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Anmerkungen zu Fehleinschätzungen des Nationalsozialismus durch die Bolschewiki und die Kommunistische Internationale

JHK 2009 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 299-314 | Aufbau Verlag

Autor/in: Leonid Luks

Vor 75 Jahren, auf dem XVII. Parteitag der Bolschewiki im Januar 1934 (»Parteitag der Sieger«), schlug Stalin der deutschen Führung vor, trotz ideologischer Gegensätze zwischen dem sow­je­tischen und dem nationalsozialistischen Regime zur Rapallopolitik, also zu einem ideologiefrei­en realpolitischen Kurs zurückzukehren.1 In diesem Appell kommt die in der sowje­ti­schen bzw. kommunistischen Führung verbreitete Tendenz zur Fehleinschätzung des National­sozialismus zum Ausdruck. Der vorliegende Beitrag wird sich mit einigen Ursachen für diese Problematik befassen.

Wie sehr die Kommunisten den prinzipiellen Antimarxismus und Antikommunismus der NSDAP unterschätzten, spiegelt sich im sogenannten Schlageter-Kurs der Komintern von 1923 (während der Ruhrkrise) wider. Eingeleitet wurde dieser durch die Rede Karl Radeks auf dem 3. Plenum des Exekutivkomitees der Komintern im Juni 1923. Diese geriet zu einer Art Huldigung auf den vom französischen Militärgericht zum Tode verurteilten Rechtsextremisten Leo Schlageter, den Radek als »Märtyrer des deutschen Nationalismus« bezeichnete. Die Rede enthielt ein direktes Bündnisangebot an die deutschen Rechtsextre­misten. Die Gesinnungsgenossen Schlageters würden ihr Ziel – die Befreiung Deutschlands vom Versailler Vertrag – niemals erreichen, solange sie das deutsche Proletariat nicht als ihren Verbündeten, sondern als Feind betrachteten, so Radek.2 Deutsche Kommunisten nahmen nun auf Anweisung Moskaus an verschiedenen Veranstaltungen der NSDAP teil und versuchten die Nationalsozialisten zu überzeugen, dass der Kampf gegen das »jüdische Kapital« keineswegs ausreiche, um das deutsche Volk von der Ausbeutung zu befreien. Man müsse das »ganze Kapital« bekämpfen.3

Die Komintern-Führung ließ außer Acht, wie tief der ideologische Abgrund zwischen den Kommunisten und den Rechtsextremisten in Wirklichkeit war. Einzelne Kommunisten waren sich indes darüber im Klaren und versuchten sich der Idealisierung des deutschen Nationalismus zu widersetzen. Anfang Juni 1923 veröffentlichte der Tscheche Josef Sommer im KPD-Organ Die Internationale einen Artikel, in dem er von einem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Nationalismus und Kommunismus sprach und gegen diejenigen Kommunisten polemisierte, die durch ein nationalistisches Programm die Popularität der KPD steigern wollten: »Die proletarische Revolution wird in Deutschland vielleicht überhaupt nicht […] siegen können, wenn es nicht gelingt, wenigstens einen Teil des heute noch nationalistisch verdummten Kleinbürgertums zu neutralisieren oder für die Revolution zu gewinnen. Aber das kann nicht […] dadurch geschehen, dass die Kommunisten sich durch die tapfere Führung des Ruhrkampfes ein gutes Sittenzeugnis für Nationalismus erwerben […], sondern nur dadurch dass die nationalistische Ideologie zerbrochen wird. […] Entweder bringt der Nationalismus das Proletariat an die Seite des Kleinbürgertums und beide Klassen gehen vereint mit der Bourgeoisie in einem neuen Weltgemetzel zugrunde, oder […] die Zerstörung der nationalistischen Illusion bringt die proletarischen Mittelschichten an die Seite des klassenbewussten Proletariats.«4

Die Reaktion der deutschen Rechtsextremisten auf das Bündnisangebot der Kommunisten war, wie nicht anders zu erwarten, im Wesentlichen ablehnend. Eine Zusammenarbeit mit der KPD, deren physische Vernichtung sie anstrebten, kam für sie nicht infrage. Die einzige Ausnahme bildeten die sogenannten nationalbolschewistischen Kreise. Deren Vertreter, unter anderem Arthur Moeller van den Bruck und Ernst Graf zu Reventlow, waren bereit, einen Dialog mit den Kommunisten aufzunehmen – allerdings nur, wenn diese auf ihr internationalistisches und klassenkämpferisches Programm, d. h. auf ihre Identität, völlig verzichten würden. Solange die KPD an der Idee des Klassenkampfs festhielt, hatte sie für Moeller van den Bruck und viele andere Vertreter des Nationalbolschewismus keine Existenzberechtigung.5

Die Voraussagen einiger Kommunisten, die den Schlageter-Kurs scharf verurteilt hatten, sollten sich voll bewahrheiten. Der angeblich realistische Kurs der Komintern scheiterte bald nach seiner Verkündung, weil er die deutsche Realität und den kompromisslosen Antimarxismus der Rechtsextremisten verkannte.6 Während die Analyse des italienischen Faschismus, die die Kominterntheoretiker in den Jahren 1921 bis 1928 durchführten, eine der scharfsinnigsten Interpretationen dieses Phänomens war, die seinerzeit unternommen wurden,7 erzielte man in Bezug auf den deutschen Nationalsozialismus keine vergleichbaren Ergebnisse. So­gar Trockij, der den Nationalsozialismus in den Dreißigerjahren unabhängig von der von Stalin beherrschten Komin­tern analysierte, übersah viele spezifische Merkmale, die die­sen grundlegend vom italienischen Faschismus unterschieden.8 Die Fehleinschätzung des Nationalsozialismus durch die Bolschewiki ist also nicht allein auf die stalinistische Gleichschaltung der Faschismusdiskussion innerhalb der Komintern zurückzuführen. Es gab offensichtlich noch andere Gründe, die den Bolschewiki das Verständnis des italienischen Faschismus erleichterten bzw. die „Einfühlung“ in die Eigenarten des Nationalsozialismus erschwerten.

Der italienische Fa­schismus war – trotz aller Unterschiede – dem Bolschewismus als politische Erscheinung viel verwandter als der Natio­nalsozialismus. Mussolini war aufgrund seiner marxistischen Vergangenheit für die Bolschewiki leichter zu verstehen als Hitler. Vor dem Ausbruch des Ersten Welt­kriegs hatte Mussolini bekanntlich wie Lenin dem radikalen Flügel der marxisti­schen Bewegung angehört. Beide waren ungeduldige Revolutionäre, beide glaubten die Her­ausbildung eines »proletarischen Bewusstseins« bei den Massen nicht abwarten zu kön­nen. Ihre Absicht war es, den revolutionären Prozess durch Aktionen einer kleinen Elite von Berufsrevolutionären zu beschleunigen.9 Durch seinen Voluntarismus entfernte sich Mussolini allmählich vom Marxismus, Lenin dagegen blieb, trotz seiner radikal-voluntaris­ti­schen Revision des Marxismus, dessen orthodoxer Anhänger – zuminde­st hielt er sich für einen solchen. Mangelndes Interesse an den neuen geistigen Strömungen in Europa und seine Konzentration auf die taktischen Probleme der revolutionären Machteroberung erleichterten ihm dies vielleicht. Mussolini brach auch als Faschist nicht alle Brücken zu seiner marxistischen Vergangenheit ab. In der Parlamentsrede vom l. Dezember 1921 sprach er sogar von einer geistigen Verwandtschaft der Faschis­ten mit den Kommunisten.10 Bei Hit­ler waren solch versöhnliche Äußerungen über die Marxisten kaum denkbar.11

In der Tatsache, dass der Nationalsozialismus – im Gegensatz zum italienischen Faschismus – keine Wurzeln in der sozialistischen Arbeiterbewegung hatte, erkannte der deutsch-russische Sozialdemokrat Alexander Schifrin einen der grundlegendsten Unterschiede zwischen den beiden rechtsextremen Gruppierungen. Im Februar 1931 schrieb Schifrin: »Die Entwicklung des italienischen Faschismus bestand in der Gegenrevolutionierung einer ihrer Herkunft nach demokra­tischen Bewegung; das bedeutete aber eine tiefe innere Wandlung. Die jüngste Entwick­lung des Nationalsozialismus steht im Zeichen der Demokratisierung dieses Stoßtrupps der Gegenrevolution im Sinne der Ausbreitung seiner sozialen Grundlage; dafür brauchte er aber nur eine gewisse Änderung der Methoden. Sein politischer und ideolo­gischer Grundgehalt blieb gleich.«12

Aber nicht nur die marxistische Vorprägung Mussolinis spricht für eine gewisse Verwandtschaft des Bolschewismus mit dem italienischen Faschismus. In seiner wirtschaft­lichen und sozialen Struktur nahm Italien eine Zwischenstellung zwischen Russland und Deutschland ein. Der große Entwicklungsunterschied zwischen seinem industrialisierten Norden und dem überwiegend agrarisch geprägten Süden war die Ursache dafür, dass Italien zwei gegensätzliche Prozesse zugleich erlebte: einerseits die Modernisierungskrise und die Krise des Li­beralismus mit ihren kulturpessimistischen Folgen wie in Deutschland, andererseits den Drang nach Modernisierung des Landes wie in Russland. Der italienische Fa­schismus vereinigte diese beiden Tendenzen in sich. Seine Einstellung zur Modernisie­rung kann als Zwischenposition zwischen derjenigen der Nationalsozialisten und der der Bolschewiki bezeichnet werden. Er war einerseits zuversichtlicher als der Na­tionalsozialismus, andererseits beinhaltete er kulturpessimistische Elemente, die im Bol­schewismus fehlten. Diese Dichotomie wird von manchen Vertretern der Modernisierungstheorie ignoriert oder missverstanden, wie zum Bei­spiel die Polemik zwischen Henry A. Turner und A. James Gregor in World Politics (1972 und 1974) zeigt.13 Turner ist der Ansicht, der italienische Faschismus verkörpere, wie der Nationalsozialismus, den Protest gegen die Moderne.14 Gregor seiner­seits versteht den italienischen Faschismus ausschließlich als eine Bewegung, die den Modernisierungsprozess Italiens vorangetrieben habe.15 Er unterschätzt dabei diejenigen Aspekte, die durchaus als Auflehnung gegen die Moderne zu verstehen sind.16 Turner dagegen überträgt die extreme Angst der Nationalsoziali­sten vor der Dekadenz und vor den Folgen der Moderni­sierung beinahe unverändert auf die italienischen Faschisten, was ebenso unberechtigt ist. In einigen Bereichen waren jene sogar – hier muss man Gregor teilweise Recht geben – beinahe so fortschrittsgläubig wie die Bolschewiki. Es ist vielleicht kein Zufall, dass so­wohl die bolschewistische Revolution als auch der faschistische Staatsstreich von einer Kun­strichtung begeistert begrüßt wurde, die sich dem Lob der Moderne verschrieben hatte: dem Futurismus.17

Ist aber der Fortschrittsglaube das wichtigste Kriterium für die Bewertung der »Modernität« einer politischen Gruppierung? Eine Reihe von Autoren, insbesondere Rainer Zitelmann, stellt dieses Konzept infrage und betrachtet Hitler als einen ausgesprochen »modernen« Diktator.18 Norbert Frei, der diesen Standpunkt heftig kritisiert, paraphrasiert die Gedankengänge Zitelmanns und seiner Mitstreiter folgendermaßen: »Fasziniert von der Technik und durchdrungen von dem Willen zur Modernisierung der Gesellschaft sei es dem braunen ›Revolutionär‹ und seinen Gefolgsleuten darum gegangen, Klassenschranken niederzureißen, die soziale Mobilität zu erhöhen und die Lebensbedingungen der breiten Masse zu verbessern.«19 Dass die nationalsozialistische »Volksgemeinschaft« rassisch geprägt war, dass sie die sogenannten »rassenfremden« Bevölkerungsgruppen ausgrenzte bzw. ausrottete, spricht aus Zitelmanns Sicht nicht gegen den modernen Charakter der Hitler’schen »braunen Revolution«: »Moderne Visionen müssen […] durchaus nicht human orientiert und keineswegs einem demokratischen Gesellschaftsverständnis verpflichtet sein.«20 Dazu meint allerdings Ian Kershaw: »Der Modernisierungsbegriff wird durch den Versuch, ihn aller normativen Konnotationen zu entkleiden und als wertfrei zu behandeln, analytisch so gut wie unbrauchbar.«21 Nach dieser Auffassung waren auch die Bolschewiki modern. Auch ihre Visionen waren »nicht human orientiert und keineswegs einem demokratischen Gesellschaftsverständnis verpflichtet« und basierten auf der Ausgrenzung bzw. Ausrottung »fremder Elemente« (in ihrem Fall als »klassenfremd« definiert). Warum fiel es dann den bolschewistischen Ideologen derart schwer, sich in die Motive der Nationalsozialisten einzufühlen? Dies hatte mit dem für den deutschen Rechtsextremismus charakteristischen Kulturpessimismus zu tun, der den Bolschewiki völlig fremd war.22

Ein Pessimismus, der sich im Glauben an den bevorstehenden »Untergang des Abendlandes« äußerte, wurde in Europa nach dem Ersten Weltkrieg zur verbreiteten Erscheinung. Darin liegt auch einer der Gründe für die große Popularität der rechtsextremen Massenbewegungen, die scheinbar danach strebten, die­sen »Untergang« zu verhin­dern.23 Die Kommunisten missverstanden den euro­päischen Pessimismus. Sie hielten ihn für eine Erscheinung, die lediglich die Bourgeoisie betraf. Durch die Untergangsstimmung, so glaubten sie, bestätigten die eu­ropäischen herrschenden Klassen nur die kommunistische Voraussage vom baldi­gen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Im Dezember 1922 sagte Trockij: »Die Philosophie Spenglers vom Untergang Europas ist jetzt im Westen sehr populär. Es ist eine in ihrer Art richtige Vorahnung der bürgerlichen Klassen. Sie nehmen keine Notiz vom Proletariat, das an die Stelle der Bourgeoisie treten und die Macht überneh­men wird; deshalb sprechen sie vom Untergang Europas.«24 Auch Karl Ra­dek hielt den west­lichen Pessimismus für ein rein bürgerliches Phänomen. Im August 1923 argumentierte er: »Kein Buch ist in Deutschland so populär wie Spenglers ›Untergang des Abendlandes‹. Was äußert sich darin? Es äußert sich darin das Gefühl, dass die Bourgeoisie sich auf ei­ner niedergehenden Stufe befindet. Dieser Zerfall schafft den Boden, auf dem wir diese intellektuellen Schichten für unseren Kampf gewinnen können.«25 Die Kominterntheo­retiker wollten nicht wahrhaben, dass das europäische »Proletariat« von diesem Pes­simismus beinahe im gleichen Ausmaß ergriffen war wie alle anderen Schichten der eu­ropäischen Gesellschaft.26

Die Fehleinschätzung des europäischen Pessimismus durch die bolschewistische Ideo­lo­gie entstammte sowohl der marxistischen als auch der national-russischen Tradition. Marx entwickelte seine Ideen in einer Zeit, in der in Europa positivistischer Optimis­mus und Fortschrittsglaube vorherrschend waren. Als sich um die Jahrhundertwende die pessimistische Stimmung in Europa verbreitete, war der Marxismus längst ein abgeschlossenes System, das sich von späteren geistigen Strömungen kaum mehr beeinflussen ließ.27 Die tief greifende wissenschaftliche Revolution, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts den positivistischen Glauben an die Fe­stigkeit der materiellen Welt und der Naturgesetze grundlegend revidierte, ließ ihn unberührt.

Auch wenn die neuen Ideen in Bezug auf den Marxismus als System wirkungslos blieben, wurden doch nicht wenige seiner Anhänger von ihnen beeinflusst. In der Regel verlief die Entwick­lung so, dass sich diejenigen Marxisten, die sich von Denkern wie Nietzsche, Bergson, Dos­to­evskij oder Solov’ev faszinieren ließen, nach einigen vergeblichen Versuchen, deren Ideen mit dem marxistischen System zu vereinbaren, vom Marxismus distanzierten.

Lenin bekämpfte diese Zweifler innerhalb der bol­sche­wisti­schen Partei schonungslos.28 Nikolaj Valentinov, ein ehemaliger Bolschewik, berichtet über ein Gespräch mit Lenin aus dem Jahr 1904, in dem dieser scharf gegen jene Bolschewiki polemisierte, die den Marxismus durch neue philosophische Lehren be­reichern wollten: Es sei unzulässig, Marx zu korrigieren. Die Sozialdemokratische Par­tei sei kein Seminar, in dem über neue Ideen debattiert werde. Sie sei eine Kampforganisation mit einem be­stimmten Programm und einer klaren Ideenhierarchie. Der Eintritt in diese Organisation sei mit der bedingungslosen Anerkennung dieser Ideen verknüpft. Man dürfe den Marxismus nur in die Richtung weiterentwic­keln, die von Marx selbst vorgezeichnet worden sei.29 Lenin blieb dem naiven, materialistisch-positivistischen Optimismus des 19. Jahrhunderts treu, ohne ausreichend Einsicht in die neuen Fragen und Probleme, die die europäische Kultur im 20. Jahrhundert beunruhigten, entwickelt zu haben.30 Lenin sei in Fragen der Kultur sehr konserva­tiv gewesen, sagt der russische Philosoph Fedor Stepun. Wäre er ein Revolutionär des Geistes gewesen, so wäre er vielleicht nicht imstande gewesen, seine politische Revolution zu verwirkli­chen.31 Die Mehrheit der Bolschewiki übernahm Lenins Einstellung zu den neuen geistigen Strömungen der Epoche.32 Das marxistische und das leninistische Erbe erschwerten demnach den Kominterntheoretikern die Analyse der Ursachen des euro­päischen Pessimismus, der den Erfolg der Rechtsextremisten mitverschuldet hatte, au­ßerordentlich.

Wie schon angedeutet, liegt eine andere Ursache für die Fehleinschätzung des europäischen Pessimismus durch die bolschewistischen Ideologen darin, dass sich die wirtschaftliche und soziale Ent­wicklung Russlands von der westlichen wesentlich unter­schied. Russland war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein industriell unterentwickeltes Halb­agrarland, das technologischen Fortschritt dringend benötigte. Im Westen dagegen hatten damals Urbanisierung und Industrialisierung bereits ein solches Entwicklungsstadium erreicht, dass man dort am Sinn dieser Prozesse zu zweifeln begann. Ausgehend von der Si­tuation Russlands waren die Bolschewiki überzeugt davon, dass man der Lösung aller gesell­schaftlichen Probleme umso näher komme, je mehr Industriegüter man produziere. Dass ge­rade in Deutschland, im größten Industrieland Europas, eine Bewegung an die Macht gekommen war, die den Fortschrittsgedanken ablehnte und von einem »Agrarland Deutschland« träumte, konnten oder wollten sie deshalb nicht verstehen.

Die Bolschewiki hiel­ten jede Kritik an der wissenschaftlich-rationalen und materialistischen Weltauffassung für einen Überrest der finsteren und abergläubischen Epochen, die sie als längst über­wunden ansahen.33 Ihre unkritische Bewunderung der Wissenschaft betrachteten sie als das letzte Wort der europäischen Kultur.34 Für Antonio Gramsci, einen der führenden Theoretiker der KPI, war dieser wissenschaftliche Aberglaube noch lächerlicher als der religiöse: »Der wissenschaftliche Fortschritt hat zu einem Glauben an einen neuen Messias geführt, der auf dieser Erde das Schlaraffenland verwirklichen wird […]. Da man zu viel von der Wis­senschaft erwartet, begreift man sie als eine höhere Hexerei.«35 Bei den breiten Massen Russlands erzielte die atheistische und materialistische Propaganda der Bolschewiki, die mit der Verfolgung der orthodoxen Kirche und anderer Konfessionsgemeinschaften verbunden war, allerdings beträchtlichen Erfolg.36 Die Popularisierung der »Wunder« der Wissenschaft und Technik sollte den Glauben an die religiösen Wunder ersetzen. Und in der Tat nahm der Wissenschaftsglaube im bolschewistischen Russland einen beinahe religiösen Charakter an.37 Russland erlebe jetzt eine Periode der naiven Aufklärung, schrieb der russische Historiker und Philosoph Georgij Fedotov 1930. Der Materialismus er­halte dort den Status eines neuen Glaubens.38 In den westlichen Ländern hielt man dagegen den Wissenschaftsglauben für überholt.39 Auch große technische Leistungen der Sowjetunion imponierten dem Westen nicht, weil Ähnliches, wie Konrad Heiden mit Recht sagte, im Westen längst vollbracht war.40 Die Verwüstungen des Ersten Weltkriegs, die zum Teil durch die technolo­gisch-wissenschaft­lichen Errungenschaften der vorangegangenen Jahrzehnte solche Ausmaße er­reicht hatten, öffneten vielen Europäern die Augen über die zerstörerischen Aspekte des technischen Fortschritts. Auch die irrationalen Komponenten der menschlichen Natur traten in diesem Krieg besonders stark hervor, was die bolschewistische These von der rationalen Planbarkeit der menschlichen Gesellschaft nicht gerade stärkte. Die Bolschewiki konnten indes die Auflehnung gegen die Moderne, von der die Rechtsextremisten mit ihrer Verklärung des Irrationalen im Menschen besonders stark profitierten, nicht adäquat einordnen. Ihr bedingungsloser Glaube an den linearen Fortschritt stand ihnen dabei im Wege.

Noch eine andere, außerordentlich wichtige Kompo­nente der nationalsozialistischen Welt­anschauung vermochten die Kommunisten nicht richtig zu bewerten: ihren Anti­semitismus. Die Bolschewiki waren sich der Gefährlichkeit des Antisemitismus durch­aus bewusst, und sie haben häufig, sowohl vor als auch nach der Revolution, antijüdi­sche Ausschreitungen und Vorurteile scharf kritisiert.41 Die Erfahrungen, die sie diesbezüglich in Russland gesammelt hatten, waren allerdings we­nig hilfreich, um das Wesen des nationalsozialistischen Antisemitismus richtig einzu­schätzen. Die antijüdischen Pogrome im vorrevolutionären Russland und die Diskrimi­nierungsmaßnahmen der Zarenregierung gegenüber den Juden boten keinen Maßstab zur Beurteilung des Antisemitismus, der für die NSDAP und den nationalsoziali­stischen Staat bezeichnend war. Bei den politischen Auseinandersetzungen im Zarenrussland spielte Antisemitismus eine zwar wichtige, aber keineswegs zentrale Rolle.42 Nach Meinung der Bolschewiki dienten antijüdische Propaganda oder Ausschreitungen wie z. B. die Pogrome im vorrevolutionären Russland lediglich der Ablenkung der Massen von ande­ren, weit bedeutenderen sozialen Problemen. Im Juli 1918 schrieb Lenin: »Die absoluti­stische Regierung lenkte stets, wenn dies Not tat, den gegen sie gerichteten Hass auf die Juden ab, wobei sie den unwissenden Massen einredete, all ihr Elend komme von den Juden.«43 Die bolschewistischen Ideologen schenkten dementsprechend den Beteuerungen Hitlers, dass er die Bezwingung des Weltjudentums als seine wichtigste Mission ansehe, keinen Glau­ben. Im April 1933 schrieb ein kommunistischer Autor: »[Das] ganze Geschwätz von der ›völkischen Erneuerung‹ Deutschlands und seiner ›Säuberung vom jüdischen Ele­ment‹ wird – wenn man von einer kleinen Schicht verrückter Schulmeister und Rassen­fa­na­tiker absieht – von niemandem ernst genommen.«44 So verloren die Kommuni­sten die vermutlich bedeutendste ideologische Komponente der nationalsozialistischen Doktrin45 aus den Augen.

Diese Unterschätzung der Bedeutung des Antisemitismus für die Dynamik und die Erfolge des Nationalsozialismus lässt sich auch in der westlichen Forschung feststellen. So vertrat zum Beispiel der amerikanische Soziologe Theodore Abel 1938 die These, Hitlers Antisemitismus habe ihm bei seiner Machtergreifung keineswegs geholfen. Er sei nicht wegen, sondern trotz seines Antisemitismus an die Macht gekommen.46 Es ist sicherlich richtig, dass der weltweite Kampf gegen das Judentum von der Mehrheit der Wähler oder der NSDAP-Mitglieder nicht als Hauptziel betrachtet wurde. Gelegentlich traten auch die antijüdischen Parolen in der Propaganda der NSDAP hinter andere Themen zurück.47 Allerdings bildete der Gedanke der Bezwingung des Weltjudentums für führende Männer der Partei und vor allem für Hitler selbst das Rückgrat des Nationalsozialismus. Martin Broszat war der Meinung, Hitler sei im Grunde ein Opportunist und Nihilist gewesen. Der Judenhass habe vielleicht seine einzige feste Überzeugung dargestellt.48 Doch die Monomanie Hitlers wird durch diese Aussage unterschätzt. Hitler hat den Antisemitismus zu einem alles umgreifenden Welterklärungsmodell erhoben, das alle anderen weltanschaulichen Systeme relativierte. Deshalb fiel es ihm so leicht, deren Ideen und Ideologien opportunistisch zu missbrauchen. Martin Broszat, Hans Mommsen und einige andere westliche Historiker sehen in der nationalsozialistischen Ideologie vorwiegend ein Mittel zur Sicherung der Herrschaft49 und unterschätzen dadurch die Eigendynamik der ideologischen Zielsetzungen der NSDAP. Frank-Lothar Kroll, der das Geschichtsdenken Hitlers untersuchte, beschreibt dessen »Endzeit«-Denken, seine Vorstellung, den Kampf zwischen der arischen und der jüdischen Rasse bis zum bitteren Ende führen zu müssen: »So oder so war damit ein definitiver Abschluss aller bisherigen Geschichte erreicht, der sich freilich nicht als vage Möglichkeit in nebulöser Zukunftsferne präsentierte. Abschluss und Ende standen vielmehr unmittelbar bevor und waren auf jeden Fall noch zu Hitlers Lebzeiten einzulösen.«50

In den Augen der Bolschewiki war das Hauptmotiv des Handelns der nationalsozialistischen Führer die Verteidigung der, wie sie meinten, real gefährdeten kapitalisti­schen Ordnung und nicht der Kampf gegen eine illusionäre jüdi­sche Gefahr.51 Sie unterschätzten mit solchen Thesen die Kraft, die Fiktionen und pathologische Verzerrungen der Realität in der Ge­schichte bisweilen entfalten können.52 Weitgehend fremd und unverständlich war ihnen auch die Idealisierung der Gesetze der biologischen Natur durch die Nationalsozialisten und deren Versuch, das in der Natur herrschende Recht des Stärkeren auf die menschliche Gesellschaft zu übertragen. Die Bolschewiki ihrerseits betrachteten sich, obwohl sie selbst ein Unterdrückungsregime von beispielloser Härte errichtet hatten, weiterhin als Verteidiger der Schwachen. Sie identifizierten sich also auch als Herrschende noch mit vielen Idealen der russischen revolutionären Intelligenzija, ungeachtet der Tatsache, dass sich deren Mehrheit nach der Oktoberrevolution gegen sie gewandt hatte und von ihnen verfolgt wurde. Weder der marxistischen Tradition noch der russischen Intelligenzija war eine Verherrlichung der in der Natur herrschenden Gesetze eigen, wodurch den kommunistischen Theoretikern die Einsicht in die entsprechenden Motive vieler Nationalsozialisten sehr schwerfiel.

Der Nationalsozialismus hatte noch radikaler als der Kommunismus mit den ethischen Vorstellungen der Europäer gebrochen, die durch die jahrhundertelange Einwirkung des Christentums geprägt waren. Obwohl die Bekämpfung der christlichen Tradition zu den zentralen Elementen der bolschewistischen wie der nationalsozialistischen Weltanschauung gehörte, war der Charakter dieses Kampfes verschieden. Die Kommunisten traten mit dem Anspruch auf, Ideale wie soziale Gerechtigkeit und Gleichheit ehrlicher und effektiver zu vertreten als die christlichen Kirchen oder die bürgerlichen Parteien. Demgegenüber verwarfen die Nationalsozialisten diese Ideale gänzlich. Ernst Nolte, den man kaum allzu großer Sympathien für den Bolschewismus verdächtigen kann, schrieb 1966: »Das Bild der [nationalsozialistischen] ›Neuen Ordnung‹ […] ließ deutlich die Grundlinien eines deutschen oder großgermanischen Weltreiches hervortreten, […] das […] mit der vielfältigen Wirklichkeit der europäischen Moderne weitaus weniger Ähnlichkeit hatte als selbst etwa Lenins Traumbild der Vereinigten Sowjetrepubliken Europas.«53 1987 – bereits während des »Historikerstreits« – fügte Nolte in seinem höchst umstrittenen Buch »Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945« hinzu: »[Die] Sowjetunion [war] trotz des Archipel Gulag der westlichen Welt innerlich näher […] als der Nationalsozialismus mit Auschwitz.«54

Der Aufmerksamkeit der Kommunisten entging zunächst die Tatsache, dass sie in den Nationalsozialisten und vor allem in deren Führer ei­nen Kontrahenten erhielten, der im Gegensatz zu den italienischen Faschisten das buch­stäblich zu verwirklichen beabsichtigte, was er versprach.55 Mussolinis Wille zur Macht und seine Verehrung der Gewalt waren häufig reine Rhetorik. In Wirklichkeit war er zu Kompromissen bereit, der rücksichtslose Fanatismus Hitlers war ihm fremd.56 Trotz seines Größenwahns habe der italienische Faschismus keine Weltrevolution eingeleitet, schrieb Sigmund Neumann. Dies habe erst der Nationalsozialismus getan.57

Die Bolschewiki meinten, dass sich Hitler, ähnlich wie Mussolini nach dem Marsch auf Rom, mit den politischen Sachzwängen Europas abfinden werde und sich auch seine radikalen Versprechungen als leere Rhetorik erweisen würden. Etwa ein Jahr nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, auf dem XVII. Parteitag der Bolschewiki im Januar 1934, sagte Stalin: »Gewiss, wir sind weit davon entfernt, von dem faschistischen Regime in Deutschland entzückt zu sein. Doch handelt es sich hier [bei der Ursache für die Verschlechterung der deutsch-sowjetischen Beziehungen] nicht um den Faschismus, wie allein die Tatsache zeigt, dass der Faschismus zum Beispiel in Italien für die UdSSR kein Hindernis war, die besten Beziehungen zu diesem Lande herzustellen […]. Nein, nicht darum handelt es sich. Es handelt sich um die Änderung in der Politik Deutschlands. Es handelt sich da­rum, dass […] in Deutschland ein Kampf zwischen zwei politischen Linien begonnen hat, zwi­schen der alten Politik, die in den bekannten Verträgen der UdSSR mit Deutschland ihren Ausdruck gefunden hatte, und der ›neuen‹ Politik, die im Wesentlichen an die Politik des ehe­maligen deutschen Kaisers erinnert.«58

Stalin rief also Hitler dazu auf, sich ähnlich wie Mussolini, aber auch ähnlich wie die Bolschewiki zu verhalten: trotz der ideologischen Ausrichtung des Regimes eine pragmatische Außenpolitik zu betreiben. Damit unterschätzte er die ideologischen Zwänge, denen Hitlers Politik unterworfen war, den Stellenwert, den in seinem außenpolitischen Programm die Bolschewismus- und Russlandfeindlichkeit einnahm. Das russische Chaos eröffne der deutschen Außenpolitik den Weg zu ihrem wichtigsten Ziel – der Gewinnung des Raumes im Osten, schrieb Hitler 1928 in seinem sogenannten »Zweiten Buch«.59 Mit beispielloser Konsequenz begann er seine bereits in den Zwanzigerjahren formulierten außenpolitischen Ziele unmittelbar nach der Machtübernahme zu ver­wirklichen.

Die Kommunisten träumten zwar auch von einer radikalen Veränderung der Weltordnung, sie setzten dabei aber keine konkreten Fristen. Als geschichtliche Deterministen waren sie da­von überzeugt, dass der weltweite Sieg des Kommunismus ohnehin unvermeidlich sei. Um ihn herbeizuführen, mussten sie nicht unbedingt alles auf eine Karte setzen. Bei Hitler verhielten sich die Dinge anders. Er hielt sich selbst für den einzigen Politiker, der imstande sei, derart umfassende Pläne wie die Eroberung des Lebensraums im Osten oder die von ihm so oft angekündigte »Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa« umzusetzen. Bei einer geheimen Besprechung mit Propagandaleitern der Partei im Oktober 1937 führte er dies aus: »Er, Hitler, habe nach menschlichem Ermessen nicht mehr lange zu leben. In seiner Familie würden die Menschen nicht alt … Es sei daher notwendig, die Probleme, die gelöst werden müssten [Lebensraum!], möglichst bald zu lösen, damit dies noch zu seinen Lebzeiten geschehe. Spätere Generationen würden dies nicht mehr können. Nur seine Person sei dazu in der Lage.«60

Auf dieses Streben Hitlers, seine außenpolitischen Endziele, die auf eine grundlegende Umgestaltung der Welt hinausliefen, unbedingt zu seinen Lebzeiten zu erreichen, führen viele Autoren die fortwährende Radikalisierung der nationalsozialistischen Außenpolitik zurück.61 Hitlers außenpolitisches Verhalten entsprach weitgehend dem Modell, das später von Henry A. Kissinger ausgearbeitet wurde, um die Außenpolitik einer revolutionären Macht zu charakterisieren. Diese Macht sei im Grunde zur Selbstbeschränkung nicht fähig. Die Diplomatie im traditionellen Sinne, deren Wesen Kompromiss und Anerkennung der eigenen Grenzen seien, werde vom revolutionären Staatswesen praktisch aus den Angeln gehoben, da dieses unentwegt nach der Verwirklichung seiner Endziele strebe.62 Nicht zuletzt dadurch waren das rasante Tempo und die Konsequenz bedingt, mit denen die Nationalsozialisten auf den Krieg hinarbeiteten. Vertragsbruch gehörte dabei zu ihren wichtigsten »Prinzipien«. Schon 1937 – inmitten der Appeasementpolitik – bemerkte der Hitler-Biograf Konrad Heiden, Hitler sei niemand, mit dem ein Vernünftiger Verträge schließe, er sei vielmehr ein Phänomen, das man entweder erschlage oder von dem man sich erschlagen lasse.63

Nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts im August 1939 erhielt die westliche Appeasementpolitik gegenüber dem Dritten Reich ein östliches Pendant. Stalin erlag nun, ähnlich wie zuvor Chamberlain und Daladier, der Illusion, man könne mit Hitler Verträge schließen, da dessen außenpolitische Ziele begrenzter Natur seien. Als der britische Botschafter in Moskau, Sir Stafford Cripps, Stalin am 1. Juli 1940 zu überzeugen suchte, Hitler werde sich früher oder später auch gegen die Sowjetunion wenden, weil sein eigentliches Ziel die Weltherrschaft sei, reagierte dieser skeptisch: »Man soll nicht an alles glauben, was [manche Propagandisten] laut verkünden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass einige Nationalsozialisten von der Weltherrschaft träumen, es gibt aber in Deutschland auch vernünftige Menschen, die verstehen, dass Deutschland nicht stark genug ist, um die Welt zu beherrschen.«64 Mit diesem Glauben an die »politische Vernunft« der NS-Führung ließ Stalin die Tatsache außer Acht, dass totalitäre Politiker sich durch Sachzwänge und objektive Hindernisse keineswegs einschränken lassen. Er selbst hatte dies einige Jahre zuvor unter Beweis gestellt, als er der russischen Bauernschaft durch die Kollektivierung der Landwirtschaft und der sowjetischen Machtelite durch den »Großen Terror« das Rückgrat gebrochen hatte. Er hatte also gezeigt, dass auch die radikalsten Pläne verwirklicht werden können, wenn nur ausreichende Rücksichtslosigkeit vorhanden ist. Dass Hitler ebenfalls danach strebte, seine radikalsten Ziele nicht nur zu verkünden, sondern auch so schnell wie möglich zu verwirklichen, wurde von Stalin unterschätzt. Erst nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges am 22. Juni 1941 wurde er eines Besseren belehrt. Denn seit dem Beginn dieses Krieges habe Hitler nicht mehr taktische Lösungen, sondern nur noch »Endlösungen« gesucht, so der Hitler-Biograf Joachim C. Fest.65

Der britische Historiker Lewis Namier hat die Neigung der Menschen, ihre früheren geschichtlichen Erfahrun­gen auf spätere Entwicklungen zu übertragen, so charakterisiert: »Past results are rigidly applied to radically changed situations and preparations are completed for fighting the previous war.«66 Dies trifft auch auf die Ein­schätzung beider rechtsextremer Massenbewegungen durch die Bolschewiki zu. Die Erfahrungen, die die Bolschewiki bei ihrer Konfrontation mit dem italienischen Fa­schismus gesammelt hatten, prägten ihre Urteile über die spezifischen Merkmale des Rechtsex­tremismus so stark, dass sie zunächst das grundlegend Neue im Nationalsozialismus im Ver­gleich zum italienischen Faschismus kaum beachteten. Dies erschwerte den Kommunisten die Einsicht in die entscheidenden Unterschiede zwischen beiden Bewegungen. Bereits 1922 definierten Kom­interntheoretiker die italienische faschistische Partei als »bürgerliche Partei neuen Typs«, die sich von früheren »bürgerlichen« Parteien wesent­lich unterscheide. Viel schwerer fiel ihnen allerdings die Erkenntnis, dass die NSDAP sich zu einer »faschistischen Partei neuen Typs« entwickelte, die sich vom italieni­schen Faschismus nicht weniger radikal unterschied als dieser sich seinerseits von den traditio­nellen bürgerlichen Parteien.67


1 Josef Stalin: Rechenschaftsbericht an den XVII. Parteitag, in: ders.: Werke, 13 Bde., Berlin 1950–1955, hier Bd. 13, S. 270.

2 Karl Radek: Leo Schlageter, der Wanderer ins Nichts, in: Internationale Pressekorrespondenz (Inprekorr) Nr. 105 vom 25. Juni 1923, S. 885 f.; siehe dazu auch N. P. Komolova (Hg.): Komintern protiv fašizma [Die Komintern gegen den Faschismus], Moskau 1999, S. 157–159.

3 Siehe Ruth Fischer: Stalin und der deutsche Kommunismus. Der Übergang zur Konterrevolution, Frankfurt a. M. 1950, S. 343–345; Margarete Buber-Neumann: Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919–1943, Stuttgart 1967, S. 92; Werner Angress: The Communist, Bid for Power in Germany 1921–1923, Princeton, NJ 1963, S. 338–353.

4 Josef Sommer: Der nächste Feind, das nächste Ziel, in: Die Internationale vom 1. Juni 1923, S. 342 f.; siehe dazu auch Fischer: Stalin (Anm. 3), S. 343.

5 Siehe Arthur Moeller van den Bruck: Das dritte Reich, Hamburg 1931, S. 202–206.

6 Der Schlageter-Kurs stellte indes bloß eine kurze Episode in der Geschichte der Auseinandersetzung der Komintern mit dem deutschen Rechtsextremismus dar. Bereits Mitte August 1923 sollte die Kominternführung ihre Deutschlandpolitik radikal ändern. Bis dahin hatte Moskau versucht, die KPD in die nationale deutsche Front einzureihen, um dem Druck der Westmächte auf Deutschland wirksamer entgegenzutreten. Die Forderung der KPD-Linken, die Ruhrkrise für einen revolutionären Kampf gegen das bestehende System auszunutzen, lehnte man damals in Moskau ab. Am 12. August 1923 trat die Regierung Cuno, die eine Politik des passiven Widerstands gegenüber der Entente vertreten hatte, zurück. Cunos Nachfolger Gustav Stresemann sah ein, dass diese Politik Deutschland an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatte. Er versuchte sich nun mit dem Westen zu arrangieren. Am 26. September 1923 brach der neue Reichskanzler die Politik des passiven Widerstands ab. Die Moskauer Führung fasste diesen Schritt als völlige Kapitulation Deutschlands vor dem Westen auf. Man sah nun in Moskau keinen Anlass mehr, Deutschland gegen den Westen zu unterstützen. Dies und die immer tiefere soziale und wirtschaftliche Krise in Deutschland veranlassten die bolschewistische Führung dazu, dort einen neuen Revolutionsversuch zu wagen. Zum sogenannten »deutschen Oktober« 1923 siehe u. a. Aleksandr Vatlin: »Die Krise unserer Partei bedroht die Weltrevolution«. Karl Radek zwischen sowjetischem Politbüro und deutscher Revolution, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 1 (1997), H. 2, S. 135–162; Jakov S. Drabkin (Hg.): Komintern i ideja mirovoj revoljucii [Die Komintern und die Idee der Weltrevolution], Moskau 1998, S. 416–435; Bernhard H. Bayerlein / Leonid G. Babičenko / Friedrich I. Firsov / Aleksandr J. Vatlin (Hg.): Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Dietrich Möller: Der skeptische Revolutionär. Karl Radek und Deutschland, in: Karl Eimermacher / Astrid Volpert (Hg.): Stürmische Aufbrüche und enttäuschte Hoffnungen. Russen und Deutsche in der Zwischenkriegszeit, München 2006, S. 247–274.

7 Siehe u. a. Leonid Luks: Entstehung der kommunistischen Faschismustheorie. Die Auseinandersetzung der Komintern mit Faschismus und Nationalsozialismus 1921–1935, Stuttgart 1985, S. 25–77 u. 118–129.

8 Siehe Robert S. Wistrich: Leon Trotsky’s Theory of Fascism, in: Journal of Contemporary History 11 (1976), S. 157–184, hier S. 160–162.

9 Siehe Domenico Settembrini: Mussolini and the Legacy of Revolutionary Socialism, in: Journal of Contemporary History 11 (1976); Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche, München 1963, S. 204–206; ders.: Marx und Nietzsche im Sozialismus des jungen Mussolini, in: Historische Zeitschrift 191 (1960), S. 249–335; Anthony James Gregor: The Ideology of Fascism. The Rationale of Totalitarianism, New York 1969, S. 96–98.

10 Benito Mussolini: Opera omnia, Florenz–Rom 1951 ff., Bd. 17, S. 295; siehe dazu auch Edward R. Tannenbaum: The Goals of Italian Fas­cism, in: The American Historical Review 74 (1969), H. 2, S. 1183–1204, hier S. 1184; Roland Sarti: Fascist Modernization in Italy, in: The American Historical Review 75 (1970), S. 1029–1045, hier S. 1036.

11 Siehe Henry A. Turner: Hitlers Einstellung zur Wirtschaft und Gesellschaft vor 1933, in: Wolf­gang Schieder (Hg.): Außenwirtschaft und Außenpolitik im Dritten Reich, Geschichte und Gesellschaft, 1976, H. l, S. 89–117; Iring Fetscher: Faschismus und Nationalsozialismus. Zur Kritik des sowjetmarxistischen Faschismusbegriffs, in: Politische Vierteljahresschrift (1962), H. 3, S. 53–63; Otto Ernst Schüddekopf: Bis alles in Scherben fällt, München 1973, S. 78; Nolte: Der Faschismus (Anm. 9), S. 439 u. 444; ders.: Die faschistischen Bewegungen. Die Krise des liberalen Systems und die Entwicklung der Faschismen, München 1979, S. 58; Max Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, Wiesbaden 1973, Bd. 1, 1. Halbbd., S. 87; Hitlers Zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, eingeleitet und kommentiert v. G. L. Weinberg, Stuttgart 1961, S. 153; Ian Kershaw: Hitler 1889–1936, Stuttgart 1998, S. 464 u. 477.

12 Alexander Schifrin: Gedankenschatz des Hakenkreuzes, in: Die Gesellschaft, Februar 1931, S. 102.

13 Siehe Henry A. Turner, Jr.: Fascism and Modernization, in: World Politics 24 (1972), H. 3, S. 547–564; A. James Gregor: Fascism and Modernization: Some Addenda, in: World Politics 26 (1974), H. 2, S. 370–384; siehe dazu auch Alan Cassels: Fascism, New York 1975, S. IX f.; ders.: Janus: The Two Faces of Fascism, in: Henry A. Turner, Jr. (Hg.): Reappraisals of Fascism, New York 1975, S. 69–92; Tannenbaum: The Goals of Italian Fascism (Anm. 10); Sarti: Fascist Modernization in Italy (Anm. 10).

14 Turner: Fascism and Modernization (Anm. 13), S. 555–561.

15 Gregor: Fascism and Modernization (Anm. 13), S. 370–384.

16 Man muss dem italienischen Faschismusforscher Renzo De Felice eine ähnliche Missachtung der antimodernistischen Aspekte des italieni­schen Faschismus vorwerfen wie Gregor. In seinem »Interview« (s. u.) sieht De Felice kaum Gemein­samkeiten zwischen italienischem Faschismus und Nationalsozialismus. Der italienische Fa­schis­mus sei eine optimistische und revolutionäre Bewegung gewesen, die gewisse Aspekte der Französischen Revolution und der Aufklärung fortgesetzt habe. Der Nationalsozialismus da­gegen wird von De Felice als ausgesprochen antirevolutionäre Kraft bezeichnet, die jeglichen Fort­schritt verneint habe (siehe Renzo De Felice: Der Faschismus. Ein Interview von Michael A. Ledeen. Mit einem Nachwort von Jens Petersen, Stuttgart 1977, S. 37–47). Diese allzu scharfe Trennung der beiden rechtsextremen Massenbewegungen ist sicherlich unberechtigt. Stanley Payne bestreitet dagegen die These vom antimodernistischen Charakter der rechtsextre­men Bewegungen gänzlich. Er meint sogar, die Nationalsozialisten hätten in mancher Hinsicht die Ideen der modernen ökologischen Bewegungen vorweggenommen: »Der Ausgleich zwischen Landwirtschaft und Industrie war […] ein Endziel der Nazis […]. Außerdem war Hitler mit seiner Besorgnis hinsichtlich Ökologie, Umweltverbesserung und Umweltverschmutzung seiner Zeit weit voraus.« (Stanley Payne: Geschichte des Faschismus: Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung, Berlin–München 2001, S. 254; siehe dazu auch ders.: Fascism. Comparison and Definition, Madison / Wis. 1980, S. 83 u. 98). Wenn man allerdings bedenkt, dass die Nationalsozialisten ihre »ländliche Idylle« mithilfe von Deportationen und Ausrottung unzähliger Menschen herstellen wollten, wird jeder Vergleich ihrer »ökologischen« Politik mit derjenigen der modernen Umweltbewegungen abwegig. Solche Analogien stellen eine ausgesprochene Verharmlosung des Nationalsozialismus dar.

17 Siehe dazu den hervorragenden Aufsatz des russischen Kunsthistorikers Igor´ Golomštok: Jazyk iskusstva pri totalitarizme [Die Sprache der Kunst im Totalitarismus], in: Kontinent (1976), Nr. 7, S. 331–391.

18 Siehe dazu Rainer Zitelmann: Hitler. Das Selbstverständnis eines Revolutionärs, Hamburg u. a. 1987; Michael Prinz / Rainer Zitelmann (Hg.): Nationalsozialismus und Modernisierung, Darmstadt 1994.

19 Norbert Frei: Wie modern war der Nationalsozialismus?, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 367–387, hier S. 374; siehe dazu auch Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt a. M. 2005, S. 11, 19–21, 49–90 u. 358–360; Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965, S. 431–448; David Schoenbaum: Die braune Revolution. Eine Sozialgeschichte des Dritten Reiches, Köln 1968, S. 336–351; Michael Mann: The Contradictions of Continuous Revolution, in: Ian Kershaw / Moshe Lewin: Stalinism and Nazism. Dictatorships in Comparison, Cambridge 1997, S. 135–157, hier S. 140; Riccardo Bavaj: Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus. Eine Bilanz der Forschung, München 2003.

20 Rainer Zitelmann: Die totalitäre Seite der Moderne, in: Prinz / Zitelmann: Nationalsozialismus und Modernisierung (Anm. 18), S. 1–20, hier S. 19.

21 Ian Kershaw: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 356; Norbert Frei fügt hinzu: »[Solche Aussagen Zitelmanns bedingen] allerdings einen nicht mehr nur ›wertfreien‹, sondern völlig sinnentleerten Begriff von Modernität.« (Wie modern war der Nationalsozialismus? [Anm. 19], S. 375); siehe dazu auch Günter Könke: »Modernisierungsschub« oder relative Stagnation? Einige Anmerkungen zum Verhältnis von Nationalsozialismus und Moderne, in: Geschichte und Gesellschaft 20 (1994), S. 584–608.

22 Siehe dazu insbesondere Thomas Weingartner: Stalin und der Aufstieg Hitlers. Die Deutschlandpolitik der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale 1929–1943, Berlin 1970.

23 Siehe Helmut Kuhn: Das geistige Gesicht der Weimarer Zeit, in: Zeitschrift für Politik 8 (1961), S.1–9; Karl Dietrich Bracher: Die deut­sche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Köln 1969, S. 12–14; Adrian Lyttelton: The Seizure of Power. Fascism in Italy 1919–1929, London 1973, S. 364–370; Joachim C. Fest: Hitler. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 1973, S. 129 ff.; Hans Günther Zmarzlik: Der Sozialdarwinismus als geschichtliches Problem, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 11 (1963), S. 246–273; Wilhelm Alff: Der Begriff des Fa­schismus und andere Aufsätze zur Zeitgeschichte, Frankfurt a. M. 1971, S. 45–50.

24 Lev Trockij: Pjat‘ let Kominterna [Fünf Jahre Komintern], Moskau 1924, S. 549.

25 Karl Radek: Die internationale Lage, das Abflauen der kapitalistischen Offensive und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale, in: Die Kommunistische Internationale Nr. 27 vom 15. August 1923, S. 3–41, hier S. 36; siehe dazu auch die Rede Clara Zetkins auf dem 5. Kongress der Komintern, in: Pjatyj vsemirnyj kongress Kommunističeskogo Internacionala. 17 ijunja–8 ijulja 1924. Stenografičeskij otčet [Der Fünfte Weltkongress der Kommunistischen Internationale. 17. Juni–8. Juli 1924. Stenografischer Bericht], Moskau 1925, Teil I, S. 918–935.

26 Nikolaj Bucharin gehörte zu den wenigen Ausnahmen unter den Kominterntheoretikern, die diesen Sachverhalt – zumindest teilweise – erkannten. Auf dem 5. Kongress der Komintern sagte er: »Die bürgerliche Wissenschaft, die bürgerliche Philosophie und die bürgerliche Ideologie be­finden sich jetzt in einem Zerfallsprozess. Die bürgerliche Ideologie wird mystisch gefärbt und kann in dieser Zerfallsperiode auch Teile der proletarischen Schichten anstecken.« (Pjatyj vse­mirnyj kongress Kommunističeskogo Internacionala (Anm. 25), Teil I, S. 487.

27 Siehe Gustav Wetter: Der Dialektische Materialismus. Seine Geschichte und sein System in der Sowjetunion, Freiburg 1960; Hans Buchheim: Totalitäre Herrschaft. Wesen und Merkmale, München 1962, S. 39 f.

28 Siehe dazu vor allem Lenin: Materializm i ėmpiriokriticizm [Materialismus und Empiriokritizismus], in: Vladimir Lenin: Polnoe sobranie sočinenij [Sämtliche Werke], 55 Bde., Moskau 1958–1965, hier Bd. 18.

29 Nikolaj V. Valentinov (Vol´skij): Vstreči s Leninym [Begegnungen mit Lenin], 2. Aufl. New York 1979, S. 252 ff.

30 Siehe dazu Nikolai A. Berdjaev: Istoki i smysl russkogo kommunizma [Ursprünge und Sinn des russischen Kommunismus], Paris 1955, S. 96 f.

31 Fedor Stepun: Mysli o Rossii [Gedanken über Russland], in: Sovremennye Zapiski 33 (1927), S. 347 f.

32 Siehe Wetter: Der Dialektische Materialismus (Anm. 27), S. 135–138.

33 Georgij Fedotov: Narod i vlast’ [Das Volk und die Macht], in: Vestnik RSChD 94 (1969), S. 87 f.; ders.: Novaja Rossija [Das neue Russland], in: Sovremennye Zapiski 42 (1930), S. 276–311.

34 Fedotov: Narod i vlast‘ (Anm. 33), S. 87 f.; ders.: Novaja Rossija (Anm. 33), S. 296–298; Semen Frank: Religiozno-istoričeskij smysl russkoj revoljucii [Der religiös-historische Sinn der russischen Revolution], in: ders.: Po tu storonu pravogo i levogo. Sbornik statej [Jenseits von rechts und links. Eine Aufsatzsammlung], München 1972, S. 19–21.

35 Antonio Gramsci: Philosophie der Praxis. Eine Auswahl, Frankfurt a. M. 1967, S. 177.

36 Fedotov: Novaja Rossija (Anm. 33); Frank: Religiozno-istoričeskij smysl (Anm. 34), S. 32 f.

37 Siehe dazu u. a. Fedotov: Novaja Rossija (Anm. 33), S. 296–298.

38 Ebd., S. 297.

39 Siehe Romano Guardini: Das Ende der Neuzeit, Basel 1950; Karl Jaspers: Die geistige Situation der Zeit, Ber­lin 1932; Antonio Gramsci: Briefe aus dem Kerker, Frankfurt a. M. 1972, S. 46; Henry R. Kedward: Fascism in Western Europe 1900–1945, Glasgow 1969, S. 10–19; Lyttelton: The Seizure of Power (Anm. 23), S. 366 f.

40 Konrad Heiden: Adolf Hitler. Ein Mann gegen Europa, Zürich 1937, S. 335.

41 Im Januar 1917 sagte Lenin in seinem Vortrag über die Revolution von 1905 dazu: »[Der] Zarismus [wusste] ausgezeichnet, die schlimmsten Vorurteile der ungebildetsten Schichten der Bevölkerung gegen die Juden auszunützen. So kamen die meisten durch die Polizei unterstütz­ten […] Pogrome zustande […], jene furchtbaren Metzeleien von friedlichen Juden, Frauen und Kindern […].« (Lenin: Werke, Berlin 1961–1968, 40 Bde., hier Bd. 23, S. 258). Im Dekret der sowjetischen Regierung vom 27. Juli 1918 hieß es: »Der Rat der Volkskommissare erklärt die antisemitische Bewegung und die Judenpogrome als verderblich für die Sache der Revolution der Arbeiter und der Bauern und fordert das werktätige Volk des sozialistischen Russlands auf, gegen dieses Übel mit allen Mit­teln zu kämpfen.« (Abgedruckt in: Rundschau Nr. 8 vom 7. April 1933, S. 198).

42 Siehe dazu den Sammelband “Rossija i evrei“ [Russland und die Juden], hg. v. I. M. Bikerman u. a. mit Beiträgen von rus­sisch-jüdischen Intellektuellen, der einige Jahre nach der Oktoberrevolution entstanden ist (l. Aufl. Berlin 1923; 2. Aufl. Paris 1978).

43 Abgedruckt in: Rundschau Nr. 8 vom 7. April 1933, S. 198.

44 Die Judenverfolgungen des deutschen Faschismus, in: ebd., S. 197.

45 Siehe Erich Goldhagen: Weltanschauung und Endlösung. Zum Antisemitismus der nationalsozialistischen Führungsschicht, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 24 (1976), S. 379–403; Eberhard Jäckel: Hitlers Weltan­schauung. Entwurf einer Herrschaft, Tübingen 1969; Ernst Nolte: Eine frühe Quelle zu Hitlers Antisemitismus, in: Historische Zeitschrift 192 (1961), S. 584–606; Theodor Heuss: Hitlers Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus, Stuttgart 1932; Konrad Heiden: Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit, Zürich 1936, S. 87–91; Jens Petersen: Hitler – Mussolini. Die Entstehung der Achse Berlin – Rom 1933–1936, Tübingen 1973, S. 155–162; Klaus Hildebrand: Hitlers »Programm« und seine Realisierung, in: Manfred Funke (Hg.): Hitler, Deutschland und die Mächte. Materialien zur Außenpolitik des Dritten Reiches, Düsseldorf 1976, S. 63–93.

46 Theodore Abel: Why Hitler Came into Power, New York 1938; siehe dazu auch Wolfgang Schieder: Die NSDAP vor 1933. Profil einer faschistischen Partei, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 141–154, hier S. 144.

47 Siehe Heinrich August Winkler: Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus, Köln 1972, S. 177; Heuss: Hitlers Weg (Anm. 45), S. 148 f.

48 Martin Broszat: Der Nationalsozialismus. Weltanschauung, Programmatik und Wirklichkeit, Stuttgart 1961, S. 35 ff.

49 Martin Broszat: Soziale Motivation und Führer-Bindung des Nationalsozialismus, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 18 (1970), S. 392–409, hier S. 402–408; Hans Mommsen: National Socialisms. Continuity and Change, in: Walter Laqueur (Hg.): Fascism. A Reader’s Guide, S. 179–210.

50 Frank-Lothar Kroll: Geschichte und Politik im Weltbild Hitlers, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 44 (1996), S. 337; Ian Kershaw: Hitler 1936–1945, Stuttgart 2000, S. 655 f.; Bernd Wegner: Hitler, der Zweite Weltkrieg und die Choreographie des Untergangs, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 493–518, hier S. 506.

51 Im April 1933 kommentiert das Organ der Komintern »Rundschau« die jüngsten Ereignisse in Deutschland: »Die Judenverfolgungen in Deutschland […] dienen der faschistischen Führung als Ablenkungsmanöver, um die Tatsache zu vertuschen, dass der Faschismus den Kapitalismus aufrechterhält und sichert […]. Jetzt will man die paar jüdischen Kapitalisten als die Sündenböcke hinstellen, um den gesamten Kapitalismus zu retten.« (Die Judenverfolgungen des deutschen Faschismus [Anm. 44]). »Worin besteht die Ideologie des Nationalsozialismus?«, fragt Werner Hirsch im Februar 1932 im KPD-Organ »Die Internationale«. »Ihr Programm kreist um den einzigen realen Inhalt: ›Schutz des Privateigentums‹ und verkleidet diesen Klasseninhalt einer rein großbürgerlichen und kapitalistischen Politik mit allen möglichen Phrasen.« (Werner Hirsch: Faschismus und Hitlerpartei, in: Die Internationale, Februar 1932, S. 42). Thomas Weingartner stellt hervorragend dar, welche Hindernisse die Kommunisten hätten überwinden müssen, um die Eigengesetzlichkeit der biologisch-rassistischen Denkweise Hitlers in die marxistischen Kategorien einzuordnen (Stalin und der Aufstieg Hitlers [Anm. 22], S. 217–222 und 277 ff.). Aleksandr Galkin gehört zu den wenigen Marxisten, die der Eigendynamik des nationalsozialistischen Rassismus Rechnung tragen. Es wäre sicherlich möglich gewesen, Andersdenkende im Dritten Reich auch mithilfe anderer Gesetze als rassistischer zu unterdrücken, so Galkin. Die Nationalsozialisten hätten in diesem Punkt jedoch nicht pragmatisch, sondern emotional gehandelt. Es sei auch wenig sinnvoll gewesen, die Juden zu vernichten, als man für die Kriegsführung Arbeitskräfte und hoch qualifizierte Fachleute brauchte. Der rassische Fanatismus habe hier allerdings ein Übergewicht erhalten (Aleksandr Galkin: Germanskij fašizm [Der deutsche Faschismus], Moskau 1967, S. 337 f.).

52 Auch die stalinistischen Säuberungen, die gegen fiktive »Volksfeinde« gerichtet wurden, waren ein Beispiel für eine solche pathologische Verzerrung.

53 Nolte: Die faschistischen Bewegungen (Anm. 11), S. 187; siehe dazu auch ders.: Der Faschismus (Anm. 9), S. 437.

54 Ernst Nolte: Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus, Frankfurt a. M. – Berlin 1987, S. 549.

55 Siehe Alan Bullock: Hitler. Eine Studie über Tyrannei, Düsseldorf 1967, S. 357; Fest: Hitler (Anm. 23), S. 524 ff.; Kedward: Fascism in Western Europe (Anm. 39), S. 115; Carl J. Friedrich / Zbigniew Brzezinski: Totalitarian Dictatorship and Autocracy, Cambridge, Mass. 1965, S. 114; Karl Dietrich Bracher: Zeitgeschichtliche Kontroversen. Um Faschismus, Totalitarismus, Demokratie, München 1976, S. 79–100.

56 Der italienische Faschismusforscher Alberto Aquarone vertrat 1965 die Ansicht, dem italieni­schen Faschismus sei es nie gelungen, einen totalitären Staat zu errichten. Obwohl die Faschi­sten ihren Staat als totalitär bezeichnet hätten, sei dieser bis zum Schluss dyna­stisch und katholisch geblieben, d. h. nicht totalitär. Die Treue vieler italienischer Institutionen und Kräfte zur Dynastie bzw. zur Kirche hätte den totalitären Anspruch des Fa­schismus praktisch unwirksam gemacht (Alberto Aquarone: L’organizzazione dello Stato totalitario, Turin 1965). Siehe in diesem Zusammenhang auch: Bracher: Zeitgeschichtliche Kon­troversen (Anm. 55), S. 62–78; Petersen: Hitler – Mussolini (Anm. 45), S. 155–162; Kedward: Fascism in Western Europe (Anm. 39), S. 115; Klaus Hildebrand: Innenpolitische Antriebskräfte der nationalsozialistischen Außenpolitik, in: Funke: Hitler, Deutschland und die Mächte (Anm. 45), S. 223–238.

57 Sigmund Neumann: Permanent Revolution. Totalitarianism in the Age of International Civil War, 2. Aufl. New York 1965, S. 111. Andere Autoren sind indes vom revolutionären bzw. totalitären Charakter des italienischen Faschismus, insbesondere des Squadrismo überzeugt (squadristi = faschistische Kampfverbände). Siehe dazu u. a. Dante L. Germino: The Italian Fascist Party in Power. A Study in Totalitarian Rule, Minneapolis 1959; Emilio Gentile: The Origins of Fascist Ideology 1918–1925, New York 2005, S. 363–401; Roberta Suzzi Valli: The Myth of Squadrismo in the Fascist Regime, in: Journal of Contemporary History 35 (2000), H. 2, S. 131–150.

58 Stalin: Rechenschaftsbericht an den XVII. Parteitag (Anm. 1), S. 269 f.

59 Hitlers Zweites Buch (Anm. 11), S. 159 u. 163.

60 Max Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, Bd. I, 2. Halbbd., zit. nach Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945, Berlin 1986, S. 562; siehe dazu auch Kershaw: Hitler 1936–1945 (Anm. 50), S. 143, 182, 293 f. u. 320.

61 Siehe dazu u. a. Kershaw: Hitler 1936–1945 (Anm. 50), S. 22.

62 Henry A. Kissinger: Großmacht Diplomatie. Von der Staatskunst Castlereaghs und Metternichs, Düsseldorf 1962; siehe dazu auch Kershaw: Hitler 1936–1945 (Anm. 50), S. 8.

63 Heiden: Adolf Hitler (Anm. 40), S. 347.

64 Dokumenty vnešnej politiki 1940–22 ijunja 1941 [Dokumente zur Außenpolitik 1940–22. Juni 1941], Moskau 1995–1998, Bd. 23, 1. Buch, S. 396 (eigene Übersetzung). So betrachtete Stalin die Nationalsozialisten als vorurteilsfreie Realpolitiker, Führer der westlichen Demokratien galten ihm hingegen als unbewegliche Doktrinäre. Georgi Dimitroff notiert am 7. November 1939 folgende Aussage Stalins: 
»In Deutschland sind die kleinbürgerlichen Nationalisten zu einer jähen Wendung fähig, sie sind flexibel – nicht mit den kapitalistischen Traditionen verbunden – im Unterschied zu den bürgerlichen Führern vom Typus Chamberlain usw.« (Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, hg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000, S. 281).

65 Fest: Hitler (Anm. 23), S. 885; siehe dazu auch Nolte: Der Faschismus (Anm. 9), S. 436; Kershaw: Hitler 1936–1945 (Anm. 50), S. 512, 784 u. 841 f.

66 Lewis Namier: History, in: ders.: Avenues of History, London 1952, S. 7.

67 Auch in der modernen Forschung wird der qualitative Unterschied zwischen dem Nationalsozialismus und dem italienischen Faschismus gelegentlich unterschätzt. So setzt sich der britische Faschismusforscher Roger Griffin scharf mit manchen deutschen Autoren auseinander, die den Nationalsozialismus als ein einzigartiges Phänomen betrachten. Diese auf Hitler fixierte Sicht erschwere den deutschen Forschern eine vergleichende Faschismusanalyse. Griffin zweifelt nicht daran, dass der Nationalsozialismus ungeachtet seines Rassenwahns und seiner apokalyptischen Verbrechen, die im faschistischen Italien nicht vorkamen, eine Variante des Faschismus darstellt (Roger Griffin: Fascism’s New Faces (and New Facelessness) in the »Post-Fascist« Epoch, in: Roger Griffin / Werner Loh / Andreas Umland (Hg.): Fascism Past and Present, West and East, Stuttgart 2006, S. 29–67). Seine Faschismus-Definition lautet: »Fascism is a political ideo­logy whose mythic core in its various permutations is a palingenetic form of populist ultra-nationalism.« (Ebd., S. 41) Diese Kriterien lassen sich aus Griffins Sicht auch auf den Nationalsozialismus anwenden. Der nationalsozialistische Rassengedanke stelle eine extreme Form des Nationalismus dar. Zum Kern des nationalsozialistischen Selbstverständnisses gehöre die Idee der nationalen Wiedergeburt (Palingenese). Man kann Griffin durchaus beipflichten, dass der Nationalsozialismus unter den Begriff »Faschismus« subsumiert werden kann. Dennoch sind die Unterschiede derart gravierend, dass man im Falle des National­sozialismus von einem Faschismus »neuen Typs« sprechen muss.

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