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20 Jahre nach dem Massaker: Wem gehört die Bewegung vom Platz des Himmlischen Friedens?

JHK 2009 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 107-120 | Aufbau Verlag

Autor/in: Felix Wemheuer

Das Massaker von 1989 gegen die Massenbewegung vom Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen) in Beijing wird bis heute mit der Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) verbunden. Im westlichen Ausland ist es bekannt wie kaum ein anderes Ereignis der chinesischen Geschichte. Nach dem blutigen Einsatz der Armee am 4. Juni 1989 schien die Interpretation in den westlichen Medien klar: Eine antikommunistische Demokratiebewegung von Studenten sei vom Militär blutig niedergeschlagen worden, um den Zusammenbruch des Sozialismus zu verhindern. Sowohl in der akademischen Debatte als auch in Dokumentarfilmen und den Erinnerungen von Zeitzeugen wird die These von der studentischen Demokratiebewegung jedoch zunehmend infrage gestellt. Dieser Artikel stellt den Kampf dar, der um die Bedeutung der Bewegung vom Tiananmen entbrannt ist. Nach einem kurzen Abriss der historischen Ereignisse wird der Umgang der KPCh damit dargestellt sowie die Frage diskutiert, warum Massaker im kollektiven Gedächtnis eine besondere Rolle spielen. Anschließend wird gezeigt, wie Arbeiteraktivisten ihre Erinnerungen konstruieren und wie die studentischen Akteure mit der Frage der Verantwortung umgehen. Schließlich analysiert der Artikel, wie heute angesichts veränderter politischer Konstellationen neue linke Interpretationen die Geschichte neu zu schreiben und die Demonstrationen als Vorboten der Antiglobalisierungsbewegung zu interpretieren versuchen.

Ein kurzer Abriss der Bewegung und ihrer Niederschlagung

1988 steckte die Reformpolitik der KPCh in einer Krise. Korruption und rapide Inflation gaben großen Teilen der urbanen Bevölkerung das Gefühl, vom Wirtschaftsaufschwung nicht mehr zu profitieren. Der konkrete Auslöser der Bewegung in Beijing war der Tod des früheren Parteichefs Hu Yaobang, der sich 1987 auf die Seite protestierender Studenten gestellt hatte und dafür abgesetzt worden war. Am 17. April 1989 zogen circa 2000 Studenten der Elitehochschule Peking-Universität auf den Platz des Himmlischen Friedens, um Hus Rehabilitierung zu fordern. Drei Tage später führte ein Zusammenstoß mit der Polizei zur Radikalisierung der Bewegung. In der Folge besetzten die Demonstranten den Platz und gründeten unabhängige Studentenverbände. Parallel dazu entstand am 19. April die unabhängige »Autonome Arbeiterföderation« (gongzilian), die in Beijing bis zum Massaker 20000 registrierte Mitglieder gewinnen konnte.1 Proteste gegen die Verurteilung der Bewegung als »konterrevolutionärer Aufruhr« (fangeming dongluan) durch das Zentralorgan der Kommunistischen Partei, Renmin Ribao (Volkszeitung), sowie ein Hungerstreik von Tausenden auf dem Platz führten dazu, dass sich Hunderttausende der Bewegung anschlossen. Verhandlungen zwischen Regierung und Studentenvertretern scheiterten mehrfach. Die drohenden Repressionen führten zur Solidarisierung von Arbeitern und der Stadtbevölkerung mit den Studenten. Im innerparteilichen Machtkampf schalteten die Hardliner den gemäßigten Staatspräsidenten Zhao Ziyang aus. Am 17. Mai gingen schließlich über eine Million Beijinger Bürger auf die Straße. Als zwei Tage später das Kriegsrecht verhängt wurde, ignorierten es Hunderttausende einfach. Die Menschen blockierten die Straßen, sodass die Armee nicht ins Stadtzentrum vordringen konnte. Studenten und Jugendliche aus ganz China kamen nach Beijing, um den Platz zu verteidigen; in vielen Provinzhauptstädten brachen Proteste gegen den Ausnahmezustand aus. Erst zwei Wochen später entschied sich die Regierung für ein gewaltsames Vorgehen. Durch die blutige Niederschlagung des Widerstands gegen das Vorrücken der Armee gelang es ihr am 4. Juni, den Platz zu räumen. Nach Angaben des chinesischen Roten Kreuzes, die aber später wieder dementiert wurden, starben durch den Einsatz der Armee insgesamt 2600 Menschen.2 Die meisten Toten gab es dabei nicht auf dem Platz selbst, sondern auf den großen Zufahrtsstraßen. Durch eine landesweite Repressionswelle gelang es der Kommunistischen Partei, nach einigen Wochen heftiger Kämpfe im ganzen Land die Bewegung zu zerschlagen und die »Ordnung« wiederherzustellen.

Vom »konterrevolutionären Aufruhr« zur Tabuisierung: die offizielle Darstellung

Direkt nach dem 4. Juni versuchte die chinesische Regierung zunächst, ihre Darstellung offensiv zu propagieren, statt, wie später, den »Zwischenfall« weitgehend zu tabuisieren. Fernsehsendungen und Propagandabroschüren3 verbreiteten die These vom »konterrevolutionären Aufruf«. 1990 wurden sogar zahlreiche Dokumentarfilme produziert, die beweisen sollten, dass »schwarze Hände« im Hintergrund und ausländische Agenten einen konterrevolutionären Umsturz geplant hätten. Die Soldaten wurden als die eigentlichen Opfer dargestellt und »Rowdys« bzw. »Konterrevolutionäre« als Täter präsentiert. Die Demonstranten hätten die Soldaten gewaltsam angegriffen, als die Armee am 3. Juni versuchte, zum Tiananmen-Platz vorzurücken. Auf dem Platz selbst sei niemand gestorben. Verschwiegen wurde dabei allerdings der wochenlang friedliche Charakter der Demonstrationen, bevor die Armee gewaltsam vordrang.

Im Bereich der internationalen Beziehungen wählte die chinesische Regierung die neutrale bzw. verharmlosende Bezeichnung »Zwischenfall vom 4. Juni« (liusi shijian). Diesen Begriff müssen Diplomaten bis heute benutzen, wenn sie den chinesischen Verhandlungspartner nicht verärgern möchten. Das Wort »Massaker« (datusha) mit seinem hohen Symbolwert konnte auf diese Art meist vermieden werden. Empört reagierte die chinesische Regierung dagegen, als ein japanisches Schulbuch 2005 das Nanjing-Massaker (Nanjing datusha) von 1937, bei dem nach offiziellen chinesischen Angaben 300 000 Menschen ermordet wurden, als »Zwischenfall von Nanjing« (Nanjing shijian) bezeichnete.

Die offensive Propagierung der offiziellen Darstellung wich schon in den darauffolgenden Jahren immer mehr einer Tabuisierung. In einigen chinesischen Abhandlungen über die Geschichte des Platzes des Himmlischen Friedens wird das Ereignis nicht einmal erwähnt, Lehrbücher zur Geschichte der Volksrepublik China geben knapp die offizielle Version von 1989 wieder.4 Die KPCh scheint es für besser zu halten, wenn die Nachgeborenen nur wenig über die Bewegung von 1989 wissen. Führende Politiker wie Li Peng, Jiang Zemin, Hu Jintao oder Wen Jiabao haben im Ausland oder auf Pressekonferenzen den Einsatz der Armee im Nachhinein damit gerechtfertigt, dass China seit 1989 eine Periode der Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs durchlaufen habe. Bei diesen Äußerungen gingen sie aber nie im Detail auf das Ereignis ein.

Was mögen die Gründe für die Wortkargheit bezüglich des 4. Juni sein? Es gibt in der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung seit 1949 die Regel, negative Ereignisse »lieber in groben Zügen als detailliert« darzustellen. Außerdem befürchten die Verantwortlichen vermutlich, dass eine ausführliche Thematisierung erneut die Gefahr einer Spaltung der Partei heraufbeschwören würde. Dass der Platz überhaupt über sechs Wochen besetzt werden konnte, ist nur vor dem Hintergrund der damaligen Lähmung des Systems zu begreifen: Die Reformer in der Parteiführung hofften, durch die Bewegung Auftrieb zu bekommen, während die Hardliner um Li Peng Interesse an einer Eskalierung des Konflikts hatten, um die Unfähigkeit ihrer Widersacher in der Führung zu beweisen. In dieser Situation nahmen viele Kader erst einmal eine abwartende Haltung ein. Ein Eingeständnis der KPCh, dass der Militäreinsatz ein Fehler war, könnte auch heute noch zur Spaltung der KPCh führen, da Vertreter der unterschiedlichen Fraktionen in die Führung um Hu Jintao und Wen Jiabao integriert sind. Angesichts dieser Problematik darf einerseits die offizielle Festlegung auf einen »konterrevolutionären Aufruhr« nicht infrage gestellt und anderseits das Ereignis nicht detailliert thematisiert werden.

Die »Tiananmen-Akte« und die Geister der Kulturrevolution

Die Rolle der verschiedenen Akteure auf der Regierungsebene wurde 2001 durch die Veröffentlichung der sogenannten Tiananmen-Akte außerhalb der VR China erneut zum Thema. Von chinesischen Informanten, die anonym bleiben wollten, wurde Andrew Nathan, Professor an der New Yorker Columbia University, eine Sammlung von Geheimdokumenten der höchsten Regierungsebene zugespielt. Namhafte US-amerikanische Chinaexperten wie Perry Link oder Orville Schell sprachen sich für die Echtheit der Dokumente aus, obwohl ihnen klar war, dass die chinesischen Informanten politische Absichten verfolgten: die Rehabilitierung des gemäßigten Flügels um Zhao Ziyang und die Wiederbelebung der politischen Reformen.5 Ein Hauptargument für die Echtheit ist, dass die Geheimdokumente keine wesentlichen Punkte enthalten, die dem widersprechen, was ohnehin schon bekannt war. Man könne deshalb davon ausgehen, dass die Dokumente nicht einfach fabriziert worden seien.6 Auch die in den geheimen Dokumenten erwähnte Zahl der Toten und Verletzten, die am 6. Juni von Li Peng genannt worden sein soll, stimmt mit späteren offiziellen Verlautbarungen überein: 23 Tote unter den Soldaten der Notstandstruppen und etwa 200 unter den »Aufständischen« sowie 5000 verwundete Soldaten und über 2000 verletzte Bürger.7 Andere Chinaexperten bezweifelten die Echtheit der Unterlagen bzw. bestritten ihren Charakter als Geheimdokumente. Alfred Chan hält die Akte für eine Zusammenstellung von öffentlich zugänglichen und halb offiziellen Quellen sowie Fälschungen.8

Das Beispiel der Tiananmen-Akte zeigt die große Bedeutung von Archiven als Speicher der Macht und die Wichtigkeit der Frage, wer das Entscheidungsmonopol über Speicherung, Zugänglichkeitskriterien und Veröffentlichungen besitzt. Laut den Geheimdokumenten tragen der damalige Präsident Zhao Ziyang und seine engsten Mitarbeiter keine Mitschuld an der Verhängung des Ausnahmezustands. Nach einem Stimmenpatt im Ständigen Ausschuss des Politbüros – zwei zu zwei bei einer Enthaltung – wurde sie demnach am 18. Mai vom Ältestenrat zusammen mit einigen Vertretern des Ständigen Ausschusses sowie Deng Xiaoping beschlossen. Der Ältestenrat war eigentlich eingerichtet worden, um den Greisen der Revolution einen würdigen Rückzug aus den führenden Positionen zu ermöglichen; Deng hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch die Funktion des Leiters der Militärkommission des ZK inne. Die Mitglieder des Ältestenrats erscheinen in den Dokumenten neben Li Peng als die eigentlichen Hardliner.

Ein Aspekt, der 1989 in der Debatte kaum eine Rolle spielte, waren die Erinnerungen der Akteure in der Regierung an die Kulturrevolution. Viele der älteren Entscheidungsträger in Partei und Regierung waren Opfer der Kulturrevolution und fühlten sich durch das Auftreten der Studenten an die Roten Gardisten erinnert, die 1966 / 67 Parteifunktionäre kritisiert und auch terrorisiert hatten. In der besagten Sitzung vom 18. Mai, auf der die Verhängung des Kriegsrechts beschlossen wurde, beschworen mehrere Redner die Gefahr eines großen Chaos und Bürgerkriegs. So sagte zum Beispiel Peng Zhen, bezogen auf die Demonstrationen: »Wir dürfen das nicht in zügellose Gesetzlosigkeit ausufern lassen wie in der Kulturrevolution. Haben wir davon beim ersten Mal nicht genug gehabt?«9 Auch Deng Xiaoping, Bo Yibo und Li Xiannan, die wie Peng Zheng während der Kulturrevolution ihre Posten vorübergehend verloren hatten, äußerten sich in dieser Richtung.10 Eine psychologisierende Lesart der Ereignisse – dass die alten Männer durch das Auftreten der Studenten retraumatisiert wurden und das Kriegsrecht verhängten, um nicht noch einmal ein solches Trauma zu erleben – wäre durchaus möglich. Der Publizist Ian Buruma war vielleicht von den besagten Stellen aus der Tiananmen-Akte beeinflusst, als er über den Studentenvertreter Wu Erkaixi schrieb: »Wer könnte die Bilder vergessen, als er im Mai nach dem ersten Hungerstreik, soeben vom Krankenbett aufgestanden und noch im Schlafanzug, wie ein großes Baby an seiner Sauerstoffflasche nuckelte und Premier Li Peng in der Großen Halle des Volkes mit dem Finger drohte – eine absurde Anspielung auf die ›Kampfsitzungen‹ der Kulturrevolution, bei denen Studenten ihre Oberen oft zu Tode gefoltert hatten. Doch besaß der Student diesmal keine Macht, und wenn jemand Gewalt anwendete, dann der Obere (…).«11

Auch wenn Wu Erkaixi nicht auf die Kulturrevolution angespielt haben sollte, ist die Erfahrung mit Massenbewegungen, die außer Kontrolle gerieten, für die KPCh prägend gewesen. Die meisten Parteiführer zogen aus den »Zehn Jahren Chaos« die Lehre, dass es keine spontanen Massenbewegungen mehr geben und die politische Kontrolle nicht gelockert werde dürfe. Auch die Betonung des Rechtsstaats sollte und soll nach wie vor eher spontane Gewaltanwendung von unten unterbinden als die Macht der Zentralregierung einschränken. Die Beschwörung der Gefahr von Chaos und Bürgerkrieg im Fall des Sturzes der KPCh ist bis heute eines der wichtigsten Legitimationsargumente der Einparteienherrschaft und wird immer noch von Teilen der Bevölkerung, besonders den Intellektuellen, geglaubt.

Massaker im nationalen und globalen Gedächtnis

Das Tiananmen-Massaker besitzt alle notwendigen Eigenschaften, um weltweit wahrgenommen und im globalen kollektiven Gedächtnis gespeichert zu werden: Der 4. Juni ist zu einem symbolisch aufgeladenen Datum geworden, an dem besonders in Hongkong jährliche Gedächtnisfeiern stattfinden. Der Platz des Himmlischen Friedens ist ein konkreter Ort, der besonders von westlichen Touristen bis heute als Symbol des Massakers wahrgenommen wird. Zusätzlich wurde das Foto des »Panzermanns«, der sich allein einem anrollenden Panzer in den Weg stellt, zu einem Symbol für den Kampf um Freiheit, das global verstanden und auf T-Shirts und Postern tausendfach reproduziert wurde. Da die Bewegung vom Tiananmen ein internationales Medienereignis darstellte, war noch nicht einmal eine öffentlichkeitswirksame Gruppe von Zeitzeugen oder Intellektuellen nötig, um Aufmerksamkeit herzustellen.

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs stellte schon 1941 die These auf, dass abstrakte Prinzipien und Wahrheiten keinen Halt im kollektiven Gedächtnis der Menschen haben, wenn sie sich nicht in konkreten Orten und Menschen manifestieren oder durch sie symbolisiert werden können.12 Soziale Gruppen konstruieren sich laut Halbwachs ein kollektives Gedächtnis, das ihren jeweils aktuellen Bedürfnissen entspricht, und eine dazugehörige Topografie von Gedächtnisorten. Das Massaker scheint besonders geeignet zu sein, sich als Symbol im kollektiven Gedächtnis zu etablieren. Es ist ein unverhältnismäßiger Einsatz von staatlicher Gewalt gegen Zivilisten, Unbeteiligte oder Kriegsgefangene, die eigentlich durch das Völker- und Kriegsrecht geschützt sind – ein Massenmord unter grausamen Umständen. Viele Beobachter fragten sich 1989, weshalb die chinesische Regierung auf Demonstranten schießen ließ, während Mao die Massendemonstration auf dem Tiananmen 1976 von der Miliz mit Bambusstöcken auseinandertreiben ließ. Im Unterschied zu manchen anderen Formen der Gewalt, die in Kriegen, Bürgerkriegen oder Revolutionen ausgeübt werden, scheinen bei Massakern die Rollen von Gut und Böse sowie Opfer und Täter klar verteilt zu sein. Nanjing 1937, Katyn 1940, Lidice 1942, Oradour 1944, der 28. Februar 1947 in Taiwan, Deir Jassin 1948, My Lai 1968, der 2. Oktober 1968 in Mexiko-Stadt, der »Blutsonntag« in Derry 1972 oder Srebrenica 1995 sind zu universellen Symbolen der Grausamkeit der jeweiligen Besatzungs- bzw. Staatsmacht und Kernelementen nationaler Geschichtsschreibungen oder alternativer Gegenerzählungen geworden.13 Ronald Francisco weist darauf hin, dass selbst Diktatoren in ein Dilemma geraten, wenn sie die Entscheidung treffen, Massaker anzurichten, weil Gewalt gegen friedliche Massen die Legitimität des Regimes zerstören oder sogar mobilisierend auf die Opposition wirken kann.14

Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Massaker in den globalen oder nationalen Gedächtnisdiskursen berücksichtigt wird. Das Andijon-Massaker am 13. Mai 2005 in Usbekistan, bei dem immerhin 400 bis 600 Demonstranten getötet wurden, verschwand nach kurzer Zeit wieder aus den westlichen Medien – Usbekistan ist schließlich Verbündeter im sogenannten »Krieg gegen den Terror«. Das Tiananmen-Massaker ereignete sich hingegen während der Reform- und Entspannungspolitik der Gorbatschow-Ära und am Vorabend der finalen Krise des Staatssozialismus des sowjetischen Blocks. Der Einsatz der Armee wurde von den westlichen Medien daher als blutiger Rettungsversuch eines zum Untergang verurteilten Systems interpretiert. Der Zusammenbruch der Herrschaft der KPCh ist allerdings bis heute ausgeblieben.

Keine studentische Demokratiebewegung? Akademische Zweifel

Während die offizielle Interpretation der Ereignisse in China als konterrevolutionärer Aufruhr ihre damaligen Darstellungen der westlichen Medien als Revolte gegen den Kommunismus indirekt bestätigt, werden in der akademischen Aufarbeitung Zweifel geäußert. Elizabeth Perry, Professorin in Harvard und Expertin für soziale Unruhen im modernen China, stellt in ihrer Interpretation das westliche Bild einer Demokratiebewegung infrage. Die Studenten seien während der Proteste vielmehr im Sinne der konfuzianischen Tradition als moralisches Gewissen der Nation aufgetreten.15 In dieser Tradition gibt es den moralisch vorbildlichen Gelehrten, der für das Volk beim Kaiser wegen Korruption und Machtmissbrauch von Beamten vorspricht. Um ein Beispiel zu nennen: Studentenvertreter knieten nieder, als sie vor der Großen Halle des Volkes ihre erste Petition übergaben. Viele Studenten unterstützten Zhao Ziyang, den Kopf der Reformfraktion in der Regierung, der allerdings zum Rücktritt als Staatspräsident gezwungen wurde und der Bewegung nicht mehr helfen konnte.

Obwohl die Vertreter der Arbeiter schon Ende April die Studenten von einer Allianz und einem gemeinsamen Aufruf zum Generalstreik überzeugen wollten, dauerte es einen Monat, bis erste Studentendelegationen in die Fabriken geschickt wurden. Zwar ließen sich die Studenten, die den Platz besetzt hatten, von Händlern und Arbeitern versorgen, nahmen diese jedoch nicht als gleichberechtigte Partner wahr. Sie verstanden sich als Elite, die das Recht habe, im Namen der Nation zu sprechen. Die Hierarchie im Bildungssystem wurde laut Perry auf die Bewegung übertragen. Die Studenten der Eliteuniversitäten gaben den Ton an, und ältere Intellektuelle, die auf den Platz kamen, hatten besonders große Autorität, wenn sie hohe Posten im Kulturapparat besaßen.16

Auch Rudolf Wagner zeigt, dass sich die Studenten als moralische Opposition gegen Korruption und Machtmissbrauch inszenierten, indem sie zentrale Symbole des Staates wie den Platz des Himmlischen Friedens oder das Denkmal der Volkshelden mit eigenen Inhalten besetzten. Mit ihrem positiven Bezug auf die 5.-Mai-Bewegung von 1919, die »Wissenschaft und Demokratie« gefordert hatte, versuchten sie, der Partei dieses Erbe zu entreißen. Nach 1949 war der Platz zum heiligen Ort des neuen China, auf dem Aufmärsche und Paraden stattfanden, geworden. Vom Eingang der Verbotenen Stadt hatte Mao die Volksrepublik China ausgerufen. Wie Perry glaubt auch Wagner, dass die Studenten von sich aus keinen Versuch unternahmen, sich mit den Arbeitern und der Bevölkerung Pekings zu verbünden. Sie hätten vielmehr eine Konfrontation mit dem Staat verursacht, indem sie versuchten, die Symbole der Macht neu zu besetzen.

Die Forderungen nach »Demokratie« (mingzhu) und »Freiheit« (ziyou) meinten nicht unbedingt die parlamentarische Demokratie und den liberalen Kapitalismus, sondern waren sehr verschwommen; sie beriefen sich auf das Versprechen der KPCh, dass eigentlich das Volk der Herr im Neuen China sein sollte. Die kommunistische Rhetorik von Volk und Massenlinie wurde gegen die Regierung gewandt. So endete der letzte Aufruf der Studentenvertreterin Chai Ling nach dem Massaker mit den Worten »Nieder mit den Faschisten« und sprach davon, dass aus dem »faschistischen« Angriff eine neue, echte Volksrepu­blik geboren würde.17

Die Studenten machten zwar den Anfang und stellten in Peking den harten Kern der Bewegung dar. Nachdem eine Million Menschen gegen das Kriegsrecht auf die Straße gegangen waren, wurde aus ihren Protesten eine breite Volksbewegung, an der sich fast alle Schichten beteiligten. Als die Truppen am 4. Juni den Platz erreichten, waren jedoch alle Teilnehmer bis auf circa 4000 Menschen geflohen.18 Auch wenn die Studenten beim »Casting« der Harvard-Professorin Perry in Sachen Demokratie schlechte Noten bekommen, muss doch gesagt werden, dass Tausende von ihnen bereit waren, im Kampf gegen die Staatsgewalt ihr Leben einzusetzen. Die Studenten nur als privilegierte Vertreter einer Elite zu sehen, die schneller an die Macht kommen wollte, greift daher meiner Ansicht nach viel zu kurz und wird dem Charakter der Bewegung nicht gerecht.

Erinnerungen von Arbeitern: Von der proletarischen Revolte zum legalen Widerstand

Die Proteste der Arbeiter unterschieden sich von denen der Studenten. Die Gründung der »Autonomen Arbeiter-Föderation« erfolgte spontan, und ihre Gründer lernten sich erst auf dem Platz kennen. Im Gegensatz zu den Studenten, die überwiegend auf der Seite von Zhao Ziyang standen, versuchten die Arbeiter nicht, in die Fraktionskämpfe in der Partei einzugreifen. Ihre Rhetorik war viel stärker vom egalitären und antibürokratischen Vokabular der Kulturrevolution geprägt als von westlichen Demokratiediskursen. Ihre Reden und Flugblätter stellten konkrete soziale und politische Probleme in den Vordergrund, ein moralischer Zugang war ihnen fremd.19 Die negativen sozialen Folgen der Reformpolitik wie Inflation, Preissteigerungen und die Privilegien der Parteibürokraten spielten dabei eine wichtige Rolle.

Die Aktivisten aus der einfachen Bevölkerung konnten häufig nicht ins Ausland fliehen und im Exil ihre Geschichte medienwirksam erzählen. In einem der wenigen Artikel, die auf den Erinnerungen von Arbeitern beruhen, beschweren sich geflohene Aktivisten bitter über die Studenten, die sie nicht ernst genommen hätten.20 Gegenüber den »ungebildeten« Arbeitern hätten sie sich arrogant verhalten.

Der damalige Eisenbahnarbeiter und Mitbegründer der »Autonomen Arbeiter-Föderation«, Han Donfang, ist bis heute die Personifizierung des Arbeiterwiderstands auf dem Tiananmen-Platz. Han betreibt inzwischen von Hongkong aus die Website »China Labour Bulletin«21 und ist bemüht, die Erinnerungen an Tiananmen wachzuhalten. Die Website sammelt und verbreitet Berichte über Streiks und Arbeiterunruhen auf dem Festland. Seit einigen Jahren legt »China Labour Bulletin« seinen Schwerpunkt auf Rechtsberatung in Arbeitskonflikten, arbeitet mit NGOs zusammen und will den Eindruck vermeiden, eine Untergrundgewerkschaft in China organisieren zu wollen. Es soll eine Beschränkung auf gewerkschaftliche Themen erfolgen, anstatt die chinesische Regierung mit politischer Kritik herauszufordern. Diese neue Haltung scheint sich auch auf Hans Erinnerungen ausgewirkt zu haben. In einem Interview der britischen New Left Review von 2005 betont er mehrfach, dass die Arbeiter 1989 nur die Studenten unterstützen wollten und glaubten, die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft sei durch die chinesische Verfassung gedeckt: »Der Grund, warum die Arbeiter auf die Straße gingen, war, dass sie die Studenten moralisch unterstützen wollten wie große Brüder, aber sie wollten nichts Bestimmtes für sich selbst erreichen. Als wir die Fabrikarbeiter fragten, sagten sie, sie wollten, dass die Regierung die Studenten besser behandelt – weiter nichts.«22

Obwohl Han tatsächlich versuchte, die Autonome Arbeiter-Förderation behördlich registrieren zu lassen, scheint er seine Vergangenheit im Sinne der gegenwärtigen Strategie von »China Labour Bulletin« zu konstruieren. Die Flugblätter der Autonomen Arbeiter-Förderation attackierten die »Bürokraten« und »Diktatoren« tatsächlich scharf mit einer Klassenkampfrhetorik und forderten Demokratie sowie die Abschaffung des Beamtentums auf Lebenszeit. Die Organisation versuchte, unter Arbeitern, Studenten und Geschäftsleuten Einheit herzustellen. Auch wenn die Autonome Arbeiter-Förderation in Hans Erinnerungen einen legalistischen und unpolitischen Charakter bekommt, war die proletarische Revolte von 1989 noch kein »legaler Widerstand«.

Visuelle Repräsentationen und die Schuldfrage

Im Medienzeitalter ist die Visualisierung von Ereignissen für das kollektive Gedächtnis besonders wichtig. Auch zu den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurden zahlreiche Dokumentarfilme gedreht.23 Zu heftigen Kontroversen führte der dreistündige Film The Gate of Heavenly Peace (1995) von Carma Hinton und Richard Gordon, der international große Aufmerksamkeit erzielte.24 In der aufwendig produzierten und recherchierten Dokumentation kommen führende Akteure der Studenten, Arbeiter, Intellektuellen und Parteikader der Fraktion um Zhao Ziyang zu Wort, die ins Exil gegangen sind. Obwohl Hinton und Gordon mit den Demonstranten sympathisieren, zeigt der Film keinen Kampf zwischen Gut und Böse, sondern eine tief gespaltene chinesische Regierung, die zerstrittenen Studentenvertretern gegenüberstand. Emotionalisierung und Radikalismus auf beiden Seiten verhinderten eine Verhandlungslösung, so die unausgesprochene Botschaft des Films. Prügeleien zwischen verschiedenen Fraktionen der Studenten um die Kontrolle der Lautsprecher auf dem Platz stehen symbolisch für den Machtkampf innerhalb der Demonstranten. Der Zuschauer bekommt darüber hinaus den Eindruck, dass die Studenten und Arbeiter die Regierung auf dem Boden des egalitären Erbes des Kommunismus angriffen, anstatt von westlichen Demokratievorstellungen beeinflusst zu sein. Die sozialistische Vergangenheit und ihre Symbole standen noch hoch im Kurs. Die Studenten »verhafteten« etwa Arbeiter, die Dreck auf das große Bild von Mao Zedong am Eingang zur Verbotenen Stadt geworfen hatten, und übergaben sie der Polizei.

Obwohl The Gate of Heavenly Peace um eine kritische Reflexion in der Rückschau bemüht ist, wurden Hinton und Gordon in der US-amerikanischen Dissidentenszene der chinesischen Exilanten stark angefeindet. Der ehemalige Studentenführer Bai Meng beschuldigte die Regisseure, tödlichere Waffen gegen die »Kinder vom Tiananmen« einzusetzen als die chinesische Regierung. Chai Ling, die »Kommandantin des Hauptquartiers zur Verteidigung des Tiananmen-Platzes«, sprach von einem Versuch, die Demokratiebewegung in moderate und radikale Kräfte zu spalten.25 Anhänger des Films konterten, indem sie diesen Kritiken eine totalitäre Sprache unterstellten und den Dissidenten vorwarfen, ihre Gegner mit Verschwörungstheorien zu verleumden;26 daran zeige sich, dass diese in einer kommunistischen Mentalität gefangen seien. Ian Buruma, der die zentralen Akteure im Exil interviewte, fasst seine Erfahrungen wie folgt zusammen: »So fand ich bei meinen Gesprächen mit chinesischen Exilanten und Aktivisten fast keinen, der an den anderen ein gutes Haar ließ. Bei egal welchem Namen bekam man zu hören, der Betreffende sei ein Lügner, Agent der Regierung, Spion, Opportunist, Gangster, Extremist und durch Sex, Macht oder beides korrumpiert.«27

Hinter den emotionalen Auseinandersetzungen über The Gate of Heavenly Peace steht auch die Frage der Verantwortung. Der Film wirft die Frage auf, warum der harte Kern der Demonstranten trotz wiederholter Aufforderung der Regierung und Armee den Platz nicht vor dem 4. Juni räumte – und deutet damit an, dass möglicherweise auch Studentenführer eine Mitschuld am Scheitern einer Verhandlungslösung trugen. Den Zuschauern wird der Eindruck vermittelt, die erwähnte Chai Ling habe das Blutbad gewollt, um das chinesische Volk aufzurütteln, und habe andere geopfert, um sich selbst in Sicherheit zu bringen.28 Im Film wird Chai Ling in Originalaufnahmen während der Ereignisse gezeigt, sie erscheint sehr emotional und sogar hysterisch. Die anderen Studentenführer und Intellektuellen kommen hingegen in Interviews im Exil zu Wort und wirken reflektierter. Laut dem Studentenführer Li Lu war der Platz wie eine kleine Republik, er war der einzige öffentliche Raum, den sich die Bewegung erkämpft hatte.29 Eine Räumung wäre deshalb das Eingeständnis der vollständigen Niederlage gewesen. Außerdem bedienten sich nicht nur Chai Ling, sondern fast alle Gruppen der Studenten besonders während des Hungerstreiks einer von den Kommunisten entlehnten Märtyrerrhetorik und sprachen davon, ihr Leben im Kampf für das Vaterland zu opfern. Auch wenn Hinton und Gordon deutliche Sympathien für die Studenten erkennen lassen, kommt ihre implizite Einteilung in vernünftige Gemäßigte und emotionale Radikale der offiziellen Version von den gefährlichen Rädelsführern im Hintergrund, die den Patriotismus der Masse ausnutzten, doch gefährlich nahe.

In der Kontroverse um den Film wird außerdem deutlich, dass die Fraktionierung auf dem Platz des Himmlischen Friedens sich auch in den Erinnerungen widerspiegelt. Li Lu versucht auch in seinem Buch Moving the Mountain, ein widerspruchsfreies Heldenepos zu erzählen. Laut seinen Erinnerungen unternahmen Chai Ling, Feng Congde und er selbst alles, um Chaos auf dem Platz zu verhindern, und versuchten sogar, aufgebrachte Massen an der Stürmung der Großen Halle des Volkes, des chinesischen Parlamentsgebäudes, zu hindern.30 Andere Studentenvertreter wie Wan Dan oder Wang Zhaohua äußerten sich dagegen selbstkritisch zu ihrer Rolle und zeigten in Michael Apteds gleichnamigem Dokumentarfilm Moving the Montain gewisse Schuldgefühle, zur Eskalation der Auseinandersetzung beigetragen bzw. zu wenig zum Schutz ihrer Kommilitonen unternommen zu haben.

The Gate of Heavenly Peace wirft die Schuldfrage auch in dem Sinne auf, ob die gesamte chinesische Regierung oder nur die Hardliner für den Militäreinsatz verantwortlich waren. Selbst wenn es Hinton und Gordon nicht beabsichtigt haben, könnte ihre »Erzählung«, dass die Hardliner auf beiden Seiten schuld waren, zu einer Relativierung der Verantwortung des Militärs und der Parteiführung für das Blutbad führen.

Beginn der Antiglobalisierungsbewegung? Linke Interpretationen

1989 präsentierten westliche Medien die Tiananmen-Bewegung noch als Revolte gegen den Kommunismus. Heute sind es interessanterweise eher Linke im Westen und in China, die sich positiv auf das Ereignis beziehen. Dabei spielt sowohl eine Kritik am Neoliberalismus eine Rolle als auch der Versuch, neue revolutionäre Subjekte zu konstruieren.

Wang Hui, der Herausgeber der Zeitschrift Dushu (»Lesen«), der als wichtiger Kopf der neuen Linken in China gehandelt wird, glaubt, dass die Niederschlagung der Tiananmen-Bewegung die Voraussetzung für die Durchsetzung des Kapitalismus in China war. Nach 1989 wurden Liberalisierung und Kapitalisierung der Gesellschaft – eine Entwicklung, die Wang als Neoliberalismus bezeichnet – in einem Tempo fortgesetzt, wie es niemand für möglich gehalten hatte. Wang, damals Mitglied der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, beteiligte sich an den Protesten und verließ den Platz mit den letzten Demonstranten in den frühen Morgenstunden des 4. Juni. Nachdem er untergetaucht war, kehrte er im Winter 1989 nach Beijing zurück, worauf er verhaftet und mit anderen Wissenschaftlern zur »Umerziehung« aufs Land geschickt wurde. Die Bewegung vom Platz des Himmlischen Friedens war für ihn in erster Line eine soziale Bewegung, die sich gegen die Korruption und Bereicherung der Funktionäre richtete, schreibt Wang heute.31 Die fehlende demokratische Kontrolle der Funktionäre sei der Grund dafür gewesen, dass die Privatisierung der Industrie und die Liberalisierung des Marktes die Korruption treibhausartig förderten. Die Themen Demokratie und soziale Gerechtigkeit waren daher eng miteinander verbunden.

Wang Hui ist der Ansicht, die Bewegung sei falsch interpretiert worden, weil damals das Paradigma vom »Ende der Geschichte« in Mode war. In Wirklichkeit seien die Ereignisse von 1989 ein Vorbote der Antiglobalisierungsbewegung gewesen, die 1999 mit den Protesten gegen den Internationalen Währungsfonds (IWF) in Seattle erstmals deutlich öffentlich in Erscheinung trat.32 Da die chinesischen Intellektuellen den Charakter der Bewegung falsch interpretiert hätten, sei ihnen deren Zusammenhang mit dem globalen Siegeszug des Neoliberalismus entgangen. Auch wenn die direkte Ursache für das Scheitern der Bewegung ihre Niederschlagung durch den Staat war, sei indirekt aber auch die Unfähigkeit der Akteure, die Forderungen nach Demokratie und sozialer Gleichheit zu verbinden, schuld gewesen. Für Wang hatten die Proteste nicht das Ende des Staatssozialismus zum Ziel, sondern waren der Beginn der globalen »Bewegung der Bewegungen« und damit leider ihrer Zeit voraus. Gemäß dieser Interpretation würde das Massaker nicht in das »Schwarzbuch des Kommunismus« gehören, sondern in das »Schwarzbuch des Kapitalismus«. In diese Richtung geht auch der ehemalige Oxford-Professor David Harvey. Auf dem Cover seiner Kleinen Geschichte des Neoliberalismus sind Ronald Reagan, Deng Xiaoping, Augusto Pinochet und Margaret Thatcher abgebildet.33 Harvey sieht den Neoliberalismus als Verbindung von Marktradikalismus und staatlicher Repression. Fraglich ist jedoch, ob man die Politik Dengs wirklich als neoliberal beschreiben kann, da Grund und Boden sowie Teile der Industrie in China immer noch in staatlicher Hand sind.

Besondere Aufmerksamkeit schenken der Tiananmen-Bewegung linke Theorien, die versuchen, revolutionäre Subjekte neu zu denken. Viele Beobachter kritisierten damals den Mangel an Führung, klaren Konzepten und einheitlichem Vorgehen bei den Verhandlungen mit Regierungsvertretern. Keiner der Gruppen gelang es, Verbände zu gründen, die von allen als Repräsentation anerkannt wurden. Dass Chai Ling oder der Uigure Wu Erkaixi als Studentenführer berühmt wurden, hing vielleicht eher damit zusammen, dass die westlichen Reporter, die das Ereignis in die ganze Welt trugen, repräsentative Interviewpartner brauchten. Außerdem musste die chinesische Regierung der Öffentlichkeit nach der Niederschlagung Drahtzieher und Hintermänner präsentieren. In Wirklichkeit scheint es aber weder eine anerkannte Führung noch eine charismatische Führerpersönlichkeit gegeben zu haben.

Gerade das Diffuse und die Heterogenität der Bewegung werden heute jedoch von einigen wichtigen linken Theoretikern als besonders positiv und zukunftsweisend bewertet. Sowohl Antonio Negri als auch Giorgio Agamben sind auf der Suche nach revolutionären Subjekten, die nicht durch repräsentative Formen von Politik immer wieder vom Staat eingebunden werden können. An die Stelle eines einheitlichen und homogenen revolutionären Subjekts wie der Arbeiterklasse, der unterdrückten Völker oder der Frau soll eine subversive Einheit der Vielfalt treten. Antonio Negri und Michael Hardt stellen in Empire, ihrem internationalen Bestseller und dem erfolgreichsten Buch der Harvard University Press aller Zeiten, die »Multitude«, eine heterogene Menge, dem globalen Empire der kapitalistischen Souveränität gegenüber. Der Band wurde in der sogenannten Antiglobalisierungsbewegung begeistert aufgenommen. Negri und Hardt versuchen, den Marxismus mit dem französischen Poststrukturalismus zu verbinden. Die »Multitude« – ein Begriff, der auf Spinoza zurückgeht – braucht nach Ansicht der Autoren kein hierarchisches Programm, keine klare Identität oder Repräsentation von Parteien, sondern agiert direkt gegen das Empire, global, jedoch nicht vereinheitlicht. Laut Negri und Hardt trat sie bei der ersten palästinensischen Intifada Ende 1987, auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 sowie bei den Unruhen in Los Angeles 1992 in Erscheinung.34 Die Autoren gehen allerdings nicht im Detail auf die Ereignisse in China ein.

Auch Giorgio Agambens Bücher über den Ausnahmezustand führten sowohl in linken Bewegungen als auch im akademischen Bereich zu lebhaften Diskussionen. Anknüpfend an Carl Schmitts Prämisse »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet«, analysiert Agamben die Einschränkung der Bürgerrechte im sogenannten »Krieg gegen den Terror« sowie das Verhältnis von Rechtsstaat und Ausnahmezustand.35 Obwohl er sich nicht explizit auf die Verhängung des Kriegsrechts in China bezieht, sieht er einen Zusammenhang zwischen dem Charakter der Tiananmen-Bewegung und ihrer Niederschlagung. Agamben versucht, die unklaren und vielfältigen Identitäten und das Fehlen einer Repräsentation theoretisch zu fassen: »Am auffälligsten an den Demonstrationen des Chinesischen Mai ist in der Tat der relative Mangel an klar umrissenen inhaltlichen Forderungen (Demokratie und Freiheit sind als Begriffe zu allgemein, um einen realen Konfliktgegenstand zu bilden, und die einzige konkrete Forderung, die Rehabilitierung Hu Yao Bangs, wurde prompt erhört). Umso unerklärlicher erscheint die Gewalt der staatlichen Reaktion. Dennoch, wahrscheinlich ist das Missverständnis nur ein scheinbares und die chinesische Führung hat, aus ihrer Sicht, mit vollkommener Klarheit gehandelt. Auf dem Tiananmen-Platz sah der Staat sich dem gegenüber, was weder repräsentiert werden kann noch will, und was sich trotzdem als eine Gemeinschaft und als gemeinsames Leben präsentiert (und das unabhängig davon, ob die auf dem Platz Anwesenden sich dessen tatsächlich bewusst waren […]). Wo immer diese Singularitäten friedlich ihr gemeinsames Sein bekunden werden, dort wird Tiananmen sein und früher oder später werden die Panzer auffahren.“36 Da die Bewegung weder klare Forderungen stellte noch klare Identitäten repräsentierte und keine Formen der Repräsentation hervorbrachte, die sich kanalisieren ließen, scheiterten alle Versuche der Regierung, mit Vertretern Kompromisse auszuhandeln oder die Bewegung zu spalten. Als Ausweg boten sich die Verhängung des Kriegsrechts und das Massaker an. Auch Agamben betrachtet das Massaker nicht nur als Teil der Geschichte des Sozialismus, sondern auch als Teil der Geschichte der Staatsgewalt, alle unrepräsentierbaren Formen von Widerstand zu vernichten, notfalls mithilfe des Ausnahmezustands, der das geltende Recht außer Kraft setzt und trotzdem Teil fast jeder staatlichen Rechtsordnung ist. Vorwerfen kann man Negri / Hardt und Agamben natürlich, dass sie die Bewegung vom Tiananmen nur deswegen so gut in ihre Theorien einbinden können, weil sie sich nicht im Detail mit ihr beschäftigt haben.

Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch, wie ein und dasselbe Ereignis sowohl als antikommunistische Revolte und Massaker durch Kommunisten als auch als Widerstand gegen das kapitalistische Weltsystem und Gewaltanwendung als Mittel zur Durchsetzung desselben interpretiert werden kann. Als komplexe, hybride und diffuse Geschehnisse sind die Proteste vom Platz des Himmlichen Friedens besonders gut geeignet, als Knetmasse für »Erzählungen« völlig unterschiedlich modelliert zu werden. Der Kampf um die Bedeutung von Tiananmen ist auch 20 Jahre danach noch lange nicht zu Ende.


1 Siehe Andrew Walder / Gong Xiaoxia: Workers in the Tiananmen Protest: The Politics of the Beijing 
Workers’ Autonomous Federation, in: The Australian Journal of Chinese Affairs 29 (1993), S. 1–29, 
http://tsquare.tv/links/Walder.html, ges. am 20. 2. 2008.

2 Eine Übersicht der Opferzahlen findet sich unter http://de.wikipedia.org/wiki/Tian’anmen-Massaker, ges. am 20. 5. 2008.

3 Siehe z. B. Zhonggong Beijing shiwei xuanchuanbu [Propagandabüro der Kommunistischen Partei des Stadtkomitees Beijing](Hg.): Pingxi fangeming dongluan [Die Niederschlagung des konterrevolutionären Aufruhrs], Beijing 1989 und Zhonggong Beijing shiwei xuanchuanbu [Propagandabüro der Kommunis­tischen Partei des Stadtkomitees Beijing] (Hg.): Xuechao, dongluan, fangeming baoluan zhenxiang [Die Wahrheit über die Studentenrevolte, den Aufruhr und den konterrevolutionären Putsch], Beijing 1989.

4 Siehe z. B. Zhongguo renmingongheguo guoshixuehui [Komitee für Staatsgeschichte der Volksrepublik China](Hg.): Xinzhongguo guoshi jiaoyu – xuesheng duben [Erziehung in der Staatsgeschichte des Neuen Chinas – Lesebuch für Schüler], Changchun 1999, S. 234 f.

5 Andrew J. Nathan / Perry Link (Hg.): Die Tiananmen-Akte: Die Geheimdokumente der chinesischen Führung zum Massaker am Platz des Himmlischen Friedens, Berlin 2001, S. 711.

6 Ebd., S. 724.

7 Ebd., S. 654 f.

8 Alfred Chan: The Tiananmen Papers Revisited, in: The China Quarterly 177 (2004), S. 190–205.

9 Nathan / Link (Hg.): Die Tiananmen-Akte (Anm. 5), S. 351.

10 Siehe ebd., S. 310, 347 u. 570.

11 Ian Buruma: Chinas Rebellen – Die Dissidenten und der Aufbruch in eine neue Gesellschaft, München 2004, S. 42.

12 Maurice Halbwachs: Stätten der Verkündigungen im Heiligen Land, Konstanz 2003, S. 163.

13 Diese Ereignisse sind eine unvollständige Auswahl aus dem 20. Jahrhundert. Zu Massakern in der Weltgeschichte siehe Eric Carlton: Massacres – An historical perspective, Aldershot 1994 sowie Mark Levene / Penny Roberts: Massacre in history, New York 1999.

14 Ronald Francisco: The Dictator’s Dilemma, in: Christian Davenport (Hg.): Repression and Mobilization, London 2005.

15 Elizabeth J. Perry: Casting a Chinese »Democracy« Movement: The Roles of Students, Workers and Entrepreneurs, in: Jeffrey N. Wasserstrom (Hg.): Popular Protest and Political Culture in Modern China, Boulder, Colo. 1994, S. 74–92, hier S. 79.

16 Perry: Casting a Chinese »Democracy« Movement (Anm. 15), S. 78.

17 Gregor Benton (Hg.): Wild Lily, Prairie Fire: China’s Road to Democracy, Yan’n to Tian’anmen, 
1942–1989, Princeton 1995, S. 294.

18 Siehe Zhao Dingxin: The Power of Tiananmen: State-Society Relations and the 1989 Beijing Student Movement, Chicago 2001, S. xxvi.

19 Siehe Walder / Gong: Workers in the Tiananmen Protest (Anm. 1).

20 Siehe ebd.

21 www.china-labour.org.hk/en (ges. am 20. 2. 2008).

22 Han Dongfang: Chinese Labour Struggle, in: New Left Review 34 (2005); online unter 
www.newleftreview.org/?view=2571 (ges. am 20. 2. 2008).

23 Eine Übersicht über Dokumentarfilme zu dem Ereignis findet sich bei Pauline Chen: Screening History: 
New Documentaries on the Tiananmen Events in China, in: Cineaste 22 (1996), H. 1, S. 18–23; online unter www.lib.berkeley.edu/MRC/Tianamen.html (ges. am 20. 2. 2008).

24 Website des Films: http://tsquare.tv/ (ges. am 20. 2. 2008).

25 Siehe Geremie Barmé: The Rhetoric of Democratic Denunciation, 1999, in: http://tsquare.tv/film/
Totnost.html
, ges. am 20. 2. 2008.

26 Ye Ren: The Democracy Movement in Exile is Trapped by Communist Mentality, 1995, in: http://tsquare.tv/film/YeRen.html, ges. am 20. 2. 2008.

27 Buruma: Chinas Rebellen (Anm. 11), S. 39 f.

28 Für eine Gegendarstellung zur Kritik an Chai Ling siehe Feng Congde: Tiananmen zhi zheng: liu si de guanjian neiqing [Der Kampf auf dem Tiananmen], New York 1998.

29 Li Lu: Moving the Mountain: My Life in China, London 1990, S. 184.

30 Ebd., S. 135–165.

31 Wang Hui: China’s New Order, Cambridge, Mass. 2003, S. 57.

32 Ebd., S. 64.

33 David Harvey: A Brief History of Neoliberalism, Oxford 2005.

34 Antonio Negri / Michael Hardt: Empire – Die neue Weltordnung, Frankfurt a. M. 2002, S. 67.

35 Giorgio Agamben: Homo sacer: Die Souveränität der Macht und das nackte Leben, Frankfurt a. M. 2002, S. 175–189.

36 Giorgio Agamben: Mittel ohne Zweck – Noten zur Politik, Berlin 2001, S. 87.

Inhalt – JHK 2009

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