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60 Jahre Volksrepublik China – Die Gegenwart der Vergangenheit im Reich der Mitte

JHK 2009 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 1-6 | Aufbau Verlag

Autor/in: Felix Wemheuer

Einleitung:

60 Jahre Volksrepublik China – Die Aufarbeitung der Vergangenheit

Vor 60 Jahren, am 1. Oktober 1949, rief Mao Zedong vom Tor der Verbotenen Stadt die Gründung der Volksrepublik China mit den berühmten Worten aus: »Das chinesische Volk ist aufgestanden.« Auf diesem Satz baut die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) bis heute ihre Interpretation der Geschichte auf. Mit der Gründung des »Neuen China« sei das lange Jahrhundert der nationalen Demütigung durch Kolonialmächte, Warlords, Bürgerkriege und japanische Besatzung beendet worden. Die Geschichte habe bewiesen, dass nur die KPCh die Existenz der chinesischen Nation sichern könne. 40 Jahre nach der Staatsgründung rollten am 4. Juni 1989 Panzer in Peking, um eine breite Volksbewegung von Studenten und Arbeitern niederzuschlagen. Die Partei konnte den Zusammenbruch des Systems verhindern und ist bis heute an der Macht geblieben. Es ist anzunehmen, dass die KPCh zum 60. Jahrestag der VR China hauptsächlich die Gründung des neuen Staates und die Erfolge der Reform- und Öffnungspolitik nach 1978 feiern lassen wird.

Die folgenden Artikel von Sinologinnen und Sinologen gehen – mit Ausnahme des Beitrags von Aleksandr Gennadevič Jurkevič – auf einen Workshop zurück, der im März 2008 von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin ausgerichtet wurde. Die Autoren zeigen, wie die Partei, Künstler, Richter, oppositionelle Aktivisten und ehemalige Rotgardisten, aber auch die Opfer von politischen Kampagnen und Arbeitslagern versuchen, die Geschichte seit 1949 aufzuarbeiten, und wie um die Interpretation der Ereignisse gekämpft wird. Die KPCh bemüht sich etwa auch weiterhin, das landesweite Netz der Archive zu kontrollieren, und hat bisher nur einen Teil der Akten für den »Normalbürger« zugänglich gemacht. Vivian Wagner legt in ihrem Artikel dar, wie dennoch eine heterogene und teils überraschende Archivlandschaft entstanden ist, indem die Archivare die nationalen Gesetze sehr unterschiedlich auslegen und anwenden. Als unpolitisch eingestufte Akten von Wirtschaftsbürokratien, Kulturverbänden oder Frauenverband sind Forschern allerdings im Allgemeinen leichter zugänglich als Dokumente zu sensiblen Themen wie der Kulturrevolution.

Zum 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China kann die KPCh ihre Version der Geschichte nur noch bedingt in der Gesellschaft durchsetzen. Neben der offiziellen Lesart sind auch viele inoffizielle Erinnerungsdiskurse entstanden, die Freiräume in Kunst und Literatur oder Lücken und Grauzonen im System der staatlichen Kontrolle geschickt nutzen. Was Rubie Watson über die Gesellschaften im sowjetischen Block schrieb,1 gilt auch für China: Der Partei ist es nie gelungen, das »Untergrundgedächtnis« an negative Ereignisse wie Hungersnöte oder staatliche Repression gänzlich zu tilgen.

Im Unterschied zu den Ländern Osteuropas, wo ohne die Hilfe der sowjetischen Armee die »Volksdemokratien« nach 1945 nicht entstanden wären, verfügte die KPCh immer über eine relativ große Massenbasis, da sie durch über 20 Jahre Bürgerkrieg und Widerstand gegen die japanischen Besatzer an die Macht kam. Die Partei war immer wieder in der Lage, die »Generallinie« nach großen Katastrophen neu zu bestimmen und neue Quellen der Legitimation zu erschließen. Auch auf dem Gebiet der Geschichtspolitik zeigt sich die KPCh erstaunlich flexibel. Wie Agnes Schick-Chen in ihrem Artikel »Rein gewaschen« zeigt, rehabilitierte die Parteiführung Anfang der Achtzigerjahre viele Opfer der Kulturrevolution mit großem medialem Aufwand. Die Reformpolitik nach 1978 wurde als Lehre aus den »ultralinken Fehlern« der Mao-Ära präsentiert. Auch wenn diese Fehler schlimme Folgen gehabt hätten, seien sie von der damaligen Parteiführung in guter Absicht begangen worden.2

Klaus Mühlhahn und Monika Gänßbauer arbeiten beide heraus, wie sich Opfer von antireligiösen Kampagnen und Arbeitslagern heute in persönlichen Erinnerungen zu Wort melden. Auffallend ist dabei, dass die Betroffenen eine Mitschuld an ihrem Schicksal oder zumindest eine Verstrickung eingestehen, da in den Kampagnen die Rollen von Opfer und Täter häufig wechselten. Die direkte Beteiligung der Massen an Denunziation und Terror war eine Besonderheit des chinesischen »Massenlinien-Sozialismus«, der Verantwortung dezentralisierte. Schon in seiner berühmten »Untersuchung zur Bauernbewegung von Hunan« (1927) hatte Mao die spontane Abrechnung der Massen mit ihren »Unterdrückern« gefeiert.3

Dass die Hegemonie der KPCh über die Interpretation der Geschichte zwar bröckelt, aber noch nicht gebrochen ist, liegt nicht nur an der staatlichen Zensur. Bisher ist es auch kritischen chinesischen Intellektuellen noch nicht gelungen, eine geschlossene und überzeugende Gegen-Erzählung zur offiziellen Version vorzulegen. Susanne Weigelin-Schwiedrzik begründet in ihrem Beitrag, weshalb der Versuch der ehemaligen Rotgardistin Zhang Rong, mit ihrer Biografie Mao: The Unknown Story eine solche Gegen-Erzählung zu verfassen, aus sinologischer Sicht grandios gescheitert ist. Zhang Rong kann weder erklären, warum Millionen Chinesen sich von Mao mobilisieren ließen, noch die eigene Verstrickung in die Kulturrevolution hinterfragen. Stattdessen schreibt sie, wie in der traditionellen chinesischen Geschichtsschreibung üblich, die Biografie eines ewig bösen und moralisch verdorbenen Kaisers, in der Ambivalenzen oder Unerklärliches nicht vorkommen. Dass das Buch im Westen in der Presse gefeiert und zu einem Bestseller wurde, zeigt laut Weigelin-Schwiedrzik, wie wenig Einfluss die akademische Chinaforschung auf die mediale Öffentlichkeit habe. Barbara Mittler argumentiert in ihrem Artikel, dass Zhang Rongs »Mao-Monster« in China wenig Wirkung habe, da sich Taxifahrer oder Künstler ihren eigenen Mao konstruieren. Schon in der Kulturrevolution eigneten sich viele Chinesen staatliche Propaganda an, indem sie sie mit neuen und eigenen Inhalten belegten. Die Vielfalt kritischer und ironischer Versionen von Mao-Bildern in der gegenwärtigen Kunst habe nicht zur Dekonstruktion des »Großen Vorsitzenden« beigetragen, sondern seine Popularität wahrscheinlich noch gesteigert.

Insbesondere russische Quellen zu Mao spiegeln sich in zwei Biografien, die der russische Sinologe A. Pancov 2007 und 2008 verfasst bzw. überarbeitet hat und die von Aleksandr Gennadevič Jurkevič für das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung ausführlich rezensiert werden.

Felix Wemheuer analysiert den Kampf, der um die Interpretation der Bewegung von 1989 entbrannt ist. Zwar kann die KPCh mit ihrer These von den »konterrevolutionären Unruhen« nicht überzeugen, doch anderseits ist die chinesische Dissidenten-Community im Exil heillos zerstritten und gibt sich gegenseitig die Schuld am Scheitern der Bewegung. Überraschenderweise ist es sowohl in China als auch im Westen die Neue Linke, die versucht, die Ereignisse als Beginn der Antiglobalisierungsbewegung neu zu besetzen. Damit wird die Niederschlagung der Proteste zu einem Massaker für die Durchsetzung des Kapitalismus. Diese Bewertung der Bewegung von 1989 ist im Zusammenhang mit dem Versuch der Neuen Linken zu sehen, die jüngere chinesische Geschichte neu zu schreiben. Die sozialen und ökologischen Folgen des gegenwärtigen chinesischen »Wirtschaftswunders« haben im Internet unter chinesischen Nutzern zu einer Debatte über eine positivere Bewertung der Kulturrevolution geführt, die keinesfalls im Sinne der Partei ist.4 Die Erinnerungen an den massiven Ausbau des ländlichen Bildungs- und Gesundheitswesen während der Kulturrevolution dient in diesem Zusammenhang der Kritik der desolaten Lage der Bauern heute.

In den internationalen Medien hat die KPCh nur wenig Aussicht, mit ihrem Geschichtsbild zu punkten. Das zeigten nicht zuletzt die Unruhen in Tibet 2008, die um den 49. Jahrestag des Aufstands vom 10. März 1959 ausbrachen. Jeder chinesische Student kann die Unterstützung des Dalai Lama durch die westlichen Medien in Verbindung bringen mit den Versuchen der Kolonialmächte, China zu zerstückeln. Je mehr die chinesische Regierung jedoch ihre Version von der »friedlichen Befreiung Tibets« vom »feudalistischen Dalai-Lama-Regime« propagiert, umso unbeliebter macht sie sich im Westen. Dennoch sollte man den Einfluss des Geschichtsbilds der KPCh im eigenen Land nicht unterschätzen. Es ist noch keineswegs sicher, dass die Volksrepublik keinen weiteren runden Geburtstag mehr feiern wird.

 

Zeittafel zur Geschichte der Volksrepublik China

Volksrepublik China

»Neudemokratische« Phase (1949–1953)

1949 Gründung der Volksrepublik China / Guomindang fliegt nach Taiwan

1950 Bodenreform und Verteilung der Ländereien an Landlose und Kleinbauern /Kampagnen zur »Ausrottung der Konterrevolutionäre und Banditen«

1950 Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion

1950–53 Koreakrieg

1953 Erster Fünfjahresplan nach sowjetischem Vorbild

1954 Verabschiedung der Verfassung

Sozialistische Umwälzung (1955–1957)

1955–1957 Kollektivierung der Landwirtschaft / Sozialistische Umwälzung in Industrie und Handwerk

1956 8. Parteitag der KPCh: Schwerpunkt auf Entwicklung der Wirtschaft / 
Streichung der Mao-Zedong-Ideen aus dem Parteiprogramm

1957 »Hundert-Blumen-Kampagne«, dann »Anti-Rechts-Kampagne« gegen Intellektuelle

Großer Sprung nach vorne (1958–1961)

1958 Stahlkampagne, Einführung der Volkskommunen

1959 Aufstand in Tibet

1960 offene Kontroverse mit KPdSU beginnt; Folge: Abzug der sowjetischen Experten

1959–1961 Landesweite Hungersnot mit 15–40 Millionen Toten

Konsolidierungsphase (1962–1965)

1962 Import von Getreide, neue Form der Volkskommune mit gemischten Eigentumsformen

1962 Grenzkrieg mit Indien

1962 12 Millionen Menschen werden auf die Dörfer zurückgeschickt

1963–1965 Sozialistische Erziehungskampagne soll Klassenkampf gegen korrupte Kader auf dem Land entfachen

1964 Aufbau der 3.Verteidigungslinie im Westen Chinas beginnt

1964 Zündung der ersten chinesischen Atombombe

Kulturrevolution (1966–1976)

1966 Sommer und Herbst: Roten Garden und Rebellen organisieren sich

1967 Armee wird eingesetzt, um Kämpfe zu beenden

1967–75 Verschickung von 16 Millionen Jugendlichen aufs Land

1968 faktische Zerschlagung der Roten Garden

1969 9. Parteitag verkündet den Sieg der Kulturrevolution und ruft zur Einheit auf

1969 Grenzkrieg mit der UdSSR

1971 angeblicher Putschversuch von Verteidigungsminister Lin Biao

1971 VR China übernimmt Taiwans ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat

1972 Besuch des US-amerikanischen Präsidenten Nixon in China

1973 Rehabilitierung von Deng Xiaoping / Konsolidierungspolitik wird eingeleitet

1973 Kampagne zur Kritik an Konfuzius und Lin Biao

1976 Massendemonstrationen nach dem Tod von Zhou Enlai

1976 Tod von Mao Zedong

Übergang zur Reform- und Öffnungspolitik

1976 Sturz der »Viererbande« / Hua Guofeng wird neuer Staats- und Parteichef

1978 Beginn der Reform- und Öffnungspolitik / Einrichtung von Sonder- wirtschaftszonen

1978–Mitte der 80er-Jahre: Rehabilitierung der Opfer der Anti-Rechts-Kampagne und Kulturrevolution

1979 Einführung der Ein-Kind-Politik

1979 Krieg zwischen China und Vietnam

1980 Prozess gegen die »Viererbande«

1981 »ZK-Resolution über einige Fragen in unserer Parteigeschichte seit Gründung der Volksrepublik«

Ab 1981 Auflösung der Volkskommunen und Einführung des Familienverantwortlich­keitssystems in ganz China

1987 Sturz von Parteichef Hu Yaobang

1989 Massenbewegung vom Platz des Himmlischen Friedens; Niederschlagung am 4. Juni

1989 Jiang Zemin wird Nachfolger von Zhao Zeyang

»Sozialistische Marktwirtschaft«

1992 Nach Deng Xiaopings »Reise nach Süden« gehen die Wirtschaftsreformen weiter

90er-Jahre weitgehende Privatisierung der Industrie, des Immobilenmarkts und des Gesundheitssystems

1997 Tod von Deng Xiaoping

1998 Rückgabe von Hongkong an China

2001 China tritt der Welthandelsorganisation (WTO) bei

2004 Hu Jintao wird neuer Staats- und Parteichef

2008 Unruhen in Tibet / Olympische Spiele in Peking


1 Rubie S. Watson (Hg.): Memory, History and Opposition under State Socialism, Houston 1994, S. 4.

2 Siehe William A. Joseph: The Critique of Ultra-Leftism in China, 1958–1981, Stanford 1984.

3 Mao Tse-tung: Untersuchungsbericht über die Bauernbewegung in Hunan, in: Ausgewählte Werke, Peking 1968, Band 1, S. 27.

4 Siehe Mobo Gao: The Battle for China’s Past – Mao & the Cultural Revolution, London 2008, S. 151.

Inhalt – JHK 2009

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