...

 

Aus dem Schatten: Ein Überblick über die aktuelle Forschung zur Kommunistischen Partei Großbritanniens

JHK 2009 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 349-358 | Aufbau Verlag

Autor/in: Matthew Worley

Verglichen mit ihren deutschen Pendants nahm sich die Kommunistische Partei Großbritanniens (Communist Party of Great Britain, CPGB) stets winzig aus – so überrascht es kaum, dass auch ihre Geschichtsschreibung im Verhältnis zu der des Kommunismus in Deutschland ziemlich überschaubar wirkt. Die umfangreiche Literatur zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und insbesondere zur DDR spiegelt wider, wie einflussreich der Kommunismus während des 20. Jahrhunderts in Deutschland war. Im Gegensatz dazu kann man kaum behaupten, die CPGB habe während dieser Periode den Verlauf der britischen Geschichte mehr als geringfügig beeinflusst. Zeit ihres Bestehens blieb die CPGB eine marginale politische Kraft. Die Zahl ihrer Mitglieder überstieg nie 60 000, und die Partei befand sich zu keinem Zeitpunkt in einer offen revolutionären Situation. Im Wettstreit um die Gunst der Arbeiterklasse kann die CPGB eher als Splittergruppe innerhalb der breiteren britischen Arbeiterbewegung begriffen werden denn als Alternative zu dieser. In Anbetracht all dessen könnte man versucht sein, die Partei als politisch irrelevante Gruppierung abzutun, die stets im Schatten der traditionell dominanten eher gemäßigten politischen Kräfte Großbritanniens stand.

Und doch erzählt diese Beschreibung, wie zweifellos auch so mancher »alte Genosse« einwenden würde, nur einen Teil der Geschichte. Denn global betrachtet war die CPGB Teil einer internationalen Bewegung, die die Konturen der Moderne mitprägte. Ihre Geschichte war an die der Sowjetunion und, bis 1943, der Kommunistischen Internatio­nale (Kom­intern) geknüpft, ihre Politik, Perspektiven und Ziele wurden von der sowjetischen Führung diktiert; sie engagierte sich für zahlreiche fortschrittliche Themen und den Aufbau des Sozialismus, doch machte sich auch mitschuldig an einigen der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Auf der »Mikro-Ebene« war die CPGB zudem in vielen britischen Kommunen sichtbar und aktiv präsent. Im Verhältnis zu ihrer Größe bot sie überproportional vielen prominenten Führern und Aktivisten der Arbeiterbewegung eine Plattform bzw. war eine Art »Schule« für sie. Trotz ihrer Unzulänglichkeiten war die CPGB bis zu ihrer Auflösung 1991 die bedeutendste und beständigste Alternative links von Labour und besaß vor allem unter den Arbeitern Rückhalt. In diesem Umfeld – so sehr es sich auch von dem der KPD und insbesondere von der DDR unterschied – erarbeitete sich die CPGB ein historisches Vermächtnis, das eine kleine, aber produktive Gruppe von Geschichtsforschern zu dokumentieren bemüht ist.

Partei-Archäologie: Pioniere

Um viele der jüngsten Entwicklungen in der Geschichte des britischen Kommunismus zu verstehen, muss man fast 30 Jahre zurückgehen. 1980 trug Stuart Macintyre mit der Veröffentlichung zweier bedeutender Werke dazu bei, die CPGB als legitimen und lohnenden Gegenstand historischer Forschung zu etablieren. Das erste, Little Moscows, untersucht die soziopolitischen Erfahrungen der Kommunisten in solchen britischen Kommunen, in denen sich die Partei einer ungewöhnlich starken Präsenz rühmte.1 Das zweite, A Prole­tarian Science, verortet den Marxismus der CPGB im breiteren Rahmen des britischen Sozialismus und zeigt seine Spezifika auf.2 In beiden Veröffentlichungen analysiert Macintyre unter einem relativ weiten Blickwinkel den Einfluss der Partei auf das gesellschaftspolitische und intellektuelle Leben Großbritanniens. Damit half er, die CPGB ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, und zeigte, dass die Partei facettenreicher und in Teilen der britischen Gesellschaft stärker verwurzelt war als bis dahin bekannt.

Andere folgten bald Macintyres Beispiel. Zwischen 1985 und 1987 untersuchte Raphael Samuel in drei Essays die »verlorene Welt des britischen Kommunismus«. Statt sich, wie bei solchen Analysen üblich, auf die »große« Politik zu konzentrieren, charakterisierte er die spezifische Parteikultur und das ›Glaubenssystem‹ der CPGB.3 Wie Macintyre gab auch Samuel der kommunistischen Partei ein menschlicheres Antlitz; hinter dem vermeintlichen Monolithen legte er Leben und Motivation der Mitglieder frei. Nicht ganz unähnlich, wenn auch methodisch anders ausgerichtet, gingen Sue Bruley und Richard Croucher vor, die die Versuche der Kommunisten untersuchten, Frauen und Arbeitslose für das zu mobilisieren, was sie »the good old cause« nannten.4 Stephen Jones und Bert Hogenkamp erarbeiteten Studien zu den kulturellen Aktivitäten der britischen Arbeiterbewegung, die sich jeweils schwerpunktmäßig mit dem Beitrag der CPGB beschäftigten.5 Nina Fishman veröffentlichte eine Darstellung zur Industriepolitik der CPGB zwischen 1933 und 1945, die dem »revolutionären Pragmatismus« eines Harry Pollitt und Johnny Campbell mehr Gewicht gab als den Direktiven Stalins, was für Kontroversen sorgte.6 Als sich gegen Ende der Achtzigerjahre während des Zusammenbruchs des europäischen Kommunismus bereits die Öffnung neuer Archive abzeichnete, lieferte Kevin Morgan eine detaillierte Analyse der Reaktion der Partei auf die Bedrohung durch Faschismus und Krieg in den Dreißiger- und frühen Vierzigerjahren.7 Morgan entwickelte ein hilfreiches Erklärungsmodell für die komplexe politische Entwicklung der Partei, indem er zwar die Führungsrolle Moskaus bei der Formulierung der kommunistischen Agenda gebührend berücksichtigte, aber zugleich sorgfältig analysierte, wie die Parteilinie auf nationaler wie auch auf lokaler Ebene interpretiert, übernommen und vermittelt wurde.

Tenor und Ansatz dieser Pionierwerke sagen viel über die damaligen Forschungs­interessen. CPGB-Historiker setzten sich in dieser Phase vor allem damit auseinander, wie die kommunistische Politik auf den britischen Kontext übertragen und dort angewandt wurde. In der damals charakteristischen Betonung von Umständen und Details spiegelt sich die allgemeine historiografische Entwicklung wider: weg von einer für sich stehenden Organisationsgeschichte, hin zu vielseitigeren, disziplinübergreifenden und miteinander verflochtenen Forschungsfeldern.8 Die erste, von Henry Pelling verfasste Monografie zur Geschichte der Partei sowie die meisten frühen Darstellungen aus der Feder parteiinterner Historiker und ihrer trotzkistischen Gegner hatten zugegebenermaßen noch einen ziemlich engen methodischen Blickwinkel, dokumentierten jedoch wichtige Aspekte der Organisationsstruktur sowie Charakteristika der Parteilinie (und die Debatten darüber).9 Doch selbst unter den frühesten Studien zur CPGB zeichnete sich bereits die Tendenz ab, auch auf die Spannungen, Unwägbarkeiten und sich verändernden Kontexte, die die Entwicklung des Kommunismus in Großbritannien kennzeichneten, einzugehen.10 Mit anderen Worten: Die meisten Darstellungen, die seit der Öffnung der russischen und britischen Archive in den Neunzigerjahren veröffentlicht wurden, konnten bei ihrem Bemühen, die ›Totalität‹ kommunistischer Politik in all ihren unterschiedlichen, widersprüchlichen und verdichteten Formen zu verstehen, auf einem kleinen, aber innovativen Kanon aufbauen.11

Kommunismus und Politik: Apparatschiks

In erster Linie war die CPGB eine revolutionäre Organisation, die sich dem Sturz des Kapitalismus in Großbritannien sowie weltweit verschrieben hatte. Inspiriert durch die bolschewistische Revolution von 1917, richtete sie sich seit ihrer Gründung 1920 fest an dem in der Sowjetunion etablierten Regime aus. Die politische Entwicklung der CPGB und ihre Beziehungen zur sowjetischen Führung und zur Komintern sind nach wie vor Gegenstand besonderen Interesses. Die diversen Veränderungen der in Moskau festgelegten »Parteilinie« stehen im Mittelpunkt vieler Werke zur Geschichte der CPGB, auch die Themen Spionage und Geheimhaltung erfahren einige Beachtung.12 Seit der Öffnung der Archive bieten sich Wissenschaftlern neue Möglichkeiten, diese Beziehungen umfassend zu untersuchen, Dynamiken der kommunistischen Politik aufzudecken sowie zu beurteilen, inwieweit die CPGB tatsächlich die sprichwörtliche Marionette ihres sowjetischen Gebieters war.

Von diesem Angebot wurde und wird vielfach Gebrauch gemacht. Als Erster durchforstete Professor Andrew Thorpe die Moskauer Archive, woraus die bis heute detaillierteste Untersuchung zur Mitgliedschaft der CPGB in der Komintern entstand.13 Seine 2000 veröffentlichte Studie stellt die verschiedenen Perioden der frühen Kommunismusgeschichte dar und untersucht, wie es zur Unterordnung der CPGB unter den zentralen Komintern-Apparat kam und wie ihre führenden Mitglieder diese aushandelten. Erwartungsgemäß umreißt Thorpe die verschiedenen Macht- (und Kontroll-)Mechanismen, derer sich die Komintern und die sowjetische Führung bedienten, um sicherzustellen, dass sich innerhalb der britischen Partei die notwendige revolutionäre Disziplin durchsetzte. Seine Untersuchung beschreibt detailliert die regelmäßigen Einmischungen der Komintern in den britischen Parteialltag, deren eigene Unterordnung unter das sowjetische Regime und die Komplizenschaft der CPGB bei den von Stalin im Namen des Weltproletariats angezettelten Verbrechen. Gleichzeitig beobachtet Thorpe jedoch, dass die Beziehung der CPGB zu Moskau weitaus komplexer war als zuvor angenommen. So habe es beispielsweise Fälle gegeben, in denen Weisungen oder Instruktionen der Komintern den Mitgliedern der britischen Parteiführung weder willkommen waren noch blind von ihnen befolgt wurden. Thorpe untersucht auch, welches Bild die britischen Mitglieder vom Kommunismus und von der Sowjetunion hatten und wie sie es konstruierten; er skizziert Unterschiede in der Haltung der Parteiführer zur Komintern und weist auf Grenzen von Moskaus Kontrolle über die CPGB hin.14 Daneben unterfüttert er eine bereits bekannte Tatsache mit wichtigen Details: dass nämlich die CPGB von einer Komintern finanziert und gelenkt wurde, die selbst immer mehr unter die Herrschaft der stalinistischen Führung in Russland geriet. Dabei wirft er jedoch auch Fragen zur Wirkungskraft kommunistischer Organisationspraxis und zum Wesen kommunistischer Überzeugungen auf.

Ähnliche Forschungsinteressen stehen in der Studie von Gidon Cohen und Kevin Morgan über die britischen Studenten an der Internationalen Lenin-Schule (ILS) im Vordergrund, die von den Bolschewiki in Moskau gegründet wurde, um eine der Sowjetunion treu ergebene revolutionäre Elite zu schmieden.15 Die Arbeit ist Teil eines weiter unten ausführlicher dargestellten kollektivbiografischen Projekts über die Mitglieder der CPGB. Cohen und Morgan waren daher am politischen Werdegang der ILS-Studenten ebenso interessiert wie an der Effektivität der Einrichtung als Kontrollinstanz für die CPGB; ihre Schlussfolgerungen stimmen dennoch mit denen von Thorpe überein: Auch wenn die bloße Existenz der ILS die Herrschaftsbestrebungen der Komintern demonstrierte, insbesondere in der Zeit von Stalins Aufstieg, hatte sie tatsächlich nur begrenzten und schwankenden Einfluss auf die CPGB.

Meine eigene Forschung beschäftigt sich vor allem damit, wie die britischen Kommunisten die »Klasse gegen Klasse«-Linie der Komintern seit Ende 1927 interpretierten, wie sie auf sie reagierten und sie anwandten.16 So beschreibt Class Against Class (2002) ausführlich die unterschiedlichen Reaktionen von Parteiführung und -mitgliedern auf das durch die neue Linie begründete Sektierertum und untersucht, inwiefern das Schicksal der CPGB jeweils durch landesspezifische Faktoren und durch das Diktat von Stalins Sowjet­union geprägt wurde. Während »Klasse gegen Klasse« die CPGB noch weiter isolierte und für eine Phase der Destabilisierung und Unruhe sorgte, beeinflussten zusätzlich sozio­ökonomische Veränderungen, die Migrationsbewegungen und Arbeitslosigkeit nach sich zogen, den Mitgliederstand, die »Räume«, in denen die Kommunisten aktiv waren, und die Art und Weise, wie die britischen Kommunisten die Direktiven der Komintern interpretierten. Moskau bestimmte die (sich häufig verändernden) Parameter der kommunistischen Theorie und Praxis, doch schränkten die herrschenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umstände die Möglichkeiten kommunistischer Einflussnahme ein. Zum einen wirkte sich Stalins Machtkonsolidierung auf Ausrichtung und Prioritäten der Partei aus, zum anderen prägte auch die kontroverse Beziehung der CPGB zur breiteren Arbeiterbewegung – und nach 1929 zur Labour-Regierung – ihre Interpretation der Komintern-Linie. Ziel war es zu zeigen, dass das kommunistische Projekt vielgestaltig, kontingent und sowohl durch die Sowjetunion als auch durch die lokalen Kontexte bestimmt war, in denen die Parteimitglieder zu agieren suchten.

Allgemein betrachtet haben derartige Arbeiten dazu beigetragen, eine ausgewogene und differenzierte Betrachtung der Politik der CPGB zu etablieren, die zwar die sowjetische Vorherrschaft und Machtstellung anerkennt, jedoch auch berücksichtigt, dass die Komplexität der Parteigeschichte nicht auf die Machenschaften des Kreml reduziert werden kann. Doch auch abweichende Stimmen melden sich zu Wort. Alan Campbell und John McIlroy erheben etwa Einspruch gegen das, was sie als Versuch interpretieren, den durch und durch stalinistischen Charakter der CPGB zu verharmlosen.17 Diese Kritik ist insofern berechtigt, als man bei aller Betonung von Diskontinuität und Vielfalt in der Übermittlung, Interpretation und Umsetzung der Komintern-Politik die politische Herkunft des Kommunismus im Blick behalten sollte. Im Allgemeinen tun dies die genannten Autoren. Die Befehle aus Moskau und den Stalinismus der CPGB setzen sie als »gegeben« voraus. Ihr Ziel bestand darin, neue Archive und Methoden zu nutzen, um die Komplexität und die Nuancen der organisatorischen und politischen Entwicklung der Partei besser zu verstehen und nachzeichnen zu können, auf welchen Wegen politische Theorie in politische Praxis übertragen wurde.

Die politische Entwicklungskurve der CPGB (und des Kommunismus im Allgemeinen) wird zweifellos für Historiker auch in Zukunft von Interesse sein. Die Beziehung zwischen der CPGB und der Sowjetunion, insbesondere in der Zeit nach der Auflösung der Komintern, ist noch nicht erschöpfend erforscht, ebenso die Anstrengungen der CPGB, ihr politisches Programm in die Tat umzusetzen, ihr Verhältnis zum britischen Staat sowie die Interaktion mit den Gewerkschaften und rivalisierenden linken und anderen Parteien. Dieser Thematik hat sich nun Kevin Morgan angenommen: Er hat 2006 zwei Bände eines geplanten dreibändigen Werks zum Thema »Bolschewismus und die britische Linke« veröffentlicht. Labour Legends and Russian Gold setzt sich mit der These auseinander, CPGB und Labour-Partei hätten sich nicht klar voneinander abgegrenzt. Der zweite Band, The Webbs and Soviet Communism, beleuchtet – wie der Titel bereits andeutet – die sich verändernde Haltung von Sidney und Beatrice Webb zur Sowjetunion.18 In beiden Büchern stellt Morgan dar, wie einerseits die Arbeiterbewegung versuchte, sich kommunistischen Anschauungen anzupassen, und andererseits die CPGB bestrebt war, die Unterstützung der Labour-Partei für die Verwirklichung ihrer Ziele zu gewinnen.19 Somit wird das Hauptmotiv der CPGB-Historiografie fortgeführt: Um den britischen Kommunismus zu verstehen, setzen Historiker die Partei und deren Mitglieder weiterhin zu ihrem sozioökonomischen Umfeld und zur breiteren Arbeiterbewegung in Beziehung. Wie sehr die CPGB auch darum bemüht war, eine eindeutig kommunistische Alternative zur britischen Mainstream-Politik zu entwerfen, ihre Geschichte blieb eng mit Politik, Kultur und Alltag eines viel breiteren sozialistischen und Arbeitermilieus verknüpft.

Kommunismus und Gesellschaft: Kader

Angesichts der Tendenz der britischen Historiker, über die rein politischen Dimensionen der CPGB hinauszublicken, überrascht es kaum, dass jüngste Forschungen die soziokulturellen und kollektivbiografischen Aspekte des Parteilebens in den Vordergrund stellen. Während nach wie vor nur wenige Biografien prominenter Parteiführer vorliegen,20 haben die Lebenswege und Erfahrungen der einfacheren Mitglieder zahlreiche neue Publikationen inspiriert. Die bedeutendste darunter ist zweifellos Communists and British Society (2007) von Gidon Cohen, Andrew Flinn und Kevin Morgan, Ergebnis eines umfangreichen Projekts zu kommunistischen Biografien, das an der University of Manchester angesiedelt ist.21

Communists and British Society ist ein herausragendes Werk. Indem sie alle Ebenen des CPGB-Apparats in den Blick nehmen und auf schriftliche und mündliche Erinnerungen von Mitgliedern zurückgreifen, die in einer Vielzahl gesellschaftspolitischer Räume aktiv waren, versuchen die Autoren, die Partei in verschiedenen politischen und soziokulturellen Settings zu situieren. Sie stellen dar, wie sich die CPGB in einem in Veränderung begriffenen historischen Kontext an die gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen anpasste und auf politische Ereignisse, sowohl im In- als auch im Ausland, reagierte. Insbesondere betonen Cohen, Flinn und Morgan die Generationswechsel, die die Parteigeschichte mitbestimmten: »Sich überschneidend, unbestimmt und kontinuierlich interaktiv liefert [das Konzept der] Generation nicht nur einen Schlüssel zu Unterschieden innerhalb der kommunistischen Partei, sondern trägt auch dazu bei, die Partei als Ganzes in einer Vielzahl konkurrierender historischer Narrative zu verorten.«22 In diesem Zusammenhang untersuchen die Autoren, wie Menschen zum Kommunismus fanden, welche Erfahrungen sie innerhalb der Partei machten, wie kommunistische Werte auf die Familie, auf communities und Arbeitsplätze übertragen wurden und wie die britischen Kommunisten zu unterschiedlichen Zeitpunkten und an verschiedenen Orten ihr politisches Credo interpretierten und bekundeten.

Auch andere Autoren befassen sich mit ähnlichen Themen. Eine vor Kurzem erschienene Aufsatzsammlung, die ebenfalls aus dem Biografie-Projekt in Manchester hervorgegangen ist, zeichnet die politischen Biografien und die Lebenswege zahlreicher Parteimitglieder nach.23 James Hopkins untersucht die unterschiedlichen Impulse und Erfahrungen britischer Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg.24 Henry Srebrnik erforscht die Verbindungen zwischen der Jüdischen Gemeinde in London und der CPGB.25 Andy Croft erschließt ein neues Forschungsgebiet, indem er den Einfluss der CPGB im Bereich der Kultur, insbesondere der Literatur, aufdeckt.26 Gender ist für die jüngste Geschichtsschreibung ebenfalls von großer Bedeutung. Während Neil Rafeek sich auf Kommunistinnen in Schottland konzentriert, versuchen Karen Hunt und der Autor dieses Artikels ein neues Bild davon zu entwickeln, wie Frauen mit der Partei auf nationaler und lokaler Ebene interagierten.27 Sie alle verknüpfen Sozialgeschichte mit Politik, um unterschiedliche, vor allem landesspezifische Ausprägungen des Kommunismus zu untersuchen.

In solchen Ansätzen spiegelt sich auch wider, welchen Platz die CPGB im britischen Gemeinwesen einnahm. Die Partei war zu klein, um als »totale« Institution existieren zu können, also autonom und unabhängig von den Gemeinschaften, in denen ihre Mitglieder lebten und arbeiteten. Während ihrer gesamten Geschichte agierten die verstreuten Mitglieder legal und freiwillig. Ihr Erleben und Verständnis des Kommunismus war stark von der Idee der Kooperation und gegenseitigen Unterstützung geprägt. Trotzdem strebte die CPGB eine klar kommunistische – und entsprechend proletarische – Identität an. Thomas Linehan gelang es, einen Partei-Lebenszyklus »von der Wiege bis zur Bahre« zu konstruieren.28 Dieser war, wie Linehan aufzeigt, voller Spannungen, Widersprüche und Frustrationen, blieb jedoch dennoch das Ziel der Partei. Linehan geht sogar so weit zu postulieren, der britische Kommunismus sei einer politischen Religion gleichgekommen, inklusive Moral, Evangelium, Opfern und Buße.29

Es bleibt abzuwarten, wie viel zu den soziokulturellen Aspekten der CPGB-Geschichte noch zu erforschen ist. Zweifellos werden sich weiterhin neue Themen und Perspektiven eröffnen, insbesondere in Bezug auf die bisher kaum beleuchteten späteren Jahre der Partei. Es ist zu hoffen, dass zukünftige Forschung weiterhin den Fehler vermeidet, den Kommunismus zu historisieren, ohne die rigiden Organisations- und politischen Strukturen, in die die Parteimitglieder eingebunden waren, ausreichend zu berücksichtigen. Um die »Totalität« des kommunistischen Projekts zu verstehen, sind weitere Analysen zu den breit gefächerten Bereichen kommunistischer Aktivität auf jeden Fall notwendig und zu begrüßen.

Neuland: Aktivisten

Erfreulicherweise suchen CPGB-Forscher daneben auch weiter nach neuen Zugängen zu ihrem Forschungsgegenstand. Insbesondere hat man jüngst entdeckt, wie sehr sich dafür ein vergleichender Ansatz anbietet. Einerseits setzte sich die internationale kommunistische Bewegung aus nationalen Parteien zusammen, die alle derselben politischen Linie folgten und sowohl einer hochgradig zentralisierten Form von Disziplin unterlagen als auch einheitlich organisiert waren. Andererseits agierte sie in vielen verschiedenen Umfeldern und war von einer Vielzahl unterschiedlicher politischer Traditionen und soziokultureller Einflüsse geprägt. Über die Möglichkeiten und Grenzen des Kommunismus lässt sich dementsprechend wohl nur Klarheit erlangen, wenn man diese über nationale Grenzen hinweg vergleichend erforscht. Auch die Einschätzung, inwiefern die Motivationen, Erfahrungen und Perspektiven der kommunistischen Parteien und ihrer Mitglieder von Moskau und / oder von nationalen und lokalen gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und kulturellen Faktoren beeinflusst wurden, kann von einer vergleichenden Analyse nur profitieren.

Bis vor Kurzem wandten Kommunismus-Historiker diese Methode nur selten an. Inzwischen wurden jedoch, zumindest in Bezug auf die CPGB, vereinzelt vergleichende Studien publiziert, wobei Kevin Morgan wieder an erster Stelle zu nennen ist.30 Letztes Jahr ist eine Aufsatzsammlung zu Hermann Webers Stalinisierungstheorie mit zahlreichen Beispielen aus der internationalen kommunistischen Bewegung erschienen, bei der ein komparativer Ansatz im Vordergrund steht.31 So vergleichen zum Beispiel Morgan und Norry LaPorte den »Führerkult« um Harry Pollitt und Ernst Thälmann, während der Autor dieses Artikels, gemeinsam mit Kerry Taylor, der Frage nachgeht, in welchem Maße kleinere Parteien – etwa in Großbritannien und Neuseeland – in die stalinistische Umklammerung gelockt werden konnten. Webers Pionierarbeit wird so über den deutschen Kontext hinaus überprüft, dabei ergeben sich sowohl Bestätigungen des ursprünglichen Modells als auch Abweichungen davon.

Die Möglichkeiten für zukünftige Kooperationen und vergleichende Forschung sind unbegrenzt, insbesondere angesichts der steigenden Zahl neu gegründeter internationaler Netzwerke, die Kommunismus-Forscher miteinander verbinden. Gewiss bietet das Wissen über vergleichbare und zeitlich parallele Darstellungen zur Parteigeschichte wertvolle Perspektiven für diejenigen, die den Kommunismus zu historisieren suchen, und befördert ein besseres Verständnis sowohl des Kommunismus in der Praxis als auch der Kommunisten als Individuen. Im internationalen Kontext werden sich Historikern deshalb durch die Übertragung der Erfahrungen der CPGB auf Themen und Konzepte der breiteren kommunistischen Geschichte neue Forschungsfelder erschließen.32 Im nationalen Kontext wird die Forschung so lange zu neuen Erkenntnissen gelangen, wie sie die Partei zu weiter gefassten Fragen in Beziehung setzt, z. B. politischer Identität, politischem Aktivismus, dem Charakter der britischen Arbeiterbewegung und dem Wesen des britischen politischen Systems sowie den damit verbundenen Themen Gender, race und Generation. Es lässt sich konstatieren, dass die CPGB-Historiografie, die am Beginn neuer Wege steht und sich innovative Forschungsmethoden aneignet, nach wie vor ziemlich lebendig ist. Die Zukunft wird zeigen, ob die gegenwärtige und nächste Forschergeneration sie aus dem Schatten heraus und ins Licht des 21. Jahrhunderts holen wird.

Aus dem Englischen von Diana Jahn


1 Stuart Macintyre: Little Moscows: Communism and Working-Class Militancy in Inter-War Britain, 
London 1980.

2 Ders.: A Proletarian Science: Marxism in Britain, 1917–33, London 1980.

3 Raphael Samuel: The Lost World of British Communism, London 2006; ursprünglich erschienen in: New Left Review 154, 156 u. 165 (1985–87).

4 Sue Bruley: Leninism, Stalinism and the Women’s Movement in Britain, 1920–1939, New York 1986; Richard Croucher: We Refuse to Starve in Silence: A History of the National Unemployed Workers’ Movement, 1920–46, London 1987; siehe auch ders.: Engineers at War, London 1992.

5 Stephen G. Jones: Workers at Play: A Social and Economic History of Leisure 1918–1939, London 1986; ders.: The British Labour Movement and Film, 1918–1939, London 1987; Bert Hogenkamp: Deadly Parallels: Film and the Left in Britain 1929–39, London 1986; siehe auch Raphael Samuel / Ewan MacColl / 
Stuart Cosgrove (Hg.): Theatres of the Left 1880–1935: Workers’ Theatre Movements in Britain and America, London 1984.

6 Nina Fishman: The British Communist Party and the Trade Unions, 1933–45, Aldershot 1995.

7 Kevin A. Morgan: Against Fascism and War: Ruptures and Continuities in British Communist Politics 1935–1941, Manchester 1989.

8 Siehe Geoff Eley: International Communism and the Heyday of Stalin, in: New Left Review 157 (1986).

9 Henry Pelling: The British Communist Party: A Historical Profile, London 1958. Es sollte betont werden, dass Pellings Darstellung, mit der er sich einmal mehr als Vorreiter der britischen Arbeitergeschichte zeigte, weiterhin hilfreich ist. Aus der Partei kamen folgende Veröffentlichungen: James Klugmann: Formation and Early Years, 1919–1924 (= History of the Communist Party of Great Britain, Bd. 1), London 1969; James Klugmann: The General Strike, 1925–26 (= History of the Communist Party of Great Britain, Bd. 2), London 1969. Für trotzkistische Kritiken siehe Robert Black: Stalinism in Britain: A Trotskyist Analysis, London 1970; Sam Bornstein / Al Richardson: Against the Stream: A History of the Trotskyist Movement in Britain, 1924–38, London 1986; Hugo Dewar: Communist Politics in Britain: The CPGB from its Origins to the Second World War, London 1976; Michael Woodhouse / Brian Pearce: Essays on the History of Communism in Britain, London 1975.

10 Siehe Leslie John Macfarlane: The British Communist Party: Its Origin and Development until 1929, London 1966; Roderick Martin: Communism and the British Trade Unions, 1924–1933. A Study of the National Minority Movement, Oxford 1969; siehe auch Neal Wood: Communism and British Intellectuals, London 1959.

11 Ein frühes Beispiel ist Geoff Andrews / Nina Fishman / Kevin Morgan (Hg.): Opening the Books: Essays on the Social and Cultural History of British Communism, London 1994.

12 Die bei Weitem beste Übersicht bietet Willie Thompson: The Good Old Cause: British Communism, 1920–1991, London 1992; siehe auch Francis Beckett: The Enemy Within: The Rise and Fall of the British Communist Party, London 1995; Keith Laybourn / Dylan Murphy: Under the Red Flag: A History of Communism in Britain, Stroud 1999; James Eaden / David Renton: The Communist Party of Great Britain since 1920, Basingstoke 2002. Zum Thema Politik siehe Neil Redfern: Class or Nation: Communists, Imperialism and Two World Wars, London 2005; Geoff Andrews: Endgames and New Times: The Final Years of British Communism 1964–1991, London 2004. Zum Thema Spione siehe Nigel West: MASK: MI5’s Penetration of the Communist Party of Great Britain, London 2005.

13 Andrew Thorpe: The British Communist Party and Moscow, 1920–1943, Manchester 2000; ders.: The Membership of the Communist Party of Great Britain, 1920–1945, in: The Historical Journal 43 (2000), H. 3, S. 777–800.

14 Siehe dazu auch Andrew Thorpe: Comintern »Control« of the Communist Party of Great Britain, 1920– 43, in: English Historical Review 113 / 452 (1998), S. 632–662.

15 Gidon Cohen / Kevin A. Morgan: Stalin’s Sausage Machine: British Students at the International Lenin School, 1926–37, in: Twentieth Century British History 13 / 4 (2002), S. 327–355.

16 Matthew Worley: Class Against Class: The Communist Party in Britain between the Wars, London 2002; siehe auch ders.: The Communist International, the Communist Party of Great Britain, and the Third Period, 1928–32, in: European History Review 30 (2000), H. 2, S. 185–208; ders.: For a Proletarian Culture: Communist Party Culture in the Third Period, 1928–35, in: Socialist History 18 (2000), S. 70–91; ders.: Left Turn: A Reassessment of the Communist Party of Great Britain in the Third Period, 1928–33, in: Twentieth Century British History 11 / 4 (2000), S. 353–378.

17 Siehe zum Beispiel John McIlroy / Alan Campbell: »Nina Ponomareva’s Hats«: The New Revisionism, the Communist International and the Communist Party of Great Britain, 1920–30, in: Labour / Le Travail 49 (2002); dies.: Histories of the British Communist Party: A User’s Guide, in: Labour History Review 68 (2003), H. 1, S. 33–60; dies.: A Peripheral Vision: Communist Historiography in Britain, in: American Communist History 4 (2005), H. 2, S. 125–157. Trotz seiner Bedenken hinsichtlich der Richtung der Kommunismus-Forschung hat Campbell ein herausragendes Werk zur Geschichte der schottischen Minenarbeiter veröffentlicht, in dem er die CPGB-Mitglieder und die Politik der Partei im relevanten sozio­politischen und kulturellen Kontext verortet: Alan Campbell: Trade Unions and Politics (= The Scottish Miners 1874–1939, Bd. 2), Aldershot 2000.

18 Kevin Morgan: Labour Legends and Russian Gold (= Bolshevism and the British Left, Bd. 1), London 2006; ders.: The Webbs and Soviet Communism (= Bolshevism and the British Left, Bd. 2), London 2006.

19 Siehe auch Andrew Thorpe: Stalinism and British Politics, in: History 83 / 272 (1998), S. 608–627.

20 Kevin Morgan: Harry Pollitt, Manchester 1993; John Callaghan: Rajani Palme Dutt: A Study in British Stalinism, London 1993; Mike Squires: Saklatvala: A Political Biography, London 1990; Ralph Darlington: The Political Trajectory of J. T. Murphy, Liverpool 1998. Nina Fishman veröffentlicht demnächst eine Biografie von Arthur Horner.

21 Gidon Cohen / Andrew Flinn / Kevin Morgan: Communists and British Society 1920–1991, London 2007.

22 Ebd., S. 275.

23 John McIlroy / Kevin Morgan / Alan Campbell (Hg.): Party People: Communist Lives: Explorations in Biography, London 2001.

24 James K. Hopkins: Into the Heart of Fire: The British in the Spanish Civil War, Palo Alto, Calif. 1998.

25 Henry Felix Srebrnik: London Jews and British Communism, 1935–45, London 1995.

26 Andy Croft: Red Letter Days: British Fiction in the 1930s, London 1990; ders. (Hg.): A Weapon in the Struggle: The Cultural History of the Communist Party in Britain, London 1998.

27 Neil C. Rafeek: Communist Women in Scotland: Red Clydeside from the Russian Revolution to the End of the Soviet Union, London 2008; Karen Hunt / Matthew Worley: Rethinking British Communist Party Women in the 1920s, in: Twentieth Century British History 15 (2004), H. 1, S. 1–27; siehe auch June Hannam / Karen Hunt: Socialist Women: Britain, 1880s to 1920s, London 2001.

28 Thomas Linehan: Communism in Britain 1920–39: From the Cradle to the Grave, Manchester 2007.

29 Siehe ebd., S. 2.

30 Kevin Morgan / Tauno Saarela: Northern Underground Revisited: Finnish Reds and the Origin of British Communism, in: European History Quarterly 29 (1999), S. 179–215; Kevin Morgan / Marco Santana: 
A Limit to Everything: Communist Activists and »Bolshevik« Discipline in Britain and Brazil, in: Scottish Labour History 34 (1999), S. 52–73; John McIlroy / Alan Campbell: The British and French Representatives to the Communist International, 1920–39: A Comparative Study, in: International Review of Social History 50 (2005), H. 2, S. 203–240; John Manley: Moscow Rules? »Red« Unionism and »Class Against Class« in Britain, Canada and the United States, 1928–35, in: Labour / Le Travail 49 (2005), S. 9–49; Joel A. Lewis: Youth Against Fascism: Young Communists in Britain and the United States, 1919–39, Saarbrücken 2007; Norman LaPorte / Matthew Worley: Towards a Comparative Communism: A Survey of the British and German Communist Parties to 1933, in: Contemporary British History 22 (2008), H. 2, S. 227–255. Siehe dazu auch Tim Rees / Andrew Thorpe (Hg.): International Communism and the Communist International, Manchester 1998; Matthew Worley: In Search of Revolution: International Communist Parties in the Third Period, London 2004; Gidon Cohen / Andrew Flinn / Kevin Morgan (Hg.): Agents of Revolution: New Biographical Approaches to the History of International Communism in the Age of Lenin and Stalin, Oxford–Bern–Berlin 2005.

31 Norman LaPorte / Kevin Morgan / Matthew Worley: Bolshevism, Stalinism and the Comintern: Perspectives on Stalinization, 1917–53, Basingstoke 2008.

32 Um einen solchen Ansatz zu befördern, haben Kevin Morgan, Richard Cross, Norry LaPorte und der Autor dieses Beitrags eine neue Zeitschrift ins Leben gerufen, »Twentieth Century Communism: A Journal of International History«. Die erste Ausgabe wird 2009 erscheinen und sich mit dem Thema kommunistische Führerkulte befassen.

Inhalt – JHK 2009

Copyright:

Eventuell enthaltenes Bildmaterial kann aus urheberrechtlichen Gründen in der Online-Ausgabe des JHK nicht angezeigt werden. Ob dieser Beitrag Bilder enthält, entnehmen Sie bitte dem PDF-Dokument.