin ihr präsentiert hatte, kehren in leicht modifizierter Form im Artikel wieder.

30 Nerman, Ture: Fem friska [Fünf Gesunde], Stockholm 1924, S. 323 ff. Nerman schildert das Geschehen leicht ironisch. Er sah jedoch auch dessen Bedeutung; die Tatsache, an einem historischen Augenblick teilzuhaben.

31 In Höglunds Archiv (in ArAB, Stockholm) habe ich seinerzeit sein Exemplar von Lenins und Sinowjews Schrift »Sozialismus und Krieg« gefunden, der Schrift, die bei der Konferenz in Zimmerwald ausgeteilt wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Höglund sie unmittelbar gelesen hat. Sein Exemplar ist mit Unterstreichungen versehen.

32 Siehe z. B. Örebro-Kuriren vom 25. Oktober 1925.

33 Über den Rahmen der Konferenz siehe Elgemyr, Göran: Arbetarfredskongressen i Stockholm 1916 [Der Arbeiterfriedenskongress in Stockholm 1916], Lund 1974.

34 Björlin, Lars: I Vänstersocialismen och kommunism 1916–1924 [In Linkssozialismus und Kommunismus 1916–1924], in: Meddelande från Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek [Mitteilungen aus Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung], 1983.

35 Socialdemokratiska Vänsteroppositionens protokoll [Protokolle der sozialdemokratischen Linksopposition] 1916–1917, in: Zeth Höglunds arkiv. Bei Familie Höglund, Stockholm.

36 Schmidt: Kommunismens rötter (Anm. 6), S. 169 ff.

37 A. Blabanova an Z. Höglund 14. 3. 1919, in: ArAB, Z. Höglunds Archiv. A. Kan hat bereits auf diesen Brief aufmerksam gemacht. Siehe A. Kan: »I Kremls tjänst«, in: Arbetarhistoria [Arbeitergeschichte] 108 (2003), H. 4, S. 51–53 sowie meinen Kommentar: Björlin, Lars: I Kremls tjänst. En kommentar, in: Arbetarhistoria 109–110 (2004), H. 1–2, S. 84–86.

38 Protokoll, fört vid de revolutionära skandinaviska arbetarorganisationernas första kongress i Stockholm den 8–10 december 1919 [Protokoll, geführt während des ersten Kongresses der revolutionären skandinavischen Arbeiterorganisationen vom 8. bis 10. Dezember 1919], 1920, S. 16 ff, Zitat S. 18.

39 Ebenda, S. 20.

40 K. Grepp an F. Ström 18.9.1920, in: F. Ströms Archiv, Universitätsbibliothek Göteborg.

41 Siehe z. B. den Bericht des finnischen Kommunisten Allan Wallenius an Lenin aus Schweden im Sommer 1921 über Höglund und die Politik, die diesem nachgesagt wurde, in: A. Wallenius Personalakte, Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii / Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte [RGASPI], Moskau. Siehe auch RGASPI, f. 5 op. 3 d. 102.

42 Björlin, Lars: Russisk Guld i svensk kommunisme [Russisches Gold im schwedischen Kommunismus], in: Thing, Morten: (Hrsg.): Guldet fra Moskva. Finansieringen af de nordiske kommunistpartier 1917–1990 [Das Gold aus Moskau. Die Finanzierung der nordischen kommunistischen Parteien 1917–1990], Kopenhagen 2001, S. 42 ff.

43 Björlin, Lars: Röd skandinavism i Komintern [Roter Skandinavismus in der Komintern], in: Arbetarhistoria [Arbeitergeschichte] 69 (1994), H. 1.

Zeth Höglund (1884 – 1956)

Inhalt – JHK 2008

Copyright:

Eventuell enthaltenes Bildmaterial kann aus urheberrechtlichen Gründen in der Online-Ausgabe des JHK nicht angezeigt werden. Ob dieser Beitrag Bilder enthält, entnehmen Sie bitte dem PDF-Dokument.